Sie sind auf Seite 1von 13

Pina Bausch

Erinnerungsfragmente
zusammengestellt im Rahmen des Projektes
undo, redo and repeat
von Christina Ciupke und Anna Till
2014
Ich habe eine Erinnerung zum Stück „Nur Du (Only You)“, das 1997 in Berkeley, CA aufgeführt
wurde. Große Erwartungen. Ausverkauft. Irgendwann setzten tumultartige Bewegungen ein,
die Sitze leerten sich. Zurückzuführen war dies auf folgende Szene: Eine Tänzerin, gekleidet in
einem bodenlangen, beigefarbenem Trägerkleid, wird von anderen Tänzern gehoben, getragen,
bewegt und währenddessen zieht sie sich einen Schlüpfer nach dem anderen aus, alle schön
hautfarben, und wiederholt immerzu „another one“. Es war so herrlich. Ich habe mir fast
eingepinkelt vor Lachen und das „prüde“ Amerika setzte sich durch Flucht zur Wehr.

Pina Bausch *****


erinnert von Zu Pina Bausch fallen mir zwei Erinnerungen ein:
1. Als ich vielleicht 15 Jahre alt war und noch zuhause wohnte, lief spät am Abend im
Heike Albrecht Fernsehen das Stück „1980“. Meine Mutter schaute es sich an. Ich kam erst später dazu und
Silke Bake war sehr fasziniert.
Juliane Bauer 2. Ich war 18 oder 19 Jahre alt, ich ging noch in die Schule, und bin mit einer Gießener Freundin,
Lucy Cash Bettina, die zur ersten Generation Studentinnen der Angewandten Theaterwissenschaft in
Nik Haffner Gießen gehörte, nach Wuppertal gefahren, um dort das Stück „Walzer“ zu sehen. Dazu gibt es
verschiedene Erinnerungsfetzen: das Theater in Wuppertal, die Autofahrt dorthin, und das Stück
Cilgia Carla Gadola
selbst natürlich …
Eva-Maria Hörster
Birgit Leib *****
Thomas McManus
Ich habe das Stück „Palermo, Palermo“ 2012 in Weimar gesehen. Besonders in Erinnerung
Nicole Meier
geblieben ist mir eine Szene mit einer afroamerikanischen Tänzerin. Sie setzt sich an einen
Martina Morassa Tisch und taucht ihren Zeige- und Mittelfinger zunächst in ein Wasserglas und dann in einen
Martin Nachbar kleinen Teller mit Zucker, um sich anschließend die Lippen damit zu benetzen. Das hört sich
Ludger Orlok unspektakulär an, aber die präzise Art und Weise, die Art und Weise an sich, wie die Tänzerin
Irina Pauls dies zu tun vermochte, gaben der Szene eine beeindruckende und aussagekräftige Wirkung. Ich
Romy Schwarzer bin mir sehr sicher, dass die Tänzerin die Finger 1x in das Glas tauchte, 1x beide Finger auf den
Zucker-Teller legte und sich 3x die Lippen betupfte, von links nach rechts, und diesen Ablauf
Irene Sieben
dann mehrfach wiederholte. Hinzu kommt, dass aufgrund der dunklen Hautfarbe der Tänzerin
Kerstin Till ihre vom Zucker weiß glänzenden Lippen bis in die letzte Reihe des 2. Ranges zu sehen waren.
Riki von Falken
Britta Wirthmüller Das Stück begann damit, dass eine Frau in einem ziemlich transparent scheinenden, langen Kleid
auf die Bühne trat und von einem Tänzer „hug me, Josef“ forderte. Dieser tat das kurz und nahm
dann wieder Abstand von ihr. Daraufhin wiederholte die Tänzerin die Aufforderung immer
und immer wieder, zunächst bittend, dann lauter, fordernder und energischer, bis sie schließlich
voller Verzweiflung hysterisch schrie. Daraufhin wurde sie mit Tomaten beworfen, was auf mich
verstörend und roh wirkte.

Es gab eine Szene, in der die Tänzer in einer Reihe mit einer einfachen Schrittkombination von
rechts nach links über die Bühne tanzen. Das Beeindruckende daran war für mich der Umstand,

5
dass ich dass Gefühl hatte, dass die Tänzer diese Schrittkombination noch Stunden hätten weit entfernt von der Rampe, und tanzt bzw. ihre Arme tanzen lässt. Die mich dann an ihre Arme
ausführen können, ohne dass einer der Tänzer unpräzise oder asynchron geworden wäre oder sich in Café Müller erinnern und dann würde ich beginnen, über diese langen Arme zu sprechen und
die Abstände zwischen den Tänzern verändert hätten. Die Reihe wirkte einerseits sehr weich, wie sie von ihrem Körper wegführen, wie sie in die Höhe und in die Weite, wie sie in die Welt
leise und fließend, andererseits sehr dynamisch und kraftvoll. langen. – Überhaupt denke ich hauptsächlich an die Frauen in ihrer Arbeit. An die Männer
erinnere ich mich viel weniger.
Außerdem war ich von der Fülle der Requisiten sehr erstaunt. In iner Szene gab es allein
10 bis 15 Klaviere mit jeweils genauso vielen Pianisten daran, die alle gleichzeitig dasselbe Stück Jedoch sehe ich die Bilder vor mir und so wie ich darüber nachdenke, das bin ich heute und
spielten. Es gab einen Koffer voller Kleingeld – bestimmt 5 kg schwer –, der regelmäßig auf nicht damals. Das ist natürlich sowieso selbstverständlich. Jedoch traue ich mir selbst nicht und
der Bühne entleert wurde; einen Hund, der in einer Szene über die Bühne lief und an einem bezweifle, diese prägnanten Erinnerungen tatsächlich zu haben, und dass sie sich nicht schon
bestimmten Punkt halt machte, um etwas zu essen; quer über die Bühne eine Backsteinmauer längst mit einem nochmaligen Schauen desselben beispielweise in der jüngeren Vergangenheit
aus echten Steinen; Bäume, die von der Decke hingen ... Allerdings hatte jedes Requisit vermischt hätten. Eine Erinnerung, die ‚designed‘ ist, kosmetisch nachbehandelt. Und mir
seine Bedeutung und wirkte nicht fehl am Platz. Das Stück machte nie den Anschein einer erscheint dies gerade ein wenig zu viel davon – in meinem Falle.
Requisitenschlacht. Das hat mich bei der Fülle der Requisiten sehr beeindruckt.
*****
In meinem Tanz hat mich die Präzision, Exaktheit und der Ausdruck der Tänzer beeinflusst. Ich
würde das Stück heute gerne noch einmal sehen, da es so viele Informationen enthielt, von denen Ein kurzer Gedankenstrom:
ich gar nicht alle mitbekommen konnte. Wuppertal. Pina Bausch. Erstes Erlebnis ca. 1990: „1980“ und „Walzer “. Vierstündige Theater­
erlebnisse zwischen Faszination und Erschöpfung. Mühe, dabeizubleiben und gleichzeitig
Merkwürdig fand ich die Tatsache, dass die Stimmung bei der Verbeugung auf der Bühne nicht emotionsgefüllt und beglückt nach Hause nach Köln gefahren.
fröhlich, sondern eher traurig war, obwohl das Publikum begeistert war.
Eigene Tanzerfahrung:
Bei der ersten Audition: „Ach, du siehst ja aus wie Lutz Förster, herrje“. „Nelken“, „The Man I
***** love“. Port de Bras-Training. Fiktive Zeichensprache imitieren für Jenny Coogans „Saphires and
Ich erinnere mich an eine Szene, in der ein Tänzer eine Tänzerin leicht hochhebt und dann „an Garlic“, 1994.
die Wand klatscht“. Dann macht sie das gleiche bei ihm, er wieder bei ihr, sie bei ihm ... Das
Ganze wiederholt und steigert sich im Tempo. Aber welches Stück das ist, weiß ich leider nicht Gefühlsduselei und Nostalgie. Wehmutsdauerzustände. Immer wiederkehrend: Das sind meine
mehr. Spaghetti, happy birthday to me, noch ein Weinchen.

***** Ich will Kitsch.

Aber nun, Pina Bausch. Ich habe mich lustigerweise vor einigen Wochen in einem anderen *****
Zusammenhang mit der Frage beschäftigt, an was ich mich eigentlich prägnant in ihrer Arbeit
erinnere. Oder ob es eine initiale Erinnerung gibt, die mich mit ihrer Arbeit verbindet. Und ich Ich habe zwei Stücke von Pina Bausch auf der Bühne gesehen: „Nelken“, irgendwann zwischen
musste feststellen, dass dem nicht so ist. Ich glaube fast, als ich Pina Bauschs Arbeit das erste Mal 2003 und 2006 in London sowie „Vollmond“ im Februar nach ihrem Tod, in Mailand.
sah, ich nehme an, dass das Mitte der 80er Jahre war, war sie schon so etwas wie ein Mythos, ein
Star des modernen Tanzes, über den schon so viel gesagt wurde, über den ich vielleicht schon so Als wir in London waren, haben eine Freundin und ich zufällig gesehen, dass „Nelken“ aufgeführt
viel wusste, dass ein eigenes Sehen sehr schwierig war. wird – ich glaube, es war im Sadler’s Wells – und haben uns an die Abendkasse in die Schlange
(...) gestellt. Wir haben aber nur noch eine Karte bekommen. Ich durfte sie haben. Es hat mir viel
Wenn ich also an Pina Bausch denke und nicht an sie als ein Synonym für „Tanztheater“, denke bedeutet, endlich einmal ein Stück von ihr live zu sehen und es hat mich sehr beeindruckt! Ich
ich an sie selbst, an ihre Arme, an ihre Arme in dem Solo am Ende eines späten, vollen Stückes bin der Meinung, dass die Choreographin beim Applaus auf die Bühne kam, es könnte aber auch
– ob es wohl Masurca Fogo war? (Ich finde das Bild aus meiner Erinnerung nirgendwo im Netz). sein, dass meine Erinnerungen daran verzerrt sind ...
Ein Stück, in dem sie allein vor eine riesige, die ganze Bühne ausfüllende Leinwand tritt, nicht

6 7
Der Grund nach Mailand zu reisen, war dann tatsächlich primär, um „Vollmond“ zu sehen. Ein Daumen landen vorne, Finger hinten, Kopf nach links drehen und lächeln.
Freund von mir wollte seine Tante dort besuchen und sich das Stück ansehen. Mein damaliger 5 6 7 8 Weitergehen
Freund und ich haben uns entschieden mitzufahren. Auch dies war ein wirklich tolles Erlebnis.
Wenn ich jetzt daran zurückdenke, dann glaube ich, dass im Theatersaal eine deutlich andere 1 2 3 4 Hände finden sich hinter dem Rücken wieder, rechte Handfläche auf linker, dort einen
Stimmung herrschte als in London – irgendwie andächtiger. kleinen Kreis am unteren Rücken in der „Frontalfläche“.
5 6 7 8 Hände lösen sich und beschreiben außen eine Schaufelbewegung. Fingerspitzen nach
Beide Stücke haben mich berührt. Ich genoss es, den Darsteller_innen zu folgen, in ihre oben führen. Fingerspitzen machen einen kleinen Kreis und enden auf der Hüfte liegend, aber
Geschichten einzutauchen. Es hatte beide Male eine tröstende Wirkung auf mich. diesmal hinten mit dem Daumen mit einer kecken Haltung.
Die Wirkung von „Nelken“ habe ich subtiler wahrgenommen und vielleicht ist sie deshalb
nachhaltiger. „Vollmond“ habe ich als ziemlich wuchtig in Erinnerung. Haha. Das wird ein Spaß. Ich bin mir sicher, am Ende stimmt gar nichts davon mit der
Originalbewegung überein.
*****
Viel Glück beim Nachmachen. Das möchte ich sehen.
Ich weiß nicht, bei welchem Stück es war: „Walzer“, „1980“ oder „Palermo Palermo“... Ich habe da immer alles durcheinandergebracht.

Eine Polonaise. Im Wechsel einseitiger Doppelhüftschwung auf 3 (mit der Hüfte zur Seite
*****
einknicken), kleine Schritte vorwärts gehend.
Als ich anfing zu tanzen, das war 1989 und ich war 18 Jahre alt, war Pina Bausch zwar räumlich
Schritt 1 re 2 li 3 re 4 tip re – li re li tip li re li re re usw. Oder wie heißt das noch mal ... ganz nah, in der Nachbarstadt, aber in meinem Kopf ganz weit weg. Das, was sie machte, war
echter Tanz. Ich dagegen war als Spätberufener nicht gut genug ausgebildet und aufgrund
Dabei gibt es eine Port de bras-Bewegung auf 4x8 Zeiten. meiner ersten Lehrer, die mich trotzdem ernst nahmen, eher interessiert an amerikanischem
Postmodern Dance und an Improvisation. Zudem wollte ich auch erst einmal nichts mit diesem
1 2 3 4 Linker Arm über außen im großen Bogen mit Handfläche en-dedans bis der Unterarm melancholischen, leicht depressiven Grundton von Bauschs Tanztheater zu tun haben. Sie war die
vor der Stirn ist. Erbin des deutschen Ausdruckstanzes, der sowieso „historisch“ war und mir altbacken vorkam.
5 6 Handrücken an der Stirn entlangführen mit horizontalem Unterarm auf Höhe der Stirn zur Das revolutionäre Potential dieser Ausdrucksform blieb mir damals verschlossen.
Seite führen.
7 8 Ellenbogen kippt nach unten, dabei dreht die linke Handfläche mit der Außenkante zum 1992 ging ich zum Studieren an die SNDO in Amsterdam. Dort sah ich 1993 oder 1994, auf
Bauchnabel und die Hand führt den Arm mit einem Impuls und Schwung über unten nach oben, jeden Fall im Frühjahr, als die ersten Sonnenstrahlen das im Winter graue, nasskalte Amsterdam
sodass jetzt der Ellenbogen den Arm wieder schwer nach unten zieht und die linke Handfläche aufwärmten, Pina Bausch live. Sie gab ein Gastspiel im Königlichen Theater Carré am Singel.
auf dem Oberschenkel liegenbleibt. Der 1887 als festes Zirkusgebäude konzipierte, später viel für Varieté- und Revue-Vorstellungen
benutzte, eindrucksvolle Theaterbau war damals noch unrenoviert und strahlte in alter Pracht
Rechte Hand bleibt auf der Hüfte mit rechtem Ellenbogen außen. den ganzen Charme und das ganze Gewicht seiner Geschichte aus. Ganz ähnlich wie Pina
Bausch in meiner Vorstellung war: alte Pracht, große Geschichte, ein wenig Charme, aber alt und
1 2 Beide Händen wischen an den Oberschenkeln nach unten und lösen sich dann davon, um renovierungsbedürftig. Ich ging trotzdem hin, weil ich neugierig darauf war, wovor ich 1992, als
sich in Bauchnabelhöhe zu treffen. Rechte Handfläche kommt auf linker zum Liegen. ich anfing an der SNDO zu studieren, geflüchtet war.
3 4 5 Mit den zusammengelegten Händen 3 Kreise vor der Brust beginnen, über rechts vor dem
Körper groß mittel klein. Ich hatte Freikarten für die Vorstellungen von „Café Müller“ und „Le Sacre du Printemps“ sowie
6 7 8 Hände lösen, rechter Zeigefinger vor die Lippe und zum Bauchnabel herunter führen wie in an einem anderen Abend für „Nelken“ ergattert. Ich war aus meiner Klasse, abgesehen von ein
einer Reißverschlussbewegung mit Daumen und Zeigefinger, linke Hand. paar Italienern, der einzige, der hinging.

1 2 3 4 Beide Hände in die Hüften stemmen, mit Handbewegung über außen „schaufeln“, Und ich war beeindruckt. Pina Bauschs Tanztheater war alles andere als renovierungsbedürftig.

8 9
Es war zwar sehr wohl melancholisch, vor allem in „Café Müller“, am Rande zur Depression, aber
es strahlte auch eine unbändige Kraft aus, die natürlich vor allem in „Sacre du Printemps“ präsent *****
war, aber szenenweise auch in „Nelken“ ausbrach.
Pina
Meine eigene Erinnerung, die versucht, sich chronologisch/rational zu verorten und zeitlich an
Ich erinnere mich, in ungeordneter Reihenfolge, an Pina Bausch im weißen Unterkleid, die
Kürzliches anknüpft:
immer wieder durch eine Drehtür hereinkommt, wie schlafwandelnd mit ausgebreiteten
– die Nachricht von Pinas Tod – Trauer, als gehörte sie zur Familie
Armen gegen eine Wand läuft und danieder sinkt, nur um wieder aufzustehen und von
– die vielen Filme, der letzte davon von Wim Wenders: einmal in 3D im Kino gesehen; danach
vorne zu beginnen; an einen Tänzer, der die Bistrostühle des Caféhaus-Sets wild durch die
noch einmal als 2D-Freilichtvorführung im letzten Sommer im Viehhof – draußen rund um die
Gegend schiebt; an jemand Verrücktes in einer Lockenperücke; an Bühnenarbeiter, die in der
große Leinwand war viel Platz, so dass die Bewegung sich räumlich weit ausbreiten konnte, in die
Umbaupause Müllcontainer voller Erde auf die Bühne rollen, sie auskippen und die Erde auf
Nacht hinein;
dem Bühnenboden verteilen; an ein großes Orchester und seine Kraft; an viele Männer mit
das war sogar ein noch stärkeres Empfinden als drinnen im Kinosaal in 3D und führt zurück zu
nackten Oberkörpern, die viele Frauen in Unterkleidern hochheben; an einen Bühnenboden,
meiner allerersten Entdeckung als ich noch Schülerin war:
in den Nelken gesteckt sind, ein ganzes Nelkenfeld, das die Tänzer nach und nach „zertanzen“;
– ein Fotobildband über das Wuppertaler Tanztheater im Querformat, in der Stadtbücherei einer
an Dominique Mercy, der im Frauenkleid mit Mikro in der Hand fragt, was wir wollen, dann
Kleinstadt, eindrückliche Fotos in schwarz-weiß.
unzählige, sehr schwierige Ballettbewegungen aufzählt und diese, immer wütender werdend,
vorführt, so als wolle er uns zeigen, wie schwachsinnig das Verlangen nach Virtuosität ist; an zwei
Irgendwo dazwischen: vier Vorstellungen, alle in Paris. Was?
Baugerüste, die auf die Bühne gerollt werden oder schon die ganze Zeit dastanden; an Kartons,
– „Nelken“ im Théâtre de la Ville
in die Stuntmänner von den Gerüsten hineinspringen; an Schäferhunde mit ihren Hundeführern,
– Die Choreographie zu „Le Sacre du Printemps“ in der Pariser Oper
die Assoziationen von Polizei, Lager und Krieg wachrufen; an Lutz Förster, der ein Lied in
– Die Choreographie zu „Orphée et Euridyce“, auch in der Pariser Oper
Gebärdensprache zugleich übersetzt und „vertanzt“... Oder war das in einem anderen Stück, das
– „Agua“ im Théâtre de la Ville
ich auf Video gesehen habe?

Bewegungen erinnern?
Wie auch immer. Nach diesen Abenden wusste ich jedenfalls, dass mir Pina Bauschs Arbeit
Zuerst denke ich, die Filme überdecken meine Erinnerung. Dann fällt mir auf, dass die
etwas sagte. Was genau, wusste ich nicht. Auch jetzt ist es, wie mit jedem guten Tanz, schwer zu
Bewegungen, die ich erinnere wie das „Zurückspulen“ beim Film sind. Dieses kurze mehrmalige
bestimmen, was diese Arbeiten genau bedeuten. Belassen wir es für diesen Text bei einer gewissen
Zurückspulen, so dass der Film direkt bei „Play“ wieder und immer wieder losläuft, ist wie die
Intensität, die sich in diesen Stücken mitteilt. Eine Intensität, die im Leben steckt und die
Bewegung, die ich behalten habe: Anlauf, Hochstrecken, Fallen – immer wieder aufs Neue.
manche Tanzstücke unter guten Bedingungen wachrufen können.

Ich denke an Beckett: „Try again. Fail again. Fail better“. Ob Pina ihn zitiert hat? Oder ob ich mir
***** diese Referenz selbst dazu bastle?
Es war im Jahr 2000 in Hannover. Ein paar von uns aus dem Ensemble Tanztheater Irina Pauls
waren dort. Wir hatten einen kleinen Tanzeinsatz auf der Expo. Da wir um fünf Uhr morgens Über das Filmische hinaus, die Imagination:
aufgestanden waren um rechtzeitig dort zu sein, war ich tagsüber benebelt. Am Abend hatten Der Zusammenprall von Zärtlichkeit und Gewalt, Fließen und Bruch; wie die schönen, in
wir frei und gingen ins Theater. Ich kann nicht vergessen, wie ich wach gerüttelt wurde, als die fließende Gewänder gekleideten Tänzerinnen mit flatternden Haaren mit Männern in Anzügen
Mauer am Anfang von „Palermo Palermo“ im Block auf die Bühne fiel. Der Krach und der Staub zusammenstoßen, von ihnen (auf )gehalten werden.
machten mir definitiv klar, dass es nicht um eine Attrappe aus Pappe ging. Danach war eine
Landschaft auf der Bühne, wie ich sie aus meiner Heimat kannte: chaotisch, absurd, vielseitig, Dazu: Natur, Elemente, Musik.
lebendig… Die Präsenz der Nelken auf der Bühne ist mir stark in Erinnerung geblieben, das Echte,
Natürliche daran – ich glaube nicht, dass es Theaterblumen aus Plastik waren. Auch noch später
Und noch etwas ist mir im Kopf geblieben: Irgendwann schnitt sich ein Tänzer ein Teilchen Haut in „Agua“ (oder habe ich noch etwas anderes gesehen?) waren Blumen sehr präsent. Ich denke
von seiner Hand aus und briet es mit einem Spiegelei auf einem Bügeleisen. an Videobilder von vergrößerten Stiefmütterchen, viel lila. Hier war aber wohl das Wasser noch
präsenter, wie es kübelweise auf TänzerInnen und Kleider ausgeschüttet wurde, wie es gegen die

10 11
Körper klatschte (Gewalt) oder über sie rieselte (Zärtlichkeit); die Verbundenheit von Körper und Ich konzentriere mich aber auf die Aufführungen. Zuerst haben wir „Café Müller“ gesehen.
Existenz mit den Elementen. Außerdem die Musik von überallher: räumlich (Europa, Brasilien, Ich erinnere mich an den Moment, in dem Pina Bausch, dürr und mager, in einem fast
Indien ...) und zeitlich (aus allen Epochen). durchsichtigen, beigefarbenen Kleid von links auf die Bühne kommt. Das Kleid ist eher eine
Art Unterkleid, es hat dünne Träger und ist ihr zu weit, so dass man ab und zu ihre Brüste sehen
Einzelperson/Gemeinschaft: kann. Sie schiebt sich in kleinen Schritten, meist auf den Fußballen trippelnd, mit dem Rücken
Was ich noch im Kopf behalten habe sind Bewegungen, die alle TänzerInnen in einer Reihe zur Wand, an der Wand entlang. Ihre Arme sind lang nach unten gestreckt, die Handflächen nach
gleich, aber zugleich individuell, ausführen. Und dazu wieder die sich wiederholenden vorne gedreht, das Gesicht diagonal nach oben gerichtet. Auf diese Weise bewegt sie sich sehr
Bewegungen, immer aufs Neue, wie eben beim Zurückspulen des Films … langsam in Richtung Bühnenrampe. Im vorderen Drittel der Bühne bleibt sie stehen. Sie zieht
die Schultern hoch, dreht sich mit dem Gesicht zur Wand, drückt ihre Stirn an die Wand und
Hier zum Schluss: Erinnerung festhalten: Nach gut zehn Umzügen habe ich immer noch das dreht sich dann mehrmals vor und zurück. Etwas später: ein Mann im grauen Anzug ohne Hut;
Programm von damals, von Nelken, ich habe es nie wirklich aufgeräumt, es taucht immer wieder eine Frau in einem schwarzen Kleid, knielang, kurze Ärmel, schwarze lange lockige Haare. Die
wo auf, überlebt jeden dem Recycling geweihten Zeitungsstapel. Frau und der Mann gehen sehr langsam aufeinander zu. Die Frau legt den Kopf an die Schulter
des Mannes, er legt seine Arme um ihren Oberkörper. Er hebt sie hoch und in dem Moment, in
***** dem er sie hoch hebt, rutscht sie durch seine Arme und sinkt zu Boden. Sie rollt über den Boden
von ihm weg, steht auf und die Situation beginnt von vorne. Die Szene wird bestimmt sieben Mal
Als erster Bildfetzen ist da Jan Minarik in „Blaubart – beim Anhören einer Tonbandaufnahme wiederholt, wird jedes Mal schneller, aber die Bewegungsabläufe bleiben exakt die gleichen. Am
von Béla Bartóks Oper ,Herzog Blaubarts Burg‘“, 1977. Der Boden ist schmutzig, voller Laub. Ende geht es so schnell, dass die Frau eigentlich zu Boden fällt.
Immer wieder setzt Minarik den Tonarm auf der Platte zurück an die gleiche Stelle, schleift
seine Judith über den Boden, ihr Körper reibt stark gegen einen Widerstand. Die siebte Tür ist Den zweiten Teil des Abends bildete „Sacre“. Ich erinnere mich an viele Frauen, an sandfarbene
geschlossen. Hinter ihr lauert der Tod. Immer wieder das Schleifen, brutal, verzweifelt, die Qual Kleider, an ein rotes Kleid. Ich erinnere mich an viele Kreisformationen, mehrere Kreise in­
des Kampfes. Diese Wiederholungen sind es, die mir in Pina Bauschs Stücken in Erinnerung einander, an rhythmische Bewegungen durch den Torso, an Stampfen, an Oberkörper, die sich
geblieben sind. Dominique Mercy – mir fallen nur die Männer ein – entgleitet wieder und wieder nach vorne beugen und zurück. An eine Bewegungssequenz kann ich mich etwas besser erinnern:
die Frau aus seiner Umarmung, kaum hat er sie wieder, rutscht sie zwischen seinen Armen weg; Eine Gruppe von sechs oder sieben Frauen. Sie beginnen in einer großen, weiten 2. Position,
während im „Café Müller“ unablässig Stühle rücken und Pina selbst als Schlafwandlerin an der die Arme im 90 Grad Winkel zur Seite gestreckt. Sie ziehen den rechten Fuß zum linken und
Wand herunterrutscht, rutscht, rutscht. schließen dadurch die Position nach links. Die Füße stehen jetzt parallel nebeneinander, die
Arme hängen nah am Körper, der Oberkörper ist nach vorne gebeugt, auch die Beine sind leicht
Und Silvia Kesselheim! Sie war in frühen Zeiten Pinas Geschöpf: kreischend rotes Haar, bittere gebeugt. Dann öffnen sie den rechten Fuß wieder in eine große 2. Position, öffnen auch die
scharfe Schmallippen, Stimme wie klirrendes Glas, sehr hoher Sopran, z.B. als Anna in „Die Arme über die Körpermitte nach oben und zur Seite. Sie folgen der Armbewegung mit dem
sieben Todsünden“. New York feierte sie als neue Lotte Lenya. Als Ballerina mit hyperhohen Oberkörper und strecken das Brustbein nach oben. Sie wiederholen diese Bewegung nach rechts,
Beinen lässt sie das Blut aus ihren Spitzenschuhen tropfen – Fleisch im Schuh machte es d.h. der linke Fuß schließt die Position. Dann wiederholen sie die Bewegung ein drittes Mal,
möglich. Viel von ihrer ätzend spröden Energie, die sie als Gerhard Bohners Beatrice in „Die diesmal wieder nach links. Der Akzent der Bewegung liegt immer auf dem Öffnen der Arme und
Folterungen der Beatrice Cenci“ einst versprühte, leiht sie Wuppertal – eine Zeit lang, bevor dem nach oben Strecken des Brustbeins.
Pinas Reigen weich und die Hüften der mäandernden Gruppe rund werden und immer runder ...
Nachdem sie wieder in einer 2. Position angekommen sind, mit dem Brustbein nach oben, treten
***** sie mit dem linken Fuß vor den rechten und drehen sich dabei um 90 Grad. Sie beugen den
2007 oder 2008, ich war Studentin an der Uni Hamburg, haben wir eine Exkursion zum Oberkörper nach vorne. Jetzt setzen sie den rechten Fuß weit nach rechts und den linken weit
Wuppertaler Tanztheater gemacht. Meine Professorin hatte ein Buch über Pina Bauschs „Sacre“ nach links, dabei wenden sie sich noch einmal um 90 Grad, stehen jetzt also mit dem Rücken
veröffentlicht, war also in gutem Kontakt mit dem Wuppertaler Tanztheater und hatte so Karten zum Publikum. Die nächste Bewegung geht, vom Körper aus betrachtet, nach diagonal links
besorgen können, die sie uns sehr stolz – und als sei es eine absolute Rarität – präsentierte. Ich vorne: Sie setzen den rechten Fuß vor den linken und rollen dabei die Wirbelsäule entlang,
erinnere mich mindestens genauso gut an alle Umstände der Exkursion, wie an die Aufführung begonnen vom Steißbein. Dann machen sie einen weiten Ausfallschritt mit links und strecken
von „Café Müller“ und „Sacre“. den linken Arm weit in die Diagonale, parallel zum Boden. Daraufhin verlagern sie das Gewicht

12 13
auf den linken Fuß, ziehen den rechten Fuß heran und lassen den Oberkörper sinken. Es folgt „Kontakthof“
eine Drehung über rechts um 315 Grad, die frontal zum Publikum, in einer weiten 2. Position mit Oper Leipzig, 1989
dem Brustbein nach oben gereckt und den Armen im 90 Grad Winkel zur Seite gestreckt, wieder
endet. Der Akzent der Bewegung liegt auf dem Ankommen in der 2. Position und dem Öffnen Die riesige Bühne des Opernhauses in Leipzig. Die Tänzer sitzen auf Stühlen in einem
der Arme. unglaublich großen Raum. Ich sitze weit weg, aber ich spüre die Energie jedes einzelnen Tänzers
bis zu mir. Der Raum vibriert in Erwartung. Diese Frauen, diese Kraft. Die Beine in den
Ansonsten fällt es mir schwer, mich an Bewegungsabläufe zu erinnern. Ich war beeindruckt und Absatzschuhen. Wie sie ausschreiten. Schöner kann man nicht gehen. Erotischer kann man nicht
gleichzeitig irritiert von der Ernsthaftigkeit dieser Performance. Diese Hingabe fand ich auf sein. Die Rücken, die Hüften, die Haare. Diese Frauenkörper bäumen sich auf und fordern mich
eine Art und Weise anachronistisch. Ich hatte den Eindruck, es gab keine Distanz zwischen den heraus: „Und du, Irina?“, sagen sie. Der Blick jedes einzelnen Tänzers im Defilee spricht mit mir,
TänzerInnen und der Rolle, die sie verkörperten. nur mit mir. Viel zu früh bricht es ab, obwohl schon drei Strophen vergangen sind. „Gnädige
Frau“. Der Rhythmus der Schritte, die Geräusche der Schuhe – für mich wird dieses Klacken zum
***** Sog. Ein Kreis ohne Anfang und ohne Ende. Ich wünsche mir, dass es weitergeht. Ich habe noch
lange nicht alles gesehen. Bitte nicht aufhören.
Erinnerungen an Vorstellungen von Pina Bausch während der Zeit der DDR:
Diese Asiatin braucht Geld, um auf dem Schaukelpferd hin- und her gerüttelt zu werden.
„1980 – ein Stück von Pina Bausch“ Sie wendet sich an uns, ans Publikum. Das kann doch nicht sein. Machen die Leute mit? Ich
Metropol-Theater, Ost-Berlin, Pina Bausch DDR Tour, 1987 weiß es nicht mehr. Sie war so sanft.

Ich bin nach Berlin gereist, um ins Metropol-Theater zu gehen. Es finden dort eigentlich
Musical- und Operettenvorstellungen statt. Das Haus ist alt und modrig. Während der „Le Sacre du Printemps“
Vorstellung donnern die Geräusche der S-Bahn Züge und erschüttern das Theaterhaus. Sie Schauspielhaus Dresden, Pina Bausch DDR Tour, 1987
rollen in Richtung Westen. In der Nähe ist die Station Friedrichstraße, die letzte vor dem
Grenzübergang. Ein paar hundert Meter weiter ist der Westen. Da kommen die Menschen her, Ich sitze in der ersten Reihe, ich habe noch eine Karte ergattert. Ich sehe vor allem Füße, die sich
denen ich voller Spannung zuschaue. Es sind Ausländer. Einfach alles ist anders. Sie reden über vom Torf langsam dunkel färben. Die Färbung kriecht an den Beinen hoch. Und ich sehe Haare.
sich, erzählen von ihren Erfahrungen in der Welt da draußen. Die Geschichten verwirren mich. Haare an den Beinen der Frauen, unter ihren Achseln. Der Torf klemmt sich an diese Haare.
Ich brauche mehr Zeit und will in die Leute auf der Bühne hineinkriechen. Dass ich Brüste sehe, geht mich nicht so viel an. Die Haare und der Torf verbinden sich zu etwas
Urtümlichem, die Frauen sind so völlig entblößt. Der Torf spritzt zu mir. Ich fühle mich seltsam
Ich sitze etwa in der vierten Reihe und sehe Beine, sich entblößende Beine. Aneinander gedrängt, berührt. Die Leute neben mir lehnen sich zurück in ihren Sitzen. Es ist unglaublich nah, diese
in Konkurrenz. Ich denke an eine Situation an der Palucca-Schule. Ein Mädchen aus einer Klasse Wucht der Körper. Die Musik nehme ich kaum wahr.
unter mir sagte, als wir nach dem Klassisch-Unterricht aus dem Saal kamen, im Kreis meiner
Mitschülerinnen zu mir: „Du hast so schöne Beine“. Ich war 12 Jahre alt und völlig verwirrt.
Schöne Beine! „Café Müller“
Theater Gera, Pina Bausch DDR Tour, 1987
Ein Tisch, an dem ein Mann und eine Frau sitzen. Ein Mann gießt Tee in eine Tasse. Ich weiß,
dass er Lutz Förster heißt. Ich habe die Truppe ja schon in Dresden und Gera gesehen, und bin Die Stühle. Sie kommt. Pina. Ich kann einfach nichts anderes mehr sehen. Der ausgezehrte
ihnen nach Berlin gefolgt, um auch diese Stück nicht zu verpassen. Körper. Die langen Arme, der holprige Schritt, die Schulterkugeln. Es ist ein Vorwärts und
Sein Profil, seine Hände, diese unglaubliche Grazie in der Bewegung des Eingießens. Diese Rückwärts in einem Körper. Die Wand kommt. Ich wende mich ab, um den Schmerz des
einfache alltägliche Bewegung, diese Ausdrucksstärke. Er spricht von „tea time“. Anstoßens nicht noch tiefer zu spüren. Es fährt mir in die Magengrube und es hört nicht mehr
Das muss etwas ganz Besonderes sein: tea time – Ruhe, Klarheit, Generosität. Wieder donnert auf. Jedes Anstoßen an die Wand, das Wegreißen der Stühle um Platz zu schaffen für einen Weg
die S-Bahn vorbei. im Raum, das Fallen aus den Armen des Partners – alles pur, direkt, jedes Mal ein Hammerschlag.
Ich spüre wunde, verwundbare Körper. Ich sitze oben im Rang und bin froh darüber, nicht

14 15
noch mehr gefordert zu sein mit meinen Gefühlen. Ich halte meinen Kopf fest mit meinen In meiner Erinnerung am nachhaltigsten verblieben sind die kraftvollen, extravaganten, sich
Unterarmen. wiederholenden Bewegungen – immer harmonisch und besonders eindrucksvoll in synchronen
Formationen. Ein Bewegungsfluss, der Bilder erzeugt, die bei mir eine wohlige Gänsehaut auf
***** dem Kopf erzeugen.

Ich habe in der Nähe von den durch Pina geprägten Orten Folkwang und Wuppertal studiert
*****
und gelebt. In Köln. Eigentlich nicht weit weg, aber die Kölner Musikhochschule stand in
Bezug auf Tanz immer im Schatten der Folkwang Universität. Es bestand nicht gerade ein reger Pina Bausch – als ich ihre Arbeit zum ersten Mal sah, hat das einen nachhaltigen Eindruck bei
Austausch zwischen den beiden Schulen. Ab und zu kamen aber ehemalige Tänzer von Pina, mir hinterlassen und mein Verständnis davon, was ich im Tanz relevant fand, über einige Jahre
wie Fabien Prioville, Stephan Brinkmann oder Chrystel Guillebeaud nach Köln, um mit uns zu geprägt. Es muss so Anfang oder Mitte der 1980er Jahre gewesen sein, in Wuppertal. Wir – eine
arbeiteten. Und wir Kölner Studenten sind natürlich nach Wuppertal gefahren, um uns Pinas kleine Gruppe von Kunststudenten, die sich für Performance und Tanz interessierten – haben
Stücke anzugucken. Wir durften uns fast alle Generalproben anschauen. Unser damaliger Leiter, von der Hochschule aus eine Exkursion organisiert. Das Stück hatte damals noch keinen Titel,
Prof. Paul Melis, hatte einen guten Draht zu der Kompanie und war als Gast-Trainingsleiter erst später wurde es dann „Two Cigarettes in the Dark“ genannt. Ich habe nur dieses eine Mal
in Wuppertal tätig. So habe ich zu meiner Studienzeit die Stücke „Nelken“, „Ahnen“, „Agua“, gesehen.
„Kontakthof“ (mit Damen und Herren ab 65 Jahren), „Nefés“, „Le Sacre du Printemps“ und
„Vollmond“ gesehen. Ich erinnere mich, dass ich das Gefühl hatte, dass das, was da vorne auf der Bühne geschah,
mich angeht. Ich war Anfang oder Mitte zwanzig und hatte so eine Art Tanz noch nicht
Das erste Stück, das ich gesehen habe, war allerdings „Café Müller“ in Dresden, im Großen Haus gesehen. Dazu muss man sagen, dass ich in einer Kleinstadt aufgewachsen bin. In Kassel, wo
des Staatsschauspiels. Damals, es muss 2001/2002 gewesen sein, ich habe gerade Abitur gemacht, ich dann studierte, gab es zwar die documenta, aber zu der Zeit nichts Aufregendes in Bezug
hatte ich noch nicht viel Tanz gesehen und diese Ästhetik war für mich vollkommen fremd. Ich auf Tanz oder Performance. Das änderte sich dann sporadisch, als 1987 die documenta 8 auch
glaube, ich konnte nicht recht verstehen, worum es ging, wenn Pina im weißen Hemdchen durch ein Performanceprogramm machte und Beilharz am Staatstheater das Festival Spielräume
den Raum irrte. Trotzdem hat es in mir etwas bewegt, wenn sie mit ihren langen Armen und veranstaltete, das auch zeitgenössischen Tanz zeigte.
geschlossenen Augen zwischen den umgeworfenen Stühlen tanzte.
Ich erinnere mich, wie ein Mann ( Jan Minarik) eine Orange auf eine Art Baumstumpf oder
Die Stücke, die ich dann zwischen 2004 und 2007 in Wuppertal gesehen habe, waren meist Holzblock legt und mit einer Axt zerteilt, um den Saft anschließend für einen Cocktail zu
bunter und dynamischer. Ich erinnere mich an hohe Schuhe, lange Kleider, offene Haare, verwenden – sehr cool, sehr elegant. Ich erinnere mich an Frauen in Ballkleidern und in Schuhen
Bühnengestaltungen mit Wasser, Erde oder Blumen; an Kinderspiele, Männer in Frauenkleidung, mit hohen Absätzen. An Mechthild Großmanns tiefe, rauchige Stimme, wie sie da am vorderen
den Biss in eine Orange, Demütigung, schicke Kleider, Versöhnung, viel Ironie, Witz, Sprache, Bühnenrand stand und direkt ins Publikum sprach; an ein Solo (oder mehrere?) von Dominique
Stühle, Lebensfreude, Männer in Anzug, Alltagsgesten, Leidenschaft. Mercy – nicht an die einzelnen Bewegungen, aber an den Eindruck, den es hinterließ – eine
einzigartige Bewegungsqualität, ganz federleicht, changierend zwischen melancholisch und
Leider vermische ich all diese Stücke sehr in meinem Kopf und ich kann den einzelnen Stücken komisch. Ich weiß, dass sich diese Erinnerung mit der Erinnerung von anderen seiner Tänze in
kaum mehr konkrete Bilder zuordnen. An „Le Sacre du Printemps“ erinnere ich mich allerdings anderen Bausch-Stücken vermischt und überlagert. So geht es mir insgesamt mit den Stücken
sehr gut. Dieses Stück habe ich mehrmals gesehen und immer wieder geliebt. Rhythmische, Pina Bauschs. Vielleicht weil viele von ihnen Collagen sind.
leidenschaftliche, fast ekstatische Bewegungen auf der komplett mit Torf bedeckten Bühne. Die
Männer mit freiem Oberkörper, die Frauen in durchsichtigen Hemdchen auf nackter Haut. Eine Ich erinnere mich an eine Sequenz, in der die Tänzer ewig lang auf dem Boden entlang rutschen,
Bewegungssprache, die vor allem den Oberkörper und die Arme betont. Bebende Körper, immer ich glaube zumindest teilweise auf dem Po, und sich aber gleichzeitig vorstellen, dass sie
wiederkehrende Bewegungen, das Öffnen und Schließen des Oberkörpers, Sprünge. Ein Tanz, woanders sind, fliegen. Ich erinnere mich an ein echtes Aquarium, und ja, auch an einen Tanz mit
der an die physischen Grenzen geht, auf unebenem Boden, bei dem am Ende alle erschöpft und Schwimmflossen. Ich erinnere mich, dass Szenen gleichzeitig stattfanden und sich gegenseitig
erdverschmiert sind. kontrastierten und kommentierten, dass einige wunderbar absurd waren, ohne dass ich jetzt noch
sagen könnte, was es genau war. Ich erinnere mich, dass es insgesamt ein sehr langes Stück war
***** und dass es Sequenzen gab, die ich ermüdend und auch ein bisschen langweilig fand, und andere,

16 17
in die ich dann wieder sehr involviert war – auch etwas, das bei vielen der Bausch-Stücke, die ich Es gab zwei Momente, in denen Pina sich entschieden hatte, die Anwesenheit des Wassers doch
dann nachfolgend gesehen habe, wiederkehrte. zu würdigen. Einer der männlichen Tänzer zog sich aus und warf sich mit dem Kopf zuerst in
eine Lache, die die Tänzer wie durch Zauberei im hinteren Teil der Bühne geschaffen hatten; das
Die Collagenform war für mich neu und inspirierend und wir – wir hatten eine Gruppe, die wirkte ganz normal und dennoch sinnlich und lustvoll. An einer anderen Stelle erschien, ebenfalls
sich mit Bewegungsperformance, wie wir es nannten, beschäftigte – haben das damals gleich in im hinteren Teil der Bühne, ein lebensgroßes und ziemlich echt wirkendes Nilpferd – ein eher
unserer Arbeit ausprobiert. Wir haben auch Stücke auf diese Weise gemacht, denn diese Form komisches, fragiles und mehr oder weniger verloren wirkendes Bild. Ich verließ das Theater
erlaubte andere Strukturen, assoziatives Arbeiten, Generieren von Material, das sehr persönlich mit dem Gefühl, dass meine Sinne geschärft worden waren und ich schlicht und einfach mehr
motiviert, aber dann unterschiedlich zusammengebaut bzw. montiert werden konnte, was es wahrnahm als vorher.
wiederum abstrakter, distanzierter und damit allgemeiner machte. Die Formgebung kam ins Spiel.
Und ich weiß, dass ich Teile aus den Stücken von Pina Bausch in meiner Erinnerung anders Im Kino habe ich geheult wie ein Schlosshund, während ich den Film „Pina“ sah. Einfach vor
zusammenbaue, als ich das tatsächlich gesehen habe – zu anderen Stücken gewissermaßen ... Schönheit und Rührung. Ich war mit Ferdinand dort, er war damals vier Jahre alt. Er hat ganz
In der Folge habe ich dann noch etliche andere Stücke von Pina Bausch gesehen – „Nelken“, still und aufmerksam zugeschaut. Zum Schluss sagte er, dass es schade sei, dass Pina tot ist.
„Sacre“ und „Café Müller“, „Kontakthof“, den großartigen Film „Die Klage der Kaiserin“ usw. Leider konnte ich nie etwas von ihr live sehen. Im Fach Tanzgeschichte haben wir natürlich
Dann habe ich eine Weile nichts mehr von ihr gesehen und die späteren Stücke hatten nicht etliche Videos durchgenommen, aber das ist etwas Anderes.
mehr die Dringlichkeit und Schärfe. Und bis zum Schluss immer und immer wieder: die Haare
und die Kleider der Frauen und die Bundfaltenhosen und weiten Hemden der Männer ... *****
Es ist 1990, ich bin zwanzig Jahre alt und habe einen Kurs mit dem Titel Contemporary
***** European Performance belegt. Ich bin in Europa, allerdings nicht ganz, denn ich studiere in
Drei Männer. Jeder an einem Arm eine Plastikflasche. Die Arme werden zu Propellern. Ein Bristol, in Großbritannien. Von Pina Bausch habe ich noch nie gehört, geschweige denn etwas
Sound füllt den Raum wie der Hauch von einem Wind. gesehen – obwohl ich die Wooster Group, Michael Clark und Forced Entertainment kenne. Mein
Lehrer schiebt eine VHS-Cassette in den Rekorder, um uns eine Aufnahme von Bauschs „Cafe
***** Müller“ zu zeigen. Die Kassette ist die Kopie einer Kopie, deshalb ist das Bild ziemlich grau und
körnig – so als würde man sich Unterwasseraufnahmen anschauen. Er drückt auf Play und ich
Ehe ich den Auftritt des Tanztheaters Wuppertal mit dem Stück „Arien“ in der Brooklyn blicke von der neuen Seite in meinem Heft auf.
Academy of Music erlebte, hatte ich bereits eine Reihe klassischer und neoklassischer
Ballettaufführungen, amerikanischen Modern Dance und einige der postmodernen Tanzstücke Es ist wie Magie.
gesehen, die Anfang der 1980er-Jahre im East und West Village von Manhattan präsentiert
wurden. Jeffrey, mein damaliger Partner, und ich hatten Glück und bekamen noch Tickets, Wir wissen alle, dass die Videoaufzeichnung einer Live-Show die Arbeit nicht wirklich
denn viele der anderen Aufführungen waren bereits ausverkauft. Wir traten in den ersten Rang, wiedergeben kann.
wo unsere Plätze waren, und die Luft dort war so schwer, dass ich an einen Besuch bei meiner
Schwester in New Orleans denken musste; ich hatte das Gefühl, im Bayou zu sein, oder in Trotzdem ist es wie Magie.
einem tropischen Gewächshaus oder im Zoo. Als wir auf die Bühne hinunterblickten, sahen
wir, dass die gesamte Fläche knöcheltief mit Wasser bedeckt war, und dann erfuhren wir, dass In dieser Welt kann ich Dinge sehen, die ich früher nur spüren konnte. Wie ein Blick oder eine
die Vorstellung verspätet beginnen würde, weil das Wasser zu kalt war und erst erwärmt werden Geste sich in einen Körper einschreibt, wie wir Muster der Angst oder des Begehrens erzeugen
musste, ehe die Tänzer auftreten konnten. Als sie 45 Minuten später tatsächlich auf die Bühne und sie wiederholen. Endlos. Dass wir uns mit der Schwerkraft auseinandersetzen müssen, wenn
kamen, wurde mir klar, warum das Wasser warm sein musste. Es wurde gar nicht weiter beachtet wir zeigen wollen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein ...
oder hervorgehoben. Die Tänzer sprachen ihre Texte, zogen sich um, tanzten aufrecht oder auch
auf dem Boden, ohne dem Wasser besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es entstand der Von dem Moment ist mir, glaube ich, Folgendes in Erinnerung geblieben: Stühle wie Bäume im
Eindruck, dass sie es mit einer größeren Schwerkraft zu tun hatten als andere Menschen, und die Wald. Jemand, der für einen anderen die Stühle aus dem Weg räumt – wie ein Matador oder ein
Auswirkungen ihrer körperlichen Aktivitäten wurden als herumfliegende Wassertropfen oder sich Zauberer. Die Arme einer Frau, die wie Äste sind.
ausbreitende Wellen sichtbar, wenn ihre Körper sich durch den Raum bewegten.

18 19
Es gibt noch mehr Bilder, aber sie werden allmählich von anderen Bildern aus anderen Kannst du Pina Bausch beschreiben?
Videoaufzeichnungen überlagert, die wir in jenem Semester angeschaut haben. Aus „Blaubart“:
Frauen, die an Wänden hängen, ihr Haar wie dunkle Wasserpfützen. Von „1980“: eine Reihe von »Pina Bausch war immer schwarz gekleidet. Sie hatte lange glatte Haare und immer ein trauriges
Darstellern, die um die Aufmerksamkeit des Publikums wetteifern, indem sie uns ihren Witz und Gesicht. Ich habe sie nie lächeln sehen – vielleicht einmal nach zehn Minuten Beifall huschte etwas
ihre Neurosen als beiläufige Bemerkungen entgegenschleudern. wie ein Lächeln über ihr Gesicht.
Ich bin nicht die einzige, die dieser neuen Welt erlegen ist. Eine Gruppe von uns trifft sich und
denkt sich eine Performance aus. Wir wissen, wenn man seine eigene Sprache finden will, muss
Sehr introvertiert, sehr versunken, etwas Bescheidenes, Zurückhaltendes, in sich Gekehrtes. Blass,
man zunächst andere imitieren. Aber wir sind stolz und ehrgeizig und versuchen, Imitationen
immer blass, kein Mensch der Sonne sucht. Das ist so ein Kontrast zu ihren Stücken, die sehr
zu vermeiden. Trotzdem kommen in unserem Stück fallende Körper, Wiederholungen und
lebendig und sinnlich sind. Sie verkörpert eher etwas Tieftrauriges, Schweigsames. Ruhig und
altmodische Kleider vor.
sehr zurückgenommen, sich nicht in der Vordergrund spielend, etwas Karges. Sie lächelt eher in
In Großbritannien entstand in den 1990er-Jahren ein neuer Tanzstil, der „euro-crash“ genannt sich hinein und freut sich, dass Andere sich freuen. Ich stelle sie mir vor als jemanden, mit dem man
wurde. Es handelte sich um die unvollständige Einverleibung der Arbeit von Bausch (und gerne in einem Raum ist. Jemand, der nicht soviel Platz einnimmt, sondern sich eher zurücknimmt
anderen europäischen Regisseuren und Choreographen), gemischt mit einer britischen Reaktion und trotzdem ganz genau zusieht. Jemand, dem nichts verborgen bleibt. Natürlich auch streng mit
darauf. Beispiele dieser Stilrichtung waren bei Veranstaltungen wie dem Festival National sich und streng mit Anderen. Unglaublich fokussiert auf ihre Arbeit. Ein angenehmer Mensch mit
Review of Live Art zu sehen. Sie beeinflusste auch das wachsende Feld des „Tanztheaters“. Ein dem man gut schweigen kann.«
archetypisches (geklautes) Bild war das von Frauen, die heftig die Köpfe hin und her warfen,
***
sodass sich ihr langes Haar wie dunkle Pfützen ausbreitete.
Bausch war – und ihre Spuren und ihr Einfluss sind es meiner Meinung nach bis heute – äußerst »Pina Bausch war – zumindest zu dem Zeitpunkt als ich sie getroffen habe – eine sehr ruhige Frau.
wichtig für junge britische Theatermacher. Sie zeigt uns eine Möglichkeit, Bewegung und Sprache
Wenn sie mit uns gesprochen hat, gab es Momente, in denen sie ein Mikrophon benutzt hat, weil
als alchemistische Elemente zu verstehen, die sich auf den Körper beziehen.
sie zu leise war. Sie war immer sehr geduldig, aber immer auch sehr klar in den Dingen, die sie
Meine eigenen Erinnerungen an Bausch werden inzwischen von den Bildern der Live-
gesagt hat. Wenn es um das Stück [Kontakthof mit Teenagern ab 14, 2008] ging, hat sie immer
Aufführungen ihrer Stücke überlagert, die ich gesehen habe. 1999 sollte ich extra von Manchester
nach London reisen, um „Viktor“ zu sehen – mein erstes Live-Stück von ihr. Seit damals ganz klare Anweisungen gegeben, was sie haben möchte. Sie hat ganz viel Neugierde für die Leute
habe ich „1980“, „Cafe Müller“, „Nelken“, „Palermo, Palermo“, „Frühlingsopfer“, „Kontakhof“ mitgebracht. Ich weiß nicht, ob sie wirklich so eine besondere Aura hatte, wie ich sie empfunden
(mit alten Leuten, Teenagern und auch in der ursprünglichen Version) und „Masurca Fogo“ habe, denn zu dem Zeitpunkt war es wirklich immer so, dass gesagt wurde: „Oh, jetzt kommt
gesehen. Im Jahr 2008 hatte ich Karten, um Bausch selber im Sadler’s Wells-Theater in „Café Pina!“ – und dann waren alle aufgeregt.
Müller“ zu erleben, aber am Abend der Vorstellung lag im Programmheft ein Zettel mit einer
Entschuldigung – Bausch sei verhindert, hieß es. ***

Ich habe sie auch als eine sehr fragile Persönlichkeit erlebt. Ich hatte immer das Gefühl, sie würde
Ihre Arbeit hat dem britischen Publikum unendlich viel zu bieten, und dazu gehört nicht zuletzt nicht essen, wenn ihr keiner etwas zu essen hinstellen würde. Nicht, weil sie so aussieht oder
ihr ausgeprägter Sinn für Humor – tiefgründig und manchmal finster. weil sie das nicht will, sondern weil ich gesehen habe, dass sie immer jemanden hatte, der ihr ein
Butterbrot hingestellt hat. Man hat gemerkt, dass sie einfach die ganze Zeit arbeitet. Sie war immer
mit ihrem Kopf bei dem Stück. Sie war, glaube ich, eine sehr fokussierte Frau, sehr interessiert und
neugierig auf alles.
Und: Sie hatte immer eine Zigarette in der Hand. Pina Bausch hat immer geraucht.
Ich habe wenige Fotos gesehen auf denen sie keine Zigarette in der Hand hat.
Es war wirklich so, sie hat permanent geraucht.«

***

20 21
»Sie war sehr still. Ich habe sie in den ganzen zehn Jahren kein einziges Mal laut werden hören.
Auch wenn ich aus ihren Bemerkungen erkannt habe, dass sie sehr unzufrieden war, hat sie nie
die Form verloren. Sie ist immer freundlich geblieben. Das Grundvertrauen war immer wichtiger als
eine momentane Störung. Sie war immer ruhig und konzentriert. Und immer wahnsinnig neugierig
auf alles. Sie hatte oft ihr kleines Radio an und hat nebenher Nachrichten gehört. Und sie war sehr
offen. Sie hatte erst einmal die totale Offenheit für alles. Was ja auch Einfluss auf die Arbeit hatte.
Das haben auch die Tänzer gespürt, dass man wirklich alles machen konnte. Es gab nie Vorurteile
und die Sachen waren immer erst einmal wie sie waren und dann hat sie geguckt, was das jetzt
für sie bedeutete. Sie hat eher wenig gesprochen. Sie hat auch gerne gelacht, aber nie zu viel.
Sie hatte oft auch etwas Verschmitztes. Sie hat Ruhe, Konzentration und Offenheit ausgestrahlt.«

***

»Sie hatte wunderschöne blaue Augen. Ich denke, sie waren blau, ich kann es nicht genau sagen.
Aber sie hatte sehr schöne, helle Augen. Sie war groß und schlank. Sie hatte eine sehr spezielle
Art zu gehen mit ihren großen Füßen. Es war immer schwer zu wissen, wo sie gerade in ihren
Gedanken war. Ob es ein guter Moment war, eine Frage zu stellen. Sie war nicht mysteriös, aber
sie war auch niemand, den man einfach so ansprechen konnte. Manchmal schon, aber es gab viele
Momente, in denen sie in Gedanken versunken war, im nächsten Stück. Dann musste man warten.

Es gab andere Momente, in denen sie viel gelacht hat. Es war immer eine Mischung. Sie konnte auch
sehr, sehr ernst sein. Bei Stückentwicklungen war es oft so, dass man etwas machte und guckte, ob
sie das mag und man merkte, dass sie es eigentlich gar nicht mag. Man hat oft an sich gezweifelt.
Sie hat so viel von sich selbst verlangt, dass es manchmal schwer war neben ihr mit seinen kleinen
Bedürfnissen. Die Arbeit war unser Zusammensein. Viele Stunden. Wir Tänzer haben sehr viel Zeit
investiert und mit ihr verbracht.«

Pina Bausch

geboren 1940 in Solingen, gestorben 2009 in Wuppertal, erhält ihre Tanzausbildung an der Essener
Folkwang-Hochschule unter Leitung von Kurt Jooss. Hier erlernt sie eine exzellente Tanztechnik.
Als der Wuppertaler Intendant Arno Wüstenhöfer sie zur Spielzeit 1973/74 als Choreographin
verpflichtet benennt sie das Ensemble schon bald in Tanztheater Wuppertal um. Unter diesem
Namen erlangt die Kompanie, obwohl anfänglich umstritten, mit den Jahren Weltgeltung. Ihre
Verknüpfung von poetischen und Alltagselementen beeinflusst entscheidend die internationale
Tanzentwicklung. Weltweit mit den höchsten Preisen und Ehrungen ausgezeichnet, zählt Pina
Bausch zu den bedeutendsten Choreographinnen der Gegenwart.

22