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EUTHANASIE

In dieser Berliner Villa organisierten die Nazis


Massenmorde
In einer Villa an der Tiergartenstraße in Berlin-Mitte organisierten die
Nazis die "Euthanasie"-Morde. Darüber ist ein Buch erschienen.

04.12.2015, 08:23 Felix Müller

Heute nicht mehr existent: das bürgerliche Repräsentations- gebäude an der Tiergartenstraße 4 Foto: (Landesarchiv Berlin/Walter
Köster
Vor etwas mehr als einem Jahr wurde in Berlin eine große Erinnerungslücke geschlossen, als
an der Nordseite der Philharmonie in Tiergarten eine 24 Meter lange, blau gefärbte Glaswand
der Öffentlichkeit übergeben wurde. Die begleitende Ausstellung erinnert präzise und in allen
schrecklichen Details an den Massenmord, den die Nationalsozialisten seit dem Kriegsbeginn
im September 1939 an den Insassen von Heil- und Pflegeanstalten verübten und dem in ganz
Europa mindestens 300.000 Menschen zum Opfer fielen.

„Euthanasie-Programm“ nannte man das im gewohnt zynischen Jargon der Täter, als hätte das
griechische Wort für den „schönen Tod“ etwas mit den Verbrechen zu tun, die man in seinem
Namen verübte. Auch der Begriff der „Aktion T4“ hatte verschleiernde Funktion. Er bezog sich
auf die Adresse Tiergartenstraße 4, auf eine noble Stadtvilla, die es heute nicht mehr gibt. Sie
war die Schaltstelle für den einzigen Massenmord an Deutschen auf deutschem Boden, an
Menschen, die man im Sinne einer sozialdarwinistischen Auslese für überflüssig erklärte, die
man „Ballastexistenzen“ nannte.

Über dieses Haus ist nun das Buch „Tiergartenstraße 4“ von Annette Hinz-Wessels erschienen.
„Die Opfer“, schreiben Uwe Neumärker von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden
Europas und Andreas Nachama von der Stiftung Topografie des Terrors im Vorwort, „waren
Patienten, Heil- und Pflegebedürftige, aber auch Juden, ,Zigeuner‘, ‚Asoziale‘ und andere
Menschen, die in den Augen der braunen Machthaber nicht in die postulierte ‚gesunde
Volksgemeinschaft‘ passten.“ Die Ausstellung an der Philharmonie widmet sich der
Durchführung und den Folgen der „Euthanasie“-Morde. Die Historikerin Hinz-Wessels hat mit
dieser Studie eine sehr lesenswerte Ergänzung dazu vorgelegt, die das Haus an der
Tiergartenstraße ins Zentrum rückt – als Ort der Täter, als Exempel für die Stadthistorie wie als
Beispiel für die Irrfahrten der deutschen Geschichte seit dem Kaiserreich.

Es war der Bankier Valentin Weisbach, der die Villa zwischen 1888 und 1890 errichten ließ. Die
Gegend westlich des Potsdamer Platzes zwischen Tiergarten und Landwehrkanal, ursprünglich
nur ein ländlicher Feldweg, entwickelte sich seinerzeit zur bürgerlichen Repräsentationszone.
Es war ein schönes Haus: „Die Gebäudefassade“, vermerkt Hinz-Wessels, „bestand aus
weißem Postelwitzer Sandstein und war auf der Hof- und Gartenseite mit Sgraffiten
geschmückt.“ Das Buch versammelt eindrucksvolle Bilder der damaligen Interieurs, der
geschnitzten Türfassungen, der Kristallleuchter – wie man überhaupt die intensive
Recherchearbeit der Autorin loben muss, die aus den Archiven zahllose Dokumente und
Fotografien zutage gefördert hat, die viel zur Vergegenwärtigung dieses Ortes beitragen.

Schauplatz von Kunstauktionen und Ausstellungen

Die Villa jedenfalls wurde im Sommer 1909 für eine Million Reichsmark an den Fabrikanten
Georg Liebermann verkauft, einen älteren Bruder des berühmten Malers Max Liebermann –
auch er, wie der Vorbesitzer Weisbach, ein Vertreter des liberalen jüdischen
Wirtschaftsbürgertums und damit ein Beispiel für eine vielfältige, offene Stadt, die es so bald
nicht mehr geben sollte. Nachdem Georg Liebermann 1926 gestorben war, erbten seine drei
Kinder die Villa. Sie entwickelte sich zu einem angesehenen Kunst- und Auktionshaus, und es
berührt heute bitter, die Begeisterung des Literaturkritikers Walter Benjamin darüber
nachzulesen: „Es gibt in Berlin“, schrieb er, „wieder eine schöne Ausstellung, mit anderen
Worten ein paar Säle, in denen es still und friedlich ist und wo man sich tagelang aufhalten
kann, ohne einer lebenden Seele zu begegnen. Gäbe es nichts in diesen Sälen als die Ruhe
und den schönen Blick auf den Tiergarten – der Aufenthalt darin wäre an sich schon
empfehlenswert.“

Schleichende, dann vollständige Enteignung und Entrechtung gehörten zu den politischen


Konstanten, nachdem Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war.
Für die Villa in der Tiergartenstraße bedeutete das, dass sich alsbald nationalsozialistische
Unterorganisationen darin breitmachten. Im März 1933 zog die SA-Gruppe Berlin-Brandenburg
einfach dort ein, ohne einen Mietvertrag geschlossen zu haben.

Sie stand unter der Führung des lärmenden Karl Ernst (1904–1934), der wiederum zum engsten
Vertrautenkreis des SA-Chefs Ernst Röhm gehörte. Die Villa an der Tiergartenstraße 4 wurde
damit auch Schauplatz des sogenannten Röhm-Putsches, mit dem Hitler sich die unliebsam
gewordenen Funktionäre der SA vom Halse schaffte. Noch bevor die Eigentümer der Villa
verfolgt und zum Verkauf gezwungen wurden, nahm die Auslandsorganisation der NSDAP in
der Villa ihre Geschäfte auf. Die rechtmäßigen Eigentümer Manfred und Wilhelm Liebermann,
Zeugen einer besseren Zeit, mussten in den Arbeitsbataillonen der Organisation Todt Dienst
tun.

Schon seit dem Frühjahr 1940 war die Villa Organisationssitz einer „Geheimen Reichssache“,
hinter der sich die Verwaltung der NS-Euthanasie verbarg. Hinz-Wessels wendet sich mit
Akribie den Tätern zu, dem Personal der Dienststelle ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Doch
sie versäumt es nicht, auf die Opfer hinzuweisen, die am Ende dieser Arbeit standen. Etwa in
Gestalt der Epileptikerin Charlotte U., die sich seit 1937 in Anstaltspflege befand und 1940 im
Rahmen der „Aktion T4“ mit nur 17 Jahren in der Tötungsanstalt Brandenburg/Havel mit
Kohlenmonoxid umgebracht wurde.

Es wurde bis in die letzten Kriegswochen gearbeitet

Als im Sommer 1941 öffentliche Unruhe über das Mordprogramm aufkam, ließ es Hitler für die
Mitarbeiter überraschend abbrechen. Sie blieben aber die Organisations- und
Rekrutierungseinheit für verschiedene Einsätze des „T4“-Personals – etwa im Rahmen der
„Aktion Reinhardt“, bei der es um die Ermordung von Juden sowie Roma und Sinti in
Zentralpolen ging, in Belzec, Sobibor oder Treblinka. Bis März 1945 wurde in der Villa eifrig und
gehorsam gearbeitet, bevor sie in den letzten Kriegstagen schwer beschädigt und einige Jahre
später abgerissen wurde. Sie als bedrückenden Ort der Schreibtischtäter und ihrer Bürokratie
der Unmenschlichkeit in Erinnerung zu rufen, ist das Verdienst dieses Buches.

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