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ZGMTH Zeitschrift der

Gesellschaft für Musiktheorie

Wörner, Felix (2017): Stefan Keym (Hg.), Motivisch-thematische Arbeit als Inbegriff der
Musik? Zur Geschichte und Problematik eines ›deutschen‹ Musikdiskurses (Veröffentli-
chungen des Staatlichen Instituts für Musikforschung XXII: Studien zur Geschichte der
Musiktheorie 12), Hildesheim: Olms 2015. ZGMTH 14/1, 195–202.
https://doi.org/10.31751/906

© 2017 Felix Wörner (felix.woerner@unibas.ch)

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eingereicht / submitted: 30/05/2017


angenommen / accepted: 03/06/2017
veröffentlicht / first published: 30/06/2017
zuletzt geändert / last updated: 23/08/2018

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Stefan Keym (Hg.), Motivisch-thematische Arbeit als Inbegriff
der Musik? Zur Geschichte und Problematik eines ›deutschen‹
Musikdiskurses (Veröffentlichungen des Staatlichen Instituts für
Musikforschung XXII: Studien zur Geschichte der Musiktheorie 12),
Hildesheim: Olms 2015

Fraglos gehören die Kategorien ›motivische von Jonathan Dunsby oder Folker Froebe2,
Arbeit‹, ›thematische Arbeit‹ und ›motivisch- die die Verwendung und unterschiedliche Lei-
thematische Arbeit‹ für die Beschreibung und stungsfähigkeit thematisch-motivischer Kon-
Interpretation tonaler, seit Mitte des 18. Jahr- zepte anhand verschiedener musiktheore-
hunderts entstandener Kompositionen zum tischer Systeme diskutiert haben, deutlich
Kernbestand analytischer Methoden, die sich gemacht, dass motivisch-thematische Arbeit
insbesondere im deutschsprachigen Raum bis eine historisch wandelbare Analysekategorie
in die Gegenwart großer Beliebtheit erfreuen. darstellt, deren Potenzial unterschiedlich be-
Diese Popularität motivisch-thematisch ge- wertet wird.
prägter analytischer Zugangsweisen verdankt In dem auf ein Symposium zurückge-
sich sowohl einer bis in die Mitte des 19. henden Sammelband werden 13 Beiträge
Jahrhunderts zurückzuverfolgenden musik- unterschiedlicher Länge (der kürzeste Essay
analytischen und musikdidaktischen Tradition umfasst zehn, der umfangreichste 41 Sei-
als auch der Attraktivität, die sich aus einem ten) präsentiert, die im Duktus teils nahe am
scheinbar simplen Zugriff auf die motivisch- mündlichen Referat bleiben, teils aber wis-
thematische Anlage von Kompositionen ab- senschaftlich sorgfältig ausgearbeitete For-
leitet. Dass eine Betrachtung von Musik, die schungsbeiträge darstellen. Der Band zielt
primär hörbare (oder bei einem Studium der darauf ab, die Geschichte des musiktheore-
Partitur ›sichtbare‹) Identitäten und Ähn- tischen Begriffs der ›motivisch-thematischen
lichkeitsbeziehungen von motivischem und Arbeit‹ nachzuzeichnen – bekanntermaßen
thematischem Material als wesentliche Er- wurde im deutschen Kulturraum die moti-
gebnisse einer Analyse präsentiert, einerseits visch-thematische Arbeit seit Mitte des 19.
von einem naiven Verständnis dieser Analyse- Jahrhunderts in Kompositionslehren und mu-
kategorie ausgeht und andererseits das Risiko sikalischen Analysen zu einer zentralen satz-
birgt, nur einen Ausschnitt kompositorischer technischen Verfahrensweise erklärt. Dabei
Strukturmerkmale zu isolieren und einseitig sollen »strukturanalytische Aspekte« im Zu-
zu bevorzugen, dürfte im aktuellen musik- sammenhang breiterer kulturgeschichtlicher
theoretischen Diskurs unbestritten sein. So- Entwicklungen auf ihre »identitätsstiftende
mit stellt motivisch-thematische Arbeit keine Funktion« in unterschiedlichen zeitgeschicht-
problemlos verwendbare analytische Katego- lichen, ideologischen und politischen Kontex-
rie dar. Zudem haben sowohl die begriffsge- ten untersucht werden (5). Die Hauptrichtung
schichtlichen Untersuchungen Christoph von der Studien geht dabei von der Beobachtung
Blumröders1 im Handwörterbuch der musi- aus, dass Konzepte motivisch-thematischer
kalischen Terminologie als auch einführende Arbeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert eng
Überblicksdarstellungen wie beispielsweise mit der Überzeugung in Zusammenhang ge-

1 Blumröder 1991. 2 Dunsby 2002; Froebe 2015.

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bracht wurden, die klassisch-romantische die sich aus verschiedenen Strängen speisen,
Instrumentalmusik deutscher Kulturtradition sich allmählich herausbilden und in unter-
unterscheide sich grundsätzlich von ande- schiedlichen Konstellationen zusammentre-
ren nationalen Kompositionsschulen. So be- ten. Während sich die Idee der ›Arbeit‹ im
ginnt der Sammelband mit Beiträgen, in denen Sinne der kompositorischen ›Ausarbeitung‹
die ästhetischen und satztechnischen Stereo- bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfol-
typen des 19. Jahrhunderts im deutschspra- gen lässt, markieren folgende Momente die
chigen Raum dekonstruiert werden. Anschlie- Entwicklung im 19. Jahrhundert: Zu Beginn
ßend beschäftigen sich zwei Beiträge mit der des Jahrhunderts wird Joseph Haydn mittels
Verwendung und dem Bedeutungsspektrum des Konzeptes der musikalischen Logik die
des Begriffs in Frankreich. Die deutschspra- Nachfolge J.S. Bachs zugewiesen (12). Durch
chige Musiktheorie Anfang des 20. Jahrhun- die Schriften von Johann Christian Lobe und
derts wird am Beispiel der Schriften Heinrich Adolf Bernhard Marx dringt das Konzept der
Schenkers und Arnold Schönbergs untersucht; motivisch-thematischen Arbeit nachdrücklich
eine weitere Studie zur Auffassung von mo- in den Diskurs ein. Dabei gelingt es Marx,
tivisch-thematischer Arbeit bei Theodor W. Beethoven als maßgeblichen Vertreter ei-
Adorno schließt den Band thematisch ab. ner seriösen, durch ›Idee‹ und ›Arbeit‹ glei-
Weitgehend ausgeblendet bleibt die Rezep- chermaßen nobilitierten Kunst zu etablieren
tion des Konzeptes motivisch-thematischer (13f.). In einem weiteren Schritt ist es Hans
Arbeit in Russland, aber auch im englischen von Bülow, der in den 1870er Jahren durch
und US-amerikanischen Raum, wo zumindest seine Interpretations- und Herausgebertätig-
an der Ostküste bereits um 1900 viele Kom- keit ein modernes Beethoven-Bild lanciert,
ponisten aufgrund ihrer Ausbildung in Europa das durch die Schriften Hugo Riemanns end-
mit dem Konzept vertraut waren und seit den gültig durchgesetzt und popularisiert wird.
1930er Jahren das Thema vermittelt durch eu- Somit symbolisiert um 1900 die Linie ›Bach
ropäische Emigrant*innen – unter veränderten – Beethoven – Brahms‹ ein neues »Wertesy-
kulturellen Voraussetzungen und verbunden stem«, das motivisch-thematische Arbeit als
mit neuen musiktheoretischen Fragestellun- Grundlage der Analyse und wesentliches äs-
gen – eine zweite Blüte erfuhr.3 thetisches Kriterium begreift (19) und das in
In einer bemerkenswerten Argumentation den Schriften so unterschiedlicher Autoren
begründet Hans-Joachim Hinrichsen in dem wie Hermann Kretzschmar, Heinrich Besse-
eröffnenden Beitrag »Beethoven, Bach und ler und Ernst Bücken fortgeführt wird. Dieser
die Idee der motivisch-thematischen Ökono- Entwicklungslinie sind gleichzeitig konkurrie-
mie. Zur Genese eines wirkungsmächtigen rende Geschichtsmodelle von August Halm,
Rezeptionsklischees« die These, dass die in Ernst Kurth, Theodor W. Adorno und Erwin
Europa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts Ratz entgegengesetzt, die – insbesondere in
häufig propagierte Entwicklungslinie ›Bach – Hinblick auf die Technik der Fuge – die Ver-
Beethoven – Brahms‹ auf einer wissenschaft- fahrensweisen von Bach und Beethoven eher
lich nicht begründeten allgemeinen »ästhe- als Gegensätze konstruieren. Unabhängig von
tischen Generaleinschätzung« (9) beruhte, die diesen partiell neuen Interpretationsweisen
durch das kompositionstechnische Konzept kann Hinrichsen konstatieren, dass die im
der motivisch-thematischen Arbeit abgestützt 19. Jahrhundert als Rezeptionsphänomen ge-
und partiell legitimiert wurde (10). In seiner formte Kette Bach – Beethoven – Brahms zu
Analyse ausgewählter Rezeptionsphasen zeigt Anfang des 20. Jahrhunderts in der Musikhis-
Hinrichsen schlüssig, dass diese Deutung der toriographie eine Akzeptanz erfuhr, die zwar
Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts auf all- aus heutiger Sicht ideologische Züge trägt,
gemeinen Wahrnehmungsmustern beruht, trotz neuerer Forschungsergebnisse und al-
ternativer Geschichtsbilder ihre Ausstrahlung
3 Vgl. Wörner 2009. dennoch nicht völlig eingebüßt hat (26f.).

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In seinem Beitrag »Motivisch-thematische zu vermitteln. Die von Lobe angenommene


Arbeit – ein Konzept musikalischer Praxis »Analogie zwischen Tönen und Gefühlen auf
im Lichte der Genealogie der musikalischen der Ebene des Rhythmus, des ›Tonischen‹,
Moderne« konzentriert sich Tobias Janz auf der Harmonie, der Melodie, des Klanges und
die Bedeutungshorizonte und den »seman- der Instrumentation« (53) manifestiere sich in
tischen ›Resonanzraum‹« der Formulierung der Vermittlungsfunktion thematischer Arbeit
»motivisch-thematische Arbeit« (29). Als zwischen Struktur und Inhalt von Musik, so-
Ausgangspunkt dient ihm die Explikation der dass ein Studium derselben einen Weg zum
Dimensionen des bürgerlichen Arbeitsbegriffs Wesen von Musik – dem »Musikalisch-Wah-
anhand einer kurzen Analyse des Gedichtes ren« – eröffne (52f.). Damit umreißt Recknagel
Das Lied von der Glocke von Friedrich Schil- ein entscheidendes Kernthema der Auseinan-
ler, an die eine sich auf die jüngere Literatur dersetzung im 19. Jahrhundert mit dem Begriff
stützende begriffs- und ideengeschichtliche der motivisch-thematischen Arbeit, nämlich
Erläuterung anschließt, deren Relevanz für seine doppelte Gerichtetheit auf kompositi-
das Verständnis musikhistorischer Positionen onstechnische und kompositionsästhetische
nur angedeutet wird. Im Ergebnis exponiert Aspekte. Diese Problematik versucht Petra
der Autor sieben semantische Felder, die Weber in ihrem kürzeren Beitrag »Zum Ver-
als »Hintergrundmetaphorik« für eine über hältnis von motivisch-thematischer Arbeit und
den engeren musiktheoretischen Gebrauch poetischer Idee bei Beethoven« anhand einer
des Begriffs »motivisch-thematische Arbeit« Interpretation des Kopfsatzes von Beethovens
hinausgehende Interpretation in Betracht Fünfter Sinfonie detaillierter zu erhellen. Dass
gezogen werden müssen (38), und skizziert die Idee von thematischer Arbeit Mitte des
damit ein Projekt, das vorläufig weiterhin als 19. Jahrhunderts nicht nur anhand der Musik
Desiderat der Forschung bezeichnet werden der Wiener Klassiker diskutiert wurde (wie
kann. Recknagel herausstellt beschäftigte sich be-
Bekanntermaßen etablierte Johann Chris- reits Lobe mit den Sinfonischen Dichtungen
tan Lobe Mitte des 19. Jahrhunderts die Wen- von Franz Liszt und prägte für dessen Um-
dung ›thematische Arbeit‹ als Schlüsselbegriff gang mit thematischen Gestalten den Begriff
seiner Musikanalyse und Werkinterpretation. der »antizipierten thematischen Arbeit« [49]),
Marion Recknagel geht in ihrem Beitrag »Me- sondern auch in Richard Wagners Denken ih-
tamorphosenkunst. Johann Christian Lobes ren Niederschlag fand, zeigt Arne Stollberg in
Theorie der thematischen Arbeit« der Frage seinem Text »›Verbindung und Verzweigung
nach, wie Lobe diesen Zentralbegriff inner- der thematischen Motive‹ – Das orchestrale
halb seiner Musiktheorie und Musikästhetik ›Gewebe‹ bei Richard Wagner im Spiegel von
positioniert. Dabei betont sie, dass Lobes Theorie, Kompositionspraxis und Rezeption«.
Konzeption durchaus nicht auf kompositions- In diesem als eine konzise Zusammenfassung
technische Aspekte, wie sie in seiner Mono- der Wagner’schen Gedanken zu charakterisie-
graphie Compositions-Lehre oder umfassende renden Beitrag propagiert Stollberg die These,
Theorie von der thematischen Arbeit4 in den Wagners unter anderem im Text »Eine Mittei-
Vordergrund gerückt werden, reduziert wer- lung an meine Freunde« [1851] formulierte
den darf. Vielmehr nutze Lobe in zahlreichen Idee, der Komposition seiner Musikdramen
Aufsätzen die Erörterung thematischer Ar- liege ein »thematischer Kern« zugrunde, der
beit, um Musikhörer*innen (des bürgerlichen als »Gewebe« das Werk durchdringe, lasse
Publikums) einerseits strukturelle Aspekte der sich bereits in Die Meistersinger von Nürn-
Komposition zu erschließen, andererseits den berg am Beispiel des Chorals »Da zu dir der
angenommenen »bestimmbaren Gefühlsaus- Heiland kam« analytisch dingfest machen
druck«, also den »Inhalt« der Kompositionen (74–81).
Ein zweites, für die Diskussion des Kon-
4 Lobe 1844. zeptes »motivisch-thematische Arbeit« bis-

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lang weniger berücksichtigtes kulturhisto- Keym konzentriert sich in seiner Untersu-


risches Themenfeld wird in drei Beiträgen chung auf einen klar definierten geographi-
von Stefan Keym (»Ausarbeitung vs. Erfindung schen Raum und Quellenbestand, nämlich
oder: Thematische Arbeit als nationales auf die Leipziger Kritik sinfonischer Werke
Qualitätskriterium? Zum Symphonik-Diskurs bis ca. 1914. Anhand exemplarischer Text-
in der Leipziger Musikpresse des ›langen 19. passagen belegt der Autor, dass das Konzept
Jahrhunderts‹«, 83–107), Marc Rigaudière der motivisch-thematischen Arbeit als zuneh-
(»Von der thematischen Arbeit zum ›travail mend wichtiges, im letzten Drittel des 19.
thématique‹. Geschichte einer Akkulturation«, Jahrhunderts je nach ästhetischer Positionie-
109–127) und Inga Mai Groote (»›Fuyons! rung dann tendenziell als notwendiges Krite-
Il va développer…‹ Thematische Arbeit als rium für sinfonische Werke eingestuft wurde.
Argument im französischen Musikdiskurs um Dabei wird das satztechnische Kriterium ›mo-
1900«, 129–150) behandelt. Die Tatsache, tivisch-thematische Arbeit‹ nach der Jahrhun-
dass das Konzept ›motivisch-thematische Ar- dertmitte und insbesondere nach der Grün-
beit‹ primär von einem im deutschen Kultur- dung des Deutschen Reiches 1871 häufiger
raum entstandenen Repertoire abgeleitet und und mit größerer Emphase als eine nationale
in deutschsprachigen Schriften theoretisch for- kulturelle Errungenschaft dargestellt, die Kom-
muliert wurde, hinterließ im 19. Jahrhundert in ponisten anderer Nationen wie beispielsweise
einem zunehmend bewusst national geführten Frankreichs (z.B. Saint-Saëns) oder Russlands
Kulturdiskurs deutliche Spuren. Hier be- (z.B. Rubinstein, Tschaikowsky) verschlossen
schränkt sich der Sammelband auf die Analyse bleibe (101–105). Allerdings bleibt es, wie
eines regionalen, aber für den deutschspra- Keym selber zugesteht, häufig schwierig, die
chigen Raum exemplarischen und national Autorenintentionen der Kritiker zu rekonstru-
wahrgenommenen Diskurses in den Leipziger ieren und ihre Aussagen angemessen zu kon-
Tages- und Musikzeitschriften sowie auf die textualisieren (104).
Rezeption des Konzepts in Frankreich. Metho- Wie komplex sich die Verlagerung eines
dologisch steht die Wissenschaft bei einer sol- satztechnischen und zunehmend ästhetisch
chen kulturgeschichtlichen Betrachtungsweise belasteten Konzeptes wie ›motivisch-thema-
vor einer Reihe von Herausforderungen, da tische Arbeit‹ in einen anderen kulturellen
es erforderlich ist, die in den Quellen häufig Raum darstellt, untersuchen Marc Rigaudière
unausgesprochenen Voraussetzungen der for- und Inga Mai Groote am Beispiel der franzö-
mulierten Positionen zu rekonstruieren bzw. sischen Diskurse. Rigaudière konzentriert sich
bei der Interpretation mitzudenken. In seiner nach einem kurzen Rückblick auf die Schrif-
methodologisch maßstabsetzenden jüngeren ten Jérôme-Joseph de  Momignys und Anton
Untersuchung zu den zahlreichen inhaltlichen Reichas auf die Verbreitung und Verwendung
Implikationen und Facetten, die den Verwen- des Begriffs ›travail thématique‹ (die verwand-
dungen des Begriffsfeldes ›Deutschtum‹ in der te Wendung ›développement thématique‹
Musikliteratur und Musikkritik in Österreich- bleibt in seiner Untersuchung unberücksich-
Ungarn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun- tigt). ›Travail thématique‹ wird um die Jahr-
derts zugrunde liegen, weist David Brodbeck hundertmitte zunächst durch ausländische
zu Recht darauf hin, dass u.a. individuelle, Autoren (u.a. Alexander Oulibicheff und
institutionsgeschichtliche, kulturelle und poli- Berthold Damcke) sowie durch französische
tische Faktoren eine häufig schwer entziffer- Übersetzungen deutscher Literatur eingeführt
bare und sich schnell ändernde Gemengelage und verbreitet sich dann allmählich in der
bilden, deren Nachvollzug jedoch die Grund- französischsprachigen Kritik (vgl. Übersicht
voraussetzung einer differenzierten Interpreta- von Belegstellen, 123–127). Die punktuellen
tion bildet.5 Analysen des Autors lassen erkennen, dass
der im deutschen Sprachbereich geprägte in-
5 Brodbeck 2014, bes. 1–22. haltliche Kern zunächst erhalten bleibt, gegen

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Ende des Jahrhunderts dann allerdings zu- sung der Positionen von Lobe, Richard Stöhr,
nehmend undifferenziert eingesetzt wird und Riemann und Hugo Leichtentritt bietet einen
so unterschiedliche Aspekte wie motivische idealen Ausgangspunkt, Schönbergs Konzep-
Dichte, Durchführungsabschnitt oder Leit- tion und deren Entwicklung im Spannungsfeld
motivtechnik bezeichnet. In ihrer Rigaudières von Kontinuität und Bruch zur musiktheore-
Beitrag komplementierenden Untersuchung tischen Tradition zu erörtern. So bleibt zwar
wertet Inga Mai Groote ein breites Korpus von Schönbergs zuerst in seinem Manuskript Zu-
Quellen aus, die von Äußerungen bekann- sammenhang, Kontrapunkt, Instrumentation,
ter Komponisten (Debussy, Dukas, Ravel, Formenlehre (1917) formulierte Definition,
Henri Rabaud) über Musikkritiker bis hin zu ein musikalisches Motiv sei »eine tönende
Musikhistorikern sowie Konzerteinführungen rhyt[h]misierte Erscheinung, welche durch
reichen. Im Gegensatz zu Rigaudière schließt ihre (eventuell variierten) Wiederholungen im
Groote den offenbar häufiger verwendeten Verlaufe eines Musikstückes den Anschein zu
Begriff ›développer‹ ein, dessen semantische erwecken vermag, als ob sie dessen Material
Bedeutung in der Regel mit ›thematischer sei« (157) inhaltlich bis in die 1940er Jahre sta-
Arbeit‹ gleichgesetzt werden kann. Dabei bil. Seine Ablehnung der in den 1920er Jahren
verdeutlicht das breite Spektrum der ausge- durchaus gängigen Vorstellung des Motivs als
wählten Beispiele, dass die Verwendung des »Urzelle« (so Riemann, Belegstelle 160), als
Begriffs in Frankreich um 1900 nicht primär Keim einer organischen Entwicklung (161f.)
durch die Dichotomie ›deutsch‹ – ›franzö- und als metrisch bestimmter Einheit (ebd.)
sisch‹ bestimmt war, sondern ästhetische Strö- erleichtert es Schönberg, von der traditionell
mungen innerhalb des französischen Musikle- überragenden Bedeutung des Motivs und der
bens (›Debussysten‹, ›scholastische‹ Richtung, motivisch-thematischen Arbeit für die Ausbil-
133) ebenso relevant waren wie die Bezug- dung musikalischen Zusammenhangs abzurü-
nahme auf unterschiedliche Gattungskonven- cken, neben dem Motiv weitere Faktoren wie
tionen. Trotz – oder vielleicht gerade wegen Tonalität, Harmonik, rhythmische Konstruk-
– der Fülle der herangezogenen Quellen wer- tion sowie Instrumentation und Vortrag als
den die einzelnen Zitate und Autoren jedoch integrale Bestandteile musikalischer Zusam-
eher nebeneinander gestellt, als dass sie um- menhangsbildung zu betrachten und somit ab
fassender kontextualisiert und miteinander in den 1930er Jahren das umfassendere Konzept
Beziehung gebracht würden. So erreichen die des ›musikalischen Gedankens‹ als zentrale
Ergebnisse von Grootes Skizze der Situation Kategorie musikalischer Logik zu etablieren.
in Frankreich um 1900 nicht die Differenziert- Stellt Schönbergs musiktheoretisches Den-
heit, die beispielsweise vom Bandherausgeber ken für unseren Blick auf das frühe 20. Jahr-
in seinem Beitrag geleistet wird. hundert zweifellos eine zentrale Größe dar,
Die letzten vier Beiträge des Sammelbandes so ist die Resonanz seiner theoretischen
kehren mit Studien zur Musiktheorie Arnold Überlegungen selbst innerhalb des engeren
Schönbergs und Heinrich Schenkers sowie Schönberg-Zirkels weitaus schwieriger zu be-
zu Theodor W. Adorno zu Aspekten der Ent- stimmen. Dass der Begriff der thematischen
faltung des Konzeptes im deutschsprachigen Arbeit auch für Theodor W. Adorno eine
Raum im 20. Jahrhundert zurück. Andreas Ja- kritische Kategorie darstellte, diskutiert Niko-
cob analysiert, welchen Inhalt Schönberg den laus Urbanek in seinem Beitrag »Was heißt
Begriffen ›Motiv‹ und ›motivische Arbeit‹ in (a)thematische Arbeit? Einige Bemerkungen
seinem musiktheoretischen Denken zuweist. zu einer zentralen Kategorie der Musikästhe-
In seiner konzisen Darstellung erinnert Jacob tik Theodor W. Adornos«. Urbanek weist
zunächst daran, an welche gängigen Definiti- der Figur der thematischen Arbeit in Ador-
onen und Funktionsbeschreibungen von ›Mo- nos Denken eine »theoriearchitektonische
tiv‹ und ›motivischer Arbeit‹ Schönberg nach Schnittstelle« zu, die in musikhistorisch-mu-
1900 anknüpfen konnte. Seine Zusammenfas- siktheoretischen, musikphilosophischen und

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musiksoziologischen Zusammenhängen funk- Satz (1935) verändert hat. Dabei konzentriert


tionalisiert wird und, so Urbanek, »als argu- sich Eybl besondere auf die Erläuterungsaus-
mentatives Scharnier«, als Schnittstelle zwi- gaben der Jahre 1913–19216, denen der Autor
schen den Diskursen eingesetzt wird (179). eine Schlüsselfunktion in der Entwicklung von
Dass die Kategorie der thematischen Arbeit Schenkers Auffassung von ›Motiv‹ zuschreibt.
sich für Adornos Denken in vielfacher Hin- Eine im vorliegenden Band singuläre Stel-
sicht als zentral erweist, demonstriert Urba- lung kommt schließlich dem Beitrag »Moti-
nek daher an sehr unterschiedlichen Beispie- visch-thematische Arbeit und musikalischer
len. Gleichzeitig arbeitet er plastisch heraus, Zusammenhang« von Michael Polth zu, der
dass die Kategorie je nach Kontext in ihrer – wie der Titel andeutet – die Frage behan-
Bedeutung changiert. So steht die (kompo- delt, ob und gegebenenfalls wie motivisch-
sitionstechnische) Kategorie als Garant der thematische Arbeit zu musikalischem Zusam-
Musik für »etwas wie immanente Totalität« menhang in einer Komposition beiträgt. Im
(nach Adorno, Einleitung in die Musiksozi- Gegensatz zu der Mehrzahl der Beiträge des
ologie, 175), die sich beispielsweise in einer besprochenen Bandes diskutiert Polth seine
Besprechung von Debussys Streichquartett Problemstellung weder aus einer kulturwis-
als Entgegensetzung von ›Geist‹ und ›Klang‹ senschaftlichen oder historisch-musiktheore-
manifestiert; die Kategorie der thematischen tisch ausgerichteten Perspektive, noch inte-
Arbeit wird bei Adorno gleichzeitig mit der ressiert ihn motivisch-thematische Arbeit als
Problematik der Entfaltung der musikalischen ästhetische Kategorie, sondern er entwickelt
Zeit verknüpft (176). In seiner Musiksoziologie seine Thesen aus strikt musiktheoretischer
konstruiert Adorno außerdem Analogien Sicht, wobei bestehende theoretische Auffas-
zwischen dem Stand der thematischen Arbeit sungen geprüft und gegebenenfalls modifi-
von Beethoven über Brahms zu Schönberg ziert und erweitert werden.
und der gesellschaftlichen Konstruktion (178) Ausgangspunkt von Polths Überlegungen
in Sinne einer Dechiffrierung der Gesellschaft ist der Begriff ›musikalischer Zusammen-
(184). Und selbst in frei atonalen Werken hang‹, dessen theoretische Fundierung nicht
wie Anton Weberns Bagatellen op. 9 (1913) per se klar sei. Daher definiert der Autor:
nimmt Adorno »hinter dem athematischen »Zusammenhang bedeutet, dass die diskreten
Stil […] thematische Arbeit« wahr (nach Ad- Ereignisse (Töne, Klänge) des Tonsatzes als
orno, »Der getreue Korrepetitor«, 177). Eine miteinander verbunden erfahren werden.
weitere Dimension des Begriffs in Adornos […] Verbindungen manifestieren sich an den
Denken erschließt sich für Urbanek in einer (funktionalen) Klangwirkungen der Ereignisse.
Verknüpfung Adornos von Beethovens Das ›Grundprinzip‹ für den musikalischen Zu-
kritischer Reflexion thematischer Arbeit, wie sammenhang lautet also: Eine Verbindung be-
sie sein Spätwerk zeige, mit dem antisyste- steht dadurch, dass (in der Regel) das Frühere
matischen Denken der Negativen Dialektik in der Art und Weise, wie das Spätere klingt,
(184f.). weiterwirkt.« (204) Diese generelle Defini-
Die beiden abschließenden und komple- tion von (funktionalem) Zusammenhang ist
mentären Beiträge des Bandes sind der Funk- allerdings an unterschiedlichen, historisch
tion der Motivik und Thematik in der Musik- geprägten Tonsätzen zu konkretisieren; als
theorie Heinrich Schenkers gewidmet. Mar- Beispiel dient Polth die Musik des 18. und 19.
tin Eybl untersucht zunächst unter dem Titel Jahrhunderts, insbesondere die Musik Beet-
»›Der Urlinie entquellen Motiv und Melodie‹ hovens. Als auf Beethovens Musik zutreffend
– Zum Verhältnis von Auskomponierung und akzeptiert Polth in einem ersten Schritt die
Motivik bei Heinrich Schenker«, wie sich der Schenkerian Analysis entstammende The-
Schenkers Verständnis der Funktion von Mo- se, musikalischer Zusammenhang konstituiere
tiven von seinen frühen Schriften bis zur post-
hum veröffentlichten Monographie Der freie 6 Schenker 1913–1921.

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sich durch die Wechselwirkung von kontra- Polth darin, dass Zusammenhänge stärker als
punktischen und harmonischen Verhältnissen, zuvor als dynamisch gerichtet konzipiert und
ohne dass Töne notwendigerweise Motive bil- wahrgenommen werden. Grundlage dafür sei,
den müssten (207f.). Anschließend erläutert so Polth, eine »Inszenierung von Strukturen«,
Polth die Differenzierung zwischen ›Struk- die entscheidend auf unterschiedlichen Mög-
tur‹ und ›Motiv‹; letzteres klassifiziert er als lichkeiten beruht, mittels Motiven metrische
›kategoriale[n] Mischbegriff‹, in dem »funkti- Dispositionen des Tonsatzes erfahrbar zu ma-
onale, ungesättigt-funktionale und non-funk- chen.
tionale Momente« aufeinandertreffen (211). Blickt man von Polths Studie auf die Ge-
Entscheidend für die Problemstellung ist der samtheit der Beiträge zurück, so werden Stär-
Umstand, dass im Motiv als Gestalt Rhyth- ken und Schwächen des Bandes gleicherma-
mus und melodische Kontur zwar »auf die ßen deutlich. Polths Überlegungen sind über
systemischen Qualitäten der Metrik bezogen seine genuinen Einsichten in Funktionsweise
sind«, ein vollständig-definierter Zusammen- und Konnex von Motiv, Thema und musika-
hang aber erst mit der Fixierung der Tonhöhen lischem Zusammenhang hinaus eine Demons-
entstehe (ebd.). Zur weiteren Klärung erörtert tration davon, über welches Potenzial Begriffs-
Polth die Differenzen zwischen »Motiv-Sein« und Konzeptionsanalysen musiktheoretischer
und »Struktur-Sein« für die Bildung musika- Denkweisen verfügen – insbesondere auch für
lischen Zusammenhangs (212f.), sowie die unsere aktuellen Diskurse. Die vielfach wert-
»Funktion der Riemann-Motive aus Schenke- vollen kulturwissenschaftlich und historisch-
rianischer Sicht« (213–215). Polth legt seine musiktheoretisch ausgerichteten Beiträge des
theoretischen Überlegungen anschließend Bands hätten möglicherweise ein schärferes
an Beispielen dar und ergänzt sie um weitere Bild zu zeichnen vermocht, wenn die Autoren
Aspekte (›motivische Singularität‹ vs. ›Struk- immer konsequent mit einer vergleichbaren
tur-Typen‹, 215–218; ›Subthematik‹, 219f.). argumentativen Schärfe und Differenziert-
Im Abschnitt »›Thema‹ und Formfunktion« heit vorgegangen wären. Dennoch darf die
entwickelt und demonstriert Polth die These, Konzeption des Sammelbands als äußerst
dass ein Thema, welches wie ein Motiv ein gelungen bezeichnet werden, handelt es sich
›ungesättigter Funktionsbegriff‹ sei (221), erst doch um den erfolgreichen Versuch, die his-
durch seine spezifische Stellung im tonalen torischen und kulturellen Dimensionen eines
Ablauf seine besondere thematische Funktion gängigen Konzeptes aufzuzeigen und gleich-
gewinne (222–225). Seine Überlegungen fasst zeitig musikhistorische und musiktheoretische
Polth im Abschnitt »›Kollokationen‹ bei Beet- Perspektiven aufeinander zuzuführen.
hoven« zusammen. Die tendenzielle neue
Qualität von Beethovens Kompositionen sieht Felix Wörner

Literatur
Blumröder, Christoph von (1991), »Themati- Brodbeck, David (2014), Defining Deutsch-
sche Arbeit, motivische Arbeit«, in: Hand- tum. Political Ideology, German Identity,
wörterbuch der musikalischen Termino- and Music-critical Discourse in Liberal Vi-
logie, hg. von Hans Heinrich Eggebrecht enna, New York: Oxford University Press.
und Albrecht Riethmüller, Stuttgart: Stei- Dunsby, Jonathan (2002), »Thematic and Mo-
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93t306?page =293&c= solrSearchHmT as Christensen, New York: Cambridge
(4.6.2017). University Press, 907–926.

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Froebe, Folker (2015), »Motivisch-themati- Schenker, Heinrich (Hg., 1913–1921), Die


sche Analyse. Ludwig von Beethoven: letzten fünf Sonaten von Beethoven. Kri-
Klaviersonate op. 10 Nr. 1« in: Musikali- tische Ausgabe mit Einführung und Erläu-
sche Analyse. Begriffe, Geschichten, Me- terung [op. 109, 1913; op. 110, 1914; op.
thoden (= Grundlagen der Musik, Bd. 8), 111, 1915; op. 101, 1921], Wien: Univer-
hg. von Felix Diergarten, Laaber: Laaber, sal-Edition.
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Lobe, Johann Christoph (1844), Compositi- schichte eines analytischen Konzepts in
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der besten Meister entwickelt und durch
die mannigfaltigsten Beispiele erklärt,
Weimar: Bernhard Friedrich Voigt.

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