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Über das Verhältnis der Logotherapie von Viktor Frankl zur


analytischen Psychologie von Carl Gustav Jung

Der Name Carl Gustav Jung taucht immer wieder auf, wenn die
Logotherapie erörtert wird. Z.B. der Frankl-Schüler Uwe Böschemeyer
verbindet in seiner Therapie bewusst die Logotherapie und Jungs
analytische Psychologie. Auch bei mir persönlich haben die Studien über
Viktor Frankl das Interesse gegenüber Jung geweckt, weshalb ich gut
verstehen kann, warum so mancher Logotherapeut den Blick gegen
Zürich richtet. Mit diesem Artikel möchte ich teils die Gemeinsamkeiten
zwischen Frankl und Jung beleuchten, teils einer Grenzziehung
nachstreben.

Carl Gustav Jung (1875–1961) arbeitete seit dem Jahr 1907 eng mit
Sigmund Freud zusammen. Der 19 Jahre ältere Freud sah Jung als
seinen Kronprinzen, als seinen „lieben Sohn und Nachfolger“: „…Sie
werden als Joshua, wenn ich der Moses bin, das gelobte Land der
Psychiatrie, das ich nur aus der Ferne erschauen darf, in Besitz
nehmen.“ (Freud/Jung: Briefwechsel: S. 29, 218, 379, 542.) Jung, der
Sohn eines reformierten Pfarrers, war der erste nicht-jüdische
hervorragende Psychoanalytiker. Die Zusammenarbeit mit Freud hatte
im Jahr 1913 aufgehört, da die Meinungsverschiedenheiten zwischen
den Männern nicht mehr zu überbrücken waren. Dadurch ergibt sich das
erste gemeinsame Element zwischen Jung und Frankl, der auch in
seiner Jugend mit Freud in Verbindung gestanden war. Dieser ließ im
Jahr 1924 Frankls ersten Artikel über eine psychologische Fragestellung
veröffentlichen („Zur mimischen Bejahung und Verneinung“:
Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 10: S. 437–438). Frankl hat
Freud nur ein Mal – auf der Straße – getroffen, also kann man nicht von
einer Zusammenarbeit sprechen. Diese Gemeinsamkeit ist aber mit
einer anderen verbunden: Frankl hat Freud harsch kritisiert, hat ihn aber
trotzdem hoch geschätzt. Freud war der Riese, auf dessen Schultern er
saß. (Ärztliche Seelsorge: S. 10.) Dass Jung sich von Freud distanziert
hat, bedeutet keineswegs, dass er dessen Errungenschaften abgewertet
hätte. Er hatte eine Einseitigkeit bei Freud festgestellt, aber
hervorgehoben, dass dies nicht als Tadel aufzufassen sei: „Wir müssen
im Gegenteil froh sein, dass es Männer gibt, die den Mut zur
Maßlosigkeit und Einseitigkeit haben. Sie sind die, denen wir
Entdeckungen verdanken.“ (Gesammelte Werke [unten GW] 4: § 241.)

Ein anderer Grund zur Distanzierung Jungs von Freud war ihm zufolge
dessen ablehnende Haltung gegenüber Religion. Jung glaubte fest an
Gott, war zwar in den ersten Jahren der Zusammenarbeit dabei, sich die
Auffassung von der Unvereinbarkeit der Psychoanalyse mit der Religion
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anzueignen (Freud/Jung: Briefwechsel: S. 323–324), war aber auf


diesem Weg nicht fortgeschritten. Später hatte er sogar zugegeben: „Sie
haben ganz recht: das Hauptinteresse meiner Arbeit liegt nicht in der
Behandlung von Neurosen, sondern in der Annäherung an das
Numinose“ (Brief an P. W. Martin 28.8.1945). Hier begegnen wir
natürlich wieder einer Gemeinsamkeit, war doch Frankls Einstellung zur
Religion ausgesprochen positiv. Er war ein gläubiger Jude, der täglich
die Psalmen las und betete. Ein Unterschied besteht aber darin, dass
Frankl meines Erachtens kaum gesagt hätte, dass die Behandlung der
Neurosen nicht das Hauptinteresse seiner Arbeit war. Er betonte, dass
sich die Logotherapie sowie für gläubige als auch für atheistische
Patienten eignete, und dass sich auch der Logotherapeut entsprechend
zur Religion verhalten konnte (Im Anfang war der Sinn: S. 14). Dies hat
ihn doch nicht daran gehindert, den günstigen Einfluss der Religion auf
die seelische Gesundheit zu unterstreichen.

Auf diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass Frankl und Jung in
irgendeiner Verbindung gestanden hätten, da sie doch nicht sehr entfernt
voneinander lebten. Sie haben sich jedoch niemals getroffen. Frankl
weist in seinen Büchern einige Mal auf Jung hin, dem er vorwirft, „die
unbewusste Religiosität wiederum ins Es-hafte abgebogen zu haben.“
Der Jungschen Psychologie zufolge sei „die unbewusste Religiosität
etwas wesentlich Triebhaftes;“ dem Frankl entgegen hält, dass echte
Religiosität Entscheidungscharakter habe. „Damit wird die Religiosität
durchaus zu einer Angelegenheit des menschlichen Psychophysicums –
während sie doch in Wahrheit eine Angelegenheit des Trägers dieses
Psychophysicums ist, nämlich der geistigen Person.“ (Der unbewusste
Gott: S. 58-59.) Bei Jung gibt es Abschnitte, die als Erwiderungen dieser
Kritik aussehen, obwohl Frankl nicht namentlich genannt wird (ich bin in
Jungs Schriften niemals auf den Namen Frankl gestoßen):

Ich begegne immer wieder dem Missverständnis, dass die


psychologische Behandlung oder Erklärung Gott auf nichts als
Psychologie reduziere. Es handelt sich aber gar nicht um Gott, sondern
um Vorstellungen von Gott, wie ich immer betont habe. Es sind die
Menschen, die solche Vorstellungen haben und sich solche Bilder
machen, und dergleichen gehört eben zur Psychologie. (GW 11: § 242
Anm. 17).

Was uns bekannt ist betreffend Jungs Beziehung zur Religion, ist sie
meines Erachtens von seinem Krieg an zwei Fronten gekennzeichnet. Er
musste sich gegen Kritik obiger Art verteidigen sowie gegen solche, die
ihm vorwarf, die Psychologie in Religion umzuwandeln. Seine
Denkweise erschließt sich durch seine Antwort in einem
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Fernsehinterview der BBC 1959: „I don’t need to believe, I know“ (Briefe


III: S. 274 Anm. 1). Damit wollte er offenbar sagen, dass seine
Untersuchungen klargelegt hatten, dass es in der menschlichen Psyche
unabhängig von kultureller Zugehörigkeit einen Faktor gibt, den man
Gott nennen kann. Denjenigen, die ihm vorwarfen, die Religion zu
psychologisieren oder Gott zu einem psychologischen Faktor zu
begrenzen, erwiderte er, dass er nichts über die Existenz Gottes an sich
behauptet hatte. Als Wissenschaftler und Arzt hat er sich daran gehalten,
was empirisch zu beweisen war, während er metaphysische
Fragestellungen dem Glauben überließ. Denjenigen wieder, die ihn
beschuldigten, die Psychologie religiös und unwissenschaftlich zu
machen, erwiderte er, dass er sich über keinen andren Gott geäußert
hatte als denjenigen, der unbestreitbar als psychischer Faktor existiert.
„Die Wissenschaft macht Halt an ihren eigenen Grenzen“ (GW 16: § 389
Anm. 44). Trotzdem hat er manchmal angemerkt, dass es eine falsche
Annahme war, dass er „ein irreligiöser Mensch sei, der nicht an Gott
glaube und dem man nur den weg zum Glauben weisen müsse“ (GW 11:
S. 675).

Auch Frankl wurde in dieser Hinsicht in den beiden Sinnen kritisiert. In


seinen Erinnerungen erzählt er, wie der Pfarrer in der Wiener Votivkirche
ihn in seiner Predigt als ebenso gottlos bezeichnet hat wie Freud (Was
nicht in meinen Büchern steht: S. 38). Bezüglich Kritik an zuviel
Religiosität erzählte er, wie gesagt wurde, „er möchte durchs Hintertürl
die Religion hereinlassen, nachdem wir endlich die Pfaffen losgeworden
sind usw.“ Dies war Frankl zufolge zum Teil wahr: „Denn die
Logotherapie hält sich offen zur transanthropologischen – ich sage
absichtlich nicht transpersonalen – Dimension.“ (Gottsuche und
Sinnfrage: S. 133.)

Jungs Idee von Gott als einem Teil der psychischen Struktur des
Menschen ähnelt Frankls Gedanken von der Gleichheit des Gewissens
und Gottes:

Das Gewissen hat seine „Stimme“ und „spricht“ zu uns – ein unleugbarer
phänomenaler Tatbestand. Das Sprechen des Gewissens ist jedoch
jeweils ein Antworten. Hier erweist sich der religiöse Mensch
psychologisch gesehen als einer, der zum Gesprochenen den Sprecher
hinzu erlebt, also gleichsam hellhöriger ist als der Nichtreligiöse: In der
Zwiesprache mit seinem Gewissen – in diesem intimsten
Selbstgespräch, das es gibt – ist ihm sein Gott der Partner. (Ärztliche
Seelsorge: S. 73.)
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Wann immer wir ganz allein sind mit uns selbst, wann immer wir in letzter
Einsamkeit und in letzter Ehrlichkeit Zwiesprache halten mit uns selbst,
ist es legitim, den Partner solcher Selbstgespräche Gott zu nennen –
ungeachtet dessen, ob wir uns nun für atheistisch oder gläubig halten.
[…] Denn sollte es Gott geben, so bin ich sowieso davon überzeugt,
dass er es nicht weiter übelnehmen wird, wenn ihn jemand mit dem
eigenen „Selbst“ verwechselt und ihn daraufhin einfach umbenennt. (Der
unbewusste Gott: S. 114–115.)

Die Anschauungen Frankls und Jungs sind also ziemlich ähnlich. Ein
Unterschied dürfte darin bestehen, dass Frankl das Gewissen mit der
geistigen Dimension des Menschen verbindet, während Jungs
Ausgangspunkt nicht ein derartiges trichotomisches Menschenbild ist.
Man kann sich zwar auch vorstellen, dass Jungs Anschauung auf die
Beziehung der seelischen Dimension zu Gott bezogen ist, ohne eine
Stellungnahme zur geistigen. Die folgenden Zitate von Frankl und Jung
sprechen für sich selbst:

Ein Problem für sich ist es jedoch, was mit den faktisch nicht-religiösen
Menschen geschehen soll, wenn sie sich, lechzend nach einer Antwort
auf jene Fragen, die sie zutiefst bewegen, nun einmal an den Arzt
wenden (Ärztliche Seelsorge: S. 217.)

Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte, das heißt jenseits
35, ist nicht ein Einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der
religiösen Einstellung wäre. […] keiner ist wirklich geheilt, der seine
religiöse Einstellung nicht wieder erreicht… (GW 11: § 509.)

Der Sinn bei Frankl und Jung

Die Logotherapie ist Logotherapie durch die zentrale Bedeutung, die


dem Sinn beigemessen wird, bedeutet doch Logotherapie eben
„Sinntherapie“. Es ist daher interessant festzustellen, dass das Wort
‚Sinn‛ manchmal bei Jung mit einem ziemlich ähnlichen Inhalt vorkommt
wie bei Frankl:

Im Gegensatz zu Freud und Adler, deren Erklärungsprinzip wesentlich


reduktiver Natur und darum stets der infantilen Bedingtheit des
Menschen zugekehrt ist, lege ich auf die konstruktive oder synthetische
Erklärung ein etwas größeres Gewicht, in Anerkennung der Tatsache,
dass das Morgen praktisch wichtiger ist als das Gestern, und das Woher
unwesentlicher als das Wohin. Bei aller Würdigung der Historie erscheint
mir der zu schaffende Sinn von größerer Lebensbedeutung, und ich bin
der Überzeugung, dass keine Einsicht in das Vergangene und kein noch
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so starkes Wiedererleben pathogener (krankmachender) Reminiszenzen


den Menschen von der Macht der Vergangenheit so befreit wie der
Aufbau des Neuen. […] ich betrachte das Wühlen in der Vergangenheit
nach angeblichen spezifischen Krankheitsursachen als einen Zeitverlust
wie auch als ein irreführendes Präjudiz; denn Neurosen, gleichgültig aus
was für erstmaligen Anlässen sie einmal entstanden sein mögen, sind
bedingt und unterhalten durch eine stets vorhandene unrichtige
Einstellung, die, wenn sie einmal erkannt ist, heute korrigiert werden
muss und nicht in der infantilen Vorzeit. (GW 4: § 759.)

Der Mensch kann die unglaublichsten Nöte durchstehen, wenn er von


ihrem Sinn überzeugt ist, und er fühlt sich vernichtet, wenn er zusätzlich
zu seinem Missgeschick auch noch zugeben muss, dass, was er tut,
sinnlos ist (GW 18: § 566).

Die Psychoneurose ist im letzten Verstande ein Leiden der Seele, die
ihren Sinn nicht gefunden hat (GW 11: § 497).

In diesen Zitaten sind zwei führende Gedanken Frankls enthalten: die


Bedeutung des Sinnes und die Ablehnung des Wühlens in der
Vergangenheit als das leitende Prinzip der Therapie. Sie könnten von
ihm selbst geschrieben sein. Angeschlossen an die letzte stellte Jung
zwar fest, dass der Sinn ein geistiges Etwas ist, das man seinetwegen
Fiktion nennen kann. „Durch Fiktion aber beeinflussen wir die Krankheit
in unendlich viel wirksamer Weise als durch chemische Präparate“,
setzte er fort. (GW 11: § 494.) An diesem Punkt unterscheidet er sich
von Frankl, der hervorgehoben hat, dass der Sinn nicht etwas ist, das
man beliebig bestimmen kann; er muss gefunden werden, nicht erfunden
(The will to Meaning: S 60; Der leidende Mensch: S. 199). Jung hatte
bemerkt, dass ungefähr ein Drittel seiner Fälle „an keiner klinisch
bestimmbaren Neurose, sondern an der Sinn- und Gegenstandslosigkeit
ihres Lebens“ leidet. „Ich habe nichts dagegen, wenn man dies als
allgemeine Neurose unserer Zeit bezeichnen sollte“, fügte er hinzu. (GW
16: § 83.)

Trotz dieser Ähnlichkeiten ist aber festzustellen, dass Jung ziemlich


selten den Sinn einbezogen hat. Er hat ihm eine große Bedeutung
beigemessen, wie an den obigen Anführungen hervorgeht, es erhebt
sich aber die Frage warum er ihm nicht mehr Aufmerksamkeit hat
zukommen lassen. Die zuletzt angeführte Äußerung Jungs dürfte dies
erklären: er meinte, dass diejenigen, die an Sinnlosigkeit litten, an keiner
klinisch bestimmbaren Neurose litten, und da sein therapeutisches
Denken auf solche Neurosen bezogen war, fiel das erwähnte Drittel
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außerhalb seiner Hauptaufmerksamkeit. Frankl hat im Gegenteil die


noogenen Neurosen hervorgehoben, die von geistigen Problemen
verursacht waren. Er hat sie von den psychogenen Neurosen
unterschieden, die ihm zufolge Neurosen im eigentlichen Sinne des
Wortes waren. Als die wichtigsten hat er diejenigen noogenen Neurosen
betrachtet, die vom Scheitern des Willens zum Sinn, oder vom
existenziellen Vakuum verursacht sind (The Will to Meaning, S. 27).

Die Erwähnungen vom Sinn sind in Jungs Schriften ab dem Beginn der
1930erjahren zu belegen, während Frankl zum ersten Mal in seinem im
Jahr 1925 erschienenen Artikel „Psychotherapie und Weltanschauung“
(Internationale Zeitschrift für Individualpyschologie) darauf hingewiesen
hat, woher es also nicht völlig ausgeschlossen ist, dass Jung diese Idee
von ihm übernommen hatte.

Jung konnte sich auch in einer Weise äußern, die sehr Frankls
Gedanken über Selbsttranszendenz ähnelt:

Und die Erfahrung gab mir insofern recht, als ich des öfteren sah, wie
Menschen ein Problem einfach überwuchsen, an dem andere völlig
scheiterten. Dieses „Überwachsen“, wie ich es früher nannte, stellte sich
bei weiterer Erfahrung als eine Niveauerhöhung des Bewusstseins
heraus. Irgendein höheres und weiteres Interesse trat in den
Gesichtskreis, und durch diese Erweiterung des Horizontes verlor das
unlösbare Problem die Dringlichkeit. Es wurde nicht in sich selber logisch
gelöst, sondern verblasste gegenüber einer neuen und stärkeren
Lebensrichtung. Es wurde nicht verdrängt und unbewusst gemacht,
sondern erschien bloß in einem anderen Licht, und so wurde es auch
anders. Was auf tieferer Stufe Anlass zu den wildesten Konflikten und zu
panischen Affektstürmen gegeben hätte, erschien nun, vom höheren
Niveau der Persönlichkeit betrachtet, wie ein Talgewitter, vom Gipfel
eines hohen Berges aus gesehen. Damit ist dem Gewittersturm nichts
von seiner Wirklichkeit genommen, aber man ist nicht mehr darin,
sondern darüber. (GW 13: § 17.)

Was Jung als „Niveauerhöhung des Bewusstseins“ bezeichnet,


beschreibt Frankl z.B. folgendermaßen:

Und nur in dem Maße, in dem der Mensch solcherart sich selbst
transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst; im Dienst einer Sache –
oder in der Liebe zu einer anderen Person! Mit anderen Worten: ganz
Mensch ist der Mensch eigentlich nur dort, wo er ganz aufgeht in einer
Sache, ganz hingegeben ist an eine andere Person. Und ganz er selbst
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wird er, wo er sich selbst – übersieht und vergisst. (Ärztliche Seelsorge:


S. 160.)

Über den Sinn des Todes

Im neulich erschienenen „Roten Buch“ von Jung sind die folgenden


Gedanken über den Tod enthalten:

Zur Vollendung des Lebens gehört das Gleichgewicht mit dem Tode.
Wenn ich den Tod annehme, dann ergrünt mein Baum, denn das
Sterben steigert das Leben. […] Wie sehr bedarf unser Leben des
Todes! Die Freude an den kleinsten Dingen kommt dir erst, wenn du den
Tod angenommen hast. […] Ohne den Tod wäre das Leben sinnlos,
denn das Langwährende hebt sich selbst wieder auf und leugnet seinen
eigenen Sinn. Um zu sein und deines Seins zu genießen, bedarfst du
des Todes, und die Beschränkung bewirkt, dass du dein Sein erfüllen
kannst. (The Red Book: liber secundus: S. 31 des Faksimiledrucks.)

Frankl schreibt in der „Ärztlichen Seelsorge“ über den Sinn des Todes:

Denn was geschähe, wenn unser Leben nicht endlich in der Zeit,
sondern zeitlich unbegrenzt wäre? Wären wir unsterblich, dann könnten
wir mit Recht jede Handlung ins Unendliche aufschieben, es käme nie
darauf an, sie eben jetzt zu tun, sie könnte ebenso gut auch erst morgen
oder übermorgen oder in einem Jahr oder in zehn Jahren getan werden.
So aber, angesichts des Todes als unübersteigbarer Grenze unserer
Zukunft und Begrenzung unserer Möglichkeiten, stehen wir unter dem
Zwang, unsere Lebenszeit auszunützen und die einmaligen
Gelegenheiten – deren „endliche“ Summe das ganze Leben dann
darstellt – nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. Die Endlichkeit, die
Zeitlichkeit ist also nicht nur ein Wesenmerkmal des menschlichen
Daseins, sondern für dessen Sinn auch konstitutiv. (Ärztliche Seelsorge:
S. 83.)

Das Rote Buch ist zwar keine wissenschaftliche Arbeit, sondern auf
Jungs persönliche „aktive Imagination“ bezogene, nicht zur
Veröffentlichung bestimmte Aufzeichnungen. So ist aber auch der
angeführte Abschnitt der „Ärztlichen Seelsorge“ eher philosophischen als
medizinischen Charakters, obzwar expliziter ausgedrückt als die
Ausführungen Jungs. Auf jeden Fall ist die Ähnlichkeit der Denkweise
der beiden Schriftsteller auffallend.
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Frankls Würdigung über Jung

Im Jahr 1957 hat Frankl über das Thema Freud, Adler und Jung
vorgetragen. Er leitet seine Auseinandersetzung mit Jung mit
Anerkennung ein: es liege ein großes Verdienst darin, in den frühen
Jahren des 20. Jahrhunderts die Neurose als „das Leiden der Seele, die
nicht ihren Sinn gefunden hat“ zu definieren, gewagt zu haben. Damit ist
es aber Schluss mit der Anerkennung, und weiterhin zitiert Frankl
Kollegen, die Jung harsch kritisiert hatten. Victor E. von Gebsattel, der
Jung „endgültig entlarvt“ habe, vermisse im Jungschen Bild vom
Menschen „die Person als die überpsychologische Instanz“, die allein
vermöge, „auch in dem Chaos der ihr vom Unbewussten angebotenen
religiösen Motive und ‚inneren Erfahrungen‛ Ordnung zu stiften, indem
sie annehme und verwerfe.“ „Schmid” zufolge sei die analytische
Psychologie zur Religion geworden, wobei die Archetypen die neuen
Götter seien. Die Transzendenz werde sogar in die biologische
Immanenz hereingenommen, da sie sich mit der Hirnstruktur vererben.
(Das Leiden am sinnlosen Leben, S. 41–43.)

Diese Kritik, die Frankl eigentlich andere aussprechen lässt, ist mit der
schon anfangs angeführten Kontroverse (soweit es um eine solche geht)
darüber verbunden, in welche menschliche Dimension die Religiosität
gehöre. Möglicherweise haben Frankl und Jung nebeneinander
gesprochen; vielleicht hätte Jung antworten können, dass er die Person
als eine überpersönliche Instanz keineswegs ausschließen wollte, sich
aber gezielt auf die niedrigeren Dimensionen des Menschen konzentriert
hat. Betreffend Freud schreibt Frankl, dass er allzu genial war um sich
nicht dessen bewusst zu sein, dass er seine Forschung auf das
Untergeschoss, die tieferen Schichte, die niedrigeren Dimensionen des
Menschseins begrenzt hatte. In einem Brief an Ludwig Binswanger hat
Freud geschrieben: „Ich habe mich immer nur im Parterre und Souterrain
des Gebäudes aufgehalten.“ (The Will to Meaning, S. 10; Ärztliche
Seelsorge, S. 33–34.) Dies hat Frankl doch nicht daran gehindert,
ausgerechnet eine solche Begrenzung zu kritisieren, besonders bei
Freud. Jung scheint er jedoch nicht eine solche Bewusstheit zugemutet
zu haben.

In einem Interview mit Franz Kreuzer, ausgestrahlt am 11. Januar 1980


und als Buch (Im Anfang war der Sinn) erschienen, ist die positivste
Äußerung Frankls über Jung enthalten. Er bezeichnet diesen als den
dritten großen Klassiker in der Geschichte der Psychotherapie, nach
Freud und Adler, der noch weiter als letzterer gegangen sei, „insofern,
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als er im Unbewussten auch Dinge, die nicht nur sexuell waren, sondern
bis ins Religiöse hinein den ganzen Menschen betrafen, an das
Tageslicht gehoben hat: den Archetypus.“ Er lobt Jung wie vormals
dafür, die These geäußert zu haben, „die Neurose sei das Leiden der
Seele, die nicht ihren Sinn gefunden hat.“ Zwar habe er „es
psychologistisch abgebogen, aber es war eine Pioniertat sondergleichen,
die mit Recht in eine Reihe gestellt werden oder angereiht werden kann
der großen Tat von Sigmund Freud und der folgenden Leistung von
Alfred Adler.“ (Im Anfang war der Sinn: S. 13.)

Es bleibt sowieso rätselhaft, warum es offenbar keinen Kontakt zwischen


Frankl und Jung jemals gegeben hat. Eine denkbare Erklärung könnte
man in der seit den 1930erjahren geführten heftigen Diskussion über
Jungs Beziehung zu Nazi-Deutschland finden. Nach der Machtergreifung
Hitlers war der Präsident der von Deutschland her geleiteten
Allgemeinen ärztlichen Gesellschaft für Psychotherapie Ernst
Kretschmer abgetreten, als Protest gegen die Nazis. Jung war damals
deren Vizepräsident, und war willens, die Präsidentschaft zu
übernehmen. Dazu gehört auch, dass die Nazis die Ausübung der
Psychoanalyse in Deutschland verboten, die Psychotherapie aber
gefördert haben. Die Psychoanalyse haben sie selbstverständlich als
jüdisch angeprangert, da deren Begründer Freud Jude war. Es erhebt
sich natürlich die Frage, ob Jung also weniger kritisch gegenüber den
Nazis war als Kretschmer, und ob es ihm gefallen hatte, dass die Nazis
die Lehre seines Gegners Freud ächteten. Jung hat aber schon zu
dieser Zeit erklärt, dass er kein Anhänger Hitlers war, und hat nicht
akzeptiert, als Antisemit bezeichnet zu werden. In den 1930erjahren war
der Antisemitismus noch salonfähig, also war es keineswegs
selbstverständlich, dass jedermann es als eine Beleidigung erlebt hätte,
als Antisemit betrachtet zu werden. Meines Erachtens kann man Jung
nicht NS-Gesinnung nachsagen, obwohl er damals auch etliches
geäußert hatte, was er lieber nicht hätte sagen sollen. Am 19. Oktober
1936 hat Jung in England einen Vortrag gehalten, in dem er die Nazis
restlos verurteilt hat. Bei der Aufzählung ihrer Verbrechen hat er als
erstes die Judenverfolgungen genannt. (GW 9/1: § 98.) Es ist trotzdem
möglich, dass Frankl sich schon in den 30erjahren daran gewöhnt hat,
Jung als einen NS-gesinnten Kollegen zu betrachten, der ihm deswegen
nicht gefallen hat. Es war zwar nicht seine Art, leichtfertig andere als
Nazis anzuprangern; im Gegenteil, er hat sich solchem Treiben in den
Nachkriegsjahren standhaft widergesetzt. Es sollte aber auch beachtet
werden, dass Frankl nicht als Gegner Jungs aufgetreten war, sondern
ihn eher weitgehend außer Acht gelassen hat, hat er doch nur ein paar
Mal auf ihn hingewiesen, obzwar sehr kritisch. Seine Kritik war auf den
Mangel an Geistigkeit im Denken Jungs bezogen: die Gottesbeziehung
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wird zu einem Trieb, im Menschenbild fehlt die Person.

Schlussfolgerung

Frankl selbst zufolge basiert seine ablehnende Einstellung zu Jung ganz


oder beinahe ganz auf unterschiedlichen Auffassungen über die
Beziehung von Religion und Psychologie . Da die Logotherapie –
ebenfalls Frankl selbst zufolge – von Religion unabhängig ist, ist diese
Kontroverse als eine persönliche zwischen den beiden Männern
anzusehen. Grundlegend für die Beziehung zwischen Logotherapie und
analytischer Psychologie dürfte stattdessen sein, dass Jung die von
Sinnlosigkeit verursachte Neurose mehr oder weniger in einem Beisatz
abgefertigt hat, wie die obige Anführung verstehen lässt. Er hatte nichts
dagegen, „wenn man dies als allgemeine Neurose unserer Zeit
bezeichnen sollte“, er scheint aber auch nichts dafür getan zu haben.
Frankl hat im Gegenteil die Bedeutung ausgerechnet solcher Neurosen
hervorgehoben. Jung scheint diejenigen, die an Sinnlosigkeitsgefühlen
litten, als Nebenfälle betrachtet zu haben, die nicht den eigentlichen
Gegenstand seines beruflichen Interesses ausmachten. Es bleibt zu
fragen, ob Frankl ihm dabei zugestimmt hätte, dass es sich um ungefähr
ein Drittel der Patienten handelt. Auf jeden Fall ist es klar, dass sich die
Logotherapie gänzlich der Betreuung dieser Patienten widmet. Frankl hat
nicht die Logotherapie als einen Ersatz für die Psychoanalyse, sondern
deren Ergänzung betrachtet. Es wäre also denkbar, dass die
Logotherapie sich auch als eine Ergänzung der analytischen
Psychologie versteht. Darüber hat sich Viktor Frankl aber nicht explizit
geäußert, was aber nicht weitere Diskussionen ausschließen sollte.

Risto Nurmela

Quellen:

Viktor E. Frankl

Psychotherapie und Weltanschauung. Zur grundsätzlichen Kritik ihrer


Beziehungen. Internationale Zeitschrift für Individualpsychologie 1925.

Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse.


Zehnte, ergänzte Auflage. Wien 1982
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Das Leiden am sinnlosen Leben. Psychotherapie für heute. Freiburg


1977.

Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der


Psychotherapie. 2. Auflage. Bern 1996.

Der unbewusste Gott. Psychotherapie und Religion. München 1983.

Was nicht in meinen Büchern steht. Lebenserinnerungen. 2. Auflage.


München 1995.

The Will to Meaning. Foundations and Applications of Logotherapy.


Expanded edition. New York 1988.

Viktor E. Frankl/Franz Kreuzer

Im Anfang war der Sinn. Von der Psychoanalyse zur Logotherapie. Ein
Gespräch. München 1997.

Viktor E. Frankl & Pinchas Lapide

Gottsuche und Sinnfrage. Ein Gespräch. Gütersloh 2005.

Sigmund Freud/C. G. Jung

Briefwechsel. Herausgegeben von William McGuire und Wolfgang


Sauerländer. Frankfurt am Main 1974.

Carl Gustav Jung

Gesammelte Werke 4: Freud und die Psychoanalyse. Zürich 1969.

Gesammelte Werke 9/1: Die Archetypen und das kollektive Unbewusste.


2. Auflage. Olten 1976.

Gesammelte Werke 11: Zur Psychologie westlicher und östlicher


Religion. Zürich 1963.

Gesammelte Werke 13: Studien über alchemistische Vorstellungen. 1.


Auflage. Olten 1978

Gesammelte Werke 16: Praxis der Psychotherapie. Beiträge zum


Problem der Psychotherapie und zur Psychologie der Übertragung.
Zürich 1958.
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Gesammelte Werke 18/1: Das symbolische Leben. Verschiedene


Schriften. Olten 1981.

Briefe I. 1906-1945. Olten 1972.

Briefe . 1956-1961. Olten 1973.

The Red Book. Liber novus. Edited by Sonu Shamdasani. New York
2009.