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LIEBE ODER LEBENSLAUF?

Von Kathrin Fromm

Liebe oder Lebenslauf? – Seite 1

Studium hier, Praktikum da – niemand zieht so oft um wie Studenten. Was tun, damit die
Beziehung nicht auf der Strecke bleibt?

Es ist eine Nacht im März, Maximiliane Koschyk, 23, liegt auf ihrem Bett in Zhuhai, einer
Stadt im Süden von China. Vor dem Fenster brüllen die Ochsenmaulfrösche wie immer nach
Einbruch der Dunkelheit, die Luft in der Küstenstadt schmeckt nach Algen, und Maximilianes
Computer macht leise ein Geräusch, das sich anhört, als ziehe jemand den Korken aus einer
Weinflasche. Roel Coppen hat ihr auf Skype geschrieben:

hey :-)

Roel Coppen, 27, ist Maximilianes Freund. Während sie in der Provinz Guangdong zwei
Auslandssemester macht, wohnt Roel im niederländischen Utrecht und betreibt dort eine
Musikagentur. Zwischen Utrecht und Zhuhai liegen 9247 Kilometer und sieben Zeitzonen,
und diese Zahlen beschreiben gut, welches Problem die beiden miteinander haben:

Maximiliane: hej... wo warst du denn??

Roel: telefon, moment!

M.: hast du nicht mal fünf minuten?? ich will schlafen gehen, es ist halb zwei, ich muss
morgen früh in die uni!!

R.: sorry :-( morgen hab ich mehr zeit. bist du noch da?

maximiliane is offline.

Dass Maximiliane mitten im Chat offline geht, kommt in letzter Zeit häufiger vor. Daheim
wäre sie aus dem Zimmer gestürmt, hätte die Tür zugeknallt, ein paarmal tief durchgeatmet –
und hätte dann Roel umarmt. Zwischen Utrecht und Zhuhai ist das mit dem Umarmen
schwierig. Auch als Maximiliane nach Europa zurückkehrt, ändert sich an der Situation
nichts. Sie studiert Regionalwissenschaften in Köln, er bleibt in Utrecht, beim Skypen ist die
Sehnsucht groß und die Unzufriedenheit auch. Manchmal überlegt Maximiliane, ob ihr die
Credit Points im Studium wirklich wichtiger sein sollten als Abende zu zweit mit Roel. Ob sie
nicht einfach nach Utrecht ziehen sollte. Oder ob Roel in Zukunft nicht öfter in den Zug nach
Deutschland steigen könnte.

Die Liebe hat es schwer, wenn der Lebenslauf vorgeht. Besonders wenn der Lebenslauf für
beide mehr ist als ein Stück Papier, mehr als eine nüchterne Chronologie oder eine
Hochglanzbroschüre, mit der man Unternehmen beeindrucken möchte. Der Lebenslauf ist
nicht selten ein Dokument der persönlichen Träume. Zum Beispiel des Traums, einmal in

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China zu leben – oder ein Praktikum in einer anderen Stadt zu machen, mit dem man dem
Lieblingsberuf ein Stück näher kommt. Das Problem entsteht, wenn solche Träume ein
Dilemma auslösen: Kann ich noch ein Wochenendseminar belegen, wenn ich sowieso schon
wenig Zeit für meinen Freund habe? Soll ich den Masterplatz in Berlin annehmen, obwohl ich
gerade in Stuttgart eine Frau kennengelernt habe? Darf ich auf Partys gehen, während meine
Freundin nächtelang lernt?

Der Wunsch, ein Auslandssemester zu machen , bringt einem leicht den Vorwurf der
Herzlosigkeit ein, wenn in der Heimat ein Partner wartet und sich verstoßen fühlt. Dabei ist es
ja dasselbe Herz, das für das Studium in Zhuhai schlägt und für den Freund in Utrecht. Einen
Konflikt zwischen ihrem Lebenslauf und ihrer Liebe empfinden nicht nur Karrieristen, die
später mal im Vorstand sitzen wollen – sondern auch Romantiker, die sich ein
Auslandssemester in Paris wünschen, mit einer Mansardenwohnung im 13. Arrondissement,
Baguette am Morgen und einer Vespa vor der Tür.

Egal, ob man zu den 43 Prozent der Singles unter den Studenten gehört oder zu den 57
Prozent in einer festen Beziehung; egal, ob der Partner Tausende Kilometer entfernt in China
lebt oder in derselben Stadt, vielleicht sogar in derselben WG: Liebe und Lebenslauf sind
immer zwei Pole in einem Spannungsfeld. Manche fühlen sich stärker zum einen, manche
mehr zum anderen hingezogen. Gemeinsam aber haben alle das Gefühl, einen wichtigen Teil
ihres Lebens zu verpassen.

Man kann diese Zerrissenheit gut verstehen. Von allen Seiten prasseln Anforderungen auf
einen ein, und schon nach dem ersten Semester merken die meisten, wie sehr sich die
Erwartungen der Gesellschaft widersprechen: "Geh doch mal ins Ausland", sagen die Eltern.
"Wir stellen nur Absolventen mit Praxiserfahrung ein", sagen die Chefs. "Das Tutorium ist
aber Pflicht", sagt der Professor. Und: "Warum hast du eigentlich keinen Freund?", fragen die
Kommilitonen beim Pausenkaffee auf dem Campus, als schließe das eine nicht oft das andere
aus.

EINE GLÜCKLICHE BEZIEHUNG IST FÜR DIE MEISTEN STUDENTEN AM


WICHTIGSTEN

Julian Beitzel ist Mitglied der StudiVZ-Gruppe "Ich bin überzeugter Single – bis ich
jemanden gefunden hab!", er ist 24 Jahre alt, hat ein sanftes Gesicht und Grübchen beim
Lachen. Seine letzte Beziehung scheiterte an der Frage, was wichtiger ist, seine Freundin oder
seine Professoren. Er war Student in Lüneburg, sie Schülerin in Sachsen. Es gab zu wenig
Zeit, zu wenig Geld für Besuche, dafür stundenlange Telefonate, die schön waren, aber nicht
schön genug, um satt zu werden. Kennengelernt hatten die beiden sich über einen Chat im
Internet. Kurz haben sie überlegt, in dieselbe Stadt zu ziehen, wenn Julian mit seinem Master
beginnt und sie mit ihrer Ausbildung. Dann druckste sie am Telefon herum, alles sei so
schwierig, sie wolle noch mal nachdenken. Für weitere Gespräche war sie nicht mehr
erreichbar, ging einfach nicht mehr ran. "Das war unschön. Dabei hätte es klappen können,
wenn die Distanz nur nicht gewesen wäre", sagt Julian.

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Natürlich kann man sagen, dass Julian selbst Schuld hat an der Trennung. Hätte er nicht zum
Studium nach Sachsen gehen können, auch wenn ihm die Uni in Lüneburg besser gefällt?
Man täte Julian aber Unrecht, würde man ihm Herzlosigkeit unterstellen. Er möchte auf jeden
Fall eine Beziehung, auch Kinder. Er möchte aber nicht mit Hast seine Universität verlassen,
an der er sich auskennt. Rund 70 Prozent der Studenten sagten bei der Befragung einer
Online-Partnerbörse, eine glückliche Beziehung zähle für sie zu den wichtigsten Dingen im
Leben. Gleichzeitig gaben bei einer Umfrage der Frauenzeitschrift Brigitte rund 65 Prozent
der jungen Frauen an, dass sie für den Job umziehen würden – unter Männern ist die
Bereitschaft vermutlich ähnlich hoch, und man kann den Widerspruch zwischen diesen
Umfragen in einen Satz fassen: Beziehung und Werdegang sind beide das Wichtigste im
Leben. So als würden Studenten auf die Entscheidungsfrage "Liebe oder Lebenslauf?"
schlicht mit einem "Ja" antworten. Sie wollen alles, am besten gleichzeitig, und weil sie sich
nicht für eine Sache entscheiden, haben viele am Ende von allem nur wenig, manchmal zu
wenig: zu wenig Glück in der Liebe, zu wenig Erfüllung im Beruf.

Spricht man mit Rebecca Tschöke, 30, und Phillip Meyhöfer, 31, verschärft sich der
Verdacht, dass das Unglück vor allem in der Unentschiedenheit liegt. Dass, wer Liebe und
Lebenslauf auf Biegen und Brechen vereinbaren will, am Widerspruch der beiden scheitert.

Rebecca und Phillip haben sich klar entschieden: für die Liebe. "Unsere Kinder und die Liebe
stehen an erster Stelle", sagt das Paar aus Berlin-Kreuzberg, Glück sei eben wichtiger als ein
polierter Lebenslauf. Dieses Glück nähert sich auf leisen Sohlen, morgens, wenn die beiden
noch schlafen. Vorsichtig geht die Tür auf. Vier Kinderfüße tapsen ins Zimmer. Kurz darauf
kuscheln sich der vierjährige Tjark und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Luk zu den Eltern ins
Bett.

Rebecca studiert Modedesign im ersten Semester , Phillip macht gerade seinen Master, er will
Kunst an der Grundschule unterrichten. Wenn einer der Söhne mal krank ist und nicht in den
Kinderladen kann, geht Mama oder Papa nicht ins Seminar. Rebecca und Phillip haben die
Elternliebe gewählt statt einen schnellen Studienabschluss, und die Moral ihrer Geschichte
scheint zu sein, dass der Verzicht auf das eine mehr Glück bringt als die Gier nach allem.

Andererseits: Würden alle dem Beispiel von Rebecca und Phillip folgen, gäbe es keine
Auslandssemester mehr, keine Praktika in anderen Städten, keine Freiheit, Dinge einfach mal
auszuprobieren. Nicht jeder ist bereit, Abstriche bei seiner Ausbildung zu machen für eine
Beziehung, von der man vielleicht noch gar nicht weiß, ob sie ein Leben lang halten wird.
Und nicht jeder Student kann so früh, so eindeutig Position beziehen. Das Studium ist eine
Zeit der Suche – nach dem richtigen Partner, dem eigenen Weg. Und vielleicht gab es noch
nie eine Generation von Studenten, in der die Anforderungen ihrer Ausbildung in so klarem
Widerspruch standen zu ihrem Bedürfnis nach einer stabilen Liebesbeziehung.

Ein Drittel der Studenten lebt laut Zahlen des Hochschul-Informations-Systems (HIS)
während des Studiums eine Zeit lang im Ausland, und auch innerhalb Deutschlands ist die
Mobilität hoch. Um die 60 Prozent ziehen nach dem Abitur zum Studieren in eine andere
Region, ebenso viele später nach dem Abschluss für den Berufseinstieg, so das Internationale
Zentrum für Hochschulforschung (Incher). Studenten verbringen regelrechte Wanderjahre,
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und wer sich Maximilianes Lebenslauf durchliest, merkt, welchen Stress das bedeutet. Nach
dem Abi war sie für einige Monate zum Praktikum in China, dann zog sie von Bayreuth zum
Studium nach Köln. Von dort ging es nach Zhuhai. So oft sie kann besucht sie ihren Freund
Roel in Utrecht und die Eltern in Bayern. An den Wochenenden trifft sie Freunde in München
und Leipzig.

DIE BOLOGNA-REFORM ERSCHWERT DIE WOCHENENDBEZIEHUNG

Nur ein Viertel der Studenten bleibt während des gesamten Studiums über sesshaft . "Oft
kommen sie aus Großstädten. Wer in Berlin aufgewachsen ist, geht zum Studium eben
seltener nach Kassel und arbeitet später eher nicht in Oldenburg", sagt Choni Flöther vom
Incher, die die Mobilität unter Studenten erforscht. Alle anderen sind fast ohne Pause
unterwegs. Und während Paare sich beim Abschied die Treue schwören, stehen Singles nach
dem Umzug vor der Frage: Wie finde ich meine Liebe in einer fremden Stadt, wenn das schon
in der Heimat nicht leicht war, wo ich jeden kannte?

Leichter ist es für die Liebe unter Studenten in den letzten Jahren nicht geworden, das liegt
auch an der Bologna-Reform . Konnte man sich als Magister seine Seminare noch von
Dienstag bis Donnerstag legen, um für ein langes Wochenende zum Partner zu fahren, sind
die Stundenpläne heute starrer. Außerdem wird die Anwesenheit strenger kontrolliert.
Maximiliane Koschyk hatte dieses Semester ausnahmsweise Glück: Nach dem Seminar am
Freitagvormittag kann sie mit dem Zug nach Utrecht fahren. Erst am Montagnachmittag muss
sie wieder in der Kölner Uni sitzen, die beiden genießen diese langen Wochenenden. Vorerst.
Denn beide wissen nicht, wie der Seminarplan im nächsten Semester aussieht und wie lange
sie sich dann noch sehen können an den Wochenenden.

Wenn Ruhe und Verlässlichkeit für eine stabile Beziehung wichtig sind, könnte man das
deutsche Hochschulstudium als einen Beziehungskiller bezeichnen. Schüler und Berufstätige
können ihr Leben eher im Voraus planen. Nur wenige Ereignisse unterbrechen die
Gleichförmigkeit ihrer Wochen – die Schulferien, Urlaube. Das Semester ist eine vollkommen
andere Zeiteinheit. Es beginnt langsam, mit viel Zeit zum Verlieben, weil die Prüfungen weit
weg sind und jede Woche eine andere Party stattfindet. Spätestens nach zwei Monaten werden
die Tage in den Bibliotheken länger, bis daraus kurz vor den Prüfungen lange Abende und
Nächte werden. Die Erwartungen, die am Anfang des Semesters entstehen, werden gegen
Ende oft enttäuscht.

Früher hatten Studenten eine klare Lösung: Die Karriere des Mannes war wichtiger als die der
Frau. Bis zur Reform des Familienrechts im Jahre 1976 hatte der Ehemann das Recht, den
Wohnsitz der Familie zu bestimmen. Bekam er einen Job in einer anderen Stadt, sollten Frau
und Kinder einfach mitziehen, jedenfalls in der Theorie. Heute wollen Menschen
Gleichberechtigung – und diese Dinge unter sich aushandeln. Ole Kämper, 27, und Annette
Wiebe, 25, haben ein Rezept gefunden, diesen Konflikt zu lösen: Sie machen einfach alles
gemeinsam. Beide haben in Osnabrück Europäische Studien auf Bachelor studiert.
Zwischendurch bewarben sie sich für ein Praktikum beim ZDF in Mainz und wurden
tatsächlich beide genommen. "Annette hatte den Platz schon lange vor mir", sagt Ole. "Es war
reiner Zufall, dass die mich so kurzfristig akzeptiert haben."
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Vielleicht ist das Seltsame unserer Zeit nicht, dass Fernbeziehungen zerbrechen, sondern dass
man sie überhaupt in Betracht zieht. Mehrstündige Ferngespräche zwischen China und
Utrecht hätten vor zwanzig Jahren noch das Monatsbudget eines Bafög-Empfängers gekostet.
Heute sind die Freundeskreise von Studenten wie selbstverständlich um die halbe Welt
verteilt und lassen sich dank Facebook, Skype und E-Mail zum Nulltarif pflegen. Dieser
Segen ist zugleich ein Fluch. Er hält Beziehungen über Entfernungen am Leben, die vor
Jahrzehnten indiskutabel gewesen wären. Rainer Holm-Hadulla, der Leiter der
psychotherapeutischen Beratungsstelle der Uni Heidelberg, sieht darin einen Nachteil:
"Gerade durch die Möglichkeiten des Internets entsteht eine gewisse Bindungslosigkeit."
Eigentlich ist das ein Widerspruch: Obwohl das Internet die Kommunikation erleichtert,
macht es am Ende einsam. Gerade weil Bekannte auf dem Bildschirm präsent sind, fehlt
einem die Zeit für Freunde vor Ort.

Julian Beitzel ist für seinen Master nach München gezogen. Auf StudiVZ ist er aber nicht nur
mit Kommilitonen aus München und Lüneburg befreundet, sondern auch mit Studenten von
30 anderen Unis. Seine besten Freunde wohnen im Norden Deutschlands. Er telefoniert viel
mit ihnen, besucht sie mehrmals im Jahr. In München schließt er weniger Freundschaften, die
Verabredungen zum Telefonieren sind wichtiger als die Einladung der Kommilitonen zum
Bier. Manchmal können Freunde in der Ferne aber eine Blockade sein, weil man zwar das
Gespräch und seltene Treffen mit ihnen hat, jedoch nicht die gemeinsamen Erlebnisse im
Alltag.

LIEBE ALS EIN PROJEKT UNTER ANDEREN

Egal, wie sich das Dilemma zwischen Liebe und Lebenslauf bei jedem Einzelnen anfühlt: Die
Frage, wie man diesen Widerspruch auflöst und glücklich wird, stellt sich für alle
gleichermaßen. Fragt man Experten, geben sie in der Regel zwei Antworten.

Die erste lautet: Man kann nicht alles haben. Zumindest kann man nicht alles mit der gleichen
Intensität betreiben. Im Spannungsfeld zwischen Liebe und Lebenslauf muss man eine
Entscheidung treffen, sonst ist das Risiko groß, dass man weder das eine noch das andere
bekommt, weil man alles bloß ein wenig, aber nichts richtig tut. Eine Entscheidung ist mutig,
sorgt für Klarheit im Kopf, beendet das Grübeln, die Ungewissheit. Wer das Gefühl hat,
zwischen all den Seminaren, Referatsbesprechungen und Klausurvorbereitungen keine Zeit
für den Partner zu finden, verzichtet eben auf den Hiwi-Job, auch wenn das Angebot
verlockend ist. Wer immer schon davon geträumt hat, für ein Semester ins Ausland zu gehen,
sollte das tun, auch wenn er gerade jemanden kennengelernt hat. Im Grunde hat kein Partner
ein Interesse, den anderen an der Erfüllung seiner Träume zu hindern. Schließlich kann der
Verzicht auf Wünsche eine Liebe genauso stark gefährden wie eine vorübergehende
Fernbeziehung.

"Wichtig bei jeder Entscheidung ist es, das Gefühl zu befragen und nicht nur Plus-minus-
Listen", sagt Rainer Holm-Hadulla. Sein Rat: "Machen Sie eine Fantasiereise! Sehen Sie sich
in einem halben Jahr eher an der Seite des Partners oder in der Vorlesung an der Sorbonne?"
Rebecca und Phillip haben sich entschieden. Für Kinder, für Tjark und Luk. Auch für die
Unzertrennlichen, Ole und Annette, war klar, dass sie ihr Auslandssemester in London
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zusammen machen. Zeitgleich bewarben sie sich an verschiedenen Hochschulen. "Hätte es
bei mir nicht geklappt, hätte ich auf jeden Fall versucht, irgendwie anders nach England zu
kommen." Wer eine klare Entscheidung trifft, wird glücklicher als ein Unentschlossener, der
im Widerspruch seiner Wünsche lebt.

Für die Soziologin Barbara Keddi ist die Liebe ein Projekt, das in Konkurrenz zu anderen
Projekten stehen kann, dem Studium, dem Freundeskreis, Hobbys. Sie gibt eine zweite
Antwort: Egal, ob mit Kindern in Berlin- Kreuzberg oder als Fernbeziehung zwischen China
und den Niederlanden, "ob eine Beziehung funktioniert liegt nicht an Nähe oder Distanz,
nicht am Studienfach oder am Nebenjob, viel wichtiger ist ein gemeinsames Lebensthema".
Das kann zum Beispiel der Beruf sein oder die Familie, wie bei Rebecca und Phillip. Oder die
Selbstverwirklichung jedes Einzelnen, bei der sich beide gegenseitig unterstützen, so wie bei
Maximiliane und Roel, der niemals gewollt hätte, dass seine Freundin seinetwegen den
China-Aufenthalt abbläst, der ihr so wichtig war.

Das Lebensthema kann aber auch der gemeinsame Weg sein. Dann macht der eine einen
Kompromiss zugunsten des anderen, weil ihm die Zweisamkeit wichtiger ist als die eigenen
Träume, die damit in Konflikt stehen. Etwa wie im Fall von Ole, der seiner Freundin Annette,
ohne zu zögern, nach London gefolgt ist. "Hört man unsere Geschichte, denkt vielleicht
mancher, dass ich viel zurückgesteckt habe. Aber ich habe nicht verzichtet. Das, was ich
machen wollte, habe ich gemacht", sagt er. Und Barbara Keddi kann gut erklären, warum Ole
dabei nicht unglücklich ist: Sein Wille, mit Annette zusammen zu sein, war stärker als die
Wünsche, die ihn in Deutschland gehalten haben. So gesehen hat er mit dem Umzug nach
London nichts verloren, sondern Annette gewonnen. Und wenn Menschen mit einem
gemeinsamen Lebensthema lange Auslandsaufenthalte überstehen, kann man auch dem
Scheitern von Julians Beziehung etwas abgewinnen: Weil sich erst im Unbequemen der
Distanz zeigt, ob eine Beziehung stark ist, kann das Scheitern etwas Befreiendes haben, weil
der andere offenbar der Falsche war.

In Köln ist es wieder Abend, Maximiliane liegt auf dem Bett, als Roel sich mit einem Plopp-
Geräusch auf Skype meldet:

hey!

Wie immer handelt das Gespräch von Alltagsdingen, aber irgendwann gesteht Maximiliane
ihrem Freund, dass sie manchmal über einen zweiten Auslandsaufenthalt nachdenkt.

Roel: aber denk an unser versprechen

Maximiliane: klar! wir sind nie mehr länger als drei monate getrennt!

Maximiliane blickt hoch in die Kamera, für Roel sieht das aus, als schaue sie ihm in die
Augen. Sie lächelt. Wie jemand, der eine schwierige Prüfung bestanden hat.
(www.zeit.de, Juli 2016)