Sie sind auf Seite 1von 195

Briefe an Roman Ingarden

MIT ERLÄUTERUNGEN UND ERINNERUNGEN AN HUSSERL


PHAENOMENOLOGICA
COLLECTION PUBLIEE SOUS LE PATRONAGE DES CENTRES
D'ARCHIVES-HUSSERL

25

EDMUND HUSSERL

Briefe an Roman Ingarden


MIT ERLÄ UTERUNGEN UND ERINNERUNGEN AN HUSSERL

herausgegeben von
ROMANINGARDEN

Comite de redaction de la collectiou:


President: H. L. Van Breda (Louvain);
Membres: M. Farber (Buffalo), E. Fink (Fribourg en Brisgua),
A. Gurwitsch (New York), J. Hyppolite (Paris), L. Landgrebe (Cologne),
M. Merleau-Ponty (Paris)t, P. Ricreur (Paris), K. H. Volkmann-Schluck
(Cologne), J. Wahl (Paris); Secretaire: J. Tamiuiaux(Louvain).
Edmund Husser1, 1859-1938.
EDMUND HUSSERL

Briefe an Roman Ingarden


MIT ERLÄUTERUNGEN UND ERINNERUNGEN AN HUSSERL

herausgegeben von

ROMANINGARDEN

MARTINUS NIJHOFF/DEN HAAG/I968


ISBN-13: 978-90-247-0256-5 .-ISBN-13: 978-94-010-3434-0
001: 10.1007/978-94-010-3434-0

© I968 by Martinus Nijholf, The Hague, Netherlands


All rights reserved, including the right to translate or to
reproduce this book or parts thereof in any form
Die Briefe, die ich hier veröffentliche, zeigen uns Edmund
Husserl in einem anderen Lichte als seine wissenschaftlichen
Schriften. Anders, als diese vermuten ließen, enthüllt er sich hier
als der emotional tief verankerte Mann, der um seine Wahrheit
und sein Werk unermüdlich schwer kämpft, der an ihm immer
wieder verzweifelt und nachher dank seiner Genialität sich immer
aufs neue auf die Höhen seiner Intuitionen emporschwingt und
dann so weite Perspektiven des zu Erforschenden sieht, dass er
sie mit seinen, im Alter schwächer werdenden Kräften nicht mehr
beherrschen kann.
Ich habe mir erlaubt, diese Briefe selbst zu publizieren, weil ich
heute zu den ganz wenigen gehöre, die Edmund Husserl noch in
seinen Göttinger Jahren kannten und dann jahrzehntelang mit
ihm in Kontakt blieben. Andere, wie Wilhelm Schapp, Adolf
Reinach, Edith Stein, J ean Hering oder Alexander Koyre, kön-
nen schon nicht mehr über ihn erzählen.

An dieser Stelle will ich noch dem Direktor des Husserl-Ar-


chivs, Professor H. L. Van Breda, sowie allen Mitarbeitern des
Archivs, und insbesondere Professor Rudolf Boehm und Dr. Iso
Kern für die mir freundschaftlich erteilte wertvolle Hilfe bei der
Nachforschung nach entsprechenden Handschriften Husserls aufs
wärmste danken. Professor Boehm bin ich außerdem für einige
Informationen über die Schriften Husserls zu herzlichem Dank
verpflichtet. Mein warmer Dank gebührt auch Professor Gerhart
Hm,serl und Frau Elisabeth Husserl-Rosenberg für die Zustim-
mung zur Publikation der Briefe Husserls, Professor Eugen Fink
für die Genehmigung zur Veröffentlichung seiner Entwürfe von
Inhaltsangaben für geplante Schriften Husserls und endlich der
Direktion der Bibliothek der Polnischen Akademie der Wissen-
schaften in Krakau für die Anfertigung und Beförderung der
Mikrofilme der Briefe Husserls.
KI.
INHALTSANGABE

EDMUND HUSSERLS BRIEFE AN ROMAN


INGARDEN S. I
I. Schreiben vom Oktober 1915 S. 3
11. Brief an Hofrat Roman Ingarden (Vater von
Professor Roman Ingarden) vom 2. Februar
1917 S. 3
111. Brief vom 13. Februar 1917 S. 5
IV. Brief vom 20. Juni 1917 S. 5
V. Brief vom 8. Juli 1917 S. 6
VI. Brief vom 5. April 1918 S. 7
VII. Brief vom 27. April 1918 S. 11
VIII. Brief vom 16. November 1919 . S. II
IX. Brief vom 12. März 1920 . S. 13
X. Brief vom 18. Juli 1920 S. 14
XI. Brief vom 20. August 1920 S. 14
XII. Brief vom 12. Dezember 1920 . S. 15
XIII. Brief vom 30. Dezember 1920 . S. 17
XIV. Brief vom 28. März 1921 S. 18
XV. Brief vom 20. Juni 1921 S. 19
XVI. Brief vom 6. August 1921 . S. 20
XVII. Brief vom 25. November 1921 . S. 21
XVIII. Brief vom 14. Dezember 1922 S. 24
XIX. Brief vom 31. August 1923 S. 25
XX. Brief vom 25. Februar 1924 S. 27
XXI. Brief vom 16. Juni 1924 S. 27
XXII. Brief vom 27. September 1924 . S. 28
XXIII. Brief vom 9· Dezember 1924 . S. 29
XXIV. Brief gegen Weihnachten 1924. S. 30
XXV. Brief vom 27. Juni 1925 S. 32
VIII INHAL TSANGABE

XXVI. Brief vom 10. Dezember 1925 S. 34


XXVII. Brief vom 16. April 1926 S. 37
XXVIII. Brief vom 9. April 1927 . S. 38
XXIX. Brief vom 29. Juni 1927 S. 39
XXX. Brief vom 19. September 1927. S. 40
XXXI. Brief vom 26. Dezember 1927 . S. 42
XXXII. Brief vom 23. Februar 1928 S. 45
XXXIII. Brief vom 6. Mai 1928 S. 45
XXXIV. Brief vom 13. Juli 1928 S. 47
XXXV. Brief vom 18. Oktober 1928 S. 48
XXXVI. Brief vom 23. Dezember 1928 S. 49
XXXVII. Brief vom 31. Dezember 1928 s. 50
XXXVIII. Brief vom 9. Januar 1928 S. 51
XXXIX. Brief vom 16. März 1929 S. 51
XL. Brief vom 24. März 1929 S. 52
XLI. Brief vom 26. Mai 1929 S. 54
XLII. Brief vom 2. Dezember 1929 S. 55
XLIII. Brief vom 2. Dezember 1929 . s. 57
XLIV. Brief vom 19. März 1930 S. 58
XLV. Brief vom 19. November 1930 . S. 60
XLVI. Brief vom 21. Dezember 1930 . s. 61
XLVII. Brief vom 31. Dezember 1930 . s. 65
XLVIII. Brief vom 5. Februar 1931 S. 66
XLIX. Brief vom 16. Februar 1931 S. 66
L. Brief vom 19. April 1931 s. 67
LI. Brief vom 15. Mai 1931 S. 68
LII. Brief vom 21. Mai 1931 S. 69
LIII. Brief vom 8. Juli 1931 S. 69
LIV. Brief vom 31. August 1931 s. 70
LV. Brief vom 13. November 1931 . S. 72
LVI. Brief vom 25. November 1931 . s. 74
LVII. Brief vom 17. Dezember 1931 s. 75
LVIII. Brief vom 10. Februar 1932 S. 76
LIX. Brief vom 7. April 1932 . s. 77
LX. Brief vom 11. Juni 1932 S. 77
LXI. Brief vom 19. August 1932 S. 80
LXII. Brief vom 16. Oktober 1932 S. 81
LXIII. Brief vom 21. Oktober 1932 S. 82
LXIV. Brief vom II. Oktober 1933 S. 83
INHALTSANGABE IX

LXV. Brief vom 2. November 1933 . S. 84


LXVI. Brief vom 20. November 1933 . S. 85
LXVII. Brief vom 23. November 1933 . S. 85
LXVIII. Brief vom 13. Dezember 1933 . S. 86
LXIX. Brief vom 13. April 1934 . S. 87
LXX. Brief vom 31. Juli 1934 S. 87
LXXI. Brief vom 25. August 1934 S. 88
LXXII. Brief vom 7. Oktober 1934 S. 89
LXXIII. Brief vom 26. November 1934 . S. 89
LXXIV. Brief vom 21. Dezember 1934 . S. 90
LXXV. Brief vom 15. März 1935 S. 90
LXXVI. Brief vom 13. Mai 1935 S. 9 1
LXXVII. Brief vom 10. Juli 1935 S. 92
LXXVIII. Brief vom 23. Oktober 1935 S. 95
LXXIX. Brief vom 14. Januar 1936 S. 96
LXXX. Brief vom 16. Mai 1936 S. 97
LXXXI. Brief vom 2. Februar 1936 S. 98
LXXXII. Brief vom 15. Februar 1936 S. 98
LXXXIII. Brief vom 31. Dezember 1936 . S. IOO
LXXXIV. Brief vom 15. April 1937 . S. IOl
LXXXV. Brief vom 23. Juli 1937 S.102
LXXXVI. Brief vom 24. Februar 1938 S. I03
LXXXVII. Brief vom 20. März 1938 S. 103
LXXXVIII. Brief vom 21. April 1938 . S. 104
LXXXIX. Todesanzeige vom 27. April 1938 S. I04

ROMAN INGARDEN
Meine Erinnerungen an Edmund Husserl S. 106
Erläuterungen zu den Briefen Husserls S. 136
I

EDMUND HUSSERL

BRIEFE AN ROMAN INGARDEN


I

Göttingen, im October 1915


Gerne gebe ich Herrn Roman Witold Ingarden aus Krakau das
Zeugnis, daß er in seiner Göttinger Studienzeit unter meiner
persönlichen Leitung Philosophie studiert und durch seine rasch
sich entwickelnde Begabung, durch seinen Eifer und Fleiß mein
theilnehmendes Interesse in besonderem Maße auf sich gelenkt
hat. In den vier Semestern vom Winter 1912 bis zum Sommer
1914 und dann wieder im Sommer 1915 war er Mitglied meines
philosophischen Seminars und gehörte zu denjenigen, auf welche
ich auch bei der Behandlung schwieriger Probleme rechnen
durfte. Seine, unter meiner Leitung begonnene und fleißig fort-
geführte Doktorarbeit über Bergson's Philosophie ist nur in
Folge der Kriegswirren noch nicht zur Vollendung gekommen.
Meinen sehr geehrten Kollegen an der Universität Krakau
gestatte ich mir, Herrn Ingarden daher aufs Wärmste zu emp-
fehlen. Ich habe von ihm in jeder Hinsicht die besten Eindrücke
empfangen.
Dr. Edm. Husserl,
ord. Professor an der Universität Göttingen

11

Freiburg i.B., Lorettostr. 40jIII


2. II. 1917

Sehr geehrter Hofrat!


Sie haben mir vor einigen Monaten für mein herzliches In-
teresse an Ihrem Sohn Roman gedankt - ich wollte Ihnen mit
4 BRIEFE VON HUSSERL

Beziehung darauf schon längst schreiben, daß da zu einem Dank


wirklich kein besonderer Anlaß war: sofern es ja selbstverständ-
lich ist, daß ein akademischer Lehrer den langjährigen Schüler,
auf den er allen Grund hat, Hoffnungen zu setzen, und den er
zudem als Persönlichkeit hochschätzt, in jeder Weise fördern
wird.
Ich möchte auch beifügen, daß Sie sich keine Sorgen machen
dürfen wegen der zeitlichen Ausdehnung der Studien Ihres
Sohnes. Er hat seine Jahre wahrhaftig wohl angewendet und sich
zu meiner Freude aufs Schönste entwickelt.
Mit großer Befriedigung erfüllt es mich, daß es mir u. meiner
Frau, wenn auch mit Mühe, gelungen ist, Ihren Roman, da er
zweifellos nicht kriegstauglich war, hier noch einige Monate
zurückzuhalten und in dem schönen Zug fruchtbarer Arbeit, in
dem er gerade begriffen war, zu erhalten - so lange, bis ein
Hauptstück seiner Bergson-Schrift, das als Dissertation dienen
soll, zu Ende geführt war. Ich denke, diese Erstlingsschrift wird
vortrefflich werden, und überhaupt meine ich, daß Ihr Sohn -
bei gehöriger Schonung seiner zarten Gesundheit - seiner Nation
noch Ehre machen wird. Seine bescheidene, dabei durchaus
gediegene und auf rein sachliche Werte gerichtete Art wird sich
ehrenvoll durchsetzen. Freilich kann, wer so redlich bemüht ist,
in neu eröffneten Wissenschaftssphären, auf Urwaldboden, pro-
ductive Kulturarbeit zu leisten, zu Anfang langsam zu abge-
schlossenen Arbeiten kommen. Sie dürfen ihm aber in jedem
Falle absolut vertrauen und sind (unter uns gesagt) zu einem
solchen Sohn zu beglückwünschen. Möge er die junge Generation
des neuen Polen repräsentieren, möge sie durchaus eine Gene-
ration des Idealismus gediegener Arbeit an echten Culturwerten
sein: in Wissenschaft, Kunst und staatlicher Wohlfahrt - eine
Generation, die also fern ist von aller nationalen Phantasterei,
die über Europa so viel Unheil verbreitet haben. Ich nehme, wie
sehr viele Deutsche, herzlich Antheil an dem Wiederaufbau
Polens. Möge nun die Zeit des Segens kommen, die aus Arbeit u.
That entspringt.
Mit den ergebensten Empfehlungen
hochachtungsvoll
Prof. E. Husserl
BRIEFE VON HUSSERL 5

III

I3. I I. I 7
Lieber Herr Ingarden!
Ich habe keine Zeit, Ihnen jetzt zu schreiben. Nachrichten
ev. durch Frl. Stein! Ihr Lob habe ich dick unterstrichen. Na,
Sie sind bescheiden, u. es wird Ihnen nicht zu Kopf steigen.
Arbeiten Sie nur brav weiter und schonen Sie Ihre Gesundheit.
Für Ihre Briefe vielen Dank. Empfehlen Sie mich bitte Ihrem
Herrn Vater.
Ihr E.H.

IV

Freiburg i.B., 20.6.I9I7.


Lorettostr. 40/UI
Mein lieber Herr Ingarden!
Ihr letzter Brief hat mich sehr betrübt. Es ist doch traurig,
wie tief sich das Mißtrauen in Deutschlands Absichten in die
polnische Volksseele eingefressen hat: und Mißtrauen ist ein
schlechter Berater, er erzeugt gerade das, was er befürchtet; er
hemmt offenes, warmherziges Entgegenkommen und verlang-
samt die Ausführung bester Absichten. Inzwischen hat unsere
Regierung wieder einen großen Schritt gethan, der zeigt, wie
ernst es ihr darum zu tun ist, das neue Polen auf eigene Füße zu
stellen und den Aufbau des neuen Staates zu fördern. Es würde
mich freuen zu hören, daß das in den Kreisen der Krakauer Polen
eine optimistischere Auffassung der politischen Verhältnisse
erwirkt hat.
Was Sie selbst, lieber Ingarden, anlangt, so bin ich sicher, daß
Sie sich nie untreu werden können. Ihre Seele ist rein und wird
immer rein bleiben. Mein Vertrauen auf Sie ist unbedingt, u.
ich werde Sie immer zu meinen Freunden rechnen. Ich halte
übrigens an der Hoffnung fest, daß Sie schließlich doch hieher
kommen werden, das Doktorat, und mit dem wohlverdienten
"summa c. laude", zu machen. Sollten Sie sich aber zu meinem
Bedauern entschließen, bei Prof. Twardowski zu promovieren,
6 BRIEFE VON HUSSERL

so bitte ich Sie, mir das rechtzeitig mitzutheilen, damit ich ihn
über Ihre Persönlichkeit und über das, was ich Ihnen wissen-
schaftlich zutraue, orientieren kann 1.
Ihre schöne Bergsonarbeit machen Sie bitte fertig, ich habe
ja die Absicht, sie, wenn sie wohlgerundet ist, in mein Jahrbuch
aufzunehmen.
Ihren Herrn Vater, dessen freundlichen Gruß ich bestens
erwidere, bitte ich um Entschuldigung, wegen der Unruhe, die
ich mit meiner Empfehlung des Herrn Prof. Thiersch verursacht
habe (und dasselbe gilt auch für Sie). Wahrscheinlich hat Prof.
Th. sogleich von seiten seines Krakauer Fachkollegen und der
Galleriedirektion so große Förderung gefunden, daß er seiner
Absicht schnell genugthun und nach Kopenhagen abreisen
konnte, ohne der gütigen Beihilfe Ihres Herrn Vaters zu bedür-
fen. Nur schade, daß Sie beide ihn nicht kennen lernen konnten:
denn er ist ein Mann von besonderer Art, eine der edelsten Per-
sönlichkeiten, die ich kenne.
Mir geht es gut, und ich bin wieder in guter Arbeit, über die
ich Ihnen hoffentlich persönlich berichten kann.
Ich grüße Sie herzlich und freundschaftlich, und meine Frau
sendet auch einen fr. Gruss.
Ihr alter
E. Husserl

Freiburg LB., 8.VI!.!7.


Lorettostr. 4o/ll!.
Lieber Herr Ingarden!
Ihren neuen, herzliehst von mir aufgenommenen Brief kann
ich nur kurz beantworten. Er bekräftigt mein vollkommenes
Vertrauen auf Ihre ethische Persönlichkeit. Nicht nur in theore-
tisch-wissenschaftlichen, auch in den ethisch-praktischen Grund-
auffassungen sind wir eines Sinnes. Die penible Gewissenhaftig-
keit, mit der Sie für Ihr ethisches Verhalten unter jetzigen
Umständen die rechte Linie suchen, ist rührend. Das Ethische
als solches ist eine überpersönliche (also auch übernationale)
Form, so wie das Logische als solches. In beiden Sphären kann
BRIEFE VON HUSSERL 7
jeder Vorurtheilslose nachverstehen und nachentscheiden, soweit
eben die Materie dieser Formen dem Nachverstehen zugänglich
ist. Demnach könnten wir (ev. sogar im Kriege) politische Feinde
hochschätzen, bewundern, verehren. Natürlich werden wir in den
Ihnen so theuren polnischen u. mir so theuren deutschen Dingen
kaum übereinstimmen, da die materialen Voraussetzungen
unserer ethisch-politischen Beurtheilungen selbstverständlich
sehr verschieden sein werden. Aber darin sind wir einig, daß sub
specie aeterni beide Nationen ihr ideales Daseinsrecht, ihr Recht
auf eine freie Entwicklung der in ihnen angelegten idealen Wert-
möglichkeiten haben. Aber "hart im Raume stoßen sich die
Sachen", die sich den Idealen eben erst angleichen sollen und
ihre herabziehende Erdenschwere haben.
Was Ihr Doktorat in Fr [eiburg], also an einer deutschen
Staatsuniversität, anlangt, so steht dem natürlich, bei Ihnen,
wie bei jedem uns verbündeten Polen, nichts im Wege. Un-
möglich wäre es nur für einen deutschen Professor, bei jemand
das Examen abzunehmen, von dem er wüsste, daß dieser in
Gesinnung und That sich auf die [Seite] der Feinde Deutschlands
gestellt habe. Davon kann doch bei Ihnen, der Sie deutsche Art
kennen u. schätzen gelernt haben und offenen Auges sehen, wie
sehr, und für alle absehbare Zukunft, Deutschlands und des
neuen Polens Interessen sich decken, keine Rede sein, trotz aller
momentanen wechselseitigen Mißstimmungen, die doch in den
Kriegsverhältnissen und ihren beständigen Hemmungen ver-
ständlichen Grund haben.
Und nun noch herzlichste Grüße und alle guten Wünsche.

In treuer Gesinnung Ihr alter Lehrer


E. Husserl

VI

Bernau, 5. April 1918


Lieber Herr Doctor.
Mein Mann betraut mich mit der Beantwortung Ihres Briefes
und Ihrer freundlichen Ostergrüße auf dieser schönen Karte mit
8 BRIEFE VON HUSSERL

dem Bilde von Matejko, weil er nun seit vielen Wochen in großer
Arbeit ist u. vor unserer Heimkehr zu Semesteranfang die Haupt-
sache gedanklich erledigen möchte. Bernau hat sich wieder sehr
bewährt, mein Mann sieht geradezu glänzend aus u. war die
ganze Zeit (wir sind seit 1. Febr. hier) in ganz ausgezeichneter
Disposition, so daß er täglich über 9 Stunden schöpferisch ar-
beiten konnte 2. Wir hatten auch besonderes Glück, eine so
ruhige bequeme Unterkunft in dieser herrlichen Landschaft zu
finden, so weit ab von der aufregenden Unrast der Gegenwart.
Auch das Wetter war uns hold, wunderbarer Schnee, viel Sonne
und kaum Regen. So werden wir schwer von hier scheiden. Aber
Ende April ruft die Pflicht nach Freiburg.
Mein Mann freut sich sehr über Ihre erneute Arbeitsfreudig-
keit, die sich in Plänen für die Fortführung Ihrer Dissertation
und in solchen zu neuen Arbeiten entfaltet, ebenso wie in den
wissenschaftlichen Discussionen, die Sie in Krakau organisieren.
Daß Frl. Stein Ihnen sprachlich zur Seite stehen wird, daran ist
ja nicht zu zweifeln. Wir wissen noch nicht, ob sie diesen Sommer
nach Freiburg kommt oder in Breslau bleibt, da sie sich z.D.
stellen ließ, um die Bewegungsarbeit von Reinach u. vielleicht
auch eine eigene herauszubringen. Sowie Ihre Dissertation fertig
ist, will mein Mann sich bemühen, daß sie gleich gedruckt wird
und Ihnen die nötigen Exemplare zur Verfügung stehen; womit
dann die letzte Station für den Doktortitel erreicht ist.
Die Hauptsache ist, lieber Herr Doctor, daß Sie gesund u.
leistungsfähig bleiben. Regen Sie sich über nichts auf und geben
Sie sich ganz Ihren Gedanken hin. Man muß in dieser schweren,
schicksalsvollen Zeit einen Eisenpanzer um sein Herz legen,
damit es nicht erliegt.
Ich habe hier in Bernau Zeit und Ruhe gehabt, und es war
mein erstes, das großartige Werk von Reymont, das Sie uns zu
Weihnachten schenkten, zu lesen. Ich muß sagen, daß mir dieses
Buch einen ungemein tiefen Eindruck gemacht hat. Die innige
Verflochtenheit des polnischen Dorfes mit der Natur, die Un-
ablösbarkeit des bäuerlichen Lebens vom Boden, Wetter, Jahres-
zeiten, von all dem Geschehen des Naturverlaufes ist mit gran-
dioser Kunst und poesievoller Eindringlichkeit dargestellt. Dabei
ist eine Spannung über das Ganze ausgegossen, die hinreißend
ist. Ich werde vielen einen seltenen Genuß bereiten, wenn ich sie
BRIEFE VON HUSSERL 9
veranlasse, dieses Werk zu lesen. Mein Mann wird, bis er zu einer
Arbeitspause gelangt, es sicher zur Hand nehmen.
Nun noch viele herzliche Grüße und gute Wünsche für die
Fortführung Ihrer Arbeiten.
Malvine Husserl

Lieber Herr Ingarden.


Meine Frau hat Ihren Brief so vortrefflich und ganz, wie es
meinen Intentionen entspricht, beantwortet, daß ich nur einige
herzlich-persönliche Worte beizufügen habe. Und herzlich dürfen
sie schon sein - denn wie viel Mißverständnis, ja Gott sei's ge-
klagt, wie viel Haß unsere Völker trennen mag, uns beide soll
nichts trennen, u. auf meine Freundschaft dürfen Sie immer
rechnen. Es liegt an Ihnen, was sie für Sie bedeuten mag u.
kann; aber gerne, da ich Sie so sehr schätze, so fest auf die Rein-
heit Ihres Charakters baue u. so Gutes - bei Ihrer Echtheit u.
Bescheidenheit - von Ihrer zweifellosen philosoph. Begabung
erhoffe, gerne würde ich Ihnen hilfreich u. auch in Ihrem per-
sönlichen Werden förderlich sein; nach allen Kräften. Bleiben
Sie zunächst, oder werden Sie stark. Das, was Sie als nationales
Unglück ansehen u. so in sich erleben, muß zur positiven Trieb-
kraft werden, u. jeder, der so reagiert, ist eine göttliche Kraft
der Erhöhung eben für seine Nation. Und jeder, wozu er berufen
ist. Und Sie sind berufen u., so Gott will, auserlesen. Ihr Beruf
ist aber kein praktisch-politischer. Leben Sie in der Philosophie
u. wirken Sie für sie, für die ehrliche echte Philosophie, wie Sie es
begonnen haben. Das ist Ihre Sache, auch als Pole.
Wenn eine Empfehlung für die Akademie, bzw. für eine
maßgebende Persönlichkeit in derselben Ihnen von Nutzen wäre,
so bitte ich Sie, es mir zu schreiben. Das Problem der Wahrheit,
das Sie jetzt beschäftigt, habe ich zufällig momentan auch wieder
in meinem Kreise: Ich bin eben daran, den großen, von Frl.
Stein geordneten Convolut über Urtheilstheorie 3 (über 800
stenogr. Seiten) durchzusehen, der zum großen Theil dieses
Problem u., als sein Fundament, das Problem des "Sinnes" der
verschiedenen Stufen objektivierender Erlebnisse (Anschau-
ungen: u. zwar Sinn der Wahrnehmung, der erfahrenden Acte
überhaupt - Sinn der Phantasie (Neutr[alitäts])-Modifikationen;
IO BRIEFE VON HUSSERL

dann Sinn der prädica ti ven Acte - der unmodificierten u.


modif[icierten] (positionalen - neutralen) usw.) behandelt. In
den Hauptsachen bin ich damals, lang vor der Zeit der Ideen,
zu den entscheidenden Einsichten vorgedrungen. Die Position
der Prolegomena habe ich längst als unrichtig, bzw. nur für
Wesenswahrheiten richtig erkannt 4 und die Gründe der fun-
dam[entalen] Differenz zwischen Wesens- u. Thatsachenwahr-
heiten klargelegt. Der Fehler lag vor allem in der Fassung des
"Sinnes" u. "Satzes", bei Urtheilserlebnissen des prädikativen
Urtheilssatzes u. Sinnes, als Wesen, oder als "Ideen" im Sinne
von Wesen (Species). Die Unabhängigkeit des Sinnes eines Satzes
von dem zufälligen Urtheil u. Urtheilenden besagt noch nicht,
daß das Ideal-Identische ein Specifisches ist. Aber von da aus
führt die letzte Klärung in die tiefsten constitutiven Probleme,
deren Beziehung zum urspr[ünglichen] Zeitbewußtsein Ihnen
nicht verborgen sind. Um die aber handelt es sich mir jetzt. Denn
nicht an einer bloßen Phänomenologie der Zeit arbeite ich - die
sich nicht rein für sich ablösen läßt -, sondern an dem ganzen
ungeheuren Problem der Individuation, der Konstitution in-
dividuellen (also "thatsächlichen") Seins überhaupt u. nach
seinen wesentlichen Grundgestaltungen. Also um eine centrale
oder radikale Phänomenologie handelt es sich jetzt. Es ist auch
herrlich vorwärtsgegangen, obschon ich trotz ständiger bester
Arbeit noch nicht an die systematische Ausarbeitung mich ma-
chen konnte. Ich hoffe, wieder recht zu behalten gegenüber den
offenen u. versteckten Vorwürfen meiner Freunde - daß ich nicht
publiciere. Ich hoffe aber, nun bald so weit zu sein: die Horizonte
sind fast allseitig u. voll geklärt, u. wir werden ein großes Stück
weiterkommen in der Begründung einer wahrhaft wissenseh.
Philosophie. Nun noch allerherzlichste Grüße auch an Ihren
Herrn Vater. Einen fr. Gruß auch an Ihren philos. Cirkel.
Freundschaftliehst u. mit wärmsten Wünschen
Ihr E. Husserl
BRIEFE VON HUSSERL II

VII

27. IV. 18 [Poststempel]


Lieber Herr Doktor!
Ich bin eben in der Heimfahrt u. theile Ihnen in Eile mit, daß
ich Ihren fr. Brief erhalten u. sogleich nach Warschau geschrieben
habe. Herzlichen Gruß! Ihr E. Husserl
Wegen Ihres Doktordiploms werde ich im Sekretariat nach-
fragen. Der Dekan war wohl verreist.

VIII

Freiburg i.B., Lorettostr. 40


16. XI. 18
Lieber Freund!
Diesmal lasse ich Sie nicht lange auf Antwort warten 5: vor 3
Tagen erst erhielt ich Ihren herzlichst aufgenommenen u. mich
sehr erfreuenden Brief vom 4. d. Vielen Dank für Ihre fr. Worte
anläßlich meiner Genesung und der neuen Verwundung meines
Sohnes. Letzterer ist auch in Reconvalescenz (in Jena), leider
sind wir von ihm abgeschnitten; Reisen sind unmöglich geworden
(meine Frau kam nur bis Frankfurt u. mit großen Schwierigkei-
ten). Ich erholte mich langsam, da ich die Grippe ziemlich schwer
hatte u. 2 1/2 Wochen fieberte. Im vollen Zug der Arbeit bin ich
noch nicht: aber daran tragen wohl die traurigen äußeren Ver-
hältnisse mehr Schuld. Ich will darüber nichts sagen, es sei denn,
daß ich fest überzeugt bin, daß Deutschlands milit. Zusammen-
bruch u. die Revolution nur eine Durchgangsphase sein werde
für eine neue schönere Epoche der deutschen Geschichte. Daß das
alte Regime gefallen ist, welches in jeder Hinsicht versagt hat, ist
wohl eine jener historischen Notwendigkeiten, die ihre Weisheit
in sich tragen. Ich glaube nicht, daß es je wieder auferstehen kann.
Es kommt wirklich ein neues Deutschland und in ihm ein neuer
Geist. Ich glaube an den Aufschwung des reinen Idealismus, nach
dem die Jugend lechzt u. hoffe, daß er in die Verhältnisse innerer
u. äußerer Politik praktische Vernunft hineinbringen werde. Es
ist unmöglich, über das Elend dieser Zeiten sich hinwegzuheben,
12 BRIEFE VON HUSSERL

es sei denn auf den Schwingen der Ideen, u. das fühlen eigentlich
alle, das ganze Volk. Hoffentlich entwickeln sich auch die Ver-
hältnisse in Ihrer Nation zu Ihrem wahren Segen u. im idealen
Sinne. Es wäre ein unseliger Anachronismus, wenn im neuen Po-
len machtpolitische und chauvinistische After-Ideale die bestim-
menden u. bei der Neugeburt des staatlich consolidierten natio-
nalen Lebens Gevatter stehen würden. Ich denke, daß das neue
Deutschland u. das neue Polen in guter Nachbarschaft u. hoffent-
lich bald in Freundschaft leben können u. leben werden.
Sehr erfreut es mich zu hören, daß Sie in so fruchtbarer Arbeit
sind. Ihre Doktorarbeit haben Sie wohl sachlich und sprachlich
sehr sorgfältig überarbeitet. Es liegt mir viel daran, daß Sie sich
im Jahrbuch u. in der phänomenol. interessierten Welt gut ein-
führen. Sehr zu begrüßen ist der Antrag Prof. Twardowski's. Nun
haben Sie die Möglichkeit, dem poln. philos. Publikum klar zu
machen, was die phänomenol. Bewegung eigenthümlich Neues
erstrebt u. daß dies das unum necessarium ist. Sehr dankbar
wäre ich Ihnen, wenn Sie dabei blieben, wie früher besprochen,
die VI. der Logischen Unter[suchungen] für mich durchzugehen u.
die nötigen terminologischen u. sachlichen Angleichungen an
die 5 Untersuchungen der 2. Auflage zu vollziehen. Sie würden
sich vielen Dank damit erwerben u. mir den Neudruck im J. 1919
ermöglichen. Sprachen Sie nicht auch davon, daß Sie Materialien
zu einem Index für die Ideen I gesammelt hätten? Frl. Walther
hat in den Sommerferien für einen Index gearbeitet, u. Herr
Clauss wollte auch mithelfen.
Fräulein Stein ist, um in diesen bewegten u. aufgeregten Zeiten
Ihrer alten Mutter näher zu sein, nach Breslau übersiedelt. Wie
sehr fehlen mir nun die Anregungen im Verkehr mit älteren
Schülern! Wie schade, daß wir uns über Ihre sicherlich schönen
philos. Themen nicht hier persönlich unterhalten können!
Nun lassen Sie es sich weiter wohlergeben. überspannen Sie
nicht Ihre Kräfte u. erhalten Sie sich die Freudigkeit in der
phänom[enologischen] Arbeit.
Herzlichst grüßt Sie Ihr alter Lehrer

E. Husserl (u. desgleichen meine Frau!)


BRIEFE VON HUSSERL 13

IX

St Märgen i. Schwarzwald, 12. 3. 1920

Lieber Herr Doktor.


Diesmal brachte Ihr Brief - endlich - Erfreulicheres 6. Von
Ihren Mittheilungen habe ich also gern Kenntnis genommen. So
werden Ihre persönlichen u. wissenschaftlichen Verhältnisse sich
günstig u. immer günstiger gestalten. In Betreff des Druckes der
Dr.-Dissert. werden demnächst allgemeine, mildere, Regelungen
erfolgen, die Sie von allen Sorgen bald entheben werden. Das
neue, im October auszugebende Jahrbuch ist im Druck. Es wird
enthalten I) eine Logik von Prof. Pfänder, 2) eine Abh. über das
Unbewußte nebst Methodischem über Psych[ologie] u. Phän[o-
menologie] von Prof. Geiger, 3) Hering, Eidos u. Morphe. Unmit-
telbar im Anschluß daran wird weiter gedruckt, u. es kommen die
weiteren für die Festschrift bestimmten Arbeiten daran, die einen
weiteren Jahrbuchsband bilden sollen. Dabei ist aber auch auf
Ihren Bergson gerechnet, der hoffentlich uns druckfähig vor-
liegen wird. Sonst nenne ich noch die Habilitationsschrift Dr.
Hildebrands, wohl auch die erweiterte Arbeit FrI. Steins über
psychische Causalität usw. Es werden somit lauter große, schöne
Arbeiten erscheinen, die zeigen werden, daß die Phän[omenologie]
lebt. In den letzten beiden Semestern hatte ich einen großen Kreis
tüchtiger u. fortgeschrittener Schüler, u. ich bot ihnen neue 4 st.
Vorlesungen (ich las eine völlig neue "Einleitung" und eine neue
VorI. über Natur u. Geist 7). Im Sommer lese ich, wieder neu, eine
4 st. Ethik. Ich arbeitete über meine Kräfte, da ich als Dekan un-
glaublich mit Verwaltungsgeschäften geplagt war. (Nur noch bis
15.4). Für meine Schriften konnte ich gar nicht arbeiten. Ich war
z. Erholung in st. Märgen, wunderschön gelegen, Sie kennen es
vielleicht. Da bin ich allmälig wieder zu mir gekommen u. hoffe,
wieder tüchtig schaffen zu können. Ich würde mich natürlich
sehr freuen, wenn Sie wieder kämen u. wünschte mir Ihr Kom-
men sehr. Die "phänom[enologische] Gesellschaft" ist in gutem
Zug u. es fehlte Ihnen nicht an Anregung. Seien Sie freundschaft-
lich gegrüßt u. beste Empf. auch an Ihre Gattin. Mit allen schö-
nen Wünschen Ihr
E. Husserl
14 BRIEFE VON HUSSERL

x
18. Juli 20. Freiburg
Lieber Herr Doktor!
Soeben erhalte ich Ihren Brief, das Msc. der Bergsonschrift ist
vor kurzem auch eingetroffen. Ich konnte nicht hineinsehen. Wie
wir es redaktionell behandeln werden, weiß ich noch nicht, ver-
mutlich wird es Dr. Heidegger übernehmen. Jetzt giebts geradezu
tolle Arbeit. Es ist hier ein Phänomenologenkreis beisammen, der
selbst die besten G[ötting]er Zeiten hinter sich zurückläßt. Und
welche hingebende Arbeit, welcher Eifer! Meine Adresse von An-
fang August an: St Märgen b/Freiburg LB., bei Fräulein Schlegel.
Erholen Sie sich nun gut u. schreiben Sie uns ausführlich über
Ihr Ergehen. Der herzlichen, unveränderten freundschaftl. An-
theilnahme können Sie sicher sein. Helfen Sie mit, eine geistige
Welt aufzubauen. Ihr alter und auf Sie stets rechnender
Prof. Dr. E. Husserl
Freiburg i.B., Lorettostr. 40
Grüssen Sie bitte Herrn Rosenblum. Wie geht es ihm? Das
Jahrbuch ist im Druck.

XI

20. VIII. 1920 [Poststempel]


Lieber Freund!
Heute kam vorm. Ihr 2-tes Msc. u. soeben Ihr lieber Brief, über
den ich mich, da er wieder einen wärmeren, unconventionelleren
Ton anschlug, besonders freute. Ich werde zu Ihnen nie anders
stehen als in Fr[eiburg], da ich Sie bei mir als so lieben Mitarbeiter
zur Seite hatte, u. ich denke, Sie werden immer Sie selbst bleiben
u. von dem Elend dieser Zeiten das lernen u. bekräftigt finden,
was jeder wahrhaftige Mensch lernt u. in sich bekräftigen muss:
daß der Haß, der diese Welt vergiftet u. gebrochen hat, nur durch
die Eine Macht überwunden werden kann und muß: durch die
BRIEFE VON HUSSERL I5
Liebe. Ihre Msc. werde ich schon selbst einsehen, zunächst kommt
aber Frl. Steins Schrift - ein grosses Buch, wohl an 20 Druckb.
Ich drucke auch Log[ische] U[ntersuchung] VI. u. muß leider
selbst corrig. Dazu viel anderes. Sie haben keine Ahnung, wie mei-
ne Arbeitslast gewachsen ist. Für heute noch dies: Soeben habe
ich die gr. Freude, daß Hering hier ist, der in Paris an einer theol.
protest. Lehranstalt Sousdirecteur ist. Das giebt viel zu erzählen,
u. wir stehen uns nah, wie früher. Nichts trennt uns. Ich freute
mich sehr, daß auf Ihre zarte Konstitution Rücksicht genommen
wird - Sie können u. dürfen nicht "dienen", es sei denn im Geiste
u. der Wahrheit. Das ]ahrb. IV ist im Druck. Fertig ist die grosse
Arbeit von Geiger über das Unbewußte u. die mod. Psychologie:
9 Bogen. Begonnen hat der Druck der Pfändersehen "Logik", die
20 Bogen haben wird, u. dann kommt eine kleine Heringsehe Ar-
beit (Eidos u. Morphe). Das ]ahrb. VI wird dann alsbald weiter-
gedruckt (von Nov. ab). Wie geht es Ihren Eltern, bitte unsere
Empfehlung.
Viele herzlichste Grüße von Ihrem
E. Husserl
Ein alter Mit-phaenomenologe grüsst Sie herzlich u. wünscht
Ihnen eine gesegnete Zukunft.
J. Hering

Auch von mir freundlichen Gruß und unsere Landadresse je-


denfalls bis I. Okt.
Malvine Husserl
St. Märgen bei Freiburg i. Baden.

XII

Freiburg, I2. Dez. 20

Lieber Herr Ingarden.


Unsere Gratulation zu Ihrem Söhnchen kommt reichlich spät.
Und doch haben wir uns über Ihr Glück so sehr gefreut und wün-
schen Ihnen das Allerbeste und Allerschönste für die Zukunft
Ihres Erstgeborenen. Mein Mann wollte Ihnen immer selbst
schreiben, und nicht nur eine flüchtige Karte, und so schob sich
r6 BRIEFE VON HUSSERL

die Gratulation so lange hinaus, bis ich heute den ruhigen Sonn-
tagnachmittag festhalte, um das Versäumte für mich und vorläu-
fig auch für meinen Mann nachzuholen. Er ist mit Arbeit so
überlastet, daß er seine gesamte Correspondenz unerledigt lassen
oder in meine Hände legen muß. In diesem Semester liest er Logik
u. hält 2-erlei Übungen. Die Logik ist aber keine Spur des ehema-
ligen Collegs, sondern ist eine transzendentale Logik 8, eine Kritik
der Vernunft. Die Frucht der langjährigen Arbeit wird vorgetra-
gen, u. Sie können sich denken, welche unendliche Mühe es macht,
so auf den ersten Anhieb diese schwierigsten aller Gedanken zu
gestalten. Es gelingt sehr gut, und trotz aller Gedankenschwere
halten die Hörer mit Interesse aus.
Zu dieser intensiven Thätigkeit kommt noch der ganze Wust
der Amtsgeschäfte, eine Habilitation etc. Kurz, ich ersehne schon
die Weinachtsferien, damit mein Mann etwas Luft bekommt.
Zum Glück hat der lange (ro 1 /2 wöchentliche) Aufenthalt in St.
Märgen meinem Manne ordentliche Kräfte zugeführt 9, sonst
könnte er die Arbeitslast nicht aushalten.
Unsere Tochter ist dieses Semester wieder in München. Da-
gegen haben wir den Gerhart zu Hause. Er hat im Sommer sein
mündliches Doktorexamen gemacht u. ist jetzt für 1/ 2 Jahr dem
hiesigen Landgericht zugeteilt. Die schriftliche Doktorarbeit
wird demnächst fertig. Wie er seine Zukunft gestalten wird, ob er
sich habilitiert oder die Beamtenlaufbahn einschlägt, ist noch un-
entschieden.
Von Ihren alten Bekannten ist wol nur Fritz Kaufmann hier.
Frl. Stein ist in Breslau u. hält Vorlesungen an der Volkshoch-
schule. Eine große Arbeit erscheint im nächsten Jahrbuch. Der
Druck des gegenwärtigen Bandes ist bereits abgeschlossen. Er
enthält Geiger, Pfänder (Logik, ein sehr großes Ding) u. eine
kleine Arbeit von Hering (über Wesen und Wesenheit), der uns
übrigens im Sommer in St. Märgen besucht hat. Er ist sous-direc-
teur an einem College theologique in Paris u. sieht viel kräftiger
aus als früher. Ihre Arbeiten sollen auch ins nächste Jahrbuch,
sie befinden sich bei Prof. Pfänder, der dann wol auch mit die
Correktur lesen wird. Ich adressiere diesen Brief nach Krakau, er
wird Ihnen eventuell nachgeschickt werden.
Mit herzlichen Grüssen, auch an Ihre liebe Frau.
Ihre Malvine Husserl
BRIEFE VON HUSSERL 17

XIII

Freiburg, 30. XII. 1920


Lieber Freund.
Ich habe Sie schlecht behandelt. Auf Ihre schönen und herzens-
warmen Briefe habe ich nur mit Karten geantwortet, und so thu
ich auch heute. Doch hat Ihnen inzwischen meine Frau geschrie-
ben. Allem voran herzlichste N.J.-wünsche, für Sie und Ihre Fa-
milie. Hoffentlich haben Sie inzwischen mit Ihrem Sohn nicht nur
Bekanntschaft gemacht, sondern an ihm schon viel Freuden ge-
wonnen. Geht es Ihnen allen gut? Ich darf nun leider so bald nicht
hoffen, Ihre Frau Gemahlin kennenzulernen. Bitte grüßen Sie sie
von mir freundlichst. Ich lebe weiter noch in toller Arbeit. Ich lese
"Logik", in Wahrheit ist es transzend[entaleJ Logik, allge-
meinste Theorie der Constitution, anfangend v. einer Theorie des
ursp[rünglichenJ Zeitbewußtseins, Urtheilstheorie etc. 10 . Wir ha-
ben weiter noch großen Betrieb, den Sie nicht wiedererkennen
würden, 2 schwierigste Seminarien u. eine Serie vorzüglicher
Phänomenologen, die voll Eifer sind. Heidegger liest relig.-phä-
n[omenologischeJ Probleme Z.Z. im Anschluß an Galaterbrief etc.
(Paulus, Augustin). Schade, daß Sie gerade in einer todten Zeit
hier waren. Momentan freue ich mich der Weihnachtsferien u. der
Pause für weitere Vorbereitung. ]ahrb. IV ist beim 28. Bogen,
die Druckerei ist leider oft lässig. Die beiden nächsten Bände wer-
den unmittelbar nacheinander gedruckt werden. Ihre kleinere
Abh. soll noch in IV erscheinen, Prof. Pfänder übernimmt die
Correctur 11. Oder wollen Sie corr.? Ist die Post zuverlässig? Nun
lassen Sie es sich gut ergehen, alle schöne Wünsche z. Habilit.
Was macht Hr. Rosenblum 12? Frl. Stein lebt in Breslau. Herr
Clauss macht jetzt, durch viele Miseren gestört, den Doktor mit
seiner germanist. Examensarbeit u. war in diesen Semestern bei
uns wenig zu sehen. Ich denke, er wird bald wieder auf dem
Damm sein. Verzeihen Sie meine Kürze. Ich schreibe seit I Woche
beständig Briefe.
Herzlichst Ihr
Prof. E. Husserl
Freiburg Lorettostr. 40
18 BRIEFE VON HUSSERL

XIV

Freiburg i.B., 28. III. 21

Lieber Herr Ingarden.


Mein Mann hat sich sehr über Ihren Brief gefreut u. ich eben-
falls. Es ist schön, daß Sie so herzliche Gefühlen hegen, u. Sie dür-
fen überzeugt sein, daß sie ebenso erwiedert werden. Die Wid-
mung der Arbeit gilt genau so viel, als ob sie ein großes Buch wäre,
u. mein Mann hofft bald, dazu zu kommen. Jetzt hat er erst mit
dem Bande angefangen u. steht noch in dem Geiger'schen Artikel.
Der neue Jahrbuchband wird nun bald mit dem Druck anfangen,
u. dahinein kommt nun auch Ihre Dissertation. Dr. Heidegger hat
die Durchsicht in stilistischer, d.h. sprachlicher Beziehung über-
nommen. Es wird Sie interessieren, daß Frl. Walter jetzt in Mün-
chen summa cum laude promoviert hat u. ihre Arbeit ins über-
nächste Jahrbuch kommt.
Was die übersetzung der Logischen Untersuchungen anlangt,
so ist dieselbe an die Einwilligung des Verlages gebunden 13. Nie-
meyer ist einverstanden u. verlangt die mindeste Betheiligung,
nämlich 1000 M. Glauben Sie, daß ein polnischer Verlag diese Be-
dingung auf sich nehmen kann, oder ob dadurch die Übersetzung
gefährdet wird?
Kennen Sie nicht auch Koyre? Er lebt jetzt dauernd in Paris u.
ist dort in der Habilitation begriffen. Eine kleine Arbeit über die
Zenonischen Argumente (dem Andenken Reinachs gewidmet, von
dem er die Anregung dazu empfing) erscheint auch im nächsten
Jahrbuch. Er arbeitet in Paris mit Hering zusammen, haupt-
sächlich historisch (über Scholastik), weil dies zunächst in Paris
von jungen Philosophen verlangt wird. Lipps habilitiert sich in
Göttingen.
Bei uns geht es gut. Mein Mann hat im Winter ein sehr bedeu-
tendes Colleg gehalten (Transcendentale Logik) u. will nun das
Schwergewicht seiner Arbeit auf die Herausgabe seiner Msc. ver-
legen. Natürlich wird da alles von Grund auf neu gestaltet. -
Meine Tochter ist wieder zu Hause, u. unser Sohn geht in einigen
Wochen nach Göttingen zur Staatsanwaltschaft.
BRIEFE VON HUSSERL 19
Hoffentlich geht es Ihrer lieben Frau u. Ihrem Prinzen gut u.
Sie selbst sind in guter Arbeit.
Mit herzlichen Grüßen von uns allen
Ihre Malvine Husserl

xv
Freiburg, 20. 6. 21

Lieber HeIT Doktor.


Es ist mir eine große Freude, daß Sie mich über Leben und
phil. Arbeit im Laufenden halten u. mich freundschaftlich theil-
nehmen lassen. Soeben wollte ich gerade selbst schreiben. Ihr
Bergson ist im Druck, ein Bogen schon in I. COIT. Dr. Heidegger
hat das große Opfer gebracht, Ihr Msc. sprachlich auszufeilen, u.
desgl. Prof. Pfänder, die Correcturen besorgen zu wollen. Sollten
Sie in W[arschauJ jemand haben, der im Deutschen absolut zu-
verlässig ist, so daß Sie dort die Correcturen vollziehen könn-
ten, so wäre das natürlich sehr erwünscht, u. dann bitte um um-
gehende Mittheilung an Herrn Pfänder u. mich. Der Druck ist
sehr eilig, da von Jahrb. V eine I-te Hälfte schon im Oktober
ausgegeben werden soll (die Steinsche Arbeit (17 Bogen) ist fertig
gedruckt). Ihre Arbeit wird circa IO Bogen haben. Senden Sie
auch umgehend an den Verlag das Msc. des Titelbla ttes für die
Diss.-Exemplare u. die Mittheilung, daß Sie noch die Verpflich-
tung für die Uni v. Freibg. haben u. ich Ihnen s. Zeit die Zusage
gemacht habe. Ich gehe Morgen zum Dekan u. hoffe, daß Sie mit
circa 10 Exemplaren loskommen. - Die Lage im deutschen Buch-
handel bei den phantastischen Druck- u. Papierpreisen ist so ge-
worden, daß es schwer geworden ist, auch für namhafte Autoren
ihre Schriften zu Drucke zu bringen. Jüngere Autoren müssen all-
gemein hohe Zuschüsse zu den Druckkosten bezahlen, auch in
den Zeitschriften. So ist von Honorar für Ihren Art. in IV keine
Rede, auch Hering war nicht anders daran. Wie sich Niemeyer
(der hochanständig ist) zu Ihrer Diss. stellen wird, weiß ich nicht,
ich zweifle, ob er Ihnen außer den Diss.-exemplaren u. dem Druck
des Umschlags noch ein Honorar bewilligen kann: für spätere
20 BRIEFE VON HUSSERL

Jahrbuchsarbeiten rechnen Sie schon zu den älteren Autoren u.


erhalten Honorar - gerade weil die nachrückenden jüngeren kei-
nes erhalten u. so die Bände verbilligen. Bleiben Sie immer in gu-
ter Gesundheit u. erhalten Sie sich in Ihrem jungen Heim u. in
den bewegten Zeiten eine philosophische Heiterkeit, innere Frei-
heit u. Welt überlegenheit - die Freiheit aus reiner Idee, die die
Kraftquelle für Ihre philos. Forschung sein muß. Pauca sed ma-
tura. Lassen Sie sich werden u. bestätigen Sie meine Hoffnungen
u. mein Vertrauen, wie bisher. Was sagen Sie zu Schelers Neuem?
("Vom Ewigen im Menschen"). Ein echter Scheler. Meine Frau,
die recht leidend war u. wieder wol ist, grüßt Sie herzl. Ich bin in
guter Arbeit. Grüßen Sie Dr. Rosenbl[um] fr.
Ihr E. Huss.

XVI

St Märgen, 6. VIII. 21

Lieber Herr Doktor.


Seit 31. VII. sind wir in St. Märgen, u. in der primitiven idylli-
schen Landwohnung, die in stiller Einsamkeit gelegen ist, fühle
ich mich wohl u. arbeite concentriert. Wie geht es Ihnen? Haben
Sie den Vordruck (Umschlag) für Ihre Dissert.exemplare an die
Buchdruckerei geschickt? Ich schreibe an die Druckerei, daß eine
Vita nicht zu drucken ist; das ist in Fr[eiburg] neuerdings nicht
nötig u. macht überflüssige Kosten. Ich habe durchgesetzt, daß
Sie nur 10 Exemplare (aber vollständige) abzuliefern haben.
Wenn der Druck fertig ist, so schreiben Sie officiell ein Schreiben
an den Dekan d. ph[ilosophischen] Fak., daß Sie IO Ex. gemäß
der Genehmigung d. Herrn Dekans als Diss.Ex. an die Fak. ab-
gehen lassen (durch den Verlag). Ihr Druck geht jetzt leider lang-
sam vorwärts, ich hörte nicht, warum. Erfreuen wird es Sie zu
wissen, daß Herr Niemeyer meinen dringenden Wunsch, Ihnen
ein Honorar zu gewähren, erfüllt hat. Sie erhalten 50-60 M pro
Bogen, unter Abrechnung der Kosten für die Diss.ex. Das Nor-
male ist jetzt, daß selbst ältere Autoren in Deutschland zu den
Druckkosten hohe Zuschüsse leisten müssen. Aber die phä-
nom[enologischen] Schriften haben jetzt ein großes Publikum,
BRIEFE VON HUSSERL 2I

u. N[iemeyer] ist ein vornehm gesinnter Verleger. Sie erhalten


demnächst Besuch von Frau Dr. Weizman aus Lodz, einer Schü-
lerin von G. von Spett-Moskau, die mir recht gut gefallen hat u.
die ich Ihnen u. Rosenblum empfehle. Unser Kreis hier hat sich
verkleinert, aber ist recht gut. Ich habe mich etwas zurückgezo-
gen, um für mich arbeiten zu können, u. las nur Gesch[ichte] d.
neueren Phil[osophie]. Näheres erzählt Frau W[eizman]. Ich hat-
te im Juli einen sehr erfreulichen Besuch von Koyre, der in Paris
habilitiert ist (2 gr. Arbeiten über Anselmus v. Canterbury, Des-
cartes u. die Scholastik) u. mit Leib u. Seele Phänomenologe.
Hering arbeitet an seiner Dr.-These für Paris. Lipps ha t sich in
Gött[ingen] habilitiert mit einer philos. mathemat. Arbeit. Rei-
nachs gesammelte Schriften (incl. Nachlaß) sind bei Niemeyer
jüngst erschienen. - Alle Ihre Briefe erfreuen mich sehr, leid thut
es mir nur, daß Sie von W[arschau] fort müssen. Hoffentlich hilft
Ihnen Ihre gr. Bergson-Arbeit. Wann sehe ich Sie wieder? Geht es
Ihrer w. Familie gut? Meine Frau grüßt herzlichst. Freundschaft-
lich
Ihr E. Husserl

Bell lehrt in Toronto (Universität). Fr. Grüße an Herrn Ro-


senblum. Sind Sie mit Streichung Ihres Literaturverzeichnisses
einverstanden?
Kann nicht das Literaturverzeichniss Ihrer Bergson-Arbeit ge-
strichen werden? Bitte Nachricht.

XVII
Freiburg, 25. XI. 21

Lieber Freund!
Es ist mir schon versagt, Ihnen einmal ausführlich schreiben zu
dürfen u. ich hätte so sehr das Bedürfniss, gerade mit Ihnen, den
ich zu meinen nächsten Freunden zähle, mich auszusprechen.
Ihre Briefe erfreuen mich und auch meine Frau ganz außerordent-
lich. Alles, was Sie von Ihren Arbeiten, Plänen (von Ihrem Leben
schreiben Sie leider zu wenig, nichts darüber, wie es mit dem
Schuldienst geht) schreiben, interessiert mich lebhaft. Gerne
22 BRIEFE VON HUSSERL

nehme ich für das Jahrb. VI jede Ihrer Arbeiten - Sie wissen
selbst, wie groß die Anforderungen sind, die wir an dieser Stelle
erfüllen müssen, u. thun gewiß Ihr Bestes. Msc. senden Sie bitte,
sobald fertig u. genau durchgearbeitet, an Prof. Pfänder, der jetzt
der eigen tl. geschäftsführende Redacteur ist.
Wir gratulieren Ihnen u. Ihrer Gemahlin herzlich zu Ihrem
z-ten Sohne. Möge er zu einem rechten, reinen Menschen erwach-
sen, daß die neue Welt, der er einmal angehört, eine schönere u.
bessere sei. Interessiert sich Ihre Gemahlin auch f. Philosophie?
Gerne würden wir sie kennenlernen. Aber wann können Sie ein-
mal herkommen?! Ich hätte viel zu erzählen: ich habe große
Fortschritte gemacht u. habe seit Ihrer Abreise gar viel gearbei-
tet. Ich arbeite jetzt seit einigen Monaten meine allzu großen
Msc. durch u. plane ein großes system. Werk, das von unten auf-
bauend als Grundwerk der Ph[änomenologie] dienen könnte 14.
In diesem Sem. lese ich ein bloß z-stünd. Colleg u. dazu Seminar:
So habe ich freiere Arme für die Arbeit. Im Seminar wieder viele
sehr fortgeschrittene, u. z. Theil fertige junge Philosophen. Sogar
3 japanische Dozenten (von je einer der 3 jap. Universitäten) sind
hier, für mindest I Jahr, um sich in Ph[änomenologie] auszubil-
den. Die Collegs muß ich in den großen Hörsälen (meist im größ-
ten) halten, trotzdem habe ich wieder die disput. Form einge-
führt. Was Sie von Frl. Stein schrieben, hat mich betrübt - mir
selbst schrieb sie nicht. Es ist leider eine große Übertrittsbewe-
gung - ein Zeichen des inneren Elends in den Seelen. Ein echter
Ph[ilosoph] kann nur frei sein: das Wesen der Ph [ilosophie] ist
radikalste Autonomie; ganz in Ihrem Sinne. Sie erhalten von
Niemeyer Jahrb. V, aus der Bellstiftung f. d. Ph[ilosophie] in mei-
nem Auftrage. Ich habe für Sie auch ein höheres Honorar erbeten,
vielleicht setze ich's durch. Soeben kommt Dr. Heidegger (der
eine schöne Wirksamkeit hat), einen Gruß von ihm!
Herzlichst
Ihr E. Husserl
Vorderseite der Briefkarte Husserls an Roman Ingarden vom 14. Dezember 1922
(Nr. XVIII).
BRIEFE VON HUSSERL 23

XVII

Frbg. am Weihnachstfest, 24. XII. 2I

Lieber Freund!
Denken Sie sich, Ihr l[ieber] Brief kommt gerade 2 Stunden
vor der Weihnachtsbescherung, als schöne W-freude, am Abend
lese ich ihn meiner Frau vor, Sie wissen, wie sehr sie Sie ins Herz
geschlossen hat. Sie wird sich, wie ich, freuen. Vielen Dank f. Ihre
ausführl. Mittheilungen über Ihr leider recht erschwertes Le-
ben 15. Seien Sie aber mit Ihrer l[ieben] Frau nur guts Muts. Sie
haben es doch relativ gut in trüber Zeit u. haben den festesten
Ankergrund in Ihrer 3Loc&e;cHC;; auf die letzten idealen Werte u. im
Willen, reiner Humanitas zum Durchbruch zu verhelfen. Dem
gilt unsere Ph. * u. unser ganzes Streben. Mit Ihnen stimme ich in
allen Urtheilen zu meiner Freude ganz überein. Wie über Frl.
St[ein] so über die neue Schrift von Frau CConrad]-Mart[ius]. Ich
war genau so befremdet; aber sie war nie eigentlich meine Schüle-
rin und den Geist einer Ph[ilosophie] "als strenger Wiss[en-
schaft]" lehnt sie bewußt ab. Aufrichtig gesagt, wiederholt erwog
ich, ob ich nicht vom J ahrb. zurücktreten solle. Selbst Pfänders
Phän[omenologie] ist eigentlich etwas wesentlich Anderes als die
meine, u. da ihm die const[itutiven] Probleme nie voll aufgegan-
gen sind, gerät er, der übrigens Grundehrliche und Solide, in eine
dogm. Metaph[ysik]. Schon Geiger ist nur 1/4 Phänom[enologe].
Sie aber sind, meine ich, ein ganzer. Wie schade, daß Sie nicht 2
Jahre später hier waren u. die 4 intensiven Vorlesungssemester
mitgemacht haben. Sie hätten meinen Horiz. ganz durchschaut.
Ich bin ja so viel weiter gekommen, obwohl ich die Id[een] I nicht
verwerfe (nur in manchen Einzelausführungen, die hinter meinen
Msc. zurückbleiben), so habe ich doch das Systemat. sehr viel wei-
ter geführt u. in allem Prinzipiellen viel gereinigt. Ich bin ganz
sicher geworden. Gott wird schon weiter helfen. Heidegger hat
seine kraftvoll merkwürdige Eigenart auch weitergebildet u. wirkt
stark. Was auch immer in ihm wird, es wird ein Hochwertiges

* Es ist aus dem Zusammenhang nicht zu ersehen, ob hier Philosophie oder Phäno-
menologie gelesen werden muß. (Anm. d. Hrsg.)
24 BRIEFE VON HUSSERL

sein. Prächtig entwickelt hat sich Dr. Becker, der soeben hier
seine philos. math. Habil.schrift einreicht. Er ist reiner Phäno-
m[enologeJ geworden u. ist auch in der Aesth[etik] verwurzelt
(wie auch Fr. Kaufmann). Ich bin momentan müde, abgearbeitet,
aber lege mich bald wieder ganz ins Zeug. Denken Sie, die Lon-
doner Universität hat mich oficiell eingeladen, dort 4 Vorlesg. zu
halten. Ich habe angenommen, wohl Ende Apr. oder Ende Juni.
Ich werde bei Prof. Hicks in Cambridge logieren. Überarbeiten
Sie sich nur nicht, freuen Sie sich Ihrer schönen Probleme u.
schreiben Sie darüber. Das Jahrb. V ist aus einer Stiftung BeUs
angeschafft u. geschenkt. Neumann ist a.o. Prof. d. Germanistik
in Leipzig u. doch ein tiefgebildeter Phän[omenologe] geworden.
Lipps hat in G[öttingen] Urlaub u. schwimmt als Schiffsarzt a. d.
Meere. Wir haben hier 3 Japaner, einer scheint Ph[änomenologe]
zu werden. Nun noch alle Glücks- u. Segenswünsche von uns al-
len. Halten Sie treue Freundschaft
Ihrem alten Lehrer
E. Husserl
Für Sie ist ein Honorar von 100 M. pro Bog. bestimmt.

(Hier fehlt eine Reihe von Briefen Husserls, die augenscheinlich


verloren gegangen sind).

XVIII

14. XII. 22, Freiburg i.B., Lorettostr. 40.

Lieber Freund!
Ihre Briefe, die mich immer so sehr erfreuen, finden arg lang-
same u. kurze Beantwortung 16. Aber wenn Sie wüßten? .. Ich
war sehr enttäuscht, daß Sie das Pariser Stip[endium] nicht be-
kamen u. Sie daher nicht nach Fr[eiburg] kommen konnten u.
können. Im Sommer war Hering I Woche u. Koyre (Dozent a.d.
Sorbonne) 3 Wochen hier. Überhaupt habe ich einen auserlesenen
Kreis sehr Vorgeschr. hier, im Seminar ca. 30, u. nur fertige junge
Philos., die Hälfte Ausländer (auch Engländer, Japaner etc.). Das
giebt Anregung u. hochgehende Discussionen. Ich arbeite die
BRIEFE VON HUSSERL 25
Londoner Vorträge als radicale ganz princip[ielle] medit[ationes]
de pr[ima] Phil[osophia] aus, jetzt als neue "Einl. in die Ph[iloso-
phie]" , 4-stündig. Dazu noch andere Arbeiten. In England fand
ich wärmste Aufnahme, nachträglich hat mich die Arist. Society
z. Corresp. Mitglied gewählt. Hier in D[eutschland] übt die
Phän[omenologie] grosse Wirkung, wie Sie an der Anzeige, Deut-
sche Liter[atur]zeitung v. 4. XI. 1923, ersehen, in der sehr ein-
gehend u. anerkennend auch auf Ihren kleineren Artikel Bezieh-
ung genommen ist. Sie werden gelegentlich in W[arschau] die
beiden Artikel über d. Jahrbuch lesen können. Wenn ich nur
Luft habe, schreibe ich ausf. J ahrb. VI ist fertig u. erscheint in d.
Tagen, mit wertvollen Beiträgen, bes. auch 2 philos.-mathem. In
VII erscheint eine grundlegende gr. Arbeit über Aristot. von Hei-
degger. Wann schicken Sie wieder einen Beitrag? Wie geht es
Ihnen u. Ihrer Farn.? Meine Frau gedenkt Ihrer auch herzlich.
Schöne gr. Fortschritte!
Ihr getreuer
E. Husserl

Ich schreibe 4 Artikel über socialeth[ische] Probleme (Er-


neuerung) für japan. Zeitschrift. Schöne Feste!

XIX

Freiburg, 3I. VIII. 1923

Lieber Freund!

Ich gedenke Ihrer noch in alter Herzlichkeit, u. Ihre Briefe


sind mir eine große Freude. Sollte ich Ihnen so lange nicht ge-
antwortet haben? Es ist schwer zu schreiben, es liegt viel Schwe-
res auf der Seele, obschon ich privatim nicht klagen kann. Mei-
ne Tochter seit Weihnachten in Berlin glücklich verheiratet, u.
mein Sohn heiratet demnächst in G[öttingen], wohin wir soeben
reisen. Ich habe ja auch den Segen der Ph. *, ich habe allzeit u.

• Es ist aus dem Zusammenhang nicht zu ersehen, ob hier Philosophie oder Phäno-
menologie gelesen werden muß. (Anm. d. Hrsg.)
26 BRIEFE VON HUSSERL

fruchtbar weitergeforscht, war nie produktiver als in d. letzten


Jahren. Auch nach Außen wirkt die Ph[änomenologie] in geom.
Progression, das Seminar u. Colleg hat fast allzuviel Ausländer,
aber z.Th. sehr wertvolle. Die Ph[änomenologie] beginnt die jün-
gere Generation in Amerika, Japan, England zu bestimmen, Ruß-
land ist sehr rührig etc. In Deutschland hat sich die Wirkung
überraschend erweitert, und nun habe ich gar, trotz meiner 64,
einen Ruf nach Berlin für Troeltsch erhalten u. - abgelehnt. Ich
bleibe meiner Lebensaufgabe treu u. will mit den mir bewilligten
2 Assistenten lehrend u. forschend noch ein gut Stück schaffen.
Heidegger geht als Ordinarius nach Marburg, Geiger nach Göt-
tingen (meine frühere Stelle). (Überall will man jetzt Ph[änome-
nologen].) Becker wird nun mein Lehrassistent. Die Londoner
Vorträge habe ich nicht gedruckt. Ich erweiterte sie z. einer 4-st.
Wintervorlesg., u. im nächsten Winter vertiefe ich sie noch mehr
u. bereite sie mit meinem Arbeitsassist. z. Drucke vor 17. Es wird
das: Ein prinzip [ieller] Entwurf zu einem System d. Philosophie
im Sinn d. Ph[änomenologie] u. in Form von medita[tiones] d[e]
prima philosophia, die als "Anfang" die wahre Philosophie
(wesensmäßig) eröffnen müssen. Sie müssen wieder einmal kom-
men! Für den nächsten Sommer hat sich Bell angekündigt. In
diesem mußten leider Hering u. Koyre ausbleiben. Was Sie mir
über Habilit. u. Pläne u. über die poln. Philosophen schrieben,
las ich mit Theilname und Interesse. Möge Ihnen der Himmel die
Kraft u. die feste Gesinnung zu einer neuen Art radicalster u.
selbstlosester Philosophie geben, die unserer Epoche so bitter
notthut. Wir müssen den Mut haben zu einem neuen Leben u.
zunächst einer neuen Art wissenschaftl. Lebens. Der Gang zu den
"Müttern" ist der Gang zurück u. vorwärts zu einem "ursprüng-
lichen" Leben, das in allem u. jedem durch Ursprungsklarheit
sein Recht, seinen Sinn, seine Redlichkeit vertreten u. sich bis ins
Letzte verstehen kann. Die Menschheit kann sich nur selbst er-
lösen, u. sie kann das nur, wenn wir, jeder von uns u. für sich, die
Selbsterlösung vollzieht; wenn wir Einzelne den Mut finden u.
den großen Willen, unser ganzes Absehen auf Selbst erklärung,
Selbsterkenntnis u. dann Selbstreinigung z. richten, u. von da aus
die Idee einer universal verbundenen echten Menschheit, einer
übernationalen Humanität (nur echten nationalen Sonderein-
heiten), Reinheit u. Recht klärend vorzubereiten. Sie sind be-
BRIEFE VON HUSSERL 27
rufen, bleiben Sie in der Liebe u. verlieren Sie sich nicht an die
Welt. Ich rechne auf Sie, gedenke Ihrer oft als
Ihr getreuer
E. Husserl
Senden Sie etwas zum Jahrbuch?

xx
Freiburg i.B., 25. H. 24
Lieber Herr Ingarden,
Da mein Mann heute keine Zeit zum Schreiben hat, so teile
ich Ihnen in seinem Auftrage folgendes mit:
Ihre Schrift kann, sowie sie fertig ist, im Jahrbuch Aufnahme
finden 18. Jetzt wird eine Arbeit von Frl. Stein gedruckt, u. an-
schließend kommen Sie daran. Im selben Sinne wird gleich an
Niemeyer berichtet. Trachten Sie also, möglichst bald im April
Ihre Abhandlung einzuschicken (an meinen Mann). Vielleicht
könnten Sie vorher den Umfang abschätzen u. mitteilen.
Es ist sehr schön, daß die Sache so gut paßt. Der Beitrag von
Prof. Heidegger hat sich durch seine Berufung nach Marburg ver-
zögert, u. der meines Mannes kommt auch erst im Sommerse-
mester zum Druck.
Wir freuen uns sehr, daß Ihrer Habilitation nichts mehr im
Wege steht u. Sie endlich in ein einheitliches, wissenschaftliches
Arbeiten kommen werden.
Hoffentlich sehen wir Sie bald in Freiburg. Für diesen Sommer
hat auch Bell, den Sie doch kennen, seinen Besuch angekündigt.
Herzliche Grüße, auch an Ihre Frau
Malvine Husserl

XXI

r6. VI. 24. [Poststempel]


Lieber Herr Doktor.
Ich freue mich sehr über Ihre guten Berichte u. hoffe, Sie nun
bald als Collegen begrüßen zu können. Das Schlußstück Ihrer
28 BRIEFE VON HUSSERL

Hab. schrift ist zur redactionellen Durchsicht bei Dr. Becker,


bzw. Dr Kaufmann: Die Correcturen bitte ich (ev. mit Hilfe
eines Thorner Collegen) sehr sorgfältig zu vollziehen, wir lesen
in Fr[eiburg] nur die letzte Correctur, und bloß dem Sinne nach.
Habe ich Ihnen schon gesagt, wie sehr meine Frau und ich
selbst uns über das prächtige Bild Ihrer Söhne gefreut haben? Sie
sehen gar herzig und stattlich aus. Wann werden Sie endlich nach
Fr[eiburg] kommen?
Es ist mir schmerzlich, daß ich Ihre lieben und inhaltreichen
Briefe nicht angemessen beantworten kann. Wie viel schwerer
hat sich mein Leben gestaltet, seit der Zeit, da Sie in Fr[eiburg]
studierten. Ich kann kaum noch meine Pflichten erfüllen. Bald
hoffe ich, Ihnen einen S[onder-]A[bdruck] meiner Kantrede
(K[ant] u. die Idee der Tr[anszendental-]Philosophie) senden zu
können 19. Sie soll bald gedruckt werden. Ich wünsche sehr, die
Continuität mit Ihnen zu erhalten, u. da ist nur eine Möglichkeit,
daß Sie mich besuchen. Bitte grüßen Sie Prof. Tward[owski] herz-
lich von mir. Ich glaube, daß Sie sich mit ihm gut verstehen wer-
den. Sie sind ja Enkelschüler Brentanos u. er directer Schüler u.
wohl nicht so orthodox gebunden, daß er unsere fortführenden
Motive nicht nachverstehen könnte. Meine Frau grüßt Sie herz!.
Wir gedenken Ihrer oft u. in alter Freundlichkeit. Beste Em-
pfehlung an Ihre Fr. Gemahlin.
Ihr getreuer
E. Husserl

XXII
Frbg. 27. 9· 24
Lieber Freund.
Ich mag einen so lieben Brief, wie Ihren letzten, nicht mit einer
Karte beantworten u. kann doch nicht in diesen nächsten Tagen
ausführlich schreiben. Ich muß eine Abhandlung für d[as] Jahr-
buch fertig machen, und da ist, im jetzigen Stadium, jede Stö-
rung gefährlich 20. Ich schreibe aber bald und grüße Sie inzwi-
schen recht herzlich als
Ihr altgetreuer
E. Husserl
BRIEFE VON HUSSERL 29

XXIII

9. 12. 24 [Poststempel]

Lieber Herr Ingarden.


Sie werden mich für sehr unfreundlich halten, daß ich nicht
eher etwas von mir hören ließ. Aber ich war längere Zeit recht un-
wol gewesen, u. so verschob sich die Erledigung Ihrer Bitte. Heu-
te ist das Paket (mit Wertangabe 250 M.) nach einigen Schwierig-
keiten abgegangen, u. ich hoffe, daß es unversehrt u. ohne Ver-
zögerung in Ihre Hände gelangt 21. Ihre zweite Bitte konnte ich
jetzt nicht erfüllen, weil mein Mann sich schon lange nicht mehr
photographieren ließ, aber er will es bestimmt im Laufe des Win-
ters tun, u. dann schicke ich Ihnen ein Bild. Mein Mann wird
Ihnen in den Weihnachtsferien endlich den lange versprochenen
Brief schreiben, er ist in so fieberhafter Arbeit, daß er seine ganze
Correspondenz liegen ließ u. alles in den nahen Ferien, die wir im
Schwarzwald verbringen werden, nachholen will. Ich habe sehr
bedauert, daß Sie Ihren geplanten Besuch in Fr[eiburg] wieder
fallen ließen, es ist doch ganz etwas anderes, wenn man sich wie-
der einmal persönlich ausspricht. Sie hätten mir viel von Ihrer
Frau u. den herzigen Kindern erzählen müssen. Wir haben jetzt
auch ein entzückendes Enkelkind in Berlin, das im Sommer mit
meiner Tochter u. deren Mann bei uns war. Unser Sohn (Jurist)
liest jetzt sein erstes Semester in Bonn, wo er sich im Juli habili-
tiert hat. Er ist auch schon I Jahr verheiratet mit einer reizenden
Professorentochter aus Göttingen (Tammann). In Deutschland
sind wieder normale Verhältnisse, worüber jeder Einzelne glück-
lich ist. Wärmste Grüße Ihnen u. Ihrer Frau.
Malv. Husserl
3° BRIEFE VON HUSSERL

XXIV

[Wahrscheinlich gegen Weihnachten 1924 22J

Lieber Freund.
Seit einer Woche sind wir zu Erholung in Breitnau, das Sie
wohl nicht kennen - I Stunde zu Fuß von Hinterzarten (Höllen-
thalbahn) , 1025 m hoch. Hier genoßen wir den herrlichsten Hö-
hensonnenschein, fast sommerwarm, wo unten in den Thälern
kalter Nebel lag. Heute ist Regenwetter eingetreten, und sogleich
schreibe ich Ihnen. Wie schlimm habe ich Sie, den altgetreuen
Freund, behandelt, da ich so manchen herzerfreuenden Brief
nicht beantwortete (allerdings, eine Zuschrift von mir im letzten
Sommer ist sicher verloren gegangen!). Aber es ist wirklich keine
Kleinigkeit, inmitten der großen Arbeiten, die ich nicht verlassen
darf, und der akademischen Geschäfte, die oft langehin recht
zeitraubend sind, meine allzugroße Correspondenz in Gang zu
halten. Bei meinem Alter die Erndte des Lebens nicht einge-
bracht zu haben, ist eine tragische Situation. Ich muß also jede
gute Stunde ausnützen. - Es ist für mich traurig, daß beste
Schüler und Freunde (u. wer stände mir wissenschaftlich u. per-
sönlich näher als Sie?) von mir durch solche Räume getrennt
sind. Ihr Wunsch, mir wieder nahe zu sein, ist gewiß auch der
meine. Zunächst war ich von Ihrem Schweizer Plan ganz fasci-
niert 23. Aber ausführbar dürfte er kaum sein .Von einem deut-
schen Nationalismus ist dort keine Rede, u. tüchtigen auswärti-
gen Dozenten, welcher Nation immer, werden dort bei einer Ha-
bilitation kaum Schwierigkeiten gemacht. Aber die Schweiz hat
ihren Schweizer Nationalismus, sie unterstützt durch Stipen-
dien nur eingeborene Schweizer. Bei offenen Stellen (Professuren)
wird ein allgemeiner Concours ausgeschrieben, jeder kann sich
bewerben. Aber die Aussicht, gewählt zu werden, ist unsicher, u.
zudem sind jetzt keine Stellen frei, soviel ich weiß. Und doch, wie
notwendig wäre es, daß Sie zu uns hier wieder Fühlung gewönnen.
Leider waren Sie in ungünstiger Zeit in Fr[eiburgJ. Da es an
einem philos. Publikum fehlte, lebte ich eigenen Studien und
sprach mein Bestes und Letztgereiftes nicht in Vorlesungen aus.
Wie schade, daß Sie die Vorlesungen der letzten Reihe von Jah-
BRIEFE VON HUSSERL 3I
ren und die oft sehr hochgestimmten Seminare (meist mit stren-
ger Auswahl) nicht mitgemacht haben. Die Vorlesungen waren
neue systematische Entwürfe, u. freilich von allzu hohem Niveau,
für Männer wie Sie gerade recht. Ich hatte in den Jahren I8-23
ein ganz ungewöhnliches Hörermaterial. Nebenbei bemerkt, ist
Herr Schayer wenig competent, Ihnen zu berichten. Ich wies ihn
im Seminar nicht ab, da er vor der Zeit, wo ich anfing, strenge
Auslesen zu machen, schon semesterlang Übungen mitgemacht
hatte. Aber soweit war er nicht, um wirklich mitthun zu können.
Es gab gewiß auch sonst Manche von minderem Niveau, zeit-
weise auch eine frondierende Schelergruppe; aber es gab genug er-
freuliche Leute. Vielleicht bin ich im Eifer eigener Arbeit nicht so
leicht zugänglich gewesen. Vielleicht auch, daß ich zu tiefe, zu
schwierige Vorlesungen hielt, wie etwa die beiden einander ergän-
zenden Fundamentalvorl., die eine: "erste Philosophie", die eine
radicalste phänom[enologische] Begründung d. Sinnes u. der
Tragweite der phänomenologischen Reduction brachte, die ande-
re einen Entwurf einer Kritik der transcendental-phänomenolo-
gisehen Erkenntnis, als letztes Fundament einer jeden obj[ekti-
ven] Erkenntniskritik 24. Ich glaube darin u. in vielem sonst
große Fortschritte gemacht und die ph[änomenologische] Philo-
sophie auf eine neue Stufe erhoben zu haben. Sie werden hoffent-
lich bald darin Einblick gewinnen und, wie ich meine, Verständ-
nis dafür und Freude daran haben Auch die Gedanken der alten
Göttinger Vorlesung von I909/IO, welche die Einführung und die
Erweiterung der ph[änomenologischen] Reduction auf die Inter-
subjectivität brachte 25 (die Ph[änomenologie] ist nur scheinbar
solipsistisch, die volle trans[zendentale] Reduction ergiebt, über
das Ego hinaus, das mit ihm in Gemeinschaft stehende offene
Ich-All), wurden neu abgerundet vorgetragen. Jetzt arbeite ich
diese Entwürfe für d. Jahrb. aus - meait[ationes] a[e] pr[ima]
Phil[osophia] unter universalsten und radicalsten Gesichtspunk-
ten 26. Ich denke, jetzt wird es gelingen. Letzten Sommer haben
gesundheitliche, an sich unbedeutende, Störungen mich um Zeit
u. Kraft gebracht, so daß der erste Versuch nicht zu Rande kam.
Ich bin noch - allzusehr - productiv, ich sehe, da ich hoch hinauf-
geklettert bin u. nach 3-4 Jahrzehnten steter Arbeit zu den lich-
ten Höhen emporgedrungen, zu viel. Ich kann nicht glauben, daß
ich abberufen werden soll, so ich viel zu sagen habe, u. gerade das,
32 BRIEFE VON HUSSERL

was zu sagen meine Mission war. Doch wie Gott will. Ich will
weiter mit Ihm ringen, bis daß er mich segne, u. will rüstig u. nun
erst recht unermüdlich schaffen, daß ich meine Erndte sichte und
nutzbar mache. Allem voran rechne ich auf Sie - es kann nur we-
nige geben, die meine Schriften so intensiv studieren, wie es für
sie unbedingt notwendig ist. So lange erwogen, so tief unterbaut
haben nur wenige Autoren je ihre Arbeiten - freilich auch so
schwer gelitten unter der Last der Verantwortung. Es ist kein
Glück, sondern ein schweres Schicksal, glauben zu müssen, daß
man dazu berufen sei, der gesamten Philos. u. Wissenschaft für
alle Zukunft neue Wege zu bereiten; und zugleich so überzeugt zu
sein von der Disproportion zwischen der Kleinheit der eigenen
Begabung u. der Größe solcher Aufgabe 27.
Nun will ich noch sagen, daß wir uns freuen, daß das Paket
Ihrer Bücher, dessen Beförderung man hier schon genug Schwie-
rigkeiten entgegensetzte, nun doch in Ihre Hände gelangt ist.
Meine Frau u. ich grüßen Sie u. Ihre Familie herzlich. Hoffent-
lich auf ein baldiges Wiedersehen! Ihr altgetreuer
E. Husserl
Ihre Ess[entialen] Fragen habe ich nur in Bruchstücken bisher
lesen können. Vielen Dank für das dedic. Exemplar. Vielleicht
kann ich noch hier das Ganze als Ganzes studieren. Es ist ein
tüchtiges Stück Arbeit u. viel Scharfsinn! Des Näheren mich aus-
sprechen kann ich noch nicht.
Was Ihren Plan einer Einl. in d. Ph[änomenologie] anlangt,
möchte ich raten, noch meine Medit[ationen] abzuwarten.
Eigentlich giebt es keinen schwierigeren Vorwurf als den einer
Einleitung, u. doch bedarf es einer solchen sowol für die Phllos[0-
phie] selbst als Philos[ophie], wie für den lernenden Anfänger,
für den sie freilich anders zu gestalten ist.

XXV

Freiburg, 27. VI. 25


Lieber Herr Doktor.
Die größte Hemmung für mein Schreiben an Sie ist, daß ich
Ihnen gerade zu viel schreiben möchte. Sie gehören ja zu meinen
BRIEFE VON HUSSERL 33
nächsten Freunden. Ich lebe im verzweifelten Kampf mit meinen
gar zu großen Entwürfen. Diesen Sommer habe ich zudem eine
neue 4 st. Vorlesg.: Einl. in die phänom[enologische] Psychologie
(Prinzipienfragen der Ps. u. Geisteswiss.), die mich leider ganz
aufbraucht 28. Im Seminar fast mehr Ausländer als Deutsche (12
Nationen); diesmal hat es sehr hohen Rang, sehr fortgeschritten.
Stets bedauere ich, daß Sie nicht einmal mindest f. ein paar Wo-
chen kommen können. Wie viel hätte ich Ihnen u. hätten wir
einander zu sagen u. Sie müßten die neuen Ph[änomenologen]
kennen lernen. Die Jahrbuchsarbeit von Dr. Metzger wird Sie bes.
interessieren. Freilich, was er über meine Intention, mein Ver-
hältnis zu Rickert etc. sagt, ist grundverkehrt. Auch sonst mit-
unter etwas leerlaufender Scharfsinn, wenn ich nach dem ersten
Eindruck recht urtheile. Sehr wertvoll die Leibnizarbeit von
Mahnke. - Selbstverst. wird Herr Blaustein so wie jeder von Ih-
nen u. Coll[egen] Adjuk[iewicz] warm Empfohlene herzl. will-
kommen sein 29. Sehr viel Zeit widmen kann ich ihm freilich nicht,
zumal jetzt, wo so viele sich persönlich über ihre Zweifel oder an-
gefangene Arbeiten aussprechen wollen, auch die Habil. Dr.
Kaufmanns in Frage ist - u. das Kolleg.! Doch wird sich's viel-
leicht irgendwie machen lassen, u. er kann am Seminar theil-
nehmen. Ich lese bis 30. VII. ind. Viele guten Wünsche f. Lem-
berg 30. Halten Sie nur tapfer durch. Welch schöne Stütze haben
Sie an Ihrer Gemahlin, die ich bestens zu grüßen bitte. Geht es
den Kindern gut? Mein Sohn Gerhart (Doz. in Bonn) hat ein für
uns Phän[omenologen] wichtiges Buch Rechtskraft u. Rechtsgel-
tung (Springer-Verlag) geschrieben, phän[omenlogische] Grund-
legung zur apr[iorischen] Rechtslehre. Lesen Sie auch Beenken
([Konsequenzen und Aufgaben der] Stilanalyse) Z[eitschrift] f.
Aesth. u. allg. Kunstwiss., 18. Bd., darin auch andere ph[iloso-
phisehe] Aufsätze (Freib[urger] Schule). Fr. Grüße an Dr. Ajd[u-
kiewicz] u. Prof. Tw[ardowski]
Ihr altgetreuer
E. Husserl
Im August sind wir in Untersee am Hallstädter See.
34 BRIEFE VON HUSSERL

XXVI

Freiburg, den IO. Dezember I925


Lorettostr. 40

Lieber Freund!
Vor mir liegen Ihre 3 letzten, sehr lieben Briefe - ich nehme
auch den vom Juli dieses Jahres mit, da ich ihn seinerzeit nicht
ausreichend beantwortet habe. Vor allem meinen wärmsten Dank
für Ihr liebreiches Gedenken an dem Tage Ihrer Habilitation.
Daß Sie nach Ihrer Antrittsvorlesung das Bedürfnis empfanden,
im Geiste bei mir zu sein, und daß Sie mir zur gemeinsamen
Feier dieses bedeutungsvollen Tages zugleich schrieben - das hat
mich tief gerührt, und ich werde es nie vergessen. Ihrer Zukunft
bin ich sicher. Sie gehören zu den ganz wenigen meiner Schüler,
denen die Philosophie nicht ein bloß schöner Lebensberuf im ge-
wöhnlichen Wortsinne ist, sondern Beruf im höchsten Sinne, der
auf einen überpersönlichen, den Herzpunkt der Persönlichkeit tref-
fenden Ruf hindeutet. Halten Sie sich nur gut im Zügel und ver-
splittern Sie Ihre Kräfte nicht an kleine Aufgaben. Es hat sich
uns ein so ungeheures Feld großer und größter Aufgaben eröffnet,
daß es für die Berufenen der jetzigen Generation gilt, mit den
Kräften hauszuhalten, und das ganz besonders in den Jahren der
jugendlichen Kraftfülle. Von großem Segen wird für Sie die Lehr-
tätigkeit sein, da Sie das Glück haben, an einer Universität zu
wirken, an der in der Studentenschaft traditionelle Liebe zur
Philosophie herrscht, wohl dank der Wirksamkeit Twardows-
kis. Sie werden da bald Ihren Kreis haben, und in den Versuchen,
ihn in den Geist der phänomenologischen Philosophie einzufüh-
ren, werden Sie, als am Prinzipiellen so sehr interessiert, immer
mehr verstehen lernen, wie sich um das Problem einer "Einlei-
tung" - eines naturgemäßen Anfangs, eines Aufsteigens vom vor-
philosophischen Standpunkt des "Anfängers" zum Anfang der
Philosophie selbst und zu ihrer Methode des Fortgangs - die
größten Schwierigkeiten sammeln.
Ich weiß davon zu erzählen, und auf sie beziehen sich gerade
die Hauptarbeiten des letzten Jahrzehnts. Natürlich kann der
rechte Anfang in seiner inneren Notwendigkeit und seiner richti-
BRIEFE VON HUSSERL 35
gen Fortleitung nur entworfen werden, wenn man schon in der
Philosophie ein großes Stück weit ist und die gesamte Problema-
tik und ihre Auswirkungen auf den Anfang zurückprojiziert, als
von dorther systematisch zu Entwickelndes. Natürlich konnte
Ihnen Herr Blaustein nur Allgemeinheiten mitteilen, und zu-
meist wohl solche, die Ihnen aus den Jahren Ihres hiesigen Stu-
diums und ev. durch selbständiges Fortdenken bekannt waren.
Die sechs oder acht Reduktionen sind natürlich Systemisierungen
B[lausteinJs. Aber richtig ist, daß eine tiefere (selbst wieder als
phänomenologisch zu charakterisierende) Durchleuchtung des
Sinnes, der Funktion und der Möglichkeit der phänomenologi-
schen Reduktion und die Doppelheit der für den Psychologen
nötigen psychologischen Reduktion und der spezifisch transzen-
dentalphilosophischen mich lange beschäftigt und mir Fort-
schritte gebracht haben. Im übrigen: Herr B[lausteinJ hat mir
gut gefallen, ich halte ihn für sehr begabt, und er ist auch als
Persönlichkeit ernst gerichtet. Interessiert hat mich das Thema
Ihrer Habilitationsschrift 31; Sie schreiben nicht, wie Sie das
Verhältnis von Erkenntnistheorie und Phänomenologie charak-
terisiert haben. Natürlich gehört Erkenntnistheorie als Theorie
der Vernunft ganz und gar in die Transzendentalphilosophie hin-
ein. Aber so wie diese in den Ideen behandelt ist, verbleibt sie auf
einer Stufe der "höheren" N avität: die Evidenz des Ego cogito
und damit die Evidenz des Bodens egologischer reiner Möglich-
keiten ist eine naive Evidenz, die der Kritik bedarf. Daher meine
Scheidung zwischen phänomenologischer Reduktion schlechthin
und "apodiktischer" Reduktion, Reduktion auf das Apodikti-
sche. Das ist der Bereich der echten Erkenntnistheorie als radika-
ler Erkenntniskritik, die nur in phänomenologischer Reduktion
zu leisten ist, also nicht etwa denkbar wäre vor der Phänomenolo-
gie. Der erste systematische Versuch einer Ausführung bildet den
Gesamtinhalt meiner vierstündigen Wintervorlesungen 1922/23.
In Bezug auf Ihren letzten Brief antworte ich, daß Herr N[iemey-
er J ein Ehrenmann ist vom Scheitel bis zur Sohle, dem Sie absolut
vertrauen dürfen. Sie wissen nicht, wie vornehm er sich gegen die
Mitarbeiter des Jahrbuchs und gegen Sie selbst benommen hat;
zu einer Zeit, in der selbst namhafte Autoren Verleger nur fanden,
wenn sie den Druck ihrer Schriften selbst bezahlten, und wo
selbst berühmte Verleger Druck und Honorierung einstellten, hat
BRIEFE VON HUSSERL

N[iemeyer] das Jahrbuch nicht nur gehalten, sondern die Auto-


ren auch gut honoriert. Niemand hätte etwas dawider sagen und
tun können, wenn er statt dessen Zuschuß verlangt hätte. Es ist
völlig ausgeschlossen, daß er jetzt einen Nachdruck veranstaltete.
Es sind zweifellos die Separata, die er ursprünglich rechtmäßig an-
fertigte. 500 Separata gehören vorweg dem Verlag, und nur auf
Grund derselben kann er honorieren. Wenn er gut findet, sie auf
den Markt zu bringen, ist es seine Sache.
Daß wir in diesen Jahren so ganz ohne Möglichkeit sind, zu-
sammenzukommen, ist auch für mich sehr betrüblich. Sie gehören
zu den zwei oder drei nahen Schülern, mit denen ich mich wirk-
lich und bis ins letzte auszusprechen vermag. Niemand ist befäh-
igter, von meinen Ergebnissen den rechten Nutzen zu ziehen,
und niemand selbstloser. Nur auf völlig reine und selbstlose
Phänomenologen setze ich ernstliche Hoffnungen. So große Ziele,
als welche sich hier darbieten, erfordern den Einsatz der ganzen
Persönlichkeit und des ganzen Lebens. Jetzt heißt es Geduld ha-
ben, deren bedürfen Sie auch genug mit Rücksicht auf die Trennung
von Ihrer Familie. Vielleicht findet sich doch im nächsten Jahr
eine günstigere Konstellation.
Ich war in den Ferien am herrlichen Hallstädter See (bei !schI),
mit Familie 6 Wochen lang. Leider konnte ich in der weichlichen
Luft dieser Gegend nicht arbeiten. Aber die Nachwirkungen sind
sehr gut, und ich arbeite seitdem in größter Konzentration. Lei-
der vergeht die Hauptzeit mit dem Studium meiner Manuskripte.
Es ist für mich ein großer Schritt von der ersten Ausarbeitung
wichtiger Theorien bis zu ihrer vollen Beherrschung. Es dauert
lange, bis die verschiedenen Gedankenreihen miteinander Freund-
schaft schließen oder sich gar als untrennbar verflochtene Kinder
eines Reiches erkennen. So blieb z.B. die Ausdehnung der phäno-
menologischen Reduktion auf die Intersubjektivität, die ich in
einer ungünstigen Zeit, aber einer vielfältig produktiven, ausge-
bildet hatte, in einer 2-St. Wintervorl. I9IO/II, lange ganz unbe-
nützt 32. Haben Sie darüber einmal nachgedacht, oder habe ich
Ihnen schon während Ihrer Studienzeit von den zugehörigen Aus-
führungen erzählt?
Hoch erfreut hat mich Ihr Bild, wonach Sie erfreulich gut aus-
sehen. Sie erhalten die Gegengabe. - Diesmal kann ich länger
schreiben, da ich stenographiere und meinem hilfreichen Privat-
BRIEFE VON HUSSERL 37
assistenten, Herrn Landgrebe, die Mühe der Reinschrift über-
lassen darf. - Meine Frau grüßt Sie herzlichst und denkt Ihrer
oft. - Mein Sohn hat ein sehr wertvolles, phänomenologisch fun-
diertes Buch "Rechtskraft und Rechtsgeltung" (Berlin, Sprin-
ger) geschrieben, das Sie interessieren wird. Er ist juristischer
Dozent in Bonn.
Mit den herzlichsten Weihnachtsgrüßen auch an Ihre Frau Ge-
mahlin und an Herrn Coll. Twardowski
Ihr getreuer
E. Husserl

XXVII

Todtnauberg, 16. April 1926

Lieber Herr Ingarden.


Ihre freundliche Gratulation hat uns hier in einem IIOO m hoh-
en einsamen Schwarzwalddorfe angetroffen, wo wir die ganzen
Osterferien verleben. Zum Teil war es im März sehr rauh, so daß
mein Mann eine hartnäckige Erkältung bekam, die ihn beinahe
2 Wochen an der Arbeit hinderte. Trotzdem ist er - freilich nach
13-jähriger harter Bemühung, so lang ist es seit den Ideen - so-
weit vorgedrungen, daß er gerade am 8. April mit der endgiltigen
Darstellung u. literarischen Fassung beginnen konnte 33 u. hof-
fen darf, bis zum Herbst den ersten Teil zum Druck zu bringen.
So ist diesmal sein Geburtstag ausgezeichnet, u. es war auch
sonst einer der allerschönsten: Strahlendes Wetter, warme
Glückwunschbriefe von allen Seiten, und Heidegger (der hier eine
eigene Hütte hat u. mit seiner Familie alle Ferien verbringt)
brachte eine mit Blumen geschmückte Rolle, die die Widmung
"Edmund Husserl in dankbarer Verehrung und Freundschaft"
seines eben vollendeten Werkes enthielt. Dieses Buch führt den
Titel, ,Sein und Zeit" und wird eben als I. Artikel des neuen Jahr-
buchbandes gedruckt. Dazu kommt wol noch eine Arbeit von
Becker ("Zur phänom[enologischen] Grundlegung der Mathema-
tik"). Der nächste Band wird dann durch meines Mannes I. Teil
eröffnet werden u. dürfte zu Ostern erscheinen. In den 8. Band
kommt wahrscheinlich noch die Habilitationsschrift von Fritz
BRIEFE VON HUSSERL

Kaufmann über den Grafen York (Diltheys Freund). Sie sehen,


es ist ein schönes Programm.
Was den gegenwärtigen Schülerkreis meines Mannes betrifft,
so sind es in der Mehrzahl Ausländer, doch auch manche fähige
Inländer. Der Privatassistent Landgrebe entwickelt sich gut, er
schreibt viele wichtige Msc. ab u. versucht, sie auch zu einer Ein-
heit durchzuarbeiten. Es wäre ein Glück für diesen jungen Mann,
aber auch für die Wissenschaft, wenn es ihm gelänge, ein oder das
andere Msc. literarisch so weit zu bringen, daß es herausgegeben
werden könnte. Denn die Masse der Msc. ist so groß, daß mein
Mann sicher nicht alle allein vollenden kann, wenn man seine
überkritische Arbeitsweise bedenkt. Sehr zu bedauern ist, daß Sie
so wenig zu eigener Arbeit kommen können. Ist denn in Polen
kein Verständnis dafür, daß man heutzutage tüchtigen Privatdo-
zenten Staatsbeihilfen gewähren muß? Von einem Dr. Wilhelm
Reyer ist eine "Einführung in die Phänom[enologie]" bei Meiner
erschienen. Mein Mann kennt den Autor nur durch Zuschriften,
hat von dem Buch noch keine Kenntnis genommen, erwartet
aber keine tiefe Durchdringung, da R[eyer] nie Ph[änomenologie]
studiert hat. Umso mehr Gewicht legt er auf Ihre geplante Ein-
führung, die ja Niemeyer verlegen will. Wie steht es damit 34?
Nun, lieber Herr Ingarden, will ich schließen. Ich habe meinen
Mann mit diesem Briefe vertreten, damit Sie eher Nachricht be-
kommen, denn er kann vorläufig keine Briefe schreiben.
Seien Sie u. auch Ihre liebe Frau herzlich von uns beiden ge-
grüßt. Freundschaftlich Ihre
Frau Malvine Husserl

XXVIII

9. April 1927, Freiburg (Poststempel)

Mein lieber Freund!


Ihr letzter Brief war mir eine ganz besondere Freude 35 - nicht
nur, daß ich mich darüber freute, daß Sie meines Geburtstages
gedachten; sondern vor Allem, daß ich Sie endlich hier erwar-
ten darf. Sie werden bei uns offene Arme finden. Ja, es ist drin-
gend nötig, daß Sie erfahren, was ich in vielen Jahren durchdacht
BRIEFE VON HUSSERL 39
u. ausgereift habe. Leider waren Sie in den schlimmsten Jahren
bei mir, in denen ich nicht auf der vollen Höhe sein konnte. Ich
hoffe, Ihnen wichtige Maschinenabschriften z. Verfügung stellen
u. Ihnen auch persönlich beratend z. Seite stehen zu können. Sie
werden mir auch Ihre Gedanken vortragen. - Also freuen wir uns
der schönen Aussicht. Warum ich Ihnen so selten schreibe, wer-
den Sie dann verstehen. Ich kann wirklich nicht mehr thun. Um
so dankbarer bin ich für Ihre Briefe u. Ihre alte liebreiche An-
hänglichkeit.
Was Dr. M. anlangt 36, so habe ich bisher von der Regierung u.
Universität noch keine Aufforderung, mich zu äußern erhalten,
u. vorher kann ich nichts thun. Ich meine, er wird ohne Weiteres
Aufnahme finden. Natürlich sind mir von Prof. Tw[ardowski] u.
Ihnen empfohlene Herren willkommen u. sollen alle Förderung
erfahren. Grüßen Sie auch Dr. Blaustein. Noch Eins - nach Mar-
burg müssen Sie unbedingt, um Prof. Heid[egger]s große u. ern-
ste Eigenart kennen zu lernen. N. Hartmann halte ich für einen
Blender u. auch Scheler nur für einen geistreichen Anreger, aber
nicht für einen echten Ph[änomenologen]. Da werden, wenn über-
haupt, kurze Aufenthalte genügen. Entscheiden Sie sich erst hier.
Viele herzliche Grüße v. meiner Frau! Wie geht es Ihrer Fa-
milie?
Herzlichst Ihr
E. Husserl

XXIX

Freiburg, 29. VI. 1927


Lieber Freund.
Ihre Mittheilung hat mich sehr erfreut. Es ist aber nicht leicht
bez. der Zeit zu raten. Im August bin ich in Freibg. Wir
wollen keinen langen Landaufenthalt für diese Ferien wählen, da
ich hier in meiner gewohnten Umgebg. arbeiten will. Etwa Ende
Sept. oder Anf. Oktober machen wir eine etwa 2wöchentl. Erho-
lungsfahrt in die Schweiz. Andererseits finden Sie hier in den Fe-
rien die jüngeren Coll. Dr. Becker u. Kaufmann nicht vor, u. der
ganze Betrieb schläft. Im Wintersem. lese ich allerdings bloß
BRIEFE VON HUSSERL

Neuere Philos. von Desc[artes] bis Kant (als Einl. in die Tran-
sc[endental]philosophie). Prof. Heidegger ist in den Ferien immer
in Todtnauberg, 1/2 St. vom Ort entfernt hat er ein kleines Chalet
(circa lIOO m hoch). Der Ort von hier mit Postauto zu erreichen,
plus einer 1/ 2-stündigen Wanderung. Was an verfügbaren Ma-
schinen-Msc. da ist, stelle ich Ihnen gerne (hier) zu Benutzung.
Ich freue mich jederzeit, Sie endlich wiederzusehen.
Ihr alter Lehrer u. Freund
E. Husserl
Wärmste Grüße, M[alvine] Husserl.

xxx
Freiburg, den 19. XI. 1927

Lieber Freund.
Ich beantworte Ihren Brief sogleich, er hat mich gar sehr er-
freut und gerührt - auch ich danke dem nun endlich gütigen Ge-
schick, das Sie nach so vielen Jahren mir doch für einige schöne
Wochen zugeführt hat. Ich durfte mit Ihrer Entwicklung gar
sehr zufrieden sein, vor Allem für mich selbst und mein einsamer
gewordenes Philosophieren. Es ist doch kaum noch unter meinen
Schülern ein solches Verständnis für die großen Horizonte meiner
langjährigen Arbeit zu finden, als wie bei Ihnen. Alle Gespräche
mit Ihnen waren für mich anregend u. durchaus erfreulich. Sie
waren für mich auch innere Stärkungen. Ich war der Notwendig-
keit der von mir eingeschlagenen Wege, der von mir erfaßten
Probleme zwar stets völlig sicher; und doch lag es mir oft schwer
auf der Seele, daß man selbst im Phänomenologenkreise diese Not-
wendigkeit nicht sehen u. jeder eigene neue Wege gehen wollte.
Mein ganzes Leben war auf die Ermöglichung einer phil[osophia]
perennis gerichtet und eben darum auf die universale Einheit
der Strukturnotwendigkeiten, in denen das System aller echten
Probleme oder Problemdimensionen für alle wirkliche Forscher-
arbeit - als erledigende Arbeit - vorgezeichnet sein mußte. Im
Alter glaube ich diese allgemeine Problemgeographie errungen zu
haben, und nun habe ich das Gefühl, damit ziemlich allein zu
stehen. Sie müssen wiederkommen, u. für Weihnachten will ich
BRIEFE VON HUSSERL 41
doch noch hoffen. Ihr Brief brachte interessante Berichte - Hei-
degger ist mir zum nahen Freund geworden, u. ich gehöre zu sei-
nen Bewunderern, so sehr ich es gerade darum bedauern muß, daß
sein Werk (u. dann wohl auch seine Vorlesungen) methodisch und
sachlich wie etwas von meinen Werken u. Vorlesungen wesent-
lich Verschiedenes erscheinen u. wenigstens jetzt noch keine den
beiderseitigen Schülern zugängliche Brücke zwischen dem Einen
u. Anderen geschlagen ist. Es hängt für die weitere Philosophie
viel davon ab, wie und ob er sich zu einem Erfassen meiner uni-
versalen Intuitionen durcharbeitet. Ich hatte ja leider seine phi-
los. Ausbildung nicht bestimmt, offenbar war er schon in Eigen-
art, als er meine Schriften studierte. Nun, er ist eine Potenz, abso-
lut redlich und nicht ehrgeizig, rein auf die Sachen gestellt. Jede
große Einseitigkeit, die von echten Selbstdenkern, bricht Neuem
die Bahn. Hoffen wir also.
Sehr betrübt haben mich die bösen Enden Ihres Briefes. So ist
die hoffnungsvolle Aussicht auf die Anstellung Ihrer lieben Frau
nicht bestätigt worden! Dazu nun noch die Erkrankung Ihres
Kindes. Bitte schreiben Sie, wie es ihm geht. Wenn die Sorgen um
Frau u. Kind es nicht notwendig machen - um des dummen Gel-
des willen dürfen Sie Ihren Lehraufenthalt im Auslande nicht ab-
brechen! Sie brauchen unbedingt die neuen Anregungen u. Er-
quickungen, u. Ihre Kraft, auf die ich so wohlbegründete Hoff-
nungen setze, darf nicht geschwächt werden. Ein Freiburger
Freund stellt Ihnen 3-400 M. herzlich gerne zur Verfügung, zins-
frei, Rückzahlung im Himmel erbeten oder in der nächsten geo-
log. Periode.
Seien Sie herzliehst gegrüßt. Mit allen guten Wünschen
Ihr alter Freund u. Lehrer
E. Husserl
Meine Frau, die Ihnen eine so gute Freundin ist, grüßt Sie herz-
lich. Es wäre zu schön, wenn Sie den Weihnachtsabend mit uns
feierten. Sie müssen noch meinen alten lieben Freund Mahnke
kennen lernen, der jetzt seine Vorlesungen angefangen haben
muß. Von mir bitte tausend Grüße u. sagen Sie, daß Sie auf mei-
nen Wunsch ihn aufsuchen. Ein prachtvoller Mensch, ich schrei-
be ihm bald.
42 BRIEFE VON HUSSERL

XXXI

Freiburg, den 26. XII. 1927

Mein lieber Freund.


Ihre beiden Briefe habe ich wiederholt mit Rührung und inni-
gem Dank gelesen. Es ist für mich eine große Stärkung in meiner
schwierigen u. mich oft sehr bedrückenden Alterssituation, daß
Sie, einer der allerernstesten und begabtesten meiner Schüler, den
Sinn und die Ergebnisse meiner Lebensarbeit so hoch halten und
darin so sicher sind, daß auch das Unvollendete und auch gedank-
lich noch Unausgeglichene den Ernstzunehmenden hilfreich sein
werde. Wenn ich in produktivem Schwung bin und mit jedem
Schritte Neuland erschließe, es mit eigenen Augen sehend, mit
eigenen Händen bearbeitend, bin ich natürlich in der Freudigkeit
des großen Glaubens. Wenn ich aber, wie jetzt (u. nun für immer)
auf alle Entdeckungsfahrten verzichten muß, sonst in Perioden
der Übermüdung und Erschöpfung, und jetzt als Alter, der nur
auf wenige Jahre der Arbeitsfähigkeit rechnen kann, und wenn
ich nur im Fernblicke meine Lebensarbeit überschaue, beden-
kend, wie sie den systematischen Linien gemäß einheitlich darge-
stellt u. vollendet werden soll - verläßt mich leicht der schöne
Glaube. Ich sehe nur des Halbe in den alten Niederschriften, das
Unklare, Übersehene, das nach dem anderen Fortgeschrittenen,
aber nicht systematisch Eingegliederten umgestaltet werden
müßte - oder ich lasse mich von der Art der Wirkung meiner
Druckwerke niederdrücken und davon, daß selbst die besseren
Schüler die angedeuteten Tiefen unbeachtet ließen u. daß sie,
statt meine Ansätze zu vollenden, lieber immerzu eigene Wege
gehen wollten. So auch Heidegger, diese geniale Kraftnatur, die die
ganze Jugend mit sich fortreißt, die nun schon meint (was er
selbst keineswegs meint), daß meine methodische Art veraltet u.
meine Ergebnisse zur verfallenden Weltlichkeit gehörig seien.
Und das bei einem meiner allernächsten persönlichen Freunde.
Da bedeutet es für mich sehr viel, daß Sie mit Ihrer unbestech-
lichen Urtheilsklarheit mich mahnen, das Meine nicht bloß in mir
werden zu lassen und für mich, privatissime, Philosoph zu sein,
BRIEFE VON HUSSERL 43
vielmehr mitzutheilen, zunächst darzustellen - für Sie und alle,
die gerne arbeitsvolle Höhenwege mitgehen wollen.
Ihr Pariser Brief lag auf dem Weihnachtstisch u. gehörte zu
unseren herzlichsten Freuden. Aber Sie selbst waren leider nicht
da. Da keines unserer Kinder abkommen konnte, hatten wir das
sehr gewünscht - statt dessen, es war nicht eben herzbeschwin-
gend, hatten wir uns einer vereinsamten baltischen Schülerin an-
genommen und eines christlichen J apaners, dessen buddhisti-
schen Freund wir dann mitnahmen!
Wissen Sie schon, daß ich um meine Emeritierung angesucht
habe u. schon im Sommer nicht mehr (oder nur halb) in amtlicher
Stellung bleiben will? Das giebt jetzt wenig angenehme Geschäf-
te - die Commission für meinen Nachfolger ist gewählt, u. ich
werde als Berater mitsprechen u. vorschlagen müssen, Gutachten
verfassen etc. Wenn Sie in Deutschland habilitiert wären u. allen-
falls noch eine Schrift vorlegen könnten, wären Sie schon mit in
Frage - jedenfalls hätten Sie bei der Reihe sich eröffnender Va-
kanzen viel Aussicht für ein Ordinariat 37.
Der neue Encycl[opaedia-Britannica-]Artikel hat mir auch viel
Mühe gemacht, hauptsächlich weil ich meinen prinzip [iellen]
Gang nochmals ursprünglich durchdachte und in Rücksicht den
Umstand zog, daß Heid[egger], wie ich nun glauben muß, diesen
Gang u. somit den ganzen Sinn der Methode d. ph[änomenologi-
schen] Reduction nicht erfaßt hat. Ich weiß noch nicht, ob der
Art. in London aufgenommen wird, da er fast doppelt so groß ist
als der mir zugestandene Raum. Erweitert soll er in den nächsten
Jahrbuchsband kommen. Ich möchte den Artikel so gestalten,
daß er als einigermaßen brauchbarer Leitfaden dient für die Ket-
te weiterfolgender Publikationen, vor allem der Stücke von
Ideen II, auf die ich jüngst durch Sie so energisch hingewiesen
worden bin. Doch darüber müssen wir noch sprechen. Ich meine
- u. das ist ein großer Wunsch -, Sie könnten auf dem Rückwege
von Paris über Freiburg kommen. Bei uns könnten Sie logieren,
so lange Sie noch Zeit haben, meine Frau würde sich mit mir
außerordentlich freuen. Wer weiß, wie lange ich noch lebe. - Ist
ein Brief verloren gegangen? Zwischen dem sorgenvollen Mar-
burger Brief u. dem Pariser v. 23. XII.? Wie konnten Sie doch
nach P[aris] reisen? Ich denke, daß Sie gottlob gute Nachrichten
von Ihrer Gemahlin u. vom Befinden Ihres Kindes erhielten.
44 BRIEFE VON HUSSERL

Haben Sie in dem H[eidegger]'schen Werke weitergelesen ?


Nichts schrieben Sie von dem Methodischen seines Seminars, von
dem Stil seiner Theilnehmer, von seinen Vorlesungen. Ihre Vor-
schläge wegen jährl. ph. * Zusammenkünfte - Heid[egger] hat
einen gleichen schon vor einem Jahre gemacht - und einer krit.
Zeitschrift sind sehr einleuchtend. Momentan habe ich keine Ini-
tiative. "Das Zipfel ist voll", wie man in Oesterreich sagte.
Doch nun muß ich schließen, ein Besuch ist angesagt. Ich bin
sehr neugierig, was Sie von Paris berichten über Schauen, Hören
u. eigene Arbeit.
Soeben erhalte ich eine Einladung aus Paris: Cours Libre, Fa-
culte des Lettres (der Universität) M. G. Gurvitch (Prof. der russ.
Univ. in Prag) agregee a l'Universite de Paris, wird 10 Conferen-
ces vom 21. 1. a 16 heures, salle 9, über halten: l'ecole de philos.
phenomenologique en Allemagne (E. Husserl, M. Scheler et N.
Hartmann). Gucken Sie da mal hin u. erzählen Sie! Herzliehst
Ihr alter Lehrer u. Freund
E. Husserl
Viele herz!. Grüße von meiner Frau. Freundlichste Grüße an
Koyre, 12, rue Quatrefages IH. -

Lieber Herr Ingarden, ich möchte Sie noch von mir aus ein-
laden, auf Ihrer Rückreise über Freiburg für einige Tage zu kom-
men u. bei uns zu wohnen. Die Einladung ist herzliehst sehr
freuen. Es scheint mir für Sie kein nennenswerter Umweg zu
sein, vielleicht halten Sie auch in Straßburg u. treffen mit J ean
Hering zusammen Also lassen Sie bald von sich hören! Wärmste
Wünsche für ein glückliches neues Jahr! Herzlich
M[alvine] Husserl

• Es ist aus dem Zusammenhang nicht zu ersehen, ob hier philosophisch oder phä-
nomenologisch gelesen werden IIlUß. (Anm. d. Hrsg.)
BRIEFE VON HUSSERL 45

XXXII

Freiburg i Br., 23. 11. 28

Lieber Herr Ingarden.


Ich wollte Ihnen gerade heute schreiben, daß wir Ihrem Be-
suche im letzten Drittel des März mit größtem Vergnügen ent-
gegensehen, als Ihre Karte ankam. Mein Mann hat bereits an
Niemeyer in Ihrer Angelegenheit geschrieben u. hofft auf günstige
Antwort.
Alles Andere mündlich! Wie schön, daß sich bei Ihnen durch
den Sommerurlaub so gute Arbeitsmöglichkeiten eröffnen! Las-
sen Sie bald Genaueres über Ihre Ankunft wissen u. seien Sie
herzlich begrüßt von uns beiden.
Freundschaftlich
Ihre M[alvine] Husser!.

XXXIII

Scheveningen, 6. Mai I928

Lieber Herr Ingarden.


Ehe wir Holland verlassen (was morgen geschieht, mein Mann
beginnt erst am 8. seine Vorlesungen), möchte ich als Sekretärin
von Prof. Husserl Ihren lieben und herzlichen Brief beantworten,
der uns gut erreichte, u. möchte Ihnen auch etwas von unserer
Reise erzählen. Wir reisten am 6. April von Freiburg ab u. blieben
zuerst IO Tage in Göttingen, wo wir die Freude hatten, mit den
lieben alten Freunden wieder eine kleine Wegstrecke zusammen
zu gehen. Sehr schön war es für uns, Hilbert, der ja 2 Jahre lang
schwer krank an perniziöser Anämie war, ganz frisch u. gesund zu
finden, eine Leberkur hat ihn gerettet.
Dann fuhren wir nach Berlin zu unserer Tochter und feierten
die großen Veranstaltungen zu Stumpfs 80. Geburtstag mit. So
allgemein geehrt u. in der großzügigsten Weise anerkannt wurde
wol selten ein Gelehrter. Das Schönste aber ist, daß der Jubilar
BRIEFE VON HUSSERL

von seltener geistiger Frische u. auch körperlich in gutem Stande


ist.
N ach diesem befriedigenden Beginn setzten wir am 22. unsere
Reise nach Amsterdam fort. Von dem Eintritte in Holland be-
gann eine Periode herrlichsten Wetters, das uns bis heute treu
blieb und ein Symbol der innerlichen Schönheit des ganzen Auf-
enthaltes war. Mein Mann hielt 2 Vorträge u. einen Diskussions-
abend, das Publikum, das in der Hauptsache aus Professoren,
prakt. Theologen, Psychiatern etc. bestand, war offenbar sehr
tief berührt u. trotz der Schwere der Materie (Einführung in die
Phänom[enologie]) u. der Länge der Vorträge (j edesmal2 Stdn. mit
kleiner Pause) bis zum Schluß voll brennender Aufmerksamkeit.
Natürlich wurde man sehr viel eingeladen, die Geselligkeit war
reizend, u. man machte manche interessante Bekanntschaft, so
z.B. den großen Mathem[atiker] Brouwer, der uns auch in Frei-
burg besuchen will.
Am 30. hielt mein Mann noch einen Vortrag in Groningen, wo
uns der alte Prof. Heymans einen tiefen Eindruck machte u. wo
man auch restlos befriedigt sein durfte.
Bei aller Befriedigung waren die Tage doch sehr anstrengend
gewesen, u. so haben wir, um nicht ermüdet heimzukehren, hier in
dem unvergleichlich schönen Seebad einen mehrtägigen Aufent-
halt genommen. So schließt sich dieses holländische Unternehmen
zu einem harmonischen Erlebnis zusammen.
Herzlichste Grüße Ihnen u. Ihrer l[ieben] Frau von uns Beiden
Ihre
M[alvine] Husserl

Fr[eiburg], 9. Mai
Leider wußten wir in Scheweningen nicht Ihre Adresse auswen-
dig, so mußte ich den Brief hieher mitnehmen, wo wir gestern sehr
gut angekommen sind. Mein Mann hat heute Vorlesungen u. Se-
minar begonnen. Im letzteren sind IO Nationen vertreten!
BRIEFE VON HUSSERL 47

XXXIV

13. VII. 28
Lieber Freund.
Ihr Brief vom 28. V. ist mir sehr nahe gegangen. Wenn Sie an
Telepathie glauben, müssen Sie, als Probe dafür, es gespürt ha-
ben, wie oft meine Gedanken sorgend bei Ihnen weilten. Ihr 2-ter
Brief hat mich etwas beruhigt, mindest hinsichtlich Ihrer Stim-
mung und des so unberechtigt gesunkenen Selbstvertrauens 38.
Wiegt schließlich für Sie selbst mein großes und unerschütter-
liches Vertrauen auf Ihr Können und Sein nicht schwerer als
Thorheiten solcher krankhaften Depressionen?
Mir ist in langem Schwanken durch den Kopf gegangen, ob ich
es wagen kann, mich in Ihrer Sache an Prof. Twardowski zu
wenden. Nun habe ich es, erst heute, doch gethan - hoffentlich zu
Ihrem Guten.
Ich habe seit meiner Rückkunft aus Holland (8. V.) fieberhaft
gearbeitet. Ich fühle mich sehr erfrischt, meine Gesundheit hat
sich, vielleicht durch die vom Arzt energisch geforderte Ein-
schränkung des Rauchens auf ein Minimum und durch eine "Le-
berkur", gründlich gebessert, u. so habe ich wieder Hoffnung.
Mein 2-st. Colleg (als Prof. emeritus) ist so stark besucht u. hat so
eifrige Hörerschaft, daß ich dem doch Arbeit zuwenden mußte -
aber Vorspannarbeit für die Erweiterung u. Vertiefung meiner
holl[ändischen] Vorlesungen (4, eigentlich 6 - Inhalt: der expli-
eierte, auch gebesserte Gedankengang, der für die Enc[yclopae-
dia] Brit[annica] bestimmt war). In Amsterdam hatte ich einen
schönen Kreis wertvoller Menschen und viel eifrige Disputation.
Rührend war der alte Heymans in Groningen, wo ich nur über
ph[änomenologische] Psychologie 2 St. sprach. Er war ganz be-
troffen u. stimmte schließlich offen zu. Schließlich 5 schön erhol-
same Tage in Scheweningen. In Holland fanden wir es herrlich u.
wären gerne länger geblieben. Unter meinen dortigen Hörern war
der Russe Schestow (der Hering u. mich so geistreich angegrif-
fen hatte im philos. Anzeiger), der mir viel Vergnügen machte in
seiner impulsiven Art u. seinem disput. Eifer. Er beredete mich
zu vorläufiger Zusage für eventuelle Vorträge in Paris (er diente
BRIEFE VON HUSSERL

den Parisern als Fühler), und vor einigen Wochen kam in der
That von der Sorbonne eine in sehr freundl. und in echt französ.
Liebenswürdigkeit abgefaßte offic. Aufforderung. Des Näheren
ging die Einladung aus vom Institut germanique und d. Societe
philosophique. Ich kann deutsch vortragen, - 4 Vorträge u. I
Discussionsabend, ungefähr Anfang Februar. Vielleicht dann
auch, Herings Wunsch gemäß, I Vortrag in Straßburg. Hering
schickte mir einen hochbegabten litauischen Schüler 39.
Jahrbuchsband IX, 500 S., ist bald fertig. Er bringt meine Vor-
lesungen über inneres Zeitbewußtsein von 1905 mit den Beilagen,
unverändert, nur ein wenig stilistisch redigiert und herausge-
geben von Heidegger. Ich erhielt nicht einmal die Correcturen.
Wie befindet sich Ihre Frau? Es hat uns leid gethan zu hören,
daß sie leidend sei. Wurde der Plan mit dem Karpathenbad aus-
geführt? Doch ich muß schließen.
Herzliche Grüße und Wünsche von Ihrem
E. Husserl

Verzeihen Sie diesen stilistisch unglaublichen Brief, für den ich


nur eine müde Stunde hatte. Schon den ganzen Vormittag hatte
ich Briefe um Briefe zu schreiben. Viele GrüBe von m. Frau.

XXXV

Freiburg, 18. X. 28

Lieber Freund!
Ihr Brief kommt, während gerade, als hocherfreulicher Besuch,
Herr Koyre aus Paris hier ist. Wir beide gedenken Ihrer freund-
schaftlich und senden beste Grüße!
E. Husserl A. Koyre
BRIEFE VON HUSSERL 49

XXXVI

Freibg., 23. XII. 28


Mein lieber alter Freund.
Es ging wirklich nicht mit dem Schreiben. Ich bereitete u. be-
reite eine Schrift vor - angeblich sollte sie, so hatte ich zugesagt,
schon bei Niemeyer sein - Entfaltung der Idee der Logik als Wis-
senschaftslehre 40. Zunächst u. in Anknüpfung an die L[ogischen]
U[ntersuchungen] I. form[ale] Logik u. f[ormale] Ontologie, mit
tiefen phänom[enologischen] Analysen, dann Übergang ins Psy-
chol[ogische] u. Transzendentale, sowie Erweiterung z. Idee
einer realen (universalen) Ontol[ogie] u. Phän[omenologie]. Ich
darf nur noch etwa 2 Wochen daran arbeiten, denn ich muß 4
VorI. (2 DoppelvorI. u. Discussionsabend) für die Sorbonne Paris
vorbereiten, für 18. Febr. Die Schrift wird Ihnen viel Neues brin-
gen, jetzt ist etwa 2/ 3 rein ausgearbeitet, etwa 8 Bogen.
Ihre Briefe haben mich wie immer herzlich gefreut. Twar-
d[owski] hat mir vor etwa 2 Monaten sehr höflich geantwortet.
Nicht so, daß ich zu ihm Vertrauen fassen könnte! Ich möchte
Sie dringend bitten, mit ihm nur wissenschaftI. Unterhaltungen
zu pflegen und nie von Carriere-Sorgen und Wünschen mit ihm
zu sprechen - es sei denn, daß er selbst anfängt, u. auch dann
reserviert, nie bittend, immer freundlich, vorsichtig, stolz. Nie
darüber, wie andere wissenschaftlich zu beurtheilen sind. All das
wirkt gegentheilig. Machen Sie Ihre Sache, und mit äußerster
Vertiefung, Sie werden diese leeren Köpfe schließlich doch
zwingen, sich vor dem Schwergewicht Ihrer Leistungen zu
beugen. Seien Sie darin froh, daß Sie Gedanken, Probleme, eigene
Gebiete haben, daß Sie Philosoph sind. Kümmern Sie sich um kei-
ne Carriere, wo Sie doch nichts dazu thun können u. ärgern Sie die
Anderen nicht.
Von Schayer habe ich üble Eindrücke. Philosophisch = Null, u.
persönlich ist ihm nicht zu trauen. Er ist halber Deutscher
(Badener), aber keine gute Mischung. Im Sanskrit aber gut, da
wurde er gelobt.
Habe 2 Wochen mit Erkältung verloren, daher doppelte Eile.
Schöne Weihnachten. Beste Wünsche für Mut, Selbstvertrauen,
so BRIEFE VON HUSSERL

Kraft, für gute Gedanken u. schöne Ausführung.


Ihr altgetreuer Lehrer
E. Husserl
Warum sendet Tward[owski] nicht mein Msc. zurück? Ich sandte
ihm den Zeit artikel, doch reagirte er nicht. Meine Frau grüßt
herzl.

XXXVII

Freiburg, Sylvester 1928

Lieber Freund.
Ich eile, Ihnen mitzutheilen, daß Tward[owski] in seinem Brief
sich durchaus anerkennend u. achtungsvoll über Sie geäußert hat,
also nichts gesagt von all dem, was Sie aus meinem Brief in den
seinen projiciert hatten. Der Anlaß zu meinen herzl. gemeinten
Rathschlägen waren die Äußerungen Ihres Briefes über Ihr
Gespräch mit Tw[ardowski], u. ich konnte dabei nicht vorausset-
zen, daß es das einzige Mal war, wo Sie mit ihm über Carriere-
fragen gesprochen hätten. Auch klang die Mittheilung des früh-
eren Briefes so, als ob Sie ihm einen Vorwurf gemacht hätten
etc. Auch jetzt meine ich, es wäre besser gewesen, wenn Sie gar
nicht Ihre Frage gestellt hätten, aber jedenfalls freue ich mich,
daß das Gespräch harmloser war, als es schien.
Ich glaube schon, daß er ernstlich etwas von Ihnen hält, aber
auch, daß er innerlich Ressentiments gegen die ganze phän[o-
menologischeJ Richtung hat, und wie ich sagte, ich halte ihn -
eben darum - nicht für ganz aufrichtig. Vielleicht mit Unrecht.
Jedenfalls freut es mich, daß Sie sich auf sich selbst stellen. Ich
bin sicher, Sie werden bald vor [den] Augen der Welt, in Polen der
vor Allen ernstzunehmende Forscher sein. Wir rechnen Sie zu
den Besten. Möge auch Ihre l[iebe] Frau nur Mut u. Vertrauen
haben. Ihnen u. Ihrem Hause herzlichste N.J.-wünsche auch von
meiner Frau
Ihr E. Husserl
BRIEFE VON HUSSERL SI

XXXVIII

Freiburg i.Br., 9. Jan. 29


Lieber Herr Ingarden.
Ich bin beauftragt worden, Ihnen die gewünschte Auskunft
über die Vorlesungen meines Mannes im Ausland zu geben, was
ich hiemit, u. zwar sehr gerne tue: Amsterdam: Titel: Phäno-
m[enologie] u. Psychologie. Transcend[entale] Phänom[enologie].
Zeit: die Woche v. 22.-29. April 1928, Veranstalter: Philos. Ge-
sellschaft. Groningen: am 30. April I Vortrag über Phän[omeno-
logie] u. Psychol[ogie] in dem psychol[ogischen] Verein (Hey-
mans). Paris: die Woche v. 18.-24. Februar 1929 über Phäno-
m[enologie] u. Vernunftkritik. Eingeladen von dem Institut
Germanique der Sorbonne. Ein Vortrag auch in der Societe Phi-
losophique.
Wir reisen am 15. Februar hier ab, bleiben ungefähr 2 Wochen
in Paris u. dann etwa I Woche in Straßburg, wo mein Mann of-
fiz. Vorlesungen zu halten abgelehnt hat, aber in einem engeren
Kreise von Interessierten, die J. Hering einladen wird, sprechen
wird. Darüber bitte aber keinen Bericht in die poln. Zeitung.
Mein Mann arbeitet fieberhaft, um die logische Abhandlung,
die etwa 10 Bogen umfassen wird, jetzt abzuschließen. Ich glaube,
ohne den Zwang der gegenwärtigen Konstellation würde es wie-
der nicht dazu kommen.
Sie schreiben garnichts über den Gesundheitszustand Ihrer
Frau? Hoffentlich geht es ihr u. den Kindern befriedigend.
Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihre getreue
M[alvine] Husserl

XXXIX

Freiburg, den 16. IH. 1929


Lieber Freund!
Zu dem Briefe meines getreuen Sekretärs möchte ich beifügen,
daß am 8. April wohl alle meine wertvolleren phänomenologi-
S2 BRIEFE VON HUSSERL

sehen Freunde und Schüler hier sein werden, auch aus Frankreich
Prof. Jean Hering und Koyre usw. Es dürfte für Sie wissenschaft-
lich viel bedeuten, wenn Sie auch da sein und an dem Austausch
der Gedanken theilnehmen könnten. Sie wären hier wie für mich
so für den ganzen phänomenologischen Kreis schwer zu vermis-
sen. Vielleicht könnten Sie von Ihrer vorgesetzten Behörde unter
diesen Umständen Urlaub erhalten, wie das die oben genannten
französischen Collegen ja auch erhalten. Herzliehst
Ihr alter Lehrer E. Husserl
Professor a.d. Universität

XL

Freiburg i. Br. 24. IH. 29

Lieber Herr Ingarden.


Wären unsere Tage nicht so ausgefüllt u. unruhig gewesen, hät-
te ich Ihnen schon längst geschrieben. Dabei hoffte ich auch be-
stimmt, daß Sie um 8. April herkommen u. uns erlauben werden,
Ihnen die große Ausgabe einer so weiten Reise zu erleichtern.
Nun kommt Ihr Brief als Mahnung u[nd] gleichzeitig mit der be-
trüblichen Nachricht, daß Sie Um die Zeit des Geburtstages von
der Schule nicht abkömmlich sind. Unverständlich ist es mir, daß
Becker auf Ihre Anfrage nicht geantwortet hat, ich will ihn da-
rüber um Aufklärung bitten. Glauben Sie, daß Sie sonst von den
Schulbehörden freigegeben worden wären? Ich selbst weiß nicht,
wer von den Schülern außer Hering u. Koyre von auswärts
kommt, u. will mich auch gerne überraschen lassen. Wollen Sie
nicht doch nochmal versuchen, ob Sie Urlaub u. Paß bekommen?
Ich würde es als absolut selbstverständlich ansehen, Ihnen
(ebenso wie Koyre) IOO M[ark] als Zuschuß zu schicken, u. Sie
dürften darüber kein Wort verlieren!
Von Paris u. Straßburg kann ich nur sagen, daß es ein unge-
ahnter Erfolg war. In der Sorbonne sprach m[ein] M[ann] zweimal
2 Stunden, ganz frei u. bei vorzüglicher Disposition. Das Thema
waren die ganz umgearbeiteten Londoner Vorträge. Auditorium:
alle namhaften älteren u. jungen Philosophen, Sprachforscher
etc., u. man fühlte die beinahe athemlose Spannung u. Hinge-
BRIEFE VON HUSSERL 53
rissenheit der Zuhörer. Wie mir nachher viele Leute sagten, z.B.
Levy-Brühl, Lichtenberger, Andler u. viele andere, wirkte die
Einfachheit u. die Innenwendung sowie die klare unrhetorische
Sprache m[eines] M[annes] wie eine Offenbarung. Zur Eröffnung
(der deutsche Botschafter mit seinem ersten Botschaftsrat war
auch da) hielt Xavier Leon eine fr[anzösische] Rede auf m[einen]
M[ann], am Schluß sagte der berühmte Germanist Andler in deut-
scher Sprache, daß nach der trüben philosophischen Ebbe nach
Hegel mit Prof. H[usserl] ein neuer klassischer Aufschwung der
deutschen Phil. eingetreten sei usw. Große Empfänge u. sonstige
Einladungen machten uns (ich schäme mich, "uns" zu sagen) zum
Mittelpunkt, u. den letzten Tag (wir waren r5 Tagein Paris) waren
wir noch in der deutschen Botschaft zum Diner eingeladen. -
Ganz anders, aber ebenso herzerfreuend u. mit ebenso starkem
Widerhall, entwickelten sich die 4 Tage in Straßburg. Hier war
es keine officielle Angelegenheit wie in Paris (m[ein] M[ann] hatte
dies abgelehnt), sondern er hielt einen Vortrag über seine Ent-
wicklung seit den Log[ischen] Unt[ersuchungen] u. den Ideen vor
etwa 50-60 von Hering eingeladenen Interessierten, worunter die
beiden theolog. Fakultäten besonders stark vertreten waren.
Daran schlossen sich jeden Tag die intensivsten Diskussionen, oft
bis nach Mitternacht, u. wieder war eine ungeheure, intensivste
Betheiligung zu spüren. Man kann ohne Unbescheidenheit sagen,
m[ein] M[ann] hat in Frankreich einen großen Eindruck ge-
macht. -
Das Msc. der Abhandlg. "Über formale u. transz[endentale]
Logik" liegt bei Niemeyer, u. wir erwarten täglich die Druckbo-
gen. Es wird circa I I Bogen haben. Gegenwärtig ist meine Schwie-
gertochter mit ihrem r 1 /4 jähr. Töchterchen bei uns, am 6. April
kommen alle sonstigen Kinder. Es wird ein schöner Rummel wer-
den. Also sehen Sie doch zu, ob Sie nicht doch noch herkommen
können. Mein Mann würde sich gewiß sehr freuen.
Mein Mann legt ein Blatt bei, das ev[entuell] Paß- u. Urlaubs-
erleichterung ermöglichen könnte *, falls dazu noch Zeit ist. Mit
herzlichen Grüßen, auch an Ihre liebe Frau
Ihre
Malvine Husserl.
* Mit diesem Blatt ist wohl der vorangehende Brief E. Husserls (Nr. XXXIX) ge-
meint. (Anm. d. Hrsg.)
54 BRIEFE VON HUSSERL

XLI

Tremezzo, Sonntag, 26. Mai 1929


Lieber Freund.
Ihre Briefe, die uns hieher nachgeschickt worden sind, haben
uns herzlich erfreut. Sie hatten keinen Grund zu danken; daß Sie
und einige jüngere Freunde der Göttinger Zeit zum 8. Apr. ge-
kommen waren, hat dem Feste eine besonders schöne Note ge-
geben. Sehr leid thut mir, daß Sie noch immer an die Schule ge-
bunden bleiben u. nicht ganz der WIssenschaft leben können.
Bleiben Sie nur guten Muts, Sie werden sich Ihre Zukunft schon
erobern, und es wird um so schöner sein, daß Sie alles Ihrer eige-
nen Arbeit und Ihrem ungebrochenen Lebensmut verdanken.
Freuen Sie sich an jeder freien Stunde, die Sie der Philos. widmen
dürfen. Sie sind trotz der wenigen Wochen u. Stunden, die Sie das
thun können, doch immer fortgeschritten u. mehr als die Ande-
ren, die den ganzen Tag frei haben.
Seit Sie abgereist sind, habe ich ein hartes Stück Arbeit erle-
digt - d.h. etwa 1 Woche war ich mit Allotria, Briefen etc. reich-
lich beschäftigt u. zudem übermüdet, hatte ich doch bis zum 7.
Apr. mit Volldampf arbeiten müssen, um die Ausarbeitung der
Pariser Vorl. fertig zu bekommen. Leider fand ich nachher, daß
diese Fertigkeit wenig befriedigend sei, da ich, um schwierige
Darstellungen zu vermeiden u. die Disposition (den "Sommaire")
der Pariser Vorträge nicht zu sehr zu überschreiten, Lücken der
Beweisführung gelassen hatte - das betraf die Theorie der Inter-
subjektivität (bzw. Monadologie u. tr[anszendentalen] Idealism
der Phänom[enologie]). Ich beschloß, ganze Arbeit zu machen,
u. gab einen vollständigen Aufbau der transsc[endentalen] Theo-
rie der Fremderfahrung etc. So ist es nun eine vollständige Aus-
bildung neuer "Cartesian[ischer] Meditationen" (so der jetzige
Titel) geworden: etwa 7-7 1 /2 Druckbogen. Ich sehe dies als meine
Hauptschrift an u.lasse sie bald auch bei Niemeyer erscheinen 41.
Zunächst sandte ich das Schreibmasch[inen] Msc. an Koyre -
Übersetzungsprobleme, Frage, ob der Bulletin das aufnehmen
mag etc. Fertig wurde ich erst vor etwa 10 Tagen u. reiste mit
meiner Frau ab, mich endlich - mit meinen Kräften war ich to-
BRIEFE VON HUSSERL 55
tal zu Ende - zu erholen. Unter diesen Umständen verstehen Sie
das groteske Geständnis, daß ich die Festschrift nur einmal auf-
geschlagen habe, u. nicht einmal die Titel aller gütigen Festgaben
behalten habe. Ja, es ist wirklich ein sonderliches philos[ophi-
sches] Dasein, wenn man mit 70 als Emeritus gefeiert wird, aber
noch in solchen Publikationsnöten stecken muß! Hier in Tre-
mezzo mußte ich nun erst damit anfangen, die "Form[ale] u.
transc[endentale] Logik" (240 Seiten!) zu corrigiren, u. das
kostet fast die ganzen Tage. In etwa 3-4 Tagen muß die 1. Corr.
an N[iemeyer] abgehen, da sonst die Ausgabe des Jahrb. X bis
zum Herbst verschoben wäre! Ich glaube aber, diese beiden
Schriften werden gerade Ihnen viel zu sagen haben u. Sie er-
freuen. Ich hätte sie noch vor IO Jahren so nicht schreiben kön-
nen. Meine Frau grüßt herzliehst u. desgl. ich. Wie geht es Ihrer
l[ieben] Gemahlin? Alle guten Wünsche von uns.
Ihr getreuer
E. Husserl
Hier ists wunderschön u. im Hotel sind wir vortrefflich aufge-
hoben.

XLII

Freiburg, den 2. XII. I929

Lieber Freund.
Ich fühle mich sehr in Ihrer Schuld. So behandle ich den
lie bsten und getreuesten meiner alten Schüler - neben dem mir
eigentlich nur J ean Hering gleich nahe steht. Aber Sie wissen
nicht, wie mir in der brennenden Arbeit die Zeit dahinschwindet,
Monate wie Tage! Zum Theil schrieb ich darum so lange nicht, da
ich Ihnen gerne über Ihren Gratulationsbeitrag Einiges sagen
wollte. Aber einzugehen und mich philos. über unsere Differen-
zen auszusprechen, ist nicht leicht, da ein paar Sätze wenig nutzen
können. Ihre Arbeit ist vielleicht die schönste und wichtigste
des Bandes, außerordentlich fein durchgearbeitet. Über diese ge-
diegene Solidität und die Präzision der Unterscheidungen habe
ich mich sehr gefreut. Warum ich Ihre Voranstellung des Onto-
BRIEFE VON HUSSERL

log[ischen] vor dem Intentional-Phänomenologischen (dem der


"Idealism" entspringt) nicht annehmen kann, werden Sie viel-
leicht schon aus dem 2. Theil der F[ ormalen ]u. ir[anscendentalen]
Logik verstehen können 42. Leider nimmt sich die Übersetzerin
der Cartes[ianischen Med[itationen] gar viel Zeit (oder hat zu we-
nig Zeit). Wäre der französ. Text, wie geplant, schon gedruckt, so
würden Sie die Grundlinien meiner ph[änomenologischen] Me-
thodik u. Systematik deutlicher erkennen können.
Es freut mich sehr, daß Ihnen meine log [ische] Schrift etwas
zu sagen hat. Sie ist in wenigen Monaten in Einem Zug hinge-
schrieben u. gedruckt worden - nachdem ich Jahrzehnte über
diese Probleme nachgedacht habe. Ich bin neugierig, wie Sie das
Ganze, auch den 2. Th[eil] , aufnehmen werden, und dazu die
wichtigen Beilagen. Das neue logische Buch, eine urquellen-
mäßige Urtheilstheorie, also besser: eine "formale" Erkenntnis-
theorie - syst[ematischer] Aufbau der kategorialen Seinsmodi aus
den Urquellen der Evidenz - quält mich noch gewaltig, die Dinge
liegen so weit hinter mir! (Haupt-Msc. aus Göttingen 1908-II,
aber auf das philos. gereifte Niveau von 1929 zu bringen!)
Z.Z. bin ich arg müde u. freue mich bald auszuspannen, wie ich
muß. Das eingehende "Studium von Heidegger"? Ich kam zum
Resultat, daß ich das Werk nicht dem Rahmen meiner Phän[o-
menologie] einordnen kann, leider aber auch, daß ich es metho-
disch ganz und gar u. im Wesentlichen auch sachlich ablehnen
muß 43. Um so mehr lege ich Gewicht auf die volle Ausgestaltung
der d[eutschen] Ausgabe der Cart[esianischen] Med[itationen] zu
meinem syst. "Hauptwerk". Hoffentlich wird es Ende 30 fertig,
dann folgen concret ausführende Werke - alle im Material über-
reich vorbereitet. Von Oxford habe ich noch keine Einladung.
Daß Sie Ihr neues Buch theilen, hat auch seine Bedenken, neben
den prakt. Vorzügen: Ein ganzes Buch ist immer am eindrucks-
vollsten.
Nun noch herzl. Glückwünsche zu Ihrem freieren Leben u.
Arbeiten. Wann sehen wir uns wieder? Herzl. Grüße auch an
Ihre Fr. Gemahlin
Ihr altgetreuer
E. Husserl
BRIEFE VON HUSSERL 57

XLIII

Freiburg LBr., 2. Dez. 29

Lieber Herr Ingarden.


Gerade heute wollte ich Ihnen schreiben, Ihr Brief an meinen
Mann lag schon auf meinem Briefblock, da kam Ihre Anfrage an
mich. Aber, mein lieber Herr Ingarden, wie können Sie nur auf
den unerhört komischen Gedanken kommen, man hätte Ihnen et-
was übelgenommen oder dergleichen? Ich glaube, die freund-
schaftlichen Beziehungen zwischen uns sind eine alte feste Tat-
sache, und da besteht absolut keine "Zweifelsmöglichkeit" . Also
für alle Zukunft: keine Sorge um Mißverständnisse oder Mißdeu-
tungen! Daß Sie aber seit Mai keinerlei Beantwortung erhalten
haben, ist ohne eine postalische Schlamperei unmöglich. Wir kön-
nen uns im Moment an kein bestimmtes Datum erinnern, eins ist
uns aber gewiß, daß einer von uns beiden an Sie geschrieben hat.
Nun ist die Hauptsache für Sie, zu erfahren, wie wenig auch
Besorgnisse um meines Mannes Befinden gerechtfertigt sind. Es
geht ihm Gottseidank, seit Sie ihn im April gesehen haben,
dauernd ausgezeichnet, er arbeitet wie ein Junger, u. selbst in un-
serem Sommerurlaub am Comer See hat er gründlich Heideggers
Buch durchgearbeitet, nachdem er vorher die Monate mit den
Fährlichkeiten der Drucklegung der form[alen] Logik so viel zu
tun hatte. Seit September hat er an der deutschen Erweiterung
der Cartes[ianischen] Medit[ationen] gearbeitet u. auch die Am-
sterdamer Vorlesungen einbezogen, mußte jedoch damit abbre-
chen, da Landgrebe die Ausarbeitung der Logischen Studien
(circa 15 B.) vorlegte, über denen mein Mann nun sitzt u.
schwitzt 44. Da er diese Untersuchungen in einen größeren syste-
matischen Zusammenhang eingliedern u. auch sonst bereichern
will, ist es eine harte u. im Moment noch nicht ganz absehbare
Sache. Jedenfalls wird der Druck des Jahrbuches nicht vor März
beginnen. Für diesen Band liegen z.Th. schon seit mehr als einem
Jahr Arbeiten da, u. die "Logischen Studien" sollen programm-
mäßig ebenfalls hinein. Nun wäre es möglich, wenn sie zu um-
fangreich würden (was leicht sein kann), daß Niemeyer sie gleich
* Zusatz von E. Husserl: "Es wird ein größeres Buch". (Anm. d. Hrgs.)
BRIEFE VON HUSSERL

als eigenes Buch veröffentlicht, u. dann wird ohne Weiteres Platz


für den 1. Teil Ihres Werkes 45. Dies wird sich aber nicht vor Fe-
bruar entscheiden, weil mein Mann mit mir am IS. für 3 Wochen
nach Kiel u. Berlin zu unseren Kindern reist u. völlig ausspannt.
Übrigens wird auch der Plan erwogen, statt der großen u. teueren
J ahrb. Bände eine zwanglose Folge von Arbeiten einzeln erschei-
nen zu lassen. In dem Falle wäre Ihnen ja auch geholfen. Nur
müssen Sie sich noch etwas gedulden, mein Mann will, um End-
giltiges N[iemeyer] vorschlagen zu können, seine "Log[ischen]
St[udienJ" ganz im Griff haben.
Sehr erfreut sind wir über Ihre Entlastung in der Schule. Sie
sehen, "Gott verläßt die Seinen nicht", man muß nur selber fest-
bleiben. Und das tun Sie ja.
Grüßen Sie Ihre liebe Frau, und schreiben Sie das nächste Mal
auch etwas über Ihr häusliches Leben.
In freundschaftlichster Gesinnung
Ihre Malvine Husserl

XLIV

Freiburg, den I9. IH. I930

Lieber Freund!
Ihr Brief vom Dez. v. J. kam mir etwas verspätet - ich war
(oder wir waren) in Kiel bzw. Berlin bei den Kindern; über 3
Wochen, über Weihnachts- und Neujahrszeit. Es war eine be-
wegte Zeit, auch in wissenschaftlicher Beziehung gab es regen phi-
los. Gedankenaustausch, in Kiel sprach ich auch halbäffentlieh
vor einem geladenen Kreis z Stunden über konstit[utive] Phäno-
m[enologieJ. Heimgekehrt stürzte ich mich in die Arbeit. Ihr
Brief war mir eine große Freude, es ist die einzige Reaction auf
meine F[ormale] u. tr[anscendentaleJ L[ogikJ die ich ernst neh-
men konnte und mir wirklich Wertvolles sagte 46. Ihren dringen-
den Wunsch, erst das z-te log [ische] Buch fertig zu machen, war
ich sehr bereit, mir zu Herzen zu nehmen. Ich war eigentlich
schon Monate lang dabei, war aber in Kiel schwankend geworden,
da es viel langsamer zu Form kommen wollte, als ich gehofft. Im
BRIEFE VON HUSSERL 59
Januar ging ich also nochmals daran. Aber nach etwa 3-4 Wochen
harter Arbeit ließ ich es wieder fahren. Es war mir aus den Msc.
(bzw. dem daraus einheitlich verknüpften Entwurf von Dr. Land-
grebe) plötzlich klar geworden, daß im Verborgenen ein sehr
wichtiger einheitlicher Gedanke in den losen Bruchstücken zu
Tage dränge, und daß nun eine völlig neue system. Ausarbei-
tung unter seiner principiellen Leitung notwendig sei, mit noch
einzuarbeitenden Ergänzungsstücken aus anderen alten Ent-
würfen (die log[ischen] Studien liegen weit zurück, seit Langem
habe ich mich nicht mehr mit log [ischen] Problemen beschäftigt
- daher geht es jetzt langsam, ich muß mich erst hineinfinden).
Ich sah, daß ich noch 4-6 Monate Arbeit brauchen würde, u. so-
lange durfte ich die deutsche Bearbeitung der Cartes[ianischenJ
Med[itationenJ nicht aufschieben 47. Denn das wird das Haupt-
werk meines Lebens sein, ein Grundriß der mir zugewachsenen
Philosophie, ein Fundamentalwerk der Methode u. der phil.
Problematik. Mindestens für mich Abschluß u. letzte Klarheit,
für die ich eintreten, mit der ich ruhig sterben kann. (Aber wich-
tiger ist, daß ich mich berufen fühle, dadurch entscheidend in die
kritische Situation einzugreifen, in der jetzt die d[eutscheJ Philo-
sophie steht.) Die kleine franz. Schrift, Ostern erscheinend (etwa
100 S.), wird nicht bloße übersetzung der deutschen sein, denn
für das deutsche Publicum - in der jetzigen Situation (modische
Schwenkung zu einer Philos. der "Existenz", Preisgabe der
"Ph[ilosophieJ als strenge Wisseenschaft]") bedarf es breiterer
Exposition und Weiterführung bis zur obersten "metaph[ysi-
schen]" Problematik. Ich arbeite mit guten Kräften und in
äußerster Concentration, vor dem Herbst werde ich mit dem
Buch nicht fertig werden.
In Ihrem Briefe vom Dez. erwähnten Sie nichts mehr von dem
"Liter[arischenJ Kunstwerk I" für das Jahrb. Ich freue mich, aus
Ihrem neuen Briefe zu ersehen, daß Sie fertig sind - mit 1. Aber
circa 12 Bogen - dafür ist im Jahrb. XI nicht Raum, höchstens
für 6 Bogen. Wie gewöhnlich waren die vorgelegten Arbeiten grö-
ßer als nach Anschlag. Ich meine nun so: das Schlußstück, das
doch nicht groß ist, könnten Sie doch sicher im Sommer, spätes-
tens in den großen Ferien, in die Druckerei liefern, so daß das
ganze Buch im Oct. erscheinen könnte. Ich will nun Niemeyer
nachdrücklich schreiben, er möge den 1. Th. sogleich zu
60 BRIEFE VON HUSSERL

drucken beginnen, ich verbürgte mich für Ihre rechtzeitige Liefe-


rung des Schlußstückes. So wäre es für Sie ja auch das Günstig-
ste - wenn Sie nur ganz gewiß sind, im Schlußstück nicht
stecken zu bleiben. Denn Kosten (und die sind nicht unerheblich)
kann man dem N[iemeyer]schen Verlag nicht zumuten, u. er wür-
de sie auch nicht übernehmen. - Das ist Ihnen doch recht. Ich
schreibe etwa Morgen. Kann Frl. Stein das Msc. bald an N[ie-
meyer] schicken?
Ich wollte, ich hätte Sie hier. Wie viel hätte ich mit Ihnen zu
sprechen. In Dr. E. Fink habe ich mir einen idealen Assist[enten]
erzogen, in täglichen Spaziergängen spreche ich mit ihm alle Ar-
beit, alle Versuche, Pläne durch. (Dr. Landgrebe arbeitet jetzt
für seine Habilit. und schied so aus.) Nach Oxford gehe ich nicht.
Zu einem Vortrag bin ich merkwürdiger Weise nicht aufgefordert
worden. Hoffentlich wird die bald in Druck kommende Gibson' -
sche Übersetzung der Ideen in England wirken (mit meiner Ein-
leitung, etwa 25 S.). In Spanien soll eine gute übersetzung der
L[ogischen] U[ntersuchungen] erschienen sein.
Nun wünschen Sie mir Frische u. Kraft für dieses Jahr, das
entscheidende für meine Lebenserndte.
Ihnen aber wünsche [ich], was Ihr alter Freund und Schätzer
Ihrer wiss. Kraft Ihnen in Ihrer jetzigen Situation wünschen
kann. Dazu auch für Ihre Familie alles Schöne und Gute.
Herzlichst grüßen wir, meine Frau und ich selbst, Sie, auch
Ihre Gemahlin,
Ihr alter Lehrer u. Freund
E. Husserl.
Am 30. d. M. gehen wir zur 3-wöchentl. Erholung nach Florenz.

XLV

19. XI. 30

Lieber Herr Ingarden,


Ihr gestriger Brief war eine große Freude. Daß Sie so rasch mit
der Durchführung Ihres Buches zu Ende gekommen sind, stellt
Ihnen ein ehrenvolles Zeugnis aus. Mein Mann wird Ihnen bald
BRIEFE VON HUSSERL 61
selbst schreiben. Er steckt wieder in voller Arbeit, nachdem er
mancherlei Störung zu überwinden hatte: den schwülen, läh-
menden Sommer, vor allem aber eine heftige Bronchitis Ende
Septbr. Wir waren in Chiavari an der itaI. Riviera unter dem
denkbar günstigsten Wetter u. besten Pensionsumständen, mein
Mann badete u. schwamm in dem unglaublich warmen Meer, wie
er zu der schweren Erkältung kam, wer kann das wissen? Er lag
beinahe 14 Tage zu Bett mit teilweise hohem Fieber u. fürchter-
lichem Husten. Mir war recht bange zu Mute. Gottseidank siegte
seine gute Natur, sein starkes Herz. Wir verlängerten unseren
Aufenthalt bis 3. Nov. u. das herrliche Klima beschleunigte die
Reconvalscenz so sehr, daß mein Mann ganz erholt u. gekräftigt
nach F[reiburg] zurückkehren konnte. Sie haben auch mit Frau
u. Kind Sorgen gehabt, Gottseidank ist es auch gut vorbeigegan-
gen, u. Sie können sich restlos über Ihren großen Arbeitserfolg
freuen.
Die Meditations Cartesiennes müssen demnächst erscheinen,
ausgedruckt sind sie schon lange. Wissen Sie, daß Koyre einen
Ruf nach Montpellier hat? Natürlich geht er hin.
Mein Mann läßt Ihnen durch Niemeyer den letzten J ahrbuch-
band zugehen (es ist sein zweites Freiexemplar). HerzI. Grüße
Ihnen u. Ihrer l[ieben] Frau von uns Beiden
Ihre M[alvine] Husserl

XLVI

Freiburg in Br., den 2r. Dezember 1930

Liebster Freund!
Mit inniger Rührung und Freude habe ich Ihren lieben gütigen
Brief vom 15. XI. gelesen. Es ist undankbar, wenn ich mich oft
über die Vereinsamung im Alter, die wissenschaftliche und per-
sönliche, beklage, solange ich einen solchen Schüler und Freund
habe wie Sie. Ich rechne es Ihnen hoch an, daß Sie nicht ablassen,
mir zu schreiben, selbst wenn ich das Antworten versäume. Ihre
Briefe sind mir in meiner Abgeschiedenheit eine Freude und ein
Bedürfnis. Ich habe seit meiner Rückkunft von Chiavari, wo ich
62 BRIEFE VON HUSSERL

zwei Monate, die für die Arbeit gedacht waren, durch Krankheit
verlor, leidenschaftlich gearbeitet u. alle äußeren Störungen mir
fern halten müssen. Erst gestern ist s.z.s. das Uhrwerk abgelau-
fen, d.i. die Gedankenreihe, die sich in mir gestalten wollte u.
mußte, ist zur Abrundung u. Vollendung gekommen. Inzwischen
ist Ihr zweiter Brief u. Ihr schönes Werk eingetroffen 48. Ich be-
wundere Ihre Energie, in der Sie unter so schwierigen Verhältnis-
sen, in so beschränkter Arbeitszeit u. unter solchen weiteren
Hemmungen, ein so tief schürfendes Werk schreiben konnten.
Es freut mich, daß mein unbedingtes Vertrauen auf Ihren Lebens-
ernst u. auf Ihre Begabung für Sie etwas bedeutet hat. Aber Sie
haben ja seit Ihrer Studentenzeit mein Urtheil immer wieder u.
in schöner Steigerung bestätigt. Dieses neue Werk zeigt Sie, wie
ich schon bei der ersten Durchsicht freudig konstatieren konnte,
wieder um eine Stufe höher. Für mich eine besondere Genug-
thuung und, fast möchte ich sagen: ein Stolz. Denn wie oft habe
ich darüber geklagt, daß es mir an eigentlichen Mitarbeitern
fehle, an Schülern insbesondere, die mir Selbstgedachtes vorweg-
nehmen würden. Der ganze Stil des Buches, obschon nur nach der
ontol[ogischen] Seite, scheint eine Vorwegnahme zu sein - wie ich
das übrigens schon 1929, als Sie mir von dem ersten Entwurf er-
zählten, u. besonders am "Inhaltsverzeichnis" desselben sofort
sah. Doch auf die nähere Ausführung bin ich begierig. Ich will in
den Feiertagen Ihr Werk zur Festlecture machen - in der That,
es ist mir ein hocherfreuliches Weihnachtsgeschenk. Natürlich
interessiert mich das spez[iell] logische Cap[itel] I, 5, mit Rück-
sicht auf das in der F[ormalen] u. tr[anscendentalen] Logik an-
gekündigte 2-te logische Buch, welches eigentlich gedacht war in
unmittelbarer zeitlicher Folge nach jenem ersten (den Namen
"log[ische] Studien" werde ich nicht festhalten). Der von Dr.
Landgrebe vor I Jahr abgelieferte Entwurf - Verknüpfung mei-
ner alten log [ischen] Msc. aus der Göttinger Zeit und den Kriegs-
jahren (später habe ich nicht mehr über logische Probleme ge-
arbeitet) - mußte zurückgestellt werden, da ich sah, daß die Aus-
arbeitung f. den Druck unter notwendiger Rücksichtnahme auf
meine sonstigen Fortschritte viel Zeit kosten würde. Mir liegt
aber das systematische Grundwerk der Ph[änomenologie], das
ich eigentlich seit einem Jahrzehnt innerlich vorbereite u. jetzt
ausarbeite, natürlich u. bei meinem Alter zunächst am Her-
BRIEFE VON HUSSERL

zen 49. Eine frohe Überraschung war für mich Ihre Kritik meiner
urspr[ünglichen] Lehre von den Bedeutungen als "idealen Spe-
zies". Darüber handeln auch jene "log[ischen] Studien", u. ganz
in Ihrem Sinn. Ich habe die Position der Log[ischen] U[ntersu-
chungen] schon in der letzten Göttinger Zeit aufgegeben, in den
Bernauer Landaufenthalten ausführlicher behandelt. Ich war ja
überhaupt in den L[ogischen] U[ntersuchungen] ein philosophi-
sches Kind.
Sehr betrübt mich, daß dieMJd[itations] Cartes[iennes] noch im-
mer nicht erschienen sind, obschon im Sommer schon der Satz
(I40 S.) vollendet war, nur die letzte Correctur fehlte noch. Das
Msc. ging schon Mai I929 nach Frankreich. Überhaupt ist es ein
wahres Unglück, daß ich mit der Ausgestaltung meiner (so muß
ich leider sagen) transzendentalen Phänomenologie im systemati-
schen Entwurf so spät zu Rande gekommen bin u. nun eine Gene-
ration da ist, die in Vorurtheilen festgefahren u. durch die Zu-
sammenbruchspsychosen von wissenschaftl. Philosophie abge-
drängt, nicht hören und sehen will. Und doch bin ich voll froher
Zuversicht. Mag jetzt Niemand mitgehen u. meine bisherigen all-
zukurzen u. lückenhaften Vorzeichnungen verstehen, und mag
die philos. Umwelt, statt Einseitigkeiten u. einzelne Fehler zu
bessern, die großen neuen Einsichten bei Seite schieben - ich bin
der Zukunft absolut sicher. Leider scheinen auch Sie, l[ieber]
Freund, Ihrer eigenständigen Ontologie sicher geworden zu
sein 50. Was gäbe ich darum, wenn ich noch hoffen dürfte, daß
Ihr Geist noch für Neues empfänglich, noch beweglich selbst im
Principiellen, noch etwas skeptisch wäre, völlig bereit, das "Si-
chere" noch einzuklammern u. in der Epoche neu zu durchden-
ken. Versuchen Sie sich noch frei u. im Fluß zu halten! Und nicht
um meinetwillen, da es sich um eine wirkliche Wende der gan-
zen bisherigen Philosophie, um eine wirkliche (nicht die Kanti-
sehe) Copernik[anische] Umwendung handelt. Seit vorigem Som-
mer, seit Ausgabe des letzten Buches bin ich in leidenschaftlich
vertieftem Studium der Anhiebe, Entwürfe, der mannigfachen
Gedankenreihen, der universalen Problematik der tr[anscenden-
talen] Phänomenologie - als universaler Philosophie, die, voll
ausgebildet, alle Ontologien (alle aprior[ischen] Wissenschaften)
u. alle Wissenschaften überhaupt - in letzter Begründung - um-
spannen würde. Niemand kann in Bez. auf sich selbst u. eigene
BRIEFE VON HUSSERL

Lehren skeptischer sein wie ich. Ich behandle mich mißtrauisch


und fast bösartig, wie meinen Feind. Im letzten Durcharbeiten,
Präzisieren, Ergänzen u. systematisch zur Einheit Bringen hat
sich alles noch vertieft, sich wechselseitig erleuchtet u. eine Evi-
denz gewonnen, die, wie es sein muß, alle vorbildlichen Eviden-
zen u. Wissenschaften der Tradition (Mathematik, math[emati-
sche] Naturwiss[enschaften]) weit hinter sich läßt. Freilich auch
hinter sich läßt an Schwierigkeit des Nachverstehens und des
theoretisch Erwerbens. Die erste u. vielleicht größte Schwierig-
keit liegt in der radikalen Vorurtheilslosigkeit u. ihrer Methode
der phänom[enologischen] Reduktion. Die letztere - von keinem
meiner alten Schüler verstandene - erfährt jetzt eine vielseitige
Erhellung, die keine dunklen Winkel übrig läßt u. kein Auswei-
chen. Das wird allein schon ein großer Abschnitt, u. dann folgt die
Systematik der constit[utiven] Analyse der "vorgegebenen
Welt", weiter dann die genetische Phänom[enologie] u. die "me-
taphys[ische]" Problematik, im besonderen phänomenolog. Sinn
metaphysisch. Dann im weiteren ist mit der transz[endentalen]
Subjektivität das Absolute, u. durch die besondere transzenden-
tale Erfahrung, direkt erschlossen. Vielleicht wird Ihnen -
wenn Sie sich nicht gar zu festgelegt haben auf den Ontologismus
- mein Gang directer Aufweisungen u. Analysen doch noch zu-
gänglich. Was wäre das für ein Glück, wenn ich solches erleben
dürfte. Sie werden die Ontologie (u. Metaphysik) darum nicht ver-
lieren, aber in einem vertieften Sinn u. in neuem method[ologi-
schem] Gang wiedergewinnen. (Bitte warten Sie lieber mit der
geplanten kritischen Auseinandersetzung!)
Die Fertigstellung wird noch erhebliche Zeit kosten, ich hoffe
aber bestimmt, mindest eine erste Hälfte im nächsten Jahrb.
(Herbst I93I) publizieren zu können. Mein hochbegabter Fink
hilft wacker mit, ohne ihn wäre ich verloren. Lesen Sie doch seine
wirklich mustergiltige Preisarbeit I im Jahrb. XI. Das XII.
bringt die Fortsetzung (circa I5-I8 Bogen).
Sehr betrübt hat uns zu hören, wie viel Sorgen Sie u. Ihre Ge-
mahlin im Herbstanfang mit all den Krankheiten der Kinder,
auch Ihrer Gemahlin selbst, hatten. Leider schreiben Sie im letz-
ten Brief nicht, ob alles ganz gut nun ist.
Nun noch, l[ieber] Freund, fröhliche Weihnachten u. alles Gute
BRIEFE VON HUSSERL

für Sie alle z. n. Jahr. Sie selbst dürfen jetzt ruhen, da Sie ein
wertvolles Werk zu Rande gebracht haben. Ihr alter Freund
E. Husserl

[P.S.:]
Lieber Herr Ingarden.
Ich füge noch herzliche Grüße u. wärmste Neujahrswünsche
für Sie u. Ihre liebe Frau bei. Bleiben Sie Alle nur gesund, ums
Andere ist mir nicht bange. Meine Gratulation zu dem schönen
Buch! Ihre getreue Freundin
M[alvine] Husserl

XLVII

Freiburg, Sylvester 1930

Lieber Freund!
Vielen Dank für Ihren hocherfreulichen Brief. Meine "Mah-
nung" wollte ja nicht den Sinn eines "Vorwurfs" haben. Gerade
weil ich Sie so ernst nehme u. Sie für einen echten, ganzen Philo-
sophen halte (Sache der Gesinnung u. nicht der bloßen Begabung),
bin ich brennend dafür interessiert, daß Sie in der radicalen
phil. Freiheit verbleiben und nicht unvermerkt sich binden.
Prinzip: Was ich "selbst" sehe, "evident" erfasse, hat sein
Rech t, nur vielleicht ein begrenztes (Horizonterschließung).
Also furchtlos (keine "dunkeln Winkel") es gelten lassen u. dann
nachsehen. Herzlichste Freundesgrüße von uns am Sylvester,
Ihrer gedenkend, Glück u. Segenswünsche für Frau u. Kinder,
für Sie alle. Ihr altgetreuer
E. Husserl
Noch einen persönlichen Neujahrsgruß an Sie u. Ihre l[iebe]
Frau
M[alvine] H[usserl]
66 BRIEFE VON HUSSERL

XLVIII

Freiburg i.Br., den 5. H. I93I

Lieber Freund!
Ihre Karte hat uns sehr beglückt. Endlich kommt die ver-
diente Anerkennung 51. Unico loco - das will doch was sagen, es
zeigt, welche Hochschätzung Sie sich errungen haben, ja wirk-
lich errungen gegen die langjährigen Widerstände, durch Ihre
bewundernswerte ethische Energie, durch eine kaum glaubliche
Arbeitsleistung und die Tiefgründigkeit Ihrer Forschung. Sie
werden die vielen schweren Jahre nachträglich nicht beklagen,
Sie werden dankbar sein, daß Sie [eine] so harte Schule durch-
machen mußten. Nun kann es nicht mehr fehlen, u. hoffentlich
geht nun alles glatt. Vorläufig buchen wir als großes Positivum
den schönen Vorschlag. Niemand kann sich mehr über Ihren Er-
folg freuen als Ihr alter, stets in gleicher Hochschätzung zu Ihnen
stehender Lehrer
E. Husserl
Herzliehst grüßen u. beglückwünschen wir Ihre liebe Frau. Ich
freue mich sehr!
M[alvine] H[usserl]

XLIX

Freiburg i.Br., den I6. 11. I93I


Lieber Freund!
Unsere innigsten Glückwünsche! Es will sich also herrlich
erfüllen, und die große Wendung Ihres Lebens steht nahe bevor.
Wie schön, daß Sie dereinst auf die harten, mageren Jahre (fast
2 X 7 "magere" Jahre!) mit Genugthuung werden zurückschauen
können. Ihr Sein ist fest gegründet, und Sie ahnen nicht, wie
viel man in Ihrem Alter - wenn man etwas ist - vor sich haben
kann. In solchem Alter war ich noch primitiver Anfänger. Nun
müssen Sie aber gesund bleiben. Jetzt ist keine Zeit mehr, "im
BRIEFE VON HUSSERL

Bette zu liegen", sonst hieße es mit Goethe: "regnet's Brei, fehlt


ihm der Löffel". Ich bin in brennender Arbeit. Leider wird das
neue Werk nicht zu Jahrb. XI fertig trotz der athemlosen Be-
mühungen des ganzen letzten Jahres, die gottlob viele innere
Klarheit u. Selbstbestätigung gebracht, aber auch viele Nachge-
staltung, Präcisierung etc. gefordert haben. Ins Jahrbuch gebe
ich die Cart[esianischen] Med[itationen] (von Dr. Fink u. ev. mir
erweitert) und die Bemauer Zeituntersuchungen, die Fink allein
schon zur Einheit eines Textes gebracht hat (ziemlich umfang-
reich) 52. Viele Grüße u. GlÜckw. von Haus zu Haus,
Ihr E. Husserl

Freiburg i.Br., den 19· 4. 1931

Lieber Freund!
Die 2 gar lieben guten Zuschriften kann ich jetzt nicht beant-
worten. Ich bin auch etwas par terre durch eine Grippe, soll aber
die drängende Arbeit durchhalten, sonst "komme ich ganz her-
aus". Ich soll in Berlin (10. 6.), in Halle u. Frankfurt über Phän[o-
menologie] u. Anthropologie sprechen (Kant-Ges[ellschaft]) u.
muß meine Antipoden Scheler u. Heidegger genau lesen 53. Sie
haben die Medeitations] Cart[esiennes]? In England cursiren sie
schon seit 3 Wochen, aber ich - der Autor - habe sie noch nicht
gesehen!! Ob ich Freiex. erhalten werde? Dieser Tage kommt
ein engl. Reverend, der meine F[ormale] u. tr[anscendentale] Logik
ins Englische übertragen will. Die engl. Ideen sind im Druck.
Viele Grüße, lieber Freund, von uns allen
Ihr
E. H.
Natürlich wäre ich hocherfreut, wenn Sie die Übersetzung über-
nehmen wollten. Die deutschen "Medit[ationen]" werden sehr
erweitert sein. Welchen Eindruck haben Sie von der fr[ anzösi-
sehen] Ausgabe 54?
68 BRIEFE VON HUSSERL

LI

Freiburg i.Br., 15. V. 31

Lieber Herr Ingarden.


Ihr Brief hat meinen Mann sehr gefreut (mich auch). Ihre treue
Gesinnung, die sich in jeder Ihrer Äußerungen so selbstverständ-
lich bekundet, rührt uns immer wieder, und meinem Manne ist es
von der größten Wichtigkeit, im Einzelnen Ihre Zustimmung u.
Kritik zu dem franz. Buche kennen zu lernen. Die deutsche Aus-
gabe soll jedenfalls erweitert u. um 2 Meditationen bereichert
werden. Dr. Fink arbeitet gemeinsam mit meinem Manne daran,
es werden noch andere Manuscripte herangezogen, u. bei den täg-
lichen langen Spaziergängen wird alles durchgesprochen 55. Sie
wissen ja, wie sehr Fink auf diese Intentionen einzugehen vermag
u. wie weitgehend seine Schulung in der Husserlschen Phän[ome-
nologie] gediehen ist.
Nun erscheint es meinem Manne trotz dieser gedanklichen,
abermaligen Durchackerung sehr wichtig, daß Sie möglichst
noch im Juni Ihre Vorschläge formulieren u. einschicken, Vor-
schläge in jeder Hinsicht, also alles, was Ihnen noch zu fehlen
scheint oder was noch nicht ganz klar dargestellt ist 56.
Am 31. Mai beginnt die Vortragsreise: 1. u. 2. Juni in Frank-
f[urt] , 10. Juni Berlin, 16. Juni Halle. So gegen 20. Juni sind wir
wieder hier, u. dann nimmt mein Mann die endgiltige Fertigstel-
lung der deutschen Ausgabe d. C[artesianischen] M[editationen] in
die Hand. Je eher Ihre Bemerkungen eintreffen, desto besser,
weil Fink sie ev. schon vorher durchdenken könnte.
Es geht sonst durchaus gut bei uns. Mein Mann ist scharf an
der Arbeit, denn der Vortrag soll doch den Leuten was Rechtes
sagen u. manche ärgste Mißverständnisse aus dem Wege räumen.
Störungen gibt es auch genug. Jetzt war ein englischer Geistlicher
(Sohn des Erzbischofs von Wales) beinahe eine Woche hier, der
sich in die Phänom[enologie] eingearbeitet hat u. gerne die Logik
übersetzen möchte. Vorläufig riet ihm m[ein] M[ann] noch ein
Jahr Vertiefung. Die Ideen werden jetzt in der Übersetzg. von
Prof. Gibson in London gedruckt.
BRIEFE VON HUSSERL

Wie steht es mit Ihrer Ernennung? Wenn Sie nur endlich die
Schufterei am Gymnasium los wären!
Die herzlichsten Grüße Ihnen u. Ihrer lieben Frau.
In Freundschaft
Ihre Malvine Husserl

LII

Freiburg i.Br., 2I. 5. 31

Lieber Herr Ingarden.


Ich beantworte Ihre l[iebe] Karte gleich, erstens, Ihnen im Na-
men meines Mannes zu danken für Ihre liebenswürdige Bereitwil-
ligkeit in Bezug auf die Bemerkungen zu den Cart[esianischen]
Medit[ationen]. Das wäre sehr schön, wenn Sie dieselben Mitte
Juni senden könnten. Bitte sie dann an Dr. Eugen Fink, Freiburg
i.Br., Baslerstr. 32 11. Stock zu adressieren; da wir wol nicht vor
dem 22 zurückkommen, könnte Dr. F[ink] inzwischen Ihre Ein-
wände oder Zusätze durchdenken. Wir freuen uns sehr, daß dieser
Herbst Ihnen endliche Erlösung von der Schule bringen wird!
Herzlichste Grüße von uns Beiden an Sie u. Ihre l[iebe] Frau.
Ihre M[alvine] Husserl

LIII

Freiburg i.Br., 8 Juli 1931,


Zur Zeit: St. Märgen (bis 3I. Juli) bei Freiburg

Lieber Freund!
Ich sehne mich vergeblich danach, Ihnen ausführlich zu
schreiben u. Ihnen zu sagen, wie sehr mich Ihre Mitarbeit an den
Medit[ationen] erfreut, ja beglückt. Heute nur ein paar Worte. Es
ist mir unendlich wichtig zu erfahren, wie ein so klarer, ernster
Leser u. ein altgetreuer Schüler meine Schrift liest, und woran er
Anstoß nimmt. Das, obschon ich alles, auch alle Einwände un-
zählige Male selbst erwogen habe, durch all die Unklarheiten mich
selbst erst durchgearbeitet habe. Jetzt wo mein Abstand von den
70 BRIEFE VON HUSSERL

Lesern allzu groß geworden ist, ist es höchst wichtig für die Dar-
stellung, all die Schwierigkeiten u. mögliche Einwände vor
Augen zu haben. Sie sind der Einzige, der mir diesen großen
Dienst erweist, mir u. der Sache 57. Seit der Rückkehr von den
Vorträgen, die unverhofft größtes Aufsehen erregt u. starke Wir-
kung geübt haben (auch durch persönliche Discussionen), bin ich
in einem Erschöpfungszustand u. habe leider nicht weiter arbei-
ten können. Zudem hatte ich eine Unzahl von Briefen zu schrei-
ben, sehr wichtiger Art, und bin noch jetzt nicht fertig. Tief de-
primiert haben mich Ihre Mittheilungen, diese unglaubliche Dis-
crepanz zwischen Ihren Leistungen u. Ihrer Stellung. Empört bin
ich, daß Ihnen, auf dessen philos. Arbeit für Ihr Land u. Volk so
viel ankommt, nicht die Schulstunden abgenommen worden
sind 58. Eigentlich ist Ihre Arbeitskraft erstaunlich - Sie haben
eben viel geistige Energien schon aufgespeichert, die wie von
selbst Gestalt annehmen. Halten Sie nur aus, es ist auf Sie ge-
rechnet, als einen der Allzuwenigen, Berufenen. Und auch Ihre
Frau?! Das ist doppelt hart. Doch Sie wissen, daß das nicht
dauern kann, man weiß endlich in P[olen], was Sie bedeuten. In-
nigen Dank für Ihre Briefe, ich kann Ihnen nicht genug danken.
Wie sehne ich mich, Sie wiederzusehen, dsgl. meine Frau. Vom
Herzen
Ihr
E. Husserl
Nb.: die Medit[ationen] sind grobe Grundlinien - es waren ja nur
4 Stunden. Literarisch breiter ausführen konnte ich nur das
wirkl. Angedeutete. Ich habe soeben Ihre 2-te Sendg. u. Ihre
Karte erhalten 59.
Herzl. Grüße Ihnen u. Ihrer 1[ieben] Frau
M[alvine] Husserl

LIV

Freiburg, 31. VIII. 1931 [Poststempel]

Liebster Freund.
Also doch nur eine Postkarte auf so liebe, so mir u. meiner
Frau herzlich willkommene Briefe!! Und dabei sprechen wir so
BRIEFE VON HUSSERL 71
oft von Ihnen u. haben so innigen Antheil an Ihren schweren Ent-
täuschungen! Aber in welcher Lage bin ich meinerseits! Ich kam
von meiner Votragsreise, einer über alle Erwartung für meine
phän[omenologischen] Bestrebungen u. nicht nur äußerlich er-
folgreichen, so übermüdet zurück, daß ich sehr langsam in or-
dentliche Arbeit hineinwuchs. Aber nach Monaten des Zeitver-
lusts 60 wurde die Neuausarbeitung der Med[itationen] brennend.
Alles bis aufs letzte concret durchdenken, die alten Untersuchun-
gen neu lebendig machen, in der letzten Zusammenordnung
systemat. bereichern - welche Arbeit bei so schwierigen Themen,
u. wo es ein System der universalen Methodik u. Problematik
der Philosophie gilt. Und das in meinem Alter; freilich unter be-
lebender Mithilfe eines Dr. Fink. Obwohl ich nicht eigentlich
principiell N eues zu sagen habe - aber in der totalen Zusammen-
schau erleuchtet sich so vieles u. ergeben sich erst die letzten Not-
wendigkeiten für den Gang der Darstellung, die Darstellungs-
methode, die hier nicht eine liter[arische] Sache ist, sondern we-
sensmäßig zu einer Philosophie selbst als ihre Methode der Be-
gründung gehört. Für das J ahrb. u. die deutsche Situation kann
ich nicht so kurz andeutend sein, u. das giebt wohl schließlich ein
neues Buch. - Leider haben Ihre Vermutungen sich bestätigt. Die
Übersetzer der Med[itationen] haben den Text oft nicht verstan-
den, kein Wunder, daß Sie stecken blieben. In der wichtigen
V-ten sind ganze Passagen durch einen vagen nichtssagenden
Satz ersetzt, u. dazu genug Fehler. Leider auch die englische
Übersetzg! Das Jahrb. wird nun ziemlich später erscheinen,
nicht vor [der] 2-ten Winterhälfte, voraussichtlich wird's allzu
umfangreich sein. Ich will alles daran setzen, Ihren kleineren
A ufsa tz hineinzubringen 61; denn daran liegt mir an sich sehr
viel, daß Sie vertreten sind. Wenn die neuen Medit[ationen]
(deutsch) Ihnen vorliegen, werden alle Ihre Bedenken verschwin-
den. Dafür wird sich Ihnen ein unendliches Feld höchst fruchtba-
rer, erleuchtender eigener Entdeckungen eröffnen, u. all Ihre bis-
herige Forschung wird Ihnen von Wert bleiben. - Machen Sie also
Ihre Arbeit fertig u. seien Sie guten Muts. Sie leben nicht um-
sonst. Wir brauchen Sie. Viele Grüße!
Herzlichst Ihr E. Husserl
72 BRIEFE VON HUSSERL

LV

Freiburg LBr., den 13. Xl. 1931

Liebster Freund.
Ihr Brief hat mich sehr betrübt, vor allem, weil Sie selbst Ihre
Lage so schwer nehmen. Gewiß, sie ist arg genug! Aber in einer
Zeit u. Welt, wie sie jetzt sich allgemein gestaltet hat, ist sie im-
mer noch menschliches Dasein ermöglichend. Wenn Sie eine
Ahnung hätten, wie es hier in Deutschland u. (nach privaten Be-
richten) in Oesterreich aussieht! Lassen Sie keine Erbitterung in
sich aufkommen, auch nicht gegen den armseligen T. Behalten
Sie Ihre philos. Überlegenheit über allen Widerwärtigkeiten. Vor
allem: es ist nicht die rechte Reaktion, wenn Sie sich durch eine
tolle Überarbeitung ablenken. Sie haben eine Zukunft, u. dafür
müssen Sie Kräfte haben u. sich nicht in Ihrer jetzigen Art auf-
brauchen. Sie haben eine Höhe und Breite wiss. Leistungen zu
Stande gebracht - trotz Ihrer pädagog. Anstellung - daß Ihnen in
Polen Niemand gleichsteht. Es ist jetzt nicht mehr notwendig,
durch immer neue kleinere Arbeiten auf sich das Augenmerk zu
lenken. Das ist jetzt nur Kräftevergeudung, Sie brauchen m.E.
Samml ung, Zusammenschluß, neue Besinnung für den Zukunft-
horizont Ihres philos. Lebens u. Wollens. Leider muß ich Ihnen
bez. Ihrer Berk[eleyJarbeit sagen, daß der Druck des Jahrbuchs
frühestens im März 1932 beginnen kann, aus verschiedenen
Gründen (Erscheinen also im Sommer). Ich hoffe, wenn Sie
dann noch wünschen, Ihre Arbeit mitnehmen zu dürfen; aber
meine Beiträge sind nicht fertig u. ich weiß nicht, ob das Jahrb.
nicht so groß wird, daß Niemeyer es in der jetzigen Zeit, wo Bü-
cher eigentlich überhaupt nicht gekauft werden, nicht annehmen
kann.
Auf Ihre abenteuerlich-rührenden Schweizer Pläne gehe ich
nicht ein (Zürich u. Basel sind schon besetzt worden), der Carne-
gie-plan läßt sich, als Erholungspause gedacht, erwägen, aber ich
habe keine Ahnung, wo der Sitz der Stiftung ist, habe keine Be-
ziehung zu ihr. Wenn ich gefragt werde, werde ich schon gehörig
loslegen, da wird's an mir nicht fehlen.
BRIEFE VON HUSSERL 73
Durchaus widerraten möchte ich, eine neue Abh[andlung] für
Dessoir zu schreiben. Sie haben dabei gar keine Verpflichtung, u.
es ist nur eine Zerstreuung in Einzelprobleme, wo das Entschei-
dende in anderer Richtung liegt. Offen gesagt, Sie wissen nicht,
was even t. für Sie auf dem Spiel stehen mag, wenn sich Ihnen
das wirkliche Verständnis der const[itutivenJ Ph[änomenolo-
gie] eröffnen würde. Davon sind Sie noch himmelweit entfernt,
da Sie noch nicht verstehen, daß das nicht eine Differenz der Gat-
tung Idealism (im hist[orischenJ Begriff) ist, sondern vom histor.
Ideal- u. Realism gleich entfernt u. durch Abgründe getrennt ist.
Es handelt sich um eine Wende der gesamten Philosophie der
Jahrtausende, die Sinn u. Methode aller Probleme u. aller mög-
lichen Theorien total wandelt. Eine systemat. Vorbesinnung, die
einen Vorblick, eine erste Ahnung des Neuen giebt, der totalen
Revolution, die notwendig geworden ist, bieten Ihnen die Car-
t[esianischen] Med[itationenJ. Offenbar halten Sie es nicht für so
wichtig, sie zu Ende durchzuarbeiten, und meinen, nach I-IV
schon zu verstehen, was da gewollt ist 62. Aber erst nach V muß
das eigentliche Verstehen kommen u. dann die Nötigung, von I
nochmals anzufangen. Freilich, eine eigentliche system. Darstel-
lung u. der Entwurf der weiteren Problematik - das System
einer phän[omenologischen] Metaphysik ist damit nicht ausge-
führt. Aber Sie würden, einmal auf den neuen Boden erhoben,
schon verstehen, was da gewollt werden kann u. muß, Augen ha-
ben, selber zu sehen. Sie könnten dann nicht weiter in der alten
Weise Ontologie treiben. Ihre ganze Philosophie käme in neue
Bewegung, änderte Sinn u. Methode (was nicht sagt, daß die alten
Gedanken verloren wären).
Sie ahnen nicht den Umfang u. die Tiefe, in der die neue Phil.
schon gediehen ist, und die Unendlichkeit von Entdeckungen, die
sich für Jeden eröffnen, der da zugreift.
Ich arbeite fieberhaft, aber in einer Freudigkeit, die meine
Kräfte stetig steigert. Erst durch die Arbeit der letzten Jahre,
durch das freie Zusammendenken, Ergänzen, Ausgleichen, An-
einandermessen, Miteinanderverknüpfen der concreten Unter-
s[uchungen] der letzten beiden Jahrzehnte, unter beständigen
principiellsten u. methodischen Reflexionen, ist - fast ganz
wider eigenes Erwarten - ein geschlossenes System im Werden
u. geworden, freilich ein System, das Unendlichkeit der Wissen-
74 BRIEFE VON HUSSERL

schaft ist, für alle künftigen Generationen nur der Umriß für
neue u. immer neue Entdeckungen.
Es giebt keine Art Evidenz (auch nicht die mathem[atische]),
die der Evidenz der phän[omenologischen] Philosophie gleich-
kommt (der constit[utiven], die keinem meiner alten Schüler
verständlich geworden ist). Von allen den lieben Schülern u. phi-
los. Freunden mußte ich mich trennen - Sie möchte ich nicht
preisgeben, Ihnen möchte ich das Glück gönnen, zu sehen, was
ein wie Großes u. Schönes uns da zu theil geworden u. anvertraut
ist, und wie große eigene Probleme Sie da in dem neuen Arbeits-
horizont gewinnen könnten.
Vorläufig habe ich nur an Dr. Fink einen allerdings glänzend
begabten Mithelfer. (Übrigens, in Wien hält jetzt Privatdoz. Felix
Kaufmann in der Urania 6 Vorträge über die Philos. E. Hus-
s[erl]s. Er scheint allmälig hineingewachsen zu sein). Es ist
schwer, das Schwerste der Philosophie überhaupt ist die phä-
n[ omenologische] Reduktion, sie mit Verständnis zu durchdringen
u. zu üben.
Noch eins. Wäre es nicht gut, eine Weile Ihre Vorlesungsthätig-
keit auf Seminar zu beschränken (um Kräfte zu sammeln). Ja
nicht alles aufgeben, nich t Fühlung mit philos. begabter Jugend
verlieren!
Also bei uns alles wolauf - Möge bei Ihnen bald alles sich zum
Guten wenden. Es kann nicht zu lange dauern, Sie werden sich
durch den Ernst Ihrer Leistungen durchsetzen, wie ich dereinst
nach den 14 Privatdoz.-jahren.
In Eile viele herzlichste Grüße u. Wünsche von uns, Ihren al-
ten, Sie hochschätzenden Freunden
E. Husserl

LVI

Freiburg i.Br., den 25. XI. 1931

Lieber Freund.
Zwei Zeilen - stante pede - auf Ihren wundervollen Brief. Wie
dankbar bin ich für solche Freundschaft u. Nachsicht. Dieser
BRIEFE VON HUSSERL 75
letzteren habe ich allzusehr bedurft für das ungerechte klobige
Dreinfahren. Aber verstehen Sie wohl - Sie sind für mich ein
Anderer und mehr als andere "Schüler", auch die ich als Freun-
de menschlich hochhalte. Meine Freundschaft für Sie, dieses so
nahe persönl. Verhältnis, kann nie davon berührt werden, ob Sie
den tiefsten, umwälzenden Sinn d. const[itutiven] Phänomenolo-
gie nachverstehen u. sich zueignen oder nicht. Aber Ihre philos.
Zukunft - Ihr Intellect u. seine großen Möglichkeiten -
auch das liegt mir am Herzen, da ich Sie eben auch darin
vor Anderen hochschätze! ! Und Sie wissen nicht, wie glücklich
ich in diesen abschließenden Forschungsjahren bin, da im letzten
Zusammendenken alles so herrlich stimmt u. die syst. Linien in
unvergleichlicher Evidenz fortlaufen zu den höchsten u. letzten
Fragen. Und Sie sollten daran nicht vor allen theilhaben, an die-
ser Unendlichkeit noch offener Entdeckungen, wo so Großes u.
Größtes nur vorgedeutet, aber erst zu machen ist! Daher die
Angst, daß Ihnen, dem so nahen Freunde, mit Ihrem Können,
das entgehen könnte.
Ich bin in großer Arbeit - ich darf jetzt nicht mehr schreiben.
Vom Herzen
Ihr aItgetreuer E. Husserl

LVII

Freib. i. Br., den 17. XII. 1931


Lieber Freund.
Also auch diese Schickung sollte an Ihnen nicht vorüber gehen,
auch dies noch zu allem Schweren, das Ihre Seele bedrückt! Wie
innig fühlen wir, Ihre alten Freunde, mit. Wir haben es ja auch
erfahren, was es für das ganze weitere Leben bedeutet, daß Vater,
Mutter, das alte liebe Heim, zu dem man immerfort zurückkehren
konnte, nicht mehr da sind. Ich bitte Sie, auch Ihrer lieben Frau
unser herzlichstes Beileid auszusprechen. Vertrauen Sie trotz al-
lem auf eine Zukunft - die, die an Ihnen liegt, und in Ihrem Eige-
nen, Ihrem eigenen Sein, Ihren eigenen Leistungen, zu denen Sie
berufen sind. Ich denke oft u. getreu an Sie, u. Ihrer in Sein und
Leisten bin ich sicher.
BRIEFE VON HUSSERL

Ich lebe in leidenschaftlicher Arbeit u. glaube - trotz dieser


unsäglich traurigen Umwelt. Da war noch die Inflationszeit, der
Verlust des Vermögens bei allem eine Kleinigkeit. Es ist wahr-
haftig eine Welt hoffnungsloser u. verzweifelter Menschen. Und
doch, ich lebe in Ausnahme - in meiner Sphäre, im Philosophi-
schen glücklich 63. Herzlichst
Ihr E. H usserl

LVIII

Freiburg, den IO. 11. I932

Lieber Freund.
Seit Ihrem lieben Weihnachtsbrief sind etwa 7 Wochen dahin-
gegangen - wie ein Tag, in meiner unaufhörlich intensivsten Ar-
beit, durch manche Störungen u. Dispositionsschwankungen hin-
durch. Dabei habe ich Ihre Fragen noch gar nicht beantwortet! !
Ihr Msc. ist - das unzureichend schützende Couvert ganz zer-
fetzt - doch angekommen. Ich bin freilich in Verlegenheit hin-
sichtlich des Jahrbuches - wann überhaupt der Druck beginnen
kann, da ich an meiner großen Systemdarstellung fixiert geblie-
ben, die Bearbeitung der Med[itationen] zunächst ganz Dr. Fink
für seinen Vorentwurf überlassen habe, nur daß alles Nötige im
Allgemeinen durchgesprochen wurde. Wenn dieser fertig ist, muß
ich aber doch die persönliche Ausarbeitung erst ausführen, was
Monate kosten wird 64. Dazu scheint es, daß die neuen Med[ita-
tionen} sehr viel größer werden. Wie wird es dann mit dem Um-
fang des Jahrbuches ausgehen: I. die seit Jahren fertig liegende
Zeitunters[uchung]; 2. Finks 2. Theil (I2-I5 Bogen allein); 3. Fe-
lix Kaufmanns matheematisch]-ph[änomenologische] Arbeit?!
Ich bin ein schlechter Redacteur. Jedenfalls muß ich, ich bin be-
gierig, Ihre Arbeit lesen: ob Sie schon dem centralen Sinn meines
Transzendentalismus genugthun können 65. Sind Sie schon voll
gesundet? Viele herzl. Grüße u. Wünsche
E. Husserl
BRIEFE VON HUSSERL 77

LIX

7· 4· 1932 [Poststempel]

Mein lieber alter Freund.


Nun stecke auch ich in der Depression, leider schon zeit etwa 6
Wochen, daher mein Schweigen. Ich bin für nur 4 Tage hier oben
(1200 m) - im Schneesturm, ich kann nicht einmal ausgehen! In-
nigen Dank für Ihre treue Liebe. Könnten wir einander auch phi-
losophisch mehr sein als was jetzt mangels persönlicher Ausspra-
che möglich ist. Ob meine Kräfte zureichen, noch fertig zu wer-
den - gar in diesem Jahre? Ich lasse nicht ab, u. es ist mehr ge-
worden (sachlich), als ich je hätte hoffen können. Und noch im-
mer kein Jahrbuch! Ihre schöne Arbeit, mit der ich doch nicht
mitgehen kann? ! - Darüber, so wie ich kann.
Ihr altgetreuer
E. Husserl
Wir wollen zum Trotz aller Depress. uns nicht unterkriegen las-
sen.

LX

Freiburg, den II. VI. 1932

Lieber Freund.
Wie oft wollte ich Ihnen schon schreiben, nicht um Ihre l[ie-
ben] Briefe zu beantworten: sondern mich auszusprechen - Ih-
nen, dem altgetreuen Freunde, gegenüber! Wenn ich nur ge-
konnt hätte. Ich will nicht mit Schilderungen der Umstände Zeit
u. Papier vertrödeln. Ich war immer in Notlage. Die arge De-
pression in Folge der Überarbeitung überwand ich durch 2 wö-
chentl. Aufenthalt im reizenden Badenweiler. Nun bin ich wieder
in leidenschaftlicher Arbeit, leider oft durch auswärtige Besuche,
Briefe (Fürsorgen für Collegen u. Schüler, Gutachten f. Fakultä-
ten u. Ministerium) etc. herausgerissen. Doch eh ich weiterschrei-
BRIEFE VON HUSSERL

be - vor Allem meine große Freude über den erneuten Vorschlag


der Lemberger Fakultät, die doch diese V nmöglichkei t sieht,
eine Kraft von Ihrem Range verkommen zu lassen! Nun muß
doch etwas für Sie geschehen. Ich wünsche u. hoffe es innig.
Sie fragen wegen des neuen Jahrb. bez. der Med[itations] Car-
t[esiennes]? Noch immer muß ich sagen, ich bin nicht soweit, u.
jedenfalls ist keine Rede davon, daß ich den alten deutschen Text
abdrucke, sei es auch da u. dort verbessert - obschon er so wohl
durchdacht ist. Ich bin zur überzeugung gekommen, daß nur eine
wirklich concretexplicierende Emporleitung von der natürlichen
Welt- u. Seinshabe überhaupt zur "transz[endental]"-phäno-
m[enologischen] Einstellung und eine concrete Begründung der
Methodik u. universalen Problematik der Tr[anszendental]phä-
n[omenologie] nützen kann; daß im wirklichen Durchführen al-
lein gezeigt werden kann, daß hier eine totale Wendung der
Philosophie im Werke u. eine unausweichliche Notwendigkeit ist.
Früher ist nicht ernstlich zu erhoffen, daß ein ernstliches Ver-
ständnis erwächst U., was ich ph[änomenologische] Red[uktion]
nenne, wirklich zur lebendig bethätigten Methode u. Form aller
besondern phil. Methodik wird. Ich habe zwar in Andeutungen, in
kurzen Vorzeichnungen der Cart[esianischen] Med[itationen] der
F[ ormalen] u. tr[anscendentalen] Logik, imNachwort [zu den Ideen I] ,
vorher in Bruchstücken in den Ideen den Weg des Verständnisses
gewiesen. Aber das erfordert ein so vertieftes Studium, eine solche
Bereitschaft, alle selbsterworbenen phil. überzeugungen ganz u.
gar nicht mitwirken zu lassen, daß eigentlich Niemand dazu zu
haben war. Auch meine liebsten Freunde u. Schüler nicht! Auch
Sie, l[ieber] Freund, nicht. Aufrichtig gesagt, ich war einiger-
maßen betrübt zu beobachten, daß Sie die Lectüre der M ed[ita-
tionen] abbrachen, ehe Sie die für das Verständnis entscheidende
(und gerade für Sie besonders wichtige) V. Med[itation] durchge-
arbeitet hatten. Nur so kann ich es verstehen, daß Ihre für das
Jahrb. bestimmte Berkeley-Arbeit ganz den Stil der früheren Ab-
handlung in der Festschrift wiederholt u. nicht die leiseste Wir-
kung meiner letzten Schriften, der gereift esten meines Lebens,
zeigt 66. Angedeutet habe ich einmal schon, vor etwa I Jahre,
daß m.E. die Neuartigkeit meiner const[itutiven] Phänom[enolo-
gie] - als universale Philosophie im Radicalism der ph[änomeno-
logischen] Reduction - an die zeitgenössischen Philosophen - vor
BRIEFE VON HUSSERL 79
allem an meine "Schüler" - die Forderung stellt, s.z.s. alles stehen
u. liegen zu lassen, um erst zu sehen, was da mit dem Anspruch
auftritt, jedwedes Philosophieren bisherigen Stils unmöglich zu
machen; unmöglich, weil es dem tiefsten, nie radical geklärten
Absehen aller Philosophie zuwider ist. Ihre letzte Schrift ist von
unübertrefflicher Sorgfalt, schön u. gut - und doch würden Sie sie
nicht geschrieben haben, wenn Sies.z.s. den Herzpunkt meiner Ph. *
erfaßt u., damit ihren notw. Gang der Methode, der Sinngebung
philos. Problematik u. die Methodik ihrer Lösung verstanden
hätten. So weit bin ich; so im Fortgang der syst[ematischen]
Durcharbeitung der eröffneten Arbeitshorizonte zu überwälti-
gender Evidenz, zu täglich sich bewährender, gekommen, daß
ich auch absolut gewiß bin, daß wirklich Nachverstehen schon
bedeutet, mitsehen, mitgehen, zum Mitforscher werden. Und
muß ich nun nicht betrübt sein zu beobachten, daß der fast
mir nächste Schüler u. Freund das Studium der Schriften, die
solche völlige Umkehrung fordern, glaubt zurückstellen zu kön-
nen, offenbar in der Scheinevidenz befangen, ihren wesentlichen
Stil u. Sinn schon zu kennen, u. dessen gewiß, daß das noch hin-
zugekommene Neue an den eigenen Stellungnahmen u. Theorien,
z.B. über Erkenntnistheorie, über "Idealism" etc. nichts ändern
könne. Vielleicht bin ich insofern mitschuld, als ich vermutlich
in den Kriegsjahren an eigener Klarheit verlor, hinter den Stand
der Ideen zurücksank u. Sie hier in Fr[eiburg] nicht recht leite-
te 67. Die Medit[ationen] , wenn sie Wort f. Wort durchdacht wer-
den, aber als ob man von den Log[ischen] Unt[ersuchungen] u.
selbst Ideen nichts wüßte, könnten eine Leitung wohl sein, aber
nur dann u. ebenso die beiden anderen letzten Schriften.
Nun aber, Sie sind u. bleiben mein lieber alter Ingarden, so wie
Hering (den ich Sonntag zu meiner gr. Freude erwarte) mein lie-
ber Freund H[erlng] bleibt, obschon ich nicht mehr daran denke,
daß er die in jüngeren Jahren selbstgeformten Überzeugungen
(die einseitige Richtung auf Ontologie) je überschreiten wird.
Das l[ieber] Freund, mußte ich einmal sagen. Ich bin zum phi!.
Eremiten geworden, losgelöst von aller "Schule" u. doch Gott
täglich dankend, daß er mir es noch gegeben hat, mindest für
mich, das System der phän[omenologischen] Ph[ilosophie] (als
* Es ist aus dem Zusammenhang nicht zu ersehen, ob hier Philosophie oder Phäno·
menologie gelesen werden muß. (Anm. d. Hrgs.)
80 BRIEFE VON HUSSERL

Methodik, Problematik u. als Systemanfang selbst in der ersten


Bearbeitung des transz[endentalen] Bodens) zu entwerfen. Die
künftigen Generationen werden mich schon entdecken. Das aber
ist meine Pflicht u. daher die sorgenvolle Arbeit; ein brauchbarer
Nachlaß u. womöglich ein a1lg. Grundwerk. Darin bin ich -
sachlich - weit, nicht so literarisch! Herzlichst Ihr
E. Husserl
Allerherzlichst erwiedert meine Frau Ihre Grüße. Beste Gr. u.
Wünsche für Ihre Frau u. Kinder.

LXI

Badenweiler, 19. VIII. 32

Lieber Freund!
Vielen Dank für Ihren hocherfreulichen Brief. Semper idem!
der alte getreue Freund. Nun, wir halten nicht minder Treue. Ich
bin mit m. Frau seit 4. d. M. hier in dem reizenden Badeort Ba-
denweiler. Morgen fahren wir nach dem Iooom hohen Höchen-
schwand (i. Schwarzwald), hier ist uns zu heiß. Ich war durch die
unaufhörlichen wissensch. Besuche der letzten Monate ganz er-
schöpft. Hoffentlich bringt mich 1 Monat Ausspannung wieder
zurecht. Sehr erfreute mich Ihr Studium der F[ormalen] u. tr[an-
scendentalen] Logik. Leider fehlt noch gerade das der V. Medit[a-
tion] , durch die erst I-IV u. der Sinn der ganzen Med[i-
tationen] u. schließlich der total neuartige "Idealism" ver-
ständlich werden kann! Es giebt kein echtes Philosophieren,
es sei denn auf dem Boden der tr[anscendentalen] Reduction
u. ihres "Idealism", keine ph[ilosophischen] Erörterungen, die
für sich schon engilt[igen] Sinn haben können - so bin ich sicher.
Auch Sie werden es sein, wenn Sie einmal sich die Ruhe freier
(vor allem von Ihrer u. aller sonstigen Philos. freier) Besinnungen
gönnen, aber dann radicaler. Die tr[anscendentale] Red[uction]
ermöglicht erst wahren Radicalism, wahre Freiheit. Versuchen
Sie zu verstehen, warum ich immerfort sagen kann, daß Sie den
tieferen Sinn der const[itutiven] Ph[änomenologie] nicht verstan-
den haben u. warum das kein Vorwurf ist, wie denn Niemand
BRIEFE VON HUSSERL 81
meiner alten Schule verstand. Es liegt nicht an dem Fehlen der
concr[eten] Untersuchungen. Darin sind Sie selbst weiter als
die Meisten. Aber alle int[entionalen] Analysen sind (in der ersten
Stufe der Ph[änomenologieJ) doppeldeutig. - Ein Wiener "Schü-
ler" (Schütz) versprach mir, einige Copien des d[eutschen] U r-
textes der Medit[ationen] anzufertigen. Ich bat darum, theils
wegen der Straßburger u. Wiener Freunde, theils u. vor allem
Ihretwegen 68. Leider ist ja die franz. übers. voll Hemmnisse
des Verständnisses. Ich hoffe, Ihnen also I deutsches Ex. in etwa
4 Wochen senden zu können. - Ich habe wichtige "Tiefbohrun-
gen" fortgeführt, u. nun erst gehe ich an den Ersatz für die M e-
dit[ationen] , deren alte Form für das deutsche Publ. nicht ge-
nügt 69. Herzlichen Dank für das Bild. Pracht jungen, mägen es
ganze freie Menschen werden.
Ihre Arbeit nehme ich natürlich ins Jahrb., wenn Sie es wün-
schen, aber werden Sie es etwa in einem 1{2 Jahr, nach den wei-
teren Studien meiner Intentionen?
Herzliehst Ihr E. Husserl
Wir grüßen Ihre Frau!

LXII

Freiburg, 16. X. 1932

Liebster Freund.
Ich bin schwer enttäuscht zu hören, daß die Besetzung des Or-
dinariats wieder I Jahr verschoben sei. Sie werden diese Probe
doch bestehen, mannhaft wie immer, u. daran wachsen. An Nie-
meyer habe ich geschrieben. - Ich darf Sie nicht von dem Jahr-
buch abhängig machen, das nun schon 3 Jahre stockt, da es auf
mein neues Werk wartet. - Ich bin in bestem Zug, der Erholungs-
monat im Schwarzw[ald] hat mir frische Kraft gegeben. Endlich
kann ich an Reinausarbeitung gehen: Jetzt erst. Gegen Ihren
Schweizer Plan kann ich nichts einwenden, aber dahin habe
ich gar keine näheren Verbindungen. Herrlich wäre Basel -
I St[unde] von Freiburg ! auch nahe von Straßburg. Es käme auf
den Versuch an, Begründung durch den lebhaften Wunsch näh-
82 BRIEFE VON HUSSERL

eren Connexes zugleich mit der deutschen u. westeurop. Philo-


sophie, also Schweiz - nicht zu sehr mich im Vordergrund! Aber
berufen Sie sich auf mich für persönliche nähere Auskunft. Wen-
den Sie sich zunächst an Prof. J oel, der noch lebt u. liter. thätig,
aber nicht mehr im Amt ist. Vielleicht berät er Sie, er giebt sicher-
lich etwas auf meine Auskunft u. ist sehr wohlwollend. Ihre Wer-
ke werden sicher Gewicht geben. Wo ich irgend fördern kann,
soll es natürlich geschehen. Es wäre herrlich.
Hoffentlich haben Sie Zeit, in Ruhe das Original der C[artesia-
nischen} Med[itationen} von Anfangbis Ende durchzudenken,
u. so, als ob Sie nichts von meinen früheren Werken wüßten. Sie
werden sehen, daß die Vorstellung, die Sie von dem "Idealism"
der Ph[änomenologie] haben u. nach der Lectüre der franz[ö:
sischen] I.-IV. Med[itation] haben, noch nicht das Ziel erreicht
hat. Erst die V. Med[itation] schafft die Erhellung dessen, worum
es da geht. Aber das Ganze giebt nur ein Stück Weg u. den Hori-
zont, den Vorblick, ich meine genug, um zu sehen, daß das kein
"Idealism" des hist[orischen] Sinnes ist, auch kein "Tran-
szendentalism" (Mb) *, auch keine Monadologie Leibniz'schen
Sinnes, kurzum eine Wendung im ganzen Sinn der Philosophie
selbst - das muß gesehen werden vor der eigenen Stellungnahme.
Jede Einmengung eigener Überzeugungen u. jede Kritik wäh-
rend der ersten auf den Sinn dieser Ph[ilosophie] gerichteten
Lectüre macht das Verständnis des Sinnes unmöglich. Leider
kann ich nicht viel schreiben! Herzliehst
Ihr Freund E. Husserl

LXIII

Freiburg, den 2r. Oktober 1932

Lieber Herr Ingarden,


Mein Mann hat wegen der Drucklegung Ihrer Schrift sich mit
N[iemeyer] gleich in Verbindung gesetzt 70, u. ich teile Ihnen die

* Die Zeichen zwischen der Klammer sind nicht ganz sicher zu identifizieren. Sehr
wahrscheinlich sind sie als "Mb" zu lesen und als Abkürzung für Marburg, d.h. für die
neukantianische Marburger Schule zu verstehen. (Anm. d. Hrsg.)
BRIEFE VON HUSSERL

darauf bezügliche Antwortstelle in N[iemeyer]s Brief mit: "Ich


bin selbstverständlich grundsätzlich gern bereit, die neue Schrift
von H[errn] Prof. I[ngarden] zu verlegen, u. möchte Sie bitten,
den Verfasser zu veranlassen, daß er mir gelegentlich das Ms. zur
Einsicht u. Kalkulation übersendet, damit ich ihm nähere Vor-
schläge unterbreiten kann". Das klingt ja sehr schön u. wird Sie
gewiß sehr freuen. Jedenfalls ist diese Lösung für Sie die bessere,
da das Jahrb. wol nicht vor dem Frühjahr in den Druck kommt.
Mein Mann legt sich mit ganzer Kraft hinein, um seine eigent-
lichen Intentionen klar herauszustellen. Welch eine Hingabe an
die größten Schwierigkeiten!
Mit freundschaftlich herz!. Grüßen für Sie Beide
Ihre M[alvine] Husserl

LXIV
Freiburg, Ir. X. 1933

Lieber Freund!
Ich habe immer gehofft, daß die Sehnsucht einen Brief Ihnen
entlocken werde. Warum ich schwieg? Sie werden es verstehen?
Das Schicksal des Nichtariers im 3. Reich - seine innere u. äußere
Tragik - bedarf keiner Erörterung als Grund des Schweigens. Da-
bei bin ich noch relativ in günstigerer Lage. Meine, ,Beurlaubung"
ist nach einigen Monaten entgiltig aufgehoben worden. Nicht
ebenso die meines Sohnes, der seine schöne Stellung u. Wirksam-
keit in K[iel] verloren hat. Aber doch ist er für eine ev. andere
Anstellung "in Aussicht" genommen. Er ist nach Berlin (vorläu-
fig) gezogen u. wartet, ob u. was. Heid[egger] ist nat[ionalJ-so-
z[ialistischerJ Rector (nach dem Führerprincip) in Freiburg u. zu-
gleich Leiter der Reform der Universitäten im n[euen] Reich von
hier aus. Die alte deutsche Universität exist[iert] nicht mehr, ihr
Sinn ist hinfort "politische" Univ[ersität]. Eine merkwürdige
Zeit. Ob ich arbeiten kann, leben kann, als Nicht-A[rier] entna-
tionalisiert etc.? Es war schwer genug, endlich habe ich es er-
zwungen, schon den 3. Monat arbeite ich wieder, fast in alter
Energie, trotz des 75-ten Jahres. An meinem Nachlaß! Die Zu-
kunft wird ihn suchen, die Forschung sub sp[ecie] aet[ernitatis]
BRIEFE VON HUSSERL

wird wieder erwachen und Zukunft wird wieder schätzen, was


Zukunft (echte Z.) ist. Die letzten 4 Jahre haben viel gebracht,
aber ich muß viel ausgleichen, innerlich verknüpfen, die Syste-
matik abschließen. Ein I. Band über Zeit in constituierender
Zeitigung (Problem der "Individuation" von Bernau 1917/18)
ist, - nach Msc. u. Gesprächen system. ausgearbeitet von Fink -
nahezu fertig (wird unter beider Namen erscheinen). Viel wird
Ihnen seine Abhandlung im nächsten Heft der Kantstudien (die
inzwischen auch gleichgeschaltet wurden) über die ausgereifte
Ph[änomenologie] des letzten Jahrzehnts sagen. Brauchen Sie
noch das Msc. der deutschen Medit[ationen]? - Schreiben Sie
mir - natürlich absol. unpolitisch. Ich möchte von Ihnen u. Ihrer
Fam. alles hören. Wie entwickelen sich Ihre schönen Kinder?
Sind Sie - endlich ernannt? Wo waren Sie im Sommer? Wir waren
2 Monate in Schluchsee, dort sind die Seelen gesundet, u. da habe
ich leidenschaftl. gearbeitet. Koyre ist für I Jahr in Kairo.
E[dith] Stein tritt bei den Karmelitern ein. Meine Frau grüßt Sie
wie ich in alter Freundschaft
E. Husserl

LXV

Freibg. i.B., 2. XI. 33


Lieber Freund.
Vielen Dank für Ihren l[ieben] Brief. An Hicks habe ich ge-
schrieben u. werde Ihnen bei Eintreffen der Antwort sogleich
Mittheilung machen. Kennen Sie sein letztes Buch über Berke-
ley? Sie müssen darauf natürlich Rücksicht nehmen (Berkeley,
von G. Daves Hicks, Ernest Benn Ltd, London 1932, 336 S.) 71.
In der Z[eitung] las ich, daß die Univ. Warschau aufgelöst
worden sei!! 72 Haben Sie nur Geduld u. suchen Sie Trost in
der Philos. Es bleibt doch dabei: Sie sind der einzige wirkl. Phi-
losoph dieser Zeit in Polen. Ich ordne u. durchdenke weiter mei-
nen "Nachlaß" . Mit der Copie der Med[itationen] eilt es gar nicht,
ich bedarf dessen geleg. zu Lehrzwecken. Jetzt ist ein vom alten
Stout-Aberdeen empfohlener englischer B.A. hier u. bekommt
von F[ink] u. mir Unterricht. Voriges Semester hatte ich einen
BRIEFE VON HUSSERL 85
klugen Prager Tschechen hier, u. er machte große Fortschritte.
Landgrebe habilitiert sich in Prag, so ist dort eine phän[omenolo-
gisehe] Zelle - wie auch in Wien.
Viele herzl. Grüße allseits. In Eile
Ihr alter Fr.
E. Husserl
Adresse: G. Daves Hicks, 9 Cranmer Road, Cambridge England

LXVI

Frbg., 20. XI. 33

Lieber Freund.
Ich brauche nun dringend die Copie der MU[itations] Cart[e-
siennes] zu Lehrzwecken. Es sind mehrere Amerik. u. I Engländer
hier, die unter Dr. Finks Leitung die Med[itationen] studieren
wollen.
Was sagen Sie: Ich habe einen Ruf nach Los Angeles als
visiting Professor erhalten. Ich überlege die Möglichkeiten, ob ev.
für I Jahr oder 1/2 Jahr.
Herzl. Grüße! In Eile
Ihr alter E. H.

LXVII

Freiburg i.Br., 23. H. 33

L[ieber] H[err] I[ngarden],


Gestern kam die Antwort auf meines Mannes Anfrage von Prof.
Hicks, Cambridge, u. ich eile, den Sie betreffenden Passus Ihnen
sofort mitzuteilen:
"I am much interestedin what you tell of R[oman] I[ngardenJ's
forthcoming work on "Berkeley and the problem of Idealism".
I will, of course, help in any way I can in the effort to seeure for
his work an English publisher. It is, infortunately, not easy
now-a-days to induce publishers to undertake bringing out a
86 BRIEFE VON HUSSERL

work at their own risk. Unless the author be a man of world-wide


reputation, they generally ask for a certain sum to be paid down,
in order to protect them from loss. But if P[hilip] Leon makes
application to some specific firm, I will do my best to recommend
them to publish the book. It is not necessary, that I should see
first the mscr. I know sufficient of his already published work
to be sure that this book of his will be areal contribution to the
subject. Some years ago, for example, I read with much appreci-
ation his essay on "Essentiale Fragen" in the 7th volume of the
Jahrb.".
Es wird Sie freuen, zu sehen, mit welcher Schätzung Prof.
Hicks von Ihnen spricht u. wie hilfsbereit er ist in der gegenwärti-
gen schweren Situation. Harte Zeiten! ! Sie müssen nun mit Ihrem
Übersetzer das Nötige veranlassen.
Uns geht es leidlich, der Sonnenschein des Lebens fehlt. M[ein]
M[ann] hat übrigens einen Ruf an die calif. Univ. Los Angeles.
Leider so furchtbar weit! Herzliche Grüße Ihnen u. Ihrer
l[ieben] Frau.
Ihre M[alvine] H[usserl]

LXVIII

Freiburg i.B., 13. XII. 1933


Lieber Freund.
Ihre Karte hat uns mit inniger, ich möchte sagen auf jubelnder
Freude erfüllt 73: Gott sei Dank - auch dafür, daß er Ihnen u.
Ihrer Frau die Kraft gab, so tapfer auszuharren. Ein neues Leben
beginnt für Sie unter glücklichsten Aspecten, vor Allem auf der
Basis des durch Leid gestählten Charakters. Mindest darin hatte
Fichte recht. Anderes mag man aus sekundären oder egoist. Mo-
tiven sein können, der Philosoph ist nur als ethische Persönlich-
keit, oder er ist nichts. Auch für uns bringt das Ende des Jahres
hoffnungsvolle Wendung. Ich schrieb wohl schon, daß mein Sohn
wieder rehabilitiert worden ist und nach Göttingen in Ehren be-
rufen. Hicks Buch über Berk[eley] müssen Sie berücksichtigen;
auch ihm schreiben! Eine sehr wertvolle in Engl[and] hochange-
sehene Persönlichkeit - Sie werden leicht zu ihm persönl. Bezie-
BRIEFE VON HUSSERL

hung gewinnen. - Beachten Sie das neue Heft Kantstudienmit


Dr. Finks Artikel- alles so, als ob ich es gesagt hätte. Viele herz-
lichste Gratulationen von uns, auch an Ihre Frau Gemahlin.
Ihr E. Husserl
Ende d. Woche fahren wir über die Feiertage nach Berlin. [E. H.]

Herzlichste Gratulation! Ich bin ganz glücklich über Ihre Ernen-


nung. Mein Sohn ist nach Göttingen berufen.
M[alvine] H[usserl]

LXIX

I3· IV. I934


Lieber Freund.
Wie lieb, daß Sie doch mindest schriftlich zu meinem 75-ten ge-
kommen sind. Vielen Dank für Ihre altbewährte Freundschaft.
Wie viele haben mir (noch im letzten Jahre!) den Rücken ge-
kehrt. Ich entzog mich der Feier u. flüchtete in die Natur - aber
eine Flut von Zuschriften erreichte mich doch, manche rührende
von alten längst vergessenen Schülern der früheren Perioden.
Hocherfreut hat uns die Aussicht auf Ihren Besuch - Sie finden
offene Arme. Ich bin in vielgestörter Arbeit, manche private Sor~
gen, zeitgemäß. Hoffe doch, einen Band fertig zu machen. Zu~
nächst muß ich eine Unmasse Briefe schreiben. Wir grüßen Sie u.
Ihre liebe Frau herzliehst.
Ihr altgetreuer E. Husserl.

LXX

Kappel b. Lenzkireh, Baden


3I. VII. 34 (bei Prof. Zimmermann)

Lieber Freund.
Ich freue mich außerord. über Ihren Besuch. Wir sind hier
bis II. 9. ind. Sie werden in Prag ein paar Phänomenologen
88 BRIEFE VON HUSSERL

treffen (darunter Dr. Patocka, Landgrebe u. Felix Kaufmann).


Mein Brief an den Congress ist wohl zu lang geraten. Ich sandte
auch eine begründende Abhandlg, ev. als Vortragsersatz zum
Vorlesen im kleinen Kreise. Aber der Abschreiber hat, oder besser
meine schlechte Stenographie hat, versagt. Auch sehe ich, daß
es zu groß [ist]. Ich werde Ihnen die Geschichte der Sache erzäh-
len. Herzl. Wünsche für einen Erfolg Ihres Vortrages! Grüßen Sie
mir meine alte Heimat! Herzliehst
Ihr E. Husserl

LXXI

25. Aug. 34. Haus Anneliese, Kappel


b. Lenzkirch Badischer Schwarzwald

Lieber Herr Ingarden,


Ihre l[iebe] Karte, die heute ankam, beantworte ich im Auf-
trage meines Mannes sofort. Natürlich freut er (u. ich natürlich
ebenfalls) sich sehr, wenn Sie nach dem Congress zu Besuche kä-
men. Wir sind den ganzen Sommer im Schwarzwald, u. zwar in
einem kleinen stillen Dörfchen - Kappel - etwa I Stunde von
Freiburg u. gedenken am IO. oder 11. wieder nach Hause zu kom-
men. Da Sie noch Pfänder besuchen, so treffen Sie uns wahr-
scheinlich schon in Freiburg an. Sonst ist ein Abstecher nach
Kappel auch nicht schwierig, da man mehrmals im Tage Zug-
verbindungen hat. Vielleicht wissen Sie inzwischen Ihre genaue-
ren Dispositionen u. lassen von sich hören.
Einstweilen herzlichste Grüße auch für Ihre l[iebe] Frau von
uns beiden
Ihre Malvine Husserl
BRIEFE VON HUSSERL 89

LXXII

7. X. 1934
Lieber Freund.
Vielen Dank für Ihre köstliche Sendung. Sie haben den Wie-
ner Positivismus glänzend, geradezu in klassischer Prägnanz, ab-
gethan. Es freut mich, aus dem klugen Referat der Zür[cher]
Zeitung zu ersehen, daß es noch verständige Hörer giebt u. in Prag
gab. Hat schon Ihr Semester begonnen? Ich bin in eifrigster Ar-
beit. Wir grüßen Sie u. Ihre l[iebe] Frau herzliehst.
Ihr alter Freund
E. Husserl
Soll ich das Msc. zurücksenden?

LXXIII

Freiburg[,] 26. XI. 1934

Lieber Freund!
Ihr "Formaler Aufbau" macht auf mich den Eindruck einer
außerordentlich feinen, unübertrefflich sorgsamen Arbeit 74, aber
ich muß es nun erst gründlich studieren. Das war in meiner
Bedrängnis noch nicht möglich. Seitdem ich in Kappel die für den
Congress bestimmte (aber alsbald zurückgezogene) Abhandlung
schrieb, giebt mir der darin schnell (in 2 Wochen) hingeschriebene
Entwurf einer histor. Interpretation des Ursprungs unserer
Zweckidee Philosophie zu denken, u. das führte auf tiefe ge-
schichtsphilos. Probleme, die mich in der That bedrängen 75.
Zum Contrast las ich das überaus geistreiche neue Sokratesbuch
von Kuhn (Verlag der "Runde", Berlin). - Mein Prager "Brief"
hat in Deutschland inzwischen viel Staub aufgewirbelt. Dr. Fink
ist wieder in großer Form. Die Einleitung zum 1. Bande des Zeit-
werkes ist durch Rücksichtnahme auf die histor . aufgetretenen
Versuche einer Theorie der Z[eit] sehr umgestaltet worden u. ist
90 BRIEFE VON HUSSERL

schon fast ein ganzes Buch. Es wird aber ein schönes Werk wer-
den u. ein wirklich fundamentales. Unsere tägl. Discussionen
sind sehr anregend. - In der letzten Woche hatten wir einen sehr
interessanten phil. Besuch: Ortega y Gasset, der uns eine
große Überraschung brachte: Er ist ganz tief eingearbeitet in meine
Schriften. Es gab mit mir u. F[ink] täglich große u. ernste Ge-
spräche, seine Fragen in die schwierigsten Tiefen dringend. Er ist
wirklich nicht nur als Publizist Erzieher des neuen Spanien, son-
dern als Professor Leiter einer phän[omenologischen] Schule.
Jetzt wird von ihm eine Übersetzung der Medit[ationen] erfolgen
u. dann der übrigen Werke (die Log[ischen] Unters[uchungen] sind
dort in der sp[anischen] Ausgabe in aller Händen). Übrigens ein
wundervoller Mensch. Was macht Ihr Semester? Bei Ihnen alles
wol? Wir grüßen
Ihr alter Fr. E. Husserl

LXXIV

Freiburg i.B. 2I. XII. 1934

Dem altgetreuen Freunde - und seiner l[ieben] Frau und Kin-


dern - unsere wärmsten Grüße und Wünsche zu d. Festen in
herzlichem Gedenken!
E. Busserl u. Frau

LXXV

Freiburg LBr., 15. IH. 35

Lieber Herr Ingarden.


Wir haben ungewohnt lange nichts von Ihnen gehört, darum
will ich anfragen, wie es bei Ihnen geht. Damit verbinde ich einige
Mitteilungen, die Sie interessieren werden.
Am 3. Mai wird mein Mann, einer Einladung des "Kulturbun-
des" in Wien folgend, dort einen Vortrag halten u. gegen Mitte
Mai mehrere Vorträge in Prag, wozu die Brentano- u. Kantge-
sellsch., vor allem aber der Cercle Philosophique die Anregung ge-
BRIEFE VON HUSSERL 9I
geben haben. Letzterer hat aber noch eine viel wichtigere Initia-
tive ergriffen: mit der Rettung der ungeheueren Msc. Mengen den
Anfang zu machen. Zunächst hat er Dr. Landgrebe, den früheren
Assistenten u. jetzigen Privatdoc. a.d. deutschen Univ. in Prag,
für 3 Wochen nach Freiburg delegiert, um eine genaue Bestands-
aufnahme der Msc. aufzustellen. Dann soll mit dem Tippen der
Stenogramme begonnen werden - eine ungeheuere u. weit aus-
greifende Arbeit - u. hat sogar schon für I-Z Jahre die Finanzie-
rung gesichert. Natürlich soll die Beteiligung international auf-
gezogen werden, wie Sie ja auch bei Ihrem letzten Besuche es sich
dachten.
Sind Sie nicht sehr überrascht u. erfreut, daß dieser schwere
Stein nun doch ins Rollen kommt? Wie sich die fernere Gestal-
tung ergeben wird, werden Sie schon unter den Ersten erfahren.
Man hört, daß der Cercle sich in einem Aufruf überallhin wenden
will, wo er Interesse u. Opferwilligkeit vermutet.
Mein Mann arbeitet jetzt eifrigst an den Vorträgen, darum
schreibt er nicht selbst. Auch ist er durch Dr. Landgrebes An-
wesenheit sehr in Anspruch genommen. Aber Sie sollten gleich
von dem wissen, was Sie ja auch als Idee mit sich herumtrugen.
Lassen Sie bald Gutes hören u. seien Sie von uns beiden auf das
herzlichste gegrüßt. Auch Ihrer l[ieben] Frau gelten unsere
Grüße. Ihre
alte Freundin
Malvine Husserl

LXXVI

Wien, I3. Mai 35

Lieber Herr Ingarden,


Ich möchte Ihnen doch noch von hier aus sagen, daß der Vor-
trag am 7. mit einem geradezu überwältigenden Erfolge statt-
fand, er mußte am IO. nochmals gehalten werden!
Von allen Seiten größte Verehrung. Sonntag fahren wir heim,
bis dahin dauert noch das bewegte Leben an. Herzl. Grüße
M[alvine] H[usserl]
92 BRIEFE VON HUSSERL

LXXVII

Kappei, bad[ischer] Schwarzwald, 10. VII. 1935

Lieber Freund.
Soeben habe ich Ihren hoch erfreulichen Brief erhalten. Ich
schreibe am Besten sofort - denn wenn ich in meiner normalen
Anomalität befangen bin, id est in der Leidenschaft eines drän-
genden Problems u. der quälenden Sorge, wie ich in die Wolken
der Unklarheit Licht hineinbringe, da kann ich einfach nicht los-
kommen, u. selbst liebste Freundesbriefe müssen warten u. war-
ten. Seit einer Woche bin ich in Folge einer Erkältung arbeits-
unfähig - zum ersten Male seit einem Jahr bin ich aus einem
großen Gedankenzuge herausgerissen, der sich meiner mit einer
unglaublichen Intensität bemächtigt hatte - Vollendung der ge-
schichtsphilosophischen Ausgestaltung der tr[anscendentalen]
Phän[omenologie], mit der sie ihren Sinn als universale tr[ans-
cendentale] Geschichtsphilosophie u. Teleologie ausreift 76. Ältere
Ansätze dienten schon für die unfertige Prager Abh[andlung] vom
vor. Jahre u. wieder für die Wiener Vorträge. -
Doch erst zur Antwort auf Ihren Brief, den Ausdruck meiner
großen Freude über Ihre großen Erfolge, die übrigens nicht bloß
auf Polen beschränkt sind. Ich war dessen im Voraus sicher, daß,
wenn Ihre physischen und seelischen Widerstandskräfte in den
allzuvielen Jahren der Probe aushalten würden, Sie ganz gewiß
sich die Führerstelle in der Philosophie Ihres Vaterlandes erobern
würden. - Übrigens, bei der neuen polit. Freundschaft, die das
3. Reich u. Polen verbinden, wäre es vielleicht möglich, auch eine
Vortragseinladung für Berlin einmal zu erhalten - falls Ihnen die
Schule H[usserl]s nicht negativ angekreidet wird. Jedenfalls -
wenn Sie schon in Posen sind, wäre eine Reise nach Fr[eiburg]
und eine philosophische Pause daselbst vielleicht keine phanta-
stische Hypothese.
Ihre Vorlesungspläne sind durchaus rationell - für Polen, in
Deutschland sind alle diese Themen nicht mehr actuell 77. Philo-
sophie "als str[enge] Wiss[enschaft]" gehört zur erledigten Ver-
gangenheit, so gut wie die Scholastik des I3. Jahrh. Auch im
BRIEFE VON HUSSERL 93
übrigen Europa greift die irrationalistische Skepsis um sich, das
Bollwerk des mathematicistischen Positivism wird nicht lange
helfen, da man schließlich entdecken wird, daß es eine Attrappe
von Philosophie u. nicht eine wirk!. Philosophie ist. Ich bin sicher:
nur die tr[anscendentale] Phänom[enologie] schafftletzte Klarheit
u. den einzig möglichen Weg in notwendig verwandelter Gestalt, die
Idee einer Phil[osophie] als universale Wissenschaft zu verwirk-
lichen. Allmälig fühlt man ein radical Neues in meiner Lebens-
arbeit, und an verschiedenen Hauptstellen der europ[äischen]
Welt zeigt sich eine neue Wirksamkeit meiner Schriften. Nach
dem großen Erfolg (zunächst buchhändlerisch!) der 4-bändigen
spanischen Übersetzung der Log[ischen] Unt[ersuchungen] sollen
der Reihe nach alle meine Schriften (u. Dr. Finks Abhandlungen)
ins Spanische übersetzt werden. In England, in USA, in Süd-
amerika, in Frankreich sind Keimzellen. Eine Übersetzung der
F[ormalen] u. tr[anscendentalen] Logik von Dorion Caims (N[ew]
York) ist in Arbeit. Caims ist übrigens eine Kraft ersten Ranges.
Es könnte also etwas daraus werden - inzwischen verliere ich
(leider schon im 77-ten Jahre!) keine Stunde, u. ich fühle mich
noch immer als Werdender und in der Phänomenologie meiner
Hände sehe ich eine innere Consequenz der einstimmigen Aus-
gestaltung, die schließlich den evidenten Anspruch wird vertreten
können, daß hierin der künftigen Philosophie Methode und Sche-
ma für eine Unendlichkeit von Entdeckungen vorgezeichnet ist,
das gelobte Land der künftigen Philos[ophen]-Generationen. Das
aber steckt (ars longa, vita brevis!) in Meditationen, unlitera-
risch, in Msc.! So sehe ich's, wenn ich wolauf u. in guter Arbeit
bin - anders in den Depressionen, die uns allen nicht erspart sind.
Wie es mit Prag - Wien lief? Prag mußte verschoben werden,
nachdem beides in Connex schon geordnet war. Ich soll nun in
Prag im Nov. sprechen, fatal schon um der großen Anstrengungen
willen. Doch die dortige Opferbereitschaft für die Sicherung mei-
nes Nachlasses, bzw. die Wirksamkeit ermöglichende Behandlung
meiner Msc. verpflichtet mich zu großem Danke. Leider konnte
ich die Zusage für Wien, wo ich den Inhalt der Prager Vorträge
zusammengefaßt (im Kulturbund) wiederholen wollte, nicht
mehr zurückziehen, und nun muß ich für Prag Neues vorbereiten.
In Wien ging es merkwürdig. Ich kam eigentlich ohne ein fertiges
Msc. hin, in Folge der zu spät erfolgten Entscheidung, dort spre-
94 BRIEFE VON HUSSERL

chen zu müssen, auch nach der Verschiebung der Prager Vorträ-


ge, und zudem in Folge anderer Störungen. Ich überwand die
Übermüdung u. sprach am 7. V. mit unerwartetem Erfolge. Der
Hauptsache nach sprach ich frei - "Die Philosophie u. die Krisis
des europäischen Menschenthums". Die erste Hälfte: die philo-
sophische Idee des europäischen Menschenthums (oder "der eu-
rop. Kultur"), aus ihrem histor[ischen] Ursprunge aus der Phi-
losophie aufgeklärt. 2-ter Theil: der Grund der Krisis seit Ende
d. 19. Jahrh., der Grund des Versagens der Philosophie, bzw.
ihrer Zweige der modernen Sonderwissenschaften - des Versagens
ihres Berufs (ihrer teleol[ogischen] Function), dem höheren
Menschheitstypus, der als Idee in Europa histor[isch] werden
sollte, die normative Leitung zu geben. Der erste Theil war ein
geschlossener Vortrag in sich, der eine gute Stunde in Anspruch
nahm. Ich wollte also Schluß machen u. entschuldigte mich, we-
gen des zu weitgespannten Themas. Aber das Publicum wollte
durchaus, daß ich weiter spreche, u. so setzte ich nach einer Pause
fort u. fand für den 2-ten Theil noch lebhaftes Interesse. Ich muß-
te den Doppelvortrag 2 Tage später nochmals (u. wieder bei aus-
verkauftem Hause) wiederholen, - wieder über 21/2 Stunden. Das
war eine Woche lang die große Sensation in Wien. Dem entspre-
chend waren die 15 Tage im Wien eine Kette ständiger Kraftan-
spannungen, die schon bis an die Grenze der Überspannung zu
führen drohten. Ich habe es aber gut ausgehalten u. ebenso meine
Frau.
Verzeihen Sie diesen lässig hingeschriebenen, stilistisch unmög-
lichen Brief. Die Nachwirkung einer abklingenden Grippe zeigt
sich in einer geistigen Umnebelung.
Ich habe Ihre Frage bez. Dr. F[ink] noch nicht beantwortet. Er
ist in guter Arbeit an dem freilich überschwenglich schwierigen
u. weiten (die ganze Ph. * umspannenden) Thema Zeit - Zeit-
constitution. Leider kann ich nicht mitgestalten an der liter.
Darstellung, mit ihren von F[ink] entworfenen histor[isch] - kri-
tischen Einführungen. Ich denke, es wird der I. Band textlich im
Sommer noch fertig. Felix Kaufm[ann] hat wirksame Hilfe in
England geschaffen, so weit, daß Dr. Fink für I Jahr gesichert ist
(zusammen mit den Gaben von Prof. Otaka Kejio). Dr. Land-
* Es ist aus dem Zusammenhang nicht zu ersehen, ob hier Philosophie oder Phäno-
menologie gelesen werden muß. (Anm. d. Hrgs.)
BRIEFE VON HUSSERL 95
grebe hat für 1-2 Jahre feste Unterstützung, u. zwar als Bearbei-
ter meiner Msc. vom Cercle philosophique.
Nun noch meine herzlichsten Wünsche für weiteres Leben u.
Streben u. freundlichste Grüße an Ihre Gemahlin, natürlich auch
von meiner Frau.
Ihr alter Lehrer und Freund
E. Husserl
Lieber Herr Ingarden, obwol mein Mann mir keinen Platz aufge-
spart hat, will ich doch an diesem Eckchen sagen, wie herzlich
ich mich freue, daß Sie endlich anerkannt werden. Wir haben im-
mer an Sie geglaubt! Ihre alte treue Freundin
Malvine Husserl

LXXVIII

Freiburg i.Br., 23. ükt. 35


Lieber Herr Ingarden,
Mein Mann dankt durch mich für die liebenswürdige übersen-
dung Ihrer Abhandlung 78, die gerade jetzt großes Interesse für
ihn hat, da er Mitte Nov. in Prag auf Einladung des Cercle phi-
los[ophique] 4 Vorlesungen halten wird (Natur u. Geist - Natur-
w[issenschaft], Geistesw[issenschaft], Psychologie, Phänomeno-
logie). Wie schön wäre es, wenn Sie auch hinkämen! Ist das nicht
möglich 79? Die Entfernung ist doch nicht groß, u. das Leben ist
so kurz. Der I. Vortrag findet am I4. Nov. statt. Also überlegen
Sie u. seien Sie ein Held, der alle Hindernisse niederschlägt wie
St. Georg den Drachen. Brünn u. ülmütz haben nun auch um
einen Vortrag gebeten, nachdem sie in den Zeitungen von der
Prager Veranstaltung lasen, aber m[ein] M[ann] hat über die Zu-
sage noch nicht entschieden.
Wie es uns geht? Ja, Sie wissen vielleicht Bescheid, was sich
ereignet. Man hätte sich bei Gott viel zu erzählen.
In der Hoffnung, daß Sie nach P[rag] kommen, fasse ich mich
kurz u. sende in unser beider Namen Ihnen u. Ihrer l[ieben] Frau
herzlichste Grüße.
Ihre älteste Freundin
M[alvine] Husserl
BRIEFE VON HUSSERL

LXXIX

Freiburg i.Br., I4- 1. 36

Lieber Freund Ingarden.


Wir haben so lange nichts von Ihnen gehört, u. nun kommt die-
ser erfreuliche Brief! Doppelt erfreulich, einmal, daß Sie zu einem
Vortrag in das Deutsch-Polnische Institut eingeladen sind u. daß
wir dem Besuch von Ihnen entgegensehen dürfen. Es wäre eine
große Enttäuschung für Ihren alten Lehrer (u. auch dessen
Frau, die Ihnen ja immer eine warme Freundin war), wenn Sie
durch irgend etwas abgehalten würden, Ihre Absicht zu verwirk-
lichen 80. Das Leben ist für uns nur mehr kurz, u. die Möglichkei-
ten eines Wiedersehens damit bald erschöpft. Man hat sich ganz
gewiß viel u. Wichtiges zu sagen. Am Ende treffen Sie mit Jean
Hering hier zusammen, der zu uns Samstag d. 25. herüberkommt
u. bis Montag d. 27. bleiben wird. Aber freilich wird das nicht gut
zusammenstimmen, da Ihr Vortrag am 24. stattfindet. Falls Sie
nicht gleichzeitig mit H[ering] hier sind, bitten wir Sie, bei uns zu
logieren, denn dann wäre unser Gastzimmer frei. Teilen Sie sich
also Ihre Zeit so ein, wie es Ihren verschiedenen Zwecken ent-
spricht, wir stellen uns dabei für jederlei Programm zur Verfü-
gung.
Nun zu Ihren Fragen. I) Prag war ein voller Erfolg. Eine sol-
che herzliche, ja begeisterte Aufnahme von Alt u[nd] Jung, von
deutscher u. tschechischer Seite war gar nicht vorauszusehen.
Mein Mann hielt eine 4 stündige Vorlesung (die erste Hälfte in der
deutschen, die zweite Hälfte in der tschech[ischen] Universität).
Er mußte auch in allen wissensch[aftlichen] Gesellschaften spre-
chen z.B. Brentano-Ges., Cercle linguistique, Cercle Philosophi-
que, im Seminar Utitz. etc. Da er Gast des Cercle Philos[ophique]
war, so kam es zu keiner Berührung mit Carnap u. den Positivi-
sten, denn der Cercle ist ja gerade gegen diese Ungeistigkeit ge-
gründet u. statutenmäßig eingestellt. In dieser Woche gehen die
Prager Vorträge in den Druck (sie sollen in der neuen internat.
philos. Zeitschrift 81, deren Redaktion Liebert hat, als erste Ab-
BRIEFE VON HUSSERL 97
handlung erscheinen). Sie werden sie also im Frühjahr selbst
lesen.
2.) Dr. Landgrebe arbeitet eifrigst an den Abschriften u. eben-
so an der Herausgabe der "Logischen Studien" 82. Am 23. o. 24.
d.M. kommt er (subventioniert v. Cercle) für etwa 3 Wochen her,
um neue Msc. zu holen u. wissenschaftl. Fragen durchzusprechen.
Sie werden ihn also sehen.
3.) Berliner Philosophen? Außer N[icolaiJ H[artmann] ist
Spranger da, Köhler ist in Amerika, P. Hoffmann auch weg. Der
philos. Führer ist Bäumler. Helmuth Kuhn, ein sehr kluger
Kopf, hatte auswärts Vorträge gehalten, wo er jetzt ist, wissen
wir nicht. Alles, was Sie sonst fragen wollen, wird sich mündlich
abspielen. Mein Mann grüßt herzliehst, er ist wieder einmal in
einem solchen Ansturm der Arbeit, daß er selbst niemandem mo-
mentan schreibt. Alles Gute für Ihren Vortrag u. auf ein schönes
Wiedersehen! Lassen Sie bald von sich hören. Stets Ihre getreue
M[alvineJ Husserl
Herzlichen Gruß Ihrer l[iebenJ Frau.

LXXX

16. V. 1936 (Rapallo)

Lieber Freund!
Herzlichste Grüße! Wir haben uns hier recht gut erholt, u. das
war sehr nötig. Ich war noch nie so erschöpft. 6 Wochen Arbeit
habe ich - mitten in der Ausarbeitung meiner halb schon an die
Redaction der Philosophia abgegangenen Schrift - daran geben
müssen. Nun fahren wir heim, u. ich denke, daß alles doch zu
einem guten Ende kommen wird. Wie that es mir leid, daß die
Hoffnung, Sie wiederzusehen, sich nicht erfüllt hat 83. Wenn Sie
nur ein andermal kämen - es ist nicht mehr viel Zeit. Wie geht
es Ihnen u. Ihren Lieben? Schreiben kann ich gar schwer. Sie
sind jung, schreiben Sie bald.
Alle guten Wünsche
E. Husserl
98 BRIEFE VON HUSSERL

LXXXI

Freiburg 2. Ir. 36 [Poststempel]

Lieber Freund!
J[ean] Hering ist zu unserer großen Freude für einen kurzen Wo-
chenendbesuch bei uns. Natürlich gedenken wir Ihrer herzlich.
Wie geht es Ihnen? Viele Grüße
Ihr
E. Husserl
Herzlichste Grüße in treuem Gedenken an voriges Jahr, wo wir
alle hier zusammen waren.
M[alvine] Husserl

In der schönen freundschaftlichen Stimmung des lieben Hauses


H[usserl], wo man so mütterlich aufgenommen wird, gedenkt
Ihrer herzlich Ihr alter Freund
Jean Hering

P.S.: Koyre ist wieder in Kairo.

LXXXII

Freiburg i.Br., 15. II. 36

Mein lieber Herr Ingarden.


Wissen Sie, daß wir uns schon ernstlich um Sie gesorgt haben?
So lange nicht zu schreiben 84! Aber aus Ihrem Briefe ersahen wir
ja, daß Sie wirklich schwer zu schriftlichen Mitteilungen Zeit u.
Kraft finden konnten, u. so sei Ihnen hiemit feierlich Absolution
erteilt.
Hering hat das Weekend bei uns verbracht, u. es war mit ihm,
wie immer mit so treuen echten Menschen, eine seelische Be-
freiung in der offenen Aussprache. Die gemeinsame Karte hat
Ihnen bewiesen, daß wir Ihrer in unveränderter Freundschaft ge-
dacht haben.
BRIEFE VON HUSSERL 99
Nun zu Beantwortung Ihres l[ieben] Briefes u. seiner Fragen.
Zuerst die Prager Vorträge. Bei der weiteren Ausarbeitung stellte
sich doch ein so großer Umfang heraus, daß mein Mann sich -
allerdings nicht leicht wegen des einheitlichen Gedankenzuges -
entschloß, den einen I. Teil allein für das I. Heft der "Philoso-
phia" drucken zu lassen. Circa 4 Bogen. Leider erleidet die Pu-
blication eine unerwartet lange Verzögerung. Die I. Correctur
wurde am 30. Sept. abgeschickt u. bis heute ist die zweite noch
nicht da. Mein Mann fragte dieserhalb 2-mal an, endlich kam vor
einigen Tagen eine Zuschrift von Lieberts Assistenten dahin-
gehend, daß L[iebert] bis 23. Nov. in der Schweiz zu Vorträgen
sei, darum die Correspondenz unterbrochen war. Außerdem hätte
ein Setzerstreik die Fertigstellung verhindert, die aber jetzt im
Zuge sei. Also hoffen wir das Beste.
Landgrebe schrieb kürzlich durchaus erfreulich. Er liest über
Phänom[enologie] u. hat 7 eifrige Hörer. Ferner schreiten die
"Log[ischen] Studien" in der Ausarbeitung gut fort, er hofft, sie
bis zum Frühjahr zu Ende zu bringen. Als Titel schlägt er "das
prädicative Urteil" vor. An Abschriften hat er auch schon ein
gutes Teil erledigt.
Fink glaubt nun auch, mit dem Zeitbuch zum Abschluß zu
kommen. Hoffen wir das Beste. Wissen Sie, daß er geheiratet
hat?
Meinem Manne gienge es gesundheitlich durchaus befriedi-
gend, wenn nur die seelischen Zugriffe nicht wären. Bei aller wil-
lensstarken Einklammerung der Welt, rutscht doch so manches
Aufstörende ins Bewußtsein. Aber er hat trotzdem ein Jahr
größter geistiger Anspannung u. Productivität hinter sich u.
stellt sich immer neue Aufgaben.
Sie müssen bald wieder zu uns kommen! Unser Zukunftshori-
zont wird ja stetig kleiner, u. plötzlich ist er gar nicht mehr da.
Mit allerherzlichsten Grüßen von uns Beiden an Sie u. Ihre
liebe Frau
Ihre alte Freundin
M[alvineJ Husserl
100 BRIEFE VON HUSSERL

LXXXIII

Freiburg i.B., 3I. XII. 1936


Liebster Freund!
Wie schön, daß Sie an unserem stillen u. ernsten Weihnachts-
fest nicht gefehlt haben. Herzlichen Dank und von Herzen erwie-
dern wir Ihre Freundeswünsche. Die Hypertrophie Ihrer Arbeit,
der literarischen und Vortragsarbeit, macht uns Sorgen, zumal
Sie von erhöhter Temperatur sprechen. Greift nicht Ihre l[iebe]
Frau mit einem energischen Veto ein? Das schöne Weihnachtsge-
schenk war mir eine Freude - und eine Enttäuschung 85. Bren-
nend gern hätte ich an der "phän[omenologischen]" Wendung
Ihrer Problematik d. Lit[erarischen] Kunstwerkes mich erfreut. Sie
müssen nach dem großen und so verdienten Erfolg des ersten
Buches unbedingt dieses 2-te ergänzende in seiner parallelen
(correlativen) Problematik in deutscher Sprache, u. bald pu-
blicieren.
Ich habe (Wir haben) ein böses Jahr hinter uns, hoffentl. ist
das neue lichter! Mein Sohn u. Schwiegersohn sind schon in USA,
und die letzten, die Weihnachtsnachrichten, sind sehr hoffnungs-
voll, u. so sind die Familien auch schon im Umzug. Soeben ist
meine tapfere Tochter mit Kindern bei uns - Abschied zu neh-
men. Meine Schw[ieger]tochter mit ihrem Kind fährt heute von
Southampton ab. Wir Alten bleiben allein - wie beneiden wir die
Kinder, obschon sie sehr bescheiden anfangen müssen. Das letzte
Jahr, abgesehen von der 2-monatlichen Krankheit u. [der] Ra-
pallopause, war eines der härtesten Arbeitsjahre für mich. Ich
werde halt alt, bald schon 78. Dabei hat sich aber so Manches
expliciter geklärt, insbes. die Durchführung der Idee universaler
Geschichtlichkeit - als transzendentaler, um die ich schon seit
mehr als I Jahrzehnt kreise. In etwa 2-3 Wochen erhalten Sie den
ersten Art[ikel] in Vordeutungen fortschreitend, der 2. knüpft
nochmals an Kant etc. an, das Problem der Lebenswelt, und dann
das der Phil[osophie] in ph[änomenologischer] Reduction ent-
wickelnd. Dann 3. u. 4. Art[ikel] Verhältnis der Phän[omenolo-
gie] zur Psych[ologie], Physik, Biol[ogie], Geistesw[issenschaft]86.
BRIEFE VON HUSSERL 101

Ein weiteres Jahr der Arbeit!! Sie werden allerlei finden, was Sie
befremdet: aber es ist wohl genug betont worden, daß der Leser
durch die Vordeutungen auf Denkrichtungen hingelenkt werden
soll, die erst, wenn er hinreichend vorbereitet ist, systematisch
explicirt werden können und einsichtig in ihrer neuen Eigenart, in
ihrer apodikt[ischen] Methode. Im übrigen rechne ich höchstens
auf ein Dutzend ernst mitdenkende Leser für eine so schwierige,
so langen Athem erfordernde Schrift.
Sie können sich denken, daß ich mich müde fühle bei all den
philos. und außerphilosophischen Spannungen. Die beiden Weih-
nachtswochen habe ich seit Jahren zum ersten Male nicht ge-
arbeitet, nur allerlei gelesen, darunter das schöne Buch von Karel
Capek "Masaryk erzählt sein Leben" (Bei Cassirers Verlag, Ber-
lin).
Nun gönnen auch Sie sich Ruhe (so mahnt nachdrücklich
auch meine Frau). Nochmals von uns herzlichste Wünsche für
Sie, Ihre l[iebe] Frau u. Ihre schönen Jungen. Kommen Sie bald
wieder zu uns, so lange wir noch da sind - sehr nahe gieng mir
der Tod meines alten Lehrers u. Freundes Stumpf - frelich im
89. Jahre.
Ihr alter Freund
E. Husserl

LXXXIV

Freiburg, 15. April 37


Mein lieber Herr Ingarden.
Damit Sie nicht zu lange ohne Dank für Ihren lieben Geburts-
tagsbrief bleiben, will ich Ihnen wenigstens eine Karte schreiben.
Mein Mann hat so viele liebe Zuschriften bekommen, u. der Tag
war trotz der Düsterkeit der kosmischen Atmosphäre doch ein
sehr festlicher. Dazu haben Sie als schöner Nachklang durch die
herzliche Anhänglichkeit Ihrer Worte uns viel Freude bereitet.
Wir bedauern es ungeheuer, daß Sie dauernd unter Arbeitsüber-
lastung leiden. Rauchen Sie nicht zu viel? Wie tief die Schädigun-
gen durch Nikotin sich auswirken können, haben wir selbst er-
fahren. Mein Mann war seit Weihnachten bis Anfang März gar
I02 BRIEFE VON HUSSERL

nicht arbeitsfähig u. ziemlich verzweifelt. Zum Glück konnten


wir einen ungewöhnlich bedeutenden Kliniker consultieren, der
nach sorgfältigsten Untersuchungen das starke Rauchen mit
gleichzeitiger Überanstrengung als Ursache all der gesundheit-
lichen Störungen feststellte. Seit nun der Tabakconsum auf ein
Minimum reduciert u. eine neue Diät befolgt wird, blüht er
geradezu auf u. hat wieder Freude an der Arbeit. Der I. Teil hat
eine große Resonanz, es kommen von allen Seiten höchst erfreu-
liche Briefe. Nun muß der Gedankenzug weitergeführt werden.
Gott gebe Kraft dazu! Schade, daß man sich so schwer wieder-
sieht, mündlich wäre viel zu sagen. Auf Ihrer Reise zum Congress
müssen Sie über Freiburg kommen. Da m[ein] Mann die Geneh-
migung für Paris bis jetzt nicht bekommen hat, so verzichtet er
darauf.
Grüßen Sie Ihre l[iebe] Frau! In treuer Freundschaft
Ihre
E. u. M[alvine] Husserl

LXXXV

Freiburg i.B., Schöneck 6


23· VII. 37

L. Freund.
Ihre kleine, aber in Ihrer gewohnten prächtigen Präcision lehr-
reiche Abh. über die Wandlungen etc. habe ich sofort gelesen.
Der Redacteur hat Recht! Fahren Sie nach Paris? Dürfen wir Sie
dann erwarten? Sie fänden offene Arme. Meine Frau hat den
Umzug wundervoll dirigiert, während ich nach Breitnau bei Hin-
terzarten abgeschoben wurde 87. Sie würden staunen, wie groß-
artig wir wohnen über der Stadt (am Schloßberg). Hier erhoffe
ich Wiederherstellung meiner Gesundheit, die mir durch ständige
Störungen seit Anfang d. J. ein continuierliches Arbeiten unmög-
lich machte. Den 2-ten Artikel konnte ich daher nicht ablie-
fern I ! I Ich hatte in den letzten Jahren zu toll gearbeitet.
Ihr alter Freund
E. Husserl
BRIEFE VON HUSSERL I03

LXXXVI

Freiburg, 24. 11. 38


Lieber Herr Ingarden,
Ihr l[ieber] Brief brachte uns eine große Beruhigung, denn wir
machten uns ernsthaft Sorgen, weil zu Neujahr u. lange vorher
keine Nachricht von Ihnen gekommen war. Es muß Ihr letzter
Brief verloren gegangen sein.
Leider kann ich Ihnen nicht Gutes berichten. Mein Mann ist
seit Anfang August schwer krank (Pleuritis exsudativa), u. nach
einem langsamen Aufstieg ist seit Weihnachten eine Verschlim-
merung eingetreten. Sein Schwächezustand ist unbeschreiblich,
u. mein Herz ist von banger Sorge erfüllt. Sie werden verstehen,
daß ich nur diese wenigen Zeilen schreibe.
Seit einigen Wochen ist unsere Tochter da, sie ließ Ihre Familie
drüben im Stich, um am Krankenbett ihres geliebten Vaters zu
helfen.
Seien Sie herzlich gegrüßt in alter Freundschaft
Ihre
M[alvine] Husserl

LXXXVII

Freiburg i.Br. 20. März 38

L[ieber] H[err] I [ngarden].


Ich möchte Ihren l[ieben] Brief u. die Zusendung Ihrer Ab-
handlung wenigstens mit einigen Zeilen beantworten. Leider kann
ich von keiner Besserung im Befinden meines Mannes berichten.
Er wird sichtlich schwächer, u. das Herz wird mir immer schwe-
rer. Wenn Sie nicht so weit entfernt wären, würde ich Ihnen einen
Besuch nahelegen, aber das kommt ja nicht in Frage.
Herzliche Grüße
Ihre
M[alvine] Husserl
104 BRIEFE VON HUSSERL

LXXXVIII

Z1. April 38

Lieber Herr Ingarden,


Ihren lieben herzenswarmen Brief zum 8. April kann ich nur
mit einigen wenigen Zeilen beantworten. Ich lebe in schwersten
Sorgen um meinen Mann, dessen Befinden zu größter Sorge Anlaß
gibt. Bei all der unbeschreiblichen Schwäche ist noch tiefes gei-
stiges Leben in ihm, das er aber nur selten in Worte fassen kann.
Nichts Irdisches ist um ihn, eine himmlische Geduld, Liebe u.
Güte strömt von ihm aus u. umschließt alle die Menschen, die ihm
in Treue zugewandt blieben. Zu denen gehören auch Sie!
Vor einigen Tagen erwachte er aus tiefem Schlaf u. sagte:
"Gott hat mich in Gnaden aufgenommen und mir erlaubt zu
sterben".
Und ich soll weiter leben?
Ihre
M[alvineJ Husserl

LXXXIX

Den 27. April 1938 ist eingegangen in den ewigen Frieden mein
teurer Gatte, unser ehrwürdiger geliebter Vater und Großvater
der Philosoph
EDMUND HUSSERL
Sein Leben und sein Sterben war stilles Heldentum.
Freiburg i. Br.
[U n terschriften]
II

ROMAN INGARDEN

MEINE ERINNERUNGEN AN EDMUND HUSSERL

UND

ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN HUSSERLS


MEINE ERINNERUNGEN AN
EDMUND HUSSERL

Ich bin nach Göttingen zum ersten Mal Ende April 1912 ge-
kommen, um dort Philosophie, Psychologie, Mathematik und
Physik zu studieren. Mit Professor Husserl sprach ich zum ersten
Mal am 11. Mai d. J., als ich mich zu seinem Kolleg "Urteilstheo-
rie" anmeldete. Ich verbrachte in Göttingen fünf Semester bis
zum Ausbruch des ersten Weltkrieges und habe bei Husserl noch
folgende Vorlesungen gehört: Logik und Einleitung zur Wissen-
schaftslehre, WS 1912/13; Natur und Geist, SS 1913; Kant und
die Philosophie der Neuzeit, WS 1913/14; und Grundfragen der
Ethik, SS 1914. Außerdem habe ich vom WS 1912/13 bis zum
SS 1914 an seinem Seminar teilgenommen; und zwar: WS 1912/
13, Metaphysische und wissenschaftstheoretische Übungen über
Natur und Geist; SS 1913, Übungen über Naturwissenschaft und
Geisteswissenschaft; WS 1913/14, Phänomenologische Übungen
für Fortgeschrittene; SS 1914, Ausgewählte phänomenologische
Probleme. Das WS I9I4/I5 verbrachte ich an der Universität
Wien, wo ich vorwiegend Mathematik und Physik studierte. Für
das SS 1915 kehrte ich nach Göttingen zurück. Husserl las da
über "Ausgewählte phänomenologische Probleme" und hielt im
Seminar Übungen über Fichtes "Bestimmung des Menschen". Im
WS I9I5/I6 war ich krank und verbrachte diese Zeit in Polen. Ich
kam Ende Februar I9I6 nach Göttingen und erfuhr, daß Husserl
den Ruf nach Freiburg in Br. angenommen hatte und bald dort-
hin übersiedeln werde. Ich folgte ihm nach und hörte dort seine
Vorlesungen: Einleitung in die Philosophie, SS I9I6; und Ge-
schichte der Philosophie, WS I9I6/I7. Im Seminar behandelte
man Descartes "Meditationes de prima philosophia", D. Humes
"Traktat über die menschliche Natur" und Berkeleys "Über die
ERINNERUNGEN AN HUSSERL I07
Prinzipien der menschlichen Erkenntnis". Anfang Januar 1917
mußte ich nach Krakau fahren und kam erst Ende September
1917 nach Freiburg zurück, um nach der Übergabe meiner Dis-
sertation mich zum Doktorexamen vorzubereiten, das ich am 16.
Januar 1918 bei E. Husserl (in Philosophie, Mathematik und
Physik) bestand.
Meine sämtlichen Notizen der Vorlesungen, die ich in Göttin-
gen und Freiburg hörte, sind mir leider in folge des ersten Welt-
krieges verloren gegangen. Ich kann sie somit jetzt nicht zu Rate
ziehen, um über ihren Inhalt näher zu berichten. Ich habe aber in
November 1966 einige Zeit im Husserl-Archiv in Louvain ver-
bracht, um auf Grund der vorhandenen Manuskripte Husserls
einiges über diese Vorlesungen sagen zu können.
Das für das Sommerseimester 1912 angekündigte Kolleg "Ur-
teilstheorie" war meinen Erinnerungen gemäß keine logische
Vorlesung. Im Mai gab es eine längere Ausführung über das We-
sen und über die Philosophie als \Vesensforschung, was auf mich
damals einen großen Eindruck gemacht hat. Auf dem Titelblatt
des Manuskript-Konvoluts, das man im H. A. für die Vorlesung
des SS 1912 hält, steht von Husserls Hand: "Altes zur Reduktion,
1912". Dann aber steht noch: "Erster Teil, 1-34, Einleitung in
die Phänomenologie" (Signatur: F I 4); "Sommervorlesung,
1912, 2. Teil (gut), 35-59" (Signatur: B II 19 I). Alles in allem
scheint es also, daß Husserl in diesem Kolleg manche Teile der
damals vorbereiteten "Ideen I" vorgetragen hat. Dies stimmt
auch damit zusammen, daß Husserl am Anfange die Änderung
des Themas der Vorlesung ankündigt und begründet *.
Die Vorlesung über Logik im WS 1912/13 war nur eine Wieder-
holung des Kollegs über Logik aus dem WS I9Io/rr, wo sie den
Titel trug: "Logik als Theorie der Erkenntnis". Was die Manu-
skripte zu dieser Vorlesung betrifft, so sind sie, nach der Zusam-
menstellung, welche Dr. Rudolf Boehm gemacht hat, die fol-
genden:
Signat. F I 15: ,,3" bis ,,72" mit einigen Lücken und einigen
Einlagen, in einiger Unordnung. Husserls Angabe: ,,1. Logik als
Theorie der Erkenntnis, I9Io/rr, p. 1-73. Wieder gelesen 1912/13,
1914/15, Kriegswinter". - Dann: F 12: Einige Beiblätter, dann
* Leider sind die originalen Handschriften Husserls nicht transkribiert, so daß ich
sie nicht lesen konnte.
108 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

,,73" bis ,,18z". Husserls Angabe: ,,11. Logik [gestrichen: ,,1908


und"] 1910. II-tes Stück von 1910, 73 ff. Das Schlußstück über
Kategorienlehre im eignen Umschlag". Dann: FIlz: ,,181" bis
"zoo". Dr. Boehm informiert noch *: Die Vorlesung wurde 191Z/
13 und 1914/15 als "Logik und Einleitung in die Wissenschafts-
lehre" wiederholt.
Persönlich erinnere ich mich von dieser Vorlesung nur an ge-
wisse Ausführungen Husserls über den Aufbau des kategorischen
Urteils. Es war da über eine Seinssetzung im Subjektsausdruck die
Rede, auf welche eine zweite vom Prädikat herrührende Setzung
sich aufbaut. Eine solche Problematik gehört zu den Themen, die
später Landgrebe in "Erfahrung und Urteil" auf Grund Husserl-
scher Handschriften zu bearbeiteten hatte. Wahrscheinlich waren
ihm auch Notizen zu dieser Vorlesung zur Verfügung gestellt. So-
viel ich mich aber erinnere, waren in dieser Vorlesung weder die
Probleme des Psychologismus bzw. Antipsychologismus noch sol-
che Fragen, wie sie später in der "Formalen und transzendentalen
Logik" besprochen wurden, behandelt. Das ist insofern interes-
sant, als in der Vorlesung auch nicht erwähnt wurde, daß Husserl
bereits um diese Zeit seine Auffassung der logischen Gegenständ-
lichkeiten, wie er sie in dem I. Bande der "Logischen Unter-
suchungen" vertrat, sowie die Auffassung der Wahrheit preis-
gegeben hatte, wie dies aus dem Briefe Husserls vom 5. April 1918
hervorgeht. Ich und meine Kollegen glaubten also, daß diese
Auffassung nach Husserl zu Recht bestand und daß es sich bei
ihrer Zugrundelegung bloß darum handelte, die Struktur der ein-
zelnen logischen Gegenständlichkeiten herauszustellen, was in
den "Logischen Untersuchungen" noch nicht geleistet war. Hus-
serl hielt diese besonderen Betrachtungen anscheinend für wich-
tig, weil- wie mir später Edith Stein erzählte - der Plan bestand,
daß die Logik-Vorlesung im WS 1914/15 aufs neue gehalten wer-
den sollte, wobei man die einzelnen Vorlesungen niederschreiben
und sie zum Druck vorbereiten wollte. Dieser Plan wurde dann

* Im Husserl-Archiv liegt eine Schrüt von Dr. Rudolf Boehm u.d.T. "Systema-
tisch-chronologische Übersicht über die in der Archiv-Sektion F erhaltenen Vor-
lesungsmanuskripte und -Materialien Husserls" vor. Man hat mir diese Schrift in
einer Kopie zur Verfügung gestellt, wofür ich hier der Direktion des Archivs und auch
Dr. Boehm meinen besten Dank ausspreche. Auch bin ich Herrn Dr. Iso Kern, der so
freundlich war, mir in meinen Nachforschungen nach verschiedenen Handschriften
Husserls behilflich zu sein, wärmsten Dank schuldig.
ERINNERUNGEN AN HUSSERL I09
nicht ausgeführt, da der Krieg ausbrach und Husserl weder die
übliche Anzahl Studenten hatte, noch auch die zu einem solchen
verantwortlich vorbereiteten Kolleg nötige Arbeitsstimmung ha-
ben konnte.
Die Vorlesung im SS 1913 trug den Titel "Natur und Geist".
Im Husserl-Archiv hat man mir ein Manuskript-Konvolut ge-
zeigt, welches die Texte, die zu dieser Vorlesung als Unterlage
dienten, enthalten soll. Nun, auf dem Titelblatt steht: "Ideen 11,
S. 1-305"; darin soll auch die Umarbeitung aus dem Jahre 1915
enthalten sein, welche auch FrL Stein als Unterlage gedient hat
(Signatur F 111 I). Außerdem sollen noch andere Manuskripte
darin zusammengelegt worden sein, worunter auch Materialien
zu einer neuen Redaktion der VI. Logischen Untersuchung ent-
halten sein sollen *. Wichtig aber ist, daß diese Vorlesung die
Probleme der "Ideen 11" behandelte, und zwarin einem Geiste, wie
dies aus der späteren Ausarbeitung von Edith Stein hervorgeht,
der, kurz gesagt, einen starken realistischen Anstrich an sich hat-
te. Diese Tatsache klärt, wie es möglich war, daß manche Be-
trachtungen, die der im Jahre 1913 erschienene Text der "Ideen I"
enthielt, für die Schüler Husserls eine gewisse Überraschung bil-
deten. Ich komme darauf bei der Besprechung der Husserlschen
Seminarübungen im WS 1913/14 zurück.
Im Wintersemester 1913/14 sprach Husserl über die Kantische
Philosophie. Ich kann mich aber nicht erinnern, auf welche Weise
Husserl den Kritizismus Kants behandelt und welche Stellung er
ihm gegenüber eingenommen hat. Daß er aber eine Kritik des
Hauptgedankens der "Kritik der reinen Vernunft" durchgeführt
hat, scheint mir außer jedem Zweifel zu stehen. Denn es war je-
denfalls kein gewöhnliches schulmäßiges Kolleg, das den eigenen
Standpunkt des Vortragenden nicht zum Ausdruck gebracht
hätte. Ich weiß, welchen Eindruck Husserls Behandlungsweise
der Kantischen Philosophie im Unterschied zu den Übungen über
Kants "Kritik der reinen Vernunft" gemacht hat, die ich bei
Heinrich Maier gleich am Anfang meiner Göttinger Studien mit-
gemacht habe. Meine Erinnerungen reichen aber nicht dazu aus,

• Edith Stein schrieb mir im Sommer 1918, daß sie ein großes Konvolut von Hand-
schriften zur Ordnung erhalten hat, welches Stücke einer neuen Ausarbeitung der
VI. Untersuchung enthalten hat. Wahrscheinlich handelt es sich eben um diese Hand-
schriften, die da erwähnt werden. Ich werde darauf noch zurückkommen.
IIO ERINNERUNGEN AN HUSSERL

daß ich zu den Ausführungen Iso Kerns über die Beziehungen


Husserls zu Kant Stellung nehmen könnte.
Die letzte Vorlesung Husserls vor dem Kriege I9I4/I8 war der
Ethik und der Wertlehre gewidmet. Nach den im Husserl-Archiv
enthaltenen Dokumenten war dies eine Wiederholung einer glei-
chen Vorlesung aus dem Jahre I9II *. Sie beschäftigte sich einer-
seits mit der Ethik als einer philosophischen Disziplin - und in
dieser Richtung kam es Husserl auf die Ausbildung einer gewissen
Parallele zu der "praktischen Vernunft" Kants an, aber unter
Heranziehung von Franz Brentanos "Ursprung der sittlichen Er-
kenntnis", auf den sich Husserl damals oft berufen hat **, - an-
dererseits aber war die Vorlesung einer formalen Theorie der
Werte gewidmet, wobei weder eine nähere Ausarbeitung des We-
sens der ethischen Werte noch ein näheres Eingehen auf konkrete
menschliche Situationen, in denen ethische Fragen auftauchen,
berücksichtigt war.
Wie trug Busserl seine Vorlesungen vor?
Er stand während der Vorlesung gewöhnlich am Pult und hatte
immer einige Blätter mit Notizen vor sich, in die er am Anfang
der Vorlesung hineinsah. Nach einigen Minuten aber blickte er oft
immer mehr in den Saal hinein, vergaß gewissermaßen, daß er
einen vorbereiteten Text vor sich hatte, und sprach dann im
Grunde frei. *** Er sprach immer mit großem Ernst, aber schlicht,
* Näheres über diese Vorlesung und die späteren Umarbeitungen und Erweiterun-
gen der ethischen Vorlesungen Husserls kann man in dem Buche von Alois Roth,
"Edmund Husserls ethische Untersuchungen", Phaenomenologica 7 (1960) finden.
** Daß das Problem der Ethik als einer philosophischen Disziplin für Husserl in die-
ser Vorlesung wichtig war, darauf weist die Angabe Husserls auf dem Titelblatt des
Manuskripts, die lautet: "formale Ethik (Grundprobleme der Ethik), Sommer 19II
und Sommer 1914, unter Zugrundelegung der Wintervorlesungen von 1908/09 von p.
39-123; p. 1-38 behandelt die Idee der Philosophie und die Austeilung der Ontolo-
gien". Daß aber Husserl der Gedanke an Kants ethische Schriften nahe lag, darauf
weist der Titel der Übungen, die er im Sommer 1914 leitete: "Philosophische Übun-
genim Anschluß an Kants ,Grundlegung der Metaphysik der Sitten' und seine ,Kritik
der praktischen Vernunft'''.
*** Wie aus den Vorlesungsverzeichnissen in Halle, Göttingen und Freiburg hervor-
geht, hat Husserl (dem Titel nach) dieselben Vorlesungen mehrmals wiederholt. Man
könnte also sagen, daß Husserl seine Vorlesungen dann aus dem Gedächtnis vortrug.
Dies mag aber nur für solche Vorlesungen wie z.B. Geschichte der Philosophie,
welche für das breite Publikum bestimmt waren, stimmen. Dagegen bei allen seinen
Forschungsvorlesungen, in denen er eigene Theorien vorgetragen hat, war das sicher
nicht der Fall, da Husserl fast bei jeder Wiederholung die alten Notizen umarbeitete,
oft ganz neue Betrachtungen durchführte usw. Wenn er dann frei sprach, so ging er
eigenen, eben sich formenden Gedanken nach. Insofern kann der Druck der originalen
Notizen der Vorlesungen Husserls im allgemeinen nur über den Gedankengang der
Meditation, nicht aber über den wirklich konkret ausgeführten Inhalt der betreffen-
den Vorlesung informieren.
ERINNERUNGEN AN HUSSERL III

ohne je in ein Professorenpathos zu verfallen *. Abgesehen von


den historischen Vorlesungen, die Husserl verpflichtet war zu
halten, waren alle seine Vorlesungen Forschungsmeditationen, in
denen er s.z.s. eigene Theorien erprobte und ihnen die letzte Ge-
stalt verlieh. Er sprach dann in großer Konzentration und war
ganz "bei der Sache". Das Wichtigste für uns war aber, daß seine
Vorlesungen nicht in einer Überlieferung fremder Gedanken be-
standen, sondern immer Ergebnisse eigener Forschung waren, so
daß die Zuhörer mit der lebendigen, werdenden Wissenschaft in
Kontakttreten konnten. ** Vor dem Erscheinen der "Ideen I" war
das auch aus dem Grunde wichtig, weil man auf diesem Wege er-
fahren konnte, wie Husserl seine Grundlehren entwickelt hat. Im
Seminar hat Husserl öfters einen Klassiker (z.B. Descartes' Medi-
tationen, Hume [Traktat, I. Band], Berkeley, Fichte) zur gemein-
samen Besprechung genommen. Es gab aber dabei keine richtige
Textanalyse und Interpretation. Der Text war gewöhnlich nur
Ausgangspunkt zu eigenen Betrachtungen Husserls, welche vor
allem zum Zwecke hatten, die Problematik, um die es sich im
Texte handelte, zu verdeutlichen und Wege einer möglichen Lö-
sung zu zeichnen. Dies war rein sachlich oft sehr lehrreich und
interessant, es verhalf aber nicht dazu, in die Gedankengänge des
gelesenen Autors wirklich einzudringen und seine philosophische
Welt zu erfassen und ihre Bedingtheit durch die historische Si-
tuation zu verstehen. Es half auch nicht, die Schwierigkeiten des
Textverständnisse zu überwinden. Im allgemeinen war auch Hus-
serl in den Seminarübungen für den Duchschnittsstudellten etwas
zu schwierig. Man mußte schon etwas von der Phänomenologie
wissen und verstehen, um sich in dem Gang seiner Ausführungen
zu orientieren ***. Wenn sich im Seminar ältere Studenten, nicht
selten Doktoren, befanden, wie dies in Göttingen in den letzten
Jahren vor dem ersten Weltkriege stets der Fall war, dann waren
die Diskussionen immer sehr lebhaft und lehrreich. Husserl hörte
* Dieses Pathos habe ich nur einmal bemerkt, in den Vorträgen, die Husserl in
l'reiburg für beurlaubte Soldaten im Jahre 1917 hielt. Dies waren aber keine richtigen
Universitätsvorlesungen.
** Husserl hat mir einmal erzählt, daß earl Stumpf ihm geraten habe, nie über eige-
ne Forschungen zn lesen. Dieser Rat Stumpfs stand mit der Tatsache im Zusammen-
hang, daß ein Schüler Husserls die ethische Vorlesung Husserls zur Ausgestaltnng
eines eigenen Buches ausgenutzt hat. Husserl soll aber Stumpf geantwortet haben:
"Dann müßte ich die Bude schließen".
*** Wenn man sich zum Seminar anmeldete, erhielt man auch zuerst die Frage:
"Haben Sie meine ,Logischen Untersuchungen' gelesen"?
II2 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

den Fragen oder Einwänden immer aufmerksam zu und antwor-


tete dann auf eine ausführlichere Weise, holte oft sehr weit aus,
um die Problemzusammenhänge, die er übersah und für wichtig
hielt, aufzudecken, und beleuchete erst von da aus das gerade
zur Rede stehende Problem. Nur sehr selten ließ er die Teilneh-
mer Referate halten. Gewöhnlich beruhte die Teilnahme am Se-
minar im aktiven Mitdenken und Mitsprechen in den Diskus-
sionen, die Husserl selbst arrangierte oder im Anschluß an eine
Stelle im Text des behandelten Werkes entwickelte. Wer aber
keine Lust oder keinen Mut hatte zu sprechen, der konnte das
ganze Jahr schweigen und nur zuhören. Auch diejenigen Studen-
ten, die bei Husserl ihre Doktordissertationen schrieben, hatten
im Seminar eigentlich gar keine Pflichten. Die aktive Teilnahme
an den Diskussionen war für den Studenten nur insofern wichtig,
als Husserl daraus entnehmen konnte, was man schon ver-
standen hatte. Manchmal erschienen Gäste von anderen Universi-
täten, gewöhnlich junge Doktoren, die uns mit raschen Argumen-
ten unterzukriegen versuchten. So erschien im Frühjahr I9I4 der
junge Mathematiker Dr. Norbert Wiener, der von der Phänome-
nologie nichts wußte und dem auch die phänomenologische Be-
trachtungsart sehr zuwider war. Er hat eines Tages irgendwelche
Einwürfe sehr rasch vorgetragen. Husserl sagte ihm aber nur:
"Langsam, Herr Doktor, ich denke nicht so schnell".
Husserls Ausführungen waren immer sehr interessant. Man
konnte ihnen entnehmen, wie weit er in seinen Analysen in
einzelnen Fragen weiter fortgeschritten war. Die "Logischen
Untersuchungen" waren damals längst vergriffen (die neue Auf-
lage erschien erst im Herbst I9I3), sie waren auch kaum zu haben.
In der Universitätsbibliothek waren sie stets ausgeliehen, im ma-
thematischen Lesezimmer gab es bloß ein Exemplar, das stets be-
nutzt wurde; so war es nicht leicht, sich mit der Husserlschen
Phänomenologie bekannt zu machen. Man wußte auch, daß Hus-
serl seit der Zeit der "Logischen Untersuchungen" sehr umfang-
reiche Studien durchgeführt hatte, die aber im allgemeinen nur
wenig bekannt waren. So bildeten die Vorlesungen und die Semi-
nardiskussionen die einzige Quelle für die Husserlsche Phäno-
menologie.
Man hatte immer den Eindruck, daß Husserl über Dinge sprach,
die er längst wußte und schon vor vielen Jahren durchdacht und
ERINNERUNGEN AN HUSSERL II3
bearbeitet hatte und jetzt nur aus dem Gedächtnis hervorholte.
Er war der Weise, der schon Jahrzehnte wissenschaftlicher Arbeit
hinter sich hatte und jetzt das von ihm bereits Gewußte nur mit-
teilte. Als die "Ideen I" erschienen waren, hat sie Husserl zum
Grundtext im Seminar gemacht. Wir hatten sie zu Hause gelesen
und haben dann im Seminar die einzelnen Paragraphen disku-
tiert, wobei Husserl nicht bloß die ihm gestellten Fragen bezüg-
lich verschiedener zunächst schwer verständlicher Stellen be-
antwortete, sondern auch viele ergänzende Analysen durchführte
und so oft eine weitreichende Perspektive auf Probleme eröffnete,
welche s.z.s. hinter dem Texte verborgen waren. Bald entwickel-
ten sich sehr lebhaften Diskussionen, da mehrere ältere Schüler
Husserls verschiedene Einwände gegen die in den "Ideen I" sich
andeutenden idealistischen Tendenzen sowie bezüglich des Sinnes
und der Leistung der transzendentalen Reduktion erhoben. Eine
Reihe von Behauptungen in den "Ideen I" bildete eigentlich eine
gewisse Überraschung für den Kreis der Göttinger Schüler Hus-
serls, und so gab es mehrere rege Auseinandersetzungen der ein-
zelnen Mitglieder des Seminars mit Husserl, der vor allem be-
strebt war, den richtigen Sinn seiner Ausführungen in den
"Ideen" zu verdeutlichen und auch seinen Standpunkt in einer
Reihe von Fragen zu verteidigen. Sowohl die "Logischen Unter-
suchungen" als auch die Vorlesungen Husserls waren in einem,
wenn man so sagen darf, realistischen Ton gehalten (so auch die
Vorlesung im SS 1913 u.d.T. "Natur und Geist") *. In derselben
Richtung wirkten auch die Vorlesungen und Übungen Adolf Rei-
nachs, an denen u.a. J ean Hering, Alexander Koyre (früher auch
Frau Conrad-Martius), Alexander Rosenblum, Edith Stein, Ru-
dolf Clemens und Hans Lipps teilgenommen haben. Im Laufe der
Diskussionen im Seminar Husserls 1913/14 begann sich die Diffe-
renz zwischen dem Standpunkt Husserls und seinen Göttinger
Schülern immer stärker anzudeuten.
Wenn ich an die Göttinger Studienjahre zurückdenke, so kann
ich die Gestalt und die Wirkung Adolf Reinachs nicht unerwähnt
lassen. Seine kurze Lehrtätigkeit hatte doch dauerhafte Wirkun-
* Wenn man beachtet, daß in dieser Vorlesung Probleme besprochen wurden, wel-
che den Kern der "Ideen II" bildeten, so ist es nicht verwunderlich, daß sie eher den
Eindruck machte, daß Husserl eigentlich deutliche realistische Tendenzen verfolgte.
Es waren also verschiedene Ausführungen in den "Ideen I" damit nicht leicht in Ein-
klang zu bringen.
II4 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

gen gehabt, da sich um ihn in den letzten Jahren vor dem ersten
Weltkriege die jungen Phänomenologen scharten. Er war ein
guter Lehrer und vor allem glänzender Leiter der philosophischen
Übungen. In den "Übungen für Vorgeschrittene" hat er stets
selbst ein Zentralproblem entworfen, an dem dann im Laufe des
Schuljahres gearbeitet wurde. Das interessanteste und lehrreich-
ste Seminar war in dem letzten Jahre seiner Tätigkeit den Proble-
men der Bewegung gewidmet. Klar und scharf waren die von ihm
gegebenen Problemformulierungen, klar, präzis und kurz gefaßt
waren die Antworten, die er den Teilnehmern der "Übungen"
gab, schlagend waren die Zurückweisungen, mit denen er seinen
Standpunkt verteidigte, lebendig und überzeugend die Beispiele,
die er anzuführen wußte. Und was besonders kostbar war, war der
Umstand, daß er die Fähigkeit hatte, unsere oft ungeschickt for-
mulierten Fragen oder Behauptungen sofort richtig zu verstehen
und in den richtigen Problemzusammenhang hineinzustellen. Der
Gang der Diskussionen war den Teilnehmern überlassen, Reinach
selbst fungierte anscheinend bloß als der Hüter, daß man nicht
auf Abwege geriet. Im Grunde aber war er das Herz der gemein-
samen Arbeit, der lebendige, gerade in schöpferischer Einstellung
neue Forschungswege und Aspekte eröffnende Geist, der seine
Aktivität, sein Zugreifen in schwierigen Situationen, seine Gei-
stesgegenwart nie verlor. So war man durch ihn in die Einstellung
schöpferischen Philosophierens gebracht und man konnte sich der
Teilnahme am Werden einer neuen Philosophie erfreuen, so sehr
man doch in Wirklichkeit ein philosophierendes Kind war *.
Ich kam nach Göttingen in meinem zweiten Studiensemester.
Zum Seminar bei Husserl habe ich mich erst im WS 1912/13 ge-
meldet. Ich sprach damals schlecht Deutsch und war auch ziem-
lich furchtsam. So dauerte es verhältnismäßig lange, bis ich im
Seminar Husserls zum Sprechen kam. Meine persönlichen Bezieh-
ungen zu Husserl entwickelten sich also nur langsam, obwohl es

* Ich sprach mit Reinach das letzte Mal Ende Juli 1914, als ich zu ihm ging, um
mich vor meiner Abreise nach Krakau zu verabschieden. "Was machen die Polen"?
war die erste Frage Reinachs. "Jetzt oder nie". - war meine Antwort. Dann sprachen
wir über den kommenden Krieg. Im letzten Moment beim Abschied fragte ich Rei-
nach: "Müssen Sie, Herr Doktor, auch mit"? - "Selbstverständlich - antwortete
Reinach - wir sehen uns wahrscheinlich das letzte Mal". Leider war dies wirklich der
Fall. Als ich im Sommer 1915 in Göttingen war, stand Reinach im Felde im Westen.
Im November 1917 erfuhren wir mit Fr!. Stein aus der Frankfurter Zeitung, daß er in
Belgien gefallen war.
ERINNERUNGEN AN HUSSERL II5
mir schon während des SS I9I2 klar geworden war, daß ich Philo-
sophie im Hauptfach, und zwar bei Husserl studieren würde.
Husserl sprach eines Tages im Mai I9I2 über das Wesen des Be-
wußtseins und überhaupt über die Wesensforschung als das
Hauptthema der Philosophie. Ich kam aus Lw6w, wo trotz Twar-
dowski eine ziemlich stark positivistisch gefärbte philosophische
Atmosphäre herrschte, da ein Teil der Schüler Twardowskis (vor
allem Lukasiewicz) unter den Einfluß von B. Russell und Ernst
Mach gekommen waren. Ein anderer Teil der Schüler Twardows-
kis betrieb nur eine desrkiptive Psychologie in Sinne Brentanos,
wobei Twardowski immer Brentano für einen "Psychologen"
ausgab. An Philosophie glaubte man in dieser Zeit schon wenig.
Die ersten Anfänge der späteren logistischen Schule waren bereits
Wirklichkeit geworden. Ich war also ganz begeistert, als ich von
Husserl hörte, daß man der Philosophie eine Wesensforschung zur
Aufgabe zu stellen hätte. Trotzdem dauerte es noch eine Weile,
bis ich mich in die neue philosophische und insbesondere phäno-
menologische Atmosphäre einlebte. Störend in dieser Hinsicht
waren die Vorlesungen von G. E. Müller, den ich hören mußte, da
ich doch ursprünglich nach den Ratschlägen Twardowskis auch
Psychologie studieren sollte. Seine Vorlesungen waren in ihrem Stil
gewiß sehr gut, aber in ihrer streng empiristisch naturwissen-
schaftlichen Einstellung waren sie von jeder Philosophie weit ent-
fernt. Auch in der Art, wie Müller die psychologischen Probleme
behandelte, waren seine Vorlesungen und überhaupt alles, was
unter seiner unmittelbaren Leitung im Psychologischen Institut
betrieben wurde, im Grunde sehr veraltet, so ernst auch Müller
seine Untersuchungen führte. Endlich war auch die Weise, wie
man damals unter Hilberts Einfluß die mathematischen Proble-
me behandelte, von der Philosophie, wie sie Husserl und auch
Reinach verstand, sehr weit entfernt und ihr auch nicht gerade
freundlich gestimmt. So hatten in meinen ersten Göttinger Se-
mestern verschiedene Einflüsse auf mich gewirkt, so daß meine
Annäherung an die Phänomenologie nur langsam voranging.
Immerhin aber stand ich schon im Herbst I9I3 Husserl und
der Phänomenologie so nahe, daß ich daran dachte, bei Husserl
zu promovieren. Ich habe mich auch zu Anfang des WS I9I3/I4
bei Professor Husserl angemeldet, um ihn um die Erlaubnis zu
bitten, bei ihm meine Doktorarbeit zu schreiben. Ich schlug als
II6 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

Thema das Wesen der Person vor, was Husserl mit Begeisterung
aufnahm, doch meinte er, daß die Bearbeitung des Themas fünf
Jahre erfordern würde. Das konnte ich mir nicht leisten, und so
schlug ich als ein anderes Thema "Intuition und Intellekt bei H.
Bergson" vor, was von Husserl angenommen wurde. So begann
ich im Winter 1913/14, mich mit der Philosophie Bergsons zu be-
schäftigen, wobei ich mich vor allem in den "Essai sur les don-
nees immediates de la conscience" tiefer eingearbeitet habe. Ich
erwähne dies, weil es ein Gespräch mit Husserl zur Folge hatte.
Im Frühjahr I9I4 war die Bearbeitung der "Ideen I" im Seminar
Husserls so weit fortgeschritten, daß wir Probleme der Zeit be-
sprochen haben. Und da stellte ich Husserl eine Frage, die sich
auf das ursprüngliche zeitkonstituierende Bewußtsein bezog. Be-
kanntlich war diese ganze Problemsphäre in den "Ideen" nicht
berücksichtigt. Husserl war etwas überrascht und fragte mich,
woher ich etwas darüber wisse. Ich antwortete: "Ich weiß es von
Bergson", worauf mich Husserl aufgefordert hat, ihn am näch-
sten Tag zu besuchen. Husserl kannte damals augenscheinlich
Bergson nicht näher. Als ich zu ihn kam, fand ich auf seinem
Tisch die "Evolution creatrice" (in deutscher Übersetzung) lie-
gen. Husserl bestätigte, daß bei Bergson Beschreibungen der
"duree pure" vorliegen, die seinen eigenen Untersuchungen auf
diesem Gebiete sehr nahe standen. So begannen meine privaten
philosophischen Gespräche mit Husserl, die sich dann später im-
mer öfter fortsetzten. Sie setzten sich dann im Jahre 1915 und
später fort.
Das erste Kriegssemester verbrachte ich in Wien, wo ich aber
nur Mathematik und Physik studierte, da mir die dortige Philoso-
phie nicht interessant zu sein schien. So beschloß ich, nach Göt-
tingen zurückzukehren. Ich verbrachte dort das SS 1915 und hör-
te bei Husserl die Vorlesung "Ausgewählte phänomenologische
Probleme", an deren Inhalt ich mich nicht erinnere. Im Husserl-
Archiv befinden sich handschriftliche Notizen Husserls zu diesem
Kolleg, leider sind sie nicht abgeschrieben (Signatur: F I 31, zu-
sammen 86 Blätter + Umschläge, I. Teil 1-42, II. Teil 43--69), so
kann ich hier nichts näheres über ihren Inhalt angeben. Inte-
ressant sind aber einige Randbemerkungen von der Hand Hus-
serls. So lesen wir zuerst als Ergänzung des Titels der Vorlesung:
"Darin Argumente zum transzendentalen Idealismus" - sie fan-
ERINNERUNGEN AN HUSSERL II7
gen, wie es scheint, Seite 64 H. an, worauf noch eine Reihe beige-
fügter Blätter folgt. Darin findet sich u.a. die Unterscheidung
zwischen empirischem und transzendentalem Ich. Es müßte im
Text der Husserlschen Notizen selbst nachgeprüft werden, ob es
eine Verteidigung des transzendentalen Idealismus ist. - Eine an-
dere Randbemerkung Husserls lautet: "Zum verfehlten Kolleg
im Kriegsommer 1915" - und eine andere Notiz scheint zu klären,
warum Husserl dieses Kolleg für "verfehlt" hielt. Sie lautet näm-
lieh: "Hier habe ich aber die ganze Lehre von der Intersubjekti-
vität vergessen. In der ganzen Vorlesung. "Var das Kriegspsy-
chose?" (BI. 4, 2). Diese Notiz ist aus mehreren Gründen sehr in-
teressant. Und zwar folgt aus ihr, daß Husserl bereits früher über
die Probleme der "Intersubjektivität" und damit auch über die
Alteregos und auch über das Problem ihrer Erkenntnis und auch
ihrer Rolle bei der Konstituierung der intersubjektiv zugäng-
lichen realen Welt gearbeitet hat und zu manchen Ergebnissen
gelangt ist, während in den von Husserl selbst veröffentlichten
Werken diese Probleme erst in den "Cartesianischen Meditatio-
nen" - und zwar in der V. Meditation - behandelt werden. Zwei-
tens, daß Husserl diesen ganzen Problemkreis für sehr wichtig
hielt, wenn er ihrer Nichtberücksichtigung in den Vorlesungen
wegen diese für "verfehlt" hielt *. Drittens aber ist es wichtig,
daß auch in den übrigen mir bekannten Vorlesungen Husserl über
die Probleme der Inter-Subjektivität nicht gesprochen hat. In-
folgedessen war es für mich eine völlige Neuheit, als ich in den
"Cartesianischen Meditationen" über diese Probleme las. Ich
mußte also diese ganze Erwägung in der V. Meditation für einen
weiteren Schritt in der Entwicklung der Husserlschen Phänome-
nologie halten, und mußte in dieser Überzeugung durch die Wei-
se, wie Husserl die Wichtigkeit und die Neuheit der V. Meditation
in seinen Briefen an mich unterstrich, noch bestärkt werden. In
Wirklichkeit aber scheinen mindestens die ersten Entwürfe bzw.
Vorarbeiten zur Theorie der Intersubjektivität bis tief in die
Göttinger Jahre Husserls zurückzureichen **.
* Übrigens finden sich auch andere kritische Randbemerkungen zu den Notizen
dieser Vorlesung. Z.B. "Natürliche Psychologie ganz unzureichend, ja verkehrt"
(Blatt 25), "Tolle Verwechslung von Hintergrund und Horizont" (Blatt 39), "Es
fehlt: Horizont potentieller immanenter Gegebenheiten" (BI. 39). Das "Verfehlt sein"
der Vorlesungen konnte also verschiedene Gründe haben.
** Während meines zweiwöchigen Aufenthaltes im November 1966 in Louvain
konnte ich nur einige oberflächliche Einblicke in das Handschriftenmaterial Husserls
n8 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

Nach dem SS 1915 trat zum zweiten Male eine Unterbrechung


in meinem Universitätsstudium ein. Erst Ende Februar 1916
konnte ich nach Göttingen zurückkehren, wo ich aber erfuhr, daß
Husserl nach Freiburg i. Br. übersiedelte. Im April 1916 fuhr ich
also nach Freiburg, da meine Doktordissertation inzwischen ziem-
lich weit fortgeschritten war und ich einen näheren intellektuellen
Kontakt mit meinem Lehrer suchen mußte. In der Geschichte der
Universitätstätigkeit Husserls und im Zusammenhang damit der
Geschichte der phänomenologischen Bewegung begann in Frei-
burg eine neue Epoche. Husserl begann an einem bis dahin völlig
andersartigen Zentrum philosophischer Arbeit zu wirken, das er
durch seine Tätigkeit zwar ganz umgestaltet hat, indessen er aber
doch zugleich auch gewissen Einflüssen dieses neuen Milieus un-
terlag. Er mußte sich trotz allem der anderen Atmosphäre an-
passen oder in seiner Lehrtätigkeit mit ihr rechnen. Die letzten
nehmen. Eins darf ich aber auf Grund meiner Erfahrungen sagen: Es sind zwei
durchaus verschiedene Geschichten der Husserlschen Philosophie zu schreiben: Er-
stens diejenige, welche sich auf die von Husserl selbst veröffentlichten Schriften
stützt. Ihre Veröffentlichung in einer bestimmten Reihe, sowie die von ihnen aus-
geübte Wirkung bildet eine historische Tatsache. Diese Betrachtungsart ergibt eine
ganz bestimmte Entwicklungslinie der nacheinander entstehenden Theorien und Auf-
fassungen. Diese Linie habe ich in meiner Abhandlung "Die Hauptlinien der Ent-
wicklung der philosophischen Ansichten Edmund Husserls" (in polnischer Sprache)
zu zeichnen gesucht. Sie erschien zum ersten Male im Jahre I939 und wurde dann in
etwas erweiterter Gestalt in meinem Buche "Untersuchungen zur Philosophie der
Gegenwart" (I963, in polnischer Sprache) zum zweiten Male veröffentlicht. Es gibt
aber zweitens einen anderen Entwicklungsgang der Husserlschen Philosophie, wie sie
in der wirklichen, mehr als 50 Jahre dauernden Arbeit Husserls wuchs und inden
Handschriften niedergelegt wurde. Dieser Gang scheint nicht bloß von der ersten
Entwicklungslinie sehr verschieden zu sein, sondern ist auch - wie es bis jetzt scheint-
außerordentlich kompliziert und undurchsichtig. Husserl scheint auf eine sehr un-
systematische Weise gearbeitet zu haben. Er war vorwiegend auf einzelne, vonei-
nander abgegrenzte Probleme konzentriert, wobei dieselben Fragen mehrmals und oft
in zeitlich sehr voneinander entfernten Perioden behandelt werden und zu verschie-
denen, inhaltlich oft kontrastierenden Ergebnissen führen. Und die Wahl der Pro-
bleme scheint in hohem Maße von der Willkür der gerade wach werdenden Intuitio-
nen abzuhängen. Es scheint also ungemein schwierig zu sein, eine systematische Ent-
wicklungslinie in dem Wirrwarr der Themata und ihrer Bearbeitungen herauszufinden.
Und es kann überhaupt fraglich sein, inwieweit sie sich wird zeichnen lassen, da es
sehr schwierig zu sein scheint, eine Entstehungsgeschichte der Handschriften zu
zeichnen. Das Entstehungsdatum vieler Manuskripte ist unbekannt und kann nur auf
Grund verschiedener sekundärer Anzeichen bestimmt werden, sofern dies überhaupt
gelingt. Außerordentlich schwierig wird es auch sein, eine Geschichte der Rezeption
und der Wirkungsweise der Husserlschen Philosophie zu zeichnen. Bis zu seinem Tode
wirkte sie einerseits durch die veröffentlichten Werke, andererseits aber auch durch
die Vorlesungen und Seminare Husserls, wobei auch die Vorträge eine gewisse Rolle
spielten, die er seit den zwanziger Jahren an verschiedenen Orten gehalten hat. Durch
die Herausgabe eines Teiles der Handschriften Husserls nach dem zweiten Weltkriege
wurde die Wirkungskraft der Husserlschen Philosophie sehr erweitert. Aber die in-
zwischen sehr veränderte Situation der Philosophie in verschiedenen Ländern be-
ERINNERUNGEN AN HUSSERL II9
Kriegsjahre haben zwar dieses Zentrum des süddeutschen N eu-
kantianismus wesentlich geschwächt, weil viele Mitarbeiter und
Schüler Rickerts im Felde waren oder im Felde gefallen sind, zum
kleinen Teil aber auch mit Rickert nach Heidelberg abgewandert
waren; aber nach dem Kriege sind wiederum viele Studenten und
junge Philosophen nach Freiburg zurückgekehrt, und Husserl
mußte unwillkürlich mit ihrer Anwesenheit rechnen. Andererseits
wurde das Göttinger phänomenologische Zentrum nicht bloß rein
räumlich von Husserl getrennt, weil nur wenige Göttinger Stu-
denten nach Freiburg übersiedelten, sondern auch durch die
Kriegsumstände und - folgen zerstört und zerstreut. Husserl verlor
also in einem weitem Umfange die Fühlung mit der alten Göttin-
ger phänomenologischen Atmosphäre, er mußte sich zum großen
Teil eine neue phänomenologische Umwelt in Freiburg schaffen.
Von seinen alten Göttinger Schülern sind ihm nur wenige, und nur

einflußt die Rezeption der Phänomenologie Husserls oft in ungünstiger Weise.


Das soll natürlich nicht besagen, daß die bisherige, mehr als zwanzigjährige Arbeit
an Husserls Nachlaß, die im Husserl-Archiv von allen seinen Mitarbeitern unter der
aufopferungsvollen, behutsamen und ergiebigen Leitung von Professor H. L. Van Bre-
da geleistet wurde, irgendwie unterschätzt werden sollte. Im Gegenteil, sowohl die
rein technische Arbeit an den Handschriften Husserls, ihre Kenntnisnahme, ihre Ord-
nung usw., als auch die Veröffentlichung einer großen Anzahl grundlegender Betrach-
tungen Husserls und insbesondere die oft sehr interessanten Informationen, welche in
den Einleitungen der Herausgeber der einzelnen Bände der Husserliana gegeben wer-
den, haben außerordentlich wertvolle Ergebnisse erbracht, die unser Wissen über die
Philosophie Husserls in weitem Maße bereichert haben. Sie haben auch wertvolle
Ergebnisse bezüglich einer Reihe historischer Probleme erbracht. Auch die vielen,
im allgemeinen wirklich sehr interessanten Bände der "Phaenomenologica" haben
ihrerseits eine Reihe von Grundproblemen der Husserlschen Philosophie ergebnisreich
behandelt. Bei alledem lag aber der Hauptnachdruck der Forschungen in erster Linie
darauf, gewisse Problemkomplexe systematisch zu betrachten. Dies bezieht sich so-
wohl auf die Wahl der Beilagen, welche in den Husserliana den Haupttexten bei-
gegeben wurden, als auch auf die Hauptthemen der einzelnen Bände der "Phaeno-
menologica". Dies war unzweifelhaft eine richtige Orientierung der Arbeit an Hus-
serls Gedankenwelt. Die historischen Probleme im spezifischen Sinne konnten sozu-
sagen nur gelegentlich der systematischen Bearbeitung der Probleme, bei der Samm-
lung des Materials für einzelne Bände, also zunächst nur sekundär behandelt werden.
Es scheint mir, daß nach diesen zwanzig Jahren der Arbeit die Materialien nunmehr
so weit durchforscht sind, daß sich jetzt schon die historischen Probleme der tat-
sächlichen Entwicklung von Husserls philosophischer Arbeit abzeichnen und daß
sich vielleicht erst heute die ungeheuren Schwierigkeiten der Aufgabe zu enthüllen
beginnen, auf dem Hintergrunde der zahllosen Manuskripte Husserls - welche vor-
wiegend, wie mir scheint, relativ begrenzte Probleme behandeln - den wirklichen
Gang der Forschungen Husserls zu rekonstruieren und alsdann die Zusammenhänge
aufzudecken, welche zwischen den Entwicklungslinien der Arbeit Husserls und der
damaligen philosophischen Atmosphäre in der europäischen Philosophie bestanden.
Da liegen eben die methodologischen Probleme einer historischen Betrachtung der
Husserlschen Philosophie, die man einer gemeinsamen Diskussion der Phänomeno-
logen zum Thema stellen könnte.
120 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

auf relativ kurze Zeit gefolgt. Im Frühjahr 1916 war außer mir in
Freiburg nur Rudolf Meyer (der später bald verschwand, so daß
ich überhaupt nicht weiß, ob er philosophisch tätig war). Im
Sommer, gegen das Ende des SS, kam Frl. Edith Stein, um ihr
Doktorexamen bei Husserl abzulegen, und ist dann ab Herbst
1q16 für knapp zwei Jahre als Assistentin Husserls geblieben.
Von anderen Göttinger Schülern Husserls sind nach dem Kriege
nur einige für einige Zeit nach Freiburg gekommen, wie Z.B. Hans
Lipps und Fritz Kaufmann; der nächste Mitarbeiter Husserls in
Göttingen, Adolf Reinach, ist im Herbst 1917 gefallen, ebenso wie
eine Reihe anderer naher und begabter Schüler Husserls (wie Ru-
dolf Clemens, Fankfurter u.a.). Endlich sind mehrere andere
Schüler und Freunde Husserls, wie Alexander Koyre, Jean He-
ring, Winthrop Bell u.a. im Ausland geblieben; Frau Conrad-
Martius und ihr Mann, Dr. Theodor Conrad, haben sich für viele
Jahre in Bergzabern versteckt - der Göttinger Phänomenologen-
kreis als eine kulturelle Ganzheit hat im Grunde aufgehört, zu
existieren, und Husserl sprach nur von Zeit zu Zeit über seine
"älteren Schüler", die aus seinem Gesichtskreis verschwunden
waren. Husserl ist wiederum allein geblieben und fing eine Auf-
bauarbeit von vorne an.
Zwischen Husserl und mir gestalteten sich aber die Beziehun-
gen jetzt viel näher, da wir uns beide S.Z.s. als alte Bekannte
fühlten, die einer neuen, unbekannten Welt gegenüberstanden.
So begann ich, Husserl nach jeder Vorlesung nach Hause zu be-
gleiten, bald aber bildete sich die Gewohnheit, daß ich Husserl
fast jeden Abend besuchte, um gemeinsam zu philosophieren. Es
ging oft spät in die Nacht, worauf Frau Malvine Husserl erschien
und mich nach Hause schickte. Im Herbst kam dann Frl. Stein,
und so bildeten wir drei eine kleine Göttinger Kolonie in Freiburg.
Besonders Frl. Stein lebte noch ganz in der Göttinger Atmosphä-
re, indem sie mit den alten Göttinger Freunden, vor allem mit
Reinachs, in engen brieflichen Beziehungen stand.
Schon in Februar 1916 brachte ich nach Göttingen einen an-
sehnlichen Teil meiner Dissertation mit. Ich schrieb dann in
Freiburg weiter an ihr. Im August 1916 habe ich Husserl den er-
sten Abschnitt meiner Arbeit zur Durchsicht übergeben. Wir ver-
brachten darauf einige Tage zusammen in Saig, wo wir neben
meiner Arbeit noch verschiedene andere Probleme besprachen.
ERINNERUNGEN AN HUSSERL 121

U.a. gab mir Husserl das Buch Geysers "Alte und neue Wege der
Philosophie" zu lesen. Das Buch gefiehl mir gar wenig, und ich
war sehr überrascht, als ich erfuhr, daß Geyser der Kandidat für
den Lehrstuhl der katholischen Philosophie an der Universität
Freiburg war. Denn im Frühjahr weilte Max Scheler einige Tage
in Freiburg, und ich dachte, daß er der Kandidat für diesen
Lehrstuhl sei. Ich sprach damals mehrere Stunden mit Scheler,
den ich noch aus Göttingen kannte, und war wiederum durch
seine geistreiche Lebendigkeit und die Breite seiner Problematik
sehr beeindruckt. Er war sicher - wie dies auch seine spätere
Entwicklung bewies - der nach Husserl bedeutendste Phäno-
menologe.
Ich habe natürlich nicht gewagt, Husserl über die Kandidatur
Geysers etwas zu sagen. Aber über das Buch Geysers habe ich
mich doch geäußert. Er ist dann wirklich nach Freiburg gekom-
men, wo er einige Jahre verbrachte. Nach seiner Antrittsvor-
lesung, am nächsten Tage, habe ich Husserl nach seiner Vorlesung
nach Hause begleitet. Ich fragte Husserl nach seinen Eindrücken
von der Antrittsvorlesung, aber Husserllobte nur die guten Wei-
ne, die Geyser nachher seinen Gästen angeboten hatte.
Meine wissenschaftlichen Gespräche mit Husserl kreisten um
einige Hauptthemen, die mir aus verschiedenen Gründen wichtig
waren. Einerseits waren es Fragen, die mit meiner Bergson-Ar-
beit in Zusammenhang standen, andererseits aber Probleme, die
den Idealismus Husserls betrafen. Zu der ersten Gruppe von Fra-
gen gehörte vor allem das Problem der Zeit, und zwar der erfüll-
ten, konstituierten Zeit, und ihrer Konstitution in dem ursprüng-
lichen "inneren" Bewußtsein. Dies stand mit der Bergsonschen
Unterscheidung zwischen la duree pure und le temps und
damit auch mit der Gegenüberstellung der Intuition und des
Intellektes im Zusammenhang. Husserl gab bereits in meinem
ersten Gespräch mit ihm im Jahre 1914 zu, daß la duree pure
mit der usprünglichen erlebten Dauer verwandt sei *. Ich arbei-
tete damals an einer tiefergehenden Kritik der Bergsonschen Auf-

.. Als ich später, im Herbst I9I7, Husserl den fertigen Text meiner Dissertation
vorlas, hörte er der Beschreibung der reinen Dauer bei Bergson aufmerksam zu und
rief in einem gewissen Augenblich aus: "Das ist ganz so, als ob ich Bergson wäre".
Aber erst zehn Jahre später habe ich die "Vorlesungen zur Phänomenologie des inne-
ren Zeitbewußtseins" in einer Maschinenabschrift kennengelernt. Doch darüber
später.
122 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

fassung der Zeit und der reinen Dauer. So war für mich vor allem
die Frage interessant, ob die durt~e pure bzw. die sich in ihr
vollziehenden ursprünglichen Ergebnisse wirklich - wie Bergson
behauptet - von jeder "Form", und insbesondere von jeder kate-
gorialen Form frei sind und ob sie dabei im ursprünglichen Sinne
zeitlich oder, wenn man so sagen darf, dauernd sind. Anderer-
seits war für mich zweifelhaft, ob le temps, also - in Husserls
Sprache - die konstituierte Zeit * - wirklich schon eine Raum-
struktur aufweist (Bergson sagt ja oft direkt "le temps homo-
gene ou l'espace"), eine Struktur, die nach Bergson für die in-
tellektuelle Auffassung charakteristisch und eben damit auf die
Handlung relativ sein soll. Mit anderen Worten: Indem ich an die
Richtigkeit der Gegenüberstellung der duree pure und des
temps glaubte und in dieser Gegenüberstellung ein Analogon zu
der von Husserl durchgeführten Unterscheidung zwischen der
konstituierten erfüllten Zeit und dem ursprünglichen Zeitfluß,
wie er sich dem ursprünglichen zeitkonstituierenden Bewußtsein
darstellt, zu sehen geneigt war, hielt ich mehrere Bergsonsche Be-
hauptungen über die duree pure und über den temps nicht
für richtig. Im Zusammenhang damit stand aber auch die Rich-
tigkeit der Bergsonschen Gegenüberstellung zwischen Intuition
und Intellekt in Frage. So war es für mich vor allem wichtig zu
klären, wie es mit der Zeitlichkeit der ursprünglichen, fließenden,
erst die Zeit konstituierenden Erlebnissen steht. Und zweitens,
ob auch diese noch nicht zu Zeiteinheiten konstituierten Erleb-
nisse eine kategoriale Form aufweisen **. So suchte ich in meinen
Gesprächen mit Husserl zu erfahren, wie er sich zu diesen Fragen
stellte. Und eines Tagen sagte er mir wörtlich: "Ja, wissen Sie,
es ist eine tolle Geschichte. Es gibt da einen teuflischen Zirkel: die
ursprünglichen zeitkonstituierenden Erlebnisse sind selbst wieder-
um in der Zeit". Ich notiere dies, weil diese Feststellung wahr-
scheinlich den Ausgangspunkt für die späteren Untersuchungen
Husserls in Bernau im Jahre 1917/18 bildete und ihn zu einer Lö-
* Genauer gesagt, würde dem Bergsonschen le temps bei Husserl noch zweierlei
entsprechen: die konstituierte, aber immer noch qualitative Zeit und die physika-
lische Zeit. Diesen Unterschied sieht aber Bergson Überhaupt nicht.
** Wie aus den kritischen Kapiteln meiner Dissertation hervorgeht, habe ich zu
zeigen gesucht, daß es unmöglich ist, den ursprünglichen zeit konstituierenden Erleb·
nissen die kategoriale Form abzusprechen, wie auch ihre ursprüngliche Zeitstruktur
zu leugnen. (Vgl. R. Ingarden, Intuition und Intellekt bei Henri Bergson, II T., 1.
Kap., Die Kategorien und das Wesen, Jahrb. f. Philos., Bd. V., S. 398-423. 1921).
ERINNERUNGEN AN HUSSERL 123

sung drängte, welche die Gefahr dieses "Zirkels" zu beseitigen er-


laubte. In den zahlreichen Diskussionen mit Husserl im Jahre
1916 und im Herbst 1917 ging mein Bestreben dahin, wenigstens
die Hauptpunkte des Weges der konstitutiven Betrachtung von
dem ursprünglichen zeitkonstituierenden Bewußtsein aus bis zu
der in der Erfahrung konstituierten realen Welt zu verstehen.
Husserllagen diese Problemen sehr am Herzen und er reagierte
auf alle meine Anfragen sehr lebendig mit positiven Analysen. Ich
erlebte damals viele glückliche Stunden des Vordringens in das
weite und schwierige Gebiet der konstitutiven Probleme. Husserl
war dabei natürlich der Wegweiser, ich lediglich der Fragesteller,
der immer wieder etwas nicht recht verstand und um weitere
Aufklärung bat. Ich bin überzeugt, daß damals bei Husserl die
mannigfachen Zeitprobleme aufs neue lebendig wurden und daß
dies zuletzt zu den neuen Untersuchungen über die Zeit in Bernau
geführt hat, ohne ihn natürlich sachlich darin irgendwie zu be-
einflussen.
Ein anderes Problem, das ich damals mit Husserl besprochen
habe, war die Frage der ursprünglichen Empfindungsdaten und
ihrer Beziehung zu bzw. ihres Zusammenhanges mit der Noese
der sinnlichen Wahrnehmung. Es bestanden da für mich Schwie-
rigkeiten noch seit der ersten Lektüre der zweiten Auflage der
"Logischen Untersuchungen" *. Einerseits wird da zwischen
* Vg1. dazu die V. Untersuchung, insbesondere S. 383, 385, 394, 396 f. Und zwar:
"Nichts kann ich evidenter finden, als den hierbei hervortretenden Unterschied zwi-
schen Inhalten und Akten, spezieller zwischen Wahrnehmungsinhalten im Sinne von
darstellenden Empfindungen und Wahrnehmungsakten im Sinn der auffassenden und
dann noch mit verschiedenen überlagerten Charakteren ausgestatteten Intention;
welche Intention in Einheit mit der aufgefaßten Empfindung den vollen konkreten
Akt der Wahrnehmung ausmacht". "Aber innerhalb dieser weitesten Sphäre des Er-
lebbaren glauben wir den evidenten Unterschied vorzufinden zwischen intentionalen
Erlebnissen, in welchen sich gegenständliche Intentionen und zwar durch immanente
Charaktere des jeweiligen Erlebnisses konstituieren, und solchen, bei denen dies nicht
der Fall ist, also Inhalten, die zwar als Bausteine von Akten fungieren können, aber
nicht selbst Akte sind". (S. 383, z. Auf1.) "Die Empfindungen und desgleichen die sie
'auffassenden' oder 'apperzipierenden' Akte werden hierbei erlebt, aber sie erschei-
nen nicht gegenständlich; sie werden nicht gesehen, gehört, mit irgendeinem 'Sinn'
wahrgenommen. Die Gegenstände andererseits erscheinen, werden wahrgenommen,
aber sie sind nicht erlebt". "Ähnliches gilt offenbar aueh sonst; es gilt z.B. hinsichtlich
der Empfindungen (oder wie immer wir die als die Fundamente der Auffassung fungie-
renden Inhalte nennen mögen), welche zu den Akten der schlich ten und der abbildenden
Imagination gehören". "Man versteht zugleich, daß dasselbe, was in Beziehung auf
den intentionalen Gegenstand Vorstellung (wahrnehmende, erinnernde, einbildende
abbildende, bezeichnende Intention) heißt, in Beziehung auf die zum Akte reell ge-
hörigen Empfindungen Auffassung, Deutung, Apperzeption heißt". (1.c. S. 385)
"Ich identifiziere hier wie sonst, Schmerzempfindung und ,Inhalt' der Schmerz-
124 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

"Akten" als "Intentionen" (oder als dem, das durch die in ihm
enthaltene "Intention" erst zum "Akt" wird), und den "Empfin-
dungen" scharf unterschieden, die "Inhalte" sind, welche keine
Intention in sich enthalten (jeder Intention "ermangeln"). Ande-
rerseits aber sollen Intentionen "in Einheit mit der aufgefaßten
Empfindung den vollen konkreten Akt der Wahrnehmung" aus-
machen. Der "volle konkrete Akt der Wahrnehmung" enthält
irgendwie die "aufgefaßte Empfindung", sie gehört ihm - wie
später gesagt wird - irgendwie zu, so radikal auch der Unterschied
zwischen Akt (Intention) und dem bloß "erlebten" Inhalt (Emp-
findung) sein mag. Aber auch Akte werden "erlebt". Sie bestehen
also nicht bloß "in Einheit" mit der Empfindung, sondern werden
auch mit derselben hinsichtlich des "Erlebtseins" auf gleiche
Stufe gestellt. Dabei bilden die Empfindungen - wie es später
heißt - mit den Akten selbst (den vollen oder den nicht vollen?)
"reelle Inhalte" (oder auch "reelle Teile") der Akte. Wodurch
wird da die Einheit zwischen den Empfindungen und den Akten
statuiert, und zwar eine sehr innige Einheit, trotz der radikalen
Verschiedenheit zwischen "Intentionen" und "Empfindungen"?
- In den "Ideen I" scheint diese Schwierigkeit zunächst zu ver-
schwinden, da hier die neue Scheidung zwischen der "Noesis" und
dem "Noema" durchgeführt wird, wobei zuerst der Begriff des
reinen Bewußtseins eingeführt wird, der sich von dem Begriff des
"intentionalen Erlebnisses" bzw. dem "Akte" radikal unterschei-
det. Es gibt aber mehrere Stellen in den "Ideen", wo der alte Be-
griff aus dem "Logischen Untersuchungen" gewissermaßen
durchsickert. Sozusagen innerhalb des reinen intentionalen Er-
lebnisses (im Sinne der "Ideen") wird die Scheidung in Noesis und
Noema durchgeführt, so daß der ganze Bestand dieses Erlebnisses
s.z.s. in die Noesis und das Noema zerfällt. Wo soll man da aber
die "Empfindungsdaten" suchen? - und zwar diejenigen Emp-
findungsdaten, die nicht für sich selbst in ihrer Reinheit erfaßt
werden, sondern diejenigen, die als als reine Hyle bloß erlebt wer-
den und der Auffassung durch den Wahrnehmungsakt unterliegen
und als solche in ihrer Reinheit eigentlich aus der Sicht verschwin-

empfindung, da ich eigene Empfindungsakte überhaupt nicht anerkenne". (1.c. S.


394) Und endlich-" ... bloße Empfindungen ... , also Erlebnisse, die wirklich der in-
tentionalen Beziehung ermangeln und daher auch dem wesentlichen Charakter des
intentionalen Begehrens gattungsfremd sind". (l.c. S. 395 f.)
ERINNERUNGEN AN HUSSERL I25

den (sie werden nicht "wahrgenommen", sagte Husserl mit Recht


in den "Logischen Untersuchungen") - wem sollen sie S.z.S. zu-
gerechnet werden? Dem Noema - sofern dieses das Cogitatum,
das Vermeinte als solches ist - gewiß nicht, weil sie eben nicht das
Vermeinte als solches sind. So scheint nichts anderes übrig zu
bleiben als die Noesis, welcher das Empfindungsdatum "zugehö-
ren" müßte, wenn es überhaupts als vorhanden anerkannt werden
soll *. Und wenn man dem in den "Ideen I" nachgeht, so findet
man verschiedene Stellen, wo eine sehr innige Beziehung zwischen
der Noesis und den Empfindungsdaten statuiert wird, eine Be-
ziehung, bei der man geneigt wäre, die Wendung zu verwenden-
analog, wie dies in der "Logischen Untersuchungen" geschieht-,
daß die Empfindungsdaten nach den "Ideen I" zu der Noesis
"gehören". Freilich erschwert da die Entscheidung die Tatsache,
daß man da auf einen analogen Doppelsinn des Begriffes "N oe-
sis" stößt, so wie es in der V. Untersuchung mit dem Begriffe des
"Aktes" der Fall ist **. Einerseits wird in den "Ideen" die N oese
als die Gesamtheit der sog. "noetischen Komponenten", d.h. als
dasjenige, worin sich die "Sinngebung" vollzieht, verstanden ***,
andererseits wird aber von den "konkreten noetischen Erlebnis-
sen" gesprochen. Im ersten Falle wird zugleich über die "hyle-
tischen Daten und noetischen Komponenten" gesprochen, so daß
deutlich zwischen beidem unterschieden wird. Das entscheidet
von selbst über ihre gegenseitige Beziehung nicht, wahrscheinlich
aber soll man das so verstehen, daß das Hyletische nicht zu der
so verstandenen Noese gehört. Im zweiten Falle indessen wird
deutlich erklärt, daß das konkrete noetische Erlebnis sowohl die
hyletischen Daten als auch die spezifisch noetischen Komponen-

* Diejenigen, die an dem Seminar Husserls im Jahre I9I3/I4 über die "Ideen" teil-
genommen haben, werden sich wohl noch erinnern, daß damals das Vorhandensein
der Empfingungsdaten in der sinnlichen Wahrnehmung strittig wurde. Noch im
Jahre 1956 in Krefeld sagte mir Wilhelm Schapp: "Sie glauben an die Empfindungs-
daten? Es ist eine reine Konstruktion". Nun, schon damals, wie auch später im
Jahre I9I6, glaubte ich, daß es so etwas wie die reinen Empfindungsdaten, und ins-
besondere die ursprünglichen fließenden Empfindungsdaten, sicher gibt.
** Vgl. die oben angegebenen Zitate. "Akt" einfach als "Intention", dann aber der
"volle konkrete Akt", bei dem die "Empfindungen" als "Bausteine von Akten fun-
gieren".
*u Der Begriff der Noese wird bei Husserl so eingeführt, daß nicht gesagt wird, was
alles zu der Noese gehört, bzw. gehören kann. Es ist dabei der auf S. 185 stehende Satz
nicht zu vergessen: "dementsprechend besteht die noetische Seite des intentionalen
Erlebnisses nicht bloß aus dem Moment der eigentlichen 'Sinngebung', dem speziell
der 'Sinn' als Korrelat zugehört".
126 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

ten umfaßt *. Wichtig ist dabei, daß zwischen dem Bestande der
Empfindungsdaten und der zugehörigen Gesamtheit der spezi-
fisch noetischen Komponenten eine Einheit besonderer Art be-
stehen soll. Sie alle sind dabei "reelle Bestandstücke" des Gan-
zen. Diese Einheit wird von Husserl zwei anderen Einheiten, die
u.a. bei den phänomenologisch reduzierten Erlebnissen in Frage
kommen, gegenübergestellt, und zwar der Einheit der "Bestand-
stücke" eines bestimmten Noemas einerseits und andererseits der
Einheit, welche zwischen der Noese und dem zugehörigen Noema
besteht. Genauer gesagt, in Husserlscher Ausdrucksweise: "die
Einheit, die all jene reellen Erlebnisbestandstücke mit dem ver-
einigt, was als Noema durch sie und in ihnen zum Bewußtsein
kommt" **. Die Unterscheidung dieser drei verschiedenen "Ein-
heiten" bei jedem Bewußtseinerlebnis ist aber insofern unbefrie-
digend, als nicht gesagt wird, worin sie sich voneinander unter-
scheiden. Es scheint aber, daß die Einheit zwischen den Empfin-
dungsdaten und den spezifisch (eigentlich) noetischen Kompo-
nenten des Erlebnisses besonders innig und unzerreißbar ist und
zugleich das Ganze des "konkreten noetischen Erlebnisses" ab-
grenzt, wogegen diesem das Noema bloß zugehört, zwar ebenfalls
von der entsprechenden N oese unzertrennlich, aber doch von ihr
durch eine Differenz in der Seinsweise geschieden. Das Noema ist
kein reelles Bestandstück des Erlebnisses, während die Empfin-
dungsdaten eben solche reellen Bestandstücke des Erlebnisses
sind ***. Die besondere Einheit zwischen den Empfindungsdaten
und den spezifisch noetischen Komponenten des noetischen Er-
lebnisses wird von Husserl besonders hervorgehoben, obwohl er
zugleich die Verschiedenheit zwischen den hyletischen Daten und
den spezifisch noetischen Komponenten - der zwei Schichten des
phänomenologischen Seins - betont.
* Das Wort "Erlebnis" wird von Husserl iu den "Ideen I" ebenfalls in zwei ver·
schiedenen Bedeutungen verwendet. Einmal bezeichnet es das Ganze, das aus der
Noese und dem Noema besteht, das andere Mal dagegen nur das "konkrete noetische
Erlebnis", wovon dann die Noese nur ein Abstraktum ist .
• * Vgl. "Ideen I", S. 204. Und Husserl fügt noch hinzu: " ... das 'transzendental
Konstituierte' . .. gehört eben in einem völlig anderen Sinn dem Erlebnis an, als die
reellen und somit eigentlichen Konstituentien desselben". Hier wird also das Wort
"Erlebuis" so verwendet, daß es das Noema nicht umfasst.
*** Husserl sagt in den "Ideen" ausdrücklich: Abschattungen "rechnen zu den
Empfindungsdaten". "Abschattung ist Erlebnis. Erlebnis aber ist nur als Erlebnis
möglich und uicht als Räumliches. Das Abgeschattete ist aber prinzipiell nur möglich
als Räumliches (es ist eben im Wesen räumlich), aber nicht möglich als Erlebuis".
Aber das Abgeschattete ist ja doch ein Spezialfall des Noemas.
ERINNERUNGEN AN HUSSERL 127

Nur wenn man die beiden Bedeutungen des Wortes "Noese"


scharf auseinanderhält, läßt sich die Beziehung zwischen den
Empfindungsdaten und der (vollen) Noese als dem "konkreten
noetischen Erlebnis" klar erfassen. Und es ist dann auch klar, daß
der Grund, warum Husserl die "hyletischen Daten" zu dem reellen
Bestande der vollen Noese rechnet, eben in jener besonderen Ein-
heit des konkreten noetischen Erlebnisses, und insbesondere in
dem besonderen, innigen Seinszusammenhang zwischen den
"Stoffen" (Empfindungsdaten) und den "spezifisch noetischen
Komponenten" liegt. Aber da regt sich eben der Zweifel, ob da
wirklich ein so besonders inniger Seinszusammenhang zwischen
den genannten "Bestandstücken" des konkreten noetischen Er-
lebnisses besteht. Zu beachten ist vor allem, daß die Empfin-
dungsdaten nur "reelle und somit eigentliche Konstituentien"
dieses Erlebnisses sind, aber - sofern dieses Erlebnis nur voll-
zogen und selbst nicht einer reflektiven Erfassung unterzogen
wird - "darin nicht wahrgenommen, nicht gegenständlich erfaßt
werden" (vgI. "Ideen", S. 205) Sie werden also insbesondere nicht
von den spezifisch noetischen Komponenten des betreffenden
Erlebnisses wahrgenommen oder überhaupt gegenständlich er-
faßt. Diese Komponenten verbleiben nur mit ihnen in der Ein-
heit eines konkreten noetischen Erlebnisses, und wenn sie ihnen
gegenüber überhaupt eine Funktion ausüben, so ist es nur jene
eigentümliche Funktion der "Beseelung" der hyletischen Daten
mit "Auffassungen", vermöge welcher ihnen ein gegenständlicher
Sinn "verliehen" wird. Es ist aber daraus nicht ersichtlich, war-
um sie mit ihnen in einer solchen Einheit zusammen bestehen sol-
len, oder anders gesagt, worin diese Einheit begründet ist. Dies
ist um so schwieriger zu verstehen, weil zwischen ihnen eine aus-
gesprochene Heterogenität besteht. Die hyletischen Daten sind
eben "stoffliche" Inhalte, qualitative Gehalte, eben "Daten", die
spezifisch noetischen Komponenten dagegen sind "Intentio-
nen", "Sinngebungen", "Vermeinungen", "Akte" (im engen
prägnanten Sinne), sie üben die "Beseelung" aus. Dabei scheinen
sie in ihrem Auftreten und in ihren Verwandlungen von den spe-
zifisch noetischen Komponenten wenigstens in gewissen Gren-
zen unabhängig zu sein, wie dies bereits Berkeley bemerkt hat,
obwohl er zu den Empfindungsdaten im echten Sinne noch nicht
vorgedrungen ist. Sind etwa die Empfindungsdaten im Aufbau
128 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

der konkreten noetischen Erlebnisse das Grundlegende und Ur-


sprüngliche, auf dem sich s.z.s. erst die spezifisch noetischen Kom-
ponenten des Erlebnisses als etwas Sekundäres aufbauen und
ihnen irgendwie angepaßt sind, um ihnen gegenüber erst die
Funktion der "Beseelung", der "Sinngebung" ausüben zu kön-
nen? Wie ist also die Beziehung zwischen den Empfindungsdaten
und den spezifisch noetischen Komponenten zu verstehen? Und
wo soll man die Empfindungsdaten suchen? Ob wirklich auf der
Seite der vollen Noese und nicht etwa im letzten Unterbau des
Noemas? Das Noema ist ja - nach Husserl- nur ein vermöge der
Sinngebungen entstehender Überbau des Sinnes (der Auffassung),
der sich über den Mannigfaltigkeiten der Empfindungsdaten er-
hebt, ein Überbau, welcher zwar in seinem Sinngehalt von den
fließenden Empfindungsdaten und Mannigfaltigkeiten verschieden
ist und durch die von den noetischen Komponenten geleisteten
Sinngebungen bestimmt wird, der aber in seinem Untergrund (in
der tiefsten konstitutiven Schicht) doch nichts anderes als eben
diese Empfindungsdaten hat. Diese Daten - so sehr sie (vor allem
formal und insbesondere kategorial) von den gegenständlichen
Qualitäten, die im Gehalt des konstituierten Noemas auftreten,
verschieden sind - scheinen gewissermassen in ihrer Qualität
durch die "Auffassungen", die ihnen durch die spezifisch noeti-
schen Komponenten übergeworfen werden, hindurch. Wodurch
aber werden diese ihnen übergeworfenen "Auffassungen" be-
stimmt? Durch die Intentionen, die das Wesen der spezifisch
noetischen Komponenten ausmachen. Gewiß, aber wodurch wer-
den eben diese "Intentionen", die noetischen Komponenten
selbst bestimmt? Durch die ursprünglichen, fließenden Empfin-
dungsdaten selbst, oder durch etwas anderes? Auf dem Stand-
punkte Husserls, daß man sich nach dem Vollzug der phänome-
nologischen Reduktion auf gar keine "transzendenten" (über die
immanente Bewußtseinssphäre hinausgehenden) "wirklichen"
Faktoren (auf die reale Welt) berufen darf, welche diese Intentio-
nen und in der Folge die "Auffassungen" (gegenständlichen Sin-
ne) bestimmen könnten, bleibt nichts anderes übrig, als zu sagen:
Entweder sind diese Sinngebungen durch die Empfindungsdaten
bzw. durch ihre Mannigfaltigkeiten (voll) bestimmt, oder sind
durch sie überhaupt nicht bestimmt, oder endlich sind sie nur
zum Teil durch sie bestimmt und zu einem anderen Teil von
ERINNERUNGEN AN HUSSERL I29

ihnen unabhängig und s.z.s. unbegründet. Im ersten Falle müßte


man zugeben, daß die Empfindungsdaten in ihrer Mannigfaltig-
keit die letzte und einzige Quelle der Bestimmung der noetischen
Sinngebungen sein können. Anders gesagt: Das reine Ich richtete
sich dann in der ganzen Konstitution der Noemas (des Wahr-
genommenen als solchen) nur nach den seinen N oesen immanen-
ten, mit den spezifisch noetischen Komponenten in streng inniger
Einheit bestehenden Empfindungsdaten. Die spezifisch noeti-
schen Komponenten wären dann in ihrem Sinngehalt, den sie den
Empfindungsdaten überwerfen, einzig und allein durch diese
Daten bestimmt und sind im Verhältnis zu ihnen etwas Sekun-
däres, sowie andererseits auch die Noemata in einem vielleicht
anderem, aber doch analogen Sinne, etwas den Empfindungs-
daten Sekundäres sind bzw. sein würden. Dann ist aber die tiefe,
radikale, so von Husserl betonte Verschiedenheit zwischen den
fließenden Mannigfaltigkeiten der Empfindungsdaten und dem
letzten Endes konstituierten Noema nicht recht verständlich.
Wenn aber die spezifisch noetischen Komponenten des konkreten
Erlebnisses von den Empfindungsdaten und ihren Mannigfaltig-
keiten unabhängig wären, dann wäre wiederum nicht recht ver-
ständlich, worin die besondere innige Einheit zwischen diesen
sonst heterogenen "reellen Komponenten" des noetischen Erleb-
nisses gründet bwz. gründen kann. Und wenn endlich nur eine
Teil-Abhängigkeit der spezifisch noetischen Komponeneten von
den Empfindungsdaten bestehen sollte, dann erhebt sich die un-
abweisbare Frage, was den Ergänzungsfaktor ihrer Bestimmung
bilden kann. Da erheben sich unweigerlich jene Fragen, die bei
Husserl in den "Ideen I" mit dem Begriffe der "Teleologie" ver-
knüpft sind und die z.B. bei Bergson in eine völlig andere Rich-
tung hinweisen - auf die handlungsrelative Bedingtheit der kon-
kreten Wahrnehmung und die Rolle des wahrnehmenden Sub-
jekts als eines Handlungszentrums -, die aber durch die phäno-
menologische Reduktion ausgeschaltet werden. In allen Fällen
gelangt man also zu Schwierigkeiten, bei denen ich mir damals
nicht zu raten wußte.
Die Empfindungsdaten als "reelle Bestandstücke" des kon-
kreten noetischen Erlebnisses scheinen in ihrem Sein und in ihrem
Verlauf in den im Fluß sich entwickelnden Mannigfaltigkeiten et-
was völlig Geheimnisvolles zu sein. Es drängt sich da die unab-
I3 0 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

weisbare Frage nach ihrem Seinsgrund auf. Nach dem Vollzug


der phänomenologischen Reduktion darf er nicht in einem dem
reinen Bewußtsein transzendenten Faktor gesucht werden, er
kann aber auch in den spezifisch noetischen Komponenten des
konkreten noetischen Erlebnisses nicht gefunden werden. Wie
stellt sich die Seins abhängigkeit bzw. - unabhängigkeit der Emp-
findungsdaten von den spezifisch noetischen Komponenten des
Erlebnisses dar? Und zwar handelt es sich in dieser Frage nicht
bloß um einzelne Empfindungsdaten oder bloß um ein Feld der-
selben in einer Gegenwart, sondern es kommt da auf ganze im
Zeitfluß sich entfaltende Empfindungsmannigfaltigkeiten an, es
handelt sich um die Aufeinanderfolge solcher Mannigfaltigkeiten,
die als eventueller Bestimmungsgrund der Sinngebungen und der
ihnen übergeworfenen gegenständlichen Sinne letzten Endes da-
für verantwortlich zu sein scheinen, welche gegenständliche Welt
dem die Erlebnisse vollziehenden Ich zur Gegebenheit gelangt.
Es erheben sich da alle jene Fragen, welche Kant am Anfange
seiner "Kritik der reinen Vernunft" mit der Wendung von der
"Affizierung durch die Dinge" zu liquidieren suchte, die man aber
Kant sofort nach dem Erscheinen der "Kritik" gestellt hat und
die bei Fichte zu einer ganz eigentümlichen Problematik des Ich
und Nicht-Ich geführt haben.
Das waren also jene Schwierigkeiten, welche mir damals im
Jahre I9I6 vor Augen standen. Sie waren mir nicht bloß durch
eine Reihe von Stellen in den "Ideen I", sondern auch durch die
von Bergson in "Matiere et Memoire" entwickelte Theorie der
"perception pure" und ihrer Verwandlung in eine "percep-
ti on concrete" sowie durch die darin gründende Theorie des
Intellekts nahegelegt. Bei aller Verschiedenheit des Standpunktes,
der Begriffsapparatur und der darin gründenden Auffassungen
ist Bergson in dem genannte Buche auf Tatbestände und die sich
aus ihnen ergebenden Probleme gestoßen, die der gesamten Hus-
serlschen konstitutiven Problematik wesentlich verwandt sind.
Wollte ich die letzten Intentionen der Bergsonschen Theorie des
Intellektes sowie die intuitiven Tatbestände, die sich hinter dieser
Theorie verbergen, verstehen und die Gründe zu ihrer Überwin-
dung finden, so mußte ich Klarheit in den da angedeuteten Fra-
gen zu gewinnen suchen. So ist es verständlich, daß ich Husserl in
unseren Gesprächen im Jahre I9I6 immer wieder Fragen nach
ERINNERUNGEN AN HUSSERL 131

den Empfindungsdaten und nach ihrer Beziehung zu den "Ak-


ten" - in der Ausdruckweise der "Ideen" zu den puren Noesen-
gestellt habe. Ich habe gehofft, daß Husserl zugibt, daß die Emp-
findungsdaten von den spezifisch noetischen Komponenten der
Erlebnisses seinsunabhängig sind, daß sie vom Ich nur vorgefun-
den werden * und mit ihnen nicht in einer so innigen Einheit zu-
sammenbestehen, wie dies aus den "Ideen" zu folgen scheint. Was
ich aber von Husserl erreichen konnte, war nur, daß er zugegeben
hat, daß die Empfindungsdaten "ichfremd" und nicht "ichlich"
sind.
Nicht "ichlich" - das konnte noch Verschiedenes bedeuten.
Erstens, daß das reine Ich, das - wie bekannt - damals in der Zeit
der "Ideen" nur als Quellpunkt des Aktes (oder der Akte) aufge-
faßt wurde, eben kein Quellpunkt der Empfindungsdaten - oder
auch, anders gesagt, kein Seinsgrund dieser Daten ist bzw. sein
kann. Und zweitens, daß sie selbst nicht die Struktur der spezi-
fisch noetischen Komponenten (der Akte) haben, d.h. nicht den
Vollzugsmodus des Aktes und zugleich auch nicht die Gestalt der
Intention (der Vermeinung) besitzen, daß sie also - wie es in den
"Ideen" selbst ausdrücklich heißt - keine Intentionalität in sich
bergen, sondern bestenfalls "Träger" der Intentionalität sind.
Und daß sie "ichfremd" sind, das konnte nur besagen, daß sie für
das Ich etwas (im Verhältnis zu ihm) Zweites und gehaltsmäßig
Verschiedenes sind. Wie ließe sich dann zugeben, daß sie mit
den spezifisch noetischen Komponenten in einer besonderen in-
nigen Einheit bestehen? Aber daran wollte Husserl schon nicht
mehr rütteln. Husserl verstand ganz wohl, daß ich da um das
Problem des Idealismus kreiste, aber das war der Punkt, an dem
ich nicht weiter fortfahren konnte, da mir damals noch vieles zu
weitliegend und zu schwierig schien. Dagegen ein anderes Pro-
blem stellte ich Husserl noch zur Frage.
Es war das Problem der Identität des reinen Ichs. Und zwar
die "Identität" in zwei verschiedenen Bedeutungen, oder s.z.s.
nach zwei verschiedenen Richtungen. Erstens handelte es sich
mir um die Identität des reinen Ich, welche sich in dem Bewußt-
* Damals im Jahre 1916 verfügte ich noch nicht über die Unterscheidung zwischen
dem Durchleben der Akte, dem Erleben der ursprünglichen Empfindungsdaten und
dem gegenständlichen Vermeinen, welche ich erst im Winter 1918/19 bei der Redak-
tion der Arbeit "Über die Gefahr einer Petitio Principü in der Erkenntnistheorie",
z.T. unter dem Einfluß von Frau Conrad-Martius, durchgeführt habe.
132 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

seinsstrom erhält, obwohl immer neue und immer andere Be-


wußtseinsakte vollzogen werden, die Identität, welche die Be-
dingung der Möglichkeit der Einheit des Stroms und zugleich auch
die Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt ist. Und
zweitens handelte es sich um die Identität des reinen Ich, das
seine eigene Identität im Bewußtseinsstrom zu erfassen sucht, in-
dem es einen auf sich selbst gerichteten reflektiven Akt vollzieht.
Husserl vertrat in beiden Fällen den Standpunkt, daß die Identi-
tät besteht und sich auch erweisen bzw. erfassen läßt, und zwar
so, daß sich das Ich in seiner streng zentralen Position als Voll-
zieher der Akte - also nicht in "gegenständlicher" Position, wie
das etwa Natorp behaupten würde, der eben damit die Möglich-
keit der Gegebenheit des reinen Ich leugnete - erfassen läßt. Hus-
serlleugnete, daß es da zu einer gewissen Spaltung zwischen dem
erfassenden und dem erfaßten Ich kommt. Er meinte auch, daß
sich die s.z.s. erhaltende Identität des Ichs beim Innewerden sei-
ner selbst eben beim Übergange von der strengen Aktualität des
ichlieh vollzogenen Aktes in die Retention erweisen läßt. Husserl
war sich der Wichtigkeit des Problems der Identität des reinen
Ich vollkommen bewußt.
Dies waren also die Hauptthemen unserer damaligen Gesprä-
che. Husserl waren diese Gespräche irgendwie lieb. Sie standen
mit den "Ideen I" in engem Zusammenhang und führten zu einem
besseren Verständnis ihrer Haupttendenzen sowie einer Reihe
von Fragen, welche den theoretischen Hintergrund ihrer Grund-
behauptungen bildeten. Obwohl vor Husserl neue didaktische
Aufgaben standen, wollte er nicht mit dem Hauptzug seiner Göt-
tinger Forschungen brechen und trachtete danach, an die Fort-
setzung der "Ideen" heranzutreten, was auch aus der Tatsache
ersichtlich ist, daß er im Herbst 1916 Frl. Edith Stein Manu-
skripte, die den "Ideen U" und "lU" zugrunde liegen sollten, zu
ordnen gab, um sie für eine endgültige Redaktion vorzubereiten.
Die Gespräche mit mir gaben ihm Gelegenheit, eine Reihe von
Fragen lebendig zu überdenken, die er in seinen Vorlesungen in
Freiburg noch nicht besprechen konnte. Die Freiburger Studen-
ten waren ja in einer ganz anderen Philosophie erzogen und stan-
den den phänomenologischen Analysen zunächst ziemlich ver-
ständnislos gegenüber. Die Widerstände, auf die Husserl in Frei-
burg in der ersten Zeit stiess, waren vielleicht auch dadurch er-
ERINNERUNGEN AN HUSSERL I33
schwert, daß Heidegger - damals ein junger Dozent, der bei
Rickert promoviert und vor kurzer Zeit sich habilitiert hatte, oft
- wie natürlich - mit kritischen Bemerkungen gegen die Phäno-
menologie auftrat. Husserl mußte das neue philosophische Publi-
kum erst gewinnen und sich zunächst auf propädeutische An-
fangsanalysen beschränken. Er sagte mir einmal: ,,In meinen
Vorlesungen und Übungen vergröbere ich die Sachen, sonst wird
wenig verstanden". In den Gesprächen mit mir bzw. mit Frl.
Stein konnte Husserl auf Probleme kommen, die ihn persönlich
interessierten, und sich über sie frei aussprechen. So dauerten un-
sere Zusammenkünfte das ganze Jahr I9I6. Leider mußte ich An-
fang Januar I9I7 nach Krakau fahren, wo ich bis Ende Septem-
ber I9I7 geblieben bin. Als ich dann nach Freiburg zurückkehrte,
lebten unsere Begegnungen wieder auf, obwohl sie schon nicht
mehr so häufig waren, weil ich mich zum Examen vorbereiten
mußte. Ich mußte Husserl meine Doktorarbeit kapitelweise vor-
lesen, weil Husserl damals fast halb blind war und nur ungerne
las. Aber die kritischen Kapitel meiner Dissertation las er selbst,
indem er sie über Weihnachten mit sich nach Saig mitnahm. Ich
mußte dann nach Saig kommen, um sein Urteil über sie zu hören.
Wenn ich jetzt an das Ganze jener Gespräche mit Husserl zu-
rückdenke, so muß ich sagen, daß sie nicht bloß sehr gehaltvoll,
sondern auch kostbare Stunden waren, in welchen wichtige In-
tuitionen Husserls wachgerufen wurden und ihm eine Reihe
grundwichtiger Probleme nahe brachten. Husserl brauchte einen
Menschen, bei dem er Verständnis voraussetzen durfte, um laut
zu denken und vor ihm eigene Entdeckungen zu entfalten. Da
wurden in ihm Kräfte des Schauens und auch des sprachlichen
Fassens wach, die beim einsamen Arbeiten doch nicht so leicht
zu wecken waren *. Und immer war er beim Problem, bei der
Sache, ohne Distanz und auch ohne Störungen durch Nebenge-

• Ich habe einmal Husserl durch die Glastür seines Arbeitszimmer gesehen, wie er
ganz einsam arbeitete. Ich sah, wie unruhig er im Zimmer wandelte, wie lebhaft Cl' ge-
stikulierte, sich von Zeit zu Zeit an den Schreibtisch setzte, um einige Worte zu no-
tieren, und dann wieder aufsprang und im Zimmer wandelte, als ob er gewisse \Vider-
stände zu überwinden suchte. Er machte den Eindruck, als ob ihm das Denken bzw.
das Erschauen viel kostete. Im Gespräch war dies durchaus nicht der Fall. Er vergaß
gewissermassen denjenigen, zu dem er sprach, dessen Gegenwart ihn nicht störte,
sondern im Gegenteil zur Folge hatte, daß er mit einer gewissen Leichtigkeit Worte
und Formulierungen fand, die oft in schwierigen Problemsituationen nicht so leicht zu
finden waren.
134 ERINNERUNGEN AN HUSSERL

danken. Nie war Husserl in seinen Universitätsvorlesungen oder


Seminarübungen so lebendig und so schöpferisch, wie in jenen
Stunden quasi-einsamen Forschens. Und es war um so mehr zu
bewundern, als das Jahr 1916 eine schwere Zeit für ihn war, nach
dem Tode seines jüngeren Sohnes und bei fast ununterbrochenem
Verweilen seines ältesten Sohnes an der Front. Viele Jahre später
schrieb mir Husserl mehrmals, in einer wie schlechten Stimmung
er während meiner Anwesenheit in Freiburg war, wie wenig er
damals noch wusste[!] im Vergleich zu den nachfolgenden Jahren
schöpferischer Tätigkeit. Ich will natürlich nicht leugnen, daß
Husserl besonders in den zwanziger Jahren große Fortschritte ge-
macht hat. Ich glaube aber trotzdem, daß er jene Gespräche und
die Art, wie er damals mit mir sprach, nicht recht im Gedächtnis
behalten hat und sich später selbst nicht gerecht war. Er wußte
nachher selbst nicht, was er in den Jahren 1916 und 1917 in guten
Stunden zu geben imstande war. Vieles von dem, was erst nach
dem zweiten Weltkrieg in den Husserliana publIziert wurde und
für spätere Jahre datiert wurde, habe ich bereits im Jahre 1916
von ihm gehört. Es war ganz sonderbar. Husserl arbeitete immer
nach "Einfällen" - wie er selbst sagte - und die Einfälle, die ihm
im lebendigen Gespräch mit seinen nahen Schülern kamen, no-
tierte er nicht. So kamen sie manchmal erst mehrere Jahre spä-
ter zur Niederschrift.
In konzentrierten Diskussionen vergaß man oft, daß Krieg
war und daß es so etwas wie Fliegerangriffe gab, die übrigens da-
mals nicht so gefährlich waren. Aber der Krieg meldete sich doch.
Einmal, als ich spät in der Nacht von Husserl beim hellen Mond
und in völliger Stille nach Hause ging, hörte ich auf einmal Ka-
nonendonner von der Front in den Vogesen. Der Kontrast zwi-
schen Philosophie und der Realität des Krieges war erschütternd.
Am Abend vor meiner endgültigen Abreise nach dem Doktor-
examen von Freiburg besuchte ich noch das gastliche Haus
Husserls, um mich vom "Meister" und Frau Malvine zu verab-
schieden. Natürlich philosophierten wir bald ordentlich. Gegen
elf Uhr abends kam ein neuer Fliegerangriff. Husserl wohnte im
zweiten Stock. So gingen wir alle in eine Parterrewohnung her-
unter, wo wir mit der Familie des Wirtes der Wohnung im Vor-
zimmer standen. Husserl setzte aber das philosophische Gespräch
weiter fort, ohne gewissermaßen bemerkt zu haben, was los war.
ERINNERUNGEN AN HUSSERL 135
Wir verabschiedeten uns dann voneinander und ich ging neben
dem Wiehrebahnhof nach der Sternberg-Strasse, wo ich wohnte,
nach Hause zurück. Am Bahnhof stand ein Schuppen in Brand
und es begann wieder ein kurzer Fliegerangriff. Ich kam erst spät
nach Hause. Am frühen Morgen fuhr ich dann ab. Ich hoffte, bald
zurückzukehren. Es dauerte aber fast 10 Jahre, bis ich neue phi-
losophische Abende mit Husserl beginnen konnte.
Am Abend nach meinem Doktorexamen war ich von Frau
Husserl zum Abendessen eingeladen. In einem gewissen Moment
sagte mir Husserl: "In drei Jahren müssen Sie sich habilitieren".
In Wirklichkeit fand meine Habilitation erst Ende Juni 1924
statt, ich konnte aber meine akademische Lehrtätigkeit erst im
Wintersemester 1925/26 beginnen. Im Herbst 1927 erhielt ich ein
Studienstipendium, so daß ich für einige Monate ins Ausland
fahren konnte. Ich begab mich natürlich vor allem zu Husserl.
Ich verbrachte zwei Monate in Freiburg, fuhr dann für 6 Wochen
nach Marburg, um mich mitte Dezember nach Paris zu begeben.
Ende März 1928 fuhr ich über Straßburg nach Freiburg, wo ich
mich einige Tage bei Husserl aufhielt, und kehrte dann nach
Lemberg zurück. In diesen Monaten habe ich "Das literarische
Kunstwerk" niedergeschrieben.
Später habe ich Husserl nur noch drei Mal gesehen: im Jahre
1929 bei der 70. Geburtstagfeier Husserls, im Jahre 1934 im Sep-
tember nach dem Kongreß in Prag und endlich im Januar 1936,
als ich eine Reise nach Deutschland dazu benutzte, um meinem
alten, ehrwürdigen Lehrer in dieser für ihn schweren Zeit die
Hand zu drücken. Später war es mir nicht mehr möglich, nach
Freiburg zu kommen. Während des Winters 1937/38 kamen von
Frau Malvine immer schlechtere Nachrichten über den Gesund-
heitszustand Husserls. Endlich erhielt ich, am Tage, wo ich bei
der Trauerfeier für Kasimir Twardowski über dessen wissen-
schaftliche Tätigkeit zu sprechen hatte, das Telegramm vom Tode
Husserls. In meinem Vortrag über Twardowski erwähnte ich
mehrere Male den Namen Husserls, mit dem Twardowski einige
Male zusammengekommen war. Ich brachte es aber nicht über
mich, den Hörern zu sagen, daß Husserl eben gestorben war. Da
in zwei Tagen kein Paß erwirkt werden konnte, konnte ich am
Begräbnis nicht teilnehmen und schickte bloß ein Telegramm an
Frau Husserl.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN
BRIEFEN HUSSERLS

Zwanzig Jahr (I9I8-I938) dauerte der Briefaustausch zwischen


Husserl und mir. Leider sind meine Briefe - wie ich von Pater
van Breda erfuhr - während des zweiten Weltkrieges in Belgien
durch einen Bombenangriff verbrannt worden. Nur ein Brief,
den ich im Sommer I9I8 an Husserl über die VI. Logische Unter-
suchung und über einige Grundfragen des transzendentalen Idea-
lismus schrieb, ist zufälligerweise im Konzept bei mir erhalten ge-
blieben. Ich habe ihn in polnischer Übersetzung in dem Bande
"Untersuchungen zur Philosophie der Gegenwart" (I963, pol-
nisch) veröffentlicht. So ist nur die Hälfte unserer Korrespon-
denz vorhanden. Einige Briefe sind dabei von Frau Malvine
Husserl im Auftrag von Husserl selbst geschrieben. Aus den hier
veröffentlichten Briefen ist nicht zu ersehen, wie sich die Diskus-
sionen zwischen uns entwickelt haben. Man kann aber aus ihnen
einiges über den Lebenslauf Husserls erfahren, speziell auch über
die Schriften, an denen er gearbeitet hat. In der überwiegenden
Mehrzahl der Fälle handelt es sich um Betrachtungen, die Husserl
selbst nicht publiziert hat. Die Briefe können also für die Ge-
schichte der philosophischen Arbeit Husserls von Bedeutung sein.
Im Dezember I939 habe ich sämtliche damals bei mir befind-
lichen Briefe Husserls abgeschrieben, um die Originale in einer
Lemberger Bibliothek zu verwahren und sie auf diese Weise zu
retten, falls sich meine Situation verschlechtern sollte. Es waren
zusammen 88 Briefe von Edmund Husserl und von Malvine Hus-
serl. Es scheint aber, daß einige Briefe Husserls im Laufe der
Jahre verloren gegangen waren, oder bloß damals im Jahre I939
nicht gefunden werden konnten. Nachdem meine Lemberger
Wohnung im Mai I944 durch einen Fliegerangriff beschädigt
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 137

wurde, war ich gezwungen, Lemberg zu verlassen, und es ist mir


damals gelungen, sowohl die Originale der Briefe Husserls als auch
die Abschriften nach Krakau zu überbringen, wo sie dann in
einem Archiv bis zum Ende des Krieges in Verwahrung geblieben
sind. Unmittelbar nach dem Kriege habe ich die Briefe der Bi-
bliothek der Polnischen Akademie der Wissenschaften über-
geben, wo sie sich auch jetzt befinden. Im Jahre 1946 habe ich die
Abschriften der Briefe an das Husserl-Archiv in Louvain ge-
schickt, wobei ich die Bedingung gestellt habe, daß sie erst nach
meinem Tode veröffentlich werden dürften. Indessen schon von
dem ersten Bande der Husserliana an wurden verschiedene Aus-
züge aus den Briefen veröffentlicht, wobei manche Fehler ge-
macht wurden. Darauf schickte ich Photokopien der Briefe nach
Louvain, damit wenigstens Fehler vermieden wurden. Im Jahr
1959 hat man mir in Cambridge (U.S.A.) zufälligerweise erzählt,
daß Herr Osborn vom Husserl-Archiv beauftragt worden sei, die
an mich gerichteten Briefe Husserls zur Publikation vorzuberei-
ten, bzw. Abschriften von ihnen zu machen. Er bekam zu diesem
Zwecke auch die Photokopien, die ich einst nach Louvain ge-
schickt hatte. Außerdem haben auch manche nicht zum Archiv
gehörende Personen diese Briefe gelesen. In dieser Situation be-
schloß ich, die Briefe Husserls selbst zu publizieren, da ich allein
fähig bin, verschiedene Einzelheiten der Briefe, die an sich nicht
verständlich sind, zu erklären. Frau Professor Elisabeth Rosen-
berg, die Tochter Edmund Husserls, und Herr Professor Gerhart
Husserl haben schriftlich ihre Zustimmung zu der Publikation
der Briefe gegeben.
Ich hatte ursprünglich die Absicht, aus den Texten der Briefe
alle Stellen wegzulassen, die sich auf mich persönlich beziehen.
Sie werden aber hier in vollem Texte publiziert. Ihr voller Inhalt
ist ja sowieso mehreren Personen bereits bekannt, die Photo-
kopien befinden sich sogar gegenwärtig in fremden Händen
außerhalb des Husserl-Archivs. Ich bin auch zu der Überzeugung
gekommen, daß die Briefe zum großen Teil eine Auseinanderset-
zung Husseirs mit mir in vielen philosophischen Fragen darstel-
len. Es ist somit unmöglich, die Stellen auszuschneiden, die sich
auf mich beziehen. Ich muß auch wenigstens an einigen Stellen
andeuten, was ich Husserl schrieb, da sonst die Briefe nicht ver-
ständlich sind. Nach langem Zögern habe ich mich entschlossen,
I38 ERLÄ UTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

auch die ersten drei Briefe Husserls zu veröffentlichen, obwohl sie


reine Empfehlungsbriefe sind und sich auf meine privaten Ange-
legenheiten beziehen. Sie zeugen aber von der großen Menschen-
freundlichkeit und Hilfsbereitschaft Husserls, die er seinen jun-
gen Schülern gegenüber immer hegte.
Die Abschriften wurden auf Grund eines Mikrofilms verfertigt
und kontrolliert. Die ursprüngliche Rechtschreibung Husserls
wurde beibehalten; ebenso die Abkürzungen, die nur in Fällen,
wo dies zur Verdeutlichung notwendig schien, zwischen eckigen
Klammern ergänzt wurden.
Ich füge jetzt meine ergänzenden Bemerkungen zu den einzel-
nen Briefen bei. Es wird in jedem Falle die Nummer und das Da-
tum des Briefes angegeben.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

ad IV. (zo. VI. I9I7)


I. Im Sommer 1915 beklagte sich Husserl bei mir über die Engländer,
die ja so oft in Deutschland studiert und promoviert hatten und doch im
Kriege Deutschland so feindlich (wie er damals glaubte) gesinnt waren.
Seit Anfang 1917 weilte ich in Krakau und sah, daß die deutsch-polnischen
politischen Beziehungen sich ständig verschlechterten, so daß man nicht
voraussehen konnte, wie die Sache enden würde. Ich fürchtete, daß
Husserl eines Tages mir dieselben Vorwürfe machen könnte, wie er sie
einst den Engländern gegenüber erhoben hatte. So schrieb ich an Professor
Husserl, daß, wenn er bei der einst ausgesprochenen Meinung verbleibe,
ich bereit sei, auf das Doktorat an der Universität Freiburg zu verzichten,
wobei ich meine Dissertation, die unter der Leitung von Professor Husserl
geschrieben wurde, als sein Eigentum betrachte und ihm zu Verfügung
stelle. Ich würde dann eine neue Dissertation schreiben und versuchen,
eventuell bei Professor Twardowski in Lemberg zu promovieren. Der
Brief IV von Husserl bildet seine Antwort auf meinen Brief. Auf Grund
dieses Briefes beschloß ich, mein Doktorexamen bei Husserl zu machen,
und versprach, im Herbst 1917 nach Freiburg zu kommen. Als ich Ende
September bei Husserl erschien, nahm er mich herzlich auf und Frau
Husserl hat mir, mit ihrem gewöhnlichen Humor, gesagt: "Lieber In-
garden, Sie sind ja toll"!

ad VI. (5. April I9I8)


2. In den beiden Briefen (von M. und E. Husserl) ist von einer sehr er-
folgreichen Arbeit Husserls in Bernau die Rede. Aus den hier gegebenen
Informationen geht unzweifelhaft hervor, daß es sich da um die Hand-
schriften handelt, die mir Husserl im Jahre 1927 während meiner An-
wesenheit in Freiburg zeigte und mir vorschlug, zum Druck vorzubereiten.
Es sind die im Husserl-Archiv so genannten "Bemauer Zeitmanuskripte",
die sich aber nicht im Archiv befinden. Ich komme noch darauf zurück.
3. Viel schwieriger ist es dagegen zu sagen, um welche Manuskripte
es sich da handelt. Der Titel" Urteilstheorie" ist dabei nicht entscheidend,
weil man weiß, wie weit Russerl diesen Ausdruck verstand. Vielleicht wa-
ren das Notizen zu dem von mir im Jahre 1912/13 gehörten logischen Kol-
leg. Es ist aber eher unwahrscheinlich, da Russerl bald nach der Er-
wähnung dieses Manuskript-Konvoluts über die Änderung seines in den
"Prolegomena" eingenommenen Standpunktes schreibt, und davon war -
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

wie ich schon früher bemerkt habe - in dieser Vorlesung nicht die Rede.
Es scheinen also eher gewisse früher geschriebene Handschriften zu sein,
welche in der Vorlesung 1912/13 eben nicht verwendet wurden. Es wäre
wichtig, im Archiv-Husserl nach diesem Konvolut Nachforschungen
durchzuführen und sie einem genauen Studium zu unterziehen, weil man
auf diesem Wege die ersten Anfänge der erst in der "Formalen und tran-
zendentalen Logik" dargestellten Auffassung der logischen Gebilde finden
und das Datum ihrer Entstehung bestimmen könnte *.
4. Freilich sind die in diesem Briefe gegebenen Informationen über diese
Änderung des Standpunktes sowie über die neue Auffassung nicht klar ge-
nug. In den "Prolegomena" werden die Sätze, "Urteile", für ideale Gegen-
ständlichkeiten gehalten. Dies scheint jetzt preisgegeben zu sein. Wie aber
die Seinsweise der Sätze positiv zu bestimmen ist, ist diesem Brief nicht zu
entnehmen. Es ist da von der "Unabhängigkeit des Sinnes eines Satzes
von dem zufälligen Urteil (von dem Urteilen? R.I.) und dem Urteilenden"
die Rede. Was soll es aber bedeuten, wenn sogleich gesagt wird, daß diese
"Unabhängigkeit" noch nicht besagt, "daß das Ideal-Identische ein Spe-
zifisches ist"? Dabei wird dieses Problem mit der Unterscheidung zwi-
schen "Tatsachen- und Wesenswahrheiten" irgendwie in Zusammenhang
gebracht, während die Seinsweise des Satzes bzw. des Satzsinnes in allen
Fällen dieselbe zu sein scheint, ganz unabhängig davon, ob der Satz sich
auf ein Tatsächliches oder auf ein Ideales, "Spezifisches" bezieht.
Zu erwähnen ist noch, daß ich im Frühjahr 1918 in Krakau mit einigen
Freunden das Problem der Wahrheit besprochen habe und Husserl dar-
über schrieb. Die darauf erhaltene Antwort Husserls war für uns außer-
ordentlich interessant.

ad VIII. (I6. )(1. I9I8)


5. Der Brief VII ist vom 27. IV. 1918 datiert. In der Zwischenzeit zwi-
schen Ende April und Mitte November habe ich ganz sicher mehrmals an
Husserl geschrieben und auch Briefe von ihm erhalten. Leider habe ich sie
im Jahre 1939, als ich die Briefe Husserls abgeschrieben habe, nicht auf-
gefunden, und ich weiß nicht, was mit ihnen geschehen ist. Ich habe im
Jahre 1918 mehrmals den Aufenthaltsort gewechselt, vielleicht sind diese
Briefe bereits damals verloren gegangen. Sicher ist nur, daß ich in Juli
1918 einen langen, etwa 20 Druckseiten umfassenden Brief an Husserl ge-
schrieben und Ende Juli d.]. abgeschickt habe **. Ich erhielt damals einen
Brief von Edith Stein, in welchem Sie mich benachrichtigte, daß sie Ma-
nuskripte Husserls zur neuen Auflage der VI. Logischen Untersuchung zu
ordnen und zu redigieren erhalten habe. Sie war von diesen Texten sehr be-
eindruckt, obwohl sie sie nicht für fertig und druckfähig hielt. So wurde in
mir die Frage wach, wie die VI. Untersuchung umzuarbeiten wäre, was an
ihr zweifelhaft erscheint und auf das Niveau der Ideen gebracht werden
könnte. Auf Grund einer neuen Lektüre der VI. Untersuchung (wie sie in
der ersten Auflage vorlag) schrieb ich dann eine Reihe kritischer Bemer-
kungen zu ihr sowie einige Vorschläge neuer Formulierungen. Daran
knüpfte ich einige kritische Bemerkungen zu Husserls transzendentalem
Idealismus an - die ersten, die ich überhaupt bei Husserl vorgebracht ha-
* Während meines kurzen Besuchs in Louvain (xg66) konnte ich dies natürlich
nicht machen .
.. Das ist eben jener einzige Brief, deren Text im Konzept erhalten geblieben ist.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

be. All das habe ich Husserl geschickt, weil damals der Anschein bestand,
daß er sich an eine neue Redaktion der VI. Untersuchung setzen wollte *,
und ich dachte, daß meine Bemerkungen für ihn interessant sein könnten.
Was den Idealismus betrifft, so haben wir mit Frl. Stein noch in der Frei-
burger Zeit mehrmals darüber gesprochen, und im Laufe der Zeit ver-
größerten sich die Zweifelsfragen in mir; so war es nicht verwunderlich,
daß es eines Tages zu einer offenen Darstellung meiner Bedenken kommen
mußte. Die kritischen Gedanken zu der VI. Untersuchung gaben noch
einen Anstoß dazu. So entstand jener Brief, im Grunde eine kleine Ab-
handlung, die ich in vier Umschlägen an Husserl abgeschickt habe. Ich
kann mich jetzt nicht mehr erinnern, was Husserl mir darauf antwortete.
Es war damals eine schwere Zeit für ihn. So faßte er sich nur kurz. Dann
kam der politische Zusammenbruch des Deutschen Reiches, eine neue
Verwundung des ältesten Sohnes Husserls und endlich eine schwere
Grippe von Husserl selbst. So bekam ich als nächsten Brief erst den Brief
vom 16. XI. 1918. Aus dem Texte dieses Briefes geht hervor, daß ich Ende
Septembers einen Brief von Husserl erhalten haben mußte, da ich aus ihm
über die Krankheit Husserls und die Verwundung Gerharls erfahren habe,
worauf ich meinen Brief an Husserl schrieb, den er am 16. XI. beantworte-
te. Der Satz im Briefe Husserls: "sehr dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie
dabei blieben, wie früher besprochen, die VI. der Logischen Unters. für
mich durchzugehen und die nötigen terminologischen und sachlichen An-
gleichungen an die 5. Untersuchung der 2. Auflage zu vollziehen. Sie wür-
den sich vielen Dank damit erwerben und mir den Neudruck im Jahre
1919 ermöglichen". - beweist, daß Husserl meine Bemerkungen in dem
langen Briefe durchaus positiv aufgenommen hat und mir den Vorschlag
zu einer Mitarbeit gemacht hat. Der Gedanke an eine Zusammenarbeit,
der am Schlusse dieses Briefes zum Ausdruck kommt und der dann mehr-
mals beiderseits in unseren Briefen auftaucht, war aber nicht so leicht zu
realisieren. Die große Entfernung, sowie die vielen Beschäftigungen, die
ich als Gymnasiallehrer vom 1. September 1918 an, zunächst im Lublin
und dann seit dem 1. IX. 1919 in Warschau, zu erfüllen hatte, haben mir

• Bekanntlich erschien die zweite Auflage der "Logischen Untersuchungen" ohne


die VI. Untersuchung. Husserl bereitete damals, im Jahre 1913, eine neue Redaktion
dieser Untersuchung vor, welche den relativ größten Änderungen unterliegen sollte.
Im selben Jahre 1913 hat mir Herr Alexander Rosenblum, der es von Adolf Reinach
wußte, erzählt, daß sogar mit dem Druck dieser neuen Redaktion begonnen wurde,
Husser! aber in einem gewissen Augenblick den schon gesetzten Teil zurückgezogen
hat; und so mußte die neue Auflage der "Logischen Untersuchungen" vorläufig ohne
die VI. Untersuchung erscheinen. Bis zum Ausbruch des Krieges gelang es Husserl
nicht, die neue Redaktion fertigzustellen; dann kam der Krieg, Husserl wandte sich
anderen Problemen zu. Die Nachricht Edith Steins, daß es doch zu einer neuen Be·
arbeitung zu kommen schien, war also sehr wichtig, und so hatte ich die Hoffnung,
dazu eine Anregung zu geben. In einigen Wochen kam es aber zu der Umwälzung in
Deutschland mit verschiedenen persönlichen Sorgen und Schwierigkeiten für Husserl,
so daß diese ganze Frage verschoben werden mußte. Die wirklich neue Redaktion der
VI. Untersuchung ist nie zum Abschluß gekommen. In der dritten Auflage der "Lo·
gischen Untersuchungen" wurden nur unwesentliche redaktionelle Änderungen ein-
geführt. Es würde sehr interessant sein, die Manuskripte, die Edith Stein gelesen und
geordnet hat, zu untersuchen und zu klären, in welche Richtung die Änderungen der
neuen Redaktion gingen. - Vgl. vorläufig die Informationen in dem Artikel von R.
Boehm, "Husserl et l'idealisme c1assique", Revue philosophique de Louvain, 1959.
S. 374f., Anm. 74.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

meine philosophische Tätigkeit sehr erschwert; so bin ich über gewisse


vorbereitende Arbeiten bezüglich der VI. Untersuchung nicht hinaus-
gekommen. Im Winter 1918/19 arbeitete ich an der Schrift, die dann in der
ersten Festschrift für Husserl im Jahrbuch IV als Bruchteil erschienen
ist. Der Rest, der eine Einteilung der verschiedenen Typen der konstitu-
tiven Problematik enthält, ist bis jetzt in Maschinenschrift geblieben.

ad IX. (I3. III. I920)


6. Zwischen dem Brief VIII vom 16. XI. 1918 und dem Brief IX fehlen
weiderum mehrere Briefe Husserls, die nicht erhalten geblieben sind. Ich
habe mich mit Husserl mehrmals bezüglich der endgültigen Fertigstellung
des Textes meiner Dissertation, die im Jahrbuch erscheinen sollte, ver-
ständigt und ihm auch über die sich wandelnden Schicksale meiner selbst-
über meine Arbeit in Lublin, die Übersiedlung nach Warschau, die Ver-
mählung mit meiner Frau u.s.w. - berichtet und Husserl hat sicher darauf
reagiert. Leider kann ich nicht sagen, wo seine diesbezüglichen Briefe ver-
loren gegangen sind.
7. Die erste in diesem Brief erwähnte Vorlesung hatte den genauen
Titel "Einleitung in die Philosophie" und wurde im WS 1919/20 gehalten.
Im Husserl-Archiv gibt es handschriftliche Notizen zu dieser Vorlesung,
Signatur F I 40. Die Vorlesung "Natur und Geist" wurde nach den im
Husserl Archiv vorhandenen handschriftlichen Notizen Husserl im Som-
mersemester 1919 gelesen, Signatur F I 35, wobei die handschriftliche Be-
merkung Husserls steht: "unpassender Titel". Im Sommersemester 1920
hat Husserl die "Ethik" gelesen (Signatur der handschriftlichen Notizen
F I 28).

ad XII. (I2. XII. I920)


8. In diesem Briefe ist die erste Nachricht von der "transzendentalen
Logik" enthalten. Leider ist das eine nur mittelbare Information, da sie
von Frau Malvine Husserl stammt. Sie beruht aber nicht auf einer bloßen
Erzählung dessen, was etwa Husserl seiner Frau über seine Vorlesung er-
zählt hätte. Denn Frau Professor Husserl hat ständig die Vorlesungen
ihres Mannes besucht. Nichtsdestoweniger war sie nicht in dem Maße zu-
verlässig, daß man sich ausschließlich auf diese Information berufen
könnte.
9. Zu beachten in diesem Briefe ist ferner die Information, daß Husser!
längere Zeit in diesen Ferien in St. Märgen verbracht hat. Nach den In-
formationen, die man mir im Husserl-Archiv gegeben hat, war St. Märgen
ein Ort, wo Husserl wissenschaftlich sehr aktiv war und sehr viel geschrie-
ben hat. Man hält im Husserl-Archiv die Handschriften, welche in St.
Märgen entstanden sind (die aber, wie es scheint, noch auf eine Bearbei-
tung warten), nicht bloß für sehr zahlreich und umfangreich, sondern
zählt sie auch zu den wichtigsten Handschriften Husserls überhaupt.

ad XIII. (30. XII. I920)


10. In diesem Briefe findet sich die erste von Husserl selbst gegebene
Nachricht über die "transzendentale Logik", wobei auffällt, daß Husserl
schreibt: "Ich lese 'Logik', in Wahrheit ist es transzendentale Logik",
worauf dann sofort kommt: "allgemeine Theorie der Constitution, an-
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN I43
fangend von einer Theorie des ursprünglichen Zeitbewußtseins, Urteils-
theorie" . Das ist alles. Das ist so wenig, daß ich mich natürlich nicht orien-
tieren konnte, in welchem Sinne da noch von "Logik" - wenn auch einer
"transzendentalen" - die Rede sein kann. Auch als ich viele Jahre später
die "Formale und transzendentale Logik" erhalten und gelesen habe,
konnte ich ihren Inhalt mit dieser Information nicht recht verbinden.
Erst jetzt, nachdem die "Analysen zur passiven Synthesis" (Husserliana
Bd. XI) erschienen sind, die zum großen Teil die Handschriften der Vor-
lesung des WS 1920/21 benutzen, hat sich geklärt, was Husserl eigentlich
damals vorgetragen hatte und wie die Probleme der Vorlesung mit der
später veröffentlichten "Formalen und transzendentalen Logik" zusam-
menhängen. Bezeichnend ist, daß der Herausgeber dieser Betrachtungen
Husserls lange geschwankt hat, wie sie zu betiteln seien, und sich doch
letzten Endes zu dem Titel "passive Synthesis" entschlossen hat.
11. Die Wendung Husserl: "Ihre kleinere Abhandlung soll noch in IV
erscheinen" bezieht sich auf meine Arbeit "über die Gefahr einer Petitio
Principü in der Erkenntnistheorie". Sie wird offensichtlich der "größe-
ren" Arbeit entgegengesetzt, d.h. meiner Dissertation über Bergson, die
erst im Jahrbuch V erschienen ist.
12. Herr Alexander Rosenblum, nach den Husserl fragt, hat bei Hus-
serl noch vor dem ersten Weltkriege studiert; später lebte er mehrere
Jahre in München, wo er in nahen Beziehungen zu den dortigen Phäno-
menologen stand. Er war philosophisch gut gebildet und ist in phänome-
nologische Probleme weit eingedrungen, hat aber, so wie z.B. auch Dau-
bert, nie etwas publiziert. Zur Zeit des Briefes Husserls war er Gymmna-
sial-Lehrer in Warschau. Ich verdanke ihm viele gute Stunden philoso-
phischer Diskussionen sowohl schon in Göttingen, als auch später in War-
schau. Alle seine handschrütlich vorhandenen philosophischen Arbeiten
sind leider während des Aufstandes in Warschau im Jahre 1944 verbrannt
worden. Rosenblum - seit dem Jahre 1938 nach dem Namen seiner Mut-
ter: Augustowski - ist in den 50er Jahren in Warschau gestorben.

ad XIV. (:a8. III. I9ZZ)


13. Ich hatte die Absicht, die "Logischen Untersuchungen" zu über-
setzen und bat Husserl um die Erlaubnis, es tun zu dürfen. Husserl hat
dem zugestimmt. Leider ist es mir aber nicht gelungen, bei uns einen Ver-
leger dafür zu finden. Für die Phänomenologie war damals in Polen - und
auch mehrere Jahre später - keine gute Stimmung vorhanden. Die so ge-
nannte "Lemberg-Warschauer Schule" (ursprünglich Schüler von Twar-
dowski mit J. Lukasiewicz, T. KotarbÜlski und St. Lesniewski an der
Spitze) hatte sich in den zwanziger Jahren zu einer stark neopositivistisch
gefärbten logistischen Strömung entwickelt. Neben ihren rein formalen,
logistischen Arbeiten, in welchen sie wirkliche Erfolge erzielt hat, vertrat
sie eine eigentümliche Philosophie der Leugnung der Philosophie. Mit ih-
rem unerschütterlichen Glauben an die Macht der mathematischen
Methode, welche die Philosophie "retten" oder eher als eine unwissen-
schaftliche Betätigung beseitigen sollte, verband sich die Tendenz der
sogenannten "Kariokinese" der Philosophie, nach welcher es nur eine
Reihe philosophischer Wissenschaften geben sollte, die nichts Gemein-
sames charakterisieren sollte. Ganz Warschau lebte von der Bildung im-
mer neuer deduktiver axiomatischer logischer Systeme. Die Formalisie-
I44 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

rung ging so weit, daß man "formale" und "formalisierte" Systeme bil-
dete, die mit der Logik und den logischen Gebilden schon nichts mehr ge-
mein hatten. Nur dort, wo man die symbolische Technik der Mathematik
anwendete, glaubte man mit einer "strengen", "exakten" Begriffsbildung
zu tun zu haben. Jede andere Sprache, und insbesondere die sogenannte
"Umgangssprache", galt für unexakt und sollte zu den sogenannten Para-
doxien führen. So bildete man zur Gestaltung der formalen Systeme nur
künstliche Sprachen. Und hier, bei der Bildung einer künstlichen Sprache,
versagte die deduktive Methode, weil man da an dem Ausgangspunkt aller
Deduktion stand. Man ist also einem radikalen Konventionalismus zum
Opfer gefallen, der einerseits mit einer physikalistischen Theorie der
Sprachgebilde, andererseits mit einer gleichfalls radikalen Skepsis allem
unmittelbaren Erkennen und insbesondere allem intuitiven Erfassen
gegenüber zusammenging. Damit war nicht bloß Bergsons Intuitionismus,
sondern auch die Phänomenologie mit ihrer ganz anders verstandenen
intuitiven Arbeitsweise gerichtet. Twardowski selbst begriff bald, wie weit
die "Warschauer Schule" von seiner deskriptiven Psychologie im Sinne
Brentanos abgegangen war. Er protestierte auch, in einem bemerkens-
werten Artikel unter dem Titel "Symbolomanie und Pragmatophobie".*
Aber Twardowski war in dieser Zeit selbst der Philosophie gegenüber
skeptisch eingestellt. So war die allgemeine philosophische Atmosphäre in
Polen in jener Zeit für die Publikation der "Logischen Untersuchungen"
nicht günstig, und die schwierige ökonomische Situation Polens er-
schwerte noch die Versuche, einen Verleger für ein so umfangreiches Buch
zu finden.

ad XVII. (25. XI. I92I)


14. Sowohl in diesem als auch in dem vorigen Brief vom 6. VIII. 1921
schreibt Husserl von konzentrierten Arbeit an alten und neuen Manu-
skripten. Zum ersten Mal auch steht hier der Ausdruck: "ich plane ein
großes systematisches Werk, das von unten aufbauend als Grundwerk der
Phänomenologie dienen könnte." Die Erwähnung dieses Planes wieder-
holt sich später in mehreren Briefen fast bis in die Mitte der dreißiger
Jahre. An keiner Stelle wird aber etwas näheres darüber geschrieben, es
können also nur Vermutungen darüber angestellt werden. Nach den bis-
herigen Erforschungen im Husserl-Archiv scheint es nicht, daß es ein
grösseres zusammenhängendes Manuskript gibt, welches diesem geplanten
Werk entsprechen würde. Freilich kann man dies noch nicht mit Ent-
schiedenheit sagen, da - wie mir scheint - noch nicht alle Handschriften
Husserls abgeschrieben und durchforscht wurden. Vorläufig möchte ich
nur notieren, daß - wie schon oben bemerkt - es große Ansammlungen
von Handschriften gibt, die in St. Märgen entstanden sind, wie dies gerade
im Sommer und Herbst 1921 der Fall war. Man hat mir auch im Husserl-
Archiv mitgeteilt, daß man für das Jahr 1921 sehr viele, etwa 20 verschie-
dene größere Manuskripte notiert, die unter vielen verschiedenen Signa-
turen stehen. Man hat mir u.a. folgende Signaturen genannt: BIll,
BI 13 III, BIll IO (genetische Konstitution), B III 12 IIl, B IV 6 I,

* Vgl. Ruch Filozoficzny, Bd. VI. S. I-IO, 1921. (Philosophische Bewegung, eine
philosophische, bibliographische Zeitschrift, die Twardowski vom Jahre I9II bis zu
seinem Tode 1938 herausgegeben hat.)
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN I45
außerdem eine Reihe mit der Anfangssignatur D, und zwar D 4, D 13 I,
D 13 IV, D 13 IX-XIII, D 13 XIV, D 13 XVII, D 19 - wobei aber nicht
sicher ist, ob alle diese Manuskripte aus St. Märgen stammen. Diese An-
gaben sollen nur dazu dienen, um auf diese Gruppe von Manuskripten, in
welcher die anfänglichen Studien Husserls zu dem geplanten "systema-
tischen" \Verk sich befinden könnten, hinzuweisen und zu einer genaueren
Erforschung dieser Manuskripte anzuregen.

ad XVII. (24. XII. I92I)


15. Die Bemerkung Husserls über mein "erschwertes Leben" bezieht
sich darauf, daß ich seit Anfang September 1921 von Warschau nach
Thorn übergesiedelt war (da ich in Warschau keine gute Wohnung hatte)
und somit von dem philosophischen Leben in vVarschau sowie von den Bi-
bliotheken Warschaus abgeschnitten wurde. Philosophisch war ich vier
Jahre lang fast ganz isoliert, mußte auch meine Habilitationsschrift nur
mit Hilfe meiner eigenen Bücher schreiben. In Thorn gab es zu jener Zeit
keine Universität (sie wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg gegründet),
es gab nur eine Bibliothek des Staatsgymnasiums, an dem ich tätig war,
und außerdem noch eine Bibliothek der dortigen Wissenschaftlichen Ge-
sellschaft; in beiden gab es aber nur sehr wenige philosophische Bücher,
die mir dienlich sein konnten. Im Gymnasium, wo ich Mathematik und
philosophische Propädeutik gab, war ich gewöhnlich 30 Stunden wöchent-
lich beschäftigt, was natürlich für meine wissenschaftliche Arbeit nicht
besonders günstig war. So dauerte die Vorbereitung meiner Habilitations-
schrift länger, als ich ursprünglich dachte. Im Sommer 1923 habe ich mei-
ne "Essentialen Fragen" als Habilitationschrift an Professor Twardowski
in Lemberg abgeschickt, aber erst am 24. Juni 1924 fand das Colloquium
an der Philosophischen Fakultät der Lemberger Universität statt.

ad XVIII. (I4. XII. I922)


16. Zwischen dem vorigen und dem Brief XVIII sind anscheinend
mehrere Briefe Husserls gewesen, die aber leider im Jahre 1939 von mir
nicht gefunden wurden. Dafür spricht sowohl die fast ein ganzes Jahr
dauernde Pause zwischen den beiden Briefen als auch die Tatsache, daß
Husserl in diesem Briefe von den Londoner Vorträgen so schreibt, als
seien sie für mich etwas bereits Bekanntes.

ad XIX. (3I. VIII. I923)


17. Der Plan, die "Londoner Vorträge" zu einer größeren Publikation zu
erweitern, wurde nicht realisiert. Dagegen stellt Rudolf Boehm - unter
Verweis auf diesen Brief Husserls - in seiner Einleitung zu der "Ersten
Philosophie" Husserls fest, daß die Vorlesung Husserls ,,~Einleitung in die
Philosophie" im Wintersemester 1922/23 in Freiburg eine "unmittelbar
auf Grund der ,Londoner Vorlesungen' - unter teilweise wörtlicher Ver-
wendung ihres Textes, aber in bedeutender Ausarbeitung und Erweiterung
ihres Gedankenganges -" ausgearbeitete Vorlesung war. Ich habe die
Londoner Vorträge im Jahre 1927 in einer Maschinenabschrift gelesen.
Leider sind mir aber die Notizen, die ich mir damals von ihnen gemacht
habe, während des letzten Krieges verloren gegangen. Und meinem bloßen
Gedächtnis darf ich nicht trauen. Nach dem aber, was ich aus jener Zeit
146 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

(1927) behalten habe, scheint es mir, daß jedenfalls die "Erste Philoso-
phie" sehr weit über die Londoner Vorträge hinausgeht, da in ihnen, wie
mir scheint, noch von den ziemlich komplizierten Betrachtungen über die
Wege zu der phänomenologischen Reduktion wenig vorhanden war.
R. Boehm, der ja doch die Londoner Vorträge im Original im Husserl-
Archiv hat, muß natürlich Recht haben. Das, was ich hier sagen will, ist
nur, daß Husserl nach meinem Eindruck in den Vorlesungen, die der
"Ersten Philosophie" zugrundeliegen, außerordentlich schöpferisch war
und im Vergleich zu den Londoner Vorträgen (die ja doch nur eine relativ
kleine Schrift sind) große Fortschritte gemacht hat. Husserl selbst hält
auch diese Betrachtungen für eine neue Errungenschaft, wie dies aus den
weiteren Teilen dieses Briefes hervorgeht.

ad XX. (25. II. I924)


18. Die Schrift, welche Frau Husserl da erwähnt, ist meine Habilita-
tionsschrift. Sie war an der Philosophischen Fakultät der Lemberger Uni-
versität eingereicht. Nach den damaligen Vorschriften mußte sie bei der
Habilitation fertig gedruckt vorliegen. Nach den Informationen von Pro-
fessor Twardowski sollte sie auch als eine Publikation der Lemberger Wis-
senschaftlichen Gesellschaft (wo sie von Twardowski vorgelegt wurde) er-
scheinen. Indessen, Anfang Februar 1924 schrieb mir Twardowski, daß
wegen der damaligen schwierigen finanziellen Lage des polnischen Staates
Budgetrestriktionen vorgenommen wurden, in deren Folge die Subven-
tion für die Wissenschaftliche Gesellschaft bedeutend herabgesetzt wurde.
So mußte der Druck meiner Arbeit für etwa zwei Jahre verschoben wer-
den. Als Lösung wurde vorgeschlagen, daß ein relativ umfangreiches Re-
sume in den Sitzungsberichten der Gesellschaft erscheine. Es ist mir dann
in den Sinn gekommen, daß ich die Arbeit auf deutsch schreiben und sie
eventuell im Jahrbuch publizieren könnte. So habe ich mich an Husserl
mit der Anfrage gewendet, ob Husserl diese Arbeit annehmen könnte.
Der Brief von Frau Professor Husserl bildet die Antwort auf meine An-
frage. Danach habe ich die deutsche Redaktion der "Essentialen Fragen"
in drei Monaten niedergeschrieben, so daß während meines Habilitations-
colloquium auf dem Tisch der Fakultät bereits zwei Druckbogen der Kor-
rekturen meiner Habilitationsschrift lagen.

ad XXI. (I6. VI. I924)


19. Die hier angekündigte Kant-Rede ist von Husserl nicht publiziert
worden. Veröffentlicht hat sie R. Boehm im ersten Band der "Ersten
Philosophie" unter den Ergänzenden Texten, a.a.O. S. 230-287, unter dem
Titel: "Kant und die Idee der Transzendentalphilosophie".

ad XXII. (27. IX. I924)


20. Ist die hier erwähnte "Abhandlung für das Jahrbuch" die im vori-
gen Briefe genannte "Kant-Rede" - oder handelt es sich um etwas ganz
anderes? Es scheint aber, daß die "Störung" doch gekommen ist, da im
Jahrbuch nichts erschien.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 147
ad XXIII. (9. XII. I924)
21. Das "Paket", von dem Frau Husserl schreibt, enthielt eine Anzahl
meiner kleinen Arbeiten aus meiner Studienzeit, die ich bei der Abreise
von Freiburg im Januar 1918 bei Husserl zurücklassen mußte, weil wegen
des Krieges gar keine Schriftstücke durch die Grenze durchgelassen wur-
den. Das war alles, was ich aus meiner Studentenzeit gerettet habe.

ad XXIV. (wahrscheinlich Weihnachten I924)


22. Der Brief ist undatiert und der Umschlag ist nicht erhalten ge-
blieben. Die Angabe der wahrscheinlichen Entstehungszeit des Briefes
habe ich bei dem Abschreiben der Briefe im Winter 1939 gemacht. Herr
Rudolf Boehm bezweifelt, daß ich darin recht habe (vgl. Einleitung des
Herausgebers, S. XXIII, "Erste Philosophie", Bd. 1. Husserliana VII),
und schlägt vor, "das Datum zumindest auf das Ende des Wintersemesters
1923/24 anzusetzen". Daß ich aber doch recht habe, dafür spricht vor al-
lem der vorige Brief von Frau Husserl, welche den "lange versprochenen
Brief" Husserls für die Zeit der Weihnachtsferien ankündigt. Zweitens bil-
det dieser Brief eine Antwort auf meine Ankündigung, daß das "Paket" an
mich angelangt ist. Auch die Anknüpfung an mein Gespräch mit dem
Herrn Scheyer, der sich an gleichem Tage mit mir in Lemberg habilitierte
und dann Professor für indische Philologie in Warschau wurde, weist auf
dasselbe hin. Er hat unmittelbar nach meiner Habilitation mir über die
Zustände in Freiburg erzählt.
23. Mein "Schweizer Plan", von dem Husserl in diesem Briefe schreibt,
war die Idee, daß ich meine Habilitation nach Basel übertrage, von wo aus
ich Husserl öfters besuchen und auf diesem Wege einige Zeit mit ihm zu-
sammenarbeiten könnte. Das Abgeschnittensein von Husserl durch die
große Entfernung empfand ich immer als einen sehr mißlichen Zustand,
und Husserl sprach auch oft den Wunsch aus, daß ich nach Freiburg kom-
me. Einen längeren Urlaub zu bekommen, war sehr schwierig. Aber auch
der "Schweizer Plan" erwies sich als nicht realisierbar. Nachdem mir
Husserl die Schwierigkeiten klargelegt hat, habe ich auch keine Schritte
unternommen, um ihn zu realisieren.
24. Neben der Erwähnung der Vorlesung über die "Erste Philosophie"
nennt hier Husserl noch eine zweite wichtige Vorlesung, von der er
schreibt, daß sie "einen Entwurf einer Kritik der transzendentalen phäno-
menologischen Erkenntnis als letztes Fundament einer jeden objektiven
Erkenntniskritik" enthielt. Nach der Information, die ich im Husserl-
Archiv erhalten habe, handelt es sich da um die Vorlesung "Einleitung in
die Philosophie" im WS 1922/23; vgl. Husserliana Bd. VII, S. XXII.
25. Aus diesem Briefe erfahren wir die Angabe der Zeit, in welcher Hus-
serl die "Erweiterung der Reduktion auf die Intersubjektivität" zum er-
sten Male durchgeführt hat. Es soll die Vorlesung im WS 1909/10 sein *.
Aus der Notiz Husserls auf dem Titelblatt der Vorlesung vom SS 1915

* In Boohms Zusammenstellung der Vorlesungsmanuskripte wird diese Vorlesung


nicht angegeben. Man hat mir im Husserl·Archiv gesagt, es handle sich vielmehr um
die Vorlesung WS 19IO/II, welche in der erwähnten Zusammenstellung Dr. Boohms
den Titel "Grundprobleme der Phänomenologie" trägt und die in den Handschriften
nur zum Teil vorhanden ist. Es ist, wie es scheint, nicht leicht, das genaue Datum der
Erweiterung der Reduktion auf die Intersubjektivität zu bestimmen.
148 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

wissen wir, daß Husserl vollkommen vergessen hat, über diese "Erweite-
rung" zu sprechen. Aber auch in den "Ideen I", sowie auch in den "Ideen
U" und "lU" wird sie nicht erwähnt. In diesem Briefe wird aber noch an-
gedeutet, daß diese Probleme aufs neue und in einer "abgerundeten" Ge-
stalt vorgetragen wurden, freilich aber ohne eine genauere Angabe der
Zeit, wahrscheinlich aber schon in den zwanziger Jahren. Erst aber in
den Kartesianischen Meditationen wird die Intersubjektivität publice
eingeführt und ausführlich behandelt. So kreuzen sich miteinander die
Linie der konkreten Arbeit Husserls mit der Linie der Entwicklung seiner
mündlichen Wirkung in den Vorlesungen und Seminaren und endlich die
Linie der Entfaltung der Husserlschen Phänomenologie in den von ihm
gedruckten Werken. All das zu Husserls Lebzeiten selbst. Und eine neue
Geschichte des Lebens der Phänomenologie entfaltet sich erst - in einer
bei weitem geänderten philosophischen und überhaupt kulturellen At-
mosphäre - nach dem zweiten Weltkriege infolge des Erscheinens der
"Husserliana". Dieses komplizierte Spiel der verschiedenen Aspekte der
Husserlschen Philosophie erschwert sehr das richtige Verständnis der
rein sachlichen, systematischen Zusammenhänge zwischen den Gliedern
der komplizierten Struktur des Ganzen dieser Philosophie, die trotz ihrer
Unabgeschlossenheit, oder besser gesagt, Offenheit doch wenigstens in
ihrer theoretischen Fundamenten ein aus den letzten und wieder er-
neuerten Intuitionen Husserls sich aufbauendes theoretisches Ganze ist.
Gewisse Motive, gewisse Tendenzen - sowohl rein sachlicher als auch me-
thodologischer Natur - ziehen sich durch das ganze wissenschaftliche Le-
ben Husserls und ihre immer tiefere und konkretere Realisierung in den
einzelnen Phasen Husserlscher Arbeit ermöglicht eine langsame Heraus-
kristallisierung der letzten Gestalt der Husserlschen Philosophie, die die
beständige Sehnsucht seines unermüdlichen Lebens bildete.
26. So taucht immer wieder und immer konkreter und intensiver der
Gedanke der "Meditationes de prima philosophia" auf, viele Jahre, bevor
es zur Gestaltung der "Cartesianischen Meditationen" gekommen ist, und
auch später, nachdem ihre zum Druck ausgereifte Gestalt Wirklichkeit ge-
worden ist. Denn sobald die "Meditations Cartesiennes" erschienen sind,
findet Husserl diese Realisierung eines seiner Grundgedanken unbefriedi-
gend und beginnt eine weitere, verbesserte "Ausarbeitung" dessen, was
doch nur eine Annäherung an die Idee eines solchen theoretischen Ideals
war. Auch in diesem Briefe, einige Jahre vor der Reise nach Paris, taucht
der Titel der "Meditationen" auf. Es ist also nicht allein sicher, daß der
Titel "Meditations Cartesiennes" keine bloße Höflichkeit den Franzosen
gegenüber war, sondern auch, daß die nach der Publikation der "Ersten
Philosophie" von verschiedenen Seiten ausgesprochene Auffassung, daß
sich in diesem Werke ein Bruch Husserls mit dem "Cartesianismus" voll-
zogen hat, nicht überzeugend ist. Die Bemühungen Husserls in jenem
Jahre, wo die Erste Philosophie tatsächlich in Entstehung begriffen war,
gingen nur dahin, eben den letzten, wie Husserl bis zum Schluß glaubte,
wesentlichen und für die Philosophie durchaus unentbehrlichen richtigen
Kern der Cartesianischen "Meditationes de prima philosophia" auf eine
völlig einwandfreie Weise zu realisieren. Und eben in diesen unermüd-
lichen Bemühungen hat sich Husserl zum Bewußtsein gebracht, wie
schwierig diese Aufgabe zu lösen ist, aber diese Schwierigkeit hat ihn vom
Versuch ihrer Lösung keineswegs abgebracht.
27. In diesem zunächst etwas pessimistisch klingenden Briefe kommt es
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN I49
zur Kristallisierung des Bewußtseins Husserls, wie groß und bedeutend die
Fortschritte waren, welche er in der Realisierung seiner innersten Haupt-
gedanken in den zwanziger Jahren gemacht hat. Und es war nicht bloß ein
subjektiver Eindruck, sondern die wirkliche Gang einer realen Entwick-
lung, freilich einer Entwicklung, die eine Gefahr in sich barg, welche Hus-
serl selbst sich nicht zum Bewußtsein gebracht hat. Im Zusammenhang
damit erlaube ich mir hier einen Ausschnitt aus einem Briefe von Edith
Stein von 9. X. 1926 an mich zu zitieren, der zwar zwei Jahre später ge-
schrieben wurde, aber im Grunde dieselbe Sachlage beschreibt, die schon
im Jahre 1924 sich zu realisieren begann; Edith Stein schreibt mir:

"St. Magdalena 9. r. 1926.


Lieber Herr Ingarden, nun will ich einen Brief zustande bringen, der Sie
erreicht. In der vorigen Woche war ich 3 Tage in Freiburg. Es waren ver-
schiedene persönliche Verpflichtungen, die mich mitten in der Schulzeit
dahin riefen und der Besuch bei Husserl wurde nur bei der Gelegenheit
,mitgenommen'. Aber natürlich war er mir im Grunde die Hauptsache
und ich war der Gelegenheit sehr dankbar. Ich habe den Meister sehr aus-
führlich gesprochen und er war äußerst gütig und herzlich von Anfang bis
zum Ende. Er hat mir genau über die Fortschritte in den letzten Jahren
berichtet (Frau Malvine wollte zum Schluß von mir eine "Zensur" für
ihren Mann). Und in der Tat, es hat sich alles bei ihm zu einer großartigen
Einheit zusammengeschlossen, alle einzelnen Untersuchungen, die ich
früher kannte, fügen sich hinein und haben darin ihren teleologischen
Sinn. Aber - nun kommt das wirklich Tragische an der Sache - dieses
Ganze lebt wohl in ihm und er kann in guten Stunden davon sprechen,
doch ich bezweifle, daß er es je zu Papier, geschweige denn in den Druck
bringen wird, und er hat schlechterdings keinen Schüler, der ganz in sei-
nem Sinne arbeitet. Wenn er mal emeritiert wird, dann wird er vermutlich
selbst Heidegger als Nachfolger vorschlagen, und der geht eigene Wege.
Kaufmann und Becker, die er jetzt als Dozenten neben sich hat, stehen
scheint's Heidegger näher, jedenfalls entfernen sie sich auch an entschei-
denden Punkten von Husser!. Er fühlt das offenbar ohne [es] sich recht
eingestehen zu wollen. Als ich ihm klar machte, wo mein Weg sich von dem
seinen scheidet, war er sichtlich betroffen. Eine sachliche Bedeutung hat
ja das für ihn kaum, da ich nicht zu den Leuten gehöre, auf deren Arbeit
er rechnet. Aber er hatte mich doch - mit gutem Recht - zu den Aller-
treu esten gezählt und es sich nicht wohl recht denken können, daß er bei
mir auf eine Welt stoßen würde, die ganz außerhalb der seinen liegt. Auf
irgend eine Publikation in nächster Zeit ist nicht zu rechnen. Er wollte
einige kleinere Sachen ins Jahrbuch bringen, aber Kaufmann und Becker
rieten ihm dringend ab, in der richtigen Meinung, wenn nach 13 Jahren
etwas von Husserl käme, dürfte es keine kleine Seitenunternehmung sein,
sondern etwas von entscheidender Bedeutung ... ".

Diese letzten Sätze von Fr!. Stein können zum Teil erklären, warum die
von Husserl vorbereiteten Artikel für das Jahrbuch doch nicht erschienen
sind. Ich weiß aber nicht, ob der Husserl gegebene Rat wirklich gut war.
In Husserllebte immer eine gewisse Scheu vor der Publikation, die sich
dann mit der Vergrößerung der Zeit, die seit den "Ideen I" verlaufen ist,
immer verstärkte. Außerdem stellte Husserl hohe Forderungen an seine
eigenen Arbeiten, andererseits aber hegte er, sobald das Fieber der Arbeit
ISO ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

und die Welle der Intuition vorbei war, ein gewisses Mißtrauen seinen
Schriften gegenüber, und die Stimmung seiner Frau half ihm dabei gar
wenig.

ad XXV. (27. VI. I925)


28. Die am Anfang des Briefes genannte Vorlesung "Einleitung in die
phänomenologische Psychologie" (Signatur der handschriftlichen No-
tizen F I 36) bildete die erste Vorlesung zu diesem Thema; sie wurde
nachher noch zwei Mal vorgetragen (mit gewissen Änderungen) und ist im
IX. Bande der Husserliana von Walter Biemel veröffentlicht worden. Ihre
Bearbeitung ist nicht nur interessant als Realisierung einer von Husserl
mehrmals früher angekündigten Problematik, die der Problematik der
transzendentalen Phänomenologie gegenübergestellt wird und dadurch
auch eine Ergänzung der letzteren bildet, sondern auch aus dem Grunde,
daß sie den Anfang zu einer Methode der Einführung in die transzenden-
tale Phänomenologie bildet, welche dann von Husserl bei verschiedenen
Gelegenheiten verwendet wurde. Die Jahre, in welchen der Name der
Psychologie im Zusammenhang mit der Phänomenologie von Husserl ver-
mieden und die Verschiedenheit zwischen ihnen nur kurzerhand festgestellt
wurde und in welchen zugleich Husserl in weiteren Kreisen für einen Feind
der Psychologie gehalten bzw. die Phänomenologie als eine S.Z.S. "ver-
kappte" Psychologie behandelt wurde, waren vorbei. Husserl greift
selbst das Problem der Psychologie an und sucht ihre Verschiedenheit von
der naturwissenschaftlichen und positivistisch betriebenen Psychologie zu
erweisen. Ob dies den Vertretern dieser letzteren Psychologie viel geholfen
hat, um sowohl den Sinn der Phänomenologie als auch der "intentionalen
Psychologie" im Husserlschen Sinne zu verstehen und - was wichtiger war
- auch anzuerkennen, das ist eine andere Frage.
29. Herr Leopold Blaustein war Schüler von Twardowski. Er promo-
vierte später bei ihm auf Grund einer Dissertation u.d.T. "Akt, Inhalt und
Gegenstand bei E. Husserl". Nach der Rückkehr von Freiburg erzählte
er mir über seine Eindrücke von den Vorlesungen Husserls. U.a. berichtete
er über die weitere Ausgestaltung der Lehre über die phänomenologische
Reduktion, wobei er anscheinend Husserl zu viele Unterscheidungen zu-
geschrieben hat. Er war sehr begabt und entwickelte in den folgenden
Jahren bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges eine rege Tätigkeit,
vorwiegend im Geiste der deskriptiven Psychologie, wie sie Twardowski
betrieb. Als Jude wurde er im Jahre 1941 in Lemberg mit seiner Familie
erschossen.
30. Im September 1925 übersiedelte ich nach Lemberg und begann vom
WS 1925/6 an meine Lehrtätigkeit als Dozent an der Lemberger Universi-
tät, dazu kamen aber noch 30 Lehrstunden am Staatsgymnasium.

ad XXVI. (IO. XII. I925)


3I. Husserl schreibt in diesem Brief von meiner "Habilitationsschrift".
Tatsächlich handelt es sich um meinen Habilitationsvortrag, den ich un-
seren Vorschriften gemäß nach dem Habilitationscolloquium zu halten
hatte. Er hatte den Titel "Über die Stellung der Erkenntnistheorie im
System der Philosophie". Er wurde bei Max Niemeyer 1925 publiziert und
ich habe ihn dann Husserl geschickt. Mich leiteten ganz andere Probleme,
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 151

als diejenigen, welche Husserl in seinem Briefe andeutet. Aber ich ver-
stehe natürlich auch die Problematik, welche Husserl hier umschreibt.
32. Nicht zu umgehen sind hier die Bemerkungen Husserls über seine
eigene Arbeitsweise (vgl. den Abschnitt: Ich war in den Ferien ... ). Wenn
man nur ganz vorübergehend die Gelegenheit hatte, im Husserl-Archiv
in einige Handschriften-Konvolute hineinzusehen, so sieht man, wie wahr
diese Bemerkungen Husserls sind. Es sind vorwiegend große Sammlungen
von relativ kurzen Niederschriften, die jeweils einem eng begrenzten
Problem gewidmet sind. Bei der sehr großen intuitiven Konzentration auf
ein solches Problem verschwanden vor Husserls geistigem Auge große
Problemzusammenhänge, und es bedurfte erst einer besonderen Betrach-
tung, um diese Zusammenhänge herzustellen. Das war, wie es scheint, eine
spätere Phase der Bearbeitung des Problemgebietes, wenn Husserl ein
größeres Werk plante. Diese spätere Phase bot - wie es scheint - Husserl
viel größere Schwierigkeiten als die erste. Er war ein großer Analytiker
aber ein nicht so großer Synthetiker und Systematiker. Bei der Grund-
problematik, die Husser! besonders in den Freiburger Jahren beunruhigte,
als Husserl das Ganze des Problemgebietes der Phänomenologie zu er-
fassen suchte, war das ein ungünstiger Umstand. Und dies hatte eine um so
größere Bedeutung, als Husserls physische Kräfte im Laufe der Jahre im-
mer mehr beschränkt wurden und Phasen der Ermüdung nach sich zogen.
Darin lag einer der Gründe, welche Edith Stein dazu bewogen, daran zu
zweifeln, ob es Husserl gelingen werde, das großartige Ganze seiner Philo-
sophie - wie sie sagte - zu Papier zu bringen.

ad XXVII. (I6. IV. I926)


33. Es ist mir während meines kurzen Aufenthalts im Husserl-Archiv
nicht gelungen, zu erfahren, was für eine Schrift es war (bzw. sein sollte),
deren letzte Fassung am 8. April 1926 - nach Frau Husserl - begonnen
sein und die in ihrer ersten Hälfte bis zum Herbst fertig sein und im J ahr-
buch erscheinen sollte. Als ich im Herbst jenes Jahres nach Freiburg kam,
war das neue Jahrbuch VIII wirklich da und enthielt Heideggers "Sein und
Zeit", aber Husserls Schrift war nicht da. Beruht die Angabe der Frau
Husserl auf einem Irrtum, oder wollte Husserl wirklich etwas zum Druck
vorbereiten, was mißlang? Aber die Information von Frau Husserl ist in
sofern interessant, als sie ein neu es Anzeichen der Tatsache ist, daß Husserl
durch viele Jahre hindurch alle einzelnen Arbeiten unter der Richtschnur
der Vorbereitung eines großen systematischen Werkes, welche das Ganze
der Phänomenologie auf einem neuen vertieften Niveau zur Darstellung
bringen sollte, unternommen hat. Später mehren sich diese Anzeichen in
verschiedenen Andeutungen Husserls selbst in seinen Briefen.
34. Die Frage der Frau Husserl nach meiner "Einleitung in die Phäno-
menologie" bezieht sich auf meinen Plan, meine im Jahre 1919 erschienene
Arbeit u.d.T. "Die Haupttendenzen der Phänomenologen" (in polnischer
Sprache in der Zeitschrift "Przegl'ld Filozoficzny") in eine solche Einlei-
tung umzuarbeiten. Ich habe sogar einen Vertrag mit dem Niemeyer Ver-
lag geschlossen. Im Laufe des Jahre 1927 ist es mir aber gelungen, ein
Studienstipendium zu bekommen, es war mir also die Möglichkeit ge-
geben, wichtigere Arbeiten zu schreiben, so ist der Plan der "Einleitung"
fallen gelassen worden. Ich glaube aber, daß es bis heute keine gute "Ein-
führung in die Phänomenologie" gibt, welche auf eine relativ leichte, aber
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

doch präzise Weise denjenigen in die Phänomenologie einführen würde,


der nicht die Gelegenheit hat, Vorlesungen bedeutender Phänomenologen
selbst zu hören und dem zugleich die Schriften Russerls zu schwierig
sind.

ad XXVIII. (9. April I927)


35. Zwischen dem letzten Briefe Russerl vom 10. XII. 1925 und diesem
Brief liegen 16 Monate (abgesehen von dem Brief von Frau Russerl). Es
ist ganz unmöglich, daß eine so lange Unterbrechung in unserer Korres-
pondenz vorliegen könnte. Ich litt damals an sehr schlechten Arbeitsbe-
dingungen, daß ich aber fast anderthalb Jahre nicht an Russerl geschrie-
ben haben sollte und daß er nicht einmal mit einer Karte geantwortet
hätte, ist sehr unwahrscheinlich. Augenscheinlich sind also wiederum
einige Briefe Russerl verloren gegangen. Dies läßt sich aber nicht be-
weisen.
36. Rerr "M", dessen Namen Russerl in diesem Briefe erwähnt, ist der
damalige Doktor Renryk Mehlberg, der dann wirklich für einige Zeit zu
Russerl kam. Er ist jetzt Professor in The Chicago University in den Ver-
einigten Staaten. Er hat in den dreißiger Jahren eine schöne Arbeit über
die Zeit geschrieben ("Essai sur la theorie causale du temps", Studia Philo-
sophica Bd. I und Bd. Ir, Leopoli 1935 und 1937), in welcher er auch
Russerls Auffassung der Zeit berücksichtigte. Später hat er sich immer
mehr dem Neopositismus in der Behandlung der Probleme der Philosophy
of Science angenähert.

Besuch bei Husserl im Herbst I927


Endlich, nach fast 10 Jahren, ist es mir gelungen, Russerl zu besuchen.
Ich hatte ein Studienstipendium für sechs Monate erhalten. Zwei Monate
davon konnte ich für Freiburg bestimmen und mußte am 1. September
1927 meinen Urlaub beginnen. Ich bin auch an diesem Tage nach Frei-
burg gekommen, aber Russerl weilte noch im Schwarzwald und ist erst
Mitte September nach Freiburg zurückgekehrt. So hatte ich nur 6 Wochen
Zeit, um mit Russerl zu sprechen. Dabei war die Zeit des Urlaubs die
einzige Zeit, in welcher ich mindestens eine von den damals vorbereiteten
Studien (Das literarische Kunstwerk, Analyse der äußeren Wahrnehmung
und eine Betrachtung zur Grundlegung der Erkenntnistheorie) so zu ge-
stalten, daß sie in ein druckfähiges Stadium gebracht wurde. Ich mußte
also die in Freiburg verbrachte Zeit noch auf verschiedene Beschäftigun-
gen verteilen. Zunächst war von den Phänomenologen niemand da. Nach
einigen Tagen ist Fritz Kaufmann gekommen, den ich von meiner Göt-
tinger Zeit her kannte. Sobald Busserl kam, ging ich sofort zu ihm. Ich
fand ihn in guter Gesundheit, nur wenig gealtert und guter Laune. Frau
Malvine war wie unverändert. Wir begannen sofort, wissenschaftliche Ge-
spräche zu führen, die - wie einst - gewöhnlich am Abend stattfanden.
Russerl hat mir verschiedene nach dem Jahre 1918 entstandene Studien
(alle in Maschinenabschriften) zu lesen gegeben. Es waren zuerst zwei Vor-
lesungen unter dem gleichen Titel "Einleitung in die Phänomenologie"
aus dem Jahre 1921 und 1923 *. Dann waren es die "LondonerVorträge",
* Ich gebe den Titel und die Daten dieser beiden Vorlesungen so wieder, wie sie mir
im Gedächtnis geblieben sind, da mir meine diesbezüglichen Notizen verloren ge·
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 153
nachher die Steins ehe Redaktion der "Ideen II", sowie die ebenfalls von
Edith Stein redigierten "Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren
Zeitbewußtseins" , nachher die dritte oder vierte Redaktion des Encyclo-
paedia-Britannica-Artikels und endlich die "Ideen Ill", ebenfalls in der
Steinsehen Redaktion. Am interessantesten waren für mich die "Ideen
Il", während den größten Eindruck auf mich die "Vorlesungen zum inne-
ren Zeitbewußtsein" gemacht haben. Die "Ideen III" habe ich erst in den
letzten Tagen meines Aufenthaltes in Freiburg erhalten und konnte sie
nur flüchtig lesen *.
Nach jeder beendeten Lektüre sprach ich mit Husserl über die diesbe-
züglichen Probleme, wobei ich öfters meine Bedenken vorgelegt habe.
Husserl antwortete immer mit weitgehenden Ergänzungen und Aufklä-
rungen, welche über das im Text Gesagte weit hinausgingen. Meine Ein-
würfe hat er mir nie übel genommen und hat immer mit Gegenargumenten
geantwortet. Meine Offenheit schätzte er, sie war eine selbstverständliche
Voraussetzung unserer Gespräche, und meine Einwände regten ihn zum
Weiterdenken und zu neuen oft höchst interessanten Analysen an. Er war
aber immer betrübt, wenn ich oder irgend ein anderer von seinen nahen
Schülern ihm - besonders in prinzipiellen Fragen - nicht zustimmen konn-
te. Im Ganzen waren diese Gespräche für mich außerordentlich wertvoll.
Der Encyclopaedia-Britannica-Artikel machte Husserl damals viele
Sorgen. Er hat diese ganze Angelegenheit äußerst ernst genommen und
schrieb mehrere Redaktionen. Ich erhielt die dritte oder vierte Redaktion.
Husserl forderte mich auf, kritische Bemerkungen zu machen. Ich würde
einen solchen Artikel auf eine völlig andere Weise gestalten, als dies Hus-
serl tat. Ich würde nämlich eine möglichst bündige, aber zugleich er-
schöpfende Information über die bereits bestehenden phänomenologischen
Forschungen Husserls selbst und seiner Mirtabeiter geben. Aber Husserl
stellte sich zur Aufgabe, die Idee der Phänomenologie im Ausgang von der
phänomenologischen Psychologie in rein systematischer Erwägung zu
zeigen. Das war sein Wille, und ich meinte, es sei nicht meine Sache, da-
gegen etwas einzuwenden. Worauf ich also mein Augenmerk gerichtet
habe, waren die einzelnen Formulierungen, die nicht klar und präzis ge-
nug waren oder die eine verschiedene Deutung zuließen, zu notieren und
Husserls Aufmerksamkeit auf sie zu lenken; es waren also s.z.s. rein tech-
nische Fragen. Wir verbrachten dann zwei Vormittage mit der Bespre-
chung dieser Einzelheiten und Husserl war sichtlich zufrieden, daß ich
meine Aufgabe so aufgefaßt hatte. Er hat auch sofort an seinem Text ent-
sprechende Notizen gemacht. Aber die Arbeit an dem Artikel dauerte, so
viel ich weiß, noch längere Zeit. Ich bedauerte im stillen Herzen, daß
Husserl diesem Artikel so viel Zeit widmete. Ich war überzeugt, daß der
Artikel viel zu umfangreich war und daß er wesentlich gekürzt werden

gangen sind. Es scheint nicht einfach, diese beiden Vorlesungen mit dem im Husserl-
Archiv vorliegenden Material zu identifizieren. Ganz sicher bin ich aber, daß es sich
beidemale um "Einleitungen" handelte und beide aus den ersten zwanziger Jahren
stammten; es war ebenso sicher weder eine Vorlesung über "Phänomenologische Psy-
chologie" noch eine über "transzendentale Logik" dabei.
• Die Maschinenabschrift umfaßte ungefähr 500 Seiten. Ich war sehr überrascht,
als ich die "Ideen III", die als Bd V der Husserliana erschienen sind, erhielt. Ohne die
Beilagen umfassen sie zusammen 105 Seiten. Ist das bloß ein Teil dessen, was ich im
Jahre 1927 gelesen habe, oder ist es überhaupt etwas anderes? Was ist mit der von
mir gelesenen Abschrift geschehen?
I54 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

müsse. Ich fürchtete auch, daß über die Kürzung und auch über die For-
mulierung in der englischen Sprache ein Redakteur entscheiden werde,
welcher der Sache gar nicht gewachsen sein würde und daß er zum Teil
auch machtlos sein würde, weil die englische Sprache den subtilen Be-
griffsbildungen Russerls gar nicht angepaßt ist (und bis heute im Grunde
unangepaßt geblieben ist).
Ein besonderes Erlebnis für mich war die Lektüre der "Vorlesungen
zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins" . Sie hat vor allem bei
mir alle Erinnerungen an meine Gespräche mit Husserl im Jahre 1916 neu
erweckt. Im Text der "Vorlesungen" waren aber verschiedene Fragen viel
konkreter und genauer behandelt, als dies im lebendigen Gespräch mög-
lich war. Es gab auch Verschiedenes, wovon mir einst Husserl nichts ge-
sagt hatte. Endlich hatte ich jetzt ein Ganzes vor mir, das - so sehr es
auch ergänzungs bedürftig war - doch eine gewisse Beherrschung des
Problemgebietes darstellte, von dem aus sich weite theoretische Perspek-
tiven eröffneten. So kam ich sofort nach der Beendigung der Lektüre zu
Husser! und forderte ihn auf, die Vorlesungen möglichst bald zu publizie-
ren. Zu meiner großen Überraschung sprach sich Husser! ziemlich ab-
schätzig über die "Vorlesungen" aus und war der Meinung, daß es sich
nicht lohne, einen so unreifen Text zu veröffentlichen. Zum Schluß sagte
er mir: "Ich habe etwas anderes, viel Wichtigeres. Kommen Sie morgen zu
mir". Ich tat es auch, und da hat mir Husserl ein großes Konvolut von
Manuskripten in Kurzschrift gezeigt - etwa 500 bis 600 Blätter - auf die
hinweisend Husserl mir sagte: "Das ist mein Hauptwerk. Sie werden es
mir zum Druck vorbereiten". Ich war sehr gerührt, desto mehr, weil mir
sofort klar wurde, daß ich diese Aufgabe nicht auf mich nehmen konnte.
Ich habe es auch Husserl sofort gesagt. Vor allem glaubte ich nicht, daß
dies ein anderer als Russerl selbst machen könnte. Nach Husserls Erklä-
rung waren es die in Bemau im Jahre 1917/18 niedergeschriebenen Notizen
über das zeitkonstituierende Bewußtsein und über die Konstitution der
erfüllten Zeit und im Zusammenhang damit über das Problem der Indivi-
duation. Das waren also die schwierigsten Probleme der Phänomenologie
- die schwierigsten einerseits in der intuitiven Erfassung auf einem Ge-
biet, wo die reflektive Einstellung immer mit Fälschungen und Verschie-
bungen dessen, was sich im schlichten Erleben vollzieht, droht, und ande-
rerseits im Hinblick auf die Möglichkeit einer sprachlichen Wiedergabe
dessen, was in dem ursprünglichen Erleben zum Bewußtsein gebracht
wird, da die Sprache als solche in ihrer formalen Struktur und in den kate-
gorialen Formungen, die sie mit sich führt, an die konstituierte Welt an-
gepaßt ist und irgendwie wesentlich umgebaut sein müßte, damit sie zur
Wiedergabe des ursprünglich Erlebten und der ursprünglichen, erst Zeit
konstituierenden Erlebnisse ohne jede Verfälschung fähig wäre. Meine
Beschäftigung mit der Bergsonsehen Philosophie und dann die Jahre, die
ich nach der Beendigung meiner Dissertation mit der Analyse der konsti-
tutiven Probleme (in Warschau und in Thorn) verbracht habe, haben mich
belehrt, welch unüberwindliche Schwierigkeiten da drohen. Russerl hat
mir selbst gesagt, daß die Manuskripte nicht genügend ausgereift waren,
um einfach rein äußerlich zum Druck vorbereitet werden zu können. Sie
mußten aktiv weiter gedacht - und das heißt in der phänomenologischen
Arbeit - weiter intuitiv durchforscht und nachgeprüft werden. In dieser
Sachlage war mir klar, daß niemand von uns die Husserlsche intuitive
Forschung ersetzen konnte. Ich - und wahrscheinlich auch andere, mehr
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 155
als ich vorbereitete und begabte Kollegen - würden da bald auf Sach-
lagen stoßen, welche zu Differenzen mit Husserl führen müßten und in-
folgedessen auch andere Problemperspektiven - als diejenigen, die Hus-
serl im Sinne hatte - eröffnen würden. Kurz: nur Husserl selbst konnte es
machen. Und wenn ich Husserl nur irgendwie behilflich sein wollte, dann
müßte ich tagtäglich jeden neuen Absatz, jeden neuen Paragraphen mit
Husserl besprechen, d.h. ein oder zwei Jahre in Freiburg bleiben, falls
Husserl überhaupt dafür zu haben wäre. Ich wußte ja, welche Erfahrun-
gen Edith Stein gemacht hatte, als Husserl nicht dazu zu bringen war, mit
ihr die "Ideen II" in ihrer Redaktion durchzusprechen. Zwei Jahre in Frei-
burg zu bleiben - das war ja in meinen Verhältnissen ganz ausgeschlossen.
Ich hatte ja doch meine Frau und drei Söhne und mußte sie unterhalten,
und keine Schulbehörde konnte mir für ein oder zwei Jahre einen bezahl-
ten Urlaub geben. Konnte ich aber die Manuskripte nicht nach Lemberg
mitnehmen, um zu Hause wenigstens Vorbereitungsarbeiten an ihnen vor-
zunehmen? Husserl wollte aber die Manuskripte nicht nach dem "un-
sicheren Osten" herausgeben, wollte sie aber auch wiederum nicht in ihrem
damaligen Zustand abschreiben lassen. Es war also nichts zu machen. Ich
mußte verzichten, und ich tat es auch, mit großem Bedauern. Aber Hus-
serl sah ein, daß es doch unmöglich war. Wenn ich gewußt hätte, daß diese
Manuskripte bis heute, im Jahre 1967, noch nicht publiziert werden wür-
den, und daß sich überhaupt nicht voraussehen läßt, ob und wann sie je
publiziert werden - so würde ich vielleicht doch irgend einen Modus
procedendi gesucht haben, um bei der Vorbereitung der Veröffentli-
chung irgendwie behilflich zu sein.
Die "Londoner Vorträge" fand ich gut, und sie waren nützlich für mich,
s.z.s. das Gesamtbild der Phänomenologie wieder vor meine Augen zu
stellen. Ich empfand aber damals nicht, daß in ihnen eine wirkliche Neue-
rung enthalten sein sollte. Sie bildeten (meiner damaligen Auffassung
nach, die vielleicht nicht richtig war) eine der vielen für fremdes Publi-
kum von Husserl geschriebenen Einleitungen in die Phänomenologie, wel-
che - abgesehen von ihrem momentanen Erfolg - für die Mitarbeiter Hus-
serls zwar insofern interessant waren, als sie Spuren der sich im Laufe der
Jahre vollziehenden Wandlungen in der Auffassung der Phänomenologie
an sich trugen, die aber doch immer natürlicherweise nur synthetische
Abkürzungen, oft nur Ausblicke und Programme künftiger Betrachtun-
gen waren und als solche in den Einzelanalysen hinter anderen Schriften
Husserls zurückblieben. Sie sollten der Phänomenologie neue Freunde und
neue Mitarbeiter gewinnen. Bei den gewöhnlich weitgehenden Differenzen
sowohl zwischen den Auffassungen der Philosophie als auch zwischen den
eingebürgerten Gewohnheiten in der Weise des Philosophierens selbst, die
in verschiedenen Zentren philosophischer Forschung herrschten, konnten
derartige Einleitungen nie mehr als eine gewisse geistige Anregung oder
Erfrischung bei den Zuhörern bewirken, sie konnten aber die weitere Ent-
wicklung der philosophischen Bewegung in dem betreffenden Zentrum
nicht beeinflussen. Wenn man dabei weiß, wie ungern die Engländer oder
Franzosen etwas in fremden Sprachen lesen und wieviel Zeit Husserl für
die Vorbereitung solcher Vorträge verwendet hat, so ist fraglich, wieweit
sich solche Vortragsreisen lohnten. Husserl fühlte auch selbst, daß solche
Vorträge für das deutsche philosophische Publikum, und insbesondere
für die Phänomenologen selbst, nicht hinreichend sind, und trachtete je-
desmal danach eine "Ausarbeitung" solcher Vorträge vorzubereiten.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

Aber zu wirldichen Publikationen in der Gestalt neuer Bücher ist es zu


Lebzeiten Husserls kaum gekommen, wenn wir von den "Meditations
Cartesiennes" absehen. Aber auch diese Meditationen hielt Husserl für
das deutsche philosophische Publikum für nicht hinreichend und suchte
bekanntlich eine neue deutsche Redaktion zu verfassen, ohne aber damit
zu einem Ergebnis zu kommen. Ungefähr seit dem Jahre 1920 aber,
nach dem Husserl anscheinend zu einem negativen Urteil über die "Ideen
II" und "IH" sowie über den Erfolg, welchen die "Ideen I" bringen
konnten, gekommen war, lebte er mit der Idee der Schaffung einer neuen
prinzipiellen, tieferen und umfassenderen Grundlegung der Phänomenolo-
gie und - was bei ihm damit immer stärker zusammenging - des transzen-
dentalen Idealismus und unternahm in den letzten zwanzig Jahren seines
Lebens mehrere Versuche, diese Grundlegung zu realisieren. Alle diese
Versuche waren der Ausarbeitung und Sicherung der Idee der Phänome-
nologie gewidmet. In gewissem Sinne war das Phänomenologie der Phä-
nomenologie, wogegen die einzelnen positiv orientierten Analysen beson-
derer Probleme immer mehr die Rolle von Beispielsuntersuchungen zu
spielen begannen, um dem Leser von der Untersuchungsmethode und von
dem Forschungsfelde der Phänomenologie, von seiner Reichhaltigkeit und
Bedeutsamkeit einen Begriff zu geben. Dagegen wurde der Nachdruck auf
die großen Zusammenhänge und die Zielideen der Phänomenologie gelegt,
was vom Verfasser dieser Einleitungen die größte Anspannung der geisti-
gen Kräfte forderte. Bei der manchmal labilen Gesundheit Husserls, führte
dies oft zu Schwierigkeiten.
In unseren Gesprächen knüpfte ich natürlicherweise vor allem an die
"Ideen II" an, da mir sehr daran lag, daß diese Fortsetzung der "Ideen"
doch veröffentlicht würde. Die in ihnen betrachteten Probleme lagen mir
auch sehr am Herzen, und ich habe mich sehr gefreut, daß da z.B. die Pro-
bleme der Leibgegebenheit, der seelischen Realität, ihrer Konstitution
durch den Leib u.s.w. besprochen wurden. Sie standen alle mit meinen in
den letzten Jahren durchgeführten Untersuchungen über die äußere
Wahrnehmung im Zusammenhang und ergänzten sie auf wesentliche
Weise. Andererseits waren sie für mich auch für die Frage nach der Halt-
barkeit des Husserlschen Idealismus von Bedeutung. Ich habe auch die
Gespräche mit Husserl mehrmals auf diese Themata gelenkt, zum Teil
auch deswegen, weil mir die "Ideen II" in einem viel mehr realistischen
Tone als wenigstens manche Ausführungen in den "Ideen I" gehalten zu
sein schienen. Indessen fand ich gerade in diesem Punkte eine große
Wandlung in der Stellung Husserls im Vergleich zu den Jahren 1917/18.
Jetzt schien bei Husserl in Bezug auf die Wendung zum Idealismus alles
fest entschieden zu sein. Es war kaum möglich, Husserl davon zu über-
zeugen, daß man da Zweifel haben konnte. Und immer wieder kam auch die
Erklärung, daß seine "älteren Schüler" (d.h. wohl die Schüler aus der Göt-
tinger Zeit) ihn nicht verstanden hätten und daß ihm ein Sinn des Idea-
lismus unterschoben würde, der aus der historischen Atmosphäre genom-
men sei, ihm selbst aber durchaus fremd sei. Es war aber nicht möglich,
Russerl darauf zu bringen, zu sagen, inwiefern sich Russerls transzenden-
taler Idealismus von den anderen Idealismen unterschied. Ich - und eben-
so mehrere meiner Göttinger Kollegen - wußten ja natürlich, daß der
ganze Weg, auf dem Russerl zu seiner Entscheidung gelangt war, sich auf
wesentliche Weise von dem Wege anderer Idealisten unterschied. Es han-
delte sich aber um den präzisen Sinn der Seinsweise der Realität der Welt
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 157
und um den Seinszusammenhang zwischen dem reinen Bewußtsein bzw.
dem reinen Ich und der realen 'Velt, S.Z.5. um die ontische Stelle des reinen
Bewußtseins gegenüber der Welt. Und im Zusammenhang damit handelte
es sich mir ebenfalls um den genauen, eindeutigen Sinn des Begriffes der
"Konstitution", dessen richtige Deutung eine entscheidende Rolle in dem
ganzen Problemzusammenhang spielt, besonders, wenn man die damals
sowohl von Husserl als von seinen Mitarbeitern, wie z.B. Dr. Landgrebe,
oft wiederholte Behauptung hörte, daß "alles konstituiert wird". Bei allen
diesbezüglichen Gesprächen mit Husserl ist es mir zum Bewußtsein ge-
kommen, daß an der festen Grundüberzeugung Husserls nicht mehr zu
rütteln war. Er meinte, daß die Arbeiten der letzten Jahre ihn da zu Er-
gebnissen geführt hätten, die keinen Zweifel mehr zuließen. Meine Zweifel
und Fragen führte er darauf zurück, daß ich diese seine Untersuchungen
nicht kenne. Das konnte natürlich richtig sein, leider waren aber die ent-
scheidenden Betrachtungen aus dieser Zeit noch nicht abgetippt, sie waren
mir also unzugänglich. Andererseits konnte ich von den Schriften Husserls
in dieser kurzen Zeit nicht mehr lesen, als ich gelesen habe. Und eine
Schrift, die ich im Zusammenhang mit dem von mir gleichzeitig geschrie-
benen Buche "Das literarische Kunstwerk" gerne gelesen hätte, hat mir
Husserl nicht zu lesen gegeben.
Alles in allem war aber mein Aufenthalt in Freiburg sehr nützlich und
fruchtbar, und ich war glücklich, daß unsere persönliche Beziehungen sich
so nah und so freundschaftlich gestaltet hatten, daß die verflossenen Jahre
der räumlichen Entfernung keine geistige Scheidung zwischen uns hinter-
gelassen hatten. Nur war das alles viel zu kurz. Ich hätte bei Busserl nicht
zwei Monate, sondern zwei Jahre bleiben müssen, um s.Z.S. hinter die Ku-
lissen seiner Schriften blicken zu können. Dies war aber weder für mich,
nach wahrscheinlich für Husserl möglich, da ihm doch unsere Gespräche
viel Zeit geraubt haben. Ich mußte weiterfahren; beim Abschied lud mich
Husserl noch zum Besuch in Freiburg bei meiner Rückreise aus Paris ein.
Natürlich traf ich während meines Aufenthalts in Freiburg auch mit an-
deren Phänomenologen öfters zusammen, und zwar mit Fritz Kaufmann,
mit Oskar Becker und mit Dr. Ludwig Landgrebe; außerdem erlebte ich
einen philosophischen Abend bei Husserl, an dem auch Heidegger, Paul
Hofmann aus Berlin und der katholische Philosoph in Freiburg Honecker
teilgenommen haben. Heidegger war bloß zu einem kurzen Besuch aus
Marburg gekommen. Ich las aber sein damals erschienenes Buch "Sein
und Zeit" und war über den ganz anderen Stil der Betrachtung sehr ver-
wundert.
Auf der Reise nach Mar burg traf ich in Frankfurt a. M. mi t Fr1. Gerda \Val-
ther und in Bergzabern mit Edith Stein zusammen, wo wir zwei Tage mit
Herrn Theodor Conrad verbracht haben. Frau Conrad-Martius war leider
abwesend, und es ist mir leider nie mehr gelungen, sie persönlich kennen-
zulernen. Edith Stein hat mir viel über sich selbst (sie war damals bereits
katholisch und arbeitete in Speyer) sowie auch über Husserl erzählt.
Mein Aufenthalt in Marburg sollte einen Monat dauern, da ich in der er-
sten Dezemberhälfte noch Max Scheler und Nieolai Hartmann in Köln
besuchen wollte. Aus von mir unabhängigen Gründen verlängerte sich
mein Aufenthalt in Marburg bis Mitte Dezember, so daß ich auf den Be-
such Schelers verzichten mußte. Ich habe nicht gewußt, daß es damals die
letzte Möglichkeit war, Scheler noch einmal zu sehen.
Abgesehen von meiner Arbeit an meinem Buche über das literarische
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

Kunstwerk, an dem ich dort eifrig schrieb, war mein Aufenthalt in Mar-
burg eigentlich nicht sehr ergiebig. Ich wollte mit Jaensch über seine
Theorie der eidetischen Bilder sprechen, was mit meiner Arbeit über die
äußere Wahrnehmung im Zusammenhang stand. Ich hatte auch mit
J aensch mehrmals gesprochen, und er war so freundlich, mir in seinem In-
stitut verschiedene Experimente zu zeigen, ich konnte mich aber von
der Existenz der eidetischen Bilder nicht recht überzeugen. Auch einige
Gespräche mit Heidegger über "Sein und Zeit" waren wenig ergiebig. Auf
alle meine Anfragen und Einwände antwortete Heidegger mit der Wieder-
holung der Wendungen, die bereits in seinem Buche standen, ganz im Ge-
gensatz zu Husserl, der immer über Probleme sprach, welche er nie publi-
ziert hatte. Interessant dagegen und gut waren die Vorlesungen Heideg-
gers über Kant, welche er später in dem Buche "Kant und die Metaphy-
sik" veröffentlicht hat. Im Seminar las Heidegger mit seinen Schülern
Schelling, aber das war für mich wenig interessant, und auch die Weise,
wie er dieses übrigens wirklich schwere Seminar leitete, hat mir nicht be-
sonders gefallen.
Im Zusammenhang mit meinem sich verlängernden Aufenthalt in Mar-
burg erhielt ich von Husserl den Brief Nr. XXX, (19. XI. 1927) in welchem
er mir freundliehst eine Anleihe anbot. Dies stand im Zusammenhang da-
mit, daß das Stipendiengeld, das ich Anfang Dezember bekommen sollte,
nicht angekommen war, und es bestand die Gefahr, daß ich sogleich würde
nach Hause zurückkehren müssen. Indessen ist das Geld gerade an dem
Tag angekommen, als ich den Brief von Husserl erhielt. So dankte ich ihm
nur aufs herzlichste und fuhr sogleich nach Paris ab.

ad XXXI. (z6. XII. I9Z7)


37. Erst aus diesem, in Paris empfangenen Brief habe ich erfahren, daß
Husserl bald emeritiert werden würde. Ich habe Husserl aus vollem Her-
zen dazu gratuliert, daß er endlich von der Last der akademischen Pflich-
ten frei sein und sich ganz der Ausarbeitung und Herausgabe seiner
Schriften würde widmen können. Das war für Husserl vielleicht ganz un-
erwartet. Die Vollendung des Lebenswerkes Husserls schien mir und allen
meinen phänomenologischen Freunden am wichtigsten, und wir wußten
alle, wie viele Kräfte und wie viel Zeit die Lehrtätigkeit Husserl kostete.
Die Erwähnung meiner Person im Zusammenhang mit der Neubesetzung
des Lehrstuhls nach Husserls Emeritierung hielt ich natürlich für den
Ausdruck seiner Höflichkeit und seiner freundschaftlichen Gefühle. Ich
bedankte mich aufs herzliebste dafür, bemerkte aber zugleich ausdrück-
lich, daß ich an eine Stelle in Deutschland nie gedacht habe. Damit war
die Sache erledigt.

Besuch bei Husserl im März I9z8


Diesmal war ich nur drei Tage in Freiburg. Ich wohnte bei Husserl zu
Hause, so konnten wir fast den ganzen Tag zusammen verbringen. Es
stellte sich aber heraus, daß Husserl eine neue Einladung, diesmal nach
Holland, erhalten hatte und neue Vorträge vorbereiten mußte. Meine An-
wesenheit bedeutete also eine Störung. Nichtsdestoweniger habe ich Hus-
serl den Text des in Paris fertig geschriebenen Buches "Das literarische
Kunstwerk" vorgelegt, an dem er dann zwei Tage lang saß, um sich in dem
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 159
Ganzen zu orientieren. Sein Urteil über das Buch war für mich sehr wich-
tig, weil ich erwartete, daß er mir für die Publikation des Buches bei Nie-
meyer helfen würde. Husserl sagte mir auch gleich, daß er sofort an Nie-
meyer schreiben werde, um mein Buch zu empfehlen. Rein sachlich war
ich vor allem neugierig, was er zu den Kapiteln sagen würde, die der
Schicht der Bedeutungseinheiten des literarischen Werkes gewidmet sind
und insbesondere die Sätze und Satzzusammenhänge als Gebilde subjek-
tiver, insbesondere satzbildender Operation behandeln. Es war für mich
interessant, wie sich meine Auffassung der Sprachgebilde zu der Husserl-
sehen "transzendentalen" Auffassung der logischen Gebilde verhielt, von
welcher mir Husserl mehrmals schrieb, die er aber nie ausführlich darge-
stellt hatte. Auch während meines Aufenthaltes in Freiburg haben wir
darüber nie gesprochen. Husserl sagte mir aber jetzt nur ganz kurz: "Ich
sehe, daß sie mir da Verschiedenes vorweggenommen haben". Das war das
größte Lob für mich, aber belehrte mich wenig über das sachliche Verhält-
nis unserer Auffassungen zueinander. Eins nur hatte Husserl kritisch an
meinem Buche auszusetzen. Es war die Stelle in der Vorrede, wo ich es als
eine Vorarbeit zu einer Diskussion über den Idealismus ankündigte.
Husserl riet mir zu, diese Stelle zu streichen. "Binden Sie sich nicht -
sagte er mir- Sie werden noch einsehen, daß der transzendentale Idealis-
mus die einzige mögliche Lösung darstellt". Aber seine Unterstützung bei
Niemeyer versagte er mir nicht. Das war eine große Sache für mich, denn
wenn ich mein Buch bei uns in Polen veröffentlichen mußte, würde ich es
zum zweiten Male in polnischer Sprache schreiben müssen. Und der Um-
fang des Buches war so groß, daß es überhaupt schwierig sein mußte, einen
Verleger dafür zu finden. Es umfaßte in der damaligen Redaktion mehr
als 600 Maschinenschriftseiten, da noch ein "Anhang" mit den Abhand-
lungen über Musik, Bild und Architektur dazu gehörte *. Der Brief Hus-
* Er ist dann bei der Publikation des Buches bei Niemeyer weggelassen worden.
Der Vertrag mit Niemeyer lautete auf 23 Druckbogen, aber der im Sommer 1930 an
Niemeyer abgeschickte Text betrug etwa 25 Bogen. Niemeyer riet mir ab, den An·
hang noch zu drucken, weil dann das Buch zu umfangreich würde und zu viel kosten
müßte. Ich mußte zustimmen, ich ahnte aber nicht, daß sich seine Veröffentlichung
so sehr verzögern würde. Denn in deutscher Sprache ist er - freilich in erweiterter
Gestalt - erst im Jahre 1962 als "Untersuchungen zur Ontologie der Kunst" erschie-
nen. In polnischer Sprache ist zwar ein Teil der Abhandlung über die Musik bereits
im Jahre 1933 u.d.T. "Das Problem der Identität des Musikwerkes" in der Zeitschrift
Przeglqd Filozoficzny, Bd. 36, S. 320-360, erschienen, aber die Abhandlung über den
Aufbau des Bildes wurde erst im Jahre 1946 als Publikation der Polnischen Akademie
der Wissenschaften in Krakau (Rozprawy Wydzialu Filologicznego PAU, Bd. 67,
S. 69) veröffentlicht, und in demselben Jahre ist auch der Artikel "Das Werk der Ar-
chitektur" in der Zeitschrift "Nauka i Sztuka" Bd. 2. S. 3-51 erschienen. In zweiter
erweiterter Auflage sind diese Abhandlungen im zweiten Band meiner "Studia z
estetyki" (Studien zur Ästhetik"), S. 7-307 im Jahre 1957/8 erschienen. Indessen be-
reits im Jahre 1933 hat Nicolai Hartmann in seinem "Problem des geistigen Seins"
die Schichtenauffassung des literarischen Kunstwerks (ohne mein Buch zu erwähnen)
von mir übemommen und sofort auf die Werke anderer Künste erweitert. Er hat es
aber auf durchaus skizzenhafte Weise gemacht, so daß die Schichtenbetrach-
tung der Kunstwerke bei ihm im Ganzen sich auf 34 Seiten belief (während sie bei
mir - in der ersten Redaktion des "Anhangs" mit der Betrachtung des literarischen
Kunstwerks zusammen - ungefähr 600 Seiten umfaßte). Auch die Unterscheidung
zwischen dem physischen Fundament und dem Kunstwerk, sowie auch die Erwägung
der Seinsweise des Kunstwerks und seines geschichtlichen Seins haben in meinen
Buche entsprechende Priora. Nach dem Kriege hat N. Hartmann seine Ästhetik
r60 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

serls hatte zur Folge, daß ich einige Monate später einen Vertrag mit dem
Max Niemeyer Verlag abschloß. Die ungünstigen Arbeitsbedingungen
nach meiner Rückkehr nach Lemberg haben bewirkt, daß "Das litera-
rische Kunstwerk" erst im Dezember 1930 erschienen ist.
Mein Aufenthalt in Freiburg wurde plötzlich unterbrochen, weil alle
meine Kinder erkrankt waren. So fuhr ich nach dreitägigem Aufenthalt
nach Hause ab.

ad XXXIV. (I3. VII. I928)


38. Die schlechte Stimmung, von der Husserl schreibt, war bei mir vor
allem die Folge einer Überarbeitung während meiner Studienreise. Abge-
sehen von allen anderen Beschäftigungen habe ich in den sieben Monaten
über 600 Seiten meines Buches niedergeschrieben. Nach der Rückkehr
kam die Reaktion, ich arbeitete, aber ohne wirkliche Ergebnisse. Emo-
tionell war ich niedergedrückt. Und in Aussicht stand ein neues Schuljahr
- im Gymnasium und an der Universität, ohne Hoffnung auf eine wirk-
liche wissenschaftliche Arbeit. Und es mußte döch das auf der Reise ge-
schriebene Manuskript zum Druck vorbereitet werden. Vor der Publika-
tion meines Buches war keine Aussicht auf eine Besserung meiner Arbeits-
bedingungen. Husserl wollte mir helfen, aber natürlich umsonst.
39. Der Schüler von J ean Hering, der zu Husserl kam, war Emmanuel
Levinas, der jetzt in Paris lebt.

ad XXXVI. (23. XII. I928)


40. Die für das Jahrbuch vorbereitete "Schrift zur Logik" - das ist un-
zweifelhaft die "Formale und transzendentale Logik", von der es heißt,
daß sie im Winter 1928/29 "schnell niedergeschrieben" wurde. Sie war
bereits in den Korrekturen, als wir im April 1929 nach Freiburg zum 70.
Geburtstag Husserls kamen. Ich dachte bis vor kurzem, daß sie die litera-
rische Ausarbeitung der alten Vorlesungsmanuskripte ist, bezüglich deren
einst Husserl schrieb, daß er über transzendentale Logik lese. Merkwürdig
war nur, daß H usserl in diesem Briefe die alten Manuskripte nicht erwähn-
te. Jetzt aber, nachdem ich Husserliana XI, d.h. die "Analysen zur passi-
ven Synthesis" bekommen habe - welche nach der Angabe der Heraus-
gebers eben mindestens einen Teil der "Transzendentalen Logik" bilden
sollten - sieht man, wie weit Husserl den Begriff der transzendentalen
Logik gefaßt hat. Dieser Begriff schließt auch die ursprüngliche Erfah-
rung ein, ein Gebiet, das vielleicht gewisse Grundoperationen umfaßt, wel-
che zu den logischen Gebilden führen bzw. führen können, auf dem aber
diese logischen Gebilde, Sätze, Urteile u.S.W. noch gar nicht auftreten.
Wenn man das bedenkt, dann liegt der Gedanke nahe, daß die neue
"Schrift zur Logik", obwohl unzweifelhaft auf älteren Arbeiten fußend,
doch wirklich ganz neu im Winter 1928/29 verfaßt und niedergeschrieben
wurde. Dies würde auch mit der Tatsache zusammenstimmen, daß die
"Formale und transzendentale Logik" sich durch eine ausgezeichnete ein-
heitliche Komposition vor allen anderen Schriften Husserls hervortut, als
sei sie eben in einem Wurf entstanden. Beachtenswert ist auch, daß sie
thematisch sich weder mit den Amsterdamer Vorträgen, die ja nach dem

geschrieben (veröffentlicht im Jahre 1953), in welcher der Schichtenaufbau des


Kunstwerks zu einem Grundbegriff der Kunstauffassung gemacht wurde.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 161

Briefe Husserls für das Jahrbuch "ausgearbeitet" werden sollten, noch


mit den "Cartesianischen Meditationen", welche unmittelbar nach ihrer
Abfassung für die Vorträge in Paris vorbereitet wurden, verknüpft. Die
"Formale und transzendentale Logik" scheint aus einem besonderen neu
erwachtem Interesse für logische Probleme und auch aus einem besonde-
ren Ansporn, der es Husserl ermöglicht hatte, mehrere Monate rasch und
konzentriert an ihnen zu arbeiten, entstanden zu sein. Lag dieser Ansporn
nicht darin, daß Husserl seine neue Auffassung der logischen Gebilde, die
er ja seit Jahren schon haben mußte, möglichst rasch, noch vor meinem
"Literarischen Kunstwerk" veröffentlichen wollte, von dem er ja doch
selbst sagte, daß es ihm manche Behauptungen "vorweggenommen" ha-
be? Wenn es wirklich so war, so würde ich mich sehr freuen, daß mein
Buch zum schnelleren Erscheinen der Husserlschen "Logik" beigetragen
hat - einer Buches, das ich zu den am schönsten verfassten Büchern Hus-
serls zähle. Mein Buch mußte aber noch lange Zeit auf meinem Schreib-
tisch liegen bleiben, da ich an ihm nur während der Ferien arbeiten
konnte.
Merkwürdig ist dabei das Schicksal der Probleme: bei mir diente die
Auffassung der logischen bzw. sprachlichen Gebilde als Kreationen sub-
jektiver Bewußtseinsoperationen dazu, ihre seinsheteronome Seinsweise
mit der Seinsautonomie der realen Welt zu kontrastieren und dadurch
einen Ausblick auf einen S.z.S. "realistischen" Lösungsversuch des "Strei-
tes um die Existenz der Welt" zu eröffnen; bei Husserl dagegen diente
dieses selbe Problem und eine gleiche Auffassung der logischen Gebilde da-
zu, um zu einem viel konsequenteren und radikaleren transzendentalen
Idealismus, als es in den "Ideen I" der Fall war, zu gelangen.

Der 70. Geburtstag Husserls


Auf Grund einer Einladung von Frau Professor Husserl nahm ich an
dem Jubiläum des 70. Geburtstags Husserls teil. Im letzten Moment
schien es, daß der Paß zu spät kommen würde, so schrieb ich zu meinem
größten Bedauern bloss einen Gratulationsbrief an Husserl. Am nächsten
Tag erhielt ich aber doch die Reisedokumente und kam am Tage des Jubi-
läums am frühen Morgen nach Freiburg. Ich stieg im Hotel Hohenzollern
ab, wo ich viele alte Bekannte und Freunde traf, und erschien mit ihnen
zur großen Überraschung Husserls um die richtige Stunde in der Loretto-
Straße. Von meinen alten Freunden waren vor allem Edith Stein, J ean
Hering, Koyre u.a. da.
Die offizielle Feier begann, als der Rektor und der Dekan in Togen er-
schienen, und mit ihnen zugleich Heidegger. Nach der Ansprache des
Rektors hielt Heidegger, der neue Ordinarius, eine lange, ziemlich ver-
wickelte Rede. Nach den zwei Nächten, die ich im Zuge verbracht habe,
war ich noch nicht ausgeruht und habe nicht viel davon verstanden. Am
Ende antwortete Husserl, sichtlich gerührt, aber schlicht und kurz. Er
stimmte zu, daß es ihm gegeben war, manches zu vollbringen, das meiste
liege aber noch unvollendet da. Dann schloß er mit den bemerkenswerten
\Vorten: "Eines - sagte er - muß ich zurückweisen, das ist die Rede vom
Verdienst. Ich habe gar kein Verdienst. Philosophie war die Mission mei-
nes Lebens. Ich mußte philosophieren, sonst konnte ich in dieser Welt
nicht leben".
Diese Worte gaben mir damals und oft auch später zu denken. Philoso-
162 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

phie als Beruf, als Mission - ja, das war die Grundeinstellung Husserls
immer. Aber Philosophie als Rettung? - In dieser Welt? Das klang düster
und drückte wohl eine negative Stellung Husserls zu der Welt aus, zu der
schlechten Welt, in welcher es Kriege, Ungerechtigkeiten, Übel gibt. So
klang das. Unmittelbar nach dem Kriege, in dessen Verlauf ich während
einer langen Zeit Husserl fast jeden Tag in seiner Stimmung sehen und
auch sprechen konnte, wäre diese recht verständlich gewesen. Aber fast
zehn Jahre später, in welchen Husserl zu großer Arbeitsform zurückge-
funden hatte und große wissenschaftliche Erfolge erzielte und als der gro-
ße Philosoph der Zeit gefeiert war? Handelte es sich also in dieser -
scheinbar zufälligen - Wendung nicht doch um etwas anderes und um et-
was Wichtigeres? Um die s.z.s. ursprüngliche, wesenhafte Schlechtigkeit
der Welt überhaupt? Von welcher erst die Philosophie eine Rettung oder
Befreiung bilden sollte? Sollte nicht etwa der transzendentale Idealismus
eine Rettung von dieser ·Welt sein? War das der letzte Sinn alles Philoso-
phierens bei Husserl? War es nicht die Suche nach etwas, was über dieser
Welt steht, nach Gott? Einmal sagte mir Husserl: "Jeder Philosoph muß
religiös zentriert sein". Stand dies mit dem Abschluss seiner Rede nicht im
Zusammenhang? -
Ich wage es nicht zu behaupten. Mehr als einmal sind mir aber diese
Gedanken in den Sinn gekommen. Über die Mission der Philosophie, die
zu erfüllen man "berufen" ist, sprach und schrieb Husserl früher und spä-
ter mehr als einmal. Darüber aber, daß die Philosophie dem philosophie-
renden Menschen einen bedeutsamen Die n sterweisen kann, das war
vielleicht nur dieses Mal so deutlich gesagt worden. Und ganz unbeab-
sichtigt.
Unmittelbar nach dem offiziellen Teil der Feier sind fast alle Gäste fort-
gegangen. Nur einige alte Schüler Husserls wurden zu einem S.Z.S. privaten
Mittagessen eingeladen. Anwesend war bloß die Familie Husserls, dann
Edith Stein, J ean Hering, Koyre, Pos und ich, fast ausschliesslich die alten
Göttinger. Nach dem Mittagessen gab es einen Mißklang. Husserl bat, daß
man ihm etwas von dem Stoß der Briefe, die auf seinem Schreibtisch la-
gen, vorlese. Das tat Fr!. Stein. In einem gewissen Augenblick las sie den
Brief von Moritz Geiger, der sich und andere "Münchner" dafür entschul-
digte, daß sie nicht kommen konnten. Unmöglich habe ihm dies aber
Heidegger gemacht. Husserl war unangenehm überrascht und verstand
gar nichts. Man war aber der Meinung, dies hinge mit der Weise zusam-
men, wie die Festschrift vorbereitet wurde. Die gute Stimmung war hin,
und bald gingen wir fort.
Am Abend fand bei Husserl noch ein großer Empfang statt, zu dem
viele Gäste erschienen waren. Ich blieb noch zwei oder drei Tage in Frei-
burg. Und dann sollten wiederum 5 Jahre verfließen, bis es mir gelang,
Husserl wieder zu besuchen. An eine Zusammenarbeit mit ihm war in die-
ser Lage nicht zu denken. Es blieben nur Briefe, in denen sich nicht viel
sachlich sagen ließ.

ad XLI. (26. Mai I929)


41. Aus diesem Briefe erfahren wir, daß Husserl nach der Ausarbeitung
der sog. "Pariser Vorträge" zu den "Cartesianischen Meditationen" noch
Ende Mai 1929 entschlossen war, den deutschen Text mit der französi-
schen Übersetzung zugleich (und zwar im Jahrbuch) zu publizieren. Aber
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

schon aus dem nächsten Briefe, der freilich fast 6 Monate später geschrie-
ben wurde, sieht man, daß diese Absicht nicht realisiert wurde. Was war
der Grund? Die für das Jahrbuch bestimmte Redaktion war ja doch fer-
tig, sie sollte ja mit der zur übersetzung geschickten identisch sein. Also
nicht etwa eine Ermüdung oder sonstige Störungen haben die Beendigung
dieser Redaktion verzögert, was dann auf eine Änderung des Planes hätte
einwirken können. Es mußte - wie es scheint - irgend ein äußeren Faktor
darüber entschieden haben. Was aber?

ad XLII. (z. XII. I9z9)


42. Es war für mich interessant, aus diesem Briefe zu erfahren, daß
Husserl nicht mein ganzes Program der Erörterung des Idealismus-Rea-
lismus-Problems * verworfen hatte, und insbesondere auch nicht gegen
die Durchführung der ontologischen Betrachtungen, sondern nur gegen
die "Voranstellung des Ontologischen vor dem Intentional-Phänomenolo-
gischen" protestiert hat. Natürlich bildet diese Streitfrage nur einen
Punkt in der Differenz zwischen Husserls Standpunkt und meinem Ar-
bei.tsprogramm. Wenn nur dieser Punkt bestünde, dann - glaube ich - wäre
es nicht so schwer, zu einer Einigung zu kommen. Es gab aber mehrere
Differenzpunkte zwischen uns. Und da hatte Husserl recht: auf brieflichem
Wege war es nicht möglich dies klarzulegen. Aber meine damaligen Be-
schäftigungen und meine finanzielle Lage erlaubten mir nicht, von Zeit zu
Zeit auf etwa eine Woche zu Husserl zu kommen, um die gegenseitige Aus-
sprache zu ermöglichen. So wuchs langsam die Masse des Unausgesproche-
nen zwischen uns immer mehr. -
43. Zum ersten Mal spricht sich Husserl in diesem Briefe über "Sein
und Zeit" von Heidegger - zwar auf eine sehr bündige, aber doch eindeu-
tige Weise - aus. Es ist zugleich ersichtlich, daß Husserl erst jetzt - im
Sommer 1929 - dieses Werk Heideggers eingehend studiert hat, oder an-
ders gesagt, daß er es ins Jahrbuch aufgenommen hat, ohne es wirklich
gelesen zu haben. Er hat es wahrscheinlich nur durchgesehen, hie und da
etwas gelesen, um bloß einen allgemeinen Eindruck zu gewinnen. Ich
sprach mit Husserl über dieses neue Werk Heideggers im Herbst 1927, als
ich angefangen hatte, es zu lesen. Er war sich schon damals der sachlichen
Verschiedenheit zwischen seinem eigenen Standpunkt und der Haupt-
tendenz von "Sein und Zeit" klar bewußt. Das hat mir Husserl deutlich
gesagt. Ob er aber schon damals die Verschiedenheit des methodischen
Ansatzes klar erfaßt hatte, das kann ich nicht sagen. Erst in diesem Briefe
ist dies so scharf und bündig gesagt.
Zu beachten ist aber der nächstfolgende Satz in dem Briefe Husserls.
Er schreibt: "Um so mehr lege ich Gewicht auf die volle Ausgestaltung
der deutschen Ausgabe der Cartesianischen Meditationen zu meinem
systematischen ,Hauptwerk'. Hoffentlich wird es bis Ende 30 fertig, dann
folgen concret ausführende Werke - alle im Material überreich vorberei-
tet". - Zum ersten Male in den Briefen Husserls taucht die Idee auf, aus
den "Cartesianischen Meditationen" das "systematische Hauptwerk" zu
machen. Und zwar steht dies in deutlichem Zusammenhang mit dem
Werk Heideggers und - wie zu vermuten ist - mit der Art, wie es von dem
deutschem philosophischen Publikum aufgenommen wurde. Die "Medi-
* Vgl. "Bemerkungen zum Problem Idealismus·Realismus", Festschrift Edmund
Husserl zum 70 Geburtstag gewidmet, S. I59-I90. Halle, I929.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

tationen" sollten als Gegengewicht zu "Sein und Zeit" in die Schale ge-
worfen werden. Das ist wahrscheinlich jener "äußere Faktor", der über
die Nichtveröffentlichung des bestehenden deutschen Textes der "Medi-
tationen" und über die Absicht, eine neue Redaktion derselben zu schaf-
fen, entschieden hat. Er eröffnet sich damit eine neue Periode in der phi-
losophischen Tätigkeit Husserls, welche die folgenden drei bis vier Jahre
umfaßt.

ad XLIII. (2. XII. I929)


44. Dieser Brief von Frau Malvine Husserl ist sehr wertvoll, weil er
den Lebenslauf Husserls im Jahre 1929 genau darstellt. Aus ihm geht
deutlich hervor, daß Husserl in den Sommerferien Heidegger studiert hat
und dann erst, im September "an der deutschen Erweiterung der Carte-
sianischen Meditationen gearbeitet" hat. "Es wird ein größeres Buch" -
schreibt Husserl selbst dazu. Es bestätigt sich also meine zu dem früheren
Brief Husserls ausgesprochene Vermutung, daß die Lektüre von "Sein und
Zeit" den Ansporn zu einer Erweiterung der "Meditationen" gegeben hat.
45. Die Wendung "ohne weiteres Platz für den 1. Teil Ihres Werkes" be-
zieht sich auf "Das literarische Kunstwerk" von mir. Da die letzte Aus-
feilung des Textes zum Druck nur langsam vorwärts schritt, hatte ich
mich an Husserl mit der Anfrage gewendet, ob man dieses Buch nicht in
zwei Teilen im Jahrbuch publizieren könnte. Ich verzichtete dann auf die-
sen Plan. Ich war schon der Beendigung der Vorbereitung des Haupt-
textes nahe. Ich verzichtete dann auf die Drucklegung des "Anhanges"
und sandte das Maschinen-Manuskript am I. August 1930 an Niemeyer ab.

ad XLIV. (I9. III. I930)


46. Ich bedauere sehr, daß mein Brief, von dem Husserl da schreibt,
verbrannt ist. Denn aus ihm würde erst klar werden, wie offen ich alle
meine Bedenken gegen die "Formale und transzendentale Logik" vor-
getragen habe, und wie weit diese Bedenken gingen. Dann würde es erst
zu Tage treten, wie positiv und moralisch schätzenswert die Weise war,
auf welche sie von Husserl aufgenommen wurden *.
47. Die in diesem Briefe von Husserl ausgesprochene Entscheidung, die
Ausarbeitung der "Logischen Studien" auf eine spätere Zeit zu verschie-
ben, hat ihre Veröffentlichung in der Gestalt des Buches "Erfahrung und
Urteil" um neun Jahre verschoben. Und da dieses Buch fast sofort ver-
nichtet wurde und erst im Jahre 1951 zum zweiten Male erschienen ist,
betrug diese Verzögerung im Grunde zwanzig Jahre. Und die neue Redak-
tion der "Cartesianischen Meditationen" scheint überhaupt nicht zu-
standegekommen zu sein. Husserl hatte aber recht, wenn er die Bedeutung

* Auf Vorschlag der Redaktion der Kantstudien habe ich dann einen kurzen Re-
zensionsartikel veröffentlicht (vgl. Kantstudien, Bd. 38, 1933, S. 206-209). Ich hatte
aber nur drei Seiten zur Verfügung, so mußte ich mich auf eine bloße Information be-
schränken. Den vollen Text, der meine kritischen Bemerkungen enthielt, habe ich in
polnischer Übersetzung erst im Jahre 1963 in meinem Buche "Z badan nad filozofiq
wsp6lczesnq" (Untersuchungen zur Philosophie der Gegenwart) veröffentlicht. Ich
weiß natürlich nicht mehr, ob die kritischen Bemerkungen, die in meinem Briefe an
Husserl enthalten waren, sich mit den Einwänden in dem genannten Artikel decken.
Die leitende Idee mußte aber in beiden Fällen dieselbe sein.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

der "Meditationen" - wie er sie sich damals vorstellte - über die Rolle,
welche die "Logischen Studien" spielen konnten, höher stellte. Besonders
in der damaligen Situation im Jahre I930 wären die neuen Meditationen,
wenn es geglückt wäre, sie zu vollenden, von sehr großer Bedeutung ge-
wesen, wie Husserl in diesem Briefe richtig urteilte. Aber vielleicht war es
auch damals schon zu spät; die - wie Husserl sagt - "modische Schwen-
kung zu einer Philosophie der Existenz" war bereits vollzogen, und es ist
die Frage, wie lange diese Welle sich noch weiter fortpflanzen wird.

ad XL VI. (u. XII. I930)


48. Das "Werk", dessen Empfang Husserl bestätigt, war "Das litera-
rische Kunstwerk".
49. Als Husserl in dem Brief XLIV vom I9. IH. I930 über die Zurück-
stellung der "Logischen Studien" zugunsten der Ausarbeitung einer ande-
ren Schrift schrieb, nannte er dabei ganz eindeutig die "Cartesianischen
Meditationen" (in deutscher Redaktion); in dem jetzigen Brief indessen
scheint dies mindestens sehr zweifelhaft zu sein. J etz schreibt er nur:
"Mir liegt aber das systematische Grundwerk der Phänomenologie, das
ich eigentlich seit einem Jahrzehnt innerlich vorbereite und jetzt ausar-
beite, natürlich bei meinem Alter zunächst am Herzen". Wenn dann Hus-
serl erwähnt, daß er "seit der Ausgabe des letzten Buches" leidenschaft-
lich an diesen Problemen arbeite (das letzte Buch - das kann nichts anders
als die "Formale und transzendentale Logik" sein, nach welcher, wie wir
aus einem früheren Briefe wissen, Husserl sich der Neubearbeitung der
"Meditationen" zuwandte), dann hat man den Eindruck, es handle sich
bei diesem großen systematischen Werk doch um die "Meditationen".
Wenn aber in dem weiteren Teil des Briefes die Problematik dieses Wer-
kes angedeutet wird und wenn man sie mit den Hauptthemen der (nach
dem Kriege veröffentlichten) deutschen Redaktion der "Meditationen"
vergleicht, dann kommt man auf den Gedanken, daß es sich da um ein
ganz anderes systematisches Werk handeln müsse oder daß die "Medita-
tionen" einer so weitgehenden Umwandlung unterzogen werden sollten,
daß daraus wirklich ein ganz anderes Werk entstehen würde.
Ich notiere dies, weil auch bei der Lektüre der späteren Briefen Husserls
solche Fragen entstehen. Ich werde also noch darauf zurückkommen
müssen.
50. Ich muß aber hier noch einiges im Zusammenhang mit der Mahnung
sagen, die Husserl in diesem Briefe auf eine sehr freundliche und väter-
liche Weise an mich richtet. Es handelt sich in ihr um meinen sog. "Onto-
logismus". Es ist nicht zum ersten Mal, daß Husserl diese Frage berührt,
und sie wird noch später in einer viel schärferen Weise auftauchen. Was
ich damals Husserl geantwortet habe, kann ich jetzt nicht mehr genau
sagen. Meine Antwort muß Husserl bis zu einem gewissen Grade befrie-
digt haben, da er sie in seinem nächsten Briefe mit der Wendung von mei-
nem "hocherfreulichen Brief" quittiert. Da mein Brief verbrannt ist, er-
laube ich mir hier meinen damaligen Leitgedanken zu rekonstruieren.
Der Vorwurf des "Ontologismus", den mir Husserl macht, konnte Ver-
schiedenes bedeuten. Es konnte sich zunächst bloß darum handeln, daß
ich onotlogisch orientierte Untersuchungen betreibe, statt phänomenolo-
gisch konstitutive Probleme anzugreifen. Der Vorwurf ging aber augen-
scheinlich weiter, nämlich dahin, daß ich die ontologisch erzielten Ergeb-
r66 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

nisse für definitiv betrachte, also, wie Husserl es formulierte, "des Onto-
logismus so sicher geworden" bin. Die Intention des Vorwurfs ging aber
sicherlich noch weiter, daß ich nämlich meine ontologische gerichteten
Arbeiten als eine Vorstufe in der Diskussion gegen den transzendentalen
Idealismus betrachtete. Wie stand es damit?
Es ist wahr, daß ich nach einer Reihe von Jahren, in denen ich mich
nach meinem Doktorat mit der äußeren Wahrnehmung und den damit
verbundenen konstitutiven Problemen beschäftigt hatte, mich den onto-
logischen Problemen zuwandte, was vor allem in meinen "Essentialen
Fragen" zum Ausdruck kam. Bei der Bearbeitung der mit der äußeren
Wahrnehmung verbundenen konstitutiven Probleme * sickerte bei mir
der Gedanke durch, daß sich die konstitutive Betrachtung nicht ohne
eine vorherige Klärung des wesensmäßigen Sinnes des Konstituierten mit
Erfolg durchführen lasse. Man muß - um die Kantische Wendung zu be-
nutzen - einen" transzendentalen Leitfaden" haben, der es gestattet, das
Sich-konstituieren einer konstituierten Gegenständlichkeit in en t-
sprechenden Bewußtseinsverläufen zu verfolgen. Man muß eben genau
wissen, was eine bestimmtes konstituiertes X sein soll, um den Ausgangs-
punkt zur weiteren Betrachtung zu gewinnen. Und zwar muß dieses X -
als Konstituiertes - nach drei verschiedenen Richtungen hin untersucht
werden: seiner Form nach, seinem materialen Beschaffensein und seiner
Seinsweise nach. Erst dann kann man die Bewußtseinsmannigfaltigkeiten,
in denen sich ein solches X konstituiert, aus allen möglichen Bewußtseins-
mannigfaltigkeiten heraus ins Auge fassen und an dem gewählten Material
die Konstituierung ihrem bloßen Verlaufe, sodann aber auch ihrer Recht-
mäßigkeit nach verfolgen. Die ontologische Betrachtung des Gegenstan-
des, dessen Konstitution untersucht werden soll, muß der eigentlichen,
noetisch gerichteten konstitutiven Betrachtung vorangehen. In meinen
"Bermerkungen zum Problem Idealismus-Realismus" wurde aber deut-
lich darauf hingewiesen, daß die Ontologie keinesfalles die letzte Betrach-
tungsweise der Probleme sein sollte, sondern daß - nach einer metaphy-
sischen Betrachtung - noch eine "erkenntistheoretische Untersuchung"
als letzte Kontrolle aller Betrachtungen folgen sollte. In dieser "erkennt-
nistheoretischen Kontrolle" war natürlich u.a. die konstitutive Betrach-
tung im Husserlschen Sinne enthalten. Husserls Postulat mußte also
eigentlich damit Genüge getan sein.
Wenn man aber der konstitutiven phänomenologischen Betrachtung
das letzte Entscheidungswort über die Ergebnisse der Ontologie zuerkennt
und zugleich dieser Ontologie den Charakter einer apriorischen Erkennt-
nis zuschreibt, also sie für eine Wesensbetrachtung im Sinne Husserls
hält, so eröffnet sich sofort das Problem, inwiefern diese Wesensbetrach-
tung eine erkenntnistheoretische Kontrolle und eventuell auch eine Be-
richtigung zuläßt. Im Zusammenhang damit steht ohne Zweifel die von

• Ein kleines Fragment dieser Arbeiten ist in meinem Vortrag an dem ersten Kon-
gress der polnischen Philosophie in Lemberg (im Frühjahr 1923) u.d.T. "Ob und wie
läßt sich die Objektivität der äußeren Wahrnehmung erweisen"? (in polnischer
Sprache in den Akten dieses Kongresse publiziert) enthalten. Die Betrachtungen über
die äußere Wahrnehmung habe ich aber nicht ganz fallen gelassen. Im SS 1926 habe
ich an der Lemberger Universität eine Vorlesung über die äußere Wahrnehmung ge-
halten, und als ich im Jahre 1927 ins Ausland fuhr, habe ich u.a. umfassende Notizen
dieser Vorlesung mitgenommen, um daran während meiner Studienreise zu arbeiten.
Dann widmete ich mich aber der Arbeit an dem Buch "Das literarische Kunstwerk".
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

Husserl durchgeführte (oder mindestens angedeutete) Unterscheidung


zwischen "transzendenten" und "immanenten" Wesen. Husserl hat aber
diesen ganzen Problemkomplex - wenigstens in den von ihm veröffent-
lichten Schriften, die mir damals allein zugänglich waren - nie behandelt.
Es war aber klar, daß Husserl von meiner Erklärung, daß ich die konsti-
tutive Betrachtung gar nicht leugne, sondern sie nur s.z.s. an das Ende der
gesamten Problematik verschiebe, nicht befriedigt sein konnte. Denn es
handelte sich ihm vor allem darum, daß meine Untersuchungen sich ganz
offen das Ziel setzten, mit Hilfe der ontologischen Ergebnisse Argumente
gegen den transzendentalen Idealismus zu gewinnen. Deswegen war er
z.B. gar nicht gegen die Problematik und die Ergebnisse des "Literarischen
Kunstwerks" gesinnt *, sondern einzig und allein gegen die in der Vorrede
angedeutete Tendenz des Buches. Bereits meine Reserve, die ich hinsicht-
lich dieser Entscheidung Husserl immer gezeigt habe, hat Husserl sehr be-
trübt. Er war in diesen jahren mit seinem ganzen Gemüte an den tran-
szendentalen Idealismus gebunden. Aber "Das literarische Kunstwerk"
als eine bloße Grundlegung der Literaturwissenschaft verlor für mich je-
den philosophischen Sinn und damit auch seinen Wert. Ich konnte die
Vorrede nicht einfach streichen.

ad XL VIII. (5. II. I93I)


51. Die Freude Husserls bezieht sich auf den Beschluß der Humanisti-
schen Fakultät der Universität in Lemberg, mich zum a.o. Professor zu
ernennen. Dieser Beschluß mußte aber erst noch vom Ministerium akzep-
tiert werden. Das dauerte noch fast drei jahre. Die Freude Husserls war
also verfrüht.

ad XLIX. (I6. Il. I93I)


52. Aus den letzten Sätzen dieses Briefes scheint sich deutlich zu er-
geben, daß Husser! drei verschiedene Werke zum Druck vorbereitete.
Erstens "das neue Werk", das zum jahrbuch XI "nicht fertig" sein wird,
zweitens die "Cartesianischen Meditationen", die ins jahrbuch gehen und
die "von Fink und eventuell von mir erweitert" werden sollen, und end-
lich drittens die "Bernauer Zeituntersuchungen" , "die Fink allein schon
zur Einheit eines Textes gebracht hat". Der Plan der Gestaltung der deut-
schen Redaktion der "Meditationen" zu dem "Hauptwerk" scheint also
fallen gelassen zu sein, dem gegenüber tritt aber das "neue Werk" auf, an
dem Husserl selbst "in brennender Arbeit" war, aber welche doch von der
Vollendung weit entfernt ist. Dieses "neue Werk" ist wahrscheinlich das-
selbe Werk, das in dem Brief vom 21. Dezember 1930 als das "systema-
tische Grundwerk der Phänomenologie" erwähnt wurde. Was ist aber
dieses "neue Werk"? Ich habe danach im Husserl-Archiv gefragt. Gibt es
etwa einen fortlaufenden Text, der, zwar nicht abgeschlossen, aber doch

* Daß das Thema meines Buches Husserl gefallen hat, zeigt sich u.a. daran, daß er
bald nach meiner Anwesenheit in Freiburg Fink als Thema seiner Doktordissertation
die Analyse des "Bildes" gegeben hat. Überhaupt haben meine damalige Anwesenheit
in Freiburg und meine dort geführten Gespräche s.z.s. am Rande meines Buches das
Interesse für ästhetische Probleme in den phänomenologischen Kreisen wachgerufen.
In der Festschrift für Husserl vom Jahre 1929 sind drei ästhetischen Problemen ge-
widmete Abhandlungen enthalten.
r68 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

die Gestalt eines größeren Werkes haben würde? Man wußte aber von dem
Vorhandensein eines solchen Manuskripts nichts *. Jedoch zeigte man mir
ein sehr interessantes kleines Dossier: zwei Schreibmaschinenblätter, de-
ren erstes die Überschrift trägt: "Disposition zu 'System der phänome-
nologischen Philosophie' von Edmund Husserl", dazu am Rande die Notiz

* Ich sprach mit Dr. Iso Kern. Professor Van Breda war in jenem Augenblick
nicht in Louvain, bei seiner Rückkehr vergaß ich, ihn danach zu fragen. Später stellte
ich meine Frage schriftlich auch an Professor Boehm, der mir in einern Briefe das
Folgende antwortete:
"Ihre nachträgliche Frage bezüglich des 'neuen Werkes' (Brief vom 16. XI. 1931)
bzw. des 'systematischen Grundwerkes der Phänomenologie' (Z1. XII. 1930) hat
mich, offen gestanden, ordentlich verdutzt. Ich hatte die beiden Briefstellen nie im
Zusammenhang gelesen! Dabei waren sie mir wohl bekannt. Die Hoffnung, welcher
der erstgenannte Brief Ausdruck gibt, eine 'erste Hälfte im nächsten Jahrb.
(Herbst 1931) publizieren zu können', nahm ich für eine der üblichen Hoffnungen
auf solche Arbeitsergebnisse ; und nach dem anderen Brief glaubte ich noch immer,
es müsse sich bei dem 'neuen Werk' eben doch um die 'Meditationen' handeln,
Husserl schriebe nur hastig und unklar; und schließlich ist ja auch keines der da
genannten zwei - oder drei - Werke in irgendeinem Jahrbuchband erschienen! Da-
bei war mir selbstverständlich auch der (sicher Fink'sche) Dispositionsentwurf be-
kannt, den Dr. Kern Ihnen zeigte ... Jetzt will ich zugeben, daß man wohl doch,
nach sorgfältigem nochmaligem Lesen der beiden Briefstellen, die Sache nicht so
einfach abtun kann, wie ich es bisher für mich immer getan habe. Zunächst hier zur
Ergänzung zwei weitere Briefstellen, die erste aus einem Briefe Husser!s an Gustav
Albrecht vom 39.XII. 1930:
'Ich habe ein arbeitsreiches Jahr hinter mir, und doch ist nicht geworden, was
ich gewollt und erhofft. Hoffen wir, daß das neue Werk im 31er Jahr wird, und so
wird, wie es mir vor dem inneren Auge steht. Die Aufgabe war für die Zeit zu
groß, obschon es sich um ein Zusammendenken, Ausgleichen, Ergänzen der alten
Gedanken und Entwürfe handelt - zugrunde liegen Manuskripte, die sich auf
zwei Jahrzehnte und länger zurück erstrecken. Aber sie haben nicht den Charak-
ter fertiger Entwürfe, sie stammen aus verschiedenen Entwicklungsstufen ... '
usw. usw.; und dann: 'In dem letzten Jahr hat sich im minutiösen Überdenken, in
sorgsamster Endgestaltung und Ergänzung alles glänzend bestätigt, aber noch
bin ich mit den Vorbereitungen nicht ganz fertig, habe noch einiges Schwierige
vor mir und vor allem das jetzt Schwierigste: die systematische Darstellung.
Denn nirgends kann ich an Bekanntes anknüpfen ... '
Und an denselben am 2Z. XII. 1931:
'Die Frage ist für mich nur, wie ich die ungeheure Arbeit des Zusammenschlusses
(von Husserl unterstrichen) meiner unzähligen unveröffentlichten ... Unter-
suchungen zur Grundlegung der Phänomenologie zu Rande bringe und die wieder-
um dazu nötigen sehr differenzierten Untersuchungen, welche die noch fehlenden
Zusammenhangsstrukturen betreffen. Es ist eigentlich ein ganzes philosophisches
System erwachsen, aber eines völlig neuen Sinnes und Stiles ... '
Aus diesen Briefstellen wie auch aus den Stellen der an Sie gerichteten Briefe darf
man wohl entnehmen:
1. Nichts zeigt an, daß etwa ein auch nur begonnenes Manuskript einer zusam-
menhängenden Darstellung vorgelegen hätte, welches Husser!s Veröffentli-
chungsankündigungen einen konkreten Rückhalt gegeben hätte. Er hat wohl
halb und halb nur sich Hoffnung gemacht, um sich Mut zu machen - vielleicht
auch vertrauend auf eine Wiederholung der raschen Erfolge beim Niederschrei-
ben der 'Ideen l' und der 'Formalen und transzendentalen Logik' - einiges in
seinen Briefen weist darauf hin.
z. Gleichwohl muß es ernst genommen werden, daß Husser! damals tatsächlich
arbeitete und insbesondere schrieb mit jenem Plan einer literarischen System-
darstellung oder 'Grundlegung der Phänomenologie', nichl identisch mit den
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN r69
von Husserls Hand: "Eingegangen 1-6 * 13/8 1930"; das zweite Blatt ist
ohne Überschrift, am Rande steht hier von Husserls Hand die Jahreszahl
,,1929", mit einem Fragezeichen. Angeblich stammen diese Blätter von
Fink, und es scheint, daß diese "Disposition" bzw. diese zwei Dispositio-
nen auf Aufforderung Husserls und vielleicht auch auf seine Anweisung
hergestellt wurden. Und da Fink seit mehreren Jahren ein sehr naher Mit-
arbeiter Husserls war, so ist zu vermuten, daß sich da Fink auf Informa-
tionen über Husserl Arbeiten und Absichten stützt. Ob Husserl diese
"Disposition" akzeptiert hat, ob sie auf irgendwelchen bereits vorhande-
nen Schriften Husserls fußte oder s.z.s. ein selbständiger Konzept Finks
war, vermag ich nicht zu sagen. Aus dem Vorhandensein dieser "Disposi-
tion" im Zusammenhang mit den hier bereits angegebenen Stellen aus den
Briefen Husserls folgt - wie mir scheint - ganz unzweideutig, daß Husserl
tatsächlich ein solches großes 'Werk geplant hat und mindestens vorberei-
tende Skizzen, Vorarbeiten zu ihm zumindest seit Sommer 1930 schrieb.
Ich erlaube mir also, den Text dieser zwei Blätter hier wiederzugeben.
Erstes Blatt:

»Disposition zu
"System der phänomenologischen Philosophie"
von

EDMUND HUSSERL
Grundgliederung.
Einleitung (Die phänomenologische Idee des philosophischen "Systems".
Das System der "offenen Arbeitshorizonte" ; System als Vor-
zeichnung und Problematikaufriß. - Kritische Auseinander-
setzungen).

Erstes Buch: Die Stufen der reinen Phänomenologie


Erster Abschnitt: Vom Anfang und dem Prinzip derPhilosophie
Zweiter Abschnitt: Regressive (statische) Phänomenologie
Dritter Abschnitt: Progressive Phänomenologie

'Meditationen' und natürlich auch noch nicht mit dem 'Krisis'-Unternehmen.


So stellt sich
3. die Frage, was - unter Berücksichtigung von 1. - konkret aus unserem Ma-
terial dahin zu rechnen ist. Und da scheint mir die Vermutung ganz unausweich-
lich - nur als Vermutung, aber gleichwohl als solche unvermeidlich -, jedenfalls
gehörten dazu die späten Zeitmanuskripte, deren Hauptmasse in den Jahren
1930, 1931 und noch 1932 (Fortsetzung bis 1934!) entstanden ist. Dafür sprechen
Daten (auch genauere, als die aus Obigem hervorgehenden), das Grundsätzliche
und Weitausgreifende dieser Manuskripte, und so wäre endlich auch das Auf-
tauchen des ominösen 'zA' (= 'zur Ausarbeitung') am Rande mancher dieser
Manuskripte zu deuten"!
Daß in den Fink'schen Dispositionsentwürfen, die Boehm erwähnt und von denen
sogleich noch die Rede sein wird, die Zeitprobleme keine zen trale Rolle spielen, er-
klärt übrigens Boehm einfach damit, daß eben Finks Entwürfe und Husserls
Pläne zweierlei waren.
* Dies bezieht sich wahrscheinlich auf die ursprüngliche Anzahl der Blätter. Doch
ist dieses Blatt selbst mit einer römischen ,,1" bezeichnet, das andere gar nicht pa-
giniert.
17° ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

Vierter Abschnitt: Grundzüge der phänomenologischen Metaphysik


Zweites Buch: Ontologie und Phänomenologie
Erster Abschnitt: Die Idee der universalen "transzendentalen Ästhe-
tik"
Zweiter Abschnitt: Natur und Geist
Dritter Abschnitt: Von der reinen Innenpsychologie zur transzenden-
talen Phänomenologie«

Zweites Blatt:
»1. Band: Grundlegung zur egologischen Bewußtseinslehre (Allgemeine
Theorie der Intentionalität in ihren wesensallgemeinen Ge-
stalten, in allen Modifikationen).
H. Band: Konstitution der egologischen Weltlichkeit; noematische und
noetische Theorie der Konstitution der RaumzeitIichkeit und
raumzeitlichen Gegenständlichkeit der Empirie. Empirische
Welt in allen Stufen. Leib, Dinge, Ich als solus. Zunächst
statisch.
III. Band: Die Autogenesis des Ego als solipsistische Abstraktion. Die
Theorie der passiven Genesis. Association. Die Vorkonstitu-
tion. Konstitution von vorgegebenen Gegenständen. Die Kon-
stitution von Gegenständen in kategorialer Richtung. Gemüts-
und Willenskonstitution. Person, Kultur, solipsistisch.
IV. Band: Die Konstitution der Intersubjektivität und der gemeinschaft-
lichen Welt. Einfühlung. Konstitution des Menschen. Konsti-
tution der historischen Welt. Die intersubjektive Zeiträum-
lichkeit. Die Unendlichkeit. Die Idealisierung der exakten Na-
tur (Wie viel davon kann unter IH. gehören?) Statisch:
Mensch und Umwelt.
V. Band: Transzendentale Genesis der objektiven Welt. Transzenden-
tale Genesis des Menschen und der Menschheiten. Die Gene-
rationsprobleme. Die Probleme der Selbsterhaltung, der
Mensch in der Echtheit. Menschheit und Schicksal. Die teleo-
logischen und Gottesprobleme.«

Vielleicht bildet diese "Disposition" doch ein Ganzes ,d.h. daß es zu-
sammen sechs Bände sein sollten, der erste Band bestünde dann aus der
Einleitung und den zunächst genannten zwei Büchern. Es ist aber auch
möglich, daß es zwei verschiene "Dispositionen" sind oder auch eine Dis-
position für zwei verschiedene Werke, wobei das erste aus der Einleitung
und den zwei Büchern bestehen würde, das zweite aber die fünf Bände
umfassen würde. Es lohnt sich hier nicht, besondere Nachforschungen
darüber anzustellen. Interessant ist nur, daß Husserl sich im Jahre 1930
(und früher?) mit dem Plane eines solchen (oder eines bloß analogen)
Werkes getragen hat und daß er diese konkrete "Disposition" .. vor seinen
Augen im Sommer 1930 in Chiavari hatte, wo er dann durch schwere Er-
krankung an seiner Arbeit gestört wurde. Die Größe dieses Planes hatte
vielleicht zur Folge, daß Husserl den Plan der Erweiterung der Medita-

.. Die überwiegende Mehrzahl der Titel der einzelnen Themen scheint tatsächli-
chen Husserlschen Problemen zu entsprechen. Einige freilich tragen für mich den As-
pekt der Heideggerschen Problematik, was insofern nicht ausgeschlossen ist, als es be-
kannt ist, daß Fink in nahen Beziehungen zu Heidegger stand.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN I7 I

tionen fallen ließ oder ihn mindestens zeitweilig für die weitere Zukunft
verschoben hat.
Höchst interessant in diesem Brief ist endlich die Information Husserls
über die Bernauer Zeituntersuchungen, die "Fink allein schon zur Einheit
eines Textes gebracht hat (ziemlich umfangreich)". Diese "Zeituntersu-
chungen" bilden dasselbe Konvolut von Manuskripten, die mir Husserl
einst im Jahre 1927 vorgezeigt hat. Es wird hier nicht bloß unzweideutig
festgestellt, daß Fink sie zur Redaktion erhielt, sondern auch, daß er sie,
nach Husserls Überzeugung auch ergiebig bearbeitete, so daß dieses Zeit-
buch in das Jahrbuch XI kommen sollte. Worauf stützt Husserl diese In-
formation? Das Zeitbuch ist bis heute, im Jahre 1967, noch nicht erschie-
nen. Und es gibt auch - wie man mir mehr als einmal gesagt hat, weder
die entsprechenden Bernauer Handschriften Husserls, noch ihre Ab-
schriften, noch endlich eine Ausarbeitung Finks im Husserl-Archiv in
Louvain. Sie sollen immer noch bei Fink liegen und - angeblich - sein Pri-
vateigentum bilden. Hat also Husserl von dieser einheitlichen Ausarbei-
tung der Bernauer Handschriften etwas gesehen? Oder hat ihm darüber
Fink nur erzählt, oder ihm endlich doch etwas vorgezeigt? Nun, im No-
vember 1966 hat man mir eine Photokopie eines "Dispositionsentwurfs zu
Husserls Untersuchungen zur Phänomenologie der transzendentalen Zeit"
gegeben:

,)Dispositionsentwurf zu
Edmund Husserls Untersuchungen
zur Phänomenologie
der
transcendentalen Zeit

Einleitung:
(Das Problem der transcendentalen Zeit: in diesen Abhandlungen
grundsätzlich innerhalb der egologischen Reduktion. Anknüpfung an
die "Ideen": die dort vollzogene Reduktion als Reduktion 1. Stufe;
Charakterisierung der Exposition des transcendentalen Zeitproblems
in den "Ideen" und in den "Vorlesungen". - Neue Darstellung der
phänomenologischen Reduktion und Gliederung der phänomenolo-
gischen Konstitutionsproblematik. - Aufriss der Abhandlung.)
1. Abschnitt: Analyse der immanenten Zeit (Intentionale Analysen der
Wahrnehmung, der Erinnerung, eine ausführliche Analyse
der Wiedererinnerung. - Die immanente Zeit als eine Mehr-
dimensionalität von Zeiten, Aufweisung der deskriptiven
Unterschiede von Aktzeitlichkeit und Zeit hyletischer Da-
ten, der Zeit immanenter Aprioritäten (Wesensverhalte),
Analyse des Successionsbewusstseins.)
2. Abschnitt: Die Konstitution der immanenten Zeit (Die Akte als Einhei-
ten in den Phasenmannigfaltigkeiten des inneren Zeit be-
wusstseins; Zeit und Zeitmodalität, Objektivität der Zeit-
modalitäten, Auffassung und Auffassungsinhalt, Problem
der immanenten Wahrnehmung; Analyse der Zeitintentio-
nalität Retention und Protention, Bestimmung des phäno-
menologischen Charakters des "Abklangs", Diskussion
scheinbar möglicher Interpretationen. - Der ganze Abschnitt
I7 2 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

behandelt in extenso das Problem der Individuation, aller-


dings in der Immanenz; Grundstücke einer temporalen
Noematik!)
3. Abschnitt: Die Selbstkonstitution des inneren Zeitbewusstseins (Grund-
aporie des unendlichen Regresses und grundsätzliche Ueber-
windung durch die phänomenolog. Restitution einer
Aristotel. - Brentanoschen Lehre! Diagramm der Zeit. -
Zeit und Ich: die monadolog. Einheit der tr. Zeit; Unzeit-
lichkeit u. Verzeitlichung des Ich.)«

Auf der Photokopie hat man in Archiv das Datum der Abgabe dieses
Dispositionsentwurfs an Husserl notiert. Es lautet: 26. I. 1929. Das ist
also ungefähr zwei Jahre früher als der Brief geschrieben wurde, in wel-
chem Russerl die hier kommentierte Notiz über seine Zeituntersuchungen
gemacht hat. Ratte Fink inzwischen seine Redaktionsarbeit weiter fort-
geführt und Russerl die Ergebnisse vorgezeigt? Rat Russerl den Disposi-
tionsentwurf akzeptiert? Diesem Entwurf ist noch ein Blatt beigefügt mit
dem Titel: "U ngefähre Anordnung der Manuskripte". Diese "Anordnung"
gebe ich hier an, damit die Öffentlichkeit wenigstens einige Titel der dies-
bezüglichen Manuskripte Husserls kennenlernt. Sie lautet:

~Einleitung: verschiedene Manuskriptenanfänge, vor allem aber Partien


aus M. "Zur Lehre von den Zeitmodalitäten".
I. Abschnitt: I) "Erinnerung als Voraussetzung der Vergleichung und
Identifizierung' ,
2) "Das Bewußtsein und seine Form der immanenten
Zeit"
3) "Empfindung und transc. apperc. Wahrnehmung"
4) Einiges aus "Akte als Gegenstände der Phänom. Zeit"
5) Einige Blätter aus "Eidetische Gestalt der seelischen
Innerlichkeit" (über hyletische Daten und ihre Zeit)
11. Abschnitt: I) "Auffassung und Auffassungsinhalt"
2) "Zeit und Zeitmodalitäten"
3) "Zur Lehre von den Zeitmodalitäten"
4) "Objektivität der Zeitmodalitäten"
5) "Das Ineinander von Retention und Protention"
6) "Wichtige Ausführungen über Retention und Ver-
gegenwärtigung' ,
7) "Retentionale Modifikation und kontinuierliche Mo-
difikation überhaupt"
8) "Das Formensystem in der Zeitkonstitution"
9) "Die S-Blätter"
111. Abschnitt: I) "Neuer Versuch der Aufklärung der Strukturen des
Zeitgegenständlichkeit-konstituierenden Bewußt-
seins"
2) "Das Ego und die subjektive Zeit"
3) "Eidetische Gestalt ... "
4) "Der Erlebnisstrom und das Ich".«

Wie aus einigen Einzelheiten dieser Zusammenstellung folgt, ist das nur
eine vorbereitende Liste der Titel der Handschriften, die noch nicht zur
Einheit eines Textes zusammengefügt worden sind. Der Dispositionsent-
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 173
wurf Finks, den ich hier abdrucke auf Grund des Erlaubnisses von
Professor E. Fink, enthält verschiedene andere Titel, die unter den
Titeln der Husserlschen Manuskripte nicht auftreten. Offenbar ist
dieser Dispositionsentwurf schon ein Versuch, die Husserlschen Texte
zu vereinheitlichen, eventuell auch zu bearbeiten und ergänzen *.
Was ist aber dann geschehen, daß innerhalb der sieben Jahre, in
welchen Husserl noch lebte, die Bernauer Zeituntersuchungen nicht
publiziert wurden? Hat Husserl vor seinem Tode gar keine Weisungen
gegeben, was mit diesen Manuskripten geschehen sollte? Und was
geschah in diesen fast 30 Jahren nach dem Tode Husserls, daß die
philosophische Öffentlichkeit bis jetzt über dieses nachgelassene Werk
Husserls überhaupt gar nichts erfahren hat? Wäre es nicht am besten, die
Husserlschen Manuskripte ohne jede redaktionelle Änderung einfach als
nachgelassene Materialien zu den Zeituntersuchungen Husserls zu publi-
zieren? Aus den oben angegebenen Titeln der einzelnen Manuskripte ersieht
man, daß sie tatsächlich höchst wichtige Probleme behandeln und daß wir
alle viel von ihnen lernen könnten.

ad L. (I9. IV. I93I)


53. Es fällt das ganz unerwartete Thema der Vorträge in der Kant-Ge-
sellschaft: "Phänomenologie und Anthropologie" auf. Und die "Anti-
poden" Husserls: Scheler und Heidegger. War das eine Auseinanderset-
zung mit ihnen? Husserls Manuskript zu den Vorträgen ist, wie Walter
Biemel in Husserliana IX, S. 615 erwähnt, unter der Signatur F II 2 im
Husserl-Archiv erhalten und auch abgeschrieben; es wurde aber noch
nicht veröffentlicht.
54. Der zweite Punkt, der hier unterstichen werden muß, ist die Be-
merkung Husserls, daß die "deutschen Meditationen sehr erweitert wer-
den". Sie befinden sich also noch immer im Gesichtskreis Husserls. Weist
die Tatsache, daß sie "sehr erweitert" werden sollen, darauf hin, daß
Husserl den Plan, ihre Erweiterung Fink zu überlassen, bereits fallen ge-
lassen hat? Sollen sie nicht mehr "im nächsten Jahrbuch" erscheinen?
Ich möchte noch anmerken, daß Husserl mir in diesem Briefe die Er-
laubnis gibt, die "Meditationen" zu übersetzen. Die im darauf folgenden
Satz ausgesprochene Bemerkung von der Erweiterung der Meditationen
weist darauf hin, daß sich diese Erlaubnis auf den kommenden deutschen
Text bezieht. Zugleich fordert mich Husserl auf, ihm meine Eindrücke
von der französischen Ausgabe mitzuteilen.

ad LI. (I5. V. I93I)


55. Nach der Information von Frau Husserl geht also die Arbeit an den
"Meditationen" weiter fort, und zwar soll, wie es scheint, Fink Vorschläge
machen und Husserl dann selbst den erweiterten Text "in die Hand neh-
men". Es klärt sich auch der Charakter der "Erweiterung" auf: es sollen
zwei neue Meditationen hinzugeschrieben werden.
56. Ich werde zum zweiten Mal aufgefordert, meine "Vorschläge" "in
* Husserl hat wohl Fink beauftragt, solche redaktionellen und sachlichen Ände-
rungen vorzunehmen. Er hat dasselbe mir einst gesagt, als er den Vorschlag machte,
daß ich diese Manuskripte zum Druck redigiere. Das tat Husserl immer, also z.B.
Edith Stein gegenüber.
174 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

jeder Hinsicht" und zwar möglichst bald zu schicken. Ich hatte bloß den
französischen Text. Ich habe mich natürlich gleich an die Arbeit gesetzt
und begann meine "Bemerkungen" niederzuschreiben. In den drei näch-
sten Briefen: LII (21. V. 1931) von Frau Russerl, sowie LIII (8. VII.
1931) und LIV (31. VIII. 1931) von Husserl selbst weiderholen sich die
Aufforderungen, daß ich meine Bemerkungen zu den Meditationen
schicken solle. Aus diesen Briefen geht aber nicht klar hervor, ob Russerl
den Text meiner "Bemerkungen" bereits in der Hand hatte. Ich habe lei-
der nicht notiert, wann ich sie Husserls geschickt habe"'.

ad LIII. (8. Juli I93I)


57. Man sieht, wie sehr Russerl daran lag, daß die neue Redaktion der
Meditationen einwandfrei und stichhaltig sei, so daß er eben fremde kri-
tische Bemerkungen brauchte, um zu sehen, was dem Leser unklar oder
zweifelhaft erschien.
58. Ich benachrichtigte Husserl, daß wegen neuer Budgetrestriktionen
der Etat des Lehrstuhls, den ich bekommen sollte, gestrichen wurde. Auch
meine Frau, welche Schulärztin war, verlor ihre Stelle. Das war alles eine
Folge der großen ökonoInischen Krise, die damals in der ganzen Welt
herrschte.
59. Die Worte "Ich habe soeben Ihre 2. Sendung und ihre Karte erhal-
ten" beziehen sich wahrscheinlich auf den zweiten Teil meiner "Bemer-
kungen".

ad LIV. (3I. VIII. I93I)


60. "Nach Monaten Zeitverlusts" - schreibt Husserl, indem er über die
Erfolge seiner Vorträge und den darauf kommenden Erschöpfungszustand
berichtet. Es ist klar, daß dieser "Zeitverlust" sich auf die Bearbeitung
der neuen deutschen Redaktion der "Meditationen" bezieht, die für das
neue Jahrbuch fertig sein sollten. Also die "Meditationen" bilden wiederum
das Hauptinteresse und Hauptthema der Arbeit Husserls, "obwohl ich
nicht eigentlich prinzipiell Neues zu sagen habe", bemerkt Husserl. Keine
sachlichen Schwierigkeiten mehr, sondern "die Darstellungsmethode,
... die wesensmäßig zu einer Philosophie selbst als ihre Methode der Be-
gründung gehört" - das ist eben die Hauptschwierigkeit, an deren über-
windung Husserl ganze Jahre seiner Bemühungen gegeben hat. Da waren
die Depressionen und Erschöpfungszustände nach verschiedenen zwar
wichtigen, aber doch sub specie der Realisierung des "Systems der phä-

... Ich tat es wahrscheinlich spätestens im Juli 1931. Ich schickte nämlich meine
Bermerkungen bloß zu den ersten vier Meditationen. In der fünften bin ich stecken-
geblieben, und zwar aus verschiedenen Gründen. Der französische Text ist - bekannt-
lich-in der V. Meditation mit empfindlichen Mängeln behaftet. Ich konnte aber nicht
recht erraten, was im Originaltext steht. Außerdem gab es für mich verschiedene
sachliche Schwierigkeiten, die ich nicht zu überwinden wußte. Und die Bedenken,
welche der Text der V. Meditation in mir hervorrief, waren viel prinzipiellerer Natur
als diejenigen, die sich auf die ersten vier Meditationen bezogen. Meine etwaigen Be-
merkungen mußten in diesem Falle in einer sehr erweiterten Gestalt redigiert werden.
Und ohne eine nähere Begründung würden sie von. Husser! kaum in Erwägung ge-
zogen werden.. So schickte ich Husser! bloß einen Teil meiner Bemerkungen und
schrieb ihm, daß dies vorläufig alles sei, was ich schicken könne.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN I75
nomenologischen Philosophie" nur nebensächlichen Beschäftigungen be-
sonders gefährlich.
6I. "Ihren kleineren Aufsatz" - das bezieht sich auf meine Abhandlung
"Einige Voraussetzungen des Idealismus bei G. Berkeley", die ich im
Jahre 1929 in polnischer Sprache schrieb und die im Sommer 1931 in
einer Sammlung von Artikeln zum 2sjährigen Jubiläum der Polnischen
Philosophischen Gesellschaft in Lemberg erschienen ist. Ich hatte die Ab-
sicht, sie deutsch zu schreiben, und hatte Husserl gefragt, ob sie im Jahr-
buch gedruckt werden könnte.

ad LV. (I3. XI. I93I)


62. Husserl fühlt sich da sichtlich gekränkt, daß ich ihm meine Bemer-
kungen zur V. Meditation nicht zugeschickt hatte. Dabei schrieb ich noch
etwas über den Mangel an Zeit und machte zugleich verschiedene Pläne
über kleine Arbeiten. Das hat mir Husserl sehr übel genommen. Er hielt
die V. Meditation für die Wichtigste in dem ganzen Buch und war über-
zeugt, daß sie auf mich einen tiefen und entscheidenden Eindruck machen
mußte, so daß ich mich nach ihrer Durcharbeitung zum transzendentalen
Idealismus bekennen würde. Außerdem brauchte er meine "Bemerkun-
gen" bei der weiteren Arbeit an der neuen Redaktion des deutschen Tex-
tes der Meditationen. Als ich ihm die Fortsetzung der "Bemerkungen"
nicht schickte, konnte er dies nur so deuten, daß ich die Lektüre der Me-
ditationen überhaupt abgebrochen hätte und die Meditationen überhaupt
nicht für so wichtig hielt. Das war natürlich ein Mißverständnis.
Was sollte ich aber machen? Abgesehen davon, daß ich damals in einer
sehr gedrückten Stimmung war, da mein Dozentenleben sich mindestens
um ein Jahr verlängerte, hatte ich wirklich keine Zeit, das zu machen,
was Husserl von mir erwartete und auch nachdrücklich forderte. In der
Schule hatte ich dreißig Lehrstunden wöchentlich, an der Universität ha-
ben sich meine Pflichten um eine Vorlesungsstunde vergrößert (zusammen
3 Stunden Vorlesung und 2 Stunden Übungen wöchentlich), so daß ich
kaum noch Zeit hatte, etwas für mich zu machen. Dabei drängte man
mich, etwas Neues zu publizieren, um die Widerstände, die von mancher
Seite meiner Ernennung entgegen standen, zu überwinden. Und Husserl
forderte, daß ich ungeachtet der ganzen Situation alles bei Seite schob und
bloß die theoretischen Fundamente der V. Meditation und überhaupt des
Husserlschen transzendentalen Idealismus ganz aufs neue durchdachte.
Sachlich hatte Husserl natürlich recht, sub specie aeternitatis. Er
wollte auch möglichst schnell die Fortsetzung meiner Bemerkungen haben.
Das bedeutete für mich eine innerliche Stärkung, weil es bewies, welches
Gewicht er meinen eventuellen Einwänden zuschrieb. Aber das hat mich ge-
rade in eine noch schwierigere Situation gebracht. Denn bei dem Glauben,
den Husserl an die V. Meditation und ihre Bedeutsamkeit hegte, war es
mir immer mehr klar geworden, daß in diesem Falle solche an einzelne Be-
hauptungen und Argumentationen anknüpfenden Bemerkungen, wie ich
sie den ersten vier Meditationen gewidmet hatte, bei der fünften keines-
wegs ausreichen würden. Man mußte etwas viel Bedeutenderes machen:
man mußte von sich aus eine Gegenuntersuchung durchführen, die ebenso
tief und ebenso weit ginge wie es Husserls Begründung des transzendenta-
len Idealismus. Die Husserls einst geschenkten "Bemerkungen zum Pro-
blem Idealismus-Realismus" bildeten nur eine Skizze und nur ein Pro-
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

gramm, das Russerl zu einem neuerlichen Durchdenken seiner Argumen-


tation zu zwingen nicht fähig war. So begann ich meine "Beiträge zum
Problem Idealismus-Realismus" zu schreiben, um die gesamte Problema-
tik aufs neue und tiefer zu entwerfen und sie zu bearbeiten zu versuchen.
Ich löste mich dabei nicht von den "Meditationen", ich schob sie nicht -
wie Russerl augenscheinlich meinte - beiseite. Aber um Gegenargumente
gegen sie zu finden, mußte ich selbst positif an der mir vorschwebenden
Problematik arbeiten, um für die Diskussion mit Russerl besser vorbe-
reitet zu sein. Ich dachte, daß ich in ein oder zwei Jahren damit wenig-
stens vorläufig fertig sein würde. Es dauerte aber länger, viel länger, als
ich überhaupt voraussehen konnte.
Was ich damals Russerl auf seinen Brief geantwortet habe, weiß ich
schon nicht mehr. Es mußte aber etwas dem Ähnliches sein, was ich da
jetzt gesagt habe. Russerl war jedenfalls besänftigt.
ad LVII. (I7. XII. I93I)
63. Ich drucke diesen Brief, obwohl er als ein Beileidsbrief zum Tode
meiner Mutter rein privater Natur ist, deswegen ab, weil seine letzten
Sätze die Stimmung Russerl bereits im Jahre 1931 wiedergeben und
außerdem die Rolle zum Ausdruck bringen, welche die Philosophie im Le-
ben Russerls spielte. Sie scheinen die Vermutung zu bestätigen, welche ich
in Anknüpfung an die Antwort Russerls auf die Jubiläumsreden im Jahre
1929 auszusprechen wagte.

ad LVIII (IO. II. I93z)


64. Dieser Brief bestätigt die früher von mir ausgesprochene Vermu-
tung, daß Russerl in diesen Jahren drei verschiedene Werke vorbereitete:
I. die "große Systemdarstellung" , 2. Die "CartesianischenMeditationen" im
neuen deutschen Text und 3. die "Zeituntersuchung". Wir erfahren aber
zugleich, daß diese Zeituntersuchung eine "seit Jahren fertig liegende" ist
- also diejenige, welche Russerl Fink zur Redaktion überlassen hat (oder
sollte es noch eine andere "seit Jabren fertige" Zeituntersuchung geben ?).
Der "Vorentwurf" der neuen Redaktion der Cartesianischen Meditationen
ist Fink überlassen worden. Was ist damit geschehen? S. Strasser erzählt,
daß Fink eine sechste Meditation geschrieben habe und daß sie sogar - wie
mir scheint - Gaston Berger zu lesen gegeben worden ist. * Bis jetzt aber ist
nichts davon erschienen. Und im Russerl-Archiv gibt es auch gar keine
neue Redaktion der Meditationen, weder von Fink noch von Russerl
selbst. Ich habe darum gebeten, man möchte mir die Handschriften Hus-
serls zeigen, die aus den Jahren 1930/31 stammen und sich auf die Medi-
tationen beziehen könnte. Es sind zusammen etwa 50 Manuskripte, die
sich auf die Meditationen beziehen können, und etwa 20 Manuskripte,
welche die Zeit betreffen. Es würde hier zu viel Raum einnehmen, ihre
Signaturen alle anzugeben; übrigens sind sie leicht im Archiv zu finden.
Sie sind nahezu alle abgeschrieben, ebenso wie die Zeithandschriften. Ich
habe die sich auf die "Meditationen" beziehenden Randschriften zum Teil
gelesen. Es sind lauter relativ kleine Texte, etwa 10 bis 20 Seiten (in der
Machinenabschrift), die sich auf besonders ausgewählte, einzelne Probleme
beziehen und die zum Teil wirklich interessant sind. Ich fand aber in den
von mir gelesenen Texten nichts, was mir irgendwie als besonders neu oder
unerwartet erscheinen wäre. Sie scheinen die Funktion zu haben, die in
• Vgl. Husserliana I, S. XXVIII.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 177
den "Meditationen" noch nicht erledigten, aber sie ergänzenden oder be-
gründenden Betrachtungen zu entwicklen, um die etwa sich aufdrängen-
den Zweifel zu beseitigen. Man müßte alle diesbezüglichen Texte genau
studieren, um zu wissen, ob sie ein Ganzes bilden und wirklich für die "Me-
ditationen" verwendbar sind. Ich konnte das natürlich während meines
kurzen Aufenthaltes in Lauvain nicht tun. Besonders auch deswegen
nicht, weil man diese Texte mit dem bereits publizierten ursprünglichen
deutschen Text der Meditationen genau vergleichen müßte. Ich glaube
aber, daß diese Arbeit doch geleistet werden muß und eine neue Auflage
der "Meditationen" vorbereitet werden sollte, in welcher diese ergänzen-
den Texte mindestens in einer Auswahl oder in einem abgekürzten Bericht
berücksicht werden müßten, damit man sich wenigstens darüber orientieren
könnte, in welcher Richtung die von Husserl selbst beabsichtigten Ergän-
zungen (oder, wie Husserl schrieb: "Erweiterungen") gehen sollten. Dies
ist um so wichtiger, weil die zu dem "systematischen Grundwerk" gehö-
renden Vorarbeiten noch nicht gefunden und bearbeitet worden sind, und
weil es überhaupt fraglich ist, ob diese Vorarbeiten wirklich existieren.
Man würde auf diesem Wege vielleicht aufklären können, warum Husserl
dann doch darauf verzichtet hat, die neue Redaktion der Meditationen
zum Abschluß zu bringen und das ganz neue Werk, die " Krisis"-Schrift,
vorzubereiten begonnen hat. Hat da Fink die versprochene Ausarbeitung
nicht fertig gebracht, haben dabei meine kritischen Bemerkungen (die ja
nur zu einem Viertel veröffentlicht worden sind) eine Rolle gespielt, oder
sind völlig neue Probleme entstanden, die Husserl bewogen haben, alles
andere beiseite zu schieben und sich an die Bearbeitung der "Krisis" zu
setzen.
65. Der Satz "Ihr Manuskript ... " sowie der Satz: "Ihre Arbeit muß
ich lesen ... " beziehen sich auf die deutsche Redaktion meiner Arbeit
"Einige Voraussetzungen des Idealismus bei Berkeley", die schon früher
erwähnt wurde.

ad LX. (II. VI. I93z)


66. Husserl knüpft in diesem Brief in seinen kritischen Bemerkungen zu
meinen Arbeiten an die deutsche Redaktion der Abhandlung über Berke-
leys Idealismus an und ist sehr betrübt, daß in ihr die Ergebnisse der "Me-
ditationen" nicht berücksichtig wurden. Das ist aber ein Mißverständnis.
Vor allem war diese Arbeit im Jahre 1929 niedergeschrieben und ist im
Herbst 1931 lediglich in deutscher Sprache verfaßt worden, sie stammt
also aus einer Zeit, wo ich die "Meditationen" noch nicht kannte. Zweitens
ist sie eine Betrachtung, deren Ziel es allein ist zu zeigen, daß die Berkeley-
sehe Argumentation für seinen Idealismus zwischen den Zeilen eine
Reihe formal-ontologischer Behauptungen voraussetzt, die ihm die idea-
listische Entscheidung erleichtern bzw. sie erzwingen. Diese formal-onto-
logischen Entscheidungen sind zugleich der Art, daß sie zum Teil falsch,
z.T. aber nicht notwendig zu sein scheinen. Wären sie beseitigt, dann
würde auch der Berkeleysche Idealismus seiner Begründung beraubt sein.
Das schien mir eine methodologisch berechtigte Verfahrensweise zu sein.
Wenn ich dagegen auf die Berkeleyschen Ausführungen die transzenden-
tale phänomenologische Betrachtungsart einfach hätte abwenden wol-
len, so wäre dies methodologisch nicht korrekt gewesen. Husserl hat es
offenbar auch nicht gefallen, daß meine Argumentation sichtlich gegen
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

den Berkeleyschen Idealismus gerichtet war. Obwohl sich dieser Idealis-


mus von dem transzendentalen Idealismus Russerls wesentlich unter-
schied - was Russerl selbst in den "Ideen" betont -, so war ihm trotzdem
meine Stellungnahme unangenehm, weil sich in ihr anzeigte, daß ich
Gründe gegen jeden Idealismus zu suchen geneigt war. Und er war über-
zeugt, daß man nach der Lektüre der "Meditationen" - wenn man sie ver-
standen hatte - mit den "Meditationen" mitgehen mußte. Deswegen wirft
mir Russerl vor, daß ich die Meditationen nicht verstanden habe. Sind
aber wirklich die Gedankengänge so überzeugend, daß sie zwingend sind?
- Husserl imputiert mir sogar, daß ich die Lektüre der "Meditationen" nach
vier "Meditationen" abgebrochen habe. Dies habe ich aber Husserl nie ge-
schrieben, und dies war auch nicht wahr. Ich habe nur die Sendung meiner
"Bemerkungen" an Husserl unterbrochen, weil ich eingesehen habe, daß
solche Randbemerkungen ziemlich erfolglos waren und weil ich deswegen
eben eine systematische Bearbeitung des ganzen Problemkomplexes un-
ternommen hatte. Die Ausführung dieses Planes dauerte aber viele jahre
und führte letzten Endes zu meinem Buche "Der Streit um die Existenz
der Welt", das erst in den Jahren 1964/65 in deutscher Sprache veröffent-
licht wurde. Es wurde aber ursprünglich in deutscher Sprache verfaßt
und ist bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges etwa zur Hälfte nieder-
geschrieben worden. Erst im Kriege habe ich das Buch polnisch geschrie-
ben und kam dann viele Jahre später zur Beendigung der deutschen Re-
daktion. Deutsch habe ich aber begonnen, dieses Buch zu schreiben, weil
es für Husserl bestimmt war und es ihm meinen Weg zur Bearbeitung des
Idealismus-Realismus-Problem zeigen sollte.
67. Es ist unzweifelhaft, daß Husserl nach dem ersten Weltkriege große
Fortschritte gemacht hat, daß er aber in der Zeit des ersten Krieges unter
das Niveau der "Ideen" zurückgesunken sein sollte, wie er in diesem Briefe
schreibt, das ist im Grunde nur ein Manko des Gedächtnisses. Die Ge-
spräche mit mir im jahre 1916 und 1917 bilden den besten Gegenbeweis
gegen diese Behauptung Husserls. Und daß er sogleich im jahre 1917/18
die Bernauer Zeitmanuskripte schreiben konnte, die er selbst für sein
Hauptwerk hielt, ist ein weiteres Argument gegen den Pessimismus, der in
diesem Briefe herrscht.

ad LXI. (I9. VIII. 32)


68. Also erst nach diesem Datum sollte ich den deutschen ursprüng-
lichen Text der Meditationen erhalten, bis dahin mußte ich mich mit der
ziemlich fehlerhaften französichen übersetzung begnügen *.
69. Der Satz: "Ich habe wichtige "Tiefbohrungen" fortgeführt ... "
bestätigt meinen Eindruck nach den Nachforschungen im Husserl-Archiv
in Louvain, daß bis Ende 1931 nur "Tiefbohrungen", wie das Husserl so
treffend sagt, durchgeführt wurden, nach denen erst die Ausarbeitung
eines neuen fortlaufenden Text der "Meditationen" kommen sollte. Ist es
aber wirklich dazu gekommen? Jedenfalls noch im Sommer 1932 war das
die Absicht Husserls.

* So viel ich weiß, druckt man in Frankreich bis jetzt diese Übersetzung in immer
neuen Auflagen, ohne daß die in ihr enthaltenen Fehler beseitigt werden. Weiß man
denn nicht, wie es damit bestellt ist?
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN I79
ad LXIII. (2I. X. I932) und LXIV. (n. X. I933)
70. Die Nachricht von Frau Husserl über die Korrespondenz Husserls
mit Niemeyer bezieht sich auf die Arbeit über Berkeley. Ich habe mich
aber dann nicht an Niemeyer gewendet.
Es ist unmöglich, daß in unserer Korrespondenz eine ein ganzes Jahr
dauernde Unterbrechung eingetreten sein sollte. Es müssen beiderseits
Briefe verloren gegangen sein. Die politische Lage hat sich in Deutschland
im Jahre 1933 so geändert, daß dies erklärlich ist.

ad LXV. (2. XI. I933)


71. Die Korrespondenz Husserls mit Hicks bezog sich auf die Eventua-
lität, meine Berkeley-Schrift und die damals in Bearbeitung befindliche
Arbeit "Beiträge zum Problem Idealismus-Realismus" (die erste Redaktion
meines Buches "Der Streit um die Existenz der Welt") meinem damaligen
Plan gemäß in englischer Sprache in England zu veröffentlichen. Auch
dieser Plan wurde von mir fallen gelassen.
72. Die Nachricht von der Auflösung der Warschauer Universität be-
ruhte auf irgendwelchem Mißverständnis. Es hat nie so etwas stattgefun-
den.

ad LXVIII (I3. XII. I933)


73. Diese Karte bildet die Antwort Husserls auf meinen Bericht von
meiner Ernennung zum a.o. Professor der Philosophie an der Lemberger
Universität.

Besuch bei Husserl im September I934


Ich versprach Husserl, ihn nach dem Kongreß in Prag zu besuchen.
Ich war damals in Freiburg nur einige Tage. Trotz der radikal geänder-
ten Situation Husserls (er durfte nicht mehr lesen) und seiner Familie
war er doch guten Mutes. Er hatte weite Arbeitspläne und schien auch gut
arbeiten zu können. Wir sprachen über die Lage der Philosophie in der
weiten Welt, und insbesondere über den Kongreß in Prag, über den Hus-
serl von mir einen Bericht haben wollte. Er war nach Prag zu einem Vor-
trag eingeladen, er schickte aber nur einen langen philosophischen Brief,
der in der ersten Plenarsitzung vorgelesen wurde. Ich erzählte Husserl
von verschiedenen Vorträgen und zahlreichen Interventionen der Neo-
positivisten (sog. Wiener Kreis), die den Kongreß zu beherrschen suchten.
Sie hatten zuerst einen "Vorkongreß" organisiert, an dem nur die Ver-
treter des Neopositivismus teilnehmen durften und der eine gewisse Kon-
kurrenz zu dem wirklichen Kongreß bilden sollte. Die überwiegende
Mehrzahl der polnischen Logistiker und Philosophen (Lukasiewicz, Tarski,
Ajdukiewicz u.a.) haben daran teilgenommen. Professor RadI, der Präsi-
dent des Kongresses, hat mir erzählt, welche Methoden die "Wiener" an-
gewendet haben, um die besten Stellen in den Plenar- und Sektionssitzun-
gen (besonders in der sog. Sektion A) zu besetzen. Mein Vortrag, der vom
Präsidium auf den ersten Tag des Kongresses in der Sektion A angesetzt
war (so stand es in dem offiziellen Programm des Kongresses, das wir vor
den Ankunft nach Prag erhalten hatten), wurde auf den letzten Tag des
Kongresses verschoben. Ich war der einzige Pole, der sich dem Neopositi-
180 ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

vismus widersetzte. Der Titel meines Vortrags lautete: "Der logistische


Versuch einer Neugestaltung der Philosophie" und richtete sich vor allem
gegen die neopositivistische Auffassung des Sinnes des Satzes. Husserl war
sehr daran interessiert, wie das alles verlaufen war. In einem gewissen
Augenblick bedauerte ich Husserl gegenüber, daß die Phänomenologen -
im Gegensatz zu den "Wienern" - gar nicht organisiert waren, so daß sie
nicht als Gruppe auftraten, obwohl es eine Anzahl phänomenologischer
Vorträge gab. Darauf klopfte mich Husserl väterlich auf die Schultern
und sagte: "Lieber Ingarden, Philosophie macht man nicht mit Organisa-
tion", worauf ich beschämt verstummte. Er hatte natürlich recht. Aber
trotzdem stellte ich ihm aufs neue die Frage, ob man nicht doch eine inter-
nationale phänomenologische Gesellschaft gründen sollte, welche eine
richtige Zeitschrift herausgeben würde. Das Jahrbuch war immer nur für
größere Arbeiten bestimmt und hatte gar keinen Raum für Diskussionen,
Rezensionen u.s.w. Außerdem war es zu dieser Zeit bereits kaltgestellt.
Auch die Organisierung kleiner Symposia, an dem vor allem Phänomeno-
logen teilnehmen und verschiedene Streitpunkte besprechen könnten,
hielt ich für vorteilhaft. Husserl hörte dem zu, es war aber nicht zu hoffen,
daß von ihm eine Initiative ausgehen würde.
Wir sprachen dann auch über die beabsichtigten Publikationen Hus-
serls. Der Plan einer neuen Redaktion des deutschen Textes der "Medita-
tionen" schien damals fallen gelassen zu sein. Husserl hat aber noch weiter
an dem systematischen Werk der Phänomenologie gearbeitet; er war auch
immer damit beschäftigt, wie eine richtige Einleitung und Begründung der
Phänomenologie zu gestalten wäre.
So beschäftigten wir uns fast ausschließlich mit Philosophie, ohne auf
die allgemeine Lage in der realen Außenwelt einzugehen. Vielleicht des-
wegen war die Stimmung im allgemeinen nicht schlecht.

ad LXXIII. (26. XI. I934)


74. Der von Russerl erwähnte "formale Aufbau" - das ist der gekürzte
Titel meiner Anhandlung "Vom formalen Aufbau des individuellen Gegen-
standes" (deutsch, Studia Philosophica, vol. I, Leopoli, I935, S. 27-I06).
Es ist ein Stück der formalen Ontologie, das den damals vorbereiteten
"Beiträgen zum Problem Idealismus-Realismus" entnommen war und
dann in meinem Buche "Der Streit um die Existenz der Welt" verwertet
wurde.
75. Hier schreibt Huuserl zum ersten Mal über den neuen Problem-
ansatz, der mit dem Briefe an den Prager Kongreß im Zusammenhang
steht und der dann zu dem Problemkreis der "Krisis" geführt hat.
Außerdem erfahren wir von einer neuen Phase in der Vorbereitung der
"Zeituntersuchung" durch Fink, von welcher einst Husserl schrieb, daß
sie "seit Jahren fertig liegte" . Eine ganz neue, von Fink verfaßte histori-
sche Einleitung, die "fast ein ganzes Buch" ist, soll dem Husserlschen
Text vorangehen, und das ganze "Zeitwerk" soll jetzt aus zwei Bänden
bestehen. Es soll "ein schönes Werk werden und ein wirklich fundamen-
tales" - schreibt Russerl ganz ahnungslos, als ob er nicht wüßte, daß sich
die Lage mit jedem Tag verschlechterte und es ratsam war, sich zu beeilen.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN 181

ad LXXVII. (IO. VII. I935)


76. Aus diesem langen und interessanten Brief wähle ich nur zwei Stel-
len, um einige Worte an sie anzuknüpfen.
Husserl bemerkt zu meinen Vorlesungen an der Lemberger Universität:
"Ihre Vorlesungspläne sind durchaus rationell- für Polen, in Deutschland
sind alle diese Themen nicht mehr aktuell. Philosophie als strenge Wissen-
schaft gehört zur erledigten Vergangenheit, so gut, wie die Scholastik des
13. Jahrhunderts. Auch im übrigen Europa greift die irrationalistische
Skepsis um sieh, das Bollwerk des mathematischen Positivismus wird
nicht lange helfen, da man schließlich entdecken wird, daß es eine At-
trappe von Philosophie und nicht eine wirkliche Philosophie ist". - Das
ist die Stelle, die wahrscheinlich den Grund zu der Fabel gab, daß Husserl
gesagt haben soll, daß cr "den Traum von der Philosophie als einer exak-
ten Wissenschaft ausgeträumt hat." * In dieser Wendung habe ich das -
so viel ich weiß - von Fink als Husserls Meinung gehört und habe dies so-
gar in meiner Gedenkrede für Husserl im Jahre 1959 wiederholt. Vor eini-
ger Zeit hat man mich gefragt, ob es wahr sei, daß diese Auffassung wirk-
lich in einem der Briefe Husserls ausgesprochen wurde. Das mußte ich auf
Grund des eben zitierten Textes verneinen. Denn hier ist es ja ganz deut-
lich, daß Husserl hier nicht von sich selbst, sondern von der Situation in
dem damaligen Europa spricht. Und wenn Husserl von der Entwicklung
in den darauf folgenden 30 Jahren hätte wissen können, so müßte er sa-
gen, daß er die allgemeine Situation richtig beurteilt hat. Es ist aber kein
Verzieht auf sein eigenes Programm der Philosophie als einer strengen
Wissenschaft. Gerade im Gegenteil, der nächste Satz spricht Husserls voll-
kommene Sicherheit aus **.
77. Der zweite Punkt, den ich hier noch hervorheben möchte, sind Hus-
serls Worte über die Entwicklung seiner geschichtsphilosophischen Ideen
und die Rolle der transzendentalen Phänomenologie als einem Entwick-
lungstelos der europäischen Philosophie und auch als einer Rettung der
europäischen Kultur (später heißt es nur: der europäischen Wissenschaf-
ten) aus einer Krisis. "Seit einer vVoche bin ich infolge einer Erkältung
arbeitsunfähig - zum ersten Mal seit einem Jahr bin ich aus einem
großen Gedankenzuge herausgerissen, der sich meiner mit einer unglaub-
lichen Intensität bemächtigt hatte - Vollendung der geschichtsphiloso-
phischen Ausgestaltung der transzendentalen Phänomenologie, mit der
sie ihren Sinn als universale transzendentale Geschichtsphilosophie und
Teleologie ausreift. Ältere Ansätze dienten schon für die unfertige Prager
Abhandlung vom vorigen Jahre und wiederum für die Wiener Vorträge".
- Da wird also nicht bloß eine Genese der "Krisis", sondern auch eine
durchaus neue Idee der Phänomenologie kurz und scharf angedeutet, die
auch in der "Krisis" nicht so deutlich zum Ausdruck gebracht ist. Eine
Idee der Phänomenologie, die hier nur wie ein neu es Programm der Arbeit
und auch wie eine Auffassung des geschichtlichen Schicksals und der "Be-

* Vgl. auch den Satz in der Beilage XXVIII zur "Krisis", S. 508: "Philosophie als
Wissenschaft, als ernstliche, strenge, ja apodiktisch strenge Wissenschaft - der
Traum ist ausgeträumt". Auch er gibt sicher nicht der eigenen Meinung Husserls
Ausdruck.
** Freilich fügt Husserl am Schluß dieses Abschnittes einen einschränkenden Satz
hinzu: "So sehe ich's, wenn ich wohlauf und in guter Arbeit bin, anders in den De-
pressionen, die uns allen nicht erspart sind".
I8z ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

stimmung" der Phänomenologie klingt; es ist aber die Frage, inwiefern


in den Handschriften Husserls aus den letzten Jahren diese phänomenolo-
gische Geschichtsphilosophie realisiert wurde. Denn an dem Text der
"Krisis" selbst sieht man dies nicht. Es ist bewundernswert, wie Husserl
in einer stetig sich verschlechternden politischen und infolgedessen auch
persönlichen Lage eben in diesen schweren Jahren neue Kraft in sich fin-
det und es doch dazu bringt, daß ein neues beinahe abgerundetes Buch
entsteht, obwohl es ihm nicht gelungen ist, es im Druck vollendet selbst zu
sehen.

ad LXXVIII. (23- X. I935)


78. Ich weiß nicht mehr, welche Abhandlung es war, die ich damals
Husserl schickte. Wahrscheinlich war das die französische erweiterte Fas-
sung meines Vortrags am Prager Kongreß.
79. Der Anregung von Frau Husserl, daß ich nach Prag kommen solle,
konnte ich nicht folgen. Ich habe indessen den Versuch unternommen,
Husserl zu einem Vortrag an der Lemberger Universität einladen zu las-
sen. Der Versuch stieß aber auf gewisse Proteste, so daß ich meinen Vor-
schlag zurückgenommen habe. Ich habe Husserl nie etwas darüber gesagt.

ad LXXIX. (I4. I. I936)


80. Frau Husserl antwortet hier auf meine Ankündigung, daß ich an-
läßlich eines Vortrags über die polnische Philosophie nach Freiburg
käme.
81. Die Zeitschrift, in welcher die "Prager Vorträge" Husserls erschei-
nen sollten, ist die "Philosophia", welche der gewesene Redakteur der
Kantstudien, Arthur Liebert, in Beograd gegründet hat und in deren
I. Bande tatsächlich der erste Teil der Abhandlung über "Die Krisis der
europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie"
(vgl. l.c. S. 77-176) erschienen ist.
82. Die "Logischen Studien" sind erst nach dem Tode Husserls im
Jahre 1939 (unmittelbar vor der Besetzung Prags durch die deutschen
Truppen) unter dem Titel "Erfahrung und Urteil" erschienen. Fast die
ganze Auflage wurde aber vernichtet.

Der letzter Besuch I936


Ich kam nach Freiburg bloß für zwei Tage und traf bei Husserl Jean
Hering und Landgrebe, der eine Einladung Husserls zu einer Professur an
der Prager deutschen Universität mitbrachte. Außerdem wollte er einen
weiteren Teil von Handschriften Husserls nach Prag mitnehmen.
Lange dauerte das Gespräch über die Prager Einladung. Wir erwogen
alle pro- und contra-Argumente. Aber weder ich noch Hering wußten, was
da zu raten sei. Es war klar, daß sich die Lage Husserls in Deutschland in
diesen Jahren wesentlich verschlechtert hatte und .daß schwer vorauszu-
sehen war, was da noch kommen konnte. Aber Prag? - Wußte man dar-
über etwas, ob es da ruhiger und sicherer sein würde? Husserl hörte zu und
schwieg. Wir gingen ohne eine Entscheidung auseinander.
Am nächsten Morgen kam ich zu Husserl. Er sagte mir gleich ganz ent-
schieden: "Ich bleibe hier". Er war tapfer und stolz. Wollte nicht weichen.
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

Ich habe nicht protestiert, obwohl mir bange ums Herz war. Als ich einige
Stunden später im Hotel erschien (ich dachte ja sowieso am nächsten Tag
fortzufahren), hat man mir unaufgefordert die Rechnung gegeben. Man
hatte offenbar inzwischen erfahren, daß ich zu Besuch bei Husserl war,
und wollte einen solchen Gast bei sich nicht behalten. Ich kündigte meine
Abreise an.
Philosophisch haben wir dieses Mal wenig gesprochen. Nur Landgrebe
hat mir viel über die Bearbeitung der Husserlschen Manuskripte in Prag
erzählt. Ich fragte dabei, wie es mit den "Ideen lI" und "IlI" stehe.
Landgrebe meinte, daß Husserl die entsprechenden Manuskripte irgend-
wie auf verschiedene Gruppen verteilt habe. "Eigentlich - sagte mir da-
mals Landgrebe - existieren die 'Ideen' nicht mehr". Bezog sich dies auf
die "Ideen III"?
Am Abend besuchte mich ]ean Hering im Hotel. Wir sprachen über
Husserl. Hering hat ihn in jener Zeit mehrmals besucht und bewunderte
ihn in seiner guten Form und in seiner Standhaftigkeit und unermüdlichen
Hingebung an die wissenschaftliche Arbeit. Husserl ist in diesen letzten
Jahren als Mensch und als Philosoph noch größer geworden. Er glaubte
fest, daß seine Philosophie eines Tages die Menschheit retten werde. Hat
er geahnt, was noch kommen sollte?
Am nächsten Tag habe ich mich von Husserl und Frau Malvine herz-
liehst verabschiedet und fuhr dann fort. Das war mein letztes Zusammen-
treffen mit dem "Meister". Trotz allem dachte ich damals nicht, daß es so
kommen werde.

ad LXXX. (I6. V. I936)


83. Ich hatte den Plan, Husserl im Frühjahr zu besuchen, aber der Plan
mißlang.

ad LXXXII. (IS. XI. I936)


84. Ich bereitete damals ein neues Buch zum Druck vor, so habe ich
einige Zeit an Husserl nicht geschrieben.

ad LXXXIII. (3I. XII. I936)


85. "Das schöne Weihnachtsgeschenk", das hier Husserl erwähnt, das
war mein Buch "über das Erkennen des literarischen Kunstwerks", das
in polnischer Sprache Mitte Dezember in Lemberg erschienen ist. Husser!s
Wunsch, daß es auch deutsch bearbeitet werde, ist bis jetzt noch nicht er-
füllt worden.
86. Interessant in diesem Briefe ist der in einigen Worten angedeutete
Plan der weiteren Teile der "Krisis". Sie ist aber unvollendet geblieben
und nur in den "Beilagen" zu der von Biemel besorgten Ausgabe findet
man einige Spuren der Betrachtungen, welche die "Krisis" ergänzen soll-
ten.

ad LXXXV. (23. VII. I937)


87. Das ist die letzte Karte, die ich von Husserl selbst erhielt. Wie man
mir später erzählt hat, war gerade der Umzug in die neue Wohnung, auf
die sich hier Husser! so sehr freut, wenigstens zum Teil der Grund der bald
ERLÄUTERUNGEN ZU DEN BRIEFEN

nach dieser Karte eingetretenen Krankheit Russerls. Angeblich hat sich


Russerl in Breitnau erkältet, was dann zu der ernsten Lungenkrankheit
führte. Aber natürlich war das nur eine Fortsetzung einer langsamen aber
ständigen Verschlechterung der Gesundheit Russerls. Leider konnte ich
Russerl während meiner Reise nach Paris zum philosophischen und ästhe-
tischen Kongreß nicht besuchen. Wäre ich aber doch nach Freiburg ge-
kommen, so hätte ich ihn schon in der schweren Krankheit vorgefunden,
der er nach mehreren Monaten erlag.
über die weiteren Phasen der Krankheit berichten die Briefe von Frau
Russerl (Nr LXXXVI, LXXXVII und LXXXVIII), bis dann die Todes-
karte vom 27. April 1938 kam.
INDEX

Adjukiewicz, K., 33, 179 Hartmann, N., 39, 44, 97, 157, 159
Albrecht, G., 168 Hegel,53
Andler, Ch., 53 Heidegger, M., 14, 17ff., 22f., 25 ff., 37,
Anselmus von Canterbury, 21 39ff., 48, 56f., 67, 83, 133, 149, 151,
Aristoteles, 25, 172 157f., 161ff., 170, 173
Augustin, 17 Hering, J., 13, 15f ., 18f., 21, 24, 26, 44,
47f., 5 If., 55, 79, 96, 98, II3, 120,
Bäumler, A., 97 160ff., 182f.
Becker, 0., 24, 26, 28, 37, 39, 52, 149, Heymans, G., 46f., 51
157 Hicks, G., 24, 84ff., 179
Beenken,33 Hilbert, D., 45, II5
Bell, W., 2xf., 24, 26f., 120 von Hildebrand, D., 13
Berger, G., 176 Hoffmann, P., 97, 157
Bergson, H., 6, 13f., 19, 21, u6, I2d., Honecker, M., 157
I29f., 143f., 154 Hume, 106, 111
Berkeley, 72, 78, 84ff., 106, UI, 175, Husserl, G., 16, 33, 137, 141
177ff. Husserl, M., 9, 15f., 19, 27, 29, 38, 40,
Biemel, W., 150, 173, 183 44ff., 51, 53, 58, 61, 65f., 69f., 83,
Blaustein, L., 33, 35, 39, 150 86, 88, 91, 95,98, 102ff., 120, 134ff.,
Boehm, R., 107f., 141, 145ff., 168f. 139, 142, 164, 183
Brentano, F., 28, 90, 96, IIO, Il5, 144,
172 Jaensch, E., 158
Brouwer, L., 46 Joel, K., 82

Caims, D., 93 Kant, 28, 40, 63, 67, 100, 106, 109f.,
Capek, K., 101 130, 146, 158, 173
Carnap, R., 96 Kaufmann, F., 16, 24, 28, 33, 38f., 74,
Cassirer, E., 101 76, 88, 94, 120, 149, 152, 157
Clauss, 12, 17 Keijo, 0., 94
Clemens, R., 113, 120 Kern, 1., 108, 110, 168
Conrad, Th., 120, 157 Köhler, W., 97
Conrad-Martius, H., 23, II3, 120, 131, Koyre, A., 18,21,24,26,44,48,52,54,
157 61, 8~ 9~ 113, 12~ 161f.
Kotarbinski, T., 143
Daubert, 143 Kuhn, H., 89, 97
Descaxtes, 21, 40, 106, 111
Dessoir, M., 73 Landgrebe, L., 37f., 57, 59f., 62, 88, 91,
Dilthey, W., 38 94, 97, 99, 157, 182f.
Leibniz, 33, 82
Fichte, 86, 106, 111, 130 Leon, Ph., 86
Fink, E., 60, 64, 67ff., 71, 74, 76, 84f., Leon, X., 53
87, 89f., 93f., 99, 167ff., 176f., 18of. Usniewski, S., 143
Frankfurter, F., 120 Levinas, E., 160
Uvy-Bruhl, L., 53
Geiger, M., 13, 15f., 18, 23, 26, 162 Lichtenberger, 53
Geyser, J., 121 Liebert, A., 99, 182
Gibson, B., 60, 68 Lipps, H., 18, 21, 24, II3, 120
Gurvitch, G., 44 Lukasiewicz, J., II5, 143, 179
r86 INDEX

Mach, E., II5 Schapp, W., 125


Mahnke, D., 33, 41 Scheler, M., 20, 31, 39, 44, 67,121,157,
Maier, H., 109 173
Masaryk, Th., 101 ScheJling, 158
Matejko, I., 8 Schestow, L., 47
Mehlberg, H., 39, 152 Scheyer, 31, 49, 147
Meiner 38 Schlegel, 14
Metzger, A., 33 Schütz, A., 81
Meyer, R., 120 von Spett, G., 21
Müller, G. E., II5 Spranger, E., 97
Stein, E., 5, 8f., 13, 15ff., 19, 22f., 27,
Natorp, P., 132 60,84, IOSf., II3f., 120, 132f., 14of.,
Neumann, 24 149, 151, 153, 155, 157, 16If., 173
Niemeyer, 18ff., 27, 35f., 38, 45, 53ff., Stout, G., 84
57, 59ff., 72, 81ff., 150f., 159f., 164, Strasser, S., 176
179 Stumpf, C., 45, 101, III

Ortega y Gasset, 90 Tammann, D., 28


Osborn, 137 Tarski, A., 179
Thiersch,6
Patocka, J., 88 Troeltsch, E., 26
Pfänder, A., 13, 15ft., 19, 22f., 88 Twardowski, K, 5,12,28, 33f., 37,39,
Pos, H., 162 47, 49f., 115, 135, 139, 143ff., 150

RadI, E., 179 Utitz, E., 96


Reinach, A., 8, 18, 21, II3ff., 120
Reyer, W., 38 Van Breda, H. L., II9, 136, 168
Reymont,8
Rickert, H., 33, II9, 133 \Nalther, G., 12, 18, 157
Rosenberg, E., 137 Weizman,21
Rosenblum, A., 14, 17, 20f., II3, 141, Wiener, N., II2
143
Roth, A., IIO York, 38
RusselI, B., II5
Zeno, 18

Das könnte Ihnen auch gefallen