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{ HAUPTBEITRAG / INTEGRALRECHNUNG UND COMPUTERALGEBRA

Integralrechnung und Computeralgebra


Wolfram Koepf

In diesem Artikel wird


die historische Ent- Während diese Frage-
wicklung der Flächen- stellungen bereits im
und Volumenmes- Altertum untersucht
sung beschrieben, wurden, ist die Diffe-
die zum heutigen rentialrechnung erst
Integralbegriff führte. 350 Jahre alt. Aber erst
mithilfe der Differen-
tialrechnung lassen sich die heute unterrichteten
Integrationstechniken gewinnen.
Abb. 1 Archimedes von
Während die Differentialrechnung vom algo- Syrakus
rithmischen Standpunkt recht einfach ist – vgl. [5]
und [6, Abschn. 2.7] – ist das Integrieren oft be-
schwerlich und kompliziert. Falls man kein Ergebnis
findet, weiß man nicht, ob man sich nur ungeschickt
angestellt hat oder ob es prinzipiell ,,nicht geht“ die Grundlage für die Integralrechnung darstellt,
und man also vergeblich nach einer ,,einfachen“ voranbrachte (Abb. 1).
Integralfunktion sucht. Mit ihrer Beweistechnik der doppelten reductio
Es ist weniger bekannt, dass auch diese Frage- ad absurdum konnten die Griechen zeigen, dass
stellung bereits im 19. Jahrhundert von Liouville
(a) der Umfang eines Kreises proportional zum
untersucht wurde und ebenfalls beantwortet werden
Durchmesser ist: U = πd = 2πr;
kann. Auf dem Satz von Liouville aufbauend hat
(b) der Flächeninhalt eines Kreises proportional
Risch in den 1960er-Jahren einen Algorithmus
zum Quadrat des Radius ist: F = σr2 .
angegeben, mit dem das Integrieren automatisiert
wird und einem Computeralgebrasystem überlassen Es war die Erkenntnis von Archimedes von Syra-
werden kann. kus, dass die beiden Proportionalitätskonstanten
übereinstimmen: σ = π. Diese Zahl π ist eine der
Flächen und Volumina in der Antike berühmtesten Naturkonstanten.
In der Blüte der griechischen Mathematik wurde die Archimedes approximierte die Zahl π, indem er
Geometrie auf eine solide Grundlage gestellt. Das den Flächeninhalt eines Kreises von innen und von
gesamte geometrische Wissen wurde auf wenige ent-
scheidende Prinzipien zurückgeführt. Wir sprechen
DOI 10.1007/s00287-008-0302-9
heute von Axiomen. Diese Erkenntnisse wurden in © Springer-Verlag 2008
den Elementen des Euklid verewigt. Von dieser Basis Prof. Dr. Wolfram Koepf
aus war es vor allem Archimedes (282–212 v. Chr.), Fachbereich Mathematik, Universität Kassel,
Heinrich-Plett-Straße 40, 34132 Kassel
der die Flächen- und Volumenbestimmung, die E-Mail: koepf@mathematik.uni-kassel.de

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Abb. 3 Das Integral als Flächeninhalt mit variabler oberer
Grenze

Wenn für eine nichtnegative Funktion f (t) durch

b
f (t) dt
a

der Flächeninhalt im Intervall [a, b] zwischen dem


Graphen von f (t) und der t-Achse bezeichnet wird
(Abb. 3), so ist die Einführung der Integralfunktion

Abb. 2 Das Verhältnis der Volumina von Kegel, Kugel und  x


Zylinder f (x) dx := f (t) dt
a

außen durch den Flächeninhalt regelmäßiger mit variabler oberer Grenze x relevant, und der
Vielecke annäherte. Durch Betrachtung des Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung
regelmäßigen 96-Ecks (!) fand er heraus, dass besagt, dass
10 1 
3,140845... = 3 < π < 3 = 3,142857... . f  (x) dx = f (x) .
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Archimedes war völlig überwältigt von seiner Er-
Diese Erkenntnis wurde zuerst von Newtons Lehrer
kenntnis, dass die Volumeninhalte von Kegel, Kugel
Isaac Barrows ausgesprochen, der sie aus physikali-
und Zylinder bei gleichem Radius (s. Abb. 2) im
schen Erwägungen herleitete (wie im Übrigen auch
Verhältnis 1 : 2 : 3 zueinander stehen.
Archimedes die Volumenformel für die Kugel!).
Das Integral als Flächeninhalt Mit dem Hauptsatz wird nämlich aus der
Erst die Einführung des Differentiationskal- Produktregel
küls, der im Artikel [5] beschrieben wurde,
durch Isaac Newton (1642–1727) und Gott- (u(x)v(x)) = u (x)v(x) + v (x)u(x)
fried Wilhelm Freiherr von Leibniz1 (1646–1716)
durch Integration sofort die Regel der partiellen
im 17. Jahrhundert und die Erkenntnis, dass
Integration
Differentiation und Integration zueinander
 
inverse Operationen sind, hat die Integral-
rechnung wieder einen entscheidenden Schritt u(x)v(x) = u (x)v(x) dx + v (x)u(x) dx ,


vorangebracht.
1
eine Integrationstechnik, die sich – bei Kenntnis
Jurist, Naturwissenschaftler, Politiker, Philosoph, Historiker, Theologe und
Diplomat. Er wird von manchen als einer der letzten Universalgelehrten eines der Integrale – zur Berechnung des zweiten
bezeichnet. Integrals auf der rechten Seite eignet. Ebenso folgt

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{ INTEGRALRECHNUNG UND COMPUTERALGEBRA

aus der Kettenregel die Substitutionstechnik für teste dies mit einem Computeralgebrasystem! Dies
Integrale. fand Leibniz’ ,,wissenschaftlicher Ziehsohn“ Johann
Mit diesen neuentwickelten Methoden gelang Bernoulli (1667–1748) heraus, der auch feststellte,
es Newton, aus seinem Kraftgesetz F = ma (Kraft = dass man bei allen gebrochen rationalen Funktionen
Masse mal Beschleunigung) und dem Gravitati- so vorgehen kann.√Allerdings wollen wir festhalten,
onsgesetz über die Anziehungskraft zweier Massen dass das Symbol 2, welches in der Eingabe nicht
die Keplerschen Planetengesetze rein mathematisch vorkam, für die Darstellung der Integralfunktion
herzuleiten! Kepler hatte empirisch beobachtet, unverzichtbar ist.
dass sich Planeten auf Ellipsen bewegen, wobei Der Bernoulli-Algorithmus hat aber ein generel-
sich die Sonne in einem der beiden Brennpunkte les Problem: Er beruht auf der Erkenntnis, dass sich
befindet, der Radiusvektor eines umlaufenden jedes reelle Polynom in lineare und quadratische
Planeten in gleichen Zeiten gleiche Flächeninhalte reelle Faktoren zerlegen lässt. Leider ist hierfür aber
durchläuft und die Quadrate der Umlaufzeiten um- kein Algorithmus bekannt, und man kann sogar
gekehrt proportional zu den Kuben der zugehörigen beweisen, dass es einen generellen Algorithmus gar
großen Halbachsen sind. Newtons Erfolg zeigt die nicht geben kann, falls der Grad des Polynoms grö-
Mächtigkeit dieser Integrationsverfahren. ßer als 4 ist. Soll ein Computeralgebrasystem jedoch
Dennoch blieben Fragen offen. Leibniz war derartige Integrationsprobleme exakt symbolisch
natürlich klar, wie man ein Polynom integriert. Er lösen können, so müssen wir dies dem System
fragte sich, ob sich auch jede gebrochen rationale ,,beibringen“, und hierfür wird ein Algorithmus
Funktion elementar integrieren lässt. Hier blieb er benötigt, der die Lösung berechnet.
sich unsicher, da er die Integralfunktion
 Rationale Integration
1 und der Risch-Algorithmus
4
dx
x +1 Zum Glück kann man aber die Fragestellung modi-
nicht bestimmen konnte. Dies lag daran, dass es ihm fizieren. In der Regel hat ja die gegebene gebrochen
nicht gelang, das Nennerpolynom in Faktoren zu rationale Funktion keine beliebigen reellen Koeffi-
zerlegen. Eine Faktorisierung des Nenners in reelle zienten, sondern beispielsweise – wie in unserem
quadratische Faktoren liefert mittels einer Partial- obigen Fall – ganzzahlige Koeffizienten. In dieser Si-
bruchzerlegung – einer Darstellung als Summe – tuation kann man aber – anders als im ,,allgemeinen
sofort das Resultat. Hätte Leibniz mit komplexen reellen Fall“ – die Integralfunktion algorithmisch
Zahlen gerechnet, die damals noch nicht anerkannt bestimmen! Es stellt sich heraus, dass man in diesem
waren, so hätte er das Problem lösen können. Die Fall die vollständige Faktorisierung des Nennerpo-
dritte binomische Formel liefert lynoms nicht benötigt, sondern eine sogenannte
quadratfreie Faktorisierung genügt, welche man
x4 + 1 = (x2 + i)(x2 – i) , leicht algorithmisch bestimmen kann. Dies hat
Ostrogradsky 1845 erkannt.
wobei i eine Zahl mit der Eigenschaft i2 = –1 ist. Man Dieser Algorithmus zerlegt die Integralfunktion
nennt i die imaginäre Einheit. Aus dieser Darstellung jeder gebrochen rationalen Funktion in einen ge-
kann man mittels der pq-Formel eine Faktorisierung brochen rationalen Anteil und einen Teil, welcher
in vier lineare Faktoren bestimmen, die aber eben- als Summe logarithmischer Funktionen dargestellt
falls die imaginäre Einheit enthalten. Fasst man werden kann, wobei inverse Tangensfunktionen zu
allerdings jeweils zwei Faktoren wieder geschickt den Logarithmen gerechnet werden können. Dieser
zusammen, so erhält man die reelle Faktorisierung Algorithmus liefert dann auch
√ beispielsweise auto-
√ √ matisch die gesuchte Zahl 2, die zur Darstellung
x4 + 1 = (x2 + 2x + 1)(x2 – 2x + 1) , der Lösung unseres obigen Beispiels benötigt wird.
Die algorithmische Integration gebrochener rationa-
mit welcher sich Leibniz’ Fragestellung lösen lässt: ler Funktionen wird in Kapitel 12 des Lehrbuchs [6]
Die Integralfunktion lässt sich nun durch Loga- ausführlich behandelt.
rithmen (und inverse Tangensfunktionen), also Die rationale Integration ist natürlich nur ein
durch ,,elementare Funktionen“, darstellen. Man Spezialfall. Sehen wir uns die Integration elemen-

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tarer Funktionen einmal etwas genauer an. Die mithilfe einer Art Koeffizientenvergleich bestimmen
Integralfunktionen kann. Die gesuchten Logarithmen erfüllen eine
  Differentialgleichung, deren Lösung algorithmisch
x x 2 1 2
e dx = e und xex dx = ex bestimmt werden kann. Die Details sind natürlich
2
wesentlich komplizierter als im rationalen Fall.
kann man leicht ausrechnen.  Sucht man nun aber Anders als bei einer Serie von Substitutionen
2
nach der Integralfunktion ex dx und findet hierfür und partiellen Integrationen liefert dieser Algo-
keine Darstellung, so stellt sich die Frage, ob es eine rithmus nach endlich vielen Schritten entweder
2
elementare Integralfunktion von ex überhaupt einen Beweis dafür, dass keine elementare Integral-
gibt, also eine Funktion, die sich mithilfe rationaler funktion existiert, oder die Integralfunktion wird
Operationen aus Exponential- und Logarithmus- berechnet und kann ausgegeben werden. Der Risch-
funktionen darstellen lässt. So lange man auch sucht: Algorithmus zur Integration elementarer Funktionen
Bei diesem Beispiel wird man nicht fündig werden! ist beispielsweise in Maple eingebaut.
Dies hat Liouville im Jahr 1835 gezeigt. Eine sehr
schöne Darstellung des Satzes von Liouville und des Zusammenfassung
2
Beweises, dass ex keine ,,einfache“ Integralfunktion Dieser Artikel gibt einen Einstieg in die Theorie
hat, findet man in [1, Abschn. 6.6]. der algorithmischen Integration. Weiterführende
Der Satz von Liouville ist viel allgemeiner. Er Bücher zum Thema sind [2] und [4]. Viele der
liefert eine ähnliche Aussage, wie wir am Beispiel historischen Bemerkungen stammen aus dem sehr
der gebrochen rationalen Funktionen bereits ken- lesenswerten Buch von Edwards [3].
nengelernt haben: Ist die Integralfunktion einer
elementaren Funktion f (x) elementar, so besteht sie
aus zwei Teilen, einem Anteil, welcher sich rational Literatur
1. Behrends E (2004) Analysis, Bd. 2. Vieweg, Wiesbaden
aus den Funktionen, die in f (x) bereits vorkommen, 2. Bronstein M (1997) Symbolic Integration I. Springer, Berlin
zusammensetzt, sowie einem Teil, der als Summe 3. Edwards Jr CH (1979) The Historical Development of the Calculus. Springer, New
York
von Logarithmusfunktionen dargestellt werden 4. Geddes KO, Czapor SR, Labahn G (1992) Algorithms for Computer Algebra. Klu-
kann. wer, Boston Dordrecht London
5. Koepf W (1993) Eine Vorstellung von MATHEMATICA und Bemerkungen zur Tech-
Risch [7] hat 1969 erkannt, dass man dies zu nik des Differenzierens. Didakt Math 21:125–139
einem Algorithmus zusammenfügen kann. Der Satz 6. Koepf W (2006) Computeralgebra. Eine algorithmisch orientierte Einführung.
Springer, Berlin Heidelberg. http://www.mathematik.uni-kassel.de/∼koepf/CA
von Liouville liefert einen Ansatz für die gesuchte 7. Risch RH (1969) The problem of Integration in Finite Terms. Trans Am Math Soc
Integralfunktion, deren Bestandteile man dann 139:167–189

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