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ZWÖLFTES KAPITEL.

DIE EROBERUNG DES LANGOBARDENREICHS


DURCH K A R L DEN GROSSEN.
(768-774.)

Karl, den die Nachwelt den Großen genannt hat, wurde am 2. April,
wahrscheinlich 742 (747 ?), an unbekanntem Orte geboren. Seines Bruders
Karlmann Geburtsjahr steht auch nicht fest, man nimmt 751 an. Von der
Jugend der beiden Prinzen wird nichts berichtet, Pippin hat sie aber
früh an den Staatsgeschäften teilnehmen lassen. Das Hauptereignis in
ihrem Leben war sicher die Anwesenheit des Papstes Stephan II. im
Frankenlande und ihre Beteiligung an den ihm gemachten Versprechungen.
Auf den Thron erhoben und gesalbt wurden sie beide am 9. Oktober 768,
Karl in Noyon, Karlmann in Soissons, woraus man sieht, welche Bedeu-
tung die romanischen Landesteile für das fränkische Reich gewonnen
hatten 1 ). Neu war, daß die beiden Brüder in ihre Titel die in späterer
Zeit so berühmt gewordene Formel „von Gottes Gnaden" aufnahmen.
Damit beugten sie sich vor Gott, erhoben sich aber über ihre Mit-
menschen, vereinigten Demut und Stolz2).
Die erste wichtige Aufgabe, die sie zu erledigen hatten, war die Nieder-
werfung des Aufstandes, den Hunald, Vater des 768 ermordeten Herzogs
Waifar von Aquitanien, wahrscheinlich in der Hoffnung auf die Schwäche
der neuen Doppelregierung angezettelt hatte. Er verließ dazu sein Kloster
und täuschte sich insofern nicht ganz, als Karlmann sich weigerte, seinem
Bruder Hilfe zu leisten3). Der Grund ist nicht bekannt, aber wie hätte
es auch anders sein sollen ? Alle Reichsteilungen der Zeit hatten nur das
eine Ergebnis, daß sie niemand befriedigten. Da Karlmann später den
Langobarden freundlich gesinnt war, kann man vermuten, daß er an
die Stelle der erobernden Politik seines Vaters eine freundschaftliche
setzen wollte.
Karl, dessen Truppen nicht zahlreich waren, zog allein bis an die
Dordogne, an deren rechtem Ufer er die Burg Fronsac (bei Libourne)
erbaute. Er zeigte dabei einen ausgezeichneten strategischen Blick; denn
!) Regg. 115 b ff. 130 b ff. u. Nachtr. S. 939. Vgl. S. 51. — 2) Regg. L X X X I V .
Kern 304. — 3 ) Regg. 119 a. b. 133 b.

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EROBERUNG DES LANGOBARDENREICHS DURCH KARL DENGROSSEN 179

Fronsac hat in den ritterlicherf Zeiten dank seiner beherrschenden Lage


eine bedeutende Rolle gespielt. Er überschritt auch noch die Garonne.
Lupus, der Herzog der Cascogner, mußte dem König Hunald und
seine Gemahlin ausliefern. Karl konnte nach diesem raschen Erfolge
heimkehren (769)x).
Zusammen mit Karlmann hatte er einen fränkischen Erzbischof und
zwölf fränkische Bischöfe, deren Gelehrsamkeit in der Umgebung des
Papstes gebührende Anerkennung fand, zu der römischen Synode ge-
schickt, die vom 12. bis 14. April 769 stattfand und deshalb besonders
wichtig ist, weil sie im Anschluß an die Verdammung des Papstes Kon-
stantin II. Bestimmungen über eine ordnungsgemäße Papstwahl traf
und sich für die Bilderverehrung erklärte 2 ). Durch die Bischöfe mußte
die Kenntnis italienischer Verhältnisse ungemein belebt werden, und man
kann annehmen, daß sie die Beziehungen zum Papsttum enger knüpfen
wollten. Aber gerade damals schaltete Karl seine Politik um und dachte
daran, nicht mehr mit dem Papsttum gegen die Langobarden zu gehen,
sondern sich mit ihnen verwandtschaftlich zu verbinden. Ähnliches war
schon einmal, am Ende des sechsten Jahrhunderts, geplant worden,
allerdings vergeblich 3 ).
Ein maßgebendes germanisches Fürstenhaus war schon durch Fa-
milienbande an König Desiderius geknüpft, das bayrische: Herzog
T a s s i l o hatte dessen Tochter Liutperga einige Jahre vorher geehelicht
und anscheinend bei dieser Gelegenheit das Gebiet an der Etsch, das
früher in die Hände der Langobarden gekommen war, zurückerhalten.
Er konnte 769 in Bozen urkunden 4 ). Tassilos lebhafter Drang nach Un-
abhängigkeit ist bekannt. Daß sein Ungehorsam vom Jahre 763 straflos
geblieben war, fachte seinen Ehrgeiz erst recht an 5 ). Mit einem Worte
kann man sagen, daß seiner ganzen Regierungstätigkeit eigentlich nur
der königliche Name fehlte. Zu ihm kam der Abt Sturm von Fulda, ein
gebürtiger Bayer, und machte ihm im Namen Karls, dessen Vertrauen er
genoß, freundschaftliche Anerbietungen, die vermutlich in einer ge-
wissen Anerkennung der bayrischen Selbständigkeit gipfelten und wohl
auch schon eine gemeinsame Annäherung an die Langobarden in sich
schlössen (769). Tassilo ging noch in demselben Jahre nach Italien, und
so war alles für die große Familienpolitik der Königin-Mutter Bertrada
wohl vorbereitet 6 ). Sie scheute weite Reisen nicht, um ihr Ziel zu er-
reichen. Während des Jahres 770 suchte sie ihren zweiten Sohn Karl-
mann in Selz im Elsaß auf, dann reiste sie nach Bayern zu Tassilo und
nach Italien zu Desiderius und zum Papst Stephan III. 7 ).
Obwohl sie es bei Desiderius erreicht hatte, daß eine größere Anzahl
Städte dem Papste zurückgegeben wurden, war dieser über die Nach-
Regg. 135 a ff. — 2) Concilia 2, 1, Nr. 14. Hauck 2, 78. v. Schubert 331.
344. 383. Vgl. S. 130 f. — 3 ) Vgl. S. 74. — 4 ) Abel u. Simson 1, 59. — 6 ) Vgl. S.171.
— ') Abel u. Simson 1, 65 f. — ') Abel u. Simson ebd. 77.
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180 DIE ARABISCHEN REICHE, AUFSTIEG DES FRÄNK. REICHES

rieht, d a ß K a r l die T o c h t e r des L a n g o b a r d e n k ö n i g s h e i r a t e n sollte,


ebenso e n t s e t z t wie e m p ö r t . Sein sehr langer Brief, m i t d e m er die Ver-
b i n d u n g zu h i n t e r t r e i b e n suchte, wird i m m e r wieder als schnöde H e r a b -
setzung eines politischen Feindes Aufsehen erregen 1 ).
„ W a s f ü r ein W a h n s i n n ist es, d a ß E u e r edles fränkisches Volk, das
alle Völker ü b e r s t r a h l t , u n d E u e r so glänzendes u n d edles Königs-
geschlecht b e f l e c k t werden soll d u r c h das treulose u n d s t i n k e n d e Volk
der L a n g o b a r d e n , das gar n i c h t u n t e r die Völker gerechnet wird, u n d v o n
welchem b e k a n n t l i c h die Aussätzigen s t a m m e n ? K e i n v e r n ü n f t i g e r
Mensch k a n n glauben, d a ß gefeierte Könige d u r c h eine so verwünschens-
werte, abscheuliche u n d widerwärtige B e r ü h r u n g sich b e f l e c k e n . " Ste-
p h a n I I I . erinnerte die königlichen B r ü d e r in beschwörenden W o r t e n
a n das B ü n d n i s ihres V a t e r s P i p p i n m i t d e m heiligen S t u h l , k l a g t e ü b e r
Versprechungen, die P i p p i n u n d sie selbst g e m a c h t u n d nicht erfüllt h ä t t e n ,
u n d b e t o n t e , d a ß er dieses w a r n e n d e Schreiben auf das G r a b des hl.
P e t r u s gelegt u n d d a r ü b e r das Meßopfer d a r g e b r a c h t h a b e .
K a r l w a r m i t einem Mädchen edler A b s t a m m u n g v e r m ä h l t , aber die
E h e galt n i c h t als r e c h t m ä ß i g , K a r l m a n n m i t einer Gerberga, v o n deren
Familie m a n gar nichts weiß. E s w a r auch d a v o n die R e d e , die Schwester
der F r a n k e n k ö n i g e , Gisela, m i t d e m Sohne des Desiderius, Adelchis, zu
v e r m ä h l e n . Sicher ist, d a ß K a r l auf den P a p s t keine R ü c k s i c h t n a h m
u n d i m S o m m e r 770 m i t der T o c h t e r des Desiderius, D e s i d e r a t a , die
i h m seine M u t t e r z u f ü h r t e , Hochzeit hielt 2 ). E r sorgte a u c h d a f ü r , d a ß
weitere territoriale W ü n s c h e des P a p s t e s erfüllt w u r d e n , u n d S t e p h a n I I I .
d a n k t e j e t z t i h m u n d B e r t r a d a überschwänglich d a f ü r , ohne irgend-
eine abfällige B e m e r k u n g einzuflechten 3 ). A u c h a n K a r l m a n n schrieb er
einen sehr f r e u n d l i c h e n Brief 4 ).
G e r a d e aber K a r l m a n n w a r m i t d e m Lauf der Dinge gar n i c h t zu-
f r i e d e n . M a n wird n i c h t fehlgehen, w e n n m a n v e r m u t e t , d a ß er sich
z u r ü c k g e s e t z t f ü h l t e u n d , d a sein B r u d e r der Schwiegersohn des Desi-
derius geworden w a r , seinerseits gegen diesen P a r t e i ergriff 5 ). D a b e i
ist die geographische Lage des Reiches K a r l m a n n s s t a r k zu berücksich-
tigen. I m Besitz der P r o v e n c e u n d B u r g u n d s h a t t e e r , n i c h t K a r l , dessen
Gebiet a n die Nordsee u n d den A t l a n t i s c h e n Ozean grenzte, z u n ä c h s t die
A u f g a b e , in I t a l i e n E i n f l u ß zu ü b e n . Aber ehe er etwas t u n k o n n t e , be-
gab sich Desiderius in der F a s t e n z e i t des J a h r e s 771 ( S o n n t a g I n v o -
cavit a m 24. F e b r u a r ) m i t H e e r e s m a c h t n a c h R o m , v e r s t ä n d i g t e sich
m i t S t e p h a n I I I . gegen dasVersprechen, die R ü c k g a b e der O r t e f o r t z u s e t z e n ,
u n d b e k a m d a f ü r freie H a n d , die i h m feindliche P a r t e i zu u n t e r d r ü c k e n .
Christoforus u n d Sergius, denen der G e s a n d t e K a r l m a n n s V o r s c h u b
leistete, g l a u b t e n , auf das Volk v o n R o m zählen zu k ö n n e n , u n d riefen
es gegen d e n P a p s t als Bundesgenossen der L a n g o b a r d e n auf. Angeblich
Cod. Car. Nr. 45. — 2 ) Hartmann 2, 2, 251 f. Hauck 2, 79. Regg. 139 a. —
3
) Cod. Car. Nr. 46. — *) Ebd. Nr. 47. — 5 ) Regg. 128 a.

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EROBERUNGDES LANGOBARDENREICHS DURCH KARL DEN GROSSEN 181

wollten sie ihn sogar töten. Aber das Volk folgte ihnen nicht, sie wurden
von der langobardischen Partei, an deren Spitze der päpstliche Kämmerer
Paul Afiarta stand, ergriffen und geblendet. Stephan selbst behauptete,
daß er daran unschuldig sei. Christoforus starb sehr bald an den Folgen
der rohen Mißhandlung 1 ).
Die römischen Nachrichten müssen im Frankenreiche wie der Blitz
eingeschlagen haben: das war also die Wirkung weiblicher Versöhnungs-
politik! Bertrada hatte mit ihren bestgemeinten Familienbündnissen
nur erreicht, daß in Rom statt des fränkischen Königs der langobardi-
sche schrankenlos gebot. Sollte das Papsttum jetzt wirklich zum lango-
bardischen Bistum werden? Diese Gefahr hat der abendländischen
Kirche niemals so ernstlich gedroht wie zu Anfang des Jahres 771.
Desiderius dachte auch gar nicht daran, seine Versprechungen zu erfüllen
und weitere Besitzungen zurückzugeben, sondern brüstete sich damit,
daß er den Christoforus und Sergius beseitigt habe und allein derjenige
sei, der den Papst schütze. Er rechnete damit, daß Karlmann mit Heeres-
macht herbeikommen, den Tod des Christoforus rächen und den Papst
als Bundesgenossen der Langobarden gefangennehmen würde 2 ).
Karl kam zu dem Schluß, daß die Pläne seiner Mutter ganz verfehlt
gewesen seien, und verstieß Desiderata nach einjähriger Ehe, also im
Sommer 771, ohne daß sie sich etwas hätte zuschulden kommen lassen.
Die Politik hatte den Ehebund geschlossen, die Politik löste ihn wieder.
Daß dann Karl einige Monate später die Enkelin eines Alamannen-
herzogs, Hildegard, heimführte, hatte mit der äußeren Politik nichts
mehr zu tun 3 ).
Den Zorn des Desiderius über den seiner Tochter angetanen Schimpf
kann man sich vorstellen. Dazu kam noch die Furcht vor den beiden frän-
kischen Brüdern, die ihm unbedingt überlegen waren. Aber gerade zu dem
Einvernehmen der Brüder kam es nicht, sondern sie entzweiten sich, und
ein kriegerischer Zusammenstoß schien nicht undenkbar 4 ). Die einfachste
Erklärung ist, daß jeder in seiner eigenen Weise in Italien eingreifen
wollte, und daß Karl es nicht tun konnte, ohne durch das Land seines
Bruders zu ziehen. Karlmann war gegen Desiderius gewesen, so lange
Karl für ihn war. Jetzt, da Karl sich gegen ihn stellte, näherte sich Karl-
mann dem Desiderius.
Ehe sich das alles geklärt hatte, starb Karlmann in Samoussy (nö.
von Laon) erst zwanzig Jahre alt, am 4. Dezember 771, zum großen
Glück des fränkischen Reiches 6 ). Die spärlichen Nachrichten über sein
Leben berechtigen zu keiner ungünstigen Beurteilung seines politischen
Wollens, aber durch sein bloßes Dasein hemmte er die Betätigung seines
großen Bruders wie der andere Karlmann, sein Oheim, einstmals die

Hartmann 2, 2, 254. Hauck 2, 81. — 2 ) Vita Hadriani 5. — 3 ) Regg. 142 b.


— *) Ebd. 128 a. — 6 ) Ebd. 130 a. Hauck 2,83.

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Pippins 1 ). Freundliche Todesfälle erleichterten den Aufstieg des frän-


kischen Reiches. Karl wurde sogleich von den geistlichen u n d weltlichen
Großen seines Bruders a n e r k a n n t .
K a r l m a n n s Witwe Gerberga floh mit ihren zwei Söhnen u n d einigen
wenigen treuen Anhängern zu Desiderius u n d stellte sich u n t e r seinen
Schutz, was verständlich ist, wenn K a r l m a n n mit i h m vor seinem Tode
angenüpft hatte 2 ).
Die P a r t e i w u t war in R o m noch nicht erloschen. J e n e r unglückliche,
seines Augenlichts beraubte Sergius wurde auf Betreiben des P a u l
A f i a r t a u n d eines Bruders des Papstes, des Herzogs J o h a n n , am 27. J a -
n u a r 772 aus seinem Kerker gerissen, durch viele Stiche verwundet,
halb erdrosselt u n d noch lebend in der Nähe des Laterans verscharrt 3 ).
Acht Tage später, a m 3. F e b r u a r 772, starb P a p s t Stephan III. 4 ), der
von schwerer Mitschuld an den blutigen P a r t e i k ä m p f e n der letzten J a h r e
nicht freigesprochen werden k a n n . E r gehörte zu den Naturen, die nicht
aus Bosheit, sondern aus Schwäche u n d Angst schlimme Dinge geschehen
lassen u n d nachher ihren Anteil d a r a n durch glatte Worte zu verbergen
suchen.
Sein Nachfolger H a d r i a n I. e n t s t a m m t e einer vornehmen römischen
Beamtenfamilie, zeichnete sich durch ein sehr angenehmes Äußere aus
u n d war allgemein beliebt. Von Anfang an war sein Leitstern das f r ä n -
kische Bündnis, u n d damit k a m er auch den Wünschen der R ö m e r ent-
gegen, die der vielen Greueltaten m ü d e waren. E r ließ die von P a u l
A f i a r t a v e r b a n n t e n Männer zurückkehren u n d öffnete die Kerker. Den
Vorschlag des Desiderius, mit ihm ein Bündnis zu schließen, lehnte er
ab 5 ). Sehr geschickt erwiderte er der langobardischen G e s a n d t s c h a f t :
„ I c h will mit allen Christen Frieden haben u n d auch mit E u r e m König
Desiderius in dem Friedensbündnis, das zwischen Römern, F r a n k e n u n d
Langobarden abgeschlossen ist, zu verharren suchen." D a m i t spielte er
auf den ersten Frieden von P a v i a von 754 6 ) an, der bekanntlich Ab-
tretungen vorsah, die König Aistulf später nicht ausführte. H a d r i a n
erklärte weiter, er könne den Worten des Desiderius keinen Glauben
schenken, da er durch den eben verstorbenen P a p s t erfahren habe, wie
wenig davon zu halten sei 7 ). Trotzdem gab er dem Drängen u n d den
Schwüren der Gesandten nach u n d schickte seinerseits solche zu Desi-
derius, d a r u n t e r den s a t t s a m b e k a n n t e n P a u l A f i a r t a , das H a u p t der
langobardischen Partei. W e n n einer, d a n n m u ß t e dieser bei Desiderius
etwas erreichen.
Sie waren n u r bis Perugia gekommen, als E n d e März 772 b e k a n n t
wurde, daß Desiderius Faenza, das Herzogtum Ferrara u n d Comacchio
an sich gerissen u n d R a v e n n a eingeschlossen habe, die Pippinsche Schen-
Vgl. S. 161. — 2 ) Regg. 142 a. — 3 ) Vita Hadriani 10. Hartmann 2, 2, 256
mit irrigem Datum. — 4 ) Hauck 2, 83. — 5 ) Ebenda. — «) Vgl. S. 164. — 7 ) Vita
Hadriani 5. Vgl. S. 172.

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EROBERUNG DES LANGOBA RDENREICHS D URCH KARL DENGROSSEN 183

kung also offensichtlich zu n i c h t e mache. Der Erzbischof Leo v o n R a -


venna u n d die S t ä d t e r f l e h t e n den P a p s t u m Hilfe a n , d a sie sonst n i c h t
leben k ö n n t e n . H a d r i a n schickte n e u e G e s a n d t e a n Desiderius, dieser
aber verlangte, d a ß der P a p s t i h n z u n ä c h s t aufsuchen solle. E i n e scharfe
Waffe gegen das f ü r i h n allein gefährliche Eingreifen der F r a n k e n g l a u b t e
er in der Anwesenheit Gerbergas zu besitzen. I h r e n Söhnen wollte er die
Nachfolge v e r s c h a f f e n u n d sie d u r c h den P a p s t salben lassen. D a n n
h ä t t e sich d a s F r a n k e n r e i c h gespalten, u n d Desiderius b e k a m i n I t a l i e n
freie H a n d . A b e r H a d r i a n w a r k l u g genug, nicht in die i h m gestellte
Falle zu gehen, u n d l e h n t e alle E r ö f f n u n g e n ab, „ h a r t wie ein D i a m a n t " ,
sagt sein Biograph 1 ).
P a u l A f i a r t a , der bei Desiderius gegen d e n P a p s t gearbeitet h a t t e ,
wurde auf der Heimreise v o m Erzbischof v o n R a v e n n a f e s t g e n o m m e n
u n d , d a j e t z t a u c h seine römischen U n t a t e n b e k a n n t w u r d e n , gefoltert
u n d h i n g e r i c h t e t . H a d r i a n s t r a f t e die Helfer A f i a r t a s seinerseits streng.
Die Leichen des Ghristoforus u n d des Sergius w u r d e n ausgegraben u n d
in St. P e t e r ehrenvoll b e s t a t t e t 2 ) . So w ü t e t e n die P a r t e i e n in der H a u p t -
s t a d t der Christenheit gegeneinander.
Die H a u p t s a c h e blieb f ü r H a d r i a n das Verhältnis zu Desiderius.
Dieser setzte seine Kriegszüge f o r t u n d n a h m Senigallia, Jesi, Monte-
feltre, U r b i n o u n d Gubbio, wobei d a n n die üblichen M o r d t a t e n , B r a n d -
s t i f t u n g e n u n d P l ü n d e r u n g e n s t a t t f a n d e n . Von Tuszien aus w u r d e zur
E r n t e z e i t 772 Bieda überfallen u n d schwer geschädigt. Ebensowenig
w u r d e d a s römische H e r z o g t u m v e r s c h o n t u n d hier die B u r g Otricoli
b e s e t z t . I n seiner qualvollen O h n m a c h t schickte der P a p s t m e h r f a c h
G e s a n d t s c h a f t e n a n d e n L a n g o b a r d e n k ö n i g , einmal d e n A b t v o n F a r f a
m i t zwanzig ä l t e r e n Mönchen. Sie w a r f e n sich vor i h m nieder u n d f l e h t e n
i h n in G e g e n w a r t seiner Großen weinend a n , m i t seinem W ü t e n aufzu-
h ö r e n u n d die S t ä d t e z u r ü c k z u g e b e n . „ A b e r sie k o n n t e n sein steinernes
H e r z i n keiner Weise r ü h r e n . " Desiderius f o r d e r t e i m m e r wieder eine
persönliche A u s s p r a c h e . H a d r i a n e r k l ä r t e sich d a z u in P a v i a , R a v e n n a ,
P e r u g i a oder R o m bereit, w e n n der K ö n i g die S t ä d t e zurückgebe, die
er seit B e g i n n seines P o n t i f i k a t s w e g g e n o m m e n h a b e . D a r a n scheiterten
die V e r h a n d l u n g e n endgültig, u n d b a l d w u r d e b e k a n n t , d a ß Desiderius
m i t d e m g e s a m t e n H e e r b a n n der L a n g o b a r d e n R o m selbst seinem Willen
b e u g e n wolle. D o r t b r a c h große Angst aus, u n d die Tore w u r d e n zur Ver-
teidigung verstärkt3).
Gleichzeitig aber schickte H a d r i a n , „ d e r N o t g e h o r c h e n d " , wie sein
B i o g r a p h a u s d r ü c k l i c h h e r v o r h e b t , auf d e m Seewege ü b e r Marseille
wegen S p e r r u n g der L a n d v e r b i n d u n g e n G e s a n d t e a n K a r l d . G., d e n
sie i m F e b r u a r 773 in D i e d e n h o f e n t r a f e n 4 ) , u n d b a t u m Hilfe.

!) Hartmann 2, 2, 258 f. Hauck 2, 84. — 2 ) Hartmann a. a. O. 259 f. — s ) Hart-


mann a. a. O. 261 f. — 4 ) Abel u. Simson 1, 137 mit dem Datum. Regg. 152 b.

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184 DIE ARABISCHEN REICHE, AUFSTIEG DES FRÄNK. REICHES

Im Sommer vorher (772) hatte Karl seine erste große Heerfahrt gegen
den s ä c h s i s c h e n S t a m m der Engern angetreten, die Eresburg am
Oberlauf der Diemel an der Stelle des heutigen Stadtberge erobert und
ihr Stammesheiligtum im heiligen Hain, die Irminsäule, d. h. die
Säule des Weltalls, zerstört. Die dort aufgestapelten reichen Weih-
geschenke aus Gold und Silber wurden eine gute Beute der Franken.
Die Sachsen stellten Geiseln, und dann kehrte Karl heim, da er hoffen
konnte, eine Zeitlang die Grenze gesichert zu haben 1 ).
Half der fränkische König dem Papst, so bedeutete das Krieg mit
den L a n g o b a r d e n . Die Entscheidung wurde reiflich erwogen in
Diedenhofen. E s waren sowohl Gesandte des Desiderius als einige ihm
feindliche Langobarden anwesend. Karl schickte zunächst Gesandte
nach Rom. Um ihnen zuvorzukommen, machte sich Desiderius mit
seinem Sohn Adelchis, Karlmanns Witwe Gerberga und deren Söhnen
selbst dorthin auf. Er wollte die Salbung der Prinzen durch Hadrian
erzwingen.
Rom rüstete sich zur Abwehr. Hinter den Stadtmauern sammelten
sich die Milizen Tusziens, der Kampagna,, des Herzogtums Perugia und
auch einiger Städte der Pentapolis. Die Kostbarkeiten aus den Kirchen
der hl. Petrus und Paulus wurden in Sicherheit gebracht, die Kirchtüren
selbst kräftig verrammelt. Niemand wird dem Papst das Lob versagen, daß
er anscheinend mit größter Ruhe ganz zweckmäßige Vorkehrungen traf.
Desiderius war inzwischen bis Yiterbo (87 km von Rom) gelangt, als ihm
drei Bischöfe im Namen Hadrians mit dem Anathem drohten, wenn er
weiter vorrücke: betroffen kehrte er um. Damals war die furchtbare
geistliche Waffe noch nicht durch übermäßigen Gebrauch stumpf ge-
worden 2 ).
Die fränkische Gesandtschaft konnte in Rom und bei Desiderius
nur feststellen, daß er der Kirche nichts zurückgegeben habe und zurück-
geben wolle 3 ). Das Geld, das ihm Karl dann noch anbot, ähnlich wie
einst Pippin 4 ), lehnte er auch ab, und etwa Ende Mai 773 war es klar,
daß das Schwert zwischen den beiden, allein noch übrig gebliebenen
germanischen Reichen entscheiden mußte. Für beide war kein Platz auf
der Welt.
Es erging das Aufgebot an die Franken, und von Genf aus, wo eine
Reichsversammlung zusammentrat, überschritten sie die Alpen, wohl
im Juli 8 ). Karl selbst mit dem Hauptteil des Heeres nahm den Weg über
den Mont Cenis, der Rest den über den Großen St. Bernhard. Vor den
langobardischen Klausen im Tale von Susa angelangt, sah Karl, daß er
sie nicht im Sturme nehmen könne, da sie erheblich verstärkt worden
waren und Desiderius gewillt schien, sie mit aller Kraft zu verteidigen.
Regg. 149 a ff. u. Nachtr. S. 939. Hauck 2, 380. Halphen 146. — 2 ) Hart-
mann 2, 2, 261 f. — 3 ) Hartmann ebenda 262 f. — 4 ) Vgl. S. 163. — 5 ) Abel u.
Simson 1, 148.

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EROBER UNG DES LANGOBA RDENREICHS D URCH KARL DEN GR OSSEN185

Karl eröffnete hier noch einmal Verhandlungen, die angeblich n u r die


Gerechtsame des hl. P e t r u s betrafen, u n d stellte äußerst milde Bedin-
gungen. Vielleicht lag ihm daran, Zeit zu gewinnen, bis seine Leute einen
Gebirgspfad f ü r die beabsichtigte Umgehung gefunden h a t t e n . Als das
geschehen war u n d sie im Rücken der langobardischen Stellungen a u f -
tauchten, ließ Desiderius alles im Stich u n d ergriff ohne K a m p f die Flucht.
Man k a n n es wohl verstehen, d a ß das alles wie ein W u n d e r erschien u n d
die Sage bald geschäftig war, Einzelheiten zu finden oder auszuschmücken.
Desiderius verteidigte Pavia, sein Sohn Adelchis Verona, das als die
festeste S t a d t der Langobarden galt, u n d hier f a n d sich auch Gerberga
mit ihren Söhnen ein.
Der fränkisehe König begann die Belagerung Pavias im September
773 u n d schloß es durch eineil starken Wall ein. Irgendwelche bemerkens-
werte Vorgänge militärischer A r t wierden uns nicht überliefert. E r ließ
dann sein Heer dort u n d rückte m i t einer kleineren ausgewählten Schar
vor Verona. Adelchis floh anscheinend nach Konstantinopel, Gerberga
ergab sich mit ihren Söhnen, Verona selbst wurde wohl damals fränkisch.
Karl k e h r t e etwa E n d e September in sein Lager vor Pavia zurück,
machte aber auch von hier aus erfolgreiche Streifzüge bis über den P o
hinaus u n d bemächtigte sich der dort gelegenen Städte 1 ). Auffallend ist
die Schnelligkeit, mit der das langobardische Reich zerfiel. Von An-
hänglichkeit an die Dynastie oder die Großen aus eigenem S t a m m ist
nichts zu merken.
Die Spoletiner u n d Reatiner warteten längst auf den Augenblick,
in dem sie das verhaßte Joch der Langobarden abschütteln konnten. Feier-
lich huldigten sie dem Papste, n a h m e n die römische H a a r t r a c h t an u n d
ließen sich einen Herzog setzen. Spoleto gehörte f o r t a n zum Kirchen-
staat. Das Beispiel machte Schule, u n d auch Fermo, Osimo, Ancona u n d
Cittä di Castello folgten nach 2 ).
Das Osterfest 774 (3. April) wollte Karl, wie das damals die Sehnsucht
jedes Christen war, an den heiligen S t ä t t e n R o m s feiern u n d sich bei dieser
Gelegenheit durch den Augenschein von den dortigen Verhältnissen
überzeugen. E r f a ß t e seinen Entschluß sehr schnell u n d stand plötzlich
mit großem Gefolge vor der S t a d t . H a d r i a n war erst ganz außer sich
vor E r s t a u n e n , in das sich auch F u r c h t mischte, wandte d a n n aber das
beim E m p f a n g eines E x a r c h e n übliche Zeremoniell an. Auch an den
Aufenthalt des Kaisers Konstans I I . im J a h r e 663 wird m a n gedacht
haben 3 ). Bei Ad Novas a m See von Bracciano begrüßten die städtischen
Behörden den König am Ostersamstag 774; eine römische Meile vor der
S t a d t standen die Miliz u n d die Schuljugend mit Palmwedeln u n d Öl-
zweigen. U n t e r Gesang u n d l a u t e m Zuruf trugen sie ihm die heiligen
2
Hartmann a. a. O. 266. Regg. 158 a ff. — ) Hartmann a. a. O. 268. —
3
) Vgl. S. 109 f.

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186 DIE ARABISCHEN REICHE, AUFSTIEG DES FRÄNK. REICHES

Kreuze entgegen. Als Karl diese erblickte, stieg er vom Pferde und ging
zu Fuß zur Peterskirche. Er küßte jede Stufe der Treppe und fand oben
in der Vorhalle den Papst inmitten seiner Geistlichkeit. Sie umarmten
sich, der König faßte die rechte Hand Hadrians, und gemeinsam betraten
sie die Kirche, während Lobgesänge ertönten. Am Grabe des Apostel-
fürsten warfen sie sich mit ihrem Gefolge nieder und dankten ihm für den
Sieg, den Gott ihnen auf seine Fürsprache gegeben hatte.
Als Karl den Papst bat, Rom betreten und dort in verschiedenen
Kirchen seine Andacht verrichten zu dürfen, forderte der Papst ihn auf,
mit ihm zum Leibe des hl. Petrus hinabzusteigen, und nachdem sie an
dieser heiligsten Stelle Eide ausgetauscht hatten, gewährte der Papst
die Erlaubnis 1 ) und wurde damit als Herr von Rom anerkannt. Um alle
seine Besorgnisse zu zerstreuen, gab ihm Karl die feierliche Erklärung,
die an eine ähnliche Pippins erinnert 2 ), daß er nicht um Gold, Silber
und Edelsteine oder Land und Leute zu gewinnen einen so beschwer-
lichen Kriegszug nach Italien unternommen habe, sondern um die Ge-
rechtsame des hl. Petrus zu verlangen, die Erhöhung der Kirche zu be-
treiben und die Sicherheit des Papstes zu vermehren 3 ).
An den nächsten Tagen boten kirchliche Feierlichkeiten dem König
und dem Papst genügend Gelegenheit, sich auszusprechen. Der Mitt-
woch 6. April 774 brachte den öffentlichen Abschluß. In St. Peter bat
Hadrian Karl inständig, das Schenkungsversprechen, das Pippin, Karl
selbst und Karlmann 754 in Quierzy Stephan II. gegeben hatten, ganz
zu erfüllen. Die Urkunde darüber wurde vorgelesen und von Karl wie von
seinen Großen gutgeheißen. Der König ließ eine neue nach dem Muster der
älteren durch seinen Notar aufsetzen und versprach die darin genannten
Städte und Gebiete auch seinerseits. Er schwor dann noch mit
seinen Großen einen furchtbaren Eid, den Inhalt der Urkunde zu be-
obachten, und legte sie erst am Altar und dann am Grabe des hl. Petrus
nieder. Eine zweite Ausfertigung wurde auf dem Leib des hl. Petrus
verwahrt 4 ). Alle diese eindrucksvollen Vorsichtsmaßregeln zeigten deut-
lich, welch hohen Wert die Kurie dem Versprechen beimaß.
Wenn Karl es erneuerte, so dachte er über die Ausführung nicht anders
als Pippin, wie sich bald zeigen sollte. Auch er nahm Rücksicht auf die
Weltlage und namentlich auf Ostrom, dessen Kaiser, es war noch Kon-
stantin V., in den beiden vorhergehenden Jahren schöne Erfolge über die
Bulgaren davongetragen hatte. Namentlich ist sein Sieg bei Lithosoria in
Thrazien im Oktober 772 hervorzuheben, wenn er auch nicht endgültig war 5 ).
Von Rom ging der König wieder ins Lager vor Pavia. Da in der Stadt
Seuchen ausbrachen, mußte sich Desiderius um den 1. Juni 774 ergeben 6 ).
Regg 160 a. ff. Hartmann a. a. O. 269 ff. Hauck 2, 84 f. — 2 ) Vgl. S. 166.
— 3 ) Cod. Car. Nr. 56. Vgl. S. 163. — 4 ) Vita Hadriani 41—43. Regg. 162 c. Hart-
mann 2, 2, 270. — 5 ) Bury 2, 474. Lombard 55, dem ich in der Zeitangabe folge.
— •) Regg. 163 a. b.

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ER OBER UNG DES LANGOBA RDENREICHS DURCH KA RL DEN GR OSSEN187

Damit fand das L a n g o b a r d e n r e i c h 206 Jahre nach der Eroberung


Italiens durch Alboin sein Ende. Karl zählte fortan seine Regierungsjahre
nach der Einnahme Pavias und führte urkundlich den Titel: „König der
Franken und der Langobarden", wozu dann nach einigen Wochen hin-
zukam „und Patrizius der Römer" 1 ). Zwar hatten die Päpste schon seit
755, sowohl Pippin als seine Söhne in ihren Briefen als Patrizier angeredet,
aber weder Pippin noch Karl hatten sich selbst des Titels bedient, der
ursprünglich keinen bestimmten Inhalt in sich schloß2). Die Päpste
wünschten aber, daraus eine Verpflichtung des Trägers zum Schutze der
Kirche abzuleiten, und Karl war jetzt dazu bereit, sie zu übernehmen.
Ein Zeitgenosse hob hervor, daß Karl seinen Sieg recht maßvoll
ausgenutzt habe, was selten vorkomme 3 ). Desiderius mußte mit Frau
und Tochter in fränkische Gefangenschaft gehen und st^rb ganz ver-
gessen 4 ). Es gab nur noch e i n e langobardische Herrschaft, das Herzog-
tum Benevent unter Arichis, dem Schwiegersohn des Desiderius 5 ), der
sich von jetzt an Fürst nannte; dank seiner geographischen Lage konnte
es seine Unabhängigkeit sehr viel leichter behaupten.

RÜCKBLICK.
Die germanischen Reichsgründungen hatten nach der Mitte des 6. Jahr-
hunderts ihren vorläufigen Abschluß erreicht, und es war von vornherein
anzunehmen, daß die noch vorhandenen Staaten bald in den Wettbewerb
um den Vorrang eintreten würden. Erstarkte Ostrom, so konnte es kaum
anders als an die Wiedereroberung Italiens und Herstellung des alten
Imperiums denken. Die Handelsfreiheit des Kaisers wurde aber immer
durch den Druck beschränkt, den die Perser auf ihn übten, und so ergaben
sich auch ungewollte Einwirkungen von Osten nach Westen und von
Westen nach Osten. Das oströmische Reich nahm eine Mittlerstelle ein
und diente gleichzeitig dem christlichen Abendland als Bollwerk gegen
Vorstöße aus Asien. Es hat damit die ungestörte Entfaltung der germa-
nischen Reiche wesentlich erleichtert.
Am Anfang des siebenten Jahrhunderts schaltete sich das Franken-
reich durch dynastische Kriege selbst aus. In zwei Frauen, Fredegunde und
Brunichilde, verkörpern sich uns die Gegensätze der Zeit, die so blutig
ausgetragen wurden. Königsmacht und Adelsmacht rangen miteinander,
und ihr Kampf gab dem Reichsgrundgesetz von 614 seine besondere
Bedeutung. Im Osten zeichnete sich die große Gestalt des Kaisers Hera-
klius hell ab. Ihm gelang, was seinen Vorgängern versagt blieb, der ent-
scheidende Sieg über die Perser, aber ehe Ostrom ihn ausnutzen konnte,

Regg. 165. — 2 ) Cod. Car. Nr. 6. 7 ff. Buchner 17 ff. — 3 ) Pauli Gesta epp.
Mettensium, SS. 2, 265. — 4 ) Abel u. Simson 1, 194 f. — 6 ) Abel u. Simson 1, 363.
Bury 2, 505. 514.

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188 DIE ARABISCHEN REICHE, AUFSTIEG DES FRÄNK. REICHES

wurde die Lage in Vorderasien und Nordafrika durch die arabischen


Eroberungen vollständig verändert. Es ist ein ganz ungewöhnliches Schau-
spiel, ein Volk, wie das arabische, von dem man vorher kaum etwas
hörte, in einer kurzen Zeitspanne ein Weltreich gründen zu sehen. Es
hätte weit mehr erreicht, wenn es nicht bald durch heftigste innere Zwie-
tracht, das Erbe uralter Stammesfehden, zerrissen worden wäre.
Der Besuch, den Kaiser Konstans I I . 663 Italien abstattete, hatte
keine dauernde Wirkung, die Trennung Konstantinopels von Rom ließ
sich nicht mehr rückgängig machen, da weder im Osten noch im Westen
Kräfte vorhanden waren, die die eine Hälfte des alten Imperiums der
anderen hätten unterwerfen können. In Ostrom machte sich die starke
Einwanderung von Slawen immer mehr fühlbar, dazu kam 679 die An-
siedelung der Bulgaren. Die regelmäßigen Palastrevolutionen, bei denen
sich die niedrigsten Instinkte des hauptstädtischen Pöbels austobten,
förderten die Zersetzung der Regierungsgewalt. Das oströmische Reich
verlor 698 endgültig Karthago an die Araber; sie von Spanien fernzu-
halten, konnte es überhaupt keinen Versuch mehr machen. Dank der
hervorragenden Tüchtigkeit des Kaisers Leo, genannt der Isaurier, bot
wenigstens Konstantinopel dem furchtbaren Angriff von 716 und 717
Trotz. Zum Glück für das christliche Abendland fand jetzt das Franken-
reich in den Arnulfingern ein herrschgewaltiges Geschlecht. Karl Martell
brach die arabische Welle 732 in der berühmten Schlacht bei Poitiers.
Vor Konstantinopel und bei Poitiers prallten die großen Neugründungen
des angreifenden Ostens und des abwehrenden Westens aufeinander.
Der innere Zusammenhang der Weltgeschichte trat wieder deutlich in
Erscheinung.
Noch blieben die Langobarden für sich, von niemandem bedroht,
aber eifrig bemüht, sich ganz Italien dienstbar zu machen. Dabei stießen
sie immer wieder auf den Widerstand des Bischofs von Rom als wer-
denden Landesherrn. Unfähig, sich ihrer auf die Dauer zu erwehren,
rief er den Sieger über die Araber, Karl Martell, 739 um Hilfe an, aller-
dings vergeblich, aber in Rom wird man erkannt haben, daß man den
fränkischen Hausmeier gewinnen müsse, und darum begünstigte man
seinen Staatsstreich von 751. Als gesalbter König war Pippin d. J . von
vornherein geneigter einzugreifen. Dem Papst Stephan I I . , der ihn
persönlich aufsuchte, machte er 754 die vielerörterten Landverspre-
chungen, die dem Kirchenstaat eine sichere Grundlage gaben und die
für alle Jahrhunderte denkwürdige Verbindung mit dem Papsttum
einleiteten.
Dem Bunde des militärisch starken Frankentums und des geistlich
starken Papsttums erlag 774 das Langobardenreich, und von allen ger-
manischen Reichen, die seit dem Ende des vierten Jahrhunderts gegrün-
det worden waren, hielt sich einzig nur noch das Chlodowechs. England kam
nichtinFrage. Die Namen Alarichs und Geiserichs,Theoderichs und Alboins

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RÜCKBLICK 189

maßten vor dem Karls des Großen verblassen. K a n n daraus geschlossen


werden, daß die Franken Eigenschaften besaßen, die den Westgoten und
Wandalen, Ostgoten und Langobarden fehlten ? Verfügten sie nur im ent-
scheidenden Augenblick über bessere Führer ? Lagen in ihrem Lande, dem
heutigen Frankreich und westlichen Deutschland, geopolitische K r ä f t e ,
die sie nur zu entwickeln b r a u c h t e n ?
So schwer es ist, in das Geheimnis des fränkischen Aufstiegs einzu-
dringen, das wird man immer wiederholen dürfen, daß der germanische
Zuzug v o n Osten her das meiste getan hat. Denn auf kriegerische Tüchtig-
keit k a m es an. W e n n diese sich mit der aus romanischer Bildung geschöpf-
ten Staatskunst vereinigte, war die Aussicht auf Sieg gegeben. Ostrom
vergeudete damals seine K r a f t i m Bildersturm, das Chalifat brauchte
Zeit, sich v o m Sturz der Omaijaden zu erholen und seine alten Er-
oberungen gegen A u f s t ä n d e zu halten. Z u m Angriff vorzugehen, lag den
Abbasiden fern.
Vierhundert Jahre waren verflossen, seitdem die Westgoten in das
römische Reich eindrangen. Unerhörte Wechselfälle hatten sich seitdem
ereignet. Völker waren gekommen und gegangen, hatten andere ver-
nichtet oder sich mit ihnen vermischt. K a r l der Große an der Spitze des
lebenskräftigen Frankenreichs mußte zeigen, ob er dem christlichen
Abendlande eine feste Gestalt zu geben vermochte.

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