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Hans Ulrich Gumbrecht
K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.)

SCHRIFT

Wilhelm Fink Verlag • München


Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Schrift / Hans Ulrich Gumbrecht; K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.).


-München: Fink, 1993
(Materialität der Zeichen: Reihe A; Bd. 12)
ISBN 3-7705-2856-5
NE: Gumbrecht, Hans Ulrich [Hrsg.]; Materialität der Zeichen / A

0
ISBN 3-7705-2856-5
© 1993 Wilhelm Fink Verlag, München
Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH, Paderborn
Satz: Barbara Ullrich

Bayerisch*
StaatsbtbRoUwfc
München
Inhalt

K. Ludwig Pfeiffer
Schrift — Geschichten, Typologien, Theorien 9

Schriften des Westens

George P. Khushf
Die Rolle des 'Buchstabens' in der Geschichte des Abendlands
und im Christentum 21

Jeffrey T. Schnapp
Lesestunden. Augustinus, Proba und das christliche
Ditournement der Antike 35

Amy Frank
Der Novellino und der Beginn von 'Literatur' 55

Danielle Trudeau
Kleine Sprachfabrik. Die Druckerwerkstatt im 16. Jahrhundert 67

John Bender
Unpersönliche Gewalt. Der durchdringende Blick und das
Erzählfeld in William Godwins Caleb Williams 81

Kerstin Behnke
Romantische Arabesken. Lineatur ohne Figur und Grund zwischen
Ornament-Schrift und (Text-)Gewebe 101

Jean-Marie Apostolides
Der Bereich des Imaginären 125
Johanne Villeneuve
Dissidenz, Geschichte, Ermüdung der Schrift 137

Roger Charter
Macht der Schrift, Macht über die Schrift 147

Kontraste

David Palumbo-Liu
Schrift und kulturelles Potential in China 159

Thomas Blenman Hare


'Identität' in der Entwicklung der japanischen Schrift 169

Steven T. Brown
Zur Entstehungsgeschichte der japanischen Schrift 183

Archäologien I Institutionen

Dietmar Kamper
"Der Geist tötet, aber der Buchstabe macht lebendig".
Zeichen als Narben 193

Alois Hahn
Handschrift und Tätowierung 201

Aleida Assmann
Pflug, Schwert, Feder. Kulturwerkzeuge als Herrschaftszeichen 219

Jan Assmann
Altorientalische Fluchinschriften und das Problem performativer
Schriftlichkeit. Vertrag und Monument als Allegorien des Lesens 233

Dirk Baecker
Die Schrift des Kapitals 257

Arthur J. Jacobson
Der Tod des hypothetischen Falls 273
Welche Schrift?

Frederik Stjemfelt
Buchstabenformen, Kategorien und die Apriori-Position.
Ein Essay in angewandter Grammatologie 289

Hayden White
Schreiben im Medium 311

Hans Hauge
De la Grammatologie und die literarische Wende 319

David Wellbery
Die Äußerlichkeit der Schrift 337

Niklas Luhmann
Die Form der Schrift 349

Friedrich A. Kittler
Es gibt keine Software 367

Hans Ulrich Gumbrecht


Schrift als epistemologischer Grenzverlauf 379

Hinweise zu den Autorinnen und Autoren 391


K. Ludwig Pfeiffer

Schrift — Geschichten, Typologien, Theorien

'Du hast keine Chance, drum nutze sie'. An diesen Satz aus — wenn das in diesem
Fall nur visuell-auditiv gestützte Gedächtnis nicht trügt — Herbert Achternbuschs
Atlantikschwimmern mag sich erinnert fühlen, wer sich angesichts einer wohl
dreißig Jahre anhaltenden Konjunktur von Schrift-Theorien und Schriftgeschichten
erneut in dieses Gebiet vorwagt. 1963 hatte Eric A. Havelock sein Vorwort zu
Piaton vorgelegt. Piaton läßt bekanntlich im Phaidros (274c - 275d) die Geschichte
vom ägyptischen Gott Theut (Thot) und dem König Thamos 'erzählen'. Mit diesem
— fingierten, weil natürlich geschriebenen — Dialog hebt die Kritik an einem,
nennen wir es einmal unscharf kognitiven Werkzeug oder Medium just in dem Au-
genblick an, als eine durchsetzungsfähige Philosophie oder Theorie ohne dieses
Werkzeug kaum mehr auskommt. Das mündliche 'Diskussionsklima', das an der
platonischen Akademie — gleich ob man diese soziologisch als liberalen Diskussi-
onsklub (H. Schmitz) oder als autoritär-charismatische Erlösungssekte (P. L.
Landsberg) begreift — herrschte, hat mit jener Philosophie, die dann schriftlich
überlebt hat, vermutlich nicht viel gemein.
Gegen einen allenthalben drohenden 'sophistischen' Trend, über möglichst viele
Themen 'brillant', aber letztlich unverbindlich zu reden und zu schreiben, hat Pia-
ton das Argument aufgeboten, die eigentliche philosophische Schau sei in der
Schrift nicht zu erreichen. Und doch wird dieses Argument zur (von wem auch
immer faktisch eingenommenen) Pose, wenn der schreibende Piaton im siebten
('großen') Brief versichert, es gäbe keine Schrift von ihm über das, worauf sein
Bestreben eigentlich gerichtet war. Zwar habe Piaton, so hat Hartmut Erbse diese
Diskrepanz als Scheinwiderspruch zu entkräften versucht, "sein ganzes Leben hin-
durch, man kann sagen bis zur letzten Stunde, geschrieben". Aber das "schlechthin
Vollendete", das "Innere des Ideenreiches" (Gerechtigkeit an sich usw.), das ent-
ziehe sich der Darstellung — der mündlichen freilich wie der schriftlichen.
10 K. Ludwig Pfeiffer

Damit aber bleibt Havelocks Verdacht in Kraft, daß es Piaton ohnehin weniger
um ein Reich reiner Ideen gegangen sei, daß die Idee der Ideen eher der Abwehr ei-
ner durch und in der Schrift drohenden Aufweichung normativen Wissens und So-
zialverhaltens gedient habe.1
Havelocks über fünfundzwanzig Jahre2 fortgesetzte Untersuchungen umkreisen
Möglichkeiten einer speziellen Theorie griechischer Mündlichkeit und Literalität?
Nach Havelock kann es — trotz Derrida — eine allgemeine Theorie primärer Orali-
tät, nicht aber eine allgemeine Theorie der Schrift oder der Schriftlichkeit geben.
Für theoretisch und historisch interessierte Schriftanalysen steckt in dieser Per-
spektive eine Problemspannung, deren Chancen zwar nicht vertan, aber auch nicht
recht genutzt wurden. Havelocks Ansatz, so möchte man übertreibend sagen, ver-
sandete in der ebenso beeindruckenden wie erdrückenden Fülle historischer oder
evolutionär angelegter Studien von Schriftsystemen und allgemeinen Theorien der
Schrift bzw. der Literalität (also der Entstehung schriftförmiger Kommunikation
und ihres Vordringens).
Die historische Erforschung von Schriftsystemen vermag der vorliegende Band
nicht allzu weit voranzutreiben. Dies fiele schon deswegen schwer, weil diese Stu-
dien — von Jensen bis Haarmann4 — einen Theoriebedarf sichtbar gemacht haben,
den weder sie selbst noch auch die unterschiedlichen Theorien der Schrift — von
Goodys 'Logik der Schrift' bis hin zu Derridas ganz anders gelagertem Begriff —
befriedigt haben. Natürlich sind die historischen Studien nicht einfach untheore-
tisch. Aber sie geben sich wortkarg da, wo Entscheidungen zur Form möglicher

'Vgl. Piaton: Sämtliche Werke (Schlcicrmachcr-ÜbcrseUung), hg. von Walter F. Otto, Emesto
Grassi, Gert Plamböck. Hamburg 1959, Bd. 1, 341b-e (Siebenter Brief), Bd. 4, 274c-275e
(Phaidros); dazu Paul Ludwig Landsberg: Wesen und Bedeutung der platonischen Akademie. Eine
erkenntnissoziologische Untersuchung. Bonn 1923, 3. Kapitel; Hermann Schmilz: Die Ideenlehre
des Aristoteles. Bd. 2: Piaton und Aristoteles. Bonn 1985, 373; Hartmut Erbse: "Piaton und die
Schrifüichkcit". In: Antike und Abendland, XI (1962), 7-20. 9, 15.
2
Also mehr oder weniger von A Preface to Plato (A History of the Greek Mind, vol. 1), Cam-
bridgc/MA. 1963, bis The Muse Learns to Write. Refleclions on Orality and Lileracy from Anti-
quity to the Present, New Havcn/London 1986.
3
Vgl. The Muse learns to Write (Anm. 2), Kap. 9: "The Special Theory of Greek Orality".
4
Vgl. z.B. Hans Jensen: Geschichte der Schrift. Hannover 1925; Die Schrift in Vergangenheit und
Gegenwart. Glückstadt/Hamburg 1935 (Neuausgabc Berlin 1948); David Diringer: The Alphabet.
A Key to the History of Mankind. London/Ncw York 1948 (3. Aufl. London 1968); Writing.
London 1962; I. J. Gelb: A Study of Writing. Chicago/London 2 1963; Alfred Schmitt: Entste-
hung und Entwicklung von Schriften, hg. von Claus Hacbler. Köln/Wien 1980; Käroly Földcs-
Papp: Vom Felsbild zum Alphabet Die Geschichte der Schrift von ihren frühesten Vorstufen bis
zur modernen lateinischen Schreibschrift. Stuttgart 1984 (Sonderausgabc); Roy Harris: The Origin
of Writing. LaSallc, III. 1986 (gegen "The Evolulionary Fallacy"); Martin Kuckcnburg: Die Ent-
stehung von Sprache und Schrift. Ein kulturgeschichtlicher Oberblick. Köln 1989; Harald Haar-
mann: Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt/M. 1990 usw.
Schrift — Geschichten, Typologien, Theorien 11

Theorien anstünden, mit denen die dominierenden Interessengegensätze (Logik vs.


Geschichte, Schrift vs. Schriften) eine Zeitlang wenigstens entmachtet werden
könnten.
Was also besagt es, wenn man, sicherlich zu Recht, darauf beharrt, es gebe
"verschiedene Schriftsysteme mit verschiedenen Qualitäten", deren Entfaltung über-
dies von gesamtgesellschaftlichen Konfigurationen abhänge (Andersen)? "Gefragt
sind [sie]", verkündet etwa Helmut Glück, "das sprachlich und historisch Kon-
krete" — Derrida wird daher "als theoretische Alternative abgelehnt".5
Daß eine solche Ablehnung ein begrenztes Recht beanspruchen kann, das möch-
ten auch einige Beiträge des vorliegenden Bandes erhärten (vgl. Kushf, Hauge,
Stjernfelt). Beginnen wir also damit. In der Tat provoziert Derridas generalisierte
Schriftmetapher — 'Schrift' als Vor-Struktur, Gewebe von Spuren, "Brisuren"6
allen, mündlichen wie schriftlichen Sprachhandelns — die Anfrage, ob diese Meta-
pher nicht das Schicksal der von Derrida kritisierten Metaphysik der Präsenz teilt:
nämlich Effekt, Extrapolation einer spezifischen (zunächst griechischen) Schrift-
praxis und ihrer soziokulturellen Probleme zu sein. Der Eindruck eines phonozen-
trischen Logozentrismus mag entstehen, wenn man den Zusammenhang kognitiver
('philosophischer', 'metaphysischer') und soziokultureller Dimensionen in der Per-
spektive späterer 'Diskursausdifferenzierung' auseinanderreißt — also zumindest
eine der bedenkenswerten Lektionen Havelocks vergißt. Harris, der für Derrida in
seiner Kritik an Repräsentationstheorien der Schrift erheblich mehr an Sympathie
als Glück aufbringt, mahnt daher gleichwohl und weiterhin das Desiderat einer
ScAn/fgeschichte an.7

//

In welchen Bereichen und Medien aber lassen sich jene Elemente dingfest machen,
an denen die entscheidenden Formdifferenzen zwischen Schrift und Nichtschrift,
womöglich aber auch zwischen den verschiedenen Schriften selbst hängen? Kommt
man von da zu einer Logik der Schrift, oder gerät man in kulturell und medial (z.
B. im Blick auf den Buchdruck usw.) nochmals erheblich auszudifferenzierende
Funktions-Logike«? Der Beitrag von Niklas Luhmann in diesem Band setzt auf
eine systemtheoretisch gesteuerte Elaborierung der Formdifferenz zwischen münd-
licher und schriftlicher Kommunikation. Laute und visuelles Schreiben oder Lesen

H gl. 0ivind Andersen: "Mündlichkeit und Schriftlichkeit im frühen Griechentum". In: Antike
und Abendland XXXIII (1987), 29-44, 30-33, auch mit Kriük an Goody und Havelock; Glück:
Schrift und Schriftlichkeil. Eine sprach- und kulturwissenschaftliche Studie. Stuttgart 1987, X.
6
Vgl. De la grammaiologie. Paris 1967, z. B. 92-97.
7
Harris (Anm. 4), 65, 71-73, 155f., 158.
12 K. Ludwig Pfeiffer

organisieren die Verbindung zwischen einem locker strukturierten Medium und den
in ihm jeweils erzeugten festeren Formen auf sehr unterschiedliche Weise. Eine
Schrift fixiert; aber sie eröffnet gleichzeitig ungeahnte Potentiale anderer Fixierun-
gen. Was immer codiert, vor allem sichtbar codiert ist, kann auch anders codiert
und damit selbst anders werden. In solcher 'Potentialisierung' und Generativität
entstehen neue kognitive Stile, die ihr 'Medium' (im Normalsinne) in wandlungs-
fähigen Diskursen finden. In ihren Formen einigermaßen stabil, eröffnet die innere
Kombinatorik schriftlicher Diskurse unabschließbare Thematisierungs- und An-
schlußmöglichkeiten. So ist denn der Begriff des Seins eine Papier-, vielleicht eine
papierene Geburt.
Nun hatte Havelock im Blick auf die griechische Szene ganz ähnliches behauptet:
theoria, so vernimmt man da, ist jene Muse, die ihre Entstehung dem intensiven
Beschauen, schließlich der Interpretation eines beschriebenen 'Papiers' verdankt.8
Daß in diese Zeit einer zumindest in manchen neuen Bereichen sich durchsetzenden
Verschriftlichung eine Reihe entscheidender Bedeutungsveränderungen zentraler
Begriffe der europäischen Tradition (nous, psyche usw.) fallen, ist seit Bruno Snell
immer wieder plausibel behauptet und doch wohl 'nachgewiesen' worden. Seitdem
eignet diesen Begriffen wohl ein 'logozentrisches' Potential, nicht aber ein aus-
schließlich logozentrischer Gebrauch.
Bei Havelock also firmieren solche Erkenntnisse als Produkte einer speziellen
Theorie griechischer Ora-Literalität. Und selbst er mag im Blick auf den Allgemein-
heitsgrad seiner Aussagen noch zu weit gegangen sein.9 Wieder erhebt also eine,
wie es scheint, atheoretische, historisierende Hydra ihr Haupt. Die Systemtheorie
einer mündlich/schriftlichen Formdifferenz gibt sich allgemeiner. Droht ihr ein
analoges Schicksal wie dem Derridaschen Schriftbegriff? Mit ihm scheint sie oh-
nehin einiges zu teilen: Die Potentialisierung der Differenzbildung in und durch
Schrift gleicht dem Gewebe von Spuren, mit dem Derridas Schriftbegriff den Ge-
gensatz Mündlichkeit/Schriftlichkeit unterlaufen wollte. Und vielleicht läßt sich der
Verdacht, Theorie sei systematisierter und rückprojizierter Eindruck von kulturell
anscheinend dominierenden Diskurspraktiken, gar nicht ausräumen.
Zweifellos üben in vielen Kulturen (mehr oder weniger) heilige oder doch kano-
nisierte Texte Formen eines zumeist nicht nur symbolischen, gerade aber wegen
ihres Schriftcharakters immer erosionsgefährdeten Regiments aus. Nicht überall
freilich erzwingt Schriftlichkeit jene Arten des Bedeutungsschutzes — Dogmatiken,
Re-Interpretationen, aber auch Gewaltmaßnahmen (wie im Extrem das 'Übermei-
ßeln' älterer Steininschriften durch nachfolgende Pharaonen im alten Ägypten; dazu
generell auch der Beitrag von Jan Assmann) —, den der Westen, und nicht nur er,
bei seinen klassisch-religiösen, philosophischen und selbst literarischen Texten

'The Muse Learns lo Wrüe (Anm. 2), 111. Vgl. 94-97 zum Verb sein.
9
Vgl., wie gesagt, Andersen (Anm. 5), 30-33.
Schrift — Geschichten, Typologien, Theorien 13

praktiziert. Und auch im Westen ist die Stabilisierung eines schriftlich erzeugten,
im Prinzip offenen Bedeutungspotentials der Güter höchstes nicht — jedenfalls
nicht immer. Luthers Bibelübersetzung kämpft zwar gegen das metastatische Wu-
chern der von der Kirche oft genug ad hoc sanktionierten Interpretationen an. Aber
seine Rückkehr zum 'Ur-Text' peilt nicht die vermeintliche Reinheit seiner Bedeu-
tung an. Das reformatorische Prinzip sola scriptwa soll keinen weiteren 'papierenen
Papst' hervorbringen. Luther möchte vielmehr die semantisch nur lose organisierte
Verkündigungsgewalt des alten Textes anzapfen und in der 'Übersetzung' zurück-
gewinnen.10
Die geballten Effekte jeweiliger Konfigurationen von Literalisierung und Sozio-
kultur können verschwinden11; ebenso freilich kann der Versuch, sie wie Luther
zum Verschwinden zu bringen, das genaue Gegenteil hervorrufen. Luthers An-
strengung, einer den weltlichen Schrift- und Auslegungsnormen entzogene Glau-
benserfahrung zur religiösen Weihe zu verhelfen oder gar in eine konfessionelle
Dogmatik zu bannen, tritt, vor allem nachdem das Machtprinzip cuius regio eius re-
ligio abgewirtschaftet hat, eine Lawine neuer Hermeneutiken los. Weil sie nicht
mehr, wie noch die mittelalterlichen Hermeneutik-Systeme, institutionell geschützt
und abgeschirmt werden, schlägt in ihnen eine der selbstgenerativen, fast auto-
poietischen Schriftlichkeit geschuldete Textinflation voll durch. Kann die 'katholi-
sche' Kirche ein Monopol der Texte und ihrer Auslegung immer wieder einmal
durchsetzen (wogegen in schöner Regelmäßigkeit sogenannte Kirchenkritiker re-
voltieren), so verschmilzt die protestantische Hermeneutik seit dem 18. Jahrhundert
mehr oder weniger mit einer diffusen Schreib-, Lese- und Auslegungskultur. Um
nicht in unendlichen Geschichten zu versinken, muß diese Kultur, die weltliche wie
die religiöse, ihre eigene Tendenz durch existentialistische, quasi 'oralistische'
Sprünge dann und wann immer wieder stoppen.12

10
Dahcr heißt der "Sendbrief vom Dolmetschen" mit gutem Grund nicht "Sendbrief vom Überset-
zen". Vgl. zu diesem Komplex die Beiträge in den Sammclbänden Hclmar Junghans, Hg.: Leben
und Werk Martin Luthers von 1526-1546. Bd. 1, Göttingen 1983; Joachim Schildt: Luthers
Sprachschaffen. Gesellschaftliche Grundlagen. Geschichtliche Wirkungen. Berlin 1984; Knud
Schäfcrdieck, Hg.: Martin Luther im Spiegel heutiger Wissenschaft. Bonn 1985. Neu ist das alles
nicht. Schon die Ausgabe 1931 der Enzyklopädie Die Religion in Geschichte und Gegenwart
(Tübingen), s.v. "Schriften, Heilige", hebt auf die Formen der "Kraftgcladcnhcit des Geschriebe-
nen" (Bd. 5, 265) in den verschiedenen Religionen ab, die gegen die dem Geschriebenen immer
drohende "geistige Einsargung dessen, was als Gesprochenes einmal Anteil am unmittelbaren Le-
ben schöpferischer Religionen hatte", unentwegt mobilisiert werden muß.
"Vgl. Glück (Anm. 5), IX.
'^Aufschlußreich in dieser Hinsicht Gerhard Ebcling: "Die Bedeutung der historisch-kritischen Me-
thode für die protestantische Theologie und Kirche". In: Zeitschrift für Theologie und Kirche, 47
(1950), 1-46. Vgl. ferner die Artikel im Lexikon für Theologie und Kirche, hg. von Josef Höfer
und Karl Rahncr. Freiburg 1964, Bd. 9, s.v. "Schriftprinzip", sowie das Reallexikon für Antike
und Christentum, hg. von Emsl Dassmann [...]. Stuttgart 1948, Bd. XIV, s.v. "Heilige Schrif-
14 K. Ludwig Pfeiffer

Endlich könnte das textgenerative Potential des auf dem griechisch-lateinischen


Alphabet beruhenden Schriftsystems ein teilweise trügerischer Oberflächeneffekt
sein. Ihm mag man gerade in der Postmodeme leicht erliegen. Doch ist er wohl mit
einer Kehrseite von Zwängen erkauft, mit denen sich auch ganz andere Rechnun-
gen aufmachen lassen. Eine nostalgisch-melancholische Skizze hat Levi-Strauss in
dem "Schreibstunden" betitelten Kapitel von Traurige Tropen geliefert.13 Daß vor
allem frühe, nichtalphabetische Schriftpraktiken nicht der Vermehrung bzw. (bei
Levi-Strauss) Vervielfältigung eines flexibel einsetzbaren 'Wissens', sondern der
Machtsicherung dienten, gilt inzwischen als Gemeinplatz der Forschung. Aber
Levi-Strauss hält darüber hinaus dafür, daß die schöpferischsten Phasen menschli-
cher Geschichte eher schriftlose Perioden (wie das Neolithikum) waren; daß in
westlichen Gesellschaften und nicht nur da der Kampf gegen das Analphabetentum
überwiegend in Kontexten der verstärkten staatlichen Kontrolle, der Militarisierung
und Proletarisierung erfolgte. Seit "der Entdeckung der Schrift bis zur Entstehung
der modernen Wissenschaft" sind "etwa fünftausend Jahre vergangen, während de-
rer die Kenntnisse mehr fluktuierten als anwuchsen" (ebd., 294).

///

Das hier bislang Geschriebene läuft allerdings auch nicht auf mehr als ein Sammeln
fluktuierender Aspekte hinaus. Will man mehr erreichen, so kann man zunächst
versuchen, einen Typ der Fluktuation durch einen vielleicht harmloseren und zu-
gleich fruchtbareren zu ersetzen. Der vorliegende Band unternimmt dies vor allem
in der Kontrastierung soziokultureller Kontexte und theoretischer Perspektiven.
Daß kontrastive Modellierungen — ungeachtet unbestreitbarer Heterogenitäts-Risi-
ken — vonnöten sind, das kann man durch ein Neuerzählen der phönizisch-grie-
chischen Schriftgeschichte unter theoretisch verschärften Bedingungen erhärten.14
Die meisten Schriften — also Repertoires wiederholbarer graphischer Zeichen —
sind, wie erwähnt, zunächst Service- und Machteinrichtungen; sie ermöglichen und
stabilisieren divinatorische, administrative oder auch kommerzielle Transaktionen in
soziokulturellen Situationen überschaubarer, spürbarer, gleichwohl nicht haltloser
Komplexität. In solchen Zusammenhängen kann man die oft ausgefochtenen Kon-

ten". Zur immer noch eindrucksvollen Praxis einer religiös-weltlich hermeneutischen Lese- und
Auslcgungskultur im akademischen Marburg des Truhen 20. Jahrhunderts vgl. Hans-Georg Gada-
mer: Philosophische Lehrjahre — eine Rückschau. Frankfurt/M. 1977, vor allem 37-39.
13
Frz. 1955, dl. Frankfun/M. 1978, 292-2%. Kritische Würdigung bei Kuckenburg (Anm. 4),
220r.
14
Daß dieses Unterfangen angesichts der Flut neuerer und neuester Erscheinungen zur Schriftlich-
keil bei den Griechen vermessen anmutet, muß in Kauf genommen werden. Vgl. nur die im Bei-
lrag von Luhmann, Anm. 24, genannten Titel, denen sich wie immer weitere hinzufügen ließen.
Schrift — Geschichten, Typologien, Theorien 15

troversen über den vermeintlich pikto- oder ideographischen und generell repräsen-
tationellen Charakter von Schriften vernachlässigen. Abstraktionen stecken in allen
(vermeintlichen Ab-)Bildern; Repräsentations- und Ausdrucksleistungen werden
den meisten Schriften mit begrenztem (Un-)Recht angesonnen. Für meine Zwecke
genügt es, wenn man annimmt, daß berufsmäßige Schreiber in streng hierarchi-
schen Systemen (etwa Palast- oder Tempelwirtschaften) mit graphisch vergleichs-
weise komplizierten (eben gemeinhin pikto- oder ideographisch genannten) Schrif-
ten zurechtkamen; die Kaufleute der Levante hingegen mußten ihre Geschäftsnoti-
zen und Buchungen meist selbst schreiben, sie benötigten daher eine graphisch ein-
fachere Schrift.15 Dadurch mag es zum 'Abschliff komplizierter bildartiger Zei-
chen und zur Entwicklung einfacherer, schneller handhabbarer Schriften gekom-
men sein; aber diesen Abschliff und damit die Formung 'abstrakter' wirkender Zei-
chen konnte auch einfach die Materialität der Schreibmittel (bei der Keilschrift etwa
Ton) erzwingen.
Wie immer: Eine historische Theorie der griechischen Schriftform hat mit der
Tatsache zu rechnen, daß diese Form bei den Griechen, genauer: vornehmlich bei
den Athenern oder speziell in Delphi in einem Verbund kognitiver, ja diskursiver
Transformationen mitfungiert, von denen in der Kultur des Formmodells, der
'Quelle', der phönizischen, keine Rede sein kann. Nicht nur nicht in der phönizi-
schen: auch in jenen griechischen, wohl von den Euböern gegründeten Handelszen-
tren (AI Mina, Posidium, Paltus) — ganz zu schweigen von der frühen mykeni-
schen Kultur, die bereits eine dann untergangene Schrift besessen hatte — ist von
der "revolutionären" Wirkung (M. Grant) der Schrift wie bei den Athenern wenig
zu verspüren.16 Im Normalsinne des Wortes wird die Form der phönizischen
Schrift bei der Übernahme durch die Griechen kaum verändert. Was also, falls
überhaupt etwas, (ver-)birgt die bei gleichbleibender Form sich enorm wandelnde
Leistungsreichweite der Schrift bei den Griechen? Die politjuristische Geschichte
Athens, in der sich die revolutionäre Wirkung der Schrift entfaltet, ist personalisie-
rend mit den Namen Solon, Ephialtes, Kleisthenes und Perikles zu markieren, Na-
men also, in denen sich die Verschriftlichung der Gesetze und eine Art von 'Demo-
kratisierung' (Entmachtung des Areopags usw.) konzentriert. Mit der Aufführung
von Aischylos' Orestie (458 v. Chr.) wiederum heftet sich an die Entmachtung des
Areopags ein einschneidendes theatergeschichtliches Ereignis. Die Trilogie vom
Ende der Gewalt, von der 'Politisierung' der Polis und der Schwächung primärer,
nicht auf Schrift gründender Institutionen, bildet ein Großereignis in der beginnen-

15
Vgl. Kuckcnburg (Anm. 4), 229.
16
Vgl. Michael Grant: The Rise oflhe Greeks. New York 1988, 295-297. Dabei ist belanglos,
daß die Griechen die phönizischc Schrift durch die systematische Notation der Vokale veränderten.
Vgl. Gelb (Anm. 4), 181f.
16 K. Ludwig Pfeiffer

den Geschichte des verschriftlichten, 'literalisierten' Theaters.17 Die Zeit hebt an, in
der man Tragödien nicht mehr jedes Jahr für die Festspiele neu entwarf, sondern
Texte erneut und immer wieder aufführte. Schon Aristoteles erklärt in der Poetik.
die Aufführung mache nicht das Wesen der Tragödie aus. Die gesellschaftlichen
Verhältnisse mögen sich vorläufig noch wenig ändern. Aber in einer Gesellschaft,
die dafür auch die nötige (Frei-)Zeit bereitstellt, kann die politisch-legale, von Tex-
ten gestützte und dynamisierte Ordnung unentwegt verhandelt werden. Die neuen
Disziplinen der Rhetorik, der Dialektik usw. kultivieren den mündlichen Gestus
zwar noch lange. Aber die 'Literalisierung' ist ihnen von Anfang an 'eingeschrie-
ben'. Der Eindruck entsteht, und er entsteht teilweise zu Recht, man könne mit
sprachlichen, vor allem 'bewußt' oder intentional niedergeschriebenen — lesend,
interpretierend angestarrten schriftlichen Zeichen Bedeutungen ausdrücken. Eine
Art Zwang zur Expressivität mag für weite Bereiche der Schriftsprache deshalb ins
Spiel kommen, weil Voraussetzungen, Entscheidungen und Folgen von Sprechen
und Verhalten nicht oder weniger außersprachlich kontrolliert werden. Die —
scheinbare, anscheinende, tatsächliche — Ausdrucksfähigkeit, Bedeutungshaftig-
keit der Sprache läßt sich sophistisch ausbeuten oder platonisch unter Kuratel stel-
len. Die neue Art der Unübersichtlichkeit — denn auch in mündlichen Kulturen wa-
ren die Verhältnisse, wie man freilich nur dem verschriftlichten Homer entnehmen
kann, unübersichtlich genug und nur situativ eindeutig — kann man, wie Piaton,
durch einen rückprojizierten Mythos vom bindenden Charakter des Gesprochenen
in die Pflicht zu nehmen versuchen.
Nochmals: Die Form (im Normalsinne des Wortes) der phönizischen und der
griechischen Schrift ist nahezu identisch. In beiden Fällen handelt es sich um ein
Repertoire abgeschliffener, also eher 'abstrakter', das heißt graphisch wenig kom-
plexer Zeichen. Gewaltig allerdings gehen die Wirkungen auseinander, die diese
Form unter verschiedenen Bedingungen und in verschiedenen Bereichen entfaltet.
Den Phöniziern dient die Schrift zu wirtschaftlichen Zwecken. Hier wirken Kon-
trollen, welche die Ausdrucksmöglichkeiten der Schrift im Zaume halten, ja weit-
gehend gleichgültig werden lassen. (Auch wenn, nebenbei bemerkt, die kapitalisti-
sche 'Rationalität' wohl im Westen unter bestimmten religionssoziologischen Be-
dingungen 'erfunden' wurde, läßt diese sich in ganz anderen Kulturen mit gänzlich
anderen Schriftsystemen und partiell noch 'mittelalterlichen' Sozialstrukturen wo-
möglich noch perfekter praktizieren. Dazu auch später.) Wo also soziale und dis-
kursive Verhältnisse sich abzeichnen, in denen Kontrollen oder Zwänge dieser Art
wenig oder nicht greifen, da birgt die abstrakte Schriftform ein erhebliches Mehr an

1
Über die politisch-literarischen Zusammenhänge hal — nicht nur — Christian Meier ausführlich
gehandelt: Die Entstehung den Politischen bei den Griechen. Frankfurt/M. 1980, 144-200. Bei ihm
bleibt die Rolle der Schrift im Gegensatz zu Grant freilich weitgehend ausgeblendet.
Schrift — Geschichten, Typologien, Theorien 17

Möglichkeiten und Risiken.18 Max Weber schon notiert, daß es einen Unterschied
mache, wenn Schüler über längere Zeit, wie bei den alten (und vielleicht auch zum
Teil noch den heutigen) Chinesen (und Japanern) an die zweitausend komplizierte
Schriftzeichen erst einmal 'malen' lernen müßten, bevor ihnen deren 'Sinn' in den
Sinn komme oder eingetrichtert werde. Bereits 1801 hatte Friedrich Gedicke die
"tiefe Spekulation" und die "Buchstabengelehrsamkeit" der Europäer leicht nostal-
gisch mit der "praktischen" Gelehrsamkeit der Chinesen verglichen. Die "seit un-
denklichen Zeiten" praktizierte Buchdruckerkunst der Chinesen hält er, wohl nicht
zu Unrecht, wie die europäische vor Gutenberg für "nichts als Formschneiderei".19
Sicher bewegt man sich mit solchen Bemerkungen im Bereich des freilich auch in
Gelehrtenkreisen gern gepflegten Exotismus. Gewiß können Kultur- und Schriftty-
pologien eine Theorie (der Form) der Schrift nicht ersetzen. Wer, wie Dirk Baecker
in diesem Band, auf die (Theorie der) Schrift des Kapitals setzt, in der die doppelte
Buchführung historische Wirtschaftssysteme schlechthin (und nicht nur den Kapi-
talismus) als Grundmedium eines Netzwerks von Abhängigkeiten durchdringt, den
muß wenig kümmern, daß japanische und neuerdings auch amerikanische Manager
über das Übergewicht der Schreiber, der Buchhalter und Firmenrechtsanwälte in
Unternehmen beredt Klage führen.20
Beobachter mögen Positionen des Historikers oder Theoretikers einnehmen; sie
mögen sich ihre Unterscheidungen vom 'Stand der Forschung' besorgen lassen
oder sie, wie es scheinen mag, eigenmächtig treffen und variieren. Man mag es
dann für erstaunlich oder kaum überraschend halten, daß im Falle der Schrift die
Folgen historischer Ansätze und theoretischer Unterscheidungen weitgehend kon-
vergieren. Die Prägekraft der Schrift im Medium der Sprache erzeugt ein kombina-
torisches Potential, das 'Gesellschaft', vor allem nach dem Buchdruck, mit Kom-

18
Meier (Anm. 17) nennt die "Politisierung der Polis-Ordnung" einen "Schritt ins Freie, ins Un-
geschützte, in ganz neue Risiken der menschlichen Existenz", die mit der Schwäche primärer Insti-
tutionen, mit Kolonisicrung, Handel, Machtverschiebungen vor allem unter Klcisthenes (Neuzu-
sammensetzung der Phylcn), Entmachtung des Areopags usw. zusammenhängen.
19
Max Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd. 1, Tübingen 1920, 5 1963,
412f. (zur Fortschreibung dieses Typs von Analyse vgl. etwa Joseph Ncedham: Wissenschaftlicher
Universalismus. Über Bedeutung und Besonderheit der chinesischen Wissenschaft. Frankfurt/M.
1977, 17,61,84f., 115); Gcdickc: "Ueber den gegenseitigen Einfluß der Schrift auf die Kultur und
der Kultur auf die Schrift". In: Vermischte Schriften. Berlin 1801, 263; interessante Spekulationen
zu Phöniziern und Griechen auch bei J. Leonhard Hug: Die Erfindung der Buchstabenschrift, ihr
Zustand und frühester Gebrauch im Alterthum. Ulm 1801, 25, 41f.
20
Vgl. Robert C. Christophen The Japanese Mind. The Goliath Ezplained. Tokio 1983. 166f.
Daß es mit der amerikanischen Wirtschaft trotz Harvard und Stanford Business School bergab geht,
wird in anderen Werken ausgeschlachtet Vgl. Michihiro Matsumoto: The Unspoken Way. Hara-
gei: Silence in Japanese Business and Society. Tokyo/New York 1988. Zu diesem Buch hat im-
merhin Edward T. Hall ein Vorwort beigesteuert. Vgl. auch die Bemerkungen Baeckers in diesem
Band zum "Bcdcutungsvcrlust der Buchführung".
18 K. Ludwig Pfeiffer

munikation überzieht, ja in Kommunikation — also in den vergeblichen, weil un-


entwegt Anderes produzierenden Akt der Bedeutungsfixierung — verwandelt.
Schrifthistoriker sehen die Sache ganz ähnlich, selbst und gerade dann, wenn sie
den vielfach verworfenen Thesen einer allgemeinen Evolution von phonetisierten
Wortzeichen über Silbenschriften bis hin zum Alphabet anhängen.21 Um die Über-
lebenschancen magisch, ästhetisch oder elementar soziokulturel) kontrollierter und
graphisch komplexer Schriften ist es in solchen Perspektiven schlecht bestellt. In
ihnen kann sich auch die Mündlichkeit keinen Bereich sichern, der nicht schon im-
mer von den Komplikationen und Unsicherheiten der Schrift, im normalen wie im
Derridaschen Sinne, unterwandert wäre.
Es kann aber auch sein, daß all dies sowohl richtig wie relativ, weil immer noch
eurozentrisch ist. Derrida jedenfalls scheint irritiert gewesen zu sein, als man ihm in
Japan nahelegte, dort brauche man die Dekonstruktion nicht, weil es die zu demon-
tierenden Konstruktionen nicht gebe.22
Es mag sein, daß sich Schriftdiskussionen etwas einseitig auf die Frühgeschichte
und auf euroamerikanische oder koloniale/postkoloniale Geschichten konzentriert
haben. Derridas Schriftbegriff aber deutet ja zumindest an, daß man — auch — im
Westen die Rolle der Schrift im Normalsinne und der Differenz Mündlichkeit/
Schriftlichkeit überschätzt haben könnte. Vergleiche oder, härter, Konfrontationen
mit anderen 'Hochkulturen' der Gegenwart stehen aus bzw. werden vornehmlich
ökonomisch' codiert.
Bedeutung der Schrift? Sie mag in den Formen ihrer Bedeutungen wie in der Be-
deutung ihrer Form bestehen. Wo diese aber überhand nehmen — und solche Zei-
ten hat es immer wieder gegeben —, da erzwingt die Schrift auch Formen ihrer
tendenziellen Vergleichgültigung, nötigt sie zur (Re-)Kultivierung auch ganz anders
operierender Lebensformen.

21
Vgl. Gelb (Anm. 4), 201-205 und Kap. IX "Writing and Civilizaüon", 221ff. Zur Kritik, Gelbs
Slufcngesclz sei "zu einseitig von unserem eigenen Standpunkt aus aufgestellt", vgl. Schmitt
(Anm. 4), 4f.
22
Vgl. Marilyn Ivy: "Crilical Tcxis, Mass Artifacts: The Consumpüon of Knowledge in Postmo-
dern Japan". In: Masao Miyoshi, H. D. Harootunian, Hgg.: Postmodernism and Japan. Durham/
London 1989, 21-46,40f.
SCHRIFTEN DES WESTENS
George P. Khushf

Die Rolle des 'Buchstabens' in der Geschichte


des Abendlands und im Christentum

Einleitung

Das westliche Denken und das Christentum haben — nach Derrida — die gespro-
chene Sprache (die Stimme) mit Vorstellungen der Selbstgegebenheit, Präsenz von
Bedeutung und mit dem Vorrang der Identität vor der Differenz in enge Verbindung
gebracht. Derrida sieht den Okzident und das Christentum — die beiden werden
nicht voneinander unterschieden — unter der Herrschaft des 'Logozentrismus', der
die 'Schrift' dem Sprechen unterordnet. Für Derrida hingegen liegt die — in be-
stimmter Weise neu definierte — Schrift der Stimme, dem Sprechen, liegen Diffe-
renz oder gar diffirance der Identität voraus.1
Ich teile Derridas Verständnis der Schrift, der westlichen Geschichte und des
Christentums nicht. Ich möchte vielmehr erläutern, inwiefern die Schrift und nicht
die gesprochene Sprache der Vorstellung von Selbstgegebenheit Vorschub leistet;
inwiefern die Geschichte des Westens durch zunehmenden 'Gramma-' und nicht
Logozentrismus gekennzeichnet ist; femer, daß Christentum, westliche Geschichte
und Logozentrismus nicht ineins gesetzt werden sollten. Das Christentum bezieht
eher Positionen innerhalb der unaufgelösten Differenz von Reden und Schreiben.

'Jacques Derrida: Of Grammatology. Baltimore 1976; Limited, Inc. Evanston 1977; Writing and
Difierenct. Chicago 1978.
22 George P. Khushf

Der Buchstabe

Das englische Wort letter ist mehrdeutig. Es bedeutet zum einen 'Brief, bezieht
sich also auf eine Verwendungsweise der Schrift unter anderen. In diesem Fall
haben wir es mit 'Briefpartnern' zu tun, die durch Entfernung voneinander getrennt
sind. Die Partner würden wohl lieber miteinander sprechen. Der 'Brief überbrückt
den 'Abgrund', den das gesprochene Wort nicht mehr überwinden kann.
Das Wort letter hat aber auch eine allgemeinere Bedeutung. Es kann die eine Seite
der Opposition Buchstabe/Geist bezeichnen und läßt sich in dieser Bedeutung auf
das griechische gramma zurückverfolgen. Abgesehen von 'Schrift' im allgemeinen,
ist damit auch der einzelne Buchstabe des Alphabets gemeint. Überdies ist es das
Wort für 'Zahl'. Hier also geht es nicht um eine besondere Verwendungsweise,
sondern um Schrift im allgemeinen. Der 'Geist' wird dann als voller Gehalt, als das
Auszudrückende oder Gemeinte im Gegensatz zum bloß Gesagten oder Geschrie-
benen verstanden. In diesem Fall fragt man, inwieweit der gemeinte geistige Gehalt
in der Schrift oder, im Blick auf die moderne Wissenschaft, in der Zahl 'verkörpert'
sein kann. Und inwiefern, wenn überhaupt, gibt es eine Fülle und Präsenz (des
Gemeinten, Geistigen, des Bewußtseins usw.), die nicht an den Buchstaben ge-
bunden ist? Ich beschäftige mich hier vornehmlich mit dieser, der zweiten und all-
gemeineren Bedeutung von letter. Aber ich möchte diese Bedeutung vorläufig über
eine Analyse des Briefes charakterisieren. Ich nehme also eine Art des Schreibens
als Metapher der Schrift im allgemeinen.
Der Brief soll die — an sich unüberbrückbare — Kluft zwischen Sprecher und
Hörer überbrücken. Dadurch freilich verändert sich die Grundbeziehung zwischen
beiden. Der Sprecher wird zum Schreiber, der Hörer zum Leser. Um diese Verän-
derung zu beschreiben, bediene ich mich der Untersuchungen zum Sprechen und
Schreiben, die W. Ong und E. Havelock im Rahmen der Oralität/Schrift-Debatte
vorgenommen haben.2
Das Sprechen baut im Miteinander von Sprecher und Hörer einen gemeinsamen,
materialen Kontext für das Gesprochene auf. Die Worte sind dabei nicht als Dinge'
oder bloße Vehikel eines begrifflichen Inhalts, sondern als Konstituenten eines Er-
eignisses, der Begegnung zu betrachten. Die Wirklichkeit ist in stetem Fluß; in ihre
unaufhörliche Bewegung greift der Sprecher mit seinen Worten aktiv gestaltend ein.
Dieser Eingriff gleicht der Verwandlung des Fallens ins Gehen. Fluß und Bewe-
gung des Wirklichen sind wie das Fallen; die Initiativen des Sprechers lenken das

2
Zu Hinweisen vgl. die Bibliographie am Ende von Walter Ong: Orality and Liieracy. London
1982.
Die Rolle des 'Buchstabens' in der Geschichte des Abendlands und im Christentum 23

Ganze in eine bestimmte Richtung.3 Aus dem vergleichsweise Gestaltlosen entsteht


eine Welt. Sprecher und Hörer — sie sind gleichermaßen Hörer und Sprecher —
treffen sich im Gemenge des Gestaltlosen und der Welt; sie ergreifen es als genuß-
volle Unterhaltung, als Spiel oder als zu bewältigende Aufgabe.
Auch wer einem Abwesenden schreibt, bedient sich der Anrede. Raumzeitliche
Distanz läßt sich aber nicht in Gegenwärtigkeit verwandeln. Daher nimmt der
Schreibende mit dem Abwesenden Kontakt auf, indem er eine vormalige Gegen-
wart als weiterhin gegenwärtig behandelt. Die Gegenwart derart wiederzugewinnen
heißt, die Beziehung des Selbst zum anderen imaginativ erneut durchzuspielen. Die
Beziehung wird verinnerlicht, als Selbstbeziehung der Erinnerung neu gebildet. Die
Erinnerung überbrückt die Lücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart; sie wird
zur Bedingung auch dafür, daß das Ich die Distanz zwischen sich und dem anderen
überbrücken kann.
Im Schreiben ist das Wort nicht mehr Ereignis. Es wird zur materialen Veräußer-
lichung einer Selbstbeziehung, die in der imaginativen Vergegenwärtigung der An-
rede eröffnet wird. Ereignis wird Zeichen, Zeichen für die Überbrückung des Un-
überbrückbaren. Der Eingriff löst sich vom Fluß des Wirklichen und gewinnt Ei-
genständigkeit. Er formt nicht mehr Existenz; der Text selbst wird zum geformten
Dasein. Diese Formung des bereits Gestalteten gerät zu einer neuen Art Eingriff —
zur Interpretation. Sie ist nun Genuß, Spiel und Aufgabe des Lesers.
Der Leser erfährt die Welt nicht mehr als das Fließen des Realen. Der Text greift
auf neue Art in den Strom der Welt ein. Der Text ist ohne Kontext, Intervention ins
Ereignis der Intervention und von ihm weg. Diese Abstraktionsbewegung vollzieht
sich von Heraklit zu Parmenides.4 Die Welt des Werdens verwandelt sich in den
Text der Welt, die Welt des Seins.

'Sehr prägnant wird die Metapher des Fallens bei Sörcn Kierkegaard verwendet: Philosophische
Brosamen und Unwissenschaftliche Nachschrift. München 1976,49.
4
lch betrachte hier Heraklit als denjenigen, der eine 'mündliche' Erfahrung der Welt in Begriffe faßt.
Der bloße Versuch, eine von den Aktivitäten der Gölter unterschiedene Welt in Begriffe zu fassen,
zeigt schon Einflüsse einer Schrifikultur. Noch aber ist die fließende Welt das Reich der Götter,
auch wenn sie bereits von den Handelnden getrennt ist (eine solche Trennung ist die Voraussetzung
dafür, daß sich die Well in den 'Kosmos' verwandelt). Havelock plaziert daher Heraklit zu recht zwi-
schen Mündlichkeit und Schrifllichkcil, da er ein neues BegrifTsrepenoirc formuliere, das später von
Plalon benutzt werde. Havelock beschreibt aber den 'mündlichen' Charakter der von Heraklit be-
schriebenen Well nichl zureichend. Xenophancs sollte (gegen Havelock) mit Parmenides, und nicht
mit Heraklit, in eine Reihe gestellt werden. Vgl. Eric Havelock: "The Linguislic Task of ihe Pre-
soeratics". In: Language and Thoughl in Early Greek Philosophy, hg. von Kevin Robb. LaSalle,
III. 1983,7-82.
24 George P. Khushf

Wir bewerten die Beziehung zwischen diesen beiden Welten, den Welten des
Sprechens und des Schreibens; darin bestehen nunmehr Genuß, Spiel und Auf-
gabe. Man kennt Piatons 'Versöhnungsversuch' — neben seiner Schriftkritik den
Versuch, die Welten als jene des 'Scheins' und des 'Seins' in Beziehung zu setzen.
Denken heißt das Bemühen, vom Schein zum Sein zu gelangen. Damit wird Erinne-
rung vollends verinnerlicht5, Schrift zur Instanz von Autorität erhoben.6 Nicht alle
freilich haben diese Nobilitierung der Schrift durch Piaton und seine Nachfolger
hinreichend gewürdigt — selbst Piaton nicht7, und schon gar nicht Derrida.

Westliche Geschichte

Derrida unterstellt, die sprechende Stimme sei in der Geschichte des Westens
durchweg der als "parasitär"8, als "gefährliches Supplement" und "fatalen Vorteil"9
(v)erachteten Schrift übergeordnet worden. Danach führe die Schrift zu "Kultur-
verfall und zum Zerbrechen der Gemeinschaft".10 Derrida versucht in zweifachem
Anlauf, die klassische Hierarchie mitsamt dem sie konstituierenden System aus den
Angeln zu heben. Im 'logozentrischen' System waren die Prädikate des 'klassi-
schen Schriftbegriffs' dem Sprechen untergeordnet, ja durch dessen Vorrang-
stellung verdrängt. Derrida möchte diese Prädikate befreien und sie einem neuen
Schriftbegriff aufpfropfen1'; zusammengefaßt bedeutet dies:

Ich möchte zeigen, daß man die Merkmale des klassischen, engen Schriftbegriffs verallgemeinem
kann. Sic gelten nicht nur für alle Klassen von "Zeichen' und für Sprachen im allgemeinen, sondern
auch, über die semio-linguistischc Kommunikation hinaus, für das gesamte Feld dessen, was die
Philosophie Erfahrung nennt, ja selbst für die Erfahrung des Seins. 12

Nach Derrida hat die westliche Philosophie ausnahmslos die Schrift durch das
Sprechen vereinnahmt. Er möchte nunmehr das Sprechen der Schrift — seinem
Schriftbegriff— einverleiben.

5
Zu Piatons Diskussion der Bc/.ichung zwischen Sein und Werden vgl. Poliieia, 474 c-521b; zur
Rolle der Erinnerung vgl. Menon.
6
Eric Havelock: Preface to Plaio. Cambridge, Mass. 1963.
7
Vgl. Platons Kritik der Schrift in Phaidros und im Siebenteln] Brief.
8
Dcrrida: Limited. Inc. (Anm. I), 17.
9
Dcrrida: Grammatology (Anm. 1), 151.
l0
Ebd., 144.
"Derrida: Limited, Inc. (Anm. 1), 21.
12
Ebd., 9.
Die Rolle des 'Buchstabens' in der Geschichte des Abendlands und im Christentum 25

Man muß vor einer Bewertung von Derridas Logozentrismus-Kritik allerdings


fragen, ob der Westen die Schrift der gesprochenen Sprache wirklich derart unter-
geordnet hat. Ich halte Derridas Behauptung aus folgenden Gründen für problema-
tisch:
1. Die westliche Vorstellung einer vom Sprechen vereinnahmten Schrift geht in
Wirklichkeit selbst auf das Modell der Schrift zurück. Die Untersuchungen von
Ong und Havelock, unter anderen, haben, wie es scheint, Derrida und den ganzen
traditionellen 'klassischen' Begriff des Sprechens grundsätzlich in Frage gestellt.
Ong etwa beruft sich auf Untersuchungen vor-schriftlicher ('vornehmlich mündli-
cher') Kulturen, um zu zeigen, daß der primär mündliche Sprecher — für den Vor-
stellungen von Sprache, Ich und Welt also nicht durch Schrift'technologien' ge-
prägt sind — das 'Wort' nie als 'Ding', 'Vehikel' oder 'Zeichen', sondern als "Er-
eignis' betrachtet.13 Das Denken ist situativ, nicht abstrakt, additiv, nicht unterord-
nend, aggregativ und nicht analytisch, partizipierend, nicht etwa distanzierend.14
Die Gegenwärtigkeit, das Bewußtsein des eigenen Selbst gehören sicher nicht zu
den Eigenschaften der 'oralen' Person:

Ein sechsunddreißigjähriger Bauer, den man fragte, welche Art Mensch er sei, antwortete mit
menschlich rührender DirckthciL 'Was kann ich selbst über mein Herz sagen? Wie kann ich über
meinen Charakter sprechen? Ihr müßt andere fragen; sie können was über mich erzählen. Ich selbst
kann gar nichts sagen'. Urteile über die einzelne Person kommen von außen, nicht von innen.13

All jene Prädikate also, die nach Derrida die Vormachtstellung des Sprechens mar-
kieren, treten tatsächlich nur auf, wenn das Denken von der Schrift bereits struktu-
riert wird. Damit ergibt sich folgende Möglichkeit: Könnte es sein, daß das Spre-
chen, so wie Derrida und die klassische Metaphysik es verstehen, in Wahrheit die
als das Selbstverständnis des Sprechens imaginierte Schrift ist? Weiter: Könnte es
sein, daß zumindest in einigen der Kennzeichen, die Derrida für seinen Schriftbe-
griff in Anspruch nimmt, Spuren einer primären Mündlichkeit durchschlagen —
Spuren einer längst vergessenen Vergangenheit, welche durch den seit Piaton herr-
schenden Schriftapparat verdrängt wurde?
2. Es gibt eine starke westliche Tradition der Schriftkritik. Es gibt aber eine
ebenso mächtige Tradition, welche die Schrift glorifiziert und über das Sprechen
erhebt. Derrida selbst spielt direkt auf diese Tradition an: Die der Philosophie eigene
und eigentümliche Interpretation der Schrift betrachte diese "als ein besonders wir-

13
Ong (Anm. 2), 75-77.
14
Ebd., 49-57, 37-38, 38-39, 45-46.
15
Ebd.. 55.
26 George P. Khushf

kungsvolles Kommunikationsmittel, das den Bereich mündlicher oder gestischer


Kommunikation enorm, wenn nicht unendlich" erweitere.16 Hier ist die Schrift kei-
neswegs Parasit. Sie ist 'Wissenschaft', Leistung einer Gelehrsamkeit, welche die
menschlichen Fähigkeiten weit über das Gewöhnliche hinaus ausdehnt. Das Unna-
türliche, 'Künstliche' gilt hier nicht als minderwertig oder gar böse (wie bei Rous-
seau). In ihm liegen 'Fortschritt', 'Technologie', ja selbst das 'Übernatürliche'.
Nunmehr stehen (Zahlen und) die geschriebene Sprache über der gesprochenen,
weil sie eine Aufgabe erfüllen, welche das Sprechen nicht meistern kann. Hier geht
es nicht mehr um den Vorrang, sondern um die Überflüssigkeit des Sprechens.
Derrida läßt diesem eher positiven 'Schrift-Bild' des Westens keine Gerechtigkeit
widerfahren. Gegen seine eigenen besseren Einsichten behandelt er die westliche
Philosophie als eine völlig einheitliche — logozentrische — Erscheinung. Warum
aber sollte man sich nicht in einer Differenz plazieren, deren Elemente einander
nicht hierarchisch zugeordnet sind? Die westliche Philosophie ist logo- und gram-
mazentrisch zugleich. Aus diesem Widerspruch entsteht ihre Dynamik.
Ich kehre an dieser Stelle zur Verwendung des Briefes als einer Metapher für
Schrift zurück. Im Brief gewärtigen wir die positiven und die negativen Beurtei-
lungsmöglichkeiten der Schrift:
1. Negativ — man hätte lieber gesprochen, aber die raumzeitliche Distanz zwi-
schen den Dialogpartnern macht das unmöglich. Die Schrift ist hier zweite Wahl,
Ersatz oder allenfalls Stütze. Man greift nach ihr, wenn das Sprechen nicht im Mit-
telpunkt stehen kann.
2. Positiv — mit der Schrift kommt man weiter als mit dem Sprechen. Man kann
damit mehr erreichen. Indem man schreibt, befreit man sich von älteren Zwängen.
Man kann also zwar das Sein' abendländischer Geschichte als paradoxen Einsatz
für Logo- und Grammazentrismus beschreiben. Gleichwohl halte ich dafür, daß die
Entwicklung, das 'Werden' dieser Geschichte sich als Bewegung von einer negati-
ven zu einer positiven Einschätzung der Schrift vollzieht. Die Schrift vereinnahmt
das Sprechen. In dieser Vereinnahmung entsteht die Vorstellung der Selbstpräsenz.
Es gibt viele Möglichkeiten, diese Bewegung und ihr Produkt — Selbstpräsenz
— zu veranschaulichen. Am besten gelingt dies vielleicht, wenn man den Schreib-
akt (die imaginative Vergegenwärtigung der Beziehung zwischen Selbst und ande-
ren) und den Akt des Lesens (den Interpretation genannten Eingriff in einen Ein-
griff) miteinander verknüpft. Der Schreibende wendet sich an einen Leser seiner
Erinnerung. Man hat die Gegenwärtigkeit des Lesers im Bewußtsein des Schrei-
benden den 'impliziten Leser' genannnt. Aber es besteht ein Unterschied zwischen

fi
Dcrrida: Umiled, Inc. (Anm. 1), 3.
Die Rolle des 'Buchstabens' in der Geschichte des Abendlands und im Christentum 27

dem impliziten und dem 'tatsächlichen' Leser, ein Unterschied, der den Anspruch
des Schreibens, den Graben zwischen Sprecher und Hörer zu überbrücken, grund-
sätzlich in Frage stellt. Um dieser Herausforderung zu begegnen, konzentriert sich
der Schreiber weniger auf die besonderen, wandelbaren Züge, die für die Diskre-
panz zwischen dem erinnerten und dem tatsächlichen Leser verantwortlich sind. Er
versucht vielmehr, die universalen, irgendwo in jedem Leser anzutreffenden
Aspekte zu ergreifen. Auf diese Weise gelangen wir vom 'privaten' zum offenen'
Brief, schließlich zum Essay. Wenn aber der Leser mit allen und jedem, mit dem
Allgemein-Menschlichen zusammenfällt, dann ist der Adressat des Schreibens letzt-
lich niemand anders als der Schreibende selbst. Auf diese Weise gerät die Gegen-
wart des anderen in der Erinnerung des Ich zur Selbstvergegenwärtigung, zur
Selbstpräsenz.
Will man die Schrift als vollen Ersatz für das Sprechen installieren, so muß man
zeigen, daß Unmittelbarkeit über Vermittlung wiederhergestellt, daß also die Lücke
geschlossen werden kann. Das kann nur geschehen, indem man den anderen ver-
gißt. Nur so kann die Beziehung des Selbst zum anderen als Selbst-Selbst-Bezie-
hung gefaßt werden. Die Selbstvergegenwärtigung des Ich kann sich dann an die
Stelle der Gegenwart des anderen setzen — oder vielleicht nicht? Unversehens keh-
ren wir zur Frage von Geist und Buchstaben zurück. Kann das Sprechen auf den
Begriff des Schreibens gebracht werden? Wenn das nicht geht, was fällt dann aus
den Netzen der Schrift heraus? Und worin liegt Erfülltsein?

Das Christentum

Dieser Artikel hat sich bislang weitgehend mit Angleichungsproblemen beschäftigt:


Geht der Geist im Buchstaben auf, ist das Sprechen im Schreiben, ist die Bezie-
hung des Selbst zum anderen in der Selbst-Selbst-Beziehung 'aufgehoben'? Eine
andere Version desselben Problems liegt mit dem Grad der Identifizierbarkeit von
Christentum und westlicher Geschichte vor.
Der Begriff 'Logozentrismus' soll bei Derrida die Identität beider dingfest ma-
chen. Dabei aber läßt er die geschichtliche Besonderheit des Logos im Christentum
— Jesus von Nazareth — außer acht. Jesus und Christus (der Logos) werden aus-
einanderdividiert, Jesus dabei auf eine historische Nebensache reduziert. Derrida
befindet sich damit mitten in der Tradition westlicher Philosophie. Kant zum Bei-
spiel betrachtet die geschichtliche Religion', die sich in der Person Jesu verdichtet,
als bloßes Vorspiel zu einer 'philosophischen Religion'; sie betrifft alle, ob sie nun
von Jesus gehört haben oder nicht. Die 'Wahrheit' des Christentums besteht nicht
28 George P.Khushf

in seiner geschichtlichen Identität, sondern in einer philosophischen Ethik.17 Ähn-


lich ist für Hegel der durch Jesus markierte besondere geschichtliche Augenblick
dann aufgehoben, wenn der absolute Geist zu sich selbst kommt. Die konkreten
Vorstellungen der Religion weichen den Begriffen der Philosophie.18 Diese Art
einer Vereinnahmung des Christentums findet immer wieder statt — das Christen-
tum wird zur Ethik (Kant), Philosophie (Hegel), Anthropologie (Feuerbach), wird
zur ökonomischen Kraft (Marx), ja zum Kapitalismus (Weber), schließlich zum
Ausdruck einer infantilen Projektion (Freud). Die Liste ließe sich fast beliebig
verlängern. Das Grundmodell für diese Assimilation liefert die Vorstellung einer
Entwicklung 'vom Mythos zur Wissenschaft'. Verstehen läuft daher auf eine 'Ent-
my(s)t(h)ifizierung' hinaus. Es gilt, die ewige Wahrheit aus der seltsamen Ver-
knüpfung von Sein und Nichts im Mythos herauszulösen.19
In der westlichen Philosophie werden Buchstabe und Geist in einer der diskutier-
ten Beziehung zwischen Mythos und Wissenschaft parallel laufenden Weise mitein-
ander verbunden: Im Buchstaben sind wie im Mythos 'Geist' und nutzloser Ballast
ineinander verwoben. Ziel muß es also sein, die Wahrheit, den Geist, die Wissen-
schaft von ihrem Zierat zu trennen, den Ballast über Bord zu werfen. Dieses Vor-
gehen läßt sich in dem gut beobachten, was Paul Ricoeur den "heidnischen Begriff
der Allegorie" nennt.20 Die heidnische Allegorie ist der Buchstabe, die Verbindung
von Kem und Schale. Demonstriert wird diese Verbindung in Piatons "heiliger Lü-
ge".21 Der "Mythos der Metalle" zum Beispiel stellt den philosophischen Gedanken
einer Klassengesellschaft so vor, daß die unteren Klassen, die Nicht-Philosophen,
nicht auf die Idee kommen, gegen die Machthaber zu rebellieren. Der Philosoph
aber, der den Geist des Mythos aus dem Buchstaben herausschälen kann, vermag

17
VgI. Kant: Die Religion innerhalb der Cremen der bloßen Vernunft (1793).
18
G. W. F. Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Religion. Hamburg 1978. Die beste Zu-
sammenfassung von Hegels Vorstellungen im Blick auf die Beziehung zwischen Christentum und
Philosophie findet sich vielleicht in seiner Diskussion der Religion und der Philosophie im Vor-
won zur zweiten Ausgabe der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften. Frankfurt/M.
1986.
19
Aus Raumgründen muß die an sich hilfreiche Verknüpfung unserer Diskussion mit der Entmy-
thologisicrungs-Dcbatte unterbleiben, die um das Werk von Rudolf Bultmann geführt wurde, wie
auch mit der Diskussion der Enizauberung/Entmythologisierung, wie sie sich bei Adorno und
Horkheimer im ersten Kapitel der Dialektik der Aufklärung findet.
20
Paul Ricoeur: The Conflict of Interpretation. Evanston 1974, 383. Vgl. dazu ebenfalls Bult-
manns Entmythologisierung: Jesus Christ and Mythology. New York 1958, 18f. Die Behauptung
kann trotz Bultmanns Kritik der Allegorie (vgl. The New Testament and Mythology. Philadelphia
1984, 145) so stehen bleiben.
21 >
A o/««a,414c-415d.
Die Rolle des 'Buchstabens' in der Geschichte des Abendlands und im Christentum 29

die Wahrheit in dem ihr angemessenen Medium, dem Denken, zu ergreifen. Der
Mythos ist ein Werkzeug der Kontrolle und Unterdrückung. Er formt den Gedan-
ken derart, daß er auf jene wirkt, die vom Gedanken selbst nicht hinreichend be-
herrscht sind. Kants Hermeneutik verfährt genauso. Die geschichtliche Religion
bietet ein versinnlichtes Schema der ethischen Idee.22 Wo der einzelne im Geiste
fortschreitet, kann der Buchstabenballast abgeworfen, die Bewegung hin zum
'Geist' der geschichtlichen Religion, nämlich zur philosophischen Religion, vollzo-
gen werden.
In der bisherigen Diskussion haben wir, wohlgemerkt, 'Buchstabe' im doppelten
Sinn verwendet. Der Buchstabe ist sowohl die Einheit von Geist und äußeren Zei-
chen (Mythos) wie auch das äußerliche Zeichen, das im Mythos vom Geist zu un-
terscheiden ist. Die philosophische Interpretation setzt sich die Aufgabe, den einen
Buchstaben vom anderen zu trennen, indem sie das äußere Supplement entfernt und
damit die spezifischen Unterschiede zwischen beiden hervorhebt. Einschlägig ist
hier Piatons Diskussion darüber, wie der Philosoph die materielle Welt des Wer-
dens und das Reich der Formen aufeinander bezieht.23 Die materielle Welt gibt sich
als Einheit von Form — das heißt Sein — und Nichts. Die Äußerlichkeit der Welt
ist ihr Mangel. Die dialektische Bewegung trennt die Äußerlichkeit der Welt von ih-
rer Universalität. Das ist die Wende nach innen, ins Reich der Formen. Es erfolgt
also eine zweifache Bewegung zur Form: Erst spaltet man die Welt in Universalität
und Besonderheit, wobei letztere ausgesondert wird. Dann entfernt man sich voll-
ends aus der stofflichen Welt, um die reine Form in der Erinnerung zu gewärtigen.
Die Universalität, die in der ersten Bewegung zum Vorschein kommt, liefert dann
einfach den besonderen Anlaß, sich einer Universalität zu versichern, die als konsti-
tutives Moment der Identität des Selbst immer schon gegeben ist.24
Angesichts des starken 'hermeneutischen' Trends der westlichen Philosophie hält
das Christentum immer wieder dagegen und beharrt auf der Relevanz seiner ge-
schichtlichen Besonderheit, also auf der Person des Jesus von Nazareth. Dieses
Beharren bildet den zentralen Lehrsatz des elementarsten Gründungsglaubens im
Christentum, des apostolischen Glaubens. Der Lehrsatz besteht auf der Wichtigkeit
des äußeren Zeichens, des Buchstabens. Gegen gnostische Tendenzen, den göttli-
chen Christus (den Geist) vom irdischen Jesus (dem Buchstaben) zu trennen, hob
die Frühkirche die Wirklichkeit und die Bedeutsamkeit von Inkarnation, Leben und

22
Kam(Anm. 17).
23 ,
/ otoew.521c-534d.
^Zur Verbindung zwischen der Lehre von der Erinnerung und der geschichtlichen Gelegenheit vgl.
Kierkegaard (Anm. 3), 21-32. Vgl. auch Kierkegaards 'Gedanken-Projekt', die Voraussetzung für die
hier diskutierte christliche Hermeneutik.
30 George P. Khushf

Tod hervor. "Das Wort [der Logos] ward [und kam nicht bloß ins] Fleisch" (Joh.
1, 14 ). Christi Menschlichkeit, seine Besonderheit, kann von seiner Göttlichkeit
nicht getrennt und dann beiseite geschoben werden. Ich zitiere die Formel des Chal-
cedonense: "Wir glauben an den einen unseren Herrn Jesus Christus [...], gleich
vollkommen als Gott und als Mensch [...], in beider Wesen unvermischt, ungeteilt
und iingetrennf gegenwärtig (...) Die Verschiedenheit der Naturen bleibt trotz der
Einheit ungetrübt erhalten".25 Diese gleichzeitig Bejahung von Identität und Diffe-
renz spiegelt sich unmittelbar im christlichen Verständnis der Beziehung zwischen
Buchstaben und Geist.
Auch das Christentum trennt, wie die westliche Philosophie, den Buchstaben
vom Buchstaben. Aber sie tut dies nicht in der Absicht, Ballast abzuwerfen und den
Unterschied durch seine Spezifizierung zu tilgen. Der Buchstabe ist nicht einfach
eine Dreingabe oder gar Auswuchs. Er ist das mit sich identische Zeichen, das, was
die Philosophie Geist' genannt hat. Die christliche Allegorie unternimmt eine Be-
wegung, welche das Zeichen zunächst spaltet, um die Selbstidentität zu brechen.
Dadurch aber soll die Identität nicht beseitigt werden. Vielmehr soll sich der Buch-
stabe zu seinem anderen hin ausdehnen. Die Bewegung zum Geist verläuft nicht
nach innen, sondern nach außen. Der Buchstabe gleicht den 'verdorrten Gebeinen'
in Hesekiel:

So spricht Gou der HERR zu diesen Gebeinen: siehe, ich will Odem in euch bringen, daß ihr wie-
der lebendig werdet. Ich will euch Sehnen geben und lasse Fleisch über euch wachsen und überziehe
euch mit Haut und will euch Odem geben, daß ihr wieder lebendig werdet: und ihr sollt erfahren,
daß ich der HERR bin (37,5-6).

Das Wort des Anderen verleiht dem Buchstaben Atem; der Buchstabe wird nicht
beseitigt, sondern wiederbelebt, erfüllt. Diese Wiederbelebung nennt Ricceur
"christliche Allegorie".26 Die mittelalterliche Schriftallegorese illustriert dies sehr
schön: Der Buchstabe wächst in seine historischen, allegorischen, moralischen und
anagogischen Bedeutungen hinein.
In diesem Aufsatz kann ich mich nur mit dem moralischen Horizont dieser Erwei-
terung des Buchstabens befassen. Der Buchstabe ist das selbstidentische Zeichen.
Das autonome Individuum der modernen Philosophie ist ethischer Ausdruck dieses
Sachverhalts. In der Spaltung des Subjekts von sich selbst geht das Christentum
mit Derrida einig. Die Selbstbeziehung als Selbstpräsenz, die totalisierende Per-

25
Zit. nach Jaroslav Pelikan: The Emergence ofthe Calholic Tradition (100-600) Chicago 1971,
263f.
26
Ricocur (Anm. 20), 384f.
Die Rolle des 'Buchstabens' in der Geschichte des Abendlands und im Christentum 31

spektive, sie wird gebrochen. Das Subjekt wird dadurch aber nicht eliminiert; ihm
wird lediglich die Autonomie ausgetrieben. Es wird zu jenem anderen gebracht, den
es sich einverleiben wollte. Dieser andere ist der nicht-autonome andere, der Arme
und Mittellose, jener, den das Selbst unterdrückt, den es sich selbst entfremdet,
weil es ihn nicht selbst sein läßt. Im großen Gebot 'Liebe deinen nächsten wie dich
selbst' wird diese ethische Wende sehr genau ausgedrückt. Gene Koutka hat her-
vorgehoben27, daß Selbstliebe, der Buchstabe, vorausgesetzt wird. Es ist der Aus-
gangspunkt. Das Gebot soll ihn in Nächstenliebe verwandeln.
Die Verwandlung des doppelten Selbst in die Struktur des Selbstanderen steht im
Zentrum der geschichtlichen Besonderheit des Christentums. Sie gründet in der
Bewegung von Dezentrierung und Rezentrierung, die sich in der Fleischwerdung
Christi, in Tod und Auferstehung vollzieht. Man hat die Inkarnation oft für den
höchsten Akt der Präsenz, für das entscheidende Ereignis des westlichen Logozen-
trismus gehalten. Werner Kelber aber hat in seiner Interpretation des Johannes-
Evangeliums gezeigt, daß die 'Fleischwerdung' als grammazentrisches Ereignis
aufgefaßt werden kann28: Der für den und im Vater gegenwärtige Logos teilt sich
und wird in sein anderes entsandt. Die Selbstpräsenz der Schrift wird vorausge-
setzt. Aber der/das andere wird nicht vergessen. So wird der Sohn vom Vater ge-
trennt und 'in die Hände der Menschen gegeben'. Paulus verknüpft dieses Ereignis
direkt mit der oben diskutierten ethischen Verwandlung. Unmittelbar nachdem er
mahnt, ein jeder möge in der Demut des Geistes andere höher schätzen als sich
selbst, fährt er fort:

Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war: welcher, ob er wohl in göttlicher Gestalt
war, nahm er's nicht als einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm
Knechtsgcstalt an, ward gleich wie ein andrer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Er
erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn
auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über allen Namen ist (Phil. 2, 5-9).

Interessanterweise ist hier (gegen Hegel) die Selbstpräsenz Gottes nicht das Ziel,
sondern die Voraussetzung der Inkarnation. Der Sohn war mit dem Vater eins.
Aber diese Selbstidentität war, wie der Langtext des Philipperbriefes (2, 6) sagt,
nicht einfach zu ergreifen oder festzuhalten. Das Selbst spaltet sich, veräußerlicht
sich in dem, was es nicht ist. Die Radikalität dieses Sich-selbst-Gebens dokumen-
tiert der Schrei der Verlassenheit am Kreuz, den Jürgen Moltmann als den Zerfall

27
Gene Koutka: Agape. An Ethical Analysis. New Haven 1972, 63-67.
^Werner Kelber: "Die Fleischwerdung des Wortes in der Körperlichkeit des Textes". In: Materiali-
tät der Kommunikation, hg. von H. U. Gumbrecht und K. L. Pfeiffer. Frankfurt/M. 1988, 31-42.
32 George P. Khushf

Gottes mit sich selbst und als kosmologische wie eschatologische Prüfung bezeich-
net hat.29 In diesem Schrei finden wir die Bestätigung, daß der Schreibende den
Buchstaben aufgegeben hat; er hat ihn fahren lassen. Dieses Loslassen ist im Chri-
stentum aber ebensowenig das letzte Wort wie die dürren Knochen das letzte Wort
für Hesekiel waren. Hätte der Bericht mit dem Schrei geendet, dann hätte wohl eine
Grundlage für die Ethik des Sich-selbst-Gebens existiert. Aber es hätte keine Basis
für die Hoffnung gegeben, daß Sich-selbst-Geben die Frucht einer Gemeinschaft
zwischen dem Ich und dem anderen tragen würde. Der Buchstabe, den man losläßt,
ist selbst eine Selbstidentität, die sich teilt und dem anderen mitteilt. So geschieht es
auch mit dem Buchstaben, der diesem Prozeß seinerseits entspringt. So setzt sich
eine Bewegung fort — 'bis in die Tiefen der Hölle'. Der Samen ist gesät, er wird
verstreut. Die Auferstehung legt dann den Grund zur Hoffnung, daß der Same ein
Leben seiner Art, ein Leben des Sich-selbst-Gebens hervorbringen wird. Der
Leichnam ist der verlassene Buchstabe. Die Auferstehung ist die Wiederbelebung
des Buchstabens. Er wird zum neuen Leben durch den Geist'. Die Bewegung
führt zurück zum Miteinander von Sprecher und Hörer, zur Gegenwart der Stimme.
Der theologische Ausdruck dafür ist 'Versöhnung'. Jene zwei, die einander fern
sind, zwischen denen sich ein Abgrund, ein räumlicher, zeitlicher und ethischer,
aufgetan hatte, kommen nunmehr zusammen im Genuß, im Spiel und in der Auf-
gabe, die der fließende Strom des Wirklichen bereithält.
In der Auferstehung kehrt das Christentum nicht zum Logozentrismus im Sinne
Derridas zurück. Auch räumt es dem Sprechen nicht den Vorrang ein. Wenn das
christliche Sein die ständige Wiederholung des Buchstabens fordert, so setzt es
gleichermaßen den Buchstaben immer schon voraus. Und es geht wie die westliche
Philosophie vom Versuch aus, den anderen zu überwinden und die Beziehung zwi-
schen dem Selbst und dem anderen in eine Beziehung des Ich zu sich selbst zu
verwandeln (dem entspricht die Annahme von Eigenliebe und Sünde). Die westli-
che Philosophie möchte Identität über den Buchstaben herstellen. Der unüberbrück-
bare Abgrund soll durch die vereinnahmende Wende der Erinnerung überbrückt
werden. In der Erinnerung wird aber die Andersheit des anderen vergessen. Wo
immer diese Vereinnahmung statthatt, da macht sich der Buchstabe Christi auf, um
den Unterschied wiederherzustellen. Er unterbricht die Kette der Erinnerung, er
forden und fördert ein Selbstvergessen, das gleichzeitig den anderen wahrhaft erin-
nert. Die Selbstbeziehung des Ich verwandelt sich in die Beziehung des Selbst zum
anderen. In der Auferstehung wird der andere von außen, durch den anderen und
nicht durch das Selbst für dieses vorgestellt. Das Christentum antwortet auf die

29
Jürgen Mollmann: The Crucified God. New York 1974.
Die Rolle des 'Buchsiabens' in der Geschichte des Abendlands und im Christentum 33

Verinnerlichung der westlichen Geschichte, indem es einen Buchstaben/einen Brief


ausschickt, der den Unterschied zwischen dem Selbst und dem anderen wiederer-
öffnet und auf der Differenz zwischen Reden und Schreiben beharrt. Die Identität
des Christentums liegt in einer Position, die sich voll in die unversöhnte Differenz
zwischen Reden und Schreiben begibt. Diese Differenz bejaht den irreduziblen an-
deren. Und darin besteht jene Fülle, welche die Vereinnahmung des Geistes durch
den Buchstaben verhindert.*

'Ich möchte Werner Kelberfür seine kritischen Bemerkungen und Vorschläge dan-
ken.

Aus dem Amerikanischen von K. Ludwig Pfeiffer


Jeffrey T. Schnapp

Lesestunden
Augustinus, Proba und das christliche Ditournement der Antike

Der Titel dieses Aufsatzes ist eine Anspielung auf die zusammengewürfelte sig-
nifying scene der Spätantike, einer Epoche, für die die Frage nach dem Sinn und
Zweck literarischer Untersuchung eine besondere Dringlichkeit angenommen hat.
Der folgende Aufsatz will versuchen, die Entwicklung der sogenannten cento-
Dichtung im Hinblick auf die Beziehungen zwischen der klassisch-römischen Bil-
dung und der im Enstehen begriffenen christlichen Kultur darzustellen, die Ent-
wicklung eines literarischen Genres also, das seine Blütezeit zwischen dem zweiten
und dem zehnten Jahrhundert hatte, aber dessen didaktische Qualität es bis ins
neunzehnte Jahrhundert populär sein ließ. Das lateinische Wort cento stammt vom
griechischen KCVWV ab, und bedeutet in etwa 'Fleckenteppich', ein einfaches
Stück Gewebe, von Sklaven oder Bauern aus Lumpen zusammengeflickt. Im
zweiten Jahrhundert n. Chr. nahm es die Bedeutung eines ganz aus Versen maß-
geblicher Autoren wie etwa Homer, Ovid oder Vergil zusammengesetzten Ge-
dichtes an. Zunächst nur eine Spielerei griechischer und lateinischer Homer-Epigo-
nen, erlebte das cento seine Hochblüte im vierten Jahrhundert mit dem oft nach-
geahmten Cento virgilianus der Faltonia Betitia Proba, einer christlichen Dichterin
und römischen Aristokratin. In ihrer Verskomposition benutzte Proba Fetzen aus
Vergils Bucolica, Georgica und insbesondere der Aeneis, und webte sie dann,
meist nur ein oder zwei Verse, erneut zu etwa siebenhundert metrisch einwand-
freien Hexametern zusammen. Das Ergebnis ist ein biblisches Epos, in dem Vergils
Verse entweder als Echo oder im direkten Kontrast zu ihrem ursprünglichen Sinn
zu einer Nacherzählung der Bücher Genesis und Exodus und der Evangelien um-
gedeutet werden. In meiner Beschreibung der dichterischen Spielereien der cento-
nes entlehne (und verwandle) ich meinerseits ein Konzept der modernen/postmo-
dernen Kritik: das Konzept des ditournement, der 'Entlehnung' und Aneignung
vorher existierender Artefakte und ihrer kritischen Umwandlung und Historisie-
36 Jeffrey T. Schnapp

rung, ohne daß dabei jedoch der ursprüngliche Sinn ganz verdeckt wird — um die
Definition Guy Debords zu benutzen. Ohne strikte Parallelen zu implizieren,
möchte ich lediglich darauf hinweisen, wie eine bestimmte Strategie der Entlehnung
die historischen Paradoxa einer bestimmten Zeit produktiv zu machen versucht; wie
versucht wird, latente Strömungen innerhalb des antiken Kanons umzudeuten, ihre
Ideologie im Sinne der neuen, christlichen Ideologie zu verwerten und dabei den
eigentlichen Sinn des Ursprünglichen gänzlich zu verändern. Ob Probas cento
Vergils Text tatsächlich historisiert, möge dahingestellt bleiben. Sie versucht in je-
dem Falle, Vergils Werk in die heiligen Schriften einzuflechten, und bricht parado-
xerweise gerade dadurch den eigentlichen Abgrund, der heidnische Dichtung von
christlicher 'Wahrheit' trennt, erneut auf.

***

Die signifying scene, die die christliche Kultur erst einmal zerstören mußte, um die
Kultur der Bibel überhaupt errichten zu können, war diejenige, die durch die ge-
sammte Antike hindurch dominiert hatte: die Rhetorik. Lange vor der Komposition
des Cento virgilianus (ca. 360 n. Chr.) war die Rhetorik zur allumfassenden
'Kommunikationstheorie' geworden, eine Theorie, die jedoch nicht zwischen dem
gesprochenen und dem geschriebenen Wort, also zwischen einem im modernen
Sinne literarischen und nicht-literarischen Diskurs, unterschied. Rhetorik bildete
das Fundament des antiken Unterrichts, vom Alphabet bis zu den höchsten Formen
literarischen Ausdrucks. Von ihren Anfängen in den Lehren wandernder Sophisten
an war Rhetorik funktional, jegliche sprachliche Äußerung wurde ausschließlich
vom Standpunkt ihres Erfolgs oder Mißerfolgs in der Kunst der Überredung ge-
wertet; öffentlichkeitsorientiert, insofern als es ihr Anliegen war, ein sprechen-
des/schreibendes Subjekt für juristische, politische und 'zivile' Gelegenheiten zu
kreieren; und situationsgebunden, da jede dieser Gelegenheiten dem Redner/Autor
bestimmte Zwänge auferlegte. Die Rhetorik versuchte in diesem Sinne den Redner/
Autor mit einer veritablen Batterie von verbalen, mnemotischen und physikalen
Techniken, mit vollständiger Kenntnis aller relevanten literarischen Vorläufer, und
mit einer allgemeinen Erziehung in Ethik und den Wissenschaften auszustaffieren.
Rhetorik war mit anderen Worten eine institutio im römischen Sinne: in gleichem
Maße Methode, mit Hilfe der Sprache Konsensus innerhalb der Stadt zu erzielen,
Tradition und Mittel, die Tradition (linguistisch, literarisch, und vieles mehr), von
Generation zu Generation weiterzureichen (also ein Erziehungssystem).
Sie war das Erziehungsprinzip eines Augustinus; sie war das System, wie in den
Bekenntnissen beschrieben, das Augustinus, 'der Redner', erst umstürzen mußte,
um Augustinus, 'der Christ', werden zu können. Aus der Perspektive des ersteren,
Lesestunden 37

des raffinierten Kenners seiner Kultur, waren die christlichen Evangelien eine lite-
rarische Peinlichkeit:

[...] cum attendi ad illam scripturam, sed visa est mihi indigna, quam Tullianae dignitati com-
pararem. Tumor enim meus refugiebal modum eius et acies mea non penetrabat interiora eius
(Conf. 3.5).'

Gründliche und tiefgehende Lektüre kann den eigentlichen Sinn der Evangelien
nicht erschließen, solange Augustinus den rhetorischen Normen des Redners ver-
bunden bleibt. Der rhetorische Kult der Öffentlichkeit, der feinziselierten Oberflä-
che ciceronianischer Eloquenz, der vergeblichen Suche nach Cleverness, sonorem
Ernst und leichtem Witz, ist symptomatisch für eine signifying scene, in der jede
verbale Erfahrung durch körperliche Sensationen vermittelt und motiviert wird (hier
ausgedrückt durch die Metapher des Tumors). Wie aus den Bekenntnissen hervor-
geht, war der Körper in der Institution der Rhetorik allgegenwärtig, manifest in der
Gestik des Schauspielers/Redners/Lesers, in der wohltönenden Melodik der Texte,
der Freude am verführerischen oder überredenden Spiel mit Worten, in der gefähr-
lichen Erregung des Diskurses und in den Texten, Traditionen und Religionen sel-
ber, die ja die Basis und das Material des profanen Diskurses bildeten.
Wenn also der verborgene Sinn der heiligen Schriften erfahren werden und
christliches Lesen überhaupt ermöglicht werden will, dann muß der Körper des
Redners von der signfying scene entfernt werden. Er muß der keuschen und devo-
ten Disziplin eines anderen Körpers unterworfen werden, des geistlichen, verinner-
lichten Körpers mit seinen unsichtbaren Augen, Ohren und Lippen. Dieser Körper
spricht das Wort nicht aus, und bedient sich keinerlei Gestik. Im Gegenteil, der
Tumor des Redners wird durch die innere Unterwerfung unter die heiligen Seiten
und das andächtige Widerspiegeln der bescheidenen Oberfläche des Buchstabens
geheilt.2 Die entscheidende Voraussetzung für Augustinus' Bekehrung ist seine
Entdeckung des stillen Lesens. Mitten in seiner spirituellen Krise trifft der Lehrer
der Rhetorik auf seinen Meister Ambrosius, umringt von seinen weltlichen Bewun-
derern, aber dennoch nur auf Eins bedacht: den tieferen Sinn eines Textes zu er-
forschen:

Scd cum legebat, oculi ducebanlur per paginas et cor intellectumrimabatur,vox autem et lingua
quicscebant. Saepc cum adessemus [...] sie eum legentem vidimus lache et aliter numquam seden-

'Zit. nach Confessionum. Hrsg. Lucas Verheijen, Corpus Chrisüanorum, Series Laüna (= CCSL)
27. Brcpols 1981.
2
ln gewissem Sinne stellt sich Augustinus' stilles Lesen als eine 'erlöste' Form des Narzißmus
vor, im Gegensatz zu dem talsächlichen Narzißmus des tumorverseuchten Rhelors. Demütige
Scibstspicgclung in den Heiligen Seiten nimmt die Stellung der Selbstspiegelung in den Augen
der Zuhörer ein.
38 Jeffrey T. Schnapp

lesque in diuturno silenlio — quis enim tarn intcmo esse oneri auderet? — discedebamus [...]
(Conf. 6.3.3).

Augustinus' Emphase angesichts der Neuheit des stillen Lesens ist wahrscheinlich
historisch nicht genau.3 'Bücherhafte' nicht-rednerische Modelle des Lesens und
Schreibens wie das des Ambrosius waren seit dem dritten Jahrhundert bekannt,
parallel zu dem wachsenden Kult Homers und Vergils. Diese Tendenzen wurden
durch eine bahnbrechende Entwicklung unterstützt: Der codex verdrängte graduell
das volumen (oder die Rolle) als Standardformat. Während die Schriftrolle sequen-
tielles Lesen statt des unterbrochenen Vor und Zurück förderte, erlaubte der Kodex
ein neues Buch-Lesen in der Abfolge der Seiten. Ein Beispiel dafür sind die soge-
nannten sortes virgilianae oder sortes Bihlicae, Lesetechniken, die die Meditation
einzelner heiliger Sprüche dem Zufall der geöffneten Seite überließen.4
Wie auch immer, die Verbindung zwischen Vokalisation und Lesen ist und bleibt
eine der Grundlagen der Rhetorik. Indem er diese Verbindung bricht, verkörpert
Ambrosius für Augustinus die neue Art des christlichen Lesens. Schweigend, fast
bewegungslos, den Kopf wie im Gebet gesenkt, erhält Ambrosius direkten Zutritt
zu den verborgenen Schätzen der Heiligen Schrift; Schätze, die, einmal entdeckt,
die unpolierte Oberfläche der Evangelien mit völlig neuem Glanz erstrahlen lassen
und so die strikten Normen der Rhetorik unerheblich machen.5 Daß es sich hier um
einen hermeneutischen Durchbruch handelt, ohne den Bekehrung unmöglich wäre,
wird von den zwei folgenden Kapiteln bestätigt. Das erste behandelt "das Wort und

' / » v i Erklärungen für Ambrosius' Schweigen werden im selben Paragraph geliefert: Entweder
möchte er seine Summe schonen, durch öffentliches Reden leicht geschwächt, oder er will effizien-
ter Lesen, ohne die schwierigen Passagen dem Publikum gleich erklären zu müssen. Augustinus
bleibt unentschieden: "Quolibcl tarnen animo id ageret, bono utique ille vir agebat" (6.3.3). Unter
der umfangreichen Bibliographie zum Thema siehe besonders Paul Saenger: "Silent Reading: Its
Impact on Laie Mcdicval Script and Society". In: Viaior: Medieval and Renaissance Sludies
13/1982.367-414.
4
Die enge Verbindung zwischen dem stillen Lesen, den sortes, und einer entstehenden Buchkultur
wird von den Bckchrungsszenen am Ende des 8. Buches bestätigt. Angespornt von den Worten
"tolle, legge", nimmt Augustinus die Bibel erstmalig zur Hand: "Arripui, apervi et legi in silentio
capilulum, quo primum coniecti sunt oculi mei" (8.12.29). Nach stillem Überfliegen der Seiten
markiert er seine Stelle im codex und schließt ihn, um Alypius von dem Effekt zu berichten. Aly-
pius fordert ihn auf, ihm die Stelle im Buch zu zeigen, und fragt, was Augustinus gelesen habe.
Beide lesen schweigend weiter, und Alypius hat seine eigene Erleuchtung, von der er später berich-
tet. Die Betonung des stillen statt lauten Lesens unterstreicht die Bedeutung der Praxis für beider
Bekehrung.
5
Im folgenden Abschnitt unterstreicht Augustinus expressis verbis die Verbindung zwischen dem
gesenkten Kopf und dem Zugang zu den heiligen Schriften: "El ecce video rem non compertam su-
perbis ncque nudatam pucris, sed incessu humilem, successu excelsam et velatam mystenis, et non
cram ego talis, ut inirare in eam possem aut inclinare cervicem ad eius gressus" (3.5.9).
Lesestunden 39

den Geist" (6.4) und das zweite "die Autorität und den notwendigen Gebrauch der
Bibel" (6.5). Im letzteren liest man das:

Iam emm absurdilatem, quae me in illis litleris solebat offendere [...] ad sacramentorum alutudi-
nem refcrebam coque mihi illa venerabilior et sacrosancta Tide dignior apparebat auctoritas, quo et
omnibus ad legcndum esset in promptu et setreu sui dignilatem in intellectu profundiore servaret,
verbis apertissimis et humillimo genere loquendi se euneüs praebens et exercens intentionem
eorum, qui non sunt leves corde [...] (6.5.8).

Gleich, ob Ambrosius' Lesestunde tatsächlich so, wie in den Bekenntnissen wie-


dergegeben, stattfand oder nicht, der springende Punkt ist symbolisch. Der Über-
gang von einem literarischen System, das auf der Institution der Rhetorik basierte,
zu einem System des 'gründlichen Lesens' oder der Exegese eines geschriebenen
Textes, war, dank des 'stillen Lesens', vollbracht. Die Bibel vermag jetzt in all ih-
rer ehrwürdigen 'Buchlichkeit' in Erscheinung zu treten. Frei von den Normen der
antiken Rhetorik kann sie jetzt ihren 'eigentlichen' Wert als der fundamentale Text
für 'alle zu lesen' entfalten, ein unerschöpfliches Reservoir der Mysterien und Ge-
heimnisse, voll eines Universums an Wissen. Darüber hinaus schafft die anti-rheto-
rische Art, in der dieses Wissen vermittelt wird, ein neues Verständnis der Elo-
quenz ohne die funktionalen, öffentlichkeitsorientierten und situationsbezogenen
Kriterien, die zuvor die Produktion und Rezeption literarischer Texte bestimmt hat-
ten. Die Schrift spricht 'mit Worten ganz offen und in einem Stil ganz bescheiden':
mit einer täuschenden Einfachheit, die sie, laut Augustinus, für jede, selbst die he-
terogenste, Situation geeignet macht. Sie wendet sich nicht an eine Hörerschaft als
ein spezifisches Kollektiv, dessen Erwartungen und äußerliche Sinnesorgane be-
friedigt werden müssen, sondern sie klingt im Ohr jedes einzelnen mit dem Aufruf
nach, den tieferen Sinn hinter der Schriftfassade je nach eigenem Vermögen zu er-
spüren. Die Bibelexegese, Lesen als fromme, kontemplative und individuelle
Übung, Schreiben als Kommentar und Glossar, und Rede als Predigt werden so
zum Fundament der christlichen Institution des literarischen Studiums. Quintilians
Rhetor wird zu Augustinus' Leser-Interpreten.6
Im Zuge dieses Wandels zum Buch war die Generation christlicher Intellektuel-
ler, zu der Proba und Augustinus gehörten, vor ein doppeltes Problem gestellt. Ei-
nerseits mußte die absolute Autorität der Bibel mit Hilfe eines kanonischen Textes
und der Entwicklung interpretativer Methoden, Lesearten und stilistischer Normen,
die die chaotische Oberfläche des Textes verständlich machten, hergestellt werden.
Andererseits mußten heidnische Bildungseinrichtungen im Sinne des neuen Regi-

6
Der Übergang bedeutet keine Verminderung seiner Verbundenheit zur öffentlichen Rede. Im Ge-
genteil, eines der Haupuhemen der De doclrina Chrisliana ist die Notwendigkeit einer missionari-
schen Tätigkeit gebildeter Christen, insbesondere zum Wohl der Ungebildeten. Christliche Rede-
kunst wird so in der exegetischen Praxis verankert, der Redner verleiht der Schrift Stimme.
40 Jeffrey T. Schnapp

mes der Bibel umgedeutet und neukonzipiert werden. Wie Augustinus selbst for-
mulierte:

(...) doctrinae omnes gentilium non solum simulata et superstiuosa figmenta gravesque sarcinas
supcrvacanci labons habent [...] sed ctiam liberales disciplinas usui ventatis aptiores et quaedam
morum praecepta uulissima continent deque ipso uno deo colendo nonnulla vera inveniuntur apud
cos [...] (De docirina Chrisliana 2.40.60).7

Diese nützlichen Elemente der Antike werden später als neuzuverwertende Klei-
dungsstücke bezeichnet:

Vcstcm quoquc illorum, id est, hominum quidem insiitula. sed tarnen aecomodata humanac socie-
tali, qua in hac vita carere non possumus, aeeipere atque habere heuern in usum convertenda chri-
stianum (ebd. 2.40.60).

Sobald sie der jetzt offenbarten Wahrheit der Bibel untergeordnet sind, können die
Methoden der heidnischen Zivilisation in das christliche curriculum integriert wer-
den. Fest in der Bescheidenheit des heiligen Wortes verankert, dürfen sie ihre
Überzeugungskraft wieder entfalten, nur muß diese Überzeugungskraft jetzt ganz
auf die Verbreitung der wahren Religion ausgerichtet sein.
Faltonia Betitia Probas Intentionen waren denen des Augustinus nicht unähnlich.
Als sie, einige Jahrzehnte vor Augustinus, ihren Fleckenteppich zusammenstellte,
wollte sie die meistverehrten lateinischen auetores in den Dienst des göttlichen Au-
tors stellen, um so die Beredsamkeit eines Vergils, ihrer Ideologie entleert, in eine
neue Zeit hinüberzuretten.8 Vergil war zu Beginn des zweiten Jahrhunderts Objekt
des öffentlichen Kultes geworden. Der Autor der Aeneis war, ganz im Sinne der
hellenistischen und lateinischen Homerverehrung, zum Symbol universaler Weis-
heit geworden: der ideale Mensch, der Philosophenkönig, der Dichterprinz. Sein
Werk wurde bei offiziellen Zeremonien rezitiert, es wurde imitiert, glossiert, kom-
mentiert. Es war Teil religiöser Festivitäten, und insbesondere die vierte Ekloge

'De docirina Chrisliana, zit. nach der Ausgabe Joseph Martins, CCSL 32. Brepols 1962.
8
Dic Forschung stimmt jetzt darin Ubcrein, daß die Dichterin Proba in der Tat Faltonia Betitia
Proba war, Frau des Clodius Cclsinus Adclphius und Mutier des Clodius Hermogenianus Olybrius
und Faltonius Probus Alypius, geboren ca. 322 und ca. 370 n. Chr. gestorben. Das genaue Datum
der Komposition des Cento virgilianus ist unsicher. In seiner grundlegenden Untersuchung // cen-
lone di Proba e la poesia cenlonaria latina (Roma 1909, 58) schlug Filippo Ermini ein Datum
zwischen 360 und 370 n. Chr. vor, während Mario Bonario für die Zeit zwischen 353 und 366
argumentiert (vgl. "Appunti per la storia dclla tradizione virgiliana nel IV secolo". In: Vergiliana:
Recherches .mr Virgile, ed. H. Bardon and R. Verdicre. Leiden 1971, 39). Für eine generelle
Übcrsichl vgl. Elizabeth A. Clark und Diane F. Hatch: The Golden Bough. The Oaken Cross: The
Virgilian Cenlo qf Faltonia Betitia Proba. American Academy of Religion: Texts and Translations
Scrics 5. Chico 1981, 98f.
Lesestunden 41

wurde zum Standardwerk christlicher Apologetik. Aber mehr als alles andere war
Vergil ein fundamentaler Bestandteil des Bildungssystems, und seine Verse, wie
Augustinus bemerkt, "waren so tief in die zarten Gemüter der Kinder eingegraben,
daß sie nie mehr einfach daraus entfernt werden konnten" (De civitate Dei 1.3).9
Diese institutionalisierte Verehrung Vergils war der Anlaß für die ersten christli-
chen centones. Wenig mehr als akademische Übungen und/oder Erzeugnisse, die
spezielle Gelegenheiten zelebrierten, waren diese Fleckenteppiche meist von be-
scheidener Länge und, mit Ausnahme einiger komischer Produkte, in erster Linie
mythologischen Themen gewidmet. So beschreibt einer der erhaltenen vorchristli-
chen centones (De Panificio) das Backen von Brot mit etwa denselben Worten, die
Vergil im Buch 6 für die Qualen des Tartarus verwandte. Wichtiger für die Ge-
schichte des Genres ist Ausonius' Cento nuptialis (ca. 370 n. Chr.), eine Hoch-
zeitsbeschreibung von etwa hundertdreißig Versen, mit dem, im wahrsten Sinne,
Höhepunkt der expliziten Kopulation des Paares. Wie so oft im Falle der vorchrist-
lichen centones, bestätigt das Gedicht Vergils Autorität in demselben Moment, in
dem es seinen Status verringert. In seiner Widmung an Paulus (dem einzig erhalte-
nen theoretischen Exkurs zur Praxis der cenfo-Dichtung), bekennt Ausonius, Ver-
gils majestätische Verse degradiert zu haben, in dem er sie in den Dienst eines las-
ziven Themas stellt, und zwar sowohl vom Gesichtspunkt des Genres als auch von
dem des Inhaltes her; centones bedeuten geradezu die Zurschaustellung "eines fri-
volen und wertlosen Witzes", sie sind Anlaß zum Gelächter, ähnlich den amüsanten
Knochenspielchen (ostomachiä), bei denen "zufällig zusammengesetzte Teilchen
natürlich erschienen".10 Was seinen eigenen cento angeht, so verteidigt sich Auso-
nius, indem er sich auf die kaiserliche Autorität Valentinians (selbst Autor eines
cento) beruft und darauf hinweist, daß sein Gedicht "rasch in einem einzigen Tag
dahingeschrieben" worden sei.11
Diese generelle Einschätzung des cento änderte sich mit Proba. Ihr Cento virgi-
lianus verleiht dem Genre größere Breite, erhöhtes Prestige und weitreichendere
kulturelle Perspektive. Mehr als nur eine Zelebration Vergilscher Verse durch will-
kürliche Spielereien, verändert Probas Dichtung die Bedeutung, Funktion und

9
De civitate Dei nach der Ausgabe B. Dombarts und A. Kalbs, CCSL 47. Tumholl 1955.
,0
Dcr Brief beginnt "Perlege hoc eliam, si operae est, frivolum et nullius prelii opusculum, quod
nee labor exeudit nee cura limavu, sine ingenii acumine et morae maturitate" (370), und fährt dann
fort: "Simili ut dicas ludicro, quod Graeci oslomachion voeavere [...]. Hoc ergo centonis opuscu-
lum ut illc ludus traetatur, pari modo sensus diversi ut congruant, adoptiva quae sunt, ut cognata
vidcanlur [...]" (374).
""Hoc, tum die uno et addila lucubratione properatum, modo inier liturarios meos cum reperis-
sem [...]" (372). Die Komplexität und Länge der Cento nuptialis strafen diese Behauptung Lüge.
Was die Vcrachiung der cenfo-Dichtung angeht, so ist sie wohl eher Reflexion der Einstellung der
Leserschaft als der des Autoren. Selbst Verfasser einer Anzahl von Wortspielen, war Ausonius
kaum einer, der solche Texte verachtete.
42 Jeffrey T. Schnapp

Ideologie dieses Genres und reflektiert dabei die möglichen Verbindungen und
notwendigen Brüche zwischen heidnischer Eloquenz und christlicher Doktrin. Eine
dem Gedicht im vierten Jahrhundert von einem Schreiber zugefügte Einleitung ist
bezeichnend: Es sei die Aufgabe der Dichterin gewesen, "Maro durch geheiligten
Inhalt wertvoller zu machen", und gleichzeitig ihren Mäzen, den Kaiser Arkadius,
aufzufordern, das Gedicht zu lesen, es zu rühmen und zukünftigen Generationen
von Caesaren zur Lektüre zu empfehlen, auf daß die gesamte Nachfolgeschaft der
Kaiser dem christlichen Glauben zugeführt werden möge ( w . 13-15). Der ernst-
didaktische Ton von Probas Einleitung unterstützt eine so geartete Interpretation.
Indem sie sich selbst als wahrsagende Dichterin (vates) bezeichnet (v. 12), ein Ti-
tel, der sowohl auf den vergilianischen als auch den paulinischen Hintergrund ihres
Textes anspielt, erklärt sie, daß ihre dichterische Mission in der Umdeutung vergil-
scher Verse in einen christlichen Gesang beruht:

nullus cnim labor est verbis extendere famam


atque hominum siudns parvam diquirere laudem:
Casialio sed fönte madens imitata beatos
quac siticns hausi sanctae libamina lucis
hinc canere incipiam. praesens, dcus, enge mentem
Vergilium cccinisse loquar pia munera Christi
(vv. 18-23)12

Der Feiertag ist der Tag der Auferstehung, die Nachahmung der Heiligen an der
himmlischen Tafel verhilft der Dichterin, ihren Durst durch liturgische Opfergaben
zu stillen.13 Zu einem Gefäß für Gottes Eingebung und Vergils Eloquenz gewor-
den, verspricht sie, die besten lateinischen Verse zu ihrer eigentlichen Bestimmung
zu führen: Christi "heilige Werke".14

12
Das lateinische Original wird im Folgenden nach der kritischen Ausgabe von Karl Schenkl in
Poetae Chrisliani Minores, Corpus Scriplorum Ecclcsiasticorum Lalinorum (= CSEL) 16. Wien
1888, 569-609 zitiert. Deutsche Übersetzung von Susanna Elm.
13
Ermini (Anm. 8) wies zuerst auf die Verbindung zwischen der Auferstehung und dem Cento
virgilianus hin: "Si prega Dio a consacrare con la sua presenza l'annua festa dcll'ascensione al cie-
lo" (// cenlone di Proba, 17). Ermini fügt im Hinblick auf den Schluß hinzu: "A giudicare dal
fervido affetto, con cui sono scrilti quesü ullimi versi sull'ascensione [...] potrebbe sembrare che
quclla festa e quelritofossero particolarmente can a Proba o perche quel giomo era avvenuta la
conversione moralc dcH'animo suo, o perche in quel giomo avevaricevutoil baltesimo" (ebd., 18).
14
Dcr Begriff munus gehört in das Wortfeld des öffentlichen Amtes. Sekundärbedeutungen sind z.
B. 'schwerer Tribut', 'ein Werk', 'ein Geschenk', und 'ein Schauspiel oder ein Gladiatorenkampr.
Proba nutzt die gesamte Palette konventioneller Bedeutungen und erweitert das Feld um Jesu
'heilige Ämter'. Das Resultat ist nicht immer glücklich, da die munera von Probas Christus oft
eher der römischen Bedeutung des Wortes entsprechen.
Lesestunden 43

Proba verstand ihr christliches ditournement der Vergilschen Worte von den
'eingebildeten und abergläubigen Phantasien und der schweren Last überflüssiger
Werke' der spätantiken signifying scene als eine Geste der Buße. Sie bekennt
sowohl in der Präambel als auch am Ende ihres Vorwortes, daß sie vor ihrer Be-
kehrung ein völlig heidnisches, martialisches Epos komponiert habe.15 Die Erinne-
rung an die vielen Jahre, die sie an dieses Werk verschwendet hat, erfüllt sie mit
Schmerzen ("satis est meminisse malorum", v. 8), ein Schmerz, der nun durch ihr
christliches Werk gelindert werden soll. Das neue Werk beginnt daher mit dem
Verzicht auf die Eingebung der Musen und dem Quell des Berges Helikon, gefolgt
von einem ebenso emphatischen Verzicht und der Ablehnung aller heidnischen re-
ligiösen Symbole und Rituale, von der Verehrung der Heroen und Götter zu der
Praxis des Wahrsagens und so fort, kurz, aller der Aspekte, die das klassische
Epos klassisch machten. All dieses wird jetzt durch den einzigen christlichen Gott
ersetzt. Nur ihm widmet Proba ihr Gedicht als bescheidenes sacrificium, nur in ihm
sucht sie Inspiration, um das Werk zu vollenden, nur um seinetwillen hofft sie auf
menschliche Anerkennung. Wo die heidnischen Dichter nach Ruhm 'dank der
Macht ihrer Worte' suchten, sucht die christliche Dichterin, als eine Art heilige
Bauchrednerin, danach, die Worte anderer im Namen Gottes widerzugeben und zu
verwerten.
Der eigentliche cento beginnt nach dem Prolog. Indem sie die Vergilschen Verse
in metrisch korrekte Hexameter umformt (mit unwesentlichen Veränderungen in
Konjunktion und Deklination), rekreiert Proba den Anfang des Alten und Neuen
Testamentes.16 Selbst noch in der fragmentarischen Form, in der der cento überlebt
hat, wird seine Zweiteilung in fast symmetrische Abschnitte deutlich. Der erste Ab-
schnitt, Verse 29 bis 332 in Schenkls kritischer Ausgabe, erzählt in chronologi-
scher Abfolge vierzehn Episoden aus den Büchern Genesis und Exodus: die
Schöpfungsgeschichte, Adam und Eva und ihre Vertreibung aus dem Paradies,
Kain und Abel, und schließlich die Sintflut, der Schluß des Bundes und der
Exodus. Der zweite Abschnitt, Verse 333 bis 694, beschreibt achtzehn Episoden
aus den Evangelien, beginnend mit Jesu Geburt, der Flucht nach Ägypten, Jesu

15 vv 47_49:

namque — falebor enim — levium speetacula rerum


semper equos atque anna virum pugnasque canebam
et studio incassum volui exercere laborem

Laut einer bcncdiklinischcn Handschrift des Cento virgilianus aus dem 10. Jahrhundert war das
Thema dieses verlorenen Werkes die Verschwörung Magnentius' gegen Kaiser Konstanlius II. 353
n. Chr.; s. Ermini (Anm. 8), 8-15.
16
Für Probas Abweichungen von Vcrgil vgl. Ermini (Anm. 8), 104-106, und Maria R. Cacioli:
"Adaltamcnli semantici e sinumici nel Cenlont virgiliano di Proba". In: Sluäi Haliani di Filologia
Classica 41/1969,190.
44 Jeffrey T. Schnapp

Taufe und Wundertaten, dem Letzten Abendmahl, Kreuzigung, Auferstehung und


Himmelfahrt.17 Altes und Neues Testament sind klar getrennt, beide Teile beginnen
mit einer Einleitung und einer Valediktion. Sie werden jedoch durch eine Art
Crescendo zusammengehalten. Während der erste Teil eine mühselige literarische
Arbeit darstellte (v. 31), ist der zweite eine noch monumentalere Aufgabe: "maius
opus moveo" (v. 334).
Vor einer Untersuchung der Art und Weise, in der Proba Vergils Zitate verwen-
det, und vor einer Einordnung ihres Werkes in seinen größeren Zusammenhang,
sollen jedoch zunächst einige strukturelle Gesichtspunkte erörtet werden. Das
Hauptstrukturelement des Cento virgilianus ist seine zweigleisige Symmetrie, die
gleichzeitig die Symmetrie der Heilsgeschichte betonen soll.18 Einerseits soll die
Parallelität zwischen Altem und Neuen Testament hervorgehoben werden — beide
Teile beginnen spiegelbildlich mit einer Geburtsszene, gefolgt von einer Verban-
nung und einer generellen Katastrophe (Sintflut und Kreuzigung), um mit einem
trimphalen Exodus zu enden (dem der Juden aus Ägypten und Jesu aus dieser
Welt) — und andererseits bilden beide Teile eine einzige diachronische Sequenz, in
der Mitte getrennt, aber durch das exegetische Prinzip der Voraussage und Erfül-
lung vereint. Probas Wiedergabe der Evangelien stellt die präzise Erfüllung ihrer
verkürzten Alttestamentversion dar: Das Versprechen der Schöpfungsgschichte ist
eingelöst, die Vertreibung vom Paradies gesühnt, ein neuer Bund wird geschlos-
sen, und der Schlüssel zum Verständnis des Alten Testaments ist gegeben.19 Der
Cento virgilianus präsentiert mit anderen Worten die Bibel als ein raffiniert konstru-
iertes literarisches Gebilde. Mehr, indem sie ihr Gedicht in der Mitte unterbrach,
suggerierte sie dem Leser gleichzeitig eine Parallele zu einem anderen idealen Buch:
Vergils Aeneis. Seit Servius waren sich die Kommentatoren der symmetrischen
Struktur der Aeneis bewußt: Buch 1 bis 6 bilden ein odysseisches Epos, Buch 7 bis
12 sein iliadisches Äquivalent.20
Diese Art der mimetischen Spielerei zwischen Bibel und Aeneis charakterisiert
vieles in Probas Werk. Durch raffiniertes Verweben der Vergilschen Flecken, ge-
wählt auf Grund ihrer thematischen oder strukturellen Nähe zur Bibel, schafft
Proba einen Zitatenteppich von solcher Dichte, daß das Lesen einem kontinuierli-
chen Hin und Her zwischen ihren beiden Meistertexten gleicht. Mit anderen Wor-

17
Wie schon von Cacioli (Anm. 16, 228-230) bemerkt, beruft sich Proba fast ausschließlich auf
Matthäus, nur die Auferstehungsszene stammt aus Lukas.
18
Vgl. hier Clark/Halch: The Golden Bough (Anm. 8), 161-181.
19
vv. 333-345, Bindeglied zwischen dem Alten und Neuen Testament, unterstreichen diesen
Punkt: Der zweite Teil des Gedichtes will die Ankunft der von den Propheten geweissagten
promissa dies behandeln.
20
Der strukturelle Bruch wird von Vergil selbst in der Aeneis 7.43f. hervorgehoben, wo er auf sein
neues Thema hinweist: "maior rcrum mihi nascitur ordo, maius opus moveo". Dieser Vers, wie
bereits betont, wird von Proba zur Markierung der Teilung ihres Gedichtes im Vers 334 genutzt.
Lesestunden 45

ten, das cento ist per definitionem so angelegt, daß vergleichendes Lesen, d.h. kri-
tisches, kontextuelles, exegetisches Lesen, zur Notwendigkeit wird. Einige Bei-
spiele sollen genügen, um darzustellen, wie Probas Text kontinuierlich zwischen
Formen intertextueller Konsonanz — dem Impuls, Vergil zu allegorisieren — und
Dissonanz — dem gegenläufigen Impuls, ihn zu ironisieren — oszilliert. Diese bei-
den Impulse zusammen versuchen das, was in Vergil der Verchristlichung wider-
steht, mit dem, was sich ihr anbietet, zu verbinden.
Probas Versuche, Moses mit Musaeus zu identifizieren, Jupiters traditionelle At-
tribute für den christlichen Gott zu verwenden, oder ihr Porträt des Paradieses als
Verwirklichung Arkadiens und des Goldenen Zeitalters, sind Beispiele der Konso-
nanz, die eine fundamentale Übereinstimmung, entweder zufällig oder eher im
Sinne der Prädestination, zwischen Vergil und der Bibel impliziert.21 Die Anspie-
lung auf Christus als nova progenies (v. 34), als "neuer Nachkomme" im Eröff-
nungsgebet ist ein komplexeres Beispiel. Sie beruht auf Vergils vierter Ekloge, die
"das Herabsteigen einer neuen Generation vom Himmel" (Ekl. 4.7) und das Kom-
men eines neuen Goldenen Zeitalters in apokalyptischen Tönen besingt. Nicht un-
typisch funktioniert das Fragment bei Proba als Synekdoche für die gesamte
Ekloge; es bleibt unverstanden, solange der Leser sich weder die prophetischen
Klänge der Aeneis noch die schon bald selbstverständliche christliche Allegorese
Vergils als des unwissentlichen Propheten Christi ins Gedächnis ruft.
Ein letztes Beispiel illustriert sowohl Probas Sensibilität im Lesen ihrer Modell-
texte als auch die Zugänglichkeit ihres Gedichtes für vergleichendes Lesen. Ihre
cento-Version der Schöpfungsgeschichte beginnt mit einem eineinhalb Verse langen
Zitat von Anchises' kosmologischer Rede in der Aeneis 6, vv. 724-751. In einem
Zusammenhang, in dem diese Rede bereits sechsmal in den vorausgegangenen
dreißig Versen zitiert wurde, stellt Proba eine präzise Parallele zwischen der Vergil-
schen Erzählung von der Weltenseele und der hebräischen Schöpfungsgeschichte
her, poetisch, theologisch, erzähltechnisch und thematisch. Frühere textuelle
Schlüssel fordern den Leser zu noch weitreichenderen Analogieschlüssen heraus
(Analogien, die ihrerseits die schon erwähnten Konsonanzen betonen). Im Vers 12
hatte die christliche Seherin, ganz wie Vergils Sybille, dem Leser versprochen, die
"Arkana" des Universums zu erschlüsseln (Aen. 6.72). Im Vers 51 hatte sie diese
mit bestimmten "Geheimnissen tief im Innern und in der Dunkelheit der Erde ver-
borgen" identifiziert (Aen. 6.267). Diese Geheimnisse stellten im Originalzusam-
menhang den Inhalt von Anchises' Rede dar: die Beschreibung der kosmischen
Ordnung, der feurigen Weltenseele, des Ursprungs von Mensch und Tier, der
Freuden Elysiums und der Qualen des Tartarus; und seiner Interpretation des Wal-

2
'Probas poetische 'Erhöhungen' der Bibel haben ähnlichen Charakter. Indem sie der Schöpfungs-
geschichte eine Erzählung der Erschaffung der Jahreszeiten anhängt und das Paradies mit dem Ver-
gilschcn Fluß Phlcgethon umgibt, verwebt sie zwei fremde Welten.
46 Jeffrey T. Schnapp

tens der Vorsehung in der Geschichte, in den zukünftigen Kriegen und Wander-
schaften und im Kommen eines neuen Zeitalters. Es sind genau diese Themen, die
Proba als christliche Sybille jetzt in ihrer Wiedergabe des Alten Testamentes auf-
nimmt: die göttliche Schöpfung, das Paradies, die Vertreibung mit den nachfolgen-
den Kriegen und Wanderschaften, die ihrerseits das Kommen des Messias voraus-
sagen. 22
Wenn diese Zitatkonzentrierungen eine vielschichtige Konvergenz zwischen
Vergil und der Bibel herstellen — ein Akzent, der Proba ganz in die Vergiltradition
zeitgenössischer christlicher Autoren wie Sedulius und Juvencus einordnet — dann
darf das nicht die gleichzeitig existierende Gegenströmung überschatten. Diese Ge-
genströmung oder Dissonanz wird gewöhnlich als eine Konsequenz des Genres
oder als artistische Unzulänglichkeit interpretiert.23 Keine dieser Interpretationen ist
jedoch zufriedenstellend, insbesondere, da die Dissonanzen oft ironisch und poin-
tiert sind, wie zum Beispiel in Probas Version der Erzählung von der Teilung zwi-
schen Licht und Dunkel in Genesis 1, 4. Sie wählt den folgenden Vers aus der
Aeneis 5 "aera dimovit tenebrosum et dispulit umbras" (v. 839), um das biblische
Teilen von Licht und Dunkel wiederzugeben — eine Wahl, die Filippo Ermini, zu-
mindest auf Grund der Einfachheit der Bibel und der Gesuchtheit Vergils, als
"unangemessen und überflüssig" bezeichnet.24
Wenn man allerdings den Originalzusammenhang in Betracht zieht, ergibt sich
eine weit vielschichtigere Interpretation. Die Passage in der Aeneis 5 beschreibt, pa-
radoxerweise, eine fast unvorstellbare Teilung der Dunkelheit: Der Gott des Schla-
fes — der Nacht — teilt die Dunkelheit des Sternenhimmels. Die Bedeutung dieser
Teilung ist tragisch, da der Gott des Schlafes den Steuermann des Aeneas, Pa-
linurus, mit einem Zauber schlägt, der für die Trojaner zukünftiges Unheil bedeu-
tet. Kurz, Probas cento revidiert und korrigiert Vergils ursprüngliche Teilung, in-
dem — in typisch christlichem Verständnis der providentiellen Logik der

22
Ein weiteres Bespiel für Probas Raffinement sind die Verse 129-130, die Eva zuerst als
"mirabile donum" (Aen. 1.652) und dann als "argumentum ingens" (Aen. 7.791) bezeichnet. Die
erste Bezcichung spielt auf Helenas Mantel und Schleier an, Ledas Geschenk zur 'illegalen' Hoch-
zeit ihrer Tochter. Von Aeneas der Dido überreicht, hat das Geschenk noch einmal tragische Konse-
quenzen. Die zweite spielt auf das Abbild der zu einem Stier verwandelten Io auf Turnus' Schild an.
Beide Zitate assoziieren Eva mit unheilbringender Schönheit
23
Zu Proba, Vergil und dem zeitgenössischen Epos siehe Dieter Kartschoke: Bibeldichtung. Stu-
dien zur Geschichte der epischen Bibelparaphrase von Juvencus bis Otfrid von Weissenburg.
München 1975 und Carl P. E. Springer: The Gospel as Epic in Laie Antiquity: The Paschale
Carmen of Sedulius. Leiden, New York 1988.
24
"I duc versi [vv. 65-66] [...] accennano a troppe idee e ripetono le stesse cose, ciö che, se e op-
portuno in un'ampia descrizione poetica, qui, ad indicare soltanto la divisione tra il giorno e la
noue, pare dannoso e superfluo" (72-73). Ermini interpretiert die Vergilsche Passage fälschlich als
gewöhnliche Morgendämmerung.
Lesestunden 47

Geschichte — Dunkelheit ganz vom Licht, Wachen ganz von Schlaf getrennt wird,
und so der vollständige Triumph des Lichtes und des Wachens gewährleistet ist.
Über Vergils Gedicht fällt allerdings damit ein Schatten, da es sich der Klarheit der
Bibel immer nur annähern, sie aber — gefangen im Zwielicht des Halbschlafes —
nie erreichen kann.25
Divergenzen dieser Art nehmen oft die Form einer unvollständigen Parallelität an,
wie im Vers 596, wo Proba Aeneas' Satz, "der Tag ist gekommen, so ich nicht
irre" Jesus in den Mund legt. Im Original war dies ein Tag der athletischen Spiele,
rituellen Kämpfe und Opfergaben zu Ehren des toten Anchises (Aen. 5.49). Hier ist
es der Tag der Kreuzigung, ermöglicht durch eine Reihe oberflächlicher Überein-
stimmungen der Themen des Todeskampfes, des Begräbnisses, des treuen Dienstes
und des Opfers (vv. 591-592; Aen. 5.348-349); aber zwei Schlüsselpassagen aus
dem Neuen Testament (und die daraus resultierenden Debatten) lassen erkennen,
daß Proba hier eher einen ideologischen Kontrast als eine Vorhersage im Sinne
hatte: Luk. 23, 48, wo die Kreuzigung als Universalschauspiel bezeichnet wird,
und 1. Kor. 9, 24-27, wo christliches Leben dem athletischen Wettkampf gleichge-
setzt wird — beides Passagen, auf die sich die christliche Apologetik der Zeit in
ihren Attacken gerade gegen die Arten der Zurschaustellung, die bei Anchises' Tod
stattfanden, berief.26 So insistierte Tertullian in seinem Ad martyras und De specta-
culis auf der größeren Ehre des christlichen Wettkampfes: Die Siegeskrone des

25
Hicr läßt sich Macklin Smiths suggestive Lesart des Vergilianismus Prudenz' auf Proba erwei-
tern: "II scems likcly that Pnidemius is knowingly guilty of adulterium linguae, which he com
:inis in ordcr to provide his audience with a moral exemplum. The mingling of the two literary
Systems is too obtrusive not to be spiritually shocking. The contradictions between Virgil and the
Gospels are not smoolhly resolved or synthesized — yet the display of contradictions is morally
instructive [...1. The Christian reader cannot respond only to the anagogic vision; his criücal
facultics must be additionally engaged" (Prudenlius' Psychomachia: A Reexamination. Princeton
1976, 237, vgl. 259-269).
2,
'Dic Vulgata hat die folgende Übersetzung: "Et omnis turba eorum qui simul aderant ad spectacu-
lum istud et vidcbant quae fiebant perculientes pectora sua revertebantur [...]" (Luk. 23, 48);
"Nescius quod hü qui in stadio cumint, omnes quidem currunt sed unus accipit bravium sie currite
ut comprehendatis. Omnis autem qui in agone contendit ab omnibus se absünet et illi quidem ut
corrupübilcm coronam accipiant, nos autem incorruptam [...]" (1. Kor. 9, 24-25). Maria Lisa
Ricci bemerkt, daß dem christlichen centonarius oft, wie hier, seine oder ihre Wahl der Vergilschen
Zitate "non solo da analogia di situazioni, ma, talora, proprio da singoli vocaboli che, suggeriü
dalla Bibbia, gli richiamano alla menle versi virgiliani che quei vocaboli contengono, spesso con
un valore diverso da quello piü speeifico che hanno nel testo sacro" ("Moüvi ed espressioni bibli-
che nel centone virgiliano De ecclesia". In: Studi Italiani di Filologia Classica 35/1963, 162).
Vgl. R. Lamacchia: "Dall'arte allusiva al centone". In: Alene e Roma 3/1958, 212 ff., und Tec-
nica centonaria e crilica del testo". In: Rendiconti Lincei 1958,258-280.
48 Jeffrey T. Schnapp

Märtyrers ist die Osterpalme, und nicht bloß der Lorbeer, die Auferstehung und
nicht der Tod.27
Die Zahl der möglichen Beispiele, Probas intrikate Verwendung ihrer Modelltexte
zu demonstrieren, ist groß.28 Aber die Tatsache, daß Probas Gedicht von einer
weniger produktiven Art der Dissonanz überschattet ist, nämlich einer allgemeinen
'Blässe' der Erzählung als solcher, läßt sich nicht leugnen. Diese Blässe ist die
Schattenseite ihrer allegorischen und ironisierenden Spielerei. Während diese Alle-
gorisierung und Ironisierung ein erleuchtendes Hin und Her zwischen den literari-
schen Quellen und dem Modelltext bewirkt, hat die Schwäche der Erzählung den
gegenteiligen Effekt. Das Gedicht gerät in ein undurchsichtiges Zwischenstadium,
weder ganz biblisch noch ganz vergilianisch, wie zum Beispiel in der konfusen
Wiedergabe der Erzählung von Jesu Gang über die Wasser, Judas' Verrat und
vielen anderen Episoden. Geht Jesus "durch die Mitte der Wasser" oder schwebt er
über ihnen (v. 556)? Wie haben wir uns Judas' "Sich-Stellen zwischen Jesu Per-
son" und "sich dem Frieden anbieten" (v. 595) vorzustellen? Das Gedicht erwähnt
weder Judas' verräterischen Kuß noch seine Reue. Ähnliche poetische Lizenzen
und Vergilianismen finden sich mit Hinblick auf doktrinäre Aspekte, besonders der
Christologie.29 Probas drei Könige folgen dem Stern nicht nur, sie beten ihn an.
Ihr Christkind ist ein Caesar, Verkörperung der Schönheit, des Reichtums und
göttlichen Zornes des heidnischen Herrschers, "Gründer einer göttlichen Rasse, zur
Herrschaft entsandt" (vv. 347f). Seine Bergpredigt ist konsequenterweise weniger
auf Armut, Nächstenliebe und Demut bedacht, als auf Treuepflicht zur Familie,
dem Staat und der Gottheit: typisch römische Tugenden. Diese hybride Form der
Christologie ist kein Zufall; 'Proba verband die Wertvorstellungen ihrer klassischen
römischen Welt — kindlicher Gehorsam, häusliche Eintracht und Familienehre —
mit denen ihrer neuen Religion, die rigorose Selbstverleugnung vorschrieb".30

27
Tcrtullian schreibt: "Bonum agoncm subituri estis, in quo agonithctes deus vivus, xysiarches
Spiritus sanctus, Corona acternilaüs brabium angclicae substantiae, politia in caclis, gloria in sae-
cula sacculorum [...)" (Ad martyras. Hrsg. V. Bulhart, CSEL 76. Wien 1957, 3.3 [Zusatz d. V.]);
"Qualc autcm spcclaculum in proximo est aulcm adventus domini iam indubitati, iam superbi,
iam triumphanüs! [...] at cnim supcrsunt alia spcctacula, ille ultimus et perpetuus iudicii dies" (De
spectaculis. Hrsg. A. Reifferschcid und G. Wissowa, CSEL 51. Mailand 1890, 30).
28
Zum Beispiel die Identifizierung von Christi Leib mit dem Palladium in Vers 615: "corripuere
sacram effigiem manibusque cruentis" (Aen. 2.167). Minervas heiliges effigium, von Odysseus'
blutiger Hand befleckt, ist in dem Sinne das Äquivalent zum fleischgewordenen Gott, vom kreuzi-
genden Mob gequält, in dem beide Opfer eines Sakrilegs sind. Allerdings ist das Resultat dieser
Akte ein diametral entgegengesetztes, und das christliche effigium kein Bild, sondern der Gott
selbst.
29
Sichc Ilona Opcll: "Der zürnende Christus im Ccnto der Proba". In: Jahrbuch für Antike und
Christentum 7/1954, 106-116. Vgl. Clark/Hatch (Anm. 8, 131-133) für eine abweichende
Interpretation.
3n
Clark/Hatch (Anm. 8), 111.
Lesestunden 49

Aber diese synkretistischen Elemente arbeiten gegen die didaktische Intention des
Gedichtes. Statt einer Wende von der Vergil-Lektüre zur Bibellektüre ermutigen sie
gerade das Gegenteil.
Ein letzter Grad der 'Störungen' läßt sich unter den Schichten der erzählerischen
und dogmatischen Fehlversuche auftun: die Zufälligkeit von Probas Verswahl, die
einerseits die Distanzierung und Brechung Vergils erst ermöglicht, aber andererseits
ihren Versuch der Ironisierung/Allegorisierung unterminiert. Die formalen Aspekte
des cento zwingen die Dichterin, gut gewählte Zitate mit völlig zufälligen Füllseln
zu verbinden, die ihrerseits ein kontinuierliches exegetisch-interpretatives Lesen
unmöglich machen. Der Leser muß selektiv vorgehen, dem generellen Tenor der
Erzählung zu folgen bereit sein, und eine ganze Anzahl von Anspielungen einfach
überlesen. Andernfalls würde Vergil die christliche Musik einfach übertönen. Daß
Dissonanzen dieser Art substantiell sind, wird nicht nur durch die Beschwerden der
Philologen, sondern auch durch zeitgenössische Leser wie Hieronymus und Papst
Gelasius I. bestätigt. Beide bescheinigten dem cento Unzulänglichkeit auf Grund
seiner Diskrepanz zum biblischen Original. Laut Hieronymus waren die centones
nichts anderes als die typischen Produkte einer "verkehrten Welt", in der Männer
"unter bloßen Frauenzimmern über die Schriften philosophieren, während — noch
schamloser! — andere von Frauen von dem unterrichtet werden, was sie Männern
lehren sollen".31 Von solchen Pseudo-Lehrern zusammengedichtet, sind die cento-
nes nichts anderes als "kindliche Übungen, den Spielen der Scharlatane gleich",
und schaden den Schriften, indem sie "vorgeben, das zu unterrichten, von dem sie
nichts wissen, und schlimmer [...] nicht einmal wissen, was alles ihnen unbekannt
ist".32 Gelasius verkehrte das Urteil seiner Vorgänger ins Gegenteil, er erklärte
Probas Werk für apokryph, ein potentiell gefährlicher Text, der nicht ohne genaue
Analyse seiner Divergenzen vom biblischen Original gelesen werden darf.33
Zum Schluß ein Versuch, zwei Hypothesen zu erarbeiten, mit deren Hilfe der
Cento virgilianus in das Umfeld der antiken literarischen Institutionen eingeordnet
werden kann: a) Die wachsende Bedeutung des cento als literarisches Genre ist ein

31
Im Original: "Alii adduclo supercilio grandia verba tniünantes intcr mulierculas de sacris litleris
philosophanlur, alii discunl — pro pudor! — a feminis, quod viros doceanl [...]" (Brief 53.7 "Ad
Paulinum Prcsbytcrum", zil nach Saint Jcröme: teures. Dritter Band, Hrsg. Jöröme Labourt.
Paris 1953).
32
"Pucrilia sunt haec et circulalonim ludo similia, docere, quod ignores, immo, ul cum stomacho
loquar, nee hoc quidem scirc quod nescias" (Brief 53.7). Der Vorwurf, daß centones wenig mehr als
leere Sprachspiclc sind, klingt an die in Anm. 31 /inerte Passage an: "(...) disserunt aliis, quod
ipsc non inicllcgunl". Da weibliche Lehrer das Subjekt sind und Hieronymus Probas cento eigens
zitiert, können wir annehmen, daß er das Genre mit einer typisch weiblichen Dcnkungsan identif
ziert.
33
"Ccnlimctrum de Christo, Vergilianis compaginatum versibus, apoeryphum" (Patrologia Latina
59, 162, Abschn. 172).
50 Jeffrey T. Schnapp

direktes Resultat der durch die Christianisierung hervorgerufenen Veränderung


dessen, was als Hoch- und Alltagskultur, privat und öffentlich, verstanden wird, b)
Die cen/o-Literatur steht an der Schwelle zwischen der Rhetorik und dem, was ich
als Buch-Konzept des Lesens bezeichnet habe. In dieser Kapazität trägt sie zur
Entwicklung von kontextuellen, exegetischen und kritischen Methoden des Lesens
bei.
Bevor ich diese Punkte weiter ausarbeite, möchte ich noch einmal auf die außer-
gewöhnliche Popularität des Cento virgilianus hinweisen. Er wurde nicht nur im
vierten und fünften Jahrhundert von Bischöfen, Päpsten und Mitgliedern des römi-
schen und dann byzantinischen Hofes gelesen, sondern wurde zum Textbuch mit-
telalterlicher Schulen und Klöster mit einer enormen Verbreitung, meist in Hand-
schriftensammlungen, die auch Aldhelms Aenigmata und Sedulius' biblische Epen
enthielten. Noch bemerkenswerter ist die Tatsache, daß diese Verbreitung bis in das
Zeitalter des Buchdruckes überdauerte, mir sind allein dreißig Ausgaben zwischen
1475 und 1887 bekannt, zuzüglich mehrere Imitationen, vier bis fünf Übersetzun-
gen und Kommentare.34 Diese Popularität resultierte in Probas Kanonisierung
durch Autoren wie Isidor von Sevilla, Honorius von Autun, Vinzent von Beauvais,
Giovanni Boccaccio und Christine de Pizan, zugleich mit Ehrenbezeichnungen wie
unser Vergil' oder die christliche Sappho'. Daß einer Frau in der Männerwelt der
Vormoderne eine solche Position zugesprochen wurde, mag verwundern, ist aber
für das Genre des cento eher typisch. In seiner christlichen Version sind Frauen
dominierend. Neben Proba finden wir ihre christliche Epigonin Elia Eudoxia, eine
Aristokratin des fünften Jahrhunderts, die sich der Komposition mehrerer centones
biblischer Geschichten widmete. Beide Autorinnen wurden in humanistischen Zir-
keln hoch verehrt, und Aldus Muntianus publizierte eine zweisprachige Ausgabe
1501 und 1504. Dieser weibliche Vorrang ist vielleicht das Resultat eines der fun-
damentalen Charakteristika des Genres: seines Selbstverständnisses als sekundärer,
untergeordneter und 'nicht-ernster' Form des Schreibens. Wie anfänglich betont,
spricht schon der Name selbst für diese Position: Fleckendichtung und Sklaven-
lumpen, der centonarius oder Lumpensammler gehörte mit dem Bettler zur unter-
sten Klasse der römischen Gesellschaft und wurde erst spät zum Dichter, mit dem
Beigeschmack des 'Lügenhändlers'. Dieser Beigeschmack spricht nicht nur durch
Hieronymus' Tiraden gegen weibliche Pseudo-Philosophen oder Ausonius' Be-
zeichnung des Genres als frivole Spielerei hindurch, sondern hält sich auch in spä-
teren Diskussionen des Genres als typisch weibliche Produktion des Zusammennä-
hens oder -flickens von Versen; kurz, einer Etymologie, die das cento mit Frauen-

34
ln seiner Übersicht über die Publikationsgeschichte von Probas Werk stellt Ermini (Anm. 8)
fest: "(...] l'u il centone uno dcgli schtti latini dclla decadenle letteratura deH'impero, Tino aII cLa
moderna, piü spesso stampato e divulgato" (67). Für einen vollständigen Katalog der
Druckausgabcn vgl. 68-70.
Lesestunden 51

und Bedienstetenarbeit assoziierte. Es wird vermutlich gerade diese niedrige Asso-


ziation gewesen sein, die dem cento zu seiner ersten christlichen Popularität im
römischen Adel verhalf. Selbstdarstellung als niedriger Diener, exzessive Fröm-
migkeit, Akte der Selbsterniedrigung (wie Teilnahme von Adligen an Gladiatoren-
spielen) hatten schon einige Jahrhunderte zuvor an Bedeutung gewonnen. In die-
sem Rahmen ist die dichterische Flickerei christlicher, adliger Matronen leicht als
Kompromiß zwischen christlicher Frömmigkeit und römischer Frauentugend zu
verstehen.
In Probas Fall ist die Demutspose des Genres von entscheidender Bedeutung.
Sie erlaubt es ihr, den zweigleisigen Gegensatz zwischen hoch und niedrig,
männlich/weiblich, öffentlich/privat, alt/'modem' kritisch zu hinterfragen. Als Frau
und 'Moderne' betont Proba die sekundäre Natur des Genres, sie will nichts mehr
als eine Vermittlerin zwischen Männern sein, und wählt eine dichterische Form, die
die Aufgabe jedes Anspruchs auf Originalität beinhaltet. Vergil ist der eigenüiche
Autor, der "Christi heilige Worte ins Versmaß bringt" (v. 23), Proba ist nichts an-
deres als eine Lehrerin, die "ein Thema keinem unbekannt wiederholt" (v. 24).
Diese ostentative Haltung verdeckt jedoch ihren Anspruch, Seherin zu sein, die
Vergils Verse prophetisch zur Erhöhung des christlichen Zeitalters über das der
Heiden umformte. Mehr noch, sie verdeckt ihren Anspruch auf eine exemplarische
spirituelle Biographie. Was den ersten Anspruch anbelangt, so schrieb Proba zu ei-
ner Zeit, als viele in der Kirche versuchten, wie Hieronymus, den Frauen den Zu-
tritt zur Bibel zu verwehren. Probas Gebrauch des Titels vates war möglicherweise
strategisch. Sie identifizierte sich damit nicht nur mit biblischen Modellen, sondern
auch mit dem einzigen Vergilschen Charakter, der imstande gewesen war, den Gra-
ben zwischen Heidnischem und Christlichem zu überbrücken, der Sybille. Die
Muse der vierten Ekloge, Prophetin des 6. Buches der Aeneis und Autorin des
achten Orakels, das angeblich Christi Ankunft vorhersagte, war eine ideale Patronin
weiblicher Prophetie und Dichtung. Mehr noch, die gebrochenen Fragmente der
sybillinischen Orakel konnten als Strukturelement der centones verstanden werden,
und so im Fleckenteppich Vergilscher und biblischer Zitate ihr christliches Gegen-
stück finden.
Was Probas spirituelle Biographie angeht, so lohnt es, auf die ungewöhnlich
persönliche Note des Gedichtes hinzuweisen. Proba identifiziert sich selbst im
Vorwort als Autorin, keineswegs eine Selbstverständlichkeit, und gibt dann einen
Abriß ihrer literarischen Karriere, dem etwa im zweiten Drittel des Gedichtes ein
Abriß ihrer geistigen Entwicklung folgt — zwanzig Verse zwischen Christi Taufe
und Versuchung behandeln ihre Bekehrung — und das Werk endet mit einem Auf-
ruf an ihren "süßen Gatten", Christus zu verehren, auf daß "in reinem Herzen un-
52 Jeffrey T. Schnapp

sere Kindeskinder den Glauben bewahren" (w. 693-694).35 Diese Referenzen zur
Familie der Dichterin und zu ihr selbst mögen zwar mit christlichen Ideen überein-
stimmen, verstoßen aber eindeutig gegen dichterisches Dekorum (gegen die Essenz
der Rhetorik). Epische Poeten erwähnen gelegentlich ihre Namen, so Vergil am
Ende der Georgica, oder spielen von Zeit zu Zeit auf ihr Leben an, aber epische
Dichtung war ein öffentliches Ereignis und die Persönlichkeit des Dichters trat fast
völlig hinter sein Werk zurück. Persönliches und ähnliche Minutiae waren der ko-
mischen oder lyrischen Dichtung vorbehalten, sie gehörten nicht in die Arena der
Waffen und der Männer. Proba zögert nicht, gerade das zu tun. Sie stellt "kleine
Themen neben die großen" (v. 416), wendet sich an ein ungewöhnliches Publikum
von "Müttern und Männern, Jünglingen und Jungfrauen" und bezeichnet die Leser
als ihre Kinder und Gatten.36 Derartige Verletzungen des Dekorums sind eindeutig
didaktisch motiviert. Sie demonstrieren darüber hinaus den Vormarsch des Privaten
in der literarischen Thematik des vierten Jahrhunderts. Nicht mehr nur Teil der Öf-
fentlichkeit, wurde Literatur domestiziert und hatte jetzt kontemplative und devotio-
nale Funktion, ganz im Sinne der Lesestunde des Ambrosius in den Bekenntnissen.
Zusammenfassend meine letzte Behauptung, daß das cento an der Schwelle zwi-
schen einer zunehmenden Buch-Art des Lesens und der Rhetorik steht, und janus-
gesichtig sowohl voraus- als auch zurückblickt. Die literarische Kultur, für die
Proba und Elia Eudoxia repräsentativ sind, grob gesprochen das dritte bis sechste
Jahrhundert, wird seit langem als Periode literarischer Dekadenz verstanden, als
eine Zeit, in der die Aristokratie des goldenen Zeitalters augusteischer Literatur im
Rückgang begriffen war, eine Zeit 'trauriger Artefakte' und 'akademischer Manie-
rismen', in der Literartur nichts anderes als gekünstelte Spielerei bedeutete. Ohne
einer Proba oder Elia Eudoxia den Rang eines Ovid oder Horaz zugestehen zu
wollen, unterschätzt diese Art der Einschätzung den Erfindungsreichtum spätantiker
Literatur erheblich. Sicherlich beschäftigten sich Autoren wir Ausonius, Porphyrius
und andere mit literarischen Spielereien wie dem cento, dem technopagnion, akro-
stischen Versen, den Mesostichera, Telestichera, Rätseln und ähnlichem, und kei-
ner wird die Akademisierung und Institutionalisierung der augusteischen Autoren in
dieser Zeit leugnen. Aber, diese beiden Aspekte können auch als Innovationen ge-
sehen werden, die zu einer neuen Art des Buchlesens und damit einer neuen Form
literarischer Kommunikation führten, einer Form der Literatur, die das neue Format
des Kodexes nutzte, ein Format, das die christliche Literatur zwar nicht entdeckte,

35
Dicscr Einschub nimmt die vv. 415-428 ein und wird durch Gottes Anweisungen an Jesus nach
seiner Taufe motiviert. Das ideale Verhältnis zwischen Gottes Lehre und Jesu Gehorsam gibt
Proba zur Reflexion über ihre eigenen Abwege und schließlichc Hinwendung zum Glauben Anlaß
— eine Verbindung zu väler/mültcrlicher Unterweisung, die am Schluß wieder aufgenommen wird,
und für Probas ganzes Gedicht maßgeblich ist.
• """Malrcs atque viri pueri innuptaeque puellae" (v. 55).
Lesestunden 53

aber neu formte. Ausonius' dritter technopagnion ist ein Beispiel dieser Entwick-
lung. Seine Konstruktion, bei der Versende und -anfang aus denselben Monosylla-
beln bestehen, mag zwar vorgetragen werden, entfaltet aber erst beim Lesen, bei vi-
suellem Kontakt, ihre ganze Komplexität — ein Aspekt, der den Schreibern nicht
entging, die die entscheidenden Silben oft farbig betonten. Zwar handelt es sich
hier um ein rein literarisches Artefakt, aber der Gedankensprung zur biblischen Ex-
egese mit ihrer Zahlen- und typologischen Analyse liegt nahe.
Die christliche cenfo-Dichtung ist ein etwas entfernteres Beispiel für denselben
Prozeß. Wie Ausonius im Vorwort zu seinem Cento nuptialis betont, beruht das
cento auf einer der fünf Grundlagen der Rhetorik, nämlich der Erinnerung.

Ccntoncm vocant, qui primi hac concinnatione luserunt solac mcmoriac negotium sparsa colligere
et integrare lacerala [...].

Innerhalb der Rhetorik wurde das Gedächnis sowohl durch mnemotechnische


Übungen als auch durch das Auswendiglernen von Modelltexten wie der Aeneis
oder Ciceros Reden geschult, was die spätere Verwendung einzelner Zitate als
Sprachornament in bestimmten Situationen ermöglichte: Die Wahl des Zitates
wurde nicht durch seinen eigentlichen Kontext, sondern durch die Sprechsituation
des Redners und den von ihm gewünschten Effekt auf die Hörer bestimmt. Diese
Form der Ausbildung war für die centa-Literatur essentiell und trug viel zu ihrer
Durchsichtigkeit bei. Daß Probas Ausbildung ebenso wie die des Augustinus die-
sem Modell entsprach, mag als sicher gelten. Aber ich habe versucht darzustellen,
daß ihr Gedicht selbst eine andere Art der Rezeption voraussetzt: ein genaues,
gründliches Lesen statt eines Auswendiglernens und -wissens. Lesen als kontem-
plative und vergleichende Aktivität, die den Zitaten ihre eigene Autorität beläßt,
selbst da, wo sie zerstückelt und aus dem Zusammenhang gerissen werden. Mit
anderen Worten: Lesen als Exegese. Indem es die unsichere Schwellenposition
zwischen der Bibel und dem Werk Vergils einnimmt, fordert Probas cento den Le-
ser auf, stets zwischen beiden Welten hin- und herzuwandern. Er fordert den Leser
zu ständigem Vergleich der Quellen heraus und erzwingt damit eine neue Konzen-
tration auf den Kontext, während er die Antike in die Welt der Bibel integriert und
so den 'edlen Vergil' im Sinne der neuen Zeit reformiert.
Wie alle Akte der Aneignung kann auch derjenige Probas umgekehrt werden.
Selbst das gründlichste ditournement kann durch unvorhergesehene Umwege ent-
gleisen und so das, was es reformiert, deformieren. Aber, für die Generationen der
Proba und des Augustinus stand viel auf dem Spiel. Die heidnische Antike mußte
einfach zu "Bruchstücken und Fragmenten" reduziert werden, zergliedert wie Hip-
polytus, um sie so in eine "größere Ordnung des Universums" (v. 45; Aen. 7.44)
einreihen zu können.
Amy Frank

Der Novellino und der Beginn von 'Literatur'

Ich beginne mit einer Geschichte:


Ein Mann, der dabei war, sich auf Abenteuerferien in der Wildnis vorzubereiten,
vertraute vorsichtshalber sein Erspartes von dreihundert Dollar einem Freund unter
den folgenden Bedingungen an: "Wenn ich nicht zurückkomme, gib alles Geld der
Wohlfahrt. Wenn ich wohlbehalten zurückkehre, gib mir wieder, was immer Du
willst und behalte etwas für Dich selbst." Der Abenteurer überlebte das Wildnis-
Training und bat den Freund bei seiner Rückkehr um seine Ersparnisse. "Hier sind
zehn Mäuse", sagte sein Freund zu ihm. "Ich behalte zweihundertneunzig." Der
Abenteurer schäumte und rief: "Was für ein Freund bist Du, Du diebischer
%#@*&!*)&A?!", aber sein Freund sagte nur: "Erzähl's dem Richter; es ist jetzt
mein Geld."
Der Mann hat seinen Freund tatsächlich verklagt, und der Fall wurde vor Gericht
als Schadenersatzklage verhandelt. Beide Parteien erzählten dem Richter von ihrer
mündlichen Übereinkunft und von der darauffolgenden Handlung des Freundes.
Zu dem Freund gewendet, befand der Richter: "Der mündliche Vertrag besagt ein-
deutig: 'Gib mir wieder, was immer Du willst'. Wenn Du $ 290 willst, bist Du
rechtlich verpflichtet, diese Summe Deinem zurückgekehrten Freund zu geben und
von ihm die $ 10 zurückzunehmen, die Du nicht wolltest."
Diese Geschichte (die zugegebenermaßen sehr albern ist) illustriert die Doppel-
deutigkeit gesprochener Worte: Als Signifikanten sind sie ein kurzer Lufthauch, de-
ren Referenz nur vom Kontext der Sprechsituation abhängig und nicht einer
stabilen Bedeutung zugeschrieben ist. Die Pointe der Geschichte liegt in der Tatsa-
che, daß der Richter die gewünschte und gerechte Wirkung der Worte genau da-
durch erneuert, daß er ihnen eine Bedeutung gibt, die der von ihrem Sprecher in-
tendierten diametral entgegengesetzt ist. In Austins Terminologie übersetzt, ist der
Sprechakt des Abenteurers nur dann perlokutiv erfolgreich, wenn die Aussage —
in semantisch zulässiger Weise — auf den Kopf gestellt ist. Die Geschichte könnte
durchaus eine moderne Parabel über die Doppeldeutigkeit sein, die allgemein
(wenigstens von denen, die sich mit solchen Dingen beschäftigen) als charakteri-
56 Amy Frank

stisch für die Funktionsweise der Signifikanten-Kette angesehen wird. Sie stammt
jedoch aus einer italienischen Sammlung von Geschichten des 13. Jahrhunderts,
die als Libro di novelle e di bei parlar gentile, als Le ciento novelle anüche, oder
gebräuchlicher als // Novellino bekannt sind.1
Die Fülle von Titeln, unter denen das Werk bekannt ist2, ist ein Symptom für die
außerordentlich chaotische Lage in der Manuskripttradition der Sammlung — ein
wahrer philologischer Alptraum. Wichtiger noch, dieses Chaos ist typisch für die
Verwirrung, die sich ergibt, wenn man einen volkssprachlichen Text aus dieser Zeit
so behandelt, als wäre er eines der in zusammenhängender Weise konzipierten und
ausgeführten literarischen Werke, die geschaffen wurden, als das Volkssprachliche
als literarisches Medium voll etabliert war: Das Ergebnis ist die philologische Dia-
gnose von Schizophrenie.
Die Unordnung des Libro di novelle e di bei parlar gentile hat jedoch mehr mit
der anachronistischen Analyse als mit irgendwelchen im Text inhärenten pathologi-
schen Zügen zu tun. Mit anderen Worten, in früheren Analysen des Novellino ist
diese Sammlung so gedeutet worden, als gehöre sie einer (historisch mit der Re-
naissance einsetzenden) Kategorie von 'Literatur' an, eine Klassifikation, die un-
vermeidlich zu dem nicht überraschenden und uninteressanten Schluß geführt hat,
es sei ziemlich schlechte Literatur. Im Gegensatz dazu lasse ich hier solche Quali-
tätsurteile gänzlich beiseite, denn ich gehe davon aus, daß es historisch irreführend
ist, diese Sammlung als 'Literatur' zu etikettieren. Stattdessen möchte ich eine al-
ternative Diagnose stellen, indem ich literarische Erwartungen ausklammere und
den Text als ein spezifisches, aber sicherlich symptomatisches Beispiel der Kom-
munikationssituation des späten 13. Jahrhunderts in Italien analysiere. Ein neu her-
vorstechender Zug dieser Situation war die Existenz von Schrift im Volkssprachli-
chen, einer semiotischen Praxis, die kaum ein Jahrhundert alt war. Mit solch einer
Deutung hoffe ich, das historische Moment, das diese Sammlung hervorbrachte,
klarer beschreiben zu können.3

1
Diese etwas modernisierte Übersetzung der vorliegenden Erzählung ist meine eigene; der echte
Protagonist geht auf Pilgcrschafl, und die Währung ist bisanti, nicht Dollars. Der zugrundeliegende
Text ist // Novellino, a cura di Guido Favati. Genova 1970.
2
Von diesen drei Titeln kann nur der erste als 'ursprünglich' angesehen werden. Er bildet die einfüh-
rende Überschrift des ersten exisücmdcn Manuskripts, Panciatichiano 32 (ca. 1300) der Bibiothcca
Nazionalc di Fircnze. Die beiden anderen und weilcr verbreiteten Titel haben ihren Ursprung in der
Renaissance, obwohl der dritte nur auf dem gedruckten Titelblatt der 1836 erschienenen Mailänder
Edition erscheint. In beiden Fällen dient die Eukcuicrung dieses Textes mit der rhetorisch
aufgeladenen Verwendung des Adjektivs anüche und der Verkleinerungsform -ino dazu, eine bis
dahin ungeschriebene Geschichte der italienischen Literatur zu entwickeln und ihr diese Geschieh
tcnsammlung einzugliedern.
3
Ich bin nicht die erste, die bemerkt hat, daß das Libro di novelle e di bei parlar gentile seit langem
einen unverdient schlechten Ruf genießt Was ich hier zu vermeiden hoffe, ist die vorherrschende
Der Novellino und der Beginn von 'Literatur' 57

Im Italien des späten 13. Jahrhunderts bildete die Wechselwirkung zwischen dem
gesprochenen und dem geschriebenen Kommunikationsbereich eine instabile Kon-
figuration. Die beiden Bereiche befanden sich noch inmitten eines schwer zu be-
schreibenden Umwandlungsprozesses, der den zweiten Bereich zunehmend privi-
legierte; Brian Stocks Arbeiten zur wechselseitigen Abhängigkeit dieser Gebiete er-
lauben uns, die volle Auswirkung dieser Veränderung abzuschätzen.4 Außerdem ist
bekannt, daß der Begriff litteratus damals immer noch für diejenigen reserviert war,
die Latein lesen und schreiben konnten; die Vorstellungen von 'volkssprachlich'
und 'Literatur' werden erst seit kurzem nicht mehr als antithetisch begriffen.5 Ich
verwende den ungeschickten und mehrdeutigen Ausdruck 'werden erst seit kurzem
nicht mehr als antithetisch begriffen', um unsere Unwissenheit über die genauen
Daten und Arten dieser historischen Verschiebungen und über die Veränderungen,
die die Bedingungen der Möglichkeit der Produktion und Zirkulation eines Textes
wie des Novellino bildeten, anzudeuten.
Zum Kontrast sei etwa darauf verwiesen, daß in diesen Jahren der bekanntere
Zeitgenosse der anonymen Beiträger des Novellino, Dante Alighieri nämlich, eine
Theorie künstlerischen Schreibens im Volkssprachlichen formulierte; eine Theorie,
die normative Standards linguistischen Ausdrucks wie auch Vorstellungen von
Polysemie und verschiedenen Schichten allegorischer Bedeutung umfaßte. In der
Abhandlung De Vulgari Eloquentia betrachtet der Dichter das Volkssprachliche als
'natürlich', d.h. als mühelos daheim gelernt, und daher hält er es für edler als La-
tein, eine artifizielle und von Regeln beherrschte Sprache, die nur in Jahren müh-
samen Lernens erworben wird. Das 'illustre Volkssprachliche', das in dieser Ab-
handlung beschrieben wird, war jedoch ein hypothetisches Gebilde Dantescher
Schöpfung, ein Kunst-Volkssprachliches, das von allen regionalen Elementen 'be-
freit' war und durch seine Verwendung als literarisches Mittel 'reguliert' wurde. Es
war ein Ideal, das nur in schriftlichen Texten und nur durch sie erreicht werden

Taktik, den früheren kritischen Diskurs einfach umzukehren, indem die früher als fehlerhaft
empfundenen Eigenschaften als berechtigte liierarische Tugenden gepriesen werden — zum Beispiel
in der Behauptung, daß die 'Seichtigkeit' der Erzählung und ihr 'Mangel an Entwicklung' tatsäch-
lich 'Frische' und 'Lebhaftigkeit' seien.
4
Ich beziehe mich selbstverständlich auf die bahnbrechende Studie The Implications ofLiteracy.
Written Language and Models of Interpretation in the Eleventh and Twelflh Centuries. Princeton
1983, sowie Stocks darauffolgende Sammlung von Essays: Listeningfor the Test. On the Uses of
the Fast. Baltimore 1990.
5
In bezug auf die Begriffe litteratus/illiteratus bemerkt Harvey J. Graff: "Medieval noüons of lile-
raey were totally different from the ideas of today. Litteratus docs not equal literate: it speaks of a
high degree of erudilion, or at least schooling, in grammar, theology, and perhaps rhetoric, not in
the vernacular of a State or region but in Latin, the universal language of the educated and of inter-
national Communications" (The Legacies ofLiteracy. Continuities and Contradictions in Western
Culture and Society. Bloomington 1987, 34).
58 Amy Frank

konnte.6 Dantes Modell macht Anleihen bei Vorstellungen von expressivem Deko-
rum und distinkten hohen und niedrigen Stilschichten klassischer lateinischer
Dichtung, während es von der Praxis der Bibelexegese die Vorstellung multipler
Schichten allegorischer Bedeutung übernimmt. Beide werden in den Bereich vul-
gärsprachlichen Schreibens eingeführt, und dieses neue Zusammentreffen bildet
den Kern des Modells, das historisch in der Bestimmung dessen, was 'Literatur'
und das 'Literarische' konstituierte, vorherrschend wurde.
Es ist jedoch wichtig, daran zu erinnern, daß dies nicht das einzige Paradigma
volkssprachlicher Schrift zu der Zeit war; es war vielleicht sogar das ungewöhn-
lichste. Die 'anachronistische Analyse', die ich zuvor erwähnt habe, könnte sonst
als die Tendenz definiert werden, den Novellino gemäß dem Paradigma zu deuten,
das schließlich die Oberhand gewann. Ich nehme jedoch an, daß eine Prüfung der
Weisen, in denen der Novellino explizit (d.h. thematisch) wie implizit den Status
und die Funktion von Schrift, besonders von volkssprachlicher Schrift, behandelt,
für weite Bereiche der Kommunikationssituation im späten 13. Jahrhundert sym-
ptomatisch ist. Im folgenden werde ich eine begrenzte Anzahl von Geschichten un-
tersuchen, um die spürbare Ambivalenz anzuzeigen, die — was vielleicht nicht
überrascht — in bezug auf diese Fragen erkennbar ist. Obwohl die Bezeichnung
'spürbare Ambivalenz' im Vergleich mit dem gerade besprochenen Modell Dantes
als eine vage und insubstantielle Vorstellung erscheinen mag, ist gerade dies ent-
scheidend: d.h. daß die meisten volkssprachlichen Schriften während dieser Zeit
nicht auf etwas basierten, das Dantes sehr subtiler Theoretisierung in irgendeiner
Weise ähnelte.
in der Geschichte, die diesen Essay einleitet, wird Schrift nie per se erwähnt. Ich
möchte jedoch herausstellen, daß Schrift — oder genauer der Transfer von mündli-
cher Übereinkunft zu geschriebenen Gesetzesvereinbarungen — als außertextlicher,
sozialer Rahmen in dem rechtlichen Kontext der Geschichte von großer Wichtigkeit
ist; d.h. Schrift ist nicht ein bewußt inkorporierter Subtext, sondern einer der Fak-
toren, die die gesamte Kommunikationssituation des späten 13. Jahrhunderts aus-
machten. Diese Geschichte ist eine traditionelle novella mit vielen bekannten Vor-
läufern, unter anderem der Disciplina Clericalis von Petrus Alfonsi, Iacopo da Ces-
soles Volgarizzamento del Libro de' Costumi und dem Libro degli Exempli.1 Die
besondere Konfiguration dieser spezifischen Redaktion jedoch und vielleicht sogar
die Wahl des Verfassers, diese Geschichte und nicht eine andere in die Sammlung
aufzunehmen, können am besten im Licht der Kommunikationsformen, die am

fi
Oe Vulgari Eloquenlia wurde 1305/6 geschrieben. Ein weiterer wichtiger Text ist der spätere Let-
tera a Can Grande. Das Libro di novelle e dt bei parlar genlile wurde zwischen 1280 und 1300 ab-
gefaßt, etwa gleichzeitig mit der Vita nuova (1292/3).
7
Zum Text dieser Anekdoten vgl. Alfonso Paolella: Rettorica e Racconto. Argomentazione efin-
zione nel Novellino. Napoli 1987, 73-75.
Der Novellino und der Beginn von "Literatur' 59

Ende des 13. Jahrhunderts vorherrschten, verstanden werden und nicht aus der
diachronischen Perspektive der Literaturgeschichte.
Im 13. Jahrhundert scheint der geschriebene Vertrag nicht mehr — wie zuvor im
Mittelalter — nur die Abschrift eines auch unabhängig davon gültigen mündlichen
Vertrages zu bilden, sondern die Basis von Gesetzesabschlüssen (besonders im Be-
reich des Handels), wie aus der Tatsache hervorgeht, daß die gleichen Grundver-
träge damals in der ganzen Mittelmeerwelt verfügbar waren.8 Die größere Promi-
nenz von Notaren und die schiere Quantität detaillierter rechtlicher und finanzieller
Dokumente, die der im Vergleich zu vorhergehenden Jahrhunderten stark ange-
wachsene Bank- und Handelssektor der norditalienischen communi hinterließ, be-
scheinigen die Wichtigkeit und das Vertrauen, das dieser soziale Bereich zur effizi-
enten Regulierung seiner zunehmend komplexer werdenden Angelegenheiten in das
geschriebene Wort setzte.9
Der relativ hohe Grad an Bildung und Wohlhabenheit dieses sozialen Bereiches
ist die notwendige Bedingung für die Entstehung eines volkssprachlichen Textes
wie des Novellino, die Bedingung der Möglichkeit seiner Hervorbringung und
Zirkulation. Diese sozio-ökonomischen Faktoren legen nahe, daß die Geschichte
des Schiavo di Bari eine Geschichte mit der Moral 'Laß Dir das nicht passieren'
sein mag. Zugegebenermaßen hat die Geschichte in merkantilischer Hinsicht ein
happy ending': ein potentieller 97%iger Kapitalverlust wird reduziert auf die er-
warteten Kosten von 3%. Aber das Dinouement — d.h. der Schutz der merkantili-
schen Ethik durch die Rückerstattung von Eigentum — ergibt sich aus der kontin-
genten Deutung des Richters. Der Richter erkennt die inhärente Doppeldeutigkeit
der mündlichen Übereinkunft und kehrt des Freundes betrügerische, aber wörtliche
Erfüllung des Paktes mit Hilfe einer ebenso doppeldeutigen Auslegung um. Eine
der möglichen 'Moralen der Geschichte', wie ein florentinischer Kaufmann sie ge-
lesen haben mag, wäre es, die Bedingungen der Übereinkunft (und damit die
Sicherstellung ihres Ergebnisses) in der Standardsprache und fixierten Form eines
geschriebenen Vertrages zu etablieren. Unterstützt wird diese Deutung durch die
Tatsache, daß diese Geschichte in früheren Versionen in der Disciplina Clericalis
und dem Libro de ü exempli nicht als offizielles juristisches Verfahren mit Richter,
Prozeß und Urteil gestaltet ist. Man könnte dieser Deutung entgegenhalten, daß die

8
Vgl. zu diesem Phänomen Robert S. Lopez: The Commercial Revolution in ine Middle Ages:
950-1350. New York 1976,73-79.
9
Harvcy J. Graff (Anm. 5), 55, beschreibt die damals führende Rolle von Notaren innerhalb des
sozialen Spektrums in Italien:"[...] much of the demand for professional and commercial training
focused on lowcr lcvcls, especially Clerks and notarics, for whom literacy proficiency was essenüal
[...]. Business quickly found notarics indispensable, and as a result, they dcveloped political and
social strength as a group of literate men who had attained administrative experience for use in hu
sincss and politics. Above them, literacy was virtually certain; below them, it was sporadic, al-
ihough it was probably spreading by die thirteenth Century".
6() Amy Frank

Erzählung an keiner Stelle offen auf die 'Moral der Geschichte', wie sie hier re-
konstruiert wurde, anspielt; eine Lektion, die man heutzutage als 'es sich schriftlich
geben lassen' formulieren könnte. Dieser Mangel kann jedoch ebensogut bedeuten,
daß diese Moral für die intendierte Leserschaft des Textes zu einem gemeinsamen
Wissensbestand gehörte, der so offensichtlich war, daß er unerwähnt bleiben
konnte.
Die implizite Bewertung der Schrift in dieser einzelnen Geschichte ist jedoch kei-
neswegs charakteristisch für den Novellino im ganzen. Im Gegenteil, das aus-
drückliche Anliegen der Sammlung scheint, wie in der Einleitung dargelegt, ein
nostalgisches Florileg von Sprechakten zu sein: "Questo libro tratta d'alquanti fiori
di parlare." ("Dieses Buch handelt über blumenreiche Ausdrücke.") Ich sage
scheint' wegen der Schwierigkeit — oder eher Unmöglichkeit — zu bestimmen,
worauf sich das geschriebene Wort parlare in Texten zu dieser Zeit bezieht. (Seine
Bedeutung im modernen Italienisch ist selbstverständlich einfach 'sprechen'). Um
nur ein kurzes Beispiel zu geben: Der Leser von Brunetto Latinis Rettorica, einer
kommentierten Übersetzung von Ciceros De Inventione, findet, daß das Wort in
gleicher Weise für den Akt des Redners in der Öffentlichkeit verwendet wird wie
für das Schreiben des Textes, den er in der Hand hält:"[...] la lettera sottile sono le
parole de lo sponitore" ("[...] die kleinen Buchstaben sind die Worte des Über-
setzers") lautet der Anfang, und es folgt "Qui parla lo sponitore" ("Hier spricht der
Übersetzer").10
Diesen möglichen Wechsel bedenkend, bemerkt man, daß das Wort parlare nicht
weniger als achtmal wie eine Litanei in dem 32 Zeilen umfassenden Prolog des No-
vellino wiederholt wird und auf betonte (und wehmütige) Weise mit einer vergan-
genen Zeit der Tugend assoziiert wird. Die Einleitung scheint um eine Elision ihrer
eigenen Schrift bemüht zu sein, die sie unter dem euphemistischen "facciamo qui
memoria" ("wir schaffen eine Erinnerung") verhüllt. Diese Selbstbeschreibung als
Akt des Gedenkens erscheint in der Mitte der Einleitung und stellt eine zeitliche
Verbindung zwischen den Sprechakten des "tempo passato" (der "vergangenen Zei-
ten") und ihrer Nachahmung ("argomentare e dire e raccontare a prode e a pia-
cere'V'diskutieren und reden und erzählen zum Nutzen und zum Vergnügen") her,
die sich im "tempo che verra" ("den kommenden Zeiten") ereignen soll. Nur die ab-
schließende Zwischenrede der Einleitung an die "leggitori" ("Leser") unterstreicht
die Tatsache, scheinbar sich selbst zum Trotz, daß es eine textliche Verbindung ist.
Die rhetorische Maskierung des Schreibprozesses, wie sie sich in der Einleitung
findet, hat in einem größeren Rahmen ihre Entsprechung in der inhärenten Ironie,
daß dieses Florilegium des bei parlar gentile ein Um-Schreiben in Form einer
Übersicht ist. Der Novellino ist in der Tat eine enzyklopädische Admixtur unter-
schiedlicher textlicher Erzählmodelle, von lateinischen Fabeln und exempla zu

°Bruncuo Latini: La rettorica, lesto critico di Francesco Maggini. Firenze 1968, 3.


Der Novellino und der Beginn von 'Literatur' 61

volkssprachlichen Vorläufern wie den französischen Romanzen und okzitanischen


razos.u Der Text erreicht eine einebnende Wirkung, indem er diese Diversität tra-
ditionellen Materials in einem durchgehend anekdotischen Telegrammstil übermit-
telt. Auf gleiche Weise wird nahezu jeder Bezug auf die Vermittlung seiner eigenen
erneuten Transkription unterdrückt, beinahe, als ob dies die Distanz zurückweisen
soll, die der Schreibprozeß zwischen der Sammlung als Gedenkakt und der überle-
genen Welt des belparlar gentile, dessen es gedenkt, legt. Diese Taktik weist viel-
leicht auf die intendierte Leserschaft des Textes hin; nicht Scholaren und Geistliche,
für die eine Fülle an Anmerkungen, Zitaten und Glossierungen den Wert und das
Prestige eines Textes erhöhte, sondern eher eine neue, des Lesens und Schreibens
kundige Gruppe von Individuen mit einem mittleren Bildungsniveau12, für die die
Lese- und Schreibkompetenz eine völlig andere Funktion hatte.13
Dieses implizite Mißtrauen der Schrift gegenüber wird in einer der Tierfabeln des
Novellino bei weitem von einer allzu expliziten Doppeldeutigkeit des geschriebenen
Wortes übertroffen — oder eher denen gegenüber, die behaupten, es zu beherr-
schen. Ein Fuchs, der nie zuvor ein Maultier gesehen hat, begegnet einem im Wald
und flieht in panischer Angst. Die Flucht führt ihn zum Wolf, und als der Fuchs
seinem Freund von dem seltsamen Tier erzählt, das er gerade gesehen hat, kehren
die beiden zusammen an den Schauplatz der Begegnung zurück. Der Wolf ist
ebenso erstaunt über das Maultier wie der Fuchs, woraufhin der Fuchs (vermutlich
durch die Gegenwart seines Freundes ermutigt) das Maultier nach seinem Namen
fragt. "Ich weiß ihn nicht auswendig", kommt die Antwort, "aber wenn Du lesen
kannst — er ist unter meinen rechten Huf geschrieben." "Ich kann leider nicht
lesen", bekennt der Fuchs, aber der Wolf prahlt mit seinen Lesekenntnissen und
bückt sich nah unter den Huf des Maultieres, um die "winzigen Buchstaben" zu
entziffern. Der Rest ist leicht zu erraten: Das Ende des Wolfes fällt fast mit dem der
Geschichte zusammen; er wird mit einem guten Maultiertritt bewußtlos geschlagen.
Alles, was für den Fuchs zu tun übrigbleibt, ist, die Schlußweisheit auszusprechen:

1
'Eine kurze, aber konzisc Beschreibung der Zusammensetzung dieser Admixtur bietet die Einlei-
tung zur 1975 veröffentlichten Ausgabe der Biblioteca Universale Rizzoli des Novellino von Gior-
gio Manganclli, xv-xvii.
12
Einc Übersicht über die Struktur und den Inhalt dieser Ausbildung gibt Paul Grendlcr: Schooling
in Renaissance Ilaly: Liieracy and Learning, 1300-1600. Baltimore 1989, 3-6 (zu The Medieval
Background1).
'-'Robert Lopez bemerkt über diese Gruppe: "In all probability the rate of liieracy among medieval
traders was second only to that among the upper clergy. By the thirteenth Century, liieracy had be-
come so widespread, in the Italian cities at least, that it was virtually uikcn for granted. At the
samc umc in Ilaly, or a littlc latcr elsewhcre, Ihe volumc of commcrcial writing far excecded that
of any other kind of writing for any other purposc". Robert Lopez: "The Culture of the Medieval
Mcrchanl". In: Medieval and Renaissance Studie j Proceedings ofthe Southeastern Institute of Me-
dieval and Renaissance Sludies. Durham 1976, 54.
62 Amy Frank

"Ogne uomo che sa lettera non e savio." ("Nicht jeder, der lesen und schreiben
kann, ist weise.")14
Der Schlußaphorismus ist auf so unverblümte Weise bündig, daß eine ausführli-
che Erklärung kaum notwendig erscheint. Es ist jedoch nötig zu erwähnen, daß die
Erzählung die Lese- und Schreibfähigkeit — oder zumindest das Prestige der Be-
hauptung, des Lesens und Schreibens kundig zu sein — als Ursache von zwei
wichtigen Umkehrungen angibt. Die eine ist ein Rollenwechsel: Das für gewöhn-
lich dumme Maultier spielt den Betrüger — einen Witzbold, dem es gelingt, den
Wolf zu überlisten, der selbst traditionellerweise ein Inbegriff hinterlistiger Schlau-
heit ist. Dies scheint ein Anzeichen dafür zu sein, daß die natürliche Ordnung durch
die Gefahren der Schrift auf den Kopf gestellt wird. Die zweite Umkehrung ist
selbstverständlich die der erwarteten Konsequenzen, wobei die Reihe 'Kann-Lesen
> Entmystifizierung > glückliches Ende' durch 'Kann-Lesen > Begriffsstutzigkeit
> Tod durch Maultiertritt' ersetzt wird. Die Gefahren der Schrift sind hier bis zur
Farce verwörtlicht.
Wir begannen mit einer 'Diagnose' des Novellino als eines Textes, der durch
eine ausdrückliche Ambivalenz in bezug auf die Schrift charakterisiert ist. Bisher
wurde gezeigt, daß die Sammlung das geschriebene Wort im Wechsel auf- und ab-
wertet und daß sie ihren eigenen Status als Text zugunsten eines scheinbar authenti-
scheren und tugendhafteren Bereiches der Sprache verdeckt. In diesem Kontext sei
an den ersten Teil des Prologs erinnert, der die physische Präsenz der Fleischwer-
dung von Jesus Christus auf Erden direkt mit der Unmittelbarkeit und Gegenwart
des gesprochenen Wortes verbindet. Die Erzählung, die im folgenden untersucht
werden soll, befragt den Status von Wissen, das auf Texten gründet. Von einem
Interesse an diesem besonderen Aspekt der Novelle wäre ihr Redaktor wahrschein-
lich ein wenig verblüfft gewesen, doch die Erzählung ist für die Kommunikati-
onssituation im späten 13. Jahrhundert besonders typisch.
Die Novelle spielt im Studium von Bologna, das zu dieser Zeit mit der Tradition
Römischen Rechts und lateinischer Bildung synonym ist. Maestro Taddeo, als hi-
storische Figur ein berühmter florentinischer Doktor, der dort von 1260 bis zu sei-
nem Tode im Jahre 1295 lehrte, hält eine Vorlesung (leggendo) für seine Medi-
zinstudenten — 'lesen' bedeutet in diesem Kontext den mündlichen Kommentar zu
einem autoritativen Text.15 Die Erzählung beginnt mit einer sentenzia: Derjenige,
der neun Tage hintereinander Auberginen ißt, wird verrückt — eine Binsen-

,4
Dcr Text dieser novella hält sich im wesentlichen an den des Roman de Renaul le Contrefait,
aber dieselbe Geschichte war zuvor in zwei anonymen lateinischen Fabeln erschienen. Vgl. Favati
(Anm. 1), 337 in den Anmerkungen.
"Favaü (Anm. 1, 208, in den Anmerkungen) kommentiert "leggendo /.../ in medicina" wie folgt:
"'insegnando medicina': il che, come ogni insegnamento universitario del tempo, si faceva
seguendo un testo classico della maieria, che veniva pubblicamenie letto e commentato".
Der Novellino und der Beginn von "Literatur' 63

Wahrheit, die Maestro Taddeo "secondo fisica", d.h. theoretisch beweisen will. Ein
dubioser Schüler (vielleicht der Prototyp eines wichtigtuerischen Doktoranden?)
weigert sich, ein Diktum, das nur auf textlicher Autorität beruht, bedingungslos zu
glauben und beschließt, es experimentell zu widerlegen, indem er sich einem neun-
tägigen Genuß von Auberginen hingibt.
Damit ist eine deutliche Dichotomie zwischen der elementaren körperlichen
Funktion des Essens auf der einen Seite und dem theoretischen Textkommentar auf
der anderen aufgebaut. Man kann den Studenten als einen Vertreter des merkantilen
Pragmatismus ansehen, jener Mentalität, die für die Produktion der libri di merca-
tura verantwortlich zeichnet. Diese Geschäfts-Handbücher wurden von jeder Firma
individuell zusammengestellt, und sie zeichneten sich dadurch aus, daß sie nie
einen Zustand der Vollständigkeit erreichten, da sie stets den Hinzufügungen und
Korrekturen, welche die frischen Erfahrungen der Firma mit sich brachten, unter-
zogen waren.16
Um auf die Erzählung zurückzukommen: Nach neun Tagen kehrt der Student zu-
rück und behauptet, er habe die Sentenz widerlegt, und entblößt sein Hinterteil vor
seinem Professor: "[...] mostrolh il culo." Maestro Taddeo antwortet, daß diese
Geste den Anspruch des Studenten auf Zurechnungsfähigkeit klar widerlege und
seine ursprüngliche Behauptung bestätige. "'Iscrivete' disse il maestro 'che provato
e; e facciasene nuova chiosa.'" ('"Schreibt auf, daß es bewiesen ist', sagte der
Professor, 'und veranlaßt, daß von dieser Angelegenheit eine neue Glosse gemacht
wird'.") Taddeos Witz verwendet den Körper seines rebellischen Studenten als
Glosse, um die Wiedereinsetzung der Autorität des Textes zu erwirken.
Die Absurdität der hier in Rede stehenden Sentenz zusammen mit der beffa des
Studenten ruft eine ganze Reihe goliardischer Parodien der Scholastik in Erinne-
rung, die in universitären Zentren wie Paris und Bologna entstanden. Das Ende der
Erzählung jedoch scheint eine Vorherrschaft nicht der Scholastik, sondern einer auf
Texten beruhenden Wahrheit über die erlebnishafte Wahrheit zu bestätigen. Ich
sage 'scheint', weil die Interpretation dieser Erzählung mehrdeutig ist. Sie ist ab-
hängig davon, ob der Leser Maestro Taddeos Witz vorzieht oder lieber mit dem
Studenten mitlacht. Maestro Taddeo hat natürlich das letzte Wort — doch seiner
Position am Ende eine bevorzugte Stellung zu geben, ist das Ergebnis eines
linearen und — zu einem großen Teil — ganz und gar textlichen Modells von
Bedeutungsproduktion, eines Modells, das den Redaktor der Erzählung vielleicht
nicht in seiner Arbeit geleitet hätte. Die Überschrift der Erzählung scheint außerdem
den Maestro als Sieger des akademischen Streites auszuweisen — "Qui conta del
maestro Taddeo di Bologna" ("Hier wird von Maestro Taddeo di Bologna erzählt"),
heißt es und nicht "Qui conta d'un savio scolaro" ("Hier wird von einem weisen

,6
Zu diesen Handbüchern vgl. Abschnitt X von Armando Sapori: "La Cultura del Mcrcante Ita-
liano". In: Sluäi di Storia Economica Medievale. Firenze 1946, 310-317.
64 Amy Frank

Wissenschaftler erzählt") — aber wir wissen, daß die Titel den Geschichten später
hinzugefügt wurden und von einem anderen Verfasser stammen.17 Interes-
santerweise gehören die ältesten existierenden Manuskripte18 zu dem Zweig des
Stemmas ohne einführende Überschriften; es enthält jedoch Rand-'Überschriften'
zu vielen der Erzählungen, die sich beträchtlich von denen des anderen Zweiges
unterscheiden. Der Randtitel für diese Erzählung lautet "Come i melloncioni fanno
impazzire" ("Wie Auberginen einen verrückt machen") (32 verso), und diese
Betonung der Handlung und nicht der Charaktere ist ein durchgehender Zug, der
die Überschriften dieses Manuskripts von ihren späteren Gegenstücken unter-
scheidet, was zum Standard in den gedruckten Ausgaben wurde. All dies legt nahe,
daß es plausibel sein mag, die Erzählung selbst als das Produkt eines historischen
Moments anzusehen, in dem Unentscheidbarkeit eine durchaus akzeptable Eigen-
schaft eines in der Vulgärsprache geschriebenen Textes war, da sie 'etwas' war,
das in verschiedenen Kontexten verbreitet war und genossen wurde, die alle frei
von den Restriktionen der Schrift und den Leseerwartungen der damals vorherr-
schenden Vorstellung von (lateinischer) 'Literatur' waren. Die übliche Handhabung
der Überschriften kann so als eine Annäherung an eine Art von Einstimmigkeit
angesehen werden — als ein Versuch, die Bedeutung der Erzählung zu bestimmen
und zu begrenzen. Solch ein Versuch war nur dort notwendig, wo 'volkssprach-
liche Literatur' bereits zu einer etablierten und bedeutsamen Kategorie geworden
war, und wo ein volkssprachlicher Text mehr Erwartungen weckte, das auszu-
sprechen, was er bedeutete, und das zu meinen, was er sagte.
Der Status von Schrift im Volkssprachlichen ist ein besonderer Grund für Be-
fürchtungen, wie der Titel der Novelle zeigt: "Qui conta d'uno filosofo il quäl era
molto cortese di volgarizzare la scienza." ("Hier wird von einem Philosophen er-
zählt, der sehr höflich/höfisch war, die Wissenschaft zu popularisieren.") Die
Überschrift, die direkt aus dem einleitenden Satz der Erzählung stammt, ist selbst-
verständlich ironisch in ihrer oxymoronischen Nebeneinanderstellung von cortese
(zum Hof gehörig, den wenigen Auserwählten) und volgarizzare (im Volkssprach-
lichen: einem großen Publikum zugänglich machen). Die Erzählung handelt von
dem Traum eines Philosophen, der gelehrte Werke aus dem Lateinischen ins
Volkssprachliche übersetzt. Er sieht die Göttinnen der Gelehrsamkeit in einem
Freudenhaus, wo sie sich jedem anbieten. Seinem erstaunten "Come ciö? Voi siete
al bordello?" ("Was im Himmel? Seid Ihr in einem Bordell?") antworten sie: "Ben e

17
/ur Dokumentation und Erklärung dieses Punktes vgl. Abschnitt 5 von Favalis Einleitung, mit
dem Tiicl "I üloli che alle novellc premettono I codici dcl gruppo alpha [einer der beiden Zweige
des Stcmmasl non sono originani". Der Abschnitt endet mit"[...] Ic rubrichc sono opera di per-
sona diversa dall'autore delle novellc; sono quindi non onginarie, c piü tardc d'cssc" (Favati, Anm.
1,21-24).
1K
Panciaüchiano 32 (früher Panciaüchiano-Palaüno 138) der Bibliolcca Nazionale di Firenze; Per-
gament; Ende des 13 /Anfang des 14. Jahrhunderts; 200 x 145 cm; 97 Blatter.
Der Novellino und der Beginn von "Literatur' 65

vero; perche tu sei quello che ci fai stare!" ("Recht hast Du: Denn Du warst es, der
uns hierhergebracht hat!") Er erwacht in Reue und gibt seine Tätigkeit auf; die
Erzählung endet mit der direkten Ermahnung "E sappiate che tutte le cose non sono
licite a ogni persona" ("Wisset, daß nicht alle Dinge allen Menschen erlaubt sind").
Auf der eine Seite ist die Bedeutung dieser Erzählung offensichtlich; durch des
Philosophen metaphorische Prostitution der Musen rechtfertigt sie das Privileg des
Zugangs zu textlichem Wissen für eine bestimmte Elite. Auf der anderen Seite je-
doch zeigt sie deutlich die Ambivalenz, die, wie ich meine, diesen Text im Hinblick
auf Schrift und auf seinen eigenen Status als etwas Geschriebenes auszeichnet —
denn was tut eine Novelle mit dieser Bedeutung in einer weit verbreiteten volks-
sprachlichen Sammlung?
Der Widerspruch zwischen der Bedeutung der Erzählung und ihrem Handlungs-
ort wird vielleicht nur aus der Perspektive des 20. Jahrhunderts deutlich: dieses
Problem löst sich von selbst, wenn die Erzählung im Lichte der Gattungskonven-
tionen des 13. Jahrhunderts betrachtet wird. D.h. die Unantastbarkeit einer aus-
führlichen lateinischen philosophischen Abhandlung war möglicherweise ohne Be-
lang für eine novella, besonders da diese, obwohl sie wenigstens zu einem Teil aus
der lateinschen Traditon des exemplums herrührt, erst mit dem Auftauchen des
Volkssprachlichen eigenständig wurde. Die Abhandlung wäre litteratura, während
die Novelle keine Ansprüche auf diese Bezeichnung macht; damit verschwindet der
Widerspruch, auf den ich hingewiesen habe.
In Hinsicht auf die vorhergehenden Bemerkungen scheint es deutlich zu sein,
daß man den Novellino nur mit äußerstem Widerstreben 'Literatur' nennen würde,
eine Schlußfolgerung, die in bezug auf den Titel meiner Untersuchung vermutlich
etwas ironisch erscheint. Die Unterscheidung, die hier getroffen werden muß, ist,
daß volkssprachliche Literatur als solche tatsächlich zu der Zeit der Zusammenstel-
lung des Novellino in Italien aufzutauchen beginnt, ohne daß jede volkssprachliche
Schrift der Zeit notwendig von einer Vorstellung von 'Literatur' beherrscht war.
Der Versuch, die Formen zu analysieren, in denen der Novellino die Frage der
Schrift explizit und implizit thematisiert, ohne sich auf diese Vorstellungen zu be-
ziehen, hat, wie ich hoffe, ein vollständigeres und klareres Bild der Schrift in dem
besonderen Kontext des späten 13. Jahrhunderts ergeben.

Aus dem Amerikanischen von Kerstin Behnke


Danielle Trudeau

Kleine Sprachfabrik
Die Druckerwerkstatt im 16. Jahrhundert

Das Druckhandwerk und die Entwicklung der Sprachnorm

Es ist oft gesagt worden, daß die Erfindung des Buchdrucks eine entscheidende
Rolle in jener Normierung von Verhaltensweisen spielte, welche seit dem Ende des
15. Jahrhunderts die heraufkommende Neuzeit charakterisiert hat.1 Im Bereich der
Schriftlichkeit hat das gedruckte Buch vor allem zur Vereinheitlichung der Repro-
duktions-Methoden beigetragen. Freilich zeigen die in der Zeit der Renaissance
publizierten Werke eine so große Diversität in ihrem Layout, ihrer Typographie und
in den Formen ihrer Illustrationen, daß man zunächst den Eindruck gewinnt, die
neue Technik sei weniger ein Instrument der Standardisierung gewesen als ein
Mittel, Original-Texte zu produzieren. Die schönen Renaissance-Bücher scheinen
dem Gedanken zu widersprechen, daß die neue Reproduktionstechnik einen Ver-
einheitlichungseffekt gehabt habe.
Wir müssen also die Beziehungen zwischen Sprache und gedrucktem Text in der
Renaissance ausgehend von dieser 'Ent-Normierung' neu überdenken, die nach der
Einführung des Drucks zunächst eintrat. Heute ist das Buch das wichtigste Medium
in der Verbreitung desfrancais Standard. Aber während der ersten Hälfte des 16.
Jahrhunderts waren weder das Buch noch die Sprache stabile Größen. Im Gegen-
teil — unter den zwischen 1460 und 1600 gedruckten Texten finden sich erhebliche
orthographische und sprachliche Unterschiede, die meist auf einzelne Werkstatt-
Konventionen zurückverweisen, manchmal aber sogar innerhalb der Produktion ei-

'Nach H. J. Martin führte die Erfindung der Druckpresse um 1490 zunächst zu einer Vermehrung
der Texte, der später höhere Selektivität und Standardisierung folgen sollten. Vgl. L. Fcbvre/H. J.
Martin: L'apparition du livre. Paris 1958, 378 und 394. Die These zur Standardisierung von Ver-
haltensweisen stammt — natürlich — von Norbert Elias.
68 Danicllc Trudcau

nes und desselben Druckers anzutreffen sind.2 Solche Differenzen kann man einer-
seits nicht — wie im Fall der mittelalterlichen Manuskripte3 — als regionale Varian-
ten erklären, aber man kann sie andererseits auch nicht der Ignoranz der Drucker
zuschreiben, denn diese waren im 16. Jahrhundert nicht weniger gebildet als die
mittelalterlichen Kopisten oder als die Drucker des 17. Jahrhunderts.4 Hinzu
kommt, daß die Druckmeister selbst die Satzkorrektur durchführten oder diese an
Gelehrte übergaben. Man kann auch nicht mit Nachlässigkeit oder Zufall argumen-
tieren, denn die Abweichungen sind normalerweise innerhalb einzelner Werke
konsistent. Letztlich führt nichts an der Annahme vorbei, daß solche Variationen in
den Renaissance-Texten beabsichtigt waren und daß sie auf dieselbe Einstellung
zurückverweisen, welche jedes gedruckte Buch zu einem individuellen Typ machte.
Oft wird gesagt, daß es in der Renaissance keine institutionalisierte Sprachnorm
gegeben habe und daß sich deshalb eine große sprachliche Variationsbreite in den
Büchern dieser Zeit finden läßt. Aber wenn man davon ausgeht, daß die im Druck
auftretende Variationsbreite beabsichtigt ist, dann wird jeder Drucker zum Urheber
einer Norm, die er seinem Publikum präsentiert und die zu revidieren er sich vor-
behält. Aus dieser Perspektive läßt sich hinter den Variationen die Intention entdek-
ken, den Text von der Aufgabe zu befreien, einen Schrift-Code zu erhalten — und
ihn statt dessen zu einem Instrument des Wandels zu machen. Mit anderen Worten:
Die Standardisierung war nicht das Ergebnis eines 'blinden', mechanischen oder
magischen Drucks, den die neue Technik auf den Sprachgebrauch ausübte, sondern
die Tat neuer Schriftlichkeits-Spezialisten, die über ein wirkungsvolles Instrument
der Verbreitung verfügten und sich der Folgen ihrer Innovationen voll bewußt wa-
ren.
Die Druckkunst verschob die Macht über das Geschriebene und löste einen tief-
greifenden Wandel in Funktion und Form der Schrift aus. In diesem Sinn kann
man die Werkstatt des Druckers als eine Sprachfabrik ansehen, in der man geduldig
die Elemente der Lehre vom bon usage zusammenfügte. Ich möchte deshalb den
Beitrag einiger Drucker zur Geschichte der Sprache untersuchen, indem ich ihn mit
den Lehren der Grammatiker aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts vergleiche.
Das wird uns erlauben zu sehen, daß sich die Position der neuen Text-Spezialisten
in dem Maß konkretisierte, wie sie die politisch-soziale Rolle der Sprachnorm er-
kannten.

2
Fcbvrc/Manin (Anm. 1), 488.
^Vgl. M. Dclbouillc: "La notion de 'bon usagc' cn ancien francais". In: Cahiers de /'Association
internationale des itudes francaises 14, 1962, 9-25; B. Cerquiglini: Eloge de la Variante. Paris
1989, hcbl den anderen Aspekt der geschriebenen Sprache des Mittelalters hervor, nämlich die Viel-
falt der verschiedenen Versionen einzelner Werke,
tatsächlich waren die Drucker des 16. Jahrhunderts oft gebildeter als die des 17.
Kleine Sprachfabrik 69

/. Regeln erfinden

Während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden zahlreiche Grammatik-,
Aussprache-, Rhetorik- und Schrift-Traktate veröffentlicht, und in manchen Fällen
zeichneten die Drucker selbst für sie verantwortlich. Zwei Bücher mit deutlich nor-
mativer Absicht erschienen 1529. Ein Orthographie-Traktat von Simon (oder Mi-
chel?) Dubois5 und ein Typographie-Handbuch — der Champ Fleury von Geof-
froy Tory —, der die Formen der einzelnen Buchstaben beschreibt.6 Für den heuti-
gen Leser ist es schwer, die Beziehung zwischen Grammatik und Typographie zu
verstehen, aber das scheint für Geoffroy Tory kein Problem gewesen zu sein, und
er schrieb sein Werk in den weiten Zusammenhang einer Sprachregelung ein. Er
stellt sich selbst als den "ersten kleinen Verweis" auf eine Bewegung vor, die mit
der Vermittlung der Form von Buchstaben beginnt und an deren Ende eine Gram-
matik, ein Wörterbuch, eine Rhetorik und eine Poetik stehen sollten:

Wenn man es mil Buchslaben und Vokalen zu tun hat, muß ein dritter Teil kommen, der die Sau-
folgen erklärt, und dann kommt noch ein weiterer, der Anweisungen für die schöne Rede gibt. So
durchläuft man nach und nach den Weg, der zu den großen Gebieten der Poetik und der Rhetorik
führt (Aux lecteurs, V).

Tory setzt sich die Aufgabe, die Sprache festzulegen, die damals — nach seinen
Worten — "ohne feste Regel war". Das Buch sollte zu einem Verschriftlichungs-
Schub beitragen, durch den allein, wie Tory glaubte, die Entwicklung der Sprache
angehalten werden konnte.
Die ersten Seiten des Champ Fleury enthalten eine Satire des "schlechten Sprach-
gebrauchs", doch Tory wirft nirgends dem "Pöbel" vor, daß er die Sprache ver-
derbe. Seine Kritiken zielen auf Leute, die den höheren Schichten der Gesellschaft

5
Tresuiile ei compendieux iraieli de lart et science dorthographie Gallicane (Imprime' ä Paris pour
Jchan Saint Denis, librairc). H. J. Martin schreibt dieses Werk — meiner Meinung nach zu Un-
recht — dem Mediziner und Grammatiker Jacques Dubois zu, auf den ich noch zu sprechen kom-
men werde; vgl. Fcbvre/Martin (Anm. 1,487). Die Jacques Dubois, genannt Sylvius, gewidmeten
Studien erwähnen nirgends ein Buch dieser An. Vgl. S. Dcmaizicre: La grammaire francaise au
XVIe siede: les grammariens picards. These, Universite de Lille III 1983,49-101. Hingegen haben
die Drucker Simon und Michel Dubois einen erheblichen Einfluß auf das französische Buchwesen
jener Epoche ausgeübt.
°G. Tory: Champ Fleury auquel est conlenu lart & science de la deue proportion des Leltres Atti-
ques, quo dit aulremet Leltres Antiques. <£ vulgairemeni Leltres Romaines, proportionnees sehn
le Corps et Visage humain. A Paris, A l'enseigne du Pol Casse' 1529. Auf der Rückseite des Titel-
blatts findet sich eine Inhaltsangabe des Buchs. Der erste Teil wird mit folgenden Worten angekün-
digt: "Im ersten Buch ist die Aufforderung enthalten, die französische Sprache einer gewissen Norm
eleganten Sprechens zu unterwerfen — einer französischen Sprache, die besser und gesünder ist als
die ihr vorausgehende".
70 Danielle Trodcau

angehören: auf die plaisanteurs, die latineurs und die jargonneurs. Die latineurs —
die Gelehrten — unterscheiden sich vom Volk durch ihre Bildung; die plaisanteurs
durch ihren gesellschaftlichen Rang;7 die jargonneurs sind jene Schriftsteller, die
sich selbst dadurch herabsetzen, daß sie — wie weiland Villon — in der Sprache
der Diebe schreiben. Ihnen allen wirft Tory jedenfalls vor, daß sie mit einer Spra-
che auf sich aufmerksam zu machen suchen, welche die einfachen Leute nicht ver-
stehen können.
Den honneste langage, auf den Tory seine Leser verweist, kann er nur dadurch
definieren, daß ihm die Regeln fehlen sollen. Und das ist nicht die einzige Schwä-
che in seiner Argumentation. Wenn man sich den Champ Fleury näher ansieht,
dann bemerkt man, daß er beständig widersprüchliche Thesen über die Sprache
vorbringt, die das Konzept des honneste langage eher verwischen als klären. So
sollen etwa die Dialekte zum Gesamtkomplex der "französischen Sprache" gehören:

Man kann unsere Sprache ebenso leicht in eine feste Ordnung bringen wie früher die griechische
Sprache, innerhalb derer es fünf Varianten gab [...] Genauso könnten wir mit der Sprache der Stadt
Paris und des Hofes, mit der Sprache der Picardie, mit der Sprache von Lyon, des Limousin und
dem Provcnzalischcn verfahren. Ich werde ihre Unterschiede und Übereinstimmungen hier nicht
nicht im einzelnen erwähnen, weil das zuviel Zeit in Anspruch nähme, und ich überlasse es den
Spezialisten, sich damit abzugeben (V).

Tory schlägt vor, die Dialekte voneinander zu unterscheiden und in eine Ordnung
zu bringen, ohne einem unter ihnen eine Vorrangstellung zuzuschreiben. Er unter-
schlägt also die Tatsache, daß das Zentralfranzösische damals schon zum dominan-
ten Dialekt geworden war; ebenso regt er an, die "alten französischen Wörter" wie-
der zu verwenden, welche die Leser in den "alten Romanen" finden. All das läuft
auf eine Sprache hinaus, die genauso künstlich wäre wie jene Register, die er kriti-
siert; doch er bemüht sich, sie als transparent und allgemein zugänglich zu präsen-
tieren. Im Unterschied zur Sprache der Snobs und Pedanten soll der honneste lan-
gage eine Sprache der Natürlichkeit sein, dem mündlichen Gebrauch gleich nahe
wie dem schriftlichen, eine Sprache 'ohne Unterschied zwischen Papier und
Mund', wie Montaigne später sagen sollte. Durchgängig verdammt Tory jene
Sprachformen, die darauf abgestellt sind, sozialen Status oder Bildung zu zeigen; er
ist gegen einen zu starken Einfluß der Schriftlichkeit (oder mindestens einer reali-
tätsfremden Schriftlichkeit) auf die Mündlichkeit und schlägt statt dessen eine hon-
neste langage vor, die weder von solch einer Hierarchie-interessierten Schriftlich-
keit noch von gesellschaftlicher Macht geprägt sein soll.

'Es handelt sich offenbar um die "Leute von Well". Das jedenfalls scheint der folgende Satz anzu-
deuten, den ihnen Tory in den Mund legt: "Monsieur du Page, si vous ne me baillez une lösche du
jour, ic mc ruc a Dicu, & vous dis du cas, vous aurcs nasarde sanglante |...]".
Kleine Sprachfabrik 71

Tory geht nicht auf die Dominanz des Dialekts von Paris und der Hochsprache
ein, und er begnügt sich damit, sie gemeinsam als Varianten der französischen
Sprache zu erwähnen. Es handelt sich dabei wohl um eine beabsichtigte Auslas-
sung, denn kaum ein Jahr später verweist Jehan Palsgrave ausdrücklich auf die
Sprache der lle-de-France als jene Norm, die befolgen muß, wer korrekt sprechen
will:

In diesem gesamten Werk folge ich vor allem den Bewohnern von Paris und den Bewohnern der
Gegenden /.wischen der Seine und der Loire, welche die Römer manchmal Galle Ccltica nannten
(...1 denn das ist das Herz Frankreichs, wo die Sprache heute — und seil allersher — am vollkom-
mensten ist. Deshalb denke ich, daß es Überflüssig ist und den Lernenden nur verwirren kann, wenn
man auf die Vielfalt der Ausspracheformen der Grenz-Gegenden verwiese [„]."

Palsgrave geht davon aus, daß jene Schriftsteller, die "geschätzt" werden wollen,
nur in diesem Dialekt arbeiten.9 Die französischen Grammatiker des 16. Jahrhun-
derts machen solche Prinzipien allerdings nie explizit — auch wenn sie in der Pra-
xis der Ausgangspunkt ihrer Lehre sind. Tory zum Beispiel verurteilt gewisse dia-
lektale Ausspracheformen als fehlerhaft (etwa die für den pikardischen Dialekt typi-
sche Form 'k' statt 'ch'), was seinem Vorhaben widerspricht, aus einer neutralen
Position Dialekte zu beschreiben. So verstärkt er faktisch die politisch-sozialen
Auswirkungen jener Norm, der als Ideologie er sich verweigern will.
Das Vorwort und das erste Buch des Champ Fleury entwerfen den Grundriß ei-
ner Sprachideologie, die auf die Frage der Legitimität gegründet ist. Eben diesen
Begriff soll das Adjektiv honneste artikulieren, das Tory benutzt, um den hon
usage zu charakterisieren. Die Satire, mit welcher er seinen Champ Fleury beginnt,
nimmt den sozial-elitären Ehrgeiz der "Sprach-Verderber" aufs Korn und stellt ihm
die legitime und natürliche Einheit des honneste langage gegenüber. Torys Position
erscheint erst dann als konsistent, wenn man sie im Kontext jener neuen Möglich-
keiten sieht, welche das Druckhandwerk dem Status und der Funktion der geschrie-
benen Sprache eröffnete. Das wird besonders deutlich, wenn man sie der zeit-
genössischen Konzeption des Arztes und Grammatikers Sylvius gegenüberstellt.10
Sylvius' Anliegen ist es, den "Gelehrten" die Chance zu geben, ihren Sprach-

8
Jchan Palsgravc: Lesclarcissement de la languefraneoise. London 1530, hg. von F. Gönin. Paris
1852, 34.
'Palsgravc (Anm. 8, 34): "Es gibt niemanden, der — wo immer er geboren sein mag — nicht
wüßte, daß er, wenn er geschätzt werden werden will, in jener Sprache schreiben muß, deren
Vorkommensbereich ich gerade umschrieben habe".
"'latobus Sylvius (Jacques Dubois): In linguam gallicam hagoge, una cum eiusdem Grammalica
lalino-gallica, ex hehraeis, graecis & lalinis aulhorihus. Paris (ex officina Roberli Sylephani)
1531.
72 Danicllc Trudcau

gebrauch zu verbessern und sich so von der Masse der Ungebildeten zu unter-
scheiden.
Das Buch von Sylvius präsentiert sich in der Tat eher als eine Anleitung zur
"Herstellung eines verbesserten" Französisch denn als die Beschreibung einer exi-
stierenden Sprache. Der Leser soll dort Mittel finden, um seine Sprache "regelmä-
ßig" werden zu lassen und einen Diskurs zu rekonstruieren, den es allein in Bü-
chern und für Bücher gibt. Da zum Beispiel alle regionalen Varianten aus der Vul-
garisierung des Lateinischen hervorgegangen seien und daher keine von ihnen als
Norm für alle anderen gelten könne, fordere es die Vernunft, daß man die ur-
sprüngliche Form der gallischen Sprache rekonstruiere, indem man aus jedem Dia-
lekt diejenigen Formen auswählte, welche den lateinischen am nächsten kämen.
Diese erneuerte und vollkommen aus dem Lateinischen ableitbare Sprache sollte re-
gelmäßiger, gelehrter und folglich besser für intellektuelle Debatten geeignet sein.
Das Projekt des Sylvius macht uns schmunzeln, weil es sich so gänzlich auf den
Glauben verläßt, daß das Buch die Sprachpraxis verändern und den wirklichen
Sprachgebrauch auf Kunstregeln festlegen könne — in Sylvius' eigenen Worten:
"die vernünftige Form der gallischen Sprache finden und verbindlich machen".
Diese Einstellung eines Gelehrten zur Schrift war beileibe nicht exzentrisch —
vielmehr herrschte sie während der folgenden dreißig Jahre vor und fand ihre Fort-
setzung im Konzept der Sprachbereicherung, das du Bellay 1549 in der Deffence et
Illustration de la langue frangoise vorstellte und das die Literatur bis ans Ende des
16. Jahrhunderts in Bann halten sollte.
In diesem Sinn schreibt Sylvius der Grammatik die Funktion der Herstellung ei-
ner Kunst-Sprache vor, die der schriftlichen Norm möglichst nahe sein und sich
überall dort vom Alltagsgebrauch abheben sollte, wo dieser nicht mit der Vernunft
übereinstimmte. Während die meisten seiner Zeitgenossen — so etwa Tory — die
Grammatikalisierung des Französischen als eine 'Beschreibung' der natürlichen
Sprache ausgeben, singt Sylvius ganz offen das hohe Lied der Verschriftlichung.
Für ihn ist die grammatische Regel eine äußere Form, die man der gesprochenen
Sprache überstülpt — und die in der Alltagssprache so nicht existiert. Statt Sylvius'
Konzeption als bloß exzentrisch abzutun, sollte man sie als Konkretisierung eines
gewissen utopischen Humanismus ansehen, der in der Hoffnung lebte, daß sich
der Sprachgebrauch in kürzester Zeit der Vernunft und der Wissenschaft unterwer-
fen würde. Man solle sich daran gewöhnen, nach den Regeln der Vernunft zu spre-
chen — statt sich an einer schon bestehenden Norm zu orientieren — und schon
bald würden die sprachlichen Kunst-Formen besser klingen als die vertrauten
Sprachformen!'' Geoffroy Tory nimmt von dieser Konzeption Abstand — aber er

''"Assucscc anem imilari, usu mullo auribus luis suavis insonabil" (123f.). Die Position des
Sylvias erinnert an Natalic Zcmon Davis' Beschreibung einer "Ent-Normicrung" der intellektuellen
Sphäre in Folge der Inslitulionalisicrung des Drucks, welche das Aufblühen eines extremen Dog-
Kleine Sprachfabrik 73

geht auch nicht so weit, die politisch-soziale Wirkung der bestehenden Norm als
legitim anzuerkennen: Vom Standpunkt der 'Gelehrsamkeit' hat diese Wirkung
eben keine wissenschaftliche Legitimität. Ebensowenig wie den Begriff des hon
usage, ebensowenig wie die Anerkennung der sozialen Verpflichtung auf eine
Sprachnorm als Mittel sozialer Distinktion gibt es bei Sylvius und Tory den Begriff
der 'inneren Struktur' einer Sprache. Noch war das Prinzip von den Sprachen als
'natürlichen Systemen' nicht formuliert worden. Ihre Systematizität sollte eine
Folge von Verschriftlichung und Grammatikalisierung sein, ein durch minutiöse
Selektions- und Ordnungs-Arbeit geschaffenes Supplement zum immer schon be-
stehenden Sprachgebrauch.
Was um 1530 dem Begriff des Systems am nächsten kam, war der Begriff des
"Archetyps", den Charles de Bovelles in seinem 1533 veröffentlichten Über de dif-
ferentia vulgarium linguarum entwickelte.12 Ihm zufolge gehen alle Volkssprachen
aus der Dekadenz eines Archetyps hervor; da sich die romanischen Sprachen aus
dem Lateinischen herleiten, ist das Lateinische ihr Archetyp und der Archetyp aller
ihrer Dialekte. In seinem Ursprungsmilieu erhalte sich der Archetyp ohne weiteres,
weil die Gestirne die Menschen dazu brächten, die Sprache stets in derselben Weise
zu benutzen. Folglich sei die in Frankreich anzutreffende sprachliche Vielfalt eine
Folge der Tatsache, daß man das Lateinische in eine weit von Rom entfernte Ge-
gend mit anderen astrologischen Einflüssen gebracht habe.13 Mit dieser Argumen-
tation wollte Bovelles beweisen, daß es unmöglich sei, den Volkssprachen eine
Grammatik zu geben, weil das, wie er glaubte, bedeutet hätte, daß die Franzosen
bereit gewesen wären, wieder Lateinisch zu sprechen. Und eine solche Bemühung
sei nicht nur absurd — sondern auch deshalb unmöglich, weil die Gestirne ja wei-
terhin einen gegenläufigen Einfluß ausübten.
Bovelles These beruht auf Voraussetzungen, die weder Tory noch Sylvius teil-
ten. Die Grammatik wird auf den Archetyp reduziert, der nur noch in den geschrie-
benen Texten einer mittlerweile toten Sprache weiterexistiert; die Verbreitung des
Archetyps soll von den Eroberungen einer Herrscherkaste abhängen — und das
bedeutet, daß der Einfluß des Archetyps auf außersprachlichen Faktoren wie auf
seinen sprachlichen Eigenheiten beruht; solange der Archetyp nicht von seinem Ur-
sprungsmilieu entfernt wird, soll er auch nicht einer Grammatik zu seiner Erhaltung
bedürfen; sie wird jedoch zu einer Notwendigkeit für jene Völker, die ihn über-

malismus ermöglicht habe. Vgl. "The Printing and the peoplc". In: Society and Culture in Early
Modern France. Stanford 1975,225f.
^Liber de differentia vulgarium linguarum. <t Gallici sermonis varieiaie. Paris (ex officina Ro-
bcrti Stephani) 1533.
13
Wenn man einmal von seiner Astrologie-Hypothese absieht, dann liest sich Bovelles wie ein
Vorläufer der romanischen Sprachwissenschaft, weil er erkannte, daß die Dialekte aus jeweils ver-
schiedenen Vulgär-Formen des Lateinischen in den verschiedenen Regionen Galliens hervorgingen
— und nicht, wie Sylvius glaubte, aus einer einheitlichen 'franzosischen' Sprache.
74 Daniellc Tmdeau

nehmen. Die Grammatik soll ihnen ein genaues Porträt der Ursprungssprache ge-
ben und daher ein Instrument sein, das es erlaubt, die beim Sprechen begangenen
Fehler zu korrigieren. Die Abhandlung von Bovelles impliziert also eine von den
bisher diskutierten Traktaten grundsätzlich verschiedene Konzeption vom Gegen-
stand, von der Methode und von den Zielen der Grammatik in Beziehung zur
Sprachpraxis. Im Vergleich zu den ehrgeizigen Projekten eines Sylvius — und
wohl auch zu denen eines Tory — weist Bovelles der Schrift und der Grammatik
weit engere Grenzen zu. Aber Bovelles erkennt nicht weniger als seine Zeitgenos-
sen, daß es eine in der Sprachpraxis dominierende Norm des Französischen gibt.

2. Der Phonologismus der Renaissance

Der Phonologismus ist ein generelles Charakteristikum des (proto-)linguistischen


Diskurses in der Epoche der Renaissance. Er findet seinen Niederschlag etwa in
den vielfachen Bemühungen, die Aussprache des klassischen Lateins zu rekonstru-
ieren — und mithin die Sprache der Schriftlichkeit par excellence in das Paradigma
der Mündlichkeit zurückzuübersetzen. Im Bereich des Unterrichtens manifestiert
sich diese Tendenz in Lehreinheiten und Abhandlungen, in denen das Erlernen
einer konjizierten Alltagsnorm des Lateinischen und Griechischen im Zentrum
steht.14 Die Grammatiken der französischen Sprache — vor allem jene, die sich an
Ausländer wenden — widmen lange Kommentare der Laut-Beschreibung und den
Aussprache-Anweisungen. G. Tory skizziert — parallel zu seiner Beschreibung der
Schrift-Zeichen — eine vergleichende Phonetik des Lateinischen, Französischen,
Griechischen und der dazugehörigen Dialekte. Und auch Bovelles und Sylvius re-
servieren den größten Teil ihres Werks Kommentaren über die Aussprache des
Französischen.
Nun erscheint dieses Interesse für die mündliche, alltägliche, kommunikative
Dimension der Sprache simultan mit einem enormen Ansteigen in der Zahl der ge-
druckten Texte während des 16. Jahrhunderts. Ganz im Gegensatz zu unserer heu-
tigen Sicht dieser Phänomene scheint die Technik der Text-Reproduktion im Zeital-
ter der Renaissance den Traum von einer Aufhebung des Unterschieds zwischen
Mündlichkeit und Schriftlichkeit geweckt zu haben. Der Übergang vom Manuskript
zum gedruckten Buch führte tatsächlich zu einem neuen Typus von Schrift, der sich
schneller reproduzieren und verbreiten ließ, und auf den man sofort replizieren
konnte. In einem solchen dialogischen Verhältnis stehen zum Beispiel die drei

' 4 ln der von Erasmus und Luis Vives begründeten Tradiüonslinic wurde Malurin Cordicr zu einem
Spezialisten für solche Lchrcinhcilcn, welche den Lateinunlcrhchl erneuern sollten. Vgl. De Cor-
rupli sermonis emendalione libellus. 1536, und: Commenlarius puerorum de quotidiano sermone.
Paris 1550.
Kleine Sprachfabrik 75

Werke, die im vorausgehenden Abschnitt kommentiert wurden, und die in England


veröffentlichte Grammatik von Palsgrave. Der Traktat von Bovelles geht aus einer
Polemik hervor, die der Autor mit Johannes Trithemus geführt hatte. In dieser und
vielen anderen Hinsichten näherte sich die gedruckte Schrift weit mehr dem Gestus
der Korrespondenz an als es für das Manuskript möglich gewesen wäre, welches
den Graben zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit vertieft hatte, weil seine Zu-
sammenstellung, Produktion und Verbreitung von wenigen Privilegierten abhing.
Im Zeichen des Phonologismus sollte eine zweite Generation von Druckern und
Grammatikern eine Rechtschreibereform des Französischen mit dem Ziel fordern,
daß schriftliche Texte genau der Aussprache entsprechen sollten. In der zweiten
Hälfte des 16. Jahrhunderts erscheint eine erstaunliche Zahl von phonetisch be-
gründeten Rechtschreibe-Systemen: Auf die von Louis Meigret und Peletier du
Mans im Jahr 155015 folgen 1562 Pierre de la Ramee, 1578 Honorat Rambaud und
dann weitere Teilreformen, die sich vor allem auf die Akzentsetzung und — ange-
regt von Schriftstellern, vor allem von Ronsard — auf den Gebrauch von etymolo-
gisch begründeten Buchstaben beziehen. Die Namen von fünf der besten Drucker
der Epoche sind mit dieser Initiative verbunden: Jeanne de Marnef, Andre und
Chrestien Wechel in Paris nach 1545, Engelbert de Marnef in Poitiers und schließ-
lich Jean de Tournes in Lyon.16 Peletier macht die Werkstatt von Michel Vascosan
zum Schauplatz seines Dialogue de l Orthographie, in dem der Reform-Feind Th6o-
dore de Beze die These vertritt, daß die Schrift als Erbteil der Gebildeten eine Art
'Mehrwert' haben müsse, der sie unzugänglich für alle Ignoranten machen und als
Zeichen der sozialen Distinktion dienen solle:

Es ist notwendig, daß ein Unterschied zwischen dem Schreiben der Gelehrten und dem der Hand-
werker besteht [...]. Ist es denn in der Ordnung, daß ein Handwerker, der gerade mit Mühe Lesen
und Schreiben gelernt hat und die Regeln der Grammatik noch nicht versteht, als ebenso gebildet
gilt wie wir, die wir uns diese Fähigkeit in einem langen Studium und durch harte Übung ange-
eignet haben?17

Auf den ersten Blick scheint das Prinzip der phonetischen Rechtschreibung einer
elitären und gelehrten Konzeption der Schrift zu widersprechen. Doch auch Jean

,5
Dcn ersten Schritt in diese Richtung hatte Louis Meigret schon 1542 gemacht, als er auf die In-
konsistenzen des damals noch allgemein praktizierten Systems verwies: Traili loucham le com-
mun usage de l'escriture Francoise.faict par Loys Meigret Lyonnais: auquel est debatlu desfaultes
et abus en la vraye et ancienne puissance des lettres. Paris 1542.
,fi
Vgl. zur Geschichte der Orthographicrcform im 16. Jahrhundert F. Brunot: llistoire de la langue
francaise. Bd. 2,93-123, und Y. Citton/A. Wyss: Les doctrines orthographiques du XVIe stiele en
Franee. Genf 1989.
''J. Pclcücr du Mans: Dialogue de l'Ortografe et Prononeiacion Francoeze. Paris 1555 (Erst-
ausgabe 1550). Reprint Genf 1966, 52.
76 Danicllc Trudeau

Paul Dauron, der in diesem Dialog der Apologet des Reformprinzips ist, stützt sich
auf das Argument der Wissenschaftlichkeit. Die beiden Kontrahenten stimmen also
in ihrer Zielvorstellung überein — sie wollen, ganz im Sinne eines Sylvius, den
Eliten ein Instrument an die Hand geben, durch das sie sich von den Ungebildeten
abheben können. Aber sie fassen verschiedene Mittel zur Erreichung dieses Ziels
ins Auge- Beze geht es darum, den lateinischen Ursprung der Sprache in der Schrift
sichtbar zu machen, während es für Dauron eine Pflicht der Vernunft ist, daß die
Schrift dem tatsächlich gesprochenen Wort entspricht.
In ähnlicher Weise überwindet Louis Meigret, einer der glühendsten Verfechter
der Rechtschreibreform, den Gelehrten-Widerstand gegen die Grammatikalisie-
rung. Er ist der erste Grammatiker, der eine interne Struktur in der Volkssprache
sieht. Es wäre unmöglich, schreibt er in den ersten Zeilen seiner Grammatik, daß
man über das Medium einer Sprache ohne Regeln kommunizieren könnte; denn nur
sie erlauben, "daß das verstanden wird, was zum Ausdruck zu bringen die Absicht
war".18 Die Sprache kann nur funktionieren, weil sie "eine Ordnung hat", weil man
sie in "Einheiten" gliedern kann, deren Verhältnis gewissen "Regeln" folgt. Jenseits
der nur scheinbar "regellosen" Phänomene muß der Grammatiker jene Schemata
identifizieren, welche die Auswahl, die Form und die Wirkung der Ausdrucksmittel
im Hinblick auf die genaue Übertragung von "Aussage-Absichten" leiten. Diese
Bemerkungen aus der Einleitung zu Meigrets Grammatik signalisieren einen be-
deutsamen Wandel in der Geschichte des grammatikalischen Denkens, an dem
später Roben Estienne ansetzen sollte. Meigrets Grammatik ist die erste Grammatik
in französischer Sprache und präsentiert sich als ein von der "etymologischen Per-
spektive" befreites Unternehmen. Außerdem ist sie in der von Meigret entwickelten
Orthographie geschrieben, welche den mündlichen Sprachgebrauch wiederspiegeln
soll. 19
Meigrets Sprachkonzeption kombiniert den Phonologismus, die Gelehrten-Mei-
nung von der Schrift als Supplement und den Glauben an die Abhängigkeit der
Norm von politisch-sozialen Faktoren. Er unterscheidet die Hof-Sprache von der
Gemein-Sprache und die geschriebene Sprache von der gesprochenen Sprache.
Zum erstenmal verweist ein gelehrtes Werk auf die Höflinge als die besten Reprä-
sentanten der französischen Sprache. Der Grammatiker zeigt ihnen, wie sie ihren
Ausdruck eleganter, rationeller — in Meigrets Terminologie "naiver" — machen
können; diese Naivität' ist als ein Streben nach Natürlichkeit und Wahrheit zu ver-
stehen, das aus der gesprochenen Sprache schöpft, aber andererseits vom Ideal der

**Tretti de la Grammere Franqoeie. Paris 1550. Ao' lecieurs, 2 recto.


19
Mcigrct trieb das Prinzip der Entsprechung zwischen Mündlichkeit und Schrifüichkcil ins Ex-
trem; er wollte, daß die Schrift regionale und historische Varianten sowie suprasegmentale Phäno-
mene (Akzent, Betonung) aufnehmen sollte. Vgl. F. R. Haussmann: Louis Meigret. humaniste et
Ungutste. Tübingen 1980, 106-110, 108, Fußnote 22.
Kleine Sprachfabrik 77

Regelhaftigkeit kaum zu unterscheiden ist. Der Eliteanspruch der Gelehrsamkeit


fällt mit dem gesellschaftlichen Eliteanspruch zusammen, weil sich beide Seiten als
Suche der Sprecher nach 'Naivität' verwirklichen — und das heißt als eine beson-
ders konsequente Anwendung der sprachimmanenten Regeln. Obwohl Meigret der
Grammatik in bezug auf den Sprachgebrauch nur eine darstellende Funktion zu-
weist, empfiehlt er daher häufig, daß man Ausdrücke und Strukturen vermeiden
soll, die nicht vernunftgemäß sind20 oder dem Bemühen um bessere Sprache ent-
gegenlaufen.21 In gewisser Weise soll also der Grammatiker zu dem von der politi-
schen und gesellschaftlichen Elite entwickelten Sprachgebrauch einen Aspekt intel-
lektueller Vorsicht beisteuern. In solcher Nuancierung gelingt es Meigret, das ge-
sellschaftliche Legitimitätsprinzip des hon usage zur Konvergenz mit dem gelehrten
Projekt der Sprach-Verschriftlichung zu bringen.

3. Robert Estienne

Robert Estienne war ein Drucker, der die Regeln der enstehenden 'Grammatologie'
der französischen Sprache festlegte und die Begriffe des Sprachsystems, des
Archetyps (im Sinn von Bovelles) und des bon usage miteinander kombinierte.
1557, sieben Jahre nach Meigret, veröffentlichte er seine französische Gramma-
tik.22 Im Vorwort rechtfertigt er sein Werk mit der Bemerkung, daß seine Vorgän-
ger — vor allem Sylvius und Meigret — dialektale Sprachformen und künstliche
Regeln verbreitet hätten. Nun sei es an der Zeit, die Wirkung dieser Bücher mit
dem Mittel des Buches zu bekämpfen.23 So korrigiert Estienne Sylvius und Meigret
— und borgt zugleich von beiden nicht nur zahlreiche Beispiele, sondern die Be-
schreibungsmethode und wesentliche Elemente des grammatikalischen Kommen-
tars. Mit Einzelheiten gibt er sich kaum ab, denn er möchte seine Grammatik auf die
dedaraüon — im Sinne von "Darstellung" — der Sprachstrukturen beschränken.
Sie soll so etwas wie ein 'Negativ-Bild' des Sprachgebrauchs sein, eine Kopie,
welche es den Lesern erlauben soll, daran ihre Sprachpraxis auszurichten. Estienne

20
So rät er den Mitgliedern des Hofes vom Gebrauch gewisser Strukturen ab, die zugleich ver-
nunftwidrig und ästhetisch anspruchslos seien oder 'nicht gut klingen'.
21
Hier orientiert sich Meigret an einer 1542 vorgeschlagenen Unterscheidung zwischen "usage"
und "abus": "'Usage' ist nichts anderes als eine gemeinsame — vcrnunftgcleitcte — Lebensform.
Weshalb 'abus' eine ungeordnete und vemunfilose gemeinsame Lebensform ist. So unterscheidet
sich 'usage' von 'abus' allein durch seinen Bezug auf die Vernunft [...]". Vgl. Traiti louchant le
commun usage de l'escriture Francoise (Anm.15), 7 verso - 8 rcelo.
^• Tratctide la Grammaire francoise. Genf 1557.
23
Was Robert Estienne nicht erwähnt, ist die Tatsache, daß er selbst 1532 die Grammatik des Syl-
vius und 1533 den Traktat von Charles de Bovelles veröffentlicht hatte. Auch Tory gehörte zu sei-
nen Mitarbeitern.
78 Danicllc Trudcau

ist gegen die Rechtschreibreform, weil sie die herrschende Norm Vernunft-Prinzi-
pien opfere. Er nimmt in Anspruch, sich am "gebilligten" Sprachgebrauch auszu-
richten, so wie man ihn in der Gesellschaft antrifft. Das ist freilich nicht der
Sprachgebrauch des Volkes, in dem nicht alle Formen 'gebilligt'24 seien, sondern
"die Sprache der Höfe Frankreichs, die Sprache des Königs und seines Parlaments
in Paris, auch die seiner Kanzlei und seines Kontors, wo die Sprache reiner ge-
schrieben und ausgesprochen wird als irgendwo sonst".
Der Grammatiker muß also keinen eigenen Sprachstil erfinden, er kann sich auf
den verlassen, der an der Orten der Macht vorherrscht. Die Sprachpraxis bestimmt
die Regeln der Grammatik — und nicht umgekehrt. Es trifft zu, daß der Hof —
oder genauer: die Verwaltungskammern des Königreiches — einen besonderen Stil
entwickelt hatten, der als Vorbild für gepflegte Sprache in den Provinzen ange-
nommen wurde, wo sich die Dialekte seit dem 16. Jahrhundert im Rückzug be-
fanden. In der königlichen Kanzlei war auch die etymologische Form der Recht-
schreibung enstanden. Robert Estienne kehrte deshalb die Perspektive um, unter
der Sylvius und Meigret die Grammatikalisierung des Französischen in Angriff ge-
nommen hatten. War der bon usage für seine Vorgänger ein Ziel gewesen, so ging
er nun bei Estienne der Grammatik voraus. Für ihn ist der Begriff des Systems
nicht mehr trennbar vom Sprachstil der höchsten gesellschaftlichen Schichten —
und das entspricht Bovelles Definition des Archetyps: Er schreibt sich einem gesell-
schaftlichen Ort und einem geographischen Ort zu.
Unter dem unpolemischen Gestus von Estiennes Grammatik verbirgt sich eine
radikale Transformation des Diskurses über die Volkssprache. Sie erscheint nicht
mehr als ein kompakter Komplex, der von den Gelehrten strukturiert und auf die
Gesetze der Vernunft gebracht werden muß. Estienne erkennt einen Schnitt, der
durch die Volkssprache geht, nämlich die Gegenwart der Schrift — als regelstiften-
des Prinzip — in der gesprochenen Sprache; er sieht den Sprachstil der politischen
Klasse als eine Grammatik vor der Grammatik an.25 Hier liegt auch der Grund,
warum der königliche Drucker Robert Estienne für die etymologisierende Recht-
schreibung eintrat — sie sollte der Schreibpraxis jener Gruppe entsprechen.26

24
Dicse Unterscheidung erinnert an Meigrets Unterscheidung zwischen usage und abus; Estienne
übersetzt sie jedoch in politische Begriffe und gibt die Ausrichtung am Vemunftprinzip auf.
25
Mchr als irgendeine andere gesellschaftliche Gruppefördertdiese Klasse die Buchindustrie: Aus
ihr stammen die Autoren und Leser, die Kritiker und die Mäzene (auf deren Unterstützung sich ge-
rade Estienne ort verlassen mußte).
2fi
Robcrt und Henri Estienne sind vor allem durch ihre Polemik gegen die phonetische Recht-
schreibung bekanntgeworden, die sie — mit dem Namen Meigrets spielend — "la maigre ortho-
graphe" nannten. Da ihre Werkstatt in Paris (und später auch in Genf) ein enormes Ansehen genoß,
trug ihr Rcchtschrcib-Konservativismus ganz erheblich zum Scheitern der Reform bei — und spä-
ter auch zum Scheitern jeglicher Versuche, ein immer inadäquater wirkendes System zu verbessern.
Der Grund für die Annahme eines einfacheren Rechtschreibprinzips im frühen 17. Jahrhundert war
Kleine Sprachfabrik 79

Wenn es zutrifft, daß Estienne die Grammatik von den Zwängen der Vernunft be-
freit hat, so hat er sie doch andererseits um so stärker den Zwängen der politisch-
sozialen Praxis ausgesetzt.
Als ein letztes Charakteristikum von Estiennes Sprachkonzeption bleibt die Pro-
jektion der Sprachnorm in die Vergangenheit zu erwähnen. Wir befinden uns im
Jahr 1557 — doch Estienne will die Sprache des Hofes von Francois I. verbindlich
machen. Dies ist der Keim einer Polemik gegen den zeitgenössischen Hof, die
später Henri Estienne und Theodore de Beze entwickeln sollten.27 Zugleich schützt
diese Projektion Estienne vor dem Vorwurf der Anmaßung, denn zum Zeitpunkt
der Veröffentlichung seiner Grammatik arbeitet er in Genf. Er kann also nicht in
Anspruch nehmen, den Hof zu repräsentieren. Seine Beschreibung der französi-
schen Sprache beruht auf Erinnerungen an den Sprachgebrauch der Amtsträger des
Staates, auf Eindrücken aus seinen zahlreichen Kontakten mit jener Welt und aus
der persönlichen Freundschaft, die ihn mit Francois I. verband. So stellte Estienne
nicht nur die Autorität des Hofes von Henri II. hinsichtlich der Sprachnorm in
Frage, sondern rief den Gebildeten ins Gedächtnis, daß bei der Nachahmung der
Hof-Mode prinzipiell Vorsicht geboten ist. Außerdem entsprach die Verlagerung
der Norm in die Vergangenheit Bovelles Forderung, daß es zur Erstellung einer
Grammatik der Identifizierung eines gesellschaftlich, geographisch und historisch
spezifischen Archetyps bedürfe. Grammatikalisierung wurde so zum Verweis auf
eine in der Erinnerung oder in der Schrift fixierte Norm der Vergangenheit — sie
hatte sich ganz vom Entwerfen einer utopischen Norm entfernt. Jene ideologische
Bemäntelung der Sprachpraxis, die wir in Torys Begriff des honneste langage an-
getroffen haben, vollendete sich in der Grammatik von Robert Estienne.

***

Natürlich ist die französische Sprachnorm nicht von den Druckern erfunden wor-
den — sie hatte schon seit drei Jahrhunderten existiert. Aber sie existierte als Pra-
xisform und war noch nicht zum Gegenstand eines gelehrten Diskurses oder einer
gelehrten Analyse geworden. Der Beitrag der Drucker lag darin, diese Norm —
durch zahlreiche, oft in sich widersprüchliche Aktionen — aus dem Status einer
Praxisform in das Bewußtsein und in den Status eines gelehrten Diskurses gehoben

wohl die Konkurrenz zwischen französischen und holländischen Druckern. Die Holländer verbreite-
ten Vereinfachungen wohl eher aufgrund mangelnder Kompetenz denn aufgrund irgendeiner höheren
Überzeugung. Vgl. Fcbvre/Martin (Anm. 1), 486-4%.
2
Vgl. Henri Estiennes Pamphlet: Deux Dialogurs du nouveau langage Francois italianizt et
aulremeni desguizt, principalemenl enire les courtisans de ce temps. Paris 1578, und das Vorwort
des Traktats von Theodore de Beze: De Francicae linguae erecla pronuntiatione. Genf 1584, 8f.
80 Danicllc Trudcau

zu haben. Nur in diesem Kontext ist die Grammatik des Robert Estienne historisch
bedeutsam — als das erste wissenschaftliche Werk, in dem ohne Einschränkung
die Meinung vertreten wird, daß der bon usage der gesprochenen und geschriebe-
nen Sprache in der Umgebung des Königs entspreche. Die Grammatiker sollten an
diesem Sprachgebrauch die natürliche Sprachstruktur und die Formen der Eleganz
entdecken. Daß auf der anderen Seite Sylvius' Ideal der Sprach-Standardisierung
nicht Wirklichkeit geworden ist, lag wohl vor allem daran, daß die Sprachnorm in
der Gesellschaft schon eine hinreichend bedeutende Rolle spielte, um die Autorität
der Gelehrten auf die Ebene des geschriebenen Textes zu begrenzen. Nur dort
konnte sie wirksam sein. Robert Estienne vollzog dann diesen Schritt hin zur
Schriftlichkeit. Er griff Sylvius' Prinzip eines 'höheren Stils' auf, Bovelles Begriff
des 'Archetyps' und die von Meigret postulierte Idee der 'inhärenten Sprachstruk-
tur' und wandte sie alle auf die nicht-schriftliche Norm an; damit gewann in seiner
Grammatik der Druck der politisch-sozialen Umstände für die Bestimmung des bon
usage jene Bedeutung, die für andere Grammatiker die Vernunft gehabt hatte. Der
Fall Robert Estienne zeigt uns somit, daß der Beitrag der Druckkunst zur Standar-
disierung der französischen Sprache darin bestand, einen diskursiven Raum bereit-
zustellen, in dem sich das Buch für Fragen der Volkssprache öffnete und in dem
die Sprachpraxis die Ebene der Schrift erreichte — so daß sich am Ende die Ideo-
logie des bon usage entwickeln konnte.

Aus dem Französischen von Hans Ulrich Gumbrecht


John Bender

Unpersönliche Gewalt

Der durchdringende Blick und das Erzählfeld

in William Godwins Caleb Williams

Mein Thema ist die Gewalt, die in gewissen Techniken unpersönlichen Erzählens in
der realistischen Prosaliteratur steckt. Ich möchte auf Probleme hinweisen, die
zugleich komplex und zunächst nicht offen sichtbar sind. Während ich sie hier ent-
wickle, werde ich mich jedoch hauptsächlich auf die von William Godwin in
seinem Roman Caleb Williams versuchte radikale Kritik an der sozial, rechtlich und
staatlich konstruierten Charakter- und Bewußtseinsmaschinerie während der Auf-
klärung konzentrieren — eine Kritik, die letztlich von der Technologie, die sie an-
griff, von innen überwältigt wurde.

Ich beginne noch einmal, diesmal mit drei Zitaten. Das erste stammt von Jonathan
Swifts Hack in A Digression ort Madness. Sowohl Swifts Dichotomie zwischen
gewöhnlicher Sicht und dem wissenschaftlichen Blick als auch seine Metapher, die
weibliche Haut und stutzerhafte Kleidung miteinander vermischt — seine Verweib-
lichung des Körpers unter dem Messer wissenschaftlicher Untersuchung — erwei-
sen sich als in unheimlicher Weise prophetisch:

The two Scnscs, to which all Objects first address thcmscives, are the Sight and the Touch; These
ncver cxaminc farthcr ihan ihc Colour, ihc Shapc, the Size, and whalcvcr olhcr Qualilics dwcll, or
are drawn by An upon the Outward of Bodics; and then comcs Rcason officiously, wilh Tools for
eulting, and opening, and mangling, and piercing. offering to dcmonsiralc, lhat they are not of the
samc consistcncc quitc thro'... Üicrefore, in order lo save ihc Charges of all such expensive Ana-
lomy for the Time to come; I do here ihink fil to inform the Reader, lhat in such Conclusions as
these, Rcason is ccrtainly in the Right; and lhat in mosl Corporcal Bcings, which have fallen un-
82 John Bender

der my Cogni/.ance, the Outsiäe halh been infinitcly prcferable to the In: Whcrcof I have been far-
ihcr ronvinced from some late Experiments. Last Weck I saw a Woman/7a/d, and you will hardly
hclicvc, how much it altered her Person for the worse. Ycsterday I ordered the Carcass of a Beau to
bc stript in my Prcsence; when we were all amazed to find so many unsuspected FaulLs under onc
Suil of Clolhcs: Then I laid open his Brain, his Heart, and his Spleen; Bul, I plainly perceivcd al
cvcry Operation, lhat Ihc farther we procecdcd, we found Ihc Dcfects encreasc upon us in Numbcr
and Bulk: from all which, I justly formed this Conclusion to my seif: That whatever Philosopher
or Projccior can find out an Art to sodder and patch up the Flaws and Impcrfections of Nature, will
dcscrvc much bcucr of Mankind, and teach us a more useful Science, than lhat so much in present
Estccm, of widening and exposing them.1

Swifts Verachtung für pseudo-wissenschaftliche Rationalisten und Spekulatoren


macht ihn — aus einer entgegengesetzten politischen Perspektive — zum Vorläufer
eines gegenaufklärerischen Rebellen wie William Blake und läßt ihn Godwins poli-
tischen Idealismus in satirischer Weise vorwegnehmen. Swifts Houyhnhnms ent-
wickelten für Godwin das Ideal einer von methodischem Denken und geregelter
Praxis regierten Gesellschaft, d.h. einer Gesellschaft, die regiert wird von einer
Godwin eigenen Form eines Rationalismus mit autonomen Individuen, von Güte
und Ehrlichkeit eher als von Institutionen und vertraglich gesicherten Rechten.2
Diese gegenaufklärerische Tendenz tritt auch in poststrukturalistischem Denken
hervor, zum Beispiel in Jacques Derridas Würdigung der Gedanken von Emmanuel
Levinas, die den Titel Violence and Metaphysics trägt:

Incapablc of respecting the Bcing and mcaning of ihc other, phenomenology and ontology would
bc philosophics of violence [...] [connected wilh) The ancienl clandeslinc friendship between light
and power, and ihc ancient complicity between theorclical objccüvity and techno-polilical posses-
sion (...] The heliological metaphor only tums away our glance, providing an alibi for the
hislorical violence of light: a displacement of lechno-political oppression in ihc direction of
philosophical discourse.3

'Jonathan Swift: A Tale of a Tub, hg. v. A. C. Gulhkclch und D. Nichol Smith. Oxford 2 1958,
173f.
2
Vgl. Don Locke: A Fantasy of Reason. The Life and Thought of William Godwin. London
1980, 8; Peter Marshall: William Godwin. New Havcn 1984, 48. Blake wie Godwin antizipieren
auf ihre Weise Horkhcimers und Adornos Angriff auf die instmmenlcllc Perversion der Vernunft in
der Dialektik der Aufklärung.
3
Jacqucs Dcrrida: Writing and Difference, übers, v. Alan Bass. Chicago 1978, 91 f. Diesem Zitat
konnten andere aus diesem Essay hinzugefügt werden: "Heidegger still would have quesuoned and
redueed thcorctism from wilhin, and in the name of, a Greco-Plalonic tradition under the
survcillancc of ihc agency of the glance and the metaphor of light. Thal is, by the spatial pair
insidc-ouLsidc |...] which givcs life lo ihe Opposition of subjeel and objeet" (88); oder: "After
having spoken of taste, louch, and smcll, Hegel [...] wrilcs in Ihc Aeuhelicv. 'Sighl, on the other
hand, possesses a purcly ideal rclalion to the objeets by means of light, a matcrial which is at the
Unpersönliche Gewall 83

Die Metapher der Aufklärung, die wir aus dem achtzehnten Jahrhundert geerbt ha-
ben, ist eine jener 'heliologischen Metaphern', die unpersönliche Gewalt verhüllt.
Diese Form von Gewalt wirkt an der wissenschaftlichen Strukturierung von Objek-
ten mit — indem sie jede geheimnisvolle Andersheit dadurch auslöscht, daß sie
autonome Körper mit Wissen infiltriert, indem sie sie mit den prüfenden Strahlen
des Lichts 'häutet'. Wenn die Wissensform, die wir realistische Erzählung nennen,
die Körper und den Geist derer infiltriert, die sie darstellt, wie sie dies in zuneh-
mender Weise im Roman des achtzehnten Jahrhunderts tut, so dominiert ihr
'technisch-politischer Besitz' und zerstückelt — kastriert symbolisch — diese Kör-
per, unabhängig davon, ob das Instrument das Anatomiemesser in den unpar-
teiischen Händen der Vernunft ist, welche Mängel in der Leiche von Swifts Beau
bloßlegt, der durchdringende Blick klinischer Untersuchung oder die novellistische
Beschreibung des Bewußtseins. Caleb Williams ist nicht mehr denn ein repräsenta-
tives Opfer aufgeklärter Untersuchungen.
Das dritte Zitat stammt aus einem Vorwort, das Godwin nahzu vierzig Jahre nach
der Publikation von Caleb Williams schrieb. Er thematisiert die Metapher des Sezie-
rens, das auch ein Vorzugswort seiner novellistischen Vorläufer war:

I began my narrative [...] in the Ihird person. But I speedily became dissatisfled. I ihcn assumed the
first person, making the hcro of my Laie his own historian [...] [This] was infinitely the best
adapted [...] in my vein of dclineaüon, whcrc the thing in which my imagination revellcd the most
frccly, was the analysis of the private and internal Operations of the mind, employing my
metaphysical dissecting knife in tracing and laying bare the involutions of motive [...] I rather
amused mysclf with tracing a cenain similitude between the story [...] and the talc of Bluebeard
[...] Falkland was my Bluebeard, who had perpetrated atrocious crimes [...] Caleb Williams was
the wifc, who in spite of warning, persisted in his attempts to discover the forbidden secret; and,
when he had succecdcd, struggled fruitlessly to escape the conscquenccs, as the wifc of Bluebeard in
washing the key of the ensanguined Chamber, who, as often as shc cleared ihe stain of blood from
the onc sidc, found it showing itself with frightful dislinctness on the other.4

Ich werde später auf dieses verspätete Vorwort von Godwin zurückkommen. Für
den Augenblick möchte ich nur betonen, daß er die Erzählerstimme Calebs in der

same timc immaterial, and which suffers on its pari the objccls to continue in their free self-
subsistance' [...] This neutral ization of dcsirc is what makcs sight excellcnt for Hegel. But for
Levinas, this neutral ization is also [...] the first violence (...) Violence, then. would be the
solilude of a mute glance, of a face without speech, the abstraction of secing. According to
Levinas the glance by itself, contrary to what one may be led to bclieve, does not respeci the
other" (99).
4
William Godwin: Caleb Williams, hg. v. David McCrackcn. London 1970, 339. Alle weiteren
Zitate folgen dieser Ausgabe und erscheinen in Klammern im Text. Godwins nickschauende
Beschreibung der Komposition von Caleb Williams findet sich in seinem Vorwort zu der Edition
der Standard Novels (1832) seines Romans Fleetwood.
84 John Bender

ersten Person als eine metaphysische Sezierung ansieht und daß er Caleb verweib-
licht — als die letzte in der Reihe von Blaubarts ermordeten Frauen. Diese Passage
enthält Godwins Besprechung der fiktionalen Gegenstücke, von denen er abhängig
war, und die Caleb in eine lange Reihe novellistischer Kadaver stellt, deren Auto-
ren, wie Godwin sagt, "[were] employed upon the same mine as myself, however
differcnt was the vein they pursued: we werc all of us engaged in exploring the
entrails of mind and motive" (340). Bereits Hogarth hatte sich solch eine Er-
forschung als die buchstäbliche Sezierung krimineller Eingeweide vorgestellt, wie
sie in der letzten Tafel seiner Four Stages ofCruelty illustriert ist, und er hat den
Vorgang optisch mit einer Gerichtsverhandlung verglichen — dem vorherrschen-
den Ort der Handlung in Caleb Williams.5

II

Ich möchte nun einige Rahmenthesen vorstellen. Die erste Gruppe betrifft die so-
ziale und psychologische Bedeutung des Erscheinens der Erzählform in der dritten
Person, dem style indirect libre (erlebte Rede), einer technischen Erneuerung, die,
historisch spezifisch für das spätere achtzehnte Jahrhundert, die Darstellung von
Bewußtsein durch scheinbar unbeschränkte, alles sehende unpersönliche Erzählung
ermöglicht. Wie Dornt Cohn bemerkt, ist erlebte Rede ein Mittel "for rendering a
character's thought in his own idiom while maintaining the third-person reference
and the basic tense of narration".6 Es ist das charakteristische Verfahren, um den
Schein von Transparenz zu sichern, der den realistischen Roman vom späteren
achtzehnten Jahrhundert an auszeichnet. Transparenz ist die Sehgewohnheit, nach
der sowohl Autor wie Beobachter von einer Darstellung abwesend sind, deren Ge-
genstände so behandelt werden, als ob ihr Äußeres in einem einheitlichen Gesichts-
feld vollkommen sichtbar und ihr Inneres vollständig zugänglich wäre. Flaubert hat
ihr Grundprinzip in einer anschaulichen Formulierung zusammengefaßt: "The Illu-
sion (if there is one) comes [...] from the impersonality of the work [...] The artist
in his work must be like God in his creation — invisible and all-powerful: he must

5
Ronald Paulson: llogarth's Graphic Works. 3. rev. Ausg. London 1989, Tafeln 190-190a und, als
Kommentar, 148-152. Die Leiche isl nicht sichtlich kastriert, aber weder in der Voraichnung noch
in der gedruckten Tafel erscheint die Leiche mit Genitalien. Sean Shesgreen verweist auf "intima-
lions of cannibalism" in der Zeichnung. Vgl. Engravtngs by Hogarth, hg. v. Sean Shesgren. New
York 1973, Tafel 80.
6
Vgl. Dorrit Cohn: Transparent Minds: Narralive Modesfor Presenling Consciousness in Fielion.
Princcion 1978; Käle Hamburger: Die Logik der Dichtung. Stuttgart 31977; Roy Pascal: The
Dual Voice. Manchester 1977; Ann Banficld: Unspeakable Sentences: Narration and Represen-
tation in the Language of Fielion. Boslon 1982.
Unpersönliche Gewalt 85

be everywhere feit, but never seen".7 Erlebte Rede verweist auktoriale Gegenwart
in die Grammatik und Syntax der dritten Person, durch die die Illusion von
Bewußtsein aufgebaut wird. Das Auftauchen dieser Technik in der Erzählliteratur
steht historisch in Beziehung mit der Projektion von unpersönlicher Autorität in
Strafanstalten, wie sie in Jeremy Benthams Panopticon verkörpert ist. Benthams
Ideal-Plan offenbart, daß das operationale Moment der Strafanstalt in dem von ihm
so genannten principle of inspection liegt, nicht in der Person des Inspektors. Ent-
scheidend ist, daß der Inspektor-Wärter weder wirklich allwissend noch überhaupt
eine Person ist, sondern daß die Transparenz der Gefängnisarchitektur den Gefan-
genen zwingt, ihn sich als solchen vorzustellen. Reform hängt von der Überzeu-
gung ab, daß Allwissenheit das Sein umgibt.8
Die erlebte Rede wie auch Benthams principle of inspection stehen außerdem in
Beziehung mit Adam Smiths Identifizierung der sympathetischen Wechselbezie-
hung von / und other als dem grundlegenden psychischen Mechanismus, der durch
die Introjektion sozialer Normen als individuelle Werte Bewußtsein und Charakter
bildet. So begründet die Empfindung von Sympathie ironischerweise eine Macht-
ordnung. Smith, der diese internalisierte Darstellung der dritten Person den impar-
tial speetator genannt hat, hat selbst manchmal erzählerische Mittel verwendet, die
der erlebten Rede sehr ähnlich sind. Er gibt sein Konstrukt als ein natürliches,
allgemeines Prinzip aus, während es meiner Ansicht nach eine Beschreibung der
herrschenden Verhaltensideologie oder des sozialen Systems nachaufklärerischer
Kultur ist. In meiner Analyse von Caleb Williams werde ich später vorführen, wie
Godwin versucht hat, den Mechanismus dieser Ideologie neu zu inszenieren, um
ihn als Herrschaftssystem zu entlarven.9
Smiths Zeitgenosse Goldsmith zeigt uns die Verkörperung des impartial speetator
im literarischen Bereich und legt uns dar, wie sich — gestreut und heimlich —
Allwissenheit in der scheinbar privaten Stimme des Individuums behauptet.

7
Das Zitat von Flaubcrt stammt aus The Uliers of Gustave Flaubert, 1830-185, hg. u. übers, v.
Francis Stccgmuller. 2 Bde. Cambridge 1980-1982.1, 230. BakhtinA'oloshinov sagen über dieses
technische Erzählmittel: "Some [...) shift had to have oecurred within socio-verbal intercourse [...]
for that csscnlially new manner of pereeiving another person's words. which found expression in
[free indireet discourse], to have been established. [...] The inner subjeetive personality with its
own sclf-awareness does not exist as a material fact [...] but it exists as an ideologeme. (...) A
word is not an expression of inner personality; rather, inner personality is an expressed or inwardly
tmpelled word" (komprimiert aus Mikhail M. Bakhtin und Valentin N. Voloshinov: Marxism and
the Phttosophy of Language, übers, v. Ladislav Matcjka und I. R. Titunik. New York 1973, 143-
152).
8
Zu Bcntham und der Entsprechung zur erlebten Rede vgl. John Bender: Imagining the
Penitenttary Fiction and the Archileclure ofMind in Eighleenlh-Century England. Chicago 1987,
Kapitel 7.
9
Zu Smith und erlebter Rede vgl. Bender (Anm. 8), Kapitel 7.
86 John Bender

Obwohl während der 1760er Jahre und in der ersten Person geschrieben und nicht
ohne weiteres zur Vorgeschichte der erlebten Rede gehörig, nähert sich The Vicar
of Wakefteld dieser Technik dennoch an. Einige Passagen in dem Roman können
als Erzählung in der dritten Person verstanden werden, und zwar so, als ob sie ih-
nen von der Perspektive der ersten Person des Vikars eingeschrieben wäre.10 Das
Subjekt der ersten Person stellt sich als ein bemerkenswert durchlässiges Gewebe
individueller Empfindungen heraus, das jedoch strukturiert ist durch die unpersön-
liche Geometrie einer sozio-psychischen Organisation. Im nachhinein hat diese Tat-
sache im Falle Goldsmiths überraschende politische Implikationen, denn nicht nur
seine spezifische Befürwortung der Strafgefangenschaft, sondern auch die verstreut
dargestellte, unpersönliche Grundlegung seines Erzählens stehen seiner artikulier-
ten Philosophie als eines nostalgischen Landkonservativen mit der Sehnsucht — ä
la Bolingbroke — nach der Konzentration von Autorität in der höchst individuellen
Person eines patemalistischen Königs entgegen.
Godwin, das ist meine These, stellt den umgekehrten Fall eines utopischen Anar-
chisten dar, dessen Attacke gegen personifizierte Autorität in Caleb Williams inner-
halb eines Erzählfeldes stattfindet, das seinem Unternehmen aufs tiefste wider-
spricht. So zwingend ist die Teleologie der Darstellung, wie sie im realistischen
Roman konfiguriert ist, daß Godwin nicht nur das Ende seiner Geschichte ihrer
Dynamik entsprechend umschrieb, sondern danach an eine umfassende Neubear-
beitung von Political Justice geht. Diese Revision wie auch weitere Einfügungen in
Caleb Williams belegen, daß der Roman zu einem konfliktgeladenen Schauplatz
wurde, auf dem Godwins anfänglicher Glaube an radikal individuelle Tugend sich
nicht behaupten konnte. Sein Denken tendierte zu rationalem Dissens, wurde aber
eingeholt in eine Darstellung moralischen Seins, das sich von den 1760er Jahren an
als in zunehmendem Maße vorherrschend zeigte und das eine Dialektik zwischen
einer psychologisierten Innenwelt subjektiver Reflexion und einer abstrahierten so-
zialen Ordnung bildete, die durch sympathetische Identifizierung mit repräsenta-
tiven Individuen introjiziert wurde. Der Blick und natürlich die damit zusammen-
hängende Zuschauerschaft sind die Medien, innerhalb derer diese Dialektik haupt-
sächlich operiert, aber die umfassendere Fragestellung betrifft das vraisemblable —
das Erscheinen von Realität — innerhalb derer die nachaufklärerische Kultur Cha-
rakter und soziale Beziehungen konstruiert.
Die heutige Diskussion des Blickes als Mechanismus umfaßt eine Skala von
Verallgemeinerungen, die zu weit ist, und Subtilitäten von Unterschieden, die zu
fein sind, um sie hier vollständig darzulegen. Das Thema erfordert jedoch eine

,0
Vgl. John Bender: "Prison Reform and the Scntcncc of Narration in The Vicar ofWakefteld". In:
The New Eighleenlh Century. Theory. Politics. English Lileralure. hg. v. Fclicily Nussbaum und
Laura Brown. New York 1987, 168-188; zur Wiedereinschreibung einiger Formen der Erzählung in
der ersten Person als gleichsam erlebte Rede vgl. besonders 184f.
Unpersönliche Gewall 87

zweite Gruppe von Rahmenthesen. Besonders relevant in diesem Kontext sind


Fragen über sexuelle Dominanz, wie sie in den Arbeiten Laura Mulveys und ande-
rer feministischer Filmtheoretiker(innen) zur Sprache kommen, und Fragen über
die Geschichte des Blickes, wie sie in besonderer Weise von Michel Foucault auf-
geworfen worden sind.11 Sie haben dazu beigetragen, den Blick als ein ideologisch
belastetes kulturelles Verfahren zu historisieren, das soziale Formen stabilisiert, in-
dem es die politische Ordnung so darstellt, als ergäbe sie sich in natürlicher Weise
aus individueller Wahrnehmung und Psychologie. Dieses Verfahren etabliert sub-
jektiven Charakter als eine Funktion, die im Zusammentreffen eines doppelten oder
wechselseitigen Blickes agiert, der das 'Andere'/den 'Anderen' innerhalb eines
fiktionalisierten Sicht- und Wissensfeldes stabilisiert, um — schließlich und para-
doxerweise — sein Bild als einen unpersönlichen Blick zu introjizieren, der das
Subjekt innerhalb einer moralischen, sozialen und — natürlich — politischen Ord-
nung fixiert. Dieser Blick erscheint metaphorisch und ideologisch als neutrale,
natürliche Klarsicht, die die Objekte in ihrem Feld in spontaner Weise zu einer
analytischen, aber schmerzlosen Sezierung offenlegt.
Insbesondere Foucault hat eine Geschichte des medizinischen Blickes skizziert,
der von einer klinischen Phase, die sich auf die Beschreibung symptomatischer
Oberfläche konzentriert, zu einer anatomischen Phase entwickelt, die einer analyti-
schen Pathologie das Körperinnere öffnet. In lockerer, aber vielsagender Bezie-
hung dazu steht der von Norman Bryson aufgestellte Kontrast zwischen Renais-
sancemalerei, in der der Blick sowohl Körperoberflächen im Sichtfeld prädiziert als
auch den Körper des Beobachters da situiert, wo Begreifen stattfindet, und späterer
europäischer Malerei, in der der Blick entkörperlicht und in analytische Sequenzen

"Vgl. Laurc Mulvcy: "Visual Plcasurc and Narralive Cincma" und "Aftcrthoughls on 'Visual
Plcasurc and Narralive Cinema"'. In: Feminism and Film Theory, hg. v. Constancc Pcnlcy. New
York 1988, 57-68 und 69-79. Als praktische Zusammenfassung von Theorien des Blicks (the gaze)
vgl. Tania Modlcski: The Women Who Knew Too Much llilchcock and Feminist Theory. New
York 1988, 1-15. Vgl. auch Conslance Pcnlcy: The Fulure of an Illusion. Film. Feminism. and
Psychoanalysis. Minncapolis 1989,41-54; Mary Ann Doanc: The Desire lo Desire The Woman's
Film of the 1940's. Bloomington 1987, 38-69. Der Haupttext von Michel Foucault ist Die Geburt
der Klinik. München 1973, besonders Kapitel 7 und 8.
Obwohl kaum erwähnt in Diskussionen der letzten Zeit, hat das Kapitel über den Blick (le regard)
in Sarlrcs Das Sein und das Nichts (Teil 3, Kapitel I, Paragraph 4) einen Großteil des
philosophischen Grundes gelegt. Auch Lacan war sehr einflußreich, besonders für die Filmtheorie.
Vgl. /um Beispiel The Four Fundamental Concepts of Psycho-Analysis, hg. v. Jacques Alain-
Miller, übers, v. Alan Sheridan. New York 1973, 67-105. Als eine gegenwärtige Studie über die
Lacanschcn Theorie des Blickes vgl. Slavoj Zi/ck: "Pomography, Nosialgia, Montage: A Tnad of
ihc Ga/c". In: Looktng Awry. An Introduction to Jacques Lacan Through Populär Culture.
Cambridge 1991,107-122.
H8 John Bender

aufgeteilt ist.12 Foucaults Kapitelüberschrift "Open Up a Few Corpses" sowie sei-


ne Diskussion von de Sade und die Lichtmetaphorik am Schluß von Die Geburt der
Klinik verweisen auf die durchdringende Qualität des Blickes. Bryson bemerkt:
"The regard attempts to extract the enduring form from fleeting process; its epithets
tend towards a certain violence (penetrating, piercing, fixing), and its overall pur-
pose seems to he the discovery of a second [...] surface Standing behind the first,
the mask of appearances".13 Wir erinnern uns wieder an die medizinische Bildlich-
keit Godwins, da sie die korrekte — wenn auch für gewöhnlich verdeckte — Im-
plikation enthält, daß der Blick ein Instrument ist, das gewaltsam — wenngleich
präzise — den Körper zugleich aufschneidet, während er seine Funktionen verkar-
tet. Dieser Blick ist mit sexueller Energie befrachtet, da er den Körper durchdringt
und verwundet, was den Körper weiblich macht.
Die Filmwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Kunstgeschichte haben de-
taillierte Theorien des Blickes ausgearbeitet. Verhältnismäßig neu jedoch ist meine
These einer Korrelation zeitgenössischer Ideen über die im Blick latente Gewalt mit
der englischen Schule benevolistischer Moraltheorie des achtzehnten Jahrhunderts
— besonders die von Adam Smith — und mit dem Erzählmodus der erlebten Rede.
Die einzigen mir bekannten gegenwärtigen Überlegungen, die Gewalt und Sympa-
thie explizit verbinden, finden sich in einigen außerordentlich anregenden Seiten in
The Forms of Violence von Leo Bersani und Ulysse Dutoit, die meine Vermutun-
gen bestätigen. Sie nehmen — im Kontext der Psychoanalyse, nicht dem der Mo-
raltheorie des achtzehnten Jahrunderts — an, daß "there is a certain risk in all sym-
pathetic projeetions: [namely that] the pleasure wich aecompanies them promotes a
secret attachment to scenes of suffering or violence", da jede Form sympathetischer
Identifizierung mit Leiden unter dem Aspekt betrachtet werden muß, daß sie
"|contains| a trace of sexual pleasure, and that this pleasure is, inescapably, maso
chistic". Die Psychoanalyse bietet eine detailliertere Erklärung, aber Smiths Theory

12
Vgl. Foucaull (Anm. 11), Kapitel 7 und 8, und Norman Bryson: Vision and Painting. The
Logic ofthe Gaze. New Havcn 1983. Sveüana Alpers behandelt diesen Gegensau als einen Kon-
trast zwischen süd- und nordeuropäischen Schweisen in The An of Describing. Chicago 1983.
Eine Diskussion alternativer Möglichkeiten des Blickes außerhalb von Gewalt und Dominanz
bicicl Edward Snow: "Theorizing the Male Gaze. Somc Problems". In: Represeniations 25, 30-41.
Ein Merkmal des Blickes, das in Diskussionen über ihn oft untergeht, ist sein analytischer und
sequentieller Charakter, der ihn (im Gegensalz zum glance oder dem coup d'ceil) zu einem
Erzählmodus macht. So ist es eines von FoucaulLs zentralen Argumenten, daß der klinische Blick
seine Befunde durch linguistische Beschreibung organisiert
13
Anm. 12, 93.
Unpersönliche Gewalt 89

of Moral Sentiments verweist um so direkter auf eine Beziehung zwischen der Lust
der Sympathie und sadomasochistischer Identifizierung.14

///

Ich muß, bevor ich zur Hauptthese dieser Abhandlung komme, betonen, daß ich
nicht eine einheitliche Interpretation von Caleb Williams zu geben beabsichtige. Im
Gegenteil, ich sehe Caleb Williams als einen im Innersten konfliktgeladenen und
dynamischen Text mit Brüchen an, einen Text, der am besten als Überrest eines be-
grifflichen und darstellerischen Kampfes vorstellbar ist und nicht so sehr als Ver-
körperung bestimmter zweckhafter Intentionen oder als Ergebnis einer teleologi-
schen gedanklichen Entwicklung.15 An diesem Kampf sind Streitende beteiligt, die
die Regeln der Kritik — trotz der Existenz eines Buches wie lan Watts The Rise of
the Novel — traditionell unterschiedlichen Lagern zugewiesen haben: dem politi-
schen Denken und der Erzähltechnik. In der Godwin-Forschung gibt es mehr als
genug Besprechungen beider, jedoch nur in isolierter Betrachtung. Wenn wir uns
beide zusammen anschauen, besonders unter der Rubrik der Gewalt, so können
wir feststellen, daß die verschiedentlich revidierten Texte von Godwins Abhand-
lung und Roman wenigstens zwei miteinander verbundene Gruppen von Sympto-
men zu erkennen geben, die zum einen mit Godwins politischer Kritik zu tun haben
und zum anderen mit dem von ihm konstruierten erzählerischen Feld.
Aber bevor ich diese Symptome in Caleb Williams zu textualisieren versuche,
muß ich den noch nicht kanonisierten Status des Romans dadurch bestätigen, daß
ich eine kurze Handlungsangabe mache. Zusammen mit dem Helden betreten wir
den Schauplatz der Geschichte, lange nachdem viele Hauptereignisse geschehen
sind. Caleb, ein lebensfremder junger Mann von niedriger Herkunft, wird nach
dem Tod seiner Eltern der Sekretär Falklands, eines melancholischen Aristokraten
von umfassender Bildung, der vormals gesellig war, doch nun zurückgezogen lebt.
Nach einem Zwischenfall, während dessen Falkland Caleb zu zertrampeln droht,
als der Sektretär ihn zufällig dabei überrascht, wie er stöhnt und hastig eine ge-
heimnisvolle Truhe verschließt, entlockt der junge Mann Falklands Verwalter Col-

,4
Lco Bcrsani/Ulysse Dutoit: The Forms of Violence. Narralive in Assyrian Art and Modern
Culture. New York 1985, 38 und 40-56. Vgl. auch von den gleichen Autoren: "Merde alors". In:
Pier Paolo Pasolini. The Poelics ofHeresy, hg. v. Beverly Allen. Saratoga, Cal. 1982, 82-95.
15
Jcdcr der Kritiker, die ich zu dem Roman gelesen habe, versucht eine einheitliche Interpretation
ZU geben, selbst diejenigen, die (wie Mitzi Meyers in ihrem ausgezeichneten Artikel "Godwin's
Changing Conception of Caleb Williams". In: SER 12, 1972, 591-628, und Mark Philp in
seinem Buch über Polilcal Justice. London 1986) die rapiden Veränderungen in Godwins Denkens
zwischen 1793 und 1798 betonen — innerhalb von fünf Jahren, die sowohl die ursprungliche
Veröffentlichung von Abhandlung und Roman wie auch beträchtliche Revisionen einschließen.
90 John Bender

lins die Geschichte seines Gönners. Wir erfahren diesen langen Bericht, wie Caleb
ihn in der dritten Person wiedererzählt — dieser ist selbst eingebunden in den in der
ersten Person gehaltenen retrospektiven Report einer Handlung des Romans, die
mit Calebs Eintritt in Falklands Haushalt beginnt.
Der brillante Falkland war unschuldigerweise mit seinem Nachbarn Tyrrel, einem
brutalen Landbesitzer, in Konflikt geraten. Nach vielen Beleidigungen und Maßre-
gelungen von Falkland lenkt Tyrrel seinen Ärger um auf seine eigene, von ihm ab-
hängige Nichte, die naive Emily Melville. Er bestraft Emilys Bewunderung für
Falkland, indem er ihre Verlobung mit einem abscheulichen Mann erzwingt und sie
nach ihrer Flucht ins Schuldgefängnis werfen läßt dafür, daß sie während ihres
Aufenthalts in seinem Haus keinen Unterhalt bezahlt hatte. Emily stirbt natürlich.
Falklands verachtende Haltung bringt Tyrrel so sehr in Wut, daß er ihn vor einer
Versammlung der Grafschaft verprügelt. Am selben Abend wird Tyrrel heimlich
ermordet. Falkland, der seine Schuld vor einem bewundernden Publikum ableugnet
und der es zuläßt, daß ein Bauer und sein Sohn für das Verbrechen hingerichtet
werden, zieht sich in einsames Nachdenken zurück, das von Calebs Ankunft auf
dem Schauplatz der Handlung unterbrochen wird.
Der neugierige Caleb, angetrieben von magnetischer Sympathie und von Falk-
lands Tat überzeugt, versucht durch Beobachtungen, versteckte Anspielungen und
verschlagene Befragungen zu der festen Überzeugung eines 'schuldig' zu kommen.
Als ein Feuer im Haus die Möglichkeit bietet, bricht Caleb die geheimnisvolle
Truhe auf und wird von Falkland dabei gestellt, der dem geängstigten Sekretär alles
gesteht, nachdem er ihm einen Schweigeeid und vollständige Untertänigkeit abge-
preßt hat. Caleb flieht, wird gefangen und aufgrund eines gefälschten Beweises des
Diebstahls angeklagt. Nachdem er zweimal — im Stile Jack Sheppards — aus dem
Gefängnis entkommen ist, sich dann einer durchorganisierten Diebesbande an-
schließt und sich wieder von ihr absetzt, fühlt er sich überall unter Beobachtung, da
seine Geschichte durch Volkserzählungen und Flugblätter mit gesuchten Verbre-
chern weit verbreitet ist. Er versucht sich durch verschiedene Verkleidungen zu tar-
nen, bevor er in London von einem scheinbar allwissenden Mittelsmann namens
Gines gefangengenommen wird. Er bricht den Schweigeeid, aber kein Friedens-
richter unterstützt seine Anklage, und er wird wieder ins Gefängnis gebracht. Aus
der Haft entlassen und scheinbar frei, nachdem Falkland es ablehnt, gegen ihn
aufzutreten, beginnt Caleb ein neues Leben in Wales, das ihm wieder zerstört wird,
als Gines die Stadt mit alten Verbrecherbildern von ihm übersät. Am Exil gehindert
und darüber aufgeklärt, daß Falkland England als sein lebenslanges Gefängnis
vorsieht, beschließt Caleb, seinen Gönner mit einer vollständigen und aus-
führlichen Erzählung anzugreifen — d.h. mit dem Roman, den wir lesen — und
Falkland noch einmal auf seinem eigenen Terrain anzuklagen. Eine dramatisches
Postscriptum beschließt die Handlung. Diese Nachschrift möchte ich jedoch
zurückhalten, um die oben erwähnten Symptome zu diskutieren und um fest-
Unpersönliche Gewalt 91

zustellen, in welcher Weise Godwins Inszenierung des Romans sie sichtbar


macht.15
Die erste Reihe von Symptomen hängt mit Godwins soziopolitischer Kritik zu-
sammen und belegt, daß er Coleb Williams ursprünglich als eine Debatte zwischen
zwei Systemen moralischer und politischer Ordnung angelegt hatte, die er beide zu
diskreditieren hoffte, weil sie aufgrund ihrer Vormachtstellung in der Gesellschaft
zu seiner Zeit beide dazu beitrugen, korrumpierende institutionelle Formen auf-
rechtzuhalten. Grob gesprochen, stellen Falkland und Caleb einen Gegensatz zwi-
schen den beiden dar: ein aristokratisches System, das nur Standesehre berücksich-
tigt und von Scham getrieben ist, auf der einen Seite; auf der anderen Seite ein Ver-
tragssystem, dessen Motor Sympathie ist und das von Schuld getrieben ist.17 Im
Jahr zuvor, in der 1793 erschienenen Version von Political Justice, hatte Godwin
dagegen nachdrücklich für eine Gesellschaft argumentiert, in der alle Institutionen
durch autonome private Werturteile ersetzt würden, die von allen Mitgliedern in
gleicher Weise abgegeben würden. Was Godwin "political justice" nannte, war der
Parteipolitik entgegengesetzt und stellte selbst den Republikanismus infrage, denn
er war der Meinung, alle Regierungsformen gäben "substance and permanence to
our errors".18 Gerechtigkeit war für Godwin vielmehr "a rule of conduct origina-
ting in the connection of one percipient being with another", und Politik war "the
adoptation of any principle of morality and truth into the practice of a Commu-
nity".19 Godwin bemüht sich, dieses utopische Ideal als eine Alternative zur Bil-
dung von Institutionen aufrechtzuerhalten.
Godwin gründet das persönliche Urteil in der menschlichen Fähigkeit, vernünf-
tige Vergleiche zwischen Wahrnehmungen anzustellen, die wiederum auf Sinnes-
eindrücke zurückgehen. Eine tugendhafte Gemeinschaft unterstützt diesen Vor-

16
lm folgenden werde ich um der Kürze willen offensichtliche Tatsachen und akzeptierte
Deutungen von Godwins Ansichten mit meinen eigenen Bemerkungen verweben. Platzmangel
zwingt mich, mich mehr auf meine Hauptthesen zu konzentrieren als auf die Nachweise im Text,
die meinem Verständnis des Romans unterliegen.
17
Zu Godwins Haltung zu einer vertraglich geregelten Gesellschaft vgl. Ian Balfour: "Promises,
Promiscs: Social and Other Contracts in the English Jacobins (Godwin/Inchbald)". Unveröffent-
lichtes Manuskript, zur Publikation vorgesehen in New Romanticism, hg. v. David Clark und
Donald Gocllnicht. Toronto. Vgl. auch Leo Damrosch: Fielions of Reality in the Age of Hume
and Johnson. Madison 1989, Kapitel 7. Der Kontrast zwischen Scham und Schuld als kulturelle
Orientierungen und Arten sozialer Kontrolle wird auf kompakte Weise von Alvin W. Gouldner in
Entcr Plato. Classical Greece and ihe Origins of Social Theory. New York 1965, 81-87,
entwickelt. Vgl. auch Bender (Anm. 8), 221.
^Political Justice (1973), Buch I, Kapitel 4. Vgl. William Godwin: Enquiry Concerning Political
Justice and Its Inßuence on Morals and llappiness, hg. von F. E. L. Pricslly, 3 Bde. Toronto
1946, III, 247. Diese Ausgabe wird im folgenden als 'Pricsüy' zitiert.
]9
Poliucal Justice (1793), Buch I, Kapitel 2 und Buch I, Kapitel 4. Vgl. Pricstly (Anm. 18), I,
126, und II, 239.
92 Johr» Bender

gang, indem sie seine Formen durch Praxis, Ausbildung, Diskussion und Literatur
übermittelt — jedoch nicht durch formale Einrichtungen, die autoritäre Macht auf-
grund ihrer Natur zu Irrtümern führen. Er betont die Rolle der Bildung in der
Ausbildung unabhängigen Urteilens und die Wichtigkeit von Diskussionen in der
Gemeinde für die Verfeinerung des Urteils in besonderen Situationen, aber er
spricht sich dagegen aus, es durch Mechanismen von Scham und Schuld zu erhal-
ten. Das alte System, das auf Ehre gründet, und das neuere, das auf sympatheti-
scher lntrojektion beruht, sind beide im schlechten Sinne politisch, weil sie das
Urteil als eine sich geltend machende dritte Person personifizieren, anstatt es auf die
analoge, aber unabhängige Beobachtung von Individuen zu gründen. Das eine Sy-
stem plaziert diesen Beobachter auf der Außenseite, das andere introjiziert und pla-
ziert ihn auf der Innenseite, aber beide lokalisieren individuelle Moral im regard —
im Blick — anderer und nicht in der eigenen Integrität. Beide leugnen, was
Rousseau amour de soi genannt hat: die kristalline Offenheit des Selbst, die Rous-
seau mit wahrem Gefühl gleichsetzt und die, wie Mark Philp in seiner kürzlich er-
schienenen Studie über Political Justice sagt, nach Godwins Ansicht die "moral in-
dependence [,..] required for genuine happiness and genuine concern for others"
bildet.20
Ich teile die zweite Reihe von Symptomen — d.h. diejenigen, die sich auf for-
male Erzählstrukturen beziehen — in zwei Bereiche auf. Sie belegen, daß Godwin
sein Projekt von Anfang an in grundlegender Weise untergraben hat; denn seine Art
zu erzählen hat die Charakterbildungen, die er angriff, reproduziert und jede aus-
geglichene Darstellung der von ihm idealisierten Form unabhängigen privaten Ur-
teils verhindert.
Der erste Bereich von Symptomen weist auf einen grundlegenden Widerspruch
in Godwins Erzählpraxis: Obwohl Godwin, wie er in seinem Vorwort von 1832
andeutete, seinen anfänglichen Erzählmodus in der dritten Person aufgab, um, wie
er sagt, "the hero of my tale his own historian" zu machen, war es sein Ziel, sein
"metaphysical dissecting knife" zu schwingen "in exploring the entrails of mind and
motive" (339f.). Nicht nur ist der nominell in der ersten Person erzählte Tatsa-
chenbericht in Caleb Williams mit Informationen über vergangene Ereignisse und
Motive durchsetzt, die keine einzige Person jemals besitzen könnte; das Erzählfeld
ist auch von Sätzen durchbrochen, die Bewußtsein in einer Form kodierter erlebter
Rede darstellen, wie ich sie andernorts in Goldsmith nachgewiesen habe. Mit
'kodiert' meine ich, daß die Form der ersten Person beibehalten wird, während die
grammatische Kommunikationsinstanz — der Sprechakt — in der dritten Person
geschieht. Ann Banfield vertritt die Meinung, daß solch ein Diskurs historisch be-

20
Philp (Anm. 15), 47.
Unpersönliche Gewall 93

dingt ist und daß er nur in geschriebener Erzählung stattfinden kann.21 Godwins
Eintritt in die Grammatik allwissender Gegenwart kopiert sogar oder vielleicht be-
sonders ausfiktionalenGründen die Herrschaftsstruktur, die er angreift.
Der zweite Symptombereich enthüllt, daß Godwin seine Erzählung beständig als
Folge von Bildern oder Tableaus rahmt, die die Gewalt des Blicks in der Forde-
rung, daß das Individuum sich äußerer Autorität unterwerfe, reproduzieren. Wahr-
scheinlich weil Godwin bemüht war, konventionelles Erzählen intensiver zu gestal-
ten, um seiner Leserschaft das Bewußtsein einer neuen Form von Identität zuzufüh-
ren oder vielleicht, weil seine nahezu ausschließliche Konzentration auf zwei
männliche Charaktere die geschlechtsbefrachtete Phänomenologie realistischer Er-
zählung deutlich macht, geht er bis zum äußersten in der europäischen Tendenz —
wie Bersani und Dutoit sie beschreiben — "to isolate and to to immobilize the vio-
lent act as the most significant moment in [...] plot development". Indem sie anneh-
men, daß "a coherent narrative depends on stabilized images; [and thatl stabilized
images stimulate the mimetic impulse", stellen sie fest, daß "our views of the hu-
man capacity for empathetic representations of the world should therefore take into
aecount the possibility that a mimetic relation to violence necessarily includes a
sexually induced fascination with violence".22
Von nun an werde ich mit den symptomatischen Rubriken, die ich gerade aufge-
stellt habe, (und in derselben Reihenfolge) arbeiten; ich werde mich Weisen zu-
wenden, in denen Caleb Williams Vorbehalte gegenüber der sympathetischen Iden-
tifizierung zeigt und zugleich von ihrem Zauber gefangen wird. Godwin greift in
offensichtlicher Weise den aristokratischen Ehrenkodex an, der immer als sein
Hauptangriffspunkt verstanden wurde, aber der Roman stellt auch den neueren
Glauben an sympathetisches Mitfühlen unter Anklage. Calebs durchsichtige Sub-
jektivität zeigt die mitfühlende Gleichheit nicht weniger, als Falklands aristokrati-
scher amour propre die opake Maske der Erscheinung hochhält, die Rousseau als
bloß künstliche soziale Form verdammte. Aber Calebs Sympathie ist keine neutrale
oder unschuldige Alternative; sie ist ein irrationales und ausbeuterisches Nebenpro-
dukt der politischen Macht, das, obwohl selbst in Verkleidung hervorgebracht, als
realer psychologischer Zustand erfahren wird. Als er beschließt, wie er sagt, "[to]
place myself as a watch upon my patron", bekennt er sich zu "a Strange sort of
pleasure in it". Diese Lust wird unmittelbar durch Calebs Furcht vor Autorität her-

21
Banficld (Anm. 6). besonders 180, 227 und 257. Als Beispiele von "kodierter' erlebter Rede vgl.
die im Tcxl folgende Analyse und auch "Prison Reform and thc Senience of Narraüon in The Vicar
ofWakefield", 183-185.
22
Bcrsani/Duloil (Anm.14), 52 und 38. Vgl. auch 41 zu der Annahme, daß die Fähigkeit,
"imaginative sympathy" zu erregen, die oft (z.B. von Gombrich) als eine Innovation griechischer
Erzählkunsl beschrieben und mil dem Realismus in Verbindung gebracht worden ist, darauf abzielt,
Zuschauer "out of ihcmscives and into ncw identilies as a result of high narrative skills" zu erregen
bzw. zu bewegen.
94 John Bender

vorgerufen: "To do what is forbidden always has its charms, because we have an
indistinet apprehension of something arbitrary and tyrannical in the prohibition". Je
dominanter das Objekt, desto intensiver das "enjoyment [and] the more the Sensa-
tion was irresistable. [...] The more impenetrable Mr. Falkland was determined to
be, the more uncontrollable was my curiosity" (107f.). Diese "magnetical sym-
pathy", wie Caleb sie nennt (112), treibt ihn zur ersten Klimax der Handlung, als
Falkland, der als Friedensrichter einem dem seinen ähnlichen Fall vorsitzt, vom
Schauplatz flieht und dadurch den genau beobachtenden Sekretär von seines Gön-
ners Schuld überzeugt. So, als ob Calebs "involuntary exclamations" und das Ge-
fühl, sein "animal System had undergone a total revolution", nicht sexuell explizit
genug waren, ruft er aus: "I had had no previous coneeption [...] that it was pos-
sible to love a murderer" (129f.). Wenn das Feuer und Calebs Aufbrechen von
Falklands Truhe mit einer Eile folgen, die nach Allegorie klingt, rechtfertigt er seine
'ungeheuerliche' Tat, indem er behauptet, daß "there is something in it of unex-
plained and involuntary sympathy" (133). Eine vernichtendere Beschreibung der
sympathetischen Charakterkonstruktion ist schwer vorzustellen.
Ich möchte nun zu besonderen Fällen der zuvor skizzierten formalen Symptome
kommen, indem ich zuerst den Handlungsantrieb des Romans durch immobilisierte
Tableaus behandle und danach die technischen Formen ihrer Erzählung. Das erste
Drittel des Romans, das Calebs Nacherzählung von Collins Bericht enthält, repro-
duziert in überaus konzentrierter Form Godwins umfassende Handlungsorganisa-
tion als eine Sequenz stabilisierter Tableaus, von denen viele Gewalt enthalten.
Diese Erzählung regt Calebs sympathetische Identifizierung ausdrücklich an und
etabliert sie als die bewegende Kraft der Haupthandlung. Auf weniger als einhun-
dert Seiten begegnen wir mehr als einem Dutzend solcher Tableaus: unter ihnen ein
gerade noch abgewendetes Duell während Falklands grand tour durch Italien; ein
Aufeinandertreffen von Falkland und Tyrrel während eines ländlichen Balls; ein
Besuch Falklands bei Tyrrel, der das drohende Duell zwischen ihnen durch rationa-
len Protest ersetzen sollte (der Besuch endet mit verhüllten wechselseitigen Dro-
hungen); Falklands Rettung Emilys aus einem Feuer, während dessen er Nachbar-
häuser zerstören läßt und über ein brennendes Hausdach läuft; die Drohung Tyrrels
und des Verlobten, Emily in einer erzwungenen Heirat zu entehren; ihre Flucht im
Stile Clarissas; ihre auszehrende Krankheit, Haft und Tod; Falklands verbaler An-
griff auf Tyrrel und natürlich ihre letzte Auseinandersetzung, die im Mord an Tyrrel
endet; eine Anhörung über Falklands Anklageerhebung und die Hinrichtung Un-
schuldiger. Calebs fiktionale Mimesis dieser Geschichte gibt für die Leser eine Re-
prise der tiefen sympathischen Anteilnahme, die der junge Mann angeblich fühlte,
als er Collins Version hörte.
So zwingend ist der Mechanismus, der Calebs zerstörerische Faszination für
Falkland herbeiführt, daß er den ganzen Roman beherrscht. Um die Leseridentifi-
kation mit seinem Helden zu sichern, führt Godwin in dieser den Roman eröffnen-
Unpersönliche Gewalt 95

den Erzählung von Collins/Caleb ein Paradigma konzentrierter Plot-Einsätze ein,


das die Ausgewogenheit des Werkes strukturiert. Auf diese Weise autorisiert er in
Caleb Wiliams insgesamt ein Identifikationsmuster, das er in den früheren Teilen
des Romans verwendet hatte, um die furchtbare Dynamik der Macht zu enthüllen,
die der sympathetischen Charakterkonstruktion unterliegt. Godwins Revisionen
zeigen seine verteidigende Antwort auf diese Tatsache. In der dritten Ausgabe von
1797 spezifiziert der interpolierte vierte Paragraph des ersten Kapitels Caleb als eine
Person, deren Faszination für die Folge von Ursache und Wirkung "an invincible
attachment to books of narrative and romance" hervorrufen. "I panted", sagt er,

for ihc unravclling of an adventure, wilh an anxiety, perhaps almost equal to that of the man
whose fulure happiness or misery depended on ils issue. I read, I devoured composition of this
sorl. They look possession of my soul; and the effccts they produccd, were frequently discemible
in my cxicmal appearance and my hcalth (4).

In diesem Abschnitt versucht Godwin, Calebs Empfänglichkeit für Erzählungen als


einen pathologischen Zug zu deuten (um nicht zu sagen, als einen Vektor körperli-
cher Durchdringung) und so die Leser von jedem Makel von ihrer eigenen Be-
schäftigung mit Godwins Roman zu befreien.
Am Ende kann Godwin jedoch auf romanhafte Weise nicht ein Subjekt hervor-
bringen, das fähig wäre, das utopische unabhängige private Urteil aufrechtzuerhal-
ten, das er so eindringlich in der Political Justice von 1793 verteidigte. In vieler
Hinsicht erscheint es, daß Godwin Calebs Erzählung in der dritten Person von
Collins' Geschichte innerhalb des größeren Kontextes des Romans in der ersten
Person plaziert, um die Illusion von Herrschaft durchzuspielen, die sich durch das
falsche Gefühl von Unabhängigkeit der ersten Person, das auf sympathetischer In-
trojektion gründet, überträgt. Diese Herrschaft ist eine juristische Täuschung, da
die Macht, die sie verleiht, um die eigene Version der Subjektivität eines anderen zu
konstruieren, sich aus der Beibehaltung eines impartial spectator innerhalb eines
durchlässigen Selbst herleitet.23
Interessanterweise thematisieren die beiden Passagen in Calebs Nacherzählung
der Collins-Geschichte in der dritten Person, die sich am meisten der erlebten Rede
und damit dem sympathetischen Illusionismus annähern, ein Gefühl von Machtlo-
sigkeit auf seiten des Subjekts, das Objekt der Sympathie ist. Dies ist unser einziger
Zugang im Roman zu den Gedanken Tyrrels und Falklands, die sonst opak bleiben
— deshalb weil sie den einen Endpunkt im Gegensatz zur Durchsichtigkeit markie-
ren, die Godwin im allgemeinen aufrechterhält. Die erste Reflexion ereignet sich,
wenn Tyrrel, dessen Pläne durch Emilys Flucht vereitelt werden und der von Falk-

^Caleb Williams enthüllt diese Wahrheit in zahlreichen Episoden, die ich hier nicht diskutieren
kunn, aber ein ausführlicher Abschnitt über ihren Rang als Zeugnis macht klar, daß solche Fragen
im Text lebendig sind.
96 John Bender

land dafür verurteilt wird, daß er Pächter verfolgt, "recollected all the precautions
he had used [...] and cursed that blind and malicious power which delighted to
cross his most deep laid schemes":

To whai purpose had heaven givcn him a fecling of injury and an instinct to resent, while he could
in no ca.se make his resentmenl feil? It was only necessary to him to be the enemy of any person,
to insurc lhat pcrson's being safe against the reach of misfortune. What insulis, the most shocking
and rcpcaicd, had he reeeived from this paltry girl! And by whom was she now lorn from his indi-
gnalion? By thal devil [Falklandi lhat haunted him at every moment, that crossed him at every
slcp, lhat fixcd al pleasure his arrows in his hean, and made mows and mockery at his msuffcrablc
torturcs (80).

Nach diesen Überlegungen macht sich Tyrrel sofort daran, Emily zu vernichten,
indem er sie in Haft nimmt.
Die andere Passage folgt der Beschreibung von Tyrrels wutentbranntem öffentli-
chen Angriff auf Falkland, den er zu Boden schlägt und mit Füßen tritt. Falklands
Reflexionen erscheinen wie folgt im Text:

Every passion of [Falkland's] lifc was calculatcd to make him feel it [...] acutcly (...] [His] mind
was füll of uproar. [...] He wished for annihilation, to lic down in etemal oblivion, in an
insensibility, which compared wiih what he expcricnccd was scarcely less enviable than beatitude
itsclf. Horror, dctcslaüon, revenge, inexpressiblc longings to shake off the evil, and a pcrsuasion
lhat in Ulis tasc all effort was powcrlcss, fillcd his soul even to bursling (96).

Diese Stellen könnten als ironisch beabsichtigte Zeichen von Calebs Irrglauben ge-
lesen werden, er hätte Zugang zu Falklands oder irgend jemandes anderen Gedan-
ken. Aber Informationen, die Caleb unmöglich haben konnte, und auch kodierte
Episoden, die sich der erlebten Rede annähern, dringen versteckt/verstohlen ein
und erobern sogar den Bericht in der ersten Person, der die Ausgewogenheit des
Romans bildet.
Schlüsselstellen solch kodierter Innenschau in der ersten/dritten Person finden
sich zum Beispiel während Calebs früherer und späterer Gefangenschaft. Ich stelle
sie in gleichzeitiger Übersetzung in quasi-erlebte Rede vor, indem ich die Prono-
men in der dritten Person in Calebs Erzählung in Klammern durch die der ersten
Person ersetze24:

24
Roland Hannes schlägt einen ähnlichen Test in einer Diskussion persönlichen und
unpersönlichen Erzählens als Systeme oder Codes vor, die unabhängig von oberflächlichen
linguistischen Kennzeichen sind: "There are narratives or at leasi narralive episodes [...] which
ihough wriitcn in the ihird person neveriheless have as their true instante the first person". Er gehl
anschließend daran, die Pronomen eines solchen Textes in der dritten Person in die der ersten
Person um/uschreiben. In der Umkehrung ergibt dieser Test, wie Erzählen in der ersten Person von
der unpersönlichen, alles durchdringenden Perspektive, die die erlebte Rede ermöglicht, sich
Unpersönliche Gewall 97

I ICalcb] rccollccied with aslonishment my (his) puerile eagcmess lo bc brought lo thc test and to
havc my [his] innocence examined. I (He) execrated il as the vilest and most insufferable pedantry.
I |Hc] cxclaimcd in thc biltemcss of my fhis) heart. [...] why should I [he] consign my [his] hap-
pincss to olher men's arbitraüon? (182)

Und spater:

My [His] resoluüon was not the calm senüment of philosophy and reason. It was a gloomy and
desperate purposc; thc creature, not of hope, bul of a mind austerely held to iLs design. that feil, as
it were, salisficd with the naked effort, and prepared to give success or miscamage to thc winds
(278).

Die überraschende Konsequenz aus Godwins darstellerischer Strategie ist, daß


seine Gedanken in beträchtlichem Maße von den vereinten Kräften der Grammatik,
die sein erzählerisches Feld beherrscht, und des Antriebes aus der Handlung einge-
holt worden zu sein scheinen. Die Handlung ist spannungsgeladen und klimaktisch
zu Bildern aufgebaut, die von einem Blick verdeckter Allwissenheit stabilisiert
werden. Beide Mechanismen erzeugen sympathetische Identifizierung, indem sie
die Gewalt kopiern, auf der sie gründen.
In der dramatischen Nachschrift, die die erste Ausgabe von 1793 beschließt, hat
Godwin den ursprünglichen Höhepunkt, den er für den Roman vorgesehen hatte,
neu geschrieben, wobei er nicht seinen ursprünglichen Plan von Calebs Niederlage
und wahrscheinlicher Vernichtung durch die Böswilligkeit Falklands ausführte,
sondern eher aufzeigte, daß die Fähigkeit des jungen Mannes, sich anteilnehmend
mit der Qual seines hochmütigen Gönners zu identifizieren, Falklands Bekenntnis
und plötzlichen Tod herbeiführte. Die Reue, die Caleb unmittelbar danach erfaßt,
folgt — wie die Schuld nach überschäumend gewalttätigem Sex — im System
sympathetischer Darstellung unvermeidlich nach. Der neue Schluß endet mit den
bekanntesten Zeilen des Romans: "I began these memoirs with the idea of vindica-
ting my character. I have now no character that I wish to vindicate: but I will finish
them that thy story [Falklandl may be fully understood" (326).
Der revidierte Schluß legt zweifellos den Grund für eine überzeugendere Erzäh-
lung als das unveröffentlichte Original, das Caleb wie die vollkommen wirre Cla-
rissa nach ihrer Vergewaltigung einem Schreibfieber überläßt. In dem Schluß war
die verweiblichende Logik des Blicks unverhohlen thematisiert, aber es gab keine
magische Wendung, kein fixiertes Tableau, in dem das Opfer wie Blaubarts Frau
zum Hüter der Gewalt des Übeltäters wird. Aber paradoxerweise reagieren die be-

indircki auf die Darstellung von Bewußtsein auswirken kann. Roland Barthcs: "Introduclion to the
Struclural Analysis of Narrativcs". In: fmage-Music-Texl. hg. und übers, v. Stephen Hcath. New
York 1977, 112f.; wiederabgedruckt in: A Barthes Reader, hg. v. Susan Sontag. New York 1982,
2831.
( Bayerische )
I Slaatsblbttoth«k
l München )
98 John Bender

sten Interpretationen des Romans (zum Beispiel die von Myers und Philp) nicht auf
Calebs Hinweis auf seine Charakterlosigkeit. Meiner Ansicht nach bleibt diese Re-
aktion aus, weil diese Zeilen mit Nachdruck die strukturelle Logik des Romans an-
gesichts des überwältigenden Triumphs seiner erzählerischen Eigendynamik be-
haupten. Aber der Ruhm von Calebs Schlußsätzen spricht auch eine Wahrheit aus
— die dissonante Wahrheit, daß die begriffliche Ordnung des Romans in Wider-
spruch zu seinem Darstellungsmodus steht. Ich meine also, daß Caleb Williams am
besten als Überrest eines Kampfes verstanden werden sollte, den Preis für den
moralischen Fortschritt festzusetzen, den andere Kritiker Caleb zuschreiben. Myers
erklärt zum Beispiel, daß er das Wesen der Humanität sympathetischen Verstehens
schätzen gelernt hat, während Philp behauptet, daß er die Art unabhängigen priva-
ten Urteilens erworben hat, die Godwin über alles stellt. Dieser moralische Fort-
schritt wird — wie die Erzählung, die ihn hervorbringt — typischerweise als real
erfahren, wo er bloß realistisch und in der Tat vielfach gebrochen ist. Caleb
Williams zeigt, daß die Vorstellung moralischen Fortschritts historisch spezifisch
und ideologiebefrachtet ist — das Erzeugnis einer bestimmten gewaltsam fixierten
erzählerischen Strukturierung, die sympathetischer Zuschauerschaft innewohnt, ist.
Man könnte ohne Zweifel eine lineare Interpretation konstruieren, nach der Caleb
als Erzähler in der ersten Person die wahre Bedeutung sympathetischer Identifizie-
rung verzerrt. Die erste veröffentlichte Version von 1793 ließ sicherlich die Mög-
lichkeit einer radikalen Interpretation offen, die Caleb in dem trügerischen Zustand
ließ, zu glauben, er hätte in seiner sympathetisehen Union mit Falkland endlich das
höchste Ideal der Humanität erreicht, während er tatsächlich schreibt, daß er keinen
Charakter hat. Solch eine Interpretation der zutiefst widersprüchlichen Version von
1793 ist weitaus schwieriger zu stützen. Godwins in den revidierten Ausgaben von
1796 und 1797 angestrengten Bemühungen, Passagen gegen Ende des Romans
einzufügen, die den unparteiischen Zuschauer preisen und die Vorstellung von
Humanität auf sympathetische Identifizierung gründen, lassen recht deutlich wer-
den, daß er ex post facto versucht, den Roman klarer zu machen und ihn von dem
verdrießlichen Kampf seiner ursprünglichen Hervorbringung zu erlösen. Was
Calebs Investition in die neue Orthodoxie gewesen war, ist nun Godwins Investi-
tion. Godwin änderte, wie Mark Philp zeigt, deutlich seine Meinung im Verlauf der
ursprünglichen Komposition seines Romans. Bemerkenswert ist hierbei, daß er so
stark auf die erzählerische Logik sympathetischer Introjektion reagierte, daß er Po-
litical Justice für die zweite und dritte Ausgabe ebenfalls umschrieb, um es viel
mehr als zuvor mit der Hauptströmung britischen Moraldenkens, von dem er sich
1793 so sorgsam abgesetzt hatte, in Einklang zu bringen. Lange Ausführungen
über Sympathie und den unparteiischen Zuschauer spielen eine wichtige Rolle in
diesen Hinzufügungen.
Unpersönliche Gewalt 99

IV

Ich schließe, indem ich kurz zum Körper zurückkehre. Die strenge Ökonomie eines
kurzen Essays erlaubt nur einen flüchtigen Blick auf die unzähligen Weisen, in
denen Falkland und Caleb den Blick als ein Instrument benutzen, um den Körper
des anderen auszuzehren. Lange vor seinem Tod vergeht Falkland zu einer Leiche,
und Caleb muß nach seiner langen Flucht von Gines buchstäblich bis auf die Haut
durchsucht werden, um identifiziert werden zu können. An einer Stelle wacht Caleb
aus einem Traum, in dem Falkland einen Mörder geschickt hat, auf und sieht eine
"Amazonian" Hexe, die für die Räuberbande, die ihn versteckt hält, kocht. Sie
schwingt ein Schlachterbeil, das bei dem Versuch, ihm den Schädel zu spalten, in
den Bettpfosten schlägt. Ihr glance nicht weniger als ihre Kraft überwältigen ihn
beinahe, und als er in dem Kampf die Oberhand gewinnt, droht sie ihm, seine
Eingeweide in seine Augen zu schleudern (231). Dieselbe Ökonomie läßt nur die
Erwähnung zu, daß Godwin 1796 dem ersten Kapitel einen neuen, dritten Ab-
schnitt einfügt, der über die Stärke und Biegsamkeit von Calebs jugendlichem
Körper handelt — zu dem Zweck, wie ich denke, die massive Verweiblichung
auszugleichen, die das erzählerische Feld auf seinen Helden ausgeübt hat.
Anstatt weitere Beispiele aus dem Text anzusammeln, möchte ich mit der fes-
selnden Schilderung einer furchterregenden Maschine aus dem achtzehnten Jahr-
hundert schließen, die für fünf Schillinge pro Blick während des Jahres 1733 von
dem Chirurgen Abraham Chovet in London ausgestellt wurde, einer

ncw figurc of Anatomy which represents a woman chaincd upon a table, suppos'd to be alive;
whcrcin ihc circulation of the blood is made visible through glass veins and arterics; the circula-
tion is also scen fom the mother to the child, and from the child to the mother, with Histolick and
Diastolick motion of the heart and the action of the lungs. 25

25
Ziticrt in Thomas N. Haviland/Lawrence Charles Parish: "A Brief Account of the Use of Wax
Models in the Study of Mcdicine". In: Journal oflhe llistory ofMedkine, 25, 1970,62.
Der vorliegende Arükcl ist Teil einer in Arbeit befindlichen Studie, die die Praxis von Techniken
des späteren achtzehnten Jahrhunderts mit anatomischer Wissenschaft, Elektrizität in der Medizin
und anderen Formen des Eindringens in den Körper und das Nervensystem während dieser Zeit
parallclsetzl. Zentral in dieser Arbeit sind die erstaunlichen anatomischen Wachsmodclle, die in
Florenz, Wien, London und an anderen Orten überliefert sind. Diese Art von Modell scheint mehr
oder weniger gleichzeitig von verschiedenen Handwerkern entwickelt worden zu sein. Nicht nur
sind sie realistisch, es sind auch erzählerische Figurationen des Körpers, da ihre Organe nach und
nach durch das Entfernen von Schichten, die eine Reihe von eine Sezicrung imitierenden Tableaus
enthüllen, offcngelcgl werden können. Von einer Anzahl dieser Modelle geht eine verführerische
Sexualität aus, die neu für anatomische Figuren ist und die als Symptom einer frühmodernen
Scxualisicrung des Blicks als eines Werkzeugs wissenschaftlicher Untersuchung angesehen werden
kann. Noch furchterregender als Chovets Maschine sind 'Modelle', die zwischen 1766 und 1771
100 John Bender

Meine These ist, daß wir selbst eine andere Art des Anatomisierens für selbstver-
ständlich halten, die aus dem achtzehnten Jahrhundert überlebt hat, denn zu einem
gewissen Grad befinden wir uns noch innerhalb dieses Kanons. Ich meine selbst-
verständlich den Realismus als kulturelle Praxis.

Aus dem Amerikanischen von Kerstin Behnke

von Honord Fragonard an der Ecolc V6tdrinairc in Alfort aus sezierten Leichen konstruiert wurden.
Zu den lUilicnischcn Modellen vgl. Ludmilla Jordanova: "Gender, Generation and Science: William
Hunlcr's Obslrclical Atlas". In: William Hunler and Ihe Eighteenth-Century Medical World, hg. v.
W. F. Bynum und Roy Porter. Cambridge 1985, 385-412, und "Natural Facts: A Hislorical
Perspective on Scicncc and Society". In: Naiure. Cullure and Gender, hg. v. Carol P. McCormack/
Marilyn Siraihcm. Cambridge 1980, 42-69; außerdem Barbara Maria Slafford: Body Criticism.
Imagining ihe Unseen in Enlightenment An and Medicine. Cambridge 1991, 21. Zu Fragonard
vgl. Annic Lc Brun: Peius ei Grands Thiälres du Marquis de Sode. Paris 1989, 69, 77 und 79.
Kerstin Behnke

Romantische Arabesken
Lineatur ohne Figur und Grund zwischen Ornament-Schrift und (Text-)Gewebe

In der Schönheit Gebiet sind wir die freiesten Bürger,


Doch da wir sonst nichts sind, sehet, so sind wir nicht
viel}

In § 16 seiner Kritik der Urteilskraft (1790) bemerkt Kant: "So bedeuten die Zeich-
nungen ä la grecque, das Laubwerk zu Einfassungen oder auf Papiertapeten u.s.w.
für sich nichts: sie stellen nichts vor, kein Objekt unter einem bestimmten Begriffe,
und sind freie Schönheiten".2 Wie Karl Konrad Polheim anmerkt, bleibt "das Wort
Arabeske"3 an dieser Stelle selbst ungenannt. Seine Verwendung, obwohl von
Hans-Georg Gadamer4, Wolfgang Preisendanz5 und anderen6 Kants Kritik wie

'Johann Wolfgang von Goethe: "Arabesken" (Xenion). In: Werke (= Hamburger Ausgabe).
München 10 1974, Bd. 1.232.
Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. In: Kants Werke (Akadcmie-Textausgabc). Berlin 1968,
Bd.V,§ 16,229.
3
Karl Konrad Polheim: Die Arabeske. Ansichten und Ideen aus Friedrich Schlegels Poetik.
Miinchen/Padcrborn/Wien 1966, 21, Anm. 28.
4
Gadamcr, der von der "Arabeskentapete", von "Windungen der Arabeske" und "Arabeskenästhetik"
als "formaler Geschmacksästhetik" spricht, gibt Kant eine hcrmenculischc Wendung: "Die Ara-
beske ist keineswegs sein ästhetisches Ideal, sondern lediglich ein methodisches Vorzugsbeispiel".
Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode (= Gesammelte Werke I). Tübingen 1986, 51, 52,
53, 98.
5
Prciscndanz bezeichnet Kants Beispiele als "Dinge, die man dann in den Begriff der Arabeske
faßte". Wolfgang Preisendanz: "Der FunktionsUbcrgang von Dichtung und Publizistik". In:
Wolfgang Preisendanz: Heinrich Heine. Werkstrukturen und Epochenbezüge. München 1973, 34.
6
Gcorgc Dickic kommentiert: "Schiller has two complaints against Kanl's iheory — he thinks it
too subjeelive and finds its formalism, which makes the arabesque the paradigm of beauty, too
102 Kerstin Behnke

selbstverständlich unterstellt, widerspräche auch der wenige Zeilen zuvor von Kant
formulierten Definition von freier Schönheit, die "keinen Begriff von dem vor-
aus[setztj, was der Gegenstand sein soll" (§ 16, 22), d.h. die, wenn sie gelten soll,
folglich nicht auf den Begriff der Arabeske gebracht werden darf. Kant stellt des-
halb eine exemplarische Definition durch Darstellung auf, deren Beispiele eine Be-
stimmung der Arabeske ergeben: Es ist eine 'Zeichnung' im Stil 'ä la gTecque', mit
'Laubwerk' als Ornamentform, das sich etwa auf 'Einfassungen' und 'Papierta-
peten' findet.
Grecque bezeichnet in der Kunstgeschichte einen rechtwinkligen oder spiral-
förmig gewundenen Mäander, ein in sich selbst zurücklaufendes, sein Muster wie-
derholendes Zierband, ein ruban orthogonal retournant sur lui-meme pour en-
gendrer la repetiuon de son dessin. Die Nähe zwischen Arabeske und ä la grecque
belegt nicht nur ein Zitat aus Jean Pauls Hesperus: "Unsere Gespräche sind heute
einmal voll Arabesken und ä la grecque"7, sondern auch Kants terminologischer
Verweis auf den griechischen Ursprung dieses Ornamentstils. Aus dem helleni-
schen Bandmuster entsprang in unmittelbarer Nachfolge der außergewöhnliche
Formenreichtum des arabischen Mäanders.8
Bevor auf die arabische Tradition der Arabeske, ihre Nähe zur Schrift und ihr
romantisches Erbe eingegangen wird, sollen im folgenden aus Kants Ästhetik Kri-
terien zur Bestimmung der Arabeske gewonnen werden.
Die äußere Form von Mäander, rahmender Einfassung und Tapete als "linear
art"9 ist die eines sich artikulierenden, fortlaufenden Bandes — eine der Erschei-
nungsformen der Arabeske. Als flächige, abstrakte Muster und Stilisierungen ohne
Raumtiefe und Perspektive verzichten die angeführten Beispiele freier Schönheit
auf mimetische Figurendarstellung und Gegenständlichkeit: "Blumen, freie Zeich-
nungen, ohne Absicht in einander geschlungene Züge, unter dem Namen des
Laubwerks, bedeuten nichts, hängen von keinem bestimmten Begriffe ab und
gefallen doch" (§ 4, 207). Wie diese Zeichnungen, so will Kant "auch das, was
man in der Musik Phantasien (ohne Thema) nennt, ja die ganze Musik ohne Text zu

rcstriclivc". George Dickic: Art and the Aeslhetic. An Institutionell Analyst.*. Ithaca, NY 1974,
72f.
7
Jcan Paul: Hesperus. In: Werke. Hg. v. Norbert Miller. München 1960, Bd. 1, 862. Die
Hcrausgcbcranmcrkung, d la grecque bedeute "in griechischem Geschmack, svw. grotesk oder
bizarr" (1293), laßt den historischen Kontext des Begriffs außer acht.
8
Vgl. Owen Jones: The Grammar ofOrnament. London 1910 (1856), 35. Vgl. auch Alexandre
Papadopoulo: "The Grcck key pattern (ihe mcander) (...1 becomes an arabesque when transposed
inlo curvcd lincs". Alexandre Papadopoulo: Islam and Muslim Art. Aus dem Frz. übers, v. Robert
Erich Wolf. New York 1979, 74.
9
Phyllis Ackcrman: Watlpaper. Its Hislory, Design and Use. New York 1923, 124 und 118. "In
the drawing of curves or arabesques ihe wallpaper designer can get valuablc hinls from old Pcrsian
carpcLs, cspccially thosc of the Sixtecnth Century" (122).
Romantische Arabesken 103

derselben Art zählen".'0 Arabeske Zeichnungen, Musik und auch Tanz sind nur
"für sich" schön, begriffslos und nicht-semantisch, d.h. konzeptuell nicht erfaßbar.
Ausgewiesen sind sie durch ihre schöne Form, den "eigentlichen Gegenstand des
reinen Geschmacksurteils"(§ 14, 225). Stellt in den bildenden Künsten die Zeich-
nung als "Gestalt" die Form vor, so in der Musik und im Tanz die "Komposition"
(§ 14, 225): "Alle Form der Gegenstände der Sinne [d.h. was man 'vor den Sin-
nen' (§ 16,231) hat) (der äußern sowohl als mittelbar auch des innern) ist entweder
Gestalt oder Spiel; im letztern Falle entweder Spiel der Gestalten (im Räume die
Mimik und derTanz'11]); oder bloßes Spiel derEmpfindungen'12l (in der Zeit)" (§
14, 225).
Wesentlich für die Schönheit der arabesken Darstellung ist das Prinzip der Be-
wegung. Form als Komposition ist die sukzessive, kontinuierliche (künstlerische)
Bewegung im Raum (Tanz) — wobei die bewegte Gestalt im Raum die Illusion ei-
ner weiteren, vierten Dimension schafft — oder in der Zeit (Musik), die jeweils das
freie Spiel der Erkenntnisvermögen anregt, ohne auf gegenständliches Begreifen
abzuzielen. In der Zeichnung konstituiert sich Form als fortlaufendes Band oder als
Gestalt ebenfalls durch Bewegung, in immer neuen Kombinationen (darin der äs-
thetischen Idee13 ähnlich), die sequentiell erfahren werden: Die Aufmerksamkeit
oszilliert; Bewegung erscheint als Wechsel der Wahrnehmung zwischen einzelnen
Elementen. Im Gegensatz zu "geometrisch-regelmäßigefn] Gestalten" — Kant
nennt "eine Zirkelfigur, ein Quadrat, ein[en] Würfel u.s.w." —, deren Form keine
"Zusammensetzung des Mannigfaltigen enthält" (§ 22, 241) und deshalb unmittel-
bar auf ihren Begriff überleitet, hält die Mannigfaltigkeit der Gestalt der Zeichnung,
die nicht auf einen Begriff gebracht werden kann, die Aufmerksamkeit in ihrem
Bann.14 Ihre Komplexität übersteigt die Aufnahmefähigkeit jedoch nicht und wirkt

10
Kanl (Anm. 2), § 16, 229. In der Musik verweist der Begriff Arabeske auf "reiche Figuration
und Verzierung einer Melodie", außerdem auf "freie Entfaltung oder Zusammenspiel von Linien".
Erinnert sei an die musikalischen Phantasien, Musikstücke für Klavier, von Robert Schumann
(1K39), Dcbussy (1888) und Max Reger (1912), die den Namen Arabeske tragen. Artikel
"Arabeske". In: Riemann Musik-Lexikon, hg. v. Hans Heinrich Eggcbrcchl. Mainz 1967, Bd. 3
(= Süchtcil), 44t
11
Eine bestimmte Ballcitfigur mit angehobenem, nach hinten ausgestrecktem Bein wird
Arabesque' genannt. — Im Gegensatz zu Kant erklärt Aristoteles in seiner Poetik den Tanz —
freilich aufgrund von Rhythmus und nicht von Bewegung — zur mimclischen Kunst.
'-D.h. "des Gehörs und des Gesichts, mithin [...] Musik und Farbenkunst", § 51, 324.
13
Vgl. Kant (Anm. 2), § 49, 324; § 51, 324.
14
Rcinc Form erweist sich also als "dominante Fülle", wie Günter Ocstcrlc aufgezeigt hat:
"Arabeske und Roman. Eine poctikgcschichtlichc Rekonstruktion von Friedrich Schlegels 'Brief
über den Roman"'. In: Studien zur Ästhetik und Literaturgeschichte der Kunstperiode, hg. v. Dirk
Gralhoff. Frankfurt am Main/Bcm/New York 1985, 242. Überdies sind selbsl dekorative Musler
nie vollkommen rein', da die Wahrnehmung von Form eine Bcdculungszuweisung voraussetzt.
104 Kerstin Bchnkc

auch nicht bedrohlich wie das Mathematisch-Erhabene, sondern — wie Goethe


bemerkt — heiter und freundlich.15
Kant verwendet das Wort "Einfassungen" in zwei Kontexten — "Laubwerk zu
Einfassungen" (§ 16, 22) ist schöne Form "für sich"; "Einfassungen der Gemälde"
dagegen sind der Schönheit äußerliche Formen, d.h. "was nicht in die ganze Vor-
stellung des Gegenstandes als Bestandstück innerlich gehört" (§ 14, 226). Diese
die Arabeske marginalisierende Außen- und Innenlogik legitimiert sich, indem sie
unter der Hand zwei getrennte Vorstellungsbereiche ineinssetzt: Das ideell bzw.
metaphorisch Äußerliche als das nicht eigentlich zur Vorstellung Gehörige beweist
sich exemplarisch im materiell Äußerlichen, dem einfassenden Rahmen. Wie die
Form des Quadrats auf ihren Begriff, so verweisen also die Einfassungen bei Kant
auf ein Bild in der Mitte und tun als "Schmuck" und "Parerga" "der echten Schön-
heit Abbruch" (§ 14, 225). Kants funktionale Unterscheidung der Einfassungen
reflektiert zwei distinkte Traditionen der Arabeske, die eine orientalisch-islamisch
und Vorbild für Kants freie Schönheit, die andere griechisch-römisch und "sub-
ordinierte Kunst"16 nach Goethe.
Goethe bezeichnet wie Kant die Bildarabeske als "frei"17, doch sieht er in ihren
hellenischen Ausführungen eine niedere Form, die "der bessern Kunst gleichsam
zum Rahmen dien[t]"18: "eine willkürliche und malerische Zusammenstellung der
mannigfaltigsten Gegenstände, um die innern Wände eines Gebäudes [in Pompeji
oder Herculaneuml zu verzieren". In der Wandmitte ist "ein Bildchen angebracht,
das meistens einen mythologischen Gegenstand vorstellt"; "die Einfassung dersel-
ben |d.i. der Wandl besteht aus sogenannten Arabesken": "Stäbchen, Schnörkel,
Bänder, aus denen hier und da eine Blume oder sonst ein lebendiges Wesen her-
vorblickt" (83). Selbst in Raffaels Arabesken in den Logen des Vatikan finden sich

kleine Genien und ausgewachsene männliche Gestalten, die auf Schnörkeln und Stäben gaukeln
und sich heftiger und munterer bewegen. Sie scheinen zu balancieren, nach einem Ziel zu eilen,
und was alles die Lebenslust für Bewegungen einflößen mag (87).

Wenn auch Raffaels Entwürfe das arabeske Gesetz der Bewegung exemplifizieren,
so sind sie doch nach einer Logik von Innen und Außen19 gearbeitet, die der orien-
talischen Arabeske fremd ist. Rein omamental und ohne Bedeutungszentrum, ver-

,3
VgL Johann Wolfgang von Goethe: "Von Arabesken". In: Berliner Ausgabe, hg. v. Siegfried
Seidel. Berlin/Weimar 1973, Bd. 19, 83, 85, 87.
16
Gocihc (Anm. 15), 85.
17
Vgl. Goclhc (Anm. 1), Xcnion Arabesken.
'"Goethe (Anm. 15), 85.
19
Vgl da/u Ulrike Dünkclsbühlcr: Kritik der Rahmen-Vernunft. Parergon-Versionen nach Kam
undDerridu. München 1991.
Romantische Arabesken 105

weist sie auf nichts als sich selbst. Mit der Darstellung menschlicher Figuren dage-
gen rückt Bedeutung ins Zentrum.
Wie bei einer Komposition in Tanz und Musik, "bei der Erscheinung und
Struktur identisch sind"20, so ist auch in der arabesken Zeichnung der Unterschied
zwischen Figur und Untergrund, der erst eine gegenständliche Darstellung von
Objekten ermöglicht, getilgt.21 Das Ornament ist entweder — als Teppich, Textilie
oder Mosaik — konstruktive Form22, die sich selbst trägt, oder es bedeckt, wenn
es — z.B. als Wandmalerei — auf etwas aufgetragen ist, seinen Untergrund durch
Ineinandergreifen mehrerer Muster nahezu lückenlos. In Pompeji dagegen ist, wie
Goethe betont, die Wand zwischen Bild und arabesker Einfassung "in einer Farbe
abgetüncht".23 Indem sich das in der Mitte Dargestellte vom Untergrund der
einfarbigen Wand abhebt, wird es — wie die Tätowierung auf der Haut — zum
Objekt und gehört nicht mehr zur Arabeske. Im Gegensatz dazu konstituieren
Blume oder Muschel, Kants Beispiele für freie Naturschönheit24, erst das Medium,
in dem sie erscheinen. Ihres ornamentalen Charakters beraubt, sind sie jedoch auch
zugleich in ihrer Struktur zerstört.
Daß mit der Differenz zwischen Figur und Unter- oder Hintergrund auch Bedeu-
tung getilgt ist, geht indirekt aus Edgar Allan Poes satirischer Philosophy ofFurni-
ture (1840) hervor. Wie Kant, so betont Poe — am Beispiel von Teppichen — die
Bedeutungslosigkeit des Musters:

distinct grounds and vivid circular or cycloid figures, of no meaning, are here Median laws. The
abominaüon of flowers, or representation of wcll-known objects of any kind should not be endured

2()
So Wolfgang Prcisendanz über die Musik: "Bericht der 'Diskussion' zu Clemens Hcselhaus: 'Die
Wilhclm-Mcister-Kritik der Romantiker und die romantische Romantheorie"'. In: Nachahmung und
Illusion (= Poetik und Hermeneutik I), hg. v. Hans Robert Jauß. München 2 1969, 215. Zur
Musik vgl. auch Ernest H. Gombrich: The Sense of Order. A Study in the Psychology of
Decorative Art. Ithaca, NY 1979,297.
21
Für ein klärendes Gesprach zu diesem Thema danke ich dem Kunsthistoriker Michael Marrinan
(Stanford). Hier wäre die konzepiuclle Differenz zwischen (ornamentaler) Arabeske und (figürlicher)
Groteske anzusetzen.
22
0wcn Jones (Anm. 8), 23, unterscheidet zwischen konstruktiver, repräsentativer und rein
dckoraüver Ornamcntform.
23
Goclhc (Anm. 15), 83. Auch "in den Bädern des Tilus zu Rom" (86) sind Arabesken und Bilder
durch "Tünche" voneinander getrennt. In Raffaels Arabesken in den Logen des Vatikan hebt sich
die figürliche Darstellung ebenfalls gegen einen einfarbigen Untergrund ab. Vgl. z.B. die Tafeln
LXXXVI und LXXXVI* bei Owen Jones (Anm. 8), zw. 152 und 153.
24
Kant (Anm. 2), § 16,229.
106 Kerstin Behnkc

wilhin ihc limiLs of Chrislcndom. Indccd, whether on carpcts, or curtains, or lapestry, or ouoman
covcrings, all upholsiery of this nature should be vividly arabcsque.25

Zugleich fordert Poe jedoch nachdrücklich "distinct gTounds" im Design. Er pole-


misiert gegen "those antique floor-cloths" — "cloths of huge, sprawling, and ra-
diating devices, stripe-interspersed, and glorious with all hues, among which no
ground is intelligible" (ebd., 14) —, in denen sich weder Grund noch Figur und
folglich auch keine Bedeutung finden. Um diese Art von Bedeutungslosigkeit ist es
Poe jedoch nicht zu tun. Zur Auflösung dieses vermeintlichen Widerspruches26
bedarf es keines "good judge of a carpet", der "must be a genius" (ebd., 13f.),
sondern eines 'Richters', der die "Median laws" kennt: ihre Vorschrift tabuisiert die
unmittelbare Darstellung von Bedeutung — das Muster soll "figures" auf einem
Grund darstellen27, wenn auch nicht von "well-known objects" — und wirkt als
repressives Diktat von Wahrnehmung suggestiv auf das Verhältnis von Reprä-
sentation und Gesehenem. Die Unterscheidung zwischen Darstellung und dem
Erkennen des Dargestellten erlaubt es, Bedeutung als einen steuerbaren Effekt zu
sehen.2X Indem den arabesken Figuren eigene Bedeutung untersagt wird, werden
sie frei, anderweitig eine — aus einem Verschiebungsprozeß entstandene29 —
suggerierte Bedeutung aufzunehmen.30 So beleben sich die "vivid figures" (ebd.,
14) in Poes Geschichten zu Gestalten, auf die menschliche Qualitäten verlagert
sind, während die mit ihnen in Beziehung stehenden Personen künstlich oder leblos
erscheinen. Außerdem wird hier eine auch auf Kant ausdehnbare Kritik an 'reiner'
Form deutlich, die ihre absolute Bedeutungslosigkeit nur durch die Entseman-

2,
Edgar Allan Poe: "The Philosophy of Furnilurc". In: The Compleie Works of Edgar Allan Poe.
Akron, Ohio 1908, Bd. 10, 14. Hervorhebung von Poe.
2<i
G. R. Thompson verweist hier auf die Kantischc "bcauly of pure design, involving perspective
againsl a dislinct batkground, rccalling (he seventeenth-century distinetion of perspective in
scrollwork" und nennt den Essay eine "hoaxing satirc". G. R. Thompson: Poes Fielion. Romanik
Irony in ihe Gothic Tales. Madison 1973,123 und 125.
27
Dcr "ground" als Bcdculungsträger, der die Figuren ins Relief setzt, wird außerdem durch die
dreimalige Verwendung von "rclievc" bei der Raumbeschreibung hervorgehoben: "The carpet of
Saxony malcrial [...] is of the samc crimson ground |wic die Vorhänge], rclicvcd simply by the
appearance of a gold cord [...] slighlly rclicved above the surface of the ground, and thrown upon it
in such a inanncr as lo form a succession of Short, irregulär curves, one occasionally ovcrlying the
oihcr. The walls are [...] spoucd with small Arabesque devices of a faintcr hue of the prevalent
crimson. Many paintings rclievc the expanse of the paper". Poe (Anm. 25), 18.
28
Vgl. da/u Michael Daviu Bell: The Development of American Romance. Chicago 1980, 106.
29
Dicscr Prozeß läßt sich auch psychologisch als repression von Schuld etc. und als displacemenl
deuten. Vgl. Bell (Anm. 28), bes. 111.
30
Hicr wäre die Beziehung zwischen Arabeske und Allegorie anzusetzen. Vgl. auch Werner Busch:
Die notwendige Arabeske. Wirklichkeitsaneignung und Stilisierung in der deutschen Kunst des 19.
Jahrhunderts. Berlin 1985. Busch bezieht sich auf Schlegel und Runge.
Romantische Arabesken 107

tisierung der Detailfülle und durch die Ausblendung bzw. Unterdrückung der
Materialität ihres Mediums erreicht.

Der Begriff Arabeske bezeichnet eine Ornamentform oder einen Stil31 primär der
islamischen Kunst, der Blumen, Laubwerk, Früchte, geometrische und gelegent-
lich stilisierte tierische Figuren32 und kalligraphische Schrift zu einem komplizier-
ten Muster ineinandergeschlungener Linien webt, um das islamische Verbot der re-
ligiösen Darstellung von Gottes Geschöpfen nicht zu verletzen. Dieses Repräsenta-
tionsverbot beschränkt die islamische Kunst auf Dekoration33, ist aber der Einbe-
ziehung von Schrift in die Ornamententwicklung förderlich. Die islamischen Künst-
ler "ever worked as nature worked but always avoided a direct transcript; they took
her principles, but did not, as we do, attempt to copy her works".34 Nicht Natur-
nachahmung, sondern Idealisierung und Stilisierung von Formen zu geometrischen
Mustern sowie der Einsatz von Schrift, Rankenornamenten und Flechtwerk (inter-
lace) charakterisieren die islamische Arabeske. Die Geometrie bildet dabei die
Grundlage der Formen, deren Vielfalt aus einigen wenigen Grundregeln ableitbar
ist.35 Typisch für komplexe Ornamente ist die Einfachheit des Grundmusters, das
jedoch oft von anderen Mustern überlagert wird. Schönheit erscheint hier im Sinne
Kants als Faszination komplexer Formen: "Intricacy in form", schreibt William
Hogarth 1753, "I shall define to be that peculiarity in the lines, which compose it,
that leads the eye a wanton kind ofchase, and from the pleasure that it gives the
mind, intitles it to the name of beautiful".36 Owen Jones schließt seine "analysis of

31
Dicsc Differenzierung weist voraus auf die romantische Praxis, sowohl konkrete Werke oder
Teile davon wie auch die Schreib- und Darstcllungsweise, den Stil von Erzählungen und Romanen
mil dem Begriff der Arabeske zu belegen.
32
Naluralisüschc Motive aus der persischen Omamcnttradilion, die dieses Tabu nicht kennt, haben
auf die arabische und die maurische Kunst zurückgewirkt. Vgl. Owen Jones (Anm. 8), 75.
33
Vgl. Marc Eli Blanchard: "Stil und Kunstgeschichte". In: 5/(7. Geschichten und Funktionen
eines kullurwissenschaftlichen Diskurselements, hg. v. Hans Ulrich Gumbrecht/K. Ludwig
Pfeiffer. Frankfurt am Main 1986, 560.
34
Joncs (Anm. 8), 70.
35
Joncs (Anm. 8), 157. Eine Vielzahl von Mustern läßt sich geometrisch mit Hilfe des vedischen
Quadrats (aus 9 x 9 Zahlen), das die Mohammedaner 770 aus Nordindien übernahmen, unter
Ziehung der Quersumme von Zahlen, die größer als 9 sind, produzieren. Vgl. Kcith Albam/Jcnny
Miall Smith/Stanford Stcclc/Dinah Walker: The Language of Pattern. New York/Evanston/San
Francisco/London 1974, 10.
36
William Hogarth: The Analysis of Beauty, hg. v. Joseph Burkc. Oxford 1955, 42. Hervor-
hebung von Hogarth.
108 Kerstin Behnke

the arabesque in terms of eye-movements"37 an Hogarths Analysis ofBeauty an:


"Those proportions will be the most beautiful which it will be the most difficult for
the eye todetect".38
"[Tlhe use of natural form and illusion to provide increasing mobility" war "a
development leading naturally to the arabesque".39 In islamischer Kunst ist Form
nicht so sehr funktionales Diktat als illusionäre Konstruktion einer Oberflächende-
koration aus Mustern und Schrift.40 Das Zusammenwirken eindimensionaler Linien
auf einer zweidimensionalen (Ober-)Fläche läßt die Illusion eines dreidimensionalen
Raumes, d.h. eine Tiefenschicht innerhalb der Oberfläche entstehen41 oder erweckt
die Vorstellung, die zweidimensonale Oberfläche sei in Auflösung begriffen. Als
Ambiguität in der Wahrnehmung gründet diese Illusion, d.h. der Eindruck des
Fließens innerhalb der planen Oberfläche und des ständigen Zurückweichens der
Ebenen im Raum auf den Wechsel der Aufmerksamkeit zwischen Gegenständen42,
d.h. Bewegung in der Wahrnehmung, die der wahrgenommenen Bewegung —
dem Übergang von einer Form in die andere — nachfolgt. Stimulans der Imagina-
tion ist also die vermeintliche Flüchtigkeit und Beweglichkeit des Angeschauten,
die suggeriert wird durch die geschwungene Form der Linien, die Kontinuität des
Musters als ununterbrochen sich fortsetzendes Band und das dynamische Verhält-
nis der Teile zueinander, insbesondere die Wiederholung sich kreuzender gerader
und gebogener Linien, das Ineinandergreifen mehrerer Muster auf einer Ebene und
die Verschlingung von Muster, Schrift und Flechtwerk. Die Kombination des
Geometrischen und des Organischen ergibt so den Eindruck "geordneter Instabili-
tät".43

//

Die Affinität zwischen Arabeske und Schrift liegt in ihrer materialen, d.h. primär
graphischen Gestalt. Für beide ist die Linie, in gerader, geometrischer, gewundener
oder spiraliger Form auf ebener Fläche, konstituierend.

37
Gombrich (Anm. 20), 191.
38
Jones (Anm. 8), 9.
39
Albam et al. (Anm. 35), 46.
40
VgI. ebd., 7 und 12.
4
'Vgl. ebd., 14. Während der Herrschaft von Schah Abbas im 14. Jahrhundert entwickeln
Arabeskcmcppichc manchmal acht oder neun verschiedene illusionäre Schichten von Mustern. Vgl.
ebd., 48.
42
Vgl. ebd., 12.
43
Ebd., 50.
Romantische Arabesken 109

Friedrich Schlegel nennt die Arabeske die "älteste und ursprünglichste Form der
menschlichen Fantasie"44 und konkretisiert: "Die ursprüngliche Form der Pictur ist
Arabeske, —" 4 5 Kunstgeschichtlich wurzelt die — öst/westliche — Entwicklung
der Arabeske in dem ägyptischen Ornament der Lotusblume. Hegel bereits bringt
die ägyptische Baukunst, in der "die Säulen aus Pflanzenbildungen hervorgehen,
Lotuspflanzen und andere Bäume zu Säulen hinaufgestreckt" sind, mit der Ara-
beske in Verbindung:

Der schwanke Stengel (...] steigt verschlungen emporgewunden als Säule auf, und das Kapitell ist
auch ein blumenartiges Auseinandergehen von Blättern und Zweigen. Die Nachahmung ist jedoch
nicht naturgetreu, sondern die Pflanzenformen werden architektonisch verzogen, dem Kreisrunden,
Verständigen, Regelmäßigen, Geradlinigen nähergebracht, so daß diese ganzen Säulen dem ähnlich
sind, was gewöhnlich Arabeske genannt wird.46

Der Lotus, in der geometrischen Strenge der ägyptischen Kunst immer nur unver-
bunden als Einzelelement dargestellt, wurde mit der aus der Linie hervorgegange-
nen sich wellenlinienartig ein- und ausrollenden Laubranke bzw. Spirale, wie sie
im Griechischen zuerst auf Kreta verwendet wurde47, verbunden und zur Palmette
entwickelt. Die orientalische Arabeske wiederum geht aus der griechischen Palmette
(bzw. dem Akanthus, der Palmette als Blattform) dadurch hervor, daß das Ver-
hältnis zwischen Figur und Untergrund sich umkehrt, wie Alois Riegl erwiesen
hat 48
Die Wellenlinie ermöglicht die Entstehung der Arabeske und steht wie sie in en-
ger Verbindung zu Schrift und Text. Sie wird jedoch nicht vollkommen von der

^Friedrich Schlegel: "Rede über die Mythologie". In: Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe (=


KA), hg. v. Hans Eichncr. München/Paderborn/Wien 1967, Bd. II, 319. Geoffrey Galt Harpham
zitiert ethnographische Forschungsarbeiten, die die Arabeske bis in die ältere Steinzeit zurückver-
folgcn, und resümiert: "The arabesque may represent man's earlicst artislic expression". Geoffrey
Galt Harpham: On the Grotesque. Strategies of Conlradiction in Art and Literature. Princcton
1982, 202, Anm. 3. Vgl. auch 50.
45
Fricdrich Schlegel: Literary Notebooks (= LN), hg. v. Hans Eichncr. London 1957, LN 2086;
vgl. auch LN 2117.
46
Gcorg Wilhelm Friedrich Hegel: Ästhetik. Berlin 1955,614.
47
Vgl. Papadopoulo (Anm. 8), 74. "[TJhe spiral also represents esoteric, hermetic knowlcdge in
that it is the visible sign of the labyrinth through which thc initiales alone can pass and that
cffcclivcly cxcludcs all intruders". Papadopoulo, 187. Vgl. dazu Guslav Rcnd Hocke: "Schon die
römisch-antike Arabeske (Grabmäler der Porta Latina) ist labyrinthisch". Gustav Rene' Hocke: Die
Well als Labyrinth. Manierismus in der europäischen Kunst und Literatur, hg. v. Curt
Grül/machcr. Reinbck 1987, 93.
4X
Vgl. Alois Ricgl: Stilfragen. Grundlegungen zu einer Geschichte der Ornamentik Hildesheim/
New York 1975 (1893). Siehe auch Gombrich (Anm. 20), 181 ff. Bereits John Ruskin hatte 1851
erkannt, daß "thc two rools of Icaf Ornament are the Greek acanlhus, and thc Egypüan lotus". John
Ruskin: The Slones of Venice. London 1911, Bd. 1, 232.
110 Kerstin Bchnke

Arabeske verschlungen, sondern macht auch unabhängig von ihr ästhetisch und li-
terarisch Karriere, als Hogarths "line of beauty"49, als "metaphysische Schönheits-
linie" bei Karl Philipp Moritz50 und, in Schlangenlinienform, als "Element zeitge-
nössischer Idealhandschriften" um 1800.51 In Texten von Laurence Sternes Trist-
ram Shandy bis zu Baudelaires Thyrse fügt sie sich wieder der größeren Textara-
beske ein, bis sie schließlich als Arabeske für Bewegungslinien und Bildstruktur in
der modernen Malerei bestimmend wird. Daß die Arabeske nicht nur über die
Schrift, sondern auch als Strukturform in romantische Texte eingeht, ist präfiguriert
im arabesken Werkaufbau von islamischen Bildern, in denen die Figurenanordnun-
gen einer versteckten Mehrfachspirale oder Arabeske folgen.52
Die geschwungene Kalligraphie arabischer Lettern mit ihren diakritischen Zei-
chen erweist, wie die klassische islamische Vorstellung von der (Koran-)Schrift als
"geometry of the soul"53 veranschaulicht, Schrift als ornamentale Grundform und
wesentliches Element dekorativer Kunst. Darüber hinaus sind der Schrift oft oma-
mentale Formen und Motive eingewoben — als Verzierungen einzelner Buchsta-
ben, Blumenmuster, Rosetten und, seltener, sogar als Buchstaben darstellende
menschliche Figuren.54 Die Arabeske, an der Grenze zwischen Ornament und Zei-
chen, fließt in Schrift über, Dekoration und Lettern sind nicht voneinander zu tren-
nen. Viele der kalligraphischen Texte sind außerdem, mit Ornamenten überlagert,
fast unentzifferbar oder enthalten bedeutungsverändernde orthographische Fehler,
was annehmen läßt, daß sie nicht zum Lesen bestimmt waren.55 In der Renaissance
fanden solche bedeutungslose arabische Lettern, von islamischen Textilien kopiert,
als Verzierung von Kunstwerken Verwendung.56
Die Möglichkeit arabesker Bedeutungskonstitution und -fixierung ist demnach
dreifach verwehrt: durch das Verbot der Repräsentation figuraler Gestalten; durch

49
Vgl. Hogarth (Anm. 36), 55: "Thal Üie waving line, or line of beauty, varying still more [than
the "straighl and curv'd lines join'd"], being composed of two lines contrasied, becomes still more
ornamental and plcasing, insomuch lhat the hand takes a livcly movement in making it wilh pen
or pcncil".
50
Vgl. Karl Philipp Moritz: "Die metaphysische Schönhcilslinie". In: Schriften zur Ästhetik und
Poesie, hg. v. Hans Joachim Schrimpf. Tübingen 1962, 151-157.
51
Friedrich A. Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900. München 1985, 112.
52
Vgl. Papadopoulo (Anm. 8), 73: "[Ilmportant objeets (...) are (...) on the trajeetory of the
arabesque. From the Muslim point of view, however, what is truly importam is lhat the eyes —
symbol of the soul — and wherever possible ihe hands — the organ lhat wriles the Book —
should bc situated on the maihemalical curve, spiral, or arabesque that gives strueture and
Organization to the autonomous exisience of forms wilhin the work". Vgl. auch 96f.
53
Shcn Fu/Clcnn D. Lowry/Ann Yonemura: From Concept to Context. Approaches to Asian and
Islamic Caliigraphy. Washington, D.C. 1986, 109.
54
Vgl. ebd., 105f.
55
Vgl. ebd., 107f.
56
Vgl. Gombnch (Anm. 20), 237.
Romantische Arabesken 111

die allmähliche Entsemantisierung der Kalligraphie: Schrift, zum Ornament umge-


fügt, wird arabesk; schließlich durch bedeutungseinebnende Mannigfaltigkeit von
Formen, die reine Form als schiere Fülle von Details ausweist.
Das Verhältnis zwischen Arabeske und Schrift erneuert sich im Mittelalter mit
den illuminierten Buchmanuskripten und in Initialien von Handschriften.57 Wie
Kalligraphien und Texte in den islamischen Miniaturen zu finden sind58, so dringen
nun Ornamente in den Bereich der Schrift ein. So dienten Arabesken seit der Re-
naissance als Omamentstempel für Bucheinbände.59
Historisch anregend für die literarische Arabeske ist besonders die gotische Bau-
kunst des Mittelalters, die Hegel — neben der maurischen und der deutschen — zur
"romantischen Architektur" zählt.60 Ihr Charakteristikum ist, "das Materielle, Mas-
sigte nicht in seiner Materialität gelten zu lassen, sondern es überall zu durchbre-
chen, zu zerstückeln, denselben den Schein seines unmittelbaren Zusammenhalts
und seiner Selbständigkeit zu nehmen" (644). Die architektonischen "Zieraten" —
"ausdrücklich Blätter, Blumenrosetten und in arabeskenartigen Verschlingungen
teils wirkliche, teils phantastische zusammengesetzte Tier- und Menschengestalten"
(644), nehmen aufgrund der gotischen Gestaltungsweise des "Aus-der-Masse-
Herausarbeiten[s]" "den Charakter des überall Durchbrochenen oder über die Flä-
che Hingeflochtenen" (644f.) an. Damit ist das Gotische nicht nur über die "Gothic
novel" in die romantische Literatur eingegangen, sondern wird als tektonisches
Prinzip auch in der arabesken Schreibkunst wirksam, wie noch zu zeigen sein wird:
Wie im Bauwerk die Illusion des Materiellen, Festen durchbrochen wird, so im
Erzählwerk die Illusion der Realität des Dargestellten.

///

Die Vorstellung der Arabeske als "subordinierte Kunst" (Goethe) steht konzeptuell
und wahrnehmungspsychologisch in enger Wechselbeziehung zur figuralen bzw.
Bedeutung tragenden Repräsentation — und teilt mit der Schrift die Zuweisung von
Zweitrangigkeit. Für Hegel fällt die Arabeske in der bildenden Kunst "ihrem Be-
griff nach eben in den Übergang aus einer natürlichen für die Architektur gebrauch-
ten organischen Gestalt zu der strengeren Regelmäßigkeit des eigentlich Architek-
tonischen" (614). Für die romantische Kunst in der Architektur, der "Kunst am
Äußerlichen", gilt, daß das Äußerliche sich in seiner "Dienstbarkeit zugleich als

57
Zur Verbindung zwischen arabcskcr Buchkunst und arabcskcm Text vgl. Eugene Vinaver The
Rist of Romance. Cambridge 1984.
58
Vgl. Papadopoulo (Anm. 8), 176.
^Lexikon der Kunst in vier Bänden, hg. v. Ludger Alscher et al. Leipzig 1968, Bd. 1, 110.
"'Vgl. Hegel (Anm. 46), 594.
112 Kerstin Bchnkc

selbständig zeigt", d.h. es wird "als Mittel behandelt für einen ihm andern Zweck"
und, da das Romantische sich wieder aus ihm zurückzieht, "zu selbständiger Ge-
staltung wieder frei[ge]lassen" (595). Selbständig ist die Baukunst, wenn sie dabei
ist, "zur Skulptur überzugehn, organische Formen von Tiergestalten, menschlichen
Figuren anzunehmen" (597). Das Bedürfnis, dem die Architektur als Mittel dient,
verlangt dagegen zweckmäßige Formen: "das Geradlinige, Rechtwinklige, die
Ebenheit der Flächen" (611). "Wenn aber die Baukunst frei in ihrer Bestimmung
geworden ist", d.h. als romantische Kunst frei in ihrer eigenen Gestaltung und
zugleich als Mittel für Zwecke bestimmt ist,

setzt sie die Arabeskenformen zu Schmuck und Zierat herunter. Sie sind dann vornehmlich verzo-
gene Pflan/.cngesialten und aus Pflanzen erwachsende und damit verschlungene Tier- und Men-
schenformen oder in Pflanzen übergehende Tiergcbildc (614).

Diese Pflanzengestalten 'bedeuten' nicht, sondern sind Ornament. "Sollen sie eine
symbolische Bedeutung bewahren" (614), — d.h. die Bedeutung, die sie "in sich
selber tragen", die sie "in ihrer äußeren Gestalt f...] nur symbolisch ausprägen
können" (593) —, "so kann dafür der Übergang der verschiedenen Naturreiche
gelten" (614) — der materiell in der Struktur der "Arabeskenformen" und auch in
ihrer Übergangsstellung zwischen den Reichen der Natur und der Architektur
reflektiert ist. Dieser "Übergang" symbolisiert zugleich den synthetischen Charakter
der islamischen Weltsicht — im Gegensatz zur analytischen Praxis des Westens,
der, was dem Verstandesdenken nicht unterordbar ist, dem sinnfreien Spiel der
Einbildungskraft zuweist: "ohne solchen Sinn sind sie [die Arabeskenformenl nur
Spiele der Phantasie in Zusammenstellung, Verbindung, Verzweigung der unter-
schiedensten Naturgestaltungen" (614).
Während für Goethe Arabesken der höheren Kunst dienen, sind sie für Hegel
keinem Zweck dienstbar, sondern bleiben in ihrer "zweckmäßigkeitslosen Selb-
ständigkeit" (615) ohne Bestimmung. Dennoch sind sie in seiner teleologischen
Kunstbetrachtung untergeordnet — bloß "Spiele der Phantasie", worin für Kant je-
doch ihre höchste ästhetische Auszeichnung liegt.
Goethe und Hegel kolonisieren die Arabeske ins Reich der Vernunft und fügen
sie in eine Logik des Dienens ein, aus der Kant sie gerade freisetzen will. Keiner
Bestimmung untenan, ist sie schwer zu konzeptualisieren; ambivalent in ihrer Be-
wegung, bleibt sie intransparent für die durchdringende Erkenntnis. Anstatt die
Arabeske als das Andere von Vernunft und Ordnung, als 'willkürlich' und 'regel-
los' zu stigmatisieren und sie damit in ihrer schweifenden Freiheit zu bestätigen,
ordnen Goethe und Hegel die Arabeske ihrer Natur zuwider ein — außen, unten
und vorläufig: Sie wird marginalisiert, wo sie selbst kein Zentrum aufbaut, subor-
diniert, wo sie selbst keine Hierarchie kennt, und als temporär hingestellt, wo sie
selbst die Idee unendlichen Fortgangs ohne Anfang und Ende exemplifiziert. Ohne
Romantische Arabesken 113

Sinn oder Bedeutung, wird die Arabeske dem unterstellt, das etwas be-deutet. Pa-
radoxerweise ist sie als freies Gebilde dem höchsten Dienenden untergeordnet:
dem, das am besten dient, das, fremdbestimmt, seinen Zweck am besten erfüllt.
Hegel erklärt so die Arabeske als nicht von Ideen Bewohntes zu einem "Äußer-
lichen", setzt sie "zu Schmuck und Zierat herunter" (614) und lokalisiert sie "im
Übergang" zu höheren Stufen der Inkarnation des Geistes in der Materie. Bei
Goethe hat diese ideelle Konzeption der Arabeske in der bildenden Kunst eine visu-
elle Entsprechung. Die Reaktion des Hausbesitzers in Pompeji, der sich seinen mit
Arabesken eingefaßten Wandbildern gegenübersieht, stellt er sich folgendermaßen
vor:

Wenn er für sich zu denken und zu tun hat, zerstreuen und beschäftigen sie [d.h. der einfarbige
Grund mit den farbigen Zicrraten] ihn nicht, und doch ist er von angenehmen Gegenständen umge-
ben. Will er seinen Geschmack an Kunst befriedigen, will er denken, einen hohem Sinn ergötzen,
so sieht er seine Miltclbildchcn an und erfreut sich an ihrem Besitz.''1

Für Goethe, der die "geregelte Einbildungskraft"62 dem romantisch-freien Spiel der
Phantasie vorzieht, regt nur die in der figuralen Darstellung verankerte Bedeutung
die Reflexion an, während die nicht-semantischen Arabesken zerstreuen — doch
nur, weil sie nicht angeschaut werden. Wird die Arabeske dagegen in den Blick
genommen, wie es Romanfiguren in der romantischen Literatur tun, so erscheint
das Oszillieren zwischen rahmender Arabeske und eingefaßtem Bild nicht mehr als
räumliches Nebeneinander, sondern als sukzessiver Wechsel, bei dem die Arabeske
sich zu einem Bild belebt, das aus ihr hervorgeht — so in mit arabesken
Verzierungen versehenen, sich durch Lichteinfluß unter den Augen der Charaktere
plötzlich verlebendigenden Wandtapeten.63 In diesem Ineinanderübergehen wird
nicht nur Bewegung als das Prinzip der Arabeske erfahrbar, sondern die Beziehung
zwischen Arabeske und Bild wird selbst in Bewegung gesetzt.
Auf die Erzählstruktur angewandt, stellt sich dieses Verhältnis für Autor und Le-
ser als Illusionsbrechung dar: Die Form des Textes, eigentlich Medium der Darstel-
lung, wird thematisiert und damit zum Inhalt erhoben. Diese Aufwertung der Form

61
Gocthc (Anm. 15), 84.
62
Hicr/.u Wolfgang Kayscr: Kunst und Spiel. Fünf Goethe-Studien. Göuingcn 1961, 42f.
^Die Sieben Weiber des Blaubart (1797), eine Fccnmärchcnparodic, die Ticck zusammen mit drei
anderen Geschichten als Arabesken veröffentlicht hat, läßt die Tapetenmeiapher Wirklichkeit
werden: Die Figuren einer in Bewegung geratenen Wandtapctc beleben sich, beginnen zu reden und
treten aus dem Bild heraus. Ludwig Ticck: "Die Sieben Weiber des Blaubart". In: Ludwig Ticck:
Schriften. Berlin 1828. Bd. 9, 166-174. Vgl. außerdem die Erscheinung einer weiblichen Gcsull
an der Wand in Tiecks William Lovell. Stuttgart 1986, 356; ferner E. T. A. Hoffmanns Erzählung
"Das Majorat". In: E. T. A. Hoffmann: Fantasie- und Nachtstücke, hg. v. Waller Müllcr-Scidcl.
München i960, und Poes "Mctzcngerslcin". In: Edgar Allan Poe: Tales of the Crotesque and the
Arabesque. Glouccslcr, Mass. 1965 (1840).
114 Kerstin Behnke

in der Romantik macht die Herabsetzung der Arabeske als subordinierte Kunst nur
zu einem Teil wieder rückgängig, da sie — besonders bei Friedrich Schlegel — als
'Naturform' der Poesie, die höhere Kunstformen vorbereitet, immer noch vorläufig
und damit niederen Ranges ist.64

IV

Bei Friedrich Schlegel potenzieren sich Begriff und Bedeutung der Arabeske. Sie
vermittelt das Dargestellte mit dem Darstellenden, indem sie an beidem teilhat.65
Wenn es bei Schlegel vage heißt, daß "sich Arabesken [...] auf Erfindung und
Umbildung" "beziehen" (LN 150), so ist dieses Fragment auch reflexiv zu verste-
hen. Wie näher zu zeigen sein wird, bezeichnet und evoziert die Arabeske nicht nur
verschiedene Verwandlungsformen, sondern durchläuft selbst Stadien der Ver-
wandlung, die miteinander ein dynamisches Beziehungsgefüge bilden — ein
"Kunstwerk der Natur" wie die "Mythologie", die Schlegel in der "Rede über die
Mythologie" charakterisiert: "In ihrem Gewebe ist das Höchste wirklich gebildet;
alles ist Beziehung und Verwandlung, angebildet und umgebildet, und dieses An-
bilden und Umbilden eben ihr eigentümliches Verfahren" (KA II, 318) — das als
Witz die romantische Poesie in ihrer Gesamtheit strukturiert, deren "künstlich ge-
ordnete Verwirrung", "reizende Symmetrie von Widersprüchen" und "wunder-
bare[r] ewige|r| Wechsel von Enthusiasmus und Ironie" als "eine indirekte Mytho-
logie" erscheint: "Die Organisation ist dieselbe und gewiß ist die Arabeske die
älteste und ursprüngliche Form der menschlichen Fantasie" (318ff.). Doch diese
"heiligen Spiele der Kunst sind nur ferne Nachbildungen von dem unendlichen
Spiele der Welt, dem ewig sich selbst bildenden Kunstwerk", dem Höchsten, das,
da es "unaussprechlich ist, nur allegorisch" sagbar ist (324), denn "das Göttliche
kann sich in der Sphäre der Natur nur indirekt mitteilen und äußern" (334). So ist
reine Mitteilung an die Schrift verwiesen, die auf das Höchste als "Hieroglyphe der
Einen ewigen Liebe und der heiligen Lebensfülle der bildenden Natur" (334) hin-
deutet: "Bilde, erfinde, verwandle", heißt es in der Lucinäe66, "und erhalte die Welt

" 4 Vgl. da/u auch Günter Ocslcrlc: '"Vorbegriffe zu einer Theorie der Ornamente'. Kontroverse
Formproblcmc /wischen Aufklärung, Klassizismus und Romantik am Beispiel der Arabeske". In:
Ideal und Wirklichkeit in der bildenden Kunst im späten 18 Jahrhundert, hg. v. Herbert Beck/Peter
C. Bol/Eva Maeck-Gcrard. Berlin I9S4, 139.
6
Vgl. das 116 Aihcnäumsfragmcnl. in dem es von der romantischen Poesie heißt, sie könne
"/wischen dem Dargestellten und dem Darstellenden [...] auf den Flügeln der poetischen Reflexion
in der Mine schweben, diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in einer endlosen Reihe
von Spiegeln vervielfachen". Schlegel (Anm. 44), KA II, 182f.
66
Polhcim machl darauf aufmerksam, daß Schlegel den ersten, veröffentlichten Teil dieses Textes
als "arabesk" bc/cichnct und auch vermerkt: "Lucindc = Naturarabeske". Karl Konrad Polheim:
Romantische Arabesken 115

und ihre ewigen Gestalten im steten Wechsel neuer Trennungen und Vermäh-
lungen. Verhülle und binde den Geist im Buchstaben. Der echte Buchstabe ist all-
mächtig und der eigentliche Zauberstab".67 Damit hat sich das für die islamische
Arabeske bestehende Repräsentationsverbot lebendiger Gestalten über die Kanti-
sche Freiheit von Bedeutung bei Schlegel zu einer prinzipiellen Undarstellbarkeit
gewandelt. Außerdem ist die Arabeske als Allegorie, die sich später bei Poe gleich-
sam nach unten, in Schuld und Unbewußtes, wendet, hier nach oben, zum
'Höchsten', gerichtet.
Als sich wandelndes und verwandelndes Moment wirkt die Arabeske — wie zu-
vor bei Kant — auch auf die Einbildungskraft, die jedoch nicht mehr nur passiv
spielt, sondern durch eine "geistreiche Form" im "Spiel [ihrer] innern Bildung"
(KAU, 330; Hervorhebung hinzugefügt) angeregt wird. Der dabei gefühlte Genuß
ähnelt dem an den "witzigen Spielgemälde[n] [...], die man Arabesken nennt"
(330f.). Damit ist die Arabeske nicht mehr nur ästhetisches Formprinzip, sondern
in ihrer Wirkung (und in ihrem Wesen, als etwas im Wandel Begriffenes) in die
Zeitlichkeit hineingehoben. Bei Wilhelm Hauff schließlich regt das Märchen als
Arabeske den Geist zu freier Bewegung an und bewirkt eine Verwandlung der
Zuhörer, die sich in es hineinleben: "das Märchen wurde euch zur Wirklichkeit,
oder, [...] die Wirklichkeit wurde zum Märchen, weil euer Dichten und Sein im
Märchen lebte".68
Schlegel historisiert die Arabeske — zusammen mit den Bekenntnissen69 — als
"die einzigen romantischen Erzeugnisse unsers unromantischen Zeitalters" (330).
Das eigentliche romantische Zeitalter sieht er in den Romanzen vom Mittelalter bis
Shakespeare: "Da suche und finde ich das Romantische, bei den älteren Modernen,
bei Shakespeare, Cervantes, in der italianischen Poesiel70', in jenem Zeitalter der
Ritter, der Liebe und der Märchen, aus welchem die Sache und das Wort selbst
herstammt" (335). Gegenwärtig, zur Zeit Schlegels, ist "die Arabeske kein Kunst-
werk sondern nur ein Naturprodukt" (331). Damit ist die Kantische Vorstellung

"Friedrich Schlegels Lucinde". In: Zeitschrift für deutsche Philologie, 88. Bd., 1969 (Sonderheft),
68.
67
Fricdrich Schlegel: Lucinde. Stuttgart 1982,25. Zur Verbindung von literarischer Arabeske und
Allegorie vgl. auch folgende, bei Polheim verzeichnete Notiz Schlegels: "Alles Idyllische,
Märchenhafte und Arabeske in jeder Novelle entwickelt, in sich selbst allegorisch und konsequent
gemacht und dann rhetorisiert". Polheim (Anm. 66), 88.
68
Wilhclm Hauff: "Der Schcik von Alessandria" (im "Märchenalmanach auf das Jahr 1827"). In:
Werke, hg. v. Hermann Engelhard. Stuttgart 1961, Bd. 1, 729.
69
Im 20. Jahrhundert fließen Arabeske und Bekenntnisse in der Triviallitcratur zusammen. Vgl.
z.B. Auguste Lazar Arabesken. Aufzeichnungen aus bewegter Zeil. Berlin 1968.
70
Vgl. da/u von Schlegels Fragmenten (Anm. 45) auch LN 1644: "Das italiänische enog in
Stanzen ist überwiegend arabesk. —" und, spezifischer, LN 1862: "Im Ariost eigentlich Novelle,
Mährchen und selbst etwas Arabeske mit dem Riticrgcdicht vereinigt".
116 Kerstin Bchnke

von Kunst als Natur nicht nur verzeitlicht, sondern — genauer — in zwei Phasen
aufgebrochen. Als "Naturprodukt" ist die Arabeske in doppelter Weise subordi-
niert: Sie ist nur vorläufiges Werk und auch "keine hohe Dichtung, sondern nur
eine — Arabeske" (331). Um ein Kunstwerk zu werden, "das künstlichste aller
Kunstwerke", muß die Arabeske "alle andern umfassen" (312) — dies vermag sie
als "eine Theorie des Romans":

Eine solche Theorie des Romans würde selbst ein Roman sein müssen, der jeden ewigen Ton der
Fantasie fantastisch wiedergäbe, und das Chaos der Riuerwelt noch einmal verwirrte. Da würden
die alten Wesen in neuen Gestalten leben'711; da würde [zum Beispiel] Shakespeare mit Cervantes
trauliche Gespräche wechseln [...]. Das wären wahre Arabesken [...] (337).

Auch die historische Dimension des Romantischen in der Vergangenheit wird in


arabesker Weise potenziert72, wenn sich das bereits romantische "Chaos der Rit-
terwelt noch einmal verwirrt" und, aus Raum und Zeit der Vergangenheit enthoben,
in eine zeitlose Simultaneität gebracht wird. In ähnlicher Weise ist das Verhältnis
von alter zu neuer Mythologie in der "Rede über die Mythologie" gestaltet;
desgleichen innerhalb des "Briefs über den Roman" (333), wo Raffaels Arabesken
zu Spielgemalden potenziert werden und sich aus Confessionen (338) Arabesken
bilden.

Zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts erlebt der
Begriff der Arabeske eine enorme Bedeutungsauffächerung und -Vervielfältigung.
Die Möglichkeit ihrer Übertragung auf den literarischen Bereich und damit die
Ausweitung ihrer Bedeutung fußt auf der Abwendung der Literatur von der
Naturnachahmung — Arabesken sind "naturwidrig", stellt Hegel fest73 —, die mit
einer Wende zu Sprache und Literatur einhergeht, einer Tendenz (innerhalb und
außerhalb der Literatur), die Welt zu versprachlichen und das Leben nach einer in
der Phantasie eingerichteten Literatur zu leben. Hinter der spielerischen Behandlung
künstlerischer Form, die die Aufmerksamkeit vom Dargestellten auf das Darstellen
lenkt, verbirgt sich die gleichzeitige Möglichkeit und Unmöglichkeit von Bedeutung
im Derridaschen Sinne: Erscheint Bedeutung bei ihm als durchgestrichen, so wird
sie in der Arabeske entweder in die Kontingenz ihrer buchstäblichen Grundlosigkeit

'Diese Art der Vcrlcbcndigung erinnert an die arabesken Teppiche, deren Gestalten sich unver-
mutet zu bewegen beginnen. Vgl. Anm. 63.
72
ln dieser "künstlichen Verwirrung" (Lucinde) der Arabeske gründet Schlegels Vorstellung vom
Zufall.
"Hegel (Anm. 46), 615.
Romantische Arabesken 117

abgelenkt, in ein immer wechselndes 'Als-Ob' verwandelt, das die Bereiche von
Sein und Schein vermischt, oder als unzugänglich Anderes in den Bereich des
Orientalischen und Wunderbaren verwiesen.74
Die Arabeske bietet von sich aus keinen festen Grund der Orientierung, und sie
muß deshalb die Dinglichkeit, an die sie gebunden bleibt, um sich zu materialisie-
ren, nicht erst aufheben. Die Arabeske, die selbst ungegenständlich erscheint, ver-
liert in der Übertragung von der bildenden Kunst auf die Literatur am Ende des 18.
Jahrhunderts ihren Gegenstandsbezug nicht in dem Maße wie die Groteske75, die
zu 'das Groteske' abstrahiert wird. Lediglich im Englischen nimmt sie als
adjektivisches "the arabesque" bei Poe Züge einer abstrakten ästhetischen Kategorie
an. Erst bei Poe und später, am Ende des 19. Jahrhunderts, wird sie
psychologisiert.76
Die Übertragung des Begriffs der Arabeske geschieht von der äußeren Form von
Kunstgegenständen, die in den Text übernommen werden, auf ihre Wahrnehmung,
deren Illusions-, Spiel- und Bewegungsmoment — der Arabeske eigene Qualitäten,
die in der Wahrnehmung verdoppelt werden — auf die Textgestalt in ihrer Struktur
und Organisation überleitet, deren beziehungsreiches Gewebe ebenfalls dem der
Arabeske leicht vergleichbar ist. Systematisieren ließe sich die Arabeske demnach
im Prinzip einer metaphorischen Übertragung des Begriffs von Gegenständen der
bildenden Kunst in Texten auf literarische Phänomene, die von der konkreten Or-
nament/orm zunehmend abstrahieren und statt dessen der Bildarabeske analoge
Verfahren akzentuieren. Am Beispiel Sir Walter Scotts, der den arabesken Aufbau
von E. T. A. Hoffmanns Werken kommentiert, wird der Übergang von der
Bildarabeske zur literarischen Arabeske deutlich: Das Groteske in Hoffmanns
"compositions resembles partly the arabesque in painting, in which is introduced
the most stränge and complicated monsters" romantischer Einbildungskraft. Der
Vergleich mit arabesken Bildern wandelt sich später im Essay zur Metapher, wobei

74
Dic vermeintliche Sinnhafiigkcit der wie ein Kunstwerk gestalteten Well in Ludwig Tiecks
William Lovell (1795) wird von Arabesken verwirrt. "Töne schlugen das Ohr mit seltsamer
Bedeutung, wie Arabcskengcbildc fuhr es durch meinen Sinn", und eine weibliche Erscheinung
steht an der Wand. Tieck (Anm. 63), 356. — E. T. A. Hoffmann (Anm. 63) spielt in Das
steinerne Herz (1817) auf die Bedeutung von Bildarabesken an und stellt sie zugleich infrage. Es
sind "mit grellen Farben gemalte Arabesken, die in den wunderlichsten Verschlingungen,
Menschen- und Ticrgcstallen, Blumen, Früchte, Geslcine, darstellen, und deren Bedeutung du [d.h.
der Lcscr| ohne weitere Verdeutlichung zu ahnen glaubst" (587), die aber dann — auch dies ein Zug
der Arabeske — als 'regellose Willkür" eines "kcckc[nj Spiel[s] des Meisters mit Gestaltungen"
erscheinen. "|T|culsche, arabische und türkische Inschriften, die sich wunderlich genug ausnehmen"
(588, auch 596), schließlich bleiben in ihrem Sinn unentziffert.
75
Vgl. Wolfgang Kayscr: Das Groteske in Malerei und Dichtung. Rcinbck 1960,61.
76
Vgl. Poe: "The Assignaüon". In: Complete Stories and Poems of Edgar Allan Poe. New York
1966, 147; zur Arabeske bei Richard Bcer-Hofmann vgl. Hanmut Schciblc: Literarischer
Jugendstil in Wien. München/Zürich 1984, 150.
118 Kerstin Bchnke

der Bildspender, ein Bild oder Teppich auf den literarischen Text übertragen wird:
"Sometimes, also, it may be eminently pleasing to look at the wilderness of an
Arabesque painting executed by a man of rieh fancy".77
Arabesken finden sich in romantischen Erzählungen und Romanen konkret als
künstlerische Formen in Innen- und Außenräumen: als Werke der bildenden Kunst
— Gemälde, Teppiche, Tapeten etc. —, als architektonisches Dekor, als Garten-
kunst und landschaftliches Design. Die Verschmelzung von Natur und Kunst in der
Arabeske — Innenkunst als Gebilde natürlicher Vegetation oder äußere Natur, die
(scheinbar) künstlerisch gestaltet ist78 — antizipiert metaphorisch den gesamten
Text als von Künstlerhand gebildete organische Form. Kant hatte formuliert: "Die
Natur war schön, wenn sie zugleich als Kunst aussah; und die Kunst kann nur
schön genannt werden, wenn wir uns bewußt sind, sie sei Kunst, und sie uns doch
als Natur aussieht", d.h. "als ob es ein Produkt der bloßen Natur sei" (Anm. 2,
§ 45, 306; meine Hervorhebung). Als Kunstwerk im Kunstwerk deutet die
Arabeske — besonders als Teppich und Gewebe — ebenfalls auf Form und
Struktur des Textes, in dem sie erscheint. Darüber hinaus verweist die Arabeske als
Mäander auf unendliches Erzählen, wie etwa in der — arabischen — Tradition von
Tausendundeiner Nacht. Die Funktion der Arabeske als Einfassung zu Gemälden
verbildlicht überdies das Verhältnis von Rahmenerzählung und den in sie
eingefügte(n) Geschichte(n). Die strikte Trennung von Rahmen und Textinnerem
ist im arabesken Text jedoch aufgehoben, da auch von innen her über den Text
reflektiert und damit der Rahmen aufgebrochen wird.79 Wie in der Bildarabeske
mehrere Muster ineinandergreifen, so sind in der literarischen Arabeske unter-
schiedliche Erzählebenen verwoben, deren Illusionswirkung jedoch durch struk-
turelle, 'romantische' Ironie aufgebrochen wird.80

77
Sir Walter Scott: "On the Supcrnatural in Fictivc Composition; and particularly on the Works
of Emcst Theodore William Hoffman". In: The Foreign Quarterly Review. London, July 1827,
81 f. Als Ausgeburt des Phantastischen bietet die Arabeske für Scott "in reality nothing lo salisfy
ihc understanding or inform the judgcmcni" (82). Wie z.B. Baudelaire nach ihm, so verbindet Scott
die Arabeske mil der Vorstellung des Genius (vgl. 93).
78
ln Ludwig Ticcks (Anm. 63) William Lovell (1795) erscheinen Leben und Natur als "Kunst-
werk der äußern Sinne" (351), als Tcppich, Tapete oder gemaltes Bild: "Wie Tapeten voll seltsame
Gcschichlcn gewirkt, hing die ganze Natur um mich her" (336) und "Alles Sichtbare hängt wie
Teppiche mit gaukelnden Farben und nachgeahmten Figuren um uns her" (350f.). Lovell sinniert,
daß die Menschen das Gefühl der Liebe "verkünstcln, und uns das simple Gemälde unsers Lebens
mit unsinnigen Arabesken verderben" (201).
7g
Vgl. z.B. Wilhelm Hauffs Märchen Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven (vgl. Anm.
68).
80
Vgl. Raymond Immerwahr: "Die symbolische Form des 'Briefes über den Roman'". In:
Zeitschrift für deutsche Philologie, Bd. 88, 1969 (Sonderheft), 41-60. Ein Beispiel wäre Ticcks
Lustspiel Prinz /.erbino, eines der von Ticck selbst als Arabesken zusammengefaßten Werke, das
auf Schlegels Wcrkplan Y,u den Arabesken eingewirkt hat, wie Immerwahr betont.
Romantische Arabesken 119

Neben der Metapher des Webens, die Text und Arabeske verbindet, bildet die
geometrische Linienführung arabesken Werkaufbaus ein Analogon zwischen oma-
mentalem Muster und Textstruktur. Beiden gemeinsame Prinzipien sind Verschlin-
gung und Vermischung: innerhalb des Textes von Dingen der Außenwelt, zwischen
Welt und Bewußtsein, von Bewußtseinsvorgängen81; von diversen Textteilen und
Erzählebenen; von unterschiedlichen Gattungen wie Brief, Lied, Dialog, dramati-
schen Einschüben u.a.82 zu einer hybriden Form, die traditionelle Gattungsgrenzen
überschreitet; als kompositorisches Prinzip der (organischen) Neukombination be-
reits geformter Teile — literarischer Versatzstücke, Motive etc. aus eigenen und an-
deren Texten und Traditionen83; als Mittel zur Verwandlung literarischen Materials
— tatsächlich oder als durch Bewegung angeregte wahrnehmungspsychologische
Täuschung optisch vermittelter Gegenstände im Text; als rhetorische Figur84,
Schreibweise und Stilmanier85 witzigen Zusammenzwingens von Heterogenem.
Als sprachliches Element von Text und Bedeutung abstrahiert, erscheint die Ara-

8,
Für Heinrich Heine entstehen in der llarzreise (1824) Arabesken durch synäslhctischc Ver-
schmelzung: "Unendlich selig ist das Gefühl, wenn die Erschcinungswcll mit unserer Gcmülswcli
zusammenrinnt und grüne Bäume, Gedanken, Vögclgcsang, Wehmut, Himmelsbläue, Erinnerung
und Krauicrdufl sich in süßen Arabesken verschlingen". Heinrich Heine: Sämtliche Werke, hg. v.
Ernst Elster. Leipzig/Wien o.J., Bd. 3, 72. Günter Ocstcrlc entdeckt in E. T. A. Hoffmanns
Goldenem Topf, in dem sich jedoch keine Arabesken finden, eine "arabeske Bewegung zwischen
verschiedenen Wahrnchmungsmodi", die jedoch nicht simultan ist wie bei Heine, sondern suk-
zessiv geschieht. Günter Ocstcrlc: "Arabeske, Schrift und Poesie in E. T. A. Hoffmanns
Kunstmärchen 'Der goldene Topf". In: Athenäum. Jahrbuch für Romantik. I, Jg. 1991.
Padcrborn/Münchcn/Wicn/Zürich 1991, 104. — In der Lutetia (geschrieben 1840-1843) "zeichnet"
Heine "Arabesken", indem er heterogene Bereiche durchcinandcrmischt: "Um die bclriibsamcn
Berichterstattungen zu erheitern, verwob ich sie mit Schilderungen aus dem Gebiet der Kunst und
der Wissenschaft, aus den Tanzsälen der guten und der schlechten Sozietät". Heine, Bd. 6, 135. Ob
als Wahrnchmungscindruck oder als Schrcibsül, die Arabeske steht bei Heine im Zeichen von
Umwandlung oder Verwandlung. So erscheint auch Mcphistophclcs' Mciamorphoscnzaubcr im Dr.
Faustus (1851) als "eine ungeheuerliche Arabeske" — "chaotisch gespenstisch und glänzend
schon". Herne, Bd. 6,482.
82
Dcn Roman als "ein romantisches Buch" (KA II, 335) — und damit als Arabeske — definierend,
bemerkt Friedrich Schlegel: "Ja ich kann mir einen Roman kaum anders denken, als gemischt aus
Erzählung, Gesang und andern Formen" (336).
8:1
Für Poe ist die Neukombination literarischer Formen und Inhalte schöpferisches Prinzip. Vgl.
"The Domain of Arnhcim". In: Poe (Anm. 76). Zur kombinatorischen Kraft der Arabeske bei
Schlegel vgl. Ocstcrlc (Anm. 64), 138.
84
In der "Kontrovers-Prcdigl über H. Clauren und den Mann im Monde" (1827) äußert Hauff
Verachtung für des literarischen Gegners schlechten Stil — für "alle seine Kunstwortc (icrmini
tcchnici), alle seine Wendungen, alle seine Schnörkel und Arabesken". Hauff (Anm. 68), 574.
8S
Thomas Carlylc wendet 1827 den Begriff Arabeske im Englischen auf die Schrcibcigeniümlich-
keiten Jean Pauls an: "That his manncr of wntmg is Singular, nay in fact a wild complicatcd
Arabesque, no onc can deny". The Works of Thomas Carlyle. London 1899, Vol. 26, 19.
120 Kerstin Bchnkc

beske in ihrer Materialität als inhaltsleeres 'reines' Spiel mit Formen, das in seiner
l'nbezogenheit auf die Wirklichkeit nur von Willkür und Zufall geleitet erscheint,
oder als lineare Wortbewegung.
Der Begriff Arabeske wird nicht nur in literarischen Werken genannt, sondern
auch poetologisch als narrative Gattungsbezeichnung oder Titel erzählerischer
Werke86 geführt, die in ihrer Differenz zu herkömmlichen Erzählweisen einer ge-
meinsamen 'anderen' Tradition verpflichtet sind.87 Sie kann eine Sammlung von
heterogenen Mischtexten bezeichnen, Texte skizzenhaften Charakters, spieleri-
sches, sich selbst überlassenes Schreiben ohne festes Thema und offensichtlichen
Zusammenhang, außerdem Digressionen und Subjektivität akzentuierendes oder
'unendliches' Erzählen im Stil Schehrezäds, wie in der zeitgenössischen Literatur-
kritik und -theorie vermerkt wird.88

86
Wic zum Beispiel Ludwig Ticck: Arabesken (1828); Nikolai Gogol: Arabesken (1835); Karl
Immcrmann: Munchhausen. Eine Geschichte in Arabesken (1838-1840); Edgar Allan Poe: Tales of
ihe Groiesque and ihe Arabesque (1840).
87
Zu nennen waren die Tradition orientalischer Feenmärchen und, davon beeinflußt, Formen
sclbstrcflcxivcn Erzählens, die im Englischen mit romance bezeichnet werden und den Romanzen
nahestehen, deren Genealogie vom Mittelalter an Friedrich Schlegel im Gespräch über die Poesie
(K A II) versucht hat, die jedoch auch bis zum hellenischen 'Roman' zurückvcrfolgt werden könnte.
— Wie Ticcks Blaubart (vgl. Anm. 63), so verknüpft auch Wilhelm Hauffs Der Scheik von
Alessandria und seine Sklaven (im "Märchen-Almanach auf das Jahr 1827". In: Hauff, Anm. 68)
Fccnmärchcn und Arabeske. Eine zwischen die Einzclgeschichten eingeschobene Reflexion über
das Märchen hebt dessen "außergewöhnliche, wunderbare Gestalt" hervor: Es "ist ungefähr anzu-
schauen wie die Gewebe unserer Tcppiche oder wie viele Gemälde unserer besten Meister, welche
die Franken Arabesken nennen". Das Darstcllungsverbol lebender Kreaturen erklärt die Verbindung
"wunderbar vcrschlungcnclr] Bäume und Zweige mit Menschenköpfen" (733) etc. in diesen Wer-
ken. Die aus Tausendundeiner Nacht angeführten Märchen sind damit ebenfalls als Arabesken
ausgewiesen. Zu Feenmärchen vgl. auch Ocsterle (Anm. 14).
88
So nennt Friedrich Schlegel im Brief über den Roman die Werke von Laurcnce Sleme, Diderot
und Jean Paul Arabesken. (Vgl. 330f.). Jean Paul bezieht den Begriff im Hesperus selbst auf die
Rede seiner Figuren; seine eigene Schreibweise wird wiederum von Thomas Carlyle (vgl. Anm.
85) einer Arabeske verglichen. Ebenso weist Sterne selbst das erzählerische Moment in Tristram
Shandy (1767) visuell als arabeske Lineatur aus. Im 4. Kapitel des 9. Buches seines Romans läßt
er Corporal Trim mit seinem Stock zum Zeichen unbeschränkter Junggcsellenfreihcil eine
Schlangenlinie in die Luft schreiben, "thus ", die im Text abgebildet wird (464). Im 40.
Kapitel des 6. Buches philosophiert Sterne über narrative Digressionen und versinnbildlicht den
bisherigen, schweifenden Gang seines Romans in einer Linie mit kurvigen Ausbuchtungen, die in
einem Schnörkel endet (359f). Laurence Sterne: The Life and Opimons of Tristram Shandy.
Gentleman, hg v. lan Walt. Boston 1965. An Sleme schließt Peter Brooks: Readingfor ihe Plol.
New York 19X4, an, wenn er die Arabeske als "plot linc" auf den ganzen Text bezieht. Brooks
erinnert an "ihe gcomctrical sense of plolting and the archaic sense of plol as a boundcd area of
ground" (24) und definiert "plol" als "the organizing linc and intention of narrative" (37). Die
magische Haul mii der arabischen Inschrift in Form einer umgestülpten Pyramide in Balzacs —
auch von Tausendundeiner Nacht angeregtem — Roman La Peau de Chagrin (1830-1831)
Romantische Arabesken 121

VI

In seinen Journaux Intimes vermerkt Baudelaire zum Verhältnis von Arabeske und
Zeichnung: "Le dessin arabesque est le plus spiritualiste des dessins".89 Die gerade
Linie und die sie umschwingenden arabesken Spiralen, verkörpert in dem mit Efeu-
und Weinranken umwundenen Thyrsusstab der Bacchantinnen, durchlaufen in
Baudelaires Prosagedicht Le Thyrse90 Verwandlungen, deren Stadien eine Kunst-
geschichte der Arabeske vom Kult zur Kunst, von der Mythologie zur Musik in
nuce markieren: Die Plastizität des Weinlaubs, der "tiges" "sinueuses" am "tuteur
de vigne" aus dem Dionysoskult91, geht in der Verbindung mit den "fleurs" zu ab-
strakten Ornamenten, zu "mdandres capricieux" einer Zeichnung über. Diese
"complexite de lignes" kündigt zugleich den Wirbel des Tanzes ("fandango") an: "la
ligne courbe et la Spirale" drehen sich ("dansent") um die "ligne drohe". Noch
stumm ("muette") und ohne Sprache, sind sie jedoch schon ausgezeichnet durch
"Beaute". In die Mitte dieser Metamorphosen entläßt Baudelaire, den Genius Franz
Liszts beschwörend, die Phantasie als arabeske Schöpfungsbewegung: "les fleurs,
c'est la promenade de votre fantaisie autour de votre volonte". Ihre "ligne arabes-
que" führt als "expression" zur Sprache92 bzw. Schrift93 — in der die "sinuosite"
du verbe", von ihrem vegetativen Gegenstandsbezug ("tiges" "sinueuses") entding-
licht, als "sinnfreie Lineatur"94 erscheint — und endet in der Musik als reiner Ton-
figur. Baudelaires in Bewegungsbögen von Worten gefaßte Arabeske beschreibt
damit eine historisch exakte Bahn, da die Arabeske als musikalischer Begriff erst
relativ spät, im 19. Jahrhundert, auftaucht.95

identifiziert er als Arabeske, ebenso die Wellenlinie im Epigraph des Romans, die Balzac aus
Tristram Shandy zitiert (vgl. Brooks, 59 und Honort de Balzac: "La Peau de Chagrin". In: (Euvres
Compleies. Paris 1845, Bd. 14, 1 im Text und Seite 3 der Anmerkungen unter "Exergue"). Der
narralivcn Sehnsucht nach dem Ende des Textes, die immer wieder aufgeschoben wird durch
erzählerische Umwege und Abschweifungen, erscheint "plol" bei Brooks nun als "a kind of
arabesque or squigglc toward the end" (104), wobei die Arabeske als notwendiges Mittclstück
zwischen Anfang und Schluß fungiert: "One must have the arabesque of plol to reach the end"
(107).
89
Charlcs Baudelaire: (Euvres Compleies, Paris 1954,1192.
^Ebd., 336f.
91
Vgl. die esoterische Bedeutung der Arabeske als Spirale: "In the form of the Classical foliage
scroll ihc spiral was a Symbol of the vine, and the vine and the wine drawn from it stood for
Dionysiac or myslical inloxicalion and therefore for eternal beatitude". Papadopoulo (Anm. 8),
187.
92
Vgl. Richard Klein: "Slraighl Lines and Arabesques: Mctaphors of Meiaphor". In: Yale French
Studies 45, 1970, 64-86. Dieser Band hat das Thema "Language as Action".
93
Baudclairc beschreibt Liszt als 'confianl au papicr vos mcdilations'.
94
Hugo Friedrich: Die Struktur der modernen Lyrik. Hamburg 1956,43.
9S
Vgl. da/u Riemann Musik-Lexikon (Anm. 10), 45.
122 Kerstin Bchnkc

Für Mallarmö entsteht die Arabeske in der Abwesenheit realer Gegenstände aus
der dichterischen Schöpfung eines Wortes für ein nicht vorhandenes Objekt und
dem Vergleich seiner "Aspekte" mit ihrer "Zahl" — in der Weise, daß "il [l'objet]
fröle notre negligence". Der Gegenstand, der sich in diesen Beziehungen konsti-
tuiert, ruft an den Berührungspunkten ("aux intersections") "pour decor, l'ambi-
gui'te' de quelques figures belies" hervor— ihre Verbindung ist "[IIa totale arabes-
que". Diese Arabeske, durch "vertigineuses sautes" gekennzeichnet, ist voller
"ancieux aecords" und wird — wie Baudelaires, Franz Liszt gewidmeter Thyrsus
— als "[c]hiffration melodique" zu Musik.96
Baudelaires Notat zur Zeichnung — "Le dessin arabesque est le plus ideal de
tous"97 — nimmt die Neuentdeckung der Arabeske als abstrakte Lineatur in der
modernen Malerei vorweg. Den Einfluß orientalischer Kunst auf sein Werk beto-
nend98, bezeichnet Matisse in seinen Ecrits et propos sur l'art die Arabeske als
"partie de mon orchestration"99: "Mes tableaux s'etablissent par combinaisons de
taches et d'arabesques" (77). Die Arabeske selbst ist um eine vertikale "ligne
fictive" (237) gestaltet und "s'organise comme une musique" (160, Anm. 5). Für
Matisse ist sie "le moyen le plus syntheMque pour s'exprimer sur toutes ses phases"
(ebd.). Die Arabeske faßt über ihre strukturierende Funktion hinaus die Dinge
synthetisch in einem charakteristischen, sich gleichbleibenden Signum zusammen-
"La encore eile traduit avec un signe l'ensemble des choses, eile ne fait qu'une
phrase de toutes les phrases. Et lä encore, c'est la proportion des choses qui fait la
principale expression" (142, Anm. 6). 100 Matisse verdeutlicht diese Ökonomie
malerischer Zeichen an Delacroix' vermeintlicher Unfähigkeit, Hände auf indi-
vidualisierte und differenzierte Weise darzustellen. Delacroix beendet, wie Matisse
notiert, "le mouvement, la ligne, la courbe, l'arabesque, qui parcourait le tableau"
"par un signe", nämlich in der Richtung, die die Arme beschreiben (204). Statt "le
portrait d'une main" (ebd.) wird "le signe de la main", "l'indication au plus bref du

96
Su<phanc Mallarmc: (Euvres Compleies. Paris 1945,647f.
97
Baudclairc (Anm. 89), 1192.
98
Vgl. Henri Malissc: fcerits ei propos sur l'art. Paris 1972, 77, 159.
"Ebd., 160. Zusammen mil der Farbe isl die Arabeske ein Grundclcmcnt seiner Zeichnungen und
Bilder: "Je composais des lors |= le Fauvismcl avec mon dessin de facon ä entrer dircclcmcnt dans
l'arabesque avec la coulcur", 90, Anm. 40. Auch in Ce>annc findet Malissc "le chani de l'arabesque
cn liaison avet la coulcur, la fixil6 de la forme" (134, Anm. 103). Die Arabeske bildet außerdem
den Vergleichspunkt für die Malerei von Ingres und Delacroix (vgl. 128, dort Anm. 93, und 198).
In L'(Euvre ei la vte d'Eu^ine Delacroix nennt Baudelaire den Begriff der Arabeske ebenfalls: "Une
figurc bien dcssinö pc'ncirc d'un plaisir lout ä fait dtranger au sujet. Voluplucusc ou tcrriblc, cette
figurc nc doit son churmc qu'ä l'arabesque quelle decoupe dans l'cspacc". Baudelaire (Anm. 89),
864.
""^Dieses Vcrlahrcn ilhnclt — hier auf Papier übertragen — den gedanklichen linearen Abbre-
viaturen Hogarlhs. Vgl. Hogarth (Anm. 36), Introduction, xiv und xxxvii-xli.
Romantische Arabesken 123

caractere d'une main" (205) gemalt. In einem Gespräch mit Louis Aragon (143), in
dem er dieses Verfahren an seinem eigenen Werk aufzeigt101, betont Matisse: "I do
not paint things, I paint only the difference between things".102 Die arabesken
Zeichen werden damit zu einer Schrift, in der es "un signe pour chaque chose"103
(205) gibt: "II suffit d'inventer des signes" (204) — "des signes qui ne changent
jamais et qui seraient comme une ecriture" (249).
Das Weiß des Papiers zwischen den Schriftzeichen bildet das Intervall, das die
Buchstaben und Worte voneinander trennt; als solches ist es "condition [...] de la
lecture"104, wie Mallarme' sagt. Dieser Zwischenraum ist zugleich die Differenz, die
Bedeutung erst ermöglicht, der Grund, auf dem die Zeichen erscheinen. Matisse
nutzt diesen Raum bildnerisch "pour associer la ligne ä la couleur, le contour ä la
surface" in seinen "papiers decoupeY'105: "Le blanc interm&liaire est d&erminö par
l'arabesque du papier-couleur döcoup^ qui donne ä ce blanc-ambiant une qualitö
rare et impalpable" (24). Damit erzeugt das Bild (wie auch die nicht-referentielle
Schrift) wie die orientalische Arabeske seinen eigenen, nicht mehr länger neutralen
Grund der Darstellung.

Nun muß man sich wohl hüten, diese Zusammenfügung wie eine Art von Hieroglyphen zu be-
trachten, wo man alles deuten will — in einigen dieser Zusammensetzungen entdeckt sich wohl
eine An von Plan. Vieles ist aber auch bloß ein Werk der Laune, wo schlechterdings keine Aus-
deutung wcilcr möglich ist, sondern die mutwilligen Spiele der Phantasie sich blos um sich selber
drehen."16

"""Considcr, [...] in thc same scrics of drawings, thc dress or thc fabric [...1 you will find that in
cach drawing they have thc same qualily as in thc wholc serics. And thus with other Clements.
Thcrc is, ihcn, in ihcsc scrics, a descriplivc part of the objeets which remains unchangcd from one
drawing lo thc ncxl". Louis Aragon: "Malisse-en-Francc". In: Henri Malisse dessins: ihimes et
Variation*. Paris 1943, 37. Zilien in: Jack D. Flann: Matisse on Art. New York 1973, 166f.
,02
Matissc (Anm. 101), 166.
,03
Malissc (Anm. 98), 205.
,04
Mallarmc~ (Anm. 96), 310.
105
Matissc (Anm. 98), 250.
,06
Karl Philipp Morilz (Anm. 50): "Arabesken", 211.
Jean-Marie Apostolides

Der Bereich des Imaginären

Die Gesellschaft der Kaufleute, die nach der Renaissance ihre volle Blütezeit hat
und deren Zerfall im 17. Jahrhundert einsetzt, formt die Zivilisation des Mittelalters
nach und nach von Grund auf um. Den verwurzelten Menschen ersetzt sie durch
einen neuen Menschen, der, entwurzelt und in seiner Identität immer vorläufig,
weniger durch seine Teilhabe an einer gemeinsamen Herkunft als durch seine indi-
viduellen Leistungen bestimmt ist. Einer Zivilisation, die auf Wesen und Sein
gründet, folgt eine Zivilisation, die auf Haben und Besitz basiert. Dieser Mecha-
nismus entsteht aus Repräsentationssystemen, deren wichtigste einerseits das Geld
und andererseits das Buch sind. Wenn das Geld den Bereich des Ökonomischen
hervorbringt, so erzeugt das Buch den Bereich des Fiktiven. Dieser letztere Bereich
entwickelt sich langsam durch die Vermittlung der Literatur und der Künste, insbe-
sondere seit sie autonom wurden, doch er läßt sich nicht auf sie beschränken. Das
Fiktive beeinflußt soziale Verhaltensweisen ebenso wie das System des Wissens
und die politische Herrschaft. Es erscheint als eine der westlichen Kultur eigene
Form, die der Mythologie bei den Griechen oder bei primitiven Völkern vergleich-
bar ist. Nach unserem Verständnis umfaßt das Fiktive den Bereich der Künste, ist
jedoch nicht auf sie begrenzt; es ist eine kollektive Seinsform, eine soziale Katego-
rie, die in der gleichen Weise wie die Wissenschaft oder die Religion eingerichtet
ist. Wenn das Buch sein hauptsächliches Medium ist, so ist die Schrift seine sicht-
barste Manifestation. Das Fiktive als Begriff beschränkt sich jedoch nicht auf seine
konkreten Erscheinungsweisen. Im folgenden möchte ich einige Charakteristika des
Bereichs des Fiktiven herausarbeiten, indem ich eine Parallele zwischen der Ent-
wicklung der materiellen Ökonomie und der Entwicklung der Ökonomie des Ima-
ginären ziehe.
126 Jean-Marie Aposlolides

Die Erfindung des Fiktiven

Die Originalität der modernen westlichen Kultur (d.h. der Zivilisation, die mit der
Renaissance einsetzt) liegt nicht in der Erfindung von Literatur selbst. Die Literatur
existiert wahrend des Mittelalters und sogar schon während der Antike. Die Mehr-
zahl der Völker kannte Literatur in der einen oder anderen Weise, selbst wenn es
sich um mündliche Literatur handelte. Um die Besonderheit der modernen westli-
chen Kultur zu verstehen, muß man den Begriff des Fiktiven von dem der Literatur
trennen. Was uns hier interessiert, ist der Modus des Fiktiven als fundamentale
Kategorie des Denkens, oder genauer, als fundamentale Kategorie der westlichen
Sensibilität. Während dreier Jahrhunderte hat das Feld der Fiktion das der Literatur
überdeckt; das Fiktive wurde vermittels der Literatur und in der Literatur erfunden,
doch heute löst es sich aus dem Bereich der Künste, um sich anderswo auszubrei-
ten, mit Hilfe anderer Techniken und in anderen Bereichen, nämlich denen des
Films und der Computer. Man muß das Feld des Fiktiven als einen Bereich der
Freiheit ansehen: Es begleitet zugleich die Erfindung der Demokratie und die der
politischen 'Freiheit', so wie man sie heute in der westlichen Welt versteht.
In einer hervorragenden Studie hat der deutsche Literaturhistoriker Erich Köhler
gezeigt, daß bestimmte soziale Veränderungen, die sich zwischen dem 12. und dem
14. Jahrhundert ereigneten, den höfischen Roman, dessen genialer Repräsentant
Chretien de Troyes ist, möglich gemacht haben.1 Für Köhler hat der Roman die
Veränderungen zum Ursprung, die sich unter der Herrschaft der Plantagenets er-
eigneten; er drückt eine Flucht in ein Ideal der Ritterlichkeit aus, wie sie von nun an
unzugänglich wird, insbesondere für den Teil des Adels, der nicht von den sozio-
politischen Transformationen der Epoche profitiert. Ohne Möglichkeit, ihr Ideal in
die Tat umzusetzen, wendet sich eine soziale Gruppe dem Fiktiven zu, um darin
eine imaginäre Kompensation der beunruhigenden neuen Wirklichkeit zu finden.
Was schon zur Zeit des Chrötien de Troyes galt, setzte sich während mehrerer Ge-
nerationen fort, bis zum totalen Niedergang des Feudalsystems. Es ist bekannt, daß
eine ganze Gruppe des Adels sich — bis zur Renaissance — an den Ritterromanen
erfreute. Während mehrerer Generationen las man die Abenteuer des Huon de Bor-
deaux, des Renard de Montauban und des Ogier le Danois, die der Quarre fils Ay-
mon oder des Amadis de Gaule.2 Auch im 17. Jahrhundert ließ diese Begeisterung
nicht nach: In Frankreich zum Beispiel zeugen die preziösen Romane von Gom-
berville, La Calprenede oder Georges und Madeleine de Scudöry auf beredte Weise
von der Möglichkeit einer Flucht zweiter Ordnung während der Entwicklung der

'Vgl. Erich Köhler: Ideal und Wirklichkeit in der höfischen Epik (1956). Tübingen 1970.
2
Vgl. Eugene Barcl: De l'Amadis de Gaule et de son influence sur les maeurs et la lilUrature au
XVIe ei au XVIIe siede (1873). Gcneve 1970.
Der Bereich des Imaginären 127

absoluten Monarchie.3 In diesem allgemeinen europäischen Kontext muß man den


ersten modernen Roman und seinen Helden gleichen Namens, Don Quijote, sehen:
Der Ritter von der traurigen Gestalt gerät ständig mit der neuen Welt der besitzer-
greifenden Individualität in Konflikt. Er setzt ihr seine eigenen Werte entgegen, die
auf Menschenliebe und Heldentum beruhen. Als Person ist er modern, weil er
mehrdeutig ist. Jeder, der ihm begegnet, ist gleichermaßen über seinen Wahn und
über seine Weisheit erstaunt. Keiner kann sich je für das eine oder für das andere
entscheiden. Don Quijote ist so wahnsinnig wie weise, weil er einerseits Windmüh-
len für Riesen hält und eine Herde Schafe für eine Armee im Felde und andererseits
ein menschliches Ideal des Heldentums und der Großzügigkeit verkörpert, das das
Ideal seiner Zeitgenossen ist, wenn sie es auch nicht mehr praktizieren können.
Zwischen Don Quijote und der Welt erscheint der Schirm der Ritterromane. Und
wenn dieser Schirm es verhindert, das Spanien Philipps III. unter einem negativen
Aspekt zu sehen, so erlaubt er in gleicher Weise dem Helden, sein menschliches
Ideal vernehmbar zu bestätigen. Cervantes' Roman bildet auch einen imaginären
Schirm, auf dem zwei Wertsysteme einander gegenüberstellen; sie sind einander
entgegengesetzt, aber keines von beiden ist eliminierbar. Es handelt sich um das
Wertsystem des mittelalterlichen Christentums und das Wertsystem der
Gesellschaft der Kaufleute. Bevor es zu einem universalen Mythos wurde, war
Don Quijote mit seiner Vermischung von Realismus und Poesie ein exemplarisches
Werk, das die Widersprüche der gesamten spanischen Gesellschaft inszenierte.

DiefiktiveZeit

Wir wollen nun die Vorstellung der Zeit untersuchen, um die Eigentümlichkeiten
des Bereichs des Imaginären besser zu verstehen. Seit dem 12. Jahrhundert beginnt
eine neue Zeitlichkeit sich gegenüber der alten durchzusetzen, die ihren Rhythmus
aus dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur bezieht. Die neue Zeitlichkeit ist
linear und irreversibel. Es ist die Zeit der Eroberung, der Aneignung, die Zeit der
Veränderung und des Abenteuers. Es ist eine Zeit, die beunruhigt, weil sie Neues
und Unerwartetes bringt. Don Quijote hat an dieser neuen Zeit teil, jedoch auf iro-
nische Weise: Er meistert seine Abenteuer nicht, er erlebt sie nicht bei vollem Be-
wußtsein, sondern in vollkommener Illusion. Die lineare Vision der Zeitlichkeit
bringt auch Veränderungen in der Wahrnehmung der Wirklichkeit mit sich. Mit ihr
können die Individuen ihre Sensibilität gemäß zuvor undenkbarer Oppositionen —
dem Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen, dem Archaischen und dem
Modernen — strukturieren. Weitere Gegensätze erscheinen nach der Renaissance;

'Vgl. Marlies Mucller "Lcs idees poliüques dans Ic roman hcVoique de 1630 ä 1670". In: Harvard
Studies in Romance LanguagesAO, 1984.
128 Jcan-Marie Apostolidcs

sie entstehen aus der sozialen Arbeitsteilung: der Gegensatz zwischen den sozialen
Klassen, der Gegensatz zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich. In
der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ergeben sich neue Unterschei-
dungen, unter anderem die zwischen dem Bewußten und dem Unbewußten; sie
wird durch die Teilung und Hierarchisierung der Sinne hervorgehoben, die sich
während der gleichen Zeit ausbildet Diese Teilungen sind keineswegs absolut:
Zwischen dem Modernen und dem Archaischen, zwischen den unteren Klassen
und den privilegierten Klassen, zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen ha-
ben sich zahlreiche Durchgangswege gebildet, die die Trennung aufrechterhalten
und es zugleich erlauben, ihr zu entfliehen.
Was diese lineare Zeit auszeichnet, ist der Eindruck der Veränderung, der Mög-
lichkeit von Abenteuern, das Auftauchen von Geschichte. Im individuellen Bereich
wie in der Gesellschaft haben die Menschen von nun an das Gefühl der Unsicher-
heit der Gegenwart, das Gefühl ihrer unausweichlichen Veränderung. Der Bereich
des Fiktiven erlaubt durch die Inszenierung von alternativen oder imaginären Lö-
sungen eine Anpassung an diese Veränderung. Er erlaubt ebenfalls eine Neuinsze-
nierung der Vergangenheit, die Betrachtung ihres Bildes in der Erinnerung. Im Be-
reich des Fiktiven vereinigen sich die Vergangenheit und die Zukunft in einem Bild,
zähmt die eine die andere; sie ermöglichen eine Angleichung verschiedener Wert-
systeme.
Die Erfindung der linearen Zeit, ihr Triumph über die unbewegliche und zirkuläre
Sicht der Zeitlichkeit bringt auch das Auftauchen einer stets vorläufigen persönli-
chen Identität mit sich: Die Menschen bleiben im Verlauf ihrer Existenz nicht diesel-
ben; sie verändern sich, durchlaufen eine Metamorphose. Anderen untreu, sind sie
es auch sich selbst gegenüber, insofern sie sich an neue Situationen anpassen müs-
sen. Die lineare Zeit führt eine Persönlichkeit in die westliche Welt ein, die sehr
fragil ist, weil sie nicht verwurzelt und nur provisorisch ist und sich immer wieder
auf neue Umstände und neue Werte einstellen muß. Der Bereich des Imaginären
spielt bei diesen Veränderungen eine Rolle. Die Kunst gibt die Bilder der Vergan-
genheit auf lebendige Weise wieder: Sie inszeniert sie neu. Das Individuum erkennt
in der Kunst und Literatur das, was es zuvor einmal erlebt hat, was es gewußt hat
und was ihm nun in vergrößerter Form wiedergegeben wird: die Werte, die Emo-
tionen der Vergangenheit; die Gefühle, die im konkreten Leben gestorben sind und
zugleich im affektiven Bereich immer lebendig sind. Indem die Künstler Gefühle,
die verflogen sind, als Fiktion wiedergeben, bilden sie eine transformierte Gegen-
wart. Sie verwurzeln den fragilen Menschen in einer Dauer, insofern die Vergan-
genheit durch die Darstellung immer da ist. Es ist also ausreichend, die Geschich-
ten, die man früher mochte, wiederzulesen, und die Musik zu hören, die einem frü-
her gefallen hat, um die Vergangenheit wiederzuerlangen, als wäre sie noch einmal
gegenwärtig, und um sich selbst in einer Dauer wiederzufinden. Unsere individu-
elle Identität bestätigt sich so im Gebrauch des Imaginären. Das Imaginäre allein
Der Bereich des Imaginären 129

erlaubt dem Menschen, sich als identisch mit dem, was er war, zu erkennen —
trotz der Veränderung der Zeit. Das, was am wahrsten ist, nämlich daß wir im
Grunde wir selbst sind, ist zugleich das, was am falschesten ist, weil es auf einem
Spiel von Bildern beruht, die ihre Verfahrensweise aus dem Bereich des Fiktiven
hernehmen. Das Tiefste in uns ist zugleich auch das Zerbrechlichste, weil es sich
auf die affektive Erinnerung gründet, auf die Phantasie. Die Kunst repräsentiert
auch die Revanche der zirkulären Zeit an der linearen Zeit.

Die Akkumulation des Imaginären

Neben der Akkumulation des Kapitals und parallel dazu können wir in der Ge-
schichte der westlichen Kultur eine Akkumulation von Bildern beobachten, die den
Bereich des Imaginären in der Kultur unserer Gesellschaft bilden. Zu Anfang fol-
gen die Bilder aufeinander. Die Schriftsteller kopieren sich gegenseitig. Sie verän-
dern das Werk ihrer Vorgänger oder erweitern es. Sie passen es dem Tagesge-
schmack an. Die wichtigsten Werke, Themen, Personen der Literatur der Vergan-
genheit erheben sich aus einem Netzwerk, das ihre imaginäre Existenz verlängert.
Zur gleichen Zeit erlangen diese berühmten Werke und Personen einen mythischen
Status. Man begegnet im Roman des 14. und 15. Jahrhunderts noch Elementen aus
dem mittelalterlichen Epos und dem Werk von Chretien de Troyes. Von Chretiens
Romanen leiten sich Don Quijote und auch der preziöse Roman des 17. Jahrhun-
derts ab. Dank des Buchdruckes sammeln sich die literarischen Bilder, der histori-
schen Entwicklung ihrer Erzeugung folgend, nach und nach an. Heute bilden sie in
ihrer Gesamtheit ein imaginäres Pantheon, ein Reservoir von Bildern, aus dem sich
jeder unabhängig von dem ursprünglichen Augenblick, in dem diese Bilder ge-
schaffen wurden, bedienen kann. In den traditionellen Gesellschaften ist es die
Funktion von Mythen, Erzählungen zu schaffen, in denen die Gemeinschaft sich
erkennt, durch die sie sich definieren kann. Durch diese Mythen spricht sie und or-
ganisiert sich auf der Ebene des Imaginären. In der westlichen Kultur übernehmen
die Literatur und die Kunst diese Rolle.
Das Fiktive ermöglicht auch eine bestimmte Erinnerung der Rollen und des Ver-
haltens, ein Wissen um das Gefühls- und Gemütsleben. Es bildet ein flexibles Sy-
stem, das den Übergang von einer Epoche in die andere erleichtert, das die Konti-
nuität zwischen den verschiedenen Zeiten, zwischen den verschiedenen Werten,
zwischen den verschiedenen Verhaltensweisen sichert und so das Gefühl einer Ein-
heit des menschlichen Abenteuers erzeugt. Es verhindert den brutalen Zusammen-
prall von miteinander unvereinbaren Werten verschiedener Systeme, indem es das
eine auf das andere reduziert und ihre Erosion ermöglicht. Außerdem erlaubt es die
Darstellung eines jeden in einer nach Geschlechtszugehörigkeit strukturierten Rolle.
130 Jcan-Marie Apostolides

Vom 18. bis 19. Jahrhundert an sieht man, daß sich eine Parallele zwischen der
Sexualität (als einer autonomen Instanz) und der Literatur abzeichnet. Während im
17. Jahrhundert die große Frage der europäischen Literatur die Macht in ihrer poli-
tischen oder individuellen Form betraf, sind es im darauffolgenden Jahrhundert die
Sexualität und die Lust, die im Bereich des Imaginären erscheinen.4 Auf der Ebene
literarischer Genres begegnet man auch dem Theater im Roman als einem dominan-
ten Genre. Vereinfachend könnte man sagen, daß das Sexuelle das zentrale Thema
der Roman weit des 19. Jahrhunderts ist, dem Jahrhundert der Aufklärung, das
zwischen der Frage der Macht und der des Sexuellen aufgeteilt blieb.
Michel Foucault5 hat gezeigt, daß die bürgerliche Gesellschaft am Ausgang des
18. Jahrhunderts weniger durch unmittelbare sexuelle Repression charakterisiert
war als durch die Notwendigkeit, quer durch die entsprechenden sozialen Bereiche
hindurch von Sexualität zu sprechen. Daraus ergibt sich von dieser Epoche an das
Bedürfnis nicht nur nach geistlichen Ratgebern, sondern auch nach Ärzten, Bera-
tern in Gesundheitsfragen und Psychologen. Die Verpflichtung, nach einem zuläs-
sigen Ritual über die Sexualität zu sprechen, führt dazu, daß die Sexualität seziert,
analysiert und kontrolliert wird.6 Die gleiche Entwicklung ist im Bereich der Litera-
tur zu beobachten. Das Fiktive ist nicht untersagt, es muß im Gegenteil bekannt
sein, um die Macht der Verführung und die Wirkungen des Perversen zu kontrollie-
ren. Der Rolle, die die Ärzte im Bereich des Sexuellen spielen, entspricht die Rolle
der Professoren und Kritiker im Bereich der Literatur. Die theoretische Analyse
versucht, die Methoden zu definieren, die den literarischen Erfolg erzeugen, wel-
cher seinerseits Gefühle und Lust erregt. Diese Zeit ist auch die Blütezeit rhetori-
scher Abhandlungen, gewissermaßen einer Wissenschaft des Imaginären, einer
Verkartung der Reichtümer der Literatur. Ein gutes Beispiel dafür zu Beginn des
19. Jahrhunderts ist Fontanier. Er zerlegt die literarischen Vorgänge in elementare
stilistische Figuren, deren Einheit Einsicht in die künstlerische Zusammensetzung
des Diskurses erlaubt.7 Dieses Bemühen, die Geheimnisse der Dichtung zu be-
stimmen, wird von einer Inventur der Reichtümer der Vergangenheit und der Ge-
genwart begleitet. Es wird eine Hierarchie zwischen den Gattungen und den Auto-
ren geschaffen; das Pantheon des literarischen Ruhmes Frankreichs entsteht8, und
es bilden sich die festen Werte, die die höheren Schulen und die Universitäten an
die je folgenden Generationen zu vermitteln haben. Es wird in einem gewissen
Sinne eine Hierarchie der legitimen Lüste der Literatur gebildet: Wie in der Ehe, so

Vgl. Jcan-Maric Goulcmol: Ces Livres qu'on ne lit que d'une main. Lecture el lecteurs de Uwes
pornograptuques au XVIIIe siede Aix-en-Provcnce 1991.
'Vgl. Michel Foucaull: La volonie" de savoir. Paris 1976.
6
Vgl. Samucl-Augusic Tissoi: Vonamsme (1760). Paris 1991.
7
Vgl. Pierre Fontanier: Lesfigures du discours (1827). Paris 1977.
"Vgl. das Unternehmen der Edition der "Grands Ecrivains de la France" im 19. Jahrhundert.
Der Bereich des Imaginären 131

ist die literarische Lust nur erlaubt, wenn sie von einem Willen zur Reproduktion
begleitet ist, wenn sie den Bedürfnissen der Bildung dient. Sie darf keine reine
Verschwendung sein.9

Die Verausgabung und die Innerlichkeit

Das Fiktive begleitet die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft. Es ist einer
ihrer integralen Bestandteile, selbst wenn es nicht durch den radikalen Bruch mit
der mittelalterlichen Vergangenheit entstanden ist. Es wird zum Erbe der Möglich-
keit des Spiels, die in Europa durch die Entwicklung des Staates begrenzt wird.
Das Fiktive wird auch zu einem geistreichen Spiel, zu einem Spiel der Imagination,
das jedem offensteht. Es drückt nicht nur die Autonomie des Imaginären aus, es
gehört auch zur Individualität und zu all den 'egalitären' Werten der bürgerlichen
Gesellschaft. Als Erbe des mittelalterlichen Spiels, des Ludischen, will das Fiktive
reine Verausgabung sein. Als solches widersetzt es sich der neuen Ökonomie, die
auf Akkumulation beruht. Dies ist einer der Gründe dafür, jedoch nicht der einzige,
daß die Moralisten das Fiktive lange Zeit für gefährlich hielten. In diesem Sinn ist
das Fiktive die Ergänzung der bürgerlichen Ökonomie und auch ihr Gegenstück.
Diese hat zusammen mit der industriellen Gesellschaft einen allgemeinen Bereich
geschaffen, der sich nach und nach vergrößert: den Bereich des Handels. Die Aus-
dehnung dieses Bereiches im 20. Jahrhundert tendiert dazu, aus jedem Gegenstand
eine Ware und aus jedem Tausch einen Handel zu machen. In diesem Bereich der
Freiheit zirkulieren die Waren auf freie Weise, sie werden mit Hilfe eines allgemei-
nen Äquivalents, des Geldes, getauscht. Geschieht nicht das Gleiche im Bereich
des Imaginären? Auch das Imaginäre läßt sich räumlich definieren, als freier Raum,
jenseits der Menschen, wo Ideen, die bis dahin getrennt waren, wo Werte, Rollen,
Affekte getauscht werden und frei zirkulieren können. In diesem Sinn verdoppelt
das Fiktive den ökonomischen Bereich. Wie er erleichtert es die freie Zirkulation
der Wörter, der Ideen und der Libido. Es tut dies unter der Bedingung, daß es fik-
tiv, d.h. im ökonomischen Bereich folgenlos bleibt. Das Fiktive ist darüber hinaus
das Gegenstück zur Ökonomie, weil es der Bereich der Verausgabung, des Kosten-
losen ist. Es macht zunichte, was die Ökonomie des Handels aufbaut. Die Bedin-
gung seiner Existenz ist jedoch die Trennung der Bereiche — auf der einen Seite

9
In diesem Sinne muß man das Insistieren auf der Theorie — im 19. Jahrhundert wie heute — als
eine Form der Kontrolle des literarischen Gcnicßens, als eine heimtückische Art, sie zu verhindern,
bcgrcilcn. Zielt die Theorie nicht darauf ab, sich selbst an die Stelle des ursprünglichen Textes zu
setzen — durch die Reduzierung der Literatur auf einen eindeutigen konzcptuellen Rahmen, in dem
das Werk wie in eine Zwangsjacke eingepreßt wird?
132 Jean-Marie Apostolides

der des Wirklichen, beschränkt auf die materielle Ökonomie, auf der anderen Seite
der des Imaginären.
Im Fiktiven äußert sich die Gesamtheit des menschlichen Verhaltens, nicht nur in
sexueller Hinsicht, sondern als Gesamtheit der Träume, des Verlangens und der
Wünsche, der Ambitionen, der Frustrationen — alles, was die Praxis des gesell-
schaftlichen Tausches schweigen heißt. Die Literatur nach dem 18. Jahrhundert ist
rousseauistisch in dem Sinne, daß sie die Durchsichtigkeit im privaten wie im ge-
sellschaftlichen Bereich wiederherstellen will.10 Und ihr Prestige kommt zum Teil
daher, daß sie an etwas rührt, das mehr dem Menschen ähnelt als dem Verhalten,
das die gesellschaftliche Ordnung auferlegt: Sie spricht von der Dysfunktionalität
des Menschen. Der Bereich des Fiktiven befaßt sich mit einer Geschichte, die der
Geschichte entgeht und die man von da an nur durch eine anthropologische Analyse
der literarischen Texte rekonstruieren kann. Ich meine die Geschichte der Sitten und
der Affekte.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts löst sich die Sprache der Prosa von der Inner-
lichkeit ab: Im Französischen schreibt man nicht, wie man spricht. In der Gattung
des Romans bildet sich ein Stil, der weder eine einfache Verifizierung der ersten
Romane oder Epen ist noch die Sprache, wie sie auf dem Theater gesprochen wird.
Es ist der 'künstliche' Stil der Innerlichkeit, der die Freiheit des Lebens, vor allem
die Freiheit und das Fließen der individuellen Träumereien, des inneren Monologs
nachahmt. Es ist bekannt, daß der Roman keine poetologischen Regeln kennt; im
Gegensatz zum Theater hat er keine eigenen Gesetze.11 Er hat die Möglichkeit, mit
der Zeit zu spielen, von der Gegenwart in die Vergangenheit oder in die Zukunft
überzuwechseln, d.h. die Beschränkungen der Zeitlichkeit abzustreifen. Darin nä-
hert er sich der Welt der Phantasie, für die die 'historische' Zeit nicht existiert. Das
Unbewußte erlebt die Vergangenheit noch einmal, als wäre sie gegenwärtig; es
kennt weder das Prinzip der Widerspruchsfreiheit noch die Irreversibilität der Zeit.
Die einzige Konstruktion', die man in der Gattung des Romans in verschiedenen
Spielen der Analogie finden könnte, ist ein Spiel des Echos, der Verweise, der
Verdichtung und der Verschiebung; sie sind mit den Mechanismen des Traumes
identisch, wie Freud sie analysiert hat.12
Wenn wir uns nun den Lesern zuwenden, so beobachten wir, daß Lesen Zeitver-
lieren, aus der festen Realität — der der Arbeit — fliehen bedeutet. Lesen ist vor
allem eine einsame Tätigkeit, während die Arbeit durch ihre gemeinschaftliche
Organisation bestimmt ist. Der Roman stellt sich als ein individueller Gegenstand
dar, den man allein lesen lernt, mit leiser Stimme, ohne Lippenbewegung. Dort
entwickelt sich auch, wie in der Sexualität, eine Art von Züchtigkeit des Körpers,

°Vgl. Jean Slarobinski: Jean-Jacques Rousseau: la iransparence et l'obsiacle. Paris 1971.


1
Vgl. Manne Robert: Roman des origines et origines du roman (1972). Paris 1985.
2
Vgl. Sigmund Freud: Die Traumdeutung. Leipzig 1909.
Der Bereich des Imaginären 133

die das, was gerade geschieht, das Lesen nämlich, kaschiert — eine Züchtigkeit,
die Teil der großen Entwicklung der Sitten ist, denen die Historiker heute mehr und
mehr Gewicht beilegen.13 Wenn das Lesen ein Wissen um das geheime Verhalten
anderer einschließt, erlaubt es auch eine Ökonomie der Erfahrung. Es stützt sich auf
Abenteuer, welche die Mehrheit der Leute weder erleben kann noch darf — außer
in der Imagination, im Innern des Herzens eines jeden und unter strikter Kontrolle,
d.h. unter der Bedingung, daß alles als fiktiv, als getrennt anerkannt ist. Diese
Abgrenzung des Fiktiven entspricht dem Recht im sozialen Bereich und dem Über-
ich in der individuellen Psyche. Ist diese Abgrenzung einmal bestimmt, kann sie
überschritten werden und kann Zugang zu einer Welt gewähren, in der die uner-
laubten Triebe sich imaginär ausleben können. Im Gegensatz zur Aristokratie
früherer Zeiten bedarf das gebildete Bürgertum nur eines Zeichens der Lust und
nicht ihrer selbst. Die Tatsache, daß sie auf Papier geschrieben ist, schwarz auf
weiß (wie ein Vertrag), ist zugleich der Beweis für ihre Existenz und außerdem das
Zeichen der Distanz, die man in bezug auf sie halten muß. Diese Distanz ist
zweifach: Auf der einen Seite ist es eine gesellschaftliche Distanz, weil die einzigen,
die zu dieser Welt Zugang haben, diejenigen sind, die über die Zeit, die Mittel und
die Möglichkeit zu lesen verfügen. Sie sehen sich selbst als die Aristokraten des
Geistes. Es ist aber auch eine individuelle Distanzierung: Insofern das Buch
Schund enthält, kann man es nach Belieben wieder schließen, es weglegen oder
sich durch alle die Alibis schützen, die die Ideologie der gelehrten Kultur dem
Gewissen vorschlägt.

Die Maschinerie des literarischen Genießens

Im 19. Jahrhundert ist eine Autonomwerdung der Innerlichkeit zu beobachten, die


mit der der Literatur Hand in Hand geht. Die beiden Entwicklungen laufen parallel
und beeinflussen sich gegenseitig. In diesem Sinne kann man von der Literatur als
von einer Lustmaschine sprechen, von einer Maschine, die Lust und Alpträume
produziert. Sie stützt sich auf die Wörter, um eine Autonomie von Bildern zu er-
zeugen. Diese Bilder neigen dazu, zu Emblemen zu werden. Die Literatur gibt den
verbotenen, gefährlichen, von der gesellschaftlichen Moral verleugneten Bildern
einen Platz in der Psyche. Die Bilder einer abweichenden Moral oder Sexualität
werden von den Lesern anerkannt, in einer Gesellschaft, die zu groß ist, als daß die
Kontrolle der Menschen unmittelbar wirksam werden könnte und in der die Macht
in eine Vielheit von Mikro-Mächten aufgeteilt ist. Die Literatur ist die legale Droge
der kultivierten Menschen des 19. Jahrhunderts — ähnlich dem Opium oder dem
Haschisch. Sie stellt sich als eine zusammenhängende Totalität dar, als eine

13
Vgl, Jean-Claude Bologne: Hisloire de la pudeur. Paris 1986.
134 Jean-Maric Apostolidcs

Maschine. Sie ist eine Lustmaschine, ein autoerotisches Instrument, das in dem
Moment, in dem sie sich etabliert, in allen gesellschaftlichen Klassen, selbst von
der bürgerlichen Prüderie geduldet wird. Sie erlaubt individuelles Genießen, indem
sie die Verwandlung des Menschen erleichtert. Beim Lesen wird Ich ein anderer.
Das Ich projiziert sich an einen anderen Ort, der ihm aus seinen moralischen,
gesellschaftlichen und körperlichen Beschränkungen heraushilft. Diese Verwand-
lung wird durch die Mechanismen der Identifikation, welche die Lektüre freisetzt,
erleichtert; und dies selbst dann, wenn der Leser sich weigert, sich mit den Per-
sonen zu identifizieren. In dieser Weise müssen wir die Inszenierung des
Proletariats in Zolas Romanen verstehen. In Nana, in L'Assomoir oder in Germinal
werden die Frauen und die Mädchen des Volkes den bürgerlichen Lesern reprä-
sentiert — scheinbar in einem Ton moralischer Verdammung, doch eine Beziehung
zu der Arbeiterfrau oder dem Arbeitermädchen (denen der Autor eine sexuelle
Freiheit zuschreibt, die den Bürgerinnen untersagt ist) ist komplizierter. Seine
Distanz bewahrend, hat der Leser — scheinbar unschuldig — an der Entkleidung
von Nanas erotischem Körper teil; er dringt in ihre Intimität ein wie ein Voyeur. Die
Szenen, die dem Liebhaber entgehen, zum Beispiel die lesbische Beziehung
zwischen Nana und Satin oder Nanas Betrachtung ihres nackten Körpers — all dies
wird dem Leser eröffnet; er wird zu einem Sultan im Harem.14
Die Zirkulation von Büchern zu Beginn des 18. Jahrhunderts trägt dazu bei, daß
in der bürgerlichen Gesellschaft ein kollektives Imaginäres gebildet wird. Sie er-
zeugt Trauminhalte und Identifikationsmuster. Die nationale Einheit entsteht mehr
auf der bewußten Ebene als auf der des Unbewußten. In diesem Sinne sind Bücher
im industriellen Sinn des Wortes Traumfabriken. Sie produzieren gemäßigte, er-
laubte gesellschaftliche Träume. Das Endprodukt ist in seiner Materialität zu be-
trachten, als Medium und als Inhalt. Das Medium umfaßt den Platz des Feuilletons
in den Journalen, die ersten Bücher zu günstigen Preisen, die Produktion von Me-
lodramen oder das Auftauchen von Dektektivromanen. Der Inhalt betrifft die Ana-
lyse der literarischen Rhetorik, das Spiel der Spannung, die stereotypen Szenen,
die literarischen Mythen. Das literarische Erzeugnis ist auch parallel zum industriel-
len Erzeugnis zu verstehen. Bereits 1605 sprach Cervantes von "dieser Maschine
der Träume und der Erfindungen", um den Roman zu definieren.15 Borges nennt
ihn später 'eine Maschine von Chimären und Alpträumen'. Ohne die Parallele zur
Industrie übertreiben zu wollen, müssen wir verstehen, wie der Bereich des Ima-

14
Vgl. Alain Grosrichard: Struclure du siraü. Paris 1979.
1
"Llcnösclc la laniasia de lodo aqucllo que Ici'a cn los libros, asi de encantamentos como de pen-
dencias, batallas, desaffos, hcridas, requiebros, amores, lormentas y disparalcs imposiblcs; y asen-
trtsclc de tal modo cn la imaginaeiön que era verdad toda aquella mäquina de aquellas sofladas
invencioncs que Ici'a, que para el nö habfa otra historia mäs cieria cn cl mundo". Miguel de
Cervantes Saavcdra: El Ingenioso Hidalgo Don Quijole de la Mancha. Madrid 1977, Vol. 1, Kap.
1. 88.
Der Bereich des Imaginären 135

ginären trotz seiner Freiheit an der allgemeinen Ökonomie des Verhaltens teilhat.
Weit davon entfernt, eine entstellte Version sozialer Probleme zu inszenieren, auf
die ein soziologischer Ansatz der Literaturbetrachtung das Imaginäre oft reduziert,
bildet es aufgrund seiner Autonomie das Gegenstück zur sozialen Welt. Diese Frei-
heit ist jedoch nicht mit der Abwesenheit einer Verbindung zur konkreten Welt
gleichzusetzen. Im Bereich der materiellen Produktion wie in der imaginären Pro-
duktion kann sich das 19. Jahrhundert nicht von der Faszination für die Maschine
und der Notwendigkeit industrieller Produktion freimachen. Der Traum industriali-
siert sich wie die Kleidung in Methoden der Massenherstellung. In diesem Sinne
entwickeln der Film und das Fernsehen mit vervollkommneter Technik lediglich
das Projekt einer Massenproduktion von Romanen, das während des 19. Jahrhun-
derts ins Leben gerufen wurde.
Der Bereich des Fiktiven hat heute das Innere unseres Privatlebens erreicht. Wir
beziehen uns nicht nur auf die Welt des Literarischen, sondern die berühmten
Schatten, die im Bereich des Fiktiven zirkulieren, beeinflussen auch unser Verhal-
ten. Ödipus, Medea, Hamlet, Don Quijote und Madame Bovary führen eine wirkli-
chere Existenz als einige unserer Zeitgenossen. Ob man sich darüber freut oder
nicht — wir verstehen unser eigenes Leben zum Teil in bezug auf sie. Wenn diese
unwirklichen Wesen aus Büchern, von der Leinwand des Films oder dem Bild-
schirm des Fernsehens übertragen werden, haben sie Einfluß auf die Menschen und
erleichtern den gesellschaftlichen und affektiven Austausch. Ebenso erleichtert das
Geld im Bereich des Handels den Tausch von Konsumgütern. In diesem Sinne
könnte man von diesen autonom gewordenen Bildern als von dem Geld des Ima-
ginären sprechen und von dem Bereich des Fiktiven als von dem Markt, wo sich
ein Teil unserer libidinalen Energie verausgabt.
Man kann vermuten, daß es in unserer Identität ein fiktives Ich gibt, dessen
Struktur und Ausmaß mit den anderen Dimensionen unseres Seins interagieren. Als
etwas zwischen dem Ich-Ideal und dem Selbst erlaubt das fiktive Ich die Flucht aus
den Beschränkungen des Wirklichen. Eingezwängt zwischen dem, was wirklich ist
(dem Ich), dem, was es sein will (dem Ich-Ideal) und dem, was die anderen sagen,
das es ist (dem Selbst)16, hat das Individuum ein gerechtfertigtes Bedürfnis zu flie-
hen. Jede Gesellschaft gibt ihren Mitgliedern "Modelle schockierenden Verhaltens"
vor, d.h., nach Ralph Lintons Auffassung, gesellschaftlich anerkannte schlechte
Manieren.17 Unsere Gesellschaft ist aufgrund der kurzfristigen und langfristigen
Konsequenzen, die jede Handlung mit sich bringt, seit der zweiten Hälfte des 19.
Jahrhunderts eine Gesellschaft der Kontrolle. Heute duldet sie weder den unmittel-
baren Ausdruck von Aggressivität noch anarchische Manifestationen der Libido.
Die aggressiven und die sexuellen Triebe verursachen Unordnung und müssen

6
Vgl. G. H. Mcad: Mind. Seif and Society. Chicago 1934.
7
Vgl. Ralph Linion: Culture and Mental Disorders. Spnngficld, III. 1956.
136 Jcan-Marie Apostolidcs

kontrolliert werden. Daher kommt der leidenschaftslose Charakter des gegenwärti-


gen Lebens: Die Selbstbeherrschung, die Beherrschung der materiellen Bedingun-
gen unseres Lebens, die Herrschaft über die Natur, die abstrakte Betrachtung des
Universums — all dies wird auf Kosten des affektiven und emotionalen Lebens er-
reicht. Der Bereich des Fiktiven dringt in diese Welt der Hyperkontrolle nicht nur
ein, um unseren Verhaltensweisen Farbe zu verleihen, sondern auch als ein innerer
Bereich der Freiheit. Es bietet uns Modelle schockierenden Verhaltens an, die wir
imaginär verwirklichen können. Während diese Modelle schockierenden Verhaltens
in traditionellen Gesellschaften den Übergang zur Handlung erlaubten, sind sie in
der heutigen westlichen Kultur vereinzelt und zugleich verinnerlicht. Das Indivi-
duum kann nur durch eine Implosion fliehen, die sich im Herzen seines Wesens
ereignet und die durch eine Spaltung seiner Persönlichkeit hervorgerufen wird. Das
fiktive Ich, das wir schematisch dargestellt haben, findet sich im Zentrum der Per-
sönlichkeit; es färbt einige unserer Entscheidungen und Verhaltensweisen auf ir-
reale Weise ein, und es hat zugleich eine Randstellung in der allgemeinen Ökono-
mie des Verhaltens, weil es nicht zu einer Handlung übergehen darf. Es ist ein Be-
reich der Freiheit, in dem wir auf illusorische Weise nach den Werten, Verhaltens-
weisen und Bedingungen des Lebens suchen, die wir verloren haben.

Aus dem Französischen von Kerstin Behnke


Johanne Villeneuve

Dissidenz, Geschichte, Ermüdung der Schrift

Und so gibt es für jeden Bärger eine unsichtbare


(manchmal auch sichtbare) Akte, die jederzeit benutzt
werden kann. Jedes Individuum wird sozusagen ge-
röntgt, so daß ihm kein Geheimnis bleibt.
Alexander Zinoviev

Für die Historiker ist die Vergangenheit — oder noch allgemeiner: die von Ereig-
nissen strukturierte Zeit — an die Praxis des Schreibens und an die Interpretation
der Schrift gebunden. Man kann in dieser Tradition den Begriff der Geschichte
nicht von dem der Schrift abtrennen. Der Geschichtsschreiber schreibt eine Epoche,
und der Historiker schöpft seine Kenntnis der Vergangenheit aus der Interpretation
von meist geschriebenen Spuren. Die Annalen, Archive und Inschriften — aber
auch die Bauten — sind die ersten und dauerhaftesten Orientierungsmarken des
Historikers; ihre Vertextung ist das Geschäft des Geschichtsschreibers. Was wird
aus diesem Verhältnis im Rahmen einer Ideologie, die Geschichte zum bestimmen-
den Geschick erhebt — und dafür den Preis entrichtet, sie aus dem Feld des Wis-
sens zu eliminieren? Was wird aus dieser Beziehung in einer Gesellschaft, deren
Archive und Bauten die Funktion haben sollen, den Alltag und das Privatleben bis
ins kleinste Detail im Namen einer zum Programm erhobenen Geschichte zu gestal-
ten? Was geschieht, wenn Buchstaben und Schrift, welche das Verstehen der
Ereignisse ermöglichen sollen, von der Autorität beherrscht werden? Das Gefühl
des Eindringens einer verpflichtend gemachten und vorab festgelegten Geschichte
in das Privatleben schlägt um in das Gefühl einer Proliferation des Geschriebenen:
erstens als Proliferation der Zeichen jener Geschichte, welche die Komplexität der
Ereignisse und die Vielgestaltigkeit der Welt in skandalöser Weise reduziert;
zweitens aber auch als Proliferation jener Instanzen, welche das soziale und private
Handeln kontrollieren und sich dabei vor allem der Schrift (der Propaganda, der
Bürokratie, der Zensur und der Denunziation) bedienen.
138 Johanne Villcneuve

Die hier gestellte Frage zielt auf eine Situation, in der die Schrift zum unumgäng-
lichen epistemischen Kernbereich geworden ist — in der sie nicht mehr als Kernbe-
reich der Geschichte fungiert, sondern als Zentrum eines Kontinuums, in dem al-
les, was erlebt wird, unter dem Gewicht der Vergangenheit und der Finalität der
Texte steht. Die Dissidenten-Literatur hat — vor allem in der Sowjetunion nach
dem Ende des Stalinismus — diesen Sachverhalt immer wieder deutlich gemacht.
Sie kann nur in einer solchen Situation entstehen — und sieht sich durch diese
Situation in ihrer Existenz bedroht.

***

An den Höfen des Spätmittelalters, zur Zeit der ersten häretischen Bewegungen ist
das Schreiben vor allem eine Technik des Reproduzierens: Schreiben ist Wieder-
Schreiben, Verlieren, Vergessen. Der Unterschied zwischen Schreiben und Wie-
der-Schreiben ist der Unterschied zwischen Erinnern und Wieder-Erinnern, zwi-
schen Gedenken und Sich-Merken. Um diese Differenz zu betonen, warnt der Pha-
rao in der berühmten Beispielgeschichte aus Piatos Phaidros vor der Erfindung der
Schrift, denn indem sie 'die Menschen davon entbindet, ihr Gedächtnis zu benut-
zen', kann die Schrift 'zum Vergessen in der Seele derer führen, welche ihrer
kundig sind'. Der Gedanke einer Feindschaft zwischen Schrift und Erinnerung ge-
hört zur Geschichte der Entwicklung und Verbreitung der Schrift. Aus ihm gehen
im Rahmen der textuellen Formen Mythen und Synästhesien hervor. Je größere
Verbreitung zum Beispiel die Heilige Schrift erfährt, je mehr sie von Illuminationen
und Glossen eingerahmt wird, desto stärker wird auch der Text verändert. Es mutet
wie ein Spiel der Ironie an, daß die Möglichkeit der Wissensverbreitung und der
Vervielfältigung der Texte gegen das Vergessen gerichtet ist — und doch zur Auf-
reibung der Texte führt. Daß die Texte aufgerieben werden können, wird zu einer
Bedingung ihrer Erhaltung. Glossierung und streng kontrollierte Text-Zirkulation
machen die Schreibpraxis der Klöster zu einer institutionellen Form, in der es nicht
mehr primär um Lektüre der Texte geht, sondern um ihre Kapitalisierung, ihre Ver-
schönerung (aus ihr ergibt sich das Interesse an der emblematischen Funktion der
Zeichen) und ihre Bewahrung fern von den Blicken der Nicht-Eingeweihten. Ver-
schönerung, Kapitalisierung und Bewahrung sind zentrale Elemente der Bürokratie
und erinnern daran, wie sehr die Text-Zirkulation von bürokratischen Zeremonien
abhängig ist.1
Es besteht also ein Abstand zwischen Kommunikation und Schrift, denn die
Schrift dient der Inventarisierung, der Akkumulation des Wissens und dem
Schmuck des Text-Objekts. Kommunikation hingegen vollzieht sich beinahe aus-

Vgl. Claude Lcfori: Elements d'une criiique de la bureaucratie. Paris 1979, 287.
Dissidcnz, Geschichte, Ermüdung der Schrift 139

schließlich als gesprochene Sprache. Wer sich des gesprochenen Worts nicht be-
dienen — und mithin nicht kommunizieren — darf, hat keine andere Wahl als sich
der Schrift anzuvertrauen. Die Geschichte des englischen Predigers John Wyclif
(1330-1384) ist ein beredtes Beispiel für das Auftreten des homo scribens — der
zugleich wirklichen und mythischen Figur des modernen Schriftstellers, der nicht
mehr wieder-schreibt, kommentiert, Besitzverhältnisse verzeichnet oder Verträge
verfaßt, sondern eine Bestimmung der Schrift verkörpert, die Individualität und
Zeit zugleich feiert und überschreitet. Als einer jener Reformatoren, welche die
Schrift von der Glosse ablösen wollen und ihre Verbreitung in der Gemeinsprache
fordern, wird Wyclif im Jahr 1382 von der Kirche gezwungen, sich aus der Öf-
fentlichkeit zurückzuziehen — und verfällt in eine 'Schreibwut'.2 Man kann also
behaupten, daß — zumindest indirekt — aus der strengen und systematischen
Verwaltung eines weitgehend unzugänglichen Textkorpus eine andere Form der
Schreib-Praxis hervorgegangen ist. Der homo scribens — der Häretiker, der
Schriftsteller, der Dissident — macht deutlich, daß die Zahl der Texte, deren Pro-
duktion auf die Zensur zurückgeht, mindestens ebenso hoch ist wie die Zahl derer,
die sie brutal unterdrückt. Auf den homo scribens geht der Mythos zurück, daß
demjenigen, der die Kunst des Schreibens besitzt, die Kunst des gesprochenen
Wortes enteignet wird. Das berühmte Klischee des homo scribens, der — wie
Wyclif— in der Einsamkeit der Gefangenschaft dazu verdammt ist, für Genera-
tionen, die er nie kennenlernen wird, das Papier mit Zeichen zu bedecken, enthält
eine bedeutsame Wahrheit: Es verweist darauf, daß die Schrift eine Distanz zum ge-
sprochenen Wort setzt. Der homo scribens verfügt zwar nicht über die Kunst der
Rede, aber er besitzt eine besondere Beziehung zur Gesellschaft der Zukunft. Das
Werk des homo scribens beruht nicht auf dem Reich der Toten, sondern — dank
der Schrift — auf einem Imperativ der Schnelligkeit. Die Schrift — genauer: der
Differenzierungsprozeß der Schreib-Formen — bringt verschiedene Geschwindig-
keits-Phänomene hervor: Phasenverschiebung, Wiederverarbeitung, Stagnation,
Wiederholung, Überbietung, Verlangsamung. Zwar gibt es viele Gründe — vor
allem natürlich die Zensur—, welche die Texte zwingen, gegenüber der offiziellen
Gemeinschaft der Leser in einer Position der Marginalisierung zu verharren, aber
rückwärtsgewandt, unterirdisch wirken sie nur um so stärker.
Eine der zentralen — und gewiß offenen3 — Fragen in der gegenwärtigen Debatte
über die Schrift ist die, ob die Schrift eher dem Leben oder eher dem Tod zuzuord-
nen ist. Jedenfalls sind Texte immer zugleich älter und jünger als ihre Leser. Sie
machen die Vergangenheit — das Gestorbene — gegenwärtig; aber sie fangen auch
das Leben in seiner Aktualität ein und fixieren es. Diese Probleme bezüglich des
Status der Schrift verschwinden jedoch, wenn man das Lebende vom bloß Belebten

2
Vgl. Hcnri-Jcan Martin: llisloire et pouvoirs de l'icrit. Paris 1988.
'Vgl. Michel de Ccrtcau: L'icriture de l'hisloire. Paris 1975.
140 Johanne Villcneuve

unterscheidet. Wir lesen immer nur Lebende — allerdings aus einer Zeitperspek-
tive, die sie ausschließlich in Zeichen und im Geschriebenen gegenwärtig sein läßt.
Für den Leser belebt der Buchstabe das nicht mehr Lebendige, für den Schreiben-
den fixiert er etwas Lebendiges. Die Zensur schöpft die Möglichkeiten solchen Fi-
xierens aus; aber sie kann doch nie die Zeichen in ihren vielfältigen Verstecken (in
Epochen der Vergangenheiten, Geheimschubladen, unzugänglichen Ländern) voll-
kommen kontrollieren. Besonders bemerkenswert scheint mir deshalb in diesem
Zusammenhang — neben der Bedeutung des Zeichens und seiner Materialität —
seine Geschwindigkeit zu sein, genauer: das Zusammenspiel zwischen einer blitz-
artigen Verlagerung des Diskurses in eine Welt der Fernvergangenheit und der
Trägheit des Textes im Verhältnis zur Zeit. Erst diese Trägheit macht es möglich,
daß man Stimmen aus der Vergangenheit wiederfindet. Denn solche Stimmen —
und oft sind es Stimmen, denen die Rede verwehrt war — haben sich der Dauer-
haftigkeit der Text-Materialität anvertraut.
Rede-Verbote öffnen die Schleusen des geheimen Schreibens und transformieren
die Beziehung zwischen Text und Gesetz (und jeder Text unterliegt einem Gesetz)
in ein Spiel des Verschiebens und Versteckens. Um sich Autorität zu verschaffen,
muß das Gesetz auf besondere Strategien zurückgreifen. Seine Kontrollapparate
dringen in die Zonen geheimer Aktivität ein und treiben sie immer weiter ins Private
zurück. So identifizierte die Inquisition häufig Stigmata auf dem Körper des Ver-
dächtigen als Symptome der Häresie. In jüngerer Vergangenheit hat die sowjetische
Neurologie spezielle Verfahren des Elektroschocks auf politische Dissidenten an-
gewandt. Als ob es sich um Krankheiten handelte, führt man dabei politische Ein-
stellungen auf den Körper zurück. Er wird so zu einem letzten Schutz und zu einem
letzten Refugium vor dem Buchstaben des Gesetzes; der Körper repräsentiert den
Ort einer stets beweglichen Mündlichkeit. Für die totalitäre Ordnung ist er die In-
karnation allen Entkommens. Deshalb will sie den Körper aufreiben — und unter
solchem Druck gibt der Körper den Kontrollorganen die letzten Geheimnisse preis,
die ein langer Widerstand gegen die offizielle Geschichte geheim gehalten hatte.
Die Folter ist ein gewaltsames Eindringen in die Privatsphäre — und der
Schmerz ist nicht die schlimmste Erinnerung, die sie hinterläßt, auch wenn sie ihr
wirksamster Teil ist. Was die Folter von anderen Gewaltakten unterscheiden, ist
der Wille, etwas herauszuschneiden (dies erklärt die Ähnlichkeit zwischen Folter-
werkzeugen und chirurgischen Instrumenten). Herausgeschnitten werden kann aber
nur etwas, das schon zuvor im Körper vorhanden, in die unstrukturierte Masse des
Körpers und der Informationen eingeschrieben war. Das Opfer erlebt das Heraus-
schneiden als ein Einschreiben: Der Körper wird durch die Folter markiert, das Ei-
sen der Folterwerkzeuge wirkt wie ein Stempel. Die Logik dieses Einschreibens
fordert, daß nichts der Schrift entgeht, und verwandelt das Leben in eine rigide
textuelle Ordnung. Durch das Mittel der Folter läßt die Macht nicht nur jede Zelle
transparent werden, sie zwingt darüber hinaus jede Aktivität, sich an ihre Vor-
Dissidenz, Geschichte, Ermüdung der Schrift 141

Schriften anzupassen. So muß die historische Wirklichkeit an den Grenzen einer


vorher-geschriebenen Geschichte ausgerichtet werden. Damit aber stellt sich ganz
selbstverständlich die Frage nach dem Verhältnis von Vorschrift und Inschrift.
Wird das Verhältnis zwischen Schrift und Wirklichkeit nur vom Geschriebenen
beherrscht, oder gibt es so etwas wie eine Vorstellung der Schrift, die als ein Wille
sie festzuhalten der Schrift selbst vorausgeht? Versteht man das Gesetz nicht immer
als einen Text, als eine Rede, die es irgendwo, in einer gemeinsamen Gewißheit, an
einem bestimmten Ort gibt? Und ist es nicht der sakrale Raum, welcher der Rede
ihre Weihe, die Kraft eines Gesetzes gibt? Wer die Schrift sucht, sucht einen Ort.
Von etwas Geschriebenem sagt man zuerst und vor allem, wo es geschrieben steht.
Was geschrieben wird, ist immer woanders schon geschrieben. Dieses Schon
gehört zugleich der Ordnung der Vorschrift und der Ordnung der Inschrift an.
In den sechziger Jahren hatte sich in der Sowjetunion — nach einer kurzen Phase
der Öffnung — eine Form der Geheimliteratur verbreitet, die Samizdat hieß. Unter
dem erneuten Druck der Breschnew-Ära lag einer ihrer Trümpfe darin, daß es
schwierig war, ihren Herkunftsort zu bestimmen. Der Samizdat wurde zu einer
Form von Literatur, die jeder kannte, von der alle hatten reden hören, die aber den-
noch niemand genau beschreiben konnte. Er wurde so mächtig, weil er ein Parasit
der offiziellen Kultur war, weil er sich dort ausbreitete, wo die Kontrolle der Macht
ihre Schwachstellen hatte. So war er dazu berufen, eine 'unterirdische' Literatur zu
werden — und das vollzog sich in der Tat fast selbstverständlich. Denn man
braucht bloß die kleinen Kontingenzen des Alltags dem großen revolutionären An-
spruch gegenüberzustellen — und schon werden die Widersprüche des historischen
Determinismus sichtbar.
So wie das Memorisieren die wahrhafte Erinnerung im Gedächtnis auslöscht,
führt die systematische Wiederholung der offiziellen Texte zu einer Erosion der
Schrift. Die Staats-Schrift wird in dem Maß zu einem bloßen Emblem — und ver-
liert ihre Reinheit —, wie sich um sie Mythen und Ornamente zu ranken beginnen.
In einer auf dem Wort-Protokoll beruhenden Gesellschaft wie der sowjetischen Ge-
sellschaft unter Breschnew bedeutet das, daß sich eine große Müdigkeit in der
Schrift breitmacht. Zur Erosion der Texte selbst kommt also eine Ermüdung hin-
sichtlich des Vertrages zwischen der Gesellschaft und den sie begründenden Tex-
ten. Dieser Vertrag beginnt dann, eine schwere Last zu werden. Natürlich hatten all
die Embleme, die Texte Lenins, die unendlich wiederholten Parolen zur Erfüllung
der Fünfjahrespläne schon vorher eine gewisse Erosion erlitten, aber das allein be-
deutete noch nicht, daß die Leser ihre hermeneutische Kompetenz aufgegeben hat-
ten. Jene Ermüdung hingegen bestand darin, daß die Leser nun absichtlich eine
Kompetenz opferten, die im Zeichen der Langeweile unbrauchbar geworden war.
Die Texte waren nur noch der Resonanzboden für eine unendliche Müdigkeit; der
Gesellschaftsvertrag war ausgehöhlt und zu einer lächerlichen Formel geworden.
Es gibt mehr als genug Gründe für eine solche Ermüdung: die Zensur, die vorge-
142 Johanne Villcncuve

schnebene Wiederholung der Klassiker, die Produktion von Texten, deren einzige
Funktion darin besteht, sich selbst wahrzunehmen, die in Texten und Zitat-Kaska-
den überhand nehmende Selbstreferenz des Systems, die lückenlose Kontrolle der
Bürokratie, die Automatisierung von Slogans und Propagandasprüchen, die un-
ablässige und immer mehr ritualisierte Neuinszenierung des revolutionären Grün-
dungsmoments, die Spannung zwischen offizieller Geschichte und einer abwei-
chenden Wirklichkeit, die Systematisierung des Vergessens, das Scheitern der Ver-
sprechungen, das Weiterlaufen der Planwirtschaft, die beständig hinter unerfüll-
baren Erwartungen zurückbleibt, die Normalisierung der Überwachung. Hinzu
kommt eine ganze Lawine von Verfahren, Formularen, Bekenntnissen, Denunzia-
tionen und öffentlichen Belohnungen (Orden, durch Wiederholung banal gewor-
dene Huldigungsformeln, regelmäßige Zeremonien). Die Schrift altert je schneller
und verliert ihre Macht je eher, desto häufiger ihre Vorschrifts-Funktion durch die
abweichende Wirklichkeit der Ereignisse in Frage gestellt wird. Die Textzirkulation
läuft auf Hochtouren — und die Texte wenden sich immer an eine ferne Zukunft,
sie überholen ihren Ursprungskontext, sozusagen im Schwung historischer Ver-
leugnung. Doch im Rahmen einer Staats-Bürokratie wird jenes historische Wetter-
leuchten, das die immer neue Feier der Revolution hervorbringen will, zum Sta-
gnieren. Das ist eine höchst groteske Situation, und die Dissidenten haben sie oft
ausgenutzt. Die Schrift erreicht dann nicht mehr ihre Bestimmung. Der Schwund
des Vertrauens in die Geschichte bezieht sich — und das war vor allem in der So-
wjetunion der siebziger Jahre der Fall — nicht auf die Möglichkeit ihrer Darstel-
lung, sondern auf die Möglichkeit von Veränderung. Was der Inbegriff von Verän-
derung sein soll — die Revolution —, wird als durch ständige Wiederholung aus-
gelöste Apathie erlebt. Und täglich von neuem wird der Bankrott der Geschichte
offensichtlich: in der Demoralisierung, in dem Gefühl, daß alles sinnlos ist, im im-
mer neuen Beginn der Warteschlangen und in der unübersehbaren Erschöpfung des
sozioökonomischen Systems.
In der Form von Graffiti ebenso wie in der Form von Büchern ist die Schrift-
Aktivität der Dissidenz eine direkte Antwort an die Zensur, an die Gängelung und
an die Informationskontrolle. Sie inszeniert sich als Teil einer gemeinsamen Ge-
schichts-Fiktion, indem sie das Fehlen des großen historischen Textes beklagt und
zugleich den großen Text dafür kritisiert, daß er zu integrieren versucht, was ihm
nicht gehört, nämlich jene Privatheit, die sich nicht auf den Buchstaben reduzieren
läßt. Der Samizdat setzt der schwulstigen Rhetorik des Geschichts-Gesetzes-Textes
so etwas wie die eine Schrift der Mündlichkeit entgegen. Sie geht über die Rück-
gewinnung der mündlichen Alltagssprache und des Körpers in die Schrift hinaus,
indem sie die Zersetzung der Embleme, der geschichtsphilosophischen Verspre-
chungen und der Gesetzes-Schrift beschleunigt. In einer streng kontrollierten Ge-
sellschaft ist Kommunikation unvermeidlich eine offizielle Angelegenheit. Diese Er-
fahrung machen — zu ihrem Nachteil — die Helden bei Kundera und Dombrovski.
Dissidenz, Geschichte, Ermüdung der Schrift 143

Rein theoretisch gilt die Schrift stets mehr als die Erfahrung; die lebendige Wirk-
lichkeit stößt auf eine Mauer der Verleugnung, auf die Starrheit eines Textsystems,
das nicht auf Lektüre und Interpretation, sondern auf Wiederholung, Bewahrung
und Emblematisierung der Texte abzielt. Bezeichnenderweise bemißt die Sowjetge-
sellschaft in Zinovievs satirischer Beschreibung die Effizienz ihrer Wissenschaft am
physikalischen Gewicht der von ihr produzierten Publikationen. Statt Geld zu kapi-
talisieren, kapitalisiert sie Schriftstücke und Gedenkmünzen. In Reaktion darauf
versucht die Untergrundkultur die ganze Banalität des Ideologie-Kitsches ironisch
hochzujubeln. Sie nutzt die Anekdote als ihre vorzügliche Diskursform, weil sie
anonym ist, sich rasch verbreitet und so durch die Maschen der offiziellen Ideologie
dringt. Es gibt ganze Register von politischen Farcen (zum Beispiel sehr beliebte
Anekdoten, die auf Breschnews Augenbrauen anspielen), Graffiti, Skandalchroni-
ken der hochstehenden Parteimitglieder, peinlichen Geschichten aus dem Alltagsle-
ben, Pornographischem und Skatologischem — und all diese Formen der Münd-
lichkeit werden in der Dissidentenliteratur und im Samizdat gegen den Geschichts-
Gesetzes-Text ausgespielt. Diese stets maskierte Literatur dringt durch die Ritzen
des offiziellen Kontrollsystems, ohne je einen festen Ort zu haben; aber zugleich
arbeitet sie auch daran, jene Ordung der Schrift und der Zensur zu untergraben, auf
der die offizielle Geschichte beruht.
Wir haben gesehen, daß der Buchstabe nicht tötet, sondern fixiert und lähmt, daß
er so etwas wie eine Hierarchie der Schnelligkeiten in die Welt der Diskurse ein-
führt. Die Rede vom Buchstaben als 'totes Zeichen' ist eine Metapher für jenen
Verlust, den die Schrift als Inschrift fordert, wenn sie den Schrift-Ort statt des
Sprech-Akts ins Blickfeld rückt. Dann sehen wir allein das Ritual der Zeichen, ein
Ritual von leeren Gehäusen und absurder Epigraphie, welches Geschichte in einen
zerstörenden Mythos verwandelt. Die vielfältigen Zusammenhänge zwischen dem
Schreiben der Dissidenten und der Mündlichkeit kehren die Pole dieser Schizo-
phrenie des Buchstabens um: Im Schreiben der Dissidenz läßt sich der Ort der In-
schrift nicht finden, da es von einer beweglichen Vielfalt der Sprech-Akte ausgeht.
Dieses Schreiben vollzieht sich als ein kontinuierliches Spiel des Ausweichens und
der Selbst-Ironisierung. Verglichen mit dem Ketzer, der in der Einsamkeit des
Turms an seinem Werk arbeitet, stellt die Situation des Dissidenten eine Wucherung
dar: Während der Ketzer allein für die unbekannten Leser der Zukunft arbeitet, gibt
es für den Dissidenten eine gegenwärtige Gemeinschaft potentieller Leser, die bereit
sind, mit ihm in eine Zone des Schweigens und der Virtualisierung einzutreten. Zi-
novievs Leser zum Beispiel sind eine — paradoxale — Gemeinschaft von Einzel-
gängern: die Gemeinschaft der Exilanten und der Schweigenden, die er so gerne
mit Bildern des Alkoholismus darstellt — und was anders ist Alkoholismus als
Einsamkeit in einer Gruppe? Durch die Diskurse, die Einsamkeit, die Banalität des
Alltags und den Verlust des Geschichtshorizonts hindurch findet die Mündlichkeit
bei Zinoviev ihren Niederschlag in jenem Nebel von Hypothesen, Anekdoten, Mo-
144 Johanne Villeneuve

nologen, hochfliegenden Erklärungen und Aphorismen, für die das Bild von der
Luzidität des Alkoholikers steht.
Als Zinoviev sein erstes Buch schrieb, war klar, daß die Zensur ihm jederzeit das
Manuskript aus den Händen reißen konnte. Deshalb brachte er seine Satire in die
einzige Form, die es in jedem Moment ermöglichte, das Buch als abgeschlossen zu
betrachten. Dieses Buch hat einen beliebigen Anfang und ein beliebiges Ende. Es
ist eine Sammlung von Anekdoten, in denen es von Absurditäten wimmelt, die aber
doch alle von derselben Logik durchzogen werden. So verlagert sich die Schnellig-
keit, die bei Wyclif noch eine Eigenschaft der Leser war, in die Schrift selbst. Nicht
nur bringt die Schrift hier ihre Gegen-Schrift hervor — sie erzeugt zugleich
stilistische Strategien, welche am Ende die Pole von Mündlichkeit und Schriftlich-
keit umkehren.
Spannungen zwischen Mündlichkeit und Schrift gehören — denken wir nur an
Bachtin — zu den Leitthemen der modernen Poetik. Was in diesem Zusammenhang
noch zu diskutieren bleibt, ist jene Anklage, die oft aus solchen Spannungen
hervorgeht. Sie bezieht sich auf das Eindringen der strengen Ordnungen der Schrift
in ihnen fremde Dimensionen. Die Schrift-Ordnung erscheint als ein Kontroll-
system, das in dem Maß unfaßbar wird, wie sich die Überwachungs-Technologie
und die Bürokratie entwickeln. Zinovievs Protagonisten erfahren die Überwachung
des Privatlebens in dem Eindruck, daß es für jeden Bürger eine sichtbare — oft
auch unsichtbare — Akte gibt, die in jedem Augenblick gegen sie oder andere
verwendet werden kann. Das Bild der Akte verweist auf ein Gefühl der Ohnmacht
gegenüber einer Schrift-Ordnung, die in den Bereich der Privatheit eindringt. Der
Einzelne muß lernen, mit dem Gedanken zu leben, daß er sich einer Öffentlichkeit,
einer öffentlichen Lektüre seiner selbst, von der seine Existenz abhängt, nicht
entziehen kann. Aus der Habitualisierung dieses Gedankens geht die Metapher der
unsichtbaren Akte hervor. Und der tägliche Kontakt mit dem Überwachungssystem
führt dazu, daß man zwischen wirklichen und potentiellen Akten nicht mehr
unterscheiden kann. Deshalb muß sich die Macht der Schrift nicht materialisieren;
sie schafft ein alltägliches Gefühl des Bedroht-Seins, aus dem ein Mythos
hervorgeht — und dieser Mythos sorgt für erstaunlich konkrete Wirkungen. Mit
der Perfektionierung und Verbreitung des Überwachungssystems, von dem man
weiß, ohne es fassen zu können, wächst der verführerische Glaube, daß nichts von
dem, was man tut und schafft, je verlorengehen kann; daß die Existenz sich in
einen Ort einschreibt und darüberhinaus beständig durchleuchtet und manipuliert
wird. Annahmen über die Wirklichkeit und delirierende Paranoia beginnen an die-
sem Punkt ineinander überzugehen.
In einer solchen Situation geht die Bedeutung der Schrift in ihrem Zusammen-
hang mit der Praxis der Diskurse weit über die konkreten Schreib-Akte hinaus. Die
Schreib-Akte führen dann zu Vorstellungen von der Schrift, die mehr als bloße
Metaphern sind. Und es ist nicht nur wichtig festzuhalten, daß diese Vorstellungen
Dissidcnz, Geschichte, Ermüdung der Schrift 145

konkrete Auswirkungen auf die Schrift-Ordnungen selbst haben (etwa die Enste-
hung einer Untergrundkultur und den Zusammenbruch der autoritären Schrift-
Macht); man kann darüberhinaus annehmen, daß solche Vorstellungen schon die
frühesten Aktivitäten des Archivierens und der Buchführung begleitet haben.
Überwachung beginnt mit der Buchführung. Die Buchführung — und sie steht
gemeinsam mit Praktiken der Wahrsagung am Beginn der Schrift — bewirkt einen
Verkleinerungseffekt. Schrift führt nicht nur zu Fixierung und Einschreibung, Be-
schleunigung und Verlangsamung, Erosion und Ermüdung — sie eröffnet auch die
Möglichkeit, die Elemente und den Raum des Handelns in andere Größendimen-
sionen zu überführen. Riesige Viehherden werden auf das bequeme Format der
Seite übertragen. Auf dem heutigen Stand der Technologie kann das Handeln be-
liebig inventarisiert, archiviert und beobachtet werden (denken wir nur an die
Funktion der Satelliten im Golfkrieg). Das Handeln wird auf eine Fläche übertra-
gen, auf die sich alle Arten optischer Technik anwenden lassen. Solche Verfahren
stehen in der Tradition kartographischer Techniken (wie sie im 16. Jahrhundert
entstanden) und führen zur Verbreitung eines Schreib-Denkens, weil sie den Zeit-
unterschied zwischen dem Handeln und seiner Deutung eliminieren; es gibt keinen
Unterschied mehr zwischen dem Handeln und seiner Einschreibung auf die zu
deutende Fläche.
Für jede Gesellschaft, deren Handeln einer strengen Überwachung und deren
Mitglieder dem Imperativ der Akte unterworfen sind, gilt, daß ihr Denken zu
Schreib-Denken wird. Und je größer und legitimer der Wunsch nach einer Fixie-
rung des Handelns ist, desto mehr tendiert die Schrift zu der Illusion, dem Handeln
vorauszugehen. Die Genauigkeit der Schrift-Erfassung will das Handeln vorweg-
nehmen — das ist die alte Logik des strategischen Denkens. Die Welt-Verkleine-
rung und das Vorwegnehmen des Handelns führen dann wie selbstverständlich zu
Praktiken der Weissagung. Wie schon die Schrift an den Anfängen ihrer Ge-
schichte, so geht auch die moderne Überwachungspraxis eine enge Verbindung mit
den zwei Grundfunktionen 'Welt-Verwaltung' (oder Vorrats-Bewirtschaftung) und
'Weissagung' ein. Und für die Geschichte wird es schwierig, sich auf Distanz ge-
genüber der Vorstellung von einer vorhersehbaren Weltordnung zu halten. Sie wird
zur Geschichte ihrer eigenen Zeichen und zur beständigen Wiederholung ihrer ei-
genen Ordnung. Buchhaltung und Weissagung konvergieren wieder. Als Verklei-
nerung der Welt steht die Buchhaltung nicht nur am Anfang der Welt-Erfassung,
sondern auch am Anfang des Handelns und am Anfang der Träume von seiner
Vorhersehbarkeit. Was das Rechnen vom Weissagen unterscheidet, ist allein seine
Geschwindigkeit.

Aus dem Französischen von Hans Ulrich Gumhrecht


Roger Chartier

Macht der Schrift, Macht über die Schrift

Dieser von Armando Petrucci1 geborgte Titel legt es nahe, die Schrift vornehmlich
als eine gesellschaftliche Praxisform zu verstehen, die durch enge und komplexe
Beziehungen zu Instanzen der Autorität gekennzeichnet ist. Gegen ein aus der Lite-
ratur kommendes Bild, das die Schrift zu einem Akt der Freiheit, Kreativität und
Individualität macht, ist zu betonen, daß Schreiben-Können — in seinen exklusiv-
sten und in seinen banalsten Formen — stets ein Teil von historisch variablen
sozialen Beziehungen und Herrschaftsverhältnissen ist. In dem folgenden Diskus-
sionsbeitrag werden wir auf einige jener Praktiken aus der europäischen Geschichte
zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert eingehen, anhand derer sich die Ver-
flechtungen zwischen Schrift, Macht der Schrift und Macht analysieren lassen.

/. Grapho-Politik

Die Kontrolle über den 'graphischen Raum' der Stadt ist eines der wichtigsten Dis-
positive, mittels derer die politischen Autoritäten ihre Souveränität manifestieren
und ihre Herrschaft über ein Land und seine Bewohner sichtbar machen. Im Rück-
griff auf Formeln aus der Antike werden verschiedene epigraphische Programme in
den italienischen Städten der Renaissance ins Werk gesetzt. Das spektakulärste un-
ter ihnen ist zweifellos das von Sixtus V. für das päpstliche Rom in Auftrag gege-
bene.2 In ihm verbinden sich eine Transformation der Topographie von Rom durch
ein monumentales Bauprogramm, das der Schrift neue öffentliche Räume er-
schließt, und eine Schriftnovellierung, für die Luca Orfei, ein Schüler des Schrift-
meisters Francesco Cresci, verantwortlich zeichnet (er war Kopist an der Vatikan-
bibliothek und an der Sixtinischen Kapelle). Zwischen 1585 und 1589 macht er für

'Armando Petrucci: "Pouvoirdc l'ccriturc, pouvoir sur l'ccriturc dans la Renaissance italicnnc". In:
Annale; 1988,823-847.
2
Vgl. Armando Petrucci: La Scriitura. läeologia e rappreseniatione. Turin 1986.
148 Roger Charticr

die Inschriften auf Monumenten (Obelisken, Säulen, Brunnen etc.) einen neuen
Schriftstil, die litterae sixtinae, verbindlich, welche der neuen Architektur der brei-
ten geraden Wege, der geometrisch geformten Plätze und der offenen Räume ent-
sprechen sollte. Diese 'öffentlichen Inschriften' sind nicht immer lesbar für die, die
sie lesen sollen: Nicht jedermann kann ihr Latein verstehen; außerdem sind sie oft
so hoch angebracht, daß sie kaum sichtbar sind. Aber wichtiger als ihre Verständ-
lichkeit ist ihre Präsenz über die ganze Stadt — eine Präsenz, die für die Bewohner
Roms wie für die zahlreichen Besucher und Pilger als in Stein, Marmor und Granit
gemeißelte Macht des römischen Papstes spricht.
Sixtus V. ist weder der erste noch der einzige Herrscher, der seiner Macht in mo-
numentaler Schrift Ausdruck gibt. Schon vor ihm haben das 1450 von Leon Batti-
sta Alberti und Matteo de' Pasti in Rimini verwirklichte epigraphische Programm
des Tempio Malatestiano und die in Rom seit dem Ende des 15. Jahrhunderts in die
Fassaden von Kirchen und Palästen, Grablegen, Toren und Privathäusern gemeis-
selten Inschriften der öffentlichen Schrift eine politische Funktion gegeben: Sie lie-
ßen die Macht des Herrschers sichtbar werden. Die Barockregenten setzten diese
Praxis fort — und variierten sie darüber hinaus mit Inschriften, die auf leichte,
mobile und vergängliche Materialien, etwa auf Holz, Stoff und Papier aufgetragen
wurden. Indem sie die epigraphischen Formen nachahmten, sollten diese Schrift-
formen die Macht auf jenen Festen und Zeremonien, die zu ihrer Ehre stattfanden,
herausstellen und zelebrieren. In Frankreich wird einer königlichen Akademie (der
1663 gegründeten 'kleinen' Akademie, die 1716 die Acadimie des Inscriptions et
des Belles-Lettres werden sollte) die Aufgabe übertragen, solche Inschriften abzu-
fassen. Ähnlich wie bei den Monumental-Inschriften ist die allgemeine Lesbarkeit
und Verständlichkeit dieser Texte, die sich vor allem über mythologische Allegorien
oder über die Sprache der Embleme inszenieren, durchaus nicht gesichert — und
das gilt trotz der gedruckten Broschüren, welche sie bekannt machen und erklären.
Aber wann immer sie gelesen oder gesehen werden, drücken diese Inschriften der
Stadt ein Zeichen der Herrschaft auf, welches der Unterschrift oder dem Herr-
schersiegel auf Dokumenten aus dem Zentrum der Macht ähnlich ist.

2. Schrift-Proben

Vom 16. Jahrhundert an wirft die steigende Verbreitung der Schreibkompetenz ein
neues Problem auf — das der Schrift-Fälschungen. In Paris geht sogar die Grün-
dung einer 'Zunft von Schriftmeistem und Schriftgeschworenen' im Jahr 1570 auf
eine Fälschungsaffäre zurück (genauer: auf eine Anklage gegen den Sekretär des
Macht der Schrift, Macht über die Schrift 149

Königs, die persönliche Handschrift seines Herren nachgeahmt zu haben).3 Die


Dokumente zur öffentlichen Einsetzung dieser Zunft gewähren ihr ein zweifaches
Monopol. Ihr soll zum einen die Lehre der Schrift und der Arithmetik obliegen (das
heißt: "das Recht und die Befugnis, die Kunst des Schreibens zu lehren, die Arith-
metik in allen ihren Teilen und drittens das Geldwechselgeschäft, die einfache und
doppelte Buchführung und die anderen Wissensgebiete, für welche die besagten
Meister kompetent sind"); zum anderen ist diese Zunft zuständig für Schrift-Exper-
tisen (das heißt: sie soll "die in ihrer Echtheit angefochtenen Schriftstücke, Unter-
schriften, Rechnungen und Berechnungen überprüfen und identifizieren"). Nach-
dem die Schrift-Analysen, die das Parlament anforderte, um Entscheidungen über
die Echtheit oder Falschheit von Dokumenten (Verträgen, Testamenten, Wechsel)
zu treffen, zunächst von verschiedenen Schrift-Praktikern (Notaren, Gerichts-
schreibern, Kanzlisten, Kopisten) geliefert worden waren, fallen sie nun in den
Zuständigkeitsbereich einer Zunft. Als Methode ist die Schrift-Identifizierung
(oder, wie es im 17. Jahrhundert hieß, 'der Beweis durch Schrift-Vergleich') so
etwas wie eine Umkehrung des Schreibunterrichts. Es geht nämlich nicht darum,
alle die Schrift-Gesten festzustellen, die sich zu einem Schrift-Typ vereinigen
lassen, vielmehr steht im Vordergrund eine Analyse der konkreten Schriften in den
Dokumenten, welche zur Feststellung spezifischer individueller Züge führt.
Natürlich setzt diese Methode das Bestehen einer Schrift-Norm voraus, vor der als
Hintergrund individuelle Abweichungen erst festgestellt werden können.
Auch in Rom liegt während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Verant-
wortung für Schriften-Überprüfung in den Händen von berufsmäßigen Speziali-
sten, die jedoch nicht als Zunft organisiert sind.4 Das Tribunale del Governatore,
welches für Angelegenheiten des öffentlichen Rechts und des Strafrechts zuständig
ist, konsultiert Schreib-Meister, Kopisten, Schreiber mit einem Büro und zuweilen
Notare. Sie haben eine doppelte Aufgabe, die nicht nur darin besteht, gefälschte
Schriftstücke zu erkennen, sondern auch die Identifikation der Autoren von — in
Rom besonders zahlreichen — anonymen Schmähschriften und Schmäh-Briefen
einschließt. Im ersten Fall geht es darum, eine Fälschung nachzuweisen, im zwei-
ten ist die Zuschreibung eines strafrechtlich relevanten Dokuments auf die Hand-
schrift eines Verdächtigen zu leisten.
Ob sie nun Macht über die Schrift ist (diese Kompetenz wird von einzelnen oder
von in Zünften organisierten Spezialisten in Anspruch genommen) oder Macht der
Schrift (Fälschungen können in Frankreich im Rahmen des öffentlichen Rechts zu
Geldstrafen und im Rahmen des Strafrechts zu Freiheitsstrafen oder öffentlicher

'Vgl. Chrislinc Mdtaycr: "De l'ccolc au Palais de Justice. L'itinciaire singulicr des maitres ceri-
vains de Paris (XVIc-XVIIIc sicclc)". In: Annales 1990, 1217-1237.
4
Vgl. Laura Anionucci: "La scrittura giudicata. Pcrizic grafichc in proecssi romani del primo Sci-
cento". In: Scritiura e Civiliä 13, 1989,489-534.
150 Roger Chanicr

Diffamierung führen) — seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wird das
Vertrauen in die Spezialistenkompetenz problematisch. Trotz verschiedener Ge-
genmaßnahmen (etwa der Schaffung einer Acadimie im Jahr 1762 und der Einrich-
tung eines Bureau Academique d'Ecriture im Jahr 1779, von dem nur 24 Mitglieder
als Experten vor das Parlament gerufen werden konnten) wird die Rolle der
Schreibmeister-Zunft von Paris während des 18 Jahrhunderts zunehmend in Frage
gestellt und reduziert. In einer Zeit, da sich das Schreiben gänzlich von den Regeln
der Kalligraphie befreit hat, muß sich das historische Erbe der Schreibmeister, ihr
besonderer Kompetenz- und Machtanspruch, auflösen.

3. Schreib-Norm

Im 16. Jahrhundert hatte die Verbreitung der Schrift in der Welt der kleinen Kauf-
leute, Händler, Handwerker und der reichen Bauern zur Entwicklung von Kursiv-
schriften geführt, die nicht nur deutlich verschieden von den Kanzleischriften wa-
ren, sondern auch von der Kursivschrift abwichen, wie sie die Schreiber, Notare
und Gebildeten benutzten — und schließlich von der Schrift der Banken und Groß-
kaufleute. Deshalb versuchten in Italien die Berufsschreiber, die Kontrolle über die
Schriftproduktion dadurch wiederzugewinnen, daß sie vereinfachende und verein-
heitlichende Nonnen vorschlugen, welche Ordnung in die Praxis des alltäglichen
Schreibens bringen sollten.5 Traditionellerweise waren die an den Ladentüren an-
gebrachten Plakate in Schrifttypen gehalten, welche die Schriftmeister zu kennen
und zu lehren für sich in Anspruch nahmen.6 In den zwanziger Jahren des 16.
Jahrhunderts verfassen einige von ihnen Handbücher, die sie drucken lassen und
die sich an Leser wenden, deren Beruf die Notwendigkeit mit sich bringt, die
Kanzleischrift, die italische Kursive oder die Kaufmannsschrift zu benutzen. Sie
haben einen doppelten Abnehmerkreis im Auge: auf dereinen Seite die jungen
Leute, die auf Arbeit als Schreiber oder Sekretäre in einer Kanzlei hoffen; auf der
anderen Seite die Händler und Handwerker. Für die zweite Gruppe veröffentlichen
manche Schreibmeister Traktate, in denen das Lesen-Lernen mit dem Lernen kauf-
männischer Rechenoperationen kombiniert ist. Etwa zwanzig Jahre später geht die
Kontrolle über die Schreib-Norm von den Berufs-Schreibern (Kanzleischreibern,
Schreibmeistern) an gelehrte Kalligraphen über, welche die antike Schreibkultur
kennen und zu den eingangs erwähnten Erneuerern der Monumental-Epigraphie
gehören (etwa an Giovanni Batista Palatino, scrittore delle lettere antiche romane

• Vgl. Armando Pclrucci: "Per una strategia dclla media/ione grafica ncl Cinquecento italiano". In:
Arrhivo Slorico Italiano 1, 1986, 97-112.
''Francoisc Gasparri: "Enscigncmcnl et techniques de rderiture du Moycn Agc ä la fin du XVIc
sicclc". In: Scriiiura e Civiliä 7, 1983, 201-222.
Macht der Schrift, Macht über die Schrift 151

der Stadt Rom, oder an Giovanni Francesco Cresci, den Lehrer des Luca Orfei).
Sie beide propagierten eine neue, für Schreiber bei Gerichten, Verwaltungen und
aristokratischen Familien, aber auch für die gelehrte Elite bestimmte Kursivschrift.
Schließlich verändert sich am Ende des 16. Jahrhunderts die Bezugsnorm der
Schrift noch einmal. Von nun an orientiert sich die Praxis am Alltagsstil der Ver-
waltungen, vor allem an der Korrespondenz-Schrift. Damit weist sie die einschlä-
gige Kompetenz nicht mehr den Schreibmeistern und den gelehrten Kalligraphen
zu, sondern den Sekretären. Die 1581 in Venedig veröffentlichte Abhandlung // Se-
cretario von Marcello Scalzini di Camerino markiert den Beginn einer neuen Ära.
Um Armando Petrucci zu zitieren: Die Schreibnorm "wanderte von den Plätzen der
Städte, wo sie dazu beigetragen hatte, den Glauben an die Macht der Öffenüichkeit
zu etablieren, in die Kammern der Schreiber und Sekretäre".7 Diese Entwicklung
ist gewiß nicht auf Italien begrenzt, und sie hat eine doppelte Konsequenz: Zum er-
sten entscheidet sie (wenigstens für eine gewisse Zeit) den engagiert geführten
Kampf um die Herrschaft über die Schreibkompetenz zuungunsten der Schreib-
meister; zum zweiten etabliert sie eine Distanz zwischen der 'eigenschaftslosen'
Normalschrift und den Forderungen der Berufsvirtuosen.

4. Schreiben-Lassen

Für diejenigen, welche die Schrift nicht — oder nicht hinreichend — beherrschen,
ist es notwendig, sich die Dienste eines schreibenden Vermittlers zu sichern. Im
Blick auf die italienische Situation ist die Hypothese formuliert worden, daß eine
Aufgaben-Übertragung dieser Art zunächst innerhalb eines homogenen gesell-
schaftlichen Milieus stattfand und dann abgelöst wurde durch den Einsatz von meist
bezahlten Berufsschreibern.8 Im 16. Jahrhundert gehören diejenigen, die solche
Schreibdienste übernehmen, in ihrer Mehrheit zur Gruppe der Händler und kleinen
Kaufleute; sie sind also gesellschaftlich und kulturell gesehen denen sehr nahe, für
die sie zur Feder greifen. Wenn es zwischen Auftraggebern und Schreibern über-
haupt einen Unterschied gibt, so ist es ein typischer Altersunterschied; meist sind
die Jüngeren die besseren Schreiber.
Im 17. Jahrhundert scheint ein Wandel einzutreten. Für jene sozialen Gruppen,
die vom Prozeß der Alphabetisierung ausgeschlossen bleiben (die Tagelöhner, die
Hausierer, die in der Stadt oder den Vororten wohnenden Landarbeiter) ist es nicht
möglich, Schreib-Aufgaben innerhalb ihres eigenen Milieus zu delegieren. Sie müs-
sen sich folglich an Berufsschreiber wenden: an Kopisten, Sekretäre oder öffentli-
che Schreiber. In Paris sind diese letzteren — anders als die Schreibmeister —

'Petrucci (Anm. 5), 112.


s
Vgl. Armando Petrucci: "Scrivcrc per gli allri". In: Scrittura e Civiltä 13, 1989,475-487.
152 Roger Charticr

nicht in einer Zunft vereint und werden deshalb auch nicht von irgendwelchen Re-
glementierungen erfaßt. Dieser Beruf ist offen für all diejenigen, die schreiben kön-
nen und sich entschließen, einen Laden zu öffnen, wo sie den Passanten ihre
Dienste anbieten. In der Hauptstadt finden sich solche Läden vor allen beim Fried-
hof der Saints-Innocents, nahe bei den Markthallen — und mithin im Zentrum des
sozialen Lebens der niederen Schichten.9 Darauf bezieht sich Corneille in der 1635
(oder 1636) uraufgeführten Illusion comique. Der Zauberer Alcandre beschreibt mit
folgenden Worten die Wanderungen Clindors:

Und um nach Paris zu kommen, verkaufte er auf dem Land


Broschüren über die Vertreibung des Fiebers und der Migräne,
Er sagte die Zukunft voraus, und so kam er in die Hauptstadt.
Da man dort vom Geist lebt, tat er das auch:
Im Viertel von Sainl-Innoccnl wurde er Sekretär,
Und danach stieg er zum Schreiber eines Notars auf.

Obwohl der öffentliche Schreiber im 19. Jahrhundert eine Standardfigur des städti-
schen Lebens bleibt, machen es die Fortschritte im Schulwesen und in der Alpha-
betisierung nun immer leichter, Schreib-Aufgaben innerhalb derselben sozialen
Gruppen zu übertragen. In Autobiographien von Handwerkern, Arbeitern und
Bauern werden oft solche Szenen beschrieben: Ein Schulkind schreibt für seine El-
tern, die noch Analphabeten sind; im Militär schreibt ein besser gebildeter Soldat
Briefe für seine Kameraden.10 Sehen wir uns etwa an, wie sich Antoine Sylvere,
genannt Toinou, der Sohn von Bauern aus der Auvergne, an die mit seiner Mutter
verbrachten Sonntage erinnert:

Jeden Monat muUlc ich auf eine Seile aus einem Heft, das einen Sou kostete, den Brief meiner
Mutter an meinen Vater schreiben (er war Holzfäller und verließ deshalb jeden Sommer das Dorf,
wo die Familie wohnic, um an Rodungen teilzunehmen). Ich setzte mich an eine Ecke des großen
Tisches und schrieb den immer gleichen Tcxl des Brief-Vorspanns:
Lieber Gaue,
Ich schreibe Dir diese zwei Brief-Worte, um Dir von uns zu berichten und Nachrichten von Dir zu
bekommen [...)'
Dann las ich diesen Tcxl vor, den meine Mutter mit bewunderndem Kopfnicken bestätigte.
— Genau, sagte sie. Auch wenn Du nichts Großes gelernt hast in der Schule, Du wirst doch we-
nigstens immer einen Brief schreiben können.

'Vgl. Christine Mciaycr: Ecnvains publics el mitieux popuiaires ä Paris sous l'Ancien Regime.
Le ras des ecnvains des charniers du cimeiiere des Sainls-lnnocents. Diss. UniversiuS de Laval,
1991.
ln
Jcan Höbrard: "La Icllrc rcprdscnlcc. Lcs praliques dpislolaires popuiaires dans les rdeits de vie
ouvriers et paysans". In: La correspondance. Les usages de la teure au XIXe siede, hg. von Roger
Charticr. Paris 1991, 279-365, besonders 289-293.
Macht der Schrift, Macht über die Schrift 153

Ich scl/.lc meine Epistel fort, indem ich getreu ein halbes Dutzend feststehende Formeln nieder-
schrieb, die jede beliebige Frau im Departement an ihren Mann hätte schreiben können. Dieser Teil
endete mit dem Satz: 'Das ist alles, was ich Dir heute sagen kann'. Hier begann dann der ernstere
Teil:
— Was soll ich jelzt schreiben?
— Sag ihm, daß er ein Faulenzer ist und den Beutel immer offen hat [...]
So etwas wollte ich natürlich nicht niederschreiben [...] Ich gab vor, daß man solche Worte nicht
schriftlich wiedergeben konnte und daß der Brief kein Brief wäre, wenn man es täte. Nachdem wir
einen ganzen Sonniagnachmiuag diskutiert hatten, erreichten wir vor dem Abendessen regelmäßig
eine wesentlich abgemilderte Lösung.1'

In diesem Dialog zwischen Mutter und Sohn erscheinen die verschiedenen Er-
wartungen, die mit dem Schreiben verbunden waren. Für die Mutter, die nie eine
Schule besucht hat, ist das Schreibenkönnen ohne jeden Zweifel die nützlichste
unter allen Fähigkeiten, welche die Schule vermitteln kann — alles weitere Wissen
hält sie für ziemlich unwichtig. Aber für sie bilden Sprechen und Schreiben eine
Einheit. Der Brief soll dieselben Worte übermitteln, die in einem Gespräch hätten
fallen können. Für das Kind, das auf die Schule geht, sehen die Dinge anders aus.
Es hat schreiben gelernt und kennt deshalb die spezifischen Codes und die Regeln,
nach denen man Texte produziert. Wenn der Brief nur aus vertraulicher und dialek-
taler Rede bestünde, wäre 'der Brief kein Brief. Und der Schulunterricht bringt
noch weitere Forderungen mit sich: Der Brief gehört einer bestimmten Gattung an,
der 'Epistel', welche durch bestimmte ausgewählte und vom Lehrer diktierte Pas-
sagen repräsentiert wird; er setzt voraus, daß man einen Diskurs, bestimmte For-
meln und einen unpersönlichen Stil beherrscht. Im Bericht von Alexandre Merlaud
über seine Militärzeit (der auch aus dem neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts
stammt) stoßen wir auf dieselben charakteristischen Elemente dieser Art von
Schriftproduktion:

Diejenigen, die nicht lesen und schreiben konnten, mußten oft auf die Hilfe eines schreibkundigen,
hilfsbereiten und verschwiegenen Kameraden zurückkommen. In seiner Stube spielte Alexandre oft
diese Rolle des öffentlichen Schreibers. Er schrieb nach Diktat, aber eigentlich regle er selbst meist
die Salze an, die er dann auf das schlechte Papier mit dem Miliarbriefkopf übertrug. Daraus wurden
kurze, unzusammenhängende und unpersönliche Briefe folgenden Stils: "Liebe Eltern, ich schicke
Euch ein paar Worte, um Euch zu sagen, daß alles gut gegangen ist seit dem letzten Brief. Wir es-
sen gut und haben einen guten Tropfen. Die anderen sind immer noch ganz. nett. Ich hoffe, daß bei
Euch auf dem Hof alles gut geht. Herzlich'.12

Schreiben können heißt also, daß man Macht über die Worte, die Gedanken und die
Gefühle derjenigen hat, die nicht schreiben können. Schreiben können ist nicht nur

'Antoinc Sylvörc: Toinou. le cn d'un enfanl auvergnal (Pays d'Ambert). Paris 1980, 153f.
2
Nach Gärard Coulon: Une vie paysanne en Berry. De 1S62 ä nosjours. Buzancais 1979, 103.
154 Roger Charticr

die Fähigkeit, Buchstaben aufs Papier zu bringen; dazu gehört auch — selbst für
die bescheidensten Schreiber— die Kenntnis der zu bestimmten Textklassen gehö-
rigen Normen.
Solches Schreiben-Lassen ist auch zu einem beliebten Gegenstand in den Karika-
turen des 19. Jahrhunderts geworden. Zum Beispiel publizierte Gavarni zwischen
1837 und 1839 in der Zeitschrift Charivari eine Serie von Zeichnungen unter dem
Titel La hohe aux teures. In ihr wird der öffentliche Schreiber zu einer lächerlichen
Gestalt: Mit einer Brille, die auf seine schwache Sehkraft verweist, mit ungelenker
Hand und zögernder Feder schreibt er — beständig die Worte tilgend — einen Lie-
besbrief für seine junge Kundin. Ganz selbstsicher wirkt im Gegensatz zu ihm eine
junge Modistin, die auf dem Deckel einer Hutschachtel einen Brief— natürlich
auch einen Liebesbrief— schreibt, den sie sich von einer weniger gebildeten Kol-
legin diktieren läßt.13 Beide Formen des Schreiben-Lassens werden hier also ins
Bild gesetzt: jene, die sich auf den bezahlten Berufsschreiber verläßt, und jene, die
auf einem Kompetenzgefälle beruht, das innerhalb einer und derselben gesellschaft-
lichen Gruppe besteht. Die Geschichte dieser Praxisform, deren Variationen und
Modi noch nicht im Detail erforscht sind, erlaubt es uns, die Macht der professio-
nellen Schreib-Stellvertreter— und ihren Verfall — zu verstehen.

5. Schreib-Gewalt

In den Gesellschaften der Vergangenheit gilt das Schreiben-Lernen als eine harte
Körper-Diszipiinierung. Alle einschlägigen Lehrtraktate — ganz unabhängig da-
von, ob sie für den Schulgebrauch vorgesehen waren oder nicht — legen die ein-
zelnen Bewegungen bis ins Detail fest, damit aus ihnen ein perfekter Schriftduktus
entstehen kann. Von der Größe der Feder bis zur Aufbereitung des Papiers, von
der Körperhaltung bis zur Haltung der Hand analysieren solche Traktate Bewe-
gungsmuster und Verfahren, welche die Übereinstimmung der Schreib-Produkte
mit der Schrift-Norm sichern. Die primäre 'Gewalt der Schrift' ist nach Jonathan
Goldberg14 jene Gewalt, welche die Schrift dem Körper dessen zufügt, der nach
den Regeln schreiben will oder muß. Ihre peinlich genau festgelegte Anwendung
gehört zu jenen Dispositiven und Technologien, mittels derer die moderne Gesell-
schaft die Unterwerfung des Körpers und die Verkörperung von Autorität be-
treibt. 1S Das erreicht sie durch eine Instrumentalisierung des Körpers und insbe-
sondere der Hand des Schreibenden, denn diese ist — genauso wie die Feder —
ein Werkzeug, das nach eisernen Regeln geprägt werden soll. Die 'natürlichen'

n
Vgl. Charticr, Hg. (Anm. 10), 122 und 275-278.
l4
Vgl. Wrilinx Mauer. From ihe llands oflhe English Renaissance. Stanford 1990.
,?i
Vgl. Michel Foucaull: Surveiller et punir. Naissance de la prison. Paris 1975, 151-155.
Macht der Schrift, Macht über die Schrift 155

Bewegungen, jene Leichtigkeit, ohne die es schöne und schnelle Schriften nicht
gäbe, können nur dann Zustandekommen, wenn sie jenen Vorschriften absolut un-
terworfen sind, welche beschreiben, wie die Hand die Feder halten muß: "Bringe
deinen Schüler dazu, die Feder gerade und so nah als möglich an der Spitze zu
halten; sein Daumen, Zeige- und Mittelfinger sollen sich über der Federspitze zu-
sammenschließen wie ein Katzenfuß (das genau empfehlen einige Schreibmei-
ster)".16 So wird durch eine Anwendung von Normen, denen sich niemand entzie-
hen kann, "die Natürlichkeit der Handschrift gesellschaftlich konstruiert."'7
Autorität vermittelt auch die Grundübung jeglichen Schreiben-Lernens und jegli-
cher Schreib-Praxis, das Kopieren. Es steht im Zentrum des Unterrichts der
Schreibmeister, deren wichtigstes Lehrmittel ein Formelbuch mit den Zeilen jener
Beispiele von Schönschrift ist, welche ihre Schüler nachahmen sollen. Während
des 17. Jahrhunderts werden diese Formelbücher in Paris zum Streitobjekt in der
Auseinandersetzung zwischen den Schreibmeistern und all jenen, die ihr Monopol
brechen, indem sie für sich in Anspruch nehmen, den Kindern das Lesen beibrin-
gen zu können (etwa die Grundschullehrer, die dem Kantor des Domkapitels un-
terstehen, oder die Lehrer der Armenschulen).18 1633 einigen sich die Schreibmei-
ster auf neue Beispielsammlungen, die sie von nun an ausschließlich in ihrem Un-
terricht verwenden wollen — und von denen sie sich sowohl eine Handschrift-Re-
form als auch die Wiederherstellung der Schreib-Orthodoxie erhoffen. So ergeht
ein königliches Verbot, 'an all die vorgenannten vereidigten Schreibmeister und alle
anderen, die einen Lehrberuf ausüben, beim Unterrichten der ihnen anvertrauten
Jugend irgendwelche anderen Alphabete, Buchstaben oder Schreibformen zu ver-
wenden als die in der besagten Sammlung enthaltenen' (dem Text ist ein solches
Formelbuch beigefügt). Um den Übergriffen anderer Lehrer vorzubeugen, versu-
chen die Schreibmeister, die Anzahl der Zeilen, die sie ihre Schüler abschreiben
lassen, strikt zu reduzieren. Obwohl sie natürlich langfristig auf verlorenem Posten
stehen — das Jahr 1714 markiert das Ende ihrer Herrschaft über die Schrift —, ge-
lingt es ihnen zunächst, diese Herrschaft mittels jener Übung zu verteidigen, wel-
che am klarsten die Asymmetrie der Machtverteilung repräsentiert: aufgrund des
Kopierens.

6. Schreihpraktiken und Textproduktion

Mein allzu schneller Gang durch die Sozialgeschichte der Schreibpraktiken soll sich
von all jenen Konzeptionen abheben, die, indem sie die Körperlichkeit der Schreib-

6
Zilicrt nach John Brinslcy: Ludus ülerarius. Or, ihe Grammar Schoole. London 1612, 30.
7
Goldbcrg (Anm. 14), 92.
8
Vgl. Miuiycr (Anm. 3).
156 Roger Charticr

formen und die Materialität der Instrumente ausblenden, das Schreiben abstrakt,
metaphorisch und ausschließlich aus der Perspektive seines Endprodukts, des
Textes, darstellen. Ich glaube, daß diese Auffassung (ganz unabhängig davon, ob
sie sich auf kanonisierte oder nicht kanonisierte, auf literarische oder nicht-literari-
sche Texte bezieht) heute aus mindestens zwei Gründen unhaltbar geworden ist.
Zum einen werden gewöhnliche' Schreibpraktiken in zahlreichen — wenn nicht in
allen — literarischen Werken erwähnt, dargestellt, parodiert, und sie werden so zu
einer Matrix für die Fiktion. Deshalb ist die sozialhistorische Inventarisierung jener
Praktiken eine unerläßliche Voraussetzung für das Verstehen des künstlerischen
Schaffensprozesses — zumindest wenn man davon ausgeht, daß "das Kunstwerk
das Produkt der Interaktion zwischen einem Subjekt (oder mehreren schöpferischen
Subjekten) und den gesellschaftlichen Praktiken und Institutionen ist".19 Wenn zum
anderen, wie D. F. McKenzie hervorhebt, "Form Bedeutung stiftet"20, dann setzt
die Rekonstruktion jener Bedeutungen, für die ein Text gestanden haben mag, die
Rekonstruktion seiner (materiellen und intellektuellen) Produktionsbedingungen
voraus oder, anders gesagt, das Verständnis jener Operationen, die seine Fixierung
ermöglicht und ihm seine Form gegeben haben. Allzulange ist die Literaturwissen-
schaft von der Voraussetzung ausgegangen, daß der Sinn des Werkes allein eine
unpersönliche Funktion der Sprache sei, welche letztlich nichts mit den Intentionen
ihrer Autoren, den Interpretationen ihrer Leser und den Besonderheiten ihrer mate-
riellen Formen zu tun habe. Im Zeichen der grundlegenden Historizität jeglicher
Textproduktion sieht sich die Literaturwissenschaft heute mit der Notwendigkeit
konfrontiert, jene klassischen Disziplinen wiederzuentdecken, die sich seit jeher mit
der Beschreibung und Produktion geschriebener Artefakte befaßt haben. In ihren
neuen Versionen — 'Bibliographie' als Text-Soziologie, 'Paläographie' als Sozial-
geschichte des Schreibens — kommt diesen altehrwürdigen Disziplinen eine zen-
trale Rolle in jenem Forschungsfeld zu, welches das Studium der Texte mit der Re-
konstruktion ihrer Produktion und ihrer Materialität, mit ihrer Verbreitung und mit
der Sozialgeschichte ihrer Leser und Lektüren zusammenbringt.21

Aus dem Französischen von Hans Ulrich Gumbrecht

"Stephen Grccnblatt: "Towards a Poctics of Culture". In: The New Hisioricism, hg. von H.
Aram Vccscr. New YorkA^ondon 1989, 1-14 (Zitat: 12).
20
D. F. McKenzie: Bibliography and ine Sociology ofTexts. London 1985,4.
21
Vgl. Roger Charticr: Vordre des livres. Lecieurs, auleurs, bibliothiques en Europe emre XIVe et
XVIIIe stiele. Aix-cn-Provcnce 1992.
KONTRASTE
David Palumbo-Liu

Schrift und kulturelles Potential in China

Der Begriff der chinesischen Schrift [.../fungierte als


eine Art europäische Halluzination.^

I. Die chinesische Schrift im Denken des Westens

Dem schlauen Derrida ist das Halluzinatorische an europäischen Vorstellungen von


chinesischer Schrift nicht entgangen; er hat auch begriffen, wie stark die Moti-
vationen sind, die hinter diesen Vorstellungen stehen: "An dieser Halluzination ist
nichts Zufälliges: Sie gehorcht einer ehernen Notwendigkeit".2 Gleichwohl lebt
auch Derridas eigener Begriff der chinesischen Schrift von und mit dieser Hallu-
zination. Und er tut dies mit derselben 'Notwendigkeit', welche die Ideen Leibniz',
Hegels, Frerets, Warburtons und anderer in Gang setzte. Hinter all diesen Kon-
struktionen steckt das Motiv, den Nachweis eines radikal anderen Repräsentations-
modus zu führen — eines Modus, der sich nicht bloß parasitär zur gesprochenen
Sprache verhält und als Gegenmodell zum westlichen Logozentrismus dienen kann.
In diesen Konstruktionen wird das chinesische Schriftsystem allerdings als Teil
einer Analogie-Struktur aus vier Begriffen benutzt, deren Logik auf ein noch
größeres Problem verweist. Derrida meint, daß sich in Hegels Schrift- und Kultur-
konzeption die Schrift zur gesprochenen Sprache wie China zu Europa verhalte.3 In
diesem von kulturellen wie philosophischen Halluzinationen heimgesuchten
Schema nun liefert die chinesische Schrift handfeste Belege für die Existenz einer
'reinen' Schrift — einer Schrift, die nicht nur mit der gesprochenen Sprache,
sondern auch mit Kognilions- und Repräsentationsmodellen nichts zu tun hat, jenen
Spätprodukten, die für den Verlust von Präsenz und Selbstgegebenheit ent-

1
Jacques Derrida: OfGrammatology. Baltimore 1976, 80.
2
Ebd.
3
Ebd., 25.
160 David Palumbo-Liu

schädigen sollen. Auf der Folie des Schriftproblems konturieren sich hier umfas-
sendere Fragen von Philosophie und Kultur. Die Vier-Begriffs-Homologie (Schrift/
Sprechen = China/Europa) schleppt ein Negativum mit: In der chinesischen Schrift
offenbart sich ein Grundzug der chinesischen Kultur — ihr 'exegetischer'
Charakter: "Nur dem Statarischen der chinesischen Geistesbildung ist die hiero-
glyphische Schriftsprache dieses Volkes angemessen; diese Art von Schriftsprache
kann ohnehin nur der Anteil des geringem Teils eines Volkes sein, der sich in
ausschließendem Besitze geistiger Kultur hält [...]".* Diese explizite Verknüpfung
von Schrift und dem von ihr geforderten philosophischen Diskurs (der sich
seinerseits natürlich zur Sprachkritik aufschwingt), die nichtphonetische Schrift
also "bricht die Einheit des Substantivs. Sie beschreibt Beziehungen, nicht Be-
nennungen. Das Substantiv und das Wort, jene Einheiten des Atems und des
Begriffs, werden in der reinen Schrift ausgelöscht".5 In der reinen Schrift ver-
schwinden die Dinge; sie werden von einem endlosen Kreislauf der Wörter ersetzt,
die sich nur miteinander im Dialog befinden.
Damit läßt sich die 'halluzinatorische' Vorstellung von der chinesischen Schrift
besser begreifen. Sie zehrt einmal vom Mythos der Selbstbezüglichkeit, des Ge-
heimnisvollen, Hermetischen, ja Arroganten 'orientalischer', nur mit sich selbst
beschäftigter Kulturen. Sie ruht zum anderen auf einem Bild chinesischer Schrift-
Kultur, das sich aus der Beobachter-Distanz als Beispiel des Abstraktionspotentials
einer realisierten reinen Schrift vereinnahmen ließ. Diese Vereinnahmung war um
so leichter möglich, als China und seine Schrift stark entmaterialisiert, also aller
materiellen Elemente außerhalb des Schriftsystems entkleidet wurden.
Demgegenüber möchte ich hier zeigen, daß diese Vorstellung chinesischer
Schrift-Kultur auf Annahmen beruht, denen Konzeption und kulturelle Funktionen
der Schrift in China selbst widersprechen. In der chinesischen Schriftkonzeption
bilden Substantiv und Wort immer schon eine Einheit; Worte und Dinge entstehen
gleichzeitig; die Vorstellung, man könne sie trennen, würde das Ende der Kultur
selbst bedeuten. Eine solche Verknüpfung geht über die Idee der Motiviertheit
(wonach Worte notwendig die wesentlichen Eigenschaften der Dinge verkörpern,
auf die sie sich beziehen) hinaus.6 Sie gründet im Glauben, daß Schriftsystem und
Phänomene einem höheren und allumfassenden Prinzip der Einheit untergeordnet
sind — dem Weg (Tao), auf den kosmische wie irdische Schrift (wen) verweisen.
In China ist das Wort nicht der metonymische Rest eines göttlichen Logos, sondern
die Entelechie eines Seinsprozesses von unmittelbarer und immanenter Bedeut-
samkeit. Die Wörter ersetzen die 'Dinge' nicht; res und verba müssen beide fürein-

4
Hcgcl: Enzyklopädie, § 459, /it. nach Dcrrida, ebd., 25 (dl. Ausgabe, Frankfurt/Main 1974, 46)
5
Ebd., 26.
ft
Am umfassendsten hal G. Gcncllc diese Motiviertheit in Mimologiques untersucht.
Schrift und kulturelles Potential in China 161

ander existieren, um richtig, das heißt als Teile ein und desselben kosmischen
Prozesses, wahrgenommen werden zu können.
In unserer Zeit — so ein Thema dieses Bandes — sind die erkenntnistheore-
tischen Ansprüche der Schrift radikalen Veränderungen unterworfen worden. Ich
möchte hier einen Abschnitt der spätmittelalterlichen Geschichte Chinas im 11.
Jahrhundert diskutieren, in welchem Veränderungen in der materiellen Produktion
und Verbreitung von Texten und ihren Verwendungsweisen mit einer ähnlichen,
von den Veränderungen noch verschärften Krise zusammenfielen, in deren Verlauf
die gesellschaftlichen und politischen Funktionen und das Wesen der Schrift völlig
neu bewertet wurden. Die Krise bestand genau darin, daß man eine Entfremdung
der Wörter von den Dingen, der Sprache von Alltagspraxis in einer Weise wahr-
zunehmen glaubte, deren Kontrast zu poststrukturalistischen Schriftvorstellungen
kaum schärfer hätte ausfallen können.
Die Schwere dieser Krise und die Anstrengung, die von chinesischen Schrift-
kundigen unternommen wurden, um der, wie man meinte, bedrohlichen Spaltung
der kulturellen Welt zu wehren, belegen die Tatsache, daß im traditionellen
Chinesisch Wort und Substantiv einen basalen gemeinsamen ontologischen Status
besaßen, den die Idee der Kultur nachgerade voraussetzte. Folglich konnte die
Trennung beider nur als Auslöschung der Kultur, ihrer Zeichen- und Bedeutungs-
möglichkeiten gesehen werden. Die enge Beziehung zwischen Schrift und Kultur in
China kommt in der Verwendung desselben Wortes, wen, für beide zum Aus-
druck. Will man die Krise verstehen, muß man über die Entstehung von wen im
alten China Bescheid wissen.

//. Wen

Wen (Muster, Zeichen/Markierung, Kultur, schöne Literatur, später Literatur im


allgemeinen) meint zunächst die distinktiven Merkmale von Phänomenen — das
also, was den Dingen ihre Identität verleiht. Aus dem ungeformten Chaos bildete
sich die 'Urlinie', in welcher wen zum ersten Mal als Teilung einer Ureinheit in
Erscheinung tritt. Und wo es eines gibt, da gibt es auch zwei, ein Oben und ein
Unten. Mit der 'Einschreibung' einer horizontalen Linie hebt ein Prozeß an, in
welchem das Universum in unterscheidbare, diskrete Einheiten aufgeteilt wird. Ihre
gemeinsame Grundlage ist gleichwohl wen, jedes weitere, unterscheidende Auf-
treten von wen signalisiert daher immer auch eine gemeinsame Herkunft und die
Teilhabe an einer gemeinsamen Phänomenqualität.
Die divinatorischen Praktiken in China gründeten auf diesem Glauben. In der
Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus (während der Shang-Dynastie) begann
man mit der Lektüre' der Risse und Sprünge, die durch intensive Hitzeanwendung
auf Knochen und Schildpatt entstanden. Die Risse und Sprünge in harten, mit gört-
162 David Palumbo-Liu

liehen Eigenschaften behafteten Oberflächen ergaben Linien; diese wiederum ent-


hüllten verborgene Muster (wen), die mit kosmischen Wandlungen verknüpft
wurden. Die Potentialität der Dinge trat in der 'Schrift' der Sprünge in Erscheinung;
sie spiegelte den sich 'schreibenden' Prozeß kosmischer Schöpfung und ahmte ihn
nach.
Man muß hier beachten, daß, im Gegensatz zum westlichen Denken, diese Ent-
stehung der Schrift nicht notwendigerweise auf die Trennung von Wörtern und
Dingen hinauslief. Vielmehr mußten die Dinge, um überhaupt sein zu können,
wahrnehmbar sein; und das waren sie nur, wenn man sie in ihrer Erscheinungs-
weise als wen unterscheiden konnte. So wurden beispielsweise jene Merkmale
('Zeichen') auf den Körpern von Tieren, durch welche sich die Tiere voneinander
unterschieden, mit den Zeichen der 'Schrift' (wen) verbunden, durch die sie identi-
fiziert wurden.
Die innere Struktur des Kosmos tritt also zunächst in Formen kosmischer
Schöpfung in Erscheinung. Die Phänomene gruppieren sich zu diskreten Einheiten,
deren Zentren in einen gemeinsamen Ursprung zurückmünden. Dieser Ursprung ist
nicht nur zugänglich, sondern in der Potentialität jedes Dings gegenwärtig. Jedes
Ding existiert genau da, wo es das Reich des wen offenbart.
Xu-Shen (30-124) verknüpft im Vorwort zum ersten etymologischen Wörter-
buch, seinem Shuowenjiezi (Erklärung des wen und Analyse schriftlicher Zeichen)
die Legende von den Formen der Natur, ihrer Entstehung und der Erfindung der
Trigramme mit der frühneuzeitlichen Schrift:

In alten Zeilen herschte Pao Xi (Thronbesteigung ca. 2852 v. Chr.) über die Welt. Er blickte nach
oben und betrachtete die Erscheinungen des Himmels; er blickte nach unten und sah die Formen der
Erde. Er bemerkte die Merkmale (wen) auf Vögeln und Tieren und deren Anpassung an die Erde.
Hinweise entnahm er in unmittelbarer Nähe seinem eigenen Körper, in weiterer Entfernung anderen
Dingen. Dann fing er an, die acht Trigramme des Buchs der Wandlungen zu machen, die späteren
Zeiten als vorbildliche Zeichen ('Symbole') überliefert wurden [...].'

So hängen die Formen des Universums und die 'Zeichen' der Menschen als Mani-
festationen von wen zusammen. Und diese Gemeinschaft wird im Buch der
Wandlungen 'ausgezeichnet', wo die Opposition unterbrochener und durchgezoge-
ner Linien in vierundsechzig divinatorischen Hexagrammen entwickelt wird.

7
Tcxt nach Kcnncth L. Thern: Poslface to ihe Shuo-wen Chieh-tzu. Madison 1966, 8f. Zitiert
nach Chow Tsc-tsung: "Ancicnt Chinese Views on Literature, the Tao, and Thcir Relation". In:
Chinese Literature. Essays, Articles, Reviews 1 (Januar 1979). Das ist die beste englische Ein-
führung ins wen.
Schrift und kulturelles Potential in China 163

///. Die Anfänge des Schriftsystems — Menschen machen Wen

Im folgenden hebt die Legende die moralischen und politischen Dimensionen uni-
verseller Korrelation hervor. Der Schritt vom divinatorischen Zeichen zur Schrift
folgt einer Entwicklung im Rahmen des von Menschen erzeugten wen — das
Schriftsystem bezieht seine Autorität aus den Einschreibungen/Inschriften des Uni-
versums. Im wen verbinden sich die Erkenntnis des Universums, ihre Darstellung
und ein der Erkenntnis gemäßes Handeln. Damit bezeichnet nun wen die Kultur im
allgemeinen. Xu Shen schreibt:

Cang Jic, ein Schreiber des Gelben Kaisers (Thronbesteigung ca. 2697 v. Chr.), betrachtete die
Spuren von Vögeln und Tieren; er erkannte, daß man gewisse Muster und Formen unterscheiden
konnte. So begann er, Schriftzeichen zu schaffen, mit denen berufliche Tätigkeiten geregelt und die
Leute überwacht werden konnten. Wahrscheinlich hat er sich vom Hexagramm 'Durchbruch, Ent-
schlossenheit' (guai) inspirieren lassen. Es bedeutet: 'Man muß die Sache entschlossen am Hof des
Königs bekanntmachen'. Die Muster des wen verkünden also Bildung und Kultur am Königshof.8

Menschen unterscheiden sich daher von anderen Tieren dadurch, daß sie wen er-
schaffen, seine Bedeutung im Blick auf kosmische Prozesse verstehen und diese
Bedeutung durch wen auch mitteilen können. Im sechsten Jahrhundert schreibt Liu
Xie in der ersten, durchgängig der 'Literatur' gewidmeten Abhandlung Wenxin
Diaolong (Das literarische Bewußtsein und das Schnitzen von Drachen):

Groß ist die Weise, in der wen Tugend (de) erzeugt! Es wird zusammen mit Himmel und Erde ge-
boren. Wie geschieht das? Durch verschiedene Grade von Schwarz und Gelb entstehen die Farben;
die Formen durch die Variation von quadratisch und rund. Sonne und Mond sind wie zwei Stücke
von Jade — in ihrer Schönheit dort oben bilden sie die Gestalten des Himmels. In den Bergen und
Russen, die in einer Vielfalt der Formen erglänzen, linden wir die Gestalten der Erde. Dies ist ge-
wiß das wen des Tao [...].
Indem sich die Menschen mit den archetypischen Formen des Yin und Yang verbinden, verkör-
pern sie die Drei Fähigkeiten. Allein der Mensch besitzt von Natur aus Geistigkeit und Empfin-
dungsvermögen. Er verkörpert das verfeinerte Wesen der Fünf Elemente; er ist wahrhaft der Geist
von Himmel und Erde. Wo dieser Geist geboren wird, dort bildet sich die Sprache; wo die Sprache
herrscht, da sehen wir wen.9

Die Potentiale der Kultur (wen) entstehen so gleichzeitig mit dem Zeichensystem,
welches die universalen Muster enthüllt, denen die Menschen folgen sollen. Wen
ist das Symbol der natürlichen Grundphänomene und der Schlüssel, mit dem man
sich ihnen nähert, sie wahrnimmt und beschreibt.

8
Ebd.
9
Liu Xie: Wenxin diaolong, Kapitel 1.
164 David Palumbo-Liu

Im Akt des Schreibens wird also das Werden des Seienden unentwegt erprobt.
Das Schreiben ergreift die Phänomene und stellt sie dar. Es bestätigt die morali-
schen und kosmischen Wahrheiten, die alles beherrschen, immer aufs neue. Im
Idealfall fällt das von Menschen entwickelte wen (also alle Produkte kultureller
Diskurse) mit der 'Lektüre' des Universums zusammen.
Jedes Schriftzeichen galt daher sowohl als Gestalt des benannten Dings wie auch
als Inschrift eines kosmologisch-linguistischen Systems, das tiefe ethische Folgen
entfaltete. Xiao Yingshi (706-758) hat das präzis formuliert: 'Wie vollkommen ist
wen. Himmel und Mensch stehen in einer Ordnung nebeneinander. Wen ist das
große einheitsstiftende Prinzip für die Zwecke menschlicher Moralbegriffe und für
die Strukturen des kosmischen Prozesses'. Eben diese Vorstellung einer Einheit
und Kontinuität von Wörtern und Dingen, zwischen Natur und Mensch über die
Zeit hinweg, wurde im 11. Jahrhundert nachhaltig bedroht.

IV. Wen und seine Probleme in der nördlichen Song-Dynastie (960-1127)

In der Spätzeit der nördlichen Song-Dynastie erhöhte sich die Bedeutung des Tao
Xue (Studium des Wegs) und seiner Beziehung zu Wen beträchtlich. Wie der
Mensch denn den Weg finde — das wurde zur entscheidenden Frage. Durch wen,
das war die Antwort — mittels all jener Konstruktionen, die der menschlichen Ge-
sellschaft ihre Eigenheit, das heißt Kultur verleihen, müßten die Menschen sowohl
den Weg sehen und die Harmonie der Kultur mit dem Weg sichern. Wang Yucheng
(954-1000) schreibt: 'Das Wen des Himmeis zeigt sich in Sonne, Mond, in den
Sternen und Fünf Planeten. Das Wen der Erde tritt in der Vielfalt des Korns, der
Bäume und Pflanzen in Erscheinung. Das Wen der Menschen erblicken wir in den
Sechs Büchern und den Fünf Konstanten'. Genau diese Korrelationen aber schie-
nen in der Krise des 11. Jahrhunderts bedroht oder verloren.
Die Krise entstand nicht so sehr, weil sich irgendwelche skeptischen Denkweisen
in den Vordergrund schoben. Vielmehr übten eine Reihe von Veränderungen kul-
tureller, materieller und politischer Art einen gewaltigen Druck auf das Wen-System
aus. Zunächst verlor das Clan-System seine Funktion als offiziell anerkanntes Mit-
tel, mit dem die Mitgliedschaft in der nationalen Elite bestimmt wurde. Die Prü-
fungsordnung, welche die Mitgliedschaft in der Elite feststellte, wurde geändert.
Die neue Ordnung legte verstärkten Wert auf die Beherrschung des wen.
Direkt sichtbar wurden diese Verschiebungen in der Auswahl der Gelehrten, wel-
che ihren Aufstieg im Amt nur ihren Bemühungen verdankten, wen zu verstehen,
darzulegen und damit zu produzieren. 975 noch wurden nur fünfundfünfzig Män-
ner aufgrund der Prüfung befördert; in der Periode zwischen 976 und 1022 stieg
ihre Zahl auf über neuntausend.
Schrift und kulturelles Potential in China 165

Die Dynastie verwandte ihre Mittel und Energien darauf, das Wissen zu katalo-
gisieren und zu kategorisieren. Der Kaiser Tai Zong (976-997) etwa billigte die Zu-
sammenstellung der kaiserlichen Enzyklopädie Taiping yulan (Kaiserliches Lese-
buch der Ära des Großen Friedens) und der Taiping guangji (Ausfihrliche Berichte
über die Ära des Großen Friedens). Li Fang, der für eine Anzahl dieser Unterneh-
mungen verantwortlich war, spricht davon, daß man 'die wahre Verfassung aller
Dinge erschöpfend erforscht' habe.
Ein radikaler Einschnitt in die Produktions- und Vertriebsbedingungen der Texte
stellte alle diese Projekte freilich vor gänzlich neue Probleme. Einerseits unternahm
man den ungeheuren Versuch einer Zentralisierung des Wissens. Andererseits er-
fand und vervollkommnete man gleichzeitig bewegliche Typen, was in dieser Zeit
wirtschaftlichen Wohlstandes zu einer starken Vermehrung von Texten (darunter
apokrypher Texte) sowie zur Einrichtung und zum Erwerb von privaten Bibliothe-
ken führte. Immer mehr von jenen Menschen, die sich bislang an den Rändern der
Kultur bewegten, waren in der Lage, immer neue Texte zu erwerben.
Die 'offizielle Fassung' der kanonischen Texte, die in der kaiserlichen Bibliothek
in Stein gemeißelt war und von der alle Kopien gedruckt wurden, konnte ihr Mono-
pol nicht halten; das Monopol wurde von den massenweise in der neuen Technik
produzierten und vertriebenen Texten gebrochen. Gelehrte fanden zweifelhafte
Texte, die nicht auf Konfuzius zurückgingen; sie stießen auf irreführende Interpre-
tationen und Fehler in den Texten selbst. Damit wurde die korrekte Lektüre der al-
ten Texte — die Grundlage des moralischen Handelns — zunehmend problema-
tisch. Noch wichtiger war, daß man unterschiedliche Lesarten der ältesten Texte,
vor allem jener der Zhou-Dynastie (1066 v. Chr. — 221 v. Chr.) zur Rechtferti-
gung radikaler Reformen benutzte. Veränderungen im gesellschaftspolitischen Be-
reich erzwangen neue Lesarten des wen.
Der große Reformer Wang Anshi hielt es etwa für nötig, sein Vorhaben auf sy-
stematische Bedeutungsrevisionen und -korrekturen der Schriftzeichen zu gründen.
Im Vorwort zu seiner 'revisionistischen' etymologischen Abhandlung Zishuo
(Erklärungen der Schriftzeichen) schreibt er:

Lange Zeit war das wen früherer Könige nur in verstümmelten Formen überliefert. Xu Shcns Ar-
beil [das oben erwähnte Shuowen jiezi] ist nicht vollständig, außerdem voller Fehler. Selbst ich,
der ich unwissend bin, vermag seine Mängel festzustellen. Aber wer weiß, ob es nicht der Wille
des Himmels ist, wen in unserer Zeit neu zu beleben und mich zur Speerspitze dieses Neuanfangs
zu machen? Deshalb gibt es zu diesem Text als Grundlage für den Unterricht keine Alternative.10

Auf diese Weise gerät die Etymologie zur notwendigen Grundlage des Moralunter-
richts. Der Status der Kultur (wen) aber ändert sich, wenn der moralische Imperativ

10
Wang Anshi: "Jin Zishuo biao" [Memorandum anläßlich der Überreichung des Zishuo (an den
Kaiser)]. In: Linchuan wenji, Sibu congkan ed., 56/6b-7b.
166 David Palumbo-Liu

der Schrift (wen) und ihr ontologischer Rang zur Legitimation politischen Wandels
benutzt werden müssen.
Man kann daher sagen, daß die veränderten Produktions- und Verbreitungsbe-
dingungen sowie die praktischen Anwendungsbedürfnisse im gesellschaftspoliti-
schen Bereich die Bedeutung von wen gerade in jener Zeit überaus steigerten, in
der sein komplexerer und damit weniger gesicherter Status die Bestimmung men-
schlicher Lese- und Schreibfähigkeiten nachhaltig erschwerte.
Diese Destabilisierung ging in zwei Richtungen. Man betonte die Wichtigkeit
korrekten Lesens und wurde doch skeptisch, wenn es um das jetzt offene Feld
fehlerhafter Lektüre und Interpretation ging. Der folgende Text aus der Spätzeit der
nördlichen Song-Dynastie bietet ein gutes Beispiel für das Denken der Gebildeten
in dieser Krise. Es handelt sich um einen Bericht des großen Dichters und Kalligra-
phen Huang Tingjian (1045-1105):

Bericht über die Halle der Großen Oden'1'1

Yang Suweng, der hervorragende, große undritterlicheMann, der die Schrift liebte und sich für
alles intcrcssicrle, hörte, daß ich schon oft Du Fusl12l Gedichte in Kuizhou abschreiben, in Stein
meißeln und in Shu aufstellen wollte. Fröhlich fragte er mich, ob er sich um die Sache kümmern
könne. Kr wollte auch ein Gebäude mit weiten Säulcnabständen bauen, um darin den Stein unter-
zubringen und bat mich, dem Gebäude einen Namen zu geben.
Ich nannte es die Halle der Großen Oden' und sagte ihm: 'Von Du Fu bis zur Gegenwart, mehr
als vierhundert Jahre lang, ist diese Literatur (wen) zu Boden gesunken. Jene Herren, welche die li-
terarische Arbeit in der Art der Welt betreiben, müssen seine Halle erst noch betreten, von seinem
Zimmer ganz zu schweigen [...]'.
Jene aber, die durch alles hindurchbohren und -stoßen wollen, verlieren diese große Möglichkeit
vollends aus den Augen. Sic interessieren sich nur für das, was sie [im Gedicht] zufällig antreffen:
Wälder und Bäche, Menschen und Tiere, Gräser und Bäume, Fische und Insekten. Sic glauben, daß
alles im Gedicht irgendeine allegorische Bedeutung hat; sie gleichen denen, die sich mit Rätseln
und dunklen Geschichten wechselseitig unterhalten. Auf diese Weise hat man Du Fus Gedichte im
Stich gelassen.13

Eine Reihe von Punkten illustriert hier die Sorgen, die sich die Gebildeten der spä-
ten Song-Zeit wegen des Zerfalls des wen machten. Huang macht auf fehlerhaftes
Lesen aufmerksam — zu viele Gelehrte vermögen wen in Du Fus Dichtung gar
nicht mehr zu erkennen. Sie lesen stattdessen alles mögliche in diese Dichtung hin-
ein. Dadurch verliert das Gedicht — in China die vornehmste Gestalt des von Men-
schen geschaffenen wen — seinen Gehalt; es kann den Menschen nicht mehr die

" D i e "Großen Oden" beziehen sich auf einen Gcdichltyp, der zuerst im konfuzianischen
Dichtungskanon, dem Shijing, gesammelt wurde.
' 2 Du Fu wurde und wird als der größte Dichter Chinas betrachtet.
13
Huang Tingjian: Yuzhang Huang xiansheng ji [The Collccted Works of Mr. Huang of
Yuzhang], Sibu congkan ed., 17/22b-23b.
Schrift und kulturelles Potential in China 167

moralischen Prinzipien vermitteln. Zum zweiten nennt Huang einen Grund, warum
die Menschen nicht mehr richtig lesen können: Sie haben nicht genügend Lehrzeit
mit den Klassikern zugebracht und sind zu den prägnantesten Beispielen literari-
scher Parvenüs geworden. Aus all dem folgt drittens, daß wen selbst über keinen
hinreichenden Zusammenhang mehr verfügt; die Verbindung zwischen Worten und
praktischen Realitäten ist durchtrennt und Huang muß die immense Aufgabe über-
nehmen, Du Fu wieder neu zu lesen und ihn seiner eigenen Zeit zu erklären.
Dieser Text ist keineswegs ungewöhnlich. In ihm zeigt sich vielmehr, wie Gebil-
dete auf den Verdacht reagierten, daß die Worte 'vom Weg abgekommen', daß
Worte und Dinge auseinandergerissen waren. Diese Krise straft jene Mythologie
der chinesischen Schrift Lügen, die mit dieser Schrift ein Gegenmodell zur logo-
zentrischen Schrift konstruieren möchte. Im Zerreißen der Zeichen als Bedeutungs-
prozesse erblickten die alten Chinesen den Boten der Apokalypse.

Aus dem Amerikanischen von K. Ludwig Pfeiffer


Thomas Blenman Hare

'Identität' in der Entwicklung der japanischen Schrift

Der chinesische Wortschatz für 'Wiedergabe', 'Reproduktion' ist reichhaltig und


vielfältig; er hat dem Japanischen viele Lehnwörter beschert. Einige der entspre-
chenden Schriftzeichen beziehen sich ausdrücklich auf die Wiedergabe geschriebe-
ner Formen; ihre Struktur enthält ein Element, das auf Tätigkeiten der Hände ver-
weist. Man widmet dem Kopieren geschriebener Formen außerordentlich viel Auf-
merksamkeit.
Das Schriftzeichen xie, das gebräuchlichste Mandarin-Wort für 'Schreiben', be-
zeichnete in der früheren Sprache den Transport eines Originalbildes oder einer
Erstschrift an einen anderen Ort. Ein anderes, spezielleres Schriftzeichen, mo, be-
deutet 'nach etwas tasten, ein Gefühl für etwas entwickeln'. In der Fachsprache der
Kalligraphie bedeutet es dann 'mit den Fingerspitzen oder einem Pinsel zeichnen,
die Form eines Modells kopieren'. Die technisch am strengsten geregelte Form der
Wiedergabe heißt ta oder xiangta. Dabei legt man ein Stück sorgfältig gewachstes
und durchscheinendes Papier auf das Modell und hält es gegen ein helles Fenster.
Die Umrisse des Modells werden gezeichnet und dann unter Beachtung der unter-
schiedlich intensiven Schattierungen der Tinte im Original ausgefüllt. Andere For-
men des 'Kopierens' sind technisch weniger geregelt, aber womöglich noch an-
spruchsvoller. Dazu gehören lin, das freihändige Kopieren eines Originals, und
fang, das Schreiben im Stil eines alten Meisters, wobei aber kein bestimmtes Werk
kopiert wird.1
Die Bedeutung, die man dem Kopieren zumißt, mag, wie bemerkt, außerge-
wöhnlich anmuten. Vielleicht ist dies aber so außergewöhnlich nicht. Denn wir ha-
ben es schließlich mit Schriftsystemen zu tun, bei welchen eine Grundbildung im
Lesen und Schreiben die Beherrschung von zwei- bis dreitausend verschiedenen
Schriftzeichen verlangt. Für die Beherrschung eines solchen Systems besitzt das
'Abschreiben' eine Bedeutung, die wir uns angesichts der Selbstverständlichkeit

'Vgl. Shcn C.Y. Fu: Traces of ihe Brush. Studies in Chinese Calligraphy. New Haven 1977, 3,
und Tomohiko Horic: "Sho". In: Genshoku Nihon no bijulzsu 22. Tokio 1970, 177f.
170 Thomas Blenman Hare

unserer Alphabete nicht leicht vorstellen können. Wenn schon eine elementare
Schriftkompetenz die eifrige Reproduktion vorgängiger Formen voraussetzt, dann
muß sich der große Kalligraph erheblich intensiver in die Mechanismen der Wie-
dergabe vertiefen, um die Formen wirklich zu beherrschen. Zudem geht es in die-
sem Artikel um die Übernahme und Veränderung des chinesischen Schriftsystems
durch die Japaner. Damit drehen sich Analysen permanent, wenn auch manchmal
unausgesprochen, um kulturelle Differenzen, die den Problemkomplex des Kopie-
rens und der Reproduktion nochmals verkomplizieren.
In einem solchen Zusammenhang entfaltet sich der Begriff 'Identität' in beson-
ders reichen und komplexen Verästelungen. Einmal geht es um die Identität zwi-
schen einem konkreten Beispiel eines Schriftzeichens und den Schriftidealen bzw.
-konventionen, die das individuelle Schriftzeichen lesbar machen.2 Ein Verständnis
ist nur möglich, wenn eine Grundidentität zwischen den Formen eines gegebenen
Schriftzeichens an verschiedenen Stellen wahrgenommen werden kann. Plazierung
und Anlage des Schriftzeichens innerhalb eines vorgestellten Quadrats oder Recht-
ecks liefern als Teil einer gewöhnlich senkrechten Textlinie die Wahrnehmungs-
basis. Die Pinselstriche müssen nicht nur der Plazierung auf der Seite entsprechen;
sie müssen auch eine konventionelle Strichordnung spiegeln, welche Stärkevaria-
tionen wiedergibt und ein Gefühl für den Schriftrhythmus erkennen läßt. Aber
wenn die Konventionen eine basale Identität gewährleisten, so erlauben sie auch, ja
ermutigen zu Unterschieden. Hält man sich an die korrekte Strichordnung und die
orthodoxe Rhythmisierung des Schriftzeichens, so erzeugt man gleichzeitig ein
Abkürzungsrepertoire, das erstaunliche Variationen in der Ausführung irgendeines
Schriftzeichens ermöglicht. Man betrachte etwa die Varianten für shu (japanisch
sho), ein anderes Schriftzeichen für 'schreiben'.

Abb. 1: Schriftzeichen-Varianten für 'schreiben'

Teilweise ergeben sich die Variationen in der geschichtlichen Entwicklung. Das


Schriftzeichen links außen hat eine Form, wie sie auf einem Bronzegefäß um die
Wende des ersten Jahrtausends vor Christus erscheinen mochte. Rechts daneben

2
lch spreche hier nichi von 'piktographischer' Identität zwischen einem Schriftzeichen und einem
Naiurphänomcn oder von 'ideographischer' Transparenz zwischen Wort und Begriff. Ich setze
voraus, daß der Leser über diesen Aspekt nichtalphabetischer Schriften schon einigermaßen Be-
scheid weiß. Vgl. auch Steven Browns Diskussion des ideographischen Trugschlusses in diesem
Band
'Identität' in der Entwicklung der japanischen Schrift 171

sehen wir eine der standardisierten Formen etwa siebenhundert Jahre später usw.
Als die Schrift nach Japan kam, hatte sich ein umfangreiches Variationsarsenal für
die Formen der Schriftzeichen entwickelt; ein Schreiber konnte, ohne archaisie-
rende Absichten, seine Wahl unter den Varianten des dritten Zeichens von links bis
jenem rechts außen treffen (die zwei Schriftzeichen links außen würden im Falle ei-
nes japanischen Schreibers eine bewußte Archaisierung darstellen).
Bei allen offenkundigen Unterschieden besitzt das Schriftzeichen eine erkennbare
Identität; jeder kompetente Leser erkennt, daß es 'schreiben' bedeutet.3 Gleichwohl
bringen solche Variationen zahlreiche Unterschiede zum Vorschein: Es handelt sich
vor allem um grundlegende Material- und Produktionsunterschiede (Papier, Vis-
kosität der Tinte, Bewußtheit oder Spontaneität der Pinselführung usw.). Weniger
klar, aber interessanter sind die Unterschiede, die sie im Blick auf Absichten, Hal-
tung, Zweck, Selbstbild und für manche selbst im Blick auf ein moralisches 'Tem-
perament' verraten. Ein altes Sprichwort sagt, daß die Person ihre Schrift sei
(japanisch hito wa sho nari).
Einige der obigen Beispiele wurden von Chinesen, andere von Japanern (wie
üblich meistens Männern) geschrieben. Hier stoßen wir auf eine besonders interes-
sante Komplikation von Identität und Differenz im japanischen Schreiben. Das von
den Japanern gewählte — und es handelt sich nachweislich um eine bewußte Wahl
— Schriftsystem gehörte zu einer völlig andersartigen Sprache. 'Gehören' meint
hier ganz gezielt die Bedeutung des Eigentums, die im Wort steckt. Die chinesische
Schriftsprache steht im Einklang mit der Morphologie des Chinesischen — ein
komplexes System, das aber in vielerlei Hinsicht Sinn macht. Das Japanische hat
jedoch mit dem Chinesischen weder genetisch etwas zu tun noch weist es praktisch
irgendwelche strukturellen Ähnlichkeiten mit ihm auf. In diesem erzwungenen und
unwahrscheinlichen Zusammentreffen paßt kaum etwas zusammen.
Jahrhundertelang wickelten die Japaner die meisten ihrer 'Schreibarbeiten' (in der
Bürokratie, der importierten Religion und der Staatsideologie) in der chinesischen
Schrift bzw. dem, was sie dafür hielten, ab. Solange die Japaner bereit waren, eine
fremde Sprache zu schreiben, waren Probleme meist auf die praktische Beherr-
schung beschränkt. Und auf diese Beherrschung waren die Japaner verständlicher-
weise ganz stolz.
Das älteste erhaltene Papierdokument legt von diesem Stolz beredtes Zeugnis ab.
Es handelt sich um einen Kommentar zum Lotus Sutra, der dem Prinzregenten
Shötoku (574-622) zugeschrieben wird und vermutlich von ihm selbst geschrieben
wurde. In ihm haben wir sicherlich eine der ersten deutlich individualisierten
Personen in der Geschichte Japans vor uns. Die Hand wirkt etwas unbeholfen;

• ^Standardisierungen und Vereinfachungen haben im 20. Jahrhunden die entsprechenden Lesckom-


petenzen herabgesetzt. Immer noch aber wird eine erhebliche Variationsbreite als lesbar anerkannt
und nicht für ungewöhnlich gehalten.
172 Thomas Blcnman Hare

häufig findet man Umstellungen, Durchstreichungen, Korrekturen und Dittogra-


phien. Gleichwohl steckt in diesem Dokument eine ernsthafte und gelungene
Begegnung mit einem zentralen Text des Mahayana-Buddhismus. Ich kann diese
Begegnung hier nicht genauer darlegen, möchte aber doch auf einen Kommentar in
der unteren rechten Ecke des Textanfangs hinweisen. Diesen Kommentar hat nicht
der Schreiber des ganzen Textes verfaßt, aber zeitlich liegen beide nicht sehr weit
auseinander. Der Kommentar spricht vom Stolz und von der frühen Reife des
Prinzen aus einem starken Gefühl nationaler Identität heraus, das sich auf die
japanische Beherrschung der Schrift bezieht — die Frage der Identität ist hier in ein
etwas anderes Licht getaucht. 'Dies', so sagt der Kommentar, 'ist die persönliche
Sammlung des Prinzregenten von (des Landes) Yamato. Es stammt nicht von jen-
seits des Meeres'. Daß das Wort 'des Landes' im nachhinein eingefügt werden
mußte, das kommentiert den Fortschritt der Japaner im fremden Medium in vielsa-
gender, wenn auch unabsichtlicher Weise.
In den folgenden beiden Jahrhunderten erreichten die japanischen Bürokraten ein
Niveau technischer Kompetenz im Umgang mit der chinesischen Schrift, das die
Abwicklung offizieller schriftlicher Transaktionen ohne weitere Hindernisse aus-
schließlich auf Chinesisch ermöglichte. Man hatte sich eine umständliche Methode
einfallen lassen, um persönliche und geographische Namen wiedergeben und um
Dichtung und Lieder der Muttersprache aufzeichnen zu können (man'yöganä).
Insgesamt aber schienen sich die Japaner damit zu begnügen, hauptsächlich chine-
sisch zu schreiben. Ja, vielleicht wäre die in man'yöganä niedergeschriebene japa-
nische Dichtung im frühen 9. Jahrhundert bald wieder ausgestorben, wenn sie nicht
bei der Liebeswerbung eine wichtige Rolle gespielt hätte. Dort konnte man das
Chinesische nicht brauchen, da es die Frauen nicht lesen konnten.
So wurde die scheinbar sklavische Verwendung eines fremden Schriftmediums
offenbar fraglos hingenommen. Freilich beschäftigten sich vor allem Angehörige
der religiösen Elite mit vielfältigen und philosophisch tiefschürfenden Fragen nach
der Sprache und ihrer Beziehung zur Wirklichkeit im Allgemeinen.
Dafür liefert der Patriarch des Shingon-Buddhismus, Kükai (774-835), das
hervorragendste Beispiel. Kükais Sprachstudien waren außerordentlich umfassend.
Er erkannte die praktische Bedeutung verschriftlichter Texte; auf seinen gelehrten
Leistungen fußt die Buddhologie noch heute. Er trug Japans erstes (natürlich chine-
sisch geschriebenes) Wörterbuch zusammen, schrieb eine wichtige Abhandlung zur
chinesischen Dichtung der Sechs Dynastien (222-589), ferner ein monumentales
Werk zur Religionsphilosophie, das mit langen Zitaten aus weltlichen und
religiösen Texten angereichert ist. Er hinterließ darüber hinaus eine umfängliche,
chinesisch geschriebene Poesiesammlung und einen dramatischen Dialog, in dem
Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus miteinander verglichen werden.
Außerdem war er ein glänzender Kalligraph.
'Idcnüläl' in der Entwicklung der japanischen Schrill 173

Obwohl ihn die Schrift offenkundig faszinierte und er in der buddhistischen Ge-
lehrsamkeit Hervorragendes leistete, legte Kükai ein gewisses Mißtrauen gegen
Sprache und Schrift nie gänzlich ab. In der Tat verstrickt die Sprache als Vermitt-
lung zwischen Wirklichkeit und subjektiver Erkenntnis den, der wie Kükai nach
dem Geistig-Absoluten strebt, in ein schwieriges Paradox. So schreibt er in einer
Denkschrift an den Thron im Jahre 806: "Dharma hat keine Sprache, tritt aber nur
durch Sprache in Erscheinung. Tathatä liegt jenseits der Form, aber wo es zur
Bewußtheit kommt, da harrt es der Formgebung".4
Kükais Sprache ist mit Sanskritbegriffen wie dharma und tathatä durchsetzt. Sei-
ne Erkenntnistheorie stellt schon die Vorstellung von Übersetzbarkeit prinzipiell in
Frage. Man kann sich jedoch unter dharma ungefähr die 'absolute Wahrheit' und
unter tathatä 'Diesheit', das reine Sosein der Dinge, vorstellen. Kükai plagt sich
also mit einem schwerwiegenden geistigen Dilemma: Für das Fortschreiten im
Geistigen ist die Sprache ein notwendiges, aber nicht hinreichendes Element.
Die von Kükai ererbten und in seinen Schriften deutlich sichtbaren analytischen
Methoden des gelehrten Buddhismus neigen zur Spaltung der Wirklichkeitskate-
gorien in kleinere, theoretisch handhabbare und dem Gedächtnis entgegenkom-
mende Teile. Dieses analytische Unterfangen läuft aber auf eine Zerstückelung
wichtiger religiöser Begriffe hinaus. Man betrachte beispielsweise Abbildung 2,
den Holographen von Kükais Diamant-Sutra-Kommenter. In der Linie 000 des
abgebildeten Teils erwähnt er kenshö, 'das Weise und Heilige', und bezieht sich
auf einen regressiven Prozeß der Analyse, der aus kenshö 'Drei Weisheiten und
Zehn Heiligkeiten' macht. Kükai selbst hält sich damit nicht auf; aber wer seinen
Text studiert, mag sich fragen, was diese Weisheiten und Heiligkeiten sind. Ein
Shingon-Mönch wäre mit dieser formalisierten Lehre wohl bis zu einem gewissen
Grad vertraut, wäre aber gleichwohl, wahrscheinlich wie wir, auf Nachschlage-
werke angewiesen. In diesen findet man, daß die 'Drei Weisheiten' Teil der
einundfünfzig Stadien im geistigen Fortschritt des Bodhisattva sind, die folgendes
beinhalten: 1) zehn Orte, 2) zehn Übungen und dreizehn Bekehrungen. Der erste
der zehn Orte, das 'Verharren im Erwachen des Glaubens', umfaßt drei Elemente,
deren zweites beispielsweise in der Pflege von zehn Kräften besteht. Diese
numerierte Expansion setzt sich, wie es scheint, ad infinitum, in einer vorhersehbar
regressiven Reihe fort. Der gewissenhafte Student, der sein Verständnis Stück für
Stück vervollständigen will, gerät immer hoffnungsloser in den Sumpf durch-
numerierter Listen: Zwölf Verknüpfungen von Karma, Elf Seinsweisen, Zehn
ßod/u'-Stadien, Neun Typen von Anklammcrungsvcrhalten, Achtfache Negationen,
Sieben große Lehrer, Sechs Paramitas, Fünf Redeweisen, Vier Bodhisattvas, Drei
Mysterien, Zwei Arten der Erkenntnis und Ein Buddha.

4
Kükai: Köbö Daishi chosaku zenshü. Hg. v. Katsumata Shunkyö, 3 Bde. Tokio 1970, Bd. 2, 25.
174 Thomas Blcnman Hare

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Die analytische Methode mag pädagogisch nützlich sein; dem Suchenden nach ab-
soluter Wahrheit stellt sie ernste Hindemisse in den Weg. Das Messer der Analyse
zerlegt die große Fülle des Religiösen in immer kleinere Stücke, und die Bedeutung
des Ganzen geht darüber verloren. In Bruchstücke zerfällt in solcher 'Zerstreuung'
eine religiöse Wahrheit, die doch in, hinter dem oder irgendwie durch den Text ge-
genwärtig sein sollte, der Pfad der Auslegung verliert sich in der Wildnis der Apo-
rie. Kükai versucht es mit einer Gegenstrategie; er baut ein duales Interpretations-
system auf, das die Geltung der analytischen Methode zwar nicht ganz verneint, in
ihr aber nicht die Antworten auf die großen Fragen sucht.
Sein alternatives System nennt er shinmitsu, 'tief und dunkel'. Es baut umge-
kehrt aus kleineren Einheiten eine Ganzheit auf und wendet sich dabei am Ende
immer dem Buddha Mahavairocana, dem Großen Sonnenbuddha, dem Symbol ab-
soluter Realität, zu.
Bei seiner Untersuchung des kenshö, des 'Weisen und Heiligen' in seiner
Strategie, stellt Kükai folgendes fest:

'Weise' [jap. ken) bedeutet universale Weisheit; 'heilig' [jap. shö) große Heiligkeit. Anders gesagt,
wir nennen 'universale Weisheit' den DAarma-Körper des letzten Prinzips und jener leuchtenden
Weisheit, mit welcher tathagatas den Kosmos in höchster und wunderbarer Weise durchdringen.
Das ist nicht die Weisheit der 'Drei Weisheiten' oder [irgendeine] Weisheit, die vom Rang [einer
Leistung] abhängt.
Was die 'große Heiligkeit' anbetrifft, so werden die siebenunddreißig Gottheiten [der Diamant
Mandala] und die unzahligen Gottheiten [des Kosmos] alle 'Große Heiligkeit' genannt. 'Heilig'
hcißl im Sanskrit ärya. Das bedeutet wörtlich 'ohne Schlechtigkeit'. Das, was das Wirken aller
schlechten Ursachen unterbindet, alle schlechten Folgen zunichte macht und von allen schlechten
'Identität' in der Entwicklung der japanischen Schrift 175

Gewohnheiten reinigt. Ist das nicht Buddha, der Allberühmte? Dies also nehmen wir als Bedeutung
und nennen ihn daher 'Große Heiligkeit'.^

Die Erwähnung von Sanskrit ärya ist bezeichnend, denn das Sanskrit hat in Kükais
Religion einen wichtigen Platz. Kükai scheint eine seiner Sprachformen, Siddham
(ein Vorfahre des modernen Devanägari), beherrscht zu haben; er lernte viele
einzelne Wörter, scheint aber Morphologie und Syntax nicht gekannt zu haben.
Auch reichte sein Verständnis der kanonischen Sprache des Afa/tayana-Buddhismus
nicht aus, um Sanskrit-Texte zu lesen und zu verstehen. Gleichwohl spielt das
Sanskrit eine wichtige Rolle in seiner Erkenntnistheorie, weil es den tiefen und
dunklen Weg zur religiösen Bedeutung verkörperte. Einzelne Zeichen der Siddham-
Silben werden mit den großen Buddhas und Bodhisattvas des Kosmos identifiziert
und zu deren wörtlichen Verkörperungen erhoben (als Alternativen zu den eher
ikonographischen Darstellungen dieser Wesen in quasi-menschlicher Form). Gele-
gentlich findet man mandala (gewissermaßen detaillierte kosmische 'Landkarten')
ganz aus Siddham-Lettem zusammengesetzt, wobei interessanterweise einzelne von
ihnen ständig wiederholt werden. Diese Wiederholung kann nicht bedeuten, daß es
zu wenig Alternativen gegeben hätte — das Syllabar kann theoretisch bis zu 6364
Einzelsilben erzeugen. Es geht vielmehr um ein Ringen mit dem Paradox von
Identität und Differenz auf der metaphysischen Ebene. Der Wa/iaya«a-Buddhismus
anerkennt nur eine Erleuchtung, und doch hat man es auch auf den höchsten Wahr-
nehmungsebenen mit einer Vielfalt des Seins zu tun. Dazu wiederum Kükai:

Es gibt zahllose erleuchtete Einzelpersonen, die jede Formabsicht aufgegeben haben [.„]. Da es
hoch und niedrig gibt, sprechen wir von Getrenntsein. Da dieses und jenes nicht dasselbe sind,
sprechen wir von Unterscheidung. Die Anzahl der Tugenden jedes einzelnen dieser Buddhas über-
steigt die Zahl der Sandkörner des Ganges, ja die Zahl der Körner in der gesamten, zu Staub gewor-
denen Welt. Aber jedes einzelne unterscheidet sich vom anderen nach Wurzel und Ast, nach We-
sentlichem und Nebensächlichem. Trotzdem bleiben sie einander gleich und, da sie gleich sind,
sind sie auch eins.6

Die theologischen und erkenntnistheoretischen Fragen sind zu komplex, um hier


ausführlicher erörtert zu werden. Auch wäre der Eindruck irreführend, daß in ja-
panischen Schreibsituationen im allgemeinen die Identität Unterschiede in der Wei-
se auslöscht, wie sie das Zitat andeutet. Wenn wir uns nämlich einem weltlichen
Beispiel zuwenden, dann sehen wir, daß auch ganz andere Identitäten auf dem
Spiele stehen können.

5
Kükai: K'obö Daishi zenshü. 8 Bde. Köyasan 1965, Bd. 1, 838.
6
Kükai(Anm. 5), Bd. l,838f.
176 Thomas Blcnman Haie

Abb. 3

Man betrachte Abbildung 3, Onmeijö (oder Onmyöjö) genannt, von Fujiware no


Sukemasa (944-998) 982 geschrieben. Die Kursivformen werden hier virtuos
gehandhabt; sie offenbaren eine Meisterschaft, für die man Sukemasa zu den 'Drei
Linien' (sanseki) rechnet, also zu den drei wohl größten Kalligraphen in der
vielleicht wichtigsten Periode in der Entwicklung der japanischen Kalligraphie. Im
Vergleich zu seinen Kollegen in diesem Triumvirat wirkt Sukemasa freilich
unkonventionell, exzentrisch, fast etwas fremdartig. Die anderen zwei, Ono no
Michikaze (894-966) und Fujiware no Yukinari (972-1027) schrieben zweifellos
schöne Texte, denen es aber an der in diesem Beispiel aufleuchtenden Vitalität
mangelt. Sie sind von eher öffentlicher Art, meist Sammlungen chinesischer Poesie
für das kaiserliche Haus oder andere reiche und wichtige Auftraggeber. Oft sind sie
auf Seide oder reich gefärbtes Papier in wohlgeordneten, gleichmäßigen Reihen
fließender, sorgfältig gestalteter Schriftzeichen geschrieben. Die sechs von Suke-
masa noch vorhandenen Texte sind jedoch alle auf schlichtem Papier geschrieben.
Nur ein Text, das ist noch wichtiger, gibt ein chinesisches Gedicht wieder, der Rest
besteht aus Apologien.
Der vorliegende Text gibt von Anfang an die Szene einer Überschreitung, eines
Vergehens wieder. Das Wort selbst verletzt Normen des Raums, da es die beiden
Schriftzeichen des Autorennamens, suke und masa enthält. Sie stehen an derselben
Stelle und werden dadurch unleserlich. Da diese Unterschrift — denn darum han-
delt es sich — am Kopf des Textes steht, dementiert sie den Ton der Bescheiden-
heit, den der rhetorische Modus und die hierarchischen Redekonventionen bei einer
Entschuldigung eigentlich vorschreiben.
Sukemasa entschuldigt sich augenscheinlich dafür, daß er ein Bündel Pfeile für
den jährlichen Wettbewerb im Bogenschießen (jarai) nicht abgeliefert hat. Dieses
'Identität' in der Entwicklung der japanischen Schrift 177

Ereignis fand auf kaiserlichen Befehl am siebzehnten Tag des neuen Jahres statt;
Sukemasa war seinen — nicht ganz geklärten — offiziellen Pflichten nicht nachge-
kommen. Seine Sprache strotzt nur so von Formeln, die auf seinen inferioren Rang
hinweisen; er unterzeichnet mit 'Euer dummer Sklave'. Aber zwischen den Zeilen
— ganz wörtlich — kann man eine andere Botschaft lesen.
Man betrachte die untere rechte Ecke des Textes, und man wird sehen, daß sechs
drahtige Schriftzeichen in den Haupttext eingedrungen sind. Sie sind Teil eines
'Postskriptums', das gleichzeitig ein 'Anteskriptum' ist. Geschrieben ist es nach
dem Haupttext, der mit fetten schwarzen Schriftzeichen (von der oberen rechten
Ecke ca. ein Fünftel nach innen) beginnt. Aber es beansprucht, in den rechten,
normalerweise schwarzen Rand des Textes plaziert, räumliche Priorität.
Die Botschaft dieses 'Postskriptums' spricht eine andere Sprache:

Ich bin überall herumgelaufen und habe nach Pinseln gesucht, aber keinen einzigen gefunden [der
mir gefiel ]. Dies hier ist der einzige, der ausflndig zu machen war. Er ist dem Vorhaben von Euer
Ehren nicht würdig. Wenn ich heute oder morgen einen anderen finde, werde ich ihn Euch zur Prü-
fung vorlegen.

Sukemasa verwendet das linguistische Register, das von einem Untergebenen ei-
nem Höhergestellten gegenüber normalerweise verwendet wird. In anderer Hin-
sicht hat er sich gleichwohl einen höheren Rang angemaßt. Als bereits berühmter
Kalligraph und als Höfling von nicht geringem Status, muß er Zugang zu guten
Pinseln gehabt haben. Daß er hier zu Ausflüchten greift, deutet auf den Versuch,
seine eigene Autorität, seine Überlegenheit dem Adressaten gegenüber zur Geltung
zu bringen, die Aufmerksamkeit von der Entschuldigung abzulenken. Die kalligra-
phische Brillanz unterstreicht diese Botschaft: etwas unausgewogen, exzentrisch
(aber von selbstbewußter Exzentrik), eine Demonstration von (Nach-)Lässigkeit,
eine Art sprezzatura. Hier geht es um eine gänzlich andere Art von Identität: Durch
persönliche Individualität hebt sich der einzelne von anderen in der Ausübung ganz
eigener Fertigkeiten, grenzt er sich von den vielen ab. Es dürfte sich lohnen, diese
Identitätskonstruktion als Folge von 'Supplementarität' zu betrachten. Wenn man,
im Wortsinne, zwischen den Zeilen liest, dann erblickt man einen Sukemasa, der in
der offiziellen Botschaft des Textes nicht auftaucht. Der andere Sukemasa schattet
sich in den Marginalien und noch deutlicher im Supplement ab.
Sukemasas persönliche Exzentrik hat die Rede über japanische nationale Identität
nicht daran gehindert, ihn mit Michikaze und Yukinari zusammen als eine der 'Drei
Linien' in einen Topf zu werfen. Dies ist wichtig, denn diese drei sind jene Kalli-
graphen, zu denen japanische Kunsthistoriker aufblicken, wenn sie den Ursprung
eines 'echt' japanischen Schreibstils finden wollen. Die in diesem Versuch stek-
kende Ironie verstärkt sich, wenn man bedenkt, daß auch nicht ein japanisch (und
nicht chinesisch) geschriebenes Fragment einigermaßen zuverlässig diesen ver-
178 Thomas Blcnman Hare

meintlichen Begründern des 'japanischen Stils' in der Kalligraphie zugeschrieben


werden kann. Was 'japanischer Stil' überhaupt heißen kann, wenn die verwendete
Schrift Chinesisch ist, das ist ein kompliziertes und faszinierendes Problem. Hier
dazu nur so viel: Auch andere kulturelle Entwicklungen im 10. Jahrhundert bezeu-
gen die wachsende Unabhängigkeit vom Kontinent, neues Selbstbewußtsein und
Zuversicht im Blick auf den Wert einer eigenen japanischen Kultur. 905 erscheint
die erste vom Kaiser in Auftrag gegebene Anthologie japanischer Dichtung, eines
der hervorragendsten Beispiele dieses Wandels. Ihn belegt aber auch ein anderes,
weniger bekanntes Schriftbeispiel aus ungefähr derselben Zeit, auch wenn es wei-
tere Komplikationen zwischen Identität und Differenz im Schreiben der Japaner zu
Tage fördert. Es handelt sich um Tosa nikki (das Tosa-Tagebuch), offenbar das
erste Beispiel einer hochgeschätzten Gattung japanischen Schreibens, nämlich des
poetischen Tagebuchs. Es beginnt mit dem Satz: 'Als Frau versuche ich, etwas,
was 'Tagebuch' genannt wird, zu schreiben, was wohl auch Männer schreiben.'
Daß die Geschlechtsidentität hier genannt wird, ist von entscheidender Bedeu-
tung. Die 'Schreiberin' weiß um chinesisch geschriebene Tagebücher von Män-
nern. Diese Tagebücher spiegeln die großenteils bürokratische Schrifterfahrung der
Männer. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, vermögen sie Interesse nur deswe-
gen zu erregen, weil sie Informationen zur Datierung und zu den Aktanten ge-
schichtlicher Ereignisse liefern. Die Stimme dieser Schreiberin will anders sein: Es
ist die einer Frau, die Japanisch spricht. Im Rückblick ist dies von enormer Bedeu-
tung. Denn die großen Werke japanischer Prosa in den nächsten zweieinhalb Jahr-
hunderten wurden alle von Frauen geschrieben: die Erzählung vom Prinzen Genji
von Murasaki Shikibu, das Tagebuch einer Eintagsfliege (Kagerö nikki) von
Michitsunas Mutter, das Kopfkissenbuch der Sei Shönagon usw.
Das Tosa-Tagebuch hat in Wirklichkeit freilich ein Mann, der große Dichter und
Kompilator der ersten kaiserlichen Anthologie japanischer Dichtung, Ki no Tsu-
rayuki (8687-945?), geschrieben. Ein zeitgenössischer Leser hätte nicht weit lesen
müssen, um das zu entdecken. Männliche Redewendungen und Witze fallen auf; es
ist leicht möglich, daß, wie Helen McCullough meint, Tsurayuki seine männlichen
Landsleute ermuntern wollte, der japanischen Prosa denselben Rang wie der chi-
nesischen zuzubilligen.7 Genau das aber gelang Tsurayuki nicht; die geschriebene
Sprache war so deutlich von Geschlechtsidentität geprägt, daß seine Bemühungen
erst sehr spät, vielleicht zweihundertfünfzig Jahre oder länger nach seinem Tod auf
fruchtbaren Boden fielen.

7
Helen McCullough: ClassicalJapanese Prose: An Anlhology. Stanford 1990,71.
'Identität' in der Entwicklung der japanischen Schrift 179

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Abb. 4 B
180 Thomas Blcnman Hare

Die Abbildung 4 zeigt die erste (A) und die letzte (B) Seite einer berühmten Hand-
schrift des Tosa-Tagebuchs. Es stammt aus der Hand eines anderen großen Dich-
ters, Fujiwara Teika (1162-1241), und aus einer Zeit, in der Männer schließlich den
Mut zur ernsthaften, japanisch geschriebenen Prosa aufbrachten. Daß hier neben
der ersten auch die letzte Seite gezeigt wird, hat seinen Grund in der Annahme
Teikas, er schreibe einen von Tsurayuki selbst geschriebenen Text ab; daß er
folglich auf der letzten Seite versucht, diese Handschrift getreulich wiederzugeben:
"Um die wahre Form dieser Hand bekannt zu machen, habe ich dieses genau so
wiedergegeben, wie es geschrieben war. Viele Scharlatane haben andere Hand-
schriften als die von Tsurayuki ausgegeben. Diesen muß man mißtrauen".8
Wir wissen freilich nicht, ob der damals schon von Arthrose geplagte Teika, der
sowieso kein allzu flexibler und anpassungsfähiger Kalligraph war, Tsurayukis
Handschrift überhaupt genau reproduzieren konnte. Der bloße Versuch aber ist be-
merkenswert. Teikas Versuch, auch nur ein kleines Stück der Handschrift eines
fast dreihundert Jahre vorher gestorbenen Schriftstellers authentisch wiederzuge-
ben, bezeugt, wie stark Schrift und persönliche Identität als zusammengehörig
empfunden wurden. Ein interessantes Paradox besteht im Glauben, daß Identität in
der gelungenen Kopie wiedergegeben werden könne.
Noch wichtiger ist allerdings das Argument, das aufgrund einer Abwesenheit ge-
macht werden muß. Wir finden nämlich keine Beispiele für den Versuch, die Hand-
schrift einer Frau zu bewahren. Und das, obwohl man annimmt, daß viele der nicht
zuschreibbaren Meisterwerke früher japanischer Kalligraphie von Frauen geschrie-
ben wurden; obwohl, zur Zeit Teikas, die von Frauen während der zwei vorherge-
henden Jahrhunderte geschriebenen klassischen Werke den Gebildeten seiner Zeit
sehr wichtig geworden waren. Wie die Hand einer Frau unter einem vielschichtigen
Ärmel verborgen bleiben sollte, so sollte man auch ihre Handschrift, was immer ihr
ästhetischer Wert sein mochte, nicht identifizieren können (vgl. auch den Beitrag
von Steven T. Brown in diesem Band).
Viele unserer Diskurse heute kreisen um den Begriff Differenz. Meine eigene
Differenz wollte ich durch das Thema Identität markieren. Dabei stellt sich heraus,
daß Identität ebenso viel mit Differenzen zu tun hat wie Differenz selbst. Man hält
die kulturelle Differenz zwischen den hier zur Diskussion stehenden Texten und
den Texten, um die es den meisten Artikeln dieses Bandes geht, oft für sehr groß.
Ich möchte diese Unterschiede nicht verwischen, meine aber, daß sie oft über-
schätzt oder zu einer Größe erhoben werden, der gegenüber nur noch das Schwei-
gen zu verbleiben scheint. Ich freilich entnehme den anderen Artikeln in diesem
Buch, daß Gleiches, Ähnliches auch in anderen Zeiten und Räumen oft mehr als
Unterschiede vorhanden sind, daß die Unterschiede selbst mehr Geplauder als

8
Horic, 164 (Anm. 1).
'Identität' in der Entwicklung der japanischen Schrift 181

Schweigen hervorrufen. Diesem Artikel wünsche ich jedenfalls seine eigene


'beedte' Nachkommenschaft.

Aus dem Amerikanischen von K. Ludwig Pfeiffer


Steven T. Brown

Zur Entstehungsgeschichte der japanischen Schrift

Für die Schrift und das Schreiben in Japan brachte das 9. Jahrhundert unserer Zeit-
rechnung einen Einschnitt, der den materialen Bedingungen japanischer Bedeu-
tungskonstitution eine neue Dimension verlieh. Es handelte sich um eine neue pho-
netische Silbenschrift, kana genannt, der eine große Zukunft vor allem auch des-
wegen bevorstand, weil sie mit der Entstehung und schließlichen Institutionalisie-
rung neuer gesellschaftlicher Praktiken, neuer literarischer Gattungen, neuer Netze
der Macht zusammenhing. Im folgenden möchte ich einigen der Im- und Kompli-
kationen nachgehen, die sich um das 'diskursive Ereignis' kana, seine Erfindung
und seinen Einfluß auf Wandlungen der Schriftmaterialität in Japan ranken.
Zunächst und vor allem steht dieses Ereignis in vielfältigem Zusammenhang mit
Entstehung und Funktion der wa/ta-Dichtung im Rahmen der Geschlechterpolitik
der Heian-Periode (794-1185).

Zuvor allerdings einige Bemerkungen zu den frühesten Formen japanischer Schrift


Die ersten Zeugnisse gehören ins 7. Jahrhundert; sie treten in zwei Formen auf: Er-
stens kanbun, ein Schriftstil, der den klassischen chinesischen Schriftzeichen und
ihrer Syntax folgt. Zweitens man'yögana, eine phonetische Aneignung chinesischer
Schriftzeichen, die nicht notwendigerweise der chinesischen Semantik entspricht.
Weder kanbun noch man'yögana verwenden, strenggenommen, die chinesischen
Schriftzeichen 'ideographisch'. Ganz allgemein sollten die chinesischen Schrift-
zeichen, ob in chinesischer oder japanischer Verwendung, nicht als 'Ideographe'
oder 'Ideogramme' aufgefaßt werden.1 Tut man das, so mißversteht man ihre

'Vgl. J. Marshall Unger: "The Very Idea. The Notion of Ideogram in China and Japan". In:
Monumenia Nipponica 45 (1990), 391-411; John DeFrancis: The Chinese Language. Fact and
Fanlasy. Hawaii 1984, und Han-Liang Chang: "Hallucinaling the Other. Derridean Fantasies of
184 Steven T. Brown

orthographische Funktion gründlich. Die Schriftzeichen sind keineswegs unvermit-


telte mimetische Bilder oder natürliche Ikonen, die einen nichtphonetischen Zugang
zu Gedanken, Begriffen, Gefühlen und den Dingen selbst eröffnen. Wir müssen
vom orientalisierenden 'ideographischen Mythos' loskommen; er macht uns blind
für die Operationsweise sowohl der chinesischen wie der japanischen
Schriftsysteme, weil er jedes chinesische Schriftzeichen in eine transparente Kopie
einzelner außerlinguistischer ideeller oder materieller Modelle verwandelt. Die
Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat ist im Chinesischen so willkürlich
wie in anderen Sprachen auch. Auch die von westlichen Gelehrten oft als
Piktographe' bezeichneten frühesten chinesischen Schriftzeichen sind stilisiert und
konventionalisiert, also keine mimetischen Abbilder. Was immer an Mimetischem
in frühen piktographischen Schriftzeichen stecken mag, ist durch die herrschenden
Diskurse und Institutionen des Lesens und Schreibens vermittelt. Selbst Derrida —
als Schrifttheoretiker für Unterschiede in den geschriebenen Formen sensibilisiert
und daher gegen schlicht mimetische Auffassungen der chinesischen Schriftzeichen
gefeit ("Denn kein Signifikant, wie immer seine Substanz und Form beschaffen
sein mögen, besitzt eine 'einzige und einzigartige Realität'".2) — selbst Derrida
verfällt einer Variante des ideographischen Mythos, der die orientalistischen
Phantasien von Philosophen wie Leibniz und Hegel erhitzt hat (vgl. den Beitrag
von D. Palumbo-Liu in diesem Band). Denn auch Derrida hält die "vom
Ideogramm beherrschte" chinesische Schrift für "weitgehend nichtphonetisch", für
das "Zeugnis einer mächtigen Zivilisationsbewegung außerhalb des
Logozentrismus".3 Diese Form von Orientalismus ist deswegen von großem Übel,
weil gerade Derridas Widersland gegen den totalisierenden, ethnozentrischen Logo-
zentrismus den Ethnozentrismus in der fraglosen Übernahme 'weitgehend nicht-
phonetischer' und 'ideogrammatischer' Aspekte chinesischer Schrift zementiert.
Jeder Versuch, in 'nachgrammatologischer' Weise historisch spezifische Materia-
litäten und Funktionspotentiale chinesischer und japanischer Schriftsysteme zu
erkunden, müßte erst das ethnozentrische Vorurteil überwinden, das Derridas
orientalistische Konzeption der Ideographie voraussetzt.
Das chinesische Schriftsystem funktioniert, allgemein gesagt, weder ideogra-
phisch noch piktographisch, sondern morphematisch: Jedes Schriftzeichen bzw.
jeder Schriftzug markiert in höchst vermittelter und willkürlicher Weise ein oder
mehrere Morpheme.4 Bedeutungs-Effekte sind das Produkt, nicht der Kern jener

Chinese Script". Working Paper Cor the Center for Twenticth Century Studios at ihe Universily of
Wisconsin-Milwaukcc (Fall 1988).
2
Jacques Derrida: O/Grammaiology. Baltimore 1976,91.
3
Ebd., 90; vgl. Derrida: "Le puils et la Pyramide. Introduction ä la semiologie de Hegel". In:
Marges de la Philosophie. Paris 1972, 79-127.
4
Vgl. Roy Andrew Miller: Nihongo. London 1986, 16-22.
Zur Entstehungsgeschichte der japanischen Schrift 185

Verknüpfung von Zeichen und Morphem im Rahmen eines jeweiligen syntakti-


schen Kontexts, der seinerseits ins Netz sozialer Praktiken, Codes, Diskurse und
Institutionen eingebettet ist. Kehren wir nach diesen Warnungen und Einschrän-
kungen zum japanischen Gebrauch von kanbun und man'yögana zurück.
Kanbun haben die Japaner vor allem zur Abfassung offizieller juristischer, ge-
schichtlicher und bürokratischer Dokumente verwendet, man'yögana hingegen für
persönliche und geographische Eigennamen und für in japanischer Syntax zu
schreibende japanische Dichtung. Bei kanbun kann man zusätzlich zwischen jun
kanbun, der 'echt chinesischen Schrift' und hentai kanbun, der 'modifizierten
chinesischen Schrift', unterscheiden. Jun kanbun ist vom Gebrauch des Standard-
Chinesisch und seiner Syntax kaum zu unterscheiden; hentai kanbun hingegen
kennt syntaktische Unregelmäßigkeiten wie die Plazierung des Verbs in der japa-
nischen Wortstellung oder die Einfügung rein japanischer Höflichkeitsformen.5
Was imjun-kanbun-System geschrieben ist, das ist in einer richtigen Fremdsprache
geschrieben. Hentai-kanbun- oder man'yögana-Dokumente sind zwar in einem
fremden Schriftsystem geschrieben, befinden sich aber auf dem Weg zu japa-
nischen Schreibweisen.
Man hat den Japanern manchmal vorgeworfen, kulturelle Nachahmer zu sein, die
sich ihr Schriftsystem von den Chinesen entliehen hätten, anstatt ein eigenes zu
entwickeln. Man sollte freilich daran denken, daß der Import und die Anverwand-
lung eines fremden Schriftsystems ein ganz gewöhnlicher Vorgang in der Ge-
schichte solcher Systeme ist. Wir haben unser System von den Römern geerbt, die
ihrerseits das griechische ihren Bedürfnissen anpaßten; die Griechen wiederum
übernahmen ihres von den Phöniziern. Ähnliche Routen importierender Verein-
nahmung könnte man für viele andere Schriftsysteme nachzeichnen. Die Japaner
übernahmen das chinesische System und paßten es ihren Bedürfnissen an, so wie
das die Koreaner vor ihnen getan hatten.

//

Wenden wir uns nun der historischen und institutionellen Entwicklungsgeschichte


der japanischen phonetischen Silbenschrift kana zu. Eine Silbenschrift ist dabei als
nichtalphabetisches phonetisches Schriftsystem definiert, dessen kleinste Einheit
die Silbe im Gegensatz zum Phonem ist. Die Erfindung des iana-Systems machte
das Schreiben leichter und weniger zeitraubend als das Schreiben des kanbun oder
als den Versuch, japanische Syntax in die phonetisierten chinesischen Schrifthüllen
des man'yögana zu zwingen. Genauer umfaßt kana zwei verschiedene Silben-

5
Vgl. Yacko Sato Habein: The llisiory oflhe Japanese Wrilten Language. Tokio 1984, 7-16.
186 Steven T. Brown

Schriften, katakana und hiragana.6 Katakana entwickelte sich im 9. Jahrhundert


ursprünglich als kurzschriftartige Übertragung und vereinfachte Abkürzung von
man'yögana. Verwendet wurde es vornehmlich von buddhistischen Priestern und
Gelehrten für Notizen und syntax- bzw. flexionsbezogene Anmerkungen zu kan-
bun-Texten. Zunächst also lediglich eine Art variables Notationssystem, wurde
katakana im 11. Jahrhundert zunehmend standardisiert.
In derselben Periode entwickelte sich hiragana, zunächst als sögana genannte
kurzschriftartige Abkürzung der langschriftlichen man 'yögana- Version. Hiragana
entstammt einer kalligraphischen Stilvariante von man'yögana, nicht dem Standard-
system selbst; es tendiert daher, gegenüber den eher geradlinigen oder eckigen For-
men von katakana, zu geschwungenen Formen. In literarischer Hinsicht erwies
sich die enge Verbindung zwischen hiragana, Dichtung und Kalligraphie als außer-
ordentlich fruchtbar: Vom 10. Jahrhundert an entstanden in diesem Kontext einige
der wichtigsten Lyriksammlungen, literarischen Tagebücher und Erzählungen in
Japans langer Geschichte. Kokinshü (Sammlung aus alter und neuer Zeit), Ise
monogatari (Die Ise-Erzählung) und Genji monogatari (Die Erzählung vom Prinzen
Genji) sind nur einige der vielen wichtigen literarischen Texte der Heian-Zeit, die
entweder ganz in hiragana oder in einer hiragana und chinesische Zeichen
mischenden Schrift geschrieben sind. In jedem Fall geht die Verwendung von
hiragana eng mit der dominierenden japanischen dichterischen Form, waka, zusam-
men. Um die diskursiven Verbindungen zwischen hiragana und waka im gesell-
schaftlichen, sexuellen und literarischen Kontext von Heian-Japan soll es im fol-
genden gehen.

///

Kokinshü wurde 905 vom berühmten Dichter Ki no Tsurayuki und anderen


zusammengetragen — ein großes Ereignis am Heian-Hof. Es handelte sich nicht
nur um die erste kaiserliche japanische Dichtungsanthologie, sondern auch um die
erste, die dabei fast ganz in hiragana transkribiert wurde. Die Verwendung von
hiragana und nicht etwa kanbun oder man'yögana läßt sich der Verwendung des
Italienischen, und nicht mehr des Kirchenlateins, durch Dante bei der Abfassung
der Divina Commedia vergleichen. Kokinshü schaffte einen Präzedenzfall, dem alle
weiteren kaiserlichen Anthologien folgten. Kokinshü stellt die Verbindung zwi-
schen hiragana und waka auf eine solide Basis; hiragana gerät in der Tat zur
conditio sine qua non von waka. Man hatte zwar waka vorher auch in man'yögana
geschrieben. Kokinshü aber institutionalisierte das in hiragana geschriebene waka;

6
Vgl. ebd., 21-29; vgl. auch Christopher Sccley: A History ofWriting in Japan. Leiden 1991, 59-
89.
Zur Entstehungsgeschichte der japanischen Schrift 187

die beiden wurden unzertrennlich, und damit waka als die hervorragende Form
japanischer Dichtung gefeiert, die der besten chinesischen Dichtung an Rang
gleichkam. Auch wenn man weiterhin kanbun als Schriftsystem für offizielle
(bürokratische, juristische, historische) Zwecke verwendete, so wurde die japa-
nische Dichtung — und das heißt eben waka — ausschließlich in japanischer Syn-
tax und japanischem Vokabular niedergeschrieben.
Die Adligen der Heian-Zeit interessierten sich brennend für das, was man die
Okkasionalität der wadca-Dichtung nennen könnte: Ihre Begierde, über die genauen
Umstände der Entstehung eines waka Bescheid zu wissen, war unersättlich. Wird
aber etwa ein privates Liebesgedicht in den öffentlichen Kontext einer kaiserlichen
Anthologie gleichsam überschrieben, so gehen die Besonderheit privater Anspie-
lungen und die in der Sprache der Liebenden steckende Intimität verloren, auch
wenn der Text insgesamt lesbar bleibt. Um dieser libidinalen Unentzifferbarkeit
abzuhelfen, gaben die Herausgeber den Texten einleitende Anmerkungen oder poe-
tische Vorworte (kotobagaki) bei, welche Umstände und Kontext der Entstehung
des Gedichts aufhellen sollten. Häufigkeit, Länge und Detailliertheit der kotobagaki
nahmen in wa&a-Anthologien nach Kokinshü zu — Zeugnisse des Wunsches, sich
die Entstehung eines Gedichtes zu veranschaulichen. Bei allen Bemühungen, den
Anschein authentischer Rekonstruktion zu erwecken, halten sich von Anfang an
Formen der Unbestimmtheit unausrottbar in solchen kontextuellen Situierungen.
Ein gutes Beispiel dafür, wie Unbestimmtheit die vermeintliche Authentizität von
kotobagaki aushöhlt, liefert ein Gedicht aus dem fünften Liebesbuch des Kokinshü.
Es stammt von dem berühmten Poeten und Liebhaber Ariwara no Narihira:

Ist dies nicht der Mond? Tsuki ya aranu


Und ist dies nicht der Frühling, haru ya mukashi no
der Frühling alter Zeiten? harunaranu
Nur dieser Körper, mein Körper, wa ga mi hiun.su wa
derselbe Körper wie vorher. moto na mi ni shite.
(Nr. 747)

Diesem Gedicht ist folgendes kotobagaki vorangestellt:

Einmal, ganz plötzlich, begann Narihira, eine Dame zu lieben, die im WcstflUgcl des Palastes
wohnte, welcher der Kaiserin Gojö gehörte. Kurz nach dem Zehnten des Ersten Monats zog die
Dame weg, ohne ihm irgendeine Nachricht zu hinterlassen. Er erfuhr, wohin sie gegangen war,
konnte mit ihr aber nicht in Verbindung treten. Im Frühjahr des folgenden Jahres, als die
Pflaumcnblütc am schönsten war, zogen ihn die Erinnerungen ans vorhergehende Jahr in einer
188 Steven T. Brown

schönen mondbcglünzten Nacht zurück in den Westflügel. Er legte sich auf den Boden des leeren
Zimmers, bis der Mond am Himmel herniedersank.7

Man kann nicht ermitteln, wer dies geschrieben hat. War es Narihira selbst? Oder
einer seiner engen Freunde? Oder vielleicht einer der Herausgeber der Anthologie?
Einiges spricht für die Kompilatoren, sicher können wir aber nicht sein. Gewißheit
haben wir nur, was die Funktion des kotobagaki anlangt: Es soll die Lücken füllen,
welche die dekontextualisierende neue Niederschrift des Gedichts aufgerissen hat.
Nicht nur steht das Gedicht nicht mehr in seinem sogenannten 'ursprünglichen
poetischen Kontext'. Man hat es auch von dem Ort entfernt, den es in der umfas-
senden Reihe poetischer Wechselreden eingenommen hatte, die vermutlich zwi-
schen Narihira und seiner Geliebten stattgefunden hätten. Die meisten Beziehungen
zwischen Männern und Frauen der Heian-Zeit waren, von den frühen Stadien der
Liebeswerbung bis zum 'bitteren' desillusionierten Ende, in intertextuelles Gewebe
poetischer Wechselrede eingebettet; ein einzelnes, isoliertes waka ist daher die Aus-
nahme. Damit soll nicht die Anthologie verdammt werden, weil sie es verabsäumt
habe, die gesamte poetische Sequenz zu transkribieren, die zu Narihiras tiefschür-
fenden Fragen über die Flüchtigkeit der Liebe führten. Aber es muß auf die Fragili-
tät und Unbestimmtheit der beigefügten einleitenden Anmerkung hingewiesen wer-
den, welche Lücken schließt, indem sie einen Kontext fabriziert. Darüber hinaus
aber werden die vermeintliche 'poetische Ursprungssituation' ebenso wie das koto-
bagaki in den Strudel de- und rekontextualisierender 'Zitathaftigkeit' und Zitierbar-
keit8 hineingezogen, in der sich der poetische Liebesaustausch 'abspielt'. Das ko-
tobagaki 'poetisiert' — schreibt um, übersetzt, vertextet — die kontingenten Um-
stände, mit welchen die Szene ursprünglicher poiesis umstellt ist. Es gibt diese Ur-
sprünge selbst nicht wieder. Es be-schreibt eine Gelegenheits-Schöpfung und er-
zeugt damit allererst den 'poetischen' wafoi-Kontext.

IV

In der Heian-Zeit und danach hat man hiragana oft onnade (Frauenhand) oder on-
namoji (Frauenliteratur) genannt, denn die Schrift wurde gewöhnlich von den Da-
men der Heian-Aristokratie für Dichtungen und Briefe im japanischen Stil verwen-
det. Traditionsgemäß hat man diese Frauen eher davon abgehalten, die chinesische
Literatur zu studieren oder kanbun oder man'yögana schreiben zu lernen, denn dies

7
Hclcn Craig McCullough (Übers.): Kokin Wakashü. Stanford 1985, 165.
"ich beziehe mich auf Dcrridas Idee der "citationnalitd" bzw. "iicrabilitd generale", die — im
Gegensatz zu Annahmen J. L. Austins — dazu führt, daß es so etwas wie einen 'reinen', voll
geglückten Sprcchaki nicht gibt. Vgl. Derrida, "signaturc evdnement contexte". In: Marges de la
Philosophie. Paris 1972, 364-393, 378f.
Zur Entstehungsgeschichte der japanischen Schrift 189

betrachtete man als eigentlich männliche Fertigkeiten. So überrascht es nicht, daß


man'yögana in der gleichen Zeit als otokode (Männerhand) bezeichnet wurde. An
und in sich war hiragana natürlich nicht die Ursache einer solchen Geschlechts-
spezifikation in der Heian-Zeit. Wohl aber diente es als Technik einer Macht-
einschreibung, durch welche die Kanalisierung der Macht von Männern und Frauen
verstärkt wurde. Die Geschlechtsspezifikation dieser beiden Notationssysteme
schreibt sich den vom diskursiven und institutionellen Netz der Zeit strukturierten
gesellschaftspolitischen Grenzen zwischen Männern und Frauen ebenso ein wie sie
von diesen selbst gesteuert wird. Den Männern war zwar der /u>a#a/ia-Gebrauch im
poetischen oder brieflichen Kontakt mit Frauen nicht verboten — einige Poeten wie
Ki no Tsurayuki benutzten sogar die Maske weiblicher Sprecher in ihren Texten
(vgl. die Ausführungen T. B. Hares zum Tosa-Tagebuch in seinem Artikel in
diesem Band). Aber nur wenige Frauen konnten es wagen, sich in der Männer-
schrift (otokode) zu artikulieren, ohne sich die Mißbilligung ihrer Adelsgruppe —
Männer wie Frauen — zuzuziehen. Andererseits wurden eben wegen der engen
Verbindung zwischen hiragana und onnade viele der berühmtesten Werke der
japanischen Literatur von Frauen der Heian-Zeit geschrieben (vgl. Die Erzählung
vom Prinzen Genji, Makura no söshi I Das Kopfkissenbuch, fzumi Shikibu nikki I
Das Tagebuch von Izumi Shikibu). Vorher waren die Frauen aus der Praxis lite-
rarischer Künste ausgeschlossen. Nun, in der Blüte des Heian-Hoflebens, wurden
sie dazu ermuntert. Unglücklicherweise brachten ihre hervorragenden literarischen
Leistungen diesen Frauen nicht unbedingt größere persönliche Freiheit oder Spiel-
räume ein.
Im allgemeinen zwang die Hofetikette die Frauen zu einem abgeschiedenen, 'ab-
geschirmten' Leben hinter Zwischenwänden, Vorhängen und Hofdamen. Deswe-
gen entwickelte sich der Austausch von waka zum wichtigsten Kommunikations-
kanal zwischen den Männern und Frauen dieser Zeit.9 Waka war der Kanal,
hiragana das Medium, durch welche Botschaften zwischen den Geschlechtern kom-
poniert, gespeichert und übermittelt werden konnten. Erfolg oder Fehlschlagen ei-
ner solchen Austausch-Sequenz entschieden oft über den Lauf, den die Beziehung
zu einer Person des anderen Geschlechts nahm. Das Ergebnis hing nicht nur vom
Inhalt des Geschriebenen, sondern auch von den Umständen des Wie (das heißt
von handschriftlichem Stil, Stärke, Größe, Design und Farbe des Papiers, dem
jahreszeitlich gebotenen Blütenreis, an welches das Gedicht geheftet war, ja selbst
vom Aufzug des Boten, der das poetische Sendschreiben überbrachte) ab. All diese
kontingenten Faktoren spielten in die semiotischen Effekte dieser speziellen poeti-
schen Schriftlichkeit hinein, nicht als klare Tatsachen natürlich, sondern als dis-
kursiv — und das heißt auch: von den Materialitäten der Schreibsituation — miter-
zeugte semiotische Differenzen.

9
Vgl. Ivan Morris: The World ofthe Shilling Prince. New York 1979, 190-194, 225f.
190 Steven T. Brown

Der wichtigste Faktor dabei war der Stil der poetischen Handschrift (vgl. die
Bemerkungen zur Kalligraphie im Artikel von T. B. Hare in diesem Band).10 Der
gesprochenen Sprache mißtraute man; sie war zwangsläufig mehrdeutig. Der Kult
der Kalligraphie, wie ihn die Heian-Zeit betrieb, feierte hingegen die Materialität
des waka als verläßliches Zeichen für Geschlecht, Alter, Status und Geschmack:
Die Worte mochten lügen, die Handschrift nicht. Zwar sagt uns dieser Glaube an
den kalligraphischen Stil als graphologischen Index oder eindeutige Objektivation
der Erziehung, der ästhetischen Sensibilität und des Charakters mehr über das herr-
schende Protokoll poetischer Kommunikation zwischen den Geschlechtem als über
den epistemologischen Status des handgeschriebenen kana. Gleichwohl wären die
im poetischen Austausch aufscheinenden Effekte der Begierde ohne die Erfindung
des kana und seine verändernde Wirkung auf die Schauplätze des gesellschaftli-
chen, sexuellen und literarischen Handelns im Japan der Heian-Zeit nicht möglich
gewesen.

Aus dem Amerikanischen von K. Ludwig Pfeiffer

,0
Vgl. Morris (Anm. 9), 195-199.
ARCHÄOLOGIEN I INSTITUTIONEN
Dietmar Kamper

"Der Geist tötet, aber der Buchstabe macht lebendig"


Zeichen als Narben

Zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion, zwischen einer geläufigen Interpreta-


tion des Sinns und einem zögernden Sich-Vortasten in den Nicht-Sinn, zwischen
dem inneren Selbstverständnis und dem Denken des Außen gibt es einen ausge-
zeichneten Punkt der Entscheidung. Dort geht es um die Richtung, die einer nimmt.
Wer der Vernunft folgt, kann bleiben, wo er ist. Wer aber die Partei des 'Anderen
der Vernunft' vertreten will, muß sich in Bewegung setzen. Er befindet sich bald
auf einer Brücke, deren jenseitige Landung ungewiß ist. Schreiben ist eine solche
Bewegung, ein Brückenschlag ins Ungewisse und Sinnlose. Die Parteinahme für
das Materielle geht nur über die Berührung. Während die Geschichte des Geistes
von der Verschärfung eines Noli me langerei geradezu gelebt hat und schließlich
daran gestorben ist, stammt der Buchstabe aus dem Spüren der Spur. Eine Theorie
des Schreibens ist deshalb unmöglich, weil Theorie zur Geschichte des Geistes ge-
hört. Schreiben aber zur Gegengeschichte des Buchstabens. Das, was daran zählt,
ist das Taktile, im Nachfahren der Narben mit den Fingerspitzen. Nur ein derartiger
Graphismus des Schmerzes erreicht den Körper, seine prähistorischen Inskriptio-
nen, die immer wieder gelesen und geschrieben werden müssen. Schreiben ist
durchaus kein Medium der sich verständigenden Kommunikation. Es war zunächst
Anbetung, Adoration und Archivierung der Vorräte für die Mahlzeiten. Vielleicht ist
es demnach gar der Vorrat für das Mahl der Götter. Aber es erhielt später seine
Notwendigkeit durch die Rekapitulation des unsichtbaren Textes, welcher der
evolutionären und historischen Menschwerdung zugrundeliegt. Von der Körper-
zelle bis zur Großhirnrinde ist das, was ist, codiert: über Schriftzeichen, die in der
Zeit gezählt werden können. Wenn die Menschen diesen Sub-Text der Geschichte
nicht lesen oder schreiben können, müssen sie ihn blindlings und depressiv
vollstrecken. Das führt unabdingbar in die Gewalt des Geistes gegen den Körper,
von der Kafka handelt, wenn er schreibt: "merkwürdiger, geheimnisvoller.
194 Dietmar Kamper

vielleicht gefährlicher, vielleicht erlösender Trost des Schreibens: das Hinaussprin-


gen aus der Totschlägerreihe".

Jenseits der Moderne. Diesseits des Mythos

Wenn es zutrifft, daß etwas um so später begriffen werden kann, je früher es ge-
schah, dann müßte sich heute die Chance ergeben, dem herrschenden Gefängnis
des Imaginären zu entgehen und den Zwang zu unterlaufen, der darin besteht, daß
man sich immer aufs Neue in Geschichten verstrickt. In den festgefahrenen Streit
von Mythos und Moderne sollte endlich Bewegung kommen, die nach zwei Seiten
zugleich führt: auseinander, vorwärts und rückwärts. Denn die oft beschriebene
Dialektik der Aufklärung', die eine Art Selbstblockierung des Handelns und Den-
kens bedeutet, dauert schon zu lang. Die Klammer zwischen den frühen und den
späten Mustern der menschlichenen Erfahrung, daß also Geschichten Theorien ent-
halten und in Theorien Geschichten verborgen sind, sorgt dafür, daß Mythos und
Moderne ineinander verbohrt bleiben und die darüber streitenden Parteien an Fron-
ten zusammengezwungen werden, die historisch längst überholt sind.
Die lebens- und gattungsgeschichtliche Dominanz der Zeichen läßt sich als Aus-
druck einer primordialen Verwundung begreifen. Nur so kann man die Prägnanz
erklären, mit der die Menschheit ihre Abstraktionen über Sprach- und Kulturgren-
zen hinweg durch die Jahrtausende wiederholt und wiedergeholt hat. Von den frü-
hesten Ritzzeichnungen der Altsteinzeit bis zu den heutigen Piktogrammen im
Schilderwald des Verkehrs erhält sich — bei aller Varianz — eine erstaunliche
Kontinuität. Offenbar ist es auch hier so, daß erst am spätesten herausgearbeitet
werden kann, was zum ältesten Bestand der menschlichen Kultur gehört: das Fun-
dament des Ästhetischen, das Ordnungsgefüge der Erfahrung, die Struktur einer
imagination fondatrice.
Die frühesten Zeugnisse der Signifikation verraten nämlich ein Vermögen, das
heute selten geworden ist: das Vermögen, den Schmerz des Materials zu empfin-
den, in das sich die Zeichen einschreiben. Das Einvernehmen der Empfindung geht
bis zur Ungeschiedenheit. Noch ist die Trennung nicht vollzogen: die Trennung
zwischen Subjekt und Objekt, die das Spiel der Macht und der Herrschaft eröff-
nete. Noch sind die Grenzen durchlässig wie Filter. Diese Sympathie mit dem
Stein, mit der Wand, mit der Fläche, mit der Haut ist sensibel für die Effekte der
Gewalt, die von einem bestimmten Zeitpunkt an mit dem Menschen auf Erden as-
soziiert ist. Deshalb gab es eine Vorliebe für jene komplexen Zeichen, die ihr letzt-
lich unbezwingbares Gegenteil, den chaotischen Stoff, an sich und in sich haben.
Man denke an das Netz, das die Gewebe strukturiert, an die Kreuzformen, die zu-
gleich Koordinatensysteme und Leidenszeichen bilden, an die Kreise, die ein
"Der Geist tötet, aber der Buchstabe macht lebendig" 195

Wiedererkennen von Heimat und Fremde ermöglichen, an die Umrisse der tieri-
schen und menschlichen Gestalt, die teilweise der Macht enthoben sind.
An einer solchen Grenze der menschlichen Welt dokumentiert sich die Fähigkeit,
Ordnung auch ohne Rüstzeug, ohne Wälle und Waffen, ohne Verteidigungs- und
Angriffsarsenale zu errichten. Es handelt sich um Rhythmisierungen, um die ge-
zählte Zeit der Ereignisse, um Protosymbole, die noch keiner Exegese bedürftig
sind und durch keine narrative Struktur zusammengehalten werden müssen. Erst
damit wäre es möglich, in den Horizont einer Geschichte der Erde einzutauchen
und die 'Materien' des menschlichen Lebens der Machtform des Mythos zu entklei-
den. Ähnlich jenen Tierschlafträumen, die bilderlos sind und keine Traumbedeu-
tung brauchen, haben die abstrakten Schriftzeichen einer derart eingeschriebenen
Erfahrung ihren bis heute unersetzlichen Stellenwert.

Körpergedächtnis. Zeichen machende Phantasie

Es gibt drei aparte Zeilen Hölderlins, die Norbert von Hellingrath der späten
Hymne Mnemosyne vorangestellt hat. Sie widerstreiten ausdrücklich der Hegel-
schen Version von der Entfaltung des menschlichen Gedächtnisses, indem sie den
Aufstieg der Einbildungskraft zur Vernunft auf der Stufe des Zeichens umdrehen
und die Konsequenzen zeichenmachender Willkür ihrerseits kennzeichnen: "Ein
Zeichen sind wir, deutungslos / Schmerzlos sind wir und haben fast / Die Sprache
in der Fremde verloren".1 Man erinnere sich: Mnemosyne, das tiefe Gedächtnis der
Menschheit, war die Geliebte des Zeus für neun Nächte, die Mutter der Musen.
Hölderlin hält den Verlust dieses Gedächtnisses für wahrscheinlich, zumindest den
seiner Resonanz im Mythos. Zugleich setzt er auf die pure Tatsache einer Erinne-
rungsspur, die auch von den Göttern nicht ausgelöscht werden kann:

Nicht vermögen / Die Himmlischen alles. Nemlich es reichen / Die Sterblichen eh in den Ab-
grund. Also wendet es sich / Mit diesen, lang ist / Die Zeit, es ereignet sich aber / Das Wahre.2

Der Kontrapunkt Hölderlins betrifft einen Graphismus des Schmerzes, der nur ist
und nichts bedeutet. Im Zeichen kommt die Zeit zum Tragen. Erst in ihr sind Er-
eignisse möglich, deren Wahrheit erzählt werden kann, aber für sich ist die Folie
der Erfahrung deutungslos. Das Körpergedächtnis erzählt keine Geschichten, son-
dern besteht aus Markierungen, welche — vielleicht — die Wirklichkeit der Götter
bezeugen, die einmal ins Fleisch der Menschen eingebrannt war.

'Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke. Hg. von N. v. Hellingrath. Bd. 4. Berlin 1943,225.
2
Ebd.
196 Dietmar Kamper

Hier genau geht es um die Grenze, die Scheidelinie von Schrift und Materie.
Denn sogar die 'Weisheit' der Zellen hat Schriftcharakter. Neueste Erkenntnisse
bestätigen in einer unerhörten Weise die Mikro-Makro-Kosmos-These der unter-
schwelligen abendländischen Überlieferung. Der Körper zeigt dieselben Strukturen
wie das Kleinste und das Größte: Von der Doppelhelix bis zur Weltall-Spirale gibt
es durchgehende Prägungen siderisch-geologischer und genetischer Art, die am
Körper als Schriftspuren wiederkehren. Den nackten Körper hat es insofern nie ge-
geben. Immer diente er als Gedächtnisfolie für prähistorische, geschichtliche und
biographische Einschreibungen.
Auch die menschliche Kultur hat von Anfang an als kodierende Schrift, als uni-
verselle Tätowierung funktioniert, die nach Maßgabe großer Ordnungen Narben der
Erinnerung zeichnete. Etwas davon wiederholt sich noch in jedem Menschenleben.
Die frühkindliche Prägung, die soviel Entscheidendes vorwegnimmt, ist nichts an-
deres. Interstellare Strukturen werden in Form von Familienkonstellationen am
Körper durchgesetzt, in der Folge der sensiblen Phasen der menschlichen Sinne.
So arbeitet die symbolische Ordnung: Sie setzt eine Schrift des Körpers durch, die
der Betroffene nicht mehr abschütteln kann. Das sogenannte Natürliche wird also,
je weiter man der Archäologie der Niederschriften folgt, immer unwahrscheinli-
cher.
Der Körper ist bis ins Innerste der Platz einer durchgreifenden Einbildungskraft,
die wie ein Spiegel des Universums funktioniert. Und doch ist die Frage nicht ver-
stummt, was es mit der anderen Seite der Schrift, der 'Materie', auf sich hat. Es
gab im Nach-Denken eine unentwegte Suche nach dem Schriftlosen, nach dem An-
deren Körper^, der jenseits der Zeichen-Ordnung liegt. Bei dieser Suche war das
Problem, innersprachlich eine Nicht-Sprache zu konstituieren, die als Garantie für
eine außersprachliche Realität in der Sprache würde gelten können; das ist der Rest,
der Abfall, das, was übrig bleibt, wenn alles aufgeschrieben worden ist. Wahr-
scheinlich handelt es sich um den Schmerz, der immer dann in Erscheinung tritt,
wenn der verzweifelte Versuch, auf den Spuren der Schrift dem Körper sein Eige-
nes zu lassen, scheitert. Etwas geht nicht auf in der symbolischen Ordnung. Davon
handelt die Kunst. Es bleibt eine Wildnis zurück, die ihrerseits für Grenzen sorgt,
an denen der zerstückelte Körper ebenso auftaucht wie der organlose, oder die
Wüstensand-Wirklichkeit der menschlichen Haut. Aktuell ist die noch rätselhafte
Aufspaltung des Körpers in eine fast materielose Marionette und einen fast schrift-
losen Erdenkloß, wie er in den Ketten von Trauer, Melancholie und Depression
sich vordrängt. Vermutlich reagiert der Mensch auf dem Gipfel der Moderne einer-
seits blindlings, indem er bei seinem technischen Ersatzprogramm des Lebens einer
geistigen Verdopplung des beschrifteten Körpers nachhängt, andererseits depres-

3
Vgl. Kamper, Dicimar/Wulf, Christoph (Hrsg.): Der Andere Körper. Berlin 1984.
"Der Geist tötet, aber der Buchstabe macht lebendig" 197

siv, mit unhaltbarer Schwere, auf diese bis zur Selbstkontrolle überspitzte, abstrakt
gewordene Schrift der Welt.
Was in der Selbsterfahrung des Geistes als Konsekution vom Konkreten zum
Abstrakten erscheint, mag sich in der Geschichte des Körpers genau umgekehrt ab-
gespielt haben. Nach wie vor ist nämlich die Tatsache einer frühen Abstraktheit der
Zeichen, lange vor dem Vermögen des Konkreten, rätselhaft. Was bestimmt zum
Beispiel Kinder, beim ersten Zeichnen für Mensch, Tier, Baum, Haus, Boot usw.
Figuren zu finden, die nicht von realen Erscheinungen abstrahiert sind, sondern
eher im Gegenteil Modelle für die Wahrnehmung der Wirklichkeit abgeben? Wie
läßt sich zum Beispiel die Fülle der paläolithischen Zeichen verstehen, die den 'rea-
listischen' Höhlenmalereien der Zeit nach weit vorausliegen? — In der Antwort auf
solche Fragen muß man eine Korrespondenz zwischen dem beschrifteten Körper
und dem Vermögen der Zahlen und Figuren annehmen, die auch heute noch keines-
wegs entziffert ist. Vermutlich hat sie mit der Entstehung der menschlichen Sprache
zu tun.

Wunden und Wunder. Die schlagenden Beweise der zeremoniellen Ordnung

Der Etymologie zufolge heißt Zeichen zunächst Wunderzeichen. In der Formel 'und
es geschahen Zeichen und Wunder' ist dieser Konnex festgehalten. Auch wird in
den meisten Zeichentheorien, bevor sie zum Wesentlichen kommen, ein solcher
Ursprung konzediert, ohne daß klar würde, was das heißt. Ob nun die 'Prophetie'
mit dem Deuten von Vor-Zeichen oder der 'Jagdzauber' mit der magischen Vor-
wegnahme eines Treffens des Tiers als bedeutungsvoller Horizont angenommen
wird, eine solche Reduktion (Zeichen gehören ursprünglich laut Baudrillard in die
zeremonielle Ordnung) bleibt solange fragwürdig, wie das Verständnis von Zauber
und Magie lediglich konventionell ist, d.h. in der Perspektive der Geschichte, der
Aufklärung, der Moderne gewonnen wurde und in einer Retrojektion des Sinns
besteht.
Nietzsche hat in seinen implizit antihegelianischen Werken zur Geschichte der
Menschheit eben dies Unkonventionelle versucht: die Entstehung des Körperge-
dächtnisses auf Verwundungen zurückzuführen, die offenbar die Betroffenen zu
Wunderzeichen befähigt haben. Als erste Voraussetzung genealogischen Begreifens
konstatiert Nietzsche das Auseinanderfallen von Ursprung und Sinn:

[Eis gibt für alle Art Historie gar keinen wichtigeren Salz als jenen, der mit solcher Mühe errun-
gen ist, aber auch wirklich errungen sein sollte — daß nämlich die Ursache der Entstehung eines
Dings und dessen schließliche Nützlichkeit, dessen tatsächliche Verwendung und Einordnung in ein
System von Zwecken toto coelo auseinander liegen [...]; daß alles Geschehen [...] ein Überwälti-
gen (...) und daß wiederum alles Überwältigen [...] ein Zurechtmachen ist, bei dem der bisherige
198 Dietmar Kamper

'Sinn' und 'Zweck' notwendig verdunkelt [...] werden muß [...]; die ganze Geschichte [...] eines
Brauchs kann dergestalt eine fortgesetzte Zeichenkette von immer neuen Interpretationen und Zu-
rcchtmachungcn sein, deren Ursachen selbst unter sich nicht im Zusammenhange zu sein brauchen

Hier steht Intensität gegen Intention, Schrift gegen Botschaft, Buchstabe gegen
Geist, Magie gegen Mythos. Die zeremoniellen Wirkungen am Körper, an den
Dingen sind nur Male, sonst nichts; die Interpretationen und Sinnkonstrukte ent-
stammen schon der Geschichte des Geistes. Die Wunden, die geschlagen werden,
sind Beweise anderer Art als diejenigen, die man aus Argumentationsgängen kennt.
Sie können auch nicht vollständig übersetzt werden in eine verständliche Sprache.
Man weiß, daß es sie gegeben hat und gibt; und doch entziehen sie sich der Aneig-
nung; sie verhindern aufgrund ihrer Fremdheit die geschlossene Immanenz des
Imaginären.
Das Material einer derart grausamen Erinnerungsarbeit, die durchweg auf ab-
strakte Muster, auf Male, Kerben, Einschnitte setzt, ist zunächst der menschliche
Körper, die Oberfläche der Haut, auf der sich die Mnemotechnik gleichsam mime-
tisch inkorporiert. Aber es gibt von Anfang an Substitute für die Aufzeichnung, die
zum Weiterschreiben dienen: die 'Haut' der Dinge, die 'Haut' der Pflanzen und
Tiere, die 'Haut' der Häuser, außen und innen, die 'Haut' der Erde; und es gibt
später Substitute dieser Substitute, von der 'Kuhhaut' über das Pergament zum
Papier.
Entscheidend ist, daß die Kette der Substitute in der Erfahrung zusammenhält,
daß also jederzeit klar ist, v/er gemeint ist mit den Wahrnehmungsstrukturierenden
Schriftspuren: immer der menschliche Körper, sofern er zeitlich ist. Über die Ge-
setzmäßigkeiten der Ähnlichkeit, der Korrespondenz, der Sympathie mit dem
Schmerz des Anderen wird erreicht, daß in allen Metamorphosen von Wunde,
Narbe, Gedächtnisspur, Muster, Zeichen eine einzige verkörperte Zeitordnung zur
Geltung kommt.
Wahrscheinlich müssen solche Erfahrungen eine Schleife durchlaufen, um le-
bendig zu bleiben: die Schleife von Inkorporation und Mimesis, von Einbildung
und Ausdruck, wobei die zeichen-machende Phantasie, passiv und aktiv, eine Art
Schaltkreis darstellt. Erst das volle Durchlaufen der Bahn ohne Fixierung würde
garantieren, daß die Verletzungen des Körpers nicht einfach auf Vernichtungswün-
sche umgelenkt werden. Der 'Normalfall' der zeremoniellen Ordnung bestünde
darin, daß einer wegen der Grausamkeit, die er erleidet, sensibel wird für die
Grundrisse der Welt. Eine solche Logik ist bislang nur ästhetisch ausgebildet wor-
den.

4
Nicl7.schc, Friedrich: 7MT Genealogie der Moral. In: ders.: Werke. Bd. 2. Hg. von K. Schlcchta.
München 1969, 817f.
"Der Geist tötet, aber der Buchstabe macht lebendig" 199

Markierung, Wiederholung, Rhythmisierung machen eine Wirklichkeit des Zäh-


lens aus, die erst heute, im Zusammenhang mit der neuthematisierten Zeit, wieder
begriffen werden kann.5 Jacques Lacan hat sie als 'Sprachordnung' des Unbe-
wußten dechiffriert. Das 'Mathematische' gehört so betrachtet zur Konstitution des
sprechenden und hörenden Menschen. Die abstrakte Formel faßt ihn — weil sie
taktil ist— tiefer als die Lebensgeschichte. "Der Mensch ist durch sein ganzes Sein
eingebunden in die Zahlenprozession, in einen ursprünglichen Symbolismus, der
sich von imaginären Repräsentationen unterscheidet".6 Dieser Symbolismus darf
auf keinen Fall mit der frühen Erzählung, mit dem Mythos verwechselt werden. Die
Figuren sind keine Mythogramme, die noch der Auslegung harren; sie sind weder
für sich noch im Zusammenhang mit anderen Mustern Momente einer Geschichte,
sondern verifizieren die Ebene einer vor-mythischen Magie; sie erschaffen die Er-
fahrung der Zeit. Sie

[...] hüllen das Leben des Menschen so vollständig ein in ihr Netz, daß sie, noch bevor er auf die
Welt kommt, diejenigen zusammenfuhren, die ihn 'aus Knochen und Fleisch' zeugen; daß sie ihm
bei seiner Geburt als Geschenk der Steme [...] das Zeichen seines Schicksals übergeben; daß sie
ihm die Wörter zur Verfügung stellen, die ihn treu oder abtrünnig werden lassen f...]. 7

Es handelt sich um dieselbe Spur, die Leroi-Gourhan8 als die 'Pünktlichkeft der
Opfer' beschrieben hat, Unterbrechungen der zyklischen Zeiterfahrung, die zu
'Hochzeiten' stilisiert wurden und zunächst nur dies meinten: 'Ordnung' vor der
Geschichte mit ihren Geschichten. Wichtig ist, daß diese 'magische Ebene', auf der
außer den Zahlen und Figuren auch die Namen mitspielen, keine verlorene oder
verlierbare Welt ist, sondern ein überlagerter Grund, ohne den die Menschen nicht
leben können.
Was von der gegenwärtigen 'Kunst der Zeichen-Setzung' jeweils rückwärts
buchstabiert wird, ist nicht der Sinn der Welt. Wenn nicht alles täuscht, geht es um
nichts Geringeres als um eine neue menschliche Stellung zu dem, was ist, eine
Stellung, die nicht mehr den katastrophischen Bedingungen von Mythos und Ge-
schichte unterliegt. Es geht darum, den theoretisch eskamotierten Zusammenhang
von Wunden und Wundem praktisch ästhetisch derart zu referieren, daß von dort
aus eine andere Version der Welt, eine 'entrüstete Ordnung' möglich wird. Der
Reim, den der Mythos als Katastrophenbericht sich macht und der von den großen
historischen Erzählungen in Übersetzungen nur wiederholt wird, ist nicht der ein-
zige und darf nicht der einzige bleiben.

Vgl. Kacmpfcr, Wollgang: Die Zeil und die Uhren, mit einem Beitrag von Dietmar Kamper
"Umgang mit der Zeit. Paradoxe Wiederholungen". Frankfurt/M. 1991.
6
Lacan, Jacques: Schriften I. Ollen 1973, 138.
7
Ebd., 120.
8
Vgl. Leroi-Gourhan, Andr6: Hand und Wort. Frankfurt/M. 1980.
200 Dietmar Kamper

Kafkas zögernder Satz über das Schreiben wiederholt jenes 'Zögern vor der Ge-
burt', als das der Autor sein Leben bezeichnete. Er markiert damit eine dem inneren
Selbstverständnis, der Sinninterpretation, der Hermeneutik diametral entgegenge-
setzte Wahrnehmung: nämlich daß die Körper als beschriftete die Opfer einer end-
losen Kette von Gewalt in der Geschichte des Geistes sind. Zeichen als Narben
verstanden gehören nicht auf die Seite einer Bemächtigung der Räume, sondern auf
die Kehrseite eines Erleidens der Zeit, das entsprechend dem Rhythmus des eige-
nen Herzens auf Verlangsamung und Beschleunigung, auf Unterbrechung und
Überbrückung angewiesen ist. Daß der menschliche Körper der Geschichte vor-
ausgesetzt werden muß9 — jeder Geschichte, auch der Geschichte des Geistes — ,
wird heute erst klar, da seine Verabschiedung als Maßstab täglichen Lebens fast
perfekt ist. Ein körperloser Geist hat die Herrschaft über die menschliche Erfahrung
angetreten und opfert sich alles, was nicht auf den Kopf zu stellen ist. Der Geist,
der tötet, weil er tot ist, ist keineswegs ohnmächtig. Vielmehr durchherrscht er in-
zwischen alle selbstreferentiellen Prozesse, alle Kreisbewegungen, die eine auf
Dauer gestellte menschliche Wirklichkeit belasten, insbesondere die Ordnung eines
geistlosen Körpers, der in den Manifestationen der Kultur unendlich langsam ver-
west. Sensible Zeitgenossen spüren diese Gefahr, die von einem gesellschaftlichen
Imaginären ausgeht, das sich bis zum Horizont des absoluten Geistes aufbläht und
von sich behauptet, alle Welt zu sein. Sie versuchen, dergleichen Herrschaft mittels
eines neuartigen Buchstabierens der vorausgesetzten Schrift des Körpers™ zu un-
terlaufen, ohne dabei eine Rückübersetzung in bereits bekannte Kontexte zu unter-
nehmen. Dieses Verfahren löst Ästhetik aus dem philosophischen Zusammenhang
und macht sie zur Performance, orientiert sich also an künstlerischen Verfahren,
wie sie im Nachgang des Surrealismus zum Beispiel von Marcel Duchamp in le-
benslänglicher Kleinarbeit entwickelt wurden. Dabei kommt alles darauf an, die
buchstäbliche Subversion des Geistes nicht zum Substitut des Körpers werden zu
lassen.

9
Vgl. Banhos, Roland: LeconILektion. Antrittsvorlesung am College de France. Frankfurt/M.
1980.
,0
S o der Titel meines ersten Aufsatzes zum Thema; vgl. Kamper, Dietmar: "Die Schrift des
Körpers". In: Akzente, Zeitschrift für Literatur, hrsg. v. Michael Krüger, Heft 4/1982. Das Thema
war dann noch mehrfach Gegenstand von Erörterungen, insbesondere in zwei Kapiteln meines
Buches Zur Soziologie der Imagination. München 1986: "Dissens als Dissens. Vom Ende der
Unbcxchcidcnhcil" und "Zeichen als Narben. Der Graphismus des Schmerzes" (deren Grund-
gedanken in den hier vorgelegten Aufsatz eingeflossen sind) sowie— systematisch — im Dritten
Band meiner Reihe zu Problemen der Einbildungskraft: Unmögliche Gegenwart. Zur Theorie der
Phantasie. München 1992.
Alois Hahn

Handschrift und Tätowierung

/. Handschrift und Tätowierung als Wahrheitsgenerator

Vor etlichen Jahren schrieb ich einen Aufsatz über die soziologischen Aspekte der
Geschichte der Beichte.1 Seit dieser Zeit verfolgte mich das Interesse an sozial
institutionalisierten Formen der Selbstthematisierung.2 .
In diesen Kontext fügt sich auch die folgende Darstellung von Tätowierung und
Handschrift: Sie werden hier als Formen der sozialen Indienstnahme des Körpers
behandelt, mittels derer er als ein institutionalisierter 'Wahrheitsgenerator' fungiert.
In dieser beiden gemeinsamen Funktion liegt die Einheit ihrer Form. Die Differenz
besteht darin, daß es in einem Falle der schreibende, im anderen der beschriebene
Körper ist, der als Bekenntnis gelesen wird.
Sowohl durch seine Handschrift wie mittels einer Tätowierung kann man zeigen,
wer man wirklich ist.3 Aber wie es eben häufig mit sozial institutionalisierten Dis-
positiven der Selbstdarstellung geschieht, können auch sie zu Momenten von Ein-

1
Alois Hahn: "Zur Soziologie der Beichte und anderer Formen institutionalisierter Bekenntnisse:
Selbstthematisierung und Zivilisalionsprozcß". In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie 34, 1982, 407-434.
2
Vgl. zusammenfassend: Alois Hahn/Volker Kapp (Hrsg.): Selbstthematisierung und Selbst-
zeugnis: Bekenntnis und Geständnis. Frankfurt am Main 1987. Für den Sonderfall der Therapie
vgl: Alois Hahn/Herben Willems/Rainer Winter: "Beichte und Therapie als Formen der Sinn-
gebung". In: Gerd Jüttcmann/Michael Sonntag/Christoph Wulf (Hrsg.): Die Seele. Ihre Geschichte
im Abendland. Wcinhcim 1991,493-511.
3
Dabci ist freilich zu beachten, daß man zwar sowohl durch Handschrift als auch durch Täto-
wierung zeigen kann, wer man ist. Jedoch gilt, daß dies fUr den Fall der Handschrift die bloße
Folge der Wahmchmbarkcit einer Körperspur durch einen Beobachter ist, im Fall der Tätowierung
aber einer Mittcilungsabsicht entspringt. Die Deutung von Handschrift unterläuft den Schriftsinn,
die von Tätowierung ratifiziert die Tatsache, daß jemand aus einem wahrnehmbaren Körper ein
Sinngcbildc gemacht hat.
202 Alois Hahn

richtungen werden, in denen eine Person unfreiwillig, aber kollektiv bindend dazu
gezwungen wird, ihre Identität zu definieren.
Was Handschrift und Tätowierung also gemeinsam haben, ist, daß sie beide
"Techniken des Selbst"4 sind, die zumindest virtuell in den Zusammenhang eines
Machtdiskurses eingebaut werden können.

2. Handschrift als Körpersprache

Die Lektüre und die Interpretation der Handschrift eines Menschen als unwillkürli-
che Botschaft, die Auskunft über verborgene Strukturen seines Inneren gibt, kann
eine wohletablierte Methode graphologischer Kontrolle anderer Menschen werden.
Handschrift wird dann wie ein Lügendetektor benutzt, dessen Anwendbarkeit sich
aber nicht auf Verdächtige oder Zeugen in Strafprozessen beschränkt, deren Aussa-
gen man bezweifelt. Graphologische Bekenntnisse können vielmehr als Schlüssel
zum Verständnis des Charakters eines jeden eingesetzt werden, ohne daß sich der
'Bekenner' überhaupt bewußt ist, ein Geständnis abgelegt zu haben. Und außer-
dem ist der Zugang zu diesem Schlüssel nicht monopolisierbar: Nicht nur profes-
sionelle Entzifferer, sondern jeder Leser kann handschriftlich Verfaßtes, vor allem
auch ganz private Kommunikationen wie etwa Liebesbriefe als säkulare Form un-
freiwilliger Beichte traktieren und Schlüsse auf die versteckte Identität, auf Ehrlich-
keit oder Unehrlichkeit5 des Autors ziehen. Ob wir wollen oder nicht, schreibend
öffnen wir uns für andere nicht nur über den manifesten Sinn unserer Texte. Wir
hinterlassen trans-hermeneutische Spuren: Die Sphäre des Sinns der Texte erhält so
etwas wie ein 'Leck', durch das auch Nicht-Gemeintes 'durchsickert'. In der Ent-
zifferung der Handschrift, die solcherart zustandekommt, emanzipiert sich die
Lektüre von der Sprache, als deren Zweitvercoder der Schreiber glaubte, tätig ge-
wesen zu sein. Für die Graphologie wird die Schrift ein Jenseits der Sprache, in
deren Dienst sie (die Schrift) nur scheinbar steht. Als Graphologen versuchen wir
den Schreiber aus dem Rhythmus seiner Hand zu identifizieren. Ganz ähnlich ver-
fahren wir, wenn wir Gesprochenes nicht vom Sprachsinn her verstehen wollen,
sondern von der mitlaufenden Veränderung der Stimme oder von den Bewegungen
her, die ihn begleiten und oft unterlaufen.
Insofern könnte man Handschrift als Körper'sprache' institutionalisieren. Dabei
sollte aber für einen Soziologen klar sein, daß es im strengen Sinn keine natürliche
Sprache' des Körpers oder der Hand gibt. Wo immer Sprache ist, da handelt es

4
Vgl. hierzu Michel Foucault: L'usage desplaisirs. Paris 1984, 16ff.
Zur Problematik der Ehrlichkeil in soziologischer Hinsicht vgl. auch Alois Hahn: "Ehrlichkeit
und Selbstbeherrschung". In: Hans Werner Franz (Hrsg.): 22. Deutscher Soziologentag 1984.
Beiträge der Seklions- und Ad-hoc-Cruppen. Opladen 1985,221-223.
Handschrift und Tätowierung 203

sich um eine soziale Tatsache. Im Fall der Handschrift wie in dem des Körpers im
allgemeinen entspringt der Eindruck der Sprachlichkeit aus unserer unwillkürlichen
Tendenz, Bewegungen und Rhythmen zu interpretieren, als wären sie eine Spra-
che.6 Dabei ist schwer zu leugnen, daß Handschrift uns zu identifizieren vermag.
Jedoch in einem sehr eingeschränkten Sinn: Sie sagt, wer wir sind (Ich und kein
anderer), aber nicht, was wir sind. An sich hat sie autographische, keine autobio-
graphische Indexikalität. Sie erzählt keine Geschichte. Manche Gesellschaften
freilich behandeln sie so. Dann kann sozial folgenreich unsere Unterschrift als
unsere Minimalbiographie gelesen werden.

3. Schrift, Schreiben und Sprache: ein Exkurs

Handschrift wird also hier paradoxermaßen als Körpersprac/ir bezeichnet, weil sie
es ermöglicht, vom sprachlichen Sinn des Geschriebenen abzusehen. Wäre es da
nicht besser, die Körpersprache eine Körperschrift zu nennen? Verbirgt sich gar
hinter der Terminologie, die von der Bewegung der Hand als einer Sprache spricht,
die 'Schriftvergessenheit' einer logozentrischen Begrifflichkeit, auf die Derridas
Grammatologie7 den Finger legt?
Vielleicht sollte man mit anderen Differenzen operieren. Wir wollen hier als
'Schrift' sensu stricto eine relativ späte evolutionäre Tatsache verstehen. Sie ist —
in unserer Wortwahl — nicht schon gegeben, wenn bedeutungstragende Zeichen
mit optisch erkennbaren Mitteln produziert werden. Nicht alles 'Schreiben' in die-
sem weiteren Verständnis produziert also schon 'Schrift'. Schreiben und Malen als
Bedeutungen fixierender Zusammenhang von Hand und Auge ist sicherlich gleich-
ursprünglich mit dem Sprechen als Zusammenhang von Stimme und Ohr. Der
evolutionäre Schritt besteht darin, daß mit 'Schrift' (sensu stricto) eine Zweitfas-
sung von Sprache intendiert8 wird und so eine Art von sekundärer Synästhesie
entsteht. Das Gesprochene wird sichtbar, wenn das Geschriebene (Gemalte, Ge-
zeichnete, Geritzte, Gekritzelte) Gesprochenes und nicht mehr bloß Gesehenes be-
zeichnet. Mit Schrift werden zwei archaische Kinästhesien (Hand-Auge, Zunge-
Ohr) aufeinander bezogen, oder sie verschmelzen. Vor der Erfindung der Schrift
als einer Zweitfassung der Sprache mußte Sprache gesprochen und gehört werden
(ähnlich wie Gerüche gerochen und Schmerzen empfunden werden mußten und

6
Vgl. hicr/u Hans Ulrich Gumbrechl: "Rhythmus und Sinn". In: dcrs./K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg):
Materialität der Kommunikation. Frankfurt am Main 1988, 714-739. Ferner Alois Hahn: "Kann
der Korper ehrlich sein?" In: ebd., 666-679.
7
Vgl. Jacques Dcrrida: De la grammatologie. Paris 1967.
8
Zu dieser Wortwahl vgl. Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt am
Main/New York 1990, passim.
204 Alois Hahn

müssen, um als Gerüche oder Schmerzen gegenwärtig zu sein). Nach der Erfin-
dung der Schrift spricht die Sprache ungesprochen (jedenfalls kann sie das virtuell;
denn die faktische Verwendung der Schrift kann weiterhin in orale Kommunikation
eingebunden bleiben, vor allem mnemotechnischen Zwecken dienen oder sich —
wie etwa bei der chinesischen Skapulomantik — auf die "Verstärkung des gespro-
chenen Wortes"9 im Kontext magischer Praktiken beschränken). Die geschriebene
Sprache ist, wenn man es pathetisch formulieren will, vom Laut erlöst, eine
metabasis eis allo genos: die Übersetzung lautenden Sinns ins Leise, ja Stumme.
Demgegenüber ist die Ablösung der sichtbaren Welt vom wirklichen Sehen, also
die Augenunabhängigkeit des Optischen, 'archaischer'. Seit es Menschen gibt,
konnte man über Sichtbares reden, konnte Gesprochenes Gesehenes 'repräsen-
tieren'. Das Malen oder Zeichnen, das Hinterlassen von Spuren, ist, selbst wenn es
'archaischer' sein sollte als das Reden, keine metabasis eis allo genos im eben
bezeichneten Sinn, sondern eine Art 'mediale Tautologie': visibilia per visibilia.
Das gilt auch dann, wenn man die 'fiktiven' Gegenstände miteinbezieht. Man kann
natürlich auch 'nicht wirklich' Gesehenes sichtbar machen, aber man bleibt dabei in
der Sphäre der optischen Vorstellungen. Erst mit der Schrift werden die Verhält-
nisse prinzipiell umkehrbar. Und darauf basiert deren Funktion als 'präadaptive
Errungenschaft' im Sinne von Talcott Parsons. Schrift in diesem Sinne ist jeden-
falls die — wenn schon nicht hinreichende, so doch notwendige — Voraussetzung
für die Trennung von Interaktion und Gesellschaft.10 Wir unterscheiden also
zwischen 'Schreiben' als einer Kompetenz, die Menschen in allen Kulturen stets
besessen haben, die auch bei Kindern vom Erlernen einer 'Schrift' unabhängig ist,
und einer nur in bestimmten Kulturen vorhandenen 'Schrift' als einer Zweitfassung
einer bestimmten Sprache, wobei die Differenz zwischen Schriftarten (z.B.
Buchstaben- oder Bilderschrift) für diese Differenz unerheblich ist. Man könnte
auch sagen, daß Menschen immer geschrieben haben, aber daß, was sie schrieben,
nicht immer Schrift war und übrigens auch bei uns nicht immer ist. Für die
ursprüngliche Differenz der Sprech- und Schreibkompetenz scheinen auch
gehirnphysiologische Untersuchungen zu sprechen, aus denen sich ergibt, daß die
eine Kompetenz unabhängig von der anderen zerstört werden kann.11 In der

9
Haarmann (Anm. 8), 110.
10
Vgl. dazu Niklas Luhmann: "Interaktion, Organisation, Gesellschaft". In: ders.: Soziologische
Aufklang 2. Opladen 1975, 9-20.
1
' Vgl. Jean Gagncpain: Du vouloir äire. Traiti d'epislimologie des sciences humanes I. Paris u.a.
1982. Ich verdanke den Hinweis auf die klinischen Untersuchungen des Laboratoire interdis-
ciplinaire de recherche sur le langage an der Universität Rennes 2 Michael Herrmann. Der wich-
tigste Befund dieser Forschungen für unseren Zusammenhang ist eben, "[...] daß Aphasien und
Atechnicn unabhängig voneinander auftreten, daß also die energeia des Homo loquens nicht ohne
weiteres gleichzusetzen ist mit der energeia des homo faber" (Michael Herrmann. Rezension von
Konrad Kocmcr: Saussurean Studies/Etudes saussuriennes. In: Zeilschrift für französische Sprache
Handschrift und Tätowierung 205

gleichen Weise könnte man natürlich auch versuchen, 'Sprechen' und 'Sprache' zu
unterscheiden. Denn natürlich bedienen sich nicht alle unsere — nicht einmal alle
unsere eindeutig sinntragenden — 'Verlautbarungen' einer institutionalisierten
Sprache. Der Unterschied ist allerdings der, daß es keine Kultur ohne Sprache,
wohl aber eine große Zahl von Kulturen ohne Schrift gibt.

4. An- und Abwesenheit

Wenn man also Handschrift trotz der oben angedeuteten Probleme als Körperspra-
che (im Sinne eines Sprechens) auffaßt, so fällt gleichwohl eine Merkwürdigkeit
auf. Der eigentliche evolutionäre Schritt, der mit Sprache im Gegensatz zu der bei
den meisten Tierarten vorfindbaren bloßen Signalkommunikation verbunden ist, ist
oft darin gesehen worden12, daß jene es erlaubt, über Gegenstände zu kommunizie-
ren, die nicht aktuelle situationale Stimuli sind. Sprache vergegenwärtigt Abwesen-
des (wenn auch u.U. mit der wichtigen Möglichkeit der Modulation: ich kann über
abwesendes Feuer reden, ohne vor ihm, wie vor wirklichem Feuer, fliehen zu müs-
sen) und entlastet insofern von der Wahrnehmung dessen, worüber man spricht:
Man kann über etwas reden, das man nicht sieht (hört, riecht usw.) und man muß
nicht (darf sogar oft nicht) über das sprechen, was man deutlich sieht, hört, riecht
usw. Erst mit Sprache differenziert sich Mitteilung von Information. Schrift stellt
demgegenüber einen weiteren Schritt dar. Sie befähigt uns, nicht nur über abwe-
sende Gegenstände zu kommunizieren, sondern auch in Abwesenheit der Kom-
munikationspartner. Paradoxerweise vergegenwärtigt die Handschrift den abwe-
senden Körper. Sie ist eben nicht nur die Botschaft, sondern die Wiedereinführung
der virtuell verschwindenden Leiblichkeit in die kommunikative Situation, die In-
vasion physischer Spuren in die Sphäre unpersönlich geistigen Sinns: Das Unkör-
perliche des Schriftsinns wird vom Körper unterminiert.
Körperinschriften andererseits können als Aufhebung des bloß Körperlichen an-
gesehen werden, insofern sich mit der Schrift etwas Unkörperliches im Körper
verkörpert. Man könnte versucht sein zu sagen, daß in diesem Falle Tätowierung
bedeutet, daß man die Körper als Seite benutzt, während bei der Konzentration auf
die Handschrift die Seite zum Körper wird. Der Rhythmus der schreibenden Hand

und Literatur CI/1, 1991, 7). Schreiben aber ist in diesem Sinne eine auf Sprache gerichtete
Tcchnic'. Im gleichen Sinne vgl. Alfonso Caramaz/.a/Argye E. Hills: "Lexical Organization of
nouns and verbs in the brain". In: Nature 349, 28.2.1991, 788-790.
12
FUr viele vgl. Arnold Gehlen: Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Well. Frank-
furt am Main/Bonn 7 1962, 46-50. Der entscheidende Punkt ist dabei die Überwindung der zeit-
lichen Abwesenheit und die Unterbrechung der Beziehung zwischen Zeichen und Stimulus. So
kennen z.B. Bienen tanzend auch räumlich abwesende Futtcrqucllcn darstellen. Die Tänze wirken
aber nicht als bloße Mitteilung, sondern als direkte Auslöser von Verhallen.
206 Alois Hahn

tätowiert gleichsam den geschriebenen Text, und zwar ganz ähnlich wie der literari-
sche Stil eines Autors dessen intellektuelle Identität verrät, auch ohne daß von ihr
die Rede wäre. Wie erwähnt, setzte vor der Erfindung der Schrift alle Kommunika-
tion die körperliche Anwesenheit der Kommunizierenden voraus, insofern erst
Schrift diese Form von Präsenz transzendiert. Aber Handschrift hebt diese Diffe-
renz von Präsenz und Absenz dialektisch auf. Der fremde Körper, dessen Schrift
ich lese, ist physisch abwesend und gleichzeitig als die Spur des Rhythmus seiner
Hand anwesend.
Ein Effekt dieser Leistung von Handschriftlichkeit zeigt sich darin, daß es Sinn
macht, Autographen zu sammeln und sie wie Reliquien zu verehren. Wenn man
Millionen für ein Mozartautograph zahlt, so liegt der Grund nicht primär darin, daß
man auf diese Weise einen authentischen Zugang zur Musik des Meisters hat, die
man vielleicht in einer gedruckten Partitur bequemer erfassen könnte. Das autogra-
phische Dokument fungiert vielmehr wie ein Schrein. Irgendwie habe ich den Ein-
druck der leiblichen Anwesenheit des Helden. Das gleiche Gefühl teilt sich beim
Besuch seines Grabes mit. Die Handschrift kann zur symbolischen Repräsentation
des Gefeierten werden. Ich erinnere mich eines bekannten Marx-Spezialisten, der
mir — vor vielen Jahren — einen kleinen Zettel zeigte, den er für Tausende von
Mark erstanden hatte, auf den Marx an Engels ungefähr folgendes geschrieben
hatte: "Lieber Fritz! Ich komme heute abend zum Essen. Dein Mohr".
Für die Beschriftung des Körpers beim Tätowieren läßt sich andererseits behaup-
ten, daß das Medium, das prinzipiell die Abwesenheit des Körpers erlaubt, wieder
an dessen Anwesenheit zurückgebunden wird. Der Ausweg aus der Interaktion,
Schrift, wird hier eines ihrer Elemente.

5. Handschrift und ihre Alternativen oder die Verlagerung der Aufmerksamkeit


vom Sinn des Textes auf dessen materialen Rahmen

In gewissem Sinne konnte Handschrift erst nach der Erfindung der Druckerpresse
entstehen. Dieser Satz erscheint zunächst schlicht kontra-intuitiv, so als verdankte
er sich der Tatsache, daß der Autor der Versuchung nicht widerstehen konnte, Pa-
radoxe zu formulieren. Aber der gemeinte Sinn ist einfach der, daß Handschrift als
solche solange nicht existieren konnte, wie sie die einzige Form des Schreibens
überhaupt war und es keine Alternative zu ihr gab, wenn man überhaupt schreiben
wollte. Man kann das auch für Anhänger von Spencer Brown so formulieren: Hat
man erst einmal die Unterscheidung zwischen Reden und Schreiben getroffen,
bleibt in Gesellschaften ohne Druckerpresse oder Schreibmaschine13 keine Unter-

1
Welcher Freund Nietzsches hätte je daran gedacht, wie wichtig sie einmal werden könnte!
Welcher Freund Kiulcrs kann sich heute noch vorstellen, wie lange man daran nicht gedacht hat?
Handschrift und Tätowierung 207

Scheidung bezüglich der Form der Schrift übrig. In unserer Gesellschaft hingegen
ist es stets das Wahrnehmen einer Alternative, wenn ich mich entscheide (allerdings
mit größerer oder geringerer Freiwilligkeit: Die Alternative besteht dann möglicher-
weise sozial gar nicht mehr, weil man den Lebenslauf eben handschnftlich abliefern
muß), den Füller zu benutzen. So einleuchtend das ist, so sehr bedarf es doch auch
hier einiger Einschränkungen. Die Alternative zur Handschrift kann eine andere
Handschrift sein: Man verwendet dann statt seiner eigenen die eines anderen. Und
außerdem stehen in vielen selbst archaischen Gesellschaften verschiedene Schrift-
formen zur Verfügung (in Ägypten z.B. das Hieratische und das Demotische14
oder im Japanischen das Hiragana und das Katakana15). Wer sich je etwa mittel-
alterliche Manuskripte angeschaut hat, dem wird die große Mannigfaltigkeit der
skripturalen Formen dieser Dokumente aufgefallen sein. Aber wenn wir einem
Experten wie Robert Marichal glauben dürfen, dann verraten die verschiedenen
graphischen Gestaltungen dieser Texte kaum etwas über die individuelle Psycho-
logie der Schreiber, als sie vielmehr auf einen epochalen Habitus verweisen.16 Das
mag man bezweifeln. Aber jedenfalls sind mir aus der Zeit vor der Erfindung von
Alternativen zur Handschrift keine systematischen Anstrengungen bekannt, den
Zusammenhang von Schrift- und Schreibercharakter zu bestimmen.17 Wohl aber
konnte die richtige oder falsche Unterstellung, daß es sich um einen vom Autor des
Briefes selbst geschriebenen Text handelte (der Text also nicht diktiert war), diesem
eventuell nicht nur im Sinne der Authentizitätssicherung, sondern etwa bei Absen-
dern von Rang auch eine besondere Bedeutung und einen erhöhten Wert verleihen.
Umgekehrt konnte der Rang des Adressaten Handschriftlichkeit empfehlen. Wenn
etwa Don Juan Manuel, ein hoher spanischer Adliger des 14. Jahrhunderts, seinem
Lehnsherrn, dem König Alphons XI., einen handschriftlich abgefaßten Brief
schreibt, so wird man daraus sicher auch einen besonderen Respekt für den Mo-
narchen herauslesen dürfen. Aber "nirgends — nicht einmal in dem Brief von Don

Vgl. F. A. Killler: Grammophon Film Typewriter. Berlin 1986; dcrs.: "Nietzsche, der mechani-
sierte Philosoph". In: kultuRRevotution 9, 1985, 25-29 und Martin Stingelin: "KugeläuBerungen.
Nietzsches Spiel auf der Schreibmaschine". In: Hans Ulrich Gumbrechl/K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.)
(Anm 6), 326-341.
14
Vgl. Haarmann (Anm. 8), 105.
15
Vgl. Haarmann (Anm. 8), 396ff.
16
Roben Marichal: "L'ecriture latine et la civilisation occidentale". In: Centre International de
Synthese (Hrsg.): L'icrilwre et la Psychologie des peuples (XXII. Seminaire du Synthese). Paris
1963, zitiert nach Pierre Bourdieu: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt am Main
1974, 144. Zu Bourdicus Habitusbegriff vgl. allgemein Pierre Bourdieu: Sozialer Sinn. Kritik der
theoretischen Vernunft. Frankfun am Main 1987. Kritisch und weiterführend hierzu Cornelia
Bohn: Habitus und Kornea. Ein kritischer Beitrag zur Sozialtheorie Bowdieus. Opladen 1991.
17
Bci der für einen Nicht-Fachmann wie mich unvermeidbaren Kontingen/, solcher Unbekanntheit
würde ich mich über eine Falsifikation in diesem Falle besonders freuen.
208 Alois Hahn

Juan Manuels eigener Hand — stoßen wir vor zu einer 'Innenseite' seines Lebens;
kein Text führt zu dem 'Bewußtsein', aus dem doch die stets standesgemäßen
Taten und Pläne hervorgegangen sein müssen, die Don Manuel so gerne be-
schrieb".'8 Man darf wohl annehmen, daß nicht einmal der königliche Adressat
versucht hätte, die Informationen (nämlich über das Bewußtsein seines Autors), die
der Text (als geschlossenes Sinngebilde) nicht hergab, aus der Faktur der Hand-
schrift herauszuklauben — als sozusagen metahermeneutisch-monarchische Hel-
dentat. Die materiale Form und der Sitz im Leben eines Textes, ob diktiert oder
handschriftlich, auf Ton oder Stein, im Buch oder im Grab usw., das alles konnte
nicht unberücksichtigt bleiben. Daß im übrigen kalligraphische Korrektheit oder
Finesse geschätzt wurden und deren Vernachlässigung auf mangelnde Sorgfalt oder
fehlenden Respekt gegenüber dem Adressaten verweisen konnte, ist gewiß. Für
alle vormoderne Betrachtung bleibt aber das primary framework der Aufmerk-
samkeit der Text, wenn auch natürlich Modulationen unvermeidlich waren. Ein im
modernen Sinne graphologisches Interesse an Handschriftdeutung kann man dar-
aus nicht herauslesen. Erst wenn dieses sich entwickelt, dann verschiebt sich das
Augenmerk von dem, was geschrieben wurde, auf das 'Wie?', 'Wer?' und
'Worauf?' des Schreibens im physischen Sinne. Sowohl Tätowierung als auch
Handschrift implizieren solche Sinntransformationen oder -modulationen19: Was
zählt, ist dann nicht mehr die primäre Botschaft des Texts, sondern das, was ur-
sprünglich bloß der Rahmen war, der im einen Fall durch die Art des Schreibens,
im anderen durch die sehr spezielle 'Materialität' der Kommunikation, nämlich die
menschliche Haut und die relative Untilgbarkeit der Schrift bei höchst endlichem
Raum gebildet wird.

6. Tätowierung als Autokalligraphie

In beiden Fällen hat die Modulation auch die Funktion persönlicher Identifikation.
Aber diese kann sich auch als eher indirekter Effekt einstellen. Das primäre Ziel der
Schreibenden wie des Tätowierers oder der Tätowierten kann von ästhetischen
Werten gesteuert sein. Handschrift wird so Kalligraphie, und Tätowierung benutzt
den menschlichen Körper als Material für plastische Kunst.20 Die identifikatorische

18
Hans Ulrich Gumbrcchl: Eine Geschichte der spanischen Literatur. Frankfun am Main 1990,1,
95.
"Vgl. hierzu Erving Goffman: Frame Analysis. An Essay on the Organization of Experience.
New York u.a. 1974.
2°Bcispiclc hierfür sind Legion, moderne, antike, ethnographische. Für photographischc Doku-
mentation speziell gegenwärtiger Versuche in dieser Richtung: Talloo An. Tätowierte Frauen.
Skin Phantasies on Taltooed Women. Photographien von Chris Wroblewski. Text von Andy
Coopcr. Wien 1985.
Handschrift und Tätowierung 209

Funktion wird durch dieses Verfahren nicht aufgehoben, wohl aber modifiziert. Die
tätowierte Person identifiziert sich so als etwas Schönes, als Kunstwerk, als
Skulptur oder Gemälde. Sie subjektiviert sich durch die Wahl einer Objektivation,
durch Selbstobjektivation.21 Emeut paradox ausgedrückt: Man wird dadurch ein
von allen anderen verschiedenes Ich, daß man Formen verkörpert, die denselben
Sinn für alle anderen haben und deren Erscheinung nicht notwendig an den eigenen
Körper gebunden ist.
Tätowierung in diesem Sinn ist also die Konstruktion des physischen Selbst
durch einen selbst, auch wenn man sich dabei sozialer Formen und technischer
Hilfe anderer, etwa professioneller Tätowierer, bedient. Freiwillige Tätowierung
stellt eine Art von 'Autopoiesis' der eigenen physischen Erscheinung dar, insofern
man die pure Zufälligkeit und folglich 'Alternat' der eigenen Gestalt leugnet oder
überwindet. Was jenseits unseres Willens zu sein schien, unser Aussehen, wird
dessen Manifestation. Die Autopoiesis, um die es sich hier handelt, ist natürlich
nicht eigentlich diejenige, von der die Systemtheoretiker seit Maturana sprechen,
sondern eher die, die Foucault in der Antike entdeckt hat, die nicht mehr bloße
Herrschaft über das eigene Selbst (enkrateia) impliziert, sondern jene Art von
Selbstgenuß, der die Folge davon ist, daß man sich als das Resultat der eigenen
Handlungen weiß.22 Voraussetzung dafür ist natürlich, daß die Tätowierung als
selbstgewollt erscheint. Nur dann nämlich kann die sichtbare Erscheinung unseres
physischen Selbst als die Erfüllung unserer 'auto-poietischen' (im Sinne von: sich
selbst erschaffenden) Absichten erscheinen: unser Leib als Kalligramm. Ganz an-
ders sieht die Sache aus, wenn andere für uns befinden, daß wir für unsere Phy-
siognomie verantwortlich seien. Ein ebenso komisches wie makabres Beispiel sind
die von Heimito von Doderer erfundenen "physiognomischen Weltenrichter des
Doctor Döblinger", die — ausgehend von der These, daß jeder selbst für sein Aus-
sehen verantwortlich sei — "Umgestaltungen" fremder Gesichter durch Prügel
vornehmen, wenn sie auch den derart "Verschönerten" einen Hundertmarkschein in

21
Auch das Schreiben von Biographien kann diesem Gesetz folgen. Für zahlreiche Beispiele siehe
Hartmann Lcitner: Lebenslauf und Identität. Die kulturelle Konstruktion von Zeil in der
Biographie. Frankfurt am Main/New York 1982.
22
Vgl. Michel Foucault: llistoire de la sexualiti 3, Le souci de soi. Paris 1984, 56 und 82ff. Im
Hinblick auf die psychische Autopoiesis im therapeutischen Kontext vgl. Herbert Willems:
Psychotherapie und Gesellschaft. Voraussetzungen. Strukturen und Funktionen von Individual-
und Gruppentherapien. Diss. Trier 1991. In gewisser Weise könnte man allerdings den tätowierten
Körper als Emergens interpretieren: Er ist nicht mehr — als bloß wahrgenommener — Quelle für
Informationen, sondern durch seine Inschriften oder Bemalungen unübersehbar ein Dokument für
eine Miltcilungsabsichl. Aus einem deutbaren Wahrnchmungsgcgcnsiand, der gerade der
unicrstclllcn Unwillkurlichkcit seine Informalivität verdankt, wird eine Kommunikalion: Für
seinen Körper kann man nichts, für dessen Tätowierung muß jemand die Verantwortung
übernehmen.
210 Alois Hahn

die Tasche schieben, zusammen mit einem Zettel: "Es ist nur wegen Ihres Gesichts
und tut uns ansonst aufrichtig leid". Ihr Prinzip jedenfalls ist: "Vult quisque vultum
suum. [...] Wie Du schaust, so willst Du schauen, und wir dürfen Dich drum
hauen".23
Allerdings hat die Tätowierung keinesfalls das Monopol freiwilliger Selbster-
schaffung unsere Leibes. Zumindest teilweise basiert die Faszination des Sports in
der Gegenwart darauf, daß er es uns ermöglicht, unseren Körper als unsere
Tathandlung' zu empfinden. Jeder ist seines Körpers Schmied! Notfalls kann man
die Schmiedearbeit auch in Auftrag geben. Das ist dann die Stunde der Kosmetik
und der Schönheitschirurgie.24
Die Differenz ist freilich unübersehbar: Im Falle der Tätowierung bleibt der Akt
der Autopoiesis dem Kunstwerk ausdrücklich inhärent. Man soll sehen, daß man
sich umgestaltet hat. Beim Sport soll das eher implizit, beim Lifting sogar ent-
schieden unsichtbar bleiben. Trotz aller Differenzen schreibt sich die 'auto-
ästhetische' Variante der Tätowierung als Kalligraphie des Selbst deutlich in die
Reihe jener von der strengen Askese bis zur wilden Orgiastik reichenden Formen
der Selbstsorge ein, die das Spätwerk Foucaults versucht hat aufzuspüren. Das
wird erst recht deutlich, wenn der Akt des Tätowierens vom Tätowierten selbst
vollzogen wird: Selbsttätowierung als Autokalligraphie. Hier werden dann die phä-

23
Hcimilo von Dodcrcr: Die Merowinger oder Die totale Familie. München 21977, 131 f.
24
ln gewisser Weise gehören natürlich auch Kleidung und Schminke oder sonstige Körper-
bcmalungcn in diesen Zusammenhang. Auch sie entheben den Körper seiner schlicht gegebenen
Zufälligkeit und unterwerfen seine Erscheinung individuell-kreativen oder kollektiven
Umgestaltungen, indem sie z.B. die natürlich-profane Nacktheit in sakrale Farbigkeit verwandeln
oder die schlichte Gewöhnlichkeit des bloßen Körpers mit der Feierlichkeit eines Ornats umhüllen.
Auch sie lassen sich als dessen Kalligraphie verstehen. Der Unterschied zur Tätowierung liegt aber
in der — jedenfalls grundsätzlich — geringeren Endgültigkeit dieser Körpcrdarslellungen. In dem
Moment, wo Tätowierung ebenso leicht zu entfernen wäre wie Schminke, gäbe es allerdings kaum
noch eine Differenz. Zur Kleidung vgl. in diesem Kontext Daniel Roche: La cullure des
apparences Unc histoire du vetement, XVII'-XVIII' stiele. Paris 1989. Zur Körpcrbcmalung und
zum Körperschmuck vgl. den klassischen Text von Georg Simmcl: "Exkurs über den Schmuck".
In: ders.: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Berlin 4 1958,278-
281 und ferner aus einer beliebig zu verlängernden Liste Michel Thevoz: The Painted Body. New
York 1981; Robert Brain: The Decorated Body. New York 1979 und Victoria Ebin: The Body De-
coraled. London 1979. Und selbstverständlich kann die Autopoiesis des Körpers sich von dessen
Gegenwart vollständig unabhängig machen. Das beste Beispiel dafür ist das Sclbstporträt. Auch
hier ist der eigene Leib in gewisser Weise der Rohstoff seiner Darstellung. Aber eben nur während
der Produktion des Selbstbildnisses. Danach wird er überflüssig. Sein Bild überdauert ihn. Man
kann es — das ist die Pointe neuzeitlicher Portraitkunst — sogar durch Verkauf an Leute
verewigen, die ihn nie sahen. Insofern ermöglicht das Autoportrait einem Maler wie Rcmbrandt
den Sclbstvcrkauf seines Leibes, ohne sich zu versklaven. Svctlana Alpers hat von ihm deswegen
geradezu als 'Sclbstuntcmchmcr' gesprochen. Vgl. Svctlana Alpers: L'art de se dipeinäre. La
peinlure hollandaise au dix-septiime sUcle. Paris 1990.
Handschrift und Tätowierung 211

nomenologischen Merkmale ('Wundmale') des graphologisch relevanten Schrei-


bens und des Tätowierens vereint: Die schreibende Hand schreibt das unergründ-
lich verborgene Selbst ins physische Selbst des eigenen Leibes, der erst dadurch
wird, was er immer schon ist: mein Leib — ein Vorgang, der an Eschers berühmtes
Bild der sich selbst zeichnenden Hände erinnert.

7. Selbstschreibung

Schauen wir noch einmal zurück auf die Handschrift! Parallelen und Differenzen
drängen sich auf. Auch hier präsentiert sich das Selbst als Resultante seiner eigenen
Manifestationen, aber in einem höchst indirekten Sinne: Es erschafft sich nicht
durch seine Schrift, sondern offenbart sich, allenfalls kann man also sagen, die
Handschrift erschaffe eine spezifische Form der Selbstoffenbarung. Aber in noch
einem anderen Sinne ist Handschrift eine indirekte Weise der Selbstschreibung.
Zwar ist unser Selbst, wenn immer wir schreiben, simultan gegenwärtig, aber
sichtbar wird es doch erst nachher. Und auch das vielleicht mehr für einen Beob-
achter, der unsere Schrift anschaut, als für uns selbst, die wir mit der Produktion
des Sinns befaßt waren. Wenigstens während wir schrieben, waren wir gleichsam
absorbiert durch die Operation des Schreibens. Die Manifestation unseres Selbst ist
insofern etwas Unwillkürliches, obwohl wir vielleicht freiwillig und mit voller Ab-
sicht geschrieben haben. Selbst hinterher wird, wer schrieb, unwillig oder unfähig
sein, die Schrift des Geschriebenen als Dokument des Charakters der Person anzu-
erkennen, die schrieb. Wir empfinden dann u.U. unsere zwangsweise Identifika-
tion mit unserer Handschrift durch soziale Autoritäten als Selbstentfremdung.
Man könnte vielleicht sagen, daß Handschrift zunächst einmal ein Symbol für
unser implizites, nicht aber unser explizites Selbst ist. Es ist ein Niederschlag un-
seres Lebenslaufs mit seinem unendlichen Fundus an habitualisierten Routinen, die
uns zumeist unbewußt sind. Nur explizite Deutung, wie sie von Grapho- oder
Kriminologen praktiziert wird, behandelt diese Spuren unseres Lebenslaufs als
Autobiographie, indem sie behauptet, sie habe den Schlüssel, Implizites zu expli-
zieren.
Zumindest seit Lavater25 hat es wissenschaftliche Versuche gegeben, die Diffe-
renz zwischen der sichtbaren gegenwärtigen Person und ihrem unsichtbaren Cha-
rakter, der Gegenwart und Vergangenheit einschließt, zu überbrücken, um daraus
verläßliche Prognosen für die Zukunft zu gewinnen. Die physiognomische Kunst
sollte vom täuschenden Äußeren zur Wahrheit des Inneren führen, aber eben doch
so, daß man dieses Äußere selbst sich zum Führer nahm. Aber trotz aller Erfah-

^Johann Caspar Lavaicr: Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkennlniß


und Menschenliebe. 4 Bde. Leipzig/Winterthur 1775-78.
212 Alois Hahn

rung, die uns lehren mag, Gesichtszüge als Ausdrücke unserer Seele zu lesen, als
sozusagen biographische Tätowierung — stets hat es nicht an entschieden skep-
tischen Einwänden gegen die Physiognomik gefehlt. Selbst bei Lavater findet sich
das Eingeständnis, daß Menschen zumindest manchmal ihre Intentionen und ihren
Charakter so gut verbergen können, daß sie wie Engel erscheinen, obwohl sie der
Teufel selbst sind. Doch in gewisser Weise hat die Graphologie das Erbe der
wissenschaftlichen Ansprüche der Physiognomik 26 angetreten. Man mag ihr die
gleiche Skepsis entgegenbringen wie ihrer Ahnin. Aber solche Skepsis verschlägt
u.U. nichts gegen institutionalisierte Verfahren, die auf sozial legitimierte Weise
aus der Handschrift einen Charakter konstruieren.

8. Tätowierung als Zwangsschrift

Doch wenden wir noch einmal unseren Blick zurück zur Tätowierung. Wer sind ei-
gentlich die Tätowierten? 27 Oft, nicht immer, findet sich die Praxis bei Gefange-
nen, Soldaten, Seeleuten oder allgemein Menschen, die von erheblichen Einschrän-
kungen, sozialen oder physischen, ihrer Freiheit betroffen sind. Sie sind z.B.
Mitglieder "Totaler Institutionen" 28 oder Personen, die sich aus anderen Gründen
sozial ausgeschlossen oder marginalisiert fühlen. Unter solchen Umständen kann
die Verfügung über die eigene Haut eine der letzten Ressourcen sein, die für
Selbstbestimmung noch bleibt, da der Körper im übrigen eher Objekt fremder
Macht und Gewalt geworden ist, statt Subjekt, das für eigene freie Gestaltung
steht. Tätowierung kann in dieser Lage die Manifestation eines Protests sein, der
über andere Möglichkeiten des Selbstausdrucks nicht mehr gebietet. Exklusion ist
gewiß nicht immer notwendig Ergebnis von Deprivation. Sie kann frei gewählt
sein: Sie kann Selbst-Exklusion als Form zutiefst empfundener Exklusivität sein.
Die Verhältnisse können aber auch verwickelter liegen, wenn etwa eine ursprüngli-
che negative Privilegierung im Rückschlag als Auszeichnung oder besondere
Würde empfunden wird, wie Nietzsche das an der Entstehung des Ressentiments in

26
Dafür, daß solche Ansprüche keineswegs grundsätzlich aufgegeben sind, zeugt das auf seine Art
glänzende Werk von Paul Ekman: Telling Lies. Clues to Deceil in the Markelplace. Potitics. and
Marriage. New York 1985.
27
Wcscnllichc Hinweise, Anregungen und Erkenntnisse für dieses Kapitel entnehme ich Stephan
Ocltcrmann: Zeichen auf der Haut. Die Geschichte der Tätowierung in Europa. Frankfurt am Main
1985.
2S
Zu diesem Begriff und zur Soziologie der Verhältnisse, auf die er angewandt wird, siehe Erving
Goffman: Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Palients and Other Inmaies. New
York 1961.
Handschrift und Tätowierung 213

der Genealogie der Moral beschrieben hat.29 In beiden Fällen aber kann Tätowie-
rung stolze Demonstration der Andersheit des Selbst sein.
Sowohl Exklusion als auch Exklusivität können als streng individuelle Angele-
genheiten erlebt werden. Aber das ist normalerweise nicht der Fall. Man fühlt sich
ausgeschlossen oder exklusiv als Mitglied einer Gruppe. Tätowierung wird dann
zum permanenten und unzerstörbaren Zeichen von Mitgliedschaft. Die Gruppe
bleibt für den Tätowierten unwiderruflich anwesend, selbst wenn sie abwesend ist.
Sie überlebt u.U. als Gegenwart der Freude oder des Schreckens in der Haut des
Tätowierten, wenn sie selbst schon längst nicht mehr existiert. Die Mitgliedschaft
hat sich in die Glieder der Glieder der Gruppe eingeschrieben. Auch das kann auf
Freiwilligkeit beruhen: Weil man die Gegenwart anderer niemals verlieren möchte,
weil man zuinnerst einer Gemeinschaft oder einer geliebten Person sich zugehörig
fühlt, macht man sich selbst zu ihrem sichtbaren Symbol. Gegen die Flüchtigkeit
aller Empfindungen und unserer äußeren Gestalt beschwören wir die Permanenz
und Untilgbarkeit des in uns eingegrabenen Zeichens. Im Kontext von Religion
mag man so heilige Stigmata als Zeichen der Identifikation mit Gott oder einer
übernatürlichen Wirklichkeit erleben: Tätowierungen als physische Immanenz spiri-
tueller Transzendenz. Der so Stigmatisierte lebt in zwei Leibern, einem natürlichen
und sterblichen und einem ewigen und geistlichen.30 Die Stigmatisierung muß dann
nicht einmal physisch sein. Der Ausdruck 'Stigma' wird zur Gleichnisrede, das
Wort zum Zeichen für ein Zeichen. Aber auch wirkliche Tätowierung kann nichts
daran ändern, daß der wie immer 'spirituell' oder 'ewig' konzipierte Leib, zu-
mindest solange er lebt, innerhalb der raumzeitlichen Welt leben muß. Die Tätowie-
rung zieht deshalb eine paradoxe Demarkationslinie zwischen den beiden Leibern
auf der Oberfläche des einzigen Körpers, der physisch gegeben ist. Doch das
Paradox invisibilisiert sich selbst, indem es sich in ein heiliges Mysterium ver-
wandelt.

29
Vgl. hierzu die differenzierende Stellungnahme Max Webers im Kontext seiner Theorie der
Pariavölker, wo er auch darauf hinweist, daß eines der Hauptbcispiclc für das in "Nietzsches
viclbcwundcricr Konstruktion (...) so stark hervorgehobene 'Ressentiment'", nämlich der
Buddhismus, unzutreffend sei, da es sich hier ja um die Wcltablehnung ursprünglich vornehmer
Gruppen handele. Max Weber Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie.
Tübingen 4 1956, 536f.
30
Es wohnen eben u.U. nicht nur zwei Seelen in einer Brust, sondern auch — und zwar nicht nur
bei Königen — mehrere Körper in einem. In der Soziologie ist dieses Problem der 'Selbsl-
vcrdoppclung' eindringlich bei Durkhcim beschrieben worden. Vgl. zum Konzept des Homo duplex
bei Durkhcim Peter Bergcrntiomas 1.uckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirk-
lichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziolgie. Frankfurt am Main 1969, 78 und zur Zweiheit des
Körpers des Königs Ernst Kanlorowicz: The King's Two Bodies. Princeton 1957. Je nach dem,
wie man zählt, kommt man gar auf fünf. Vgl. John O'Neill: Five Bodies. The Human Shape of
Modern Society. Ilhaca/London 1985.
214 Alois Hahn

Bei dieser Verwandlung von physischer in metaphysische Realität scheint die Zu-
fügung von Schmerzen eine große Rolle zu spielen. Jacques Lebrun hat in seinen
faszinierenden Analysen französischer Nonnenbiographien des 17. Jahrhunderts
zahlreiche Beispiele dafür gefunden. Viele Nonnen ritzten den Namen Jesus oder
den ersten Buchstaben des Wortes in ihre Brust. Ein von Lebrun zitiertes Beispiel
ist besonders eindrucksvoll. Es stammt aus einer gedruckten Biographie, die Mau-
pas du Tour über Mme de Chantal geschrieben hat: Mme de Chantal

[...1 pour impnmcr plus profondcmcnt sa parole dlcmcllc dans son ccsur, eul bicn lc courage et la
göndrositß de prcndre un fcr lout rouge de feu, duquel sc servant comme d'un burin elle-m&me se
grava Ic saint cl sacrd Nom de Jesus sur sa poitrinc, si avant qu'elle se füt mise en danger de sa vie,
si l'amour n'cüt tli plus fort quc la mort, et que ces saints caractcres, comme un sacrd bäume r6-
pandu, nc l'cusscnt guöric en blcssanl par ccUc amourcuse et doulourcusc plaie, du sang de laquclle
cllc dcrivit de nouvcaux vceux et de nouvcllcs promesses, faisanl ainsi ä son adorable amour un
sacrificc ötcmcl. puisque son eceur cl son Corps en ddmeurcrenl ä jamais les innocenles victimes, et
scront ä loutc 6lcmiti5 cachetd de cc divin seeau, qui l'a renduc le reste de ces jours redoutablcs ä ses
ennemis, et indompublc ä toutes les puissance d'Enfcr.3'

Lebruns Interpretation dieses Textes ist nichts hinzuzufügen:

La rcligicusc cssaic de rendre prdsent en eile Jdsus-Christ d'une facon visiblc, lisible, donc
soustraile au doutc, ä la tromperic: parole explicite, marquage du corps, gravure du Nom. II y a
plus ici qu'un licu commun hagiographiquc, il y a une tenlative pour fondcr la ccrtitudc sur Ic
corps meme et sur la coupure qui l'cntaillc, pour aller au-dclä, s'il sc peut, de l'cquivoquc des sym-
bolcs et des prestiges de l'imaginalion, en faisanl du corps recllement atteint lc Symbole et l'image,
une tenlative qui nc tient sa promessc quc de joindre l'incision et la souffrance, les deux sculs si-
gnes insoupconnablcs.32

Körperinschriften können so das tiefe Gefühl eines Menschen zum Ausdruck brin-
gen, einer Gruppe, einem anderen Menschen oder einer höchsten Macht anzugehö-
ren, die sich in ihn eingeschrieben haben. In der Illustration, die van Meerlen der
zitierten Tätowierungsszene beifügt, erscheint Jesus selbst und führt Mme Chantal
die Hand, während sie sich den Namen Jesus in die Brust ritzt. Hier geht es zwar
um Tätowierung im Dienste einer 'fremden' Macht. Es ist aber der Schreiber selbst,
der sich die fremde Macht einschreibt, um sich so mit ihr zu identifizieren. Doch
das muß nicht so sein, und damit kehren wir noch einmal zurück zum Aus-
gangspunkt unserer Überlegungen. Handschrift und Tätowierung können auch in-

3
' H. Maupas du Tour: La vie de II Jeanne Franqoise Fremiol de Chanlal '„./. Dem. 6d. revue et
corr., Paris 1672, 170f; ziücrt nach Jacques Lebrun: "A corps perdu. Les biographies spirituelles
feminines du XVIIc sicclc". In: Charles Malamoud/Jcan-Picrre Vcrnanl (Hrsg.): Corps de Dieux.
Le temps de la reßexion, VII, Paris 1986,400.
32
Lcbrun(Anm.3l), 399f.
Handschrift und Tätowierung 215

tegrale Bestandteile von Machtdispositiven sein, mehr oder weniger institutionali-


sierte Formen sozialer Kontrolle. Der Ausdruck 'Zugehörigkeit' ist zweideutig. Er
kann freie Partizipation und freiwillige Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft mei-
nen. Er kann aber auch eine ganz andere Art von Inklusion bedeuten, nämlich daß
jemand von jemand anders besessen wird, dessen Eigentum ist. In diesem letzteren
Fall zeigt die Tätowierung ihr finsterstes Gesicht. Nun ist sie nicht mehr Form der
Selbst-Erzeugung der eigenen Gestalt, nicht mehr Autopoiesis, vielmehr wird sie
als extremste Form der Heteropoiesis aufgezwungen, die sich vorstellen läßt. Sie
ist nicht mehr letzte Ressource für die Selbstbestimmung, sondern äußerste Weise
der Unterjochung. Die Unzerstörbarkeit des Stigmas wird zur Garantie der Unaus-
weichlichkeit der Zerstörung. "Der Buchstabe tötet", heißt es im 2. Korintherbrief
(2.Kor. 3,6). Man braucht nur an die Tätowierungspraktiken der Nazis in den
Konzentrationslagern zu denken, um sich einen auf furchtbare Art nicht-metapho-
rischen Sinn dieses Satzes vor Augen zu führen.
Tätowierung ist in diesem Fall keine harmlose Art des Schreibens im Sinne von
Kommunikation. Aber das gilt nicht nur für Extremsituationen wie den Terror der
Nazis. Auch in vielen anderen Kontexten kann Tätowierung als Zufügung von
Schmerzen die Funktion haben, unvergeßliche Machtlektionen einzuschärfen. Die
tätowierende Instanz richtet sich dann direkt an den Körper des ihr Unterworfenen,
der so zu einer Inkarnation des Gedächtnisses wird.33 Es wundert daher nicht, daß
in vielen Gesellschaften im Zusammenhang von Initiationsriten von qualvollen Tä-
towierungspraktiken Gebrauch gemacht wird. Pierre Bourdieu hat deren Logik be-
schrieben:

Tous les groupes conficnl au corps, traitd comme unc memoire, leurs dcpöls les plus precieux, et
l'uülisation que les riles d'initialion Tont, cn toutc soocic. de la souffrance infligcc au corps se
comprend si l'on sah que, comme nombre d'cxpcricnccs psychologiques l'ont monlrt, les gens ad-
herent d'autam plus foncmcnl ä unc insütuüon que les riles initiatiques qu'cllc leur a imposes ont
tlt plus sövercs et plus douloureux.34

9. Das graphologische Panoptikon

Die Inschrift in den Körper kann wie ein besitzanzeigendes Brandmal fungieren. In
ähnlicher, wenn auch weniger schmerzhafter Weise kann auch eine graphologische
Indienstnahme des anderen institutionalisiert sein, insofern diese einen Zugang zum
Innern erzwingt. Buchstaben töten hier zwar nicht, wirken aber als Fesseln, die das

33
Man kann Tätowierung dann auch als eine Forlschrcibung und Explizierung der "körperlichen
Hcxis" begreifen, in der sich ein systematisches Verhältnis zur sozialen Welt manifestiert. Vgl.
dazu Bohn (Anm.16), 77.
^Pierre Bourdieu: Cr que parier veul dire. Paris 1982,129.
216 Alois Hahn

Selbst an fremde Deutungen binden. Die Handschrift wird dann der Text, der eine
kollektiv legitimierte graphologische Lektüre der Identität des Opfers der Interpreta-
tion gestattet.
Die virtuelle graphologische Kontrolle setzt eine voll alphabetisierte Gesellschaft
voraus. In Europa gibt es sie erst seit dem 19. Jahrhundert.35 Sie ist in gewisser
Weise die Voraussetzung für die Inklusion36 aller Individuen in die Gesellschaft,
für die rollenmäßig je verschiedene partielle Teilnahme an den großen Funktionssy-
stemen. Erst die allgemeine Schulpflicht und die mit ihr mögliche Massendiszipli-
nierung (im Sinne Max Webers und Foucaults37) öffnen einer Gesellschaft virtuell

"Für Frankreich liegen hierfür auch quantitative Daten vor. Über den Prozeß der Alphabetisierung
vom 16. bis 19. Jahrhundert vgl. Francois Furct/Jacques Ouzouf (Hrsg.): Lire et icrire.
L'alphahetisalion des Francais de Calvin ä Jules Ferry. 2 Bde. Paris 1977. Am besten lassen sich
natürlich Briefe zählen, obwohl sie keineswegs die einzige Galtung des handschriftlich
Geschriebenen zu dieser Zeil waren, später auch nur zum Teil mil der Hand geschrieben wurden.
Deren Zahl wird für 1832 mit 67 Millionen, für 1847 mit 128 Millionen, für 1897 mil fasl 800
Millionen und mit anderthalb Milliarden für das Jahr vor dem Ersten Weltkrieg angegeben. Zur
empirischen Analyse der Daten, vor allem der 334 Bände umfassenden Enquete der französischen
Post von 1847 siehe Roger Charlicr (Hrsg.): La correspondance. Les usages de la lettre au XlXe
siede. Paris 1991. Man vgl. hierzu auch die Rezension von Madcleine Rebdrioux: "Converser par
cerit. Unc etude sur les usages de la lettre au dix-neuvieme sicclc". In: Le Monde, 16.8.1991,9.
3 ,
' Dcr Begriff der Inklusion ist in der Systemtheoric im Anschluß vor allem an Talcott Parsons
unter dem Aspekt diskutiert worden, wie in modernen funktional ausdifferenzierten Gesellschaften
verschiedene Akteure oder Gruppen (im Kontext der amerikanischen Gesellschaft etwa zunächst
nicht voll Parti/ipationsbcrcchiigtc wie Neger oder ethnische Minoritäten) über spezielle
Publikumsrollcn z.B. als Patient, als Schüler, als Arbeiter, als Wähler usw. Zugang zu den
einzelnen Funküonsbcrcichcn erhielten und in welchen Schritten sich diese Eingliederung vollzog.
Im Vordergrund der Überlegungen standen bei der Erörterung der Inklusionsproblematik aber —
soweit ich sehe — immer die Voraussetzungen für die je spezielle Partizipation an einzelnen
Subsystemen, weniger aber die Analyse genereller Habitus und Kompetenzen (Alphabetisierung
wäre eine solche), die den Modcmisicrungsprozeß als solchen tragen und die jenen spezielleren
Voraussetzungen gleichsam vorgelagert sind. Einen Versuch, die Theorien von Marx, Max Weber,
Elias und Foucault derart neu zu gruppieren, daß eine solche Kombination von Moderne
fundierenden Inklusionsbedingungen sichtbar werden, findet sich in: Hahn 1982 (Anm. 1) und
ders.: "Differenzierung, Zivilisationsprozeß, Religion. Aspekte einer Theorie der Moderne". In:
Fricdhclm Ncidhardl u.a. (Hrsg.): Kultur und Gesellschaft. Sonderheft 27 der Kölner Zeitschrift für
Soziologie und Sozialpsychologie, 1986, 1-231. Zur Theorie der Inklusion vgl. die systemtheo-
retische Diskussion zusammenfassend und weiterführend Rudolf Stichweh: "Inklusion in Funk-
tionssysteme der modernen Gesellschaft". In: Renate Mayntz u.a. (Hrsg.): Differenzierung und
Verselbständigung Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme Frankfurt am Main/New York
1988.261-293.
37
Zu Max Weber und Foucault vgl. Hahn 1982 (Anm. 1) und Hahn 1986 (Anm. 36) sowie Stefan
Breuer: "Sozialdis/iplinicrung. Probleme und Problem Verlagerungen eines Konzepts bei Max
Weber, Gerhard Ocstrcich und Michel Foucault". In: C. Sachsc/F. Tcnnstcdt (Hrsg.): Soziale
Sicherheit und soziale Disziplinierung Beiträge zu einer historischen Theorie der Sozialpolitik.
Handschrift und Tätowierung 217

diese Chance der Massenkontrolle. Während wir unseren Kindern das Schreiben
beibringen, tätowieren wir (in einem metaphorischen Sinn) ihre Hände, indem wir
ihnen bleibende Habitus einprägen. Die Gesellschaft schreibt sich in die schreiben-
den Hände.38 Schließlich aber kann dann die Handschrift zur piice d'identiti
werden, zum Paßbild39, ja mehr noch: zur Photographie der Seele. In dem Maße,
wie wir uns an der schreibenden Kommunikation beteiligen, durch Briefe, hand-
schriftliche Lebensläufe oder im Minimalfall durch bloße Unterschrift, tragen wir
mit dazu bei, eine gläserne Gesellschaft aufzubauen. Man könnte sich eine Gesell-
schaft denken — in Teilen gibt es sie natürlich schon (obwohl bislang systemati-
sche empirische Untersuchungen über die soziale Verwendung von graphologi-
schen Tests noch ausstehen) —, in der unsere großen Brüder, die graphologische
Tests verordnenden Psychologen, eine neue Form von 'Totaler Institution' im
Sinne Goffmans oder besser noch: ein Panoptikon im Sinne Foucaults verwalten,
allerdings in Form des 'offenen Strafvollzugs': ein 'Panoptikon'40 ohne Wände.

Frankfun am Main 1986, 45-69. Neuerdings auch Robert van Krieken: "The Organisation of the
Soul: Elias and Foucault on Discipline and the Seif. In: Archiven europinnes de sociologie,
XXXI, 1990,353-371.
38
Zur Illustration die Abbildungen 8,9 und 10 in: Michel Foucault: Surveiller et punir. Naissance
de la prison. Paris 1975.
39
Vgl. Martin Stingclin: "En face et en profil. Der identifizierende Blick von Polizei und
Psychiatric". In: Sprengel Museum Hannover (Hrsg.): Fotovision. Projekt Fotografie nach 150
Jahren. Bearbeitet von Bernd Busch, Udo Liebelt und Werner Oder. Hannover 1988,181-187.
40
Foucault 1975 (Anm. 38), 197-229.
Aleida Assmann

Pflug, Schwert, Feder


Kulturwerkzeuge als Herrschaftszeichen

Unter besonderen Umständen werden Werkzeuge in den Rang von Herrschaftszei-


chen erhoben, dann nämlich, wenn sie eine kulturell paradigmatische Bedeutung
haben. Daß sich diese Bedeutung in der Geschichte ändert, läßt sich an den Meta-
morphosen von Wappentieren ablesen. 1919, nach dem Zusammenbruch der Dop-
pelmonarchie, wurde der österreichische Adler umgerüstet. Anstelle der monarchi-
schen Herrschaftszeichen Schwert und Reichsapfel steckte man ihm die Insignien
der arbeitenden Bevölkerung, den Hammer der Handwerker und die Sichel der
Bauern in die Krallen. Heute läuft eine Debatte darüber, ob es denn bei diesen Zei-
chen bleiben soll, oder ob Österreich nicht Gefahr läuft, durch seine politische
Heraldik als letzte Hochburg des Sozialismus zu erscheinen.
Das Problem, das uns im folgenden beschäftigen soll, ist durchaus ernsthaft. Es
geht um die symbolische Bedeutung von Schreibwerkzeugen und Schriftemble-
men. Schreibgeräte sind paradigmatische Kulturwerkzeuge, und daher nimmt es
nicht wunder, daß auch sie in die Funktion von Herrschaftszeichen aufrückten. Um
sowohl den Konnotationsraum als auch den je spezifischen Akzent der Schriftsym-
bole zu verstehen, erscheint es mir als zweckmäßig, die Schreibfeder mit zwei
weiteren und in gewisser Weise analogen Kulturwerkzeugen zu korrelieren: dem
Schwert und dem Pflug.
Ich beginne meine Überlegungen mit einem Bild, das Rembrandt von dem Apo-
stel Paulus gemalt hat. Es zeigt ihn als ergrauten, in einen blaßblauen Mantel
gehüllten Gefangenen in der römischen Zelle, in die durch ein vergittertes Fenster
Sonnenlicht einfällt.1 Er sitzt auf seiner Pritsche, die außer mit einer Decke,
Reisetasche und Schal vor allem mit Büchern und Papieren beladen ist. Ein Fuß

'Das Bild hat Rembrandt 1627 mit nur 21 Jahren gemalt. Es hängt heute in der Staaugalcrie
Stuttgart. Ich danke Jochen Höfisch, der meinen Blick darauf gelenkt hat.
220 Aleida Assmann

steht entblößt auf der Sandale und ruht auf einem schwarzen Stein, der in den
Vordergrund ragt.2
Auf dem so erhöhten Knie hält Paulus ein geöffnetes Buch, das als Unterlage
dient für einige größere Bogen beschriebenen Papiers. Sie sind es, die den Gegen-
stand seiner Konzentration bilden. In der Linken hält Paulus die zum Schreiben be-
reite Feder, die Rechte zupft nachdenklich am Bart. Uns interessiert das Bild aber
besonders um seiner anderen, linken Hälfte willen. Parallel zu Paulus und genau in
der Achse der Schreibfeder steht dort, an die Bücher auf dem Bett gelehnt, ein rie-
siges Schwert. Ein Schwert gehört nicht zum üblichen Inventar einer Gefängnis-
zelle. Seine Bedeutung ist deshalb im emblematischen Raum zu suchen. Auf dieser
Ebene ist die Deutung auch nicht weiter problematisch. Es gibt eine ikonographi-
sche Tradition, die die Heiligen mit den Werkzeugen ihres Martyriums abbilden:
den heiligen Sebastian mit den Pfeilen, Laurentius mit dem Rost, Stephanus mit
den Steinen. Attribut und Erkennungszeichen des Paulus ist das Schwert.
Mit der Lösung des Problems ist jedoch die emblematische Kraft des Bildes noch
keineswegs erschöpft. Es gibt so etwas wie einen Mehrwert des Bildes, der durch
die ikonographische Erklärung noch nicht erfaßt ist. Neben der Konstellation Pau-
lus-und-Schwert lassen sich in dem Bild noch weitere entdecken: die Konstellatio-
nen Buch-und-Schwert oder auch Schwert-und-Schreibfeder. Ich vermute, daß wir
hier eine Bildformel, einen bildlichen Topos vor uns haben, der auch in der Form
von Sprachformeln existiert. Versuchen wir, diesem Topos näher nachzugehen.

/. Buch und Schwert

In der hebräischen wie in der griechischen Bibel werden zwar nicht Schrift und
Schwert, aber Wort und Schwert sprichwörtlich zusammengebunden. "Ihre Zun-
gen sind Schwerter" wird von den Feinden gesagt, womit die verletzende Kraft des
Wortes hervorgehoben wird.3 Der Prophet Jesaia nimmt diese schneidende Kraft
des Wortes für sich selbst in Anspruch:

Von Geburt an hat mich der Herr berufen, meinen Namen genannt vom Multcrschoßc an. Er
machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, barg mich im Schatten seiner Hand; er machte
mich /um glatten Pfeil, versteckte mich in seinem Köcher und sprach zu mir: Du bist mein
Knecht, durch den ich mich verherrliche (Jes. 49,1-3).

2
Einc Parallele zu dem eklatanten Detail des nackten Fußes auf einer Steinplatte findet sich auf
Haas Mcmlings Altarbild des Johannes auf Patmos, der ebenfalls mit Buch und Schreibfeder in der
Linken dargestellt ist, wie er gerade die Offenbarung empfängt (Tryplichon des Hl. Johannes des
Täufers und des Evangelisten, 1479, Sint-Janshospitaal, Brügge).
3
Ps. 55,2: 57,5; 64,4.
Pflug, Schwert, Feder 221

In der Offenbarung des Johannes wird die Vision des Menschensohnes beschrie-
ben, aus dessen Mund ein zweischneidiges, scharfes Schwert hervorgeht (Off.
1,16; 2,16). Es ist der Weltenrichter, der zum letzten Kampf antritt und über den
"zweiten Tod" entscheidet. In diesem letzten Kampf wird das Wort selbst zur
mächtigsten Waffe.
Bei Rembrandt verbindet sich diese apokalyptische Gewalt des Wortes mit dem
biblischen Buch und dem Schreiben. In der Verbindung von Gotteswort und
Schwert ist eine Überbietung der weltlichen Macht begründet. Die geistliche Macht
steht gegen die weltliche Macht und ist stärker als sie; die Heilige Schrift ist das
schärfere, das schärfste Schwert. Es ist gehärtet unter dem Druck des Widerstands.
Wo es um Leben und Tod geht, gewinnt es seine apokalyptisch-martialische Quali-
tät. Rembrandt malt die 'politische Theologie des Paulus', der in der Heiligen
Schrift und in seiner Schreibfeder die stärkeren Waffen besitzt als seine Verfolger.
Die Konstellation von Schwert und Buch gehört zur Ikonographie der politischen
Theologie. Es sind Herrschaftszeichen, Insignien von 'Herrschaft und Heil'4, die
hier in eine programmatische Verbindung eingehen. Die Geschichte der politischen
Theologie läßt sich an der wechselnden Zuordnung der Insignien 'Buch und
Schwert' ablesen. Die mittelalterliche Ständeordnung hat weltliche und geistliche
Macht nicht antagonistisch erlebt wie der Verfolgte Paulus, sondern sie einander
zugeordnet und auf zwei Kompetenzbereiche verteilt. Das Buch war das Zeichen
der Kleriker, das Schwert das der Ritter. Den einen stand der Papst, den anderen
der Kaiser vor. Gemeinsam verbürgten sie Herrschaft und Heil, ein Programm, das
auf Erden nur arbeitsteilig, d.h. durch zwei Institutionen zu verwirklichen war. Die
apokalyptische Gleichung von Wort und Schwert, Herrschaft und Heil war dem
Messias und Weltenrichter vorbehalten.
Das änderte sich grundlegend mit der Heraufkunft der absolutistischen Monar-
chie. Sie grenzte sich von der politischen Theologie des Mittelalters dadurch ab,
daß jetzt beide Handlungssphären, Herrschaft und Heil, in einer Hand vereinigt
wurden. Ein sinnfälliges Dokument dieser Vereinigung findet sich in einem Wid-
mungsgedicht, das ein englischer Gelehrter am Hofe Heinrichs VIII. einem seiner
Werke vorangestellt hat. Darin stehen folgende Zeilen:

4
Dic Begriffe 'Herrschaft und Heil' als zcniralc Kategorien der Politischen Theologie übernehme
ich von Jan Assmann: Politische Theologie zwischen Ägypten und Israel. Vorträge der Carl
Friedrich von Siemens-Stiftung. München 1992.
222 Aleida Assmann

Slickc to Ihc Trolhc, and cvermore thou shall


Through Christ, King Henry, the Boke and the Bowe
All maner of enemics, quite overthrowe.5

Diese Zeilen sind als Frontispiz in ein reich dekoriertes monarchisches Wappen
eingelassen, das in seiner unteren Hälfte von Buch und Bogen eingerahmt wird.
Sie markieren den Umschlagspunkt vom chrisdichen Universalismus des Mittelal-
ters zum nationalen Absolutismus der Neuzeit. Das 'Buch' ist nicht mehr Garant
einer außer- oder überstaatlichen Wahrheit. Es ist seiner irdischen Institution, dem
Papsttum, entzogen und unmittelbar in den Schutz/Dienst der Monarchie gestellt.
Das Buch geht eine neue Allianz ein mit den Insignien staatlicher Herrschaft, es
wird zum Instrument der Steigerung und Absolutsetzung nationaler Wahrheit. Die
buchgestützte Macht ist die absolute Macht, gegen die es keine Widerstandsposi-
tion, kein Einspruchsrecht mehr gibt. Säkularisierung bedeutet in dieser histori-
schen Stunde gerade nicht, wie später, Gewaltenteilung, Differenzierung der Insti-
tutionen und Wertsphären, sondern: Entdifferenzierung, Gewaltenvereinigung,
Machtsteigerung und — ganz im Sinne Carl Schmitts — absolute Souveränität.

2. Degen und Feder

Das Schwert weist in die mythische Dimension. "Als Reichsschwert, als Schwert
der Gerechtigkeit, als Schwert Gottes, als das Flammenschwert des Erzengels" ge-
hört es "zur Sphäre des 'Sacreö'", es ist "überhaupt keine Waffe [...], sondern das
höchste Symbol der in Transzendenz begründeten Herrschaft". Das diesseitige
Pendant zum Schwert ist der Degen. "Er ist das Attribut des Ritters, Offiziers,
Edelmannes — des Herrn, f...] Mit ihm und durch ihn hat er und verteidigt er seine
Ehre, Thonneur"'.6
Den Schritt vom ordo maioris des Schwertes zum ordo minoris des Degens weist
uns ein Gedicht Friedrich von Logaus:

Kühne Faust und blancker Degen


KUnnen Würd und Ruhm erregen;
Ruhm und Würde muß sich legen,
Stützet Feder nichl den Degen.

5
Roger Ascham: Toxophilos (1645): "Halte dich nur an die Wahrheit und du wirst sodann / Mit-
hilfe von Christus und König Heinrich, mit Buch und Bogen / den Feind in jeglicher Gestalt
gän/lich überwinden".
''Nicolaus Somhart: Die deutschen Männer und ihre Feinde. Carl Schmitt — ein deutsches Schick-
sal zwischen Männerbund und Matriarchatsmythos. München 1991, 72f.
Pflug, Schwert, Feder 223

Die Feder, von der hier die Rede ist, gehört nicht mehr in den sakralen Raum der
Heiligen Schrift, sondern in den weltlicher Literatur und Bildung. 'Schrift' steht in
der Renaissance zunehmend auch für schöne Literatur, vorzugsweise die grie-
chisch-römische, die von den Renaissance-Humanisten kanonisiert wurde und die
Gestalt einer alternativen Tradition annahm. Mit dieser zweiten Tradition war ein
neuer Radius schriftlicher Artikulation gewonnen. Die einstigen Standesgrenzen
wurden durchlässig, als die heilige Schrift im Druckzeitalter unter die Vielheit der
Bücher geriet. Der Zugang zum Raum der Bücher ließ sich nicht in gleicher Weise
institutionell kontrollieren. Die wichtigste Zugangsbeschränkung zur Schrift wurde
jetzt die Muße.
Zu den entscheidenden Faktoren des neuzeitlichen Staates gehört die Konzentra-
tion der Gewalt, das Gewaltmonopol der Herrschers. Die moderne Monarchie war
bestrebt, die rivalisierenden feudalen Kräfte auszuschalten und sich auf dem Fun-
dament einer Bürokratie mithilfe eines Apparats ausgebildeter, unmittelbar verant-
wortlicher Beamten zu konsolidieren. Das erforderte eine tiefgreifende Transforma-
tion des Adels. Parallel zur bekannten Wertverschiebung vom Adel des Blutes zum
Adel der Tugend verlief der Impuls, arma durch litterae, Mars durch ars, die
Waffen als Statussymbol durch die Literatur zu ersetzen. In den neuzeitlichen
Staaten und Fürstenhöfen wiesen die Humanisten den Weg von Geblüt und Waffen
zu Leistung und Bildung. Seit dem 16. Jahrhundert traten sie verstärkt in Fürsten-
dienst und Verwaltung ein. Ihr Ziel war eine tendenziell überständische Schicht,
und sie bemühten sich, "die Kluft zwischen 'Waffen und Wissenschaften', d.h.
aber die Konkurrenz zwischen nobilitas generis und nobilitas litteraris, zwischen
bürgerlicher Bildungsaristokratie und feudalem Erbadel" auszugleichen, die "im
Dienst am Fürsten, im Zuge der Eingliederung des einzelnen in den sowohl von
Militär als auch von Bürokratie geprägten Zentralstaat obsolet geworden" war.7 Der
Ausgleich, auf den von unten her gedrungen wurde, erhielt auch von oben her
Nachdruck. Auch der alte Adel hatte sich bei der Ämterqualifikation für den Hof-
und Staatsdienst der Konkurrenz zu stellen, eine Not, aus der diese Einsicht
hervorgegangen ist: "Solcher Gestalt ist dem wahren Adel die Feder in der Hand so
nöthig / als der Degen an der Seite / und durch jene wird dieser so rühmlich
geführet".8

7
Wilhclm Kühlmann: Gelehrtenrepublik und Fürstenstaat. Entwicklung und Kritik des deutschen
Späthumanismus in der Literatur des Barockieitallers. Tübingen 1982, 352; das Kapitel, aus dem
wir zitieren, lautet: "Arma-Iitlcrac". Direkt zur topischen Formel Volker Sinemus: Poetik und
Rhetorik imfrähmodernen deutschen Staat Soiialgeschichlliche Bedingungen des Normenwandels
im 17. Jahrhundert. Palacslra 269. Göltingen 1978, Kap. III. Vgl. auch Roben J. Clements: "Pen
and Sword in Renaissance Emblem Liierature". In: Modern Language Quarterly 1944, 132-141.
"Heinrich Ansclm von Zicglcr und Kliphausen: Vorrede zum Täglichen Schauplatz der Zeit; ziL
nach Volker Sinemus (Anm. 7), 237.
224 Aleida Assmann

Sozialgeschichtlich vollzog sich damit im absolutistischen Fürstenstaat mit dem


'Höfisierungsprozeß' und der bürokratischen Integration eine Nivellierung der
Stände zu einer homogenen Fürstendienerschaft. Unter diesen sozialhistorischen
Bedingungen entwickelte sich die Formel von Feder statt Degen im Sinne einer
"propagandistischen Selbstinterpretation des mittelständischen Gelehrtentums".9
Das imperiale Selbstbewußtsein der Waffen tragenden ging damit bruchlos an die
Federführenden über. Ein Livius-Übersetzer des 16. Jahrhunderts verstand sein
Werk als verspätete Antwort auf die römische Eroberung Britanniens. Er sah einen
späten Triumph über die Römer darin, daß nun "die lateinische Literatur die Spitze
der englischen Feder zu spüren bekam, gleichsam als Vergeltung für die damalige
Eroberung dieser Insel mit der Schneide ihres Schwertes".10 Seit Castigliones
Cortegiano wird der ideale Höfling auf eine Doppelkompetenz von Degen und
Feder festgelegt. George Pettie, der ein italienisches Erziehungsbuch des späteren
16. Jahrhunderts ins Englische übersetzt hat, stellte diesem ein Vorwort voran, in
dem die Bildung zum wichtigsten Desiderat des Gentlemans wurde. Dabei konnte
er für seine Priorität von Feder über Degen auf die zeitgenössische Anthropologie
rekurrieren. Das sind ahnungslose Soldaten, schrieb er, die glauben, daß im Krieg
allein der Körper im Einsatz ist, wo doch der Körper vom Geist regiert wird und
dieser einzig und allein den Menschen definiert. "Alas, you wyll be vngentle
Gentlemen yf you be no Schollers!" Pettie zählt alle traditionellen Adelsausweise
auf, um sie dann durch Bildung ("Learning") auszustechen. Es gibt nicht mehr wie
früher nur eine Hauptstraße zum ewigen Ruhm, sondern zwei; den Weg des
Degens und den der Feder: "[T)he only way to win immortalitie is either to doo
thinges worth the writing |= Degen|, or to write thynges woorthy the readyng
|= Feder]"."
Degen und Feder: Was in der höfischen Erziehungsliteratur des 16. Jahrhunderts
als "Domestikation des Kriegers zum Höfling" begann12 und im 17. die nicht im-
mer aussichtsreiche Ideologie der Gelehrtenrepublik war, bleibt zum Schluß der
moralische Anspruch auf Zähmung der stets zur Willkür und Eigensinnigkeit ten-
dierenden Macht.

9
Volker Sincmus (Anm. 7), 236.
"'"[.. 1 to triumph now over the Romans in subduing ihcir litcralure under the dem of the English
pen, in rcquilall of ihe conqucsl somclimc over this Island, atehieved by ihe edge of iheir sword."
Philcmon Holland: "Prcfacc lo Livy". 1601, nach: K. J. Holzkncchl (Hg.): Sixleenth-Cenlury
English Prose. New York 1954, 36.
"George Pcllic: "Vorwon zu S. Guazzo's The Ciuile Conuersation". In: K. J. Holzkncchl (Anm.
10), 296f. Zur Arbeitsteilung von Körper und Geist vgl. Moschcroschs lateinisches Epigramm:
"Ars Animi capul est: Mars Animi manus est", nach Kühlmann (Anm. 7), 357, Anm. 127.
12
Norbcrt Elias: Der Prozeß der Zivilisation. Bd. 2. Frankfurt/M. 1977, 351 ff.
Pflug, Schwert, Feder 225

3. Pflug, Schwert, Buch

Plough, Sword and Book — so lautet der Titel einer neueren Monographie eines
Ethnologen. Die Korrelation von Schwert und Buch ist zur Trias ergänzt. Voran-
gestellt ist ihr der Pflug, der ebenfalls zu den fundierenden Kulturwerkzeugen
zählt, wenn auch nicht zu den heroisch-unsterblich machenden. Pflug, Schwert und
Buch repräsentieren Für den Ethnologen metonymisch drei fundamentale Katego-
rien menschlicher Tätigkeiten: Produktion ("production"), physische Gewalt
("coercion") und Erkenntnis ("Cognition").13 Mithilfe dieser konstanten Kategorien
untersucht er die wichtigsten sturkturellen Wandlungen von Kulturen zwischen
Steinzeit und Gegenwart. Statt 'Buch' könnte man wiederum, um die Analogie
noch schärfer zu fassen, 'Griffel' oder 'Feder' sagen. Schreiben rückt hier in eine
Trias fundierender Kulturhandlungen ein. Korbflechten, Kesselflicken, Nähen,
Brot Backen oder Gebären kommen offensichtlich nicht als fundierende Kultur-
handlungen in Frage. Sie entbehren die männliche bzw. heroische Komponente,
die das Ensemble von Pflügen, Kämpfen, Schreiben umspannt.
Solche 'fundamentale Klassifikation menschlicher Handlungen' ist somit eine
fundamentale Klassifikation männlicher Handlungen. In einer Reihe mit Pflug und
Schwert erscheint Schrift als ein männliches Privileg. Es steht wie die anderen
Werkzeuge für eine ausgesprochen nichtweibliche Handlungssphäre. Das heißt je-
doch nicht, daß nichtweibliche Handlungssphären allen Männern offenstehen.
Diese unterscheiden sich nach ihrem Zugang zu solchen Werkzeugen. Das sinnfäl-
lige Ergebnis solcher Zugangsbeschränkung ist die mittelalterliche Ständeordnung,
auf die wir gleich zu sprechen kommen werden. Hier ist zunächst lediglich festzu-
halten, daß die drei Werkzeuge auf drei fundierende Kultur-Dimensionen verwei-
sen, und daß diese Bereiche arbeitsteilig organisiert sind. Wer pflügt, trägt kein
Schwert, und wer ein Schwert trägt, greift nicht zur Feder. Wo diese Grenzziehun-
gen gefährdet werden, wird die Ständeordnung untergraben. Aus Arbeitsteilung
und Standesgliederung wird dann funktionale Differenzierung, was bedeutet, daß
ein und derselbe bald den Pflug, bald das Schwert oder die Feder führen kann. Die
Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Zuge der Einrichtung von Nationalstaa-
ten und die Alphabetisierung sind Beispiele für die Demokratisierung von Schwert
(bzw. Degen) und Feder; die 'Verländlichung' der Städte durch Kleingärten ver-
weist immerhin andeutungsweise auf eine entsprechende Demokratisierung des
Pflugs. Freilich hat damit das Pflügen seine ständische Bestimmung ebensowenig
verloren wie das Kämpfen seine männliche. Beim Schreiben dagegen sind beide
Formen der Exklusivität weitestgehend aufgelöst worden.
Aus diesen wenigen Andeutungen erhellt bereits, daß die Struktur, die der Ethno-
loge als anthropologische Kategorien verwendet, ihre eigene Geschichte hat. Sie ist

Emcst Gcllncr: Plough. Sword and Book. The Struclure of Human llistory. Chicago 1988, 20.
226 Aleida Assmann

von Georges Duby erzählt worden als Geschichte einer "imaginären Figur", die
sich im Mittelalter allmählich verfestigte und seit dem 11. Jahrhundert eine große
Leuchtkraft gewann. Duby stellt fest, daß der temären Struktur eine duale voraus-
ging. Bis zum 10. Jahrhundert herrschte das Modell einer Gesellschaft, die in zwei
klar definierte Körperschaften gegliedert war, die Führer des Wortes, Inhaber der
Autorität (oratores), und die Führer des Schwertes, Inhaber der Macht (bellatores).
Die einen waren dem Papst, die anderen dem Kaiser unterstellt. Das Volk als Masse
der Untertanen war demgegenüber amorph und unsichtbar, denn es war waffenlos,
schriftlos. Erstmals im 10. Jahrhundert, in sächsischen Texten des auf kulturelle
Erneuerung zielenden Mönchs Aelfric, wird die bestehende Klassifikation um die
lahoratores erweitert. Damit war der Durchbruch zu einer trifunktionalen
Gliederung der Gesellschaft verbunden, in der nun auch das Volk in den Rang so-
zialer Sichtbarkeit erhoben wurde. Dem Stand der Arbeitenden wurde die landwirt-
schaftliche, nahrungerzeugende Funktion zugesprochen: "Laboratores sind jene,
die uns den Unterhalt liefern; die das Land mit dem Pflug bearbeiten, und alle, die
es mit ihren Händen tun".14 Georges Duby kommentiert: "Benutzt wird die Formel
zweifellos, um die Beziehung des Volkes zur Souveränität zu beschreiben, um zu
zeigen, wie der König die unterschiedlichen Fähigkeiten seiner Untertanen zu
nutzen hat, wenn er seinen 'Beruf mit Geschick ausüben will" (ebd.). Gleichzeitig
wird eine Hierarchie in die Ordnung eingeführt, die allerdings auf der Komple-
mentarität und Wechselseitigkeit des Systems beruht.

4. Hirtenstab, Pflug, Schwert

Aus dem Mittelalter liegt uns eine Kategorisierung fundamentaler Kulturhandlungen


vor, die allerdings das Schreiben nicht einschließt. In seinem Vergil-Kommentar
entwarf Aelius Donatus eine andere Trias als Gellner, die er aus dem Gesamtwerk
Vergils ableitete.15 Die frühe, mittlere und späte Schaffensperiode des Dichters
bestimmten normativ die drei großen Kontinente des literarischen Universums.

'"Georges Duby: Die drei Ordnungen Das Weltbild des Feudalismus. Fankfurt/M. 1986, 160.
Mil der Konstruktion einer dreigliedrigen Ordnung verbindet sich der politische Appell zu sozialer
Einheit: der Thron ruhe auf drei Füßen, bzw. Säulen und komme ins Wanken, so heißt es, wenn
eine dieser Stützen zerbreche. Zur Auflösung der drciglicdngcn Ordnungsfigur vgl. ders.: Wirklich-
keit und höfischer Traum Zur Kultur des Mittelalters. Berlin 1986. 19ff.
1
*E. R. Curtius: Europäische Literatur und Lateinisches Mittelalter. Bern/München 1963, 238.
Pflug, Schwert, Feder 227

Gattungen Bukolik Gcorgik Epik


Stände Hirten Bauern Riucr
Werkzeuge Stab Pflug Schwert
Stile humilis mcdiocris gravis
Räume Hain Acker Stadt
Bäume Buche Obstbäume Zeder, Lorbeer
Tiere Schaf Rind Roß

Für die Abwesenheit des Schreibens in diesem Schema gibt es mindestens zwei
Gründe. Der eine liegt darin, daß Schreiben im Sinne von Dichten ja in allen Spar-
ten präsent ist, daher als Sonderfunktion ungenannt bleiben muß. Der andere ist
der, daß aus dem Werk des heidnischen Dichters Vergil sich keine Ständeordnung
ableiten ließ, die dem Klerus seinen Ort zuwies. Die heilige Schrift, auf die sich
dieser Stand gründete, lag außerhalb der Welt des Vergil. So ließ sich von dem
'Kirchenvater der Poesie' keine Ständeordnung, sondern lediglich eine literarisch
immanente Gattungslehre ableiten.

5. Pflug und Schwert

Daß der Pflug nicht nur Werkzeug der Landarbeiter, sondern auch Herrschaftszei-
chen ist, bringen römische Gedenkmünzen zum Ausdruck, die den Akt der Kolo-
nisierung und Städtegründung verewigen. Sie zeigen den bei diesem Ereignis übli-
chen Ritus: Der Gründer, auf den Darstellungen der Kaiser selbst, zieht mit dem
Pflug, der mit einem weißen Stier und einer weißen Kuh bespannt war, eine Acker-
furche. Diese Ackerfurche bezeichnete den Verlauf des späteren Stadtgrabens.16
Wo Pflug und Schwert einander gegenübergestellt werden, sind sie meist in
Form von Leben und Tod polarisiert. In einem berühmten Vers hat Jesaia seine
Friedensvision als Verwandlung von Schwertern in Pflugscharen beschworen (Jes.
2,4), nicht schrittweise Abrüstung, sondern vollständige Entsorgung von Waffen
verheißen. In genauer Gegenrichtung dazu verläuft der Topos vom 'Feld der Ehre',
der im 1. Weltkrieg den Gipfel seiner rhetorischen Konjunktur erlebte. Der Krieg
wurde in diesem Bilde naturalisiert, der Ausnahmezustand des Mordens zu einer
produktiven Tätigkeit verklärt. Daß diese Rhetorik im 2. Weltkrieg ihren Zauber
gründlich verloren hatte, beweisen die folgenden lakonischen Sätze, die im rus-
sischen Schützengraben niedergeschrieben und von der Feldpost im Winter 1941
befördert wurden: "Drüben auf dem andern Gleis ein Lazarettzug. Er kommt von

' "Ich beziehe mich auf Abbildung und Beischrift einer Münze aus dem Badischen Landesmuseum
in Karlsruhe des Kaisers Commodus (177-192 n. Chr.) in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 778.
De/.. 1991.
228 Aleida Assmann

dort, wo wir hinfahren. Er bringt die Ernte von den Feldern, auf die wir gesät
werden; wie einfach ist das [...]"."
"O daß nicht einer Tod meine, wenn er leben sagt" — mit diesem Vers hat Nelly
Sachs die in der Kriegs-Rhetorik wuchernde Sprachperversion ins Mark getroffen.
Und in einem Gedicht aus dem Jahre 1943/44 rückte sie das Bild im Geiste des
Jesaia wieder zurecht:

Leget auf den Acker die Waffen der Rache


Damit sie leise werden —
Denn auch Eisen und Kom sind Geschwister
Im Schöße der Erde—18

6. Pflügen und Schreiben

In der Antike verglich man die Linienführung der Schrift mit dem Weg eines pflü-
genden Ochsen. Der Ausdruck dafür heißt Bustrophedon. Gemeinsam war beiden
Formen der Bewegung die ununterbrochene Hin- und Herläufigkeit. Das schlan-
genförmige Schriftband war das Prinzip eines Schreibens, das kein Oben und Un-
ten des Schriftfeldes unterschied' 9 , das die Buchstaben im Zeilenwechsel bald auf
die Füße, bald auf den Kopf stellte und damit dem Leser ein hohes Maß an Wende-
halsigkeit zumutete. Noch war man nicht gezwungen, mittels eines übersichtlichen
Textbildes Rücksicht auf das ruhende Auge und durch es hindurch auf den glie-
dernden Verstand zu nehmen; noch fehlte die Zurichtung des Schriftbildes auf den
Fluchtpunkt des Lesers.
Isidor von Sevilla hat die parallel-laufenden Schriftzeilen mit Ackerfurchen ver-
glichen. Der mittelalterliche Schreiber zeichnet nach Diktat den Text auf einem
Wachstäfelchen auf. "Was er tut, erinnert den Zuschauer ans Pflügen (exarare).
Nicht selten wird der Schreiber dieses ersten Stadiums daher Pflüger genannt, und

'Hans Gotiard: Ein Auszug aus den Kriegsbriefen, hg. von Hanna Eiermann. Privatdruck; Brief
vom 30.1.1941, 27.
"*Nclly Sachs: Gedichte, hg. von Hilde Domin. Frankfurt/M. 1984, 47, 119. Für den Hinweis
danke ich Hilde Domin.
'QF.rnst Zinn: "Schlangenschrifl". In: Das Alphabet Entstehung und Entwicklung der griechischen
Schrift, hg. v. G. Pohl. Wege der Forschung Bd. 88. Darmstadt 1968, 293-320. Es muß allerdings
betont werden, daß ältere, nicht-alphabetische Schriften bereits das Prinzip der optischen Organi-
sation des Schriftbildes, der Zeilen- und sogar Verstrennung kannten. Diese Sonderentwicklung der
Alphabctschrifl mag damit zusammenhängen, daß sie rigoroser als andere Schriften dem konü-
nuicrlichcn Fluß der Stimme folgt, der in seiner Abbildung keine malcrialbcdingtcn Abbruche und
Zäsuren zulaßt.
Pflug, Schwert, Feder 229

man nimmt die Einritzungen als Furchen wahr, in denen die Saat der Worte aufge-
hen wird".20
Im Wort 'Charakter', das auch den prägnanten Sinn von 'Buchstabe' hat, ist die
Assoziation Pflügen/Schreiben noch erhalten. Schreiben hat etwas mit Prägung und
Eindruck zu tun. Im Zeitalter des materiellen Schreibens, das von den frühen
Hochkulturen bis an die Schwelle unserer jüngsten Vergangenheit reicht, ist Schrei-
ben Bearbeitung eines Materials mit einer unverwischbaren Spur. Die Dauerhaftig-
keit der Schrift hängt wesentlich vom empfangenden Material der Schreibfläche ab.
Piaton hat bekanntlich die menschlichen Seelen danach unterschieden, ob sie zu
hart und daher zu schwer zu beschreiben oder zu weich und damit unzuverlässig als
Bewahrer der vorgeburtlichen Prägungen sind.21
Von ähnlichen materiellen Voraussetzungen des Schreibens ging Alexander Pope
aus, als er das weibliche Geschlecht zeittypisch 'charakterisierte'. Er pflichtete in
einer Epistel an einen Freund diesem bei:

Nothing so truc as what you oncc let fall,


'Most Women have no Characlcrs at all.'
Matter too soft a lasting mark to bcar.
And best distinguish'd by black, brown, or fair.22

Frauen sind keine Träger von Identität. Sie bleiben schemenhaft, auswechselbar
und sind daher am besten generisch zu klassifizieren. Zu Popes Zeiten, Anfang des
18. Jahrhunderts, war 'Charakter' noch ein männliches Privileg. Das hatte hand-
feste literarische Konsequenzen. Frauen waren nicht autorisiert, ihren eigenen
'Charakter' in der Gattung Memoiren zu profilieren.

7. Männliches und weibliches Schreiben

Die sexuelle Konnotoation in der Verbindung von Pflügen und Schreiben ist das
Thema eines kleinen Gedichts von Hilde Domin. Es trägt den Titel 'Schrift'.

Wo du mich pflügst
Bleibt die Furche.
Meine Schrift auf dir

20
lvan Ilhch: Im Weinberg des Textes Als das Schriftbild der Moderne entstand. Frankfurt/M.
1991, 93f.
2,
Platon: Theaelet, 191 c d .
22
Alcxandcr Pope: Epistel II "Of thc Characlcrs of Womcn". In: Poelical Works, hg. v. Herbert
Davis. London 1966, 291. Vgl. dazu Haroid Fish: "Charactcr as Linguislic Sign". In: New
Lilerary llislory 21 (1989-90), 593-606.
230 Aleida Assmann

Ist wie ein Zeichen im Sand


das jeder Nachlwind verweht 23

Das Gedicht handelt von den beiden Polen, die im Akt des Schreibens immer schon
verbunden sind, dem phallischen Stylus und der weiblichen Materie, dem aktiven
Einprägen und dem passiven Empfangen von Prägungen.24
In den ersten Zeilen wird ausschließlich in Bildern des Ackerbaus gesprochen, es
ist von Pflügen und Furche die Rede. 'Schrift', der Titel des Gedichts, taucht erst
im zweiten Teil auf. Mit dem Wort Schrift ist ein anderer Raum betreten. Die Hand-
lungssphären agrarischer Fruchtbarkeit oder männlicher Sexualität sind mit dem
Wort Schrift in jeder Beziehung 'transzendiert'. Das bedeutet, daß Schrift das
Prinzip der periodischen Wiederholung — sei es in Gestalt der zyklischen Frucht-
barkeit des Ackers oder der Rhythmik des Geschlechts — hinter sich läßt. 'Meine
Schrift auf dir' mag das hauchzarteste Gebilde sein — vom Gesetz der periodischen
Wiederholung entbunden und schriftgestützt, besitzt dieses Zeichen allemal eine
überlegene Form von Dauer.
Im Gedicht ist aber auch von zwei Registern des Schreibens die Rede, einem
männlichen, materiellen, dauerhaften und einem weiblichen, immateriellen, flüchti-
gen. Schrift als Medium der Dauer in der Zeit und der Ausbreitung im Raum ge-
hört, wie wir gesehen haben, zu den fundierenden 'imperialen' Kulturhandlungen.
Dies ist die 'männliche Schrift', die mit dem Schwert assoziiert wird. Mit ihr haben
wir diese Skizze begonnen. Beenden wir sie mit einem Beispiel 'weiblichen
Schreibens', das sämtliche Ansprüche der Schrift auf Dauer und Festigkeit, auf
trennende Schärfe und fixierende Identität untergräbt. Ich denke an eine Meditation
über das Schreiben von Marie-Luise Kaschnitz, die den Titel Leeres Papier trägt:

• "Hilde Domin: Gesammelte Gedichte. Frankfurt/M. 1987, 58.


24
Wir versagen uns hier einen Abschnitt zum Thema 'Körpcrschrifl', das in anderen Beiträgen
dieses Bandes ausführlich behandelt wird. Gemeint ist damit die Engführung von Schwert/Pflug
und Schrift auf der menschlichen Haut oder allgemeiner die schmerzhanc Prägung von Individuen
durch die Kultur /um Zweck der Einzcichnung von Identität. Hierbei handelt es sich um ein
zentrales Motiv sowohl der Anthropologie wie der politischen Rhetorik. Nietzsche hat das Thema
von der blutigen Schrift aufgegriffen und vom Schmerz als dem wirkungsvollsten Mittel kultu-
reller Mnemotechnik gesprochen (Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, hg. v. K. Schlcchta,
München i960, Bd. II, 802). Vgl. dazu Pierre Clastrc, Staatsfeinde Studien zur politischen
Anthropologie, Frankfurt/M. 1976 (orig.: La societi contre l'Etat), 1974, 175. Über blutige
Schrift und lnitiaüonsritcn als symbolische Trennung des Männlichen vom Weiblichen vgl. auch
Nicolaus Sombarl (Anm. 6), 78-81. In Kafkas Erzählung In der Strafkolonie wird das Urteil dem
Gefangenen mit einem mechanischen Apparat, dessen scharfer Griffel 'Egge' genannt wird,
mechanisch auf den Körper geschrieben. Das Urteil und seine Vollstreckung fallen in der blutigen
Schrift zusammen.
Pflug. Schwert, Feder 231

Seit einiger Zeit finde ich die tags zuvor von mir beschriebenen Blätter am Morgen, wenn ich
mich zur Arbeil setze, leer. Ich kann mich beim besten Wilcn nicht erinnern, was ich da zu Papier
gebracht habe. Die wenigen Worte, die etwa stehengeblieben sind, kann ich nicht entziffern, oft
verbringe ich ganze Vormittage damit, an ihnen herumzurätseln, was ich herauslese, ergibt keinen
Sinn. Allerdings kommt es auch vor, daß mich gerade diese närrischen Worte auf eine neue Spur
setzen, die ich dann eifrig verfolge. Meine Hundnase wittert und wühlt, wieder habe ich etwas, das
ich ans Tageslicht bringen kann. Am Abend sind zwei oder drei Seiten vollgeschrieben, die ich er-
freut überlese. Am Morgen wird es sein wie gestern, alles verblichen und verschwunden, nur ein
paar fadendünne Wörter stehengeblieben, hindostanisch, suaheli, Traumsprache, wenn ich mit al-
lem etwas anzufangen wüßte, stünde es schlimm.25

"Marie Luise Kaschnilz: Ein Lesebuch 1964-1974. Frankfurt/M. 1980. 173.


Jan Assmann

Altorientalische Fluchinschriften
und das Problem performativer Schriftlichkeit
Vertrag und Monument als Allegorien des Lesens

/. Wenn das Recht versagt: Gesetz und Fluch

1.1 Deuteronomium, Kapitel 28

Gegen Ende des 5. Buchs Mose steht zu lesen, daß die Israeliten nach der Über-
schreitung des Jordan "große Steine" aufrichten und "mit Kalk tünchen" sollen
(27,2) und "darauf alle Worte dieses Gesetzes schreiben, klar und deutlich" (27,8).
Dann wurden je sechs Stammesführer abgeordert, um sich auf den Berg Garizim
und auf den Berg Ebal zu stellen. Die auf dem Garizim sollten das Volk segnen, die
auf dem Ebal fluchen. Im folgenden werden zwölf Verfluchungen aufgeführt, die
von den Leviten mit lauter Stimme vorgetragen und von dem Volk mit "Amen" be-
stätigt werden sollten. Das folgende, 28 Kapitel besteht zur Gänze aus Segens- und
Fluchformeln: 14 Verse mit Segenssprüchen im Falle des Gehorsams und nicht
weniger als 53 Verse mit Verwünschungen für den Fall des Ungehorsams. Es sieht
so aus, als hätte die Gruppe auf dem Ebal eine viermal schwerere Aufgabe zu be-
wältigen als die auf dem Garizim. In Wirklichkeit aber haben die Verfluchungen im
Kapitel 27 und die Segens- und Fluchformeln des 28. Kapitels gar nichts miteinan-
der zu tun. Die ersten stellen einen Fall konstitutiver Mündlichkeit dar, die zweiten
einen Fall konstitutiver Schriftlichkeit, genauer: Inschriftlichkeit. Die ersten sind ein
Faktum der Stimme, die zweiten ein Faktum des Steines: Sie gehören zu den Stei-
nen, die auf dem Fluchberg Ebal errichtet und mit der Tora beschriftet werden sol-
len.
Sehen wir uns diese Flüche etwas genauer an. Die erste Reihe beginnt mit:
"Verflucht sei, wer |...|" (arür), gefolgt von einem bestimmten Vergehen. Diese
Rüche sollen vor allem Volk ausgerufen und von dem Volk einzeln durch "Amen"
234 Jan Assmann

bestätigt werden. Sie stellen daher im Grunde Selbstverwünschungen dar und das
wiederholte "verflucht sei, wer [...]" erhält durch das respondierende "Amen" den
Sinn "ich soll verflucht sein, wenn ich [...]". Das ist ein rein mündliches Ereignis.
Die zweite Reihe weist eine umgekehrte Struktur auf: Hier wird der Fluch spezifi-
ziert, während das Verbrechen immer dasselbe ist, nämlich Ungehoram gegenüber
der Stimme des Herrn. Statt der 'Er'-Form (hinter der eine 'Ich'-Form steht) haben
wir die 'Du'-Form. Moses selbst verflucht das Volk und verweist auf "den Herrn,
Deinen Gott" als den Agenten der Bestrafung. Die Liste beginnt damit, die Reich-
weite der Verfluchung zu umreißen, die nicht nur die Person selbst betrifft, ihren
Körper und ihre Seele, ihr Geschick und ihre Geschäfte, sondern alles, was ihr im
Sinne einer sozialen und dinglichen Eigensphäre angehört.

Wenn du aber nicht gehorchen wirst der Stimme des Herrn'' I, deines Gottes, daß du hältst und tust
alle seine Gebote und Rechte, die ich dir heute gebiete, so werden alle diese Flüche über dich
kommen und dich treffen. Verflucht wirst du sein in der Stadt, verflucht auf dem Acker. Verflucht
wird sein dein Korb und dein Backtrog. Verflucht wird sein die Frucht deines Leibes, die Frucht
deines Landes, die Frucht deiner Rinder und die Frucht deiner Schafe. Verflucht wirst du sein, wenn
du eingehst, verflucht, wenn du ausgehst (28,15-19).

Dann kommen die spezifischeren Unglücksfälle. Zunächst die Krankheiten: Pest,


Darre, Fieber, Hitze, Brand, Dürre, giftige Luft, Gelbsucht; sodann Unfruchtbar-
keit von Himmel und Erde: der Himmel ehern, die Erde eisern. Schließlich politi-
scher Mißerfolg:

Der Herr wird dich vor deinen Feinden schlagen; durch einen Weg wirst du zu ihnen ausziehen, und
durch sieben Wege wirst du vor ihnen fliehen und wirst zerstreut werden unter alle Reiche auf Er-
den. Dein Leichnam wird eine Speise sein allen Vögeln des Himmels und allen Tieren auf Erden,
und niemand wird sein, der sie scheucht (28,25-26).

Dann kehrt die Liste zu den Krankheiten zurück, solchen der ganz äußeren und sol-
chen der ganz inneren Art: unheilbare Hautkrankheiten — "Drüsen Ägyptens,
Feigwarzen, Grind und Krätze" (28,27) — und Geisteskrankheiten — "Wahnsinn,
Blindheit und Rasen des Herzens und wirst tappen am Mittag, wie ein Blinder tappt
im Dunkeln" (28,28f.). Darauf folgen alle möglichen Formen von Mißlingen: "ein
Weib, mit dem ein anderer schlafen, ein Haus, in dem ein anderer wohnen, ein
Weinberg, den ein anderer ernten wird" (28,30), "ein Ochse, von dem du nicht es-
sen wirst, ein Esel und ein Schaf, das dir genommen wird, Söhne und Töchter, die
einem anderen Volk gegeben werden" und, was das schlimmste ist: Das alles soll

'NichlhOrcn, Taubheit erscheint auch in den Fluchformcln der Kanais-Inschrift Scthos' I., vgl. da-
zu unten. Im Hethiter-Vertrag Ramscs' II. werden die verflucht, 'die diese Worte nicht beachten
werden'.
Alloricnialischc Fluchinschriflcn 235

"vor deinen Augen" (31) geschehen, "vor deinem Angesicht" (31), "daß deine Au-
gen zusehen" (32), "und du wirst unsinnig werden vor dem, das deine Augen se-
hen müssen" (34).2 Dann nochmals dieselbe Trias: Krankheiten ("böse Drüsen an
Knien und Waden, daß du nicht laufen kannst"; 35), politisches Unheil (Ver-
treibung "unter ein Volk, das du nicht kennst noch deine Väter und wirst daselbst
dienen andern Göttern: Holz und Steinen; und wirst ein Scheusal und ein Sprich-
wort und Spott sein unter allen Völkern, dahin dich der Herr getrieben hat"; 36f.)
und Mißlingen (Aussaat ohne Ernte, Weinberge ohne Wein, Söhne und Töchter für
die Sklaverei, sozialer Umsturz, so daß der Fremdling "immer oben" und "du
immer unterlegen bist"; 38-44). Schließlich verweilt die Liste auf dem politischen
Thema, das offenbar unter den Übeln den Spitzenplatz einnimmt:

Der Herr wird ein Volk über dich schicken von ferne, von der Welt Ende, dessen Sprache du nicht
verstehst, ein freches Volk, das nicht ansieht die Person des Alten noch schont der Jünglinge. Es
wird verzehren die Frucht deines Landes bis du vertilgt werdest; und wird dir nichts übriglassen an
Kom, Most, öl, an Früchten der Rinder und Schafe, bis daß dich's umbringe; und wird dich äng-
sten in allen deinen Toren, bis daß es niederwerfe deine hohen und festen Mauern [...) (49-52).

Und nun wird in den grausigsten Farben die Situation einer Belagerung ausgemalt:

Du wirst die Frucht deines Leibes essen, das Fleisch deiner Söhne und deiner Töchter, in der Angst
und Not, womit dich dein Feind bedrängen wird, und wer zart ist unter euch wird scheel blicken auf
seinen Bruder und auf das Weib an seinem Busen und auf den Rest seiner Kinder [„.] (53f.).

Und zum Schluß das furchtbarste Unheil:

Denn der Herr wird euch zerstreuen unter alle Völker von einem Ende der Welt bis ans andere [„,]
da/u wirst du unter den Völkern kein bleibend Wesen haben, und deine Fußsohlen werden keine
Ruhe haben. Denn der Herr wird dir daselbst ein bebendes Herz geben und verschmachtete Augen
und eine verdorrte Seele, daß dein Leben wird vor dir schweben. Nacht und Tag wirst du dich fürch-
ten und deines Lebens nicht sicher sein. Des Morgens wirst du sagen: Ach, daß es abends wäre und
des Abends wirst du sagen: Ach daß es Morgen wäre! vor der Furcht deines Herzens, die dich
schrecken wird, und vor dem, was du mit deinen Augen sehen wirst (64-67).

Flüche über Flüche, ein schier endloses Spektrum der Vernichtung und Verzweif-
lung, eine wahre Todesfuge, die hier abrollt, ein Meisterwerk der Imagination, das
schon damals, nach Jahrhunderten assyrischer und babylonischer Bedrängnis, mit
Erfahrung gesättigt war und das spätere Jahrtausende in noch viel furchtbarerer
Weise in Erfahrung umsetzen sollten — wir haben es hier zweifellos mit einer lite-
rarischen Tradition und zwar mit dem absoluten Gipfel einer Gattung zu tun, die

2
Vgl. hicr/u die Spezifikation "während die Augen zusehen" im Dekret für Amcnophis Sohn des
Hapu (s. unten).
236 Jan Assmann

man Fluchkataloge nennen könnte. Worum es dabei geht, ist die listenförmige An-
häufung von Unheil. Im folgenden möchte ich einen Blick in die Geschichte dieser
Gattung werfen und einen Überblick über ihre Formen, Motive und Funktionen
skizzieren.
Das 5. Buch Mose oder Deuteronomium ist ein Gesetzbuch, hebräisch sefer ha-
torah Als solches wird es im Buch der Könige bezeichnet (2. Kön. 22,8). Die Se-
genssprüche gelten denen, die das Gesetz halten, und die Fluchsprüche denen, die
es brechen. Wir dürfen aber Gesetzgebung und Verfluchung nicht gleichsetzen.
Das Gesetz etabliert einen Nexus einerseits zwischen Norm und Sanktion und an-
dererseits zwischen Tat und Folge. Wenn eine Handlung ein Gesetz verletzt, wird
eine Strafe die Folge sein. Der Nexus zwischen Vergehen und Strafe wird durch
das Gesetz festgelegt und durch rechtliche Institutionen, also durch Staat und Ge-
sellschaft, realisiert. Ich nenne das 'konnektive Gerechtigkeit'.3 Sie ist es, die die
Tat an die Folge bindet und den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen stiftet.

Staat und Gesetz Handlung Folge


Gesellschaft

Diagramm I
Das Zeichen C markiert den Kausalncxus zwischen Ursache (links) und Wirkung (rechts)

Es gibt aber zwei Fälle, in denen die Konnektive Gerechtigkeit scheitern muß: (1)
wenn das Verbrechen heimlich begangen wurde und es keinen Ankläger gibt, und
(2) wenn das Gesetz als Ganzes von Staat und Gesellschaft mißachtet, verändert
oder überhaupt außer Kraft gesetzt wird. In diesen Fällen müssen andere Agenten
den Nexus zwischen Tat und Folge sicherstellen, die ich in Ermanglung eines bes-
seren Begriffs 'jenseitige Agenten' nennen möchte:

3
Vgl. hierzu Jan Assmann: Maat Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten. München
1990, Kap. 3.
Altoricnialischc Fluchinschriften 237

Metaphysische Handlung Folge


Agenten
Diagramm 2

Das ist die formale Struktur eines Fluchs. Ein Fluch löst die Intervention jenseitiger
Agenten4 aus, um den Zusammenhang zwischen Tat und Folge zustande zu brin-
gen. Er etabliert einen Nexus zwischen Verbrechen und Strafe, der unabhängig von
staatlichen oder gesellschaftlichen Institutionen und daher quasi automatisch funk-
tioniert. 5 Zweifel bezüglich jenseitiger Agenten werden einen Niedergang in der
Kunst des Fluchens zur Folge haben6, Zweifel an der Wirksamkeit sozio-politi-
scher Institutionen dagegen den entgegengesetzten Effekt.
Unaufgedeckte Verbrechen und der Zusammenbruch der konnektiven Gerechtig-
keit bilden die beiden klassischen Situationen, in denen das Recht endet und der
Fluch übernimmt. Die erste Reihe von Flüchen, die vom Berge Ebal auszurufen
sind, bezieht sich auf den ersten Fall, auf unaufgedeckte Verbrechen.7 Aufgrund
ihrer Dialogstruktur (Fluch und Bestätigung) bilden sie, wie wir gesehen haben, ein
rein mündliches Ereignis. Die zweite Reihe bezieht sich auf den anderen Fall: wenn
das Gesetz insgesamt vom Volk aufgegeben wird. Diese Flüche werden nicht vom
Ebal ins Land gerufen, und sie werden auch nicht durch 'Amen' bestätigt. Sie stel-
len ein rein schriftliches bzw. 'inschriftliches' Ereignis dar. Das soll im folgenden
gezeigt werden.

4
Zur Vorstellung göttlichen Eingreifens in irdische Belange vgl. die wichtige Studie von B.
Albrcktson: llislory and ihe Cods. An Essay on Ihe Idea of llislorical Events as Divine
Manifeslations in ihe Ancient Near East and in Israel. Lund 1967. Eine sehr umfassende
Sammlung mesopotamischer Fluchformcln gibt F. Pomponio (Hg.): Formule di maledizione della
Mesopotamia preclassica. Brcscia 1990.
5
Damit berühren wir das Problem der Magic, d.h. der Vorstellung einer automatischen Verbindung
zwischen Ursache und Wirkung, die durch rituelle Maßnahmen bzw. in unserem Fall durch das
Aussprechen eines Fluches hergestellt wird; vgl. hierzu die Literatur bei W. Schottroff: Der
allisraelitisrhe Flucnspruch. Wiss. Monogr. zum Allen und Neuen Testament 30. Ncukirchcn
1969, 16 n.2. Aber so funktionieren inschrifllichc Flüche nicht. Sic erfordern das Eingreifen
jenseitiger Agenten und legen daher keine Unterscheidung von Magic und Religion nahe.
6
Dies scheint, wie mich R. Wagner belehrt, in China der Fall zu sein, wo die Form schriftlicher
Verfluchung unbekannt ist.
7
A. All: "Zum Bcgrifrdcs apodiktischen Rechts". In: Kleine Schriften I. München 1953, 302-332,
314.
238 Jan Assmann

Der Fluch als ein Faktum der Schrift und des Steines weist zwei eng miteinander
verbundene Aspekte auf: den vertraglichen und den monumentalen. Verträge und
Monumente sind auch die typischen Kontexte, in denen in der Alten Welt schriftli-
che Flüche auftreten. Man kann von daher geradezu 'Vertragsflüche' und 'Monu-
mentflüche' unterscheiden. Beim Deuteronomium handelt es sich um Vertragsflü-
che.8 Den vertraglichen Aspekt hebt der Text selbst explizit hervor.9 Den langen
Fluchkatalog beschließt der metatextuelle Vermerk: "Dies sind die Worte des Bun-
des \eläh divre ha-frit], den der Herr dem Mose geboten hat zu machen mit den
Kindern Israel im Lande Moab" (28,69); und von den Flüchen heißt es später:
"gemäß allen Flüchen des Bundes, der in dem Buch dieses Gesetzes geschrieben
ist" (29,20). Die Flüche sind 'Bundesflüche' oder 'Vertragsflüche', und als solche
stehen sie im Buche (oder auf den Steinen am Ebal) 'geschrieben'.10 Der Ausdruck
'Bundesflüche' verweist sowohl auf ihren schriftlichen wie auf ihren vertraglichen
Charakter.
Die Gattung 'Fluchkatalog' bildete einen integrierenden Bestandteil antiker Ver-
träge." Ein Vertrag wurde durch einen Eid besiegelt.12 Der Eid unterwirft die Par-
teien den göttlichen Mächten, die zu Wächtern des Vertrages eingesetzt sind. Einen
Vertrag brechen, heißt einen Eid brechen und sich den Flüchen aussetzen, die mit
dem Eid in Kraft gesetzt werden. Man kann ein Gesetz oder eine vertragliche Be-
stimmung brechen und gleichwohl im Rahmen des Vertrages und der konnektiven
Gerechtigkeit verbleiben. Man zahlt dann die vertraglich festgesetzte Strafe. Man
kann aber auch den Vertrag insgesamt brechen, etwa durch Übertritt ins Lager des
Feindes. Dann stellt man sich außerhalb des Vertrages und ist nicht mehr den inner-
vertraglich vereinbarten Strafen, sondern den außer-vertraglichen Flüchen unter-

"Von "Vertragsflüchcn" spricht D. R. Hitlers: Treaty-Curses and the Old Testament Prophets.
Biblica et Oricnialia 16. Rom 1964.
9
Dic Beziehung des Deuteronomiums zu allorienialischcn, besonders assyrischen StaaLsverträgcn
isl oft hervorgehoben worden, vgl. bes. M. Wcinfeld: Deuteronomy and the Deuteronomic School.
Oxford 1972, 116ff. und D. J. McCarthy: Treaty and Covenant. Analccta Biblica 21 A. Rom
1978, sowie jetzt M. Wcinfeld: "The Common Hcritage of the Covenantal Traditions in the
Ancicnt World". In: L. Canfora/M. Liverani/C. Zaccagnini (Hgg): / Trallati nel Mondo Antico.
Forma. Ideologia. Fumione. Rom 1990, 175-191. Zu antiken Verträgen im Allgemeinen vgl. ebd.
ln
Dcn schriftlichen Charakter von 'Vertragsflüchen' betont auch Assurbanipal in einer seiner
historischen Inschriften: Die Gölter brachten "die vollständige Zahl der Rüche, die schriftlich
niedergelegt waren im Dokument des Vertrages, über den abtrünnigen Uaitc' und die Araber" (A. E.
Prilchard (Hg.): Anctent Near Eastern Tcxis Relating to the Old Testament 3 1955, 300a).
1
' H. C. Brichlo: The Problem of 'Curse' in the Hebrew Bible. Journal of Biblical Lileralure
Monograph 13. Philadelphia 1963.
12
M. Wcinfeld.: "The Loyalty Oalh in the Ancient Near East". In: UF 8/1976, 379^14; H.
Tadmor: "Treaty and Oath in the Ancicnt Near East: an Historian's Approach". In: Shnaton 5-
6/1981/82, 165rf. (auf Hebräisch). Vgl. auch J. Pcdersen: Der Eid bei den Semiten. 1914, bes. 64-
107.
Alloricnialischc Fluchinschriften 239

worfen, die den Vertrag als Ganzes schützen und die Partner davon abhalten sollen,
ihn zu brechen. Man kann Flüche am eindeutigsten von vertraglichen und gesetzli-
chen Bestimmungen dadurch unterscheiden, daß sie zusammen mit Segenssprü-
chen auftreten.13 Ein Gesetz droht dem eine Strafe an, der es bricht. Aber es käme
keinem Gesetzgeber in den Sinn, den zu belohnen, der ein Gesetz hält. Anders der
Fluch. Er droht ebenfalls dem Rechtbrecher mit Strafen. Aber ihm entspricht ande-
rerseits der Segen, der dem Gesetzes- und Vertragstreuen Glück und Gelingen ver-
heißt.14 Fluch und Segen gehören zusammen und verweisen auf die dem Vertrags-
text eigene Ambivalenz. Ein Bündnisvertrag ist eine sehr besondere, folgenschwere
Art von Text, er zieht, um nochmals das Deuteronomium zu zitieren, "das Leben
und das Gute, den Tod und das Böse" (30,15) nach sich:

Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, daß du das Leben erwählest und du und
dein Same leben mögci (30,19).

Der Vertrag strukturiert die Wirklichkeit in dualer Weise und versetzt den Leser in
eine dilemmatische Position. Er muß wählen und sich entscheiden.
Aber auch der monumentale Aspekt fehlt im Deuteronomium nicht. Zunächst tritt
ein Element sehr stark hervor, das das Vertragliche und das Monumentale im Sinne
eines gemeinsamen Nenners verbindet: das Testamentarische. Das Deuteronomium
gibt sich als die Abschiedsrede, die Moses am Ostufer des Jordan hält, den er selbst
nicht mehr überschreiten wird. Sie hat einen unverkennbar testamentarischen Cha-
rakter. Die Aufzeichnung dieser Rede bildet daher ein Vermächtnis. Sie geschieht
einerseits in der Form eines "Buches" (sefer), jenes Buches, von dessen unverhoff-
ter Auffindung im Tempel in 2. Kön. 22 berichtet wird. Sie geschieht andererseits
aber auch in der Form von Stelen, wie es in 27,2f. vorgeschrieben wird:

Und zu der Zeit, wenn ihr über den Jordan geht in das Land, das dir der Herr, dein Gott, geben wird,
sollst du große Steine aufrichten und sie mit Kalk tünchen und darauf schreiben alle Worte dieses
Gesetzes.15

13
F. C. Fcnsham: "Malcdiclion and Bcnediclion in Annen; Near Eastem Vassal Treatics and the
Old Testament". In: Zeiischr. für die Alllest Wissensch. 74/1962, 1-9.
14
Viele Beispiele in R. Borger/M. Dielrich/E. Edcl/O. Lorelz/O. Rössler/E. v. Schular:
Staatsverträge. Gütersloh 1983.
"Die Ausführung dieser Anordnung wird in Jos. 8.30-35 berichtet
"Da baute Josua dem Herrn einen Altar auf dem Berge Ebal [...] und schrieb daselbst auf die Steine
das andere Gesetz, das Mose den Kindern Israel vorgeschrieben hatte. Und das ganze Israel [...]
standen zu beiden Seiten der Lade [...], eine Hälfte neben dem Berge Garizim und eine Hälfle neben
dem Berge Ebal [...]. Danach ließ er ausrufen alle Worte des Gesetzes vom Segen und Fluch, wie
es geschrieben stchi im Gesetzbuch."
240 Jan Assmann

Diese Steine verwirklichen den monumentalen Aspekt, und die Tatsache, daß sie
auf dem "Fluchberg" Ebal aufgestellt werden sollen (27,4), verweist noch einmal
nachdrücklich auf die Beziehung zwischen Fluch und monumentaler Inschriftlich-
keit. Der Text selbst interpretiert diese Beziehung als Zeugenschaft: Die Steine sol-
len Zeuge sein des Vertragsschlusses und späteren Generationen Zeugnis ablegen
von den eingegangenen Bindungen:

Also machte Josua desselben Tages einen Bund mit dem Volk und legte ihnen Gesetze und Rechte
vor zu Sichcm. Und Josua schrieb alles ins Gesetzbuch Gottes und nahm einen großen Stein und
richtete ihn auf daselbst unter einer Eiche, die bei dem Heiligtum des Herrn war. Und sprach zum
ganzen Volk: Siehe, dieser Stein soll Zeuge sein über uns, denn er hat gehört alle Rede des Herrn,
die er mit uns geredet hat; und soll ein Zeuge über euch sein, daß ihr euren Gott nicht verleugnet
(Jos. 24,25-27).

Der Stein bezeugt den Eid mit seinem Fluch, indem er ihm als sichtbares und ewi-
ges Zeichen dient.
Zu Sichtbarkeit und Ewigkeit tritt als drittes Element des Monumentalen die
Räumlichkeit und Ortsfestigkeit. Das Denkmal ist ein Heu de memoire, ein Erinne-
rungsort. In dieser Funktion kommt die Aufrichtung von Steinen im Buch Josua —
dem Bericht der Landnahme — ständig vor. Der Vorgang der Landnahme wird von
Denkmalsetzungen begleitet. Die Besetzung des Landes vollzieht sich als ein Akt
der Beschriftung zum Zwecke der Gedächtnis-Stiftung, der prospektiven memoria.
Steine werden im Jordan sowie in Gilgal aufgerichtet zur Erinnerung an seine
Durchquerung trockenen Fußes (Jos. 2).16
Am deutlichsten tritt das territoriale Element monumentaler Inschriftlichkeit in
den mesopotamischen Grenzsteinen, den kudurru-Dokumenien hervor, die beson-
ders häufig Fluchformeln enthalten.17 Zum monumentalen Aspekt der Fluchin-
schrift gehört, was man ihren 'demarkatorischen Charakter' nennen könnte. Sie
markiert eine Grenze. Auch die Grenze ist eine Art Vertrag, den zwei Nachbarn
schließen. Die Stele kommemoriert also den Vertrag, indem sie die Grenze mar-
kiert. Zwischen Territorialität und Inschriftlichkeit besteht eine innere Beziehung.
Die Inschrift ist das ortsfest gemachte Wort. Die Fluchinschrift wiederum ist das
ortsfest gemachte Eideswort, mit dem die Vertragspartner, in diesem Fall die
Grenznachbarn, den Vertrag besiegeln. Wir können also festhalten: Die Verflu-

"'Dic Gcdächuiisfunküon dieser Steine wird in Jos. 4, 21 f. explizit hervorgehoben:


"Wenn eure Kinder hemach ihre Väter fragen werden und sagen: Was sollen diese Steine? So sollt
ihr's ihnen kundtun und sagen: Israel ging trocken durch den Jordan."
17
Vgl. dazu L. W. King: Babylonian Boundary-Stones and Memoriat-Tablets in the British
Musrum. London 1912; F. X. Steinmetzen Die babylonischen Kudurru (Grenzsleine) als Urkun-
denform. 1922; M. Noth: Gesammelte Studien zum Alten Testament. München 2 1960, 155-71;
Pomponio, Hg. (Anm. 4), 65-78.
Alloricnialischc Fluchinschriften 241

chungen des 28. Kapitels des Deuteronomiums sind 'Vertragsflüche' und als sol-
che ein Phänomen der Schriftlichkeit. Sie stehen einerseits im Buch, das den Ver-
tragstext kodifiziert, und andererseits auf den Steinen, die ihn publizieren. Die
Steine werden auf dem Fluchberg Ebal errichtet, sie werden also als steingewor-
dene Flüche betrachtet, die in dem Augenblick wirksam werden sollen, wo Israel
den Vertrag bricht.

2. Der Epilog des Kodex Hammurabi

Neben Verträgen gibt es noch einen zweiten Kontext für Flüche: die Denkmäler.
Diesen Typ möchte ich am Beispiel des Kodex Hammurabi veranschaulichen. Viel
näher liegt freilich eine andere Deutung: Das Deuteronomium ist nicht nur ein Ver-
trag (sefer ha-b'rit), sondern auch ein Gesetzbuch {sefer ha-torah). Auch der Ko-
dex Hammurabi ist ein Gesetzbuch. Was Wunder also, daß die beiden Gesetzbü-
cher sehr elaborierte Fluchsektionen enthalten. Wenn diese Deutung zuträfe, müß-
ten auch in den anderen mesopotamischen Rechtsbüchern Fluchformeln vorkom-
men.18 Das ist aber nur in einem einzigen Beispiel der Fall: dem Gesetz von Lipit-
Ischtar.w Diesen beiden Rechtsbüchern ist die Form der monumentalen Aufzeich-
nung gemeinsam. Die Tontafeln mit dem Kodex Lipit-Ischtar geben an, die Ab-
schrift einer Steleninschrift zu sein, und der Kodex Hammurabi steht auf der be-
rühmten Stele im Louvre.20 Alle anderen mesopotamischen Gesetzbücher enthalten
keine Fluchkataloge. Dafür kommen aber Rüche oft auf anderen Denkmalinschrif-
ten vor, eine Gattung, in der sie besonders häufig sind, haben wir schon genannt:
die Grenzstelen (iudurru-Inschriften). Das zeigt, daß die Segens- und Fluchfor-
meln nicht zum Akt der Gesetzgebung, sondern zu dem der Stelenerrichtung ge-
hören. Nicht schon im Gesetz, sondern erst in der das Gesetz publizierenden und
verewigenden Stele bündeln sich die Aspekte des Vertraglichen, Testamentarischen
und Monumentalen, auf die sich der Fluch bezieht.
Die Fluchsektion im Epilog des Kodex Hammurabi überwiegt nicht nur bei
weitem die wenigen Segensformeln (3 Zeilen Segen gegenüber 100 Zeilen Fluch!),
sondern steht dem Deuteronomium an Ausführlichkeit und Emphase kaum nach.

'"Allgemein zu Fluchformcln in Mesopotamien vgl. B. Landsberger: "Das 'gute Wort'". In:


Allorientalische Studien B Meissner. Miu. d. Alloricnl. Gcscllsch. 4/1928-29, 295-321: A. A. B.
Mcrccr: "The Malcdiciion in Cuneiform Inscriplions". In: Journal oflhe Andern Oriental Society
34/1915, 282-309; K. Waianabc: "Die literarische Überlieferung eines babylonisch-assyrischen
Fluchlhcmas mil Anrufung des Mondgollcs Sin". In: Acta Sumerologica 6/1984, 99-119, sowie
Pomponio, a.a.O.
,9
0 . Kaiser (Hg.): Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Vol.l, fasc.I; R. Borger/H.
Lul/mann/W. H. Ph. Römcr/E. v. Schüler. Rechtsbücher. Gütersloh 1982.
20
R. Borger in: Kaiser. Hg. (Anm. 19), 39ff.; Pomponio, Hg. (Anm. 4), 31ff. Nr. 28.
242 Jan Assmann

Hier zeigt sich in aller Deutlichkeit, daß wir es mit einer Kunst und mit einer bedeu-
tenden literarischen Gattung zu tun haben. Zunächst werden zehn bestimmte Götter
und dann die Gesamtheit aller Götter angerufen, sich des Übeltäters anzunehmen:

Wenn dieser Mann auf meine Worte, die ich auf meine Siele geschrieben habe, nicht achtet, meine
Flüche mißachtet, die Flüche der Götter nicht fürchtet, das Recht, das ich geschaffen habe, austilgt,
meine Worte verdreht, meine Aufzeichnungen ändert, meine Namensschrift löscht und seinen eige-
nen Namen hin/uschrcibl [...].

Enlil, der höchste Gott, soll Revolten und Unglück bringen, seine Tage verkürzen,
seine Stadt zerstören und seinen Namen und sein Gedächtnis aus dem Lande tilgen.
Ninlil, "die mächtige Mutter", soll Enlil veranlassen, "Zerstörung seines Landes,
Untergang seiner Leute, Ausgießung seiner Seele gleich Wasser" zu bestimmen.
Fa. der Gott der Weisheit, soll ihm "Wissen und Verstand nehmen und ihn ständig
in die Irre leiten, seine Flüsse an der Quelle verstopfen und Korn, das Leben seines
Volkes, nicht wachsen lassen". Schamasch, der Sonnengott und höchste Richter,
soll "sein Königtum stürzen, ihm nicht zu seinem Recht verhelfen [...], bei seiner
Opferschau ein böses Vorzeichen, das Entwurzelung seines Königtums und Unter-
gang seines Landes bedeutet, ihm bescheren", ihn von den Lebenden abschneiden
und selbst "in der Unterwelt seinen Schatten nach Wasser dürsten lassen". Sin, der
Mondgott und Herr des Schicksals, soll "schwere Schuld auf ihn laden" und ihm
"ein Leben bestimmen, das dem Tode gleichkommt". Adad, der Wettergott, soll
Hungersnot und Überschwemmungen bringen. Die Kriegsgottheiten Zababa und
Ischtar sollen "seine Feinde auf ihn treten" lassen und ihn in die Hand seiner Feinde
ausliefern. Nergal, der Herr der Unterwelt, soll "seinen Körper zerschmeissen wie
ein irdenes Bild". Nintu, die Geburtsgöttin, soll ihm einen Erben verweigern. Nin-
karrak, die Krankheitsgöttin, "soll ihm eine unheilbare Wunde beibringen, deren
Wesen kein Arzt kennt". Zum Schluß werden alle Götter und nochmals Enlil ange-
rufen, "ihn mit diesen Flüchen zu verfluchen".22 Ich möchte drei Aspekte dieses
Textes hervorheben, die den Unterschied zwischen Gesetz und Fluch deutlich
machen:
/. Die Person des Adressaten
Die Fluchformeln des Hammurabi-EpWogs betreffen einen Herrscher. Das zeigt,
daß der Adressat der Flüche ein anderer ist als der Adressat der Gesetze. Die ge-
setzliche Strafe bedroht den, der ein Gesetz übertritt, der Fluch dagegen den, der es
ändert. Die Gesetze gehen jedermann an, die Flüche dagegen betreffen nur den, der
für die Inkraftsetzung der Gesetze verantwortlich ist. In diesem Punkt scheinen sich
der Kodex Hammurabi und das Deuteronomium zu unterscheiden. Gesetze und

21
R. Borger in: Kaiser, Hg. (Anm. 19), 77.
22
Ebd.. 78-80.
Alloricnialische Fluchinschriflcn 243

Flüche wenden sich beide an dieselbe kollektive Person, die 'Israel' genannt und
bald mit 'Du', bald mit 'Ihr' angeredet wird. In der Welt Israels ist die Mittlerfunk-
tion eines Herrschers, der die Verantwortung für die Geltung des Gesetzes auf sich
nimmt, kategorisch ausgeschaltet und jedes individuelle Mitglied der neuartigen
Gemeinschaft ist verantwortlich sowohl für die Einhaltung jedes einzelnen Gesetzes
als auch für die Bewahrung des 'Gesetzes' als Ganzheit. Daher richten sich im
Deuteronomium die Flüche gegen die politische Person 'Israel'. Bei Hammurabi
richten sie sich gegen die Person des Herrschers als Repräsentant seines Landes.
Die Götter werden angerufen, das Gesetz zu schützen, nicht vor einem einfachen
Übertreter, sondern vor einem zukünftigen Herrscher Babylons, der es verändern
oder vernachlässigen könnte. Die Aufgabe des Herrschers ist es, über die Geltung
des Gesetzes zu wachen, und die Aufgabe der Götter, über den Herrscher zu wa-
chen. Im Deuteronomium wiederum bedrohen die einzelnen Gesetze den
individuellen Übertreter mit Strafen, die Flüche aber gelten dem ganzen Volk für
den Fall, daß es von dem Vertrag abfällt und sich fremden Göttern zuwendet. Nicht
zukünftige Herrscher, sondern das zukünftige 'Israel', also spätere Generationen
des Volkes, sind die Adressaten des Fluches.
2. Anthropologie der Vernichtung
Strafen zielen darauf ab, den Schaden auszugleichen, der durch die Verletzung
eines Gesetzes entstanden ist. Sie sind in ihrer Schwere abgestimmt auf die
Schwere des Vergehens. Flüche dagegen zielen auf totale Zerstörung und Vernich-
tung. Sie schöpfen aus dem Imaginaire der Vernichtung und kennen darin weder
Maß noch Grenze. Sie streben die völlige Demontage und Zerstörung einer Person
in all ihren Aspekten an, im Diesseits und im Jenseits. Die Kunst des Fluchens be-
steht darin, zu wissen, wie sich eine Person zusammensetzt und wo sie zu treffen
ist, um sie aufzulösen. Es wäre eine reizvolle Aufgabe, die Fluchformeln auf ihre
implizite Anthropologie hin zu untersuchen. Das gehört aber schon nicht mehr zu
unserem Thema.
3. Präskriptive versus performative Sätze
Der Kodex Hammurabi macht den Unterschied zwischen Gesetzgebung und Ver-
fluchung völlig klar. Legislative Sätze sind präskriptiv. Sie werden erst im Mund
eines Richters performativ, der sie auf einen gegebenen Fall anwendet und ein
Urteil fällt. Flüche dagegen sind performativ. Sie 'beziehen' sich nicht 'auf einen
Sachverhalt, sondern stellen ihn her. Aber was sie herstellen, ist ein 'potentieller
Sachverhalt', weil sie sich auf eine Person beziehen, die zwar (als Rechtszerstörer)
spezifiziert, aber nicht identifiziert ist. Hier liegt der entscheidende Unterschied
zwischen 'Vertragsflüchen' und 'Denkmalsflüchen'. Bei Vertragsflüchen kennt
man die Person: es sind die Vertragspartner, bei nichtparitätischen Verträgen (wie
dem Deuteronomium) das 'Du' des Vertragsnehmers. Dafür ist aber das Ver-
brechen (Vertragsbruch) potentiell. Der Adressat des Vertragsfluchs ist identifiziert,
aber (noch) nicht negativ spezifiziert. Die negative Spezifikation ist nur potentiell.
244 Jan Assmann

Der Adressat des Denkmalsfluchs ist negativ spezifiziert, aber nicht identifiziert. In
beiden Füllen ist der Fluchsatz daher als 'potentiell performativ' einzustufen. Meine
These ist. daß potentiell performative Fluchsätze eine strukturelle Beziehung zu
monumentaler Schriftlichkeit, d.h. Inschriftlichkeit aufweisen. Die Hammurabi-
Stele ist dafür ein ausgezeichnetes Beispiel für diese innere Beziehung zwischen
Fluch und Denkmal, Verwünschung und Inschrift. Es ist sehr wahrscheinlich, daß
in einer Tontafelfassung desselben Gesetzeswerkes der Fluch-Epilog fehlen würde.
Er gehört nicht zum Gesetz, sondern zum Monument, zum Medium, nicht zur
Botschaft- Die Stele des Hammurabi zeigt, was mit den Steinen auf dem Fluchberg
Ebal gemeint ist. Sie kodifiziert nicht nur das Gesetz, sondern gibt zugleich seinem
ambivalenten Charisma von Leben und Tod, Heil und Unheil, Segen und Fluch,
eine sichtbare und dauernde Gestalt. 23

2. Fluch und Denkmal

2.1 Vertrag und Eigentum

Verträge und Denkmäler bilden im Alten Orient die typischen Verwendungskon-


texte für schriftliche Flüche. Das Deuteronomium galt uns als Beispiel eines Vertra-
ges. Seine nächsten Parallelen finden sich in assyrischen Staatsverträgen, beson-
ders den Vasallenverträgen des Asarhaddon. 24 Die Stele des Hammurabi galt uns
als Beispiel eines Denkmals. Hier finden sich die nächsten Parallelen in Grab- und
Statueninschriften, die weit in die Vergangenheit zurückreichen, z.B. auf einer
Statue Giideas von Lagasch aus dem 3. Jahrtausend:

Wer immc diese Staluc aus dem E-ninnu entfernen oder ihre Inschrift auslöschen wird [...], dessen
Schicksal >"llcn Anu und Enlil wenden, dem sollen sie die Tage /erbrechen wie einem Ochsen und
seine Kraft ?u Roden werfen wie einem Wildsticr, dem sollen sie den Thron zu Boden stürzen, den
crcrrichicihai.^-''

23
Spätcr w<rd dann in Babylonicn, was ursprünglich ein Element der Inschriftlichkeit darstellt, auf
die Schrifi ichkcii insgcsami ausgedehnt und der Texibegriff monumenlalisicrt. Dann kommen
Fluchform.ln auch auf Tonlafcin vor, sogar auf solchen, die keine Gesetze, sondern z.B. ein Epos
enthalten. I'arauf werden wir abschließend noch eingehen.
24
/*/VC-7(?l955), 534ff.; R. Borger in: Kaiser, Hg. (Anm. 19), Vol. I fasc.2; R. Borger et al.
(Anm. 14, lftflff.; R. Frankcna: "The Vassal-Trcalics of Esarhaddon and Ihc Daling of
Dculcronony". In: OTS 14, 1965, 122-154; S. Parpola/K. Waianabc (Hgg): State Archives of
Atsyria II: Veoassyrian Treaties and Loyalty Oaths. Helsinki 1988, 28ff.
2,
Nach A.Parrv«: Malediction et violalion den tnmhes Paris 1939, 17.
Alloricntalische Fluchinschriften 245

Die Grenze aber zwischen Vertragsflüchen und Monumentflüchen ist fließend, die
gleichen Fluchformeln finden sich in beiden Kontexten. Es gibt sogar ei« wörtli-
ches Zitat aus dem Deuteronomium auf einer Fluchinschrift, die ein Denkmal schüt-
zen soll. Ein gewisser Amphikles hat in Chalkis auf Euböa ein Bad und eine Statue
errichtet. Zu ihrem Schutz bedroht eine Inschrift mögliche Übeltäter mit schier
endlosen Flüchen, darunter auch der folgende:

Gott soll ihn schlagen mit Darre, Fieber, Hitze, Brand, vernichtendem Sturm, Wahnsinn, Blindheit
und geistiger Verwirrung.26

Amphikles muß ein Jude gewesen sein, der seine Torah gut genug kannte, um zwei
ihrer Fluchformeln seinen privaten Zwecken anpassen zu können. Dieser Fall ist
interessant genug, aber was uns hier vor allem angeht, ist der Parallelisinus zwi-
schen Vertrag und Eigentum, so daß ein Jude dieselbe Fluchformel, vt>n der er
wußte, daß sie dem Apostaten gilt, dazu verwenden kann, seine eigenen Stiftungen
und Denkmäler gegen Verletzungen zu schützen. Auf den ersten Blick liegen die
beiden Fälle ziemlich weit auseinander. Auf der einen Seite haben wir einen Vertrag
zwischen Gott und seinem Volk, der eine Reihe von Gesetzen und Bestimmungen
enthält, besiegelt mit schweren Eiden, die sich in Flüche verkehren gegen das Volk,
das jemals von dem Vertrag abfallen wird; auf der anderen Seite haben wir eine
Statue, aufgestellt an einem öffentlichen Platz und geschützt durch genau dieselben
Flüche gegen denjenigen, der jemals die Statue beschädigen oder entfernen wird.
Wo liegt die Parallele?
Beide Fälle haben einen Vertragscharakter, nicht nur der Vertrag im engeren
Sinne, sondern auch das Denkmal. Ein Denkmal ist dazu gedacht, seinen Stifter zu
überdauern, es ist eine Art Testament. Wir dürfen uns im Alten Orient unter einem
Denkmal nicht etwa ein Monument vorstellen, das eine dankbare Nachwelt dem
Andenken eines großen Menschen oder Ereignisses widmet. In der Regel werden
Denkmäler vielmehr von denen gestiftet, an die sie auch erinnern sollen. Denkmäler
sind Formen von Selbstdarstellung. Daher haben sie eine testamentarische Ver-
bindlichkeit. Ein Denkmal errichten bedeutet, der Nachwelt ein Erbe hinterlassen
und sie damit zum Partner einer vertragsförmigen Beziehung einsetzen. Es ist nicht
einfach, die Nachwelt davon zu überzeugen, daß es sich für sie lohnt, das Erbe an-
zutreten. Dieses Defizit kompensieren die Segens- und Fluchformeln. Sie betonen

26
Vgl. Parrol (Anm. 25), 151 (Syll.3, 1240); IG XII 9, 955 und 1170; L. Robert: "Miüddictions
funcraircs grecques". In: OM/BZ./1978, 241 -289, 245f. Der Text fährt fort (nach Parrot):
"Quc ses biens soient ancanlies, quc la mer nc lui soit pas navigable, ni la terre franchissable et
qu'il n'a pas de poslc>it6. Que sa maison nc s'augmcnte pas, qu'il ne profite ni des fruiu, ni des
biens, ni de la lumicre, ni de l'usage, ni de la possession. Quant ä eclui qui soignera, gardera et
conservera (Ic lombcau) qu'il reeoive les mcillcurcs choses, qu'il soit lou6 parmi lout lc pcuplc,
quc sa maison abondc cn cnfanLs et qu'il jouissc des fruits."
246 Jan Assmann

den Vertragscharakter der Beziehung, die zukünftige Leser der Inschrift mit dem
Denkmalstifter eingehen. Der Stifter exponiert sich dem guten Willen und dem Re-
spekt unbekannter Besucher für eine unbegrenzte Zukunft, die ganz von der 'Re-
zeption' seines Denkmals durch die Nachwelt abhängt. Die Fluchformeln sind dazu
gedacht, diese Rezeption in die richtigen Bahnen zu lenken. Sie sind meta-textuell,
indem sie die Rezeption des Textes' steuern. Hier liegt der gemeinsame Nenner
zwischen Verträgen und Denkmälern. Im einen Fall bildet das Denkmal den zu
schützenden Text', im anderen Fall der Vertrag; in jedem Falle aber handelt es sich
um einen Text von besonderer Verbindlichkeit: von einer Verbindlichkeit nämlich,
deren Geltung auf bestimmte oder unbestimmte Zukunft festgeschrieben werden
soll. Meine These ist, daß wir in dieser Sitte, das Schicksal eines Textes' mit Flü-
chen abzusichern, einen Vorlauf, ein Modell und eine Allegorie dessen vor uns ha-
ben, was sich in späteren Formen der literarischen Kommunikation als Tradition
und Rezeption entfaltet. Bevor wir diesen Gedanken verfolgen, wollen wir jedoch
einen Blick auf das alte Ägypten werfen. Erst dort nämlich wird uns in aller Sinn-
fälligkeit vor Augen geführt, was es heißt, Denkmäler zu errichten. In Ägypten
handelt es sich dabei nämlich um alles andere als einen eher peripheren Bereich der
Kultur, sondern im Gegenteil um das Herzstück des religiösen Lebens.

2.2 Ägyptische Gräber und Denkmäler

Die ursprünglichste und verbreitetste Form des Denkmals ist das Grab. Kein Wun-
der also, daß in diesem Kontext die ältesten Fluchinschriften auftreten. Wir wollen
uns im folgenden auf ägyptische Beispiele beschränken27 und dabei besonders die
Frage nach der impliziten Personenkonstellation im Auge behalten: Gegen wen
richtet sich der Fluch? In welchen Aspekten sucht er die Person zu treffen und zu
zerstören? Wer ist dazu legitimiert, Segen und Ruch inschriftlich niederzulegen?
Die ältesten Fluchformeln treten in Gräbern der vierten Dynastie auf (um 2600 v.
Chr.). Sie sind kurz und gewalttätig. Noch sind die Götter nicht eingeschaltet in die
Verfolgung des Übeltäters; in der Rolle 'jenseitiger Agenten' erscheinen Tiere:

Das Krokodil (sei) gegen ihn zu Wasser,


die Schlange (sei) gegen ihn zu Lande,
wer etwas gegen dieses' tun wird.28

27
Für Mesopotamien und die antike Millclmccrwclt vgl. Parrol (Anm. 25).
2X
K. Seihe: Urkunden des ägyptischen Altertums I. Urkunden des Allen Reichs. Leipzig 2 1933,
23.11-16. Die umfassendste Sammlung ägyptischer Monumcniflüchc enthalten H. Sottas: La
prfservalion de la propriM funiraire. Paris 1913 sowie jclzl Scott N. Morschauscr: Threat
Fnrmulae in Ancienl Exypl. Baltimore 1967 (UMI: Ann Arbor 1987).
Altoricnialischc Fluchinschriften 247

Etwas später werden die Fluchformeln vielfältiger. Jetzt geht es um Schutz nicht
nur vor Sachbeschädigung, sondern auch vor Profanation, d.h. kultischer Verun-
reinigung: "Was einen jeden angeht, der dieses Grab betritt im Zustand der Unrein-
heit, nachdem er gegessen hat, was ein Geist verabscheut [...]". Zur Verfolgung
des Übertreters werden weder Krokodil noch Schlange angerufen, sondern der
Grabherr stellt sich selbst als Agenten der Strafe vor. "Ich werde seinen Nacken
packen wie den einer Gans. Ich will ihm den Schrecken vor mir einjagen, so daß es
die Lebenden auf Erden sehen und einen vortrefflichen Geist fürchten, der in den
Westen gegangen ist".29 Manche Texte gehen noch weiter. "Ich werde ihre Nach-
kommenschaft austilgen, ich werde ihre Höfe veröden lassen".30 Aber diese Texte
würden ägyptischen Überzeugungen strikt zuwider laufen, wenn der Tote wirklich
aus eigener Willkür und Machtvollkommenheit heraus handeln könnte. Das ge-
samte ägyptische Rechtsleben und Rechtsempfinden basiert auf der durchgreifen-
den Ersetzung unmittelbarer oder zweistelliger Formen von Rache und Strafe durch
mittelbare oder dreistellige. Der Geschädigte darf niemals unmittelbar zurückschla-
gen, sondern muß sich von einer dritten Instanz die Legitimation zur Rache ho-
len.3' Daher beginnen die Fluchformeln mit der Drohung, den Schuldigen vor dem
"Gerichtshof des Großen Gottes" anzuklagen: "Ich werde mich mit ihm richten las-
sen im Westen im Gerichtshof des Großen Gottes", oder: "Er wird deswegen ge-
richtet werden durch den Großen Gott".32 Erst im Falle eines Urteilsspruchs zu
seinen Gunsten kann der Tote sich das Beiwort 'gerechtfertigt' zulegen und selbst
als jenseitiger Agent' der Gerechtigkeit auftreten.
In der Ersten Zwischenzeit blüht mit dem Niedergang der staatlichen Rechtsin-
stanzen die Kunst der inschriftlichen Verfluchung mächtig auf. Sie nehmen an Ge-
walt und Grausamkeit noch zu, wenn auch der Tote selbst nur noch selten wie in
folgendem Text als Agent der Rache auftritt.

Was einen jeden Gaufürsten, Wab-Pricstcr, Ka-Pricsler, Schreiber oder Beamten angeht, der es (das
Opfer) wegnimmt von meiner Statue, dessen Arm soll abgeschnitten werden wie einem Rind, des-
sen Hals soll durchgeschnitten werden wie einer Gans. Sein Amt soll nicht länger bestehen, das
Ami seines Sohnes soll nicht länger bestehen, sein Haus im Nubischcn Gau soll nicht langer be-
stehen, sein Grab in der Nckropolc soll nicht länger bestehen und sein Gott soll sein Weißbrot

29
Aus der Inschrift des Khcnlika, T. G. H. James: The Mastaha af Khentika called Ikhekhi.
London 1953, pl.V.
3n
Urk I 256.
" V g l . hierzu Assmann (Anm. 3).
32
E. Edel: "Untersuchungen zur Phraseologie der ägypüschcn Inschriften des Alten Reichs". In:
Ulli, den Deutschen Archäot. Inst. Abi Kairo 13/1944, 5-15. Vgl. auch G. Fccht: Der Vorwurf an
Gott in den Mahnworien des Ipuwer. Abh. der Heidelberger Ak.d.Wiss. 1972, 136f., der die
besondere "Gewalttätigkeit" und "Sclbsthcrrlichkcil" hervorhebt, die aus diesen Fluchformcln
sprechen und auf einen "UnabhängigkciLsdrang" und ein "UnabhängigkcitsbcwußLscin" ihrer Stifter
schließen lassen.
248 Jan Assmann

nicht annehmen. Er ist dem Feuer bestimmt und seine Kinder der Flamme, sein Leichnam dem
'Riechen der Erde'. Ich werde gegen ihn sein als Krokodil zu Wasser und als Schlange zu Lande und
als Feind im Totenreich.3-5

Besonders differenziert malt die folgende Inschrift aus Siut das Schicksal des Ver-
fluchten aus:

Was jeden Rebell angeht, der rebellieren wird und der in seinem Herzen planen wird, dieses Grab zu
schänden und was es enthält, der die Inschriften zerstören und die Statuen beschädigen wird in den
Grähcrn der Vorfahren und im Tempel von Ra-Qerert ohne sich vor dem Gerichtshof darin zu fürch-
ten, der soll nicht verklärt werden in der Nekropole, der Stätte der Verklärten, dessen Eigentum soll
nicht bestehen in der Nekropole, dessen Kinder sollen ausgestoßen werden aus ihren Gräbern, der
soll den Verklärten ein Feind sein, den der Herr der Nekropole nicht kennt, dessen Name soll nicht
genannt werden unter den Verklärten, dessen Gedächtnis soll nicht andauern unter den Lebenden auf
Erden. Wasser soll ihm nicht libiert werden, Opfer sollen ihm nicht dargebracht werden am Wag-
Fcst und an jedem anderen schönen Fest der Nekropole. Er soll dem Gerichtshof überantortet wer-
den, er soll seinem Stadlgotl ein Abscheu sein, er soll seinen Verwandten ein Abscheu sein, sein
Hof soll dem Feuer anheimfallen, sein Haus der verzehrenden Flamme. Alles was aus seinem
Munde hervorgeht, das sollen die Götter der Nekropole verkehren."

In manchen Texten ist von wahren Höllenstrafen die Rede, mit denen die Götter-
feinde in der Unterwelt gemartert werden:

Was jeden Gaufürstcn angeht, jeden Vornehmen, jeden Beamten oder Bürger, der dieses Grab nicht
schützt und was es enthält, dessen Weißbrot soll sein Gott nicht annehmen, der soll nicht im We-
sten begraben werden und sein Fleisch soll biennen /usammcn mit dem der Verbrecher, indem er
/ u einem Nichlscicndcn gemacht wird.-"

Was jeden Rebell und jeden Gegner angehl, der Zerstörung anrichten wird trotz dem, was er gehört
hat, dessen Name soll nicht existieren, der soll nicht begraben werden in der Wüste, der soll ge-
kocht werden zusammen mil den Verbrechern, die Gott verflucht hat. Seinem Sladlgolt soll er ein
Abscheu sein, seinen Mitbürgern soll crcin Abscheu sein. 36

Was einen jeden angeht, der dies nicht rezitieren wird, der soll dem Zorn seines Stadtgottes verfal-
len und dem Gcmct/cl des Königs. Er soll unter den Verklärten nicht erinnert werden und niemals
soll sein Name auf Erden erwähnt werden. Er soll nicht begraben werden im Westen sondern ver-
brannt werden zusammen mit den Verbrechern, da Tholh ihn verdamml hat; ihm soll ins Gesichl
gespuckt werden. 37

,3
//><jair>-Stclc Nr. 9, Willems "Crime", 34.
>4
E. Edel: Die Inschriften der Grabfronlen der Siul-Gräber Opladcn 1984, Hg. 7, 37-66.
^ E d c l (Anm. 34), fig. 5, 25-37.
"• Siut IV Zeilen 79-80, Edel (Anm. 34), 120-127.
?7
Grab von Hasaya, Edel (Anm. 34), 190f.
Alloricnialische Fluchinschriften 249

Im Ägypten der Ersten Zwischenzeit stehen die Fluchformeln der Rechtssphäre nä-
her als sonst üblich. Sie verwenden genau dieselbe sprachliche Form. Auch ein
königliches Dekret, das bestimmte Strafen für bestimmte Verbrechen anordnet,
formuliert: 'was einen jeden angeht, der dies und das machen wird', und sogar die
Strafen entsprechen in schweren Fällen dem, was in den Fluchformeln zu lesen ist
Man kann daher in manchen Fällen nicht entscheiden, ob der Grabherr in seinen In-
schriften von der Möglichkeit der Verfluchung Gebrauch macht oder vielmehr als
Gesetzgeber auftritt, der für das Vergehen der Grabschändung bestimmte Strafen
anordnet. Für einen gewissen Anchtifi aus Mo'alla scheint die zweite Deutung zu-
zutreffen. Er bedroht spätere Gaufürsten, die sich an seiner Grabanlage vergreifen
sollten, damit, daß ihnen bei einer Festprozession des Stadtgottes die Hand abge-
schlagen wird. Diese eine, wenn auch grausame Strafe ist etwas anderes als das
Repertoire der diesseitigen und jenseitigen Vernichtung, aus dem Fluchformeln
schöpfen.38 Aber dieser Fall ist eine Ausnahme. Die sonstigen Inschriften würde
ich als Verfluchungen deuten; sicherstes Indiz für diese Deutung ist immer die An-
wesenheit von Segenssprüchen, die in Rechtstexten ausgeschlossen sind, und die
in der Tat im Kontext der erwähnten Fluchformeln auftreten.
Während die Vollstreckung gesetzlicher Strafen Sache staatlicher Institutionen
ist, obliegt die Vollstreckung von Flüchen jenseitigen Wesen und (das ist für
Ägypten besonders charakteristisch) jenseitigen Rechtsinstitutionen. Viele Sprüche
der sogenannten Totenliteratur handeln von solchen jenseitigen Gerichtsverhand-
lungen und ergehen sich in der Ausmalung des jenseitigen Strafvollzugs in allen
Arten von Vernichtungsphantasien (Spruch 149 der Sargtexte ist hierfür ein locus
classicus). Mit der Heraufkunft der Idee des Totengerichts und mit der Verlänge-
rung des Konzepts der Konnektiven Gerechtigkeit bis ins Jenseits bildet sich in
Ägypten die Vorstellung einer Hölle als eines jenseitigen Strafortes heraus. Die so-
genannten Unterweltsbücher stellen diese Höllenstrafen bildlich dar.39 In diese Ge-
schichte der Hölle gehören auch die Fluchinschriften, und nicht in die Geschichte
der Rechtsprechung.
Während des Neuen Reiches scheinen die Fluchinschriften aus den Gräbern fast
zu verschwinden. Vielleicht war jetzt die Nekropolenpolizei stark genug, die Grä-
ber ohne Zuhilfenahme jenseitiger Agenten gegen Raub und Zerstörung zu schüt-
zen. Daß andererseits aber der Glaube an jenseitige Agenten keineswegs im Nie-
dergang begriffen war, geht daraus hervor, daß Fluchformeln nun in einem anderen

38
Vgl. hicr/u H. Willems, "Crime, Cull and Capital Punishmenl (Mo'alla Inscription 8)". In:
Journal ofEgypuan Archaeology 76/1990. In der röm. Kaiscrzcit finden sich allerdings Fälle, wo
Verfluchung und Gcscl/gcbung ineinander übergehen, besonders bei den Nabatäem, vgl. z.B."(...]
que Dushara maudissc quiconquc [...] vcndra cc tombeau [...]; et quiconque agira autrement que ce
qui est dessus ceril, devra 6trc imposc' |...| du pnx total de millc drachmes [...]" (Parrol (Anm. 25),
80f.): viele ähnliche Beispiele ebd., 78ff.
39
Honiung, E.: Aliägyptische llöllenvorstellungen. Abh. der Sachs. Ak.d.Wiss. 1968.
250 Jan Assmann

Kontext auftreten: im Zusammenhang königlicher und privater Stiftungen. Beson-


ders verbreitet ist ein Fluch, der die göttliche Rache auf eine Trias verteilt:

Was einen jeden angeht, der gegenüber diesem Dekret taub ist, hinter dem soll Osiris her sein, Isis
hinter seiner Frau und Horus hinter seinen Kindern, und die Großen, die Herren das Abgeschiedenen
Landes, werden mit ihm abrechnen.40

Was einen jeden angeht, der dagegen sprechen wird, hinter dem soll Arnun-Rc, König der Götter,
her sein, ihn zu vernichten, Mut hinler seiner Frau und Chons hinter seinem Kind, so daß er hun-
gern, dürsten, schwach werden und leiden wird.4'

Im Rahmen dieses Kontexts erlebt die Kunst der inschriftlichen Verfluchung wäh-
rend der Dritten Zwischenzeit eine neuerliche Blüte. Stellvertretend für viele kürzere
Inschriften führe ich hier eine typische, wenn auch außergewöhnlich umfangreiche
Inschrift an: die Gründungsurkunde des Totentempels für Amenophis Sohn des
Hapu auf einer Stele der 22. Dynastie:

Was den General oder Militärschreiber angeht, der nach mir kommt und das Ka-haus im Verfall be-
griffen findet, zusammen mit den männlichen und weiblichen Dienern, die die Felder für meine
Stiftung bebauen, und der einen Mann davon wegnehmen wird, um ihn in einem offiziellen oder
privaten Geschäft einzusetzen, oder der, wenn sich ein anderer an ihnen vergreift, nicht für sie ein-
treten wird: er soll der Vernichtung durch Amun anheimgegeben sein [„]. Amun soll sie nicht ihr
Amt eines königlichen Schreibers genießen lassen, das sie um mcinctillcn bekommen haben. Er
soll sie dem Feuer des Königs ausliefern am Tage seines Zorns. Seine Uräusschlangc soll Feuer
spucken auf ihre Köpfe, ihre Körper vernichten und ihr Fleisch verzehren, indem sie wie Apopis
werden am Morgen des Ncujahrsfcsts. Sic sollen auf dem Ozean kentern, daß das Meer ihre Leichen
verbirgt. Sic sollen die Würde der Gerechten nicht erhallen und die Opferkuchen der Höhlenbewoh-
ner |= der Grabhcrrcnl nicht essen. Man soll ihnen kein Wasser libicren vom Fluß. Ihr Sohn soll
nicht cingcscl/t werden an ihrer Stelle. Ihre Frauen sollen vergewaltigt werden, während ihre Au-
gen zuschauen. Ihre Vorgesetzten sollen keinen Fuß in ihr Haus setzen, solange sie auf Erden sind.
Die Führer der beiden Seilen sollen sie nicht einführen |bci Hofe), noch sollen sie die Worte des
Königs zu hören bekommen in der Stunde der Freude. Sic sollen dem Schwert gehören am Tage
der Vernichtung, sie sollen Feinde genannt werden: ihre Leiber sollen verzehrt werden, sie sollen
hungern ohne Brot und ihre Körper sollen sterben. Wenn der Wesir, der Schatzmeister, der Ober-
domäncnvcrwaltcr, der Schcunenvorslchcr, die Hohenpriester, Gottesvätcr, Amunpricstcr, denen
dieses Edikt für das Ka-haus des Amenophis vorgelesen wurde, keine entsprechende Sorgfalt für
dieses Ka-haus an den Tag legen, soll dieses Edikt sie treffen, und sie ganz besonders.

40
Nach Wilson, in: ANET (31955), 328 (h); vgl. S. Schott Kanai.s. Der Tempel Selhos' I. im
Wädi Mia. Nachdr. d. Göll. Ak.d.Wiss. 1961, 158f. Ähnliche Fluchformcln erscheinen in
Thcbanischcn Inschriften der 'Persönlichen Frömmigkeit', vgl. A. I. Sadck: Populär Religion in
Egypl during ihe New Kingdom. Hildcshcimcr Ägyptol. Beiträge 27. Hildesheim 1987, 242-44.
4I
G. Stcindorff: Anika. Glückstadt 1937, Tf. 101. Weitere Beispiele gibt Morschauser (Anm. 28,
286L, 293, 296-98.
Altoricntalischc Fluchinschriften 251

Wenn sie aber Sorgfall an den Tag legen für das Ka-haus mit den männlichen und weiblichen Die-
nern, die die Felder für meine Stiftung bebauen, dann soll ihnen alle Gunst erwiesen werden.
Amun-Rc, der König der Gölter, soll sie belohnen mit einem glücklichen Leben. Der König eurer
Tage soll euch belohnen, so wie er [mich belohnt hat]. Amt auf Amt soll euch verdoppelt werden,
ihr sollt empfangen von Sohn auf Sohn, Erbe auf Erbe. Sie sollen als Boten ausgesandt werden
und der König ihrer Tage wird sie belohnen. Ihre Leiber sollen im Westen ruhen nach 110 Jahren,
und die Totenopfer sollen euch verdoppelt werden.42

Gegen Ende des Neuen Reichs treten erstmals obszöne Flüche in den Inschriften
auf. Im Dekret für Amenophis begegnet die Vorstellung, daß der Verfluchte die
Vergewaltigung seiner Frau mit eigenen Augen ansehen muß. Viel verbreiteter aber
ist in dieser Gattung das seltsame Motiv, daß der Verfluchte selbst, zusammen mit
seiner Frau, von einem Esel vergewaltigt werden soll43, was offenbar als ein be-
sonders vernichtender Schlag gegen die Person betrachtet worden sein muß:

Was den angeht, der dieses dauern läßt, dessen Sohn wird dauern an seiner Stelle, einer nach dem
anderen, und sein Name soll nicht vergehen in Ewigkeit. Was aber den angeht, der dies entfernt, die
Macht der Ncith wird gegen ihn sein in alle Eigkcit, sein Sohn soll nicht an seiner Stelle stehen,
der Esel soll ihn, sein Wcib und seine Kinder vergewaltigen. Er soll in das Feuer gehen, das aus
dem Munde der Sachmel kommt und zu I...1 des Allhcrrn und aller Götter. Wer immer diese Süf-
tung für Ncith zerstört, dessen Eigentum wird zerstört werden, dessen Grab wird verbrennen und
seine Kinder nicht aufnehmen. Hütet euch vor Ncith! 44

3. Fluch und Schrift. Der Vertragscharakter des Tradierens und Lesens

Fassen wir zusammen. Unser Thema ist der Fluch als ein Faktum der Schriftlich-
keit, näherhin der Inschriftlichkeit. Flüche, sowohl mündliche wie schriftliche, be-
ziehen sich auf die Zukunft. Sie instituieren Folgen, die künftige Generationen be-

42
C. Robichon/A. Varillc: Le temple du scribe royal Amenhotep fils de llapou. Fouillcs de 1'InsL
Francais d'Archcol. Orient. XI, Cairo 1936, 3f.; Brcastcd: Ancient Records of Egypt II, §§925f.;
G. Möller: Das Dekret für Amenophis Sohn des llapu. SPAW 1910, 932-948; Morschauser
(Anm. 28), 307-313.
4:,
Vgl. W. Spicgclbcrg: "Die Tcfnakhihosslclc des Museums von Alhcn". In: Receuil des Travaux
25/1903, 190ff.; Spicgclbcrg führt eine Reihe weiterer Beispiele dieser Formel an, die in Dynastie
22-24 sehr verbreitet war; das früheste Beispiel ist ein Graffilo aus der Ramessidcnz.cil in Der cl
Bahri, vgl. Sadck: Populär Religion, 244; vgl. A. Sottas: Preservalion, 149f„ 153, 165-168; A.
H. Gardincr: "Adoption Extraordinary". In: JEA 26/1940, 23-29; J. G. Griffilhs/A. A. Barb: "Seih
or Anubis?" In: Journal of the Warhurg and Courtauld Institutes 22/1959, 367-371. A. Leahy
verdanke ich den Hinweis auf J. J. Janssen, JEA 54/1968, 171 ff. und K. A. Kitchen, JARCE
8/1969f., 60f.
'"Stele des Tcfnachl in Alhcn, hg. v. Spicgclbcrg, RT 25 (1903).
252 Jan Assmann

treffen.4S Flüche sind Femwaffen. In dieser weitreichenden Intentionalität sehe ich


eine Affinität der Flüche zu einer bestimmten Art des Schreibens, nämlich der mo-
numentalen Schrift, der Schrift auf Monumenten, Monumente wenden sich an die
Nachwelt, sie nehmen Zukunft in Anspruch. Die Beziehung, die sie mit der Nach-
welt eingehen, ist aber äußerst prekär. Sie können nicht erwarten, daß sie respek-
tiert und ihre Inschriften gelesen werden ohne ein gewisses Maß an Zwang und
Überredung. Das ist die Funktion der Fluch- und Segensformeln. Sie stellen das
Monument in ein ambivalentes Licht: Es erscheint als ein Segen für die, die es lesen
und respektieren, und als ein Fluch für die, die es vernachlässigen und zerstören.
In dieser Ambivalenz liegt ihr Vertragscharakter. Durch die Fluch- und Segensfor-
meln wird der Betrachter in einen Vertrag mit dem Stifter hineingenommen. Die
Monumente stellen sich als Gegenstände eines Vertrags mit der Nachwelt dar und
verheißen Segen dem Vertragstreuen Leser und Fluch dem treulosen Verräter. Sie
wenden sich nicht einfach an den Leser, sondern formen ihn.
Plato hat in einer berühmten Stelle des Phaedrus das elende Los schriftlich nie-
dergelegter Sprache beschrieben:

Jedes Wort, das einmal geschrieben ist, treibt sich in der Welt herum, gleichermaßen bei denen, die
es verstehen, wie bei denen, die es in keiner Weise angeht, und es weiß nicht, zu wem es sprechen
soll und zu wem nicht. Wird es mißhandelt oder zu Unrecht getadelt, dann bedarf es des Vaters
immer als Helfers: denn selber hat es sich zu wehren oder sich zu helfen nicht die Kraft.46

Jede Art von Schrift hat es mit diesem Problem zu tun. Nicht alle aber haben sich in
gleicher Weise damit abgefunden. In bestimmten Zusammenhängen, darunter Ver-
träge, Grenzstelen, Gräber und Stiftungen, versucht die Schrift, den Leser zu be-
einflussen, zu modellieren und in die gewünschte Rezeptionsform zu zwingen. Sie
verstrickt ihn im Akt des Lesens selbst in einen Vertrag, der ihn automatisch der
dilemmatischen Situation von Segen und Fluch aussetzt und den vielfältigen Fol-
gen, wie sie die Formeln spezifizieren. Dieses Prinzip nenne ich 'inschriftliche
Gewalt'. Inschriftliche Gewalt ist eine Kompensation für das, was Plato 'väterliche
Unterstützung' nennt. Sie wird nur dort angewendet, wo die väterliche oder aukto-
riale Intervention kategorisch ausgeschlossen ist, d.h. wo der Vater in emphatischer
Weise abwesend ist. Das ist bei Monumenten der Fall, die immer für jemand oder
etwas Totes bzw. Abstraktes, jedenfalls einer anderen Welt Angehöriges stehen.
Monumente sind allein, einsam, ausgesetzt, weil sie hineingestellt sind in einen
Raum ewiger Dauer, in den sie ihr sterblicher 'Vater' nicht begleiten kann. In der

45
l n der Spälanlikc können Fluchformcln bis zur Abbreviatur lekna leknon, 'Kindeskinder'
verkürzt werden. Die bloße Erwähnung von 'Kindcskindem' wurde für ausreichend erachtet, das
ganze Spektrum von unnachgiebiger Verfolgung und Vernichtung heraufzubeschwören.
^Phaedrus 275d nach A. u. J. Assmann/Chr. Hardmcicr (Hg.): Schrift und Gedächtnis. München
1983, 8.
Altoricntalischc Fluchinschriften 253

Regel droht der Autor einer Inschrift nicht damit, in Person zum Schutz seines
Denkmals einzugreifen. Wo in einigen frühen ägyptischen Inschriften der Tote da-
von spricht, den Übeltäter 'am Hals zu packen wie eine Gans', stellt er doch regel-
mäßig klar, daß er von einem jenseitigen Gerichtshof dazu ermächtigt wurde. Der
Autor oder 'Vater' des Textes muß zurückstehen und die Verfolgung des Übeltäters
jenseitigen Agenten überlassen. Diese Anrufung jenseitiger Agenten und der Ge-
walt, mit der sie gegen den Übeltäter vorgehen sollen, kompensiert und verweist
auf die der Schrift inhärente Schwäche.
Daß in diesen Fluchformeln ein allgemeineres Problem des Schreibens in den
Blick kommt als das der Verträge und Denkmäler, haben schon die babylonischen
Schreiber erkannt. Im 1. Jahrtausend v. Chr. beginnen sie, diese Fluchformeln
auch in ihre Kolophone aufzunehmen.47 Kolophone sind Metatexte, in denen die
Schreiber ihre Identität, zuweilen auch gewisse Grundsätze und Bedingungen ihrer
Abschrift zu Protokoll geben ('zuende gebracht, von Anfang bis Schluß, wie es in
der Vorlage gefunden wurde', lautet etwa ein typischer ägyptischer Kolophon). In
diesen Zusammenhängen treten nun auch Flüche gegen diejenigen auf, die Ton-
tafeln zerstören, beschädigen, veruntreuen usw. Bald werden dann diese Flüche
vom Umgang mit Tontafeln auf den Umgang mit Texten ausgedehnt. Bedroht
wird, wer den Text antastet, etwas fortnimmt, hinzufügt oder verändert.48 Wir
kennen auch diese Formel wiederum aus dem Deuteronomium. Aus einer gewis-
sermaßen rechtsförmigen Konzeption von Pietät, die den Umgang mit Denkmälern
in den Formen von Testament und Erbantritt als eine Art von Vertrag oder Bündnis
zwischen Vorfahren und Nachwelt gestaltet, entwickelt sich eine rechtsförmige
Vorstellung von Tradition überhaupt, die das Geschäft des Tradierens, der Pflege
und Weitergabe des Überlieferten, in den begrifflichen Rahmen von Vertrag und
Testament einstellt. So wird der Text durch dieselben Fluchformeln gegen willkür-
liche Eingriffe der Tradenten gesichert, wie sie Denkmäler, Eide und Verträge
schützen. Diese rechts- und vertragsförmige Konzeption der schriftlichen Überlie-
ferung hat sich, von Babylonien ausgehend, in der hellenistischen Welt verbreitet.
So heißt es etwa am Ende des apokryphen ,4mrea.v-Briefes, eines Texts aus dem 2.
Jahrhundert v. Chr., der von der als Septuaginta bekannten Übersetzung der he-
bräischen Bibel ins Griechische durch ein Team von 72 Übersetzern berichtet:

Die Übersetzung ist in schöner, frommer und ganz genauer Weise gefertigt. Deshalb ist es recht,
daß sie in diesem Wortlaut erhallen werde und daß keine Änderung stattfinde Alles stimmte diesen
Worten bei. Dann befahl er nach ihrer Sine, den zu verfluchen, der eine Bearbeitung unternehme.

47
G. Offner: "A propos de la sauvegardc des tablcllcs cn Assyro-Babylonic". In: Revue d'Assy-
rmlogie et d'Archtologie 44/1950, 135-143; Pomponio, Hg. (Anm. 4), 103-105.
48
Erra-Epos, vgl M. Fishbane: "Varia Dcuteronomica". In: 7AW 84/1985, 350-352.
254 Jan Assmann

indem er etwas hinzufüge oder etwas vom Geschriebenen änderte oder wegließe. Darum handelten
sie recht; denn es sollte die Schrift für alle Zukunft unverändert erhalten bleiben.49

Hier schützt der Fluch, wie in den babylonischen Tontafeln, den Text vor den
Schreibern. Entscheidend aber ist ein weiterer Schritt der Generalisierung: wenn es
um den Schutz des Textes vor den Lesern geht. Wenn die Schrift es darauf anlegt,
mit dem Leser nicht nur einen Kontakt, sondern einen Kontrakt zu stiften, eine Be-
ziehung von rechtsförmiger Verbindlichkeit, dann wird sie den Leser in jene di-
lemmatische Situation von Fluch und Segen bringen, in der rechtes Verstehen und
Beherzigen Segen bedeutet, Mißverstehen, Nachlässigkeit und Nicht-zur-Kenntnis-
Nehmen dagegen Fluch. Dadurch gewinnt dann auch die literarische Kommunika-
tion von 'Autor' und 'Leser' den Ernst und die Hochverbindlichkeit der Verträge,
Testamente und Monumente. Dieses Verfahren läßt sich natürlich nur dort anwen-
den, wo es um Themen von äußerster Bedeutsamkeit geht. Das sind die Themen
der Weisheitsliteratur. Die altorientalische Weisheitsliteratur — Mesopotamien,
Ägypten und Israel gehen darin konform — gibt sich die Form der väterlichen Un-
terweisung. Sie modelliert sich den Leser als hörenden Sohn, der die Weisheit der
Väter aufnimmt, indem sie ihn vor die Entscheidung zwischen Fluch und Segen
stellt. Die Lehre des Ptahhotep, eines der ältesten und in jedem Falle das bedeu-
tendste der ägyptischen Weisheitsbücher, präsentiert sich als "gut für den, der hö-
ren wird, aber wehe dem, der es nicht zur Kenntnis nimmt".50 Dieselben Worte er-
scheinen in der ein Jahrtausend späteren Lehre des Amenemope: "Es ist gut, sie zu
beherzigen. Aber wehe dem, der sie nicht zur Kenntnis nimmt!"51 Dieses 'wehe'
verflucht den schlechten Leser in ähnlicher Weise, wie der Vertragsbrüchige,
Grenzfrevler und Denkmalschänder in den Fluchinschriften bedroht wird und über-
trägt das Prinzip der 'inschriftlichen Gewalt' in die Sphäre der literarischen Kom-
munikation. Damit schließt sich der Kreis unserer Untersuchung. Denn Nichthören
auf die Stimme des Herrn, so wie Nichthören auf die Stimme des väterlichen Leh-
rers, bildet den Grund der Verfluchung im Deuteronomium, dem Text, von dem
wir ausgegangen sind, um vom Gehorsam des Vertragspartners über das Hören
des Sohnes zum Lesen des Lesers zu gelangen.52 Davon ist schließlich in einem
hermetischen Traktat die Rede. Die Lehrgespräche, in denen Hermes Trismegistos
seinem Sohn Tat die Weltgeheimnisse offenbart, stehen in der Tradition der Weis-
heitsliteratur. In einem dieser Traktate aus dem Nag Hammadi Fund, Die Achtheit

49
Epislula Aristeae 312ff., nach P. Ricssler: Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel.
Augsburg 1928.
^Ptahhotep Div. 49-50. M. Lichlhcim: Ancient Egyptian Literature I. Berkeley 1973, 63.
51
III 11.12, M. Lichlhcim: Ancient Egyptian Literature II. Berkeley 1976, 149.
52
Vgl. auch Piaton, Kritias 120: "Auf der Säule aber befand sich außer den Gesetzen noch eine
Schwurformcl, welche gewaltige Verwünschungen über diejenigen aussprach, welche ihm nichi
gehorchten."
Alloricntalischc Fluchinschriften 255

offenbart die Neunheit, bittet der göttliche Lehrer seinen Schüler Tat, den Dialog
niederzuschreiben "in Hieroglyphen, auf türkisenen Stelen, für den Tempel in Di-
ospolis (Theben)": "Schreibe einen Fluch in das Buch, damit diejenigen, die es le-
sen, die Sprache nicht mißbrauchen oder sich den Taten des Schicksals widerset-
zen".53

53
N. H. C. VI.6.62.22-63.14; vgl. G. Fowdcn: The Egyptian Hermes. A llislorical Approach lo
ihe lote pagan mind. Cambridge 1986,97.
Dirk Baecker

Die Schrift des Kapitals

In den letzten Jahren ist dem Kapitalismus die Imagination einer Alternative abhan-
den gekommen. Der Kommunismus bricht zusammen. Und er bricht anders zu-
sammen, als man es häufig erwartet hat. Sein Zusammenbruch ist weder katastro-
phal noch sang- und klanglos, sondern höchst signifikant: Überall dort, wo er ge-
lingt, wird auf die Unterscheidung von Kommunismus und Kapitalismus reflektiert
und nicht einfach die Seite gewechselt, sondern, wie man mit G. Spencer Brown
(1972, 59) sagen könnte, ein Tunnel gegraben, der die beiden Seiten miteinander
verbindet, den Kapitalismus im Kommunismus und den Kommunismus im Kapita-
lismus zu realisieren versucht.1 Das aber heißt, die Unterscheidung als solche kann
nicht mehr funktionieren und muß durch andere ersetzt werden.
Der Zusammenbruch des Kommunismus verändert auch den Kapitalismus. Die
Auseinandersetzung der 'Systeme' war niemals subversiv; aber das, was jetzt ge-
schieht, könnte es sein. Wir haben es nicht mehr mit der stabilisierenden Alterna-
tive, sondern mit dem destabilisierenden Verschwinden eines Widerstandes zu tun.
Die Form des Kapitalismus wird sich ändern, weil die andere Seite der Unterschei-
dung des Kapitalismus nicht mehr Kommunismus heißt. Die andere Seite hat
keinen Namen mehr. Aber sie unterläuft die Unterscheidung von Kommunismus
und Kapitalismus; und das heißt, sie führt das Namenlose ein auch auf der Seite
des Benannten, des Unterschiedenen: des Kapitalismus. Das erst ist Subversion
(Spencer Brown 1972,61).
Man kann sich fragen, ob der Kapitalismus darauf vorbereitet ist. An seinem
Namen hält er schon lange nicht mehr fest. Die politische Idee des Liberalismus,
die ihn flankierte, zieht sich zurück auf ihr Gegenteil: auf eine gegenüber Fort-

' Andernorts (Bacckcr 1991a) habe ich versucht, den Zusammenbruch der Unterscheidung zwischen
Kapitalismus und Kommunismus miihilfc der Unterscheidung von Volk und Leuten zu be-
obachten.
258 Dirk Baccker

Schrittsideologien skeptische Position der Ironie, der ein Loblied der privaten Idio-
synkrasien so wichtig ist wie das Plädoyer für den öffentlichen Gewaltverzicht
(Rorty 1989). An die Stelle einer Gesellschaftstheorie des Kapitalismus tritt eine
Theorie der modernen Gesellschaft, die die Wirtschaft als ein Funktionssystem der
Gesellschaft neben anderen beschreibt und die Reproduktionsdynamik des Geldes
der Akkumulationsdramatik des Kapitals empirisch vorordnet (Luhmann 1988).
Mehr und mehr geht es darum, den Begriff einer Ökonomie zu erarbeiten, der von
den gewohnten kapitalistischen Konnotationen frei ist und dennoch rekonstruieren
kann, was der Kapitalismus ist — oder war.
Sozialwissenschaftliche Bemühungen um eine Kontextualisierung der Ökonomie
(Zukin/DiMaggio 1990; Swedberg 1990) sind hier durch textwissenschaftliche
Untersuchungen kaum noch durchschauter Konventionen des Unterscheidens und
Beobachtens zu unterstützen. Der Einwand der Ökonomie des Spiels gegen die
Ökonomie der Arbeit (Derrida 1972), die Dekonstruktion der Kantischen Unter-
scheidung von Kunst und Ökonomie (Derrida 1975) oder die Analyse der die Öko-
nomie destruierenden und begründenden Paradoxie der Gabe (Derrida 1990) wären
Modelle eines Vorgehens, das der Unterwanderung des Unterschiedenen durch das
Namenlose ein gutes Stück entgegenkommt und durch eine Art "deliberate compli-
cation" (Miller 1973) das semantische und strukturelle Feld variiert, auf dem sich
die Subversion ereignet.
Wemer Sombart entwickelte in seinem monumentalen Werk Der moderne Kapi-
talismus eine nach wie vor Maßstab setzende Ableitung des Kapitalbegriffs aus der
doppelten Buchführung, an die wir anknüpfen und die wir modifizieren wollen, um
den Kapitalismusbegriff aus Determinationen zu befreien, die den Kommunismus
als das andere dieses Kapitalismus unausweichlich scheinen ließen.2 Wir fragen im
folgenden nach einer 'Schrift des Kapitals', die beidem, dem Kapitalismus wie dem
Kommunismus, zugrunde liegt und daher auch eine Folie für eine Beschreibung
dessen liefert, was gegenwärtig geschieht. Sombart zögerte, ob nun der Kapi-
talismus die Form sei, deren Inhalt die Buchführung ist, oder umgekehrt der Kapi-
talismus der Inhalt, dem die Buchführung Form gebe (1916b, 118). Dieses Zögern
kann die Beschreibung der Schrift des Kapitals nicht entscheiden. Aber sie kann es
auffangen und einer Unentscheidbarkeit Raum geben. Die Beschreibung der Schrift

2
Es gehl uns im folgenden nicht um die Entwicklung einer Kapitaltheorie. Wir verzichten daher
auch auf eine Auseinandersetzung mit Sombarts (1927,127 ff.) spaterem Kapitalbegriff, der auf die
Hcclcitung aus der Systematik der doppelten Buchführung nicht verzichtet, den Kapitalbegriff dann
aber wie viele andere Kupitaltheorien als Einheit von Differenzen betrachtet, hier als Einheit der
Differenzen von aktuellem und potentiellem Kapital, Gcldkapilal und Sachkapila], Personalkapilal
und Rcalkapital, stehendem und umlaufendem Kapital (135). Hier ist jedoch nicht der Ort, der
Rolle und Bedeutung dieser und anderer Differenzen in der Entfallung der 'Schrift des Kapitals'
nachzugehen.
Die Schrift des Kapitals 259

des Kapitals kann uns lehren, daß der Unterschied zwischen Kapitalismus und
Kommunismus nur ein Unterschied der Diskontierungsregeln ist.

//

Aus drei verschiedenen "Interessenkreisen", so Werner Sombart, geht das kapita-


listische Unternehmen hervor: aus der Jurisprudenz, aus der Geschäftstechnik und
aus dem Marktverkehr. Der Zufall will es, daß sich in den Benennungen des Un-
ternehmens in drei verschiedenen europäischen "Sprachkreisen" dieser dreifache
Ursprung bis heute erhalten hat: "der Deutsche sagt Firma, der Franzose Raison,
der Italiener Ragione oder Ditta, um dasselbe auszudrücken, in seiner Einheitlich-
keit erfaßt: als Rechtseinheit, als Rechnungseinheit und als Krediteinheit, die in der
Geschäftseinheit gipfeln oder zusammenfließen" (1916b, 103 f.). "So weist der
sprachliche Zufall in den drei heute verwendeten Ausdrücken für den Begriff eines
selbständigen Geschäfts uns die dreifache Entstehungsursache der kapitalistischen
Unternehmung dokumentarisch auf (ebd., 138). Drei verschiedene Sprachen, drei
verschiedene Ursachen, drei verschiedene Spuren. Jede einzelne dieser Spuren legt
ein Element eines Ausdifferenzierungsprozesses bloß, der in Benennungen wie
Unternehmen, entreprise, business zwar die Einheit eines Entwurfs oder Pro-
gramms3, aber nicht die Bedingungen der Möglichkeit dieses Programms offen-
bart.
Das Programm auf die Bedingungen seiner Möglichkeit zurückzurechnen, ist
nicht nur aus historischen oder evolutionstheoretischen Gründen interessant. Viel-
mehr läßt sich hier — und möglicherweise nur hier — die Frage entscheiden, worin
die Selektivität eines Programms liegt, das wir uns angewöhnt haben, unter ganz
bestimmten Blickwinkeln zu betrachten. Erschöpft sich das Programm des kapita-
listischen Unternehmens in der Ausbeutung der Arbeitskraft, der Kapitalverwer-
tung, der Generierung steuerlicher Belastbarkeit, der Sicherung von Arbeitsplätzen,
der Garantie komfortabler Ausstattung mit Gütern und Dienstleitungen? Und wenn
nicht, welche anderen Programmdimensionen lassen sich neben den uns gewohn-
ten feststellen? Auf welche Realität des Sozialen läßt sich die kapitalistische Unter-
nehmensform zurückrechnen, die sich in der Realität des Kapitalismus nicht er-
schöpft?

3
Von Programm' reden wir hier, um eine Referenz zu nutzen, die der textwissenschaftlichen De-
konstruktion und der sozialwissenschafllichen Rekonstruktion gemeinsam ist. Sowohl Jacques
Derrida wie Niklas Luhmann beziehen sich auf den Programmbegriff der Kybernetik, sei es um
einen Begriff zu zitieren, dessen Scinsmodus auf Präsenz nicht reduziert werden kann (Derrida
1974, 21), sei es, um Invarianz nicht mehr als Wesenskem des Seienden, sondern als Problem
ansehen zu können (Luhmann 1977,157).
260 DirkBaecker

Sombarts Interesse ist eindeutig. Er will herausfinden, welches die Bedingungen


waren, unter denen sich das "kapitalistische Wirtschaftssystem" realisieren konnte
(1916b, 102). Wie konnten die Ideen des Erwerbsprinzips und der Rationalisie-
rung, die das Kennzeichen dieses Systems sind, verwirklicht werden? Welche for-
male Organisation des Sozialen ermöglicht die Einführung der Plan- und Zweck-
mäßigkeit in das Wirtschaften mit knappen Ressourcen? Sombart schreibt das Pro-
jekt einer "Phänomenologie des Geistes" fort, indem er im "Geist des Kapitalis-
mus" (1916a, 327ff.) das Einheitsprinzip einer Epoche sieht und nach der Art und
Weise fragt, wie dieser Geist sich erfährt, erinnert und verwirklicht. Unsere Inter-
essen sind andere. Aber wir können beobachten, welche Unterscheidungen
Sombart verwendete, um den 'Kapitalismus' zu beobachten, und können diese
Unterscheidungen anders kontextuieren, um anderes beobachten zu können.
In den Beschreibungen von firma, ratio und ditta stecken drei präzise angegebene
Unwahrscheinlichkeiten der "Verselbständigung des Geschäfts" als "Vermögens-
organisation", als die Sombart die Entwicklung des modernen Unternehmens be-
schreibt (1916b, 101). In allen drei Hinsichten steht jeweils auf dem Spiel, was
man als Verselbständigung, als Geschäft, als Vermögen bezeichnen kann. Organi-
sation ist dann nur der Titel für die Verwahrscheinlichung des Unwahrscheinlichen.
Wir halten uns an die Reihenfolge Sombarts:
1) Als firma ist das Unternehmen Rechtseinheit (1916b, 104ff.). Der Begriff und
die Sitte des "Firmare" geht nach Sombart auf die Verwendung eines Zeichens
(signum mercatoris) zurück, das anstelle des Namens des Kaufmanns diesen Na-
men vertritt. Sombart spekuliert, daß das Zeichen "in den Anfängen wohl als der
noch persönlichere, unmittelbarere Willensakt (galt), da es ja sinnfälliger war als
der immerhin schon abstrakte Name" (ebd., 104). Aber schließlich fällt auf, daß
der Kaufmann mit seiner Unterschrift zwar sich und seinen Namen bindet, aber
sein Geschäft (negotatio) meint. Und zwar 'meint' in dem Sinne, daß seine Unter-
schrift nicht mehr wert sein kann als das Geschäftsvermögen, das für diese Unter-
schrift rechtlich einklagbar steht. Ohne daß das Zeichen wechselt, werden Bezeich-
nendes und Bezeichnetes vertauscht und wird unentscheidbar, ob der Name des
Kaufmanns für das Geschäft oder das Geschäft für den Namen des Kaufmanns
einsteht. Diese Unentscheidbarkeit wird rechtlich ausgebeutet: Im Interesse sowohl
des Kaufmanns wie seiner Gläubiger wird das Geschäftsvermögen als Sonder-
vermögen ausgezeichnet und das Privatvermögen vom Gesellschaftsvermögen ge-
trennt. Zunächst Name des Kaufmanns, kann sich der Name verselbständigen oder
substituieren zum Namen des Geschäfts, zur Firma, die als Rechtseinheit fungiert.
2) Als ratio, ragione, raison ist das Unternehmen Rechnungseinheit (1916b,
110ff). Rechnen heißt Buchführen, Buchführen heißt Soll und Haben zuordnen,
die Zuordnung von Soll und Haben ist eine Rechenkunde des Sozialen. Den tüchti-
gen Kaufmann, so der Florentiner Benedetto Alberti lange vor der Verselbständi-
gung des Buchhalters (von der Einführung computergestützter Buchführung zu
Die Schrift des Kapitals 261

schweigen), erkenne man daran, daß er immer die Hände mit Tinte beschmiert hat,
weil er immer die Feder in der Hand hält, um jeden Vertrag, jeden Geldeingang und
-ausgang festzuhalten und zu prüfen (1916b, 130).4 Zunächst erfüllte das "wüste
Durcheinander von allerhand Aufzeichnungen, das die deutschen Handlungsbücher
noch des 14. und 15. Jahrhunderts kennzeichnet, [...] keinen anderen Zweck als
den: dem Geschäftsleiter bestimmte Vorgänge und Zustände seiner Wirtschaft ins
Gedächtnis zurückzurufen" (ebd., 111). Gleichzeitig stellen die Bücher bereits eine
Ebene dar, auf die zugegriffen werden kann, wenn Ansprüche aus Verträgen zu
prüfen sind. Den Büchern kommt in Rechtsprozessen Beweiskraft zu (vgl.
Penndorf 1913, 166ff.). Die entscheidende Leistung der Buchführung jedoch ist
die Ordnung des Geschäfts unabhängig von den Notierungsgewohnheiten des
Kaufmanns oder Buchhalters. Neben das Journal, in das die Geschäftsvorfälle
eingetragen werden, wie sie vorfallen (eine Art Sudelbuch), tritt das Hauptbuch,
neben die Notizen die Kontierung, die Zuordnung der Geschäftsvorfälle zu be-
stimmten Konten, die zunächst Personen, später auch Sachen eingeräumt werden.
Buchhaltung wird Kontenführung und erst damit zu einer Schrift, die am Zusam-
menhang der Konten die Einheit des Geschäfts erkennbar und ablesbar werden
läßt. Den Zusammenhang der Konten sichert das Prinzip der doppelten Buchfüh-
rung (Doppik), das fordert, daß jeder Geschäftsvorfall — sei es ein Kauf oder ein
Verkauf, der Abschluß eines Vertrages oder die Aufnahme eines Kredits immer
zweifach, als Soll und als Haben, verbucht wird. Jedem Aktivposten auf irgendei-
nem Konto entspricht ein Passivposten auf einem bestimmten anderen Konto, und
umgekehrt. Das System wird vollendet, so Sombart, indem der Zusammenhang der
Konten die Form eines Kreislaufes gewinnt, dieser Kreislauf jährlich bilanziert und
die Bilanz mit einer "außerhalb der Buchhaltung liegenden Operation, der Inventur"
(1916b, 116), verglichen wird. Solcherart vollendet, wird die doppelte Buchfüh-

4
F.s ist unklar, wann und wo die Buchführung erfunden wurde. Sombart sieht eine ordentliche
Buchführung erst in den öffentlichen Haushalten der italienischen Stadtgemeinden des 13. Jahr-
hunderts oder früher, in den Haushalten des Papstes und der französischen und englischen Könige
sowie im privaten Erwerbsbereich bei Bankiers verwirklicht Die Praxis der Buchführung läßt sich
bei den Kauflculcn der oberitalicnischcn Stadtgemeinden und der Hanse über die Kreuzzüge bis zu
den Phöniziern zurückvcrfolgen (De Roover 1970). Auch die Kreier, Römer und Araber führten
Buch (Ifrah 1987, 241ff.; Kheil 1906. lOff; Gandz 1938). Wahrscheinlich sind Schrift und Buch-
führung eines, nämlich mesopotamischen, Ursprungs (Amiel 1966; Schmandt-Besserst 1981a,
1981b und 1983). Aber was heißt Buchführung und worin besteht der Unterschied zwischen der
einfachen und der doppelten Buchführung? Die Anforderungen, die an eine Buchführung gestellt
werden, um sie als eine doppelte' zu bezeichnen, variieren. Zuweilen ist bereits die Unterscheidung
von Soll und Haben dafür ausreichend, zuweilen muß die wesentlich anspruchsvollere Forderung
erfüllt sein, daß jeder einzelne Geschäftsvorfall doppelt, nämlich einmal als Soll und einmal als
Haben, verbucht wird. Die ersten beiden bekannten Bücher über die Buchführung schrieben Bene-
deuo Cotrugli Raugco um 1458 (erschienen 1573; vgl. Kheil 1906) und Luca Pacioli 1494 (vgl.
Jäger 1878).
262 DirkBaeckcr

rung zu jenem Träger und Motor von Erwerbsprinzip und Rationalisierung, ohne
die sich der Kapitalismus nicht denken läßt (ebd., 118). Bevor wir auf diesen
Punkt zurückkommen, schauen wir uns das dritte Element der Verselbständigung
der Geschäftseinheit als Vermögensorganisation an.
3) Als ditta ist das Unternehmen Krediteinheit (ebd., 137f.). Als eine ditta be-
zeichnete man ursprünglich ein kaufmännisches Zahlungsversprechen, eine Bürg-
schaft, eine Sicherheit, dann auch die Urkunde, die über das Zahlungsversprechen
ausgestellt wurde, dann die Buchung, die für eine Bürgschaft in den Konten vor-
genommen wurde, und schließlich auch den, der eine Urkunde ausstellt, den Bür-
gen oder den Kreditnehmer bei berufsmäßigen Depositen- oder Wechselgeschäften.
Die Krediteinheit rundet ab und erhält, so Sombart, was Rechtseinheit und Rech-
nungseinheit ins Werk setzten.
Auch hier, bei der Ausdifferenzierung der Geschäftseinheit als Krediteinheit, fin-
den wir — wie schon beim Zeichen, das für den Namen des Kaufmanns oder sein
Geschäft steht — wiederum jenes eigentümliche Changieren und Vagabundieren
von Bezeichnendem und Bezeichnetem, das nicht fixiert werden kann und doch nur
einen Sinn hat, nämlich den, Kreditwürdigkeit auszuzeichnen. Fragt man nach der
Einheit dieses Sinns, fällt er sofort wieder in Verweisungen auseinander, die das
konstituieren, was sich als das Soziale beschreiben läßt, in das der Kapitalismus
sich eingenistet hat wie je ein Wort in eine Schrift.

///

Es wird sich zeigen, daß wir der Vermutung Sombarts, die doppelte Buchführung
sei das entscheidende Moment der Verwirklichung der kapitalistischen Unterneh-
mung, die Rechtseinheit nur das Moment der Herauslösung aus den Bezügen des
Stammes, der Sippe, der Familie und Zunft (1916b, 101) und die Krediteinheit nur
die Anerkennung des Resultats als kreditwürdig (ebd., 137)5, nur ein Stück weit
folgen können. Auch Sombart nimmt keine Stadientrennung vor, sieht vielmehr je-
des der Momente nur in Abhängigkeit von den beiden anderen als durchsetzungs-
fähig an. Aber er nimmt eine Gewichtung zugunsten des Moments der doppelten
Buchführung vor, und nur um die Korrektur dieser Gewichtung ist es uns hier zu
tun.
"Man kann schlechthin Kapitalismus ohne doppelte Buchführung nicht denken:
sie verhalten sich wie Form und Inhalt zueinander. Und man kann im Zweifel sein,
ob sich der Kapitalismus in der doppelten Buchhaltung ein Werkzeug, um seine

Auch innerhalb der wirtschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus insgesamt billigt Sombart
(1927,175ff., insbes. 222) dem Kredit vollendende, aber nicht auf den Weg bringende Bedeutung
zu.
Die Schrift des Kapitals 263

Kräfte zu betätigen, geschaffen oder ob die doppelte Buchhaltung erst den Kapita-
lismus aus ihrem Geist geboren habe" (ebd., 118). Sombart legt so viel Wert auf
die Buchführung, weil sie das Element der Quantifizierung, der Reduktion der Er-
scheinungen auf Quantitäten, das in den Naturwissenschaften Galileis und New-
tons zu einer aus den Grundgedanken der Mechanik entwickelten Kosmologie
geführt habe, auch in die Geschäftswelt einführt. Die Ideen der Gravitation, des
Kreislaufs des Blutes und der Erhaltung der Energie, also jene Ideen, die die Phy-
sik die Systematik lehrten, seien keimhaft, so Sombart, auch in der doppelten
Buchführung nachweisbar.6 Vor allem aber würden durch die doppelte Buchfüh-
rung "Möglichkeiten und Anregungen geschaffen [...], damit die dem kapitalisti-
schen Wirtschaftssystem innewohnenden Ideen zur vollen Entfaltung kommen
konnten: die Erwerbsidee und die Idee des ökonomischen Rationalismus" (ebd.,
119).
Die doppelte Buchführung ist nur ein Element in der Bewegung der Entfaltung
des kapitalistischen Geistes, der der klassischen Naturwissenschaft so viel verdankt
wie diese ihm; aber sie ist genau das Element, das die Systematik der Naturwissen-
schaft mit einer Systematik der Geschäftsführung kurzschließt. Wollen wir diese
Syndromatik von Geist und Naturwissenschaft, der wir heute nicht mehr trauen,
auflösen, so bietet es sich an, die Systematik der Geschäftsführung einer erneuten
Betrachtung zu unterziehen. Denn diese scheint das einzige zu sein, was sich in
dem, was wir Kapitalismus nennen, bis heute durchgehalten hat. Denn ob wir von
der Erwerbsidee und dem ökonomischen Rationalismus noch in einem Sombart-
schen Sinne reden würden, ist mehr als zweifelhaft. Die Erwerbsidee ist in ein
Karrieredenken diffundiert, das die Orientierung in um Organisationen kreisenden
Beziehungsnetzen höher prämiert als die Kunst, Besitztümer anzuhäufen. Und was
die Idee des ökonomischen Rationalismus anbelangt, so ist gerade deren Brüchig-
keit ein Motiv der Überlegungen, die wir hier anstellen. Seit unklar geworden ist,
was das ist — ökonomische Rationalität — können wir sie nicht voraussetzen, um
zu rekonstruieren, was aus dem Kapitalismus geworden ist. Statt dessen kümmern

6
Es bedürfte einer eigenen Untersuchung im Stile Rudolf Stichwehs (1984) und Philip Mirowskis
(1989), um herauszufinden, ob die Behauptung Sombarls buchstäblich zu nehmen ist, oder ob
Sombart hier der Versuchung unterliegt, der doppelten Buchführung zuzuschreiben, was zu seiner
Zeit als Kennzeichen schlechthin einer jeden die Phänomene des Lebens und des Sozialen erfas-
senden Systematik galt Auffällig ist jedenfalls, daß er jene drei Ideen nennt, von deren Erbe, der
GIcichgcwichtsthcoric, der Krcislaufthcoric und der Nutzentheorie, sich zu befreien der Ökonomie
bis heute schwer QUlL Insofern ist eine Neubeschreibung der doppelten Buchführung, die wir hier
andeuten, auch ein Beitrag zur Dckonstmklion und Neuorientierung der ökonomischen Theorien.
Die Ncubcschrcibung setzt system- und untcrschcidungstheoretische Überlegungen, die unter
anderem aus der Kritik naturwissenschaftlicher Paradigmen erwuchsen, an die Stelle des natur-
wissenschaftlich orientierten Entwurfes einer Systematik. Die Möglichkeit dieser Neubeschreibung
ist sc theoretisch moüvicrt wie diejenige Sombarls. Sic setzt sich daher demselben Risiko aus.
264 Dirk Baecker

wir uns um eine Neubeschreibung des Kapitalismus, um verstehen zu können,


wofür die Idee des ökonomischen Rationalismus einst stand. Es mag sein, daß wir
erneut auf die Ideen der Zweckmäßigkeit und Planmäßigkeit stoßen. Aber der
Kontext wird ein anderer sein.
Alles, was wir über die Systematik der Geschäftsführung zunächst wissen müs-
sen, steckt in der doppelten Buchführung. "Am Anfang war das Konto: die ratio",
sagt Sombart (1916b, 112). Am Anfang wovon? Am Anfang der Geschichte der
systematischen Buchführung, sagt Sombart. Das Konto fixiert die Trennung der
Privat- vom Geschäftsvermögen des Kaufmanns. Die Fixierung dieser Trennung
läuft parallel zu ihrer rechtlichen Ermöglichung. Es sind Rechtsfiguren, die hier
geschaffen werden. Und es sind Rechtsfiguren, die in Konten aufeinander bezogen
werden. Im Unternehmen wird ein Konto geführt, in dem über die Summe Geldes
Buch geführt wird, die der Kaufmann in das Unternehmen eingebracht hat. Und
der Kaufmann kann in seiner privaten Kontoführung darüber Buch führen, wie
hoch sein Unternehmen bei ihm in der Kreide steht. Das Konto fixiert Trennungen,
indem es sie als Kopplungen interpretiert. Rechtliche Differenzierung und rechneri-
sches Kalkül arbeiten Hand in Hand. Sie sind Momente einer Bewegung, die Un-
terscheidungen in Attributionen transformiert und an Attributionen Unterscheidun-
gen bestätigt.
Diese Bewegung interpretiert Sombart als Kreislauf des Kapitals. Die Einrich-
tung eines Kapitalkontos, die die Systematik der doppelten Buchführung vollendet,
wie Sombart sagt7, ist ineins die Schließung des Kreises und die Offenlegung sei-
nes Prinzips (oder Motivs). Denn erst jetzt, so Sombart, erst beim Blick auf das
Kapitalkonto, kann das Prinzip des Wirtschaftens freigesetzt werden von allen na-
turalen Zwecken der Bedürfnisbefriedigung. Erst jetzt kann der Erhalt und die
Vermehrung des Vermögens, unmittelbar ablesbar am Kapitalkonto (Seidler 1901),
als Form und Inhalt des Erwerbsprinzips eine Gestalt gewinnen, die mit einer ratio-
nalen Unternehmensführung kompatibel ist. Erst jetzt ist das Geschäft kreditiert
und freigesetzt zur Bewährung und Steigerung eines Kapitals, für das es immer
zwei Verwendungen gibt: die Reinvestition ins Geschäft und die Begleichung des
Kredits des Kaufmanns. Solange das Geschäft gut läuft, reproduziert allein die Al-
ternative der Verwendung die Motive, die das Geschäft in Gang setzten. Die Sy-

' "Ja, die wesentliche Eigenart der doppelten Buchhaltung, die zweifellos darin besteht, den lücken-
losen Kreislauf des Kapitals in einer Unternehmung zu verfolgen, ziffernmäßig zu erfassen und
buchmäßig festzulegen, kann nicht in Erscheinung treten, solange das System der Konlierung
nicht vollendet ist. Man weiß, daß das erst dann der Fall ist, wenn neben die 'Bestandskonien' ein
Gewinn- und Verlust- und ein Kapitalkonto treten, in die die Saldi der Bestandskonten übertragen
werden, gleichsam abfließen können, die sich sonst je an ihrem Platze unverbunden anstauen. Erst
mit der Einstellung dieser Konten kann sich der von der doppelten Buchhaltung zu erfassende
Kreislauf des Kapitals ohne Unterbrechung vollziehen: aus dem Kapitalkonto über die Bestands-
konien durch das Gewinn- und Verlustkonto in das Kapitalkonto zurück" (1916b, 114).
Die Schrift des Kapitals 265

stematik der Geschlossenheit produziert eine Entscheidbarkeit, die sich aus der den
Ungewißheiten des Geschäfts geschuldeten Unentscheidbarkeiten laufend mit
neuen Motiven versorgt. Das setzt eine Kaskade von Entscheidungen frei, der
wahrscheinlich alle äußerlichen Attribute des wirtschaftlichen Erfolgs des Kapita-
lismus zuzuschreiben sind.
Das Kapitalkonto schließt den Kreis und fügt ihm als neues, entscheidendes
Element die Beobachtbarkeit einer Entscheidbarkeit hinzu. Die Logik des Kapital-
kontos ist supplementär, könnte man mit Derrida (1974, 248ff.) formulieren. Es
realisiert eine operationale Schließung und setzt genau dadurch Beobachtungen frei,
die erst die Voraussetzung dafür sind, daß der operationalen Schließung, sie aufs
Spiel setzend, zugearbeitet werden kann. Alles spielt sich so ab, als sei der Wieder-
eintritt des Unterschiedenen (Kapital und Vermögen) in das Unterschiedene (Ge-
schäft) die Bedingung für die Etablierung eines wechselseitigen Steigerungsver-
hältnisses von Geschlossenheit und Offenheit. Alles Weitere wäre dann nur noch
eins: Kapitalismus.
Ein einziges Motiv wäre dann dafür verantwortlich zu machen, was uns als Kapi-
talismus überliefert wurde: die Betrachtungsweise des Kapitals als Vermögen. "Mit
dieser Betrachtungsweise wird der Begriff des Kapitals überhaupt erst geschaffen.
Man kann also sagen, daß vor der doppelten Buchführung die Kategorie des Kapi-
tals nicht in der Welt war, und daß sie ohne sie nicht da sein würde. Man kann
Kapital geradezu definieren als das mit der doppelten Buchführung erfaßte Er-
werbsvermögen" (Sombart 1916b, 120). Gegen diese Betrachtungsweise gibt es
nur einen Einwand. Wenn man diesem Einwand folgt, sieht man, daß mit der Wie-
dereinführung des Unterschiedenen in das Unterschiedene, des Kapitalkontos in
den Kreislauf des Kapitals, eine zweite Bewegung verbunden ist, von der man
nicht weiß, ob man sie parasitär oder originär nennen soll. Diese zweite Bewegung
erst realisiert das, was Derrida (1974, 249) das "Gefährliche" des Supplements
genannt hat, dasjenige nämlich, das die hinzutretende Funktion vergessen macht.
Diese zweite Bewegung ist das, was als das Anstößige des Kapitalismus in dessen
Geschichte mit einging: die Isolierung des Erwerbsprinzips zum PTofitprinzip, der
Kurzschluß der Selbstreferenz zur 'Furie des Verschwindens' (Hegel).
Der Einwand gegen die Betrachtungsweise des Kapitals als Vermögen lautet
schlicht, daß sie die Dinge auf den Kopf stellt. Denn nicht daß das Kapital als Ver-
mögen interpretiert wird, ist die entscheidende Leistung der doppelten Buchfüh-
rung, sondern daß das Vermögen als Kapital verbucht wird. Diesem Einwand zu
seinem Recht zu verhelfen, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als den Kontext
zu reflektieren, in dem der Wiedereintritt des Unterschiedenen in das Unterschie-
dene möglich war. Man entdeckt dabei, daß der Wiedereintritt die eine Seite der
Unterscheidung maßlos, ist man versucht zu sagen, gegenüber der anderen privi-
legierte. Denn es wurde vergessen, daß jedem Vermögen eine Schuld gegenüber-
steht. Möglich, daß hierfür auch das verantwortlich zu machen ist, was Max Weber
266 Dirk Baecker

(1975) die "protestantische Ethik" nannte: die Verschiebung aller Schuld in ein re-
ligiös auf Distanz gehaltenes Jenseits und die Orientierung hinieden an der schuld-
befreienden Akkumulation der Werke.8
Wie läßt sich belegen, daß die Leistung der doppelten Buchführung nicht die In-
terpretation des Kapitals als Vermögen, sondern die Verbuchung des Vermögens
als Kapital ist? Und was ist das überhaupt, ein Kapital? Mit Recht legt Sombart
großen Wert auf die Beschreibung des Kreislaufs des Kapitals. Aber er übersieht
etwas, wenn er glaubt, am Anfang der Geschichte der systematischen Buchführung
stünde das Konto. Tatsächlich steht am Anfang der Buchführung eine Unterschei-
dung. Der entscheidende Schritt, der die Bewegung des Kreislaufs des Kapitals
weniger freisetzt als vielmehr im Unternehmen kopiert, ist weder die Aufstellung
eines Kontos noch die juristische Differenzierung von Geschäft und Privatperson.
Der entscheidende Schritt ist vielmehr die Interpretation der Einheit des Vermögens
als Differenz von Soll und Haben. Diese Differenz ist es, die die Schrift des Kapi-
tals begründet.
Die zugrundeliegende Operation ist denkbar einfach. Der Kaufmann stellt einem
Unternehmen eine Summe Geldes zur Verfügung, das vom Unternehmen als
Schuld gegenüber dem Kaufmann verbucht wird. In den Büchern des Unterneh-
mens werden zwei Eintragungen vorgenommen, eine Eintragung im Habenkonto
des Kaufmanns und eine Eintragung im Sollkonto des Unternehmens. Diese Ope-
ration verwandelt das Vermögen des Kaufmanns in das Kapital des Unternehmens.
Die Steigerung des Vermögens dient der Abtragung einer Schuld — bei Strafe der
Auflösung des Unternehmens zwecks Wiedererlangung des Vermögens auf diesem
Wege. Die Betrachtungsweise des Kapitals als Vermögen ist nur eine diese erste
Bewegung, in der ein Vermögen als Kapital zur Verfügung gestellt wird, absi-
chernde Bewegung: In der Tat ist die Abtretung des Vermögens des Kaufmanns an
das Unternehmen eine Verschiebung des aktuellen in ein potentielles Vermögen.
Das Festhalten am Kapital als Vermögen dient der Erinnerung dieser Verschiebung
und der immer mitlaufenden Forderung der Möglichkeit einer Rückverwandlung
des potentiell;ni in ein aktuelles Vermögen. Man kann jedoch auch einen Schritt
weiter gehen jnid die Verschiebung vom aktuellen zum potentiellen Vermögen als

8
Es ist vcrmUlith keine Übertreibung, wenn man feststellt, daß die erwähnten Bemühungen um
eine Rekomciuuliisicrung der Ökonomie wie auch ein gut Teil der von verschiedenen Manage-
mcnlphilosopiim (getragenen Rckulluralisierungstcndcnzen der Wirtschaft letztlich kaum etwas
anderes sind üs lic Vollendung der Säkularisierung der Wirtschaft, das heißt: die Säkularisierung
nicht nur des Vemiögcns, das sie produziert, sondern auch der Schulden, die sie reproduzien. Die
Vollendung d;r ialkularisicrung behebt eine Asymmetrie, die für den blas verantwortlich ist, dem
der Kapital isnu seine Erfolgsgeschichle verdankt. Wir haben es mit einer Rcsymmetrisierung zu
tun, die glcicrwrhl nichts weniger zu sein scheint als eine Rückkehr zum Ausgangspunkt
Die Schrift des Kapitals 267

jenen Akt beschreiben, der ein Vermögen erst schafft. Denn ein Vermögen, das
nicht als ein Kapital zur Verfügung gestellt wäre, gibt es nicht.9
Entscheidend für die Systematik der Geschäftsführung beziehungsweise die Ope-
rationen des Unternehmens ist die Interpretation einer Schuld als Vermögen. Aber
dieser Interpretation geht die Verbuchung des Vermögens als Kapital, also als
Schuld voraus. Jedes durch die Buchführung erfaßte Vermögen ist demnach eine
Schuld und jede Schuld ein Vermögen. Nur die Unterscheidung zwischen Soll und
Haben und die Attribution der beiden Seiten desselben auf verschiedene Adressen
(das Unternehmen, der Kaufmann) verhindert die Offenlegung dieser Gleichzeitig-
keit von Schuld und Vermögen als Paradoxie. Die Buchführung ist eine Entparado-
xierungstechnik, die die Paradoxie, die sie auflöst, zugleich verstellt (Baecker
1991b). Es ist angesichts dieser zugrundeliegenden Paradoxie nicht erstaunlich,
daß durcheinander gehen kann, ob nun das Kapital ein Vermögen oder das Vermö-
gen ein Kapital voraussetzt. Und es ist noch viel weniger erstaunlich, daß diejeni-
gen, die alle Operationen des Unternehmens immer in beide Richtungen beobach-
ten, in der Richtung der Veränderung von Vermögenspositionen und in der Rich-
tung der Veränderung von Schuldpositionen, als Narren betrachtet wurden und
werden, deren Sprache noch unverständlicher ist als die der wirklich Verrückten
(De Roover 1970, xii). Wer sich auf den Erwerb kapriziert, hat es einfacher als der,
der Buch führt. Aber ohne den Buchhalter kein Kapitalismus.
Denn das ist nun die eigentliche Leistung der doppelten Buchführung: die gleich-
sam unterschiedslose Applikation der einen Unterscheidung zwischen Soll und Ha-
ben (Debet und Credit) auf alle Vorfälle des Geschäfts (Baecker 1992). Ob es sich
um den Einkauf von Ressourcen, um den Verkauf von Leistungen, um den Ab-
schluß eines Vertrags oder die Aufnahme eines Kredits handelt: In jedem Fall wer-
den zwei Buchungen vorgenommen, wird zum Beispiel die Ressource ins Soll und
der Verkäufer ins Haben, die Leistung ins Haben und der Abnehmer ins Soll, der
Vertragspartner ins Haben und man selbst ins Soll (und umgekehrt für die Gegen-
leistung), die Bank ins Haben und die eigene Kasse ins Soll gesetzt. Jedes einzelne
Geschäftsereignis, jede Ware, mit der man zu tun hat, wird gleichzei tig als Gläubi-
ger und als Schuldner gesetzt und derart mit anderen Waren und Ereignissen ver-
netzt. Es entsteht ein Möglichkeitenraum kontingenter Folgeereignisse, der mit ei-
nem Blick in die Bücher erfaßt werden kann. Eine mathesis universalis für den
Spezialfall der Unternehmensoperationen, die immer noch ihrer detailllierten Würdi-
gung harrt.

4
Das gilt auch für die Gcldbündcl unier der Matratze, wie sich zeigt, wenn der Staial das Vermögen
seiner Bürger verwirtschaftet, indem er sein Kapital durch Inflationicrung mchn. oxlcr wenn er, wie
in der Sowjetunion im Januar 1991 praktiziert, schlicht und ergreifend Celdniolen bestimmter
Nennungen für ungültig erklärt.
268 Dirk Bacckcr

Es kann aber auch sein, daß das wissenschaftliche Interesse an der Buchführung
erlahmte, seit sie zu einem der ersten Opfer ihres Erfolgs wurde. Je mehr sie zur
Ausdifferenzierung von Untemehmensorganisationen beiträgt, desto mehr muß
man festellen, daß die Buchführung zwar Entscheidungsmöglichkeiten schafft, aber
keine Entscheidungsvorgaben gibt. Was sie für den Unternehmer leistet, leistet sie
nicht für den Manager. Sie schafft präzise umgrenzte Unsicherheiten, aber abgese-
hen davon, daß sie den Blick auf die Paradoxie verstellt, keine Sicherheiten. Profi-
tierte der Unternehmer von der Differenzierung der Vermögen, von den Investiti-
onsspielräumen, die diese Differenzierung bereitstellte, so sucht der Manager nach
Möglichkeiten, den Legitimationsbedarf von Entscheidungen in Organisationen zu
befriedigen. Das eine hat mit dem anderen kaum noch etwas zu tun. Bemühungen,
diesen Bedeutungsverlust der Buchführung im Rahmen eines managerial accoun-
ting aufzufangen, haben keinen rechten Erfolg. Hier setzt denn auch die neuere
Forschung typischerweise an, sei es, daß man die Reichweite der Sombartschen
These vor dem Hintergrund dieser neu auftretenden Probleme der Entscheidungs-
motivation bezweifelt (Yamey 1978), sei es, daß man nach Bedingungen sucht, un-
ter denen die Buchführung in EntScheidungsprozessen wieder Einfluß gewinnen
kann (Demski/Kreps 1982), sei es, daß man sich ansieht, welche neuartigen Ent-
scheidungsspielräume in der Innen- und Außendarstellung der Kostenallokation
eines Betriebs die Buchführung heute zu schaffen und auszubeuten versteht
(Johnson/Kaplan 1987).

IV

Die Möglichkeit, die doppelte Buchführung auf die Entschärfung und Invisibilisie-
rung einer Paradoxie zurückzubeziehen, ist nicht nur ein Exempel für den Folgen-
reichtum der Einführung einer Unterscheidung, sondern zugleich auch der Ansatz-
punkt für die Aufdeckung der Logik des Sozialen auch und noch in einer Wirt-
schaft, die den Triumph der Ausdifferenzierung symbolisiert wie kaum ein anderer
Bereich der modernen Gesellschaft. Aber eben: Es handelt sich um eine Ausdiffe-
renzierung innerhalb der Gesellschaft und nicht etwa um die Etablierung einer Dif-
ferenz zwischen Sozialem und Ökonomischem. Die Schrift des Kapitals ist eine
Schrift der Gesellschaft.
Es ist relativ einfach, sich dies vor Augen zu führen, wenn man begreift, daß
das, was sich als Schrift des Kapitals in die Bewegung von Schuld und Vermögen
eingenistet hat, in den Reziprozitätsregeln primitiverer Gesellschaft, die ohne Buch-
führung auszukommen scheinen, einen Vorläufer hat, den man nur deswegen nicht
als Alternative zur Schrift des Kapitals bezeichnen kann, weil auch hier längst Buch
geführt wird. Die Vermutung von Derrida, daß es keine Gesellschaft ohne Schrift
gibt (1974, siehe insbesondere seine L^vi-Strauss-Lektüre, 178ff.), wäre zuzu-
Die Schrift des Kapitals 269

spitzen zur Vermutung, daß es keine Gesellschaft ohne eine Schrift des Kapitals
gibt. Auch in der Ökonomie der Gabe, auch in der Ökonomie der Verschwendung
wird Buch geführt über Soll und Haben, findet jede Handlung, jede Kommunika-
tion in einem durchaus variablen, sowohl interpretierenden wie interpretierbaren
Netzwerk von Obligationen statt, das jeden jederzeit wissen läßt, wessen Schulden
sein Vermögen darstellen (Mauss 1978; Bataille 1975). Weil bereits hier das Kapi-
tal Schrift geworden ist (oder umgekehrt?), kann es Marcel Mauss auch nicht gelin-
gen, den Gabentausch als Alternative zum Kapitalismus darzustellen. Er beschreibt
den Kapitalismus der Trobriander und merkt es kaum (Mauss 1978, 136f.; vgl.
Derrida 1990). Und umgekehrt ist es an der Zeit, auch unseren Kapitalismus nicht
nur als Steigerung der Vermögen, sondern auch als Steigerung der Schulden zu
beschreiben (Martin 1988). Wahrscheinlich entschlüsselt sich die Dynamik des
Kapitalismus eher hier denn in der viel augenfälligeren Steigerung der Differenz
von Arm und Reich.
Wenn es so etwas wie einen primären Akt der Gesellschaft gibt, dann besteht er
darin, einen Kredit einzuräumen und anzunehmen. Der Kredit, wenn irgendetwas,
ist jene Bewegung des Aufschubs und Rückbezugs, der diffirance, "die in ein und
derselben Möglichkeit zugleich die Temporalisation, das Verhältnis zum Anderen
und die Sprache eröffnet [...]" (Derrida 1974, 105). Wer einen Kredit einräumt,
muß warten können, bis er mit Fug und Recht die Einlösung fordern kann. Wer
einen Kredit annimmt, muß im Auge behalten, wann er zurückzuzahlen ist. Das
Einräumen und Annehmen eines Kredits ist das Verhältnis zum anderen schlecht-
hin. Und der Kredit setzt eine Sprache der Auseinandersetzung über die Kon-
ditionen des Kredits voraus, wenn er diese Sprache nicht sogar bereits ist. Nimmt
man hinzu, daß der Kredit auch sachliche Motive hat, dann eröffnet er, mit anderen
Worten, genau jene Dimensionierungen des Sinns, die das Soziale in die Differen-
zen von Innen und Außen, von Vorher und Nachher, von Ego und Alter entfalten
(Luhmann 1984, lllff).
Es gibt mehrere Möglichkeiten, den Unterschied zwischen moderneren und
primitiveren Ökonomien auch dann noch zu beschreiben, wenn eine Schrift des
Kapitals für diesen Unterschied nicht verantwortlich zu machen ist. Man könnte
darauf rekurrieren, daß Zahlungsmechanismen im Medium des Geldes 'restlosere'
Ablösungen von Schulden ermöglichen als Zahlungsmittel, denen zugleich auch
verwandtschaftliche, religiöse und politische Motive anhaften (Luhmann 1988).
Man könnte eine evolutionäre Dynamik des Umgangs mit dem Problem der Täu-
schungsanfälligkeit, das jedem Kreditieren inhärent ist, herausarbeiten, die die mo-
dernere Wirtschaft institutionell von der primitiveren unterscheidet (Williamson
1985). Je präziser durch solche und andere Möglichkeiten die Form unterschiedli-
cher Finanzierungstechniken beschrieben werden kann (Greenwald/Stiglitz 1989),
desto eher wären die Forderungen zu erfüllen, die eine textwissenschaftliche
270 DirkBaecker

Dekonstruktion und sozialwissenschaftliche Rekonstruktion der Wirtschaft am Leit-


faden der Schrift des Kapitals zu stellen haben.
Mit dem Verschwinden des Unterschiedes zwischen Kapitalismus und Kommu-
nismus wird die Frage nach der Allokation, Distribution und Organisation des
Kredits vordringlich. Der Kommunismus war der letzte große Versuch seiner Art,
die Notwendigkeit des Kredits zu streichen und alles Menschliche ohne Aufschub
und ohne Rückbezug ins Werk zu setzen. In den Paradoxien dieses Versuches in-
stallierte sich der Sozialismus, der das Kunststück fertigbrachte, den Aufschub des
Nicht-Aufschubs als vorläufig zu bezeichnen und den Kredit der Ablösung aller
Schulden, den er sich einräumen ließ, zu seinem eigenen Vermögen zu machen.
Der Sozialismus ist die kapitalistische Operation schlechthin. Der einzige Vorzug,
den der Kapitalismus gegenüber dem Kommunismus hat, ist, daß er die Logik des
Versprechens als maßlos durchschaut. Diese Maßlosigkeit schreibt er sich zugute,
auf sie gründet er seinen Kredit. Mit Recht übrigens, denn die Maßlosigkeit läßt
dem Namenlosen einen Raum, für den der Kommunismus nichts übrig hat. Die
moderne Wirtschaft ist ein Programm, kein Projekt. Ihr Kennzeichen ist die Re-
kursion, nicht das wie auch immer iterierbare Erreichen eines Ziels.

Für wichtige Hinweise zu früheren Fassungen dieses Beitrags


danke ich Rembert Hüser, Niklas Luhmann, Georg Stanitzek
und Bianca Theisen.

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Arthur J. Jacobson

Der Tod des hypothetischen Falls'

Im Jahre 1850 verwendeten die Richter in den Vereinigten Staaten in fast der Hälfte
ihrer Urteilsbegründungen hypothetische Fälle 2 ; im Jahre 1900 verwendeten sie sie
ZU etwas weniger als einem Viertel 3 ; 1950 waren hypothetische Fälle nahezu ver-
schwunden. 4 Darüber hinaus sind die absoluten Quoten in den Beispieljahren von
Gericht zu Gericht bemerkenswert gleichförmig. ? Was immer dafür verantwortlich

1
Meine Assistenten, David Kai/ und Trchor Lloyd, haben sich geduldig durch Hunderte von Fällen
hindurchgearbeitet und meine Fchlintcrprctalioncn mit viel liebenswürdiger Einsicht korrigiert.
2
ln New Jersey /um Beispiel verwendeten Richter hypothetische Fälle in 42% aller Berufungs-
verfahren (in 51% der Bcrufungsvcrhandlungcn, da New Jersey der englischen Praxis von
Mchrfachmcinungcn folgte). Richter in New Jersey verwendeten sie nur in 22% der verzeichneten
Fälle erster Instanz. — In New York verwendeten Richter hypothetische Fälle in 46% der
Bcrufungsvcrhandlungcn — fast derselbe Pro/enlsal/ wie in New Jersey! (Urteilsbegründungen der
New Yorker Verfahren sind nicht verfügbar.) — Bundesrichter haben hypothetische Fälle jedoch
nur in 16% der Berufungsverfahren (Bcrufungsfällc des Supremc Court und des Circuit Court der
Vereinigten Staaten) und 23% der Fälle erster Instanz verwendet — eine Besonderheit. Die Er-
klärung für diesen Unterschied mag darin liegen, daß die Bundesgerichtshöfe im Jahre 1850
hauptsächlich mit Patenten und dergleichen befaßt waren und nicht mit gewöhnlichen Fällen des
common law.
3
In New Jersey sind es 15% der Fälle zweiter Instanz und 22% der Fälle erster Instanz. In New
York sind es 229f der Fälle zweiter Instanz und 17% der Fälle erster Instanz. Die Zahlen des Bun-
desgerichtshofs bilden wieder eine Besonderheit: 35% der Berufungsverfahren (nur vom Supremc
Court der Vereinigten Staaten). Bundesverfahren erster und zweiter Instanz für 1990 ergeben einige
methodologische Schwierigkeiten — zwei verschiedene Gerichte führten zu der Zeil Verhandlungen
— daher habe ich sie hier nicht berücksichtigt.
4
ln New Jersey sind es 6% der Fälle zweiter Instanz und 5% der Fälle erster Instanz. In New York
sind es 4% der Fälle zweiter Instanz und 1% der Fälle erster Instanz. Auf Bundesebene sind es 12%
der Fälle zweiter Instanz (nur für den Supremc Court der Vereinigten Staaten). Die Urteilsbegrün-
dungen für die Fälle erster und zweiter Instanz sind zu zahlreich, als daß sie gezählt werden könn-
ten.
s
Man vergleiche die Zahlen in den Anmerkungen 2, 3 und 4. Selbst die Besonderheiten auf Bun-
desebene eingerechnet, ist die Tendenz eindeutig
274 Anhur J. Jacobson

war, daß der Gebrauch hypothetischer Fälle in der juristischen Literatur aufhörte,
es war ein verbreitetes Phänomen, das im Verlauf eines Jahrhunderts eine ganze
Rechtskultur beeinflußte.
Das Verschwinden ist sonderbar, weil hypothetische Fälle auch 1950 noch un-
bestritten ein Kernstück der Behandlung von Fällen in der amerikanischen Rechts-
ausbildung darstellten — und noch heute darstellen; dennoch verwenden die Rich-
ter sie nicht in Urteilsbegründungen.
Wie steht es mit akademischen Richtern? Sie argumentierten mit hypothetischen
Fallen — in etwa in dem Maße, wie die Richter um die Jahrhundertwende sie ver-
wendeten — ungefähr zu einem Viertel. Judge Easterbrook zum Beispiel, ein Bun-
desrichter im Seventh Circuit Court of Appeals, zuvor Professor der Rechtswissen-
schaft in Chicago, verwendete 1990 in 27 Prozent seiner Urteilsbegründungen hy-
pothetische Fälle. Judge Posner, ebenfalls am Seventh Circuit Court tätig und Pro-
fessor in Chicago, verwendete sie zu 17 Prozent. Zwei willkürlich ausgewählte
nichtakademische Richter am Seventh Circuit Court, Bauer und Cudahy, verwen-
deten im selben Jahr hypothetische Fälle zu einer Quote von jeweils null bzw. fünf
Prozent. 6
Das Verschwinden ist außerdem sonderbar, weil in gerade der Ära, da die Rich-
ter aufhörten, mit hypothetischen Fällen zu argumentieren, das American Law Insti-
tute (ALI) die Verwendung von sogenannten 'Illustrationen', welche die Normen in
den Gesetzessystematisierungen begleiteten, steigerte. Ein willkürlich ausgewählter
Abschnitt der (ersten) Systematisierung des Vertragsgesetzes 7 zum Beispiel ver-
wendet 48 Illustrationen. Derselbe Abschnitt in der Systematisierung des Vertrags-
gesetzes 2d8 verwendet 70. Im Schnitt stieg der Gebrauch in den beiden Abschnit-
ten um ein Drittel. Das ALI begann 1923 mit dem Entwurf der Ersten Systematisie-
rung und nahm sie 1932 an. 1962 wurde mit dem Entwurf der Zweiten Systemati-
sierung begonnen, und 1979 wurde sie angenommen, zu genau der Zeit, da Be-
gründungen mit hypothetischen Fällen außer Gebrauch kamen.
Das Verschwinden ist besonders seltsam, weil wir Beweise haben, daß zu der
Zeit, da die Richter aufhörten, hypothetische Fälle in Urteilsbegründungen zu ver-
wenden, sie ihre Verwendung bei der Befragung von Rechtsanwälten während der
mündlichen Beweisführung dramatisch erhöhten. 9 Ihre Abneigung scheint sich

A
Dcr Durchschnill für alle vier Richter ist 12% — genau der Durchschnitt für den Suprcmc Court
der Vereinigten Staaten im Jahre 1950!
7
(1932. St. Paul), Abschnitte 75-84.
S
(I981.SL Paul), Abschnitte 71-81.
g
Vgl. Prctlyman: "The Suprcmc Courts Usc of Hypolhclical Qucsüons at Oral Argument". In: 33
Cuihnlir llmv L Rev . 555 (1984). Prcltyman machte sein Juraexamen im Jahre 1953. Sein
Bericht, der die mündliche Beweisführung vor dem Suprcmc Court der Vereinigten Staaten betrifft,
ist impressionistisch und unprä/isc. aber man erhält den Eindruck, daß die Häufigkeit von hypo-
thetischen Fällen in der mündlichen Beweisführung während der 70er Jahre ansueg. Prcllymans
Der Tod des hypothetischen Falls 275

nicht gegen hypothetische Fälle zu richten, sondern dagegen, sie niederzuschrei-


ben.
Eine Erklärung kommt jedem Juristen in den Sinn, der diese Zahlen hört. Richter
im Gewohnheitsrecht (common law) müssen ihre Entscheidungen auf Präzedenz-
fälle gründen, nicht auf Gesetzgebung oder bloße Vernunft. Zu Beginn unserer
Zeit, im Jahre 1850, hatten die Richter nicht viele amerikanische Präzedenzfälle.
Am Ende, im Jahre 1950, gab es eine Menge. 1850, so das Argument, dachten die
Richter sich hypothetische Fälle aus, weil es ihnen an Präzedenzfällen mangelte.
1950 hörten sie auf, mit hypothetischen Fällen zu arbeiten, weil sie mehr Präze-
denzfälle hatten.
Diese Erklärung ist jedoch aus mehreren Gründen unbefriedigend. Selbst wenn
wir annehmen, daß die Richter hypothetische Fälle heute häufiger verwenden als
1850, so verwendeten sie sie damals doch in ganz anderer Weise. Damals behan-
delten die Richter Präzedenzfälle, als ob es hypothetische Fälle wären. Mit anderen
Worten, Präzedenzfälle waren interessant, weil es Fälle waren, über die Richter
einmal entschieden hatten, Fälle mit einem Sachverhalt, der in relevanter Weise dem
Sachverhalt des Falles ähnelte, über den der Richter entschied, der den Präzedenz-
fall verwendete. Der Sachverhalt des Präzedenzfalles ergab einen hypothetischen
Fall. Der einzige Unterschied zwischen hypothetischen und Präzedenzfällen in Ur-
teilsbegründungen des Jahres 1850 lag darin, daß die Richter in hypothetischen
Fällen ihre eigene Argumentation vorstellten, während die Richter in Diskussionen
von Präzedenzfällen einen Bericht über die Argumentation anderer Richter abgaben.
Aber, könnte man sagen, Präzedenzfälle sind Fälle, über die tatsächlich entschie-
den wurde, und hypothetische Fälle sind Vorschläge, wie denkbare Fälle entschie-
den werden könnten. Dies ist zugegebenermaßen ein Unterschied. Aber es ist

Spekulationen über die Gründe des Anstiegs sind es wert, vollständig zitiert zu werden (ebd., 556):
"Thc reader may well wonder why thc Court is placing such a heavy emphasis on hypolhcücals —
as opposed to thc speeifics of ihc cases confronling ihe Justices. Thcre could bc scveral answers.
Onc may bc ihal during prolonged periods of listening to argument, good and bad, ihc Justices are
simply rcaching for anylhing ihal varics ihc roulinc, dispcls the gloom, enlighicns thc
proccedings, or adds lustre to an olhcrwise unvarying occasion. A more generous view is that ihc
Court is lesling thc outcr reaches bolh of whal ihc advoeale is asking it lo dcclare and of whal thc
Court may, in fact, havc lo dccidc. 'If wc lakc Uns lack,' ihc Justices are asking, 'how will it affccl
a diffcrcnl sei of facis?' 'What happcns if wc add Ihis or Ihal varianl?' 'What arc thc olhcr limiLs of
whal you arc proposing9' What will thc ncxl casc look likc?' 'And ihc nexl?' 'How narrowly must
wc consiruci our decision in order lo avoid all kinds of problcms?' 'Or how broadly musl we
fashion il in order lo cover ihc essential poinls that may bc troubling thc lower courts?' Il is a
tcsling, a probing, an evolving process lhat hopcfully will illuminalc ihc wholc. — Thcn too,
many hypolhclicals arc nol addressed lo counscl at all but lo fcllow Justices. A hypolheücal from
onc wing of ihc court lo anolhcr may bc a way of saying: Look, if you Start down thal road, ihis
is whcre il will lead you.' Or: 'Do you rcaliy want to go as far as I think you arc hcading, evcn if
you havc ihc volcs?'"
276 Arthur J. Jacobson

schwierig, zu entscheiden, wie er dem Zweck dienlich ist, Präzedenzfälle von


hypothetischen Fällen zu unterscheiden. Wie sicher sind wir uns, daß der Richter,
der einen Präzedenzfall zitiert, einen genauen Bericht davon gibt? Wir können es
natürlich prüfen. Aber angenommen, wir finden einen Unterschied zwischen dem
richterlichen Bericht des Präzedenzfalles und unserem eigenen Verständnis. Ist
unser eigenes Verständnis von Bedeutung? Keinesfalls, es sei denn, wir können
zukünftige Richter davon überzeugen, daß unser Verständnis das richtige ist, und
dann wird der Richter/die Richterin der falschen Deutung seines Vorgängers/ihrer
Vorgängerin verpflichtet sein, weil auch diese ein Präzedenzfall ist. Wie wissen wir
außerdem, daß der Sachverhalt des Falles, über den der/die Präzedenzfall-setzende
Richter/in tatsächlich entschied, wirklich der Sachverhalt war, der ihm/ihr vorlag?
Wer kann diese Frage entscheiden? Ist die Tatsache, daß ein Fall tatsächlich ent-
schieden wurde, wirklich von Bedeutung? Ist es nicht — für streitende Parteien
und Nicht-Parteien gleichermaßen — genauso wichtig, daß ein Richter bereit ist, zu
sagen: "So würden ein Richter dieses Gerichts oder ich diesen Fall entscheiden",
als zu sagen: "So entscheide ich tatsächlich diesen Fall"?
Außerdem verwenden moderne amerikanische Richter im Vergleich zu ihren Vor-
gängern wahrscheinlich mehr Präzedenzfälle als Zitate, aber sie verwenden sie nicht
in Form von hypothetischen Fällen.' 0 Moderne amerikanische Richter tendieren
dazu, Präzedenzfälle in einer Liste zu zitieren. Die Liste verzeichnet all die Fälle, die
die gleiche Gesetzesnorm angeben wie die Norm, die der Richter verwendet.
Moderne Richter verwenden Präzedenzfälle nicht so oft wie ihre Vorgänger, um
den Sachverhalt von Fällen durchzuarbeiten, als ob es hypothetische Fälle wären.
Heute bestätigt ein Präzedenzfall eine Gesetzesnorm, indem er die Fallentwicklung
einer maßgeblichen Anwendung der Norm aufzeigt. Die Norm ist das Entschei-
dende. Der Sachverhalt ist nebensächlich. Im Gegensatz dazu zeigte ein Präzedenz-
fall im Jahre 1850, wie Richter ähnliche Sachverhalte in bereits entschiedenen
Fällen handhabten. Die Normen definierten die Sachverhalte in maßgebender Weise
als ähnlich."
Es ist außerdem unklar, was es bedeutet, zu sagen, daß mehr Präzedenzfälle ver-
fügbar sind. In dem einen Wortsinn ist ein Präzedenzfall ein Fall mit einem dem je

'"Moderne britische Richter scheinen, wie wir sehen werden. Präzedenzfälle in der Art ihrer Vor-
gänger zu verwenden. Ich kann diese Behauptung nicht beweisen, aber ich bin fest davon über-
zeugt.
1
' Die zunehmende Verhärtung der Doktrin der Präzedenzfälle im britischen Recht ist dokumentiert
in P. Goodrich: "Memory, Prcccdcnt and Writing Systems of Law". In: Languages ofLaw, Teil 1.
London 1990; J. Dawson: The Crowlh and Dcclinc of English Casc Law". In: The Oracles qfthe
Law. Wcslport (1968) 1978; T. Plucknctl: A Concise llislory of ihe Common Law. London
'1956, 342-350. Karl Llcwcllyn beschreibt Zeilen, in denen Präzedenzfälle verhärten als "times of
Stagnation or decay". Karl Llcwcllyn: The Common Law Tradition: Deciäing Appeals. Boston
1962, 62.
Der Tod des hypothetischen Falls 277

vorliegenden Fall ähnlichen Sachverhalt. Einer anderen Bedeutung zufolge ist es


ein Fall, der der gleichen Norm folgt wie die Entscheidungsnorm. Jede Norman-
wendung schließt per definitionem Sachverhalte ein, die in gewisser Hinsicht ähn-
lich sind. Im Jahre 1850 waren sicherlich genügend Präzedenzfälle verfügbar,
wenn wir unter Präzedenzfall das verstehen, was ein moderner Richter damit meint,
nämlich einen Fall, der die gleiche Norm angibt wie diejenige, die in dem vorlie-
genden Fall als Entscheidungsnorm angegeben ist. Und heute sind Präzedenzfälle
nicht in ausreichendem Maße verfügbar, wenn wir unter Präzedenzfall das verste-
hen, was die Richter im Jahre 1850 damit meinten.
Wenn wir schließlich annehmen, daß in gewisser Hinsicht mehr Präzedenzfälle
verfügbar sind, so zwingt die Richter nichts, sie anstelle von hypothetischen Fällen
zu verwenden. Judge Posners und Judge Easterbrooks gegensätzliche Quote von
hypothetischen Fällen beweist dies auf überzeugende Weise.
Ich möchte eine ganz andere Erklärung für den Tod des hypothetischen Falls in
richterlichen Gutachten vorschlagen, die sowohl die Veränderung in der Art, wie
die Richter Präzedenzfälle verwenden, erklärt als auch den Anstieg von hypotheti-
schen Fällen in den Neuformulierungen des ALI: Richter verwenden hypothetische
Fälle im Übergang von mündlicher zu schriftlicher Rechtskultur. Hypothetische
Fälle bilden die Rhetorik dieses Übergangs. Sie sind das Zeichen des Gespro-
chenen im Geschriebenen. Dies ist so, gleichgültig ob die hypothetischen Fälle
selbst gesprochen oder geschrieben werden. Dasselbe gilt auch in einem nicht-
richterlichen Kontext — in der Rechtsausbildung zum Beispiel, wo die Lehrenden
hypothetische Fälle verwenden, um die Schüler von einer schriftlichen Interpreta-
tion von Texten in eine mündliche Rechtsanwaltstradition zu führen. Es ist jedoch
nicht so in Rechtskulturen, die durch und durch mündlich oder von Grund auf
schriftlich sind. Hypothetische Fälle gedeihen nur in Kulturen, die Platz für das
Mündliche im Schriftlichen schaffen, Kulturen, die das Mündliche verschriftlichen.
Rechtskulturen können das Mündliche auf zwei Arten verschriftlichen. Jede von
beiden bringt ihren eigenen charakteristischen hypothetischen Fall hervor. Ich
nenne die Ansätze Transkription und Reminiszenz, und den hypothetischen Fall,
den sie jeweils hervorbringen, den offensiven hypothetischen Fall und das Exem-
pel.
In Transkriptionskulturen protokollieren Stenographen mündliche Beweisfüh-
rungen und Debatten zwischen Rechtsanwälten und Richtern und fixieren sie damit
in schriftlicher Form. Die Schriftkultur besteht neben der mündlichen Kultur.
Übergänge vom Mündlichen ins Schriftliche finden jederzeit über lange Zeiträume
hinweg statt, nicht alle auf einmal in einem einzigen Augenblick. Transkription er-
gänzt die mündliche Kultur. Natürlich ist dies ein 'gefährliches Supplement'; denn
was die Leute 'zur Mitschrift' sagen, unterscheidet sich von dem, was sie in der
Erinnerung zu Protokoll geben. Wenn außerdem Personen außer Hörweite über
eine Unterredung Zeugnis ablegen können, dann können mündliche Appelle von
278 Anhur J. Jacobson

Interesse sein — außerhalb des Interesses von Zuhörern, die direkt an der Sitzung
teilnehmen. Der bloße Akt des Aufschreibens setzt neue Interessenmuster, für
Sprecher wie für Zuhörer, voraus. Transkription leitet eine Geschichte der Rede
zum Nachschlagen ein. Leser von Transkriptionen haben andere Interessen als Zu-
hörer von Reden. Sie haben 'hypothetische' wie auch unmittelbare Interessen. Die
englische Rechtskultur ist seit der Einführung der Jahrbücher im Jahre 1292 eine
Kultur der Transkription von genau dieser Form, und sie ist es, mehr oder weni-
ger, auch heute noch. 12
In Kulturen der Reminiszenz folgt im Gegensatz dazu die Schriftkultur der
mündlichen in einem einzigen Moment nach, so daß sich die beiden niemals über-
schneiden. Die Schriftkultur bewahrt die mündliche als Reminiszenz, indem sie sie
in Erinnerung ruft. Die mündliche Kultur selbst löst sich auf. Nur ihre verschriftete
Form bleibt bestehen. Hier sind hypothetische Fälle die verschrifteten Überbleibsel
mündlicher Kultur. Dies war, allgemein gesprochen, zu Beginn unserer Zeit —
dem zweiten und dritten Viertel des 19. Jahrhunderts — der Fall in den Vereinigten
Staaten. 13 Doch auch diese Überbleibsel sollten mit den Richtern verschwinden,
die während des Augenblicks des Übergangs von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit
ins Berufsleben eintraten. Die unmittelbar nachfolgende Generation wird sich an
schriftliche Meinungen erinnern, nicht an eine absterbende mündliche Kultur. Dies
war auch in den Vereinigten Staaten seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts
der Fall, wie die Angaben belegen.
Hypothetische Fälle gedeihen, wie ich sagte, nur in Rechtskulturen, die sich im
Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit befinden, in einer der Weisen,
in denen Kulturen den Übergang bewältigen, durch Transkription oder Reminis-
zenz. Um zu sehen, warum dies so ist, müssen wir zum Herzen der Jurisprudenz
vordringen.
Hypothetische Fälle sind fingierte Fälle. Es kann ihnen eine kurze Entscheidung
beigefügt sein. In der Entscheidung heißt es oft, daß sie gemäß einer Norm gefällt
wurde. Manchmal besteht die Entscheidung lediglich in einer einfachen Darstellung
der Norm und der der Norm gemäßen Entscheidung. Manchmal ist der Darstellung
der Norm und der der Norm gemäßen Entscheidung eine kurze Erklärung beige-

'^Vgl. Dawson (Anm. 1 1), 83. Nur Richter im Housc of Lords schreiben rountinemäßig ihre
eigenen Urteilsbegründungen Andere geben für gewöhnlich mündliche Begründungen, die dann
niedergeschrieben werden
'\)hnc Zweifel ergab sich die Umgestaltung zu schriftlicher Urteilsbegründung in den Vereinigten
Staaten aus dem Bedürfnis der Gerichte, die Ausübung ihrer Macht in einer demokratischen politi-
schen Kultur /u Icgiümiercn, und daher aus dem Bedürfnis ihrer Mandanten, bedeutender Wirt-
schaftsuntcmchmcn, nach vorhersagbaren, öffentlich bekannten Anwendungen von Normen auf
Fälle. Vgl. Dawson (Anm. 11), 85. — Für eine kur/c Zeit schrieben Stenographen an einigen
amerikanischen Gerichten Beweisführung und Kommentar nieder. Vgl. Dawson (Anm. 11), 85f.
Amerikanische Gerichte gingen jedoch nie vollständig /u Transkripüonssystcmcn über.
Der Tod des hypothetischen Falls 279

fügt, manchmal nicht. Hypothetische Fälle sind die Fingerübungen der Jurispru-
denz.
Mit der Formulierung 'einer Norm gemäß' bin ich der Frage ausgewichen, ob die
Entscheidung die Anwendung einer Norm ist oder ob 'der Fall' eine Norm nahe-
legt. Der Ausdruck 'hypothetischer Fall' selbst weicht der Frage ebenfalls aus.
Gewöhnlich ist eine 'Hypothese' die Grundlage oder der Anfang einer Beweisfüh-
rung.14 Wir sollten annehmen, daß die Norm die Hypothese in einer rechtlichen
Beweisführung bildet. Vielleicht ist dies so in der Jurisprudenz auf dem europäi-
schen Festland, aber in der englischen und der amerikanischen Jurisprudenz ist oft
der Fall die Hypothese, nicht die Norm. Wir 'nehmen' den Fall 'an', wenn wir
einen hypothetischen Fall bilden. Wir nehmen nicht die Norm an. Daher kann 'hy-
pothetischer Fall' in der englischen oder der amerikanischen Jurisprudenz be-
deuten, daß die Norm dem Fall 'unterstellt' ist, im Gegensatz zur Grundbedeutung
von 'hypothetischer Fall', in der der Fall der Norm 'unterstellt' ist.
Die englische und die amerikanische Jurisprudenz haben beide Formen von hy-
pothetischen Fäl