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6.

Cato Censorius und andere antiqui in Ciceros Brutus

Die Darstellung, die im Brutus von der Geschichte der römischen Eloquenz ge-
geben wird, ist von der Vorstellung eines stetigen Fortschritts beherrscht1. Cicero
markiert deutlich die einzelnen Stadien der Aufwärtsentwicklung: Zur Zeit des
C. Sulpicius Galus cos. 166 a.Chr., qui maxime omnium nobilium Graecis litte-
ris studuit, herrscht bereits unctior quaedam splendidiorque consuetudo loquen-
di (Brat. 78). Von Ser. Sulpicius Galba cos. 144 a. Chr. erfahren wir: is princeps
ex Latinis ilia oratorum propria et quasi legitima opera tractavit, ut egrederetur
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a proposito . . . , ut delectaret animos, ut permoveret, ut augeret rem, ut mise-


rationibus, ut communibus locis uteretur (Brut. 82). Geht es hier um die res, so
ist eine weitere Stufe der elocutio mit der Beredsamkeit des M.Aemilius Lepi-
dus Porcina cos. 137 a.Chr. erklommen: hoc in oratore Latino primum mihi
videtur et levitas apparuisse illa Graecorum et verborum comprehensio et iam
artifex ut ita dicam stilus (Brut. 96) 2 . Ein Stadium feinerer Bildung ist bei Catu-
lus erreicht: iam Q. Catulus non antiquo illo more, sed hoc nostro vel, si quid
fieri potest perfectius, eruditus (Brut. 132). Schritt für Schritt gewinnen die
Römer den Griechen an Terrain ab; in der Redekunst des Antonius und des
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Crassus tritt die lateinische Eloquenz der hellenischen zum ersten Mal ebenbür-
tig an die Seite (Brut. 138).
Über diese beiden Redner hinaus vermochte, wie Cicero Brut. 161 betont, nur
jemand zu gelangen, qui a philosophia, a iure civili, ab historia fuisset instruc-
tior. Daß Cicero selbst diesen höchsten Gipfel erklommen zu haben glaubt, sagt
er zwar nicht ausdrücklich, deutet es aber mehrfach kaum verhohlen an 3 , vor
allem bei der Schilderung seines Studienganges: nihil de me dicam; dicam de
ceteris, quorum nemo erat qui videretur exquisitius quam volgus hominum stu-
duisse litteris - die Errungenschaft des Catulus (vgl. auch Brut. 308 f.); nemo
qui philosophiam complexus esset . . . nemo qui ius civile didicisset . . . nemo
qui memoriam rerum Romanarum teneret — die Disziplinen, durch deren be-
sondere Kenntnis allein es noch gelingen konnte, die Redekunst des Crassus
und des Antonius zu übertreffen; nemo qui . . . laxaret iudicum animos . . . ,

1 Dazu etwa - nicht durchweg richtig - Norden, Kp. 258; Haenni 17 ff.; Vogt 42 ff.;
Kroll, RE VII A (1939) 1098; Desmouliez 172 ff. Unerreichbar war mir I. Cazzaniga,
II Brutus di Ciccronc, Milano 1947 ( I 9 6 0 2 ? ) .
2 Daß die veteres, d. h. hier: ältere römische Redner, keine Perioden bauen können, be-
merkt Crassus Cie. de orat. 3,198.
3 Vgl. dazu Jahn-Kroll, Einleitung Brutus 7 f., die in diesem Zusammenhang u. a. eben-
falls auf Brut. 303 ff. hinweisen; J. Graff, Ciceros Selbstauffassung, Heidelberg 1963,
63 ff.

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nemo qui . . . a propria . . . disputatione hominis ас temporis <ad> communem
quaestionem universi generis (posset) orationem traducere, nemo qui delectan-
di gratia digredi parumper a causa, nemo qui . . . iudicem . . . ad fletum pos-
set adducere, nemo qui animum eius . . . quocumque res postularet impellere —
die eigentlichen opera oratoris, denen sich als erster Römer Galba einigerma-
ßen gewachsen zeigt (Brut. 322). In unmißverständlicher Weise beansprucht Ci-
cero hier, nicht nur die bereits älteren Rednern eignenden Vorzüge, sondern vor
allem die Bildung in sich zu vereinigen, durch die die römische Eloquenz erst
ihre eigentliche Vollkommenheit zu erreichen imstande ist; daß dieser Gedanke
in verhüllt indirekter Form vorgetragen wird, nimmt ihm kaum etwas an Ein-
deutigkeit.

Die Ansicht, daß das gegenwärtige Stadium der Redekunst älteren Stufen über-
legen ist, wird wenigstens im l.vorchr. Jh. bis zum Ende der Republik jede Ge-
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neration erfüllt haben 4 ; bei Cicero erhält die allgemeine Anschauung insofern
eine ganz persönliche Akzentuierung, als der große Redner in sich selbst gleich-
sam das Telos erblickt, auf das die ganze bisherige lateinische Beredsamkeit zu-
gesteuert ist.

Wie überlegen Cicero sich in diesem Bewußtsein auch gegenüber seinen bedeu-
tendsten Vorgängern fühlt, äußert sich gelegentlich im Orator. Aufschlußreich
orat. 233: videsne ut . . . si alicuius inconditi arripias dissipatam aliquam senten-
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tiam eamque ordine verborum paululum commutato in quadrum redigas, effi-


ciatur aptum illud, quod fuerit antea diffluens ac solutum. Der inconditus, von
dem er daraufhin einen Satz anfuhrt und korrigiert, ist C.Gracchus 5 .

Im Brutus wird man derart abfällige Bemerkungen in Ciceros Mund vergeblich


suchen. Eine ganz besondere Würdigung wird Brut. 61 ff. der Stilkunst des al-
ten Cato zuteil, der in einer Synkrisis neben Lysias gestellt und den Lysianem
und Hyperideern als Stilmuster empfohlen wird.

4 Darüber 64 ff.
5 Dasselbe Selbstbewußtsein verrät die schulmeisterliche Korrektur einer Klausel des
Crassus orat. 222. Man halte dem gegenüber, wie Quintilian inst. 9,4,15 Uber den cicc-
ronischen Eingriff in die sententia des Gracchus urteilt: idem (Cicero) corrigit quae a
Graccho composita durius putat. illum decet; nos hac sumus probatione contenti, quod
in scribendo quae se nobis solutiora obtulerunt componimus. Im Gegensatz zu Cicero
hat Quintilian eben nicht mehr das unbefangene Gefühl absoluter Überlegenheit über
die älteren lateinischen Redner. Zwar steht auch für ihn Gracchus, ungeschlacht und
roh, auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe rednerischen Könnens (vgL ζ. B. Quint
inst. 12,10,10); aber die klassische römische Eloquenz, zu der er aufblickt, flößt ihm
einen gewissen Respekt vor dem aus der Vergangenheit Überlieferten schlechthin ein.
Geringschätzung älterer römischer Beredsamkeit auch orat 152. Bemerkenswert orat
132, wo Cicero nicht daran denkt, exempla domestica für das πα&ητικόυ der Rede in
der lateinischen Eloquenz vor Crassus und Antonius zu suchen.

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Über die Deutung gerade dieser Stelle gehen allerdings die Meinungen weit aus-
einander 6 . Während man gelegentlich Ciceros Äußerungen in dem Passus ernst
nehmen zu können glaubt 7 , findet die meisten Verfechter die Annahme, Cice-
ro rate den angesprochenen Attizisten ironisch zur Nachahmung des Censorius,
sei es, um die Stiltendenzen dieser rednerischen Richtung ins Lächerliche zu
ziehen, sei es, u m den Jungattikern die logischen Konsequenzen ihrer Neigun-
gen vor Augen zu fuhren 8 .

Es fehlt an einer durchgehenden Interpretation des gesamten Abschnittes. Durch


sie kann Klarheit gewonnen werden.

Cato, so beginnt Cicero Brut. 61 seine Ausführungen über den Censorius, ist, ob-
schon er lediglich 8 6 Jahre vor Ciceros Konsulat gestorben ist, als Redner der
erste erträgliche Stilist 9 . Nach einer Digression über die mortuorum laudationes
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heißt es dann Brut. 63: Catonis autem orationes non minus multae fere sunt
quam Attici Lysiae, cuius arbitror plurimas esse . . . et quodam m o d o est non-
nulla in iis etiam inter ipsos similitudo. acuti sunt, elegantes, faceti, breves. Die
Synkrisis nimmt von einer Äußerlichkeit ihren Ausgang, die uns belanglos schei-
nen könnte, der hohen Zahl der von Cato verfaßten Reden. Was hat den Schrift-
steller zu diesem Beginn b e w o g e n ?

6 S. F. Bonner schreibt in dem Sammelwerk Fifty Years of Classical Scholarship, Oxford


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1968 , 419 (Stand von 1954), es bestehe noch keine Sicherheit Uber „the significance
of Cicero's use of Cato in the Asianist-Atticist controversy". Die Darlegungen von Knapp
138 ff., auf die Bonner verweist, sind nicht sehr tiefgehend.
7 So Ribbeck, RhM 32, 1876, 399, der aber die Passage versehentlich dem Brutus in den
Mund legt; Clarke 40f., doch s. bei ihm auch 173 A. 10; Gnauk 90ff., der einige ganz
richtige Bemerkungen macht, aber die Frage nicht eindringlich genug erörtert; Barwick,
Einleitung Brutus 10; Till, Gnomon 31, 1951, 62 nimmt an, Cicero wolle eine literar-
historische Gleichung aufstellen: Lysias: Demosthenes = Cato: Cicero; Kammer 111 ff.,
mit dessen Ausführungen meine folgenden Darlegungen sich in manchen Punkten ge-
troffen haben. Das wird nicht im einzelnen kenntlich gemacht; wirklich klar geworden
ist auch Kammer das Argumentationsgefüge der zu behandelnden Passagen nicht
8 So oder ähnlich etwa Haenni 59f.; F. Nassal, Aesthetisch-rhetorische Beziehungen
zwischen Dionys von Halikarnaß und Cicero, Diss. Tübingen 1910, 151; Stroux 83;
Guillemin 92; T. Frank 142; F. Deila Corte, Catone Censore, Torino 1949, 118; Ma-
rache 25 f., 51; Desmouliez 172f.; Leeman, Genre 202; Dihle, Analogie 200; vgL auch
Syme 55 f. Die spezifisch auf Nordens Attizistenhypothese beruhenden Deutungen kön-
nen außer Betracht bleiben.
9 Cato gilt, wie Cicero а. O. hervorhebt, den Römern dieser Zeit als pervetus. Im gleichen
Sinne Hör. carm. 2,15,10 fif.; 3,21,11; epist 2,2,117. Cato rückt im Bewußtsein der spä-
teren Generationen sehr schnell in zeitlich weite Entfernung. Die allgemeine Ursache
für dieses Phänomen liegt wohl darin, daß die rasche Verfeinerung des römischen Le-
bens den Römern der Republik die zeitliche Distanz zu jeweiligen antiqui gleichsam
durch ein Vergrößerungsglas erscheinen ließ; bei Cato wird dieses Moment dadurch
verstärkt, daß er betont ein konservatives Römertum zur Schau trug. Wenn Cicero
hervorhebt, daß es rein chronologisch mit der vetustas Catos nicht so weit her sei,
tut er es, um auf die Jugend der römischen Kunstprosa hinzudeuten.

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Nicht 10 Jahre vor der Abfassung des Brutus ist Cicero der Meinung, die römi-
schen Redner hätten nicht viel Geschriebenes hinterlassen 10 ; gerade von Catos
Reden ist in dieser Zeit kaum etwas bekannt 1 1 . Es ist also für die Leser des Bru-
tus, die im allgemeinen eher schlechter denn besser über solche Dinge informiert
sind als Cicero bei der Niederschrift von De oratore, gewiß überraschend, in Ca-
to einen Redner kennenzulernen, der es an schriftstellerischer Produktivität mit
den fruchtbarsten Griechen aufnehmen kann. Vor diesem Hintergrund wird es
verständlich, daß Cicero die Zusammenstellung Catos mit Lysias an den Hinweis
auf die ähnlich hohe Menge der von beiden Autoren verfaßten Reden knüpft,
den Hinweis auf eine zwar äußerliche, aber frappant- unerwartete Ähnlichkeit n ;
durch ihn wird die in vorsichtig abschwächender Formulierung geäußerte Be-
hauptung vorbereitet, zwischen der Beredsamkeit des Römers und der des Hel-
lenen bestehe auch eine innere Verwandtschaft 1 3 .
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Cicero führt Brut. 64 aus, daß die tenuitas, die subtiütas des Lysias Bewunderer
finde, wohingegen Cato völlig vernachlässigt werde, und beginnt darauf Brut. 65
die rednerischen Vorzüge des Censorius in helles Licht zu rücken. Man erwartet
nun, daß an Cato besonders für das genus tenue charakteristische Qualitäten
hervorgehoben werden.
Cicero legt indessen auf etwas ganz anderes Gewicht: quis illo gravior in laudan-
do? acerbior in vituperando? in sententiis argutior? in docendo edisserendo-
que subtilior? Die beiden letzten Eigenschaften passen immerhin zum genus
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subtile; die ersten beiden lassen sich mit dem angeblichen Ανσιαχός χαρακτήρ
der catonischen Beredsamkeit nur schwer vereinen 14 . In der Tat hat Cicero ganz
offenkundig die Vorstellung, Cato sei wie Lysias Vertreter der tenuitas, aufge-
geben, wenn er fortfährt: refertae sunt orationes (Catonis) . . . et verbis et rebus
illustribus . . . omnes oratoriae virtutes in eis reperientur. iam vero Origines eius
quem florem aut quod lumen eloquentiae non habent? Sollte man die Prosa
des Censorius nach diesen Äußerungen Ciceros in ein bestimmtes der drei gene-
ra dicendi einordnen, so würde man zunächst das genus grave, vielleicht noch

10 Vgl. 67 A . l l .
11 Vgl. 71 ff.
12 Auf die große Zahl catonischer Reden macht Cicero ebenfalls B r u t 65 nachdrück-
lich aufmerksam: orationes amplius centum quinquaginta quas quidem adhuc inve-
nerim et legerim eqs. In diesem Zusammenhang sei auf o r a t 108 verwiesen, wo der
Autor mit unverhohlenem Stolz von dem Umfang seiner oratorischen Produktion
spricht VgL auch leg. 1,9. So etwas macht in dieser Zeit Eindruck.
13 Gegen die Gleichsetzung catonischer und lysianischer Beredsamkeit wendet sich Plu-
tarch Cato maior 7,2. Wen er mit den φάμε VOL meint, wissen wir nicht; vielleicht am
ehesten zeitgenössische Catoliebhaber. Vgl. dazu Plin. epist. 1,20,4, wo es allerdings
lediglich um den Umfang der Reden geht. Zu Q u i n t i n s t 12,10,39, worauf in diesem
Zusammenhang verwiesen werden könnte, vgl. 109 ff.
14 laudatio und vituperatio sind die hervorragenden Mittel der amplificatio (Cie. de o r a t
3,105; vgL auch Brut. 47), die besonders in der peroratio die Affekte der Zuhörer er-
regen soll (vgL etwa Cie. part. 5 2 ff.).

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das medium, auf keinen Fall das subtile wählen. Am ehesten erscheint Cato hier
aber als Beherrscher aller genera dicendi.
Brut. 66 führt Cicero weiter aus: Cato fehlen die Liebhaber; denn wie der Knapp-
heit des Thukydides und Philistos Theopomp mit seiner Erhabenheit, wie dem
Lysias Demosthenes im Wege steht, sie Catonis luminibus obstruxit haec poste-
riorum quasi exaggerata altius oratio. Hier ist zwar noch von den lumina des ca-
tonischen Stils die Rede, aber sie sind b3i dem Censorius, der ein frühes Sta-
dium der stilistischen Entwicklung verkörpert, nicht so auffallend und deutlich
wie man es in der Prosa der Gegenwart gewohnt ist.
Mit diesem Gedanken, der mit dem kurz vorher den Origines und den Reden
Catos gespendeten Lob nicht recht harmoniert, findet der Schriftsteller wieder
zu der Anschauung zurück, die Ausdrucksweise des Censorius sei besonders
durch subtilitas gekennzeichnet; von dieser Anschauung ist die Klage über die
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mangelnde Kenntnis beherrscht, die die Anhänger des Lysias und Hyperides von
Cato haben: Brut. 67-68 (ignoretur Cato).
Gegenüber dem Einwand: antiquior est huius sermo et quaedem horridiora ver-
ba führt Cicero Brut. 68 f. aus: ita enim tum loquebantur. id muta, quod tum
ille non potuit, et adde numeros et, <ut> aptior sit oratio, ipsa verba compone
et quasi coagmenta, quod ne Graeci quidem veteres factitaverunt: iam neminem
antepones Catoni.ornari orationem Graeci putant, si verborum immutationibus utan-
tur quos appellant τρόπους et sententiarum orationisque formis quae vocant
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σχήματα: non veri simile est quam sit in utroque genere et creber et distinc-
tus Cato I S . Wenn Cicero so nachdrücklich auf den catonischen Reichtum an or-
namenta hinweist, so hat er den Gedanken, bei dem Censorius finde sich die
lysianische subtilitas, offenbar wieder völlig aus den Augen verloren. Was aus der
Prosa Catos, wie sie an dieser Stelle charakterisiert wird, nach den von Cicero
befürworteten modernisierenden Eingriffen16 geworden wäre, stellte zweifellos
nicht ein Muster des genus humile dar, wie der Schriftsteller es orat. 76 ff. be-
schreibt, sondern eine Art der Rede, die Ciceros eigenem stilistischen Geschmack
entspricht.
Das Verständnis der gesamten erörterten Passage wird stark erschwert durch die
Uneinheitlichkeit des ciceronischen Urteils über Cato. Catos Stil scheint einmal
wie der des Lysias vor allem durch Merkmale des genus subtile gekennzeichnet,

15 Ganz ähnlich über die christlichen Autoren Aug. doctr. Christ 4,115 G. Reminiszenz?
16 Nebenbei bemeikt: Daß der antiquior sermo Catos zur Lektüre und Nachahmung des
Altrömers reizen könnte, kommt Cicero anscheinend gar nicht in den Sinn; er erwägt
lediglich, daß diese Eigentümlichkeit der catonischen Prosa Anstoß zu erregen ver-
möchte, und sucht diesen Anstoß zu beseitigen. Geradezu zu einer Warnung vor dem
Gebrauch alter catonischer Wörter sieht er sich offenbar überhaupt nicht veranlaßt;
und eine solche Warnung wäre doch, falls es entsprechende Neigungen gäbe, eben an
dieser Stelle sehr angebracht, um den von ihm empfohlenen Anschluß an Cato aus-
drücklich von dieser Praxis zu scheiden. Allem Anschein nach weiß Cicero nichts von
einer Affektation veralteter Wörter Catos in der gegenwärtigen Literatur.

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ein andermal werden an ihm Charakteristika hervorgehoben, nach denen er bei
einer Klassifizierung nach bestimmten genera dicendi am ehesten in das genus
grave, auf keinen Fall aber in das humile einzuordnen wäre. Die Uneinheitlich-
keit des Abschnittes erklärt sich damit, daß Cicero hier zwei verschiedene Inten-
tionen verfolgt.
Erstens: Wie längst erkannt, geht es Cicero im Brutus vor allem darum, die Be-
deutung der römischen Beredsamkeit kräftig herauszuarbeiten 17 . Cato ist der
älteste nennenswerte Redner Roms. Es hätte auch für einen anderen Autor als
Cicero nahegelegen, die Ansätze der künftigen Vollendung gerade bei diesen An-
fängen der nationalen Eloquenz besonders hervorzuheben. Cicero hat dazu aber noch
sehr persönliche Gründe: Die Gestalt des Censorius macht seit langem einen besonde-
ren Eindruck auf ihn 18 . Die Reden Catos hat erst Cicero neu entdeckt. Es ist
unter diesen Umständen verständlich, daß er seinen Fund vor seinen Lesern in
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möglichst helles Licht zu rücken sucht.


Die virtutes, die Cicero in diesem Bestreben an der catonischen Prosa aufzuwei-
sen trachtet, sind natürlich die Eigenschaften, die ihm persönlich als Vorzüge der
Lexis erscheinen, vor allem also der Reichtum an verschiedenem Schmuck. Und
er braucht bei einem entsprechenden Lob nicht die Unwahrheit zu sagen; in Ca-
tos Reden gibt es Passagen, denen es an flores, an lumina durchaus nicht fehlt 19 .
Es mag so nicht allein die Absicht sein, den Zeitgenossen von den schriftstelleri-
schen Qualitäten des Censorius ein möglichst vorteilhaftes Bild zu vermitteln, die
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Cicero zu seiner rühmenden Charakteristik veranlaßt; vielleicht äußert sich in


ihr auch ein wenig sein eigenes Erstaunen über die reichen ornamenta bei diesem
Redner 20 . Das alles erklärt aber gerade nicht, wie Cicero dazu kommt, Cato als
Vertreter des genus tenue hinzustellen.
Zweitens: Brut. 112 beklagt Cicero, daß niemand das Memoirenwerk des Scau-
rus lese: at Cyri vitam et disciplinam legunt, praeclaram illam quidem, sed ne-
que tarn nostris rebus aptam nec tarnen Scauri laudibus anteponendam. Cicero
stellt sich hier als Verteidiger der nationalen Literatur in bewußten Gegensatz
zu den Liebhabern allein griechischen Schrifttums. Spezifisch auf die Jungatti-
ker wird die zitierte Bemerkung nicht gemünzt sein. Es wäre jedoch seltsam,
wenn Cicero es völlig unterließe, eigens ihnen ihre einseitige Vorliebe für grie-
chische Autoren zum Vorwurf zu machen. Gerade die Passage, mit der die Be-
handlung der römischen Eloquenz eigentlich beginnt, ist dazu geeignet; gerade
hier vermag sich Cicero, der sich mit der catonischen Beredsamkeit ungewöhn-
17 Dazu Haenni 5 2 f f . ; Haider, in: Hermeneia, Festschrift Regenbogen, Heidelberg 1945,
114.
18 Auf diesen Punkt macht schon Gnauk 90 ff. aufmerksam. Cicero hebt seine enge Be-
ziehung zu Cato leg. 1,6; Brut. 294 hervor.
19 Sehr aufschlußreich der Vergleich von Passagen aus Reden des Gracchus, Ciceros, Ca-
tos GelL 10,3; vgl. auch die Besprechung catonischer Sätze GelL 13,25,12 flf. VgL noch
Claike 40 f. ^
20 Dazu noch die Folie der Theorie 183.

181
lieh intensiv beschäftigt hat, ganz scharf von dem einseitigen Philhellenismus
attizistischer Kreise abzusetzen.
Dabei stößt Cicero aber auf eine Schwierigkeit: Catos Prosa wird ganz allgemein
zu Ciceros Zeit vernachlässigt. Die Jungattiker würden mit einem entsprechenden
Vorwurf also gar nicht spezifisch getroffen werden können; sie könnten sich
überdies darauf berufen, daß der Censorius nicht ihren stilistischen Idealen ent-
spreche. Die Lösung: Cato muß, indem nur die attizistische Hauptgruppe, die
Lysianer und die ihnen wohl sehr ähnlichen Hyperideer zur Zielscheibe des An-
griffs genommen werden, als Vertreter des genus tenue charakterisiert werden.
Dann ist allerdings die völlige Vernachlässigung Catos durch diese Jungattiker
als Symptom eines spezifisch ihnen eignenden Mangels an nationaler Gesinnung und
eines übertriebenen Philhellenismus zu werten.
In der Tat hat sich Cicero die Gelegenheit nicht entgehen lassen, der wichtig-
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sten Richtung der Attizisten die Mißachtung des Censorius als unnationale Ein-
stellung vorzurücken.
Angedeutet ist dieser Tadel von Cicero bereits Brut. 63 ff.; nachdem er von der
inneren Verwandtschaft der catonischen und der lysianischen Beredsam-
keit gesprochen hat, meint er: sed ille Graecus ab omni laude felicior, habet enim
certos sui studiosos . . . quos . . . tenuitas ipsa delectat, . . . laudatores, qui hac
ipsa eius subtilitate admodum gaudeant. Catonem vero quisnostrorum oratorum
qui quidem nunc s u n t . . . novit omnino 21 ?
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Unmißverständlich heißt es dann Brut. 67: sed ea in nostris inscitia est, quod hi
ipsi qui in Graecis antiquitate delectantur eaque subtilitate quam Atticam appel-
lant, hanc in Catone ne noverunt quidem 22 .
Die geschickt eingeleitete Synkrisis Cato — Lysias, der Gedanke der catonischen
subtilitas ist, so dürfen wir jetzt folgern, eingeführt worden, um die dargestellte
Kritik zu ermöglichen.
Einen unmittelbaren Angriff gegen das Stilideal der Lysianer und Hyperideer
richtet Cicero in der behandelten Passage nicht. Im Gegenteil äußert er sich
über die stilistischen Ziele seiner Gegner anerkennend 23 . Das ist verständlich.
Würde Cicero diese Ziele verwerfen, so könnte er den Jungattikern die Vernach-
lässigung Catos nur insofern zum Vorwurf machen, als sie von ihrer falschen
Stilkonzeption her die durch subtilitas gekennzeichnete catonische Beredsam-
keit eigentlich hochschätzen müßten. Den Attizisten die Beschäftigung mit dem
tenuis orator Cato schlechthin nahezulegen, hätte Cicero keinen Anlaß. Das wäre
21 Mit der Einschränkung oratores, qui quidem nunc sunt, insinuiert Cicero, daß es sich
bei der Mißachtung Catos um eine neue - der Leser soll wohl denken: durch die Atti-
zisten wenigstens geförderte - Erscheinung handelt. Historisch richtig wäre diese An-
sicht nicht. Cicero spricht sie denn auch nicht klar aus.
22 Richtig verstehen den Satz bereits Jahn-Kroll z. S t ; die sonstigen Bemerkungen des
Kommentars zur Struktur und Bedeutung des Abschnittes befriedigen nicht
23 Brut. 68; ähnlich später Brut. 291.

182
ein schlechter Ausgangspunkt, um die attizistische Mißachtung des Censorius als
Mangel an nationalrömischer Gesinnung hinzustellen 24 .
Daß Cicero Cato auch als Vertreter der subtilitas kennzeichnet, mag als reich-
lich gewaltsamer Kunstgriff erscheinen. Aber eine derartige Charakteristik lag ver-
mutlich nicht so fem. Cie. de orat. 2,93 werden die Redner der ersten Periode
der griechischen Eloquenz subtiles, acuti, breves genannt; das sind fast dieselben
Charakteristika wie die, die er an Lysias und Cato findet, die ihm acuti . . . ele-
gantes, faceti, breves scheinen. Cicero überträgt wohl die Eigenschaften, die den
hellenischen Rednern eignen, auf den ältesten lesenswerten römischen Redner 25 ;
dementsprechend nennt er Brut. 67 antiquitas und subtilitas in einem Atem. Die
catonischen Reden, die man sich nicht als einheitlich in der Höhenlage wird
vorstehen dürfen, mögen sich in der Tat nicht selten gut in das genus subtile
haben einordnen lassen.
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Die zwei verschiedenen Intentionen Ciceros also, die wir herausgearbeitet haben,
erklären die Widersprüchlichkeit in seiner Beurteilung des Censorius; nahegelegt
mag sich diese Uneinheitlichkeit haben auch durch starke Unterschiede inner-
halb der umfangreichen rednerischen Hinterlassenschaft Catos. Cicero gelingt es,
durch eine mehrfache Verlagerung und Verschlingung seiner Gedanken zu ver-
wischen, wie inkohärent die vorgetragene Konzeption der catonischen Stilkunst ist.
Bei der vorgetragenen Erklärung brauchte nicht angenommen zu werden, den an-
gesprochenen Jungattikern werde die Nachahmung des Censorius in irgendeiner
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Hinsicht ironisch empfohlen. Diese Annahme scheint aus folgenden Gründen


auch wenig plausibel.
Erstens: Cicero behauptet zunächst Brut. 63 die Ähnlichkeit zwischen Cato und
Lysias in zurückhaltender Weise: quodam modo est nonnulla . . . similitudo. Soll-
te Cato den Jungattikern höhnisch vorgehalten werden, so wäre auch gleich am
Anfang eher eine uneingeschränkte und betonte Gleichsetzung Cato-Lysias zu er-
warten.
Zweitens: In den Abschnitten des behandelten Passus, in denen die catonischen
ornamenta hervorgehoben werden und Cato als Vertreter nicht zuletzt des genus
grave hingestellt wird, wird ein sehr vorteilhaftes Bild von der Prosa und beson-
ders von der Redekunst Catos entworfen. Nichts weist darauf hin, daß diese
Charakteristik nicht ernst gemeint ist. Im Gegenteil. Brut. 69 — ähnlich schon

24 Wenn der einseitige Philhellenismus der Jungattiker hervorgehoben wird, so sollen ge-
wiß letztlich auch ihre stilistischen Vorstellungen suspekt erscheinen. Daß aber dem Le-
ser nebenbei ein entsprechendes Empfinden suggeriert werden soll, hat mit der dem
Passus immanenten logischen Struktur nichts zu tun.
25 Vergleichbar ist Cie. de orat. 2,5 3 f., wo Cicero-Antonius, unter Übernahme eines von
Theophrast geformten Geschichtsschemas, die stilistischen Charakteristika der griechi-
schen Logographen auf die ältesten römischen Geschichtsschreiber überträgt. Dazu vor
allem Wehiii in: Eumusia, Festgabe Howald, Zürich 1947, 60 ff.; ferner E. Norden,
AgnostosTheos, Darmstadt 1956 3 , 376 A . l ; Padberg 21 f.; Gelzer, Hermes 64, 1934, 53.

183
Brut. 68 — bemerkt Cicero: пес . . . ignoro nondum esse satis politum hunc ora-
torem et quaerendum esse aliquid perfectius, quippe cum ita sit ad nostorum
temporum rationem vetus, ut nullius scriptum exstet dignum quidem lectione, quod
sit antiquius. Eine solche Kautel ist zwanglos doch nur unter der Voraussetzung zu
verstehen, daß zumindest das unmittelbar zuvor Brut. 69 ausgesprochene Lob
Catos vom Leser ernst genommen werden soll. Ernst zu nehmen ist dann aber
auch die ganz ähnliche, günstige Charakteristik Brut. 65. Wenn Cicero den Atti-
zisten den tenuis orator Cato spöttisch vorhielte, dann läge dem eine entschie-
den ungünstige Beurteilung des Redners Cato zugrunde. Diese negative Einschät-
zung Catos hätte sich der Leser, der ja die Ironie verstehen sollte, nach der In-
tention Ciceros klar zu machen. Cicero würde dem Leser also einen mehrfachen
Wechsel zwischen positiver und negativer Bewertung der catonischen Eloquenz zu-
muten, ohne auf die letztere irgendwie verdeutlichend hinzuweisen.
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Drittens: Cicero hat in den letzten Lebensjahren ein enges Verhältnis zu „sei-
nem" Cato gewonnen 26 , das gerade Brut. 65 deutlichen Ausdruck erhält. Natür-
lich braucht er, wenn er den Censorius als Menschen und Staatsmann bewundert,
gegenüber den Mängeln von Catos literarischer Leistung nicht blind zu sein; und
er ist es in Tat nicht. Aber daß Cicero die Prosa des Altrömers so entschieden
ungünstig beurteilt, daß er sie seinen attizistischen Gegnern höhnisch als Vor-
bild empfehlen könnte, das ist keine einladende Vermutung.
Ein Problem taucht nun auf: Wirft nicht Atticus Brut. 292 ff. seinem Gesprächs-
partner Cicero gerade im Hinblick auf Brut. 63 ff. Ironie vor? Wie vereint sich
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das mit der vorgetragenen Auffassung?


Atticus beginnt seine Kritik an den Ausführungen des Freundes Brut. 292 mit
einem Hinweis auf die sokratische Ironie: est . . . et minime inepti hominis et
eiusdem etiam faceti, cum de sapientia disceptetur hanc sibi ipsum detrahere,
eis tribuere inludentem qui earn sibi adrogant; ut apud Platonem Socrates in
caelum effert laudibus Protagoram... ceteros, se autem omnium rerum inscium
fingit et rüdem. Von solcher Ironie glaubt Atticus etwas gleichfalls in der von
Cicero gegebenen Geschichte der römischen Eloquenz wahrnehmen zu können,
quia . . . ita laudavisti quosdam oratores ut imperitos posses in errorem inducere
(Brut. 293).
Atticus unterstellt also seinem Freunde, er habe im Verlaufe des Dialogs unter
Verschweigen des eigenen oratorischen Könnens einige Redner mit einem nicht
ernst gemeinten Lob bedacht; diese Redner wären es, gegen die sich der Bemer-
kung des Gesprächspartners zufolge Ciceros Ironie wendet, ganz wie die Ironie
des Sokrates gegen die Sophisten gezielt ist, denen der Philosoph Weisheit zu-
erkennt, seine eigene Weisheit in Abrede stellend. In der von Cato handelnden
Passage wäre die ciceronische Ironie demnach gegen den Censorius gerichtet,
der in spöttischer Übertreibung als bedeutender Stilist hingestellt würde. Der

26 Vgl. die 181 A. 18 angeführten Cicerostellen.

184
Vorwurf, Ciceros Darstellung sei von Ironie durchtränkt, spricht gerade dagegen,
daß — nach Atticus — Lysias und mit ihm die stilistischen Vorstellungen der Ly-
sianer spöttisch herabgesetzt worden seien 27 . Überdies soll eine spöttische Ein-
stellung Ciceros Urteil bei einer größeren Anzahl von Rednern bestimmt haben,
nicht allein bei Cato; die Cicero unterstellte Ironie kann also nicht mit den spe-
zifischen Gegebenheiten des Catoabschnittes und der hier hereinspielenden Gegner-
schaft zu den Jungattikern zusammenhängen.
Atticus begründet den Vorwurf, den er gegenüber seinem Freund erhebt, in län-
geren Ausführungen, die er Brut. 293 f. mit einer eingehenden Kritik der von
Cicero über den Censorius vorgetragenen Ansichten beginnt. Von der Intention,
die wir als eigentlichen Beweggrund für die Zusammenstellung Catos mit Lysias
erkannt haben, hören wir hier freilich nichts; es wäre auch recht verwunderlich,
wenn Cicero an dieser Stelle gewissermaßen seine Karten auf den Tisch legte.
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Atticus hebt, wenn er die Lächerlichkeit und Unglaubhaftigkeit der Synkrisis


betont, lediglich hervor, daß der Vergleich für Cato viel zu hoch gegriffen und
der Censorius so unangemessen günstig beurteilt worden sei; demgegenüber meint
er: orationes . . . eius ut illis temporibus valde laudo. significant enim formam
quandam ingeni, sed admodum impolitam et plane rüdem. Neben der Bezeich-
nung derOrigines als omnibus orationis laudibus refertae wird vor allem der Vergleich
Catos mit Thukydides und Philistos angegriffen: quos enim ne e Graecis quidem
quisquam imitari potest, his tu comparas hominem Tusculanum nondum suspi-
cantem quale esset copiose et ornate dicere.
For personal use only.

Wenn wir allein aus den zitierten kritischen Worten des Atticus die von Cicero ge-
äußerte Auffassung zu rekonstruieren hätten, müßten wir annehmen, Cicero habe
dem Censorius die gleichen in copia und besonderem ornatus bestehenden stili-
stischen Qualitäten zuerkannt wie den beiden griechischen Historikern. In Wahr-
heit ist das durchaus nicht der Fall. Cicero ist es Brut. 66 allein um die Darstel-
27 Zur Verdeutlichung: Das ffludere könnte innerhalb der Synkrisis Cato-Lysias in zwei
verschiedene Richtungen gehen. Einmal wäre es denkbar, daß durch diese Gleichung
das stilistische Vorbild der Lysianer verspottet werden sollte, indem es als ebenso min-
derwertiger Stilist wie der Censorius hingestellt würde. Diese Richtung des illudere wä-
re zu erwarten, wenn die Hauptgruppe der Attici und ihre Stilkonzeption verächtlich
gemacht werden sollte. Zum anderen wäre es möglich, daß der Spott gegen Cato ziel-
te, indem dieser übertreibend-ironisch als ebenso bedeutender Redner wie Lysias be-
zeichnet würde. Dann bliebe die Bedeutung des attischen Redners unangetastet; eine
solche Art der Ironie wäre somit nicht gegen das Stilideal der Lysianer gerichtet Die
beiden Fälle schließen einander aus: Bei der ersten Art des Spottes ist es die niedrige
Einschätzung des Censorius, die von vornherein feststeht, und Lysias der Autor, des-
sen Bedeutung durch die Synkrisis auf das richtige geringe Maß zurückgeführt wird.
Bei der zweiten Art der Ironie ist es die hohe Bewertung des attischen Redners, die
feststeht und zu der der Censorius emporgehoben wird, um eben durch diese übertrie-
bene Einschätzung als Stilist geringen Grades entlarvt zu werden. Die Ironie, die Atti-
cus meint, müßte sich, wie bemerkt, gegen Cato richten. Die ironische Färbung, die
Atticus an dem Vergleich Cato-Lysias findet, kann somit nicht auf die Herabsetzung
des Stilmusters der Lysianer abzielen.

185
lung der Tatsache zu tun, daß die virtutes einer älteren Entwicklungsstufe der
Kunstprosa von den stärkeren und auffälligeren Künsten eines späteren Stadiums
überstrahlt werden. Das ist nach der Auffassung des Autors auch Cato widerfah-
ren. Daß die Prosa des Censorius die gleichen Qualitäten hat wie die des Thuky-
dides und des Philistos, hatte Cicero an dieser Stelle aber nicht gemeint28, noch
weniger, daß diese nämlichen Vorzüge in besonderer copia oder besonderem Reich-
tum an ornamenta bestehen. Die Intention des ciceronischen Vergleiches läßt
Atticus also völlig außer Acht; er legt den Nachdruck auf die nur indirekt in
dieser Synkrisis implizierte Aufwertung des Schriftstellers Cato und weist, ihr
widersprechend, darauf hin, daß sich in dem Censorius ein anfänglich-rohes Sta-
dium der Stilentwicklung verkörpere.
Nun hatte Cicero selbst bereits mehrfach darauf aufmerksam gemacht, daß die
catonische Prosa noch in vielem mangelhaft sei. Atticus trägt somit keinen neuen
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Gedanken vor, sondern betont nur einen bestimmten Aspekt des von Cicero
schon Ausgeführten.
Wie Atticus Catos Reden lediglich ut illis temporibus lobt, so läßt er Brut. 295
Galba allein ut illius aetatis principem gelten, dessen tatsächlich vorliegende Re-
den in ihm keinen schlechthin bedeutenden Redner erkennen ließen. Mit die-
ser von dem Kritiker zum Teil nur angedeuteten Auffassung wird indessen eine
bereits von Cicero Brut. 82 ausgesprochene Erkenntnis wiederaufgenommen: nes-
cio quo modo huius (Galbae), quem constat eloquentia praestitisse, exiliores ora-
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tiones sunt et redolentes magis antiquitatem quam aut Laeli (aut> Scipionis aut
etiam ipsius Catonis.
Daß die erhaltenen Reden des Porcina dessen Ruf unter den Maßstäben der Ge-
genwart nicht mehr zu rechtfertigen vermögen, hatte Cicero Brut. 95 zu verstehen
gegeben: summus orator est habitus et fuit, ut apparet ex orationibus, scriptor
sane bonus. Nichts anderes als eine Verdeutlichung dieses Urteils stellt die Ansicht
des Atticus Brut. 295 dar: probas Lepidi orationes; paulum hic tibi adsentior,
modo ita laudes ut antiquas.
Er fährt fort: quod item de Africano, de Laelio, cuius tu oratione negas fieri
quicquam posse dulcius, addis etiam nescio quid augustius. nomine nos capis
summi viri . . . remove haec; ne ista dulcis oratio ita sit abiecta, ut eam aspicere
nemo velit. Über die Reden Scipios hatte Cicero Brut. 83 nichts besonders
Rühmendes geäußert; im Gegenteil hatte er sie wie gleichfalls die Reden Catos
und des Laelius in der soeben zitierten Bemerkung über die Beredsamkeit Gal-
bas hinreichend als altertümlich-unvollkommen gekennzeichnet; Atticus geht
denn auch nicht weiter kritisch auf das Bild ein, das Cicero von der scipioni-
schen Eloquenz entwirft. Umso ausführlicher beschäftigt er sich mit dem Ur-
teil über Laelius. Nun hatte zwar Cicero Brut. 83 die Rede de collegiis in der
Tat mit den von Atticus angeführten lobenden Epitheta bedacht, aber — und

28 Genaueres dazu 333 A. 101.

186
das wird von dem Freund Ciceros überhaupt nicht erwähnt — im übrigen eben auf-
grund dieser Rede Laelius vetustior et horridior . . . quam Scipio genannt und
den traditionell dem Laelius vor dem Africanus minor zuerkannten rednerischen
Vorrang bestritten. Atticus verschärft hier also nur das ungünstige Urteil Ciceros.
Carbonem in summis oratoribus habitum scio, meint er weiter Brut. 296; aber
gerade in der Beredsamkeit gelte: quo iam nihil est melius, id laudari qualecunv
que est solet. Dasselbe gelte für die Gracchen, obwohl, wie der Kritiker zu Cice-
ro bemerkt, de eis ea sunt a te dicta, quibus ego adsentior. Cicero hatte zwar
Brut. 103 von Carbo und Ti. Gracchus gesagt: fuit uterque summus orator, jedoch
einschränkend hinzugefügt: atque hoc memoria patrum teste dicimus; nam et
Carbonis et Gracchi habemus orationes nondum satis splendidas verbis, sed
acutas. Auch C.Gracchus war von Cicero kein ungeteiltes Lob zuteil geworden:
manus extrema non accessit operibus eius; praeclare inchoata multa, perfecta
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non plane (Brut. 126). In diesen Fällen bringt der Kritiker an Ciceros Äußerun-
gen gleichfalls keine grundsätzlichen Korrekturen an, sondern betont lediglich
entschiedener die Unvollkommenheit der genannten Redner.
Daß die Beredsamkeit des Antonius und Crassus, in denen Cicero die Eloquenz
schon für vollendet halte, bedeutend sei, gibt Atticus Brut. 296 zu: de horum
laudibus tibi prorsus adsentior, sed tarnen non isto modo: ut Polycliti Dorypho-
rum sibi Lysippus aiebat, sie tu suasionem legis Serviliae tibi magistram fuisse:
haec germana ironia est 29 , cur ita sentiam non dicam, ne me tibi adsentari putes.
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Wie Atticus übertreibend von dem Rang spricht, den Cicero den zwei großen
Rednern zuerkannt hatte — ist mit ihnen doch nach Brut. 161 nur die erste Rei-
fe und fast die höchste Stufe der römischen Eloquenz erreicht - , so übertreibt
er auch die Bedeutung, die Cicero Brut. 164 der Suasio des Crassus zugestanden
hatte: mihi quidem a pueritia quasi magistra fuit . . . ffla . . . oratio. Ciceros Be-
merkung ist schon durch den Zusatz quasi um eine Nuance vorsichtiger als die
seines Freundes; vor allem aber stellt Cicero nicht die Rede des Crassus neben
den Doryphoros des Polyklet, eine Parallelisierung des Atticus, durch die die
Leistung des Redners als klassisch-exemplarisches Kunstwerk charakterisiert
wird. Die letztere Verzerrung erlaubt es dem Kritiker, in Ciceros Äußerung ger-
mana ironia zu finden. Die Begründung will er zwar verschweigen, damit sein
Freund nicht glaube, er schmeichle ihm, aber die in diesem Finalsatz enthaltene

29 Ich inteipungiere wie etwa Wilkins in der Oxfordausgabe; ebenso Malcovati in der
neuen Teubneriana 1965. Aus aiebat läßt sich zwanglos aiebas als Prädikat zu tu er-
gänzen; mit isto modo wird zusammenfassend auf die Anschauung hingedeutet, die
Atticus dem Cicero unterstellt (ut Polycleti - fuisse). Jahn-Kroll - so ebenfalls Bar-
wick - interpungieren staik nach assentior und setzen hinter isto modo lediglich ein
Komma; sie erklären dazu: „sie nimmt isto modo nach ut wieder a u f . Diese Auf-
fassung läßt es nicht zu, aiebas als Prädikat zu tu hinzuzudenken (wie Jahn-Kroll
empfehlen), man muß dann schon mit Fuchs in: Navicula Chiloniensis, Festschrift
Jacoby, Leiden 1956, 142 schreiben: . . . magistram fuisse (dicere debuisti) oder
Ähnliches. Das Überlieferte ist indessen auch ohne Konjektur zu verstehen.

187
Andeutung ist unmißverständlich: Cicero ist der wahre Vollender und Klassiker
der römischen Beredsamkeit, und deshalb wäre es pure Ironie, wenn er die Rede
eines anderen an die Stelle setzte, die nur seinen eigenen Reden gebührt. Daß
in der von Atticus unterdrückten assentatio tatsächlich derartiges hätte gesagt
werden müssen, zeigt die ihren Inhalt andeutend umschreibende Replik Cice-
ros Brut. 298: tu melius existumare videris de ea si quam nunc habemus facili-
tate 3 0 .
An dem ciceronischen Urteil über Cotta, Sulpicius, Caelius, deren rednerische
Mängel Cicero Brut. 203 f., 273 durchaus nicht übergangen hatte, kann Atticus
Brut. 297 anscheinend konkret nichts aussetzen. Er konzediert Cicero, daß diese
Männer wirkliche Redner gewesen seien: quanti autem et quales, tu videris.
Die Meinung, die Atticus von der Beredsamkeit all der genannten Redner hat,
ist somit keineswegs grundsätzlich von den Anschauungen verschieden, die Ci-
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cero im Laufe des Dialogs vorgetragen hatte. Atticus vermag sich denn auch im
allgemeinen die Gelegenheit, Ciceros Ausführungen durch den Hinweis auf die
Zeitbedingtheit und Unvollkommenheit des oratorischen Könnens der erwähn-
ten Römer zu kritisieren, nur dadurch zu verschaffen, daß er das Lob, das sein
Freund diesen Rednern hatte zuteilwerden lassen, übertreibend wiedergibt,
schweigend darüber hinweggeht, daß Cicero selbst bereits mehr oder weniger
deutlich auf die faktischen Mängel an der Eloquenz der behandelten Redner
hingewiesen hatte, oder die Ausführungen des Gesprächspartners sonstwie ver-
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zerrt. Atticus hat in Wahrheit keine Position gegen Ciceros Darlegungen bezogen;
er verdeutlicht lediglich zusammenfassend, was dieser immer wieder hinreichend
prägnant zum Ausdruck gebracht hatte: Die Eloquenz auch der namhafteren
behandelten Redner ist mit teilweise erheblichen Schwächen behaftet, keiner
von ihnen kann als Vollender der römischen Beredsamkeit, keiner als der perfec-
tus orator gelten. Wir werden annehmen dürfen, daß es Cicero hier eben um
nichts anderes geht als um die Verdeutlichung dessen, was sein Atticus verdeut-
licht.
Daß es darauf dem Autor gerade an dieser Stelle ankommt, hat seinen guten
Grund: Im Anschluß an die Ausführungen des Atticus und einige sich aus ihnen
ergebende Bemerkungen wird Brut. 301 ff. der rednerische Entwicklungsgang des
Hortensius und in Verbindung mit ihm vor allem der Ciceros dargestellt. Jetzt
gelangt also die Geschichte der lateinischen Redekunst zu ihrem in Cicero gipfeln-
den Höhepunkt, zur Vollendung; sie — und das wird eben von Atticus zum Aus-
druck gebracht — ist im Laufe der Aufwärtsentwicklung der römischen Eloquenz
von keinem Redner erreicht worden 3 1 . Die kritischen Worte des Atticus machen
abschließend die Sonderstellung Ciceros sichtbar.

30 Der wahre Grund dafür, daß der angedeutete Gedanke nicht ausgesprochen wird,
ist natürlich der, daß er in der unverhüllten Form auch im Munde des Atticus von
den Lesern als starke Anmaßung Ciceros empfunden worden wäre.
31 Daß es in diesem Zusammenhang - was ja auch sehr verwunderlich wäre - nicht

188
Es erweist sich als überaus geschickter Kunstgriff des Schriftstellers, daß er dem
Kritiker den Vorwurf der Ironie in den Mund legt.
Man erwäge einmal, welchen Weg Cicero sonst hätte einschlagen können, um an
unserer Stelle dem Leser die Mangelhaftigkeit aller bisherigen römischen Rede-
kunst zu vergegenwärtigen: Das Einfachste wäre gewesen, eine Dialogfigur, am
besten Atticus, resümierend auf die Abstriche hinweisen zu lassen, die Cicero
selbst bereits an der Geltung der zur Sprache gekommenen Redner vorgenommen
hatte, und dem Sprechenden die unverhohlene Äußerung in den Mund zu legen,
daß jedenfalls die vollkommene Beredsamkeit unter den Genannten keiner erreicht
habe; die Intentionen eines solchen Passus, der sich kaum zwanglos in den Dialog
eingefügt hätte, wären nur zu deutlich gewesen. Verhüllen ließe sich die hinter
dem Abschnitt stehende Absicht, wenn Atticus das Lob, das Cicero der Eloquenz
der erwähnten Römer zugeteilt hatte, offen als übertrieben kennzeichnete und in
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Ausführung dieser Ansicht die Mängel der Redner herausarbeitete; die eigentliche
Intention dieses Abschnittes, die Betonung der Mangelhaftigkeit aller bisherigen
oratorischen Leistungen, erschiene hier nicht mehr plump als Selbstzweck. Aber
wie sollte Cicero auf eine derartige Kritik reagieren? Zuzugestehen vermöchte
er ihre Berechtigung nicht; denn es ginge nicht gut an, daß der Autor gegen En-
de der Schrift die bislang hier von ihm vertretenen Auffassungen großenteils als
unrichtig erklärte. Ebenfalls nicht könnte er die Darlegungen des Freundes ein-
fach zurückweisen; würde er damit doch gerade der Absicht entgegenarbeiten,
die er mit der Einfügung des Abschnittes verfolgt. Genug: Der Absicht des
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Schriftstellers stellten sich mancherlei Schwierigkeiten entgegen.


Die Vorteile von Ciceros Kunstgriff: Der ungezwungen eingeführte Vorwurf des
Atticus wird von dem Gesprächspartner Cicero Brut. 293 zunächst nicht verstan-
den; dadurch erhält der Kritiker einen Anlaß, seine Auffassung eingehend zu erläu-
tern. Dem Autor gelingt es auf diese Weise, seinem Leser nebenbei zu Bewußt-
sein zu bringen, daß auch die bedeutenderen der bisher genannten Redner von
der vollkommenen Beredsamkeit mehr oder weniger weit entfernt sind. Die spöt-
tische Einstellung, die Atticus in der Geschichtsdarstellung seines Freundes wirk-
sam glaubt, kann der Cicero des Dialogs Brut. 297 ff. mit Recht leugnen; er
braucht also die im Gespräch dargelegten Auffassungen nicht zu widerrufen. Auf
die Ausführungen des Atticus Brut. 293-297, durch die scheinbar der Vorwurf
unangebrachten Spottes lediglich expliziert wird, ist Cicero ausführlicher einzu-
gehen nicht genötigt. Er greift Brut. 298 nur die beiden Autoren heraus, bei
denen Atticus noch einmal das Stichwort ironia gegeben hatte, um das in dem
ganzen Abschnitt alles zu gehen scheint. Dabei widerspricht er zwar dem Vor-
geben nach dem Urteil, das sein Kritiker über diese Redner gefällt hatte, wieder-
holt es aber in Wirklichkeit lediglich mit anderen Worten.

allein um die älteren Redner geht, zeigt die Erwähnung des Caelius. Hortensius
kann hier natürlich nicht genannt werden; später gibt Cicero zu erkennen, daß er
zwar ein bedeutender, aber mit mancherlei Mängeln behafteter Redner ist

189
Kehren wir wieder zurück zu dem Lob, mit dem Cicero Catos Prosa bedacht hat-
te, und der Synkrisis Cato-Lysias: Sie bieten Atticus einen günstigen Ausgangs-
punkt, Ciceros Behandlung der älteren Beredsamkeit als ironisch zu deuten.
Über die Motive, die Cicero tatsächlich zu seiner Würdigung Catos bestimmt
haben, lernen wir aus der Bemerkung des Atticus aber nichts 32 .
Auch wenn Cicero Brut. 298 auf die — freilich mit vielen Unvollkommenheiten
verbundenen — Vorzüge der catonischen Prosa hinweist, ohne die Parallele Cato-
Lysias zu erwähnen, soll damit nicht etwa ein Widerruf des Vergleiches angedeu-
tet sein. Vielmehr geht es in dieser abschließenden Bemerkung lediglich generell
um die Bedeutung des Prosaikers Cato; es wird nicht pedantisch auf die einzelnen
Punkte von Atticus' Ausführungen eingegangen'
Was Cicero an Catos Eloquenz gelobt hat, ist besonders der Reichtum an orna-
menta, sind, wie bemerkt, allgemein die Eigenschaften, in denen sich die cato-
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nische mit der modernen ciceronischen Beredsamkeit berührt. Die schon vorhan-
denen Charakteristika dieser modernen Redekunst sind es auch sonst, aufgrund
deren Cicero der Beredsamkeit älterer Römer seine Anerkennung gibt 33 . Die Be-
sonderheiten der veteres aber, das impolitum etwa, der geringe ornatus, sind in
seinen Augen nur Mängel34. Positive Stilqualitäten, die spezifisch mit der antiqui-
tas verbunden wären, kennt Cicero im Brutus ebensowenig wie anderwärts 35 ; die
Zeitgenossen Ciceros dürften diese Einstellung gegenüber älterer Prosa teilen.
Spätere Jahrhunderte zeigen eine andere Haltung. Zu Quintilians Zeit gelten wenig-
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stens in manchen Kreisen als die Eigenschaften, die die Redekunst der Vergan-
genheit auszeichnen und von der corrupta eloquentia der Gegenwart abheben,
vor allem Männlichkeit und Natürlichkeit36. Gellius liebt später wie sein Idol
Fronto die Einfachheit', Reinheit, Unverdorbenheit der Alten: suavitas und venu-
32 Es wäre auch ein merkwürdiges Verfahren, wenn Cicero, nachdem er im Catoab-
schnitt ironisch gesprochen hatte, auf diesen Umstand über 200 Kapitel später noch
einmal aufmerksam machen ließe. Entweder - und das wäre das Natürliche - glaub-
te er, seine Ironie sei jedem Leser verständlich; dann würde es der Wirkung dieser
Ironie einigen Abbruch tun, wenn er sie später ausdrücklich als Ironie kennzeichnete.
Oder aber, was freilich recht seltsam wäre, er fürchtete, einige Leser könnten seine
Ausführungen für Ernst halten; dann folgte das Interpretament entschieden zu spät
33 VgL etwa Brut. 126: С. Gracchus ist grandis verbis; 140f.: Antonius zeichnet sich
durch die sententiarum ornamenta aus; 162: Bei Crassus findet sich eine Art des am-
bitus verborum. Vgl. ferner 176.
34 Ein Vorzug der antiqui besteht nach Cicero allerdings in ihrem reinen Latein; dazu
77 ff.
35 Von ώρα und χάρις, die Dionys op. rhet I 331,11 ff. Us.-Rad. den alten Logographen
zuerkennt, findet Cicero in dem entsprechenden lateinischen Stadium der Historiogra-
phie (dazu 183 A.25) nichts; leg. 1,6 spricht Atticus in seinem Überblick über die
römische Geschichtsschreibung von antiquorum languor et inscitia; vgL auch etwa
Brut. 69; 82. In der Malerei hat dagegen das horridum und obsoletum der antiquae
tabulae für den Römer der ausgehenden Republik einen besonderen Reiz. Cie. de
orat. 3,98.
36 Vgl. 58 A. 38.

190
stas, das amoenum und dulce sind die geschätzten Charakteristika vorklassischer
Ausdrucksweise 31.
Daß Cicero eine derartige Betrachtungsweise ganz fremd ist, ist in besonderem
Maße verständlich. Er sieht ja die Entwicklung der lateinischen Beredsamkeit
durch einen steten in ihm selbst gipfelnden Fortschritt gekennzeichnet38.
Die Bedeutung, die Cicero für sich in der römischen Redekunst in Anspruch
nimmt, ist aber auch in anderer Hinsicht für das Verständnis des Brutus wichtig.
Wenn Cicero selbst das Telos der Entwicklung bedeutet, kann die Zukunft allein
den Verfall bringen. Cic.Tusc. 2,5 heißt es auch in aller Deutlichkeit: oratorum . . .
laus ita ducta ab humili venit ad summum, ut iam, quod natura fert in omnibus
fere rebus, senescat brevique tempore ad nihilum Ventura videatur. Im Brutus
findet sich eine so scharfe Äußerung nicht 39 ; vielleicht aus Rücksicht auf Brutus 40 ,
vielleicht weil Cicero sich diese Konsequenz noch nicht in aller Schärfe zum Be-
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wußtsein gebracht hat oder bringen will. Aber das natürlich durch die politischen
Verhältnisse genährte Empfinden, daß die große Zeit der lateinischen Eloquenz
vorüber sei, beseelt ihn doch auch schon in dieser Schrift 41 . Unter dem skizzier-
ten Aspekt erweist sich der Brutus als ein Werk, das mit Ciceros Selbstverständ-
nis eng verbunden ist: Der große Redner ist gedrängt, die einzelnen Stationen
der emporsteigenden römischen Beredsamkeit noch einmal im Geiste zu durch-
wandern, im Gefühl, Gipfel und Ende des Aufstiegs erreicht zu haben 42 .
Ein besonderes Gewicht gewinnt für Cicero seine rednerische Leistung nach dem
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Scheitern seiner Politik 43 . Ein je höherer Rang der römischen Redekunst über-
haupt zukommt, desto mehr Bedeutung hat ihr Meister. Man wird auch in dem
Streben, die nationale römische Beredsamkeit der Vergangenheit besonders zu
würdigen, ein sehr persönliches Element nicht übersehen dürfen.

37 Einiges dazu bei Hache 1 ff.; Marache 138 ff. passim. Bei den Griechen gibt es eine
entsprechende Einstellung schon früher; vgL Dion. Hal op. rhet I 211, 20; oben A.35.
38 Bemerkenswerterweise zeigt auch Gellius sich gelegentlich von dieser Ansicht beein-
flußt VgL besonders die Polemik GelL 10,3,15 f., wo betont wird Catonem conten-
tum eloquentia aetatis suae non fuisse et id iam tum facere voluisse, quod Cicero po-
stea perfecit Dazu GelL 13,25,12.
39 Dabei muß man sich natürlich bewußt sein, daß das Ende des Dialogs nicht erhalten
ist
40 Freilich sind ihm auch die Tusculanen gewidmet, aber von seiner Beredsamkeit wird
in dieser Schrift eben nichts gesagt Demgegenüber wird Brutus in dem nach ihm be-
nannten Dialog recht deutlich als Ciceros Nachfolger im Primat der Beredsamkeit hin-
gestellt Brut 22; 331 f.
41 VgL etwa die resignierten Bemerkungen Brut 6 ff., 20f.; F. Leo, Die griechisch-römi-
sche Biographie, Leipzig 1901, 220.
42 Die äußere Anregung zur Abfassung des Brutus könnte von Vanos De poetis ausgegan-
gen sein. Dahlmann, De poetis 654.
43 VgL seine Äußerungen Brut 253 ff.; Caesar berechnet seine Komplimente sehr fein.
Ferner zu dem Gesichtspunkt K. Büchner, Cicero, Heidelberg 1964, 324 ff.

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Es ist so kein Zufall, daß gerade Cicero es ist, der eine Geschichte der lateini-
schen Redekunst zu geben sucht und dabei auch die Errungenschaften älterer
Redner sieht, die seine Zeitgenossen so gering achten. Dauernder Besitz scheint
diese Sichtweise freilich nicht für ihn geworden zu sein; wo er im Orator von
älterer römischer Beredsamkeit spricht, erkennt er an ihr vornehmlich Mängel
und Unvollkommenheiten44.

44 Mit einer etwas unsicheren Haltung Ciceros zu rechnen, dürfte angemessener sein als
die eine oder andere Äußerung als Hinweis auf seine „eigentliche" Einstellung zu wer-
tea Übrigens ist bei der Aufwertung des Demosthenes und der mit ihr verbundenen
Abwertung der Latini orat. 22 f. zu berücksichtigen, daß Cicero hier Brutus, den er
gewinnen möchte, entgegenkommt. Andererseits ist eine Bemerkung Ciceros wie orat
233 kaum aus einem derartigen Entgegenkommen abzuleiten.
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