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Perpetuum Mobiles Zeitung für

interobödienziellen Austausch
und Kommunikation
Nr. 57•ausgabe „AGORA“ 2013
Dieses Magazin für Srr\ & Brr\ unterliegt der fm\ Deckung
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eckstein@perpetuum-mobile.at

Sind wir bessere Menschen?


von Humanität ist ein edles Wort, nahmepolitik, Ausschlussverfahren,

IN DIESEM HEFT
Br\ so wie auch Menschlichkeit oder Wahlen von Beamten und Delegier-
Marco Brüderlichkeit. Es kommt einem ten oder Instruktion von Lehrlingen,
PM leicht über die Lippen, manchmal Gesellen und Meistern. Diese müs-
um die eigenen Worte zu unter- sen immer wieder kritisch hinterfragt
streichen, manchmal um die Ak- und gegebenenfalls angepasst wer-
tionen anderer zu hinterfragen. den. Hierbei sollten wir transparenter, SEITE
demokratischer, wohlwollender, Kon- TITELBLATT
Im Schröder-Ritual heißt es: sequenz bewusster … als profane HUMAN (Br. Pete, SC) 1
„Wie hier drinnen durch das Wort, Vereine agieren. Logen sollten bei-
so draußen durch die Tat“ um an- spielhaft für profane Strukturen sein! EDITORIAL
zudeuten, dass wir im profanen Sind wir bessere Menschen? 2
Raum, also in der Welt, nach dem Dann wären wir wieder Vorrei-
drinnen Gedachten handeln wollen. ter in der Gesellschaft. Dann könn- BEITRAG
ten wir uns vielleicht wieder über Humanität - eine Einführung 3
Vor vielen Jahren beendete ich, gemeinsame Taten einigen, ich er-
noch jung in der Freimaurerei und in innere dabei an die Rolle der Frei- BEITRAG
jugendlichem Ungestüm, eines mei- maurerei in der Ersten Republik. Humanität in der Philosophie 4
ner ersten Baustücke mit der Forde-
rung: „So wie hier drinnen durch das Uns über Humanität gemein- BEITRAG
Wort, hier drinnen durch die Tat“. sam auseinanderzusetzen, wie es Humanität in anderen Kulturen 10
Meine Brüder fühlten sich damals, anlässlich der AGORA geschieht,
wie man heute sagen würde, wohl in ist ein erster unverzichtbarer BEITRAG
ihrer Komfortzone bedrängt, die Wo- Schritt; gemeinsame Taten für Religion und Humanismus 13
gen der Sympathie flogen mir nicht mehr Menschlichkeit, mehr Huma-
wirklich entgegen und von meiner nität folgen zu lassen, ein anderer. BEITRAG
vorgesehenen Affiliation in die Loge Menschenrechte –
war plötzlich nicht mehr die Rede. Unsere „Feinde“ schlafen nicht! eine E-Mail Diskussion 16
Ich meine damit die Gegner der
Dabei empfand ich meine For- Demokratie, der freien Religions- BEITRAG
derung keineswegs als ungeheu- ausübung, der freien Meinungs- Humanitas hermetica 20
erlich. Ich wollte lediglich, dass die äußerung … Es genügt den Blick
Brüder sich auch nach der Arbeit auf das östliche Nachbarland zu BEITRAG
so benähmen, wie während der richten. Nur noch ein bisschen Bildende Kunst und Humanität 22
Arbeit. Das Bewusstsein über die mehr Krise und wir werden alle
Dynamik in Gruppen war offenbar betroffen sein und möglicherweise KÜNSTE
nicht sehr weit entwickelt. staunen. Wir sollten nicht unvorbe- Flohmarkt - Projekt HUMAN 26
reitet sein! Allein ist jeder von uns
„Wo sollen wir beginnen?“ fragt schwach, gemeinsam könnten wir TERMINE
Bruder Norbert in seinem Beitrag: die Welt wirklich verbessern. CATENA- PM - DEUKALION -
„vor unser eigenen Haustür kehren Perfektionsarbeiten - Impressum 27
oder ... ?“ Oft entscheiden wir uns Die Frage, ob wir wirklich besse-
für das „oder“, für das „Weltverbes- re Menschen sind, wird sich durch TERMINE
sern“ – Warum? Weil es bequemer unsere Fähigkeit zur geistigen Soli- PM - UFL - GOÖ -
ist, weil unsere Taten dann nicht so darität und durch die brauchbaren GLHA - UFOH - LGL 28
leicht überprüfbar sind? Viele Brüder Modelle, die wir entwickelt und
und Schwestern haben inzwischen umgesetzt haben werden, zeigen. PHOTO Credits:
verstanden, dass jeder Einzelne zu- Es könnte zu wenig gewesen sein, wenn nicht gesondert
erst seine Hausaufgaben machen uns „bemüht zu haben“, wie es im angegeben: Br. Pete (SC)
muss, an seinem rauhen Stein arbei- Schlussritual einiger schottischer
ten, bevor er in die Welt tritt. Logen heißt. Möglicherweise wer- KARIKATUREN:
den wir uns sogar noch richtig an- Sr. Barbara (SC)
Aber auch Gruppen haben eigene strengen müssen!
Hausaufgaben zu erledigen. In Logen
gibt es zahlreiche Abläufe und Proze- Ich wünsche uns allen einen
duren wie: Konfliktbewältigung, Auf- solidarischen Frühling!

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Beitr ag

Humanität - eine einführung


Der Begriff „Humanität“ lei- tierischer Humanität zu reden wäre die nicht immer den momentanen von
tet sich vom lateinischen Wort ein Oxymoron, ein Widerspruch in Intuitionen und Empfindungen ge- Br\
„Humanitas“ ab, was nichts an- sich. Allerdings wissen wir aus der horchen, sondern Ergebnisse von Hans
deres heißt als Menschlichkeit. Paläontologie und aus der Anthro- moralischen Überlegungen sind. GM
pologie, dass in der Entwicklung des GLHA
Gemeint ist nach Brockhaus Menschen der Übergang von den Die Wirtschaftswissenschaften
(1969) die (Zit.) „voll entfaltete tierischen Vorfahren zu den mensch- sind über Jahrzehnte vom „homo
edle Menschlichkeit, die in der lichen ein fließender gewesen sein oeconomicus“ ausgegangen, von
Ausbildung des Geistes und sei- muss. Auch Tiere kennen offenbar der Überzeugung also, dass die
ner Herrschaft über die eigenen das Gefühl des Mitleidens, der Em- Menschen bei wirtschaftlichen
Leidenschaften gründet und sich pathie. Die Hege und Pflege des ei- Handlungen hauptsächlich, ja sogar
im Besonderen in Teilnahme und genen oder eng verwandten Nach- ausschließlich den eigenen wirt-
Hilfsbereitschaft für den Mitmen- wuchses ist evolutionär verständlich, schaftlichen Vorteil im Auge haben
schen, in Verständnis und Duld- das finden wir schon im Bereich der – Rationalität und Egoismus pur so-
samkeit für seine Lebensform äu- Insektenstaaten. Schwieriger wird zusagen. So hat man die Entwick-
ßert.“ Soweit das Lexikon. es, wenn sich die Empathie auf nicht lung von Aktienkursen oder andere
verwandte Mitglieder eines Rudels, ökonomische Phänomene erklärt.
Das Prinzip der Humanität zählt einer Gruppe ausdehnt, aber auch
zu den tragenden Säulen der frei- da kann man evolutionstheoretisch Inzwischen weiß man, dass die
maurerischen Ethik. Freiheit und auf Arterhaltung plädieren. Handlungen des Menschen viel
Gleichheit bilden die anderen bei- mehr als früher angenommen von
den. Wie wir im Verlauf der Veran- Aber was soll man mit Berich- Gefühlen und Intuitionen bestimmt
staltung sehen werden, sind diese ten anfangen, wenn man hört, dass werden. Ob diese Gefühle immer
drei Säulen eng miteinander ver- ein Schwarm von Delphinen einen von Humanität geleitet werden,
bunden und voneinander abhän- menschlichen Schwimmer vor dem wage ich zu bezweifeln, jedenfalls
gig. Auch die weiteren Säulen der Angriff eines Haies rettet? Oder aber ist hier Platz für humanitäre
Freimaurerei, etwa Tradition, Ri- wenn man an die Legende von der Überzeugungen und Empfindungen.
tualpflege und Symbolik machen Aufzucht der Gründer Roms, Romu-
nur unter dem Gesichtspunkt der lus und Remus, durch eine Wölfin Was ich hier sagen will und was
gesamten freimaurerischen Ethik denkt? Wo liegt da der evolutionä- die folgenden Vorträge unter den ver-
Sinn, denn ohne ethische Interpre- re Vorteil? Wir werden das wahr- schiedensten Gesichtspunkten auch
tation von Symbolen und Ritualen scheinlich nie vollständig erklären zeigen werden, ist, dass Humanität
wäre Freimaurerei auf Brauch- können. Unsere Konzepte der Evo- eine über Jahrtausende und über die
tumspflege reduziert. lution sind sicher noch ausbaufä- verschiedenen Kulturen reichende
hig. Jedenfalls ist Empathie offen- zutiefst menschliche Eigenschaft ist,
Woher kommt nun die Huma- bar eine natürliche Empfindung. auch wenn sie selten mehrheitsfähig
nität, wo liegen die evolutionä- war. Das zeigt uns die Geschichte
ren Wurzeln der Humanität? Dem Humanität geht aber darüber der Menschheit in ihrer Grausam-
Wortstamm nach und auch laut hinaus. Sie setzt die Überwindung keit zur Genüge. Andererseits ist die
Definition im Lexikon ist Humani- eigener Leidenschaften und Vor- menschliche Geschichte auch voll
tät eine zutiefst und ausschließlich urteile voraus, wie wir im Brock- von altruistischen und humanen Ver-
menschliche Eigenschaft, denn von haus gelesen haben. Humanität haltensweisen, bis hin zur Aufopfe-
verlangt Haltung und Handlungen, rung des eigenen Lebens für andere.

Ich wünsche der Veranstaltung


einen erfolgreichen Verlauf.

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Beitr ag

HUMANITÄT IN DER PHILOSOPHIE


von „Vielfältig das Unheimliche, (im Deutschen wie auch in allen In der zweiten Hälfte des vierten
Sr\ nichts doch über den Menschen Hauptsprachen Europas) zunächst vorchristlichen Jahrhunderts wurde
Johanna hinaus unheimlicher waltet.“ So das Menschlich-Hinfällige, das Ver- bei den Griechen die Idee des Hu-
GLHA übersetzt Heidegger das Chor- zeihliche. Wir sagen „wenn mir et- manen, „anthropinon“ geprägt. Der
lied der Alten aus der „Antigo- was Menschliches begegnet“ und alte Glaube an die Götter war ver-
ne“ von Sophokles. Aber auf meinen vornehmlich damit den Tod. blasst. Tyche, die Göttin des Zufalls
dieses düstere Bild vom Wesen Wir sagen: „Irren ist menschlich“ wie des Glücks, hatte sich erhoben,
des Menschen fällt das Licht der und meinen damit, dass der Mensch deren Spiel zum Schlimmen wie
Bemühung, einem Ideal nahe- im Grunde sehr fehleranfällig ist. zum Guten man sich ausgesetzt
zukommen: der Verwirklichung fühlte. Das Gefühl der Hinfälligkeit
von Humanität. „Menschlich“ meint aber auch des Menschen, der Gebrechlich-
(im Hinblick auf die anderen, mit keit seines Glücks ließ Menander
Das in hellenistischer und dann denen man in einer Art Solidarität (Menandros, 342-290 v. Chr., beim
innerhalb der Neuzeit verschie- der allgemeinen Hinfälligkeit ver- Baden im Piräus ertrunken) sagen:
dentlich formulierte Humanitäts- bunden ist) Toleranz, Verstehen, „Mensch sein: Grund genug, Unheil
ideal gipfelt in zwei Forderungen: verstehendes Verzeihen – und zu leiden.“ Dieser Komödiendichter
auch so etwas wie eine freundliche wurde auf Grund des neuen Men-
1. aus dem Glauben, dass der Wesensart. So heißt es in Goethes schenbildes seiner Schauspiele
Geist das wesentlich Menschliche Faust: „Es ist gar hübsch von einem „Vater der Humanität“ genannt. Die
sei (so schon bei Aristoteles) die großen Herrn / so menschlich mit Melancholie einer entgötterten Zeit
pädagogische Forderung der Geis- dem Teufel selbst zu sprechen.“ führte aber durchaus nicht zu ei-
tesbildung (oft unter Vernachlässi- nem existentialistischen Nihilismus,
gung des Naturwissenschaftlich- Aber neben dem allgemeinen sondern zum Refugium der Huma-
Technischen); Begriff des „Menschlichen“ im Sin- nität: Die erfahrene und erlittene
ne der Gelassenheit und Toleranz Hinfälligkeit kann dadurch gemeis-
2. aus der Annahme, dass die kennen wir die Worte „Mensch“ tert werden, dass man sie in sein
,,Menschheit“ als das den Men- und ,,Menschlichkeit“ in zweiter Bewusstsein aufnimmt: „Du bist ein
schen vom Tier unterscheidende Hinsicht als Leitbild und Zielbe- Mensch, das wisse und bedenke
Geistige alle Menschen umfasst, die griff: die Unantastbarkeit der Men- immer“ (Fr. 944). Es ist der Über-
ethische Aufgabe, das „Allgemein- schenwürde, die Unabdingbarkeit gang von „menschlich-hinfällig“ zu
Menschliche“ in jedem Menschen der Menschenrechte. „menschlich“ – dieser Hinfälligkeit
ohne Rücksicht auf Standes-, Re- gemäß und „menschlich“ – gelas-
ligions-, Volks-, Staats- und Rasse- Der Ursprung und die Wur- sen und tolerant. Im Fr. 484 heißt
zugehörigkeit anzuerkennen. zeln der Humanitätsidee liegen in es: „Wie erfreulich ist der Mensch,
den alten Religionen. Der Gott von wenn er ein Mensch ist.“
So wurde durch das Humani- Delphi, Apollon, hat den Men-
tätsideal die Aufklärung des Ver- schen vorgeschrieben, wie sie zu In seiner ,,Nikomachischen Ethik“
standes, die Toleranz und die po- leben und zu handeln haben. Dies fordert Aristoteles, der Mensch
litische Gleichberechtigung, die ist als umfassende Erziehung zur solle sein Denken nicht auf das nur
Aufhebung der Sklaverei und Leib- Menschlichkeit zu verstehen. Apol- Menschliche und Sterbliche richten
eigenschaft, der Kampf gegen das lon weist den Menschen als den (hierin nicht den Dichtern folgen),
soziale Elend gefördert. Sterblichen immer wieder auf sich weil er im Geist ein Göttliches, Un-
selbst zurück, den Menschen auf sterbliches in sich trage; es sei un-
Die Humanitätsidee, die Idee seine Sterblichkeit. Neben diesem ser eigenstes, wahres Selbst. So
von der Menschlichkeit des Men- berühmten delphischen Spruch sollen wir „alles tun, um unser Le-
schen, ist griechische Gegenwär- „Erkenne dich selbst!“ (nämlich als ben nach dem einzurichten, was in
tigkeit, bedarf jedoch der Klärung Sterblichen) stehen die Sprüche uns das Höchste ist.“
von ihrem Ursprung her (so Wolf- „Das Maß ist das beste“ und „Be-
gang Schadewaldt). Diese Idee scheide dich!“ Der Grausame, Maß- Im zweiten vorchristlichen
enthält viel Dunkles und Rätsel- lose ist kein wahrer Mensch, kein Jahrhundert hat Panaitios (Haupt
haftes: der Begriff des Humanen, „Schön-Guter“ ,,kaloskagathos“; er der Mittleren Stoa) in seinem von
Menschlichen erweist sich als ge- schändet die große tragende Urge- Cicero übersetzten Buch „Anfor-
spalten bis zur Gegensätzlichkeit. walt der Erde. (Schadewaldt) Dieses derungen an den Menschen“ den
„Bedenken des Sterblichen“ präfor- Vorrang und die Würde, die Son-
Im einfachen Sprachgebrauch miert „das Bedenken des Menschli- derstellung des Menschen aus der
bezeichnet das Wort „menschlich“ chen“ des Menandros. menschlichen Natur entwickelt. Er

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will zeigen, dass dem Menschen Jener Panaitios hat darauf hin- Der berühmteste und einfluss-
aus vier Quellen Kraft zufließt, um gewiesen, dass die Beschäftigung reichste Humanist der frühen Neu-
sein Dasein im praktischen Han- mit den Künsten und Wissenschaf- zeit war Erasmus von Rotterdam;
deln menschenwürdig zu gestal- ten zum wahren Menschen gehört. seine ,,philosophia christiana“ rela-
ten. Diese vier Quellen sieht er in Und er erzählt die Legende, wie tivierte die Überbetonung der rhe-
der Einsicht, dem Hochsinn (der Platon, gelandet nach einer See- torischen Kultur. Der Humanismus,
die Tapferkeit einschließt), dem fahrt an unbekannter Küste, sich der Glaube an die Lebensaufga-
sozialen Sinn (der sich im Wohltun nicht durch den Anblick bebauter be des Menschen, sich zur reinen
wie in der Gerechtigkeit beweist) Äcker aller Besorgnis enthoben Menschlichkeit, zur Humanität, zu
und dem naturhaften Gefühl für fühlte, sondern erst, als man im bilden, wandelt im Lauf der Zeit
Maß und Schönheit. Sand auf geometrische Figuren ständig sein Gesicht und spricht in
stieß. Da habe er den Gefährten jedem Raum Europas eine andere
Anlässlich einer Gesandtschaft, zugerufen, sie könnten getrost Sprache.
die Athen nach Rom schickte (147 sein, denn: er sähe die Spuren von
v. Chr.) hatte Panaitios den jungen Menschen. Den bedeutendsten deutschen
Scipio für die Gedanken der Stoa Beitrag hat der Neuhumanismus
gewonnen. Und im Kreise des Sci- Eine charakteristische Ausbil- geliefert. Er hebt sich aus den Bil-
pio kam ein Wort auf, das, wiewohl dung des Humanitätsideals, zu- dungsbemühungen der westeuro-
geistig von der griechischen Phi- rückgehend auf das 4. vorchrist- päischen Nationen dadurch heraus,
losophie angeregt, dennoch eine liche Jahrhundert, findet sich bei dass er nicht im lateinischen Rom
geistige Prägung der Römer zu sein Cicero mit der Forderung der die Heimat der „humanitas“ findet,
scheint: „humanitas“. Es war zu- Geisteskultur im Sinn eines auf sondern mit Iphigenie „das Land
nächst ein Modewort. Die Juristen, gepflegtem Umgang, rhetorischer der Griechen mit der Seele sucht“.
noch Caesar, vermeiden es als zu Gewandtheit und literarischer Bil-
pomphaft. Aber Cicero hat es auf- dung beruhenden Weltbürgertums. Im Zeitalter der Aufklärung
gegriffen, und vor allem durch ihn Cicero knüpft an die griechische war der Begriff Humanismus zu-
ist es berühmt geworden. Der von Paideia an: Humanität ist dem Men- nächst noch ungebräuchlich.
Cicero maßgeblich geprägte Be- schen nicht angeboren; erst durch Überwiegend sprach man in An-
griff „humanitas“ ist erstmals in ei- Erziehung in den Künsten (artes) lehnung an Cicero und die Re-
ner anonymen Schrift um 80 v. Chr. wird die Jugend zur „humanitas“ naissance gleichbedeutend von
„Rhetorica ad Herennium“ belegt. geformt und gebildet („ad huma- Humanität. Schiller und Herder
nitatem informari“) Das Mensch- verstanden unter Humanität die
Dem altrömischen Ideal des liche, das Reden-Können und die Menschlichkeit an sich. „Mensch-
„homo romanus“ stellt er das neue Bildung – diese wichtigen Elemen- heit“ wird zu einer Pathosformel
Ideal des „homo humanus“ gegen- te seiner Humanität hat Cicero der Zeit, in der „alle Menschen
über; an Stelle des Gegenbegriffs direkt aus Isokrates (Zeitgenos- Brüder“ sind. Unter „Menschheit“
„Barbar“ tritt das Wort „inhumanus“. se Platons) übernommen (und an versteht aber das 18. Jahrhundert
(Alte Rangeinteilung der Menschheit: Petrarca weitergegeben). Schon nicht nur die Tatsache des allge-
Hellenen und Barbaren.) „Humani- im 4. Jahrhundert ist der Stolz auf meinen Menschseins sowie die
tas„ ist die Entfaltung und Verfei- das Menschsein mit dem Stolz faktische Einheit des Menschen-
nerung der höchsten sittlichen und auf die „Bildung“ verknüpft. Vom geschlechts, sondern einen Wert
geistigen Anlagen des Menschen. Sokrates-Schüler Aristipp ist der und ein zu realisierendes Ideal.
Die Verwirklichung dieses Ideals Ausspruch überliefert: „Lieber ein
steht grundsätzlich jedem offen. Bettler als ein Ungebildeter – jenem Schon als der Kyniker Diogenes
fehlt Geld, diesem Menschlichkeit.“ auf dem Marktplatz von Athen am
Der Begriff des Humanismus ent- hellen Tage eine Laterne anzünde-
steht zwar erst in der Neuzeit und ist Für die Renaissance galt die te, um, wie er sagte, einen Men-
zunächst nur von den im Gegensatz antike Bildung als unübertreffli- schen zu suchen, spielte er mit
zu den „studia divina“ stehenden ches Vorbild. Die Verherrlichung der Doppelbedeutung des Wortes.
„studia humaniora“ abgeleitet. Den- des Menschen, wie sie sich bei (Ebenso Menander mit seinem frü-
noch wirkt auch hier das Humanitas- den italienischen Humanisten fin- her zitierten Wort: „Etwas wie Er-
Ideal fort und erhält noch einen neu- det, folgt aus der Überzeugung, freuliches ist der Mensch, wenn
en Akzent. (Im Mittelalter bezeichnet dass der Mensch als das Ebenbild er ein Mensch ist.“) „Wir sind im
„humanitas“ nur die menschliche Gottes das Höchste in der ganzen Grunde noch gar keine wahren
Schwäche: Irrtumsmöglichkeit, Ge- Schöpfung sei. (Pico della Miran- Menschen, sondern müssen es im-
schlechtlichkeit / gegenüber Gott). dola: 1486 „De dignitate hominis“) mer noch erst werden.“ (Herder)

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Kant beschrieb die Humanität Angesichts kultureller Pluralität Voll Empörung wendet er sich
als „… den Sinn für das Gute in droht ihre scheinbare Beliebigkeit. gegen den europäischen Kolonia-
Gemeinschaft mit anderen über- Die entscheidende Frage Herders lismus: Europa müsse sich, falls es
haupt; einerseits das allgemeine lautet daher, worin das Zentrum einen ,,Europäischen Gesamtgeist“
Teilnehmungsgefühl, andererseits des menschlichen Daseins be- gebe, des „Verbrechens beleidigter
das Vermögen, sich innigst und steht: „So irren wir auf der Erde Menschheit fast vor allen Völkern
allgemein mitteilen zu können, wel- in einem Labyrinth menschlicher der Erde schämen.“ Herder betont
che Eigenschaften zusammen ver- Phantasien umher: wo aber der nicht nur die Individualität der Kul-
bunden die der Menschheit ange- Mittelpunkt des Labyrinths sei? auf turen, sondern auch ihre Verbun-
messene Geselligkeit ausmachen.“ den alle Irrgänge wie gebrochne denheit: „Wie meine Vernunft den
Strahlen zur Sonne zurückführen, Zusammenhang der Dinge sucht
Vier Stufen hat Kants Programm das ist die Frage.“ und mein Herz sich freuet, wenn
der Menschenbildung: Disziplinie- sie solchen gewahr wird: so hat ihn
rung (Zähmung animalischer Wild- Vielleicht lässt sich Humanität jeder Rechtschaffene gesucht und
heit); Kultivierung (Belehrung und hier als Idee verstehen, zwar nicht ihn im Gesichtspunkt seiner Lage
Unterweisung); Zivilisierung (der definitionsfähig, aber geeignet, nur vielleicht anders als ich gese-
Mensch soll sich in die menschliche vielfältige Phänomene unter einer hen, nur anders als ich bezeichnet.
Gesellschaft einfügen); Moralisie- Hinsicht zu ordnen. Auf diese Viel- Wo er irrte, irrte er für sich und mich,
rung (Entwicklung einer vernunft- schichtigkeit deutet auch Herder indem er mich vor einem ähnlichen
gemäßen Gesinnung). Der Mensch hin (in seinen „Briefen zur Beförde- Fehler warnet. Wo er mich zurecht-
soll lernen, gute Zwecke zu wählen; rung der Humanität“). Unter Huma- weiset, belehrt, erquickt, ermun-
gute Zwecke sind solche, die von nität sei zu verstehen: Menschheit, tert, da ist er mein Bruder; Theil-
jedermann gebilligt werden und Menschlichkeit, Menschenrechte, nehmer an derselben Weltseele,
gleichzeitig jedermanns Zwecke Menschenpflichten, Menschenwür- der Einen Menschenvernunft, der
sein können. „Humanität ist wech- de, Menschenliebe. Weitere Teilas- Einen Menschenwahrheit.“
selseitiges Wohlwollen mit gegen- pekte: Vernunft, Freiheit, Tugend,
seitiger Achtung verbunden.“ (Lose Toleranz, Religion, Bildung, Wahr- Der Gedanke einer universalen
Blätter aus Kants Nachlass) heit, Schönheit. humanitären Gemeinschaft drückt
sich in seiner Idee einer „unsicht-
In einer frühen Zeit hatte sich Trotz ihrer Vielschichtigkeit las- baren Kirche“ aus, unter der er eine
Kant einmal eingebildet, die Wür- sen sich zwei wesentliche Ebenen „Gesellschaft aller denkenden Men-
de des Menschen hinge vom Um- in der Humanitätsidee (Herders) schen in allen Welttheilen“ begreift.
fang seines Wissens ab. Später unterscheiden: (vgl. die Arbeit von (Im 26. Brief gibt Herder in leicht
jedoch bekennt er, nicht mehr so Anne Löchte über Herder). Huma- veränderter Form das 2. Gespräch
verblendet zu sein, die Humanität nität als menschliche Bestimmung, aus Lessings „Ernst und Falk. Ge-
für ein Vorrecht der humanistisch die jedes Individuum und jedes spräche für Freymäurer“ wieder.)
Gebildeten zu halten. „Rousseau Volk seinen kulturellen Bedingun- Mit dieser Vorstellung entwirft
hat mich zurecht gebracht. Dieser gen entsprechend verwirklichen Herder ein Gegenmodell zu den
verblendete Vorzug verschwin- kann. Zum anderen begreift Herder Freimaurerlogen, deren Tätigkeit
det; ich lerne die Menschen eh- unter Humanität die Bestimmung im Geheimen er einer Kritik unter-
ren und würde mich viel unnützer des Menschengeschlechts. Huma- zieht. Er ist zwar von der früheren
finden als die gemeinen Arbeiter, nität bedeutet für Herder die Ver- Notwendigkeit der Geheimgesell-
wenn ich nicht glaubte, dass die- wirklichung des göttlichen Anteils schaften überzeugt, fordert für die
se Betrachtung allen übrigen einen im Menschen. Er ist überzeugt, Gegenwart jedoch freien Gedan-
Wert geben könne, die Rechte der dass in der erzieherischen Tätigkeit kenaustausch. Der Gesellschaft der
Menschheit herzustellen.“ (Kants an seinen Mitmenschen und dem Freimaurer stellt Herder die „Gesell-
Nachlass) Lernen aus der Vergangenheit ein schaft aller denkenden Menschen
wesentliches Mittel zur Humanisie- in allen Weltteilen“ gegenüber.
Angesichts der Mannigfaltigkeit rung liegt und arbeitet unermüdlich
der Sitten, Werte und Gebräuche an dieser Aufgabe. In einem Brief Bei Lessing entspringt der Ge-
in Vergangenheit und Gegenwart an Gleim vom Dezember 1796 sagt danke der freimaurerischen Brü-
kann man sich kaum der Annah- er ironisch: „Ich schreibe, was ich derlichkeit aus der Einsicht in die
me entziehen, dass keine univer- kann und will Euch mit der Huma- Endlichkeit des Menschen. Für
sal verbindlichen Vorstellungen nität so ermüden, dass Ihr aus Noth Herder dagegen steht nicht die
über das Wesen der Humanität human werden müsst, damit ich Einsicht in die Endlichkeit im Mit-
existieren. nur endlich schweige.“ telpunkt seines Nachdenkens über

Seite 6 - Eckstein 57
die Aufgabe des Menschen in der kultureller Maßstäbe und der Aner- noch in die Hoheit ein Herz.“ Die
Welt, sondern seine Souveränität kennung universaler Kriterien einen Aufklärer fordern Toleranz, weil alle
und schöpferische Fähigkeit, sich Ausgleich zu finden. Noch heute prägt Menschen im Grunde gleich sind
selbst in unendlicher Vielfalt her- dieses Spannungsfeld unser Kultur- und die Verschiedenheiten nicht
vorzubringen. (Herder war 1766 in verständnis, wie es sich in der Dis- zählen. Herder und die Romantik
Riga in die Loge „Zum Schwert“ kussion um die weltweite Gültigkeit fordern sie, weil in den Verschie-
aufgenommen worden. Von aktiver der UN-Menschenrechtscharta zeigt. denheiten der Menschen gerade ihr
Tätigkeit im Illuminatenorden, dem Herders Glaube an einen Fortschritt Kostbarstes liegt und weil jeder im
er 1783 beigetreten war, ist nichts der Humanität bleibt vage. Es ist für fremden Sein die andere Schönheit
überliefert. Erfolglos bemühte sich ihn ein ferner Punkt der Menschheits- und Sinnhaftigkeit ehren soll.
in Weimar der Freimaurer Bode um entwicklung; darauf gemeinsam hin-
eine Mitarbeit Herders.) zuarbeiten bleibt die große Aufgabe. Wilhelm von Humboldt (1767-
1835) nimmt das Grundmotiv des
Die Aufgabe des Menschen, In einer seiner letzten freirhyth- Humanismus und das Urmotiv
Humanität zu verwirklichen, ist aber mischen Hymnen „Grenzen der seiner antiken Begründer auf: in
nicht nur seine Selbstbestimmung Menschheit“ bejaht und bekräftigt der Gestalt des Eros (des platoni-
als Individualität, sondern in gleicher Goethe die Grenzen des Mensch- schen Humanismus) jene göttliche
Weise deren Aufhebung und Rück- lichen (hier im Sinn von ,,Mensch- Schwungkraft, welche die Geist-
kehr zur Einheit. (Altes gnostisches heit“), des Menschseins, das un- seele über ihr Erdendasein in ihre
Schema: Einheit – Zerbrechen der bedingt und unverrückbar vom wahre Heimat, das überirdische
Einheit in Vielheit – Rückkehr zur göttlichen Sein verschieden bleibt, Ideenreich, hinauf zieht.
Einheit) Was kann nun der Mensch so sehr es selbst aus ihm lebt.
tun, um diese restitutio in integrum Der deutsche Begriff „Hu-
nicht nur als Gang des Schicksals In Goethes Fragment geblie- manismus“ wurde erstmals von
zu erleiden, sondern in eigener Ver- benem Epos „Die Geheimnisse“ Friedrich Immanuel Niethammer
antwortung zu befördern? (vier Jahre später) wird Humani- (1766-1848) in dem 1808 erschie-
tät als Forderung und Möglichkeit nenen Buch „Der Streit des Phil-
Herders Antwort: der Mensch des Menschen sichtbar gemacht: anthropinismus und Humanismus
soll sich an den Regeln von „Ver- gefeiert im Bruder Humanus, dem in der Theorie des Erziehungs-Un-
nunft und Billigkeit“ orientieren. weisen Führer des Ordens gereifter terrichts unserer Zeit“ verwendet.
Dabei ist „Billigkeit“ nur das Ana- Menschen. Der sittliche Wert die- (Wikipedia)
logon zur Vernunft im Bereich des ser Humanität gründet sich auf die
Ethischen. Dazu tritt der ästheti- Fähigkeit, die bloße Natur in sich Nach dem Renaissance-Hu-
sche Sinn, der dafür sorgt, dass selbst zu bezwingen und damit ein manismus und dem Neuhumanis-
das von Vernunft und Billigkeit Selbst, ein Mensch zu werden: mus wird als dritter Humanismus
„zusammengesetzte Ganze seine der genannt, der den Unterschied
sparsamschönste Form und mit Von der Gewalt, gegenüber jenem zweiten in der
derselben innern Bestand, Güte die alle Wesen bindet, „Weite des Suchens und des Ver-
und Wahrheit gewinnet.“ Befreit der Mensch sich, stehens“ sieht, „das wir Modernen
der sich überwindet. (so Eduard Spranger 1921) aufzu-
Wer es fertig bringt, „sich bringen vermögen.“
über den schleichenden, alltägli- Die Symbolik von Kreuz und
chen Gang der Dinge“ zu erheben, Rosen (in diesem Fragment) und Bedeutendster Repräsentant
schwingt sich gleichsam auf eine der Ordensgedanke verweisen auf ist Werner Jaeger, für den der Hu-
höhere Stufe des Seins der Mensch- den Zusammenhang der Humani- manismus mit der Übernahme der
heit. In einer Vorlesung vor der Wei- tätsidee mit dem Freimaurertum griechischen Kultur im Römischen
marer Freitagsgesellschaft am 4. (so wie in Mozarts „Zauberflöte“). Reich beginnt. Im Christentum sei
November 1791 spricht Herder in der griechische Bildungsgedan-
diesem Zusammenhang von der ei- Goethe und Schiller sahen das ke in eigenständiger Weise fort-
gentlich „menschlichen Unsterblich- Ideal einer Persönlichkeit in der gesetzt worden. Die Struktur des
keit“. Diejenigen, die an ihr teilhaben, Verwirklichung einer harmonischen Wiederaufnehmens sei konstitutiv
gehören zum „Bund der Humanität“. Entfaltung aller Anlagen und Kräf- für jede Erscheinungsform des Hu-
te. Das Wirken der Humanität sieht manismus. Das Griechentum wird
Widersprüche und Spannungen Goethe so: „Seele legt sie auch in mit der Idee gleichgesetzt, den
in Herders Denken sind Folge des den Genuss, noch Geist ins Be- Menschen nach einem bestimmten
Versuchs, zwischen der Relativierung dürfnis, Grazie selbst in die Kraft, Ideal zu formen. Zentraler Begriff

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ist die Paideia: der erzieherische Das Thema der politischen Re- aus dem Hinblick auf eine schon
Gehalt der Antike soll für die Ge- levanz wirft der französische Phä- feststehende Auslegung der Natur,
genwart fruchtbar, der Mensch zu nomenologe Merleau-Ponty auf der Geschichte, der Welt, des Welt-
seiner wahren Form erzogen wer- („Humanisme et Terreur“ 1972). Und grundes, das heißt des Seiendes im
den: dem eigentlichen Mensch- auch bei Camus geht es um die Fra- Ganzen bestimmt wird.“
sein als allgemeingültiges und ver- ge der Humanität der Mittel, die zur
pflichtendes Bild. Erlangung politischer und sozialer Aber auf diese Weise wird der
Ziele eingesetzt werden dürfen. Humanismus dem Bezug des
Seit dem jungen Marx wendet Seins zum Menschenwesen nicht
sich die Tendenz kritisch gegen die Helmuth Plessner (Anfang des gerecht. Nur dann jedoch west der
Voraussetzungen des klassischen 20. Jahrhunderts) kritisierte den Mensch in seinem Wesen, in dem
Humanismus. Gefordert wird, die Humanismus aus der Sicht des His- er vom Sein angesprochen wird.
politisch-soziale Wirklichkeit ein- torismus: „Die Geschichte der eige- „Stehen in der Lichtung des Seins“
zubeziehen. In seiner Dissertation nen und der fremden Kulturen habe wird die Ek-sistenz des Menschen
über die ,,Differenz der demokriti- gezeigt, dass die Selbstauffassung genannt. Nur in dieser Ek-sistenz
schen und epikureischen Naturphi- des Menschen im Sinne einer Idee, wahrt das Wesen des Menschen
losophie“ sieht Marx in der Philo- was der Mensch sein solle, vom die Herkunft seiner Bestimmung.
sophie Epikurs den Humanismus, Menschen selbst geschichtlich und
den er bereit ist zu akzeptieren: ein unter kultuell-kontingenten Annah- Das künftige Denken muss ler-
Streben, uns von Aberglauben und men hervorgebracht worden sei. nen (gegen alle tradierte Metaphy-
Furcht der Götter zu emanzipie- Die Ideen Mensch und Menschlich- sik) zu erfahren und zu sagen, was
ren. Die „opera omnia“ von Marx keit sind von Menschen geschaf- das Sein (weiter als alles Seiende
können erfahren werden als eine fene Konzeptionen, denen das – Tier, Fels, ein Kunstwerk, eine
Odyssee aus der Dunkelheit her- Schicksal alles Geschaffenen be- Maschine) ist: nicht Gott und nicht
aus zu den fernen Küsten der Ge- reitet ist, untergehen … zu können.“ ein Weltgrund. Das Sein kommt im
rechtigkeit und des menschlichen Denken zur Sprache – die Sprache:
Glücks. Dass diese Reise zu Lei- Martin Heidegger antwortete „das vom Sein ereignete und aus
den und Despotismus, zu Unge- mit seinem Brief „Über den Huma- ihm durchfügte Haus des Seins.“
rechtigkeit und Korruption führen nismus“ (ein Jahr nach Ende des
sollte, setzt die Größe des Traums Zweiten Weltkriegs, Herbst 1946) Einer radikalen Kritik unterzieht
nicht außer Kraft. (so G. Steiner) dem französischen Philosophen Michel Foucault (1926-1984) den
Jean Beaufret, der gefragt hatte, tradierten Humanismus; er ver-
Den Kampf um die Identität wie man dem Wort Humanismus urteilt in ihm die dunkle Seite der
des Menschen beschreibt Brecht seine Bedeutung zurückgeben Aufklärung.
eindrücklich in seinem Stück „Herr könne. Heidegger vertrat die Mei-
Puntila und sein Knecht Matti“: nung, dass im klassischen Huma- Humanismus sei nichts Anderes
„Bist du ein Mensch? Vorhin hast nismus in seiner Bestimmung des als eine Säkularisierung idealisti-
du gesagt, du bist ein Chauffeur. Menschen als vernünftiges Subjekt scher Gedanken. Es gebe weder ein
Gelt, jetzt hab ich dich auf einem die eigentliche Würde des Men- Wesen des Menschen noch objekti-
Widerspruch ertappt!“ schen noch nicht erfahren, die Hu- ve und universelle Menschenrechte.
manitas des Menschen nicht hoch Der Humanismus sei ein trügeri-
Sartre (sein Essay „Der Exis- genug angesetzt sei. Humanis- scher Versuch von Selbstrechtferti-
tentialismus ist ein Humanismus“ mus, so Heidegger, ist „Sinnen und gungen, die davon ablenken sollen,
wird in der deutschen Übersetzung Sorgen, dass der Mensch mensch- dass es dem Menschen, wie allen
mit einem Fragezeichen versehen!) lich sei und nicht un-menschlich, Lebewesen, um das bloße Funkti-
sieht im Existentialismus einen Hu- ‚inhuman‘, das heißt, außerhalb onieren ohne irgendwelche höhere
manismus, weil er den Menschen seines Wesens. … Aber woher und Zwecke gehe. Der Humanismus sei
daran erinnert, dass „es außer ihm wie bestimmt sich das Wesen des das am meisten belastende Erbe.
keinen anderen Gesetzgeber gibt Menschen?“ Heidegger zeigt auf, Alle politischen Regime des Ostens
und dass er in seiner Verlassenheit wie es Marx gesehen hat und wie oder des Westens brächten ihre
über sich selber entscheidet“; er es von Christen aufgefasst wurde. schlechte Ware unter der Flagge
verwirklicht sein eigenes humanes des Humanismus durch. „All diese
Wesen, indem er sich selbst auf So verschieden diese Arten des Herzensschreie, alle diese Ansprü-
Ziele hin entwirft und so als das, Humanismus auch sein mögen, „sie che der menschlichen Person, der
was er sein kann, hervorbringt. kommen doch darin überein, dass Existenz sind abstrakt: d.h. abge-
die humanitas des homo humanus schnitten von der wissenschaft-

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lichen und technischen Welt, die al zu Grunde geht, des Helden am das bisher der Mensch noch nicht
nämlich unsere wirkliche Welt ist.“ Abend der Schlacht, welche Nichts kannte, – eines Gottes Glück … ein
entschieden hat und doch ihm Wun- Glück, welches, wie die Sonne am
Welche unterschiedlichen den und den Verlust des Freundes Abend, fortwährend aus seinem
Auffassungen, welcher Abgrund brachte - diese ungeheure Summe unerschöpflichen Reichtume weg-
zwischen dem uneinholbaren An- von Gram aller Art tragen, tragen schenkt und ins Meer schüttet und,
spruch Heideggers und den ver- können … als der Mensch eines wie sie, sich erst dann am reichsten
nichtenden Worten Foucaults über Horizontes von Jahrtausenden vor fühlt, wenn auch der ärmste Fischer
den Humanismus! sich und hinter sich, als der Erbe al- noch mit goldenem Ruder rudert!
ler Vornehmheit alles vergangenen Dieses göttliche Gefühl hieße dann
Aber zum Abschluss soll Nietz- Geistes und der verpflichtete Erbe, – Menschlichkeit!“
sche sprechen: über „Die zu- als der Adeligste aller alten Ed-
künftige Menschlichkeit“ - diese len und zugleich der Erstling eines
dithyrambische, begeisterte und neuen Adels, dessengleichen noch
begeisternde Utopie: „In der Tat … keine Zeit sah und träumte … dies
wer die Geschichte der Menschen müsste doch ein Glück ergeben,
insgesamt als eigene Geschichte zu
fühlen weiß, der empfindet in einer
ungeheuren Verallgemeinerung al-
len jenen Gram des Kranken, der an
die Gesundheit, des Greises, der an
den Jugendtraum denkt, des Lie-
benden, der der Geliebten beraubt
wird, des Märtyrers, dem sein Ide-

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Beitr ag

Humanität in anderen Kulturen


von wird konkretisiert, und zwar durch Humanität ist also ein Grund-
Sr\ Formulierungen wie Menschen- prinzip, aber so unverrückbar ist
Ingrid liebe, Wahrung der Würde des es nicht. Hat Herder und haben
ÖFDH Menschen, Nächstenliebe. Herder
Der Begriff Humanität spielt knüpft daran seinen zentralen Ge-
in der Freimaurerei ein zentrale danken, dass Humanität zum Fort-
Rolle: Jedesmal, wenn wir uns schritt der Geschichte führt; die
versammeln, wird der Bau am unabdingbaren Mittel dazu sieht er
Tempel der Humanität feierlich in der Kunst, in der Wissenschaft,
angesprochen. Ja, es ist sogar in der Bildung, kurz im Einsatz des
so, dass wir uns symbolisch zu menschlichen Geistes. Noch mehr
keinem anderen Zweck versam- folge ich hier dem deutlichen Satz
meln als zum Bau am Tempel der von Immanuel Kant: Der Mensch mit ihm Lessing, Goethe, Schiller,
Humanität. wird durch Erziehung zum Men- Humboldt und etliche andere auch
schen. Humanität ist für ihn „der behauptet, der „Nationalcharakter“
Wir machen eine Zeichnung, wir Sinn für das Gute in der Gemein- der Deutschen befähige sie, über
legen Arbeitskleidung an, wir ma- schaft mit anderen überhaupt: ei- die nationalen Grenzen hinaus vor-
chen uns mit den Regeln der Kunst nerseits das allgemeine Teilnahme- zugeben, was die Grundwerte der
vertraut, wir arbeiten an den rauhen gefühl, andererseits das Vermögen, Humanität seien; sie seien beson-
Steinen, wir behauen und glätten sie, sich innigst und allgemein mitteilen ders befähigt, die Ideale in die Welt
wir setzen sie wohlüberlegt zusam- zu können …“. (Kant, Vorarbeiten hinauszutragen und andere Völker
men und es entsteht ein festgefüg- und Nachträge). Im Humboldtschen ihre Bildungsinhalte zu vermitteln.
tes unverrückbares, unzerstörbares Universitätsideal sollten diese Ge- Goethe spricht „von der Bestim-
Bauwerk, ein Bauwerk für alle Men- danken ihre Umsetzung finden. mung der Deutschen, sich zum
schen, für alle Generationen und - Repräsentanten der sämtlichen
als Ergänzung - ein Bauwerk für alle Es liegt auf der Hand, dass sich Weltbürger zu erheben. Der Welt-
Völker und alle Kulturen, ein weltum- schon mit dieser kurzen Darstellung bürger mache sich die Anliegen al-
spannendes Bauwerk. Wahrlich, ein der philosophischen Basis der Hu- ler Völker zu eigen.“ Es ist schön,
schönes und erbauliches Bild! manität ein weites Feld von harten wenn sich ein Volk eine solche Ver-
Fragen auftut: Welches sind nun die antwortung für andere auferlegt,
Doch ist es so? Bestehen die- Inhalte dieser Humanität? Und wei- aber die Gefahr des Missionierens,
se Gedanken, besteht dieses Tun ter: Ist mit diesen uns so vertrauten des Besserwissens, des Missio-
vor der Realität? Vorweg – diese und unverrückbaren Begriffen des nierungseifers ist eng damit ver-
Frage zu stellen, sie so zu stellen, klassischen Humanismus der deut- bunden. Sind wir berechtigt, der
ist nicht legitim: Unser Ziel ist nicht schen Philosophen nicht der zwei- Welt zu sagen, wo es lang geht und
die Erstellung eines abgeschlos- felhafte Anspruch verbunden, den was Humanität ist? Ich halte das
senen Werkes, es ist die ständige einzig richtigen Begriff und die einzig für nicht unproblematisch, zu leicht
nie endende Arbeit an sich selbst. richtige Vorstellung von Humanität kann daraus eine Geringschätzung
Und so können wir uns mit Fug und zu haben? Zur ersten Frage haben der anderen Kultur und der ande-
Recht die Frage stellen: was ist Hu- meine Vorredner Stellung genom- ren Nation abgeleitet werden. Das
manität und was bedeutet Humani- men. Ich habe daraus den Schluss Monopolisieren des Humanitäts-
tät in anderen Kulturen? gezogen, dass selbst ein hoher An- begriffes ist gefährlich.
spruch an humanitäres Verhalten
Über den Humanitätsbegriff ist zu höchst unterschiedlichen Ergeb- Dennoch, es ist legitim zu fragen:
bereits viel gesagt worden. Ich will nissen führen kann. Was ist human, wie halten es andere Kulturen – und
nur die Eckpunkte in Erinnerung was ist es nicht mehr? Kann die ich sage hier auch bewusst Religio-
rufen: Johann Gottfried Herder hat eine oder die andere Forderung in nen, die die Kultur jeweils stark prä-
den Humanismusbegriff geprägt dem einen gesellschaftlichen oder gen - mit der Humanität? Wir vertre-
und ich kann ihm folgen, weitet er ökonomischen Zusammenhang ten mit Nachdruck den Standpunkt,
doch den Humanismusbegriff des unabdingbar sein, unter anderen es gibt einen Kern an Grundsätzen,
allgemein Menschlichen der Antike Rahmenbedingungen jedoch zu in- von denen nicht abgegangen wer-
und der Renaissance zu einer mehr humanen Ergebnissen führen? Ich den kann, und sei es um den Preis
oder weniger brauchbaren Hand- nehme als Beispiel: Der Schutz der der Überschreitung der Grenzen
lungsanleitung aus: Die Frage des Familie kann zu inhumanem Verhal- der Toleranz – die selbst im Übrigen
antiken Cicero „Was macht einen ten gegenüber anderen Formen des nicht grenzenlos ist.
Menschen zu einem Menschen?“ Zusammenlebens führen.

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Hier bin ich beim Punkt mich Im Bereich der Religionen wird In diesem Sinne möchte ich
zu fragen, was ist Kultur? Es gibt gerne und zu Recht die Ringpara- auch die uns noch gegenwärtige
national und ethnisch geprägte bel von Gotthold Ephraim Lessing Diskussion um „Humanismus und
Kulturen, es gibt religiös geprägte in seinem Drama „Nathan der Wei- Leitkultur“ verstanden wissen. Sie
Kulturen; heute sind aber wesent- se“ zitiert. Wir brauchen uns nicht wird im wesentlichen getragen von
lich andere Merkmale für die De- mit unserem Humanitätsbegriff über dem deutschen Philosophen und
finition einer Kultur viel wichtiger: die anderen Religionen erheben. Es Politiker Julian Nida-Rümelin, der
Wir sprechen von Unternehmens- darf aber mit dem Blick auf die Re- ein gleichnamiges Buch verfasste.
kultur, von der Kultur des Arbeits- alität nicht geleugnet werden, dass Er formuliert in genialer Weise die
lebens, von den spezifischen Kul- es Probleme gibt. Der Nahostkon- tragenden Elemente des Huma-
turen der Bildungssysteme, der flikt dreht sich vordergründig um nismus, wie Wissenschaft, Bildung
Kunst, ja auch von Subkulturen, die Polarität zwischen Islam und Ju- und Kultur, stellt jedoch als Conclu-
von Alternativkulturen innerhalb dentum, im Hintergrund stehen aber sio die Frage, ob durch die Einflusse
eines Kulturkreises. Bemerkens- auch wieder andere Macht- und anderer Kulturen in Deutschland die
wert auch hier, dass der Satz „Im Wirtschaftsinteressen. Selbst in un- gesellschaftspolitische Grundlage
Mittelpunkt steht der Mensch“ oft serem Land wird die Kluft zwischen dieser Werte abnehme und damit
gebraucht und auch missbraucht „unserer“ Kultur und der Kultur und die Leitkultur gefährdet sei. Er sieht
wird. Wer aller beruft sich nicht da- der Religion der Migranten auf unter- als Folge eine Erosion bildungspo-
rauf und rechtfertigt damit höchst schiedliche Vorstellungen von Hu- litischer Werte. Ich halte die Frage-
Unmenschliches? Strafbehörden manität zurückgeführt. Das Harmlo- stellung wohl für legitim, aber auch
rechtfertigen unmenschliche Stra- seste ist noch, wenn behauptet wird, für gefährlich. Erst wenn wir genau
fen mit Menschlichkeit gegenüber dass der Islam eben aus einer Kul- wissen, was denn diese Leitkultur
dem Opfer und der zu schützenden tur kommt, die die Aufklärung nicht wirklich ist und die Gefährdung die-
Gesellschaft; gewaltsame Konflik- kannte. Viel stärker wird es, wenn ser Leitkultur genau analysiert ha-
te werden mit dem Schutz huma- bestimmte religiöse Verhaltenswei- ben, sind wir berechtigt, ein Urteil
nitärer Werte begründet; politische sen oder auch nur äußere Zeichen über den Einfluss anderer Kulturen
Parteien zweifelhaftester Art beru- pauschal auf mangelnde Humani- darauf zu fällen. Wir sind noch weit
fen sich auf „Werte“; diese Beispie- tät zurückgeführt werden. So z.B. entfernt davon, diese unabdingba-
le ließen sich noch fortsetzen. reduziert Alice Schwarzer – sosehr ren Voraussetzungen zu erfüllen.
ich sie schätze - das Kopftuch auf Die Hauptargumente bewegen sich
Ich nehme auch als Beispiel Frauenfeindlichkeit. Selbstverständ- im Nebensächlichen, siehe das
die drei großen monotheistischen lich ist Frauenfeindlichkeit zu be- oben erwähnte Kopftuch.
Religionen Judentum, Christen- kämpfen, einschließlich ihrer Sym-
tum und Islam. Wir wissen, dass bole. Aber ist es legitim, damit auch Ich möchte die Leichtfertigkeit,
im Namen dieser Religionen die in- gleich eine Waffe gegen den Islam mit der wir den Grad der Humanität
humansten Kriege geführt wurden. zu schmieden? Nein und noch ein- anderer Kulturen beurteilen anhand
Die Kreuzzüge und der Dreißigjäh- mal nein. Denn der denkende, ins- einer Tatsache deutlich machen:
rige Krieg sind nur Beispiele, sie besondere der humanitär denkende Wir berufen uns bei der Definition
fanden im Holocaust ihren grau- Mensch muss differenzieren. Nicht unseres Humanitätsbegriffs sehr
samsten Höhepunkt. Wenngleich die andere Kultur an sich ist human gerne auf antike Philosophen. Pro-
der zweifelhafte Rassebegriff als oder inhuman, es sind immer kon- tagoras hat den Satz geprägt „Der
Grundlage genommen wurde, hat krete Handlungen, dokumentierte Mensch ist das Maß aller Dinge“;
doch letztlich formal die Religions- Geisteshaltungen, nachvollziehbare der Mensch hat die Verantwortung
zugehörigkeit den Ausschlag ge- Duldungen oder Unterlassungen. für das Wohl und Wehe der Mensch-
geben. Es liegt auf der Hand, dass Erst wenn eine konkrete Inhumanität heit, er kann sie nicht auf die Götter
auch hier das Streben nach Macht identifiziert ist, ist dagegen aufzutre- schieben. Damit weist Protagoras
entscheidend war und nicht Spi- ten. Pauschale Einordnungen einer dem Menschen als schöpferischem
ritualität oder Religion. Genau so ganzen Kultur, einer Religion oder Wesen die höchste Autorität zu.
wie es bei der Missionierung der noch schlimmer einer Ethnie, einer Plato allerdings relativiert sehr klug
Neuen und der Dritten Welt nicht Bevölkerungsgruppe sind Vorurteile diesen Satz: Das Maß aller Dinge
um das Seelenheil, sondern um und tragen so das Element der Inhu- sei Gott! Erst mit dieser Berufung
das Interesse an wirtschaftlichen manität bereits in sich. auf eine allgemeingültige Instanz
Gütern wie Gold oder um andere kann der Mensch auch seine Gren-
Schätze wie Öl, Zucker und was zen sehen, bescheiden gerecht
auch immer gegangen ist. und der Einsicht fähig werden, sich
durch Verstand von seinen Vorur-

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schiede, gewaltige Unterschiede, das Glück, ein Gesetzeswerk noch
nicht nur in den Inhalten, was denn immer in Geltung zu haben, das
Humanität sei, auch in den Umset- schon im 18. Jahrhundert die Rech-
teilen befreien, nach einer Ethik su- zungskulturen sehen wir verschie- te des Menschen festgeschrieben
chen, kurz: human werden. dene Entwicklungen. Steht bei uns hat, noch nicht auf demokratischer
in unseren rechtsstaatlich gepräg- Grundlage, so doch in sehr fort-
Diese Kette der Philosophen ten Kulturen die Rechtssetzung schrittlicher Weise: „Jeder Mensch
könnte ich von Griechenland bis und die staatliche Garantie der hat angeborene, schon durch die
Rom weiterführen. Aufgegriffen, Menschenrechte im Vordergrund, Vernunft einleuchtende Rech-
kritisch beleuchtet und in unser so ist es in anderen Kulturen mehr te…“. Es war Freiherr von Martini,
heutiges Denken gebracht wurden der tatsächliche Umgang und die ein Freimaurerbruder, der diesen
sie von den Humanisten der Neu- reale Beachtung der humanitären grundlegenden Satz in den Entwurf
zeit im Zeitalter der Renaissance, Grundsätze; der organisatorische dieses Gesetzeswerkes aufgenom-
auf die wir – zu Recht - so stolz sind. und administrative Rahmen ist we- men hat; es war Franz von Zeiller,
Aber hier an dieser Stelle haben wir niger bedeutsam. Auch wir haben ebenfalls ein Freimaurer, der das
uns zu fragen: Wie sind denn diese uns stetig zu fragen, ob nicht noch im Jahr 1811 in Kraft getretene All-
Schriften auf die Denker der Re- der genialste Grundrechtekatalog gemeine Bürgerliche Gesetzbuch
naissance gekommen? Nicht unse- an seiner Umsetzung scheitert. (ABGB) endgültig formulierte. Es
re europäischen Vorfahren, schon gilt noch immer und steht somit für
gar nicht die germanischen, haben Wir sind so stolz – und das mit den Weitblick und den humanitären
diese Schriften tradiert, sie waren Recht – auf die durch Aufklärung Geist seiner Schöpfer. Der maure-
schlicht und einfach intellektuell und Demokratie erkämpften Grund- rische Beitrag zur Humanität auf
nicht in der Lage, deren Wert zu er- und Freiheitsrechte. Die Achtung gesetzgeberischem Gebiet hat sich
fassen und schon gar nicht, sich da- der Gleichheit vor dem Gesetz, des auch im 20. Jahrhundert fortge-
mit auseinanderzusetzen. Sie sind Eigentums, der Meinungsfreiheit, setzt: Der Grundstein zur österrei-
auf uns gekommen durch Gelehrte der Freiheit der Kunst und Wis- chischen Sozialversicherung wurde
eines anderen Kulturkreises: Aris- senschaft war nicht immer selbst- durch die Logenbrüder Ferdinand
toteles wäre uns unbekannt, hätte verständlich. Aber ist der Kampf Hanusch als Sozialminister und Ge-
sich nicht Averroës, Abü i-Walid damit gewonnen? Das waren die werkschafter und seinem Gegen-
Muhammad, im 12. Jahrhundert im gewaltigen Fortschritte des 18. und part Josef Trebitsch als Arbeitge-
damals arabischen Cordoba ein- 19. Jahrhunderts - unsere Gesell- bervertreter gelegt. Auch hier war
gehend mit ihm befasst. Aus dem schaftsordnung verlangt jedoch das Ziel, die Risken von Krankheit,
Arabischen rückübersetzt sind die nach Weiterentwicklung der Men- Alter und Arbeitslosigkeit durch ei-
wesentlichen Werke des Aristoteles schenrechte, der Grund- und Frei- nen solidarischen Beitrag an und
durch Averroës auf uns gekommen. heitsrechte. Nunmehr gilt es die so- durch die Gesellschaft zu mildern.
Oder Avicenna, Abu Ali al Husain zialen Grundrechte zu erkämpfen:
ibn Abdullah ibn Sina aus dem isla- Das Recht auf Arbeit, auf gerech- Diese humanitären Großtaten
misch-persischen Kreis, er hat sich ten Lohn, auf soziale Absicherung. unserer Brüder vergangener Zeiten
mit der Seelenlehre des Aristoteles Auch hier wird der Unterschied der verpflichten uns, in humanitärem
befasst. Seine Schriften sind über Kulturkreise manifest – nicht der Sinn an uns weiter zu arbeiten und
den Umweg der jüdischen Theolo- Unterschied etwa zum islamischen nicht zu fragen, ob wir die Humani-
gie auf uns gekommen. Kulturkreis, sondern der zwischen tät auf immer gepachtet haben!
dem amerikanischen und dem eu-
Betrachtet man diese Zusam- ropäischen. Stehen wir Europäer
menhänge, so hätte man sich für nicht einigermaßen fassungslos vor
die Frage, ob der Islam Humanität der Diskussion über die Einführung
kenne, fast zu schämen. Gleiches einer Krankenversicherung in den
gilt wohl für alle anderen Kulturkrei- USA – einer Institution, die wir mit
se auch. Jede Kultur wird den Ge- einiger Berechtigung zu den sozia-
danken von sich weisen, sie stehe len Grundrechten und damit zu den
nicht auf dem Boden der Humani- Menschenrechten zählen?
tät. Es liegt an uns, und damit mei-
ne ich die Gesamtheit der kritisch Ich möchte schließen mit ei-
denkenden Menschen, zu analysie- nem Rückblick auf maurerische
ren und zu einem fundierten Urteil Verdienste auf dem Gebiet der Hu-
zu kommen. Es gibt natürlich Unter- manität. Wir haben in Österreich

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Beitr ag

Religion und Humanismus


Warum sollen, ja warum müs- mit gefühlsbetonten Vorstellungen, terricht (…) sondern rein aus mir von
sen wir uns mit den Fragen der welche sich mit der Zeit vor unserer selbst, aus Bedürfnis nach einem Br\ Peter
Religion beschäftigen? Geburt und nach unserem Ableben Etwas.“ So können wir die Ideale GLvÖ
beschäftigen, nenne ich „Religion“, des Humanismus nur in der abso-
Der erste Grund liegt draußen, in auf Deutsch „Rückkopplung“. Die luten Gültigkeit der Religion, des
der Welt, in der Profanei, die wir – Inhalte dieses religiösen Glaubens Glaubens festmachen. Alles andere
mittels unserer „Taten“ – verändern, betreffen, nicht grammatikalisch ist relativ, bleibt ein soziologisches
verbessern sollten. Um jedoch et- gemeint, die Vorvergangenheit und Flickwerk und erstarrt zu einer Salz-
was zum Guten zu verändern, be- die Nachzukunft. säule unsicherer Pflichtübungen –
einflussen zu können, sollen wir es eben: in den Konfessionen.
kennen. So auch die soziologischen • Die Konfessionen sind poli-
und politischen Grundelemente un- tisch-ideologisch-theologisch fest- Einerseits will ich die psycho-
serer Zivilisation. Wir wissen, dass gelegte kollektive Aussagen, deren logische Bedeutung der Konfes-
die historischen Bestimmungsgrün- Nichtbefolgung nach Möglichkeit sionen für fromme Menschen kei-
de aller unserer Kulturen und Zivili- sanktioniert wird. neswegs leugnen, andererseits
sationen die monotheistischen, die behaupte ich, dass diese politische
polytheistischen und die Natur-Re- Die Religion ist eine der wichtigs- Willensbildungen und Instrumente
ligionen sind.1 ten Grundlagen des Humanismus. der Macht mit Humanismus herz-
Wer die Menschen und unsere Ge- lich wenig zu tun haben.
Unsere Antworten auf die welt- sellschaft2 kennt, der weiß, dass die
weit zunehmende politische Konfes- Einhaltung der humanistischen Pra- „Gott ist Garantie der Humani-
sionalisierung – wie die orthodoxen xis im Allgemeinen an sozialen Frie- tät“. Dieser Satz stammt nicht von
Christen in Russland, die Evangeli- den und an einen relativen Wohlstand einem Theologen, sondern von Jan
kalen in den USA, die Islamisten in gebunden ist. Ein Blick in die tägliche Ross, einem Redakteur der libera-
Afrika und Asien und die ultra-or- Medienberichterstattung genügt, um len Wochenzeitung „Die Zeit“, aus
thodoxen Juden in Israel – können uns das wahre Gesicht des Elends seinem Buch „Die Verteidigung
nicht in einen zahnlosen Atheismus und der Brutalität in der Welt vor Au- des Menschen. Warum Gott ge-
und Materialismus und in einer gen zu führen. Wo können wir aber braucht wird“3
sinnlosen Religionsverweigerung die Leitsätze des Humanismus ver-
münden. Wenn wir Freimaurer aus ankern? – indem wir die Rückkopp- Auch Ross argumentiert, ohne
unseren „Geschützten Werkstätten“ lung zu den Anfängen einer solidari- es dezidiert auszusprechen, in
hinaustreten wollen, dann müssen schen Gesellschaft suchen. Richtung der Trennung zwischen
wir uns zunächst mit den beiden Religion und Konfession. Wir wis-
Seiten dieses Themenkomplexes – Diese Rückkopplung der huma- sen es aus eigener Erfahrung, dass
mit der Religion und mit den Kon- nistischen Ideale benötigt das Ab- kein „wissenschaftsgläubiger Na-
fessionen – auseinander setzen. solute. Für Platon waren die „Idea- turalismus“ (Ross) in der Lage ist,
le“ das Absolute, doch das, war wir auf alle Fragen des Lebens eine
Als Religionssoziologe und sehen, sind nur „Schattenbilder“ Antwort zu geben.
überzeugter Deist unterscheide ich der Ideale. Diese Bilder sind, wie al-
zwischen „Religion als Glaube“ und les im menschlichen Leben, relativ Im Gegensatz zu Machtstreben
„religiöse Ideologie als Konfession“: und instabil. Das Relative wiederum und Unterdrückungstendenzen
kann nicht für das Absolute herhal- mancher Kirchen und Religions-
• Unter „Glaube“ verstehe ich ten. Genau in diese Richtung argu- gesellschaften ist auch für Ross
eine feste Überzeugung jenseits em- mentiert auch der antiklerikale Reli- „die Religion (…) eine Bastion der
pirischer, nach Belieben wiederhol- gionsphilosoph Ludwig Feuerbach: Humanität, der Empathie.“ Religion
barer Wahrnehmung. Solche Glau- „Die religiöse Richtung entstand in bedeutet auch für Ross „Weite“.
bensinhalte, die sich hauptsächlich mir nicht durch den Religionsun-

1. Unter “Kultur“ verstehen wir die nach Technik veränderten materiellen und Tönnies „schlechten“, für uns instabilen
innen gerichtete Formung der geistigen gesellschaftlichen Gegebenheiten im Gesellschaft und einer „guten“, für uns
Welt. Während die „individuelle Kultur“ Interesse der Menschen, die in einer erziehbaren Gemeinschaft, wie es z.B.
die Summe des sozialen Handelns um- voraus bestimmten Entfernung vom die freimaurerischen Einheiten sind.
fasst, zielt die „kollektive Kultur“ auf die Naturzustand endet.
Gesamtheit typischer Lebensformen 3. Das Buch ist in Hamburg 2012 (Ro-
größerer Gemeinschaften. Die „Zivili- 2. Dabei geht es – nach Tönnies – um wohlt-Verlag) erschienen.
sation“ umfasst die durch Wissen und die Unterscheidung zwischen einer für

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Humanistische Tendenzen, die mauert, da Menschen jeweils das Zugang zu unserem freimaureri-
sich ausschließlich auf Vernunft Absolute benötigen, weil Vernunft schen Ritual; und das auch in der
und Verstand berufen, stehen stets und Verstand immer relativ sind humanistischen Freimaurerei nicht.
auf tönernen Füßen, da eine akti- und von äußeren Einflüssen und Im Kapitel „Von Gott und der Re-
ve Empathie als Voraussetzung Vorkommnissen abhängen. ligion“ der „Alten Pflichten“ wird
jedweder Humanität an einen re- unmissverständlich festgehalten:
lativen Wohlstand der Gesellschaft Freimaurer sind nach unserer „Heute hält man es für ratsam, sie
gebunden ist. So fallen hundert- Auffassung keine Freidenker – und (gemeint: die Freimaurer) nur zu der
tausende und Millionen Menschen das seit Reverend Anderson und Religion zu verpflichten, in der alle
ohne einen festen, eigenen Glau- den „Alten Pflichten“ nicht, die jed- Menschen übereinstimmen, und
ben konfessionellen Führern wil- wede „religiöse Bindungslosigkeit“ jedem seine Überzeugung selbst
lenlos zum Opfer. verbieten. Wer nur die Vernunft, zu belassen.“ Nur so kann die Re-
wie das Freidenker pflegen, zur ligion, als individueller Glaube zum
Auch diese politische Tatsa- allein-und-alles beherrschenden Sittengesetz – auch im Kantschen
che ist sozialpsychologisch unter- „Göttin“ erklärt, der findet nie den Sinne – erhoben werden und ge-

Bibel: http://www.badische-zeitung.de/st-blasien/ende-einer-legende-kein-praesidenten-eid-auf-st-blasier-bibel--23934019.html

Tora: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:2008-09-26_torarolle-jhwh.jpg Bild: Daniel Tibi


Koran: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Abbasid_Koran_folio_from_Egypt.jpg

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nau dieses Sittengesetz bietet die Wie sind die Folgen der bei- Lehren Martin Luthers (1483-1546)
einzige Grundlage des Humanis- den unguten Varianten und unser basiert. Luthers dritte reformato-
mus, den man – wie es Konfessio- Rezept dagegen? Im ersten Fall rische Schrift, die unter dem Titel
nalisten und Atheisten gerne unter- kommt es, wie schon erwähnt, zum „Von der Freiheit eines Christen-
nehmen – nicht relativieren kann. Chaos und unser Rezept dagegen: menschen“ erschien, steht – sym-
Korrektur und Kontrollfunktionen. bolisch gemeint – am Eingang zur
„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt Im zweiten, in einer inhumanen Ge- „christlichen Freimaurerei“.
mit immer neuer und zunehmender sellschaft, müssen wir uns auf die
Bewunderung und Ehrfurcht, je öf- Suche nach dem Absoluten, eben Der eigentliche Hauptteil der
ter und anhaltender sich das Nach- nach dem Glauben machen. Oder Schwedischen Lehrart, die in den
denken damit beschäftigt: der be- etwas pointiert formuliert: individu- „Andreas-Logen“ praktiziert wird,
stirnte Himmel über mir und das elle Religion gegen die kollektiven beruft sich auf den Apostel Andre-
moralische Gesetz in mir (…). Ich Konfessionen. as. Während die rituelle Arbeit der
sehe sie vor mir und verknüpfe sie humanistischen Logen in den ers-
unmittelbar mit dem Bewusstsein Auf den Spuren Kants beweg- ten drei Graden im Salomonischen
meiner Existenz.“ te sich auch der Atomphysiker und Tempel abgehalten wird, arbeiten
Nobelpreisträger Werner Heisen- die Andreaslogen im zweiten Jeru-
So der wohl wichtigste Ideen- berg: „Die Richtigkeit bewährter salemer Tempel, der auf den Rui-
bringer – wenn schon nicht Ver- naturwissenschaftlicher Ergebnis- nen des ersten Tempels aufgebaut
treter - der freimaurerischen Auf- se kann vernünftigerweise nicht wurde. Die Meister in den Andre-
klärung und Humanität, Immanuel vom religiösen Denken in Zweifel aslogen verehren Christus als den
Kant, in seiner „Kritik der prakti- gezogen werden, und umgekehrt eigentlichen „Schlussstein“ des
schen Vernunft“ (1788). Der Pro- dürfen die ethischen Forderungen, Tempels.
fessor für Logik und Metaphysik an die aus dem Kern des religiösen
der Albertus-Universität in Königs- Denkens stammen, nicht durch Das Schwedische System wird
berg wollte mit diesem langen Satz rationale Argumente aus dem seit 1735 ohne Unterbrechung
auch unseren Glauben und unser Bereich der Wissenschaft aufge- praktiziert. Von 1753 bis 1996 ge-
Gewissen bestimmen; was ihm weicht werden.“ (1973). Also auch hörte der jeweilige Großmeister
auch hervorragend gelang. hier: Ethische Forderungen als dem Königshaus an; entweder war
Kern des religiösen Denkens. es der König selber oder ein Prinz
Dieses berühmte Zitat Kants der Royals.
steht heute auf der Gedenktafel am Die humanistische Freimaure-
ehemaligen Königsberger Schloss rei, wie sie auch in der Großloge Wir in der humanistischen Frei-
in der Nähe seines Grabmals, dicht von Österreich gepflogen wird, ge- maurerei können mit gutem Ge-
neben dem Dom in Deutsch und nießt die volle Anerkennung durch wissen und eindeutig die Frage,
Russisch. die Großloge von England; sie ent- ob „die Humanität eine Religion
kleidet jedoch den Begriff „Gott“ braucht?“, mit „Ja!“ beantworten.
Auf unser aller Gegenwart und stülpt darüber die Formulie-
bezogen ergeben sich aus den rung des „Großen/Größten Bau-
Kantschen Erkenntnissen zwei meisters aller Welten“ (GBAW). In
unangenehme soziologische und diesen Logen liegt die Bibel beider
politische Varianten: Testamente - in manchen Bauhüt-
ten mit dem Koran oder mit einer
• Das moralische Gesetz ohne Thora-Rolle ergänzt - als „Buch
den „bestirnten Himmel“ trägt be- der geheiligten Überlieferungen“
reits die Elemente des Chaos in oder auch als „Buch des Geset-
sich. Die weiteren Folgen sind An- zes“ verstanden.
archie, Terror in der Diktatur, Ent-
solidarisierung und Ellbogenge- Neben unserer humanistischen
sellschaft in der Demokratie. Freimaurerei kennen wir auch die
so genannte „christliche Freimau-
• Der „bestirnte Himmel“ ohne rerei“, wie sie in manchen Logen in
das moralische Gesetz mündet Norddeutschland und im gesamten
konsequenterweise im menschen- skandinavischen Raum verpflich-
verachtenden konfessionellen tend ist. Dominierend dabei ist das
Fundamentalismus. Schwedische Ritual, das auf den

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Beitr ag

Menschenrechte - eine E-Mail-diskuss


von Moderator: sen Ansatz sieht – und genau das Stand halten und uns dabei immer
Br\ halte ich für ein Riesenproblem unserer Kernkompetenz, die wir
Norbert Das Thema Menschenrechte in der weltweiten Anerkennung über Jahrhunderte tradiert haben,
und spielt in der Freimaurerei eine gro- und Durchsetzung der Menschen- erinnern: Immer wieder, auch un-
Br\ ße Rolle, das wissen wir alle. In der rechte der Vereinten Nationen ter desaströsesten Umständen am
Herbert Liberalen Großloge von Österreich schlechthin. Genau diese Diskus- „Gebäude der Menschlichkeit“ zu
LGL entspann sich dazu vor kurzem sion wird nämlich nirgends geführt bauen. Und das ist auch der Unter-
eine E-Mail-Diskussion zwischen – zumindest habe ich davon noch schied zu religiös motivierten Men-
den Brüdern Norbert R.T. und Her- nichts bemerkt. schenrechtskonstruktionen, die sich
bert S., die eine Reihe von Aspek- auf religiöse Erleuchtung beziehen.
ten aufzeigt. Sie wurde auch schon Für mich stellen alle religiös Wenn die Quelle der Himmel ist, be-
in den Logen der Liberalen Großlo- motivierten Beziehungen auf die tet man die Vergangenheit an. Wir
ge präsentiert und intensiv disku- Menschenrechte deren Universali- müssen die Menschenrechte immer
tiert. Da sie gut in unser heuriges tät gefährlich in Frage! wieder neu erfinden. Und gerade
Agora-Thema passt, wollen wir diese Tradition würde verschütt ge-
eine stark gekürzte Version davon Ich stimme dir absolut uneinge- hen, wenn wir Menschenrechte/Ver-
hier präsentieren. schränkt zu, dass sich Menschen- fassungen/Rituale etc. durch beson-
rechte, wenn sie universale Gültig- ders „himmlische“ Präambeln heilig
Herbert: keit haben sollen (was ja die UNO sprechen und sie so zu einem un-
zu manifestieren glaubt), eben nicht abänderlichen absoluten Recht ma-
Lieber Norbert, mir scheint auf religiöse Vorstellungen bestimm- chen würden. Aber dazu kann auch
gerade in einer FM-Veranstaltung ter Gruppen beziehen können. ein Universalismus neigen, wenn er
wichtig, dass wir im Zusammen- allzusehr die Vergangenheit anbetet.
hang mit dem Thema Menschen- Norbert:
rechte auch auf die „anderen“, in Herbert:
ihren Kulturkreisen erarbeiteten Um es auf den Punkt zu bringen:
und gültigen Vorstellungen hinwei- Wir Freimaurer pflegen eine Äqui- Lieber Norbert, für mich ist ganz
sen und nicht dem ideologischen distanz zu allen Religionen. War- wichtig zu erkennen, dass keines-
West-Zentrismus verfallen. Herz- um wir das können? Das hat einen wegs allgemein bekannt ist, dass
lich Herbert:. einfachen Grund: Wir haben die „unsere“ UNO-Menschenrechte
Menschenrechte nicht von höchs- zwar dem Sinn nach universell
Norbert: ten Wesen übermittelt bekommen, gemeint und auch so genannt, in
Wirklichkeit leider aber ein zahmer
Lieber Herbert, das sind gerade Tiger sind, wenn es um die Durch-
beim Thema „Menschenrechte“ in- setzung und ihre uneingeschränk-
teressante Fragen. Denn wenn die te Anerkennung (darauf käme es
Menschenrechte universale Gültig- nämlich an!) geht.
keit haben sollen, dann sollen sie
sich eben nicht auf bestimmte reli- Damit da kein Missverständnis
giöse oder ideologische Vorstellun- aufkommt – gerade für die Freimau-
gen beziehen, denn das würde ihre rerei kann es keinen Zweifel geben:
Gültigkeit einschränken. Aber auch Menschenrechte sind auf jeden Fall
der Universalismus hat, gerade weil richtig und wichtig, und aus unserer
er seine historischen Wurzeln im Sicht – ich meine jetzt sowohl die
religiösen Denken hat, da so seine Freimaurerei als auch den westlichen
Tücken. Liebe Grüße Norbert Kulturkreis, sehen wir die in der UNO-
sondern wir haben Menschenrechte Erklärung definierte Form wohl auch
Herbert: schlichtweg erfunden! Und das ist als richtig an. Das größere Problem
auch gut so. Warum? Weil wir uns ist die weltweite Anerkennung und
Wie schon persönlich disku- nicht zurückgelehnt haben und uns vor allem auch ihre Durchsetzung!
tiert, sehe ich es als außerordent- auf Erleuchtung verlassen haben, Damals, am 10. Dezember 1948,
lich wichtig an, dass wir Angehöri- sondern weil wir die Menschenrech- wurde die Allgemeine Erklärung
gen der westlichen Welt, aber wie te sozusagen erarbeitet haben. Aber der Menschenrechte von der UNO-
ich denke, durchaus auch in Asien das ist auch eine große Verantwor- Generalversammlung angenommen
etc. erkennen, dass die arabische tung. Denn wir sollten unsere Erfin- und beschlossen. Die Vereinten Nati-
bzw. islamische Welt einen religiö- dung ja immer auf dem modernsten onen waren damals aber bei weitem

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ssion
nicht die große Organisation, die wir die UN-Generalversammlung. Sie Allerdings werden auch in diesem
heute kennen, und es war eine große wurde mit 48 Stimmen, keiner Ge- Dokument diese Rechte ausdrück-
Zahl von Staaten nicht Mitglied. Sie genstimme und acht Enthaltungen lich der Scharia untergeordnet und
alle wurden zwar spätestens bei ih- angenommen. Damals waren bei weichen in einzelnen Punkten vom
rem Beitritt auch auf die Menschen- weitem nicht alle (oder zumindest Vorbild ab. Treu verbunden Herbert
rechtserklärung verpflichtet, aber fast alle anerkannten) Staaten Mit-
im Laufe der Zeit entwickelten sich glieder der Vereinten Nationen, und Norbert:
Nebenlinien, die aus heutiger Sicht genau dort haftet der Universalität
zu einer gefährlichen Relativierung bis heute ein gewisser Makel an. Lieber Herbert, gut, dass du
geführt haben. Uns ist das gar nicht diese verschiedenen Quellen an-
bewusst! Und genau deshalb sollten Die Menschenrechtserklärun- führst, die sich mit Menschenrech-
wir uns der Diskussion stellen und gen der UNO (und letztlich auch ten beschäftigten. Das gibt mir die
sie vorantreiben, als maurerisches der EU) sind nicht nur im Westen Gelegenheit, diese noch einmal
Gewissen für alle Unterprivilegierten. philosophisch kritisiert worden, sie neu zu ordnen, damit man die Un-
haben etwa auch in islamischen terschiedlichkeit besser sieht. Ich
Historische Wurzeln für die Ent- Ländern eine gewisse Abwehrhal- möchte die Quellen, so wie du sie
wicklung von Menschenrechten tung beflügelt, die schließlich in anführst, thesenhaft unterteilen in
finden sich seit dem 3. Jahrtausend einer Art von Gegenerklärungen religiöse (theistische) Quellen und
vor Christus in unterschiedlicher gipfelte. So hat der Europäische aufgeklärte (deistische-naturalisti-
Ausprägung. Griechen, Römer, Ma- Islamrat, eine gewichtige private sche und humanistische) Quellen.
gna Charta 1215 in England, Rechte Institution mit Sitz in London, am
für Indios unter Karl V. 1525, gehen 19. September 1981 eine speziel- Die religiösen Quellen stellen die
als Marksteine durch, die wesentli- le Menschenrechtserklärung ver- Menschenrechte in die Abhängigkeit
che Entwicklung findet sich ab dem abschiedet, wobei die Scharia in oder unter die Kuratel eines (persön-
18. Jh. zunächst bei diversen auf- jedem Fall über die Allgemeinen lichen) Gottes, sie sind in diesem Sin-
klärerischen Philosophen wie Hob- Menschenrechte gestellt wird. ne nicht frei, das heißt ihre Universali-
bes, Locke, Rousseau und Kant. tät ist eingeschränkt. Sie gelten nach
Das ist aber noch nicht alles: Die dem Motto: Insofern die Menschen-
Auf politischer Seite spielen Organisation der Islamischen Kon- rechte nicht durch andere Gesetze
dann Freimaurer eine große Rol- ferenz, ein Zusammenschluss von eingeschränkt werden, die uns mehr
le: vor allem bei der amerikani- 57 arabischen Staaten, hat 1990 in bedeuten, gelten sie. Das heißt, so-
schen Unabhängigkeitserklärung Kairo eine zwischenstaatliche – völ- wohl christliche als auch islamische
und rund um die Französische kerrechtlich allerdings nicht bin- Varianten der Menschenrechte ha-
Revolution. dende – Menschenrechtserklärung ben von vornherein einen sehr einge-
beschlossen. Sie basiert zwar auf schränkten Geltungsbereich.
1789 wurde die Allgemeine Er- der Allgemeinen Erklärung der Men-
klärung der Menschen- und Bür- schenrechte von 1948 und den ent- In der Aufklärung ist man einen
gerrechte von der französischen sprechenden Konventionen der UNO. Schritt weiter gegangen. Die Men-
Nationalversammlung angenom-
men, 1791 kam dort eine Erklärung
über die Rechte der Frau und Bür-
gerin hinzu.

1926 war die Großloge von


Wien die Gründerin der bis heute
aktiven österreichischen Liga für
Menschenrechte, wobei übrigens
die UFL (die Universelle Freimau-
rerliga) eine entscheidende Rolle
spielte.

Das wichtigste Eckdatum der


neueren Zeit aber ist der schon er-
wähnte 10. Dezember 1948: Die Ver-
abschiedung der Allgemeinen Er-
klärung der Menschenrechte durch

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schenrechte werden universell in Wir müssen an ihnen weiterar- Andererseits sollte man wohl
der Weise, dass sie aus einer all- beiten! Müssen uns überlegen, was auch nicht alles, was man selbst
gemeinen und prinzipiell allen Men- wir noch als Menschenrechte - und gerne hätte, jedermann mehr oder
schen zugänglichen Quelle schöp- auch Pflichten haben wollen... weniger unter dem Begriff, es sei
fen, der Vernunft. Sie sind in diesem ein Menschenrecht, unterjubeln -
Sinne keine Offenbarungen, die nur Das heißt: Uns darf das Men- ich könnte da auch in skurrile Fan-
einigen (den Gläubigen), zugänglich schenrecht nicht heilig sein in dem tasien abgleiten…
Sinn, dass wir das Niedergeschrie-
bene anbeten wie eine Reliquie. Norbert:
Weil dann verkommt es zu einem
Fetzen Papier, an das sich niemand Wir müssen dieses Spannungs-
mehr hält… Brüderlich Norbert verhältnis aushalten, mein lieber
Bruder! Es ist natürlich klar, dass es
Herbert: verrückte und noch verrücktere Ide-
en geben kann, die wir als Grund-
Deine Analyse ist überzeugend recht der Menschen beschließen
und als Grundlage für unser frei- können (wollen). Aber genau um
maurerisches Denken und Handeln das geht es: die vielen Ideen und
absolut zielführend. Auch deinen Vorstellungen von dem, was zu ei-
Schluss finde ich voll zutreffend. nem guten Leben zählen soll, müs-
Ich würde lediglich das Wort „hei- sen in einem Forum, an dem wir alle
sind. Die Vernunft wird in der Auf- lig“ daraus streichen, weil es gar so teilnehmen können, eingebracht
klärung allerdings noch im Himmel religiös besetzt ist. und mit Argumenten untermauert
verankert, das „höchste Wesen“ werden dürfen. Ob sie dann ange-
ist aber mehr oder weniger nichts Das große Aber kommt jedoch nommen werden oder nicht, wird
anderes mehr als ein Endpunkt, auf dort, wo und wie wir diese Über- von den eingebrachten Argumenten
den die Vernunft in logischer Weise zeugung anderen Menschen so abhängig sein. Ich bin der Meinung,
hinweisen soll. Weil man die Welt klar machen können, dass sie uns dass wir den nächsten Generatio-
und die Natur durch und durch von gedanklich und im Leben folgen nen nicht vorschreiben können, was
Vernunft durchwaltet ansieht, ist wollen/können/dürfen. sie für gut und richtig halten sollen.
das Menschenrecht nun sozusa- Möglicherweise kennen wir Proble-
gen ein Naturrecht. Ich glaube jedoch außerdem, matiken noch gar nicht, die in Zu-
dass man den Begriff „Menschen- kunft auftreten werden und die wir
In humanistischen Varianten rechte“ auch überstrapazieren als unbedingt notwendig geregelt
(UNO-Deklaration der Menschen- kann, etwa wenn man jeden indivi- wissen wollen. Deshalb dürfen wir
rechte) geht man nicht mehr von duellen Wunsch auf die allgemeine den Inhalt nicht unverrückbar - wenn
einer außerweltlichen Quelle der Ebene hebt und von der eigenen er- dir das lieber ist als heilig - machen.
Menschenrechte aus. Der Vorteil träumten Lebenssituation ausgeht.
der humanistischen Variante: Ihre Was wir als Freimaurer - das
Begründung ist wesentlich selbst- Einerseits die Überfrachtung mit wäre eine These - aber weitergeben
bewusster als die religiös inspi- mehr oder weniger unbeschränkten könnten, um Menschenrechte als
rierten. Bei der UNO-Deklaration Erweiterungen des Wirkungskreises anerkennenswerte Grundlagen des
haben sich Menschen zusammen- (provokant gesagt: Kinderrechte, Zusammenlebens zu machen, wäre
gefunden, (unsere Brüder), die die Frauenrechte, Asylantenrechte, Tier- die Kenntnis darüber, wie man wirk-
Menschenrechte unter dem Ein- rechte als Menschenrechte, Streik- lich demokratische Strukturen auf-
druck der Unmenschlichkeit des rechte, Demonstrationsrechte usw. baut und erhält, und diese Struktu-
2. Weltkrieges beschlossen haben. usw.). Bitte nicht missverstehen: Ich ren müssen so sein, dass in ihnen die
Sie hatten zur Genüge gesehen, unterschreibe alle diese Erweite- „Produktion neuer Grundwerte“ so
was sie als unmenschlich bewerte- rungen selbstverständlich voll und geschieht, dass kein systematischer
ten. Und diese verkehrte, negative ganz, solange sie auf den allgemei- Strukturfehler auftritt, sodass „Grup-
Quelle war für die Erstellung der nen Menschenrechten basieren. pe B“ immer den Kürzeren zieht.
Menschenrechte genug. Aber Frauenrechte im Islam z.B. lei-
ten sich wieder aus der Scharia her, Das ist ein radikal demokrati-
Aber ich glaube, das letzte Wort und eine islamische Erklärung der scher Ansatz, den wir in der Frei-
in Sachen Menschenrechte ist Frauenrechte sieht ganz anders aus maurerei eigentlich schon immer
noch nicht gesprochen. als im aufgeklärten Leben. praktizieren: In unserem Rahmen

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können wir so ziemlich alles dis- irgendwelche Imame, sondern sol- Planeten angesprochen, die zwar
kutieren und dadurch auch Neues che auf weltlicher Basis. nicht zu den Menschenrechten, aber
weiterentwickeln. Wir können Tra- sehr wohl zu den Menschenpflichten
ditionen in Frage stellen, sie aber Die Allgemeine Erklärung der gehören sollte! Beides ist für mich
auch wieder rechtfertigen, wir kön- Menschenrechte ist zwar weder untrennbar miteinander verwoben,
nen sie sogar ablehnen und Neues juristisch bindend für die Staaten, und genau diese Verantwortung
„gebären“. „Heilig“, so könnte ich noch gibt es eine über den Staaten wahrzunehmen haben wir als Meis-
das jetzt präzisieren, ist in der Frei- stehende Gewalt, die die Einhal- ter auch zugesichert. Wenn wir es
maurerei dabei nie der Inhalt ge- tung der Menschenrechte durch- noch nicht getan haben, dann fan-
wesen, sondern der Prozess, das setzen könnte, trotzdem hat sie gen wir jetzt damit an! Trvb - Herbert
Tun. Wenn der Rahmen „passt“
(„die Loge vollkommen und ge- Norbert:
recht ist“), dann ist schon einmal
die größte Hürde genommen. Ja, packen wir es an! Es gäbe ja
noch viel zu sagen, aber ich glau-
Aber wie können wir das in der be, das ginge jetzt zu weit. Nur
profanen Welt umsetzen?? eine kleine Differenzierung möchte
ich noch einführen: Die Frage, wo
Herbert: beginnen wir?

Ja, ja und nochmals ja. Aller- Sollen wir zuerst vor unserer
dings bin ich in der Einschätzung eigenen Haustüre kehren und so-
der realen Umsetzung vielleicht zusagen unsere Demokratie auf-
ein wenig skeptischer als du mir polieren und einfordern, dass auch
scheinst. die EU eine echt demokratische
Veranstaltung wird? Oder sollten
Auch den Ansatz, dass sich die wir beispielsweise liberalen Kräf-
Ausformulierung der Menschen- politisch und moralisch ein sehr ten in Ägypten helfen, sich mit ih-
rechte und gewisse Details von ih- großes Gewicht. rer Ansicht von Demokratie, Ge-
nen ändern bzw. der Zeit anzupas- sellschaft und Menschenrechten
sen haben, unterstütze ich voll und Auf europäischer Ebene wurde durchzusetzen?
ganz. Man denke nur an die von mit der Europäischen Menschen-
unserer gemeinsamen Mutterlo- rechtskonvention auch der Europä- Schwierige Fragen, auf die es
ge 1974 formulierten sogenannten ische Gerichtshof für Menschen- oft keine richtigen Antworten gibt.
Neuen Pflichten. Wir müssen dar- rechte in Straßburg geschaffen. Ich freue mich jedenfalls auf die
an arbeiten, dass die Welt nicht nur Diskussion mit unseren Geschwis-
anders – das wird sie ganz einfach Für den amerikanischen Dop- tern. Trvb - Norbert
automatisch - sondern möglichst pelkontinent erfüllt der Interame-
eine bessere wird. rikanische Menschenrechtsge-
richtshof (Inter-American Court of
Deshalb sehe ich auch die in- Human Rights/Corte Interameri-
ternationalen Bemühungen um cana de Derechos Humanos) eine
eine verbesserte Durchsetzbarkeit ähnliche Funktion.
von Menschenrechten, kombiniert
mit der Akzeptierung unserer Men- Auf dem afrikanischen Konti-
schenpflichten, als unendlich wich- nent gibt es seit 1981 die Afrikani-
tig an – auch wenn Institutionen sche Charta der Menschenrechte
noch lange keine gelebte Praxis und der Rechte der Völker.
ersetzen können.
Wenn man sich die Welt global
Immerhin gibt es mittlerweile ansieht, fehlen durchaus noch we-
völkerrechtlich (zumindest offizi- sentliche Teile. Dort sollten wir mit
ell) anerkannte Organisationen mit Grundlagenarbeit ansetzen.
einer gewissen Autorität – und da
meine ich jetzt keineswegs religi- Und dabei haben wir noch nicht
ös begründete wie den Papst oder einmal die Verantwortung für den

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Beitr ag

Humanitas hermetica
von In der hermetischen Maure- rerischer Schriftsteller die „streng Das Stadium der coagulatio hat
Br\ Leon rei – früher im Kreise „aufgeklär- esoterische“ Richtung. Er sah in noch eine weitere Bezeichnung: fi-
UFOH ter“ Freimaurer oft und gern als den Transmutationsprozessen2 der xatio. Das reine Salz fixiert Mercu-
Obskurantismus verrufen – ist Alchemie3 , symbolisch betrach- rius zu Sulfur, Schwefel. Schwefel
es meist die Einsamkeit, die ihre tet, eine Analogie zum Tempelbau. ist chemisch hochaktiv und reprä-
Adepten eint. Mehr als nur einmal Beide versinnbildlichten ihm das sentiert die Entzündung des inne-
habe ich von Suchenden oder „Große Werk“ am Menschen. In der ren Feuers, der Begeisterungsfä-
jungen Maurern meines Ordens modernen Maurerei sah er eine Fort- higkeit des Menschen.
sinngemäß gehört: „Zehntausend entwicklung der alten hermetischen
Nächte allein mit mir und meinen Philosophie. Die Dunkle Kammer z. Wohlgemerkt: Wir sind an dieser
philosophischen Gedanken sind ge- B. setzte er dem philosophischen Stelle immer noch im Lehrlingsgrad!
nug. Viele dieser Gedanken wage ich Ei der Alchemisten gleich, dessen
mit niemandem in meinem Freun- Inschrift V.I.T.R.I.O.L.4 er für rein her- Im zweiten Grad setzt sich der
deskreis zu teilen. Ich sehne mich metisch hielt – ebenso wie die vier Transmutationsprozess durch wei-
danach, Anschluss an Menschen zu Elementarprüfungen des Schotti- tere Stufen fort und findet schließ-
finden, die Ähnliches denken, Ähnli- schen Ritus, z. B. die Feuerprobe, lich in der Mittleren Kammer des
ches erleben, Ähnliches empfinden. die er mit dem alchemistischen Pro- Meistergrades seine Vollendung:
Ich möchte ernst genommen wer- zess der calcinatio verglich. Der rauhe Stein ist zum Roten Lö-
den. Ich weiß, dass meine Innenwelt wen geworden, dessen bloße Be-
mit dem Mainstream nicht kompati- Der Suchende selbst würde, rührung Blei zu Gold verwandelt5.
bel ist. Trotzdem möchte ich meine nachdem er die ihm zugedachten
Überlegungen äußern – und erleben Prüfungen bestanden hat, zum lapis Wollen wir das nicht alle: den in
dürfen, dass man mir zuhört, ohne philosophorum, zum Stein der Wei- bleiernem Halbschlaf vor sich hin
sofort über mich herzufallen. Egal, sen. Um diesen zu gewinnen, be- dämmernden profanen Menschen
ob meine Ideen jetzt zu avantgar- nötigt man nach der Vorstellung der „dort draußen“ – und den in uns
distisch oder zu altmodisch oder zu Alchemisten ein vollkommen reines selbst! – durch unser bloßes So-
arrogant oder zu versponnen sind Salz, das die Eigenschaft hat, Queck- Sein dermaßen tief zu berühren,
für diese Welt.“ silber zu koagulieren, also zu binden. dass er unversehens von innen he-
Quecksilber ist Mercurius. Mercurius raus zu strahlen beginnt wie schie-
Oswald Wirth1, Mitglied der Loge stellt die irrenden, flirrenden, verwir- res Gold?
„Travail et Vrais Amis Fidèles“ der renden Einwirkungen aus der äuße-
Grande Loge de France, Mitglied des ren Welt dar, über deren Einfluss sich Es ist die Essenz des
Obersten Rates des A. u. A. Schot- der Eingeweihte an dieser Stelle des Menschseins.
tischen Ritus, vertrat als freimau- Transmutationsprozesses erhebt.

1. Joseph Paul Oswald Wirth (1860– – dieses Stadium des Prozesses wird bemerkenswert, dass sowohl die Al-
1943), in: „Le Symbolisme hermétique auch „chymische Hochzeit“ genannt; 7. chemisten als auch die Freimaurer
dans ses rapports avec l‘Alchimie et extractio, Auszug, die Darstellung der seit Jahrhunderten ihr Wirken als „die
la Franc-Maçonnerie“, Paris 1910; sie- Tinktur; 8. digestio, „Zerteilung“, die königliche Kunst“ bezeichnen – offen-
he http://freimaurer-wiki.de/index.php/ Trennung des Groben vom Subtilen; 9. sichtlich ohne darüber jemals in urhe-
Hermetische_Freimaurerei ceratio, „Wachsung“, Darstellung eines berrechtliche Konflikte geraten zu sein?
wachsartigen Zwischenzustands; 10. (Unvermeidliche Anmerkung des Verf.)
2. Die zwölf Stufen der alchemistischen fermentatio, Gärung; 11. multiplicatio,
Transmutation, zit. nach Reinhard Fe- Vervielfachung – das Ergebnis dieses 4. Akrostychon für „Visita Interiora Ter-
dermann (1923–1976) in: „Die königliche Prozesses ist ein rotes, schweres Pul- rae Rectificando Invenies Occultum La-
Kunst: Eine Geschichte der Alchemie“, ver, das die Alchemisten den Roten Lö- pidem“ (Suche das Innere der Erde auf;
Wien 1964: 1. calcinatio, „Verkalkung“, wen nennen; 12. projectio, „Hinwerfen“, indem du dich selbst veredelst, wirst
Verglühen oder Oxidation; 2. putrefac- Bestreuen eines unedlen Metalls, etwa du den verborgenen Stein finden) – ein
tio (mortificatio), „Fäulung“, Absterben Blei, mit dem Roten Löwen, um es in Mantra, das der Kandidat zur Aufnahme
bzw. Verwesung der unedlen Anteile; 3. Gold zu verwandeln in den 1° in vielen Freimaurerlogen bis
sublimatio, „Erhöhung“, Verfeinerung heute in der Dunklen Kammer vorfindet
oder Verflüchtigung; 4. solutio, „Auflö- 3. Ähnlich der Freimaurerei, hat auch
sung“, Lösung oder Schmelzung; 5. di- die Alchemie einen operativen (Ver- 5. siehe Jean-Baptiste Marie Ragon
stillatio, „Zertriefung“, die Abscheidung wandlung von Metallen) und einen (1721–1862), „De la maçonnerie occulte
des Festen vom Flüssigen; 6. coagu- symbolischen Aspekt (Veredlung der et de l‘initiation hermétique“, Paris 1926
latio, Gerinnung oder fixatio, Bindung menschlichen Seele). – Ist es nicht

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Es spricht zu uns davon, dass Vor einem Jahr sprach ich hier Jedenfalls scheint sie tatsäch-
mein Menschsein eng an dein über „Hermetik und Öffentlichkeit“ lich ein einsames Geschäft zu sein,
Menschsein gebunden, ja untrenn- und versuchte nachzuweisen, dass die hermetische Maurerei. Kann
bar mit ihm verbunden ist. Ich bin diese Begriffe, im freimaurerischen denn nun aber ein zurückgezoge-
ein Mensch, weil ich … angehöre. Sinne gebraucht, in nur schein- ner Adept der Hermetik, kann ein
barem Widerspruch zueinander Alchemist, kann ein Eremit auch
Es erzählt uns von Ganzheitlich- stehen. – Wie verhält es sich nun ein Humanist sein?
keit und Mitgefühl. Jemand, der es aber mit hermetischer Humanität,
hat, ist einladend, gastlich, warm- hermetischer Humanitas, hermeti- Ich denke, ja. Auch der ein-
herzig, großzügig und bereit zu tei- schem Humanismus? Mit der „hu- samste Wolf horcht ab und zu in
len. Solche Menschen sind offen manitas hermetica“? die Stille und die Dunkelheit. Er
und hilfsbereit. Sie sind auch bereit, horcht nach Resonanz.
ihre verletzliche Seite zu zeigen. Sie Wenn wir den Archetyp des Her-
bestärken andere in ihrem Sein und metikers zu denken versuchen, as- Die Freimaurerei hat ein großes
haben keine Angst vor guten, fä- soziieren wir zumeist Bilder wie den Herz und einen breiten Rücken.
higen Mitmenschen. Sie verfügen sich selbst genügenden Goldma- Und sie hat jahrhundertelange,
nämlich über ein gesundes Selbst- cher, der zu später Stunde im tie- möglicherweise vielleicht sogar
bewusstsein, dessen Quelle im Wis- fen Gewölbe seines Laboratoriums jahrtausendelange Übung darin,
sen liegt: in ihrem Wissen darum, und im Schein des heiligen Feuers Gegensätze zusammenzuführen
dass sie einem größeren Ganzen am Athanor Wache hält. Auch die und Verstreutes zu vereinigen.
angehören. Sie wissen, dass es sie Tarotkarte des Eremiten mag uns
selbst schmälert, wenn andere ge- in den Sinn kommen: Allein und auf Für mich ist die Freimaurerei –
demütigt, unterdrückt oder würde- sich gestellt sucht er seinen Weg die hermetische Maurerei, so wie
los behandelt werden. Seine Qualität durch die Nacht im Schein der Ker- ich sie verstehe, liebe und lebe –
macht den Menschen widerstands- ze in einer schmalen Laterne. reine Alchemie im oben beschrie-
fähig und setzt ihn in die Lage, zu benen Sinne. In erster Linie ist sie
überleben und aus allen Bestrebun- Kai to phós en te skotía phaínei, aber jedenfalls Psychohygiene.
gen, ihn zu entmenschlichen, immer kai he skotía avtó ou katélaben8.
wieder als Mensch hervorzugehen6. Und die Finsternisse vermögen es Denn „der Mensch wird zum
Soweit Erzbischof Desmond Tutu7. nicht zu ersticken, dieses Licht- Menschen erst durch andere
lein – wie zaghaft und flackernd es Menschen“.
Es – das ist Ubuntu. auch scheinen mag.
Umuntu ngumuntu ngabantu.
Ubuntu ist gleichsam das af-
rikanische Gegenstück zu jener
Vorstellung, die die europäische
Philosophie „Humanitas“ nennt.
Ich hole diese Bezeichnung nicht
ohne Grund von so weit her: Sie
scheint mir weit klarer umrissen als
der mit den Jahrhunderten etwas
schwammig gewordene Begriff
„Humanitas“ – siehe Desmond Tu-
tus oben zitierte geniale Definition.

Umuntu ngumuntu ngabantu,


pflegen die Zulu zu sagen; „der
Mensch wird zum Menschen erst
durch andere Menschen“.

6. http://www.crossroad.to/Quotes/ kanischer Erzbischof; Friedensnobel- die Finsternisse haben es nicht erfasst.“


spirituality/solidarity/ubuntu.htm (freie preisträger 1984 für sein Engagement (Joh 1,5); diese Bibelstelle liegt in den
Übersetzung durch den Verfasser) gegen die Apartheid meisten „regulären“ Logen bei Arbeiten
im 1° auf
7. Desmond Mpilo Tutu, geb. 1931 in 8. Griechischer Urtext des Zitats „Und
Klerksdorp, Südafrika; früherer angli- das Licht scheinet in der Finsternis, und

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Beitr ag

Bildende Kunst und Humanität


von „Alles, was von Menschen der menschlichen Wertevorstellun- Der Begriff „Bildende Kunst“
Br\ Peter getan und erdacht wird, gilt der gen, als auch in deren Ablehnung. wiederum ist erst rund zwei hun-
und Befriedigung gefühlter Bedürf- Kunstwerke, die von Profanen, dert Jahre alt und bürgerte sich im
Sr\ Birgit nisse sowie der Stillung von aber auch von Menschen mit frei- deutschen Sprachraum als Sam-
GOÖ Schmerzen.“1 maurerischem Hintergrund ge- melbegriff für die visuell gestal-
schaffen wurden und werden. teten Künste ein.3 Anders als im
Dieses Zitat von Albert Einstein französischen (Beaux-Arts), im ita-
prangt als Themensatz im Bereich In dieser Skizze möchten wir lienischen (le belle arti) oder dem
„LEID“ in der im März 2013 be- sowohl einzelne Arbeiten exempla- englischen (fine arts) unterschei-
gonnenen Ausstellung der Krem- risch hervorheben, als auch unse- det sich Bildende Kunst im Deut-
ser Kunsthalle über den Köpfen re eigene künstlerische Beschäf- schen von darstellender Kunst,
der Besucher. Diese Ausstellung tigung mit dem Begriff HUMAN Musik und Literatur – natürlich mit
beschäftigt sich mit den großen beleuchten. Überschneidungen.
Gefühlen des Menschseins und
spannt dabei den Bogen von der Und: Hat die Freimaurerei di- Baukunst, Bildhauerei, Malerei
Antike bis zur Gegenwart. rekten Einfluss auf das jeweilige bis hin zu Grafik und Zeichnung
künstlerische Schaffen oder nicht? sind frühere Begriffe. Bildhauerei
Schock, Melancholie, Liebe, In Gesprächen mit künstlerisch wird in dieser Form an manchen
Trauer, Sehnsucht, Leid, Zorn, Ein- wirkenden Geschwistern haben wir heutigen Kunstuniversitäten nicht
samkeit, Erregung sind dabei die auch versucht, darauf Antworten mehr unterrichtet. Digitale Kunst,
einzelnen Positionen, die im Span- zu finden. Transarts, Medienkunst, Born digi-
nungsbogen alter und neuer Arbei- tal ersetzen teilweise diese älteren
ten, arrivierter und unbekannter Den Begriff Humanismus ver- Zuordungen bzw. erweitern die Pa-
Kunst beleuchtet werden. stehen wir dabei als eine allgemein lette von Bildender Kunst.
verbreitete Weltanschauung. Zu-
Diese Ausstellung zeigt aus- rückgreifend auf die abendländi- Baukunst und Bildhauerei: Ge-
führlich, dass auch die bildenden sche Philosophie der Antike um- rade diesen klassischen Kategori-
Künstlerinnen und Künstler nicht fasst dieser Begriff die Würde und en zugehörig ist eines der großen
an der Problematik „Mensch“ gewisse Werte als Prinzipien des freimaurerischen und humanisti-
vorbei können, Einzelteile der menschlichen Zusammenlebens.2 schen Kunstwerke des 19. Jahr-
menschlichen Existenz künstle- hunderts. Gemeint ist die Freiheits-
risch bearbeiten und damit ein Konkret gilt es das Glück des statue von New York; einerseits
größeres und besseres Ganzes einzelnen Menschen und der Ge- weil dieses monumentale Werk als
unserer Spezies von der Gesell- sellschaft, die Würde und Persön- ein klar erkennbares Symbol für
schaft einfordern. Wie auch in allen lichkeit zu respektieren, die Bil- Freiheit und Unabhängigkeit gilt;
anderen Kunstrichtungen agieren dung und Weiterentwicklung des entworfen und konstruiert von Brü-
sie dabei als nervöse, neurotische, Einzelnen zu sichern, die schöp- dern. Andererseits auch, weil es
unstete Fieberkurven unserer Ge- ferischen Kräfte des Menschen zu erst durch gemeinsame finanzielle
meinschaft; meist ihrer Zeit voraus, entfalten und unser aller Freiheit zu Anstrengungen vieler Menschen,
in jedem Fall als sichtbare Indika- gewährleisten. Begriffe wie Güte, darunter vieler Brüder, zustande
toren menschlicher/gesellschaftli- Freundlichkeit und Mitgefühl für kam.
cher/globaler Veränderungen. Schwächere sind Aufforderung zur
praktischen Umsetzung von Huma- Bruder Alfred M. recherchier-
Wir beide meinen, in einem nismus, also Humanität. In dieser te für die Schweizer Freimaurer-
überwiegenden Teil der Arbeiten Linie stehend sehen wir beispiels- Rundschau von Mai 2004 und er-
der bildenden Kunst Humanismus weise die Arbeiten von Francisco zählt in seinem Aufsatz:4
und seine praktische Umsetzung, de Goya, seine Gemälde über die
Humanität zu erkennen – in direkter Arbeiterschicht oder die Grafiken …Die von einem Strahlendia-
und indirekter Form. In Akzeptanz zu den Schrecken des Krieges. dem gekrönte Freiheitsgöttin steht

1. Zitat in der Ausstellung: GROSSE GE- 2013), http://de.wikipedia.org/wiki/ 4. Quelle: http://www.freimaurerei.ch/d/


FÜHLE, Von der Antike bis zur Gegen- Humanismus alpina/artikel/artikel-2004-5-01.php
wart in der Kunsthalle Krems (Stand: 9. (Stand: 26.2.2013)
März 2013) 3. Quelle: Wikipedia (Stand: 9.März
2013), http://de.wikipedia.org/wiki/
2. Quelle: Wikipedia (Stand: 9. März Bildende_Kunst

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Bruder Adolf Frohner beispiels- künstlerischen Weg gehen – mög-
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Freiheitsstatue_NY_Mai_2009_PD_001.JPG

weise stand in seinem Lebens dem licherweise auf eine andere Art als
Menschen kritisch und manchmal Männer – „das mit Sicherheit“.
scheu gegenüber. In seinen Ge-
mälden und Grafiken thematisierte Schwester Andrea Maria D. ist
er den Menschen und speziell das fest davon überzeugt, dass die Frei-
weibliche Geschlecht paraphrasie- maurerei das künstlerische Den-
rend. Er stülpte diesen Wesen sei- ken beeinflusst. Ihr künstlerisches
ne Gedanken über – auch verstö- Oeuvre umspannt Film, Schriftstel-
rende! Dadurch aber wirken diese lerei, Zeichnung. So ist beispiels-
Arbeiten auf uns erklärend und weise ihre Kolumne „Fragen Sie
fordern Verständnis und Güte ein. Frau Andrea“ ein humanistisches
Die wenigsten wissen, dass Bruder Bildungsangebot in Kunstform
Adolf sich in den 1960er Jahren und ihre Bildserie „Das Unendliche
gemeinsam mit Hermann Nitsch Panorama“ Gesellschaften reflek-
und Otto Mühl als Aktionskünstler tierend. Schwester Andrea meint:
drei Tage einmauerte. Heute hat „Die Freimaurerei ist allumfassend
das Ganze Kultstatus, damals wa- und selbst eine Kunst. Jede frei-
ren diese Aktionen künstlerische maurerische Künstlerin ist deswe-
Schreie gegen Missstände, um für gen in der Freimaurerei zu Hause.“
auf den zerbrochenen Ketten der eine bessere Zeit zu kämpfen.
Sklaverei. Die sieben Strahlen der Xenia Hausner bezieht das
Krone versinnbildlichen die sie- Ganz anders wirkt der Impe- Kunstschaffen deutlich auf den
ben Meere und die sieben Konti- tus von Bruder Herwig Z. in sei- Menschen, indem sie sagt: Kunst
nente. In der erhobenen rechten nem Schaffen als Maler, Zeichner hat mit Natur überhaupt nichts
Hand hält sie eine bei Dunkelheit und Kunstlehrer. Den Menschen zu tun. Bilder sind Ausdruck des
erleuchtete Fackel und in der lin- zugetan, versucht Bruder Herwig Denkens!5
ken eine Inschrifttafel mit dem dem Tod das „Leben“ so schwer
Datum der amerikanischen Unab- wie möglich zu machen. Teils hu- Bruder Erich L. wiederum sieht
hängigkeitserklärung: July 4. 1776. moristisch, andererseits bitter- seine fotografische Arbeit und sein
Schöpfer der Figur ist der franzö- ernst thematisiert er Leben, Ster- freimaurerisches Leben nicht of-
sische Bildhauer Frédéric Auguste ben, Leiden. So gelingt es ihm, in fensichtlich zusammenhängend.
Bartholdi. Die Trägerkonstruktion seinen Paraphrasen, Verständnis Sein Leben wurde durch den Bund
aus Stahl hat Gustave Eiffel, der zu Krankheit oder menschlichem beeinflusst, die profane Arbeit ist
spätere Erbauer des Eiffelturms, Fehlverhalten einzufordern. Über aber ein anderer Bereich. Sprach-
konstruiert.… Jahrzehnte lehrte er an der Aka- liche Kommunikation in Kunstform
demie der Bildenden Künste und ist seiner Meinung besser geeignet
Amerika und Frankreich muss- versuchte seinen Schülerinnen Humanismus zu transportieren.
ten dabei mit allen Kräften zu- und Schülern die Verknüpfung von Gleichzeitig verweist er auf Nicht-
sammenarbeiten, um die enormen künstlerischem Ausdruck und Hu- freimaurer, die in ihren Bildern die
Summen für Planung und Bau die- manismus zu ermöglichen. Seiner Humanität deutlich in den Vorder-
ser Skulptur zu ermöglichen. Ansicht nach sollte Humanität mit grund gehoben haben: Kokoschka,
den jeweiligen Ausdrucksmitteln Fuchs und viele andere.
Verschiedene Künstlerinnen transportiert werden, die der ein-
und Künstler unserer Zeit, die auch zelne Mensch besitzt. Diese Sicht- HUMAN als Begriff steht bei
Schwestern und Brüder sind, se- weise ist auch in seinen, gemein- uns seit einigen Jahren im Zentrum
hen einen Zusammenhang zwi- sam mit Walter Stach konzipierten unserer künstlerischen Arbeit.6
schen der Zugehörigkeit zum Lehrbüchern für Bildende Kunst Beinahe stur nehmen wir dieses
Bund und der jeweiligen eigenen sichtbar. Wort immer wieder auf, um es in
künstlerische Ausdrucksform un- symbolischer Weise mit den Men-
terschiedlich. Dabei reicht der Bo- Lange war die Freimaurerei
gen von Geschwistern, die dem nur Männern vorbehalten, womit 5. Erinnerungsnotiz von Herwig Z. nach
Menschen an sich kritisch gegen- ein Vorteil zur reflexiven künstleri- einem Gespräch mit der Künstlerin.
überstehen/standen, bis hin zum schen Entfaltung verbunden war.
erklärten Menschenfreund. Heute scheint es uns normal, dass 6. siehe dazu: http://www.das-wort-
Frauen ihren freimaurerischen und human.at

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schen in Kontakt zu bringen. Meist 2011 baten wir knapp 200 „M“ verschwindet dabei im Teich
im Weinviertel, in der Grenzregion Schülerinnen und Schüler vor den im Weinviertel und taucht in jenem
Land um Laa. Fotoapparat. In Einzelportraits in Südmähren wieder auf: „Es ist
zeigen Kinder und Jugendliche je eine Verbindung mit Tiefgang im
Wir halten dieses Wort für ein einen Buchstaben von HUMAN in wahrsten Sinn des Wortes“.
modernes Tabu. Begriffe wie Hu- der Kindergeheimsprache in die
manität sind in aller Munde, bis hin Kamera. Zu 16-Bogenplakaten „HUMAN“ symbolisiert das
zur Seitenblickegesellschaft, aber zusammengesetzt, wurden diese menschliche Wesen in Buchsta-
berühren und verändern sie uns in verschiedenen Gemeinden im ben. Es steht aber auch für die
entscheidend? Weinviertel aufgestellt. Eine Aus- Menschen der Region, die sich
wahl von fünf Jugendlichen (Kin- selbst von widrigen Bedingungen
2009 schrieben wir das Wort der von Geschwistern) wurden als in einer Brandungszone nicht da-
HUMAN ca. 100 Meter groß in zwei Lesezeichen und Banner publiziert von abhalten lassen, zusammen-
nebeneinander liegende Gersten- und bei der CLIPSAS-Konferenz zuarbeiten. „Die gedankliche un-
felder. Im abgemähten Feld blieb 2012 in Casablanca vorgestellt. terirdische Verbindung zwischen
die Frucht sichtbar in Schriftform den Gemeinden ist bereits gefes-
stehen. Für 2013 ist nun eine größere tigt“, ist unsere Stimmung, „die
skulpturale Arbeit in Vorbereitung. Größe der Buchstaben zeigt nun
2010 bemalten wir fünf Lager- Dabei werden große Aluminium- auf Dauer, dass die Menschen erst
haustürme mit je einem Buchstaben buchstaben am Ufer eines Teiches zusammen etwas Größeres wie
dieses Wortes. In 40 Metern Höhe in NÖ und eines in Tschechien eine Gemeinschaft erschaffen und
wurden mit Schlämmkreide über- montiert. Mit fünf jeweils drei Me- erhalten.“
große Lettern aufgetragen. Als Sym- ter großen Buchstaben des Wortes
bol weithin sichtbar, jedoch Wind „Human“ illustriert unsere Skulptur Unser Bruder Manfred W. wird
und Regen extrem ausgesetzt. Krei- die Gemeinschaft zweier Gemein- an den Eröffnungstagen am 25.
de ist wie Humanität ephemer. den in NÖ und in Tschechien. Das Mai in Niederösterreich und am

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1. Juni in Tschechien philosophi- Licht“ in Hannover zu lesen ist he- in ihrer Fortentwicklung dienen.
sche Gedanken beitragen. rausgreifen und diese mit unseren Mit ihr im Verbund wird in freier
Gedanken erweitern: Form auch die Freimaurerei immer
Fazit: Mit künstlerisch aktiven bestehen.“
Geschwistern führten wir ausführ- „Die freimaurerische Geistes-
liche Gespräche; Kunstwerke und haltung ist eine der Vollkommen- Unserer Meinung nach ist da-
Ausstellungen dokumentieren wir heit zustrebende progressiv rekur- mit auch der künstlerische Aus-
seit vielen Jahren. Und nicht zu- sive Denkweise, die von stetiger druck und dessen Unsterblichkeit
letzt durch unsere eigene Herange- Selbstkritik begleitet ist. Wie der verbunden. In der größten Not
hensweise an das Thema HUMAN Geschichtsverlauf von den Ur- wurde Theater gespielt, gezeich-
sind wir zum Schluss gekommen: sprüngen unserer Kultur bis zum net, geformt und erfunden. Und in
Bildende Kunst ist untrennbar mit heutigen Tage zeigt, erzeugt die den allermeisten Fällen ging und
Humanismus verbunden und sehr beschriebene Denkweise auf eine geht es bei diesen künstlerischen
oft humanitär wirksam. Die Kunst- in sich natürliche Weise immer Auseinandersetzungen um die Be-
werke wirken über die Schaffens- erneut geistige Eliten, welche die wältigung Mensch zu sein, mit allen
zeit des einzelnen Menschen hi- Entwicklung der Menschheit vor- seinen Facetten.
naus. Freimaurer sind sich deren antreiben. Da diese Denkweise in
Notwendigkeit und Wirkung anders sich existent ist, kann kein Feuer,
bewusst als Profane; der Wunsch kein Schwert, kein Krieg und kei-
nach Wirkung und Ausdruck ist ne Naturkatastrophe sie ausrotten.
aber allen gemeinsam. Aus dieser Betrachtungsweise wird
der Wahrheitsgehalt der Aussage, 7. Quelle: http://www.freimaurer-hanno-
Wir möchten dabei einige Zeilen ‚die Freimaurerei war immer‘, sicht- ver-zal.de/index.php?option=com_co
eines Aufsatzes7 über die König- bar. Eine solche Geisteshaltung ntent&view=article&id=50&Itemid=57
liche Kunst , welcher im Internet- wird auch in Zukunft unbesiegbar (Stand: 10.März 2013)
portal der Loge „Zum aufgehenden bleiben und ewig der Menschheit

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kunst

flohmarkt
Wir wollen Gutes tun - Wohltätigkeit ist zwar ein etwas altmodischer Be-
griff, aber „in Zeiten wie diesen“ oft not-wendig.

Samstag, 15. Juni 2013, Wir wollen uns zu diesem Zweck von manch Liebgewordenem oder An-
ab 12 Uhr gesammeltem trennen, und veranstalten daher einen Flohmarkt: mit
in der Alserstraße (GOÖ) Kleidungs- und Schmuckstücken, Bildern, Figuren, Schachteln, Karten,
Antiquitäten, Krimskrams und ...
Loge Sapientia Cordis
Der Erlös kommt zur Gänze einem von der Loge Sapientia Cordis ausge-
wählten sozialen Projekt zugute.

Ihr findet die Dinge und uns bis ca. 19 Uhr in der Alserstraße, auch für das
leibliche Wohl wird gesorgt sein.

Kommt (zahlreich) und helft uns helfen!!

Projekt HUman
Mit fünf je drei Meter großen Buchstaben des Wortes „HUMAN“ illustriert
die Skulptur von Birgit und Peter Kainz die Gemeinschaft von Loosdorf
in NÖ und Rudice in Tschechien. Das M verschwindet dabei im Teich im
Grenzunterschreitung
Weinviertel und taucht in jenem in Südmähren wieder auf: „Es ist eine Ver-
bindung mit Tiefgang im wahrsten Sinn des Wortes“, erklärt Birgit Kainz.
Samstag, 25. Mai 2013, 14 Uhr
in 2133 Loosdorf, „HUMAN“ symbolisiert das menschliche Wesen in Buchstaben. Es steht
Bezirk Mistelbach aber auch für die Menschen der Region, die sich selbst von widrigen Be-
dingungen in einer Brandungszone nicht davon abhalten lassen, zusam-
Samstag, 1. Juni 2013, 14 Uhr menzuarbeiten. „Die gedankliche unterirdische Verbindung zwischen den
in Rudice/Blansko (CZ) Gemeinden ist bereits gefestigt“, sagt Peter Kainz, „die Größe der Buch-
staben zeigt nun auf Dauer, dass die Menschen erst zusammen etwas
Projektleitung & Veranstaltung Größeres wie eine Gemeinschaft schaffen und erhalten.“ .Genau diese
MA Peter & Birgit Kainz wird auch bei der Präsentation der Objektteile gepflegt: Die Skulptur wird
an zwei Wochenenden mit einer Uraufführung der Komposition HUMAN
www.das-wort-human.at von Daniel Muck mit der Blasmusikkapelle Staatz und der Volkstanzgrup-
www.viertelfestival-noe.at/human pe Rudice sowie philosophischen Gedanken von Manfred Wagner an bei-
den Orten vorgestellt.

Die neue Cantina – Osteria Friulana


hat eröffnet.

Ein Treffpunkt für Schwestern und Brüder


aller Logen, aller Obödienzen

Br\ Anton Mimra


Bartensteingasse 3, 1010 Wien
+43 1 890 64 96
osteria@cantinafriulana.at
www.cantinafriulana.at

Öffnungszeiten:
Mo – Fr 14.00 – 23.00
Anzeige

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Termine

catena festival Lehrlingssem


in Kirnberg an
inar 1
der Mank
von Freitag, 2
4. Mai
bis Sonntag,
26. Mai 2013

CATENA Festival 2013 in Tábor - 30. Mai bis 2. Juni 2013

Tábor in der Tschechischen Repu- Unterkunft: Hotel Dvořák****


blik, liegt südlich von Prag und ist Tábor: (pro Person & Nacht)
etwa 230 km von Wien entfernt. EZ: 74 €, DZ: 48 €

Donnerstag: Ankunft Festivalbeitrag: Seminartermine 2013


Freitag: (mit Besuchen & Verköstigung)
Seminar, Workshop ... ab 14 Uhr – Sa: 100 €, Sa & So: 140 €, 24.-26.05.2013: LL- Seminar 1
City Tour – Housa Mühle Fr-So: 200 €
Samstag: 27.-29.09.2013: LL-Seminar 2
Johannisfest (10 Uhr) - Galadiner Auskunft:
Sonntag: Abfahrt office@gl-humanitas.com 08.-10.11.2013: GG-Seminar 1

perfektionsarbeiten

Loge “Deukalion” Das Großkollegium des A. & A. Die Perfektionsloge und das
Or\ Rapperswil Schottischen Ritus von Öster- Kapitel “Eleusis” geben fol-
reich gibt folgende Termine sei- gende Termine bekannt:
ner Ateliers bekannt:
Montag, 29.04.2013, 18 Uhr:
R.A.2° Beförderung Sonntag, 14. April 2013 Sonntag, 14. April 2013
Sonntag, 26. Mai 2013 Sonntag, 12. Mai 2013
Freitag, 21.06.2013, 18 Uhr Sonntag, 30. Juni 2013 Sonntag, 09. Juni 2013
R.A.1° Sommerjohannis
für weitere Informationen: weitere Informationen unter:
für weitere Informationen: rosedor@chello.at oder eckstein@perpetuum-mobile.at
jloeffelmann@gmx.ch gksra@chello.at

Impressum:
Organ des Vereins Perpetuum Mobile, Zeitschrift für Mitglieder
Herausgeber/Vertrieb: Verein Perpetuum Mobile
Für den Inhalt verantwortlich: Dr. Renate Hoffmann-Dorninger, A-1180 Wien
Die Beiträge der Autoren stellen ihre eigene Meinung dar und müssen nicht mit der Meinung des Herausgebers oder der Redaktion übereinstim-
men. Die Autoren der Beiträge wurden darüber informiert, dass ihre Artikel auch einem Personenkreis bekannt werden können, der nicht zu den
Mitgliedern des Vereines zählt.
Beiträge bitte elektronisch an: eckstein@perpetuum-mobile.at - bei Überlastung des Postfachs bitte an: eckstein@chello.at
Chefredaktion: Dr. Marco Hoffmann - elektronische Post: eckstein@perpetuum-mobile.at
PM dankt allen, die an der Erstellung dieser Ausgabe beteiligt waren, sowie allen edlen Spendern.
Bankverbindung: Perpetuum Mobile - BAWAG KtNr: 04710 660 064 BLZ 14000
BIC: BAWAATWW IBAN: AT64 1400 0047 1066 0064
Redaktionsschluss für Nr. 58 ist der 15. Juni 2013 Preis pro Nummer: 5€ - Jahresabonnement: 20 €

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frühling - Termine 2013
Perpetuum mobile Anmeldung bei: office@perpetuum-mobile.at
(Einladung mit Details folgt jeweils)

Sa 27.04.2013 R.A. 2° GOÖ 18.00 Uhr


So 14.07.2013 R.A. 1° GOÖ 18.00 Uhr
So 25.08.2013 R.A. 1° GOÖ 18.00 Uhr

universelle freimaurer liga - ufl Anfragen: info.ufl@chello.at

Mo 15.04.2013 Dionysos 19.30 Uhr


Mo 17.06.2013 Dionysos 19.30 Uhr

Grossorient von Österreich Anfragen: office@freimaurer.at


www.freimaurer.at

Sa 13.04.2013 Erhebung 3° Loge Drei Spiegel Wien 16.00 Uhr


Sa 20.04.2013 Beförderung 2° Loge Königliche Kunst Wien 18.00 Uhr
Di 30.04.2013 Erhebung 3° Loge Königliche Kunst Wien 19.30 Uhr
Mi 01.05.2013 Stiftungsfest 1° Loge Phoibos Apollon Wien 16.00 Uhr
Sa 04.05.2013 Rezeption 1° Loge Drei Spiegel Wien 16.00 Uhr
Fr 10.05.2013 Erhebung 3° Loge Orpheus Sophia Sofia 18.30 Uhr
Di 04.06.2013 Elevation 3° Loge Confluences Wien 19.30 Uhr
Di 18.06.2013 Initiation 1° Loge Confluences Wien 19.30 Uhr
Sa 22.06.2013 Erhebung 3° Loge Sapientia Cordis Wien 18.00 Uhr
Fr 28.06.2013 Sommerjohannis 1° G.O. Österreich Wien 19.00 Uhr
Di 02.07.2013 Augmentation 2° Loge Confluences Wien 19.30 Uhr
Do 04.07.2013 Erhebung 3° Loge Drei Spiegel Wien 20.00 Uhr

GROSSLOGE HUMANITAS AUSTRIA Anfragen: office@gl-humanitas.com


www.gl-humanitas.com

Sa 22.06.2013 Sommerjohannis 1° G.L. Humanitas Rosenau 17.00 Uh

Universaler Freimaurer Orden Hermetica Anfragen: loge@freimaurer-hermetica.at


www.freimaurer-hermetica.at

Mi 17.04.2013 Initiation 1° Loge FF UFOH 20.00 Uhr


Mi 15.05.2013 Initiation 1° Loge FF UFOH 20.00 Uhr

LiBerale GrossLOGE von Österreich Anfragen: office@liberale-grossloge.at


www.liberale-grossloge.at

Mi 17.04.2013 Rezeption 1° Logen GE Hofburg 19.30. Uhr


Mi 08.05.2013 Rezeption 1° Loge UFML Hofburg 20.00 Uhr
Mi 12.06.2013 Erhebung 3° Loge GE Hofburg 19.30 Uhr
Mi 26.06.2013 Sommerjohannis 1° LGL/GE Hofburg 19.30 Uhr

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