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Terry Rotter

und die fragwürdige Kammer der


schieren Schrecklichkeit

Gewidmet all jenen, denen noch niemals etwas gewidmet wurde. Ob sie
wollen, oder nicht.

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Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Die Musterung................................................................................ 3
Kapitel 2: Der Plan........................................................................................ 12
Kapitel 3: Das Schloss................................................................................... 19
Kapitel 4: Vor dem Tor.................................................................................. 28
Kapitel 5: Die Lärche.................................................................................... 36
Kapitel 6: Timidus Lotleak............................................................................ 43
Kapitel 7: Unheimliche Stimmen.................................................................. 52
Kapitel 8: Die üblichen Verdächtigen........................................................... 58
Kapitel 9: Die Rückkehr des dunklen Lords..................................................64
Kapitel 10: Der Duellierclub und das goldene Vlies..................................... 72
Kapitel 11: Der Trunk der Subversion.......................................................... 79
Kapitel 12: Ein Besuch bei alten Feinden..................................................... 85
Kapitel 13: Das total mysteriöse Tagebuch.................................................. 92
Kapitel 14: Ein Opfer zu viel......................................................................... 98
Kapitel 14.5: Kornwallace Pfusch............................................................... 105
Kapitel 15: Aragorn..................................................................................... 111
Kapitel 16: Die fragwürdige Kammer der schieren Schrecklichkeit.......... 118
Kapitel 17: Der Erbe Sifferins..................................................................... 125
Kapitel 18: Bernard's Belohnung................................................................ 137

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Kapitel 1: Die Musterung

Jemand musste Terry R. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses ge-
tan hätte, wurde er eines Morgens eingezogen.
Es hatte alles, wie so vieles im Leben, mit einem Eiswagen angefangen. Aber
nicht mit irgendeinem Eiswagen. Nein, es war der Eiswagen von Martin
Engelbert gewesen, ein leidenschaftlicher Eisverkäufer. Wenn mir in meiner
Kindheit ein ähnlich engagierter Eisverkäufer Eis verkauft hätte, dann wäre
sicherlich vieles anders verlaufen in meinem Leben. Angefangen damit, dass
mir ein wirklich talentierter Eisverkäufer Eis verkauft hätte und nicht irgend
so ein daher gelaufener Kerl, der gar nicht wusste, was es hieß, Eis zu ver-
kaufen, ja der sich gar nicht über seine gewaltige gesellschaftliche Bedeutung
im Klaren war. Doch Martin war anders. Er fuhr im Sommer wöchentlich sei-
ne Runden. Immer schon erwarteten ihn die Kinder gespannt, weil sie in ihm
einen freundlichen Onkel sahen, der stets die richtige Eissorte für alle Lebens-
lagen anzubieten hatte. Sie wussten: Ein gutes Eis zur rechten Zeit am rech-
ten Ort konnte Leben retten. Zum Beispiel das Leben von Verschollenen auf
einer einsamen Insel, auf der es nichts anderes zu essen gab.

Eines Tages sollte all’ das ein tragisches Ende nehmen, denn ein islamis-
tischer Fundamentalist verübte aus heiterem Himmel ein Selbstmordattentat
auf Martin und seinen Eiswagen.
Warum, das werden wir vielleicht niemals erfahren. Vielleicht war der Atten-
täter in seiner Kindheit so schrecklich arm gewesen, dass er sich niemals ein
Eis hatte leisten können. Vielleicht war sogar sein ganzes Land zu arm dazu
gewesen. Vielleicht lehnte er die kapitalistische Gesellschaftsordnung ab, laut
der er über zu wenige liquide Zahlungsmittel verfügte, als dass er sich auch
nur an der billigsten Version mit Schweinshaxen-Geschmack hätte erfreuen
können.

„Vielleicht ist das auch alles auch nur hohles Gewäsch!“ sagte Friedrich Nietz-
sche. Er, Charles Darwin und der Autor dieses Buches hatten sich in einem
kleinen Knusperhäuschen irgendwo im verbotenen Wald in der Nähe der Row-
lingstone Schule für Esoterik und mystischen Krimskrams häuslich eingerich-
tet. Eigentlich hatte der Autor die Beiden nur zu einer Partie Schach einge-
laden. Aber historische Persönlichkeiten wurde man bekanntlich nur schwer
wieder los.
„Wieso?“ wollte der Autor wissen.
„Da fragt er noch!“ meinte Nietzsche, als er seinen Kopf zu Darwin drehte.
„Ich denke, was mein werter philosophischer Freund hier kritisieren möchte
ist, dass du alleine in diesen ersten Zeilen deines Romans, der an sich gar
nichts mit gemeinem Speiseeis zu tun hat, das Wort „Eis“ dennoch ganze 14
Mal verwendest.“
„Na und? Viele Autoren gebrauchen das Wort „Eis“ öfter als 14 Mal am
Anfang ihrer Romane! Stephen King zum Beispiel. Ich glaube, mich daran er-
innern zu können, dass er in seinem Werk „Es“, das von einem wahnsinnigen
Clown handelt, ganze 100 Mal dieses Wort in seiner Einleitung benutzt!“
Nietzsche schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Und ich glaube, das liegt daran, dass du weder lesen noch schreiben kannst!“
„Da muss ich meinem geschätzten Kollegen leider Recht geben“, sagte Darwin
und schenkte sich noch etwas Kaffee ein.

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„Ach ja! Ihr glaubt, ihr könnt es besser? Na schön: Wie soll die Geschichte eu-
rer Meinung nach weitergehen, ohne von Eis zu handeln?“

Herr und Frau Thorsley nahmen ihren Enkelsohn Terry für die Dauer der
Sommerferien wieder bei sich auf. Und: Sie freuten sich darüber. Im Gegen-
satz zu Terry, der es zutiefst bedauerte, die Ferien nicht in der Magieschule
Rowlingstone verbringen zu dürfen, wo er seit einem Jahr Schüler war. An
dieser Stelle sollte man erwähnen, dass Freude im Allgemeinen nicht mit den
Thorsleys verwechselt werden konnte. Diese Familie hasste einst beinahe
alles: Moderne Technik*, Menschen, Politiker, die Grafschaft Liechtenstein,
Käsebrötchen, Bananen - die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Vor 15 Jahren
änderte sich das jedoch: Eine Haarausfall-Versuchsperson drückte Herr
Thorsley eine Broschüre in die Hand, die genau auflistete, wen sie alles
hassen durften, um zu einer politischen Gruppierung zu gehören. So kam es,
dass die Thorsleys trotz einiger Mühen ihren Hass auf bestimmte soziale
Gruppierungen konzentrierten. Namentlich waren dies: Leute, die den
jüdischen Glauben teilten, auslandsstämmige Deutsche, Arbeitslosenhilfebe-
zieher, linke Politiker, unzureichend rechte Politiker und der suspekte Kerl am
Zeitungsstand des örtlichen Bahnhofes. Für gewöhnlich waren die Thorsleys
schlecht gelaunt und mit Ungewöhnlichem hatten sie sich sowieso noch nie
anfreunden können. Es vermochte sie nicht einmal zu trösten, dass sie damals
so viele Sozialwohnungen abreißen ließen, um ihr Einfamilienhaus in Kreuz-
berg, Berlin zu bauen.

Und doch: Einige Dinge hatten sich geändert. Terry durfte neuerdings zu-
sammen mit seinem Onkel Valium, seiner Tante Ficus und seinem Cousin
Deadly an einem Tisch sitzen. Er hatte sogar ein eigenes Zimmer bekommen,
das noch größer war als Deadlys. Entgegen aller Erwartungen war dieser aber
nicht eifersüchtig auf ihn. Auch nicht, als Terry seinen Cousin im Gemein-
schaftsspiel „Fang den Juden“ besiegte. Etwas stimmte hier nicht, so viel war
klar.

Terry wurde in der magischen Welt oft als „Der Junge, der überlegte“ bezeich-
net, weil er angeblich den dunklen Lord mittels einer geschickten Anordnung
von Fallen in die Flucht schlagen konnte, nachdem dieser Terrys Eltern
ermordet hatte. Doch trotz angestrengter Überlegungen kam Terry nicht dar-
auf, warum ihn die Thorsleys plötzlich behandelten, als wäre er die Reinkarna-
tion des leibhaftigen Führers. Dieser war vielmehr der Hausgeist Sifferins,
einem Schulhaus Rowlingstones. Terry ließ sich nach ein paar Wochen endlich
dazu herab, Onkel Valium auf seine ungewohnt nette Behandlung anzuspre-
chen.

Es fand soeben die Feier zu Terrys 14. Geburtstag statt. Seine Tante hatte nur
für ihn einen großen Kuchen gebacken, was Terry gleichzeitig fröhlich und
misstrauisch stimmte.
Onkel Valium hielt eine seiner Predigten über verloren gegangene moralische
Werte:
“Neulich bin ich einer Frau begegnet, ihr glaubt das nicht! Die hatte teuren

* Als moderne Technik bezeichneten die Thorsleys alle Dinge mit mehr als zwei Knöpfen dar-
an. Sie mussten jedoch manchmal Auto fahren, wodurch sich diverse Schwierigkeiten mit ih-
rer technikfeindlichen Haltung ergaben: Onkel Valium und Tante Ficus konnten weder den
Zigarettenanzünder anschalten, die Nebelscheinwerfer betätigen, den Rückwärtsgang ein-
legen oder bremsen.

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Schmuck an ihren wohlgenährten Händen, einen Pelzmantel und was noch
alles. Und jetzt kommt’s: Die war eine Negerin! Anstatt dass sie arbeiten ge-
hen, kaufen sie sich Pelzmäntel! Unsere deutschen Pelzmäntel! Eine
Schande!“
Terry schüttelte den Kopf und seuftze.
„Onkel Valium: Warum seid ihr in letzter Zeit so nett zu mir? Das seid ihr doch
sonst nie!“
„Wieso in letzter Zeit? Waren wir früher etwa nicht nett zu dir?“, fragte Onkel
Valium. Terry schlug auf den Tisch.
„Ihr habt mich in einen 1m² großen Besenschrank gesperrt, wenn ihr mich
mal nicht gefoltert habt!“
„Was einen nicht umbringt, macht einen nur stärker. Aber ich muss zugeben:
Wir sind sehr stolz auf dich!“
„Stolz!? Auf mich!? Ihr!?“
„Du hast ganz alleine unseren Innenminister Heinrich Himmler besiegt! Das
hätten wir dir niemals zugetraut!“
„Wieso findet ihr das gut? Er ist doch einer eurer großen Helden!?“
„Junge, du musst noch viel lernen! Im Faschismus geht es nicht einfach nur
darum, Helden zu verehren. Es geht darum, stark zu sein und sich gegen
andere durchzusetzen. Nur der Stärkste hat das Recht, respektiert zu werden.
Du hast einen der Stärksten noch übertroffen!“
„Aha ... Woher wisst ihr bitteschön davon?“
„Der Direktor deiner Schule hat uns vor deiner Ankunft einen Brief geschickt,
in dem er von deiner großen Tat erzählte. Im Nachhinein hätten wir seine
Eule vielleicht nicht erwürgen sollen.“

Tatsächlich hatte Terry den dunklen Lord nicht alleine besiegt. Seine beiden
Freunde, Hermione und der im wörtlichen Sinne unsterbliche Ron, waren ihm
dabei behilflich gewesen. Außerdem befand sich der dunkle Lord nicht unter
der Erde, sondern im Altenheim Greistram, wo er an einem Theaterprojekt
teilnahm. Gandalf hatte empfohlen, den 35-jährigen Altnazi dort unterzu-
bringen, damit er der Gesellschaft etwas wiedergeben konnte. Als Terry sich
beim Essen mit seinen Pflegeeltern am Kopf kratzte, war ihm eines nicht klar:
Himmler war bereits aus dem Altenheim geflohen! Und das, obwohl man es
ihm vorher strikt untersagt hatte.
„Es gibt noch einen Grund, warum wir so stolz auf dich sind ...“
Onkel Valium und Tante Ficus standen auf, legten sich die Arme um die
Schultern und lächelten Terry an, dessen Gesicht Sorgenfalten entwickelte.
„... du wirst nämlich morgen eingezogen!“ riefen sie im Kanon und sprangen
lachend auf und ab.

Terrys Laune war zu ihrem Normalzustand zurückgekehrt. Seine Mundwinkel


fielen herunter und er legte seinen traditionellen Ich-wünschte-ich-wäre-tot-
Blick auf.
„Ich werde eingezogen? In die Armee? Morgen? Warum?“
„Nach dem Terroranschlag auf den Eiswagen wurde das Einberufungsalter
auf 14 Jahre herab gesetzt, um unser großartiges Land vor den Israelis zu
schützen. Heute ist dein 14. Geburtstag. Morgen musst du zur Musterung. Wir
wollten die große Überraschung für den Schluss deiner Feier aufheben.“

Terrys Kinnlade klappte herunter. Er war der Ansicht gewesen, Gandalf der
Rote, Direktor von Rowlingstone, hätte dafür gesorgt, dass er von der Wehr-
pflicht befreit wurde. Trotz seines Schocks gelang es ihm, einige weitere

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Worte heraus zu würgen:
„Die Überraschung ist euch gelungen. Moment mal: Ich dachte, das mit dem
Anschlag war ein muslimischer Fundamentalist!?“
„Ach, das sind auch Ausländer, oder? Hauptsache unser kleiner Soldat be-
kommt eine ordentliche Ausbildung! Ach ja, übrigens: Wir haben den verant-
wortlichen General deines Armeestützpunktes morgen zum Essen eingeladen.
Wir möchten ihn davon überzeugen, dass du ein hartes und ordentliches
Training verdient hast. Dafür möchten wir dich aber bitten, in deinem Zimmer
zu bleiben. Es ist besser, wenn er dich nicht schon vor deiner Ausbildung
persönlich kennt. Das verweichlicht nur.“
Terrys Ich-wünschte-ich-wäre-tot-Blick verwandelte sich allmählich in seinen
Ich-wünschte-ihr-währet-tot-Blick. Er ging niedergeschlagen auf sein Zimmer
und überprüfte seine Avengers - seine geliebten Handfeuerwaffen, die er sich
vor einen Jahr auf dem Kreuzberger Schwarzmarkt besorgt hatte. In
Rowlingstone hatte er die Missbrauch-der-dunklen-Künste-Stunden dazu
genutzt, sie mit Todesflüchen magisch zu verstärken. Diese ließen sich mit
einem Schalter an jeder der beiden Waffen auswählen.

Der Junge war sich nicht sicher, was er jetzt machen sollte. Es hatte wahr-
scheinlich etwas mit Gewaltanwendung zu tun. Eigentlich die perfekte Einstel-
lung für einen Nachwuchssoldaten, würde man meinen. Terry war jedoch der
Überzeugung, dass Gewalt eine ganz persönliche Sache sei, falls man sie denn
schon einsetzen musste. Er würde sich nicht einfach so von einem daher ge-
laufenen Staat sagen lassen, wen er gerade zu erschießen hatte. Hermione fiel
ihm wieder ein. Er hatte ihr versprochen, seine überzeugendsten Argumente
nach dem Sieg über den dunklen Lord nicht mehr so oft einzusetzen.
„Verflucht!“

Währenddessen befand sich Terrys Geliebte im US-Bundesstaat Florida. Sie


betrat ein altes Lagerhaus im verlassenen Industriegebiet einer Stadt, die sich
bis heute keinen Namen hatte leisten können. Hier trafen sich die besten
Wissenschaftler der Welt, um über ihre aktuellen Theorien zu sprechen und
um darüber zu beraten, wie man die Wissenschaft in den Vereinigten Staaten
wieder salonfähig machen könnte. Das erleuchtete Land mit den goldenen
Straßen wurde inzwischen von einer kreationistischen Mehrheit regiert. Die
Kreationisten waren Menschen, die glaubten, man müsse die Bibel beim Wort
nehmen. Sie hatten zwar ein paar Probleme damit gehabt, zu beweisen, dass
der Mensch aus Lehm bestand und dass er, insbesondere sie selbst, keinen
gemeinsamen Vorfahren mit den Affen teilte und natürlich, dass Kaninchen
Wiederkäuer waren - aber zu ihrem Glück interessierte sich inzwischen nie-
mand mehr für Beweise. Sie mussten nicht einmal mehr auf die Pseudowissen-
schaft Intelligent Design zurückgreifen, um ihren Glauben zu verbreiten. Die
letzten Wissenschaftler und Humanisten sammelten sich in der Brights-Bewe-
gung. Für die Mehrheit der Bevölkerung galten sie als Volksverräter, verfüg-
ten also über ein Gehirn.

In jüngster Zeit hatten die Brights mit einigen zusätzlichen Problemen zu


kämpfen gehabt. Es ereigneten sich plötzlich Dinge, die sie nicht erklären
konnten. James Randi, der Menschen mit angeblichen übersinnlichen Fähig-
keiten wie Uri Geller als Schwindler entlarvt hatte, waren zum Beispiel neue
Haare gewachsen. Er und Richard Dawkins, Autor von Horrorromanen wie
„The selfish gene“, hatten das ganze letzte Jahr über versucht, die Existenz
von mysteriösen Geschehnissen zu vertuschen. Sie mussten erst einmal

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herausfinden, was es mit diesen Dingen auf sich hatte. Wenn ihnen das nicht
gelingen würde, hätten Leute wie Uri Geller neues Material für ihre
Überzeugungen, von denen sie natürlich nicht wirklich überzeugt waren. Das
würde ihnen die Chance geben, bei umso mehr Menschen die
Spendenbereitschaft für wohltätige Organisationen wie den Internationalen
Dachinteressensverband Obrigkeitshöriger Taubstummer (IDIOT), zu
erhöhen.

Im Moment ging es bei den Brights um eine Kernfrage aus dem Bereich
Quantenmechanik: Laut der so genannten Kopenhagener Deutung musste
eine genau an der Kante aufgestellte und perfekt ausbalancierte Spielkarte in
beide Richtungen gleichzeitig umfallen. Was aber nicht stimmte. Der Begriff
„Dekohärenz“ hatte dieses Problem schon fast im Griff gehabt, weil er meinte,
das wäre alles irgendwie ganz anders. Folgendes trug sich beim jüngsten Ver-
such zu:
Richard balancierte eine Spielkarte auf einem Tisch aus. Die Fachschaft
erwartete nun, dass sie entweder auf die eine oder auf die andere Seite um-
kippte. Den Gefallen tat sie ihnen nicht: Sie kippte tatsächlich nach beiden
Seiten gleichzeitig um.
„Was sagst du dazu, Richard?“ fragte James. „Scheiße, oder?“
„Verdammte Scheiße“, antwortete Richard.
Hermione gesellte sich zu ihnen und sagte:
“Ich hätte da vielleicht eine Erklärung für dieses Phänomen.“
„Eine wissenschaftliche?“ fragten Richard und James.
„Ja.“
„Gepriesen sei der Herr!“ sagten sie erleichtert. „Ähm, ich meinte, gepriesen
sei die Natur - oder gar keiner ...“, fügte Richard hinzu.
„Ich glaube ...“
„Ähem!“ unterbrach sie James.
„Ich denke, dass gerade zwei Dimensionen miteinander verschmelzen und es
dabei zu einer gegenseitigen Übertragung einiger ihrer Naturgesetze kommt.“
„Das ist ein bisschen weit her geholt“, meinte Richard. „Auf der anderen Seite
fällt uns auch nichts Besseres ein.“
Hermione konnte ihre These nicht weiter stützen, denn Schülern der
Rowlingstone-Schule war es verboten worden, die Offenbarung ihrer Dimensi-
on zu riskieren. Warum, das war ein bisschen unklar. Vielleicht fragten sich
die Zauberer, was den Muggeln wichtiger war: Die Erleichterung, dass es
übernatürlich erscheinende Phänomene tatsächlich gab, oder die Angst davor,
dass dem so war.

Am nächsten Tag quälte sich Terry aus dem Bett. Er hatte kaum geschlafen
und sah furchtbar aus. Das hieß bei Terry nicht viel, denn er sah immer so aus
wie die Willkommens-Fußmatte vor dem örtlichen Arbeitsamt. Dieses Mal ging
es darum, ob er nach Rowlingstone zurückkehren konnte, oder ob er in einem
fernen und viel zu heißen Land andere Kindersoldaten erschießen musste. Als
er gerade nach seinen Klamotten greifen wollte, sagte eine Stimme plötzlich
„Merde“. Terry blickte hinunter auf den Stuhl, auf dem sich seine Kleider
befanden.
„Bonjour!“ ergänzte sie.
„In Ordnung: Da hat sich offenbar ein Baguette mit Gesicht, Füßen und
Händen auf meinem T-Shirt niedergelassen. Ich hoffe, dieser Umstand ver-
bessert meine Situation“, dachte Terry.
„Na schön: Wer bist du?“ fragte er das Baguette.

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Es sprang auf den Boden hinunter und sagte:
“Isch bin Bernard, das Brot!“
„Willkommen in meinem Zimmer. Ich bin Terry Rotter. Du darfst gerne auf
dem Stuhl sitzen bleiben“, sagte Terry.
Das Brot begann zu schluchzen und zu weinen.
„Sorry. Offenbar willst du doch lieber stehen“, spekulierte der Junge und
stand auf.
„Non, non. Das ischt es nicht. Mais isch bin noch nie gefragt worden, ob isch
mich setzen möchte. Exactement comme le fraternité. Schlüchz.“

Terry befürchtete, man könne sie unten hören. Er sollte den General ja noch
nicht kennen lernen, was ihm völlig egal war, aber er konnte im Moment auf
Ärger verzichten. Außerdem hatte er sich einen ganz besonderen Plan für die
Stolze Armee ausgedacht ...

Hinter diesem Begriff verbarg sich nichts anderes als das hiesige Militär. Es
war nur von Bundeswehr in Stolze Armee umbenannt worden, weil vor ein
paar Jahren jemand ein Buch geschrieben hatte, welches die deutsche Be-
völkerung von der Wichtigkeit von Konfliktprävention und der Unwichtigkeit
militärischer Intervention überzeugte. Die Bundeswehr war jedoch zu stolz da-
für gewesen, das einzusehen und deshalb nannte sie sich neuerdings: „Stolze
Armee“. Unterstützung dafür fand sie bei bestimmten Schustern, die dafür
Kritik ernteten, aber wirtschaftlich auf die Versorgung des Militärs ange-
wiesen waren. Seidem kümmerten sich die so genannten „Stolzen Schuhma-
cher“ um angemessene Soldatenstiefel. Dies war der Grund, warum das deut-
sche Militär von einigen Zynikern als Stolze Armee/Stolze Schuhmacher oder
auch SA/SS bezeichnet wurde. Die Abkürzung SA hatte sich inzwischen sogar
eingebürgert, was auf einige armeeinterne Skandale in Verbindung mit Reit-
peitschen und Heftklammern zurückzuführen war.

Nietzsche schüttelte fassunglos den Kopf.


"Eine einseitigere und blödere Propaganda kann man sich nun wirklich nicht
mehr ausdenken!"
"Nicht?", fragte der Autor. "Mal sehen ..."

„Sei leise!“ sagte Terry und legte kurz einen Zeigefinger auf seinen Mund.
„Hm. Du kennst wohl nicht viele freundliche Zauberer, was?“
„Non, leider nein“, sagte Bernard und fügte hinzu: „Mon dieu, was 'abe isch
gesagt?“
Das Baguette lief zu Terrys Heizung und schlug den Teil von ihm dagegen,
den man wohl als Kopf bezeichnen konnte.
„Hey! Meine Heizung geht kaputt! Hör sofort damit auf, du blödes, franzö-
sisches ...“, sagte Terry aufgebracht.
Das Baguette unterließ es höflich, seinen Kopf weiterhin zu malträtieren.
„Es tüt mir leid. Isch 'ätte auch deine Tischlampe benützen können, aber
meine Arme sind zu kürz. Schlüchz. Es ist ja alles so fürchtbar. Merde.“
„Was soll denn das alles überhaupt?“ fragte Terry.
„Isch bin ein Haussklave. Güt, isch war nicht immer ein Haussklave. Isch war
einmal Bäcker in Fronkreich und 'atte meine eigene Bäckerei. Aber dann 'at
misch eine Zaubererfamilie entführt und isch toujours für sie arbeiten müss.
Aber isch sie niemals beleidigen darf . Böser Bernard. Merde. Tout est
merde!“
„Und warum bist du hier?“ fragte Terry.

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Das Baguette bekam diese großen, flehenden Augen.
“Isch bin hier, um disch zu warnen! Du darfst nischt nach Rowlingstone zu-
rückkehren!“
„Aber ich muss dahin zurück. Die Schule ist zwar auch Mist ...“
„Merde.“
„Genau. Aber ich will auf keinen Fall zur SA. Außerdem vermisse ich meine
Freunde.“
„Freunde, die dir während der ganzen Ferien nischt geschrieben 'aben?“
„Woher weißt du das?! Moment mal: Was hast du denn da für einen Belag
d’rauf?“
„Isch weiß nicht, wovon dü redest ...“
Terry teilte das Baguette in zwei Hälften und nahm seine Briefe heraus.
„Ha! Nicht geschrieben, wie? Du hast sie abgefangen! Du warst es auch, der
meinen Freemail-Account blockiert hat! Du verdammtes, französisches ...“
„Non! Es tüt mir Leid! Isch wollte dir helfen, Zaubererjünge! Isch dürfte das
nischt. Es ist ja alles so fürchtbar. Ich wünschte, der Himmel würde mir auf
den Kopf fallen. Merde!“

Das Baguette fing damit an, seinen Kopf zur Abwechslung gegen die Tür von
Terrys Zimmer zu schlagen.
„Böser Bernard! Böser Bernard! Merde!“
„Nein! Hör’ sofort auf damit!“
Schritte kamen von unten herauf. Terry packte das Baguette an seinen viel zu
kurzen Armen und warf es in seinen Schrank. Er blockierte die Tür mit seinen
Füßen. Onkel Valium betrat das Zimmer.
„Terry! Wir versuchen hier, das Beste für dich herauszuholen! Du könntest
uns wenigstens dabei unterstützen!“
„Kümmere dich um deinen blöden General und lass mich zufrieden!“
Valium verließ das Zimmer und lief wieder nach unten. Am Esstisch saß ein
ordensbehängter, haarloser Kerl mit strengem Blick.
„Es tut mir Leid“, sagte Valium zu ihm. Das war nur die Katze, Hund, Taube -
eine Taube, die gegen das Fenster schlug, genau.“
„Hervorragend. Setzen!“ forderte der General und zeigte auf den gegenüber-
stehenden Holzstuhl.
„Jawoll, Herr General!“ entgegnete Onkel Valium und setzte sich so ordentlich
wie nie zuvor an seinen Platz.
Währenddessen drohte Bernard Terry:
“Wenn dü nischt auf misch willst 'ören, dann es müssen wohl sein ...“
„Nein. Ich gehe zurück nach Rowlingstone und du wirst mich nicht daran hin-
dern! Besonders nicht, wenn du keinerlei Argumente vorbringen kannst,
warum ich nicht zur Schule zurückkehren sollte!“
Bernard hastete die Treppe hinunter. Es war ein selten merkwürdiger Anblick.
Terry versuchte, ihn einzuholen. Das Baguette bemühte sich, seinen Zau-
berstab aus der Innenseite seiner Wenigkeit herauszuziehen, was zunächst et-
was problematisch war, denn seine Arme waren einfach zu kurz.
„En fin! Et pour la grande finale ...“, sagte Bernard, während er seinen Zau-
berstab schwang.
„Nein!“ sagte Terry.
„Detonantium massivus!“ schrie Bernard und ein gelber Blitz flog auf den
General zu, der seinen Kopf explodieren ließ. Tante Ficus stand entsetzt auf
und stürmte hinaus, rutschte dann aber auf des Generals Kleinhirn aus und
fiel zu Boden.
Das Baguette löste sich per Fingerschnippen in Luft auf und so deutete plötz-

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lich alles darauf hin, dass Terry das Ereignis zu verantworten hatte.
Ein Brief kam durch das Fenster geflogen und landete in Terrys Hand.
„Ließ ihn vor! Sofort!“ sagte Onkel Valium und stampfte auf.
Terry las:

“Sehr geehrter Mr. Rotter,

wir möchten Sie darauf hinweisen, dass Sie keinerlei Zauberei in der Muggel-
Welt verwenden dürfen, insbesondere, wenn sie sich gegen Mitglieder der non-
magical community (Muggel) wendet. Aber gut, was soll’s. Übrigens: Lord
Himmler ist ausgebrochen.

Mit freundlichen Grüßen,


Magdalena Schnitzelsandwich,
Verbotene Verwendung von Magie und Kantine,
Ministerium für Aberglauben, deutscher Sitz hinter der Kneipe ‚betrunkener
Penner’ in Berlin“

Onkel Valiums Gesicht färbte sich rot.


„Du hast uns ja gar nicht gesagt, dass du in der Muggel-Welt nicht zaubern
darfst! Gut, dass du zum Militär musst! Du wirst diese blöde Schule nie
wieder sehen!“
Terry hatte nicht im geringsten vor, diese SA-Geschichte auch nur eine Se-
kunde zu akzeptieren. Vielleicht brauchte er gar nicht zu zaubern, um der Sa-
che habhaft zu werden. Er zog mit wachsendem Blutdurst seine geliebte
schwarze Bestatteruniform an, die aus einer Armeehose, einem Stoff-T-Shirt,
einem Gürtel mit silberner Schnalle und einem Kurzmantel bestand. Er hatte
sie in einem Laden in der Quantengasse gekauft, welche zur magischen Welt
gehörte. Nicht zu vergessen: Die schwarzen Wanderstiefel und sein mit
„Freund der Totprügler“ beschriftetes Armband. Jenes war Terry von einem
netten Naturvolk im verbotenen Wald geschenkt worden, nachdem er dessen
Dorf von Lord Himmlers Anwesenheit befreit hatte. Er schnallte sich seinen
selbstgebastelten Schusswaffenhalfter um und lud seine Avengers. Zu guter
Letzt schnappte er sich noch seinen schwarzen Rucksack, ein Souvenir aus
London. Er verließ das Haus der Thorsleys in Richtung des nächsten Angriffs-
kriegersatzamtes*.

„Sind ihre nahen Verwandten an einer vererbbaren Krankheit gestorben oder


haben an ihr gelitten?“ wollte die zuständige Ärztin wissen. Sie war schon alt,
trug einen weißen Kittel, eine Brille und erweckte den Eindruck, als wüsste
sie, was sie da tat.
„Nein. Meine Eltern wurden von meinem Großvater ermordet, dem dunklen
Lord Heinrich Himmler“, antwortete Terry wahrheitsgemäß. Er saß auf einem
Stuhl der Ärztin gegenüber und bewegte sich nicht.
„Sehr gut. Trinken Sie oder nehmen Sie Drogen?“
„Ich trinke oft etwas mit meinen Freunden oder mit Ragrid, einem großen
Kerl, der in einer riesigen Strohrum-Flasche wohnt. Außerdem kann ich die
Zeit mittels meiner magischen Fähigkeiten beeinflussen.“
„In Ordnung.“ Die Ärztin machte ein weiteres Häkchen auf ihrer Liste. „Kon-
* Nachdem die SA/SS vor ein paar Monaten beschuldigt worden war, einen Krieg mit der
Grafschaft Liechtenstein angefangen zu haben, was jedoch nicht bewiesen werden konnte, da
dieses Land einfach zu klein dazu war, um Schäden feststellen zu können, hatte man das
Kreiswehrersatzamt in Angriffskriegersatzamt umbenannt. Ein Modewort, so zu sagen.

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sumieren Sie Marihuana?“
„Nur wenn ich unsichtbar sein will oder mich in einem Terroristenausbil-
dungslager der Al Kaida befinde“, antwortete Terry. Auch das stimmte, denn
er hatte letztes Jahr von seinen Unsichtbarkeits-Joints Gebrauch machen und
ein Lager der Al Kaida besuchen müssen.
„Gut. Nun wenden Sie sich bitte an unseren psychologischen Gutachter. Den
Gang hinunter.“

Der verantwortliche Psychologe schlug gerade ein Rad, wofür er Applaus von
den anderen Musterungskandidaten erhielt.
„Ah, da sind Sie ja, Herr Rotter. Haben Sie manchmal Depressionen?“
Der Psychologe setzte sich an einen PC und machte sich bereit zum Tippen.
„Ich habe selten keine Depressionen.“
„So? Ist das manchmal so schlimm, dass Sie sogar Selbstmord begehen möch-
ten?“
„Oh ja“, sagte Terry. „Aber meistens projiziere ich meine Wut auf andere und
bringe die dann um.“
Was der Junge dabei nicht erwähnte war, dass er seine Wut nur auf die Per-
sonen projizierte, die sie auch tatsächlich auslösten. Ein klein wenig Diffe-
renzierung mag auch eine Rolle gespielt haben. Streng genommen hatte er
erst einen Menschen in Notwehr erschossen und das war natürlich voll ok.
Gut, das Studiopublikum eines Fersehquiz und dessen Moderator gehörten
ebenfalls zu Terrys Opfern, aber davon gibt es so viele ... und der Schulgärt-
ner Rowlingstones, wobei Dschungel völlig unterschätzt sind, aber ansonsten
...
„Sehr gut, Herr Rotter. Solche Leute wie Sie können wir hier gut gebrauchen.
Bitte setzen Sie sich noch eine Weile in den Warteraum und genießen Sie un-
sere Dokumentarfilme. Wir kontaktieren Sie dann, wenn wir unser Ergebnis
haben.“
Im Wartezimmer lief gerade: „Die Helden des zweiten Weltkriegs“. Terry setz-
te sich zu den anderen Gemusterten. Terrys Großvater flimmerte über den
Bildschirm.
„Den kenne ich schon. Einer der Lieblingsfilme meiner Pflegeeltern“, sagte er,
um die Stimmung etwas aufzuheitern. Das funktionierte nicht. Die anderen
Kinder zitterten, manche weinten und vor allem die Mädchen schrieen nach
ihren Eltern. Eines von ihnen verkroch sich in einer Ecke und redete mit
einem Plakat.
Terry verschränkte die Arme und grinste.
„Macht euch keine Sorgen. Wenn ich mit denen fertig bin, werden sie es sein,
die nach ihrer Mami schreien!“

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Kapitel 2: Der Plan

„Die zukünftige Elite des Landes steht vor mir! Glaubt es ruhig, denn ihr seid
es, die unsere große Nation verteidigen werden, wenn die kriegslüsternen Is-
raelis hier einmarschieren!“ verkündete Feldwebel Hauer voller Stolz, als er
die neuen Kadetten, unter ihnen Terry, bei der Stolzen Armee willkommen
hieß. Sie befanden sich auf dem großen Hof einer Baracke, welche für die ge-
waltigen Nachwuchswellen gebaut worden war. Terry überlegte, weshalb die
Juden erneut als Verantwortliche feststanden. Sein Ausbilder wurde darauf
aufmerksam und sagte:
„Kadett Rotter: Sie sehen nachdenklich aus! Ich sage Ihnen gleich, dass sie
mit dieser Einstellung hier nichts verloren haben!“
Terry versuchte nun, möglichst dumm dreinzublicken. Er erwiderte mit einem
zackigen Disziplin-ist-klasse Ton:
“Tut mir Leid, Feldwebel! Kommt nie wieder vor, Feldwebel!“
Im Hinterkopf behielt er stets den Gedanken, wie alt diese hohlköpfigen Har-
punierer des Gehirns bald aussehen würden. Hauer stolperte zufrieden ein
paar Schritte weiter, bis er vor einem blonden Mädchen stehen blieb, das
weinte.
„Was muss ich da sehen! Hier wird nicht geheult! Die Juden werden auch
nicht weinen, wenn sie sich an dem Blut eurer zukünftigen Kinder weiden und
uns in Vernichtungslager stecken!“

Terry hatte inzwischen eine Theorie entwickelt: Es gab einige Deutsche, die
jene Geschehnisse der Nazi-Zeit nie richtig verarbeitet hatten. So war es zu
einer Schuld- und Geschichtsüberkreuzstellung gekommen, durch die Opfer
zu Täter wurden. Bei dem einen oder anderen, vornehmlich Mitglieder der
Stolzen Armee, war es der Gesellschaft nicht geglückt, die durch ihre Eltern
vermittelte Version wieder ins rechte - oder besser gesagt - ins richtige Licht
zu rücken. Theorie 2: Sie waren einfach total verblödet.
„Was hast du da?“ fragte Hauer gereizt.
„Das ist Polly“, antwortete das kleine Mädchen und drückte seine Puppe fes-
ter an sich.
„Wie lautet dein Name und wer ist ‚Polly’?“ konterte des Feldwebels eiserne
Stimme.
„Ich bin Susanne. Polly ist meine Freundin.“
„Ach, Polly ist also deine Freundin. Habt ihr das alle gehört?“
„Jawohl, Feldwebel Hauer!“ riefen die Kadetten.
„So, so. Und was macht deine Freundin den ganzen Tag?“
„Sie tröstet mich, wenn es mir schlecht geht. Manchmal kochen wir zu-
sammen Tee.“

Das 14-jährige Mädchen machte einen verstörten Eindruck, als es seine Puppe
umarmte. Eigentlich hatte sie schon seit vielen Jahren keine mehr in den
Händen gehalten, aber sie brauchte seelische Unterstützung für ihre Zeit
beim Militär. Außerdem stellten Puppen keine unangenehmen Fragen, wie
zum Beispiel: Wieso spielst du mit 14 Jahren immer noch mit Puppen?

Hauer schritt unruhig hin und her und versuchte, Fassung zu bewahren.
„Ihr kocht manchmal zusammen Tee, sagst du. Was meinte Polly, sei ihre
Lieblingssorte? Kamillentee, Grüner Tee, vielleicht sogar Schwarzer Tee?“

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Das Mädchen zuckte zusammen und stotterte:
“S-Sie hat es mir nicht gesagt.“
„Könnte das vielleicht daran liegen, dass sie VERDAMMT NOCH MAL KEIN
MENSCH IST?! Her mit der Puppe, du dummes Kind!“
Hauer riss ihr die Puppe aus den Händen. Er zerstückelte sie in kleine Teile
und ließ diese auf den Boden hinabsegeln. Terry griff nach seinen Avengers.
Der Gesandte der Landesverteidigung war jedoch blitzschnell zur Stelle.
„Halt! Was haben wir denn da, Kadett Rotter?“
„Das sind meine Waffen.“
Leugnen hatte keinen Zweck mehr. Hauer hatte Terrys Avengers schon von
Weitem als Schusswaffen identifiziert. Eine zentrale Fähigkeit von Soldaten.
Dafür hatten sie Probleme bei der Erkennung von weißen Fahnen.
„Lassen Sie mal sehen.“
„Vergessen Sie’s!“
Terry würde niemals einem unwürdigen Banausen seine Avengers aushän-
digen. Seine Waffen waren für den Jungen gewissermaßen, was Polly für das
blonde Mädchen war. Schließlich hatte er schon einen Nazi, ein Studiopubli-
kum, einen Quizmaster, eine gewaltige fleischfressende Pflanze, ein riesiges,
rosafarbenes Kaninchen und einen Gott damit getötet. Nur dass Terry für ge-
wöhnlich keinen Tee mit seinen Feuerwaffen teilte. Streicheln dagegen war
des öfteren drin.
„Hervorragend! Kadett Rotter steckt voller wichtiger Lektionen: Gib niemals
deine Waffe aus der Hand! Woher haben Sie die eigentlich? Sie werden ja
wohl kaum einen Waffenschein besitzen!?“
„Nein.“
„Hier haben Sie einen“, sagte Hauer und überreichte Terry ein modisches
Stück Papier.
„Danke, Feldwebel!“
„Danken Sie nicht mir, sondern der Stolzen Armee! Und ihr anderen Kadetten
bekommt auch einen. Auf zum Schießstand!“

Hauer und der potenzielle Nachwuchs in Sachen Leute erschießen wurden


von einem Sonderkommando begleitet. Sie sangen ein Lied über den Schieß-
stand und tanzten, wohl um die Auszubildenden zu motivieren. Es ging etwa
so:

“Feuer, Feuer,
auf die Ziele.
Wir sind wenig,
sie sind viele.
Feuer, Feuer,
auf den Feind,
denn er ist nicht
allzeit bereit.
Feuer, Feuer,
Scheiß Juden.“

So sehr wie jetzt hatte sich Terry noch niemals an den Kopf gelangt. Als ihm
der Feldwebel zu nahe kam, wandelte er die Geste geschickt in einen militä-
rischen Gruß um. Obwohl, war eigentlich dasselbe.

Fairerweise sollte man erwähnen, dass man Soldaten der Bundeswehr früher
beigebracht hatte, wie man Kampfhandlungen vermied oder wenigstens die

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Opferzahlen gering hielt. Auch dachte man sich stets einen überzeugend
klingenden Grund dafür aus, weshalb man sie in Krisenregionen sandte. Doch
eines Tages beging man einen großen Fehler: Man lehrte dem Volk simple
Mathematik. Schon bald fiel den Bürgern die Differenz zwischen der Größe
des Militärhaushalts und den Ausgaben für Entwicklungshilfe auf, welcher
letztlich die Umwandlung der Bundeswehr in die Stolze Armee begünstigte.

Endlich erreichten sie den Schießstand. Die Kinder bekamen diverse Waffen
in die Hände gedrückt. Terry schnappte sich ein Scharfschützengewehr und
legte an. Er feuerte, schien das Ziel jedoch verfehlt zu haben.
„Na, das war wohl nichts, Rotter!“ sagte der Feldwebel.
„Sind Sie sicher?“
Hauer erblickte Oberfeldwebel Schulz durch sein Fernglas. Er torkelte den
Hügel hinunter, auf dem sich die Ziele befanden und hielt sich den Bauch.
„Feuer einstellen!“ sagte er zu den Kadetten. Ah: Sie haben meinen
Vorgesetzten erwischt! Sehr guter Schuss, Rotter!“
„Danke, Feldwebel!“, sagte der Junge und nahm das Gewehr herunter.
Schulz erreichte schließlich den Schießstand und wandte sich an Hauer:
“Feldwebel Hauer! Nächstes Mal sagen Sie mir gefälligst, wann sie hier
Schießübungen machen!“
„Jawohl, Herr Oberfeldwebel! Doch bedenken Sie das Verbot, den Zielhügel
zu betreten, Herr Oberfeldwebel!“
„Feldwebel Hauer! Was muss ich da hören? Hier wird nicht gedacht! Das
wissen Sie doch, Sie Pfeife!“
„Jawohl, Herr Oberfeldwebel! Kommt nie wieder vor, Herr Oberfeldwebel!“
„Also schön. Welcher ihrer Kadetten hat diesen einwandfreien Schuss abgege-
ben?“
„Kadett Rotter, Herr Oberfeldwebel.“
„Gut. Sie wissen, was zu tun ist, Hauer. Ich werde nun ein Lazarett aufsuchen.
Sieg H... Ich meine: Guten Tag, Feldwebel!“
Schulz torkelte langsam hinfort, fiel in der Nähe der Offiziersbaracke auf den
Boden und blieb dort regungslos liegen.

Hauer gab erneut den Feuerbefehl und die meisten Kadetten versuchten eher
schlecht als recht die Pappsoldaten zu erwischen, welche etwa 100 Meter ent-
fernt in einer ordentlichen Reihe auf dem Zielhügel aufgestellt waren. Terry
hatte mit jedem Schuss nanometergenau getroffen.
„Ausgezeichnet, Rotter! Eine weitere ganz fabelhafte Leistung! Ich ernenne
Sie zum neuen Gruppenführer! Sie werden ihre Kadetten kommandieren,
wenn ich nicht da bin. Und: Sie haben das Recht, sich in der Offiziersbaracke
aufzuhalten. Verstanden?“
„Jawohl, Feldwebel!“ antwortete Terry monoton, als ob er sich in einem
langen, mentalen Schlaf befände. Es gelang ihm ziemlich gut, sein hämisches
Grinsen zu verbergen, denn ohne es zu wissen, hatte ihm Hauer gerade einen
großen Gefallen erwiesen.

Nach einer weiteren Woche bekam er endlich eine erste Gelegenheit, sein
Amt des Gruppenführers auszuüben, denn der Feldwebel hatte sich beurlau-
ben lassen, um zu einem Freizeitpark zu fahren, welcher seiner Ansicht nach
von einer gezeichneten Maus gegründet worden war. Wie dem auch sei: Terry
versammelte sich und die anderen Kinder auf einem kleinen Hinterhof bei den
Baracken. Da seine Untergebenen nicht genau wussten, an wen sie bei Terry
geraten waren, stellten sie sich hochdiszipliniert in Reih und Glied auf.

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„Ok, Leute. Folgendes: Ich musste in letzter Zeit ein wenig den Tyrannen
spielen, um mein Ziel zu erreichen. Ich entschuldige mich dafür. Susanne?“
„Ja, Herr Gruppenführer?“
„Nenn’ mich Terry. Es sei denn, Soldaten sind in der Nähe. Hier, ich habe dir
eine neue Puppe besorgt. Aus einem mir nicht näher bekannten Grund liegen
einige davon in der Offiziersbaracke herum, gleich neben den Strapsen. Na ja,
jedem das seine.“
Das Mädchen zögerte.
„Hier, nimm. Es ist ein Geschenk“, sagte der Junge, der wieder begonnen
hatte, zu überlegen.
Susanne nahm langsam die Puppe, gewann den Eindruck, sie könne der Situa-
tion vertrauen und knuddelte sie.
„Schlimm, was das Militär mit einem so unschuldigen 14-jährigen Geschöpf
anrichten kann“, dachte Terry kopfschüttelnd. An die Kadetten gewandt, sagte
er:
“Ich habe in Erfahrung bringen können, dass wir von Freitag bis nächsten
Donnerstag eine große Stützpunktbesichtigung machen werden. Ihr sollt euch
dadurch entscheiden können, wie eure Karriere bei der Stolzen Armee weiter
gehen soll. Unsere Zeit dort ist unterteilt in acht Stunden Besichtigung und
Training an den dortigen Gerätschaften, also je nach dem: Hubschrauber, U-
Boote, Panzer – alles da, was mit Steuergeldern zu kaufen war. Dann bleibt
uns noch eine Stunde zusammen, nur der Gruppenführer und die Kadetten.
Etwas Besseres hätte uns gar nicht passieren können, denn hier kommt mein
Plan ins Spiel ...“
Die Kinder hörten Terry gespannt zu und waren sofort hellauf begeistert von
seinem Vorhaben. Wenn das funktionieren würde - dann wären fast alle Pro-
bleme dieses Landes auf einmal gelöst. Und das, obwohl nicht einmal ein
Wollknäuel in Terrys Plan vorkam.

Der Bundestag, das deutsche Parlament, Hüter von Freiheit und Demokratie,
Garant für Brüderlichkeit und Recht, hatte gerade seinen Parkettfußboden
vergolden lassen. Die Vernünftige Partei hatte nämlich einem Vorschlag der
Konservativen Partei nachgeben müssen, da sie zusammen mit der RAPD
(Rassistisch Antisemitische Partei Deutsch(e)lands) eine Mehrheit in dieser
Frage hatte bilden können. Die Konservative Partei vertrat die Ansicht, Besu-
cher aus anderen Ländern sollten von Deutschlands schönen, vergoldeten
Parkettfußböden von säkularer Größe überwältigt werden und sich so un-
würdig dabei vorkommen, dass sie sich nie wieder trauten, deutschen
Forderungen zu widersprechen. Die Vernünftige Partei hatte dagegen argu-
mentiert, dass man das Geld lieber dem angefressenen Haushalt zu Gute kom-
men lassen solle. Die RAPD war ursprünglich der Ansicht gewesen, der Vor-
schlag ginge nicht weit genug und man müsse die anderen Länder am besten
gleich wegbomben, einigte sich aber schließlich mit der Konservativen Partei.
Währenddessen plädierten die Grünen für einen Regenwald anstelle des
Parkettfußbodens und die Kommunisten wollten ihn gerecht an die Bevölke-
rung verteilen. Alle waren sie letztlich froh, dass sie sich nach einem Jahr hit-
ziger Debatten über den Bundestagsboden endlich hatten einigen können.

Abgesehen davon gab es nicht viel zu tun für das Parlament, und wenn doch,
so hatte man den Abgeordneten mal wieder nichts davon erzählt. Doch es
bestand kein Grund zu vorschneller Freude, denn die Kuchen Partei,
momentan drittstärkste Kraft nach Konservativer Partei und Vernünftiger
Partei, eröffnete eine neue Debatte. Abgeordneter Müller betrat das Redner-

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pult.
„Ich möchte den Abgeordneten dazu auffordern, vom Rednerpult herabzu-
steigen, denn es war teuer und geht dadurch kaputt“, riet des Bundestagsprä-
sidenten Stimme durch die Lautsprecher, welche willkürlich im Bundestag
verteilt worden waren. Müller entschuldigte sich und trat vor das Pult:
“Meine sehr geehrten Damen und Herren ...“
Die RAPD ließ sich zu einigen obligatorischen Zwischenrufen hinreißen:
“Judenfreund! Volksverhetzer!“
„Ich bitte um Ruhe!“ sagte der Bundestagspräsident.
„Danke. In meiner heutigen Rede geht es einmal mehr um eine entscheidende
Frage: Sollen wir oder sollen wir nicht jedem Bürger ermöglichen, kostenlos
Freikuchen zu beziehen?“
„Herr Abgeordneter ...“, seufzte der Bundestagspräsident.
„Nein, wirklich! Überlegen Sie doch einmal: Wenn der Staat jedem einen Ku-
chen bezahlen würde, würde das die Wirtschaft ankurbeln: Bäcker könnten
wieder investieren, neue Arbeitsplätze entstünden durch die neu errichteten
Backstuben und denken sie nur an die Botschaft: Arm und Reich, wir sind alle
gleich! Denn jeder kriegt einen Kuchen! Wäre doch klasse. Und jeder wäre
viel glücklicher, weil er Kuchen essen könnte, ohne sich über die Finanzierung
Gedanken machen zu müssen.“
Während die anderen Parteien verzweifelt ihre jeweiligen Köpfe auf die Bänke
hinab senkten, ergriff wiederum die Stimme des Bundestagspräsidenten das
Wort:
“Ich möchte den Abgeordneten Müller dazu auffordern, möglichst bald kein
Vollidiot mehr zu sein!“

Plötzlich ertönten Schritte aus dem Treppenhaus. Von einer Sekunde auf die
nächste strömte eine Gruppe bewaffneter Kinder in den Sitzungssaal und ver-
teilte sich an strategisch ausgeklügelten Positionen. Der Abgeordnete Müller
überließ Terry das Mikrofon.
„Zuhören, ihr Penner: Ich halte hier in meiner Hand einen Fernzünder. Wenn
ich ihn betätige, fliegen all’ eure schönen neuen Militärstützpunkte in die
Luft, also solltet ihr mir lieber zuhören: Ich fordere die sofortige Auflösung
der Stolzen Armee. Ihre Stützpunkte werden in soziale Einrichtungen umge-
wandelt und humanistischen Organisationen unterstellt!“
Der Abgeordnete Müller flüsterte Terry etwas ins Ohr. Nur die Antworten des
Jungen waren im Saal zu hören:
„So? Aha. Das mag ja sein, aber ... Hm - Na schön, meinetwegen!“
Terry wandte sich erneut an die schockierten Abgeordneten:
„Des Weiteren soll einem jeden und jedem einen Bürger dieses Landes ein Ku-
chen übereignet werden. Kostenlos.“
„Ha! Was sagt ihr nun?“ fragte der Abgeordnete Müller in die Runde.
Mit geborgter Selbstsicherheit ergriff der Abgeordnete Strohmann der
Konservativen Partei das Wort:
“Wir werden uns von Terroristen niemals erpressen lassen! Ohne Militär
haben wir keine Verteidigung mehr! Und wer schützt uns dann vor den Is-
raelis – äh – vor den radikalen Islamisten?“
„Das ist kein Problem. Ich habe bereits mit ihren Anführern gesprochen*.

* Als die Thorsleys voriges Jahr vor Eulen, Rowlingstones Briefträger, auf der Flucht gewesen
waren, versteckten sie sich eine Weile lang bei Anhängern der Al Kaida in Afghanistan. Terry
machte dort Bekanntschaft mit einigen Terroristen, obwohl er meistens nur in ihren Hanf-
feldern herumlag (ihre Einkommens- und Inspirationsquelle). Al Kaida hatte er auch kürzlich
zwecks Besprechung bezüglich des Eiswagen-Vorfalls und seines Plans besucht. Offenbar hatte

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Wenn wir keine Möglichkeit mehr dazu haben, sie anzugreifen, besteht auch
für sie kein Anlass mehr dazu, uns anzugreifen. Die Tore werden geöffnet für
die Diplomatie. Im Zweifelsfall haben wir immer noch die Polizei, unsere Ver-
bündeten und die Möglichkeit, einen Militärapparat sehr schnell aus dem
Boden zu stampfen. Im Frieden stellt er eine Bedrohung der Demokratie dar,
vermute ich mal. Außerdem kann ich diese Spinner immer noch zu Allah schi-
cken, oder zu einem beliebigen anderen Gott, den zu erschießen ich bislang
versäumt habe!“
„Unser Land hat eine lange militärische Tradition! Ich akzeptiere ...“, ent-
gegnete der Abgeordnete Strohmann.
„Wagen Sie es ja nicht, in meiner Gegenwart das Wort Tradition zu
erwähnen!“ unterbrach ihn Terry, während er mit seiner freien Hand eine
Avenger auf Strohmann richtete. „Ich musste jahrelang Gedenkveran-
staltungen für gefallene deutsche Soldaten der beiden Weltkriege beiwohnen,
nur aus Tradition! Ich musste mich jahrelang in einem mittelalterlichen Schul-
system zu Tode langweilen, das es nur aufgrund von Tradition noch gibt! Ich
musste jahrelang mit ansehen, wie ihr nur auf euren fetten Ärschen sitzt und
sich nichts verändert! Das alles nur aus Tradition!“
Müller flüsterte Terry einmal mehr etwas ins Ohr.
„Oh ja, ganz Recht, allerdings!“ sagte Terry.
An die Volksvertreter gewandt, ergänzte er:
„Und: Ihr habt diese unerträglichen Kantinenkuchen in unseren Schulen zu
verantworten! Allein dafür allein gehört euch schon ordentlich eins ’rein ge-
würgt!“
„Woher sollen wir wissen, dass sich wirklich Bomben in unseren Militärstütz-
punkten befinden?“
„Schauen Sie mal aus dem Fenster“, sagte Terry.
„Welches Fenster?“ wollte Strohmann wissen.
Terry stellte seine Avengers auf Mini-nukleare-Detonationen und sprengte ein
Loch in die Wand des Saales. Einige pflichtbewusste Glaseinsetzer machten
sich ans Werk und ein neues Fenster ward entstanden.
„Dieses hier!“ meinte Terry mit Fingerzeig auf das glasbesetzte Loch. Er betä-
tigte einen Knopf auf seinem Fernzünder und die im Bau befindliche Kaserne
gegen internationale Zusammenarbeit auf der anderen Straßenseite explo-
dierte in einer wunderschönen Detonation, wie es Militäreinrichtungen halt so
machen.

Nach einer nur zweistündigen Diskussion, was ein neuer Rekord für sie war,
einigten sich die Abgeordneten auf Folgendes: Innerhalb von vier Wochen
wurden alle Militärstützpunkte in Pflegeheime, Behindertenwerkstätten, Um-
erziehungslager für Soldaten und ähnliche Einrichtungen umgewandelt. Diese
mussten eine mindestens 100 Quadratmeter große Grünfläche enthalten, alle
Waffen wurden vernichtet, die Soldaten in Sozialarbeiter umgelernt und jedes
Lager musste mindestens einen Stand mit kostenlosem Kuchen, auf Vorschlag
der Konservativen Partei vornehmlich Schwarzwälder Kirsch, enthalten. Eines
der Kindersoldaten lief zu Terry und fragte ihn, was nun zu tun sei.
„Keine Ahnung. Hätte nicht erwartet, dass das funktioniert“, flüsterte er. Das
Kind blickte unsicher hin und her. An den Bundestag gewandt sagte Terry:
“So - schön! Ich schlage vor, Sie lassen die eingezogenen Kinder zu ihren Fa-
milien zurückkehren. Wir haben bislang niemanden verletzt, also denke ich,
der Eiswagen-Selbstmordattentäter ohne Anweisung gehandelt und war daher nach seinem
Anschlag unehrenhaft aus der Organisation entlassen worden. Terrys Einschätzung zufolge
hatten religiöse Fundamentalisten nicht alle Tassen im Schrank.

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das wäre einzurichten, oder?“
Zögerlich raffte sich Strohmann zu einer Antwort auf:
“Also gut. Die ganze Sache war sowieso eine fixe Idee.“

Die Abgeordneten taten das erste Mal in ihrem Leben etwas Sinnvolles und
verließen den Bundestag. Sie kümmerten sich um die Durchführung von Ter-
rys Forderungen und brachten die Kinder nach Hause. Terry lief eine Weile
lang durch seine Heimatstadt Berlin und lehnte sich irgendwann erschöpft am
Brandenburger Tor an. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr, die er sich
in einem örtlichen Laden gekauft hatte. Aus dem einen oder anderen unver-
ständlichen Grunde, konnte sie nicht nur bis zu 500 Meter unter Wasser die
exakte Uhrzeit laut der altindischen Zeitrechnung anzeigen, sondern auch die
Zeit in verschiedenen Dimensionen. Folglich war sie sowohl hier als auch in
Rowlingstone zu gebrauchen. Terry wartete auf etwas. Genau genommen
wartete er auf eine Antwort auf die Frage, was er hier eigentlich wollte. Auf
einmal entdeckte er ein fliegendes Objekt. Als es näher kam, bemerkte der
Junge die schwarze Färbung jenes Dinges, die ihm schon einmal gut gefiel. Of-
fenbar handelte es sich um ein Auto. Es drehte eine Runde um das Branden-
burger Tor und landete schließlich vor Terrys Füßen.

„Ein fliegender Trabi! Man hatte die real existierenden Sozialisten vielleicht
doch unterschätzt“, überlegte der Junge, der überlegte.
Ron stieg aus dem Kunstwerk proletarischer Baukunst und schloss seinen
Freund in die Arme. Er fasste sich wieder und sagte:
„Terry! Ich dachte schon, dir wäre etwas passiert! Warum hast du uns denn
nicht geschrieben?“
„Hi Ron. Das habe ich, aber ein sprechendes Baguette hat meine Briefe abge-
fangen, weil es mich von Rowlingstone fernhalten wollte.“
„Warum?“
„Wollte es nicht sagen. Wie kommst du hier her?“
„Ich und Hermione haben uns Sorgen um dich gemacht. Im Muggel-Fernse-
hen haben wir einen Bericht über die Besetzung eures Parlamentes gesehen
und dachten, dass das deine Idee gewesen sein musste. Kein anderer Mensch
wäre schließlich arrogant genug dazu, so eine Aktion durchzuziehen. Ich frag-
te dann ein bewaffnetes Kind, wo du hin wolltest - schließlich würdest nur du
auf die Idee kommen, Kindern Waffen zu geben - und hier bin ich.“
„Stimmt nicht. Das war der verhängnisvolle Einfall der Regierung. Die drehen
hier alle in letzter Zeit ziemlich am Rad. Also: Wohin soll’s gehen?“ fragte Ter-
ry.
„Zu mir. Ach ja: Glaubst du, irgend ein Muggel hat den fliegenden Trabi gese-
hen?“
„Ja. Aber das ist denen doch egal. Hauptsache, sie können sich die neueste
Folge von ‚Neurotiker im Kuhstall’ anschauen.“

Das Problem der Menschen lag normalerweise darin, Dinge zu sehen, die es
entweder nicht gab, oder die es unter Vorraussetzung eines gewissen geis-
tigen Niveaus nicht geben dürfte, wie zum Beispiel esoterische Lebensberater
oder Idioten-im-Kaff, Nachfolger von Idioten-im-Container. Rein zufällig sahen
sie manchmal aber auch Dinge, die tatsächlich existierten. Sowohl fliegende
Trabis als auch Bücher, die nicht von einer britischen Kinderbuchautorin ge-
schrieben wurden, gehörten nicht dazu.
„Na, dann ist ja gut. Komm, steig ein! Es wird Zeit, sonst merken meine Eltern
noch, dass ich mir ihre Karre ausgeliehen habe.“

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Kapitel 3: Das Schloss

„Ist es das?“ fragte Terry.


„Jepp.“
Ron und Terry waren auf dem Weg zur bescheidenen Behausung der Grievlys.
Nach der Überquerung der Straße von Dover in Richtung des Vereinigten
Königreiches flogen sie nun erhaben über die gepflegten Rasen Ihrer Majestät
hinweg. Vorbei an rasenden Reportern, die über des Premierministers neue
Kleider berichten wollten, vorbei an freilaufenden Hühnern, an gefilterten In-
dustriegärten, vorbei an überwachten Containerstädten, erreichten sie end-
lich das Dimensionstor zur magischen Welt. Es stand auf einem Rübenacker.
„Hm. Das sieht aus wie das Tor aus dieser einen Fernsehserie ...“
„Die, in der dieser große Kerl mitspielt?“ wollte Ron wissen.
„Ja, genau. In der einen Folge essen sie Kuchen.“
Die Kuchen Partei hatte Terry offenbar für sich gewinnen können.

Ron betätigte einen Knopf am Armaturenbrett des fliegenden Trabis. Ein


waberndes Etwas bildete sich in dem Tor-Ring. Es flimmerte eine Weile, bevor
es sich stabilisierte.
„Dieser blöde Wackelkontakt!“ fluchte Terrys ärmlich gekleideter Freund.
Der schwarz schimmernde Trabi flog hastig durch das Tor. An den zwei
Freunden zogen Sterne, Galaxien und die Sundance Filmfestspiele vorbei, bis
sie schließlich die magische Dimension erreichten.
„Warum sind wir durchs All geflogen? Ich dachte, unsere beiden Welten lägen
direkt nebeneinander!?“ wunderte sich der Junge, der überlegte.
„Das sind sie auch. Dieses verdammte Tor muss mal wieder gewartet
werden.“

Auf der Beifahrerseite tauchte ein flügelschlagendes Schaf auf. Es grinste Ter-
ry an, als ob es sagen wollte: „Tja, das hättest du wohl nicht erwartet!“
Die Wiesen führten derweil einen bayerischen Volkstanz auf, sehr zu Terrys
Missfallen. Die Gräser warfen sich fröhlich hin und her und drehten sich im
Kreis. Die beiden Nachwuchszauberer erreichten bald ein romantisches Gebir-
ge, oder besser gesagt: Einen einzigen romantischen Berg. Normalerweise
hätte man an dieser Stelle ein Gebirge erwartet, aber die restliche Umgebung
war es wohl überdrüssig, uneben zu sein. Nadelwälder und Laubwälder
wechselten sich auf dem Flug nach oben ab. Auf einem Teil des Berges lag
Schnee, der andere Teil genoss ein ausgiebiges Sonnenbad. Trotzdem: Der
Tag näherte sich offiziell seinem Ende, gemessen an dem edlen Abendrot, das
sich in der Ferne erstreckte, was es nicht ohne eine gewisse Hochnäsigkeit
tat. Endlich erblickten sie auf dem Gipfel ein weißes Schloss prächtiger Aus-
stattung, ein Abkömmling des Absolutismus, der Epoche, in der sich die
hungernde Bevölkerung an der Gewissheit nähren konnte, dass ihr Geld in
künstlerisch aufwändigen Bauten angelegt war.
„Da wohnst du!?“ fragte Terry überwältigt.

Der Trabi verlor an Höhe und umkreiste das Schloss.


„Nein. Da wohnt der Rest meiner Familie. Ich wohne da drüben!“
Ron verwies mittels Zeigefinger auf einen zerbrechlich wirkenden kleinen
Schuppen, der seinen Platz neben dem Hintereingang des Schlosses gefunden
hatte. Sie landeten und fuhren die letzten paar Meter in die Garage der Griev-

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lys. Ein Bauwerk, das jeder Muggel wohl als Automuseum bezeichnet hätte.
Sie stiegen aus und machten sich auf den Weg zum Haupteingang: Ein Tor
geometrisch kaum fassbarer Größe, gebaut aus feinstem norwegischen Ei-
chenholz. Ron legte die rostige Klinke um. Sie bestand nicht etwa aus billigen
Metallen, sondern aus purem Gold. Jedes Kind wusste natürlich, dass Gold als
Edelmetall nicht oxidierte, also auch nicht verrosten konnte. Nur die Welt der
Magie zeichnete sich einmal mehr durch schiere Ignoranz aus.

Die Decke der Eingangshalle wurde getragen von dorischen Marmorsäulen


und die Wände waren verziert mit Porträts der Familie Grievly, exklusive Ron
natürlich. Am Ende des roten Teppichs befand sich das Treppenhaus, auf
dessen gar marmornen Treppen die Grievlys bereits ihren Sohn mit säuerli-
chem Gesichtsausdruck erwarteten. Die pummelige Mrs. Rosaline Grievly
stand mit verschränkten Armen neben ihrem Mann Karl und ihren Zwillings-
söhnen Frank und Joe, sowie Rons 13-jähriger Schwester Guinness, kurz Gin-
ny, benannt nach der Lieblingsbiersorte Alecs, Rons ältestem Bruder, der eine
Stufe weiter oben stand. Ginny war eine ganze Weile lang in einen Jungen
namens Michael verliebt gewesen.* Doch ihre Eltern, also Rosaline, hatten sie
bereits für eine zukünftige Heirat mit Prinz Ausdertraum vorgesehen, wie das
Reiche halt so machen. Zu ihrem Glück wurde der jedoch von einem Volks-
wagen überfahren. Michael allerdings auch. Ginny verliebte sich so oder so
ständig in einen Neuen, was Alec für nicht standesgemäß hielt.

Alecs Geschwister warfen ihm oft vor, sich zu viel darauf einzubilden, dass er
in Rowlingstone die Ämter des Vertrauensschülers und Klassenzimmerblu-
mengießers bekleidete. Da er das partout nicht einsehen wollte, ließen ihn
Frank und Joe eines Tages in der Muggel-Welt von einigen Neuropsychologen
durchchecken. Diese konnten tatsächlich den empirischen Beweis dafür
erbringen, dass Alec der arroganteste Mensch der Welt war. Die Meinung von
Muggeln interessierte ihn natürlich herzlich wenig, die von Zauberern ohne-
hin nicht. Wie die anderen Grievlys, außer Frank und Joe, denen der Trabi-
diebstahl leider nicht selbst eingefallen war, wollte er Ron mit strengen
Worten empfangen, doch als die Familie Terry entdeckte, änderte sich ihre
säuerliche Mimik schlagartig.
„Der leibhaftige Terry Rotter!“ riefen alle im Chor.
Terry und Ron liefen auf die Grievlys zu, während erstgenannter seinen
gleichgültigen Blick auflegte.
„Du bist es wirklich! Willkommen in unserem bescheidenen Heim!“ trällerte
Rosaline erfreut. Sie stolperte in Richtung Terry, schubste ihren Sohn zur Sei-
te und nahm ihn in den Arm.
„Tut mir Leid, das mit dem Auto. Ich wollte nur ...“, meinte Ron.
„Kümmere du dich um unseren undankbaren Sohn, Karl!“, forderte Rosaline.
Karl erschrak und erläuterte an Ron gewandt ohne jede Intonation:
„Ron, das war wirklich falsch. Dass mir das bloß nie wieder vorkommt.“

Ja, es fehlte eindeutig die Überzeugung in Karls Stimme. Seine Frau Rosaline
musste sie sich ausgeborgt haben. Einmal mehr bemerkte Terry, dass Ron seit
dem Ereignis mit dem dunklen Magier erheblich schlechter gestellt war als
seine Geschwister**. Man konnte also davon ausgehen, dass Rosalines Erklä-
* Schließlich brauchten Abtreibungsbefürworter gute Argumente.
** Als Ron noch ein kleiner Junge gewesen war, erreichte der Kampf gegen Lord Himmler
einen Höhepunkt. Einer von dessen schwarzen Magiern besuchte zu jener Zeit Rons Vater, ein
hoher Beamter im Ministerium für Aberglauben, um ihn zu töten. Karl befand sich zu jener Zeit

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rung „Nun da das erledigt ist: Lasst uns essen!“ ihren jüngsten Sohn nicht mit
einschloss. Terry war zwar noch nie mit Rons schlechter Behandlung
einverstanden gewesen, auf der anderen Seite hatte er dessen Fähigkeit, nicht
sterben zu können, schon einige Male zu seinem eigenen Vorteil ausgenutzt.
Er war sich aus diesem Grunde nicht sicher, ob es ihm zustand, Ron bei jener
Angelegenheit zu helfen. Außerdem war er im Augenblick ohnehin viel zu faul
dazu.

Rons Mutter schnippte mit den Fingern, woraufhin Essen kochende Ge-
räusche aus der Küche erklangen. Ron und Terry machten sich auf den Weg
zur Quelle jener tätigen Töne. Es verstand sich natürlich von selbst, dass es
sich bei der grievlyschen Küche um einen Raum von epischen Ausmaßen
handelte. Etwa zehn Haussklaven huschten darin umher und bereiteten di-
verse Delikatessen zu. Dies war ein Begriff, der sich aus dem Altorientalischen
ableiten ließ und so viel bedeutete wie: Teuer, ohne Nährwert und ungenieß-
bar, oft in Verbindung mit pikanten Körperteilen von nicht minder pikanten
Lebewesen.

Die Grievlys setzten sich an ihren Platz und Terry wurde der unwahrscheinlich
kostspielige Ebenholzstuhl am Ende des Tisches zugewiesen. Für Leser, die
nie das zweifelhafte Vergnügen hatten, Benimmregeln lernen zu müssen: Am
Kopf des Tisches saß immer der Hausherr. Normalerweise fiel diese Rolle dem
Vater und Ehemann der Familie zu. Bei den Grievlys trug dagegen Rosaline
jene schwere Bürde. Allerdings nicht in dieser speziellen Situation, schließlich
war heute jemand zu Gast, der in der sozialen Hierarchie über den Grievlys
stand. Ein Umstand, den Terry bislang jedes einzelne Mal nach allen Regeln
der Kunst ausgenutzt hatte und gar nicht daran dachte, ausgerechnet jetzt
oder sonst irgendwann einmal damit aufzuhören.

Die kleinen Haussklaven ähnelten einem Wesen, das alleine auf einem unwirt-
lichen Planeten lebte und Privatstunden in Dinge-Grundlos-Umherschweben-
Lassen erteilte. Sie brachten Cocktails herein. Es handelte sich dem Gesch-
mack nach um den Inhalt der Gallenblase eines Nilpferdes, gekrönt von einer
Kirsche. Ron bekam stattdessen sein obligatorisches leeres Glas.

Plötzlich riss jemand die Tür des Speisesaals auf. Alle Augen richteten sich auf
den Autor des Buches, das der werte Leser gerade in den Händen hält - oder
das er sich über eine Tauschbörse heruntergeladen hat. Der Autor trug seinen
geliebten schwarzen Stoffmantel und auch ansonsten Kleider, die denen Ter-
rys sehr ähnlich waren. Er war nur größer und ein paar Jährchen älter als der
Junge, der überlegte. Außerdem trug er eine Brille und hatte rot-schwarz ge-
färbte Haare, mit denen er laut einer Zugehörigen der damaligen Bundeswehr
wie der Teufel in Person aussah. Er trug ein unwirkliches Element in sich. Es
war fast so, als könne er jenseits der von ihm konstruierten Wirklichkeit nur
durch Glück, dumme Sprüche und fetthaltige Nahrung überleben. Mit Angst-
schweiß auf der Stirn rannte er in den Raum hinein und versteckte sich hinter
dem Esstisch.

im Schlossgarten, um einen Joint zu rauchen. Genau in dem Moment, als der dunkle Zauberer
einen Todesfluch auf Ron schleuderte, betrat sein Vater den Raum. Er schaffte es gerade noch,
mit einem Gegenfluch zu kontern. In der Eile und unter Einwirkung der Droge konterte Karl je-
doch mit dem falschen Fluch, die kombinierten Energieblitze trafen seinen Sohn und der dunkle
Magier suchte das Weite. Seitdem war Ron unsterblich. Seine Eltern nutzten diesen Umstand
konsequent aus, in der Annahme, es sei zum Wohle ihres Jungen.

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„Sie kommen! Sie sind hinter mir her! Sagt ihnen, ich sei nicht hier! Bitte!“
Mehrere anzugtragende Männer mit Aktenkoffern und glattgeschmierten Haa-
ren huschten in den Speisesaal. Rosaline erhob sich und sagte:
“Wer sind Sie und wie kann ich Ihnen behilflich sein?“
Der Oberanzug antwortete:
“Wir sind die Rechtsvertreter der juristischen Person Weiche Birne Produk-
tionen, dessen geistiges Eigentum schamlos von einem gewissen Individuum
zu eigenen Zwecken verwandt wurde. Angesichts einer zivilrechtlichen Ent-
scheidung, laut der sich die kriminelle Übernahme diverser Handlungs-
elemente eines Werkes des von uns geschützten Urhebers durch das ange-
sprochene Individuum innerhalb der Legalitätsgrenzen bewegt, wurde die
Entwicklung einer unternehmensinternen Justiz erforderlich, laut deren
Rechtsgrundsätzen dieses Individuum zu einer zehnjährigen Haftstrafe verur-
teilt wurde. Wir fordern Sie daher zur sofortigen Herausgabe des be-
schriebenen Individuums auf. Danke für ihre Kooperation.“
Der Autor zupfte an Terrys schwarzer Armeehose und dieser blickte nach un-
ten.
“Hey, Junge: Du bist mir noch etwas schuldig, weißt du noch? Als du Gott er-
schossen hattest, habe ich dich zurück auf die Erde geschickt! Bitte tu irgend
etwas! Die verfolgen mich schon seit dem Knusperhäuschen! Sie haben sogar
Darwin gedroht, weil er zu Lebzeiten Urheberrechte der Natur verletzt haben
soll, indem er ihre Funktionsweise erkundete.“
„Ist ja schon gut“, erwiderte Terry. An die Anzüge gewandt sagte er laut:
“Meine Herren: Es wird sich alles aufklären. Ich möchte Sie nur kurz nach
draußen bitten.“
Sie verließen den Speisesaal und befanden sich nun mehr in der Empfangs-
halle, die noch immer von dorischen Säulen getragen wurde. Der Oberanzug
sagte:
“Wer sind Sie denn eigentlich? Und wie glauben Sie, zur Lösung unseres
kleinen Problems beitragen zu können?“
„Mein Name ist Terry Rotter. Ich bin einer seiner Charaktere. Ich möchte Ih-
nen zwei Lösungsmöglichkeiten anbieten: 1. Sie lassen uns in Ruhe oder 2.
Ich reiße Ihnen die Köpfe ab.“
„Ich muss doch sehr bitten: Rechte wurden verletzt!“ sagte der Aktenkoffer,
wohl Zweiter in der Hierarchie nach dem Oberanzug.
„Meiner Erfahrung nach fangen gewisse Rechte für gewöhnlich den Streit
an“, meinte Terry.
„Nein, so nicht! Ich nehme Sie fest wegen Verletzung von §131!“
„So sei es!“ sagte Terry.

Der Anzug wirft seinen Koffer in die Luft, öffnet ihn und zieht den ultimativen Urheberrechtskata-
log heraus. Er holt aus und versucht diesen Terry in die Magengegend zu schleudern. Der Junge
schaltet in Zeitlupe um*, weicht aus und hechtet hinter eine der Säulen. Da Geld bekanntlich Zeit
ist, sind auch Anwälte dazu in der Lage, die Zeit zu ihrem Vorteil zu manipulieren. Sie öffnen ihre
Koffer und ziehen Gesetzesbücher heraus. Terry stellt seine Avengers auf Schnellfeuer um und
springt aus seiner Deckung hervor. Die Kugeln rasen auf die Bürokraten zu, doch diese blocken sie
mit Hilfe des Paragraphen ab, der den Besitz von Schusswaffen verbietet.
„Na schön: Manifesto Katana!“ ruft Terry und ein japanisches Schwert reißt sich von der Wand des
* Terry hatte sich die Fähigkeit, die Zeit zu beeinflussen, im verbotenen Abteil der Bibliothek
von Rowlingstone angeeignet. Er konnte sie allerdings nicht zurückspulen. Vorzugsweise bis zur
Zeit, in der er noch nicht geboren war.

-22-
Schlosses ab und fliegt dem Jungen zu.
„Hey! Die sind nur in einer dekorativen Funktion legal!“ betont der Oberanzug
Terry rennt auf die Anwälte zu und schwingt seine Waffe.

Die Grievlys betraten die Empfangshalle. Rosaline stieg über den einen oder
anderen Körper hinweg und legte einen Arm auf Terrys Schulter.
„Das Essen wird kalt, mein Guter. Aber wie ich sehe, hast du die Angelegen-
heit bereits zu deiner vollsten Zufriedenheit regeln können.“
„Durchaus. Sehr dekorativ hier“, meinte der Junge mit Blick auf diverse
Köpfe, die schlecht gelaunt, aber den Vorschriften entsprechend, in den Salon
rollten.

Der Junge und Mrs. Grievly begaben sich zurück zum Esstisch und letztge-
nannte wandte sich an die Haussklaven:
“Der Salon und die Empfangshalle könnten ein wenig Aufmerksamkeit ver-
tragen.“
„Sehr wohl, Madam“, antwortete einer der Unbezahlten. Der Autor bedankte
sich bei Terry, verabschiedete sich von den Grievlys und machte sich auf den
Weg zurück zu seinem Knusperhäuschen, um Darwin tröstend in den Arm zu
nehmen.

Nachdem sie ein geflügeltes Schaf verdrückt hatten, während Ron versucht
gewesen war, sich an dessen Duft satt zu essen, bemerkte Rosaline Terrys
mitleidvollen Blick. Sie nahm seine Hand und sagte:
“Es ist nur zu seinem Besten. Fasten hat eine hohe Bedeutung in zahlreichen
Religionen. Es wird ihm bestimmt gut tun.“
Terry war nicht gut auf Religionen zu sprechen. Er hatte sich vor seinem
ersten Jahr in Rowlingstone einige Male an Priester gewandt und ihnen seine
Probleme mit den Thorsleys erläutert. Sie erteilten ihm zwar alle Absolution,
jedoch hatte Terry nach Hilfe gesucht und nicht nach göttlicher Vergebung
für die Sünden seiner Pflegefamilie.
Er riss sich von Rons Mutter los und ließ seine Hand beschwörend durch die
Luft gleiten, während er sagte:
„Sie werden Ron in Zukunft genau so gut behandeln wie ihre anderen Söhne!“
Rosaline wiederholte den Satz hypnotisiert.
„Er wird ein eigenes Zimmer hier im Schloss erhalten, neue Kleider und etwas
zu essen!“
Auch diesen Satz sprach ihm Rosaline nach, als habe ihr jemand einen göttli-
chen Auftrag erteilt. Für Außenstehende war es vielleicht ein bisschen schwer
zu verstehen, warum Terry Rons Mutter Befehle erteilen konnte. Die Antwort
war nicht etwa in der Magie, sondern in der Welt der Reichen und Schönen zu
suchen: Terry war sowohl berühmter und, was noch viel wichtiger war, er
hatte auch mehr Geld als die Grievlys. Also durfte er von seinem Recht Ge-
brauch machen, kund zu tun, was sich schickte und was nicht. Als Rons Mut-
ter wieder zu sich kam, sagte sie:
“Ach ja: Ron und Terry: Ihr könntet mir einen Gefallen tun ...“
Ron flüsterte seinem Freund begeistert zu:
“Sie redet mit mir! Sie bittet mich um etwas, anstelle Dad zu beauftragen, es
mir zu befehlen!“
Mrs. Grievly fuhr fort:
”Wir haben ein Ungezieferproblem im Garten.“
„Wieder die Gartenzwerge, oder? Welche denn?“ fragte Ron voller neuem Ta-

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tendrang.
„Die roten“, antwortete Rosaline.
„Oh nein!“ sagte Ron. „Nicht schon wieder!“

Die beiden Nachwuchszauberer begaben sich in den Schlossgarten. Es


handelte sich um einen typischen französischen Garten, sehr penibel zurecht-
geschnitten und gepflegt. Eine Allee mit exakt zylinderförmigen Kiefern führte
sie in ein Gebiet mit Blumenbeeten, Kirschbäumen, die im Teich ein Bad
nahmen, und den besagten Gartenzwergen, die einigen Schneeglöckchen
lüstern hinterher jagten. Sie trugen einen roten Stern auf ihrer Zipfelmütze
und T-Shirts mit Logos von Karl Marx und Mao Tsetung darauf.
„Kommunistische Gartenzwerge?“
„Sie klauen immer unsere Unterwäsche und diverse andere Dinge und bun-
kern sie in ihren Höhlen im Untergrund. Das ist echt nervig“, erläuterte Ron.
„Also, inzwischen wundert mich gar nichts mehr“, meinte Terry.
In Wirklichkeit wunderte ihn fast alles. Sowohl die magische Welt als auch die
Welt der Muggel schienen nicht so zu funktionieren, wie sie es eigentlich soll-
ten. Durch die gewaltige Anpassungsfähigkeit Terrys an seine Umwelt und
aufgrund einer gewissen Faulheit jedoch, hatte sich seine persönliche Evoluti-
on dazu entschlossen, neuen Dingen zwar aufgeschlossen, aber ebenso emo-
tional gleichgültig zu begegnen, wie allem anderen auch.
„Wie werdet ihr sie los?“
„Man packt sie an ihren Beinchen und schleudert sie in dieses kleine Wald-
stück dort drüben.“
Ron verwies auf einen Dschungel der Größe des brasilianischen Regenwaldes,
der an das grievlysche Grundstück angrenzte und sich auf der einen Seite des
Schlossberges immer weiter in die magische Welt hinein erstreckte.
„Du könntest sie auch erschießen“, schlug Ron vor.
„Ach nein. Ich empfinde ein wenig Mitleid für sie“, meinte Terry.
Offenbar hatte der Junge den Begriff „Mitleid“ noch nicht oft verwendet, denn
es fiel ihm hörbar schwer, ihn auszusprechen.
„Kommen sie nicht irgendwann wieder?“
„Nein. Die in dem Waldstück lebenden Ahornbäume beuten ihre Arbeitskraft
aus und lassen die Gartenzwerge für sich Wasser und symbiotische Pflanzen
und Tiere holen. Immerhin besser, als unsere Unterwäsche zu klauen."
„Offensichtlich ... Wo kommen die Gartenzwerge eigentlich her?“ fragte Terry.
„Aus China.“

Terry und Ron rannten den Zwergen hinterher, doch diese waren ziemlich
schnell für ihre Größe. Sie versteckten sich hinter Büschen, in Blumenbeeten
und auf Bäumen. Manchmal warfen sie Phrasen wie „Tod den Klassenfeinden“
oder „Gartenzwerge aller Länder vereinigt euch“ ein. Nach einer Weile blieb
Terry stehen und sagte:
“So kriegen wir sie nicht. Ich schlage Wirtschaftssanktionen vor.“
Die roten Gartenzwerge, die über ein gewisses, wenn auch beschränktes,
Sprachverständnis verfügten, versuchten, die Bedeutung von Terrys Worten
zu entschlüsseln, um so auf seine neue Strategie reagieren zu können. Terry
nutzte ihre Verunsicherung aus und schnappte sich überraschend zwei von ih-
nen aus der Menge.
„Ha! Das hättet ihr wohl nicht erwartet!“ sagte er überlegen.
Er gab Ron einen der Gartenzwerge. Die Jungs packten sie an ihren Beinchen
und drehten sich im Kreis. Als ihr Drehsinn recht hoch war, ließen sie los und
die Proletarier flogen in das genannte Waldstück hinein. Die zwei Magier be-

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obachteten, wie die dort lebenden Bäume sich ihrer annahmen. Sie ließen die
Zwerge sofort für sich schuften und peitschten sie bei Nichtgehorsam mit ih-
ren Ästen aus. Terry und Ron fuhren mit der Prozedur fort, bis sich die Bäume
eines reichhaltiges Sortiments günstiger Arbeitskräfte erfreuen konnten.
Selbst die Personalnebenkosten lagen praktisch bei Null. Außerdem konnte
Ron nun mit der Sicherheit einschlafen, dass er auch am nächsten Tag noch
über seine Unterwäsche verfügen würde. Trotzdem war er nicht ganz zufrie-
den mit dieser Lösung.
„Weißt du Terry: Manchmal frage ich mich, ob es wirklich richtig ist, was wir
hier tun.“
„Ich nicht“, meinte Terry. „Aber ich habe was gegen diese Ahornbäume.“

Die letzten paar Tage der Ferien verbrachte der wohl populärste Zauberjunge
aller Zeiten bei den Grievlys. Rons neues Zimmer war an Luxus kaum noch zu
überbieten. Wenn er etwas wollte, musste er nur auf einen Knopf drücken und
sich mit seinem Wunsch an die Haussklaven wenden, die glücklich mit ihrem
Beruf zu sein schienen. Das Zimmer war groß genug für Terry und Ron - theo-
retisch bot es Platz für zehn weitere Bewohner - so dass sie es teilten. Die
meiste Zeit übten sie entweder im Schlossgarten Quititsch - Albert, Terrys
Wanderfalke, hatte dem Jungen nämlich sein Snowboard zurück gebracht -
oder sie schauten sich Sendungen mit einem zynischen Gnom an, die sie Beide
ungemein witzig fanden. Das Zauberfernsehen entsprach in etwa dem Mug-
gelfernsehen, nur, dass es in den Politmagazinen statt um herkömmliche Tier-
rechte um Rechte von Kobolden und Dinosauriern ging und hin und wieder
Angehörige der Troll Partei das Studio demolierten. Ein Problem des ma-
gischen Parlamentes war es scheinbar, dass das Parteiprogramm der meisten
Parteien darauf hinauslief, alle anderen Parteien verbieten zu lassen. Vor
einigen Monaten hatte es derlei Probleme noch nicht gegeben, aber dann
hatte der Schulgärtner Rowlingstones, ein Gehilfe des dunklen Lords, die
Minister für internationale Quititschregeln und für Hexenverbrennung
ermordet. Gerade diese beiden Minister waren stark am Erhalt der Geheim-
diktatur des Ministeriums für Aberglauben beteiligt gewesen. Die magische
Welt konnte also nicht viel mit parlamentarischer Demokratie anfangen, sie
war ihnen ähnlich suspekt wie die Badeenten der Muggel. Politologen be-
fürchteten Schlimmes, sollte im magischen Ministerrat der Kuchen ausgehen.

Eines Tages betrat Mrs. Grievly Rons Zimmer und stolperte über diversen Un-
rat, bis sie ihren Sohn unter einer Decke aus ungewaschenen Klamotten
vorfand. Terrys Bett und seine Hälfte des Zimmers waren dagegen sehr
ordentlich und aufgeräumt. Seinen Ordnungswahn hatte er von den Thorsleys
erlernt und wurde ihn nun nicht mehr los.
Als Rosaline die beiden Jungs geweckt hatte, sagte sie:
“Heute sind eure Einkaufslisten für die Schule mit der Eulenpost gekommen.
Und Terry: Dein Wanderfalke hat ein paar Säckel Gold angeschleppt. Wo soll
ich die hinbringen?“
„Einen der Goldsäckel nehme ich mit. Kann ich die anderen hier lagern?“
„Sicher. Dein Geld ist hier unter Freunden.“
Mrs. Grievly überreichte Terry seine Einkaufsliste. Er las sie sich durch:

„Schüler des zweiten Jahrgangs der Rowlingstone Schule für Esoterik und mys-
tischen Krimskrams benötigen:

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‚Das Buch der Sprüche’, Band 2 von Wolfram Weise
‚Abenteuer Anderer’ von Timidus Lotleak
‚Nicht mein Buch’ von Timidus Lotleak
‚Aufgeschnappt aber Wissenswert’ von Timidus Lotleak
‚Die Lehre von so Manchem’ von Timidus Lotleak
‚Abgeschriebene Geschichte’ von Timidus Lotleak
‚Die magische Welt aus der Sicht eines Verlierers’ von Timidus Lotleak
und
‚Die Biographie eines Unwürdigen’ von Timidus Lotleak“

Ron hatte gerade seine eigene Liste überflogen und warf nun einen Blick auf
Terrys.
„Du musst dir also auch alle Lotleak Bücher kaufen! Unser neuer Missbrauch-
der-dunklen-Künste-Lehrer muss wohl ein Fan von ihm sein. Wahrscheinlich
eine Hexe. Oder ein Homosexueller.“
„Ron!“ ermahnte ihn Mrs. Grievly.
„Tut mir Leid, Mum.“
Ron wusste nicht, was ein Homosexueller war, aber es reichte ihm, dass sich
seine Mutter darüber aufregte, wenn er diesen Begriff verwandt.
„Ach ja: Hier ist noch ein Brief von eurer kleinen Freundin!“
Terry las Hermiones Brief vor:

„Lieber Ron und Terry, wenn du da bist,

ich hoffe, alles ist glatt gelaufen und du hast nichts Illegales gemacht, um Ter-
ry davon abzuhalten, seine Regierung zu erpressen. Tut mir Leid, dass ich dich
nicht besuchen kommen konnte, aber ich musste noch einmal in die Vereinig-
ten Staaten gehen. Sie haben mir einen Ehrendoktortitel verliehen - toll, nicht
war?
Wir sind dann am Mittwoch in der Quantengasse, wir können euch ja dort
treffen. Und wehe, du hast jemanden erschossen, Terry!

Bis dann, hab euch lieb,


Hermione“

„Ich habe doch nur einen einzigen Oberfeldwebel erschossen, ist doch halb so
wild. Gibt sowieso viel zu viele davon."
„Sie wird’s überleben“, sagte Ron.
„Macht euch dann fertig! Es wird Zeit, zu gehen“, warf Mrs. Grievly dazwi-
schen.
„Wohin?“ wollte Ron wissen.
„Es ist Mittwoch. Wir müssen zur Quantengasse und eure neuen Schulsachen
kaufen. Hm, das wir teuer. Lotleaks Bücher sind nicht gerade günstig. Tja, die
armen Leute, die sich das nicht leisten können. So ein Pech.“

Nach dem Frühstück versammelten sich alle im Salon vor dem Kamin. An Ter-
ry gewandt erläuterte Mrs. Grievly:
“Wir reisen mit Feenstaub.“
„Homosexuell“, sagte Ron leise. Doch Mrs. Grievly hatte ihn gehört:
“Ron! Das ist eine absolut gebräuchliche Art zu reisen in der Welt der Magie!“

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„Ja, Mum."
„Alec, Frank, Joe, Ginny und Karl, ihr geht zuerst rein! Ihr müsst Terry zeigen,
wie es geht“, sagte Mrs. Grievly.
Die besagten Kinder stellten sich nacheinander in den Kamin, wo sie versuch-
ten, nicht auf heiße Asche zu treten, schütteten Feenstaub über ihre Köpfe
und sprachen laut den Namen ihres Reisezieles aus, also „Quantengasse“.
Glitzernde Sternchen hüllten die Kinder ein und sie lösten sich auf. Als Ginny
an der Reihe war, fragte Terry:
„Warum muss man dazu eigentlich in den Kamin gehen?“
„Damit Mum den Feenstaub nicht vom Teppich kehren muss“, erläuterte Ron.
Als Terry Feenstaub in die Hand nahm, sagte Mrs Grievly:
„Aber sei vorsichtig, dass du nicht Gasse des Bösen sagst, mein Junge. Ist
ziemlich ungemütlich dort und die verkaufen lauter verbotene Sachen.“
„Ist das so?“ meinte Terry. „Gasse des Bösen!“
Der Junge, der überlegte, verschwand unter einem Vorhang aus funkelnden
Sternen.

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Kapitel 4: Vor dem Tor

Finstere Gestalten aller Art sitzen herum.


Einige Zauberburschen: Warum denn gar nichts tun?
Andre: Seht, dort drüben läuft manch ein Huhn.
Die Ersten: Ruhig, wir wollen hören, was es sagt.
Ein Zauberbursche: Hühner sind eher sprachlose Gesellen.
Zweiter: Jene Tiere sind gar nicht schön.
Die Zweiten: Was redest du?
Ein Dritter: Ein jedes die andern plagt.
Vierter: Dort kommt einer herauf, gewiss ihm nehmen wir
Die schönsten Kleider und das beste Bier...
Terry: Und Prügel von der ersten Sorte.
Fünfter: Du überlustiger Passant,
Juckt dir als ersten hier die Hand?
Er mag keinen Kampf, spricht nur grausig Worte.
Zauberin: Nein, nein! Ich gehe zur Gasse zurück.
Andre: Wollen ihn nicht länger mit Gered’ erhellen.
Terry: Das ist für euch ein großes Glück.
Nietzsche: Willst dich zu den Fisch’ gesellen?
Der Autor: Mit dir gleich werd’ ich füttern sie!
Nietzsche: Versuch es nur, du schaffst es nie!

Terry war gerade in der Gasse des Bösen angekommen. So manch ein arg
grausig schwankender Zauberer kreuzte seine Wege, dunkel glitzernde
Augen, schmutzig riechende Hüte und wohliger Alkoholduft waren allgegen-
wärtig. Und doch: Keine brauchbaren Waren in Sicht. Stattdessen nur ein
kleiner bleicher Junge, der in einem finsteren Laden verschwand.
„Efeu! Ich hätte es wissen müssen!“* sagte Terry und folgte ihm.

Im Inneren des Geschäftes fanden sich allerlei Gegenstände, die gekonnt


Illegalität ausstrahlten. Ein Skelett flüsterte Terry leise „Hier her!“ zu und
versteckte den Jungen hinter einem Schrank. Spongo gesellte sich zu seinem
Vater, der an der Kasse auf den Ladenbesitzer wartete. Luzifer Efeu hatte die
selben emotionsarmen Gesichtszüge wie sein Sohn und die selben farblosen
grauen Augen. Seine langen Haare hingen widerwillig von seinem hohen
Haupt herab. Spongo startete eine seiner missgönnenden Reden über Terry:
„Ich hasse ihn. Letztes Jahr durfte er als einziger unseres Jahrgangs ins Qui-
titsch-Team. Und das auch noch als Schnapper! Er ist nicht einmal sonderlich
gut. Nur weil er berühmt ist. Der große Terry Rotter! Kniet nieder vor ihm.“
„Das hast du mir jetzt schon 22,5 mal erzählt. Genug davon!“ verlangte Luzi-
fer.
Terry flüsterte an das Skelett gewandt:
“Eigentlich hat er damit vollkommen Recht.“
„Yeah, that’s life”, meinte das Skelett.
„... jeder denkt, er sei so gerissen, der große Rotter mit seiner Narbe und sei-
nem Snowboard...“
„Stimmt“, bestätigte Terry.
„Ach, irgendwann siehst du über solche Dinge hinweg. Spätestens wenn sich
deine Augen nur noch an den Bakterien in einem Second-Hand-Sarg erfreuen
* Natürlich hätte er es weder wissen müssen noch wissen können.

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können“, versuchte ihn das Skelett aufzuheitern.
„Mr. Efeu. Welch ‚Freude’ Sie hier wieder einmal begrüßen zu dürfen. Was
darf ich Ihnen anbieten?“ fragte der Verkäufer.
„Ich kaufe heute nichts, Mr. Doubtable, ich verkaufe“, antwortete Luzifer.
„Sie verkaufen?“
„Sie sagen es, Doubtable. Wie Sie sicher wissen, führt das Ministerium seit
der Sache mit dem aufblasbaren Spielzeugkamel verstärkt Hausdurchsuchen
durch,“ sagte Mr. Efeu, während er eine kleine Truhe unter seinem Umhang
hervor holte. „Und ich besitze ein paar Utensilien, die mich in Bedrängnis
bringen könnten, sollte das Ministerium ...“
„Ich verstehe“, sagte der Ladenbesitzer.
Luzifer öffnete die Truhe und Doubtable erblickte einen Taschenrechner, ein
Duschgel und einen Schokoriegel darin. Er ließ die Sachen schnell hinter dem
Tresen verschwinden.
„Ich frage mich, was das Ministerium mit den ganzen verbotenen Muggel-
Artefakten anstellt, nachdem sie diese konfisziert haben ...“, überlegte der
Verkäufer.
„Ha, gewonnen!“ rief das Skelett von hinter dem Schrank her.
„Was war das?“ fragte Mr. Efeu überrascht.
Terry hielt dem Skelett die Kiefer zusammen. Es hatte ihn gerade im Dau-
mendrücken geschlagen und seine Freude darüber etwas zu laut kund getan.
Während sich Mr. Efeu im Raum umsah, legte Mr. Doubtable einen Zeige-
finger auf die Lippen und warf einen kurzen Blick in Richtung des Schrankes.
Zum Glück war sein Skelett auch ohne diese Geste gesehen zu haben still.
„Ach, das war nur das Holz von diesem Regal dort drüben. Es ächzt dann und
wann. Ich muss es wohl mal wieder ölen“, meinte der Ladeninhaber. „Für die
Ware biete ich Ihnen zehn Silberstücke.“
„20“, sagte Luzifer mit Griff an seinen Zauberstab.
„Oh, sagte ich zehn? Ich meinte natürlich 20 Silberstücke“, korrigierte sich
Mr. Doubtable. Er reichte Mr. Efeu das Geld und lächelte auf mäßig über-
zeugende Weise.
„Es war wieder einmal ein Vergnügen, mit Ihnen Geschäfte zu machen“, sagte
Luzifer und wandte sich an seinen Sohn: „Spongo, wir gehen.“
Nachdem die beiden unglaublich bösartigen Zauberer den unwahrscheinlich
zweifelhaften Laden verlassen hatten, verabschiedete sich Terry von dem
Skelett und schlich sich hinaus.
„Lebendige Menschen können also doch ganz nett sein“, stellte es erleichtert
fest.

„Na schön. Die Zeit ist gekommen, in der es mich interessiert, wo ich hier
eigentlich bin ...“, überlegte Terry laut.
Ein Schild am Straßenrand stellte fest: „Du bist hier in der Gasse des Bösen.“
„Sehr informativ“, entgegnete der Junge. „Und wie komme ich zur
Quantengasse?“
„Bevor ich dir das verrate, musst du mir erst einmal einen kleinen Gefallen
tun“, erläuterte das Schild. „Ich möchte, dass du den Schmutz von mir
wischt.“
„Nun gut. Aber nicht mit meinen schönen Sachen!“ sagte Terry und schnappte
sich einen Taschendieb aus den Reihen der Passanten. Er reinigte mit ihm das
Straßenschild und warf ihn wieder zurück.
„Ich danke dir. Zur Quantengasse geht es dort die Treppen rauf“, erläuterte
das Schild.
Terry machte sich auf den Weg. Auf einmal erschienen drei Banditen vor ihm

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und bedrohten ihn mit ihren Zauberstäben.
„Geld oder Leben!“ stellten sie fest.
„Was schlagt ihr vor?“ fragte der Junge und hob die Hände.
„Wir raten zum Geld“, sagte einer der Banditen.
„Vorschlag angenommen“, antwortete Terry und verlangsamte die Zeit. Er
schnappte sich die Brieftaschen der Räuber und steckte ihr Geld ein. Dann
schleppte er die Lehrlings-Diebe zur nächsten Straßenlaterne und hing sie
dort an ihren Kapuzen auf. Terry kehrte zur Echtzeit zurück und stieg die
Treppe zur Quantengasse hinauf.

Auf halbem Wege begegnete er Rubeus Ragrid. Ein Mann von markanter Kör-
pergröße, der sich in Rowlingstone um die Tiere kümmerte. Er hatte sich im
letzten Jahr mit Hermione, Ron und Terry angefreundet. Der Junge, der über-
legte, war sehr beeindruckt gewesen von der Strohrumflasche, die Rubeus
sein Zuhause nannte.
„Tag Ragrid!“ sagte Terry.
„Oh, ähm - hallo Terry! Was für eine freudige Überraschung! Ich würd’ mich
aber net hier rumtreibe’, wenn ich du wär’!“ entgegnete Rubeus. „Ziemlich g’-
fährlich.“
„Und was willst du dann in der Gasse des Bösen?“
„Hm. Gute Frage. Wo gehst du jetzt hin?“
„Ich sollte mich eigentlich in der Quantengasse mit den Grievlys treffen. Ich
denke mal, die sind inzwischen in diesem Buchladen. Wie hieß der noch?“
„Flounder and Bluffs.“
„Genau”, sagte Terry. „Tja, hoffentlich fällt dir bald wieder ein, was du hier
wolltest.“
„Ich denke schon. Also bis dann, mein Junge!“

Vor Flounder and Bluffs warteten nicht nur Ron, Ginny und Mrs. Grievly auf
Terry, sondern auch Hermione. Als sie ihren Freund entdeckte, rannte sie
samt verlangsamter Zeit und im Wind wehenden Haaren zu ihm und schlug
ihm gegen den Arm. Dann küsste sie den Jungen, der überlegte, warum ihn
Hermione geschlagen hatte.
„Es ist so schön, dich wieder zu sehen“, stellte sie fest.
„Ja. Es ist auch schön dich wieder zu sehen - abgesehen von leichten
Schmerzen auf dem Oberarm.“
„Du hast die Anwälte von Weiche Birne erschossen! Ron hat es mir erzählt!“
„Stimmt ja gar nicht. Ich habe sie enthauptet“, erwiderte Terry, der auf seine
Kreativität beim Leute auseinanderlegen ziemlich stolz war.
„Du hast mir doch versprochen, dich zurückzuhalten!“ sagte Hermione be-
leidigt.
„Habe ich doch. Du glaubst ja nicht, wen ich alles nicht umgelegt habe: Die
Thorselys, die Regierung, die Offiziere der Stolzen Armee ... Na gut: Alle Offi-
ziere bis auf einen. Aber der war ganz zufrieden damit.“
„Da habe ich mir vielleicht einen geangelt ...“, sagte Hermione kopf-
schüttelnd.
„Ach was. Wollen wir miteinander schlafen?“
„Du bist wirklich unmöglich!“ stellte das Mädchen fest und strich sich die
Haare zurück. „Warte wenigstens noch, bis wir zurück in der Schule sind!“
Mr. Grievly spazierte die Straße entlang, bis er sich der Gruppe näherte.
„Entschuldigen Sie, Mr. Grievly!“ rief Terry.
„Ja?“
„Luzifer Efeu hat in einem Laden in der Gasse des Bösen ein paar Muggel-

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Artefakte verkauft.“
„Ich wusste es. Mal sehen, ob ich ihn dafür irgendwie drankriegen kann. Aber
ich schätze, das wird sich nur schwer nachweisen lassen“, befürchtete Mr.
Grievly.
„Kriege ich eine Lizenz, die mich dazu berechtigt, ihn von irgendeiner Klippe
zu schubsen?“
„Ich glaube eher nicht“, schmunzelte Rons Vater.
„Mist. Na ja, wer braucht schon eine Lizenz ...“, murmelte Terry.
Hermione zog einen Mann und eine Frau heran, die auffallend wenig wie Zau-
berer aussahen und stellte sie als ihre Eltern vor. Mrs. Grievly war davon so-
fort begeistert:
„Oh, Sie sind also Muggel! Hervorragend! Sind Sie sehr vermögend?“
„Nein, wir sind Sozialarbeiter“, antwortete Mrs. Stranger.
„Ein grausames Schicksal. Wir müssen unbedingt einmal einen Tee zusammen
trinken. Ich möchte mehr von den Luxusgütern der Muggelwelt erfahren.
Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir in ein etwas abgelegeneres Café gehen?
Muss uns ja nicht jeder gleich zusammen sehen ...“
„Nein. Das ist schon in Ordnung. Etwas anderes könnten wir uns sowieso
nicht leisten. Wissen Sie, wenn Hermione kein Stipendium bekommen würde
...“
„Ja, ja. M-hm. M-hm. Aber erst sollten wir einmal die Schulsachen für die
Kinder kaufen“, schlug Mrs. Grievly vor. Es war einer dieser Vorschläge, die
eigentlich eher eine Feststellung waren.
Terry sah sich während des Gespräches zusammen mit Hermione das
Schaufenster von Flounder and Bluffs an. Ein großes Banner war darin aufge-
hängt worden. Es trug die Inschrift:

Timidus Lotleak
wird heute seine Autobiographie
„Die Biographie eines Unwürdigen“
signieren.
12:30- 16:30
Anm.: Bitte nicht zu viel Applaus

„Ach, er ist so süß!“ schwelgte Hermione und legte ihren Kopf auf Terrys
Schulter.
„Wer ist das?“ fragte Terry. „Der Kerl, der die meisten unserer Schulbücher
geschrieben hat, nicht wahr?“
„Ach! Er ist der beste Schriftsteller aller Zeiten! Leider ist er ziemlich schüch-
tern. Er glaubt, er habe den Erfolg nicht verdient, weil er nur die Abenteuer
anderer Zauberer aufschreibt. Aber sie beauftragen ihn schließlich dazu und
er verzichtet auf den Großteil seines Gehaltes und verspendet das Geld für
wohltätige Zwecke. Er ist ja so ein lieber Kerl!“ schwärmte Terrys Freundin.
„Frauen. Ich traue Leuten nicht über den Weg, die glauben, sie könnten Pro-
bleme friedlich lösen“, meinte Terry.
„Typisch“, sagte Hermione.
„Hey, ich habe es versucht. Aber meiner Erfahrung nach schlagen sie einfach
weiter auf dich ein, wenn du dich nicht ordentlich wehrst. Und außerdem
haben Schriftsteller sowieso nicht alle Tassen im Schrank* “
„Es ist richtig, Gutes zu tun!“ sagte Hermione. „Und außerdem spendet er das

* Duppeldidupp. Lang lebe das Wollknäuel.

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Geld zur Rettung der Succubus-Wale und nicht für die Resozialisierung
krimineller Jugendlicher.“
„Klingt aber auch gefährlich“, meinte Terry.**

„Kommt, Kinder!“ rief Mrs. Grievly und betrat das Geschäft. Die anderen ta-
ten es ihr gleich und bald sah sich Terry mit einer kleinen Bühne im Inneren
des Buchladen konfrontiert, die man offenbar zu Ehren des berühmten Autors
aus dem Boden gestampft hatte. Die Bücherregale waren so an den Seiten
angeordnet, dass die Bühne geradezu wie ein Schrein wirkte. Den religiösen
Bezug verstärkten die Kerzenhalter und die Mönchsgesänge im Hintergrund.
Ein Fotograf der Tagesbild stand frontal vor der Bühne, allerdings in der Nähe
des Eingangs, damit er auch die ganzen Lotleak-Jünger einfangen konnte.
Sein Literaturagent schob den verängstigten Timidus auf die Bühne und die
Masse brach in Begeisterungsstürme aus. Plötzlich sprach der Fotograf Terry
an:
„Hey, bist du nicht Terry Rotter?“
„Wer will das wissen?“ fragte der Junge. Doch seine Frage blieb unbeant-
wortet und einige Sekunden später fand er sich auf der Bühne neben Lotleak
wieder. Dieser begrüßte Terry:
„Hallo, mein Junge! Tut mir Leid, dass du dich mit mir fotografieren lassen
musst!“
Als die magische Digitalkamera endlich Ruhe fand, sagte Timidus:
“Wenn du willst, schenke ich dir gerne mein gesamtes Werk als Entschädi-
gung.“
„Das können Sie sich an den Hut stecken! Aber Sie könnten mir und meinen
Freunden die Schulbücher spendieren, die schließlich vor allem von Ihnen
stammen.“
„Aber gerne“, sagte Lotleak.
Ein Mann mit einem "Lektor"-Namensschildchen flüsterte ihm etwas ins Ohr.
„Ich befürchte, das geht doch nicht“, meinte er schließlich.
„Es ist ein so schöner Tag. Da kann man Blümchen gießen oder Lektoren tö-
ten!"
Der Lektor flüsterte Lotleak wieder etwas zu und Timidus sagte:
“Geht klar!“
Das Publikum applaudierte.
„Ich soll Ihnen allen noch mitteilen, dass ich dieses Schuljahr den Posten des
Missbrauch-der-dunklen-Künste-Lehrers in Rowlingstone bekleiden werde“,
fügte er hinzu.
Besonders Hermione war von dieser Information sehr angetan und sprang
freudig auf und ab.
„So, also wer will, dem schreibe ich nun meinen unwürdigen Namen auf sein
Exemplar meiner Biographie. Tut mir Leid, dass Sie dafür auch noch anstehen
müssen. Wirklich, ich bin es nicht wert, Sie können ruhig wieder gehen.“
Timidus Fans dachten gar nicht daran zu gehen und warteten ungeduldig auf
ihre Signatur.
„Das sehen Sie ganz richtig“, stellte Terry derweil fest.
Hermione winkte Timidus zu. Jedenfalls glaubte das der Junge, der überlegte.
In Wirklichkeit hatte sie ihm zugewinkt, damit er die Bühne wieder verließ.
Lotleak lächelte derweil in ihre Richtung. Tatsächlich galt seine Mimik
allerdings einer älteren Hexe neben Hermione, bei der es sich um die Mutter
** Und das waren sie auch: Die Succubus-Walkuh war dafür bekannt, dass sie ihren Gatten
kurz nach der Paarung in den Wahnsinn trieb und mit seinem ganzen Vermögen ins Nirvana
verschwand.

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des Erfolgsautors handelte, welche ganz furchtbar stolz auf ihren berühmten
Sohn war.
„Hey, Autor: Gehen sie in der Annahme nach Rowlingstone, dieses Schuljahr
zu überleben?“
„Ich gehe davon aus, obwohl ich es eigentlich gar nicht verdient hätte“, ant-
wortete der Federschwinger.
„Wie wahr. In diesem Fall könnte ich ...“
Hermione zog Terry von der Bühne. Sie hatte schon wieder diesen Blick bei
ihm ausgemacht, der darauf hinwies, dass es sehr ungesund war, sich in den
nächsten Minuten in seiner Nähe aufzuhalten. Als sie ihm auf die Wange küss-
te, beruhigte er sich und übergab den Grievlys ihre Schulbücher.

Terry sah sich ein wenig im Laden um: Die Buchhändler waren offenbar große
Fans der Sachbuchreihe „Wie stapele ich Bücher auf möglichst unpraktische
Weise“. Auf jeden Fall gab es in einigen Abteilungen des Ladens, der innen
faktisch größer war als außen, einige Buchstapel, die in Form einer auf dem
Kopf stehenden Pyramide aufgetürmt waren. Einer davon schien zu-
sammengebrochen zu sein, denn Terry konnte die Füße eines Zauberers er-
kennen, die aus einem Bücherhaufen herausschauten. Einige Kinder, also
noch jüngere Kinder als es Terry selbst war, liefen auf ihn zu. Sie zogen an
Terrys Mantel und sagten:
„Krieg ich ein Autogramm? Krieg ich ein Autogramm?“
„Ach, ihr seid so süß. Ich kann bestimmt einen hohen Preis für euch beim ört-
lichen Kinderhändler erzielen“, antwortete Terry.
„Autogramm! Autogramm!“ wiederholten die kleinen Magier, ohne dem
Jungen zugehört zu haben.
„Na schön“, sagte Terry und signierte die Bücher, die ihm die Kinder hin-
hielten. Er betrachtete diese etwas genauer.
„Hm. ‚Terry Rotter und der Stein des Anstoßes’ und ‚Terry Rotter und die
fragwürdige Kammer der schieren Schrecklichkeit.’“
Er blätterte ein wenig in den Romanen herum und warf Bemerkungen ein wie:
“Das hat sie also währenddessen gemacht“ und „Ich wusste gar nicht, dass ich
so böse bin“ oder „Wer verlegt denn so einen Schund?“.
Schließlich gab er die Bücher samt seinem Namen darauf den Kindern zurück.
Terry wirkte ziemlich nachdenklich. An der Seite eines Regals erschien auf
einmal Spongo Efeu.
„Der unglaubliche Terry Rotter. Immer ein Titelbild wert, nicht wahr?“
„Na schön, hör zu!“ antwortete der Prominente. „Ich kann gut nachvollziehen,
dass du auf mich eifersüchtig bist. Das wäre ich an deiner Stelle ebenfalls.
Aber ich habe mir das alles nicht ausgesucht. Bedenke auch die Schattensei-
ten meines Lebens.“
„Ja, deine Hände werden schon ganz taub von dem ganzen Autogramme
schreiben!“ meinte Spongo.
„Warum lassen wir die Vergangenheit nicht einfach hinter uns und fangen
noch einmal von Neuem an?“ schlug Terry vor.
„Was?“ fragte der Autor. „Aber, aber das können wir doch nicht machen!
Spongo ist Terrys böser Gegenspieler! Der dunkle Lord und seine Wenigkeit
bringen doch erst die ganze Dramatik in die Geschichte!“
„Na und?“, fragte Nietzsche den Autor. „Endlich hat dein Buch eine Gelegen-
heit, aus dem Trivialen herauszukommen.“
„So ist es“, bestätigte Darwin. „Es gibt sowieso kein Gut und Böse.“
„Aber wo bleibt denn da der ganze Spaß?“ wollte der Autor wissen.
„Außerdem will doch kein Mensch etwas Anspruchsvolles lesen. Mal abgese-

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hen davon, dass ich auch nichts übermäßig anspruchsvolles schreiben will.“
„Ja. Weil du das gar nicht kannst“, stellte Nietzsche fest.
„Kann ich wohl!“ widersprach der Autor.
„Kannst du nicht!“ wiederholte Nietzsche.
„Ach ja? Na dann passt mal auf!“

„Edel sei der Mensch und gut“, sagte Johann Wolfgang von Goethe. Er
präsentierte seine Bücher in der Klassikerabteilung von Flounder and Bluffs.
„Ja, denn nur so entzünden wir unseren göttlichen Funken“, bestätigte Fried-
rich Schiller.
„Aber: Für eure großen Pläne, ihr Götter, bin ich armer Mensch zu klein“, gab
Bertold Brecht zu bedenken.
„Eben. Letztendlich gilt nur: Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage“,
meinte William Shakespeare.
„Ach. Ist doch alles scheiße!“ sagte Heinrich von Kleist. „Ich bring mich um,
wer macht mit?“

„Schreib’ bloß nie wieder etwas Anspruchsvolles!“ sagte Nietzsche.


„Endlich siehst du es ein“, schloss der Autor erleichtert.

Die Anderen hatten ihren Weg zu Terry und Spongo gefunden.


„Lass ihn in Ruhe!“ forderte Ginny von Efeu.
„Oh, hast dir also eine Zweitfreundin zugelegt, was?“ meinte Spongo zu Terry.
Ginny wurde rot im Gesicht und rannte zu ihrer Mutter.
„Was will der denn schon wieder?“ fragte Ron.
„Ah, Ronald Grievly. Heute sogar mit richtiger Kleidung. Haben deine Eltern
Weihnachten und Geburtstag zusammengelegt, was?“, zischte Efeu.
„Nein, ich bekomme jetzt einen fairen Anteil. Terry und ich sind tausend Mal
so reich wie du!“
Hermione mischte sich ein:
„Ron, das bringt doch nichts!“
„Ah, Pseudoblut kann sprechen!“
„Ich finde es bedauerlich, das du meinen Vorschlag nicht annehmen willst,
Spongo“, stellte Terry fest.
„Auf Vorschläge von solchen wie dir kann ich verzichten!“ sagte Efeu.
Mr. Grievly trat zwischen die streitenden Gruppen und meinte:
“Nun beruhigt euch. Kommt Kinder, wir gehen.“
Luzifer Efeu war ihm gefolgt. Er belegte Rons Vater mit einem tödlichen Blick.
„Grievly. Dass sich so etwas wie Sie überhaupt in die Öffentlichkeit traut.“
„Luzifer!“ entgegnete Mr. Grievly mit einem wütenden Funkeln in den Augen.
Spongos Vater griff sich ein Buch aus Ginnys Tragekessel. Eine unpraktische
Angelegenheit, denn Kessel waren viel zu schwer, um als brauchbare Ein-
kaufstasche dienen zu können.
„Oh, ein Geschenk vom Lotleak persönlich. Sie bilden sich wohl ganz schön
was auf ihren Stand ein, nicht wahr Karl?“ provozierte Luzifer.
„Genug ist genug!“ sagte Karl und verpasste Mr. Efeu einen heftigen Schlag
ins Gesicht. Dieser fiel nach hinten um und riss Ginny mit sich auf den Boden
hinunter. Er knallte mit dem Kopf gegen ein Regal, das umkippte und auf
Spongo fiel. Der Ladenbesitzer forderte die Parteien auf, sofort ihren Streit
beizulegen. Luzifer raffte sich auf und legte Ginnys Buch zurück in den Kessel:
„Hier, du dummes Kind!“, sagte er. „Der goldene Einband ist ein bisschen in
Mitleidenschaft gezogen worden, fürchte ich.“
Terry und die Grievlys verließen geschwind den Laden.

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„Hey, wer kommt denn jetzt für den Schaden auf?“ fragte der Ladenbesitzer
mit Blick auf zerrissene Einbände und das zerkratzte Regal. Terry warf ihm
einen Säckel Gold zu und verschwand mit den anderen in den Untiefen der
Quantengasse. Er fühlte sich bedenklich gut dabei, für die anderen den
Schaden bezahlt zu haben. Auch wenn er heimlich Luzifer das benötigte Geld
aus der Tasche gezogen hatte.
„Vielleicht hattest du doch Recht, Hermione“, meinte er. „Vielleicht ist Gutes
tun ja doch ganz - gut.“
Sie gingen zum Hintereingang der Kneipe „Tropfender Becher“ durch das Tor
in die Muggelwelt, genauer gesagt nach London, und bestellten sich einen
Tee, um nach dem ganzen Aufhebens wieder ein wenig Ruhe zu finden.
Außerdem waren die Grievlys schon ganz gespannt auf die Unterhaltung mit
den Strangers über die Eigenarten der Muggeldimension.

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Kapitel 5: Die Lärche

„Also, nur damit ich das richtig verstehe ...“, sagte Mrs. Grievly. „Manche von
euch falten die Hände zusammen, wenn sie ein neues Auto haben wollen?“
„Mehr oder weniger“, antwortete Mrs. Stranger.
Die beiden Familien und Terry hatten es sich im tropfenden Becher gemütlich
gemacht und tranken einen magischen Kaffee. Eigentlich war nichts ma-
gisches daran, aber ein guter Name steigerte in jeder Dimension den Wert des
feilgebotenen Produktes.
„Und das funktioniert?“ wollte Rosaline wissen.
„Nun ja. Nicht wirklich“, meinte Mr. Stranger.
„Interessant ...“, fand Mrs. Grievly mit einem gesellschaftswissenschaftlichen
Ausdruck auf ihrem Gesicht.
Während des Gesprächs unter Erwachsenen schliefen Terry und Hermione.
Sie hatten sich aneinander gekuschelt, während Ron seine Freunde neidisch
anstarrte und seine Geschwister ihn dafür neckten.
„Ron hat keine Freundin. Ha-ha!“ sangen Frank und Joe im Chor.
„Ihr doch auch nicht!“ zischte Ron.
Seine Brüder verstummten und blickten verlegen auf den Tisch.
Terry spürte eine rüttelnde Hand auf seiner Schulter, war sofort hellwach und
holte mit seiner Faust zum Schlag aus. Als er Mr. Grievly erkannte, ließ er sei-
ne Hand wieder sinken.
„Wir sollten allmählich aufbrechen, morgen geht der Zug nach Rowlingstone
und es haben noch nicht alle fertig gepackt.“
„In Ordnung“, antwortete der Junge.
Terry lächelte versöhnlich. Sein Lächeln hatte immer einen gewissen Touch
des schieren Wahnsinns. Mr. Grievly zuckte zusammen und hielt seine Frau
vorsichtig davon ab, die Strangers die Zeche bezahlen zu lassen. Terry küsste
Hermione auf die Stirn. Sie murmelte benommen etwas in der Art von
„Stunde verpasst, Leben kein Sinn mehr“ und raffte sich langsam auf.
Durch den Kamin der Kneipe machten sie sich auf den Weg zurück zum
Schloss, im Falle der Strangers zu ihrer Drei-Zimmer-Wohnung irgendwo in
der englischen Grafschaft Wiltshire.

Terry brauchte nicht viel Zeit, um seine letzten Sachen einzupacken. Ein paar
Säckel Gold, seine Kleider und natürlich seine Avengers. Im Abendrot glänzte
ihre silberne Oberfläche, als ob ihr Gott höchstpersönlich ihr heiliges Antlitz
verliehen hätte. Im Nachhinein hätte er das wohl als Fehler betrachtet, ange-
sichts dessen, dass Terry ihn mit jenen Waffen im letzten Schuljahr er-
schossen hatte.
Zurück nach Rowlingstone - War das jetzt gut oder schlecht? Der Junge, der
überlegte, war sich nicht sicher: Einerseits gefiel ihm die Schule um einiges
besser als jede Muggel-Schule, die er kannte. Auf der anderen Seite wurde er
das Gefühl nicht los, dass wieder etwas wie im letzten Jahr passieren würde.
Diese Magenverstimmung, als ob er wieder die Schule, wenn nicht gar die
ganze Welt retten müsse. Dieser ungute, auf Logik und Wahrscheinlichkeit ba-
sierende Eindruck, dass der dunkle Lord Himmler, Terrys Großvater, aus dem
Altenheim Greistram ausgebrochen war, um wieder einmal Rowlingstone zu
terrorisieren. Warum eigentlich? Soweit Terry wusste, gab es mehrere Magie-
schulen. Davon abgesehen gab es auch militärisch bedeutendere Ziele als ir-
gend ein Schloss voll mit Kindern und Büchern. Terry hätte er schon längst in

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der Muggel-Welt ermorden können. Jemand unglaublich Dummes musste
dafür verantwortlich sein.

Eigentlich wünschte sich Terry ein Leben, in dem er nicht ständig in


haarsträubende Kämpfe verwickelt wurde. Er wollte nur mit seinen Freunden
glücklich sein. Ganz ohne Nazis und Konsorten. Aber wer wünschte sich das
nicht?
„Kannst du mal mit diesem Gesülze aufhören, das hält ja kein Mensch aus!“
forderte Nietzsche.
„Ja echt, wann kommt mal wieder ein bisschen Action in die Sache?“ wollte
Darwin wissen.
„Das fragt der Richtige. Du warst es doch, der sich tagelang irgendwo auf den
Galapagos-Inseln auf die Lauer legte, nur um zu notieren, was irgendwelche
blöden Tiere die ganze Zeit über so treiben!“
„Und heute gelte ich als Begründer der weltweit anerkannten Evolutionstheo-
rie. Jeder Schüler auf diesem Planeten lernt, was ich unter anderem in diesen
paar Tagen entdeckt habe.“
„Wirklich?“ fragte der Autor.
„Terry, komm herunter! Wir fahren!“ rief Mrs. Grievly zu Rons und Terrys
Zimmer hinauf.
„Was schwafelt die mir hier in unseren Dialog hinein!“ erboste sich der Autor.
„Hättest du sie halt nicht schwafeln lassen!“ zischte Nietzsche.
„Ach, so einfach ist das? Es stellt sich die Frage: Was war zuerst da? Ihre
wörtliche Rede oder mein Gedanke daran, das Ei oder das Huhn?“
„Die Frage ist lächerlich“, meinte Darwin. „Das hängt nämlich davon ab, ab
wann wir eine Lebensform als Huhn betrachten. Irgendwann hat sich durch
Mutation, Selektion und Züchtung ein Wesen entwickelt, das wir heute als
Huhn bezeichnen. Vorher war es eben kein Nutztier, sondern ein freilebender
Vogel. Und davor ein Dinosaurier, wie meine Nachfolger erkannt haben. Bei
dir ist es etwa so: Zuerst spinnst du dir etwas zusammen, dann schreibst du es
nieder.“
„Ach ja? Ruhe jetzt: Terry fährt nun mit dem Trabi nach Rowlingstone!“

Der Junge stieg die Treppen hinunter und entdeckte den schwarzen Trabi, mit
dem er bei den Grievlys angekommen war. Sie stiegen gerade ein. Der Wagen
verfügte über eine interessante magische Funktion: Er konnte die räumlichen
Dimensionen seiner Insassen variieren. Mit anderen Worten: Dadurch, dass
die Grievlys in das Auto stiegen, wurden sie in eine zweidimensionale Ebene
transformiert, ohne Schaden davon zu tragen.
„Sehr praktisch“, meinte Terry. „Und sehr amüsant.“
Die Grievlys sahen aus wie lächelnde Pappwände. Sie waren lächelnde Papp-
wände. Unter Vorbehalt setzte sich Terry zu den anderen und der Trabi fuhr
los. Dann hob er ab, passierte das Dimensionstor und kam schließlich an der
King’s Cross Station an. Sie fuhren deshalb nicht gleich zur Schule, weil da-
durch das ganze Feeling verlorengegangen wäre, das so eine altmodische
Zugfahrt mit sich brachte. Und überhaupt.
Da sie etwas in Eile waren, rannten die Grievlys mit ihrem Gepäck durch die
Bahnhofshalle, bis sie an der grünen Tür zu Gleis 9 ankamen. Karl öffnete sie
und die Familie huschte hindurch. Terry und Ron waren ein bisschen spät
dran, weil Ron von einem Gepäckwagen überrollt worden war. Als sie an der
Tür ankamen, versuchte Terry, sie zu öffnen. Doch auf einmal ließ sie sich
nicht mehr öffnen. Er zückte kurzerhand seine Avengers und feuerte auf das
Schloss. Aber das zeigte keinerlei Effekt.

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„Was ist bloß los mit diesen britischen Bahnhöfen?“ murmelte er.
„Wir könnten das Auto nehmen“, schlug Ron vor.
„Dafür würden wir in Rowlingstone aber Ärger kriegen“, meinte Terry.
„Schließlich hätten wir es uns ohne Erlaubnis geliehen und außerdem wird
man argumentieren, dass man uns hätte sehen können. Ich schlage vor, ich
schicke Albert mit einem Brief zu McGonekel und informiere sie von der
verschlossenen Tür.“
„Das klingt ja alles recht vernünftig, aber wo bleibt denn da der Spaß?“ fragte
Ron.
„Hast recht, was soll’s!“

Sie liefen zurück zum Trabi, packten ihre Sachen in den Kofferraum und
hoben ab. Sie flogen auf Terrys Wunsch über das Londoner Fußballstadion. Es
lief gerade das Endspiel der Weltmeisterschaft England gegen Frankreich. Die
Erbfeindschaft als Spiel. Terry öffnete das Fenster und brannte mit dem Zau-
berspruch „Entflamme!“ und einem Schwung mit seinem Zauberstab den Ra-
sen an. Die Mannschaften flohen vor dem Feuer. Manche Spieler stießen an-
einander und fielen um. Andere trugen einen Wettbewerb darüber aus, wem
es gelang, über die Flammen zu springen und zu überleben.
„Verdammte Proleten!“ rief Terry aus den Fenster.
„Warum hast du das gemacht?“ fragte Ron.
„Ich hasse Fußball. Selten dummer Sport ausgetragen von selten dummen
Leuten. In der Grundschule musste ich das oft spielen. Eigentlich wollte ich
‚Organische Chemie für Dozenten Band 3’ fertig lesen. Aber ‚man muss sich
halt anpassen’ und so weiter. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir uns wäh-
rend unserer Schulzeit noch selbstständiges Denken und Lernen aneignen
würden? Oh, ich vergaß: Im Berufsleben zählt ja auch nur Gehorsam. Beson-
ders für Schüler meines Viertels.“
„Ist heute dein Sozialkritik-Tag?“
„Kommt darauf an: Ist heute ein beliebiger Wochentag?“
„Schätze schon. Also, ich finde, dass dieses Ballspiel Quititsch gar nicht ein-
mal so unähnlich ist.“
„Du sagst es. Hm. Wenn wir schon einmal dabei sind: Wollen wir kurz beim
Buckingham Palace vorbeischauen?“
„Und du machst dir Sorgen, dass wir dafür Ärger kriegen könnten, dass wir
uns den Wagen ausgeborgt haben?“ fragte Ron.
„Also gut: Fliegen wir nach Rowlingstone.“

Diesmal passierten sie ein anderes Dimensionstor. Sie landeten in der Nähe
von Wiltshire. „Und hier ist ein Eingang zur Zauberwelt?“, fragte Terry. „Aber
die Strangers erwähnten doch, dass sie hier wohnen - und die sind Muggel!“
„Vielleicht ist es ihnen noch gar nicht aufgefallen ...“, überlegte Ron laut.
„Schau mal: Der Mann da neben diesem riesigen Zwerg!“
„Der gerade an der Zahnfee vorbeiläuft?“ fragte Terry.
„Ja. Erkennst du ihn?“
„Nein. Aber er trägt auch schwarze Sachen und einen tollen Hut, was für ihn
spricht.“
„Das ist Terry Pratchett. Erinnerst du dich noch an die Architektin unserer
Schule?“
„Ja. Joanne Keintee (für) Rowling. Den Namen werde ich niemals vergessen.
Leider, denn er steht überall in der Schule unter ihren Porträts.“
„Genau: Sie hat Rowlingstone entworfen. Pratchett hat sich den Rest der Ma-
giewelt ausgedacht. Oder entdeckt, wie man will. Allerdings hat sich die Ar-

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chitektin die Urheberrechte sichern lassen.“
„Hey, und ich?“ fragte der Autor.
„Ach du, was kannst du dir schon ausdenken?“ meinte Nietzsche.

Sie verließen die Grafschaft in Richtung Schule. Unter ihnen zogen Zebras,
Lamas und Kolibris vorbei.
„Vielleicht erwischen wir den Zug noch“, sagte Ron. „Dann merkt keiner, dass
wir den Wagen genommen haben.“
„Und wie willst du darauf landen?“ fragte Terry.
„Ach, das geht schon.“
Sie näherten sich einer Eisenbahnbrücke, die über eine Schlucht führte. Nicht
weit entfernt erkannten sie den Rowlingstone Express, der sich jener Brücke
näherte. Ron lenkte den Wagen in etwa 50 Meter Höhe über den Zug und ver-
suchte, seine Geschwindigkeit zu erreichen, um dann auf ihm zu landen. Plötz-
lich fiel ein Rad des Trabis hinunter, hüpfte auf der Lock auf und ab und
verschwand schließlich in den Untiefen der steinernen Schlucht. Man konnte
sie mit einiger Berechtigung auch als Steinbruch bezeichnen. Dann brachen
die Achsen des Wagens ab und fielen ebenfalls hinunter.
„Gibt es einen spezifischen Grund, warum unser Auto auseinander bricht,
Ron?“ wollte Terry wissen.
„Ja. Es kommt aus der DDR.“
„Dann bin ich ja beruhigt“, murmelte Terry.
Der Unterboden des Trabis, welcher offenbar aus Pappe bestand, brach eben-
falls nach unten weg.

Ron und Terry stürzen hinab. Terry zieht seine Avengers und feuert auf den Kofferraum des
Wagens. Dieser springt auf und das Gepäck der Zauberlehrlinge fällt heraus. Der Junge, der über-
legt, schnappt nach seinem Snowboard. Er ergreift die Kante und befestigt es unter seinen Füßen.
Im Sturzflug erreicht er Ron und trägt ihn am Hemdkragen zum Zug, wo er ihn auf das Dach fallen
lässt. Mit extremer Geschwindigkeit gelingt es Terry, ihr Gepäck auf halber Höhe zwischen dem
Zug und dem Boden des Steinbruchs abzufangen. Mit seinen gewaltigen Kräften stellt er es auf dem
Dach des Speisewagens ab. Ron ist verschwunden! Mit einer modischen 1080°-Schraube dreht sich
Terry in die Schlucht hinunter und findet Rons zertrümmerte Leiche auf einem spitzen Felsen auf-
gespießt.
„Jetzt stell dich nicht so an“, ruft er.
„Sorry. Bin ausgerutscht“, meint Ron und setzt sich wieder zusammen. Gemeinsam fliegen sie zu-
rück und lassen sich auf dem Zug neben ihrem Gepäck nieder.

„Die ganze Zeit ist das blöde Ding nicht auseinandergefallen!“ stellte Ron fest.
„Ja. Der Wagen hatte eben ein Gespür für die Dramatik der Situation. Der
wusste ganz genau, wann wir es am wenigsten gebrauchen können, dass er
sich in seine Bestandteile auflöst.“
„Wie konntest du eigentlich noch dein Snowboard erreichen? Du warst doch
schon viel tiefer und es dürfte auch nicht so schnell fallen wie du, wegen dem
Luftwiderstand.“
„Das fragst du mich?“ antwortete Terry. „Du müsstest doch am besten wissen,
dass eure Welt kein großer Physik-Fan ist.“
Sie liefen zur Verbindungsstelle zwischen Speise- und Personenwagen und
Ron sprang hinunter. Er stellte das Gepäck unten ab, das ihm Terry von oben
reichte. Schließlich betraten sie den Personenwagen, entdeckten Hermiones

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Abteil und klopften an. Das Mädchen ließ sie herein und sie setzten sich.
„Ihr kommt spät.“
„Ja, die grüne Tür war verschlossen“, erläuterte Terry.
„Achso.“
Am Fenster ihres Abteils klopfte jemand. Die Jungs erkannten den Trabi, der
offenbar wieder zur Ganzheit zurückgekehrt war. Auf dem Fahrersitz saß der
Autor. Er öffnete das Seitenfenster des Wagens und Ron das Fenster des Ab-
teils.
„Worum geht es?“ fragte Terry.
„Nun, es gibt hier ein kleines strukturelles Problem“, erklärte der Autor.
„Inwiefern?“
„Die Handlung sieht vor, dass ihr mit dem Wagen in eine Lärche auf dem
Schulgelände hinein rast, die dann nach euch schlägt und Rons Zauberstab
zerbricht, was für einige gar amüsante Verwicklungen sorgen wird.“
„Das ist jetzt natürlich unpraktisch. Ich schlage Folgendes vor: Du denkst dir
einen fadenscheinigen Grund dafür aus, warum wir uns der Lärche nähern
müssen“, schlug Terry vor. „Und so kann sie Rons Zauberstab zerbrechen.“
„Oh, sehr gut. Danke!“ antwortete der Autor und flog wieder zu seinem
Knusperhäuschen zurück.
Die Tür des Abteils öffnete sich und Professor Wurzel stand im Türrahmen.
„Guten Tag, Kinder. Ron und Terry: Ich wäre euch sehr verbunden, wenn ihr
die alte Lärche im Hof des Schlosses gießen könntet. Es hat ziemlich selten
geregnet in der letzten Zeit. Dafür bekommt ihr auch ein paar Bonuspunkte.
Aber lasst euch nicht von ihr schlagen.“
„Ja klar, kein Problem“, antworteten die Beiden.
„Geschickt eingefädelt, sehr glaubwürdig“, meinte Nietzsche.
„Ach, halt doch die Klappe!“ forderte der Autor.
Als die beiden Zweitklässer in der Schule ankamen, räumten sie zunächst ihre
Sachen in den Griffamtor-Schlafsaal und begaben sich dann mit einer Gieß-
kanne bewaffnet in den Schulhof. Oder besser gesagt: In einen der unzähligen
Schulhöfe, die alle voller unglaublicher Überraschungen und extremer Gefah-
ren steckten. Hermione zog es vor, im Gemeinschaftsraum zu verbleiben.
„Und nun zu etwas völlig anderem: Wie erkennt man von sehr nahe dran, auf
welche Weise man eine um sich schlagende Lärche unbeschadet gießen
kann?“ fragte Terry.
„Ron, am besten, du gehst vor, damit sie deinen Zauberstab entzwei schlagen
kann.“
Terrys Freund schnappte sich die Gießkanne und rannte zur leicht aus dem
Boden ragenden Wurzel der Lärche.

Als Ron das Wasser auf die Wurzel schütten will, schleudert ihn der Baum mit einem seiner Äste
gegen die Mauer des Schulgebäudes. Rons Zauberstab zerbricht.
„In Ordnung: Du willst es ja nicht anders!“ schreit Terry und verlangsamt die Zeit. Neuerdings ist
diese Fähigkeit mit tollen Spezialeffekten unterlegt: Verwischeffekte und beeindruckende Farbver-
läufe! Außerdem begleitet nun ein Chor das Geschehen!

Terry läuft mit gezogenen Avengers auf einer ausstehenden Wurzel des Baums entlang. Als sich
ihm ein Ast nähert, springt er ab und rennt auf ihm nach oben. Da, wo sich bei einer normalen Lär-
che die Augen befinden, klammert er sich mit seinen Beinen fest und lässt sich nach unten hängen.
Er feuert einige bleierne Kugeln auf die Gießkanne, die noch immer in der Nähe der Wurzel am

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Stamm des Baumes steht. Sie fliegen mit sichtbaren Luftwirbeln nach unten und durchtrennen den
Korpus des Behälters. Wasser strömt aus und die Lärche schreit in Agonie ob des zuströmenden
nassen Elements. Terry schwingt sich auf den Ast zurück und surft an ihm entlang, bis er auf einen
niedriger hängenden abspringt. Er landet mit dreifachem Salto vor Ron und schaltet auf Echtzeit zu-
rück.

„Wow! So cool hat noch niemals jemand einen Baum gegossen!“ fand Ron.
„Yeah!“
Sie gingen in die Schule zurück und unterhielten sich über ihre Lehrer. Ron
zitterte.
„Glaubst du, Snake unterrichtet uns dieses Jahr immer noch in Giftmischen?“
„Na ja, vielleicht ist er ja auch in Pension ...“, meinte Terry.
„Oder krank...“, mutmaßte Ron.
„Oder tot ...“, hoffte Terry.
„Oder aber, er steht direkt hinter euch und hört alles was ihr sagt!“, meinte
Professor Snake.
Sie drehten sich um und entdeckten ihren am wenigsten geliebten Lehrer. Je-
denfalls ihren am wenigsten geliebten Lehrer, den Terry noch nicht umgelegt
hatte.
„Ihr habt euch einigen Ärger eingehandelt!“ sagte er.
„Wieso?“ fragte Terry verwirrt.
„Weil ihr die alterwürdige Gießkanne von Frau Wurzel durchlöchert habt!
Kommt mit in mein Büro!“

Dort angekommen mussten sich Ron und Terry wieder eine von Snakes Droh-
predigten anhören.
„Wäret ihr in meinem Haus, würde ich euch der Schule verweisen!“
„Wären wir in ihrem Haus, wären Sie nicht mehr am Leben!“ stellte Terry
fest.
„Doch zum Glück sind sie in Griffamtor“, sagte McGonekel, die Hauslehrerin
der Griffamtors, die gerade zusammen mit Gandalf dem Roten - Direktor der
Schule - Snakes unterirdisches Büro betreten hatte.
„Die Bestrafung von Schülern ist Sache der jeweiligen Hauslehrer“, fügte
dieser hinzu.
„Herr Direktor! Die Beiden haben gerade die alterwürdige Gießkanne ...“
„Ach, das ist nicht so schlimm“, meinte Frau Wurzel. „Ich dachte mir schon,
dass sie von Kugeln durchlöchert sein würde, wenn ich sie Terry in die Hand
gäbe.“
Frau Wurzel hatte ihren Weg still und heimlich in Gandalfs Büro gefunden.
„Genau. Und nun fügen Sie sich dem Unvermeidlichen und übergeben Sie die
Verantwortung ihrer Kollegin“, forderte Leonardo Da Vinci, einer der Geister
Rowlingstones.
Allmählich wurde es eng in Snakes Büro.
„In Ordnung“, sagte die furchtbar böse Lehrkraft widerwillig.
„Wir gehen dann unsere Sachen holen“, meinte Ron.
„Wovon reden Sie da, Mr. Grievly?“ wollte McGonekel wissen.
„Ich wollte mit Terry zu den Kanarischen Inseln ziehen, wo wir uns ein schö-
nes Leben machen könnten, angesichts dessen, dass wir reich sind und wohl
von der Schule verwiesen werden“, antwortete Ron.
„Da muss ich Sie leider enttäuschen“, sagte McGonekel. „Sie werden nicht be-
straft, das wäre ja reine Willkür. Die Gießkanne war kein Kulturgut, die hat

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sich Frau Wurzel bei einem Discounter gekauft. Stattdessen kriegt Griffamtor
1000 Punkte, weil ihr eure Arbeit so gut gemacht habt. Also, geht euch jetzt
ausruhen.“
Im Griffamtor-Gemeinschaftsraum angekommen, wurden sie erst einmal von
Frank, Joe und Thomas Tropf begrüßt.
„Stimmt das mit dem Baum?“ fragte Frank.
Ron runzelte die Stirn.
„Was meinst du?“
„Dass ihr ihn gegossen habt“, erläuterte Joe.
„Ja ...“, antwortete Terry zögerlich.
Franks Mund klappte auf.
„Groovy!“
„Der Wahnsinn!“ sagte Thomas.

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Kapitel 6: Timidus Lotleak

Frühstück. Die wichtigste Mahlzeit, denn man nahm sie meistens ein, bevor
sich der Rest des Tages gegen einen wenden konnte. Der Speisesaal, oft auch
Große Halle genannt, war gefüllt mit prächtigen Gerichten aus aller Herren
Länder. Was in diesem Fall bedeutete, dass Gandalf sie aus den entspre-
chenden Ländern hinfort gezaubert hatte und sie nun von den Rowlingstoner
Haussklaven auftischen ließ. Nachdem alle Schüler bereits zehn Minuten lang
an dem jeweiligen ellenlangen Eichentisch ihres Hauses gegessen hatten, be-
trat Terry die Arena des alltäglichen Kampfes um Nahrung, nur ohne den
Kampf.
„Uh, seht mal, wer wieder der Letzte ist - um nicht zu sagen, das Letzte!“ rief
Spongo Efeu am Tisch der Sifferins.
Terry bat ein paar Schüler Griffamtors um ein Messer und warf es auf Spon-
gos Frühstücksei, welches es exakt in zwei Hälften teilte.
„Guter Wurf“, lobte Ron.
„Wieso?“ fragte Terry. „Ich habe seinen Kopf ganz klar verfehlt.“
„Haha!“ sagte Efeu in einem verzweifelten Versuch, hämisch zu lachen. „Du
Verlierer! Du kannst doch gar nichts! Rotter, der – ähm - Potter! Haha!“
„Wow, er hat zwei sich reimende Namen gefunden“, stellte Hermione fest.
„Ach, lassen wir doch den braven Jungen in Ruhe, er hält sich schließlich stets
untertänigst an die Regeln“, meinte Terry. „Bist mal wieder ganz pünktlich
zum Frühstück erschienen, was? Kannst stolz auf dich sein! Ich schlage Snake
vor, dass er dir dafür eine Eins einträgt.“

Während Efeu nach neuen originellen Reimen suchte, flatterten hunderte Eu-
len und ein Wanderfalke durch die Große Halle, um die Post zu verteilen.
Letztbenanntes Federtier landete neben Terrys Teller. Albert, der Wanderfal-
ke, nahm seine kleine Brille ab, um sie zu putzen. Daraufhin berichtete er sei-
nem Freund und Futtergeber von allen Neuigkeiten, die ihn interessieren
könnten:
„In der heutigen Tagesbild befindet sich ein Artikel, der von aktuellen Ereig-
nissen rund um den dunklen Lord handelt.“
Terry stöhnte und schüttelte den Kopf.
„Ich sagte doch: Keinen Klatsch!“
„Ich muss doch sehr bitten“, entgegnete Albert mit hochgezogenem Schnabel.
„Normalerweise lese ich nur Hexopolis*. Aber die gemeine Regenbogenpresse
hat nun einmal die größten Auswirkungen auf die Ansicht der Bevölkerung.“
„Na schön: Was steht in dem Artikel?“ fragte Terry.
„Seit dem Ausbruch des dunklen Lords aus Greistram fehlt jede Spur von ihm.
Es existiert das Gerücht, dass er sich an dir für deinen Sieg über ihn letztes
Jahr rächen will“, erläuterte der Vogel.
„Ach herrje, wie unerwartet“, meinte der Junge, der überlegte. „Ist das hier
‚Heinrich Himmler Teil 2: Das Böse kehrt zurück’ oder was?“
Die anderen Schüler schreckten nicht auf. Sie waren der Furcht vor dem
Namen des schwarzen Magiers überdrüssig geworden. Irgendwann machte
* Das Hexopolis, ein Magazin, welches man nur über das magische Netzwerk abrufen konn-
te, galt landläufig als Medium ideeller Hetzkampagnen, welche nur aus populistisch-kapitalis-
tischen Gründen verbreitet wurden. Natürlich ließ die Tagesbild aus rechtlichen, manchmal
auch technischen Gründen, unerwähnt, dass Hexopolis ein gänzlich unentgeltliches Magazin
war, das dementsprechend Dinge wie Populismus nicht nötig hatte. Ganz im Gegensatz zur
Tagesbild natürlich.

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alles keinen Spaß mehr.
„Ich wollte nur, dass du auf dich acht gibst“, sagte Albert.
„Und ich danke dir dafür. Hier, willst du den Schinken von meinem
Brötchen?“ meinte Terry versöhnlich.
Zögerlich schnappte der Falke nach dem Fleisch und aß es auf. Selbstver-
ständlich zivilisiert mit Messer und Gabel. Der Blick des Jungen fiel derweil
auf Ron: Er hielt zitternd einen Brief in der Hand und sah mindestens so blass
aus, wie die Vernünftige Partei vor der nächsten Wahl des bayerischen Land-
tags.
„Ron, was ist los?“ wunderte sich Terry.
„Ich glaube, meine Mutter ist wütend auf mich, weil wir uns den Trabi ausge-
borgt haben.“
„Wie kannst du das wissen?“ fragte Terry. „Du hast doch den Briefumschlag
noch gar nicht geöffnet.“
„Aus gutem Grund“, sagte Ron. „Es ist eine Briefbombe darin.“
„Könnte man als Überreaktion bezeichnen“, bemerkte der Junge, der überleg-
te.
Hermione bekam von all dem nichts mit, weil sie in Lotleaks Bestseller
„Abenteuer Anderer“ vertieft war.
„Keine Panik, Ron: Ich habe eine Idee ...“, meinte Terry.

„Ein Brief?“, fragte Urig Geller den Wanderfalken, der es sich auf dem ge-
waltigen Namensschild vor der Villa des Mediums bequem gemacht hatte.
„In der Tat“, stellte Albert fest.
„Von wem kann der wohl sein?“ überlegte Urig. „Ich wusste gar nicht, dass
ich Freunde habe ...“
„Und mir war nicht klar, dass Sie nicht wirklich hellsehen können“, bemerkte
der Falke und fügte hinzu: „Nun gut, ich wusste es. Aber ich glaube, ich selbst
verfüge über übernatürliche Talente.“
„So, und welche könnten das wohl sein?“ fragte der Amateurhexer beiläufig.
„Nun, zunächst einmal kann ich sprechen. Aber das scheint Sie ja nicht weiter
zu wundern. Des Weiteren sehe ich voraus, dass sich meine Überlebenschan-
cen drastisch erhöhen könnten, wenn ich ihr Anwesen nun verlasse. Auf
Wiedersehen, Herr Geller.“
„Ja, ja ...“, murmelte das Medium mit fixiertem Blick auf dem Absender: „Ihr
schlimmster Alptraum“ war auf dem Umschlag zu lesen. Der Originalabsender
war überklebt worden, was dem übernatürlichen Talent trotz göttlicher Kon-
zentration knapp entging.
„Hat Randi etwa den Prozess gewonnen?“ grübelte Urig, während Albert das
Weite suchte.
Er öffnete den Umschlag. Der größte Nachteil dieser Entscheidung war wohl,
dass von Urigs Springbrunnen in seinem Vorgarten nicht mehr als ein paar
Trümmer übrig blieben.

Hermione hob langsam ihren Kopf und versuchte das hochpopuläre Stück Li-
teratur in ihrer Tasche zu versenken, ohne einen weiteren Blick darauf zu
wagen. Denn es war enorm fesselnd. Es gab Leute, die ihre halbe Jugend mit
Lotleaks Büchern verschwendet hatten. Natürlich war das noch lange keine so
große Zeitverschwendung wie der Konsum der Romane einer gewissen bri-
tischen - wie dem auch sei, auf jeden Fall hatten die Zweitklässler nun
Pflanzenkunde bei Frau Wurzel. Sie näherten sich den pompösen
Glashäusern, welche die natürlichen Lebensbedingungen der in ihnen
wohnenden Pflanzen kopierten. Und das, ohne für die entsprechenden

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Lizenzen bezahlt zu haben. Angeblich gab es sogar Leute, die es wahrhaftig
wagten, Sauerstoff zu atmen. Wohl unwissend, dass jene zwei Teile Oxid
bereits in frühneuhochdeutscher Literatur Erwähnung fanden. Natürlich
forderten die Nachkommen jener originellen Schriftsteller eine entsprechende
finanzielle Gegenleistung für die Einatmung ihres geistigen Eigentums. Was
aber irgendwie niemanden interessierte.

Die drei Freunde betraten zusammen mit ihren Mitschülern das künstliche
Treibhaus. Ein Treibhaus, gänzlich ohne bösen Treibhauseffekt, und somit ver-
gleichsweise beliebt bei örtlichen Umweltschützern. Hinter einer Palme
erblickte Hermione Timidus Lotleak. Er schien sich hinter dem exotischen Ge-
wächs zu verstecken. Natürlich hinderte sie das nicht daran, kurzerhand zu
ihm zu rennen und aufgeregt auf und ab springend „Signieren Sie mein
Poesiealbum, Mr. Lotleak?“ zu rufen.

Das Poesiealbum. Die weibliche Sammelstelle gehobener Kunst, dem Alltags-


leben entnommen. Zeit für eine neue These, direkt aus dem gebieterischen
Patriarchat der Neuzeit: Frauen konnten nicht schreiben. Sie waren technisch
dazu in der Lage, sicher, aber sie konnten, von unzähligen Ausnahmen einmal
abgesehen, nicht wirklich schreiben. Psychoanalytiker ab dem dritten Semes-
ter mochten es ja interessant finden, absurde Fantasien femininer Literatur
nachzuvollziehen, Menschen, die bei Verstand waren, jedoch eher weniger.
Angeblich betraf der ständige Gedanke an Fortpflanzung nur Vertreter des
männlichen Geschlechts, aber ein Vergleich der Literatur hinterlies einen
gänzlich anderen Eindruck: Da trieb es Adam nicht nur mit Eva, sondern so-
gar der ach so heilige Vater war des öfteren involviert. Und wir sprechen hier
nicht von einem erotischen Subgenre. Von jenen wilden Gedanken abgesehen
ging es in diesen Büchern eher um gewöhnliche Dinge, wie zum Beispiel die
Verarbeitung des Mauerfalls oder um Mord.
„Das stimmt gar nicht!“ meinte der Autor. „Die meisten meiner Freundinnen
sind Frauen!“
Und die meisten Schriftsteller sind Männer. Natürlich nur wegen ihrer Macht,
ist doch klar.
„Hey, du bist hier nur der Erzähler! Ich kommentiere, klar?“ sagte der Autor
bestimmt.
Aber ich bin nicht irgendein Erzähler, sondern der allwissende. Um nicht zu
sagen, der Allmächtige.

Viele weitere Schülerinnen und Schüler schlossen sich Hermiones Anhimme-


lungsgebärden an, bis Timidus benommen nach Luft schnappte.
„Idioten“, stellte Terry fest.
„Lotleak ist wahrscheinlich ihr Vorbild“, meinte Ron.
„Leute mit Verstand brauchen keine Idole“, erläuterte der Zauberjunge, der
für viele Nachwuchsmagier selbst eine große Vorbildfunktion inne hatte.
„Menschen mit eigener Persönlichkeit wollen nicht das Leben eines anderen
leben, sondern ihre eigenes. Und besonders nicht das Leben dieses Möch-
tegernautors - der sich verdammt noch mal an meine Freundin ranmacht!“
fügte Terry hinzu.
Er begab sich schnellen Schrittes zu dem bekanntesten Schriftsteller der Ma-
giewelt und packte ihn an seiner grauen Krawatte.
„Ich möchte dich freundlich darauf hinweisen, dass dein erbärmliches Antlitz
einen Respektsabstand von mindestens drei Metern von meiner Freundin er-
forderlich macht!“

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„Wer? Dieses junge Mädchen dort? Oh, tut mir Leid. Ich wollte sowieso ge-
rade gehen. Ich habe nur Frau Wurzel beim Eintopfen der Dendriten
geholfen“, erklärte Lotleak.
Mit bösartigem Blick begutachtete der Junge, wie der Schriftsteller, der
gleichzeitig sein neuer Lehrer in Missbrauch der dunklen Künste war, den Ort
der freudigen Vegetation verließ.

Hermione verschränkte die Arme und stellte sich mit erhobener Nase ein paar
Meter von ihrem eifersüchtigen Freund entfernt vor einen großen Tisch. Auf
diesem Tisch, um den sich auf Anweisung von Frau Wurzel nun alle Schüler
versammelten, befanden sich zwei Reihen von Blumentöpfen. Aus jenen
Töpfen ragten tentakelartige Wurzeln hervor. Unerwartet, befanden sich doch
Wurzeln herkömmlicher Pflanzen traditionellerweise in der Erde.
„Oh, wie avantgardistisch, Blumen mit Wurzeln auf dem Kopf!“ bemerkte
Spongo.
Dieser Ausspruch ließ Terry und Hermione schlicht sprachlos werden. Wenn
sie also gesprochen hätten, hätten sie nun mehr damit aufgehört.
„Der war ja fast schon akzeptabel“, murmelte Hermione verwirrt.
Dann erblickte sie einen Notizzettel in Efeus Hand, von dem er scheinbar
abgelesen hatte.
„Ah! Das erklärt Einiges. Er muss Tage, wenn nicht Jahre gebraucht haben,
um sich diese schlagfertige Bemerkung zurecht zu legen“, stellte Terrys offizi-
ell beleidigte Freundin fest.
„Wir werden nun die Dendriten ernten“, sagte die pummelige Frau Wurzel
und fuhr folgendermaßen fort: „Aber ihr müsst darauf achten, dass ihr immer
euren Gehörschutz tragt, ihr Schrei ist nämlich sehr schädlich für eure Ner-
ven.“
„Wie schädlich?“ fragte Ron.
„Es würde nicht viel von deinem Kopf übrig bleiben“, erläuterte Hermione.
„Richtig, Ms. Stranger. 159,5 Punkte für Griffamtor“, sagte Frau Wurzel.
„Irgendwann muss mir mal jemand das hiesige Bewertungssystem erklären“,
meinte Terry beiläufig.
Die Schüler nahmen sich auf Fingerzeig ihrer Lehrerin je einen Ohrenschützer
von dem langen Tisch, auf dem auch die Töpfe standen.
„Ihr müsst ihn aufsetzen“, erläuterte Frau Wurzel.
Die Kinder taten, wie ihnen geheißen.
„Nun: Zieht an den schnurartigen Fortsetzen am Kopf der Dendriten.“
Die Schüler zogen ihre jeweilige Pflanze heraus. Diese hatten eine gewisse
Ähnlichkeit mit asiatischen Kampfsportlern und fingen an, wie Bruce Lee in
seinen besseren Tagen zu kreischen. Das veranlasste einige der anderen auto-
trophen Organismen in jenem Gewächshaus, aus ihren Blumentöpfen oder
Beeten zu springen und schnell das Weite zu suchen. Spongo lief derweil un-
bemerkt zu Ron, tippte ihm von hinten auf die Schulter und flüsterte ihm et-
was zu. Der Grievly-Nachwuchs drehte sich um, während er seinen Gehör-
schutz abnahm, um seinen ihm unbekannten Adressaten zu verstehen. Das
veranlasste seinen Schädel dazu, wie ein überspannter Luftballon auseinander
zu bersten. Spongo schlich sich wieder an seinen Platz zurück, als Angelina
Spirit, eine Schülerin der Griffamtors, Rons Leiche erblickte und schockiert
zurückschreckte.
„Frau Wurzel!“ schrie sie. „Rons Kopf ist explodiert!“
„Ja, ja. Lassen Sie ihn einfach liegen“, antwortete die Ökologie-Hexe - üb-
rigens nicht zu verwechseln mit jenen langhaarigen Graskonsumenten.

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Während sich Ron wieder zusammensetzte, machten sie sich auf den Weg zu
ihrer Mutations-Stunde bei Professor McGonekel. Ihre Stunden waren immer
ziemlich anspruchsvoll, zumindest schienen nur die Griffamtors Erfolge zu er-
zielen und niemals die Sifferins. Die anderen beiden Häuser interessierten so-
wieso niemanden. Eigentlich schade, denn die Art und Weise, wie die Reb-
huhnclaws es schafften, ohne jegliche Arbeit gute Noten zu bekommen war
erstaunlich. Nicht weniger erstaunlich wie die Angewohnheit der
Haferschleims, Wettbewerbe im Weitwerfen mit diamantverzierten Schmuck-
stücken zu veranstalten.

Als sich Ron über Efeu aufregte, von dem er annahm, dass er für den kurzzei-
tigen Verlust seines Kurz-, Mittel-, und Langzeitgedächtnisses verantwortlich
war - wohl deshalb, weil er gerade kichernd damit angab - erläuterte ihnen
McGonekel ihre erste Aufgabe: Sie sollten eine Spitzmaus in eine Wühlmaus
verwandeln. Und dabei hatten sich die Tiere wohl kaum umsonst ihre jewei-
lige ökologische Nische gesucht. Aber egal, Ron zückte seinen zerbrochenen
Zauberstab, den er mit Speichel eher schlecht als recht wieder zusammenge-
setzt hatte, und machte sich an die Arbeit. Mit einem eleganten Schwung sei-
nes Stabes und den Worten „Transformare sorex in microtus guentheri!“ er-
zielte Ron, dass sich die Spitzmaus auf seinem Tisch in das Modell eines Old-
timers verwandelte, welches quietschte, zum Pult fuhr und sich den dort
lagernden Käse in die Motorhaube stopfte. Eine Aktion, die großes Gelächter
nach sich zog.
„Sie sollten diesen Stab ersetzen lassen“, meinte Professor McGonekel.
„Ich weiß“, sagte Ron. „Aber das werde ich unterlassen, weil er nämlich im
Verlaufe dieses Schuljahres zu einigen unglaublich originellen Verwicklungen
führen wird.“
„Genau“, bestätigte der Autor in seinem Knusperhäuschen.
„Nun gut. Mr. Rotter, zeigen Sie mir doch einmal ihre magischen
Fähigkeiten“, antwortete die Lehrerin.
Terry schwang seinen Zauberstab und sprach jene magischen, mehr oder
minder lateinischen Worte und nichts passierte, außer dass ihn die Spitzmaus
überlegen anglotze. Das veranlasste den Jungen dazu, seine Avengers auf das
Tier zu richten und zu fordern:
“Entweder du verwandelst dich jetzt in eine Wühlmaus oder ich verarbeite
dich zu Schweizer Käse!“
„Quietsch!“ entgegnete der Nager unterwürfig und schon wenige Sekunden
später wuselte pflichtbewusst eine Wühlmaus auf Terrys und Rons Schulbank
herum.

Auf dem Weg zu Lotleaks Missbrauch-der-dunklen-Künste-Klassenzimmer


sprach ein kleiner Junge Terry an:
„Hallo. Ich bin Colin McRae und ich gehöre auch zu Griffamtor. Aber eigent-
lich arbeite ich undercover für die Tagesbild und bin hier, um skandalöse Fo-
tos von dir zu schießen. Geht das in Ordnung?“
„Natürlich. Wenn du ungespitzt in den Boden gestampft werden willst - kein
Problem!“ antwortete Terry.
Ungeachtet dieser Drohung betätigte Colin den Abzug seiner Digitalkamera
und innerhalb kürzester Zeit druckte sie ein Abbild Terrys in grandioser Quali-
tät auf ein hochwertiges Fotopapier. Der kleine Junge händigte dem Kämpfer
für das mehr oder weniger Gute das Bild aus und nötigte ihn dazu, eine Kugel-

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feder* zu ergreifen, um es zu signieren.
„Das hier ist für mich. Eigentlich bin ich nämlich ein großer Fan von dir. Aber
du weißt schon: Man muss halt von etwas leben“, meinte Colin.
Nur sehr widerwillig kritzelte Terry seinen Namen auf das Foto, als plötzlich
Efeu aus der Versenkung auftauchte.
„Oh, der große Held gibt Autogramme!“ gab das Böse zum Besten. Die
anwesenden Sifferins überschlugen sich vor Lachen und Terry seufzte:
“Spongo. Warum gehst du mir nur immer wieder auf die Nerven? Habe ich dir
irgend etwas angetan?“
Der fiese Junge wusste nicht, wie er nun reagieren sollte und seine Über-
sprungshandlung bestand darin, seinen Kopf wild hin und her zu schütteln
und „Hu!“ zu rufen.
„In dem Falle, dass ich dir noch nichts angetan habe: Rechne damit, dass sich
das bald ändern wird“, stellte Terry fairerweise fest.
„Hast du Lotleaks Stunden wirklich mit Herzchen umrandet, mit Parfüm be-
stäubt und mit deinen gefärbten Lippen geküsst?“ fragte Ron Hermione irri-
tiert, wobei er sich auf ihren Stundenplan bezog.
Als sie Terrys schockierten Blick ausmachte, begab sie sich schnellen
Schrittes in das Missbrauch-der-dunklen-Künste-Klassenzimmer, welches ich
im Folgenden der Kürze wegen nur noch als Missbrauchszimmer bezeichnen
werde.
„Ich würde ein wenig auf sie acht geben, wenn ich du wäre ...“, riet Ron sei-
nem besten Freund.
„Also bitte. Das wäre doch viel zu vernünftig. Als klischeebewusster eifer-
süchtiger Liebhaber, werde ich vielmehr auf diesen Lotleak acht geben, als
auf meine Freundin. Obgleich ich auf sie mehr Einfluss habe und ich denke,
dass er es in Wirklichkeit keineswegs auf sie abgesehen hat“, antwortete Ter-
ry.
„Schön ...“, meinte Ron abschließend.

Endlich betraten auch sie das Missbrauchszimmer und setzten sich an ihre
Plätze, die sie aufgrund ihrer ominösen Schülerintuition genau kannten, ob-
wohl die Bänke gänzlich anders verteilt waren als im Jahr zuvor und auch der
restliche Raum ein anderer war. Manche Schulen hatten einfach zu viel Geld.
Der schüchterne Schriftsteller wagte es, neben einer Säule in der Nähe des
Lehrerpultes hervor zu lugen. Das neue Missbrauchszimmer war insgesamt
betrachtet ziemlich eindrucksvoll: Es war groß, hoch und verfügte über Mö-
bel, die mindestens fünf verschiedenen Hochkulturen der Muggel-Welt ent-
nommen waren. Offenbar hatte sie jemand mit der Absicht hier abgestellt, den
Raum eindrucksvoll, mit Verweis auf die befreundete Nachbardimension, zu
gestalten. Ohne natürlich von letzterer irgendeine Ahnung zu haben.
Timidus stellte sich nun neben das ägyptisch angehauchte Pult und lächelte
unsicher seine Schüler an. Er trug unauffällige blaue Kleider, die denen der
Beduinen ähnlich sahen. Mit den bedeutungsschwangeren Worten:
„Hallo. Ähm. Ich bin Timidus Lotleak, euer neuer Missbrauch-der-dunklen-
Künste-Lehrer. Tja ...“, eröffnete er den Unterricht.
Die anwesenden Mädchen tuschelten und legten ihren typischen Anhimme-
lungsblick auf. Währenddessen wussten die Jungs nicht so recht, was sie von
Lotleak halten sollten. Falls er sich jedoch als zu gutherzig herausstellen
sollte, würden sie ihm ununterbrochen auf die Nerven fallen, denn in der

* Eine Feder für unterwegs. Angesichts mangelnder Ausstattung mit Tinte konnte sie nur ein-
mal benutzt werden.

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dieser Hinsicht waren die Vertreter des männlichen Geschlechts denkbar
zwiespältig: Nie wollten sie sich etwas sagen lassen und wenn dann mal einer
auftauchte, der ihnen tatsächlich keine Vorschriften machen wollte, konnte er
seiner psychischen Gesundheit bald Gute Nacht sagen.
„Also, nun, ich möchte euch in diesem Jahr nicht so viele Vorschriften machen
und versuchen, euch dazu zu ermutigen, selbstständig mündig und verant-
wortungsbewusst zu handeln“, erläuterte Timidus. „Ich meine, wenn ihr nichts
dagegen habt ...“
Die Beteuerung jenes Vorhabens veranlasste Terry dazu, seine Avengers
wieder in ihre Halfter zu stecken. Die anderen Schüler begannen schon ein-
mal damit, Papierkügelchen zu rollen und Kaugummis zu kauen.
„Habt ihr bereits einen Blick in die Bücher geworfen, die ihr euch laut
meinem Lektor kaufen solltet?“
„Ich habe sie alle gelesen!“ sagte Hermione.
„Ich bin doch nicht verrückt und lese diesen Mist!“ meinte Terry trotzig.
„Da gibt es also ganz verschiedene Positionen. Was haltet ihr davon: Ich teile
euch einen kleinen Test aus, den ich nur für die Schüler werte, die das auch
wollen. Dann kann ich mir einen Überblick über euer Vorwissen verschaffen“,
meinte Lotleak.
„Den schaffe ich bestimmt!“ meinte Hermione.
„Den können Sie sich sonst wo hin stecken!“ entgegnete Terry.
Trotzdem entschieden sich letztlich alle dazu, den Test so gut es ging auszu-
füllen. Auch der populäre Zauberjunge würdigte dem Papier einen kurzen
Blick. Die ersten drei Fragen stachen ihm ins Auge:

1.) In der Nacht ist es tendenziell: A) hell oder B) dunkel?


2.) Ein Zwerg ist in der Regel: A) groß oder B) klein?
3.) Acetylcholin ist ein Molekül, das: A) in der präsynaptischen Membran zwi-
schen Muskel und Nervenfaser eine Rolle spielt (richtig) oder B) die Freiwandler
in ihre Energydrinks schütten (falsch)

Obwohl er vor hatte, die schriftliche Abfrage zu verbrennen oder einem belie-
bigen Gott zu opfern, beantwortete Terry die zwanzig Fragen, für die sie eine
halbe Stunde Zeit bekamen. Schließlich sammelte Hermione für Timidus die
Tests ein und händigte sie ihm strahlend aus. Er brauchte nur fünf Minuten
dazu, sie zu korrigieren und besprach dann das Ergebnis mit der Klasse:
„Leider wusste nur die Hälfte von euch, dass Wasser nass ist, dafür konnten
fast alle die Frage beantworten, wie man Napalm herstellt. Wobei das eigent-
lich nur eine Scherzfrage sein sollte. Dennoch: Zwei von euch haben die ma-
ximale Punktzahl erreicht und zwar Ms. Hermione Stranger und Mr. Terry
Rotter.“
Die Klasse applaudierte verhalten. Seine Freundin lächelte Terry auf eine
Weise an, die ihn darauf hinweisen sollte, dass sie mit seiner Strebsamkeit
sehr einverstanden war. Wenn sich Timidus nicht überraschend zu einer prak-
tischen Übung entschlossen hätte, wäre der Junge mit hoher Wahrscheinlich-
keit Amok gelaufen.
„Jeweils 73, 25 Punkte für Griffamtor für euch Beide. Die Schüler Sifferins
konnten leider keine Frage richtig beantworten, sie werden mir daher verzei-
hen, dass ich ihnen dafür auch keine Punkte geben kann. Aber nicht verzagen,
nun könnt ihr euch erneut beweisen.“
Mit diesen Worten begab sich Lotleak zu einem Käfig in der Mitte des
Klassenzimmers, welcher von einem Tuch verdeckt war.
„Euch erwarten die angeblich harmlosesten Wesen der magischen Welt.

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Schließlich wollen wir euch für den Anfang nicht überfordern. Ich ...“
Eine Durchsage unterbrach Timidus. Das System für derlei akustische Mel-
dungen benötigte in Rowlingstone keine Elektronik und funktionierte einfach
durch Schallsprung: Der Schall sprang selbstständig überall hin, wo er ge-
braucht wurde.
„Mr. Lotleak bitte in Direktor Gandalfs Büro melden. Es geht um Details für
Ihre Krankenversicherung.“
„Ach, warum ausgerechnet jetzt?“ fragte Timidus rhetorisch. An die Klasse ge-
wandt, sagte er:
“Ihr schafft das aber auch ohne mich: Ihr müsst nur die Knuddel wieder
einfangen, die sich in diesem Käfig befinden. Viel Spaß!“
Er zog das Tuch weg und öffnete die Käfigtür. Kleine Fellträger, die auf zwei
Beinen liefen und sich bemühten, sehr harmlos auszusehen, verließen den Kä-
fig, während sich Lotleak in Gandalfs Büro begab. Die Mädchen kicherten und
gaben Bemerkungen von sich wie „Oh, sind die süß!“ oder „Ich will auch eines
von denen!“
Daraufhin gingen sie auf die Knuddel zu und streichelten diese vorsichtig. Die
Tiere sagten scheinbar zufrieden „Wieeeh!“, „Wuuuuh!“ und „Jubba-Jubba!“.
Dann flüsterten sie sich gegenseitig etwas zu und verließen das
Klassenzimmer, indem sie die kleine Treppe hinunterstiegen, welche zu Timi-
dus Büro führte.
„Wo wollen die denn hin?“, fragte Angelina Spirit verwundert.
Ron versuchte, die Bürotür zu öffnen, doch die Tiere hatten sie verriegelt.
„Und was sollen wir jetzt machen?“ wollte er wissen.
Fünf Minuten später kehrten die Knuddel aus Lotleaks Büro zurück. Sie
trugen Glasgefäße mit einer braunen Flüssigkeit und je einem Handtuch darin
bei sich. Die Tiere stellten sich in mehreren Reihen hintereinander auf.

„Verschwindet da vorne!“ ruft Terry einigen Schülern zu, doch ein grüngestreifter Knuddel hat be-
reits mit seinem Feueratem einen der Molotov-Cocktails entzündet und auf die Kinder geworfen.
Sie versuchen, ihre Schuluniformen zu löschen, indem sie auf dem Boden rollen. Ein paar der Fell-
träger ziehen die Vorhänge zu, wodurch der Raum nur noch durch die brennenden Schüler erhellt
wird. Die Flammen zeigen Terry die leuchtenden Augäpfel seiner Feinde. Der Junge zieht seine
Avengers und rennt zu den Vorhängen, während ihm die Gefäße entgegenfliegen.
„Hey, Thomas!“ ruft er einem der brennenden Kinder zu. „Kannst du mal hier rüber kommen, ich
sehe nichts!“
„Ja klar, kein Problem!“
Terry feuert auf die Wesen und springt auf die blauen Vorhänge, um seitlich an ihnen entlang zu
laufen, während ihm Thomas Tropf Licht verschafft. Die Vorhänge fangen durch die Cocktails an
beiden Enden Feuer und Terry springt in ihrer Mitte ab, um seine Gegenspieler während des Fluges
mit explodierenden Geschossen in ihre Einzelteile zu zerlegen. Eine Gruppe Knuddel hat sich je-
doch einen Vorteil verschafft und Hermione als Geißel genommen. Sie bedrohen sie mit ihren aus-
gefahrenen Klauen, als Terry wieder auf dem Boden landet und seine Avengers auf Bleikugeln um-
stellt. Fünf Kopfschüsse und Blutfontänen später ist seine Freundin frei und der Junge kann sich
wieder der Vernichtung seiner Feinde widmen. Diese versammeln sich in einer dunklen Ecke des
Zimmers, um von dort aus mit Brandbomben um sich zu werfen. Terry nutzt die Gelegenheit, den
ebenfalls brennenden Spongo in ihre Reihen zu schleudern. Dadurch verbreiten sich die Flammen
auf einige der Tiere und Terry kann besser zielen. Mit Schnellfeuer besiegt er auch die letzten

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Kuschelmonster, als plötzlich ein scheinbar funktionsloser Balken Feuer fängt und auf die zu-
sammengedrängten Schüler fällt. Terry gelingt es, den Balken in Zeitlupe in die andere Richtung zu
schmettern. Die Türen des Klassenzimmers öffnen sich und Lotleak sowie Gandalf stehen mit
erhobenen Zauberstäben im Türrahmen. Sie rufen „Icem optimum!“ und löschen mit Eisstrahlen die
Flammen und Schüler. Hermione liegt verängstigt in Terrys Armen.

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Kapitel 7: Unheimliche Stimmen

„Wir haben das Feuer von meinem Büro aus gesehen. Wo bin ich?“ fragte
Gandalf.
Lotleak sah sich um.
„Was ist geschehen?“
„Ihre harmlosen Geschöpfe haben sich als wilde Bestien erwiesen und mit Mo-
lotov-Cocktails um sich geworfen, die sie aus ihrem Büro holten. Nun denn:
Wo möchten Sie Ihren Kopf hingeschickt haben, Herr Professor?“ antwortete
Terry.
„Das ist ja verrückt ... In den Büchern steht, die Knuddel seien völlig
harmlos“, überlegte Timidus.
„Tja, ich würde auch nicht darauf hinweisen, dass sie in Wirklichkeit hoch ge-
fährlich sind, wenn sie mich mit ihren Klauen bedrohten“, meinte Terry. „Ob-
wohl: Eigentlich hätte ich sie in ihre Einzelteile zerlegt und dann geschrieben,
was ich wollte.“
„Das tut mir ja alles so Leid!“ schluchzte Lotleak.
„Was wollten Sie eigentlich mit den Cocktails anfangen?“ fragte Ron.
„Das waren Begrüßungsgeschenke von Rubeus. Ich habe die Gefahr völlig un-
terschätzt, die von Alkohol ausgehen kann. Schluchz“, meinte die Lehrkraft.
„Na gut“, sagte Terry. „Aber ihr Klassenzimmer bauen sie selbst wieder auf.“
„Wollen wir jemandem Punkte geben?“ fragte Gandalf.
„Terry hat uns alle gerettet!“ sagte Hermione, die sich mit diesem Ausspruch
selbst überraschte.
„Gut. Ähm. 957 Punkte für Griffamtor. So, da das nun erledigt ist, wollen wir
einen trinken gehen, Timidus?“ fragte Gandalf.
„Und die Schüler? Sie müssen völlig verängstigt sein“, antwortete er.
„Oh, ja, natürlich: Hört zu, Kinder: Ihr kriegt den Rest des Tages frei, was
haltet ihr davon?“
Ein sehr verhaltenes „Juhu!“ machte sich breit und die Schüler begaben sich
nach draußen, wo sich ein blauer Himmel wölbte. Die Mädchen nutzten die
allgemeine Verstörung aus, um sich ihren bevorzugten Jungen verängstigt in
die Arme zu werfen. Nachdem Terry die meisten der Griffamtor-,
Haferschleim- und Rebhuhnclaw-Weibchen abgeschüttelt hatte, besorgte er
sich von Timidus Büro ein bisschen Rum und zog sich mit Ron und Hermione
zum Griffamtor-Gemeinschaftsraum zurück.

Die nächsten Wochen verbrachte Terry damit, Colin McRae aus dem Weg zu
gehen, sich zu betrinken und mit Hermione zu schlafen. Letzteres taten sie
meistens im Mädchenschlafsaal der Griffamtors. Natürlich waren damit ge-
wisse Probleme verbunden: Zunächst einmal musste Hermione ihren meist al-
koholisierten Freund die Treppen zum Schlafsaal hinauftragen, um die Anti-
Jungen-Vorrichtung zu umgehen. Ein weiteres Problem waren die anderen
Mädchen. Schließlich lag es neuerdings im Trend, in Terry verliebt zu sein.
Und ihn in dieser Situation mit einer anderen beim Zärtlichkeitsaustausch zu-
sehen zu müssen, war nicht unbedingt sehr leicht für sie. Das führte bald zu
McGonekels Hinweis, dass die Beiden ihre Exzesse vielleicht lieber wo anders
ausleben sollten. Nach Terrys überzeugender Erläuterung, dass es keinen
anderen Platz dafür gab, da der Jungenschlafsaal mit zuviel Testosteron ge-
füllt war und keine Einzelschlafsäle existierten, musste die Hauslehrerin ihnen
weiterhin ihren Liebesausdruck in Gesellschaft anderer Mädchen zugestehen.

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Hin und wieder gestattete Hermione immerhin - als Kompromiss - die
Involvierung weiterer Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts.

„Hi, Terry!“ sagte Al Brandy zu dem Zauberjungen, der gerade auf dem Weg
zur Bibliothek war. Terry lernte dort immer den Stoff, den er für die Prü-
fungen brauchte, weil er so gut wie nie zum Unterricht ging. Und er eignete
sich noch viele weitere Zaubersprüche an, schließlich verfolgte er seit einer
Weile spaßeshalber das Ziel, der mächtigste Zauberer aller Zeiten zu werden.
Da eine halbe Stunde lernen mindestens drei Stunden Unterricht ersetzte,
hatte Terry dennoch nicht allzu viel zu tun.
„Tag Al, was gibt’s?“
„Quititsch-Training!“ meinte der Mannschaftscaptain der Griffamtors mit
einem Ausdruck irrsinnigen Enthusiasmus in den Augen.
„Ach, nein. Das will ich wirklich nicht mehr spielen ...“, sagte Terry.
„Na, komm schon, Terry! Mit den neuen Regeln gibt es jetzt viel weniger
Verletzte und fast keine Toten mehr. Das ist doch was!“
„Na ja, gut. Ich will ja nichts aufgrund von Vorurteilen verurteilen“, antworte-
te der Junge und schnappte sich sein magisches Snowboard aus dem Gemein-
schaftsraum seines Hauses, um sich damit zum Trainingsplatz im Zentrum des
Schulgeländes zu begeben.

Dort wurde er bereits von Al erwartet.


„Einen Moment, Terry: Ich möchte erst noch etwas mit euch besprechen, folgt
mir zur Tribüne!“
Vor versammelter Griffamtor-Mannschaft erläuterte Al die Neuerungen des
Spiels:
„Also, Leute: Aufgrund einiger neuer Regeln und dem Wegfall von ein paar al-
ten geht es inzwischen nicht mehr darum, das Spiel durch die Dezimierung
der gegnerischen Mannschaft zu gewinnen, sondern durch Taktik und Ge-
schicklichkeit. Geblieben sind die Bezeichnungen für unsere Spielbälle, also
Morgenstern, Patscher und goldener Schnaps. Wobei der Morgenstern keine
Spitzen mehr hat und neuerdings aus Gummi besteht, genau wie der Pat-
scher.“
„Aber der Schnaps enthält noch immer ...“, fragte John Shutter, der Ringhüter
Griffamtors.
„... Rum. Ja. Ragrid unterstützt nach wie vor unsere Mannschaft. Abgesehen
davon hat sich nicht viel verändert, außer, dass wir jetzt eine neue Spielerin
haben, da unsere Predatorin Alice Wonderland das letzte Turnier nicht über-
lebte. Darf ich vorstellen: Hermione Stranger!“
Hermione erschien zwischen den anderen Schülern. Terry fand, dass sie süß
aussah mit ihrem rot-goldenen Trikot, auf dem ein animierter Compy, ein
kleiner, grüner Dinosaurier - Maskotchen der Griffamtors - herumtollte.
„Und dieses Spiel ist jetzt wirklich sicher?“ hörte sich Terry sagen.
„Zumindest ist es erheblich sicherer als früher“, meinte Al und wechselte ge-
schickt das Thema: „Also, gehen wir auf den Trainingsplatz! Bin schon ganz
eingerostet.“
„So früh wie wir fängt sonst niemand mit dem Training an! Wir werden Siffe-
rin ja so was von platt machen!“ meinte Shutter.
„Ich bezweifle es“, warf Spongo ein.
Die Sifferins breiteten sich gerade über den Platz aus, als Crêpes und Goil,
Efeus Türsteher, damit anfingen, Terry auf den Arm zu schlagen.
Franklin Silver, der neue Captain und Predator der Sifferins, widmete sich
derweil Al Brandy zu.

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„Was wollt ihr denn hier?“ fragte Al. „Ich habe den Platz heute für Griffamtor
reservieren lassen.“
„Und wir haben hier eine schriftliche Erlaubnis von Professor Snake“, ant-
wortete Captain Silver.
„Dieses idiotische Zuständigkeitswirrwarr! Tja, dann werden wir uns das
Übungsgelände wohl teilen müssen“, meinte Al. „Ihr habt einen neuen
Schnapper?“
„Ja. Rebecca Catcher hat nun den Platz von Adam Baldwyn als Killerin einge-
nommen. Dadurch ist die Position des Schnappers freigeworden für ...“
„Mich“, sagte Spongo und grinste überheblich. Crêpes und Goil hätten nun
auch gegrinst, wenn Terry Crêpes nicht den Arm abgerissen und Goil damit
bewusstlos geschlagen hätte.
„Soso“, meinte Al. „Und Goil ist demnach der Ersatz-Predator für Peter Sin-
clair?“
„So ist es“, stellte Silver fest.
„Moment: Was hast du denn da für einen - das ist doch nicht etwa der neue
...?“ meinte Al schockiert mit Blick auf Franklins Besen.
„Wischmob 2001. Ein großzügiges Geschenk von Spongos Vater. Wir haben
alle einen.“
Zwischen Bewunderung und Abscheu stehend, entschied Al, sich auf den Ra-
sen zu übergeben.
„Wenn man sich in eure Mannschaft einkaufen kann, dann kann man sich bei
euch wohl auch hoch schlafen?“ meinte Terry, während ihm Crêpes Blut von
der Wange tropfte.
„Das brauchst du gerade zu sagen mit deiner Pseudoblut-Freundin!“ schrie
Spongo.

Ron schlenderte herbei. Er war bereits ziemlich wütend, weil er auf dem Weg
zum Trainingsgelände gestolpert war und sich dabei das Genick gebrochen
hatte. Spongos Kommentar kam ihm also sehr gelegen.
Mit den Worten „Friss Kugelfisch!“ und einem Schwung mit seinem
beschädigten Zauberstab erreichte Ron einen Rückstoß des Fluches auf ihn
selbst und kurze Zeit später planschte ein hochgiftiger Kugelfisch in seinem
Magen herum. Da diesem seine neue Heimat Angst einjagte, blähte er sich auf
und seine Stacheln durchbohrten Rons Magenwände, was dem Jungen einen
unerfreulichen Tod einbrachte. Wenigstens war er nicht vergiftet worden.
Außerdem fühlten sich die Sifferins durch diesen Unfall gut unterhalten.
„Oh toll! Ein Unfall!“, sagte auch Colin McRae und holte seine Kamera heraus.
Offenbar hatte er einen sechsten Sinn für sensationelle Geschehnisse. Zu-
mindest, wenn jemand dabei zu Schaden kam.
„Terry: Könntest du dich hier neben Rons Kadaver aufstellen und lächeln?“
fragte er.
„Nein. Aber ich könnte mich neben deinem Kadaver aufstellen und lächeln,
wenn du nicht sofort Leine ziehst, Colin!“ bemerkte Terry.
Mit Blick auf die lachenden Sifferins zog der Junge, der überlegte, seine
Avengers. Doch bevor er zur Tat schreiten konnte, hatte ihn Hermione schon
vom Trainingsgelände weggezogen.
„Was tust du denn da?“ fragte er.
„Ich halte dich von unüberlegten Handlungen ab!“ sagte das Mädchen be-
stimmt.
„Inwiefern unüberlegt? Ich will doch nur die Sifferins auslöschen. Damit tue
ich der Menschheit einen Gefallen.“
„Du musst noch viel lernen, Terry ...“, seufzte Hermione.

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„Keine Ahnung, was du meinst“, antwortete der Junge wahrheitsgemäß.
Ron hatte sich inzwischen wieder zusammen gerafft und folgte den Beiden auf
dem Weg zu Ragrids Flasche.
„Was wollen wir denn bei Rubeus?“ fragte Terry.
„Ihn besuchen!“ meinte Hermione.
„Wozu?“
„Weil wir ihn schon seit einem Jahr nicht mehr gesehen haben!“
„Na und? Den dunklen Lord habe ich auch schon seit einem Jahr nicht mehr
gesehen. Und außerdem bin ich Rubeus bereits in der Quantengasse be-
gegnet.“
„Warum willst du nicht zu Ragrid?“ warf Ron ein.

Sie überquerten den mit Unkraut besetzten Weg zwischen Rowlingstone und
Ragrids Eigentumsflasche, als sie ein geflügeltes Schaf knapp verfehlte. Es
blökte verzweifelt, wohl weil sein Fell brannte. Doch es gewann wieder an
Höhe und ließ sich schließlich in den großen See am Fuße des Berges, auf
welchem die Schule thronte, fallen. Dort wurde es von einem weißen Hai
gefressen.
„Wisst ihr, in seiner Hütte gibt es so viel Rum und, na ja ...“, meinte Terry.
„Und du wirst immer mehr zum Alkoholiker“, sagte Hermione. „Mach’ dir
keine Sorgen, ich werde dir das schon abgewöhnen.“

Unerwartet wie Ostereier unter dem Weihnachtsbaum öffnete sich die Tür von
Ragrids Flasche und Professor Lotleak stand im Türrahmen. Er hatte wieder
sein schüchternes Gesicht aufgelegt und ging mit kleinen Schritten und
gesenktem Kopf zur Schule zurück. Als er Terry, Ron und Hermione begegne-
te, sagte er vorsichtig „Hallo Kinder“ und beschleunigte dann seinen Gang, als
wäre er vor seinen eigenen Worten erschreckt. Hermione lächelte ihm nach
und klopfte dann an, während Terry die Tür öffnete, um in die Hütte zu stür-
men.
„Tag, Ragrid. Was gibt’s Neues?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, fügte er „Nichts? Oh, schade. Also, bis
später“ hinzu und verließ die Flasche wieder. Leider wurde er von seiner
Freundin davon abgehalten, das Weite zu suchen. Hermione zerrte ihn wieder
zurück.
„Du musst dich deinen Problemen stellen, Schatz“, stellte sie fest.
„Normalerweise ist es für alle Anwesenden recht gefährlich, wenn sich Terry
seinen Problemen stellt“, meinte Ron.
Doch Hermione ließ sich nicht beirren und setzte ihren Freund auf einen Stuhl
an Ragrids Tisch.
„Ai, des is ja schö, dass er ma wieder vorbei schaut!“ sagte Rowlingstones
Schlüsselmeister erfreut.
„Das liegt im Auge des Betrachters“, grummelte Terry.
Ron und Hermione setzten sich an den Tisch und das Mädchen fragte:
„Was wollte Lotleak eigentlich von dir, Ragrid?“
„Ach, er hat mir ein paar Tipps gegeben, um die Stegosaurier loszuwerden,
die mir immer nachts meine Kürbisse anknabbern.“
Ron warf einen Blick aus den Fenster und erkannte eines jener halloween-
sch’en Gewächse. Jemand hatte seine Nase abgebissen, was den Kürbis nicht
unbedingt glücklicher stimmte.
Der Riese lief hinüber zu seinem Vorratsschrank und fragte, ob er den
Kindern etwas anbieten könne.
„Vielleicht ein paar Kekse, einen Tee, oder eventuell ...“

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„Sag es nicht!“ forderte Terry.
„Einen Rum?“
„NEEEEEIN!“ schrie der Zauberjunge und ließ seinen Kopf unter großer Ab-
scheu zurückschnellen
„Es ist ein guter Jahrgang“, meinte Rubeus und schleppte eine Flasche
braunen Rum an, um ihn vor Terrys Nase auf den Holztisch zu stellen.
„Tu ... das ... weg!“ zitterte letztgenannter.
„Er ist bestimmt noch gut. Hier, willst du mal daran riechen, Terry?“
„Ganz bestimmt nicht!“
Doch Ragrid öffnete die Flasche, um sie Terry unter die Nase zu halten. Ge-
rade als der sie sich greifen will, schnappen Ron und Hermione seine Arme,
um den Jungen davon abzuhalten.
„Lasst mich los! Ich will doch nur einen kleinen Schluck! Das verstößt gegen
die Genfer Konvention!“
Fünf Minuten unbarmherziger Folter später entspannte sich Terry und hörte
auf, nach der Flasche greifen zu wollen.
„So. Nun bist du schon bald geheilt. Du wirst nie wieder das Gefühl haben, du
müsstest Alkohol trinken“, sagte Hermione strahlend.
„Toll. Und wie soll ich dieses Leben sonst bitte ertragen?“ fragte Terry.

Ragrid fiel auf, dass Rons Gesichtsfärbung der einer unpräparierten Leiche
entsprach.
„Ron, du siehst nicht gut aus. Was ist passiert?“
„Ich wollte einen Fluch auf Efeu schleudern, aber der hat mich getroffen, weil
mein Zauberstab kaputt ist.“
„Warum wolltest du Efeu verfluchen? Du weißt doch, dass kein Schüler Magie
gegen andere Schüler einsetzen darf!“
„Was ehrlich? Und gegen Lehrer?“ warf Terry ein.
„Ich weiß. Aber er hat Hermione Pseudoblut genannt“, erklärte Ron.
„Das hat er nicht!“ meinte Ragrid schockiert.
„Das hat er doch schon tausend Mal gemacht“, krächzte Terry, der merklich
auf Entzug war.
Auf einmal fing Hermione damit an, theatralisch zu weinen. Mit den Worten
„Das darf doch nicht wahr sein“ fiel Terry zitternd auf den Boden und sehnte
die Rumflaschen herbei, die Rubeus auf einem Dachbalken aufgereiht hatte.
„Was soll das überhaupt sein, ein Pseudoblut?“ fragte Ron, um Hermione zu
unterstützen.
„Das ist jemand, von dem wenigstens ein Elternteil von Muggeln abstammt“,
erklärte Ragrid.
Terry begann zu singen: „Zehn braune Flaschen stehen auf dem Brett ...“
„Und? Hat das irgendwelche Nachteile?“ wollte Ron wissen.
„Außer dem Hass der Sifferins und dem dunkler Magier ...“
„... was eigentlich dasselbe ist“, meinte Terry, noch immer singend.
„... eigentlich keine“, schloss Ragrid und ergänzte „Magische Fähigkeiten
werden zwar vererbt, aber nur rezessiv und nur auf einem Allel. Deshalb
müssen nicht beide Eltern Zauberer sein. Eigentlich sogar keiner von beiden.
Obwohl: Manchmal wird es auch dominant vererbt, sonst wären ja ewig viele
Abkommen von Zauberern selbst keine. Hm. Eigentlich macht das nicht viel
Sinn. Typisch für diese Dimension.“
„Wenn ich das doch nur in meinem Bio-Abi gewusst hätte“, meinte der Autor.
Ragrid nahm Hermione in den Arm, um sie zu trösten. Dennoch gelang es ihr,
zu atmen.

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Ein paar Tage später fand sich Terry in dem verbotenen Abteil der Bibliothek
wieder. Er suchte nun schon seit drei Stunden nach einer Zauberformel für
Unverwundbarkeit, wobei er Flüche, Mutation und Geschichte des Aberglau-
bens ferngeblieben war.
„Verdammter Mist. Schon wieder ein Buch über das magische Kämmen der
eigenen Unterarmhaare. Wer will denn so etwas überhaupt wissen? Und
warum sollte man das verbieten?“
Frustriert verließ er die Bibliothek und machte sich auf den Weg zum Gemein-
schaftsraum der Sifferins, um einen seiner missglückten Tränke dort hinein zu
schütten. Er trug nun schon den ganzen Tag seinen Kupferkessel mit sich her-
um und hatte bis vor etwa zehn Minuten überlegt, was er wohl Nützliches mit
dessen Inhalt tun könnte. Plötzlich hörte er eine leise, aber bedrohliche
Stimme:
„... töten ... vernichten ... zerstören ... “
„Ah, ein Bruder im Geiste“, kommentierte der Junge und suchte nach dem Ur-
sprung der Stimme.
„... so lange schon hungrig ... kein Geld für den Automaten ...“
„Welch ein trauriges Schicksal“, meinte Terry.
Er lokalisierte die Quelle seines Gesprächspartners. Offenbar befand er sich in
einer Wand. Der Junge schaute sich kurz nach einem lockeren Stein um. Nach
etwa zwei Sekunden hatte er einen gefunden und rüttelte daran. Als dieser
sich weit genug aus der Wand gelöst hatte, konnte Terry ihn ganz heraus zie-
hen. Dann warf er ein paar Kupfermünzen in das Loch, steckte den Stein zu-
rück und machte sich wieder auf den Weg.
„... danke ... jetzt kann ich mir eine Naschtüte kaufen ... aber ich werde trotz-
dem alle Pseudoblüter umbringen ...“
Die letzte Bemerkung überhörte Terry, weil er sich schmunzelnd vorstellte,
wie sich die Sifferins in seinem Trank auflösen würden. Er kam zu einer
rechtsgerichteten Abzweigung. Auf der Wand schimmerten meterhohe Buch-
staben im flackernden Licht der Fackeln. Sie waren offenbar mit roter Farbe
geschrieben worden. Oder mit Blut. Sie ergaben folgende Worte:
„Die fragwürdige Kammer der schieren Schrecklichkeit wurde geöffnet.
Feinde des Erben, passt bloß auf!“
„Kurz und prägnant“, stellte Terry fest.
Neben den Buchstaben erkannte er Margaret Catcher, den Katzenhund von
Hausmeister Filz. Jemand hatte eine Schnur um ihre Hüfte gewickelt. Sie bau-
melte miauend und an der Decke hängend umher. Terry fand das ziemlich wit-
zig. Er stellte seinen Kessel ab und lachte. Filz betrat den Ort des Geschehens
und erstarrte vor Schock. Er beendete den Schockzustand und jaulte:
“Margaret! Was haben Sie dir nur angetan!“
Da solche dramatischen Geschehnisse immer sehr publikumswirksam waren,
erschienen auf einmal unzählige Schüler auf dem Gang und auch die Lehrkräf-
te ließen nicht lange auf sich warten. Spongo Efeu ließ sich von seinen zwei
Türstehern den Weg nach vorne durchkämpfen.
„Feinde des Erben, passt bloß auf - ihr seid die nächsten, Pseudoblüter! Vor
allem du, Stranger!“ sagte er zu Hermione.
Terry versuchte, sein Lachen einzustellen, um auf Spongo sauer zu sein. Aber
er fand die Situation einfach zu lächerlich. Jetzt würde wieder jeder denken,
er habe das geschrieben, obwohl er weder Farbe noch Pinsel dabei hatte. Und
wenig später wären alle davon überzeugt, er sei dieser Erbe. Dann könnte er
alle einschüchtern. Wahrscheinlich war es das, was Terry so witzig fand.

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Kapitel 8: Die üblichen Verdächtigen

Gandalf verschaffte sich einen Überblick über die Situation. Dann nahm er
seine Seifenblasenpfeife aus dem Mund und steckte sie in die Innentasche sei-
nes Umhangs. Man konnte richtiggehend seinem Verstand beim Arbeiten zu-
sehen. Sein Blick wanderte von Mrs. Catcher über die Worte an der Wand zu
Terry, der von einem herzhaften Lachen zu einem milden Lächeln überge-
gangen war. Der Direktor nickte weise und zog seine schlussfolgernde Augen-
braue nach oben.
„In Ordnung“, sagte er. „Was ist los und warum stehen hier alle so blöd in der
Gegend herum?“
„Jemand hat Mrs. Catcher aufgehängt!“, heulte Filz.
Lotleak betrat das Innere des Kreises, der sich um Terry gebildet hatte, warf
einen Blick auf das Tier und sagte:
“Nun. Ich will ja nicht anmaßend sein. Aber ihre, ähm, ihr Haustier erscheint
mir eigentlich vollkommen unversehrt zu sein. Warum nehmen wir es nicht
einfach ab? Was natürlich nur ein Vorschlag sein soll.“
„Ich pflichte Professor Lotleak bei, Herr Direktor“, meinte Professor McGone-
kel streng.
„Nicht so schnell“, sagte Professor Snake. „Wir sollten erst feststellen, dass
Mr. Rotter dieses Geschmiere und die Schandtaten an jenem armen Tier zu
verantworten hat.“
„Sie meinten wohl, ob er sie zu verantworten hat?“ fragte McGonekel.
„Nein...“, murmelte Snake.

Gandalf wurde schon ganz schummerig von dem ganzen Nachdenken,


weshalb er vorschlug, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. Doch
schließlich einigte man sich auf Professor Lotleaks Vorschlag, die Angelegen-
heit unter Ausschluss der Öffentlichkeit in seinem Büro zu bereden, da es
nicht weit entfernt war. Die Menge löste sich auf und Terry flüsterte
Hermione noch kurz zu, dass sich alles klären werde und sie sich keine
Sorgen machen müsse. Außerdem wies er Ron an, seinen Kessel in den Ge-
meinschaftsraum der Sifferins zu entleeren, bevor Snake auf die Idee kommen
könne, ihn als Beweis für irgend etwas zu missbrauchen.

Als sie alle den Raum betreten hatten, schloss Snake langsam die Tür. Etwa so
wie ein Polizist, der gleich einen Verdächtigen höflich davon überzeugen will,
die Tat begangen zu haben. Terry setzte sich auf Lotleaks Sessel hinter sei-
nem Schreibtisch. Draußen hatte sich ein Gewitter entwickelt, weil es die
dramatische Atmosphäre von Terrys Befragung verstärken wollte. Der Direk-
tor hatte das Tier von Argwohn Filz mitgenommen. Es miaute und bellte ab-
wechselnd auf sehr wehleidige Art und Weise. Gandalf legte Mrs. Catcher vor-
sichtig auf einen Stuhl und Snake richtete den Schein der beweglichen
Tischkerze auf den Jungen.
„Die Katze simuliert, so viel ist sicher“, meinte Terry. „Sie ist kein verlässli-
cher Zeuge!“
Filz wirkte immer noch sehr besorgt. Gandalf versuchte, ihn aufzuheitern:
„Sie ist nicht tot, Argwohn.“
„Natürlich nicht“, stellte Terry fest. „Sie war noch nie tot! Schätze ich mal ...“
„Wenn ich kurz etwas anmerken dürfte ...“, merkte Snake an. „Ich denke, es
ist offensichtlich, dass Mr. Rotter für all’ das hier verantwortlich ist. Als alle

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anderen beim großen Halloween-Fest waren, hat er sich in den Gängen her-
umgetrieben, um allen Muggel-Geborenen mit seiner Schmiererei Angst
einzujagen. Um die Wirkung seines kleinen Streiches zu verstärken, hat er
Argwohns Katze gefoltert.“
„Also das ist nun wirklich lächerlich“, murmelte Lotleak.
„Was sagst du dazu, Junge?“ fragte Gandalf in der Hoffnung, etwas Sinnvolles
getan zu haben.
„Es gab eine Halloween-Party und ich habe sie verpasst? Komisch, ich dachte,
es wäre immer noch Sommer.“
„Nun, wenn man fast nie dem Unterricht beiwohnt und keinen geregelten
Tagesablauf mehr hat, verliert man allmählich das Zeitgefühl, nicht wahr, Mr.
Rotter?“ fragte Snake.
„Wie meinen Sie das?“ wollte Gandalf wissen, weil er Snakes rhetorische
Frage nicht verstanden hatte.
„Mr. Rotter zieht es vor, sich das Lernpensum in Eigenarbeit anzueignen“, er-
klärte McGonekel.
„Darf er das denn?“ fragte der Direktor.
„Seine Ergebnisse bei den Tests waren hervorragend, also ließ ich ihn gewäh-
ren“, antwortete Silenzia.
„Tests hin oder her: Hier sehen Sie das Ergebnis ihres liberalen Getues!“
raunte Snake. „Der Junge kommt nur auf dumme Gedanken!“
„Aber warum sollte ich denn so etwas an die Wand schreiben?“ hakte Terry
nach. „Meine eigene Freundin ist doch Muggel-Geborene!“
„Du selbst aber nicht!“ schrie Snake, als hätte er einen Joker ausgespielt.
„Nein. Na und? Ich werde ja wohl kaum der Einzige in diesem verdammten
Schloss sein, der keine Muggel-Eltern hat!“ sagte Terry.
Gandalf und McGonekel sahen sich besorgt in die Augen. Das heißt: McGone-
kel sah Gandalf besorgt in die Augen, der Direktor erwiderte ihren Blick nur,
um zu verschleiern, dass er nicht wusste, was dessen Anlass war.
„Ich schätze, es gibt wohl tatsächlich nicht so viele der sogenannten ‚Reinblü-
ter’ in Rowlingstone, mein Junge - auch wenn die Sifferins das gerne von sich
behaupten“, meinte Terrys Hauslehrerin.
„Und nur ein solcher würde Muggel-Geborenen und Halbblütern drohen!“
stellte Snake fest.
„Aber ich hatte doch gar keine Farbe dabei!“ verteidigte sich der Junge.
„So? Aber Blut! Und außerdem: Was war in deinem Kupferkessel?“ wollte der
Giftkunde-Lehrer wissen. „Und warum hast du deinen Gehilfen beauftragt, ihn
hinweg zu tragen?“
„Da war keine Farbe drin! In dem Kessel war eine magische Säure, das Ergeb-
nis einer misslungenen Mischung!“ sagte Terry aufgebracht. „Außerdem habe
ich keine Einstiche, durch die ich mir Blut hätte entnehmen können.“
„Ach ja? Und was hattest du mit dieser Säure vor? Ich werde es dir sagen: Du
wolltest alle Muggel-Geborenen darin auflösen, nicht wahr?“
„Nein, ich wollte das Zeug in den Gemeinschaftsraum der Sifferins schütten!“
„Ich glaube ihm kein Wort!“ schrie Snake und wandte sich von Terry ab.
„Also ich halte das für durchaus denkbar“, meinte McGonekel. „Mr. Rotters
Hass auf die Schüler Ihres Hauses ist ein offenes Geheimnis, Satanus.“
„Nun denn: Im Zweifel für den Angeklagten“, sagte Gandalf und schloss damit
die Befragung. Vor allem deshalb, weil er mal dringend wohin musste.

Ron und Hermione erwarteten Terry bereits.


„Und? Haben sie dich schuldig gesprochen?“ wollte Ron wissen, als McGone-
kel, Gandalf und Snake gerade das Missbrauchszimmer verließen. Terry lach-

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te nur und sagte:
„Also wirklich, Ron. Schau dir doch die Lehrer an!“
Ron sah irritiert den drei Professoren hinterher. Er konnte nichts Ungewöhnli-
ches an ihnen erkennen.
„Was meinst du?“ fragte er.
„Ist doch wohl offensichtlich: Sie leben alle noch!“ erwiderte Terry.
„Da bin ich aber erleichtert!“ sagte Hermione und fiel ihrem Freund um den
Hals. Nach einer kurzen, kussbedeckten Phase des Aufatmens brach ihre un-
bändige Neugier hindurch:
„Haben sie zufällig erwähnt, was die fragwürdige Kammer der schieren
Schrecklichkeit ist?“
„Es gibt etwas, das du nicht weißt!?“ schreckte Ron auf.
„Na und?“ meinte Hermione trotzig. „Ich kann schließlich auch nur wissen,
was ich schon einmal irgendwo gelesen habe ...“
„Es gibt etwas, das du noch nicht gelesen hast!?“ erschrak Ron aufs Neue.
„Ach! Ich schlage vor, wir fragen Professor Romero, dann wissen wir es“,
schlug Hermione vor.
„Wie jetzt?“ fragte Terry.
„Unser Geschichte-des-Aberglaubens-Lehrer“, erklärte sie.
„Geschichte des Aberglaubens? Hm. Ich erinnere mich daran, irgendwann
letztes Jahr einmal dieses Fach besucht zu haben ...“, überlegte Terry. „Oder
habe ich das nur geträumt?“
„Also manchmal frage ich mich, wieso du überhaupt noch auf dieser Schule
bist“, meinte Hermione.
„Ist doch klar“, antwortete Terry. „Ich bin hier, um berühmt zu sein.
Außerdem bin ich hier, um alle Jahre wieder die Schule vor dem dunklen Lord
zu retten. Und ich bin hier, um mit dir zu schlafen.“
„Du meintest wohl: Um mit mir zusammen zu sein?“ fragte Terrys Freundin
kritisch.
„Genau das“, antwortete der Junge, der überlegte. „Und mit den anderen
Mädchen, die manchmal dabei sind.“
Hermione sah Terry vorwurfsvoll an. Ein sehr gefährlicher Blick. Er verhieß
nichts Gutes.
„Aber ich liebe natürlich nur dich allein ...“, ergänzte der Junge vorsichtig.
„So?“
„Allerdings. Du hast mein Leben erheblich bereichert. Überlege doch mal: Ich
bringe jetzt nicht mehr wahllos irgendwelche Leute um.“
„Aber du versuchst es immer wieder!“, zischte das Mädchen.
„Wirklich? Ich erschieße nicht einfach irgendwen, sondern stets nur den Erst-
besten!“
Und doch wusste Hermione, dass sie von Terry nicht mehr erwarten konnte
und dass seine Gefühle aufrichtig waren, auch wenn er nicht dazu in der Lage
war, das immer so klar auszudrücken. Und so weiter.

Das Geschichte des Aberglaubens Klassenzimmer bestand ganz aus grauem


Stein. Kein einziges Bild, nicht einmal eine Karte ließ sich hier finden. Es gab
nur Professor Romero, seine Schüler und die Farbe Grau, welche auch noch
grimmig dreinblickte. Aber schließlich war die hiesige Lehrkraft schon seit
einer ganzen Weile tot, und es war allgemein umstritten, ob Tote besonders
begabt waren in gestaltungstechnischen Fragen. Terry begutachtete das
Klassenzimmer, als habe er schon lange keines mehr gesehen, was auch den
Tatsachen entsprach. Unter Vorbehalt setzte er sich auf den Platz neben
Hermione. Zwecks dessen musste er zunächst den Sifferin von dort entfernen,

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der stets während des Unterrichts dem Mädchen Drohungen zugeflüstert
hatte. Terry warf ihn kurzerhand aus dem offenen Fenster, beziehungsweise
aus dem Loch in der Wand. Professor Romero betrat den Raum. Dazu musste
er auf einem Bein hüpfen, weil ihm sein zweites mal wieder abgefallen war.
„Guten Morgen, Kinder“, ächzte er.
„Heute geht es um die Kriege gegen die Löffel, Tresen, Zwerge - Zwerge, ge-
nau, die im vorherigen Jahrhundert zu dem Jahrhundert von der Stunde vor
drei Schulstunden stattgefunden haben und zwar gegen die noch kleineren,
ähm, Büffel, Larven, Gnome, ach ja: Gnome, noch kleiner als die anfangs
angesprochenen Tiere, körpergrößenmäßig betrachtet ...“
Romero sprach so unwahrscheinlich langsam, dass Terry sofort einschlief.
Hermiones motivierte Meldung weckte ihn jedoch schnell wieder auf.
„Professor, Professor!“
„Und diese Hüte, ähm, Fliegende- Gnome - oh, ja, ähm, du, Fluglotse - Mäd-
chen, nicht wahr?“
„Ja, ich bin ein Mädchen ...“, meinte Hermione zögerlich. „Nun denn, meine
Frage: Könnten Sie uns etwas über die fragwürdige Kammer der schieren
Schrecklichkeit erzählen?“
Jeder Schüler, der sich nicht im Land der Träume befand, wurde plötzlich
enorm aufmerksam. Was eigentlich nur für Terry galt. Aber auch ein paar der
anderen Kinder erwachten allmählich aufgrund der unterbrochenen Mono-
tonie in Romeros Stimme, an die sie nicht gewohnt waren. Sogar der untote
Lehrer erschien auf einmal lebendiger als vorher.
„Aber Sie sind sich schon darüber im Klaren, dass dieses Thema nicht voll-
kommen langweilig ist, Ms. Stranger?“ fragte er, plötzlich richtiggehend kon-
zentriert.
„Ja ...“, antwortete Hermione verwirrt.
„Und das ist eigentlich nicht meine Zuständigkeit“, meinte Romero, dessen
Ohr gerade abfiel. „Ich bin Geschichtslehrer, kein Märchenerzähler - oh!“
Er setzte sein Ohr wieder ein, bevor er sagte: „Aber gut, wenn sich denn
schon einmal jemand für etwas begeistert, das halbwegs mit meinem Fach in
Verbindung steht: Wie ihr ja alle wisst, wurde Rowlingstone vor ein paar
tausend Jahren errichtet, das genaue Datum interessiert euch ja sowieso
nicht, und zwar von den vier berühmtesten Magiern, die jemals auf die Idee
gekommen waren, Rowlingstone zu errichten. Die vier Schulhäuser wurden
nach ihren Gründern benannt: Gary Griffamtor, Henrietta Haferschleim,
Robert Rebhuhnclaw und Sakrilegus Sifferin. Am Anfang arbeiteten alle außer
Sakrilegus noch in Harmonie miteinander und suchten nach magiebegabten
Kindern, um sie auszubilden. Doch nach ein paar Jahren begann Sakrilegus
damit, diejenigen seiner Schüler, die Muggeleltern hatten, zu töten.“
„Warum hat er sie nicht von Anfang an ausselektiert?“ wunderte sich Spongo.
„Das hat er ja“, meinte Romero. „Aber irgendwann begann er damit, jedes
Kind zu akzeptieren. Dadurch war es ihm möglich, die so genannten Pseudo-
blüter zu ermorden.“
„Was hatte er denn eigentlich gegen Schüler, die von Muggeln abstammten?“
fragte Hermione.
„Angeblich hatte ihm eines dieser Kinder während seiner eigenen Schulzeit
einen Besen geklaut. Daraufhin erklärte er Pseudoblüter zu einer un-
terlegenen Rasse.“
„So läuft das also ...“, stellte Terry fest.
„Auf jeden Fall ließen ihn die anderen drei Gründer unserer Schule nicht
lange so weiter machen, maximal bis zu dem Zeitpunkt, als er aufhörte, ihnen
Schweigegeld zu zahlen. Er musste die Schule nach der verloren Schlacht von

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Kleinschwefelfeld verlassen. Aber das Gerücht, dass er eine verborgene
Kammer in der Schule errichtete, von der er den anderen nichts erzählte, ist
bis heute weder belegt noch widerlegt. Es heißt, er habe sie versiegeln lassen
und nur sein wahrer Erbe sei in der Lage, das Siegel zu öffnen.“
„Ach was. Ich sprenge das Ding einfach auf“, sagte Terry. Diese Aussage
lenkte wider Erwarten nicht von Terry als möglichen Erben Sifferins ab.
„Denn nur sein wahrer Erbe sollte in der Lage sein, die Kammer zu betreten,
um alle Muggel-Geborenen mit Hilfe des Wesens darin zu vernichten.“
„Aber natürlich hat man Rowlingstone schon mehrfach erfolglos nach einer
solchen Kammer durchsucht, nicht wahr, Professor?“ fragte Hermione.
„Ach. Nun. Nicht wirklich“, meinte Romero.
„Wie bitte!?“ erschrak das Mädchen.
„Man hielt das für unnötig. Schließlich ist es nur eine Legende.“
„Und wieso sollte man das als Legende bezeichnen, wenn es noch nie unter-
sucht wurde?“ wollte Hermione wissen. „Sind die Quellen, die von der
Kammer berichten, vielleicht unzuverlässig?“
„Na ja. Es handelt sich um die Tagebücher der Begründer Rowlingstones.
Außerdem geht es aus alten Notizen der Architekten hervor. Und angeblich
sind schon mehrere Schüler darin spurlos verschwunden“, erklärte der Ge-
schichtslehrer.
„Angeblich!?“ fragte Hermione.
„Gut. Wir sind uns da eigentlich ziemlich sicher. Jedenfalls stand es auf di-
versen Wänden in Blut geschrieben. War eine ganz schöne Arbeit, das wieder
zu entfernen ...“
„Und was genau ist das für ein Viech in dieser Kammer?“ wollte Terry wissen.
„Ein MONSTER“, keuchte Romero dramatisch.
Alle Schüler schreckten plötzlich auf. Ein paar Mädchen begannen sogar, zu
weinen.
„Erbitte exakte Definition“, forderte Terry.
„Wieso? Es ist ein MONSTER“, wiederholte der Lehrer.
Und wieder erschreckten die Kinder gar grässlich.
„Wie dem auch sei“, meinte Terry abschließend.

Die drei Freunde machten sich auf den Weg zurück zu jener rot bemalten
Wand, weil Terry das Klischee vom Täter erfüllen wollte, der zum Tatort zu-
rückkehrt.
„Hey, Terry: Mach dir keine Sorgen, denn wenn dich das 16-Tonnen-Gewicht
nach Griffamtor und nicht nach Sifferin eingeteilt hat, kannst du wohl kaum
der Erbe Sifferins sein“, erläuterte Ron.
Terry erinnerte sich daran, dass ihn das Gewicht erst nach einer Drohung
nach Griffamtor eingeteilt hatte. Die ursprüngliche Wahl hatte tatsächlich
„Sifferin“ gelautet.
„Leute: Schaut mal, da sind Frösche“, sagte der Junge, um vom Thema abzu-
lenken.
Und tatsächlich grabbelten mehrere Grasfrösche durch einen kleinen Ritz in
der Mauer unter dem bedrohlichen Schriftzug nach draußen. Durch das Fens-
ter, das auf einmal aus dem Nichts an der Wand auftauchte, konnte Hermione
beobachten, wie die Amphibien an der Außenseite des Schulgebäudes hinun-
ter krabbelten.
„Wo kommt das denn auf einmal her?“ wunderte sich Terry. „Na ja, öfter mal
ein neues Fenster soll ja kreativ machen.“
„Ich glaube, der Meinung war die überschüssige Magie des Schlosses auch“,
meinte Hermione.

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„Moment mal, mir fällt da etwas ein“, sagte Terry. „Leonardo da Vinci dreht
hier öfters seine Runden, um besser denken zu können. Wir sollten ihn fragen,
ob er etwas gesehen hat.“
„Oh, tolle Idee, Terry. Wo hält er sich im Moment auf?“ fragte das Mädchen.
„Hm. Um die Zeit müsste er in der Mädchentoilette im Keller sein.“

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Kapitel 9: Die Rückkehr des dunklen Lords

Die Mädchentoilette. Es gab einen bestimmten Grund, warum Vertreterinnen


des weiblichen Geschlechts vorzugsweise gemeinsam den Weg zu jener Ein-
richtung der Notwendigkeit antraten. Denn im Gegensatz zu der eigentlichen
Funktion sanitärer Anlagen diente sie vor allem als sozialer Treffpunkt.
Lebenslange Freundschaften entstanden nicht selten in einer Toilette.
Doch Leonardo da Vinci war keine Frau. Vielmehr war er einer der größten
Genies der Menschheitsgeschichte. Was natürlich nicht heißen soll, dass man
nicht gleichzeitig eine Frau und ein Genie sein konnte. Aber nicht zu Leo-
nardos Lebzeiten.
Letztendlich stand jedoch die Frage im Raum, was ein Geist wie der da Vincis
in einem Raum wie diesem zu suchen hatte. Und tatsächlich schien er kein be-
stimmtes Ziel zu haben, als er zwischen Kabinen und Waschbecken hin und
her schwebte. Von Weitem hörte Leonardo vertraute Stimmen. Sie näherten
sich.
„Was soll das heißen, man kann Türen auch öffnen?", fragte Terrys Stimme.
"Ich habe sie doch geöffnet!“
Hermiones Stimme schüttelte seufzend den Kopf und antwortete:
„Du hast sie eingetreten! Die Tür hatte einen Knauf! Normale Menschen dre-
hen daran, wenn sie einen Raum betreten wollen!“
„Normale Menschen wollen auch, dass man ihnen Klarsichtfolien über den
Kopf stülpt, damit sie besser schlafen können.“
„Nein, das hast du dir nur eingeredet, um deinen neuesten Mordversuch an
Efeu zu rechtfertigen“, meinte Ron.
„Hallo Kinder!“ rief der Geist des Erfinders erfreut.
„Hi Leo!“, antworteten alle gemeinsam. Terry trat einen Schritt vor.
„Und - hast du deine Erfindungsblockade überwunden?“
Da Vinci wirkte auf einmal zerstreut, während er sich einer gewissen
Verzweiflung näherte.
„Nein. Ich kann so nicht arbeiten! Die anderen Kinder sind immer gemein zu
mir! Sie werfen Sachen auf mich! Tut ja nicht weh, oder!? Ich bin ja schließ-
lich nur ein Gespenst, nicht wahr!?“
Er drehte sein Gesicht weg, um seine aufkommenden Tränen zu verbergen.
„Ach, die sind doch nur auf Ihren unvergleichlichen Intellekt eifersüchtig“,
versuchte ihn Hermione zu trösten.
„Danke, meine Kleine. Aber ich glaube, da steckt mehr dahinter. Sie merken,
dass mir meine Ideen allmählich ausgehen.“
„Soll das ein Witz sein?“ fragte Terry. „Du hast doch neulich den ersten Fu-
sionsreaktor entwickelt, der mehr Energie produziert, als er verbraucht!“
„Das mag schon sein ...“, meinte Leonardo zögerlich. „Aber mein Versuch, die
globale Ungerechtigkeit zu beseitigen, ist gescheitert! Die wirklich wichtigen
Dinge gelingen mir nicht!“
„Nun gut. Aber daran bist nicht du schuld, sondern die Gesellschaft, das Sys-
tem, die Verhältnisse, ... und die Konservative Partei“, stellte Terry fest. „Vor
allem die Konservative Partei.“
„Da hast du gewiss Recht, mein Junge“, seufzte das Genie.

Leonardos Tod hatte ihn nicht davon abgehalten, weiterhin bedeutsame Er-
findungen und Entdeckungen zu machen. Diejenigen, welche die Muggel-Welt
betrafen, sandte er stets anonym an sorgsam ausgewählte Wissenschaftler,

-64-
denen ein solcher Durchbruch zuzutrauen war. Zwar wurde ihm dadurch der
verdiente Ruhm vorenthalten, aber das war ja nichts Neues für ihn. Er
begnügte sich mit so manchem zweideutigen Augenzwinkern, das ihm seine
Kollegen bei ihren Präsentationen zudachten, welchen er unsichtbar
beiwohnte. Insgeheim hatten sie alle eine bestimmte Hypothese, wem sie ihre
Ideen tatsächlich zu verdanken hatten.
„Also denn: Was kann ich für euch tun?“
„Hast du schon von der Schmiererei an der Wand gehört?“ fragte Terry.
„Ah, ja. Irgend jemand will mal wieder alle Muggel-Geborenen umbringen.“
„Genau. Hast du zufällig etwas gesehen, das uns weiterhelfen könnte?“
„Ich befürchte nicht, Terry. Ich bin schon seit drei Tagen hier drin. Wobei: Ir-
gendwie habe ich das Gefühl, beobachtet zu werden. Na ja, ist wahrscheinlich
nur Altersparanoia.“
„Hm. Das glaube ich nicht ...“, überlegte der Junge, der überlegte. „Nun gut,
dann werden wir wo anders unsere Nachforschungen weiterführen. Wenn dir
wieder einmal etwas Merkwürdiges auffallen sollte, dann sag uns am besten
Bescheid.“
Da Vinci ließ seine Pupillen nervös hin und her gleiten.
„Das werde ich. War schön, mal wieder mit euch zu reden, Kinder.“

Zurück im Griffamtor-Gemeinschaftsraum suchten die drei Freunde nach Ide-


en, wer wohl der Erbe Sifferins sein könnte:
„Du“, sagte Ron zu Terry.
„Also bitte, Ron! Terry ist doch nicht der Erbe Sifferins!“
„Nein, nein“, antwortete der akut lebensgefährdete. „Ich fragte Terry nur, ob
er mir die Schokolade reichen könnte.“
„Klar, hier“, meinte Terry und gab seinem Kumpel die Schale mit den Drogen,
deren Konsum einen gestiegenen Enkephaline-Wert bedeutete.
„Hm. Der Erbe Sifferins“, überlegte Terry. „Ist doch eigentlich eine klare Sa-
che: Wer in dieser Schule könnte von Sakrilegus Sifferin abstammen und will
alle Muggel-Geborenen umbringen?“
„Gandalf?“ riet Ron.
“Blödsinn!” antwortete der Junge, der überlegte. „Zumindest hoffe ich das ...
Aber eigentlich meinte ich natürlich Efeu.“
„Vielleicht war es ja auch Snake“, meinte Ron.
„Ich weiß nicht“, sagte Terry. „Den haben wir schon letztes Jahr fälschlicher-
weise verdächtigt - und das wird allmählich langweilig. Ich meine, das können
wir doch nicht jedes Jahr machen, oder?“
„Dann sollten wir versuchen, herauszufinden, ob Efeu wirklich der Erbe Siffer-
ins ist“, stellte Hermione fest.
„Und wie wollen wir das anstellen?“ wollte Ron wissen.
„Wir fragen ihn einfach“, sagte das gar regeltreue Mädchen.
„Ah, die Idee gefällt mir“, meinte Terry. „Wir foltern ihn so lange, bis er es zu-
gibt!“
„So war das eigentlich nicht gedacht ...“
„Auch gut. Dann machen wir das als kostenlose Zusatzleistung.“
Ron blickte zu Hermione.
„Und wie sieht dein Plan aus?“
„Wir brauen einen Trank um ...“
„... ihn zu vergiften. Hervorragende Idee“, lobte Terry seine Freundin.
„Nein! Um uns in Schüler Sifferins zu verwandeln. Dann können wir unbe-
merkt in ihren Gemeinschaftsraum gelangen und mit Spongo sprechen.“
„Ich soll mich irgendwo hineinschleichen, nur um mit Efeu zu reden?“ fragte

-65-
Terry. „Erscheint mir sinnlos.“
„Ach, Schatz! Warum musst du immer alle Probleme mit Gewalt lösen? Hast
du schon einmal von Marithma Handi gehört? Ohne Gewalt anzuwenden, hat
er es geschafft, den Tag des kostenlosen Sandwichs im Tropfenden Becher
einzuführen! Einzig und allein mit der Macht des friedfertigen Widerstands!“
„Obgleich ich die Intentionen dieser Person durchaus achte ...“, sagte Terry.
„Widerstand ohne Gewalt ist wie ein Cocktail ohne Alkohol.“
„Ähm, Terry: Sagt dir der Name ‚Früchtecocktail’ etwas?“ fragte Ron.
„Sag bloß ...“
„Ja, der enthält keinen Alkohol!“
„Nein! Das glaube ich einfach nicht!“ erschrak Terry. „Welcher Unmensch
denkt sich denn so etwas aus!?“

Am nächsten Tag fand sich Terry zusammen mit den anderen Spielern in der
Umkleide der Griffamtors vor dem Quititsch-Stadium wieder. Al Brandy ver-
suchte, wie immer vor einem Spiel, seine Mannschaft zu motivieren:

„In Ordnung. Es sieht übel aus. Es sieht verdammt übel aus. Die Sifferins
haben neue Spieler, die wir noch nicht beurteilen können. Und was noch viel
schlimmer ist: Sie haben erheblich bessere Besen als wir. Wir sind verloren!“
„Also ich habe ja gar keinen Besen“, meinte Terry. „Womit ich überaus zufrie-
den bin.“
„Wir sind nicht verloren!“ betonte Hermione. „Sie mögen ja eine bessere Aus-
stattung haben als wir, aber auch Griffamtor hat neue Spieler, über deren Fä-
higkeiten Sifferin nichts weiß. Und wir haben mehr trainiert! Wir können heu-
te durchaus gewinnen!“
„Also, ich habe ja überhaupt nicht trainiert“, gab Terry zu bedenken. „Und
außerdem: Was macht ihr euch so viel Stress? Ist doch egal, ob wir gewinnen
oder verlieren. Spiele sollen Spaß machen. Das ist hier kein Profilierungswett-
bewerb. Sollte es zumindest nicht sein.“
Al Brandy lachte. In seiner kleinen, aus Quititsch bestehenden Welt, konnte
Terry das unmöglich ernst meinen.
„Da steckt sicherlich ein Fünkchen Wahrheit darin“, meinte Hermione. „Aber
wir spielen gegen Sifferin, Schatz. Du willst doch nicht gegen Spongo ver-
lieren, oder?“
„So oder so wird Efeu eines Tages aufwachen und feststellen, dass er tot ist.
Und das wirklich Bedeutende ist doch das wahre Leben, oder, wie in diesem
Fall, das wahre Ableben und nicht irgendein Spiel.“
„Ha, ha, ha! Sehr witzig, Terry!”, sagte Brandy und wischte sich die Tränen
aus den Augen. „Du hast wirklich Humor, das muss man dir lassen!“

Die Mannschaften betraten das Quititsch-Stadion. Sechs Türme und ebenso


viele Zuschauerreihen machten es sich am Rande des Spielfelds bequem.
Brandys Mannschaft erhielt begeisterten Applaus von den anwesenden Reb-
huhnclaws, Haferschleims und natürlich Griffamtors. Schwer zu erraten, dass
sie von den Sifferins ausgebuht wurden, während Gandalf, der in der ersten
Reihe saß, begeistert Popcorn auf das Spielfeld warf und: „Wir gewinnen, wir
gewinnen!“ rief. Er wusste selbst nicht so genau, wen er mit „wir“ meinte.
Noch wo er sich gerade befand.
Die Mannschaftskapitäne Al Brandy und Franklin Silver reichten sich druck-
voll die Hände. Terry betrachtete das Snowboard vor seinen Füßen und über-
legte, ob es ihm einen taktischen Vorteil oder Nachteil verschaffen würde und
Gandalf fiel von der Tribüne. McGonekel lief nach unten und holte den

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Schulleiter zurück, welcher panisch „Sie kucken mich an! Sie sind überall!“
schrie. Damit hatte er durchaus Recht, denn es war die Aufgabe kleiner,
pelziger und geflügelter Wesen namens „Kuckis“ das Spiel zu verfolgten. Sie
übermittelten die Bilder per Telepathie an den Kommentator Air Jordan Scott.
Letzterer schnappte sich sein Knochophon und begann, in Echtzeit über das
Spiel zu berichten:

„Blauer Himmel, Sonnenschein! Die Mannschaften stehen sich gegenüber, be-


reit zum Kampf. Diesmal gibt es neue Regeln, also bereitet euch auf ein revo-
lutionäres Spiel vor. Madam Lutsch greift zur Pfeife und: Das Spiel beginnt!
Die Besen sind in der Luft und die Jagd auf die Morgensterne kann losgehen!
Die Sifferins sind ganz schön schnell unterwegs, mit ihren neuen Besen, diese
Penner! Aber unsere Griffamtors sind viel geschickter!“
„Air Jordan!“ mahnte McGonekel.
„Ist ja gut, Professor! Angelina Spirit hat den Morgenstern! Pass zu Hermione
Stranger! Doch sie wird von Josephine Ripley und Franklin Silver verfolgt. Ich
hoffe, sie knallen gegen eine Tribüne! Und schon sind zwei Patscher mit im
Spiel. Auch sie haben es auf Terrys Freundin abgesehen! Doch Hermione zieht
nach oben, die Sifferins folgen ihr und - werden von den Patschern von den
Besen geschlagen! Halleluja!“
„Es gibt da einen Begriff, der nennt sich ‚Objektivität’ ...“, erläuterte Silenzia.
„Sie sagen es, Professor! Hermione wirft. Verena Trittbrett versucht, ihn zu
halten - Ja! Terrys Mädchen hat es geschafft, zehn Punkte für Griffamtor!
Aber, oh nein, Johnny Bartlett und Rebecca Catcher haben es auf Hermione
abgesehen. Sie versuchen, sie vom Besen zu treten! Ein böses Faul, dieser Ab-
schaum! Madam Lutsch pfeift die Beiden zur Ordnung, doch das lässt sie völ-
lig kalt und - das kann man nur als großen Fehler bezeichnen, denn offenbar
ist Terry schon auf dem Weg, um die Angelegenheit zu klären. Letztes Mal
hätte er beinahe die Lehrertribüne in die Luft gejagt, als er dachte, jemand
würde die Patscher verfluchen, also sollten sich das Johnny und Rebecca
lieber noch einmal überlegen. Zu spät: Terry zaubert sich ein Schwert herbei,
hackt die neuen Besen der beiden Killer in mundgerechte Häppchen und
stopft sie ihnen in die Rachen, während sie fallen. Das gibt dem Spiel einiges
an Fairness wieder. Ah, Terry springt mit seinem Snowboard auf Spongos
Kopf herum. Offenbar hat er den goldenen Schnaps entdeckt und - HEILIGER
MERLIN! WAS IST DENN DAS!?“

Der Himmel verdunkelte sich. Wolken brauchte er nicht dazu. Auch die Sonne
blieb an ihrem Platz. Es wurde einfach spontan Nacht. Ein kühler Wind suchte
das Stadion heim. Terry seufzte auf und murmelte: „Ich weiß es: Irgendein
Mist wird wieder passieren. Und ich muss hinterher aufräumen.“
Air Jordan Scott führte mit seiner Berichterstattung fort:
„Tja, Leute: Sind ganz danach aus, dass es auf einmal vollkommen dunkel ge-
worden ist. Ich empfehle ‚Licht!’“
Das Publikum kramte seine Zauberstäbe hervor und erleuchtete sie magisch.
„Eine Art fliegender Feuerball!“, meinte Jordan „Er kommt direkt auf uns zu!
Jetzt hält er mitten im Stadion an!“
Das Feuer bildete einen Kreis um das Wesen, das es erhellte. Eine tiefe, be-
drohliche Stimme erschallte:
„HALLO ROWLINGSTONE. ICH BIN WIEDER DA! HABT IHR MICH
VERMISST?“
Terry drehte mit seinem Snowboard eine Runde um die Gestalt und murmelte:
„Na, sieh mal an, wer da aus dem Urlaub zurück ist.“

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„Bei Ludmillas verwunschener Kaffeetasse!“, schrie Scott entgeistert.
„ES IST DER DUNKLE LORD!“
Gandalf erhob sich von seinem Platz und fragte:
“Was willst du hier, Heinrich?“
Die Schüler schreckten auf und McGonekel flüsterte dem Schulleiter „Nicht
seinen Namen nennen!“ zu, woraufhin Gandalf „Flüstern Sie nicht so laut,
mein Kopf tut weh!“ erwiderte.
Der dunkle Lord ergriff wieder das Wort:
„ACH, EIGENTLICH BIN ICH NUR GEKOMMEN, UM SÄMTLICHE MUGGEL-
GEBORENEN ZU TÖTEN. ES IST DOCH NICHT ETWA ZUFÄLLIG EINER
VON IHNEN UNTER EUCH? IN GRIFFAMTOR, HAFERSCHLEIM ODER REB-
HUHNCLAW WOMÖGLICH? OH, HALLO, MEIN ENKELSOHN!“
„Großvater“, stellte Terry kühl fest, als hätte er Himmlers Namen auf einer
Anwesenheitsliste abgehakt.
Sämtliche Schüler und Lehrer waren nach dieser Enthüllung vollkommen
schockiert. Man erklärte Gandalf später, warum sie das alle gewesen waren.
Ron flüsterte Hermione „Wusstest du das?“ zu, woraufhin sie „Nein, das hat
mir Terry nie erzählt!“ antwortete.
„HAST DU DIE WAHRHEIT ALSO ENDLICH AKZEPTIERT, MEIN EN-
KELSOHN!“, stellte Himmler fest.
„Was heißt hier endlich?“ wollte Terry wissen. „Mir ist das schon bewusst, seit
mir vor einem Jahr eine Videokamera im verbotenen Wald davon erzählte.
Und als du es mir auf der Wiese vor dem Schulgarten gesagt hast, habe ich es
auch nicht angezweifelt. Der Punkt ist nur: Das ist mir völlig egal.“
„IST JA GUT“, meinte der dunkle Lord. „UND? WILLST DU MIR NUN DABEI
HELFEN, UNSERE GEMEINSAME MISSION ZU ERFÜLLEN, ODER NICHT?
IMMERHIN BIST DU DER ERBE SIFFERINS!“
Diese Aussage verschlag den Anwesenden entgültig die Sprache.
„Schwachsinn“, stellte Terry fest. „Ich würde es wohl wissen - und besonders
Hermione - wenn ich Tendenzen hätte, Muggel-Geborene umzubringen.“
„SO, SIE IST ALSO DEINE KLEINE FREUNDIN! MIT DEINEN GEDANKEN
HAST DU AUCH SIE NUN VERRATEN! WENN ES MIR NICHT GELINGEN
SOLLTE, DICH VON DER DUNKLEN SEITE DER MAGIE ZU ÜBERZEUGEN,
DANN GELINGT MIR DAS VIELLEICHT MIT IHR!“
Terry schüttelte seufzend den Kopf.
„Also, du bist wirklich ein selten dummer Schwachkopf. Du hast doch gerade
gehört, dass sie Muggel-Geborene ist. Die willst du ohnehin auslöschen und
nicht bekehren, oder?! Außerdem haben mich nicht meine Gedanken, sondern
meine Worte verraten. Obwohl du natürlich schon längst wüsstest, dass ich
mit Hermione zusammen bin, wenn du nicht gar so blind und blöde wärst.“
„JA, KANN SCHON SEIN ...“, meinte Himmler verwirrt.
„Schön, dann werde ich dir nun auch verraten, was ich vorhabe“, meinte Ter-
ry.
„Ich werde alle Sifferins vernichten. Besonders Efeu. Ach ja: Und dich und alle
deine sonstigen Anhänger natürlich auch.“
„DU BIST GENAUSO DICKKÖPFIG WIE DEIN VATER!“ sagte der dunkle
Lord. „NUN GUT: GANZ WIE DU WILLST, JUNGER MAGIER!“
Himmler zog seinen Zauberstab und richtete ihn auf Terry.
„Du willst doch nicht etwa schon wieder von mir besiegt werden, oder?“
„VON DIR BESIEGT? DASS ICH NICHT LACHE! OHNE DEINE FREUNDE
WÄRE DIR DAS LETZTES MAL SOWIESO NIE GELUNGEN!“
„Hey, nicht so laut!“ Terry und zog seine Avengers. „Das muss hier wirklich
keiner wissen!“

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„EX MORTIS EXTREMUM!“ schrie Himmler und schleuderte Terry einen gift-
grünen Flammenball zu, doch der Junge wich blitzschnell aus und feuerte
Explosivgeschosse auf seinen Widersacher ab. Die Projektile rasten einfach
durch ihn hindurch und schlugen schließlich auf der Tribüne der Griffamtors
ein. Rons Gliedmaßen verteilten sich mürrisch auf dem Spielfeld und auch
andere Schüler wurden verletzt. Terry konnte erkennen, wie sich Hermione
schreiend den Arm hielt.
„Mist“, stellte er fest.
Mit höhnendem Gelächter verschwand der dunkle Lord allmählich wieder ins
Nichts und der Feuerkreis erlöschte langsam. Himmlers Antlitz verblasste, als
er seine Abschiedsworte sprach: „GUTE ARBEIT, ERBE SIFFERINS! HAHA-
HAHAHAHA!“

Die Dunkelheit verschwand und der mittägliche blaue Himmel wurde wieder
sichtbar. Der kühle Wind verzog sich. Vereinzelte weiße Wolken warfen einen
seichten Schatten auf Terry. Die Zuschauer starrten ihn ungläubig an. Unter
dem Jungen tauchte plötzlich der goldene Schnaps auf. Als Spongo ihn ent-
deckte, versuchte er, nach ihm zu schnappen. Doch der güldene Ball glitt Efeu
aus der Hand und Terry griff ihn sich beiläufig. Air Jordan fuhr damit fort, das
Spielgeschehen zu kommentieren:
„Ja. Ähm. Sieht ganz so aus, als hätte Spongo Terry den Schnaps zugespielt.
Das bedeutet 150 Punkte und Griffamtor gewinnt das Tournier!“
Doch außer Al Brandy, der jubelnd auf und ab hüpfte, schien das niemanden
wirklich zu interessieren. Manche waren damit beschäftigt, die Verletzten in
den Krankenflügel zu transportieren und alle anderen Zuschauer blickten un-
gläubig zu Terry hoch.
Selbstredend würden die Sifferins niemals glauben, dass ausgerechnet Terry
Rotter Sakrilegus Erbe sein könnte. Selbst, wenn es ihnen der dunkle Lord
persönlich gesagt hatte. Nicht nach Terrys unzähligen Kämpfen mit und heim-
lichen Mordversuchen an den Schülern ihres Hauses. Doch bei den anderen
Kindern war sich Terry dessen nicht so sicher. Und tatsächlich: Für sie ver-
liefen allmählich die Farben. Aus Schwarz und Weiß waren verschiedene
Grautöne geworden. Die fantasievolleren Schüler sahen noch ein paar weitere
Farben, wie zum Beispiel blau, grün, oder rot. Gandalf beobachtete derweil
eine rosa Kuh, die, seiner Wahrnehmung zufolge, auf dem Rasen Tango tanz-
te, mit einem Kleiderschrank als Tanzpartner.

Die folgenden Wochen waren sehr schwer für Terry. Oder besser gesagt: Sie
wären sehr schwer für Terry gewesen, wenn er ein normaler 14-jähriger
Junge gewesen wäre. Tatsächlich amüsierte sich der Narbenträger königlich.
Fast alle Schüler und auch Lehrer waren sich ziemlich sicher, dass Terry der
Erbe Sifferins war oder zumindest sein könnte. Sie reagierten jedoch sehr
unterschiedlich darauf:
Die Haferschleims liefen meistens mit ihren kostengünstigeren Klamotten her-
um. Schließlich befürchteten sie einen Angriff Terrys. Und der durfte ja
wenigstens nicht ihre ausgesuchte Designermode in Mitleidenschaft ziehen,
wenn er sie schon töten sollte. Die Griffamtors versuchten dagegen, Terry aus
dem Weg zu gehen und sich mit ihren eigenen Angelegenheiten, die den
Jungen meist nicht mit einschlossen, zu beschäftigen. Die Sifferins glaubten
zwar nicht, dass Terry der Erbe ihres Gründers war, aber sie versuchten ohne-
hin eine gewisse Distanz gegenüber dem Jungen zu bewahren, um nicht ihre
Köpfe zu verlieren. Die Rebhuhnclaws veränderten ihr Verhalten gegenüber
Terry überhaupt nicht, denn das hätte ein gewisses Maß an Aufwand bedeu-

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tet. Mit ihnen konnte der Junge gelegentlich reden. Ein Haus reichte Terry als
Adressat seiner zynischen Sprüche über die anderen Schüler. Selbst die
meisten Lehrer mieden seine Gegenwart. Nur der Freundschaft von Ron und
Hermione konnte er sich noch sicher sein. Doch selbst sie mieden manchmal
seinen Blick, obwohl sie ihm seine Version der Ereignisse auf dem Quititsch-
Spielfeld glaubten. Schließlich sprach ihn Hermione auf die Sache an:
„Terry – Ich - Ich weiß, dass du nicht der Erbe Sifferins bist, aber ...“
„Aber alle glauben es“, stellte er entzückt fest. „Doch mach’ dir keine Sorgen
um mich, Schatz. Endlich kann ich mich mal über die anderen Schüler lustig
machen, ohne nebenbei Autogramme für sie schreiben zu müssen.“
„Das meinte ich nicht. Ich habe ja schon oft deine - unorthodoxen – Methoden
beim Lösen von Problemen kritisiert. Du magst ja auf der richtigen Seite
stehen, nur, nur dass du oft die Mittel dunkler Magier anwendest, wenn auch,
um gegen sie zu kämpfen.“
„Sieh das mal so“, erläuterte Terry. „Die Sifferins wollen dich tot sehen, nur
weil du Muggel-Eltern hast. Ich meine: Wenn ich die Menschen danach beur-
teilen würde, wer sie großzieht, dann müsste ich Selbstmord begehen. Und
überhaupt: Bei allem was sie tun, sagen, oder auch nur denken, kann man sich
sicher sein, dass es auf der Liste der dämlichsten Dinge auf Platz Eins steht.
Ich meine: Sie sind ganz offen auf der Seite des dunklen Lords! Der Kerl hat
immerhin meine Eltern ermordet! Aber bei ihnen zählt keine Moral, sondern
nur die Stärke des Einzelnen: Wenn einer von ihnen krank ist, dann schubsen
ihn vom Treppengeländer - obgleich ich mir, zugegeben, niemals die Mühe
mache, einen von denen aufzufangen. Wer nicht in ihrem Haus ist, gilt von
Anfang an als minderwertig. Hermione, glaube mir: Das ist der größte Ab-
schaum, den diese Welt jemals hervorgebracht hat. Die sind sogar noch ein
klein wenig schlimmer als die Konservative Partei. Ich respektiere deine Mei-
nung, dass ich keine Gewalt anwenden sollte. Aber teilen kann ich sie nicht.
Der Tag, an dem ich alle Sifferins ausgerottet haben werde, wird ein Freuden-
tag für die Menschlichkeit sein.“
„Du bemerkst nicht einmal das Paradoxon in diesem Satz“, meinte Hermione
verzweifelt.
„Ein Paradoxon ist nur ein Scheinwiderspruch“, stellte Terry fest. „Eigentlich
ist es also logisch, man merkt es nur nicht.“
„Die Sifferins sind wohl kaum von Geburt an böse!“ sagte das Mädchen aufge-
bracht. „Sie haben doch nur diese schändlichen Überzeugungen, weil sie die
von ihren Eltern gelernt haben!“
„Ach ja, stimmt: Du hast Recht“ sah Terry ein. „Ihre Eltern muss ich natürlich
auch noch ins metaphorische Jenseits befördern. Mit Bleikugeln.“
„Terry!“ schrie Hermione wütend. „Du kannst sie auch mit Argumenten über-
zeugen!“
Diese These veranlasste den Jungen dazu, sich lachend auf dem Boden zu
wälzen. Die Wangen seiner Freundin färbten sich rot. Als er Tränen in
Hermiones Augen erkannte, raffte sich Terry auf und schloss sie lächelnd in
die Arme.
„Es tut mir Leid, meine Süße. Das sind Fundamentalisten. Sie haben sich ihre
eigene Realität erschaffen. Ihre Ideologie verhindert jegliche Einsicht, denn
sie lehnen alles, was ich ihnen erklären könnte, als prinzipiell falsch ab. Das
ist so, als würde ich versuchen, einem Priester die Evolutionsbiologie zu ver-
mitteln. Oder einem Faultier die Tour de France. Ich bin für sie einfach nur
der Feind. Und bist dasselbe, nur unbewaffnet.“
Hermione legte ihren Kopf auf Terrys Schulter und sagte:
„Du bist doch auch ein Fundamentalist! Schließlich bewertest auch du deine

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Ideologie höher als alle anderen und bist sogar bereit, für sie zu töten!“
„Nein. Ich bin nur radikal. Aber ich bin kein Fundamentalist. Meiner Meinung
nach darf jeder so leben wie er will, bis er mir in die Quere kommt - dann darf
er nicht mehr leben.“
Hermione schloss die Augen und murmelte:
„Männer und ihre Logik!“

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Kapitel 10: Der Duellierclub und das goldene Vlies

Schlafen. Jene scheinbare Untätigkeit diente unter anderem dazu, das Chaos
an Informationen, welches sich im Laufe des Tages angesammelt hatte, zu
ordnen. Unbrauchbares Wissen, wie zum Beispiel der Namen des Bürgermeis-
ters eines kleinen Dorfes, in dem man sowieso nur angehalten hatte, um sich
kurz den aktuellen Trachtenweitwerfwettbewerb anzusehen, wurden in dieser
Phase gelöscht. Albert Einstein behauptete einmal, dass wir nur zehn Prozent
unseres Gehirns verwenden würden. Tatsächlich verwendeten wir stets,
abhängig von der Tätigkeit, die wir gerade ausübten, viele spezifizierte Teile
unseres Denkorgans gleichzeitig. Was Einstein eigentlich hatte sagen wollen,
war: Die meisten Menschen, vor allem Mitglieder von Scientology und der
Konservativen Partei, verwendeten höchstens zehn Prozent ihres Verstandes.
Und die brauchten sie schon, um dem abendlichen Musikantenstadel auf öf-
fentlichen Kanälen, die ihrem kulturellen Auftrag nachkommen wollten, folgen
zu können. Oder um zu schlafen.

Terry jedenfalls hatte genug davon und erwachte. Er schien sich nicht neben,
auf oder unter Hermione zu befinden. Viel mehr hatte ihn irgend etwas dazu
bewegt, sich in den Krankenflügel zu begeben. Er erinnerte sich vage daran,
Spongos Kopf gegen einen Kerzenhalter geschlagen zu haben, als er ihm auf
dem Weg zum Griffamtor-Gemeinschaftsraum begegnet war. Vorsichtig be-
tastete er seine Stirn. Sie trug einen Verband. Nun erinnerte er sich: Ron
hatte ihm zu Hilfe eilen wollen, war jedoch auf dem frisch gebohnerten Boden
ausgerutscht und hatte seinen Freund unabsichtlich gegen eine Wand
gestoßen. Als Terry allmählich das Bewusstsein verlor, hatte er Ron noch
dabei beobachten können, wie er über das Geländer bei der großen Treppe
fiel.
Mit einer dunklen Vorahnung wandte Terry seinen Blick dem Nachbarbett zu.
Und tatsächlich: Efeu lag darin. Gerade als er aufstehen wollte, um Spongo zu
erwürgen, erkannte Terry ein längliches Weißbrot auf seiner Brust. Es lä-
chelte.

„Bonjour, mon ami. Tu es bien? (Guten Tag, mein Freund. Geht es dir gut?)“,
„Mir geht es gut“, antwortete Terry, der gerade erkannte, dass er offenbar
Französisch sprechen konnte.
„Mais pourquoi tu as venu à Rowlingstone? (Aber warum bist du nach Row-
lingstone gekommen?")“, wollte das Brot wissen. „Je toi a expliqué que tu ne
devrais pas de tout retourner ici! (Ich habe dir doch erklärt, dass du auf
keinen Fall hierher zurück kommen darfst!") “
„Ja, aber was interessiert mich das?“ fragte Terry aufgebracht. „Ich bin nach
Rowlingstone zurückgekehrt, weil ich hier nun einmal zur Schule gehe!“
„Vraiment? (Wirklich?)“
„Na schön “, meinte Terry. „Vielleicht bin ich auch deshalb hierher zurück ge-
kommen, um die Sifferins auszurotten und mit Hermione zu schlafen. Und
wenn schon. Könntest du jetzt bitte eine vernünftige Sprache sprechen?"
"Wurde auch Zeit", stellte Nietzsche fest.
„Aber warüm ist Terry Rotter nischt zü'ause geblieben, als er vermiest 'at den
Züg?“
„Natürlich könntest du auch eine vernünftige Sprache auf vernünftige Art und
Weise sprechen. Ach, vergiss es. Als ob ich mich durch so einen kleinen Rück-

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schlag aufhalten ließe - ein verpasster Zug, lächerlich!“ sagte Terry und fügte
hinzu: „Moment mal: Du hast die Tür zu Gleis 9 verschlossen!“
„Oui, dü ’ast Recht“, wimmerte Bernard. „Und isch ’abe auch dem dünklen
Lord geholfen, in einer Projektion auf dem Spielfeld zü erscheinen ...“
„WAS!?“
„Bernard Terry Rotter retten wollte. Es lauert große Gefahr in Rowlingstone
...“
„Ja. Zum Beispiel der dunkle Lord, du dämliches, französisches ....“
„Aber er nür sollte erschrecken Zauberjüngen. Er dir nischts konnte an'aben.“
„Bernard! Wenn du das nächste Mal versuchst, mich zu retten, dann bring ich
dich um!“
„Bernard kennt Morddrohüngen très bien. Er sie bekommt täglisch zu Hause.“
„Sag mal, warum läufst du eigentlich noch immer mit diesem alten Salatblatt
herum?“ fragte Terry überrascht.
„Das ein Symbol für das Enslavement von Bernard seien. Falls sein Meister
ihm nur geben würde eine frische Dressingsauce, Bernard frei wäre und
zürückkehren könnte zu Bäckerei in Fronkreich.“
„Wovor willst du mich eigentlich die ganze Zeit beschützen?“ fragte Terry.
„Terrible Dinge passieren in Rowlingstone. Die fragwürdige Kammer der
schieren Schrecklischkeit ... Non, je ne dois pas!" sagte Bernard.
„Rede, du nährwertarmes Stück Grundnahrungsmittel!“ forderte der Junge.
„Salut, mon héro!“ rief das Baguette, als es unerwartet aus dem Fenster
sprang.
„Na toll“, sagte Terry. „Das bringt die Handlung ja wirklich voran.“

Auf einmal betrat Gandalf zusammen mit McGonekel den Krankenflügel. Sie
trugen eine Bahre. Terry setzte sich auf sein Bett, als ihnen Madam Pommes
von ihrem Büro aus entgegenkam.
„Was ist denn mit ihm passiert?“ fragte sie.
„Gar nichts“, meinte Gandalf.
Terry erkannte Colin McRae. Er war wach, kerngesund und machte es sich
auf der Bahre bequem.
„Aber warum tragen Sie ihn dann zu mir?“ fragte die Krankenpflegerin
verwirrt.
„Sie haben doch gewiss von der Sache mit dieser mysteriösen Kammer ge-
hört?“ fragte McGonekel.
„Oh ja: Die fragwürdige Kammer der schieren Schrecklichkeit. Aber was hat
sie ...“
„Die Schüler sind nun verunsichert, weil sie ständig von dem Gerücht hören,
die Kammer werde bald geöffnet und ein Monster befinde sich darin“, erklärte
Gandalf.
„Tatsache ist, dass bislang nichts Schlimmes geschehen ist“, fügte McGonekel
hinzu.
„Und darum versuchen einige Schüler nun, diesen Umstand zu kompensieren.
Und zwar, indem sie so tun, als wäre ihnen wirklich etwas Grausames angetan
worden“, sagte der Direktor abschließend.
„Das erklärt aber nicht die Sache mit den Worten an der Wand und Filzes
Katze“, wandte Madam Pommes ein.
„Ja, das war ja auch der Ursprung der Gerüchte. Dieses Ereignis können wir
uns auch nicht erklären“, erläuterte Gandalf. „Moment mal: Ich war der Über-
zeugung, ich ginge zum Speisesaal ...“
„Ist die Kammer jetzt offen oder nicht?“ fragte Terry genervt.
Gandalf ignorierte Terry und meinte nachdenklich: „Ein Sandwich wäre jetzt

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nicht schlecht“. Er verließ den Krankenflügel.
„Um Ihnen eine ehrliche Antwort zu geben, Mr. Rotter: Wir wissen es nicht“,
sagte McGonekel. „Aber mindestens genau so gefährlich wie eine geöffnete
Kammer der schieren Schrecklichkeit sind Schüler, die glauben, eine solche
Kammer wäre geöffnet worden.“ Silenzia zog einen Mundwinkel nach oben
und folgte dem Direktor.

Terry stand auf. Er ging zum Fenster, aus dem Bernard gesprungen war und
sah hinaus. Die Sonne schob sich hinter dem Gebirge empor, das sich vor der
Schule erstreckte. Ihre Strahlen tauchten den großen See am Fuß des Berg-
gipfels, auf dem Rowlingstone thronte, in orangefarbene Reflektionen. Ein Ru-
del Sumpfdrachen drehte eine Runde über dem Schulgebäude. Auf einmal
tauchte ein fliegendes Schaf vor dem Fenster auf. Es warf Terry einen freund-
lichen Blick zu, dann wurde es von einem der Drachen geschnappt und hinfort
getragen. Der Junge griff nach einem Notizblock, der sich in einer Innenta-
sche des schwarzen Mantels befand, von dem er sich nur selten trennte.
Kleider ließen sich nämlich mittels Magie sehr einfach reinigen. Gut, einige
muggelstämmige Schüler wussten das nicht und wunderten sich über die
fehlenden Waschmaschinen und darüber, warum sie keine Freunde fanden.
Das aufgeklappte Blatt des Notizblocks enthielt eine Liste, die in feinfühliger
Schrift geschrieben worden war. Eine Zeile lautete: „Romantische Augenbli-
cke“. Daneben war noch etwas Platz für Eintragungen. Terry nahm einen Stift
von dem kleinen Nachttisch neben seinem Bett und machte einen Strich. Er
erinnerte sich daran, was Hermione ihm gesagt hatte: Er solle Gefühle entwi-
ckeln. Sensibler werden. Nicht einfach jeden umbringen, den er nicht leiden
konnte. Unter „Romantische Augenblicke“ hatte Terry selbst eine Zeile ge-
schrieben: „Schafe“. Auch dieser Eintragung fügte er einen Strich hinzu. Es
gab eindeutig mehr tote Schafe in Terrys Leben als romantische Augenblicke.
Der Narbenträger warf einen Blick auf den schlafenden Spongo. Glaubte man
seiner Freundin, war es unangebracht, kurz vor, nach, oder während solcher
Momente einen Mord zu begehen. Obwohl - laut Hermione war es prinzipiell
unangebracht, einen Mord zu begehen, wie sich Terry erinnerte. Und das
konnte ja wohl kaum zutreffen ... Terry entschied sich schließlich dazu, den
Krankenflügel zu verlassen. Nur so, für alle Fälle.

Auf dem Weg zur Eingangshalle traf Terry auf Al Brandy. Er strahlte noch
immer und umarmte den Jungen, der überlegte.
„Tolles Spiel gestern!“ sagte er begeistert. „Eindeutiger Sieg für Griffamtor!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, hüpfte Al freudig davon, wie eine junge Pfad-
finderin. Auch Terry ging wieder seiner Wege.
Als er bei der Eingangshalle ankam, fiel sein Blick auf eine Gruppe Schüler,
die sich um das schwarze Brett versammelten.
„Sie starten einen Duellierklub“, ließ sich Thomas Tropf vernehmen. „Heute
um Acht ist das erste Treffen im Speisesaal. Könnte recht nützlich werden.“
„Ja, wir könnten uns gegen Sakrilegus Monster verteidigen“, stellte Hermione
fest.
„Oder gegen deinen Freund, den Erben Sifferins!“, meinte Josephine Ripley
provokant.
„Das schafft ihr sowieso nicht“, stellte Terry fest und legte seinen Arm um
Hermiones Schulter. Er lächelte zufrieden.
„Oh, hallo Terry. Schön, dass es dir wieder gut geht! Warum grinst du so?“
fragte Ron.
„Spongo lag auf dem Bett neben mir und ich habe ihn nicht erwürgt.“

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„Das ist gut?“
„Hm. Nein, eigentlich nicht. Aber ich konnte ihn nicht ermorden, wegen dem
romantischen Augenblick.“
„Du findest es romantisch, neben Spongo zu liegen!?“ bemerkte Ron entsetzt
und wurde von einem Klavier erschlagen.
„Oh, sorry Ron“, sagten Frank und Joe, die gerade die Treppen hinunter
liefen. „Wir hatten keine Lust, das Klavier bis hier herunter zu tragen. Viel zu
anstrengend.“
„Habt ihr euch denn keine Sorgen gemacht, dass es vielleicht zerbrechen
könnte?“ fragte Hermione.
„Wieso? Ist doch weich gefallen“, stellten Rons Brüder fest und schoben das
Instrument weiter in den Speisesaal.

Die Tatsache, das nichts weiter geschehen war, beunruhigte die Schüler Row-
lingstones in hohem Maße. Einige ließen sich Talismänner andrehen, die
angeblich besonders wirkungsvoll gegen das Monster in der Kammer der
schieren Schrecklichkeit waren. "Spezialanfertigungen von vertrauens-
würdigen Spezialisten" versicherten Frank und Joe. Natürlich fertigten sie
jene Utensilien selbst an. Die Grievly-Zwillinge hatten eine große Zukunft in
der freien Wirtschaft vor sich, da waren sich Ron und Hermione einig. Terry
wäre sich auch einig gewesen, wäre er nicht gerade damit beschäftigt, das
Verhalten seiner Mitschüler zu ignorieren, um Munition zu sparen. Manche
von ihnen waren auf einmal davon überzeugt, dass sie nur oft genug unter
einer Treppe hindurch laufen mussten, unter der sie eine schwarze Katze mit
einem Spiegel erschlagen hatten, um so viel Glück zu bekommen, dass es kein
Ungeheuer der Welt wagen würde, sie anzugreifen. Keiner hielt es derweil für
angebracht, seine magischen Fähigkeiten zum Schutz seiner Person zu erwei-
tern. Das hätte schließlich Arbeit bedeutet. Und es war ja wohl kaum die Auf-
gabe von Schülern, zu arbeiten.

Um Acht Uhr Abends schob sich Terry widerwillig in den großen Saal. Jemand
hatte drei der Eichenholz-Tische beiseite schieben lassen. Zahlreiche Kerzen
kreisten um den vierten, der in der Mitte des Raumes stand. Das Deckenge-
wölbe zeigte pure Dunkelheit, welche nur durch Werbeeinblendungen aufgelo-
ckert wurde.
"Kaufen Sie 'Terry Rotter'-Toilettenpapier!?" stellte Ron entsetzt fest.
"Na ja, solange sie mich dafür bezahlen ...", murmelte Terry.
Timidus betrat die Ersatzbühne. Jene war bekanntlich aus feinstem Eichenholz
geschnitzt worden, was für die nun folgenden Geschehnisse leider ohne Be-
deutung bleiben musste. Stürmischer Applaus empfing ihn.
"Ja, ähm ... Hallo Leute! Sieht wohl so aus, als sollte ich euch das Duellieren
beibringen. Tja ..."
Und wieder gab es rasende Zustimmung für den Schrifsteller.
"Lasst mich kurz meinen Assi vorstellen. Ähm: Professor Snake?"
Professor Snake, das personifizierte Böse, der sechste Reiter der Apokalypse*,
erkletterte die andere Seite des missbrauchten Esstischs. Seine Mimik wies
eindeutig darauf hin, dass er Lotleaks Aufruf mit wenig Begeisterung ent-
gegen nahm. Die beiden Lehrkräfte verbeugten sich. Genauer gesagt verbeug-
te sich Timidus, während Snake die Bewegung mit einem kaum wahrnehmba-
ren Nicken andeutete. Sie zogen ihre Zauberstäbe und richteten sie aufein-

* Bei dem fünften Reiter der Apokalypse handelte es sich bekanntlich um einen Milchmann
namens Ron. Er hatte allerdings nichts mit dem Ron zu tun.

-75-
ander.
"Das war soeben die traditionelle Eröffnungsgeste eines Zauberduells", erläu-
terte Timidus. "Falls ihr sie in der Realität gegen einen dunklen Magier ..." An
dieser Stelle sah Snake kurz auf, als wäre sein Name genannt worden. "...
anwenden solltet, müsstet ihr euch auf eine drastische Lebensverkürzung
gefasst machen. Aber hier in Rowlingstone haben wir zum Glück die Möglich-
keit, ein wenig Form zu wahren."
Terry schüttelte den Kopf und wollte gehen, wurde aber von Hermione zurück
gehalten.
"Ich beginne nun, zu zählen und auf drei werden wir unsere ersten Flüche
abgeben. Natürlich dienen sie nur zur Entwaffnung, wir wollen ja schließlich
keine Unfälle provozieren, nicht wahr?"
Diesmal blickte Lotleak zu Snake, als gelte das Gesagte ihm. Er grinste. Und
bekanntlich war es nie ein gutes Zeichen, wenn böse Leute grinsten. Wenigs-
tens ersparte er Timidus das wahnsinnige Gelächter von verrückten Wissen-
schaftlern, die planten, die Welt in eine genmanipulierte Tomate zu
verwandeln.
"Eins - zwei - ..."
Doch bevor Timidus auch nur an die Zahl drei denken konnte, schleuderte ihn
Snakes Fluch bereits gegen die nächste Wand. Er fiel hinab und landete auf
Ron. Kurze Zeit später raffte sich Lotleak wieder auf, krabbelte auf die Bühne
zurück und sagte:
"Dankeschön Professor."
Zu den Schülern gewandt, erklärte er:
"Ihr habt soeben die Simulation eines Kampfes gegen einen echten Gegner
erleben dürfen. Denn von einem solchen braucht ihr auch nicht zu erwarten,
dass er euch erst bis drei zählen lässt, bevor er angreift. Und nun: Sucht euch
einen Partner, mit dem ihr trainieren möchtet!"
"Wenn ich Sie kurz bevormunden dürfte ..." sagte Snake zu Timidus, als sich
Terry Ron gegenüber positionierte.
"Oh ja, natürlich, Professor", meinte Lotleak.
"Stranger: Sie duellieren Angelina. Rotter: Sie werden Spongo duellieren!"
"Terry und Mr. Efeu? Sind Sie sicher, Herr Kollege? Soweit ich weiß, ver-
tragen die Beiden sich nicht unbedingt ..."
"Ich bin sicher!", sagte der Giftmischer. Seine Augen ließen keinen Wider-
spruch zu.
Hermione stellte sich etwa zehn Meter gegenüber Angelina Spirit auf und lä-
chelte zur Begrüßung. Das Sifferin-Mädchen quittierte dies, indem sie ihren
Mittelfinger erhob.

An dieser Stelle sei noch kurz der Ursprung jener Geste erwähnt: Vor langer
Zeit war der erhobene Mittelfinger ein Symbol für die quantitative Überlegen-
heit des männlichen Fortpflanzungsorgans gewesen. Es darf spekuliert
werden, was es wohl bedeuten könnte, wenn ein Mädchen, wie Angelina,
derlei Gebärden demonstrierte.

Ron hatte sich derweil Thomas Tropf als Gegenüber ausgesucht.


"Nun gut: Haben alle einen Partner gefunden?" fragte Timidus. "Schön. Ich
zähle wieder bis drei und dann liegt es an euch, euren Gegner zu enwaffnen-
und ich betone: Entwaffnen. Das gilt besonders für Sie Beide, Mr. Rotter und
Mr. Efeu! Also los: Eins - zwei - drei!"
Bereits auf eins hatte Spongo Terrys Mantel in Brand gesetzt. Terry löschte
ihn, indem er Spongo zu Boden trat und auf ihm hin und her rollte. Ron ver-

-76-
suchte derweil, Thomas zu entwaffnen, doch die Überreste seines Zauberstabs
richteten den Fluch auf ihn zurück. Wenige Sekunden später steckte das edel
verarbeitete Stück Holz in seinem rechten Auge. Hermione dagegen hatte
keinerlei Probleme damit, Angelina zu entwaffnen. Und das, obwohl
letztgenannte jeden Fluch mit einer Beleidigung beantwortete. Was ja ansons-
ten eine verlässliche Verunsicherungstaktik war - allerdings war das Einzige,
was Terrys Freundin verunsichern konnte, die Androhung schlechter Noten.

Terry und Spongo standen sich erneut gegenüber. Und zwar auf der Bühne,
thronend über ihren Mitschülern. Efeu sprach: "Manifesto Ranae virulentus!"
und ein roter Frosch erschien aus dem Nichts. Er hüpfte langsam auf den Grif-
famtor John Shutter zu, der neben dem Esstisch stand, um die Beiden zu beob-
achten. Während Snake das Tier anfeuerte, erhob Lotleak seinen Zauberstab,
um ihm Einhalt zu gebieten. Doch Terry kam Timidus zuvor:
"Hey! Lass John in Ruhe!"
Das giftige Amphibium hielt ein und antwortete:
"Ich wollte ihm doch nur ein wenig Angst einjagen!"
"Achso", meinte Terry. "In Ordnung."
Das Tier begann wieder damit, wild vor Johns Augen umher zu hüpfen, bis
Timidus es verbrannte. Alle Augen waren plötzlich auf Terry gerichtet.
"Was ziehst du hier für eine Show ab!?" fragte ihn Shutter entsetzt und lief da-
von.
Der Narbenträger rief ihm noch "Weichei!" hinterher, bis Rons Zeigefinger
seine Schulter berührte. Hermione hatte inzwischen den Rest von Ron aufge-
sammelt und trug ihn zu seinem Arm zurück, woraufhin er sich wieder kom-
plettieren konnte. "Gehen wir", sagte er.

Die drei Freunde verließen geschwind den Saal. Andere Schüler wichen hastig
vor ihnen zurück. Fast so, als hätten sie Angst, dass Terry sie beißen würde.
Schließlich erreichten des Autors Hauptprotagonisten den leeren Gemein-
schaftsraum. Oder waren es meine Hauptprotagonisten? Hm. Hätte in
Deutsch wohl besser aufpassen sollen. Oder der Autor? Kann ein Erzähler
überhaupt die Schule besuchen?
"Dieser hier anscheinend nicht", meinte Nietzsche.
"Du bist ein Dummschwätzer! Warum hast du uns das nie erzählt?" wollte
Hermione sofort von Terry wissen, als sie die Tür geschlossen hatte.
"Ich dachte, ihr würdet das früher oder später schon merken."
"Weißt du überhaupt, was ein Dummschwätzer ist?" fragte Hermione.
"Gandalf, zum Beispiel?"
"Nein! Ein Dummschwätzer ist jemand, der mit Fröschen sprechen kann!"
"Jeder kann mit Fröschen sprechen."
"Ja, aber nur die Wenigsten werden auch von ihnen verstanden!"
"Also - so schlimm finde ich das jetzt nicht. Ich habe mal einen auf Onkel Vali-
um angesetzt", erzählte Terry. "Er hat ihn in sein Mini-KZ gesperrt."
"Diese Fähigkeit ist furchtbar, Terry!"
"Wieso? Ich habe den roten Frosch ja gefragt, was er vorhat - er wollte John
nur ein wenig ärgern."
"Ach, das hast du ihm gesagt", stellte Ron fest. "Es klang eher so, als würdest
du ihn auf Shutter hetzen."
"Na ja. Das ist wohl ein wenig übertrieben ..."
"Der Punkt ist doch, dass fast niemand mit Fröschen reden kann. Nur von
Sakrilegus Sifferin ist das bekannt", meinte Hermione.
"Nun werden alle denken, du seist sein Ur-, Ur-, Ur-, Urenkel, oder so etwas!"

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ergänzte Ron.
"Meine Verwandschaftsverhältnisse sind ziemlich kompliziert. Aber ich halte
das für unwahrscheinlich", sagte Terry. "Und außerdem kann ich mit allen
Tieren sprechen. Sogar mit Franzosen."
"Was!?" schrie Ron auf. "Das ist ja noch viel schlimmer!"
Seine Freundin dachte kurz nach und meinte:
"Sakrilegus lebte vor über tausend Jahren. Es wäre durchaus möglich, dass du
mit ihm verwand bist."

"Und das war's?" fragte Nietzsche.


"Ähm, ja. Vorerst schon ...", antwortete der Autor zögerlich.
"Warum kommt dann ein goldenes Vlies im Titel vor?" wollte Darwin wissen.
"Klingt gut."
Nietzsche schüttelte den Kopf und stand auf. Er verließ das Häuschen, um
draußen zu rauchen.
"Na komm schon", meinte Charles. "Das geht doch nicht!"
"Also schön ..."

Al Brandy betrat den Gemeinschaftsraum, während ihn Ron und Hermione


verließen, um den anderen zu erklären, was Terry tatsächlich gesagt hatte.
"Ich weiß gar nicht, was mit den Leuten da unten los ist", meinte der Captain.
"Ist ja nicht so, als hätten wir ein Quititsch-Spiel verloren."
"Oh. Hallo Al", grüßte Terry. "Wie geht's?"
"Gut. Aber eine Sache belastet mich doch etwas ...", meinte Brandy.
"Warum? Was hast du?"
"Meine Tante hat mir doch letzte Weihnachten dieses goldene Vlies ge-
schenkt, weißt du noch?"
"Ach ja: Genau. Und? Wird es von Milben heimgesucht?"
"Nein, nein. Es wurde von einem Minotaurus gestohlen."
"Ob so etwas wohl häufig vorkommt?"
"Jener hat es über sieben Meere getragen, um es an Kampfzwerge zu ver-
kaufen. Diese wurden von der Armee der Finsternis überfallen, wobei das
Vlies verloren ging. Jedenfalls steht das in der Tagesbild. Kannst du mir einen
Gefallen tun und es mir zurück holen?"
"Na klar."
Terry packte seine Sachen und machte sich auf die Reise. Nach ein paar
Tagen kam er wieder und reichte Al das Vlies.
"Schätze, die magische Welt ist nun um ein paar Spezies ärmer", meinte er.
"Wie kann ich dir nur jemals dafür danken, Terry?"
"Ach, war halb so wild. Aber ich gehe jetzt schlafen, wenn du nichts dagegen
hast."

"Zufrieden?" fragte der Autor. "Charles?"

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Kapitel 11: Der Trunk der Subversion

Ein toter Schuh hing über Ragrids Schulter, als er in der Eingangshalle auf
Terry traf.
„Hi, Ragrid!“
„Oh, hallo Terry! Wie geht es dir?“
„Wunderbar. Jeder denkt, ich sei der Erbe Sifferins. Jetzt haben alle Angst vor
mir. Und das bedeutet Macht! Ich bin mir nur noch nicht sicher, ob meine
Macht als Prominenter oder als potenzieller Massenmörder mehr Spaß macht.
Was ist denn eigentlich mit diesem Schuh passiert?“
„Schön, dass es dir gut geht! Und ja, es hat schon wieder einen erwischt.
Diesmal war ein Turnschuh das Opfer. Sie fallen wie die Fliegen in letzter
Zeit. Wer tut so etwas nur?“
„Gute Frage ... Mir war bislang gar nicht klar, dass es überhaupt lebende
Schuhe gibt. Und jetzt erfahre ich, dass sogar jemand auf die Idee gekommen
ist, sie zu ermorden. Obwohl, ich würde auch keine lebenden Schuhe tragen
wollen.“
„Man trägt sie auch nicht. Ich halte sie in Käfigen und füttere sie“, erklärte
Ragrid.
„Warum fütterst du Schuhe?“
„Warum füttern die Leute Enten?“
„Auch wieder wahr. Wohin gehst du eigentlich gerade, Ragrid?“
„Ähm. Keine Ahnung. Ich bin hier im Prinzip nur durchgelaufen, um auf dich
treffen zu können, damit ich dir wiederum von den ermordeten Schuhen er-
zählen kann. Ich vermute mal, dass sie eine gewichtige Rolle in der Gesamt-
handlung spielen. Also, ich muss dann weiter.“
„Warum? Ich dachte, du hättest kein bestimmtes Ziel!?“
Ragrid sprach nun etwas langsamer, da heute offenbar keiner von Terrys
hellsten Tagen war:
„Die Szene ist vorbei, Junge. Jetzt kommt die nächste. Ich werde nicht darin
vorkommen und ich glaube, es wird eine ziemlich dramatische Szene sein,
weil sie dieses verzögernde Moment rechtfertigen muss.“
„Wie du meinst. Also dann: Bis später, Rubeus!“
„Bye, Terry.“

Und tatsächlich: Kaum war der Junge in den nächsten Gang eingebogen,
wurde er mit einem Anblick konfrontiert, der normale Menschen in den
Grundfesten erschüttert hätte: John Shutter lag regungslos vor ihm. Sein Kör-
per war in eine dünne Eisschicht gehüllt und seine Augen offenbarten sich bei
näherem Hinsehen als weit aufgerissen. Einige Meter entfernt erkannte Terry
seinen zweitliebsten Schulgeist nach Leonardo, den fast gliederlosen Nick.
Auch er war in eine blau schimmernde Eisschicht eingeschlossen. Dennoch
schwebte er wie gewöhnlich über dem Boden. In solcherlei Situationen pflegte
die Physik erhaben auf ihre Erkunder hinabzublicken und sich verstohlen ins
Fäustchen zu lachen.
„Das war ja mal wieder so klar“, murmelte Terry, als Peefy, der hießige Pol-
tergeist angeschwebt kam, um das Geschehene wie folgt zu kommentieren:
„ROTTER HAT IHN UMGEBRACHT - HAT SICH DARÜBER TOTGELACHT!
ER SAGTE GANZ KLAR ICH BIN'S – ICH, DER ERBE SIFFERINS!“
Als sich Peefy umdrehte, um die Lehrkräfte zu alarmieren, übersah er den
beinahe gliederlosen Nick und knallte gegen ihn, um kurzerhand umzufallen.

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Die Geister Rowlingstones konnten frei wählen zwischen ihren Daseins-
formen: Materiell oder körperloses Ekto-Plasma*. Manche erwiesen sich darin
allerdings als recht ungeschickt. In diesem Fall war ohnehin zu spät: McGone-
kel rannte den Flur des Verbrechens entlang und ihre Klasse begleitete sie.
Wobei Terry eigentlich zu ihrer Klasse gehörte, aber seine Definition von Un-
terricht enthielt bekanntlich nicht die Pflicht, diesem auch beizuwohnen.

„Bei Ludmillas verwunschener Kaffeetasse: Du hast sie umgebracht!“ schrie


Thomas Tropf entsetzt. Terry hatte den Griffamtor bislang für einen netten
Kerl gehalten. Im letzen Jahr hatte Thomas ihm sogar ein Erinnerdich gelie-
hen, mit welchem er in der Lage gewesen war, Spongo zu vergiften.
„Das habe ich nicht, du elender Verräter!“ schmunzelte Terry. Er hatte vorge-
habt, Thomas empört anzubrüllen. Aber: Dass Terry immer wieder in Fett-
näpfchen treten musste, fand er sehr amüsant. Wäre ihm das in einem Roman
passiert, hätte man diesen wohl als unglaubwürdig ansehen müssen.
„Folgen Sie mir, Rotter“, ließ sich McGonekel vernehmen.
„Na klar. Wohin soll's gehen?“
„Es freut mich, dass Sie den Verdacht, der sich nun schon seit einer Weile
gegen Sie richtet, so gelassen hinnehmen. Doch bedenken Sie auch, dass ich
inzwischen vielleicht die Einzige bin, die an Ihre Unschuld glaubt. Deshalb
sehe ich mich dazu gezwungen, Sie zum Büro des Direktors zu begleiten, der
letztendlich entscheiden wird, wie mit dieser Sache weiter zu verfahren sei.
Es befindet sich in der Spitze des nördlichen Turmes neben dem Hauptgebäu-
de.“
„Sie halten das für sinnvoll? Ich meine: Gandalf eine wichtige Entscheidung
treffen zu lassen?“
„Ich halte es für meine Pflicht“, erwiderte Silenzia seufzend.
Sie erreichten schließlich das Obergeschoss eines der Türme neben dem Ein-
gangstor der Schule, wo sie vor einer Pflanze stehen blieben. Sie befand sich
am Ende einer Sackgasse. Eines ihrer gezackten Blätter brannte.
„Lass mich rein!“ forderte die Lehrerin.
Die Pflanze versuchte, ihren Blütenkopf in eine aufrechte Position zu bringen.
Sie trug denjenigen einer Sonnenblume, was nicht unbedingt ihrem Wesen als
Quelle bewusstseinsverändernder Substanzen entsprach. Derlei Fauna hatte
für gewöhnlich, was man als bezeichnend ansehen konnte, gar keinen Kopf.
„Hä?“ fragte sie verwirrt.
„Das Passwort lautet: Lass mich rein!“ wiederholte McGonekel. Gandalf hatte
sich diesen Code ausgedacht. Nach mehreren missglückten Anläufen er-
innerte er sich immer an ihn, oder traf wenigstens zufällig ins Schwarze.
„Passwort, was denn für'n Passwort?“, lallte die Pflanze.
„Es ist immer wieder dasselbe mit dir!“ schrie Silenzia ungehalten.
„Ey, jetzt mach' mal ke'n Stress, Alte!“
„Tut mir leid, Junge. Irgendwann wird ihr langweilig und dann beginnt sie
immer, sich selbst zu rauchen. Ich hätte sie schon längst entlassen!“
„Ach so, ja, das Passwort!“ stellte die Pflanze fest. Sie fuhr eines ihrer Blätter
aus und zog damit an einem Ring, der in der Decke befestigt war. Eine Dach-
luke klappte herunter und eine Leiter wurde ausgefahren, die bis zum Dach-
boden führte.
„Na endlich!“ stöhnte McGonekel. „Nach Ihnen, Mr. Rotter.“

Gandalfs Büro war sehr luxuriös eingerichtet, wenn man bedachte, dass es

* Eine magische Substanz, die man mit Haargel vergleichen konnte.

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sich an einem Ort befand, an dem Muggel höchstens ihre alten Autoreifen
lagern würden. Ein säulenverzierter Gang führte zu einer ansteigenden
Treppe. Als Terry ihn beschritt, erzählten Gemälde an den Wänden Rowlings-
tones Geschichte. Sie wurden erhellt von vergoldeten Kronleuchtern, die von
der nach oben gewölbten Decke herabhingen und auch von dem Licht, das von
Gandalfs Garten durch die Glastüren hinter seinem Schreibtisch schien, wel-
cher am Ende der kleinen Treppe thronte. Der Direktor lag in einer Hänge-
matte hinter seinem roten Sessel. Sie war zwischen zwei Palmen aufgespannt
worden, die der alte Mann in seinem Büro angepflanzt hatte. Seine schlaffe
Hand hielt ein Cocktailglas und zwischen seinen Mundwinkeln steckte ein
halbgerauchter Joint. McGonekel konnte nicht beurteilen, ob er schlief oder
nicht, da sein Gesicht von seinem grauen Bart verdeckt wurde.
„Professor?“ fragte Silenzia laut, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Als
Gandalf nicht reagierte, schüttelte sie ihn sanft und beugte sich zu seinem
Ohr vor. „Herr Direktor? Jimmy?“
Endlich rührte sich der Schulleiter, stellte sein Glas ab und strich sich die
Haare aus dem Gesicht. „Was ist denn geschehen, Silenzia?“
„Ein Schüler und ein Hausgeist wurden eingefroren. Mr. Rotter befand sich zu
dieser Zeit am Tatort. Wir können nicht eindeutig sagen, ob er etwas damit zu
tun hat.“
„Oh, gut. Dann lass' mich bitte weiterschlafen, Kleines“, meinte er.
McGonekel warf Terry einen verlegenen Blick zu und rüttelte dann wieder den
Schulleiter hin und her. „Ich denke, du solltest mit ihm reden. Er ist hier!“
Das Terry zugewandte Auge des Direktors sah ihn an. Das andere wahrschein-
lich auch, aber es wurde durch eine Haarsträhne verdeckt, daher konnte man
diese These nicht eindeutig verifizieren.
„Oh!“ meinte er und erhob sich langsam aus der Hängematte. Hätte er nicht
unter Drogen gestanden, wäre er von Terrys unerwarteter Anwesenheit über-
rascht gewesen. So reichte er dem Jungen nur lächelnd die Hand. Erst Silenzi-
as, dann seine. Sie nickte Gandalf schließlich zu, als gäbe sie ihm ein Stich-
wort.
„Danke, Ms. McGonekel. Sie dürfen nun gehen.“
Als sie den Raum verlassen hatte, mischte Gandalf dem Jungen ein Getränk.
„So. Ein paar Leute eingefroren, was? Wen hat es denn erwischt?“ fragte er.
„John Shutter und den beinahe gliederlosen Nick. Ich habe aber nichts damit
zu tun“, meinte Terry.

Gandalf, der Rote, sah dem Jungen tief in die Augen. Er hatte einmal irgendwo
gelesen, dass man jemandem nur tief in die Augen sehen müsse, um zu er-
kennen, ob er die Wahrheit spreche. Terry trug seinen klassischen, nichts-
sagenden Gesichtsausdruck, der Gleichgültigkeit vermittelte.
„Ich glaube dir“, sagte Gandalf weise, um zu verbergen, dass er sich nicht
mehr daran erinnern konnte, worauf man bei diesem intensiven Blick eigent-
lich achten musste.
„... etwa in die Zeit der ersten Troll-Kriege hineinreicht. Begonnen wurden sie
von Klonk, einem Abkömmling der vierten Kalkstein-Dynastie und Joe, dem
damaligen Herrscher über das Quarz-Reich ...“ erzählte eines der Gemälde,
das eine altertümliche Felsformation zeigte.
„Nerven die nicht irgendwann?“ fragte Terry.
„Warum? Ihre Anwesenheit zwingt mich zum Zuhören. Sonst würde ich die
Geschichte unserer Schule bis heute nicht kennen“, meinte Gandalf. „Die in-
teressiert mich nämlich nicht. Und außerdem sind sie still, wenn man ihnen
ein Bonbon gibt.“

-81-
Der Schulleiter reichte Terry den Cocktail und griff dann in eine der Taschen
seines Umhangs, um eine Tüte mit Süßigkeiten herauszunehmen. Als er dem
Fels-Gemälde ein Kirschbonbon zeigte, war es auf einmal still und streckte
seine Zunge heraus. Gandalf legte das Bonbon darauf und das Gemälde nahm
es auf, um zufrieden daran zu lutschen.
„Interessant ...“, meinte Terry und fuhr wie folgt fort: „Sagen Sie, wir be-
finden uns doch hier im höchstgelegenen Raum der Schule, nicht wahr?“
„Schätze schon.“
„Wie konnten Sie sich dann hinter diesen Glastüren einen Garten anlegen? Ich
meine, von hier aus betrachtet scheint er ein Ausmaß von gut zwei Hektar zu
haben. Ich war irgendwie der Überzeugung, wir befänden uns hier in der
Spitze eines Turmes ...“
„Ja, ich weiß. Ich hielt es auch für unpassend, aber was soll man da machen?
Mein Phönix hat darauf bestanden.“
„Ihr Phönix? Das Ding aus der Asche?“ wollte Terry wissen.
„Genau. Nach einer unbestimmten Zeit verbrennt er zu einem Häufchen
Asche. Irgendwann entsteigt er dieser dann wieder.“
„Tja. Ich schätze, auch Vögel brauchen ein Hobby.“
„Ja, er ist schon ein komischer Vogel. Phönixe haben jedoch auch viele nützli-
che Eigenschaften: Sie können extrem schwere Lasten tragen, ihre Tränen
haben eine heilende Wirkung und sie geben wirklich bezaubernde Alleinun-
terhalter ab. Willst du ihn einmal sehen?“

Die beiden Magier liefen an dem roten Sessel und der Hängematte vorbei
durch eine der Glastüren. Terry fiel auf, dass etwas an diesem Garten nicht
seine Erwartungshaltung an einen durchschnittlichen Garten erfüllen konnte.
Vor allem, wenn man bedachte, dass Gandalf derjenige war, der ihn pflegte.
Dass zur Winterzeit Sommer war, konnte man auch als ungewöhnlich anse-
hen. Das Gras, die Apfelbäume, sogar der Komposthaufen - alles sah überna-
türlich gut aus. Geradezu ... Terry machte einen weiteren Strich auf seiner
Liste. Damit reichte die Menge an Romanik in seinem Leben beinahe an die
Anzahl der Gelegenheiten heran, in denen er alkoholfreie Getränke zu sich
nahm.
„Und? Was hälst du von meinem magischen Garten? Ganz nett, nicht wahr?“
wollte Gandalf wissen.
„Er ist wunderschön“, ließ sich Terrys Stimme vernehmen. Hatte er das eben
wirklich gesagt? Hermione wäre stolz auf ihn.
Sie wanderten eine Weile lang durch die bezaubernde Natur. Vorbei an einem
kleinen Teich, der von Enten bewohnt wurde, vorbei an Libellen, die am nahen
Schilf ein Zuhause gefunden hatten und vorbei an einem bärtigen Mann, der
in einem Gartenstuhl saß.
„Warte Terry! Ich möchte dir jemanden vorstellen.“
Gandalf verwieß auf den Mann, an dem sie geradeeben vorbei gelaufen
waren*. Terry sah sich den alten Herrn näher an: Ein weißer Bart bedeckte
sein ganzes Gesicht. Er erinnerte an das Gottesbild junger Kinder und alter
Menschen. Mit dem Unterschied, dass diese Person Kleidung aus dem späten
19. Jahrhundert trug und kein Nachthemd. Interessant eigentlich: Warum trug
das christliche Gottesbild ein Nachthemd? Schlief da einer bei der Arbeit?
„Darf ich vorstellen: Mein Phönix!“ sagte der Schulleiter strahlend. Als Terry
seine Überraschung überwunden hatte und dem Phönix eine Hand reichte,

* Des Direktors Reaktionszeit schien an jenem Tag nicht ganz der Norm zu entsprechen. Je-
denfalls nicht der Norm normaler Menschen.

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dämmerte es ihm allmählich:
„Moment mal. Ich glaube, ich kenne Sie! Meine Freundin hat letztes Jahr
Heinrich Himmler mit einem Ihrer Bücher außer Gefecht gesetzt.“
„Oh ja: Ich habe davon gehört! Eine kreative und zugleich konstruktive
Anwendung meines Hauptwerkes. Da sieht man es: Auch heute noch hat das
Kommunistische Manifest eine Daseinsberechtigung“, antwortete Karl Marx.
„Na ja. Ich finde, es taugt vor allem als Waffe“, meinte Terry. „Sie haben ja
eine recht ungewöhnliche Karriere hinter sich - Vom Mitbegründer des moder-
nen Kommunismus zum Phönix in Gandalfs Garten ...“
„Ach, immer nur Klassenkämpfe und Parteitage - hier ist es doch viel ruhiger!
Man wird schließlich nicht jünger.“
Mit diesen Worten verbrannte Karl zu einem Häufchen Asche.
„Demnach hat gerade die Vernünftige Partei die Wahl gewonnen“, überlegte
Terry laut. „Oder die Kuchen-Partei. Auf jeden Fall haben die Protestwähler
ordentlich Verluste einstreichen müssen.“
„Keine Sorge, der kommt wieder“, sagte Gandalf. „Der kommt immer wieder.“

Terry, Ron und Hermione betraten den Speisesaal. Weihnachten stand vor der
Tür und die drei Freunde standen vor einer gefährlichen Mission. Trotz grell-
weißem Schnee und funkelnder Christbäume konnte sich bei ihnen keine
Weihnachtsstimmung einstellen, denn sie hatten vor, etwas zu beweisen:
Spongo Efeu war der Erbe Sifferins. Und: Bratäpfel schmeckten nur halb so
gut, wenn man sie mit Senf füllte.

Betrachtete man sich den prachtvoll geschmückten großen Saal und die fröh-
lich singenden Hausgeister – Nicks Eineisung schienen sie verkraftet zu haben
– so konnte man es richtig bedauern, dass die meisten Schüler gar nicht hier
waren, sondern ihre Zeit zu Hause bei ihren liebenden Familien verbrachten.
Dort fuhren sie mit ihren jüngeren Geschwistern Schlitten und kauften Ge-
schenke für ihre Bekannten und Freunde.
„Bla, bla, bla! Hast du jetzt bald alle Weihnachtsklischees durch oder müssen
wir noch weitere ertragen?“ fragte Nietzsche den Autor.
„Das gehört nun einmal dazu“, entgegnete er.
„Es ist doch jedes Jahr dasselbe! Die Leute wissen ganz genau, wie Weihnach-
ten in der Realität sowieso nie aussieht!“
„Ach, du projezierst doch nur deinen Selbsthass auf dieses schöne Fest -und
auf überhaupt alles!“
„Wieso sollte ich mich hassen? Ich bin ein Übermensch. Übermenschen sind
toll. Und außerdem hast du letztes Jahr noch ganz anders geredet!“
„Man lernt eben dazu. Ich zumindest lerne dazu. Du natürlich nicht!“
„Sieh es mal so, Friedrich: Solange sie nicht die Geburt von Gottes Sohn fei-
ern, sondern nur ihr liebgewonnenes Brauchtum ausleben, sich beschenken
und so ...“, sagte Darwin.
„Was Brauchtum!? Ich hasse Brauchtum!“ zischte Nietzsche.
„Du hast alles! Und jetzt Ruhe!“ schrie der Autor abschließend. Und doch
machte er seinem philosophischem Kritiker ein kleines Zugeständnis, indem
er mich, den Erzähler, damit beauftragte, die Geschenke unserer Haupt-
charaktere nicht zu nennen. Der werte Leser verpasst aber nicht viel, denn er
kann sie sich bestimmt in etwa vorstellen (Terry bekam einen selbstgeba-
ckenen Kuchen von seinen kleinen Revolutionären, eine Packung Säuredrops
von den Thorsleys, ein großes Schokoherz von Hermione und ...)
„Ja bist du des Wahnsinns fette Beute?“ fragte der Autor entrüstet.
Wieso? Ist doch nicht so schlimm

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„Nicht so schlimm? Jetzt wo Nietzsche endlich Ruhe gibt, kommst du mit
deiner blöden Klammeraufzählung daher! Du musst dir sein Genörgle danach
ja nicht anhören!“
Ist ja gut. Es kommt nie wieder vor!
Dieser blöde Autor! Wofür sind die überhaupt gut? Reicht denn nicht ein Er-
zähler, um Bücher zu schreiben?

Hermione legte ein Stück Lebkuchen auf den schönen Eichentisch der Grif-
famtors und wandte sich verschwörerisch an ihre Freunde:
„Damit der Trunk der Subversion funktioniert, brauchen wir alle noch etwas
von der Person, in die wir uns verwandeln möchten.“
„Ausgezeichnet. Ich nehme ein Bein von Crêpes. Bin gleich wieder da“, sagte
Terry. Doch Hermione zog ihm am Mantel und nötigte ihn dazu, sich wieder
zu setzen.
„Nein Terry! Das muss unauffällig vor sich gehen, sonst erregen wir Verdacht!
Du musst dich Crêpes heimlich nähern und ihm irgenwie ein Haar oder der-
gleichen abluchsen.“
„Ich soll mich Crêpes nähern und ihn nicht umbringen?“ fragte Terry entsetzt.
„Ich darf ihm nicht einmal ein Körperteil abhacken?“
„Nein, besser nicht“, meinte Hermione. „Das könnte er bemerken.“
„Aber wie sollen wir das denn sonst anstellen?“ fragte Ron.
„Ganz einfach: Wir müssen nur Crêpes und Goil abfangen, wenn Spongo nicht
dabei ist. Bekanntlich haben die Beiden keinen eigenen Willen. Wir müssen ih-
nen nur sagen, dass wir ein Haar von ihnen haben wollen und sie werden es
uns geben“, erklärte Hermione.
„Aber Spongo lässt sie nie allein!“, meinte Ron.
„Dann müssen wir ihn eben weglocken. Wir könnten das Schallsprungsystem
verwenden, um eine Durchsage vorzutäuschen. Jetzt wäre der passende
Augenblick, da McGonekel nicht in ihrem Büro ist, sondern mit Gandalf Mer-
lin kennt die Weihnacht nicht singt.“
Kurze Zeit später hörte man Terrys Stimme überall in der Schule. Er versuch-
te, wie McGonekel zu klingen:
„Spongo Efeu bitte im Büro des Direktors melden! Spongo Efeu bitte! Und
komm' allein, du blöder Penner! Danke!“
Spongo wunderte sich zwar, dass McGonekel ihn in Ganalfs Büro rief, vor
allem, da Beide gut sichtbar auf der Lehrertribüne vor ihm saßen - aber auf
der anderen Seite hatte sie seinen Spitznamen benutzt. Als er verschwunden
war, gesellten sich die Freunde zu seinen Türstehern.
„Hallo Crêpes, Goil“, sagte Ron.
Die Beiden blickten unsicher drein und antworteten: „Hallo.“
„Wärt ihr wohl so nett, uns eines eurer Haare zu geben? Spongo hat das ange-
ordnet“, meinte Hermione.
Nach einer kurzen Bedenkzeit, oder einer Zeit, die normale Menschen zum
Denken verwendet hätten, rissen sich die zwei Leibwächter je einen Büschel
Haare aus und gaben sie Hermione.
„Sehr gut. Jetzt dürft ihr euch einen Keks nehmen“, meinte sie.
Zurück am Griffamtor-Tisch fragte Terry seine Freundin, was sie eigentlich
für den Trunk verwenden wolle.
„Ach, ich habe Josephine Ripley im Schlaf ein Haarbüschel von ihrer Uniform
abgeluchst“, erläuterte sie.
„Wie hast du denn das angestellt? Du sagtest doch, du hast geschlafen!?“
meinte Ron und erstickte an einem Zimtmännchen.

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Kapitel 12: Ein Besuch bei alten Feinden

„Ich glaube, wir haben da etwas vergessen“, meinte Hermione. Sie und ihre
beiden Freunde standen in Da Vincis Mädchentoilette vor einem Kupferkessel.
Der Erfindergeist selbst war nicht anwesend, wahrscheinlich versuchte er mal
wieder mit Peefy zu diskutieren. Ron blickte widerwillig auf die braune
Flüssigkeit hinab, die in dem Kessel umherschwamm. Gewöhnliche Flüssigkei-
ten sollten nichts weiter tun, wenn sie sich in einem unbewegten, soliden Be-
hältnis befanden. Der Trunk der Subversion dagegen hatte da ganz eigene
Vorstellungen.
„Also, ich trinke das nicht!“, stellte Ron fest.
„Was haben wir vergessen?“ fragte Terry, während er Ron ignorierte.
„Crêpes und Goil. Wenn ihr euch in die Beiden verwandelt und den Originalen
über den Weg lauft, dann fliegen wir auf“, erklärte Hermione.
„Ach, keine Sorge. Ich habe ihre Kekse vergiftet und sie dann im Gewächs-
haus in einen Bottich geworfen“, sagte Terry.
„Aber wie konntest du wissen ...“, wandte Ron ein.
„Seit wann brauche ich einen Grund dazu, Sifferins zu vergiften?“*
„Denkt daran, dass ihr euch nach etwa einer Stunde wieder zurückverwandeln
werdet“, sagte Hermione und tauchte ein Glas in den Kessel. Das
schlammartige Zeug schien sie anzugrinsen. Sie legte Josephines Haare hinein
und nahm einen großen Schluck. Dann rannte Hermione in eine Kabine, um
sich zu übergeben. Doch George Washington war ihr zuvorgekommen. Da sie
nicht vorhatte, ihren Mageninhalt auf den ersten amerikanischen Präsidenten
zu entleeren, hetzte sie schnell zur nächsten Kabine.
„Sag mal: Denkst du auch, dass dieses Zeug wirkungslos sein müsste, wenn es
sich nur so kurze Zeit im Magen befindet?“ fragte Terry.
„Vor allem glaube ich, dass ich das auf keinen Fall trinken werde!“, meinte
Ron.
„Halt dir einfach die Nase zu und runter damit. Bist es ja gleich wieder los.“
Der Unsterbliche warf Crêpes Haare in das hoffentlich nicht lebendige Ge-
misch und stürzte etwas davon hinunter. Sehr zum Missfallen Washingtons
musste auch Ron sich kurz darauf übergeben.
„Was machen Sie denn hier?“ konnte Terry seinen Freund noch hören, als er
sein mit Goil-Essenz angereichtertes Gebräu trank.
George erklärte es ihm: Er war aus seinem Urlaub in den Vereinigten Staaten
nach Großbritannien zurückgekehrt und musste sich angesichts seiner Erleb-
nisse in den USA übergeben. Eine Tätigkeit, die allmählich in Mode kam.

Terry spürte den Geschmack ungezuckerten Schimmels auf seiner Zunge. Da


er diesen schon vom Essen der Thorsleys kannte, behielt er als einziger seinen
Mageninhalt für sich. Trotzdem kippte er benommen auf das Waschbecken
vor ihm. Er spürte, wie seine Haut wabbeliger wurde und warf einen Blick in
den Spiegel. Er sah plötzlich genau so aus wie Goil. Sehr kurze Haare, sehr
dick. Er dachte nach. Die Strukurformel von Benzol war ... freie Radikale ...
sechs alternierende Doppelbindungen ... Ja, es funktionierte! Er konnte noch
denken.

* Tatsächlich waren Spongos Leibwächter nicht tot. Sie würden nur die nächsten Wochen
ziemlich apathisch aus der Wäsche kucken und sich kaum bewegen können. Eigentlich keine
große Veränderung für sie. Vielleicht fiel es nicht einmal jemandem auf.

-85-
Ron kam aus der Kabine. Der Trunk zeigte auch bei ihm die erhoffte Wirkung.
Seine Haare hatten sich schwarz gefärbt und waren ebenfalls sehr kurz. Auch
er ging stark in die Breite, was im krassen Gegensatz zu Rons sonstigem Er-
scheinungsbild stand. Man fühlte sich nicht einmal mehr dazu verpflichtet, et-
was für Brot für das Geld* zu spenden, damit solche ausgehungerten Kinder
wie Ron der Vergangenheit angehörten.
„Ich habe mir da etwas überlegt“, meinte er. „Vielleicht muss ich nicht mehr
so oft sterben, wenn ich im Körper von Crêpes stecke - Was meinst du?“
In diesem Moment öffnete Washington schwungvoll die Tür seiner Kabine und
traf damit Rons Kopf. Dessen Oberkörper wurde nach hinten geschleudert und
seine Füße rutschten auf dem nassen Kachelboden aus, um seinem Schädel
einen Bruch zu bescheren.
„Oh, tut mir Leid, mein Junge“, meinte George. „Ihr entschuldigt mich? Ich
muss mal mit diesem Bush über seine Interpretation meiner Verfassung re-
den!“
Er passierte auf seinem Weg nach draußen den Waschraum, verbeugte sich
kurz vor Terry, und war auch schon verschwunden.
„Sehr schön“, meinte dieser. „Wo bleibt denn Hermione?“
„Ich bin hier“, kam ihre Stimme aus ihrer Kabine. „Ihr müsst ohne mich ge-
hen. Es gab da gewisse Komplikationen ...“
„Komplikationen? Das Zeug, das es auch mit meinem zerbrochenen Zau-
berstab gibt?“ wollte Ron wissen, der offensichtlich auch im Körper von Crê-
pes unsterblich war.
„Genau“, meinte Terry. „Nun gut, gehen wir.“

Auf ihrem Weg zum Sifferin-Gemeinschaftsraum, den man, wie sich später
herausstellte, mit Fug und Recht auch als Ungemeinschaftsraum bezeichen
konnte, trafen die Beiden auf Alec. Er sorgte in den Gängen Rowlingstones für
seine Version von Recht und Ordnung.
„Halt! Wer da?“ ließ sich seine feste Stimme vernehmen.
„Das geht dich nichts an“, meinte Terry.
„Das tut es wohl! Sehet und staunet ob meines Vertrauensschüler-
Abzeichens!“ .
„Mir doch egal! Durchlassen!“
„Ihr seid Sifferins - nicht wahr?“ fragte Alec.
„Wie man an unseren schwarz-grünen Roben eindeutig erkennen kann, ja“,
sagte Terry. Und da fiel es ihm erst auf: Wie konnte es eigentlich sein, dass er
Sifferin-Klamotten trug? Sie mussten wohl auf eine metaphysische Weise mit
allen Schülern jenes Hauses verbunden sein.
„Was macht ihr zu so später Stunde noch hier?“ fragte Alec weiter.
„Wenn du uns nicht sofort durchlässt, du arroganter ...“, sagte Terry und
wurde vom Klassenzimmerblumengießer unterbrochen: „Eine Drohung? Man
besteht wohl auf einen gewaltigen Punkteabzug für euer Haus, nicht wahr?
Man möge ihn haben: 200 Punkte von Sifferin! Verlanget Ihr noch mehr, Un-
hold?“
„Ich bitte darum“, entgegnete Terry mit einem leichten Grinsen. Doch das
sollte nicht geschehen, denn Spongo hatte seine Türsteher schon erblickt:
„Crêpes, Goil: Kommt mit, mit solchen Pseudoblütern wollen wir nichts zu tun
haben!“
„Meine ehrbare Familie ist einige der wenigen wahren Reinblüter-Familien,
* Ja, damit meine ich Brot für die Welt. Aber überlegen Sie mal: Es geht nicht einfach nur um
Brot und Welt. Erstes Glied der Kette ist Geld. Im Prinzip kauft jemand Brot ein. Was ist dar-
an so humanitär?

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wie der werte Herr Efeu vielleicht schon einmal gehört hat! Obgleich dies na-
türlich von keinerlei Bedeutung ist“, entgegnete Alec. Tatsächlich hatte dieser
Umstand schon ein gewisses Gewicht für ihn, denn von den Sifferins nicht
ernstlich als Pseudoblüter bezeichnet werden zu können, trug zu Alecs Selbst-
bild göttlicher Unfehlbarkeit bei.
„Desto größer ist die Schande“, sprach Efeu und machte sich mit Terry und
Ron auf den Weg zum Gemeinschaftsraum. Ein Porträt von Sakrilegus be-
wachte den Eingang, eine steinerne Wand.
„Man nenne das Passwort oder sterbe“, sprach es.
Terry griff instinktiv nach seinen Waffen. Sie waren nicht da. Würden sie zu-
rückkehren, wenn er wieder er selbst war? Was wenn nicht? Im Zweifelsfall
konnte er ja immer noch mittels asiatisch-kreuzbergerischer Kampsportarten
gegen seine Feinde vorgehen.
„Reines Blut“, sagte Efeu und die Wand klappte nach hinten auf. Sie betraten
den Gemeinschaftsraum der Sifferins.

Der Teufel hätte sich hier heimisch gefühlt - wenn er das nicht ohnehin ge-
wesen wäre. Man konnte diesen Ort nicht eigentlich als Raum bezeichnen. Er
war vielmehr eine Sammlung von großen Hölen. Kaulquappen aus Plastik hin-
gen von Stalaktiten herab. Das Sifferinsche' Giftgrün lag wie eine Algen-
schicht über dem Möbiliar. Schlangen krochen über die ebenholz'nen Schrän-
ke und eine Kröte, groß wie eine Katze, quakte zur Begrüßung. Efeu nahm sie
auf den Arm, um sie zu streicheln.
„Wartet hier einen Moment! Das müsst ihr sehen!“, sagte er, legte die Kröte
wieder auf den Tisch und verschwand hinter ein paar Schränken. Das nahm
Ron zum Anlass, Terry etwas zu fragen:
„Du warst schon öfter hier, nicht wahr?“
„Klar“, meinte Terry. „Ein inspirierender Ort. Weiter hinten haben die sogar
eine Folterkammer.“
„Woher wusstest du das Passwort? Und warum ist niemandem etwas auf-
gefallen?“
„Also bitte, Ron: Das Passwort könnte kaum offensichtlicher sein.“
„Ändern sie es nie?“
„Doch. Es gibt drei verschiedene Passwörter, die sich immer abwechseln:
„Reines Blut“, „Reinblut“ und „kein Pseudoblut“.
„Einfallsreich ...“
„Hier drin bemerkt mich nie jemand, weil ich meistens nachts hier bin.
Außerdem habe ich einen kleinen Deal mit dem Kerl dahinten. Er lenkt die Sif-
ferins ab, während ich mich hier nach Möglichkeiten umsehe, sie unauffällig
aus dem Weg zu räumen. Zum Beispiel durch Sprengladungen.“
Terrys Zeigefinger verwies auf ein großes, muskulöses Wesen roter Färbung
mit zwei gebogenen, spitzen Hörner auf dem Kopf. Es spielte mit einer
Gruppe Sifferins Schafkopf. Und zwar an einem Tisch im hinteren Bereich der
Eingangshöle.
„Der Teu...“, wollte Ron entsetzt rufen.
„Leise! Und nenne seinen Namen nicht! Er ist hier undercover als Sifferin!“
„Was verlangt er denn als Gegenleistung?“
„Gar nichts. Er hätte die Sifferins ebenfalls gerne beseitigt. Sie machen ihm
angeblich Konkurrenz um den Posten des bösartigsten Wesens überhaupt.“
Spongo kam zurück. Er reichte den beiden eine Zeitung und deutete mit den
Worten „Das ist echt ein Witz!“ auf den Leitartikel. Terry nahm die Tagesbild
und las ihn durch.

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Außenminister der Ketzerei bezichtigt
Karl Grievly, Außenminister der magischen Welt, wurde heute vom Minister für
Diverse Bösartigkeiten, Luzifer Efeu, der Ketzerei bezichtigt.
Efeu kündigte eine Klage beim Allerobersten Gerichtshof an. Er beruft sich
dabei auf das Buch 'Malleus Maleficarum' aus dem Jahre 1487, das Anwei-
sungen zur Hexenverfolgung enthält. Der oberste Richter kündigte an, die
Klage abzuweisen, da sie 'absurd' sei und die Beweislast 'keinerlei Verbindung
zu dem Fall' aufzeige. Er wies Efeu außerdem darauf hin, endlich mit dem
'Blödsinn' aufzuhören. Gerüchten zufolge denkt man im Ministerium schon über
die Streichung des Postens des Ministers für Diverse Bösartigkeiten nach, der
'offensichtlich keinen Sinn' mache und 'dem Gemeinwesen einen Bärendienst'
erweise.

„Ja, das ist allerdings ein Witz“, meinte Terry.


„Was darf sich dieser Grievly denn noch alles erlauben? Seine ganze Familie
ist eine Schande für die Reinblüterschaft!“ erklärte Spongo.
„Das finde ich auch“, sagte Ron und dachte „zum Glück“.
Spongo blickte grüblerisch auf ein Regal mit satanischen Utensilien.
„Es wundert mich, dass die Tagesbild noch nicht über die Angriffe in
Rowlingstone berichtet hat.“
„Stimmt, das ist merkwürdig“, sagte Terry und dachte: „Die schreiben ja auch
sonst über jeden Mist, wenn er nur unwichtig genug ist.“
„Wahrscheinlich versucht Gandalf, sie zum Schweigen zu bringen“, überlegte
Efeu laut.
„Wahrscheinlich weiß Gandalf nicht einmal, wo er sich gerade befindet“, ent-
gegnete Terry wahrheitsgemäß.
„Guter Einwand, Goil! Da hast du Recht! Ein guter Schulleiter hätte auch nie-
mals verdeckte Reporter wie diesen widerlichen Colin McRae in die Schule
gelassen!“
„Das stimmt ebenfalls“, antwortete Terry. Auch in diesem Punkt war er mit
Spongo tatsächlich einer Meinung. Dennoch konnte er Gandalf gut leiden,
denn in all' seiner Inkompetenz war er ein sympathischer Mensch. Irgendwie
hatte es die Schule schließlich geschafft, trotz Gandalf immer noch zu stehen.
„Und dieser heilige Rotter, Freund aller Pseudoblüter! Die Leute sind so
dumm, ihn für den Erben Sifferins zu halten! Wie soll denn das gehen? Er
hängt doch immer mit diesem Pseudoblut Stranger herum! Außerdem ver-
sucht er ständig, einen von uns umzubringen!“
Wenn Spongo nicht bald mit dem Recht haben aufhörte, würde Terry noch
anfangen, ihn zu mögen.
„Ich wünschte, ich wüsste, wer der Erbe Sifferins wirklich ist! Wir könnten
ihm helfen“, meinte Efeu schließlich.
„Hervorragend“, sagte Terry. Wurde auch Zeit. Drei Mal hintereinander etwas
halbwegs Vernünftiges zu sagen, das war hart an der Grenze des Möglichen
für Efeus Verhältnisse.
„Hast du eine Idee, wer es sein könnte?“ fragte Ron.
„Nein! Wie oft soll ich dir das noch sagen, Crêpes? Mein Vater will mir nichts
über das letzte Mal erzählen, als die fragwürdige Kammer der schieren
Schrecklichkeit (TM) geöffnet wurde, obwohl er alles darüber weiß. Mir ist
nur bekannt, dass ein Pseudoblut getötet wurde und dass der Verantwortliche
nach Achterbahn gebracht wurde.“

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„Achterbahn?“ fragte Ron.
„Das Zauberergefängnis, Crêpes! Also echt, das müsstest du inzwischen
kennen!“
„Finde ich auch“, sagte Terry und dachte „ das sollten alle Sifferins kennen -
und zwar von Innen!“
„Vater meint, er habe schon zur Lösung des Pseudoblut-Problems beige-
tragen. Natürlich hat er in letzter Zeit viel zu tun, denkt man an die Haus-
durchsuchungen durch das Ministerium.“
Luzifer Efeu der Erbe Sifferins? Nein, das konnte wohl kaum möglich sein.
Aber was hatte Luzifer sonst damit gemeint?
„Na ja, wenigstens hat mir Vater einen Trunk geschenkt. Er enthält magische
Energie, sehr belebend. Wollt ihr einen?“
„Sicher!“ sagte Terry, kaum hatte Efeu den Satz beended. Seine Alkoholsucht
war vielleicht geheilt, aber er erinnerte sich voller Nostalgie daran.
„Die Flasche steht auf dem Tisch. Bedient euch ruhig!“
Ron schenkte sich ein Glas ein und trank. Auf einmal wurde er ganz bleich. Et-
was fraß seine Magenwände auf.
„Nein! Nicht die Flasche, Crêpes! Darin befindet sich das Gift! Das ist für Ter-
ry gedacht, sollte er hier nochmal auftauchen und mein Zeug wegtrinken!“
Auf einmal färbten sich Rons Haare wieder rot - was jedoch in keinem Zu-
sammenhang zu dem Gift stand. Terry flüsterte ihm „Gute Idee, Ron“ zu und
sprang schnell auf.
„Ich bringe ihn besser zum Krankenflügel!“
„Tu das, Goil! Du bist heute ziemlich schnell im Denken, das muss man
sagen.“

Als die Beiden den Gemeinschaftsraum verlassen hatten, glichen sie wieder
sich selbst. Zu früh, denn das Porträt Sakrilegus erkannte Rons Hausuniform
und schrie es sofort hinaus, auf dass es jeder hören könne: „Griffamtors im
Gang! Griffamtors greifen uns an!“
Das Gemälde klappte auf und einige Sifferins traten heraus. Sie umstellten
Ron und Terry.
„Na, wen haben wir denn da?“ fragte Spongo. „Nimmst du jetzt schon Ver-
stärkung mit, Terry?“
Letztgenannter gab kein Kommentar dazu ab und tastete stattdessen nach sei-
nen Avengers. Sie waren wieder da. Ausgezeichnet.
„Ihr wolltet wohl zusammen hier einbrechen, nicht wahr?“ fragte Efeu.
„Schade, dass ihr Crêpes und Goil verpasst habt, sie hätten sich bestimmt
gefreut, euch zu sehen!“
„Sie sahen wenig erfreut aus, als ich sie in in den Bottich warf“, dachte Terry.
Er wandte sich an Ron und flüsterte: „Runter, Kumpel!“

Als sich Ron duckt, zieht Terry seine Waffen. Überrascht stellt er fest, dass die Sifferins ähnlich
schnell ihre Zauberstäbe hervorholen. Er streckt seine Arme nach beiden Seiten aus und feuert auf
die Schüler, die links und rechts neben ihm stehen. Er kreuzt seine Avengers, um diejenigen weiter
vorne zu treffen. Mittels einer 90°-Drehung schießt er auf zwei weitere. Sechs Sifferins in vier Se-
kunden - das muss ein neuer Rekord sein! Doch er rechnet nicht mit Spongo, der ihm einen
„Iacere!“ entgegen wirft. Der Fluch schleudert Terry hoch in die Luft und über die Köpfe seiner
Feinde hinweg. „Eigentlich ganz praktisch“, denkt er und gibt mehrere Schüsse im Flug ab.
Schließlich landet er stilvoll auf beiden Beinen und kommentiert sein neuestes Werk wie folgt:

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„Alle Neune! Und dabei hab' ich noch nie gekegelt!“

Vor ihm lagen tatsächlich neun Sifferins und ein Ron. Erstgenannte schrien
vor Schmerzen und begutachteten gleichsam entzückt ihr reines Blut, welches
sich in einigen Pfützen sammelte. Jemand schien Ron mit einem Fluch erwi-
scht zu haben, denn er war platt wie eine Flunder. Er erhob kurzerhand seine
beiden Dimensionen vom Boden und warf Terry einen beleidigten Blick zu, als
er entdeckte, dass dieser grinste und sagte: „Da bist du platt, was?“
„Das ist nicht witzig“, stellte Ron fest und steckte sich einen Daumen in den
Mund. Er pustete.
„Ron? Was soll das werden?“
„Ich versuche, mich wieder aufzublasen!“
„Du hast wohl zu viele Cartoons gesehen!? Wir benötigen den richtigen
Gegenfluch!“
Das fasste die hiesige Biochemie als Beleidigung auf und gestattete Ron eine
Rückkehr zu seiner minimal voluminöseren Normalform.
„Auch gut“, meinte Terry und sie machten sich wieder auf den Weg zu da Vin-
cis Toilette, die sie ohne weitere Zwischenfälle erreichten.

Sie blieben vor Hermiones Kabine stehen und Terry sagte: „Mission erfolg-
reich!“
„Gab es Probleme?“ fragte sie.
„Ja, das kann man allerdings ...“, meinte Ron. „... nicht ernsthaft behaupten“,
beendete Terry den Satz.
„Was ist denn mit dir passiert, Kleine?“ wollte Terry wissen.
Hermione schob den Riegel vor und sagte: „Josephine scheint ein Häschen zu
halten.“ Terry öffnete die Tür. Sein Mädchen hatte Hasenohren auf dem Kopf
und war von braun-weißem Fell bedeckt. Ron schreckte zurück.
„Ist noch jemand hier?“ fragte sie und Terry stotterte: „Nein, du, du kannst
herauskommen.“
Das tat sie auch. Dabei fiel den zwei Jungs Hermiones weißes, buschiges
Schwänzchen auf. Wenigstens hatte sie keine hervorstehenden Zähne. Spei-
chel tropfte aus Terrys Mundwinkeln.
„Wir sollten sie zu Madam Pommes bringen“, meinte Ron. „Sie stellt inzwi-
schen schon gar keine Fragen mehr.“
„Ja, ähm,“ sagte Terry. „Weißt du, Ron - ich kümmere mich schon darum. Spä-
ter. Ähm, macht es dir etwas aus, mal kurz draußen zu warten?“
Als Ron die Tür hinter sich schloss, konnte er noch hören, wie Hermione Ter-
rys Namen schrie und hinzufügte, dass er von grundauf verdorben sei.

Hermione musste ein paar Wochen im Krankenflügel verbringen. Terry be-


suchte sie täglich. Aus zwei Gründen: Einmal, weil es sich um seine Freundin
handelte und er sie liebte und respektierte. Und aus dem anderen Grund na-
türlich auch. Es war trotzdem nicht schön, dass sie ihn und Ron nicht mehr
begleiten konnte. Außerdem musste das Paar nachts immer Rücksicht auf die
anderen Kranken nehmen. Gut, eigentlich hätten sie früher auch auf die
anderen Mädchen im Schlafsaal Rücksicht nehmen müssen, aber die waren
nicht krank, selber Schuld.

So kam es, dass Ron und Terry Ragrid eines Tages alleine besuchten. Er war,
genau wie viele Lehrer, die ihre scheinbar einzige Schülerin vermissten, sehr
besorgt um Hermione. Es gab nicht viel zu bereden und Männer hatten

-90-
weniger als Frauen die Neigung, etwas zu sagen, wenn es nichts zu sagen
gab. Also machten sie sich bald wieder auf den Rückweg. Als sie über die
Wiese schlenderten, fiel etwas vom Himmel. Es war klein, quadratisch und nä-
herte sich konsequent Rons Kopf. Letztgenannter war gerade guter Laune -
angesichts des Mangels an Beinahe-Toden in letzter Zeit. Zum Glück
verursachte das Ding nur eine kurze Bewusstlosigkeit und eine Beule. Terry
hob es auf. Es war ein Tagebuch. Sein photographisches Gedächtnis erkannte
es sofort: Luzifer Efeu hatte es in Ginnys Kessel gelegt, als sie ihm in Flounder
and Bluffs begegnet waren! Er warf einen Blick auf den Einband: Es war 50
Jahre alt. Genau vor 50 Jahren war die fragwürdige Kammer der schieren
Schrecklichkeit das letzte Mal geöffnet worden, wie ihm Hermione erzählt
hatte!
„Hey, was ist das?“ fragte Ron, wieder bei Sinnen.
„Das Tagebuch von einem gewissen Tim Marlboro* Rätsel“, sagte Terry. Er
hatte diesen Namen schon einmal gehört - genau, letztes Jahr im Trophäen-
raum hatte er ihn auf einem Ehrenpokal für besondere Anbiederung an die
Schule gelesen.
„Ah. Der größte Streber in der Geschichte Rowlingstones. Steht etwas Inter-
essantes in seinem Buch?“
„Nein. Genau genommen enthält es nur leere Seiten.“
Terry versuchte es mit einem „Zeig dich!“, doch der Zauberspruch blieb
wirkungslos.
„Abgesehen von einem einzigen Eintrag“, meinte Terry. „Und zwar auf Seite
1.“
„Und was steht da?“
„6. Juni.“
„Und?“
„Und das war's“, stellte Terry fest. Aber ich glaube, das Buch wird uns trotz-
dem bei der Lösung des Rätsels um die Kammer helfen können. Nur im
Moment gerade nicht.“
„Na toll“, antwortete Ron. „Schön, dass es dir gefällt! Ich werde mir gerne öf-
ter Dinge auf den Kopf fallen lassen!“

* Ich will übrigens Geld für diese Schleichwerbung

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Kapitel 13: Das total mysteriöse Tagebuch

Der Valentinstag. Eine alterwürdige Tradition, erfunden von Floristen. Genau


wie Beerdigungen. Bis Terry mit dem Valentinstag konfrontiert wurde, hatte
er Floristen für ziemlich faszinierend gehalten. Vor allem ihre Fähigkeit, auch
in dem hässlichsten Unkraut noch eine innere Schönheit und eine tiefere Be-
deutung sehen zu können.

In der vierten Klasse der Muggel-Grundschulde, die Terry vor Rowlingstone


besucht hatte, war jenes Brauchtum allerdings etwas missverstanden worden.
Gut - seine Mitschüler schenkten ihren Angebeteten Pralinen – aber nur auf
Anordnung der Lehrerin und weil sie Terrys Gesicht sehen wollten, wenn er
keine bekam. Eine nette Geste, mag wohl sein. Unüblich war es aber, dass sie
die Pralinen anschließend nach Terry warfen. Auch mit der unschönen Ange-
wohnheit roter Rosen, spitze Dornen zu tragen, wurde er in jener Zeit kon-
frontiert. Es gab außerdem Leute, die meinten, ein Mistelzweig allein sei nicht
genug. Man müsse auch noch einen Ast daran hängen und mit ihm nach Terry
schlagen. Reißnägel hätte auch niemand im Umschlag seines Liebesbriefes
erwartet.

In Rowlingstone sah die Sache anders aus. Hermione ging es auf eine huma-
noide Weise endlich wieder gut. Lange, blonde Haare, ein gutmütiges Gesicht
und eine zierliche Gestalt ohne Fell wiesen darauf hin, dass sie nun kein
Häschen mehr war.
„Komm schnell, Süßer“, sagte sie zu Terry. „In der Nähe des Gewächshauses
sind ein paar Sifferins, die darüber reden, wie sie sich an dir rächen könnten!“
Terry begleitete Hermione und freute sich darauf, Sifferins bekämpfen zu
dürfen. So musste ein Valentinstag aussehen! Doch auf einmal fand er sich ge-
nau an der Stelle wieder, wo Hermione ihn haben wollte: Unter diversen Mi-
stelzweigen, aber ohne Sifferins. Biologisch betrachtet handelte es sich bei
Misteln um parasitäre Organismen, Halbschmarotzer, Bahnhofspunks.
Dennoch wohnte ihnen ein gesellschaftliches Ansehen inne, welches Hast-du-
mal-'n-Euro wohl niemals erreichen würde. Andererseits war es auch eine
komische Idee, sich zu küssen, wenn man unter Punks stand.

Terry verstand den Sinn des Ganzen nicht: Warum sollte er sein Mädchen
küssen, wenn er mit ihr unter Mistelzweigen verweilte? Er küsste sie sowieso
ständig! Eine der vielen Merkwürdigkeiten der menschlichen Psyche, doch
Terry ging gerne darauf ein. Einen Kommentar konnte er seiner Freundin je-
doch nicht ersparen:
„Du bist verrückt, Schatz.“
„Dann passen wir ja gut zusammen.“

Ron war nicht tot. Nein, er war sogar gut gelaunt und lief im Speisesaal um-
her. Denn ein (hoffentlich) weibliches Geschöpf hatte ihm einen Engel ge-
sandt. Terry hätte sich über dessen Anblick sehr gewundert, war er doch da-
von ausgegangen, in seinem Kampf gegen Gott im letzten Schuljahr alle Engel
erschossen zu haben. Und tatsächlich: Es handelte sich nicht wirklich um
einen Engel, sondern um die neue Ich-AG eines vormals arbeitslosen Gnoms.
Doch das erfüllte den selben Zweck, nur mit geringerer Bezahlung. Er begann
zu singen:

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„Seine Augen so braun wie schmutziges Gewässer,
seine Haare so feurig, ich könnt' es nicht besser.
Ich wünschte, er wäre mein, wie ein schöner Schmuckstein,
Ron, du bist unsterblich, meine Liebe sei dein!“

Rons Herz schmolz dahin. Und diesmal wirklich nur metaphorisch. Wer konn-
te seine Angebetete nur sein? Der Gnom gab ihm den Text des Liedes in die
Hand. Vielleicht erkannte Ron sogar die Handschrift? Moment mal, sie hatte
tatsächlich eine frappierende Ähnlichkeiten mit der von ... Efeu erschien auf
der Bildfläche. Er sah nicht so aus, als hätte er auch einen Liebesbrief bekom-
men. Dafür grinste er zu teuflisch. Obwohl, wer weiß, wie Spongo grinsen
würde, hätte er eine Freundin. Ron wünschte sich, das niemals zu erfahren.
„Feurige Haare, wie?“ lachte Spongo, nachdem er Ron den Liedtext aus den
Händen gerissen und ihn gelesen hatte. „So feurig finde ich deine Haare
nicht, aber wir können das gerne ändern!“
Er richtete seinen Zauberstab auf Ron, als Terry Efeu mit voller Kraft ins
Gesicht schlug und ihn Schachmatt setzte.
„Dich kann man wirklich nicht eine Sekunde allein lassen, Ron.“
„Tut mir Leid“, meinte dieser und fragte: „Wo hast du eigentlich dein Mäd-
chen gelassen?“
„Hermione ruht sich aus“, erklärte Terry. „Komisch - bislang habe ich zu viel
Sex immer für Aberglauben gehalten. Na ja, jetzt habe ich wenigstens Zeit,
mir dieses Tagebuch einmal genauer anzusehen. Hey, was ist das für ein
Brief?“
„Das ist der Text von einem Liebeslied“, erklärte Ron.
„Ah. Nett von dir, Ron. Aber ein bisschen – komisch - findest du nicht?“
„Es ist nicht für dich, Terry!“
„Da bin ich aber erleichtert. Für wen ist er denn?“
„Für mich“, stellte Ron lächelnd fest.
„Cool. Ich wusste gar nicht, dass du auf einmal so ein Frauenschwarm bist.
Normalerweise stehen Mädchen nicht auf Männer, die ihnen ständig
wegsterben - dachte ich zumindest. Nichts für ungut. Wie heißt die Angebete-
te?“
„Ich weiß es nicht. Ich glaubte schon, ihre Handschrift zu erkennen, aber da
habe ich mich sicherlich geirrt.“
„Zeig mal her“, meinte Terry und nahm den Text an sich. "'Augen braun wie
schmutziges Gewässer'? Goethe würde in seinem Grab rotieren - hielte er
nicht in Flounder & Bluffs Vorlesungen.“
„Ach, seit wann bist du denn hier der große Literat?“ fragte Ron beleidigt.
„Genau“, meinte der Autor.
„Du hälst mal lieber die Klappe!“ forderte Nietzsche.
„Hab' nichts gesagt“, behauptete Terry. „Ist ein sehr liebes Lied.“
„So ist es“, meinte Ron und holte sich den Text zurück.
„Na ja, dann finde mal 'raus, von wem es ist. Nicht, dass sich nur wieder je-
mand über dich lustig machen will.“
„Das werde ich!“ stellte Ron fest und setzte sich an den Griffamtor-Tisch im
Speisesaal, um sein Liebeslied anzugrinsen. Terry begab sich derweil in den
Gemeinschaftsraum und von da aus zum Schlafsaal, um sich dort auf sein
Himmelbett zu setzen und Marlboros Tagebuch zu studieren. Es war sinnvoll,
die anderen Schüler von dem Buch fern zu halten, wie sich bald herausstellen
sollte.

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„Hm. Wenn nichts in dem Tagebuch steht, dann schreibe ich eben was
hinein“, überlegte Terry und griff sich eine Feder. Er hielt kurz inne. Eine Fe-
der? Er hatte bislang noch gar nicht darüber nachgedacht, weil er es für
selbstverständlich hielt, dass man in der Magiewelt nicht mit Füller schrieb.
Aber warum eigentlich? Federn musste man immer wieder in Tinte tauchen
und nur Zauberer der höchsten Stufe waren dazu in der Lage, sie mittels Ma-
gie automatisch mit Tinte vollzusaugen. Wie dem auch sei, Terry schrieb sei-
nen Namen auf die erste Seite, gleich unter "6. Juni". Tatsächlich: Unter sei-
nem Eintrag erschien wie von Geisterhand der Schriftzug:
„Was interessiert mich dein Name?“
Terry ließ sich das nicht gefallen und schrieb: „Du mich auch! Wer bist du
überhaupt und was kannst du mir über die Kammer der Schrecklichkeit erzäh-
len?“
„Ok, sorry! Ich bin Tim Marlboro Rätsel. Wie kommst du an mein Tagebuch?“
„Es ist Ron auf den Kopf gefallen“, schrieb Terry.
„Kein Wunder, dass es jemand loswerden wollte. Es enthält schreckliche Er-
innerungen. Schreckliche Erinnerungen an furchtbare Geschehnisse, die sich
vor langer Zeit in der Rowlingstone-Schule für Esoterik und mystischen
Krimskrams abgespielt haben. Und vertuscht wurden. Auf gar schreckliche
Weise.“
„Um das näher zu präzisieren: Du meinst vermutlich schreckliche Erinne-
rungen an furchtbare Geschehnisse, die mit der fragwürdigen Kammer der
schieren Schrecklichkeit in Verbindung stehen?“ fragte Terry.
„Ja. Es gab sogar einen Toten. Schrecklich, nicht wahr?“ meinte das Tage-
buch.
„Schreib noch einmal „schrecklich“ und ich werfe dich in die lodernden
Flammen des Gemeinschaftsraum-Kamins!“ meinte Terry.
„Lieber nicht. Ich möchte dich stattdessen mitnehmen auf eine kleine Reise –
50 Jahre in die Vergangenheit!“
„Wieso? War das Fernsehprogramm damals besser?“
„Neiiiin“, schrieb das Buch verhallend, als es Terry in sich hinein saugte.
„Leider.“

Der Raum wurde mehr und mehr grau. Oder auch nicht. Nein, wahrscheinlich
geschah überhaupt nichts mit dem Schlafsaal. Nur, dass sich Terry nicht mehr
in ihm befand, sondern ganz wo anders. Nämlich in einer schwarz-weißen Ver-
sion von Gandalfs Büro. Wie erwartet saß Gandalf in seinem Sessel und strei-
chelte einen Blumentopf, der auf dem Schreibtisch stand. Terry war sofort
klar, dass er sich in der Vergangenheit befinden musste. Erstens hatte er
diese Information von einem Tagebuch - warum sollte ein Tagebuch lügen? -
und zweitens fühlte er sich wie in einem alten Film, der noch ohne Farbe aus-
kommen musste. Aber: Wenn er sich hier 50 Jahre in der Vergangenheit
befand - wieso saß dann Gandalf, der damals noch Lehrer gewesen sein muss-
te – im Sessel des Schulleiters?
„Wieso sitzen Sie in meinem Sessel!?“ fragte Direktor Tibet genervt. „Und
was ist das für eine Pflanze?“
Gandalf der Rote war schockiert vom Eintreffen des Schulleiters in seinem
Büro, sprang auf, schnappte sich den Blumentopf und rannte blitzschnell hin-
aus. Zumindest hatte er sich das fest vorgenommen. Tatsächlich war er nicht
fähig, sich schneller zu bewegen als eine tote Schnecke im Winterschlaf, denn
er stand unter Drogeneinfluss. Also ließ er sich eine Ausrede einfallen:
„Oh. Ähm. Professor Tibet. Sie - hier in Ihrem Büro? Was für eine freudige
Überraschung! Welch ein Glück, dass ich Sie so lange vertreten habe!“

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„Professor Gandalf! Sie sind eine Schande für das ganze Kollegium und für
diese Schule! Sie haben weder heute das Recht, in diesem Sessel zu sitzen,
noch werden sie es jemals haben! Nur über meine Leiche!“*
„Aber was, wenn jemand gekommen wäre, um Sie zu sprechen?“ fragte
Gandalf. „Auch, wenn er hätte warten können, weil sie gleich wieder da
waren.“
„Was meinen Sie damit?“ wollte Tibet in Erfahrung bringen. Doch er kannte
die Antwort bereits:
„Hm. Ich weiß nicht genau.“
Der Rote schlich sich verstohlen aus dem Zimmer. Terry folgte ihm. Draußen
liefen gerade zwei Sifferins umher und kicherten. Reflexartig sprang Terry in
die Luft, um nach ihnen zu treten. Doch sein Bein bewegte sich durch seine
Erzfeinde hindurch und er landete unsanft wieder auf dem Boden. Es däm-
merte ihm allmählich: Er musste sich in einer von Rätsels Erinnerungen be-
finden - und die konnte er natürlich nicht verändern. Schade. Obwohl: Warum
konnte Terry dieser Logik zufolge überhaupt auf dem Boden laufen? Warum
konnte er mit dessen Materie interagieren, mit jener der beiden Sifferins je-
doch nicht? Diese magische Welt - sie schien keiner inneren Logik zu folgen.
Mal galten die einen Regeln, mal ganz andere. Ihre Naturgesetze mussten
demnach von einem oder mehreren Wesen personifiziert werden. Von sehr
kindischen Wesen mit einem zweifelhaften Sinn für Humor. Terry wünschte
sich, ihnen einmal zu begegnen ...

Ein gut aussehender Schüler einer höheren Klasse lief Gandalf entgegen. Er
trug schwarze Haare, eine Schülersprecher-Uniform und lächelte freundlich**.
„Schönen guten Tag, Tim“, grüßte Gandalf. „Warum wanderst du noch so spät
in den Gängen herum?“
„Ich habe Sie gesucht“, erklärte Rätsel.
„Was kann ich für dich tun?“
„Ich möchte Ihnen einige Dinge über meine Vergangenheit erzählen, die Sie
bereits wissen, um meinen Charakter zu zeichnen. Folgendes: Ich bin ein
Halbblut - mein Vater war Muggel und meine Mutter Hexe. Sie starb kurz vor
meiner Geburt. Im Waisenhaus hat man mir erzählt, dass sie mir gerade noch
einen Namen geben konnte: Tim nach meinem Vater und Marlboro nach einer
Zigarettenfirma.“
„Sieh an! Interessant: Du willst die Sommerferien in der Schule verbringen.
Etwas anderes hätte ich von dir auch nicht erwartet.“
„Das habe ich zwar mit keinem Wort erwähnt, aber Sie haben Recht“, meinte
Tim.
„Ich befürchte jedoch, dass das kaum möglich sein wird - bedenken Sie die ak-
tuelle Tragödie! Da Vinci ist gestorben. Mal wieder. Im Waisenhaus bist du si-
cherer. Das Ministerium denkt sogar darüber nach, die Schule zu schließen.
Wir haben immer noch keine Ahnung, wer der Täter ist. Immerhin: Wir haben
schon damit angefangen, wild drauflos zu verdächtigen. Im Moment denken
wir, es war George Rotter.“
„Das ist mal wieder so typisch ...“, murmelte Terry.

* Und tatsächlich: Der pensionierte Professor Tibet verstarb genau an dem Tag, an dem
Gandalf zum Rektor ernannt wurde. Ein Schelm, der eine Verbindung zwischen diesen beiden
Geschehnissen sah. Der zuständige Arzt war ein Schelm.
** Diese Art von Menschen lächelte genau so lange freundlich, wie man ihre Ansichten
teilte. Die herausragendste Eigenschaft von Schülersprechern war es, nie für Schüler zu
sprechen. Im Prinzip ging es dabei um die jährlichen Saufgelage der SOV (Schüler ohne
Verantwortung) und um das Füllen der schulinternen Automaten mit alkoholischen Getränken.

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„Aber was, wenn der Täter gefunden würde?“ fragte Rätsel nachdenklich.
„Oder wenn jemand einen Sündenbock auftriebe?“
„Was meinst du damit?“ wollte Gandalf wissen, der nicht zugehört hatte.
„Meinst du, du weißt etwas über die Morde?“ fügte er hoffnungsvoll hinzu.
Denn er selbst wusste ganz bestimmt nichts, gar nichts.
„Nein, Sir!“ meinte Tim bestimmt. Doch Terry war der Überzeugung, dass
dieses „Nein, Sir“ genau so klang wie sein „Ich habe damit aber nichts zu tun“
damals in Gandalfs Büro. Er hatte zwar tatsächlich nichts mit der Eineisung
von Nick und John Shutter zu tun gehabt, jedoch wusste Terry, dass seine
Aussage damals sehr unglaubwürdig rübergekommen war.
„Gut, du darfst jetzt gehen. Gute Nacht“, meinte Gandalf, kehrte zu Tibets
Büro zurück und verschwand darin, wo man ihn kurze Zeit später wieder hin-
aus warf. Tim begab sich derweil zu Snakes Keller, wo sich allerlei düstere
Geschehnisse abspielten, und Terry folgte ihm.

Aus dem finsteren Raum hörten sie eine tiefe, trunkene Stimme entweichen:
„Na los! Geh inne Käfich! Du sollst kene Leute mehr fresse, des wesst du
doch! Also los, wird’s bald!“
Terry erkannte die Stimme sofort. Rätsel öffnete hastig die Tür, holte seinen
Zauberstab heraus und richtete ihn auf eine Kreatur, die neben Ragrid stand.
Der Junge, der überlegte, versuchte das Tier gedanklich zu katalogisieren:
„Hm. Beurteilt nach den Beckenknochen würde ich sagen, es gehört zur
Gattung der Saurischia. Kleine Arme und spitz gekrallte Finger, kräftige
Kiefer mit spitzen Zähnen, ein S-förmiger Hals und lange, muskulöse Hin-
terbeine mit bekrallten, vierzehigen Füßen - ganz klar, das muss ein junger
Theropoda sein. Aber welcher? Kommt ganz darauf an, wie viele Anwälte er
pro Jahr essen muss, um zu überleben ...“
„Guten Abend, Ragrid - sag mal: Wie viele Anwälte muss dieser Theropoda pro
Jahr essen, um zu überleben?“ fragte Tim.
„292, wieso?“ wollte Rubeus wissen.
„Ich möchte das Tier katalogisieren“, erklärte Rätsel und Terry dachte: „Ah,
ein Tyrannosaurus Rex also. Ich wusste gar nicht, dass die ein braun-grünes
Fell, zwei Hörner auf dem Kopf und ein Artikelnummer-Tattoo auf der Stirn
hatten.“
„Da mir das nun gelungen ist: Ich werde dich wohl festnehmen müssen, Ra-
grid. Falls diese Angriffe nicht aufhören, wird Rowlingstone geschlossen.“
„Aragorn hat noch niemals jemanden umgebracht!“ schrie Rubeus empört.
„Also bitte, Ragrid: Da Vincis Eltern werden morgen vermutlich hier sein und
das Mindeste, was die Schule tun kann, ist dafür zu sorgen, dass der Mörder
ihres Sohnes zur Strecke gebracht wird.“
„Das würde Aragorn niemals tun!“ versicherte Rubeus.
„Aus dem Weg!“ forderte Rätsel und rief „Entflamme!“, was er mit einem
Schwung seines Stabes verband. Ein Feuerball entsprang diesem, traf auf
Snakes Gothic-Modekatalog und verwandelte ihn in ein Häufchen Asche. Der
kleine T-Rex rannte auf die Tür zu und streifte Tim, der dadurch seinen Stab
verlor. Marlboro sprang auf den Boden zu seinem Zauberutensil, um den
Dinosaurier noch zu erwischen, doch Ragrid hatte seinen Fuß auf dem
Holzstab gelagert und brüllte: „Nein!“

Genau in diesem Moment erfand jemand die Technicolor-Realität. Terry saß


wieder auf seinem Bett und das Tagebuch lag neben ihm, um zu verkünden:
„Sorry, eigentlich sollte dieses „Nein“ jetzt auch dramatisch verhallen, aber
das haben wir nicht hinbekommen. Der zuständige Techniker kann sich als

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entlassen betrachten.“
Auf einmal tauchte Ron im Zimmer auf.
„Hi, Ron“, meinte Terry. „Das war gerade echt cool. Wirst es nicht glauben,
aber ich war noch vor ein paar Sekunden Teil einer Erinnerung, die den Ein-
druck erwecken wollte, dass es Ragrid war, der vor 50 Jahren die Kammer öff-
nete. Übrigens: Das Monster ist anscheinend ein T-Rex.“
„Was!? Wirklich?“ fragte Ron schockiert. „Rubeus hat die Kammer geöffnet?“
„Na ja, ich halte das alles für Quatsch mit Soße. Aber es war eine tolle Erinne-
rung mit mords Spezialeffekten und Dinosauriern darin. Kann man nicht me-
ckern. Schade, dass ich kein Popcorn dabei hatte.“

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Kapitel 14: Ein Opfer zu viel

Terry hielt Johnny Bartlett eine Avenger an den Kopf und zwang ihn so, Mar-
melade auf seine Brote zu schmieren.
„Sehen wir die Sache pragmatisch - das bringt uns alles überhaupt nichts!“
Hermione trank eine heiße Schokolade aus frischen Kakaobohnen
argentinischer Herkunft - Terry entführte Josephine Ripleys Gothic-Teddybä-
ren, um sie davon zu überzeugen, den Kakao für seine Freundin in Argentini-
en zu ernten und ihn bis zum Frühstück nach Rowlingstone zu bringen.
„Also bist du der Ansicht, dass Ragrid nicht mit der Kammer in Verbindung
steht?“
Terry setzte Bartlett mit einem Schlag außer Gefecht und nahm eines der Bro-
te in die Hand.
„Ich meinte: Wozu wurde die Kammer damals überhaupt geöffnet? Wir wissen
jetzt, dass es das letzte Mal einen Toten gegeben hat: Leonardo Da Vinci. Ein
Mann – und ich schätze ihn sehr – der ohnehin schon seit ein paar hundert
Jahren tot ist. Es dürfte ihn kaum gekümmert haben, nochmal zu sterben.
Wobei ich ohnehin nicht verstehe, wie das überhaupt möglich gewesen sein
soll. Außerdem wissen wir jetzt, dass Ragrid offenbar der Überzeugung war,
sein T-Rex sei das Monster gewesen. Der ist abgehauen. Dennoch: Er wird
kaum in den Wänden der Schule rumhängen und Leute einfrieren, oder?“
„Es ist nur wenig über das Jagdverhalten des Tyrannosaurus Rex bekannt“,
stellte Hermione verzweifelt fest. „Und außerdem ist es naheliegend, dass
derjenige, der die Kammer vor 50 Jahren öffnete, uns zumindest bei den Nach-
forschungen weiterhelfen könnte. Davon abgesehen sollten wir auch mal mit
diesem T-Rex reden.“
„Und von ihm gefressen werden?“ gab Ron zu bedenken.
„Dinosaurier können sprechen?“ wunderte sich Terry.
Auf einmal kam Da Vinci über den Frühstückstisch geflogen und näherte sich
lächelnd den drei Schülern und ihrem Sklaven aus Sifferin.
„Hallo Freunde“, sagte er gut gelaunt. „Gibt's was Neues?“
„Schön, dass du da bist“, meinte Terry. „Wir fragen uns, was eigentlich so
schlimm daran sein soll, dass du damals gestorben bist.“
„Das frage ich mich schon seit 50 Jahren“, meinte der Geist*. „Ich vermute,
dass durch meinen Tod eine längst überfällige Panik entstanden ist. Es war
seit einiger Zeit recht langweilig in der Schule gewesen.“
„Wie bist du damals eigentlich gestorben?“ fragte Ron.
„Ich hielt mich mal wieder in dieser Mädchentoilette auf ...“
„Benutzte die damals schon kein Mensch?“ hakte Ron nach. „Man fragt sich
doch, wozu die überhaupt da ist, wenn sie noch nie jemand brauchte ...“
„Ähm. Nein. Normalerweise nicht. Außerdem war gerade Unterrichtszeit - da
drin kann man in Ruhe nachdenken und lesen. Leider hatte ich damals das
Pech, auf ein paar Werke der Trümmerliteratur zu stoßen. Die waren so de-
primierend, dass mir schon richtig schlecht wurde. In meiner materiellen
Form wollte ich mich also übergeben. Doch als ich den Toilettendeckel öffne-
te, fiel ich auf einmal tot um. Halb so schlimm eigentlich. Kurze Zeit später
bin ich wieder munter in der Schule umher geflogen. Dieses Geschehnis hatte

* Tatsächlich handelte es sich um ein Gespenst. „Geist“ ist eine esoterisch angehauchte Be-
zeichnung für das Denkvermögen des Menschen, die davon ausgeht, das Gehirn habe nichts
mit dem Denken zu tun. Bei Leuten, die an die Trennung von Körper und Geist glaubten, war
das wohl auch der Fall.

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offenbar eine Schülerin beobachtet und Schwatzmäuler, wie die bekanntlich
sind ...“
„Hey!“ wandte Hermione ein.
„Das sind die meisten Mädchen nun mal“, bestätigte Terry.
Daraufhin drehte sich Hermione schmollend um und ihr Freund fügte hinzu:
„Natürlich bist du eine rühmliche Ausnahme. Einer der Gründe, warum ich
dich so liebe!“
Sie wandte ihren Kopf zur Seite und Terry erkannte ein Lächeln auf ihrem
Gesicht.
„Na gut“, meinte sie. „Manche reden wirklich ein bisschen viel.“
„Die Angriffe müssen aufgehört haben, als der T-Rex geflohen ist“, gab Ron
zum Besten. „Sonst hätte Rätsel seine Auszeichnung nicht bekommen.
Vielleicht hat Ragrid doch etwas mit der Kammer zu tun. Erinnerst du dich
daran, dass du ihm in der Gasse des Bösen begegnet bist?“
„Ja“, meinte Terry.
„Was wollte er da eigentlich?“
„Das wusste er angeblich nicht, was auch möglich wäre. Trotzdem komisch,
jetzt wo du es erwähnst ...“
„Warum fragen wir Ragrid nicht einfach?“ schlug Hermione vor.
„Das sagst du so. Du bist ja auch von seiner Unschuld überzeugt“, meinte
Ron.
„Du etwa nicht?“ fragte Hermione entsetzt. „Terry, was meinst du?“
„Ragrid der Erbe Sifferins? Nein, niemals. Falls er etwas mit der Kammer zu
tun hat, dann nur aus Liebe zu seinen Monstern, ähm, Tieren. Oder, weil er
betrunken auf etwas getreten ist, worauf man besser nicht hätte treten
sollen.“

Vier Monate nach den Angriffen hatte sich die Lage beruhigt: Niemand er-
innerte sich noch an John Shutter und dass Griffamtor mal über einen
Hausgeist verfügte, galt inzwischen als Legende. Dass jemand Margaret Cat-
cher an einem Faden aufhängte und eine Wand beschmierte, war für die Schü-
ler sowieso nichts, was sie nicht auch tun würden und dass Terry recht
eindeutig der Erbe Sifferins war - es gab Dinge, die man leicht verdrängen
konnte. Die Dendriten sahen sich im Gewächshaus bereits Bruce Lee Filme an
und befanden sich insofern schon in der Pubertät oder den späten 60ern. Bald
würde man sie, wie Frau Wurzel verlauten ließ, für das Entfrieren der Opfer
verwenden können. Dumm nur, dass sich die Osterferien näherten. An sich
eine gute Sache, jedoch mussten die Zweitklässler zum ersten Mal Fächer für
das nächste Schuljahr wählen und waren gestresst von dem Gedanken, sich
am Ende die falschen auszusuchen.
„In Bayern gab es erst ab der Oberstufe was zu wählen“, meinte der Autor be-
leidigt.
„Man hat so was wie dich wählen lassen?“ entgegnete Nietzsche schockiert.
„Das ist wirklich wichtig! Es kann einen bedeutenden Teil unserer Zukunft be-
einflussen!“ sagte Hermione, als sie sich mit Terry und Ron die Liste der neu-
en Fächer ansah - erneut beim Frühstück. Der Beginn des Tages war nämlich
gut als Metapher für etwas Neues zu gebrauchen.
„Wieso?“ fragte Ron.
„Wenn wir jetzt ein falsches Fach wählen, können wir später nicht den Beruf
ausüben, den wir ausüben möchten.“
„Ist das nicht ein bisschen hart? Ich meine - wir sind gerade erst 14. Da
können wir doch noch nicht unser Leben geplant haben“, gab Ron zu beden-
ken.

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„Was sowieso Zeitverschwendung ist“, sagte Terry. „Ich würde nur die
wichtigsten Dinge grob planen, wenn es denn sein muss. Unvorhersehbarkei-
ten würden mir sonst einen Strich durch die Rechnung machen. Ich könnte
zum Beispiel im Knast landen, weil ich zu viele Sifferins gekillt hab'. Und
schon wär's das mit meinem Traumjob.“
„Was ist denn dein Traumjob?“ fragte Ron.
„Sifferins umbringen“, erwiderte Terry.
Hermione schnappte sich noch ein Croissant, denn solche Dinge tut man beim
Frühstück. Früher hatte jenes Gebäckstück noch den Namen „Hörnchen“ ge-
tragen. Als Frankreich mit seinen Atomtests begann, wurde man sprachlich
flexibler.
„Also ich möchte auf jeden Fall Giftkunde streichen“, stellte Ron fest.
„Ihr behaltet aber eure alten Fächer!“, gab der Autor zu bedenken.
„Warum?“ fragte Ron.
„Weil ich nicht weiß, ob die Leser auf eines verzichten möchten. Vielleicht hat
ihnen ja gerade Giftkunde so gut gefallen und wenn ich es weglasse, lesen nur
noch halb so viele Leute meine Bücher.“
„Entspricht das der offiziellen Begründung des Ministeriums?“ hakte Terry
nach, doch der Autor hatte bereits mit ein paar Keksen in den Händen das
Weite gesucht.
„Ich frage mich, ob ich lieber Arithmomanik oder Alte Runen nehmen soll“,
überlegte Hermione laut.
„Nimm Alte Runen. Das ist wenigstens eine Wissenschaft“, riet Terry. „Wenn
auch eine langweilige und uninteressante.“
„Es gehört aber auch praktische Anwendung dazu“, erläuterte Hermione.
„Du meinst Runen schreiben?“
„Ja - und zwar auf eine Art und Weise, die ihre magischen Kräfte freisetzt.“
„Die magischen Kräfte eines überholten Zeichensystems!?“
„Du vergisst, dass du nicht mehr in der Muggelwelt bist.“
„Genau“, ergänzte Ron. „Hier funktioniert das alles wirklich. Mit Runen kann
man zum Beispiel Geister beschwören oder Räume magisch abdichten.“
„Demnach stimmen die Thesen der Arithmomantik auch?“ fragte Terry
erstaunt. „Also dass es Zahlen mit höherer, mystischer Bedeutung gibt?“
„Hier stimmten sie auch - ja“, ergänzte Terrys Freundin. Er überflog derweil
die Liste.
„Wahrsagerei!? Hier ist sogar Wahrsagerei mehr als eine Zirkusattraktion?“
„Na ja. Sie ist sehr umstritten. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der größte
Teil der Hellseher, beziehungsweise Wahrsager, Betrüger sind - oder Leute,
die sich etwas eingeredet haben. Wobei die Zauberer mit wahrem Talent in
diesem Bereich eher Seher und selten Wahrsager sind. Denn meist lohnt es
sich, solche Vorahnungen für sich zu behalten. Zum Beispiel, wenn es die
Lottozahlen von nächster Woche betrifft.“
„Also der eine Aberglaube funktioniert in dieser Dimension und der andere
nicht“, stellte Terry fest. „Warum auch immer.“
„Vielleicht wäre ja Muggelkunde etwas für dich“, schlug Hermione vor. „Da
musst du nicht viel tun und bekommst trotzdem ständig Einser.“
„Das ist doch bei allen Fächern so“, erwiderte Terry.
„Oder Pflege absurder Geschöpfe. Da ist man viel draußen und kann nicht so
leicht als Versuchskaninchen missbraucht werden“, schlug Ron vor.
„Ja, stattdessen wird man von wilden Bestien gefressen“, sagte Terry.

Letztendlich nahm Terry die selben Fächer wie Ron. Oder besser gesagt: Er
warf seinen Fächerbogen trotz Androhung von Strafe in den Müll und Ron

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fischte ihn wieder heraus, um ihn für seinen Freund auszufüllen - nach dem
ersten Jahr in Rowlingstone hätte man annehmen können, dort gebe es keine
Mülleimer. Tatsächlich lag die Wahrheit nur unter einer Schicht aus Of-
fensichtlichkeit verborgen. Terry hatte es sich leicht gemacht und einfach
„Müll!“ gerufen, unter gnadenloser Erwartung, dass sich das Problem darauf
von selbst lösen würde. Und wahrhaftig: Kaum ausgesprochen erschien ein
entsprechendes Behältnis auf der Bildfläche. Es verfügte sogar über drollige
Beinchen aus Holz, reich an der Zahl und unauffällig in der Erscheinung. Sie
vermochten die quadratische und hilfsbereit lächelnde Entsorgungsstation,
selbst aus bescheidenem Kirschbaumholz gefertigt, problemlos zu befördern.
Betrachtete man sich manche Böden der Schule, mochte man sich allerdings
fragen, wer außer Terry sonst noch über die magischen Mülleimer Bescheid
wusste. Die Antwort auf diese Frage bewahrte auch den Grund für die
verzweifelte Freundlichkeit Filzes in sich auf.

Selber Tag, nur später: Gerade als Terry anfing, wieder gut gelaunt zu sein,
begegnete er Thomas Tropf im Gemeinschaftsraum. Selbst nichts Schlimmes,
war er doch dessen Vorbote:
„Terry - ich weiß nicht, wer das getan hat. Ich bin selbst gerade erst hier ...“
Der Junge mit der neckischen Narbe riss hastig die Tür zum Griffamtor-Schlaf-
saal auf und fand eine heere Verwüstung vor: Der Inhalt seiner diamantver-
zierten Goldtruhe war überall im Raum verstreut worden. Seine seidene Bett-
wäsche lag aufgeschlitzt auf dem Boden vor seinem Himmelbett. Als ihm her-
ausgerissene Seiten von „Aufgeschnappt aber Wissenswert“ entgegenflogen,
lächelte er noch. Dann entdeckte er es: Jemand hatte seinen schwarzen Kurz-
mantel aufgeschlitzt! Außerdem war Rätsels Tagebuch verschwunden. Aus
dem heiterem Himmel der Sensationsgier kamen Ron, Frank, Al und Joe her-
eingeschneit.
„Was ist denn hier passiert?“ fragte Ron entsetzt.
„Geht es dem Snowboard gut?“ wollte Al sofort wissen und das Frank/Joe-Du-
ett begnügte sich mit dem Kommentar: „Wilde Nacht gestern, was Terry?“
„Wer tut so etwas nur?“ fragte Terry entsetzt. „Wer ist nur so grausam, so un-
menschlich, so lebensmüde und schlitzt meinen Mantel auf!?“
„Ist das Tagebuch noch da?“ wollte Ron wissen.
„Hm? Oh, Marlboros Buch. Nein, das hat irgendwer mitgehen lassen. Mein
schöner Mantel!“
Die Anwesenden schleppten Terrys betrübten Körper nach unten in den Ge-
meinschaftsraum und setzen ihn auf seinen roten Sessel. Eigentlich war es
nicht wirklich sein Sessel, aber niemand wagte es, sich dort hineinzusetzen,
wenn Terry anwesend war. Hermione legte „Abgeschriebene Geschichte“ bei-
seite und fragte Ron, was denn geschehen sei. Er berichtete von dem gestoh-
lenen Buch (und fing einen bösartigen Blick von Terry ein, weil er dessen
Mantel nicht einmal erwähnte), woraufhin Hermione feststellte:
„Aber: Nur ein Griffamtor hätte es stehlen können! Niemand sonst kennt das
Passwort ...“
„Du sagst es“, schloss Ron.

Der nächste Tag brach an. Das große Quititsch-Turnier Griffamtor gegen
Haferschleim bestimmte die Konversationen der Schüler. Angeblich war es
diesmal ein besonders wichtiges Spiel, bei dem es um alles oder nichts ging.
Die Wenigsten erinnerten sich an ihre Kommentare zu den vorangegangenen
Wettbewerben, die eine frappierende Ähnlichkeit mit den aktuellen aufwiesen.
Im Prinzip war jedes Quititsch-Spiel unglaublich wichtig und es ging immer

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um alles oder nichts.
„Aufstehen, Terry!“ schrie Ron. „Heute ist das große Turnier gegen
Haferschleim! Es geht um alles oder nichts!“
„Wen interessiert's? Das sagst du doch jedes Mal. Lass mich zufrieden“, lallte
Terry schlaftrunken.
„Es interessiert jeden bis auf dich und du bist Schnapper, unser wichtigster
Mann!“
„Herrgott Sakrament. Dann stehe ich halt auf!“ seufzte der wichtigste Spieler
Griffamtors und erhob sich langsam aus seinem oberflächlich wiederherge-
stellten Bett.
„Herrgott? Was ist das?“ wollte Ron wissen.
„Eine gute Frage“, meinte Terry, wobei er Zustimmung von Nietzsche erhielt.

Der Junge zog seine Sachen an und nahm sein Snowboard aus der Truhe. Als
er sich nach dem Frühstück mit Ron und Hermione auf den Weg zum Stadion
machte, hörte er eine vertraute Stimme:
„Töten ... vernichten ... zerstören ... und zwar in Bezug auf alle Pseudoblüter.
Und diesmal meine ich es ernst!“
„Hallo Stimme“, antwortete Terry. „Wie läuft's?“
„Ganz gut soweit. Äh, ich meine: Töten ... vernichten ... zerstören. Und so wei-
ter, du weißt schon.“
„Mit wem redest du da, Terry?“ fragte Ron.
„Mit der geheimnisvollen Stimme in der Wand. Demnach hört ihr sie also
nicht!? Habt ihr Glück - die nervt allmählich.“

Hermione schnippte mit den Fingern und sagte: „Das ist es! Mir ist gerade et-
was eingefallen, ich muss es sofort in der Bibliothek nachschlagen! Bin gleich
zurück!“
„Was ist mit dem Turnier gegen Haferschleim? Das ist diesmal besonders be-
deutend!“ rief ihr Ron hinterher.
„Das hier ist wichtiger!“ rief sie zurück und verschwand aus dem Sichtfeld der
Beiden.
„... was für so ziemlich alles gilt. Da siehst du, warum ich mit ihr zusammen
bin. Dabei fällt mir ein: Ich wollte ja endlich mal meine Socken ordnen.“
„Lass dir bloß nicht einfallen, auch noch zu verschwinden!“ forderte Ron.
„Ist doch egal. Das Turnier wird ohnehin abgesagt“, erklärte Terry beiläufig.
„Was? Wieso abgesagt?“ fragte Ron sofort.
„Ich glaube, ich verstehe allmählich, wie diese Welt hier funktioniert“, begann
Terry. „Im Gegensatz zur Muggeldimension, die im Prinzip sinnlos, unvor-
hersehbar und mäßig spannend ist, folgt eure Welt bestimmten Regeln narra-
tiver Natur. Ragrid hat mir bereits einen Hinweis in diese Richtung gegeben.
Eine Regel besagt: Es gab in diesem Jahr bereits ein ereignisreiches Quititsch-
Turnier, also wird es kein weiteres geben, noch dazu, wo wir das
Haferschleim-Team noch gar nicht kennen gelernt haben und sich so was
nicht gut in die Action einbauen lässt. Außerdem wird es mal wieder Zeit für
eine überraschende und dramatische Wendung, da es jetzt schon seit einer
ganzen Weile ziemlich ruhig ist. Ich kann nur hoffen, dass sie nichts mit
Hermione zu tun haben wird.“

Im Stadion war allerhand los. Al drehte bereits Proberunden – genauer gesagt


schon seit drei Stunden – und das gegnerische Team widmete sich einer letz-
ten strategischen Besprechung – mit welcher Al schon seit drei Stunden und
zwei Minuten fertig war. Schließlich begaben sich die Spieler in ihre Mann-

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schaftskabinen, obgleich sie schon lange umgezogen waren. Die Dramaturgie
verlangte schließlich, sie mit großem Trara in das Spielfeld einmarschieren zu
lassen. Auf halben Weg in die Kabinen nahm Terry reißaus und lief zu Ron,
der in der ersten Reihe saß und seinen Freund mondkalbmäßig anglotzte.
„Noch zehn Sekunden“, sagte der wichtigste Spieler seines Hauses.
„Noch zehn Sekunden bis was?“ fragte Ron entsetzt.
Plötzlich erschien McGonekel auf der Griffamtor-Tribüne. Sie hielt Jordans
Knochophon in der Hand. Terry begann zu zählen:
„Drei ... zwei ... eins ...“
„Dieses Turnier wurde gestrichen!“ erschall die Stimme der strengen Lehr-
kraft über das Stadion. Normalerweise neigten Menschen dazu, sofort Erklä-
rungen einzufordern und nie einfach nur zu akzeptieren, was man ihnen ge-
sagt hatte - zumindest forderte das ihre Natur, während die auch in der Ma-
giewelt vorherrschende freie Marktwirtschaft diese Neigung höflich unter-
drückte. Doch wenn McGonekel etwas sagte, so war es weniger Befehl als
Feststellung, etwa wie: „Es regnet.“ Kaum einer wäre jemals auf die Idee ge-
kommen, ihr zu widersprechen. Natürlich wurde das Turnier gestrichen, war
doch das Natürlichste auf der Welt. Hätte McGonekel es nicht explizit
erwähnt - nach kurzer Zeit wäre es ohnehin jedem aufgefallen. Mit einer Aus-
nahme:
„Was, gestrichen?“ schrie Al entsetzt. „Aber wir müssen doch spielen! Heute
ist Quititisch! Ein Turnier! Das wichtigste Turnier aller Zeiten! Wir müssen
spielen!“

Sportfanatismus hieß nicht ohne Grund Fanatismus. Für einen wahren Qui-
titschfan gab es nichts anderes auf der Welt. Es mangelte ja wirklich an
Angeboten, die ein positives Gemeinschaftsgefühl boten und trotzdem etwas
bedeuteten. Auf der Verleihung des Merlin-Preises für Arithmomanik ging es
traditionell eher ruhig zu und sich einer revolutionären Bewegung in einem
Entstehungsland* anzuschließen, war meist eine aufwändige und wenig luxuri-
öse Angelegenheit. Silenzia überhörte Als Einwände und fuhr mit ihren Aus-
führungen fort:
„Alle Schüler begeben sich bitte sofort in ihre Gemeinschaftsräume zurück.
Ihr werdet von euren jeweiligen Vertrauensschülern in Kürze weitere Informa-
tionen erhalten.“
Al fiel in Ohnmacht und musste von anderen Griffamtors hinfort getragen
werden. Derweil begab sich McGonekel zu Terry und Ron, um sie auf
Folgendes hinzuweisen:
„Rotter, Grievly - Sie Beide kommen besser mit.“

Diesmal wurden sie nicht in irgendein Büro gebracht und auch nicht zu
Strafen verdonnert. Terry hatte schon befürchtet, dass ihn McGonekel zu den
Erziehungsmaßnahmen zwingen würde, die ihm Snake seit zwei Jahren unun-
terbrochen aufbürdete - und die er bislang ignoriert hatte und ihnen zum
Trotz stets dem Unterricht ferngeblieben war. Nein, sie gingen schnurstracks
zum Krankenflügel.
Ron fiel unwillkürlich etwas ein, das sich auf Terrys neue Vorahnungsfähigkeit
bezog:
„Sag mal: Wenn du jetzt alles vorhersehen kannst, warum wusstest du dann
* Zauberer waren sehr konsequent, was die Einordung anderer Völker und Geschöpfe betraf.
Waren sie intelligent (oder dumm) genug, sich zur Gründung einer Nation zu entschließen, so
erkannte man diese noch lange nicht als solche an. Dazu gehörte schon etwas mehr, zum Bei-
spiel der Besitz von Massenvernichtungswaffen.

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nicht, wo uns McGonekel hinführt? Und: Warum warst du dir nicht sicher,
welche Fächer du dir für nächstes Jahr aussuchen sollst?“
„Du hast mich missverstanden, Ron“, erklärte Terry. „Ich kann nicht alles vor-
hersehen, ich erkenne nur allmählich die Gesetze, denen diese Dimension ge-
horcht. Ein Naturwissenschaftler kennt zum Beispiel die Regeln der Muggel-
welt und kann trotzdem nicht hellsehen. Aber: Bestimmte Tendenzen lassen
sich durch logisches Denken erkennen. Momentan befürchte ich, dass irgend-
eine halbwegs wichtige Person angegriffen worden ist. Wahrscheinlich noch
eine weitere, die niemanden sonderlich kümmert, um die Glaubwürdigkeit zu
erhöhen.“

McGonekel hatte Terry nicht zugehört. Sie legte die Hand um die Klinke der
Tür und sagte in einem ungewöhnlich freundlichen Tonfall:
„Das wird bestimmt ein großer Schock für euch sein. Es hat einen neuen An-
griff gegeben.“
Ron flüsterte Terry zu: „Knapp daneben.“
Doch Silenzia ergänzte „Sogar einen doppelten Angriff“ und öffnete die Tür.
In einer Mischung aus rechthaberischer Genugtuung und blankem Entsetzen
erblickte Terry seine Freundin auf einem Krankenbett. Auf demjenigen neben
ihr lag Colin McRae, aber das kümmerte ohnehin niemanden. Beide waren von
einer dünnen Eisschicht eingeschlossen und bewegten sich nicht. An Ron ge-
wandt sagte Terry:
„Das war eindeutig ein Opfer zu viel. Wäre ich das Monster, würde ich mir
jetzt wünschen, nie geboren, genetisch erschaffen oder durch Magie in die
Welt gesetzt worden zu sein.“
„Sie wurde in der Nähe der Bibliothek gefunden“, erklärte McGonekel. „Das
hier lag neben ihr.“ Sie zeigte den beiden einen Handspiegel. „Ich nehme an,
ihr wisst auch nicht, was geschehen sein könnte?“
Als Terry und Ron nicht antworteten, sagte sie:
„Ich begleite euch zurück zum Griffamtor-Turm. Ich werde mich ohnehin an
die Schüler wenden müssen. Rowlingstone ist kein sicherer Ort mehr.“

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Kapitel 14.5: Kornwallace Pfusch

McGonekel stand mit einem Sofortmaßnahmenkatalog in den Händen vor den


Griffamtors in deren Gemeinschaftsraum. Natürlich hätte sie auch einfach das
Schallsprungsystem verwenden können, aber sie tat es nicht. Sie klang sehr
überzeugend, als sie sagte:
„Alle Schüler werden um sechs Uhr abends zu ihrem Gemeinschaftsraum zu-
rückkehren und ihr Domizil danach nicht mehr verlassen. Eine Lehrkraft wird
euch zu euren Fächern bringen. Kein Schüler darf mehr auf die Toilette ge-
hen, wenn keine Lehrkraft anwesend ist, um ihn dorthin zu begleiten. Alle
Quititsch-Aktivitäten und Abendveranstaltungen werden gestrichen. Deswei-
teren wird eine flächendeckende Kuckisüberwachung in Rowlingstone in-
stalliert werden. Alle Schüler werden zukünftig anhand ihrer aurischen* Daten
identifiziert. Der Zugriff auf das magische Netzwerk wird erheblich einge-
schränkt. Die Schülerzeitung unterliegt ab sofort der Kontrolle eines Gremi-
ums von Oberlehrern.“
„Machen Sie sich nicht die Mühe, auch noch Wahlen und Parteibildung zu ver-
bieten“, kommentierte Terry. „Die gibt es hier sowieso nicht.“
„Damit macht man keine Witze, Mr. Rotter! Es ist zu befürchten, dass die
Schule geschlossen wird, sollte nicht bald der Schuldige gefunden werden!“
„Der Schuldige oder ein Sündenbock wie letztes Mal?“
„Ich habe auch nie an Ragrids Schuld geglaubt, Mr. Rotter. Aber wir haben
das nicht zu entscheiden. Also: Sollte irgendjemand von Ihnen auf einen Hin-
weis stoßen, erbitte ich sofortige Meldung bei einer Lehrkraft. Ich wünsche
Ihnen allen eine gute Nacht.“
Mit diesen Worten verschwand Silenzia durch die Rückseite des Porträts nach
draußen.

„Und wieder ein paar Regeln, an die ich mich sowieso nicht halten werde“,
meinte Terry. „Ich frage mich, wieso ich überhaupt zugehört habe.“
„Das wären dann drei Griffamtors, unser Geist und Filzes Haustier“, stellte
Frank fest. „Es muss also jemand sein, der etwas gegen uns hat und
außerdem unter einer Katzenhaarallergie leidet“.
„Ist es nicht offensichtlich“, meinte Rons Bruder Alec, „... dass sich alle
anderen Schüler gegen uns verschworen haben, weil sie eifersüchtig darauf
sind, dass ich ein Griffamtor bin und kein Schüler ihrer Häuser? Jetzt gehen
sie sogar schon so weit, die fragwürdige Kammer zu öffnen und uns ihr Mons-
ter an den Hals zu hetzen!“
„Halt die Klappe, Alec“, sagte Ron.

Wenn die Schule geschlossen würde, dann müsste Terry ja noch viele Jahre
bei den Thorsleys leben! Er wusste nun genau, wie sich Rätsel damals gefühlt
haben musste, als es hieß: Rowlingstone oder Waisenhaus. Das war anderer-
seits nicht so dramatisch, schließlich konnte Terry immer noch das Ministeri-
um für Aberglauben in die Luft sprengen, falls sie auf die Idee kommen soll-
ten, die Schule zu schließen.
„Hermiones letzter Vorschlag“, sagte Terry. „Wir sollten ihn befolgen.“
„Welcher war das doch gleich?“ erkundigte sich Ron.

* Zauberer waren ummantelt von einer unsichtbaren magischen Hülle, der „Aura“. Leider
konnte man mit ihrer Hilfe nur die Identität eines Magiers feststellen. Sie gestattete keinen Ein-
blick in die Stärke seiner Macht, die Ausrichtung seiner Kräfte oder in seine Kochfertigkeiten.

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„Sie meinte, wir sollten mit demjenigen reden, der die Kammer das letzte Mal
öffnete. Aus Ermangelung einer solchen Person könnten wir einfach mal mit
Ragrid sprechen. Der hatte zumindest indirekt etwas mit der Sache zu tun.
Wo wir gerade dabei sind, wäre es auch nicht schlecht, wenn wir seine Un-
schuld beweisen könnten. Ich glaube nämlich, dass ihn große Schwierigkeiten
erwarten ...“
Ron entschied sich, flüsternd einen Vorschlag zu unterbreiten:
„Wir könnten die Unsichtbarkeits-Joints verwenden, um ungeachtet aus der
Schule zu schleichen ...“
„Ich weiß nicht. Die Dinger haben gewisse Nachteile, die unsere Nachfor-
schungen erschweren könnten“, meinte Terry.
„Aber wie sollen wir sonst hier raus kommen?“
„Wir gehen einfach. Wenn uns jemand aufhalten will, gibt’s auf die Fresse!“
„Ich wünschte, Hermione wäre hier, um dir das auszureden.“
„Ich wünschte, Hermione wäre hier, um mit mir zu schlafen“, sagte Terry.
„Aber da sie das nicht ist ...“
Und doch: Ein von der Psychologie gänzlich unterschätzter Effekt trat ein -
das Abwesende-Freundin-Syndrom. Es zeichnete sich dadurch aus, dass der
Patient nicht mehr dazu in der Lage war, so zu handeln, als wäre der Partner
nicht anwesend, auch wenn das den Tatsachen entsprach. Es handelte sich im
Prinzip um eine Mischung aus Verfolgungswahn, multipler Persönlichkeitsstö-
rung und Borderline-Syndrom*. Mit dem Unterschied, dass es völlig normal
war. Wird oft mit gegenseitigem Respekt verwechselt.
„Mist“, stellte Terry fest. „Ich höre Hermiones Einwände in meinem Kopf. Na
gut, nehmen wir die blöden Joints!“

Der Marsch bis zum Ausgang war kein großer Spaß. Überall befanden sich
Lehrer und Geister auf Patrouille, um die Gänge zu überwachen. Wo versteck-
te sich das Monster, wenn man es einmal brauchte? Noch dazu traten immer
häufiger Halluzinationen und Orientierungslosigkeit auf. Ron hatte schon
zweimal einen rosafarbenen Elefanten nach dem Weg fragen müssen. Noch
beunruhigender vielleicht, dass er geantwortet hatte.
Auf dem Weg über die Wiese blieb Terry plötzlich stehen und fragte:
„Moment mal. Was ist eigentlich der entscheidende Wirkstoff in diesen Un-
sichtbarkeits-Joints?“
Ron kehrte um und ging ein paar Meter zurück zu seinem Freund und Schutz-
patron Terry.
„THC, nicht wahr?“
„Du denkst zu sehr wie ein Hippie“, stellte Terry fest. „Ich meinte: Welcher
Wirkstoff bewirkt die Unsichtbarkeit?“
„Keine Ahnung“, meinte Ron. „Aber ich glaube, ich weiß, worauf du hinaus
willst: THC ist es nicht.“
„Du sagst es. Wenn wir diese Substanz aus den Joints entfernen würden, hät-
ten sie immer noch die Wirkung, uns unsichtbar zu machen, jedoch nicht mehr
die für Spionageeinsätze höchst unpraktischen Nebenwirkungen.“
„Aber: Welchen Spruch brauchen wir dafür?“ fragte Ron.
„Hm. Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass uns dieses Kamel da drüben
weiter helfen kann.“
Terry ging ein paar Meter und führte eine kurze Unterhaltung mit einem
* Das Gegenteil von Bindungsängsten. Der Eindruck, keine Sekunde mehr ohne seinen Partner
leben zu können. Symptome: Panikattacken, übertriebene Anhänglichkeit und das Ich-geh-nur-
shoppen-wenn-du-mitkommst-Symptom. Kann einem ziemlich auf die Nerven gehen. Spart
andererseits eine Menge Geld.

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Busch. Dann kam er zurück.
„Es ist ganz einfach“, erklärte er und nahm die Packung Joints in eine Hand.
Mit der anderen richtete er seinen Zauberstab darauf. Er klopfte dreimal auf
das Behältnis und sprach:
„Verschwinde: THC!“
Kleine gelbe Sternchen und das obligatorische Glöckchengebimmel umhüllten
die Packung.
„Es wäre wirklich klasse, wenn das funktionieren würde“, meinte Ron. „Zu-
mindest für bestimmte Situationen. Aber: Das reicht noch nicht ganz.“
„Bist ja ganz schön anspruchsvoll.“
„Nun. Es wäre schon praktisch, jetzt wieder clean zu werden. Diese Mohnblu-
men da hinten befinden sich nämlich im Tiefflug und kommen direkt auf uns
zu.“
„Wie wäre es mit einem Kaffee?“ schlug Ron vor.
„Nein, das funktioniert nicht. Zwar reden sich die Leute in der Muggel-Welt
immer ein, Kaffee hebe die Wirkung beliebiger Drogen sofort auf, aber das ist
ein ziemlicher Käse, wenn du mich fragst.“
„Wir sind hier nicht in der Muggel-Welt.“
„Na schön“, meinte Terry. „Manifesto frischgebrühter Kaffee aus Südamerika
in zwei formschönen Tassen!“
Einen Schwung mit dem Zauberstab später hielten die Beiden je ein koffe-
inhaltiges Heißgetränk feinster Qualität in den Händen und ließen sich kurz
Zeit, ihn zu genießen.
„Das Kamel ist schon mal weg. So weit, so gut“, sagte Terry. „Obwohl es
eigentlich ganz hilfreich war ... Ich schlage vor, wir riskieren es. Lass uns ge-
hen!“

Endlich erreichten sie Ragrids Flasche, respektive Hütte. Der Magiernach-


wuchs drückte die Joints aus und nach etwa zehn Sekunden waren die Beiden
wieder sichtbar. Ron klopfte an die Tür. Unerwartet wie ein Hecht im Bierglas
stand Ragrid mit einer Minigun an der Schwelle. Hinter ihm hörte man das
Fauchen von Scratch, seinem Tiger.
„Oh“, sagte Ragrid, als er die Jungs erkannte und seine Minigun beiseite leg-
te. „Was führt euch denn hierher?“
„Wozu brauchst du diese Waffe?“ erschrak Ron.
„Eben. Willst du sie nicht lieber mir geben?“ fragte Terry.
„Ach, die brauche ich für etwas Bestimmtes, aber ich verrate euch nicht, wo-
für. Glaubt nicht, dass diese Frage im Verlaufe des Romans noch beantwortet
wird. Und nun: Kommt doch herein, ich koche euch Tee!“
Terry und Ron setzten sich an den Holztisch in der Mitte der Hütte, während
Rubeus Tee kochte und Kuchen backte. Er brachte ein paar Dinge durchein-
ander - letztlich entstanden mit Rum gefüllte Schokokuchen und Rumtee. Je-
doch war das für Ragrids junge Freunde kein Grund zur Klage. Gerade als
Terry den Rumkuchen probieren wollte, klopfte es laut an der Tür.
„Schnell, versteckt euch!“ flüsterte Rubeus.

Die Jungs zündeten ihre Joints an und versteckten sich in der Ecke des Raums,
die sich neben der Tür befand. Da Ragrids Hütte rundlich war, handelte es
sich nicht wirklich um eine Ecke, aber sie standen dort trotzdem ganz gut.
Rubeus nahm seine Minigun und öffnete.
„Guten Abend, Ragrid“, erklang Gandalfs Stimme.
Letzter betrat die Hütte. Sein Gesichtsausdruck war Besorgnis erregend ernst
und ungewöhnlich clean. Ein Mann, den Terry nicht kannte, folgte ihm. Er

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trug einen blauen Seidenumhang mit weißen Sternchen darauf und einen
spitzen Hut mit genau dem selben Motiv. Nur seine braunen Lederstiefel wi-
chen vom Konzept ab. Andererseits trügen sie nun ohnehin diese Farbe, denn
wie die Beiden feststellten, regnete es draußen und Schlamm breitete sich vor
der Hütte aus. Des Mannes Pullover und seine Hose waren schwarz. Davon
abgesehen sah er ziemlich genau so aus wie Josef Stalin, was natürlich nur
Terry bemerkte.
„Das ist Dad's Boss!“ flüsterte Ron. „Der Zaubereiminister Kornwallace
Pfusch!“
In diesem Fall bedeutete jener Umstand, dass Pfusch mehr verdiente, dafür
aber auch weniger arbeitete als Mr. Grievly. Legenden rühmten vergangene
Zaubereiminister. Legenden konnten sehr mächtig sein, weshalb man den ak-
tuellen Minister nur selten kritisierte und einfach davon ausging, dass dieser
selbst einmal zur Legende werden würde. Nicht wenige Magier im Ministeri-
um freuten sich auf diesen Tag.
„Es gehen üble Dinge vor sich, Ragrid - ganz üble Dinge!“ sagte Kornwallace.
„Ich musste kommen. Drei Angriffe auf Muggelgeborene bis heute. Das Minis-
terium muss handeln!“
„Ich würde niemals ...“ versicherte Rubeus. „Professor Gandalf, Sie wissen,
dass ich niemals ...“
„Ich möchte darauf hinweisen“, meinte Gandalf. „... dass Ragrid mein vollstes
Vertrauen genießt, was durchaus nicht nur mit seinen regelmäßigen Ge-
schenkkörben zusammenhängt!“
„Aber sehen Sie denn nicht, in welcher Situation sich das Ministerium be-
findet?“ fragte Pfusch. „Wir müssen angesichts der Angriffe irgend jemanden
festnehmen. Und wer wäre dafür besser geeignet, als eine Person, die
angeblich schon einmal die Kammer öffnete?“
„Das habe ich nicht!“ protestierte Ragrid.
„Das ist nicht relevant“, stellte Kornwallace fest. „Die Leute wollen, dass je-
mand verhaftet wird.“
„Nochmals möchte ich Sie darauf hinweisen, dass Ragrids Festnahme nicht
das Geringste verändern würde. Die Angriffe würden dennoch weitergehen!“
Gandalf fuchtelte mit seiner Faust und blickte grimmig drein. Terry hatte ihn
noch nie wütend gesehen. Andererseits war das auch kein Wunder, da sein
Drogenkonsum das für gewöhnlich verhinderte.
„Ich stehe unter gewaltigem Druck“, erklärte Pfusch. „Wir müssen wenigstens
so tun, als hätten wir die Situation unter Kontrolle. Sonst kommen die Leute
noch auf die Idee, vielleicht gar keine Regierung zu brauchen. Machen Sie
sich keine Sorgen, alter Freund: Sollte sich Ragrid als unschuldig erweisen,
und davon gehe ich aus, dann ist er schneller frei, als Sie Machtmissbrauch
aus Inkompetenz sagen können. Nun ist es erstmal meine Pflicht, ihn mit-
zunehmen.“
„Mitzunehmen?“ erschrak Rubeus. „Doch nicht nach Achterbahn, oder?“
„Sobald es ein weiteres Opfer gibt, kommst du sofort wieder frei, Ragrid“, ver-
suchte ihn Kornwallace zu beruhigen.
„Ich bin das weitere Opfer!“ schrie Rubeus.
„Das hättest du wohl gerne“, meinte Pfusch.

Auf einmal klopfte jemand an die Tür. Es handelte sich um eine Person, die
keinerlei Respekt vor den Türen anderer Leute besaß, selbst wenn sie aus
feinstem Sapelli-Mahagoni (Westafrika) geschnitzt waren. Ohne abzuwarten,
bis jemand öffnete, stürmte Luzifer Efeu die Hütte. Sein weißes Haar glänzte
im Lichte Rubeus kerzenhafter Innenbeleuchtung. Seine schwarzen Klamotten

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standen ihm gut. Aber das taten schwarze Klamotten aus Prinzip. Auf seinem
T-Shirt stand mit roter Schrift "Ich esse kleine Kinder" geschrieben. Scratch
wies darauf hin, seit heute Morgen noch nichts gefressen zu haben und er-
kannte die passende Gelegenheit. Zu seinem sichtbaren Bedauern hielt ihn
Ragrid zurück.
„Sie sind bereits eingetroffen, wie ich sehe“, sagte Luzifer. „Meine vollste An-
erkennung dafür, Mr. Pfusch.“
„Ja, ich konnte ganz ohne Ihre Hilfe hierher laufen, Mr. Efeu“, meinte Korn-
wallace.
Ragrid ging einen Schritt vor und ballte die Fäuste.
„Raus aus meinem Haus!“
„Glauben Sie mir“, entgegnete Luzifer. „Ich empfinde nicht das geringste
Vergnügen dabei, mich in ihrem sogenannten „Haus“ aufzuhalten. Aber man
sagte mir, dass der Schulleiter hier anzutreffen sei. Und dass Sie über eine
gewaltige Rumsammlung verfügen. Obgleich ich weder danach gefragt hatte,
noch in diesem Moment jener Tatsache meine Aufmerksamkeit schenken
konnte.“
„Was genau wollen Sie von mir?“ wollte Gandalf wissen und fügte hinzu: „...
Sie durch Inzucht entstandenes Überbleibsel einer faschistoiden Familie?“ Er
sprach noch immer höflich, doch Terry konnte den Zorn des Rektors in dessen
Augen erkennen.
„Eine unschöne Angelegenheit“, gähnte Efeu. „Aber so wie es aussieht,
fordert das bayerische Kultusministerium* einstimmig Ihren Rücktritt. Dies
hier ist ein Rücktrittsgesuch - Sie finden alle möglichen Unterschriften darauf.
Einige davon auch von den zuständigen Ministern. Ich befürchte, dass wir
zum Schluss gelangt sind, dass Sie nicht schnell genug auf die aktuellen Un-
annehmlichkeiten reagiert haben. Wie viele Angriffe gab es jetzt schon? Zwei
neue allein heute Nachmittag, wenn ich nicht irre. Blieben Sie im Amt, so
gäbe es in Rowlingstone bald keine Muggel-Geborenen mehr. Wir sind uns na-
türlich alle darüber im Klaren, dass das hocherfreulich wäre. Ähm - das wäre
ein schrecklicher Verlust, wollte ich natürlich sagen.“
„Nein, der Rücktritt Gandalfs kann momentan nicht im Interesse des Ministe-
riums liegen“, meinte Pfusch besorgt.
„Das ist eine Sache der bayerischen Kultusminister und nicht des Ministeri-
ums für Aberglauben“, stellte Efeu fest. „Und da der Schulleiter nicht in der
Lage war, die Angriffe zu stoppen ...“
„Wen halten Sie für geeignet, die Angriffe zu stoppen, Mr. Efeu?“ unterbrach
ihn Pfusch.
„Diese Frage wird noch früh genug beantwortet werden“, entgegnete Luzifer.
„Angesichts dessen, dass alle möglichen Leute unterschrieben haben ...“

Ragrid stampfte auf den Boden und brüllte: „Wie viele von ihnen mussten Sie
bedrohen oder erpressen, damit sie unterzeichneten? Wie viele, Efeu?“
„Also bitte! Die bayerischen Kultusminister waren schon für weitaus gra-
vierendere Dinge verantwortlich! Man muss sich das mal vorstellen: Sie haben
dafür gesorgt, dass sich das Schulsystem in Bayern seit dem Mittelalter kaum
verändert hat! Eine beachtliche Leistung, keine Frage. Außerdem glaube ich,
dass Sie ihr ungezügeltes Temperament noch einmal in große Schwierigkeiten
bringen wird, Mr. Ragrid. Ich möchte Ihnen den Ratschlag erteilen, niemals so
* Wenn irgend etwas an einem beliebigen Ort auf der Welt in Punkto Schulsystem schief lief,
so konnte man davon ausgehen, dass das bayerische Kultusministerium dafür verantwortlich
war. Und wahrhaftig trafen sich dessen führende Mitglieder regelmäßig im Ministerium für
Aberglauben, um den Erhalt mittelalterlicher Verhältnisse in den Magieschulen zu garantieren.

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mit den Wächtern von Achterbahn zu reden. Die werden das gar nicht gut
leiden können.“
„Nehmen Sie Gandalf mit und es wird noch viel mehr Opfer geben! Bald
werden Völkermorde folgen!“ brüllte Rubeus.
„Das will ich doch schwer hoffen“, murmelte Efeu, unhörbar für die anderen.
„Beruhige dich, Ragrid“, sagte Gandalf in gemäßigtem Tonfall, während er Lu-
zifer scharf in die Augen sah.
„Wenn die bayerischen Kultusminister fordern, dass ich zurücktrete, dann
werde ich das selbstverständlich tun.“
„Nein!“ schrie Ragrid.
„Aber ...“, wandte Kornwallace ein. „Alle denkbaren Schulleiter sind noch viel
unfähiger als Gandalf!“
„Wie dem auch sei ...“, erklärte der Rote laut und deutlich. „Sie werden fest-
stellen, dass ich diese Schule erst dann wirklich verlassen haben werde, wenn
meine Cannabispflanzen vertrocknet sind. Und Sie werden außerdem fest-
stellen, dass jeder, der in Rowlingstone nach Hilfe sucht, diese auch erhalten
wird.“

In diesem Moment hatte Terry den Eindruck, dass der ehemalige Direktor
ganz genau in seine und Rons Richtung blickte. Wenn er keine Drogen nahm,
konnte Gandalf offenbar recht helle sein.
Nach einer Weile sagte Efeu:
„Eine bemerkenswerte Haltung. Wir werden alle Ihren sehr – ähm – alterna-
tiven Weg vermissen, mit dem Sie die Schule geleitet haben, Professor, und
ich kann nur hoffen, dass Ihr Nachfolger in der Lage sein wird, 'Völkermorde'
zu verhindern.“
Luzifer öffnete die Tür und winkte Gandalf symbolisch nach draußen. Efeu
folgte ihm und Kornwallace wartete, bis Ragrid sein Schlusswort losgeworden
war:
„Sollte irgend jemand irgend etwas herausfinden wollen, so muss er nur den
Fröschen folgen. Sie werden ihn führen!“
„Wirklich?“ fragte Pfusch überrascht. „Dann sollte ich wohl öfters mal
Fröschen hinterher laufen. Danke für den Tipp.“
Rubeus machte sich auf den Weg nach draußen. Als er die Tür erreichte, hielt
er plötzlich inne und sagte:
„Und jemand sollte Scratch füttern. Sifferins gibt es ja noch genug - Zwinka,
Zwinka.“
Ragrid verschwand er nach draußen, doch Pfusch ließ es sich als Zaube-
reiminister nicht nehmen, die letzen Worte innerhalb von Ragrids Hütte zu
sprechen:
„Ob ich mich wohl auch von meiner Eigentums-Rumflasche verabschieden
würde, wenn ich eine hätte? Na ja, Selbstgespräche führe ich ja schon ...“
Als die Tür zuschlug, hörten Terry und Ron auf zu rauchen und wurden wieder
sichtbar.
„Jetzt stecken wir aber ordentlich in Schwierigkeiten“, meinte Ron. „Ohne
Gandalf lebt sich's gefährlich in Rowlingstone. Bestimmt wird die Schule bald
geschlossen."
„Ach was“, sagte Terry. „Es gibt keine Probleme, die sich nicht durch Gewalt
lösen ließen.“

-110-
Kapitel 15: Aragorn

Ron kratzte sich am Kopf.


„Folge den Fröschen - das klingt fast schon philosophisch.“
„Ragrid ist kein sehr tiefschürfender Mensch“, sagte der Junge, der überlegte.
„Falls er überhaupt ein Mensch ist - denke an seine gewaltige Größe und sei-
nen Umfang. Ich glaube daher, Rubeus meinte das wörtlich.“
„Und welchen Fröschen speziell sollen wir folgen?“
„Hm. Am ersten Tatort, wo Filzes Katzenhund hing - da haben wir doch beob-
achtet, wie Grasfrösche die Schule hinunter sprangen, weißt du noch?“
„Ah ja, genau! Wir hätten selbst darauf kommen können, ihnen nachzulaufen,
oder?“
„Hier passieren so viele sinnlose Dinge“, meinte Terry. „Da kann ja keiner
ahnen, dass etwas davon noch wichtig sein könnte.“
„Schau mal dort aus dem Fenster!“ rief Ron plötzlich.

Neben den Kürbissen vor Ragrids Hütte konnte Terry ein Rudel Frösche er-
kennen. Komisch genug, denn Amphibien lebten für gewöhnlich nicht in Ru-
deln. Sie hüpften in Richtung verbotener Wald.
„Alter Schwede“, stellte Terry fest. „Wie ungemein praktisch, dass die gerade
jetzt auftauchen!“
„Wir sollten zur Sicherheit Scratch mitnehmen“, schlug Ron vor.
„Was sagst du dazu, Sratch? Bist du dabei?“ fragte Terry den Tiger.
„Lieber nicht“ antwortete Ragrids Haustier. „Ich glaube, ich mache statt-
dessen einen Abstecher in den Sifferin-Gemeinschaftsraum. Ich habe Hunger.
Es sei denn, ihr braucht unbedingt meine Hilfe.“
„Nein, kein Problem“, meinte Terry. „Irgendjemand muss schließlich Sifferins
töten, solange ich nicht da bin.“

Der Magiernachwuchs verließ die Eigentumsflasche und wandte sich den


Fröschen zu. Terry holte seinen Zauberstab hervor und sagte „Licht!“ - mit
nahe liegendem Ergebnis. Doch Ron hatte Einwände:
„Wenn man einen Verdächtigen verfolgt, dann sollte man das Licht aus - und
nicht einschalten. Das weiß ich aus dem Muggel-Fernsehen.“
„Es ist nicht im eigentlichen Sinne möglich, etwas aus dem Muggel-Fernsehen
zu wissen, Ron. Das ist eher eine Frage des Glaubens und diverser Kartelle.
Außerdem gilt das nur beim Autofahren. Zumindest die mir bekannten
Frösche haben nicht einmal ein Bewusstsein, das ihnen Misstrauen ermögli-
chen würde. Noch dazu finde ich es nützlich, etwas zu sehen, wenn ich in
einem stockfinsteren Wald herum laufe.“
„Na gut, überredet. Wäre doch nur mein Zauberstab nicht zerbrochen ...“
Vorbei an einigen kahlen Nadelbäumen*, Dornenbüschen und allerlei exo-
tischem Gewächs, erreichten die beiden Nachwuchszauberer eine unheilver-
kündende Stelle, an der die Frösche den befestigten Waldweg verließen. Aus-
gerechnet jetzt hörten sie von überall her ein gruseliges Flüstern. Lauschte
man genauer, klang es nach:
„Da treibt das Treibholz. Treib es fort. Treib es weg von diesem Ort. Treib es
hin, war kein Gewinn. Ohnehin.“
„Die Freiwandler“, erklärte Terry. „Haben nicht alle Tassen im Schrank, wenn

* Ein eher ungewöhnliches Phänomen im frühen Sommer. Aber die Bäume wussten genau,
wie sie Atmosphäre schaffen konnten.

-111-
du mich fragst.“
„Und was jetzt?“ fragte Ron.
„Hast du dich gegen Zecken impfen lassen?“
„Nein ...“
„Na ja, macht nichts. Wahrscheinlich wirst du sowieso von weitaus größeren
Ungeheuern gefressen. Ich schlage vor, wir gehen nun weiter, sonst verlieren
wir noch den Anschluss an die Frösche.“

Hier im Dickicht konnten sie sich nicht mehr so schnell fortbewegen. Überall
lagen Steine herum, auch Äste und Wurzeln erschwerten das Vorankommen.
Dann und wann gesellten sich ein paar Knochen hinzu. Endlich trafen auch die
seichten Nebelschwaden ein. Sie waren etwas spät dran, weil sie auf der A8
im Stau gestanden waren. Terry sah sie an und verschränkte die Arme:
„Wurde auch Zeit!“
„Das finde ich gar nicht!“ wimmerte Ron. „Ich will weg! Es ist hier so
gruselig!“
„Bitteschön, du darfst meine Hand halten“, schlug Terry vor.
Ron versteckte seine Hände stattdessen hinter dem Rücken.
„Nein, das finde ich ein bisschen komisch ...“
„Ist doch kein Mensch da. Du musst schließlich die Nerven behalten.“
Ron ergriff Terrys Hand und fühlte sich tatsächlich gleich viel besser. Das
änderte sich schlagartig, als plötzlich eine Gruppe Totprügler die Beiden um-
zingelten, um sie auszulachen. Ron ließ die Hand wieder los.
„Klappe halten!“, forderte Terry. „Sonst werfe ich das hier in den Sumpf!“
Er zeigte auf sein „Freund der Totprügler“-Armband. Die Totprügler hatten es
Terry letztes Jahr geschenkt, nachdem der Junge Lord Himmler aus ihrem
Dorf vertrieben hatte.
„Du bist es!“ stellte einer von ihnen fest. „Terry! Können wir dir irgendwie
helfen?“
„Ja, ihr könntet mir eine Frage beantworten: Wohin laufen die Frösche?“
„Ach, das kannst du ganz leicht herausfinden“, erwiderte ein von einem bun-
ten Federkleid bedeckter Ureinwohner. „Du musst ihnen nur hinterher
laufen.“
„Danke“, sagte Terry, fügte murmelnd „ihr mich auch ...“ hinzu und heftete
sich wieder an die metaphorischen Fersen der Frösche. Die Totprügler fuhren
derweil mit Spurenlesen fort und taten allgemein Dinge, die Naturvölker eben
so taten. Zum Beispiel richteten sie ihre Bögen beizeiten in eine bestimmte
Richtung und schlichen sich mit fixiertem Blick an etwas heran, dann ließen
sie es doch lieber sein und tanzten um ein Lagerfeuer.

Nach etwa einer halben Stunde dramatischer Ereignislosigkeit („Terry, es will


mich fressen!“ - „Das ist ein Stein, Ron!“) erreichten die Jungs den Eingang
einer großen Höhle. Dort warteten sie und beobachteten die Frösche, welche
im Inneren verschwanden. Die Beiden hörten ein wildes Fauchen, dann ein
aggressives Kreischen. Aus der Höhle kamen Froschbeine geflogen.
„Sehr gut“, meinte Terry.
„Gut!? Was meinst du mit 'gut'!? Da sind bestimmt riesige Tiere drin, die mich
fressen wollen!“
„Ja, aber immerhin haben wir endlich unseren Bestimmungsort erreicht.“
Terry wagte sich näher an die Höhle heran und stolzierte schließlich aufrecht
hinein. Dort angekommen drückte er sich an eine Wand und schlich sich vor-
sichtig weiter. Nach einer Weile folgte ihm Ron.
„Warte, warte doch auf mich!“ wimmerte er.

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„Schhhht! Ich höre etwas. Merkwürdig, da sind Stimmen. Gehen wir weiter.“
Terry entdeckte Licht.
„Was, noch weiter?“
„Schhhht!“

Sie betraten einen großen Raum. Fackeln waren an den Rändern angebracht
worden. Sie tauchten den Ort in ein schwaches Licht, welches noch dazu die
Angewohnheit hatte, bedrohlich zu flackern. Ron hielt sich die Augen zu und
Terry riss die Selbigen auf. Der Actionheld rieb ungläubig seine Augenlider
und riss sie noch einmal auf. Nein, es konnte kein Zweifel bestehen: Vor ihnen
tummelte sich ein Rudel Velociraptoren*. Einige von ihnen kauten verträumt
Froschreste.
„Sind das Fleischfresser?“ flüsterte Ron entsetzt. Er hatte sein rechtes Auge
einen Spalt weit geöffnet und zwei Finger gespreizt, sodass er den Ausschnitt
mit den scharfen Zähnen darin erkennen konnte.
„Aber nein, Ron. Normalerweise fressen die nur Salat, die Frösche waren ein
Versehen und die Krallen brauchen sie zum Dosen öffnen.“
„Na, dann ist ja gut.“
„Moment. Sieh mal die da hinten!“ rief und flüsterte Terry gleichzeitig.

Einige der Raptoren. Sie spielten Zauberschach. Eine andere Gruppe von
Tieren lauschte einem Artgenossen, der eine seiner Kopfform angepasste
Brille trug. Er kritzelte etwas mit Kreide an eine Tafel. Andere hielten sich in
der Nähe der Bibliothek auf und lasen.
„Tja. Es gibt offenbar sehr viele Dinge, die man aus Millionen Jahre alten
Knochen nicht erahnen kann“, stellte Terry fest.
„Du sagst es. Nur, dass uns die Krallen manchmal im Weg sind“, merkte ein
Raptor an, der plötzlich hinter Ron auftauchte. Dieser nutzte die Situation, um
in Ohnmacht zu fallen.
„Hi“, grüßte Terry, während er seine Waffen auf den Dino richtete.
„Wir werden euch nichts tun“, versicherte das Reptil. „Zumindest vorerst
nicht.“
Das beruhigte Ron und er erwachte wieder aus seiner Ohnmacht.
„Lust auf eine kleine Führung?“ schlug der Dino vor.
„Aber immer."
Sie gesellten sich zu den Zauberschachspielern. Offenbar spielte ein Weib-
chen gegen ein Männchen**.
„Das sind Schnappzu und Fanggut. Sie sind seit zehn Jahren verheiratet und
haben letztes Jahr die britische Zauberschach-Meisterschaft gewonnen. Oh,
ich habe ja ganz vergessen, mich vorzustellen: Ich bin Redetviel, so zu sagen
Aragorns Außenminister.“
„Aragorn!?“ schreckte Ron auf. „Wir dachten, der wäre ein T-Rex ...“
„Das ist er. Aragorn ist schon sehr alt und schläft im Moment in der Höhle
dort hinten“, erklärte Redetviel. „Er ist mehr oder weniger unser Anführer.“
* Lange Schnauze, Hals, Schwanz und klauenbesetzte Arme. Sichelkralle an der Mittelzehe.
Etwa 0,8 m hoch und 1,8 m lang. Weibchen mit dunkelbraunem Federkleid und schwarzen
Längsstreifen auf dem Rücken. Männchen mit schwarzen Flaumfedern, roten Längsstreifen und
irokesenmäßigem Federkamm auf dem Kopf (Es handelte sich um die coolen Viecher aus Ju-
rassic Park, Aussehen jedoch auf den neuesten Stand gebracht ...).
** Terry kannte sich gut mit Dinosauriern aus. Er hatte sich immer einen gewüscht, der
seine Pflegefamilie auffressen würde. Leider schenkten ihm Tante Ficus und Onkel Valium
niemals einen davon. Irgendwann brachte Terry in Erfahrung, dass seine Lieblingstiere, die er
nur von Kinderbüchern kannte, ausgestorben waren. Mit diesem Wissen übertraf er seine
Pflegeeltern um einen Schritt in der Evolution.

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Der Raptor warf einen Blick auf Aragorns Schlafhöhle und drehte seinen Kopf
dann in Richtung Terry und Ron. Er flüsterte:
„Eigentlich ist er nur derjenige, der 'Angriff' schreit und Geschichten von der
guten, alten Zeit erzählt. Aber sagt ihm nicht, dass ich euch das mitgeteilt
habe. Denn wir alle respektieren ihn. Er war es, der unser intellektuelles Po-
tenzial erkannte und uns gefördert hat.“
Terry kicherte.
„Du meinst wohl: Er war es, der erkannt hat, dass ihr dumm genug seid, für
ihn zu jagen, wenn er sich genug bei euch einschleimt?“
„Schach matt!“ rief der weibliche Raptor und sprang freudig auf und ab.
Der populärste Zauberschüler der Magiewelt verfügte über ein seltenes
Talent: Er war dazu fähig, innerhalb weniger Minuten die Essenz einer Gesell-
schaft zu erkennen, um sich über sie lustig zu machen.
Redetviel ignorierte die Bemerkung und führte die Beiden weiter zu den Dinos
in der Nähe der Tafel.
„Das sind unsere Physiker“, erklärte der Raptor. „Sie sind kurz davor, eine
Formel zu finden, welche die Grundlage für die Naturgesetze beider
Dimensionen bildet. Diese Formel wäre praktisch die Lösung aller
physikalischen Geheimnisse. So eine Art Weltformel. Die Muggel suchen
schon lange ihr.“
Terry betrachtete die Formeln an der Tafel - zweifellos hohe Physik.
„Die Zauberer etwa nicht?“
„Hehehe - Die Zauberer! Der war gut, Junge, wirklich gut!“ lachte Redetviel.

Die beiden Jungs lauschten kurz der Physiker-Diskussion:


„Das geht nicht!“ meinte einer. „Wegen der heisenberg'schen Unschärferelati-
on: Man kann nicht gleichzeitig Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens fest-
stellen!“
„Hm. Vielleicht hast du Recht“, sagte ein anderer. „Moment mal: Der Ge-
schwindigkeitsmesser ist ja gar nicht an den Generator angeschlossen!“
„Ja, das war meine Idee“, erklärte Redetviel stolz. „Die ganze Höhle wird mit
einem Unglaubwürdigkeitssgenerator betrieben. Er entzieht der Unglaub-
würdigkeit unserer Existenz Energie und leitet sie an unsere Messinstrumente
weiter.“
„Verdammt: Du hast Recht!“ rief der erste Physiker-Raptor. Er verband das
Gerät mit dem Stromnetz.
„Hey: Seht euch das an!“
Sowohl das Gerät, das den Ort, als auch dasjenige, das die Geschwindigkeit
eines Teilchens messen konnte, zeigten Daten. Physiker waren sicherlich
schlau, oft jedoch auch zerstreut. Das war wohl der Hauptgrund für die noch
ungelösten Rätsel des Universums.

Plötzlich ertönte ein gähnartiges Brüllen aus Aragorns Schlafhöhle. Es ver-


anlasste den Außenminister-Raptor dazu, Terry und Ron zur Bibliothek zu füh-
ren. Er zeigte auf ein volles Glas, welches dort auf einem Tisch stand.
„Beobachtet das Wasser“, sagte er.
Ein eindrucksvolles Stampfen erklang. Das Wasser schwappte über und das
übrige bildete Wellen.
„Cool“, meinte Terry. „Es ist fast so, als hätte ich das Glas schwungvoll auf
den Tisch gestellt, nur eindrucksvoller durch das bevorstehende Eintreffen
eines Tyrannosaurus Rex.“
„Du sagst es“, bestätigte Redetviel. Aragorn erschien auf der Bildfläche. Er
war braun, grüne Querstreifen erstreckten sich von Hals bis Schwanz. Die

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rote Farbe seines Kopfes stach hervor wie ein Akadamiker auf einer Fa-
schingsfete. Auf seinem Haupt befanden sich zwei Hörner und ein Tattoo,
welches eine Artikelnummer zeigte. Seine Zähne hatte sich das Tier schon
lange nicht mehr geputzt. Ron wandte sich von ihm ab.
„Igitt!“
„Was erwartest du?“ fragte der Raptor. „Er ist ein Aasfresser! Die sind nun
einmal keine Augenweide.“
Als der T-Rex sie erblickte, quietschte er mit einer unerwartet hohen Stimme:
„Wer ist das? Ist das Ragrid?“
„Nein, es sind Schüler von Rowlingstone“, antwortete Redetviel. Das wusste
er, weil diese Schule der einzige Ort war, in dem man hier Kinder finden konn-
te. Im anliegenden Schweinsdorf gab es keine eingeborenen Kinder. Einem
Gerücht zufolge hatte man alle Bewohner des Dorfes sterilisieren lassen.
Leider schweigt sich das Gerücht über die Gründe dafür aus. An die Kinder
gewandt erklärte der Raptor: „Aragorn sieht nicht so gut.“
„Wozu auch? Schließlich kann er über alles drüber latschen, was ihm in den
Weg kommt“, meinte Terry und kicherte wie Ron über des gewaltigen Dinos
Stimme.
„Ach so. Dann fresst sie! Ach ja: Lasst mir die Schenkel übrig!“, befahl
Aragorn.
„Wir sind Freunde von Ragrid!“ schrie Ron und zitterte.
„Ragrid hat keine menschlichen Freunde“, meinte der T-Rex. „Höchstens
Gandalf. Aber der seid ihr offensichtlich nicht.“
„Rubeus ist in Schwierigkeiten. Deshalb sind wir gekommen“, erklärte Terry.
„Im Ministerium glauben sie, – zumindest offiziell – dass Ragrid die frag-
würdige Kammer der schieren Schrecklichkeit geöffnet und das Monster frei-
gelassen hat, darum hat man ihn nach Achterbahn gebracht.“
„Diese dummen Ignoranten! Sie haben mich damals für das Monster gehalten
und tun es immer noch!“
„Du bist es aber nicht, oder?“ fragte Ron ängstlich.
„Natürlich nicht!“ sagte der T-Rex. „Es ist noch viel zu früh im Roman für eine
Auflösung! Ragrid hat mich gezüchtet und gepflegt, das ist wahr. Er war wie
ein Vater für mich. Eines Tages jedoch wurde mir der Mord an Leonardo
angehängt, obwohl er selbst meinte, ich sei es nicht gewesen, das sei alles
halb so wild und man solle wieder Vernunft annehmen. Ich habe noch nie
einen Menschen getötet, das bringt nur Probleme mit sich! Trotz allem musste
ich fliehen. Seitdem verstecke ich mich hier im verbotenen Wald. Ragrid züch-
tete für mich die Raptoren - meine Kinder. Ich wollte für sie der Vater sein,
der Rubeus immer für mich gewesen ist. Hier leben wir von der Jagd auf
Pflanzenfresser und auf diverse Fabelwesen.“
„Du weißt nicht zufällig, wer oder was das Monster ist?“ fragte Terry.
„Es ist das Geschöpf, das wir fleischfressenden Dinosaurier mehr fürchten als
alles andere auf der Welt.“
„Frösche?“ riet Ron.
„Wohl kaum“, meinte Terry leise zu seinem Freund. „Du hast ja gesehen, dass
sie die gefressen haben.“
„Wir sprechen den Namen dieses Wesens nicht aus“, stellte Aragorn fest.
„Warum?“ fragte Ron.
„Das sagte ich doch schon: Es ist noch nicht an der Zeit für die Auflösung!
Wäre ja blöd, wenn ich alles vorwegnehmen würde.“
„Wie dem auch sei“, meinte Terry. „Ich denke, wir gehen dann. Man sieht
sich.“
In kluger Voraussicht entsicherte der Junge seine Waffen.

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„Das glaube ich kaum“, sagte Aragorn. „Ich denke, die Konsequenzen wären
erträglich, wenn wir euch fressen würden. Schließlich weiß gewiss niemand,
dass ihr hier seid. Außerdem könnt ihr nicht einfach ohne Einladung unsere
Höhle betreten und erwarten, sie lebend wieder zu verlassen. Macht's gut,
Freunde von Ragrid!“
„Es tut mir wirklich leid“, sagte Redetviel. „Zumindest ich werde euch nichts
tun, denn ich wäre ein schlechter Außenminister, würde ich Gäste von Aus-
wärts fressen. Leider sind nicht alle meine Artgenossen so diplomatisch ...“
Redetviel zog sich an den Rand der Höhle zurück und auf einmal sahen sich
die beiden Jungs von gut 20 Raptoren umzingelt.
„Nun werdet ihr sterben!“ stellte einer der Physiker-Dinos fest.
„Haben wir noch genug Salz?“ fragte ein anderer laut.
„Ich muss dich enttäuschen“, entgegnete Terry. „Jetzt gibt’s erst mal Saures!“

Der Brillenträger-Raptor springt nach vorne, während Terry auf ihn feuert. Die Kugeln verletzen
ihn zwar, können ihn aber nicht stoppen. Er drückt den Jungen mit seinen Klauen auf den Boden
und schnappt zu. Ein Faustschlag Terrys auf die Schnauze kann ihn vorrübergehend aufhalten, doch
erst mit der Flammenwerferfunktion der Avengers lässt er sich zum Rückzug motivieren. Terry
steht auf und gibt in weniger als drei Sekunden zwölf explosive Geschosse in verschiedene Rich-
tungen ab, doch die Tiere scheinen das bereits geahnt zu haben und weichen aus.
„Ein Kampf gegen ebenbürtige Gegner ist ja so unfair!“ bemerkt Terry an Rons Kopf gewandt.
Dessen Körper macht es sich derweil auf dem Lesetisch in der Bibliothek bequem. Neben seiner
Hand liegt der Klassiker A farewell to arms.
Terry steckt seine Avengers ein und läuft los. Mit einigen Sprüngen über die Raptoren hinweg er-
reicht er den Ausgang. Dieser wird blockiert von Aragorn. Ist es einem so großen Tier etwa
möglich, zu schleichen? Mit der Frage im Hinterkopf weicht er den 13 Zentimeter langen Zähnen
des T-Rex aus, was sich angesichts dessen Trägheit als sehr einfach erweist. Terry versucht es
schließlich mit Zeitlupe: Die Farben verwischen und die Höhle leuchtet auf. Ein Chor begleitet den
Effekt. Ähnlich wie der dunkle Lord sind jedoch auch die Raptoren in der Lage, die Zeit zu verlang-
samen, was Terrys Vorteil ausgleicht. Wieder eine Eigenschaft, die sich nicht aus Knochen ableiten
ließ. Schließlich bohrt sich eine Kralle in Terrys Oberschenkel. Er reißt sich los und rennt auf eine
Höhlenwand zu. Der Schmerz ist angesichts der Gefahrensituation betäubt, so dass nicht einmal
Magie benötigt wird. Er läuft seitlich an der Wand entlang und ruft: „Manifesto Lichtschwerter!“
Tatsächlich fliegen zwei futuristische Schwerthalfter an Aragorn vorbei in Terrys Hände.
Mit den Worten „Welch ungemein unwahrscheinlicher Zufall“ aktiviert er sie und springt mittels
Salto von der Wand ab. Mit dem roten Schwert schlägt der Junge dem Brillenträger-Dino den Kopf
ab, während Terry mit dem blauen Schwert die Bibliotheks-Raptoren vom Näherkommen abhält.
Rons Kopf lächelt erleichtert und Terry rennt auf Aragorn zu.
„Halt, warte!“ quietscht dieser. „Du musst gegen meine Sklaven kämpfen! Ich bin derjenige, der
dich dann frisst!“
„Du wärst besser ausgestorben geblieben!“ antwortet Terry, springt auf den T-Rex und bohrt beide
Schwerter in seinen Rücken. Er surft an des Dinos Schwanz entlang, springt ab und landet vor dem
Ausgang des Hauptraums.
„Das wirst du bitter bezahlen!“ brüllt Aragorn und fügt kurz danach hinzu: „Oh. Verflucht!“ In der
Mitte seines Kopfes zeigt sich ein blutiger Riss, bis schließlich sein ganzer Körper in zwei Hälften

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zerfällt.
„Sauberer Schnitt. Der Meisterbrief als Metzger ist dir sicher, Junge“, kommentiert Redetviel.
„Du hast den Führer ermordet!“ kreischt ein Physiker-Raptor.
„Das ist so eine Art Hobby von mir“, meint Terry, als Ron neben ihm auftaucht. Diesmal inklusive
Körper.
„Besser wir verschwinden hier, Ron. Und zwar gleich!“
Verfolgt von 19 Raptoren exklusive Redetviel und dem toten Brillenträger fliehen die Beiden aus
der Höhle. Endlich erreichen sie den Wald.
„Müssten die uns nicht schon längst eingeholt haben, wenn sie bis zu 90 km/h schnell sind?“ fragt
Terry.
„Eigentlich schon“, antwortet der Autor. „Aber das hätte nicht zur Handlung beigetragen. Steigt
ein!“
Der fliegende Trabi landet auf einer Lichtung in der Nähe der Höhle. Terry und Ron laufen darauf
zu und springen durch die offene Hintertür.
„Und los geht's“, meint der Autor, als der Wagen abhebt. Terry erkennt Darwin auf dem Beifahrer-
sitz.
„Hallo, ihr zwei jungen Magier! Wusstet ihr, dass das hier meinen Theorien grundlegend
widerspricht? Es ist ja alles so aufregend!“
„Nietzsche wollte nicht mitkommen“, erklärt der Autor. „Er hält die Szene für blöd, weil ich nicht
in mein Buch eingreifen soll.“
Der Trabi schwebt schon fast zwei Meter über dem Boden, als plötzlich zwei Raptoren daran hoch
springen und sich an die seitlichen Stoßdämpfer klammern.
„Mist! Wir können mit diesem Schrottauto bei dem Gewicht nicht weiterfliegen!“ schreit der Autor.
Auf einmal reißt Darwin die Beifahrertür auf und tritt einem der Dinos auf die Klauen. Dieser fällt
kreischend in die Tiefe und der Wagen steigt ein wenig höher.
„Ach, was soll's?“ meint der Autor, öffnet seine Tür und wirft auch den anderen Raptor nach unten.

Terry lümmelte sich in das Polster des Rücksitzes.


„Nicht schlecht! Ihr Beiden habt's echt drauf!“
„Danke, mein Junge“, sagte Darwin gerührt. „Ich wünschte, das hätte man mir
zu Lebzeiten auch ein paar Mal gesagt.“
„Was hat uns das Ganze eigentlich gebracht?“ fragte Ron, noch immer er-
schüttert und mit zitternder Stimme.
„Wir wissen nun, dass Ragrid definitiv unschuldig war und ist“, antwortete
Terry. „Aber: Das war ohnehin völlig klar und die Raptoren werden wohl kaum
im Ministerium aussagen, daher hat es uns gar nichts gebracht.“
„Doch, aber sicher!“ wandte der Autor ein. „Es war die längst überfällige Ac-
tionszene, die bislang längste in meiner Parodiereihe überhaupt!“
„Na dann: Herzlichen Glückwunsch“, meinte Ron. „Wäre es möglich, mich
nächstes Mal nicht zerteilen und auffressen zu lassen?“
„Wir werden sehen“, antwortete der Autor lächelnd.
Rowlingstone kam näher und der Trabi tauchte ins glitzernde Mondlicht ein.
Ein Rad und der Auspuff fielen herab und verschwanden irgendwo im verbo-
tenen Wald.

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Kapitel 16: Die fragwürdige Kammer der schieren Schreck-
lichkeit

Ron zeigte auf den Boden.


„Das muss die Stelle sein, wo Hermione und das andere Opfer eingeeist
wurden!“
Er und Terry hatten vermutlich gerade Geschichte des Aberglaubens, oder so
etwas ähnliches. Sie befanden sich in einem Gang nahe der Bibliothek. Laut
McGonekel hatte sich hier der Unfall, Anschlag oder was auch immer er-
eignet.
„Hier sind keinerlei Spuren oder Hinweise zu erkennen“, bemerkte Terry.
Silenzia, welche den Posten der Übergangsrektorin bekleidete, erblickte die
Beiden und lief auf sie zu.
„Rotter, Grievly: Was machen Sie denn hier?“
„Wir untersuchen den Tatort“, erklärte Terry.
„Haben Sie nicht gerade Unterricht?“
„Keine Ahnung. Gut möglich.“
„Rotter: Sie treiben es allmählich zu weit! Entweder Sie lassen sich jetzt eine
halbwegs passable Ausrede einfallen, oder ich muss Ron einen Verweis
geben!“
„Wir befinden uns soeben auf dem Weg zu Hermione. Es tut uns Leid, dass wir
uns zum Krankenflügel schleichen wollten, obwohl wir Unterricht haben. Der
vorübergehende Verlust unserer engsten Freundin hat uns tief erschüttert.“
„Ich werde Ihnen das einmal durchgehen lassen, Rotter. Obgleich der Kran-
kenflügel in einem gänzlich anderen Teil der Schule liegt. Es wird Sie freuen
zu hören, dass die Dendriten schon morgen in der Lage sein werden, die Ein-
geeisten wieder aufzutauen. Angesichts Ihrer Ausrede werden Sie Ihre Freun-
din nun dennoch besuchen müssen. Ich erteile Ihnen offiziell die Erlaubnis da-
zu.“
„Danke, Professor McGonekel“, sagte Terry und lächelte.

Terry und Ron saßen neben Hermiones Bett und spielten „Snake explodiert“.
Gelegentlich überlegten sie laut, welche Spielzüge ihre Freundin wohl getä-
tigt hätte. Madam Pommes sah den Beiden ungläubig zu.
„Ms. Stranger wird Sie nicht hören, Mr. Rotter! Sie verschwenden Ihre Zeit!“
.
„Meine liebe Gutmine“, sagte Terry. „Wollen Sie nun die Dinge, die ich in Ih-
rem Medikamentenschränkchen fand, zurück haben, oder nicht?“
„Ich habe nichts gesagt“, antwortete Madam Pommes und ging ihrer Wege.
„Hey!“ meinte Ron. „Sieh mal: Hermione hält einen zusammengerollten Zettel
in ihrer Hand!“
Terry nahm den Zettel und sagte: „Sehr wahrscheinlich, dass der noch nie-
mandem aufgefallen ist.“
Er setzte sich näher zu Ron, damit auch er ihn lesen konnte:

Das Buch der magischen Kreaturen

Band 1: Die Viecher, die uns bis zur Drucklegung eingefallen sind

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2. Auflage mit illustrierten Zeichnungen von Dingen, die nicht mit dem Inhalt in
Verbindung stehen, wie zum Beispiel diverse Spiegel und ein paar Werkzeuge
aus dem Bergbaubereich.

1. Das Blödsviech

Von all' den furchtbaren Bestien und Monstern, die jemals das Land heimsuch-
ten, ist keines eigenartiger oder tödlicher als das Blödsviech, auch bekannt als
der König der Amphibien. Diese Kaulquappe, die kein bisschen größer ist als
normale Kaulquappen, kann mehrere hundert Jahre alt werden und entschlüpft
einem Turnschuh, der in der Nähe von Fröschen lebt. Seine Tötungsmethoden
sind höchst verwunderlich, denn abgesehen von seiner strategisch geringen
Größe und seiner scheinbaren Harmlosigkeit hat das Blödsviech einen tödli-
chen Blick, bei dessen Erwiderung der Erwidernde den sofortigen Tod erleidet.
Das Blödsviech flieht nur vor dem Schlürfen von lebenden Schuhen, welches
tödlich für ihn ist. Fleischfressende Dinosaurier fliehen wiederum vor dem
Blödsviech, weil er ihr Todfeind als Vorgänger in der evolutorischen Entwick-
lung ist und die Entstehung der Reptilien beinahe verhindert hätte. Jedoch sind
seit über hundert Jahren keine lebenden Blödsvieche mehr entdeckt worden,
genau so wenig wie Dinosaurier. Wir können nur hoffen, dass Ragrid nicht auf
die Idee kommt, welche zu züchten.

Terry zog eine Augenbraue hoch.


„Diese Lexikaautoren haben einen beachtlichen Weitblick."
„Warte, da steht noch etwas“, sagte Ron.
Nun sah Terry es auch: Hermione hatte mit ihrer erotischen Handschrift das
Wörtchen Rohre neben den Eintrag auf der kopierten* Lexikonseite ge-
schrieben.
„Das verstehe ich nicht“, meinte Ron. „Wieso Rohre?“
„Ist doch klar: Das Monster ist eine Kaulquappe, die in den Rohren der Wände
Rowlingstones umher schwimmt. Deshalb konnte ich auch seine Stimme hö-
ren, ohne das Tier zu sehen.“
Rons Gesichtsausdruck präsentierte Anzeichen von Erleuchtung und kehrte
kurz darauf zur Verwirrung zurück.
„Aber: Seit wann sprichst du Kaulquappisch?“
„Oh, Ron! Was ist denn eine Kaulquappe? Ein junger Frosch! Da ich bekannt-
lich ein 'Dummschwätzer' bin, also mit Fröschen reden kann, war nur ich in
der Lage, diese Stimme zu hören!“
„Ja, aber warum ist niemand tot und alle nur eingeeist?“
Terry zögerte kurz (0,012 Sekunden) und hatte dann die Erklärung parat:
„Weil das Blödsviech niemandem direkt in die Augen geblickt hat! Colin hat es
durch seine Kamera gesehen, als er das Ding fotographieren wollte, welches
meine Freundin eingefroren hat. Sein Film mit Aufnahmen von mir in allen
Lebenslagen ist zum Glück verbrannt. Nein Moment ...“
Terry ging hinüber zu Colin und sah sich dessen Kamera an. Er nahm die SD-
Card** heraus.

* Das Kopieren von Seiten funktionierte in der Magiewelt per folgendem Zauberspruch: „Ko-
piere: Gewünschte Seitenzahl!“, einem Antippen mit dem Zauberstab und dem präventiven
Hinweis: „Du erinnerst dich doch bestimmt noch an die Bücherverbrennung, nicht wahr?“
** Magische Kameras verwandten eine Mischung dreier verschiedener
Aufnahmetechniken: Die alte Methode, die das Einlegen eines Films erforderlich machte, die
neue digitale Aufnahmetechnik und eine Bonusfunktion, welche die Zauberer als einzige nicht

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„Wie ich es mir dachte: Sowohl der Film, als auch die Speicherkarte sind im
Arsch.“
„Und das bedeutet?“ fragte Ron.
„Das bedeutet, mein einfältiger Freund, dass eine doppelte Abschirmung not-
wendig ist, um nicht von dem Blick des Monsters getötet zu werden. Ich
vermute einfach mal, dass eine einfache Abschirmung auch nicht tötet, aber
zu schweren Verletzungen führt. Das Ganze hat sich wohl folgendermaßen
abgespielt: Der fast gliederlose Nick war dem Blick des Blödsviech ausgesetzt,
jedoch durch eine Abschirmung, nämlich dem Fenster, aus welchem er schau-
en wollte. In diesem Fenster spiegelte sich das Monster, welches sich zur
Tatzeit in einem offenen Rohr aufhielt, das sich in der gegenüberstehenden
Wand befindet. Natürlich konnte Nick in seiner Geistform nicht schwer
verletzt werden, also wurde er nur von einer Eisschicht umhüllt. John Shutter
sah vermutlich durch unseren Hausgeist hindurch zum Fenster, weil es ihn in-
teressiert hat, wohin Nick da blickte. So erwischte es beide.“
„Was ist mit Hermione?“ fragte Ron.
„Sie hatte doch diesen Handspiegel bei sich, erinnerst du dich?“
„Ja."
„Ich vermute, dass sie mit dem Spiegel überprüfen wollte, ob der Name des
Monsters, also 'Blödsviech' spiegelverkehrt gelesen mehr Sinn ergibt und
vielleicht nicht ganz so dämlich klingt. Wir können darauf schließen, dass
neben der Seite mit dem Eintrag über das Monster in diesem Lexikon ein
Spiegel abgebildet war - hier funktionieren Abbildungen von Spiegeln inter-
essanterweise genau wie echte Spiegel. Das bedeutet, dass das Monster auf
die Buchseite mit der Spiegelabbildung geblickt haben muss. Sein Blick wurde
auf den Handspiegel reflektiert und dann zu Hermione geworfen. Das hat sie
eingeeist.“
„Du bist ein Genie, Terry! Auf so etwas kann ein normal denkender Mensch
nun wirklich nicht kommen!“
„Danke, Ron.“
„Aber: Wer hat die Wand beschmiert und Filzes Katzenhund aufgehängt?“
„Das weiß ich nicht. Aber wir werden es bestimmt noch heraus finden. Hm.
Ich habe da so einen leisen Verdacht ... Nein, das würde nicht einmal er fertig
bringen. Hey, aber mir fällt da ein weiterer Hinweis ein, der meine Thesen be-
stätigt: Das Blödsviech flieht nur vor dem Schlürfen von lebenden Schuhen,
welches tödlich für ihn ist. Jemand hat Ragrids Schuhe ermordet! Der Erbe
Sifferins wollte keine davon in der Nähe der Schule haben, nachdem er die
Kammer geöffnet hatte!“
„Aber es heißt doch, fleischfressende Dinosaurier würden vor dem Blödsviech
fliehen. Dennoch haben sie die Frösche verputzt, denen wir gefolgt waren."
„Das Blödsviech ist nicht irgendein Frosch, Ron. Es ist eine bestimmte Art von
Kaulquappe. Nur vor dem Blödsviech selbst wären die Raptoren geflohen.
Allerdings scheint dieser Umstand den Fröschen unbekannt gewesen zu sein,
daher sind sie blauäugig in die Höhle reingelatscht. Kommt davon, wenn man
nicht einmal ein Bewusstsein hat. Dann hat man eben auch keines für Gefah-
ren.“
„Moment mal“, sagte Ron. „Das Monster lebt in den Rohren der Schule, könn-
te es also nicht sein, dass der Eingang zur Kammer ...“
„Ausgezeichnet, Ron! Er befindet sich wahrscheinlich in einer Toilette -
schließlich spielt sich ein unglaublich großer Teil unserer Abenteuer in Toi-

aus der Muggel-Welt geklaut hatten: Die magische Animation der Bilder - die eine
Bewegungsaufnahme über mehrere Sekunden erforderlich machte.

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letten ab. Doch in welcher? In Leonardos Toilette! Dort ist er doch vor 50 Jah-
ren gestorben, als er sich übergeben wollte!“
„Genau!“
„Also kann ich nicht der einzige 'Dummschwätzer' in dieser Schule sein. Der
Erbe Sifferins muss schließlich mit dem Blödsviech kommunizieren können!“
„So muss es sein“, bestätigte Ron. „Und was machen wir jetzt?“
„Wir gehen zum Lehrerzimmer und warten auf McGonekel. Die Pause fängt
gleich an.“
Wann Pausen waren, wusste Terry nämlich genau. In diesem Fach waren alle
Schüler sehr talentiert und wissbegierig, sogar diejenigen, die ohnehin nie
zum Unterricht gingen.

Als die Beiden auf dem Weg zum Lehrerzimmer waren und gerade in einen
anderen Gang einbiegen wollten, entdeckten sie dort eine Ansammlung ver-
schiedener Lehrkräfte, die eine Wand anstarrte. Die Jungs versteckten sich an
der Mündung zu jenem Gang und lauschten gespannt.
„Nun ist es geschehen“, erklärte McGonekel. „Jemand wurde von dem Mons-
ter verschleppt - wahrscheinlich direkt in die fragwürdige Kammer!“
„Woher wollen Sie das wissen?“ fragte Snake.
„So machen Sie doch die Augen auf: Der Erbe Sifferins hat uns eine weitere
Nachricht hinterlassen, gleich hier unter der alten! An eben jener Wand, die
Sie seit fünf Minuten anstarren!“ sagte Lotleak und las sie vor: „Sein Skelett
wird für immer in der Kammer liegen bleiben und langsam verfaulen!“
„Knochen verfaulen nicht!“ zischte Terry, fast ein bisschen zu laut. Ron stieß
ihm in die Rippen.
Professor Pimpf brach in Tränen aus.
„Wer ist es?“ fragte Madam Lutsch. „Welchen Schüler hat das Monster
verschleppt?“
„Wenn es denn nur ein Schüler gewesen wäre“, sagte McGonekel. „Das Mons-
ter hat Gandalf verschleppt!“

Diese Offenbarung löste eine Mischung aus Betroffenheit und Fassungslosig-


keit aus, vermengt mit einer Prise War-ja-mal-wieder-klar.
„Das letzte Mal, als ich ihn sah, war er gerade dabei, ein paar letzte Sachen
aus seinem Büro zu holen“, erklärte Silenzia. „Er warf einen Blick in ein Buch,
sagte 'wenn du meinst' und rannte hinaus. Als ich dieses Geschmiere an der
Wand entdeckte, war mir klar: Das Monster musste ihn verschleppt haben!“
„Ja, aber was machen wir denn jetzt?“ fragte Madam Lutsch ratlos.
„Ich denke, es handelt sich um eine sehr schwierige Aufgabe, das Monster zu
bekämpfen und Gandalf zu befreien“, stellte Snake fest. „Von daher sollten
wir das tun, was wir immer tun, wenn uns schwierige Aufgaben bevorstehen.“
„Gandalf die Schuld geben und darauf vertrauen, dass die Leute sagen
werden: 'Das erklärt alles'?“ fragte Professor Wurzel.
„Nein: Wir lassen den Neuen die Arbeit machen“, erklärte Snake.
„Schön, dass Sie mir das so offen mitteilen ...“, bemerkte Timidus.
„Stimmt! Sie haben doch all' diese Bücher über Heldentaten geschrieben!“
stellte Madam Lutsch fest. „Das ist doch Ihre Chance zu beweisen, dass Sie
wirklich so heldenhaft sind!“
„Ich glaube, dass Sie meine Bücher niemals gelesen haben“, meinte Lotleak.
„Diese Geschichten handeln nämlich nicht von mir ...“
„Dann hätten Sie das mal lieber nicht behauptet!“, sagte Snake kühl.
„Ich habe das niemals behauptet! Außerdem: Woher soll ich wissen, wo der
Eingang zur Kammer ist?“

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„Dann ist die Sache ja geklärt“, stellte McGonekel fest. „Professor Lotleak: Ich
wünsche Ihnen viel Glück!“
„Also ... Na gut. Ich bin dann in meinem Büro und mache mich fertig.“
Timidus verließ den Schauplatz des künstlerisch zweifelhaften Bagatelldelikts.
„Gut“, stellte McGonekel fest. „Da wir dies nun geklärt hätten: Ich bitte dar-
um, dass alle Hauslehrer ihre Schüler augenblicklich davon in Kenntnis
setzen, dass die Schule geschlossen wird. Der Rowlingstone-Express wird sie
morgen früh abholen. Die restlichen Lehrkräfte sorgen bitte dafür, dass nie-
mand mehr auf den Gängen umher irrt.“

Zögerlich verließen alle nacheinander die Szene. Auch Terry und Ron - sie
machten sich auf den Weg zu Lotleaks Büro, um ihm alles zu erzählen, was sie
bislang herausgefunden hatten. Zumindest Ron war felsenfest dazu ent-
schlossen, seinen Lehrer auch in die Kammer zu begleiten. Schnellen
Schrittes führten die Beiden eine knappe Konversation:
„Der Erbe Sifferins muss Gandalf deshalb entführt haben, weil er etwas über
die Kammer herausgefunden hatte“, meinte Ron. „Oder, er wollte den Direk-
tor aus dem Weg schaffen, damit er in aller Ruhe sein Monster auf die Mug-
gel-Geborenen loslassen kann.“
„Ich habe noch eine weitere Theorie, Ron. Aber ich wage es nicht einmal, sie
auszusprechen“, meinte Terry.
Ohne anzuklopfen riss der narbentragende Held die Tür auf und konfrontierte
Timidus mit seiner blanken Anwesenheit. Lotleak trug graue Lederkleidung
und stand zitternd vor einem Spiegel. Ron trat ein und schloss die Tür.
„Oh! Hallo Terry, hallo Ron! Fasst euch kurz, ich begebe mich gleich auf eine
gefährliche Mission! Zumindest insofern ich den Eingang finde - diese Klei-
dung enthält eine magische Panzerung“, erklärte er, Schweißperlen auf der
Stirn. „Toll, nicht wahr?“
„Bringt vermutlich nicht viel“, meinte Terry. „Trotzdem eine nette Idee.“

Die zwei Freunde erzählten Lotleak alles, was sie über die Geschehnisse rund
um die Kammer wussten.
„Danke, Kinder. Leider konnte mich das keineswegs beruhigen. Aber: Sie
haben ja Recht! Es ist meine Pflicht als Missbrauch-der-dunklen-Künste-Leh-
rer, dieses Monster aufzuhalten und beim heiligen Merlin, das werde ich auch
tun!“
„Trotzdem war es unfair von den anderen Lehrern, Ihnen Ihre Geschichten
vorzuhalten“, wandte Terry ein. „Sie geben schließlich offen zu, Abenteuer
anderer Magier zu sammeln und sie in Erzählform zu veröffentlichen. Das ist
nichts Ungewöhnliches. Eigentlich gibt es kaum einen Abenteurer, der jemals
selbst über seine Erlebnisse ein brauchbares Buch geschrieben hat. Kein
Wunder, das kann schließlich nicht jeder. Einige der erfolgreichsten Bücher
handeln von den Erlebnissen anderer Menschen! Zum Beispiel die Bibel -
immerhin das zweiterfolgreichste Buch aller Zeiten!*“
„Wow! Danke, mein Junge! Das hat mir etwas Mut gemacht!"
„Gut, denn ich denke, Sie sind echt in Ordnung und ich habe Ihnen Unrecht
getan, als ich glaubte, sie seien hinter Hermione her. Eine recht dumme
Annahme, im Nachhinein betrachtet ...“
Rons Mund klappte auf.
„Du sagst mal etwas Positives, Terry? Das hast du doch noch nie gemacht!“

* Gleich nach Harry Potter. Ehrlich, das stimmt. Ich hätte die Bibel auch nie für so erfolgreich
gehalten.

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„Ich werde es auch bestimmt nie wieder tun, wollte nur einen Fehler korri-
gieren“, rechtfertigte sich Terry.
„Das sollte kein Vorwurf sein!“

Die potenziellen Retter begaben sich zu Leonardos Mädchentoilette, klopften


an und traten ein. Terry erzählte seinem in doppelter Hinsicht geistreichem
Freund, was sie über die Kammer wussten und warum sie hier den Eingang
vermuteten.
„Natürlich, du hast Recht!“ sagte Da Vinci. „Darauf hätte ich eigentlich auch
selbst kommen können - aber na ja: Man kann nicht alles wissen!“
„Eben. Wie, meinst du, könnte man den Eingang öffnen und wo genau ist er?“
„Hm. Ich vermute, dass er sich unterhalb dieses Raums befindet ...“
„Sag doch mal was in dummschwätzerisch!“ schlug Ron vor.
„Gute Idee“, entgegnete Terry. „Ähm. Wie wäre es mit: 'Geh auf!'“
„Das war Englisch, Terry“, stellte Lotleak fest. „Versuche doch mal, dir einen
Frosch vorzustellen, während du die Worte sprichst - wobei ich damit keinen
Frosch im Halse meine.“

Nietzsche schlug sich auf die Stirn.


"Gott, war der schlecht!"
Der Autor grinste.
"Ich dachte, du denkst, Gott sei tot?"
"Der war noch schlechter!"

Terry befolgte den Vorschlag und er erwies sich als brauchbar: In der Mitte
der Toilette zersplitterten Kacheln und ein Riss entstand. Schließlich erstreck-
te sich dieser über den gesamten Raum hinweg und wurde breiter. Der Boden
verschwand allmählich unter den Füßen der Anwesenden. Abgesehen von Leo-
nardos, der in der Luft schwebte.
„Ich wünsche euch viel Glück“, sagte er. „Aber ich werde euch nicht beglei-
ten, denn für Actionfilme gibt es geeignetere Anwärter als mich.“
„Man sieht sich“, stellte Terry fest und sie fielen hinab. Sie fielen hinab in ein
riesiges Loch, das sich bis tief ins dunkle Nichts erstreckte. Wie durch ein
Wunder wurden sie zu Beginn der nun folgenden Rutschpartie nicht
zerschmettert. Mit engen Kurven und extremen Neigungen präsentierte sich
vor ihnen eine Gummirutsche, auf die Walt Disney bestimmt neidisch gewesen
wäre, denn ihr farbenfrohes und fröhliches Design war mehr als kindgerecht.
Wahrlich begegneten sie auf ihrem Weg des öfteren einer Maus, was auf eine
finanzielle Beteiligung Disneys am Bau der Kammer schließen ließ, oder auf
mangelnde Hygienevorschriften.

Endlich erreichte die Rutsche ihr Ende. Die drei Helden wurden nacheinander
hinaus geschleudert und landeten auf einem Knochenhaufen. Ihr Empfang
wurde garniert durch graue Felswände und schlechte Sichtverhältnisse. An
dieser Stelle hätte der gute Walt gewiss ein paar Optimierungen vornehmen
wollen. Terry stand auf, zog seinen Zauberstab, sagte „Licht!“ und sah sich
die Knochen näher an.
„Sie stammen von Dinosauriern“, stellte er fest. „Das sind ja ganz schön viele -
unerwartet gefräßig, so eine Kaulquappe.“
„Wir müssen ja Meilen von der Schule entfernt sein!“ bemerkte Ron.
„Vermutlich irgendwo in der Nähe des Sees“, sagte Timidus. „Oder in
Memphis, Tenessee, wo seit 1866 der gottverdammt beste Whiskey des
Südens gebrannt wird.“

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„Werden Sie eigentlich dafür bezahlt?“ fragte Terry.
„Nein, ich übe nur für den Ernstfall.“

Langsam und vorsichtig gingen sie weiter durch die Höhle. Hin und wieder
glaubten sie, ein Geräusch zu hören, das Ron Angst einjagen wollte. Auf ein-
mal rutschte jener auf einem mysteriösen Etwas aus und brach sich den
Schädel. Terry begutachtete nun das mysteriöse Etwas, während sich Lotleak
um Ron kümmerte.
„Sieht aus wie die Haut eines winzigen Tieres“, meinte er.
„Ich wusste gar nicht, dass sich Kaulquappen häuten“, entgegnete Ron,
wieder lebendig.
Plötzlich musste er niesen. Das Geräusch hallte noch eine Weile nach und
bildete Echos, weil es mit nur einem Echo nicht zufrieden war. Die Höhle
stürzte ein. Die furchtlosen Drei rannten so schnell sie konnten weiter, doch
auf einmal fielen Felsbrocken von der Decke herab und landeten genau auf
Ron und vor Timidus. Terry blickte nach oben: Er sah Licht, vielleicht konnten
sie später durch die Öffnung fliehen, zumindest, wenn sie Lust hatten, ein
paar Stunden lang zu klettern.
„Verdammt: Wir kommen hier nicht durch!“ sagte Ron.
„Na toll. Jetzt muss ich alleine das Monster besiegen und Gandalf retten! Hät-
te ich mir eigentlich denken können... Geht es euch Beiden gut?“ fragte Terry.
„Ja, abgesehen davon, dass wir hier eingeschlossen sind“, meinte Lotleak, als
er erfolglos versuchte, einen Felsen zu heben. „Ich könnte vielleicht versu-
chen, die Felsen mit Magie beiseite zu schieben, aber das würde ein Weilchen
dauern.“
„Ja, machen Sie das! Sie werden ohnehin nichts Besseres zu tun haben, bis ich
wieder da bin“, sagte Terry.
„Viel Glück, Terry! Und pass auf dich auf!“ meinte Ron, noch immer unter
dem Felsen eingeklemmt.
„Ja, viel Glück, mein Junge! Wenn es jemand schafft, eine Kaulquappe zu
besiegen, dann du!“

Terry rannte weiter, tiefer in die Höhle hinein, seinen leuchtenden Zauberstab
in einer Hand haltend, bis er an einem Tor zum Stehen kam. Es war scheinbar
aus Stein gefertigt und zeigte das Bild eines besonders bedrohlichen Fro-
sches. Terry betrachtete ihn und sagte auf dummschwätzerisch: „Geh auf!“
Das Bild des Frosches quakte und das Tor zerbrach. Tausend kleine Steine
verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Zumindest eine ungewohnte Art
für ein Tor, sich zu öffnen.

-124-
Kapitel 17: Der Erbe Sifferins

Die fragwürdige Kammer der schieren Schrecklichkeit. Endlich. In gewisser


Hinsicht: Endlich. Denn so sehr freute sich Terry dann auch wieder nicht, hier
zu sein. Er stand am Ende einer ziemlich langen, schwach beleuchteten
Kammer. Augen waren es, die das giftgrüne Licht aussanden, welches die
Kammer erhellte. Genauer waren es die Augen riesiger Froschstatuen, die in
zwei randlichen Reihen parallel zueinander bis an das andere Ende der
Kammer reichten und ihr jeweiliges Gegenüber wortlos anstarrten. Hin und
wieder schnappten sie nach Fliegen, vermutlich nur alibihalber, denn es gab
hier kein erwähnenswertes Leben. Wobei man darüber streiten konnte, ob
Fliegen erwähnenswert gewesen wären. Auf jeden Fall konnte man zu-
sammenfassend sagen: Es war so, wie auf einer Dinnerparty*, nur noch lang-
weiliger und ohne Essen.

Terry zog seine Avengers. Gemächlich schritt er voran, mit offenen Augen und
wachen Reflexen. Seine Schritte hallten laut wieder, was einem ziemlich auf
die Nerven gehen konnte. Er achtete auf jedes Anzeichen von Bewegung, fast
enttäuscht musste er feststellen, dass da nichts war, was sich hätte bewegen
können. Zum Beispiel Gandalf: Er lag reglos am anderen Ende der Kammer
unter einer Statue, die zugleich als Stützpfeiler diente - wie ungemein prak-
tisch und originell. Sie stellte Sakrilegus Sifferin dar. Er trug einen langen,
grauen Bart und hatte Gesichtszüge, die auch steinern gewesen wären, hätten
sie nicht aus Stein bestanden, also etwa wie auf seinem Porträt vor dem Siffe-
rin-Gemeinschaftsraum. Wer hatte das alles hier wohl gebaut? Auf jeden Fall
verstand er einiges von Bildhauerei. Terry stellte sich Sakrilegus vor, wie er
auf dem Rollstuhl hier hindurch sauste, um zu mauern und zu meißeln. Er
musste schmunzeln. Nach einer ausgiebigen künstlerischen Betrachtung der
Statue widmete sich Terry seinem Schulleiter. Gandalfs Gesicht fühlte sich
kalt an, doch sein Herz schlug noch. Gerade als der Junge zu peinlichen
Wiederbelebungsmaßnahmen ansetzen wollte, unterbrach ihn eine bekannte
Stimme:
„Er wird nicht aufwachen.“

Terry drehte sich blitzschnell um. Die Stimme hatte schwarze Haare, war
recht groß, jung und sah gut aus. Ja, es handelte sich allem Anschein nach um
Tim Marlboro Rätsel. Und: Er war nicht einen Tag gealtert.
„Ah, Tim“, stellte Terry fest und machte einen gedanklichen Strich auf seiner
Anwesenheitsliste. „Warum wird er nicht aufwachen? Ist er tot?“
„Nein, er lebt noch“, meinte Rätsel. „Gerade noch so.“
„Na ja, das ist ja nichts weiter Beunruhigendes oder Neues bei Gandalf. Wer
so viele Drogen nimmt, muss damit rechnen, dass er irgendwann nicht mehr
so lebendig ist, wie früher.“
„Ähm. Das mag wohl sein, aber ...“, antwortete Rätsel zögerlich.
„Also gut: Was bist du?“ fragte Terry. „Ein Geist? Ein Prominentendouble?“
„Eine Erinnerung“, erklärte Tim. „Konserviert im Inneren eines Tagebuchs,
seit nunmehr 50 Jahren.“
Rätsel verwies mittels Zeigefinger auf das Buch, in das Terry schon einmal ge-

* Weil sich auch auf solchen Veranstaltungen Männlein und Weiblein gegenübers saßen und
sich wortlos anstierten, da sie versuchten, keine fremden Leute wortlos anzustieren. Es kamen
auch oft Frösche darin vor, zumindest deren Schenkel.

-125-
beamt worden war, oder wie auch immer man das eben nennen wollte. Er
hielt es in seiner anderen Hand.
„Du hast ihn hierher gerufen“, schlussfolgerte Terry. „McGonekel hat davon
erzählt. Nach einem Blick in ein Buch soll Gandalf verschwunden sein. Offen-
bar hat er es mitgenommen und irgendwie ist es in deine Hände geraten.
Fragt sich nur, warum du ihn in die Kammer gebeten hast - egal, jetzt ist er
verletzt, also hilf mir, ihn hier raus zu schaffen! Sonst gibt’s morgen zu Mittag
keine Nachspeise.“
„Gib mir deinen Zauberstab, dann kannst du Gandalf besser hoch heben“,
schlug Rätsel vor.
„Als ob ich auf diesen billigen, alten Trick reinfallen würde!“ sagte Terry.
Nach kurzer Zeit fügte er hinzu: „Wollte dich nur auf den Arm nehmen, hier
hast du ihn“, und händigte Tim sein Zauberutensil aus.
Als Terry Gandalf ein paar Meter weit geschleppt hatte, fragte er Rätsel:
„Was ist denn jetzt? Kommst du nicht mit? Ich will ja nicht drängeln, aber ir-
gendwo in der Kammer gibt es ein Blödsviech und wenn das hier vorbei
schaut, dann ist aber Schluss mit lustig.“
„Er kommt nur, wenn er gerufen wird“, erklärte Tim.
„Schön für ihn. Allerdings handelt es sich um 'das' Blödsviech, also hättest du
'Es kommt nur, wenn es gerufen wird' sagen müssen, du grammatikalischer
Dilettant!“, kommentierte Terry und legte Gandalf zurück auf den Boden.
„Also was wird jetzt: Kommst du mit und wenn nicht, gibst du mir dann
wenigstens meinen Zauberstab zurück?“
„Du wirst ihn nicht brauchen“, stellte Rätsel fest.
„Ja, du mich auch. Und jetzt her mit meinem Zauberstab - na schön, beenden
wir das Theater: Du bist der Erbe Sifferins und hast Gandalf dazu benutzt, die
Kammer zu öffnen, stimmt's?“
„Wie hast du ...?“
„Du hättest meine Waffen verlangen sollen und nicht meinen Zauberstab! Den
brauche ich sowieso nur für die Schule."
„Aber was du nicht weißt, ist ...“, begann Rätsel.
„Klar weiß ich das“, stellte Terry fest. „Du hast Gandalf auch dazu gebracht,
Ragrids Schuhe zu ermorden, Filzes Katzenhund aufzuhängen, Wände zu
beschmieren und diese dämliche Kaulquappe auf drei Pseudoblüter und un-
seren Hausgeist loszulassen. Es ist mir nur noch nicht so ganz klar, wie du das
gemacht hast. Obgleich ich einen leisen Verdacht hege.“
„Ja, das war nämlich so: Ich habe Gandalf ...“
„... mit einem Bessessenheitsfluch belegt?“ fragte Terry. „Entweder das, oder
ich habe Recht mit meiner Drogenthese.“
„Sollte ich nicht derjenige sein, der am Ende alles erklärt?“ fragte Rätsel, fast
beleidigt.
„Du bist auch nicht einfach nur ein ehemaliger Schüler hier, habe ich Recht?
Nicht irgendein Schüler ...“
„Ja, verdammt! Das gibt es doch einfach nicht!“ schrie Tim und stampfte auf.
„Kein normaler Mensch kann so clever sein! Darf ich jetzt bitte wenigstens er-
zählen, wie genau ich das alles gemacht habe?“
„Wenn's denn sein muss ...“
„Also: Ich glaube, der wahre Grund, weshalb Gandalf nun halb tot vor uns
liegt, ist, weil er sein Herz öffnete und all' seine kleinen Geheimnisse und Pro-
blemchen einem unsichtbaren Freund ausschüttete.“
„Doch nicht etwa dem Tagebuch?“
„Dem Tagebuch“, bestätigte Rätsel und überhörte Terrys Sarkasmus.
„Meinem Tagebuch.

-126-
Der kleine Gandalf schreibt da schon seit Monaten und Monaten hinein und
erzählt mir all' seine Sorgen und Wehwehchen: Wie die Schüler ihn immer
ärgern, wie ihn niemand respektiert, wie“ - Rätsel griff sich an den Kopf - „sei-
ne Hanfpflanzen schon wieder eingegangen sind ...“
Die ganze Zeit über verließen Tims Augen nie die von Terry. Er versuchte sich
offenbar einzureden, dass seine Enthüllungen den Jungen überraschten.
„Es ist sehr langweilig, den Problemchen eines uralten Schuldirektors zu
lauschen“, fuhr er fort. „Aber: Ich war geduldig. Ich habe zurück geschrieben,
war freundlich, war nett. Gandalf liebte mich einfach. Niemand hat mich je-
mals so verstanden, wie du, Tim ... Es ist so, als hätte ich einen Freund, den
ich in der Tasche herumtragen kann ...“

Rätsel lachte, ein hohes, kaltes Lachen, das gut zu ihm und zehntausend
anderen Klischeeschurken passte. Terry bemitleidete ihn beinahe.
„Ich würde es so ausdrücken, Terry: Ich war schon immer dazu fähig, die Leu-
te zu verzaubern, die ich brauchte. So hat mir Gandalf seine Seele ausge-
schüttet und es ergab sich, dass seine Seele genau das war, was ich brauchte.
Ich wurde stärker und stärker, je mehr ich mich an seinen tiefsten Ängsten
und dunkelsten, obgleich uninteressanten, Geheimnissen nährte. Ich wurde
mächtig, viel mächtiger als der arme kleine Gandalf ...“
„Warum sagst du immer, Gandalf sei klein? Der Mann ist über zwei Meter
groß!“ wandte Terry ein.
„Aber klein ist seine Zurechnungsfähigkeit! So kam es, dass ich bald mächtig
genug war, ihm ein paar meiner kleinen Geheimnisse zu erzählen, ihm einen
Teil meiner Seele einzuflösen ...“
„Das will doch keiner wissen! Wirst du mir nun endlich verraten, wie genau du
Gandalf dazu gebracht hast, die Kammer zu öffnen und die Anschläge zu
begehen?“
„Hast du das noch immer nicht erraten, Terry Rotter? Natürlich wusste er zu-
nächst nicht, was er da tat. Es war sehr belustigend. Ich wünschte, du hättest
seine neuesten Tagebucheinträge sehen können ... Sie wurden langsam viel
interessanter ... Lieber Tim, - zitierte Rätsel, während er Terrys gleichgültigen
Gesichtsausdruck betrachtete – Ich glaube, ich war in letzter Zeit noch bekiff-
ter, als ich es jemals zuvor gewesen bin. Da sind abgerissene Schnürsenkel
überall auf meinen Klamotten und ich weiß nicht, wie sie dorthin geraten
sind. Lieber Tim, ich kann mich nicht an die Halloweennacht erinnern, aber
jemand hat eine Katze aufgehängt und da ist Farbe auf meinem Umhang ...“
„Darum hat Gandalf die Sache so schnell auf sich beruhen lassen“, meinte
Terry. „Er befürchtete, selbst der Täter gewesen zu sein ...“
Rätsel freute sich darüber, dass ihm der Junge überhaupt noch zuhörte und
fuhr fort: „Lieber Tim, Silenzia erzählt mir immerzu, ich sei im Moment noch
weniger ich selbst als sowieso schon. Ich glaube, sie verdächtigt mich ... Heu-
te gab es schon wieder einen Angriff, Tim, was mache ich denn nur? Ich
werde noch verrückt ... Ich glaube, ich bin derjenige, der alle angreift, Tim!“
„Jetzt verstehe ich“, sagte Terry. „Der Eintrag muss von dem Tag stammen,
als Ron das Tagebuch auf den Kopf fiel - Gandalf muss es von seinem Garten
aus den Turm hinunter geworfen haben! Und nach dem Angriff auf Hermione
nahm er keine Drogen mehr! Deshalb war er so normal beim Besuch des Zau-
bereiministers. Oder so unnormal, für seine Verhältnisse.“
„Genau“, bestätigte Rätsel. „Und hier kamst du ins Spiel, Terry. Du hast das
Tagebuch gefunden und ich hätte nicht erfreuter darüber sein können. Von
allen Leuten, die es hätten aufheben können, warst du es. Die Person, auf de-
ren Begegnung ich schon so gespannt war ...“

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„Es ist immer wieder schön, einen Fan zu treffen."
„So würde ich das nicht unbedingt nennen“, meinte Rätsel. „Siehst du -
Gandalf hat mir alles über dich erzählt. Über die leuchtende Narbe auf deiner
Stirn ...“
„Die gelegentlich leuchtende Narbe."
„Wie dem auch sei: Ich war höchst gespannt darauf, dich einmal zu treffen.
Also habe ich dir gezeigt, wie ich damals Ragrid, diesen ewig betrunkenen
Dummkopf, als denjenigen hingestellt hatte, der die Kammer öffnete, um dein
Vertrauen zu gewinnen.“
„Der Wahnsinn“, sagte Terry gelangweilt. „Als ob ich jemals geglaubt hätte,
dass Ragrid der Täter gewesen sei. Und du kamst mir auch gleich verdächtig
vor.“
„Aber du wusstest nicht, dass ich Ragrid reingelegt habe!“
„Stimmt. War eher eine Eventualität im Phasenraum der Möglichkeiten.“
„Mein Wort stand gegen das von Ragrid, Terry! Du kannst dir vorstellen, wem
der alte Professor Tibet mehr geglaubt hat.“
„Doch nicht etwa dir, oder?“ fragte Terry und tat überrascht.
„Oh doch! HAHAHAHAHA!“
Rätsels kreischendes Lachen hallte dunkel von den Wänden wider. Terry fühl-
te sich gut unterhalten, zauberte sich eine Tüte Popcorn herbei und aß es auf.
„Stell dir das mal vor: Auf der einen Seite Tim Rätsel, arm aber brilliant,
elternlos aber so mutig, Schülersprecher*, das Modell-Exemplar eines Schü-
lers, und auf der anderen Seite der große, dümmliche Ragrid, jede zweite Wo-
che in Schwierigkeiten, versucht Dinosaurier zu klonen, hängt ständig im ver-
botenen Wald herum, um mit Trollen zu kämpfen und Schnaps zu brennen.
Aber ich gebe zu, dass ich dennoch erstaunt war, wie gut der Plan
funktionierte. Es hat mich ganze fünf Jahre gekostet, alles über die Kammer
der schieren Schrecklichkeit herauszufinden und ihren geheimen Eingang zu
entdecken ... als ob Ragrid den Verstand oder die Fähigkeiten dazu gehabt
hätte!“
An dieser Stelle konnte sich Terry nicht mehr halten und kugelte sich lachend
auf dem Boden.
„Fünf, hihihi, fünf Jahre, hahaha, unglaublich, hehehe, und der gibt damit
auch noch an, hohoho, ich habe das in ein paar Monaten hinbekommen und
hatte es nicht mal besonders eilig damit!“
Rätsel ballte die Fäuste und sagte: „Grrrr!“ Schließlich erzählte er weiter:
„Einzig und allein der Pflanzenkundelehrer, Professor Gandalf, schien der An-
sicht zu sein, dass Ragrid unschuldig war. Er überredete** Tibet dazu, Ragrid
hier zu behalten und ihn zum Wildhüter ausbilden zu lassen. Ja, ich denke,
Gandalf wusste vielleicht Bescheid. Er konnte mich nie so gut leiden, wie die
anderen Lehrer - meinte, ich würde mich nicht normal verhalten. Vermutlich,
weil ich nichts von seinem Stoff haben wollte ...“
„Tja, da sieht man mal wieder, dass Faulheit und Unfähigkeit intuitiv richtig
liegen können."
„Auf jeden Fall hat er von diesem Moment an einen störend aufmerksamen
Blick auf mich geworfen, wenn er nicht gerade zugedröhnt war“, meinte Rät-
sel. „Und das konnte man leider nicht voraus ahnen. Ich wusste, dass es nicht
sicher war, die Kammer erneut zu öffnen, während ich noch zur Schule ging.
Aber ich wollte die ganzen Jahre nicht sinnlos vergeudet haben, die ich in das
Projekt investiert hatte. Also entschied ich mich dazu, mein 16-jähriges Selbst
* Klassenzimmerblumengießer
** Ü|ber|re|den, Tätigkeitsverb; Er konnte zur Subventionierung unseres Unternehmens
überredet werden: bestechen

-128-
in den Seiten eines Tagebuchs zu konservieren, so dass ich eines Tages, mit
ein wenig Glück, in der Lage sein könnte, jemanden zu benutzen, um
Sakrilegus Sifferins ehrenvolle Arbeit zu beenden.“
„Soso. Na, das war wohl nichts. Niemand ist gestorben, nicht einmal der
Katzenhund, und in ein paar Stunden werden die Dendriten in der Lage sein,
jeden, der eingeeist wurde, wieder aufzutauen.“
„Habe ich dir nicht schon erzählt, dass mir nichts mehr daran liegt, Pseudo-
blüter umzubringen?“ fragte Rätsel ruhig.
„Äh. Nein, das hast du nicht ...“
„Aber man hätte es sich herleiten können!“
„Ich habe mir auch schon fast alles hergeleitet, was du mir bislang erzählt
hast. Ich finde diese Unterhaltung eigentlich ziemlich langweilig und sinnlos“,
bemerkte Terry. „Nur deine jämmerlichen Versuche, wie ein Oberbösewicht
zu klingen, sind amüsant.“
„Du arroganter Wicht! Auf jeden Fall wollte Gandalf nicht, dass du etwas von
seinem geheimen Freund erfährst - und von all' den kleinen Geheimnissen, die
er mir erzählte. Ich kann dir allerdings verraten, dass sie dich ohnehin herz-
lich wenig interessiert hätten. So kam es, dass er sich in den Griffamtor-
Schlafsaal begab und sich das Tagebuch zurück holte. Am Ende wusste ich ge-
nau, was ich zu tun hatte!“
„Ja, nachdem du die ganze Zeit über nur Mist gebaut hattest ...“
„Du! Ich hatte großes Glück: Aufgrund seiner Entlassung als Schuldirektor be-
gann Gandalf wieder damit, Drogen zu nehmen. So konnte ich ihn dazu
bringen, sein baldiges Ableben künstlerisch vorweg zu nehmen und hierher zu
kommen!“
„Jetzt sag bloß noch, dass du das getan hast, um mich in die Kammer zu lo-
cken?“
„Ja, aber nicht nur ... Ich habe eine Frage an dich, Junge: Wie ist es möglich,
dass ein Baby ohne erwähnenswerte magische Fähigkeiten in der Lage war,
den größten Zauberer aller Zeiten zu besiegen? Wie konntest du entkommen,
mit nur einer Narbe, während Lord Himmlers gesamte Macht schwer er-
schüttert wurde?“
„Soll ich dir die nächsten Fragen nicht auch gleich beantworten? Lord Himm-
ler ist in Wirklichkeit noch zu schwach, um zurückzukehren und sich an mir zu
rächen. Deshalb brauchte er Bernard, um auf dem Quititsch-Spielfeld eine
Projektion seiner Erbärmlichkeit zu erzeugen. Kaum zu fassen, dass ich ihm
tatsächlich auf den Leim gegangen bin ... Ich konnte ihn deshalb als Baby
besiegen, weil ich sehr wohl über beachtliche Fähigkeiten verfüge - oder, weil
meine Eltern* für mich gestorben sind und ihre altruistische Tat als Symbol ih-
rer Liebe ein starkes magisches Schutzschild gegen Himmlers Flüche erzeug-
te, oder sollte ich sagen, gegen ...“
„Nein! Halt! Das will ich erzählen!“ wandte Rätsel ein. „Um zunächst meine
Geschichte zu vollenden: Hier in der Kammer konnte ich die Macht Sakrile-
gus' nutzen, um Gandalf seine Lebenskräfte zu entziehen und sie auf mich zu
übertragen. So konnte ich das Tagebuch verlassen und mich in eine materielle
Daseinsform transformieren. Nun stirbt Gandalf, während ich immer stärker
werde! Hahaha!“
„Dauert das hier noch lange?“
„Ja, tut mir Leid, mein Junge. Der Plot ist inzwischen verflucht kompliziert ge-
worden“, erklärte der Autor. „Da verändert man eine Kleinigkeit und schon ist

* Und nicht nur Terrys Mutter. Schon mal was von der Emanzipation des Mannes gehört, Frau
Kollegin?

-129-
eine Kettenreaktion im Gange, die alle folgenden Ereignisse beeinflusst. Es ist
wie mit dem Schmetterling und dem Orkan. Dauert jetzt aber nicht mehr
lange. Äh. Zumindest kann ich jetzt so tun, als hätte ich's voll drauf, weil
meine Story so viel anspruchsvoller ist und voll sozialkritisch und so. Ähm.
Sorry, Terry: Du hast das Wort.“

„Na schön: Eine Sache verstehe ich nicht ganz“, log Terry. „Was interessiert
es dich eigentlich, wie ich Himmler damals besiegt habe? Der dunkle Lord
war nach deiner Zeit.“
„Lord Himmler“, sagte Rätsel langsam. „ist meine Vergangenheit, meine
Gegenwart und meine Zukunft, Terry Rotter ...“
Tim zog Terrys Zauberstab aus der Innentasche seiner altmodischen Schuluni-
form und schrieb damit rot schimmernde Worte in die Luft:

TIM MARLBORO RÄTSEL


Hierauf ließ er den Zauberstab einmal über die Worte gleiten und die Buch-
staben änderten ihre Position:

ICH BIN LORD HIMMLER


„Das passt jetzt aber gar nicht."
„Oh ja, das hättest du wohl nicht gedacht!“ antwortete Rätsel.
„Nein. Denn es ergibt auf doppelte Weise keinen Sinn. Erstens: Die Buch-
staben haben sich verändert - ein billiger Trick, um zu vertuschen, dass du
nicht in der Lage warst, aus den Buchstaben deines Namens einen anderen zu
bilden. Und zweitens: Lord Himmler kann nie in Rowlingstone gewesen sein,
denn er hat nie so ausgesehen wie du, sondern immer wie Heinrich Himmler,
der Naziverbrecher, und zwar im Alter von 35 Jahren.“
„Ich muss schon sagen: Gar nicht schlecht, mein zukünftiger Enkel. Tat-
sächlich war auch nie Himmler selbst in dieser Schule, sondern der dunkle
Magier, der vor gut sechzig Jahren Heinrichs Seelen einsog. Himmlers gute
Seele* übernahm allmählich die Kontrolle über jenen Magier, als dieser Schü-
ler in Rowlingstone war. Und jener Schüler war ich: Tim Rätsel. Den Bein-
amen Marlboro habe ich nur gewählt, damit das mit den Buchstaben hinhaut,
na ja, war wohl nichts. Verflucht: So ein saublöder Beiname seit fünfzig Jahren
und das völlig umsonst! Auf jeden Fall sah Himmler noch nicht wie Himmler
aus, sondern immer noch wie ich.“
„Aber ich weiß, dass der dunkle Magier zu dieser Zeit bereits verheiratet
war“, wandte Terry ein.
„Ja, das war ich auch. Da siehst du mal, dass selbst Himmlers späterer Körper
bereits von grund auf verdorben war. Aber eine Sache hat Heinrich bis heute
nicht kapiert: Er hat nie vollständig Besitz von mir ergriffen! Und: Meine Frau
hat mich hinter der Fassade Himmlers erkannt, sonst wäre sie niemals bei
ihm geblieben. In Wirklichkeit haben wir, Tim Rätsel und Heinrich Himmler,
heute beide die Kontrolle über Heinrichs Körper!“
„Woher willst du das wissen? Du bist eine fünfzig Jahre alte Erinnerung."
„Ähm. Ja. Aber ich vermute einfach mal, dass das wohl so ist. Sonst wäre
meine Frau ja eine ganz schöne Schlampe gewesen ...“
„Tut mir Leid, Leute. Ich muss mich noch mal kurz einschalten“, sagte der
Autor. „Also: Ein paar Erklärungen sind noch nötig, sonst ist die innere Logik
im Eimer ...“
* ... welche bekanntlich in Rätsels Körper immer böser wurde ...

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An dieser Stelle lachte sich Nietzsche mit den Worten „Die innere Logik!“ die
Seele aus dem Leib. Also, nicht so wie Himmler - ach, vergesst es ...
„Aber gleich kommen mords-tolle Kampfszenen, also lest bitte noch ein wenig
weiter! Ähm, danke. Und nun zurück zu Himmler, nein zu Rätsel, zum dunklen
Magier - ach, ist ja auch egal!“
„Verstehst du?“ fragte Rätsel. „Ich hieß schon in der Schule 'Lord Himmler',
aber das wussten nur meine engsten Freunde.“
„Freunde?“ hakte Terry nach.
„Meine Gang“, erklärte Rätsel. „Oder glaubst du etwa, ich hätte auch in ihrer
Gegenwart den Namen meines verfluchten Muggel-Vaters gebraucht? Ich, ob-
wohl in meinen Venen das Blut Sakrilegus Sifferins pulsiert - ein Vorfahre
meiner Mutter? Sollte ich etwa für immer den Namen meines unwürdigen
Vaters gebrauchen, der mich in dem Moment verließ, als er erfuhr, dass
meine Mutter eine Hexe war? Nein, die Entscheidung, Himmlers Seele
einzusaugen, war richtig! So konnte ich zu einem höheren Wesen werden,
zum mächtigsten Zauberer aller Zeiten - und noch dazu mit einem besseren
Namen!“
„Also ich finde 'Heinrich Himmler' ist kaum besser als 'Tim Rätsel'“, gab Terry
zu bedenken. Rätsel ignorierte ihn und fuhr fort, mit einem wahnsinnigen
Glitzern in den Augen:
„Ich wählte einen Namen, von dem ich wusste, dass ihn, eines Tages, kein
Zauberer sich mehr auszusprechen getrauen würde! Der Tag, an dem ich der
größte Magier aller Zeiten wäre!“
„Das bist du nicht. Du bist es heute nicht und warst es früher nie."
„Ach ja? Wieso?“
„Weil ich der mächtigste Zauberer aller Zeiten bin“, sagte Terry. „Und ich
sage das nicht, um damit anzugeben. Das ist eine rein objektive Feststellung.
Ich habe dich nicht nur letztes Jahr besiegt, als du einen Teil deiner Mächte
wiedererlangt hattest, nein, sogar schon als Baby. Du konntest mich damals
nicht töten und du wirst es auch jetzt nicht tun!“
„Dann, mein Engelsohn, ist dein Schicksal schon besiegelt! Ich bringe dich
nun zum Imperator! Oder besser gesagt: Nun werde ich dir eine kleine Lekti-
on erteilen! Lass uns die Mächte Sakrilegus Sifferins gegen die von Terry
Rotter stellen und wir werden sehen, wie groß dein Talent wirklich ist!“

Tim drehte sich um und lief auf die Statue zu – welche eigentlich nur aus
einem übergroßen Kopf bestand und offiziell wohl eher Büste genannt werden
müsste. Er kniete sich nieder und sagte:
„Sprich zu mir, Sakrilegus, Größter der Gründer Rowlingstones!“
„Sprich zu der Hand!“ antwortete das Felsgesicht.
Der verwirrte Tim murmelte:
„Wie? Was? Hand? Welche Hand?“
„Drei mal darfst du raten."
„Aber deine Statue hat doch gar keine Hände! Das ist nicht fair!“
Der junge dunkle Lord war den Tränen nahe. Er wischte sich die erste Nässe
aus den Augen und versuchte Terrys sarkastischem Blick auszuweichen. Dann
verstand er:
„Achso: Meine Hand! Aber wieso soll ich ...“
„Es ist hier unten ziemlich langweilig“, meinte die Statue. „Da wird man sich
doch mal ein kleines Hindernis ausdenken dürfen, oder?“
„Nun gut ...“ sagte Himmler und hielt sich eine Hand in ausreichendem Ab-
stand vor den Mund. „Gib dein Monster frei, größter aller ...“
„Spinner“, ergänzte Terry.

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„Magier“, korrigierte Rätsel.
„Wie sagt man da?“ fragte das Steingesicht.
„Bitte“, murmelte Tim.
„Ich kann dich leider nicht verstehen“, bemerkte Sakrilegus Abbild.
„BITTE!“ schrie Rätsel.
„Das ist noch lange kein Grund, laut zu werden!“

Tim näherte sich nun mit großen Schritten der Resignation. „Was muss ein
Übermensch denn noch alles ertragen?“ fragte er die Welt. „Ich will doch nur
ein paar Pseudoblüter töten, ist denn das zu viel verlangt?“
„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“ wollte die Statue wissen und öffne-
te ihren Mund so weit wie möglich. Die entstandene Öffnung war alleine gut
zwei Meter hoch. Wasser strömte aus ihr heraus. Nach kurzer Zeit schwamm
die ganze Kammer in kühlem Nass*, wobei das Wasser nur ein paar Zentime-
ter hoch stand. Der Mund schloss sich wieder.
„Und nun?“ fragte Tim
„Was nun?“ entgegnete das Felsgesicht.
„Das Monster! Ich will das Monster!“
„Ist doch schon draußen!“
„Ich kann es aber gar nicht sehen! Ist es wirklich so klein?“
„Hast wohl in Bio nicht aufgepasst, was?“ fragte Terry. „Kaulquappen sind
wirklich verdammt klein.“
„Ja, aber diese hat einen bösen Blick! Einen tödlichen Blick!“ triumphierte
Rätsel versuchsweise. „Weshalb ich es mir bislang auch noch nicht angesehen
habe!“
„Wo er Recht hat, hat er Recht“, bestätigte Sakrilegus.
„Gut. Dann gebe ich jetzt den Befehl: Greife den Jungen an, Blödsviech!“
forderte Tim.
„Aber er ist doch Reinblüter!“ protestierte die Statue.
„Und du bist ruhig!“ schrie Rätsel. „Und jetzt stirb, Narbengesicht!“
„Oh je“, meinte Terry. „Hoffentlich trete ich nicht aus Versehen auf das blöde
Viech.“

Auf einmal plätschert es direkt vor Terry. Reflexartig will er nach der Quelle des Geräuschs Aus-
schau halten und kann sich gerade noch stoppen.
„Na schön“, sagt er. „Ich komme mir zwar ein bisschen dumm dabei vor, aber ...“
Mit diesen Worten hüpft Terry wild auf dem feuchten Boden herum.
„Platsch!“
„Mist!“
Der Blödsviech taucht – scheinbar – hinter Terry auf. Er zieht seine Waffen, dreht sich um und feu-
ert mit geschlossenen Augen ins Wasser vor sich.
„Ist dir eigentlich klar, dass du mein wertvolles Mineralwasser mit Blei verunreinigst!?“ protestiert
Sakrilegus.
Der Junge hört auf zu schießen und lauscht.
„Platsch!“ ertönt es wieder. Diesmal in ein paar Meter Entfernung neben ihm.
„Wie du willst!“
Terry stellt seine Waffen auf Flammenwerfer und bringt das Wasser zum Kochen. Stille.
„Platsch!“

* Enthält viele wichtige Mineralien und Nährstoffen.

-132-
„Grrr! Es kann doch gar nicht sein, dass sich dieses Problem nicht mit Waffengewalt lösen lässt!“
Des Jungen fixierter Geradeaus-Blick entdeckt ein Rohr neben einem der Steinfrösche. „Ah, hier
kann das Blödsviech nicht plötzlich neben mir auftauchen!“, denkt er und setzt zum Sprint an. Das
Rohr ist groß genug, so dass er hindurchlaufen kann. Er entdeckt eine kürzere Abzweigung.
„Platsch!“
Er geht hinein, schließt die Augen und verwandelt das Hauptrohr in ein Flammenmeer. Stille. Nach
einer Weile öffnet er die Augen. Ganz langsam richtet er seinen Blick fast bis ganz nach unten.
„Platsch!“
„Verflucht!“
Terry rennt wieder aus dem Rohr hinaus in die Kammer, wo ihn der grinsende Tim erwartet.
„Na schön“, bekennt er der Allgemeinheit kleinlaut. „Ich könnte hier tatsächlich etwas Hilfe ge-
brauchen.“
„Das ist schlimmer, als von einer Frau geschlagen zu werden, nicht wahr?“ fragt Rätsel zynisch.
„Frauen können sehr gefährlich sein, du chauvinistischer Depp! So etwas sagen nur Leute, die noch
niemals eine echte Freundin hatten! Verdammte Kaulquappe!“ Auf einmal hört Terry einen
hallenden Schrei. Er klingt wie: „Halte ein, Proletarier: Deine Rettung naht!“
Von oben kommt Karl Marx geflogen. Er flattert mit den Armen, sein Bart weht im Wind.
„Platsch!“
Terry, noch ganz fasziniert von jüngsten Anblick, schreckt zurück. Doch im Sturzflug kommt der
Kommunist und plättet das Amphibium. Er schabt noch ein wenig mit den Schuhen und geht dann
einen Schritt beiseite.
„Platsch!“
„Ich dachte, du hättest das Ding gekillt!“ schreit Terry entsetzt.
„Nein, ich habe ihm nur die Augen ausgekratzt.“
„Eine Kaulquappe hat Augen?“
„Platsch!“
Erschrocken macht Terry einen Satz nach hinten. Stille.
„Ist es jetzt tot?“
„Ja“, bestätigte Karl. Terry war aus Versehen auf das blöde Viech getreten.
„Wie konntest du das Blödsviech eigentlich so leicht erkennen?“
„Ich habe ein Auge für Details“, erklärt Marx. „Vielleicht nicht für das große Ganze, aber für De-
tails.“

„Hahahaha, zu spät!“ schreit Tim, als er seinen Schock überwunden hat. „Ich mag zwar noch nicht
wieder komplett in der materiellen Welt manifestiert sein, aber es reicht allemal aus, um dich zu
vernichten!“
Rätsel zieht Terrys Zauberstab und kreischt:
„Detonantium massivus!“
Ein gelber Blitz rast aus dem Stab und sprengt ein Loch in den Boden. Terry ist schon
verschwunden.
„Zeit für Zeitlupe!“ erkennt er und löst selbige aus. Die Farben verlaufen, ein Chor erklingt. Terry
rennt an Sakrilegus Statue nach oben. Er springt ab, dreht sich und feuert samt cooler Lichteffekte
auf Tim, der unter ihm verweilt.

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„Die Zeit verlangsamen: Ein Zauber, der wahrlich nur den größten Magiern vorbehalten ist. Einem
Magier wie mir!“ gibt Rätsel an und springt zur Seite. Eine Kugel trifft ihn dennoch in die Schulter.
„Aaargh! Aber das verwundet mich nur leicht, noch bin ich kein vollends körperliches Wesen!“
„Weniger reden, mehr kämpfen!“ schlägt Terry vor und landet vor seinem Widersacher.
„Wie du willst, junger Magier! Finito Injurie! Nuevo Vitae!“
Jene Flüche bewirken ein schnelleres Heilen von Tims Schulter und eine Verabschiedung aus dem
Reich der unbelebten Natur für einen der Steinfrösche. Jener hüpft auf Terry zu.
„Ultima destruktivum finalis!“ schreit der Junge und verwindet für ein paar Sekunden ins Nichts. Er
taucht schließlich an der selben Stelle wieder auf.
„Wow. Ich war gerade in einer gedehnten Zeitblase und habe ganz unglaubliche Dinge erlebt“, er-
klärt er. „Wusstet ihr, dass ein Verwandter von mir einen gewaltigen rosafarbenen Schwamm be-
kämpft, der das Universum aufsaugen will?*“
„Ähm. Nein“, antworten Rätsel und Sakrilegus im Duett.
„Na ja, ist auch egal“, meint Terry, stellt seine Avengers auf Mini-nukleare-Detonationen und ver-
arbeitet den Frosch zu Steinpulver.
„Manifesto Lichtschwerter!“
Terry fängt erneut zwei Exemplare jener exotischen Nahkampfwaffenart auf, diesmal in den Farben
rot und grün. „Man, die Dinger müssen ja echt überall herum liegen ...“
„Du hast Recht“, stellte Rätsel fest. „Zweifellos kann dieser Wettstreit zwischen uns nicht durch un-
ser Wissen um die Magie entschieden werden - aber sicher durch unsere Fertigkeiten mit dem La-
serschwert! Extraktum Doppelklinge!“
Mit diesen Worten bilden sich jeweils ein Meter lange Laserklingen an den Enden von Terrys Zau-
berstab.
Die Erzfeinde drehen ihre Schwerter und rennen aufeinander zu. Nach einigen Schlägen springt
Terry über Rätsels Kopf und bohrt ihm eine Klinge in den Rücken.
„Aua!“ kommentiert dieser und sinkt zu Boden. „Aber auch das wird mich nicht aufhalten!“
Tim lässt die Doppelklinge rotieren und verfehlt nur knapp Terrys Bein. Tim steht wieder auf und
schleudert den Fluch „Virulentus letalis!“ auf Terry. Der Junge erbleicht und kann sich kaum noch
auf den Beinen halten. Eine ätzende Wunde hat sich auf seinem Handrücken gebildet, was Rätsel zu
folgendem Kommentar veranlasst:
„Uahaha! Es gibt nichts, nein, nichts mehr, was mich jetzt noch aufhalten könnte!“
„Schau mal, hinter dir: Ein dreiköpfiger Affe!“
„Was, ehrlich?“ Rätsel risikiert einen kurzen Blick nach hinten. Terry nutzt den Augenblick, um
Tim in den Magen zu schlagen. Das Tagebuch fällt aus dessen Tasche und Terry befördert seinen
Gegner mit einem heftigen Tritt auf den Boden. Er steckt die Klinge eines seiner Lichtschwerter in
das Buch.
„Neeiiiin!“ schreit Tim und verliert ein paar Gliedmaßen. „Du glaubst ja gar nicht, wie weh das
tut!“
Die Klinge des zweiten Lichtschwerts bohrt sich in das Tagebuch. Rätsels Körper löst sich auf und
entschwindet in die ewige Vergessenheit.

* Was für ein Schwamm? Erfahren Sie mehr in meiner neuen Satire: „Say goodbye to your ga-
laxy“.

-134-
Terry brach zusammen. Er starb. Das wusste er, weil er schon einmal tot ge-
wesen war. Karl Marx lief auf ihn zu und sagte:
„Du armer Junge, du tapferer, kleiner Proletarier!“
Er setzte sich neben Terry und weinte. Seine Tränen tropften auf die Wunde
des Helden. Letztgenannter erinnerte sich daran, was ihm Gandalf erzählt
hatte: „... ihre Tränen haben heilende Wirkung ...“ Seine Wunde verschwand.
Er ließ das erstmal sein mit dem Sterben und ging hinüber zu Gandalf, der in
diesem Moment erwachte.
„Oh, hallo, mein Junge“, sagte er. „Habe ich irgendwas verpasst? Moment,
jetzt erinnere ich mich wieder ... Saperlott! Ich glaube, ich habe einige
äußerst dumme Dinge in letzter Zeit angestellt!“
„Das ist wohl wahr. Ich hoffe, Sie haben etwas daraus gelernt!“
„Ja, das habe ich: Hin und wieder können weiche Drogen Spaß machen. Aber
falls man es mit ihnen übertreibt, hetzt man irgendwann Kaulquappen auf
Kinder mit Muggel-Eltern und hilft der Erinnerung eines dunklen Magiers, der
die Seele eines Nazis enthält, bei der Umsetzung seiner grausamen Pläne.“
„Genau.“
„Darum werde ich nie wieder Drogen nehmen.“
„Könnte es jemals einen besseren Grund geben?“

Der Held des Tages half Gandalf beim Aufstehen. Gemeinsam verließen sie die
Kammer, die ihren Schrecken verloren hatte. Das Eingangstor war wieder in-
takt, ließ sich aber durch den bekannten Trick erneut zum Zerfallen
animieren. Mit dem einzigen Unterschied, dass diesmal Gandalf den Befehl
„Geh auf!“ in dummschwätzerisch gab. Als sie verschwunden waren, ließ
Sakrilegus das Wasser ablaufen. Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck
sagte er:
„Vielleicht sind heute keine Pseudoblüter gestorben, aber ein Reinblüter hat
sich als sehr mächtig erwiesen. Ich werde deine Karriere mit großem Inter-
esse verfolgen, Terry Rotter ...“
Er lachte. Sein Lachen klang überzeugender als das von Tim Rätsel, der nun
entgültig ein Relikt der Vergangenheit darstellte und nicht einmal mehr als
Erinnerung zu gebrauchen war.

Timidus Lotleak und Ron hatten die Felsen aus dem Weg geräumt. Mit staub-
befleckter Kleidung standen sie da und erwarteten ihren Helden.
„Terry! Professor Gandalf! Ich bin so froh, dass es euch gut geht!“ sagte Ron
und umarmte Terry.
„Das hast du viel besser gemacht, als ich es jemals gekonnt hätte!“ stellte
Timidus fest. „Lass uns nach Rowlingstone zurückkehren! Wir haben uns eine
Feier verdient, besonders du, Terry!“
„Ja, sehr schön, danke“, sagte der Held. „Und nun werden wir hier unten ver-
dursten. Dann verhungern wir. Aber ich muss wirklich sagen: Wenn ich schon
sterben muss, so bin ich doch froh, dass ich die Ehre habe, mit euch zu-
sammen zu sterben. Und nicht zum Beispiel mit den Sifferins. Obwohl ...“
„Nun mal keine Panik, Junge“, sagte Karl Marx. „Ich bin auch noch hier, schon
vergessen?“
„Ach ja, genau! Oh, tut mir Leid, Herr, ähm, Phönix“, sagte Terry.
„Nenn mich doch Karl, wie alle meine Freunde.“
„Freunde?“
„Parteigenossen. Aber es gibt einen Grund, sich zu freuen: Ich kann euch hier
rausholen, wenn ihr wollt!“
Gandalf erinnerte sich daran, was er Terry gesagt hatte: „Sie können extrem

-135-
schwere Lasten tragen ...“ - natürlich!
„Jetzt haben Sie Freunde“, sagte Lotleak zu Karl. „Die ganze Schule wird Ih-
nen dankbar für das sein, was Sie für uns getan haben!“
„Inklusive dessen, dass du mir beim Kampf gegen das Blödsviech geholfen
hast, was uns eine weitere Moral von der Geschichte lehrt: Man lernt Philoso-
phen erst zu schätzen, wenn man von einer Kaulquappe umzingelt ist“, sagte
Terry. „Ich erzähl's dir später, Ron!“ fügte er hinzu, als sein Freund die ganze
Geschichte hören wollte, am besten mit heldenhaften Ausschmückungen.
So kam es, dass ein Lehrer, ein Direktor und zwei Schüler am Begründer des
modernen Kommunismus hängend eine eingestürzte Höhle hinauf flogen. Hin-
auf zu einer Zauberschule.

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Kapitel 18: Bernard's Belohnung

Aber was, wenn es auch Frauen gab, die vielleicht gar nicht in den Krieg zie-
hen wollten? Oder Fußball kucken und Bier trinken? Oder anderen Frauen
nachpfeifen? Wenn sie vielleicht lieber Hausfrauen sein wollten, statt wie ihre
männlichen Kollegen in die Politik zu gehen oder die heisenbergsch'e Un-
schärferelation zum hundertsten Mal durchzurechnen? Ein schrecklicher Ge-
danke. Durfte ein emanzipiertes Mädchen ihrer Puppe die Haare kämmen und
eine ästhetische Anziehung zur Farbe Rosa haben? Streng genommen war es
politisch völlig inkorrekt, weiblichen Geschlechts zu sein.

Egal, wie interessant diese Gedanken auch sein mochten, McGonekel quälten
sie jedenfalls nicht, als sie ihrem geliebten Direktor eine Tasse Tee brachte.
„Dass du mir ja nie wieder so einen Unsinn machst, Jimmy!“ forderte sie.
„Aber nein, Silenzia!"

Der Tag nach den Ereignissen in der Kammer. Mittag. Der Direktor saß zu-
sammen mit Terry, Ron, Karl und Timidus in seinem magischen Garten an
einem runden Holztisch. Am Nachmittag sollten Hermione und die un-
wichtigeren Opfer wieder aufgetaut werden. Für diesen Anlass, wegen dem
Sieg über das Monster und aufgrund der Rückkehr des Rektors war für den
Abend eine große Party geplant. Man konnte auch gleich Merlins Geburtstag
und das Ende des Treibholz-Jahres mitfeiern. Außerdem die niedrigeren Müll-
gebühren, die das Ministerium angekündigt hatte.
„Ich muss Ihnen wirklich danken, Professor“, sagte Gandalf zu Lotleak. „Sie
haben der Schule einen großen Dienst erwiesen, beziehungsweise: Sie wollten
der Schule einen großen Dienst erweisen, aber ein paar Felsen haben sich Ih-
nen in den Weg gelegt. Nichts desto weniger haben Sie dem Kollegium be-
wiesen, dass Sie mehr als würdig sind, in Rowlingstone zu unterrichten.“
„Ich danke Ihnen, Herr Schulleiter. Dennoch befürchte ich, dass ich meine Tä-
tigkeit als Lehrer aufgeben muss."
„Sehr schön“, meinte Gandalf. „Es wird Ihnen hier sicherlich gefallen.
Moment: Haben Sie gerade 'aufgeben' gesagt?“
„Ja, sehen Sie: Dank Terry habe ich nun endlich meine Berufung akzeptieren
können.“
„Und die wäre?“
„Ich bin Schriftsteller. Es gibt noch viele Geschichten zu erzählen. Dieses Mal
habe ich eine davon selbst miterlebt.“
„Oh ja, natürlich! Tut mir Leid, ich muss mich erst einmal wieder an klares
Denken gewöhnen.“ An Terry gewandt erklärte der Rektor: „Ich danke dir,
dass du mich gerettet hast. Mich, das Leben, das Universum und den ganzen
Rest. Allerdings hast du seit deiner Ankunft hier schon so unglaublich viele
Regeln gebrochen, dass ich dich leider von der Schule verweisen muss. Und
dich auch, Ron.“
Terry lächelte nickend und deutete dann mit dem Zeigefinger auf Gandalf.
„Sie hätten mich beinhahe gekriegt, aber nur beinahe ...“
Ron war aufgrund des Schocks an einem Herzinfarkt gestorben, erwachte
aber wieder erleichtert, als Gandalf sagte:
„Du bist gar nicht so leicht hereinzulegen, Terry! Hahaha! In Wahrheit werde
ich euch beiden Auszeichnungen für besondere Anbiederung an die Schule
verleihen!“

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„Hehehe“, entgegnete der Held und stand auf. Der Rektor tat es ihm gleich.
„Alter Schwede, das war vielleicht ein verrücktes Jahr!“ sagte er und lachte.
Terry und Gandalf umarmten sich und klopften sich auf den Rücken.
„Sie sind schon ein irrer Kerl, wirklich!“
„Du bist aber auch nicht ganz zurechnungsfähig, Junge!“

„So, und jetzt keinen Schmalz mehr“, forderte Nietzsche. „Sonst landet dein
Groschenroman in irgendwelchen Bahnhofsshops!“
Der Autor zuckte mit den Schultern.
„Hey, was soll's? Ich hätte mir so einen Rektor gewünscht! Doch es sollte
nicht sein ... Weisheit ist wie die Pest: Sie befällt nur noch Wenige."
"Das war der mit Abstand blödeste Vergleich aller Zeiten!"

„Etwas verstehe ich noch nicht so ganz“, meinte Terry, als sie sich wieder an
den Tisch gesetzt hatten. „Ich kam nicht umhin, gewisse Parallelen zwischen
mir und Rätsel zu entdecken - zum Beispiel die Fähigkeit, Dumm-
schwätzerisch sprechen zu können. Außerdem finde ich es beunruhigend, dass
mich das 16-Tonnen-Gewicht letztes Jahr zuerst nach Sifferin schicken
wollte.“
„Keine Sorge, Terry! Das 16-Tonnen-Gewicht ist auch nur ein Mensch.
Außerdem überwiegt deine eigene Entscheidung, nichts mit den Sifferin zu
tun haben zu wollen. Die Fähigkeit, dumm zu schwätzen, wurde vom dunklen
Lord auf dich übertragen, nämlich bei seinem Angriff vor gut 14 Jahren.“
„Das ist eigentlich völlig unmöglich ...“ stellte Terry fest. „Aber damit reiht es
sich nur allzu gut in meinen Erfahrunghorizont ein. Obwohl: Wäre es nicht
auch denkbar, dass ich dieses Talent von ihm geerbt habe? Schließlich ist er
mein Großvater.“
„Nun ja. Das könnte schon sein, aber es sind zwei gleichzeitig auftretende re-
zessive Allele für diesen Erbgang erforderlich. Das ist ziemlich selten. Es wäre
allerdings möglich, dass deine Neigung, Leute umzubringen, die deine Ansich-
ten nicht teilen, in deinem Erbut steckt. Ich bin froh, dass nicht auch die kon-
krete Zielgruppe vorprogrammiert ist.“
„Ja“, sagte Timidus. „Vielleicht bist du sogar derjenige, der das magische
Gleichgewicht bringen soll - der Auserwählte!“
„Na logo“, kicherte Terry. „Das hatten wir doch schon letztes Jahr! Ich weiß,
wie es ausgeht: Am Ende werde ich zu Dark Rotter - Sie haben wohl zu viel
Narrativium intus! Oder zu viele schlechte Filme, für die spätestens ab
Episode 2 keinerlei Verstand mehr empfehlenswert ist*. Ich bin einfach nur
ein Junge mit einem gewissen magischen Talent und dem Willen, gegen alles
zu kämpfen, was vermutlich falsch ist."
Gandalf applaudierte.
"Wundervoll."
„Lächerlich. Einfach lächerlich“, stellte Terry fest, als er das neueste T-Shirt
von Luzifer Efeu erblickte. In roten Buchstaben stand darauf: „Schade, dass
man Blut nicht waschen kann!“
Er legte einen wütenden Gesichtsausdruck auf. Vor ihm lief Bernard, der noch
sehr viel weniger glücklich aussah. Wohl vor allem, weil er unentwegt von sei-
nem Meister getreten wurde.
„Guten Tag, Luzifer“, grüßte ihn Gandalf.
Des Spongos reinblüt'ger Vater schubste Ron beiseite. Dieser landete in

* Ersetzbar durch eine THX-lizensierte Soundanlage, einen TFT-Bildschirm mit mindestens 36


Zoll und ein gutes Filesharing-Programm.

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einem tiefen Brunnen und brach sich so manchen Knochen. Efeu stellte sich
breitbeinig vor Gandalf, streckte ihm seinen Zeigefinger entgegen und sagte:
„Sie! Sie sind wirklich zurückgekehrt! Die bayerischen Kultusminister haben
Sie entlassen und doch sind Sie wieder hier!“
Gandalf rückte seinen Gartenstuhl zurecht und blickte Luzifer erhaben in sei-
ne feurigen Augen.
„Nun, sehen Sie, Luzifer: Die Minister haben mich heute Morgen kontaktiert.
Man könnte von einer richtigen Euleninvasion sprechen. Sie hatten davon ge-
hört, dass mich das Monster in die Kammer verschleppt hatte. Und Sie waren
davon überzeugt, dass ich selbst die geeignetste Person sei, um mich wieder
aus dieser Lage zu befreien. Außerdem erzählten sie mir einige merkwürdige
Geschichten. Viele von ihnen schienen den Eindruck zu haben, ihre Familien
wären von Ihnen verflucht worden, hätten sie mich nicht suspendiert.“
„Ach, die reden sich nur heraus! Jeder weiß doch, wie unfähig die bayerischen
Kultusminister sind! Wie dem auch sei: Haben Sie den Angriff gestoppt und
den Schuldigen gefasst?“
„Ja, das haben wir“, sagte Gandalf und zwinkerte Terry zu.
„Und?“ fragte Efeu. „Wer war's?“
Der Direktor lächelte und verschränkte die Arme.
„Es war die Person, die auch letztes Jahr der Täter war“.
„Was die Sache natürlich ungemein spannend macht“, stellte Terry fest.
„Aber diesmal handelte der dunkle Lord durch jemand anderen“, erklärte
Gandalf.
„Mehr oder weniger“, warf Terry ein.
„Und zwar mit der Hilfe dieses Tagebuchs“, schloss Gandalf und legte das
Buch auf den Tisch. Es waren zwei Brandlöcher darin.

Bernard tat etwas Seltsames: Er deutete gleichzeitig auf das Tagebuch und
auf Luzifer, während er sich selbst verprügelte.
„Ich verstehe“, meinte Efeu.
„Ein schlauer Plan“, sagte Gandalf. „Niemand hätte herausfinden können,
dass jemand meinen Rausch für seine eigenen finsteren Zwecke ausnutzte und
dass ich noch einen weiteren Grund hatte, meine Schüler dem Monster auszu-
liefern. Zum Glück deckten Terry und Ron die Wahrheit auf. Hermione
vermutlich auch.“
„Das war nicht so geplant, habe ich Recht?“ fragte Terry. „In Wirklichkeit war
es gar nicht Gandalf, dem Sie das alles in die Schuhe schieben wollten ...“
Luzifer blickte nervös hin und her.
„Ich weiß nicht, wovon du redest! Ich habe auch keine Zeit, das herauszu-
finden! Guten Tag, Professor!“

Efeu trat Bernard in Gandalfs Büro hinunter und folgte ihm. Terry schnappte
sich das Tagebuch und eine Dressingsoße vom Holztisch. Er öffnete das Buch
und schüttete etwas von der Soße hinein. Schließlich folgte er Luzifer bis in
den säulenverzierten Gang.
„Vergessen Sie Ihr Buch nicht!“
Luzifer blieb stehen und drehte sich um.
„Was soll das heißen: Mein Buch?“
„Sie haben es heimlich in Ginnys Kessel geworfen, als ich Ihnen in Flounder &
Bluffs begegnet bin! Das weiß ich noch genau. Folgendes war Ihr Plan: Ginny
sollte von Rätsel zu diesen gräuslichen Schandtaten verführt werden. Sie
hatte jedoch Angst davor und gab das Buch beim Direktor ab.“
Luzifer nahm es an sich und fragte:

-139-
„Warum beweist du nicht, dass es sich in meinem Besitz befand?“
„Wozu?“ wollte Terry wissen. „Seit wann interessieren sich Magier für Be-
weise?“
Efeu öffnete das Buch und French Dressing tropfte heraus.
„Igitt! Warum um alles in der Welt hast du Soße in das Buch geschüttet? Du
bist gar nicht so schlau, wie alle denken, Terry! Solche Knabenstreiche mit
mir zu machen! Du wirst eines Tages dasselbe armselige Ende nehmen wie
deine Eltern! Sie waren ebenfalls unverbesserliche Kindsköpfe! Hier,
Bernarnd: Nimm das ekelhafte, unnütze Buch. Es passt gut zu dir!“
Efeu drehte sich um und wollte gehen.
„Komm Bernard!“
Das Baguette blieb jedoch stehen. Es hielt das Tagebuch nach oben und ließ
die Soße auf sich hinunter tropfen.
„Bernard! Ich sagte, du sollst ...“
„Der Meister hat Bernard mit Dressingsauce beschenkt!“
„Ich habe was?“ fragte Luzifer.
„Depp“, stellte Terry fest.
Bernard sprang auf und ab. Er sang: „Bernard est libre! Bernard est libre! En-
fin, la liberté est là!“
Luzifer starrte wütend in Richtung Terry.
„Du hast mir meinen Diener gekostet! Dafür wirst du bezahlen!“
Er zog seinen Zauberstab, um zum Fluchen anzusetzen:

„Detonantium massivus!“
Terry springt zur Seite und eine Säule zerberstet. Die Marmorbrocken fliegen durch den Raum und
verfehlen Luzifer um Haaresbreite. Eines der Porträts an der Wand beschwert sich über den Lärm.
„Entflamme!“
Auch diesmal entgeht Terry dem Fluch und ein Porträt fängt Feuer.
„Avatar Kebab!“ kreischt Luzifer und ein Todesfluch grüner Färbung macht sich auf den Weg zu
Terry. Dieser verschwindet hinter eine Säule.
„Das wird allmählich langweilig!“ Terry gähnt und reibt sich die Augen.
„Stirb endlich!“ fordert Efeu.
„Ach ne, lieber nicht.“
Luzifer rennt auf Terry zu und holt mit seiner Faust zum Schlag aus. Er stolpert über das Baguette
und stößt mit dem Kopf gegen eine Säule.
„Ach herrje!“ Terry schüttelt den Kopf. „Komm, geh doch zurück in dein Ministerium! Bei allem
nicht vorhandenen Respekt: Du bist kein Gegner für mich!“
Efeu rafft sich wieder auf und schreit: „Nuevo vitae!“ Terry geht gemütlich ein paar Schritte zur
Seite und plötzlich öffnet eine Säule die Augen.
„So, nun bin ich also lebendig“, stellt sie fest und kratzt sich am Echimus. „Interessantes Gefühl.
Habt ihr mich aus einem bestimmten Grund zum Leben erweckt?“
„Nein, das war ein Versehen“, erklärt Terry höflich.
„Oh, na dann kann ich ja wieder gehen.“
Mit diesen Worten erstarrt die Säule und kehrt so zu sagen in den Hades zurück.
Gemächlich zieht Terry eine Avenger und richtet sie auf Efeu.

Luzifer steckte seinen Zauberstab wieder ein und hob die Hände.

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„Was erwartest du nun von mir, du lausiger Amateur mit zu viel Glück?“
Bernard schüttelte drohend sein Fäustchen.
„Dü sollen verschwinden! Dü nicht anfassen Terry Rotter! Dü jetzt gehen!“
Terry nickte.
„Besser hätte ich das auch nicht ausdrücken können, Bernard. Na ja, ein biss-
chen vielleicht. Ich lasse dir die Wahl, Efeu: Selbstverständlich kann ich dich
auch erschießen, falls du nicht gehen möchtest.“
Luzifer warf den beiden noch einen geringschätzigen Blick zu und verließ
schließlich Gandalfs Büro durch die Dachluke.
„Terry Rotter 'at Bernard befreit!“ stellte das Baguette fest. Sein Grinsen wei-
tete sich, so dass kaum noch etwas vom Rest des Gesichts zu sehen war.
Terry steckte seine Waffe gelangweilt zurück.
„Ja, hatte gerade nichts Besseres zu tun.“
„Endlisch kann Bernard zurückkehren zu Bäckerei in Fronkreich!“
Des backenden Baguettes Held lächelte und nahm es bei der Hand.
„Meinen Glückwunsch, Bernard. Willst du vorher noch zu dem Fest mitkom-
men, das sie zu meinen Ehren veranstalten? Zu meinen Ehren und wegen ein
paar anderer Dinge, aber an der Stelle habe ich nicht zugehört.“
„Ah, merci, Terry le grand! Mais isch möchte nicht wieder enden als Hausskla-
ve. Wir uns wiedersehen bestimmt. Salut et merci pour tout, größter aller
Zauberer!“
Mit diesen Worten machte sich Bernard unsichtbar. Man hörte noch, wie er
stolperte, die Dachluke herunterfiel und fluchte. So verschwand er, wenigs-
tens eine Zeit lang, aus Terrys Leben.

Ein paar Stunden später: Die Tür des Krankenflügels öffnete sich. Madam
Wurzel betrat den Saal, in ihrer Hand die sehnsüchtig erwarteten Dendriten.
Sie setzte jene auf die Eingefrorenen und trat beiseite. Mit gezielten Tritten
und Schlägen bearbeiteten die kleinen Wesen das Eis auf den Körpern. Bei
besonders schwierigen Stellen setzten sie ihren Feueratem ein. Schon kehrten
die Opfer der fiesen Kaulquappe in die Welt der aktiv lebenden zurück. Colin
schreckte auf.
„Mein Film! Geht es ihm gut?“
Terry schüttelte den Kopf. Er saß auf Hermiones Bett und sah seine Aufmerk-
samkeit durch McRae missbraucht.
„Dann hat das Leben keinen Sinn mehr!“ schluchzte dieser.
Terry wandte sich mit den Worten
„Das hättest du dir überlegen sollen, bevor wir dich aufgetaut haben!“ von
ihm ab und legte eine Hand auf Hermiones Wange.
„Du hast es also gelöst!“ sagte sie erleichtert.
„Natürlich. Du hättest mir nicht einmal dabei helfen müssen. Allerdings ging
es dadurch ein wenig schneller. Und jetzt küss mich!“

Terry war schon auf vielen Rowlingstone-Festen gewesen - und dieses war
wirklich haargenau so, wie alle anderen. Genau genommen handelte es sich
um ein typisches Happy-End-Fest, so wie das im letzten Jahr. Aber er wollte
sich ja nicht beklagen. Griffamtor gewann erneut den Pokal der Zwecklosig-
keit, McGonekel sagte die Jahresprüfungen ab, zahlreiche Schüler entschul-
digten sich bei Terry, weil sie ihn verdächtigt hatten und die Aufgetauten fühl-
ten sich ihm gegenüber zu ewiger Leibeigenschaft verpflichtet. Nur Ginny
Grievly fühlte sich schrecklich. Sie entschuldigte sich bei jedem Opfer persön-
lich und sprach nun Terry ihren Dank aus:
„Oh, ich kann gar nicht daran denken, was ohne dich geschehen wäre!“

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schluchzte sie. „Wie konnte ich nur so blöd sein und das Tagebuch unserem
Direktor geben? Nur weil es mich dazu aufgefordert hat, Kinder mit Muggel-
Eltern umzubringen!“
„Tja“, meinte Terry. „Und was lernen wir daraus? Das werde ich dir sagen: Es
ist falsch, ein dummes kleines Mädchen zu sein!“
„Terry!“ zischte Hermione und schlug ihm auf den Arm.
„Tut mir Leid. Ich meinte: Es ist falsch, Menschen zu vertrauen. Vor allem
Vertrauenspersonen.“
Hermione boxte ihn noch einmal und korrigierte ihren Freund:
„Du hast richtig gehandelt, Ginny! Was geschehen ist, war nicht deine Schuld.
Du hast dir überhaupt nichts vorzuwerfen!“
„Genau“, bestätigte Terry. „Und steig nicht gleich mit jedem ins Bett! Hat
zwar mit dieser Sache nichts zu tun, aber das wollte ich dir schon immer mal
sagen.“
Das Eingangstor zum Speisesaal sprang auf und Ragrid stand im Torrahmen.
„Sorry, dass ich so spät bin“, sagte er. „Die Wächter haben erst noch Rons
Eule gefressen, bevor sie die Freilassungspapiere lasen.“
„Schaust auch mal wieder vorbei, Ragrid?“ bemerkte Terry. „Ohne dich und
deinen Alkohol war es hier echt nicht mehr so lustig. Ein Rowlingstone ohne
Ragrid ist schlichtweg unerträglich.“
Gandalf stand auf und klatschte. McGonekel tat es ihm gleich. Auf einmal
standen alle da und applaudierten. Nur Terry hielt sich noch zurück und frag-
te:
„Was ist denn auf einmal mit euch los? Hat Ragrid einen neuen Rekord im
Freigelassen-werden aufgestellt? Na ja, was solls ...“
Und auch er erhob sich und klatschte.

Ein Weilchen später war das Schuljahr zu Ende und man begab sich auf den
Weg zurück nach Hause. Der Rowlingstone-Express fuhr ein weiteres mal je-
den Schüler nach London. Ganz egal, wo er daheim war. Besonders stressig
erwies sich diese Prozedur für Tuto Schielt, ein Austauschschüler, denn er
wohnte momentan in Rowlingstone.
Die rote Lock verschwand inmitten der untergehenden Sonne, was wohlige
Wärme mit sich brachte. Schafe drehten Pirouetten in der Luft.
„Was hast du denn, Terry?“ fragte Hermione.
Sie saß mit Ron und ihrem Freund in einem eigenen Abteil.
„Magenverstimmungen“, meinte der Magier. „Ich glaube, so etwas ähnliches
wird nächstes Jahr wieder geschehen. Mit höchstens 2-3 neuen Charakteren
darin. Und die werde ich wohl auch noch erschießen müssen.“

Nietzsche kratzte sich am Kopf.


„Kommt dieses Ende nicht etwas abrupt?“
Der Autor lächelte erhaben.
„Soso, jetzt plötzlich kann dir der Roman gar nicht lang genug sein!“
„Ich habe nichts gesagt!“

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Nachwort an alle Befürworter der Bundeswehr:

Bitte denkt daran, dass Terry Rotter 2 in einer fiktiven Welt spielt, in der die Bundeswehr
voll böse geworden ist. In unserer Welt ist sie natürlich nicht voll böse, sondern ganz doll
lieb und will nur den Menschen helfen. Sie ist sogar so lieb, die Arbeit vom Technischen
Hilfswerk, der Polizei und der CDU/CSU gleich mit zu übernehmen. Ich hoffe mit euch,
dass Deutschlands Militärausgaben weiter steigen werden und unsere Entwicklungshilfe
weiter sinken wird. Vielleicht werden wir eines Tages sogar der größte Waffenexporteur der
Welt sein und nicht nur der drittgrößte wie heute. Dass sich Deutschland einen Platz an der
Sonne verdient hat, wissen wir bereits, seit es unser ideeller Gründungsvater und auch mein
persönliches Idol, Kaiser Wilhelm II., verkündet hat.

Viel Glück und erschießt nicht so viele Kinder,

Andreas Müller

Impressum:

Autor: Andreas Müller


Pseudonym: Seltsamer Attraktor
Email: terry_rotter@arcor.de
Online: http://people.freenet.de/terry_rotter

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Cover: Jana Mengel

Vielen Dank an:


Elfirina und Frameguard für das Lektorat
Simon Parzer für seine Hilfe bei Open Office
Und natürlich den Leser

Terry Rotter und der politische Gefangene - coming soon!

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