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Skript zur Vorlesung

Funktionalanalysis

gehalten von
Dr. Andreas Rätz

verfasst von
Sebastian Sewarte

5. Dezember 2018
ii
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 1

2 Grundlagen (Strukturen) 4
2.1 Metrische Räume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2.2 Kompaktheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.3 Normierte Räume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
2.4 Räume mit Skalarprodukt (Skalarprodukträume) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22

3 Funktionenräume 25
3.1 Die klassischen Räume C m (Ω) und C m (Ω) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
3.2 Hölder-Räume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
3.3 Lp -Räume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
3.4 Sobolev-Räume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43

4 Der Riesz’sche Darstellungssatz und Anwendungen 52

Vorwort

Dieses Skript wurde aufbauend auf dem Manuskript von Dr. Andreas Rätz verfasst und begleitet die Vorlesung
Funktionalanalysis I. Bei inhaltlichen Fehlern wenden Sie sich bitte an Andreas Rätz, damit diese korrigiert
werden können.

Die Vorlesung baut wesentlich auf die Bücher von Alt [Alt12], Brezis [Bre11] und in geringerem Maße von Werner
[Wer11] auf. Darüber hinaus werden die Bücher [Kab11, Dob10, Eva98] empfohlen.
iv Inhaltsverzeichnis
1

Kapitel 1 Einleitung

Die Funktionalanalysis (FA) ist im 20. Jahrhundert entstanden. Ziel der FA ist es abstrakte Formulierungen und
effiziente Lösungen zu Problemen aus konkreten Anwendungen zu finden. Damit stellt die FA ein grundlegendes
Handwerkszeug für Partielle Differentialgleichungen (PDE’s), Numerik (FEM), Variationsrechnung und weitere
Anwendungsgebiete der Mathematik dar. Das typische Verfahren hierbei lässt sich in drei Schritte gliedern:

(i) konkretes Problem wird in die Sprache der FA übersetzt

(ii) Anwendung abstrakter Mittel der FA

(iii) Nachweis der nötigen Voraussetzungen in (ii) (spezielle analytische Methoden, Bezug zum konkreten
Problem)

In der FA werden unendlichdimensionale Räume betrachtet, das heißt, die Analysis wird auf Funktionenräume,
wie zum Beispiel C 0 (Ω), Lp (Ω) mit Ω ⊂ Rn , verallgemeinert.

Beispiel. Die Operatorgleichung

Au = f, u ∈ X, A : X → Y, f ∈ Y

ist eine abstrakte Formulierung vieler verschiedener Probleme:

(i) X = Rn , Y = Rm , A ∈ Rm×n , f ∈ Rm

(ii) Differentialgleichung (mit Randbedingung)



u00 (x) + c(x)u(x)

= f (x) x ∈ (a, b)
u(a) = u(b)
 =0

Hier etwa: X = {u ∈ C 2 ([a, b]) : u(a) = u(b) = 0}, A : X → C 0 ([a, b])

(Au)(x) := u00 (x) + c(x)u(x), c ∈ C 0 ([a, b]).

Typischerweise ist X ein Funktionenraum mit einer zusätzlichen Struktur, wie einer Topologie, einer Metrik,
einem Skalarprodukt oder einer Norm. Hierbei stellen sich die Fragen nach:

• Lösbarkeit (Bild von A)

• Eindeutigkeit (Nullraum/Kern von A)

• stetiger Abhängigkeit der Lösung von den Daten

Unterschiede zwischen Rn und Funktionenräumen

A) Funktionenräume sind typischerweise nicht endlichdimensional.

Beispiel. X = C 0 (Ω) mit Ω ⊂ Rn offen und beschränkt.


Beh.: X ist nicht endlichdimensional.
2 Kapitel 1. Einleitung

Beweis. Sei N ∈ N und seien x1 , . . . xn ∈ Ω. Dann gibt es Funktionen ϕN


1 , . . . , ϕN ∈ X mit
N

ϕN
i (xj ) = δij , 1 ≤ i ≤ N.

Für jedes N ∈ N sind die Funktionen ϕN 1 , . . . , ϕN linear unabhängig. Denn:


N
PN
Für λ1 , . . . , λN ∈ R mit i=1 λi ϕN
i = 0 folgt

λi = 0 ∀i (Auswertung in xi ).

⇒ Es gibt keine endliche Basis von X.

B) In unendlichdimensionalen Räumen sind beschränkte und abgeschlossene Mengen i.A. nicht kompakt.

Beispiel. Sei (l∞ (R), k·k∞ ) der Banachraum der Folgen a = (ak )k∈N in R mit endlicher Norm

kak∞ = sup |ak | < ∞.


k∈N

Damit ist B1 (0) = {a ∈ l∞ (R) : kak∞ ≤ 1} abgeschlossen und beschränkt.


Beh.: B1 (0) ist nicht kompakt.

Beweis. Betrachte ei ∈ l∞ (R), i ∈ N, mit

ei,k = δik , kei k∞ = 1, i, k ∈ N

Es gilt also ei ∈ B1 (0) und damit


kei − ej k∞ = 1 ∀i 6= j

⇒ keine Teilfolge von (ei )i∈N (in B1 (0)) konvergiert.


⇒ B1 (0) ist nicht (folgen)kompakt.

C) Stetige Abbildungen F : X → R nehmen auf abgeschlossenen und beschränkten Teilmengen im Allgemeinen


kein Minimum an.

Beispiel. X = C 1 ([0, 1]) = C 1 ([0, 1], R) = {f ∈ C 0 ([0, 1]) : f 0 ∈ C 0 ([0, 1])}. Betrachte die C 1 -Norm

kf kC 1 ([0,1]) = sup |f (x)| + sup |f 0 (x)|.


x∈[0,1] x∈[0,1]

Seien
M := {u ∈ C 1 ([0, 1]) : u(0) = 0, u0 (1) = 1, sup |u0 (x)| = 1}
x∈[0,1]

und ˆ 1
F : C 1 ([0, 1]) → R; F (u) = sup |u0 (x)| + (u0 (x))2 dx.
x∈[0,1] 0

Beh.1:

(i) M ist abgeschlossen und beschränkt.

(ii) F ist stetig.


3

Beweis. ÜA.

Beh.2: F nimmt auf M nicht das Minimum an.


Beweis. Es gilt F (u) ≥ sup |u0 (x)| = 1 für alle u ∈ M. Für k ∈ N betrachte uk : [0, 1] → R, uk (x) :=
x∈[0,1]
xk
k .
⇒ u0k (x) = xk−1
⇒ uk ∈ M für alle k ∈ N
Es gilt ˆ 1
1 1
(u0k (x))2 dx = [x2k−1 ]10 =
0 2k − 1 2k − 1
k→∞
und daher F (uk ) = 1 + 1
2k−1 −→ 1
⇒ inf F (u) = 1.
u∈M
Aber @u ∈ M mit F (u) = 1, denn für F (u) = 1 gilt
ˆ 1
(u0 (x))2 dx = 0 (wegen sup |u0 (x)| = 1)
0 x∈[0,1]

⇒ u0 (x) = 0 für alle x ∈ [0, 1].

D) Sei A : Rn → Rn linear. Dann gilt


A injektiv ⇔ A surjektiv.

Für T : X → X ist das im Allgemeinen falsch.

Beispiel. Sei T : l∞ (R) → l∞ (R) und a = (ak )k∈N ∈ l∞ (R) mit T (a) := (0, a1 , a2 , . . . ) die Shiftab-
bildung.
⇒ T ist injektiv, aber nicht surjektiv.
4 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

Kapitel 2 Grundlagen (Strukturen)

§ 2.1 Metrische Räume

Definition 2.1. Sei X eine Menge. Dann heißt (X, d) metrischer Raum (und d eine Metrik ), falls
d : X × X → R die folgenden Eigenschaften besitzt:

(i) d(x, y) ≥ 0; d(x, y) = 0 ⇔ x = y (positiv definit)


(ii) d(x, y) = d(y, x) (symmetrisch)
(iii) d(x, z) ≤ d(x, y) + d(y, z) (Dreiecks-Ungleichung)

für x, y, z ∈ X.

Beispiel.
pPn
(i) X = Rn , d(x, y) := |x − y| = i=1 (xi − yi )2 , x, y ∈ Rn
⇒ (X, d) metrischer Raum.

(ii) (X, d) metrischer Raum, Y ⊂ X ⇒ (Y, d) metrischer Raum

(iii) Betrachte X = {(xk )k∈N : xk ∈ R ∀k ∈ N} und


X 1 |xk − yk |
d(x, y) :=
2k 1 + |xk − yk |
k=1

für x = (xk )k∈N , y = (yk )k∈N ∈ X


⇒ (X, d) metrischer Raum. (ÜA)

Definition 2.2. Sei (X, d) metrischer Raum.

(i) Für x ∈ X und r > 0 ist


Br (x) := {y ∈ X : d(x, y) < r}

der Ball um x mit Radius r.

(ii) A ⊂ X heißt offen, falls Folgendes gilt:

∀x ∈ A ∃r > 0 : Br (x) ⊂ A.

(iii) A ⊂ X heißt abgeschlossen, falls Ac := X\A offen ist.

(iv) Für A ⊂ X heißt


int(A) := {x ∈ X : ∃ε > 0 mit Bε (x) ⊂ A}

Inneres von A. Weitere Notation: Å = int(A).

(v) Für A ⊂ X heißt


A := {x ∈ X : ∀ε > 0 gilt Bε (x) ∩ A 6= ∅}

Abschluss von A.
2.1. Metrische Räume 5

(vi) ∂A := A \ int(A) heißt Rand von A.

(vii) A ⊂ X heißt dicht, falls A = X gilt.

(viii) A ⊂ X heißt nirgends dicht, falls int(A) = ∅.

(ix) (X, d) heißt separabel , falls eine abzählbare dichte Teilmenge existiert. A ⊂ X heißt separabel, falls
(A, d) separabel ist.

Satz 2.3. Sei (X, d) metrischer Raum. Dann gilt

(i) A ⊂ X offen ⇔ int(A) = A

(ii) A ⊂ X abgeschlossen ⇔ A = A

(iii) Beliebige Vereinigungen und endliche Durchschnitte offener Mengen sind offen.

(iv) Beliebige Durchschnitte und endliche Vereinigungen abgeschlossener Mengen sind abgeschlossen.

(v) X, ∅ sind abgeschlossen und offen.

Beweis. Siehe Analysis II.

Definition 2.4. Sei (X, d) metrischer Raum.

(i) Für A, B ∈ X ist


dist (A, B) := inf{d(x, y) : x ∈ A, y ∈ B}

der Abstand zwischen A und B.

(ii) Für x ∈ X, A ⊂ X ist

dist (x, A) := dist ({x}, A) = inf{d(x, y) : y ∈ A}

der Abstand von x zu A.

(iii) Für r > 0, A ⊂ X ist


Br (A) := {x ∈ X : dist (x, A) < r}

die r-Umgebung von A.

(iv) Für A ⊂ X ist


diam(A) := sup{d(x, y) : x, y ∈ A}

der Durchmesser von A.


A heißt beschränkt ⇔ diam(A) < ∞.

Definition 2.5. (X, d) sei metrischer Raum. Eine Folge (xk )k∈N in X heißt genau dann konvergent gegen
x ∈ X, wenn d(xk , x) → 0 für k → ∞.
Wir schreiben xk → x, k → ∞ oder lim xk = x.
k→∞

Es gilt also lim xk = x ⇔ ∀ε > 0 ∃N ∈ N : d(xk , x) < ε ∀k ≥ N .


k→∞
6 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

Lemma 2.6. Sei (X, d) metrischer Raum, A ⊂ X. Dann sind äquivalent

(i) x ∈ A

(ii) Es existiert eine Folge (xk )k∈N in A mit xk → x für k → ∞.

Beweis. ÜA.

Lemma 2.7. Sei (X, d) metrischer Raum und A ⊂ X. Dann sind äquivalent

(i) A abgeschlossen

(ii) Für jede Folge (xk )k∈N mit xk → x gilt x ∈ A.

Beweis. ÜA.

Definition 2.8. Sei (X, d) metrischer Raum und (xk )k∈N Folge in X. Dann heißt (xk )k∈N genau dann
Cauchy-Folge in X, wenn d(xk , xl ) → 0 für k, l → ∞.
(genauer: ∀ε > 0 ∃N ∈ N : d(xk , xl ) < ε ∀k, l ≥ N )

Definition 2.9. Ein metrischer Raum (X, d) heißt vollständig, falls jede Cauchy-Folge (xk )k∈N in X
konvergiert (mit Grenzwert in X).

Definition 2.10. Sei (X, d) metrischer Raum. (xk )k∈N sei Folge in X. Dann heißt x ∈ X Häufungspunkt
von (xk )k∈N , falls es eine Teilfolge (xki )i∈N gibt mit xki → x, i → ∞.

Lemma 2.11. Sei (X, d) metrischer Raum. Dann gilt:

(i) (xk )k∈N konvergiert in (X, d) ⇒ (xk )k∈N ist Cauchy-Folge in (X, d).

(ii) (xk )k∈N ist Cauchy-Folge in (X, d) und besitzt eine konvergente Teilfolge ⇒ (xk )k∈N konvergiert in
(X, d).

(iii) Jede Cauchy-Folge ist beschränkt.

Beweis. ÜA.

Satz 2.12. Sei (X, d) vollständiger metrischer Raum und Y ⊂ X. Dann gilt:

(Y, d) vollständig ⇔ Y abgeschlossen .

(Verschärfung: für „ ⇒ “ braucht man (X, d) vollständig nicht.)

Beweis. Für Y = ∅ ist nichts zu tun.

„⇐ “: Sei also X 6= ∅ und (xk )k∈N Cauchy-Folge in Y .


⇒ es existiert x ∈ X, sodass xk → x, k → ∞. Da Y abgeschlossen ist, folgt mit Lemma 2.7, dass x ∈ Y.

„⇒ “: Zu x ∈ Y gibt es nach Lemma 2.6 eine Folge (xk )k∈N in Y mit xk → x, k → ∞. Damit ist (xk )k∈N nach
2.1. Metrische Räume 7

Lemma 2.11 Cauchy-Folge. Also x ∈ Y, da Y vollständig ist. Daraus folgt, dass Y ⊂ Y , also Y = Y und
damit mit Satz 2.3 (ii), dass Y abgeschlossen ist.

˜ metrische Räume. Eine Abbildung J : X → X̃ heißt Isometrie,


Definition 2.13. Seien (X, d) und (X̃, d)
falls
˜
d(x, y) = d(J(x), J(y)) ∀x, y ∈ X

gilt.

Bemerkung 2.14.

(i) Isometrien sind injektiv.

(ii) Ist J bijektive Isometrie, so ist J −1 ebenfalls Isometrie. X und X̃ heißen dann isometrisch isomorph.

(iii) Ist J Isometrie, so identifiziert man häufig x ∈ X und J(x) ∈ X̃.

Jeder nicht vollständige metrische Raum kann zu einem vollständigen metrischen Raum erweitert werden:

§ neues Konzept: Vervollständigung

Sei (X, d) ein (nicht notwendigerweise vollständiger) metrischer Raum. Betrachte die Menge X N aller Folgen in
X.
X̃ := {x̃ = (xj )j∈N ∈ X N : (xj )j∈N ist Cauchy-Folge in X}.

Definiere eine Äquivalenzrelation ∼ durch

(xj )j∈N ∼ (yj )j∈N in X̃ :⇔ d(xj , yj ) → 0, j → ∞.

Satt (xj )j∈N ∼ (yj )j∈N schreiben wir auch [(xj )j∈N ] = [(yj )j∈N ], wobei [(xj )j∈N ], [(yj )j∈N ] die Äquivalenzklassen
von (xj )j∈N , (yj )j∈N sind.
˜ vollständiger metrischer Raum mit der Metrik d˜ definiert durch
Behauptung: Dann ist (X̃, d)

˜ j )j∈N , (yj )j∈N ) := lim d(xj , yj ), d˜: X̃ × X̃ → R.


d((x (2.1.1)
j→∞

Weiter gilt: Durch J(x) := (x)j∈N := (x, x, x, . . . ), J : X → X̃, ist eine Isometrie definiert: Für (xj )j∈N ∈ X̃ gilt
˜ j )j∈N , J(xi )) → 0 für i → ∞. Daraus folgt, dass J(X) dicht in X̃ ist.
d((x

Satz 2.15 (Vervollständigung). Zu jedem metrischen Raum (X, d) gibt es einen vollständigen metrischen
˜ und eine isometrische Abbildung J : X → X̃, sodass J(X) dicht in X̃ ist.
Raum (X̃, d)

Bemerkung. Elemente x ∈ X werden häufig mit J(x) ∈ X̃ identifiziert.

Für den Beweis von Satz 2.15 benötigen wir eine Hilfsaussage, die sogenannte Vierecksungleichung:
8 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

Lemma 2.16 (Vierecksungleichung). Sei (X, d) metrischer Raum. Dann gilt

|d(x1 , x2 ) − d(x3 , x4 )| ≤ d(x1 , x3 ) + d(x2 , x4 ) ∀x1 , x2 , x3 , x4 ∈ X.

Beweis. ÜA.

Beweis von Satz 2.15.

Schritt 1: Der Grenzwert auf der rechten Seite (rhs) von (2.1.1) existiert: Seien dazu x̃ = (xi )i∈N , ỹ = (yi )i∈N ∈
X̃. Dann gilt
2.16
|d(xj , yj ) − d(xi , yi )| ≤ d(xj , xi ) + d(yj , yi ) → 0 für i, j → ∞.

Und damit ist (d(xi , yi ))i∈N Cauchy-Folge in R und somit konvergent.

Schritt 2: Die Abbildung d˜: X̃ × X̃ → R ist wohldefiniert, dh. der Grenzwert auf der rhs von (2.1.1) ist
unabhängig von der Wahl der Folgen: Seien also x̃1 ∼ x̃2 und ỹ 1 ∼ ỹ 2 mit x̃i , ỹ i ∈ X̃, i = 1, 2. Dann gilt

2.16
|d(x2i , yi2 ) − d(x1i , yi1 )| ≤ d(x2i , x1i ) + d(yi2 , yi1 ) → 0, i → ∞
| {z }
˜ 2 ,y 2 )−d(x
→ d(x ˜ 1 ,y 1 )

˜ 2 , y 2 ) − d(x
und damit gilt |d(x ˜ 1 , y 1 )| = 0.

Schritt 3: d˜ ist Metrik auf X̃:

(i) Für x̃, ỹ ∈ X̃ (x̃ = (xj )j∈N , ỹ = (yj )j∈N ) gilt

d(x̃, ỹ) = 0 ⇔ lim d(xj , yj ) = 0 ⇔ [x̃] = [ỹ] (in X̃).


j→∞

(ii), (iii) folgen aus den entsprechenden Eigenschaften von d.

˜ ist vollständig:
Schritt 4: (X̃, d)

Sei (xk )k∈N Cauchy-Folge in X̃ mit xk = (xkj )j∈N für k ∈ N. Zu k ∈ N wähle Nk ∈ N mit

1
d(xki , xkj ) ≤ ∀i, j ≥ Nk .
k

Dann gilt

d(xkNk , xlNl ) ≤ d(xkNk , xkj ) + d(xkj , xlj ) + d(xlj , xlNl )


1 1
≤ + d(xkj , xlj ) + für j ≥ max(Nk , Nl )
k | {z } l
˜ k ,xl ), j→∞
→d(x

→0 für k, l → ∞.
2.1. Metrische Räume 9

Also ist x∞ := (xkNk )k∈N Cauchy-Folge in X und damit x∞ ∈ X̃, und es gilt

˜ l , x∞ ) = lim d(xl , x∞ )
d(x k k
k→∞

≤ lim (d(xlk , xlNl ) + d(xlNl , xkNk ))


k→∞
1
≤ + lim d(xlNl , xkNk ) für k ≥ Nl
l k→∞
→0 für k, l → ∞.

˜ für k → ∞.
Also xk → x∞ in (X̃, d)

Schritt 5: J ist Isometrie:

˜
d(J(x), J(y)) = lim d(x, y) = d(x, y) für x, y ∈ X.
k→∞

Schritt 6: Für (xj )j∈N ∈ X̃ gilt

˜ j )j∈N , J(xi )) = lim d(xj , xi ) → 0


d((x für i → ∞,
j→∞

da (xj )j∈N Cauchy-Folge ist.

Beispiel.

(i) Konstruktion von R aus Q.

(ii) Konstruktion von L1 (Lebesgue-integrable Funktionen) aus Treppenfunktionen (siehe [Alt12]).

(iii) Konstruktion von Sobolevräumen (später).

Definition 2.17 (Stetigkeit). Seien (X, dX ) und (Y, dY ) metrische Räume. Eine Abbildung („ein Operator
“) f : X → Y heißt

(i) stetig in x0 ∈ X, falls gilt:

∀ε > 0 ∃δ = δ(ε, x0 ) > 0 : dY (f (x), f (x0 )) < ε ∀x ∈ Bδ (x0 ).

(ii) stetig in A ⊂ X, falls f in allen x ∈ A stetig ist.

(iii) stetig, falls f in X stetig ist.

(iv) gleichmäßig stetig in A ⊂ X, falls gilt:

∀ε > 0 ∃δ = δ(A, ε) > 0 : dY (f (x), f (y)) < ε ∀x, y ∈ A mit d(x, y) < δ.

(v) gleichmäßig stetig, falls f in X gleichmäßig stetig ist.


10 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

(vi) Lipschitz-stetig in A ⊂ X mit Konstante L > 0, falls gilt:

dY (f (x), f (y)) ≤ LdX (x, y) ∀x, y ∈ A.

(vii) lokal Lipschitz-stetig, falls es zu jedem x ∈ X ein δ = δ(x) > 0 gibt, so dass f Lipschitz-stetig auf
Bδ (x) ist (mit L = L(x)).

Bemerkung 2.18. Es gilt


 
f lokal Lipschitz-stetig 
f Lipschitz-stetig ⇒ ⇒ f stetig.
f gleichmäßig stetig 

Beweis. Siehe Analysis II.

Lemma 2.19. Die Komposition (gleichmäßig, Lipschitz-) stetiger Abbildungen ist (gleichmäßig, Lipschitz-)
stetig.

Beweis. ÜA.

Satz 2.20. Seien (X, dX ) und (Y, dY ) metrische Räume und f : X → Y. Dann ist f in x ∈ X genau dann
stetig, wenn f folgenstetig in x ist, d.h. wenn für jede Folge (xk )k∈N in X mit xk → x die Konvergenz
f (xk ) → f (x) in (Y, dy ) folgt.

Beweis.

„⇒“: Sei (xk )k∈N Folge in X mit xk → x ∈ X, k → ∞. Sei ε > 0. Dann existiert ein δ > 0, sodass für ξ ∈ X
mit dX (ξ, x) < δ folgt, dass dY (f (ξ), f (x)) < ε. Sei N ∈ N so groß, dass dX (x, xk ) < δ ∀k ≥ N. Damit gilt
dY (f (xk ), f (x)) < ε ∀k ≥ N, also f (xk ) → f (x), k → ∞.

„⇐“: Annahme: f ist nicht stetig in x. Dann existiert ein ε > 0, so dass für alle k ≥ 0 ein xk mit dX (x, xk ) < 1
k
existiert mit dY (f (x), f (xk )) ≥ ε. Daraus folgt
 
1.) xk → x, k → ∞
zur Folgenstetigkeit.
2.) f (xk ) 9 f (x), k → ∞

Satz 2.21. Seien (X, dx ) und (Y, dY ) metrische Räume und f : X → Y. Dann sind äquivalent:

(i) f ist stetig.

(ii) A ⊂ Y offen ⇒ f −1 (A) ⊂ X offen, f −1 (A) := {x ∈ X : f (x) ∈ A}.

(iii) A ⊂ Y abgeschlossen ⇒ f −1 (A) abgeschlossen.

Beweis.
2.2. Kompaktheit 11

(i)⇒(iii): Sei A ⊂ Y abgeschlossen. Nach Lemma 2.7 gilt für jede Folge (yk )k∈N in A mit yk → y, dass y ∈ A.
Sei (xk )k∈N Folge in f −1 (A) ⊂ X mit xk → x ∈ X.
Behauptung: x ∈ f −1 (A)
Beweis: f (xk ) → f (x), k → ∞ ⇒ y ∈ A ⇒ x ∈ f −1 (A).
| {z } |{z} |{z}
=:yk =:y =f (x)

(iii)⇒(ii): A ⊂ Y offen ⇒ Y \ A abgeschlossen ⇒ f −1 (Y \ A) abgeschlossen. Dabei gilt f −1 (Y \ A) =


f −1 (Y ) \f −1 (A) = X \ f −1 (A) abgeschlossen. Also f −1 (A) offen.
| {z }
=X

(ii)⇒(i): Seien x ∈ X und ε > 0 beliebig. Dann ist Bε (f (x)) offen in Y und damit auch f −1 (Bε (f (x))) offen
(und x ∈ f −1 (Bε (f (x)))). Damit existiert ein δ > 0, so dass Bδ (x) ⊂ f −1 (Bε (f (x))). Daraus folgt, dass
f (Bδ (x)) ⊂ Bε (f (x)) (Umformulierung des ε-δ-Kriteriums).

§ 2.2 Kompaktheit

Definition 2.22. Sei (X, d) metrischer Raum. Dann heißt A ⊂ X kompakt (oder auch
überdeckungskompakt), wenn jede offene Überdeckung von A, d.h. jede Familie (Ui )i∈I mit Ui ⊂ X
offen, Ui ⊃ A, eine endliche Teilüberdeckung besitzt.
S
i∈I

Definition 2.23. Sei (X, d) metrischer Raum. Dann heißt A ⊂ X folgenkompakt, falls jede Folge in A
eine konvergente Teilfolge besitzt mit Grenzwert in A.

Definition 2.24. Sei (X, d) metrischer Raum. Dann heißt A ⊂ X präkompakt, wenn es zu jedem ε > 0
endlich viele offene Kugeln von Radius ε gibt, die A überdecken.

Satz 2.25. Seien (X, d) metrischer Raum und A ⊂ X. Dann sind folgende Aussagen äquivalent:

(i) A ist kompakt.

(ii) A ist folgenkompakt.

(iii) (A, d) ist vollständig und A ist präkompakt.

Beweis.

(i)⇒(ii): Sei (xk )k∈N Folge in A.


Annahme: (xk )k∈N hat keinen Häufungspunkt in A. Dann existiert für alle y ∈ A ein ry > 0, sodass
Ny := {k ∈ N : xk ∈ A ∩ Bry (y)} endlich ist. Nun ist (Bry (y))y∈A offene Überdeckung von A. Da A
kompakt ist, existieren y1 , . . . , yn ∈ A mit
n
[
A⊂ Bryi (yi )
i=1
12 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

n
[
und xk ∈ A für alle k ∈ N. Daraus folgt, dass N = Nyi .
i=1
| {z }
endlich

(ii)⇒(iii): a) Vollständigkeit: Jede Cauchy-Folge in A besitzt nach (ii) (eine konvergente Teilfolge in A) einen
Häufungspunkt in A. Mit Lemma 2.11 folgt daraus, dass die Cauchy-Folge einen Grenzwert in A hat. Also
ist (A, d) vollständig.
b) Präkompaktheit: Annahme: Es existiert ε > 0, so dass A keine endliche Überdeckung durch offene
ε-Kugeln besitzt. Finde induktiv xk ∈ A, k ∈ N mit

k
[
xk+1 ∈ A \ Bε (xi ).
i=1

(xk )k∈N hat also keinen Häufungspunkt.

(iii)⇒(i): Sei (Ui )i∈I offene Überdeckung von A. Definiere


[
B :={B ⊂ A : J ⊂ I, B ⊂ Ui ⇒ J ist unendlich }
i∈J

=Menge der Teilmengen von A, für die es keine endliche Teilüberdeckung von
(Ui )i∈I gibt.

Behauptung: A ∈
/B
Beweis: Aus A präkompakt folgt, dass zu ε > 0 eine Überdeckung

[
A⊂ Bε (xi )
i=1

S nε
existiert. Sei B ∈ B. Dann existiert i = i(ε) ∈ I, so dass Bε (xi ) ∩ B ∈ B. ( i=1 (Bε (xi ) ∩ B) = B ∈ B)
Annahme: A ∈ B. Setze B1 := A und wende obiges Verfahren (mit ε = 1/k) induktiv für k ∈ N an und
finde xk ∈ X und Bk mit
Bk := B1/k (xk ) ∩ Bk−1 ∈ B für k ≥ 2. (2.2.1)

Seien yk ∈ Bk und k ≤ l. Dann sind yk , yl ∈ B1/k (xk ) und damit

d(yk , yl ) ≤ 2/k = diam(B1/k (xk )).

Also ist (yk )k∈N Cauchy-Folge in A. Und da A vollständig ist, existiert y ∈ A, so dass

d(yk , y) → 0 für k → ∞.
| {z }
=:εk

Es gilt y ∈ Ui0 für ein i0 ∈ I und Ui0 offen. Daraus folgt

Bk ⊂ B1/k (xk ) ⊂ B2/k (yk ) ⊂ B2/k+εk (y) ⊂ Ui0 für k hinreichend groß.

Also folgt Bk ∈
/ B für k hinreichend groß. zu (2.2.1)


2.2. Kompaktheit 13

Bemerkung 2.26. Sei (X, d) metrischer Raum. Dann gilt:

(i) A ⊂ X präkompakt, B ⊂ A ⇒ B präkompakt.

(ii) A ⊂ X präkompakt ⇒ A beschränkt.

(iii) A ⊂ X präkompakt ⇒ A präkompakt.

(iv) A ⊂ X kompakt ⇒ A abgeschlossen (und beschränkt nach (ii)).

(v) X vollständig, A ⊂ X :
A präkompakt ⇔ A kompakt.

(vi) X kompakt, A ⊂ X abgeschlossen ⇒ A kompakt.

Beweis. ÜA, für (vi): beachte Satz 2.12.

Lemma 2.27. Sei (X, d) metrischer Raum. Dann gilt: Für x ∈ X ist d(x, ·) : X → R Lipschitz-stetig.

Beweis. Für y, z ∈ X gilt (nach der Vierecksungleichung Lemma 2.16)

|d(x, y) − d(x, z)| ≤ d(x, x) + d(y, z) = d(y, z)

und damit d(x, ·) ist Lipschitz-stetig.

Lemma 2.28. Sei (X, d) metrischer Raum und sei A ⊂ X kompakt. Dann existiert zu x ∈ X ein a ∈ A
mit
d(x, a) = dist (x, A) = inf{d(x, y) : y ∈ A}

Beweis. Sei (ak )k∈N ∈ AN Minimalfolge:

d(x, ak ) → dist(x, A) für k → ∞.

Da A kompakt ist, existiert eine Teilfolge (aki )i∈N von (ak )k∈N und a ∈ A mit

aki → a für i → ∞.

Da d(x, ·) stetig ist, gilt


 
d(x, ak ) →d(x, a), i → ∞
i
⇒ d(x, a) = dist (x, A).
d(x, ak ) → dist (x, A), i → ∞
i

Satz 2.29. Seien (X, dX ) und (Y, dY ) metrische Räume, X kompakt, f : X → Y stetig. Dann ist f (X)
kompakt.
14 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

Bemerkung 2.30. Für den Fall Y = R in Lemma 2.29 folgt also, dass f (X) abgeschlossen und beschränkt
ist, f nimmt also Maximum und Minimum an.

Beweis von Satz 2.29. Sei (yk )k∈N Folge in f (X) mit yk = f (xk ) für xk ∈ X, k ∈ N. Da X kompakt ist,
existiert eine Teilfolge (xki )i∈N und x ∈ X mit xki → x, i → ∞. Und da f stetig ist, gilt f (xki ) → f (x) =:
y, i → ∞, also yki → y, i → ∞. Also f (X) kompakt.

§ 2.3 Normierte Räume

Definition 2.31. Sei X ein K-Vektorraum, d.h. K = R oder K = C. (X, k.k) heißt normierter Raum
und k.k Norm, falls k.k : X → R folgende Bedingungen erfüllt:

(i) kxk ≥ 0; kxk = 0 ⇔ x = 0 (positiv definit)


(ii) kλxk = |λ|kxk (positiv homogen)
(iii) kx + yk ≤ kxk + kyk (Dreiecksungleichung)

für x, y ∈ X, λ ∈ K.

Bemerkung 2.32. Ist (x, k.k) normierter Raum, so wird durch d(x, y) := kx − yk, x, y ∈ X, eine
(induzierte) Metrik auf X definiert.

Definition 2.33. Ein normierter Raum (X, k.k) heißt Banachraum, falls (X, d) vollständig ist (d(x, y) =
kx − yk).

Definition 2.34. Für einen K-Vektorraum X heißt k.k : X → R Halbnorm auf X, falls die Bedingungen
(ii) und (iii) aus Definition 2.31, sowie kxk ≥ 0 für alle x ∈ X erfüllt sind.

Beispiel.

(i) (Rn , |.|) ist normierter Raum, wobei


v
u n
uX
|x| := t x2i , x ∈ Rn
i=1

die euklidische Norm bezeichne.

(ii) Für p ∈ [1, ∞] ist die p-Norm auf Rn definiert durch



 ! p1

 n
|xi |p
P
, p ∈ [1, ∞)


kxkp := i=1

max |xi | ,p = ∞



i∈{1,...,n}
2.3. Normierte Räume 15

k.k2 ist die euklidische Norm aus (i), k.k∞ heißt Maximumsnorm.
Behauptung: k.kp ist tatsächlich eine Norm auf Rn
Beweis. ÜA.

(iii) Weitere Beispiele (Funktionenräume) in Kapitel 3.

Definition 2.35. Zwei Normen k.k1 und k.k2 auf einem K-Vektorraum X heißen äquivalent, wenn es
Konstanten m, M > 0 gibt mit

mkxk1 ≤ kxk2 ≤ M kxk1 ∀x ∈ X.

Satz 2.36. Auf einem endlichdimensionalen K-Vektorraum sind alle Normen äquivalent.

Beweis.
Vorüberlegungen: Sei n := dim X und {e1 , . . . , en } eine Basis von X. Dann besitzt x ∈ X eine eindeutige
Darstellung
n
X
x= xi ei
i=1

mit xi ∈ K, i = 1, . . . , n. Daraus folgt, dass durch kxk∞ := max |xi | eine Norm auf X definiert ist.
i∈{1,...,n}
Sei k.k eine beliebige weitere Norm auf X.
Behauptung: k.k und k.k∞ sind äquivalent.
Beweis:

Schritt 1:
n
X n
X
kxk ≤ |xi | kei k ≤ kxk∞ kei k .
|{z}
i=1 i=1
≤kxk∞ | {z }
=:M

Schritt 2: Annahme: Es gibt keine Abschätzung kxk∞ ≤ ckxk für alle x ∈ X. Das heißt,

∀ε > 0 ∃xε ∈ X : kxε k < εkxε k∞ .

Also gilt xε 6= 0 und wir können kxε k∞ = 1 annehmen (sonst betrachte xε /kxε k∞ ). Also

kxε k < ε (und kxε k∞ = 1).

Für jedes i ∈ {1, . . . , n} ist {xεi : ε > 0} beschränkt. Das heißt, es existiert eine Folge (εk )k∈N , εk →
0, k → ∞, so dass
xεi k → ξi ∈ K, k → ∞, i = 1, . . . , n.
Pn
Betrachte x := i=1 ξi ei .
Behauptung: x = 0.
Beweis:  
n
X
kxk ≤ kxεk k +kx − xεk k ≤ εk +  kei k max |ξi − xεi k | → 0, k → ∞,
| {z } i∈{1,...,n}
i=1
≤εk
16 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

also kxk = 0 und damit x = 0.

Da also x = 0 ist, ist auch ξi = 0 für alle i = 1, . . . , n und damit

xεi k → 0, k → ∞, ∀i = 1, . . . , n zu max |xεi k | = 1 ∀k ∈ N.


i∈{1,...,n}

Bemerkung 2.37. Im unendlichdimensionalen Fall ist die Aussage aus 2.36 falsch. Als Beispiel betrachten
wir X = C 0 ([−1, 1]) mit den Normen

kf kC 0 := sup{|f (x)| : x ∈ [−1, 1]}

und
ˆ 1
! 12
kf kL2 := |f (x)|2
für f ∈ C 0 ([−1, 1]).
−1

1 √
Es gilt kf kL2 ≤ kf kC 0 · |[−1, 1]| =
2 2kf kC 0 . Aber betrachte für ε ∈ (0, 1) die Funktion fε mit

 ! 21
1 |x|
fε (x) := max 0, 1− , fε ∈ C 0 ([−1, 1]).
ε ε

Damit gilt
1
kfε kC 0 = ε− 2 (x = 0)

und ˆ ε
1 x 2 1
kfε k2L2 = 2 (1 − )dx = 2 − 2 · ε2 = 1.
0 ε ε ε 2
Also ist eine Abschätzung
kf kC 0 ≤ ckf kL2 ∀f ∈ C 0 ([−1, 1])

nicht möglich.

Lemma 2.38. Jeder endlichdimensionale Unterraum eines normierten Raumes ist vollständig und somit
abgeschlossen.

Beweis. Vorüberlegung: Sei (X, k.kX ) normierter Raum. Sei Y ⊂ X Unterraum mit dim Y = n und Basis
{e1 , . . . , en }. Definiere auf Y die Norm

n
X
kxk∞ := max |xi | für x = xi ei ∈ Y.
i∈{1,...,n}
i=1

Dann sind k.k∞ und k.kX äquivalent auf Y .


2.3. Normierte Räume 17

Sei (xk )k∈N Cauchy-Folge in Y mit


n
X
xk = xki ei .
i=1
Pn
Dann ist (xki )k∈N Cauchy-Folge in K für jedes i ∈ {1, . . . , n} mit Grenzwert ξi ∈ K. Definiere x := i=1 ξi ei ∈ Y.
Damit gilt
Xn
kx − xk k∞ = (ξi − xki )ei → 0, k → ∞


i=1

und mit 2.36 folgt daraus


kx − xk kX → 0.

Also ist Y vollständig und abgeschlossen nach 2.12.

Lemma 2.39 (Lemma von Riesz, fast orthogonales Element). Seien X normierter Raum und Y ⊂ X ein
abgeschlossener echter Unterraum, d.h. X \ Y 6= ∅. Sei weiter θ ∈ (0, 1). Dann gibt es ein xθ ∈ X mit

kxθ k = 1 und θ ≤ dist (xθ , Y ) ≤ 1.


| {z }
induziert von k.k

Beweis. Sei x ∈ X \ Y.
Behauptung: dist(x, Y ) > 0.
Beweis: Annahme: dist(x, Y ) = 0(= inf{kx − yk : y ∈ Y }). Dann existiert (yk )k∈N ∈ Y N , so dass kx − yk k →
0, k → ∞ und damit yk → x, k → ∞. Und da Y abgeschlossen ist, folgt x ∈ Y.

Wegen 1/θ > 0 existiert yθ ∈ Y mit


1
kx − yθ k ≤ dist(x, Y ) . (2.3.1)
|θ {z }
(>dist(x,Y ))

Definiere
x − yθ
xθ := ∈ X \ Y. (x ∈ X \ Y, yθ ∈ Y ⇒ x 6= yθ )
kx − yθ k
dann gilt kxθ k = 1 (wie gewünscht), und für y ∈ Y gilt

x − yθ 1 dist(x, Y ) (2.3.1)
kxθ − yk =
− y
= kx − yθ k (x − y| θ − kx{z− yθ ky)} ≥ kx − yθ k ≥ θ.
kx − yθ k
∈Y

Also gilt
dist(xθ , Y ) ≥ θ.

Weiter gilt
0∈Y
dist(xθ , Y ) = inf kxθ − yk ≤ kxθ k = 1.
y∈Y
18 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

Satz 2.40 (Heine-Borel). Sei X normierter Raum. Dann gilt

B1 (0) kompakt ⇔ dim(X) < ∞.

Beweis.
n
„⇒ “: Da B1 (0) kompakt ist, existiert eine endliche Überdeckung durch 1/2-Bälle mit B1 (0) ⊂ B1/2 (yi ). Sei
S
i=1
Y := span{y1 , . . . , yn }. Dann ist Y nach 2.38 abgeschlossen in X.
Annahme: Y ⊂ X ist echter Teilraum.
Dann existiert nach 2.39 für alle θ ∈ (0, 1) ein xθ ∈ X mit kxθ k = 1 und

dist(xθ , Y ) ≥ θ. (2.3.2)

n
Weiter gilt xθ ∈ B1 (0) ⊂ B1/2 (yi ) und damit existiert ein j ∈ {1, . . . , n}, so dass xθ ∈ B1/2 (yi ) ist. Also
S
i=1

1
dist(xθ , Y ) ≤ kxθ − yj k < .
2

Andererseits gilt nach (2.3.2) dist(xθ , Y ) ≥ θ. für θ ≥ 1/2. Also gilt Y = X.

„⇐ “: Erinnerung: Wenn X vollständig ist und A ⊂ X gilt nach 2.26 (v):

A präkompakt ⇔ A kompakt .

Nach 2.38 ist X vollständig, also ist noch zu zeigen, dass B := B1 (0) präkompakt ist.
Dafür seien, wie im Beweis von 2.38, dim X =: n, {e1 , . . . , en } Basis von X und

n
X
X3x= xi ei , kxk∞ := max |xi |.
i∈{1,...,n}
i=1

Nach 2.36 sind k.k∞ und k.k äquivalent, also ist B auch bzgl. k.k∞ beschränkt.
Behauptung: B ist präkompakt bzgl. k.k∞ (und damit auch präkompakt bzgl. k.k).
Beweis: B ist bzgl. k.k∞ beschränkt, damit können wir B zu gegebenem ε > 0 durch endlich viele ε-Kugeln
(in der k.k∞ -Norm) überdecken:
k.k∞
Sei R so groß, dass B ⊂ BR (0).
Finde dafür mit ε < R
m, m ∈ N, für K = R die Überdeckung

n
k.k∞
[ X
BR (0) ⊂ Bεk.k∞ (ε qj ej .)
q∈Zn j=1
kqk∞ ≤m

Für K = C ersetze q ∈ Zn durch q̃ := q1 + iq2 , q1 , q2 ∈ Zn , kq1 k∞ ≤ m und kq2 k∞ ≤ m etc..

Korollar 2.41. Sei X normierter Raum, dim(X) < ∞, A ⊂ X. Dann gilt:


2.3. Normierte Räume 19

(i) A präkompakt ⇔ A beschränkt.

(ii) A kompakt ⇔ A abgeschlossen und beschränkt.

Beweis. In 2.40 kann man B1 (0) durch jede beliebige Kugel BR (x) ersetzen.
zu (i):

„⇒ “: 2.26 (ii).

„⇐ “: A ⊂ BR (x) für R, x geeignet. BR (x) kompakt und damit ist nach 2.26 (i) A präkompakt.

zu (ii):

„⇒ “: 2.26 (ii),(iv).

„⇐ “: Nach (i) ist A präkompakt und da X nach 2.38 vollständig ist, folgt mit 2.26 (v), dass A kompakt ist. Da
A aber abgeschlossen ist, gilt A = A und damit ist A kompakt.

Satz 2.42. Sei (X, d) kompakter metrischer Raum und C 0 (X, K) := {f : X → K : f stetig }, sowie
kf kC 0 (X,K) := sup |f (x)|.
x∈X
Dann ist (C 0 (X, K), k.kC 0 (X,K) ) ein Banachraum.

Beweis.

Schritt 1: k.kC 0 (X,K) ist eine Norm. X(einfach)

Schritt 2: (C 0 (X, K), k.kC 0 (X,K) ) ist vollständig:


Sei (fk )k∈N Cauchy-Folge in (C 0 (X, K), k.kC 0 (X,K) ). Dann existiert zu ε > 0 ein N ∈ N mit

sup |fk (x) − fl (x)| < ε ∀k, l ≥ N.


x∈X

Damit ist (fk (x))k∈N Cauchy-Folge in K und damit fk → f punktweise, k → ∞ mit einer Funktion
f : X → K. Für x ∈ X gilt |fk (x) − f (x)| = lim |fk (x) − fl (x)| ≤ lim inf kfk − fl kC 0 (X,K) . Daraus folgt,
l→∞ l→∞
dass
kfk − f kC 0 (X,K) ≤ lim inf kfk − fl k → 0 für k → ∞
l→∞

und damit, dass


fk → f in der k.kC 0 (X,K) Norm.

Noch zu zeigen: f ∈ C 0 (X, K).


Seien dazu x0 , x ∈ X. Dann gilt

|f (x) − f (x0 )| ≤ |f (x) − fk (x)| + |fk (x) − fk (x0 )| + |fk (x0 ) − f (x0 )|
≤ kf − fk kC 0 (X,K) + |fk (x) − fk (x0 )| + kfk − f kC 0 (X,K) .

Sei ε > 0. N ∈ N mit kf − fk kC 0 (X,K) < ε für alle k ≥ N. Sei k ≥ N jetzt fest, δ > 0, so dass
20 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

|fk (x) − fk (x0 )| ≤ ε für d(x, x0 ) < δ. Dann ist

|f (x) − f (x0 )| < 3ε für d(x, x0 ) < δ.

Also f ∈ C 0 (X, K).

Satz 2.43 (Arzelà–Ascoli). Sei (X, d) kompakter metrischer Raum und sei M ⊂ C 0 (X, K) mit folgenden
Eigenschaften:

(i) M ist beschränkt, d.h.


sup sup |f (x)| ≤ K < ∞.
f ∈M x∈X

(ii) M ist abgeschlossen.

(iii) M ist gleichgradig stetig, d.h.

∀ε > 0 ∃δ > 0 ∀f ∈ M : d(x, y) ≤ δ ⇒ |f (x) − f (y)| ≤ ε, x, y ∈ X.

Dann ist M kompakt.

Beweis.

Schritt 1: X ist separabel.


Zu ε > 0 ist
[
{y ∈ X : d(x, y) < ε}
x∈X

eine (offene) Überdeckung von X. Da X kompakt ist, existiert eine endliche Teilüberdeckung. Daher gibt
(n) (n)
es zu n ∈ N endlich viele x1 , . . . , xmn ∈ X mit

m
[n (n)
X= B n1 (xk ).
k=1

(n)
Damit ist also {xk : 1 ≤ k ≤ mn , n ∈ N} eine abzählbare dichte Teilmenge von X.

Sei (fk )k∈N eine Folge in M .


Behauptung 1: (fk )n∈N besitzt eine Teilfolge die bzgl. k.kC 0 (X,K) konvergiert.
Beweis:

Schritt 2: Konstruktion einer Teilfolge (Diagonalfolge).


Betrachte eine dichte, abzählbare Menge A = {x1 , x2 , . . . } ⊂ X. Da M beschränkt ist, ist (fn (x1 ))n∈N
in K beschränkt. Also existiert eine konvergente Teilfolge (fn1k (x1 ))k∈N , n1k ∈ N für k ∈ N. Genauso ist
(fn1k (x2 ))k∈N beschränkt in K, also existiert eine konvergente Teilfolge (fn2k (x2 ))k∈N . Weiteres Ausdünnen
liefert konvergente Teilfolgen (fn3k (x3 ))k∈N , . . . .
Bilde die Diagonalfolge
y1 = fn11 , y2 = fn22 , y3 = fn33 , . . .

mit (yi (xn ))i∈N konvergent für jedes n ∈ N.


2.3. Normierte Räume 21

Schritt 3: Behauptung 2: (yi )i∈N ist Cauchy-Folge in M bzgl. k.kC 0 (X,K) .


Beweis: Sei ε > 0 und δ > 0 wie in Eigenschaft (iii). Überdecke X durch endlich viele Kugeln B1 , . . . , Bp
vom Radius δ
2 (p ∈ N). Da A dicht ist, existiert für jedes l ∈ {1, . . . , p} ein xnl ∈ Bl . Wähle N = N (ε) ∈ N,
so dass
|yi (xnl ) − yj (xnl )| ≤ ε ∀i, j ≥ N (2.3.3)

[(yi (xn ))i konvergiert für alle n ⇒ (yi (xn ))i ist Cauchy-Folge für alle n]
Sei dann x ∈ X beliebig, dann ist x ∈ Bl für ein l ∈ {1, . . . , p} und damit

d(x, xnl ) < δ (= diam Bl ).

Mit der Eigenschaft (iii) folgt daraus

|yi (x) − yi (xnl )| ≤ ε ∀i ∈ N. (2.3.4)

Damit gilt für i, j ≥ N :

|yi (x) − yj (x)| ≤ |yi (x) − yi (xnl )| + |yi (xnl ) − yj (xnl )| + |yj (xnl ) − yj (x)|
(2.3.3),(2.3.4)
≤ 3ε.

Also gilt kyi − yj kC 0 (X,K) ≤ 3ε für alle i, j ≥ N, also ist (yi )i∈N Cauchy-Folge in M bzgl. k.kC 0 (X,K) , und
Behauptung 2 ist gezeigt.

Schritt 4: C 0 (X, K) ist vollständig. Damit gilt

yi → y ∈ C 0 (X, K), i → ∞,

also Behauptung 1. Da M nach (ii) abgeschlossen ist, ist y ∈ M. Also ist M kompakt.

Korollar 2.44. Seien (X, d) kompakter metrischer Raum und M ⊂ C 0 (X, K). Dann gilt

M präkompakt ⇔ M beschränkt und gleichgradig stetig.

Beweis.

„⇐ “: Aus dem Beweis von 2.43 folgt, dass M kompakt ist. Da C 0 (X) vollständig ist, folgt mit 2.26 (v), dass
M präkompakt ist.

„⇒ “: Siehe [Alt12, Satz von Arzelà-Ascoli].


22 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

§ 2.4 Räume mit Skalarprodukt (Skalarprodukträume)

Definition 2.45. Sei X ein K-Vektorraum. (X, (·, ·)) heißt Prä-Hilbertraum (oder Skalarproduktraum)
und (·, ·) Skalarprodukt, falls (·, ·) : X × X → K folgende Bedingungen erfüllt:

(i) (αx, y) = α(x, y) (linear im 1. Argument)


(x + y, z) = (x, z) + (y, z)
(ii) (x, y) = (y, x) (symmetrisch)
(iii) (x, x) ≥ 0; (x, x) = 0 ⇔ x = 0 (positiv definit)

für alle x, y, z ∈ X und für alle α ∈ K.

Beispiel.

(i) Rn mit euklidischem Skalarprodukt

n
X
(x, y) = x · y = xi yi , x, y ∈ Rn .
i=1

(ii) Ω ⊂ Rn offen, beschränkt. C 0 (Ω) mit


ˆ
(f, g) := f (x)g(x)dx für f, g ∈ C 0 (Ω).

2.4. Räume mit Skalarprodukt (Skalarprodukträume) 23

Lemma 2.46. Sei (X, (·, ·)) Prä-Hilbertraum. Dann gilt die Cauchy-Schwarz-Ungleichung

|(x, y)|2 ≤ (x, x) · (y, y) für x, y ∈ X.

Beweis. Sei α ∈ K beliebig. Dann gilt für x, y ∈ X

0 ≤ (x + αy, x + αy)
= (x, x) + (αy, x) + (x, αy) + (αy, αy)
= (x, x) + α(x, y) + α(x, y) + |α|2 (y, y).

Sei y 6= 0 (für y = 0 ist die Aussage trivial). Definiere

(x, y)
α := −
(y, y).

Dann gilt
|(x, y)|2 |(x, y)|2 |(x, y)|2
0 ≤ (x, x) − − +
(y, y) (y, y) (y, y)
und damit die Behauptung.

Bemerkung. Es gilt Gleichheit genau dann, wenn x und y linear abhängig sind.

Lemma 2.47. Sei (X, (·, ·)) Prä-Hilbertraum. Dann ist durch kxk := (x, x) für x ∈ X eine (induzierte)
p

Norm auf X definiert.

Beweis. Überprüfe Normeigenschaften:

(i),(ii) X

(iii) Für x, y ∈ X gilt

kx + yk2 = (x + y, x + y) = (x, x) + (x, y) + (y, x) +(y, y)


| {z }
=(x,y)

= kxk2 + 2 Re(x, y) +kyk2


| {z }
≤2|(x,y)|
≤2kxkkyk

= (kxk + kyk)2 ,

und damit folgt die Behauptung

Bemerkung. Mit der induzierten Norm aus 2.47 lautet die Cauchy-Schwarz-Ungleichung

|(x, y)| ≤ kxkkyk.


24 Kapitel 2. Grundlagen (Strukturen)

Definition 2.48. Ein vollständiger (bzgl. der von der induzierten Norm induzierten Metrik) Prä-
Hilbertraum heißt Hilbertraum.

Lemma 2.49. Sei (X, (·, ·)) Prä-Hilbertraum. Dann gilt die Parallelogrammgleichung

kx + yk2 + kx − yk2 = 2kxk2 + 2kyk2 ∀x, y ∈ X.

Beweis. ÜA

Bemerkung 2.50. Sei (X, k.k) normierter Raum und es gelte die Parallelogrammgleichung aus 2.49.
Dann ist für K = R durch
1
(x, y) := (kx + yk2 − kx − yk2 )
4
bzw. für K = C durch

1
(x, y) := (kx + yk2 − kx − yk2 + ikx + iyk2 − ikx − iyk2 )
4

ein Skalarprodukt gegeben.

Beweis. [Wer11]

Definition 2.51. Sei (X, (·, ·)) Prä-Hilbertraum.

(i) Zwei Elemente x, y ∈ X heißen orthogonal zueinander , falls

(x, y) = 0

gilt.

(ii) Zwei Unterräume Y, Z von X heißen orthogonal zueinander , falls

(y, z) = 0 ∀y ∈ Y ∀z ∈ Z.

(iii) Für einen Unterraum Y von X heißt

Y ⊥ := {x ∈ X : (y, x) = 0 ∀y ∈ Y }

orthogonales Komplement von Y .


25

Kapitel 3 Funktionenräume

In diesem Kapitel sei Ω ⊂ Rn offen und K = R.

§ 3.1 Die klassischen Räume C m (Ω) und C m (Ω)

Definition 3.1. Wir definieren die R-Vektorräume

C 0 (Ω) := {f : Ω → R : f stetig}

der stetigen Funktionen und für m ∈ N

C m (Ω) := {f : Ω → R : f m-mal stetig differenzierbar}

der m-mal stetig differenzierbaren Funktionen.

n
Definition 3.2. Für einen Multiindex γ = (γ1 , . . . , γn ) ∈ Nn0 setzen wir |γ| := γi und schreiben
P
i=1

∂ γ1 ∂ γn
Dγ f = ∂1γ1 , . . . ∂nγn f = γ1 . . . f, D(0,...,0) f = f
∂x1 ∂xγnn

für f ∈ C |γ| (Ω). Alternative Schreibweise ∂ γ f = Dγ f.

Bemerkung. Wegen des Satzes von Schwarz über die Vertauschbarkeit der partiellen Ableitungen ist diese
Schreibweise gerechtfertigt. Betrachte z.B. n = 2, |γ| = 2, γ = (1, 1), f ∈ C 2 (Ω) :

D(1,1) f = ∂1 ∂2 f, ∂2 ∂1 f = D(1,1) f.

Die Schreibweise mit Multiindizies unterscheidet nicht die Reihenfolge der Differentationen.

Definition 3.3. Seien Ω beschränkt und m ∈ N0 . Wir definieren den R-Vektorraum

C m (Ω) := {f ∈ C m (Ω) : Dγ f besitzt eine stetige Fortsetzung auf Ω ∀γ ∈ N0 mit |γ| ≤ m}

Bemerkung. C 0 (Ω) stimmt mit C 0 (X), X = Ω, aus 2.42 überein (Eindeutigkeit der stetigen Fortsetzung).

Satz 3.4. Sei Ω beschränkt und m ∈ N0 , dann ist C m (Ω) mit der Norm
X
kf kC m (Ω) := kDγ f kC 0 (Ω)
|γ|≤m

ein Banachraum.
26 Kapitel 3. Funktionenräume

Beweis.

1.) C m (Ω) ist ein R-Vektorraum. X

2.) k.kC m (Ω) ist eine Norm auf C m (Ω). X

3.) C m (Ω) ist vollständig:

a) C 1 (Ω) ist vollständig: Sei (fk )k∈N Cauchy-Folge in C 1 (Ω). Dann folgt

Cauchy-Folge in C 0 (Ω)

 (f )
k k∈N

 (∂ f )

i k k∈N Cauchy-Folge in C 0 (Ω) für i = 1, . . . , n.

Da C 0 (Ω) vollständig ist, existieren f, gi ∈ C 0 (Ω), i = 1, . . . , n, so dass

fk → f in C 0 (Ω)
∂i fk → gi in C 0 (Ω), i = 1, . . . , n

für k → ∞.
Behauptung: ∇f = g := (g1 , . . . , gn ), f ∈ C 1 (Ω).
Beweis: Sei x ∈ Ω. Für y hinreichend nahe x ist für t ∈ [0, 1] auch xt := (1 − t)x + ty ∈ Ω. Damit gilt
ˆ 1 ˆ 1
d
fk (y) − fk (x) = fk (x1 ) − fk (x0 ) = fk (xt )dt = (y − x) · ∇fk (xt )dt.
0 dt 0

Und damit
ˆ
1
|fk (y) − fk (x) − (y − x) · ∇fk (x)| = (y − x) · (∇fk (xt ) − ∇fk (x))dt

0
ˆ 1
≤ |∇fk (xt ) − ∇fk (x)|dt|y − x|
0

Dabei gilt

|∇fk (xt ) − ∇fk (x)| ≤ |∇fk (xt ) − g(xt )| + |g(xt ) − g(x)| + |g(x) − ∇fk (x)|
≤ k∇fk − gkC 0 (Ω)+supt∈[0,1] |g(xt )−g(x)| + k∇fk − gkC 0 (Ω)

und daher

|fk (y) − fk (x) − (y − x) · ∇fk (x)| ≤ (2k∇fk − gkC 0 (Ω) + sup |g(xt ) − g(x)|)|y − x|.
t∈[0,1]

Für k → ∞ liefert dies

|f (y) − f (x) − (y − x) · g(x)| ≤ sup |g(xt ) − g(x)| ·|y − x|.


t∈[0,1]
| {z }
=o(|y−x|) für y→x

Also ist f differenzierbar mit ∇f = g ∈ C 0 (Ω) und somit f ∈ C 1 (Ω).

b) C m (Ω) ist vollständig.


Beweis: per Induktion über m:
3.1. Die klassischen Räume C m (Ω) und C m (Ω) 27

IS: C m (Ω) vollständig ⇒ C m+1 (Ω) vollständig:


Sei also (fk )k∈N Cauchy-Folge in C m+1 (Ω), dann

f → f in C m (Ω)

k

∂i Dγ fk → gi
 in C 0 (Ω) ∀i = 1, . . . , m ∀γ ∈ Nn0 : |γ| = m

Wie oben folgt,


∂i Dγ f = gi ∈ C 0 (Ω) ∀i = 1, . . . , m ∀γ : |γ| = m

und
Dγ f ∈ C 1 (Ω).

Definition 3.5. Für eine Funktion f : U → R, U ⊂ Rn , f ∈ C 0 (U ) heißt

supp(f ) := {x ∈ U : f (x) 6= 0}

der Träger („support “) von f .

Definition 3.6. Wir definieren für m ∈ N0

Ccm (Ω) := {f ∈ C m (Ω) : supp(f ) ist kompakte Teilmenge von Ω}.

Definition 3.7. Der Vektorraum der unendlich oft differenzierbaren Funktionen auf Ω ist definiert durch
\
C ∞ (Ω) := C m (Ω).
m∈N

Weiter definieren wir


\
C ∞ (Ω) := C m (Ω)
m∈N

und
\
Cc∞ (Ω) := Ccm (Ω) = {f ∈ C ∞ : supp(f ) ist kompakte Teilmenge von Ω}.
m∈N

Bemerkung 3.8. Analog zu den bisherigen Funktionenräumen in 3.1 definiert man entsprechende Räume
für Abbildungen f : Ω → Rk :
C m (Ω, Rk ), . . .

und noch allgemeiner für Abbildungen f : Ω → Y mit Y Banachraum:

C m (Ω, Y ), . . . .

(Ableitungen für Banachraumwertige Abbildungen benötigt. . . )


28 Kapitel 3. Funktionenräume

§ 3.2 Hölder-Räume

Definition 3.9. Sei U ⊂ Rn . Eine Funktion f : U → R heißt Hölder-stetig zum Exponenten α ∈ (0, 1],
falls gilt:
∃C ≥ 0 : ∀x, y ∈ U : |f (x) − f (y)| ≤ C|x − y|α . (3.2.1)

Die kleinstmögliche Zahl C in (3.2.1) ist durch

|f (x) − f (y)|
[f ]α,U := sup
x,y∈U |x − y|α
x6=y

gegeben und heißt Hölder-Halbnorm.

Bemerkung 3.10.

(i) Die Hölder-stetigen Funktionen mit α = 1 sind genau die Lipschitz-stetigen Funktionen.

(ii) Hölder-stetige Funktionen sind gleichmäßig stetig.

Definition 3.11. Sei Ω beschränkt, m ∈ N0 , α ∈ (0, 1]. Dann heißt

C m,α (Ω) := {f ∈ C m (Ω) : [Dγ f ]α,Ω < ∞ ∀γ ∈ Nn0 , |γ| = m}

Hölder-Raum.


Beispiel. f (x) := x für x ∈ Ω := (0, 1).
0, 12
Behauptung: f ∈ C (Ω).
Beweis: Seien x, y ∈ Ω, x 6= y, x ≥ y. Dann gilt
√ √ √ √ √ √
|x − y| = x − y = ( x − y) ( x + y) ≥ ( x − y)2
| √{z }

≥ x− y

und damit
|f (x) − f (y)| ≤ |x − y|1/2 .

Satz 3.12. Mit der Norm (Ω beschränkt, m ∈ N0 , α ∈ (0, 1])


X
kf kC m,α (Ω) := kf kC m (Ω) + [Dγ f ]α,Ω , f ∈ C m,α (Ω),
|γ|=m

ist C m,α (Ω) ein Banachraum.

Beweis.

Schritt 0: C m,α (Ω) ist ein Vektorraum, k.kC m,α (Ω̄) ist eine Norm.


3.2. Hölder-Räume 29

Schritt 1: C 0,α (Ω̄) ist vollständig:


Beweis: Sei (fk )k∈N Cauchy-Folge in C 0,α (Ω̄). Dann ist (fk )k∈N Cauchy-Folge in C 0 (Ω̄), es existiert also
ein f ∈ C 0 (Ω̄) mit
kfk − f kC 0 (Ω̄) → 0, k → ∞.

Für x, y ∈ Ω und x 6= y gilt daher

(fk − fl )(x) − (fk − fl )(y)


[fk − fl ]α,Ω ≥
|x − y|α
k→∞ (f − fl )(x) − (f − fl )(y)

|x − y|α

und damit
(f − fl )(x) − (f − fl )(y)
≤ lim inf [fk − fl ]α,Ω ,
|x − y|α k→∞

also
[f − fl ]α,Ω ≤ lim inf [fk − fl ]α,Ω . (3.2.2)
k→∞

Für den Grenzwert l → ∞ folgt damit

lim [f − fl ]α,Ω ≤ lim lim inf [fk − fl ]α,Ω = 0,


l→∞ l→∞ k→∞

also
lim [f − fl ]α,Ω = 0
l→∞

und damit
fk → f in C 0,α (Ω̄).

Beachte f ∈ C 0,α (Ω̄) : [f ]α,Ω ≤ lim inf k→∞ [fk ]α,Ω (wie in (3.2.2)).

Schritt 2: C m,α (Ω̄) ist vollständig für m ≥ 1.


Beweis: Sei (uk )k∈N Cauchy-Folge in C m,α (Ω̄). Dann konvergiert Dγ uk → Dγ u gleichmäßig für ein
u ∈ C m (Ω̄), |γ| ≤ m. Sei f := Dγ u und fk := Dγ uk . Gehe vor wie in Schritt 1, dann gilt

lim [f − fk ]α,Ω = 0,
k→∞

womit die Behauptung folgt.

Das Produkt zweier Hölder-stetiger Funktionen ist wieder Hölder-stetig:

Proposition 3.13. Sei Ω beschränkt und α ∈ (0, 1]. Dann gelten:

(i) Für u, v ∈ C 0,α (Ω) gilt


[u · v]α,Ω ≤ [u]α,Ω kvkC 0 (Ω) + kukC 0 (Ω) [v]α,Ω .

(ii) Für u, v ∈ C m,α (Ω) und m ∈ N0 gilt

ku · vkC m,α (Ω) ≤ CkukC m,α (Ω) kvkC m,α (Ω)

mit einer positiven Konstante C = C(m, n).


30 Kapitel 3. Funktionenräume

Beweis. ÜA.

Ausblick: Ω beschränkt, 0 < β < α


⇒ C 0,α (Ω) ⊂ C 0,β (Ω).

§ 3.3 Lp -Räume

Wir betrachten

L1 (Ω) := {f : Ω → R (Lebesgue-)messbar : inf |f | < ∞}


:= {f : Ω → R : f Lebesgue-integrierbar}
´
und kf kL1 (Ω) := Ω
|f |.
Allgemeiner, für p ∈ [1, ∞) :
ˆ  p1
p
kf kLp (Ω) := |f |

und
Lp (Ω) := {f : Ω → R messbar : kf kLp (Ω) < ∞}.

Beachte: Die Elemente aus Lp (Ω) sind eigentlich Äquivalenzklassen von Funktionen, die wir miteinander
identifizieren, wenn sie sich nur auf einer Nullmenge unterscheiden.

Definition 3.14. Sei f : Ω → R messbar. Dann heißt f wesentlich beschränkt, falls

sup |f (x)| < ∞ für eine Nullmenge N ⊂ Ω


x∈Ω\N

gilt. Wir definieren

L∞ (Ω) : = {f : Ω → R : f messbar und wesentlich beschränkt}


= {f : Ω → R : f messbar, kf kL∞ (Ω) < ∞},

wobei für messbares f : Ω → R die L∞ -Norm definiert ist durch

kf kL∞ (Ω) := ess sup|f |


:= inf{ sup |f (x)| : N ⊂ Ω, |N | = 0}.
x∈Ω\N

Lemma 3.15. Für f ∈ L∞ (Ω) existiert eine Nullmenge N, so dass

kf kL∞ (Ω) = sup |f (x)|


x∈Ω\N

gilt. Insbesondere gilt


|f (x)| ≤ kf kL∞ (Ω) für fast alle x ∈ Ω.
3.3. Lp -Räume 31

Beweis. Betrachte eine Familie von Nullmengen (Nk )k∈N , Nk ⊂ Ω für alle k mit

k→∞
sup |f (x)| → kf kL∞ (Ω) .
x∈Ω\Nk

Nk ist Nullmenge. Damit gilt


S
N :=
k∈N

Nk ⊂N
kf kL∞ (Ω) ≤ sup |f (x)| ≤ sup |f (x)| ∀k ∈ N
x∈Ω\N x∈Ω\Nk
k→∞
→ kf kL∞ (Ω) ,

also
kf kL∞ (Ω) ≤ sup |f (x)| ≤ kf kL∞ (Ω)
x∈Ω\N

und damit
kf kL∞ (Ω) = sup |f (x)|.
x∈Ω\N

Definition 3.16. Sei p ∈ [1, ∞]. Dann ist der konjugierte Exponent p0 definiert durch
 −1
1 1 1 p
+ = 1 für p ∈ (1, ∞) ⇔ p0 = 1− =
p p0 p p−1

und
p0 = 1 für p = ∞, p0 = ∞ für p = 1.

0
Satz 3.17 (Hölder-Ungleichung). Seien f ∈ Lp (Ω) und g ∈ Lp (Ω), p ∈ [1, ∞], p0 konjugiert zu p. Dann
ist f · g ∈ L1 (Ω) und es gilt
kf · gkL1 (Ω) ≤ kf kLp (Ω) · kgkLp0 (Ω) .

Beweis. Für p ∈ (1, ∞) mit Young-Ungleichung [Analysis III].


Für p = 1 : f, g messbar ⇒ f · g messbar [Analysis III]

|(f · g)(x)| ≤ kgkL∞ (Ω) |f (x)| für fast alle x ∈ Ω.

Damit gilt
f · g ∈ L1 (Ω)

nach Majorantenkriterium [Analysis III] und damit

kf · gkL1 (Ω) ≤ kf kL1 (Ω) kgkL∞ (Ω)

nach Monotonie.

Satz 3.18 (Minkowski-Ungleichung). Sei p ∈ [1, ∞]. Dann gilt f, g ∈ Lp (Ω) ⇒ f + g ∈ Lp (Ω) mit

kf + gkLp (Ω) ≤ kf kLp (Ω) + kgkLp (Ω) .


32 Kapitel 3. Funktionenräume

Beweis. Für p ∈ [1, ∞) : [Analysis III] oder [Alt12].


Für p = ∞ : f + g messbar [Analysis III], da f + g ∈ L∞ (Ω) (wesentlich beschränkt):

3.15
kf kL∞ (Ω) = sup |f (x)| < ∞, kgkL∞ (Ω) = sup |g(x)| < ∞ für Nullmengen Nf , Ng ⊂ Ω.
x∈Ω\Nf x∈Ω\Ng

Damit gilt mit N := Nf ∪ Ng

kf + gkL∞ (Ω) ≤ sup (|f (x) + g(x)|) ≤ sup |f (x)| + sup |g(x)|
x∈Ω\N x∈Ω\N x∈Ω\N

≤ sup |f (x)| + sup |g(x)|.


x∈Ω\Nf x∈Ω\Ng

Es folgt
kf + gkL∞ (Ω) ≤ kf kL∞ (Ω) + kgkL∞ (Ω)

aus der Definition von ess sup .

Korollar 3.19. Für p ∈ [1, ∞] ist Lp (Ω) ein normierter Raum.

Satz 3.20. L∞ (Ω) ist Banachraum.

Beweis. Sei (fk )k∈N Cauchy-Folge in L∞ (Ω). Es gibt also Nullmenge Nk , k ∈ N, mit

sup |fk (x)| = kfk kL∞ (Ω).


x∈Ω\Nk

Dann ist N := Nk Nullmenge in Ω und es gilt


S
k∈N

|fk (x)| ≤ kfk kL∞ (Ω) ∀x ∈ Ω \ N ∀k ∈ N. (3.3.1)


| {z }
≤C<∞

Ebenso gilt für eine Nullmenge Ñ in Ω :

|fk (x) − fl (x)| ≤ kfk − fl kL∞ (Ω) für x ∈ Ω \ Ñ (3.3.2)

mit kfk − fl kL∞ (Ω) → 0 für k, l → ∞. Sei N̂ := Ñ ∪ N. Dann ist die Funktion f mit

 lim fk (x) für x ∈ Ω \ N̂

f (x) := k→∞
0
 sonst

wohldefiniert (wegen (3.3.1)), messbar (uk : Ω → R̄ messbar, uk → u punktweise fast überall ⇒ u messbar),
beschränkt (wegen (3.3.2)) und für x ∈ Ω \ N̂ gilt

|f (x) − fk (x)| = lim |fl (x) − fk (x)| ≤ lim inf kfl − fk kL∞ (Ω)
l→∞ l→∞

und damit
kf − fk kL∞ (Ω) ≤ lim inf kfl − fk kL∞ (Ω) → 0 für k → ∞.
l→∞
3.3. Lp -Räume 33

Satz 3.21 (Fischer-Riesz). Für p ∈ [1, ∞] ist Lp (Ω) ein Banachraum.

Beweis. [Analysis III], [Alt12].

Korollar 3.22. Mit ˆ


(f, g)L2 (Ω) := f (x)g(x)dx

für f, g ∈ L2 (Ω) ist L2 (Ω) ein Hilbertraum.

(f, f )L2 (Ω) gilt offensichtlich. (f, g)L2 (Ω) ist für f, g ∈ L2 (Ω) nach Hölder-Ungleichung
p
Beweis. kf kL2 (Ω) =
wohldefiniert. Die Skalarprodukteigenschaften folgen leicht (vgl. ÜA 15).

Definition 3.23.

(i) Eine Teilmenge Ω0 ⊂ Ω heißt kompakt enthalten in Ω, falls Ω0 ⊂ Ω gilt und Ω0 kompakt ist.
Notation: Ω0 ⊂⊂ Ω.

(ii) Wir definieren


Lploc (Ω) := {u : Ω → R : u ∈ Lp (Ω0 ) ∀Ω0 ⊂⊂ Ω}

und die Konvergenz

k→∞ k→∞
uk → u in Lploc (Ω) ⇔ uk → u in Lp (Ω0 ) ∀Ω0 ⊂⊂ Ω.

Beispiel.

(i) Sei f : R → R̄, f (x) := √1 . Dann gilt


|x|

/ L1 (R), aber f ∈ L1loc (R).


f∈

(ii) Sei f : (0, 1) → R, f (x) := x1 . Dann gilt

/ L1 ((0, 1)), aber f ∈ L1loc ((0, 1)).


f∈

Es ist möglich Lp -Funktionen durch glatte (C ∞ -) Funktionen zu approximieren. Dazu:

Satz 3.24 (Faltung). Seien f ∈ L1 (Rn ) und g ∈ Lp (Rn ), p ∈ [1, ∞]. Dann gilt für fast alle x ∈ Rn :

(y 7→ f (x − y)g(y)) ∈ L1 (Rn ).

Wir definieren für x ∈ Rn


ˆ
(f ∗ g)(x) := f (x − y)g(y)dy (Faltung von f mit g).
Rn
34 Kapitel 3. Funktionenräume

Dann gilt f ∗ g ∈ Lp (Rn ) und

kf ∗ gkLp (Rn ) ≤ kf kL1 (Rn ) kgkLp (Rn ) (Faltungsabschätzung).

Beweis.

Schritt 1: p = 1 : Sei F (x, y) := f (x − y)g(y) für x, y ∈ Rn . Dann gilt


ˆ ˆ
|F (x, y)|dx = |g(y)| |f (x − y)|dx = |g(y)|kf kL1 (Rn ) < ∞
Rn Rn

und damit ˆ ˆ 
|F (x, y)|dx dy = kgkL1 (Rn ) · kf kL1 (Rn ) < ∞.
Rn Rn

Mit dem Satz von Tonelli folgt daraus, dass

F ∈ L1 (Rn × Rn )

und mit dem Satz von Fubini, dass


ˆ
|F (x, y)|dy < ∞ für fast alle x ∈ Rn
Rn

und ˆ ˆ  ˆ ˆ 
|F (x, y)|dy dx = |F (x, y)|dx dy = kf kL1 (Rn ) kgkL1 (Rn ) .
Rn Rn Rn Rn

Schritt 2: p = ∞ :
Es gilt
ˆ ˆ
für fast alle x

|(f ∗ g)(x)| = F (x, y)dy ≤ |F (x, y)|dy ≤ kgkL∞ (Rn ) kf kL1 (Rn )
R n Rn

und damit ˆ

kf ∗ gkL∞ (Rn ) =
F (x, y)dy
≤ kgkL∞ (Rn ) kf kL1 (Rn ) .
R n
L∞ (Rn )

Schritt 3: p ∈ (1, ∞) :
Nach Schritt 1 gilt

(y 7→ |f (x − y)| |g(y)|p ) ∈ L1 (Rn ) für fast alle x ∈ Rn .


| {z }
„ ∈L1 (Rn )“

Daraus folgt, dass


1
(y 7→ |f (x − y)| p |g(y)|) ∈ Lp (Rn ) für fast alle x ∈ Rn .

Sei p0 zu p konjugiert:
1 1
+ = 1.
p p0
3.3. Lp -Räume 35

Dann gilt
1 1
|f (x − y)||g(y)| = |f (x − y)| p0 |f (x − y)| p |g(y)|,
| {z }| {z }
„ ∈Lp0 (Rn )“ „ ∈Lp (Rn )“
also
(y 7→ |f (x − y)||g(y)|) ∈ L1 (Rn )

für fast alle x ∈ Rn . Damit folgt


ˆ
Hölder 1 1
|(f ∗ g)(x)| ≤ |f (x − y)||g(y)|dy ≤ k|f (x − ·)| p0 kLp0 (Rn ) · k|f (x − ·)| p |g|kLp (Rn )
Rn
1
ˆ  p1
p0
= kf k L1 (Rn ) · |f (x − y)||g(y)| dy p
für fast alle x ∈ Rn
Rn

und somit p
0
|(f ∗ g)(x)|p ≤ kf kLp 1 (Rn ) · ( |f | ∗ |g|p )(x) für fast alle x ∈ Rn .
|{z} |{z}
∈L1 ∈L1

Nach Schritt 1 folgt, p

kf ∗ gkpLp (Rn ) ≤ kf kLp 1 (Rn ) kf kL1 (Rn ) k|g|p kL1 (Rn )


0

und damit,
1 1
p+ 0
kf ∗ gkLp (Rn ) ≤ kf kL1 (Rp n ) kgkLp (Rn ) ,
| {z }
=kf kL1 (Rn )

was die Behauptung zeigt.

Wegen
ˆ ˆ  21 ˆ  21
f (x − y)2 dy g(y)2 dy


f (x − y)g(y)dy ≤ = kf kL2 (Rn ) kgkL2 (Rn )
Rn Rn Rn

folgt
f ∗ g ∈ L∞ (Rn ) für f, g ∈ L2 (Rn ).

→ „mehr Regularität durch Faltung “


Allgemeiner gilt:

Satz 3.25 (Youngsche Ungleichung). Seien p, q, r ∈ [1, ∞] mit p1 + 1q = 1+ 1r . Seien f ∈ Lp (Rn ), g ∈ Lq (Rn ).
Dann ist
(y 7→ f (x − y)g(y)) ∈ Lr (Rn ) für fast alle x ∈ Rn ,

und es gilt
kf ∗ gkLr (Rn ) ≤ kf kLp (Rn ) kgkLq (Rn ) .

Beweis. p = q = 2, r = ∞ s.o. . . . ÜA.

Als nächstes: Aussagen über supp(f ∗ g) in Abhängigkeit von supp(f ) und supp(g) (später: f ∈ Cc∞ (Ω))
Dazu nötig: neuer Begriff von supp(f ) für f ∈ Lp (Ω)
36 Kapitel 3. Funktionenräume

Beispiel. Mit Definition 3.5 supp(f ) := {x ∈ Ω : f (x) 6= 0} wäre (Ω = R)

supp(χQ ) = R.

Es gilt aber [χQ ] = [0] ∈ Lp (Ω), (χQ = 0 fast überall)

supp(0) = ∅.

Das heißt, zwei Repräsentaten der gleichen Äquivalenzklasse haben unterschiedlichen Träger, einer hat
Träger R, der andere hat Träger ∅.

Definition 3.26. Sei f : Ω → R. Betrachte die Familie (Ui )i∈I aller offenen Mengen Ui ⊂ Ω mit

f (x) = 0 für fast alle x ∈ Ui , i ∈ I

und deren Vereinigung


[
U= Ui .
i∈I

Dann ist der wesentliche Träger von f definiert als

ess supp(f ) := Ω \ U.

Bemerkung. In obigem Beispiel gilt offensichtlich

ess supp(χQ ) = ∅ = ess supp(0).

Bemerkung 3.27.

(i) Seien f und U wie in 3.26. Dann gilt

f =0 fast überall in U.

(ii) Für f ∈ C 0 (Ω) gilt


ess supp(f ) = supp(f ) ∩ Ω.

Daher schreiben wir auch supp statt ess supp .

(iii) Seien f1 , f2 : → R mit f1 = f2 fast überall in Ω, dann gilt

ess supp(f1 ) = ess supp(f2 ),

also ist ess supp(f ) für f ∈ Lp (Ω) wohldefiniert.

Beweis.

(i) Schritt 1: Es existiert eine abzählbare Familie (Vj )j∈N von offenen Mengen Vj ⊂ Rn mit folgender Eigen-
3.3. Lp -Räume 37

schaft:
[
∀V ⊂ Rn offen ∃J ⊂ N : V = Vj .
j∈J

Beweis: Betrachte Br (q) mit q ∈ Qn , r ∈ Q+ . Dann ist (Br (q))r∈Q+ ,q∈Qn abzählbar. Wähle zu
V ⊂ Rn offen die Bälle Br (q), die in V enthalten sind. Dann ist V (abzählbare) Vereinigung dieser
Bälle.

Schritt 2: Gemäß Schritt 1:


[ [ [
Ui = Vj , U = Vj mit J := Ji .
j∈Ji j∈J i∈I

J ist dabei abzählbar. Aus f = 0 fast überall in Ui ∀i ∈ I folgt f = 0 fast überall in Vj ∀j ∈ J und
damit
f = 0 fast überall in U.

(abzählbare Vereinigungen von Nullmengen sind Nullmengen)

(ii) Schritt 1: ess supp(f ) ⊂ supp(f ) :


Sei x0 ∈ ess supp(f ), dann ist x0 ∈
/ U, das heißt es existiert kein Ui ⊂ Ω offen mit x ∈ Ui und
f (x) = 0 ∀x ∈ Ui (f stetig!). Daraus folgt, dass eine Folge (xk )k∈N in Ω existiert mit xk → x0 , k → ∞
und f (xk ) 6= 0. Damit gilt
x0 ∈ {x ∈ Ω : f (x) 6= 0} = supp(f ).

Schritt 2: supp(f ) ∩ Ω ⊂ ess supp(f ) :


Sei x0 ∈ supp(f ) ∩ Ω, dann existiert eine Folge (xk )k∈N in Ω mit f (xk ) 6= 0, xk → x0 , k → ∞. Damit
gibt es keine offene Umgebung Ui um x0 mit f (x) = 0 für alle x ∈ U0 . Also ist x0 ∈ / U und damit ist
x0 ∈ ess supp(f ).

(iii) Sei x0 ∈ ess supp(f1 ), aber x0 ∈


/ ess supp(f2 ) (ohne Einschränkung). Dann existiert ein U ⊂ Ω offen mit
x0 ∈ U und f2 (x) = 0 für fast alle x ∈ U. Andererseits gilt nicht f1 (x) = 0 für fast alle x ∈ U. Damit
unterscheiden sich f1 und f2 auf einer Menge mit positivem Maß (zu f1 = f2 fast überall).
38 Kapitel 3. Funktionenräume

Lemma 3.28.

(i) Für f ∈ L1 (Rn ) und g ∈ Lp (Rn ), p ∈ [1, ∞, ] gilt

supp(f ∗ g) ⊂ supp(f ) + supp(g).

(ii) Seien f ∈ Cc0 (Rn ), g ∈ L1loc (Rn ). Dann ist

x 7→ (f ∗ g)(x)

wohldefiniert für jedes x ∈ Rn und stetig.

Beweis.

(i) Sei x ∈ Rn , sodass die Funktion (y 7→ f (x − y)g(y)) ∈ L1 (Rn ). (Nach 3.24 ist das für fast alle x ∈ Rn der
Fall.) Damit gilt
ˆ ˆ
(f ∗ g)(x) = f (x − y)g(y)dy = f (x − y)g(y)dy. (3.3.3)
Rn (x−supp(f )∩supp(g))

Beachte dabei
(x − y) ∈ supp(f ) ⇔ y ∈ x − supp(f ).

Sei x ∈
/ supp(f ) + supp(g). Dann gilt

(x − supp(f ) ∩ supp(g)) = ∅

und mit (3.3.3)


(f ∗ g)(x) = 0.

Es gilt also

(f ∗ g)(x) = 0 für fast alle x ∈ (supp(f ) + supp(g))c =: A


⇒ (f ∗ g)(x) = 0 für fast alle x ∈ Å (offen)
⇒ Å ⊂ supp(f ∗ g)c
⇒ (Å)c ⊃ supp(f ∗ g)
|{z}
=Ac

⇒ supp(f ∗ g) ⊂ supp(f ) + supp(g).

(ii) Es gilt (y 7→ f (x − y)g(y)) ∈ L1 (Rn ) (f hat kompakten Träger), und zwar für alle x ∈ Rn (f ist stetig (vgl.
Schritt 2 im Beweis von 3.24)), also ist (f ∗ g)(x) für alle x ∈ Rn definiert.
Sei x0 ∈ Rn und sei (xk )k∈N Folge in Rn mit xk → x0 , k → ∞. Betrachte

uk (y) := f (xk − y)g(y) und u(y) := f (x0 − y)g(y).

Da f ∈ C 0 , gilt uk → u punktweise fast überall und

|uk (y)| ≤ kf kL∞ (Rn ) kgkL1 (U ) für geeignetes U ⊂⊂ Rn ∀k.


3.3. Lp -Räume 39

Mit Lebesgue folgt


kuk − ukL1 (Rn ) → 0, k → ∞,

und damit
(f ∗ g)(xk ) → (f ∗ g)(x0 ), k → ∞.

Lemma 3.29. Seien k ∈ N, f ∈ Cck (Rn ) und g ∈ L1loc (Rn ). Dann gilt f ∗ g ∈ C k (Rn ) und für γ ∈ Nn
mit |γ| ≤ k
Dγ (f ∗ g) = (Dγ f ) ∗ g.

Insbesondere gilt: f ∈ Cc∞ (Rn ), g ∈ L1loc (Rn ) ⇒ f ∗ g ∈ C ∞ (Rn ).

Beweis. Es genügt, den Fall k = 1 zu behandeln. Der Rest folgt per Induktion über k.
Behauptung: Für gegebenes x gilt: f ∗ g ist differenzierbar in x mit

∇(f ∗ g)(x) = ((∇f ) ∗ g)(x).

Sei h ∈ Rn mit |h| < 1. Für y ∈ Rn gilt dann


ˆ
1
|f (x + h − y) − f (x − y) − h · ∇f (x − y)| = [h · ∇f (x + sh − y) − h · ∇f (x − y)]ds

0
ˆ 1
≤ |h| |∇f (x + sh − y) − ∇f (x − y)|ds
0

= |h|o(1) (glm. Stetigkeit von ∇f ).

Daraus folgt, dass

|(f ∗ g)(x + h)−(f ∗ g)(x) − h · (∇f ∗ g)(x)|


ˆ

= f (x + h − y) − f (x − y) − h · ∇f (x − y) g(y)dy
n
ˆR
≤ |f (x + h − y) − f (x − y) − h · ∇f (x − y)||g(y)|dy für U ⊂⊂ Rn geeignet
U

≤ |h|o(|1|)
mit Lebesgue-Konvergenzsatz wie im Beweis von 3.28.

Damit folgt die Behauptung.

Weiter ist ∇f ∗ g nach 3.28 stetig.

Konkrete Wahl von Funktionen f zur Approximation von g ∈ Lp (Ω) durch Faltungen f ∗ g.

Definition 3.30. Eine Folge (ρk )k∈N von Funktionen ρk ∈ Cc∞ (Rn ) heißt Diracfolge (oder
Folge von Glättungskernen bzw. Mollifiern), falls folgende Bedingungen erfüllt sind:

(i) supp(ρk ) ⊂ B k1 (0)


´
(ii) Rn ρk = 1
40 Kapitel 3. Funktionenräume

(iii) ρk ≥ 0

für alle k ∈ N.

Bemerkung 3.31. Konstruktion einer Diracfolge mit

ρ ∈ Cc∞ (Rn ), supp(ρ) ⊂ B1 (0), ρ ≥ 0.


´
Dann ist ρk (x) := ck n ρ(kx) mit c := ( ρ)−1 eine (Standard-)Diracfolge. Die Eigenschaften (i) und (iii)
folgen sofort, (ii) folgt leicht mit der Transformationsformel (z := k · x).
Beispiel für ρ : 
1
für |x| < 1,

exp(
1−|x|2 )
ρ(x) =
0
 für |x| ≥ 1.

Lemma 3.32. Sei f ∈ C 0 (Rn ) und (ρk )k∈N sei eine Diracfolge. Dann gilt für jedes Kompaktum K ⊂ Rn

sup |(ρk ∗ f )(x) − f (x)| → 0 für k → ∞.


x∈K

Beweis. Seien K ⊂ Rn kompakt und ε > 0. Dann existiert ein δ = δ(K, ε) > 0, sodass

|f (x − y) − f (x)| < ε ∀x ∈ K ∀y ∈ Bδ (0)

(gleichmäßige Stetigkeit von f auf jedem Kompaktum K ⊂ Rn ).


Für x ∈ Rn gilt
ˆ
(ρk ∗ f )(x) − f (x) = [f (x − y) − f (x)]ρk (y)dy
ˆRn

= [f (x − y) − f (x)]ρk (y)dy.
B 1 (0)
k

Für k > 1
δ und x ∈ K gilt daher
ˆ
|(ρk ∗ f )(x) − f (x)| ≤ ε ρk (y)dy = ε.
B 1 (0)
k

Bemerkung. ρk ∗ f ist C ∞ -Approximation von f (auf jedem Kompaktum in der C 0 -Norm).

Satz 3.33. Sei p ∈ [1, ∞). Dann ist Cc0 (Rn ) dicht in Lp (Rn ). Zu jedem ε > 0 und jedem f ∈ Lp (Rn )
existiert also ein f˜ ∈ C 0 (Rn ) mit kf − f˜kLp (Rn ) < ε.
c

Beweis. [For12, Els11].


3.3. Lp -Räume 41

Satz 3.34. Seien f ∈ Lp (Rn ) mit p ∈ [1, ∞) und (ρk )k∈N eine Diracfolge. Dann gilt

kρk ∗ f − f kLp (Rn ) → 0 für k → ∞.

Beweis. Sei ε > 0. Wähle gemäß 3.33 f˜ ∈ Cc0 (Rn ) mit

kf − f˜kLp (Rn ) < ε.

Mit Lemma 3.28 (i) folgt, dass


supp(ρk ∗ f˜) ⊂ supp(ρk ) + supp(f˜).

Wegen supp(ρk ) ⊂ B k1 (0) ⊂ B1 (0) gilt

supp(ρk ∗ f˜) ⊂ B1 (0) + supp(f˜) =: K (kompakt).

Daraus folgt,
ˆ  p1
kρk ∗ f˜ − f˜kLp (Rn ) = ˜ ˜ p
|(ρk ∗ f )(x) − f (x)| dx
K
1 3.32
≤ |K| p kρk ∗ f˜ − f˜kL∞ (K) → 0, k → ∞

und damit

kρk ∗ f − f kLp (Rn ) ≤ kρk ∗ f − ρk ∗ f˜kLp (Rn ) + kρk ∗ f˜ − f˜kLp (Rn ) + kf˜ − f kLp (Rn )
= kρk ∗ (f − f˜)kLp (Rn ) + kρk ∗ f˜ − f˜kLp (Rn ) + kf˜ − f kLp (Rn )
3.24
≤ 2kf˜ − f kLp (Rn ) + kρk ∗ f˜ − f˜kLp (Rn )
≤ 2ε + ε für k hinreichend groß.

Daraus folgt die Behauptung.

Satz 3.35. Sei p ∈ [1, ∞). Dann ist Cc∞ (Ω) dicht in Lp (Ω), das heißt zu f ∈ Lp (Ω) und ε > 0 existiert
ein fε ∈ Cc∞ (Ω) mit kf − fε kLp (Ω) < ε.

Beweis. Sei f ∈ Lp (Ω). Für die triviale Fortsetzung



für x ∈ Ω

f (x)
fˆ(x) :=
0
 für x ∈ Rn \ Ω

gilt fˆ ∈ Lp (Rn ).
Betrachte die kompakten Mengen
 
n 2 c
Kj := x ∈ R : |x| ≤ j, dist(x, Ω ) ≥ .
j

Es gilt

[
Ω= Kj .
j=1
42 Kapitel 3. Funktionenräume

Definiere gj := fˆχKj und fj := ρj ∗ gj mit der Diracfolge (ρj )j∈N . Dann gilt

supp(fj ) ⊂ B 1j (0) + Kj ⊂ Ω

und damit
fj ∈ Cc∞ (Ω).

kfj − f kLp (Ω) = kfj − fˆkLp (Rn )


≤ kρj ∗ gj − ρj ∗ fˆkLp (Rn ) + kρj ∗ fˆ − fˆkLp (Rn )
≤ kρj kL1 (Rn ) kgj − fˆkLp (Rn ) + kρj ∗ fˆ − fˆkLp (Rn ) .
| {z } | {z } | {z }
=1 →0, j→∞ (Lebesgue-KS) →0, j→∞ (Satz 3.34)

Bemerkung. Typische Anwendung von Satz 3.35. Beweise Aussage zunächst für Cc∞ -Funktionen. Erhalte
durch Approximation die Aussage für Lp -Funktionen.

Korollar 3.36 (Fundamentallemma der Variationsrechnung). Sei f ∈ L1loc (Ω) mit


ˆ
f ·ϕ=0 ∀ϕ ∈ Cc∞ (Ω).

Dann gilt f = 0 fast überall in Ω.

Beweis.

Schritt 1: Sei g ∈ L∞ (Rn ) mit supp(g) ⊂ Ω, supp(g) kompakt.


Behauptung: Dann gilt ˆ
f · g = 0.

Beweis: Sei gk := ρk ∗ g ∈ Cc∞ für k groß genug, k ≥ N , und (ρk )k∈N Diracfolge. Dann ist
ˆ
f · gk = 0 für k ≥ N.
Rn

Nach Satz 3.34 gilt


kgk − gkL1 (Rn ) → 0, k → ∞,

woraus mit Analysis 3 folgt, dass eine Teilfolge (gkj )j∈N existiert, sodass gkj → g, j → ∞ punktweise fast
überall in Rn .
Außerdem gilt
3.24
kgkj kL∞ (Rn ) ≤ kgkL∞ (Rn ) .

Mit Lebesgue folgt ˆ


f · g = 0.

Schritt 2: Konkrete Wahl von g:


3.4. Sobolev-Räume 43

Sei K ⊂ Ω, K kompakt. Definiere



signf

in K
g :=
0
 in Rn \ K.

Dann ist ˆ ˆ ˆ
0= f ·g = f ·g = |f |.
Ω K K

Also gilt
f =0 fast überall in K für K ⊂ Ω kompakt, beliebig

und damit
f =0 fast überall in Ω.

Definition 3.37. Für f : Ω → Rm ist f ∈ Lp (Ω, Rm ) (p ∈ [1, ∞]), falls fj ∈ Lp (Ω) für alle j = 1, . . . , m.
Es gilt:

m
f ∈ Lp(Ω,R )
⇔ |f | ∈ Lp (Ω)
kf kLp (Ω,Rm ) := k|f |kLp (Ω) .

§ 3.4 Sobolev-Räume

Motivation: Für gegebenes f ∈ C 0 (Ω̄), Ω ⊂ Rn offen und beschränkt betrachte das Randwertproblem

in Ω, (3.4.1)
(
−∆u + u = f
u=0 auf ∂Ω (3.4.2)

für eine klassische (starke) Lösung von (3.4.1), (3.4.2): u ∈ C 2 (Ω) ∩ C 0 (Ω̄).
Idee für schwachen Lösungsbegriff: Multipliziere (3.4.1) mit ϕ ∈ Cc∞ (Ω) und integriere:
ˆ ˆ ˆ
− ∆u · ϕ + uϕ = f ·ϕ ∀ϕ ∈ Cc∞ (Ω) (ϕ Testfunktion)
Ω Ω Ω

Dabei gilt ˆ ˆ ˆ
− ∆u · ϕ = − ϕ∇u · ν + ∇u · ∇ϕ.

| ∂Ω {z } Ω
=0

mit partieller Integration/Satz von Gauß. Daraus folgt


ˆ ˆ ˆ
∇u · ∇ϕ + uϕ = f ·ϕ ∀ϕ ∈ Cc∞ (Ω). (3.4.3)
Ω Ω Ω

Gleichung (3.4.3) kann man auch für u ∈ C 1 (Ω̄) formulieren, oder für u ∈ H 1 (Ω) (es reicht sogar für u ∈ L1 (Ω),
∇u ∈ L1 (Ω, Rn )). Lösungen von (3.4.3) (z.B. u ∈ C 1 (Ω̄)) heißen schwache Lösungen von (3.4.1).
Wesentliche Schritte eines variationellen Ansatzes in der Theorie der partiellen Differentialgleichungen (PDE’s):
44 Kapitel 3. Funktionenräume

Schritt 1: Stelle eine schwache Formulierung von (3.4.1), (3.4.2) auf (Sobolevräume).

Schritt 2: Existenz und Eindeutigkeit von schwachen Lösungen mit funktionalanalytischen Sätzen (Lax-Milgram
/ Rieszscher Darstellungssatz).

Schritt 3: Regularitätstheorie: schwache Lösungen sind in C 2 (z.B.) → Vorlesung partielle Differentialgleichun-


gen.

Schritt 4: Jede schwache Lösung in C 2 ist eine klassische Lösung von (3.4.1).

zu Schritt 4: Sei u ∈ C 2 (Ω̄) mit u = 0 auf ∂Ω. Dann gilt


ˆ
(−∆u + u − f )ϕ = 0 ϕ ∈ Cc∞ (Ω).

Daraus folgt für u ∈ C 2 , dass

−∆u + u − f = 0 in Ω (Fundamentallemma).

Definition 3.38. Der Sobolev-Raum W 1,p (Ω) ist definiert durch (p ∈ [1, ∞])

W 1,p (Ω) := u ∈ Lp (Ω) : ∃g1 , . . . , gn ∈ Lp (Ω) mit
ˆ ˆ 
u∂i ϕ = − gi ϕ ∀ϕ ∈ Cc∞ (Ω) ∀i = 1, . . . , n .
Ω Ω

Die Funktionen gi , i = 1, . . . , n, heißen schwache Ableitungen von u und für u ∈ W 1,p (Ω) schreiben wir
auch ∂i u = gi , i = 1, . . . , n, und ∇u = (∂1 u, . . . , ∂n u)T .
Der Raum W 1,p (Ω) wird ausgestattet mit der Norm

n
X
kukW 1,p (Ω) := kukLp (Ω) + k∂i ukLp (Ω) für u ∈ W 1,p (Ω). (3.4.4)
i=1

Der Raum H 1 (Ω) = W 1,2 (Ω) wird ausgestattet mit dem Skalarprodukt

n
X
(u, v)H 1 (Ω) := (u, v)L2 (Ω) + (∂i u, ∂i v)L2 (Ω)
i=1
ˆ ˆ
= uv + ∇u · ∇v für u, v ∈ W 1,2 (Ω).
Ω Ω

Bemerkung 3.39.

(i) Die Norm k.kW 1,p (Ω) ist äquivalent zur Norm definiert durch

  p1
n
X
kukp p k∂i ukpLp (Ω)  für u ∈ W 1,p (Ω), p ∈ [1, ∞).
L (Ω) +
i=1
3.4. Sobolev-Räume 45

(ii) Die von (·, ·)H 1 (Ω) induzierte Norm

  12
kukH 1 (Ω) := kuk2L2 (Ω) + k∇uk2L2 (Ω,Rn )

ist äquivalent zur W 1,2 -Norm.

(iii) Die schwachen Ableitungen sind eindeutig bestimmt.

(iv) Ist u ∈ C 1 (Ω) ∩ Lp (Ω) mit ∂i u ∈ Lp (Ω) für alle i = 1, . . . , n. Dann ist u ∈ W 1,p (Ω) und die schwachen
Ableitungen sind die klassischen/starken Ableitungen (partielle Integration).

Beispiel. Sei Ω = (−1, 1), u(x) := |x|. Dann ist u ∈ W 1,p (Ω) für p ∈ [1, ∞]. Für ϕ ∈ Cc∞ (Ω) gilt
ˆ 1 ˆ 0 ˆ 1
uϕ0 = − xϕ0 (x)dx + xϕ0 (x)dx
−1 −1 0
ˆ 0 ˆ 1 ˆ 1
=− (−1)ϕ(x)dx − ϕ(x)dx = − g(x)ϕ(x)dx
−1 0 −1

mit 
−1 für x ∈ [−1, 0)

g(x) =
1
 für x ∈ (0, 1].

u0 = g ist schwache Ableitung von u.

Proposition 3.40. Für p ∈ [1, ∞] ist W 1,p (Ω) ein Banachraum.

Beweis. Sei (uk )k∈N Cauchy-Folge in W 1,p (Ω). Dann sind (uk )k∈N und (∂i uk )k∈N , i = 1, . . . , n, Cauchy-Folgen
in Lp (Ω). Es existieren also u, v1 , . . . , vn ∈ Lp (Ω), sodass

uk → u, ∂i uk → vi , i = 1, . . . , n, in Lp (Ω), k → ∞.

Es gilt für alle ϕ ∈ Cc∞ (Ω)


´ ´

uk ∂i ϕ = − ∂u ϕ
Ω i k
k→∞ k→∞
↓ ↓
´ ´

u∂i ϕ = − Ω
vi ϕ

Also sind die vi ∈ Lp (Ω), i = 1, . . . , n schwache Ableitungen von u und u ∈ W 1,p (Ω), sowie kuk − ukW 1,p (Ω) →
0, k → ∞.

Korollar 3.41. W 1,2 (Ω) = H 1 (Ω) ist ein Hilbertraum.

1,p
Definition 3.42. Wir definieren Wloc (Ω) durch

1,p
u ∈ Wloc (Ω) ⇔ u ∈ W 1,p (Ω̃) ∀Ω̃ ⊂⊂ Ω.
46 Kapitel 3. Funktionenräume

Lemma 3.43. Sei zu f : Rn → R die gespiegelte Funktion fˇ definiert durch fˇ(x) := f (−x), x ∈ Rn .
0
Seien f ∈ L1 (Rn ), g ∈ Lp (Rn ), h ∈ Lp (Rn ). Dann gilt
ˆ ˆ
(f ∗ g)h = g(fˇ ∗ h).
Rn Rn

Beweis. Für F definiert durch


F (x, y) := f (x − y)g(y)h(x)

gilt
F ∈ L1 (Rn × Rn ), (3.4.5)

denn es gilt ˆ ˆ
|h(x)| |f (x − y)||g(y)|dy dx < ∞ (Hölder)
Rn | {z } Rn
∈Lp0 | {z }
∈Lp 3.24

und mit Fubini/Tonelli folgt (3.4.4). Daraus folgt


ˆ ˆ ˆ
(f ∗ g)(x)h(x)dx = F (x, y)dydx
Rn
ˆR ˆR
n n

= F (x, y)dxdy
ˆR
n Rn

= g(y)(fˇ ∗ h)(y)dy.
Rn

Lemma 3.44. Sei p ∈ [1, ∞]. Weiter seien u ∈ W 1,p (Ω) und η ∈ Cc1 (Ω). Dann gilt
V

u ∈ W 1,p (Rn ) und ∂i (c


ηc η u) = η∂i u + ∂i ηu

(wobei für f : Ω → R die triviale Fortsetzung fˆ durch



für x ∈ Ω

f (x)
fˆ(x) :=
0
 für x ∈ Rn \ Ω

definiert ist)

Beweis. ÜA.

Lemma 3.45. Sei ρ ∈ L1 (Rn ) und v ∈ W 1,p (Rn ) für ein p ∈ [1, ∞]. Dann gilt

ρ ∗ v ∈ W 1,p (Rn ) und ∂i (ρ ∗ v) = ρ ∗ ∂i v ∀i = 1, . . . , n.

Beweis.

Schritt 1: ρ habe kompakten Träger.


Nach 3.24 gilt ρ ∗ v ∈ Lp (Rn ). Sei ϕ ∈ Cc∞ (Rn ). Dann hat ρ ∗ ϕ kompakten Träger (Lemma 3.28). Hieraus
3.4. Sobolev-Räume 47

folgt
ˆ ˆ ˆ ˆ ˆ
3.43 3.29 3.43
(ρ ∗ v)∂i ϕ = v(ρ̌ ∗ ∂i ϕ) = v∂i (ρ̌ ∗ ϕ) = − ∂i v(ρ̌ ∗ ϕ) = − (ρ ∗ ∂i v)ϕ.
Rn Rn Rn Rn Rn

Schritt 2: ρ hat möglicherweise keinen kompakten Träger.


Wähle eine Folge (ρk )k∈N aus Cc0 (Rn ) mit ρk → ρ in L1 (Rn ) (Sätze 3.33, 3.35). Dann ist ρk ∗ v ∈ W 1,p (Rn )
und ∂i (ρk ∗ v) = ρk ∗ ∂i v (Schritt 1). Weiter

3.24
kρk ∗ v − ρ ∗ vkLp (Rn ) ≤ kvkLp (Rn ) kρk − ρkL1 (Rn ) → 0, k → ∞

und
3.24
kρk ∗ ∂i v − ρ ∗ ∂i vkLp (Rn ) ≤ k∂i vkLp (Rn ) kρk − ρkL1 (Rn ) → 0, k → ∞.

Hieraus folgt
ρ ∗ v ∈ W 1,p (Rn ) und ∂i (ρ ∗ v) = ρ ∗ ∂i v, i = 1, . . . , n,

denn: fk → f in Lp , (fk )k∈N ⊂ W 1,p , (∇fk )k∈N konvergent gegen w, ∇fk → w in Lp (. . . , Rn ) ⇒


fk → f ∈ W 1,p in W 1,p , ∇f = w, vgl. Beweis von 3.40.

Satz 3.46 (Friedrichs, lokale Approximation). Sei p ∈ [1, ∞) und u ∈ W 1,p (Ω). Dann existiert eine Folge
(uk )k∈N in Cc∞ (Rn ) ⊂ C ∞ (Ω) mit
uk |Ω → u in Lp (Ω)

und
∇uk |Ω̃ → ∇u|Ω̃ in Lp (Ω̃, Rn ) ∀Ω̃ ⊂⊂ Ω.
1,p
(⇒ uk → u in Wloc (Ω)).
Für Ω = Rn und u ∈ W 1,p (Rn ) mit p ∈ [1, ∞) gibt es eine Folge (uk )k∈N in Cc∞ (Rn ) mit

uk → u in W 1,p (Rn ).

Beweis. Betrachte die triviale Fortsetzung û von u auf Rn . Definiere vk := ρk ∗ û für eine Diracfolge (ρk )k∈N .
Dann gilt

vk ∈ C ∞ (Rn ) (3.4.6)
(

vk → ũ in Lp (Rn ) (3.4.7)

Behauptung: ∇vk |Ω̃ → ∇u|Ω̃ in Lp (Ω̃, Rn ) für alle Ω̃ ⊂⊂ Ω.


Beweis: Sei Ω̃ ⊂⊂ Ω. Betrachte η ∈ Cc1 (Ω) mit η ∈ [0, 1] und η = 1 in einer Umgebung von Ω̃. Hieraus folgt,

ρk ∗ (c
η u) = ρk ∗ û in Ω̃ für k hinreichend groß (k ≥ N ) (3.4.8)

Beweis von (3.4.8):

supp(ρk ∗ ηc
u − ρk ∗ û) = supp(ρk ∗ (1 − η̂)û)
⊂ suppρk + supp(1 − η̂)û ⊂ B k1 (0) + supp(1 − η̂) ⊂ Ω̃c für k groß genug.
48 Kapitel 3. Funktionenräume

Weiter gilt
3.44,3.45
V

∂i (ρk ∗ ηc
u) = ρk ∗ η∂i u + ∂i ηu,

das heißt V

∂i (ρk ∗ ηc
u) → η∂i u + ∂i ηu in Lp (Rn ) (3.34) k → ∞.

Damit gilt V

∂i ( ρk ∗ ηc
u ) → η∂i u + ∂i ηu in Lp (Ω̃) k → ∞,
| {z } | {z }
(3.4.8) =∂i u in Ω̃
= ρk ∗û in Ω̃

also
∂i (ρk ∗ û) → ∂i u in Lp (Ω̃), k → ∞.

Definiere eine Abschneidefunktion ζ ∈ Cc∞ (Rn ) mit 0 ≤ ζ ≤ 1 und



für |x| < 1

1
ζ(x) =
0
 für |x| ≥ 2.

Definiere die Folge  


x
ζk (x) := ζ für k ∈ N (ζk (x) = 0 für |x| ≥ 2k)
k
und uk := ζk vk , k ∈ N. Dann ist uk ∈ Cc∞ (Rn ), und es gilt

uk → u in Lp (Ω), ∇uk → ∇u in Lp (Ω̃, Rn ) ∀Ω̃ ⊂⊂ Ω.

Im Fall Ω = Rn hat uk = ζk (ρk ∗ u) die gewünschten Eigenschaften.

Satz 3.47 (Meyers-Serrin, globale Approximation). Für p ∈ [1, ∞) ist W 1,p (Ω) ∩ C ∞ (Ω) dicht in W 1,p (Ω).

Beweis. Definiere für j ∈ N (vgl. Beweis von 3.35)

Ωj := {x ∈ Ω : B 1j (x) ⊂ Ω, |x| < j}, Uj := Ωj+2 \ Ω̄j−2 , j ≥ 3

mit U1 := Ω3 , U2 := Ω4 .
Dann gilt: Ω = Uj , Ωj ⊂ Ωj+2 , Uj ⊂⊂ Ω für alle j ∈ N.
S S
Ωj =
j∈N j∈N
Wähle bzgl. (Uj )j∈N eine Partition der Eins:


X
ηj ∈ Cc∞ (Uj ), 0 ≤ ηj ≤ 1, ηj (x) = 1 für alle x ∈ Ω.
j=1

Eine Partition der Eins erhalten wir so:


Wähle ζj ∈ Cc∞ (Uj ) mit ζj ≥ 0, ζj = 1 auf Kj := Ω̄j+1 \ Ωj−1 , j ≥ 3, K1 := Ω¯2 , K2 := Ω¯3 setze

ζj
ηj := P .
ζi
i∈N


3.4. Sobolev-Räume 49

Dann gilt
X
u= ηj u mit ηj u ∈ W 1,p (Ω) und supp(ηj u) ⊂ Uj .
j∈N

Sei nun l ∈ N beliebig und (ρk )k∈N eine Diracfolge. Definiere uj := (ηj u) ∗ ρkj . Dabei ist (ρkj )j∈N eine Teilfolge
von (ρk )k∈N , so dass folgende Eigenschaften erfüllt sind:

• supp(uj ) ⊂ Uj , supp(uj ) kompakt (wegen Uj ⊂⊂ Ω)

• kuj − ηj ukW 1,p (Ω) = kuj − ηj ukW 1,p (Uj ) < 1l 2−j .

Setze dann ul := uj . Sei U ⊂⊂ Ω. Dann gilt


P
j∈N


X X 1 X −j 1
ku − ul kW 1,p (U ) =

(ηj u − u )
j
≤ kηj u − uj kW 1,p (Uj ) ≤ 2 =

W 1,p (U ) l l
j∈N j∈N j∈N

und damit
1
ku − ul kW 1,p (Ω) = sup ku − ul kW 1,p (U ) ≤ → 0 (l → ∞).
U ⊂⊂Ω l
Bemerkung: Alle Summen sind punktweise endlich.

Korollar 3.48 („H = W “, Meyers-Serrin, 1964). Für p ∈ [1, ∞) gilt

W 1,p (Ω) = H 1,p (Ω),

wobei H 1,p (Ω) die Vervollständigung von C ∞ (Ω) ∩ W 1,p (Ω) bzgl. k.kW 1,p (Ω) ist.

Beweis. ÜA.

0
Satz 3.49 (Produktregel). Seien p ∈ [1, ∞] und p0 konjugiert zu p. Für u ∈ W 1,p (Ω) und v ∈ W 1,p (Ω)
gilt
u · v ∈ W 1,1 (Ω)

und
∂i (u · v) = ∂i u · v + u · ∂i v, i = 1, . . . , n.

Beweis. Aus Symmetriegründen können wir p < ∞ annehmen. Es existiert dann eine Folge (uk )k∈N in
W 1,p (Ω) ∩ C ∞ (Ω) mit uk → u in W 1,p (Ω). Weiter gilt für ϕ ∈ Cc∞ (Ω)
ˆ ˆ ˆ ˆ ˆ
∂i ϕuk v = ∂i (ϕuk )v − ϕ∂i uk v = − ϕuk ∂i v − ϕ∂i uk v.
Ω Ω Ω Ω Ω

Hölder-Ungleichung liefert für k → ∞


ˆ ˆ
∂i ϕuv = − (u∂i v + v∂i u)ϕ i = 1, . . . , n.
Ω Ω

Dies liefert die Produktregel für schwache Ableitungen.

Satz 3.50 (Kettenregel). Sei G ∈ C 1 (R) mit G(0) = 0 und |G0 (s)| ≤ M für alle s ∈ R für eine Konstante
50 Kapitel 3. Funktionenräume

M . Sei u ∈ W 1,p (Ω) mit p ∈ [1, ∞]. Dann gilt

G ◦ u ∈ W 1,p (Ω) und ∂i (G ◦ u) = (G0 ◦ u)∂i u, i = 1, . . . , n.

Beweis. [Bre11].

Definition 3.51. Sei k ∈ N, k ≥ 2, p ∈ [1, ∞]. Wir definieren induktiv

W k,p (Ω) := {u ∈ W k−1,p (Ω) : ∂i u ∈ W k−1,p (Ω) ∀i = 1, . . . , n}.

Alternative Definition:

W k,p
(Ω) := u ∈ Lp (Ω) : ∀γ ∈ Nn0 mit 1 ≤ |γ| ≤ k ∃gγ ∈ Lp (Ω) sodass
ˆ ˆ 
γ |γ| ∞
uD ϕ = (−1) gγ ϕ ∀ϕ ∈ Cc (Ω)
Ω Ω

Dabei heißen die gγ die schwachen Ableitungen von u:

Dγ u := gγ für u ∈ W k,p (Ω).

Für u ∈ W k,p (Ω) definieren wir die Norm


X
kukW k,p (Ω) := kDγ ukLp (Ω) .
0≤|γ|≤k

Für den Fall p = 2 definieren wir


H k (Ω) := W k,2 (Ω)

und das Skalarprodukt


X
(u, v)H k (Ω) := (Dγ u, Dγ v)L2 (Ω) .
0≤|γ|≤m

Proposition 3.52. Für k ∈ N, p ∈ [0, ∞] ist W k,p (Ω) ein Banachraum und W k,2 (Ω) ist ein Hilbertraum.

Beweis. wie für k = 1.

Satz 3.53. Für p ∈ [1, ∞) ist W k,p (Ω) ∩ C ∞ (Ω) dicht in W k,p (Ω) (k ∈ N).

Beweis. wie für k = 1.

Definition 3.54.
k,p
(i) Für k ∈ N, p ∈ [1, ∞] definieren wir Wloc (Ω) durch

k,p
u ∈ Wloc (Ω) ⇔ u ∈ W k,p (Ω̃) ∀Ω̃ ⊂⊂ Ω.
3.4. Sobolev-Räume 51

(ii) Für k ∈ N, p ∈ [1, ∞) definieren wir

k.kW k,p (Ω)


W0k,p (Ω) = Cc∞ (Ω)
k→∞
= {u ∈ W k,p (Ω) : ∃uk ∈ Cc∞ (Ω) mit ku − uk kW k,p (Ω) → 0}

auch gebräuchliche Notationen: W0k,p (Ω) = H̊ k,p (Ω) = W̊ k,p (Ω).


52 Kapitel 4. Der Riesz’sche Darstellungssatz und Anwendungen

Kapitel 4 Der Riesz’sche Darstellungssatz und Anwendungen

Satz 4.1 (Rieszscher Darstellungssatz in Hilberträumen). Sei X ein reeller Hilbertraum, a : X × X → R


eine symmetrische Bilinearform mit

(a) Es existiert ein C > 0, sodass

|a(u, v)| ≤ CkukX kvkX ∀u, v ∈ X. (a ist beschränkt)

(b) Es existiert ein λ > 0, sodass

a(u, u) ≥ λkuk2X ∀u ∈ X. (a ist koerziv )

Weiter sei F : X → R linear und beschränkt. Es existiert also ein D > 0, sodass

|F (u)| ≤ DkukX ∀u ∈ X.

Dann existiert genau ein u ∈ X mit

a(u, v) = F (v) ∀v ∈ X.

(Darstellungsproblem, F wird durch u und a dargestellt)

Beweis.

Schritt 1: Betrachte die „Energie“E : X → R,

1
E(u) := a(u, u) − F (u) u ∈ X.
2

Falls u ∈ X mit E(u) = inf E(v) (u Minimierer), dann folgt (betrachte f (ε) := E(u + εϕ), f 0 (0) = 0)
v∈X

a(u, ϕ) − F (ϕ) = 0 ∀ϕ ∈ X.

Schritt 2: E ist nach unten beschränkt:


r !2
λ λ D D2 D2
E(u) ≥ kuk2X − DkukX = kukX − √ − ≥− .
2 2 2λ 2λ 2λ

Schritt 3: Sei (uk )k∈N Minimalfolge in X:

k→∞ D2
E(uk ) → inf E(v) ≥ − .
v∈X 2λ
53

Dann gilt

1
kuk − ul k2X ≤ a(uk − ul , uk − ul )
λ
1 2 2
= − a(uk + ul , uk + ul ) + a(uk , uk ) + a(ul , ul )
λ   λ  λ
8 uk + ul 8 uk + ul 4 4
=− E − F + E(uk ) + F (uk )
λ 2 λ 2 λ λ
4 4
+ E(ul ) + F (ul )
λ  λ 
8 uk + ul 4 4 4
=− E + E(uk ) + E(ul ) − F (uk + ul − uk − ul )
λ 2 λ λ λ
8 4 4
≤ − inf E + E(uk ) + E(ul ) → 0 für l, m → ∞.
λ X λ λ

Also ist (uk )k∈N Cauchy-Folge und damit

uk → u ∈ X für k → ∞.

Schritt 4: Es gilt
inf E ≤ E(u) = lim E(uk ) = inf E.
X k→∞ X

Daraus folgt
E(u) = inf E
X

und damit ist u Minimierer.

Schritt 5: Eindeutigkeit:
Es gelte
a(u, ϕ) = F (ϕ) = a(ũ, ϕ) ∀ϕ ∈ X.

Dann folgt, dass a(u − ũ, ϕ) = 0 für alle ϕ ∈ X und damit

0 = a(u − ũ, u − ũ) ≥ λku − ũk2X ≥ 0.

Also ist u = ũ in X.

Lemma 4.2 (Poincaré-Ungleichung). Sei Ω ⊂ Rn offen und beschränkt. Dann existiert eine Konstante
cp = cp (Ω) mit ˆ ˆ
u 2 ≤ cp |∇u|2 ∀u ∈ W01,2 (Ω).
Ω Ω

Beweis.

Schritt 1: Ω = W = (0, s)n , s > 0.


Sei u ∈ Cc∞ (W ) und x ∈ W, x0 = (x1 , . . . , xn−1 , 0) ∈ ∂W. Dann gilt
ˆ xn
u(x) = u(x) − u(x0 ) = 1 · ∂n u(x1 , . . . , xn−1 , t)dt.
0
54 Kapitel 4. Der Riesz’sche Darstellungssatz und Anwendungen

´ ´ ´
Mit ( f g)2 ≤ f 2 g 2 folgt
ˆ xn
|u(x)|2 ≤ s |∂n u(x1 , . . . , xn−1 , t)|2 dt
0

und nach Integration ˆ ˆ ˆ


2 2 2 2
|u(x)| dx ≤ s |∂n u(x)| dx ≤ s |∇u(x)|2 dx.
W W W

Damit folgt die Behauptung für Ω = W und u ∈ Cc∞ (W ).

Schritt 2: Ω ⊂ W (W verschobener, skalierter Würfel).


Es gilt Cc∞ (Ω) ⊂ Cc∞ (W ) (mit Fortsetzung von u ∈ Cc∞ (Ω) û ∈ Cc∞ (W )). Daraus folgt die Behauptung
für allgemeines Ω und u ∈ Cc∞ (Ω).

Schritt 3: Approximation in W01,2 (Ω).


Dann folgt die Behauptung für u ∈ W01,2 (Ω).

Voraussetzung 4.3. Sei Ω ⊂ Rn offen, beschränkt. Seien f ∈ L2 (Ω), A ∈ L∞ (Ω, Rn×n ), A =


(aij )i,j=1,...,n , kAkL∞ (Ω,Rn×n ) := k|A|kL∞ (Ω) mit

  12
n
X
|A| :=  a2ij  . (Frobenius-Norm)
i,j=1

Es gelte (mit λ, Λ > 0)


kAkL∞ (Ω,Rn×n ) , kf kL2 (Ω) ≤ Λ, (4.0.1)

ξ · A(x)ξ ≥ λ|ξ|2 für fast alle x ∈ Ω für alle ξ ∈ Rn (A ist „glm. elliptisch “). (4.0.2)

Definition 4.4. Unter den Voraussetzungen in 4.3 heißt u ∈ W01,2 (Ω) schwache Lösung von

− ∇ · (A∇u) = f in Ω, (4.0.3)

falls ˆ ˆ
A∇u · ∇ϕ = f · ϕ für alle ϕ ∈ W01,2 (Ω) (4.0.4)
Ω Ω

gilt.

Bemerkung 4.5.

(i) Man kann jedem u ∈ W 1,p (Ω) (p ∈ [1, ∞)) Randwerte in Lp (∂Ω) zuordnen (Spursatz für ∂Ω Lipschitz,
Vorlesung: partielle Differentialgleichungen). Daher erfüllt eine Lösung u ∈ W01,2 (Ω) von (4.0.4) in
gewissem Sinne die Randwerte u = 0 auf ∂Ω.

(ii) Durch Approximation zeigt man leicht, dass es in (4.0.4) genügt Testfunktionen aus Cc∞ (Ω) zuzulassen.

Satz 4.6. Unter Voraussetzung 4.3 und unter der Annahme, dass A symmetrisch für alle x ∈ Ω sei,
existiert genau eine schwache Lösung u ∈ W01,2 (Ω) von (4.0.3).
55

Beweis. Wende 4.1 an auf:

• X = W01,2 (Ω)
´
• a(u, v) := Ω A(x)∇u(x) · ∇v(x)dx
´
• F (u) := Ω f (x)u(x)dx

Es gilt

• X ist reeller Hilbertraum X

• a(·, ·) ist symmetrische Bilinearform X

• a ist beschränkt:
ˆ ˆ
|a(u, v)| ≤ |A∇u||∇v| ≤ |A||∇u||∇v| ≤ kAkL∞ (Ω,Rn×n ) k∇ukL2 (Ω,Rn ) k∇ukL2 (Ω,Rn )
Ω Ω

≤ ΛkukH 1 (Ω) kvkH 1 (Ω)

• a ist koerziv:
ˆ ˆ ˆ ˆ
4.2 λ λ
a(u, u) = A∇u · ∇u ≥ λ |∇u|2 ≥ |∇u|2 + u2
Ω Ω 2 Ω 2cp Ω
! ˆ ˆ 
λ λ
≥ min , |∇u|2 + u2
2 2cp Ω Ω
| {z }
=:µ

= µkuk2H 1 (Ω)

• F ist linear X

• F ist beschränkt:
|F (u)| ≤ kf kL2 (Ω) kukL2 (Ω) ≤ kf kL2 (Ω) kukW 1,2 (Ω)
0

Mit 4.1 folgt die Behauptung.


56 Kapitel 4. Der Riesz’sche Darstellungssatz und Anwendungen
Literaturverzeichnis

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[Bre11] Brezis, Haim: Functional analysis, Sobolev spaces and partial differential equations. New York, NY:
Springer, 2011

[Dob10] Dobrowolski, M.: Angewandte Funktionalanalysis. Springer, 2010

[Els11] Elstrodt, Jürgen: Maß- und Integrationstheorie. Berlin: Springer, 2011

[Eva98] Evans, L.C.: Partial Differential Equations. American Mathematical Society, 1998

[For12] Forster, Otto: Analysis 3: Maß- und Integrationstheorie, Integralsätze im Rn und Anwendungen.
Wiesbaden: Springer Spektrum, 2012

[HS71] Hirzebruch, Friedrich ; Scharlau, Winfried: Einführung in die Funktionalanalysis. Mannheim:


BI-Wiss., 1971

[Kab11] Kaballo, W.: Grundkurs Funktionalanalysis. Springer, 2011

[Lan93] Lang, Serge: Real and functional analysis. 3. ed. New York: Springer-Verlag, 1993

[Wer11] Werner, D.: Funktionalanalysis. Springer, 2011