Sie sind auf Seite 1von 18

Freie Universität Berlin

Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften


Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften
Wintersemester 2016/17
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl

Die Oberfläche bei Siegfried Kracauer


und in der Neuen Sachlichkeit

Wörterzahl: 4405
Abgabedatum: 08. Mai 2017

Till Wilhelm
Zechliner Straße 1a
13359 Berlin
Mail: till-wilhelm@t-online.de
Matrikelnummer: 4999294

Kernfach: Filmwissenschaft (90 LP, 3. Semester)


Modulangebot: Allg. und Vergl. Literaturwissenschaft (60 LP, 3. Semester)
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2
2. Die Neue Sachlichkeit 3
a. Einführung und Programmatik 3
b. Beobachtung als ästhetische Technik 5
3. Siegfried Kracauer 6
a. Die Oberfläche 6
i. Wende der Metaphorik 7
ii. Feuilletonistische Schriften 8
iii. Filmtheorie 9
b. Das Ornament der Masse 11
4. Fazit 14
5. Bibliographie 16
a. Gedruckte Quellen 16
b. Internetquellen 17

1
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

„[Der Kapitalismus] rationalisiert nicht zu viel, sondern zu wenig“1


– Siegfried Kracauer

1. Einleitung
In der zeitgenössischen Rezeption Siegfried Kracauers wirkt das Verhältnis dessen zur
ästhetischen Bewegung der Neuen Sachlichkeit sehr ambivalent. Heißt es einerseits zu
seinem Essay Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino, „Kracauer stell[e] mit seinem
Ansatz einen Gegenpol zur literarischen Richtung Neue Sachlichkeit dar“2, wird
andererseits seinem Roman Ginster attestiert, er sei „stilistisch […] ein Werk der Neuen
Sachlichkeit“3. Die ZEIT schreibt, „der Romancier und Journalist [Kracauer war] ein
Kritiker der Neuen Sachlichkeit“4, andererseits hingegen sei der neusachliche Roman
Kleiner Mann – Was tun? Von Hans Fallada wesentlich durch Kracauers Schriften
inspiriert gewesen5.
Diese Hausarbeit soll die Ambivalenz dieser Beziehung behandeln und anhand des
Essays Das Ornament der Masse genauer aufzeigen, inwiefern diese ein wichtiger
Bestandteil des Denkens Kracauers ist. Hierbei steht der Begriff der „Oberfläche“ im
Zentrum, welcher für Kracauers philosophische Verfahrensweise essentiell ist.
Um das Verhältnis Kracauers zur Neuen Sachlichkeit bestimmen zu können, wird
zunächst eine Definition letzterer versucht, um in einem zweiten Schritt ihr immanentes
ästhetisches Prinzip, das der Beobachtung, genauer zu untersuchen. Der Akt des
Beobachtens steht hierbei in direkter Beziehung zu den von Kracauer forcierten
„Oberflächenerscheinungen“6, die anschließend zunächst im Zusammenhang mit

1
Kracauer, Siegfried: „Das Ornament der Masse“. In: Werke, Bd. 5.2. Essays, Feuilletons, Rezensionen.
Hg. von Inka Mülder-Bach. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2011. S. 612-624, hier S. 618. Im Folgenden
abgekürzt mit Kracauer, Ornament der Masse, Seitenangabe.
2
Wikipedia: „Die Kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“.
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_kleinen_Ladenm%C3%A4dchen_gehen_ins_Kino. Abgerufen am
22.04.2017 um 19:12 Uhr.
3
Culturemag: „Siegfried Kracauer – Ginster“. http://culturmag.de/rubriken/buecher/siegfried-kracauer-
ginster/70923. Abgerufen am 22.04.2017 um 19:13 Uhr.
4
ZEIT: „Philosophie des Peripheren“. http://www.zeit.de/1989/07/philosophie-des-peripheren.
Abgerufen am 22.04.2017 um 19:14 Uhr.
5
Vgl. Digitale Schule Bayern: „Weimarer Republik/Neue Sachlichkeit“.
http://digitaleschulebayern.de/dsdaten/18/759.pdf. Abgerufen am 22.04.2017 um 19:15 Uhr.
6
Kracauer, Ornament der Masse, S. 612.
2
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

dessen theoretischen Überlegungen, später anhand des Essays Ornament der Masse
behandelt werden sollen. Dieser Abschnitt soll die Entwicklung der Metaphorik ebenso
diskutieren wie ihre Anwendung auf verschiedene Bereiche der Theorie Kracauers.
Andere Konstellationen der Neuen Sachlichkeit, die sich im Zusammenhang mit
Kracauers Schriften erörtern ließen, sollen hierbei außen vor bleiben. Dazu gehört vor
allem die Essayistik Kracauers und dessen Affinität zu den Eindrücken des modernen
Großstadtlebens7.

2. Die Neue Sachlichkeit


a. Einführung und Programmatik
Die Neue Sachlichkeit ist eine literarische Bewegung der Klassischen Moderne, sie wird
gewissermaßen als deren letzte Strömung verstanden, bevor der Nationalsozialismus
die deutschsprachige Kunstszene erschütterte und viele Künstler zur Flucht zwang. Im
Gegensatz zu den anderen größeren literarischen Bewegungen der Weimarer Republik,
wie dem Expressionismus oder dem Ästhetizismus, der Münchner oder Wiener
Avantgarde, bestand die Neue Sachlichkeit nicht aus einer festen Gruppe von Akteuren
mit einer festen Programmatik, dementsprechend ist sie in der Öffentlichkeit nicht in
Form von Literatursalons, künstlerischen Aktionen oder ähnlichem aufgetreten. Vor
allem das Feuilleton, beziehungsweise die Publizistik gab den Künstlern der Neuen
Sachlichkeit Möglichkeiten zur Verbreitung ihrer Schriften.
Dennoch ist es möglich, verschiedene Grundsätze der Neuen Sachlichkeit auszumachen.
Die Maxime der „Sachlichkeit“ bedingt laut Sabina Becker zum einen eine „Objektivität,
Neutralität, Klarheit, Einfachheit und Nüchternheit der Darstellung“ 8, zum anderen ein
Materialismus, also eine Verpflichtung auf die Sache, den behandelten Gegenstand.9 Zu
letzterem gehört vor allem der Ruf nach Modernisierung der Kunst, also Anpassung der

7
Vgl. Despoix, Philippe: Ethiken der Entzauberung (Syndikat). Bodenheim: Philo, 1998. Hier S. 192-194.
Im Folgenden abgekürzt mit Despoix, Entzauberung, Seitenangabe.
8
Becker, Sabina: „Die literarische Moderne der zwanziger Jahre. Theorie und Ästhetik der Neuen
Sachlichkeit“. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Jg. 27, Nr. 1 (2002).
S. 73-95, hier S. 76. Im Folgenden abgekürzt mit Becker, Theorie und Ästhetik der Neuen Sachlichkeit,
Seitenangabe.
9
Vgl. Becker, Theorie und Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, S. 76
3
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

Kunst an die moderne, industrialisierte Gesellschaft, den Helmut Lethen als einen
„Habitus des Einverständnisses“10 mit der modernisierten Gesellschaft bezeichnet. Als
Vorbild hierbei diente die U.S.A., in deren Gesellschaft eine Gleichzeitigkeit zum
Vorschein kam, es wurde angenommen, die amerikanische Kultur sei auf dem gleichen
Stand wie die amerikanische Wirtschaft11. In Deutschland hingegen wurde eine
Ungleichzeitigkeit wahrgenommen, die sich dadurch auszeichnet, dass

„die Bereiche "Kultur" und "Lebensgefühl" immer noch durch einzelne Merkmale
einer vorindustriellen, antidemokratischen und paternalistischen Denkweise
geprägt seien, während sich der Bereich "Produktion" bereits weiterentwickelt
hatte.“12

Die durch die Industrialisierung entstandene Massengesellschaft fand somit kein


Gegenstück in der Kunst und Kultur der Weimarer Republik.
Die Anpassung und Modernisierung der Kunst erfolgte unter anderem in der Auswahl
der Sujets, die sich nach Aktualität und Realitätsnähe richtete. Ebenfalls begriffen die
Autoren der Neuen Sachlichkeit ihre Arbeit als eine, die sich immer mit dem
gesellschaftlichen Arbeitsprozess auseinandersetzen und in diesen integriert sein
muss13. Mithilfe einer „»Präzisionsästhetik«, entwickelt aus »technischem Geist« und
technischem »Lebensgefühl«“14, sollte somit ein vernunftgemäßer Umgang mit der
industrialisierten Welt gefunden werden, der letztendlich zur Demokratisierung dieser
Welt führen sollte15.
Ein wesentliches Merkmal der neuen Sachlichkeit ist die Verschränkung von Publizistik
und Literatur, welche darauf hinausläuft, dass die Werke der Neuen Sachlichkeit vor

10
Lethen, Helmut: „Neue Sachlichkeit“. In: Weimarer Republik - Drittes Reich: Avantgardismus,
Parteilichkeit, Exil: 1918-1945. Hg. v. Horst Albert Glaser. Deutsche Literatur – Eine Sozialgeschichte,
Band 9. Hg. v. Alexander von Borman u. Horst Albert Glaser. Reinbek bei Hamburg: Rororo, 1983. S. 168-
179, hier S. 168. Im Folgenden abgekürzt mit Lethen, Neue Sachlichkeit, Seitenangabe
11
Vgl. Scheele, Karl Werner: Aspekte der Neuen Sachlichkeit in ausgewählten Romanen von H. Fallada, E.
Kästner, I. Keun, E. Reger und G. Tergit. Middlebury: Middlebury University, 1993. S. 52. Im Folgenden
abgekürzt mit Scheele, Aspekte der Neuen Sachlichkeit, Seitenangabe.
12
Scheele, Aspekte der Neuen Sachlichkeit, S. 52.
13
Vgl. Lethen, Neue Sachlichkeit, S. 170f.
14
Becker, Theorie und Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, S. 79.
15
Becker, Theorie und Ästhetik der Neuen Sachlichkeit, S. 94.
4
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

allem als Gebrauchsliteratur auftreten. Sie besitzen eine fest zugewiesene Funktion im
gesellschaftlichen Modernisierungsprozess, folglich legen die Autoren auch weniger
Wert auf den Akt des Dichtens und mehr auf den Akt der Dokumentation. Hierbei zentral
ist die Interdependenz zwischen der Beobachtung und den Oberflächenerscheinungen,
die Gegenstand jener sind.

b. Die Beobachtung als ästhetische Technik


Dass die Beobachtung als ästhetisches Mittel so großen Stellenwert für die Autoren der
Neuen Sachlichkeit besitzt, liegt vor allem in deren Antipsychologismus begründet.
Lethen schreibt hierzu, dass vor allem der amerikanische Behaviorismus und die
sowjetische Reflexologie dazu führten, dass „die Aufmerksamkeit auf die
wahrnehmbare Oberfläche der Verhaltensformen (behavior)“16 verschoben wird. Und
weiter:

„Geist und Psyche werden von diesem neuen Blickpunkt als praktische Organe
der Orientierung in der sozialen und biologischen Umwelt aufgefasst […]. Die
<Tiefe> der Motivationen muß aus den Handlungsformen erschlossen
werden.“17

Dies bedeutet vor allem, dass Autoren der Neuen Sachlichkeit auf introspektive
Schilderungen verzichten, da sie ihren Fokus auf die äußeren Erscheinungen als
Produkte des inneren Lebens und der sozialen Beziehungen des Individuums setzen. Die
Beobachtung dieser Oberflächenerscheinungen ist die ästhetische Konsequenz aus den
Grundsätzen der Neuen Sachlichkeit. In der Literatur der Neuen Sachlichkeit verrückt
sich der Blick der Autoren auf äußere Erscheinungen und physiognomische Merkmale,
das Individuum kann nicht mehr klar von seinem Handlungsfeld und Kollektiv getrennt
werden. Vielmehr wird „Der Mensch […] nicht in Substantialitäten, sondern in
Relationen“18 lebend gesehen.

16
Lethen, Neue Sachlichkeit, S. 177.
17
Lethen, Neue Sachlichkeit, S. 177.
18
Zit. nach Lethen, Neue Sachlichkeit, S. 179.
5
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

Die „beobachtende Außenperspektive“ führt zu einer nüchternen Betrachtung des


literarischen Gegenstands, der Sache und damit zum Blick auf die Oberfläche der
Materie, die in der marxistischen Terminologie als Unterbau bezeichnet werden kann.
Dem entgegen steht der Überbau, dessen Betrachtung und Eigenurteil von Ideologie
getrübt ist.

3. Siegfried Kracauer und die Neue Sachlichkeit


a. Die Oberfläche
Die Metaphorik der Oberfläche zieht sich durch frühe wie späte Schriften Kracauers,
zentral ist sie auch in seinem Essay „Das Ornament der Masse“. Schon früh kehrte sich
Kracauer ab von einer klassischen Philosophie hin zu Reflexionen über alltägliche
Erfahrungen. Den Fokus legt Kracauer vor allem auf unscheinbare, geradezu
nebensächliche Äußerungen des gesellschaftlichen Lebens, die entgegen
zeitgenössischer Äußerungen nicht tendenziös, also von spezifischen Interessen geleitet
sind19. Zusätzlich zu diesem offensichtlich marxistischen Einfluss machen sich bei der
Oberflächenbehandlung von Kracauer immer wieder psychoanalytische Einflüsse
bemerkbar. So beschreibt Stalder die Oberflächenanalyse in Kracauers Artikel Aus dem
Fenster gesehen in folgenden Worten:

„Die absichtslos und ohne steuerndes Bewusstsein zustande gekommene


Oberfläche ist ein Traumbild voller geheimer Zeichen und Botschaften, die der
Deutung harren“20

Besondere Schwerpunkte dieser Reflexionen sind „das großstädtische Leben“21 und


„zeitgenössisch[e] Massenattraktionen“22.

19
Vgl. Stalder, Helmut: Siegfried Kracauer. Das journalistische Werk in der >Frankfurter Zeitung< 1921-
1933. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003. S. 164. Im Folgenden abgekürzt mit Stalder, Siegfried
Kracauer, Seitenangabe.
20
Stalder, Siegfried Kracauer, S. 167.
21
Despoix, Entzauberung, S. 194.
22
Despoix, Entzauberung, S. 194.
6
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

i. Wende der Metaphorik


Inka Mülder-Bach macht in der Metaphorik der Oberfläche bei Siegfried Kracauer um
die Jahre 1924/25 eine Wende aus23. In den Frühschriften Kracauers wird die Oberfläche
zunächst als pure Negativität, bloßer Schein behandelt. Um diese Negativität zu Ende zu
denken, beschreibt Kracauer sein Denken als ein Einfühlen, eine Mimesis an diese
Oberfläche. Um „die Realität … dort anzurühren, wo sie verwundbar ist“, schreibt
Kracauer 1925, müsse sein Denken „sich in die Maske des Entwirklichten […] kleiden“24.
Die Negativität der Oberfläche verschiebt sich zugunsten der
Oberflächenerscheinungen, die in späteren Schriften als analysier- und interpretierbar
betrachtet werden25. Die Oberfläche wird damit zu einer wirklichen positiv gesetzten
Fläche, die in Interdependenz zur gleichzeitigen Realität steht26. Die Konzentration auf
unauffällige Oberflächenerscheinungen der Realität drückt sich in den Texten der
1920er und 1930er Jahre laut Miriam Hansen wie folgt aus:

„Siegfried Kracauer reads the ephemeral, unnoticed culturally marginalized


phenomena of everyday life as configurations of writing, resorting to scriptural
figures such as "hieroglyph", "ornament", "rebus" or "arabesque".“27

Auf der Oberfläche der Gesellschaft findet für Kracauer also gewissermaßen eine
Verschriftung gesellschaftlicher Phänomene statt, die bei der Beobachtung dieser
wieder decodiert werden müssen.

23
Vgl. Hansen, Miriam: „Decentric Perspectives: Kracauer's Early Writings on Film and Mass Culture“ In:
New German Critique. Nr. 54 (1991). S. 47-76, hier S. 51. Im Folgenden abgekürzt mit Hansen, Decentric
Perspectives, Seitenangabe.
24
Mülder-Bach, Inka: „Der Umschlag der Negativität: Zur Verschränkung von Phänomenologie,
Geschichtsphilosophie und Filmästhetik in Siegfried Kracauers Metaphorik der ‚Oberfläche‘“. In:
Deutsche Vierteljahresschrift. Jg. 61, Nr. 2 (1987). S. 359-373, hier S. 368. Im Folgenden abgekürzt mit
Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, Seitenangabe.
25
Vgl. Hansen, Decentric Perspectives, S. 51.
26
Vgl. Hansen, Decentric Perspectives, S. 51.
27
Hansen, Miriam: „Mass Culture as Hieroglyphic Writing: Adorno, Derrida, Kracauer“. In: New German
Critique. Nr. 56 (1992). S. 43-73, hier S. 63. Im Folgenden abgekürzt mit Hansen, Hieroglyphic Writing,
Seitenangabe.
7
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

ii. Feuilletonistische Schriften


Besondere Relevanz bekommen in diesem Zusammenhang Kracauers Beobachtungen
zu großstädtischen Phänomenen in seinen feuilletonistischen Schriften. Er analysiert die
Mode des Tanzes als „reine Bewegung in der Zeit“28 und die des Reisens als „bloßen
Ortswechsel“29, diese entleerten Oberflächenerscheinungen verweisen in ihrer
Negativität auf die Abwesenheit von kulturellem Sinn. Das Fehlen eines solchen Sinns
manifestiert sich in der Auflösung des zuvor fest gesetzten Raum-Zeit-Kontinuums und
letztendlich in der Herrschaft der Technik in ihrem Selbstzweckcharakter über den
Menschen30. Kracauer distanziert sich damit zugleich von dem Fortschrittsoptimismus
der Neuen Sachlichkeit, während er dessen Methode der Oberflächenbeobachtung
verwendet. Charakteristisch ist hierbei die Negativität der Oberfläche, die immer auf die
Abwesenheit und die Auflösung von festen Ordnungen verweist. Beispielhaft sei hier
auch der Artikel Chauffeure grüßen genannt, in dem Kracauer die Mode des Grußes
zwischen Taxifahrern und Verkehrspolizisten untersucht und dabei zu dem Schluss
kommt, dass diese, entgegen traditionelleren Formen des Grußes, jeglicher Funktion
entbehrt und lediglich „als allgemeines Zeichen für die gemeinsame Abhängigkeit der
Beteiligten von derselben Macht […], de[m] Straßenverkehr“31 steht.
Auch in der Beschreibung von anderen Großstadterfahrungen spielt die
Oberflächenanalyse für Kracauer eine wichtige Rolle, genauer in der Analyse von
sozialen Räumen:

„Jeder typische Raum wird durch typische gesellschaftliche Verhältnisse


zustande gebracht, die sich ohne die störende Dazwischenkunft des Bewußtseins
in ihm ausdrücken. Die Raumbilder sind die Träume der Gesellschaft. Wo immer
die Hieroglyphe irgendeines Raumbildes entziffert ist, dort bietet sich der Grund
der sozialen Wirklichkeit dar.“32

28
Despoix, Entzauberung, S. 195.
29
Despoix, Entzauberung, S. 195.
30
Vgl. Despoix, Entzauberung, S. 196.
31
Despoix, Entzauberung, S. 199.
32
Kracauer, Siegfried: „Über Arbeitsnachweise“. In: Straßen in Berlin und Anderswo. Berlin: Das Arsenal,
1987. S. 66-74, hier S. 66f.
8
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

An dieser Stelle deutet sich bereits die Dechiffrierung von realen Phänomenen aus
Oberflächenphänomenen an, Kracauer lädt hierbei aber eher zu einer
psychoanalytischen Deutung ein, welche auch in der Behandlung des Aufsatzes zum
Ornament der Masse Relevanz erfahren wird.
In seinem Aufsatz zum Kult der Zerstreuung schreibt Kracauer 1926: „Der Hang zur
Zerstreuung fordert und findet als Antwort die Entfaltung der puren Äußerlichkeit.“33
Diese Konzentration auf die Oberfläche ist bei Kracauer ebenso Reflex auf die
fortgeschrittene Produktion wie in der ästhetischen Theorie der Neuen Sachlichkeit. Der
Ausgleich der Anforderungen des Arbeitsalltags in Form von Konsum und Unterhaltung
an die Menschen geschieht „in der gleichen Oberflächensphäre“34 wie die
fortschreitende Abstraktion der Arbeitsverhältnisse und die Rationalisierung der
kapitalistischen Produktion35. Hier ist die Materialität der Oberfläche schon klar
ersichtlich: Die Produktionsverhältnisse drücken sich ebenso wie der kulturelle Stand
einer Gesellschaft in Oberflächenerscheinungen aus, sie sind nicht nur Schein, sondern
verweisen direkt auf materiale Zustände.

iii. Filmtheorie
Auch in seinen filmtheoretischen Schriften ist die Metaphorik der Oberfläche bei
Kracauer relevant: Er beschreibt die Photographie als reine Oberfläche im Hinblick auf
ihre Materialität. Im Gegensatz dazu steht das Gedächtnisbild; während dieses
mehrlagig ist und verschiedene Schichten der Geschichte umfasst, sich verändert und
entwickelt, ist jenes lediglich die unveränderliche Aufnahme eines Moments in der
Geschichte36. Übrig bleibt in der Photographie nur das stumme Bild, das einzelne Bild
des Menschen in seinen sozialen Relationen37. Es gibt damit zwar keine geschichtliche
Entwicklung wider, die ohnehin im Gedächtnisbild modifiziert wird, sondern ein

33
Kracauer, Siegfried: „Kult der Zerstreuung“. In: Werke, Bd. 6.1. Kleine Schriften zum Film. Hg. von Inka
Mülder-Bach. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 208-213, hier S. 210. Im Folgenden abgekürzt mit
Kracauer, Kult der Zerstreuung, Seitenangabe.
34
Kracauer, Kult der Zerstreuung, S. 210.
35
Vgl. Hansen, Hieroglyphic Writing, S. 64.
36
Vgl. Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, S. 371.
37
Vgl. Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, S. 372.
9
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

naturalistisches Abbild eines Moments im wirklichen Raum-Zeit-Kontinuum. Das


photographische Bild ist damit eine reine Oberfläche, zeichnet sich aber durch seine
Epoche aus, auf die es durch dessen Absenz verweist38. Während das Gedächtnisbild um
die spezifische Erinnerung gruppiert ist, dehnt sich das Telos der Photographie auf eine
unendliche und unüberschaubare Epoche aus, den „photographischen >>Riesenfilm<<,
[…] ein zufälliges und sinnloses Gemenge“39.
Dem entgegen hat der Film durch seine immanente Veränderung und Taktilität die
Möglichkeit, eine Entsprechung zum Gedächtnisbild zu sein. Die reine Oberfläche der
Photographie wandelt sich damit zu einer durchgehenden Entwicklung, in der sich
hintereinander verschiedene Stadien eines Raum-Zeit-Kontinuums. Im Gegensatz zur zu
sich selbst unkritischen Oberfläche der Photographie schafft der Film einen Sinn für
seine Geschichte, wie das Gedächtnisbild rafft oder dehnt er den Zeit-Raum, den er
repräsentiert. An dieser Oberfläche können zu dechiffrierende Zeichen abgelesen
werden, die Destruktivität der Aufklärung, also der Rationalisierbarkeit, wird in diesem
rein ästhetischen Modell sinnvoll und verhält sich damit kritisch zu sich selbst40.
Dennoch, oder gerade deswegen, ist der Film laut Kracauer noch stärker auf
Oberflächenerscheinungen konzentriert. Kracauer schreibt:

„All dies heißt, daß Filme sich an die Oberfläche der Dinge klammern. Sie
scheinen filmischer zu sein, je weniger sie sich direkt auf inwendiges Leben,
Ideologien und geistige Belange richten.“41

Die Oberflächenverhaftung des Films helfe demnach, „sich von >>unten<< nach
>>oben<< zu bewegen“42, also von den materialen Oberflächenäußerungen ausgehend
zur Erfassung ideologischer Merkmale einer Epoche hinzuarbeiten.

38
Vgl. Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, S. 371.
39
Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, S. 371.
40
Vgl. Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, S. 373.
41
Kracauer, Siegfried: Werke, Band 3. Theorie des Films. Hrsg. Von Inka Mülder-Bach. Frankfurt am Main:
Suhrkamp, 2005. S. 20. Im Nachfolgenden abgekürzt mit Kracauer, Theorie des Films, Seitenangabe.
42
Kracauer, Theorie des Films, S. 20.
10
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

b. Das Ornament der Masse


Zu Beginn des Aufsatzes Das Ornament der Masse schreibt Kracauer:

„Der Ort, den eine Epoche im Geschichtsprozeß einnimmt, ist aus der Analyse
ihrer unscheinbaren Oberflächenäußerungen schlagender zu bestimmen als aus
den Urteilen der Epoche über sich selbst. Diese sind als der Ausdruck von
Zeittendenzen kein bündiges Zeugnis für die Gesamtverfassung der Zeit. Jene
gewähren ihrer Unbewusstheit wegen einen unmittelbaren Zugang zu dem
Grundgehalt des Bestehenden. An seine Erkenntnis ist umgekehrt ihre Deutung
geknüpft.“43

Hier finden sich typische Merkmale der Oberflächenmetaphorik wieder: Die


Unbewusstheit der Oberflächenerscheinungen verweisen in der Weimarer Moderne auf
die Abwesenheit von Sinn, die von zeitgenössischen Positionen nicht erkannt wird.
Dieser für das Denken Kracauers programmatische Absatz schafft allerdings auch
Distanz zur Neuen Sachlichkeit. Während diese Oberflächenbeschreibungen nutzen, um
letztendlich auf eine Demokratisierung der Kunst und Technik hinzuarbeiten, betrachtet
Kracauer die Oberflächenerscheinungen als Symptome einer sinnentleerten Gegenwart,
deren fortschrittsoptimistische Strömungen nicht zu einer Reflexion führen.
Kracauer schildert in diesem Essay die Ornamente, die sich als oberflächliche
Erscheinungen von bestimmten populären Gruppentänzen bilden. In diesen
Ornamenten löst sich der einzelne Körper gänzlich in der tanzenden Masse auf, erneut
erscheint die Bewegung des Tanzes als Selbstzweck44. Kracauer kritisiert hier nicht die
ästhetische Legitimität dieser ornamentalen Formen, da diese dem gesellschaftlichen
Produktionsprozess entsprechend seien45. Vielmehr erkennt er in diesen
Massenornamenten eine ähnliche Struktur wie im kapitalistischen Produktionsprozess,
in dem jeder Körper Teil eines Arbeitsprozesses wird. Der Unterschied liegt jedoch vor
allem darin, dass das Ornament des Tanzes in Gänze beschaut werden kann, seine
Oberfläche kann also als Metaphorik dienen, die auf eine technische Organisierung der

43
Kracauer, Ornament der Masse, S. 612.
44
Kracauer, Ornament der Masse, S. 613.
45
Vgl. Kracauer, Ornament der Masse, S. 614f.
11
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

Massen hinweist, die sich Selbstzweck ist. Hier spiegelt sich in den
Oberflächenerscheinungen die instrumentelle Vernunft der Aufklärung wider, die nicht
zur Verbesserung der Lebensumstände der Individuen, sondern auf ihre eigene
Perfektion und die totale Naturbeherrschung ausgerichtet ist. Die Oberfläche, die
Kracauer hier analysiert, ist nicht mehr die pure Negativität, die auf das Fehlen von Sinn
verweist, sondern materielle Fläche, deren Betrachtung Kracauer zu
Grundkonstellationen der industriellen Moderne führt. Hier findet sich schon eher die
Maxime der Neuen Sachlichkeit, dass sich soziale Relationen in materialen Oberflächen,
die es zu beschreiben gilt, ausdrücken.
Die Beschreibung der materialen Oberfläche lässt sich zudem konkret an Textbeispielen
belegen. Beispielsweise schreibt Kracauer zu den Darbietungen der Tiller Girls: „Der
Regelmäßigkeit ihrer Muster jubelt die durch die Tribünen gegliederte Menge zu.“46 Und
an anderer Stelle:

„[Das Ornament] besteht aus Graden und Kreisen, […] Wellen und Spiralen […].
Verworfen bleiben die Wucherungen organischer Formen und die
Ausstrahlungen des seelischen Lebens. […] Arme, Schenkel und andere
Teilstrecken sind die kleinsten Bestandstücke der Komposition.“47

Kracauer arbeitet sich hier an der realen Oberfläche des Massenornaments entlang, um
anschließend dessen metaphorischen Wert zu erläutern. Er konzentriert sich dabei nicht
nur, wie die Autoren der Neuen Sachlichkeit, auf die Beschreibung der
Oberflächenerscheinungen, sondern konstatiert im Anschluss deren
Selbstzweckhaftigkeit, also die absolute Oberflächlichkeit der Welt.
Kracauer selbst steht zu dieser Oberflächlichkeit in ambivalenter Haltung: Einerseits ist
die ornamentalische Organisation der Gesellschaft als fortschrittlich zu betrachten, da
sie keine natürlich organisierte Einheit eines Volkskörpers oder des Individuums mehr
voraussetzt48. Jedoch im Umschlag der Rationalität in Mythos, also dessen

46
Kracauer, Ornament der Masse, S. 612.
47
Kracauer, Ornament der Masse, S. 614.
48
Vgl. Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, S. 365.
12
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

Selbstzweckhaftigkeit, bleibt die Masse „stumm“49: Sie beschaut nur das zur Ausstellung
exponierte Ornament der tanzenden Gruppe, nicht aber ihre eigene ornamentale
Gliederung, ebenso wie die einzelne Tänzerin nicht das Ornament überschaut, dessen
Teil sie ist50. In dieser kritischen Position Kracauers ergibt sich einerseits eine Distanz
zum romantischen Kulturpessimismus als auch zu den reinen fortschrittsoptimistischen
Strömungen der Weimarer Republik. Im Massenornament ist also die einzige Funktion
des Körpers die Perfektion der zweckfreien Geometrie, Mülder-Bach beschreibt dies als
falsche Versöhnung von Jugendstil und Neuer Sachlichkeit, „indem die Funktion selbst
ornamentale Züge annimmt“51.
Zu betrachten ist hierbei die Frage der Demokratisierung, die die Neue Sachlichkeit
anstrebt. Die Verbindung von Ornament und Funktion führt zur Ästhetisierung des
Politischen, wie sie typisch für den Faschismus ist, schreibt Walter Benjamin. Genauer:

„fascism saw its salvation (Heil) in >>allowing the masses to attain self-expression
(certainly not to attain their rights). The masses have a right to change the
relations of ownership; fascism seeks to give them a means of self-expression
within the preservation of these relations. What fascism logically amounts to is
an aestheticization of political life<<“52

Die stumme Masse also überblickt nicht die Modulationen der Verteilung von Gütern,
sondern betrachtet sich im Faschismus innerhalb dieser Grenzen als Massenornament.
Durch die fehlende Analyse der Oberfläche wird also eine Demokratisierung unmöglich,
an ihre Stelle setzt sich die Ästhetisierung. Im kapitalistischen Produktionsprozess ist der
Selbstausdruck der Masse die Ratio desselben, ihr übergeordnetes Prinzip ist die
„invisible hand“, dem gleicht das Massenornament der Tiller Girls. Genauer dazu
Kracauer:

49
Kracauer, Ornament der Masse, S. 621.
50
Vgl. Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, S. 365.
51
Mülder-Bach, Umschlag der Negativität, S. 364.
52
Witte, Karsten: „Introduction to Siegfried Kracauer's ‚The Mass Ornament‘“. In: New German Critique.
Nr. 5 (1975). S. 59-66, hier S. 62.
13
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

„Auch die Schauspieler ermessen das Szenenbild nicht, doch sie nehmen bewußt
an seinem Aufbau teil […]. Je mehr ihr Zusammenhang zu einem bloßen linearen
sich entäußert, um so mehr entzieht sie sich der Bewusstseinsimmanenz ihrer
Bildner“53

Eine wichtige Deutung der Oberflächenmetapher liefert auch Gertrud Koch:

„Die >>Oberflächenäußerungen<< [haben] einen >>unmittelbaren<< Zugang


zum Gehalt. […] Das Unterbewußte ist der Königsweg zur Selbsterkenntnis einer
Gesellschaft, die Oberfläche ist der Traum, den sie von sich selber träumt und
der sie deutbar macht. Somit erhellt der Traum den Träumer.“54

Eine solche psychoanalytische Dechiffrierung der Ornamente verweist wiederum auf die
Möglichkeit der Gesellschaft, sich selbst zu beschauen und damit Zugang zu ihrem
grundlegenden Zustand zu erlangen. Wenn auch dies in Kracauers Modell der
Zuschauerperspektive von der Tribüne aus nicht möglich ist, gibt doch beispielsweise
das Kino die Gelegenheit „Figuren des Kollektivtraums“55, wie Walter Benjamin schreibt,
zu beschauen.

4. Fazit
Kracauer beantwortet die steigende Abstraktion der Gesellschaft, ihre Produktion von
Oberflächlichkeiten, mit der Konkretion, die sich als Beobachtung einzelner
unscheinbarer Oberflächenäußerungen ausdrückt. Dabei ist es von Wichtigkeit, zu
verstehen, dass die Anforderungen des oberflächlichen Produktionsprozesses an den
Menschen von der Kunst und der Unterhaltung nur in der gleichen Oberflächensphäre
beantwortet werden können, um zur Zerstreuung der Massen zu dienen. Kracauer
beschränkt sich in seiner philosophischen Praxis daher nicht ausschließlich darauf, die

53
Kracauer, Ornament der Masse, S.614.
54
Koch, Einführung, S. 42.
55
Zit. nach Bratu-Hansen, Miriam (im Buch fälschlicherweise „Bratze-Hansen“): „Dinosaurier sehen und
nicht gefressen werden. Kino als Ort der Gewalt-Wahrnehmung bei Benjamin, Kracauer und Spielberg“.
In: Auge und Affekt. Wahrnehmung und Interaktion. Hrsg. von Gertrud Koch. Frankfurt a. M.: Fischer,
1995. S. 249-271, hier S. 262.
14
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

gesellschaftliche Oberfläche zu beschreiben, sondern versucht, durch Konkretion der


Phänomene auf ihren gesellschaftlichen Gehalt vorzustoßen.
Die Wende in der Oberflächenmetaphorik Kracauers beschreibt demnach auch eine
Wende von einer reinen Analyse der Oberfläche zu einer Interpretation ihrer
Erscheinungen. Während die Negativität der Oberfläche auf die Oberflächlichkeit der
Gesellschaft verweist, deuten die zu interpretierenden Oberflächenerscheinungen auf
reale gesellschaftliche Verhältnisse.
Dies unterscheidet ihn zunehmend von der literarischen Strömung der Neuen
Sachlichkeit. Während diese sich auf Oberflächenbeschreibungen beschränkt und deren
Interpretation dem Leser überlässt, versucht jener schon selbst zu den
Grundverhältnissen der Gesellschaft vorzudringen, indem er beispielsweise die
Oberfläche des Massenornaments mit der der kapitalistischen Produktionsweise
parallelisiert. Es handelt sich also nicht um eine reine Anpassung oder ein Einverständnis
mit der Moderne, sondern um eine modernekritische Position, die sich auf
Oberflächenanalysen konzentriert. Die demokratisierende Funktion schwächt dies
nicht, macht sie aber weniger anfällig für ihre Verbindung mit dem Ästhetizismus im
Ornament der Masse, oder aber auch in den Massenaufmärschen des
Nationalsozialismus.
Neben der Inspiration durch die Psychoanalyse Freuds steht auch die Auswahl der Sujets
Kracauers der Neuen Sachlichkeit entgegen: Während letztere möglichst hohe Aktualität
und Lebensnähe forderten, konzentriert sich ersterer auf unscheinbare Phänomene des
Alltags; obwohl die Kriterien der Neuen Sachlichkeit bei Kracauer durchaus implizit
angelegt sind, geht dieser über jene hinaus und ist eher auf Phänomene fokussiert,
welche bei normaler Alltagsbetrachtungen außen vor bleiben. Dennoch eint Kracauer
sein Interesse an der Erkenntnis einer sachlichen Wirklichkeit mit der Neuen
Sachlichkeit, auch die publizistische Form weist auf Gemeinsamkeiten hin. Die Analyse
der Motive der Konkretion und der Formen des Schreibens und Publizierens müssten
demnach zusätzlich analysiert werden.

15
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

5. Bibliographie

a. Gedruckte Quellen
Despoix, Philippe: Ethiken der Entzauberung (Syndikat). Bodenheim: Philo, 1998.
Hansen, Miriam: „Mass Culture as Hieroglyphic Writing: Adorno, Derrida, Kracauer“. In:
New German Critique. Nr. 56 (1992). S. 43-73.
Hansen, Miriam: „Decentric Perspectives: Kracauer's Early Writings on Film and Mass
Culture“ In: New German Critique. Nr. 54 (1991). S. 47-76.
Koch, Gertrud: Kracauer zur Einführung. Hamburg: Junius, 1996.
Kracauer, Siegfried: „Das Ornament der Masse“. In: Werke, Bd. 5.2. Essays, Feuilletons,
Rezensionen. Hg. von Inka Mülder-Bach. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2011. S.
612-624.
Kracauer, Siegfried: „Kult der Zerstreuung“. In: Werke, Bd. 6.1. Kleine Schriften zum Film.
Hg. von Inka Mülder-Bach. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2004. S. 208-213
Kracauer, Siegfried: „Über Arbeitsnachweise“. In: Straßen in Berlin und Anderswo.
Berlin: Das Arsenal, 1987. S. 66-74.
Kracauer, Siegfried: Werke, Band 3. Theorie des Films. Hrsg. Von Inka Mülder-Bach.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005.
Lethen, Helmut: „Neue Sachlichkeit“. In: Weimarer Republik - Drittes Reich:
Avantgardismus, Parteilichkeit, Exil: 1918-1945. Hg. v. Horst Albert Glaser.
Deutsche Literatur – Eine Sozialgeschichte, Band 9. Hg. v. Alexander von Borman
u. Horst Albert Glaser. Reinbek bei Hamburg: Rororo, 1983. S. 168-179.
Mülder-Bach, Inka: „Der Umschlag der Negativität: Zur Verschränkung von
Phänomenologie, Geschichtsphilosophie und Filmästhetik in Siegfried Kracauers
Metaphorik der ‚Oberfläche‘“ In: Deutsche Vierteljahresschrift. Jg. 61, Nr. 2
(1987). S. 359-373.
Scheele, Karl Werner: Aspekte der Neuen Sachlichkeit in ausgewählten Romanen von H.
Fallada, E. Kästner, I. Keun, E. Reger und G. Tergit. Middlebury: Middlebury
University, 1993.

16
Freie Universität Berlin Till Wilhelm
Fachbereich für Philosophie und Geisteswissenschaften Matrikelnr. 4999294
Peter-Szondi-Institut für Allg. und Vergl. Literaturwissenschaften 3. Fachsemester
Wintersemester 2016/17 till-wilhelm@t-online.de
Proseminar: Wien, München, Berlin und die Klassische Moderne
Dozentin: Marlies Zwickl 8. Mai 2017

Stalder, Helmut: Siegfried Kracauer. Das journalistische Werk in der >Frankfurter


Zeitung< 1921-1933.Würzburg: Königshausen & Neumann, 2003.
Witte, Karsten: „Introduction to Siegfried Kracauer's "The Mass Ornament"“ In: New
German Critique. Nr. 5 (1975). S. 59-66.

b. Internetquellen
Wikipedia: „Die Kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino“.
https://de.wikipedia.org/wiki/Die_kleinen_Ladenm%C3%A4dchen_gehen_ins_
Kino. Abgerufen am 22.04.2017 um 19:12 Uhr.
Culturemag: „Siegfried Kracauer – Ginster“.
http://culturmag.de/rubriken/buecher/siegfried-kracauer-ginster/70923.
Abgerufen am 22.04.2017 um 19:13 Uhr.
ZEIT: „Philosophie des Peripheren“. http://www.zeit.de/1989/07/philosophie-des-
peripheren. Abgerufen am 22.04.2017 um 19:14 Uhr.
Vgl. Digitale Schule Bayern: „Weimarer Republik/Neue Sachlichkeit“.
http://digitaleschulebayern.de/dsdaten/18/759.pdf. Abgerufen am 22.04.2017
um 19:15 Uhr.

17