You are on page 1of 1

POLITIK 25.

November 2010 DIE ZEIT No 48 9

Hohe Einschaltquoten.
Heiner Geißler auf dem
Kontrollmonitor eines
TV-Teams

Ein Schluss
in Moll
Der Schlichter Heiner Geißler hat in Stuttgart ein
großes Demokratie-Experiment gewagt. Lösen konnte er
den Streit um den Bahnhof nicht VON THOMAS E. SCHMIDT

ein Mensch erwartet von den Kefer, »aber was wir auf jeden Fall erreichen, ist, müsse gegraben werden, weil Beschlüsse nach Recht »Das Rechtsstaatlichkeitsprinzip hat am Ende nicht ler, Rebell und doch meistens loyal gegenüber der

K Schlichtungsgesprächen im Stutt- die gesamten Argumente beider Seiten offenzu-


garter Rathaus, dass Bauherrin legen. Wir stellen Zusammenhänge dar. Das ist
Bahn, die baden-württembergische etwas Neues. Über die Medien können wir per
Landesregierung und die Gegner Statement immer nur Teilaspekte vorstellen, aber
des Tiefbahnprojektes am Ende in neuer Freund- nie die Herleitung von Argumentationen, nie die
schaft auseinandergehen. Seit Ende Oktober re- storyline«. Die Bahn lieferte also ihre technische
den sie immerhin miteinander, und seither Gesamterzählung nach, legte den inneren Zu-
und Gesetz zustande gekommen seien.
Letzteres bestreitet niemand – und trotzdem muss-
te geschlichtet werden. Denn obwohl das Verfahren
korrekt durchgeführt wurde, fehlt dem Projekt der
nötige Rückhalt in der Bevölkerung. In kurzer Zeit
waren Legalität und Legitimität eines zentralen poli-
tischen Vorhabens dramatisch auseinandergefallen, so
zu einer Deeskalation beigetragen. Das muss man kon-
statieren.« Er sagt weiter: »Ich halte es aber nach wie
vor für unzulässig, daraus einen Gegensatz zwischen
Legalität und Legitimität abzuleiten. Wenn wir daraus
ein Präjudiz machen, dass künftig Legitimität über
Legalität gestellt wird, hätte ich damit ein großes Pro-
blem.« Heiner Geißler würde das anders sehen.
CDU, kann es sich nicht leisten, nur für Trans-
parenz gesorgt zu haben, am Ende aber alles offen
zu lassen. Er muss Farbe bekennen, aber was kann
er schon sagen? Sein Votum wird Enttäuschung
hervorrufen, weil sich aus den Gesprächen selbst
kein eindeutiges Für oder Wider ableitete.
Geißlers Schlichterspruch wird vermutlich das Zu-
herrscht Waffenstillstand, freundlicher: »Frie- sammenhang ihres Vorhabens offen, und zwar weit, dass die Teilnahme von amtierenden Ministern standekommen von Stuttgart 21 bemängeln, ebenso
denspflicht«. Die neue Sachlichkeit in Stuttgart unter Verzicht auf den Modernisierungskitsch, an der Schlichtung bereits ein Eingeständnis der Re- Der Spruch des Schlichters wird die politische Art seiner Durchsetzung. Er wird die
ist bereits ein Fortschritt, aber am kommenden der Stuttgart 21 seit 1994 begleitet hatte. Kefer gierung darstellte, nicht länger über eine ausreichende Enttäuschung hervorrufen Machbarkeit des Kopfbahnhof-Projektes hervorheben,
Montag, den 29. November, ist alles vorbei. Dann versprach keine goldene Zukunft für die Stadt, Legitimationsgrundlage in dieser Sache zu verfügen. aber auch dessen Planungsrückstand. Er wird emp-
wird in Stuttgart ein letztes Mal verhandelt. Da- und er strapazierte auch die ominöse Achse Pa- Das allein ist schon ein bemerkenswerter Vorgang. Die Und das bleibt der Grundkonflikt: Dürfen die Bürger fehlen, angemahnte Verbesserungen der Gegner zu
nach wird der Schlichter ein Fazit ziehen, und ris–Bratislava, die entstehen sollte, nicht länger. Stuttgarter Schlichtung hat die Krise der Repräsenta- in einem geregelten Verfahren der Regierung auch berücksichtigen. Die Bahnhofsbauer werden darauf
dann werden die einen ihre Bagger wieder in Kefer musste signalisieren, dass die Interessen tionsdemokratie öffentlich gemacht, in Gestalt eines nachträglich noch einmal in die Parade fahren und eingehen und damit die Überschreitung des bisherigen
Bewegung setzen, was die anderen noch immer seines Unternehmens nicht mit jenen der Lan- Rededuells am Runden Tisch, als Spektakel, das live Parlamentsbeschlüsse revidieren? Ist das eine Gefahr Kostenplans rechtfertigen. Am Ende soll der Tiefbahn-
verhindern wollen. Was also wird die Schlichtung desregierung identisch sind. Denn die teilneh- im Fernsehen übertragen wurde und erstaunliche Ein- für die Demokratie oder ihre Fortentwicklung? Recht- hof wahrscheinlich gebaut werden, die rechtlichen und
gewesen sein? Hat Heiner Geißlers »Demokratie- menden Politiker sind längst im Wahlkampf und schaltquoten brachte. fertigen es politisch erhitzte Situationen wie in Stutt- finanziellen Aufwendungen für einen Ausstieg sind zu
experiment« die Republik tat- werben für ihre Parteien. Das Geißler hat vorgeführt, dass niemand mehr die gart, Legitimität höher zu gewichten als rechtsver- hoch, die Alternative ist fern. Die Befürworter dürfen
sächlich verändert? Öffentliche gilt für die Grünen Boris Pal- politische Kraft besitzt, Stuttgart 21 umzusetzen, bindliche Entscheidungen? Diese Fragen hat die Stutt- nicht auf ungestörten Weiterbau hoffen, das Aktions-
Aufmerksamkeit hatte er jeden- mer und Winfried Kretsch- weder die Exekutive noch das Parlament. Im Gegen- garter Schlichtung gestellt, aber nicht beantwortet. bündnis der Gegner wird einer harten Belastungspro-
falls genug. Oder wird es so mann ebenso wie für die Ver- teil, das Festhalten an der reinen Legalitätsposition Eine »Lösung« des Konfliktes kann allenfalls die Land- be ausgesetzt sein. Was anderes als dieser Schluss in
enden, wie Schiller in den Räu- kehrsministerin Tanja Gönner spaltete die Stadt bis hin zum Bruch des Rechtsfrie- tagswahl im März bringen, wenn eine neue Regierung Moll wäre möglich?
bern schrieb: »Da ging’s aus (CDU), die bereits seit Länge- dens. Geißler hat gezeigt, dass auch in Verträgen fest- auf neuer Legitimationsgrundlage den Konflikt anders
wie’s Schießen zu Hornberg rem für einen Posten im Kabi- gezurrte Vorhaben noch einmal dem Säurebad der aufgreift – oder ihn rechtsstaatlich deckelt. www.zeit.de/audio
und mussten abziehen mit lan- nett Merkel gehandelt wird. politischen Willensbildung zuzuführen sind. Vielleicht Voraussichtlich am kommenden Dienstag wird
ger Nase.« Aber wie wird der Streit, der geschieht das in Stuttgart zu spät, aber prinzipiell ist der Schlichter seinen Spruch verkünden, und um Hintergründe zum geplanten Bahnhofsneubau
Der Schlichter Geißler hat unauflöslich schien, nun enden? es möglich. Sogar Bahn-Vorstand Kefer räumt ein: diese Pflicht ist er nicht zu beneiden. Heiner Geiß- unter www.zeit.de/stuttgart21
ein Format gefunden, in dem Über die grundsätzlichen Schluss-
alle Interessen zu Wort kom- Volkes Stimme folgerungen sind sich die Teil-
men und in dem unter Zeit- nehmer weitgehend einig: Die
druck ein hohes Maß an Trans- Dürfen die Bürger Frist zwischen Planung und Rea-
parenz hergestellt wird. Manch- der Regierung nach- lisierung muss sich bei künftigen
mal erinnern die Gespräche im träglich in die Parade Großprojekten drastisch ver-
Stuttgarter Rathaus an einen fahren? Ist das eine kürzen; es kann nicht sein, dass
Zirkus, etwa wenn der Schlich- zwischen Erfindung und Erbau-
ter wegen Fremdwortmiss- Gefahr für die ung 15 Jahre und zwei Politiker-
brauchs sarkastisch mit einem Demokratie oder ihre generationen ins Land ziehen.
Experten ins Gericht geht oder Fortentwicklung? Auch wird die öffentliche Hand
wenn die Politiker sich in den das Ziel eines Vorhabens deutli-
Wahrnehmungsvermeidungs- cher markieren müssen – und es
ritualen üben, die man aus Parlamentsdebatten debattieren lassen. Die Position betroffener Bürger
und Ausschusssitzungen kennt. Dann wieder ist wird gestärkt werden. Als Kann-Vorschrift sind Me-
die Atmosphäre entspannt und doch konzen- diationsverfahren heute bereits im Baurecht ver-
triert. Nicht ganz uneitel, aber immer noch mit ankert, Einwände müssen geprüft werden, nicht
dem Gefühl für den richtigen politischen Augen- jedoch Alternativen. Ob der Mediator verpflichtend
blick, inszeniert Geißler die Rederunde als de- ins Gesetz soll, wie Ministerpräsident Mappus vor-
mokratiepraktisches Lehrstück. »Es werde künf- schlug, kann man wohlwollend erörtern, in der
tig kein Großprojekt mehr in Deutschland ge- Debatte ums Umweltgesetzbuch hatte man das vor
ben, das nach der bisherigen Methode durch- Jahren bereits getan. Wichtiger wäre es, die recht-
geführt wird«, befand Geißler. liche Verpflichtung einer Mediation zu stärken.
Bisher ist ein solcher Interessenkompromiss immer
»Unsere Akzeptanz ist gestiegen«, nur eine Empfehlung. Am Ende entscheiden dann
sagen die Bahnhof-Gegner doch die Gerichte oder die Landtage.
Kniffliger ist die Frage, ob sich aus der Stutt-
Nüchterner sehen es die Projektgegner, sie be- garter Erfahrung zwingend ableitet, dass wir ge-
wegt vorläufig die Gegenwart. Die Contra-Seite nerell mehr direkte Demokratie benötigen. Hei-
besteht aus sehr unterschiedlichen Gruppen, die ner Geißler ist in diesem Punkt eindeutig: »Was
sich unter Reibereien zu einem Aktionsbündnis wir hier gemacht haben, war Teil eines Gesamt-
zusammengeschlossen hatten. Ihr Erfolg besteht verfahrens in unmittelbarer Demokratie. Wir
zunächst darin, zum ebenbürtigen Kontrahenten benötigen Änderungen im Gesetz, vielleicht so-
der Landespolitik aufgewertet zu sein. »Die gar in der Verfassung, um plebiszitäre Elemente,
Schlichtung hat unser Gewicht in der Öffent- Volksentscheidungen oder -befragungen ein-
lichkeit verändert«, meint Peter Conradi, Archi- zuführen. Auch auf der Bundesebene.« Dem von
tekt und früherer SPD-Bundestagsabgeordneter, der Kanzlerin erhobenen Einwand, falls der Tief-
Fotos (Ausschnitte): Marius Becker/picture-alliance/dpa; Alex Domanski/Reuters (u.)

»Geißler hat es geschafft, so etwas wie ein faires bahnhof verhindert werde, sei in Deutschland
Gegenüber herzustellen.« Tatsächlich ist der Wi- überhaupt kein Infrastrukturvorhaben mehr
derstand auf der Straße durch die Teilnahme an möglich, widerspricht er: »Das heißt nicht, dass
der Runde gleichsam offiziell geworden, zu ei- in Zukunft nichts mehr gebaut werden kann. Im
nem anerkannten Faktor der Willensbildung in Gegenteil, es wird demokratischer, friedlicher,
einer veränderten politischen Situation. Werner bürgernäher.« Geißler markiert die optimistische
Wölfle, Grünen-Stadtrat und Sprecher des Akti- Variante einer Entwicklung der parlamentari-
onsbündnisses: »Unsere Akzeptanz ist gestiegen, schen Demokratie. Die Pessimisten werden wei-
keiner kann mehr sagen, wir wären nur Protest- terhin vor den Gefahren einer »Stimmungs-
ler. Wir haben gezeigt, dass wir mit K 21 ein al- demokratie« warnen.
ternatives Projekt zur Modernisierung des Stutt- Leider haben die Stuttgarter Bürger so gar
garter Bahnknotens haben.« Denn auch das ist nichts von diesen Ausgriffen auf die Zukunft.
ein Resultat der Schlichtung: Die Idee eines er- Denn der konkrete Fall – Stuttgart 21 – hat sich
neuerten Kopfbahnhofes, obgleich nicht durch- auch mit der Schlichtung nicht verändert. Das
geplant, hat sich als technisch machbar und als Demokratieexperiment kam zu spät, und die
mögliche Alternative erwiesen. große plebiszitäre Geste ist dort fehl am Platz.
Auf der Pro-Seite entwickelte sich Volker Ke- Einen Volksentscheid über den Tiefbahnhof hat
fer, im Bahn-Vorstand für Infrastruktur zustän- der baden-württembergische Landtag bereits ab-
dig, zur zentralen Figur. Beherrscht und kom- gelehnt, und an einer zeitnahen Volksbefragung
petent, erwarb er sich auch unter Widersachern ist die amtierende Landesregierung nicht interes-
Respekt. »Wir werden uns nicht einigen«, meint siert. Sie stellt sich weiter auf den Standpunkt, es