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Interreligiöser Dialog und christliche Toleranz

Von Jochen Teuffel

5 Die Anonymität eines interreligiösen Dialogs

Versöhnung zwischen den Religionen sowie ein Dialog der Weltreligionen sind häufig
gehörte und gelesene Aufforderungen, die nicht zuletzt durch Hans Küngs Projekt eines
religionsfundierten „Weltethos“ popularisiert worden sind: „Kein Friede unter den Nationen
10 ohne Frieden unter den Religionen. Kein Friede unter den Religionen ohne Dialog zwischen
den Religionen.“1 Gilt der Primat von Namen über Ideen, wird die Forderung nach einem
interreligiösen Dialog zumindest fragwürdig. Als Christ kann man nicht ohne Entäußerung
des NAMENS in einen interreligiösen Dialog treten, ist doch für diesen Dialog keine
Namensbindung, sondern die erfahrungsbezogene Ausformung einer allgemeinmenschlichen
15 Religion gefragt. Als solchermaßen NAMENloser ist man kein Christ mehr, sondern ein
religiöser Neuplatonist. Nicht nur Christen, sondern auch Muslime und Juden können in
keinen Dialog über ihre „Religion“ treten, ohne dabei die eigene namensgebundene Identität
bewusst außer Acht zu lassen. Damit wird jedoch der Dialog im Grunde substanzlos. Um es
mit eine Analogie aus dem Sport zu verdeutlichen, die freilich mehr Unähnlichkeiten als
20 Ähnlichkeiten birgt: Zwischen einem Fan des FC Bayern Münchens und einer Anhängerin der
WALTER Tigers Tübingen kann ein „intersportlicher“ Dialog kaum fruchtbringend sein; zum
einen wegen der unterschiedlichen Anhängerschaft, zum anderen jedoch wegen des
unterschiedlichen Spiels, es sei denn, man nimmt dem Fußball- und dem Basketballspiel das
jeweils Eigentliche, indem man es auf eine Idee „Ballsport“ reduziert, und unterhält sich
25 ansonsten über das Wesen des „Fan-Seins“. Solche Dialoge können jedoch kaum etwas
Substantielles zu Tage bringen, müssen doch die ganz eigenen Spielzüge, Spieler und
Spielgeschichten außer Acht bleiben. Das jeweilige Spiel macht Sinn nur unter Verweis auf
regelgebundene Spielzüge, ist es eben keine Ausformung einer allgemeinen Spielidee, oder,
wie Hans-Georg Gadamer es knapp auszudrücken weiß, „alles Spielen ist ein
30 Gespieltwerden.“2 Nach Gadamer ist es das gespielte Spiel selbst, das dem Bewusstsein der
Spielenden vorgeht und gleichsam über die Spielenden Herr wird. Von daher erfährt der
Spieler das Spiel selbst als „eine ihn übertreffende Wirklichkeit.“3

Ähnliches lässt sich hinsichtlich der Liturgie der Kirche und dem muslimischen Freitagsgebet
35 (salāt addschum'a) sagen – zumindest sub specie mundi. Die eucharistische Liturgie ist ein
„heiliges Spiel“,4 das durch das einmalige Pascha-Mysterium Christi initiiert und getragen
wird: „Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ (Lk 22,19)5 In dieser Namensbindung hat sie
daher mit einem muslimischen Ritualgebet oder einem chinesischen Tempelritus allenfalls
Akzidentielles gemein, nicht aber das Eigentliche, nämlich die Praxis des NAMENSspiels. Wo
40 man nun, basierend auf einer religionistischen Grundlage, das Akzidentielle „religiöse
Kulthandlungen“ zum Vergleichbar-Wesentlichen erklärt, wird die Liturgie der Kirche im
Namen eines Allgemeinmenschlichen ideologisch sinnentleert.

1
H. KÜNG, Projekt Weltethos, München u.a. 1990, 135.
2
Wahrheit und Methode, GW 1, Tübingen 1990, 112. Vgl. außerdem DERS., Die Aktualität des Schönen. Kunst
als Spiel, Symbol und Fest, Stuttgart 1977.
3
AaO., 115.
4
R. GUARDINI, Vom Geist der Liturgie (1918), Freiburg i.Br. u.a. 21991, 103f.
5
Vgl. VATICANUM II, Konstitution über die heilige Liturgie Sacrosanctum Concilium (1963), Nr. 5-6; bzw. A. A.
HÄUßLING, „Pascha-Mysterium“. Kritisches zu einem Beitrag in der dritten Auflage des Lexikon für Theologie
und Kirche, ALW 41 (1999), 157-165.
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Die Spielmetapher ist geeignet, den sogenannten interreligiösen Dialog spielerisch zu deuten:
In dem Augenblick, in dem man sich in solch einen Dialog begibt, ist man nicht mehr
Mitglied der Kirche oder der Umma, sondern betritt ein neues Spielfeld und partizipiert damit
an einem Sprachspiel, in dem ganz eigene Regeln gelten, die der platonischen Dialektik
5 nämlich. Diese Dialektik ist nach Gadamer „die Kunst in der Einheit einer Hinsicht
zusammenzuschauen (sunhoran eis hen eidos), d.h., sie ist die Kunst der Begriffsbildung als
Herausarbeitung des gemeinsam Gemeinten.“6 Das interreligiöse Sprachspiel, das sich in
gemeinsamen Begriffsbildungen an Stelle partikularer Namensnennung versucht, ist dort, wo
es allen Ernstes gar als interreligiöser Gebet bzw. Gottesdienst inszeniert wird,7 die
10 Erbauungsstunde von Neuplatonikern und allen, die es werden wollen. Mögen auch die
Teilnehmenden unterschiedlicher kultureller Herkunft sein – in solch einem Sprachspiel zählt
weder eine christliche, eine muslimische, eine „hinduistische“ oder eine „taoistische“
Namensidentität. Wenn ein Fußballspieler und eine Basketballspielerin gemeinsam Krocket
spielen, spielt man weder Fußball noch Basketball. Dass interreligiöse Dialoge von Christen
15 in der südlichen Hemisphäre meist abgelehnt werden, ist weniger einem einfachem
„Bibelglauben“ oder gar einem Fundamentalismus zuzuschreiben als vielmehr ihrer
untrügerischen Sensibilität für den Primat von Namen über Begriffe: Mit „Buddhisten“ oder
Muslimen kann es eben kein gemeinsames Namensspiel geben.

20 Die Fragwürdigkeit eines interreligiösen Dialogs heißt für Christen nicht, dass Dialoge mit
Nichtchristen ein Unding wären, ganz im Gegenteil. Wo immer Menschen mit
unterschiedlicher kultureller Herkunft und unterschiedlichen Lebensformen zusammenleben
und damit aufeinander angewiesen sind, ist ein gegenseitiges Kennenlernen im Gespräch
mehr als geboten. Solch interkultureller Dialog ist auf eine vertrauensbildende Verständigung
25 jenseits unterschiedlicher Namensbindungen aus. Man sucht also nicht nach dem vermeintlich
Wesentlichen, sondern richtet das Gespräch auf das aus, was Menschen im alltäglichen
Zusammenleben gemeinsam angeht.8 Dazu ist es freilich angebracht, dass Christen
namensgebundene Praktiken von Nichtchristen nicht verteufeln. Was diese außerhalb einer
vertrauensvollen NAMENSbindung nicht anders tun und wissen können, hat mit eigener
30 Boshaftigkeit oder moralischer Verfehlung nichts zu tun. Wenn in der Bibel und insbesondere
im Alten Testament die Anrufung anderer Götter kategorisch ausgeschlossen ist (so z.B. Ex
23,13; Jos 23,16),9 gilt eine solche Götterpolemik ausschließlich für das Volk Israel bzw. die
Kirche Jesu Christi, die in einem Vertrauensverhältnis zu IHM stehen. Die Schärfe der
biblischen Götterpolemik bezieht sich auf eine NAMENSwidrige Untreue (vgl. Hos 8,4.6; 13,2-
35 4; 14,4) und richtet sich demzufolge nicht an die Völker (gojim), die außerhalb der
HERRlichen Erwählung stehen.10

Hebe auch nicht deine Augen auf gen Himmel, dass du die Sonne sehest und den Mond und die Sterne,
das ganze Heer des Himmels, und fallest ab und betest sie an und dienest ihnen. Denn der HERR, dein
40 Gott, hat sie zugewiesen allen andern Völkern unter dem ganzen Himmel; euch aber hat der HERR
angenommen und aus dem glühenden Ofen, nämlich aus Ägypten, geführt, dass ihr das Volk sein sollt,
das allein ihm gehört, wie ihr es jetzt seid. (Dtn 4,19f.)

6
H.-G. GADAMER, Wahrheit und Methode, 374. Ähnlich DERS., Die Aktualität des Schönen, 15.
7
Vgl. CH.W. TROLL, Gemeinsames Beten von Christen und Muslimen?, StZ 226 (2008), 363-376. Für eine
theologische Kritik siehe W. KRÖTKE, Nicht »auf Ebenteuer« beten. Zur Frage der inter- und multireligiösen
Anrufung Gottes, in: I.U. DALFERTH/J. FISCHER/H.-P. GROßHANS (Hg.), Denkwürdiges Geheimnis. Beiträge zur
Gotteslehre, FS Eberhard Jüngel zum 70. Geburtstag, Tübingen 2004, 303-319.
8
Als Beispiel hierfür kann der interkulturelle Dialog zwischen Christen aus den Minderheitenethnien in Birma
und „buddhistischen“ Birmesen gelten.
9
Vgl. K. KOCH, Götzendienst im AT, RGG3 2 (1958), 1680-1682.
10
Wenn Israel fremde Opferstätten und Götterbilder zu zerstören hat (Dtn 7,5; 12,2-3), bezieht sich dieser Bann
(hērem) auf das vom HERRN dem Volk Israel zugesagte Land Kanaan (Dtn 32,49). Solch „Bilderstürmerei“ dient
dazu, Israel vor der Apostasie zu bewahren (vgl. Dtn 7,4).
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So werden denn auch in den prophetischen Völkersprüchen (z.B. Am 1-2; Jes 13-23; Jer 45-
51; Ez 25-32; Zeph 2,4-15) Gewalttaten sowie Fehlhandlungen gegen Israel und nicht etwa
deren „Gottlosigkeit“ als Strafgrund genannt. Wo in der Bibel hingegen auf Kulte außerhalb
5 der eigenen NAMENSbindung Bezug genommen wird, können diese in neutraler Weise
beschrieben werden, z.B. in Jos 24,15 und Jer 2,10f.11 Folgt man den biblischen Weisungen,
so steht es also Christen nicht an, andere Menschen, die sich aus welchen Gründen auch
immer mit ihrem eigenen Leben nicht dem NAMEN anvertraut haben, wegen ihrer
vermeintlichen „Gottlosigkeit“ zu schelten bzw. deren kultische Praktiken herabzuwürdigen.
10 Stattdessen heißt es, ihnen den NAMEN zu bezeugen, dass sie in IHM ihr alleiniges Vertrauen
finden mögen. Christliche Mission ist als NAMENSzeugnis von Gerichtsprophetie oder einem
Richteramt zu unterscheiden.

15 Mission und Toleranz

Nachdem die Leitidee einer allgemeinmenschlichen Religiosität als neuprotestantische


Ideologie dekonstruiert und christliche Mission als NAMENSzeugnis bestimmt worden ist,
kann der Vorwurf einer christlichen Intoleranz aufgenommen werden: Ist Mission, die mit
20 ihrem Zeugnis den einen NAMEN bei anderen zur vertrauensvollen Anerkennung bringen will,
nicht per se intolerant, da sie allzu offensichtlich fremde Namensanerkennungen oder
Namenlosigkeit („Atheismus“ bzw. „Agnostizismus“) nicht zu akzeptieren weiß?12 Sind
missionseifrige Christen nicht diejenigen, die es einfach nicht ertragen wollen, dass in einer
weltanschaulich pluralen Gesellschaft jeder nach seiner Fasson selig werden soll und kann?
25
In der Tat können Christen, die wie Petrus in der Apostelgeschichte mit allem Freimut den
einen NAMEN bezeugen, gar nicht anders als sich jedem obrigkeitlichen bzw.
religionspluralistischen Schweigegebot zu widersetzen: „Wir können’s ja nicht lassen, von
dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben.“ (Apg 4,20; vgl. Apg 5,29; 1Kor 9,16)
30 Dennoch ist solch ein Namenszeugnis nicht die Folge einer vermeintlichen Intoleranz,
sondern führt gerade umgekehrt in die eigene Toleranz. Christen, die den NAMEN zu bezeugen
haben, können gar nicht anders als tolerant zu sein. Oder, wer als Christ den NAMEN nicht
bezeugt, sucht der eigenen Toleranz zu entkommen. Solch Worte bedürfen zweifelsohne einer
Klärung, die zunächst in der Wortbedeutung von „Toleranz“ zu suchen sind.13 Der
35 Etymologie nach bedeutet die lateinische tolerantia, die sich wiederum von der
Partizipialform des Verbums tolerare ableiten lässt, nichts anders als Erdulden bzw. Ertragen.
Ein toleranter Mensch hat demzufolge etwas zu ertragen, was ihm zu schaffen macht. Um
diese Bedeutung klarzustellen, empfiehlt sich die Hinzunahme dreier weiterer Wörter mit
lateinischem Ursprung: Akzeptanz, Indifferenz und Ignoranz. Deren eigentümliche
40 Bedeutungen werden häufig mit Toleranz verwechselt. Wer etwas akzeptiert, nimmt der
Etymologie (accipere) zufolge etwas willentlich für sich selbst an, was durch solch
einverständige Annahme nicht ertragen werden muss. Eltern, die den Auszug der
siebzehnjährigen Tochter aus dem eigenen Haus für sich anzunehmen wissen, müssen diesen
Wegzug folglich nicht erdulden. Wäre der Auszug hingegen gegen den elterlichen Willen
45 erfolgt, hätten die Eltern ihn zu ertragen. Eine dritte Möglichkeit bestünde darin, dass die

11
Eine gewisse Ausnahme bildet Paulus Rede vom göttlichen Zorn in Röm 1,18-25, die allerdings an Christen
adressiert ist.
12
So beispielsweise HERBERT SCHNÄDELBACH, der den Missionsauftrag Jesu als Toleranzverbot versteht. Siehe
DERS., Der Fluch des Christentums. Die sieben Geburtsfehler einer alt gewordenen Weltreligion. Eine kulturelle
Bilanz nach zweitausend Jahren, DIE ZEIT, Nr. 20, 11. Mai 2000, S. 41f.
13
Zur Begriffsgeschichte von „Toleranz“ siehe G. SCHLÜTER/R. GRÖTKER, Toleranz, HWP 10 (1998), 1251-
1262. Vgl. außerdem M. HONECKER, Toleranz I. Theologisch, EStL3 2 (1987), 3621-3630.
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Eltern den Auszug der Tochter aus einer eigenen Gleichgültigkeit heraus schlichtweg
ignorieren, was jedoch einem familiären Beziehungstod gleichkäme. Wo eigene Indifferenz
bzw. Ignoranz gegenüber anderen vorherrschen, kann man sich das eigene Ringen um
Akzeptanz bzw. das passionierte Ertragen (Toleranz) ersparen. Insofern ist kann mit Rainer
5 Forst gesagt werden, dass der Toleranzbegriff eine „Ablehnungs-Komponente“ enthält: „Die
zu tolerierenden Praktiken oder Überzeugungen müssen normativ verurteilt werden. Ohne
diese Komponente lägen entweder Indifferenz oder Bejahung, nicht aber Toleranz vor.“14

Die Verwechslung von Toleranz mit Indifferenz bzw. Gleichgültigkeit ist wesentlich durch
10 die staatsrechtliche Entstellung des Toleranzbegriffs in der frühen Neuzeit bedingt, wo
Toleranz die fürstliche Duldung (nicht Erduldung) bestimmter „Religionen“ innerhalb des
eigenen Territoriums bezeichnet.15 Solch dekretierte „Toleranz“ der „Religion“ von
Untertanen hat auf Grund der fürstlichen Machtstellung kaum etwas mit passionierter,
ohnmächtiger Erduldung gemein. Solange die einzelnen „Religionen“ unter obrigkeitlicher
15 Kontrolle sind („Kirchenhoheit“),16 lassen sich auch diejenigen dulden, die nicht der eigenen
„fürstlichen“ entsprechen. Um im obengenannten Bild zu bleiben: Der „religiöse“ Umzug
kann geduldet werden, ist doch schließlich die neue „Religionswohnung“ ebenfalls unter
eigener territorialer Kontrolle. Wo allerdings der demokratische Volkssouverän in der
europäischen Moderne die fürstliche Machtfülle ersetzt hat, kommt solch „dulderische“
20 Toleranz einer eigenen Ignoranz gleich. Da niemand die weltanschaulichen Überzeugungen
anderer kontrollieren kann, müssen sie folgerichtig gegenseitig ignoriert werden, um die
Illusion eines einigen Volkssouveräns aufrechtzuerhalten.

Die in der politischen Sphäre für den Volkssouverän eingeforderte Indifferenz kehrt sich
25 jedoch unweigerlich gegen eigene Überzeugungen. Wenn für die Konstitution eines
demokratischen Volkssouveräns zwischenmenschliche Unterschiede in Sachen
Namensbindungen als unwesentlich hinzunehmen und demzufolge die „weltanschauliche“
Überzeugung von anderen als deren persönliche Ansichtssache anzusehen ist, verliert die
eigene Bindung ihre Letztgültigkeit. Man wird sich einig in der je eigenen Unverbindlichkeit
30 und versichert sich der wechselseitigen, leidenschaftslosen Gleichgültigkeit. Souveräner
Pluralismus ist letztendlich nur durch apathische Ignoranz haltbar. Das Problem für
NAMENStreue Christen ist jedoch, dass sie einen demokratischen Volkssouverän, an dem sie
per Verfassung selbst partizipieren, letztendlich nicht als wirklich souverän anerkennen
können, konfligiert doch dies mit dem eigenen Bekenntnis zur Machtfülle Christi (vgl. Eph
35 1,19-23). Im Angesicht der maiestas Domini17 kann es keine menschenmögliche Souveränität
geben. Damit ist jedoch keinesfalls gesagt, dass Christen für eine Theokratie einzutreten
hätten. Ganz im Gegenteil, hat doch Jesus Christus dem Evangelium nach Johannes zufolge
im Angesicht des Statthalters Pontius Pilatus einer weltlichen Theo- bzw. Christokratie eine
definitive Absage erteilt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (18,36) In dieser Welt kann
40 seine Herrschaft nur sub contrario unter dem Kreuz wahrgenommen werden, was nicht
zuletzt Christen in asiatischen Minderheitenkirchen in ihrem Alltag zu erfahren haben. Dem
Neuen Testament zufolge müssen Christen in Ermangelung eigener Souveränität und in der
Nachfolge Christi die Herrschaft anderer ertragen, ohne dabei diese Herrschaft für sich
annehmen zu können (vgl. 2Kor 4,7-12). Als solchermaßen Fremdbeherrschte können
45 Christen um der eigenen NAMENSbindung willen nicht gleichgültig bleiben; sie haben
vielmehr namentliche Unterschiede als „inindifferent“ wahrzunehmen.

14
R. FORST, Toleranz, in: H.J. SANDKÜHLER (Hg.), Enzyklopädie Philosophie 2, Hamburg 1999, 1627-1632,
1628. Vgl. außerdem DERS., Toleranz im Konflikt. Geschichte, Gehalt und Gegenwart eines umstrittenen
Begriffs, Frankfurt a.M. 2003; bzw. P. KING, Toleration, London 21998, 21-72.
15
Vgl. H. BORNKAMM, Toleranz II. In der Geschichte des Christentums, RGG3 6 (1962), 933-946.
16
Siehe U. SCHEUNER, Kirchenhoheit, RGG3 3 (1959), 1439f.
17
Vgl. F. VAN DER MEER, Maiestas Domini, LCI 3 (1971), 136-142.
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Damit stellt sich die Frage, welche zwischenmenschlichen Unterschiede von Christen zu
akzeptieren sind oder aber ertragen werden müssen. Es gibt in der Tat eine Vielzahl von
unterschiedlichen persönlichen Überzeugungen und Anhängerschaften, die nicht nur von
5 Christen zu akzeptieren sind. Um es mit einem Beispiel aus der Politik zu verdeutlichen: Ein
Parteigänger der CDU hat zu akzeptieren, dass eine andere Bürgerin Mitglied der SPD ist.
Andernfalls stellt er die kompetitive Parteiendemokratie in Frage. In Sachen Christ- und
Muslimsein verhält es sich jedoch grundlegend anders, geht es doch sowohl im Islam als auch
in der Kirche nicht um einen prinzipiell offenen Willensbildungsprozess auf einer
10 gemeinsamen verfassungsrechtlichen Grundlage, bei dem abweichende Ansichten und
Haltungen zu akzeptieren sind. Wie wir im vorigen Kapitel gezeigt haben, kann für
namenstreue Christen und Muslime die Idee einer allgemeinmenschlichen Religion keine
gemeinsame Wesensgrundlage sein. Das religionistische Paradigma, das Lessing mit seiner
Ringparabel so eindrücklich vorgestellt hat, bietet daher keinen Ausweg aus dem
15 Antagonismus von Kirche und Islam. Darin sind sie Fußballmannschaften, die trotz
„Bundesliga“ (was wortwörtlich für eine gedoppelte Verbindung steht) in einem sportlichen
Wettbewerb uneinig bleiben müssen, nicht unähnlich. Wenn es um die Meisterschaft geht,
steht der Name „Bayern München“ unversöhnlich dem Namen „Schalke 04“ gegenüber. Nach
Spielende können sich allenfalls die gegnerischen Spieler, nicht aber die Vereinsnamen
20 umarmen.18 Sportliche Siege werden eben nicht durch ein Plebiszit erzielt.

NAMENSbestimmtes Heil19

25 Bei aller Ähnlichkeit mit einem namensgeführten Mannschaftssport ist freilich die viel
größere Unähnlichkeit herauszustellen: Kirche und Islam sind keine selbstbestimmten Namen,
die durch eigene, zahlenmäßige Gewinne von „Gläubigen“ aufrecht zu erhalten sind.
Vielmehr sind beide durch einen je anderen Namen bestimmt: Ohne den HERRN existiert
keine Kirche, ohne koranischen „Allah“ gibt es keinen Islam. Es ist der jeweilige Name, der
30 keine Koexistenz duldet, wie es im ersten Gebot des biblischen Dekalogs heißt: „Ich bin der
HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du sollst
keine anderen Götter haben neben mir.“ (Ex 20,2-3) Weiterhin fordern beide Namen ihre
unbeschränkte Anerkennung von Menschen jenseits von Herkunft, Geschlecht und Nation
(vgl. Phil 2,10f.), so dass sowohl der Islam als auch die Kirche einen ökumenischen
35 Inklusionsanspruch haben, der wegen der eigenen Namenstreue nicht aufgegeben werden
kann.

Die Heilsexklusivität des NAMENS bedingt die Inklusion des Weltkreises in SEINER Kirche.
Würde man als Christ akzeptieren, dass ein anderer Mensch eine andere lebensentscheidende
40 Namensbindung haben kann, könnte man nicht mehr den wirklichen Heilsanspruch des einen
NAMENS bezeugen. Die Konsequenz solcher Heilsindifferenz wäre jedoch nichts anderes als
menschliche Heilsanmaßung, wo optionale Lebenswege bzw. „Erlösungsreligionen“
letztendlich entscheidend sind. Namenlose Heilsgüter wie „Sinnfindung im Leben“ oder
„jenseitiges Weiterleben nach dem Tode“ lassen eigene Entscheidungen und Praktiken als

18
Die quasi sakrale Bedeutung der jeweiligen Vereinsnamen im Fussball kann nicht hoch genug eingeschätzt
werden, basiert doch die Identität einer Mannschaft auf diesem Namen und nicht etwa auf deren
Zusammensetzung durch irgendwelche, oftmals eingekaufte Spieler. Ohne Vereinsnamen können weder
Spielereignisse noch Spielergebnisse memoriert werden. Sie müssen dem jeweiligen Vereinsnamen
zugeschrieben werden, so dass der Vereinsname selbst die memorierten Ereignisse der Vergangenheit trägt und
durch jeweils neue Siege affirmiert wird.
19
Siehe dazu auch KIRCHENAMT DER EKD (Hg.), Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen.
Theologische Leitlinien, EKD Texte 77, Hannover 2003.
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menschliche „Heilwerdungen“ in den Vordergrund treten. Dies steht im Gegensatz zum
christlichen Lehraxiom, dass Heil genuin NAMENSbestimmt ist. Aus diesem Grund wird es
auch erklärlich, dass Menschen, die nicht in die christliche Lehre initiiert worden sind, die
fehlende christliche Akzeptanzbereitschaft gegenüber anderen „Religionen“ bzw. einen
5 christlichen „Heilsexklusivismus“ beklagen. Als liturgische Außenseiter, denen das Pascha-
Mysterium Jesu Christi ein Rätsel bleiben muss, projizieren sie ihre eigenen, vermeintlich
vernünftigen Heilsvorstellungen in die Kirche und nehmen daher fälschlicherweise an, dass
Christen ungerechtfertigterweise für sich einen exklusiven Heilsbesitz beanspruchen. Das Heil
freilich, um das es wirklich geht, ist und bleibt NAMENSbestimmt, so wenn Christus dem
10 Evangelium nach Johannes zufolge von sich selbst als „die Auferstehung und das Leben“
(11,25) bzw. als den „Weg, die Wahrheit und das Leben“ (14,6) spricht. Das solchermaßen
NAMENSbestimmte Leben ist kein konvertibles Heilsgut und kann demzufolge von keinem
Menschen, auch nicht von einem Christen angeeignet werden. Cyprians Diktum extra
ecclesiam nulla salus – „außerhalb der Kirche ist kein Heil“,20 markiert unsere bleibende
15 Abhängigkeit von Christi Gegenwart in Wort und Sakrament in dieser Weltzeit. Wo keine
Heilsautonomie existiert, kann es für Christen kein selbstbezügliches Leben geben. Das
eigene Leben ist vielmehr von Christi Leben und Sterben umschlossen, so wie es der Apostel
Paulus auszusagen weiß:

20 Keiner von uns lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn;
sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn
dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
(Röm 14,7-9)

25 Die NAMENSbestimmung des eigenen Heils lässt weder eigene Indifferenz gegenüber heilloser
Namenlosigkeit noch die Akzeptanz anderer „Heilsnamen“ zu. Man mag Börsengurus und
ihre Heilsversprechungen in Sachen pekuniärer Wohlstandsmehrung ignorieren, man kann
eine Anhängerschaft in Sachen Schalke 04 akzeptieren und man darf als Christ selbst
Zenmeditation (Za-Zen) in aller Stille praktizieren. Wann immer es jedoch zu einer
30 Namensnennung kommt, die menschliches Leben zu vereinnahmen sucht, sind für Christen
weder Ignoranz noch Akzeptanz möglich. Was bleibt, ist nicht etwa Intoleranz, sondern
Toleranz im wahrsten Sinne des Wortes: Das passionierte Ertragen NAMENSwidriger
Bindungen, die dem eigenen Leben in inakzeptabler Weise nahekommen und daher nicht
ignoriert werden können. Da andere Menschen – seien es die eigenen Familienmitglieder,
35 Menschen anderer Ethnien, Muslime, Atheisten oder namenlos Bleibende – als die Heiden (ta
ethnē) „Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium“ (Eph 3,6),
können deren Lebensaussichten außerhalb des NAMENS von Christen nicht einfach ignoriert
werden. Christen müssen daher ertragen, dass andere Menschen nicht den NAMEN für sich
selbst anerkennen können. Demzufolge heißt christliche Toleranz das Anderssein von anderen
40 wegen des eigenen Gebundenseins „in Christus“ ertragen zu müssen.21 Und solch eigene
Toleranz ist eine zu erleidende, wie sie uns der Apostel Paulus in seinem Brief an die Römer
im Hinblick auf Israel so eindrücklich vorgestellt hat:

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist,
45 dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber
wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten
sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und die
Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter
gehören und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch. (Röm 9,1-5)

20
Ep. 73,21.
21
Vgl. G. EBELING, Die Toleranz Gottes und die Toleranz der Vernunft, in: DERS., Umgang mit Luther,
Tübingen 1983, 101-130.
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Für Paulus in seiner innigen Verbundenheit mit Israel geht die eigene ohnmächtige Toleranz
bis hin zum stellvertretenden Erleiden des fehlenden Christusbekenntnisses. In ähnlicher
Weise kann die familiäre Verbundenheit für junge chinesische Christen ebenfalls
5 schmerzliche Toleranz bedingen, so wenn Eltern oder Geschwister keine Christen sind und
demzufolge deren Leben und Sterben außerhalb des NAMENS wahrzunehmen ist. Christliche
Toleranz ist daher letztlich nichts anderes, als das eigene NAMENSzeugnis zu erleiden. Wer
dieses NAMENSzeugnis nicht selbst anzuerkennen vermag, wird folglich auch keine christliche
Toleranz wahrnehmen können.
10
Was nicht oft genug betont werden kann, ist der genuine Zeugnischarakter von Mission: Der
NAME ist mit eigenen Worten und Werken zu bezeugen, können doch Christen über IHN nicht
verfügen. Es hat freilich seit dem römischen Kaiser Theodosius I. (379-395)22 Zeiten gegeben,
wo „weltliche“ Herrscher sowie „geistliche“ Würdenträger aus ihrer eigenen vermeintlichen
15 Machtfülle heraus versucht haben, den NAMEN anderen Menschen aufzuerlegen. Hierfür steht
nicht zuletzt Augustins im Anschluss an Lk 14,23 gebildete Diktum compelle intrare, „nötigt
sie hereinzukommen“.23 Solch Erzwingung vermeintlicher Namenseinigkeit sucht ein
territorial integriertes bzw. ethnisch homogenes „Christentum“ in der Tradition des
mittelalterlichen Corpus Christianum zu errichten oder abzusichern, was freilich der Kirche
20 kategorial entgegensteht.24 Als creatura Euangelii, d.h. „Schöpfung des Evangeliums“25, die
ihre eschatologische Erfüllung im „himmlischen Jerusalem“ (Hebr 12,22) findet, lässt sich die
Kirche Jesu Christi menschlicherseits nicht angeeignen. Eine erzwungene
Kirchenmitgliedschaft kann es um Christi willen nicht geben, neminem ad unitatem Christi
esse cogendum.26 Wenn hingegen von einem „Christentum“ die Rede ist, wird die christliche
25 Lehre macht- bzw. integrationspolitisch instrumentalisiert. Auf der Grundlage einer
vorgegebenen oder angestrebten ethno-territorialen Einheit kann und darf es keine Devianz in
Sachen Glauben geben, gerät doch sonst ein auf menschlicher Herrschaft beruhendes
Einigungswerk in Gefahr.

30 Ein letztendlich machtpolitisch motivierter Namenszwang kommt dem im dritten Gebot des
Dekalogs genannten NAMENSmissbrauch gleich: „Du sollst den Namen des HERRN, deines
Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen
Namen missbraucht.“ (Ex 20,7) Auch wenn es in der Vergangenheit unter dem Anspruch
eines territorial bzw. ethnisch integrierten „Christentums“ allzu oft solchen
35 Namensmissbrauch bis hin zur Tötung unschuldigen menschlichen Lebens gegeben hat, kann
dies kein hinreichender Grund für Christen sein, in der Gegenwart den NAMEN zu
verschweigen: Abusus non tollit usum, ein Missbrauch verlangt vielmehr nach einem richtigen
Gebrauch. Solange ein Namensmissbrauch durch christliche Vorväter offen gegenüber
Nichtchristen eingestanden wird, hat das eigene, zwanglose NAMENSzeugnis seine bleibende

22
Maßgeblich hierfür sind das Dreikaiseredikt Cunctos populos vom 27. Februar 380, mit dem die nizänische
Trinitätslehre zur Staatsdoktrin erhoben wurde, sowie Theodosius Erlasse der Jahre 391/392, die jede Art
privater paganer Kulthandlungen verboten haben. Mit diesen Erlassen wurden nicht zuletzt eigenmächtige,
mitunter gewaltsame Übergriffe von Christen auf heidnische Kultstätten rechtlich sanktioniert. Siehe ST.
WILLIAMS/G. FRIELL, Theodosius. The Empire at Bay, London 1998, 90-117; bzw. H. LEPPIN, Theodosius der
Große. Auf dem Weg zum christlichen Imperium, Darmstadt 2003.
23
Compelle/cogite intrare taucht zuerst in Augustins Brief an den „rogatistischen“ Bischof Vincentius von
Cartenna (ep. 93,II,5) auf.
24
Zur Begriffsgeschichte siehe O. KÖHLER, Corpus Christianum, TRE 8 (1981), 206-216.
25
M. LUTHER, Resolutiones zur Leipziger Disputation von 1519, WA 2, 430,6f. Vgl. DERS., De captivitate
Babylonica ecclesiae praeludium (1520), WA 6, 560,33-561,1; bzw. DERS., Vom Mißbrauch der Messe (1521):
„Die kirch macht nicht das wortt, sondern sie wirtt von dem wort.” (WA 8, 491,34f).
26
AMBROSIUS, Ad Vincentinum (ep. 5,17). Ähnlich AUGUSTINUS, Contra Litteras Petiliani II,83,184: „Ad fidem
quidem nullus est cogendus invitus.“
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Berechtigung. Wer als Christ hingegen die Mission pauschal in Abrede stellt, entzieht sich der
Herausforderung einer christlichen Toleranz, die autoritärer Rechthaberei und richterlicher
Selbstanmaßung entgegensteht. So hat sich denn auch der Apostel Paulus zusammen mit
seinem Schüler Timotheus der Kirche in Korinth vorgestellt: „Nicht dass wir Herren wären
5 über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude.“ (2Kor 1,24)

Mission und die Intoleranz

10 Christliche Toleranz heißt, das Anderssein von anderen wegen des eigenen Gebundenseins „in
Christus Jesus“ ertragen zu müssen. Solch passionierte Toleranz ist jedoch nicht mit
Passivität gleichzusetzen, gilt es doch, den NAMEN anderen zu bezeugen. Toleranz bringt das
eigene Christuszeugnis gerade nicht zum Schweigen. Solange man den NAMEN zu bezeugen
weiß, kann die eigene Toleranz aufrechterhalten werden. Umgekehrt entsteht Intoleranz
15 gegenüber anderen Namensbindungen gerade dort, wo der NAME nicht (mehr) bezeugt wird.
Christen, die fähig und willens sind, Nichtchristen gegenüber den NAMEN zur Sprache zu
bringen, haben in der Regel wenig Schwierigkeiten, deren Anderseins in Sachen kultischer
Handlungen und Anrufungen zu ertragen.

20 Wer den NAMEN anderen gegenüber bezeugt, weiß zwischen Kirche und gesellschaftlicher
Kultur zu unterscheiden. Es ist die Kirche, in der der NAME angerufen wird und wo Menschen
als „Versammlung der Heiligen“ (congregatio sanctorum) gemeinschaftlich unter dem
Anspruch dieses Namens leben. Demnach heißt Mission nicht, eine christliche Kultur
außerhalb der Kirche zu etablieren oder zu bewahren. Solch „Kulturchristentum“ widerspricht
25 dem Fundamentalsatz christlicher Ethik: „Stellt euch nicht dieser Welt(zeit) gleich, sondern
ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist,
nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Röm 12,2) Für „Kulturchristen“,
die Kirche nicht von einer vermeintlich „christlichen“ Gesellschaft zu trennen wissen, wird
der Bau einer Moschee in der Nachbarschaft unweigerlich zur Anfechtung der eigenen
30 Identität. In einem „christlichen“ Abendland kann eine muslimische Moschee nicht
nostrifiziert werden und bleibt demzufolge ein „Fremdkörper“, der mitunter brandgefährliche
Immunreaktionen hervorrufen kann. Kulturelle Vorurteile und Verdrängungsängste,
verbunden mit eigener Sprachlosigkeit, nähren zwangsläufig die eigene Intoleranz: „So was
darf gar nicht erst gebaut werden.“ Die Verteidigungsstellung eines abendländischen
35 „Kulturchristentums“ steht freilich auf unsäglich tönernen Füßen, kann man sich doch nur in
der empörten Ablehnung von „Nichtchristlichem“ gemeinschaftlich artikulieren. Für Christen
hingegen gibt es mit der Kirche einen ganz eigenen, weltverschiedenen Ort, wo der Name des
HERRN gemeinschaftlich angerufen wird. Basierend auf dieser besonderen Namensanrufung
muss unweigerlich toleriert werden, dass nicht alle Menschen im eigenen Lebensraum dieser
40 Anrufung zu folgen wissen. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob solch außenstehende
Mitmenschen „Kulturchristen“, „Kirchenausgetretene“, Atheisten oder türkischsprechende
Muslime sind. Vielmehr ergibt sich aus der eigenen NAMENStreue eine lokale Mission: Der
NAME ist mit eigenen Worten und Taten gegenüber anderen in glaubwürdiger Weise zu
bezeugen, so dass diese hoffentlich IHN für sich anerkennen und in die gemeinschaftliche
45 NAMENSanrufung einstimmen können. Auf der Grundlage einer eigenen örtlichen Mission ist
für Christen der Bau einer Moschee kein Thema, über das man in irgendeiner Weise besorgt
sein müsste. Moscheen, Hindu-Tempel oder neuheidnische Kultstätten haben ihren Platz in
„dieser Weltzeit“, der man sich als Christ nicht gleichstellen soll. Dass Menschen egal
welcher kulturellen Herkunft nicht den NAMEN anzurufen wissen, ist die wirkliche
50 Herausforderung für Christen.

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Man tut ohne Zweifel Recht daran, ein Kolonialchristentum als chauvinistisch und intolerant
zu brandmarken. Wer jedoch in Unkenntnis des Pascha-Mysteriums die christliche Lehre
bzw. die Kirche als „intolerant“ zu disqualifizieren sucht, hat aufzupassen, dass er nicht selbst
einem intoleranten Intellektualismus oder Naturalismus verfällt. Aufschlussreich sind dazu die
5 folgenden Worte Jean-Jacques Rousseaus in Sachen bürgerlicher Religion:

In der Gegenwart, wo es keine ausschließliche Nationalreligion mehr gibt noch geben kann, muss man
alle Kulte dulden, die die anderen dulden, sobald ihre Dogmen den staatsbürgerlichen Pflichten nicht
widerstreiten. Wer sich aber zu sagen erdreistet: außer der Kirche gibt es kein Heil, der muss aus dem
10 Staate verweisen werden.27

Rousseaus intolerante Propagierung „aufgeklärter“ bürgerlicher Toleranz mag vor dem


Hintergrund der gesellschaftlichen Machtstellung eines Christentums im Frankreich des 18.
Jahrhunderts verstanden werden. Wo freilich in der spätmodernen pluralistischen Gesellschaft
15 des 21. Jahrhunderts Christen ihr Recht zum NAMENSzeugnis und dem damit verbundenen
extra ecclesiam nulla salus als Ausgeburt christlicher Intoleranz bestritten wird, demonstriert
man damit die eigene agnostische Intoleranz: „Da ich selbst niemanden bekennen kann, an
den ich mich mit meinem eigenen Leben zu halten vermag, hast Du gefälligst auch zu
schweigen.“
20

27
Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundsätze des Staatsrechtes (1762), Buch 4, Kapitel 8, übers. v. H.
DENHARDT, Leipzig o.J., 180.
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