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12 E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen [80.

Band

EMMA B R U N N E R - T R A U T

Ägyptische Tiermärchen
Hierzu Taf. I—III

Vorliegende Betrachtung ist aus meiner Bearbeitung der bemalten Ostraka der deutschen
Sammlungen, die druckfertig vorliegt, erwachsen und wird immer wieder auf die dort einzeln
veröffentlichten Stücke Bezug nehmen 1 , darüber hinaus aber alle für unsere Frage einschlägigen
Denkmäler zu berücksichtigen versuchen. Was uns beschäftigen soll, sind die wohl wichtigsten aller
Scherbenzeichnungen, die sogen. „Satirischen Bilder", das sind Szenen, in welchen Tiere redend
und wie Menschen handelnd auftreten. Ziel unserer Darstellung ist es, zu zeigen, daß die Bilder
weder in den Kreis der Satire bzw. Parodie noch primär zur Fabel gehören, sondern Illustrationen
sind zu T i e r m ä r c h e n .
Als Voraussetzung für eine Schneise durch das Gestrüpp der herrschenden Meinungen halte ich
es für notwendig, die Begriffe, die für unser Thema in Ansprach genommen werden, zu klären.
Das Verhältnis vom Mythos zum Märchen, von der Tiergeschichte zur Fabel oder etwa die Be-
ziehung von der Fabel zur Satire, Parodie sowie Persiflage, der Sinngehalt von Parabel und Kari-
katur sind teils unscharf geworden, weil die Sprache des Alltags die Begriffe abgegriffen hat, teils
weichen die Vorstellungen deshalb voneinander ab, weil die Forscher verschiedene geistesgeschicht-
liche Stadien im Auge haben. Für alles, was Leben und Entwicklung hat, gibt es im Grunde keine
Definition, es löst sich seine Begriffsbildung vielmehr in Entwicklungsgeschichte auf, will man allen
Erscheinungsformen wirklich gerecht werden. Da es zur Verständigung jedoch notwendig ist,
schulmäßig-dogmatische, also willkürlich abgerundete Definitionen zu schaffen, wird man — solange
für die zu untersuchende Zeit der Begriff noch fehlt — der Definition am besten diejenige Gestalt
zugrunde legen, welche das Geistesgut zur Zeit seiner fruchtbarsten Verwirklichung darstellt 8 .
Haben wir die Begriffe — für die Belang^ unserer Betrachtung ausreichend — geklärt., so fragen
wir nach den textlichen Zeugnissen von .Mythos, Märchen, Fabel und Satire, und versuchen, durch
diese Vorbereitung ausgestattet, schließlich das b i l d l i c h e Gut auf seinen Sinn hin zu prüfen.

Für den M y t h o s weist uns das „ W o r t " zwar nach Griechenland, doch fassen wir ihn elementarer
noch in Ägypten selbst. Ohne uns auf Genesis, Historie und auf die ebenso schwierige wie umstrit-
tene Problematik seines Wesens einzulassen, wollen wir dem Begriff das wenige Allgemeine zu-
grunde legen, das allen Forschern verbindlich sein dürfte. Der Mythos ist Kunde von den Mächten,
Göttern (und Heroen). Er spricht sich aus in der Form eines geschichtlichen Ablaufs, indes er
Ewigkeitswert beansprucht. Er spielt zu keiner Zeit und zu jeder Zeit, es liegt ihm ein wirkliches,

B r u n n e r - T r a u t , Bildostraka.
') Als Literatur zu den behandelten Fragen seien genannt: J e n s e n , Mythos und Kult bei den Naturvölkern;
Die Märchen" der Weltliteratur, hrsg. von Fr. von der Leyen; U. K n o c h e , Die römische Satire (im Handb.
der griech. und lat. Philologie); W. S c h m i d und O. S t ä h l i n , Gesch. der griech. Literatur (im Handb. der
Altertumswiss.), München 1929; W. W i e n e r t , Die Typen der griechisch-römischen Fabel (= Folklore
Fellows Communications 56), Helsinki 1925; Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder
Grimm, neu bearbeitet von J. B o l t e und Gg. P o l i v k a , Bd. IV (1930), 95—101; E. li b e l i n g , Die babylonische
Fabel und ihre Bedeutung für die Literaturgeschichte (Mitt. der aitor. Ges. II, Heft 3), Leipzig 1927; dazu
vgl. Archiv für Orientforschung 16, S. 80; A. U n g n a d , Die Religion der Babylonier und Assyrer (Relig. Stimmen
der-'Völker), Jena 1921; B. M e i ß n e r , Die babylonisch-assyrische Literatur (Handb. der Lit.-Wiss.), Wildpark-
Potsdam 1927; S. N. K r a m e r in Bull. Amer. Soc. for Oriental Research No. 122, April 1951, 28—31; Pfeiffer
bei P r i t c h a r d , Ancient Near Bastern Texts relating to the Old Testament, S. 410f. — Das ägyptische Ma-
terial, soweit es veröffentlicht ist, wurde erstmals zusammengestellt und gewissenhaft gesichtet von Reingart
Würfel, Die ägyptische Fabel in Bildkunst und Literatur (Wissenschaft!. Zeitschrift der Univ. Leipzig
1952/53, S. 63ff.). Auf die dort zitierte Literatur ist hier nicht verwiesen. — S. auch S. 31, Anrn. 2.

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1955] E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Ticrmärcben 13

aber nicht historisch-einmaliges Geschehen zugrunde, die Aussagcform der Vergangenheit ist
binnenmythisch, nicht zeitgeschichtlich zu verstehen. Als religiöse Einsicht in d e n Kosmos ent-
hüllt der Mythos das Numino.se. In der Form menschlicher Gieichnisrede o f f e n b a r t er letzte
Geheimnisse.
Die Seinsbereiche innerhalb des Lebens und der Welt sind klar gegeneinander abgegrenzt, sind
mit Namen begabt und stehen jenseits einer moralischen Wertung. Der Mythos i s t an bestimmte
Formen der Gottesvorst,ciiung gebunden. Soweit das mythische Geschehen Imperativischen Cha-
rakter h a t , zwingt es zu seiner Wiederholung im Kult. Einer dieser Kulte dient der Vergegenwärti-
gung des „Goldenen Zeitalters" und wird, uns im Zusammenhang mit den Bildern d e r „ v e r k e h r t e n
W e l t " näher beschäftigen. Doch glauben wir nicht, daß dieser Kult in Ägypten g e ü b t wurde.
Der M y t h e n g e h a l t kann k a u m vergehen, aber mit einer neuen K u l t u r wechselt er seine Form
und existiert oft in verschiedeneu Formen nebeneinander {vgl. AtLis-Adonis-Tammuz-Osiris). So
wie verschiedene Formen gleichen Gehalt auszusprechen vermögen, kann sich hinter gleichen
Formen verschiedener Sinn verbergen (vgl. die Rolle der Schlange in Ägypten, Assyrien, Griechen-
land und im Alten Testament). Es gilt daher, zwischen mythischem Gehalt und m y t h i s c h e r Aus-
sageweise streng zu scheiden. Mythen sind nur zu verstehen in ihrem K u l t u r z u s a m m e n h a n g .
Das M ä r c h e n geht in die Vorgeschichte zurück, gehört zum kostbaren Besitz der Primitiven,
bei den Kulturvölkern indes vornehmlich zum Geistesgut des einfachen Volkes a n d der Kinder.
Schriftlich fixiert wird es selten in festen Formen, meist, von wissenschaftlichen S a m m l u n g e n ab-
gesehen, ü b e r h a u p t nicht, entwachsen doch Märchen u n d Schrift verschiedenen Bewußtseinsstufen.
Das Märchen ist die Erzählung vom W u n d e r b a r e n , Götter haben in ihm keinen Platz, die über-
natürlichen Wesen sind in der Regel anonym. Die verschiedenen Lebensbereiche sind miteinander
verwandt und deshalb ineinander verwandelbar, also nicht schar! voneinander geschieden. Es ist
die Zeit, von der l'laton s a g t : ,,στε ομόφωνα ήν τά ζφα". Meist liegt dem Märchen eine Vorstellung
von Gut und Böse zugrunde, und damit drängt es zu einer Lösung. Der Glaube a n eine wieder-
herstellende Gerechtigkeit ist ein moralischer Grundgedanke.
So wie es märchenhaft durchsetzte Mythen gibt, so auch mythisch durchsetzte Märchen. Da-
neben aber stehen solche von allen mythischen Vorstellungen freie, dem schöpferischen Urgrund,
der Phantasie, entwachsene „ n a i v e " Märchen, halb Traum, halb Wirklichkeit, h a l b Glaube und
halb Spiel.
Um au dieser Stelle die Diskussion auszuschalten, verzichte ich bewußt darauf, den genetischen
Zusammenhang zu erörtern, der zweifellos irgendwie besteht bei Beispielen wie d e m griechischen
Mythos vom Weltenbaum oder auch der nordischen Weltesche Yggdrasil) einerseits und unserem
Märchen von dem „Bäuiucheu", das „geschüttelt wird", das „ T r ä u m e eingibt" u n d das die ver-
borgenen Dinge siebt andererseits; oder den ehemals mythischen Gestalten der 12 Monate und
andererseits den 12 Brüdern, unserer Märchen uuu vielleicht auch dem Kampf zwischen Horas und
Seth und auf der anderen Seite der zwischen Reineke Fuchs und Wolf 1 . Auf Beziehungen zwischen
My thos und Märchen werden wir in Ägypten mehrfach, stoßen.

Die uns geläufige F a b e 1 isi von vornherein religiös indifferent·. In der Form literarisch erfundener
Erzählung h a t sie. auch wo die Moral nicht ausgesprochen ist, den Zweck der Belehrung und wird
als Mittel rein rationalistischer Ethik zum Gegenstand des Jugendunterrichts sowie der sittlichen
Erziehung des Volkes. Mit ihrer Lehrtendenz ist sie selten frei von Überheblichkeit. Die beliebteste
Form, der Ainos, wählt die Tiervermummung und wird bei weitem bevorzugt, weil sie einen neu-
tralen Boden schafft, auf dem sich harmlos die mittelbare Kritik menschlicher Schwächen und
Mißstände aussprechen läßt.
Sie zielt ab auf allgemeine Lebensweisheit, auf nüchterne Klugheitsregeln gemein menschlicher
Art. Die Kunst der Fabeldichtung bestellt darin, für gewisse Lebenserfahrungen, die der Mensch

*) Vgl. C a p a r l in Comptcs Rendus de l'Acad&nie dos Itiscr. ei Bnlles-Letlres 1921, S. 113ff.

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14 E m m a f i r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermürehen [80. Band

in seiner Sphäre gemacht hat, treffende Bilder aus dem Reich der Pflanzen und Tiere zu finden.
Die Tierverkleidung hat geradezu nur dekorativen Charakter; so wenig die Zusammenstellung von
Tieren und deren Handlungsweise naturalistisch verstanden sein wollen, so wenig verbergen sich
hinter der unnatürlichen bis naturwidrigen Kombination Anspielungen auf besondere menschliche
Verhältnisse. Die Tiere sind mit gewissen — grundsätzlich austauschbaren — menschlichen Wesens-
zügen ausgestattet, wenn auch ihre Charaktere sowie „naturfremde" literarische Behandlung durch
das Tiermärchen vorgezeichnet sind. Daher nennen wir die Tierfabel auch gern Märchenfabel.
Wenn wir bei dieser unserer Charakterisierung auch den „Homer oder Thukydides oder Piaton
der Fabeln", wie ihn Julian (or. 7, p. 269, 1 Η.) nennt, nämlich den Erzähler im Auge haben, mit
dem sich der Name Äsop verbindet, so wissen wir, daß gleichwohl auch andernorts Fabeln erfunden
werden und daß die Griechen selbst glaubten, ihre Fabeln großenteils aus der Fremde erhalten zu
haben. U. a. nennen sie Ägypten (Plat. Phaedr. 275 b; Theon. prog. p. 73,3 Sp.; Himer, or. 20,1) als
Ursprungsland, allerdings für logoi und nicht für ainoi, und verbinden auch Äsops Lebenslauf mit
Ägypten. Und wenn Affe, Krokodil, Strauß und Kantharos (== Skarabäus) als Träger der Hand-
lung auftreten, so belegen sie eine Übernahme aus dem Nilland nicht nur erst zur Alexanderzeit,
sondern sind höchstwahrscheinlich z.T. älterer ägyptischer Abstammung (s. S. 16f.). Andererseits
bürgen einheimisch-griechische Tiere nicht einmal unbedingt für eine Entstehung in Griechenland
selbst, denn oft genug werden Tiere einer übernommenen Fabel entsprechend der Fauna des Landes
ausgetauscht.
Ein Grund des Austauschsist auch der, daß die Tiere bei den verschiedenen Völkern von altersher
eine verschiedene Charakterrolle spielen (der Hase, bei uns das Bild der Furchtsamkeit, ist im
heutigen Afrika der Held an Klugheit und List; dagegen spielt unser schlauer Fuchs dort die Rolle
des Dummkopfes); doch ist hier wie dort der Hund hündisch, der Fuchs füchsig, wenn auch — ent-
sprechend verschiedener Naturbeobachtungen — andere typische Naturmerkmale hervortreten.
Es wäre leicht, ägyptische und griechische Fabeln in Beziehung zu setzen, auch babylonische
in den Vergleich einzubeziehen und schließlich Ahnenreihen vom Beginn geschichtlicher Kulturen
bis zur Gegenwart aufzuzeigen. Doch gilt ähnlich wie beim Mythos, daß der Erzählungstyp sich
decken kann, ohne daß der Sinntyp sich zu berühren braucht, und um-
gekehrt, wobei wir unter „Sinn" die aus der Fabel zu abstrahierende
Lehre verstehen. Die griechische Fabel — nach der wir unsere obige
begriffliche Bestimmung abstrahiert haben — ist von vornherein
profaner Natur und trägt das Gewand einer Tiergeschichte ledig-
lich als Verkleidung eines Lehrgedankens.
Als Beispiel oben angedeuteter Fabelverwandtschaft gelte außer
dem Wettstreit zwischen den Pflanzen (s. S. 16): die allerdings
späte Katze-Geier-Fabel der Tefnut-Legende (demot. Pap. Leiden
I, 384) als Parallele zur Fabel von Schlange und Adler im Etana-
mythos und zu Äsop Nr. 1 (Binder ----- Halm Nr. 5) bzw. 178 (Binder);
weiter die Fabel vom Löwen und der Maus (Pap. Leiden a. a. 0 . ; s.
S. 16), die sich bei Äsop mit Nr. 256 (Halm) wiederfindet; der
Wettstreit zwischen Leib und Kopf (s. S. 16) erinnert an die
Abb. 1 Agrippalegende vom Wettstreit zwischen Magen und Gliedern. Daß
Ostrakon Louvre Ε 14 368 mit der Scherbe VA 1 2294 (Abb. 1 s. S.22 f., 6e u. m) die Äsopsche
Fabel 134 (Halm — Binder 94) illustriert sei, könnte nur aus dem
Geist, nicht aber auf Grund der formalen Aussage bestritten werden (s. auch S. 30 und für den
Esel mit der Leier S. 28)2.
S. Liste S. 20.
2
) Zur Frage der Übernahme ägyptischen „Fabel"gutes nach Griechenland vgl. auch R e i t z e n s t e i n , Die
griechische Tefnutlegende (Sitzungsber. der Akad. Heidelberg 1923) und v. B i s s i n g , Eudoxos von Knidos
in Forschungen und Fortschritte 25, 1949, S. 225 ff.

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1955] E m m a Β r u n n e r - Τ r a u t : Ägyptische Tiermärchen 15

Die Fabel ist, aus dem Bund von Apollo und Minerva geboren, Dichtung und Reflexion zu-
gleich, sie ist bewußte Literaturschöpfung, die — soweit sie uns hier interessiert — formal auf
dem Volksgut des Märchens aufbaut und stofflich die Philosophie des Volkes verarbeitet, sie
aber in den Rang eines Kunstwerkes erhebend.
Belehrung und Verkleidung sind das tertium comparationis zwischen Fabel und P a r a b e l , doch
ist die „Verkleidung", wie sie das parabolische Wesen ausmacht, richtiger mit „Gleichnis" gekenn-
zeichnet. Ist zwar die schlichte Fabeldarstellung Äsops ein gewisser Wegbereiter der Parabel, so
stellen doch erst die Gleichnisse aus der Lehre Jesu Parabeln im engeren Sinne dar, und es sollte
deshalb für ägyptische Tierbilder die Bezeichnung „Parabel" ganz ausscheiden. Die parabolischen
Vergleiche beschränken sich auf einleuchtende Beispiele aus dem Menschenleben und sind mit
ihrem Bezug auf die letzten Dinge sittlich-religiös weihevoll.
Um dem Begriff der S a t i r e nachzugehen, müssen wir nach Rom hinaufsteigen und uns am
besten von Lucilius beraten lassen, der den Geist der satura-Mischung als „Gefüllsel" am ent-
schiedensten geprägt hat. Vulgär-anschaulich bis drastisch dient die Satire der aktuellen Kritik
mehr denn der moralischen Belehrung. Sie erstrebt einen wirklichen Nutzen, indem sie „wie es die
Soldaten machen, wenn sie eine Stadt berennen, . . . um den Feind zu packen, . . . den Gegnern
auf den Leib rückt, um sie zu vernichten" (fr. 633/4). Sie will die Wahrheit an den Tag bringen und
bedient sich dabei der Polemik, des Humors oder Spottes sowie der Parodie (s. u.), ist aber immer
das Organ der ganz persönlichen Meinungsäußerung und entspringt einer Opposition. In einer Zeit
moralischer, sozialer oder politischer Spannungen geboren, streitet sie — und der Streit wurde im
Altertum als ihr wesentliches Merkmal· empfunden — gegen die Verfehlungen des Adels, gegen
das erotische Lasterleben, gegen Tafelluxus, kurz gegen menschliche Verkommenheit oder doch
Unzulänglichkeit. Nicht wie in der Fabel werden allgemein menschliche Schwächen beleuchtet,
sondern persönliche Verfehlungen angeprangert; nicht ruft die Satire zur Selbsterkenntnis, viel-
mehr zur praktischen Umkehr auf. Sie greift scharf an und würde tödlich verletzen, wäre ihr Biß
nicht schicklich gemildert durch die Spielarten des Lächelns, die sie hervorruft.
In der Spannung von Ideal und Wirklichkeit, aus der die Satire lebt, bedient sie sich, wie oben
gesagt, gern der P a r o d i e , indem sie ernste und allgemein bekannte Schöpfungen, wie beispiels-
weise das Gesetz, unter Beibehaltung ihrer Form durch leichte Veränderung ihres Inhalts zu
komischer Wirkung bringt, zu grotesk-lächerlichem, ja selbst gemeinem Effekt. Durch spöttische
Übertreibungen schafft sie K a r i k a t u r e n , durch spielerischen Spottgeist P e r s i f l a g e n . Dieser
letzte, erst dem modernen Geist französischen Sprachgutes angehörende Ausdruck sollte für ägyp-
tische Bildbetrachtung ebenfalls von vornherein gemieden werden.
Daß Mythos — Märchen — Fabel — Satire nicht immer in scharf umrissener Form nebenein-
ander ßtehen, sondern in Richtung der aufgestellten Reihe ineinander gleiten können, dürfte sich
nach dem Gesagten ergeben.

Keiner der Begriffe kann, wie eingangs gesagt, in seinem genauen Umfang und mit völlig glei-
chem Inhalt für ägyptische Phänomene erwartet werden, doch ihre Kenntnis gibt uns dort, wo
wir unbekanntes Gelände betreten, einen Marschrichtungspunkt. Mit dieser Einstellung wollen wir
nun die ägyptische Geistesgeschichte nach ihren entsprechenden Äußerungen befragen, und zwar
zunächst die T e x t e durchmustern.
Der M y t h o s ist Ägypten so sehr eigen, daß er Forscher geradezu herausgefordert hat, die ägyp-
tische Kulturperiode das „mythische Zeitalter" zu nennen, so daß es sieh erübrigt, hier mit Belegen
aufzuwarten. — Das Goldene Zeitalter des Kronos bzw. des Saturn, jene befriedete Welt, welche
christlich das Paradies heißt und von Polynesien bis Europa in jeeigener Vorstellung ähnlich
existiert (vgl. die Darstellungen Frazers und die weitgehend durch sie angeregten von Moret in
seinen Mysteres egyptiens), ist in Ägypten als die „Zeit der Götter" (vgl. Bonnet, Reallexikon,
228f.) nicht in Einzelheiten ausgeführt, so daß wir bis heute über spekulative Verallgemeinerungen
hinaus kaum eine konkrete Aussage machen können (s. u. S. 29).

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16 E m m a Β r u n η e r - Τ r a u t : Ägyptische Tiermärchen [80. Band

Die „Geschichte von den zwei Brüdern" gelte als Beispiel für die Art, einen Mythenstoff in eine
wunderbare volkstümliche Erzählung umzuwandeln 1 . Daß dem Schreiber der Mythos als Hinter-
grund noch bewußt gewesen ist, spricht für die Macht des ägyptischen Mythos durch den ganzen
Verlauf der Geschichte. Erst demotische Erzählungen wie „Die Erlebnisse des Seton Chaemwese"
scheinen nichts mehr von den hinter ihnen siehenden Mythen zu wissen. Dagegen h a t Posener 2
auch für das „ M ä r c h e n vom Verwunschenen Prinzen" auf Zusammenhänge mit dem Mythos
hinweisen können. Die Erzählung von „Wahrheit und Lüge", ein bis in unsere Zeit in Hunderten
von Fassungen ausgestreutes Märchen, ist in Ägypten noch sö stark mythisch gebunden, daß wir
sie fast lieber noch als Mythos denn als Märchen ansprechen möchten 3 . Anläßlich des Märchens
„ W c s t c a r " sieht sich von der Leyeri zu dem Urteil veranlaßt 4 , daß sich „bei den Ägyptern auf
Schritt und Tritt die Merkmale des Glaubens aus der Urzeit zeigen, freilich erhöht und dichterisch
gesteigert". Aber der Wesicar ist zugleich voll von Motiven des sog. naiven Märchens, wenn auch
dessen zauberhafte Vorgänge 11 ralten Glauben offenbaren mögen. „DieHirtengeschichte" ist zu bruch-
stückhaft erhalten, als daß wir ihren Zusammenhang fassen könnten, dagegen konnte Lanozkowski
von den eschatologischen Zügen des „Schiffbrüchigen" überzeugen 3 . Spätere märchenhafte Erzäh-
lungen lassen wir ihres zweifelhaften Ursprungs wegen außer Betracht. — Es h a t sich bei dieser
Überschau gezeigt, daß an der Seite der mythisch verwurzelten nur ein einziges sicheres Beispiel
der sog. „ n a i v e n " Märchen zu stehen kommt, und wir sind gespannt, wie sich unsere zur Diskussion
stehenden Tierbilder zu dieser Lücke verhalten werden.
Für die ( T i e r ) F a b e l , also die Lehrdichtung in (Tier)Vermummung, kennen wir mit dem „Streit
zwischen Leib und K o p f " aus dem NR den ältesten literarischen Beleg. Jn den ägyptischen Mythos
von der Rückkehr des fernen Sonnenauges (Leiden I, 384) aus römischer Zeit sind eine Reihe von
Tierfabeln, die den Weg vom Mythos über das Märchen gegangen zu sein scheinen, eingeschlossen
(s. S. 31). Zwar ist der Stoff allgemein aus griechischen Fassungen bekannt, doch h a t die demo-
tische Niederschrift ein derart ägyptisches Gepräge, daß die Erzählungen bodenständig ägyptisch
sein könnten, wenn auch in der Fassung der (lehrhaften) Fabel vermutlich jung. Ob die „Katzen
und Mäuse", die Merkwörter in Rechenaufgaben bilden, „Gegenstände einer Fabel" sind, wie
Schott will 8 , oder nicht doch eines Tiermärchens, ist nicht zu entscheiden. Doch handelt es sich
bei dem „Buch von der Sykomore und dem Ölbaum" sowie seiner Abwandlung 7 wohl um eine
Rangstreitfabel ähnlich der babylonischen vom Wettstreit der Dattelpalme mit der Tamariske 8 ,
die sich im .Altaramäischen als Streitgespräch zwischen Dornslrauch und Grnnalbaum wiederfindet
(Aramäischer Achikar-Romari), im Alten Testament spiegelt in der eitlen Einwilligung des Dorn-
strauchs in die Königsherrschaft, unter den Bäumen (Richter 9, 8ff.) lind die eine Fortführung
erfährt in der Fabel des Joas von dem elender» Schicksal des hoehmütigeu Hornstrauchs (IT. Kön.
14, 9) und die uns endlich bekannt ist aus dem griechischen. Fragment des Kallimachos, das ein
Streitgespräch zwischen Lorbeer und Ölbaum enthält (vgl. auch Äsop Nrr. 50 und .143 (Binder
— Halm 385 bzw. 179b). Wenn in den Liebesliedern Turin der Granatbaurn auf seine Vorherr-
schaft pocht®, so klingt, unverkennbar die Anspielung auf eine solche Rangstreitfabel durch.
Sprechende Pflanzen treten immer wieder in der ägyptischen Literatur auf 10 . Daß der im Liebcslied

') J a c o b s o l l n , Die dogmatische Stellung des Königs, S. toff. und v. d. L o y e n , Die Welt der Märchen.
s
S. 134 ff. ) J E A 89, S. 107.
9
) Vgl. v. d. L e y e r t , Die Welt der Märchen, S. KS2f. sowie P i e p e r in ZÄS 70, S. 92ff.
Α. a. Ο. 8. 125.
5
) Zeitschrift für Religions- und Geisleegeschichte 6 (1954), Kofi t.
') Astronomie und Mathematik, im l i a n d b . der Orientalistik, 1. Band, 2. Abschnitt (Leiden 1952), S. 180f.
7
j H a l t in J E A 12, S. 30ff. — Bull, of the Associates in Fine Arts of Yale Univ., Juni 1936, S. 31, Abb. 2. —
K e i m e r in K6mi II, S. 91 If.
8
) Ε b e l i n g , Die Babylonische Fabel, S. (iff. und P f e i f f e r bei Pritchard a. a. O. (S. 12, Anm. 2).
") S c h o t t , Liebeslieder, S. 58 und S. 226; E r m a n , Literatur, S. 311ff.
10
) S p i e g e l b e r g , Mythus vom Sonnenauge, 1917, S. 7, Anm. 2 u n d S. 49 mit Anm. 8; S c h o t t , Liebeslieder,
S. 59ff. u. a.

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Abb. 1 Koptisches Museum Kairo 8441 (Wandmalerei, 80em lang, 45,3 cm hoch)

Abb. 2 Petrie Coli. 016 (Kalkstein, 5 era) Abb. 3 Brit. Mus. 11888 (Kalkstein)

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TAFEL II

Abb, 1 Oriental Inst, of Chicago 13951 (Ostrakon)

Abb. 5 Brit. Mus. 21984 (Kalkstein) Abb. 6 Berlin 12686 (gelber Ton)

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besonders hervortretende Baum, die Sykomore, auf den Baum der Liebesgöttin H a t h o r anspielt,
versteht sich aus religiösem Grunde 1 .
Welcher der alten Kulturen die Priorität der Wettstreitfabeln zukommt, ist bereits zum Wett-
streit unter den Gelehrten geworden. Wir lassen diese Frage hier beiseite. Schließlich wäre es denk-
bar, daß die Fabeln (archetypisch) bei den verschiedenen Völkern unabhängig voneinander ent-
standen oder sogar alle einer gemeinsamen Wurzel entsprossen sind.
- Daß bei den Ägyptern für die Vermummung der Fabelsentenzen in T i e r g e s t a l t e n auf jeden Fall
ausreichende tierpsychologische Vorstellungen vorhanden waren, zeigen auch jene bildlichen Aus-
drücke, die ihren Vergleich aus der Tierwelt holen 2 . Da wir bei aufmerksamer P r ü f u n g feststellen
müssen, daß der dem Vergleich zugrunde liegende Tiercharakter meist derselbe ist, den auch Asop,
die Römer und schließlich unsere abendländische Fabel spielen läßt (ganz im Unterschied etwa zur
heutigen afrikanischen Tiergeschichte (s. o. S. 14), so dürfen wir daraus folgern, daß mit großer
Wahrscheinlichkeit unsere heutigen Fabelvorstellungen im uralten Geistesgut des Nillandes ihren
Ursprung haben.
Redende Tiere gibt es, wenn auch nicht häufig, durch alle Zeiten der ägyptischen Geschichte,
und es macht dabei keinen Unterschied, ob den Tieren von Natur aus eine Stimme gegeben ist
oder ob sie stumm sind wie die Fische. So spricht der Schafhirt im AR (Grab des Ti und des
Mereruka) mit dem Wels und begrüßt sich mit einem Fisch. Im „Märchen vom Verwunschenen
Prinzen" stellt sich das Krokodil selbst als das Schicksal des Prinzen vor, und der Hund „ergreift
die menschliche Stimme". In der „Geschichte von den zwei Brüdern" sagen Kühe ihre besten
Weideplätze an, und sie warnen den jüngeren betrogenen Bruder vor dem älteren, der ihm auf-
lauert. Daß im „Schiffbrüchigen" die Schlange kluge Reden führt, ist nur selbstverständlich, denn
sie ist ein Gott. Aber sind nicht alle diese Tiervorstellungen im Grunde märchenhaft?
Im älteren Ägypten scheint, aufs ganze gesehen, die (Lehr)fabel keine bedeutende Rolle gespielt
zu haben, denn bei ihrer vorzüglichen Eignung zu Schultexten, wie wir sie in Griechenland ange-
wandt wissen, würden wir — im Unterschied zum Märchen — eine bessere Überlieferung erwarten.
Wie nun steht es in der ägyptischen Literatur mit der S a t i r e ? Jener Tendenzdichtung, die den
Kampf aufnimmt gegen zeitliche Mißstände und Verfehlungen (wobei sie besonders führende Per-
sönlichkeiten und Stände angreift), immer aber darauf bedacht, die Schärfe des Angriffs zu mäßigen
durch Herausforderung zum Gelächter, sei es höhnischer, sarkastischer, sei es humoristischer oder
gar schmunzelnd-versöhnlicher Art.. Religiöse, weltanschauliche und politische Tendenzschriften
gibt es in Ägypten seit der Erfahrung, daß Gottes Wille in der Geschichte nicht verwirklicht ist,
d. i. seit dem Zusammenbruch des AR: die Klagen des Ipu-Wer, das Streitgespräch des Lebens-
müden mit seiner Seele, die Lehre für König Merikare; die Prophezeiungen des Neferrehu, die
Klagen des Chacheper-Re-seneb und die Klagen des Bauern; die Lehre des Königs Amenemhet
sowie schließlich die demotische Chronik 3 , sie alle ermahnen, üben Kritik, tendieren nach Reform
in jeeigener Art, aber sie alle sind ernst, besinnlich, pessimistisch, verzagt oder aufwühlerisch,
doch sie alle sind frei davon, ihre Hörer kichern oder lächeln zu lassen. Die Klagen des Bauern mit
ihrer barocken Redeweise machen am ehesten einen Schritt in Richtung auf das Satirische, ohne
aber daß sie für diese Literaturgattung tatsächlich beansprucht werden dürften. In keiner der
Schriften wird etwa von der Parodiö Gebrauch gemacht oder von einer schonenden Einkleidung.
Die Tiere darin stehen nicht als parodische Vermummung, sondern es wird von ihnen sinnentspre-
chend ausgesagt, daß sie „weinen" und „klagen" (Ipu-wer). Auch die Schilderungen der Töpfer-
scheiben-Verdrehung sind wirklich gemeint und haben keinen parodischen Zug — eher mythischen
(s. S. 26 f.).

Dagegen R. W ü r f e l , Die ägyptische F a b e l in Bildkunst und Literatur in Wissenschaftl. Zeitschrift


der Univ. Leipzig, Jahrgang 1952/53, S. 76.
2
) G r a p o w , Bildliche Ausdrücke, Leipzig 1924, S. &9ff.
3
) E . O t t o , Weltanschauliche und politische Tendenzschriften im H a n d b u c h · der Orieatalistik, 1. Band,
2. Abschnitt, S. 111 ff.
Zeitschr. iür Ägypt. Sprache. 80. Band 2

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18 E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen [80. Band

Der Form nach in die Nähe der Satire rücken am ehesten die Lehre des Cheti 1 und die Litera-
rische Streitschrift des Pap. Anastasi I. Sie benützen Karikatur wie Spott und bedienen sich eines
geistreichen Witzes. Doch ihre Tendenz ? Einzig die Streitschrift zwischen dem regelrecht ausgebil-
deten Beamten und dem für die Verwaltung untauglichen Offizier (Artast. I) scheint eine politische
Absicht zu verfolgen, und somit wäre dann dieser Briefwechsel ein Schriftwerk, das für eine Satire
gelten könnte. Der Parodie indes bedient auch sie sich nicht, geschweige denn einer parodischen
Übersetzung in Tierszenen. Auf dem 23. Orientalistenkongreß in Cambridge konnte jedoch P o s e n e r
mit der „Erzählung von Nefererkare und dem General S äsen e t " einen satirischen Gehalt nach-
weisen, wie er zuvor nur aus Rom bekannt war. Die pikante Erzählung von dem lasterhaften König,
einem ebenso unsoliden wie ungerechten Herrscher, ist in einer Handschrift aus der 18. Dyn. und
einem ramessidischen Papyrus erhalten.

Wir stellen zusammenfassend fest: Ägypten hat uns durch textliche Zeugnisse überliefert den
Mythos nach Gehalt und Aussageweise, das Märchen, vornehmlich in der vom Mythos durchsetzten
Art, die Fabel als Rangstreitdichtung im Bereich der Pflanzen (und im Beispiel der Körperglieder),
als Tierfabel erst aus später Zeit, die Satire leidlich mit der Streitschrift des Pap. Anastasi I,
und klassisch mit der Erzählung von Nefererkare, beide jedoch ohne parodische Züge.
Nach dieser Überschau über den textlichen Bestand, der allein eine sichere Grundlage bieten
kann für die Deutung nichtsprachlicher Denkmäler, wenden wir uns endlich den geistesverwandten
Tierbildern zul

Diejenigen Szenen, die zweifellos Illustrationen zu M y t h e n darstellen, sollen uns hier nicht
beschäftigen (vgl. Brunner-Traut, Bildostraka Nr. 91, 92, 93 und 94), vielmehr allein jene proble-
matischen, die in der Regel
als „Satirische" umlaufen,
seltener als „Fabelbilder".
An Dokumenten finden
sich: die Kleine Schminkta-
fel aus Hierakonpolis (Fz) 2 ,
zwei Rollsiegel aus der 5.
Dyn. (Abb. 2 u. 3) 3 , ein an-
deres aus der H y k s o s ( ? ) -
zeit (Abb. 6) 4 , Kinderspiel-
zeuge aus Amarna 5 und an-
Abb. 2 Abb. 3
dere Kleinplastiken aus dem
Rollsiegel der 5. Dyn. Rollsiegel Brit. Mus. 59 430
M R bis in die römische Zeit
sowie die sog. Satirischen Papyri in London, Turin® und Kairo — der letzte farbig — (Abb. 4) 7 ,
der 19. und 20. Dyn. angehörend; dazu kommt als Masse der Zeugnisse die große Zahl der
Ostraka etwa aus der gleichen Zeit 8 ; als einziger Beleg aus der Großkunst das Relief vom Tempel

1)H. B r u n n e r , Die Lehre des Cheti, Sohnes des Duauf (Ägyptol. Forschungen, Heft 13).
') S c h o t t , Hieroglyphen, Taf. 1 = Q u i b e l l , Hierakonpolis II, Taf. 28.
3 ) J u n k e r in Melanges Maspero (MIFAO 66) I, S. 26 7 ff. mit Abb. 2, S. 269 sowie Brit. Mus. 59 430(8. S. 19).

4 ) C a p a r t in Comptes Rendus de l'Academie des Inscrr. et Belles-Lettres 1936, S. 30, Abb. 5.

5) F r a n k f o r t und P e n d l e b u r y , City of Akhenaton, Part. II, Taf. 31,3 und 4 und 7 sowie Tabelle S. 20 ff.

') London: L e p s i u s , Auswahl, Taf. 23 und B r e a s t e d , Geschichte Ägyptens (Phaidon-Ausgabe), Abb. 273;
Ausschnitt bei C a p a r t , Makit, S. 70f., 159, 161; Turin: L e p s i u s , Auswahl, Taf. 23 (s. Taf. III)
') ZÄS 35, Taf. 1, S. 140f. und teilweise in Encycl. Photogr. de l'Art, Le 51 usee du Caire, Abb. 163 und
Melanges Maspero (MIFAO 66), I, S. 673, Taf. 2d sowie C a p a r t , Makit, S. 152.
8 ) Die wichtigste Literatur ist aufgeführt in der Liste S. 20. — Ohne Literaturhinweis zitierte Denkmäler

sind noch unveröffentlicht. — E . Otto wies mich darauf hin, daß sich im Museum von Stockholm zahl-
reiche (unveröffentlichte) Ostraka befinden, doch konnte ich von diesen Stücken z. Zt. keine Kenntnis bekommen.

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1955] E m m a Β ru η η e. r - Τ r a u t : Ägyptische Tiermärchen. 19

Schepenupets I I I . aus Medamöd (25. Dyn.) 1 , leider ohne Zusammenhang aufgefunden, die Terra-
kotte in Kopenhagen aus der griechisch-römischen Epoche (s. S. 20 Abkürzungen und Tabelle 1 b)
und schließlich (Tai. 11,6) ein griechisches Tongefäß des Berliner Museums 2 . Eine koptische Kalk-
steinmalerei (früher: Kairo Ägypt. Mus. 1121, heute: ebda Koptisches Mus. 8441) ragt ins 7./8.
nachchristl. Jh. (Taf. 1 , 1 ) s . Die Zeugnisse gehören also fast durchweg zu volkstümlichem Gut und
drängen sich zeitlich um die Ramessiden. Auch einige der sogen, spielenden Schreibungen später
Hieroglyphen könnten Märchentiere festhalten.
Ich freue mich, einige Stücke neu bzw. verbessert vorlegen zu dürfen.
Die Erlaubnis, die koptische Wandmalerei in Kairo hier abzubilden (Taf. 1 , 1 ) , verdanke ich Dir. Dr. Pahor-
Labib, die Vorlage zu Taf. 11,1 der Liebenswürdigkeit von Dir. Prof. Kraeling, Chicago; die Zeichnungen zu den
Abbildungen 5 und 7 (Kairo |ι »nd Kairo 45 697) gestattete mir freundlicherweise Dir. Mustafa Amr;
die Erlaubnis, die Stücke 59 430. 49 712, 1 1 8 8 8 und 21 984 des Britischen Museums mit Abbildung 3 und
Tafel I I , 4 ; 1 , 3 ; I I , 5 vorzulegen, verdankeich der steten Bereitwilligkeit Mr. Edwards'; für die Veröffentliehungs-
erlaubnis der Figur 016 der Petrie-Coilection (Taf. I, 2) weiß ich mich Prof. Emery, für die der Affenstatuette
X I , 68 (Taf. I I , 2) den Syndici des Fritzwilliam-Museums verpflichtet; von der einzigartigen Bildscherbe 4010 aus
Der el-Medine stellte mir Mme Vandier-D'Abbadie freundlicherweise ein Photo zur Einsicht zur Verfügung, und
die Hinweise auf Parallelstücke im Turiner Museum sowie die Abbildungsvorlage von Turin Suppl. 6 3 3 3 (Taf. I I , 3)
gestattete mir mit großem Entgegenkommen Prof. E. Scammuzi. Ihm verdanke ich auch eine Reihe von Photo-
graphien nach dem Turiner „Satirischen" Papyrus, so daß es mir möglich war, die Lepsius'sche Nachzeichnung
zu überprüfen und an einigen Stellen zu verbessern (Taf. I I I ) . Es sei mir gestattet, an dieser Stelle einige Bemer-
kungen zu machen über die Veränderungen, die sich ergeben, ohne daß ich damit einer Neuveröffentlichung
vorausgreife.
Der Papyrus ist rechts nicht durch eine Senkrechte abgeschlossen, die Szenen mögen sich also noch fortgesetzt
haben, während links die Darstellung gegen den anschließenden „Obszönen Papyrus" durch eine Vertikale ge-
trennt ist. Von der hieratischen Beischrift
im oberen Querband sind einige Fragmente
mehr erhalten, immerhin nicht genug, um /
über zusammenhanglose Wörter hinauszu-. ^
kommen. Der obere Streifen von links nach
rechts zeigt: Abführen von Tieren in die
Gefangenschaft (oder vor das Tribunal?);
der Vogel ist kein Anführer, sondern mit-
gefesselt; der Zug bewegt sich auf einen
Tempel (?) zu. — Katzen hantieren in
einer Werkstatt oder Küche. — Ab- (oder
Vor-)führen von Gefangenen. — Nieder-
schlagen (?) eines Feindes. — Opfer am
Speisetisch vor einem Esel; ob das Maul Abb. 4
des Esels offen oder geschlossen ist, kann „Satirischer P a p y r u s " Kairo
wegen der Zerstörung nicht mehrfestgestellt
werden. — Tierkapelle; die Leier des Löwen endet oben in einen Entenkopf; die Harfe des Esels ist sehr anders
gebogen, der Schallkasten ist mit einem nicht mehr bestimmbaren Tierkopf verziert; vom Maul des Esels ist
nichts mehr erhalten. — Hebern von Flüssigkeit; die Reste sind zu spärlich, als.daß eine Katze ergänzt werden
könnte, ebenso ist die Vervollständigung der kleinen Tiergruppe oben rechts von Lepsius allzu kühn.
Im unteren Streifen wird von der linken Gruppe das rechte Tier nicht mehr deutlich; der obere Teil der von
Lepsius gezeichneten Rückenlinie kann auch ein Abstrich des oberen „Bündels" sein. — Katze hinter einem
Streitwagen. — . . . Große Lotosblüte . . . — Bei der als Duell bekannten Szene ist das linke Tier deutlich nur
halbhoch (Maus?), der (Katzen?-) Kopf darüber ist derart deplaziert, daß er vielleicht wirklich an eine andere
Stelle gehört. — Mäuseheer berennt Katzenburg; dabei neue Einzelheiten am Hundegeschirr, bei Haltungen
und Waffen; Festungsmauern verlaufen senkrecht. — Schwalbe ersteigt Feigenbaum mit Nilpferd; beachte
Nilpferdkopf (nicht Schwein)! Katze hütet Gänse, eine andere Katze von Gans angegriffen, eine dritte, leert
den Krug aus; die Katzenhirtin könnte ein Kücken auf der Hand halten (wie auf dem „ S a t i r i s c h e n " Papyrus

B i s s o n de l a R o q u e , Medamoud 1930 ( F I F A O V I I I , 1), Taf. 6, Abb. 54f. und S. 73f.


2) Bisher R . W ü r f e l a. a. O., S. 156, Abb. 9a.
8 ) M a s p e r o , Guide Caire 1915, 4. Ausg. S. 249, Abb.90; Die 80 cm lange und 45,5 cm hohe Platte stammt
aus den Funden von Baoult, die „peuavant ou apres l'arrivee des A r a b e s e n E g y p t e " angesetzt werden. Siehe auch
den Beitrag S. 69 f. von A. Schall, der sich freundlicherweise der Beischrift angenommen hat, und S. 25, A mil. 1.
2*

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20 E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen [80. Band
— : :
London). — Katze zieht Gänsebraten (sie!) zu sich. . . . An Einzelheiten der Strichführung wird man manche
Abweichungen erkennen. Soviel zu diesem ausführlichsten und populärsten Dokument unserer Sammlung. Für
die übrigen werden die früheren Veröffentlichungen vorausgesetzt, wenn wir im folgenden die Bilder thema-
tisch ins Auge fassen.

E s seien der Ü b e r s i c h t h a l b e r alle bisher b e k a n n t e n S z e n e n in einer L i s t e a u f g e f ü h r t . Wenn


sich a u c h m i t j e d e m neuen F u n d , besonders aus D e r el-Medine, neue T h e m e n ergeben k ö n n e n ,
so i s t der B e s t a n d doch bereits für einen g r u n d s ä t z l i c h e n Ü b e r b l i c k ausreichend.,

In der Liste gebrauchte Abkürzungen:


B-T: Brunner-Traut, Bildostraka.
Brüssel Ε . . . : Die noch unveröffentlichten Ostraka der Musees Royaux d'Art et d'Histoire in Brüssel 1 .
Bull. M.R: Bulletin des Musees Royaux d'Art et d'Histoire, Brüssel
GoA I I u n d I I I : Frankfort und Pendlebury, City of Akhenaten, Part. II und I I I .
Daressy: G. Daressy, Ostraca (Cat. Gen. Cairo).
Η ick m a n n : Η. Hickmann, Les Harpes . . . (Bull. Inst. d.'Eg. 35, S, 309ff.).
Kairo: „Satirischer" Papyrus Kairo, s. S. 18, Anm. 7 und Abb. 4.
Keimer: L. Keimer, Etudes d'Egyptologie, Fase. 3.
Kopenhagen: M. Mogensen, La Glyptotheque Ny Carlsberg, La Collection eg., Taf. 52, Nr. A 388.
London: „Satirischer" Papyrus London, s. S. 18, Anm. 6.
Medamöd: Bisson de la Roque, Medamoud 1930, Anm. 26.
New Y o r k : Maspero, Archeol. eg. 1887, Abb. 157, S. 165 = The Brooklyn Museum Bulletin 1952,
Band 13, Nr. 2, S. 5, Abb. 3.
Sauneron: S. Sauheron, Ostraca. et papyrus trouves ä Deir-el Medineh en 1950/51 (Bull, de la Soc,
Franc. d'Egvptol. 9, Febr. 1952.
Turin: „Satirischer" Papyrus Turin, s. S. 18, Anm. 6 (Taf. I I I ) .
T u r i n S u p p l . . . . :: Unveröffentlichte Ostraka des Museums Turin, nach Notizen vor den Originalen zitiert.
VA: J . Vandier d'Abbadie, Catalogue des Ostraca figures (Doc. de Fouilles II).
Würfel: R . Würfel, Fabel, s. S. 12, Anm. 2 unten.

1. a) K a m p f zwischen M ä u s e n und Katzen

a) Mäuseheer h e m m t Katzetaburg, der M ä u s e h e e r f ü h r e r auf einem von Hunden gezogenen


S t r e i t wagen
b) Maus und K a t z e ( ? ) duellieren ( ?)
c) K a t z e u n t e r w i r f t sich dem Mäuseheerführer ( ? )
d.) M ä u s e a b o r d n u n g vor K a t z e n h e r r i n
Ηe1ege

a) T u r i n ; VA 2 3 0 4 und 2 3 0 5 (vgl. auch 12)


b) T u r i n ; K o p e n h a g e n
c) T u r i n ; B - T 97 und 9 8 ( ? )
d) K a i r o , K o p t . Mus. 8 4 4 1 = Tal'. 1 , 1 )

2. B e d i e n u n g der M a u s durch K a t z e n (vgl. 3 a — c )


a) K a t z e n sorgen für Speise, T r a n k und fächein vor der t h r o n e n d e n M ä u s e d a m e
b) K a t z e irisiert M ä u s e d a m e
V a r i a n t e n ( A u s s c h n i t t e von a und b)
c) Maus b e d i e n t sich des Trinkrohr.s (vgl. 3 f )
d) K a t z e w a r t e t das M ä u s e k i n d
Belege
o) Brüssel Ε 6 4 4 2 ( S a u g r o h r s. 2 c ) : V A 231.2, 2 3 0 8 und 2 3 0 9 ; V A 2 2 9 7 , 2 3 0 3 ( 1 ' ) ; B-T 95;
Brüssel R 6 7 2 7 in Albuin B r u x e i l e s , T a i . 4 5 = Chronique d ' E g y p t e 1 9 3 7 , S. 3 4 , Abb. 3
= Capart, .Viakit, S. 1 5 3 : New Y o r k ; V A 2 2 9 9 und 2 3 0 0 ( 1 ' ) ; B - T 9 6 : Turin S u p p l . 6 3 0 4

E) Einige Scherben wurden während der Drucklegung in Bull. M . R . 1953 veröffentlicht.

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1955] E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen 21

= S c h i a p a r e l l i , Relazione I, S. 165, Abb. 121; Turin Suppl. 6296; vgl. auch die tragende
Katze. WB 3, 275
b) VA 2306 und 2307; B-T 95; Kairo ( = Abb. 4)
Varianten
c) B-T 95; Brüssel Ε 6442 (Buli. M. Ii. 1953. S. 110, Abb. 34)
d) Kairo (— Abb. 4)
3. Entsprechende B e d i e n u n g s s z e n e n wie 2 mit a n d e r e n T i e r e n
a) Katze und Maus bedienen andere Mäuseart (nicht Ratte: diese kommt, erst viel später
nach Ägypten)
b) Krokodil spielt Laute vor thronender Maus; Katze, Schakal und Affe bedienen sie
c) Füchse bedienen Mäusedame mit Getränk und Fächer wie oben, dazu bringt einer Blumen
(vgl. 5c und 33), ein anderer spielt auf der Harfe
d) Katze bedient thronenden Fuchs
e) Hund als Diener
f) Hund als Herr trinkt nach syrischer Sitte mit dem Trinkrohr (vgl. 2c)
Belege
a) London C
b) Medamöd
c) Brüssel Ε 6379 = Gap art, Documents II, 73, 2
d) VA 2298 (vgl. Keimer in Eibl. Or. V, S. 23)
e) VA 2316
f) VA 2315
4. O p f e r - u n d A n b e t u n g s s z e n e n
a) Katze und Ziege beten vor Maus
b) Rind und Katze opfern vor Esel
Belege
a) VA 2310
b) Turin ,
5. H ü t e b i l d e r
a) Katze hütet Gänse (vgl. 8 c)
b) Affe hütet (?) Gänse·
c) Fuchs hütet Gänse, ein zweiter Fuchs mit Blumen (vgl. 33 und 3c)
d) Fuchs hütet Ziegen
Variante
Fuchs spielt zum Tanz einer Ziege (s. S. 14; vgl. 6m)
Belege
a) Turin (mit Zwischenfall); London D; VA 2264—2272; Turin Suppl. 6286
b) VA 2290
c) Brüssel Ε 6369 = C a p a r t , Documents II, 73,3 = Gapart, Makit, S. 73 = Bull. M. R. 1932,
S. 106, Abb. 2
d) London D; Fritzwilliam Mus. o. Nr., unveröffentlichtes Ostrakon
Variante
VA 2294
6. T i e r e als M u s i k a n t e n und T ä n z e r
a) Esel mit Harfe
b) Affe mit Harfe

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22 E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tierm|rchen [80. Band

c) Affe m i t Doppeloboe (Flöte)


d) Affe m i t L a u t e (und Cymbel); auch als Deutbild zu iw/-tanzen (griech.)
e) Fuchs mit Doppeloboe (Flöte)
I) Fuchs mit Harfe
g) Ziegenbock mit Leier
h) Löwe mit Leier
i) Löwe mit Harfe
k) Krokodil mit Laute
1) Krokodil mit Harfe

Belege
a) T u r i n ; B-T 99; Zylinder der Hvksos( ?)zeit>
b) Brüssel Ε 6765 = Bull. M. R. 1934, S. 139, Abb. 31; VA 2281; plastisch: CoA II, Taf. 31, 3
( = Kairo 55 457) und 31, 7; Berlin 10276; Berlin 11327 = S a c h s , Musikinstrumente,
Abb. 82; Berlin 9573 (das Junge pfeift dazu auf seinen Pfoten) = S a c h s a. a. 0 . , Abb. 77
und 78 = B r e a s t e d jr., Eg. Servant Statues, Taf. 8 3 a ; Berlin 15724 = S a c h s a. a. 0 . ,
Abb. 79; Berlin 14498 = S a c h s a. a. 0 . , Abb. 81; Berlin 15272 = Würfel, Fabel, Abb. 6;
ein ähnliches Figürchen Petrie Coli. 015 (Amarna); ebda 016, ein zweiter Affe m a c h t einen
H a n d s t a n d vor der Harle (Amarna), s. Taf, 1, 2; aridere Affeoharlner in D. el-Medine ge-
f u n d e n ; Kairo 45685 (MR!) = Hiekmann, Abb. 18; Brüssel Ε 299; Kairo 25899 (Sp);
Kairo 32840 (griech.-röm.) = Hiekmann, Abb. 41; K a u f m a n n , Äg. Terrakotten, 1913,
S. 136 (griech.); Kairo J. d. E. 26506 (griech.-röm.); — Relief an den Säulen des Philä-
tempels = Porter-Moss VI, S. 251 (18)
c) Rollsiegel des AR (mit Flöte) 2 ; T u r i n ; O s t r a k a : Brüssel Ε 6766 sowie Brüssel Ε 6836
= Bull. Μ. R. 1953, S. 108, Abb. 31 sowie S. 109, Abb. 32: Daressy 25138; Mitt,
Kairo 12, S. 60 (sicher auch Doppeloboe u n d nicht Flöte!); Keimer 12; VA 2045 (Bruch-
stück) ; VA 2290—2292; vgl. auch B-T 100 und 101, dazu S. 311,
plastisch: Brit. Mus. 61460, hinter ihm hockt ein zweites Äffehen (2. Zwischenzeit, un-
veröff.); Berlin 14498 = S a c h s , Musikinstrumente, Abb. 81
d) Kalksteinfigürchen Kairo 45685 (12. Dyn.) und Petrie Coli. 014 (Amarna); Relief des
Philätempels = S a c h s a. a. O., Abb. 72 = Porter-Mose V i , S. 251 (18f). — W B V, 380,11
e) London D ; Berlin 12686 = Taf. I I . 6 ; VA 2294 (s. S. 14 und hier Abb. 1); S a u n e r o n ,
Abb. 1; D. el-Medine 4010 (unveröffentlicht, erscheint im 2. Ostrakon-Katalog von
Mme Vandier-d'Abbadie; vgl. 6 f , 6 g und 6 m ) ; mit Flöte: Hierakonpolis-Palette®
f) Brüssel Ε 6397 = C a p a r t . Documents II, Taf. 73, 2; D. el-Medine 4010 (s. u n t e r 6e);
Turin Suppl. 6299 (dem Fuchs gegenüber 2 tanzende Ziegenböcke; vgl. 6e, 6 g u n d 6m)
g) D. el-Medine 4010 (s. 6e), Ziegenbock t a n z t zugleich (vgl. 6f und 6m)
h) T u r i n ; Berlin 1 2 6 8 6 ( ? ) = = Taf. 11,6
i) Brüssel Ε 6836 Rs., erwähnt in Bull. M. R. 1934, S. 138; Brit. Mus. 49 712 (Löwin, Fayence,
MR, s. Taf. II, 4)
k) T u r i n ; Medamöd
1) Kairo J. d. E. 55243 (Kalksteinfigur des AR?)
A n m e r k u n g : Auf Berlin 12686 ( = Taf. 11,6) ist ein weiterer Fuchs dargestellt m i t einem
' nicht mehr bestimmbaren I n s t r u m e n t (Laute ?); das Tier zwischen beiden Füchsen ist ein
Löwe, keine Katze (so R. Würfel, S. 66)
m) Ziegenböcke tanzend
») s. S. 18, Anm. 4 (Abb. 6)
2
j s. S. 18, Arim. 3 (Abb. 2 u. Abb. 3)
s
) s. S. 18, Anm. 2

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1955] E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen 23

Belege
m) VA 2293 und 2295; Sauneron, S. 17; Turin Suppl. 6299; D. el Medine 4010 (vgl. 6c und 6f
und 6g): Ziegenbock in Vorderansicht! mit Leier tanzt zwischen Fuchs mit Doppeloboe
(rechts) und Fuchs mit Standharfe (links); vgl. auch 5d, Variante = VA 2294 (s. S. 14
und Abb. 1)
Anmerkung
Zu den tanzenden Affen vgl. u. S. 31 f.
7. T i e r e b r a u e n B i e r ; eins am Bottich, eins mit Krügen am Joch (vgl. 8)
a) Nilpferd und Hund und (Katze mit Joch ?)
b) Fuchs (?) und Antilope
c) Nilpferd ( ?) und Ziege
d) ? und Ziege
Belege
a) London D
b) Brüssel Ε 6376 = Bull. M. R. 1953, S, 110, Abb. 35
c) VA 2313
d) VA 2314
8. Andere T i e r e unterm T r a g j o c h (vgl. 7)
a) Affe bewässert Garten mit Tragjoch
b) Katze und ? tragen Joche
c) Katze mit Tragjoch als Gänsehirt (vgl. 5 a)
d) Schakal mit Tragjoch fürs Getränk einer Kuh (vgl. 19)
Belege
a) Brüssel Ε 6764 = Bull. M. R. 1953, S. 111, Abb. 36
b) London C
c) VA 2264
d) Kairo
9. T i e r e beim B r e t t s p i e l
a) Löwe und Gazelle 1
b) Affe
Belege
a) London D
b) VA 2285 2 ; Kalksteinfigur Brit. Mus. 11 888 (zwei Affen sitzen sich gegenüber, an der linken
Seite des Tisches ein Affenjunges unter der Hand des Alten; MR; s. Taf. 1,3)
10. H u n d steigt T r e p p e hinauf zu einem T e m p e l
Belege
VA 2317 und 2036
11. S c h w a l b e ersteigt auf Leiter F e i g e n b a u m , in dem sich ein N i l p f e r d mit Tasche aufhält
Belege
Turin; VA 2717
12. A f f e lenkt einen von P f e r d e n gezogenen W a g e n (vgl. auch 1 a)
Belege
CoA II, Taf. 31,4 = Kairo 53021: Brit. Mus. 21984 = Guide to the 4 ib. etc. rooms, 1922,
S. 51,44 (s. Taf. II, 5); Fitzwilliam Museum o. Nr. (unveröff.; rechtes Vorderrad aus Fayence
1
) Zur Sitzhaltung vgl. den Bock Vignette 8 des Skrine-Papyrus Nr. 2. *) S. Keimer in Bibl. Or. V, S. 23.

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24 Em ma B r u n n e r - T r a u t ; Ägyptische Tiermärehen [80. Band

erhalten); Petrie Coli. 029 (unveröif.; Amarna); CoA I I I , Tai. 6 3 , 3 567 (unfertig). Sämtl.
Κ alksteinf igür chen
13. A f f e r e i t e t auf P f e r d
Belege
Brit. Mus. 48 014 (ptolem.) = Brit. Mus.· Quart. I, 1926, S. 42, Taf. 23 c; vgl. auch Junker,
Schriftsystem, S 3 2 (ptolem.)
14. A f f e als B o g e n s c h ü t z e
Belege
Holzfigürchen Fitzwilliam Museum X I 6 8 (s. Taf. 11,2); Kairo 45697 (s. Abb. 7) und Kairo
I® + I (beide Holzfigürchen mit Obelisk, s. S. 31 mit Anm. 5): alle drei Figuren mit Spuren
von Gold
15. Zwei A f f e n r i n g e n miteinander (echte Ringergriffe!)
Beleg
Κ alksteinf igür chen Brüssel Β 7346 (unveröif.)
16. Drei und drei A f f e n , sich gegenüber, packen sich zu einem W i r b e l t a n z
Beleg
Kairo 43581 (Amarna, unfertig, unveröff.)
17. Zwölf Ä f f e n rudern ein Β o o t
Beleg
CoA Ii, Taf. 31,1
18. Affe rechnet .das Getreide ab: VA 2283
19. Schakale (einer mit Tragjoch, vgl. 8d) füttern Kuh im S t a l l ( ? ) : Kairo
20. Gazelle führt Tiere (Löwe und Hase?) gebunden ab oder vor: Turin
21. Tier (Hund??) führt andere Tiere (Hund, Katze, Rabe) in Gefangenschaft zu einem
Tempel(?): Turin
22. Schakale in der Küche : Medamöd
23. Katzen hantieren in Küche oder Werkstatt: Turin
24. Mäuse (?) gott wird auf Kapellenschrein von 4 Schakalpriestern in Prozession getragen, je
ein Schakal räuchert und verliest das Ritual: Turin Suppl. 6333 (s. Taf. 11,3)
25. Nubischer (?) Gutsverwalter (Mensch!) wird vor Mäuseherr (wegen schlechter Ablieferung
?) von Katzenaufseher verprügelt ( = Taf. 11,1): Chicago 13951 1 ; mit anderer Rollenvertei-
lung (der Richter könnte eher ein Schakal als eine Maus sein, das Ostrakon ist an dieser Stelle
verrußt): Kairo ψ{ + 1 | (s. Abb. 5); beide im folgenden „Gerichtsszene" genannt 2 .

Unklar
26. Zwei schwätzende Raben ( ? ) : J E A 4, Taf. 51, 3; vgl. auch VA 2004 und 2006!
27. Verehrungsszene ( ?): VA 2318
28. Hebern von Flüssigkeit in einen Mischkrug ( ? ) : Turin
29. Kleine Katze zwischen zwei hochaufgerichteten(?) Tieren: Turin
30. Löwe vor Bottich ( ? ) : London C
31. Löwe und ? am Bett eines Huftieres: London D 3
32. Katze und kleiner Hund (?) vor thronendem Hundeherrn ( ? ) ? : Brüssel Ε 6378 = Capart,
Documents II, Taf. 73,1
33. Fuchs mit Blumenstrauß: J E A 4, Taf. 50, 1 (vgl. auch 3c und 5c)

*) Umzeichnung in C a p a r t , Makit, S. 165; als Vergleichsbild aus der Menschenwelt s. ζ. B. W r e s z i n s k i ,


Atlas I, 62. ») Zu VA 2228 vgl. Keimer in Bibl. Or. V, S. 22.
') Vgl. zur Deutung dieser Szene als abszön: K e i m e r Etudes d' Ägyptologie, Fase. 3, S. 6, Anm. 3.

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1955] 25

34. Affe vor Opferständer: VA 2321


35. Aufrechtes T i e r : VA 2289
36. Katze zieht Gänsebraten zu sich heran ( ? ) : Turin
37. Gazeile erschlägt ( ? ) gefesseltes TierrTurin
Es kann nicht unsere Aufgabe sein, die Themen im einzelnen zu behandeln, Verwandtschaften
über vieler Herren Länder aufzuzeigen, Ursprung und Geschichte nachzugehen oder die Bilder in
andere mehr oder weniger unfruchtbare Beziehungen zu setzen. Wir wollen Versucher., dem
W e s e n dieser Tierszenen auf die Spur zu kommen und betrachten zu diesem Zweck zunächst noch
einmal die Übersichtsliste.
Sie läßt uns erkennen, daß die Zahl der Themen recht groß ist, daß die meisten davon wieder-
holt behandelt werden, also zu einem festgeprägten Schatz gehören und nicht etwa die launige
Erfindung eines Witzboldes
sein können. Aufgezeichnet
sind die Bilder auf Schreib-
stoffen, die mit Ausnahme
des späten Reliefs aus Kopen-
hagen, des Medamöd-Reliefs
und der Schminkpalette weder
der vornehmen noch der offi-
ziellen Welt angehören: Pa-
pyri und vor allem Ostraka,
Kinderspielzeuge und Klein-
plastiken, drei Rollsiegel sowie
ein Tongefäß dienen als Bild-
träger. Turiner und Londoner
Papyrus überschneiden sich
mit einer Hüteszene, Londoner
und Kaironer mit einer Bedie-
nungsszene. Die meisten The- Abb. 5 Ostrakon Kairo ff + 'f
men der Papyri finden sich
mehrfach auf Scherben, darüber hinaus bieten die Ostraka eine Anzahl weiterer Motive. Wir
sind der Meinung, daß die Bilder dem Sinne nach zusammengehören (s. aber S. 31 f.).
Die Szenen spielen bis auf die Gerichtsszene (25) allein unter Tieren. Bevorzugt treten auf:
Katze und Maus, Affe, Schakal (bzw. Fuchs); die Großtiere Löwe und Esel, Nilpferd und Krokodil;
außerdem Ziege und Gazelle, einige Male der Hund und schließlich einmal Rind und Hase ( ? ) ; von
Vögeln voran die Gänse und gelegentlich die Schwalbe; auch ein großer Vogel (bei dem Kopen-
hagener Relief ( l b ) und auf dem ebenfalls späten Berliner Tongefäß (6e und 6 h ) der gleiche
Adler( ?). — Dabei muß ich es offen lassen, ob ich nicht Fuchs und Schakal, Gänse und Enten
sowie auch die verschiedenen Wildarten hie und da verwechselt habe. —
Daß den Tieren — im großen und ganzen gesehen — bestimmte Rollen zukommen, scheint mir
deutlich. So zeigt es sich unmißverständlich, daß Katzen und Mäuse in einem Kampf gegeneinander
gelegen haben, und wie ich an anderer Stelle zeigen konnte 1 , geht diese Vorstellung durch die halbe
Welt — als Märchengedanke. Mit diesem Thema aufs engste zusammenhängen könnte die Bedie-
nung der Maus durch die Katze (s. auch u. S. 27). Die Katze ist die bei weitem bevorzugte'Diene-
rin, dient selbst dem Fuchs (3d), obwohl nächst ihr Fuchs sowie Affe die Rolle der Dienenden
übernehmen (s. unter 3 und 5). Vielleicht darf in das Katze-Maus-Verhältnis sogar die Szene 4 a
einbezogen werden. Ebenso ist die Rolle des Musikanten nur ganz bestimmten Tieren zugeschrieben
(6), und das Tanzen steht dem Affen (s. u. S. 31 f.) sowie dem Ziegenbock glaubhaft zu. Wir

] ) B r u n n e r - T r a u t , Der Katzenmäusekrieg im Alten und Neuen Orient, ZDMG 104. S. 347 ff.

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26 E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen [80. Band

überlassen dem Leser die reizvolle Aufgabe, das Geschäft der übrigen Tiere der Übersicht zu ent-
nehmen, die geborenen Herren zu erkennen, die Schwerarbeiter und die ob ihrer Langmut Miß-
brauchten gebührend zu achten.
So sehr wir Verständnis haben dürften für die Verteilung der Rollen, so wenig wird es uns ge-
lingen, die Tiere in ihrer Rolle mit den uns bekannten ägyptischen Mythen zusammenzubringen.
Maus oder Hund gehören sogar zu den wenigen Tieren, die niemals ernsthaft in die religiöse Sphäre
erhoben wurden. Beurteilen wir vielmehr die Bilder vorurteilsfrei, so sprechen sie uns spontan als
T i e r m ä r c h e n an. -
Um diese Annahme zu prüfen, untersuchen wir die übrigen Möglichkeiten und fragen zunächst:
Wie konnte es kommen, daß die Szenen bis heute fast durchweg für Satiren gehalten wurden ?
Einmal deshalb, weil es innerhalb der Großkunst fast zu allen Bildern Vorwürfe zu entsprechend
handelnden Menschen gibt (vgl. die Gegenüberstellung bei Lepsius, Auswahl, Taf. 23), so daß man
in den Tierbildern parodische Züge sah. Wie aber, so fragen wir, sollte der Ägypter eine Maus als
König anders gegen eine feindliche Stadt anrennen lassen als auf einem Streitwagen nach der
Art des Pharao ? Trägt nicht unser abendländischer Froschkönig genau so wie der menschliche
Landesherr seine Krone auf dem Kopf ? Wer würde aber deshalb in unserem Märchen eine Parodie
auf das hohe Haupt sehen wollen ? Es kann gar nicht anders erwartet werden, als daß der ägyp-
tische Zeichner die in der offiziellen Kunst vorgeprägten Formen auch für die Vorgänge innerhalb
des Tiermärchens verwendet.
Der entscheidende Grand, in unseren Tierbildern Illustrationen zu Satiren zu erblicken, ist aber
der, daß das biologische Verhältnis der Tiere vergewaltigt wird, j a auf dem Kopf steht. So, wenn
die Katze eine Maus bedient, statt sie zu fressen, oder der Fuchs die Gänse hütet, anstatt sie zu
zerreißen. Darauf kann verschiedenes geantwortet werden. Wie oben gesagt, setzt das Märchen
(wie die aus ihm entwickelte Märchenfabel) das Tier als Handlungs- bzw. Charakterträger an jede
beliebige Stelle, an der es gebraucht wird, auch wenn die naturgegebenen Verhältnisse sieh reiben.
Gilt die Katze als Dienerin, so dient sie so gut vor dem Löwen wie vor der Maus, das natürlich-
biologische Verhältnis bleibt unberücksichtigt. Diese auch aus den übrigen Kulturbereichen be-
kannte parataktische Denkweise des Menschen ist j a nicht nur ein Bestandteil vorgeschichtlicher,
sondern auch noch vorgriechischer Zeit und in seinem Wesen dem zu vergleichen, was Schäfer für
die Kunst dieser Völker als „geradansichtig-vorstellig" herausgearbeitet hat. Es m u ß also mit der
Zusammenstellung der Tiere nicht der Akzent auf einer satirischen Verkehrung liegen, wenn es freilich
auch verständlich ist, daß beim modernen Betrachter diese Bilder mit kopfstehenden Naturverhält-
nissen einen mit Spottgeist durchsetzten Angriff auf verirrte zeitgenössische Zustände nahegelegt
haben.
Die Beispiele für das h a r m l o s e Mißverhältnis aus der Märchenliteratur sind ohne Zahl. Es mag
genügen, wenn ich darauf verweise, daß „Fuchs und Hase als Freunde ausziehen, um Baumfrüchte
zu ernten" (Μ. 78) 1 , „eine R a t t e sich eine Kuh zum Melken h ä l t " (M 10), daß der Löwe und eine
Reihe anderer Großtiere, die dieselbe Kuh ihres Fleisches wegen gern erbeutet hätten, im Kampf
gegen die Besitzerin R a t t e erliegen. So auch kann der Löwe seinen Freund Hase durch kein Mittel
los werden, als der ihm lästig fällt (M 14).
Es liegt also mit den naturwidrigen Verhältnissen kein zwingender Grund für die Annahme einer
Parodie, oder gar einer Satire vor, die auf die verwirrten Zustände des Landes, „das sich umdreht
wie eine Töpferscheibe", abzielte. Wollen wir dennoch dieser Meinung an einem Beispiel huldigen,
so lautete die Übersetzung des Scherbenbildes B - T 95 ( = 2a) etwa: „Die von Natur aus Unter-
legenen sind emporgekommen; was oben war, ist unten; doch es bleiben diese Neureichen auch im
feinsten Linnen Pöbel, indem sie barbarischen Sitten (des Trinkens mit dem Saugrohr) des Roten
Kleinasien frönen".

Ich gebe hier und im folgenden Beispiele aus-afrikanischen Märchen; die Bezeichnung (M . . .) bezieht sich
auf die laufenden Nummern der Ausgabe von C. Meinhof in den „Märchen der Weltliteratur", J e n a 1921.

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1955] E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärehen 27

Scheinen damit nicht die Mahnungen des Ipu-wer trefflich illustriert ?


„. . . Die Vornehmen sind voll Klagen und die Geringen voll Freude (2, 7); . . . das rote
Land ist im Lande (Ägypten) verbreitet (3, 1); . . . die Damen sind (jetzt) Dienerinnen (4, 12);
. , . der Reiche schläft durstig, wer ihn sonst um seine Neigen bat, hat jetzt gutes Bier (?)
(7, 10—7, 11); . . . wer nicht für sich webte, besitzt nun feines Linnen. (7, 11—7, 12); . . . wer
ein Bote gewesen ist, sendet jetzt den anderen aus (8, 3); . . . wer ein Herr war, erledigt nun
selbst Aufträge (9, 5); . . ."
Zur Trinksitte der Mäusedame dürfen wir aber daran erinnern, daß Märchenillustrationen eben-
sogut zeitgenössisch wie legendär ausgestattet sein können; man denke etwa an den Wandel unserer
Rotkäppchenkostüme! Schließlich trinkt auch der Hund auf VA 2315 nach syrischer Sitte, ohne
daß dort eine Umkehrung sozialer Verhältnisse überhaupt ausgedrückt sein kann. Was den vor-
nehmen Schurz der Mäusedame angeht, so rauß mit ihm auch nicht auf das „feine Linnen" der
Neureichen angespielt sein, denn wie sollte die Herrin anders als gut gekleidet sein! Ja, es gibt
unter unseren Bildern sogar „Diener", die fein bekleidet sind (wie 3b und 3c), so daß also auch
die Tracht keinen Hinweis auf soziale Verkehrung gibt.
Im Märchen pflegen die Tiere immer dann Kleider oder Ausrüstungsgegenstände zu tragen,
wenn es ihre Rolle verlangt. So trägt der Löwe Kleider, als der Hase ein Stück Fleisch als corpus
delicti darunter festbinden will (M 14), der Tiger hat eine Tasche umhängen, als sie gebraucht wird,
damit die darin getragene Schildkröte aus dem Loch am Boden entwischen kann (M 40), und so
auch hat die Katze soviel Kopfhaare, wie sie braucht, um einen Haarpfeil einstecken zu können
(2b, Kairo = Abb. 4).
Um ein anderes Beispiel davon zu geben, wie vollkommen das Tier in eine bestimmte Rolle ein-
gehen kann und dabei die natürlichen Verhältnisse (hier: der Größen) außer Betracht bleiben,
sei in Erinnerung an den Gänsebraten, der unserem kleinen Nagetier Maus in der Rolle der Dame
vorgelegt wird, auf den Hasen verwiesen, der als Belohnung viele Hennen fordert und sie nach
Empfang alle zugleich verzehrt (M 78), während sich eine große Tiergesellschaft mit Löwe, Tiger
und Elefant auf das Mahl einer einzigen Schildkröte freut (M 40).
Finden wir es parodisch, daß eine Schwalbe einen Baum mittels Leiter besteigt ( I I ) 1 , so kennen
wir auch hierfür genug Parallelen aus der Märchenwelt. Ja, die Ente vergißt sogar, daß sie fliegen
kann, als ein Fuchs sie bedroht (M 67), und der gleiche Fuchs ist verblüfft, daß der Rabe, den er
einen Berg hinunterwirft, davonfliegt.
Es muß schließlich zu unseren Tierbildern gesagt werden, daß der Akzent schon deswegen nicht
immer auf der Verkehrung liegen kann, weil die Varianten die Tiere in ihre natürliche Beziehung
setzen, so dort, wo die Katze einen Fuchs bedient (3d) oder eine Mäuseart eine andere (3a) — und
das auf demselben Bild mit einer Katzendienerin! — und (allerdings erst spät) eine Mäuseabord-
nung vor den Katzenpharao tritt (ld — Taf. 1,1).
Sollten wir aber Recht haben mit unserer Vermutung 2 , daß die Katze-Maus-Szenen zu tun haben
mit dem Märchen, das sich als volkstümliches Heiligenlied vom Katzenmäusekrieg bis ins moderne
Ägypten gehalten hat, so liegt der Nachdruck in der Tat auf der Verkehrung, aber: die Verkehrung
ist lediglich eine Durchgangsstufe innerhalb des Märchens, die wieder in die Ruhe der ordnungs-
gemäßen Feindschaft zurückgeführt wird und eben dieses natürliche Feindverhältnis nur erklärt.

Müssen wir demnach die Erklärung als Satire zurückweisen, so wollen wir nun der Frage nach-
gehen, ob unsere Themen etwa mit der vorparadiesischen, also mythisch gebundenen Unordnung
zu tun haben und als Mythenthemen aus Ägypten oder auch vom Ausland her stammen könnten.
Wir vergegenwärtigen uns zu diesem Zweck die Verhältnisse in Vorderasien und wählen zum Gegen-
stand der Betrachtung die Tiermusikanten.

*) Vgl. zur Deutung als mythisches Geschehen in der Unterwelt: VA, Text, S. 64, dazu hier S. 19 unten.
. *}'ß. 20, Anm. 1.

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28 Emma B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen [80. Band

Aufsehenerregend war der Fund einer Leier in den Königsgräbern von Ur, deren Stirnseite mit
Tierszenen ausgestattet ist: Schakal und Löwe, wie Mensehen aufrecht schreitend, tragen Getränke
und Speisen; ein Esel spielt eine große elfsaitige Harfe, vor ihm tanzt ein Bär, zwischen beiden
hockt ein Fuchs (? oder eine Ziege?), der ein Sistrum schüttelt und mit der andern Pfote die
Trommel schlägt; schließlich tanzt ein Skorpionmensch mit Krotalen (?) in der Hand, hinter ihm
eine Gazelle, wohl nicht mit Bechern, sondern mit Griffklappern. Wir haben also neben Tier-
dienern, die ein Bankett vorbereiten könnten, eine Tierkapelle vor uns mit einem Harfe spielenden
Esel wie 6 a (vgl. dazu den Esel mit der Leier Phaedrus app. 12, den musizierenden Esel der Bremer
Stadtmusikanten Grimm Nr. 27, seine Rolle in der romanischen Kunst sowie das deutsche Sprich-
wort: „Was t u t der Esel mit der Sackpfeife ?" u. a. ni.). Über den drei Bildreihen der Leier aus
Ur steht Tammuz als Rinderbeschützer.
Wenn wir Moortgats Deutung folgen 1 , so stellen die Bilder einen Ausschnitt dar aus dem Zyklus
des Tammuz -und zeigen den Vorabend des Neujahrsfestes, wo vor der Wiedergeburt des Gottes,
mit dem die Ordnung aufs neue einzieht, die chaotischen Mächte alle Werte umwerten. Wie aber
könnte die Verkehrtheit einer Ordnung sinnfälliger gemacht werden als durch das naturwidrige
Verhalten der Kreatur? Auf dem Grund der biologischen — nicht psychologischen! — Eigen-
schaften von (Pflanzen und) Tieren vermögen wir Aussagen zu machen, wie sie im Bereich des
Menschen keineswegs ebenso drastisch veranschaulicht werden könnten. So kommen die Instru-
mente in die Hand der Tiere, das Festgelage wird von den Tieren vorbereitet und, wie Siegeldar-
stellungen zeigen, auch die Trinkzeremonie von Tieren vollzogen. Hier, in Sumer, stünde demnach
die Tiermusik im Zusammenhang mit der „Verkehrten Welt" der Saturnalien, des Vorabends der
paradiesischen Ordnung.
Aus dem Vorderen Orient kennen wir weiter „Die große Tierkapelle" auf einem Relief von
Tell-Halaf 2 , aus der vorgeschichtlichen Kunst Elams eine Reihe von Siegelzylindern mit ähnlich
handelnden und musizierenden Tieren 3 und von Fara ein Siegel mit
einem hockenden Mischwesen, das zum Tanze von Tieren die Harfe
schlägt 4 . Folgen wir einer Erwägung Cap arts®, so wäre vorderasiati-
sches Geistesgut frühester Kulturstufe auf einemWeg, den der Hyksos-
zylinder 8 andeutet, ins Niltal herabgewandert, hätte sich im NR die
Volksseele erobert, wäre, wie wir die Linie nun selbst ausziehen
wollen, als parodischer Bestandteil in den Kult eingegangen wie die
Eselsfeste des Mittel alters am Neujahrstag, hätte als solcher seinen
Niederschlag im Schepenupet-Tempel gefunden und sich auf grie-
6
chischem Boden bis ins 2. nachchristliche Jahrhundert gehalten.
Rollsiegel der Η yksoszeit, Brüssel ,, , . . . . ,,T , ^ · ι
Denn nach Apulejus (Met. XI, 17) zieht m der Festprozession der
Schiffahrtsgöttin Isis in Kenchreae, dem östlichen Hafenort von Korinth, auch ein tanzender Bär
mit, ein Esel als Pegasus sowie ein Affe als Mundschenk. Die römischen Isisfeste gar sind voller
Vermummung, Diese Entwicklungslinie würde durch die Tatsache gekräftigt, daß die Siedlung
von Der el-Medine, der Hauptfundort der Ostraka, durch vorderasiatische Arbeiter überfremdet
war, die syrische Götter — Kadesch und Reschef— und eben vielleicht auch syrische Trinksitte
als Lehnsgut eingeführt haben.
Nun mögen wir in unserer religiös indifferenten Zeit wohl·Kultbräuche einführen (Weihnachts-
baum!), doch Ägypten hätte ein solches aus Asien überkommenes Geistesgut zumindest seiner

S c h a r f f - M o o r t g a t , Ägypten und Vorderasien im Altertum, S. 251 ff. Ausführlicher bei M o o r t g a t ,


Tammuz, passim.
2
) M. v. O p p e n h e i m , Der Teil Halaf (1931), Taf. 38 und S. 158 = M o o r t g a t , Tammuz, Taf. 47.
3
) E. H e r z f e l d in Archäol. Mitt. aus Iran, Band 5, 1933, S. 75, Abb. 10 und S. 77; auch R. W ü r f e l , Fabel,
4
Abb. 12. ) R. W ü r f e l , Fabel, Abb. 11.
s
) In Comptes Rendus de 1'Academic des Inscrr. et Beiles-Lettres 1936, S. 23.
6
) S. 18, Α um. 4 und Abb. 6. Allerdings müßte diese Hypothese auch die frühen Zeugnisse einbegreifen können!

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1955] E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen 29

Haltung entsprechend umgedeutet. Umgedeutet — denn von einer dem mesopotamischen Neujahrs-
fest vorangehenden „Verkehrten W e l t " wissen wir aus Ägypten nichts Greifbares. W e d e r das Krö-
nungsfest noch die Mythen vom Weltbeginn kennen ein vorabendliches Chaos im Sinne des Wirr-
warrs, vielmehr ist der Zustand, der dem Sehöpfungsakt sowie der Inthronisation P h a r a o s voraus-
ging, von nebelhafter Dumpfheit. Zur Zeit, da „der Himmel noch nicht e n t s t a n d e n war, die Erde
noch nicht entstanden war, als die Menschen noch nicht entstanden waren . . ," so heißt es von
der Welt vor der Schöpfung 1 , da „war auch die W u t noch nicht entstanden", ebensowenig wie
„der Lärm, der Streit und die Störung, da war das Auge des Horas noch nicht verletzt und die
Hoden des Seth waren noch nicht abgeschnürt", und auch,,das Sterben war noch n i c h t e n t s t a n d e n " .
Es ist die Welt vor der Schöpfung der Zustand des Noch-nicht-seins, während zur Schöpfung
selbst Streit und Hader und auch Sterben gehören. Dagegen gilt die Zeit der 8 Urgötter einer
späteren thebanischen Kosmogonie zufolge als Goldenes Zeitalter, in dem die A c h t „alles Gute in
ihrer Zeit schufen, die Wahrheit herabstieg zur Erde . . . Nahrung im Oberfluß w a r in den Leibern
der Menschen, es kein Unrecht im Lande gab, kein Krokodil raubte, und es keinen Schlangenbiß
gab" 2 . Diese Welt der ersten Schöpfung ist-die befriedete Welt des Paradieses.
Wenn hier auch gewisse Widersprüche oder zumindest Unklarheiten vorhanden sind, so läßt
sich aber soviel erkennen, daß weder der vorparadiesische Zustand kopfstehend geschildert ist,
so daß wir daraus verkehrte Naturverhältnisse ablesen dürften, noch daß die Zeit der kosmischen
Harmonie derart lebendig ausgestaltet ist, daß wir einen Naturfrieden in Einzelheiten daraus er-
schließen könnten. Es kann sich, soweit wir das mythisch nennen wollen, von Ägypten her allen-
falls um jene •— im ägyptischen Mythos wie in der Vorstellung von der ,,Töpferscheibe" unbestimmt-
ahnungsvoll durchschimmernde (archetypische) — Vorstellung von der ewigen Außerordnung handeln,
eine Vorstellung, die vorhanden ist, auch wenn sie niemals eine festgeprägte Form bekommen hat. Das
ist in der Tat gut möglich, und solche und entsprechende UrvorStellungen dürften bei unseren
Märchen „naiv" im Spiele sein. — Es gehört in diesen Zusammenhang auch der Hinweis, daß in
allen Verzauberungsmärchen das Tier die Durchgangsstufe außerhalb der Ordnung bedeutet. In
Tiergestalt unterliegt der Mensch der Prüfung und wird mit seiner Erlösung wieder zum Menschen.
Und wie wir wissen (s. S. 13), liegt ja dem Märchen eine moralische Vorstellung zugrunde.
Soll ten d it; „verkehrten" Bilder tatsächlich aus Vorderasien ins Nilland übertragen sein, so könnten
sie sich dort nicht anders denn ais „naives" Märchengut behauptet haben. Aber ich halte es, wie ge-
sagt, für viel nüherliegend, daß die Vorstellungen in Ägypten selbst ihre Heimat h a b e n . Sie müßten
dann auf vorgeschichtliche (Mythen-) Märchen zurückgehen, h ä t t e n in der Hierakonpolis-Palette einen
Niederschlag gefunden als (religiöses) Märchen, sich durch den weiteren Gang der Geschichte mit
Spuren im AR wie MR als Volksgut gehalten (vgl. dazu S. 18 f.), erführen in A m a r n a mit den pro-
fanen Kinderspielzeugen eine greifbare Gestalt und tauchten in der Ramessidenzeit mit den Papyri
und Ostraka — die teilweise Entwürfe zurWandbemalung der Wohnhäuser sein mögen (s. S. 30) — als
Volkskunst aus der Versunkenzeit illiterarischer Existenz drängend an die Oberfläche. Zwar be-
reitet das Medamöd-Relief bei dieser Deutung gewisse Schwierigkeiten, doch auf jeden Fall ge-
ringere als bei einer Zuordnung zu Fabel oder gar Satire.
Dieses Tempelrelief könnten wir mühelos nur verstehen aus dem Kult heraus, d.h., d a ß unsere Tier-
szenen jenes oben gekennzeichnete, aber für Ägypten als unwahrscheinlich erklärte Faschingstreiben
illustrierten, daß dieses Spiel mit den chaotischen Mächten bei der Gründung des Reiches als Ord-
nungsstaat aus dem Kunstkanon verbannt worden und vor der Spätzeit (Medamöd) nur auf in-
offiziellen Denkmälern ans Licht zu treten gewagt hätte. Schließlich könnten wir die „burlesken
Scherze" 3 in völliger E n t a r t u n g beim griechischen Isisfest im Schwange sehen. Doch der späte
Isisglaube ist allzu hellenistisch geprägt, hat Kultform wie Gehalt mit der ägyptischen Religion
kaum gemein, so daß ich diese Beziehung nach Kenchreae für ebenso unwahrscheinlich halte wie
x
) Pyr. 1463 (aus Spruch 570) und Pyr. 1466 (aus Spruch 571); vgl. auch G r a p o w in ZÄS 67, S. 35.
s
) S e t h e , Amun und die acht Urgötter, § 125,
s
) E r m a n , Religion (1934), S. 432.

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30 E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen [80. Band

die ganze primär-mythische Deutung. Dürften wir denn nicht auch, wenn die Tierbilder auf Kult-
bräuche Bezug nähmen, unbedingt einschlägige Texte erwarten ? —
Es scheint mir nach allem Gesagten nur der eine Gedanke schlüssig', daß unsere Tierszenen Illustra-
tionen darstellen zu Märchen, und zwar zu den sog. naiven Märchen (allenfalls in ihrer Konzeption
von fern an den Mythos anklingend), wie sie in der ägyptischen Literatur kaum belegt sind. Es würden
die Bilder demnach in jene Lücke einspringen, die — wohl nicht durch den Zufall der Überlieferung,
sondern mit gutem Grund — von den Texten offen gelassen ist. Diese Lücke war um so befremdender,
als wir das Märchen mit seiner parataktischen Denkweise, seiner in Urber eichen beheimateten Natur-
Vorstellung und seinem naiven Glauben an eine ausgleichende Gerechtigkeit sowie schließlich seiner
,,orientalischen Phantasie" aus dem Alten Ägypten schwerlich wegdenken konnten. In der Tat dürfte
Ägypten der reiche Born sein, der die Welt bis heute mit Märchen getränkt hat und aus dem gar mancher
Märchengedanke gesprudelt ist, dessen Quelle bis jetzt in Indien vermutet wurde. An dem Beispiel
des Katzenmäusekrieges läßt sich das Nachleben bis in unsere Tage recht wahrscheinlich machen1.
Parallelen zu den Bildthemen wären aus der griechisch-römischen Märchen-Fabelwelt leicht auf-
zuzeigen 2 , doch verzichten wir hier bewußt auf die Beziehungen zu fremden Kulturbereichen,
fördert es unser Verständnis doch nur, wenn wir die Phänomene im Lichte ihres eigenen Geistes
aufleuchten lassen. Und der Geist der ägyptischen Tierbilder — beruhend auf der Vorstellung von
der Gemeinsamkeit des Lebens, in welchem Mensch und Tier und Baum und Strom verwandt sind
(Märchen von den zwei Brüdern) — ist der Geist des M ä r c h e n s . Daß entsprechende Texte (bisher)
fehlen, nimmt uns nicht wunder, wenn wir einmal bedenken, daß die erhaltenen märchenähnlichen
Erzählungen (s. S. 16) in nur je einer Aufzeichnung erhalten sind, während wir von anderen Lite-
raturgattungen viele Wiederholungen kennen, insbesondere freilich von denen, die als Schultexte
immer wieder geübt worden sind. Weiter mögen wir uns vorstellen, daß unsere Märchen in die Zeit
vor der Schrifterfindung zurückgehen und von ihrem Ursprung an auf die mündliche Überliefe-
rung angewiesen waren, später aber als Volksgut nie in den Rang schriftlicher Literatur erhoben
wurden. Dagegen sollte es mich nicht wundern, wenn wir bei der Wohnhausbemalung eines
Tages auf Märchenmotive stießen. Die Maltechnik der Scherbenbilder läßt mich vermuten, daß
die Zeichnungen Übungen zur Wandmalerei darstellen. Die Spielzeuge aus Λ mania — falls diese
Deutung zutrifft — verraten, daß zumindest damals das Märehen (und natürlich nicht die. Sa-
tire!) in die Kinderwelt eingegangen war.
Daß das Vorstellungsgut des Märchens einer Tradition von Mund zu Mund anheimgestellt ge-
wesen sein mag, erinnert uns daran, daß das Märchen — das ja auch bei uns erst seit der Romantik
aufgeschrieben ist — bei den Völkern heilig-geheim gehalten wird, weil es kündet „von den wunder-
baren Geheimnissen des Lebens."
„Die Märchen von den . . . . Tieren . . . wären ohne den alten Glauben an die Tiere und ohne
die ältesten Geschichten von den Tieren nicht da. Was bedeuten doch diese Tiermärchen für das
Märchen! Sie sind immer noch zahlreicher und verbreiteter als die Märchen anderer Herkunft und
sind oft das Märchenhafteste im Märchen. Schließlich erklärt uns der alte Glaube an die Tiere den
Ursprung, die Lebenskraft und die Verbreitung der Fabel" 3 . Die Tiere sind „alle untereinander
verwandt. Sie nennen sich Schwager . . . Neffe, Onkel. Wir finden die kuriosesten Verwandt-
schaften . . . Desgleichen haben die Geschichten von der verkehrten Welt, wo . . . der Esel die
Laute spielt, hier wohl einen ersten Anfang" 4 . Mit Bezug auf die „Scherzmärchen" des Turin er

η S. 25, Anm. 1.
") Zur Katze als Sänftenträger des Hahns vgl. Phaedrus app. 16; zum Wolf als Hirten: Äsop 283 (Halm);
oder zu den Wölfen, die zu Wächtern der Herde erzogen werden: Äsop 373 (Halm); zu tiergestaltigen Dienern:
Karo, Bilderatlas, S. IX und auch Abb."62 oder zum Katzen- bzw. Wiesel-Mäusekrieg: Äsop 15 (Halm =
17 Babrios = Phaedrus IV, 2); Äsop 87 (Halm) und Äsop 291 (Halm = 31 Babrios = Phaedrus IV, 6); außer-
dem s. S. 14 unten. · . . * . .
*) v o n d e r L e y e n , Die Welt der Märchen, S. 92f.
4
) v o n d e r L e y e n , a. a. O., S. 19.

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1955] E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärohen 31

Papyrus denkt von der Leven 1 , „an die seltsamen und spaßhaften Tierverwandtschaften in den
Märchen der Primitiven".
Daß unsere Tiermärchen irgendwann in die F a b e l und letzten Endes sogar in die S a t i r e hin-
übergeglitten sein können, ist durchaus möglich bis wahrscheinlich (vgl. außer Leiden I, 384 den
Achikar-Roman), doch ändert das nichts an unserer Behauptung, daß unsere Tierbilder ursprüng-
lich T i e r m ä r c h e n illustrieren. Daß sie angesichts der frühen ägyptischen Zeugnisse und der ge-
treuen Übereinstimmung mit antiken Stoffen die Vorläufer unseres abendländischen Gutes gewesen
sind, unterliegt keinem Zweifel. Ägypten hat auch auf diesem Gebiet seine Kraft bis in unsere Tage
erwiesen*

Schließlich sei mir ein Wort zu den T a n z a f f e n gestattet, die wir in unserer Betrachtung bisher
ausgespart haben. B-T 100 und 101 zeigen einen tanzenden Neger und Oboe blasenden Affen. Die
Liste 6b—d gibt uns einen Begriff von der Häufigkeit musizierender Affen, meist Harfe oder
Doppeloboe bzw. Flöte spielend, seltener Laute und Cymbeln. Von der Fz. über die 5. Dyn., das
MR bis in die griechische Zeit begleitet uns das drollige Tier. Die Affen begrüßen die Sonne mit
ihren Lobliedern, ziehen in Philae mit Harfe, Laute und Cymbeln einher und sind nach den Texten
für das Mut-Tefnut-Nechbet-Ritual 3 tatsächlich zum Tanzen dressiert worden — offenbar zum
Auftritt bei kultischen Festen. Aber weder zu einem „ägyptischen Eselfest" noch zu einem Fasching.
„Es hüpfen Dir die Meerkatzen mit Stöcken und die Affen mit Stäben", singen die Musikanten im
Kultlied für Hathor 4 , und derselben Tänzer scheint sich noch die griechische Fabel zu erinnern.
Nach Äsop (Halm 360) „soll einmal ein ägyptischer (!) König Affen zum Waffentanz abgerichtet
haben. Die Tiere . . . hätten es sehr schnell gelernt und dann getanzt, eingehüllt in Purpurgewänder
und mit Masken vor dem Gesicht. Das Schauspiel gefiel eine ganze
Weile sehr gut, bis ein Zuschauer . . ." Dieser Fabel entnehmen wir
allerlei wichtige Hinweise, ja wohl eine Bestätigung der in den Ritu-
alen angedeuteten Sitte, Affen zum Kulttanz abzurichten. Sie waren
maskiert und schwangen Waffen. Wir haben sie uns gewiß ganz ähn-
lich vorzustellen wie die Neger bei der Prozession am Opetfest ( W r e s -
z i n s k i , Atlas II, 193f. und 199f.), die gleichfalls zu Ehren der Gott-
heit einen Waffentanz ausführen zum Rhythmus einer Trommel.
Neger und Affen verschwistern sich gern in bestimmten Rollen, so
auch als Tänzer, sei es, daß ihre gemeinsame Heimat den Ägyptern
die Artverwandtschaft nahelegte, sei es, daß die gemessenen Bewoh-
ner des Nils eine Ähnlichkeit beider Wesen in Physiognomie sowie
Gebärde zu erkennen meinten.
Aufs engste mit diesen Waffentänzern könnten die schießenden
Affen (Liste 14 u. Abb. 7) zusammengehören, ja auch von den übri-
Abb. 7
gen Szenen mit Affen könnte man die eine oder andere gut mit Holzfigürchen Kairo 45 697
diesen Übungen zusammenbringen.
Wie leicht sich zumindest bestimmte Affenarten zum Tanzen abrichten lassen, dürfen wir aus
Köhlers Beobachtungen schließen 5 , der die „primitive stages of dancing" der Schimpansen so be-
schreibt, daß wir sie durch die Scherbenbilder illustriert meinen. X „began to stamp first one foot
and then the other, . . . and slowly revolved round her own axis . . . springing from one foot to the
l
) A. a. O. S. 130.
s
) Bisherige Betrachtungen zu unserem Bildstoff zusammengestellt von Lourie in Musee de .''Eremitage,
Leningrad 1939, Trav. du Dep. orient., Band I, S. 60ff.; außerdem siehe die neuere Arbeit von R . W ü r f e l ,
Fabel sowie D r i o t o n - V a n d i e r , L'Egypte 3 , S. 490.
') Pap. Berlin 3014 + 3053, 12, 5 (Hier. Pap. Bln. I, Täf. 45) und Fouilles de El Kab, Taf. 23, Zeile 14.
*) Schott, Liebeslieder, S. 80.
ä
) The Mentality of Apes, London, S. 314 ff.

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32 E m m a B r u n n e r - T r a u t : Ägyptische Tiermärchen [80. B a n d

other I . . The resemblance to a h u m a n dance became truly striking when 1 he rotations were rapid,
or when . . . X stretched her arms out horizontally as she spun r o u n d " . Diese Beschreibung könnte
uns andererseits den Gedanken nahelegen, in den Scherbenbildern keine dressiert on, sondern sich
natürlich im Tanze drehenden Affen zu sehen, wenn uns nicht auch noch Aeiian von dor Kunst-
beflissenheit der Affen bei den Ägyptern folgendes berichten würde: 1 , . Έ - ϊ των 1 Γτολε^.χίο,ν οί
Αιγύπτιοι τους κυνοκεφάλους και γράμματα 'εδίδασκον και 'ορχεΐσθ-αι και κύλεϊν καί ψαλτικήν".
Nach all diesen Zeugnissen dürfen wir damit rechnen, das die Affen nicht nur zum Kult tanz ab-
gerichtet werden konnten, sondern auch dazu, „mit einem Musikinstrument umzuspringen" 2 .
Es mögen also in vielen der in unserer Liste verzeichneten Fälle nicht Märchentiere, sondern zur
Kultübung dressierte Affen wiedergegeben sein. Daß der schießende Affe religiöse Weihe hatte, liegt
auch dadurch nahe, daß die beiden Kairener Figuren (14) in einem Obeliskenschrcin gestanden haben
(heute davor aufgestellt) 3 und, wie die Durchbohrung schließen läßt, als Amulett getragen wurden 4 .
Nur wenn wir nicht für möglich halten, daß der Affe ein Instrument handhaben konnte, haben
wir es bei den musizierenden Affen, soweit sie nicht in märchenhaftem Zusammenhang (wie Turiner
Pap.), sondern im Verkehr mit ihrem Dresseur gezeigt werden, mit einer P a r o d i e zu Inn: die
Rollen des Dressuraktes von Abrichter und Tier werden umgekehrt besetzt. So liegen mit großer
Wahrscheinlichkeit Parodien vor bei VA 2288 (und VA 2292 ?) sowie dem Brüsseler Osfcrakon
Ε 6836. Jenes stellt einen Affen als Dresseur eines anderen Affen dar, dieses einer! Oboe blasenden
Affen zusammen mit einem tanzenden, der kunstvoll zwei Krummhölzer über dem Kopfe schwingt®.
Der Affe behält die Rolle des Tanzenden bei Äsop (Binder 29 und 181; Halm 360) über Lukian
(Pisc. 36) bis zu uns herauf (Affe mit Laute als Brunnenfigur, 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts,
Landesmuseum Stuttgart). Der Affenhalter gehört noch heute gelegentlich ins ägyptische
Straßenbild, wie er sich auch in die abendländische Kunst eingestohlen h a t : auf dem Gemälde
Firenzo di Lorenzos „Salome bringt Herodes das Haupt des Johannes", f ü h r t ein dunkelhäutiger
Zwergen-Hofnarr einen Affen an der Leine (Berlin, z. Zt. in Wiesbaden)".

H A N S GO Ε D I C K E

Alternation of h and d in Egyptian


Attention shall be drawn here to a phenomenon noticed in several pairs of words which are iden-
tical or similar in their meaning and which differ in their orthography in one point, namely t h a t the
one group contains the consonant h while the equivalent replaces d for it. As far as 1 am aware
this phenomenon, has not been pointed out hitherto, in print at least. It might furnish an indication
of the existence of dialectal differences in Egyptian.

The examples I was able Ι ο find are as follows:


'h " t o burn( ?)" \l "to burn"
WB I 223.18 Late, Gr. WB ΐ 239,5 Gr.
wr'hy " t o bo green" " t o grow" wSd " t o be green"
WB I 259,3 pp. Pyr., OK, Gr. WB I 264 pp.
wShy "colonnade" • wi'dy.t "colonnade"
" WB I 259,12 since MK WB I 269,6 pp. since 18

') De N a t . A n i m . V I , 10
2
) Vgl. besonders auch D a r e s s y 2 5 1 3 8 !
3
) λ Vie beispielsweise die T o t e n f i g u r von Bissiug, Die K u l t u r des a l t e n Ä g y p t e n s , T a i . 9, 19a u. 191).
4
) Vgl. auch die schießenden Götter Daressy, S t a t u e s de IJivinites [Cat. Gen. Cairo) 3 8 7 0 0 , 88 855 ί.
5
) Ähnliche Parodie u. a. P o l r i c , Illahun, Taf. 18. 2 » W a l l i s , Εμ. Ceramic Art (1898), 25, A b b . 44.
°) Das Verhältnis v o n den Lieblingstieren z u m M ä r c h e n b e h a n d e l t in meinen B i l d o s t r a k a .

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