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Falsche Vorwürfe und die Verleumdung von Konkurrenten sind beliebte

Methoden der Intrige. Doch manchmal fallen sie auf den Intriganten zurück, wie
bei der Bordell-Affäre des irischen Ministerpräsidenten. Die Anatomie dreier
Intrigen.
Die Porno-Intrige bei der HSH Nordbank

Der entscheidende Hinweis war hinter einem Kinderfoto versteckt. Darauf notiert: eine E-
Mail-Adresse, über die angeblich Kinderpornos abgerufen worden waren. Der Hinweis war
einer Truppe aus Mitarbeitern der HSH Nordbank und einer von der Bank beauftragten
Sicherheitsfirma im September 2009 in die Hände gefallen – bei einer Durchsuchung des
Büros von Konrad R.*, dem damaligen New Yorker Büroleiter der HSH Nordbank.

Der Vorfall aber – eigentlich unstrittig Anlass zu fristloser Kündigung und strafrechtlicher
Verfolgung des Täters – entpuppte sich als komplett konstruiert: Die Razzia war fingiert,
der vermeintliche Kinderporno-Beleg untergeschoben. Und Konrad R. Opfer einer Intrige.
Das Ziel der Aktion: Einen unliebsamen Kollegen loszuwerden, ohne die bei regulärer
Kündigung fällig Millionen-Abfindung berappen zu müssen.

Diesen Schluss jedenfalls lassen diverse Berichte renommierter amerikanischer


Anwaltskanzleien sowie Ermittlungen der New Yorker Bezirksstaatsanwalt zu, die mit dem
Fall befasst waren.

Demnach hatte die HSH-Spitze seit 2007 mehrere Versuche unternommen, den Manager
los zu werden. Doch weder der Vorwurf, Spesenbelege falsch abgerechnet zu haben,
noch eine Klage wegen mutmaßlicher Diskriminierung zweier Mitarbeiterinnen waren
erfolgreich.

Also mussten stärkere Geschütze aufgefahren werden: Als Vorwand für Nachforschungen
dienten angebliche Ermittlungen des FBI gegen Konrad R. Der Verdacht des US-
Geheimdienstes: Kinderpornographie. Gleich mehrere Zeugen bestätigten den Verdacht
gegen Konrad R., darunter leitende Angestellte der Bank sowie eine Mitarbeiterin einer
Anwaltskanzlei, zu deren Kunden die HSH Nordbank zählt.

Die Wahrheit war: Weder hatte das FBI jemals gegen Konrad R. ermittelt. Noch waren
auf dem Computer des New Yorker Niederlassungsleiters Hinweise gefunden worden,
dass besagte Kinderporno-Seiten dort aufgerufen worden waren.

Konrad R. zog gegen die Bank vor ein New Yorker Gericht, die Auseinandersetzung
endete mit einem Vergleich, beide Seiten vereinbarten Stillschweigen. Dem Vernehmen
nach aber zahlte die Bank ihrem Ex-Büroleiter eine Abfindung über mehrere Millionen
Euro.

Die Jagd der Sonderkommission „Stuhl“

Eigentlich schien die Sache nicht weiter Aufsehen erregend, damals, im Sommer 2006:
Ein Jahr nach dem Regierungswechsel in Nordrhein-Westfalen sollte auch Friedrich H.*
gehen. Der letzte, den Grünen nahestehende Abteilungsleiter im nun von der CDU
geführten nordrhein-westfälischen Umweltministerium, wurde fristlos entlassen – der
Abgang versüßt mit einer Ehrenerklärung und 75 000 Euro Abfindung.
Doch mit dem vermeintlich geräuschlosen Ende sollte die eigentliche Geschichte erst
beginnen: Denn kurz später erstattete ein Staatssekretär des damaligen CDU-
Umweltministers Eckhard Uhlenberg Strafanzeige gegen Friedrich H. Die Vorwürfe gegen
den unbequemen Umwelt-Überzeugungstäter, der zum Unwillen des Ministers auf eine
aufwändige Verbesserung der Wasserqualität der Ruhr gedrängt hatte: Geheimnisverrat,
Vorteilsnahme, Bestechung.

Den eigenen Korruptionsbeauftragten, ein erfahrener Staatsanwalt, schaltet das


Ministerium nicht ein – obwohl das Pflicht ist. Stattdessen schickte ein Ministerialbeamter
dem Landeskriminalamt belastende E-Mails mit Klatsch und Tratsch, festgehalten von
angeblich enttäuschten ehemaligen Mitarbeitern, die FriedrichH. immer wieder auch am
Wochenende noch spät nachts angerufen hatte. Die beim LKA eingerichtete
Sonderkommission „Stuhl“ sammelt Hinweise, verfasst eine 6000 Seiten dicke
Dokumentation.

Im Mai 2008, nach knapp zwei Jahren Aktensammlerei, wird Friedrich H. festgenommen,
verbringt 22 Tage in Untersuchungshaft. Seine angeblichen Vergehen: Zwischen Oktober
2003 und Mai 2006 soll er einer Gruppe aus Professoren und Unternehmern
„zweckwidrig“ Forschungsaufträge und Projekte zugeschanzt haben. Die vermeintliche
Gegenleistung: ein Urlaub in Frankreich, ein Laptop und für einige Wochen einen
Kleinwagen. Der Schaden, so die Staatsanwaltschaft Wuppertal im Mai 2008: rund 4,3
Millionen Euro.

Privatleben eines einstigen Staatsdieners ruiniert

Heute, Tausende abgehörte Telefonate und gehackte E-Mails, eine bundesweite Razzia
mit 270 Polizisten und einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss mit knapp 1000
Aktenordnern später ist klar: Die Verdächtigungen waren nicht gerechtfertigt – der
angebliche Frankreich-Urlaub entpuppte sich als selbst bezahlter Besuch einer
Fischtreppen-Anlage, der Laptop als längst zurückgegeben. Und den angeblich kostenlos
zur Verfügung gestellten Kleinwagen hatte die beschuldigte Firma nie besessen.

Die Folge: Das Vertrauen in Ermittler und Ministerialbürokratie ist erschüttert, ein in die
Ermittlungen hineingezogenes Unternehmen zerstört, das Privatleben eines einstigen
Staatsdieners ruiniert.

Eine „staatliche Treibjagd“ sieht Johannes Remmel, parlamentarischer Geschäftsführer


der Grünen-Fraktion im NRW-Landtag. Bestätigt durch die Einschätzung eines an den
Ermittlungen beteiligter LKA Referatsleiters, der nach Lektüre der Unterlagen schon früh
Verdacht geschöpft hatte: Er habe „teilweise den Eindruck“, schreibt er in seinem
offenherzigen Resumée, „dass bestimmte gewünschte Wahrnehmungen durch tolldreiste
Spekulationen erzwungen werden“.

Wie aber gelang es den Beteiligten, diese Intrige gegen Friedrich H. zu spinnen? Aus drei
Fäden, aus denen die Hintermänner und –frauen ihrem Opfer einen Strick zu drehen
versuchten:

Der erste Faden führt in die Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Aufgrund diverser


Presseartikel zur Suspendierung von Abteilungsleiter Friedrich H. legte Staatsanwalt
Kumpa eine Akte an: „50 AR 6/06“ Damit war der erste Faden gesponnen.
Der zweite Faden lag im Korruptionsdezernat des Landeskriminalamts. Das war ebenfalls
auf die Presseberichte aufmerksam geworden. Und ließ sich bei einem Gespräch am 13.
Juli 2006 von zwei Vertreter des Ministeriums von dem mutmaßlichen
Korruptionsvorwürfen gegen Friedrich H. berichten. Eine offizielle Korruptionsanzeige von
Seiten des Ministeriums erfolgte nicht – das erledigt tags darauf ein LKA-Beamter und
informiert darüber die Staatsanwaltschaft Wuppertal. So erfährt das LKA, dass auch die
Staatsanwaltschaft Düsseldorf in gleicher Sache ermittelte.

Damit waren Faden 1 und 2 miteinander verknüpft – die Ermittlungen auf Seiten der
Strafbehörden begannen.

Im Umweltministerium – Faden Nummer drei – trug der damalige Leiter der


Disziplinarreferats das belastende Material gegen Friedrich H. zusammen. „Recht“,
schrieb er einmal in einem Vermerk „ist Kampf“. Als scheinbar genügend belastendes
Material zusammengekommen ist, wird Friedrich H. am 16. Juni 2006 gefeuert, die
fristlose Kündigung drückte ihm der Pförtner in die Hand. Offizielle Sprachregelung
im Ministerium: Die Kündigung solle nicht aktiv, sondern nur auf Nachfragen der Presse
„näher konkretisiert“ werden. Das dauerte nicht lange, besagte Artikel erschienen. Es
folgte das erwähnte Treffen zwischen LKA-Beamten und Ministeriumsmitarbeitern, die in
die Korruptionsanzeige gegen den Grünen-Sympathisanten Friedrich H. führt.

Laut dem Online-Portal „Ruhrbarone“ soll der Leiter des Disziplinarreferats die
Ermittlungen „befeuert“ haben, „wo er konnte“: Überreichte Unterlagen, schickte
Vermerke und reichte Gerüchte durch. Schwärzt am 14. Juli 2006 Ex-Abteilungsleiter
Friedrich H. an wegen „Indizien für versuchte Falschabrechnung von Reisekosten.“ In
einer Vernehmung durch das LKA sagt eine Ministeriumsmitarbeiterin, Friedrich H. habe
„keine Leistung ohne Gegenleistung" erbracht.. Konkretes sei ihr zwar nicht bekannt.
„Ich weiß nur, dass er sich Ende 2005 ein neues Auto gekauft hatte. Darüber wunderte
ich mich, zumal er häufig kein Geld hatte.“

Vage Behauptungen, die aber offenbar genügten, um das LKA auf Friedrich H.s Spur zu
setzen. Die Intrige war gesponnen, der Strick zog sich zu. Das Ergebnis: Ein in die
Ermittlungen hineingezogenes Unternehmen wurde zerstört, Friedrich H.s Privatleben
ruiniert.

Die Bordell-Affäre um Irland Verteidigungsminister

Auch im Skandal um Willie O’Dea schienen die Rollen zwischen gut und böse anfangs klar
verteilt: Im Wahlkampf um die Macht im nationalen Parlament vor gut einem Jahr hatte
der damalige irische Verteidigungsminister in einem Gespräch mit Pressevertretern einem
Konkurrenten der Oppositionspartei Sinn Fein beschuldigt, Miteigentümer eines Bordells
zu sein. Er habe die Informationen über den Konkurrenten von einem Polizeibeamten
unter der Hand erhalten.

Nachdem die Anschuldigungen publik geworden waren, distanzierte sich O’Dea erst von
den Presseberichten. Und stritt schließlich sogar in einer eidesstattlichen Erklärung ab,
diese Aussage über einen politischen Konkurrenten je geäußert zu haben. Nachdem er
ein deswegen im Parlament anberaumtes Misstrauensvotum überstanden hatte, schien
die Sache ausgestanden.

Doch als daraufhin ein Journalist eine Tonbandaufnahme veröffentlichte, die belegten,
dass O’Dea die üblen Gerüchte tatsächlich in die Welt gesetzt hatte, wendete sich die
Heimtücke gegen den Intriganten: „Ich sage in der Hitze des Gefechts manchmal Dinge,
die ich nicht so meine“, versuchte sich der Kriegsminister in der Kunst der
Selbstverteidigung.

Die Bordell-Affäre um Irland Verteidigungsminister

Auch im Skandal um Willie O’Dea schienen die Rollen zwischen gut und böse anfangs klar
verteilt: Im Wahlkampf um die Macht im nationalen Parlament vor gut einem Jahr hatte
der damalige irische Verteidigungsminister in einem Gespräch mit Pressevertretern einem
Konkurrenten der Oppositionspartei Sinn Fein beschuldigt, Miteigentümer eines Bordells
zu sein. Er habe die Informationen über den Konkurrenten von einem Polizeibeamten
unter der Hand erhalten.

Nachdem die Anschuldigungen publik geworden waren, distanzierte sich O’Dea erst von
den Presseberichten. Und stritt schließlich sogar in einer eidesstattlichen Erklärung ab,
diese Aussage über einen politischen Konkurrenten je geäußert zu haben. Nachdem er
ein deswegen im Parlament anberaumtes Misstrauensvotum überstanden hatte, schien
die Sache ausgestanden.

Doch als daraufhin ein Journalist eine Tonbandaufnahme veröffentlichte, die belegten,
dass O’Dea die üblen Gerüchte tatsächlich in die Welt gesetzt hatte, wendete sich die
Heimtücke gegen den Intriganten: „Ich sage in der Hitze des Gefechts manchmal Dinge,
die ich nicht so meine“, versuchte sich der Kriegsminister in der Kunst der
Selbstverteidigung.

Doch es half nichts mehr: Der Oppositionspolitiker erhielt eine finanzielle Entschädigung.
Und O’Dea blieb nichts als der Rücktritt vom Ministeramt.

Es geht um Macht, Bosheit, Heimtücke und Hinterlist. Manchmal kommt sie


spontan daher, mal von langer Hand geplant, aber immer mit voller Wucht. Es
geht für die Betroffenen ums politische Überleben. Es geht um Sieg oder
Untergang. Und es geht nicht immer gut: politische Intrigen. Anhand einiger
spektakulärer Intrigen der bundesrepublikanischen Geschichte zeigt die
Dokumentation "Die Politische Intrige" wie sie ihre Dynamik entwickeln.
In der Politik existiert die Intrige seit eh und je. Die Dokumentation beleuchtet anhand
von drei Beispielen die Anatomie politischer Machenschaften: der gescheiterten
Verschwörung gegen Bundeskanzler Helmut Kohl, des erfolgreichen Putschs gegen SPD-
Chef Rudolf Scharping und des Verrats bei der gescheiteren Wahl von Ministerpräsidentin
Heide Simonis.

Dabei kommen viele beteiligte Politiker zu Wort: Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping,
Wolfgang Thierse, Renate Schmidt, Ralf Stegner, Peter Harry Carstensen, Wolfgang
Kubicki, Anke Spoorendonk, Wolfgang Schäuble, Rita Süssmuth und Horst Teltschik. Der
Politikwissenschaftler Claus Leggewie und der Theaterintendant Claus Peymann ordnen
diese Meilensteine der jüngeren deutschen Demokratiegeschichte ein: politisch,
historisch, dramatisch.
Auf dem Bremer Parteitag der CDU kommt es 1989 zum großen Showdown. Helmut Kohl
und die gesamte Führungsriege wirken verbraucht, perspektivlos, verschlissen. Heiner
Geißler, Lothar Späth und andere formieren sich hinter dem Rücken des Kanzlers und
arbeiten an dessen Absetzung als Parteivorsitzender. Aber am Ende wird Helmut Kohl als
CDU-Chef wiedergewählt. Der Putsch ist gescheitert.
Rudolf Scharping ist 1995 Parteivorsitzender der SPD, Fraktionsvorsitzender im
Bundestag und er war 1994 erfolgloser Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl. Die SPD
verliert Landtagswahlen und steckt in einer handfesten Sinn- und Identitätskrise.
Scharpings mit großer Spannung erwartete Rede auf dem Mannheimer Parteitag wirkt
kraftlos. Und dann steht plötzlich Oskar Lafontaine am Rednerpult und begeistert mit
einer flammenden Rede. Mehrere Delegierte fordern Lafontaine auf, für den Parteivorsitz
zu kandidieren. Angeblich ganz spontan. In der Nacht werden die Strippen gezogen. Am
16. November 1995 tritt Lafontaine gegen Scharping an - und siegt in einer dramatischen
Kampfabstimmung.

Am 17. März 2005 kommt der Landtag von Schleswig-Holstein zusammen, um die
Ministerpräsidentin zu wählen. Die Blumen für Simonis liegen schon unter den Bänken
bereit. Doch es wird anders kommen. Trotz Koalitionsvereinbarung, trotz
Stimmenmehrheit, trotz gelungener Probe-Abstimmung: Heide Simonis wird nicht erneut
als Ministerpräsidentin gewählt. Eine Stimme fehlt ihr. In vier Wahlgängen bekommt sie
nicht die erforderliche Mehrheit. Die politische Karriere von Heide Simonis ist vorbei.

Der Kampf um die Nachfolge des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Erwin


Teufel wird zur Schlammschlacht. Jetzt muß Annette Schavan sogar ihr Privatleben
verteidigen
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Walter Weitmann hat schon immer gerne die Spielregeln verletzt. Als er die badischen
Bierbrauer aus Donaueschingen in sein Festzelt holte, da herrschte Krieg auf dem
Cannstatter Wasen, dem Stuttgarter Oktoberfest. Da drohten ihm die schwäbischen
Brauer sogar Prügel an. Walter Weitmann ist das, was man ein Urgestein nennt. 55 Jahre
Volksfest: Vom Budenbesitzer zum König der Schanktische. Wo er war, schäumte es
immer. Dann wurde er krank, wollte abtreten, feuerte seine eigene Tochter und läßt
heute verkünden: "Ich bin wieder da."

Walter Weitmann war auch auf der ersten Regionalkonferenz der beiden Kontrahenten
um die Teufel-Nachfolge in Schwäbisch Gmünd. So eine politische Schlammschlacht ist
ganz nach seinem Gusto. Und damit es dort auch so richtig schäumt, verteilte er gleich
am Eingang Flugblätter, in denen etwas von neuesten Gerüchten stand über "angebliche
gleichgeschlechtliche Beziehungen" der Kultusministerin Annette Schavan. Weitmann ist
keiner, der da groß herumredet. Er sitzt im Rollstuhl und will es genauer wissen. Auch
hernach in der Fragerunde, die Schavan noch mit viel Witz pariert.

Günther Oettingers Greifkommandos sind auch schon vor Ort und erkennen blitzschnell,
welche Gefahr sich da zusammenbraut. Sie kassieren die Flugblätter rigoros. Denn sie
wissen: Wenn auch nur der leiseste Verdacht aufkommen sollte, daß auch sie mit diesem
Thema spielen, dann würde es eng werden für ihren Favoriten, an dem schon das Image
des Königsmörders hängt. Auch der Tagungsleiter Reinhart, eher ein Oettinger-Mann,
mahnt. Es habe da diskriminierende Flugblätter gegeben aber man wolle doch eine faire
Auseinandersetzung mit Stil.

Um Stil ging es schon immer, wenn Annette Schavan es wagte, ihren Fuß auf politische
Erbhöfe zu setzen, oder sicher geglaubte landespolitische Pfründe anzutasten. Schon als
sie ins Schattenkabinett von Christian Wulff berufen wurde, gab es die Kneipenrunden im
bierdimpfeligen Hinterzimmer, wo über angebliche Neigungen getuschelt wurde. Und als
Annette Schavan ins Gespräch für die Rau-Nachfolge kam, da schlug man sich schon mal
in der bayrischen Landesgruppe in Berlin auf die krachledernen Oberschenkel.

Für die Witwenschüttler vom Boulevard war das ein gefundenes Fressen. Gab es da nicht
sogar eine mysteriöse Nonne im Privatleben der Annette Schavan. Selbst ihre Mutter
wurde mit peinlichsten Fragen traktiert.
Annette Schavan hat solche Anspielungen stets abblitzen lassen, hat auch in Schwäbisch
Gmünd noch spöttisch pariert, daß sie sehr wohl wisse, was eine Familie sei, denn sie
käme schließlich aus einer.

Aber die offene Flanke der unverheirateten, kinderlosen Katholikin aus dem Rheinland
bleibt. Und die Oettinger-Fraktion malt diesen Malus genüßlich aus.

Zur Wahl in Baden-Württemberg stünde jetzt ja eine Theologin und Pädagogin gegen
einen Juristen und Wirtschaftsanwalt, schreibt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende
der CDU im Stuttgarter Landtag, Peter Hauk, mit drei weiteren bekennenden Oettinger-
Männern an die CDU-Mitglieder im Neckar-Odenwald Kreis. Oettinger spreche nicht nur
über Familie, heißt es dort, "sondern er lebt Familie."

Wir können doch nicht die Augen vor den natürlichen Qualitäten unseres Kandidaten
verschließen, heißt es dazu treuherzig aus dem Oettinger-Lager. Er sei nun einmal
verheiratet und habe auch ein Kind.

Die Schavan passe einfach nicht zu unserem Land ist die insgeheime Melodie. Aber weil
man doch befürchtet, daß die Popularität der Kultusministerin an der Basis größer ist, als
erwartet, zieht eine Jubeltruppe von Regionalkonferenz zu Regionalkonferenz. Auch für
Tuttlingen hat man sich vorbereitet. Dort ist Teufel-Land. Die Oettinger-Anhänger
sammeln sich in Ludwigsburg. Abfahrt Bärenwiese, Zwischenstopp Breuninger-Land in
Sindelfingen, und dann ab in Richtung Feindesland, nach katholisch Sibirien.

In Tuttlingen moderiert Willi Stächele die Regionalkonferenz, der Landwirtschaftsminister


und Bezirksvorsitzende. Schon bei der ersten Runde in Schwäbisch Gmünd hing er am
Telefon und wollte genau wissen, wie es dort so läuft für den Günther und die Schavan.
Auch in Tuttlingen geht es zur Sache. Die Frauenunion buht als Oettinger kommt. Auch in
Tuttlingen gibt es einen Walter Weitmann. Er heißt dort Franz Dietrich und ist bekannt
dafür, daß er Versammlungen gerne aufmischt. Auch er stellt die Gretchenfrage.
Versammlungsleiter Stächele interveniert. Keine Fragen zum Privatleben der Frau
Schavan will er zu lassen. Da platzt der plötzlich der Kragen. "Das ist schäbig, absurd,
das ist Rufmord", schimpft sie über das Geraune um angebliche Neigungen. Der Saal hält
den Atem an. "Wer es genau wissen will: Mir fehlen die Eignung, Lust und Neigung
dazu." Betretene Stimmung.

Hinterher fragen sich einige Beobachter, warum sie so hochgebissen habe. Die Frage sei
doch eher harmlos und konfus gewesen. Sie wollte den Punkt wohl setzen, sich einmal
klipp und klar dazu äußern. Oettinger übergeht die heikle Szene. Der Schnelldenker und
Schnellreagierer kommt erst am nächsten Tag mit der Ehrenerklärung über den Ticker,
hält Fragen in die Privatsphäre für "abwegig" und merkt erst dann, daß das den Kern der
Behauptung gar nicht trifft.

Im Schavan-Lager hält man das alles für ein ausgemachtes Spiel. "Da sind dieselben
Typen von Schmutzfinken am Werk, die schon Erwin Teufel das Leben schwer gemacht
haben", schimpft Edith Grupp von der Frauenunion, die auch im Landesvorstand sitzt.
Aber auch an der Basis mag man solche Töne nicht. Der CDU-Ortsvorsitzende von
Ruppertshofen etwa hält das alles für Mobbing und ereifert sich auf der
Ortsvereinssitzung. Erst der Teufel, dann die Schavan.
Der Friede ist hin im deutschen Südwesten und will nicht wieder einkehren. Auch im
Oettinger-Lager ärgert man sich darüber, wie der "Ohrfeigen-Palmer"
Ergebenheitsadressen für die Schavan organisiert habe und Prominente zu Wort kommen
lasse, die gar nicht wüßten, wofür sie eingespannt würden. Selbst von möglichen
Gegenattacken unter die Gürtellinie wird düster gemunkelt. Oettinger weiß, daß er einer
Eskalation entgegentreten muß, daß er sich bei der nächsten Regionalkonferenz ein für
allemal von solchen Schmierenkomödien distanzieren muß; daß er nicht nur von der
Familie und der Logik des Lebens philosophieren darf.

Die Regionalkonferenzen sollten der Aussöhnung in diesem zerrissenen Landesverband


dienen. Doch die Gräben sind tief in Baden-Württembergs CDU, wer auch immer als
Sieger daraus hervorsteigt.

Die Beteiligten:

- Der Intrigant
- Das oder die Opfer
- Die Ausführenden (nicht identlisch mit Intrigant)

Beziehung der Beteiligten:

- Keine Intrige ohne Verbündete; der Intrigant muss mit dem Ausführendem oder direkt
mit dem Opfer verbunden sein, mit Freundschaft oder als Interessengemeinschaft.
Hierunter fällt der Punkt "unklare Loyalitäten": was öffentlich nach Loyalität aussieht,
entpuppt sich als Missbrauch von Beziehungen
- Häufig gehört es zu einer Intrige, bei jemand anderem (Opfer, Ausführender) eine
negative Beziehung zu jemandem hervorzurufen (durch Verleumdung, Überzeugung
usw.)
- Das Opfer ist bis zum Schluss der Intrige nicht als solches offenbar (und kann gerade
deshalb seine Verteidigung nicht aufbauen?); das Opfer muss sogar nach Abschluss der
Intrige nicht gewahr werden, dass es ein Opfer wurde/ist (perfekte Intrige)

Das Ziel:

- Keine Intrige ohne klares Ziel


- Das eigentliche Ziel wird durch andere, nach außen sichtbar gemachte Ziele, verdeckt
- Welche Ziele hat eine Intrige üblicherweise?
- Das Ziel ist eigener Vorteil, welcher auch durch Schwächung der Gegner bewirkt
werden kann

Gewalt:

- Häufig im Endstadium, erfüllt dann häufig das eigentliche Ziel der Intrige
- Kann auch zu Anfang der Intrige gezielt provoziert werden, um die Intrige ins Rollen zu
bringen; oder zu jedem anderen Zeitpunkt der Intrige

Das Aufdecken der Intrige ist denke ich deshalb von Nachteil, weil es die Diskrepanz von
öffentlichen und versteckten Zielen aufdeckt und den Intriganten damit als
Lügner/unehrlich/hinterhältig/manipulativ entlarvt.
Das Unmoralische einer Intrige wäre demnach nicht etwa das Selbstsüchtige Ziel oder die
Anwendung von Gewalt, sondern das Belügen seiner Partner (die Trottel, die sich dafür
hielten) bezüglich der eigenen Ziele.

Fünf Merkmale einer Intrige


Zunächst einmal erfüllt eine Intrige immer die gleichen fünf Merkmale. Das erste ist die
Heimtücke. Ein offener Angriff ist keine Intrige, sie erfolgt immer aus der Deckung
heraus. Dass Fälle wie die des Aufsichtsrates Georg Thoma publik werden, ist deshalb
selten. Meist kennt nur der Täter den ganzen Plan, auch seine Verbündeten weiht er nicht
ein, sondern manipuliert sie. Eine Ausnahme ist die politische Intrige. Dort kommen
Zwistigkeiten häufiger ans Licht. Kritisiert ein Politiker einen Parteikollegen öffentlich, ist
demjenigen das nicht einfach rausgerutscht, sondern Teil eines größeren Plans.

Intrigen passieren nicht spontan

Womit sich das zweite Merkmal nahtlos anschließt. Eine Intrige folgt immer einem Plan.
Sie ist nie etwas Spontanes oder Unüberlegtes. Für den Literaturwissenschaftler Peter
von Matt ist die Planung das Schlüsselereignis der Intrige. „Der Planszene voraus geht
die Erfahrung einer Not und die Vision eines Ziels“, schreibt er in seinem Buch „Die
Intrige“.

Das wiederum führt zum dritten Merkmal, dem Motiv. „Meistens sind das Macht, Geld
oder Liebe“ , sagt Michalik. Doch nicht immer. Nur weil einem selbst das Motiv nicht
wichtig genug erscheint, heißt das nicht, dass es für jemand anderen nicht Anlass zur
Intrige liefert.

Wer Plan und Motiv beisammen hat, ist noch lange kein Intrigant. Denn die Kabale muss
auch ausgeführt werden – das vierte Merkmal. Wie bei einem Mord muss der Täter
irgendwann das Gift besorgen und seinem Opfer verabreichen. Es gilt: ohne Handlung,
kein Intrige.

Täter - Verbündeter - Opfer

Für die Ausführung einer Hinterlist benötigt es wiederum mindestens drei Akteure. Neben
Täter und Opfer muss es mindestens einen weiteren Verbündeten geben. Der kann als
Mitwisser, Handlanger oder Vollstrecker fungieren. Sie selbst wissen meistens nichts von
ihrer Funktion. Doch kann ein Opfer, bei all der Hinterlist, überhaupt erkennen, wenn er
in einer Intrige verstrickt ist?

„Meistens dann, wenn es zu spät ist“, sagt Michalik. Doch ein Blick in den Werkzeugkoffer
der Intrige schärft den Blick. Das wohl wichtigste Instrument ist die Information
beziehungsweise das Vorenthalten dieser. Das kann eine „aus Versehen“ weitergeleitete
E-Mail an den Kollegen sein.

Der Politiker, der einem Journalisten im Vertrauen erzählt, dass der andere Kandidat
schwer krank sei. Oder eine Beschwerde, die nicht an den zuständigen Vorgesetzten
geht, sondern an die nächsthöhere Ebene. Immer wenn Informationen einen
fehlgeleiteten Weg nehmen, ist das ein Indiz. Kritik hingegen ist es selten – zu
offensichtlich. Viel gefährlicher ist Lob. Wer denkt schon, dass der, der Nettes sagt,
Böses meint? Außerdem kann man sich gegen Lob nicht wehren. „Das macht es so
tückisch“, sagt CSU-Mann Huber. „Vor allem bei öffentlichem Beifall war ich immer auf
der Hut.“

Zu welchen dieser Instrumente Klaus Rosenfeld griff, ist leider nicht überliefert. Doch
auch der Chef des MDax-Unternehmens Schaeffler soll sich seinen Weg an die Spitze des
Autozulieferers laut eines Berichts des „Manager Magazins“ mit viel List und noch mehr
Tücke erschlichen haben. Er selbst wies diese Vorwürfe in einem Interview entschieden
zurück. Doch ob Hinterlist oder nicht: Die Geschichte seines Aufstiegs beinhaltet dennoch
einige der zuvor beschriebenen Merkmale. Rosenfeld kam im Jahr 2009 als Sanierer zu
dem schwer angeschlagenen Unternehmen, das nach der Übernahme
von Continental zwölf Milliarden Euro Schulden hatte. Rosenfeld verhandelte, optimierte
und restrukturierte geschickt. Beste Voraussetzung eigentlich, um sich für den
Chefposten zu empfehlen. Doch nach dem Abgang des langjährigen
Vorstandsvorsitzenden Jürgen Geißinger ernannten die Gesellschafter nicht Rosenfeld,
sondern den externen Manager Klaus Deller zum Nachfolger. Dieser trat seinen Job nie
an.