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„Ein Mensch ist Mensch durch andere Menschen“

Afrikan.Sprichwort

„Ein einzelner Finger kann kein Getreidekorn aufsammeln.“


Afrikan.Sprichwort

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Ubuntu – ich bin, weil wir sind

Was bedeutet Gemeinschaft und welche Rolle spielt bzw. sollte sie in unserem Leben spielen? Wie
wirkt sich das auf unsere Gesellschaft und die Natur aus?
Über diese Fragen unterhielt sich Gundula Zeitz mit Nonty Dogoso Sabic. Nonty ist in Südafrika
aufgewachsen und lebt aktuell in Europa. Sie ist eine Sangoma, eine traditionelle Schamanin,
Heilerin. Als Lehrerin und Coach hält sie Vorträge und leitet Workshops zu persönlichem und
politischem Wandel für eine nachhaltige und gerechte Welt. Dabei spielt Ubuntu eine tragende Rolle,
die Philosophie einer Lebensweise, die davon ausgeht, dass wir alle soziale Wesen sind, miteinander
und mit der Natur verbunden.

Nonty, was genau ist Ubuntu und wie kommt es, dass du dazu Kurse anbietest? Es ist eine
Philosophie aus dem südlichen Afrika, ein Lebensweg, ein Lebensstil, wo es darum geht, wie du dich
der Welt zeigst und mit ihr interagierst. Dies ist traditionelles Wissen, was man überall auf der Welt
finden kann, und in Südafrika nennen wir es Ubuntu.
Als ich nach Europa kam und hier Workshops zu Schamanismus, innerer Arbeit u.a. anbot, merkte
ich, dass dies bei der hiesigen Denkweise schwierig war. So fing ich an „zu übersetzen“, Ubuntu zu
lehren und die südafrikanische Lebensweise zu erklären. Ich selbst habe Ubuntu niemals gelehrt
bekommen – ich bin damit aufgewachsen. Man lernt es durch Beobachtung und Erfahrung.
Ubuntu stammt von dem Wort Umuntu ab, was „Person, menschliches Wesen“ bedeutet und Ubuntu
ist dessen Lebensweise. Es beschreibt die Qualität des Menschseins.
Um zu verdeutlichen, was Ubuntu meint, nutze ich gern das Gleichnis eines Dorfes: In einem Dorf gibt
es eine bestimmte Führung, Regeln für das Miteinander und alle Bewohner haben bestimmte
Rollen/Aufgaben – jeder hat seinen Platz, seine Bestimmung und seine besondere Gabe. Jeder
Bewohner hat dem Dorf gegenüber die Verantwortung, seine Gaben und Talente einzubringen – und
das Dorf hat die Verantwortung gegenüber jedem einzelnen, ihn auf seinem Lebensweg immer zu
unterstützen. Es ist ein System wechselseitiger Verbundenheit. Und es beinhaltet das Wissen und das
Bewusstsein, dass wir nicht getrennt sind – weder von der Natur, noch voneinander. Wir sind
verbunden und brauchen einander, niemand kann allein überleben. Diese wechselseitige
Verbundenheit ist die Hauptbasis von Ubuntu.

Wird dies heute noch so gelebt? Natürlich sind wir sehr vom westlichen Lebensstil beeinflusst und
trennen uns langsam von den ursprünglichen Wegen. Die Menschen leben jetzt in Städten statt in
Dörfern und junge Leute folgen eher westlichen Lebenszielen. Einige Werte gehen durch kulturellen
Mix und angesichts des schnellen, getriebenen Lebensstils verloren. Aber verglichen mit Europa,
halten wir trotzdem noch einen hohen Standard von Ubuntu aufrecht. Mir ist es sehr wichtig, diese
Werte, diesen Lebensstil und das Wissen dazu zu bewahren und an die nächste Generation
weiterzugeben.

Wie kann man auch in großen Städten Ubuntu leben? Es geht nicht darum, voll in die alten Zeiten
zurückzugehen. Wir sollten die alten Wege respektieren und Neues einbringen, um die neue Welt zu
erschaffen, die wir möchten. Auch wenn du in der Stadt lebst – bilde dort eine Gemeinschaft!
Tief in unserem Inneren wissen wir, dass wir andere Menschen brauchen, um überleben zu können.
Beginne dort, wo du Leute findest, die du regelmäßig triffst – egal ob in deiner Wohnung oder deiner
Nachbarschaft oder in bestimmten Gruppen. Du kannst eine Gemeinschaft bilden, der es ums
Mitteilen und gemeinsames Wachstum geht. Ob es dabei um soziales Wirtschaften geht, um
kulturellen Austausch, einen Heilungsraum oder die Beziehung zur Erde, ist egal. Das Wichtigste ist
der Kreis, das Lernen von Kommunikation, von echter gegenseitiger Wahrnehmung, Austausch von
Dingen und Verlangsamung unseres überschnellen Lebensrhythmus‘. Im Kreis werden alle Aspekte
des Lebens angeschaut: auch die finanzielle Seite, die kulturelle und die politische, also die Führung.
Das ist Ubuntu. Wenn alles ethisch, vom Herzen her, auf Grundlage der richtigen Werte getan wird,
wenn wir uns einen hohen Wertestandard erlauben bzgl. des Zusammenlebens und Umgangs
miteinander – das ist Ubuntu.
Unsere Lebensweise der letzten Jahre hat nicht unsere Seelen genährt, weshalb wir jetzt nach etwas
anderem suchen. Und dieser Weg ist nicht neu. Wir müssen also nicht etwas völlig Neues erschaffen,
sondern uns nur auf unsere Wurzeln und die Quelle besinnen und zur Basis, der Einfachheit,
zurückkehren.
Ich sehe da bereits ein großes Engagement. Es gibt die Bewegung von Ökodörfern, von
Gemeinschaftshäusern und anderem. Viele junge Leute schaffen Räume, wo sie sich austauschen
können. Dafür gibt es verschiedene Namen, aber es basiert doch alles auf Ubuntu. Und das ist nicht
schwierig umzusetzen. Auf dem Land gibt es größere Projekte des gemeinsamen Wohnens, in
Städten gibt es die Transition Networks und Treffs und Kreise, wo sich Menschen mit gleichen Idealen
treffen, denen es vor allem um gemeinsamen Austausch geht.
Wenn wir Kreise bilden, sollten wir achtsam sein, um diese offen zu halten, sonst ist es nicht Ubuntu.
Wir sollten Raum für Verschiedenartigkeit lassen und offen dafür sein, auch andere zu hören, die
neue Ideen einbringen möchten. Nicht Angst sollte vorherrschen, sondern Zusammenarbeit,
gemeinsames Wachsen.

Lehrst du dies auch in Unternehmen. Ich arbeite auch für Unternehmen und Organisationen,
Sozialunternehmer und Büros. Überall geht es darum, Wege zu finden, um den Menschen in den
Mittelpunkt zu stellen statt den Profit, und darum, die gewohnte Praxis durch Ubuntu zu ändern. Ich
habe mit „Ubuntu für Führungskräfte“ ein Programm geschaffen, wo es darum geht, das Arbeitsumfeld
in ein Feld umzuwandeln, wo Menschen Verbundenheit fühlen und ihren persönlichen Wert für die
Organisation. Jeder bringt einen Wert in die Organisation ein und die Organisation wiederum sollte
dies schätzen. In all diesen Bereichen kann Ubuntu von Nutzen sein. Wie schon gesagt: Das ist nichts
Neues – in unserem Herzen möchten wir uns alle mit anderen verbinden. Verbundenheit ist ein
grundlegendes menschliches Bedürfnis.

Das aktuelle Leben in Europa ist den Werten von Ubuntu ziemlich entgegengesetzt. Ich bemerke ein
starkes Gefühl für Individualität. Daran ist an sich nichts falsch, wenn es jedoch nur noch um Ich, Ich,
Ich, … geht, wird es zum Problem, das die Welt, in der wir heute leben, geformt hat. Genauso ist
Technik an sich ist großartig, kann aber auch Trennung erzeugen. Es gibt für alles eine Grenze.
Das Dorf ist dazu da, dich bei der Entwicklung einer starken unabhängigen Individualität zu
unterstützen. Und deine Unabhängigkeit und dein Wachstum sind auch dazu da, dem Wachstum und
Nutzen der Gemeinschaft zu dienen. Es ist ein Geben und Nehmen.
Wenn etwas jedoch einseitig wird, wenn jeder nur noch an sich denkt, dann wird diese Welt von
Illusion und Trennung geschaffen, diese Welt von Gier. Die Klimakrise ist daraus entstanden. Die
Einseitigkeit hat ein ökonomisches System geschaffen, von dem nur einige wenige Leute profitieren,
während die anderen nichts davon haben. Es braucht große Achtsamkeit, um zu erkennen wie weit
die Individualität gehen kann, dieses Gefühl von „Ich bin ein Individuum und muss für mich selbst
sorgen“ oder diese Vorstellung vom Überleben des Stärksten.
Das Dorf nimmt dir deine Individualität nicht weg, sondern es ermutigt und fördert dich, und du gibst
dies dem Dorf zurück. Der alte Weg von Individualität liegt im Sterben, die Menschen suchen nach
etwas anderem. Es gibt etwas Neues, was aus dem Wir entspringt, aus der Suche nach
Verbundenheit und Zugehörigkeit. Wir sind physisch krank, die Welt ist krank, wir müssen zur Basis
zurückkehren.

Gehört zu Ubuntu auch die eigene Innenschau? Natürlich gibt es auch verschiedene Wege der
Innenschau und Rituale zur Unterstützung. Jeder geht durch unterschiedliche Lebensphasen und
braucht für wichtige Wandelprozesse Zeit, nach innen zu schauen. Du gehst nach innen und die
Gemeinschaft beobachtet dein Wachstum. Dafür gibt es Visionssuchen, Initiationszeiten und anderes
– jede Kultur hat ihre eigenen Namen dafür. Es gibt Zeiten des Rückzugs und es gibt Zeiten des
Austauschs mit der Gemeinschaft. Das ist ganz natürlich.
Das Wichtigste an Ubuntu ist Gemeinschaft. Du brauchst die anderen, um dich selbst zu erkennen.
Ohne Umgang mit anderen Menschen würdest du nicht einmal wissen, dass du ein Mensch bist.
Ubuntu bedeutet „Ich bin, weil wir sind.“
Deine Reise durchs Leben erfordert viel eigene Reflektion ebenso wie die Spiegelung durch die
Gemeinschaft. Ich habe z.B. ein System von Leuten, die ich in verschiedenen Phasen meines Lebens,
bei unterschiedlichen Bedürfnissen, kontaktiere. Sie gehören nicht notwendigerweise zu der
Gemeinschaft, in der ich aktuell lebe. Ich habe verschiedene „Gemeinschaften“ in verschiedenen
Teilen der Welt. Ganz unterschiedliche Leute unterstützen mich in meinem Leben, zu
unterschiedlichen Aspekten.

Früher gab es auch hierzulande viel mehr Rituale für neue Lebensabschnitte. Ja, das ist ein
wichtiger Weg, um Wandlungsprozesse zu unterstützen. Wenn jemand heiratet oder vom Teenager
zum Mann, zur Frau wird, wenn das Alter kommt, … – immer gibt es andere, die diese Erfahrungen
schon gemacht haben, die dir den Raum halten und dich in deiner Transformation unterstützen.
Welche Werte sind dir wichtig? Respekt, Liebe und Mitgefühl, Empathie sind sehr starke Werte, die
wir auch in Schulen unterrichten sollten. Verbundenheit ist vielleicht kein Wert, aber auch das sollte
gelehrt werden. – Verbundenheit kann sowohl Folge als auch Ursache für die genannten Werte sein.
– Diese Werte sollten wir immer aufrechterhalten und dabei keinen Kompromiss eingehen. Respekt ist
so wichtig. Respekt gegenüber unserer Umgebung und der Natur, Respekt vor anderer Leute Kultur,
Denkweise, Standpunkte. „Ich höre dich. Auch wenn ich mit dir nicht übereinstimme, höre ich dich.“
Lass uns übereinstimmen, dass wir nicht übereinstimmen!

Wie geht man in traditionellen Gemeinschaften mit Traumata einzelner um? Wenn es jemandem nicht
gut geht – d.h. physisch, psychisch, aber auch wenn jemand stiehlt – dann wird das traditionell nicht
als persönlicher Fehler angesehen. Stattdessen stellt man denjenigen in die Mitte und dankt und ehrt
ihn, weil man ihn als einen Boten sieht. Diese Person bringt der Gemeinschaft die Botschaft, dass im
Dorf etwas schief läuft. Wenn sich im Dorf jemand abgetrennt fühlt, bedeutet das, dass die
Gemeinschaft ihm gegenüber versagt hat. Es wird nicht als persönliches Problem angesehen,
sondern als ein kollektives.

Du hast auch Diebe, Kriminelle erwähnt. Wie geht man mit ihnen um? In traditionellen
Gemeinschaften gibt es keine Gefängnisse. Natürlich wird es Konsequenzen geben, z.B. eine Strafe
als Ausgleich der Energie. Aber es wird nicht als Fehler der Person angesehen. Nimm z.B. die Bettler
heute auf der Straße. So etwas gab es nicht in traditionellen Gemeinschaften. Warum sollte jemand
um Essen betteln oder ohne Dach über den Kopf leben? Wenn jemand auf der Straße lebt, bedeutet
das, dass die Gemeinschaft versagt hat. Warum haben einige Leute Essen, manchmal sogar so viel
zum Wegwerfen, und andere nichts?

Diese Sichtweise ist sozusagen die kollektive Innenschau, die wir in der westlichen Kultur verloren
haben. Ja, wir haben die Innenschau verloren und das System zeigt uns dies durch immer mehr
Getrenntheit. Wir nähren dadurch das System der isolierten Individualität, das sich auf die Wirtschaft
ausweitet. Wenn wir uns als Einzelwesen fühlen, nähren wir diese Art von Wirtschaftssystem, den
Kapitalismus und all die Aspekte davon. Dann kommt die Krise, ... – alles hängt zusammen.
Die Rückkehr zur Verbundenheit ist essentiell.

Nonty Sabic: www.nontycharitysabic.com


Nächste Veranstaltung in Deutschland: „Schamanische Reise“ im Mai 2020 in Weimar. Sie ist auch offen für Einladungen.