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12 €

Heft 7 68. Jahrgang Juli 2014


Klett-Cotta Stuttgart

Eric Bennett Wie Iowa die Literatur plattgemacht hat


Jens Soentgen Buna-N/S
Edith Lynn Beer Bukowina 1979
Ulf Erdmann Ziegler Wo das Herz ist
András Bruck Drei Fragen: Ungarn nach der Wahl
Christian Demand Memorialkolumne. Schwieriges Gedenken
Matthias Dell Medienkolumne. Rundfunkratssitzung
Guido Pfeifer Wirtschaft und Recht in Mesopotamien
Claus Leggewie Im Jahr des James Baldwin
Marcel Lepper Philologendämmerung?
Hannes Bajohr Digitale Literatur
Günter Hack Mit unsichtbaren Vögeln gehen
Stephan Herczeg Journal (XVI)

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beanspruchen, was sie freigeben und was schaft« und »Sprachwissenschaft« sagen,
sie wegschließen, was sie monopolisieren man kann auch »Latinistik« sagen, »Ara-
und was sie teilen, fordert die kritische, bistik«, »Sinologie«, »Germanistik« oder
philologische Rekonstruktion heraus.9 »Austronesistik«, je nach sprachlicher
General Stumm, den Steinfeld an- Expertise. In der sprachlichen Expertise
führt, würde hundert Jahre nach 1914 aber liegt ein entscheidender Punkt. Mul-
vielleicht nicht mehr in die Wiener Hof- tilingualität ist unter den Bedingungen
bibliothek gehen, sondern sich die um- der Arbeit an Überlieferungen in lokalen
kämpfte New York Public Library erklä- und globalen Kontexten eine hermeneu-
ren lassen, die Baupläne für die neue tische Voraussetzung, die alles andere
Israelische Nationalbibliothek neben der als politisch selbstverständlich ist, wie der
Knesset, vielleicht auch das George Pad- Band Philologie und Mehrsprachigkeit zeigt.
more Institute in London oberhalb des Nicht nur die Reintegration von Sprach-
kleinen Ladens von New Beacon Books, und Literaturwissenschaft, sondern die
das literarische und politische Archiv für Frage der Sprachlichkeit selbst ist ein
Autoren aus der Karibik und aus West- Politikum. Dabei geht es gerade nicht um
afrika. Vielleicht würde General Stumm, provinzielle Polemik gegen die Domi-
nachdem man ihm ausführlich Lage und nanz des Englischen, sondern, wie Jürgen
Argumente, Bestände und Deutungs- Trabant in seinem neuen Buch deutlich
linien erläutert hat, angestrengt von der macht, um die grammatischen Vorausset-
Menge der Dinge und der Komplexität zungen einer ernstgenommenen, multila-
ihrer multilateralen Geschichten nach- teralen Politik: Globalesisch, oder was?10
fragen, was daran bitte nun eigentlich Ein multilaterales Philologieverständnis
philologisch sei. Warum man sich damit hat mit einem Postmodernismus nichts
befassen solle. Und wie genau der politi- zu tun, dem man Positionslosigkeit vor-
sche Punkt eigentlich laute. Ach, Gene- werfen konnte. Der philologische Multi-
ral Stumm. lateralismus hat einen harten, material-
Man muss den Philologiebegriff nicht und sprachpolitischen Kern.
mögen. Man kann »Literaturwissen-

Schreibenlassen
Gegenwartsliteratur und die Furcht vorm Digitalen

Von Hannes Bajohr

Ian Sommerville schrieb Anfang der möglichen Kombinationen wurden diese


1960er auf einem Honeywell-Computer Elemente neu zusammengesetzt und alle
ein äußerst simples Programm. Der Input Permutationen (»Zeilen«) untereinander
bestand aus einer Zeichenkette (»Satz«), auf einem Monitor als Textblock aus-
deren n Elemente (»Wörter«) durch Leer- gegeben (»Gedicht«). Bei einem »Satz«
zeichen getrennt waren. Gemäß aller aus n »Wörtern« entsteht demnach ein

9 Vgl. Zachary Leader, Cultural Nationalism and Modern Manuscripts. Kingsley Amis, Saul Bel-
low, Franz Kafka. In: Critical Inquiry, Nr. 1, 2013.
10 Till Dembeck / Georg Mein (Hrsg.), Philologie und Mehrsprachigkeit. Heidelberg: Winter
2014; Jürgen Trabant, Globalesisch, oder was? Ein Plädoyer für Europas Sprachen. München:
Beck 2014.

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»Gedicht« aus n! »Zeilen«. Ist n=5, sind Zeitungsspalten, Buchseiten, Werbezet-


das 5·4·3·2·1=120. Aus dem Input »I AM tel – in Stücke geschnitten und zufällig
THAT I AM« wird so: neu zusammengesetzt werden. »Writing
I AM THAT I AM is fifty years behind painting«, lautete
AM I THAT I AM sein berühmter Legitimationsverweis auf
I THAT AM I AM die Collagen der Vorkriegsavantgarden,
Und so weiter, bis Zeile 120. Der Aus- mit dem er dem ganzen Unternehmen
gangssatz stammte vom Künstler und den Anstrich aufholender Notwendig-
Schriftsteller Brion Gysin, der Sommer- keit verlieh. Gysins Freund William S.
ville den Auftrag für die kleine Program- Burroughs wandte Cut-Up später mit
mierarbeit erteilt hatte. Die erklärte Ab- bestürzender Effektivität für seinen
sicht: Bedeutung sollte nicht von außen Schizo-Roman Naked Lunch an, und auch
an das Ergebnis getragen werden, der in diesem Zerschneiden und Neuzusam-
permutierte Text sollte seinen Sinnge- mensetzen konnte Sinn in strahlender
halt von selbst preisgeben. Plötzlichkeit zu Tage treten.
Gysin und Sommerville arbeiteten Sicher, das Ganze ähnelte den Text-
nicht das erste Mal zusammen. Als Team experimenten Tristan Tzaras, der 1920
hatten sie schon die Dreamachine erfun- Dada-Gedichte mit aus einem Hut ge-
den, die nichts anderes war als ein durch- zogenen Wortschnipseln improvisierte.
löcherter Lampenschirm, der auf einem Tzara, den Gysin in den fünfziger Jahren
Plattenteller rotierte und jenen Stro- gelegentlich in Paris traf, beschwerte
boskopeffekt simulieren sollte, den ein sich dann auch einmal dem Jüngeren
schläfriger Beifahrer hinter geschlosse- gegenüber, dass die Literatur seit Dada
nen Lidern erfährt, wendet er den Kopf nichts Neues mehr zustande gebracht
vor vorbeisausenden Baumwipfeln gegen habe. Er irrte. Das Neue aber waren nicht
die Sonne. Sommerville und Gysin hoff- Gysins Cut-Ups, die tatsächlich ganz
ten, dass das künstlich erzeugte Flackern ähnlich wie Tzaras Hut funktionierten.
auf die Hirnwellen des Benutzers einwir- Es war seine digitale Lyrik.
ken und ihn so in andere Bewusstseins- Denn Gysins Permutationsgedichte
zustände katapultieren könne. waren nicht einfach eine modernisierte
Ein kalter Technizist war Gysin also Form der Textcollage. Wie überall, wo
nicht und Sinnsuche kaum abgeneigt. das Digitale Einzug hält, gibt es plötzlich
In seinen zunächst steril anmutenden einen Sprung: Gysin ersetzte das Mate-
Permutationsgedichten steckt derselbe riegeschnipsel durch einen Algorithmus,
Mystizismus. Der erste Satz, den das der ohne analoges Trägermedium aus-
Programm verarbeitete, war ausgerech- kommt. Mit Sommervilles Hilfe schuf er
net die göttliche Tautologie, das »Ich etwas noch nie Dagewesenes – digitale
bin, der Ich bin«, die Namensoffenba- Literatur. Sein »permutation poem« ist
rung Gottes vor Mose im Tanach. (Gysin ein »Gedicht«, das kein Ding mehr ist,
hatte sie allerdings nicht aus dem Alten sei es eines aus Tinte und Papier oder ein
Testament, sondern in Aldous Huxleys fertiges »Werk«. Es ist ein Unding aus
Meskalin-Vademekum Die Pforten der flirrenden Elektronenimpulsen, ein Un-
Wahrnehmung gefunden.) Der Algorith- werk, das jederzeit weiter permutiert und
mus wird hier zum Sinngenerator, der verarbeitet werden kann, weil es nie zu
schon in der zweiten Zeile das himm- einem Endzustand gerinnt, sondern flie-
lisch Offenbarte in numinosen Selbst- ßend bleibt. Was Gysin voraussah, war
zweifel stürzt: »Bin ich, der ich bin?« die Entmaterialisierung des Textes. Er
Diese beiden Pole, die kalte Kombina- ahnte die flüssige Wirklichkeit unserer
torik und die hehre Sinnerwartung, spie- digitalen Welt.
len auch bei der »Entdeckung« eine Wer Texte am Computer schreibt, sie
Rolle, die Gysins Nachruhm sicherte: auf Tablets liest oder in der Cloud be-
der Technik des Cut-Up, bei der Texte – arbeitet, ohne sie je zu Tinte auf Papier

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werden zu lassen, hat an dieser Verflüs- nach Google Maps der benjaminsche Fla-
sigung ebenso Teil wie derjenige, der sich neur, der es versteht, sich in der Groß-
an einem fremden Ort auf die GPS-Funk- stadt zu verlaufen, bereits eine hocharti-
tion seines Smartphones verlässt, statt fizielle Figur ist.
sich durch die Patentfaltung gedruckter Der Aufgabe, dieses noch nicht ge-
Stadtpläne zu wursteln. Die Loslösung klärte Digitale zu artikulieren, hat sich
vom Materiellen findet sich im Hoch- die Bildende Kunst laut Bishop bis auf
frequenzhandel der Börsen nicht weniger Ausnahmen eher verweigert. Und die Li-
als im alltäglichen Konsumverhalten, von teratur? Auch hier herrscht viel Furcht
dem der Marketingsoziologe Russell Belk vorm Digitalen. Ein Beispiel: Reinhard
kürzlich schrieb, dass materielle Güter, Jirgl, dem man nur schwer formalen Kon-
die noch vor dreißig Jahren wesentlicher servatismus vorwerfen kann, echauffierte
Bestandteil des extended self waren, das sich jüngst über eine »elektronische Hy-
Konsumenten-Ich heute immer weniger bris«.3 Eigentlich sei das Internet doch
definieren.1 Vielleicht besteht deshalb die nicht mehr als eine bessere Eisenbahn, das
Reaktion auf das Unding des Digitalen heißt für die Literatur höchstens Requi-
nicht selten in einem Unbehagen, das site: »Wie haben in der Vergangenheit
sich in nostalgische Verweigerung flüch- gravierende technisch-wissenschaftliche
tet, wie die zunehmende Nobilitierung Neuerungen – Telefon, Relativitätstheo-
des Dings in Kunst, Theorie und Alltag rie, Kernspaltung, Automobil, Radio,
zeigt. Fernsehen, Flugzeuge, Weltallraketen
Die Kunsthistorikerin Claire Bishop etc. pp. – die Literatur beeinflusst? Die
beklagte in Artforum, dass Bildende Literaturen anverwandelten sie zu ihren
Künstler heute zwar auf Schritt und Themen. Nicht weniger, nicht mehr.«
Tritt und ganz selbstverständlich digi- Anderes werde auch im Fall des Inter-
tale Technologien benutzen, diese Tat- net und des Digitalen nicht geschehen:
sache aber entweder verschleiern, indem »Eigene neue Qualitäten hinsichtlich der
sie das Analoge fetischisieren (wie etwa Literaturen erwarte ich von diesen Me-
Cyprien Gaillard, der seine mit der dien keine.«
Handykamera gedrehten Videos auf 35- Es wäre Zeitverschwendung, im Ein-
mm-Film überspielt und auf authentisch zelnen auf die zahllosen Studien zu ver-
ratternden Großprojektoren laufen lässt), weisen, die zeigen, wie Entwicklungen in
die bloß oberflächliche Aneignung von Technik und Wissenschaft weit mehr als
Netzinsignia betreiben (wie Dina Kel- nur die Inhalte von Literatur beeinflusst
berman, die animierte Gifs zu Online- haben – angefangen beim filmischen
Collagen zusammenfügt) oder sich gar Erzählen bis hin zu den Auswirkungen,
nicht erst der Frage stellen, »was es die die Theorie der Thermodynamik auf
bedeutet, wenn wir heute durch das die Figurenkonstellationen in Prousts
Digitale denken und sehen und unsere Recherche hatte. Hinter Jirgls Invektiven
Affekte filtern«.2 Was Bishop »das Digi- steht schlicht die Idee von Literatur als
tale« nennt, hat als neuer Erkenntnis- perennierender Substanz, die erhaben das
modus nicht nur den Umgang mit, son- Neue betrachtet, ohne von ihm je selbst
dern auch den Zugang zur Welt berührt zu werden. Dass er der Literatur
verändert. So irritierend vage der Begriff trotzdem die »Versinnlichung bewusster
auch ist, plausibel ist zumindest, dass menschlicher Erfahrung« als Aufgabe

1 Russell W. Belk, Extended Self in a Digital World. In: Journal of Consumer Research, Nr. 3, Ok-
tober 2013.
2 Claire Bishop, Digital Divide. Contemporary Art and New Media. In: Artforum, Sept. 2012.
3 Reinhard Jirgl, Im Stein jeder Gegenwart liegt die Skulptur der Zukunft. In: Neue Rundschau,
Nr. 1, 2014 (Manifeste für eine Literatur der Zukunft).

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zuschreibt, macht in einer Welt, in der und Peter Gendolla im deutschsprachi-


das Digitale eben jene Erfahrung radikal gen Raum, geradezu überausgestattet,
verändert, sein Urteil nur noch unver- aber dessen Anwendung beschränkt sich
ständlicher. zumeist auf einen Satz früh kanonisierter
Immerhin ist die bloße Erwähnung Werke, die wieder und wieder herange-
des Digitalen im deutschen Literaturdis- zogen werden – allen voran Afternoon, a
kurs selbst schon beinahe eine Anomalie. Story (1987) von Michael Joyce, das als
Blickt man etwa auf die Literaturdebatte erstes Hypertextnarrativ in keinem Essay
um die angebliche Erfahrungsarmut jun- über elektronische Literatur fehlen darf.
ger Autoren zurück, die Florian Kessler Auch in Arbeiten der letzten Jahre
Anfang 2014 in der Zeit anstieß, fallen sind die behandelten Werke gerne noch
zwei Dinge auf. Erstens, dass Literatur aus den frühen Zweitausendern, was si-
immer mit Prosa, genauer: dem Roman cherlich an der normalen Latenz der Lite-
gleichgesetzt wurde. Aber der Roman raturwissenschaft liegt, dabei aber einen
ist womöglich die falsche Gattung, sich falschen Eindruck vom Stand der Dinge
dem Digitalen zu nähern. Und damit aufkommen lässt. Gerade diese frühe Hy-
zusammenhängend zweitens, dass ein perfiktion und ihre Lobreden, die vom
verblüffend enger Begriff von Erfahrung nichtlinearen Erzählen schwärmten, von
in Anschlag gebracht wurde, nämlich so Texten ohne Zentrum, wirken heute als
etwas wie eine Reportageperspektive: enthusiastische Zeugnisse einer vergan-
Ich war dabei und kann davon berichten. genen Zukunft fast rührend. Vor allem,
Gerade dieser hypersubjektive Anspruch weil hier die Vernetzung als willkom-
kann den im Digitalen stattfindenden mener Anwendungsfall liebgewonnener
Identitätsverwischungen jedoch gar nicht Konzepte der Postmoderne (Rhizom!)
gerecht werden. Nimmt man beides zu- eher gesucht als gefunden wurde, aber
sammen, verwundert es nicht, dass die auch, weil selbst diese sich noch am Ro-
Debattenbeiträge vielfach darauf hinaus- man orientieren und allen Ansprüchen
liefen, anderen das Rederecht zu entzie- ausgeliefert waren, die an und gegen ihn
hen, weil sie nicht den nötigen Authen- erhoben werden.
tizitätsnachweis erbringen. Wer sich heute dem Digitalen stellt,
Dabei ist dieses »Erleben« oft selbst tut es, Gysin folgend, im Offenen der
eine Konstruktion, die bestimmten ste- experimentellen Lyrik, die eher in den
reotypen Konstanten gehorchen muss, Grenzbereich zur Bildenden Kunst hin-
um als authentisch (und vermarktbar) einspielt, statt das große Erzählen zu pro-
zu gelten. Und wieder ist das Beispiel pagieren. Das Spektrum ist breit und
Gysin erhellend. Er lebte in Marokko reicht von flarf-Poesie, die aus der Er-
und experimentierte mit psychedeli- gebnisvorschau der Google-Suche Ge-
schen Drogen, brachte also einige Vor- dichte komponiert, über Kombinatorik-
aussetzungen zur Hyperauthentizität experimente wie Stephen McLaughlins
mit, schrieb aber nicht den großen Beat- Puniverse, das als formidable Kreuzung
Roman, sondern produzierte digitale aus Sprichwort- und Reimlexikon sieben-
Lyrik, die sich solcherart »Erleben« be- undfünfzig Bände mit computergenerier-
wusst verweigert. ten Kalauern umfasst, bis hin zu den in
Dass das Digitale in der gegenwär- Acryl gemalten QR-Codes des Schrift-
tigen deutschsprachigen Literatur keine stellers Douglas Coupland, die sich, mit
Rolle spielt, liegt durchaus auch am Re- der Handykamera gescannt, in Lyrik ver-
den über sie. Der kritische Apparat zur wandeln.
Analyse digitaler Literatur ist zwar, Deutschsprachige Vorstöße blieben
nicht zuletzt durch die Vorarbeit von dagegen bisher eher spärlich. Porombka,
Literaturwissenschaftlerinnen wie N. der 2001 einst den Hypertext als »digi-
Katherine Hayles und Marjorie Perloff talen Mythos« verabschiedete und sich
im englisch- und Stephan Porombka heute vor allem auf den sozialen Aspekt

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der Textproduktion im Internet, auf wieder abtauchen; das andere sind Ver-
Twitter und Facebook als literarische suche, die Affektorganisation und Welt-
Spielfelder konzentriert, gab 2012 unter wahrnehmung durch das Digitale über-
dem Titel Flarf Berlin. 95 Netzgedichte haupt darzustellen.
eine Lyrikanthologie heraus, die flarf Gleichwohl fehlt beides im Augen-
auch nach Deutschland bringen sollte. blick mehr als »das große, dreckige Er-
Doch scheinen die wenigsten der darin leben«, von dem dann authentisch zu
einmalig zum Experiment geladenen Au- berichten wäre. Identität, die Authenti-
toren, außer vielleicht Alexander Gumz zität nun einmal voraussetzt, spielt im
oder Jan Skudlarek, diese Ansätze auch Digitalen ohnehin eine geringere Rolle.
für ihr eigenes Schreiben weiterverfolgt Bereits Gysin nannte das Ergebnis seines
zu haben. Algorithmus ein »120-Zeilen-Gedicht
Es gibt noch andere Versuche – wie ohne Autor«. Denn am Ende weiß nie-
2014 On the Road von Gregor Weich- mand mehr genau, wer hier das Ge-
brodt, der die in Jack Kerouacs Roman dicht schreibt: Gysin, der Programmie-
genannten Orte in die Google-Maps- rer Sommerville oder, auch möglich, der
Routenplanung eingab, deren Rich- Honeywell-Computer – was weniger ab-
tungsangaben als Langpoem veröffent- surd ist, als wenn man bei Tzara auf den
lichte und so einen hyperexaktes Meta- Hut getippt hätte.
narrativ schuf –, aber diese Versuche sind Die Welt im Digitalen, das ist ein
im Ganzen gesehen derartige Ausnah- neuer Blick und ein großes Versprechen:
men, dass sich aus ihnen keine hierzu- Nichts ist mehr Ding, alles ist Text.
lande einflussreiche »Richtung« ablesen Bilder, Töne, Filme sind Text. Sogar
lässt. Und auch trotz theoretisch gelade- Text ist Text. Noch das Wort »Wort«
ner Symposien wie »Netzkultur« und ist auf einer tieferen Ebene, hexadezimal,
»Literatur Digital« spürt man in der als »576F 7274« codiert und, wieder
deutschen literarischen Praxis immer darunter, in Maschinencode, binär, als
noch wenig vom Digitalen. »0101 0111 0110 1111 0111 0010
Womöglich haftet flarf und ähnlichen 0111 0100«. Ein Foto von Reinhard
Experimenten, die das Internet zur Text- Jirgl und seine Texte sehen auf diesen
produktion heranziehen, wie etwa twit niedrigeren Ebenen strukturell gleich
lit, wo Twitter zum literarischen Opera- aus. Erst die Ausleseregel, der Codec, be-
tionsfeld wird, noch etwas Allzuwörtli- stimmt, was aus dem untersten aller
ches an, das es leicht macht, sie zu igno- Texte wird. Sommerville / Gysins »Ge-
rieren. Sie fischen nur die Oberfläche des dicht« mit seinen 120 »Zeilen« hätte
Internet ab, ohne sich an die Untiefen auch eine Melodie sein können. Das ist
des Digitalen zu wagen. Das Internet ist die Dimension der Transkodierung, die
auch Google, ist auch das Stimmengewirr man mit N. Katherine Hayles unter dem
der sozialen Netze, aber darin erschöpft Schlagwort des stets auf eine andere Co-
sich das Digitale nicht. Wie es in der dierungsebene verweisenden »flickering
Gegenwartskunst den Unterschied zwi- signifier« fassen kann und die im Di-
schen net art und digital art gibt, sollte gitalen den Übergang vom einen ins an-
man auch Netzliteratur von digitaler Li- dere Ausgabeformat ermöglicht – als
teratur trennen. Das eine sind Schnapp- könnte man an einem Buch nicht nur die
schüsse eines kulturellen, linguistischen Lettern lesen, sondern auch Papier, Lei-
und technologischen Augenblicks, der mung und Heftfaden. Transkodierung
sich in der Geschwindigkeit verändert, ist zumindest ein zentrales Dispositiv des
mit der Meme und Plattformen auf- und Digitalen.4

4 N. Katherine Hayles, How We Became Posthuman. Virtual Bodies in Cybernetics, Literature, and
Informatics. University of Chicago Press 1999.

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Weil im Digitalen alles fluktuiert, ist schen Avantgarden der zwanziger Jahre,
es unmöglich, bei null anzufangen. Statt- den Konzeptualismus der Sechziger, auf
dessen ist, und zwar wirklich erst heute, Situationismus, Konkrete Poesie und
alles frei, wieder und weiter verarbeitet, Oulipo (L’Ouvroir de littérature potentielle) –
transkodiert und prozessiert zu werden. und versucht insgesamt, die Moderne-
Was Hans Blumenberg über die Poetik poetiken des 20. mit den Mitteln des
Paul Valérys schrieb, ist ganz wörtlich 21. Jahrhunderts umzusetzen.5
wahr geworden: dass nämlich »die ›Fer- Was Pressman »digital modernism«
tigstellung‹ des Werkes in seiner Ding- nennt, die Vermischung von neuen Me-
lichkeit nur ein willkürlicher Einschnitt dien und alten Avantgardeansätzen, zeigt
ist und daß das aus dem Prozeß seines sich am besten bei einer Literaturrich-
Werdens herausgetretene Werk unmit- tung, die zunächst wenig mit dem Digi-
telbar in einen neuen Prozeß eintritt«. talen zu tun zu haben scheint: dem kon-
Dieser Einschnitt der Dinglichkeit ist zeptuellen Schreiben, dessen lauteste
im Unding aufgehoben. Das Digitale ist Stimme der Amerikaner Kenneth Gold-
das Nichtendenmüssende, das Immer- smith ist.6 Seine eigene Textproduktion
weitermachenkönnen. ist zwar nicht genuin digital – er ver-
Wo alles Text ist, gibt es in letzter In- folgt einen literarischen Appropriatio-
stanz kein Werk mehr, alles ist potentiell nismus, den er »unkreatives Schreiben«
nur noch »Halbzeug«, jenes Übergangs- nennt, und tippte etwa für sein Buch
produkt zwischen Rohstoff und Fertig- Day eine Ausgabe der New York Times
fabrikat, das weder ganz unbehauen noch von vorne bis hinten ab. Aber weil er
endgültig abgeschlossen ist. Und weil es sich weniger als Autor, sondern als
gleichzeitig lesbarer Code und ausführ- »Textmanager« versteht, der vorhande-
bares Programm sein kann, beherbergt nen Text nur rearrangiert statt neuen zu
das Digitale auch die Sammlung von In- produzieren, ist das Digitale für ihn das
strumenten zu seiner eigenen Verarbei- größte aller Arsenale und das konzeptu-
tung. Ins Arsenal einer wirklichen Ge- elle Schreiben die reinste Form der Halb-
genwartsliteratur gehören daher gerade zeugrotation.
jene Programme, Modelle und Funktio- In seinem poetologischen Manifest
nen, die auf der untersten Ebene des Di- Uncreative Writing lobt er Seite um Seite
gitalen ansetzen, datamoshing betreiben jene Autoren der zweiten Generation, die
und in den digitalen Urtext eingreifen. appropriieren, konzeptualisieren und vor
Und das führt zwangsläufig zurück zu allem programmieren, um aus vorhande-
den Techniken der Aleatorik, Iteration nem Text neuen zu schaffen. Sie bauen
und Kombinatorik – jenen dadaistischen »Schreib-Maschinen«, indem sie sich
und surrealistischen Lieblingsspielen, die selbstgewählten Prozeduren und Algo-
Gysin aufgriff und denen sich heute die rithmen unterwerfen, die sie, einmal in
zweite Generation der digitalen Literaten Gang gesetzt, nicht mehr kontrollieren
wieder zuwendet. und deren Ergebnisse immer weiter ver-
Der Begriff stammt von der Hayles- wendet werden können. Ihre Mittel sind
Schülerin Jessica Pressman: Hatte sich oft digital, aber viel wesentlicher ist,
die erste noch in der Hoffnung auf das dass es auch die Perspektive auf die Welt
absolut Neue dem Hypertextenthusias- ist, die sich in diesen Texten ausdrückt.
mus der Neunziger verschrieben, so be- Wer wissen will, wie Literatur aussieht,
treibt die zweite Generation eine große die eine Ahnung hat, was »das Digitale«
Inventur und beruft sich auf die klassi- sein könnte: Hier ist sie.

5 Vgl. Jessica Pressman, Digital Modernism. Making it New in New Media. Oxford University
Press 2014.
6 Vgl. Kenneth Goldsmith, Dumm. In: Merkur, Nr. 776, Januar 2014.

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Marginalien 657

Das ist noch nicht das Ende vom als Kriterium ästhetischer Urteile noch
Lied. Goldsmith, die Flarfer und die die unübertretbare Grenze des Posthuma-
digitalen konzeptuellen Schreiber eint nismus.
die Hoffnung, dass es doch möglich Auch Gysin, der selbst als Großvater
sein sollte, den Autorgenius zu streichen dieser Tendenz noch ein digitaler Roman-
und, im Maximalfall, Poesie ganz ohne tiker war, hoffte auf mystischen Sinn,
menschliche Einmischung kontrolliert und sogar Goldsmith gibt zu, dass der
passieren zu lassen. So wie Vilém Flusser unoriginal genius, der er zu sein vorgibt,
vom fünften Kultursprung als der Zeit nur eine Fiktion ist: »In dem Moment,
des Technobilds sprach – des Bilds, das in dem wir Urteilsvermögen und Qua-
nicht mehr sinnhaft darstellend auf eine lität aus dem Fenster werfen, kommen
Wirklichkeit referiert, sondern allein wir in die Bredouille.« Das Schöpferi-
durch Apparaturen hervorgebracht ist –, sche, so die Botschaft, bricht selbst im
könnte man beim Extremfall dieser Li- gesucht Unkreativen wieder hervor, man
teratur von Technotexten sprechen, wenn kann nicht nicht schaffen, denn auch der
zu ihrer Herstellung der menschliche Textmanager muss immer noch auswäh-
Agent so weit reduziert wurde, dass sein len und wegschmeißen. Im konzeptuel-
Einfluss verglichen mit dem der Text- len Schreiben ist der auktoriale Akt nicht
maschinen und Schreibalgorithmen ge- verschwunden, er verschiebt sich ledig-
gen null konvergiert. Und auch hier ist lich von der Ausführung eines Produkti-
nur die Herstellung technisch delegiert. onsprogramms zu dessen Abbruch.
Der kanadische Dichter Christian Bök Halt zu sagen: Vielleicht ist das das
sinnierte schon 2001 über eine »Robo- Minimum des Autors, das nicht totzu-
poetik«, die den Algorithmen nicht nur kriegen ist. Auch das ist eine Lehre der
die Produktion, sondern auch die Re- alten Avantgarden: Die Musik von John
zeption von Texten überlässt, eine »Poe- Cage, die Literatur von George Perec ist
sie für nichtmenschliche Leser, die noch gerade dort interessant, wo sie von den
nicht existieren, weil solche Aliens, selbstgesetzten Regeln abweicht. Und als
Klone oder Roboter sich noch nicht zur Gysin sein Gedicht ohne Autor dreizehn
Fähigkeit des Lesens entwickelt ha- Jahre nach dessen Entstehen wiederver-
ben«.7 öffentlichte, waren aus den mathema-
Solche Fantasien sind in Zeiten von tisch vorgeschriebenen 120 Zeilen inzwi-
Posthumanismus, object oriented ontology schen 601 geworden – nach keiner Regel,
und Spekulativem Realismus zumindest sondern allein der Schriftbildästhetik und
als Limesvorstellungen plausibel. Das in der Rhythmik der Zeilen folgend ver-
diesen Richtungen formulierte Ziel, mit vielfacht.
der Demokratie der Dinge den Anthro- Solange wir also noch keine Cyborgs
pozentrismus aller menschengemachten sind, ist die Beibehaltung dieses erra-
Ontologie zu unterlaufen, ist der Hoff- tischen humanen Elements womöglich
nung analog, im Digitalen den Autor der angemessenere Ansatz einer Litera-
wie den Leser völlig aus der Literatur zu tur, die unsere Erfahrung des Digitalen –
streichen. Es kann gut sein, dass »das auch in seiner Vorläufigkeit – arti-
Digitale«, konsequent zu Ende gedacht, kuliert. Dabei macht es gar nichts, dass
ganz ohne Menschen auskommt oder unklar ist, wie sie es leistet, solange sie
sich Mensch und Digitales so weit ver- es nur versucht. Die Rückkehr zur Mo-
mischen, dass die Unterscheidung kei- derne mit dem Arsenal der Gegenwart
nen Sinn mehr hat. Bis es aber soweit kann zumindest ein Weg dahin sein.
ist, bleibt die alte Kategorie des »Sinns« Viel schwerer, als die unterstellte Unfä-

7 Christian Bök, The Piecemeal Bard Is Deconstructed. Notes toward a Potential Robopoetics. In:
Kenneth Goldsmith (Hrsg.), Object 10, Cyber Poetics (2001).

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higkeit zu erleben, wiegt nämlich die Text eher ein Guerillainstrument ist,
Unlust zu experimentieren. als auch, dass er eben nicht ist, bevor er
Dahinter steht die Einsicht, die Fried- nicht geworfen wurde – dass man einen
rich Kittler einmal formulierte: dass ein Text nicht einfach aus der Hand geben,
Text wie ein Molotowcocktail sei – man sondern vielmehr schleudern soll. Das
müsse ihn werfen. Und damit ist zweier- Ziel ist dabei fast egal, wenn es nur die
lei gesagt, nämlich sowohl, dass ihm noch Welt ist – und die ist heute, genau: di-
viel zur vollwertigen Bombe fehlt, der gital.

Mit unsichtbaren Vögeln gehen

Von Günter Hack

Manchmal, ganz früh am Morgen, ist es nur ihr Flüstern, Positionsangaben, die
sogar in der Mariahilfer Straße still. Dann wie Gespräche klingen. Ihre Rufe erset-
hört man sie, eine Melodie, wie auf einem zen den visuellen Kontakt. Wenn ich ihr
winzigen Klavier gespielt. Bald stimmen Zwitschern vernehme, dann ahne ich,
weitere Vögel mit ein, und die Kronen wie es funktioniert, über die Laute spüre
der Alleebäume flimmern vor feinem Ge- ich den Schwarm, ahne, wohin er sich
sang. Schwärme kleiner Distelfinken su- bewegt, werde mitgezogen, zwischen die
chen dort Nahrung und Schutz. Nie- Baumstämme, auf den weichen Wald-
mand sieht sie, aber sie sind da, mitten in boden: Kiefernnadeln, Pilze, Gras. Die
Wien, an der wichtigsten Einkaufsstraße. Meisen mögen die Kiefern, das dichte
Das ganze Jahr über höre ich sie, wenn Geäst, die Sicherheit. Ohne ihr Wispern
ich mein Fenster öffne und nach den Am- gäbe es den Wald nicht, denn sie sind es,
seln schaue, aber ich sehe die Finken nie, die den Blick in Bewegung bringen,
sie fliegen über das Himmelsquadrat des über Moos und Holz.
Hofs, flitzen schnell und schwätzen da-
bei, meiden die trägen Krähen. Auch auf Im Hochland von Madeira, in den Lor-
dem Weg zur Arbeit begleiten sie mich, beerwäldern, ein dichtes Gestrüpp,
sie kommen im Frühjahr und brüten in schwarze Äste mit hellen Wunden, be-
den drei Bäumen zwischen den leeren hangen von Flechten. Bricht die Sonne
Bürohäusern. Von Zeit zu Zeit kommen durch den Nebel, erklingen die Rufe
Hausmeister vorbei und reißen die Sträu- zahlloser Vögel, die sich im Gehölz ver-
cher aus, die an den Rändern der aufge- stecken. Von den Madeiragoldhähnchen
platzten Asphaltflächen sprießen. Die weiß ich nur, dass sie existieren, sie be-
dort lebenden Amseln fliehen, die Distel- wohnen den geduckten Wald und zirpen
finken warten weit oben in ihren Bäumen einander zu. Nach draußen wagen sie
ab, hektisch zwitschernd. Ich finde sie sich selten, sie scheinen dem Wanderer
nicht, ich muss schnell weiter. aber zu folgen, tief im Gebüsch, stets
Am Waldrand höre ich, wenn es still aufgeregt piepsend. Gerade auf den ruhi-
ist, die Meisen, die weit oben in den geren Wegen versichern sie ihm, dass die
Baumkronen nach Nahrung suchen. Welt ringsum noch bewohnt ist.
Vielleicht sind da Kohlmeisen, Blaumei- Das Gespräch der unsichtbaren Vögel
sen, Haubenmeisen und Tannenmeisen, schließt mich aus. Ich verstehe nur, dass
aber ich sehe sie nicht, sie sind nicht da etwas existiert, außer mir, außerhalb
sichtbar, so klein und schnell. Es bleibt von mir, das anders ist als alle anderen

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