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Zement-Merkblatt

Betontechnik Risse im Beton


B 18 2.2014

Tragfähigkeit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit dadurch hervorgerufenen Dehnungen die aktuellen Zug-
von Betonbauteilen können durch Risse beeinträchtigt wer- bruchdehnungen überschreiten.
den. Risse lassen sich nicht generell vermeiden, sie sind aber
auch nicht grundsätzlich schädlich. Bei auf Zug oder Bie- Die Hauptursachen, die Merkmale des Rissbildes sowie
gung belasteten Stahlbetonbauteilen gehören Risse sogar Angaben über den Zeitpunkt des Entstehens von Rissen
zum Prinzip der Lastabtragung dazu. Denn bevor der Be- sind in Tafel 1 zusammengefasst. Chemische Ursachen der
wehrungsstahl die Zugkräfte vollständig übernehmen kann, Rissentstehung, wie Alkali-Kieselsäure-Reaktion (AKR) oder
ist der Beton bereits gerissen. Die Breite der Risse muss le- Sulfattreiben sind dort nicht berücksichtigt. Hierzu muss auf
diglich auf ein unschädliches Maß beschränkt werden, oder einschlägige Literatur verwiesen werden.
der Riss ist planmäßig zu schließen.
In der Praxis entstehen Risse häufig durch Schwinden –
insbesondere Frühschwinden – oder Abfließen der Hydra-
 1 Rissursachen tationswärme.

Risse im Frischbeton entstehen durch rasche Volumen- Daraus ergeben sich die Hauptursachen der Rissbildung:
verminderung der oberflächennahen Betonschicht infolge Risse infolge der Eigenschaften und der Verarbeitung des
Wasserentzugs. Dieses Austrocknen wird durch geringe Betons sowie Risse infolge äußerer Lasten (siehe Tafel 2).
Luftfeuchte, Wind, Sonneneinstrahlung und ungünstige
Temperaturen begünstigt. Schwinden
Mit Schwinden wird die Volumenverminderung von Beton
Risse im jungen und erhärteten Beton entstehen, wenn die durch Austrocknen bezeichnet. Das Austrocknen beginnt
durch Eigenspannungen, Zwang und äußere Belastung her- bei entsprechenden klimatischen Randbedingungen an der
vorgerufenen Zugspannungen die bis zu diesem Zeitpunkt Außenfläche und schreitet nach innen fort. Die Außenfläche
vorhandene Zugfestigkeit des Betons erreichen bzw. die will sich zusammenziehen, wird aber durch das noch nicht

Tafel 1: Rissursachen in Anlehnung an [5]


Zeile Risse können entstehen durch Merkmale der Rissbildung Zeitpunkt des Entstehens
von Rissen

1 Setzen des Frischbetons Längsrisse über der oberen Bewehrung: innerhalb der ersten Stunden nach dem Be-
Rissbreite u. U. mehrere Millimeter; Riss- tonieren, solange der Beton noch plastisch
tiefe i. A. gering, in ungünstigen Fällen verformbar ist
mehrere cm
2 Frühschwinden Oberflächenrisse, vor allem bei flächigen wie Zeile 1
(Plastisches Schwinden) Bauteilen; oft ohne ausgeprägte Rich-
tung; Rissbreite u. U. größer als 1 mm;
Risstiefe gering
3 Abfließen der Oberflächenrisse, Trennrisse, Biegerisse; innerhalb der ersten Tage nach dem Beto-
Hydratationswärme Rissbreite u. U. über 1 mm nieren
4 Schwinden wie Zeile 3 einige Wochen bis Monate nach dem Beto-
(Trocknungsschwinden) nieren
5 Äußere Temperatureinwirkungen Biege- und Trennrisse, Rissbreite u. U. jederzeit während der gesamten Lebensdau-
über 1 mm, u. U. auch Oberflächenrisse er des Bauwerks, wenn Temperaturände-
rungen auftreten
6 Änderung der Auflagerbedingungen Biege- und Trennrisse, Rissbreite u. U. jederzeit bei Änderung der Auflagerbedin-
(z. B. durch Setzungen, Lagerverfor- über 1 mm gungen
mungen)
7 Eigenspannungszustände (z. B. infol- je nach Ursache unterschiedlich jederzeit bei Auftreten der Riss verursa-
ge von Verformungsbehinderungen, chenden Dehnungen
Schnittgrößenumlagerungen, nichtli-
neares Tragwerksverhalten)
8 Äußere (direkte) Lasten Haar-, Biege- oder Trennrisse, Schub- jederzeit während der Nutzung
risse
9 Frost Vorwiegend Risse längs der Bewehrung jederzeit bei Frost
und/oder Absprengungen im Bereich
wassergefüllter Hohlräume
10 Korrosion der Bewehrung Risse entlang der Bewehrung und an nach mehreren Jahren
Bauteilecken, Absprengungen

www.beton.org

1
Tafel 2: Arten, Erscheinungsformen und Ursachen der verschiedenen Rissformen in Anlehnung an [5]
Zeile Risse nach ihrer Ursache Erscheinungsform Beschreibung Ursachen Abhilfe
1 Oberflächige Treten vor allem an der Unzureichende Nach- Bessere Nach-
Netzrisse, Oberfläche von flächigen behandlung; gleiches behandlung;
Krakeleerisse Bauteilen auf. Sie können Rissbild auch bei Al- Überprüfung der
der Bewehrung folgen, aber kali-Kieselsäure-Re- Betonzusam-
a) b) c)
auch „wild“ verlaufen. Die aktion; Unterschei- mensetzung
Risstiefe ist meist gering. dung schwer möglich
2 Schwindrisse Durch die Volumenvermin- Unter anderem un- Kleinere/
derung infolge Schwindens günstige Bauteilgeo- günstigere Bau-
treten diese Risse dort auf, metrie wie L-fömig teilgeome-
Risse infolge
wo die Verformungen behin- oder L/B > 2, bzw. trien und/oder
der Verarbeitung
dert werden. Die Risse ge- ungünstige Betonre- schwindärmere
und der
hen in der Regel durch die zeptur bzw. unzurei- Betonrezeptur
Eigenschaften
ganze Bauteildicke und ver- chende Nachbehand- und/oder besse-
des Betons
laufen gerichtet oder „unge- lung re Nachbehand-
ordnet“. lung
3 Risse längs der Verlaufen häufig oberhalb Leichtes Setzen des Nachverdichten,
Bewehrung von obenliegenden Be- frischen Betons; tritt solange der Be-
wehrungsstäben an nicht besonders an hö- ton noch plas-
geschalten Bauteilflächen. heren Bauteilen und tisch (verform-
Je nach Ursache entstehen über dicken Be- bar) ist
Fehlstellen unter der Be- wehrungsstäben auf
wehrung.
4 Biegerisse M Verlaufen etwa senkrecht Abtragung der Zug- Im Allgemei-
zur Biegezugbewehrung; kräfte über die Be- nen unvermeid-
beginnen am Zugrand und wehrung bar, da die Be-
enden im Bereich der Null- wehrung die
linie. Verlauf ist oft affin zum Zugkräfte erst
Biegemomentenverlauf. aufnimmt, wenn
der Beton be-
reits gerissen
ist; alternativ
Spannbeton ein-
setzen
5 Schubrisse Bilden sich aus Biegerissen; Einleitung hoher Las- Bessere Last-
Risse infolge verlaufen meist schräg zur ten auf kleinstem verteilung
von äußeren Stabachse; treten im Be- Raum
Kräften bzw. reich großer Querkräfte auf.
6 Zwang Trennrisse Verlaufen durch den gesam- Lokale Überbean- Zugbeanspru-
ten Querschnitt; treten bei spruchung chung reduzie-
zentrischem Zug oder bei ren bzw. Spann-
Zugbeanspruchung mit klei- beton einsetzen;
ner Ausmitte auf. Bewehrungs-
führung modifi-
zieren
7 Spaltzugrisse Verlaufen parallel zu den Überlastung Bessere Last-
Hauptdruckspannungen. verteilung

ausgetrocknete Innere daran gehindert. Dieser im Frischbeton Kern der Bauteile erheblich stärker erwärmt wird als die
stattfindende Vorgang wird als Frühschwinden oder plastisches oberflächennahen Bauteilbereiche (innerer Zwang, „Quer-
Schwinden bezeichnet. Die weitere Austrocknung des Betons spannungen“). Die Temperaturunterschiede führen innerhalb
über Wochen und Monate erfasst den gesamten Querschnitt des Querschnitts im Kern zu Druck- und in den Randzonen
und wird als Trocknungsschwinden bezeichnet. zu Zugspannungen (Bild 1).

Das gelegentlich mit Schwinden verwechselte Schrumpfen Zugspannungen können auch zwischen verschiedenen Bau-
entsteht durch die chemische Bindung des Wassers in den teilen auftreten, wenn ein Bauteil als neuer Abschnitt auf einen
Hydratationsprodukten des Zements. Dieser Vorgang findet alten betoniert wird. Der frische Beton entwickelt Hydratations-
im Inneren des Zementsteins statt und hat auf die äußeren Ab- wärme, während der Beton des ersten Bauabschnitts bereits
messungen des Betons kaum Einfluss. abgekühlt und erhärtet ist. Beim Abkühlen will sich das später
betonierte Teil zusammenziehen, wird aber durch den Verbund
Abfließen der Hydratationswärme mit dem ersten Bauabschnitt daran gehindert (äußerer Zwang,
Die bei der Betonerhärtung durch die Hydratation des Ze- „Längsspannungen“).
ments entstehende Wärme fließt besonders bei massigen
Bauteilen [6] wegen der großen Abmessungen nur langsam Der Zusammenhang von Betontemperatur und Spannungen in-
an die Luft oder die angrenzenden Bauteile ab, so dass der folge von äußerem Zwang ist nach [3, 4, 6] schematisch in Bild 2

2
Erwärmung Abkühlung

dargestellt. Der zeitliche Verlauf der Kurven ist in fünf Stadien


Druckspannungen
unterteilt (Zeitangabe nach Wasserzugabe):
Zugspannungen
Stadium I (0 bis ca. 2 Stunden)
max T
Anfangsstadium ohne Temperaturerhöhung (Ru- Z,t
hezeit)

Stadium II (ca. 2 bis ca. 6 Stunden)


Temperaturanstieg durch Hydratation; kei-
Bild 1: Beispielhafte Temperatur- und Eigenspannungsverteilungen in-
ne messbaren Spannungen, da bei dem noch folge eines Temperaturunterschieds ΔT zwischen Betonbauteilinnerem
verformbaren Beton die Wärmedehnung in ei- und Bauteiloberfläche
ne Stauchung umgesetzt wird. Die Temperatur
am Ende dieses Stadiums wird als „1. Nullspan-
nungstemperatur“ T01 bezeichnet.

tur
T02

pera
Betontemperatur T

tem
Stadium III (ca. 6 bis ca. 9 Stunden)

ton
Weitere Erwärmung des Betons, zunehmende T

Be
Betonfestigkeit und Aufbau von Druckspan- Tkrit
nungen, die zum Teil durch Relaxation abge- T01
baut werden. Stadium III endet bei der höchs-
ten Temperatur Tmax.

Stadium IV (ca. 9 bis ca. 11 Stunden) Zeit t


Wärmeabfluss überwiegt: Betontemperatur und Stadium
Betondruckspannung nehmen ab, ein Teil der I II III IV V

Druckspannung wird durch Relaxation abge- nung


Span Druck Zeit t
baut. Die „2. Nullspannungstemperatur“ T02 wird
20 Stunden
Längsspannung

erreicht, die je nach Abkühlgeschwindigkeit und Zug


Betonalter unterschiedlich weit über T01 liegt.

Riss
Stadium V (ca. 11 bis ca. 15 Stunden)
Weitere Abkühlung und zunehmende Zugspan-
nungen (zum Teil durch Relaxation abgemindert); Z
erreicht die Zugspannung die Zugfestigkeit des
Betons (bei ∆Tkrit), entstehen Trennrisse. Bild 2: Temperatur- und Spannungsverlauf im jungen Beton bei behin-
derter Verformung
Erreichen die Zugspannungen aus der Summe dieser Bean-
spruchungen (Temperatur, Schwinden) die Betonzugfestigkeit,
so reißt der Beton. Frühe und späte Rissbildung sind in Bild 3
dargestellt. späte
frühe Rissbildung
Rissbildung
Spannungen 

Beton-Zugfestigkeit
Festigkeit 

Zw
ang
 2 Rissarten und Rissverlauf -+
Lasts
pannung
Zwan
ng

gspa
nnun
nnu
spa -

Eine Übersicht über typische Rissarten und ihre Erscheinungs- g


t
Las

merkmale zeigt Tafel 2.


 10 bis 48 h Erhärtungszeit t

Es werden oberflächennahe Risse (Schalenrisse) und Trennrisse


(Spaltrisse) unterschieden. In der Praxis häufiger vorkommende Bild 3: Entwicklung der Betonzugfestigkeit sowie Entstehen von Zwang-
Risse in Wänden zeigen die Bilder 4 und 5. und Lastspannungen in Betonbauteilen, nach [3]

Ungerichtete oberflächennahe Risse entstehen z. B. durch zu


große Temperatur- und Feuchtigkeitsunterschiede zwischen
Kern und Schale. Sie sind im Allgemeinen wenige Zentimeter
tief und schließen sich teilweise wieder. Als Faustregel gilt:
Oberflächennahe Risse treten bei jungem Beton häufig dann
auf, wenn der Temperaturunterschied zwischen Kern und Schale
20 K [11] überschreitet.

Gerichtete oberflächennahe Risse können auf der Oberseite


oberflächennahe Risse Trennriss
von Wänden oder dickeren Fundamenten infolge des Setzens
von Frischbeton entstehen. Dabei gibt die Rissanordnung die
Lage der obersten Bewehrung wieder. Bild 4: Rissarten

3
■■ Zulassen von Verformungen (z. B. horizontale Lagerungs-
a) bedingungen von Bodenplatten, Berücksichtigung des Rei-
bungsbeiwerts μ [10])

Begrenzung der Rissbildung


Die Begrenzung der Rissbildung wird üblicherweise durch An-
ordnung von Fugen gesteuert. Die gebräuchlichsten Fugenarten
b)
sind hierbei Scheinfugen, Arbeitsfugen und Bewegungsfugen.
Scheinfugen haben die Aufgabe, die mögliche Rissbildung des
zuvor monolithisch hergestellten Betonbauteils durch eine ge-
zielte Querschnittsschwächung mittels Einschneiden einer Fuge
(Tiefe ca. 1/3 des Bauteilquerschnittes) an vorgegebenen Stellen
zu erzwingen. Dabei kann eine Kräfte- und/oder Momenten-
übertragung der Segmente untereinander durch Verdübeln bzw.
a) niedrige Wände: Die Risse beginnen kurz über der Sohlplatte durch eine Verankerung erreicht werden. Arbeitsfugen ergeben
und reichen meistens bis zur Wandkrone hoch. sich oftmals aus bauherstellungs- und bautechnischen Gege-
b) hohe Wände: Die Risse beginnen ebenfalls kurz über der benheiten. Sie begrenzen das Betonbauteil in seiner Geometrie
Sohlplatte, enden jedoch häufig unterhalb der Wandkrone; der (Abmessung) und wirken als schnittkräfteübertragende Fugen.
Rissabstand ist größer als bei niedrigen Wänden.
Bewegungsfugen (Raumfugen oder Dehnungsfuge) trennen
benachbarte Bauteile. Schnittkräfte werden in Bewegungsfugen
Bild 5: Sichtbare Risse in langen Wänden normalerweise nicht übertragen und lassen unterschiedliche
horizontale und vertikale Bauteilbewegungen zu.
Trennrisse können z. B. dann entstehen, wenn ein aufgehendes
Bauteil auf ein bereits erhärtetes Fundament betoniert wird (Bild 5). Der erforderliche Fugenabstand hängt von den Bauteilabmes-
Trennrisse verlaufen meist senkrecht zur Kontaktfläche quer sungen, den Frisch- und Festbetoneigenschaften und den
durch den gesamten Querschnitt hindurch. Baustellenbedingungen ab. Anhaltswerte für Fugenabstände
sind in [2, 4, und 12] zu finden.

 3 Risse vermeiden, begrenzen, steuern


Steuerung (Beschränkung) der Rissbreite
Risse vermeiden Risse in Stahlbetonbauteilen entstehen bis zu einem gewissen
Die Rissgefahr kann durch betontechnologische, bautechnische Grad planmäßig und zeugen von einer Aktivierung der Stahl-
und konstruktive Maßnahmen vermieden bzw. gering gehalten bewehrung zur Aufnahme der Zugkräfte im Bauteil. Die dabei
werden. Gegebenenfalls können die Zwangbeanspruchungen zulässigen Rissbreiten sind in verschiedenen Regelwerken
durch Bewehrung aufgenommen werden. vorgegeben.

Betontechnologische Maßnahmen werden maßgeblich in [6] Nach DIN EN 1992-1-1: 2011-08 (EC2) [1] ist die Rissbreite
für Massenbeton und in [10] und [7] für wasserundurchlässige so zu beschränken, dass die ordnungsgemäße Nutzung des
Konstruktionen beschrieben. Sie zielen im Wesentlichen auf eine Tragwerks sowie sein Erscheinungsbild und die Dauerhaftigkeit
niedrige Wärmeentwicklung des Betons, niedrige Betontempe- als Folge von Rissen nicht beeinträchtigt werden. Maximale
raturen, geringen Zementleimgehalt und einen kleinen w/z-Wert Rissbreiten enthält Tafel 3.
hin und gelten sinngemäß auch bei anderen Betonbauteilen. Da
das Schwinden mit hohem Wassergehalt des Betons und nied- Wird die zulässige Breite eines Risses unplanmäßig überschrit-
rigem Hydratationsgrad des Zementsteins größer wird, sollte ten (z. B. aus Last, Bauteilgeometrie, Baugrund oder Schwind-
der Wassergehalt auf etwa 170 l/m3 begrenzt und eine optimale spannungen), müssen Maßnahmen zur Sicherstellung der
Nachbehandlung durchgeführt werden. Bei gleichzeitigem Aus- Tragfähigkeit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit des
trocknen und Abkühlen können Wassergehalte von mehr als Bauteils getroffen werden.
170 l/m3 schon bei kleinen Temperaturdifferenzen zu Rissen
führen. Hohe Windgeschwindigkeiten und gleichzeitig niedrige Das Aufbringen einer Vorspannung zur Vermeidung bzw. Re-
relative Luftfeuchte gefährden wegen der größeren Wasserver- duzierung der Zugspannungen im Bauteil ist besonderen
dunstung und der dabei entstehenden Verdunstungskälte an Bauwerken vorbehalten. Zunächst sollte im Einzelfall festge-
der Betonoberfläche auch Betone mit Wassergehalten unter stellt werden, ob durch betontechnologische, bautechnische
170 l/m3. und konstruktive Maßnahmen das Entstehen von Zwangsbe-
anspruchungen vermieden oder verringert werden kann. Erst
Bei den bautechnischen Maßnahmen sind der Betoneinbau und wenn feststeht, dass derartige Maßnahmen nicht ausreichen
vor allem eine sorgfältige und ausreichende Nachbehandlung oder nicht ausgeführt werden können, sollte eine besondere
besonders hervorzuheben. Bewehrung vorgesehen werden.

Zu den konstruktiven Maßnahmen gehören beispielsweise:


■■ Vermeidung großer Querschnittsänderungen in Sohle und  4 Beurteilung von Rissen
Wänden
■■ Vermeidung von Verzahnungen im Erdreich (Sohlversprünge) Oft kann die Entstehung von Rissen auf Entwurfsfehler (z. B.
■■ Vermeidung von Kerbspannungen (z. B. bei Aussparungen) zu große Fugenabstände, unzureichende betontechnologische

4
Maßnahmen sowie unvollständige oder falsche Bemessungs- (bis zu 0,01 mm) ist bei Verwendung einer beleuchteten Risslupe
grundlagen) und Ausführungsfehler (z. B. falsche Lage oder zwar möglich, wegen des meist unregelmäßigen Rissverlaufs
Anordnung der Bewehrung, mangelhafte Verdichtung sowie jedoch kaum praktisch nutzbar. Jede Messung (bzw. Messrei-
unzureichende oder fehlende Nachbehandlung) zurückgeführt he) ist durch Angabe von Datum, Uhrzeit, Wetterlage und Bau-
werden. Häufig kommen mehrere Ursachen gleichzeitig in Frage. teiltemperatur zu ergänzen, da nur so eine korrekte Bewertung
der Messergebnisse möglich ist.
Die Einflüsse von Rissen auf Tragfähigkeit, Gebrauchstauglich-
keit und Dauerhaftigkeit sind von einem qualifizierten Fachmann Nicht minder wichtig wie die Rissbreite w ist für den Erfolg einer
oder, wenn eine Instandsetzung vorgesehen ist, von einem Instandsetzungsmaßnahme bei beweglichen Rissen auch die
„Sachkundigen Planer” [13] zu beurteilen. Dieser hat die Ursa- Feststellung von Rissbreitenänderungen Δw. Ihre Größe hat
che der Risse zu ermitteln und Angaben über die Notwendigkeit wesentliche Bedeutung für die Auswahl des geeigneten Füll-
und Art ihrer Behandlung zu machen. materials sowie für die Eignungsbeurteilung rissüberbrückender
Oberflächenschutzsysteme.
Bei Rissbildungen infolge von Lasten und Zwang ist zunächst
durch Überprüfung der Berechnungsannahmen zu klären, ob sie Rissbreitenänderungen können kurzzeitig (beispielsweise infol-
durch planmäßige oder unvorhergesehene Beanspruchungen ge von Verkehrslasten), täglich (durch Temperaturunterschiede
entstanden sind. Weiterhin ist von besonderer Bedeutung, ob zwischen Tag und Nacht) oder langfristig (durch jahreszeitliche
die rissauslösende Überbeanspruchung als einmalig oder wie- Klimaschwankungen) hervorgerufen werden. Häufig überlagern
derkehrend einzustufen ist. Trifft letzteres zu, so besteht die sich die Einflüsse, zum Teil auch mit nicht umkehrbaren Längen-
Gefahr, dass der Beton neben einem kraftschlüssig verfüllten änderungen, wie z. B. Schwindverkürzungen. Risse, die sich
Riss erneut reißt. Lassen sich die Ursachen, die zur Rissbildung nicht bewegen, sind in der Praxis selten.
geführt haben, nicht abstellen (beispielsweise durch Anordnung
einer wärmedämmenden Verkleidung zur Begrenzung tempe- Qualitativ lassen sich Rissbewegungen durch angebrachte
raturbedingter Längenänderungen), so ist nur eine dehnfähige Gipsmarken nachweisen. Die genaue Größe von Rissbreiten-
Verbindung der Rissufer auf längere Dauer erfolgversprechend. änderungen wird mit Messuhren erfasst. Mit Hilfe induktiver
Wegaufnehmer können auch sehr kurzzeitig eintretende Be-
Sofern Risse im Beton eine bestimmte Breite w nicht überschrei- wegungen mit hoher Genauigkeit (0,001 mm) registriert und
ten, ist für den dauerhaften Korrosionsschutz der Bewehrung laufend aufgezeichnet werden.
nicht die Rissbreite selbst, sondern auch die Dicke und Dichte
der Betondeckung in der Umgebung der Risse maßgebend. Ent- Eine genaue Beurteilung des Risszustands wird oft durch
sprechen beide Merkmale den in [1] gestellten Anforderungen, Feuchte, Verschmutzungen oder Aussinterungen erschwert. Vor
so führen Risse im Normalfall zu keiner wesentlichen Beein- weiteren Maßnahmen (im Besonderen aber vor dem Schließen
trächtigung der Dauerhaftigkeit. Allerdings kann auch schon durch Tränken) sollte daher stets eine Reinigung der Risszone
bei geringeren Rissbreiten das Füllen von Rissen erforderlich erfolgen. Für die richtige Wahl der Füllstoffe und gegebenenfalls
werden, falls ein Bauwerk oder Bauteil besonderen Nutzungs- des Instandsetzungszeitpunkts ist außerdem die Feststellung
bedingungen oder Schadstoffeinflüssen (z. B. direkt befahrene notwendig, ob ein Riss trocken, feucht oder wasserführend ist.
Parkdecks) ausgesetzt ist (Tafel 3). In Ausnahmefällen, z. B. bei äußerlich sehr breiten Frühschwind-
rissen, kann zur Untersuchung des Rissprofils auch die Ent-
Die Rissbreite kann am Bauwerk mit dem Strichstärken- bzw. nahme von Bohrkernen angebracht sein. Unter Umständen ist
Rissbreitenvergleichsmaßstab gut bestimmt werden. Diese Me- der Riss dabei vorher mit Epoxidharz zu tränken, damit sich die
thode erlaubt Rissbreitenunterscheidungen von 0,05 mm, was Rissgeometrie während des Entnahmevorgangs nicht verändert.
im Allgemeinen ausreicht. Eine noch höhere Ablesegenauigkeit
Bei der Beurteilung von Rissen in Sichtbeton ist der Betrach-
tungsabstand maßgebend. Sind keine Vorgaben gemacht wor-
Tafel 3: Rissbreiten nach verschiedenen Regelwerken
den, sind die Rissbreiten in Abhängigkeit der Umgebungsbe-
Randbedingungen Regelwerk Rechenwerte für
wmax in mm dingungen maßgebend. Für Innenbauteile XC1 ist die Rissbreite
XC0 und XC1 0,4 (für Stahlbeton von max. 0,4 mm allerdings weniger für die Dauerhaftigkeit,
DIN EN 1992-1-1/NA und Vorspannung als mehr für die Wahrnehmung maßgebend [1, Tabelle 7.1DE,
Tabelle 7.1DE ohne Verbund) Fußnote a]. Rissbreiten können mittels Begrenzung der Bau-
XC2 – XC4, XS1 – XS3, 0,3 (für Stahlbeton teilgeometrie oder mittels rissverteilender Bewehrung reduziert
XD1 – XD3* und Vorspannung werden. Die Begrenzung der Bauteilgeometrie hat aber zusätz-
ohne Verbund)
liche Fugen zur Folge, die bei Sichtbeton häufig nicht gewünscht
Druckgradient I
[mWS/m] hw/hb ** werden. Bei zusätzlicher rissverteilender Bewehrung entstehen
≤ 10 DIN EN 1992-3/NA 0,20 höhere Kosten und infolge des höheren Bewehrungsgehalts
≤ 15 Tabelle NA.1 0,15 steigt die Gefahr von Kiesnestern (s. a. [9]).
identisch mit [10]
≤ 25 0,10
Regelung der ZTV-ING ZTV-ING Teil 3, Ab- Tatsächliche Riss-
generell schnitt 4, Absatz breite > 0,2 mm  5 Instandsetzung von Rissen
2.4.6 erfordert weitere
Maßnahmen. Werden die in den Regelwerken genannten oder vertraglich
* Bei Bauteilen der Expositionsklasse XD3 können besondere Maßnahmen er- vereinbarten Rissbreiten überschritten, müssen diese Risse
forderlich sein.
** Druckgradient hw/hb (hw = Druckhöhe des Wassers in m, hb = Bauteildicke in zur Gewährleistung der Standsicherheit, Gebrauchstauglich-
m) keit und Dauerhaftigkeit instandgesetzt werden [8, 13]. Die

5
Instandsetzung von Rissen, zur Verhinderung des Zutritts kor- [5] Merkblatt „Begrenzung der Rißbildung im Stahlbeton- und
rosiver Medien zum Betongefüge und zur Bewehrung, basiert Spannbetonbau“ (Fassung Januar 2006), Hrsg.: Deutscher
auf folgenden Prinzipien: Beton- und Bautechnik-Verein E.V., Berlin 2006

■■ Verfüllen (schließen) der Risse mittels Risstränkung (drucklos) [6] Zement-Merkblatt „Massige Bauteile aus Beton“, Hrsg.:
oder Rissverpressung (unter Druck): Beim Verfüllen der Risse Verein Deutscher Zementwerke e.V., Düsseldorf
ist zwischen einer dehnfähigen Verbindung der Rissflanken
und einer kraftschlüssigen Verbindung der Rissflanken zu un- [7] Zement-Merkblatt „Wasserundurchlässige Betonbau-
terscheiden. Stoffe die vorwiegend für das Füllen von Rissen werke“, Hrsg.: Verein Deutscher Zementwerke e.V., Düs-
eingesetzt werden, sind Epoxidharz (EP), Polyurethanharz seldorf
(PUR), Zementleim (ZL), Zementsuspension (ZS).
■■ Abdichten der Risse durch eine Riss überbrückende Ober- [8] DAfStb-Richtlinie „Schutz und Instandsetzung von Beton-
flächenbeschichtung: Dies kann ganzflächig oder teilweise bauteilen“, Oktober 2001
(„Rissbandage“) erfolgen.
[9] Müller, H. S., Nolting, U., Haist, M., Tagungsband Beherr-
schung von Rissen in Beton, 7. Symposium Baustoffe und
 6 Literatur Bauwerkserhaltung, Karlsruhe März 2010

[1] DIN EN 1992-1-1 und DIN EN 1992-1-1/NA, 2011 [10] DAfStb-Richtlinie „Wasserundurchlässige Bauwerke aus
Beton“ einschließlich Erläuterungen, erschienen als Heft
[2] Kampen, R., Bose, T., Klose, N.: Betonbauwerke in Abwas- 555 des DAfStb, 2006
seranlagen – Planung, Bau, Instandhaltung, Verlag Bau+
Technik GmbH, Düsseldorf, 5. Auflage 2011 [11] DAfStb Richtlinie „Wärmebehandlung von Beton“, Novem-
ber 2012
[3] Grube, H.: Ursachen des Schwindens von Beton und Aus-
wirkungen auf Betonbauteile, Schriftenreihe der Zement- [12] Zement-Merkblatt „Industrieböden aus Beton“, Hrsg.: Ver-
industrie, Heft 52/1991, Verlag Bau+Technik GmbH, Düs- ein Deutscher Zementwerke e.V., Düsseldorf
seldorf 1991
[13] Normengruppe DIN EN 1504
[4] Lohmeyer, G., Ebeling, K: Weiße Wannen – einfach und si-
cher, Verlag Bau+Technik GmbH, Düsseldorf 2013

Beratung und Information zu allen Fragen der Betonanwendung

Herausgeber
InformationsZentrum Beton GmbH, Steinhof 39, 40699 Erkrath www.beton.org

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Verfasser
Dr.-Ing. Diethelm Bosold, Dipl.-Ing. Alexander Grünewald, InformationsZentrum Beton GmbH

Unsere Beratung erfolgt unentgeltlich. Auskünfte, Ratschläge und Hinweise geben wir nach bestem Wissen. Wir haften hierfür – auch für eine
pflichtwidrige Unterlassung – nur bei grobem Verschulden, es sei denn, eine Beratung wird im Einzelfall vom Empfänger unter Hinweis auf
besondere Bedeutung schriftlich erbeten und erteilt. Nr. B 18   2.14