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zierten Subjekt-Objekt-Gegensatz. Allenfalls unser Geist und unser Gewissen


konstituieren ein Verhältnis zu uns selbst. 741 Die Relation der Leiblichkeit
bezieht sich nicht auf die isolierbare Existenz, sondern auf jene Welt, in der
Mächte und Personen und Dinge aufeinanderprallen. Leiblichkeit ist also das
Wesen des Menschen in seiner Notwendigkeit, am Kreatürlichen zu partizipie-
ren. 742 "Wir sind, was wir sind, stets im Modus der Zugehörigkeit und der
Teilhabe ... "743 "Unsere Leiblichkeit ist jene Weltbezogenheit und Kreatürlich-
keit unserer Existenz, auf welche der designierte Kosmokrator Anspruch
erheben muß, ... 1 Kor 15,25ff.... "744 Dabei greift KÄSEMANN immerhin
BULTMANNS von HEIDEGGER überkommene Begrifflichkeit auf, wenn er "die
ontologische Aussage paulinischer Anthropologie ... durch die ontischen Fest-
stellungen konkretisiert" sieht: "Der Mensch ist stets er selbst in seiner jeweili-
gen Welt, ein nach allen Seiten offenes, immer in Solidarität gestelltes We-
sen." 745
Grundsätzlich wird man KÄSEMANN - gerne! - zustimmen im Blick auf
das, was er theologisch und hermeneutisch als "ontologische Zusammen-
fassung" so formuliert: "Es gibt den Menschen nie ohne seine jeweilige
Welt. Welt ist ... stets ... Herrschaftsbereich. "746 Nur, hat er sich damit in
der Sache von BULTMANN abgesetzt? Zugegebenermaßen hat er manches
deutlicher gesagt. Der Gegenwartsbezug ist plastisch herausgestellt: "Wer die
Alpträume der gegenwärtigen Menschheit nicht kennt und teilt, wird für
die des Apostels kein Verständnis aufbringen. "747 Nun greift doch gerade
BULTMANNS hermeneutischer Ansatz bei HEIDEGGER auf dessen Existenzial
"In-der-Welt-sein" zurück, also gerade auf das, woran KÄSEMANN alles liegt!
Man wird fatal an jenes Aneinandervorbeireden bei der Theologen erinnert,
das sie schon bei ihrer Diskussion über die paulinische Gottesgerechtigkeit
praktizierten. Das Einander-nicht-verstehen bezieht sich auf genau denselben
Punkt, den wir bereits in Abschnitt III unseres Forschungsberichtes (oben
S. 2694ff.) deutlich zu machen versuchten. Und was jenes angebliche Zurück-
fallen in den Subjekt-Objekt-Gegensatz angeht, so sei auf MARTIN HEIDEGGER,
Sein und Zeit, S. 12, verwiesen, wo sich Aussageinhalt und Terminologie eng
mit dem berühren, was BULTMANN in § 17 seiner 'Theologie des Neuen
Testaments' sagt. Es wird aber wohl dabei bleiben, daß KÄSEMANN manches,
was bei BULTMANN noch nicht genügend explizit gesagt wurde - aber immer-
hin hat er es in seiner Grundsätzlichkeit zum ersten Mal gesagt! -,
von KÄSEMANN in sprachlich immer wieder gekonnter Weise, in brillianter
Formulierung überaus eindrücklich und eindringlich ausgesprochen wurde. Er
ist nun einmal der Meister der Sprache. Die neutestamentliche Forschung
und nicht nur sie - ist beiden Männern zu höchstem Dank verpflichtet.

741 Ib. 41 f.
742 Ib. 42 f.
743 Ib. 43.
744 Ib. 43.
745 Ib. 44.
746 Ib. 53.
747 Ib. 47.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 2755

Der Wert der bereits genannten Dissertation von KARL-ADOLF BAUER,


"Leiblichkeit - das Ende aller Werke Gottes', liegt zum einen in dem erwähnten
kritischen Literaturbericht, zum andern in der Zusammenstellung der Exegesen
jener Stellen der echten Paulinen, in denen Paulus vom crrollu spricht. Es handelt
sich um zum Teil recht ordentliche Auslegungen, ohne daß durch sie allerdings
wesentliche neue Aspekte aufgewiesen würden. Zuweilen kommt es durch
barocke und überladene Sprachmanier zu Unschärfen, und zwar gerade da,
wo es ihm um die gleich noch zu nennende Grundthese geht. Beispiel (Ausle-
gung Röm 8,10 f.): "Auf dem Grunde dieses in der Auferweckung des Gekreu-
zigten gesetzten Verhältnisses des Tote erweckenden Gottes zum Menschen in
seiner Leiblichkeit verhält sich der Mensch in seinem Leibsein als Geschöpf
zu seinem Schöpfer."748 Das dann verständlich formulierte Fazit lautet kurz
danach: "Das Selbstverhältnis des Menschen gründet also in seinem Gottesver-
hältnis. "749 An dieser Aussage liegt BAUER viel. In der abschließenden Zusam-
menfassung "Die Bedeutung der Leiblichkeit des Menschen in der paulinischen
Theologie"750 formuliert er die für Paulus konstitutive eschatologische Perspek-
tive der Anthropologie so: "Paulus bringt den Menschen in seiner Leiblichkeit
von Jesu Christi Kreuz und Auferstehung her zur Sprache und legt ihn im
Horizont der Offenbarung des eschatologischen Schöpfers aus. "751 Das ist
im Prinzip schon richtig. Aber, legt Paulus den Menschen aus? Sprachlich
verunglückt ist z. B. auch folgender Satz, der immerhin doch wohl als Spitzen-
satz fungieren soll: "Im Zeit-Raum Jesu Christi räumt Gott sich im "Wort
vom Kreuz' (1 Kor 1,18) und in dem von ihm gewährten und geweckten
Glauben den Menschen vom Herzen her bis in seine Leiblichkeit hinein zu
seinem Anwesen ein inmitten der ihrem Ende zueilenden, aber ihr in Jesus
Christus nahegekommenes kritisches Ende beständig bestreitenden Welt-
zeit. "752 Die Dialektik von Personalität und Leiblichkeit will er auf den Satz
bringen (in Anknüpfung.an und Weiterführung von BULTMANNS These): "Der
Mensch ist Leib und der Mensch hat Leib. "753 Er folgert daraus: "Der Mensch
heißt also cr(OIlU, sofern er sich im Zeit-Raum Jesu Christi von sich selbst zu
differenzieren und zum Objekt eines Geschehens oder Erleidens zu werden
vermag. "754 Durch diese "Korrektur an Bultmanns transzendentaler Definition
des soma-Begriffs" soll das Selbstverhältnis zum Weltverhältnis im Sinne
KÄsEMANNs geöffnet werden,755 Kritik an BULTMANN äußert er auch bereits in
ziemlich massiver Art im forschungsgeschichtlichen Teil seines Buches. Doch
greift diese Kritik zu kurz, da nicht geklärt wird, wie sich BULTMANN der
Existenzialphilosophie HEIDEGGERS bedient. Hierzu bedürfte es einer Funda-
mentalkritik der Übernahme der Begriffe "ontologisch" und "ontisch" durch

748 BAUER, Leiblichkeit, 165; Hervorhebung durch BAUER.


749 Ib. 166.
750 Ib. 183 -189.
751 Ib. 183.
752 Ib. 183.
753 Ib. 185.
754 Ib. 185; der ganze Satz ist im Druck durch BAUER hervorgehoben.
755 Ib. 185, Anm. 13.
-:756 HANS HÜBNER

BULTMANN. Kritik an BULTMANN bleibt aber an der Oberfläche, wenn lediglich


in Anmerkungen z. B. LÖWITH oder MOLTMANN zitiert werden, das Verhältnis
von existenzialer Interpretation bei HEIDEGGER und existentialer Interpretation
bei BULTMANN aber noch nicht einmal anvisiert wird. So billig ist eben Kritik
an BULTMANN nicht zu haben! Allerdings darf man hier nicht BAUER allein den
"Schwarzen Peter' zuschieben. Denn philosophisch fundierte Kritik an den
philosophischen Implikationen der Theologie BULTMANNS ist äußerst selten.
Aber HEIDEGGERS "Sein und Zeit' ist für viele Theologen, denen das nötige
philosophische Rüstzeug fehlt, keine leicht zu bewältigende Lektüre.
Zu den erfreulichen Publikationen über die Leibfrage bei Paulus gehört
SUSANNE HEINES Wiener Dissertation "Leibhafter Glaube. Ein Beitrag zum
Verständnis der theologischen Konzeption des Paulus'. 756 Es handelt sich um
eine genuin hermeneutische Arbeit, deren hermeneutischer Ansatz von der
Verfasserin sehr bewußt reflektiert worden ist. Ihr exegetischer Lehrer war
GOTTFRIED FITZER, ihr philosophischer ERICH HEINTEL. Gerade der Einfluß
von letzterem zeigt sich offenkundig an dem Abschnitt C. "Hermeneutische
Grundfragen', der u. a. Fragen wie Tatsachenforschung und Sinnverstehen oder
wie die nach dem Verhältnis von Vorverständnis und Geschichtsverständnis
gewidmet ist. 757 Sie geht dann im weiteren so vor, daß sie zunächst "Die
Systematik des Problems' (Abschnitt D) unter den Begriffen Ganzheit, sozialer
Bezug, Sichtbarkeit, Begrenztheit und Geschichtssetzung entwirfr758 und erst
von dort aus die paulinischen Texte nach eben dieser Systematik befragt
(Abschnitt E).759 Sie referiert kritisch die Auffassungen von RUDOLF BULTMANN,
ERNST KÄsEMANN, ERNST FUCHS und KARL-ALDOLF BAUER 760 , wobei sie über
deren jeweilige hermeneutische Defizienz hinausgelangen will. Freilich ist es
die Frage, inwieweit solche Defizienzen wirklich in dem Ausmaß bestehen,
wie Frau HEINE sie glaubt konstatieren zu müssen. BULTMANN wird sie sicher
nicht gerecht. Sie verzeichnet seine crroJlu-Interpretation arg, da sie seine Aussa-
gen mißversteht. Sie hat nämlich die dahinter stehende Sachaussage und
Terminologie von HEIDEGGERS "Sein und Zeit' ignoriert. 761 In ihrem ganzen
Buch ist dieses Werk nicht einmal genannt, geschweige denn berücksichtigt!
Und darf man wirklich sagen, daß es auch KÄsEMANN nicht gelungen sei,
die paulinischen Aussagen über den Menschen zu interpretieren? Mit der
Vorstellung vom gnostischen Äon sei wohl "ein interessanter religionsge-
schichtlicher Beitrag zur paulinischen Aussage von der Versklavung des Men-
schen unter die Mächte" aufgezeigt, aber das könne nicht als "ein hermeneuti-
scher Beitrag im strengen Sinne" bezeichnet werden. Als weiterführend akzep-
tiert sie aber seinen Hinweis auf den sozialen Bezug des crroJlu-Begriffes. 762

756 Wien 1976.


757 Ib. 35 - 46.
758 Ib. 47 - 78.
75'1 Ib. 79 - 206; 207 - 209 dann die "Schlußzusammenfassung" .
7611 Ib. 11 - 34.
761 Z. B. HEIDEGGER, Sein und Zeit, 12; HEINE, op. cit. 11: "Bultmann ... kommt aber
auf dem Wege seiner Begrifflichkeit zu einer Trennung des Menschen in zwei Ich."(!).
762 Ib. 23.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 2757

Die Gefahr anläßlich eines Vorgehens, das sich selbst zuerst seine Systema-
tik setzt und dann erst diese Systematik zur Interpretation biblischer Texte
verwendet, liegt auf der Hand. Man wird aber gern zugeben, daß trotz dadurch
geradezu vorprogrammierter Aporien die Darstellung des Paulusteiles ihres
Buches eine sachlich und sprachlich gelungene Leistung ist. Nur schlaglichthaft
einige Zitate. Sozusagen als These formuliert sie: "Jeder Glaube schafft die
ihm je eigene Welt als seine leibhaftige Wirklichkeit."763"Eine Glaubensent-
scheidung ist ... niemals eine Sache nur eines Individuums. Der für die
menschliche Existenz konstitutive Gemeinschaftsbezug führt zur Auseinan-
dersetzung mit der Mitwelt, die immer in der Doppelheit von Freiheit und
Schicksal stattfindet ... "764; " ... der Glaube an das rein empirisch Vorfindliche
hat ein auf das Natürliche reduziertes Leben zur Folge, der Jesus-Christus-
Glaube ein Leben 'nach dem Geist', der das Natürliche transzendiert. "765
"Denn wer das Natürlich-Gegenständliche zum Maßstab seines Denkens,
Redens und Handelns, also seines ganzen Lebens macht, erkennt nicht das
Mehr einer das Vorfindliche transzendierenden Wirklichkeit. "766 Schade, daß
sie KÄsEMANNS Römerbrief-Kommentar nicht mehr heranziehen konnte; viel-
leicht hätten ihre guten Ansätze bei der Interpretation von Röm 7 (z. B. S. 85)
noch weitere gute Anregungen finden können. Alles in allem: Ein verdienst-
liches Buch!
Das Ziel ROBERT H. GUNDRYS in 'Söma in Biblical Theology. With
Emphasis on Pauline Anthropology'767 ist es, "Bultmann's holistic definitions
of söma,,768 als falsch zu erweisen. Er weiß freilich, daß er damit gegen die
opinio communis der Neutestamentler steht. 769 Bezeichnend ist die Überschrift
des 12. Kapitels: "Anthropological Duality in Pauline Literature". GUNDRY
spricht im Blick auf Röm 10,9 f. von "Paul' s dichotomous mode of thought". 770
Das Ergebnis schließlich: "Söma, however, remains faithful to its solely physi-
cal meaning."771 GUNDRY versucht aber nicht nur durch - freilich nicht sehr

763 Ib. 85.


764 Ib. 85.
765 Ib. 92.
766 Ib. 193.
767 MSSNTS 29, Cambridge 1976.
768 Ib. 5.
769 Er nennt vor allem angelsächsische Autoren, z. B. ]. A. T. ROBINSON, The Body. A Study
in Pauline Theology, London 1952 (jetzt 91977); man könnte vor allem verweisen auf
ibo 28 (zu 1 Kor 6,13 - 20): "Indeed, (JwJ1.a is the nearest equivalent to our word
'personality·."; ibo 31: "While (Jap~ stands for man, in the solidarity of creation, in his
distance from God, (JwJ1.a stands for man, in the solidarity of creation, as made
for God." Dieser Satz ist durch Kursivdruck hervorgehoben, sozusagen als Fazit des
paulinischen (J&~a-Begriffs - allerdings vor allem anhand der deuteropaulinischen Stelle
KoI. 2,11 gewonnen. W. D. STACEY, The Pauline View of Man, London 1956, 190: (J&~a
ist "the comprehensive term for human personality". M. E. DAHL, The Resurrection of
the Body (SBT 1/36), London 1962, 121-126: "the totality of man from every aspect". -
770 Ib. 145.
771 Ib. 156.
2758 HANS HÜBNER

ausführliche Exegesen dieses Ergebnis zu gewinnen. Er setzt sich auch mit


BULTMANNs hermeneutischer Auffassung auseinander. Dabei bezieht er sich
auf die englische Übersetzung von MARTIN HEIDEGGERS ·Sein und Zeit': ·Being
and Time',772 Allerdings verbaut er sich dadurch eine BULTMANN wirklich
angemessene Kritik, daß er mit dem Gegensatzbegriffspaar "substantival mean-
ing of söma" und "functional or operational connotations of söma" dessen
Denken in den Griff zu bekommen versucht. 773 Weder die exegetischen noch die
hermeneutischen Darlegungen GUNDRYS können überzeugen, die exegetischen
dürften sogar einen gewaltigen Schritt zurück bedeuten.
Einen interessanten Aspekt bringt ROBERT JEWETT, ·Paul's Anthropologi-
cal Terms. A Study of Their Use in Conflict Settings'774, in die crmJlu-Diskus-
sion. Seine Untersuchung erstreckt sich jedoch, wie schon der Titel sagt, auf
alle anthropologischen Begriffe. Diese werden nun nicht I:lehr als rein statische
Begriffe einer als ein homogenes Ganzes gefaßten Theologie des Paulus behan-
delt; vielmehr versucht der Autor, den je unterschiedlichen Gebrauch
durch Paulus in den verschiedenen Situationen vor allem der Briefempfänger
deutlich werden zu lassen. Paulus und sein theologisches Bemühen werden
jetzt auch in der crroJlu-Debatte in ihrer Geschichtlichkeit ernstgenommen.
Über Einzelheiten mag man dabei streiten. Sie sind sekundär gegenüber der
grundsätzlichen Erkenntnis.
Der Abschnitt über crroJlU zieht sich über einhundert Seiten. 775 Davon
dient nahezu die Hälfte der Darstellung der Forschungsgeschichte. BULTMANNS
Auffassung wird sachlich, aber nicht unkritisch behandelt,776 JEWETT unter-
scheidet eine nicht-technische Bedeutung (in den frühen Schriften 1 Thess,
Gal, Phil und z. T. Kor A777) im Sinne von "the observable human body"778,
jedoch nicht als etwas dem Menschen äußerlich Angeheftetes, "but rather
constitutes his real self'. 779 So ist crroJlu in 1 Kor 6,19 "the term for the entire
person".780 Die antignostische Front ist eindeutig. Im Laufe der Auseinander-
setzung mit dieser Front entwickelt Paulus die technischen Bedeutungen
des Begriffs: 1. "Iwj.1Q as the basis of relationship and unity between persons";
2. "the church as Christ' s body". 781 Schließlich: "The use shifts quite dramati-
cally in Romans, for (JWj.1Q .•• is fit into the theological structure of the letter

772 London 1962.


m Ib. 184ff.
774 AGSU 10, Leiden 1971.
775 Ib. 201 - 304.

776 Ib. 209 - 211; z. B. ibo 210: "In this generalized definition (sc. BULTMANNs Paulus-Artikel
in RGG, 2. AuEl.) of man, in relation to himself and others, the earlier stress on man's
being in relation to the divine Thou receded. In the corresponding passage in his later
'Theologie des Neuen Testaments', the description comes to be alm ost exclusively
individualized. "
777 Zur Teilung des Korintherbriefs S. ]EWETT, op. cit. 23 - 40.
778 Ib. 456.

779 Ib. 251 im Blick auf 1 Thess 5,23.


780 Ib. 262.
781 Ib. 456.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 2759

to depict the somatic ground of existence in both aeons. "782 Auch hier wieder
die antignostische und antilibertinistische Front des PaulusJ83
Gegenüber letzterem erheben sich Bedenken. Bedenken vielleicht auch
dagegen, daß die Auseinandersetzung mit BULTMANN doch des hermeneutischen
Tiefgangs ein wenig entbehrt. Aber das muß unumwunden zugegeben werden:
JEWETTS Buch ist zum unverzichtbaren Standardwerk geworden. Eine wirkliche
Auseinandersetzung mit ihm - und das Buch verclient eine solche! - hat
noch nicht stattgefunden. Sie kann ailerdings auch nur geführt werden, wenn
man bereit ist, Paulus als einen, dc:.r selbst einen Prozeß theologischer Entwick-
lung durchgemacht hat, und somit ihn in dieser seiner Geschichtlichkeit zu
verstehen.
Nicht übergangen werden darf in diesem Zusammenhang EDUARD
SCHWEIZERS ausgezeichneter crmll<l-Artikel im "Theologischen Wörterbuch zum
Neuen Testament'J84 Paulus denke weit bewußter als die Logienquelle alttesta-
mentlich. So fehle crroll<l als Komplementärbegriff zu 'l'u'Xtl oder Ähnlichem
(ausgenommen 1 Thess 5,23), erst recht fehle die hellenistische Anschauung,
in der die Seele das eigentliche Ich des Menschen ausmacht, während der Leib
belanglos und hindernd ist. 785 Aus diesem Artikel sei hier nur noch folgende
Stelle herausgegriffen: Die häufige Wiedergabe des paulinischen crmll<l mit
"Person", "Persönlichkeit" oder gar "Individualität" habe zwar darin ihr
Recht, daß das Wort immer den ganzen Menschen meint. Dennoch treffe sie
das paulinische Verständnis noch nicht, weil damit "die Abgeschlossenheit des
Menschen in sich" betont sei. ~roll<l meine aber den Menschen in seinem
Gegenüber zu Gott, zur Sünde oder zum Mitmenschen. Es sei somit der
Bereich, in dem der Mensch dient. 786 Interpretiert SCHWEIZER aber hier nicht
Person, Persönlichkeit und Individualität von einem zu negativ besetzten
Vorverständnis von Person und Individuum her? Ist nicht - so wäre doch
wohl SCHWEIZER entgegenzuhalten - der Mensch gerade darin Person, daß
er nicht individualistisch nur auf sich selbst bezogen ist, daß er vielmehr
offen für die geschichtlich ihm begegnende Welt ist? Das alte Schreckgespenst
vom individualistischen Individuum geistert eben immer noch durch die theolo-
gische Literatur - selbst bei so bedeutenden Forschern wie EDUARD SCHWEI-
ZER!
Ehe mit J. A. T. ROBINSONS kleiner Schrift <The Body' die im Augenblick
behandelte Thematik theologisch ausgeweitet wird, noch ein Hinweis auf die
Dissertation von ALEXANDER SAND, die die benachbarte Problematik des

782 Ib. 457.


783 Ib. 457.
784 ThWNT VII (1964), 1024-1091; der Abschnitt über Paulus: ibo 1057 -1072.
785 Ib. 1057, 7 -13.
786 Ib. 1063, 9 -16, vgl. auch KÄsEMANN, Paulinische Perspektiven, 45, der - allerdings
von 2 Kor 12,2 her - bestreitet, daß "Leib" primär Personalität meine, und dann unter
Betonung des Gedankens der Geschöpflichkeit erklärt: "Dahin (sc. zur Verengung dieses
Gedankens durch den von vornherein geschehenen Bezug auf das Individuum) kommt
es freilich notwendig, wenn man der Existenz eine Welt entgegenstellt, welche ihrerseits
als geschlossen und unteilbar nur auf den irdischen Raum ... bezogen werden kann."
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"Fleisches", cJ'(IP~, bei Paulus zum Gegenstand hat: "Der Begriff ,Fleisch' in
den paulinischen Hauptbriefen",787 Der Verfasser stellt gut heraus, wie sich
Paulus im Verständnis dieses Begriffs, den er nach der Septuaginta verwendet,
der prägnanten Terminologie des Alten Testaments anschließt: "Fleisch" ist
der belebte menschliche Leib selbst, also ein hier noch mit crroJ,lu fast synonymer
Begriff. "Fleisch" hat auch wie im Alten Testament kollektive Bedeutung;
"alles Fleisch" sind alle Menschen in ihrer Ohnmacht vor Gott. Aber Paulus
geht über dieses alttestamentliche Bedeutungsspektrum hinaus: Der Mensch
lebt "im Fleisch" als ein solcher, der den Unheilsmächten ausgeliefert ist und
so in der Versuchung steht, nicht mehr von Gott das Heil zu erwarten, sondern
sich mit der Welt zu begnügen, die Welt zum ausschließlichen Maßstab seines
Handelns zu machen. Endlich bezeichnet dann "Fleisch" den unter die Sünde
versklavten Menschen. Der Boden des Alten Testaments und des Judentums
ist jetzt endgültig verlassen.
Das Thema "Fleisch" impliziert bereits durch den für Paulus so wichtigen
Gegensatz von "Fleisch" und "Geist", von crap~ und 1tVEUJ,lU, das Thema des
erlösten Menschen. Das dem "Fleisch" entgegengesetzte Pneuma ist wesentlich
die neue Kraft im Menschen, die das Vertrauen auf dessen eigene Kraft und
Mächtigkeit vernichtet. Der Wandel aber im Pneuma fordert den Dienst des
Pneumas, die Liebe. 788
Nach JOHN A. T. ROBINSON, "The Body. A Study in Pauline Theology"789
ist der Begriff "Leib" "the keystone of Paul's theology". "In its closely intercon-
nected meanings, the word awp,a ... knits together all his great themes."790
Dies wird an der Gliederung des Buches in seine drei Kapitel deutlich: 1. "The
Body of the Flesh', 2. "The Body of the Cross', 3. "The Body of the Resurrec-
tion·. Im Sinne BULTMANNS sagt er: "awp,a ... is used to indicate the external
presence of the whole man ... "791. 1:roJ,lU ist nicht etwas, was der Mensch hat.
"It is what he iS."792 Wie nun Erlösung und Auferstehung eben dieses Leibes
ermöglicht wurden, ist das zentrale Thema der paulinischen Lehre von der
Person und dem Werk Christi. 793 Dieser kam nämlich in die aussichtslose
Situation des unter der Knechtschaft von Tod, Sünde und Gesetz stehenden
Menschen. "The first act in the drama of redemption is the self-identification
of the Son of God tot hel i mit, yet without sin, with the body of {lesh in
its fallen state."794 Alles hängt nun an der Applikation as Christ ... so
f(

Christians" - freilich nicht als "matter of imitation"J795 "It is the assumption


that Christians have died in, with and through the crucified body of the
Lord ( ... Rom. 6.10 ... ) because, and only because, they are now in and of

787 BU 2, Regensburg 1967.


788 Ib. 295 ff.
789 London 1952 = 91977.
790 Ib. 9.
791 Ib. 27.
792 Ib. 28.
793 Ib. 33.
794 Ib. 37.
795 Ib. 45.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 2761

His body in the 'life that he liveth unto God', viz., the body of the Church.
It is only by baptism into Christ, that is 'into (the) one body' (1 Cor. 12.13),
only by an actual 'participation in the body of Christ' (1 Cor. 10.16 ... ), that
a man can be saved through His body on the Cross."796
Schließlich aber geht es dann noch um "the Christian's participation in
the resurrection body of the Lord". 797 Wenn Paulus in diesem Sinne sagt, alle
Christen seien "members of aperson", nämlich Christi, so sei dies "a very
violent use of language", wobei er durchaus meine, was er sagt,798 "It is almost
impossible to exaggerate thematerialism and crudity of Paul's doctrine of the
Church as literally now the resurrection b 0 d y of Christ. "799 Die Lehre des
Paulus meint hier "a direct extension of his understanding of the Incarna-
tion."800
Von zentraler Bedeutung für ROBINSON ist 1 Kor 6,12 H., wo in aller
Massivität der Vorstellung die menschlichen Leiber der Christen als Glieder
Chris'ti, d. h. des Leibes des auferweckten Christus, beansprucht werden. So
heißt es: "The resurrection of the body starts at baptism, when a Christian
becomes tone Spirit' (i. e., one spiritual body) with the Lord (1 Cor. 6.17) ... "801
"Its ultima te destiny, by incorporation into the Body of Christ, is transfor-
mation from being a natural body to become a O'wp,a nvevp,aTl1<:6v (1 Cor.
15,44) ... "802 Unser gegenwärtiger Zustand ist, wie z. B. 2 Kor 4,10f. und Phil
3,10f. zum Ausdruck bringen, durch eine paradoxe Existenzweise gekennzeich-
net: Teilhabe an Christi Leiden und Auferstehung zugleich. 803
ROBINSONS theologischer Entwurf ist durch seine innere Geschlossenheit
geprägt. In ihm kommen anthropologische, christologische, ekklesiologische,
sakramentale und eschatologische Aspekte in Korrelation zueinander zum
Ausdruck. Bei den ekklesiologischen Darlegungen werden Deuteropaulinen
übermäßig herangezogen. Doch kann dies kein substantieller Einwand gegen
diese Konzeption sein. Von theologisch weit höherem Stellenwert ist das
Bedenken von ERNST KÄSEMANN . Dieser war es vor allem, der gegen eine
ganze Reihe von Exegeten - ROBINSON wird nur am Rande genannt - seinen
Einspruch wiederum in sehr plastischer Formulierung, wie folgt, zum Ausdruck
brachte: "Ekklesiologische Metaphysik wird höchst gefährlich auch in die
paulinischen Aussagen hineingelesen. So bringt man den Christusleib der
Kirche mit dem Kreuzesleib Jesu in Verbindung und läßt beide zusammenfallen,
indem man den letzten zur Prolepse des ersten erklärt oder sogar "in seiner
fortdauernden Wirkung' mit dem Leib des Erhöhten identifiziert und den
"Raum der Kirche' nennt. Ich gestehe, mit solchen Spekulationen nicht einmal

796 Ib. 46 f.; erster Satz von ROBINSON zum größten Teil kursiv hervorgehoben.
797 Ib. 49.
798 Ib. SO.
799 Ib. 51.
800 Ib. 56.
801 Ib. 79; Hervorhebung von mir.
802 Ib. 80; Hervorhebung von mir.
803 Ib. 74 H.
2762 HANS HÜBNER

eine klare Anschauung verbinden zu können, wenn sie mehr als reichlich
überzogene Metaphern sein wollen. "804 So sei es auch höchst unwahrscheinlich,
daß die Bezeichnung des eucharistischen Elements als Leib Christi ursprünglich
irgend etwas mit der ekklesiologischen Formel vom Christusleib zu tun hatte. 805
Nach KÄsEMANN ist der Christusleib der Kirche der irdische Leib des Auferstan-
denen und Erhöhten, also eben nicht der Kreuzesleib. 806
Die polemische Richtung, um die es KÄSEMANN eigentlich geht, ist eine
doppelte: 1. Gegen die "Existenztheologie": Diese vermöge nicht zum Ausdruck
zu bringen, daß der Christusleib neue Schöpfung in weltweiter Dimension
ist und damit die Frage der Weltherrschaft aufgeworfen ist. 807 Gegen H.
CONZELMANN heißt es: "Existenztheologie vermag von Weltherrschaft Christi
nicht mehr ernsthaft zu sprechen und opfert darüber hinaus den Primat
der Christologie letztlich einer bestimmten Ekklesiologie. "808 2. Gegen eine
theologisch überbewertete Kirche. Die Abwehr einer solchen Kirche hängt
aber eng mit KÄsEMANNs Polemik gegen die sog. Existenztheologie zusammen.
Er wehrt sich gegen eine Konzeption von Kirche, in der diese zur Prolongation
und Repräsentation ihres Herrn wird, womöglich noch am grundlegenden
Erlösungsgeschehen beteiligt. Der ausschlaggebende und dauernde Primat der
Christologie darf nicht vor der Ekklesiologie in den Schatten rücken. 809 Das
bereits in unserem Forschungsbericht früher zu Tage getretene Thema der zu
vermeidenden theologia gloriae meldet sich wieder: "Die herrschende ökumeni-
sche Tendenz läuft zweifellos darauf hinaus, von hier aus (sc. Ekklesiologie
als Christologie) die Herrlichkeit der Kirche zu begründen: Sie partizipiert am
Wesen ihres erhöhten Herrn ... Der Kontext von Röm 12,3 ff.; 1 Kor 12,12 ff.
wendet sich eindeutig gegen enthusiastische theologia gloriae. "810 Die Kirche
ist Leib Christi als sein gegenwärtiger Herrschaftsbereich. 811 Mit Nachdruck
stellt KÄsEMANN heraus, daß die thematische Behandlung des Kirchenbegriffs
nicht paulinisch genannt werden darf. 812
Anders urteilt EDUARD SCHWEIZER, zunächst in seinem 1961 in der
<Theologischen Literaturzeitung'813 erschienenen Aufsatz "Die Kirche als Leib
Christi in den paulinischen Homologumena'. 814 Er unterscheidet sich in reli-
gionsgeschichtlicher Hinsicht von KÄsEMANN: Der Vorstellung vom Leib Christi
liegt kein vorchristlicher gnostischer Mythos zugrunde. Vielmehr ist die spe-

804 E. KÄSEMANN, Das theologische Problem des Motivs vom Leibe Christi, in: DERS.,
Paulinische Perspektiven, (178 - 210) 191 f.
805 Ib. 193.
806 Ib. 194.
807 Ib. 188 f.
808 Ib. 189, Anm. 21.
809 Ib. 195 f.
810 Ib. 203.
811 Ib. 204.
812 Ib. 209.
813 ThLZ 86 (1961), 161-174.
814 Jetzt in: E. SCHWEIZER, Neotestamentica, 272 - 292; s. auch ibo 293 - 316: "Die Kirche
als Leib Christi in den paulinischen Antilegomena'.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 2763

zielle Formulierung "Leib Christi' paulinische Schöpfung, die aber von den
spät jüdischen Gegebenheiten sehr nahe lag. 815 Für SCHWEIZER ist der (ekklesio-
logische) Leib Christi immer auch der am Kreuz hingerichtete geschichtliche
Leib. 816 Wie KÄSEMANN weist jedoch auch er auf den Sachverhalt hin, daß die
Rede vom Leib Christi ihren Sitz in der Paränese hat. 817 Aber er bindet die
Paränese Röm 12,1 mit Röm 7,4 zusammen, wie er dann auch auf den in Röm
12 gegebenen Zusammenhang davon, daß die Gemeinde ihre Leiber Gott zum
Opfer hingeben soll und daß Paulus hier von der Gemeinde als dem Leib
Christi spricht, hinweist. 818 Später schreibt er in seinem "ThWNT' -Artikel
crro~a.: "Man kann also (sc. bei den Abendmahlsaussagen des Paulus) Kreuzes-
leib und Leib des Erhöhten hier nicht scheiden; denn dieser ist der Kreuzesleib
in seiner fortdauernden Wirkung, er ist der Raum der Kirche. "819 Und: "In
der Tat denkt Paulus also an so etwas wie einen alle umspannenden Leib
Christi ... Der gekreuzigte und auferstandene Leib Christi ist für Paulus ein
gegenwärtiger Raum, in den die Gemeinde hineingestellt wird. "820 SCHWEIZER
dürfte exegetisch das Richtige getroffen haben.
Nun ist die ekklesiologische Frage bei Paulus nicht nur eine "rein' exegeti-
sche Frage. In ihr konzentriert sich auch im wesentlichen die konfessionelle
Differenz. Im Grunde besteht diese nicht mehr in der Rechtfertigungslehre.
Der wirkliche Unterschied zwischen katholischem und evangelischem Glauben
liegt in ekklesiologischen Implikationen theologischer Aussagen. Von daher
wurzelt KÄSEMANNS leidenschaftliches Plädoyer für den Vorrang der Christolo-
gie vor einer Ekklesiologie, womöglich noch mit theologia-gloriae-Akzent, in
einer bewußt evangelischen Interpretation der paulinischen Lehre, die aber
selbstverständlich als exegetisch und nicht dogmatisch gewonnene vorgetragen
wird. Freilich ist sofort hinzuzufügen, daß KÄSEMANNS Auffassung keines-
wegs - wie er ja auch selbst sagt - einen evangelischen Konsens ausmacht.
Allein die eben genannten exegetischen Aussagen EDUARD SCHWEIZERS zeigen
dies.
Auch HEINRICH SCHLIER dürfte in seinem Aufsatz "Zu den Namen der
Kirche in den Paulinischen Briefen' 821 eine Interpretation von "Leib Christi"822
vorgetragen haben, die einen deutlich konfessionellen, diesmal jedoch katholi-
schen Akzent trägt. Diesen Akzent gewinnt er vor allem dadurch, daß er
die deuteropaulinischen Briefe Kol und Eph mit ihren in der Leib-Christi-
Vorstellung zu 1 Kor und Röm differenten Aussagen als authentische paulini-
sehe Schreiben heranzieht. (Doch dürften ihm in diesem Punkt sehr viele
katholische Neutestamentler nicht mehr folgen.) SCHLIER schreibt: ,,~ro~a.

815 Ib. 290.


816 Ib. 289.
817 Ib. 291.
818 Ib. 291 f.
819 ThWNT VII (1964), 1066, 13ff.
820 Ib. 1069, 4 H.
821 H. SCHLIER, Besinnung auf das Neue Testament. Exegetische Aufsätze und Vorträge 11,
Freiburg 21967, 294 - 306.
822 Ib. 299 - 304.
2764 HANS HÜBNER

XP10"TOU ist sein eigentlicher Begriff für die Kirche ... Im 1 Kor und Röm sucht
er noch nach ihm. Erst in Kol und Eph steht er ihm in seiner ganzen Fülle
zur Verfügung und beherrscht die Aussagen über die Kirche. "823 Von Eph 1
kommt er dann auch zu der Aussage: "Alle Welt untersteht von Christus
her ihrem (sc. der Kirche) Anspruch und ihrer Sorge und wird in ihr wieder
aufgerichtet ... "824 Das Ineinander und Miteinander von Leib Christi und
Gemeinschaft der Gläubigen ist für SCHLIER der Ansatz für die Einheit der
Rechts- und Liebeskirche. 825
Ziehen wir für diesen Aspekt der paulinischen Theologie jetzt nur noch
den Aufsatz von HANS-FRIEDRICH WEISS, ·"Volk Gottes" und "Werk Christi".
Überlegungen zur paulinischen Ekklesiologie' heran. 826 WEISS stellt zu Beginn
heraus, daß in den Briefen des Paulus eine "Lehre von der Kirche" nicht
entfaltet wird. Nur gelegentlich komme Paulus auf dieses Thema zu sprechen.
Gleichwohl seien seine Äußerungen zum Thema Kirche von paradigmatischer
Bedeutung für bestimmte Grundstrukturen seines theologischen Denkens. 827
Ausgewählt wurde der Aufsatz von WElSS, weil seine Darlegungen vor allem
als kritisches Gespräch mit KÄsEMANN entworfen sind. Dieser sieht, gegen
ALBRECHT OEPKE 828 , die theologische Prävalenz der Christologie vor der
"Heilsgeschichte". WEISS will eine solche Alternative überwinden. Was das
heilsgeschichtliche Moment angeht, so sei eine "merkwürdige Zurückhaltung"
zu beachten: Nirgends nenne Paulus die christliche Gemeinde eindeutig und
ausdrücklich das "neue und wahre Gottesvolk" im Unterschied und Gegensatz
zum "alten Gottesvolk" .829 Gerade in Röm 9 -11 gehe es primär um die Frage
der heilsgeschichtlichen Kontinuität zwischen Israel und der Kirche, freilich
konstituiert allein durch Gottes erwählendes' Handeln. 830 Allerdings werde
die Mitte der paulinischen Eschatologie nicht durch jene "heilsgeschichtlich-
eschatologische" Linie bezeichnet. Diese Linie habe Paulus vielmehr konse-
quent in die Rechtfertigungstheologie einbezogen. 831 So sei das Spezifikum
seiner Ekklesiologie ihr christologischer Ansatz und ihre christologische Be-
gründung und damit zugleich die Begründung der heilsgeschichtlichen Konti-
nuität Israel - Kirche. 832
Im Prinzip scheint mir dies richtig gesehen zu sein. Zugleich ist damit
aber eine Thematik angeklungen, auf die gleich noch als eine im Augenblick
noch völlig offene und heiß umstrittene Thematik hingewiesen werden wird:
Paulus und Israel bzw. Paulus und das Alte Testament.

823 Ib. 299.


824 Ib. 302; Hervorhebung von mir.
825 Ib. 304.
826 ThLZ 102 (1977),411-420.
827 Ib.411.
828 ThLZ 79 (1954), 363 - 368.
829 Ib. 414.
830 Ib. 415.
831 Ib. 416.
832 Ib. 418.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 2765

In der zuletzt referierten Diskussion kündigt sich eine noch fundamenta-


lere Fragestellung an, von der wir im Grunde nur einzelne Lösungsrichtungen
skizzieren können, keinesfalls aber eine wirklich befriedigende Antwort. Ge-
meint ist die Auseinandersetzung um die Grundthematik "c h r ist I ich e rEx i-
stenz und Zukunft bzw. Zukünftigkeit'. Was im Augenblick diese Dis-
kussion trotz vieler guter und äußerst interessanter Beiträge so unbefriedigend
macht, ist, daß die zur Zeit zur Verfügung stehende philosophisch-hermeneuti-
sche Begrifflichkeit noch unzureichend ist. Das hermeneutische Band, das
exegetische Detailkenntnisse zusammenbindet, fehlt immer noch. BULTMANNs
hermeneutische Methode überzeugt heute nur noch eine Minderheit. Ihre
Schwächen werden gegenwärtig überbetont, z. T. wird dieser Ansatz von
seinen Wurzeln her mißverstanden und dann noch ideologisch verzerrt. Es
wurde aber, vor allem in den letzten Jahren, weitesthin versäumt, seine
positiven Ansätze auszubauen. 833
RUDOLF BULTMANN nennt die Hoffnung, EAni<:;, als ein Strukturelement
des Glaubens, der nicr't't<;.834 Er sieht, wie schon gesagt wurde (s. Abschnitt III
unseres Forschungsberichts, oben S. 2695 ff.), die OlKUWcruVll, die Gerechtig-
keit, als einen eschatologischen Begriff. Nun stellt er im Anschluß an diese
Erkenntnis fest, daß deren Gegenwärtigkeit die eschatologische ist (Gal
5,5: EAnlOU OlKUWcrUVll<;, neben Röm 5,1: OlKUlro8tvtf:<; oüv EK nicr'tEro<;).835 Die
dann vielzitierte Stelle, die immer wieder Anlaß zur Kritik bot, lautet: "Diese
EAni<; ist das Frei- und Offensein für die Zukunft, da der Glaubende
die Sorge um sich selbst und damit um seine Zukunft im Gehorsam Gott
anheimgestellt hat. Die Sünde des Unglaubens ist ja gerade die, daß er aus
sich selbst leben will und seine Zukunft im Wahn des Verfügen könnens
selbst in Sorge nimmt. "836 Die philosophische Anleihe bei HEIDEGGER ist
offensichtlich, wie auch, wenn er anschließend vom um sich selbst besorgten
Menschen redet, der faktisch in der Angst lebt. 837 "Diese Angst ist dem Glauben-
den genommen ... " 838
Man sollte in diesem Zusammenhang auch auf BULTMANNs Aufsatz "Die
christliche Hoffnung und das Problem der Entmythologisierung'839 hinweisen,
da er hier einige hermeneutische Konsequenzen deutlicher und offener aus-
sprich'~ als in seiner "Theologie des Neuen Testaments'. Er spricht vom Grund-
motiv der alten Hoffnung, dem Wissen des Menschen um das Ungenügen des
Hier und Jetzt, das ihm die Erfüllung des eigentlichen Lebens nie schenken
kann. Es ist das Wissen darum, daß dieses sein eigentliches Leben die Welt
transzendiert, in der er hier lebt. Der entscheidende Gedanke der alten (bibli-

833 Dazu H. HÜBNER, Existentiale Interpretation der paulinischen 'Gerechtigkeit Gottes'.


Zur Kontroverse Rudolf Bultmann - Ernst Käsemann, NTS 21 (1974/75), 462 - 488,
bes. 481 H.
834 BULTMANN, Theologie, 320.
835 Ib. 320.
836 Ib. 320; Hervorhebung von mir.
837 Ib. 320.
838 Ib. 321.
839 In: Gu V III, 81 - 90.
2766 HANS HÜBNER

schen) Hoffnung ist doch der, daß die Erfüllung des menschlichen Lebens "nur
Geschenk von jenseits, Geschenk der Gnade Gottes sein kann, wie naiv auch
immer das mythologische Denken das Ereignis der heilbringenden Gnade
Gottes ausgemalt haben mag und wie naiv auch immer es die Erfüllung der
Hoffnung als einen Zustand vorgestellt hat, der nur mit den Farben des
Diesseits ausgemalt werden konnte". 840 Für Paulus ist, ohne daß er die mytho-
logische Erwartung preisgegeben hätte, das entscheidende Ereignis schon im
Kommen Jesu geschehen. Wer "in Christus" ist, der ist schon ein neues
Geschöpf. "Schon jetzt können die Glaubenden ihren Wandel in der Kraft
des Lebens führen ... Christus (hat) die Möglichkeit des Lebens für alle
Glaubenden eröffnet. "841 Aber - so läßt sich von uns aus interpretierend
sagen - diese "präsentische Eschatologie" 842 ist deshalb nicht rein präsentisch,
weil für ihn (im Gefolge HEIDEGGERS, aber doch auch im Gefolge genuiner
biblischer Aussagen!) Gegenwart niemals ohne Zukunft als Gegen-
wart verstanden werden kann. So bedeutet für BULTMANN "Erfüllung
der Gegenwart zugleich ihre Bestimmtheit durch die Zukunft", nämlich (und
nun steht nicht mehr HEIDEGGER Pate!) "daß der gegenwärtige Gott zugleich
der kommende Gott ist". 843 Sehr oft wird seine existentiale Interpretation
der Zukunftsaussagen des Paulus im Sinne einer präsentischen Eschatologie
aufgefaßt, deren Zukunftsbestimmung nur das Dasein vor dem leiblichen
Tode meint. Das ist eindeutig falsch. Wir lesen: "Für den, der offen ist für
alle(!) Zukunft als die Zukunft des kommenden Gottes, hat der Tod seine
Schrecken verloren. Er wird darauf verzichten, die Zukunft, die Gott im Tod
schenkt, auszumalen; denn alle Bilder von der Herrlichkeit nach dem Tode
können nur Wunschbilder der Phantasie sein; und der Verzicht auf Wunschbil-
der gehört zur radikalen Offenheit des Glaub.ens an Gottes Zukunft. "844
Das allerdings stimmt: Apokalyptische Begrifflichkeit wird von BULTMANN in
der jen i gen We i s e existential interpretiert, daß dadurch das Schicksal der
We I t aus dem Blickfeld verschwindet. Doch ist solche Abblendung nicht
notwendig mit existentialer Interpretation verbunden, jedenfalls nicht, wenn
sie von HEIDEGGER herkommt.
ERNST KÄsEMANN spricht in seinem Aufsatz 'Zum Thema der urchrist-
lichen Apokalyptik'845 - der Titel spricht ein theologisches Programm aus -
von BULTMANNS faszinierender Paulusinterpretation, die dadurch bestimmt
werde, daß sie die präsentische Eschatologie des Apostels entschlossen zur
beherrschenden Mitte gemacht habe. 846 Demnach scheint KÄsEMANN, dem ja

840 Ib. 88.


841 Ib. 89; Hervorhebung von mir.
842 Diesen Ausdruck braucht BULTMANN vor allem im Blick auf die eigentliche Intention des
Joh-Ev.
843 Ib. 89 f.
844 Ib. 90; s. auch BULTMANNS Brief vom 5. März 1962 an den Verf., abgedruckt in: H.
HÜBNER, Rechtfertigung und Heiligung in Luthers Römerbriefvorlesung, Witten 1965,
96, Anm. 374.
845 In: Exegetische Versuche und Besinnungen 11, 105 -131.
846 Ib. 125.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 2767

so sehr an der theologischen Relevanz der Apokalyptik liegt, daß er,


wie wir schon sahen, von ihr als der Mutter der christlichen Theologie spricht
(s. o. S. 2748), zuzugestehen, daß Paulus in der Tat präsentische Eschatologie
vertritt. So heißt es auch in seinem Römerbriefkommentar (zu Röm 5,2): "In
eschatologischer Perspektive ... geht es gleichwohl nicht bloß um die Hoffnung
auf zukünftiges Heil ... Die 86~a 'tou 9EOU ist die Vollendung der bereits
geschenkten Gerechtigkeit und wird in dieser derart antizipiert, daß "Hoffnung'
zugleich auf ausstehende Vollendung noch wartet und ihrer doch über der
empfangenen Gabe gewiß ist. EA1ti<; meint ... den Ausblick ... auf bereits
Verbürgtes."847 Und ausdrücklich sagt er in diesem Zusammenhang, daß
Paulus zwar die apokalyptische Lehre von den beiden Äonen voraussetze, sie
jedoch abwandle und nie thematisch behandle. "Christliche Dialektik sprengt
die Schemata dieser Lehre ... In der mit Christus eingetretenen Zeit sind die
beiden Äonen nicht mehr wie in jüdischer Apokalyptik chronologisch und
räumlich zu trennen. Die Erde ist ihr Kampfort geworden. "848 Doch zurück
zu dem genannten Aufsatz! In ihm konzediert KÄsEMANN zwar, daß die
systematische Entfaltung der Anthropologie das Proprium des Paulus ist,
bestreitet aber energisch, daß es die präsentische Eschatologie sein könne (die
schon von der hellenistischen Christenheit vor ihm entwickelt worden war!).849
Seine Eigenart trete viel schärfer in seinem an ti e n t h u s i ast i s c h e n Kampf
zutage, den er letztlich und zutiefst im Zeichen der Apokalyptik ausgefochten
habe. 850 Paulus habe die enthusiastische Grundaussage nicht aufnehmen kön-
nen, wonach der Christ wie am Kreuz, so an der Auferstehung seines Herrn
Anteil habe: Röm 6,4 f. werde vom Anteil an der Auferweckung nicht perfek-
tisch, sondern futurisch gesprochen. 851 "Auferstanden ist Christus allein, wir
haben im Geist die Anwartschaft der Auferweckung und bekunden das im
neuen Gehorsam. "852 Im Blick auf 1 Kor 15 erklärt KÄsEMANN, es handele sich
in der Auf er w eck u n g gar ni c h t p r i m ä r um einen an t h r 0 polo gis c h e n ,
sondern um einen christologischen Sachverhalt. Ihr Sinn sei nicht etwa
zuerst und vor allem unsere Wiederbelebung, sondern die Herrschaft Christi. 853
Er schließt dann Anthropologie und Auferstehungsaussage so zusammen: Der
leibliche Gehorsam (1 Kor 6,13!) läßt sich zugleich als Stand unter
der Auferstehungsmacht und als Bekundung des neuen Lebens wie als
An wartschaft der A ufers teh ungs wir klichkei t beschreiben. "Weil
Christus herrschen muß, kann er die Seinen nicht dem Tode lassen. "854 Es
ist also die apokalyptische Frage nach der Weltherrschaft, die hinter der
Auferstehungstheologie und der Paränese des Apostels steht. 855 Für die Existenz

847 KÄSEMANN, An die Römer, 125.


848 Ib. 126.
849 Exegetische Versuche und Besinnungen 11, 125.
850 Ib. 126.
851 Ib. 126 f.
852 Ib. 127.
853 Ib. 127.
854 Ib. 129.
855 Ib. 129.
2768 HANS HÜBNER

des Christus und der christlichen Gemeinde heißt das: Wissen um ihre Ange-
fochtenheit. 856
RUDOLF BULTMANN antwortet KÄSEMANN 1963 in der Festschrift für Ernst
Haenchen eApophoreta'857 mit de~ Aufsatz eIst die Apokalyptik die Mutter
der christlichen Theologie? Eine Auseinandersetzung mit Ernst Käsemann'. 858
"Und das scheint mir die eigentliche Tat des Paulus zu sein: die N eu-
Interpretation der Apokalyptik, während für Käsemann die Verteidi-
gung der Apokalyptik gegen das Pneumatikertum als die wesentliche Tat, als
das historische Verdienst des Paulus erscheint. "859 Er stimmt KÄSEMANN inso-
fern zu, als dieser die Bedeutung der Anthropologie des Paulus darin sieht,
die Präsenz des Heils als das Leben im leiblichen Gehorsam deutlich zu
machen. "Aber eben damit werden doch die Begriffe Leib, Fleisch und Geist
am Individuum orientiert, und das bedeutet keinen Gegensatz zur
Weltzugehörigkeit des Glaubenden, sondern schließt sie ein."86o
Er rekurriert dann auf seine bekannte cr&J.1u-Definition und interpretiert
sie - zu Recht! - vom Weltbezug her. "Ich kann daher in Käsemanns
Ausführungen über den leiblichen Gehorsam der Glaubenden keinen wirkli-
chen Gegensatz zu dem von mir Gesagten sehen."861 Das Fazit: Die Eschato-
logie ist die Mutter der urchristlichen Theologie, nicht die Apokalyptik. 862
OSCAR CULLMANN hat in seiner theologischen Arbeit immer wieder auf die
Heilsgeschichte als das eigentliche Konstitutivum der neutestamentlichen
Aussagen hingewiesen. Hier sei nur auf sein Werk eHeil als Geschichte.
Heilsgeschichtliche Existenz im Neuen Testament'863 hingewiesen, zumal er
darin auch einen Abschnitt epaulus und die Heilsgeschichte'864 bringt. Der
Titel ist Programm: Heil als Geschichte! CULLMANN will allerdings nicht,
wie ja auch der Untertitel klar zum Ausdruck bringt, "christliche Existenz und
Heilsgeschichte einander als Gegensätze gegenüberstellen", das sei "falsch".865
Im Grunde könnte man - auch vom hermeneutischen Ansatz BULTMANNS
her; mit diesem setzt sich CULLMANN in der Hauptsache auseinander - folgen-
den Satz durchaus zur Grundlage einer hermeneutischen Diskussion nehmen:
" ... Entscheidung heißt ... , meine Existenz in jenes mir offenbarte konkrete
Geschehen, in jene Ereignisfolge (sc. der horizontal verstandenen Heilsge-
schichte), einzureihen. "866 Trotz CULLMANNS Bemühen, Heilsgeschichte und

856 Ib. 130.


857 BZNW 30, 1964.
858 Ib. 64-69; jetzt in: BULTMANN, Exegetica, 476-482.
859 Ib. 480; Hervorhebung von mir.
860 Ib. 480; Hervorhebung von mir.
861 Ib. 480; Hervorhebung von mir.
862 Ib. 482.
863 Tübingen 1965, 21967.
864 Ib. 225 - 245.
865 Ib. 11.
866 Ib. 51; cf. auch ibo VI: "Und heißt dann Glauben nicht gerade, meine Existenz in
diesen Ereigniszusammenhang hic et nunc einzureihen?"; Hervorhebung von
CULLMANN.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 ,.2769

Existenz nicht als sich ausschließende Gegensatzbegriffe zu sehen, gerät seine


Konzeption doch sehr stark in die Nähe einer solchen Antithetik. Zunächst
stellt er heraus, daß das von der BULTMANN-Schule so betonte "Jetzt der
Entscheidung", wie es z. B. in 2 Kor 6,2 vorliegt, einer "heils geschichtlichen
Haltung" untergeordnet sei. 867 Der Preis, den BULTMANN der heutigen Philoso-
phie dafür gezahlt habe, das Evangelium dem heutigen Menschen verständlich
zu machen, sei zu hoch. Es bleibe aufgrund der "existentialistischen (!)868
Umdeutung der Eschatologie" nicht mehr Skandalon und Torheit (1 Kor
1,23).869 "Alles, was in 1 Kor 1,18ff. vom Kreuz, dem Zentrum aller
Heilsgeschichte, gesagt ist, können wir auf die Heilsgeschichte selbst
anwenden. Sie ist 8EOU cro<pia."870 Das Mindeste, was von dieser Auslegung
von 1 Kor 1 gesagt werden muß, ist, daß sie im Übermaße einseitig ist.
Wahrscheinlich geht man aber nicht zu weit, wenn man sie als grundsätzlich
falsch beurteilt. Was in dem Abschnitt "Paulus und die Heilsgeschichte"
auffällt, ist das fast völlige Desinteresse daran, die paulinische Theologie und
so auch, will man einmal überhaupt mit CULLMANN von Heilsgeschichte bei
Paulus sprechen, diese von der Rechtfertigungslehre her anzuvisieren. Daß
Paulus die Existenz des Gerechtgesprochenen vom Eschaton her deut-
lich zu machen sich bemüht, geht in der Eloge auf die angebliche Dominanz
der Heilsgeschichte bei Paulus unter - wahrscheinlich, weil er hier wieder
Existenzial i s mus fürchtet.
Deutlich wird dies auch wieder an seinen Plädoyer für die ganze Bibel:
Jede (!) Zeit der Kirchengeschichte habe nach ihrem eigenen Lieblingsgedanken
eine Auswahl innerhalb der biblischen Motive getroffen. 871 ,-,N ach Käsemann
ist es neuerdings (!!) die Rechtfertigung aus dem Glauben. Alles Auswählen
ist aber notgedrungen subjektiv, willkürlich. Wenn wir überhaupt den Gedan-
ken eines Kanons, der das Alte und Neue Testament umfaßt, ernst nehmen,
so müssen wir - nicht auf Grund einer theologischen Lieblingsidee und
überhaupt nicht auf Grund einer Auswahl - sagen, daß es nur die Heilsge-
schichte sein kann, weil nur (!) sie wirklich alle (!?) diese Bücher einzubeziehen
vernag. "872 Wieviel alttestamentliche Bücher allein werden durch ein solches
Prinzip um ihre eigentliche Aussage gebracht! Wie steht es z. B. mit dem
'Prediger', der nicht müde wird zu sagen: "Es gibt nichts Neues unter der
Sonne. ", Pred. 1,9 u. ö.? Und ist nicht auch die Aussage "keine Auswahl"
subjektiv? M. E. kommt das Bedenkliche der Grundauffassung CULLMANNS
symptomatisch in folgendem Satz mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck: "Was
mich anredet und was mich zur Entscheidung führt, ist nicht die mit meinem
Sündenbewußtsein gegebene Frage und eine auf der Ebene meines Selbstver-
ständnisses erteilte Antwort, sondern die Tatsache, daß Sünde und Tod ebenso
wie Erlösung und Leben auf einer ganz anderen Ebene, nämlich auf

867 Ib. 226.


868 Hervorhebung von mir.
869 Ib. 230.
870 Ib. 230; Hervorhebungen von mir.
871 Ib. 273 f. 872 Ib. 274.
2770 HANS HÜBNER

derjenigen einer zusammenhängenden (also nicht - im existentialistischen (!)


Sinne - punktuellen (!)) Geschichte und nur in ihr in ihrer ganzen Wirklich-
keit erscheinen. "873
Wesentlich differenzierter sieht PETER STUHLMACHER in seinem Aufsatz
"Erwägungen zum Problem von Gegenwart und Zukunft in der paulinischen
Eschatologie'874 die Problematik. Gegen CULLMANN wendet er ein, dieser
werde mit seiner unpaulinisch-schematischen Konstruktion der Tatsache nicht
gerecht, daß der neue Äon für Paulus schon in der Auferstehung Jesu, im
(proleptischen) Wort der Verkündigung, im Geist u.s. w. gegenwärtig sei. 875
STUHLMACHER selbst will sich an die Grundstruktur der Eschatologie des
Paulus herantasten, indem er sich dem höchst auffälligen Grundzug seiner
Aussagen, nämlich der alle wesentlichen Themen der apostolischen Theologie
prägenden Zerdehn ung der Esch a tologie in eine prä sen tische und
eine futurische Aussagenreihe zuwendet. 876 Die theologische Absicht
des Paulus sei im Mit- und Ineinander dieser beiden Argumentationsreihen zu
vermuten. Zu Recht stellt STUHLMACHER dann heraus, daß man die Eschatolo-
gie des Apostels noch nicht erklärt habe, wenn man die doppelte Tendenz nur
konstatiere. 877 Seine Lösung: Das Evangelium ist wie die Berufungsoffenbarung
des Apostels "ein proleptisches Kommen Gottes". 878 Er zieht auch das Alte
Testament in diese Denkstruktur hinein: Paulus trifft bereits dort auf den
Gott, der ihn zum Boten des Christus berufen hat. Also: "Nicht nur Gegenwart
und Zukunft, sondern auch die geschichtliche Vergangenheit werden dem
Apostel zu Aussageweisen des Kommens Gottes. "879 "Die Beschäftigung mit
dem Alten Testament gibt 'Paulus den Blick frei für den Gott, der mit seiner
Gnade in Christus aller Geschichte schon ein für allemal voraus ist. "880 Indem
STUHLMACHER richtig hervorhebt, daß Paulus in all seinen Begriffen für Zeit
die Zeit nicht abstrakt, sondern konkret als Zeitenfülle (in diesem Sinne
sei nicht nur Kutp6<;, sondern auch xp6vo<; zu verstehen), Zei tra um und
Zeitepoche bedenkt 881 , kann er dann sagen: "Die Zeit im ganzen wird von
Paulus als Wort des kommenden Gottes erfahren. "882 Das Phänomen der
Spannung zwischen Gegenwart und Zukunft sei somit aus dem Kommen
Gottes heraus gedacht und entsprechend zu interpretieren. Dabei trage aber
die präsentische Aussagenreihe unstreitig den Hauptton. 883 Die apoka-
lyptische Naherwartung durchherrsche gleichmäßig alle paulinischen Briefe,
doch sei das apokalyptische Problem nach dem Termin des Endes für den

873 Ib. 299; durch CULLMANN hervorgehoben.


874 ZThK 64 (1967),423 -450; erweiterter Text seiner Habilitationsvorlesung.
875 Ib. 424, Anm. 4.
876 Ib. 426.
877 Ib. 427.
878 Ib. 431.
879 Ib. 435; Zitat durch STUHLMACHER im Druck hervorgehoben.
880 Ib. 440; durch STUHLMACHER hervorgehoben.
8111 Ib. 441, Anm. 41.
882 Ib. 441; durch STUHLMACHER hervorgehoben.
883 Ib. 443.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 2771

Apostel schon von der vorzeitigen Ankunft des endgültigen Heils überholt. 884
Die auf die eingangs gestellte Frage nach der Grundstruktur der Eschatologie
des Paulus lautet dann: "Die pa ulinische Eschatologie ist eine prolep-
ti s c heu n d dar i n c h r ist 0 log i s c h e Es c hat 0 log i e. "885
STUHLMACHER hat also dadurch die Eschatologie als proleptische herausar-
beiten können, daß er vom Eva n gel i umher argumentiert. Mit vollem Recht!
Man könnte auch sagen: Es handelt sich um eine pr im ä r präsentische Eschato-
logie, deren eigentliche Struktur konstituente vom christologisch definierten
Wort Gottes bestimmt ist. Dies fügt sich gut in das Bild ein, das wir bisher
vom theologischen Bemühen STUHLMACHERS gewinnen konnten. Sein Anliegen
ist es ja, individualistische Engführung zu vermeiden - immerhin ist er
Schüler KÄsEMANNS. Es ist aber zu fragen, ob der theologische Gewinn der
proleptischen Eschatologie im Sinne STUHLMACHERS nicht noch weiteren Ge-
winn zeitigte, wenn er die Rolle des Individuums in diesem theologischen
Aufriß noch eingehender bedacht hätte.
Zentrum der durch jÖRG BAUMGARTEN in seiner von ERICH GRÄSSER
angeregten Bochumer Dissertation 'Paulus und die Apokalyptik. Die Auslegung
apokalyptischer Überlieferungen in den echten Paulusbriefen'886 in Angriff
genommenen Fragestellung ist die Kontroverse zwischen ERNST KÄsEMANN
und RUDOLF BULTMANN um den hermeneutischen Schlüssel zum Verständnis
der paulinischen Theologie, die man etwas grob auf die schlagwortartige
Alternative "Kosmologie oder Anthropologie" gebracht habe. 887 BAUMGARTEN
bemüht sich um Differenzierung zwischen spätisraelischer und urchristlicher
Apokalyptik. "Wer sagt denn, daß der urchristlichen Apokalyptik das gesamte
Material der spät jüdischen Apokalyptik zur Verfügung stand?"888 Des weiteren
geht es ihm um die Unterscheidung von vorpaulinischer Tradition und paulini-
scher Interpretation, darüber hinaus - eine sehr fruchtbare Fragestellung -,
ob es erlaubt ist, bestimmte Begriffe oder Motive, die zwar in der sog. Apo-
kalyptik, aber eben auch woanders begegnen, als ,;apokalyptisch" zu bezeich-
nen. Sein zentrales Anliegen ist, "ein Ge sam t b i I d der Rezeption der urchrist-
lichen Apokalyptik durch Paulus zu zeichnen und damit einen Beitrag zur
Erhellung des Phänomen~ 'urchristliche Apokalyptik' als Brücke zwischen
spätisraelitischer und neutestamentlicher Apokalyptik zu leisten". 889 Im Zu-
sammenhang unserer Darstellung der Paulusforschung soll jedoch dieses Ziel
weniger interessieren. Hier soll nur herausgestellt werden, wie BAUMGARTEN
den Stellenwert der Apokalyptik für das paulinische Denken beurteilt.
Auch in dieser Arbeit wird die Problematik des Verhältnisses von präsenti-
schen und futurischen Aussagen als eine Problematik des Zeitverständnis-
ses deutlich. So zeigt BAUMGARTEN z. B. anhand von 1 Kor 13,8 -10, "wie

884 Ib. 448.


885 Ib. 449; durch STUHLMACHER hervorgehoben.
886 WMANT 44, Neukirchen 1975.
887 Ib. 2.
888 Ib. 3.
889 Ib. 5.
2772 HANS HÜBNER

Paulus frei von jedem Schematismus 'Zeit" versteht". "Die Gegenwart kann
Antizipation der Zukunft sein 890, aber das ist doch nur ein Modell, neben dem
die Gegenwart durchaus radikal als erfüllte Zeit verstanden werden kann. "891
Schon allein von dieser Einsicht her erweist sich die lineare Heilsgeschichtskon-
zeption CULLMANNS als zu einlinig und, vom Zeitverständnis des Paulus aus
gesehen, zu unreflektiert. 892
Was nun die Rezeption urchristlicher Apokalyptik durch Paulus angeht,
so stellt BAUM GARTEN fest, daß wichtige literarische und theologische Elemente
fehlen. "Keine durch Paulus rezipierte apokalyptische Tradition geht über den
Umfang eines knappen Logions hinaus. "893 Wesentlicher ist noch, daß bei der
Rezeption der Zwei-Äonen-Lehre und dem Motiv der Neuschöpfung sowie
im Rahmen der Funktion der Lehre vom Gesetz von Paulus gerade kein
eschatologischer Vorbehalt gemacht wird. 894"Die radikale Akzentuierung des
eschatologischen Vorbehalts ist im übrigen durch die polemische Front des
Apostels motiviert ... " 895
BAUM GARTEN spricht von der Mehrdimensionalität der paulini-
schen Apokalyptik-Interpretation. Der erste wichtige Interpretations-
modus sei der der Reduktion; so bei der Gerichtsvorstellung und dem
Auferweckungsgedanken. Den zweiten Modus umschreibt er mit den Stichwor-
ten Entmythologisierung und Entapokalyptisierung, deutlich vor al-
lem an der fast völligen Abblendung des eschatologischen Dualismus im
Rahmen des Gerichts- und Auferstehungsgedankens. Des weiteren nennt er
den Interpretationsmodus der Antizipation. BAUM GARTEN kann sogar vom
radikalen Bruch des Paulus mit der Apokalyptik sprechen. 896 Das Ergebnis
schließlich: Die präsentische Eschatologie mit ihrer Orientierung am
Christusgeschehen ist das entscheidende Interpretament der übernom-
menen apokalyptischen Traditionen. Der entscheidende Interpretationsmodus
ist die Entkosmologisierung bzw. anthropologische Deutung, wobei An-
thropologie nicht Individualismus meint. 897
Man wird jedoch kritisch anfragen müssen, ob mit dem Begriff der
Entapokalyptisierung BAUMGARTEN nicht etwas zu weit geht. Ist nicht gerade
bei BULTMANN die Zukünftigkeit der Existenz besser durchgehalten als bei
BAUMGARTEN? Vielleicht mag man sagen, daß die paulinische Eschatologie
nicht durch die Akzentuierung der Nähe von Parusie, Auferweckung und

890 BAUMGARTEN verweist ibo 196 im Blick auf das nVEUJlU auf 2 Kor 1,22; 5,5; Röm 8,23:
uppußcbv, unupxiJ, und im Blick auf die Auferweckung Christi auf 1 Kor 15,20.23:
unuPXTJ nDv KEKOIJlTJJlEVmv.
891 Ib. 196.
892 Dies wird m. E. vor allem im 3. Kapitel des 3. Teils (Gegenwart und Zukunft') von
CULLMANNS eHeil als Geschichte' deutlich.
893 BAUMGARTEN, op. cit. 229.
894 Ib. 232.
895 Ib. 232 f.
896 Ib. 233 f.
897 Ib. 243.
PAULUSFORSCHUNG SEIT 1945 ·2773

Gericht konstituiert ist. 898 Aber sie ist doch durch die Naherwartung der
Parusie und des damit zusammenhängenden Gerichts inhaltlich wesentlich
bestimmt. Denn an der Dialektik vom zukünftigen Freispruch, der jetzt
erfolgt, hängt in der paulinischen Theologie alles. Trotz der kritischen Anfrage
ist aber festzustellen, daß BAUMGARTENS Dissertation eine äußerst förderliche
Studie für die Erfassung der Gesamtstruktur der paulinischen Theologie ist.
Das Verhältnis von gegenwärtiger Rechtfertigung und zukünftiger Ret-
tung behandelt MICHAEL WOLTER exemplarisch an Röm 5,1-11 in seiner
Dissertation "Rechtfertigung und zukünftiges Heil. Untersuchungen zu Röm
5,1- 11' 899. Diese Stelle versteht er nicht wie die meisten Ausleger als Beginn
eines neuen Hauptteils in Röm, der bis 8,39 reichen soll.900 Röm 5,1 knüpfe
vielmehr unmittelbar an die Thematik von 3,21 H. an. Erst in 6,1 beginne
Paulus eine neue Thematik zu erörtern, die sich jedoch begrifflich assoziativ
aus dem unmittelbar Vorhergehenden ergebe. 901 Die Argumentation in Röm
5,1-11 - und das ist nun WOLTERS Hauptthese - stehe keineswegs unter
der beherrschenden Frage nach der gegenwärtigen Lebenswirklichkeit des
eschatologischen Heils in der christlichen Existenz. Vielmehr gehe es Paulus
darum aufzuzeigen, daß der Tod Jesu und die Rechtfertigung des Sünders auch
das zukünftige eschatologische Heil jenseits der Geschichte sicher verbürgen. 902
Somit setzt WOLTER den Akzent anders als BAUMGARTEN: "Dementsprechend
sieht Paulus hier das im Judentum jenseits der Äonenwende erwartete escha-
tologische Heil auch nicht schon in der gegenwärtigen christlichen
Existenz ein für alle Mal vorweggenommen."903 Gegen BAUMGARTEN erklärt
er ausdrücklich: "Röm 5,1-11 macht aber auch deutlich, daß das Verhältnis
des Paulus zur Apokalyptik keineswegs auf die Kategorien von "Tradition'
und <Interpretation' reduziert werden darf, wie Baumgarten dies ... tut. "904
Nein, in Röm 5,1-11 werde "eschatologisches Sein" vom Christusgeschehen
her ganz pointiert als futurische Eschatologie expliziert. 90S WOLTER läßt auch
KÄsEMANNs Interpretation dieser Stelle nicht gelten, nach der Paulus hier den
paradoxen Charakter des eschatologischen Heils und seine ausschließliche
Gegenwärtigkeit im Leiden hervorheben will. 906 Um das neue Verhältnis der
aus Glauben Gerechtfertigten zur eschatologischen Zukunft auch terminolo-
gisch zum Ausdruck zu bringen, führe Paulus in 5,2 b die tA1tte; als neue
Sprachkategorie ein, die jedoch nicht als Existenzkategorie zu verste-
hen sei. 907

898 Ib. 226.


899 BZNW 43, Berlin 1978.
900 Ib. 203.
901 Ib. 215.
902 Ib. 217.
903 Ib. 217 f.; Hervorhebungen von mir.
904 Ib. 218.
905 Ib. 218.
906 Ib. 219.
907 Ib. 219; wenn WOLTER hier schon auf BULTMANN anspielt, dann sollte er besser nicht
von "Existenzkategorie" sprechen, da in der BULTMANNS Theologie formal zugrunde
2774 HANS HÜBNER

WOLTER geht es also um die Zukünftigkeit des Heils. Deutlich wird


dies gerade an seiner Auslegung des eben erwähnten Verses Röm 5,2: o6~u 'toü
8EOÜ sei eben nicht, wie KÄsEMANN meint, "einfach nur" die Vollendung der
bereits geschenkten Gerechtigkeit; das sei "viel zu schwach"; "sie ist vielmehr
als das von der eschatologischen Zukunft erwartete Heilsgut eine ganz an-
dere Kategorie des Heils als die OlKUtOcruVTJ der Gegenwart."908 Die Frage
ist aber, was "ganz andere Kategorie" im Sinne WOLTERS meint. Was heißt,
Paulus überbrücke die zeitliche und kategoriale Differenz durch EA.1ti~?909 Wenn
EA.1ti~ es ermögliche, in der Gegenwart vom eschatologischen Heil der Zukunft
als einem bereits sicher verbürgten zu reden 910 - wie denn? Kaschiert nicht
die Rede von der "kategorialen Differenz", daß WOLTER vom zukünftigen
Heil doch nichts anderes sagt, als daß es von Paulus - apokalyptisch artiku-
liert wird? Wird nicht das zukünftige Heil- geradezu aus der Anrede des
Evangeliums herausgenommen, da durch die so grundsätzliche Differenz zwi-
schen gegenwärtigem und zukünftigem Heil dieses zukünftige ja gar nicht
mehr vom gegenwärtigen her zur Sprache gebracht werden kann? 'EA.1ti~ steht
so in der Gefahr, zur <Leerformef zu werden.
Obwohl nun WOLTER das Neue des zukünftig-eschatologischen Heils
gegenüber dem gegenwärtigen so stark herausstellt, sieht er doch im Heilsge-
schehen der Gegenwart einen "sehr viel größere(n) Beweis der Liebe Gottes
zu seinen Geschöpfen als es das zukünftige Geschenk des eschatologischen
Heils jemals sein kann".911 Ist aber dann nicht doch das Entscheidende jetzt
geschehen? Wenn WOLTER das Buch mit den Worten abschließt: "Denn weil
aus Sündern Gerechtfertigte ... wurden, was allein aufgrund der Liebe Gottes
zu seinen Geschöpfen möglich wurde, wird uns auch dieser Gott der Liebe
nicht nur in der Gegenwart treu bleiben ... , sondern auch in jeder
Zukunft, auch der eschatologischen"912, so stellt sich doch die Frage, ob
"diese persuasive Intentionalität" von Röm 5,1-11 wirklich ganz kompatibel
mit der sog. kategorialen Differenz zwischen Gegenwart und Zukunft des
Heils ist. Sicherlich, WOLTERS Buch ist ein anregendes und die Frage nach
dem Verhältnis von Heilsgegenwart und Heilszukunft weitertreibendes Werk.
Man wird an ihm nicht vorbeigehen dürfen. Aber seine Antwort überzeugt
nicht.

Die Frage nach dem Verhältnis von Gegenwart und eschatologischer


Zukunft des Gerechtfertigten impliziert speziell die Frage nach dem Verhält-
nis von Rechtfertigung durch den Glauben und Gericht (Endgericht)
nach den Werken. Die Forschung hat immer wieder die Frage bewegt, ob

liegenden Existenzialphilosophie HEIDEGGERS doch gerade die Kategorien den Existenzia-


len, also den formalen Existenzbegriffen, gegenübergestellt werden.
908 Ib. 133; Hervorhebung von mir.
909 Ib. 133.
'JIO Ib. 135.
911 Ib. 220.
912 Ib. 222; Hervorhebungen von mir.