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New Ec(h)onomy: Tanpinar, die Uhr und der Schein.

Chapter · January 2019

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Martin Hainz
Pädagogische Hochschule Burgenland
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New Ec(h)onomy: Tanpinar, die Uhr und der Schein
MARTIN A. HAINZ
____________________

Ahmet Hamdi Tanpinar gilt als einer der europäischsten Schriftsteller türkischer
Provenienz; gleichwohl ist der Import der Aufklärung bei diesem Autoren kritisch und
mit viel Witz bedacht worden; und mag Kritik noch das sein, was seinerseits genuin
aufklärerisch ist – was wäre eine Aufklärung, die nicht der Dialektik der Aufklärung sich
widmete? –, so ist der schier Maghrebinische Witz, der diese Kritik doch auszeichnet, in
Halbasien beheimatet, wie man mit Rezzori sagen könnte.

Im Zentrum von Tanpinars vielleicht bekanntestem Buch, Das Uhrenstellinstitut, das im


Original 1962 erschien, steht letzten Endes die Zeit. Freilich muß man um der Zeit
willen bis zu dieser gelangen, sie durchqueren: all das Pittoreske. Nicht grundlos ist dem
Roman eine Liste der wichtigsten Protagonisten beigegeben, derer 23 sich hier
angeführt finden; diese verwickeln den Ich-Erzähler Hayri Irdal in immer neue
Konstellationen, Fiktionen, die das Wahre beleuchten, Wahrheiten, die von der
Wahrheit doch wegführen, Widersprüchliches kurzum, wobei es die Zeit ist, die A und
Nicht-A an bestimmten Punkten versöhnt. Man sage nicht, derlei sei „doch alles
erlogen”1… Diese Logik des Temporären ist die auch des Literarischen, das wie die Zeit
die Konstrukte herausfordert, wonach nur A = A gilt, wogegen es doch auch Sätze gibt,
deren Sprache das Richtige als das noch nicht Wahre und das Unrichtige als Modus des
Möglichen faßlich machen.2

Was ist Zeit? Zum einen ist das eine grundsätzliche Frage, die sich hinterrücks in den
Diskursen entfaltet, dann aber das, was sich durch diese Diskurse hier diversifiziert.

Die Zeit ist der Inbegriff dessen, was nicht definitiv ist, des Nicht-Definitivseins, sofern
von derlei noch ein Inbegriff sich behaupten läßt. Just das wird in diesem Buch in einem
der mäandernden Gespräche abgestritten, Falsifizierbarkeit zwinge dazu, die

1
Ahmet Hamdi Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut. Roman, übers.v. Gerhard Meier. München: Carl Hanser
Verlag 2008, S.309
2
cf. Martin A. Hainz: Text-Igel und andere stringente Fehler – unter anderem zu Schlegel, Benedikt XVI.,
Ingold… In: Fehler im System. Irrtum, Defizit und Katastrophe als Faktoren kultureller Produktivität,
hrsg.v. Felix Philipp Ingold u. Yvette Sánchez. Göttingen: Wallstein 2008, S.221-230, S.221 u. passim

1
Falsifikation auch zu versuchen, das aber sei „Zeitverschwendung”3… Und gewiß ist es
so, wie sollte die Universalität des Provisorischen, welche Zeit ausdrückt, nicht auch
ihren Begriff anfressen..? Zeit drückt aus, daß, was ist – nein: sei – hypothetisch ist/sei,
so entgeht sie aber auch selbst dem nicht; ihre (und jede) Wahrheit verlangt, sich mit
ihr zu arrangieren, nicht sie zu kennen, als gäbe es sie…

Was ist, das ist in (oder an) der Zeit, ist also nicht, schon nicht mehr nämlich, ist
erinnert, war also vielleicht, ist vielleicht auch antizipiert: mag oder wird sein. Ob Zeit
dann ist..? Ein wenig erinnert dies ans lumen Gottes, daß nämlich Licht – nur eine müde
Metapher dessen, was Gott meint – zwar alles sehen lasse, doch das damit nicht gesehen
werde, was Licht meine: Wer also, was Gott ist, erkennen will, muß sich von der
Theologie hinters Licht führen lassen. Und was wäre Zeit, nähme man sie sich nicht,
diese Frage zu stellen; ist die Uhr, die diese Frage stellt und beantwortet, nicht „ein
Sinnbild des Universums”4..?

Zeit ist dabei, was uns zur Verfügung gestellt zu sein scheint, was man sich aber auch
nehmen muß. Uhrzeit ist bei Tanpinar, und zwar wieder unter anderem, Gebetszeit,
gegeben, aber als „der sicherste Weg, zu Gott zu finden”5, auch zu nehmen; nur sie sagt
sich aus, und damit alles, theologisch: Nur Gott sagt ja auch Gott aus – und damit (wie
die Zeit) alles: „Denn die Erscheinungen erscheinen […] aufgrund von Gewalten und von
Gnaden”6, wie es bei Seitter treffend heißt: „Wenn irgendetwas, z.B. der Heilige Geist,
von mir anerkannt oder gar gespürt werden will, dann liegt es gefälligst auch an ihm,
sich zu rühren, sich zur Erscheinung zu bringen. Es steht ja geschrieben: er weht, wo er
will.”7

Berührt nun diese Zeit die der Vorläufigkeit? Oder das Provisorische diesen Anklang
von Epiphanie? Und schon ist Zeit auch Inbegriff ihrer Modulation, Manipulation, sogar
Verkehrbarkeit. Dabei ist die Uhr emanzipatorisch, sie erinnert an das, was dem
Mittellosen doch noch gehöre.8 Sie ist dies auch, indem sie einmahnt, seine Zeit nicht zu

3
Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.275
4
ibid., S.308
5
ibid., S.29
6
Walter Seitter: Distante Siegfried-Paraphrasen. Jesus, Helmbrecht, Dietrich. Berlin: Merve 1993 (=IMD
179), S.304
7
ibid.
8
cf. Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.38

2
vergeuden.9 Erst recht emanzipiert die Uhr, indem sie an das Artifizielle ihrer und jeder
Zeit, die Begriff geworden wäre, von der Zeit, die sie scheinbar nur mißt: von deren
scheinbarer Natur.10 Noch von ihrem Tempo setzt sie so den frei, der die Uhr als
Memento mehr denn ein Meßwerkzeug trägt: „scrisul este un mod de a încetini
gândirea”11, schreibt Stanescu, es sei das „Schreiben […] eine Art, das Denken zu
verlangsamen”12.

Sagt nicht auch die Uhr bei Tanpinar dies? – „Möge Gott euch Geduld schenken!”13 Noch
dem Ungemach der Interpretation begegnet Tanpinars Ich-Erzähler, wo er als Objekt
der Psychoanalyse chronos durchaus menschenfreundlich verkehrt: Er liest das
Schrifttum seines Analytikers, ein aparter circulus, der gar nicht so vitiosus sein muß,
denn zum einen bringt den Patienten jene Lektüre „weder literarisch noch geistig
irgendwie voran”14, zum anderen aber wird er ohnehin nicht interpretiert, die Mühe,
das interpretandum Patient kennenzulernen und ihm zuzuhören, scheint sich der
Analytiker nicht zu machen („es redete immer er, und ich hörte zu”15), um schließlich
das zu träumen oder als geträumt zu imaginieren, was zu den Deutungen seiner Psyche
paßt. Wenn Psychoanalyse darin besteht, den Patienten dazu zu bringen, sich erzählen
und deuten zu können, ist sie dies im Endstadium und der Analytiker, der über „Uhrzeit
und Psychoanalyse”16 publiziert habe, begnadet… Übrigens wiederholt sich derlei
Verkehrung, etwa, wenn Mutter/Tochter und Vater/Sohn das Testament als Spielart des
Zeitlichen verwirren.17

Folgerichtig hat das Institut, das schon dem Titel nach eine Art Epizentrum des Romans
ist, nicht nur eine ihm gemäße, nämlich einem Nutzen nicht leicht entsprechende
Architektur, vielmehr besteht es aus Zugängen, Treppen und dergleichen, bloß ohne
telos: „Ein Gebäude, das keines mehr ist und sich also den Gesetzen eines Gebäudes

9
cf. ibid., S.41
10
cf. ibid., S.278
11
Nichita Stanescu: Poezii/Gedichte. Zweisprachige Ausgabe, übers.v. Gavril Matei-Albastru et al., hrsg.v.
Gavril Matei-Albastru. Bukarest: Editura Diana Press Verlag 2007 (=Antologia Lirica Orfeu 8), S.112
12
ibid., S.113; cf. Martin A. Hainz: Schöpfung und Dauer. Narrative Theologie. In: Phänomen Zeit.
Dimensionen und Strukturen in Kultur und Wissenschaft. Grazer Humboldt-Kolleg 2009, hrsg.v.
Dietmar Goltschnigg. Tübingen: Stauffenburg Verlag 2011, S.55-58, S.55 u. passim
13
Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.98
14
ibid., S.9
15
ibid.
16
ibid., S.21
17
cf. ibid., S.105f.

3
entzieht, könnte doch gerade dadurch den Uhrengedanken vermitteln”18, was noch
immer oder schon wieder fast zu sinnvoll ist, freilich. Diese Zwecklosigkeit ist also, was
man immerhin als Bild der Emanzipation lesen darf, wonach die Sinnlosigkeit der
eigenen Existenz nicht bedrohlich mehr ist, sondern die Freisetzung aus metaphysica,
welche denen, die an sie längst nicht mehr glauben, Dienstbare rekrutierten; es hat auch
einen Gründungsmythos.19

Die Uhr ist also Selbst(er)findung: „Erst durch die Uhren bin ich zu etwas geworden”20,
sagt Nuri Efendi, Hayris Lehrmeister, doch sagen kann er dies, weil er aus der Uhr einen
spezifischen Unglauben lernte: „Eilen darf es nämlich nicht!”21 Doch zugleich ist Zeit als
soziales Konstrukt auch das Gegenteil all dessen, eine Beschleunigung und Vertaktung.
Fragt Kant im Sinne der quasi emanzipatorischen Uhr, die ein Kunstwerk sein könne, ob
„Uhrmacher für Künstler […] gelten sollen”22, so dichtet Nietzsche schon in diesem
Sinne:

„Es schweigt mir jegliche Natur


beim Ticktack von Gesetz und Uhr.”23

Wer die Uhr so liest, ist der Zeit gegenüber analphabetisch…24 Und diese Unkundigen
gibt es bei Tanpinar, die sich durch Arbeitsleistung definieren lassen und auch selbst
definieren, welche wiederum am ehesten durch Arbeitszeit zu evaluieren ist. Geld ist
das Maß, time is money, doch weil Zeit so schon entfremdet ist, keineswegs natürlich
konvertibel, ist Geld per se Urkundenfälschung.25 Die Uhr, die einerseits emanzipiert,
versklavt so. „Wörter, Namen und das Glück, an sie glauben zu können”26, haben
gleichsam zur Antithese die Wörter und Namen sowie das Unglück, an sie glauben zu
18
ibid., S.394; cf. ibid., S.162 u. 392ff.
19
cf. ibid., S.11ff. u. passim
20
ibid., S.37
21
ibid.
22
Immanuel Kant: Werkausgabe in 12 Bänden, hrsg.v. Wilhelm Weischedel. Bd X: Kritik der Urteilskraft.
Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 121992 (=suhrkamp taschenbuch wissenschaft 57), S.238, B 176, A 173
23
Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden, hrsg.v. Giorgio
Colli u. Mazzino Montinari. Bd III: Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die fröhliche Wissenschaft.
München, Berlin, New York: Deutscher Taschenbuch Verlag, de Gruyter 21988 (=dtv 2223), S.364; cf.
auch etwa Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, hrsg.v. Rolf Tiedemann et al., Bd 4: Minima
Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag 1997 (suhrkamp
taschenbuch wissenschaft), S.188
24
„Analphabetisch / les ich / die Zeit” – Rose Ausländer: Gesammelte Werke in sieben Bänden und einem
Nachtragsband mit dem Gesamtregister, hrsg.v. Helmut Braun. Bd 8: Jeder Tropfen ein Tag. Gedichte
aus dem Nachlaß. Gesamtregister. Frankfurt/M.: S. Fischer Verlag 1990, S.108
25
cf. Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.16f.
26
ibid., S.138

4
müssen… Gerade Vokabeln wie Freiheitsliebe dienen, so zeigt Tanpinar, vor allem der
Entwöhnung, sind abstrakte Begriffe, die die reale Absenz ihres (also: scheinbaren..?)
Anliegens verschleiern: Der Begriff ist dies oder „Snobismus”27. Beide Möglichkeiten
haben miteinander zu tun, der Gläubige(r) wird vom ihn um sein Weniges Betrügenden
mit Begriffen behandelt, die ihn „noch einmal aufzuspießen”28 geschaffen scheinen, wie
Franz Schuh formuliert, um dann das Kleinliche noch solchen Triumphierens qua
Kalauer herauszupräparieren: „Die Spießer sind die großen Gewinner.”29 Und mehr als
diesen Kalauer verdienen diese Gewinner auch nicht.

Wörter sind und tun allzu leicht dies: „Wer die Uhr richtig stellt, ist hinter jeder Sekunde
her”30: Uhren und „Tischlampen”31 („Dann soll also auch in der Nacht gearbeitet
werden!”32) sind Inbegriff eines Zeitmangels, der daher rührt, daß die eigene Zeit längst
einer anderen gewichen ist, einer, deren Sparsamkeit an Sekunden eben jene
permanent dem Leben entzieht, aus Achtsamkeit in bezug auf dieses wird eine in bezug
auf das Geld, das den, der es zu haben vermeint, betrügt, weil ihm die Flüchtigkeit der
Zeit, die es nicht nur ausdrückt, noch anhaftet…

Sieht man die Uhr als seinen „Feind”33, jedenfalls seinen potentiellen Widersacher, so
könnte es sein, daß sie es nicht mehr ist. Denn die Zeit fließt; wie Musik; wie Rheuma,
wörtlich ja Fluß. Tanpinars Reichtum an Analogien entspricht jenem an Irritationen…34
Eine der Irritationen ist, daß er – fast will man sagen: zurecht – dabei Irritation nicht
Parteinahme werden läßt. Das lustlos Normierte, die Zeit, die gestohlen ist, dies wird
nicht zum Diskurs, der eindeutig befände, wo da jenseits einer immer prekären Balance
von Recht die Rede sein könnte.35

Zuletzt ist eine der Zuspitzungen sicherlich der pseudo- oder quasiökonomische
Diskurs, der sich um jenes Institut entspinnt – zu sagen, dieses sei eine „satirische

27
ibid., S.26
28
Franz Schuh: »Die Spießer sind die großen Gewinner«. In: Die Presse, 30.5.2015 –
http://diepresse.com/home/leben/mensch/4743326/Franz-Schuh_Die-Spiesser-sind-die-grossen-Ge
winner (Stand: 18.7.2015)
29
ibid.
30
Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.265
31
ibid.
32
ibid.
33
ibid., S.32
34
cf. ibid., S.249
35
cf. Schuh: »Die Spießer sind die großen Gewinner«

5
Allegorie auf den kemalischen Bürokratismus”36, trifft zwar sicherlich einige Aspekte,
verfehlt aber dessen Paradoxie: Gerade die Ökonomie, die in sich hier als Trug erscheint,
bezichtigt das Institut dieses Betrugs, und zwar genauer genau des Betrugs, der in
Wahrheit das Herz eben der Ökonomie zu sein scheint. In sie gilt es zu blicken, mit
Hayris Interesse, „jedwede Uhr auseinanderzunehmen und zu untersuchen”37, das mit
der Dekonstruktion des ökonomischen Diskurses vereinbar scheint. Diesem gegenüber
darf man dabei auch kenntnislos sein, muß es sein, wenn Dekonstruktion für möglich
hält, daß, was es an zu Wissendem gebe, sich den Begriffsrotationen rasch als beliebig
erwiesen kann:

„So wie ich nicht großzügig war, keine Ahnung von Alchemie,
Numerologie und traditioneller Medizin hatte und trotz meiner
Mütze, meinen jäh erbleichten Haaren, meinem wildwuchernden
Bart und meinem Derwischaussehen keinerlei Orden angehörte,
so verstand ich auch nicht wirklich etwas von Uhren.”38

Gleichwohl vermag es der Ich-Erzähler, sie zu analysieren und zu reparieren; wobei er


mit einer Logik des Supplements ansetzt, daß es eine Freude ist; denn er sieht dies:

„Einen Mangel, und zwar einen erheblichen. Kein Wunder, dass


sie (die Uhr, M.H.) nicht geht. Eine Uhr ohne Kette ist wie ein
Pferd ohne Halfter […]. Wer seine Uhr liebt, der kettet sie an
sich.”39

Die Uhr, die nicht angekettet und darum „schon zweimal hinuntergefallen”40 ist,
erschließt sich über den Umweg, hier bloß besonders sinnfällig; auch das Brachiale, daß
der Uhr in der Folge mit einem Taschenmesser zuleibe gerückt wird, durchaus zu ihrem
oder des Besitzers Wohl, ist bemerkenswert.41 Und ähnlich ist es mit der besagten
Ökonomie-Aventiure:

„Erst wurden Umfang und Überflüssigkeit des Instituts kritisiert.


Als ob es in einem Land, das unter Arbeitslosigkeit leidet, ganz
unerheblich sei, wenn so vielen Menschen Arbeit und Brot
verschafft wird, wurde uns unablässig vorgeworfen, dass drei

36
Wolfgang Schneider: Er hat an der Uhr gedreht. A. H. Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut / Seelenfrieden.
In: Frankfurter Allgemeine, 14.10.2008 – www.faz.net (Stand: 14. 4. 2015)
37
Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.35
38
ibid., S.214
39
ibid., S.215
40
ibid.
41
cf. ibid.

6
Direktoren, elf Abteilungsleiter, siebenundvierzig Sekretärinnen
und zweihundertsiebzig Kontrollbeamte zu viel seien.”42

Recht abrupt wird so vorgestoßen, und zwar zunächst in Frage stellend, ob


Umwegrentabilität nicht, wo sie allzu ersichtlich sei, ihren Begriff unterböte:
Investitionen sind spekulativ, Verschwendung ist ihnen geradezu inhärent. Zugleich
wird diese durchs offensichtlich Aufgeblähte des Instituts nicht vergötzt, das Lächeln ob
der Schilderung eröffnet die Passage der Balance, die weder manisch evaluierend
verfährt, noch aber auch übersieht, daß das Überbordende dieses Instituts, worin
sinnfrei – nach Sennetts Credo der spätmodernen Verausgabung: „je turbulenter desto
verlockender”43 – Zuständigkeiten für Stunden, Minuten und Sekunden zugeteilt
werden, Teil just der Ökonomie ist, die normierend genau die Investitionen
verunmöglichen mag, derer es bedarf. Sie verschwendet nach Regeln, sie induziert
kaum die Krise; außer eben durch die Umverteilung von Kapital qua Aufblähung, an
deren Ende eben jene Architektur eine Art Zeit-Kirche generiert, im Sinne des
Kirchenbaus bei Bataille: Die Kirche, die revolutionär ist, verwaltet ihre Revolution, bis
sie keine mehr ist.

„Der Bau einer Kirche bedeutet […] nicht eine gewinnbringende


Verwendung verfügbarer Arbeitskraft, sondern deren
Verzehrung, die Zerstörung ihrer Nützlichkeit”44,

schreibt Bataille. Dies aber ist nur ein Schritt, wobei selbstredend doch schon im Bau
der Kirche der Nutzen gelegen ist, ein ruhendes Kapital unter jenen in Umlauf zu
bringen, die sich verausgabend eine Verausgabung der Kirche – ihres Reichtums – in
Stein transformieren… Das bleibt denn auch, wobei die Unternehmung schließlich sich
selbst meinen darf:

„Das kapitalistische Bürgertum verwies den Bau von Kirchen auf


den zweiten Platz und zog ihm den Bau von Fabriken vor. […]
Überall, wo Menschen sich zu gemeinsamen Werken
zusammengefunden hatten, ragten ihre Türme empor: […] Ziel
war der Ruhm Gottes, aber ist Gott nicht gewissermaßen ein

42
ibid., S.16; cf. auch ibid., S.353 u. passim
43
Richard Sennett: Die Kultur des neuen Kapitalismus, übers.v. Michael Bischoff. Berlin: Berliner
Taschenbuch Verlag 42009, S.43
44
Georges Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie. Der Begriff der Verausgabung. Der verfemte Teil.
Kommunismus und Stalinismus. Die Ökonomie im Rahmen des Universums, übers.v. Traugott König,
Heinz Abosch u. Gerd Bergfleth, hrsg.v. Gerd Bergfleth. München: Matthes & Seitz 32001 (=Batterien
22), S.160

7
ferner Ausdruck des Menschen, wie er im Schaudern vor der Tiefe
wahrgenommen wird?”45

Zöge man hiervon den Glauben ab, und zwar vor allem auch den an Produktivität, so
bliebe Tanpinars Institut, das zugleich aber immer wieder diese Absenz in allem
erkennt, vor allem in den Diskursen, die als anstößig bezeichnen, was sie selbst prägen
mag. Zuletzt ist es „Urkundenfälschung und Betrug”46, was man dem Institut vorwirft,
das nicht nur Zeitsünden in Geldstrafen umrechnet (umrechnen zu können vorgibt, aber
wenn Geld eine Lüge beinhaltet, ist diese Formulierung weniger präzisierend als
irreführend), sondern dabei auch noch diese Umrechnungen zu wahrer Blüte treibt:
„mit Einsatzverdoppelung, Zuschlägen und Rabatten”47, die raffiniert das Spiel als
solches (Einsatz!) zwar forcieren, aber durch die Systematik zugleich als bloße
Exekution vorhandener, naturgemäßer Regeln verschleiern. Die, derer man sich als
Kunden oder im Idealfall sogar „Stammkunden”48 anheischig macht, die aber auch
wissen, daß Strafen für falschgehende Uhren insofern problematisch sind, als „eine Uhr
grundsätzlich vor(-) oder nach(geht), etwas Drittes gibt es nicht”49, werden charmant
oder uncharmant betrogen, finanzieren eine Verschwendung, die „aus purer Langeweile
ersonnen”50 subversives Supplement der Ökonomie ist, sie zersetzend, von ihr
angeklagt, … Diese Blüte muß zu Urkundenfälschung führen: beim lukrierten Geld
gleichsam eben zu Blüten.

Die „Unbestimmbarkeit der Zeit”51, auf der beides beruht: der Anlaß zur Zahlung, der
dementsprechend nichtig ist, aber auch das Geld, weshalb hier Falschgeld für eine
Nichtigkeit fällig wird, ist der doppelte MacGuffin des Instituts wie auch der Ökonomie,
die in diesem kulminiert, aber potentiell auch kollabiert: woraus eine soziale Dynamik
erwächst, die mit dieser „Zeit- und damit Arbeitsphilosophie”52 aber nur lose verknüpft
ist. „Scharlatanerie”53..? Damit spielt Tanpinar, bezeichnend die Passagen, worin er
Spezialisten und Beamte gegeneinander ausspielt, Hayris „Scherereien mit den
45
ibid.; cf. ibid., S.162 u. passim; cf. ferner Martin A. Hainz: Triple A – oder: Die Erotik des Unternehmens.
In: Welt der Abgründe. Zu George Bataille, hrsg.v. Artur R. Boelderl. Wien, Berlin: Turia + Kant 2015,
S.195-212, passim
46
Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.17
47
ibid.
48
ibid., S.23
49
ibid., S.18
50
ibid., S.17
51
ibid., S.18
52
ibid., S.245
53
Schneider: Er hat an der Uhr gedreht

8
Besoldungssätzen”54; doch das Lose selbst ist vielmehr genauer die Verknüpfung, die
Untersuchung, ein Ent- und Verschlingen, das Resultat aber auch derselben:

„Die Philosophie ist das Denken nicht dessen, was ist, sondern
dessen, was nicht ist, wie es ist: […] die Philosophie interessiert
sich nur für Beziehungen, die keine sind.”55

Was generiert die Scharlatanerie, die nicht nur dies ist, sondern ein Sensorium dessen,
daß ihresgleichen alles prägt? Es ist Ökonomie ohne „Oikodizee”56, ohne deren Ambition,
aber auch ohne deren Trug. Der Oikodizee wiederum dünken die in der Tat
zweifelhaften Elaborate des Instituts also gerade nicht deren Zweifelhaftigkeit wegen
als „gefährliche Werke”57, als, was psychologisch die raffinierte Abwehr ist, sogar
„lächerliche oder gefährliche Werke”58…

Dieses Institut ist ein Aufmerken; hier wird in der Tat wenig getan, auf das, was getan
wird, kommt es auch kaum an, hierin ist jene Scharlatanerie sicherlich gegeben, die
Schaffung ungedeckten Kapitals, was in diesem Roman alle nach Pierre Bourdieu drei
Arten von Kapital betrifft: das Wissen/Können, die Beziehung und das, was Kapital
zunächst meint.

Wissen: Fragwürdig sind die Kenntnisse derer, die hier auftreten.59 Die Überhöhung des
Wissens zur Quasi-Religion (wörtlich: „eine Art Erlösung, wie sonst nur Religionen sie
bieten”60) ist zugleich dessen Entwirklichung. Begriffe sind Fetische.61 Historisches
Wissen ist sowieso nicht einmal semifiktional in diesem Roman.62 Und Prophetien seien
auch dann groß und hinreichend, um gerühmt zu werden, wenn sie in Details stimmen,
aber in der Hauptsache völlig falsch sind…63 Die Falsifikation, die es hier nicht gibt, wie
schon bemerkt wurde, wird ersetzt: durch eine Suspension, eine Supplementkette

54
Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.271
55
Alain Badiou u. Slavoj Žižek: Philosophie und Aktualität. Ein Streitgespräch, übers.v. Maximilian Probst
u. Sebastian Raedler. Wien: Passagen Verlag 2005 (Passagen forum), S.25
56
Joseph Vogl: Der Souveränitätseffekt. Zürich, Berin: diaphanes 2015, S.46
57
Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.17
58
ibid.
59
cf. etwa ibid., S.16
60
ibid., S.117
61
cf. etwa ibid., S.20
62
cf. ibid., S.11f. u. passim
63
cf. ibid., S.54f.

9
wiederum: „Fehler gibt es nur bei Leuten, die so dumm sind, diese verbessern zu
wollen.”64

Soziales Kapital: Da muß man bloß die wirre Realität der zweiten Gefährtin des
Ich-Erzählers hernehmen, die ihre cineastische Welt in die reale verlängernd ihren
Partner und damit sich aufwertet, indem sie ihren Münchhausen locker überbietet: Er
sei mit einem Schweizer Uhrensteller ebenso wie mit Hollywood quasi assoziiert. „Ich
hatte tatsächlich als Arbeitsloser zweimal als Statist gearbeitet”65, kommentiert dieser
für den Lesen, was da losbricht. Er schlafe auch nur eine halbe Stunde; oder aber „auch
mal vierundzwanzig Stunden lang durch”66, so erfährt man von ihm hierzu. Achtung ist
eben eine Sache des Virtuellen; und der „fortwährende(n) Multiplikation”67, welche von
der Null erstaunlich unbeeindruckt ist, die ihr in diesem Rechenprozeß doch ständig
drohen mag.

Über das Kapital, das hier inexistent wird, darum aber auch ausreichend vorhanden ist,
muß man gar nicht reden, es ist das, was das Institut nicht hervorbringt, oder eben nur
durch Verwinkelungen und Virtualitäten; als es um den Nutzen geht, auf den dieses
Institut zu reduzieren eben naheliegend, aber auch falsch zu sein scheint, fällt der Satz:
„Wenn es so einfach geht, wozu dann dieses Institut?”68

Dieses Institut und sein Roman, sie merken auf. Geld, das nur bewacht wird, aber erst
unbewacht Mehrwert und Leben zeitigt, wird zum Anstoß, die „Beziehung zum Geld von
Grund auf neu zu regeln”69, und Geld ist hier all das, was an Kapital virtuell flottiert,
versklaven kann, aber auch befreien, als Investition, worin sich ausdrückt, daß, was
getan wird, eine Verschwendung ist, die ihresgleichen legitimiert. Nicht nur ironisch, die
Freiheit, deren pathetische Beschwörung Tanpinars Protagonist gründlich zaust,
betreffend gilt, was Hans Haacke in Berlin als Installation 1990 präsentierte: „Die
Freiheit wird jetzt einfach gesponsert – aus der Portokasse”70…

64
ibid., S.380
65
ibid., S.312
66
ibid., S.313
67
ibid., S.237
68
ibid., S.414
69
ibid., S.79
70
zit. in Gerhard Schweppenhäuser: Ästhetik. Philosophische Grundlagen und Schlüsselbegriffe.
Frankfurt/M., New York: Campus Verlag 2007, S.298; cf. Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.26

10
So ist dieser Roman eine Rückwendung, gespenstisch (tatsächlich, aufgrund von Murat,
einem „Geist, der sich nach einigem Tischerücken […] eingenistet”71 hat), aber in den
Echos und Wiedergängerphänomenen zugleich frei von Nostalgie oder
Konservativismus; was den Leser, die Ökonomie, das Institut heimsucht, das ist zugleich
eine Konsequenz des Hinhörens und -sehens. „Weil sie nicht achtgeben”72, sehen die
Menschen nicht den Magnetismus in der Uhr, wobei man Magnetismus als die
Quasi-Religion der Romantik mithören könnte, etwas, das wahrzunehmen und zu
dekonstruieren die durch es gebundenen Elemente und Individuen neu zu sehen hülfe.73
Die Uhr ist, was den Magnetismus anzeigt, indem sie nichts mehr anzeigt, anzeigend
gebiert sie Optionen: zunächst eben der Zeit.

So ist die Uhr in der Zeit wider die Zeit. Sie mag verfallen, ein Bild des Verfalls ist sie
allemal, eines Verfalls des Kapitals, das ungenutzt keines ist. Von einer Moschee heißt
es, sie „sei schon vom Tag […] (ihrer) Fertigstellung an nach minutiösem Plan
verfallen”74, sie wird zum vorbewußten, antizipierenden Modell des Instituts, das stets
schon Regulativ seiner Hinfälligkeit war, als jener eben des Glaubens, den sie ausdrückt
und zugleich kenntlich machend seiner scheinbaren Naturgemäßheit entkleidet. So ist
das Institut fast messianisch, wie die Moschee, die verfallend „ja überhaupt nicht so
verfallen, wie sie wirke”75, ist. Die Wahrheit ist das nicht, doch diese wäre im Gegensatz
zur Lüge (und zumal jener, die der anzugreifenden fast identisch sich ausnimmt!) „nur
ein lahmer Protest”76: So ist die Pointe des Buches schließlich, daß das Institut wie seine
Ökonomie, aber eben nicht nur seine, sich auflöst: geregelt freilich durch „eine
permanente Auflösungskommission”77, denn eine Bilanz ließe der Lüge, gegen die
angelogen worden sein mag, das letzte Wort, würde als „»Melancholie« […] das
Scheitern der sogenannten Arbeit unterschreiben”78.

71
ibid., S.177
72
ibid., S.216
73
cf. auch Roger Clarke: Naturgeschichte der Gespenster. Eine Beweisaufnahme, übers.v. Hainer Kober.
Berlin: Matthes & Seitz 2015 (=NATURKUNDEN, N° 19), S.164f. u. passim
74
Tanpinar: Das Uhrenstellinstitut, S.56
75
ibid., S.57
76
ibid., S.341
77
ibid., S.418; cf. ibid., S.56
78
Jacques Derrida: Kraft der Trauer. Die Macht des Bildes bei Louis Marin, übers.v. Michael Wetzel. In:
Der Entzug der Bilder. Visuelle Realitäten, hrsg.v. Michael Wetzel u. Herta Wolf. München: Wilhelm
Fink Verlag 1994, S.13-35, S.15

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Erschienen ist dieser Text bislang nur in Übersetzung,
Martin A. Hainz: New Ec(h)onomy: Tanpinar, Saat ve Hayal, trans. Julian Rentzsch
& Figen Uc. In: Tanpinar’in Sakli Dünyasi. Arayislar – Kesifler – Yorumlar, ed.
Julian Rentzsch & Ibrahim Sahin. Ankara: Dogu Bati Yayinlari 2018, pp.90-107.

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