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>>Inhalt "aktuell" DER STANDARD, 05.

Jänner 2004

Der
Verfassungsgerichtshof
als Hüter der
Budgetsanierung?
Dass sich der VfGH in der
Begründung für sein letztes Erkenntnis
zur Pensionsregelung für die
Eisenbahner auf eine lapidare
Wiederholung der Regierungsposition
beschränkte, sollte zum Anlass
genommen werden, über eine Reform
des Amtsbesetzungsverfahrens
nachzudenken.

Karl Staudinger
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Vor etwas mehr als einem Jahr traten


zwei neue Mitglieder und ein neuer
Präsident ihr Amt am
Verfassungsgerichtshof an. Der VfGH
setzt sich damit heute mehrheitlich aus
Personen zusammen, die ihre Funktion
auf Vorschlag der derzeitigen
Regierungsparteien innehaben.

Recht erhebt den Anspruch, den


kleinlichen tagespolitischen - vor allem
aber: parteipolitischen - Horizont zu
überschreiten und Streitfälle aufgrund
übergeordneter Grundsätze zu lösen.
Die derzeitigen Regelungen der
Besetzung von Richterstellen am
Verfassungsgericht durch Regierung
und Parlament - und damit durch die
dort vertretenen Parteien - scheinen
allerdings zur Absicherung dieser
Rechtsfunktion nicht gerade hilfreich
zu sein.

Wie sehr das angestrebte Ziel im


Einzelfall verfehlt werden kann, zeigt
eine nähere Analyse des VfGH-
Erkenntnisses über die Pensionen der
Eisenbahner vom Dezember des
Vorjahres. Gegenstand des Verfahrens
war (u. a.) ein so genannter
Drittelantrag der SPÖ-Abgeordneten
zum Nationalrat auf Aufhebung des
Bundesbahn-Pensionsgesetzes. Mit
diesem Gesetz war in
pensionsrechtliche Regelungen
eingegriffen worden, die bis dahin
Inhalt der Dienstverträge zwischen den
ÖBB und ihren Dienstnehmern
gewesen waren. Der gesetzliche
Eingriff in ihre vertraglichen
Vereinbarungen war aus der Sicht der
Eisenbahner eine deutliche
Verschlechterung gewesen, wobei die
gesetzliche Streichung von 18 Monaten
Pensionsanwartschaft besonders zu
erwähnen ist.

Der Verfassungsgerichtshof wies den


Antrag ab. Zwar war er sich mit den
Antragstellern einig, dass das
angefochtene Gesetz eine
Eigentumsbeschränkung darstellte,
diese sei jedoch im öffentlichen
Interesse gelegen, das die Interessen
der Eisenbahner überwiege; darüber
hinaus sei die getroffene Regelung
nicht unverhältnismäßig und daher kein
Verstoß gegen die Eigentumsfreiheit.

Keinerlei Abwägung

Ab hier wird es spannend, denn die


Definition jener öffentlichen
Interessen, deren Gewicht Eingriffe in
Grundrechte zulässig macht, ist in
Zeiten angesagter Strukturreformen
von zentraler Bedeutung. Die nähere
Beschreibung und Abwägung dieser
Interessen durch den Gerichtshof ist
die Richtschnur, an der sich zukünftige
Reformprojekte orientieren können,
wodurch das Risiko der Aufhebung
von Gesetzen vermindert und damit
durch das Gericht selbst auch ein
wesentlicher Beitrag zum
Vertrauensschutz geleistet wird.

Wer dazu im konkreten Fall


Wer dazu im konkreten Fall
entsprechende Ausführungen erwartet
hatte, wurde allerdings enttäuscht: Als
öffentliche Interessen nennt die
Begründung ohne ein Wort des
Kommentars und der Abwägung exakt
jene Interessen, die die Regierung als
Ziele des Gesetzes formuliert hat. Kein
Satz darüber, warum die von der
Regierung genannten Ziele - unter
ihnen übrigens vorrangig das Ziel der
Budgetsanierung - den durchaus
schweren Eingriff in die
Eigentumsfreiheit rechtfertigen. Folgt
man dieser Logik, könnte es vielleicht
in Zukunft auch genügen, auf die
Erfordernisse der Budgetsanierung
hinzuweisen, um z. B. per Gesetz
Sparbücher zu konfiszieren.

Noch einmal: Es mag durchaus


möglich sein, den Eingriff in die
Eisenbahner-Pensionen nach
umfassender Abwägung aller berührten
Interessen als zulässig zu erklären,
doch genau diese Abwägung erspart
sich der Gerichtshof.

Im Gegenteil: Zur Begründung seiner


Entscheidung verweist er auf eines
seiner früheren Erkenntnisse zur
Eigentumsbeschränkung, in dem er die
Überleitung der Eisenbahner vom
Dienstrecht zum Bund ins private
Dienstrecht zur ausgegliederten ÖBB
zu beurteilen hatte. Der
Beschwerdeführer hatte in jenem
Verfahren behauptet, der Entfall der
Haftung des Bundes für seinen Lohn
und seine Pension sei eine unzulässige
Eigentumsbeschränkung, wohlgemerkt:
lediglich der Entfall der Haftung, nicht
eine Kürzung von Anwartschaften oder
Bezügen oder Lohnzahlungen. Der
Gerichtshof hat den Haftungsentfall
dann tatsächlich als unzulässige
Eigentumsbeschränkung erkannt und
das Gesetz aufgehoben. Wie diese
Aufhebung aber als Begründung
dienen kann, die Streichung von
Anwartschaften als zulässigen
Eigentumseingriff zu werten, ist
unverständlich.

Die eklatanten Widersprüche liegen


nicht in der Schwierigkeit der Materie,
mit der sich der Gerichtshof ja schon
mehrmals auseinander gesetzt hat. Man
darf sie getrost in den oben erwähnten
personellen Veränderungen suchen.
Die Mehrheit wollte vermutlich die
Rechtsprechung des Gerichtshofes zur
Eigentumsbeschränkung ändern - was
ihr gutes Recht ist. Was wir aber - und
das wohl auch mit gutem Recht - von
dieser Mehrheit erwarten dürfen, ist
eine anständige juristische
Begründung, und nicht nur eine
unkommentierte Übernahme von
Argumenten der Regierung. Oder lag
das Anliegen der für dieses Erkenntnis
verantwortlichen Richter gar nicht so
sehr darin, ein gutes Stück juristischer
Arbeit abzuliefern, sondern
ausschließlich darin, der Regierung die
Mauer zu machen, und das mit
möglichst geringem Arbeitsaufwand?

Wie dem auch immer sei: Der Anlass


ist geeignet, einmal mehr dafür zu
plädieren, die Besetzung der
Richterposten am
Verfassungsgerichtshof zu überdenken.
Ich plädiere dafür, sie nicht den
politischen Parteien in die Hand zu
geben, sondern den Gerichtshof zu
einem echten Gegenüber der
Regierung zu machen. Möglich wäre
das durch eine Einbindung von
Organisationen der Zivilgesellschaft
ins Besetzungsverfahren.

Andere Perspektive

Dafür sind unterschiedliche Modelle


denkbar. Als Diskussionsanstoß ein
Vorschlag: Wird eine Richterstelle am
VfGH frei, wird ein
Nominierungsausschuss einberufen.
Jede gemeinnützige Organisation, die
bereits seit fünf Jahren tätig ist, kann
mit Unterstützung von 1000
mit Unterstützung von 1000
Wahlberechtigten eine Person in den
Nominierungsausschuss entsenden, der
Bewerbungen entgegennimmt,
Hearings durchführt und aufgrund
seiner Beratungen dem
Bundespräsidenten einen
Dreiervorschlag für die Richterstelle
unterbreitet. Die
Qualifikationserfordernisse für
Mitglieder des Gerichtshofes bleiben
gleich (jedenfalls zehnjährige Tätigkeit
in einem juristischen Beruf, für einen
Teil der Richter auch Lehrtätigkeit als
Professor an einer
rechtswissenschaftlichen Fakultät).

Personen mit Interesse an der Tätigkeit


als Verfassungsrichter und den
entsprechenden Fähigkeiten müssten
dann nicht auch noch das Wohlwollen
einer Partei erwerben, um diese
Funktion ausüben zu können. Womit
für den Weg in ein "anderes
Österreich" - zumindest wie ich es
verstehe - schon einiges gewonnen
wäre.