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Archäologie . Kunst .

Geschichte 1/2019
WUB
Nr. 91, 24. Jg., 1. Quartal 2019 / Das Grab Jesu / EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-944766-62-1

Das Grab Jesu


Geschichte und Geheimnis
EURO 11,30

irak archäologie Bibel im


im tempel ring des gemälde
des gottes pilatus david und
ningirsu entdeckt? goliat
Inhalt 1/2019

20 39 56
Frühe Pilgerzeichen am Ort des Mittelalterliche Weltkarten mit Jerusalem Die „Grabeskirche“ wird
Grabes Jesu als Nabel der Welt nachgebaut

das grab jesu – geschichte und geheimnis

Wolfgang Baur 8 Georg Röwekamp 40


Der heilige Zankapfel Ein neuer Tempel der Auferstehung
Sechs Konfessionen, ein Status quo Die Grabeskirche der Kreuzfahrer und ihre Ausstattung
und eine (un-)verrückte Leiter

Tamar A. Avraham 46
Hans-Georg Gradl 10 „Wo dieser Mann begraben ist“
Das (leere) Grab Jesu Jüdische Perspektiven des Grabes Jesu
Ein Blick ins Neue Testament

Stefan Schreiner 49
Andreas Müller 16 Vom Höhlenkloster zum Heiligen Grab
Auf der Suche nach dem Heiligen Das Heilige Grab in russischen und polnischen
Die Anfänge des christlichen Pilgerns zum Grab Jesu Pilger- und Reiseberichten

Andreas Müller 20 Georg Röwekamp 54


Was nicht vergessen werden soll „… ähnlich dem in Jerusalem“
Spuren des Pilgerwesens Nachbauten des Heiligen Grabes und der
Grabeskirche im Abendland
Margareta Gruber 25
Sakrament des Selfie
Pilger in der nächtlichen Grabeskirche

Jürgen Krüger 26
Das Grab Jesu
Eine zweitausendjährige Baugeschichte

Stefan Schreiner 35
Der Nabel der Welt
Jerusalem und das Heilige Grab als Mittelpunkt
mittelalterlicher Weltkarten

Titelbild: Die 2017 komplett renovierte Ädikula über dem


© KNA

Grab Jesu zieht besonders in der Osterzeit viele Pilger an.


Editorial

Die Mitte der Erde ist


Jerusalem! Das hätten Juden,
Christen wie auch Muslime
bis ins 9. Jh. unterschrieben.
Kirchen, Synagogen und Mo-
scheen waren dorthin ausge-
richtet. Später änderten Moscheen ihre Richtung
66 nach Mekka. Für die Christen lag in Jerusalem
von Anfang an das Zentrum ihres Glaubens:
Auf den Spuren der Kreuzfahrer: Forschungen auf ihrem
Der Ort, an dem Jesus starb und Christus aufer-
größten Friedhof in Atlit
standen ist. Über dem leeren Grab ließ Kaiser
Konstantin schon im Jahr 335 eine gewaltige
Aus der Welt der Bibel Kirche bauen. Sie wurde seitdem zum Magneten
für Pilger aus aller Welt. Und sie wurde allein in
Das Neueste aus der Welt der Bibel Europa rund 50-mal in ähnlicher Form nachge-
2
Ein Gewicht aus biblischer Zeit entdeckt baut. Das Verrückte daran: Im Unterschied zu
Ring mit der Inschrift „PILATO“ gibt Rätsel auf den „großen Gräbern“ dieser Welt (man denke
Ergebnisse aus Kirjat-Jearim weisen auf König Jerobeam
etwa an Tutanchamun) war beim Grab Jesu die
Tatsache entscheidend, dass es leer war.
Büchertipps 61 Genauer gesagt waren das Ungewöhnliche die
Erfahrungen von Menschen, die jenem Mann
Panorama 62
Kunstgeschichte: Frühe Jesusdarstellung im Negev
sehr lebendig begegnet sind, der eigentlich in
Irak: Der Tempel des Gottes Ningirsu in Tello ausgegraben diesem Grab liegen sollte. Das leere Grab Jesu
Kreuzfahrerzeit: Untersuchung auf dem Friedhof in Atlit
wurde zum Inbegriff der Ohnmacht des Todes
gegenüber der größeren Macht des Lebens. So
Neue Serie
wird verständlich, warum dieser Ort bis heute
Die großen Städte der Bibel 70
Antiochia – Stadt des Paulus und des Barnabas
viele anzieht: Wir leben in einer Welt, deren
Gesetze oft tödlich sind. Das meiste Geld wird
Die Bibel in berühmten Gemälden immer noch für Methoden und Werkzeuge des
74
Guido Reni: David und Goliat Todes ausgegeben. Hier in Jerusalem – mitten
in einer Stadt, in der auch gekämpft und getö-
Ausstellungen und Veranstaltungen 78 tet wird – existiert ein Ort des Einspruchs. Er
ist weit mehr als Tradition und Folklore. Das
Vorschau und Impressum Grab Jesu lädt ein, über das Grundlegendste
80
nachzudenken, das ein Menschenleben betrifft.
An diesem gewachsenen Gedenkort geht es im
wahrsten Sinn des Wortes um Leben und Tod.
Eine spannende Lektüre wünscht

Ihr Wolfgang Baur


Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

welt und umwelt der bibel 1/2015 3


Das neueste aus der Welt der Bibel

Gewicht aus biblischer Zeit gefunden

Die Gebühr für den Tempelbesuch

links: © Eliyahu Yanai, City of David, rechts: © By zachi dvira Pikiwiki Israel, CC BY 2.5, commons.wikimedia.org
Das neu entdeckte Gewicht ist ein beka (kleines Bild) – es entspricht in der Bibel einem halben Schekel.
Im Emek-Tzurim-Park nahe dem Campus der Hebrew University auf dem Ölberg durchsieben Freiwillige seit Jahren Erde
und Schutt, die bei Ausgrabungen rund um den Tempelberg/Haram ash-Sharif ausgehoben werden.

Jerusalem In Jerusalem haben Vo- ne Halbschekel-Münzen gegeben. Erst grabungen 2013 unter dem Robinson-
lontäre beim Durchsieben von Erde ein nach der Rückkehr aus dem Exil, im 5. Bogen unmittelbar an der westlichen
kleines Gewicht gefunden, das aus der Jh. vC, seien Halbschekel-Münzen ge- Tempelmauer ausgehoben worden war.
Zeit der judäischen Könige vor dem Ba- prägt worden, mit denen man seine Nach Shukron stammt die Erde aus ei-
bylonischen Exil (586 vC) stammt. Es ist Gebühr für die Instandhaltung des Tem- nem Abflusskanal an den Fundamenten
ein beka, wie die eingeritzten Buchsta- pels bezahlen konnte. der Westmauer. Auf eine Besonderheit
ben erklären. Ein beka entspricht nach Das Wort beka taucht auch als Ge- weist Shukron in der Pressemitteilung
biblischen Angaben dem Gegengewicht wichtseinheit für einen goldenen Na- der City of David Foundation hin: Die
eines halben Schekels. Laut Eli Shuk- senring in der Bibel auf, den Abrahams Buchstaben für „beka“ seien spiegel-
ron, leitendem Archäologen der IAA, Knecht der Erzmutter Rebekka schenkt bildlich geschrieben – Shukron deutet
mussten Pilger ab einem Alter von 20 (Gen 24,22). das so, dass der Hersteller sonst auf Sie-
Jahren ein beka in einer Waage in Sil- Man habe bisher nur eine Handvoll gel spezialisiert gewesen sei, auf denen
berstückchen aufwiegen, bevor sie den ähnlicher beka-Gewichte in Jerusalem Buchstaben für den richtigen Abdruck
Tempelplatz betraten (nach Ex 38,26). gefunden, so Shukron. Der jüngste Fund spiegelverkehrt eingeritzt werden muss-
Es habe zu dieser frühen Zeit noch kei- war versteckt im Abraum, der bei Aus- ten. Ist das überzeugend? W (wub)

2 welt und umwelt der bibel 1/2019


Das neueste aus der Welt der Bibel

Bemerkenswerter Fund vom Herodium

Der Ring des Pilatus?


Herodium Ist das nun eine Sensation? Entdeckt wurde der Ring
Wenn man den Überschriften zahlrei- erst kürzlich in Kisten mit
cher Presseberichte glaubt, ja: „Ring des Tausenden von Scherben
Pontius Pilatus entdeckt!“ Die wissen- und Objekten vom Hero-
schaftliche Erläuterung der Forscher/ dium, jener Festung Hero- P I L A T O, „des Pilatus“, steht auf dem Bron-
innen im Israel Exploration Journal (Vol. des’ d. Gr. nahe Betlehem. zering – so viel steht fest. Er ist wenig sorgfältig
68/2) klingt allerdings nüchterner: „Der Hier hatte Gideon Foerster hergestellt.
Name Pilatus war zwar selten, aber nicht 1968–69 Ausgrabungen
unüblich, auch wenn er in Judäa in rö- durchgeführt. Roi Porat, heutiger Leiter und Siegelringen im 1. Jüdischen Krieg.
mischer Zeit tatsächlich nur für den Prä- der Ausgrabungen am Herodium, war Laut Porat haben die Aufständischen auf
fekten belegt ist. Solche einfachen Bron- der unscheinbare Ring aufgefallen. Erst dem Herodium allerdings alles durchei-
zeringe gehörten vorrangig Soldaten nach intensiver Reinigung wurden die nandergeworfen – der Ring könne trotz-
und Personen der Mittelschicht. Es ist griechischen Buchstaben PILATO um dem in Verbindung mit Pontius Pilatus
unwahrscheinlich, dass der Präfekt Pon- einen Weinkrug lesbar. Der Ring stammt stehen. Pilatus ist bisher nur in einer
tius Pilatus einen so simplen Ring getra- aus einer Ausgrabungsschicht mit Ob- Inschrift erwähnt – neben dem Neuen
gen hat. Er könnte jemandem gehört ha- jekten aus den Jahren um 71 nC. Damit Testament und den Schriften des Flavi-
ben – jüdischer oder römischer Herkunft könnte der Ring auch jüdischen Aufstän- us Josephus, Tacitus, Philo. Sie stammt
–, der unter Pilatus’ Kommando stand dischen auf dem Herodium dieser Jahre aus Cäsarea. Roi Porat schließt derzeit:
und mit dem Ring gesiegelt hat; ein Fa- gehört haben. Das Krug-Motiv war ein „Alle Erklärungen sind gleichermaßen
milienmitglied oder auch ein Sklave.“ wichtiges jüdisches Symbol auf Münzen denkbar.“ W (wub)

So klein ist die Welt

Frühe Kontakte zwischen Ägypten und Anatolien


Leipzig/Prag Ein tschechisches Team Objekten aus der Frühbronzezeit in Ana- von Kupferobjekten mit beigemischtem
hat Metallobjekte aus der Sammlung tolien hatte. Arsen und Nickel in Anatolien, der Le-
des Ägyptischen Museums der Universi- Martin Odler, Doktorand am Institut vante und in Ägypten den Beweis für die
tät Leipzig untersucht und damit einen für Ägyptologie (Universität Prag), und Existenz einer Handels- und Kultur-Aus-
wirtschaftlichen und kulturellen Aus- sein Kollege Jiří Kmošek vom Institut tauschroute zwischen diesen Orten im
tausch von Ägypten bis nach Anatolien für chemische Technologie (Universi- 4. und 3. Jahrtausend vC. W (Universität
nachgewiesen – vermutlich schon im 4. tät Pardubice), sehen im Aufkommen Leipzig/wub)
Jahrtausend vC.
unten: © Jiří Kmošek, oben: © J. Rodman, drawing: C. Am

Auf der Sinai-Halbinsel und in der


ägyptischen Ostwüste wurden seit etwa
3000 vC Kupfererze abgebaut. Früh wur-
den Kupferobjekten Arsen und andere
Fremdstoffe beigemischt, um die Ma-
terialeigenschaften zu verbessern. Bei
einem Gefäß aus einem Grab der Zeit
um 2800 vC in Abusir, 15 km südlich
von Kairo, zeigte sich, dass die Metall- Schale aus
mischung mit beträchtlichen Mengen Abusir, um 2800 vC,
an Arsen und Nickel Ähnlichkeiten mit Ägyptisches Museum der Universität Leipzig.
Kupfererzen und anderen kupfernen

3
Das neueste aus der Welt der Bibel

taufstelle am jordan Das verlassene franzis-


kanische Gelände an der

Minen-
Zufahrt zur Taufstelle.

räumung

Qasr al-Jahud Schon seit 2011 ist der orthodoxen und koptischen Kirche. Im Francesco Patton, an. „Wir hoffen, dass
britische Halo-Trust dabei, das Areal Sechstagekrieg zwischen Israel und wir mit der Minenräumung in der Lage
um die Taufstelle am Jordan nahe Jeri- Jordanien 1967 wurde das Gelände ver- sein werden, die Pilgerfahrt zu diesem
cho (Qasr al-Jahud) von Minen zu räu- mint und die Kirchen verlassen. Seitdem Ort zu fördern, und vielleicht wird es
men. Die Taufstelle Jesu wird seit dem flankieren sie die Zufahrt zur Taufstelle eines Tages auch möglich sein, von hier
4. Jh. von Pilgern besucht. Klöster und – ein trauriger Anblick. Jetzt ist das Ge- an das jordanische Ufer zu gehen.“ Die
Kirchen entstanden hier – der katholi- lände des franziskanischen Klosters mit Kapellen und Kirchen waren für die lo-
schen, äthiopischen, syrischen, rumäni- der Räumung an der Reihe, kündigte kalen Christen bis 1967 ein wichtiger
schen, griechisch-orthodoxen, russisch- der Kustos des Heiligen Landes, Pater Gottesdienstort. W (vatican news/wub)

erste ergebnisse der ausgrabungen in kirjat-jearim veröffentlicht

Und der Bauherr ist ... König Jerobeam II.


Kirjat-Jearim In Kirjat-Jearim, 13 km finden, wer genau, wann und wozu das asch und Jerobeam II. die dominierende
nordwestlich von Jerusalem, nahe Abu Plateau gebaut hat, bedurfte es genaue- Macht in der Region gewesen sei. Nach
Gosch, haben Israel Finkelstein und rer Datierungen der Grundmauern. Dazu dem Fall des Nordreichs durch die As-
Thomas Römer 2017 erste Ausgrabun- wurden Gesteinsproben vom Fuß einer syrer (722 vC) sei die Stätte unter judäi-
gen durchgeführt. Laut 1 Sam 7 stand Mauer aus Grabungsareal B mit der Lu- sche Verwaltung gekommen, denn rege
die Bundeslade hier 20 Jahre lang in ei- miniszenzanalyse (OSL) geprüft. Die Bautätigkeit ist auch im 7. Jh. vC durch
ner Art Schrein. Ziel der Forschungen OSL bestimmt den Zeitpunkt der letzten Keramik belegt. Eine Fortführung des
ist nicht, die biblische Erzählung zu Sonnen-Belichtung von Mineralkörnern. Kultorts wird angenommen.
„beweisen“, sondern die politisch-reli- In einem Vorab-Ausgrabungsbericht Der Bericht spricht sich dagegen aus,
giösen Hintergründe der Königszeit ken- (Semitica 60, 2018) haben die Forscher dass die Assyrer hier – nach 722 oder 701
nenzulernen und herauszufinden, ob es nun erste Ergebnisse präsentiert: Die vC (Feldzug des Sanherib) – eine Befes-
Spuren der Ortstradition – in Form eines Mauer und damit die Plattform datieren tigung gebaut haben, um Juda und Jeru-
Tempels o. ä. – gibt. sie auf die erste Hälfte des 8. Jh. vC. Laut salem im Visier zu haben. Denn solche
Das Team stieß auf massive Mauern, Finkelstein konnte in diesen Jahren nur künstlichen Podien seien auch in Sama-
die ein rechteckiges Plateau von 150 x das potente Nordreich Israel unter König ria und Penuel zu finden und zudem wei-
110 m auf der Hügelspitze befestigten Jerobeam II. (788–747 vC) ein Bauwerk se die Behauung einiger Quadersteine ins
(vgl. WUB 2/18). Nach der These von solcher Größe realisieren. Und zwar vor Nordreich des 8. Jh. vC. Die Plattform in-
Finkelstein/Römer stand hier möglicher- 747 vC – ab da begann der langsame klusive möglichem Kultgebäude könnte
© screenshot Halotrust.com

weise ein Tempel. Am Fuß der Mauern Niedergang des Nordreichs. Jerobeams also, so das Fazit, in ihrer ursprünglichen
fanden sich Scherben aus der Eisenzeit, Regierungszeit passe perfekt zum Kera- Funktion eine Machtbasis für Jerobeam
weiter oben hellenistische Spuren. In mik- und OSL-Befund. Kirjat-Jearim liege gewesen sein. Diese Informationen kön-
der letzten antiken Bauphase wurde auf auf der alten Grenze der Stammesgebiete nen helfen, die Entstehung der Bundes-
dem Plateau im 1. Jh. vC ein römisches Juda und Benjamin, wobei Benjamin in lade zu verstehen. Im Sommer 2019 ge-
Lager eingerichtet. Doch um herauszu- der ersten Hälfte des 8. Jh. vC unter Jo- hen die Ausgrabungen weiter. W (hk/wub)
Das neueste aus der Welt der Bibel

Bibelmuseum in Washington zitat

Gefälschte Schriftrollen entfernt


Kirchen des Orients

„Die Zukunft wird besser


dem Hinweis ausgestellt, dass ihre Echt- sein, da bin ich mir sicher.
heit noch überprüft würde. Die deut-
schen Experten kamen zu dem Ergebnis,
Es gibt sichtbare Zeichen:
dass die Schriftrollen „nicht alt genug“ Unsere muslimischen Brüder
Vermeintliches seien; sie zeigten in den Hightech-Tests
Qumran-Fragment. wollen Frieden und Stabilität.
Eigenschaften, die ein antikes Fragment
nicht haben darf. Bereits 2017 hatte der Sie wollen keine Kriege mehr.
Washington/Berlin Das Bibelmuse- Schriftenforscher Kipp Davis (Trinity Vielleicht haben sie jetzt nicht
um in Washington hat 5 von insgesamt Western University) aufgrund von Buch-
16 als Qumran-Schriftrollen bekannte stabenform und Schreibtechnik 7 Frag- die Macht, sie zu stoppen,
historische Artefakte aus seiner Ausstel- mente des Museums als „moderne Fäl- aber sie sind die gesunde
lung entfernt. Das Museum reagierte da- schungen“ bezeichnet.
mit auf das Ergebnis einer Untersuchung Das Museum habe auf die Echtheit der
Kraft der Zukunft.“
der deutschen Bundesanstalt für Materi- Rollen gehofft, wird Chefkurator Jeffrey
Das sagte der Patriarch von Babylon,
alforschung und -prüfung (BAM), das im Kloha zitiert. Der Fall zeige aber, wie
Oberhaupt der Chaldäer, Kardinal
Auftrag des Museums die Ausstellungs- wichtig Echtheitsprüfungen bei selte-
Louis Raphael Sako im November
stücke auf ihr Alter untersucht und als nen biblischen Schriften seien. Die fünf
2018 im Gespräch mit den Vatican
Fälschungen identifiziert hatte. entfernten Schriften wurden durch drei
News. Der Patriarch nahm an einer
Das vor rund einem Jahr eröffnete Bi- Fragmente ersetzt, die auch noch geprüft
internationalen Konferenz in Turin
belmuseum hatte die Schriftrollen mit werden. W (KNA/WUB)
über die Zukunft von Minderheiten in
unruhigen und verwüsteten Ländern
wie Syrien und dem Irak teil. Zudem
Einem antiken Töpfer auf der Spur müsse die Kirche im Irak und in
Syrien eine „Theologie der Rückkehr“

Ungewöhnliche Inschrift verbreiten, so der Patriarch.

„Jeruschalajim“
jerusalem Bei Notgrabungen in Je- in dem Töpfe, Gefäße und Geschirr in
rusalem haben Mitarbeiter der Israel großen Stückzahlen hergestellt wurden.
Antiquities Authority (IAA) eine 2000 Nach der Zerstörung der Stadt und des
Jahre alte Steinsäule gefunden, in die Tempels durch die römischen Truppen
der Name „Jeruschalajim“ in hebräi- im Jahr 70 nC stellte auch die römische
schen Buchstaben eingraviert ist. Nach 10. Legion, die wesentlich an der Erobe-
Yuval Baruch (IAA) und Ronny Reich rung beteiligt gewesen und in Jerusalem
(Universität Haifa) ist diese „volle“ stationiert war, hier ihren kompletten
unten: © Photo: Yoli Shwartz, IAA; oben: © Museum of the Bible

Schreibweise in dieser Epoche bislang Armee-Keramikbedarf her, etwa Ziegel,


nur noch von einer Münze der jüdischen tönerne Leitungen oder Aufbewahrungs-
Aufständischen im 1. Jüdischen Krieg gefäße.
bekannt (66–73 nC). Auch in der Heb- Die ganze Inschrift lautet: „Chananja
räischen Bibel kommt die Langfom nur Sohn des Dodalos aus Jerusalem“. Nach
5-mal vor, die Kurz-Schreibweise „Jeru- Dudi Mevorach, archäologischer Chefku-
schalem“ dagegen 660-mal. Der Fundort rator des Israel Museum, war Chananja
liegt ca. 1 km nördlich der Knesset beim wie auch sein Vater ein Töpfer – der Va-
Kongresszentrum Binyanei ha-Uma. ter habe den Namen des Erfinders, Hand-
Hier befand sich – durch frühere Ausgra- werkers und Künstlers Daidalos aus der
bungen archäologisch gesichert – von griechischen Mythologie adaptiert. Das Die Säule in ihrem Fundkontext,
hasmonäischer bis in spätrömische Zeit Säulenfragment wird im Israel Museum daneben Danit Levy, Ausgrabungsleite-
das Keramikzentrum der antiken Stadt, ausgestellt. W (wub/IAA) rin der IAA.

welt und umwelt der bibel 1/2019 5


Das Grab Jesu
Geschichte und Geheimnis
Die Feier der Osternacht in der
Grabeskirche zu Jerusalem übertrifft
wohl jede andere christliche Liturgie
der Welt: ein Meer von Kerzen, deren
erste im Grab entzündet und deren
Flammen dann in die Kirche und in
die ganze Stadt Jerusalem hinaus-
getragen werden.
Der alljährliche Auferstehungs​­jubel
der Gläubigen macht sichtbar, dass
es hier um den Mittelpunkt des
Christentums geht. Schon in den
ersten Jahrunderten wurde an dieser
Stelle das (leere) Grab Jesu verehrt.
Und nachdem Kaiser Konstantin im
Jahr 365 die erste Basilika darüber
einweihte, begannen die Pilgerströ-
me nach Jerusalem zu fließen. Damit
nicht genug: Vielerorts entstanden
auch in Europa Nachbauten des
Heiligen Grabes und Kartografen
zeichneten es als Mittelpunkt der
Erde ein. Die Tradition erkennt hier
den Ort, von dem aus alles geschaf-
fen wurde, und den Ort des Begräb-
nisses und der Auferstehung Jesu.

Blick in die Rotunde der Grabeskirche


© picture alliance

mit dem Grab Jesu als Zentrum. Orthodoxe


Christen feiern in der Grabeskirche die Auferste-
hung Jesu mit der Liturgie des Heiligen Feuers.
Sechs Konfessionen, ein Status quo und eine (un-)verrückte Leiter

Der heilige Zankapfel


Der Ort, an dem Jesus zu Grabe getragen wurde und wo er auferstand, ist der heiligste
Ort des Christentums. Kaum zu glauben, aber wahr: Seit Hunderten von Jahren streiten
sich Christen verschiedener Konfessionen darum, welcher Teil dieses Ortes ihnen
„gehört“. Von Wolfgang Baur

Ein koptischer Priester wird am 24. Oktober 2018 von israelischen Polizisten festgenommen, weil er Arbeiter
der israelischen Antikenbehörde nicht zu Restaurationsarbeiten in eine Kapelle der Grabeskirche lassen wollte.
D
ie Entscheidung fiel im 12. Jh.: Einsturzgefahr. Dass es nun gelungen Pfingstwunder oder
Sultan Saladin verfügte, dass ist, mit viel Diplomatie eine gemeinsame babylonische Verwirrung?
künftig Muslime den Schlüssel Instandsetzung zu Ende zu bringen, ist Das bunte Treiben der verschiedenen Ri-
zum wichtigsten christlichen Heiligtum nicht nur ein architektonischer Erfolg. ten in der Grabeskirche, hier am geheim-
in ihre Obhut nehmen sollten – eine Lö- Hier wurde auch „Kirche“ gebaut. nisvollen Ort der Auferstehung, hat etwas
sung, die bis heute Bestand hat. Außer- Wie schwierig das konfessionelle Ter- Faszinierendes, z. B. wenn man einmal
dem wurde die Besitzfrage geklärt: 1852 rain der Grabeskirche trotzdem bleibt, eine Nacht in diesem Gebäude verbringt
legte der ottomanische Sultan in Kons- zeigt eine Auseinandersetzung, die 2018 (s. den Artikel auf S. 25). Und dabei sind
tantinopel fest, wer, wann und wo in der durch die Medien ging (s. Bild links). es nur sechs der über 2000 christlichen
Kirche Gottesdienste feiern darf und wem Was war geschehen? Arbeiter der Israe­ Konfessionen, die es weltweit gibt, oder
welche Bereiche gehören. Der „Status lischen Antikenbehörde wollten die der über 40, die in Jerusalem leben. Was
quo“ der Kirche durfte fortan nur noch Kapelle des Erzengels Michael in der könnte die bunte Vielfalt der Christen
im Einvernehmen aller Glaubensgemein- Grabeskirche restaurieren, doch ägypti- für Kräfte entfalten, wären sie eins …?
schaften geändert werden. Der Berliner sche und äthiopische Orthodoxe streiten Die Grabeskirche ist ein Ort der Vielfalt.
Kongress (1878) und die britische Man- um den Anspruch auf diese Kapelle. So Schwer auszuhalten, aber notwendig:
datsmacht (1922) bestätigten diese kluge wollten die Kopten die Restaurierung Religion – auch die christliche – lässt
Lösung. Besitzregelungen betrafen drei verhindern, wenn sie nicht überwachen sich eben nicht auf einen einfachen
Gebäude: Die Grabeskirche, das Marien- konnten, was dabei geschah. Schließ- Nenner bringen. Das Geheimnis des
grab im Kidrontal und die Geburtskirche lich musste wie immer wieder die Staats- Glaubens braucht Orte der Begegnung
in Betlehem. In der Grabeskirche haben gewalt einschreiten, um Schlimmeres zu und Auseinandersetzung. Das Grab Jesu
vor allem drei Kirchen Besitzrechte: Die verhindern. ist so ein Ort. W
griechisch-orthodoxe (den größten An-
teil), die römisch-katholische und die
armenisch-orthodoxe Kirche. Syrer, Kop-
ten und Äthiopier dürfen Gottesdienste
feiern, haben sonst aber so gut wie keine
Ansprüche am Kirchenraum selbst.
h
l-Chanqa
Aqabat a
Die seltsamste Leiter der Welt 2
Im ersten Stock des Portals der Grabes- 9
N
kirche steht seit 1853 steht eine Holzlei- 3
ter (s. Bild S. 40). Das wird auf alten Ge- 4
mälden dokumentiert. Möglicherweise
3

Suq Chan al-Zait


diente sie im 19. Jh. den Mönchen zum 4
© nach Max Küchler, Jerusalem, Vandenhoeck & Ruprecht, S. 410

Einstieg in die Kirche, wenn deren Tore


9
behördlich geschlossen waren. Aber 2
Christl. Quartier-Str.

2
niemand kann sie entfernen, da nicht 6
4
klar ist, wer das Recht dazu hätte. Denn 1 2
die Fassade der Grabeskirche ist – wie 8 7
bei einer modernen Wohnungseigentü- 4 3
mergemeinschaft – Aufgabe aller Besit- 2 7 2
zenden. So symbolisiert sie weiterhin 2 6 5
die komplizierte Kommunikation unter 6
den Konfessionen. 2
9 7 2

Eine Baustelle im doppelten Sinn


Die Grabkapelle innerhalb der Kirche Suq al-Dabbagha
Helena-Str.
(Ädikula) gehört allen Konfessionen ge-
meinsam. Deshalb erging es ihr beinahe
Sechs christliche Konfessionen „teilen“ sich die Grabeskirche:
links: © picture alliance

wie der Leiter: Keiner durfte an ihr rühren


1 Rotunde der Auferstehung (gemeinsam); 2 griechisch-orthodox;
und so wurde die längst überfällige Res-
3 römisch-katholisch; 4 koptisch; 5 russisch-orthodox; 6 äthiopisch;
tauration jahrzehntelang aufgeschoben.
7 armenisch; 8 syrisch; 9 muslimisch
Immer wieder schloss die Israelische
Antikenbehörde den Bau wegen akuter
Felsengrab mit Rollstein
In der Nähe des Damaskus-
tores von Jerusalem wurde ein
„Königsgrab“ entdeckt, das
anschaulich zeigt, wie das
Grab Jesu ausgesehen haben
könnte. Aufnahme um 1900.
Ein Blick ins Neue Testament

Das (leere) Grab Jesu


Ein schmachvoll Gekreuzigter, eine Bestattung im kleinen Kreis
kurz vor Beginn des Paschafestes, ein schwerer Stein vor dem
Eingang und doch eine leere Grabkammer am übernächsten Morgen …
Wie gehen die biblischen Erzählungen mit den Fakten und Erfahrungen um?
Von Hans-Georg Gradl

D
as Grab Jesu gab seit jeher An- ckung Jesu aus dem Tod. Die Bestattung Lesen der Schrift (Lk 24,32), die persön-
lass zu wilden Spekulationen, dient als sinnfälliger Beweis für den liche Anrede Jesu (Joh 20,16), beim Bre-
archäologischen Auseinander- wirklichen Tod Jesu. Dagegen scheint chen des Brotes (Lk 24,30-31) und in der
setzungen und zum theologischen Dis- das leere Grab Jesu für die Osterbot- Erinnerung an die Worte Jesu (Lk 24,8).
put, ob es denn leer sein müsse, um an schaft nicht von Bedeutung zu sein. Was Alle Evangelien begreifen das leere
die Auferstehung glauben zu können. den Osterglauben begründet, ist nicht Grab Jesu als ein sprechendes Zeichen.
Vor dem Hintergrund eines regelrech- der fehlende Leichnam Jesu, sondern In den Erzählungen spiegelt sich eine ei-
ten Wissenschaftskrimis ist der Blick ins die vielgestaltige Erfahrung der Jünge- genartige Scheu: wie wenn die Evangeli-
Neue Testament erstaunlich nüchtern rinnen und Jünger, dass er lebt und sich en vermeiden möchten, sich zu sehr auf
und hilfreich. als Lebendiger erfahrbar machte. das Grab zu konzentrieren. Wichtiger als
das, was sich in der Grabstätte zugetra-
gen hat, ist das, was sich vor dem Grab
Paulus: Das Grab spielt keine Rolle Die Evangelien: Erfahrungen ereignet. Die Erfahrungen der Jünger
Paulus schweigt. An keiner Stelle nimmt vor dem Grab tauchen die leere Begräbnisstätte Jesu
er in seinen Briefen auf das Grab Jesu Von Bedeutung ist das Grab Jesu erst in ein neues, eben österliches Licht. Auf
Bezug. Den Osterglauben der jungen in der Erzähltradition der Evangelien. je eigene Weise setzen sich die Evangeli-
Kirche drückt er in einer viergliedrigen Um das Jahr 70 berichtet das Markus­ en mit dem leeren Grab Jesu auseinan-
Formel aus: evangelium von der Bestattung Jesu der, erfüllen es mit Sinn und verbinden
(Mk 15,46‑47), dem Gang der Frauen damit eine jeweils eigene theologische
Denn vor allem habe ich euch überlie- zum Grab am Tag nach dem Sabbat Botschaft.
fert, was auch ich empfangen habe: und dem Entdecken der leeren Grab-
© Public Domain, wikimedia, Matson Collection - Library of Congress Catalog

1) Christus ist für unsere Sünden kammer (Mk 16,1-5). Das Matthäus- (Mt
gestorben, gemäß der Schrift, 27,57-28,15) und das Lukasevangelium Aufbruch in den Alltag:
2) und ist begraben worden. (Lk  23,50-24,12) entfalten und akzen- Das Markusevangelium
3) Er ist am dritten Tag auferweckt tuieren die Markustradition. Auch das Die Grabeserzählung im Markusevan-
worden, gemäß der Schrift, Johannesevangelium weiß vom leeren gelium ist denkbar kurz (Mk 16,1-8).
4) und erschien dem Kephas, Grab Jesu (Joh 20,1-2), dem aber keine Eindrücklich wird die absolute Unzu-
dann den Zwölf (1 Kor 15,3-5). eigene Beweiskraft zukommt. Im Ge- gänglichkeit der Grabkammer geschil-
genteil: Die Entdeckung wirft Fragen auf dert. Ein sehr großer Stein verschließt
Diese Formel dürfte schon in den 30er- und stürzt in Verwirrung: Maria Magda- den Eingang. Der Tod ist endgültig. Der
Jahren entstanden sein. Paulus hat sie in lena befürchtet, man habe den Leich- Weg der Lebenden zu den Toten ist ver-
Korinth verkündet, aber nicht selbst ge- nam weggenommen (Joh 20,2.11-15). Die sperrt. Wieder und wieder bedrängt die
schaffen. Die Wendungen sind wie zum gähnende Leere bedarf der deutenden Frauen die Frage (Mk 16,3), wer ihnen
Auswendiglernen und fürs Weitersagen Erklärung. Ostern keimt nicht in der wohl den Stein wegwälzen könnte? Die
gemacht: Das zweite Glied bestätigt je- leeren Grabkammer. Die Überzeugung, Entdeckung des geöffneten Grabes löst
weils die erste Aussage: das Begräbnis dass Jesus lebt, wächst anderswo: durch Verwirrung und blankes Entsetzen aus.
den Tod und die Visionen die Erwe- die Botschaft eines Engels (Mk 16,6), das Der fehlende Leichnam Jesu klärt nichts.

welt und umwelt der bibel 1/2019 11


„Die zwei Marien am Grab Christi“, Aquarell von Philipp Veit um 1847/58, 29,8 x 39,3 cm.
Graphische Sammlung Mainz, Mittelrheinisches Landesmuseum.

Erst die Deutung macht das leere Grab gangen, das in der Adressatengemeinde Leichenraub erklären die Ereignisse am
zu einem sprechenden Zeichen: Jesus im Umlauf war und rumorte (Mt 28,15). Ostermorgen. Gott hat Jesus aus dem
„wurde erweckt, er ist nicht hier. Seht da Die Rede vom Raub des Leichnams Jesu Reich des Todes befreit, worauf das ge-
den Ort, wo sie ihn hinlegten“ (Mk 16,6). geht auf einen hinterlistigen Beste- öffnete und von einer guten Nachricht
Aber Ostern wird nicht auf dem Fried- chungsversuch zurück (Mt 28,11-15): Die erfüllte Grab verweist.
hof, sondern im Alltag gefeiert. Der En- schlafenden Wachen haben für diese
gel treibt die Frauen regelrecht weg vom Anschuldigung viel Geld erhalten. Im
Grab. Der Auferstandene geht den Jün- Widerschein wird deutlich: Das leere Der Lebende ist hier nicht:
gern voraus nach Galiläa. Dort – mitten Grab stellt keinen felsenfesten Beweis Das Lukasevangelium
im Leben – lässt er sich sehen und als für die Auferstehung Jesu dar. Im Lukasevangelium klingt die Frage
der Lebendige erfahren. Für die judenchristlichen Adressaten des Engels an die Frauen fast provoka-
gebraucht das Matthäusevangelium ver- tiv: „Was sucht ihr den Lebenden unter
ständliche und aus dem alttestamentli- den Toten?“ (Lk 24,5) Selbst wenn – so
Aufdecken eines Betrugs: chen Motivkosmos stammende Bilder, möchte man erklärend hinzufügen – Je-
Das Matthäusevangelium um das Geschehen zu illustrieren: Erd- sus im Grab liegt und darin verwest, die
Das Matthäusevangelium führt den kur- beben und Engel, weißes Gewand und Osterbotschaft bleibt davon unberührt.
zen Markusschluss fort und erzählt von Blitz, Furcht und Zittern (Mt 28,2-4) sind In gleicher Weise kann Paulus sagen:
der angekündigten Begegnung mit dem Motive, um das Eingreifen Gottes zu „Fleisch und Blut können das Reich Got-
Auferstandenen in Galiläa (Mt 28,16-20). veranschaulichen. Nicht Habgier und tes nicht erben, das Vergängliche erbt
© akg

Zuvor aber wird auf ein Gerücht einge- politisches Kalkül, nicht Scheintod oder nicht das Unvergängliche“ (1 Kor 15,50).

12 welt und umwelt der bibel 1/2019


Das (leere) Grab Jesu

Die Auferweckung ist mehr als die Wie- andere Weise findet, was sie im Grab Bild oder Tatsache:
derbelebung eines toten Körpers und sucht und beweinen will. Als sie sich Zur historischen Rückfrage
die bloße Verlängerung des irdischen vom Grab abwendet (Joh 20,14), trifft sie Alle Evangelien sind bemüht, das bloße
Lebens. Es geht nicht um die biochemi- auf Jesus. Er steht außerhalb des Toten- Faktum des leeren Grabes zu deuten.
sche Substanz oder Materie des Leich- reichs, wofür wiederum das Grab steht. Die historische Rückfrage gestaltet sich
nams. Die Osterbotschaft verkündet ei- Maria macht eine persönliche Erfah- schwierig. Eine Entscheidung ist nicht
nen Gott, der den Menschen – der weit rung mit dem Auferstandenen und weiß leicht zu treffen. War das Grab Jesu leer?
mehr ist als sein Körper – aus dem To- sich angesprochen: „Maria!“ (Joh 20,16) Paulus gibt auf diese Frage keine Ant-
tenreich rettet. Unter den Toten ist Jesus Dann kehrt sie dem Grab vollends den wort. Seine Verkündigung aber kommt
nicht zu finden (Lk 24,3). Er lässt sich Rücken zu und bricht wieder ins Leben – zusammen mit den ältesten Bekennt-
aber im Unterwegssein, auf den Straßen auf. Ostern erzählt von Leben und Auf- nissätzen – gänzlich ohne Bezug auf das
des Lebens als der Lebendige erfahren gaben jenseits der Friedhöfe. leere Grab Jesu aus. Schon deshalb soll-
(Lk 24,13-35). Auch die Lokalisierung des Grabes te die Frage nicht zu sehr beunruhigen.
Jesu in einem Garten (Joh 19,41) hat Der Osterglaube hängt für Paulus und
theologischen Tiefgang. Wie ein Samen- die frühen Christen nicht am histori-
Trauer und Garten: korn wird Jesus in diesem Garten einge- schen Faktum oder am archäologischen
Das Johannesevangelium pflanzt. Eine neue Schöpfung beginnt zu Nachweis eines offenen und leeren Gra-
Deutlich wird im Johannesevangelium keimen. Nicht von ungefähr hält Maria bes Jesu.
das Grab als ein Ort der Trauer darge- von Magdala den auferstandenen Jesus Dem Markusevangelium dürfte die
stellt. Maria weint. Wiederholt muss sie für den Gärtner (Joh 20,15). Theologisch Tradition vom leeren Grab bereits vor-
sich fragen lassen: „Warum weinst du?“ gesprochen hat sie recht: Der Auferstan- gelegen haben. In der mündlichen und
(Joh 20,13.15) Eigentlich gibt es keinen dene verhilft einem neuen Schöpfungs- zunehmend schriftlichen Überlieferung
Grund für Tränen. Das gähnend leere garten zur Blüte: keine Gruften, sondern wird der Ort immer wichtiger. Einige
Loch beherbergt doch eine Botschaft. Gärten, keine lähmende Stagnation, Argumente sprechen für die historische
Die Trauer schwindet erst, als Maria auf sondern Aufbruch und Bewegung. Verlässlichkeit der Tradition.

Karolingische Elfenbeintafel mit Szenen aus der Emmauserzählung: Das Gespräch der Jünger unterwegs,
© akg

das Brotbrechen, entstanden in Nordfrankreich um 850–900, New York, Metropolitan Museum of Art.

13
Das (leere) Grab Jesu

Christus erscheint Maria Magdalena. Er ist als Gärtner dargestellt, da Maria ihn
für einen solchen hält. Gleichzeitig symbolisiert das Bild des Gärtners mit einem Spaten das Einpflanzen neuen Lebens.
Fontana, Lavinia 1581, Öl auf Holz, 85 × 80 cm. Florenz, Galleria degli Uffizi.
14 welt und umwelt der bibel 1/2019
Das (leere) Grab Jesu

• In allen Evangelien sind es Frauen Wäre die Erzählung nur eine Erfindung, Könnten nicht die Evangelien ganz zu
aus der Gefolgschaft Jesu, die zum Grab warum hätte man gerade Josef – eine un- Recht sagen, der Herr ist nicht mehr hier
gehen und es geöffnet vorfinden. Wäre bekannte und sich nur heimlich zu Jesus und das Grab ist leer, obwohl es doch
diese Überlieferung eine nachträgliche bekennende Figur – wählen sollen? Die noch den Leichnam Jesu beherbergte?
Erfindung, hätte man wohl kaum Frau- verschiedenen Evangelien stimmen dar- Die Osterbotschaft macht es leer: „Was
en als Gewährsleute gewählt. Viel eher in überein, dass Josef wagte, Pilatus um sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“
hätten sich doch Petrus oder ein ande- den Leichnam Jesu zu bitten (Mk 15,43 (Lk 24,5) Selbst die Verwesung versetzt
rer prominenter Jünger angeboten. Die par.; Joh 19,38). Die Formulierung ist Ostern nicht den Todesstoß. Auch ein
Erzählungen hätten von ihrer Autorität korrekt gewählt, denn die Herausgabe volles Grab wäre im Licht der Auferwe-
profitiert und wären nicht – der Vorstel- des Leichnams zur Bestattung war ein ckungshoffnung noch ein sprechendes
lung der damaligen Zeit entsprechend reiner Gunsterweis. Josef muss darum Zeichen. Es erzählt von einem Gott, der
– vom diskutablen Zeugnisrecht der bitten, dass Jesus nicht in einem Mas- alle Facetten und auch den Zerfall des ir-
Frauen belastet gewesen. Das Auftreten sengrab verscharrt wird, sondern in ei- dischen Lebens teilt und mitten in aller
der Frauen spricht für das hohe Alter nem Einzelgrab beigesetzt werden darf. Vergänglichkeit Neues wirkt und Leben
der Tradition und darf als zuverlässig Kurzum: Die Argumente sind – ein- schafft.
erinnerter und historischer Haftpunkt zeln und in ihrer Summe – doch gewich- Was ist eigentlich mit unseren Grä-
gelten. Das Geschehen wurde so über- tig. Die Tradition vom leeren Grab Jesu bern? Sie sind nicht leer. Hört also
liefert, weil es so war, auch wenn es an- lässt sich nicht vorschnell als unhisto- hier die Gemeinsamkeit auf? Endet die
ders womöglich glaubwürdiger gewesen risch abtun oder als bloße Erfindung zur Reichweite der Menschwerdung Got-
wäre. Bestätigung der Auferweckung Jesu aus- tes kurz nach der Todesgrenze? Paulus
• Nirgends wird – weder in den Evan- geben. Ein Beweis für die Osterbotschaft nennt Jesus „Erstling der Entschlafenen“
gelien des Neuen Testaments noch in aber ist das leere Grab nicht. Es ist und (1 Kor 15,20). Wenn ich mein Schicksal in
der weiteren jüdischen Polemik gegen bleibt deutungsoffen und interpretati- seiner Geschichte wiedererkennen soll,
die christliche Auferstehungsbotschaft onsbedürftig. Es kann – ins Licht der muss sie auch das Grab und alle Prozes-
– die Tatsache des leeren Grabes bestrit- Auferstehungshoffnung gehalten – zu se des Untergangs und Vergehens um-
ten. Auch Gegner scheinen das Faktum einem sprechenden Zeichen werden. fassen. So kann in seiner Auferweckung
angenommen, wenn auch anders erklärt auch meine Hoffnung ankern, dass der
und gedeutet zu haben. Zu bedenken ist, Tod Durchgang und nicht Ende ist.
dass der Leichnam Jesu im Grab ein ent- Jesu Grab und unsere Gräber: Das volle Grab Jesu hinterfragt eine
scheidendes Argument gegen die christ- Eine gemeinsame Hoffnung allzu naive Vorstellung vom Osterglau-
liche Botschaft von der Auferweckung Grablegung und Grab Jesu unterstrei- ben und zwingt zur Auseinanderset-
Jesu gewesen wäre. Das jüdische Men- chen vor allen Dingen eine Tatsache: zung. Ostern braucht kein leeres Grab.
schenbild kennt keine strikte Trennung Jesus stirbt unseren Tod. Er stieg nicht Ostern ist nämlich mehr als die Wieder-
zwischen Leib und Seele. Ein im Grab herab vom Kreuz, er starb nicht nur belebung eines toten Körpers. Ostern
Verwesender kann unmöglich als Auf- zum Schein und vor allen Dingen nicht vertraut auf einen Gott, der den Men-
erweckter verkündigt werden. Man hätte leichter als andere. Er teilt die Nacht des schen in seiner gesamten Identität und
die Christen auf das Grab Jesu verweisen Grabes und durchmisst auch das tiefste Geschichte rettet. Das erzählte Zeichen
und ihre Botschaft bereits im Keim ersti- Ende der menschlichen Existenz. des leeren Grabes Jesu gibt dieser Hoff-
cken und ad absurdum führen können. Das leere Grab mag Platzhalter und nung Raum. Die vollen Gräber schmä-
• Für das historische Interesse der Hoffnungszeichen sein, dass eben mit lern diese Hoffnung nicht, ganz im Ge-
Grabeserzählungen sprechen zudem dem Ende nicht alles aus ist. Es erzählt genteil. W
einige markante Details. Die Tatsache, von der Hoffnung auf einen Gott, der
dass Jesus als verurteilter und gehäng- aus dem Tod ins Leben führt und dessen
ter Verbrecher in einem Einzelgrab bei- Macht nicht an der Grube endet. Eine
gesetzt wurde, ist fester Bestandteil der allzu supranaturalistische, fantastische
urchristlichen Erinnerung. Selbstver- oder dingliche Vorstellung vom Leerwer-
ständlich war das nicht. Vielmehr soll- den des Grabes Jesu würde der urchrist- Prof. Dr. Hans-Georg
ten die Gekreuzigten auch über ihren lichen Tradition nicht gerecht. Die äl- Gradl ist Professor für
Tod hinaus zur öffentlichen Abschre- testen Bekenntnisformeln drücken den Neues Testament an der
ckung am Kreuz verbleiben. „Ein Ge- Glauben an die Auferweckung Jesu ohne Theologischen Fakultät
hängter“, schreibt Artemidor von Daldis Bezug auf das leere Grab aus. In der Er- Trier. Seine Forschungs-
schwerpunte sind das
in seinem Traumbuch, „nährt viele Vö- zähltradition der Evangelien bleibt es
lukanische Doppelwerk,
gel“ (II, 53; IV, 49). im Halbschatten: Es klärt nichts, wirft
frühjüdische und
• Auch die Beteiligung des frommen aber viele Fragen auf (Lk 24,12). Ohne christliche Apokalyptik
Ratsherrn Josef von Arimatäa an der Bei- Osterbotschaft bleibt es eine klaffende sowie die Offenbarung
© akg

setzung Jesu darf als historisch gelten. Wunde. des Johannes.

welt und umwelt der bibel 1/2019 15


Orthodoxe Christen
strecken ihre Hände nach
dem Licht der „Auferste-
hungskirche“ (Anastasis)
aus, wie die Grabes-
kirche seit dem 4. Jh.
auf griechisch heißt. An
Ostern soll die Kraft des
„Heiligen Feuers“, vom
Grab Jesu in alle Welt
überspringen.

A
b wann es genau erste Wallfah- Hierapolis nach Rom. Auch der berühm- gefördert. Ein Auslöser dafür mag die
rer in der christlichen Tradition te Bischof Polykarp von Smyrna, dem legendäre Pilgerfahrt der Kaisermutter
gegeben hat, lässt sich unseren heutigen Izmir, kam bereits um 155 nC Helena im Jahr 326 nC nach Jerusalem
Quellen nicht mehr entnehmen. Die bi- hierher, allerdings zwecks theologischer gewesen sein. Auch Bischöfe sorgten
blischen Orte haben schon in der frü- Gespräche mit seinem Bischofskollegen nun zunehmend für den Ausbau von
hesten Christenheit Verehrung erfahren, Anicet. Pilgerzentren in ihren Diözesen. In
waren aber noch nicht das Ziel von Pil- Die Apostelgräber hat man in Rom Rom wurden z. B. um 354 nC die Feste
gern aus der Ferne. Die ersten Reisenden nachweislich seit dem 3. Jh. als solche der Märtyrer schon ausführlicher be-
ins Heilige Land kamen auch weniger verehrt. Die Reise des Polykrates von gangen, wovon ein Dokument mit dem
als Pilger. Es handelte sich bei ihnen Ephesos legt davon ebenso Zeugnis ab Titel Depositio martyrum, eine Art rö-
vielmehr in erster Linie um Kleriker und wie die Graffiti, die sich z. B. in der Se- mischer Festkalender, Zeugnis ablegt.
Theologen, die zur Klärung theologi- bastianskatakombe finden. Von Pilger- Der römische Bischof Damasus verfass-
scher Fragen nach Palästina reisten. So fahrten im großen Stil und aus weiter te während seines Pontifikats 366–384
ist z. B. bekannt, dass der Bischof Melito Ferne kann man aber in der Regel in den eine Reihe von metrischen Grabin-
vom kleinasiatischen Sardes um 200 nC ersten drei christlichen Jahrhunderten schriften (im Versmaß) und förderte
nach Jerusalem fuhr, um hier Aufklä- noch nicht sprechen. Dazu kam es erst, dadurch den Märtyrerkult in den Kata-
rung über den Streit um das Osterfest zu nachdem das Christentum im 4. Jh. er- komben gewaltig. Ab dem 5. Jh. wurden
erhalten. Der aus Kleinasien stammende laubte Religion wurde. die Reliquien der Märtyrer, die sich in
Jerusalemer Bischof Alexandros blieb den Gräbern vor der Stadt befanden,
im Jahr 212 sogar in Jerusalem hängen – zunehmend in die Titelkirchen (ein Kar-
er war des Gebetes und der Stätten der Die Pilgerwelle kommt dinal ist dort Pfarrer) Roms gebracht,
biblischen Geschichte wegen dorthin Seit dem 4. Jh. wurden Wallfahrten in- zunächst ausschließlich in Form von
gekommen. Solche Reisen waren kei- nerhalb des Christentums als Volksbe- Berührungsreliquien. Das sind z. B. Klei-
neswegs auf das Heilige Land bzw. Je- wegung durchgeführt. Mit Konstantin dungsstücke, mit denen der Heilige oder
rusalem beschränkt. Bereits im 2. Jh. nC dem Großen (306–337) wurden Wall- seine Überreste in Berührung gekommen
reiste Aberkios aus dem kleinasia­tischen fahrtsziele erstmalig vom Kaiserhaus sein sollen. Auch die anderen Bistümer

16 welt und umwelt der bibel 1/2019


Die Anfänge des christlichen Pilgerns zum Grab Jesu

Auf der Suche


nach dem Heiligen
Während der ersten Jahrhunderte interessierte sich kein Reisender
für das Grab Jesu oder die Ruhestätten der Apostel in Rom.
Erst nachdem das Christentum im 4. Jh. staatlich geduldete Religion
wurde, kam die Welle der Pilger so richtig ins Rollen.
Von Andreas Müller

im Römischen Reich entwickelten in der pel gebracht. Sie sollten dem Newcomer Gruppen und Einzelreisende zur Wall-
Zeit der frühen Reichskirche entspre- unter den Großstädten des Oströmischen fahrt auf. Insbesondere von pilgernden
chende Pilgerzentren, die natürlich die Reiches zu Ansehen verhelfen. Dabei ka- Frauen­nach Palästina liegen ab dieser
Macht und die Attraktivität der Diözesen men auch Reliquien aus Jerusalem nach Zeit zunehmend Zeugnisse vor. Unter
und der Regionen überhaupt stärkten. Konstantinopel. Der Mantel der Gottes- ihnen waren Melania die Ältere und
Bistümer, in denen eine entsprechen- mutter, aber auch Nägel des Kreuzes die Jüngere sowie Paula und ihre Toch-
de Tradition fehlte, fanden nun z. T. auf oder die Geißelsäule Christi wurden und ter Eustachium zu finden, die Ende des
wundersamen Wegen zu entsprechen- werden z. T. noch heute dort verehrt. Ein 4. Jh. nC ins Heilige Land und zum Teil
den Gegenständen der Verehrung für Kreuzesnagel soll sogar in die Konstan- auch nach Ägypten zogen. Sie stammten
tinssäule im Zentrum der neuen Haupt- aus dem römischen Adel und zeigten auf-
stadt eingemauert gewesen sein – so die grund ihrer ausgeprägten Frömmigkeit
Ab dem 4. Jh. wurden Tradition. großes Interesse für die heiligen Stätten.
Pilgerreisen zu einem In der Diözese Antiochien pilgerte man
im 5. Jh. im großen Stil sogar zu leben-
Außerdem brachten sie ihren Besitz zur
Errichtung von Klöstern und Herbergen
Massenphänomen den Heiligen wie Symeon dem Styliten in Jerusalem und Betlehem ein, in de-
(Säulensteher). Wallfahrt wurde in dieser nen sie selber lebten. Einer der frühes-
Zeit also zu einem sowohl regionalen wie ten und bedeutendsten Pilgerberichte
Pilger. Der bedeutende alexandrinische auch internationalen bzw. überregiona- stammt ebenfalls von einer Frau: Egeria,
Patriarch Kyrill entdeckte z. B. durch eine len Massenphänomen. eine in einer asketischen Gemeinschaft
Traumvision die Gebeine von Johannes in Spanien lebende fromme Frau, be-
und Kyros. Er brachte sie in das alte Isis- reiste den Nahen Osten Ende des 4. Jh.
Heiligtum nach Menuthis, und gestaltete Frauen auf Pilgerreisen ausgiebig und berichtete nicht nur über
© picture alliance

es so mit Hilfe der Märtyrer-Reliquien zu Mit der Ausweitung des Pilgerwesens die Heiligen Stätten fast des gesamten
einem bedeutenden christlichen Zent- auf weite Kreise im 4. Jh. nC brachen Ostens des Byzantinischen Reiches und
rum um. Zahlreiche Reliquien aus dem neben Klerikern und abenteuerlustigen die dort durchgeführten Gottesdienste,
Nahen Osten wurden nach Konstantino- Reisenden nun auch ganz andere soziale sondern auch über das eigene geistliche

welt und umwelt der bibel 1/2019 17


Auf der Suche nach dem Heiligen

Reiseprogramm. Sie legt ein Zeugnis dafür ab,


dass Menschen am Ende des 4. Jh. nC gleichsam
mit der Bibel in der Hand nach Palästina reisten
und dort die einheimischen Führer, zum großen
Teil wohl Kleriker und Mönche, mit Fragen nach
biblischen Orten geradezu bombardierten. So
mancher Ort mag durch die Fragen neugieriger,
hoch motivierter westlicher Pilger erst (wieder)
endeckt worden sein.

Ein Pilgerpass für die Herberge


Mit dem Aufblühen des Pilgerwesens wurde
auch die Infrastruktur für Pilger immer weiter
ausgebaut. Zunächst kamen die Pilger im Rah-
men der antiken Gastfreundschaft bei den Bi-
schöfen selber unter. Die traditionellen Gäste-
Grabinschrift aus der Zeit des Kaisers Augustus häuser und Khans an den Karawanenstraßen
in der Nähe von Rom. Ein Witwer lobt seine Ehefrau Turia,
waren insbesondere wegen der außergewöhn-
indem er das aufzählt, was sie nicht mit anderen Frauen
lichen sittlichen Gefahren für Pilger beim An-
gemein hatte. Diese Ehrung von Verstorbenen nahm auch
wachsen der Pilgerscharen keine Alternative zu
im christlichen Bereich zu und förderte die Verehrung von
den Pilgerherbergen im Bischofspalast. Dement-
Märtyrern und deren Gräbern.
sprechend entstanden ab der Mitte des 4. Jh. nC
eigene kirchliche Unterkünfte, die auch die Pfle-
ge von Kranken und Armen übernahmen. In den
Pilgerherbergen kann man die Geburtsstätte der
späteren Krankenhäuser sehen. Solche Einrich-
tungen lassen sich auch in Jerusalem beobach-
ten – die größte derartige Einrichtung entstand
hier im 6. Jh. nC unter Kaiser Justinian an der
Nea-Kirche in Jerusalem (Reste im jüdischen
Altstadtviertel zu sehen).
Um den Missbrauch solcher Einrichtungen zu
verhindern, wurde eine Art eigener Pilgerpass

oben: © Wikimedia, public domain, Jastrow; unten © public domain, CC 4.0 wikimedia, Cnfy1cnfy1
gegen Ende des 4. Jh. nC eingeführt. Finanziert
wurden solche Einrichtungen, die als Stiftungen
organisiert waren, auch durch Spenden.

Der Pilger-Express
Vornehme Personen konnten im 4. Jh. nC mit
dem cursus publicus, der römischen Reichspost,
einem ausgezeichneten Verkehrssystem, reisen.
Man bewegte sich mit Pferden oder Eseln, z. T.
sogar auf zwei- oder vierrädrigen Wagen. Die
Reisegeschwindigkeit betrug durchschnittlich
etwa 40 km pro Tag. In gefährlichen Gebieten,
wie z. B. auf dem Sinai, stand man unter Mili-
tärschutz. Da die Reisen sehr mühselig und
langwierig waren, bevorzugten auch schon in
Das älteste Itinerar (Reisehandbuch) für eine Pilger- der Antike viele Pilger das Reisen zu Wasser. Die
fahrt ins Heilige Land. Es wurde von einem anonymen Routen waren in Itinerarien verzeichnet, die die
Pilger aus Bordeaux in den Jahren 333–334 verfasst. Entfernungen zwischen den einzelnen Poststa-
tionen oder Pferdewechselstationen angaben.
Solche Itinerarien wurden z. T. in Pilgerberich-

18
Auf der Suche nach dem Heiligen

QUELLENTEXT:
Egeria beobachtet die Kreuzverehrung auf Golgota (um 385)

N achdem dann die Entlassung


vom Kreuz erfolgt ist, das heißt,
bevor die Sonne aufgeht, geht sofort
Tisch gelegt. Wenn es nun auf den
Tisch gelegt worden ist, hält der Bi-
schof im Sitzen die beiden Enden des
sich, berühren zuerst mit der Stirn,
dann mit den Augen das Kreuz und
die lnschrift, küssen das Kreuz und
jeder eifrig zum Zion, um bei der heiligen Holzes mit den Händen fest; gehen weiter; aber niemand streckt
Säule zu beten, an der der Herr die Diakone aber, die (um den Tisch) die Hand aus, um es zu berühren.
gegeißelt wurde. Wenn sie von dort herum stehen, bewachen es. Es wird Wenn sie nun das Kreuz geküsst
zurückgekehrt sind, ruhen sie etwas deshalb so bewacht, weil es üblich haben und weitergegangen sind,
in ihren Häusern aus, und sofort sind ist, dass das Volk, einer nach dem steht da ein Diakon, der den Ring des
alle wieder bereit. Dann wird auf anderen, kommt, sowohl die Gläubi- Salomo und das Horn hält, mit dem
Golgatha für den Bischof hinter dem gen als auch die Katechumenen. Sie die Könige gesalbt wurden. Man küsst
Kreuz, das (dort) jetzt steht, ein Sitz verbeugen sich vor dem Tisch, küssen auch das Horn und betrachtet den
aufgestellt, und der Bischof lässt sich das heilige Holz und gehen weiter. Ring von etwa der zweiten Stunde
auf dem Sitz nieder. Vor ihn wird ein Und weil irgendwann einmal jemand an. Und so zieht also das ganze Volk
mit Leinen gedeckter Tisch gestellt, zugebissen und einen Splitter vom bis zur sechsten Stunde vorüber; es
und die Diakone stehen um den Tisch Kreuz gestohlen haben soll, deshalb tritt durch eine Tür herein und geht
herum. Dann wird ein vergoldetes wird es nun von den Diakonen, die durch eine andere hinaus, weil das
Silberkästchen gebracht, in dem sich (um den Tisch) herum stehen, so am selben Ort geschieht, an dem am
das heilige Holz des Kreuzes befin- bewacht, dass keiner, der herantritt, Vortag, das heißt am Donnerstag, das
det; es wird geöffnet, das Kreuzesholz wagt, so etwas wieder zu tun. So Opfer gefeiert worden ist.
wird herausgehoben und zusammen geht das ganze Volk vorüber – einer (Quelle: H. Donner, Pilgerfahrt ins
mit der (Kreuzes-)Inschrift auf den nach dem andern, alle verbeugen Heilige Land, 2003)

ten übernommen, die sowohl den Pilgern als spanischen Santiago de Compostela. Die in die-
eine Art Reiseführer dienen konnten als auch ser Zeit immer bedeutendere Wallfahrttradition
den Daheimgebliebenen als eine interessante Richtung Westen hat u. a. damit zu tun, dass für
Darstellung fremder Orte und Gebräuche, sowie westeuropäische Pilger die Wege ins Heilige Land
zur Vermehrung der Kenntnis der kirchlichen seit der muslimischen Eroberung im 7. Jh. zuneh-
und religiösen Verhältnisse im Osten. mend schwieriger wurden. Dementsprechend
Eine besondere Art von Pilgerführern stellten entwickelte sich nun ein ausgefeiltes Pilgerstre-
im Byzantinischen Reich die Pilgerkarten dar. ckensystem im ganzen europäischen Westen,
Solche Karten sind bereits aus dem 6. Jh. nC in das noch heute zahlreiche Spuren hinterlassen
Form von Mosaiken erhalten. Das berühmteste hat. Es diente nicht nur dem Ersatz für die Jeru-
Beispiel dafür ist das Palästina-Mosaik im jorda- salem-Wallfahrt, sondern auch der politischen
nischen Madaba. Aus späterer Zeit sind sie auch Konsolidierung des Karolingischen Reiches.
auf Pergament erhalten. Es handelt sich bei die- Kritik an der Wallfahrtspraxis kam bereits in
sen mittelalterlichen Pilgerkarten allerdings we- der Alten Kirche bei Theologen wie Gregor von
niger um genaues geografisches Kartenmaterial. Nyssa und Hieronymus auf. Dabei spielte u. a.
Vielmehr wurde auf ihnen verzeichnet, was es der Spruch Jesu im Johannesevangelium eine Prof. Dr. Andreas Müller
vor Ort zu sehen gab und wie die einzelnen Orte wichtige Rolle, nach dem Christen weder an ist Professor für Kirchen-
zueinander lagen. den Garizim, den heiligen Berg der Samarita- und Religionsgeschichte
des ersten Jahrtausends
ner, noch an den Tempel in Jerusalem zwecks
an der Universität Kiel.
wirksamer Anbetung Gottes gebunden sind. Forschungsschwerpunkte
Neue Ziele im Westen Daneben hatte insbesondere Gregor von Nyssa liegen auf den östlichen
Neben die Hauptwallfahrtsziele Rom und Je- Bedenken angesichts sittlicher Gefahren bei der Kirchen und der frühen
rusalem trat im 9. Jh. das Grab Jakobus d.Ä. im Wallfahrt. W Kirchengeschichte.

welt und umwelt der bibel 1/2019 19


Spuren des Pilgerwesens

Was nicht vergessen


werden soll
Wir kennen das von heutigen Orten von Bedeutung oder Schönheit:
Namen und Symbole werden eingeritzt in Baumstämme oder Steine.
So wird einem flüchtigen Besuch dauerhafte Präsenz zugeeignet.
Auch das Grab Jesu „erinnert“ sich auf diese Weise
an Besucherinnen und Besucher und hilft uns, das bunte
Treiben dort kennenzulernen.
Von Andreas Müller

Graffiti eines Schiffes unter der Grabeskirche. In Verbindung mit der Inschrift
darunter „Domine Ivimus“ – Herr, wir gehen … (die allerdings nicht eindeutig entziffert ist),
könnte es das früheste Zeichen sein, das Pilger am Grab Jesu hinterlassen haben.
S
puren des Pilgerwesens finden sich so- nen nämlich auch von anderen Besuchern, die
wohl an den Pilgerorten selber als auch nicht über eine weitere Distanz zum Heiligtum
als Erinnerungen an die Pilgerfahrt in der gekommen sind, angebracht worden sein. So ist
Heimat der Pilgerinnen und Pilger. Im Folgenden z. B. im spätantiken Rom davon auszugehen, dass
soll zunächst auf die Spuren am Pilgerort selbst auch die ortsansässige Bevölkerung die Pilger-
eingegangen werden, dann auf Erinnerungen, stätten besuchte und dort Graffiti hinterließ. Hier
die sich die Pilger vom jeweiligen heiligen Ort kann nur in Ausnahmefällen sicher von Pilger-
mitgenommen haben. Bei den Spuren vor Ort graffiti ausgegangen werden, wenn diese nämlich
handelt es sich – zumindest was die Anfänge des mit einer genauen Ortsangabe verbunden sind.
Pilgerwesens betrifft – vor allem um Graffiti. Nur Eine spezifische Mentalität von Pilgern kann
noch selten finden sich auch Votivgaben aus der man daher aus den Graffiti an Pilgerorten in vie-
Spätantike an heiligen Orten. len Fällen nicht ableiten. Dies gilt auch für die
Graffiti in der Grabeskirche in Jerusalem. Die vie-
len in der Helenakapelle angebrachten Kreuze,
Graffiti – Zeichen der Verbindung die z. T. schon aus den Anfängen des dortigen
mit dem Ort Pilgerwesens im 4. Jh. stammen dürften, müssen
Inschriften, die von ihren Urhebern selbst ge- nicht zwangsläufig von Pilgern angebracht wor-
schrieben bzw. auf einer nicht eigens dafür vor- den sein, die von weit her nach Jerusalem gereist
gesehenen Fläche eingeritzt wurden, sind schon sind.
in der vorchristlichen Antike belegt. So hinter- Ein literarischer Beleg für Graffiti findet sich
ließen im ägyptischen Abu Simbel griechische im Pilgerbericht des Anonymus von Piacenza
Besucher bereits im 6. Jh. vC Inschriften. Graf- aus dem 6. Jh. Dieser lässt auch etwas von der
fiti im religiösen Bereich bezeugen nicht nur der Intention erahnen, die sich mit dem Graffiti ver-
Schriftsteller Plinius d. J., sondern z. B. auch die band. Der Pilger berichtet dort, dass er die Na-
zahlreichen Inschriften griechischer und na- men seiner Eltern in Kana an die Wand der Pil-
batäischer Herkunft auf dem Sinai. gerherberge geschrieben habe. Die Namen sind
Da der Untergrund und die Inschriften nicht
ursprünglich zusammengehörten und der Be-
schreibstoff (häufig Verputz) keineswegs immer
beständig war, sind wohl sehr viele Graffiti verlo-
Das Graffiti dient dazu, Menschen
ren gegangen. Lediglich in den Gebieten des Rö- aus der Ferne mit dem heiligen Ort
mischen Reiches mit außerordentlich geringen
Niederschlägen wie in Ägypten oder in Fällen,
in Verbindung zu bringen
bei denen Graffiti auf den Felsen geschrieben
wurden wie auf der Sinaihalbinsel, hat sich eine
größere Zahl erhalten. In kirchlichen Gebäuden so am heiligen Ort gleichsam gegenwärtig. Das
oder Memorien existieren Graffiti aus dem 3. und Graffito diente also dazu, Menschen aus der Fer-
4. Jh. nur in Ausnahmefällen, so bei der Memo- ne mit dem heiligen Ort in Verbindung zu brin-
ria Apostolorum an der Via Appia. gen. Dies dürfte auch für andere christliche Graf-
Graffiti sind in der Regel kurze und unspekta- fiti gegolten haben, die an Orten u. a. im Heiligen
kuläre Texte, die obendrein schwer zu lesen sind. Land angebracht worden sind. Gelegentlich sind
Daher sind sie bei Ausgrabungen in der Regel erst sie mit einer direkten Fürbitte verbunden.
in den letzten Jahrzehnten aufgenommen und Manchmal lassen sich den Graffiti weitere In-
publiziert worden. In Pilgerorten wie der antik- formationen über das Pilgerwesen entnehmen.
christlichen Menasstadt (Abu Mina bei Alexand- Dies gilt für die Inschriften im Wadi Haggag auf
ria) sind bei den ersten Ausgrabungen zahlreiche dem Sinai, die Abraham Negev publiziert hat. In
Graffiti gefunden worden, die aber inzwischen den Felsen an einer Raststätte auf dem Weg zum
© public domain, wikimedia, CC 4.0, Ranbar

durch die Witterung vor Ort zerstört worden sind. Dornbuschkloster finden sich 202 griechische,
Graffiti sind besonders schwer zu datieren, da 60 nabatäische und eine lateinische Inschrift,
mögliche Hinweise auf eine chronologische Ein- von denen insbesondere die griechischen mit
ordnung in der Regel fehlen. Höchstens vom ar- großer Wahrscheinlichkeit von Pilgern stam-
chäologischen Kontext her kann in einigen Fäl- men. Da sich hier einige Ortsangaben aus der
len ein Zeitfenster erschlossen werden, in dem byzantinischen Provinz Palaestina tertia finden,
sie entstanden sind. in denen Stationierungsorte von Truppen lagen,
Nicht alle Graffiti an Pilgerorten müssen könnten die Inschriften auf Pilger begleitende
zwangsläufig von Pilgern verfasst sein. Sie kön- Soldaten verweisen.

welt und umwelt der bibel 1/2019 21


1 2

1 Graffiti in der Katakombe S.


Sebastia­no in Rom. Es befindet sich in einer
Säulenhalle, die mit Hunderten von Inschriften
zu Ehren der Heiligen Petrus und Paulus verse-
hen ist. Ein Pilger schreibt: „Petrus und Paulus,
bittet für Viktor.“

2 Regenbogenkreuz am Fels der Inschrif-


ten im südlichen Sinai. Pilger haben hier auf
dem Weg zum Moseberg zahlreiche Inschriften
und Zeichnungen hinterlassen.

3 Zahllose Kreuze aus unterschiedlichen


Zeiten wurden von Pilgern in die Wände der Gra-
beskirche geritzt. Die ältesten – vor allem in der
Helenakapelle – gehen zurück auf das 4. Jh. nC.
3

Dass sich z. B. unter den stadtrömischen Graf- geritzten Kreuze. Vielmehr lassen sich dort auch
fiti zahlreiche von Klerikern finden, kann zum andere christliche Zeichen beobachten. Beson-
einen auf deren Tätigkeit an den Pilgerorten, ders bemerkenswert ist ein Schiff (Abb. S. 20),
zum anderen auch auf deren bessere Bildung das auf das Pilgerwesen als solches hinzuweisen
zurückgeführt werden, die ihnen das Schreiben scheint. Unter diesem Schiff befindet sich eine
leichter machte. Inschrift. Die Deutung ist allerdings umstritten,
Bemerkenswert ist, dass an ehemals paganen weil die Inschrift nicht ganz deutlich zu lesen
Heiligtümern wie in Philae oder Luxor nach de- war. Insbesondere vor deren Säuberung hat man
ren Umwandlung in christliche Kirchen die Graf- sie daher auch auf Isis hin gedeutet, also im pa-

Bild 1 © WuB Archiv; Bild 2 © W. Baur; Bild 3 © Wikimedia, CC3.0, Victor Grigas
fiti in leicht gewandelter sprachlicher Form eine ganen Kontext beheimatet interpretiert. Wahr-
ungebrochene Fortführung der paganen Pilger- scheinlich ist aber vielmehr „Domine ivimus“
praxis erfahren haben. Pagane Graffiti sind auch eingeritzt. Diese Inschrift lässt sich im Sinne von
nicht direkt im Kultzentrum, sondern außerhalb Psalm 122,1 deuten: In domum Domini ibimus,
des Kultraums an den Eingängen angebracht „Ins Haus des Herrn werden wir gehen“. Da das
worden. Christen hingegen wollten mit ihren Schiff selber einen gebrochenen Mast aufweist,
Graffiti dem heiligen Ort selber wohl möglichst scheint das Graffiti ein Dank für eine gelunge-
nahe sein. Das war dadurch möglich, dass die ne Pilgerfahrt trotz aller Gefahren auf dem Weg
Akte der Verehrung in der vorchristlichen Zeit zu sein. Wahrscheinlich wurde es in der ersten
genau überwacht wurden, in der christlichen Hälfte des 4. Jh. bereits angebracht – später war
Zeit aber nicht mehr. dieser Teil der Kirche nicht mehr zugänglich.
Pilger haben nicht nur ihre unmittelbaren
Spuren an Pilgerorten wie der Grabeskirche hin-
Pilgerinschriften in der Grabeskirche terlassen. Sie haben vielmehr auch Erinnerungs-
In der Grabeskirche, d. h. besonders in und bei stücke an ihre Pilgerfahrt zu den heiligen Orten
deren Helenakapelle, befinden sich nicht nur gebracht. Diese Erinnerungsstücke werden Votiv-
die bereits erwähnten zahlreichen in die Wand gaben genannt.

22 welt und umwelt der bibel 1/2019


Was nicht vergessen werden soll

Votivgaben der Pilger Neben den Gaben, die Pilger an die heiligen
Votivgaben sind in der Spätantike vielfältig ge- Stätten gebracht haben, haben sie aber auch
staltet. Besonders viele haben sich in der ägypti- welche von dort mitgenommen, die sogenann-
schen Menasstadt erhalten. Dort sind u. a. Bron- ten Eulogien.
zemünzen in einem Alabastergefäß gefunden
worden. Bei Theodoret von Kyrrhos sind darü-
ber hinaus literarisch christliche Votivgaben mit Eulogien – Behälter für Heiliges
Bildern von Augen, Füßen und Händen als Dank Mit Pilgerorten wurde seit dem 4. Jh. die Wir-
für Krankenheilungen erwähnt. Auch Silberplat- kungs-, Wunder- und Fürbittkraft von Heiligen
ten mit Spendernamen, Schweine, Kamelfohlen in besonderer Weise erwartet. Voraussetzung
u. ä. sind als Votivgaben im Menasheiligtum dafür war die antike Vorstellung, dass die Kraft
belegt. Spezifisch christliche Gaben sind Votiv- einer bedeutenden, vorbildlichen Persönlich-
bronzekreuze und silberne Reliefs z. B . mit Sty- keit auch nach ihrem Tod an den Stätten ihres
liten- oder Augendarstellungen. Daneben gibt es Wirkens oder ihres Begräbnisses und in ihren
aber auch Votivgaben, die allgemeiner gehalten Reliquien selbst materiell vorhanden sei. Man
sind. Die Darstellungen von Körperteilen, um ging davon aus, dass solche Kräfte auch auf an-
deren Heilung gebeten wird, sind vor allem im dere materielle Träger übergehen können. Dies
Bereich der heidnischen Antike, insbesondere geschah durch Berührungskontakt mit den ei-
in den Asklepiosheiligtümern, bekannt. Pil- gentlichen heiligen Gegenständen oder Segen
gergaben hatten vielfach wegen des wertvollen durch einen Asketen oder Bischof. Dadurch war
Materials eine z.  T. gewaltige ökonomische Be- es möglich, Segensandenken von der Pilgerfahrt
deutung für die Heiligtümer. Viele von ihnen mit nach Hause zu nehmen. Dabei ging es nach
konnten nämlich am Heiligtum selbst gekauft den antiken Berichten nicht in erster Linie um
werden. die einfache Erinnerung an einen Ort. Vielmehr
Frühchristliche Votivgaben, die als solche scheinen die Eulogien in erster Linie der Ver-
durch Fundort oder Inschrift ausdrücklich aus- mittlung von Segenskraft von den geheiligten
zumachen wären, sind im vorhandenen Denk- Orten gedient zu haben – dementsprechend
mälerbestand äußerst selten – dies gilt auch für auch ihr Name, der sich wörtlich einfach mit
die Grabeskirche. „Segen“ übersetzen lässt. Die sogenannten Eulo-
Bild 4 © British Museum; Bild 5 © public domain, Metropolitan Museum of Art;

4 Votivgabe eines Anwalts


für Asklepios nach der Heilung
seines Beines, 150–200 nC,
London, British Museum.

5 Pilgerflasche mit einer


Abbildung des Heiligen Menas,
unglasierter Ton, ca. 6. Jh.? Abu
Mina bei Alexandria gefunden.

4 5

welt und umwelt der bibel 1/2019 23


Was nicht vergessen werden soll

6 Fragment einer
Bleiampulle aus dem 6. Jh.
Darauf ist die Abbildung des
Grabes Christi zu erkennen.
Museum Bobbio.

gien bilden einen Beleg dafür, dass eine nung am Altar der Gruftkirche von abzubeißen. Daher seien extra Wächter
wichtige Motivation einer Pilgerreise der Menasstadt aus einem Alabastergefäß an der Reliquie gestanden, die solche
Wunsch nach Heilung von Krankheiten entnommen werden konnte. Diese Am- Unternehmungen zu verhindern ge-
bzw. auch nach Schutz vor Erkrankung pullen haben eine äußerst weite Ver- wusst hätten. Der anonyme Pilger von
war. Sie werden nämlich in den spätan- breitung möglicherweise bis hin nach Piacenza aus dem 6. Jh. berichtet dann,
tiken Quellen als Heilmittel bezeichnet. Köln, ja selbst nach Rumänien und wohl dass Öl aus dem Öllampen am Grab
Dabei spielten magische Vorstellungen über die Bernsteinstraße auch nach Christi abgefüllt worden sei. Dieses ist
nicht nur in der heidnischen Antike, Ungarn erfahren. Ob die Menasampul-
sondern auch im frühen Christentum len allerdings tatsächlich durch Pilger
noch bis ins 7. Jh. durchaus eine Rolle. nördlich der Alpen hierher kamen oder
Legenden und Wanderlegenden legen erst durch den Kunsthandel des 19. Jh., In den Ampullen wurde
davon zahlreiche Zeugnisse ab. ist in neuerer Forschung sehr umstrit- vermutlich heiliges
Zu den wichtigsten Materialien von ten. Andere Eulogienbehälter oder Eu-
Eulogien gehörten Öl, Kerzenwachs, logien selber waren sowohl mit Motiven Öl transportiert
Erde, Staub und Wasser. Auf solche Se- wie z. B. einem Kreuz oder einer Raute,
kundärreliquien konnte die Kraft der aber auch mit Heiligendarstellungen
Primärreliquien übergehen. „Pilgeran- oder Szenen aus dem Leben Christi ge- in den noch heute erhaltenen Bleiam-
denken“ konnten z. B. aus solcher Erde schmückt. pullen befördert worden. Sie befinden
als Medaillons bzw. tortulae geformt Aus der Grabeskirche haben sich noch sich in Museen in Monza und Bobbio.
oder in Pilgerampullen mitgenommen an zwei Orten in Italien größere Samm- Die Ampullen, die ebenfalls aus dem 6.
werden. lungen von Pilgerampullen erthalten, Jh. stammen, sind in beeindruckender
Besonders bekannt sind die Menas­ in denen wahrscheinlich Öl transpor- Weise geschmückt. Sie zeigen vor allem
Bild 6 © A. Müller

ampullen als Transportmittel von Eu- tiert worden ist. Die Pilgerin Egeria Abbildungen des Grabes Christi selber
logien, die allerdings nicht wasserdicht hatte noch im 4. Jh. davon berichtet, und vermitteln somit bis heute einen
sind. In ihnen wurde womöglich Öl dass Pilger versucht haben, gleichsam Eindruck von der Anlage in der Spätan-
transportiert, das durch Kontaktseg- als Eulogie ein Stück vom Kreuz Christi tike. W

24 welt und umwelt der bibel 1/2019


Pilger in der nächtlichen Grabeskirche

Sakrament des Selfie


Es gehört zu den besonderen Erfahrungen eines Besuchs in
Jerusalem: eine ganze Nacht in der Grabeskirche zu verbringen
– erst die Stille zu „hören“ und dann das wechselhafte Spiel der
verschiedenen Konfessionen, die je auf ihre Weise am Ort der
Syrisch-orthodoxe Liturgie
Auferstehung ihre Stimmen erheben. Von Margareta Gruber in der Anastasis (Auferstehungskirche).

E
ine Nacht in der Grabeskirche ist dass seine Füße auf dem heiligsten Sal- Mutter, alle ihren Platz und verhalten
nicht nur für heutige Pilger ein bungsstein stehen, wie er dann zitternd sich entsprechend wie „zu Hause“.
Höhepunkt ihrer Jerusalemreise. niederfällt und in ein inbrünstiges Ge- Daniel Rossing, der in den 80er-Jahren
Im Jahr 1484 war ein Landsmann von bet ausbricht, ist eine wunderbare Epi- im Religionsministerium Israels für die
mir, der Dominikaner Felix Fabri aus sode, die sehr viel sagt über die innere Jerusalemer Christen zuständig war, gab
Ulm, in der Heiligen Stadt und verfass- Haltung jener Menschen, die seit Jahr- mir in einem Gespräch seinen persön-
te für seine Ulmer Ordensbrüder (viel- hunderten die gewaltigen Strapazen ei- lichen Schlüssel für die Grabeskirche:
leicht auch für die Nonnen), die ihn ner Pilgerfahrt auf sich nehmen, um am An diesem Ort, so sagte er mir, leben
bedrängten, einen äußerst lebendigen Grab Christi zu beten. Menschen auf engstem Raum unter ex-
und in seiner etwas naiven Art sehr ori- Auch ich bin immer wieder in der Nacht tremen Bedingungen 24 x 7 Stunden zu-
ginellen Bericht seiner Erlebnisse. So dort gewesen. Ich liebte die stillen Näch- sammen, 365 Tage im Jahr; Menschen,
kann man sich vorstellen, wie die Pil- te, aber auch das Pilgergewühl der Tage. die nach ihren jeweiligen Glaubensüber-
ger sich nachts vor der Kirche versam- Die Kirche erschien mir dann wie eine zeugungen nicht zusammenleben und
melten, von den lokalen muslimischen große Polyklinik für spirituell Bedürfti- -beten dürften. Daniel öffnete mir die
Wächtern kontrolliert und gegen ent- ge: Jeder kann unangemeldet kommen, Augen für die Leistung der Bewohner
sprechende Bezahlung für eine Nacht kann ihre Dienste kostenlos in Anspruch der Grabeskirche, über deren Konflikte
in die Kirche eingeschlossen wurden; nehmen und das von ihr bekommen, in der Regel nur gespottet wird. Wenn
dort hielten sie nach fester Ordnung was er oder sie braucht. Für manche ist die Grabeskirche, so sagte er, ein Modell
ihre Prozessionen und Gottesdienste ab ein Foto von sich vor dem Heiligen Grab wäre für das Zusammenleben der Welt-
und versenkten sich in die Betrachtung, mehr wert als eine Stunde Andacht in bevölkerung auf dem Globus, dann wäre
schliefen auch übermüdet ein, bis die der Stille: Sakrament des Selfie. Und bei die Menschheit „im grünen Bereich“.
Muslime sie am nächsten Morgen mit längerer Beobachtung der Menschen und Friede, so meinte er aus seiner jüdischen
großem Lärm wieder aus dem heiligen ihrer Körpersprache habe ich festgestellt, Tradition, ist nicht der Ausgleich von In-
Ort hinaustrieben. Wie der gute Bruder dass bei sehr vielen eine Art intuitiver teressen, sondern das miteinander Be-
Felix selbstvergessen in der dunklen Rücksichtnahme auf die spirituellen Be- stehenkönnen von unversöhnlichen Ge-
Kirche wacht und erst an der erschreck- dürfnisse der anderen wahrzunehmen gensätzen: Wolf und Lamm. Seither ist
ten Reaktion zweier Schwestern merkt, ist. Und so finden, wie bei einer guten mir die Kirche noch lieber geworden. W

Nächtliche Gottesdienste in der Grabeskirche


Orthodoxe Kirche 23:00 Liturgie
Armenisch-Apostolische Kirche 03:30 Liturgie Prof. Dr. Margareta
Äthiopisch-Orthodoxe Kirche 04:00 Matutin Gruber OSF ist Professo-
rin für Neutestamentliche
Koptisch-Orthodoxe Kirche 06:00 Liturgie Exegese und Biblische
Äthiopisch-Orthodoxe Kirche 06:00 Liturgie auf dem Dach Theologie an der Ka-
tholisch-Theologischen
© M. Gruber

Syrisch-Orthodoxe Kirche 08:30 Liturgie Fakultät der Philoso-


phisch-Theologischen
Römisch-Katholische Kirche ab 05:30 alle 30 Min. Hl. Messe im Grab
Hochschule Vallendar.

welt und umwelt der bibel 1/2019 25


Eine zweitausendjährige Baugeschichte

Das Grab Jesu

Gründonnerstag
2017: Priester um-
runden die gerade
komplett renovierte
Ädikula, die Kapelle
über dem Grab Jesu.
Am 22. März 2017 wurde das Heilige Grab, der Mittelpunkt der Jerusalemer Grabeskirche, nach
einer mehrjährigen Restaurierungsphase wieder zum Besuch und zur Andacht freigegeben. Doch
wie authentisch ist die Tradition der Grablege Jesu? Von Jürgen Krüger

M
it der komplizierten Restau- sammen mit anderen Felsengräbern je- Das Bauprogramm von
rierung sind die Schäden, die ner Zeit, wie dem bekannten Gartengrab Kaiser Konstantin
beim Erdbeben 1928 entstan- außerhalb des Damaskustores, kann Mit Kaiser Konstantin (reg. 306–337 nC)
den waren, behoben worden und die man sich das ursprüngliche Aussehen kam für die Christen die große Wende.
fast unendliche Geschichte der Instand- also gut vorstellen. Die christliche Religion wurde nun nicht
setzung der Grabeskirche wurde vorläu- Felsengräber gab es jedoch viele zur nur geduldet (Toleranzedikt von Mai-
fig abgeschlossen. Nachdem die Grab- Zeit Jesu, sodass die Lokalisierung des land 313 nC), sondern der Kaiser förderte
kapelle als solche offensichtlich viel Komplexes der Hinrichtungsstätte Gol- den Kult sogar. Für die jetzt schon star-
jünger ist – gerade einmal etwas über gota und des nahe liegenden Grabes das ken christlichen Gemeinden konnten
200 Jahre –, kommen dem Besucher un- zentrale Problem für Generationen von nun Kirchen als Versammlungsgebäude
willkürlich Fragen: Wie und wann ent- Forschern und Gläubigen geworden ist. errichtet werden, und Konstantin selbst
stand das Heilige Grab, ist es überhaupt Unmittelbar nach dem Tod Jesu ge- kümmerte sich um eine ganze Reihe von
authentisch und ist dieser Ort als Grab- schah mit der Grabstätte nichts weiter. signifikanten Bauten in Rom und Jerusa-
stätte Jesu glaubwürdig? Die Zweifel be- Da Jesus auferstanden und in den Him- lem. Die Abfolge der Ereignisse spricht
gleiteten die Pilger schon im Mittelalter, mel aufgefahren war, war eine Grab- für sich: 324 nC besiegte der Kaiser sei-
also lange vor der Reformationszeit. Wie pflege nicht notwendig, und die ersten nen Mitregenten und Rivalen Licinius
kommt es, dass das Grab mitten in der Christen verwendeten noch keine Zeit und wurde im Römischen Reich Allein-
Stadt liegt, wo doch früher Grabstätten auf eine Memoria in irgendeiner Weise, herrscher. Ein Jahr darauf berief er das
immer außerhalb von Ortschaften la- genauso wenig wie sie monumentale erste Ökumenische Konzil nach Nicäa
gen? Kirchen für die Gottesdienste einrichte- ein, auf dem die versammelten Bischö-
ten. fe das christliche Glaubensbekenntnis
In Jerusalem folgten unruhige und formulierten, das zusammen mit klei-
Das echte Grab? schlimme Zeiten. Im Zuge von Ausein- nen Veränderungen auf dem Konzil von
Wie kann man nach Jahrtausenden ein andersetzungen der Juden mit der rö- Konstantinopel 381 nC bis heute Grund-
Grab identifizieren, das nur anderthalb mischen Besatzungsmacht wurde 70 nC lage der christlichen Lehre ist. Danach
Tage belegt war? Diese Frage kann auch der Tempel zerstört, und beim Bar- gab er zusammen mit seiner Mutter
ein heutiger Kriminalist mit moderns- Kochba-Aufstand (132–135 nC) wurde die Helena drei Kirchenbauten im Heiligen
ten Methoden kaum beantworten. Jesus Stadt vollkommen vernichtet. Die Juden Land in Auftrag: eine Kirche über der
hat keine Spuren hinterlassen, die eine wurden vertrieben und auf den Ruinen Geburtsstätte Jesu, eine weitere über
DNA-Analyse ermöglichen würden, kei- die römische Colonia Aelia Capitolina den Stätten der Passion und des Grabes
ne Inschrift wurde am Grab angebracht. angelegt. Diese neue, römische Stadt Jesu sowie die dritte am Ölberg am Ort
Die wichtigsten Zeugnisse liefern die mit ihren regelmäßigen Straßen hatte der Himmelfahrt. Der Kaiser, zusammen
Evangelien (Matthäus 27,31-38; Lukas wie alle Städte in den römischen Pro- mit seiner Mutter, trat sehr konkret und
23,48-49; Johannes 19,16-20). Nach die- vinzen ihre Mitte in einem großen Platz, ganz im Rollenverständnis eines antiken
ser Tradition befanden sich die Hinrich- dem Forum, an dem sich die Hauptstra- Herrschers auf, der dem Gott, der ihm
tungsstätte und das Grab außerhalb der ßen, Cardo und Decumanus maximus, hilfreich beigestanden hatte (zum Bei-
Stadt; die Grabstätte, nach alter Sitte ein kreuzten. Das Forum und der dazuge- spiel in der Schlacht an der Milvischen
Felsengrab, hatte ein Jünger Jesu für sich hörige Tempel kamen genau in dem Brücke), nun Tempel weiht, und zwar
angelegt, nun wurde es kurzfristig für Gebiet vor der Grabeskirche zu liegen. an den Stellen, wo Gott in Form eines
den Herrn genutzt, denn die Grablegung Damit verschwanden Golgota und Grab Sohnes erschienen war: Diese Stätten
musste nach alter jüdischer Sitte am unter römischen Staatsbauten. Eusebi- waren zuvor im Glaubensbekenntnis
selben Tag vor Einbruch der Dunkelheit us berichtete im 4. Jh., dass über dem formuliert worden. Insofern können die
geschehen. Die Erzählungen der Evan- Golgota­hügel ein Venusheiligtum ein- entsprechenden Kirchen als steinernes
gelisten entsprechen dem Befund am gerichtet worden sei. Daneben soll ein Glaubensbekenntnis aufgefasst werden.
Heiligen Grab, denn im Innern der Grab- größerer Tempel errichtet worden sein. Eusebius, Bischof von Cäsarea und
kapelle befindet sich eine Grabkammer, Die Spuren der heidnischen Bauten sind Biograf des Kaisers, schilderte die Um-
die aus dem Felsen gehauen worden war bislang aber nicht zuverlässig in diesem stände des Baus der Kirche mitten im
© kna

und genau eine Grabstätte aufweist. Zu- Areal auszumachen. römischen Jerusalem detailreich. Die

27
Stelle des Grabes und des Golgotafel-
sens müssen bekannt gewesen sein,
sonst hätte man nicht mitten in der
Stadt, noch dazu am Forum, staatliche
Bauten abgerissen. Im März des Jahres
326 wurde der Grundriss für den neuen
Baukomplex ausgelegt, im Jahr 335 wur-
de der Bau geweiht. Auch dieses Datum
war politisch gewollt, es handelte sich
um die Dreißigjahrfeier der Regierung
des Kaisers, der damit die alte kaiserli-
che Praxis der Dezennalien (Zehnjah-
resfeiern) weiterführte. Der Baukomplex
Das Gartengrab nördlich des Damaskustores. Das Grab, das aus dem Fels umfasste einen Vorhof an der Hauptstra-
geschlagen wurde, zeigt die ursprüngliche Situation eines solchen Grabes. ße, eine Basilika als Gottesdienstraum,
einen weiteren säulenumstandenen Hof
mit dem Golgotafelsen in einer Ecke und
dem Grab, das durch einen Rundbau
überwölbt wurde (Anastasis, also Aufer-
stehung genannt). An vielen Details ist
also der „allerhöchste“ Staatsauftrag zu
erkennen. Auch der Aufwand für diese
Memorialbauten war in den Zeiten da-
vor für christliche Bauten unbekannt.
Der allergrößte Aufwand wurde mit der
Ausgestaltung des Grabes getrieben, es
erforderte auch außergewöhnliche Maß-
nahmen, sodass der Grabbau erst nach
Konstantins Tod fertiggestellt wurde.
Wie kann man ein Felsengrab in Sze-
ne setzen, ein Grab, das nach außen hin
nur aus einem Stückchen Felswand und
einem steinernen Verschluss besteht?
Als Vorbild hätten beispielsweise ein-

Mitte: © D.+H. Heinzelmann, M. Wacker, J. Krüger, oben: © J. Krüger; Mitte: © J. Krüger; unten: Wilkinson
zelne Gräber im Kidrontal unterhalb des
Diese Computeranimation verschafft einen summarischen Eindruck des
römischen Forums inmitten der colonia Aelia Capitolina (ab 135 nC). Über dem Ölbergs dienen können, wo Gräber ganz
Tempel am Ende des Forums entstand im 4. Jh. die Grabeskirche (s. Plan S. 36) aus dem Fels herausgeschnitten wor-
den waren. So etwas konnte man auch
mit dem Grab Jesu machen, es reichte
aber nicht aus. Für ein Grabmal des 3.
oder 4. Jh. wurde größerer Aufwand ge-
trieben. Das Grabmal des Gottessohnes
musste mindestens so groß sein wie
ein Kaisergrab! Die kaiserlichen Grab-
anlagen Roms gaben also den Maßstab
vor: das Mausoleum des Augustus, das
des Hadrian (Engelsburg), das Grab
des Kaisers Maxentius an der Via Appia
und dann weitere, die Konstantin für
seine Familienmitglieder in Rom errich-
ten ließ. Wesentliches Element war ein
überkuppelter Rundbau über dem ei-
Schematische Zeichnung, wie man sich die schrittweise Freilegung des gentlichen Grab.
Felsengrabes vorstellen kann. Die erforderlichen Baumaßnahmen
für solch eine Rotunde waren äußerst
aufwendig. Der Fels um das Grab muss-

28 welt und umwelt der bibel 1/2019


Drei Eckpunkte der christli­
chen Heilsgeschichte werden
durch drei Kirchen repräsentiert:
Die Geburtsgrotte mit eingelegtem
Stern (Bild unten) befindet sich in
der Geburtskirche in Betlehem. Die
frühchristliche bzw. byzantinische
Kirche ist großenteils erhalten
geblieben. Die Grabeskirche in
Jerusalem verbindet Tod und
Auferstehung. Die Eleonakirche
© J. Krüger

am Ölberg (Bild oben) erinnert


an die Himmelfahrt. Diese Kirche
wurde im 7. Jh. von den Persern
zerstört. An derselben Stelle wurde
im 19. Jh. die Paternosterkirche
erbaut.

te abgetragen werden, sodass das Grab den ist. Vier Pfeilerpaare und zwölf hoch Dem Aufwand, der für die Herstellung
zum Schluss wie auf einer großen Platt- aufragende Säulen teilten einen Umgang dieser Rotunde getrieben wurde, ist nur
form stand. Das Grab selbst wurde nach um den zentralen Raum mit dem Grab ein Bauwerk an die Seite zu stellen – die
außen architektonisch mit Säulchen und ab. Die Wände waren mit kostbaren far- Peterskirche in Rom, die Konstantin un-
Friesen eingefasst, die Plattform diente bigen Marmortafeln geschmückt, die gefähr zur selben Zeit errichten ließ. Dort
als Unterbau für einen großen Rundbau, sämtlich aus verschiedenen Gebieten ging es um das Grab des Apostels Pet-
der auf Säulen stehend eine Kuppel trug. des Römischen Reiches herbeigeschafft rus, das in einem Gräberfeld lokalisiert
Nach nahöstlicher Bautradition war dies werden mussten. So wirkte die Rotunde worden war; es wurde freigelegt und
eine hölzerne Kuppel, im Unterschied zu über dem Grab als ein majestätischer, die gesamte riesige Kirche so auf Stelzen
den Kuppeln in anderen Reichsteilen. hoch aufragender, weit ausladender und gesetzt bzw. in den Vatikanischen Hügel
Um von ihr eine Vorstellung zu erhal- prächtig geschmückter Kuppelraum. Es gegraben, dass das Grab Petri exakt im
ten, genügt ein Blick auf die Kuppel über war ein Raumgefüge, das es bis dahin Fokuspunkt der Apsis zu liegen kam.
dem Felsendom, die der ursprünglichen noch nicht gegeben hatte und im christli- Auch wenn der heutige Rundbau mit
Kuppel der Anastasis nachgebildet wor- chen Kultbau eine große Nachfolge fand. dem aktuellen Heiligen Grab die Maße

welt und umwelt der bibel 1/2019 29


Das Grab Jesu

© J. Krüger, Kf. Ohr, E. Lenz

Zeichnerische Rekonstruktion der Rotunde. Grundriss (unten) nach Corbo;


Schnittzeichnung (oben): Karlfriedrich Ohr, Umsetzung Elena Lenz 2018.

30 welt und umwelt der bibel 1/2019


Das Grab Jesu

des ursprünglichen Baus in vieler


Hinsicht aufnimmt, stellt er nur einen
schwachen Abglanz der einstigen Weite
und Pracht des Bauwerks dar. Die Säu-
len sind zu wuchtig, der Raum um den
A
Zentralraum herum fehlt. Die Mauern
sind nackt, ohne jede Dekoration. Wenn
man eine ungefähre Vorstellung vom
einstigen Aussehen haben will, muss
man zwei Bauwerke in Rom betrachten:
Die heutige Kirche S. Costanza an der
Via Nomentana im Norden Roms, die
Konstantin als Grablege für seine Toch-
B
ter Constantina errichten ließ. Der zeit-
lich nur wenig nach der Grabeskirche
entstandene Bau zeigt das Motiv des
kuppelgewölbten Rundbaus mit einem
Umgang, allerdings kleiner als die Gra-
besrotunde in Jerusalem. Einige Mosai-
ken in den Gewölben geben immerhin
einen Eindruck der sonst verblichenen C
Pracht. Was die Dekoration angeht, hat
das Pantheon als einziges Gebäude der
römischen Antike seine Marmorinkrus-
tation bewahren können. Zwar ist das
Pantheon 200 Jahre früher entstanden,
aber für eine Vorstellung, wie römische
Staatsbauten auch noch um 300 nC aus-
gestaltet wurden, passt es sehr gut.
D

Die Weiterentwicklung
der Grabkapelle
Das heutige Grab und der heutige Rund- Die Entwicklung der Grabkapelle
bau vermögen zwar einen schwachen vom 4. Jh. bis heute:
Eindruck der ursprünglichen Anlage zu
A Konstantins Ädikula (325–335),
geben, sind aber letztlich das Produkt
vieler Veränderungen, und diese sind B byzantinische und mittelalterliche Ädikula (1012–40),
auch ein Spiegel der wechselvollen Ge- C wiedererbaute Ädikula (1555),
schichte, die hier kurz zu skizzieren ist.
Interessanterweise fanden die Verände- D wiedererbaute Ädikula (1809–10)
rungen am Grab und am Rundbau selten
gleichzeitig statt.
Das Grab ist der eigentliche Träger des
Heiligtums, wobei das, was das Grab
ausmacht, nach innen gewendet ist: der im Jahr 1009 bestehen, als Kalif al-Hakim auch Grab III und IV, jedoch wurde die
anstehende Fels. Er zeigt, dass es sich ur- die Zerstörung der christlichen Heiligtü- architektonische Dekoration verändert
sprünglich um ein Felsengrab durch und mer befahl. Das Grab muss jedenfalls zu und rückwärtig eine Kapelle angebaut,
durch gehandelt hat. In der ersten Pha- großen Teilen zerstört worden sein. Als vermutlich, um verschiedenen Gruppen
se, also im 4. Jh., waren das Grab und die der Kalif bald darauf den Wiederaufbau Zugang zum Grab zu gewähren. Jetzt
Vorkammer (die Engelskapelle; also wo der meisten christlichen Heiligtümer erhielt die Grabkammer erstmals den
der Engel der Osterbotschaft gesessen gestattete, war das Grab als kleine Bau- typischen baldachinartigen Aufbau im
hat) architektonisch eingefasst und mit maßnahme am schnellsten wieder in Obergeschoss, der bei den späteren Grab-
einem Kegeldach versehen worden. So Takt zu bringen, als Ziel der Pilger war es kapellen übernommen wurde. Der Bal-
© M. Biddle

blieb das Grab bis zur ersten massiven außerdem von größter Bedeutung. Grab- dachin schützte die Grabkapelle, die in
Zerstörung des ganzen Baukomplexes kapelle II behielt die Raumfolge bei, wie ihrem Gewölbe wegen der vielen Kerzen

welt und umwelt der bibel 1/2019 31


den Wiederaufbau, für den ein osmani-
scher Architekt aus Konstantinopel ver-
pflichtet wurde. Auf ihn geht das etwas
voluminöse, die Rotunde fast sprengen-
de Heilige Grab zurück, das jetzt restau-
riert worden ist.

Grabeskirche und Felsendom –


die beiden Kuppelbauten
Der majestätische Rundbau mit der
Holzkuppel hielt wahrscheinlich bis
zum Jahre 1009 durch, zwischenzeit-
liche Reparaturen inbegriffen. Die Ro-
tunde war so eindrucksvoll, dass sie
dem Felsendom als Vorbild diente, auf
den Zentimeter genau und inklusive der
hölzernen Kuppel. Auch die Aufgabe
des Felsendomes ist bekanntlich durch-
aus vergleichbar, denn er umschließt
den Felsen, von dem Muhammad sei-
ne nächtliche Reise antrat. Als man im
11. Jh. den Rundbau über der erneuerten
Grabkapelle wieder aufrichtete, fehlte es
an vielem, weil der Kirchenbau in den
Ländern des Islam den Christen nur in
sehr beschränktem Maße erlaubt war.
Die Rotunde wurde jetzt erstmals als
Grabraum und als Kirche wiederher-
gestellt, die Säulen auf die halbe Höhe
verkürzt, um Platz für eine Empore zu
erhalten. Die Kuppel wurde nun durch
ein kegelförmiges hölzernes Zeltdach
ersetzt, das technisch wesentlich einfa-
Die Grabkammer mit Grablege für einen Leichnam. Die Marmorverkleidung, cher herzustellen war. Die Konstruktion
Bilder und Lampen stammen aus unterschiedlichen Epochen.
bedingte, dass das Holzdach in der Mitte
eine große Öffnung hatte, ähnlich wie
das Pantheon in Rom, mit dem Erfolg,
dass es regelmäßig hineinregnete. Und
und Öllampen nun einen Rauchabzug Das mittelalterliche Grabmal wurde die Regengüsse im Heiligen Land kön-
bekam, vor eindringendem Regenwas- im 16. Jh. durch einen weiteren Nach- nen heftig sein. Dieses Dach wurde im
ser. Diese mittelalterliche Grabkapelle, bau ersetzt. Die genauen Gründe dafür 18. Jh. erneuert und im 19. Jh. durch eine
die bis ins 16. Jh. erhalten blieb, wurde sind nicht bekannt. Manche meinen, Stahlkonstruktion ersetzt.
in manchen Details mehrmals verän- der Campanile der Kirche sei eingestürzt
dert. So wurden die Zugänge verändert, und habe das Grab beschädigt. Viel-
um vor allem im 12. Jh. besser mit den leicht lag der Grund auch einfach darin, Auf dem Weg zum heutigen Bau
Pilgermassen fertigzuwerden. Die mar- dass man das Grab schöner gestalten In der Kreuzzugszeit, welche die islami-
morverkleidete Steinbank, auf der der wollte; in der Zeit der Gegenreforma­ sche Herrschaft für ein knappes Jahr-
Leichnam geruht hatte, erhielt Löcher tion ist das durchaus möglich. Dieses hundert (1099–1187) unterbrach, wurde
in den Marmorplatten, damit die Pilger Modell III ist durch exakte Zeichnungen die Rotunde kaum verändert, aber der
hineingreifen und den Felsen erfühlen sehr gut überliefert, obwohl es im Jahr ganze Baukomplex grundlegend umge-
© Dinu Mendrea, J. Krüger

konnten. So konnten die Pilger die Echt- 1808 zerstört wurde, als in der Rotunde baut, es entstand die Grabeskirche, die
heit des Grabes erfühlen. Die Franziska- ein Feuer ausgebrochen war und man- in groben Zügen noch heute steht. Doch
ner, die seit dem 14. Jh. als Wächter des che Teile des Rundbaus zum Einsturz nach 1187 blieb wieder alles beim Alten,
Heiligen Grabes Dienst taten, richteten brachte. Sogleich kümmerte sich das vor allem die inzwischen sprichwörtli-
schließlich das Grab als Altarstelle ein. griechisch-orthodoxe Patriarchat um che Raumnot. Nun wurden die verschie-

32 welt und umwelt der bibel 1/2019


Das Grab Jesu

denen Denominationen (Konfessio- nährte auch manchen Zweifel. Vor allem Mauer des antiken Jerusalem ein, die
nen), die Anteile an der Grabeskirche nach der Reformation nahmen diese genau so an der Grabeskirche vorbei-
besaßen, gezwungen, ihre Konvente in Zweifel zu, Protestanten übten offene führte, dass diese außerhalb zu liegen
die Grabeskirche zu verlegen, mit dem Kritik. Das Problem, die Lage des Grabes kam. Der Wunsch war der Vater dieses
Erfolg, dass der Umgang um den zent- zu erklären, war aber auf direktem Wege Gedankens, denn die Stadtmauerfrage
ralen Innenraum mit Einbauten verse- nicht zu lösen, denn es konnte keine hätte dem Grabeskirchenproblem so
hen wurde. Die Restaurierungsarbeiten Zeugnisse für das Grab geben, wie man leicht weiterhelfen können! Im Grun-
der 1960er- und 1970er-Jahre, die nach sie zum Beispiel bei Heiligengräbern de wird bis heute nach dieser Zweiten
dem Erdbeben 1928 überfällig waren, hat, bei denen es materielle Überreste Stadtmauer gesucht, bislang immer ver-
haben zwar das marode Gebäude konso- der verstorbenen Personen oder der ur- geblich.
lidiert. Der größte Teil des Mauerwerks sprünglichen Grabanlage gibt. Auch die moderne Archäologie, die in
und der alten brüchigen Säulen wurde Schon früh suchte man daher nach den 1860er-Jahren mit Ausgrabungen in
ausgewechselt und immerhin konnten indirekten Beweisen, besser Indizien. Jerusalem begann, konnte dieses Problem
manche Details früherer Bauzustände Wenn man zeigen wollte, dass das Ge- nicht lösen. Dabei war die Archäologie
wiederhergestellt werden. Aber die ein- lände von Golgota und Grab zur Zeit im Heiligen Land eigentlich angetreten,
zelnen Denominationen beharrten auf Jesu außerhalb der Stadt lag, musste um gerade solche Fragen der Religionen
ihrem Besitz innerhalb des Gebäudes, man die Stadtmauer jener Zeit finden, zu klären. In Jerusalem ging es dabei
und deswegen blieb das beengte Aus- die sog. Zweite Mauer. Den ersten bildli- neben vielen anderen Themen der „Bib-
sehen bis heute bestehen. chen Hinweis, dass man genau danach lischen Archäologie“ um den jüdischen
suchte, haben wir in einem Pilgerfüh- Tempel und eben die Grabeskirche.
rer des späten 16. Jh. Jean Zuallard, ein Im 20. Jh. wurde das Problem, die
Die Lage mitten in der Stadt? Franziskaner aus Brüssel, publizierte Lage der Grabeskirche mithilfe eines
Schon im Mittelalter hat Pilger und ge- im Jahr 1586 seinen Reisebericht, dem Indizienbeweises zu verifizieren, leicht
lehrte Theologen interessiert, warum er einen kleinen Stadtplan von Jerusa- variiert. Denn neben der Kirche lag ein
die Grabeskirche mitten in der Stadt lie- lem beifügte. Innerhalb der bestehen- bis 1900 kaum bebautes Stück Land. Im
gen könnte. Das weckte die Neugier und den Stadtmauer zeichnete er dünn die Mittelalter war hier der Johanniterorden

Stadtplan
Jerusalems von
1586 (Zuallard) mit
der hypothetischen
Einzeichnung der
Zweiten Stadtmauer.
© J. Krüger

welt und umwelt der bibel 1/2019 33


Plan der Grabeskirche im 4. Jh.

A = Rotunde mit dem Grab Jesu


B = Atrium, Peristyl
C = Golgotafelsen
D = Basilika
E = Fundstelle der Kreuze
F = Vorhof mit Treppenanlage
vom Decumanus
G = Seitengebäude, „Patriarchat“
H = nördliche Seitengebäude
J = Zisterne, früher Helenazisterne
genannt
K = Zisternen (unter dem südlichen
Vorhof, unter Abrahamskloster)
© J. Krüger nach Avni / Seligman

L = Nebengebäude unter den drei


byzantinischen Kapellen (?)
M = Nebengebäude parallel
zum Patriarchat (?)

Einen Plan der Kreuzfahrerkirche


finden Sie auf S. 43!

zu Hause gewesen, in der Spätantike lage des römischen Forums zu ermögli- Ein Ausblick
war an dieser Stelle das Forum. Dieses chen. Wieder viele Meter höher liegt der In den letzten Jahrzehnten hat sich das
Grundstück, im 19. Jh. noch in Ruinen Fußboden der Kirche S. Maria Latina aus Verhältnis der Denominationen in der
gelegen bzw. als Wiese genutzt, diente der Kreuzfahrerzeit, die wiederum in Grabeskirche grundsätzlich zum Po-
den Archäologen, um in zentraler Lage den Jahren 1893–1898 durch die evan- sitiven verändert, sodass heutzutage
in der Innenstadt nach der bekannten gelische Erlöserkirche ersetzt wurde. Instandsetzung und archäologische
Zweiten Stadtmauer zu suchen, dann Die unterste Schicht zeigt die Reste ei- Forschung viel besser möglich sind als
nach der Frühgeschichte Jerusalems nes antiken Steinbruchs, der als Garten früher. Noch gibt es manche „dunklen“
und schließlich auch nach dem Ausse- Stellen in der Grabeskirche. So soll an-
hen dieser Region in früherer Zeit. Als schließend an das Heilige Grab der Fuß-
die evangelische Erlöserkirche in den boden der Rotunde untersucht und sa-
Jahren 1893–98 errichtet wurde, führ- Bis heute wird niert werden. Die Arbeiten versprechen
ten die Ausschachtungen für die Fun- sehr viele Erkenntnisse. Außerdem ha-
damente bereits in ca. 14 m Tiefe bis
vergeblich nach der ben sich die Bauforschung und Archäo-
zum gewachsenen Fels hinab. Eine hier antiken Stadtgrenze logie verstärkt den Zonen unter dem
gefundene Mauer wurde zunächst vor- Baukomplex zugewandt, sodass die Fra-
schnell als Zweite Stadtmauer interpre-
(der „Zweiten Mauer“) ge, wie das Forum und die heidnischen
tiert, doch schon bei der Einweihung der gesucht Heiligtümer unter der Grabeskirche im 2.
Erlöserkirche wurden diese Gedanken und 3. Jh. ausgesehen haben, vielleicht
bezweifelt. Erneute Nachgrabungen an in absehbarer Zeit besser beantwortet
derselben Stelle wurden 1970 durchge- werden kann. Das wäre auch für die Ent-
führt und sind seit wenigen Jahren für nachgenutzt wurde. In teilweise sehr wicklung der christlichen Gemeinde in
die Öffentlichkeit zugänglich. In einem schwer zugänglichen Teilen der Grabes- Jerusalem ein großer Gewinn. W
tiefen Schnitt in der Längsachse der kirche wurden ganz ähnliche Befunde
Kirche wurde das Erdreich untersucht, gemacht. Diese Hinweise sind doch sehr
man fand mehrere Kulturschichten deutlich: Grundstücke mit derartiger Prof. Dr. Jürgen Krüger
übereinander: Der Untergrund selbst Nutzung lagen üblicherweise außerhalb ist Professor am Karlsru­
her Institut für Techno­
war offenbar ein Steinbruch, der schon des Siedlungsbietes, vor der Stadtmau-
logie (KIT).
in antiker Zeit aufgelassen und durch er. Die Möglichkeit, dass die Grabeskir- Seine Schwerpunkte sind
Gärten ersetzt worden war. Steinbruch che an der richtigen Stelle liegt, wird Architekturgeschichte
© J. Krüger

und Gärten wurden mit vielen Metern deswegen heute als sehr wahrscheinlich und speziell Kirchenbau
Erdreich aufgefüllt, um im 2. Jh. die An- angesehen. in Rom und in Jerusalem.

34
Jerusalem und das heilige Grab als Mittelpunkt mittelalterlicher Weltkarten

Der Nabel der Welt

Die Weltkarte von Andreas Walsperger (1448) ist ein Meilenstein der Kartografie. Die Radkarte
(Pergament, 73,5 x 59,5 cm) ist gesüdet (Norden ist unten). Im Mittelpunkt der Welt ist Jerusalem dargestellt.
Die Karte zeigt die Erde als Mittelpunkt der Schöpfung. Planeten, Fixsterne und himmlische Sphären umgeben sie.
Alle Kulturen und Religionen kennen einen Mittelpunkt der Welt, der üblicher-
weise „Nabel der Welt“ genannt wird. Denn wie „der Nabel die Mitte des menschli-
chen Körpers ist, so nennt man den Ort, der die Mitte der Welt ist, den Nabel
der Welt“. So hat es bereits R. Dawid Qimh.i (1160–1236) in seinem hebräischen
Wörterbuch erklärt. Und dieser „Nabel der Welt“ war für Christen ein klar identifi-
zierbarer geografischer Ort.
Von Stefan Schreiner

U
m nur einige Beispiele dafür zu nennen: Ich es gesetzt, seine Umgebung sind die Län-
Die alten Griechen betrachteten als „Na- der.“ In seiner lateinischen Version: Ista est Jeru-
bel der Welt“ den phallischen Stein im salem, in medio gentium posui eam, et in circuitu
Adyton, im Allerheiligsten des Tempels des Apol- eius terras, wurde dieser Bibelvers denn auch
lon in Delphi. Ihrer Überlieferung nach soll dieser zum Leitmotiv mancher aus Mittelalter oder frü-
Stein als Meteor vom Himmel gefallen sein, und her Neuzeit stammender Pilgerfahrt ins Heilige
zwar an eben jener Stelle, an der sich die beiden Land.
Adler getroffen haben, die Zeus, den einen nach Dagegen war Rabbi Jirmejahu nach bMegilla
Osten, den anderen nach Westen, ausgesandt 6a der Meinung, dass nicht Jerusalem sondern –
hatte, um dort, wo sie sich begegnen, die Mitte der Ähnlichkeit seines Namens wegen – Tiberias
der Welt zu markieren. Den Römern galt der um- die Mitte des Landes und der Nabel (tabbur) der
bilicus urbis („Nabel der Stadt“) genannte kleine Welt ist. Derselben Meinung war am Beginn des
Tempel auf dem Forum Romanum als die Stelle, 20. Jahrhunderts R. Moshe Kliers (1874–1934),
an der sich Obere und Untere Welt berühren, die der damalige Oberrabbiner von Tiberias. Doch
daher den Mittelpunkt nicht nur des Imperium beide konnten sich mit ihrer Idee nicht durchset-
Romanum, sondern der ganzen Welt markiert. zen. So ist es dabei geblieben, dass in jüdischer,
Aus diesem Grunde christlicher und
wurden von dieser Der Nabel der Welt ist nach islamischer Über-
Stelle aus auch die lieferung nicht
Längen (Meilen) al- jüdischer, christlicher und muslimi- Tiberias, sondern
ler römischen Heer- scher Tradition ein konkreter, auf der Jerusalem Mittel-
straßen gerechnet. punkt und „Nabel
Während nach alt- Karte zu findender Ort der Welt“ ist. Sind
russischer Überlie- sich jüdische,
ferung der Spiralberg am Südausläufer des Urals christliche und islamische Überlieferung auch
der „Nabel der Welt“ ist, ist es für Buddhisten und darin einig, so sind sie uneins indessen, wenn es
Hindus der Mount Kailash im tibetischen Hima- um die Frage der Festlegung des innerhalb des
laya. Und wie für Japaner Fuji-, Haku- und Tate- „Nabels der Welt“ befindlichen „Grundsteins
Berg die drei heiligen Berge verkörpern, so bilden der Welt“ geht, von dem aus die Welt geschaffen
nach chinesisch-taoistischer Tradition die fünf, worden ist. In zahllosen Büchern und Aufsätzen
nach chinesisch-buddhistischer Auffassung die wurde über diese Frage bereits diskutiert.
vier heiligen Berge den Mittelpunkt der Welt.
Nicht anders ist in biblischer und darauf
aufbauender jüdischer, christlicher und islami- Die jüdische Sicht
scher Überlieferung der „Nabel der Welt“ ein Zur jüdischen Sicht der Dinge heißt es geradezu
konkreter, auf der Landkarte zu findender Ort. programmatisch im Buch der Jubiläen: „Und er
Und nicht nur das. Er ist zudem ein Ort, an dem (Noach) erkannte auch, dass der Garten Eden
Menschen wohnen, wie Richter 9,37 und Ezechi- das Allerheiligste und die Wohnstatt des Ewigen
el 38,12 zu entnehmen ist. In Ezechiel 5,5 wird war, der Berg Sinai die Mitte der Wüste und der
dieser bewohnte Ort expressis verbis als Jerusa- Berg Zion die Mitte des Nabels der Welt. Diese
lem identifiziert: „So spricht der Herr, der Ewige: drei sind als heilige Stätten einander gegenüber
Das ist Jerusalem, in die Mitte der Völker habe erschaffen worden“ (Jub 8,19).

36 welt und umwelt der bibel 1/2019


Der Nabel der Welt

Wie die Formulierung „der Berg Zion die Mitte Welt, von dem aus die Welt geschaffen worden
des Nabels der Welt“ zu verstehen ist, wird im ist“ (Tanḥuma Qedoshin § 10, ed. Buber S. 78, zu
späteren Midrasch mit folgenden Worten er- Lev 19,23).
klärt: „[…] Eine andere Auslegung: Wie der Na- Danach befindet sich der Grundstein der Welt
bel in die Mitte des Menschen gesetzt ist, so ist auf dem Tempelberg, und zwar an jener Stelle,
das Land Israel in die Mitte der Welt gesetzt, wie die in 1 Chr 21,26 mit der „Tenne des Jebusiters
es heißt: Das Volk, das auf dem Nabel der Erde Arauna“ gleichgesetzt und in 2 Chr 3,1 als Berg
wohnt (Ez 38,12) […]. Das Land Israel befindet Morija identifiziert worden ist. Es ist der Ort also,
sich in der Mitte der Welt, Jerusalem in der Mitte zu dem nach Josephus Flavius (Antiquitates Ju-
des Landes Israel, der Tempel in der Mitte Jeru- daicae I,13,2) und weiteren jüdischen Quellen
salems, die Tempelhalle in der Mitte des Tem- Abraham mit seinem Sohn Isaak gewandert ist,
pels, die Bundeslade in der Mitte der Tempelhal- um ihn dort als Opfer darzubringen. Gleichge-
le, und vor der Bundeslade der Grundstein der setzt wird der „Grundstein der Welt“ damit mit

Die Weltkarte von Heinrich Bünting (1581)


© alamy

zeigt die Welt als Kleeblatt und Jerusalem als Mitte der Welt.

37
Der Nabel der Welt

dem „Felsen“, der nicht nur Ort der „Bindung festhält. Derselben Meinung waren auch die rus-
Isaaks“ ist, sondern nach islamischer Überliefe- sischen Pilger und Reisenden, wie der Abt Daniil
rung auch der Ort der Himmelfahrt Muḥammads. (s. S. 51) und der Diakon Zosima, der in den Jah-
So z. B. in einem Hadith (Überlieferung von Aus- ren 1419–1422 auf Pilgerfahrt nach Jerusalem ge-
sprüchen und Handlungen Muhammads u. a.), gangen ist. Ebenso sahen es auch der Kaufmann
das an Sure 17,1 anknüpft. Nicht ohne Grund Vasilij, der 1465/66 eine Reise nach Jerusalem un-
haben über diesem „Felsen“ daher die Muslime ternommen hat, und der Kaufmann Trifon Koro-
später den sogenannten „Felsendom“ errichtet. bejnikov (16./17. Jh.), der gleich zweimal nach Je-
Der „Schwarze Stein“ in Mekka, die Ka’ba, de- rusalem gereist ist; zum einen 1582 (im Anschluss
ren Verehrung nach muslimischer Überlieferung an seine Pilgerreise auf den Athos 1581/82) und
bis auf Adam und Eva zurückreicht und von den zum anderen 1593 (von dieser Reise brachte er
vorislamischen Arabern bereits als ein „Nabel der übrigens eine Nachbildung des Heiligen Grabes
Welt“ betrachtet worden ist, stellt insofern keine nach Moskau mit). Trifon fügte in seinem Bericht
Konkurrenz zu Jerusalem als „Nabel der Welt“ noch hinzu, dass dies „der Nabel der ganzen Welt
dar, als die Ka’ba in Mekka als ein Stück des Jeru- ist, aus Stein gehauen, dem Nabel eines Men-
salemer Felsens angesehen wurde, das auf wun- schen ähnlich, aber nicht von Menschenhand ge-
derbare Weise nach Mekka gelangt ist, am Ende macht, sondern durch göttliche Fügung“.
der Zeiten aber wieder nach Jerusalem zurück- Entsprechend haben auch die Schöpfer christ-
gebracht und mit dem dortigen Felsen vereinigt licher mappae mundi genannter Weltkarten Je-
Der Nabel der Welt werden wird, wie der Jerusalemer Geograf Šams rusalem (und das Heilige Grab) als Mittelpunkt
in der Grabeskirche ad-Dīn Mụhammad b. Ahmad al-Muqaddasī der Welt betrachtet und es stets in die Mitte ihrer
bringt zum Ausdruck, schrieb. Karten gesetzt. Sind doch Bestimmung und Fest-
dass Jerusalem seit legung des Mittelpunkts der Welt nicht allein
der Antike als Mittel- Abbild ihrer Weltsicht, ihres – im wahrsten Sin-
punkt der Erde verstan-
Der christliche Mittelpunkt ne des Wortes – Weltbildes, sondern, wie eine
den wurde. Angekettet Anders als Juden und Muslime haben Christen jede Landkarte, zugleich auch Ausdruck eines
ist er übrigens an den den „Grundstein der Welt“ nicht in jenem Fel- Macht-, Geltungs- und Herrschaftsanspruchs:
Opferstock! sen auf dem Tempelberg gesehen, sondern in Wie auf chinesischen Weltkarten China das
dem Felsen, der von ihnen als „Reich der Mitte“ und die jeweilige Kaiserstadt
Golgota identifiziert worden ist der Mittelpunkt der Welt sind – ein schönes Bei-
und sich in der Grabeskirche spiel dafür liefert die Weltkarte des chinesischen
in Jerusalem befindet. Zusätzli- Muslims Admiral Zheng He alias Ḥaǧǧī Maḥmūd
ches Gewicht erhält dieser Fel- Šams (1371–1433/1435), der zwischen 1405 und
sen dadurch, dass auf ihm das 1433 sieben Reisen in den Nahen Osten unter-
Kreuz Christi, die axis mundi, nommen hat – sind auf arabisch-muslimischen
die Verbindung zwischen Erde Karten Mekka und Jerusalem an diese Stelle ge-
und Himmel, stand. So sind im treten. Ebenso ist in die Mitte christlicher Karten
„Nabel der Welt“ deren „Grund- allenthalben Jerusalem (mit dem Heiligen Grab
stein“ und die „Weltachse“ als Mitte Jerusalems) gesetzt, auch dann, wenn
miteinander verbunden. Und die christlichen Kartografen in der Gestaltung
christliche Jerusalempilger und ihrer Karten arabisch-muslimischen Vorbildern

© public domain, wikimedia CC BY 3.0, Sergey Serous - Eigenes Werk


Reisende haben in ihren dies- folgten. Arabisch-muslimische Weltkarten zeich-
bezüglichen Berichten durch nen sich dadurch aus, dass sie in aller Regel „ge-
die Jahrhunderte hindurch südet“ sind, das heißt: Vom Betrachter aus gese-
keinen Zweifel daran gelassen hen, befindet sich der Süden oben auf dem Blatt,
und immer wieder neu bekräf- dementsprechend sind der Osten links, der Wes-
tigt und bestätigt, dass „dieser ten rechts und der Norden unten. Eine Weltkarte
Felsen der Mittelpunkt der Welt wie die des aus Granada stammenden Ibn Sa‘id
ist“, wie Jean de Mandevilles al-Maghribī (13. Jh.) sowie die Darstellung der
in seiner im Original in anglo- „türkischen Welt“ im „Diwan der Turk-Dialekte“
normannischem Französisch des türkischen Gelehrten Maḥmūd b. al-Ḥusain
verfassten, zwischen 1357 und b. Muḥammad al-Kāšġarī (1008–1105), die beide
1371 veröffentlichten fiktiven „geostet“ sind, sind demgegenüber Ausnahmen.
Beschreibung seiner „Reise Einen Höhepunkt erreicht diese arabisch-
vom Heiligen Land bis ins ferne muslimische Kartographie im Werk von Abū ‘Abd
Asien 1322–1356“ ausdrücklich Allāh Muḥammad b. Muḥammad b. ‘Abd Allāh

38
b. Idrīs al-Idrīsī (um 1100–1166), dem aus Sibta
(heute: Ceuta) stammenden Geografen und Bota-
niker, der am Hofe des Normannenkönigs Roger
II. (1095/1130–1154) wirkte und als Schöpfer einer
in eine Silberscheibe von 2 Metern Durchmesser
eingravierten Weltkarte berühmt geworden ist.
Zu dieser Weltkarte verfasste er auch ein umfang-
reiches Werk, in dem er das Geografische Wissen
seiner Zeit unter dem Titel „Reisevergnügen des-
sen, der sich sehnt, die Horizonte zu durchqueren“
zusammenfasste (s. S. 50).
Dem gegenüber sind christliche Weltkarten
von frühesten Zeiten an, wie die älteste bekann-
te diesbezügliche Karte in Isidor von Sevillas
Etymologiae belegt, in aller Regel „geostet”; das
bedeutet, dass sich vom Betrachter aus gesehen
der Osten (Oriens) oben auf dem Blatt befindet,
dem entsprechend sind der Norden links, der
Süden rechts und der Westen unten. Diese – im
wahrsten Sinne des Wortes – Orientierung der
Karten geht einher mit ihrer Ausrichtung auf das
Paradies, das dem biblischen Bericht folgend
(Gen 2,8), „im Osten“ lokalisiert wird, während
die negative Gegenwelt, die Hölle mit ihrem Ein-
gangstor, den „Säulen des Herkules“, im Westen
ihren Platz hat. Mehr als ungewöhnlich und unter
den mappae mundi als Ausnahme zu betrachten
ist daher eine schematische Karte in einer flä-
mischen Handschrift von Brunetto Latinis (um
1220–1294) enzyklopädischem Werk Le Livre dou
Trésor aus dem 14. Jh. Diese Karte ist zwar „geo-
stet“, verortet aber das Paradies nicht im Osten,
sondern auf der (vom Betrachter aus gesehen)
linken Seite, also im Norden, und die „Säulen des
Herkules“, den Eingang zur Hölle, auf der rech- Die Weltkarte des Londoner Psalters Oben – im Osten – steht
ten Seite, also im Süden. Dennoch sind auch hier Christus, im Mittelpunkt liegt Jerusalem, außen sind Medaillons der zwölf
beide, Paradies und Hölle, realgeschichtliche, Winde. Um 1260, London, British Library.
geografisch lokalisierbare Orte, die als Orte der
Urzeit und Endzeit einander entsprechen. So wird
das Paradies einerseits als der in der Bibel (Gen karte des Londoner Psalters, Pietro Vescontes (1.
2,8 ff) beschriebene Garten Eden (einschließlich Hälfte des 14. Jh.) für Marino Sanudos (um 1260–
der vier aus ihm hervorquellenden Flüsse) darge- 1338) Liber secretorum fidelium crucis (1321) ge-
stellt. Andererseits erscheint es gelegentlich aber malte mappa mundi, die Ebstorfer Weltkarte und
auch als das zukünftige Paradies, als das nach andere –, oder ob er das arabisch-islamische
der Offb 12-22 neue, himmlische Jerusalem, so Muster der „gesüdeten“ Karte übernimmt – so
beispielsweise auf Andreas Walspergers Konstan- die Weltkarten des schon genannten Andre-
zer Weltkarte (1448). as Walsperger, des venezianischen Kamaldu-
Auf allen christlichen Karten aber bilden Je- lensermönchs und Kartografen Fra Mauro (um
rusalem und das Heilige Grab, wie zeitgenös- 1385–1459) oder des anonymen Autors der soge-
sischen Stadtplänen zudem zu entnehmen ist, nannten „stummen“, da keinerlei Beschriftung
Prof. Dr. Stefan Schreiner
© public domain, flickr

den Mittelpunkt der Welt. Dabei spielt es keine aufweisenden Mappa Mundi in der Handschrift
ist Seniorprofessor für
Rolle, ob der Kartograph dem christlichen Mus- Ms. Douce 319 der Oxforder Bodleian Library: Religionswissenschaft und
ter der „geosteten“ Karte folgt – so die Weltkarte Jerusalem ist die Mitte der Welt; denn in seiner Judaistik an der Evange-
in Lambert de Saint Bertins (1060–1125) Liber Mitte befinden sich mit dem Golgota-Felsen lischen Fakultät der Uni-
Floridus, die Hereford Mappa Mundi, die Welt- „Nabel­und Grundstein der Welt“. W versität Tübingen.

welt und umwelt der bibel 1/2019 39


Die heutige Fassade der Grabes­
kirche stammt aus der Kreuzfahrerzeit. Das
Doppel­portal spielt auf das „Goldene Tor“ des
Tempelplatzes / Haram asch-Scharif an und
charakterisiert die Kirche als „neuen Tempel“.
Die Grabeskirche der Kreuzfahrer und ihre Ausstattung

Ein neuer Tempel


der Auferstehung
Die heutige Grabeskirche geht im Wesentlichen auf die Kreuzfahrerzeit zurück. Allerdings
war die Ausstattung – vor allem mit Mosaiken – ungleich prächtiger. Das meiste ist mittlerweile
leider verloren, doch anhand der Quellen lässt sich eine Vorstellung dessen gewinnen,
was das Bauprogramm der Kreuzfahrer inspirierte. Von Georg Röwekamp

Z
uerst muss man zur heiligen Gra- Kirche in Form einer gewaltigen Basili­ Mekka gebracht; lediglich die Basen
beskirche (auch Kirche der Mär- ka, besteht nicht mehr; der Hof zwischen sind noch vor Ort. Die gewaltigen Säulen
tyrer genannt) gehen, nicht allein ihr und der Rotunde der Anastasis ist der Rotunde wurden halbiert (deshalb
wegen der Lage der Straßen, sondern zur „Vorhalle“ des Rundbaus geworden; sehen manche Säulenfüße heute unter­
weil sie berühmter ist als alle anderen dort zeigt man Saewulf das Gefängnis schiedlich aus), sodass im Innern ein
Kirchen, und das mit Fug und Recht. … Christi und die Geißelsäule. Von hier dreistöckiger Rundbau mit Säulenkranz,
Die Kirche erbaute, nach der Auffindung steigt er zum Golgotafelsen hinauf. Das Umgang und Blendbögen entstand,
des Kreuzes unseres Herrn, der Erzbi- Grab selbst ist nur noch ein Nachbau des in denen Mosaiken Kaiser Konstantin,
schof Maximus, unter Begünstigung des Originals, bei dem eine „Engelskapelle“
Kaisers Konstantin und seiner Mutter, kö- vor die Grabkammer gesetzt wurde, und
niglich und prächtig. In der Mitte dieser das – nicht zuletzt wegen der Kerzen, die Die Säulen vom Vor-
Kirche ist aber das Grab des Herrn, von darin angezündet werden – nach oben
einer sehr starken Mauer umgeben und offen, aber mit einem Dach oder Zibori­
platz wurden 1187
mit einem Dach überdeckt, damit, wenn um überdeckt ist. nach Mekka gebracht
es regnet, der Regen nicht auf das Heilige
Grab fallen kann; die Kirche selbst steht
nämlich unbedeckt offen.“ Komplizierte Architektur Helena, die Apostel und – im Westen –
So beschreibt der Angelsachse Sae­ Diese Anlage wurde zum Ausgangs­ Michael zeigten. Das neue, oben offene
wulf im Jahr 1103 seinen Besuch der punkt der Kreuzfahrer-Grabeskirche, die Dach hatte die konische Form, die sich
Grabeskirche. Er ist einer der ersten Pil­ in ihren Grundzügen bis heute besteht. seitdem auf zahllosen Darstellungen
ger, die nach der Eroberung der Stadt Sie erscheint im Vergleich zur konstan­ findet (s. S. 43) – erst 1866–68 erhielt
durch die Kreuzfahrer 1099 das Heilige tinischen Ausführung bescheiden und die Rotunde mithilfe eines Stahlskeletts
Land besucht und dessen Bericht erhal­ ist für viele heutige Besucher verwir­ wieder eine Kuppel.
ten ist. Besonders dramatisch ist dabei rend, ja abschreckend. Und doch ist der Nachdem die Kreuzfahrer als ers­
die Schilderung seiner Ankunft in Jaffa: Bau nicht nur von den besten Künstlern ten Bau in den Ruinen der konstanti­
Nachdem er mit einem kleinen Boot an dieser Zeit errichtet worden, sondern es nischen Basilika die „unterirdische“
Land gebracht worden ist, muss er zuse­ liegt ihm auch ein theologisches Kon­ Helena­kapelle errichtet hatten (u. a. mit
hen, wie sein auf Reede liegendes Schiff zept zugrunde, das bis heute einen Zu­ Kapitellen aus der al-Aqsa-Moschee),
von einem Sturm zerstört wird, Masten gang zu dem Bauwerk ermöglicht. entstand östlich der Rotunde bald eine
brechen und viele Seeleute und Reisen­ Schon der Bau von Kaiser Monoma­ komplett neue Kirche im romanischen
de dramatisch ums Leben kommen. chos hatte auf die große Basilika ver­ Stil inklusive Chorumgang und Kapel­
Was er als Grabeskirche Konstantins zichtet, am Ostrand des Hofes eine Apsis lenkranz. In der Apsis wurde ein großes
beschreibt, ist in Wirklichkeit das, was hinzugefügt und in der Südostecke eine Mosaik angebracht, das die „Anastasis“
nach der Zerstörung durch den Kalifen Art zweistöckige Golgotakirche errich­ darstellte – das traditionelle Osterbild
al-Hakim im Jahr 1009 übrig geblieben tet. Dieser Komplex aus Hof und Rotun­ der östlichen Kirche zeigt Christus, wie
© bible wlaks

bzw. vom byzantinischen Kaiser Mo­ de erhielt im Süden einen Vorplatz, der er Adam und Eva (stellvertretend für
nomachos (1042–55) wiederaufgebaut bis heute besteht; die dort aufgerichte­ die ganze Menschheit) aus dem Reich
wurde. Das „Martyrium“, die eigentliche ten Säulen wurden allerdings 1187 nach des Todes befreit. Da dieses Bild ver­

welt und umwelt der bibel 1/2019 41


byzantinischer Zeit (z. B. die Darstellung
von Kreuzigung und Kreuzabnahme
an der Ostwand) und ließen die neu­
en Darstellungen von einheimischen
Künstlern ausführen, wie der einzige
erhaltene Rest, ein Ausschnitt aus der
Darstellung der Himmelfahrt, belegt.
Thematisch bedeutsam war u. a. die
Darstellung der „Opferung Isaaks“ im
Gewölbe (die sich auch heute wieder an
der südlichen Wand findet) – darin spie­
gelt sich nicht nur die Idee, dass diese
ein „Vor-Bild“ der Kreuzigung war, son­
dern damit wird der Golgotafelsen auch
zum „Nachfolger“ des heiligen Felsens
auf dem Tempelberg erklärt, der für Ju­
den mit diesem „Opfer“ verbunden war.
Daneben fanden sich – wie v. a. aus dem
Bericht des Pilgers Theoderich von 1170
hervorgeht – Darstellungen von zahlrei­
chen Propheten sowie von Kaiserin He­
lena und Kaiser Heraklius, die für Kreuz­
auffindung und Kreuzerhöhung bzw.
Rückeroberung des Kreuzes stehen.
Die mittelalterliche Legende verbindet
Die Himmelfahrt Christi ist der einzige erhaltene Rest der Mosaiken aus der außerdem den Golgotafelsen nicht nur
Kreuzfahrerzeit. mit dem Grab Adams zu dessen Füßen,
sondern auch mit dem „Priesterkönig“
mutlich die entsprechende Darstellung d. h. 50 Jahre nach der Eroberung der Melchisedek, der Adam angeblich dort
im sogenannten Psalter der Königin Stadt. Der Turm, der heute verkürzt ist, bestattet hat – nicht zuletzt deshalb lie­
Melisende (12. Jh., heute in der British mit einer charakteristischen Haube, die ßen sich die Kreuzfahrerkönige in der
Library) beeinflusst hat, kann man sich wenig später sogar im Abendland mehr­ sogenannten Adamskapelle begraben.
eine ungefähre Vorstellung von deren fach nachgeahmt wurde, war erst etwas (Die Gräber wurden bei der griechischen
Aussehen machen (s. Abb. S. 44). Eine später vollendet. Während die meisten Neugestaltung Anfang des 19. Jh. ent­
Besonderheit waren dabei v. a. die Engel Bauleute aus dem Abendland, v. a. aus fernt.)
mit Standarten, auf denen das Dreimal­ Südwestfrankreich, kamen, war der Ar­ Mosaiken befanden sich auch an der
heilig steht, über der Darstellung. (Auch chitekt des Turmes vermutlich in Paläs­ eigentlichen Grabädikula: In einer Ni­
das Fresko in der Apsis der Kreuzfahrer­ tina geboren – darauf deutet zumindest sche der Außenwand war das Schriftzi­
kirche von Abu Gosh zeigt übrigens die­ der Name „Jordanus“, der vornehmlich tat „Christus, auferweckt von den Toten,
se Szene.) Tatsächlich übernahmen die Männern gegeben wurde, die im Jordan stirbt nicht mehr“ (Röm 6, 9) zu lesen,
Kreuzfahrer anscheinend nicht nur das getauft wurden. Bald wurde noch die so­ über dem Eingang zum Grab zeigte eine
Thema aus der Apsis des Monomachos, genannte Frankenkapelle im südlichen Darstellung die drei Frauen am Grabe
sondern verlegten das ganze Mosaik Außenbereich vor der Golgotakapelle – die Tatsache, dass dies ein typisch
einfach in die neue Apsis, die dann bei hinzugefügt, weil die Treppe, die innen westliches Bildthema ist, belegt den Ur­
einem Erdbeben Anfang des 19. Jh. lei­ von Norden zum Felsen hinaufführte, zu sprung in der Kreuzfahrerzeit.
der zerstört und in neuer Form wieder­ schmal war. Nun war ein „Einbahnver­ Besonders eindrucksvoll ist aber bis
aufgebaut wurde. kehr“ möglich, und die Pilger gelangten heute das von den Kreuzfahrern voll­
durch die neue Kapelle und über die ständig neu gestaltete Portal. Es erweckt
© Jürgen Krüger, nach Vorlage Corbo

noch heute vorhandenen steilen Stu­ zum einen – sicher bewusst – den Ein­
Eine grundlegende Umgestaltung fen wieder zum Vorplatz. (Wegen dieser druck hohen Alters. Dazu tragen die an­
Indem die zweistöckige Golgotakapelle Wegführung war die südliche Kapelle, tiken Säulen bei und die kunstvollen um­
in den Neubau mit einbezogen wurde, wo die Lateiner heute der Kreuzannage­ laufenden Gesimse, die (ähnlich wie in
vereinigten die Kreuzfahrer in der neu­ lung gedenken, damals Erinnerungsort romanischen Bauten der Provence) von
en Kirche erstmals die Stätten von Tod der Kreuzabnahme.) römischen Bauwerken inspiriert sind. In
und Auferstehung Jesu „unter einem Auch auf Golgota übernahmen die den Tympanonfeldern waren ursprüng­
Dach“. Eine erste Weihe erfolgte 1149, Kreuzfahrer teilweise die Mosaiken aus lich ebenfalls Mosaiken angebracht

42 welt und umwelt der bibel 1/2019


Ein neuer Tempel der Auferstehung

Die Grabeskirche der Kreuzfahrer in der Rekonstruktion


des Marquis de Vogüe (1860).

A = Rotunde der Anastasis mit der Grabesädikula (A0)


B = Kreuzfahrerkirche mit Chorumgang
C = Kloster der Domherren über der Kreuzauffindungsgrotte
C1 = Kreuzauffindungsgrotte
C2 = Helenakapelle
H2 = Glockenturm

A Rotunde (= „Basilika“) K Altar der Kleiderteilung


B Nord-Querhaus L Altar der Geißelsäule
C Vierung M Kalvarienberg
D Süd-Querhaus N Frankenkapelle
E Vorchorloch O Glockenturm
F Hochchor P Helenakapelle
G Chorumgang Q Kreuzgang
H Gefängnis Christi R Refektorium
J Altar des Longinus S Kreuzauffindungsgrotte

welt und umwelt der bibel 1/2019 43


Ein neuer Tempel der Auferstehung

„Anastasis“ Die Darstellung ist vermutlich vom Apsismosaik der Grabeskirche


inspiriert und zeigt Christus, der Adam und Eva aus dem Reich des Todes befreit,
sowie Engel mit Standarten, auf denen das Dreimalheilig angedeutet ist. Aus dem
Psalter der Königin Melisende, zwischen 1131 und 1143, London, British Library.
© akg

44 welt und umwelt der bibel 1/2019


(Reste des Putzbettes sind im rechten Feld unten
noch zu erkennen). Noch eindrucksvoller aber
ist die inhaltliche Konzeption. Schon die Wahl
einer „Doppeltoranlage“ ist bemerkenswert –
war doch in mittelalterlichen Kathedralen ein
dreifaches Portal die Regel. Wenn diese Möglich­
keit hier nicht gewählt wurde, muss das Gründe
haben. Tatsächlich knüpft man hier wohl an ein
anderes berühmtes Doppeltor in Jerusalem an –
an das Goldene (Ost-)Tor des Tempels! So wird
nicht nur der „neue Tempel“ der Grabeskirche
in Bezug zum alten gesetzt, vielmehr wird auch
ein Bezug hergestellt zwischen dem Einzug Jesu
in Jerusalem als König am Palmsonntag und sei­
nem „Einzug“ auf Golgota als dornengekrönter
König am Karfreitag. Gleichzeitig erschließt das
Doppeltor die beiden wichtigsten heiligen Orte:
Golgota, den Ort des Todes (rechts), und das
Grab als Ort der Auferstehung (links). So „illust­
riert“ das Portal gleichzeitig die christliche Leh­
re von den „zwei Wegen“, von denen einer zum gota bis zum 15. Jh. von den Griechen betreut Die Türstürze der
Tod, einer zum Leben führt. wurde. Die 1588 von Frederico Medici gestifteten kreuzfahrerzeitlichen
Dazu passen auch die Darstellungen auf den Schranken mit bronzenen Reliefbildern, die ihn Grabeskirche waren
Friesen über den Türen, die 1927 nach einem umgeben sollten, konnten angesichts der Art, mit kunstvollen Reliefs­
Erdbeben abgenommen wurden und sich heu­ wie man im Orient solch ein Heiligtum verehrt, verziert. Hier eine
te im Rockefeller-Museum befinden: Auf dem nie angebracht werden – sie zieren nun den Al­ Darstellung des letzten
rechten Fries, d. h. über der Tür, die zu Golgo­ tar in der lateinischen Kapelle auf Golgota. Und Abendmahls. 12. Jh.,
ta führte, sind zahlreiche Ranken dargestellt, hinter dem Salbungsstein befindet sich heute Rockefellermuseum,
in denen Menschen verschlungen sind – ver­ eine Mauer, die das einst offene Hauptschiff der Jerusalem.
mutlich ein Bild für die Menschen, die in den Griechen abschließt – immerhin illustrieren die
Fängen der Sünde gefangen sind (wobei eine neobyzantinischen Mosaiken genau die Statio­
„doppeldeutige“ Aussage nicht unmöglich ist: nen „zwischen“ Golgota und Grab: Kreuzabnah­
Der „Baum des Kreuzes“ wird durch Jesu Tod me, Salbung und Grablegung. Bei genauerem
zum „Baum des Lebens“). Und das linke Bild Hinsehen entdeckt man jedoch in der Kirche
zeigt Szenen aus den letzten Tagen des Lebens nicht nur, dass der Grundriss des Kreuzfahrer­
Jesu – sozusagen die Vorgeschichte dessen, was baus unverändert ist, sondern auch weitere inte­
in der Kirche erinnert wird: Auferweckung des ressante Spuren der mittelalterlichen Anlage. So
Lazarus, Einzug in Jerusalem und Abendmahl. zeigt z. B. eines der wenigen figürlich gestalteten
Besonders die beiden rahmenden Szenen haben Kapitelle im nördlichen Seitenschiff vermutlich
einen direkten Bezug zu Tod und Auferstehung König Salomo.
Jesu (wobei auch bei diesem Fries eine weitere Interessanter aber erscheint die Tatsache,
Ebene mitschwingen mag: Betanien, der Ölberg dass die Kreuzfahrer, die (wie nicht zuletzt mit­
und der Zionsberg werden ebenfalls von Au­ telalterliche Bilder zeigen) glaubten, dass Chris­
gustiner-Chorherren betreut, die kurz nach der tus ihnen als Heerführer voranzieht, einen Bau
Eroberung mit dem Dienst an der Grabeskirche errichteten, der – als Endpunkt der ebenfalls
betraut wurden und für die östlich der Kirche ein von ihnen geschaffenen Via Dolorosa – ganz
Kreuzgang mit Kloster errichtet wurde, dessen dem Leiden Christi gewidmet ist. So sehr man
Überreste auf dem Dach der Helenakapelle noch die Idee des „heiligen Krieges“, die die Kreuz­
sichtbar sind). fahrer ins Heilige Land getrieben hat, ablehnen
Die späteren Veränderungen, die am Bau der muss, so ist doch „ihre“ Grabeskirche auch ein
Kreuzfahrer vorgenommen wurden, sind auf Zeugnis tiefgründiger Theologie. Und vor allem
Dr. Georg Röwekamp,
den ersten Blick erheblich, v. a. weil sie die Auf­ hat – Ironie der Geschichte – diese Entdeckung
Theologe mit Schwerpunkt
merksamkeit auf sich ziehen. Das gilt besonders des leidenden Jesus durch die Kreuzfahrer und Alte Kirchengeschichte und
für den Salbungsstein im Eingangsbereich. Er die Pilger ihrer Zeit die Frömmigkeit des Abend­ Repräsentant des „Deut­
© Alamy

wurde von den Franziskanern dort platziert, landes in Richtung auf „compassio“ und Mit- schen Vereins vom Heiligen
besonders, weil der gesamte Bereich von Gol­ Leid hin grundlegend verändert. W Lande“ in Jerusalem.

welt und umwelt der bibel 1/2019 45


Jüdische Perspektiven des Grabes Jesu

„Wo dieser Mann


begraben ist“
Im Judentum gibt es viel Skepsis und Polemik gegenüber der christlichen Behauptung, Jesus sei
auferstanden. Auch jüdische Gräberverehrung kann keine Brücke zur Verehrung von Jesu Nicht-Grab
schlagen. Und doch entstand im Mittelalter ein spannender Legendenkreis, der österliche Motive
mit messianischen Bildern aus dem Judentum verbindet. Von Tamar A. Avraham

Blatt der mittelalterlichen Schrift „Toledot Yeshu” – einer polemischen Auseinandersetzung mit
der christlichen Sicht von Jesus als Auferstandenem, gefunden in Fustat (Ägypten) von Jacques Mosseri.

B
ereits das Matthäusevangelium Auferstehung nicht verhindern, sie wird beschreibungen Jesu (auf hebräisch
weiß, dass ein leeres Grab noch vielmehr als machtvolles Ereignis dar- Jeschu oder Jeschua, eine Kurzform von
kein Beweis für die Auferstehung gestellt, das die Wächter erstarren lässt Jehoschua/Josua), die Jesus als Zauberer
ist. Es berichtet, dass die Hohepries- (28,2-4). Während die Frauen die Auf- darstellen, der seine magischen Kräfte
ter und Pharisäer Jesu Ankündigung, erstehungsbotschaft verkünden, beste- dem Erlangen der Kenntnis des wahren
dass er nach drei Tagen auferstehen chen die Hohepriester und Ältesten die Gottesnamens verdankt. Als es gelingt,
werde, kannten. Sie befürchten, dass Wächter, zu sagen, dass die Jünger Jesu diese Kräfte durch Gegenmagie zu neu-
die Jünger den Leichnam verschwinden den Leichnam gestohlen haben (28,11- tralisieren, wird Jesus verhaftet, verur-
lassen und dann angesichts des leeren 15). „Und dieses Gerücht verbreitete sich teilt, als Gotteslästerer gesteinigt, sein
Grabes behaupten werden, dass sich bei den Juden bis heute“ (V. 15b). Leichnam entsprechend der Vorschrift
die Prophezeiung ihres Lehrers erfüllt Genau diese Möglichkeit des Betruges in Dtn 21,22-23 bis Sonnenuntergang an
hat. Daher bitten sie Pilatus, das Grab greifen die verschiedenen Versionen der einen Pfahl gehängt und dann begra-
bewachen zu lassen und versiegeln es mittelalterlichen Toledot Jeschu-Litera- ben. Um zu verhindern, dass seine Jün-
(Mt 27,62-66). All das kann in der gläubi- tur auf. Dies sind volkstümliche anti- ger den Leichnam stehlen werden, um
gen Sicht des Evangeliums natürlich die christliche, scharf polemische Lebens- dann mit dem leeren Grab die angebli-

46 welt und umwelt der bibel 1/2019


che Auferstehung beweisen zu können, einem der Ihren, dem göttliche Attribute Bedeutung seines Auftretens. Als dabei
holt einer der Juden, in einigen Visio- beigegeben wurden, die für sie untrag- entscheidende Texte führt er die Em-
nen Judas der Gärtner genannt (vgl. Joh bar waren und dessen Anhänger bereits mausgeschichte (Lk 24,13-35) und die
20,11-18), den Leichnam aus dem Grab unsagbares Leid über sie gebracht hat- Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt (Apg
und begräbt ihn in seinem Garten. Die ten. 1,1-9) an, während eine Erwähnung des
Jünger finden so ein leeres Grab vor, se- Im 20. Jahrhundert brachen jüdische leeren Grabes als möglicher Hintergrund
hen darin eine Bestätigung der Auferste- Gelehrte den Bann und unternahmen es, für den sich entwickelnden Glauben an
hungsprophezeiung und beeilen sich, „diesen Mann“ in seine jüdische Identi- die Auferstehung fehlt.
die Bestrafung der für die Hinrichtung tät zurückzuholen. Oft findet sich dort Der im jüdisch-christlichen Dialog
Jesu Verantwortlichen zu fordern. Die- viel Sympathie für Jesus und seine Bot- engagierte Religionswissenschaftler
se jedoch bringen den Leichnam herbei schaft. Eine Grenze jedoch bleibt. So wie Schalom Ben-Chorin gab in seinem erst-
und erweisen so die Rede von der Auf- Benjamin von Tudela über das „Sepulc- mals 1973 erschienenen Buch Bruder
erstehung als Lüge, während die Jünger rum“ nur sagen konnte, dass Jesus dort Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht
Jesu in alle Himmelsrichtungen fliehen. dem Begräbnis Jesu Raum und erklärte,
Die Toledot-Jeschu-Literatur stellt dass die Frauen nach der eiligen Grab-
einen Höhepunkt der Ablehnung des
Glaubens an das leere Grab Jesu als Zei-
Die Auferstehung entzieht legung kurz vor Beginn des Sabbat und
des Pessachfestes nach dem Ruhe- und
chen der Auferstehung dar. Benjamin sich unserem Blick Feiertag zum Grab zurückkehrten, um es
von Tudela, der zwischen 1160 und 1173 würdiger zu gestalten; „aber sie fanden
den Mittelmeerraum und den Nahen das Grab leer ...“. Ben-Chorin fährt fort:
Osten bereiste, erwähnt in seinem be- begraben ist und er dabei das christli- „Hier endet die Geschichte Jesu. Hier be-
rühmten Reisebericht im Abschnitt über cherseits Entscheidende des Grabes als ginnt die Geschichte Christi. Die Jünger-
Jerusalem auch die Grabeskirche: „Dort Nicht-Mehr-Grab, das die Auferstehung Gemeinde deutete das Verschwinden
ist die große Kultstätte, die man Sepulcri bezeugt, ignoriert, so enden auch die des Leichnams Jesu im Sinne der Aufer-
nennt, wo dieser Mann begraben ist, zu modernen jüdischen Versuche, die Ge- stehung. Die Auferstehung aber entzieht
dem alle Irrenden hingehen.“ stalt Jesu nachzuzeichnen, mit dem, was sich unserem Blick.“ Ben-Chorin distan-
Der Verfasser lässt sich nicht auf de- sich historisch über ihn sagen lässt, und ziert sich sowohl von der Betrugstheorie
taillierte Polemik ein, aber die Distanz lassen den Glauben an die Auferstehung der Toledot Jeschu-Literatur als auch von
zum Ort und dem dort Begrabenen ist als etwas, das nicht mehr zu seiner Iden- Scheintod-Theorien und lässt die Aufer-
deutlich. Das Grab ist der Wallfahrtsort tität als Jude gehört, außen vor. stehung als Glaubensgeheimnis stehen,
der Irrenden, der Anders-Gläubigen, David Flusser, führender Forscher das er erst mit der Bekehrung des Paulus
der Falsch-Gläubigen. Der Name, den des frühen Christentums an der Hebrä- historisch wirksam werden sieht. Das
ihm diese geben, „Sepulcrum“ (Grab), ischen Universität in Jerusalem, schloss Grab als Zeugnis der Auferstehung spielt
wird genannt, aber ohne die Zufügung seine erstmals 1968 veröffentlichte Je- somit auch für ihn keine Rolle.
„Heiliges“, und ihm vorangestellt wird susbiographie mit den Worten „Und Die jüdische Distanz zum Grab Jesu
die jüdische Definition: „die große Kult- Jesus verschied“ und sah nicht einmal findet eine Parallele darin, dass man
stätte“, im Hebräischen Bamah. Schon die Grablegung als einen integralen auch christlicherseits in der sakralen
in der Hebräischen Bibel kann dieses Teil seiner Lebensbeschreibung. In ei- Topografie des Grabes nicht auf jüdische
Wort zwar auch die legitime Kultstät- ner nach dem neuen Forschungsstand Vorbilder aufbaute, was umso auffälli-
te des Gottes Israels bezeichnen (vgl. aktualisierten Ausgabe, die 2001 kurz ger ist, als dies bei Golgota ja geschehen
1 Sam 9-10), aber meistens sind Stätten nach Flussers Tod in einer nochmals ist, das zum neuen heiligen Berg anstel-
des Götzendienstes gemeint (wie in den korrigierten 3. Auflage auf Englisch he- le des jüdischen Tempelberges wurde.
stereotypen Wiederholungen, dass das rausgegeben wurde, änderte sich daran Fand nach jüdischer Überzeugung die
Volk weiter auf den Kulthöhen opferte, nichts, außer dass der Erwähnung des Entsühnung Israels einmal im Jahr am
vgl. 1 Kön 22,44 u. ö.). Daraus entwickel- Todes Jesu das Zitat von Lk 23,48 über Versöhnungstag statt, dessen Ritual im
te sich im mittelalterlichen Hebräisch das Fortgehen der Schaulustigen hin- Entsühnen des Allerheiligsten durch
die Bezeichnung christlicher Kirchen als zugefügt wurde und ein Epilog folgt, in den Hohepriester gipfelte (vgl. Lev 16;
Bamot. dem Flusser aber ausdrücklich schreibt, Mischna-Traktat Joma), so sieht das
© Cambridge University Digital Library

Der in der „Kultstätte der Irrenden“ dass es ihm nicht um das Schicksal Jesu Christentum im Tod Jesu auf Golgota
Begrabene wird nicht bei seinem Namen nach seinem Tod geht, sondern darum, die endgültige Entsühnung der ganzen
genannt, sondern nur „dieser Mann“ wie das ausgeprägte Selbstbewusstsein Menschheit (vgl. bes. Hebräerbrief).
(ʼoto haʼisch), eine Bezeichnung Jesu, des „historischen“ Jesu zur Christologie Wurden in der jüdischen Tradition die
die sich zur Zeit Benjamins von Tude- wurde und dies trotz des Traumas der Bindung Isaaks, das Grab Adams und
la in jüdischer Literatur bereits einge- Kreuzigung. Der Weg dorthin ging nach der Nabel der Welt mit dem Tempelberg
bürgert hatte und die zeigt, dass Juden Flusser über die Betonung des göttli- verbunden, so verknüpfte sie die christ-
nichts mehr zu tun haben wollten mit chen Wesens Jesu und der kosmischen liche Tradition mit Golgota (s. dazu den

welt und umwelt der bibel 1/2019 47


Grabsteine auf dem
jüdischen Friedhof
in Prag. Ein Grab im
„Haus der Ewigkeit“
(Bezeichnung für den
Friedhof nach Koh
12,8) wird nicht gemie-
tet, sondern gekauft,
um die dauerhafte
Totenruhe zu gewähr-
leisten. Ein leeres Grab
passt dazu nicht.

© Alamy
Beitrag von S. Schreiner, S. 35). Für das Land am See Genesareth, dort, wo bei von Jerusalem nach Tiberias, südlich
Grab Jesu werden keine ähnlichen Über- Migdal/Magdala das Tal des Arbel in des Arbeltales. Christliche Apokryphen,
nahmen in Anspruch genommen. Der den See mündet, lokalisieren. In diesem die „Pilatusakten“ und die „Sophia Jesu
Glaube an die Auferstehung ist vor dem Zusammenhang erwähnt Petachja von Christi“, verlegen die Himmelfahrt auf
Hintergrund biblischer und frühjüdi- Regensburg, der um 1180 das Heilige einen Berg in Galiläa, der sich ziemlich
scher Vorstellungen entstanden, aber Land bereiste, auf halber Höhe der Hör- sicher im Arbeltal lokalisieren lässt.
seine Verankerung am Ort des Gesche- ner von Hittim am Rand des Arbeltales Ist es möglich, dass die Namens-
hens konnte wohl auch deshalb nicht an das Grab Josua bin Nuns. Er berichtet gleichheit zwischen Josua bin Nun, Je-
jüdische Vorbilder anknüpfen, weil für auch vom Fußabdruck des Engels, der sus/Josua von Nazaret und Josua ben
das Judentum das Kommen des Messias dort stand, als Gott die Erde beim Tod Jehozadak das Entstehen eines lokalen,
und der Endzeit in der noch nicht greif- Josuas erbeben ließ und der aussieht endzeitlichen, aus mehreren ineinander
baren Zukunft liegen. wie der Fußabdruck eines Mannes, der verschmelzenden Personen zusammen-
Daher hilft es nicht viel weiter, zu im Schnee geht. Diese apokalyptischen gesetzten Josuamythos ermöglichte, in
versuchen, mit einem Blick auf jüdi- Begleiterscheinungen bei Josuas Tod dem auch das Geschehen um die Aufer-
sche Gräberverehrung ein jüdisches finden sich nicht im biblischen Bericht stehung „dieses Mannes“ einen Platz in
Verständnis für das Grab Jesu zu gewin- (Jos 24,29-30), sondern erstmals im Mid- jüdischer Tradition fand? W
nen. Sie ist religionsphänomenologisch rasch zum Buch Rut aus dem 6. Jh. Die
gesehen eine Parallele zu der Verehrung Ähnlichkeit zur Auferstehungserzäh-
christlicher Heiligengräber und nicht zu lung des Matthäus mit dem gewaltigen
dem einzigartigen Grab, das gerade dar- Erdbeben und dem Engel in einem „Ge- Tamar A. Avraham
in, dass es nicht Grab blieb, zum Ort ei- wand weiß wie Schnee“, der den Stein M.A. ist Theologin mit
ner heilsgeschichtlichen Wende wurde. vom Grab rollt (Mt 28,2-3), ist frappie- Zusatz­studien in
Judaistik, Reli­gions- und
Abschließend soll jedoch eine Mög- rend.
Islamwissenschaft und
lichkeit aufgezeigt werden, die der is- Eine weitere, letztlich im in das 7.
langjährige wissen-
raelische Historiker Elchanan Reiner Jh. datierten Buch des Serubabel aus- schaftliche Mitarbeiterin
nachzuzeichnen versucht hat und die führlich entfaltete Tradition verlegt das an der Schoah-Gedenk-
inmitten galiläischer jüdischer Volks- Kommen des Messias in das Tal des Ar- stätte Yad Vashem.
frömmigkeit Jesus von Nazaret und sei- bel, das als Tal Josuas ben Jehozadak, Ihre Forschungsschwer-
nem Grab einen Platz im endzeitlichen eine in der apokalyptischen Literatur punkte: Topologie und Theologie der heiligen
Orte der drei monotheistischen Religionen
Szenario geben kann. häufig auftretende Figur, bezeichnet
in Jerusalem; Zivilreligion in Israel und Sied-
Ab dem 2. vorchristlichen Jahrhundert wird. Die ältesten, aramäischen Teile
lertheologie; Erinnerungskultur und -verdrän-
entwickeln sich Traditionen, die ent- der Toledot Jeschu-Literatur verlegen gung in Israel.
gegen aller biblischen Geographie den Hinrichtung, Begräbnis, Zweitbegräb- Als Reiseführerin begleitet sie Gruppen durch
Einzug der Israeliten in das Verheißene nis und Vorweisen des Leichnams Jesu Israel. Sie lebt in Jerusalem.

48 welt und umwelt der bibel 1/2019


Das Heilige Grab in russischen und polnischen
Pilger- und Reiseberichten

Vom Höhlenkloster
zum Heiligen Grab
Es gibt prominente Pilger/innen wie Egeria oder den
anonymen Pilger von Bordeaux, die bei ihren Besuchen an
der Grabeskirche immer wieder zitiert werden. Daneben
haben aber auch Menschen anderer Länder das Heilige
Land besucht. Deren Erlebnisse sind nicht minder
eindrucksvoll. Von Stefan Schreiner

© Digitale Sammlung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe

Der heilige Tempel, den die heilige Königin Helena gebaut hat.
Zeichnung von 1487 aus: Konrad Grünenberg, Beschreibung der Reise
von Konstanz nach Jerusalem.
S
pätestens seit Kaiserin Helena, Land berichtet wird, gehören der heili- serstadt“ genannten Konstantinopel
die Mutter Kaiser Konstantins, ge Theodosius von Kiew, der 1022 noch nicht minder wichtig war und es Pilger
in den 20er-Jahren des 4. Jh. ihre von seinem Heimatort Kursk aus nach aus dem lateinischen Kulturkreis eben-
denkwürdige Pilgerreise nach Jerusalem Jerusalem gepilgert ist, und der heilige so zu wichtigen Stätten der römisch-
unternommen hat, mit der die Überlie- Varlaam, der 1062 eine Pilgerfahrt ins katholischen Kirche zog (Rom, Santiago
ferung u.  a. die Auffindung von Resten Heilige Land unternommen hat. Von der de Compostela etc.), so war und blieb
des Kreuzes Christi und des Ortes seiner heiligen Euphrosyne von Polozk, der Ur- das eigentliche Ziel ihrer Pilgerfahrten
Kreuzigung verbun­ den hat, über dem enkelin des Großfürsten Vladimir (um jedoch von allem Anfang an das Heilige
später die Anastasis („Auferstehung“) 960–1015), unter dem die Christianisie- Land und der Besuch der dortigen heili-
genannte, in der lateinischen kirchli- rung Russlands begann, ist überliefert, gen Stätten, allen voran Jerusalems und
chen Tradition als Sepulchrum Domini dass sie während ihrer Pilgerfahrt in des Heiligen Grabes. In dieser Hinsicht
(„Grab des Herrn“) bekannte Basilika Jerusalem gestorben ist. Sie und all die unterschieden sich orthodoxe und latei-
errichtet worden ist, gehören das Hei- anderen, die ihren Fußspuren folgten, nische Christen nicht voneinander.
lige Land und seine heiligen Stätten zu lassen die Pilgerfahrt wie im westlichen, Von der Bedeutung, die diese Orte so-
den Orten, die für Christen aus Ost und so auch im östlichen Europa alsbald zum wohl für die russisch-orthodoxe Kirche
West, aus Nord und Süd zu allen Zeiten festen Bestandteil nicht nur ihres religiö- als auch für die russische Kultur insge-
in besonderer Weise Sehnsuchtsorte sen Lebens, sondern ebenso auch ihrer samt haben sollten, zeugen zum einen
und Ziel von Pilgerfahrten geworden Alltagskultur werden. Welche gesell- die zahllosen Pilger- und Reiseberichte
und bis heute geblieben sind. Das war schaftliche und politische Bedeutung die mit ihren zum Teil ausführlichen Jerusa-
und ist auch unter den Christen, gleich Pilgerfahrten in kurzer Zeit haben soll- lemschilderungen und deren intensive
welcher Denomination, im östlichen ten, belegt nicht zuletzt der Umstand, Rezeption und zum anderen die vielfäl-
Europa nicht anders. Offenbar gehört dass Pilger-/ Pilgerinsein, wie im Westen tige, gut dokumentierte bis heute fort-
Pilgern zu den menschlichen Grundbe- seit dem frühen Mittelalter, nun auch im währende Präsenz russisch-orthodoxer
findlichkeiten. Osten Europas zu einem eigenen, beson- Christen und Institutionen im Heiligen
Schon bald nach der im 10. Jahrhun- deren rechtlichen Status geworden war, Lande, die mit der 1881 gegründeten
dert einsetzenden Christianisierung im zu dem seit karolingischen Zeiten bereits Kaiserlichen Orthodoxen Palästinischen
östlichen Europa begeben sich Christen auch ein spezieller „Reisepass für Pilger“ Gesellschaft einen Höhepunkt erlebte
auf Pilgerfahrt, aus welchen Gründen, (litterae tractoriae) gehörte. und in deren Veröffentlichungen reiches
über welchen Weg und mit welchem Ziel Wenn orthodoxen Christen auch die Material zum Thema in Wort und Bild zu
auch immer. Zu den Ersten, von denen Pilgerfahrt zum heiligen Berg Athos und finden ist (https://www.ippo.ru).
eine Pilgerfahrt aus Russland ins Heilige nach dem in russischen Berichten „Kai- (Fortsetzung S. 53)

Quellentext 1: Al-Adrisi über grabeskirche und heiliges grab


Der Geograph am Hofe des Normannenkönigs Roger II. (1095–1154), Abu- ‘Abd Alla-h Muh.ammad b.
Muh.ammad b. ‘Abd Allaa-h b. Idrı-s al-Idrı-sı- (Ceuta um 1100–1166 Palermo?), schreibt in seinem großen Werk
„Reisevergnügen dessen, der sich sehnt, die Horizonte zu durchqueren“:

„Bait al-Muqaddas (Jerusalem) ist eine stiegen ist, stößt man auf das berühmte Wenn man diese bedeutende Kirche
erhabene alte Stadt, voll alter Bauwerke Heilige Grab, das zwei Pforten hat und verlässt und Richtung Osten weitergeht,
[...]. Wenn man [die Stadt] durch das Bab von einer Kuppel überwölbt ist. Es ist erreicht man al-Bait al-Muqaddas (Tem-
al-Mihra-b betritt, das ist das Westtor, wie ein massives, stark befestigtes und reich pel), den Sulaima-n b. Da-’u-d (Shelomo b.
wir gesagt haben, gelangt man gerade- verziertes Bauwerk [...]. Östlich dieser Dawid), Friede über ihn, erbaut hat. Das
wegs nach Osten über eine breite Straße Kirche, ein klein wenig nach Süden hin, war der Gebetsplatz (masğid), zu dem
zur gewaltigen Kirche, die als KanIsat al- befinden sich das Gefängnis, in dem der man in den Tagen gepilgert ist, als die Ju-
Qiyama (Anastasis, d. i. Auferstehungs- Herr Christus (as-Sayyid al-Ması-h.) gefan- den die Macht [über ihn] hatten. Dann ist
kirche) bekannt ist. Die Muslime nennen gen war, und der Ort der Kreuzigung. Die er ihnen genommen worden, und sie wa-
sie Quma-ma (Müllhaufen). Das ist die große Kuppel hat zum Himmel hin offene ren von ihm ausgesperrt bis zur Zeit des
Kirche, zu der man aus allen christlichen Nischen, in denen sich Abbildungen der Islams. Unter der Herrschaft der Muslime
Ländern im Osten und im Westen der Propheten, des Herrn Christus, der Herrin hat er seine Größe wiedererlangt […].“
Erde pilgert. Man betritt sie durch ein Tor Maria (as-Sayyida Maryam), seiner Mutter,
an der Westseite und befindet sich mitten und Johannes´ des Täufers befinden. Un- Quelle: al-Idrı-sı-, Nuzhat al-mušta-q fı--
unter der Kuppel, die die ganze Kirche ter den über dem Heiligen Grab hängen- ’htira-q al-a-fa-q (III,5), 2 Bde. Kairo 1422
bedeckt. Sie gehört zu den Weltwundern den Leuchtern fallen drei besonders auf, /˘2002, Bd. I, S. 358–359.
[...]. Wenn man in die Kirche hinabge- diese drei Leuchter sind aus Gold. Übersetzung von Stefan Schreiner

50 welt und umwelt der bibel 1/2019


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Quellentext 2: Abt Daniil über seine Pilgerfahrt ins Heilige Land

D aniil ist der erste russische Pilger ins


Heilige Land, von dem ein Pilgerbe-
richt erhalten ist. Geboren in der 2. Hälfte
geschützt. Unter dieser Kuppel befindet
sich ungeschützt die Grabstätte des Herrn,
von dieser Gestalt:
Kreuzigung des Herrn, zur Schädelstätte,
sind es ungefähr 12 Sashen. Die Stelle der
Kreuzigung des Herrn lag gen Osten, es
Es ist eine kleine, in einen Steinblock war droben auf einem Fels, höher als ein
des 11. Jh. im Gebiet Černigov (Südruss-
gehauene Höhle mit einer kleinen Tür, so Wachturm. Dieser Felsen war rund wie ein
land), hat er einige Zeit im Kiewer Höh- niedrig, daß man nur auf Knien gebückt kleiner Hügel. Ganz oben, in seiner Mitte,
lenkloster verbracht, bevor er am Beginn hineinkriechen kann, von nur geringer befindet sich, etwa 1 Elle tief und nicht
des 12. Jh. seine Pilgerfahrt ins Heilige Höhe, gänzlich gerundet, 4 Ellen in Länge ganz 1 Spanne breit, eine Spalte; rundlich,
Land unternommen hat. Der Pilgerbericht und Breite. Und wenn man durch die klei- und hier ward das Kreuz des Herrn errich-
gilt bis heute als eines der bedeutends- ne Tür in jene Höhle eintritt, so ist rechter tet. Tief im Inneren dieses Felsblocks ruht
ten Zeugnisse der altrussischen Literatur Hand gewissermaßen eine in jenen Höhlen- das Haupt des ersterschaffenen Menschen
fels gehauene kleine Bank, und auf dieser Adam. Bei der Kreuzigung, als unser Herr
und ist in gut 150 (zum Teil illuminier-
Bank lag der Leichnam unseres Herrn Je- Jesus Christus am Kreuze seinen Geist auf-
ten) Handschriften und zahlreichen seit
sus Christus. Heute ist jene heilige Bank gab, damals, als der Vorhang im jüdischen
dem 19. Jh. erschienenen Druckausga- mit Marmorplatten bedeckt. Seitlich sind Tempel vor dem Allerheiligsten entzweiriß
ben sowie Übersetzungen ins Deutsche, drei kleine runde Fenster eingelassen, und und die Felsen zersprangen, da barst auch
Französische, Englische, Italienische und durch sie kann man den heiligen Stein se- jener Fels über dem Haupt Adams, und
Polnische überliefert. Sie zeugen je auf hen, und alle Christen küssen ihn. In der durch jenen Riß gelangten Blut und Wasser
ihre Weise nicht nur von Daniils enormen Grabstätte des Herrn hängen fünf große aus den Rippen des Herrn auf das Haupt
Popularität, sondern ebenso auch von der Lampen mit Öl, und diese heiligen Lampen Adams und wuschen das Menschenge-
brennen ohne Unterlaß, Tag und Nacht. schlecht von all seinen Sünden rein. Jener
Bedeutung, die ihm nicht zuletzt für die
Jene heilige Bank, wo der Leichnam Christi Riß im Fels ist bis auf den heutigen Tag –
Rekonstruktion der „christlichen Topo- lag, ist 4 Ellen lang und 2 Ellen breit und ½ auf der rechten Seite der Stätte der Kreu-
grafie“ des Heiligen Landes und seiner Elle hoch. Vor dem Eingang zur Höhle liegt zigung des Herrn – als verehrungswürdiges
heiligen Stätten zukommt, wie sie seit ein Stein, 3 Fuß von der kleinen Höhlentür Zeichen zu erkennen.“
dem Beginn der Kreuzzüge entwickelt entfernt. Auf jenem Stein saß der Engel, der
und in der zeitgleich entstehenden christ- den Weibern erschien und ihnen die Aufer- Aus: Die Wallfahrt des Igumen Daniil, in:
lichen Kartografie abgebildet worden ist. stehung Christi verkündigte […] Klaus Müller (Hg.), Itineraria rossica. Alt-
„Die Heilige Stadt Jerusalem liegt in einer Hinter der Wand, außerhalb des Altar- russische Reiseliteratur (Reclam Bücherei,
Talsenke, um sie herum ist hohes Felsen- raums, ist der Nabel der Erde […] 1160), Leipzig 1986, S. 34–99.
gebirge. […] Hier erhebt sich unweit des Vom Nabel der Erde bis zur Stätte der
Weges, etwa 1 Werst entfernt, ein niedriger
Hügel. Dort sitzen alle vom Pferde ab, stel-
len kleine Kreuze auf und verneigen sich
auf dem Wege zur Stadt in Ehrfurcht vor der
heiligen Auferstehungskirche.
Die Kirche der Auferstehung des Herrn ist
gänzlich rund angelegt, sie hat zwölf runde
Säulen und sechs viereckige aus Ziegeln
gemauerte Pfeiler; sie ist wundervoll mit
Marmorfliesen ausgelegt und hat sechs Tü-
ren und sechzehn Säulen im Chor. Darüber
unter der Kuppel sind die heiligen Prophe-
ten in Mosaik dargestellt, als stünden sie
lebend da, und über dem Altarraum ist
Christus in Mosaik nachgebildet. Im großen
Altarraum ist die Erhöhung Adams als Mo-
saik dargestellt und oben unter der Kuppel
die Himmelfahrt des Herrn; an beiden Sei-
ten des Altarraums ist auf zwei Säulen die
Verkündigung der Gottesmutter, ebenfalls
in Mosaik, abgebildet.
Die Kuppel der Kirche ist nicht bis zum
Xxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Abschluß aus Stein gewölbt gefertigt, son-


Schreiner

dern von Zimmerleuten lediglich aus be-


hauenen einzelnen Balken aufgerichtet. So
ist die Kirche ohne Dach und durch nichts
© Stefan

Das Heilige Grab und die „Säule Davids“ in Jerusalem. Kolorierte Zeich-
nung der Ädikula der Grabeskirche in der Handschrift über die Pilgerfahrt des
Abtes Daniil aus Kiew, erste Hälfte 17. Jh., Papier, Tinte, Zinnober, Tempera.
xxxxxxx
Hier steht
xxxxxxxxx
vorerst
xxxxxxxxxxxx
ein blindtext xxxxxxx xxxxxxxxx xxxxxxxxxxxx

QUellentext 3: Aus dem Reisebericht des Mikołaj Krzysztof Radziwiłł :

zu denen er christliche Theologen aller weiß hat er die Türcken betrogen / und das
Denominationen, Rabbiner und Vertreter ander Gelt / das er jnen zu geben schuldig
karäischer und muslimischer Gemeinden / vor sich behalten.
seines Landes eingeladen hatte. Sein Bald nach dem eingange in die Kirche
polnisch geschriebener Reisebericht er- seynd wir in die Capell deß H. Grabs ge-
schien zunächst in lateinischer Überset- tretten / und da wir ein Vatter unser / sampt
zung, die 1603 bereits ins „Teutsche“ dem Englischen Gruß und Collect gespro-
(und später auch in andere Sprachen) chen / darzu den H. Ort geküsset / gien-
gen wir in die Capell / wo die Brüder den
übersetzt, in Mainz verlegt und mehrmals
Gottesdienst verrichten: […] Allhier ist ein
nachgedruckt worden ist, so im 2. Band
Procession mit den Fahnen angestellet /
von Sigmund Feyerabends (1528–1590)
deren wir als Frembde mit angezündeten
bekanntem „Reyßbuch deß heyligen
Wachskerzen / zween und zween seyndt
Lands“ (1609), in dessen Vorwort es nachgefolget.
heißt, darin stünden „sehr nützliche, lus- Zum ersten / seynd wir zum kleinesten
tige und seltzame ding, im Heiligen und Altar / auff der rechten seit der Pforten
Egyptischen Landt, in vielen Inseln auff kommen: […] Er stehet den Catholischen
dem Meer und Nilo, von den Christen, zu / hat vollkommenen Ablaß / wie auch der
Türcken, Arabiern, und anderer aller- Altar / so darinn ist / in welchem die Säul
hand jetziger Zeit [...] deß Gegeisselten Christi gelegt ist.
Von hinnen zwo Meilen / nach der 22. […] Die Capell deß Gefängnuß stehet
Stund / haben wir die heilige Stadt Hieru- den Griechen zu / und hat sieben Jar / und
salem von fern angeschawet / Gott danck sieben quadragenas (welche sieben quad-
gesaget / daß er uns die Gnade verliehen / ragenæ / vor sieben mal vierzig Tage ge-
die Stadt zu sehen / und ein jeder auß uns rechnet werden) Ablaß.
ein Vatter unser / und den Englischen Gruß […] Man gehet von hinnen zum Altar /
gesprochen / den vollkommenen Ablaß zu indem ort gelegen / da die Kriegsknechte
Das Heilige Grab, aus: Konrad erlangen / mit welchem die Bäpst alle / so uber die Kleider Christi das Loß geworffen
Grünenberg, Beschreibung der Reise die Stadt zum ersten anschawen begnadet. […] Er ist den Armeniern zustendig / und
von Konstanz nach Jerusalem, 1487 In der Kirchen seynd wir zum ersten auff hat sieben Jahr / mit so viel quadragenis
unsere Knie gefallen / das Lied Te Deum Ablaß.
laudamus gesungen / Gott dem HERRN für […] Nach den Creutzen / stehet ein

D er einer weitverzweigten, höchst eine solche Wolthat gedanckt / daß er uns Wand in der Kirchen / hinter deren ein Ca-
einflussreichen polnisch-litauischen and die heilige Oerter / in welchen seine pell ist / den Abyssinern zugehörig: an wel-
Adelsfamilie entstammende Mikołaj Füsse gestanden haben / unser Seligkeit chem ort Abraham seinen Sohn Isaac hatte

© Digitale Sammlung der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe, Cod. St. Peter pap. 32, fol. 44r
zu wircken / in guter Leibs Gesundheit hett wöllen auffopffern.
Krzysztof Radziwiłł hatte in Leipzig, Straß-
lassen kommen: darauff hat man uns Kam- Es werden auch die Krämer in diß Ort
burg, Tübingen, Rom und Paris studiert
mern zugeeignet / darinnen die Frembden gelassen / so zu Jerusalem wohnen / und
und im Laufe seines Lebens alle hohen
pflegen einzukehren / und alsdann das etliche Sache verkauffen / die zur Andacht
Ämter inne, die die polnisch-litauische
Abendessen vorgestellt. gehören / als da seyn Rosenkräntz / auß öl-
Adelsrepublik zu vergeben hatte. Wenn er
Nach diesem haben daselbst Francis- bawm / und Erden gemacht / daraß unser
auch zu den Verfechtern der Gegenrefor-
caner vor unserm jeglichen eilff Cecchi- erster Vatter Adam erschaffen seyn solte.
mation gehörte, hatte er die traditionelle
nos dargelegt / welche zwey und zwenzig Jtem / mancherley Steinlein gleich wie Kör-
Toleranz der Radziwiłł-Familie Anders- ner eines Rosenkrantzes / Creutzer darinn
Gülden machen. Von einem jedern Haupt
gläubigen gegenüber nie aufgegeben. Im Heiligthumb von der heiligen Erden gefast
oder Person zahlt man wegen deß eingangs
Gegenteil, wie auch der Bericht über sei- / das Maß vom H. Grab / und andere der
in die Stadt zween Cecchiner, neun aber /
ne – heute würde man sagen: interkultu- gleichen Sachen. Darumb seynd wir alle
damit er zum Heiligen Grabe mög zugelas-
relle – Studienreise ins Heilige Land, nach sen werden. […] Dieweil dann mein Koch hinauß gangen / daß niemandt darinn blie-
Syrien und Ägypten belegt, die er, mit ei- für einen Leyen Bruder / wegen des Habits ben ist: dann die Türcken zehlen alle so he-
nem Geleitbrief Papst Gregors XIII. ausge- angesehen ward / wolten die Türcken er rauß gehen / zur Nachrichtung / ob jrer so
stattet, in den Jahren 1582 bis 1584 un- sol ein Eyde thun / dass er Geistlich were: viel außtretten / als viel jrer in die Kirchen
ternommen hat. Bemerkenswert ist, dass wie er darauff kein Eyde thun kondte / das eingelassen worden.“
er unter dem Eindruck der Begegnungen zu bekräfftigen / was er nicht war / hub er
mit Anhängern anderer Religionen im Na- die Hand auff / und erkandte er were nicht
hen Osten nach der Rückkehr auf seinem Geistlich: die Türcken aber vermeinten / er Sigmund Feyerabend, Reyßbuch deß hey-
Schloss in Nieśwież Gastgeber einer Rei- hette mit gutem Gewissen geschworen, da- ligen Lands, Bd. II, Frankfurt a. M. 1609,
he von interreligiösen Gesprächen wurde, rumb liessen sie ihn von sich. Auff diese S. 139–243.

52 welt und umwelt der bibel 1/2019


Quellentext 4:
Anzelm Polak OFM

Gleiches gilt für den lateini-


schen Kulturkreis des östlichen
minierten Handschriften vor, an-
dere immerhin noch in alten, oft
I n seiner „Beschreibung des Heiligen Landes und
der Stadt Jerusalem“, der ältesten von einem Polen
verfassten, zunächst auf Lateinisch (1512) und später
Europa und die Präsenz von ka- mit Bildern versehenen Drucken, auf Polnisch (1595–1617) gedruckten Landeskunde,
tholischen Christen aus Polen- manche aber auch in wissen- weiß der Franziskaner Anzelm Polak OFM (gest. um
Litauen im Heiligen Lande, allen schaftlichen Einzeleditionen.
1519/20) von der Grabeskirche und dem Heiligen
voran der dortigen Franziskaner, Dabei sind, wenn es um das
Grab Folgendes zu berichten:
die seit dem 13. Jh. eine besonde- Heilige Grab und seine Geschich-
re Beziehung zum Heiligen Lande te geht, gerade die Pilger- und
haben. Reiseberichte aus der Frühzeit „[…] Vom Kalvarienberg in nördlicher Richtung befindet
Nach den bis heute erhalte- der Pilgerreisen aus dem östli- sich das Gefängnis des Herrn Christus, etwa 12 Schritt
nen Pilger- und Reiseberichten chen Europa ins Heilige Land entfernt, in dem er eingesperrt und bewacht worden ist,
zu urteilen, bilden den Anfang höchst aufschlussreich: Zum ei- bis das Kreuz fertig war. Vor dem Gefängnis sind zwei
Vertiefungen auf dem Fußboden, an der Stelle, an der
der aus dem östlichen Europa nen datieren sie aus der Zeit der
er, bewusstlos herausgeführt, auf die Knie gestürzt ist,
stammenden Jerusalempilger ersten Wiederaufbauphase der
und von diesem Sturz her rühren die beiden Vertiefun-
russische Mönche und Priester, Grabeskirche nach ihrer Zerstö- gen. Hier gibt es vollständigen Ablass […]. Vom Grab des
bevor ihnen – zeitversetzt – pol- rung im Jahre 1009 unter dem Fa- Herrn 15 Schritt Richtung Norden ist die Stelle, an der
nische, litauische und andere timiden-Kalifen al-Ḥākim bi-amr der Herr Jesus nach seiner Auferstehung seiner Mutter
folgten. Zu ihnen gesellten sich Allāh (985/996–1021) und dem erschienen ist; dort ist eine Kapelle, in der die Brüder
alsbald Kaufleute und Geografen, Beginn der Herrschaft der Kreuz- ihren Gottesdienst feiern. Dort gibt es vollkommenen
Adlige, die sich eine solche Rei- ritter im Heiligen Lande (seit Ablass. Dort bewahrt man auch den Pfahl auf, an dem
se leisten konnten, Diplomaten 1098/99). Zum anderen stam- der Herr Jesus gegeißelt worden ist. In der Mitte eben-
und schließlich Forschungsrei- men sie aus der Zeit nach dem erwähnter Kapelle, beim Heiligen Grab des Herrn, sind
sende, Archäologen und Aben- Ende der Kreuzfahrerherrschaft, zwei runde schneeweiße Steine: einer, auf dem der Herr
Jesus stand, der andere, auf dem Magdalena stand, als
teurer, deren Reiseberichte und aus der Zeit der Herrschaft der
sich ihr der Herr Christus nach seiner Auferstehung zeig-
Abhandlungen bis heute oft wah- ägyptischen Mamluken über das
te, nachdem er von seiner Mutter gekommen war […].
re wissenschaftsgeschichtliche Heilige Land (1250–1517) bis zu Ebenerwähnte Kirche ist von Helena errichtet worden,
Fundgruben geblieben sind. So deren Niederwerfung durch die mit vielen ungleichmäßigen Wandelgängen, insgesamt
die Reiseberichte und wAbhand- Osmanen (1516/17); und schließ- aber dennoch wie eine Kathedrale, bei der es einen Um-
lungen von Mikołaj Krzysztof lich reflektieren sie die 1555 unter gang um den Chor gibt […]. An der Südseite ebener-
Radziwiłł (1549–1616), Vasilij G. Papst Julius III. (1487/1550–1555) wähnter Kapelle, weitere 11 Stufen nach unten, ist ein
Grigorovič-Barskij (1701–1747), einsetzende zweite Wiederauf- ausgehöhlter Felsbrocken, in dem nach der Auferstehung
Avraam S. Norov (1795–1860), Ig- bauphase der Grabeskirche. des Herrn Christus das Holz des Heiligen Kreuzes ver-
nacy Hołowiński (1807–1855) und Während des Abtes Daniil Be- steckt worden ist, bis es von Helena dort aufgefunden
Akim A. Olesnickij (1842–1907), schreibung und der annähernd worden ist. An jener Stelle der Mauer verspürt man einen
wunderbaren Duft, wie am Grabe der Seligen Jungfrau
um nur einige wenige von de- zeitgleiche Bericht des Geografen
Maria […].
nen zu nennen, die wesentlich al-Idrīsī (s. S. 50) aus der Zeit des
Der Bau der Kirche des Heiligen Grabs ist beachtlich
zur Erforschung nicht zuletzt der Beginns der ersten Wiederauf- groß und rund: in der Mitte der Kirche ist das Heilige
Kultur- und Religionsgeschichte, bauphase der Grabeskirche stam- Grab Christi umgeben von ziemlich vielen massiven Säu-
Geografie und Religionsgeogra- men, dokumentieren Berichte len, rundherum, in gleichem Abstand zum Grab, jeweils
fie und Archäologie beigetragen wie die des russischen Diakons an die 13 Schritt. Diese Säulen tragen ein großes hohes
haben. Zosima, der 1419–1422 auf Pilger- turmgleiches Gewölbe, das sich über dem Grab erhebt
Die Pilger- und Reiseberichte fahrt nach Jerusalem gegangen wie ein Kamin, in dem sich oben in der Mitte ein be-
nicht nur von Genannten bil- war, des Kaufmanns Vasilij, der achtlich großes Fenster befindet, das Licht gibt, nicht
deten sowohl in der russischen 1465/66 eine Reise nach Jerusa- nur dem Grab, sondern der ganzen Kirche; denn außer
als auch in der polnischen Lite- lem unternommen hatte, oder diesem gibt es kein anderes Fenster in der Kirche. Im
Winter fällt daher durch dieses Fenster starker Regen
raturgeschichte seit der frühen des oben bereits erwähnten pol-
auf das Grab des Herrn. Im Zwischenraum hinter jenen
Neuzeit ein eigenes literarisches nischen Franziskanermönchs An-
vorerwähnten Säulen bis zur Außenwand haben die ver-
Genre und wurden zu ihrer Zeit zelm Polak OFM (s. rechte Spalte) schiedenen christlichen Nationen ihren Ort.“
nur allzu oft Bestseller. Manche die Verhältnisse unter der Herr-
dieser Berichte liegen bis heute schaft der Mamluken und deren Nach dem lateinischen und polnischen Text übersetzt
nur in zum Teil kostbaren illu- Ende. W von Stefan Schreiner.

welt und umwelt der bibel 1/2019 53


Nachbauten des Heiligen Grabes und der Grabeskirche im Abendland

„… ähnlich dem in Jerusalem“

© Andreas Praefcke, Gemeinfrei, wikimedia

Die Reidersche Tafel ist die älteste bekannte Abbildung der Grabes Jesu. Sie entstand nur etwa 60
Jahre nach der Einweihung der Grabeskirche im jahr 335. Die Elfenbeintafel (18,7 x 11,5 cm) zeigt
unten die drei Frauen und den Engel. Oben sind die Jünger Jesu und der Auferstandene dargestellt..
Pilgerfahrten nach Jerusalem waren zeitweise zu teuer oder zu gefährlich. Trotz-
dem wollten und wollen Christen des Abendlands den wichtigsten Ort ihres Glau-
bens besuchen. So entstanden Nachbildungen des Grabes und der Grabeskirche
in erreichbarer Nähe – mitten in Europa. Die Verbindung mit dem auferstandenen
Herrn konnte auf diese Weise beibehalten werden. Von Georg Röwekamp

D
ann bringt man Weihrauchgefäße in die Kein Wunder, dass man diese Erfahrung aus
Grotte hinein, sodass die ganze Anasta- Jerusalem „mitnehmen“ wollte nach Hause, dass
sis-Basilika von den Düften erfüllt wird. man sie auch an anderen Orten machen wollte!
Dann nimmt der Bischof innerhalb der Schranken, Das geschah zunächst dadurch, dass man die
wo er steht, das Evangelium, trägt es bis zur Tür Form der Jerusalemer Liturgie „exportierte“:
und liest dort selbst die Auferstehung des Herrn. Schon kurz nach Egeria feierte man auch außer-
Wenn er begonnen hat zu lesen, brechen alle in halb von Jerusalem den Palmsonntag mit einer
ein solches Jammern und Klagen und in solche Palmprozession, Karfreitag mit einem Gang zum
Tränen aus, dass selbst der Härteste zu Tränen Kreuz und Ostern mit einem feierlichen Nacht-
darüber gerührt werden kann, dass der Herr so gottesdienst.
Großes für uns auf sich genommen hat.“
So beschreibt die Pilgerin Egeria Ende des
4. Jh. die Vigil, die jede Woche in der Nacht von Erste Versuche, die Grabeskirche
Samstag auf Sonntag am Heiligen Grab in Je- nachzuahmen
rusalem gefeiert wird. Diakone mit Weihrauch Später „exportierte“ man auch den Ort des
„spielen“ die Frauen am Grabe, der Bischof re- Geschehens, baute ihn nach – besonders im
präsentiert den Auferstehungsengel, der die lateinischen Westen. In einigen Fällen wurde
Osterbotschaft verkündet. Und entsprechend zu diesem Zweck der eigentliche Grabbau, das
intensiv erleben die Gläubigen die Ereignisse Zentrum der Anastasis, nachgebaut, andern-
nach, die mit diesem Ort verbunden sind. Und orts war es v. a. der große Rundbau, die Rotun-
Egerias Zeitgenosse Hieronymus berichtet, auch de, die nachgeahmt wurde. Allerdings ist nicht
unabhängig von der liturgischen Feier sehe er je- bei allen frühchristlichen und mittelalterlichen
des Mal, wenn er das Grab betrete, den Erlöser in Rundbauten genau festzustellen, ob ein be-
seinen Binden, und wenn er verweile, erblicke er wusster Bezug zur Grabeskirche vorliegt. Der
auch den Auferstehungsengel. Grund dafür ist die Tatsache, dass der Jerusale-
© Von Jochen Jahnke, selbst gezeichnet), Gemeinfrei, wikimedia

Grundriss der
Stiftskirche
St. Sepulchre
in Neuvy.
Vgl. die Pläne
der Grabeskirche
in Jerusalem,
S. 34, 43).

welt und umwelt der bibel 1/2019 55


Das Baptisterium
des Doms zu Pisa wurde
auf einem kreisförmigen
Grundriss nach dem
Vorbild der Rotunde der
Grabeskirche in Jeru-
salem 1151 begonnen.
1394 wurde der Bau
abgeschlossen. Er ist
mit 54 m Höhe und
einem Umfang von 197
m die größte Taufkir-
che der christlichen
Geschichte.

mer Bau selbst eine Vorgeschichte hat: Er nimmt der Kreuzfahrer, S. 40) seine Selbstständigkeit
die Form auf, die sich im spätrömischen Reich verloren.
für Mausoleen bedeutender Persönlichkeiten Solche Zweifel betreffen z. B. die Kirche S. Ste-
herausgebildet hatte – man denke an das Had- fano Rotondo in Rom aus der 2. Hälfte des 5. Jh.,
rian-Mausoleum (heute „Engelsburg“) und die die von manchen als ältester Nachbau der Anas-
Kirche S. Costanza in Rom. Hinzu kommt, dass tasis angesehen wird – zumal man in ihr (in
© public domain, wikimedia CC BY-SA 3.0, Blorg

viele frühchristliche Baptisterien oft eine runde ihrer ursprünglichen Form) auch schon ein Ab-
oder achteckige Form hatten – nicht zuletzt, bild des himmlischen Jerusalem hat sehen wol-
weil auch die Taufe für den Tod (des alten Men- len. Ebenfalls aus dem 5. Jh. stammt einer alten
schen) und die Auferstehung als neuer Mensch Überlieferung zufolge der Komplex S. Stefano
steht. Und schließlich diente ab der Kreuzfah- in Bologna: Der heilige Petronius soll ihn nach
rerzeit oft auch der Felsendom – zu dieser Zeit einer Pilgerfahrt ins Heilige Land gegründet ha-
als „Templum Domini“ bezeichnet – als Vorbild ben. Kunstgeschichtliche Untersuchungen ha-
für abendländische Rundbauten, hatte doch die ben aber ergeben, dass der Bau deutlich später
Rotunde der Grabeskirche durch den Kreuzfah- entstanden ist: Durch die Verwendung von Spo-
rerchor (s. den Artikel über die Grabeskirche lien (wiederverwendete Materialien aus einem

56 welt und umwelt der bibel 1/2019


„… ähnlich dem in Jerusalem“

älteren Bau) hat er (bewusst) ein altertümliches übrigens auch eine Templerkirche S. Sepolcro
Aussehen bekommen! Und in seiner heutigen befand, die ebenso wie diejenige in London ein
Form ahmt er die Situation der Grabeskirche Zentralbau ist – Letztere hat durch den Film
im 11. Jh. nach. An den Zentralbau schließt sich Sakrileg nach Dan Brown Berühmtheit erlangt.
ein Hof mit einer Kreuz- bzw. Golgotakapelle an, Errichtet wurde der Bau ab 1153, d. h. kurz nach
wobei die Entfernung vom Grab zu ihr genau mit dem zweiten Kreuzzug und in Konkurrenz zum
der in Jerusalem übereinstimmt. Das eigentliche gerade fertiggestellten Baptisterium des Doms
Grab im Rundbau von S. Stefano/S. Sepolchro zu Florenz. Die Ähnlichkeiten zwischen Jeru-
wurde im 13./14. Jh. erneuert und der damaligen salem und Pisa sind heute v. a. im Grundriss
Form des Jerusalemer „Originals“ angepasst. Im deutlich: 12 Stützen tragen den Bau mit dem
deutschen Sprachraum gilt Ähnliches für die Taufbecken anstelle des Grabes im Zentrum.
Friedhofskapelle St. Michael in Fulda: Manchen Anstelle der heutigen Kuppel besaß der Bau zu-
gilt der eindrucksvolle Rundbau vom Anfang des dem ursprünglich ein konisches Dach wie der
9. Jh. als ältester erhaltener Nachbau der Anas- mittelalterliche Bau in Jerusalem. Vor allem aber
tasis überhaupt – eine Ädikula mit Heiligem steht das Baptisterium genau in der Achse der ei-
Grab, die belegt, dass der Bau nun so verstanden gentlichen Kathedrale/Basilika. Damit greift der
wurde, ist aber erst ab dem 11. Jh. bezeugt. Komplex, ja der ganze, weite „heilige Bezirk“ das
Konzept der Gesamtanlage der konstantinischen
Grabeskirche auf, das in Jerusalem inzwischen
Bewusste Nachbauten der Grabeskirche
Aus dieser Zeit gibt es dann die ersten unzwei-
felhaften Nachbauten: Schon der Name Saint-
Sépulchre für die Kirche von Neuvy (in Zent-
ralfrankreich) belegt, dass der Bau mit einer
entsprechenden Intention errichtet wurde: 1027
hatte der Adelige Eude de Déols ein Stück vom
Heiligen Grab mit nach Europa gebracht, das
kurz zuvor vom Kalifen al-Hakim dem Erdbo-
den gleichgemacht worden war. In der Mitte des
Rundbaus mit 22 m Durchmesser hat bis 1806
zudem ein Heiliges Grab gestanden. (Auch die
kleine, heute eher unbekannte Kapelle von Drüg-
gelte am Möhnesee verdankt ihren Ursprung der
Pilgerreise eines lokalen Adeligen und ahmt den
Rundbau mit seinen Säulen nach.)
Bei der Planung des Baus in Neuvy hatte viel-
leicht die gewaltige Abteikirche S. Benigne in Di-
jon (Burgund) als Vorbild gedient, mit deren Bau
um 1000 unter Abt Wilhelm von Volpiano begon-
nen wurde – also noch vor Zerstörung der by-
zantinischen Grabeskirche. Tatsächlich bestand
S. Benigne aus einer fünfschiffigen Basilika, die
in eine dreigeschossige Rotunde überging (von
der heute nur noch das Untergeschoss als Krypta
erhalten ist) – also fast genau das Konzept, das
Pilger in Jerusalem kennenlernten. Dabei war
der Rundbau in Dijon in gewisser Weise eine
© public domain, wikimedia, Bernd.Brincken

romanische Weiterentwicklung der spätantiken


Anastasis-Rotunde: Über den Arkaden der drei
Geschosse öffnete sich die Kuppel zum Himmel
– ganz ähnlich war dann später auch der Kreuz-
fahrerbau in Jerusalem mehrgeschossig und
nach oben hin offen!
Ein besonders eindrucksvoller mittelalterli-
cher Nachbau der Grabrotunde ist das Baptis- Die Kathedrale des Klosters Neu-Jerusalem in Istra (Russland)
terium des Doms zu Pisa (Abb. S. 56), wo sich ahmt die Grabeskirche inklusive Ädikula nach (1656).
Die Rotunde
Saint-Sépulchre
in Angers stellt eine
maßstabsgetreue
Nachbildung des
Heiligen Grabes dar
(1931-35).

die Gestaltung des Haram asch-Scharif schen Angers eine Rotunde mit Kuppel lungen der Ostereignisse – der Text des
mit al-Aqsa-Moschee und Felsendom und maßstabsgetreuer Nachbildung des Osterspiels von Gernrode aus dem Jahr
inspiriert hatte, und macht gleichzeitig Grabes: Die Kupferlampen darin stam- 1130 ist erhalten.
den genannten Bezug der Taufe zu Tod men genauso aus dem Heiligen Land wie Eine Kurzform dieser gespielten Dia­
und Auferstehung Jesu überdeutlich! die Zedern, die den Weg dorthin säumen. loge zwischen Maria und einem Chor
Unsicher ist, ob die frühgotische Lieb- Und anders als in Jerusalem ist die ei- findet sich auch in der lateinischen Os-
frauenkirche in Trier, ebenfalls ein ein- gentliche Grabkammer als Raum für die tersequenz „Victimae paschali laudes“.
drucksvoller Zentralbau, Bezüge nach persönliche Andacht hergerichtet. Dort heißt es u. a.:

© Par Sémhur (talk) — Travail personnel., CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12171129


Jerusalem aufweist oder ob der Grund- „Sag uns, Maria, was hast du gesehen
riss lediglich durch die Vorgängerbauten auf dem Wege?
vorgegeben war. Andererseits besaß und Nachbauten von Grab und Ädikula Das Grab Christi, der lebt, hab ich ge-
besitzt der benachbarte Trierer Dom mit Dass sie für die religiöse Praxis brauch- sehen und seine Herrlichkeit, da er auf-
dem „Heiligen Rock“ eine der wichtigs- bar sein sollten, bestimmte auch die erstanden ist, und Engelszeugen, das
ten Reliquien, die mit der Passion Jesu frühen Nachbauten des eigentlichen Schweißtuch und die Leinentücher.
in Zusammenhang stehen, und auch die Grabes bzw. der Ädikula – dies scheint Auferstanden ist Christus, meine Hoff-
Liebfrauenkirche besaß einst – wie ab sogar wichtiger gewesen zu sein als ex- nung. Vorangehen wird er den Seinen
1300 immer mehr Kirchen – eine spätmit- akte Nachahmung oder Maßstabstreue: nach Galiläa.“
telalterliche Darstellung der Grablegung. Für die Rekonstruktion des ursprüngli- Möglicherweise war sogar das in
Aus den zahllosen Bauten, die auf chen Aussehens sind Werke der Klein- der Kreuzfahrerzeit in Jerusalem auf-
die Grabeskirche zumindest anspielen, kunst wie die Pilgerampullen von Mon- geführte Osterspiel die Inspiration für
seien noch zwei hervorgehoben: Im rus- za (Abb. S. 24) hilfreicher. die abendländischen Fassungen, auch
sischen Istra, 60 km westlich von Mos- Besonders deutlich wird das beim wenn manches dafür spricht, dass
kau, entstand im 17. Jh. ein kompletter ältesten erhaltenen „Heiligen Grab“ im schon die Westchöre karolingischer Kir-
Nachbau der kreuzfahrerzeitlichen Gra- deutschen Sprachraum in der Stifts- chen für solche Spiele genutzt wurden
beskirche: Die Auferstehungskathedrale kirche von Gernrode (um 1060/80). (immerhin entspricht die Lage dieser
des Klosters „Neu-Jerusalem“, die sei- Die Wände dieses Baus sind mit Relief- Chöre im Westen der Kirche der Situati-
nerzeit auch dazu diente, die Machtan- darstellungen von österlichen Szenen on in Jerusalem, und z. B. für das Esse-
sprüche des Patriarchen Nikon zu unter- geschmückt, die vermutlich von früh- ner Münster ist solch ein Brauch sicher
mauern, wurde im 2. Weltkrieg zerstört, christlichen Elfenbeinschnitzereien ins- bezeugt).
aber inzwischen prachtvoll restauriert. piriert sind und u. a. die Begegnung des Freie Nachbildungen der Ädikula
Selbst das 20. Jahrhundert kennt noch Auferstandenen mit Maria Magdalena sind auch das Heilige Grab im Magde-
Nachbauten der Grabeskirche: 1935 abbilden. Tatsächlich diente das Grab burger Dom und jenes im Münster von
errichtete ein Privatmann im französi- auch als „Kulisse“ für szenische Darstel- Konstanz. Der zwölfeckige Bau aus der
Das Heilige Grab
in der Cyriakuskir-
che von Gernrode
mit der Darstellung
von Maria Magda­
lena an einer
Außenwand ist wohl
der älteste „Nach-
bau“ des Grabes
Jesu in Deutsch-
land.

Zeit um 1260 steht in der sogenann- Pilgerberichten der Kreuzfahrerzeit: Da dem 19 Jh. und wurde nach alten Bil-
ten Mauritius­ rotunde, die die Anasta- ist von einer Überdachung des ganzen dern ergänzt – u. a. nach dem im Bericht
sis nachahmt – und schon vorher, um Grabes die Rede (die später durch das des Bernhard yon Breydenbach, der
940, hatte darin eine Kopie des Grabes Ziborium ersetzt wurde). eigens den Maler Erhard Reuwich mit
„ähnlich dem in Jerusalem“ gestanden Die vielleicht getreueste Kopie des auf die Reise genommen hatte. Dessen
(sepulchrum Domini in similitudine illi- Grabes, das die Kreuzfahrer bald neu Darstellung hat möglicherweise auch
us Ierusalemitani), welches der Bischof gestalteten, ist jene, welche sich heu- dem zweiten berühmten Heiligen Grab
Konrad von Altdorf nach der Rückkehr te in der Kapuzinerkirche in Eich- im deutschen Sprachraum als Vorlage
von seiner zweiten Pilgerreise nach Rom stätt befindet. Sie entstand nach dem gedient, das von dem Görlitzer Bürger
hatte errichten lassen. 2. Kreuzzug um 1150/60 in der runden Georg Emmerich zwischen 1481–1504 er-
Eine künstlerische Kostbarkeit stellt Heiligkreuzkirche der Iroschotten und richtet wurde, nachdem er 1465 eine Pil-
auch das von Giovanni Rucellai in ei- wurde später verlegt. Vor einer ovalen gerreise unternommen hatte, bei der er
ner Seitenkapelle der Florentiner Kirche Grabkammer befindet sich die recht- in der Grabeskirche zum Ritter geschla-
S. Pancrazio errichtete Grab (um 1460) eckige Engelkapelle, in die neben dem gen worden war. Die Besonderheit des
dar: Er hatte damit einen der angese- ursprünglichen Eingang von vorn zwei Grabes liegt u. a. darin, dass es Teil ei-
hensten Architekten seiner Zeit, Leon weitere Eingänge rechts und links ein- ner größeren Gedächtnislandschaft ist:
Battista Alberti, beauftragt. Der Bau gelassen sind: Anders als heute war so Neben dem Grab – maßstäblich korrekt,
© public domain, wikimedia, RomkeHoekstra - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

zeigt zwar einige „orientalische“ Details ein „Einbahnverkehr“ durch die Ka- aber kleiner als das Original – finden
(besonders ein Ziborium mit gedrehtem pelle möglich. Auch die drei Löcher in sich u. a. Jüngerwiese, Kidrontal und Öl-
Kegel) und – als echter Renaissancebau der Bank, auf die der Leichnam gelegt berg sowie eine zweistöckige Kalvarien-
– antike Stilelemente, ist aber ansonsten wurde, mit deren Hilfe die Pilger die bergkapelle und eine Salbungskapelle.
keine Imitation des Jerusalemer Baus. Felsreste berühren konnten, die nach Damit steht das Heilige Grab von Gör-
Eine umlaufende Inschrift, anknüpfend der Zerstörung des ursprünglichen Gra- litz mit am Anfang einer Entwicklung,
an römische Tradition, enthält die Bot- bes durch den Kalifen al-Hakim übrig bei der immer größere Teile des Heiligen
schaft der Engel: YHESUM QUERITIS geblieben und nun durch Marmorplat- Landes nachgebildet oder ganze from-
NON EST HIC („Ihr sucht Jesus; er ist ten weitgehend verdeckt waren, sind me „Erlebniswelten“ errichtet wurden,
nicht hier …“). nachgebaut. Dieses Modell prägte die in denen dann die Ähnlichkeit der Ein-
Und doch gibt es auch die „echten“ Vorstellung vom echten Grab so sehr, zelbauten nur noch eine untergeordnete
Nachbauten/Nachahmungen der Grab- dass der Pilger Hans Tucher im 15. Jh. Rolle spielte. Das konnte im „Kleinfor-
ädikula. Ein frühes Beispiel befindet bemerkte, das Grab in Jerusalem sei mat“ geschehen, indem man in einem
sich im Dom von Aquileia aus dem dem in Eystett sehr ähnlich … Bau die wichtigsten Orte zusammenfass-
11. Jh. Die Rundform mit dem kegel- Der Aufbau aus Geländer und Zibori- te. Beispiele hierfür sind zum Beispiel
förmigen Dach passt gut zu den ersten um stammt in Eichstätt allerdings aus die Jerusalemkirche von Brügge, wo

welt und umwelt der bibel 1/2019 59


Hier steht vorerst ein blindtext

sich unter einem Kalvarienberg ein Heiliges


Grab befindet, die Kreuzkapelle auf dem Ve-
nusberg in Bonn, wo Heilige Stiege und Grab
kombiniert sind, oder die Kapelle „Beith Je-
Das Heilige rusalem“ in Willich-Neersen am Niederrhein,
Grab in der wo der Geistliche Gerhard Vynhoven im 17.
Kapuzinerkir- Jh. im Obergeschoss das Heilige Grab und im
che Eichstätt Untergeschoss die Geburtsgrotte nachbildete.
(1150/60). Im großen Maßstab „bauten“ die sogenann-
ten monti sacri in Norditalien das Heilige Land
nach. In Varallo entstand ab 1478 durch den
Franziskaner Fra Bernardino Caimi, der zuvor
Kustos der heiligen Stätten gewesen war, ein
„Nova Jerusalem“ mit den Erinnerungsorten
Nazaret, Betlehem und Jerusalem. In San Vi-
valdo errichteten ebenfalls Franziskaner ab
1500 einen „Landschaftspark“ mit 17 Kapellen.
Und in Albendorf (Wambierzyce), im „schlesi-
schen Jerusalem”, entstand schließlich 17. Jh.
eine Anlage mit etwa 70 Bauwerken, wo auf
dem „Berg Sinai“ auch alttestamentliche Sze-
nen erinnert wurden. Dass die Franziskaner
hier führend waren, ist nicht verwunderlich

oben: © public domain, wikimedia, Waldiwuf; Mitte: © Andreas Praefcke, Gemeinfrei, wikimedia; unten: ©public domain, wikimedia, Sailko, CC BY-SA 3.0
– geht doch auf ihre Frömmigkeit auch die be-
kannteste Nachbildung einer heiligen Stätte,
Das Heilige die Weihnachtskrippe, zurück. Und das Inte-
Grab von Görlitz resse an solchen Landschaften ist ungebro-
steht in einer chen: 2018 wurde in Zarvanytsia bei Ternopil
Gedächtnisland- ein „ukrainisches Jerusalem“ eingeweiht, wo
schaft (1481– ein Nachbau des Heiligen Grabes Elemente
1504). des mittelalterlichen Baus mit solchen des
aktuellen verbindet.
In ihrer monumentalen Form sind die „hei-
ligen Berge“ schon nicht mehr weit entfernt
von modernen „Bibelparks“ – ob diese nun
zu einer eher säkularen Form des Eintau-
chens in andere Welten dienen oder (auch
durch Showelemente) biblische Geschichte
nacherlebbar machen wollen, sei das nun
nachhaltig oder nicht.
Und tatsächlich zeigt ja auch die Geschich-
te der Heiliggrab-Nachbildungen, dass es
nicht um möglichst exakte Kopien geht, son-
Das Heilige dern um Erlebnisorte – „settings“ würde man
heute sagen – die es ermöglichen, der Oster-
Grab in der
Rucellai-Kapelle
erfahrung quasi „spielerisch“ nahezukom-
der Kirche San men, auch wenn die Botschaft dann, wenn
Pancrazio, Florenz sie „ankommt“, wieder von jedem noch so
(1458–1467) heiligen oder gut nachgeahmten Ort wegführt
imitiert die Jeru- (wie es schon auf der Rucellai-Kapelle über-
salemer Ädikula groß zu lesen ist): „Er ist nicht hier … Geht
und dient als Grab ihm voraus nach Galiläa (d. h. nach Hause);
für die Familie des dort werdet ihr ihn sehen.“ W
Stifter Giovanni
Rucellai.
Dr. Georg Röwekamp, Angaben zum Autor S. 45

60
Büchertipps

Die Grabeskirche zu Jerusalem Die Geburtskirche in Bethlehem


Die Grabeskirche ist bis heute eines der Von den Kirchen des Heiligen Landes hat
bedeutendsten Pilgerziele von Christen die Geburtskirche in Betlehem am besten
aller Konfessionen. Mit reichem Bildma- ihre frühchristliche Bauform bewahrt. In
terial, großformatigen Fotografien und der Kreuzfahrerzeit (1099–1187) erhielt
kenntnisreichen Texten erschließt diese sie eine neue bildliche Ausstattung: So
Monografie einen erstrangigen Zugang wurden die Säulen bemalt und die Hoch-
zu diesem monumentalen Kirchenkom- schiffwände mit Mosaiken geschmückt. In keiner anderen
plex und seiner Bau-, Kultur- und Bedeutungsgeschichte bis zur Kirche der Region hat sich so viel Bildkünstlerisches aus
Gegenwart. jener Zeit erhalten.
Jürgen Krüger, Die Grabeskirche zu Jerusalem. Geschichte, Gestalt, Gustav Kühnel (1942–2009) hatte sich zeit seines Lebens
Bedeutung, München: Schnell & Steiner 2000, 278 S., mit dieser Kirche beschäftigt. In den 1980er-Jahren war er
ISBN 978-3-7954-1273-9, 19,90 €. der Erste, der die Mosaiken vorsichtig reinigen, dokumentie-
ren und wissenschaftlich bearbeiten konnte. Dem vorliegen-
Jerusalemskirchen den Buch liegen Texte und Bilder des früh verstorbenen ver-
Als persönliche Erinnerungs- und Andachts- dienstvollen Forschers zugrunde, von Bianca Kühnel ergänzt
architektur heimgekehrter Kreuzfahrer, als und redigiert und mit neuen Bildern der aktuellen Restaurie-
„Stellvertreterheiligtum“ und Zielort einer rung konfrontiert. Die Neugierde auf die komplett restaurier-
„Ersatzwallfahrt“ wurden an 50 Stellen in te Geburtskirche und eine Publikation dazu wächst!
Europa Nachbauten der Heiliggrabädikula Bianca und Gustav Kühnel, Die Geburtskirche in Bethlehem.
errichtet. Dabei entstanden ganz eigenständi- Die kreuzfahrerzeitliche Auskleidung einer frühchristlichen
ge Raumkonzepte, die das Original ausschnitt- Basilika. Regensburg: Schnell & Steiner 2018, 192 S.,
haft interpretieren und je nach Widmung bestimmte Aspekte ISBN 978-3-7954-3332-1, 39,95 €.
überhöhen.
Jan Pieper, Anke Naujokat, Anke Kappler, Jerusalemskirchen. Non est hic
Mittelalterliche Kleinarchitekturen nach dem Modell des Heiligen Der Heiliggrabtempietto von San
Grabes. Katalog zur Ausstellung, Aachen: Geymüller Verlag für Pancrazio in Florenz – die kleinste und
Architektur 2011, 54 S., ISBN 978-3-943164-01-5, 18,00 €. zugleich exquisiteste Bauschöpfung
des Renaissancearchitekten Leon
Heiliges Grab – Heilige Gräber Battista Alberti – ist von der Forschung
Heilige Gräber und ihr Kult sind Bestand- lange Zeit vernachlässigt worden. Die
teil vieler Religionskulturen; man findet vorliegende Monografie beschreibt und
sie jedoch auch umgeformt zum Helden- deutet erstmals systematisch die bisher
grab oder Pantheon in der säkularisierten in weiten Teilen unverstandene Kleinarchitektur.
Republik. Anke Naujokat, Non est hic. Leon Battista Albertis Tempietto
Namhafte Kunsthistoriker, Literatur- und in der Cappella Rucellai, Aachen: Geymüller Verlag für Archi-
Religionswissenschaftler analysieren tektur 2011, 322 S., ISBN 978-3-943164-00-8, 79,00 €.
Beispiele aus Christentum, Judentum, Islam und säkularisierte
Heroengräber. Die frühen Christen
Ursula Röper und Martin Treml (Hg.), Heiliges Grab – Heilige Gräber. Vieles an den frühen Christen ist uns
Aktualität und Nachleben von Pilgerorten (Schriftenreihe des Muse- fremd und weit entfernt von dem,
ums Europäischer Kulturen 13), Berlin: Lukas Verlag 2014, 172 S., was heute als Christentum gilt. Dieser
ISBN 978-3-86732-171-6, 25,00 €. Irritation geht der Autor des vorliegen-
den Buches nach und lässt uns die
Fremdheit eines nur scheinbar vertrau-
ten Christentums erkennen. Zugleich
fragt er danach, wie eine kleine, sozial
Hinweis schwache Gruppe aus der Peripherie sich ausbreiten konnte
Alle lieferbaren Bücher sowie Publikationen aus dem und welchen Herausforderungen ihre Angehörigen sich
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welt und umwelt der bibel 1/2019 61


aus der welt der bibel

© Oskan Bilgin/ Anadolu Agency/AFP

62 welt und umwelt der bibel 1/2019


Inhalt
62 bis 69
Panorama
Frühe Darstellung Jesu im Negev entdeckt
Der Tempel des Ningirsu in Tello ausgegraben
Der Kreuzfahrerfriedhof von Atlit

70 bis 73
NEUE SERIE
Die großen Städte der Bibel
Antiochia: Stadt des Paulus und des Barnabas

74 bis 77
Die Bibel in berühmten Gemälden
Guido Reni: David und Goliat

78 bis 79
Ausstellungen und Veranstaltungen

türkei: Ayanis

Ein Palast wird herausgeputzt

A m Ufer des Vansees liegt die


Zitadelle von Ayanıs, einer der
großen Städte des einst blühenden
mit Andesit-Blöcken verkleidet, ge-
schmückt mit kunstvoll eingemei-
ßelten oder eingelegten Figuren. Es
Königreichs Urartu (9.–7. Jh. vC) sind Motive aus der urartäischen
im Osten der heutigen Türkei, nahe Mythologie: Götter, geflügelte Tiere,
der Grenze zum Iran. Der Erbauer Lebensbäume ...
von Ayanıs, Rusa II. (685–645 vC), 645 vC wurde die Zitadelle durch
war einer der Könige des Vorderen ein Erdbeben stark beschädigt.
Orients, die es irgendwie geschafft Der Schutt begrub den Tempel und
haben, sich dem Eroberungshunger schützte ihn so jahrtausendelang
der neuassyrischen Könige zu wi- vor Plünderungen. Die Cella des
dersetzen – anders als der letzte Kö- Tempels ist seit Kurzem „unter der
nig des Nordreichs Israel Hoschea! Haube“, unter einem Schutzdach,
Am höchsten Punkt der Zitadelle und erwartet Touristen – sobald die
Ayanıs stand ein Tempel, gewid- Restauratoren und Restauratorin-
met dem obersten urartäischen Gott nen sie für den Besuch beeindru-
Haldi. Die Lehmziegelwände sind ckend herausgeputzt haben. W

welt und umwelt der bibel 1/2019 63


panorama

Shivta: Ein kunstgeschichtliches Suchbild

Frühe Darstellung Jesu entdeckt


Im Heiligen Land sind so gut wie keine Jesusdarstellungen aus der Frühzeit des Christentums erhalten.
Nun ist in der Wüste Negev eine kunstgeschichtlich bedeutende Abbildung identifiziert worden.

A bertausende Besucher und Besucherinnen haben die drei byzantini-


schen Kirchen in der Wüstenstadt Shivta in den vergangenen Jahr-
zehnten besichtigt und in ihre Apsiden geschaut. Doch ist offensichtlich
niemandem das Jesusbild in der Apsis im Baptisterium der Nordkirche
aufgefallen. Dass dort rötliche Farbreste zu sehen sind, hatten Archäo-
logen bereits in den 1920er-Jahren notiert. Jetzt veröffentlichte die Kunst-
historikerin Emma Ma’ajan-Fanar von der Universität Haifa (in Antiquity
92/134, 2018), dass sich in diesen Farbresten ein Jesushaupt identifizieren
lasse. Sie habe offensichtlich einen perfekten Lichteinfallswinkel erlebt
und plötzlich Augen gesehen, so Ma’ajan-Fanar in der Zeitung Times of
Israel. Ihrer Meinung nach ist der Jesus Teil einer Taufdarstellung – mit
einer Anordnung der Personen, wie man sie etwa in den Mosaiken von
Ravenna kennt: Eine ebenfalls nur in geringsten Farbspuren angedeutete
Figur links von Jesus interpretiert sie als Johannes den Täufer.
Bemerkenswert ist, dass hier ein jugendlicher, bartloser Jesus mit locki-
gem kurzem Haar dargestellt ist. Die Nordkirche wird auf das 5./6. Jh. da-
tiert und die Wandmalerei aufgrund der Ikonografie ins 6. Jh. Zu dieser Zeit
wurde Jesus im Westen zunehmend mit langem Haar und Bart dargestellt.
Bald darauf setzt sich diese Darstellungsweise auch im Osten durch.
Einige kritische Stimmen äußerten, dass man auch auf den hoch auf-
gelösten Spezial-Fotografien einfach gar nichts sehen könne. Doch nach
Emma Ma’ajan-Fanar kann man – wenn man die Gestalt und das Gesicht
einmal erkannt hat – die Apsis nicht mehr ohne die Taufdarstellung be-
trachten. Vielleicht hat sie recht!
Schon 2017 war eine weitere Jesusdarstellung aus Shivta veröffentlicht
worden: Eine stark erodierte Verklärung Christi in der Apsis der Süd-

links oben und unten: © Dror Maayan; rechts: Petar Milošević CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia
kirche – ein Motiv, das in dieser frühen Zeit laut den Forschenden des
Shivta-Projekts nur aus Ravenna und dem Katharinenkloster bekannt
sei. Auch hier kamen Spezialkameras zum Einsatz.
Shivta liegt im Negev, etwa 40 Kilometer südwestlich von Be’er Scheva.
Spätestens im 9. Jh., in islamischer Zeit, wurde die Negevstadt aufgege-
ben. W (wub)

Der neu entdeckte lockige Jesus, sichtbar Ein jugendlicher, bartloser Jesus im Apsismosaik von San Vitale in
durch die Aufnahme einer Spezialkamera (oben) und Ravenna, Mitte 6. Jh.
eine Nachzeichnung (unten).

64 welt und umwelt der bibel 1/2019


Panorama

Interreligiöser Dialog

Neues Mammut-Projekt
eines Koran-Kommentars

D er Herder-Verlag hat den ersten Band eines histo-


risch-kritischen Koran-Kommentars vorgestellt. Das
wissenschaftliche Großprojekt „HThKK“ ist auf 17 Bände
angelegt und wird vom Münsteraner Islamwissenschaftler
Mouhanad Khorchide herausgegeben, Professor für isla-
Oben: Die Apsis im Baptisterium der Nordkirche. mische Religionspädagogik an der Universität Münster.
Hier wurde die Jesusdarstellung jüngst entdeckt. Er wolle mit den Koran-Kommentaren neben Fachleu-
ten auch „einfache Muslime“ erreichen, sagte der Wissen-
Unten: Die Spuren der Taufszene in dieser Apsis. schaftler der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück.
Die große Mehrheit der Muslime gehe weiter davon aus,
dass der Koran nicht im historischen Kontext zu verorten
Gestalt des sei, so Khorchide: „Sie lesen ihn als historischen Monolog
Täufers Gottes und meinen, wenn ich den Wortlaut verstanden
habe, habe ich den Koran verstanden.“ Sein Wunsch sei
zum Beispiel, dass „der einfache Muslim, der nicht theo-
logisch gebildet ist, jemandem, der ihm sagt, er dürfe sei-
ne Frau schlagen, weil es so im Koran stünde, antwortet:
Kopf Jesu
Nein, den entsprechenden Vers muss man im historischen
Kontext verstehen. Er ist keine Legitimation für mein Han-
deln heute.“
Bei Muslimen in Deutschland sei die historische Heran­
gehensweise schon akzeptierter als in vielen anderen Län-
dern, so Khorchide. Für viele sei es eine Überraschung,
dass man über den Koran als Offenbarung Gottes sprechen
dürfe, der sich durch die Menschen selbst ausdrücke. Isla-
mische Norm sei noch, dass der Koran wortwörtlich als Mo-
nolog, also als Selbstrede Gottes, zu verstehen sei.
Das Projekt verbindet die historisch-kritischen Metho-
den mit der literarischen Analyse der Arabistik und Islam-
wissenschaft und der islamischen Kommentartradition.
oben und Mitte: © Dror Maayan; unten: © Incola, CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia

Unten: Taufszene aus dem Baptisterium der Kathedrale von Damit werde der Koran als Glaubensbuch verstanden,
Ravenna mit vergleichbarer Anordnung der Figuren, 6. Jh. aber in seinen historischen Kontext eingeordnet, so der
Verlag. Anders als viele biblische Kommentare erschließt
der HthKK den Koran nicht fortlaufend nach Suren, son-
dern nach übergreifenden Themen. Jedes Jahr sollen ein
bis zwei Bände erscheinen. Band eins befasst sich mit
„Gottes Offenbarung im Menschenwort“. Khorchide un-
tersucht hier, wie weit die historisch-kritische Methode
der Bibel-Auslegung ohne Verstehensverluste auch auf
den Koran angewendet werden kann.
Die geplanten Themen: Gottesoffenbarung in Menschen-
wort – Der Koran im Licht der Barmherzigkeit – Scharia –
Propheten im Koran – Eschatologie und jenseitige Vorstel-
lungen – Frauenbilder im Koran – Verhältnis des Islams
zu Nichtmuslimen im Koran – Schöpfung – Gewalt im
Koran – Gottesbild des Korans – Menschenbild – Fröm-
migkeit und Ritus – Ethik im Koran – Muhammad – Jesus
und Maria. W (kna/wub)

welt und umwelt der bibel 1/2019 65


panorama

Kreuzfahrer I: Ein Friedhof am Mittelmeer

Kämpfen und sterben


im Heiligen Land
Neue Ausgrabungen auf dem größten Kreuz-
fahrerfriedhof bringen Aufschlüsse über Leben
und Sterben von Rittern und Pilgern im 13. Jh.

Männliches Skelett aus dem 13. Jh. Das Grab wurde mit Holz- Oben: Blick über die Grabsteine, rechts das
brettern abgedeckt, mit Erde aufgefüllt und mit einem länglichen Mittelmeer.
Stein oder mehreren Steinen markiert. Manche der Steine sind mit Unten: So sah der Friedhof 1934 aus, nach
Kreuzen versehen – vermutlich bei Personen mit wichtigem sozia- ersten britischen Ausgrabungen. Damals waren rund
lem Stand –, manche sind gar nicht markiert. Im Hintergrund die 2000 Gräber gezählt worden, heute sind noch rund 1300
mächtigen Ruinen der Kreuzfahrerburg Château Pèlerin. erkennbar.

alle: © Pierre DE PARSCAU / PACEA / CNRS Photothèque

D ie Kreuzfahrerepoche steht bis heu-


te für Kampf und Feindschaft aber
ebenso für einen starken Kulturkontakt
französische Archäoanthropologen des
Centre de Recherche Français à Jerusa-
lem (CRFJ). Sie haben im Sommer 2018
um Erkenntnisse zu sammeln: Woher
stammten die Bestatteten? Welche Be-
stattungspraktiken gab es?
zwischen Orient und Okzident. Von der ihre Forschungen am größten Kreuz- Über die Bestattungssitten der mittel-
Eroberung Jerusalems durch die fränki- fahrerfriedhof der Welt fortgesetzt, die alterlichen orientalischen Christen weiß
sche Armee 1099 bis zum Fall von Akko sie im Jahr 2015 begonnen hatten. Das man bislang nur sehr wenig. Projektlei-
1291 kamen Hunderttausende Christen 7500 qm große Gelände befindet sich an ter Yves Gleize nimmt an, dass neben
aus jedem Winkel des Westens in Kon- der israelischen Mittelmeerküste nahe den Kreuzrittern vom Château (die 1218
takt mit dem Orient – mit der muslimi- dem heutigen Atlit. Im Schatten der gro- erbaute Burg ging 1220 in den Besitz
schen Bevölkerung aber auch mit dem ßen Kreuzfahrerburg „Château Pèlerin“ des Templerordens über) einheimische
orientalischen Christentum. Aufschluss haben die Forschenden in drei Sektoren Christen und christliche Konvertiten aus
über diese Begegnung erhoffen sich von je ca. 50 qm erste Gräber geöffnet, den 27 umliegenden Dörfern hier be­
panorama

erdigt wurden. „Außerdem wurde der Friedhof Keramikschale mit


vermutlich auch für die Bestattung von Pilgern braun-grünem Dekor,
genutzt – das legten die Reste eines älteren Man- gefunden in einem der
nes nahe, der mit gefalteten Händen und einer Gräber. Solche Grabbei-
Art Pilgerstab bestattet wurde. Bislang gibt es je- gaben sind unter den
doch keinen Hinweis auf muslimische Gräber“, orientalischen Chris-
so Gleize. ten des 13. Jh. nicht
Die meisten Personen waren auf dem Rücken bekannt – aber auf
liegend bestattet – wie in der christlichen Tradi- Zypern. Dort hat jedes
tion üblich. „Allerdings sind die Gräber nicht in christliche Grab diese
Ost-West-Ausrichtung orientiert. Die tatsächli- Beigabe. Da die Schale
chen Ausrichtungen sind uns noch rätselhaft.“ aus Zypern stammt,
Viele Gräber wurden mehrfach belegt, sodass rung durch Malik al Mu’azzam 1217–1219 oder stellt sich die Frage, ob
das Team zuerst Knochen sortieren musste, um beim Angriff durch Sultan al-Malik Baibars 1265. die Bestattungsprak-
festzustellen, ob die Skelette vollständig waren. Die Anthropologinnen und Anthropologen tiken von Zypern und
Das Skelett eines jungen Mannes zeigt schwe- haben nun Knochen- und Gebissproben ent- Atlit verbunden sind.
re Knochen- und Schädelverletzungen wie von nommen, die nach Abschluss der Laboranalysen Schalen wie diese sollen
einem Schwert, die zum Zeitpunkt der Beerdi- wieder in den zugehörigen Gräbern „bestattet“ auf der Holzabdeckung
gung nicht verheilt waren. Frauen und Kinder werden sollen. Daraus werden Aufschlüsse über über dem Leichnam
abgestellt worden sein.
waren in einem eigenen Sektor bestattet. Auch die genaue Herkunft (Europa? Einheimische?)
hier lässt sich mindestens eine Frau feststellen, und auch über das teilweise nicht ermittelbare
die lebensgefährlichen Verletzungen erlegen Geschlecht der Verstorbenen erwartet. Das Pro-
ist. Rund um Château Pèlerin fanden, historisch jekt ist bis 2021 geplant. W
festgehalten, Kämpfe statt, etwa bei der Belage- (wub/CNRS/Marie-Armelle Beaulieu, MdB)

Kreuzfahrer II: Montfort

Ein Saal für Meetings


Nicht nur in Atlit, auch auf der Burg Montfort in Galiläa
wird die Geschichte der Kreuzfahrer weiter erforscht.

Malerische Lage: Montfort, im 13. Jh. eine der Burgen des


Deutschen Ordens. Beim Pfeil soll ein weiterer Saal gelegen haben.
Blick auf einen Bogenansatz (unten).
© AdobeStock_alefbet26; kl. Bild: Montfort Castle Project/A. Boas

D ie Ausgräber der Kreuzfahrerburg Montfort


meldeten Ende November 2018, dass sie
eine bisher unbekannte gotische Halle im Wes-
Steine der Bögen (sogenannte tas-de-charge-
Architekturelelemte). Wie die Great Hall habe
sie farbige Bleiglasfenster und Wandmalereien
ten der Ruine annehmen. Hier habe vermutlich besessen. Der Deutsche Orden – gegründet von
die Führungsriege der Deutschordensritter, die Rittern aus Lübeck und Bremen – war unter
die Burg um 1220 erworben hatten, Treffen ab- Friedrich Barbarossa 1188 ins Heilige Land ge-
gehalten. In den Jahren zuvor war bereits ein kommen. Der Orden nutzte die Burg nur knapp
doppelt so großer gotischer Saal, die „Great 50 Jahre, bis sie 1271 an die Mamelukken fiel.
Hall“ freigelegt worden. Doch dieser Halle war Sultan Baibars ließ das Bauwerk schleifen. Boas
laut Prof. Adrian Boas (Universität Haifa) und sieht hier nach den Funden der letzten Jahre „ei-
seinem Team eine weitere Halle vorgelagert: Sie nen weitere Beleg für Reichtum und Luxus der
identifizierten Bogenansätze, Steinblöcke des Deutschordensritter, die hier in dieser abgelege-
eingestürzten Raums, verzierte Gesimse und nen Burg lebten“. W (wub)

welt und umwelt der bibel 1/2019 67


panorama

Tello/Girsu: Kulturelles Erbe im Irak nach dem IS

Der Tempel, der die Fluten beherrschte

Der heilige Bezirk von


Girsu mit den Fundamenten
des Tempels Eninnu. Girsu
ist neben Uruk, Eridu und Ur
eine der ältesten bekannten
Städte der Welt.

Tempel mit
Podium für die
Götterstatue
und Altar

Nach 80 Jahren Unterbrechung hat das British Museum die Ausgrabungen von Tello, der sume-
rischen Stadt Girsu, wieder aufgenommen. Ein alter Traum der Assyriologie war es, den Tempel
des Gottes Ningirsu aus dem 3. Jahrtausend vC zu finden, des Herrn der Wasserfluten. Sebastien
Rey vom British Museum, leitender Archäologe in Tello, erzählt über die Funde.

Was bedeutet die Stadt Girsu für die Kultpraktiken ausgegraben: Tafeln, Be- bungen durch das British Museum, ist
Archäologie? terstatuen, Reliefs ... Besondere Funde ein Ereignis für die Forschung.
© Tello-Girsu-Projekt, Iraq Scheme /The British Museum
Sebastien Rey: Girsu war eine Stadt im waren zwei beschriftete Zylinder, zum Wie kam es zu dem Fund?
Königreich Lagash, ein kleiner Staat in Gedenken an den Bau von Eninnu durch Das war bei Ausgrabungen auf dem so-
Sumer, der im 3. Jahrtausend vC auf- König Gudea aus der zweiten Lagash- genannten Palasthügel, dem eigentlich
blühte. Sie war der Sitz ihres Schutz- Dynastie (2141–2122 vC). Dieser Text be- schon am meisten erforschten Bereich!
gottes, Ningirsu, des „Herrn von Girsu“, schreibt die Riten am Tempel und die Die Ausgrabung, die wir mit unserem ira-
und seines Tempels namens „Eninnu“. Inthronisation des Gottes und seiner Ge- kischen Kollegen Fatma Husain initiiert
Erkundungen französischer Archäolo- mahlin. Wir haben sogar den Bauplan haben – Teil eines Schulungsprojekts
gen haben zwischen 1877 und 1933 zur des Heiligtums, eingraviert auf einer Kö- für irakische Archäologen – führte uns
Wiederentdeckung der Sumerer beige- nigsstatue. Doch Eninnu selbst war aus mitten in den heiligen Bezirk von Girsu.
tragen, jener Erfinder der Keilschrift und archäologischer Sicht verloren geglaubt. Wir wollten genau dort weiterforschen,
Erbauer der ersten städtischen Siedlun- Seine Entdeckung im Jahr 2016, ein Jahr wo unsere Vorgänger die Votivtafeln der
gen. Dann wurden viele Zeugnisse ihrer nach der Wiederaufnahme der Ausgra- Könige von Lagash gefunden hatten –

68 welt und umwelt der bibel 1/2019


panorama

König Gudea, eine von mehreren


um 1900 in Girsu gefundenen Statu-
Freilegung eines Votivnagels aus gebranntem Ton, dessen Inschrift (auf dem en des Königs. Diorit, um 2120 vC,
noch in der Mauer verborgenen Teil) den Bau für Ningirsu preist. Fünfzehn solcher Höhe 46 cm, heute im Louvre. Von
Votivnägel wurden in situ in den Tempelmauern gefunden. Sie waren in einer regelmä- 1877 bis 1933 haben französische
ßigen Ordnung eingebracht, die nun genauer analysiert wird. Steckt ein Muster Archäologen in Tello gearbeitet.
mit kultischer Bedeutung dahinter?

dort, wo sie ihre Arbeit unterbrochen wenn wir den Hinweisen auf den Zylin-
hatten. In drei Ausgrabungskampagnen dern von Gudea glauben, die Trophäen
haben wir tatsächlich wichtige Architek- von mythischen Feinden ausgestellt wa-
turelemente des lang erwarteten Eninnu ren, die Ningirsu besiegt hatte. Diese Tür
aufgespürt. war flankiert von Türmen. Unter einem
Wie muss man sich den Tempel vor- Turmfundament fanden wir eine Keil-
stellen? schrifttafel, die die Bautätigkeit des Gu-
Der Tempel selbst stand in einem großen dea und seine Frömmigkeit gegenüber
oben links: © Tello-Girsu-Projekt, Iraq Scheme /The British Museum; beide rechts. gemeinfrei

offenen Hof (Temenos). Wir konnten sei- Ningirsu preist.


ne Nord- und Südwände lokalisieren. Er Welche Funktion hatte der Gott Nin-
Die Zylinder Gudeas mit Tempelbau-
bestand aus einer Cella mit Überresten girsu?
hymnen (links Zylinder B, rechts Zylin-
eines Podiums für die Götterstatue und In den sumerischen Mythen zeichnet
der A), gefunden bei den Ausgrabungen
einem Altar für Opfergaben. Vor dem sich Ningirsu durch seinen Triumph
um 1920, heute im Louvre.
Allerheiligsten war ein Vorraum mit über die Dämonen des Gebirges aus, in
Becken und einem Brunnen für rituelle dem Euphrat und Tigris entspringen.
Waschungen sowie eine Bank für Ex- Damit hatte er die Landwirtschaft in der
Votos, wie die berühmten Beterstatuen. Schwemmebene von Sumer ermöglicht. die Macht, Stürme und Fluten zu bändi-
Um das Tempelgebäude mit seinen sehr Er war ein furchtloser Kämpfer, Gott der gen. Der Beiname für Eninnu fasst seine
dicken Mauern haben wir einen Um- Stürme und Personifizierung der großen Funktion sehr gut zusammen: „Haus der
gang ausgegraben, dort befanden sich Fluten. Sein Symbol war ein kolossaler Fünfzig“. Der Beiname weist auf Enlil,
Votivnägel mit Inschriften und Schwel- löwenköpfiger Adler namens Imdugud. den Hauptgott des sumerischen Panthe-
lensteine mit dem Siegel von König Ningirsu wohnt in Eninnu. Wir nehmen ons, der seine fünfzig göttlichen Kräfte
Gudea. Wir haben auch ein monumen- heute wahr, dass der Tempel für die Su- an Ningirsu delegierte. Kurz gesagt, der
tales Portal lokalisiert, in der Südwand merer mehr als nur religiöse Architektur Tempel und seine kultische Ausstattung
des Temenos. Der Durchgang hatte ein gewesen sein muss: Enninu war ein Me- sollten die Aura des heroischen Gottes
Tonnengewölbe und war ebenfalls mit dium, von dem aus der Gott seine kos- einfangen, beheimaten und zähmen –
Votivnägeln geschmückt. Auf beiden mischen Funktionen ausüben konnte. in all ihrer Wirkmächtigkeit. W
Seiten befanden sich Sockel, worauf, Das Heiligtum des Ningirsu hatte selbst (Die Fragen stellte Estelle Villeneuve)

welt und umwelt der bibel 1/2019 69


Die groSSen Städte der Bibel | Antiochia – Stadt des Paulus und des Barnabas

NEUE
SERIE
Antiochia –
Stadt des Paulus und des Barnabas
Antiochia war in der Antike eine der vier großen christlichen Metropolen.
Die Quellen bezeugen, dass in ihr eine kosmopolitische Bevölkerung lebte,
ein Gemisch aus Heiden, Juden und Christen. Von Estelle Villeneuve

W ie hat die Stadt Antiochia wohl in den


Jahren 35 oder 40 nC ausgesehen, als die
ersten Anhänger oder Anhängerinnen Jesu von
Das Miteinander von Juden und Heiden, die
an Jesus als Messias glaubten, warf jedoch bald
die Frage auf, ob nicht alle, die zum jüdischen
Nazaret dorthin kamen? Nach der Ermordung Messias Jesus gehören wollten, im Vollsinn Ju-
des Diakons Stephanus zerstreut sich die Urge- den werden müssten. Das hieß: sich beschnei-
meinde – so schildert es die Apostelgeschichte: den lassen und nach den jüdischen Reinheits-
Viele fliehen vor Verfolgung aus Jerusalem nach geboten zu leben, den Sabbat halten usw. Der
TÜRKEI Phönizien, Zypern und auch nach Antiochia. Die Erfolg des Barnabas und des Paulus sowie ihre
Apos­telgeschichte erzählt im Kapitel 11 davon, liberalen Vorstellungen gefielen strenggläubigen
Antiochia dass sich hier neben Juden auch erstmals „Grie- Juden überhaupt nicht. Diese vertraten die Auf-
(heute: Antakya) chen“ aus dem interessierten Umfeld der Syna- fassung, das Heil beruhe auf der Beschneidung
SYRIEN goge der christlichen Botschaft zuwandten. In und dem Einhalten des mosaischen Gesetzes,
Jerusalem hörte man das voller Skepsis. Barna- weshalb sich selbstverständlich alle Bekehrten
bas – ein Levit aus Zypern, der in Jerusalem leb- daran halten sollten. So reisten einige „Leute
te – wurde nach Antiochia geschickt. Er kam al- von Judäa“ (Apg 15,1) eigens nach Antiochia, um
lerdings sehr schnell zur Überzeugung, dass die das klarzustellen. Doch als Paulus und Barnabas
Verkündigung bei vielen Nichtjuden auf überaus daraufhin nach Jerusalem gehen und von ihren
fruchtbaren Boden fiel. So blieb er in Antiocha Missionserfolgen in Antiochia berichten, über-
und war führend im Leitungskreis. Er lud seinen zeugen sie die dortigen Gemeindeverantwortli-
Bekannten Paulus, der in seinem Heimatgebiet chen wie Johannes und Jakobus, den Bruder Jesu
um Tarsus missionierte, nach Antiochia ein, um (Gal 2; Apg 15): Man kam zum Beschluss, es sei
dort bei der Verkündigung mitzuhelfen. „In An- nicht angemessen, den Nichtjuden, die sich zum
tiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Herrn bekehrten, unnötige Lasten aufzuerlegen.
christianoi („Messiasleute“)“, so Apg 11,26. Nur vier Regeln, welche die Mahlgemeinschaft
zwischen Juden und Heiden ermöglichten, soll-
ten eingehalten werden. Diese Entscheidung, die
infolge der Entwicklung in Antiochia gereift war,
wichtige Geschichtsdaten besiegelte die universale Berufung der jungen
Kirche und ihre rasante Ausbreitung.
Ein großer Jerusalemer Fürsprecher der „Hei-
300 vC Gründung durch Seleukos I. Nikator denmission“ war – laut Apostelgeschichte – Pe-
64 vC römische Eroberung trus. Er soll auch der erste Bischof Antiochias
ca. 30–50 nC Aufenthalte des Barnabas und des Paulus in Antiochia gewesen sein, bevor sein Weg nach Rom führte.
Im Nordosten der Stadt besuchen Pilger noch
341 nC Einweihung der „goldenen Kirche“ des Konstantin
heute die St.-Petrus-Grotte, eine Höhlenkirche,
526–528 starke Erdbeben in der Paulus, Petrus und Barnabas mit den ers-
638 muslimische Eroberung ten Christen Gottesdienst gefeiert haben sollen.

70
Rekonstruktion des spätrömi-
schen Antiochia, das Hundert-
tausenden Einwohnern Platz ge-
boten haben muss. Die antike Stadt
befindet sich heute unter einer bis
zu 8 Meter starken Erdschicht, die
der Fluss Orontes angeschwemmt hat.

Eine Hauptstadt „griechischen Stils“ schwemmt worden sind; zudem zerstörten einige
Im 1. Jh. nC war Antiochia neben Rom und Ale- starke Erdbeben zwischen dem 2. und dem 6. Jh.
xandria eine der Metropolen des Römischen die Stadt. Schließlich ist die moderne Stadt auf
Reichs. Doch ermöglicht die Archäologie nur dem antiken Areal entstanden und längst hat der
spärliche Einblicke in diese Epoche. In den Städtebau den Boden tief durchpflügt. Deswegen
1930er-Jahren unternahm ein Konsortium aus sind es im Wesentlichen die zum Glück zahl-
amerikanischen Forschungsinstitutionen und reichen, jedoch späteren historischen Quellen,
französischen Museen Ausgrabungen und fand anhand derer man die Stadtlandschaft des alten
etliche Spuren aus der spätrömischen Zeit: Häu- Antiochia halbwegs rekonstruiert. Gegründet
oben: © Kayhan Kaplan, Istanbul Gedik University, Türkei, rechts: © Library of Congress

ser, Bäder, Zirkusanlagen, ein Hippodrom, die wurde die Stadt um 300 vC von Seleukos I. Nica-
für römische Städte charakteristische große Stra- tor, einem der Generäle Alexanders des Großen.
ße in der Nord-Südrichtung (cardo), Aquäduk- Er ließ sie „nach Griechenart“ planen, das heißt
te und mehr. Aber die Funde reichen selten bis mit rechtwinkligen Häuserblocks, die mittels
vor das 3. bis 6. Jh. nC zurück: zum Beispiel die Hauptverkehrsadern strukturiert und von einer
großartigen Villen von Daphne, einer „schicken“ Stadtmauer umfasst wurden. Im Zentrum befand
Vorstadt im Süden von Antiochia, wo mehr als sich eine Insel im Orontes, auf der die königli-
dreihundert Mosaiken ausgegraben wurden, so- che Verwaltung ihren Sitz hatte; denn Antiochia
wie die Funde von Sondierungen, die türkische wurde schon früh zur seleukidischen Hauptstadt
Archäologen seit den 2000er-Jahren im Stadtzen- erhoben. Ihre herausragende Stellung bewahrte
trum unternahmen. Denn die Lage der Stadt ist sich Antiochia auch nach der Eroberung durch
für archäologische Forschungen ausgesprochen die Römer im Jahr 64 vC, bis die Stadt im 4. Jh. nC
ungünstig. Antiochia liegt zwischen dem Fluss- von Konstantinopel „entthront“ wurde.
lauf des Orontes und dem Berg Silphius, der sie Als politisches und wirtschaftliches Zentrum
im Osten begrenzt. Die Siedlungsschichten der an der Schnittstelle strategischer Straßen und
Antike liegen unter dem heutigen Grundwas- eng an den 20 Kilometer entfernten Hafen Se-
serspiegel und unter einer meterdicken Schicht leukia Pieria angebunden, brachte Antiochia Blick auf Antiochia
von Sedimentablagerungen – soweit sie nicht eine kosmopolitische und multikulturelle Ge- vom Berg Silphius
im Laufe der Jahrhunderte von den Mäandern sellschaft hervor. Sie bestand aus Nachfahren Anfang des 20. Jh.
des Orontes und seiner starken Strömung fortge- der hellenistischen Ansiedler – Familien griechi-

welt und umwelt der bibel 1/2019 71


Die groSSen Städte der Bibel | Antiochia

scher Veteranen aus Makedonien, von Kreta und messianische Erwartung, die im 1. Jh. in ganz Ju-
Zypern, die Seleukos aufgenommen hatte – und däa aufgeflammt war, reichte selbstverständlich
der ursprünglichen, ortsansässigen aramäischen bis in die antiochenische Diaspora hinein. Ver-
Bevölkerung, und sie verfügte auch über eine mutlich gebrauchten die Römer die Bezeichnung
bedeutende jüdische Gemeinde. Diese Gemein- christianoi (lat. christiani) für die Anhänger die-
de war wohlhabend und gut ins Leben der Stadt ses erwarteten christos, des jüdischen „Gesalb-
integriert, ihre Mitglieder erfreuten sich des Bür- ten“, in spöttischer und abschätziger Absicht.
gerrechts und unterhielten starke Verbindungen Die junge Gemeinde in Antiochia hat diese Be-
nach Jerusalem und Judäa sowie in die weite zeichnung als Ehrentitel übernommen.
Diaspora. König Herodes finanzierte im Rahmen
seiner zahlreichen großzügigen Gunsterweise im
Ausland auch eine Säulenhalle und die Pflaste- Im Kern der christlichen Lehre
rung der Hauptstraße in Antiochia – mit polier- Bei Ausgrabungen im antiken südlichen Villen-
tem Marmor, wie Flavius Josephus präzisiert. Um vorort Daphne stieß man auf prächtige Mosaiken
das Wohlwollen der einflussreichen jüdischen in Wohnhäusern. Die Ikonografie dieser privaten
Gemeinde der Stadt zu erhalten? Und auch die Mosaiken der ersten christlichen Jahrhunderte

Das sogenannte Mosaik von Yakto aus dem wohl-


habenden Vorort Daphne. Eigentlich eine Darstellung der
Megalopsyche, der Tugend der „Großherzigkeit“, reprä-
sentiert durch die weibliche Gestalt in der Mitte (rechts),
zeigen die Ränder aber Szenen aus dem Alltagsleben
Antiochias um 500 nC (Detail, unten).
Da man wenige archäologische Funde aus der spätantiken
Stadt hat, bietet das Mosaik einen wertvollen Blick auf
ihre Gebäude. Hatay Arkeoloji Müzesi, Antakya.

© D. R., public domain

72 welt und umwelt der bibel 1/2019


Münze mit Kaiser Augustus (27 vC–14 nC),
geprägt in Antiochia. Auf der Rückseite ist die
Stadt durch die Originalstatue des Euthychides
symbolisiert.

Die Stadtgöttin Tyche mit dem


personifizierten Flussgott Orontes,
Bronze aus dem 1./2. Jh. nach einem
Vorbild des Künstlers Euthychides aus
dem 3. Jh. vC. Louvre, Paris.

führt vor Augen, wie stark die gesellschaftliche rum die von Konstantinopel getrennte westsyri-
Oberschicht die griechisch-römische, besonders sche Kirche.
die neuplatonische Philosophie adaptiert hat So vital und glänzend das christliche Antio-
und ihren Sinn für Mythologie und moralische chia in byzantinischer Zeit auch sein mochte –
Werte prägte. seine Pracht war vergänglich. Verheerend war
Um den ersten Christen auf die Spur zu kom- vor allem das 6. Jh.: Die Stadt musste Brände,
men, müssen sich die Archäologen auch hier mit Erdbeben, Pestepidemien sowie die zerstöreri-
dem begnügen, was die historischen Quellen sche Besatzung durch die persischen Sasaniden
wiedergeben. Von den Kirchenhistorikern Eu- unter Chosrau I. erleben. Ab dem Jahr 638 gehört
sebius von Cäsarea (4. Jh.) und Theodoret von Antiochia zum neu entstehenden arabisch-isla-
Kyrrhos (5. Jh.) wissen wir, dass es ab dem 3. Jh., mischen Reich, wird aber seine vergangene Be-
also schon vor der offiziellen Religionsfreiheit für deutung nicht wiedererhalten. W
den christlichen Kult im Jahr 313, in Antiochia
eine Kirche gab und dass Konstantin dort eine
„goldene Kirche“ mit oktogonalem Grundriss
bauen ließ, die 341 eingeweiht wurde. Als vierter
Bischofssitz des Reiches beteiligte sich Antiochia
aktiv am Aufbau der neuen kirchlichen Organisa- Die Eloge des Redners Libanios
tion und Lehre. Antiochias Bischöfe – berühmte
Namen sind etwa Ignatius und Johannes Chry-
auf Antiochia
links: © D. R., rechts: © DeAgostini/Leemage

sosthomos – waren lebhaft in die Debatten über


die Natur Christi und deren Stellung in der göttli- Im Jahr 356 ist der berühmte antiochenische Rhetor Libanios
chen Dreifaltigkeit involviert. Doch während das (314–393) eingeladen, anlässlich der Olympischen Spiele in seiner
Konzil von Chalcedon im Jahr 451 die „orthodo- Heimatstadt eine Rede über Antiochia zu halten. Im Stil des Genres
xe“ Lehre bestimmte, schloss sich der antioche- preist er die Verdienste der Stadt, ihre ruhmreiche Vergangenheit
nische Bischof Severus den Vertretern der gegen und ihre prächtige Lebenswelt. Die Rede ist ein Segen für Historiker,
Chalcedon gerichteten monophysitischen Lehre weil sie eine Quelle für die Stadtlandschaft im 4. Jh. ist – auch wenn
an, weshalb er im Jahr 536 exkommuniziert wur- Libanios’ Beschreibungen nicht sehr objektiv sind.
de. Dennoch inspirierten seine Schriften wiede-

welt und umwelt der bibel 1/2019 73


Die bibel in berühmten gemälden

David und Goliat


Guido Reni Von Régis Burnet

D er italienische Maler Guido Reni ist Bekannt ist, dass Guido Reni seine Die Geschichte dieser Darstellung
vor allem für seine Darstellungen an- Darstellungen gegen Ende seines Lebens Seit dem 3. Jh. (in der Synagoge von Dura
mutiger Jungfrauen oder leidender Chris- mit einem immer lebhafteren und über- Europos in Syrien) wurde David viele
tus-Gestalten bekannt. Mit seinem Gemäl- natürlicheren Licht aufhellte. Bei die- Jahrhunderte hindurch nur als betagter
de David und Goliat schuf er dagegen ein sem Werk aus der mittleren Zeit seiner König oder als Musiker mit der Harfe
tiefgründiges und verstörendes Werk. Laufbahn beginnt er bereits, sich vom und zuweilen als beides dargestellt. Er
Die florentinischen Herrscher der Me- eindeutigen Hell-Dunkel des Barock zu befindet sich recht oft im Tympanon von
dici-Dynastie erhoben den biblischen verabschieden, um die Komplexität der Kathedralen oder auf Glasfenstern (z. B.
David ab dem 15. Jh. zur Idealgestalt – Welt darzustellen, die ein Kind dazu im Fenster vom Stammbaum Jesses in
zu einer Art Familienpatron und zum zwingt, mit zügelloser Grausamkeit zu Chartres, um 1170). Erst in der Renais-
Schutzherrn von Florenz. Der jüngste agieren. sance wurde er als junger Mann abgebil-
Sohn Isais stand symbolisch für alle det (Donatello, um 1450; Michelangelo,
Werte, die sie feierten: für Jugend, männ- 1501–1504). Zur gleichen Zeit verbreite-
liche Schönheit und zuweilen zweideuti- Der Künstler te sich die Gewohnheit, David mit dem
ges sexuelles Begehren. Guido Reni (1575–1642) stammte aus
Reni bietet – vielleicht unter dem Ein- Bologna und arbeitete zu Beginn seiner
fluss von Caravaggio – eine düsterere Ver- Laufbahn unter der Anleitung von Car- „David ist hier fest
sion von David, aber er stellt ihn viel jün-
ger als gewöhnlich dar. Bei ihm ist David
racci, der klassizistische Strömungen
in den Barock einbrachte. Schon früh
entschlossen im Begriff,
nicht der üblicherweise gezeigte Erwach- brachte er es in Rom zur Berühmtheit, Goliat nun zu ent-
sene in der Blüte seiner Jahre, sondern ein so weit, dass er einer der offiziellen Ma- haupten“
Jugendlicher, ja fast noch ein Kind. Und ler der Familie Borghese wurde. Weil er
statt dass Reni uns David vor Augen führt, nach dem Pontifikat von Papst Paul V.
wie der Junge mit Melancholie oder Ab- seinen dortigen Einfluss verlor, kehrte er Haupt des Goliat als Trophäe zu seinen
scheu das abgeschlagene Haupt des Phi- nach Bologna zurück. Reni gab die Hell- Füßen darzustellen (Bronze von Verroc-
listers betrachtet (wie Caravaggio 1609), dunkelmalerei etwa eines Rembrandt chio, 1470; Paradeschild von Andrea del
ist David hier fest entschlossen im Begriff, oder Caravaggio sowie den Realismus Castagno, um 1451, National Gallery of
diesen nun zu enthaupten. des Barock auf und bevorzugte mehr Art, Washington). Das Motiv von David
und mehr die Klarheit und die lebendi- mit dem abgeschlagenen Haupt des Go-
gen Farben des langsam aufkommenden liat in der Hand, um es dem Betrachter
Wildes Kind in komplexer Welt Klassizismus. Reni spiegelt einen klassi- zu zeigen, wurde von Caravaggio einge-
Doch der Betrachter zögert: Soll er den zistisch geprägten Barock. Er ist bekannt führt (um 1609–1610, Galeria Borghese,
Mut des jungen Hebräers loben und sich dafür, dass er etliche Versionen ein und Rom). Zahlreiche Maler ahmten es nach.
gleichzeitig vergegenwärtigen, dass Da- desselben Themas schuf (etwa von Die Auch Reni malt mehrere Versionen Da-
vid eine Vorausgestalt und ein Vorfahr Aufnahme Mariens in den Himmel, Der vids mit einem übergroßen Kopf des Rie-
Jesu ist? Dieses Bild wäre dann also als reuige Petrus, Lukretius usw.). Ihm war sen in der Hand, den er nachdenklich
eine Feier des Sieges Christi über das die Originalität der Komposition weniger betrachtet. Rembrandt führte neue Bild-
Böse zu verstehen, dessen Inkarnation wichtig als die Emotion, die er hervorru- motive ein und schuf das Porträt eines
Goliat ist. Oder sollte er sich im Gegen- fen konnte. Der Kunstkritiker Stendhal, David, der vor Saul auf der Harfe spielt
teil entsetzt von der Darstellung abwen- der Reni im 19. Jh. sehr bewunderte, (1650, Mauritshuis, Den Haag), oder ei-
den, die zeigt, dass kindliche Unschuld pries bei mehreren Gelegenheiten des- nen David, der Jonatan umarmt (1642,
zu solcher Grausamkeit fähig ist? sen Kunst, Köpfe darzustellen. Sankt Petersburg, Eremitage). Die recht

74 welt und umwelt der bibel 1/2019


Das Werk
David und Goliat,
Guido Reni, um 1608,
Öl auf Leinwand,
174 x 132 cm,
Schweiz, Sammlung
Dr. Gustav Rau.

seltene Szene der Enthauptung des Go- rock mit der Weichheit des Klassizismus; ordnung durch Kriege und intellektuelle
liat stellte Michelangelo in der Sixtini- die Freude an der Bewegung und der Zweifel zum Ausdruck. Der Klassizismus
schen Kapelle dar (1508–1512). Diagonalen im Barock mit der Statik der markiert den politischen Willen eines
Klassik, welche die Parallelen und rech- Staates, unterstützt von einer mächtigen
ten Winkel bevorzugt; die Ausdrucks- Kirche, Ordnung, Sicherheit, Harmonie,
Der historische Kontext stärke der Gesichter im Barock mit der Höflichkeit und Gewissheit zu verbrei-
© Electa/Leemage

Es ist oft hilfreich, Barock und Klassizis- übernatürlichen Zartheit der Gesichter in ten. Das wird ästhetisch mittels einfa-
mus (dessen Strömung in der Kunst des der Klassik. Es sind zwei unterschiedli- cher Linien, behutsamer Ausleuchtung
17. Jh. greifbar wird) zu vergleichen: den che und gegensätzliche Weltsichten: Das und anhand von Persönlichkeiten bar
Gegensatz von Farben und Licht des Ba- Barock bringt eine Zeit verheerender Un- jeder Zwiespältigkeit übersetzt.

75
Die bibel in berühmten gemälden

2 Goliat, das besiegte Monster


3
Goliat verkörpert die Monstrosität. Sein Kopf ist mindestens zwei-
3 mal so groß wie derjenige Davids und sein Leib ist derart riesig,
dass der Bilderrahmen ihn gar nicht zu fassen vermag: Sein Ell-
bogen und seine Beine reichen über das Bild hinaus. Seine Aus-
rüstung setzt ihn mit den ungeliebten Condottieri gleich – jene
Söldner, die in den italienischen Stadtstaaten bis ins 16. Jh. für den
meistbietenden Herrn kämpften. Wie ein Condottiere trägt Goliat
1 eine luxuriöse silberne, mit Goldnägeln verzierte Rüstung und eine
lederne Keule. Vor ihm liegend erkennt man einen verschließba-
ren Helm. Im Gegensatz zu David, der sich im Licht befindet, bleibt
Goliats Gesicht zum Teil im Schatten, aber man errät eine massige
Gestalt mit struppigem Haar und zerzaustem Bart – in einer Epo-
che, die bartlose Gesichter oder gepflegte Bärte und kurzes Haar
bevorzugt: Es handelt sich also um einen Wilden. Als Gestalt des
Bösen liegt er auf den Boden hingestreckt, versucht aber, seinen
Kopf zu schützen oder davonzukommen, indem er würdelos über
den Boden kriecht.

2
4

1 Eine bedrohliche Landschaft


Im Hintergrund erkennt man das biblische Tal Elah („Te-
rebinthental“, 1 Sam 17,2), worin nach Angabe der Bibel
die Heere der Judäer und der Philister aufeinanderstie-
ßen. Mit kleinen Lichttupfern werden die einander gegen-
überstehenden Truppen dargestellt, wie sie das Ergebnis
der Schlacht abwarten. Man erkennt einige befestigte
Dörfer – der Gegenstand der Habgier der beiden Völker.
Diese Landschaft ist ein Abbild der Szene, die sich im
Vordergrund abspielt, so als entspreche die Brutalität der
Handlung und der Empfindungen den Gegensätzen des
Panoramas: Die Ordnung der Heere ist ein Vorspiel der Un-
ordnung des Kriegs; der drohende Sturm verteilt Schatten
und Licht und schafft gewalttätige Kontraste zwischen dem
Grün der Ebene und der Schwärze des Himmels.

76 welt und umwelt der bibel 1/2019


Die bibel in berühmten gemälden

3 Ein zwiespältiger Held hinausgehen zu lassen. Sein ganz von


der Röte und Schönheit der Kindheit ge-
In einer von Horizontalen beherrschten zeichnetes Gesicht wirkt ernst und trägt
Komposition (die damit beginnt, dass die Entschlossenheit des Erwachsenen-
Goliat auf der Erde gestreckt daliegt) ist alters. David ist einerseits in dem Alter,
David das Element des Vertikalen, das in dem er in Unschuld Schafe hütet, aber
die Bildmitte beherrscht. Ein bartloser er ist auch imstande, eine kriegerische
Jüngling, so dargestellt, wie er im Bibel- Heldentat zu vollbringen.
text beschrieben wird, nämlich als rufus Diese Kontraste spiegeln Davids Wor-
et pulcher aspectu, „rötlich und von schö- te zu Goliat, ehe er ihn erschlägt: „Du
ner Gestalt“ (1 Sam 17,42). Am Gurt um kommst zu mir mit Schwert, Speer und
die Hüften steckt die Schleuder, mit der Sichelschwert, ich aber komme zu dir im
er Goliat tödlich getroffen hat. Namen des Herrn der Heerescharen, des
Alles an ihm ist antithetisch. Er ist in Gottes der Schlachtreihen Israels, den du
leuchtendes Rot gekleidet, indes sich verhöhnt hast. Heute wird dich der Herr
die übrige Farbkomposition durch mir ausliefern. … Alle Welt soll erkennen,
Blau-, Ocker- und Mattgrün auszeichnet. dass Israel einen Gott hat. Auch alle, die
Das Rot steht in starkem Kontrast zum hier versammelt sind, sollen erkennen,
Silber des Helms. Obwohl zart gebaut dass der Herr nicht durch Schwert und
wie ein Kind, ist er straff und muskulös Speer Rettung verschafft; denn es ist ein
und es gelingt ihm, mit beiden Hän- Krieg des Herrn und er wird euch in un-
den kraftvoll ein übergroßes Schwert zu sere Hand geben“ (1 Sam 17,45-47). Wie
schwingen – so groß, dass der Maler sich hätte auch ein Kind ohne die Hilfe Gottes
entschlossen hat, es über den Bildrand einen Riesen töten können?

4 Der Stein oder: Schlauheit besiegt Gewalt

Im Gegensatz zum gigantischen Goliat erscheint das Mittel, mit


dem David siegt, lächerlich. Es ist der kleine Kieselstein, den er
gegen die Stirn des Riesen geschossen hat und der jetzt noch von
seinem Blut befleckt ist. Der Stein hat eine Wunde geschaffen, Régis Burnet ist
Professor für Neues
die einem Kratzer gleicht: Ein winziger roter Fleck mitten auf
Testament an der
der Stirn genügt, um ihn anzuzeigen. Zudem hat Goliats Wun- Universität Louvain-
de kaum geblutet: Auf der Erde sieht man geringe Spuren davon. la-Neuve (Belgien).
Angesichts der Winzigkeit des Mittels und der Stärke der Wirkung
birgt der Stein in sich alle Gegensätze, die das Bild aufweist. Er
bestätigt den Triumph der Schlauheit und Gottesnähe über die
brutale Gewalt, der im Kern dieser biblischen Episode steckt.

Die Quelle
„Als der Philister weiter vorrückte und immer näher ter mit einer Schleuder und einem Stein; er traf den
an David herankam, lief auch David schnell auf die Philister und tötete ihn, ohne ein Schwert in der Hand
Schlachtreihe zu, dem Philister entgegen. Er griff in zu haben. Dann lief David hin und trat neben den Phi-
seine Hirtentasche, nahm einen Stein heraus, schleu- lister. Er ergriff sein Schwert, zog es aus der Scheide,
derte ihn ab und traf den Philister an der Stirn. Der tötete ihn und schlug ihm den Kopf ab. Als die Philis-
Stein drang in die Stirn ein, und der Philister fiel mit ter sahen, dass ihr starker Mann tot war, flohen sie.“
© Electa/Leemage

dem Gesicht zu Boden. So besiegte David den Philis- (1 Samuel 17,48-51).

77
Ausstellungen und veranstaltungen

Studientage zum aktuellen Heftthema:


„Das Grab Jesu“

hamburg
Heiliges Grab – Zankapfel und Pilgerziel
Samstag, 30. März 2019, 9.30–17.00 Uhr
Ökumenisches Forum HafenCity
Shanghaiallee 12, 20457 Hamburg zur Ausgabe „nächstenliebe“ (2/18)
REFERENT: Prof. Dr. Andreas Müller, Kiel (Autor dieser Ausgabe) würzburg
BEITRAG: 25 EUR Nächstenliebe
ANMELDUNG bitte schriftlich, gerne auch per E-Mail bei: Samstag, 6. April 2019, 9.00–17.00 Uhr
Frau Rosemarie Maier-Pirch Domschule Würzburg
Sekretariat Pastorale Dienststelle, Erzbistum Hamburg, REFERENTINNEN: Prof. Dr. Heike Grieser, Mainz,
Am Mariendom 4, 20099 Hamburg, Dr. Elisabeth Birnbaum, Wien, Prof. Dr. Michelle Becka, Würzburg
E-Mail: maier-pirch@erzbistum-hamburg.de
ANMELDUNG:
Domschule Würzburg, Akademie des Bistums Würzburg,
münster Am Bruderhof 1, 97070 Würzburg, Tel. 0049 (0)931 386-43111, E-
Das Grab Jesu Mail: info@domschule-wuerzburg.de, domschule-wuerzburg.de
Geschichte und Liturgie der Jerusalemer Grabeskirche
Samstag, 30. März 2019, 8.30–17.30 Uhr zur Ausgabe „christen des orients“ (1/16)
Franz Hitze Haus, Münster schwerte
REFERENTINNEN: Bedrohtes Erbe
Dr. Esther Brünenberg-Bußwolder, Theologin, Bochum,
Christen im Orient – Kultur, Geschichte und Gegenwart
und Pfr. Martinos Petzolt, Orthodoxer Theologe, Erzpriester der
Griechisch-Orthodoxen Gemeinde Würzburg Freitag, 10. Mai (14.30 Uhr) bis Samstag, 11. Mai 2019 (16 Uhr)
BEITRAG: 35 EUR /ermäßigt 25 EUR Katholische Akademie Schwerte

ANMELDUNG: REFERENTEN: Prof. Dr. Michael Sommer, Oldenburg,


Katholisch-soziale Akademie Franz Hitze Haus, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Martin Tamcke, Göttingen
Kardinal-von-Galen-Ring 50, 48149 Münster, BEITRAG: inkl. Verpflegung und Unterkunft: EZ 151/DZ 144
Tel. 0049 (0)251 9818-0, E-Mail: info@franz-hitze-haus.de, (ermäßigt 125,50/122) EUR
franz-hitze-haus.de/info/19-106 inkl. Verpflegung, ohne Unterkunft: 128 (ermäßigt 114) EUR
ANMELDUNG:
mainz Katholische Akademie Schwerte, Bergerhofweg 24,
58239 Schwerte, Tel. 0049 (0)2304 477-0,
• Das Grab Jesu
E-Mail: info@akademie-schwerte.de,
Die biblischen Zeugnisse: Leeres Grab und Osterglaube akademie-schwerte.de/veranstaltungen/bedrohtes-erbe
Donnerstag, 6. Juni 2019, 14.30–17.30 Uhr
Erbacher Hof – Akademie des Bistums Mainz
weiteres
REFERENT: Prof. Dr. Hans-Georg Gradl, Trier
(Autor dieser Ausgabe) münchen
Mythos David. Biblische Tage 2019 unten: ©Wknight94 talk, CC BY SA 3.0, commons.wikimedia
• Vom Grab Jesu zur Grabeskirche
Der Baukomplex des 4. Jahrhunderts Montag, 15. April (15.00 Uhr) bis Mittwoch, 17. April 2019 (13.00 Uhr)
Donnerstag, 6. Juni 2019, 19.00 Uhr REFERENTEN/INNEN: Prof. Dr. Hans-Georg Gradl,
Erbacher Hof, Akademie des Bistums Mainz Prof. Dr. Susanne Gillmayr-Bucher, Prof. Dr. Wolfgang Zwickel,
REFERENT: Prof. Dr. Jürgen Krüger, Karlsruhe Prof. Dr. Michael Wolffssohn, Prof. Dr. Angelika Neuwirth,
(Autor dieser Ausgabe) Wilfried Hiller u.a
ANMELDUNG: Erbacher Hof – Akademie des Bistums Mainz INFORMATION UND ANMELDUNG:
Grebenstraße 24–26, 55116 Mainz, Katholische Akademie in Bayern, Mandlstraße 23, 80802 München,
Tel. 0049 (0)6131/257-555, Tel. 0049 (0)89 3810 2-0, E-Mail: info@kath-akademie-bayern.de,
E-Mail: ebh.akademie@bistum-mainz.de, ebh-mainz.de kath-akademie-bayern.de

78 welt und umwelt der bibel 1/2019


Ausstellungen und veranstaltungen

frankfurt karlsruhe
bis 31. März 2019 bis 2. juni 2019

Weihnachten Mykene – die sagenhafte Welt des


Das Fest der Geburt Christi ist Agamemnon
zwar vorbei, aber die Geburtsge- Die kulturhistorische Ausstellung zeigt das mykenische
schichten in den Evangelien sind Griechenland, dessen Blüte zwischen 1600 und 1200 vC
ganzjährig interessant: Sie schöp- lag. Über 400 beeindruckende Objekte aus Museen Grie-
fen aus dem reichen Bilderschatz chenlands – von Heinrich Schliemanns ersten Funden
ihrer Umwelt – Sprachbilder der bis hin zu neuesten Grabungen – illustrieren Leben und
Hebräischen Bibel sind darin Kult der faszinierenden Hochkultur, der ersten auf euro-
ebenso zu finden wie Anleihen päischem Festland. Ein Highlight sind Funde aus dem
aus der römisch-griechischen sogenannten Grab des Greifen-Kriegers: ein ungestörtes
Kultur. Die Ausstellungsmacher/ Schachtgrab, das im Mai 2015 in der Nähe des „Palasts
innen ordnen die neutestament- des Nestor“ in Pylos gefunden wurde.
lichen Symbole in die antike Bronzestatuen für römische
Kunden vor 2000 Jahren.
rechts unten: ©Yeshiva University Museum, New York; links: Bibelhaus Erlebnis Museum; rechts oben: © Hellenic Ministry of Culture and Sports/Badisches Landesmuseum, Fotos: Gaul

und biblische Bildwelt ein – mit Badisches Landesmuseum, Schloss Karlsruhe


76131 Karlsruhe, Tel. 0049 (0)721 926-6514
Münzen und Figurinen, Inschrif-
Di–So10–18 Uhr, Eintritt 12/9/3 EUR
ten, Ikonen und Zitaten. Und
landesmuseum.de
sie gehen darüber hinaus: zur
Wirkungsgeschichte der Motive
von der Antike bis in die Gegen- wien
wart, zur politischen Instrumen- bis 3. März 2019
talisierung des Weihnachtsfestes
im Laufe der Jahrhunderte bis
Kabbalah
hin zu Gemeinsamkeiten und Die Ausstellung des Jüdischen Museums Wien und des
Unterschieden der Feier der Ge- Joods Historisch Museum Amsterdam versteht Kabbalah
burt eines Heiligen Kindes in den im weitesten Sinne. Sie umfasst ihre historischen Ent-
Weltreligionen. wicklungen, einschließlich der klassischen Kabbalah, der
frühen jüdischen Mystik, der praktischen Kabbalah und Idol aus Ton (oben)
Bibelhaus Erlebnis Museum, und das monumentale
Magie ebenso wie ihre modernen Ausprägungen in Kunst
Metzlerstraße 19,
und Populärkultur. Die Ausstellung folgt den Spuren, die Löwentor in Mykene (un-
60594 Frankfurt,
die Kabbalah in den unterschiedlichsten Formen moder- ten), beides 13. Jh. vC.
Tel. 0049 (0)69 66 42 65 25
Di–Sa 10–17 Uhr, So 14–18 Uhr, ner Kunst hinterließ: Malerei, Bildhauerei, Design, Litera-
Eintritt 5/4 EUR tur, Film und Musik – erstaunliche Einblicke in eine oft als
bibelhaus-frankfurt.de verborgen bezeichnete Welt!

Jüdisches Museum Wien, Dorotheergasse 11, 1010 Wien,


Tel. 0043 (0)1 535 04 31,
So–Fr 10–18 Uhr, Eintritt 12/10/8 EUR, bis 18 Jahre frei
jmw.at/de/exhibitions/kabbalah

salzburg
bis 16. September 2019

Stille Nacht? Geburt in der Bibel


Gebären war zur Zeit Jesu mit hohem gesundheitlichem
Risiko und vielen kulturellen Eigenarten verbunden. Die
Bibelwelt zeigt die verborgene Welt der Hebammen, reli-
giösen Reinheitsvorschriften, Beschneidungsrituale und
Auslösungsopfer der Erstgeborenen.
Amulett-Schutz-
Bibelwelt, Plainstraße 42A, 5020 Salzburg, anzug mit hebräischen
Tel. 0043 (0)676 8746 7080 Schriftzeichen, Michael
Vorweihnachten-Kalender- Mo/Do–Sa 10–18 Uhr, So 11–18 Uhr, Eintritt 8/4 EUR Berkowitz, „Warrior of
heft aus der NS-Zeit. bibelwelt.at God“, New York 2000.
Vorschau

IMPRESSUM
Die nächste Ausgabe im Mai 2019: Heft 1/2019

„Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche

EXODUS NUR EIN MYTHOS?


Ausgabe der französischen Zeitschrift
„Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international
W Die archäologische Faktenlage: Neue Erkenntnisse der Ägyptologie anerkannten Wissenschaftler/innen.
W Wo lernen die Israeliten ihren Gott JHWH kennen? Verlag: Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“,
W Die frühen Christen und die Exoduserzählung Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,
W Der Exodus wird zum Motiv der Freiheit Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77
E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de
www.weltundumweltderbibel.de
www.bibelwerk.de

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Redaktion: Dipl.-Theol. Wolfgang Baur,


Dipl.-Theol. Helga Kaiser
Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
m._franke@web.de
Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
Erscheinungsort: Stuttgart
© S. 62–63, 68–77 Ba­yard Presse Int.,
„Le Monde de la Bible“ 2016/2018, all rights reserved; 
© sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
Übersetzungen:
Helga Kaiser, Bernardin Schellenberger

Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,


Stuttgart, Dipl.-Des. (FH) Barbara Janasik

und so geht es weiter: Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/
Steige
• Traum – Fenster zum Göttlichen PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“
• Maria – jüdisch, christlich, muslimisch erscheint vierteljährlich.
• Einzelheft: E 11,30 zzgl. Versandkosten
• Jahresabonnement: E 40,- inkl. Versandkosten
• ermäßigtes Abonnement für
bestimmen sie mit, was sie lesen! Schüler/Studierende E 32,- inkl. Versandkosten
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Liebe Leserinnen und Leser, AUSLIEFERUNG:


Schweiz:
Wir laden sie ein, an den heftplanungen teilzunehmen. Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Bederstr. 76,
CH-8002 Zürich
Wir beginnen jetzt, die Ausgabe 1/2020 zu konzipieren: Tel. 044/2059960, Fax: 044/2014307
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Einzelheft sFr 19,- zzgl. Versandkosten
ROM – Stadt der frühen Christen Jahresabonnement sFr 70,-
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Österreich:
Was würde Sie an diesem Thema besonders interessieren? Historisch, Österreichisches Katholisches Bibelwerk,
theologisch, archäologisch? Bräunerstraße 3/1. Stock, A-1010 Wien
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Teilen Sie uns bis Mitte März 2019 Ihre Ideen und Wünsche mit: Einzelheft E 11,80
per E-Mail (wub@bibelwerk.de), Brief oder Fax. Wir freuen uns auf die Jahresabonnement E 40,-; Studierende E 32,-
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Ihre Redaktion Helga Kaiser, Wolfgang Baur und Barbara Leicht möglich.

80 welt und umwelt der bibel 1/2019


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Edition „Welt und Umwelt der Bibel“, Katholisches Bibelwerk e.V. , Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart, E-Mail: bibelinfo@bibelwerk.de
Schweiz: Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB, Bederstr. 76, 8002 Zürich, E-Mail: info@bibelwerk.ch
Österreich: Österreichisches Katholisches Bibelwerk, Bräunerstraße 3/1. Stock, A-1010 Wien, E-Mail: auslieferung@bibelwerk.at

o 3000 Jahre Jerusalem, 1/96 o Echnaton und Nofretete, 4/01


o Schöpfung, 2/96 o Ugarit – Stadt des Mythos, 1/02
o Damaskus, 1/97 o Jesus der Galiläer, 2/02
o Jesus: Quellen, Gerüchte, Fakten, 4/98 o Himmel, 4/02

Einzelheft € 4,90
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o Der Tempel von Jerusalem, 3/99 o Entlang der Seidenstraße, Sonderheft 2002
o Christus in der Kunst (1): o Die Kreuzzüge, 3/03
Von den Anfängen bis ins 15. Jh., 4/99 o Der Nil, 1/04
o Der Koran und die Bibel, 1/00 o Flavius Josephus, 2/04
o Faszination Jerusalem, 2/00 o Der Jakobsweg, 3/04
o Christus in der Kunst (2): Von der o Prophetie und Visionen, 4/04
Renaissance bis in die Gegenwart, 4/00 o Von Jesus zu Muhammad, 1/05
o Auf dem Weg zur Kathedrale, Sonderheft 2000 o Religionen im antiken Syrien, 2/05
o Petra. Stadt der Nabatäer, 1/01 o Babylon, 3/05
o Paulus, 2/01 o Juden und Christen, 4/05

o Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 o Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
o Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 o Kindgötter und Gotteskind, 4/10
o Ostern und Pessach, 2/06 o Die Apostel Jesu, 1/11
o Mose, 3/06 o Der Weg in die Wüste, 2/11
o Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 o Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
o Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 o Bedeutende Orte der Bibel, 4/11

Einzelheft € 9,80
o Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 o Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12

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o Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 o Teufel und Dämonen, 2/12
o Weihnachten, 4/07 o N
 ordafrika.
o Gott und das Geld, 1/08 Die Epoche des Christentums, 3/12
o Maria Magdalena, 2/08 o Salomo, 4/12
o Die Anfänge Israels, 3/08 o Jesusreliquien, 1/13
o Engel, 4/08 o Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
o Paulus von Tarsus, 1/09 o Propheten, 3/13
o Apokalypse, 2/09 o Herodes. Grausam und Genial, 4/13
o Konstantinopel, 3/09 o Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
o Maria und die Familie Jesu, 4/09 o Die Evangelisten, 2/14
o Das römische Ägypten, 1/10 o Aufbruch zu den Göttern, 3/14
o Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10 o Die Ordnung der Sterne, 4/14

o 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 o Messias – Der Traum vom Retter, 2/17

Einzelheft € 11,30
o Jesus der Heiler, 2/15 o Götter und Tiere, 3/17

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o Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 o Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17
o Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 o 70 Jahre Qumran: Neue Forschungen, 1/18
o Die Christen des Orients, 1/16 o Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
o Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 o Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
o Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 o Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18
o Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16 o Das Grab Jesu, 1/19
o Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17 o Exodus – Transit in ein neues Leben, 2/19 (ab Mai 2019)


o „Orte am See Gennesaret“ Satellitenaufn. + Erläuterungen A2, o „  Der Nil und seine Heiligtümer“ 21,5 x 110 cm,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50
Pläne & Karten

o „Der Tempel von Jerusalem“, Rekonstruktion + Luftaufnahme A2, o „Die Überlieferung der Bibel“ Wichtige Inschriftenfunde A2,
2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50 2 2,– (ab 5 Ex. 2 1,50), 2 [A] 2,10, sFr 2,50
o „Das Heilige Land“ – Landkarte 28 x 60 cm, o Palästinakarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90, sFr 9,–
2 1,– (ab 5 Ex. 2 -,50), 2 [A] 1,10, sFr 1,50 o Mittelmeerkarte 98 x 68 cm, drucklackiert, 2 6,90, sFr 9,–
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o Musik in biblischer Zeit, 104 S., 2 11,90, 2 [A] 12,30, sFr 15,–
o 1001 Amulett, 224 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,– o Kleider in biblischer Zeit,112 S., 2 14,80, 2 [A] 15,30, sFr 19,–
Bücher

o Von den Schriften zur (Heiligen) Schrift, 175 S., o Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S., 2 16,80
2 29,–, 2 [A] 29,90, sF sFr 21,–
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o Engelwelten, 196 S., 2 35,–, 2 [A] 36,–, sFr 45,–


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Israel/Palästina Hahn: „Diese Reise berührt sehr Im Land der Bibel Ostern im Heiligen Land
Von Dan bis Beerscheba viele Aspekte Israels: Geschich- 8 Tage p. P. ab € 1.450,– Besinnliche Studienreise
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schaft des Südens), religiöse
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ner ethnischen und religiösen 02.03.2019 - 10.03.2019 (neu!)
Vielfalt stehen im Programm 25.03.2019 - 02.04.2019
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ich mich seit Jahrzehnten – je
länger, desto mehr – persönlich
verbunden fühle.“
Wandern auf Von Oberägypten
den Spuren Abrahams
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ins Heilige Land
Schon die Namen der Biblischen Stätten ziehen fast magisch in ihren Fluss-/Seekreuzfahrt
10.03.2019 - 19.03.2019
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duelles Pilgerprogramm zusammen, bei dem der Besuch „heiliger Orte“ 07.04.2019 - 17.04.2019 Heiliges Land
– auch beiderseits des Jordan – und gemeinschaftliches Erleben eine
Einheit bilden. Wanderungen in der Wüste, Begegnungen wie im Zelt der
Nationen, Übernachtungen in Kibbuzim sind eine nachhaltige Erfahrung.
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