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Der Mensch als Maschine im Technikzeitalter

Ein Text von Milan Thelen

Die Industrielle Revolution welche in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem
Umbruch in den meisten Bereichen des alltäglichen Lebens führte, brachte weitreichende
Veränderungen mit sich.
In der Industrie werden seit dem so viele Prozesse wie möglich auf Maschinen übertragen,
der Mensch fungiert zunehmend als Nebenrolle und hat sich vom körperlichen Arbeiten
entfernt.
Erschreckend ist hierbei, dass sich der Mensch als fühlendes, beseeltes Wesen unterstützt
vom Kapitalismus der Maschine auf eine befremdliche Weise annähert.
Der Arbeitsalltag des Durchschnittsbürgers im Westen besteht darin, sitzend am Computer
zu arbeiten – und das 30 Stunden die Woche. Diese Form der Arbeit könnte man im
wahrsten Sinne des Wortes unmenschlich nennen, da sie nichts gemein hat mit der Form der
Arbeit, die man allgemeinhin als natürlich bezeichnen würde.
Rein biologisch betrachtet besteht die tägliche Arbeit aus der Nahrungsbeschaffung und dem
Sorgen für die Familie, oder die soziale Gruppe in welcher man lebt.
Heute ist die Arbeit deutlich mehr, sie bedeutet soziale Anerkennung, kann je nach
Motivation und Pensum den sozialen Status bestimmen, strukturiert den Alltag und ist
wirtschaftliche Existenzgrundlage. Durch diese und mehr Faktoren die in unser
Arbeitsverhalten mit einfließen, schaffen die Grundlage für Probleme wie die Arbeitssucht.
Arbeitssucht ist eine verbreitete Suchtkrankheit, sie bedeutet, dass die betroffene Person
Aufgaben bearbeitet, welche knapp unter der Grenze des Möglichen liegen und so Stress
und weitere Probleme verursachen. Die häufigste Komorbidität ist das Burnout, außerdem
können Depressionen, Angststörungen und Persönlichkeitsstörungen auftreten.

Erwerbstätige Männer in Deutschland arbeiten laut einer Studie des statistischen


Bundesamts hauptsächlich (1,32 mio.) als Maschinenbauer oder in der Betriebstechnik. Hier
ist zu sehen, welchen Stellenwert die Maschinen in unserer Gesellschaft einnehmen. Mir
stellt sich hier die Frage, welche Aussage treffender ist - Menschen erschaffen Maschinen,
oder Maschinen erschaffen Maschinen.
Beobachtet man die Arbeitsabläufe in der Industrie möchte man letzterer Aussage
zustimmen. Jeden Tag derselbe Ablauf und das über Jahrzehnte. Wo ist in dieser Form der
Arbeit der Mensch zu finden? Wie kann der Mensch als denkendes, fühlendes, kreatives
Wesen auf seine Produktivkraft im Sinne von stupiden körperlichen Bewegungen reduziert
werden? Und wie kam es dazu, dass es als „normal“ gilt Arbeiten dieser Art auszuführen
ohne diese zu hinterfragen?

Die Antworten auf diese Fragen sind erstaunlich leicht im Anbetracht der Spannung welche
sie erzeugen.

Der Mensch lässt sich in dieser Form der Arbeit in seiner Fähigkeit zum Träumen finden.
Arbeit wie diese lässt sich bewältigen, wenn der Ausführende während der Verrichtung an
die Träume denkt, welcher er sich erfüllen kann, nachdem die Tätigkeit für einen
bestimmten Zeitraum ausgeführt wurde.
Diese Träume meist materieller Art werden getragen vom Kapitalismus und der
Konsumsucht, da sie nur mit den Mitteln die dieser Art von Arbeit entspringen erreicht
werden können. Und im Sinne des Kapitalismus vermittelt die Gesellschaft dem Menschen
das Verlangen nach diesen Träumen – sei es ein Auto, ein Urlaub oder die neueste
technische Errungenschaft der Kommunikationsindustrie.
Die Kreativität oder vielmehr der menschliche Drang zu ihr wird betäubt und es scheint, als
wäre dies ein gewollter Prozess. Es ist im Sinne von kapitalistischem Denken auch sinnvoll,
die Ideen und Träume der Menschen, welchen eine produzierende Aufgabe zugewiesen ist,
zu betäuben. Dies wird erreicht durch das schiere Pensum an Arbeit, das nach Bewältigung
zu Erschöpfung führt und das Verlangen nach Entspannung entstehen lässt. Die übliche Form
der Entspannung ist das gedankenlose Sitzen vor dem bevorzugtem Medium – das im
optimalen Fall ein Buch ist, im Normalfall allerdings der Fernseher oder der Computer. Das
Verlangen selbst kreativ zu werden wird mit dieser Gewohnheit zunehmend betäubt und
nach wenigen Jahren stumpfen die kreativen Fähigkeiten ab, so dass zunehmend die
Berieselung der Eigenmotivation vorgezogen wird.
Mit dem Annehmen der stupiden, monotonen Arbeit entscheidet sich der Mensch selbst
gegen seine Kreativkräfte und gegen einen großen Teil seines Menschseins. Entscheidung ist
in diesem Falle schon ein starker Begriff, da das Individuum sprichwörtlich hineingezogen
wird in das skurrile Treiben der Gesellschaft. Der menschliche Trieb dazuzugehören wird
verwendet, um einen gesellschaftlichen Druck aufzubauen. Den Bürgern wird vermittelt,
dass bestimmte Dinge zum normalen Leben dazugehören und erstrebenswert sind. Vor 200
Jahren wäre der Gedanke eine technische Errungenschaft zu erwerben die halb soviel wie
eine Kutsche kostet nur um damit Spiele zu spielen oder laufende Bilder anzuschauen nie
ernsthaft in Erwägung gezogen worden. Heute steht beispielsweise das Smartphone für den
gesellschaftlichen Status - wer keins besitzt kann von seinen Mitmenschen leicht als
Hinterwäldler und Sonderling abgestempelt werden. Der praktische Nutzen der meisten
technischen Errungenschaften ist weit in den Hintergrund gerückt, es geht hauptsächlich um
Bestätigung und um Ablenkung vom Wesentlichen.
Die Grundsteine dieses Prozesses wurden mit der industriellen Revolution gelegt,
beschleunigt wurde er durch den Beginn des Internetzeitalters. In letzterem wurde es dem
Menschen leicht gemacht, sich in andere Welten zu flüchten, sich außerhalb des eigenen
Lebens mit denen der anderen zu beschäftigen. Hierfür werden ihn der heutigen Zeit
zahllose Möglichkeiten geboten – der Fernsehen ist hierbei sogar schon auf dem Weg
überholt zu werden durch neuere, personalisiertere Formen der Ablenkung.
Streamingdienste bieten die Möglichkeit, sich stundenlang in die favorisierte Welt zu
begeben, beeindruckend realistische Computerspiele lassen die reale Welt vergessen, Apps
wie Instagram zeigen das augenscheinlich perfekte Leben der anderen und bieten sogar die
Möglichkeit, sein eigenes ebenso poliert und ausgeschmückt darzustellen.
Aber nicht nur die schönen Seiten der Welt fesseln den Nutzer des Internets, auch das Leid
und Unglück halten uns davon ab, unser Leben mit offenen Augen zu sehen.
Letzteres ist ein interessantes Phänomen – das eigene Leid scheint belanglos, ihm wird keine
Bedeutung beigemessen, es wird sogar ignoriert - solange die Möglichkeit besteht, andere
Leben die mit mehr Leid gefüllt zu sein scheinen zu verfolgen und bei der Beobachtung
derselben die Gefühle zuzulassen, die im eigenen Leben außen vor bleiben. Dieses scheint
ein geplanter Vorgang zu sein – warum sonst bestehen die Nachrichten nur aus Leid und
Schmerz? Welchen Nutzen hat es außer dem zuvor genannten sich mit dem Unglück auf der
anderen Seite des Erdballs zu beschäftigen?
Nur den des Ablenkens vom eigenen Leben und von der Unnatürlichkeit desselben. Nur so
kann das Individuum in einer solchen Gesellschaft den Gang seines Lebens vor sich selbst
rechtfertigen, kann sich selbst erlauben zur Maschine zu werden.
Und der Unterschied zur Maschine besteht nur noch im kleinem, besser gesagt in einem:
Unseren Gefühlen. Das erschreckende ist, dass unsere Gefühlswelt durch oben genannte
Möglichkeiten nach und nach in die technische Welt verlagert wird. Auf dem Arbeitsmarkt
sind Gefühle nicht gern gesehen, sie hindern uns so produktiv zu sein wie wir es ohne sie
wären. Also verhalten wir uns reserviert, bauen Wälle und Mauern, beschützen unsere
inneren Stürme vor der Außenwelt und zeigen nur unsere perfekte Maske. Und wenn der
Arbeitstag endet, betäuben wir uns, bis wir vergessen haben, was in uns tobte. Wenn das
tägliche Arbeitspensum dann noch weiter zunimmt, werden die Möglichkeiten wahre
Gefühle auszuleben immer weniger, bis wir im schlimmsten Fall soweit abkühlen, dass wir
innerlich erstarren – dann gibt es nichts mehr was uns unterscheidet von den Maschinen die
wir erschufen und denen wir uns soweit annähern, dass wir in nicht allzu ferner Zukunft
ihnen dienen – eher noch, zu ihnen geworden sind.