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Elektrozeutika: Strom statt Pillen


25. August 2016 | electronica Blog Team |

Die Bioelektronik ist eines der spannendsten Zukunftsthemen der


medizinischen Forschung. Drahtlose elektronische Mikroimplantate, die
Nervensignale manipulieren, sollen künftig chronische Krankheiten wie
Asthma und Diabetes heilen.

Es begann mit einem Frosch. Im Jahr 1780 entdeckte der italienische Arzt und
Biophysiker Luigi Galvani in einem Experiment mit Froschschenkeln, dass Muskeln
kontrahieren, wenn sie mit zwei verschiedenen Metallen in Berührung kommen. Galvani
glaubte, einer geheimnisvollen tierischen Elektrizität auf die Spur gekommen zu sein.
Tatsächlich hatte er aber einen Stromkreis aus Eisen, Kupfer und der Körperflüssigkeit
des Tieres als Elektrolyt gebildet – und damit die Grundlage für die Erkenntnis gelegt,
dass elektrische Impulse den Körper kontrollieren. Nicht nur beim Frosch, sondern
auch beim Menschen.
Bioelektronische Medizin, die mit Hilfe implantierbarer Sensoren Organfunktionen
überwacht und elektrische Stimulation anwendet, um Körperfunktionen zu verändern,
gibt es schon länger: Herzschrittmacher, Cochlea- oder Retinaimplantate zum Beispiel.
Auch die Behandlung des peripheren Nervensystems durch elektrische Impulse wird
bereits praktiziert. Neuromodulation mit implantierten Stimulatoren kommt heute
insbesondere bei chronischen Schmerzen, Depression und Parkinson zum Einsatz.
Die Funktion von Organen und Immunsystem hängen mit den Aktivitäten des
Nervensystems eng zusammen. Fast alle Zellen des Körpers werden direkt oder
indirekt durch die Aktivität neuronaler Schaltkreise beeinflusst.

Neue Generation bioelektronischer Medizin

Herkömmliche Sensoren haben einige Nachteile. Häufig sind sie per Kabel mit der
Außenwelt verbunden. So werden etwa Sensoren, die bei Patienten mit Schädel-Hirn-
Trauma die Parameter des Gehirns überwachen, per Kabel mit einem externen
Monitor verdrahtet. Die perkutanen Leitungen verursachen Wunden und bergen
Infektionsgefahr. Langzeitimplantate lösen oft Immunreaktionen aus. Außerdem
müssen die Geräte später operativ entfernt werden – wieder ein Eingriff, der Risiken
birgt.
Abhilfe verspricht eine neue Generation bioelektronischer Medizin: Elektrozeutika, im
englischen Sprachraum Electroceuticals genannt – im Gegensatz zu chemischen
Medikamenten wie Tabletten und Infusionen, den Pharmazeutika (Englisch:
Pharmaceuticals). Die intelligenten, personalisierbaren Mikroimplantate sollen am
Nervensystem andocken und mit elektrischen Impulsen gezielt Nervensignale
manipulieren. Ziel ist es, unregelmäßige oder veränderte Signale wie sie für viele
Krankheiten charakteristisch sind anzupassen. Auf diese Weise, so hoffen Forscher,
könnte es bald möglich sein, chronische Krankheiten zu heilen oder ihre Symptome zu
mildern. So sollen sich künftig beispielsweise Arthritis, Asthma und Epilepsie kurieren
lassen.
Drahtlos, minimalinvasiv und ohne Nebenwirkungen

Herkömmlichen Elektronikimplantaten gegenüber haben Elektrozeutika signifikante


Vorteile: Die Einführung der Mikrogeräte ist minimalinvasiv. Derzeit werden
winzigkleine Elektrozeutika entwickelt, die ein Leben lang in Nerven, Muskeln und
Organen verbleiben können sollen, um dort den Metabolismus der Zellen zu
beobachten und regulativ einzugreifen. Die Biosensoren sollen drahtlos arbeiten und
minimalen Energiebedarf haben.
Schädliche Nebenwirkungen? Gibt es nicht, sagen die Wissenschaftler. Während 
Medikamente systemisch arbeiten, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen also in vielen
Regionen des Körpers entfalten, setzen die Mikroimplantate nur dort an, wo die
Ursache der Erkrankung liegt. „Das Schwierige dabei ist, Hunderte von
Nervensignalen auseinander zu halten, die auf ein Organ einwirken und von ihm
ausgehen. Schließlich soll das Gerät ja nur das Signal verändern, das den
gewünschten Effekt auslöst und nicht diejenigen, die auf Funktionen in andern
Körperregionen einwirken“, erklärt Bioingenieur Brian Litt von der University of
Pennsylvania. Das sei eine „Mammutaufgabe“.
Nerven, Muskeln und Organe lassen sich auch über lange Strecken beeinflussen. Der
Vagus zum Beispiel – einer der längsten Nerven – führt vom Hirnstamm durch den
Bauchraum und verbindet das Nervensystem des Darms mit dem Gehirn. Der Vagus
ist an der Regulation der Tätigkeit fast aller Organe beteiligt. In einer klinischen Studie
gelang es dem kalifornischen Biotech-Unternehmen SetPoint Medical den Vagus-Nerv
mit einem Elektroimplantat so zu stimulieren, dass die Produktion eines
entzündungsfördernden Botenstoffes gehemmt wurde. Bei 18 Versuchspatienten
konnten auf diese Weise Symptome rheumatoider Arthritis derart gemildert werden,
dass sie wieder schmerzfrei Hemden zuknöpfen konnten.
Nervenstaub

Seit Jahren arbeiten Wissenschaftler


und Pharmakonzerne an Mikrogeräten, die Nervenimpulse beeinflussen. Die meisten
Projekte befinden sich im experimentellen Stadium.
Einen Meilenstein in Sachen Miniaturisierung erzielte die kalifornische Berkeley-
Universität. Dort wurde ein Sensor entwickelt, der so klein wie ein Sandkorn ist. Das
implantierbare, draht- und batterielose Gerät hat man in die Muskeln und peripheren
Nerven einer Ratte eingesetzt, wo es per Ultraschall die Körperwerte ausliest. Damit
sich das Minigeräte irgendwann auch in das menschliche Gehirn einpflanzen lässt,
entwickeln die Ingenieure einen noch kleineren Biosensor in Staubkorngröße –
„Nervenstaub“ (Neural Dust) genannt. Das würfelförmige Gerät soll nur 0,05 Millimeter
hoch sein. Fernziel des Neural-Dust-Projekts ist es, „die nächste Generation der
Mensch-Maschine-Schnittstelle“ zu schaffen, sagt Neurowissenschaftler Ryan Neely.

Selbst-auflösende Hirnsensoren

An der Washington University School of Medicine in St. Louis gelang es in


Zusammenarbeit mit der University of Illinois, ein Sensorimplantat zu bauen, das
kabellos Daten zu Schädelinnendruck und Gehirntemperatur liefert und vom Körper
nach einigen Wochen rückstandsfrei abgebaut wird.
Der winzige Chip besteht aus Silikon und Polylactid-co-Glycolid. Das sind Stoffe, die
der Körper in kleinen Menge problemlos abbaut. Die Materialien seien „medizinisch
unbedenklich“, erklärt Professor John A. Rogers von der University of Illinois: „In einer
Vitamintablette kommen sie in 1.000-fachen Anzahl vor.“ Die Forscher implantierten
Laborratten die Sensoren ins Gehirn. Die Geräte lieferten Daten von ähnlicher Qualität
wie herkömmliche Implantate – und verschwanden anschließend spurlos aus den
Gehirnen der Versuchstiere. Die Wissenschaftler planen, das System bald auch an
Menschen zu testen.

Google und GSK erobern Bioelektronik-Markt

Noch nie haben sich Unternehmen mit einer derartigen wirtschaftliche Schlagkraft dem
Thema Elektrozeutika gewidmet wie das jüngste Joint-Venture des britischen
Pharmakonzerns GlaxoSmithKline (GSK) und Verily, einer Tochtergesellschaft von
Google-Mutter Alphabet. Mehr als 620 Millionen Euro wollen sie in den nächsten
sieben Jahre in ihr neu gegründetes Unternehmen Galvani Bioelectronics investieren.
Der Pharmariese und der IT-Gigant haben angekündigt, Mikro-Implantate für das
periphere Nervensystem außerhalb des Gehirns und Rückenmarks zu bauen. Damit
sollen sich chronische Volkskrankheiten wie Diabetes, Arthritis und Asthma behandeln
lassen. Ein riesiger Markt. Zulassungen für erste Produkte möchte Galvani im Jahr
2023 beantragen.
GSK-Entwicklungschef und Galvani-Geschäftsführer Kris Famm ist überzeugt, dass
Mikro-Elektrozeutika auch bei neurologischen Krankheiten wie Alzheimer zum Einsatz
kommen werden. „Andere Player werden versuchen, das zentrale Nervensystem zu
modulieren“, sagt Famm. Erst einmal müsse man jedoch „die elektrischen Schaltkreise
im Gehirn entwirren“ und herausfinden, wo man überhaupt ansetzen soll. Das sei „sehr
viel komplexer“ als Signale in der Nähe eines Körperorgans zu verändern.
Herz, Lunge und Bauchspeicheldrüse bald hackbar?

Anlass, sich Sorgen zu machen? – Möglicherweise. Schließlich können Elektrozeutika


Daten senden und empfangen und lassen sich mit anderen Geräten vernetzen. Könnte
also jemand die elektronischen Implantate hacken und dann die Lunge kollabieren
lassen oder das Herz zum Stillstand bringen? Famm hält solche Horrorszenarien für
übertrieben: „Ein peripherer Nerv ist kein USB-Stick für das zentrale Nervensystem.“
Niemand könne sich mal eben an einen Nerv in der Bauchspeicheldrüse anschließen
und darüber Gedanken kontrollieren.
Es gibt noch viele Herausforderungen. Zum Beispiel sind die bislang eingesetzten
Implantate, Nervenkontakte und Stimulationsmuster recht grobschlächtig verglichen mit
der Anatomie und dem Signalmuster der vielen gleichzeitig aktiven Nervenzellen.
Weder ist es mit heutiger Technik möglich, einzelne Zellen in definierten Schaltkreisen
zu kontaktieren und selektiv zu stimulieren, noch lassen sich Aktivitätsmuster in
Zellverbänden erzeugen, die dem Muster der natürlich auftretenden Aktionspotentiale
entsprechen. Auch Ethik- und Akzeptanzfragen gilt es zu klären und die
Datenschutzproblematik.

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Kommentar: electronica 2020
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