Sie sind auf Seite 1von 318

Norbert Muigg

Der Mond im
Jaguar

Bewusstsein Maya
in Licht und Dunkel

scanned by unknown
corrected by ut
Wie beim ersten Buch „Die Sprache des Herzens" entführt uns der Tiroler
Mayapriester in die geheimnisvolle Welt der guatemaltekischen Schamanen.
Es ist eine Welt voller Mysterien und Rätsel. Muigg zieht den Vorhang zu
einer anderen Welt beiseite und was für uns aufgeklärte Westmenschen wie
Zufälle aussieht entpuppt sich als ein Geflecht von Ursache und Wirkung, an
dem eine unsichtbare Welt voll von Geistern, Wesenheiten und Mächten
arbeitet.

ISBN 3-85052-125-7
2002 by Ibera Verlag/ EUP, Wien
Schutzumschlag: Mayafìgur: Ixmucané - im Besitz von Christine und Norbert Muigg
Foto: Hermann Netzer

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!


Autor

NORBERT MUIGG

Der Tiroler aus dem Stubaital übersiedelt 1989 mit Frau und
drei Kindern nach Guatemala. Zusätzlich zu ihrer europäischen
Ausbildung in feinenergetischer Arbeit erwarben er und seine
Frau in Guatemala Diplome als Naturheilpraktiker und
Therapeuten; vom Führer der Maya-Pocomames erhielten sie
die Initiation zu Maya-Priestern. Bei einem kontinentweiten
Indianertreffen wurde Norbert Muigg vom Rat der Maya-
Weisen sowie vom Indianerrat als Brückenbauer zwischen den
Kulturen eingesetzt; er errichtete das Zentrum „TO-OM-RA" am
Atitlánsee in Guatemala. Heute lebt er mit seiner Familie teils in
Guatemala und teils in Tirol.
Kontaktadresse: ‹http://www.toomra.com›
Widmung

DIESES BUCH WIDME ICH DER KOSMISCHEN MUTTER,


DIE SICH IN DEN UNTERSCHIEDLICHEN KULTUREN IN
IHRER VIELFALT MANIFESTIERT. ICH SPÜRE SIE ALS
GÖTTLICHE MUTTER MARIA, ALS MAYA-MUTTER
IXMUCANÉ ODER ALS ÖSTLICHE MUTTER TARA.
VIELE ASPEKTE DIESER GÖTTINNEN SPIEGELN SICH
IN DER LEBENDIGEN BEZIEHUNG ZU MEINER FRAU
CHRISTINE, DIE MICH IN LIEBE BEGLEITET. ICH
WIDME ES DEN IN DER MENSCHHEIT LEBENDEN
GÖTTINNEN DES LICHTS, DER WEISHEIT UND LIEBE,
DER ERDIGKEIT UND DUNKELHEIT. SCHÖNHEIT,
FREUDE UND LEBENDIGKEIT, ABER AUCH INNERE
STILLE, MYSTIK UND KRAFT WERDEN MIR IN
BEGEGNUNGEN MIT FRAUEN ERFAHRBAR. IM SCHEIN
DES MONDES ERWACHT DURCH SIE DAS
GEHEIMNISVOLLE IN MEINEM HERZEN, IM
KRAFTFELD DES JAGUARS.
Inhalt

Autor .................................................................................................................. 2
Widmung ......................................................................................................... 3
Inhalt .................................................................................................................. 4
Danksagung ............................................................................ 5
Vorwort................................................................................... 7
I. Mayabewusstsein in Licht und Dunkel .......................... 13
Führung aus der Dunkelheit ................................................................. 14
Reise durch Raum und Zeit .................................................................. 44
Im Strom des Lebens ............................................................................... 72
Im Kraftfeld des Mayakreuzes ........................................................... 92
Berührung aus dem Jenseits ...............................................................120
Gespräche mit dem Bruder Tod .......................................................147
Schatz der Welt - Tesoro mundo .....................................................171
Der lachende Gott ...................................................................................191
II. Der kosmische Mensch Maya...................................... 215
Die Wiederkehr Maya ...........................................................................216
Erwachen des Jaguars ...........................................................................240
Der Mond im Jaguar ..............................................................................260
Rückkehr der Meister............................................................................277
Im Garten der Seele ................................................................................301
GLOSSAR .......................................................................... 316
Danksagung

Mein erstes Buch „Die Sprache des Herzens" hat viele


Menschen tief berührt. Dadurch habe ich erfahren, wie
unmittelbar auch gedruckte Sprache zum Energieträger werden
kann. Die im Buch erwähnten Weisen der Maya haben das Buch
in Ritualen mit den heiligen Kräften der Maya gesegnet. Ich bat
zusätzlich um den Segen der Geistwesen aus der christlichen
Tradition, die mich begleiten. Ich kann kaum in Worte fassen,
wie schön es ist, auf diese Weise dem Größeren, Höheren
dienen zu dürfen. Maya zeigte sich mir und den Lesern dadurch
in seiner tiefsten Qualität, als Heilungs- und
Ganzwerdungskraft. Das nun vorliegende Buch möchte diese
Erfahrung vertiefen. Heilung erhalten wir, wenn wir dem Leben
in all seinen Aspekten, Höhen und Tiefen, in Licht und Dunkel,
im Vertrauen und Wissen um die göttliche Führung und
Begleitung begegnen und wenn wir uns bereit erklären, unser
Bewußtsein öffnen und erweitern zu lassen. Ich habe den Geist
der heiligen Schlange und des heiligen Jaguars gebeten, den
Leser im rhythmischen Schwingen zwischen Oben und Unten
durch Licht und Dunkel zu begleiten. Die eingefügten Gebete
mögen dazu beitragen, diesen Rhythmus in den Alltag des
Lesers zu integrieren, so wie es auch meiner Gewohnheit
entspricht.
Ich bedanke mich für die geistige Begleitung und Hilfe, die
ich aus den Kraftfeldern unterschiedlicher Kulturen und
Religionen erhalte. Ich wurde als Brückenbauer zwischen den
Kulturen initiiert und schöpfe aus dieser heiligen Verbindung
viele Texte, Gebete, vor allem aber Freundschaft und Liebe zu
vielen Menschen, die mein Leben bereichern und denen ich
dafür all meine Dankbarkeit erweisen möchte. Sie einzeln
anzuführen, würde ein Ungleichgewicht schaffen zwischen
-5-
denen, die mir durch örtliche Gegebenheiten und persönliche
Umstände nahestehen, und denen, die mir mit ihrer Zuwendung
bei meiner Aufgabe beistehen, ohne mich jemals persönlich
getroffen zu haben. Ich möchte die Wertschätzung, den Respekt
und die Liebe, die mir entgegengebracht werden, all jenen
weitergeben, die wie ich selbst Teil einer großen Gemeinschaft
sind, die sich bereit erklärt haben, dem göttlichen Plan zu dienen
und seine Manifestation zu fördern. Vor allem möchte ich sie
weitergeben an die Meister der Maya an meiner Seite, an die in
der sichtbaren und die in der unsichtbaren Welt.

TO-OM-RA

Fulpmes, September 2001

-6-
Vorwort

Als ich vor kurzem den inneren Ruf des Maya-Magiers Don
Anacleto vernahm, lag er bereits im Sterben. Der Tod hielt den
94jährigen Anciano schon in seinen Armen. Als ich mit einer
Gruppe von Frauen zu ihm kam, übergab mir Kemé, der Tod,
den liebevollen, schwer herzkranken Magier und Heiler. Ich
erhielt die Erlaubnis, ihm bei der Erfüllung seiner
Lebensaufgabe behilflich sein zu dürfen. Die Zeit zu gehen sei
für ihn noch nicht gekommen, meinte auch der Anciano selbst.
Anacleto war für viele Maya-Schamanen eine Art
Wegbereiter. Sie kannten ihn alle und kamen um Hilfe, wenn sie
selbst nicht mehr weiterwußten. Bekannte Politiker
Zentralamerikas ließen den Anciano rufen und bedankten sich
mit Auszeichnungen bei ihm. Die Universität San Carlos in
Guatemala City nahm den Schamanen in die Ehrenriege der
Mitglieder auf. Ärzte kennen den Heiler und vermitteln ihm ihre
nahen Angehörigen, wenn die Schulmedizin keine Perspektiven
mehr anzubieten hat. Unzählige hilfesuchende Menschen hat der
Schamane auf ihren Weg gebracht.
In der Indianerkultur der Maya ist es unumgänglich, die
Lebensbestimmung eines Menschen bereits im Kindesalter zu
erkennen und herauszufinden, für welchen Lernprozeß die Seele
sich auf diesem Planeten inkarniert hat. Den Weg zu ebnen
bedeutet in diesem Zusammenhang, die bei vielen vorhandene
Kluft zwischen Lebensbestimmung und Lebensführung zu
schließen. Für den Maya ist jegliche Krankheit Ausdruck einer
Reibung, einer Disharmonie, die letztlich mit einer nicht
gelebten Seelenaufgabe zu tun hat. Der Maya-Magier Anacleto
machte keinerlei Unterschied, wem er beim Erkennen seiner
Aufgabe diente. So bereitete er Militärdiktatoren den Weg zur

-7-
Macht und half einfachen Indigenas. In vielen Gesprächen
machte mir der Anciano klar, was es bedeutet, Menschen ohne
Be- oder Verurteilung zu begegnen. Der Diktator hat in gleicher
Weise einen Auftrag auf der Erde zu erfüllen wie der
Unterdrückte, der Ausgebeutete, das Opfer. Tata Cleto, wie wir
ihn nennen, hat einen weiterreichenden Einblick in das wahre
Geschehen der Menschheit. Wo auch immer ihn das Leben
hingestellt hat, versucht er seinen Beitrag im Dienste eines
höheren Planes zu leisten.
Nun stieg er aus seinem Sterbebett und hielt den Kristall, den
ich ihm einmal gegeben hatte, triumphierend in die Höhe. Seine
Kraft und Weisheit würden noch gebraucht, sagte er mit
schwacher Stimme. Da er selbst mit dem Tod vertraut umging
und zusammenarbeitete, wußte er, daß ihm noch einige Jahre auf
unserer Erde bleiben sollten. Den Tod zu bekämpfen, hätte
wenig Sinn gehabt. Zu viele Menschen hatte auch dieser große
Magier und Schamane dem Tod überlassen müssen. Viele
wurden aber auch zwecks Vollendung ihres Lebensauftrags in
seine Hände gelegt und konnten geheilt werden.
Er hielt eine schwarze Rabenfeder über meinen Kopf und
meinte, es sei auch für mich nun die Zeit gekommen, den Tod
als Freund und Partner zu betrachten. Als ich Monate später von
den Wesenheiten der Unterwelt geschüttelt und wie von einem
starken Sog in die Tiefe gezogen wurde, erhielt ich die
Initiation, mit dem Tod und den Mächten der Dunkelheit und
mit denen des Lichts zusammenarbeiten zu dürfen. Seitdem ist
es mir als großes göttliches Geschenk zuteil geworden, die Tore
in die Dunkelheit zu öffnen. In gegenseitigem Respekt begegnen
wir einander, der Herr der Unterwelt, Xibalbá, Kemé, der Hüter
der Ebenen der Unterwelt, und ich. Im Schutze der Kräfte des
Lichts und der Dunkelheit gestalte ich seitdem mein Leben in
der Gewißheit, den Wesenheiten beider Bereiche in allen
Lebenssituationen problemlos begegnen zu können.
Als Tata Julian, der Maya-Schamane und Regenmacher der

-8-
Pocomames, auf einer verfallenen Brücke einem
übermannsgroßen Dämon begegnete, nahm er seinen ganzen
Mut zusammen und ging durch ihn hindurch. Dieser begegnete
ihm auch noch in Gestalt eines mächtigen Untiers, als er nach
einer Versammlung gegen Mitternacht auf dem Heimweg war.
In diesem schrecklichen Moment mußte er sein Vertrauen in die
geistige Welt unter Beweis stellen. Er wußte von seiner großen
Macht als Lichtträger und verschaffte sich als Krieger des Lichts
den Respekt der Schattenmächte. Seitdem gibt es gegenseitige
Anerkennung und Zusammenarbeit im Dienste der Menschen
und des Planeten. Der Anciano steht im Schutze des Lichts und
auch der Dunkelheit, die wir in unserem Kulturkreis zu
bekämpfen gewohnt sind.
Ich konnte lange nicht verstehen, wie es möglich sein soll,
einen Menschen mit der Kraft Xibalbás zu verbinden. Eine
Zeitlang wollte ich mich von meinem Lehrer und Begleiter Don
Julian aus diesem Grunde sogar wieder lösen. Ich glaubte
damals, die Arbeit mit der Dunkelheit, die Zusammenarbeit mit
den Schattenmächten sei Schwarzmagie. Doch inzwischen
erkannte ich, daß es auch in der Dunkelheit Bereiche gibt, die in
Harmonie und Stille sind. Indem man das Dunkle in sich selbst
mit dem Licht in Ausgleich bringt, geht man den Weg zur
schamanischen Ermächtigung und Erkenntnis. Durch die
Erfahrungen mit Maya wurde mir die Tiefe und Weite des
kosmischen Geschehens bewußt. Ein von der geistigen Welt
ermächtigter Mensch bekommt die Erlaubnis, mit jedem und
allem zu kommunizieren. Im Respekt und in der Liebe zur
göttlichen Schöpfung veränderte sich mein bisheriges Weltbild,
in dem die Dunkelheit als feindlich gegolten hatte. Die Angst
vor dem Unbekannten hatte Menschen jahrhundertelang
erzittern lassen, obwohl es doch nichts gibt, wovor wir unter
einer liebevollen göttlichen Führung Angst haben müßten.
Zum Jahreswechsel 2001 trafen wir, Christine und ich, uns
mit Freunden in Lugano. Klaudia wollte uns schon seit Monaten

-9-
einen Platz zeigen, der ihr besonders gut gefiel. Gleich einem
riesigen Felsvorsprung reicht der Ort Agra in den Lago Lugano.
Schon vor Monaten hielten meine Frau und Klaudia mit einer
kleinen Gruppe von Freunden eine Zeremonie auf einem der
wunderschönen Ausblickspunkte ab. Als wir dort nun an einer
aus der Zeit um 1900 stammenden riesigen TBC-Klinik
vorbeigingen, wurden wir in den Keller gerufen. Wasser tropfte
von den Wänden, und die Fensterrahmen hingen lose in den
Angeln. Angeblich benutzten Sondereinheiten der Polizei diese
Mauern, um sie im Rahmen von Übungen durchzutreten. Durch
die Bodenöffnungen der düsteren Kellerräume konnte man die
darunterliegenden verrosteten Heizungsrohre sehen. In dem
riesigen Komplex schien es kein einziges Tier, kein Lebewesen
zu geben.
Intuitiv erfuhren wir, daß wir in der Nacht wiederkommen
sollten. Ich hatte eine Fülle von Ritualgegenständen
mitgebracht, ohne gewußt zu haben, wofür ich sie brauchen
würde. Wir waren mehr darauf eingestellt gewesen, ein
wunderbares und lehrreiches Jahr abzuschließen und unsere
Dankbarkeit für das Gelingen unserer Arbeit in einem Ritual
auszudrücken. Ich hatte mich sogar gewehrt, den Ort Agra
überhaupt zu besuchen, weil ich ahnte, daß wieder etwas
Unvorhergesehenes geschehen könnte. Seit Monaten hatte mir
Klaudia von diesem Meisterplatz erzählt, der durch dieses
verfallene Gemäuer im Schlaf gehalten worden war.
Während die Frauen kochten und einen gemütlichen
Silvesterabend vorbereiteten, stapften Oskar und ich durch den
frischgefallenen Schnee auf die Ruine zu. Es war finstere Nacht.
Schon vor Betreten des Grundstücks spürten wir die erste
Hürde, die wir durch die Bitte um Einlaß überwinden konnten.
Eine ähnliche Barriere gab es noch einmal am Haupteingang,
wo wir uns erneut hinknieten und durch Gesang und Anschlagen
einer Klangschale Zugang erhielten. Es waren Wesenheiten zu
fühlen, die uns Einhalt geboten. Schließlich kamen wir doch in

-10-
die unteren Kellerräume. Wir wurden in den ehemaligen
Leichenraum gerufen. Eine Unzahl von Geistwesen schien uns
zu begleiten. Wir wurden zwar eingelassen, zugleich aber
verspürten wir beide massive Able hnung. Wir bereiteten, jeder
für sich, ein Ritual im Raum vor. Ein paar Kerzen erhellten den
stockdunklen, feuchtkalten Raum. Als wir unsere Zeremonien
begannen, spürten wir erneut eine Welle der Ablehnung. Ich
hatte das Gefühl, von Tausenden Augen aus der Dunkelheit
beobachtet zu werden. Einen kurzen Moment zweifelte ich sogar
daran, ob es richtig sei, in diese an den Ort gebundene
Seelenwelt einzugreifen. Der Hilferuf aus der unsichtbaren Welt
übertönte jedoch die Einflüsterungen des Zweifels. Oskar und
ich vereinbarten, vorsichtig alle Optionen für die hier
gebundenen Seelen offenzulassen. Es ging zuallererst darum, die
Kräfte des Lichts und der Dunkelheit in dieses Ritual
einzuladen. Das Maya-Kreuz stand dafür als Symbol. Wir hatten
die Kerzen in den vier Mayafarben, Weiß, Schwarz, Gelb und
Rot, mitgebracht. Die Präsenz der hellen und der dunklen Seite
würde uns bei den an diese Baustruktur gebundenen Seelen
Glaubwürdigkeit verleihen und Respekt verschaffen. Wir
stiegen also beide hinab in das Reich der Dunkelheit und baten
um Hilfe und Zusammenarbeit zum Wohle aller Beteiligten. Im
Kraftfeld Maya, im Corazón del Cielo und im Corazón de la
Tierra, erklärte sich plötzlich eine Vielzahl von Existenzen
bereit, in den Ritualraum zu kommen. Wir luden die Kraft des
Jaguars ein, der mit aller Heftigkeit in den Raum kam und uns
zusätzlich zu den Kräften des Lichts Schutz und Ermächtigung
für dieses Ritual gab. Meine innere Spannung, die sich in
unangenehmen Kälteschauern geäußert hatte, begann sich zu
lösen. Erneut konnte ich erfahren, wie leicht es ist, Ängste,
Vorbehalte und Zweifel, ja sogar Aggressionen von
Verstorbenen in den Griff zu bekommen.
Durch die rituelle Manifestation des violetten Strahls befreiten
wir all jene Seelen, die sich bereit erklärt hatten, ins Licht

-11-
weiterzugehen. Für die Wesen, die in die Dunkelheit gehen
wollten, erbaten wir mithilfe der Mächte der Unterwelt einen
dem jeweiligen Bewußtsein der Wesenheit angemessenen Raum
im Schattenreich. Dadurch war es leicht, auch diese Seelen von
diesem Ort zu lösen. Wir versprachen all jenen Seelen, die nicht
bereit waren, die verfallene Klinik zu verlassen, ihre
Entscheidung zu respektieren. Sie sollten sich wieder in die
Räume der Ruine zurückziehen. Die Zeremonien sollten sie
nicht berühren.
Was wir in diesen zwei Stunden an diesem kalten, verlassenen
Ort bewegt hatten, ist schwer zu beschreiben. Hier hatten bis vor
einigen Jahrzehnten schwer erkrankte Menschen ihr Lebensende
erwartet. Energien der Aggression, des Neids, der Mißgunst, der
Angst und des Hasses, die wir hier vorgefunden hatten, waren
nun einem Kraftfeld des Friedens und der Harmonie gewichen.
Ich hatte anschließend das Gefühl, allein und problemlos in
diesem Kellerraum übernachten zu können. Oskar und ich zogen
uns in großer Dankbarkeit zurück und gingen im Schneefall
nach Hause. Weinschenken schlummerten in der Stille der
Nacht über der spärlich beleuchteten Stadt Lugano. Hermann
Hesse hat die Schönheit und Fülle der Natur des Tessins zu allen
Jahreszeiten wundervoll beschrieben. Er war mir an diesem
Abend nahe. Ich fühlte nicht nur seine Liebe zu dieser vor mir in
der Dunkelheit ausgebreiteten Winterlandschaft, sondern auch
seine Einsamkeit, die ihn wie so viele Meister bedrückt hatte.
Überdachte Laubengänge bogen sich unter der schweren Last
des feuchten Schnees. Mancherorts brachen die Überdachungen
in sich zusammen und begruben mit Laub bedeckte Tische und
Stühle unter sich. Die Menschen waren verwundert über diesen
Wintereinbruch, den es angeblich schon Jahrzehnte nicht mehr
gegeben haben soll. Zuhause angekommen standen für uns die
wenigen verbleibenden Stunden bis zum Jahreswechsel im
Zeichen von innerer Freude und Befreiung.

-12-
I.

Mayabewusstsein in Licht und


Dunkel

-13-
Führung aus der Dunkelheit

Für Abwechslung war durch die Verankerung in zwei


verschiedenen Kulturen gesorgt, zwischen denen wir uns
bewegen sollten. Sich auf zwei Kontinenten einzurichten, war
doch etwas schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich
nahm das Manuskript meines ersten Buches in die Hand und
hatte das Gefühl, all das, was darin beschrieben war, sei schon
unendlich weit weg von mir. In meinen Meditationen betete ich
um Hilfe, um Orientierung und Klarheit. Die Vision des
Zentrums im Hochland Guatemalas, die inzwischen Realität
geworden war, belastete uns finanziell. Es gab weder Konzepte
noch finanzielle Mittel, das Zentrum zu bewerben. Unsere
Kinder fühlten sich in ihrer Tiroler Heimat wieder wohl. Unsere
nun schon 10jährige Tochter genoß die Befreiung von den
Schutzzäunen, hinter denen sie in Guatemala City aufgewachsen
war. Und die beiden Söhne bahnten sich bereits eigenständig
ihre Wege in Ausbildung und Freizeit. Je klarer sich das Leben
in meiner Stubaier Heimat abzuzeichnen begann, um so mehr
zweifelte ich an der Sinnhaftigkeit all dessen, was ich in
Guatemala getan hatte. Den Auftrag, als Brückenbauer die
Kulturen zu verbinden, konnte ich nur an höhere geistige
Instanzen weiterleiten.
Einige Kapitel meines Buchs lagen schon als Manuskript im
Verlag, die fehlenden sollten noch geschrieben werden. Meinen
Beruf als Lehrer konnte und wollte ich nicht mehr ausüben. Eine
Entscheidung zugunsten der Schule wäre einer Entscheidung
gegen alles gleichgekommen, was wir uns in vielen Jahren
mühsamer Arbeit in Guatemala aufgebaut hatten. Noch vor ein
paar Monaten hatte ich geglaubt, daß all das, was wir in
Guatemala verwirklicht hatten, von einer höheren Macht
gewünscht war, doch jetzt schwand diese Überzeugung immer

-14-
mehr. In mir tauchte bereits die Befürchtung auf, daß ich mir
meine derzeitige Situation aufgrund völlig falscher
Vorstellungen geschaffen hatte. In diesen Tagen schwerer
psychischer Belastung rief ich eine liebe Bekannte an und bat
sie um eine Information aus der geistigen Welt, die wir selbst in
diesem Zustand der Vernebelung nicht mehr klar genug
wahrne hmen konnten. Einige Tage später trafen wir uns, und sie
gab mir einen langen Brief, geschrieben im Kraftfeld der
geistigen Wesenheit Imanuel. Dieser Botschaft vertraute ich,
wußte ich doch, daß unsere Freundin seit vielen Jahren diese
mediale Verbindung in aller Demut und Bescheidenheit pflegte.
So setzte ich mich also mit dem Brief auf meine
Wohnzimmercouch. Der Winter zeigte sich heute von seiner
schlechtesten Seite, es war ungemütlich feuchtkalt. Der Föhn
hatte den erst vor wenigen Tagen gefallenen Neuschnee in
Schneematsch verwandelt. Als ich die ersten Zeilen des medial
übermittelten Textes las, spürte ich die klare Kraft des
aufgestiegenen Meisters. Voll Neugier und Hoffnung las ich
diese Zeilen:
„Deine derzeitige Situation scheint recht chaotisch zu sein.
Aber dies ist in dieser wie in vielen anderen Inkarnationen ein
Zustand, der dir vertraut ist. Die Materie spielerisch zu
benutzen, sie auszukosten, Freude am Erschaffen zu haben, ist
deinem Wesen gemäß. Du warst schon sehr oft in solchen
Materiespielen tätig und mußtest daran lernen, auch auf
unangenehme Weise. Trotzdem oder gerade deshalb hast du
diese Energieform gewählt. Du hast etwas abzuschließen. Dies
ist es, was du dir unter anderem vorgenommen hast.
Abschließen heißt, dein Agieren als das wahrzunehmen, was es
im eigentlichen Sinne ist. Für jede Energieform hat das
materielle Geschehen andere Auswirkungen. In letzter
Konsequenz jedoch ist es das grenzenlose Vertrauen, das den
Menschen der einzigen wahren Aufgabe zuführt, nämlich das zu
werden, was die allwissende Kraft des ewigen universellen

-15-
Geistes mit ihm von Anfang an vorgehabt hat. Alle Formen, die
daraus entstehen, dienen wechselseitig dem Sich-Entfernen wie
dem Zurückkehren-Wollen. Zurückkehren ist der Gnade
unterworfen. Was im materiellen Bereich als spirituelle Kraft
angesehen wird, ist ein Funke der Allgewalt des Schöpfers.
Erkenne die Aufgabe in Guatemala als ein Spiel, das anderen die
Möglichkeit gibt, ihr eigenes Spiel zu erkennen. Du als
menschliches Individuum hast es dir zur Aufgabe gemacht, dem
Wachstumsprozeß deines Selbstes sowie des Gesamtselbstes der
Erde zu dienen. Dies kannst du jedoch nur, wenn du dich von
Bindungen an bestimmte Vorstellungen löst. Sie müssen dir
zuerst bewußt sein, dann erst besteht die Möglichkeit des
Loslassens. Identifiziere dich nicht mit deiner Tätigkeit als
Lehrer, noch als Maya-Priester, Brückenbauer, Zentrumsbesitzer
oder als Autor eines Buches. Die einzig bedeutende Frage lautet:
Wie werde ich frei, um mich opfern zu können? Ich weiß, dieses
Opfern klingt für deine Ohren nicht angenehm, aber es ist die
einzige Chance, zu dem zu werden, was Gott mit dir gemeint
hat. Vertraue darauf, daß das Zentrum in Guatemala ein Teil
einer Aufgabe ist, aber nicht das Wesentliche. Es werden dir
Menschen zugeführt, die hilfreich dieses Zentrum betreuen.
Dieser Platz ist vielgeliebt und wird weiterwachsen, aber binde
deine Energie nicht daran. Es würde dich ebenso unfrei machen
wie der Zwang zum Erfolg. Deine Frau Christine ist ein sehr
flexibles Wesen. Sie ist im Zeichen Fisch aus dem Wasser
geboren und sucht deshalb ein Flußbett, in dem sie ihr Fließen
ungehindert genießen kann. Wasser kann versickern, und das
macht Angst. Christine weiß um ihre Aufgabe, dem Meer
zuzufließen. Sie ist bereit, Klippen zuzulassen, Steine, die im
Wege sind, zu akzeptieren, aber sie will fließen. Zuviel
Unsicherheit, das heißt Uferlosigkeit, raubt Kraft. Zeige
Bereitschaft, deinen Beruf anzunehmen, es ist ihrem und deinem
Fließen von Vorteil. Deine Aufgabe zu lehren ist in jedem Falle
im energetischen Code vorgesehen. Öffnet euer ganzes Sein

-16-
dem unendlichen Strom der göttlichen Energie und richtet euer
Bitten dorthin. Es ist das wahre Zentrum, das sich nun öffnet
und den Sinn eures Tätigseins in Guatemala und in Europa
rechtfertigt."
Wir vereinbarten mit unseren Kindern, unsere täglichen
Notwendigkeiten und Bedürfnisse auf ein Minimum zu
reduzieren. Die Botschaft unserer geistigen Begleiter war klar.
„Habt Vertrauen und seid euch dessen bewußt, daß wir euch in
jedem Moment zur Seite stehen." Schon Tata Julian hatte uns
vorausgesagt, daß es einige Zeit schwer sein werde. Doch dies
werde um so schneller vorübergehen, je eher wir bereit wären,
unserer geistigen Führung zu vertrauen. Wir sollten lernen, die
Materie loszulassen und zu verzichten. Diese Botschaft hatte ich
oft von meinen geistigen Begleitern in Guatemala gehört. Was
sollte das aber nun für mich und meine Familie bedeuten? Wie
könnten wir uns in einer Kultur, in der sich alles um Geld,
Wohlstand und Konsum dreht, von der Materie loslösen? War es
vorstellbar, sich eine Loslösung von der Materie gleichsam als
Trennung von Geld und Wohlstand zu kreieren? Ich war nicht
bereit, freiwillig ein Leben in Armut anzunehmen. Geld war in
meinem Leben nie ein Hauptthema gewesen, es war allerdings
auch immer ausreichend vorhanden. Ich arbeitete nicht
vordringlich, um Geld zu verdienen, sondern weil ich die Arbeit
als Möglichkeit meiner Selbstverwirklichung sah. Der
angenehme Begleiteffekt, die Früchte meiner Arbeit auch im
Materiellen zu ernten, ließ uns bisher ein angenehmes Leben
führen. Erstmals hatte ich nun infolge des Baus unseres
Zentrums davor Angst, mich mit diesem Vorhaben übernommen
zu haben. Trotzdem wollte ich nicht auf alle Annehmlichkeiten
unseres neuen Lebens in Tirol verzichten. Der Winter mit all
seinen vergnüglichen Freizeitangeboten machte besonders
unseren Kindern Freude. Nach jahrelangem Aufenthalt in einem
völlig anderen Klima mußten wir erst wieder
Wintersportausrüstungen besorgen. So entschlossen wir uns, das

-17-
Loslassen von Materie so zu verstehen, daß wir unseren
Wünschen die ihnen entsprechende Wertigkeit zubilligten. Unter
den gegebenen Umständen konnten das Notwendige nur mithilfe
eines Bankkredits abgedeckt werden. Wir verstrickten uns somit
in weitere Abhängigkeiten. In Gebeten richtete ich meine
Aufmerksamkeit auf Freude, Lebendigkeit, Fülle, auf meine
geistige Verbindung und Kraft. Die vielen Zweifel, die mich seit
der Rückkehr in meine Heimat immer wieder überkamen,
entstammten einem gelegentlich erwachenden schlechten
Gewissen, dem Gefühl, für den vorgezeichneten Weg noch nicht
würdig zu sein. Ich fragte mich, ob meine Form der geistigen
Verbindung mich isolieren würde. Gerade hier, in meiner
Tiroler Heimat, meldeten sich tief im Herzen erneut Stimmen:
„Du bist nicht würdig. Du bewegst dich auf vielfältigen Wegen,
es gibt aber nur den einen Weg, der heilbringend ist. Dein Weg
als Maya-Priester ist ein Irrweg." Ich nahm mich in dieser
Vorstellung als schwach und ohnmächtig wahr. Maya, all die
Kräfte, die mir schon so sehr vertraut waren, schienen sich
wieder auf den amerikanischen Kontinent zurückzuziehen. Es
durfte nicht sein, daß die finanzielle Notlage mich so leicht aus
den Angeln heben konnte. Die Phasen des Zweifels lösten sich
meist dann auf, wenn ich an den Weg Tata Julians dachte. Er
hatte mir einen transportablen Altar übergeben und meinte zum
Abschied: „Wann immer du in Zweifel kommst, hast du hiermit
einen Ort der Verbindung und Ermächtigung. Vergiß nie, daß
wir über alle Distanz hinweg miteinander in Verbindung sind.
Rufe mich, wenn du mich brauchst, ich werde für dich spürbar
anwesend sein." Er hatte gewußt, was auf uns zukommen würde.
Der Anciano gestaltete sein Leben ohne kirchliche Tradition und
hatte trotzdem einen unmittelbaren Kontakt zu den geistigen
Lichtboten des Christentums. Ich erinnerte mich an seine
Hinweise, in der er immer wieder von Ermächtigung, von
Freimachen und Loslassen sprach. Er meinte damit das
Überdenken einengender Vorstellungen im Glauben. Wie sollte

-18-
ich auch auf ein Fundament der Schwäche und
Unvollkommenheit ein Konzept von Lebensaufgabe in
Ermächtigung aus der geistigen Welt aufbauen können? Es
bedurfte, für welche Aufgabe auch immer, einer in mir
erwachenden bewußten, innerlich freien und beweglichen
Instanz. Durch die Begegnung mit meinen Maya-Begleitern war
mir endgültig klar geworden, wie wichtig es war, mich selbst als
ganzen Menschen in meiner Vielfalt und Kraft anzuerkennen
und anzunehmen. Im neuerlichen Kontakt mit meinen tief
verankerten christlichen Wurzeln, der kirchlichen Tradition ließ
ich mir in Situationen der Bedrängnis und des Zweifels all jene
Kraft und Sicherheit wieder nehmen. Ich mußte mich an
meinem Altar von meiner eigenen inneren Stärke und Kraft
überzeugen, um letztlich mit den heiligen Wesenheiten in
Verbindung bleiben zu können. Diese Verbindung bedeutet im
Weltbild Maya, daß die geistigen Wesenheiten den Menschen
als Ausdruck ihrer selbst sehen. In anderen Worten heißt das, es
sollte auch im christlichen Kulturkreis das oberste Ziel eines
Katholiken sein, Jesus in sich selbst auszudrücken, selbst zu
Jesus zu werden. Den Weg dahin hat uns Jesus gezeigt, er selbst
wurde auf seinem Lebensweg dazu ermächtigt, das Licht Christi
als Mensch und göttlicher Lichtbote in die Welt zu tragen. Die
kosmische Ermächtigung kann sich letztlich nur über Menschen
manifestieren, die sich selbst ihrer bislang ungeahnten
Möglichkeiten bewußt werden. Wie anders könnten die Worte
Jesu gedeutet werden: „Ihr könnt vollbringen, was ich vollbracht
habe, und noch viel mehr." In dieser Zeit der inneren und
äußeren Prüfungen las ich den folgenden Text von Nelson
Mandela:

Unsere tiefste Angst ist nicht, daß wir einer Sache nicht
gewachsen sind. Unsere größte Angst ist, daß wir grenzenlos
mächtig sind. Unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, ängstigt uns
am meisten.

-19-
Wir fragen uns: Wer bin ich, um so brillant zu sein? Aber wer
bist Du, es nicht zu sein? Du bist ein Kind Gottes.
Es dient der Welt nicht, wenn Du Dich klein machst. Sich zu
beschränken, nur damit andere um Dich herum sich nicht
unsicher fühlen, hat nichts Erleuchtendes. Wir wurden geboren,
um den Ruhm Gottes, der in uns ist, zu manifestieren. Er ist
nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem einzelnen. Wenn wir
unser Licht scheinen lassen, geben wir damit anderen die
Erlaubnis, es auch zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst
befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere."

Ich hatte mir auf meinem Lebensweg aus diesem Wissen um die
eigene Schöpferkraft meine Lebenssituation selbst kreiert. Es
war mir bereits zu Beginn meiner Lehrtätigkeit an der Schule
bewußt, daß ich diesen Beruf mit Freude ausführen wollte, aber
zugleich wünschte ich mir zu gegebener Zeit einen
Berufswechsel. Ich wußte, daß ich nach Jahren des Umgangs
mit Kindern und Jugendlichen als Lehrer meine eigenen
Wertmaßstäbe setzen wollte. Vor allem freute ich mich auf die
Lebensphase, in der mir Menschen zugeführt würden, die aus
Freude am Lernen und Erfahren ihr Vorstellungsspektrum
erweitern wollten. Im schulischen Alltag, in unserem Lehr- und
Lernsystem konnte man immer weniger von Freiwilligkeit, vom
Lernen- und Erfahrenwollen der Kinder oder von der möglichen
Vermittlung innerer Werte ausgehen. Unsere Kinder mußten auf
ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem vorbereitet werden,
das ich immer stärker hinterfragte. Ich konnte trotz der Hilfe des
geistigen Meisters Imanuel nicht erkennen, ob die Zeit schon
gekommen war, meinen Beruf als Lehrer aufzugeben. Als
Maya-Priester fühlte ich mich in den Tiroler Alpen ziemlich
verloren, obwohl schon jetzt immer öfter Menschen kamen, um
uns um Hilfe zu bitten. Insgesamt ließ die Situation in meiner
Familie wenig Hoffnung aufkommen, daß sich in den folgenden
Monaten unsere schwierige Lebenssituation ändern werde. Mein

-20-
ältester Sohn studierte und mußte in den Ferien arbeiten, um
sich das Studium finanzieren zu können. Meine Frau fiel
zeitweise in eine tiefe innere Traurigkeit und Verzweiflung.
Täglich überlegten wir Lösungsmöglichkeiten, ohne aber auch
nur Ansätze zu einer Befreiung aus dem Dilemma finden zu
können. In ihren Meditationen sah meine Frau ein verlassenes
Zentrum, das gleich uns um Hilfe rief. Die Pyramide, die wir
dort errichtet hatten, schien sich energetisch zu verändern. Wir
wurden oft darauf aufmerksam gemacht, daß wir diesen Kraftort
entsprechend zu hüten und rein zu halten hätten. In der
gegenwärtigen Lebenssituation konnte ich mir aber nicht recht
vorstellen, was ich für diesen Platz tun könnte. Meine Frau
meinte, es wäre wohl besser für mich, alles aufzugeben und
wieder in ein geregeltes Leben als Lehrer zurückzukehren. Ich
kann kaum beschreiben, wie weh mir dieser Gedanke tat. Darum
entschloß ich mich, alles in die Waagschale zu werfen, um
diesen mir anvertrauten Platz in Guatemala halten zu können.
Eine tiefe Kluft tat sich allerdings dadurch in unserer
Partnerschaft auf. Nur unsere Kinder gaben uns Halt und
erklärten sich bereit, bei allem mitzumachen, was wir vorhatten.
Nach den ersten, turbulenten Monaten war es für mich an der
Zeit, den Kontinent zu wechseln und in Guatemala nach dem
Rechten zu sehen. Ich entschied, mich allein in unser Zentrum
zurückzuziehen und den zweiten Teil des Buches zu
überarbeiten, sofern ich überhaupt noch zu geistiger Arbeit fähig
war. In höchster Bedrängnis erbat ich am Tiroler Schulamt einen
Termin, um vor der Abreise die Möglichkeiten auszuloten, unser
Zentrum TO-OM-RA in Guatemala aufzugeben und erneut in
den Schuldienst einzutreten. Der zuständige Beamte ermutigte
mich und bot mir an, mich jederzeit als Aushilfskraft in
Notfällen einsetzen zu können.
Wenige Tage danach saß ich in Sololá in tiefer Traurigkeit auf
meinem Balkon mit Blick über den geliebten Atitlánsee. Ich
fragte mich, ob ich mir nur ein reichlich überdimensioniertes

-21-
Feriendomizil auf einem Tausende Kilometer entfernten Platz
kreiert hatte. Die vielen Erfahrungen an diesem Platz, das
Erspüren der Wesenheiten der Naturaltäre, die mir als Zeichen
für die Erweiterung meines persönlichen Maya-Bewußtseins
erschienen, verblaßten immer mehr. Manchmal hatte ich sogar
das Gefühl, leichtgläubig der Maya-Spiritualität verfallen zu
sein. Wie hätte ich in diesem Zustand auch nur eine Zeile über
Maya schreiben können? Als ich Freunde in Guatemala City
anrief und mich mit Rina traf, erhielt ich den nächsten
Tiefschlag. Rina war jahrelang mit uns gemeinsam den Maya-
Weg in Begleitung Tata Julians gegangen, hatte sich aber
inzwischen völlig aus der Maya-Tradition zurückgezogen. Ich
erinnerte mich daran, daß Tata Julian Rina angeboten hatte, sie
als Medium mit Xibalbá in die Ebenen der Dunkelheit zu
initiieren. Auch mir war damals ein kalter Schauer über den
Rücken gelaufen. Ein paar Tage danach hatte mich Rina um
Hilfe gebeten. Es war etwas geschehen, was für uns beide
unvorstellbar gewesen war. In ihrer Wohnung hatte sich ganz
unvermutet die Energie gewandelt, die Präsenz vo n dunklen
Mächten war spürbar. Rina konnte sich nicht erklären, was dies
zu bedeuten hatte. Sie meinte nur: „Bitte finde du heraus, woher
diese Kraft kommt. Ich bin dazu nicht mehr in der Lage." Schon
Tage vorher hatte sie ihren Körper manchmal nicht mehr
bewegen können. Nachdem sich nach einer energetischen
Reinigung alles wieder normalisiert hatte, war ich also auf die
Suche nach dem Grund dieser Geschehnisse gegangen. Auf
einem Kasten fand ich den Ausgangspunkt dieser
zerstörerischen Kraft. Ich tastete hinauf und hatte plötzlich die
auf dem Kasten verkehrt liegenden Fotos von Rinas Initiation
als Maya-Priesterin in der Hand. Es durchfuhr mich wie ein
Blitzschlag. Es konnte doch wohl nicht sein, daß unser geliebter
Anciano Tata Julian schwarzmagisch gegen Rina arbeitete? Ich
führte eine Zeremonie durch, um sie von der im Raum nach wie
vor spürbaren Energie zu befreien, und verabschiedete mich.

-22-
Christine hatte mich damals davon überzeugt, es gäbe keinerlei
Hinweise darauf, daß Tata Julian gegen Rina arbeite. Vielmehr
suchte er unsere Nähe und gab uns großzügig alles, was er
geben konnte. Danach folgte eine Zeit der Unsicherheit.
Christine nahm ihre Kontakte mit der geistigen Welt wieder auf,
die sie eine Zeitlang eingestellt hatte, und gab mir die
Information: „Was im Leben Rinas geschieht, ist eine
Herausforderung und Prüfung für sie selbst, sich dem Leben in
all seinen Ausdrucksformen zu stellen." Tata Julian hatte in uns
allen ein Thema aktualisiert, das wir uns anschauen sollten. Ich
gab diese Information an Rina weiter. Wochen später, während
wir bereits gedanklich bei der Übersiedlung nach Europa waren,
ahnten wir schon, daß Rina alle Verbindungen zum Schamanen
der Pocomames abbrechen würde. Sie wollte die Botschaft, die
wir ihr gegeben hatten, nicht annehmen und reagierte mit
Trennung. Wir hatten in unseren eigenen turbulenten
Veränderungen keinerlei Möglichkeit mehr gehabt, die
Mißverständnisse zu klären. Nach dieser Zeit traf ich nun also
Rina erstmals wieder und erfuhr, daß sie von alledem nichts
mehr wissen und ihren eigenen Weg beschreiten wolle.
Erst vor wenigen Monaten waren wir gemeinsam auf den
Pyramiden Tikals für unsere Arbeit mit den drei Strahlen
Kukulcáns ermächtigt worden, doch nun schien die ganze
Gruppe bereits auseinandergerissen. Ich hatte in den Wochen
der Einsamkeit in unserem Zentrum genügend Gelegenheit, den
Hintergrund all dieser Geschehnisse zu ergründen. Zu diesem
Zweck suchte ich die Anciana Nan Cuz auf, wanderte zum
Heiler Don Chepe, zu Meister Cirilo, zu Tata Julian und Tata
Cleto und anderen Vertrauten, um ihre Hilfe zu erbitten. Ich rief
den spirituellen Rat unseres Zentrums, um wieder Klarheit in
meine Vorstellungen zu bekommen. Von allen Seiten gab es die
gleiche Botschaft: Ich sollte Vertrauen haben. Es sei bereits alles
in Fülle gegeben. Wir sollten noch etwas Geduld haben. Diese
Information, die ich sofort nach Tirol weitergab, konnte leider

-23-
weder mich noch meine Frau besonders aufbauen. Christine litt
in dieser Zeit an Schwächeanfällen, wurde oft krank und
wünschte sich daher meine Anwesenheit und Hilfe. Statt dessen
saß ich täglich in der Pyramide, betete und hielt Rituale an den
Kraftplätzen ab, um hier zu retten, was noch zu retten war. Die
Familie war in Gefahr auseinanderzufallen, unsere Gruppe in
Guatemala hatte sich bereits aufgelöst, das Zentrum wurde
zunehmend zu einer Belastung, und die letzten Kapitel meines
Buches mußten noch geschrieben werden. Ich schrie innerlich
um Hilfe und wußte zugleich, daß es niemanden gab, der mich
in dieser Situation hätte unterstützen können. Also entschloß ich
mich zu fasten. Ich ernährte mich von Avocados, die gerade auf
unserem Grundstück reif wurden, und kaufte auf dem Markt in
Sololá Früchte ein. So vergingen drei Wochen, in denen ich
innerlich immer ruhiger wurde. Die Stille des Ortes begann sich
in meiner Seele zu spiegeln. Ich konnte immer klarer an meinem
Buch arbeiten, bis ich zu guter Letzt mit einem Urschrei über
den Lago Atitlán die letzten Zeilen schrieb, an den See nach
Panajachel fuhr, um die restlichen Kapitel des Buches per E-
mail an den Verlag zu senden. Was auch immer daraus werden
sollte, ich fühlte endlich wieder Freude und Kraft, die ich aus
diesen letzten Texten gewonnen hatte. Bis zu meiner Abreise
blieben noch einige wenige Tage.
Eines Abends erhielt ich den Anr uf einer Frau, die mich
unbedingt sehen wollte. Sie kannte mich von den
Heilbehandlungen, die wir in Guatemala City angeboten hatten,
und bat mich inständigst um Hilfe. Bereits am nächsten Tag
erschien sie im Zentrum. Als sie sich nach wenigen Stunden
wieder auf den Heimweg machte, legte sie mir einen Scheck
über USD 2500.- in die Hand. Es war genau die Summe, die ich
für die Erhaltung des Zentrums hinterlegen hatte müssen. Dies
konnte kein Zufall sein. In den folgenden Monaten ereigneten
sich viele solche Vorkommnisse, die uns die Führung und
Präsenz der geistigen Helfer neuerlich erfahren ließen. Auf diese

-24-
recht unbequeme Weise war von mir und meiner ganzen Familie
eine Art Neubeginn gefordert worden.
Im Herbst 1999 erwartete ich Meister Cirilo in Österreich.
Wir wollten gemeinsam einige Kraftorte bereisen. Er erinnerte
sich, vor Jahren einmal in den Südtiroler Bergen Zeremonien an
den Kriegsschauplätzen des Ersten Weltkriegs abgehalten zu
haben, und freute sich, mit mir zusammen meine Heimat zu
erkunden. Höhepunkt seines Aufenthalts wären die Basler PSI-
Tage gewesen, bei denen einige Veranstaltungen vor großem
Publikum geplant waren. Wenige Wochen vor diesem Termin
erhielt ich jedoch ein Fax, daß er aus Krankheitsgründen nicht in
der Lage sei zu kommen. Ich hätte in Basel für den Maya-
Propheten übersetzen sollen, wollte ihn bei meiner
Buchpräsentation dabeihaben und mit ihm einige
Veranstaltungen zum Thema Maya-Kalender gestalten. Nach
seiner Absage erhielt ich das Angebot, die für Meister Cirilo
vorgesehene n Veranstaltungen in Basel zu übernehmen. Als
Tiroler den Vater der Indianerbewegung Nord-, Mittel- und
Südamerikas ersetzen zu wollen, schien mir verwegen. Außer
meiner Verlegerin, die volles Vertrauen in mich setzte, kannte
kaum jemand meinen Maya-Weg. So saß ich schlußendlich doch
mit meinem gerade erst erschienenen Buch in der Hand vor
großem Publikum im Hauptforum des Basler Kongresses und
bat meine Frau, mich aus dem Publikum heraus zu unterstützen.
Ich lernte dabei Franz Alt, Barbara Marciniac, Erich von
Däniken, Uri Geller, Sabine Lichtenfels und andere
Persönlichkeiten kennen. Auch ich sollte im großen Saal einen
Vortrag halten, wofür mir meine innere Führung den klaren
Hinweis gegeben hatte, keinerlei schriftliches Konzept
vorzubereiten. Die Spannung war entsprechend hoch, als ich mit
fünf weiteren Referenten die Bühne betrat. Da ich nichts anderes
hatte, woran ich mich halten konnte, klammerte ich mich an
meinem Buch fest, als Uri Geller auf die Bühne kam, mich wie
alle anderen Referenten begrüßte und mir mein Buch abnahm.

-25-
Er ging zu seinem Platz und behielt es, ohne dies zu bemerken,
weiterhin in den Händen. In seinem Vortrag ging der Magier
besonders auf eine eventuelle Atomkatastrophe und die
Möglichkeit ein, Radioaktivität durch gezielte menschliche
Zusammenarbeit gleichsam alchimistisch transformieren zu
können. Für eine besonders drastische Darstellung seiner Vision
verwendete er mein Buch als Schaltbrett zur Zündung der
Atombombe. In dem Moment wurde mir bewußt, daß die wahre
Explosion im Wandel der Zeit durch das Freiwerden der
kosmischen Liebe auf unserem Planeten geschehen würde. Uri
Geller überbrachte mir in sehr eindrucksvoller Form diese
Botschaft, ohne zu ahnen, was vor sich ging. Ich hing
verständlicherweise viel weniger an seinen Lippen als an dem,
was er mit meinem Buch anstellte. Er beendete sein Referat und
legte mein Buch, bevor er von der Bühne ging, auf das
Rednerpult, wo ich es abholte, um meinen Vortrag zu beginnen.
Ich zog mir meine Maya-Ritualkleidung an, hielt meinen
Schlange nstock fest und war entschlossen, mich rückhaltlos in
Glück oder auch Verderben zu werfen. Ich kann nicht erklären,
was mit mir geschehen war. Mein Herz pochte weniger vor
Aufregung als vielmehr im Kraftfeld einer kollektiven
Liebeskraft, die mich rundum einhüllte. Ich spürte mich
eingebettet, vernahm rundum Hilfe und „ließ mich sprechen".
Am Nachmittag kamen sehr viele Menschen in mein Seminar.
Die Ermächtigung Maya wurde mir unmittelbar zur lebendigen
Erfahrung. Meine Frau wußte von dem Zeitpunkt an, daß sich
für uns beide eine Tür öffnen würde. So ging eine Phase unseres
Lebens zu Ende, die mich an die Grenze des Erträglichen
geführt hatte. Ich durfte die Früchte meines Vertrauens ernten.
Zugleich war ich aufgefordert, Position zu meinem persönlichen
spirituellen Weg zu beziehen. Hatte ich bisher die Möglichkeit
gehabt, mich an den Weisen der Maya zu orientieren, so stand es
nun an, meinen individuellen Weg zu erkennen.
In Guatemala hatte ich nicht nur die Weite der Kosmovision

-26-
Maya, sondern auch die Enge der Tradition kennengelernt. So
entschloß ich mich, der Tradition des Christentums, aber auch
den überlieferten Glaubensformen der Maya mit Respekt und
der notwendigen Achtsamkeit zu begegnen. Einen neuen Weg
zu beschreiten, bedeutete keineswegs, daß ich meine kulturelle
Basis ablehnte. Ich sah keinen Grund, die Glaubensform meiner
Eltern und Vorfahren zu bewerten, die den gegebenen
Umständen entsprechend gehandelt und empfunden hatten. Im
Lauf vieler Gespräche wurde mir bewußt, wie sehr sie ihre
katholische Tradition als beschützend und für den Menschen
richtungsweisend empfunden hatten. Meine Vorfahren hatten es
vorgezogen, an vorgegebenen religiösen Strukturen und
Ausdrucksformen festzuhalten. Das menschliche Heil war für
sie unmittelbar mit der Ausübung der christlichen Pflichten
verbunden. Als Jugendlicher hatte ich mich in erster Linie an der
Übernahme der Pflichten in unserem Familienleben gestoßen.
Ich wollte die Verbindung mit dem Göttlichen nicht aufgrund
eines „Muß" oder gar nur aus schlechtem Gewissen pflegen.
Intuitiv erschloß sich mir schon damals abseits aller
traditionellen Vorstellungen ein individueller Weg, der
keineswegs der des geringsten Widerstandes oder der
Bequemlichkeit war, wie man mir des öfteren vorgeworfen
hatte. Es gab viele Situationen, in denen ich die Präsenz des
Göttlichen in mir wahrnahm, in einem Gefühl des
Getragenseins, der inneren Fülle und Schönheit, des
Geliebtseins und vor allem der Geborgenheit. Diese
Empfindungen tauchten in Momenten auf, wo ich im Gebet
allein war, in der Natur zu mir selbst fand oder einen Menschen
in seiner Not verstehen und ihm helfen konnte. Als Kind und
Jugendlicher fand ich es immer viel wichtiger, durch das Gebet
etwas zu geben, und weniger um etwas bitten, etwas bekommen
zu wollen.
Mehr und mehr erkenne ich heute, wie kostbar die
Bereitschaft zu dienen in meiner persönlichen Glaubenswelt

-27-
geworden ist. Die Meister der Maya halten ihre Zeremonien in
erster Linie aus Dankbarkeit für das bereits Gegebene ab. Sie
bedanken sich für die vielfältigen Gaben, die sie täglich
erhalten. In ihren Augen sind Schutz und Begleitung die größten
Geschenke. Tata Julian weiß, daß Hindernisse auf unserem
Lebensweg ein Hinweis darauf sind, daß wir uns im Grunde
durch falsche Vorstellungen selbst behindern. Dadurch sind wir
innerlich nicht im Fluß und empfinden den Alltag als schwer
und belastend. Alles, was uns im Äußeren begegnet, hat seine
Ursache in der inneren Haltung und Vorstellung. Letztlich liegt
es an jedem einzelnen Menschen, ob er in seiner Glaubenswelt
Freiheit oder Abhängigkeit sucht. Ich bin nach vielfältigen
Überlegungen zu dem Schluß gelangt, mich frei zwischen den
Religionen und Kulturen bewegen zu wollen. Dies scheint für
mich der einzig gangbare Weg zu meiner eigenen inneren Weite
und Fülle. Die Prophezeiung, daß das Maya-Bewußtsein
weltumspannend als kosmisches Bewußtsein wiederkehren
sollte, gab mir die Bestätigung, daß es für mich angemessen sei,
die enge Welt der Maya-Tradition gleich meiner christlichen
Tradition zu respektieren, aber nicht zu übernehmen.
An einem heißen Maitag zogen die ersten Regenwolken hinter
den Vulkanen auf. In der Bucht von Santiago Atitlán senkten
sich Nebelfetzen über die Berghänge, um sich nach und nach
über die Ortschaft zu legen. Die Regenzeit kündigte sich an. Die
Indigenabauern hatten in weiser Voraussicht schon den Mais
gesetzt, obwohl die Felder sich noch trocken über die Berghänge
und Hügel breiteten. Der starke Nordwind riß die trockene Erde
in Staubwirbeln in die Höhe und legte sie auf unseren
Terrassenstühlen ab. Die Autos, die auf der Schotterstraße nach
Concepción fuhren, hüllten die kleinen Indianeranwesen in
Staub ein. Alles wartete schon sehnsüchtigst auf den nassen
Segen, den die Wesenheit des heiligen Wassers, Chak,
alljährlich in regelmäßigem Rhythmus zur Verfügung stellte.
Sobald sich der kühle Wind beruhigte, würde Santa Neblina ihr

-28-
Nebelkleid auf die seit Monaten nach Wasser dürstende Natur
legen.
Das alljährliche Erwachen der Natur hatte ich schon in den
vielen Frühlingen geliebt, die ich in meiner Jugend so intensiv
miterlebt hatte. Daher fragte ich mich immer wieder, warum mir
die Jahreszeiten in Guatemala nicht abgingen. Bis heute habe
ich darauf keine Antwort gefunden. Wahrscheinlich hat es damit
zu tun, daß es mir sehr leicht fällt, mich dort, wo ich gerade bin,
wohlzufühlen. Es hätte keinen Sinn ergeben, in Guatemala den
europäischen Jahreszeiten nachzutrauern, um dann in Europa
das guatemaltekische Klima zu vermissen.
Ich nahm mein Gebetsbuch zur Hand, das aus vielen
selbstgeschriebenen Gebeten besteht, und sandte die in diesen
Texten formulierten Gedanken mit Dankbarkeit in die geistige
Welt. Naturstimmungen lassen sich wunderbar zur Verbindung
mit der geistigen Welt nutzen. Die Liebe zu unserem Zentrum,
zum Naturgeschehen rundherum, die Liebe zu den Vulkanen
und zum Atitlánsee verschmolzen in diesen Augenblicken mit
meiner Liebe zum Leben. Der Text, den ich in einer Meditation
für mich selbst geschrieben hatte, erfüllte mich mit Sicherheit
und Klarheit, daß sich mein Weg im Einklang mit meiner
Entwicklung öffnen würde:

Aus dem Licht meines Herzens mit der Sprache der kosmischen
Liebe erwecke ich alle Ebenen des Seins. Ich lade die Kraft
meiner Persönlichkeit, der Gesamtheit meiner Erfahrungen,
meiner Emotionen und Denkmuster in Licht und Dunkel ein. Ich
lade die Urkraft meines Seelenlichts ein, das mir von der Quelle
des Seins gegeben wurde. Ich verbinde mich mit der
Manifestation meines Wesens, mit meinem Körper und erkenne
ihn als die heilige Stätte, über die ich all mein Sein ausdrücke
und in Erfahrung bringen kann.
Ich lade die Wesenheiten unseres Planeten Erde, der Reiche

-29-
der Mineralien, der Pflanzen und Tiere ein.

Aus der Kraft meines Herzens verbinde ich sie mit dem Leitlicht
meiner Seele, mit dem Licht des göttlichen Seins und lege den
geistigen Schutz der kosmischen Mutterkraft über die heiligen
Kräfte der Mutter Natur und über die suchenden Menschen.
Ich lade die heiligen Kräfte des Kosmos ein, um in ihrer
Anwesenheit die Einheit allen Seins zu erkennen und in mir
auszudrücken.
Im Kraftfe ld der vier Himmelsrichtungen vereinigt sich die
Quelle aller Weisheit und Liebe mit der Urkraft der göttlichen
Bestimmung, dem göttlichen Willen, der alles in Bewegung hält.
Im kosmischen Feuer erkenne ich Dein Walten, Erzengel
Michael.
Im Leitstrahl Deines Lichts lasse ich meine Seelenkraft durch
alle Ebenen des Seins sichtbar werden.
Ich beginne in Deiner Kraft zu leuchten und zu brennen.
Mit dem Feuer meiner Seele berühre ich die Schatten meiner
Persönlichkeit, reinige, zentriere und heile sie.
Aus dem reinen Feuer meiner Seele berühre ich alle
Wesenheiten des heiligen Planeten Erde, die Kinder des Lichts
in der heiligen Menschheit, sowie die geistigen Lichtboten und
Meister auf allen Ebenen von Licht und Dunkel.
Auf diese Weise diene ich dem göttlichen Plan auf Erden.
Lieber Michael!
Halte mich im Ausgleich der Kräfte, in Licht und Schatten.
Führe mich mit der Klarheit des Erkennens zur kosmischen
EINHEIT ALLEN SEINS und öffne mir die Wege auf unserem
Planeten Erde.
Freude, Weisheit, Kraft und Liebe strömen aus mir.
Aus dem Leitlicht meiner Seele lebe ich im Wissen um die

-30-
heilige Verbindung der kosmischen Strahlen in mir.
Ich gebe mich hin, weil ich um die vollkommene Führung
weiß, und erbitte die Offenbarung allen Seins, um meine
Aufgabe in göttlicher Vo llkommenheit wahrnehmen zu können.
Heerscharen von Engeln, Boten des Lichts und die Kräfte der
Dunkelheit stehen mir für die Erfüllung meiner Aufgabe zur
Seite, beschützen und begleiten mich.
Ich danke EUCH, ihr Helfer, und gebe all meiner Freude und
Liebe Ausdruck, indem ich mein Herz öffne und mit dem Klang
der Sprache des Herzens alle Dimensionen des Seins fülle.
TO-OM-RA (3x)
OOOOOOOM (7x)

In LIEBE und DANKBARKEIT, in VOLLKOMMENER


DEMUT vor der GRÖSSE DES ALLEINIGEN VATERS, dem
URQUELL DES LICHTS und der LIEBE, dem HEILIGEN
FEUER ALLER FEUER, das ALLES SEIN ERWÄRMT und
REINIGT.

SO SEI ES im Kraftfeld des ICH BIN Amen

Aus persönlicher Erfahrung kann ich heute sagen, das alles in


einem schier unglaublichen Übermaß gegeben ist. Es liegt an
uns, ob und wie wir zu innerer und äußerer Fülle, vor allem aber
zu unserer Lebensaufgabe finden. Die sogenannten Geistheiler
und Schamanen und immer mehr Therapeuten, sogar viele Ärzte
schöpfen bewußt aus diesem kosmischen Lebensquell. Sie
erkennen, daß ihre innere Reinheit, ihr Helfenwollen zur Folge
hat, daß sie von der geistigen Welt mit dem Geschenk belohnt
werden, an dieses kosmische Energienetz angeschlossen zu
werden. Diese Verbindung bedarf oft nicht einmal eines
bewußten sakralen Aktes. Allein der Glaube an die göttlichen

-31-
Begleiter aus der Anderwelt reicht aus, um Hilfe und Führung
zu bekommen.
Erst kürzlich erzählte mir eine Krankenschwester, daß im
Operationssaal gelegentlich auch Ärzte ratlos seien. Alles sei
blockiert, keiner der Beteiligten wisse mehr aus noch ein. Sie
habe sich angewöhnt, in solchen Momenten den
Operationsengel zu rufen, und habe die Erfahrung gemacht, daß
sich unmittelbar nach diesem Anruf eine Lösung für das
Operationsteam auftue. Die Chirurgen würden zwar darüber
lächeln, aber sie selbst spüre in diesen Augenblicken die
geistigen Helfer. In wie vielen schwierigen Situationen könnte
eine Hilfe aus der geistigen Welt zu neuen Lösungsmodellen
führen! Wie schwer ist es doch oft auch für Führungskräfte,
Entscheidungen zu treffen, da sie die Auswirkungen nicht
abschätzen können. Doch Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist im
Zeitalter der verlorenen Hingabe an das Größere zu einem
zwischenmenschlichen Problem geworden. Wer um Hilfe
ersucht, wird oft als unfähig bezeichnet. Daher haben viele
Menschen inzwischen verlernt, in Notsituationen Unterstützung
annehmen zu können. Eher sind sie gewillt, leidvolle
Erfahrungen, Krankheit und Schmerz und ein Gefühl der
Ohnmacht in Kauf zu nehmen, als einen Mitmenschen um Hilfe
zu bitten. Dies gilt gleichermaßen für den
zwischenmenschlichen wie für den unsichtbaren Bereich der
Anderwelt. Isoliert von der kosmischen Gnade bewegen sich
viele Menschen im Alltag. Der Ausspruch Jesu: „Bittet, und es
wird euch gegeben werden" zeugt von der immerwährenden
Bereitschaft der geistigen Welt, uns beizustehen, wenn wir
keinen Ausweg aus Konflikten in Partnerschaft, Familie, Beruf,
aus Krankheit und finanziellen Nöten mehr sehen. Wenn wir uns
an die geistige Welt wenden, müssen wir allerdings auch den
Antworten offen gegenüberstehe n. Dies kann bedeuten,
konkrete Vorstellungen, wie die Bereinigung eines Problems
auszusehen habe, loszulassen. Wenn wir kraft unserer Ideen und

-32-
Gedanken gegen die vom Kosmos eingeleitete Lösung arbeiten,
blockieren wir freilich auch eine effektive, von unseren
geistigen Helfern aus höherer Sicht angebotene Hilfe. Wir
stehen in der Zusammenarbeit mit den kosmischen Mächten
immer wieder in dem Dilemma, erbetene Hilfe nur gemäß
eigenen Vorstellungen akzeptieren zu wollen. Wir versuchen
zwar, die alleinigen Schöpfer unseres Lebens zu sein, aber es
fehlt uns die Gesamtschau der Zusammenhänge, die unserer
Erweiterung dienlich sein können. Die geistige Welt ist in erster
Linie darum bemüht, unsere Entwicklung zu begleiten, und
weniger, uns von Sorgen und Problemen zu befreien. Wir
werden dadurch in Bewegung gehalten, wie alles andere rund
um uns auch. Jeglicher Stillstand würde uns unmittelbar zu
kosmischen Blockierern machen.
Dies ist auch einer der Hintergründe, warum Maya die dunkle
Seite des Lebens als Teil der Entwicklung des Menschen
anerkennt und respektiert. Die vier Jaguare zeigten sich als
Balams im menschlichen Bewußtsein:
Balam Quitze hütet den Osten. Dieser Jaguar manifestiert das
Licht, die Klarheit, die verzehrende Kraft des Feuers, aber auch
die Wärme, die wir durch das gezügelte Element Feuer erhalten.
Er steht für den Lebensantrieb und ist rot.
Balam Acab hütet den Westen und damit verbunden auch
unseren Planeten Erde. Er bringt uns die Geheimnisse des
Okkulten, das Verinnerlichte, die Nacht. Er steht für die Ruhe
und Stille des Lebens und ist schwarz. Er macht uns
Aggressionen, die aus unserem Unterbewußtsein auftauchen,
genauso erfahrbar wie die uns einhüllende Sanftmut und Stille
der Nacht.
Majacutah ist der Hüter des Nordens. Er steht für alles
Feinstoffliche und aktiviert unsere Gedanken und Ideen. Er
begegnet uns in der Gewalt des Hurrikans oder auch in der
warmen Brise, die uns kühlt und wohltut. Seine Farbe ist Weiß.

-33-
Iqui Balam hütet den Süden und das Wasser. Er zeigt sich in
der Kraft unserer Gewässer, in der Gewalt des Wildbachs oder
der Stille des Ozeans. Er begegnet uns in der Kraft der Pflanzen
und ist damit auch Lebensspender. Seine Farbe ist Gelb.
Der Jaguar als heiliges Tier der Maya hält uns Menschen
durch seine vielfältigen Aspekte in ständiger Bewegung. In
seinem Geist den Lebensweg zu beschreiten, bedeutet, sich auf
allen Ebenen des Seins in Schutz und innerer Sicherheit, vor
allem aber im Einklang mit dem Kosmos zu empfinden. Die vier
Jaguare stehen auch für die vier Lichtboten aus dem Popol Vuh,
dem heiligen Buch der Maya, die der Menschheit Liebe, Licht,
Weisheit und Kraft, das menschliche Bewußtsein im heiligen
Kreuz Maya übermittelten. Im Maya-Kreuz steht der dunkle
Punkt des Westens als Symbol für die Integration der dunklen
Seite in das Leben. All die sogenannten negativen Erfahrungen
des Lebens gehören dazu. Letztlich ist also auch die dunkle
Seite in uns Ausdruck einer Kraft, die uns ständig fordert, in
Bewegung zu bleiben. Viele Christen schließen diese Seite des
Lebens aus und glauben, den in unserer polaren Natur
angelegten Aspekt der Dunkelheit bekämpfen zu müssen. Die
dynamische Kraft des Lebens sollte aber, solange wir in der
Polarität leben, von uns als Motor und Entwicklungsmöglichkeit
angesehen werden. Die Annahme unserer Stärken und
Schwächen sind die beiden tragenden Pfeiler für unsere
Entfaltung. Schwächen einfach zuzudecken, mit Schuld und
Sühnegedanken zu besetzen oder gar mit dem Schein der
Heiligkeit zu übertünchen, gleicht dem Versuch, einen
Luftballon unter Wasser halten zu wollen. In den ungeeignetsten
Momenten macht sich dann die zerstörerische Kraft des
verdrängten Jaguars ohne jegliche Kontrolle bemerkbar und
verstrickt uns in Konflikte mit unserer Umwelt. Ebenso ergeht
es uns, wenn wir uns mithilfe unserer Stärken über andere
setzen. Die zerstörende Kraft der Mächtigen hat sich im Lauf
der Geschichte oft genug erwiesen. Beides will durch uns selbst

-34-
in Balance gebracht werden. Wenn wir diesen Ausgleich in uns
anstreben, zügeln wir die Jaguare und richten ihre Kraft auf den
dem göttlichen Plan gemäß verlaufenden Lebensweg. Dies kann
nur in der Entfaltung der menschlichen Liebeskraft geschehen.
Die Suche nach der Herzenskraft und damit nach einem von der
geistigen Welt geführten Leben macht einen Menschen wahrha ft
authentisch. Wir können nur wirklich mit uns im reinen sein,
wenn wir unsere Stärken und Schwächen annehmen und bereit
sind, auf beiden Seiten unserer Persönlichkeit zu lernen. Die
Entwicklung in der Polarität, für die wir uns durch das Leben
auf dem Planeten Erde entschieden haben, beinhaltet auch die
Integration der Schattenseite. In dem Moment, wo wir dem
Licht unserer Seele Raum geben, provozieren wir auch unsere
dunkle Seite. Sie tritt, wenn wir sie ablehnen, nur um so stärker
an die Oberfläche und verunsichert uns. Unsere spirituelle
Gruppe in Guatemala mußte erfahren, daß es nicht möglich war,
unser Licht ohne bewußte Wahrnehmung unserer Schattenseite
zu stärken. In einem System von Licht und Schatten können wir
nicht nur Lichtwesen sein. Um das eine zu stärken, müssen wir
das andere wenigstens akzeptieren.
Das bewußte Leben in der Polarität ist ein Aspekt der
Wiederkehr des Maya-Bewußtseins, das uns einen Schlüssel für
den möglichen Ausgleich von Licht und Schatten im Menschen
anbietet. Der Weg dorthin führt nicht nur über Gebet oder
Meditation, sondern vor allem über bewußt gelebte
Alltagserfahrungen. Dies bedeutet vor allem, bereitwillig an sich
und an der Gestaltung unseres Planeten mitzuarbeiten. Der Sinn
des Daseins besteht darin, dem Dasein Sinn zu geben.
Erfreulicherweise gibt es immer mehr Menschen, die mit
Klarheit ihr Leben bestreiten und zu ihren Schwächen stehen.
Sie gleichen sich weder an die gesellschaftlichen
Moralvorstellungen an, noch lassen sie sich von ihrem Umfeld
beeinflussen. Sobald jemand klar zu seinem Licht, zu seiner
Liebesfähigkeit steht, sobald er fähig und bereit ist, sein Leben

-35-
in Eigenverantwortung und Liebe zu leben, werden auch seine
Schattenseiten von den Mitmenschen anders gesehen und
beurteilt. Sie stehen nicht mehr im Vordergrund, beherrschen
den Menschen nicht mehr und verursachen weder Willkür,
Trennung und Ablehnung, noch Haß und Neid. Die dunkle Seite
in sich anzunehmen bedeutet nicht, negative Gedanken, Gefühle
und Handlungen zu zelebrieren, sie zu entschuldigen und nach
Belieben auszuagieren. Sie anzunehmen bewirkt eine immer
stärkere Kontrolle über den Energiefluß, die Kontrolle über
unsere inneren Jaguare.
Anderenfalls sind wir immer wieder negativen Gefühlen
ausgeliefert, sobald wir provoziert werden und jemand unseren
Schwachpunkt kennt. Unsere Anfälligkeit zeigt sich im Umgang
mit uns nahestehenden Personen tagtäglich. Wir wünschen uns
ständig, daß unsere Kraft dem Willen folgen möge. Wir
wünschen uns Frieden, Harmonie, Liebe, Tatkraft, Freude und
Glück. Die Energie, die wir eigentlich auf diese Ziele richten
wollen, fließt zu unserem Leidwesen in negative Gefühle wie
Aggression, Angst, Neid und Haß, in Leidenschaften, in
Machtgelüste, Kaufzwang und andere Abhängigkeiten, in
Zweifel und Ohnmachtsgefühle. So verlieren wir offensichtlich
unser Kraftpotential dadurch, daß wir nicht fähig sind, unsere
Energie zentriert zu unserem Wohle einzusetzen. Harmonie in
uns zu suchen heißt, unsere Ängste und Schwächen bewußt als
Behinderung wahrzunehmen, zu beobachten, wie und in
welchen Lebensbereichen sie uns behindern, und den Mut
aufzubringen, sie zu überwinden. Die Basis dafür ist das
Vertrauen darauf, daß wir durch alle menschlichen Erfahrungen
getragen und geführt werden. Wenn wir Angst vor dem Bösen in
uns haben, können wir diesem Gefühl einen Schritt
näherkommen und danach fragen, was uns wirklich Angst
bereitet. Ist es nicht vielmehr die Angst vor uns selbst, vor
unserer wahren Kraft, wie es der Text Nelson Mandelas so
treffend ausdrückt?

-36-
Unsere politischen Systeme trachten danach, uns in dieser
Grundangst vor unserer dunklen Seite Hilfestellung durch
Moralgesetze und soziale Netze zu geben. Religionen nützen
dieses fehlende Vertrauen zu uns selbst und das beschränkte
menschliche Erkennen für ihre eigenen Zwecke. In Guatemala
zeigt sich das sehr deutlich. Nahezu alle politischen und
religiösen Strukturen schüren die Angst in den Menschen. In
den letzten Wahlen wurde eine Partei gewählt, die wie alle
anderen Parteien sich angeblich zum Ziel gesetzt hatte,
Sicherheit im Land zu schaffen. Die tragende Figur dieser Partei
ist ein Militärgeneral und Sektenführer, der vor 20 Jahren für
Massenmorde an den Indigenas verantwortlich zeichnete. Das
berichteten vor den Wahlen nicht nur offen die Medien, es
wurde auch von der Gege npartei in den Wahlkampf
miteinbezogen. Die Leitfigur dieser Partei konnte aus
Verfassungsgründen nicht mehr gewählt werden, hatte aber das
volle Vertrauen der Landbevölkerung. Die Partei gewann die
Wahlen vorwiegend auf dem Lande. Die Indigenas gaben ihre
Stimmen mehrheitlich demjenigen, der sie noch vor Jahren als
Untermenschen im Zeichen Gottes abgeschlachtet hatte.
Politische Systeme, die in der Vergangenheit auf
Menschlichkeit und auf Landreformen setzten, wurden von den
USA unter dem Vorwand, ein kommunistisches Regime
verhindern zu müssen, mit Brutalität abgewürgt, die betroffenen
Politiker wurden des Landes verwiesen. Dies geschah in den
fünfziger Jahren, als Jacobo Arbens, ein aus der Schweiz
stammender Emigrant, als Präsident an die Regierung kam. Er
war Großgrundbesitzer und lebte selbst vor, daß Menschlichkeit
und Menschenwürde durchaus auch in diesen sozialpolitischen
Strukturen gewahrt werden können. Nach einer militärischen
Invasion der Amerikaner wurde Arbens als Kommunist
bezeichnet und vom CIA nackt aus dem Land gejagt. Seine
Familie ging an schrecklichen Schicksalsschlägen zugrunde.
Diese Geschichte erzählt die noch lebende Witwe dieses immer

-37-
mehr in seiner Größe erkannten Staatsmannes in einem von
einem schweizerischen Filmteam produzierten Film, der
wochenlang in einem guatemaltekischen Kino lief. Die
Menschen verließen weinend den Kinosaal, betroffen von der
Erkenntnis, daß tiefgreifende Veränderungen in ihrem Staat von
den sogenannten Weltmächten nicht erwünscht waren und auch
heute trotz des allgemeinen Rufs nach der Wahrung der
Menschenrechte nicht erwünscht sind.
Politische Systeme zu verändern, ist in den
Entwicklungsländern mit vielen Gefahren verbunden. Ich kenne
reiche Familien, die dank ihrer finanziellen Möglichkeiten auf
ihrem eigenen Grund und Boden soziale Einrichtungen wie
Krankenstationen oder Schulen errichtet haben. Dafür wurden
sie aber nicht nur in den eigenen Reihen angefeindet, nicht
selten wurden sie auch vom westlichen Ausland als
kommunistisch bezeichnet und verfolgt. Wenn man aus einer
Ungerechtigkeit einen Vorteil ziehen kann, dann sind nicht nur
staatliche Systeme, sondern auch wir im alltäglichen Umgang
leicht geneigt, diese Ungerechtigkeit zu tolerieren. Wir halten
uns für stark, wenn wir unseren Mitmenschen in irgendeiner
Weise voraus sind. Wir fürchten um unsere Arbeit, um das
Wohlergehen unserer Familien, um Ehre und Ansehen und
bekämpfen diejenigen, denen wir unterstellen, daß sie uns etwas
wegnehmen könnten. Das Loslassen der Existenzängste und
damit der Angst vor den Mitmenschen bedeutet nicht das
Aufgeben eines erfüllten Lebens, sondern nur das Aufgeben
einer beschränkten und beschränkenden Vorstellung davon, wie
wir zur Fülle des Lebens gelangen.
In unseren Medien drückt sich dieser Zustand am
offensichtlichsten aus. Wir wünschen uns Frieden und
konfrontieren uns täglich mit Szenen von tiefer
Respektlosigkeit, von Mord und Totschlag. Nicht nur in der
aktuellen Berichterstattung, sondern sogar „zum Vergnügen" in
Filmen. Wir wünschen uns Liebe und nähren zugleich das

-38-
innere Verlangen nach Haß, Betrug und Entfremdung. Wir
wünschen uns einen harmonischen Arbeitsplatz und schaffen
durch unsere Ichbezogenheit Trennung und Konkurrenz. Unser
Verhalten ist dazu angelegt, Kriege jeder Größenordnung zu
kreieren, weil wir unsere Kraft in den alltäglichen Kleinkrieg
investieren. Wir schauen entsetzt auf die Krisenherde unseres
Planeten, ohne wahrzunehmen, daß wir durch unseren Umgang
miteinander dunkle Wolken von negativen Emotionen schaffen.
Diese brauen sich zu Gewittern zusammen, die sich dann an den
Schwachpunkten des Planeten in Kriegen entladen. So ist jeder
einzelne Mensch Teil dieser Krisen oder auch Teil des
Weltfriedens.
Ein Mensch kann sich seiner Verantwortung dem Leben
gegenüber nicht entziehen. Den ersten Schritt zur eigenen
Befreiung setzt er durch das Erkennen der Zusammenhänge und
durch aktives Handeln. Dazu bedarf es der Entscheidung, uns zu
allererst von allem Behindernden in uns selbst abzugrenzen.
Gedanken und Gefühle sind lebende Bausteine, aus denen wir
unser Wesen formen. Wenn wir damit beginnen, unsere
Gedanken und Gefühle in positiver Weise auszurichten,
beginnen wir, unsere Umwelt harmonischer zu gestalten. Daraus
ergeben sich liebevollere zwischenmenschliche Beziehungen.
Die wiederum sind die Basis von Liebe, Freude und
Lebensglück. Der Basiswortschatz für eine Sprache der Liebe
entwickelt sich also aus unserer bewußt gestalteten Gedanken-
und Gefühlswelt. Es steht uns Menschen durchaus an, uns für
die verschiedenen Erfahrungen zu bedanken, den Sinn dahinter
zu erkennen, unsere Lebensgestaltung ständig zu überdenken
und neu zu kreieren. Das Weltbild der Maya enthielt auch für
mich die Herausforderung, mein Leben selbst in die Hand zu
nehmen.
Ich hatte die unmittelbare Auswirkung dessen erfahren, was
ich als Selbstbildnis in mir getragen hatte. Meine in der
Tradition wurzelnden Schuldgefühle, meine Überzeugung,

-39-
Jesus, Gott und der göttlichen Mutter nicht würdig zu sein,
führten dazu, daß ich mich als kleiner, nichtssagender Mensch in
der Masse der Kleinen untergehen sah. Seit ich die
Verantwortung für mich übernahm und die unendlich
vielfältigen Möglichkeiten der Verbindungen mit der
unsichtbaren Welt zuließ, begann ich meine Mitmenschen in
ihrer Größe und Stärke zu erkennen. So eröffnete sich mir
gleichsam die Schau hinter die menschlichen Kulissen, in die
Tiefe und Kraft, die in jedem von uns angelegt sind.
Viele Menschen beklagen sich darüber, daß ihr Leben von
negativen Erfahrungen und Erlebnissen geprägt ist. Sie leiden an
Depressionen, Krankheiten, Konflikten, an den kranken
zwischenmenschlichen Beziehungen in Familie und
Arbeitsumfeld. Sie sehen ihre unglücklichen Lebensumstände
als etwas von außen Gegebenes an. Viele verurteilen dafür ihre
Eltern, ihre Nachbarn, die Lebensumstände oder einen
ungerechten Gott, sehen aber nicht, daß alles im Universum
nach Balance strebt. Wenn man anderen etwas wegnimmt,
schafft man im selben Augenblick ein energetisches Vakuum.
Der Ausgleich dafür stellt sich dadurch ein, daß einem auch
selbst etwas weggenommen wird. So entsteht in uns Menschen
ein ständiges gegenseitiges Nehmen, ein ständig genährtes
Ungleichgewicht. Aus dieser Energie entstehen die täglichen
Lebensumstände, in denen wir mit Verlust und mit Forderung
konfrontiert sind. Wenige Menschen sind bereit, sich selbst als
Verursacher dieser meist leidvollen Erfahrungen zu erkennen.
Viele glauben, diesen Zustand von Isolation und beschränkter
Wahrnehmung, von innerer Disharmonie, Unzufriedenheit und
äußerem Druck mit Macht und Geld ausgleichen zu können. Die
äußere Fülle und die Kontrolle über Menschen bringt aber
letztlich keine Lösung des Problems, macht niemanden
glücklich. Wir schaffen auf feinstofflichen Ebenen zusätzliche
dunkle Energiefelder, die sich wiederum in unserem Alltag zu
spiegeln beginnen und sich erneut gegen uns selbst richten.

-40-
Damit verschlechtern wir unsere Lebenssituation noch
zusätzlich.
Die Absicht des göttlichen Kosmos ist letztlich, in jedem von
uns Fülle und Schönheit zu schaffen. Die Natur weist uns darauf
hin, daß wir von einer Vielfalt von Lebensformen und Wundern
umgeben sind. Wir können uns dieser planetarischen Schönheit
bedienen, uns an ihr freuen und sie genießen, denn wir sind Teil
dieser Fülle. Auch hier zeigt sich das wahre Ausmaß der
Trennung des Menschen von diesen natürlich vorhandenen
Schätzen. Wir reißen die für tot gehaltene Materie im Wettstreit
mit unseren Mitmenschen voller Gier an uns. Das war wohl der
Grund, warum Jesus diese Form von Reichtum verurteilt hat.
Dieser Umgang mit der Materie entspringt negativen Emotionen
wie Machtlüsternheit und Gier. Somit ist sie Ausdruck der
Energie eines Menschen, der sich über das kosmische Gesetz
erhaben dünkt, und steht einer geistig-spirituelle Entwicklung
entgegen. Wenn wir Materie anhäufen, entwickeln wir uns im
Kraftfeld der Materie und unterliegen den Gesetzen der Materie.
Wir verlieren dadurch immer mehr die Sensibilität für die
feinstoffliche Welt, die uns umgibt und auf die wir in unserer
menschlichen Entwicklung angewiesen sind. Menschen, die
durch die Erweiterung ihres Bewußtseins zu innerer Ganzheit
finden, werden auf diesem Weg mit äußerer Fülle beschenkt.
Die aus unserer inneren Harmonie und Fülle stammende Materie
ist hingegen der äußere Ausdruck dessen, was wir als Antwort
auf unser Bemühen um die Vollkommenheit des Lebens aus
dem Kosmos erhalten. Dieses Geschenk können wir durchaus
als unserer Entwicklung dienlich sehen und annehmen.
Oskar, mein geistiger Bruder und Freund, gab mir dazu diesen
Text:

„Geld und materielle Güter sind eine uns fremde Energie, wenn
wir sie nicht mit Liebe bewältigen, zum Nutzen aller einsetzen,
mit Leben füllen und dem kosmischen Plan dienstbar machen.
-41-
Geld an sich ist nur eine neutrale Energieform, die wir zum
Nutzen aller im Einklang mit unserem Seelenbewußtsein
einsetzen können. Wohl dem, der diese Energie zum Wohle des
Ganzen einsetzt, der warten kann, bis ihm gegeben wird, und
nicht voreilig nimmt, was ihm noch nicht gehört. Er wird in
Fülle haben, wessen er bedarf."

Meine Frau überlegte in Zeiten größter Bedrängnis, einen


Gewinn im Lotto als Lösung des Problems in Erwägung zu
ziehen. Wenn es die geistige Welt gut meinte, sollte doch auch
diese Form, in die äußere Fülle zu kommen, nicht vernachlässigt
werden. In meinem inneren Zustand glaubte ich aber nicht an
das Glück. Wir waren auf der Verliererschiene, solange wir
nicht erkannten, was in diesem Zusammenhang erkannt werden
wollte. Mittels medialer Verbindung erhielt Christine als
Antwort aus der geistigen Welt, daß wir die Fülle im
Zusammenhang mit unserer Arbeit manifestieren sollten. Dies
schien mir einleuchtend. Geld ohne den Hintergrund einer
Tätigkeit konnte nicht die Erfüllung bringen, die wir uns
gewünscht hatten. Ein Lottogewinn hätte uns unmittelbar in
Verstrickung mit der Verwaltung der Materie gebracht. Die
Aufmerksamkeit hätte sich möglicherweise nicht auf die zu
erfüllende Aufgabe gerichtet und die Erkenntnis der
Zusammenhänge behindert. Es wäre ein Lernprozeß in anderer
Form angestanden, der die dahinterliegende Botschaft erneut an
die Oberfläche hätte bringen müssen. In Momenten, in denen ich
meine Aufmerksamkeit im Vertrauen auf meine innere Stärke -
auf meinen weiteren Lebensweg richtete, öffneten sich die
Türen. Phasen des Zweifels verstärkten unsere Ohnmacht und
schufen Trennung. Dies war wohl auch die Essenz dessen, was
unsere ganze Familie bei der Rückkehr nach Europa erkennen
mußte. Auch unserer guatemaltekischen Gruppe war es noch
nicht möglich gewesen, sich der großen Herausforderung zu
stellen, von der geistigen Welt mit mehr Kraft ausgestattet zu

-42-
werden. Eben diese Kraft hatte sich unmittelbar gegen einzelne
von uns gerichtet, die sich nicht zu ihren Schwächen, ihren
dunklen Aspekten und den damit verbundenen Aufgaben
bekannt hatten.

-43-
Reise durch Raum und Zeit

Doña Ursula, damals schon über 80 Jahre alt, trafen wir erstmals
bei unserer Ausbildung zu staatlich anerkannten
Naturheilpraktikern. Ursprünglich aus Deutschland stammend,
hatte sie ihre Heimat nach den Kriegsjahren verlassen, um nach
Guatemala zu reisen. Dort lernte sie ihren über alles geliebten
Partner Enrike kennen, mit dem sie im Heilungsbereich zu
arbeiten begann. Als junges Mädchen hatte sie noch über einen
ihrer Onkel gelacht, der als Naturheilpraktiker und Geistheiler in
Deutschland arbeitete, doch nun erkannte sie rasch ihre eigenen
Qualitäten als Heilerin. Sie sei auserwählt worden, dem
Göttlichen dienen zu dürfen, indem sie den Menschen diene,
sagte sie einmal zu mir. Lange habe sie allerdings gebraucht, um
dies zu erkennen. Früher sei sie eine Denkerin gewesen, die
alles bewiesen haben wolle, und sie habe wohl den Kontinent
wechseln müssen, um letztlich zu ihrer Lebensbestimmung zu
finden. Don Enrike und Doña Ursula suchten für sich ein kleines
Grundstück am Rande von Guatemala City. Zu dieser Zeit
machten sie auch die ersten Erfahrungen mit der Pendelarbeit.
Auf ihrem kleinen Stück Land gab es keinen Brunnen, und es
war zu abgelegen, um an die Wasserleitung eines Dorfes
angeschlossen zu werden. So blieb den beiden nichts übrig, als
sich selbst Wasser zu suchen. Als Doña Ursula erstmals in ihrem
Leben eine Weidenrute in die Hand nahm, spürte sie die heftige
Reaktion ihrer Hände. Bald konnte sie auf die Rute verzichten
und lernte Energien mit ihren Händen zu erfühlen. Auf ihrem
Grundstück suchte sie das Wasser mit bloßen Händen, indem sie
sich mental mit dem Element verband. Sie dachte einfach stark
an Wasser und schritt dabei ihr Grundstück ab. Dabei spürte sie
die Unterschiedlichkeit der Erdenergien und fand so die richtige
Stelle. Ein Brunnenbauer erklärte sich bereit, an der
bezeichneten Stelle einen Brunnen zu graben. Bereits nach
-44-
wenigen Metern stießen sie auf das kostbare Naß und konnten
so mit dem Bau ihres Hauses beginnen.
Ursula lernte allmählich ihren Händen zu vertrauen. Sie spürte
die unterschiedlichen Energien in Häusern, erkannte
Erdstrahlungen und suchte für Finceros unterirdische
Wasserläufe. Dabei legte sie fest, wo Tiefbrunnen errichtet
werden konnten. Sie begann, Fotos auszupendeln und
Diagnosen zu erstellen. Niemand hatte ihr das beigebracht, doch
wenn sie Fotos von Menschen sah, nahm sie eine energetische
Verbindung zu diesen Personen wahr. Ihr Lebensgefährte
arbeitete als Naturheilpraktiker und Masseur, und Ursula lernte,
für Menschen, die krank waren, telepathisch Diagnosen zu
erstellen. Sie kaufte sich medizinische Karten von den
verschiedenen Körpersystemen wie Muskelapparat,
Knochenbau, Organe, Blutkreislauf und Lymphsystem, Zähne
und Drüsen. Während ihr Mann die Nöte der Menschen erzählt
bekam, arbeitete sie mit deren Fotos und verglich ihre
Ferndiagnosen mit dem, was ihr Mann von den Patienten
erfahren hatte. Die Übereinstimmung war meistens gegeben,
und so entschieden sich beide, Fotodiagnosen als Basis für die
Behandlung einer Krankheit zu verwenden. Ursula mußte die
Leute nicht nur nicht kennen, es war sogar gut, wenn sie
keinerlei Kontakt zu den Menschen hatte, weil sie dadurch beim
Pendeln vollkommen neutral blieb.
So arbeitete Ursula 40 Jahre im Hintergrund und diente, wie
sie es selbst immer wieder ausdrückte, mit aller Liebe ihrem
Mann. Leute, die zu Behandlungen kamen, wußten wenig von
Ursulas Arbeit. Ihr Mann behandelte die hilfesuchenden
Menschen oder gab ihnen, wenn nötig, den Rat, zum Arzt zu
gehen. Die meisten Patienten wurden allerdings mit
Naturheilmitteln behandelt. Als Enrike vor ein paar Jahren im
Alter von 87 Jahren verstarb, geriet Ursula in eine schwere
Lebenskrise. Die bescheidenen Ersparnisse waren bald
aufgebraucht, und die Mindestpension aus Deutschland reichte

-45-
nicht für ihren Lebensunterhalt. Nach vielen Jahren der
Zusammenarbeit mit ihrem Mann mußte sie nun selbst die
Verantwortung für ihren Lebensunterhalt übernehmen. Der
guatemaltekische Staat ist für Pensionen nicht zuständig. Alte
Menschen werden dort grundsätzlich von der Gemeinschaft der
Familie getragen und erhalten. Eine private Versicherung ist
zwar möglich, aber für die meisten Menschen nicht finanzierbar.
Doña Ursula hat außer den Kindern ihres Lebensgefährten keine
Familie, wollte sich aber nicht in irgendeine Abhängigkeit
begeben. So begann die damals schon 76-jährige Frau eine
Ausbildung zur Naturheilpraktikerin, um offiziell im Staate
Guatemala als Heilpraktikerin arbeiten zu dürfen. Zwei Jahre
nach dem Tod Don Enrikes begann sie auch mit Pendelkursen.
Inzwischen lebt sie in einem eigenen Appartement, wo sie mit
einer ständig steigenden Zahl von Menschen arbeitet, die um
Hilfe zu ihr kommen. Verschiedene Ärzte erbitten noch heute
ihre Unterstützung, wenn sie selbst keinen Rat mehr wissen.
Ursulas Lieblingsarbeit sind nach wie vor die Pendeldiagnosen.
Dabei legt sie ihre linke Hand auf das Foto der entsprechenden
Person und führt mit der rechten das Pendel über die
medizinischen Karten, die nach jahrelanger Arbeit schon
abgegriffen sind. Hat der Patient einen Organschaden, so
beginnt das Pendel über der entsprechenden Stelle auf der Karte
zu springen. Sie weiß dann, daß es an dieser Stelle eine schwere
energetische Blockade geben muß, und hat in der Deutung der
Pendelsprache bereits genügend Erfahrung, um feststellen zu
können, was die Ursache der Beschwerden ist. Jede Krankheit
hat eine bestimmt Zahl. Je nachdem, über welcher Zahl ihr
Pendel ausschlägt, weiß sie, was jemandem fehlt. Auf diese
Weise untersucht sie die Energiebahnen der Wirbelsäule und
damit die energetische Versorgung der einzelnen
Körpersegmente mit deren Organen. Schlechte Zähne, die
Leistungsfähigkeit des Lymphsystems, eine Über- oder
Unterfunktion der Drüsen, den Blutkreislauf, die radioaktive

-46-
Verstrahlung des Knochensystems schließen ihre
Pendeldiagnosen genauso mit ein wie das Maß an Lebenskraft,
das einem Menschen noch zur Verfügung steht. So bekommt die
Heilerin allein über ein Foto eines ihr völlig unbekannten
Menschen Einblicke in seine Leidensgeschichte.
Als uns Ursula erstmals von ihren Erfahrungen erzählte,
konnte ich mir kaum vorstellen, daß man auch auf Distanz in
das Energiesystem eines Menschen eingreifen kann. Maya-
Schamanen hatten zwar davon gesprochen, daß man sich
mithilfe von Telepathie miteinander verbinden könne. In der
Zeitenwende sollte diese Qualität besonders aktiviert werden.
Ein Schleier trennt die physische von der unsichtbaren Ebene,
hinter den die meisten Menschen zwar bisher nicht blicken
können, der sich aber immer mehr lichten werde. Damit werden
neue Seinsebenen erfahrbar. Wir beginnen unsere Welt mit
neuen Augen zu sehen.
Maya-Priester haben oft ein Wasserglas auf ihrem Altar
stehen, in dem sich geheimnisvolle Dinge zeigen, die nur der
Schamane erkennen kann. Tata Julian hatte mich oft darauf
angesprochen, ob sich die Fähigkeit der Vision im Wasserglas
schon bei mir eingestellt habe. Während eines Rituals ist es
heute auch für mich möglich, in die geistigen Ebenen zu
schauen. Dabei zeigen sich Gesichter von geistigen Führern, von
Ahnen, die uns nahe stehen, aber auch von Dämonen und
Kräften, zu denen wir keinerlei Kontakte pflegen wollten und
die wir immer als störend empfinden. Es ist uns rätselhaft,
warum sich bei der Schau in die Dimensionen auch dunkle,
dämonische Gesichter und Gestalten zeigen. Und auch für meine
Frau ist diese Art, in die Tiefe zu schauen, längst
selbstverständlich geworden.
Auf meinem Weg zur Maya-Priesterschaft tauchte die Vision
meist in Momenten auf, in denen ich nicht damit rechnete. Da
wir jahrelang auch mit Menschen gearbeitet hatten, die
schwarzmagisch verfolgt wurden, war uns klar, daß viele dieser

-47-
Schwarzmagier auch uns kennen würden. Immerhin arbeiteten
wir gegen ihre Absicht und waren damit auch leicht ausfindig zu
machen. So waren wir in dieser Arbeit besonders bemüht, uns
zu schützen. Wir manifestierten, wenn wir gegen
schwarzmagische Praktiken vorgingen, mental einen
Schutzmantel um uns und unser Haus. Oder wir schützten uns
mit einem Kreis aus Obsidianen, die wir in der Nähe der
Hauptstadt Guatemala City in freier Natur gefunden hatten.
Diese reinigten wir zuerst in einem Ritual, dann luden wir sie
mit der Kraft der Sonne und des Mondes auf und plazierten sie
schließlich in unseren Gärten. Auf diese Weise war es den
Magiern nicht oder nur erschwert möglich, zu uns vorzudringen.
In ihren Wassergläsern hüllten wir uns damit in einen Nebel,
durch den sie nicht blicken konnten. Denselben Schutz legten
wir auch um unser Heilungszentrum, das den Hechiceros, den
Schwarzmagiern, und den dunklen Mächten ein noch viel
größerer Dorn im Auge sein mußte. Erst Jahre später fanden wir
einen Weg, die Dunkelheit selbst um diesen Schutz zu bitten.
Es ist in Guatemala unmöglich, ein spirituelles Zentrum vor
den unzähligen Schamanen versteckt zu halten. Eine Vielzahl
von Priestern besitzt die Gabe der Schau in die für viele
Menschen unsichtbaren Ebenen. Sie spüren über große
Distanzen Energiefelder, die sich besonders mit der Aktivierung
eines Kraftplatzes aufbauen. Maya-Schamanen können dadurch
auch von den Kraftplätzen gerufen werden. Sie gehen diesem
Ruf nach und finden auf diese Weise die Maya-Altäre, mit
denen sie arbeiten sollen. Über dem Lago Atitlán, versteckt in
den Wäldern Sololas, liegt ein wunderbares, kleines Grundstück
eines mit uns befreundeten Guatemalteken. Als sein Haus
fertiggebaut war, wollte er einen großen Felsblock in seinem
Garten entfernen lassen. Arbeiter sollten den Stein abtragen und
aus den Bruchstücken eine Mauer errichten. Es war früh am
Morgen, die Arbeiter wollten gerade mit dem Behauen des
Steins beginnen, als ganz unvermittelt ein kleiner Indigena vor

-48-
dem Grundbesitzer stand. Der alte Indianer begann in einer
fremden Sprache zu sprechen, die niemand verstand. Es war
keine der bekannten Mayasprachen, denn diese hätten die
Arbeiter ja verstanden oder zumindest erkannt. Nun wiederholte
der Alte in Spanisch, was er gesagt hatte: „Dieser Stein ist ein
heiliger Stein unserer Vorfahren. Wenn du diesen Stein verletzt,
bringt es dir großes Unglück. Ehre diesen Altar, und er wird dir
und deiner Familie zeitlebens Schutz und Segen bringen. Ich
bitte dich, meinen Schwestern und Brüdern unter den Maya zu
erlauben, hier herzukommen. Sie möchten diesen Altar ehren
und mit ihm arbeiten. Es wird die Zeit kommen, und du wirst
mehr über diesen heiligen Platz erfahren." Der Grundbesitzer
wollte dem Anciano ein Getränk anbieten. Dieser verschwand
aber so unauffällig, wie er aufgetaucht war. Keiner der Arbeiter
hatte sich erklären können, wie dieser alte Maya auf das mit
Stacheldraht umzäunte Grundstück hatte eindringen können.
Auch das Tor war mit einem Schloß gesichert. Seit dem Besuch
dieses geheimnisvollen Mannes kamen allwöchentlich
Schamanen und baten um die Erlaubnis, Zeremonien halten zu
dürfen. Auch mich hat dieser Altar tief berührt und mir bei
einem meiner Besuche sein Geheimnis verraten. Ich rufe ihn
seitdem in meinen Zeremonien mit dem Namen Gucumatz,
gefiederte Schlange.
Als meine Frau und ich die ersten Versuche starteten, mit dem
Pendel Energiefelder aufzuspüren, hatten wir Doña Ursula als
Helferin zur Seite. Wir konnten unsere Ergebnisse miteinander
vergleichen. Sie brachte uns Fotos von Menschen, die sie bereits
ausgependelt hatte und bei denen wir feststellen konnten, ob es
eine Übereinstimmung der Diagnosen gab. Manchmal brachte
sie Fotos von bereits Verstorbenen, die wir bei Überprüfung der
Lebensenergie erkennen sollten. Bei Verstorbenen stand das
Pendel still. Bei dieser Arbeit fiel uns ganz besonders auf, daß
die Verbindung mit einem Menschen via Foto sehr anstrengend
war. Schließlich brachte Ursula topographische Pläne von

-49-
Fincas und Grundstücken, die sie kopiert hatte und auf denen
wir Wasseradern suchen sollten, auch wenn die Plätze Hunderte
Kilometer entfernt lagen. Das Pendel über dem Plan zeigte
eindeutig an, welchen Verlauf eine Wasserader nahm, und so
gingen wir schließlich daran, unser eigenes Wasser auf dem
ohne Wasseranschluß erworbenen Grundstück zu finden. Wir
legten den Plan des noch unerschlossenen, 130 km von der Stadt
entfernt liegenden Grundstücks auf den Tisch, stellten uns auf
den Ort ein und baten die geistigen Wesenheiten der Mutter
Erde und des Corazón del Cielo um Hilfe. Vor allem aber
verbanden wir uns mental mit den Wesenheiten des Wassers und
den immateriellen Wesenheiten des Ortes. Alsbald wurde die
Energie des Wassers spürbar. Ursula fragte uns, wo das Haus
stehen solle, um die Wasserversorgung möglichst nahe dem
Wohnhaus zu sichern. Sie zeichnete mit einem Bleistift den
Verlauf der unterirdischen Wasserader auf dem Plan ein. Im
Vorhof des geplanten Hauses kreuzten sich zwei Wasseradern,
die nach Ursulas Dafürhalten in gleicher Tiefe zu liegen
schienen. Wir vereinbarten, das Wasser nun an Ort und Stelle zu
suchen, und fuhren am nächsten Wochenende gemeinsam nach
Sololá. Ursula suchte die Wasseradern zuerst mit den Händen,
die sich über der betreffenden Stelle zu schütteln begannen. Als
wir den Kreuzungspunkt der Wasserläufe fanden, bega nnen wir,
die Tiefe und Wasserfülle nach der erprobten Methode der
Anciana ausfindig zu machen. Ursula nahm eine alte Fischerrute
aus ihrem Utensilienkoffer. An der Spitze der Rute war mit
Klebeband ein kleiner Plastikbehälter befestigt, den wir mit
Wasser füllten. Sie setzte sich auf einen Stuhl und hielt die Rute
über dem Wasserkreuzungspunkt. Dabei schloß sie ihre Augen
und verband sich mental mit dem Wasser. Ich sollte daneben
stehen und die Anzahl der Ausschläge der Rute zählen und
gleich notieren. Sie bat die Erdkräfte um Hilfe, lud die
Wasserwesen ein, ihr bei dieser Arbeit behilflich zu sein, und
betete um göttliche Führung. Sie hielt die Rute mit beiden

-50-
Händen fest, die sich nun klar und deutlich zu bewegen begann.
Die Auf- und Abbewegungen der Rute wurden derart stark,
daß sie im Erdboden eine Furche schlugen. Ich zählte 76
Ausschläge, bis sich die Rute wieder beruhigte und schließlich
zum Stillstand kam. Ursula saß noch immer mit geschlossenen
Augen auf ihrem Holzstuhl. Sie war in tiefer medialer
Verbindung mit dem Wasser, dessen Menge als nächstes
gemessen werden sollte. Die Rute bewegte sich nun horizontal
und das mit einer Wucht, daß es Ursula mit beiden Händen
kaum möglich war, sie festzuhalten. Ich zählte über 60
Ausschläge, bis die Rute wieder zur Ruhe kam. Ursula erhob
sich vom Stuhl und legte sich auf den Boden. Sie war erschöpft
und meinte, es sei schwer für sie, in die Tiefen der Erde zu
gehen. Die alte Frau wälzte sich einige Zeit im Gras und blieb
dann bäuchlings liegen. Auf diese Weise reinigte sie sich von
allen ermüdenden Einflüssen dieser Arbeit. Nach wenigen
Minuten stand sie wieder auf, es ging ihr wieder gut. Sie hatte
wieder die jugendliche Frische, die wir so sehr an ihr
bewunderten. Bei der Pendelarbeit sei sie energetisch den
verschiedenen Energien im Erdreich ausgesetzt, sagte sie. Vor
allem die Verbindung mit dem Wasserelement würde sie viel
Kraft kosten. Sie bat nun mich, dasselbe zu machen, ich sollte
ihre Ergebnisse bestätigen.
So setzte ich mich auf ihren Dreiecksstuhl und nahm ihre
Fischerrute zur Hand. Meine Frau meinte noch, ich solle mich
mit den Wesenheiten unseres heiligen Ortes verbinden. Das
kostbare Naß würde unsere Vision eines Zentrums der
Verwirklichung ein Stück näherrücken. Ich verband mich wie
Ursula mit den Wesenheiten des Wassers und mit der
Schutzkraft des Lago Atitlán, Santiago. Ich bat um göttliche
Hilfe, indem ich meine Aufmerksamkeit auf die Engel und
Helfer in den verschiedenen Dimensionen des heiligen Kosmos
richtete, und ging mental tiefer und tiefer in die Erde. In meinem
Körper wurden verschiedene Energien spürbar. Ein starkes

-51-
Kribbeln wurde abgelöst von Wärme-, dann wieder Kältegefühl,
bis ich das Wasser schließlich mit meiner Intuition, mit meinen
Gedanken und Gefühlen wahrnehmen konnte. Die Rute begann
nun mit aller Heftigkeit auszuschlagen, ich konnte ihr kaum den
nötigen Halt geben. Sie schlug in den Boden, beruhigte sich aber
nach und nach wieder, bis dann die horizontalen Bewegungen
ebenso vehement einsetzten. Ich legte die Rute zur Seite und
fragte Ursula begeistert, wie viele Ausschläge sie gezählt habe.
Wir lagen mit der Anzahl sehr nahe beisammen. Ich war auf 82
Vertikal- und 70 Horizontalbewegungen der Rute gekommen.
Meine Frau Christine probierte als dritte und kam in etwa auf
das gleiche Ergebnis. Nun rechneten wir die Tiefe des Wassers
aus. Jeder Schlag bedeute einen halben Meter, erklärte Ursula.
So kamen wir also auf eine Tiefe von 38 bis 42 Metern. Die
Wassermenge war nach Ursulas Erfahrungen mehr als
ausreichend, und so konnten wir nun die Stelle markieren, wo
die Brunnengräber beginnen sollten, obwohl ich mir nicht recht
vorstellen konnte, wie man von Hand bis in diese Tiefe graben
könne. Als Roberto, ein junger Indigena, am folgenden
Wochenende zu uns kam, um die Vorgangsweise, vor allem aber
den Preis zu verhandeln, versuchte ich ihn aus Angst vor einem
Unfall fast davon abzubringen. Er lachte und meinte, dies sei
seine tägliche Arbeit. Er habe damit viel Erfahrung, und ich
solle mir keine Sorgen machen. Wenn es Wasser gäbe, würde er
es mit seinen Helfern finden. Er vertraute unseren Hinweisen
nicht, meinte aber, dies sei unser Problem. Er wolle keinerlei
Verantwortung übernehmen, daß wir eventuell in unserem
Garten ein 40 Meter tiefes Loch hätten, das wir schließlich
wieder zuschütten müßten. Auch könne er nicht garantieren, daß
er bis in diese Tiefe vordringen könne. Es gäbe oft giftige Gase,
die eine weitere Grabung unmöglich machten.
Mit zwei Helfern begann er schließlich die ersten Meter des
Brunnenschachtes auszuheben. In wochenlanger Arbeit wurde
der Schacht tiefer und tiefer. Es wechselten sich Sandschichten

-52-
mit Lehmschichten und gepreßter Asche von Vulkanausbrüchen
ab. Das Erdreich war fest, daher verzichteten die Arbeiter auf
die Abstützung der Wände. Wenn ich am Wochenende ins
Zentrum kam, um mich vom Fortschritt der Arbeiten zu
überzeugen, stellte ich zu meiner Verblüffung fest, daß es
wirklich möglich war, ohne Abstützbretter und ohne
Sicherheitsvorkehrungen (wie einem Sturzhelm) in die Tiefe des
Erdreichs einzudringen.
Wie in Guatemala üblich, bekam ich des öfteren Anrufe der
Arbeiter, die die Arbeit fast jede Woche einstellen wollten. Die
Erde sei trocken und verspreche kein Wasser. Sie seien auf
Steinschichten gestoßen, hieß im Klartext, sie wollten mehr
Geld für den gegrabenen Meter als vereinbart, weil die Arbeit zu
beschwerlich sei. Einmal wurde ich angerufen, weil es in der
Tiefe angeblich dunkle Wesenheiten gäbe, vor denen sie Angst
hätten. Die Arbeiter blieben eine Woche lang weg, bis ich den
Meterpreis ihren Vorstellungen gemäß erhöht hatte. Als aber in
einer Tiefe von 35 Metern immer noch trockene Sandschichten
auftauchten, begann ich an unserer Pendeltechnik zu zweifeln.
Viele Tausende von Quetzales waren aber schon investiert. Nun
stießen die Arbeiter auch noch auf einen Stein, der
undurchdringbar schien. Ich bat sie, mit allen Mitteln den Stein
zu heben oder zu zerbrechen, es würden ja nur mehr wenige
Meter zur vereinbarten Schachttiefe fehlen. Also wurde der
riesige Stein von acht Männern gehoben. Unter dem Stein war
die Erde bereits ein wenig feucht, und es gab die erste Hoffnung
auf Erfolg. Als die Arbeiter schließlich die Tiefe von 40 Metern
erreicht hatten, war die Erde naß, und weitere zwei Meter tiefer
brachen zwei Wasserläufe ein. Der gerade in der Tiefe
arbeitende Brunnenbauer mußte für jeden Kübel Erdreich
kopfüber in das Wasser tauchen. Auf diese Weise hob man
weitere zwei Meter aus, bis schließlich feststand, daß der
Wasserdruck ausreichen würde, den Brunnen mit einigen
Metern sauberen Trinkwassers zu füllen. Erst im nachhinein

-53-
stützten wir den Brunnen innen mit Betonrohren ab, um ihn
gegen Erdbebenerschütterungen abzusichern. Als wir die
Nachricht vom gefundenen Wasser erhielten, riefen wir Ursula
an und feierten ein kleines Fest. Die Lebensgrundlage des
Zentrums, das kostbare Wasser, war vorhanden.
Von diesem Augenblick an beschlossen wir, mehr mit dem
Pendel zu arbeiten, und vereinbarten mit Doña Ursula einmal
wöchentlich einen Pendelabend. Dabei zeigte sie uns die
Technik des telepathischen Pendelns, mit der man zum Beispiel
mithilfe einer Landkarte vermißte Menschen finden konnte. Sie
wurde selbst von staatlichen Organisationen um Hilfe gebeten,
wenn Menschen vermißt wurden. Einmal ging es darum, ein
abgestürztes Flugzeug im Urwald zu orten. Nach wochenlangen
Suchaktionen hätte man sich mit ihr in Verbindung gesetzt.
Doña Ursula brauchte dafür nur ein Foto des Piloten, und in
wenigen Minuten war klar, wo man die abgestürzte Maschine
finden konnte.
Als eines Tages eine Frau zu einer Heilbehandlung kam, die
uns im Vertrauen erzählte, daß die wohlhabende Großmutter
einer Freundin entführt worden sei, machten wir mit dem Foto
dieser Frau eine Meditation. Wir wollten zum ersten Mal
praktische Erfahrungen bei der Suche einer Entführten auf der
Landkarte machen. Ursula meinte, sie wolle diese Arbeit nicht
mehr machen, weil sie in Guatemala zu gefährlich sei. Hinter
Menschenentführungen standen Privatpolizei, Geheimagenten
und das Problem, daß oft die eigenen Familienangehörigen in
die Entführung verwickelt waren. So vereinbarten wir,
Informationen nur auf dem Umweg über unsere Bekannte
weiterzugeben. Sie durfte nichts von uns erzählen. Meine Frau
saß vor ihrer Kugel und stimmte sich auf das Foto der vermißten
Frau ein, während ich mit dem Pendel über dem Stadtplan
verschiedene Orte absuchte. An diesem Nachmittag fuhr
Christine mit dem Auto in die Stadt. Sie sollte einige
Besorgungen in der berüchtigten Zone l, dem Zentrum von

-54-
Guatemala City, machen. Auf einem Weg, den sie sehr gut
kannte, verlor sie sich an diesem Tag. Es kam ihr vor, als sei die
Zeit für Minuten stehen geblieben, sie wußte nicht mehr, wo sie
war. Sie gelangte an einen Ort, den sie nie zuvor gesehen hatte,
und wunderte sich sehr darüber. Als hätte man sie mit dem Auto
für einige Zeit aus der Welt ge hoben und an einem anderen Platz
wieder abgesetzt. Als sie nach Hause kam, erzählte sie mir, sie
habe noch nie zuvor das Gefühl gehabt, aus der Zeit und dem
Raum gefallen zu sein. Ihr war völlig unverständlich, wie sie an
diesen eigenartigen Ort gekommen war. Sie erklärte es mit
fehlender Konzentration, vielleicht auch mit Müdigkeit und war
froh, daß sie in diesem Moment keinen Unfall gehabt hatte. Am
selben Abend sah sie in ihrer Glaskugel eine kleine Kirche auf
einem Hügel, den sie sofort wiedererkannte. Es war derselbe
Ort, an dem sie sich nachmittags überraschend mit dem Auto
wiedergefunden hatte. Also fuhren wir am nächsten Tag noch
einmal in die betreffende Zone. Christine wollte unbedingt
herausfinden, ob es wirklich derselbe Ort war, an dem sie tags
zuvor verwirrt zu sich gekommen war. Außerdem wollten wir
mit dem Pendel die Energien ausloten. Einen Vermißten mit
dem Pendel zu suchen, bedeutet, sich mit der Energie der Person
zu verbinden und dieselbe Energie mittels eines Stadtplans zu
orten. Jeder Mensch hinterläßt, wo immer er sich befindet, seine
energetischen Spuren. Wir hinterlassen unsere energetischen
Muster in unseren Häusern und Wohnungen. Bei der Suche nach
Menschen sind besonders niedrige emotionale Schwingungen
wie die von Angst, Aggressio n, Neid und Haß wahrnehmbar.
Leicht erkennen wir aber auch die Schwingungen der Menschen,
die ihre Liebe und ihr Mitgefühl leben und in Berührungen
hinterlassen. Sie prägen in ganz wunderbarer Weise den
Planeten Erde. In einem Gebet der Indianer wird in sehr schöner
Weise von diesen Energiespuren des Menschen gesprochen:

„Was auch immer unsere Hände berühren, wird lebendig durch

-55-
unsere Fingerabdrücke. Mauern, Möbel, Türkniffe, Teller und
Bücher, wir hinterlassen unsere Identität in dem, was wir
berühren.

GROSSER GEIST!
Laß die Spuren, die ich am heutigen Tage hinterlassen werde,
Deine Spuren sein.
Gib diesen Spuren die Kraft meines Herzens, die Kraft des
Mitgefühls, des Verstehens und der Liebe, die Kraft der Freude
und der Bewußtheit.
Möge mein Herz einen einsamen Nachbarn berühren, mögen
diese Spuren in gleicher Weise eine ängstliche Mutter, eine
entlaufene Tochter oder einen lieben Freund berühren.
Großvater, Großer Geist!
Laß mich heute gehen, wissend, daß ich in meiner Berührung
Deine Spuren hinterlasse.
Ich biete Dir mein Herz, meine Hand, meine Finger an.
Laß Deine Kraft in mir wirksam werden.
So kann ich in der Mutter Natur, in meinen Schwestern und
Brüdern Deinen Geist und Deine Kraft wecken.
Möge Deine Liebe sich durch mich und durch alle Menschen
auf Erden zeigen und ausdrücken."

Durch Spuren niedriger Emotionen wird uns an manchen Orten


auch unheimlich zumute. Ich spreche von bestimmten Lokalen,
Häusern, von Kriegsschauplätzen, Vernichtungslagern, von
Orten der Gewalt und des Hasses. Durch das Aufspüren von
Energiefeldern der Angst wollten wir auch die vermisste Person
ausfindig machen. Wir fuhren also in die betreffende Stadtzone,
die wegen der hohen Kriminalitätsrate berüchtigt ist. Meine Frau
meinte, sie erkenne den Hügel vor uns. Dies sei der Platz, an
dem sie sich gestern wiedergefunden hatte. Wir fuhren langsam
-56-
durch eine schmale, verschmutze Straße. Ich hatte das Pendel
und den Stadtplan in der Hand, während Christine das Auto
lenkte. Wir mußten in der Rotlichtzone sein, denn an manchen
Häusern lehnten Prostituierte. Die Häuser dieser Zone waren
verwahrlost mit teils schon verfallenem Mauerwerk. Die
wenigen neugebauten Häuser waren nicht verputzt und mit
politischen Parolen beschmiert. Auf der Straße spielten Kinder
Fußball und schienen sich dabei wohl zu fühlen. Mir war etwas
mulmig zumute, verrieten uns doch unser Aussehen und unser
Auto deutlich als Ausländer. Wir schützten uns mit der Kraft des
blauen Strahls, indem wir uns und unser Auto in eine blaue
Lichtpyramide stellten. Mit diesem Lichtstrahl verbanden wir
uns mit dem Erzengel Michael, der unser Schutzengel für
besondere Vorhaben war und heute noch ist. Wir beteten ein
Schutzgebet und fuhren über eine steingepflasterte Straße den
Hügel hoch. Bei der Kapelle angelangt, parkten wir. Wir waren
wohl die einzigen Besucher, uns war trotz des sakralen
Charakters des Ortes eher unheimlich zumute. In der Stadt
sprechen Leute davon, daß es dort des öfteren
Marienerscheinungen gäbe. Ich konnte mir kaum vorstellen, daß
sich die kosmische Mutter an einem derart verschmutzten und
verwahrlosten Ort zeigen würde. Als wir aussteigen wollten,
standen uns drei sehr dunkle Gestalten gegenüber und schienen
uns zu beobachten. Wir hatten uns offensichtlich in eine
gefährliche Situation gebracht, daher startete Christine das Auto
gleich wieder, um zu verschwinden. Wir machten uns Vorwürfe,
zu leichtsinnig zu sein, fuhren aber trotzdem noch einige
Avenidas und Calles in dieser Region ab. Das Pendel sollte uns
zeigen, wo die Energie der vermißten Frau spürbar war. Ich hielt
das Pendel und ließ es kreisen, mental stellte ich mich auf die
entführte Frau ein. Wie immer bat ich dabei auch ihre und meine
Schutzwesen und geistigen Begleiter um Hilfe. Als wir an einer
alten, verfallenen Fabrik vorbeikamen, begann das Pendel
augenblicklich zu springen, und wir blieben stehen. Alles mußte

-57-
unauffällig gemacht werden. Wir notierten Straßen- und
Hausnummer dieser Fabrik. Erneut erforschten wir die Energie
dieses Ortes, indem wir um den Häuserblock herumfuhren.
Hinter einem mit Drahtgeflecht eingezäunten Gelände stand eine
Bretterbude mit einer verrosteten Tafel mit der Aufschrift
„Venduras". Die Fenster waren teilweise zerbrochen, es schien
menschenleer zu sein. Wir wollten kein Aufsehen erregen.
Sicher hatten uns bereits Nachbarn beobachtet. So entschlossen
wir uns, nach Hause zu fahren und dort weiterzusehen. Als am
Abend dann die Mittlerin anrief, erzählten wir von unserer
Fahrt. Meine Frau mußte nachfragen, ob sie noch am Telefon
war, denn es wurde am anderen Ende der Leitung mit einem
Male still. Sie sagte nur, die Großmutter ihrer Freundin sei
genau in dieser Zone entführt worden. Die Entführerbande hatte
auf diesem Hügel die Autos gewechselt. Wir bekamen erstmals
den Beweis dafür, daß man mithilfe der Telepathie einem
Menschen folgen konnte. Wir teilten unsere Vermutungen mit
und erzählten von verschiedenen anderen Orten, die wir an
jenem Nachmittag noch in der Stadt ausfindig gemacht hatten.
Am nächsten Tag wurde ein berüchtigter Bandenchef genau an
dem Ort festgenommen, den wir tags zuvor angegeben hatten.
Wir saßen beim Frühstück und lasen die Tageszeitung „Prensa
Libre", als meine Frau erstarrte und sagte: „Das darf doch nicht
wahr sein. Lies dir das durch." Aufgrund unserer Angaben
dürfte wohl eine Polizeieinheit der Sache nachgegangen sein
und dabei eine der gefürchtetsten Banden von Guatemala City
ausgehoben haben. Wir entschlossen uns, aus dieser heiklen
Sache sofort auszusteigen, und teilten unseren Entschluß der
Mittelsperson der Entführten mit. Zwei Wochen nach diesem
Vorfall erhielten wir ein Dankschreiben der entführten Frau, die
schließlich in einem lebensbedrohlichen Zustand aufgefunden
worden war. Sie wolle sich bei der göttlichen Mutter und bei uns
für die Mithilfe herzlichst bedanken. Wir erkundigten uns gar
nicht nach dem Fundort. Auf die Berichte der Tagespresse

-58-
konnte man sich nicht verlassen, Informationen von
Geheimagenten wurden normalerweise nicht weitergegeben.
Unsere Neugier war hinreichend gestillt, und wir entschlossen
uns, bei derlei Suchaktionen nicht mehr mitzuspielen. Wir
hatten es auch nur getan, weil meine Frau den Hinweis aus der
Anderwelt bekommen hatte, daß wir helfen sollten. Das
Dankschreiben bezog sich auf die Führung der göttlichen Mutter
Maria, die all dies möglich gemacht habe, und das war auch die
Kraft, die Christine gespürt hatte, bevor wir mit der Suche
begonnen hatten.
Wir machten durch diese Erfahrungen die ersten Schritte in
Richtung Auflösung von Zeit und Raum. Meine Frau war
während einer Autofahrt im wahrsten Sinn des Wortes aus der
physischen Realität herausgehoben worden und landete dabei in
einer anderen Stadtzone. Die Ancianos der Maya sprechen oft
von der Möglichkeit, aus der Zeit und aus dem Raum
heraustreten zu können. Darunter verstehen sie, für sich selbst
individuell den Zeit- und Raumbegriff auflösen zu können.
Jolanda, die Widerstandskämpferin, von der ich schon in
meinem ersten Buch berichtet habe, erzählte mir die Geschichte
eines Flüchtlings. Sie waren nahe der mexikanischen Grenze, als
sie einen Mann im Wald antrafen, der vom Militär verfolgt
wurde und unbedingt über die Grenze mußte. Plötzlich sei aus
dem Nichts ein Indigena gekommen und habe ihn gefragt, was
er denn vorhabe, wo er hinwolle. Der Mann erzählte ihm, daß er
unbedingt noch heute über die mexikanische Grenze müsse, da
eine Militäreinheit hinter ihm her sei. Ausgerechnet an diesem
Ort schien es schwierig, unentdeckt von den Behörden über die
Grenze zu kommen. Mit einem Male befand sich der Flüchtling
auf der anderen Seite der Grenze. Der alte Indianer hatte für
einen Moment die physische Realität aufgelöst und dem Mann
auf diese Weise das Leben gerettet. Als mir Jolanda das
erzählte, zweifelte ich sehr an dieser Geschichte. Erst als ich von
Maya-Schamanen viele derartige Geschichten gehört hatte,

-59-
wollte ich mehr über diese Form der Auflösung von Zeit und
Raum erfahren. Inzwischen mußte auch ich durch viele eigene
Erlebnisse erkennen, daß Zeit relativ ist. Unser Zeitbegriff
scheint stark mit der individuellen Erfahrung und Entwicklung
eines Menschen zu tun zu haben. Wie schnell oder wie langsam
Zeit vergehen kann, wird uns jeden Tag bewußt gemacht. Vor
allem wenn es um die geistige Entwicklung eines Menschen
geht, scheint sich die Zeit vollkommen aufzulösen. Menschen
vollführen manchmal in Sekunden Bewußtseinssprünge, für die
andere jahrelang meditieren. Oft bereitet sich auch etwas über
Jahre vor, was man dann im Bruchteil einer Sekunde erkennt.
Die Zeit davor scheint nicht mehr zu existieren, das Leben
beginnt sich von diesem Augenblick an mit unglaublicher
Geschwindigkeit zu entfalten. Der Zeitbegriff hat also etwas mit
der Entwicklung eines Menschen zu tun. Je offener und
freudiger Menschen ihrer eigenen Entwicklung
gegenüberstehen, um so mehr geschieht in ihrem Leben. Die
Zeit zerrinnt in den Fingern.
Auch das Auftauchen und Verschwinden von Mitmenschen
hat unmittelbar mit unserer Entwicklung zu tun. Man begegnet
vielleicht Menschen wieder, die man seit Jahren nicht mehr
getroffen hat. Umgekehrt verschwinden Bekannte oder Freunde
plötzlich aus dem Leben. Menschen verlassen unser Umfeld,
wenn wir sie in uns selbst loslassen und erkannt haben, welche
Botschaft sie uns gebracht hatten.
Daneben gibt es auch immer wieder Zeiten, in denen alles
stillzustehen scheint. Dann sind wir in einer Lebensphase, in der
einiges zu integrieren ist, in der wir der inneren und äußeren
Ruhe bedürfen. Die Zeit beginnt sich zu verlangsamen. Die Zeit
hat für jeden ganz individuell mit dem Rhythmus des Lebens zu
tun. Unser Zeitverständnis ist verbunden mit dem Aufgang und
Untergang der Sonne, mit dem Rhythmus des Mondes. Das
Wachstum in der Natur, das Säen und Ernten, das
Heranwachsen eines Kindes im Mutterleib, alles braucht eine

-60-
bestimmte Zeit. Unsere körperlichen Zyklen, das
Hormonsystem, unser ständiger Austausch mit den Kräften der
Mutter Erde und des Kosmos bewegen sich in diesem ständigen
Auf und Ab von Aktivität und Beruhigung, von Intensität und
Stille. Wir sprechen vom Biorhythmus, in dem unsere
verschiedenen Lebensbereiche schwingen. Die Maya haben
diesen Rhythmus in Form einer Schlange dargestellt. Im 260
Tage zählenden heiligen Kalender wird die Schlange als KAAN
bezeichnet. Die Maya dekodierten die Frequenzen alles
Lebendigen im Kosmos in Langzeitkalendern, die über
Jahrtausende reichen und sich auf Planeten, Sterne und
Sternengruppen beziehen. Daraus entnahmen sie ihr Wissen
über den Zusammenhang von Zeitbegriff und menschlicher
Entwicklung. Maya waren und sind in der Familie der Indianer
aus diesem Grunde die Hüter der Zeit und können auch als
Hüter der Bewußtseinsentwicklung der Menschheit gesehen
werden.
Die Schlange ist das Ursymbol für die Verbindung von
Mensch und Kosmos. Was wir durch den Verlust unserer
kosmischen Schau für inexistent gehalten haben, kommt im
Symbol der Schlange zurück. Die Wiederkehr der gefiederten
Schlange steht für die Wiederkehr unserer Fähigkeit, uns als
Teil des Universums wiederzuerkennen, uns wieder als
Menschen und gleichzeitig kosmische Wesen wahrzunehmen.
Was wir bisher mit äußeren Phänomenen beweisen zu müssen
glauben, wird in uns selbst bewiesen werden, wird zur Neuen
Realität werden. Noch halten viele Menschen nicht für existent,
was sie nicht wissenschaftlich belegen können. Viele können
auch keinen spirituellen Weg gehen, weil sie mit der geistigen
Welt nicht kommunizieren können. Wenn ich diesen Menschen
eine Brücke in die geistigen Ebenen bauen kann, finden die
wirklich großen Momente meines Lebens statt. Das Ritual ist
eine wunderbare Möglichkeit, unsere Erfahrung zu erweitern,
die Präsenz der geistigen Welt zu spüren und als Sonden in die

-61-
verschiedenen Ebenen des Seins einzudringen. Doña Ursula
machte mir klar, wie leicht es ist, die Grenzen der
dreidimensionalen Realität zu überschreiten und Energiefelder
unbegrenzt von Zeit und Raum wahrzunehmen.
Der Naturwissenschafter Rupert Sheldrake spricht in seinen
Büchern von elektromagnetischen Feldern und von der
besonderen Fähigkeit der Tiere, Informationen aus diesen
elektromagnetischen Feldern abzurufen. Im selben Moment, in
dem ein Vogel die Entdeckung macht, daß der Deckel einer
Milchflasche vor einem Haus in den USA durchgepickt werden
kann, ist diese Entdeckung bereits im kosmischen
„Möglichkeitsprogramm". Auf einem anderen Kontinent
übernehmen Vögel plötzlich das gleiche Verhalten. Für Maya
war das, was wir aufgrund unserer technischen Erfindergabe
allmählich belegen können, schon vor Jahrtausenden Realität.
Sie kommunizierten mit ihren Brüdern und Schwestern auf
anderen Planeten und konnten die kosmischen Frequenzen mit
ihrem Geist, mit ihrer Intuition, mit ihrem Gehör wahrnehmen
und entschlüsseln. Die Maya empfinden sich als die Nachfolger
der vier Lichtboten, die vom Siebengestirn der Plejaden kamen
und den Menschen auf der Erde Bewußtsein, das heilige
kosmischen Wissen überbrachten. Im Zeitenwechsel wird vieles
von diesem Wissen für uns wieder lebendig, die Lichtboten
kehren zurück. In uns werden Antennen eingerichtet, die uns für
diese Frequenzen und Botschaften wieder empfänglich machen.
All das ist aus dem Kosmos abrufbar.
In wenigen Jahren wird auch die Technik in der Lage sein,
diese Frequenzen mittels Geräten erfassen zu können. In dem
Moment werden viele Menschen die Beschränkung erkennen,
die sie sich bis dahin durch ihre begrenzte Vorstellung von dem,
was möglich ist, selbst auferlegt haben. Die menschliche
Entwicklung wird mit Riesenschritten voranschreiten, weil wir
nicht mehr an die physische Realität gebunden sein werden,
neue Räume werden sich auftun. Wir werden Wissen nicht mehr

-62-
aus den Computern, sondern aus uns selbst abrufen können.
Computer spiegeln dann nur mehr unser fehlendes
Selbstvertrauen, unsere beschränkte kosmische Schau. Wir
geben den Geräten schon heute Namen und Persönlichkeit. Wir
spüren, wie sie bereits beginnen, auf uns und unsere
Gefühlszustände zu reagieren, und kreieren damit die Wesenheit
„Computer". Vielfach werden Computer schon als Ersatz für
menschliche Partner eingesetzt. Unsere Schöpferkraft kann die
bisher für tot gehaltene Materie beleben. Allerdings erschaffen
wir uns damit weitere Abhängigkeiten und Isolation vom
wahren kosmischen Geschehen. Es bedarf keiner großen
Sehergabe, um zu erkennen, daß die in vielen Prophezeiungen
beschriebenen Katastrophen in uns selbst bereits geschehen.
Andererseits erkennen auch immer mehr Menschen die wahre
Qualität unserer Zeit. In ihnen erwachen besondere Fähigkeiten,
deren Einsatz mehr und mehr selbstverständlich wird. Sie fühlen
sich immer stärker zu ihresgleichen hingezogen und beginnen,
ihren Alltag gemäß ihrem inneren Gesetz zu gestalten. Die
geistigen Begleiter kommen ihnen immer näher und erweitern
ihr Wahrnehmungsfeld.
Vieles ist für uns bereits alltäglich: Manchmal denkt man an
einen Menschen, und dieser ruft im selben Augenblick an. Ein
lieber Freund und Geschäftsmann aus der Schweiz liebt es, in
einem bestimmten Caféhaus in Lugano zu sitzen. Er trinkt dort
mit Vorliebe seinen Cappuccino, beobachtet das geschäftige
Treiben der Finanzmanager und klinkt sich quasi in die
elektromagnetischen Felder der Geschäftsleute und ihrer
Gedanken ein. In dieser Atmosphäre kämen ihm die besten
Ideen, sagt er. Wir alle haben Anteil aneinander. Wenn wir uns
das bewußt machen, fällt es uns immer leichter, in die
Gedanken- und Gefühlswelt anderer Menschen einzutauchen. In
der Bibel steht, daß am Ende der Zeiten alles offenbar würde.
Wir können uns nicht mehr hinter Lügen und Masken
verstecken, weil wir trotz unserer Individualität immer stärker

-63-
miteinander verbunden werden. Das Kommunikationsmittel E-
mail wird sich immer mehr von der Hardware lösen und sich
zum „T-mail", dem telepathic mail, entwickeln. Unsere
Herzkraft wird immer stärker die Funktion des
Antivirusprogramms übernehmen. Wir Menschen werden das,
wozu wir jetzt noch die Technik benutzen, in uns selbst
erschließen können. Der Flachbildschirm wird abgelöst vom
inneren Auge, das mit Klarheit in die Tiefe des wahren
Geschehens blicken können wird. Die Kapazität unseres Gehirns
ist vorhanden und weit größer als von den meisten
angenommen. Unser Bewußtsein ist der Schlüssel, mit dem wir
die kosmische Weisheit werden dekodieren können. Maya steht
auf diesem Planeten für das Erschließen einer erweiterten,
kosmischen Wahrnehmung. Die Ancianos sprechen von
„Cosmovision Maya" (Schau des Kosmos), „Conciencia Maya"
(Bewußtsein Maya) oder verwenden den Begriff „Ciencia
Maya" (Maya-Wissenschaft). Die Maya wechselten stets
zwischen der physischen Realität und anderen Seinsebenen.
Dies bedeutet, daß sie es verstanden haben, aus dem Rhythmus
der alltäglichen Wirklichkeit auszusteigen und sich jenseits der
Grenzen von Zeit und Raum zu bewegen. Christine hatte, ohne
es gelernt oder geplant zu haben, diese Erfahrung gemacht,
indem sie von einem zum anderen Augenblick den Ort
wechselte. Vielen Menschen ist es möglich, mit dem Pendel
oder anderen Hilfsmitteln, aber letztlich kraft ihrer Sensibilität
Distanz aufzuheben und auf das Geschehen an einem fernen Ort
Einfluß zu nehmen.
Vor nicht allzulanger Zeit bat mich mein Freund und geistiger
Bruder Oskar um Hilfe. Er hatte den Auftrag, auf Indianerland
in Kanada eine Wohnanlage zu entwerfen. Wie üblich hatte er
sich ein paar Tage auf das Grundstück zurückgezogen, um mit
den Wesenheiten des Ortes in Verbindung zu treten. Dies sei die
Voraussetzung dafür, meint er, den zukünftig dort lebenden
Menschen eine stimmige Heimstätte zu schaffen. Doch die

-64-
Planung der Wohnsiedlung hatte sich monatelang verzögert,
weil er mit einem Teil des Landes bisher keinen Kontakt
bekommen hatte. Es gab etwas Unstimmiges, etwas, was sich
gegen sein Vorhaben zu wehren schien.
Eine sehr liebe Freundin und Schamanin, Eva Ulmer-Janes,
war zu dieser Zeit in unserem Zentrum in Sololá. Wir gingen
gemeinsam mit ihr in die Heilungspyramide, um uns über eine
Distanz von Tausenden Kilometern mit den Energien dieses
Ortes zu verbinden. Oskar zeichnete den Lageplan auf ein Blatt
Papier, das wir in ein Mandala legten. Diese bestand aus einem
gezeichneten Davidsstern zum Schutz als Untergrund und einem
Dreieck aus Bergkristallen außen herum, um jegliche
energetische Beeinflussung auszuschließen. Ich bat die
Wesenheiten des Ortes um Hilfe und Führung, zugleich rief ich
mental me ine eigenen geistigen Helfer. Eva verband sich auf
ihre Weise mit dem Grundstück. Meine Hand zeigte mir
unmittelbar an, wo die Energie des Baugrundes unstimmig war.
In dieser Ecke spürte Eva die unterirdischen Reste eines alten
Friedhofes. Die Botschaft war in Sekunden gegeben. Ich stellte
eine Amethystpyramide auf den Platz, den es zu heilen galt, und
wir machten gemeinsam ein kurzes Ritual. Wir baten die
Wesenheiten des Ortes, sich im violetten Strahl der
Transformation mittragen und befreien zu lassen, wenn dies in
ihrem Sinne sei. Zugleich baten wir für die Menschen, die dort
einmal leben sollten, um Einlaß. Als Dank an die Wesenheiten
zündeten wir ein paar Kerzen an und waren gespannt darauf, wie
sich alles weiterentwickeln würde. Als Oskar nach Kanada
zurückkam, hatte sich genau diese Seite des Bauplatzes
verändert. Vorher war sie voll von Sträuchern und Unrat
gewesen, inzwischen war sie aber gerodet, gereinigt, mit Kies
bestreut und dazu auserkoren worden, als Ausstellungsfläche für
neue Autos zu diene n. Ich freute mich sehr über diese Nachricht
und zog daraus erneut Bestätigung, wie einfach sich die Grenzen
von Raum und Zeit aufheben und sich die realen Vorgänge -

-65-
welcher Art auch immer - über weite Distanzen beeinflussen
lassen. Durch das Lösen uralter energetischer Bindungen war es
möglich, die Vision dieses Platzes freizulegen.
Erste Wahl unter den Hilfsmitteln ist für mich das Pendel, das
uns aufgrund der Verbindung unseres Unterbewußtsein, unserer
feinstofflichen Ebenen mit anderen Energieformen mit
Informationen über die Qualität und Beschaffenheit eines Ortes
versorgen kann. Immer leichter fällt es mir auch, mit der Kraft
der Intuition in andere Dimensionen zu reisen, Antworten zu
erhalten und auf das Geschehen einzuwirken.
Das Thema „Schutz" bedarf bei diesen Dimensionengängen
durchaus der Beachtung. Das mentale Eindringen in die Tiefen
der Erde, in eine andere Welt verlangt, sich den verschiedenen
Energieschichten zu öffnen. Wir bekommen die Auswirkungen
davon auch auf physischer Ebene zu spüren. Doña Ursula kann
auf diese Weise Goldadern, Erdöl, oder was auch immer gesucht
werden soll, finden. So einfach dies hier auch dargestellt wird,
so anstrengend ist die Suche nach Mineralien oder nach
vermißten Personen. In die Mutter Erde mental einzudringen
bedeutet, sich eventuell sogar radioaktiver Strahlung
auszusetzen. Pendeln wir die Energie eines Menschen aus,
identifizieren wir uns mit seinem Seinszustand und setzen uns
auch den Energien dieser Person und ihres Umfelds aus. Ursula
hat in vielen Jahren Praxis gelernt, sich zu schützen und nur so
viele Aufträge anzunehmen, wie sie ertragen kann. Früher rief
sie uns manchmal an, weil es ihr schlecht ging und sie Hilfe
brauchte. Das Auspendeln von Häusern und Menschen machte
ihr oft so sehr zu schaffen, daß sie tagelang nicht mehr arbeiten
konnte. Darauf entschloß sie sich, in Häusern nur mehr die
guten Plätze zu suchen und die verstrahlten Orte einfach außer
acht zu lassen. Es sei der bessere Weg, das Gute zu suchen und
nicht das Schlechte, meinte sie, und entwickelte auf diese Weise
eine neue Arbeitsmethode, die sie wesentlich weniger Kraft
kostete. Ich riet der Anciana, sich nicht nur mental durch die

-66-
Vorstellung einer Lichtkugel zu schützen, sondern dafür auch
voller Vertrauen die geistige Welt einzusetzen. Die Maya
wußten, daß man die Wesen, die uns ständig auf unserem
Lebensweg begleiten, einfach um Schutz auf den
Dimensionenreisen bitten konnte. Die Wirksamkeit des Schutzes
hängt aber von unserer eigenen inneren Klarheit und
Redlichkeit, von unserem Bewußtseinsstand ab. Menschen, die
sich durch ihren Lebenswandel ständig beschmutzen, die sich
ihrer selbst nicht bewußt sind, umgeben sich dadurch ständig
mit einer dunklen feinenergetischen Schicht, durch die
feinstoffliche Lichtwesen oft nicht mehr wirken können. So
obliegt es dem bewußten Menschen, seine Gedanken und
Emotionen rein zu halten. Ein liebevoller und wacher Mensch
ist in den vollkommenen kosmischen Schutz eingebettet. Wenn
er auch noch die Schattenwelt entsprechend respektiert, lebt er
in einem Zustand der Unberührbarkeit.
Wir können durch Schutzrituale nach und nach die Präsenz
und Stärke unserer Schutzgeister immer besser wahrnehmen.
Aus der Tradition der Maya ist bekannt, daß sich Generationen
von Menschen an die Wesenheit Camajuil mit der Bitte um
Schutz im Alltag gewandt haben. Diese Wesenheit wird meist
abstrahiert als länglicher Stein dargestellt, die Form eines
menschlichen Körpers mit über der Brust gekreuzten Armen ist
nur angedeutet. Es gibt diese Darstellungen in unterschiedlicher
Größe, von solchen, die man in die Tasche stecken kann, bis zu
größeren Skulpturen, die Häuser oder Kraftplätze beschützen
sollten. Es ist anzunehmen, daß diese Kraft durch die Pflege der
magischen Tradition Stärke und Wirksamkeit behält. Ein
geistiges Schutzwesen wird dabei in einer Zeremonie gebeten,
sich mit einem Stein, einem Kristall, einem Stock oder
Ähnlichem zu verbinden. Durch wiederholte Rituale und Gebete
bleibt dieser Gegenstand dann mit der Wesenheit verbunden.
Wenn wir diesem im Ritual geladenen Gegenstand unsere
Wertschätzung entgegenbringen, wird die geistige Schutzkraft,

-67-
der Schutzengel viel unmittelbarer in unser Leben eingreifen
können. Wenn das Vertrauen in diese Schutzkräfte wächst, fällt
es zunehmend leichter, auf den magischen Gegenstand als
Krücke zu verzichten und direkt mit den entsprechenden
Wesenheiten zu kommunizieren.
Diese Rituale um Reinigung und Schutz von Menschen und
Anwesen kennen wir auch in unserer christlichen Tradition. In
Tirol erbittet man den Schutz des Herzen Jesu in Feuerritualen,
die alljährlich auf den Bergen zum Herz-Jesu-Fest im Juni
abgehalten werden. Unsere Ahnen hatten die geistige Welt um
Hilfe vor den feindlichen Angriffen Napoleons gebeten und
einen Schwur geleistet, diese Rituale aus Dankbarkeit
beizubeha lten. Diese Feuerrituale gelten auch als Schutz gegen
Naturgewalten, der Zusammenhang wird nicht nur historisch
gesehen. Ich erinnere mich an die Erzählung einer Frau aus dem
Stubaital: Vor Jahren war bei einem Unwetter eine Mure
abgegangen und hatte sich weit über eine Almwiese ergossen, in
deren Mitte eine alte Kapelle stand. Direkt davor hatte sich die
Mure in zwei Arme gespalten, um sich nach der Kapelle wieder
zu vereinen. Der Frau war bewußt, daß dies kein Zufall gewesen
war. Auch Tata Julian wies mich oft darauf hin, daß Menschen,
die liebevoll mit der Natur umgingen, auch deren Schutz
genossen. Wenn Naturwesen uns Menschen in Liebe
aufnehmen, haben wir deren Schutz. Ein in diese Liebe
eingebetteter Mensch braucht keine Naturkatastrophen zu
fürchten. Er wird von den Wesenheiten an der Hand genommen
und aus der Gefahr geführt.
Für Doña Ursula war es allerdings nicht angebracht, Rituale
zu halten. Sie wollte die Basis des „Nachweisbaren" nicht
verlassen, obgleich sie sich in ihrer Arbeit ständig in anderen
Seinsebenen bewegte.
Noch heute verdient sie sich ihren Lebensunterhalt selbst. Sie
braucht von niemandem Geld und betet täglich darum, sterben
zu dürfen, wenn sie aus Alters- oder Krankheitsgründen nicht

-68-
mehr arbeiten könne. Sie wolle niemandem zur Last fallen, auch
nicht den Kindern ihres Lebensgefährten, sagte sie zu uns. In
unserer Gesellschaft zählen viele Leute die Tage bis zu ihrer
Pensionierung. Sie glauben daran, daß ihr Leben erst dann schön
sein werde, wenn sie die Freiheit haben, ihre Zeit na ch Belieben
einzuteilen und zu reisen. Dabei stellt sich oft heraus, daß die
erträumte Pensionierung kein Segen, sondern ein Kampf um ein
sinnerfülltes Dasein wird. Je mehr jemand nur auf die
äußerlichen Annehmlichkeiten Wert legt, um so weniger wird er
im Alter wahre Befriedigung finden. Letztlich führen ein
disharmonisches Leben, eine unstimmige Aufgabenstellung und
die Angst vor Veränderung auch in dieser Lebensphase zu
Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit. Die Indianerkulturen
halten die Weisheit der Alten für ein unverzichtbares Gut in der
menschlichen Gemeinschaft. Doch in Europa habe ich mir oft
die Frage gestellt, was man von einem frustrierten und
verhärteten alten Menschen wohl lernen könne. Weisheit
bedeutet, die Früchte eines in allen Höhen und Tiefen
ausgekosteten Lebens in innerer Ruhe und Gelassenheit zu
ernten und als Lebenserfahrung an die Gemeinschaft
weiterzugeben.
Manchmal zerbricht ein vom Leben gezeichneter Mensch an
seiner Hoffnungslosigkeit, an seinen Lebensumständen. Die
Erkenntnis, im Leben an den wahren Dingen vorbeigegangen zu
sein, die Enttäuschung, von den eigenen Kindern im Stich
gelassen zu werden, und die Frustration über ein von Leid und
Schmerz geprägtes Leben lassen viele alte Menschen innerlich
vereinsamen. Wenn jemand in diesem Zustand stirbt, ist es von
großer Wichtigkeit, ihn noch im Reich der Toten zu heilen,
damit er in die Gemeinschaft der Weisen in der Anderwelt
aufgenommen werden kann. Diese Heilung erfolgt durch Gebete
und durch Heilungszeremonien für die Verstorbenen. Nur so ist
es den Abuelas und Abuelos, den Großmüttern und Großvätern,
möglich, ihre gelebte und integrierte Weisheit ihren eigenen

-69-
Kindern auf Erden wieder zugänglich zu machen.
Kürzlich gestaltete ich mit meinem Freund, dem Schamanen
Jan, ein Ritual. Jan rief mit seinem Gesang und mit
verschiedenen Klangschalen die Ahnen. Er führte uns in der
Zeremonie in einen großen Tempel. Jeder Teilnehmer stand vor
dem Altar und blickte auf die Gemeinschaft der Gläubigen im
Tempel. Es waren unsere Ahnen, die den Ra um füllten. In den
ersten Reihen saßen unsere verstorbenen Großeltern, ganz
hinten die Generationen, denen wir unsere Wurzeln verdankten.
Während wir der großen Ehre nachkamen, den Altar für unsere
Lebensaufgabe nutzen zu dürfen, schauten sie alle uns voller
Stolz zu. Jeder aus unserer Gruppe bekam die Möglichkeit,
seinem Empfinden Ausdruck zu verleihen. Einzelne standen
schüchtern am Altar, andere blickten auf den Boden, weil sie
sich nicht imstande fühlten, diesen Platz einzunehmen. Wieder
andere zeigten in Würde und Freude ihre Bereitschaft, als
Krönung aller bisherigen Generationen die Verantwortung auf
diesem Planeten, im jetzigen Leben wahrzunehmen. Die Ahnen
setzen alle Hoffnungen in uns, die wir im Hier und Jetzt leben.
Sie wollen uns mitteilen, daß es Zeit sei aufzuwachen,
verantwortungsbewußt seinen Lebensweg zu wählen. Sie rufen
uns zu: „Steh zu dir! Nimm wahr, wer du bist! Laß dich von uns
führen! Du trägst all unser Wissen in dir! Wir lieben dich! Wir
brauchen dich in deiner Selbstsicherheit! Gib dich dem
göttlichen Plan hin! Erkenne, wer du bist! Wir alle sind mit
unserer gesammelten Lebensweisheit in dir! Schau uns an, wir
entstammen unterschiedlichen Rassen und sind trotzdem ein
Teil von dir! Heb deinen Kopf und sei stolz auf dich! Wir singen
ein Lied der Freude für dich! Du hast erkannt, wie kostbar es ist,
zu leben und sich zu verwirklichen! Genieße das Leben in seiner
Fülle und Schönheit!" Am Ende des Rituals bedankten wir uns
für die Botschaften, die jeder einzelne erhalten hatte, und
nahmen unsere Aufgabe als „Priester des Lebens" wahr. Wir
gaben denen Heilung, die der Heilung bedurften. Der Mensch in

-70-
der Tradition Maya wird wiedergeboren, erweitert seine
Seelenerfahrung von Leben zu Leben, in unterschiedlichen
Kulturen, auf unterschiedliche n Plätzen der Welt. Die
Erkenntnisse aus jedem dieser Leben, verbunden mit der Rolle,
die im jeweiligen Leben gespielt worden ist, ist in der Stille des
Totenreichs gespeichert. Von dort aus können wir Lebenden
alles Wissen und alle Weisheit abrufen. Besonders eignet sich
dafür der Tag, der „Kemé" gewidmet ist und im heiligen Maya-
Kalender alle 20 Tage wiederkehrt. Kemé hütet diese Ebene, er
öffnet sie, wenn Menschen bereit und respektvoll genug sind,
ihren Ahnen zu begegnen. Im Christentum öffnen sich diese
Tore einmal im Jahr, zu Allerheiligen und Allerseelen.
Wenigstens einmal im Jahr gäbe es somit auch in unserer Kultur
durchaus Gelegenheit, nicht nur am Grab zu trauern, sondern
auch als bisher letztes Glied einer Generationenreihe Freude,
Stolz und Dankbarkeit zu empfinden.

-71-
Im Strom des Lebens

Das Treffen der Indianerstämme Nord-, Mittel- und


Südamerikas in den Südstaaten der USA war für September
1998 angekündigt worden. Meister Cirilo, der die Idee für diese
Zusammenkünfte geboren hatte, wurde immer wieder zu
Vorbesprechungen mit den Organisatoren eingeladen. Dabei
wurde um Geld und Macht gestritten und auch darum, ob auch
diesmal weiße Vertreter zugelassen werden sollten oder nicht.
Meister Cirilo erzählte mir von den Unstimmigkeiten. Da luden
Leute Indianerführer verschiedener Stämme im Namen Don
Cirilos ein, ohne von ihm beauftragt worden zu sein. Es gab
Kämpfe um Subventionen und um die richtige
Organisationsform. Schließlich wollte man die repräsentative
Veranstaltung der Indianerbewegung auf ein Treffen einiger
weniger Stammesvertreter reduzieren. Aufgrund der
Unstimmigkeiten mußte man schließlich um ein Jahr
verschieben. Als die Zusammenkunft im September 1999 in
New Mexico, USA, zustandekam, bildeten sich unter den
Teilnehmern drei Gruppierungen. Nach Aussagen Don Cirilos
ging jede Gruppe eigene Wege und veranstaltete eigene
Zeremonien. Er selbst wurde nach den ersten belastenden Tagen
mit einer Lungenentzündung ins Spital gebracht.
Wo immer wir Menschen agieren, sind wir von Wesenheiten
aus anderen Dimensionen begleitet. Unsere Vorstellungen und
Handlungen ziehen die ihnen entsprechenden Wesenheiten an.
In Zeremonien werden zusätzlich bestimmte Energieformen
verstärkt und in der physischen Realität manifestiert. Wenn die
Unterschiede und das Trennende im Vordergrund des
Bewußtseins stehen, ist anzunehmen, daß in Ritualen
Wesenheiten angezogen werden, die diese Trennung verstärken.
Auf diese Weise wachsen und zerbrechen menschliche Ideen

-72-
und Projekte.
Als ich gemeinsam mit der Anciana Nan Cuz Meister Cirilo
vor wenigen Monaten besuchte, saßen wir in seinem kleinen
Vorhof. Auf dem Boden ausgebreitet lag ein Teil der Maisernte.
Schwarze, rote, gelbe und weiße Maiskolben trockneten in der
Sonne, es war ein wunderschöner Tag. Wir unterhielten uns
gerade mit den im Hof spielenden Kindern, als Meister Cirilo
mit seiner Tochter von einer Zeremonie zurückkam. Er begrüßte
uns und setzte sich zu uns. Ich übergab ihm mein Buch und
bedankte mich für seine Unterstützung. Don Cirilo saß neben
uns, gähnte und meinte, vieles sei nicht mehr stimmig, er könne
das alles nicht mehr verstehen. Er hoffe, daß mit der Weisheit
der Maya keine Geschäfte gemacht würden, und deutete damit
an, daß er auch das Vertrauen zu mir verloren hatte. Der Maya-
Meister war müde und erzählte die traurige Geschichte des
letzten Indianertreffens. Er könne sich nicht erklären, wieso
destruktive Kräfte dieser wunderbare und hoffnungsvolle Idee
so in den Schmutz ziehen konnten. Er selbst habe alles in seiner
Macht Stehende getan, um dies zu verhindern. Man sei an der
Engstirnigkeit der Menschen gescheitert, müsse nun eben auf
das nächste Treffen in Bolivien hoffen. Er selbst aber sei müde
und glaube, daß es einen neuen Kopfes für die
Indianerbewegung bedürfe.
Wir beschlossen, Meister Cirilo lieber ein andermal zu
besuchen und uns auf den Heimweg zu machen. Der Anciano
war sichtlich erschöpft von all den Geschehnissen der letzten
Monate.
Als ich vor kurzem vor den Rat der Stiftung „Kukulcán" trat,
deren Präsident Meister Cirilo ist, versuchte ich ehrlichen
Herzens darzustellen, daß es keinen Mißbrauch von Maya-
Wissen geben könne. Sie selbst seien es doch, die die
Wiederkehr des Maya-Bewußtseins für alle Menschen
prophezeiten. Glaubten sie wirklich, daß all die notwendigen
Veränderungen auf unserem Planeten nur von den Weisen der

-73-
Indianer ausgehen würden? Ich würde mich gleich ihnen als
Maya empfinden und sei ja von Meister Cirilo selbst darauf
angesprochen worden. Wie könne man die Schuldfrage am
Scheitern einer Idee einfach auf eine Gruppe von Leuten
projizieren, die von anderer Hautfarbe seien. Man möge doch
auch bedenken, woher die vielen Helfer und Brückenbauer
kämen. Es könne doch nicht angehen, daß all jene Leute nur als
Diener, Helfer und Geldgeber gesehen würden. Ich zeigte dem
Rat die Zeitungsartikel, die über Tata Julian, Meister Cirilo und
andere Maya erschienen waren, und erzählte ihnen von dem
großen Interesse vieler Ausländer an Maya. Es sei an der Zeit zu
akzeptieren, daß es keinerlei Trennung zwischen Maya-
Bewußtsein und bestimmten Mensche nrassen geben könne.
Über dem Rat der lebenden Weisen und Stammesvertreter
stünde der Geistige Rat des Consejo Invisible. Viele Menschen
würden gleich mir erkennen, daß eine Verbindung zu dieser
geistigen Gemeinschaft von aufgestiegenen Meistern möglich
sei. Die geistige Welt löse die Grenzen zwischen Rassen und
Kulturen auf und segne diejenigen mit Kraft und Weisheit, die
sich bereitwillig darauf einstellten. Freilich müßten die
unterschiedlichen Traditionen von Außenstehenden respektiert
werden, das Wissen sollte nur im Einklang mit den Weisen der
Kultur weitergegeben werden. Ich selbst habe alle
Informationen mit der Erlaubnis Tata Cirilos, Tata Julians, Tata
Anacletos und aller anderen, die im Buch erwähnt werden, an
die westliche Öffentlichkeit weiterge geben. Auch die Mitarbeit
am Film „Ano Cero" sei ein Beitrag, das Bewußtsein Maya in
alle Welt zu tragen. Das gesamte Filmteam habe dafür auch
entsprechende Opfer gebracht. Wenn es nicht möglich sei, in
ihrem Sinne zu arbeiten, würde ich mich an diejenigen wenden,
die Maya in einem höheren Auftrag erkennen und erfahrbar
machen. Dabei erwähnte ich im besonderen Tata Julian, der als
Vizepräsident der Stiftung ohne sein Wissen einfach abgesetzt
worden war. Er arbeite zusätzlich mit Kräften anderer Kulturen,

-74-
meinte man im engeren Beraterstab Meister Cirilos und lud ihn
zu keinen Zusammenkünften mehr ein. Dabei hatte ich selbst
miterlebt, wie vor einigen Jahren Tata Julian vom Rat der
Weisen neben dem Präsidenten Meister Cirilo als Vizepräsident
in Abwesenheit ge wählt worden ist. Der Machtspiele war ich
aber inzwischen müde geworden und hatte mich daher von
jeglicher Tätigkeit in Maya-Organisationen zurückgezogen. Ich
hatte beschlossen, den Kontakt nur mehr zu denjenigen zu
halten, die zu einer großzügigen Vorstellung von Maya paßten.
Ich fürchtete, mit meiner Rede zu weit gegangen zu sein, und
entschuldigte mich bei den Anwesenden. Es stünde mir nicht zu,
ihre Haltung zu kritisieren. Es sei vielmehr meine Absicht
gewesen, den Geist und die Worte Meister Cirilos in Erinnerung
zu bringen, der die Weissagungen der Maya ja kenne. Die
Reaktion des geistigen Rates überraschte mich: Ich wurde zu
einem Priestertreffen der verschiedenen Volksstämme der Maya
Guatemalas eingeladen. Leider konnte ich daran nicht
teilnehmen, weil ich wieder nach Österreich zurück mußte. Auf
dem Weg durch die verstopften Straßen der Innenstadt
Guatemala Citys spürte ich der Traurigkeit Tata Cirilos nach.
Ich erinnerte mich an einen Ausflug vor zwei Jahren. Meister
Cirilo wollte uns zum Friedhof führen, auf dem sein Vater
begraben liegt, und uns die Totenrituale zeigen, die an diesem
Tag in seinem Dorf nach alter Tradition abgehalten werden. Der
Friedhof war voll von Indianerfamilien, die Blumen zu den
Gräbern brachten. Marimbamusik wurde gespielt. Noch nie
hatte ich auf einem Friedhof ein derart buntes Bild von Trachten
und Blumen gesehen. Die Kinder spielten zwischen den
Gräbern. Don Cirilo stand ruhig vor dem Grab seines Vaters,
den er oft als seinen Lehrmeister bezeichnet hatte. Dann legte er
sich auf das Grab und begann bitterlich zu weinen. Seine
Familie stand ruhig im Hintergrund, die an den benachbarten
Gräbern stehenden Indianerfamilien beobachteten ihn, nahmen
aber wenig Notiz von dem, was hier geschah. Viele kannten ihn

-75-
nicht, obwohl sie aus derselben Gemeinde stammten. Andere
konnten ihn nicht verstehen und lehnten ihn ab, weil er nicht so
lebte wie sie. Auch im eigenen Dorf warf man ihm vor, sich zu
viel mit Ausländern abzugeben. Don Cirilo lag weinend am
Boden, wir konnten seine tiefe Traurigkeit fühlen, aber nichts
tun, als einfach nur da zu sein. „Lobo Errante", der
umherschweifende Wolf, bemühte sich, so gut es ging, seine
Lebensaufgabe zu erfüllen. Es war ihm aber auch klar, daß diese
Aufgabe seine große Einsamkeit mit sich gebracht hatte.
Einige Tage später saßen wir mit ihm in einem traditionellen
Restaurant in Xela. Eine Marimbagruppe, die Sons, spielte
bekannte Lieder. Eine am Nachbartisch schmausende
Indianerfamilie erinnerte mich an Erlebnisse aus meiner Jugend.
Unserer zwölfköpfigen Familie war es nie möglich gewesen,
gemeinsam in ein Restaurant essen zu gehen. Später glaubte ich,
die mir fehlende Restauranterfahrung nachholen zu müssen, und
verspeiste oftmals ein Backhendl mit Pommes frites, weil sich
das von mütterlicher Küche abhob. Hier spürte ich nun den Stolz
der Indigenafamilie, die offensichtlich gemeinsam einen
besonderen Anlaß feierte. Großvater, Großmutter, Eltern und
Kinder waren in Festtagstracht gekleidet. Die fünf Kinder
benahmen sich vorbildlich. Obwohl sie wie wir über eine Stunde
auf das Essen warten mußten, rührten sie sich nicht vom Stuhl.
Als erfahrener Vater, dem es auf den diversen Familienreisen
niemals gelungen war, das Essen neben unseren drei Kindern in
Ruhe zu genießen, geschweige denn, Wartezeiten ohne
Spannungen zu überstehen, bewunderte ich dieses Verhalten
sehr. Wir, Christine und ich, hatten deshalb entschieden, nur
mehr Camperurlaube zu machen, um uns die Peinlichkeiten in
Speiselokalen in Zukunft zu ersparen. Offensichtlich gab es bei
den Indianern noch Geheimrezepte für Kindererziehung.
In dieser entspannten und gemütlichen Atmosphäre erzählte
mir Don Cirilo einen Traum. Er habe erst kürzlich seinen
verstorbenen Vater getroffen, der ihn zu sich rufe. Anschließend

-76-
habe er sein eigenes Begräbnis gesehen. Dies sei ein klares
Zeichen dafür, daß er bald sterben werde. Seine Zeit sei bald
gekommen, aber niemand wolle ihm Glauben schenken, am
wenigsten seine eigene Familie. Diesen Ruf habe er nun auch
beim Grab seines Vaters vernommen. Ich war tief betroffen und
fuhr einige Tage später zu Don Julian, um ihn um Hilfe für Tata
Cirilo zu bitten. Don Julian meinte besorgt, daß er seine
geistigen Begleiter dazu befragen wolle, und holte Gloria, seine
Enkelin, um mit ihr als Medium eine „Konzentration" zu
machen. Dabei wurde bestätigt, daß Meister Cirilo in Gefahr sei.
Er selbst sei es aber, der aus dem Leben gehen wolle, weil er
müde geworden sei. Don Julian erhielt aus der geistigen Welt
die Erlaubnis, in diesen Prozeß einzugreifen. Er rief Don Cirilo
an, lud ihn zu sich ein und gestaltete mit ihm eine Zeremonie bei
seinem Altar. Tagelang mußte Don Julian mit einer Unzahl von
Kerzen in weiteren Ritualen arbeiten, um den bereits in der
feinstofflichen Welt manifestierten Tod des Maya-Meisters
abwenden zu können. Don Julian betonte, er selbst habe die
Kerzen und das Räucherwerk dafür beisteuern müssen. Dies sei
ihm von seinen geistigen Begleitern aufgetragen worden. Ein
paar Wochen nach diesen Zeremonien schien sich alles wieder
zu beruhigen. Meister Cirilo nahm seine tägliche Arbeit wieder
auf und hielt Zeremonien mit Menschen, die den Weg zum
Maya-Priester mit ihm gingen. Er arbeitete, so gut er konnte, für
seine Stiftung und für die amerikanische Indianerbewegung, die
nach wie vor durch die unterschiedlichen Ansprüche vieler
Indianerführer auf die Zerreißprobe gestellt wird. Meister Cirilo
versucht die Prophezeiung der Maya, daß sich alle Menschen,
Völker, Kulturen und Religionen gemeinsam erheben sollten,
um im Wechsel des Solzyklus im Jahre 2012 mit vereinter Kraft
den großen Wandel auf allen Ebenen mitgestalten zu können, als
gemeinsame Basis zu installieren.
Über Jahrhunderte hinweg waren die Indianerstämme
unterdrückt, ausgebeutet und an der Ausübung ihrer heiligen

-77-
Traditionen gehindert worden. Die Tradition Maya konnte nur
im Untergrund gepflegt werden. Unvorstellbar grausame
Militärdiktatoren ließen all jene Weisen der Maya ermorden, die
sich im Dienste der Gemeinschaft der Indianervölker betätigten.
Den Maya-Stämmen wurden so ihre geistigen Mütter und Väter
genommen. Tata Julian stand gemeinsam mit vielen
Indianerführern ständig an der Schwelle zum Tod. Er ließ sich
aber von den politischen Systemen trotzdem kaum beirren, er
fungierte als Heiler, Schamane und Führer seines Volksstammes
und betätigte sich in Kommunalprojekten, aber auch als Helfer
im Widerstandskampf. Nun sollten also die Indianer plötzlich in
einer gemeinsamen Aufbruchsbewegung all ihre Vorstellungen,
Vorbehalte und Vorurteile gegenüber ihren vermeintlichen
Widersachern, den Weißen, einfach aufgeben. Ich verstehe gut,
daß viele Indianer nach wie vor glauben, ihr heiliges Wissen
hüten zu müssen.
Mein Begleiter Don Julian gibt mir alles, was er geben kann,
vor allem sein Vertrauen und seine Liebe. Wie viele andere
Führer der Maya konnte aber auch er sich kaum mehr vorstellen,
eine neue Lebensphase zu beginnen. Auf meine Frage, wie es
ihm gehe, erhalte ich regelmäßig die Antwort: „Un poco
regular" (Könnte besser sein). Das ständige Auf und Ab macht
den Anciano müde. Er hat häufig den Wunsch, aus dieser Welt
zu gehen. Kürzlich ließ er mir durch seine Enkelin Gloria
ausrichten, er möchte beim Sterben gerne von mir begleitet
werden. Er werde spüren, wann es soweit sei, und es mich
rechtzeitig wissen lassen. Ich war zutiefst berührt von seinem
Anliegen, und wir vereinbarten, daß er mich jederzeit, auch in
Europa rufen könne. Immerhin bot mir dieser große Maya-
Schamane das Kostbarste an, was ein Mensch geben kann. Der
Anciano arbeitet seit langem mit dem Bruder Tod zusammen. Er
lehrte mich, den Tod und die Dunkelheit anzunehmen. So
konnte ich unter seiner Führung bei den Maya-Altären die
Schwelle zwischen Licht und Dunkel überschreiten. An einem

-78-
dieser Altäre hatte er auch meinem ersten Buch Schutz und
Heilkraft mitgegeben. Dies sei notwendig, hatte er gesagt, weil
viele Menschen und Wesenheiten die Verbreitung dieses Buches
behindern möchten. Nicht alle seien damit einverstanden, daß
die Kraft Maya über die Grenzen getragen werde. Es gäbe Neid
und Mißgunst, die er in einer Zeremonie auflösen wollte. Nun
wollte mir der Anciano der Pocomames bei seinem Abschied
aus der Physis eine neuerliche Initiation im Kraftfeld des
Bruders Tod geben. In solchen existentiell bedeutenden
Momenten werden das Bewußtsein, die Lebenserfahrung und
das geistige Licht eines Mensche n frei und fließen in einem
Kraftfeld der Liebe zu denen, die zurückbleiben. Aus meiner
persönlichen Arbeit mit dem Bruder Tod ist mir bewußt, daß
diese formauflösende Kraft zugleich eine sehr starke,
bewußtseinserweiternde Wesenheit ist. Leider wird in unserer
Gesellschaft diese Qualität infolge von Angst, Ablehnung und
Schrecken von den meisten nicht mehr wahrgenommen. Sie
verbinden den Tod mit Gewalt, Trennung, mit Schmerz und
Unberechenbarkeit, und daher spiegelt ihr Erleben ihre
beschränkte Vorstellung wider. Schon oft hatte der Maya-
Meister die geistige Welt gebeten, zu ihr zurückkehren zu
dürfen. Die Antwort war immer die gleiche gewesen: Er habe
noch eine Fülle von Aufgaben zu bewältigen. Erst kürzlich
mußte ich sogar den von Tata Julian in einer Zeremonie
manifestierten Tod wieder rituell verabschieden. Der Anciano
steht in einem ständigen Widerstreit zwischen Leben und Tod.
Er selbst wäre bereit zu gehen, seine Führer haben aber dafür
noch keine Erlaubnis erteilt.
So schreiten also in den gesundheitlichen Krisen des
Schamanen Leute im rechten Augenblick ein, um ihn in ein
Krankenhaus zu bringen. Befreundete Ärzte, denen er hatte
helfen können, behandeln ihn meist kostenlos, da er selbst
keinerlei Rücklagen hat. Als ich ihn vor einigen Monaten
besuchte, kam er gerade von einem Gespräch mit einem

-79-
Bankbeamten zurück. Er habe Vertrauen zu dieser Bank, meinte
Don Julian. Seit 40 Jahren nehme er alljährlich einen Kredit für
Saatgut auf, obwohl sich die Bankzinsen auf circa 22 bis 25
Prozent belaufen. Soviel Geld wie dieses Jahr habe er allerdings
noch nie aufnehmen müssen. Die Ernte werde immer geringer.
Er selbst könne nicht mehr auf den Feldern arbeiten, und der
von ihm bezahlte Arbeiter kümmere sich zu wenig um die
Pflanzen. Auf seinem Stück Land sei auch die Erde müde
geworden, meinte er kürzlich. Ohne Kunstdünger sei es fast
unmöglich geworden, einen halbwegs guten Ertrag zu erzielen.
Trotzdem war die Wiedersehensfreude nach Monaten meiner
Abwesenheit groß, ich hatte das Gefühl, in meine „Familie"
zurückzukehren. Als ich die mit einem Riegel verschlossene
Gittertür seines kleinen Anwesens öffnete, blieben die Hunde
ruhig liegen. Sie kannten mich. Tata Julian sprach gerade mit
einer Indianerfrau, die bei ihm Hilfe gesucht hatte. Ich grüßte
ihn durch das kleine Fenster. Er ließ es sich nicht nehmen,
herauszukommen und mich zu umarmen. Ich solle ein paar
Minuten warten, er sei bald fertig, meinte Don Julian. In seinem
Ritualraum stand ein neuer Altartisch. Sein alter, bei dem ich
viele Zeremonien miterleben durfte, stand neben seiner neuen
„mesa" und war beladen mit Geschenken, die Don Julian von
dankbaren Leuten erhalten hatte. Dort stand der siebenstrahlige
Kerzenleuchter, den er ganz besonders liebte. Wir hatten ihm
diesen Leuchter aus Amsterdam mitgebracht. Für Don Julian
war dieser Leuchter die Verbindung von Gran Tepéu, dem
Herrn der sieben Strahlen der Maya, und der Kraft der
hebräischen Kultur. Daneben lag ein Wanderstab, den ihm ein
Pilger vom Jakobsweg aus Spanien mitgebracht hatte.
Heiligenbilder hingen neben den Bildern seiner Ahnen über
diesem offiziell außer Dienst gestellten Altar. Der Tisch durfte
nicht mit chemischen Farben gestrichen werden, er mußte
unbehandelt bleiben, so wollten es die geistigen Begleiter,
erzählte Don Julian. Nur unter diesen Umständen war es erlaubt,

-80-
den alten Altartisch nach Jahrzehnten zu ersetzen. Ich hatte für
meinen Maya-Lehrmeister eine Salzkristall- Lampe mitgebracht.
Die Augen Don Julians strahlten, denn er wußte, warum ich ihm
das heilige Salz gebracht hatte. Er ging in den durch einen
Vorhang abgetrennten Nebenraum und kam mit einer Handvoll
Mais zurück. Auf seiner Handfläche lagen Maiskörner in den
vier Mayafarben, weiß, rot, gelb und schwarz. Wie bei der
„Santa Neblina", die sich in denselben vier Farben zeigen kann,
gab es auch das Salz in den vier Maya-Farben. Er nahm den
Salzkristall in seine Hände, berührte ihn mit seiner Zunge, stellte
ihn auf seinen Altar und steckte das Kabel in die Steckdose. Der
Kristall leuchtete in einem warmen hellen Gelb. Don Julian
setzte sich davor und begann zu beten. Immer wieder berührte er
das Salz und blickte in die Tiefe des Salzkristalls. Dabei erzählte
er mir, was er darin alles sehen könne. Der Anciano begann
seine Reise in andere Dimensionen. Gesichter erschienen, er
beschrieb Szenen des Weltgeschehens. Sein Lebensende sei
noch nicht gekommen, erfuhr er einmal mehr. Ich saß neben ihm
und hielt seine Hand, die gezeichnet von schwerer Arbeit, aber
nach wie vor zart und warm war. Wie oft hatte mich diese Hand
in Zeremonien berührt! Sie erzählte von einem
entbehrungsreichen Leben, zugleich aber auch von einer
unbändigen Kraft. Eine Geste dieser Hand, verbunden mit den
entsprechenden Anrufungen, konnte im Kraftfeld Kukulcáns
einen Blitzschlag auslösen. Einmal erzählte er mir von einer
Begegnung mit einem seiner Stammesbrüder, den Pocomames.
Auf dem weiten Abhang des Vulkans Agua hatten sie einen
alten Zeremonialort besucht. „Ein großer Felsblock lag in der
Nähe des Altars. Ich sprach von der Kraft meiner Vorväter, die
die Gewitter beherrschen konnten. Man glaubte mir nicht. Viele
Geheimnisse meines Volksstammes sind in Vergessenheit
geraten. So habe ich den Stein markiert, wie es mir von einem
schon verstorbenen Meister der Pocomames gezeigt worden
war. Wir zogen uns zum nahegelegene n Altar zurück, wo ich die

-81-
heilige Zeremonie begann. Während die Maya-Quiché zumeist
ein großes Feuer aufbauen, so arbeiten wir Pocomames nur mit
einer geraden Zahl von Kerzen. Es reichen je zwei Kerzen in
den vier Mayafarben in den heiligen vier Himmelsrichtungen.
Um alles andere werden die göttlichen Kräfte gebeten. Mit
einem Male schlug ein Blitz aus heiterem Himmel in den
Felsblock ein und sprengte ihn in Stücke. Mein Begleiter war in
einem Schockzustand", amüsierte sich der Maya-Anciano.
Don Julian hatte sich mir gegenüber nie geniert, auch seine
Schwächen zu zeigen. Er kannte seine Fehler, wußte um seine
gelegentlichen Grenzwanderungen als Magier und Schamane.
Vor ein paar Jahrzehnten litten die Indigenas in besonderem
Maße unter der tyrannischen Herrschaft von Militärgenerälen.
Tata Julian erzählte mir von einem unbarmherzigen Diktator,
unter dessen Herrschaft Tausende Indigenas ihr Leben verloren
hatten. „Man kann sich kaum vorstellen, wie brutal diese
Regime den armen Dorfgemeinschaften gegenüber gewesen
waren. Allein mit der Naturheilkunde zu arbeiten, konnte die
Auslieferung an das Militär und damit den Tod bedeuten. Ich
arbeitete auf meinem Feld. Es war ein wunderschöner Tag, an
dem die Sonne durch die aufziehenden Nebel wie durch einen
weißen Schleier schien. Am Fuße des Vulkans Agua erntete ich
auf meinem kleinen Feld, das meine Familie gerade noch
ernähren konnte. Jenseits der benachbarten Maisfelder konnte
ich eine kleine Personengruppe wahrnehmen, die sich mir
näherte. Ich war es gewohnt, auf dem Feld von Menschen
besucht zu werden. Damals führte ich die örtliche
Genossenschaft, das war eine der Aufgaben, die mir vom
Dorfrat übertragen worden waren. Oft mußte ich vor den
politischen Machthabern fliehen, die mich erkannt hatten.
Niemand, der öffe ntlich in einer Gemeinde arbeitete, konnte
dieser Kontrolle entgehen. Nachts arbeitete ich als Heiler, meist
nur mit einer kleinen Kerze, damit möglichst wenig Licht nach
außen dringen konnte. Schon allein wegen dieser Arbeit war ich

-82-
in Todesgefahr. Außerdem hatten viele Menschen im Dorf auch
Angst vor mir, weil sie wußten, daß ich von Gott die Gabe
erhalten hatte, die Santa Neblina und die Tempestad, das
Wettergeschehen, zu beherrschen. Wenn es Leuten schlecht
ging, glaubten sie oft, ich sei für ihr Unglück verantwortlich.
Angst verleitet die Menschen gerne dazu, einen Schuldigen zu
suchen und diesen auszuliefern. Sie können nicht mehr
definieren, wovor sie Angst haben, und sind dadurch auch leicht
manipulierbar. So wurde ich oft sogar von Menschen verraten,
denen ich geholfen hatte. Sobald es ihnen besser ging, richteten
sie sich gegen mich, weil sie sich nicht erklären konnten, was
mit ihnen geschehen war. Aus all diesen Gründen mußte ich oft
vor dem Militär fliehen.
Es kamen auch Menschen zu mir, die in großer Gefahr waren
und meine Hilfe benötigten. Oft war es nötig, verfolgten
Menschen geistigen Schutz zu geben und dafür Zeremonien
abzuhalten. Ich hatte vielen Menschen die heilige Vara und die
Maya-Priesterschaft verliehen, die sich auch in der
Widerstandsbewegung betätigten. General Ubico und andere
Tyrannen hielten uns Indigenas für Tiere, die man einfach töten
konnte. Niemand wurde für einen Mord an einem Indigena zur
Verantwortung gezogen. Als ich nun auf meinem Maisfeld
arbeitete, sah ich eine Gruppe von Soldaten auf mich
zukommen. In mir regte sich trotzdem keine Angst, weil ich
nichts mehr zu verlieren hatte. Mein Leben war schon damals
geprägt von großer Not und dem immer wiederkehrenden
Wunsch, endlich sterben zu dürfen. Für uns alle schien es keine
Hoffnung zu geben. Viele meiner Freunde waren schon
umgebracht worden, und die wenigen, die noch lebten, mußten
sich wie ich verstecken. Die Soldaten setzten sich am Rande des
Feldes nieder und beobachteten mich. Dabei verhielten sie sich
so, als wollten sie mich ärgern. Sie verrichteten vor mir ihre
Notdurft und begannen, Maiskolben von den bereits
getrockneten Maispflanzen zu reißen. Ich wußte, daß sie mich,

-83-
würde ich mich wehren, auch töten konnten. So ging ich auf
ihren Kommandanten zu, schaute ihm direkt in die Augen und
sagte zu ihm: „Töten Sie mich, wenn es das ist, was Sie wollen."
Ich verspürte in diesem Moment sehr viel Kraft in mir
aufsteigen. Es waren meine geistigen Helfer, die mich gleich
einer inneren Stimme anhielten, das zu tun. Der Komma ndant
konnte mir nicht in die Augen sehen, er ging an mir vorüber, rief
seine Soldaten, und sie verschwanden im Wald. Glaube mir,
Norbert, wir haben viel Macht, wenn wir die Angst vor dem Tod
loslassen können. Ich habe es damals am eigenen Leib verspürt.
Ich war bereit zu sterben, und das wußte der Mann, mit dem ich
sprach. Wenn wir als Menschen aus dem Herzen sprechen, dann
kann Gott aus uns sprechen. Nimm dies auch als Beispiel, deine
Sprache als Sprache Gottes zu verwenden. Ich hatte viele
derartige Erlebnisse mit dem Militär. Man hat uns alle
Nahrungsmittel genommen, die Felder, ja selbst die Besitztümer
der Gemeinschaft wurden enteignet, aber man konnte uns nicht
den Indianergeist, die Liebe zur Mutter Erde und die
Verbindung zu den göttlichen Wesenheiten nehmen. Viele
Indianer in der Guerillabewegung haben von mir Rat und Hilfe
erbeten. Ich habe den Priestern unter ihnen empfohlen, sich mit
mir zu verbinden, wenn sie in Not seien. Wüßten die Menschen
doch alle, wie einfach es ist, sich auf diese Weise gegenseitig
Schutz zu geben.
Du kennst die Täler oberhalb von Palin. Wenn du in die Stadt
zurückfährst, siehst du linker Hand mit dichter Vegetation
bewachsene Hügel, Täler und Berge. Dort haben sich viele
Widerstandskämpfer meines Volksstammes vor der Brutalität
des Militärs zurückgezogen. Es kam oft auch zu kriegerischen
Konfrontationen, bei denen auf beiden Seiten Blut geflossen ist.
Diese Region ist eine Zone, in der sich auch sehr oft die Santa
Neblina über den Wäldern ausbreitet. Sie macht den Wald zu
einem geheimnisvollen Ort der Stille und gibt ihm die in der
Trockenzeit notwendige Feuchtigkeit. In diesen Wäldern war es

-84-
für das Militär schwierig, Widerstandskämpfer zu finden. Und
dennoch kam es auch dort zu Situationen, wo es für die
Widerstandsgruppen kein Entfliehen mehr zu geben schien. Ich
habe den Schamanen meines Volkes gezeigt, wie sie sich
schützen können. Die heilige Natur, die Wesenheiten der Santa
Neblina, die göttlichen Helfer standen ihnen zu Diensten, wenn
sie gerufen wurden. In Sekundenschnelle bildeten sich dichteste
Nebelschwaden, in denen die Verfolgten ungesehen entkommen
konnten. Manchmal haben wir die Soldaten Wolkenbrüchen
ausgesetzt, so daß sie die Verfolgungsjagd aufgeben mußten. Ich
habe den Notruf der Widerstandskämpfer oft aufgefangen, in
meiner täglichen Arbeit innegehalten und mich mit meinen
Brüdern verbunden. Nach solchen Rettungsaktionen sind dann
meine Brüder oder ihre Frauen oft zu mir gekommen, um sich
für meine Hilfe zu bedanken. So einfach ist es, einander
gegenseitig Schutz und Hilfe zu gewähren, ohne daß unsere
Alltagstätigkeiten dafür unterbrochen werden müßten.
Für uns Maya ist es sehr wichtig, beschützt zu sein. Diesen
Schutz geben uns die Natur und die geistigen Helfer aus der
Anderwelt. Wenn du die Natur für lebendig hältst, kannst du
ihre Wesenheiten auch um deinen Schutz bitten. Ich brauche dir
nicht zu erklären, wie schwierig es manchmal ist, die Kraft der
Magie richtig einzusetzen. Jemandem auf diese Weise
beizustehen, bedeutet manchmal auch, anderen zu schaden. Ich
weiß um die große Gefahr bei dieser Wanderung auf dem Grat
zwischen richtig und falsch. Die geistigen Väter unserer
Volksgruppen kamen häufig zusammen und berieten, wie wir
uns und unser Volk besser vor der Aggression der Machthaber
bewahren könnten. Dieser Rat der Weisen wurde immer kleiner,
von Mal zu Mal fehlten Ancianas und Ancianos, die auf
grausamste Weise getötet worden waren. In manchen Dörfern
hatte man alle Männer in die Kirche eingeschlossen und diese
dann in Brand gesetzt oder in die Luft gejagt. Der Verdacht, es
gäbe Guerilleros in einem Dorf, genügte, um alle Männer der

-85-
Gemeinde zu töten. Man kann sich leicht vorstellen, wie nahe es
unter diesen Umständen liegt, die notwendige Veränderung auch
mit Mitteln der Magie erzwingen zu wollen. Ich kann mich an
eine Zusammenkunft mit drei Ancianos erinnern, die die
besondere Gabe hatten, mit den „Rayos del Tiempo", der
„Tempestad" und der Santa Neblina zu arbeiten. Ich machte
ihnen den Vorschlag, den Nationalpalast mit Blitzen zu
zerstören. Wir hatten beschlossen, dem Massenmord an unseren
Brüdern und Schwestern dadurch ein Ende zu setzen. So planten
wir am Tage Kukulcáns vier Zeremonien. Jedes einzelne Ritual
sollte eine Himmelsrichtung abdecken. Dafür suchten wir
besonders starke Maya-Ältäre aus, um möglichst viel
Unterstützung und Kraft für unseren Plan zu bekommen. Wir
hielten uns an die vereinbarte Zeit und alle Anweisungen. Die
Santa Neblina sollte in allen vier Himmelsrichtungen gerufen
werden. Im Zentrum der vier Himmelsrichtungen sollte sich das
Gewitter aufbauen, dafür wollte ich sorgen. Nach soviel Leid
war es für keinen von uns ein Problem gewesen, sich an einer
solchen Vernichtungsaktion zu beteiligen. Ich wollte die Kraft
des Südens, verbunden mit der Kraft des Pazifiks, rufen, und ich
war es auch, der die geballte Kraft der sich aufbauenden
Gewitter kraft meiner Zusammenarbeit mit Santa Majóm, dem
Herrn der Lüfte, über den Nationalpalast führen sollte. Meine
einzige Sorge war der Anciano, der sich bereit erklärt hatte, das
Gewitter im Westen des Landes aufzubauen. Er war sehr stark,
aber auch unberechenbar. Doch wir konnten auf seine Mitarbeit
nicht verzichten.
Einige Tage nachdem wir den genauen Ablauf besprochen
hatten, suchte jeder von uns den entsprechenden Altar auf, von
wo aus die magische Arbeit begonnen werden sollte. Ich stand
unter Hochspannung und dachte dauernd daran, daß jeden Tag
eine große Anzahl meiner Schwestern und Brüder in den
überfüllten Gefängnissen oder auf freiem Felde getötet wurde.
So begann ich also mit meiner Zeremonie. Ciacachol, der Maya-

-86-
Astronom, schaute mich aus der kleinen Zeremonialhöhle
meines Altars in der Nähe von Palin an. Er hatte sich dort vor
Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in einem Felsvorsprung
manifestiert. Als Herr über die Bewegungen der Planeten führt
er uns Maya zu den großen Geheimnissen des Universums. Ich
entzündete im Zentrum des Maya-Kreuzes die Kerzen für Santa
Majóm. Heute benötigte ich seine Hilfe ganz besonders
dringend, nämlich als Motor, um die Tempestad, das Gewitter,
richtig zu leiten. Tags zuvor war ich noch im Zentrum von
Guatemala City gewesen, um den Nationalpalast mit einem
Symbol zu kennzeichnen. Es sollte nirgendwo sonst Schaden
angerichtet werden. Ich war um den Nationalpalast gegangen,
um genau zu markieren, wo die Blitze einschlagen durften. All
dies tat ich in Gelassenheit, denn die Leute hinter diesen Mauern
arbeiteten für ein menschenverachtendes System. Ich war mir
vollkommen im klaren über mein Tun und handelte nicht aus
einem Gefühl des Hasses, sondern im Auftrag meines Volkes
und, wie ich glaubte, auch im Auftrag der geistigen Beschützer
meines Volkes. Als ich mit Kreide die Siegel an die Wand
malte, nahm kein Mensch davon Notiz. Schließlich genügt ein
kleines Zeichen, um einen Ort genau zu markieren. Dann fuhr
ich mit dem Bus nach Hause und kaufte auf dem Markt alles ein,
was ich für die Zeremonie benötigte. An jenem Tage blieb ich
allein. Niemand außer uns vier Schamanen wußte von unserem
Vorhaben. Zum vereinbarten Zeitpunkt entzündete ich das
heilige Feuer der Pocomames, die wie kaum ein anderer Maya-
Volksstamm über die Geheimnisse der Magie Bescheid wissen.
Ich rief meine Vorfahren und die noch lebenden Freunde in den
verschiedenen Volksstämmen, die ebenso unter dem Joch dieses
Regimes litten. Der Zeitpunkt für das Gewitter war genau
vereinbart worden. Ich wußte, daß im selben Moment auch im
Norden und Osten des Landes ein schweres Gewitter aufgebaut
wurde. Zuerst hielt ich es für eine Täuschung, aber ich spürte
keine Kraft im Westen. Schwere dunkle Wolken zogen am

-87-
nächsten Tag im Norden, Süden und Osten des Landes auf. Es
schien fast alles genau nach Plan zu funktionieren. Verunsichert
war ich nur von der fehlenden Energie aus dem Westen. Was
war geschehen, warum spürte ich den Westen als offenes Tor?
Auch in meinem Wasserglas auf dem Altar sah ich die offene
Stelle. Die Wolken wurden wie durch einen Sog in den Westen
gezogen, die Gewitterfront verlor immer mehr an Kraft. - Der
Anciano, der für den Westen zuständig war, hatte seine Arbeit
nicht getan.
Als ich ihn ein paar Tage danach besuchte, erzählte er mir mit
Bedauern, daß er zu viel getrunken habe. Er hatte dem
psychischen Druck nicht standhalten können und war
ausgefallen. Ich wußte aber zugleich, daß dies auch ein Zeichen
aus der geistigen Welt war. Das Leid meines Volkes konnte
nicht auf diese Weise beendet werden. Sollten wir also weiter
verlassen und schutzlos den politischen Mördern ausgeliefert
bleiben? Ich setzte mich an meinen Altar und rief meinen
geistigen Begleiter, el principe Miguel, den Erzengel Michael.
Seine Botschaft war, daß alles seinen tiefen Sinn habe. Es gäbe
keine Verfolger und Verfolgten, keine Täter und auch keine
Opfer. Im heiligen kosmischen Geschehen habe alles seine
Ursache, die wir Menschen annehmen sollten.
Als Don Julian Monate später das heilige Maya-Feuer in
unserem Zentrum TO-OM-RA entzündete, erkannte er auch den
wahren Hintergrund des Geschehens um Meister Cirilo. Über
den brennenden Kerzen und dem Räucherwerk drehte sich
dunkler Rauch im Kreis. Auch ich konnte spüren, daß dieses
Bild etwas aussagte. Don Julian meinte, Tata Cirilo sei
eingekreist von Menschen, die nichts Gutes wollten. Aus diesem
Grunde sei er im Zustand der Verwirrung.
Eine Frau, der während der Zeremonie übel geworden war,
zog sich aus dem Kreis der um das Feuer stehenden Leute
zurück. In ihren Augen sah ich tiefe Angst. Sie entfernte sich
langsam vom Zeremonialplatz, hielt sich an der Hausecke an,

-88-
ging noch einige Schritte und fiel bewußtlos zu Boden. Dabei
schlug ihr Kopf auf einem Stein auf, der am Rande eines
Blumenbeetes lag. Ich ging zu ihr, wissend, daß in diesem
Moment etwas Schweres, eine alte Erfahrung in ihr hochkam.
Eine Heilerin, die uns gerade im Zentrum besuchte, hob den
Kopf der am Boden liegenden Frau hoch. Diese schien sich wie
durch ein Wunder nicht verletzt zu haben. Ich begann, die mir
vertrauten Wesenheiten zu invokieren, legte meine Hand auf ihr
Herzzentrum und stellte mir vor, wie die Kraft der kosmischen
Liebe jede Zelle ihres grobstofflichen Körpers ausfüllte. Sie
öffnete die Augen, ihr Blick war weich geworden. Wir legten sie
auf den Rasen, ließen sie allein und kehrten in den Kreis zurück.
Sie hatte keinerlei Schmerzen, obwohl sie schwer gestürzt war.
Schon einige Male hatte ich erlebt, daß während einer
Reinigungszeremonie Mensche n zu Boden fielen und sich dabei,
wie von Engelshänden getragen, nicht verletzten.
Don Julian war mitten in der Zeremonie, die wir für Meister
Cirilo durchgeführt hatten, und bat die geistige Welt, ihm zu
helfen und ihn zu schützen. Als die Zeremonie vorüber war,
meinte Don Julian, daß nun alles seinen Weg nehmen werde.
Ein zweites Mal sei es nicht möglich, in die Struktur der
Lebensbestimmung Don Cirilos einzugreifen. Es werde alles
zum Besten des Anciano geschehen.
Nan Cuz hatte erst vor kurzem den Hinweis von ihrem
spirituellen Führer erhalten, daß Meister Cirilo es verdient habe,
Menschen hinter sich zu haben, die ihm ohne Vorurteile jegliche
Hilfe und Unterstützung zukommen lassen. Es sei nicht
angebracht, ihm unsere Hilfe als Folge unserer einseitigen
Vorstellungen zu verweigern. Und mir war in einer Meditation
einmal gesagt worden: „Sei für Meister Cirilo wie ein
Wanderstab, auf dem man sich stützen kann. Es ist nicht
wichtig, ob sich Don Cirilo dieser Hilfe bewußt ist. Sich auf
einen Wanderstab zu stützen, kann zur Gewohnheit werden,
man würde ihn nicht mehr missen wollen. Geht mit euren

-89-
Mitmenschen auf gleiche Weise um. Verbindet euch nicht nur
auf physischer und emotionaler Ebene. Wenn ihr euch als
multidimensionale Wesen wahrnehmt, werdet ihr erkennen
können, wie sehr eure gegenseitige Hilfe auf anderen Ebenen
des Seins Wirkung zeigt."
Wie sehr berührten mich diese Worte, als ich sie in
Verbindung mit einem meiner geistigen Begleiter aufschrieb.
Meister Cirilo hatte sein Leben wie viele andere Maya-Meister
der geistigen Arbeit gewidmet und unzähligen Menschen
geholfen und ihnen den spirituellen Pfad geebnet. Ich weiß um
unsere Verbindung, um unsere gemeinsame Aufgabe und die
Notwendigkeit, ihm in jeder Lebenssituation beizustehen,
ungeachtet dessen, was sich alles um uns ereignen sollte. Im
Leben eines Maya hat alles seine Zeit. Und doch ist es
manchmal schwer, die Entwicklung eines Menschen unter
diesem Aspekt zu betrachten.
Wir Menschen befinden uns alle im Strom des Lebens. Dieser
Strom fließt manchmal in einem engen Bett und ein andermal in
einem weiten, er hat seichte und tiefe Stellen. Die alten Völker,
vor allem die Maya, waren und sind sich heute noch dessen
bewußt, daß wir in jeder Lebenssituation in ein größeres
Geschehen verwoben sind. Das Wasser, das uns im Lebensstrom
trägt, ist die lebendige, ständig in Bewegung befindliche
kosmische Kraft. Die kosmische Energie zieht uns gleichsam
durch die Stromschnellen des Lebens, sie läßt uns hin und
wieder verweilen und reißt uns dann wieder mit. Wir treffen
dabei auf viele Hindernisse und Hürden, befinden uns einmal an
der Oberfläche und bald darauf in der Tiefe. Wir können uns in
diesem Strom treiben lassen, uns der Fließrichtung
entgegenstellen oder auch die Reise mitgestalten. Dieser Strom
zieht durch eine Vielfalt an Landschaften, durch Tage und
Nächte. Wir haben die Wahl, wie Ertrinkende ständig aus Angst
um uns zu schlagen, oder uns durch die Vielfalt, Fülle und
Schönheit des Erdenlebens getragen zu fühlen.

-90-
Von Don Carlos, meinem geistigen Bruder aus den USA,
habe ich zu diesem Thema einen Brief erhalten. Er war bei
Weisen der Hopis zu Besuch gewesen und hatte dort eine
Nachricht erhalten, einen Aufruf der Hüter der Weisheit, den er
weitergeben sollte:

„Wir Menschen befinden uns in einem reißenden kosmischen


Fluß. Dieser ist so stark und mächtig, daß ihn viele Menschen
fürchten. Sie versuchen, sich am Ufer festzuhalten. Sie haben
das Gefühl, auseinandergerissen zu werden und leiden aus
diesem Grunde sehr. Wisse, daß der Fluß Absicht und Ziel hat.
Die Weisen der Hopi-Indianer rufen dazu auf, sich vom Ufer
loszulösen und sich in die Mitte des Flusses mitnehmen zu
lassen. Haltet eure Häupter über Wasser, damit euer Blick frei
für jene ist, die wie ihr selbst mit Vertrauen und Freude im
Flusse treiben.
In dieser Zeit solltet ihr nichts persönlich nehmen und auf
euch allein beziehen. Das würde nur eure spirituelle Reise und
euer Wachstum blockieren. Die Zeit des einsamen Wolfes ist
vorbei. Orientiert euch an der Gruppe, an den Mitmenschen.
Streicht doch das Wort ,Kampf’ aus eurem Vokabular, aus
eurem Bewußtsein. Alles, was ihr im Alltag tut, sollte als
heiliger Akt gesehen werden. Sucht keine Führer außerhalb von
euch selbst.
Gewinnt eure eigene Kraft zurück und erhaltet sie für eure
Entwicklung.
Es gibt keine Landkarten mehr, keine Glaubensbekenntnisse
und keine Philosophien. Von jetzt an kommen die Anweisungen
geradewegs aus dem Universum. Der Plan wird offenbar,
Millisekunde auf Millisekunde, unsichtbar, intuitiv, spontan,
liebevoll. Spürt in eure Körper hinein, und eure Zellen werden
euch alles lehren, was es zu wissen gibt."

-91-
Im Kraftfeld des Mayakreuzes

Vor uns lag die Kleinstadt Esquipulas, wo wir gemeinsam mit


Doña Ursula vor Jahren die Ausbildung zu Naturheilpraktikern
gemacht hatten. Tausende Menschen pilgern jeden Monat aus
Guatemala und den benachbarten Ländern zu diesem
Wallfahrtsort. Im verrußten Gewölbe des Domes hing der Rauch
unzähliger Kerzen. In Andacht versunkene Indigenas saßen in
Gruppen am Boden. Monotone Gesänge waren zu hören und
ließen mich unmittelbar in das mystische Energiefeld des Cristo
Negro, des „Schwarzen Christus" eintauchen. Je mehr ich mich
mit den dunklen Kräften befaßte, um so bewußter wurde mir,
daß auch in der christlichen Tradition die Integration von Licht
und Schatten ihren Platz haben mußte. Vor Jahren hatte mir Don
Felicito Cantoral, ein Anciano und Heilpraktiker aus Esquipulas,
die Besonderheiten dieses Wallfahrtsdomes erklärt. Mitten auf
den weitausladenden Stufen, die nach der heiligen Numerologie
der Maya angelegt sind, steht ein steinernes Maya-Kreuz. Der
Dom hat vier Türme, die nach den vier Himmelsrichtungen
ausgerichtet sind. Don Felicito erzählte mir von den Maya-
Ruinen, auf denen die Kirche erbaut worden war. Nur wenige
Menschen wüßten, sagte er, daß es einen Eingang in die Gänge
der alten Maya-Ruinen unterhalb der Kirche gibt. Wir stellten
uns gemeinsam mit ihm in die Mitte eines der Hauptportale, als
deren Schwellen jeweils ein riesiger Alabasterstein fungiert.
Man habe diese Steine bewußt so plaziert, me inte Don Felicito,
ihre Ausstrahlung wirke wie ein feinenergetischer Vorhang, der
den sakralen Raum schütze und die darüberschreitenden
Menschen reinige und öffne. Ohne darüber informiert zu sein,
knien zahlreiche Pilger minutenlang an diesen Stellen, bevor sie
den Dom betreten. Viele gehen sogar rückwärts aus der Kirche
und drehen sich erst nach dieser Energieschwelle um. Ich stand
inmitten des Portals, öffnete leicht die Beine und verspürte dabei
-92-
ein Kribbeln in meinen Beinen. Schon in wenigen Minuten
begann sich mein ganzer Körper mit Energie aufzutanken. Ich
hatte das Gefühl, an eine Batterie angeschlossen zu sein. Es ist
doch erstaunlich, daß an einem Wallfahrtsort die Kraft der
Steine für die energetische Reinigung der Pilger benutzt wurde.
Nach dem Besuch im Dom gingen wir zu einer nahegelegenen
Höhle. Vor einigen Jahren hatte uns Don Felicito diese
Zeremonialhöhle gezeigt, die anschließend an die katholischen
Rituale von vielen Pilgern aufgesucht wird, wie es ihre
Vorfahren und die Priester der Maya Jahrhunderte- oder sogar
jahrtausendelang schon gemacht haben. Christine und ich hatten
damals Don Felicito gebeten, auf unsere Tochter, die damals
noch kaum drei Jahre alt war, aufzupassen, bis wir wieder aus
der Höhle herauskommen würden. Der Eingang sieht wie ein in
den Felsen geschlagenes schwarzes Loch aus, durch das man
nur leicht gebückt eintreten kann. Wir trugen Kerzen in den
Händen und gingen durch einen schwarz verrußten Gang in das
Innere des Berges. In der Tiefe leuchteten Kerzenflammen,
warmer, kopalgeschwängerter Rauch kam uns entgegen.
Menschen knieten in der Dunkelheit, im Kerzenschein waren
nur ihre andächtigen Gesichter zu erkennen. Gemurmel von
Gebeten füllte den inneren Raum der Höhle, die sich am Ende
kreuzförmig weitet. Indigenas saßen in allen Himmelsrichtungen
vor tiefschwarzen Steinaltären und zündeten nach altem Brauch
verschiedenfarbige Kerzen an. In der Maya-Tradition ist es
üblich, den unterschiedlichen Farben der Kerzen
unterschiedliche energetische Qualitäten zuzuordnen. Die
Energie des Maya-Kreuzes basiert auf der Kraft unseres
Planeten mit all seinen unterschiedlichen Kulturen, Menschen,
Religionen und den Ausdrucksformen der Natur. An vielen
Kraftorten der Maya kann ich das Erwachen der ursprünglich
dort verankerten Weisheit abseits enger Traditionen immer
stärker wahrnehmen. Sobald ich mich auf die Herzenergie des
heiligen Platzes einstimme, beginnt eine gegenseitige

-93-
Reinigung, Klärung und Heilung in der Schwingung der
kosmischen Liebe. Das gleiche mache ich auch mit
Schamaninnen und Schamanen der Maya.
Ich richte die Aufmerksamkeit auf das innere Kind, auf die
innere Bewegung und Lebendigkeit dieses Menschen und bitte
ihn mental, ihm nahe kommen und ihn anrühren zu dürfen. Wie
auch immer der Kontakt sich weiterentwickeln mag, für den
Moment entsteht so eine Verbindung unserer Seelen, die danach
drängen, die engen Grenzen unserer Individualität zu sprengen.
Allein durch diesen Bewußtseinsakt beginnt in vielen
Begegnungen unsere wahres, tief in uns angelegtes Miteinander
zu schwingen. Ein Lächeln auf der Straße regt in
Sekundenbruchteilen andere an, dies zu erwidern. Diese Kraft
bewußt einzusetzen, macht uns zu Heilern des Alltags. Ein Flirt
läßt die Stimmung steigen, der Tag wird lebendig, und damit
sind alle Aufgaben leichter zu lösen. Mit „You made my day!"
begrüßte kürzlich ein alter Herr aus Amerika seinen Freund in
einem Café. So einfach kann Mitmenschlichkeit und
gegenseitiges Erkennen ausgedrückt werden. Auch Don Felicito
war uns in vollkommener Offenheit und Lebendigkeit
gegenübergetreten. Trotz seines hohen Alters wirkte er frisch
und strahlte. Er hat viel Humor und einen tiefes Bedürfnis, uns
seine großen Geheimnisse anzuvertrauen.
Wir knieten uns nur kurz vor den Maya-Altären nieder und
verließen die Höhle bald wieder. Meine Frau war besorgt um
unsere kleine Sarah, die mit Don Felicito vor der Höhle wartete.
Als wir aber hinauskamen, sahen wir weder den Anciano noch
unsere Tochter. Der Höhleneingang liegt unmittelbar am Ufer
eines kleinen Flusses, der von den Indianern auch als
Heilungsfluß bezeichnet wird und in dem sich viele Leute nach
der Zeremonie in der Höhle waschen. Wir waren ziemlich
besorgt, doch da kam eine Indigenafrau zu uns und sagte, die
Kleine habe einen alten Indianer an der Hand genommen, der
gerade in die Höhle gehen wollte, und sei mit ihm

-94-
hineingegangen. Wir mußten aneinander vorbeigegangen sein,
ohne einander zu bemerken. Im selben Moment erblickten wir
Don Felicito auf der anderen Flußseite. Er winkte uns zu und
rief, Sarah habe ihren Begleiter in die Höhle gefunden. Wir
konnten es kaum fassen, daß sich das Kind auf diese Weise
Zugang zur Höhle verschafft hatte, hatten wir doch
angenommen, daß sie sich davor fürchtete. Nach einer halben
Stunde war sie aber, stolz lächelnd, in Begleitung des alten
Indianers wieder herausgekommen.
Jahre nach diesem Erlebnis stand ich nun erneut an dem Platz.
Inzwischen war mir bewußt, daß an diesem Ort die Kraft des
heiligen Maya-Kreuzes manifestiert war. Tata Julian arbeitete
auf Distanz mit diesem Kraftort und riet mir, in meinen
Zeremonien die Kraft dieser Höhle zu rufen. Es hält dies für
eine der Möglichkeiten, die kollektive Kraft des Ursymbols der
Maya zu integrieren. Eine kleine Gruppe von Frauen, die mit
mir gekommen war, freute sich auf eine gemeinsame
Zeremonie, und so beschlossen wir, im Zentrum des
Höhlenkreuzes das heilige Feuer zu entzünden und gemeinsam
das Mantra OM für die Öffnung des sakralen Ortes zu singen.
Wir waren nicht ganz allein. Am Höhleneingang hielten sich
auch zwei Jugendliche auf, die mit ihrem Kassettenrecorder
Rap-Musik spielten. Die Kopalrauchschwaden zogen wie feine
Nebel aus dem Eingang der Höhle, der Rhythmus der Musik
erinnerte allerdings mehr an ein italienisches Strandbad. Wir
wollten uns dadurch nicht irritieren lassen und knieten nieder,
um uns mit den Wesenheiten dieses Ortes zu verbinden. Der
Eingang in eine Sakralhöhle ist meist von unsichtbaren
Wächtern geschützt, die die Maya gemäß uralter Tradition
bewußt eingesetzt hatten. Übergeht man eine solche
energetische Schwelle, wird es dann viel schwieriger, mit der
Kraft des Ortes in Verbindung zu kommen. Indem wir aber
unseren Respekt erweisen und um Einlaß bitten, öffnen wir die
unterschiedlichen immateriellen Ebenen, die verschiedenen

-95-
feinenergetischen Schichten eines Maya-Ritualortes. Jeder von
uns wurde von der rußigen Höhle äußerlich, vor allem aber
innerlich in einer Weise gezeichnet, die sich nicht beschreiben
läßt. Maya prägt sich tief in unser Bewußtsein ein. Dadurch
erwacht unser menschliches Gewahrsein.
Das Maya-Kreuz mobilisiert die heiligen vier Elemente in
uns. Das Feuer stärkt dabei unseren Willen, unsere
Umsetzungskraft, die Absicht, uns zu verwirklichen. Die Luft
klärt die Mentalebene. Unsere Gedanken werden damit klarer.
Wir gewinnen in der Feinstofflichkeit ein klareres Bild von uns
selbst und manifestieren diese geistige Klarheit auch in den
äußeren Geschehnissen. Die Erde regt in uns die Kraft zur
Neugestaltung und Umsetzung des Erfahrenen auf unserem
Planeten an. Ausdruck dieses Elements ist der Mensch als
herrliches Abbild unseres Planeten und des Göttlichen. Im
Wasserelement reinigen wir unsere Emotionen. Wir bringen
unser Inneres zum Fließen und schöpfen aus diesem Fluß die
Liebe, das Mitgefühl und die Kraft des Verzeihens.
Die Verbindung mit dem Maya-Kreuz bringt die vier
Elemente auf den tiefen Ebenen unseres Bewußtseins in
Harmonie. Dadurch stimmen wir uns auf den Rhythmus des
Kosmos ein und spiegeln durch unsere Achtsamkeit und durch
den Willen, zu sein, zu handeln, zu denken und zu fühlen, die
Harmonie und das Gleichgewicht der Elemente in der Materie
wider. Maya integriert die Elemente Feuer, Luft und Wasser und
macht diese Qualitäten in unserem momentanen Seinszustand,
im Erdelement erfahrbar. Indem wir Verantwortung
übernehmen, haben wir es in der Hand, unser Leben, unser
Empfinden, unser Denken bewußt zu gestalten und daraus
unsere Befindlichkeit zu kreieren. Was immer in unserem Leben
geschehen mag, hat den Ursprung in uns selbst. Unser Körper ist
Ausdruck der Harmonie zwischen den Elementen. Er ist Tempel
des Geistes und der Seele und gibt uns die Möglichkeit, uns
auszudrücken, uns selbst zu erkennen. Er ist der Spiegel unseres

-96-
Inneren. Im Alltag behandle ich daher meinen Körper als
Wesenheit. Ich spreche mit ihm, bitte ihn, sich harmonisch zu
formen, alte Zellen und nicht zuletzt auch unnötige Fettzellen
abzustoßen und sich den häufigen Zeitverschiebungen bei
meinen Reisen von Kontinent zu Kontinent anzupassen.
Dadurch helfe ich ihm, sich schneller umzustellen, und
reduziere den sogenannten Jetlag auf ein Minimum.
Nach einem Fußbad im Fluß machten wir uns wieder auf den
Heimweg. Es war bereits später Nachmittag, und wir wollten
noch die letzten Sonnenstrahlen auf dem über der Höhle
befindlichen Hügel genießen. Vor mir lag ein großer Stein, der
viergeteilt war. Ich stellte mich in das Zentrum dieses von der
Natur geformten Steinkreuzes und hob meine Hände zum
Kosmos empor. In der Tiefe des Erdreichs lagen die
Zeremonialgänge, in denen wir vor einer halben Stunde noch
um das Kraftfeld des Maya-Kreuzes für unsere Entwicklung
gebeten hatten, hier auf dem Hügel über dem Maya-Kreuz
hatten wir einen wunderbaren Ausblick über das vor uns
liegende Tal. Soviel Übersicht legt uns Maya auch in der
Gestaltung und Harmonisierung der Elemente in uns selbst nahe.
Wir sind wir aufgefordert, ständig die Balance in uns selbst zu
suchen.
Die Sonne ging unter, der rote Feuerball berührte mein
Inneres. Ich hatte das Gefühl, Teil dieser glühenden Kugel zu
sein, setzte mich nun auf den viergeteilten Stein und bedankte
mich für den wunderbaren Tag. Die Kleinstadt Esquipulas lag
friedlich unter mir. Auf der anderen Seite des weiten Tales lag
der Maya-Altar Conpadres. Das ist ein riesiger runder Stein, auf
einem kleinen Sockel ruhend, umgeben von einem Steinkreis.
Leute erzählen sich von Lichterscheinungen, von Ufos, die dort
angeblich oft gesehen würden. Der Altar rief mich zu sich. Der
Zeitpunkt, um dorthin zu gehen, war aber noch nicht
gekommen. Die vier Türme des Domes leuchteten in den letzten
Sonnenstrahlen, genährt vom kosmische Feuer. Nach und nach

-97-
erfaßte die Dämmerung die umliegenden Wälder. Ich stellte mir
die vielen Kerzen vor, die gerade von den Pilgern im Dom
angezündet wurden. In diesen Minuten empfand ich dasselbe,
was mich schon in der Höhle berührt hatte. Das Göttliche der
heiligen Eins, das sich in der Polarität von Licht und Dunkel, in
der heiligen Zwei, ausdrückt, in der heiligen Drei ermächtigt
wird und sich im elektromagnetischen Kraftfeld, in den vier
Himmelsrichtungen und Elementen unseres Planeten, in der
heiligen Vier entfaltet. Die vier Elemente machen uns die eine
kosmische Urkraft in unterschiedlichen Formen und Qualitäten
zugänglich, so daß wir damit beginnen können, unseren
Seinszustand in der heiligen Fünf, unserem Planeten, bewußt
Gestalt annehmen zu lassen.
Ich nahm meinen Schreibblock aus dem Morral und
versuchte, diesen einen Moment, den Übergang von Licht und
Dunkelheit in Worte zu fassen. Ich war mit den Kräften der
mich umgebenden Natur und mit meinen geistigen Begleitern
verbunden und spürte ihre Präsenz in der Schönheit und
Erhabenheit des Moments. Ich gab ihnen Stimme durch das
Wort. Ein Gebet formte sich im Umfeld des „Schwarzen
Christus", der im Zentrum der vier Türme als Symbol für den
Ausdruck der kosmischen Liebeskraft, für die Integration der
vier Elemente in den darüber liegenden fünften Ort der wahren
Harmonie, des wahren Friedens steht. Wie ich von oben dem
Lichterspiel des zu Ende gehenden Tages zuschaute, können wir
Menschen beobachtend über den vier Elementen stehen und
ihnen in unserem Denken, Fühlen, in unseren Absichten und
Handlungen bewußt oder auch unbewußt Ausdruck verleihen.
Davon hängt es wohl auch ab, ob und in welchem Ausmaß wir
uns unserer selbst gewahr sind.
Gebet an Licht und Schatten

Vertrauend auf die göttliche Begleitung, beseelt von der Liebe


Gottes, laß ich mich tragen in die Tiefen und Höhen allen Seins,
-98-
um Ausgleich schaffen zu können zwischen den Ebenen von
Licht und Schatten.
In Dir, göttlicher Vater, erkenne ich die Einheit allen Seins,
die Göttlichkeit der Schöpfung.
Von meiner kosmischen Begleitung erbitte ich den freien
Zugang in die Ebenen von Corazón del Cielo, Corazón de la
Tierra, im Einklang mit den vier heiligen Elementen und deren
Wesenheiten.
Ich gebe Licht dem Lichte und Schatten der Dunkelheit in der
Erkenntnis der in uns angelegten Harmonie und des Ausgleichs.
Aus der Kraft des Maya-Kreuzes gebe ich Wärme, Erwachen
und Liebe.
In Respekt und Ehrfurcht bitte ich den Herrn der Unterwelt,
den Wesen des Bösen den Weg zu weisen, die im Prinzip des
freien menschlichen Willens, aus Unwissenheit erschaffen, den
Lebensweg behindern.
Mögen sie heimkehren in das Reich der Dunkelheit.
In gegenseitiger Achtung, in Ehrerbietung und Respekt
anerkenne ich die Schwelle zwischen Licht und Schatten.
Auf diese Weise beschreite ci h den Weg Jesu zum Wohle
aller Beteiligten.
Ich respektiere und anerkenne die Dunkelheit als Basis für
meinen Lebensweg im Lichte des Schwarzen Christus.
In kosmischer Harmonie erfahre und integriere ich die
Lebendigkeit Gottes, die All- Einheit des Seins, aus der Quelle
und Kraft des ICH BIN, in Harmonie von Licht und Schatten,
im Ausgleich der göttlichen Kräfte.
SO SEI ES
TO-OM-RA (7x)

Am kommenden Morgen fuhren wir durch eine bizarr geformte

-99-
Landschaft über die Grenze von Honduras nach Copán. Der
Wind trug den Staub der ungeteerten Straße über das hügelige,
ausgedörrte Land. Seit zwei Monaten hatte es nicht mehr
geregnet. Hinter Bretterverschlägen am Straßenrand wurden
Kokosnüsse angeboten. Als wir den bereits asphaltierten
Abschnitt der 60 km langen Strecke erreichten, kamen wir
besser vorwärts als erwartet. Im Auto war die Stimmung
gemütlich und lustig. Auf der letzten Sitzreihe meines kleinen
Mitsubishi- Busses richteten wir die Notküche ein. Von dort aus
wurden Sandwiches ausgeteilt. Ein kleiner Becher neben
meinem Fahrersitz füllte sich geheimnisvoll mit
Mandarinenspalten. Ich wurde liebevoll von meinen
Begleiterinnen versorgt. In einer weitausgreifenden Kurve
mußte ich das Fahrzeug anhalten. Aus einem Felsen hatte die
Natur einen riesigen Totenschädel herausgearbeitet, dessen
Energie ein leichtes Gruseln in mir auslöste. Wir stiegen aus
dem Auto, um dieses Naturkunstwerk zu bewundern. Der
Totenschädel erinnerte mich an die für mich damals noch nicht
faßbare Kraft und Wesenheit, Kemé, Tod und Wiedergeburt, im
heiligen Kalender Maya.
Obwohl wir Informationsmaterial über Copán mitgenommen
hatten, schien kaum einer der Gruppe daran Interesse zu haben.
Ich selbst ging davon aus, daß man die wichtigsten
Informationen über die heiligen Maya-Orte ohnehin nicht
Reiseführern und Büchern entnehmen kann. An diesen Plätzen
nehme ich etwas vollkommen anderes wahr, keine gewaltsamen
Tode, keine Kriege und noch weniger die Energie der in den
Büchern beschriebenen mächtigen Herrscher. Wie an kaum
einem anderen Ausgrabungsort spüre ich in Copán Stille,
Harmonie, Bescheidenheit, eine friedvolle Kraft, die aus dem
Herzen kommt. Die vielen Stelen auf dem Hauptplatz weisen
ausdrücklich darauf hin. In einer Mudra-Haltung, die an östliche
Kulturen erinnert, drücken die figuralen Darstellungen darauf
die Kraft des Herzens aus und verstärken sie. Ich habe sogar ein

-100-
Foto von einer dieser Stelen auf meinem Altar.
Wie sollten wir nun diesem Ort begegnen? In den üblichen
Führungen werden nach meiner Erfahrung wahrheitssuchende
Menschen eher irritiert. Durch die Beschäftigung mit diesen
Informationen wird die wahre Energie der heiligen Orte immer
weniger zugänglich. Meine Neugier hatte auch mir oft die Türen
zu den lebendigen Geheimnissen dieser Stätten verschlossen.
Ich wollte vorerst Copán allein, ohne Begleitung der Gruppe
begegnen. Nachdem wir die Eintrittsgebühr bezahlt hatten,
geriet ich erneut in Versuchung, einen ortsansässigen Führer zu
engagieren. Doch die Frauen meiner Gruppe erklärten sich
einverstanden, zuerst einmal den Ort zu erspüren, und so ging
jeder von uns seinen eigenen Weg. Wir wollten uns später
wieder treffen und unsere Eindrücke austauschen. Vielleicht
erhielt auch der eine oder andere eine Botschaft von den
heiligen Stelen, wie es bei den Maya durchaus üblich war. Es
war ein wunderschöner Tag. Die wenigen Touristen verliefen
sich in diesem großen Gelände. Wie verschieden war doch die
Energie dieses Ortes von der Tikals. In Copán kam ich mehr in
meine eigene Stille, in eine in mir verborgene Kraft. Beim ersten
Besuch vor etlichen Jahren hatte mich noch gewundert, warum
meine Frau so sehr von diesem Platz angetan war. Sie hatte
schon damals gemeint, daß dies ihr Ort war, ein Platz, auf dem
sie sich in Harmonie mit ihrer eigenen Weiblichkeit befand. Erst
Jahre später, nachdem ich in mir selbst die weiblichen Anteile
zu suchen begann, wurde mir dieser Ort vertrauter. Nun stand
ich vor einer der Stelen, um erneut diesen Teil meiner selbst zu
spüren. Als ich mich auf den Boden setzte, sah ich einen alten
Mann auf mich zukommen. Zuerst hielt ich ihn für einen
Besucher und wollte mich nicht stören lassen. Er kam lächelnd
auf mich zu, so daß ich neugierig aufstand und ihm die Hand
gab. Der etwa 65-jährige Indigena stellte sich als Don Salvador
vor. Er mache hier zwar keine Führungen, meinte er, könne mir
aber helfen. Kurze Zeit später gingen wir bereits von einer Stele

-101-
zur anderen, tauschten unsere Wahrnehmungen aus und
sprachen dabei von einem Copán, das nur wenige Leute kennen.
Er habe hier über 30 Jahre lang bei den Ausgrabungen
mitgearbeitet und kenne die geheimen Kraftplätze, die von
Touristen kaum wahrgenommen würden. Meine Begleiter
schlossen sich uns beiden überrascht an. Durch die Begegnung
mit dem Anciano Don Salvador erhielten wir einen zusätzlichen
Schlüssel zu manchen Geheimnissen dieses Ortes. Nur wenige
Menschen könnten den wahren energetischen Hintergrund
dieses Ortes wahrnehmen, meinte er, als die Gruppe um ihn
versammelt war. Wir erstiegen den Tempel der Vier
Himmelsrichtungen. Don Salvador zeigte uns seine
Lieblingsplätze, wo er täglich meditiere. Wir hielten uns im
Kreis an den Händen, sangen die Silbe OM als Zeichen der
heiligen Verbindung mit den Wesenheiten dieses Ortes. Don
Salvador begann vor Freude zu weinen. Er hielt seine Hände in
die Höhe, als wollte er seinen göttlichen Führern für das
Geschenk danken, uns hier getroffen zu haben. Wir hatten das
Gefühl, von ihm in die Privatzimmer seines Hauses geführt zu
werden. Er zeigte uns eine Stele, die von den Besuchern, aber
auch von den Archäologen kaum wahrge nommen werde. Man
habe die Botschaft nie recht deuten können und aus diesem
Grund diesen Ort einfach außer acht gelassen. Dies sei häufig
die Reaktion der Wissenschaftler auf ungeklärte Fragen. Das
Geheimnis habe in der Welt der Wissenschaft keine Wertigkeit.
Dies sei aber der Ort, wo Maya-Schamanen ihre heiligen
Zeremonien abhielten. Auf der Stele war das Corazón del Cielo
abgebildet. Kräfte, die sich gleich einer Wolke sammeln und
zentrieren und die in die Menschenwelt wie ein göttlicher Strahl
hineinreichen. Jeder einzelne von uns war tief berührt von der
Kraft dieser Stele. Ein von den Wissenschaftlern als Bad
interpretierte Anlage erklärte Don Salvador als Ort, an dem die
Maya Feuer und Wasser vereinigten für die äußere und innere
Reinigung. Es war wohl eine Art Dampfbad. Die körperliche

-102-
Reinigung habe den Kontakt zu der geistigen Welt erleichtert.
Daher hätten sich die Ahnen für die heilige Verbindung mit dem
Corazón del Cielo innerlich und äußerlich gereinigt. Die
heiligen Kräfte könnten sich letztlich nur in einem sauberen und
heiligen Körper manifestieren. Wir kamen zu der berühmten
Stiege mit den sieben Altären, den sieben Ebenen Copáns. Der
dritte Altar war von den Archäologen für ein Museum in den
USA herausgenommen worden. Es ist kaum zu fassen, mit
welcher Selbstverständlichkeit die von uns so hochgeschätzte
Wissenschaft sich dieser Stätten bedient hat. Mit einer tiefen
Wunde liegt eine große Kostbarkeit der Maya, die Stufen des
„camino blanco", der Weg der Einweihung in die heilige Sieben,
vor unseren Augen. Mir war klar, daß dieser Ort die
Geheimnisse des „Weißen Weges" der Maya in sich birgt. Die
sieben Schöpferstrahlen, die Kraft Gran Tepéus, waren an
diesem Ort in der Materie manifestiert.
An einem von üppiger Vegetation überwachsenen Tempel
blieben wir stehen. Don Salvador bat uns, Platz zu nehmen. Er
wolle uns an diesem Ort eine Geschichte erzählen. Nachzügler
unserer Gruppe kamen schwer atmend die Stufen der
Tempelanlage herauf und waren froh, nun endlich ausrasten zu
können. Don Salvador machte es sichtlich nichts aus, die vielen
Stufen der Anlagen auf und ab zu gehen. Von diesem Ort aus
konnten wir einen Großteil der wunderschönen Anlage
überblicken. Während wir auf den Steinstufen saßen, erzählte er
uns von der Angst, die selbst Archäologe n vor diesem
besonderen Tempel gehabt hätten. Diese noch unter dem
Erdreich liegende Pyramide sei mit vielen Geheimnissen
gesegnet. Man habe den Platz nicht angerührt, weil es an diesem
Ort immer wieder Manifestationen von Wesenheiten gegeben
haben soll, welche die dort arbeitenden Menschen verjagt
hätten. Er selbst sei oft bei Vollmond an dem Platz gesessen, wo
wir nun säßen, um die Kraft dieses Ortes zu genießen. Es sei ein
wunderschönes Gefühl, von den Wesenheiten dieses Ortes

-103-
angenommen und beschützt zu werden. Vielleicht sei es für uns
schwer, anzunehmen, was er uns erzähle. Menschen aus anderen
Kulturkreisen könnten derlei Erlebnisse schwer glauben, meinte
der Anciano. Man müsse es schon selbst erlebt haben, um
nachvollziehen zu können, was die Begegnung mit dem Hüter
eines Tempels bedeute.
Der Anciano unterbrach seine Erzählung immer wieder, er
war innerlich sehr bewegt und meinte: „Ich sage euch, daß jedes
Wort, das ich zu euch sage, der Wahrheit entspricht. Viele
Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe, bestätigten
mir, daß man in meinen Augen erkennen kann, daß ich die
Wahrheit spreche." Der Anciano hatte tiefschwarze Augen, aus
denen seine Sensibilität leuchtete. Bei einer gemeinsamen
Zeremonie hatte aus diesen Augen sein Herz zu leuchten
begonnen. Ich kannte diesen Blick bereits von mehreren
Schamanen, denen ich in Guatemala begegnet war. In diesen
Augen spiegelte sich die Tiefe des Universums, das
Unsichtbare, verbunden mit der Kraft des Herzens. Don
Salvador begann uns nun von seinen Träumen zu erzählen, die
er bisher noch niemandem mitgeteilt habe. Bei uns spüre er, daß
wir verstehen könnten, was er uns sagen wolle.
„Vor vielen Jahren habe ich an den Ausgrabungen des neben
uns liegenden Tempels mitgearbeitet. Wir haben wie üblich
einen Hilfseingang gemacht, um in das Herz der Pyramide
vordringen zu können. Die Wissenschaftler erwarteten sich
durch diese Gänge Aufklärung über die Funktion des Tempels
und suchten dabei auch nach Gräbern unserer Maya-Ahnen.
An einen dieser Wissenschaftler kann ich mich ganz genau
erinnern. Ich hatte mit ihm zusammengearbeitet und werde nie
vergessen, wie wir die Grabkammer im Herzen eines dieser
Tempel fanden. In dieser Kammer lag der Körper eines meiner
Vorväter der Maya, geschmückt mit Jadeketten, umgeben vo n
wunderbaren Grabbeigaben. Dieser Wissenschaftler nutzte die
Gelegenheit, hier arbeiten zu dürfen, um alles zu stehlen, was er

-104-
gefunden hatte. Er hatte es nicht für sich gestohlen, aber für
seinen Ruhm. Wenige Tage nachher, noch bevor dieser Fund an
die öffentlichen Stellen gemeldet worden war, ist er einfach
verschwunden und nie mehr gesehen worden. Nun könnt ihr
seine, oder besser unsere Grabbeigaben im Museum von Boston
begutachten. Die Art, wie manche Archäologen mit den Funden
umgegangen sind, ja oft heute noch umgehen, ist unwürdig und
unmoralisch. Die Wissenschaft ist manchen Menschen und
Institutionen ein Vorwand, sich heilige Reliquien anzueignen
oder sich zumindest einen Namen damit zu machen. Man
kommt kaum auf die Idee, die Öffnung eines heiligen Ortes,
einer Grabkammer, mit einer Zeremonie zu verbinden. Darum
darf man sich auch nicht wundern, daß solchen Menschen im
Leben oft kein Glück beschieden ist. So wie manche Menschen
den Heiligtümern unserer Welt begegnen, wundert es nicht,
wenn sie an den Funden und Orten dunkle Energien an sich
binden und daran zugrundegehen. Auch wenn sie daran nicht
glauben, zeigt sich dies oft im Verlauf ihres Lebens."
Wir waren bestürzt über diese Erzählung. Viele Museen
waren sicher in gleicher Weise zu ihren Schätzen gekommen.
Die sogenannten Dritte-Welt-Länder waren wohl Jahrzehnte ein
Selbstbedienungsladen. Fehlende gesetzliche Regelungen und
korrupte Politiker hatten es vielen Leuten ermöglicht, sich unter
dem Deckmantel der Wissenschaft die Reliquien alter Kult uren
anzueignen. Don Salvador wollte uns in diesem Zusammenhang
den vorhin erwähnten Traum erzählen.
„Als wir den Tunnel in das Innere der vor uns liegenden
Pyramide gegraben hatten, hatte ich eine besondere Vision. Ich
möchte dabei nicht von einem Traum sprechen, sondern es als
Erscheinung bezeichnen. Ich hatte eine Kerze in meinen Händen
und spürte eine unglaubliche Kraft in mir, um mich herum.
Zuerst wußte ich nicht, was los war. Plötzlich sah ich vor mir
einen übergroßen Mann stehen. Er hatte weiße Kleider und das
Gesicht eines alten, weisen Herrn. Die Erscheinung dieses

-105-
Mannes werde ich nie vergessen. Ich war von der Kraft und
Schönheit dieses Augenblicks derart überwältigt, daß ich
unmittelbar zu weinen begann und vor ihm niederkniete. Ich war
darüber erschrocken, hatte aber keine Angst. Ich hatte zeitlebens
eine starke Verbindung in die geistige Welt und empfand diese
Begegnung als großes Geschenk. Es war mir bewußt, daß diese
Wesenheit eine Botschaft für mich hatte. Dieser Abuelo begann
zu mir zu sprechen, und ich erinnere mich noch heute an jedes
einzelne seiner Worte. Er bezeichnete mich als alte Seele, die
diesen Platz mit Liebe und Respekt betreue, und begann davon
zu erzählen, daß die Wissenschaftler, die in den
Pyramidenstätten der Maya arbeiten, nicht die Wahrheit sagen
könnten. Das, was sie über diese heiligen Stätten schrieben, sei
großteils falsch, weil sie selbst nicht bereit seien, die göttliche
Wahrheit zu erkennen.
Es war mir im Moment gar nicht so wichtig, was der Abuelo
zu mir sagte. Ich spürte in meinem Herzen unendlich viel Licht,
und ich möchte euch sagen, wie wunderbar es ist, von diesen
Wesen hier aufgenommen zu werden. Ich rief meinen
Vorgesetzten, einen amerikanischen Wissenschaftler, um ihm zu
erzählen, was geschehen war. Er bat mich inständigst,
niemandem von dieser Erscheinung zu berichten. Es könnte das
gesamte Ausgrabungsprojekt scheitern, ja er selbst habe Angst,
seinen Posten zu verlieren." So behielt Don Salvador damals
diese Information für sich. Er wußte aber seit diesem Erlebnis,
daß er selbst die Wahrheit über sein geliebtes Copán finden
könne. Wie bei vielen anderen Ausgrabungsstätten der Maya
komme es auch auf die Touristen an, welche Wahrheit sie
angeboten bekämen. Suchten sie die Informationen der
Wissenschaft, gäbe es Leute, die ihnen diese Informationen
geben könnten. Suchte jemand eine tiefere Verbindung, käme es
eben auf den Führer an, ob er selbst als Teil des heiligen Ortes
in die Geheimnisse eingeweiht worden sei oder nicht."
Das wahre Wissen um die Maya kommt aus einer anderen

-106-
Dimension. In dem Moment, wo man den Kontakt zu dieser
Information hat, ist in einem selbst die vollkommene Sicherheit
um die größeren Zusammenhänge des Geschehens vorhanden.
Es geht nicht darum, diese Wahrheit als allgemeine Wahrheit zu
vertreten. Jeder Mensch kann entsprechend seiner Anlage,
seinem Bewußtsein nur das integrieren, wofür er bereit ist. Das
heilige Wissen der Maya aufnehmen zu können, hängt stark von
der Bereitschaft und Fähigkeit ab, sich als Mensch nicht nur im
Physischen wahrzunehmen. Als multidimensionales Wesen wird
uns an den heiligen Maya-Stätten ein Wissen angeboten, das
unsere Wahrnehmung erweitert. Wir bekommen hiermit
Einblicke in die unendliche Weite des Geistes. Es kommt einzig
darauf an, diese Ebenen des Seins für real und zugänglich zu
halten. Darum bleibt dem materiell orientierten Menschen ein
Großteil des Wissens um das wahre Geschehen vorenthalten.
Menschen verschließen sich der wahren Einsicht gegenüber
selbst. Solange die Wissenschaft nicht die Weite der
menschlichen Seele anerkennen kann, wird ihr Wissen begrenzt
sein.
Insofern halten sich die offiziellen Informationen über die
heiligen Maya-Stätten wie auch über die heiligen Orte anderer
Kulturen an das in der Dreidimensionalität gebundene Wissen.
Dieses Wissen kann nie die Ebenen einbeziehen, auf denen es
von der geistigen Welt übermittelt wurde. So könnte man die
allgemein verbreiteten Darstellungen über die Tempelanlagen
und über das Bewußtsein Maya nicht als falsch, sondern als auf
die physische Realität beschränkt bezeichnen. Wer auf dieser
Ebene Informationen sucht, wird genügend Bücher finden, die
unter diesem Blickwinkel geschrieben sind. Immer mehr
Menschen nehmen sich allerdings bereits als multidimensionale
Wesen war. Ihnen werden die Türen an den heiligen Stätten
unseres Planeten weiter geöffnet werden. Don Salvador
unterbrach meine Gedankengänge und sagte:
„Ihr seid hierher gekommen, um diesem Platz eure Liebe zu

-107-
geben. Ihr betretet diese heilige Stätte mit Respekt und mit dem
Wissen, daß hier die Kraft der Ahnen spürbar wird. Es ist ein
großer Segen und ein großes Geschenk des Himmels, wenn
diese Kraft für die Menschen zugänglich zu werden beginnt. Ich
erzähle euch meine Erfahrungen, weil ich den Ruf aus der
unsichtbaren Welt vernommen habe, euc h die Geschichte dieses
Ortes so zu erzählen, wie ich sie wahrnehmen kann. Auch das ist
nicht die reine und ganze Wahrheit. Ihr selbst seid aufgerufen, in
euch hineinzuhören und euch von dem anrühren zu lassen, was
hier lebendig ist."
Ich betrachtete die Stelen, die auf der Plaza gleich stillen
Beobachtern standen. Mithilfe der heiligen Positionen ihrer
Hände rund um das Herzzentrum deuten die Abuelas und
Abuelos eine Sprache an, die so wenige Menschen entschlüsseln
und verstehen können. Was kann die Kraft des Herzens uns
sagen, wenn wir die Liebe in uns nicht empfinden können?
Welche Botschaften können Menschen gegeben werden, die im
Herzen stumm und taub geworden sind? Wie könnte jemand die
Weisheit des Herzens erkunden und verstehen, wenn er nur an
das vorgefertigte Wissen glaubt, das er einseitig orientierten
Büchern entnommen hat? Es gibt an den großen Plätzen unserer
Erde Führer, die die Informationen von wissenschaftlichen
Forschern weitergeben. Sie nehmen das Wort sakral nicht in den
Mund, weil sie sich nicht die Blöße geben möchten, ihre
Verbindung zu Gott vertreten zu müssen.
Sich mit den Weisen einer heiligen Stätte zu verbinden,
bedeutet Veränderung. Das kann auch unbequem sein. Wer
kommt denn schon gerne zu Besuch, um sich zu verändern?
Inzwischen wurde Don Salvador mit einigen anderen Hütern
dieses Ortes gekündigt. Als Grund dafür gab man mir an, daß
man niemanden dulden könne, der Menschen seine eigenen
Erfahrungen und Informationen weitergab. Don Salvador war
aufgefordert worden, eine Ausbildung als Fremdenführer zu
machen. Sonst habe er keine Befugnis, Wissen weiterzugeben.

-108-
Dieser Mann hatte sein Wissen und seine geistige Verbindung
für die wenigen Menschen bereitgehalten, die das Geheimnis
Copáns suchten. Er war hier, um diesen Menschen zu bege gnen
und ihnen unsichtbare Zugänge zu öffnen. Ein weiser, alter
Maya aus der jenseitigen Welt hatte ihn aufmerksam gemacht,
seinem Herzen zu folgen und die Wahrheit in sich selbst zu
erkennen. Die wahren Hüter der Weisheit Maya hatten das
heilige Wissen in ihrem Herzen behalten und gewußt, wem es
möglich war, die Türen zu diesem Wissen aufzutun.
Es gab im Laufe der Geschichte dieser Kultur immer mehr
Menschen, die die großen Zusammenhänge der kosmische
Weisheit des Herzens nicht mehr erkennen konnten. Sie
kümmerten sich verstärkt um das äußere Geschehen und
interpretierten es auf ihre Weise. Sie arbeiteten mit den
Energieformen und glaubten, diese wie ihre Untertanen
beherrschen zu können. Sie opferten das Kostbarste, das sie
hatten, um ihren Machthunger zu stillen und noch mehr
Kontrolle über die untergebenen Menschen haben zu können. In
Kriegen und Auseinandersetzungen wollten sie sich beweisen
und ihrer Machtgier Ausdruck verleihen. Ihre Handschrift kann
man in Copán genauso erkennen wie die Weisheit der Ahnen,
die mit dem Göttlichen in Einklang standen. Menschen, die
innerlich bereit waren, wußten um die heilige Verbindung zu
den Wesenheiten des Corazón del Cielo und des Corazón de la
Tierra und auch darum, daß diese Verbindung keiner Opfer
bedurfte. Die wahren Weisen der Maya wurden immer weniger,
weil sich die heiligen Kräfte infolge des Machtmißbrauchs in die
höheren Dimensionen zurückzuziehen begannen. Die Menschen
verloren mehr und mehr den Kontakt zur kosmischen Weisheit.
Dieses Vakuum im Bewußtsein füllte sich mit der beschränkten
Kenntnis des Verstandes, aber auch mit Wesenheiten aus
niederen feinstofflichen Ebenen. Schon immer hat es Menschen,
Völker und Kulturen gegeben, die die kosmische Kraft für ihre
eigenen Wünsche und Absichten, für Macht, Einfluß und Geld

-109-
mißbrauchten. Die Herrschsucht des Menschen hat ihn aber
letztlich immer wieder zum Bittsteller gemacht, er mußte seine
in der physischen Welt kreierte Illusion erkennen. Auch die
niedrigeren Wesenheiten sind an die alten Kultstätten gebunden,
und es ist abhängig vom Bewußtseinsstand des einzelnen, mit
welcher Ebene, mit welchen Energien und Wesen er fähig ist, in
Kontakt zu treten. Wenn wir als Touristen Kraftorte besuchen,
nur um sie gesehen zu haben, laufen wir bei den Wesenheiten
der Orte unter der Rubrik „Allfälligkeiten". Sie lassen solche
Menschen über sich ergehen. In dem Moment, wo wir uns
entschließen, der Wahrheit eines Ortes zu begegnen, erwecken
wir Neugierde bei den lebendigen Kräften des Platzes. Lassen
wir uns auf den Ort ein, indem wir um Führung und Begleitung
bitten, werden wir auch sicher begleitet. Unser Respekt, unsere
Liebe zu allem Sein, unsere Erkenntnis und Wahrheitssuche
erschließen uns die wahren Geheimnisse der Kraftorte. Das
Geheimnis dieser Plätze beginnt sich in und über uns
auszudrücken. Wir erwecken auf diese Weise in uns selbst das
Wissen der Ahnen. Durch unsere bewußte Absicht entwickeln
wir uns so zu Trägern und Überbringern ihrer Kraft zu unserem
eigenen Wohle und zum Wohle unseres Planeten.
Als sich Don Salvador von uns verabschiedete, gab ich ihm
als Zeichen des Dankes einen Kristall aus meiner Priestervara.
Besondere Momente des Lebens können wir auch dadurch vom
Alltäglichen abheben, indem wir einander beschenken. Was
konnte ich diesem Anciano dafür geben, daß er für uns sein
Geheimnis gelüftet hatte? Ein Gegenstand aus meiner Vara
wollte, wie schon so oft in besonderen Begegnungen, den
Besitzer wechseln, und die energetische Verbindung wurde
damit auch in der physischen Welt geschlossen. Der Kreis von
Geben und Nehmen macht es möglich, daß wir einander
irgendwann wiederfinden, damit weitere Geheimnisse sich
auftun können.
Ich lag auf dem Rücken auf dem Tempel der vier

-110-
Himmelsrichtungen und beobachtete die vorbeiziehenden
Wolken. Die Sonne stand bereits am Horizont, während die
letzten Besucher die Tempelanlagen verließen und sich alles
beruhigte. Santa Majóm, die Kraft der Lüfte, der kalte
Nordwind, trieb die Wolken vor sich her, und in
Sekundenschnelle bildeten sich Gesichter, zogen weiter und
lösten sich auf, um neuen Formationen Raum zu geben. Die
geistige Welt spiegelte mir in den von der Abendsonne gelb und
rot gefärbten Wolken die Vielfalt, die immerwährende
Veränderung, das Kommen und Gehen. Was immer auch
passiert, war an diesem Ort, wie auch immer Menschen hier das
Bewußtsein Maya empfinden würden, ob Wissenschaftler oder
Schamane, alles bekam in den sich ständig neu bildenden
Wolkenformationen seine Wertigkeit. Maya zeigte mir in einem
Augenblick die Leichtigkeit des Seins, den gegenwärtigen
Moment, ohne jegliche Be- oder Verurteilung eines
menschlichen Seinszustands. Drei Gruppenmitglieder legten
sich zu mir, sie formten mit mir gemeinsam ein Kreuz aus
unseren Körpern. Unsere Köpfe bildeten den inneren Kreis,
während unsere Beine die vier Himmelsrichtungen
bezeichneten. Von unten spürte ich die starke magnetische Kraft
des Planeten Erde. Ich empfand die tiefe Verankerung und
bedankte mich für die Geduld der Mutter Erde, mit der sie
unsere Unzulänglichkeiten erträgt. Danach erhoben wir uns
wieder, stie gen vom Tempel herunter und machten uns auf den
Weg.
In der Nähe fanden wir einen stillen Ort am Ufer des Flusses,
der seit Jahrhunderten für die Maya ein Ort der Besinnung und
der inneren Lehren war und ihnen zugleich das kostbare Naß für
den Anbau gab. Weiße Reiher zogen auf der anderen Seite des
Flusses in kleinen Gruppen in den Westen, um ihren Schlafplatz
aufzusuchen. Einfache Bauernhütten erinnerten mich an eine
Zeit, in der ich wohl hier gelebt hatte, dessen war ich mir sicher.
In mir regte sich die Erinnerung an etwas, das ich kannte. Ich

-111-
fühlte mich geborgen und angenommen. Neben mir am Boden
lag ein Stein, aus dem mich ein Gesicht anlachte. Wie damals
bei der Regenzeremonie mit Don Julian erhielt ich ein Geschenk
der Mutter Erde, das mich an diese Erlebnisse erinnern sollte.
Ich wußte, daß nun die Zeit anbrechen würde, in der wir wie
wohl nie jemals zuvor unsere Universalität erkennen und leben
können. Ich erklärte mich wie schon so oft in meinem Leben
bereit, die Weite und Tiefe des Seins anzuerkennen und Teil der
kosmischen Bewegung zu sein.
Auf unserem Reiseplan stand die Ausgrabungsstätte Quiriguá
in Guatemala, ein Ort, der ganz besonders mit der Kraft des
heiligen Maya-Kalenders verbunden ist. Wir entschlossen uns
kurzerhand, auf der Fahrt von Copán nach Guatemala Don
Anacleto zu besuchen. Immer deutlicher hatte ich schon seit
Tagen die Verbindung zu ihm gespürt, obwohl ich ihn schon seit
Monaten nicht mehr gesehen hatte. Es schien in mir eine Instanz
zu geben, die auf den Ruf des Ancianos reagierte. Die
Verbindung zu meinen Helfern, den Schamanen der Maya,
wurde oft auf wunderbare Weise belebt. In Zeremonien, aber
auch in verschiedenen Alltagssituationen, in Nöten oder auch
bei fröhlichen Anlässen wird mir die Präsenz des einen oder
anderen deutlich. Die vielen Stunden, die ich in meinem Auto
verbringe, nütze ich häufig, um in Gedanken bei ihnen zu sein.
Während wir hinter einem Lastwagen und seinen dicken
schwarzen Wolken von Auspuffgasen herfuhren, spürte ich ihn
erneut. Er, der mir vor vielen Jahren bereits vorausgesagt hatte,
wie sich mein Leben entwickeln werde, schien mich wirklich zu
rufen. Was auch immer es war, meine leisen Zweifel wurden
übertönt von einer feinen inneren Stimme, die sich immer
stärker meldete. So faßte ich den Entschluß, die mir auf der
Reise anvertrauten Menschen in dieses Geschehen
miteinzubeziehen.
Hinter mir saßen fünf Frauen, die sich bereits auf die Stelen
und Pyramiden von Quiriguá freuten. Schließlich hatte ich ihnen

-112-
davon erzählt, daß dort die Kraft des Maya-Kalenders besonders
nahe sei. Nun lag es an mir, die Vorfreude geschickt auf ein
noch reizvolleres Reiseziel umzulenken, neue Motivation für die
Änderung des gesamten Reiseablaufes aufzubauen. Ich wußte,
daß ich Reservierungen in Hotels absagen und neue Unterkünfte
reservieren mußte, die in der Gegend, wo wir hinwollten, nicht
leicht zu finden waren. Unser Weg war zwar nicht in allen
Details festgelegt, soweit hatte ich mich als Indianer der Alpen,
wie ich einmal in Guatemala von der Tagespresse bezeichnet
worden war, dem Leben in diesem Kulturkreis bereits angepaßt.
Ich hatte gelernt, daß vieles in meinem Leben dem Impuls des
Augenblicks überlassen bleiben muß. Inzwischen scheint irgend
etwas in meinem Innern langfristige Pläne gerne zu vereiteln.
Dies macht so manches Vorhaben zu einem spannenden
Ereignis, ist zugleich aber auch oft unbequem. Im vorliegenden
Fall wäre es peinlich gewesen, nach stundenlangem Umweg
zugeben zu müssen, daß der Besuch bei Don Anacleto vielleicht
doch nur dem eigenen Wunschdenken entsprochen hat.
Ich hatte mich bei so manchen Maya-Schamanen schon
darüber beklagt, daß Entscheidungen aus dem gegenwärtigen
Moment nicht immer für alle Beteiligten angenehm seien. Tata
Julian tröstete mich einmal, indem er meinte, daß das Leben
eines Maya dem Augenblick entspringe. Man könne auf diese
Weise die Vorstellung von Zeit in sich selbst auflösen und aus
der Wachheit des Moments in die Ebenen des Daseins
eindringen. So mußte ich im Zuge dessen auch bestimmte
Methoden, beziehungsweise Abläufe in meine r Heilungsarbeit
aufgeben und mich einfach von der Kraft der Intuition führen
lassen. Wenn mir eine Gruppe von Menschen im Zentrum
anvertraut war, wirkte oft eine innere Kraft, die das Erstellen
eines Tagesplanes verhindern wollte. Dies ging mir zu weit,
daher bot ich der geistigen Welt den Kompromiß an, wenigstens
am Vorabend den nächsten Tag einteilen zu dürfen. Durch die
Annahme meines Vorschlags stellte sich die für mich als

-113-
Europäer beruhigende Situation wieder ein, daß ein mir
vertrauter Tages- und Wochenplan eingehalten werden konnte.
So entstand in mir ein Gefühl von Sicherheit. Ich glaubte, genau
zu wissen, wie ich Menschen in drei Wochen zu sich selbst
führen konnte. Nach und nach war ich immer mehr davon
überzeugt, daß das Programm nur nach diesem bewährten
Muster zum Ziele führen könne. Ich machte mir damit selbst so
viel Druck, daß ich nach dreiwöchiger Arbeit oft an
Erschöpfungszuständen litt. Endlich setzte ich mich zu meinem
geliebten Steinaltar Quanil und teilte ihm mit, daß ich keinerlei
Lust dazu hätte, mich an diesem heiligen Ort weiterhin derart
fertigzumachen. Eher zöge ich es vor, mich auf meine
Seminararbeit in Europa zu beschränken. Die tägliche
Heilungsarbeit hatte eine derart hohe Dichte bekommen, daß ich
selbst daran Schaden zu nehmen schien. Don Carlos, dem ich
davon berichtete, bot mir an, mit mir auf Visionssuche zu gehen
und meine geistigen Begleiter um Hilfe zu bitten. Nan Cuz
sprach mit mir und meinte, es warte eine Botschaft auf mich, die
ich noch nicht erkannt habe. Tage später erinnerte ich mich
daran, daß ich einst mit meinen geistigen Begleitern einen
Kompromiß geschlossen hatte, keine langfristigen Pläne mehr
zu erstellen. Also überließ ich mich wieder in vielen
Lebensbereichen der Intuition des Augenblicks. Selbst ein
vorgefertigter Tagesplan veränderte sich dadurch kurzfristig,
was aber immer wieder der authentischen Arbeit zugute kam.
Die Entscheidung wurde aus einer inneren Instanz getroffen. Die
Änderung des Reiseprogramms war also nicht zu umgehen.

Don Anacleto zu besuchen wäre leichter akzeptiert worden,


wenn ich zumindest gewußt hätte, daß er überhaupt zuhause ist.
Er hatte ja kein Telefon, und der Umweg dorthin war
beträchtlich. Meine fünf Begleiterinnen stimmten, wenn auch
vorerst etwas verhalten, zu. In solchen Momenten strahle ich
offensichtlich die Sicherheit aus, die für einen derartigen

-114-
Meinungsumschwung notwendig ist. Als ich mein Auto vor dem
Haus des inzwischen 94-jährigen Ancianos parkte, saßen und
lagen, wie üblich, einige Leute in den Hängematten, die
zwischen die Holzsteher vor dem Behandlungsraum des Magiers
gespannt waren. Der Warteraum war ein Bretterverschlag, der
bei jeder Schaukelbewegung der Hängematten leicht nachgab.
Don Anacletos Frau kam aus dem Haus und umarmte mich. Sie
teilte mir mit, daß ihr Mann vor zwei Tagen aus dem Hospital
entlassen worden sei. Man habe wenig Hoffnung, denn eine
notwendige Herzoperation könne er sich nicht leisten.
Außerdem sei sie in seinem Alter zu riskant. Sie nahm mich an
der Hand und führte mich in sein Schlafzimmer. Die Wände des
Zimmers waren mit einem kitschigen Türkis bemalt. Teilweise
war der Feinputz der Wand wieder abgebröckelt und gab graue
Stellen frei. Über seinem einfachen Bett hing ein rotgerahmter
Spiegel. Bilder aus seinem Leben als Schamane hingen an der
Wand und erinnerten an Begegnungen, an Heilungen. Doña
Rosa zog die Bettdecke hoch, unter der ein verkrümmter Leib
lag. Sie wollte ihn aufwecken. Don Anacleto konnte kaum mehr
atmen. Er war wohl wach, seine Augenlider schienen aber zu
schwer zu sein. Er röchelte leise und fragte, was los sei. Doña
Rosa sagte nur: „Er ist da." Dann verabschiedete sie sich wieder,
sie habe einige Patienten hier, die sie behandeln müsse. Ein
wenig öffnete der Anciano seine Augen und lächelte mir für
einen Augenblick zu. Ich nahm die Duftessenzen aus meinem
Morral, in dem ich auch meine Vara und meine Faja trug,
besprühte meine Hände mit Siete Machos, Agua Florida
vermischt mit dem Wasser des Heilungsflusses bei Esquipulas,
an dem wir uns erst gestern nach der Zeremonie in der Höhle
gewaschen hatten. In einer Plastikflasche hatte ich auch Wasser,
das von der Decke der Höhle tröpfelte und für Maya-Priester
besonders kostbar ist. Ich legte Don Anacleto meine Hände auf
das Herz und begann eine Heilungszeremonie. In diesem
Moment spürte ich, wie sich sein ganzer Körper mit Kraft füllte.

-115-
Von einer großen Gemeinschaft von Wesenheiten ließ ich mich
durch diese Heilungszeremonie führen. Ich nahm einen Kristall
aus meiner Vara und gab ihn Anacleto in die Hand. Er konnte
den Stein kaum halten. So saß ich minutenlang still bei ihm,
berührte mit meiner linken Hand seinen Kopf und verband mich
dabei mit all meinen Helfern des Corazón del Cielo und des
Corazón de la Tierra. Alle Maya-Altäre, die ich kannte, rief ich
mit der inständigen Bitte, mich jetzt zu unterstützen. Vor allem
bat ich Sai Baba, diesen heiligen Moment mitzugestalten. Er war
derjenige, der Don Anacleto inzwischen beinahe jährlich zu sich
nach Indien gerufen hatte und von dem er mir bei jedem Besuch
erzählte.
Die Frauen warteten währenddessen vor dem Haus, ich hatte
Doña Rosa gebeten, ihnen mitzuteilen, daß ich bald kommen
würde. Don Anacleto öffnete langsam seine Augen und sagte
unentwegt mit leiser, schwacher Stimme: „Dios esta, gracias, yo
sabia, yo sabia" (Gott ist bei mir, danke, ich wußte es, ich wußte
es). Er umklammerte meine Hand, streichelte sie und wollte sie
nicht mehr loslassen. In wenigen Minuten füllte sich dieser
nahezu leblose Körper wieder mit Kraft. Anacletos Augen
wurden wach, ich konnte sogar mit ihm sprechen. Er erzählte
mir davon, daß er von den Ärzten bereits aufgegeben worden
sei. Sie hätten ihn heimgeschickt, damit er im Kreise seiner
Familie sterben könne. Er wüßte aber, daß seine Zeit noch nicht
gekommen sei. Er habe noch vieles in diesem Leben zu
erledigen. Ich bat ihn um die Erlaubnis, die fünf Frauen, die mit
mir unterwegs waren, in den Raum zu bitten. Als sie in den
Raum kamen, strahlte Don Anacleto bereits übers ganze
Gesicht. Seit unserer Ankunft war vielleicht eine halbe Stunde
vergangen. Nun wollte er sich bereits aufsetzen, schaffte es aber
noch nicht ganz. Don Anacleto rief seine Kinder und seine Frau.
Niemand konnte glauben, daß Cleto, wie sie ihn nennen, schon
wieder sprechen konnte. Seine Stimme war kräftiger geworden,
und er sagte zu uns allen: „Yo sabia, yo sabia." Nun erzählte er

-116-
uns den Traum, den er letzte Nacht gehabt hatte. Er habe mich
gesehen, wie ich mit fünf Frauen zu ihm gekommen sei. Er bat
Doña Rosa in den Raum, damit sie uns bestätigte, daß er ihr den
Traum erzählt habe. Zwei seiner Töchter rief er. Auch sie sollten
uns bestätigen, daß er uns im Traum gesehen hatte. Mich habe er
als Heiler gesehen, aus meinem Kopf sei spiralig Licht
aufgestiegen, und ich sei in Begleitung von fünf Frauen
gewesen, die mir geholfen hätten. Ich lud jede einzelne unserer
Gruppe ein, sich mit der Kraft der kosmischen Liebe zu
verbinden. Wir sangen gemeinsam das OM. Minutenlang
wiederholte Don Anacleto die Worte „Que bueno, dios esta con
migo" (Wie schön, Gott ist mit mir). Die Frauen berührten den
Anciano an den Füßen, an seinen Beinen und Armen. Manche
gingen in die Stille und beteten. Seine Augen begannen
zunehmend zu leuchten. Mit einem Male rief er zu seiner Frau,
die hinter uns in der offenen Zimmertür stand. „Schau, was ich
kann, warte, gleich! " Er atmete leichter, nahm all seine Kräfte
zusammen und setzte sich mit einem Ruck auf. Er warf seine
Hände in die Höhe und rief immerzu „Schau, was ich kann, sie
haben mir geholfen. Ich wußte es, daß sie kommen würden. Gott
hat sie mir geschickt. Danke, danke, danke." Er nahm meinen
Kopf mit beiden Händen und küßte mich mit all seiner Liebe
und Kraft. Er ließ mich nicht mehr los, weinte vor Freude.
Meine lieben Begleiterinnen saßen im Hintergrund und sollten
nun einzeln zu ihm kommen. Jede einzelne wurde auf die
gleiche Weise umarmt und herzhaft geküßt. Immer wieder rief
er uns zu: „Ich bin frei, schaut, wie ich atmen kann. Meine Zeit
ist noch nicht gekommen. Es wartet noch viel Arbeit auf mich,
und ihr habt mir geholfen. Gott hat euch hierher geführt. Ich
weiß nicht, wie ich euch danken soll!" Er bat seine Frau, in den
Garten zu gehen und Ingwerwurzeln zu holen. Er erklärte uns,
wie heilsam diese Wurzel sei. Er könne uns leider nicht viel
geben, weil er täglich an einer Wurzel kaue. Anschließend fragte
er mich sogar, wieviel er schuldig sei. Die Frauen zogen sich aus

-117-
dem Raum zurück, und Doña Rosa bat mich um eine
Behandlung. Ihre Knie seien seit einiger Zeit geschwollen, auch
ihre Knöchel täten ihr sehr weh. Eine Frau aus unserer Gruppe
blieb zurück. Wir beide spürten, daß wir Doña Rosa helfen
können. So legte sich die Frau des Maya-Magiers auf das Bett,
und wir beide legten ihr unsere Hände auf. Ich arbeitete in der
Aura der Frau mit meinen Schamanenfedern, während sie ihre
Hände auf das kranke Bein der Frau legte. Es dauerte keine zehn
Minuten, und Doña Rosa konnte wieder aufstehen. Zu unserem
eigenen Erstaunen war die Schwellung des Knies schon fast
verschwunden. Doña Rosa umarmte die äußerst überraschte
Frau, legte ihr die Hände auf die Augen und sagte: „Du bist eine
große Heilerin. Selbst mit deinen Augen kannst du Menschen
heilen." Die beiden lagen sich einige Zeit in den Armen, als
würden sie einander schon viele Jahre lang kennen. Nun schloß
Doña Rosa auch mich in ihre Arme und bedankte sich für die
Hilfe. Als wir uns umdrehten, stand Don Anacleto vor uns. Er
war allein aus dem Bett gestiegen und hielt mit beiden Händen
den Kristall, den ich ihm gegeben hatte, in die Höhe. Ich nahm
meinen Fotoapparat und fotografierte den triumphierenden
Anciano. Die wahren Veränderungen, die uns Menschen
bewegen, kündigen sich oft gerade dann an, wenn wir am
wenigsten damit rechnen. Eine Heilung miterleben zu dürfen, ja
selbst an diesem Prozeß Anteil zu haben, zählt zu den großen
Geschenken, die wir aus der unsichtbaren Welt erhalten.
Wir verabschiedeten uns, und seine Frau brachte uns zum
Dank einen Sack voller Ingwer. Wir stiegen in unser Auto und
fuhren los. Es war still. Niemand konnte fassen, was in dieser
Stunde geschehen war. Jeder von uns war in seinem Herzen
voller Freude und Dankbarkeit für das Geschenk, zum richtigen
Moment am richtigen Ort gewesen zu sein. Die karge hügelige
Landschaft zog an uns vorüber, die trockene Erde in der Region
von El Rancho hatte schon seit Monaten kein Regenwasser mehr
aufgenommen. Auf dem Rückweg nach Guatemala City machte

-118-
ich einen kleinen Abstecher zu einem Obsidianberg, den ich
schon seit Jahren kenne. Wir stiegen aus dem Auto und ließen
uns von der Natur mit den Halbedelsteinen reichlich
beschenken.
Die Tage nach dieser wahrlich mystischen Reise waren wie
im Flug vergangen, und die Zeit des Abschieds war gekommen.
Ich blieb noch in Guatemala City, wo mich ein Anruf erreichte.
Eine liebe Bekannte wollte mich unbedingt sehen. So
vereinbarten wir einen Treffpunkt in der Zone 9, wo sie als
Managerin einer Elektronikfirma arbeitet.

-119-
Berührung aus dem Jenseits

Ich kannte Vivian Melody noch aus der Zeit, als wir in
Guatemala City lebten. Meistens rief sie mich an, wenn sie eine
Botschaft aus der geistigen Welt für mich hatte. Sie sprach, wie
sie selbst meinte, mit den Engeln, hatte Träume und Visionen,
die sie weitergeben sollte. Ich erinnere mich, daß sie sich eines
Tages angemeldet hatte, um meinen Arbeitsraum sehen zu
dürfen, in dem sie mich tags zuvor während einer Meditation
besucht habe. Melody beschrieb mir genau mein Arbeitszimmer,
das sie nie zuvor gesehen hatte. Ich wußte also von der
Sehergabe dieser Frau und konnte darum ihre Botschaften, die
sie klar und unaufdringlich übermittelte, annehmen.
Einmal war sie in unser Zentrum mit dem Auftrag gekommen,
mich auf meinen wahren geistigen Meister und Führer
aufmerksam zu machen. Wir saßen auf einer Matte im
Heilungsraum. Melody gab mir zuerst Anweisungen, damit ich
ihre Aura sehen könne. Es war zwar nicht das erste Mal, daß ich
kraft meiner inneren Wahrnehmung um den menschlichen
Körper Lichtschichten spüren und gelegentlich auch sehen
konnte. Gemeinsam mit Melody schien es aber noch leichter
und unmittelbarer möglich zu sein. Sie sah mir tief in die Augen
und bat mich darum, mich auf ihr Drittes Auge zu
konzentrieren. Ich spürte dabei ein leichtes Kribbeln im Kopf,
nach und nach schien sich mein Wahrnehmungsvermögen zu
erweitern. Um ihren Kopf konnte ich eine wunderbar hellblaue
Hülle sehen. Zugleich spürte ich ihre Anwesenheit noch
intensiver. Ich konnte eine Fülle von Lichtwesen erkennen, die
uns beide umgaben und verbanden. Anschließend meinte sie:
„Ich kann eine wunderbare Wesenheit an deiner Seite
wahrnehmen. Ich sehe Jesus Christus. Er möchte dich auf seine
immerwährende Anwesenheit aufmerksam machen. Er möchte

-120-
nicht neben dir stehen, sondern in dir sein." In diesem
Augenblick durchfuhr es mich wie ein Lichtblitz. Ich spürte eine
warme, weiche und volle Kraft in mir. Bisher hatte ich nicht
gewagt anzunehmen, daß es möglich sein könnte, mit einer so
hohen Wesenheit in einen derart nahen, spürbaren Kontakt zu
kommen. Ich hätte mich als hochmütig, als zu klein und
unwürdig empfunden. Es stellte sich nicht die Frage, ob Melody
recht hatte oder nicht. Eine Erinnerung aus meiner Kindheit
tauchte auf. Sooft ich von einer geistigen Kraft berührt worden
war, hatte mein Herz schneller geschlagen und ein Gefühl von
Kraft und Wärme sich in meinem Körper breitgemacht.
Meine Augen füllten sich mit Tränen des Glücks, in mir war
eine unbeschreibliche Liebe und Geborgenheit. Melodys
Botschaft hatte mich tief in meiner Seele angerührt. Diese
Erfahrung war der Beginn einer immer stärker werdenden
Verbindung zu Jesus. Über die Schriften der Essener, über
bestimmte Musikstücke wurde es einfach für mich, in dieses
vertraute Kraftfeld einzutauchen. Seit diesem Tag erklärte ich
mich bereit, mich für die Jesuskraft zu öffnen und diese
Liebesenergie bewußt in meine schamanische Arbeit zu
integrieren. Wie meistens in besonderen Lebenssituationen
bemühte ich mich, mein Empfinden in einem Gebet
auszudrücken. Dadurch wollte ich die Berührung Jesu
wertschätzen und meine Bereitschaft bekräftigen, mich von
diesem göttlichen Meister führen und begleiten zu lassen.

Gebet zu Jesus Christus

Verbunden mit dem Kraftfeld des kosmischen Christus lege ich


all meine Kraft, meinen Willen und mein Tun in Deine
liebenden Hände, Jesus Christus. Als Teil des Lichtnetzes der
universellen Liebe verströme ich Deine Liebe, Deine Kraft und
Weisheit über mich und meine Mitwelt.

-121-
Aus dieser Kraft visualisiere ich meine Lebensaufgabe.
Eingebunden in den göttlichen Plan, in den göttlichen Willen
bin ich ein Diener der Lichtwesen Deiner Heiligen Weißen
Bruderschaft.
Lichtkräfte führen mir Menschen zu, die bereit sind, den Weg
der kosmischen Liebe zu folgen.
Im Einklang mit dem heiligen Gesetz des Lebens erkennen
wir einander in der Verbindung zu DIR ALS KINDER DES
LICHTS.
Ich nehme mich als Werkzeug für den göttlichen Plan auf
Erden wahr und lasse mich in meinem Auftrag erkennen.
Die von göttlichen Kräften durchdrungenen Gefühle,
Gedanken und Vorstellungen werden in der materiellen Welt
sichtbar und erfüllen sich in Schönheit, Fülle, Kraft und Freude
zum Wohle aller Beteiligten.
Alle Verbindungen hin zur göttlichen Mutter Erde, zum
göttlichen Kosmos wachsen und vertiefen sich durch mein
unerschütterliches Vertrauen, durch meinen festen Glauben,
durch Klarheit, Weisheit und Liebe.
Ich lebe durch gute Gedanken, durch den bewußten Umgang
mit der Sprache und durch die Reinheit meiner Handlungen.
Durch die Verinnerlichung des heiligen Gesetzes der Liebe
manifestiere ich Weisheit, Liebe und Kraft im Unendlichen
Reich des Lichts, in Deinem Licht, Jesus Christus.
So sei es im Kraftfeld des ICH BIN.
AMEN

Melody war wiedergekommen, um mit mir über ein besonderes


Erlebnis zu sprechen. Diese Frau war immer gut für eine weitere
Überraschung, darum war ich neugierig, was sie mir anvertrauen
würde. Sie saß mir gegenüber in einem kleinen Restaurant, ihre
Mittagspause ließ uns eine knappe halbe Stunde Zeit. Melody

-122-
holte sich Salat vom Büffet und begann zu essen. Dabei erzählte
sie mir, daß sie im ersten Monat schwanger sei. „Ich habe
bereits Kontakt zu meinem Baby", meinte sie. „Ich weiß auch,
daß es ein Mädchen ist. Ich habe seit geraumer Zeit mit diesem
Wesen Kontakt. Bereits bei der Empfängnis habe ich es
wahrgenommen. Nein, das ist nicht ganz richtig, ich habe bereits
vor Wochen das Gefühl gehabt, von einem wunderbaren Wesen
begleitet zu sein. Ich hatte den tiefen Wunsch, wieder schwanger
zu werden, und habe darüber auch mit meinem Mann
gesprochen. Er wünschte sich ja schon seit Monaten noch ein
Kind. Nur unsere Lebensumstände hatten mich daran zweifeln
lassen, ob jetzt der richtige Moment für ein zweites Kind sei. Ich
erzähle dir das aus einem ganz bestimmten Grund: Ich habe den
Auftrag, dich zu benachrichtigen, daß diese Wesenheit eine sehr
nahe Verbindung zu dir und deiner Familie hat. Du wüßtest
genau, meinte mein Baby, von wem ich spreche." Melody
konnte nicht wissen, daß vor einigen Jahren mein geliebter
Bruder auf sehr dramatische Weise gestorben war. Während sie
mir von ihrer Begegnung mit dieser Wesenheit erzählte, spürte
ich seine Anwesenheit. Ich kannte seine Energie. In den Tagen
seiner schweren Krankheit hatte ich einen besonderen Zugang
zu seiner Seelenkraft erhalten. Meine Augen füllten sich mit
Tränen, mein Herz sagte mir, daß Melody die Wahrheit sprach.
Wie niemand anderer in meiner Familie war mir mein um
zwei Jahre älterer Bruder Richard nahe gewesen. Wir hatten oft
gemeinsam musiziert, ich lebte in seiner Familie, die er während
seines Medizinstudiums gegründet hatte. Er hatte das Studium
abgebrochen und war wie ich Lehrer geworden. Als Christine
und ich uns dazu entschlossen, nach Guatemala zu gehen, spürte
ich seine große Trauer. Unsere gemeinsame Zeit schien zu Ende
zu gehen. Wir wußten beide, daß uns in Zukunft nicht nur
unterschiedliche Lebensumstände und Tausende Kilometer
Distanz, sondern auch neue Lebens- und Erfahrungsinhalte
trennen würden. Als mein Bruder Jahre später nach Guatemala

-123-
kam, war sein Körper bereits zerfressen von Krebs. Er hatte sich
entschlossen, einen Weg abseits der Chemotherapie
einzuschlagen, und kam schließlich nach zwei schweren
Operationen zu uns. Ich erinnere mich ganz deutlich an seine
verzweifelten Worte am Telefon, Guatemala sei seine letzte
Hoffnung. Ich wollte ihm mit meinen Kontakten zu Don Chepe,
dem Heiler, helfen. Wenige Tage nach dem Anruf holte ich also
Richard vom Flughafen in Guatemala City ab. Bis zu diesem
Zeitpunkt war es kaum möglich gewesen, mit ihm über meine
Erfahrungen mit Schamanen und Heilern in Guatemala zu
sprechen. Er hatte ein anderes Weltbild als ich und fühlte sich in
seiner Welt wohl. So wußte er wenig über das, was mich in
Guatemala so sehr bewegt hatte. Es lag mir fern, ihn von meiner
Lebensaufgabe, von meiner Berufung überzeugen zu wollen. In
Europa hatte ich ihm noch einigermaßen erklären können,
warum ich zu diversen Seminaren gefahren war, daß ich mich
dadurch selbst besser kennen lernen wolle. Unser in Guatemala
eingeschlagener Weg an der Seite von Heilern und Schamanen
der Maya war ihm unverständlich geblieben. Viele meiner
Freunde, nicht zuletzt auch mein Bruder, befürchteten, daß ich
mich in einer fremden Kultur oder sogar in einer Sekte verlieren
könnte. Ich hatte also diese innere Trennung akzeptieren und
meiner eigenen Wahrnehmung und Sichtweise vertrauen
müssen. So blieben mir nach seiner Ankunft in Guatemala nur
wenige Tage, ihm meine Welt zu erschließen und plausibel zu
machen. Wir konnten spüren, wie sehr ihn seine Krankheit unter
Druck setzte. Ich wußte, daß er durch seine Entscheidung, nach
Guatemala zu gehen, bei Ärzten und Therapeuten viel Neugier,
aber auch Unverständnis ausgelöst hatte. Die ihn betreuenden
Ärzte hatten ihn allerdings zu diesem Schritt ermuntert, weil
ihnen klar war, daß ihm schulmedizinisch nicht mehr geholfen
werden konnte. Eine Reihe von Menschen belächelte und
verurteilte offen seine Entscheidung, sich in einem
Entwicklungsland einem Heiler anzuvertrauen. Schließlich lebte

-124-
er in einer harmonischen Familie, hatte einen Beruf, den er
liebte, und ein dichtes Netz von Freunden und Bekannten.
Wir hatten bei Don Chepe einen Behandlungstermin erhalten
und warteten nun wie viele andere Hilfesuchende auf die
Operation. Der Heiler Chepe hatte festgestellt, daß es notwendig
sei, das schlechte Gewebe im Körper zu entfernen. Trotz
stundenlangen Wartens gemeinsam mit zehn weiteren Patienten
war die Stimmung ruhig und angenehm. Von vielen früheren
Besuchen kannte ich diese geheimnisvolle Schwere schon, diese
Atmosphäre der Hoffnung und des vollkommenen Vertrauens.
Die einfachen Menschen, die zu diesem Heiler kamen,
hinterfragten seine Arbeitsweise nicht. Eine Operation war für
die meisten eben eine Operation. Daß diese ohne Anästhesie,
mit einem Dreiecksmesser in einem düsteren, primitiven Raum
stattfinden würde, störte niemanden. Es zählte allein die
Tatsache, daß viele Kranke auf diese Weise ohne Medikamente
und teure Behandlungsmethoden in kurzer Zeit geheilt worden
waren. Das war auch der Grund, warum täglich immer mehr
Menschen zu Don Chepe pilgerten, die teilweise sogar von
weither anreisten.
Die Anwesenden schienen müde. Manche schliefen auf ihren
Sesseln ein, während andere im Gebet verharrten. Bereits eine
halbe Stunde vor Beginn der Operationen verweilten die Le ute
in einem Zustand innerer Ruhe. Man hatte das Gefühl, als
würden sie in einer Art Betäubungszustand auf den Ruf Don
Chepes warten. Er rief sie einzeln mit Namen auf. Jeder hatte
eine Begleitperson bei sich, die mit in den Behandlungsraum
gehen durfte, um dort im Gebet vor einem Marienaltar
mitzuhelfen. Als Don Chepe den Namen meines Bruders sagte,
mußte ich Richard aufwecken. Ich spürte seine wachsende
innere Erregung, seine Zweifel und seine Besorgnis. Erst wenige
Tage zuvor hatte er an der Innsbrucker Universitätsklinik die
Information erhalten, daß es kaum mehr Hoffnung auf Heilung
gäbe. Nun öffnete er selbst den Vorhang in einen Raum, der

-125-
gefüllt war mit heiligen Symbolen der christlichen Kultur.
Dadurch öffnete er nun auch den Raum in sich selbst für eine
mystische Erfahrung, die ihn stark verändern sollte. Don Chepe
umarmte meinen Bruder, forderte ihn auf, sich zu setzen, und
klopfte wie üblich an sein Wasserglas und an seine Glaskugel.
Er wollte sich noch einmal vergewissern, daß die Operation
wirklich angebracht sei, und meinte, er solle Vertrauen haben.
Es werde alles seinen richtigen Lauf nehmen. Während mein
Bruder in den dunklen Operationsraum ging, hielt ich, wie all
die anderen Begleiter vor mir, eine Marienstatue in meinen
Händen. Don Chepe hatte sie mir selbst in die Hand gelegt und
mich gebeten, ihn auf diese Weise zu unterstützen. So rief ich in
Gedanken die kosmische Mutter um Hilfe und Beistand an. Im
Raum nebenan begann mein Bruder leicht zu stöhnen. Ich
erinnerte mich an die Schmerzen, die ich bei meiner eigenen
Operation vor ein paar Jahren verspürt hatte. Bis dato war es mir
unmöglich gewesen zu verstehen, was damals in diesen wenigen
Minuten vor sich gegangen war.
Täglich operierte dieser Heiler bis zu zwölf Leute und befreite
sie dadurch von der Last einer schweren Krankheit. Oft hatte ich
mit den wartenden Menschen über Heilungserfolge von
Bekannten, die sie hierher vermittelt hatten, gesprochen. Bei der
Nachuntersuchung drei Wochen nach der Operation waren die
Schmerzen bei vielen Patienten bereits verschwunden. Tumore
konnten den Aussagen der Betroffenen nach auch medizinisch
nicht mehr nachgewiesen werden. Darum hoffte ich sehnlichst,
daß auch meinem kranken Bruder geholfen werden konnte. Es
dauerte nur einige wenige Minuten, dann kam Richard wieder
aus dem Operationsraum. Sein Hemd war vollkommen
durchnäßt. Die Schmerzen seien kaum zu ertragen gewesen,
meinte er kurz zu mir.
Don Chepe zeigte uns beiden auf einem Tablett die
Lymphknoten, die von der Krankheit angegriffen waren und die
er in einer „geistigen Operation" herausgenommen hatte. Der

-126-
Rest werde sich in wenigen Wochen auflösen, sagte er.
Während wir zurück in die Stadt fuhren, redeten wir kaum
miteinander. Noch am selben Tag bekam mein Bruder starkes
Fieber und mußte das Bett hüten. So hatte ich die Möglichkeit,
ihm nach und nach in meine Denkweise, in die Geheimnisse der
Magie, der Arbeit mit geistigen Wesenheiten einzuführen. Nach
drei Tagen legte sich das Fieber. Mein Bruder fühlte sich wohl
und war voller Hoffnung. Wir ha tten für diese Woche ein
gemeinsames Mittagessen mit Don Chepe vereinbart. Als wir
zusammen am Tisch saßen, blickte der Heiler unentwegt auf
meinen Bruder. Mir war klar, daß er in diesen Momenten auch
geistig mit ihm arbeitete. Nach dem Essen setze er sich neben
ihn, legte ihm die Hand auf seine Schulter und munterte ihn auf.
Don Chepe war guter Dinge und meinte, mein Bruder werde
sehr viel Licht mit in seine Heimat nehmen. Wir alle verbanden
dieses Licht mit der Vorstellung von körperlicher Heilung und
Genesung.
Nach einem anfänglichen Heilungsprozeß, der nach seiner
Rückkehr viele Freunde und Bekannte in Tirol aufhorchen ließ,
begann erneut ein beschwerlicher Kampf zwischen Hoffnung
und Resignation. Monate nach dieser Operation erhielt ich von
der Frau meines Bruders einen Anruf. Sie bat mich inständigst,
nach Tirol zu kommen, um Richard zu helfen. Ich sollte den
Wunsch meines Bruders erfüllen, seine letzten Lebenstage mit
ihm gemeinsam zu verbringen. So verabschiedete ich mich
traurigen Herzens von meiner Familie, um nach Innsbruck zu
fliegen. Meine Frau versprach mir noch am Flughafen, mit all
ihrer Kraft über die Distanz hinweg mitzuhelfen. Ich gab ihr den
Rat, in den nächsten zwei Wochen nach Honduras zu fahren, um
dort auf einer kleinen Karibikinsel Kraft und Ruhe zu finden.
Sie war von all den Ereignissen sehr mitgenommen und mußte
hier damit fertigwerden, während ich immerhin die Möglichkeit
hatte, mich von meinem Bruder zu verabschieden. Sie glaubte
immer noch daran, ihm helfen zu können. Da es für uns längst

-127-
selbstverständlich geworden war, Menschen auch aus der Ferne
zu unterstützen, fuhr Christine auf die kleine Insel, wo wir seit
einigen Jahren mit unseren Kindern den Urlaub verbrachten.
Umgeben von weißem Sand, von Palmen und Korallenriffs war
es dort sehr leicht, zu sich selbst zu finden. Unvergeßlich sind
mir die Sonnenauf- und -untergänge, die paradiesische
Unterwasserwelt. Ich erinnere mich an einen Schwarm von
Delphinen, die eines Tages dort auftauchten und in Ufernähe
miteinander spielten. Das bunte Korallenriff ist voll mit
exotischen Fischen. Gelegentlich tauchte ein Barrakuda auf, um
neugierig zu beobachten, was wir in der Unterwasserwelt
vorhätten. Ich erinnere mich an eine große Schildkröte, die vor
mir im Wasser treibend mich zu führen schien. Sie verschwand
immer wieder zwischen großen Korallenstöcken, um dann
erneut aufzutauchen. Ich begleitete sie minutenlang und
wünschte mir in diesem Moment nichts mehr, als mit der
Tierwelt kommunizieren zu können. Die Maya Ancianos
erzählten mir zwar immer, wie einfach es sei, sich mit den
Tieren und Pflanzen zu unterhalten. Mir war es allerdings bis
dahin noch nicht gelungen. Vielleicht war aber auch die irrige
Vorstellung hinderlich, man könne sich mit anderen Lebewesen
wie von Mensch zu Mensch unterhalten. Viel später erst lernte
ich dann, diese Kommunikation über eine Art innerer Sprache
zu führen, mein Bewußtsein an das Bewußtsein eines Tieres
anzupassen. Dabei richtete ich meine Herzkraft auf das Herz des
Tieres und stellte eine Verbindung her. Nun ließ ich meine
Intuition sprechen und versuchte in Worte zu fassen, was mir
gerade in den Sinn gekommen war. So schärfte ich meine innere
Wahrnehmung und erlernte die Sprache des Herzens mit Tieren,
aber auch mit anderen Wesenheiten, die mir dadurch nä her
gekommen sind. Die Maya waren Meister darin, das
menschliche Bewußtsein an andere Bewußtseinsebenen
anzupassen. Wie gerne hätte ich der friedlich im Wasser
treibenden Schildkröte mein Glücksgefühl vermittelt. Ich hatte

-128-
in diesem wunderbaren Augenblick von Gemeinsamkeit
zwischen Tier und Mensch nicht daran gedacht, daß diese
Einheit mit der Schildkröte sicher auch für das Tier spürbar war.
Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dieses Erlebnis als
Geschenk des Ortes anzunehmen.
Dankbarkeit ist eine Kraft, die unmittelbar zwischen
unterschiedlichen Seinsebenen Verbindung schafft. Meine
Maya-Begleiter rieten mir oft genug, mich dem Göttlichen in
tiefer Dankbarkeit für alle Erfahrungen anzuvertrauen. Sie
übergaben ihr Leben und damit alle Erfahrungen im Alltag in
großer Dankbarkeit und Demut dem göttlichen Vater, Gran
Ahau. Dankbarkeit hatte ich schon früh meinen Eltern
gegenüber empfunden. Im Kreise von zehn Kindern
aufzuwachsen und trotz der bescheidenen finanziellen
Verhältnisse eine gute Ausbildung ermöglicht zu bekommen,
hatte ich nie als selbstverständlich genommen. Maya machte mir
unmittelbar bewußt, daß wir von einer höheren Kraft geführt
sind. Jede Lebenssituation resultiert aus einer tief im Menschen
verankerten Ursache und Verbindung. Aus dieser Erkenntnis
schöpft der Maya sein Vertrauen und seinen Glauben. Er
übergibt sein Lebensschicksal der göttlichen Führung und weiß
zugleich, daß er durch seine Verantwortlichkeit selbst auch Teil
und Ursache dieses Schicksals ist. Das Schicksal meines
Bruders willig anzunehmen, war uns damals nicht möglich. Wir
glaubten, einen Kampf gegen seine Krankheit führen zu müssen,
und betrachteten uns nach der Operation von Don Chepe als
Sieger. Nun machte ich mich als Verlierer auf den Weg nach
Europa. Der Kampf gegen die Krankheit schien verloren. Damit
wurde auch mein Weg mit Maya von Freunden und Bekannten
entsprechend eingeordnet. Die meisten fühlten sich darin
bestätigt, Geschichten um Schamanen und Heiler für esoterische
Märchen zu halten. Der Zweifel hatte in mir, wie so oft, die
Oberhand gewonnen und mich innerlich zerrissen gemacht.
Ich hatte, zugegeben, auch Angst, dem Tod zu begegnen. Vor

-129-
allem fürchtete ich die Traurigkeit, die mich bei der Begleitung
meines Bruders überwältigen könnte. Ich wurde eingeladen, bei
seiner Familie zu wohnen, und stellte mich auf eine sehr
intensive und bedrückende Zeit ein. Viele unserer gemeinsamen
Bekannten und Freunde, auch die behandelnden Ärzte wußten
von der Reise meines Bruders nach Guatemala. Wie oft würde
ich mich für diesen Mißerfolg wohl rechtfertigen müssen? Man
hatte ja wieder einmal den Beweis dafür, wie wenig
erfolgversprechend alternative Heilweisen sind.
Ich erinnerte mich an die Worte Don Chepes, mein Bruder
werde viel Licht in seine Umgebung bringen. Ich fuhr vor
meiner Abreise nach Tirol noch einmal zu ihm, schilderte ihm
den Zustand meines Bruders. Don Chepe meinte, er sei auch nur
ein Diener Gottes und könne nur das erwirken, was im
Lebensplan eines Menschen stehe. Das Licht, das von meinem
Bruder ausgehe, sei nicht abhängig von Leben oder Tod. Die
göttliche Vorsehung gehe eben eigene Wege. Mein Bruder
selbst sei es, der sich entschlossen habe, aus dieser Welt zu
gehen. Diese Feststellung Don Chepes konnte ich nicht mehr
verstehen. Es blieb mir auch keine Zeit mehr, das zu
hinterfragen. Hinter mir warteten mindestens achtzig Menschen
auf ein paar Minuten mit Don Chepe. So umarmten wir uns, und
er wünschte mir eine gute Reise. Es werde mir vieles auf dieser
Reise zu meinem Bruder klar werden, meinte er noch, als ich
hinter mir den Vorhang zum Warteraum zuzog. Ich
entschuldigte mich bei den wartenden Menschen dafür, daß ich
Don Chepe so lange beansprucht hatte. Sie alle hatten das
Gespräch ja mitgehört und zeigten Verständnis für meine
Sondererlaubnis, ohne stundenlanges Warten zu Don Chepe
vorzudringen.
Ich wollte nicht akzeptieren, daß mein Bruder sich seinen
Leidensweg womöglich auch noch selbst ausgesucht hatte. So
fuhr ich wieder einmal, wie schon so oft, verwirrt den
Schotterweg zurück in das nahe gelegene Dorf Villa Canales.

-130-
Am Wegrand standen Obstverkäufer, Busse auf dem Terminal
ließen die Motoren aufheulen als Zeichen zur baldigen Abfahrt.
Zur Mittagshitze in meinem Auto kam auch noch der Qualm
dazu. Der Ärger über die Abgaswolken lenkte mich ab, ich
konnte meinen vernebelten Verstand ein wenig klären. In ein
paar Tagen sollte ich nach Europa fliegen, wo ich mich sicher
oftmals für das Versagen Don Chepes rechtfertigen müßte. In
Telefongesprächen und Briefen hatte ich vom tiefen Leid, aber
auch von den tiefgreifenden Veränderungen in meinem Bruder
erfahren, die durch die Begegnung mit Don Chepe, durch die
vielen Gespräche in unserem Kreise ausgelöst worden waren.
Das Licht, von dem Don Chepe gesprochen hatte, strahlte mein
Bruder anscheinend seit seiner Rückkehr aus Guatemala
offensichtlich nicht nur auf unsere Großfamilie, sondern auf
unzählige Freunde und Bekannte aus. Erst Jahre später begriff
ich, daß Heilung sich nicht nur auf den Körper bezieht, sondern
daß in erster Linie die Seele eines Menschen der Heilung bedarf.
Nun sollte ich mich also der Situation direkt stellen. Ich nahm
einen Text zur Hand, den mir meine Frau vor der Abreise in die
Hand gedrückt hatte. In stillen Stunden pflegte sie ihren
medialen Kontakt zu verschiedenen Wesenheiten. In der Not
hatte sie Jesus um Hilfe gebeten und eine Antwort erhalten, die
mich in den turbulenten Tagen begleiten sollte.
„Ihr Lieben!
Die Botschaft, die ich euch in diesen Tagen der Bedrängnis
geben möchte, betrifft das Vertrauen in meinen Vater, den
Schöpfer. Es ist das Vertrauen, daß alles in der unendlichen
göttlichen Kraft aufgehoben ist und daß alle Wege, so
verschieden sie auch sein mögen, richtig sind. Wer aus der
göttlichen Ordnung heraustritt, geht in die Dunkelheit. Es gibt
kein Leid und keine Trennung im göttlichen Universum. Das ist
eine Manifestation eurer selbst und hat keine Resonanz im All.
Daher wird sie auch nur von euch selbst wahrgenommen. Mein
Tod findet Resonanz in euch, die ihr euch manifestiert habt.

-131-
Gebt meinen Tod auf, und ihr gebt damit euer Leiden auf. Mein
Tod ist Transformation, nicht Leid. Er bringt euch in die
göttliche Schwingung, nicht in Trauer und Leid. Mein Tod ist
die Auferstehung ins Licht, nicht die Manifestation in
Dunkelheit und Leid. Der Tod ist Licht, unendliches Licht.
Jedes Sterben ist eine neue Kraftquelle in diesem Licht. Feiert
meinen Tod als Verbindung mit diesem Licht, mit dem Sterben
alter Strukturen in euch, mit dem Geborenwerden in euer Licht,
in Verbindung mit meinem Vater. Er hat mich nicht verlassen,
er hat mich emporgehoben zu sich, so wie ihr emporgehoben
werdet. Mein Sterben ist Symbol für die Transformation, für
dieses Eingehen ins Licht. Ich bin nicht gestorben, wie ihr es in
eurer materiellen Verhaftung wahrnehmt. Ich bin emporgehoben
worden, mit Licht durchtränkt, zu Licht geworden. Genauso
geht es euch, wenn ihr euch im Tode mit diesem Licht
verbindet.
Ich bin bei euch in Glück und Freude, nehmt das wahr und
laßt euch neu gebären in dieses Licht. Ihr werdet das unendliche
Vertrauen in euch spüren, die Verbindung mit dem Vater, dem
All. Freuet euch, singt das Mantra Halleluja und verbindet euch
in dieser Kraft mit Allem und Nichts. Ich bin die Auferstehung
und das Leben. Ich gehe ein ins Licht und bringe Leben. Sterben
und Geborenwerden sind eins.
In Liebe JESUS."
Das Aprilwetter in Tirol war mir vertraut. Frühlingswärme,
Föhnstürme und Schneetreiben wechselten einander in rascher
Folge ab. Das äußere Geschehen schien allerdings unbemerkt an
mir vorüberzugehen. Ich konzentrierte mich darauf, in diesen
bedeutsamen Tagen in meiner Mitte zu bleiben. Ich fragte mich,
was ich für meinen Bruder noch tun konnte. Wie sollte ich ihm
begegnen, welche Hoffnungen konnten in diesem Zustand noch
genährt werden. Als ich die Tür zum Krankenzimmer öffnete,
strahlte er mich an. Augenblicklich war mir klar, daß ich mir
keine Gedanken mehr machen mußte, daß meine Anwesenheit

-132-
genügte. Wir verbrachten viele Stunden miteinander, machten
gemeinsam Rituale und Heilbehandlungen, die seine Schmerzen
milderten und ihm Ruhe und Zuversicht gaben. Richards Frau
hatte von ihrer Freundin ein Buch über die Essener erhalten.
Auch damit beschäftigten wir uns und fanden so einen neuen
Zugang zu unseren christlichen Wurzeln. Mit viel Dankbarkeit
denke ich an diese Zeit und an die Begegnungen mit
Pflegepersonal und Ärzten zurück. Mir wurde nie das Gefühl
vermittelt, mit meinen Vorstellungen und meiner Arbeit am
falschen Platz zu sein. Die bisher unerläßlichen
schmerzlindernden Medikamente konnten abgesetzt werden.
Noch in Guatemala hatte ich eine Kassette mit Texten und
Gebeten, unterlegt mit Musik, aufgenommen, die nun meinen
Bruder durch die schwere Zeit begleiteten. Ich hatte dafür Texte
von Juan de la Cruz, Essenerschriften und Musik von Arvo
Pärth, Bach und Lorena McKennitt ausgewählt. Vor allem das
Lied „The dark side of the soul", für das McKennitt einen Text
des heiligen Johannes vom Kreuz vertont hatte, bewegte uns
beide sehr. Ich hatte manchmal den Eindruck, den Heiligen am
Sterbebett meines Bruders stehen zu sehen.

Die dunkle Seite der Seele

In einer dunklen Nacht brannte die Flamme der Liebe in meiner


Brust, und beim Schein einer hellen Laterne floh ich aus
meinem Haus.
Umhüllt von der Stille der Nacht, entfloh ich über die
geheime Treppe, der Schleier verhüllte meine Augen, während
alles totenstill war.

Oh Nacht, du warst meine Führerin.

-133-
Oh Nacht, liebevoller als die aufgehende Sonne.
Oh Nacht, die den Liebenden mit der Geliebten vereinte, und
einen in den anderen verwandelte.

In dieser trüben Nacht im Geheimen, jenseits sterblicher


Blicke, ohne Führer oder Licht außer jenem, das so tief in
meinem Herzen brannte.

Es war dieses Feuer, das mich leitete, das heller als die
Mittagssonne schien, dorthin, wo er immer noch auf mich
wartete, an einem Ort, an den niemand sonst gelangen konnte.

Mit pochendem Herzen, das ich nur für ihn bewahrte schlief
ich ein unter den Zedern, und ich gab ihm all meine Liebe.

Von den Festungsmauern her strich der Wind sein Haar gegen
meine Brauen.
Mit sanfter Hand liebkoste er mich innig.
Ich verlor mich an ihn und legte mein Gesicht an die Brust
meines Geliebten, und Sorge und Not lösten sich gleich dem
Morgennebel vor dem Licht auf.
Dort schwanden sie unter den hellen Lilien.

Ich durfte immer deutlicher die Brücke ins Licht wahrnehmen,


die sich mein Bruder durch sein tägliches Verbinden mit der
geistigen Welt baute. An seiner wachsenden inneren Stille, an
seinen Worten, die manchmal schon aus einer jenseitigen Welt
zu kommen schienen, war abzulesen, daß sich sein
Energiekörper mehr und mehr vom Irdischen zu lösen begann.
So wurde mir in diesen kostbaren Tagen bewußt, wie leicht es
uns die geistigen Helfer machen, unseren Seinszustand zu

-134-
verändern. Die Loslösung von unserer sterblichen Hülle
vollzieht sich ganz sanft, wenn wir die Angst vor dem Tod
aufgeben und unsere Sterbehelfer aus den anderen Dimensionen
in den Übergang miteinbeziehen. Das Verlassen unseres
Körpers kann wie das Verlassen eines alten Hauses sein, das wir
in Vorfreude auf das Kommende leichten Herzens aufgeben.
Es war Karsanistag. Am nächsten Morgen sollte ich wieder
nach Guatemala zurückfliegen. Ich wußte, daß ich mich nun
endgültig von meinem Bruder verabschieden mußte. Am
Nachmittag hielt ich bedrückt und in Gedanken versunken seine
Hand, wir schwiegen beide. Richards Körper schien sich zu
verkrampfen, er begann zu weinen. Ich legte meine linke Hand
auf seine Brust und bat meine und seine geistigen Begleiter, uns
den Abschied zu erleichtern. Wir waren von einer Fülle von
Lichthelfern umringt. Unter meiner Hand schien sich eine
unendliche Traurigkeit zu lösen. Unsere Gefühle beruhigten und
wandelten sich. Ich besann mich auf die Schönheit und
Erhabenheit dieses Moments und konnte dadurch die emotionale
Ebene verlassen. Sobald ich aber an den endgültigen Abschied
dachte, kehrten Traurigkeit und Verzweiflung mit unglaublicher
Wucht zurück. Kaum nahm ich aber wieder das Licht und die
Grenzenlosigkeit des Augenblicks wahr, beruhigten sich seine
und meine Emotionen. So konnten wir über die vermeintlich
grausame Realität hinweg eine neue Ebene betreten, in der die
Vorstellung von Trennung durch den Tod sich auflöste. Ich
verabschiedete mich bis zum Abend und ging in die nächste Bar,
um ein Bier zu trinken und mich von dieser aufwühlenden
Erfahrung ein wenig zu erholen.
Wir wollten die Osternacht auf unsere Art feiern. Die Frau
meines Bruders bereitete mit mir die Zeremonie vor. Ein Freund
meines Bruders, ein Priester und Jesuit, sollte auf Wunsch
meines Bruders die Kommunion bringen. Auf dem
Nachtkästchen im Krankenzimmer lagen meine Utensilien, ein
Farbtherapiekoffer, Kristalle, Duftstoffe und Ritualgegenstände

-135-
aus Guatemala. Ich war vom nahen Ableben meines Bruders
überzeugt. Alles deutete darauf hin, daß sich seine Seele bald
zurückziehen werde. Meine Arbeit sollte daher als
Brückenschlag zur Loslösung von dieser Welt dienen. Ich spürte
die Präsenz der geistigen Kräfte, aber auch die Anwesenheit der
Personen, die für den Aufbau des Kraftfeldes eingeladen worden
waren. Meine Frau wollte mir, wie vereinbart, von der kleinen
Karibikinsel aus über telepathischen Kontakt helfen. An jenem
Abend lud ich sie nun im Kreis der Helfer in das Abschiedsritual
ein. Im Umgang mit den Maya-Schamanen hatten wir ja gelernt,
daß wir uns gegenseitig zu Hilfe rufen können. In Maya werden
unsere Wesensanteile als auf unterschiedlichen Seinsebenen im
Kosmos zu gleicher Zeit präsent betrachtet. Menschen sind nicht
nur auf physischer Ebene präsent, daher ist es möglich,
zwischen den Korallenriffen in die Unterwasserwelt
einzutauchen und zugleich in einem Krankenzimmer anwesend
zu sein und einem Ritual beizuwohnen. Im gegebenen Fall
konnte ich Christines Anwesenheit unmittelbar im Raum
wahrnehmen. Was allerdings nicht übereinstimmte, war unsere
Absicht. Während Christine noch um das Leben meines
geliebten Bruder kämpfte, halfen wir im Krankenzimmer seiner
Seele mit Ritualen, sich vom Körper zu lösen. Sie sollte sich in
innerem Frieden von der physischen Seinsebene verabschieden
können.
Die Frau meines Bruders schmückte das Krankenzimmer mit
Blumen. Dann warteten wir auf den befreundeten Priester. Er
begann das Ritual mit Gebeten, las aus der Bibel vor und erteilte
meinem Bruder das Sterbesakrament. Wir erhielten gemeinsam
die Kommunion. Ich empfand wie kaum jemals zuvor dieses
Sakrament als Symbol für eine gemeinsame Aufgabe, die es hier
zu erfüllen galt. Die Überlegung, wie sich wohl das Ritual eines
katholischen Priesters mit einer Zeremonie aus der Maya-Kultur
verbinden ließe, hatte mich im Vorfeld unsicher gemacht. Es
hing allein von unser aller Toleranz und Offenheit ab, ob die

-136-
sehr unterschiedlichen zeremoniellen Handlungen ineinander
fließen konnten oder nicht. An diesem Abend stand dieser
Gemeinsamkeit nichts im Wege. Die Trennung von esoterischen
Lehren, Ritualen anderer Kulturen und der katholischen
Auffassung schien es im Moment nicht zu geben. Über alle
Unterschiede hinweg wollten wir gemeinsam die Seele meines
Bruders berühren, und die hatte alle begrenzenden
Vorstellungen längst abgelegt. Unser Bewußtsein ist in
Wahrheit ein Abbild der göttlichen Freiheit, einer kosmischen
Weite, in die wir uns, von welcher Religion und
Glaubensrichtung auch immer kommend, hineinbewegen
können.
Nachdem die Zeremonien beendet waren, verabschiedete sich
der Priester. Wir unterhielten uns gerade über die in Guatemala
auf mich wartenden Aufgaben, als plötzlich die Schmerzen
meines Bruder mit aller Heftigkeit zurückkamen. Sein Körper
begann sich aufzubäumen. Wir mußten den diensthabenden Arzt
und eine Krankenschwester um Hilfe rufen. So ergab sich auch
noch die Gelegenheit, mich für die großartige Unterstützung und
Offenheit auf dieser Station zu bedanken, hatte sich doch ein
normalerweise nüchternes Krankenzimmer in diesen wenigen
Tagen in einen Tempel verwandelt. Das Leiden meines Bruders,
noch dazu in der Karwoche, vermittelte allen Beteiligten eine
tiefe innere Veränderung. Für mich war es eine ungewöhnliche
und bedeutsame Erfahrung, energetische Arbeit auf einer
Universitätsklinik zu jeder Tages- und Nachtzeit im Wissen und
manchmal auch im Beisein des Personals und der Ärzte zu
machen.
Während der Arzt ein Schmerzmittel spritzte, schaute ich in
die tieftraurigen Augen meines Bruders. Unser Abschied hatte
diesen heftigen körperlichen Anfall ausgelöst. Wir umarmten
einander, und ich ging betrübt aus dem Zimmer. In der Stadt
suchte ich ein Lokal, wo ich langsam wieder in die Realität des
Alltags zurückfinden konnte, und fuhr dann zu meiner

-137-
Schwägerin, um mit ihr und den Kindern die letzten Stunden bis
zum Abflug Richtung Guatemala zu verbringen.
Als die Maschine vom Innsbrucker Flughafen abhob,
schüttelte ein Föhnsturm das Flugzeug. Ich schaute auf den
Komplex der Universitätsklinik hinunter, wo ich meinen Bruder
in guten Händen wußte. Während des Flugs war ich mit meinen
Gedanken immer wieder im Krankenzimmer. Es würde wohl
nur noch wenige Tage dauern, bis mein Bruder die Befreiung
erlangen konnte. Ich hatte in dieser Zeit mit ihm das große
Geschenk erhalten, den Tod als liebenden und sanften Boten des
Dunkels kennenzulernen. Gleichzeitig mit der Traurigkeit hatte
ich Momente des Glücks und einer liebevollen Verbindung
erlebt. Ich fühlte mich von einer Fülle von Lichtwesen getragen,
die mir dabei halfen, mit dieser schwierigen Situation
zurechtzukommen.
In Guatemala City angekommen, wurde ich von Freunden
abgeholt, die mich gleich in ein Privathospital brachten, wo
meine Frau bereits seit zwei Tagen lag. Sie hatte nach ihrer
Reise eine derart schwere Darminfektion bekommen, daß sie in
Lebensgefahr in die Intensivstation einer Klinik gebracht
werden mußte. Als ich zu ihr kam, umarmte sie mich und
meinte: „Ich glaube, ich habe etwas zuviel geholfen." Sie hatte
versucht, mit aller Kraft das Leben meines Bruders zu retten.
Doch es war unmöglich, in den göttlichen Plan der Seele meines
Bruders einzugreifen. Das mußte nicht nur Don Chepe
erkennen, sondern viele Helfer, die sich in den Monaten der
Krankheit und des Leids um meinen Bruder gekümmert hatten.
Vier Tage später erhielt ich aus Tirol die Nachricht vom
friedlichen Ableben meines Bruder im Beisein seiner Familie
und unserer Freunde. Ich setzte mich an meinen Altar und
verband mich mit ihm. Er war anwesend, und ich spürte, wie
einfach es für ihn nun war, in diesem anderen Seinszustand den
Kontinent zu wechseln. Wir konnten uns wieder auf dieselbe
Weise wie vor noch wenigen Tagen spüren. Ich erinnerte mich

-138-
an die Minuten, in denen Trauer und Glücksgefühl in mir
abgewechselt hatten. Erneut bemühte ich mich, meinen
Gefühlszustand zu regulieren. Dachte ich an die Tatsache seines
physischen Ablebens, kam in mir erneut diese unendlich tiefe
Traurigkeit hoch. Meine Gefühle begannen sich aber zu
beruhigen, wenn ich mich mit ihm auf feinstofflicher Ebene
verband. In diesem Zustand konnte ich mit ihm sprechen und
seine Botschaft verstehen. Auch meine Frau war wieder
zuhause, und wir konnten gemeinsam aufarbeiten, was in den
Tagen unseres Getrenntseins passiert war.
Drei Jahre nach dem Tod meines Bruders hatte ich erstmals
Kontakt mit ihm durch ein Medium. Zu jener Zeit machte ich
Konzentrationen mit Rina. Sie ist geweihte Priesterin der
Pocomames, Inhaberin eines Labors und Therapeutin. Wir
arbeiteten einige Monate intensiv zusammen. Sie kam fast
täglich zu uns, um mit Christine und mir mit der geistigen Welt
in Kontakt zu treten. Die gemeinsame Fahrt nach Tikal und vor
allem unsere ersten medialen Kontakte zu den Wesenheiten der
Maya hatten uns tiefe Einblicke in die größeren
Zusammenhänge des Bewußtseins Maya vermittelt. Was wir aus
der Tradition Maya in Zusammenhang mit den Ancianos nicht
erfahren oder nicht verstehen konnten, wurde uns damals noch
über die mediale Arbeit mit Rina und meiner Frau vermittelt. Ich
hatte in dieser Zeit ständig Schmerzen in der Gegend der rechten
Niere. Des öfteren hatte ich mich in Guatemala und in
Österreich untersuchen lassen, aber nie konnte etwas gefunden
werden. Als wir eines Tages an me inem Altar eine
Konzentration mit Rina und Christine machten, bat ich die
Maya-Wesenheit Kukulcán um Hilfe. Ich wollte wissen, warum
ich andauernd Schmerzen hatte. Als ich zur Antwort bekam, daß
mein Bruder sich melde, konnte ich es kaum glauben. Da ich in
meiner Heilarbeit nur in Ausnahmefällen mit Verstorbenen
Kontakt aufnahm, war mir vorerst nicht klar, was dieser Hinweis
bedeuten sollte.

-139-
Es wurde mir erlaubt, in einer Konzentration mit Rina mit
Richard zu sprechen. Wir bereiteten uns darauf vor. Ich
schmückte meinen Altar mit Blumen. Das Essenerbuch, aus dem
ich ihm in den letzten Lebenstagen vorgelesen hatte, legte ich
dazu. Am CD-Player programmierte ich unsere gemeinsame
Lieblingsmusik, das Lied „The dark side of the soul" von
Lorena McKennitt. Dieses Lied hatte uns seit seinem Tod in
einer unbeschreiblichen Weise miteinander verbunden. Wenn
ich es spielte, spürte ich die Anwesenheit meines Bruders. Als
ich mit Rina den geistigen Kanal öffnete, dauerte es nur wenige
Minuten, und mein Bruder meldete sic h. Ich hatte die
Möglichkeit, lange mit ihm zu sprechen. Sein Medium, Rina,
wußte nichts von seiner Lebensgeschichte. Richard erklärte mir,
wie wunderbar sein Übergang im Tod gewesen war. Mit
Leichtigkeit und einem tiefem Glücksempfinden sei er von einer
Fülle von Wesenheiten liebevoll in das Licht geleitet worden.
Viele davon habe er erkannt. Vor allem unser Vater habe ihn
liebevoll in die Arme genommen und weiterbegleitet. Ich
begann mit meinem Bruder zu sprechen, als ich seine Präsenz in
einem starken, weichen Kraftschauer wahrnehmen konnte:
„Lieber Richard! Unsere geistigen Helfer haben uns beiden
die Erlaubnis gegeben, miteinander zu sprechen. So möchte ich
dich begrüßen. Ich kann kaum mit Worten ausdrücken, was es
für mich bedeutet, jetzt mit dir auf diese wunderbare Weise
kommunizieren zu dürfen."
„Hier bin ich, lieber Norbert. Auch für mich ist es eine große
Freude, die Erlaubnis für dieses Gespräch bekommen zu haben.
Seit meinem Tod waren wir ständig in Verbindung. Du hast es
gespürt, wenngleich es für dich oft Zeiten gegeben hat, wo du
mich besonders auf physischer Ebene vermißt hast.
Entschuldige den Schmerz, aber es war eine Möglichkeit, auf
mich aufmerksam zu machen. Sag meiner Frau und meinen
geliebten Kindern, daß ich sie ständig begleite. Es ge ht mir
wunderbar. Ich erhalte nach euren Vorstellungen eine Fülle von

-140-
Lehren. Ich gehe quasi in eine Schule, bin zusammen mit
Freunden in vollkommener Liebe und Freiheit. Dieses Gefühl ist
unbeschreiblich. Meine Seele hat sich vor ein paar Jahren
entschlossen, aus der Welt zu gehen, sie wird aber sehr bald
wiederkommen. Du wirst mich erkennen, sobald es soweit ist.
Ich werde im Kreise deiner Freunde wiederkommen. Erlaube
mir noch festzustellen, wie sehr ich dich in meinem Erdenleben
bewunderte und liebte. Ich bin weiterhin mit all meiner Liebe
bei dir und werde es immer bleiben. Von hier aus kann ich dir
nun viel direkter helfen. Ich glaube an dich, an das, was du
machst. Deiner Familie, die mir so nahe war und weiterhin ist,
sende ich viel Licht. Wie sehr bin ich noch verbunden mit den
Tagen unserer gemeinsamen Kindheit. Die Beziehung unserer
Kinder zueinander ist ein Abbild der Beziehung, die wir
zeitlebens miteinander hatten. Wie sehr wünsche ich mir, daß
dein Weg, deine Aufgabe auf dem Planeten Erde von vielen
Menschen erkannt und wahrgenommen wird. Ich sollte mich
jetzt zurückziehen. Ich danke dir und meinen geistigen Helfern
für die Möglichkeit, mit dir sprechen zu dürfen. Ich teile deine
Aufgabe und deinen Weg. Gib etwas, was mich mit dir
verbindet, in deine Vara. Es soll ein Zeichen dafür sein, daß ich
aus dieser Dimension deinen Weg begleite und dir helfen
werde." Einige Minuten nach diesem Gespräch rief ich meine
Schwägerin an, um ihr die Botschaft meines Bruders
weiterzugeben. Meine Schwägerin nahm dieses Gespräch mit
sehr viel Liebe und Verständnis auf, worüber ich sehr glücklich
war. Ich hatte Bedenken gehabt, mit einem derart
ungewöhnlichen Anruf Verwirrung und Unverständnis
auszulösen.
Es war dies das einzige Mal, daß ich das Bedürfnis und die
Notwendigkeit empfand, mit meinem verstorbenen Bruder in
dieser Form Kontakt aufzunehmen. Wenn ich mich heute mit
ihm verbinden will, nehme ich meine Vara zur Hand. Sein Foto
steht seit diesem Gespräch auf meinem Altar im Wissen darum,

-141-
daß er einer meiner geistigen Helfer ist. Wann immer ich eine
Verbindung zu ihm aufbauen will, ist es mir mit Leichtigkeit
möglich.
Ein Jahr nach diesem wunderbaren Erlebnis saß ich nun
Melody gegenüber, die den Auftrag hatte, mir mitzuteilen, ihr
einen Monat junges Baby im Mutterleib sei die Wiedergeburt
meines geliebten Bruders. Sie kannte weder meinen Bruder,
noch wußte sie um die dramatischen Umstände unseres
Abschieds. Es gab nur einen Beweis für ihre Behauptung, und
das war meine innere Stimme, mein Gefühl, als sie mich darum
bat, das Kind, wenn es geboren sei, zu begleiten. Sie habe den
Wunsch des Mädchens vernommen, von mir im entsprechenden
Alter geführt zu werden. Dann stand Melody auf, es war höchste
Zeit für sie, wieder an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Wir
vereinbarten, miteinander in Kontakt zu bleiben. Sie würde mir
per Telefon oder Fax den Namen des Mädchens mitteilen.
Ich mußte noch einige Minuten sitzen bleiben, um fassen zu
können, was gerade geschehen war. Dieses kurze aber intensive
Gespräch hatte mich innerlich aufgewühlt. Das Gespräch mit
meinem verstorbenen Bruder hatte ich schon fast vergessen
gehabt. Nun wurde alles Gesagte und Empfundene in mir mit
einem Male wieder lebendig. Ich spürte seine Anwesenheit und
konnte ob der direkten Art Melodys, mir diese Information zu
geben, nur den Kopf schütteln. Ich bemerkte erst jetzt, daß ich
vergessen hatte, etwas zu bestellen, stand auf und setzte mich
ins Auto. Mit dem Lied „I was born to love you" von Freddy
Mercury und den anderen Liedern der CD „Made in Heave n"
fuhr ich singend durch das Gewühl der sich durch die Straßen
wälzenden Autoschlangen. Ein Wiedersehen mit meinem Bruder
hatte ich mir nicht vorstellen können. Daß er nun zu einem
Zeitpunkt, wo ich bereits wieder in Tirol lebte, in Guatemala
wiederkommen sollte, stimmte mich fröhlich. Offensichtlich
wußte er besser als ich, wie sich mein weiterer Lebensweg
entwickeln werde. Ich nahm sogar an, daß er oder nun auch sie

-142-
damit rechnete, daß wir in Guatemala die angesprochene
gemeinsame Zeit miteinander verbringen könnten. Es begann
wahrlich in mir zu arbeiten. Die Seele meines Bruders war also
dabei, sich einen neuen Körper zu schaffen. Offensichtlich hatte
er sich entschlossen, im kommenden Erdenleben seine
Erfahrungen in einem Frauenkörper zu machen. Wie würde ich
mit dem Bild, das ich von meinem Bruder hatte, dieses Mädchen
einmal wahrnehmen?
Bisher hatte ich zwar gehört, daß man in Tibet hohe geistliche
Würdenträger nach ihrem Tod bald wieder auf unserem Planeten
hatte finden können. Maya, der Reisende durch Raum und Zeit,
war auch ein Reisender von einem Leben zum anderen. Auf
dieser Reise werden Aspekte unseres Seins durch unsere
persönlichen Erfahrungen im Erdenleben geprägt. Im speziellen
handelt es sich um alle Erfahrungen, die mein Bruder als
Bruder, Freund, Ehepartner, Vater und Arbeitskollege gemacht
hatte und mit dem seine Mitwelt ihn verbunden hatte. Diese
Anteile seiner Seele sind im Reich der Toten aufgehoben und
ruhen in der Stille dieses Reichs. Wir Menschen haben die
Möglichkeit, im Einvernehme n mit dem Hüter dieses Reichs
Kontakt mit Verstorbenen aufzunehmen. Ich gehe allerdings mit
dieser Verbindung in das Totenreich sehr vorsichtig um.
Schließlich könnte dieser Kontakt durchaus auch als Bindung
und Behinderung für die Toten empfunden werden. Ein anderer
Teil der Seele meines Bruders hatte sich nun für eine erneute
Inkarnation entschieden. Die Gesamtübersicht über dieses
Geschehen haben bei Maya die geistigen Kräfte, die die
menschliche Seele in ihren unterschiedlichen Seinszuständen
und Aspekten begleiten. Es obliegt also dem Schamanen, diese
Instanzen der geistigen Welt zu befragen und sie um Schutz und
Begleitung zu bitten.
Für Melody schien das alles nicht besonders aufregend zu
sein. Sie als angehende Mutter freute sich, Kontakt zu ihrem
Baby zu haben. Alles weitere war so oder so von der

-143-
Entscheidung einer - in etwa 20 Jahren erwachsenen - jungen
Frau abhängig. Was sie noch wissen wollte, war, wer die
Essener gewesen seien. Sie hatte den Hinweis bekommen, daß
ihr Kind ganz besonders mit der Kraft der einstigen
Essenermeister in diese Welt hereinkommen würde. Wie
wunderbar einfach ist die Vorstellung, nach dem Tod in eine
Phase der Vorbereitung geführt zu werden, um sich schließlich
wieder eine körperliche Hülle für einen neuen „Auftritt" zu
kreieren. Das Theater war gewechselt, und die Szenen konnten
aufgrund der Erfahrung bereits gespielter Rollen studiert
werden. Ich ließ fürs erste die Dinge auf sich beruhen und wollte
beim nächsten Heimkommen nach Tirol diese Erfahrung mit der
Familie meines Bruders teilen. Bald sollte es soweit sein, daß
ich dieses Mädchen in meinen Händen tragen könnte. Mit der
Vorstellung, meinen Bruder bald als Baby zu liebkosen, tat ich
mir ziemlich schwer. Um so schwieriger würde es wohl für
seine Familie sein, den eigenen Vater oder Ehemann in den
liebevollen Armen einer um 20 Jahre jüngeren
lateinamerikanischen Mutter zu wissen. Alles in allem freute ich
mich sehr, mit einem geliebten Menschen nicht nur in geistig-
energetischer Seinsform, sondern bald wieder in unserer
physischen Welt verbunden zu sein.
Als das Baby schließlich im Juni 1999 in einem
guatemaltekischen Hospital zur Welt kam, wurde es auf den
Namen Gabriella getauft. Melody meinte am Telefon, daß die
Botschaft bezüglich der Zusammenhänge und der
Lebensaufgabe ihres Kindes vom Erzengel Gabriel überbracht
worden sei. Als ich einen Monat danach das Baby in meinen
Armen trug, schlief es friedlich. Ich reinigte währenddessen mit
all meiner Liebe seine Aura, deren Kraft und Stärke ich deutlich
wahrnehmen konnte. Melody erzählte mir, daß bereits in den
ersten Lebenstagen große Lichtgestalten, aber auch sehr dunkle
Kräfte um ihr Kind gewesen seien. Sie habe manchmal Angst
gehabt, daß ihr dieses Kind wieder genommen werden könnte.

-144-
Erstmals war ich in meinem Leben damit konfrontiert, die
Wanderschaft einer menschlichen Seele, eines geliebten
Menschen sozusagen live mitzuerleben. Die Wiedergeburt eines
verstorbenen Menschen anzunehmen, ist für mich als Christ
oder Maya, was auch immer ich war und bin, eine
Selbstverständlichkeit. Weniger selbstverständlich ist mir
allerdings die Vorstellung, daß das Wesen eines mir
nahestehenden Menschen in einen neuen Körper geht, um auf
einem anderen Kontinent in ein neues Lernumfeld einzutreten
und neuerlich mit mir Kontakt aufzune hmen. Vielleicht wird
nach den Kindheits- und Jugendjahren dieses kleinen, hilflosen
Wesens unser gemeinsamer Lebensweg erneut beginnen.
Möglicherweise war es meine Aufgabe, in etlichen Jahren eine
junge Frau namens Gabriella mit den Kräften zu verbinden, die
uns beiden nahe sind.
Als ich vor wenigen Monaten die Familie besuchte, herrschte
dort das Chaos. Im Wohnzimmer stapelten sich Schachteln.
Kühlschrank, Herd, Schränke standen zum Verkauf frei.
Nachbarn kamen und handelten den besten Preis aus. Melody
und ihr Mann hatten sich entschlossen, in die USA
auszuwandern. Ihr Mann hatte bereits eine Arbeitsgenehmigung
und eine Arbeitsstelle bei Verwandten in Kalifornien. Ich erfuhr,
daß Melody in den USA geboren war und schon immer einen
amerikanischen Paß gehabt hatte. Gabriella machte ihre ersten
Schritte. Sie jauchzte, als sie eine Schachtel mit Kleidern losließ
und in meine Arme lief. Ich segnete sie in Gedanken,
verabschiedete mich von Melody und ihrem Mann, wissend, daß
wir uns irgendwann unter neuen Umständen wiedersehen
würden, und rief ein Taxi, das mich zum Flughafen bringen
sollte. Es war wieder einmal die Zeit eines Kontinentenwechsels
gekommen. Meine Familie erwartete mich sehnsüchtig. Die
Maschine startete und trug mich über die hinter dem Rollfeld
liegenden Hütten. Ich verband mich mit den beiden Quiché-
Schamanen, die in einer dieser Hütten wohnen. Juan und Salomé

-145-
kenne ich seit geraumer Zeit. Auch sie wurden von Tata Julian
vor vielen Jahren auf den Weg gebracht. Sie besuchen uns oft
im Zentrum, um bei der Heilungsarbeit mitzuhelfen. In
Gedanken an sie bedankte ich mich bei allen Helfern und
Begleitern der Maya für den Schutz und die Begleitung der
letzten Wochen. Juan hatte mir eines Tages erzählt, daß vor
einem Jahr ein Flugzeug in seinem Haus gesteckt sei. Ich hatte
nicht gewußt, ob ich lachen oder weinen sollte. Eine kubanische
Maschine hatte infolge eines Pilotenfehlers die Absperrung des
Rollfeldes durchbrochen und seine Hütte durchbohrt. Es hatte
bei diesem Unglück mehrere Tote gegeben, aber Juans Familie
war nichts passiert. Für Juan war das ein Beweis dafür, was es
bedeute, den Schutz der geistigen Welt zu haben. Ich
verabschiedete mich mit Dankbarkeit vom Geist des Landes
Guatemala.

-146-
Gespräche mit dem Bruder Tod

Mein geistiger Bruder und Freund Oskar rief mich nach meiner
Rückkehr nach Tirol an und bat mich, nach Vorarlberg zu
kommen. Er habe das Gefühl, wir sollten zusammen zur
Propstei St. Gerold, einem Benediktinerkloster, fahren. Er
verspüre einen inneren Ruf und vermute, daß uns beide dort eine
Botschaft erreichen werde. Wir suchten nach dem heiligen
Maya-Kalender einen passenden Tag dafür aus. 13 KEMÉ bot
sich an, der Nahual des Todes, der Hüter der neun Ebenen der
Dunkelheit. Da sich Oskar wie ich seit Monaten mit dem Thema
Dunkelheit auseinandergesetzt hatte, war uns beiden klar, daß
wir dort mit einem besonderen Kraftfeld verbunden werden
sollten. Ich war ziemlich erstaunt darüber, daß wir in ein Kloster
gerufen wurden, um dort den Kräften der Dunkelheit zu
begegnen. Aber ich freute mich, den Ort kennenlernen zu
dürfen, an dem meine Lieblingsmusik, die CD „Officium" mit
dem Hilliard-Ensemble und Jan Garbarek, aufgenommen
worden war.
Vor ein paar Jahren waren diese Klänge über den Wäldern des
Monte Mercedes in Guatemala geschwebt. Es war der Tag, an
dem unser Zentrum durch Meister Alejandro Cirilo Perez Oxlaj
und eine Gruppe von Maya-Schamanen eingeweiht worden war.
Ich hatte mich mit dem Stück „Parce mihi, domine" bei den mir
schon so lieb gewordenen Wesenheiten der Maya für die Hilfe
und Führung bedankt, die uns beim Aufbau des Zentrums
zuteilgeworden waren. Als am frühen Nachmittag die Nebel aus
dem Atitlánsee aufgestiegen waren und die Wälder in einen
weißen Schleier gehüllt hatten, war direkt über dem
Zeremonialfeuer der Maya-Schamanen ein Tor in den
Wolkengebilden offen geblieben. Die Sonne war von einem
Lichtring umgeben gewesen, der in allen Regenbogenfarben

-147-
schimmerte. Die Musik hatte alles Schwere, das während der
Bauzeit jahrelang unsere Herzen bedrückt hatte, gelöst und in
Leichtigkeit verwandelt. Alle Anwesenden waren von der
Botschaft, die uns die Natur in diesem Moment vermittelte, tief
betroffen gewesen. Ich hatte die Anwesenheit von Chak, der
Maya-Kraft des Regens, gespürt. Die Maya-Priester waren in
Ehrfurcht niedergekniet. Wir alle hatten angesichts der
Schönheit, Ehrwürdigkeit und Kraft dieses göttlichen Geschenks
in Stille verharrt, während das Feuer in immer wieder neuen
Spiralen weitergetanzt hatte.
Auch Tata Julian kam mir jetzt in den Sinn, der in seinen
Regenzeremonien mit der Kraft des heiligen Benedikt arbeitet.
Es konnte wohl kein Zufall sein, daß ich ausgerechnet an einen
Ort in Österreich gerufen wurde, der diesem mir durch den
Maya-Anciano vertrauten Heiligen geweiht war. An einem
Montag fuhren wir in den Abendstunden in die Propstei. Vor
einer Bronzefigur des heiligen Gerold im Innenhof des Klosters
mußte ich niederknien. Ich hatte das Gefühl, von einer
unbändigen Kraft begrüßt zu werden. Sankt Gerold hält
schützend seine Hand über einen Bären und trägt in der anderen
ein Kreuz, das ihm die Richtung seines Lebens weist. Der
Künstler mußte wohl geahnt haben, daß Menschen die Kraft
eines Tieres integrieren können. Die Schamanen der Maya
wurden oft als Tier-Menschen abgebildet. Auch der Bauherr
Tikals, Uxbalám, ist als tanzender Herrscher, bekleidet mit
einem Jaguarfell, dargestellt worden. Seine Hände und Füße
sind Jaguarpranken, um auszudrücken, daß wir mit der
animalischen Energie zusammenwirken können, wenn wir vom
Geist eines Tieres angenommen worden sind. Der Mensch kann
sich mit allem Lebendigen im Kosmos verbinden und daraus
Kraft zur Bewältigung seiner Lebensaufgaben schöpfen. Der
Bär wurde der Legende nach von Gerold vor seinen
Widersachern beschützt. Der Geist dieses Tieres begleitete
seither den Benediktiner auf seinem Weg als Heiler und

-148-
Ratgeber. Sich in Begleitung eines Krafttiers zu wissen,
bedeutet mehr Durchsetzungsvermögen, mehr Kraft und Energie
zur Manifestation zu haben.
Oskar und ich wurden an diesem Abend in die unterirdischen
Räume zum Grab des Heiligen gerufen. Über eine schmale
Treppe stiegen wir in die Krypta hinab. Es war bereits dunkel.
Wir hatten jeder eine weiße und eine schwarze Kerze in der
Hand und setzten uns auf einen Mauervorsprung. In der Stille
und Dunkelheit spürte ich die Anwesenheit meines geliebten
Maya-Nahuals, Kemé. Er legte sich wie ein seidener, dunkler
Schleier über mich und hüllte mich mit einer wunderbar
weichen Kraft ein. Ich erinnerte mich wieder an die Begegnung
mit dem Tod am Krankenbett meines Bruders und fühlte nun
auch die Präsenz von anderen unsichtbaren Wesenheiten.
Schauer überrieselten meinen Körper. Auch Oskar war
offensichtlich bereits von diesem Kraftfeld, dieser unsichtbaren
Lebendigkeit umgeben. Wir lachten über dieses bunte innere
Treiben und überließen uns dem weiteren Geschehen. Oskar
kannte diesen Raum gut, er war einer seiner Lieblingsplätze, an
denen er sich gerne in die Dunkelheit zurückzog.
Ich ging zu einer Wandnische, wo die Schädeldecke Gerolds
lag. Für Maya sind im Schädel eines Menschen alle
Erfahrungen, seine ganze integrierte Lebensweisheit gespeichert
und damit auch abrufbar. Mir fiel ein Erlebnis in den Maya-
Tempeln von Uaxactún im Regenwald Guatemalas ein. In einem
kleinen Privatmuseum, das die Dorfbevölkerung mit allerlei
Fundgegenständen eingerichtet hat, liegt der Totenkopf eines
Maya. Ich hatte den Schädel in die Hand genommen und dabei
den unwiderstehlichen Wunsch verspürt, mich mit der Energie
dieses Totenschädels zu verbinden. So hatte ich ihn also an
meine Stirn gelegt und um Kontakt zur Weisheit dieses vor
mehreren Jahrhunderten verstorbenen Menschen gebeten. Mir
war rasch schwindlig geworden, ich hatte mich ins Gras vor der
Hütte legen müssen und war eingeschlafen. Ich kann nicht

-149-
sagen, was wirklich geschehen war. In mir hatte sich etwas
verändert. Ich war meinem Gefühl nach der Weisheit und Kraft
Uaxactúns auf diese Weise nähergekommen. In Ritualen meldet
sich seither häufig der Geist dieses noch unberührten Maya-
Sakralplatzes.
Hier verband ich mich nun über die Schädeldecke mit dem
heiligen Gerold. Auch er stand aus christlicher Sicht für die
Vereinigung von Corazón del Cielo und Corazón de la Tierra
und hatte die Menschen gelehrt, Himmel und Erde in sich selbst
zu vereinen. Ich legte mich auf den Boden, um in tiefer Demut
vor dem Ort und der Kraft der Wesenheiten um Hilfe und
Begleitung auf meinem Lebensweg zu bitten. Dabei wurde ich
von dem Geheimnis dieses heiligen Ortes im Herzen angerührt,
der Tod begann in mir zu sprechen:
„Ihr seid beide hierher gerufen worden, um mich näher
kennenzulernen. An diesem Ort möchte ich euch mit meiner
Kraft und Weisheit berühren. Ihr sollt erfahren, was es bedeutet,
mit mir zusammenzuarbeiten. Ich bin nicht das Schreckgespenst,
das viele Menschen in mir sehen. Ich achte nicht auf die äußere
Persönlichkeit, sondern auf die Seele eines Menschen. Wenn sie
mich ruft, stehe ich ihr zu Diensten. Jeder Mensch auf diesem
Planeten ist ein Geistwesen in einem Körper. Die Seele ist der
Bauplan und der Baumeister des Körpers. Sie gebietet somit
auch über den Körper und über den Ablauf eines Lebens. Wenn
die Seele entscheidet, auf den Planeten Erde zu kommen,
gestaltet sich der Körper nach ihrem Ebenbild. Eine ihrer selbst
wenig bewußte, unwissende und belastete Seele kreiert damit
einen anderen Körper als eine bereits im göttlichen Lichte
erstrahlende. Schönheit ist somit verbunden mit einem innerlich
und äußerlich strahlenden Menschen, der Gottes Ebenbild
darstellt. Diese Schönheit berührt mit ihrem Lichtschein alles
Sein. Der göttliche Vater zeigt sich in der Schönheit und
Erhabenheit der Mutter Erde. Der Mensch ist das Werkzeug für
die Absicht des Schöpfers, alles zum Leuchten zu bringen. Ihr

-150-
legt euch bei der Wiederkehr auf den Planeten ein Kleid an, das
zu euch paßt. Leider ist es häufig so, daß eine unwissende Seele
sich von Anfang an auch ein schadhaftes Kleid zulegt. Diese
Menschen stehen im Leben vor schweren Aufgaben. Die
liebende Seele möchte sich in diesem Körper mit ihrer
Unvollkommenheit konfrontieren und in sich selbst verborgene
Bilder erwecken. Das ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen.
Aus diesem Grund ist es wesentlich, Menschen in ihrer
Sehnsucht nach Liebe und Vollkommenheit anzuerkennen. Eure
unvollkommene Seelenlandschaft gleicht einem noch
unentdeckten, verborgenen Paradies. Ihr Menschen habt die
wunderbare Gelegenheit, dieses innere Paradies zu finden und
nach dessen Vorbild euren Planeten Erde in ein Paradies zu
verwandeln. Jeder Mensch kommt mit dieser schöpferischen
Absicht auf die Welt. Die Seele legt sich vor der Geburt einen
Plan zurecht, der auf den umfassenden Plan der göttlichen
Quelle abgestimmt ist und erfüllt werden soll.
Über unendlich lange Zeiträume hinweg habt ihr diesen
Planeten nach eurem Ebenbild geformt. Die Menschen haben
aber aufgrund ihrer Persönlichkeitsmuster die Seelenabsicht
immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Damit hat alles Leid
auf dem Planeten begonnen. Eure Seelengärten sind verschattet,
und derselbe Schatten hat sich auch auf euren wunderbaren
Planeten Erde gelegt. Es ist für die geistige Welt schwer, diese
Schatten zu durchdringen, um euch bei der Öffnung eurer
Seelen behilflich zu sein. Wenn nun ein Mensch zu erkennen
beginnt, daß sich eine Lebens- und Erfahrungsphase dem Ende
zuneigt, dann beginnt sich diese Seele zu regen. Sie möchte sich
zurückziehen und sendet einen Impuls, einen Ruf in den
göttlichen Kosmos aus, der in erster Linie von mir, dem Tod,
gehört wird. Die menschliche Seele erkennt den Zeitpunkt,
wann es gut ist, wieder in die Einheit des göttlichen Ozeans der
Liebe heimzukehren. Dieser Zeitpunkt kann von euch Menschen
nicht erkannt werden, solange ihr nicht fähig seid, eure eigenen

-151-
Seelen, ihre Schönheit, ihre wunderbaren Gärten und
Landschaften wahrzunehmen. Über diese Seelenlandschaft hat
sich bei vielen Menschen eine schwere, unbewegliche und
mächtige Persönlichkeit gelegt, die alles beherrschen will. Sie
verfolgt ihre Absichten, Wünsche und Ziele rücksichtslos und
führt euch dadurch in Egoismen, in Bindungen an Emotionen,
an Leidenschaften und beschränkte Vorstellungen. Euer Geist
hat aber den Wunsch, durch die Ausformung der Persönlichkeit
sich selbst in Erfahrung zu bringen. Wenn aber ein Mensch den
Seelenplan in sich erkennt, stellt sich die Seele nach und nach
vor die Persönlichkeit. So lernt dieser Mensch, die Welt in all
ihrer Lebendigkeit und Schönheit aus der Lebendigkeit der
Seele zu erkennen und zu gestalten. Du weißt genau, was ich
meine, denn du begegnest vielen Menschen, die diese
Seelenaufgabe in sich zu erkennen beginnen. Aus ihren Augen
strahlt der tiefe Wunsch, dieses aufglimmende Seelenlicht in die
Welt zu tragen. Je stärker ihr Licht zu strahlen beginnt, um so
intensiver wird in ihnen der Wunsch, sich dem göttlichen Plan
anzuvertrauen. Der Mensch wird zu einem Magneten, der
andere Seelen anzieht, denn es beginnt in ihm die Liebe des
göttlichen Vaters zu wirken. Niemand kann sich diesem Lichte
entziehen. Wer es nicht sehen möchte, muß sich mit aller Kraft
dagegenstellen. Der Lebensweg des großen Meisters Jesus zeigt
euch, wie heftig Menschen reagieren können, wenn sie von
diesem Licht geblendet werden. Sie richten sich sogar gegen
das, was sie befreien könnte. Ihre Angst äußert sich in
Aggression und Zerstörung.
Eure Aufgabe auf dem Planeten besteht darin, das Licht in
euch selbst zu entdecken und über euer Sein in Erfahrung
bringen. Dadurch sollt ihr zum Licht der Welt werden. Ein
einziger liebevoller Blick genügt, um in einem anderen
Menschen die Göttlichkeit zu erwecken. Es ist die wunderbare
Qualität der Zeit, in der ihr nun lebt, daß in euch selbst und auf
eurem Planeten das Reich Gottes offenbar wird. Wer sich dieser

-152-
Offenbarung widersetzt, stellt sich gegen seine ureigenste
Bestimmung, verstrickt sich in Schmerz und Leid und geht
daran zugrunde. Ich, der Tod, bin der Vollstrecker der Botschaft
eurer Seelen. Wenn ich den Ruf einer Seele vernehme, ist es
mein Auftrag, die materielle Form aufzulösen. Dies bedeutet,
daß sich die nährende Energie, die eure Körper, die Kleider
eurer Seelen, geschmeidig erhält, zurückzuziehen beginnt. Ich
schneide die Energieverbindungen, die euch bisher genährt
haben, durch und leite damit den Prozeß des Sterbens ein. Der
Körper bleibt sich selbst und seinem eigenen Energiehaushalt
überlassen. Dieses Reservoir entleert sich ohne Nahrung aus
dem Kosmos rasch, so daß zuletzt der körperliche Tod die Seele
aus ihrem engen Gehäuse befreit. Deshalb wird der Tod von
vielen Menschen, die ihm bereits nahe waren, als großer
Befreier gesehen. Wer mich nicht anerkennen kann, kann auch
das Leben nicht schätzen. Ich bin kein Schreckgespenst, sondern
derjenige, der dem Rufe eurer Seelen nachgeht und erfüllt, was
jeder Mensch in seinem tiefsten Inneren für sich selbst erbittet.
Die Seele zieht sich zurück, um im Ozean des göttlichen Lichts
zu baden und sich darauf vorzubereiten, in einem neuen
Erdenleben ihre Schönheit weiter zu entfalten. Die Erde und ihre
Kinder können sich dadurch in ihrer Vielfalt vervollkommnen.
Die Aufgabe eines bewußten Menschen besteht darin, wahrhaft
er selbst zu sein, sich seiner Aufgabe bewußt zu werden und auf
diese Weise Gott in sich auszudrücken. Es gibt nichts
Wunderbareres für einen Menschen, als dem Planeten Erde
seine Schönheit, Fülle und Lebensfreude zur Verfügung stellen
zu dürfen. Im Sterben hat er die Möglichkeit, dem göttlichen
Vater seine Lebendigkeit und innere Schönheit als Dank für sein
Erdenleben anzubieten."

Ich erinnere mich an den Tod eines lieben Freundes. Klaus hatte
Lungenkrebs, seine Seele war dabei, sich aus dem Körper
zurückzuziehen. Meine Frau und ich wurden gebeten, ihn dabei

-153-
zu begleiten. Alles deutete darauf hin, daß er nur mehr wenige
Tage zu leben habe. Mit Klaus zusammen zu sein, war ein
großes Geschenk für uns. Er hatte viel Humor, einen starken
Willen und glaubte bis zuletzt an das Leben. Wenige Tage vor
seinem Ableben bat er mich, über den Tod zu sprechen. In ihm
hatte sich etwas verändert, er wollte dieser Wesenheit bewußt
gegenübertreten. Da Klaus den großen Wunsch hegte, nach
Guatemala zu kommen, lud ich ihn zum nächsten
Heilungsaufenthalt ein. Ich meinte, daß es mit diesem Körper
schwer möglich sei, die Reise anzutreten. Dafür könne er sich
aber einiges an Geld sparen, wenn er ohne diese Beschwernis
mitkäme. Klaus verstand, was ich damit meinte. Wir lachten
über seine kommende Reise, und ich versprach ihm, ihn in
Guatemala zu erwarten. In der Pyramide werde ich ihn sofort
erkennen. Vielleicht dürfe ich ihn sogar zur Mitarbeit in den
Heilungen einladen.
Am Abend rief uns seine Lebensgefährtin an und bat uns, ihm
beim Loslassen zu helfen. Wir vereinbarten, Klaus am nächsten
Tag zu besuchen. Um Mitternacht wachte meine Frau auf. Sie
war geweckt und zusammen mit dem Sterbenden zu einer Reise
eingeladen worden. Sie setzte sich zu ihrem Altar und erhielt
Anweisungen, wie sie Klaus am besten dabei helfen könne, sich
vom Körper zu lösen. Ich durfte diese Reise in ein Sterberitual
kleiden.

In der Wiege der Barke

Laß Dich hineinlegen in die Barke der Sonne, und gib Deinem
traurigen und leidenden Körper Frieden. Laß Dich treiben von
den Wogen des Wassers. Laß los, lieber Freund, denn
Persönlichkeit und Wollen sind müde geworden.
Fliege mit dem Raben in das Reich des Todes, durch die
Dunkelheit Deiner Gedanken und Gefühle. Werde leicht im

-154-
Treiben der Barke. Genieße die Bewegungen und laß Dich von
den Wogen des Wassers in Leichtigkeit heben und senken. Du
bist begleitet, von ihm.
Spüre die Stille der Bucht, in der Du nun ruhst. Erneut erfaßt
Dich die Bewegung des Wassers, zieht Dich weiter durch die
Enge des Tales. Die Wesenheiten der Felsen und Bäume blicken
herab, liebend begleiten sie Dich auf Deiner Reise. Deine müden
Augen beruhigen sich in den ziehenden Wolkenformen. Es wird
ruhig in Dir. Das Gewässer weitet sein Bett, die Natur beruhigt
sich im Wissen, daß er hier ist. Du spürst seine Präsenz, bist
geführt und geleitet vom Bruder Tod.
Alles ist weit, still und eingebettet in die fließende Bewegung
des grünen Stroms. Die Gesichter der Wolken lösen sich auf.
In der Stille des seichtblauen Firmaments erscheinen sie, die
Liebenden der anderen Welt.
Sie halten Dich zärtlich, Dich berührend.
Freude ob Deiner Rückkehr.
In der Weite des Ozeans liegst Du, In der Wiege der Barke,
Ein ruhender Körper.

In dieser Nacht starb Klaus. Christine freute sich sehr darüber,


daß sie ihn in den letzten Stunden seines Lebens begleiten
durfte. Sie war dabei vom Bruder Tod geführt worden. Im
kleinen Kreise versammelten wir uns im Krematorium, um den
Leichnam dem Feuer zu übergeben. Vor uns war die
verschlossene Tür, hinter der die Flammen hörbar tobten. Wir
knieten am Boden. Auf dem Sarg brannten Kerzen, während wir
Klaus' geistigen Begleiter riefen. Der feine Ton der
Klangschalen trug unsere Bitten mit dem Duft von Kopal und
Weihrauch in die Weite des Kosmos. Ein immer schwächer
werdender Trommelschlag gab nun auch den Leichnam aus dem
Erdendasein frei. Dann öffnete sich das Tor in die Feue rsbrunst.
Es war ein Abschied ohne Trauer. Die Anwesenheit des

-155-
Verstorbenen war freudig, lebendig und liebevoll für all jene
spürbar, die ihn so gekannt hatten. Als ich Klaus Wochen später
in Guatemala einlud zu kommen, war er sofort präsent. Seine
Lebensgefährtin begann zu weinen. Sie roch seinen Körper, sie
spürte seine Zärtlichkeit und seinen Humor. In ihrer tiefen
Trauer erhielt sie von ihm Trost und Heilung. Er kam, um sie
von der Trauer zu heilen, um ihr seine Präsenz und die
Leichtigkeit seines Seinszustandes nahezubringen.

Daß man Leichtigkeit und Freude mit dem Bruder Tod


verbinden kann, ist für viele Menschen schwer nachvollziehbar.
Wir kennen die schwere Last der Traurigkeit auf unseren
Herzen, das Bedrückende von Begräbnissen, von
Abschiedsritua len, wenn Menschen in ihren Familien oder in
Totenkapellen aufgebahrt werden und wenn es Zeit ist,
endgültig Abschied zu nehmen. Für viele ganz besonders
schmerzlich ist die Vorstellung, daß wir den Verstorbenen nie
wieder in der wohlbekannten Gestalt sehe n werden. Wenn wir
uns nur auf die äußere Form konzentrieren, betrachten wir einen
Friedhof als den Ort, an dem das ruht, was von einem Menschen
übrig geblieben ist. Wenn wir an einem Grab stehen, wird in uns
all das wieder lebendig, was uns mit dem Verstorbenen
verbindet. Sein Aussehen, seine Art, zu sprechen und zu
empfinden, seine Liebe und Zärtlichkeit, auch seine alltäglichen
Gesten werden in den Vorstellungen der Trauernden lebendig.
Wenn wir aber unsere Wahrnehmung erweitern, können wir
erkennen, daß die Form und die Persönlichkeit eines Menschen
feinstofflich vorhanden bleiben, daß uns alles erhalten bleibt,
was wir an einem Menschen so sehr geschätzt haben, und daß
nur das Trennende verschwindet. Die störenden Eigenschaften
eines Verstorbenen verlieren in unserer Erinnerung sehr schnell
an Bedeutung. Wir erstellen ein Idealbild, dem zu Lebzeiten
selbst ein geliebter Partner nicht entsprechen können hätte. So
beginnt für manche Menschen nach dem Ableben einer

-156-
nahestehenden Person eine Art Ersatzpartne rschaft, die nur mehr
auf dieses idealisierte Bild gerichtet ist. Der Partner kann sich
dieser Vorstellung nicht mehr, wie zu Lebzeiten, entziehen und
wird in seiner Entwicklung durch die Hinterbliebenen behindert.
Diese Behinderung wiederum spiegelt sich in den Emotionen
der Trauernden als Schmerz und Leid, wofür man dem Tod die
Schuld gibt. Dasselbe gilt natürlich auch für Verwandte und
Freunde und in gleichem Maße für Lebendige wie für Tote.
Wenn wir unsere Liebe an ein Wunschbild binden, führt das
unweigerlich zu Konflikten. Wir engen die anderen dadurch ein
und sperren sie wie einen Vogel in einen Käfig. Damit wird
ganz offensichtlich, daß wir diese angeblich so sehr geliebten
Menschen in Wirklichkeit besitzen wollen. Der Bruder Tod
richtet sich nach der freien Entscheidung der Seelen, in der sich
die göttliche Liebe und Freiheit spiegelt und die wenig
Rücksicht auf einengende äußere Umstände nimmt.
„Ich bin kein gewaltsamer Herrscher, kein Sensenmann, der
hinwegrafft", meinte der Bruder Tod. „Wenn Menschen nicht
bereit sind, mich anzunehmen, können sie auch nicht erkennen,
was Leben und Freiwerden bedeutet. Leben und Sterben
gehören in Wahrheit zum Kreislauf von Geben und Nehmen,
von Kommen und Gehen, Erschaffen und Zerstören. Wenn ihr
auf eure Seelen zu hören beginnt, werdet ihr erkennen, daß die
Geburt eines Menschen als Einschränkung erfahren wird und
daß ich die Befreiung bringe. Der Beginn eines Menschenlebens
ist ein Liebesdienst, den ihr Menschen im Dienste des
Göttlichen leistet. Niemanden gibt es auf dieser Erde, der sein
Leben nicht mit diesem Liebesdienst begonnen hätte. Eure
Seelen schreien um Hilfe, wenn sie nicht bereitwillig
wahrgenommen werden. Sie wollen euch durch
Schicksalsschläge wachrütteln. Viele Seelen entschließen sich
sogar, nur fü r kurze Zeit in die Welt zu kommen, um Bewegung
in das Leben ihrer Familien zu bringen. Wenn sie diese Aufgabe
erfüllt haben, ziehen sie sich wieder zurück. Das sind die

-157-
Kinder, die nur für kurze Zeit in euer Leben treten und dann
wieder gehen. Erkennt, daß diese Situationen geschaffen
werden, um euch aufzuwecken und auf das hinzuweisen, wofür
ihr euch in der Materie manifestiert habt."
Die Meister der Maya haben den Tod erkannt, das wurde mir
in diesem Augenblick bewußt. Sie haben Altäre und Tempel, wo
sie auch heute noch diese Kraft ehren und mit der Wesenheit des
Todes in Kontakt treten. Die nördlichste Tempelanlage Tikals,
der Komplex P, ist so ein Ort, an dem Leben und Tod in
Einklang gebracht worden waren. Als ich vor einigen Monaten
eine kleine Gruppe zu diesem Komplex führte, wurde ich in sehr
ungewöhnlicher Weise attackiert. Ich stieg auf die noch nicht
vollständig freigelegte Pyramide, als sich plötzlich ein
Spinnennetz in meinen Haaren verfing. Auf meiner Brust
landete eine Spinne, die etwa sieben Zentimeter groß war.
Sekundenlang war ich in einem Schockzustand, bis ich mich des
Tieres entledigen konnte. Ein Geier saß auf der Pyramide und
beobachtete mich dabei. Man konnte sich ihm bis auf wenige
Meter nähern. Vom Anciano Don Salomón erfuhr ich dann, daß
dieser Geier seit Jahren diesen Tempel hüte. Meine Frau wollte
ihn fotografieren, worauf sich die Zahnräder der Kamera zu
verkeilen begannen und mit höchst seltsamen Geräuschen dem
Fotoapparat den Garaus machten. Dies ist nur eine von vielen
Geschichten über diesen Ort, der sehr sensibel auf Menschen
reagiert, die energetisch dort eindringen, ohne achtsam genug zu
sein. Ich habe meine Lehren daraus gezogen: Wer nicht bereit
ist, den Tod anzunehmen, wird seinerseits von diesem Ort nicht
angenommen. Er wird die Energie dieses Platzes als aggressiv
empfinden. So wie uns auch der Tod aggressiv begegnet,
solange wir ihn als Schreckgespenst ablehnen. Menschen, die
den Tod als Freund und Begleiter annehmen, werden von ihm
liebevoll durch das Leben und den Übergang am Lebensende
getragen. Der Bruder Tod ist der Verwandlungskünstler, der die
materielle Form auflöst und jeden Tag in uns Zellen absterben

-158-
läßt, um neuen Raum zu geben. Entsprechend der Polarität
unseres Planeten zeigt er sich als weißer oder schwarzer Tod, als
Lichtwesen und als Schattenkraft. Maya hat ihn auch in beiden
Seinsformen dargestellt. Das Kostbarste, was Maya der Welt zu
vermitteln hat, ist in Totenschädeln programmiert, in den
berühmten Kristallschädeln, die an manchen heiligen Stätten
gefunden wurden und die von unbeschreiblicher Schönheit und
Vollkommenheit sind. Kemé, der Nahual des Todes im heiligen
Maya-Kalender, sprach auch zu Don Carlos, dem Indianer-
Anciano aus den USA: „Es gibt keinen Tod, es gibt nur Wandel,
dem wir alle als Geschöpfe der göttlichen Liebe täglich und
natürlich ausgesetzt sind. Tod, das Sterben alter Gewohnheiten
und Denkmuster, findet in unserem Leben jeden Tag statt. Im
göttlichen Universum gibt es nur ewiges Leben. Tod und
Wiedergeburt sind EINS. Das eine folgt dem anderen. Das alte
Bewußtsein wird von einem neuen Bewußtsein abgelöst. Das
Alte stirbt, damit das Neue geboren werden kann. Wir legen das
alte Kleid ab, um uns ein neues Kleid umzulegen. Das ist der
von so vielen Menschen gefürchtete Tod, das bin ich."
In der Grabkammer von St. Gerold erhielt ich eine Initiation
mit dem Bruder Tod. Die Wesenheit gab ihre Einwilligung, mit
mir als Heiler und Schamane zusammenzuarbeiten. Für
jemanden in dieser Funktion ist es besonders wichtig zu
erkennen, ob die Seele eines Menschen entschieden hat zu
gehen. Dieser Seelenruf kann nur erkannt werden, wenn man die
Seele befragt und der äußeren Persönlichkeit eines Menschen,
der ja an der Erhaltung des Lebens liegt, keinerlei
Aufmerksamkeit gibt. Es wäre ein zutiefst manipulativer
Eingriff, einen Menschen mit aller Kraft heilen zu wollen,
dessen Seele sich befreien möchte. Man würde dabei gegen die
Seele arbeiten und sich in den Lebensplan eines Menschen
verstricken. Unsere Therapieformen können nicht der wahren
Heilung und Ganzwerdung eines Menschen dienen, wenn sie
nicht von der Existenz der Seele ausgehen. Daraus resultiert viel

-159-
Schmerz und Leid, ja oft ein Verlust der Würde, unter dem viele
Menschen in unseren Krankenanstalten leiden. Nur in der
Zusammenarbeit mit der Seele kann man klar erkennen, was für
einen Menschen in der Übergangsphase zu tun ist.
Ich erhob mich vom feuchten Lehmboden in Gerolds Gruft
und zog mich in die Dunkelheit auf eine Steinbank zurück. Wir
löschten die Kerzen und gingen in die Stille. Mein Herz war
aufgewühlt von der Kraft, die sich in mir einnistete. Oskar und
ich hielten einander an den Händen, um auf diese Weise unsere
Bereitschaft kundzutun, den Weg durch die Erfahrungen mit der
Dunkelheit gemeinsam zu beschreiten. Es war Zeit zu gehen.
Wir besuchten nun die Schwarze Madonna in der
Gnadenkapelle. In einem sehr schlicht gehaltenen Kirchenraum
steht die wunderbar ausdrucksvolle Statue der göttlichen Mutter
Maria. Für mich stellt die Schwarze Madonna die dunkle Göttin
dar, die uns auf die notwend ige Integration des Dunkels in uns
hinweist. Sie steht für die Kraft und Mystik des Mondes und der
inneren Stille und Geborgenheit, aber auch für die dunklen
Aspekte unserer Erde. Das Christuskind auf ihrem linken Arm
trägt sie mit Leichtigkeit und macht uns dadurch bewußt, daß
wir unter der Führung unseres eigenen inneren Kindes in
Schönheit und Kraft auf dem Planeten wachsen können. In der
Rechten trägt die Schwarze Mutter eine Vara, einen
Ermächtigungsstock als Symbol der Vereinigung von göttlicher
und menschlicher Kraft. Ich schrieb die Botschaft der
Schwarzen Mutter Maria bei einer Meditation an einem der
folgenden Tage nieder:
„Beschreite deinen Weg in Bescheidenheit, in Leichtigkeit
und Demut vor meinem Vater und laß Jesus, meinen geliebten
Sohn, aus dir wirken. Laß dein Inneres Kind aus dir sprechen
und handeln und erlaube deinem Herzen, in deine Umgebung zu
strahlen. Dieses Strahlen wird viele Menschen wie dich selbst
zum Leuchten bringen. Erkenne die Wahrheit in dir selbst. Auf
diese Weise folgst du den Spuren deines großen Vorbilds und

-160-
Vaters, Moses. Seine Kraft hast du in der Darstellung des
heiligen Gerold mit dem Bären erfahren. Finde die
Gemeinsamkeiten in den Religionen und Kulturen und verbinde
in dir, was du auf der Erde verbunden haben möchtest. Jeder
Mensch muß zuerst in sich selbst das Bild eines heilen Planeten
gestalten. Diese Vorstellung legt sich dann wie ein Lichtmantel
um die Erde und regt zugleich viele andere Menschen an,
dasselbe zu tun. Dieser Vision folgend könnt ihr auf diesem
schwer gezeichneten Planeten das Paradies erschaffen. Moses
hatte dies einst erkannt, wurde aber von seinen Mitmenschen
nicht verstanden. Nun ist die Zeit reif, daß ihr euch erneut auf
den Weg ins Gelobte Land macht. Wir begleiten euch dahin mit
all unserer Liebe und Freude."
In Dankbarkeit für die Erlebnisse, die mir an diesem
christlichen Ort zuteil geworden waren, formulierte ich ein
Gebet, mit dem ich weitere Erfahrungen im Übergang zwischen
Licht und Dunkel im Schutze der kosmischen Mutter in mein
Leben einlud:

Dankgebet an die kosmische Mutter

Aus Deinem Schoße geboren, hineingelegt in die Wiege der


Mutter Erde spüre ich Dein reines Sein und Wesen. Aus meinem
Herzen spricht meine Seele, die sich im Lichte der Sonne, in den
heiligen sieben Strahlen wahrnimmt. Geliebte kosmische
Mutter!
Begleite mich auf meinem Weg der Erkenntnis.
Laß mich aus Deiner Kraft, Fülle und Schönheit das
wunderbare Geheimnis unseres Planeten Erde erfahren.
In Deinem Schutz trete ich hin zur Schwelle der Dunkelheit,
um dem Bruder und der Schwester des Schattens Respekt und
Wertschätzung zu erweisen und sie um Hilfe und Erkenntnis
zum Ausgleich der göttlichen Kräfte, von Licht und Schatten in

-161-
mir zu bitten.
Öffne in mir die göttliche Quelle des Bewußtseins Christi und
laß mich den Plan meiner Seele erkennen und in Liebe und
Dankbarkeit erfüllen.
Tröste mich in den Stunden der Trauer, wenn die Nebel
meiner Gefühle und Gedanken mein Gewahrsein trüben.
Sei mir Mittlerin zu meiner reinen göttlichen Quelle, die sich
in Deinem Lichte, in Deiner Liebe und Kraft öffnet und mir die
Freiheit der kosmischen Liebe und die Schönheit des Seins
erfahrbar macht.
Ich liebe alles Sein, geborgen und getragen in Deiner Liebe,
wissend, daß Du mir Mutter, Begleiterin und Helferin bist.
In Dir öffnet sich mein Herz, In Dir drücke ich mich mit der
Sprache der Liebe aus.
Den mir zugeführten Menschen darf ich Deine Begleitung,
Deine Liebe und Deinen Schutz zuteil werden lassen.
Dafür sage ich Dank aus der Fülle und Kraft meines Herzens.

Als wir uns von St. Gerold verabschiedeten, war es finstere


Nacht. Tief bewegt von dem, was mir hier begegnet war,
erkannte ich einmal mehr die verborgenen Botschaften in der
christlichen Kultur, die wie Maya von der kosmischen Weisheit
des inneren Ausgleichs von Licht und Dunkel sprechen. Als ich
am folgenden Tag nach Tirol zurückfuhr, hatte ich eine weiße
Totenmaske auf meinem Rücksitz liegen. Oskar hatte sie von
einem Künstler erhalten und meinte, der Weiße Tod wolle mit
mir kommen. Im alpinen Raum versteht man unter dem
„Weißen Tod" den unter einer Lawine. Dennoch war ich bereit,
dem Weißen Tod einen ehrenvollen Platz auf meinem Altar zu
geben. Während der Fahrt spürte ich die kalte Kraft in meinem
Rücken und war sehr gespannt, was sich nun alles aus diesem
einen Tag in St. Gerold ergeben würde. Meine Kinder

-162-
erschraken, als sie ins Haus kamen und die Maske auf dem
Kasten liegen sahen. Ich hatte in der Eile vergessen, dieses
Geschenk gleich an den richtigen Ort zu bringen. Doch auch auf
meinem Altar wollte der Weiße Tod nicht bleiben. So stellte ich
ihn unter den Altartisch und legte ein altes Maya-Kopftuch über
die Maske. Nur zu besonderen Anlässen, meist bei
Gruppenheilungen, lüfte ich ohne Wissen der Anwesenden das
Geheimnis, das unter dem farbigen Tuch verborgen liegt, und
bitte den Tod um seine Unterstützung. Über ihn beginnt der
Sterbeprozeß unserer alten Denk- und Erfahrungsmuster, wie es
Kemé so wunderbar ausgedrückt hatte.
Es war an einem Donnerstag. Wir waren mit einer Gruppe am
Markt in Chichicastenango unterwegs. Die meisten von uns
suchten nach Skulpturen und Reliquien der Maya, die sie nach
Hause mitnehmen wollten. Ich hatte mir vorgenommen, nichts
zu kaufen und den Tag im Trubel des Marktes zu genießen. Als
ich beim Geschäft von Doña Maria, einer Indigenafrau,
vorbeikam, stattete ich ihr einen Besuch ab. Bauern kommen oft
zu ihr, wenn sie auf den Feldern Maya-Gegenstände finden. Oft
kommt es auch vor, daß Maya-Schamanen keine Nachfolger in
ihrem Umfeld gefunden haben. Dann verkaufen
Familienmitglieder ihre Habseligkeiten auf dem Markt. Daher
kann man dort manchmal schamanische Kraftobjekte finden, mit
denen über Generationen hinweg gearbeitet worden ist. Ich lasse
mich gerne von diesen meist sehr lebendigen Kultgegenständen
rufen. Schon zweimal bin ich in einem Restaurant sitzend von
einer solchen Botschaft überrascht worden, aufgestanden und
zielstrebig in einen nahegelegenen Laden gegangen. Einmal
hatte ein wunderschöner Zeremonialstein mit einem Relief, das
ich mit Chak verbinde, auf mein Kommen gewartet. Ein
andermal waren es Teile eines alten, im Gelände zerlegten
Maya-Altars mit Steinfiguren und einem sehr kraftvollen
Steinkreuz. Solche Käufe lassen sich dann auch kaum
verhindern.

-163-
Bereits vor Monaten hatten meine Frau und ich bei Doña
Maria eine etwa 50 cm große Maya-Figur aus schwarzer Jade
entdeckt, sie aber nicht erstanden. Wir hatten weder genügend
Interesse, diese Kostbarkeit zu erstehen, noch das Geld dazu.
Alte Maya-Reliquien sind auch in Guatemala sehr teuer. Nun
bat ich Maria, mir die Figur nochmals zu ze igen. Ich wollte sie
einfach nur in meinen Händen halten und hineinspüren, wen sie
darstellen könnte. Es war anzunehmen, daß es Pascual Abaj war,
der in dieser Region ganz besonders gern von den Maya-
Schamanen in ihre Heilungsarbeit miteinbezogen wird. Man
kann Totenköpfe sogar auf den unterschiedlichsten
Möbelstücken dargestellt finden. Am meisten amüsierte mich
eine Sitzbank, die von drei dieser nicht gerade sehr anmutig
aussehenden farbigen Totenköpfen geziert war. Maria hatte die
schwarze Jadefigur noch nicht verkauft, sondern in einem
Karton versteckt gehalten. Gewisse Reliquien stellte sie nicht
frei zur Schau, derlei Stücke zeigte sie nur besonderen
Interessenten, die gelegentlich bei ihr vorbeikamen. Ich nahm
die Steinfigur in meine Hände und wurde von ihrer Kraft in
meinem tiefsten Inneren berührt. Es war nicht Pascual, der hier
abgebildet war. Deutlich konnte ich die Wesenheit in mir
sprechen hören, die sich als Kemé, als Hüter der Ebenen der
Unterwelt der Maya, vorstellte. Zu Kemé hatte ich bis dahin nur
sehr losen Kontakt gehabt. Don Julian hatte mich allerdings
bereits darauf aufmerksam gemacht, wie kostbar es für mich
wäre, den Tod als Heiler, Behüter und Freund zu erkennen. Er
hatte mir geraten, am Tag KEMÉ Zeremonien in der Stille und
Dunkelheit der Nacht abzuhalten oder eine Höhle aufzusuchen.
An diesem Tag sei es auch möglich, mit den Ahnen im Reiche
der Toten zu kommunizieren. Er hatte die Wesenheit Tod als
Kraft des Neubeginns, der Wiedergeburt, der Harmonie und
Stille beschrieben. Diesen Aspekt des Todes nennen die Maya
Schwester Tod. Aus ihrem Schoß werden wir in einen anderen
Seinszustand neu geboren. Nun fühlte ich Kemé in seiner

-164-
unendlich weichen Kraft. Er ließ mich nicht mehr los. Die
Jadefigur war nach wie vor unerschwinglich für mich, aber ich
hatte wenigstens ein Foto davon gemacht. Inzwischen tauchte
ich wieder in den Trubel des Marktes ein, um meine Wünsche
zu beruhigen. Es war fürwahr nicht der richtige Zeitpunkt, soviel
Geld für einen weiteren Sakralgegenstand auszugeben, da wir
genug andere Belastungen zu tragen hatten. So begann ich mit
Kemé zu sprechen. Er müsse, wenn er wirklich zu mir wolle,
auch die entsprechenden Bedingungen regeln. Er kenne ja meine
finanzielle Lage, zugleich aber auch mein tiefes Verlangen, ihn
bei mir zu haben. Ich wußte, daß diese Figur mich in die
Unterwelt einführen werde. Am Vormittag vor unserer
Heimfahrt ging ich noch einmal zu Maria, nahm Kemé in meine
Hände und fühlte erneut seine weiche, samtige Kraft. Milde und
Güte strahlte diese Figur aus. Diesmal war ich gekommen, um
mich endgültig von der Figur zu trennen. Sie konnte bis zum
nächsten Mal ja bereits an einen anderen Interessenten verkauft
sein. Maria fragte mich, wieviel Geld ich ausgeben könne, und
ich sagte ihr den lächerlichen Betrag von wenigen hunderten
Dollars. „Ich spüre wie du, daß diese Figur einen Altar braucht",
meinte sie und gab mir die Figur zu dem Preis, den ich ihr
vorgeschlagen hatte. Ich hatte nasse Augen vor Freude, ließ mir
meinen Kemé einpacken und transportierte ihn vorsichtig wie
ein Baby in unser Zentrum. An diesem Abend wollte er auf dem
Balkon bleiben, dann hatte ich ihn neben mir im Bett und zu
guter Letzt wollte er unter den mit einem dunklen Tuch
verkleideten Tisch des Maya-Altars in der Pyramide TO-OM-
RA. Kukulcán, die Figur, die auf meinem ersten Buch
abgebildet war, schmückt diesen Altar. Er wollte dieser
Wesenheit in der Dunkelheit eine Basis geben. In tiefer
Dankbarkeit gestaltete ich ein Gebet, das ich Kemé, dem Bruder
Tod widmete:

-165-
Geliebter Bruder und Begleiter!

Im Schatten meiner Vorstellung bist Du gekommen, gekleidet in


Angst und Schrecken, weil ich Dich im Bösen glaubte.
Die Kälte der Trennung ließ mich erschaudern, wenn ich Dich
in der Starre eines Verstorbenen berührte.
Heute kommst Du im Kleide des Lebens, voller Lebendigkeit,
Leichtigkeit und wärmendem Licht.
Ich erkenne Dich in den Freuden des Lebens, in den
Rhythmen der Zeit und des Raumes.
Ich spüre Dich im Pulsschlag meines Herzens, in der Sprache
und Bewegung meines Bewußtseins.
Laß uns gemeinsam durch die Freuden des Lebens gehen.
Hilf mir, mich dem Wandel von Formen und Farben
hinzugeben.
Sei mir Mittler zur Botschaft meiner Seele und führe mich
durch die Tiefen und Höhen des Lebens.
In Dir spiegelt sich die Bewegung des heiligen Kosmos, das
Kommen und Gehen, das Werden und Vergehen.
Ich erkenne Dich als liebenden Begleiter durch Tag und
Nacht, durch Stille und Bewegung.
Ich spüre Dich, geliebter Bruder, und danke Dir für die
Erkenntnis, Dich im Lichte Gottes und der Dunkelheit der Nacht
zu wissen.
Durch Dich erbitte ich Schönheit, Glück, Freude und Fülle.
Laß Gedanken, Gefühle und Vorstellungen, die mich
behindern, in mir sterben.
Führe mich durch die Fülle und Schönheit allen Seins und laß
mich die Stunde erkennen, in der meine Seele sich erneut mit

-166-
dem Ozean der göttlichen Liebe vereinen möchte.
Laß mich dann in Deinen liebenden und wärmenden Händen
ruhen und beschütze mich in der Stille und Geborgenheit Deines
Reiches.
Im Lichte der Erneuerung und Auferstehung rufe ich Dich,
weißer Tod, Wesen des Lichts und der Liebe. Amen.

Kemé, die Jadefigur, führt ein Eigenleben. Er ruft mich, wenn er


wandern will, geht in die Natur, zu Menschen, die er anspricht
und die ihn erkennen. Er führt mich durch Zeremonien in der
Dunkelheit und öffnet mir Tor um Tor in die Ebenen der
Unterwelt. Ich bitte ihn, mir die Ebene des Totenreichs zu
öffnen, wenn es ansteht, in dieses Reich zu gehen und
gebundene Seelen zu befreien, oder wenn Verstorbene um Hilfe
rufen. Kemé macht auch Tata Julian aufmerksam, wenn es für
Menschen Zeit wird zu gehen, wenn Katastrophen oder Unfälle
bevorstehen. Der Maya-Tata weiß bereits Tage zuvor, daß es
wieder zu Erdstößen kommen wird. Sein Heimatort liegt nahe
dem aktiven Vulkan Pacaya. Ein verheerendes Erdbeben im Jahr
1976 zerstörte unzählige Indianerhütten. Der Maya-Schamane
beschrieb die ungeheure Not der Indigenas und meinte: „Ich
konnte das Ausmaß von Tod und Zerstörung einige Tage davor
in meinem Wasserglas erkennen. Es war mir aber nicht möglich,
in den Ablauf dieser Katastrophe einzugreifen. Mir wurde nur
erlaubt, meinen eigenen Bereich zu schützen. Obwohl in meiner
Nachbarschaft alle Lehmhütten in sich zusammengefallen sind,
blieb mein Haus stehen, hatte nicht einmal Mauerrisse. Auch
meine Familie wurde verschont. Je mehr Menschen sich von den
heiligen Wesenheiten der Natur abkoppeln, um so mehr sind den
Launen der Natur ausgesetzt. Gemeinsam hätten wir genug
Kapazität, Unheil im voraus zu erkennen und abzuwenden."
Der Maya ist mit den Kräften „Encanta Mundo", den
Wesenheiten der Naturreiche, wie mit einer Nabelschnur

-167-
verbunden und pflegt diese Verbindung an den Naturaltären.
Pyramiden und Tempelanlagen waren bei den Maya die
Hauptkontaktpunkte mit den Welten des Corazón del Cielo und
des Corazón de la Tierra. Dort zentrierten sich die kosmischen
Kräfte und erleichterten es den Menschen, sich in die
feinstofflichen Ebenen zu erheben oder in die Ebenen der
Unterwelt einzudringen. Diese geistige Verbindung wurde in
Demut und Hingabe des Menschen an die göttlichen Mächte
zelebriert. Zum Ba u der Pyramiden und Tempel wurden
besondere Kraftorte ausgewählt, auf denen die Baulichkeiten
durch die Abstimmung von geometrischen Formen und Maßen
den heiligen Zweck erfüllen konnten. Es gibt an diesen heiligen
Orten Kraftplätze des Lichts und der Dunkelheit, und damit war
für den Ausgleich von Licht und Schatten sowohl auf den
heiligen Arealen als auch im Lebensumfeld derer, die dort
lebten, gesorgt. Erst kürzlich führte mich ein Maya-Anciano zu
einem besonderen Platz in der Pyramidenstadt Tikal. Dort
weihte er mich in die Geheimnisse des Platzes der Sieben
Tempel ein.
Einer dieser Tempel war das Haus des Todes. Wir erstiegen
die bemoosten Stufen, während die Sonne am Horizont
verschwand. Im Übergang von Tag und Nacht durchschauerte
Kälte meinen Körper. Was hatte dieser Tempel wohl für die
Maya bedeutet? Als ich den Anciano Don Salomón fragte, ob
dies seiner Meinung nach eine Aufbahrungsstätte der Maya
gewesen war, verneinte er. Die Maya-Vorfahren hätten an
diesem Ort die heilige Verbindung von Mensch und Tod
gepflegt. Mehr konnte der Anciano auch nicht sagen. Wir
knieten beide im zentralen Raum des Todestempels nieder. Die
sieben Pyramiden standen in einem Kreis um uns angeordnet. Es
war nicht der richtige Zeitpunkt, um in die Energien der
einzelnen Tempel einzudringen. Wir vollzogen ein kurzes Ritual
im Tempel des Todes und verbanden uns mit dem Hüter der
Dunkelheit, Kemé. In der Zeit danach sollte sich diese Kraft

-168-
immer öfter bei mir melden.
In heutiger Zeit wissen nur wenige über die Notwendigkeit
Bescheid, Licht und Schatten in uns, aber auch in unserem
Lebensumfeld zu harmonisieren. Es gibt immer mehr
esoterische Zirkel, die es sich zur Aufgabe machen, das Licht in
uns Menschen zu wecken und bewußt zu machen. Sie vergessen
dabei allerdings, daß wir im Kraftfeld der Polarität eine Seite der
Kraft nicht ohne die andere entwickeln können. Die Dunkelheit
läßt sich auf Dauer nicht verdrängen und schafft sich nur zu oft
in der Zerstörung dieser einseitig orientierten Projekte Raum.
Selbst in vielen unserer Kirchen schuf man wie in St. Gerold
Orte der Dunkelheit. Dazu zählen unterirdische Gänge,
Katakomben und dunkle Kammern ohne besondere Funktion.
Auch Friedhöfe waren nicht nur Stätten des ewigen Friedens der
Toten, sondern auch Symbol für die Unterwelt, für das Reich
der Dunkelheit und des Todes.
Kemé gab uns in einem Ritual, das wir in der Stille der
Dunkelheit hielten, einen wunderbaren Text, der uns zeigt, daß
wir Menschen die Dunkelheit auch als heilsam erkennen
können.
„Genauso wie im Reich des Lichts gibt es auch im Reich der
Dunkelheit verschiedene Ebenen und Schattierungen, vom
hellen Grau bis zum pechschwarzen Dunkel. Diese Ebenen
dienen zur Läuterung und somit zum Wohle des Wachstums der
Menschheit, so wie auch die Ebenen des Lichts mit
Lernprozessen verbunden sind.
Von den meisten Menschen wird der Wert der Dunkelheit
vollkommen verkannt. Es sind aber die Schwächen des
Menschen, die ihn wachsen und stark werden lassen.
Der Baum wendet seine Krone dem Licht zu, doch seine
Wurzeln sind tief in der Dunkelheit der Erde verankert. So nährt
sich der Baum von der Dunkelheit und dem Lichte zugleich. Ein
großer Teil der Menschheit verneint die Dunkelheit. Indem man

-169-
sich von ihr abwendet, verneint man seine Wurzeln, die wie
beim Baum in der Dunkelheit verankert sind. Es gibt auf unserer
Daseinsebene Tag und Nacht, und auch wir Menschen sind mit
dem Licht und mit der Dunkelheit verbunden. Wir leben in der
Welt der Dualität, wo positiv und negativ zusammen den Strom,
die Elektrizität des Lebens ergeben. Schwäche und Stärke
ergänzen sich und sind eins. Sie kennzeichnen den Weg unseres
irdischen Lebens. Ein Mensch ist erst eins mit sich, wenn er
neben seiner Stärke auch seine Schwäche annimmt. Er wird erst
eins mit sich, wenn er in beiden Welten zu leben gelernt hat, wie
der Baum, der stark ist, weil er in beiden Welten verankert ist.
Die Dunkelheit hat auch ihre Schönheit. Weise, Künstler und
Poeten haben sie oft erforscht, beschrieben und besungen. Auch
wir können die Schwingungen der Nacht erforschen und sie mit
uns selbst in Einklang bringen. Die Dunkelheit ist wie das Licht
heilsam und gibt uns auf verschiedenen Ebenen das, was wir zur
Heilung und zum Ganzsein benötigen. Die Stille, die „Heilige
Nacht" kann, wenn sie von uns angenommen wird, wie das
Licht Wunder wirken und Berge versetzen. Sich der Nacht zu
öffnen, bedeutet, sich unserer Ganzheit zu öffnen. Die Nacht ist
genauso die Verkörperung der göttlichen Liebe wie das Licht
des Tages. Laßt uns offen sein für die Schönheit und
Geborgenheit der Nacht. Laßt uns durch die innere Nacht stark
werden, denn sie ist ein wertvoller Lehrer für uns alle. Sie ist
unser aller liebevoller Begleiter. Die Wesenheiten der
Dunkelheit sind auch EINS mit der göttlichen Schöpfung und
brauchen nicht bekämpft zu werden. Nur durch das Akzeptieren
unserer inneren Dunkelheit können wir die Verletzungen heilen,
die wir uns selbst zugefügt haben.

-170-
Schatz der Welt - Tesoro mundo

Ich sehe einen Ort in der freien Natur. Es scheint eine Höhle zu
sein. Neben der Höhle sehe ich einen toten Mann liegen. Er
wurde an diesem Platz von jemandem ermordet, den ich aber
nicht sehen kann. In der Höhle kann ich einen Stein erkennen.
Diesen Stein sollte niemand berühren, weil er viel Unheil
anrichten kann. An diesem Ort sehe ich dich, Norbert. Du
wurdest vo n deinen geistigen Begleitern gerufen und stehst
neben einer Indianerfrau. Diese Frau hat dich dorthin geführt.
Sie weiß aber nicht, warum du da bist. Du sollst dort eine
Aufgabe erfüllen. Du mußt diesen negativen Stein nehmen und
eingraben, damit ihn niemand mehr berühren kann. Die Seele
des Ermordeten ist dort gebunden und ruft nach Hilfe. Du stehst
im Schutze eines weißen Bruders, der diese Höhle ständig
bewacht. Es ist ein weiser, alter Mann mit einem weißen
Umhang. Es ist eine Wesenheit aus der anderen Welt. Dieser
Weise wird dir Anweisungen geben. Ich sehe dort aber auch
einen alten Indianer. Es ist ein Tata, ein Schamane, der dich
kennt. Ich kann es an seinem Blick erkennen. Er möchte dir
etwas sagen. Du kannst ihn aber nicht hören. Vögel fliegen mit
Geschrei über den Platz. Sie sind es, die dir mitteilen werden,
daß du am richtigen Ort bist. Der Ort heißt San Jórge im Quiché.
Dieser Platz ruft dich, Norbert, suche ihn. Du wirst dort ein
kostbares Geschenk erhalten."

Doris war inmitten einer Zeremonie, um die sie mich gebeten


hatte. Ihre Augen weit geöffnet, schien sie diese Geschichte wie
in einem Film in allen Details zu sehen. Die etwa 55-jährige
Frau ist Angestellte einer staatlichen Schule in Guatemala City.
Ihr bescheidenes Gehalt reichte nicht mehr, um das Chaos in
ihrem Leben ordnen zu können. Ihre Tochter war psychisch

-171-
krank. In der Familie ging alles drunter und drüber. Und nun
war auch noch das Dach ihres Hauses undicht geworden. Nach
ihren Aussagen sollte sie von einem Schwarzmagier zerstört
werden, den eine Verwandte auf sie angesetzt hatte. Alle
Anzeichen wiesen darauf hin, daß sie recht hatte. Ich konnte in
ihrem Energiefeld die Stelle ausmachen, über die Doris
bearbeitet wurde. Die Schwachstellen eines Menschen lassen
sich leicht ausfindig machen. Der Schwarzmagier findet auch
über Distanz und ohne die Person zu kennen diese offenen
Bereiche in der menschlichen Aura. Wir selbst sind es, die durch
unsere Haltung, durch unsere negativen Emotionen, Gedanken
und Gefühle diese Schwachstellen schaffen.
Doña Doris lag auf einer Matte in unserem Heilungsraum.
Nun setzte sie sich auf, nahm ein Blatt Papier und zeichnete mir
die wichtigsten Gegebenheiten und Details ihrer Vision auf.
Entsprangen die Aussagen ihrer lebhaften Phantasie? Ich
zweifelte an der Glaubwürdigkeit dieser Frau. Warum sollte
ausgerechnet ich an einen Ort gerufen werden, der durch einen
Mord energetisch verschmutzt worden war? Doris bedankte sich
für die Hilfe und meinte, sie wolle wiederkommen, weil sie
noch andere Informationen für mich bekommen werde. Sie
wolle mir auch noch die Geschichte ihres Großvaters erzählen,
den man in der Gegend von Coban, Alta Verapaz, als „Mago
Blanco" bezeichnet hatte. Sie habe ihn leider nie kennengelernt,
weil er eines gewaltsamen Todes gestorben sei. „Mein
Großvater muß ein mächtiger und großer Heiler gewesen sein.
Man spricht heute noch von ihm. Er stammte ursprünglich
väterlicherseits aus Holland. Seine Mutter war eine Indianerin.
Er überragte die Indigenas, die um Heilung zu ihm kamen, um
eine halbe Körperlänge. Eines Tages wurde er ermordet in
einem Bachbett aufgefunden. Man wollte über diesen Mord
nicht sprechen. Daher haben wir nie erfahren, was wirklich
geschehen war. Ich habe nur gehört, daß er knapp vor seinem
Tod zu einem Mann gesagt habe, daß er über seinen letzten

-172-
Enkel wiederkommen wolle. Wir haben oft in unserer Familie
darüber gesprochen. Wir waren eine streng katholische Familie,
und die Vorstellung, daß mein Großvater wieder zurückkommen
werde, war für uns befremdlich. Ich denke da inzwischen
anders. Wir alle haben aber trotzdem auf den letzten Enkel
gewartet. Ich war die Letzte, ein Mädchen, und so sollte sich
offenbar seine Voraussage nicht bewahrheiten.
Ich leide unter der Gabe, Geschehnisse, die auf mich oder
andere zukommen, bereits im voraus wahrnehmen zu können.
Ich öffne meine Augen und sehe Szenen, die meist auch so, wie
ich sie sehe, eintreffen. Oft begegne ich einem gesunden
Menschen und weiß zur gleichen Zeit, daß er bald sterben wird.
Auch Katastrophen sehe ich auf uns zukommen. Solche
Informationen belasten mich schwer. Ich kann es niemandem
erzählen, weil mich alle für verrückt erklären würden. Auch
deine Geschichte habe ich so gesehen. Du kannst dich darauf
verlassen, daß alles so kommen wird, wie ich es dir gesagt habe.
Ich sehe meinen Großvater oft im Traum. Er möchte zu mir
sprechen. Ich kann ihn aber nicht verstehen. Er steht immer nur
stumm da, blickt mich liebevoll an und geht dann wieder." Als
Doña Doris von ihm erzählte, spürte ich sofort seine
Anwesenheit im Raum. Sie blickte in meinen Wasserkelch auf
dem Altar und begann von neuem zu sprechen: „Ich sehe sein
Gesicht, er möchte mir etwas sagen." Ich hatte das Gefühl, daß
er durch mich sprechen wollte. So stimmte ich mich auf ihn ein
und begann auszusprechen, was mir via Intuition gesagt wurde.
„Ich freue mich, liebe Doris, heute mit dir sprechen zu können.
Ich bin gekommen, weil ich dir meine Kraft und mein
Bewußtsein übertragen möchte. Du bist diejenige, die als letzte
Enkelin meine Voraussage erfüllen soll. Nimm deine Aufgabe
als Heilerin wahr. Es stehen dir viele Helfer aus der geistigen
Welt zur Seite. Ich möchte Norbert auch darum bitten, daß er ein
Ritual für mich macht, um die Erfahrung meines Lebensendes
auszugleichen. Es ist sehr schwer, mich von dem Platz, an dem

-173-
ich gewaltsam zu Tode gekommen bin, zu lösen. Ihr beide könnt
dies aber mit Leichtigkeit tun. Ich werde euch mit viel Liebe
und Dankbarkeit begleiten. Nun möchte ich mich zurückziehen,
ich segne euch mit der Liebe und Kraft unseres göttlichen
Vaters." Doña Doris weinte und umarmte mich. Sie hatte
erfahren, daß sie diejenige sein sollte, die die Kraft und das
Bewußtsein ihres Großvaters weitertragen durfte. Wir
verabschiedeten uns voneinander.
Ich besorgte mir in den kommenden Tagen eine Landkarte
und suchte die Ortschaft San Jórge Quiché, konnte allerdings
nur das mir bereits bekannte San Jórge am Atitlánsee finden. So
bat ich eine Bekannte, die Hubschrauberpilotin war, mir eine
Helikopterkarte zu besorgen, auf der alle kleinen Weiler der
Region eingezeichnet waren. Es gab im Quiché kein San Jórge,
und somit verlor sich nach und nach mein Interesse, nach
diesem Ort zu suchen. Monate später, ich war nach einem
Österreichaufenthalt erst einige Tage in Guatemala, rief mich
Doña Doris am Handy an. Sie hätte gehört, daß ich wieder im
Land sei, und bat mich inständig, ihre Botschaft nicht zu
vergessen. Ich würde, wie in ihrer Vision beschrieben, dorthin
geführt werden. Es sei ein Ort in der Nähe von
Chichicastenango.
Meine damals zehnjährige Tochter Sarah saß voll Stolz neben
mir auf dem Beifahrersitz. Sie wußte von der Geschichte und
war gespannt auf alles, was sich am heutigen Tag ereignen
würde. Als ich ihr am Vortag mitteilte, daß sie allein mit mir
dorthin fahren dürfe, fiel sie mir vor Freude um den Hals. Sie
hütete die Naturaltäre unseres Zentrums und vergnügte sich
damit, mit den Wesenheiten der Bäume zu sprechen. Dafür
wollte ich sie belohnen. Ich hatte in diesen Tagen einen Gast im
Zentrum, der wie Doña Doris angegeben hatte, von einem
Schwarzmagier attackiert wurde. Wenngleich ich sehr ungern in
den Kampf mit den Wesenheiten der Dunkelheit ging, sollte es
mir nicht erspart bleiben, auch solche Erfahrungen zu machen.

-174-
Zu dieser Zeit glaubte ich noch, wie es meiner christlichen
Erziehung entsprach, in einer Art Ringkampf gegen die dunkle
Welt antreten zu müssen. Der Teufel mußte besiegt und die
zerstörerischen Kräfte vertrieben werden, hieß es in den
Geschichten der Heiligen und der Erzengel. Auch in Filmen und
Büchern wurde es als die wichtigste Aufgabe des Lichtträgers
Mensch beschrieben, sich zu wehren, der Versuchung zu
entsagen und notfalls nach Priestern zu suchen, die es mit dem
Teufel aufnehmen wollten und konnten. Wachsam mußte der
Gläubige sein, um sich nicht in den Verderben bringenden
Krallen des Satans zu verfangen. Ich hatte gehört, daß einem der
Satan selbst auf offener Straße in die Aura springen könne. Man
konnte gegenüber den Attacken des Bösen gar nicht vorsichtig
genug sein. Diese Vorstellung trug ich noch als Erwachsener in
mir.
In Gua temala begegneten mir zahlreiche Menschen, die
schwarzmagisch verfolgt wurden. Das Bild, das ich vom Bösen
hatte, wurde so bestätigt. Die betroffenen Personen schienen
dem Geschehen hilflos ausgeliefert zu sein, wenn sie nicht
Kontakt zu einem Weißmagier hatten, der sie wieder von den
Dämonen befreien konnte. Das schien unabhängig davon, ob die
Betroffenen an Magie glaubten oder nicht, zu funktionieren. Der
zerstörerische Einfluß zog sich bei manchen durch alle
Lebensbereiche. Es gab Trennung in der Familie, am
Arbeitsplatz, Geschäfte brachen ein, Unfälle und Krankheiten
traten auf, bis schließlich die vollkommene Verarmung und bei
manchen sogar der Tod dem Treiben ein Ende setzte.
Gelegentlich riefen mich sogar Maya-Priester an, die sich von
anderen verfolgt fühlten. Sie verdächtigten einander
wechselweise, gegeneinander zu arbeiten. So bot sich mir in
Guatemala ein Bild des Grauens, mit dem ich lange nicht
umgehen konnte. Tata Julian hatte seine eigene Art, darauf zu
reagieren, die sich streng nach alten Traditionen richtete, die ich
aber nicht nachvollziehen konnte.

-175-
Einen Schlüssel dazu erhielt ich überraschenderweise durch
meine Tochter. Sie erzählte mir eines Morgens einen
merkwürdigen Traum. Wir hatten in Antigua übernachtet. Meine
Frau und ich hatten in dieser Nacht sehr unruhig geschlafen und
von dunkeln Gästen geträumt, die sich im Zimmer aufgehalten
hatten. Ich war sogar mitten in der Nacht aufgestanden und hatte
das Zimmer mit Duftessenzen gereinigt. Als meine Tochter in
der Früh zu uns kam, erzählte sie, daß eine Horde von Dämonen
um sie gewesen sei und sie entführen wollte. Sie habe dabei
ziemlich viel Angst gehabt. In diesem Moment sei ihr
eingefallen, daß sie einen großen Helfer und Beschützer in der
Natur habe. Der mächtige Baum „Encino Negro", die
Schwarzeiche, habe sich bei ihr gemeldet und ihr angeboten,
jederzeit zu Hilfe zu kommen, wenn sie ihn rufe. Also habe sie
ihren Lieblingsbaum in dieser Nacht in ihr Zimmer eingeladen,
der die dunklen Wesen prompt vertrieben habe. Sarah war sehr
stolz darauf, daß sie es selbst geschafft hatte, sich von dieser
Bedrohung zu befreien. Sie hatte sich dabei der Kräfte der Natur
bedient. Wenn es Sarah möglich war, sich mit Hilfe eines
geliebten Baumes zu schützen, boten sich doch auch mir eine
Fülle von Helfern an. Ich dachte an die Kräfte der Maya-Altäre,
an Heilpflanzen, Bäume, an Blumen und ganz im besonderen an
Krafttiere, die mir nahestanden. Der Schwarze Jaguar schien mir
die dem Dämonischen adäquate Schutzkraft zu sein.
Sarah berichtete nach diesem Erlebnis des öfteren, daß auch
sie mit der Natur sprechen könne. Sie kannte die Geschichte des
heiligen Franz von Assisi, und daher gab ich ihr den Rat, mit
ihm in Verbindung zu treten, wenn sie auch mit den Tieren
sprechen wolle. Bei Maya gibt es wie im Christentum Mittler in
die geistige Welt. Man muß sich nicht alles selbst erarbeiten. Es
bedarf nur der Verbindung zu einem Menschen oder Heiligen in
der Anderwelt, dessen besondere Fähigkeiten ich mir wünsche.
Man nimmt einfach Kontakt zu diesen Meistern auf und bittet
sie, einem Zugang zu ihrer gelebten und integrierten Weisheit zu

-176-
gewähren. Allein dadurch macht man in der Anderwelt auf sich
aufmerksam. Wenn man sich respektvoll verhält und die Absicht
rein ist, wird sich der Mittler dieser Person annehmen und sie
mit seinem Bewußtsein und seiner Weisheit nach und nach
vertraut machen.
Sarah und ich fuhren also an einem wunderschönen Morgen
in die Region Quiché. Sarah fragte unentwegt, ob sie Angst
haben müsse. Die Geschichte mit diesem negativen Stein
beunruhigte sie sehr. Ich meinte nur, sie solle mir vertrauen. Wir
beide könnten das Problem sicher lösen. Ich nahm aber an, daß
wir uns nur einen gemeinsamen freien Tag genehmigen wollten,
und rechnete mit keinerlei Überraschungen. Als wir in die Nähe
von Chichicastenango kamen, blieben wir immer wieder stehen,
um die Indigenabauern zu befragen, die gerade die
frischgeernteten Äpfel zu einem Sammelplatz trugen. Niemand
schien diesen Ort zu kennen. Alle teilten mir mit, nur ein San
Jórge am Atitlánsee zu kennen. Doña Doris hatte mir aber
ausdrücklich gesagt, sie hätte in ihrer Vision keinen See in der
Nähe gesehen. Am besagten Ort würden Kiefern wachsen. In
der Nähe würde auch ein Bach vorbeifließen. So fuhren wir also
weiter, und ich war einigermaßen beunruhigt, weil vom Getriebe
meines Autos immer deutlicher ein unangenehmes Geräusch zu
hören war. Kurz vor der Ortschaft Chichicastenango blieb ich
noch einmal stehen, um einen Mann zu befragen, der gerade am
Straßenrand auf einen Bus wartete. Er meinte, daß er alle
Ortschaften und Weiler dieser Region genau kenne und sicher
sei, daß es im Quiché kein San Jórge gäbe. Ich hinterfragte
wieder einmal meine Gutgläubigkeit und meinte zu Sarah, daß
wir uns heute besser einen gemütlichen Tag in Chichi machen
sollten. Ich entschloß mich, einen Mechaniker aufzusuchen, um
nachprüfen zu lassen, was an meinem Auto unüberhörbar kaputt
geworden war. Wir nahmen den Indianerbauern gleich mit. Er
wollte uns eine Mechanikerwerkstatt zeigen. Ein sehr
selbstsicherer Mechaniker legte sich unter mein Auto und

-177-
meinte, das Kreuzgelenk an der Kurbelwelle sei ausgeschlagen.
So ließ ich mein Auto gleich stehen, obwohl ich kaum zu hoffen
wagte, in dieser Kleinstadt, 150 km von der Hauptstadt
Guatemala City entfernt, den notwendigen Ersatzteil erhalten zu
können. Wir sollten in zwei Stunden wiederkommen, meinte der
Mechaniker. Sarah und ich gingen also auf den Markt,
besuchten die Kirche und trösteten uns mit gegrillten
Maiskolben, die eine Indianerfrau vor der Kirche anbot. Ich
verdrängte die ganze Geschichte und genierte mich regelrecht
vor meiner Tochter. Wie konnte man nur so einfältig sein und an
die Erfüllung einer solchen Geschichte glauben! Wir gingen
zum Antiquitätenladen Doña Marias und berichteten von unserer
vergeblichen Suche nach einer Ortschaft oder einem Platze
namens San Jórge. Sie bestätigte, daß es in der Nähe von Chichi
keinen Ort dieses Namens gäbe. In diesem Moment ging eine
junge Indigenafrau vor dem Laden vorbei. Doña Maria rief ihr
in der mir unverständlichen Indianersprache Quiché aus dem
Laden nach, ob sie ein San Jórge kenne. Sie kam zurück und
antwortete zuerst wie alle anderen Befragten mit einem „Nein".
Dann aber schien sie nachzudenken und sagte: „Talvez si"
(Vielleicht doch). Ich stand wie angewurzelt da. Auch meine
von den Antiquitäten gelangweilte Tochter spitzte die Ohren.
Die Indianerfrau erklärte Doña Maria den Weg. Ich konnte
nichts davon verstehen und wartete gespannt darauf, was mir
Doña Maria nun übersetzen würde. Sie meinte nur, daß ein
Maya-Altar in der Nähe im Volksmund als San Jórge bezeichnet
würde, und wollte uns gleich hinführen. Ich hatte ja kein Auto.
Sarah war bereits hungrig, daher vereinbarten wir, uns in einer
Stunde wiederzusehen. Doña Maria wollte ihren Sohn suchen,
der uns mit dem Auto dorthin bringen werde. Die Indianerfrau
hatte mich gebeten, an diesem Altar für sie eine
Heilungszeremonie zu machen. Sarah saß aufgeregt im
Restaurant und ließ sich von einem alten, hinkenden Kellner ein
Sandwich bringen. An den Wänden hingen Bilder des bekannten

-178-
Maya-Altars Pascual Abaj, der hoch über der Ortschaft
Chichicastenago auf einem Hügel liegt. Pascual wird als Hüter
des Totenreichs bezeichnet. Auf vielen unterschiedlichen
Darstellungen in Ton und Stein wird er als Totenkopf oder als
alter Weiser mit gesenktem Kopf und über dem Herzen
gekreuzten Armen dargestellt. Die Maya-Priesterschaft hält an
diesem Ort Zeremonien zur Befreiung von schmerzvollen
Erfahrungen, von Sucht und Leid ab. Pascual Abaj ist der
Schlichter von bösen Auseinandersetzungen und Streitigkeiten.
An diesem Altar werden aber auch die Vorfahren um Rat und
Hilfe gebeten. Pascual gibt die Erlaubnis, ins Totenreich
einzutreten, oder hält die Türe geschlossen, wenn es nicht im
Sinne eines Verstorbenen ist, gerufen zu werden.
Sarah war sehr gespannt darauf, was nun alles geschehen
werde. Sie verschlang ihr Sandwich und drängte mich, endlich
weiterzumachen. Doña Maria sperrte ihren Laden zu, und wir
fuhren zusammen zum Altar San Jórge, der im Quiché bei den
wenigen in der Maya-Tradition lebenden Indigenas als „Tesoro
Mundo" (Schatz der Welt) bekannt war. Das erste Bild von
Doña Doris' Vision schien sich bereits zu erfüllen: Eine
Indianerfrau führte mich zum besagten Ort. Bereits nach
wenigen Gehminuten kamen wir zu einem Hügel, der mit
Kiefern bewachsen war. Der Altar war ein Felsblock mit
verschiedenen rußgeschwärzten Höhlen, von denen manche
gerade so groß waren, daß zwei Menschen darin Platz fanden. In
den verschiedenen Höhlen rauchten noch die Reste der
Ritualfeuer, die an diesem Tag bereits verloschen waren. Es
roch nach verbranntem Kopal und nach Weihrauch, den die
Priester zum Abschluß einer Zeremonie meist in die Glut
streuen. Die Haupthöhle in diesem Felsen erinnert wirklich an
die Höhle von San Jórge am Atitlánsee. Das war also der Grund,
warum ein paar Leute den Platz als Altar San Jórge
bezeichneten. Als wir den beeindruckend mystischen Platz
bestaunten, flog eine Gruppe von Loros, grünen Papageien,

-179-
schreiend und krächzend über den Altar. Dieses von Doña Doris
vorausgesagte Zeichen war unüberseh- und unüberhörbar. Ich
war also am richtigen Ort. Ich wollte Doña Maria nichts von der
Geschichte erzählen und suchte nach der Stelle, wo angeblich
ein Mann ermordet worden war. Sarah erkundete neugierig
alles, was es an diesem geheimnisvollen Ort zu erkunden gab.
Sie stieg über eine aus Ästen zusammengenagelte Leiter in die
weiter oben befindlichen kleinen Höhlen. In die Haupthöhle zu
gehen, hatte ich ihr verboten, weil ich mir Sorgen machte, daß
sie durch den besagten schwarzmagischen Stein zu Schaden
kommen könnte.
Ich setzte mich auf einen Stein und bat Doña Maria um etwas
Geduld, denn ich wollte mich mit der Wesenheit des Altars
verbinden und um Führung bitten. Sie kannte die
Gepflogenheiten der Maya-Priester und zog sich währenddessen
in den Wald zurück. In einem inneren Dialog mit dem Altar
begrüßte ich die Wesenheiten des Platzes und erklärte ihnen,
warum ich hergekommen war. Ich war es bereits gewohnt, einen
Maya-Altar wie einem Menschen zu begegnen, den ich gesucht
und mit Freude gefunden hatte. Ein Naturaltar ist für mich ein
weiser, von unzähligen Menschen in Ritualen gesalbter Herr
oder auch eine weise Frau, die die Geheimnisse der
Vergangenheit und der geistigen Welt hütet. In der Maya-
Tradition wird die Kraft eines Altars als männlich oder weiblich,
manchmal auch beides zusammen betrachtet. Ich sprach mit
dem Wächter des Ortes. Er durfte nicht übergangen werden. Auf
Knien bat ich ihn um Einlaß, um Schutz und Führung und
wartete auf die Antwort, die ich über meine innere Stimme
erhalten würde. Es dauerte eine Weile, bis ich diese Stimme
vernahm. Ich wurde herzlich willkommen geheißen, sollte aber
noch einige Zeit in der Stille verweilen. Meine gespannte
Erwartung würde sonst meine Arbeit behindern. Mit meinem
Herzen sei ich noch nicht angekommen. Ich schloß die Augen
und begann in der Vorstellung, mein Energiefeld auszuweiten,

-180-
um so nach und nach die Kraft dieses heiligen Maya-Ortes in
mich aufzunehmen. Ich fühlte die Unruhe in mir, mein
Solarplexus verkrampfte sich. Schritt um Schritt tastete ich mich
in die moosbewachsene Umgebung des Altars vor. Eine Menge
Unrat lag um den Altar. Maya-Priester sind nicht gewohnt, den
Abfall nach Zeremonien und gemeinsamen Mahlzeiten
mitzunehmen und zu entsorgen. Und so bleiben das
Zeitungspapier und die Plastiksäcke, in die Kerzen,
Räucherwerk und Duftessenzen eingepackt waren, einfach
liegen. Es fiel mir schwer, meine Mißstimmung zu
unterdrücken, ich war aggressiv und konnte mich schwer
beruhigen. Irgend etwas in mir drängte zu gehen. Doch ich
besann mich auf die Aufgabe, die ich hier erledigen sollte, und
suchte weiter nach dem Ort, an dem der Mann ermordet worden
war. An einem unscheinbaren Platz hinter einem Baum spürte
ich in meinen Händen ein Kribbeln. Meine innere Stimme
bestätigte die Reaktion meines Körpers. Also blieb ich stehen
und überlegte, was nun zu tun sei. Noch nie zuvor hatte ich
versucht, einen Mordfall energetisch aufzulösen. Wieder einmal,
wie schon so oft im Kraftfeld Maya, war ich auf die Botschaften
des Moments angewiesen. Ich griff in meine Umhängetasche
und holte die Duftessenz Agua Florida heraus. Schamanen
reinigen mit dieser Essenz ihre Ritualorte, bevor sie die
Zeremonialgegenstände auspacken und Kerzen und
Räucherwerk in das Maya-Kreuz legen. Ich hatte Wasser des
Lago Atitlán bei mir, das ich mit der Bitte um Reinigung an
dieser Stelle ausgoß. Dabei bat ich Santiago um Hilfe für den
Mann, der hier verstorben war. Nun nahm ich schwarze und
violette Kerzen, steckte sie im Kreis in den Erdboden, zündete
sie an und begann, die Wesenheiten der Maya anzurufen. Ich
spürte es um mich herum lebendig werden. Die Präsenz des
Ermordeten war als kühler Schatten spürbar, der sich von hinten
auf meine Schultern legte. Ich hielt meine Hand über den
Kerzenkreis und verband mich mit dem violetten Strahl und den

-181-
damit verbundenen Meistern der Weißen Bruderschaft, des
Consejo Invisible Maya. Ausdrücklich lud ich Saint Germain
und Meister Kryon, den Herrn der drei Strahlen der Maya,
Kukulcán, und die Maya-Mutter Ixmucané ein, die mit ihrer
mütterlichen Kraft und Fürsorge die gebundene Seele in das
Licht führen sollte. Dabei konnte ich eine Veränderung in
meinem Inneren spüren. Bedrängnis und Nervosität in meinem
Solarplexus begannen sich zu lösen und machten einem Gefühl
der Ruhe und Zufriedenheit Platz.
Ich kehrte zu der großen Ritualhöhle zurück und bat meine
Tochter, während ich den dunklen Ritualstein suchte, in der
Nähe ein Loch für diesen Stein zu graben. Ich wurde in das
Innere der Höhle geführt und steuerte direkt auf einen Stein zu,
der zwischen abgebrannten Kerzen und vertrockneten Blumen
lag. Ich bat um Erlaubnis, ihn anfassen zu dürfen, rief die
kosmischen Wesen des Corazón del Cielo und des Corazón de la
Tierra und hob den Stein auf. Meine Hand, ja mein ganzer
Unterarm begann zu schmerzen. Ich ging zu Sarah, die das
Erdloch bereits vorbereitet hatte, und legte den Stein hinein. Sie
bedeckte den Stein mit Erde, während ich Doña Maria half, das
von ihr mitgebrachte Zeremonienmaterial auszupacken. Bei den
Maya ist es üblich, daß die Hilfesuchenden Kerzen und
Räucherwerk selbst mitbringen. Da dieses Ritual für ihre
Heilung gestaltet werden sollte, hatte sie in erster Linie
Candelas de Cebo, Kerzen aus Schweinefett mitgenommen. In
der Maya-Tradition werden diese Kerzen für die energetische
Reinigung von Orten, aber auch von Menschen verwendet. Ich
legte für Doña Maria die Kerzen und das Räucherwerk in das
Maya-Kreuz. In diesem Moment kam eine alte Indianerfrau mit
einem etwa fünfzehnjährigen Mädchen. Die Curandera lächelte
mich an und gab mir die Hand. Ich begann mit der
Heilungszeremonie, während die Maya-Priesterin Kerzen und
Kopal aus ihrer Tasche nahm und dem Mädchen über den
ganzen Körper strich. Sarah fragte noch, ob diese Frau der Tata

-182-
wäre, von dem Doña Doris gesprochen hatte. Nun, ich erwartete
einen Mann und ging davon aus, daß sich dieser Teil der
Prophezeiung nicht mehr erfüllen werde. Als wir mit der
Zeremonie fertig waren, zündeten wir in allen kleinen Höhlen
Kerzen an, um die Kraft und Wesenheit dieses heiligen Maya-
Altars zu ehren. Der weiße Bruder, von dem Doris gesprochen
hatte, war ja im Unsichtbaren und so mußte er auch nicht
gesucht oder erwartet werden. Ich nahm wohl an, daß er bei der
Zeremonie anwesend gewesen war. So kniete ich vor dem Altar
nieder, bedankte mich und wollte mich zurückzuziehen. Noch
einmal ging ich in die große Höhle zurück, weil mir eingefallen
war, daß ich einen weiteren Stein mit negativer Energie
übersehen hatte. So bückte ich mich, nahm den Stein auf und
schleuderte ihn über den Abhang in die Schlucht, in der sich ein
Bach seinen Weg durch die wildbewachsene Natur bahnte. Im
selben Moment erkannte ich, daß ich voreilig und hochmütig
gehandelt hatte, aber es war schon zu spät für Reue. So bedankte
ich mich für die Führung des unsichtbaren weißen Bruders. Wir
grüßten die alte Indianerfrau, die vom heiligen Quichéfeuer
aufschaute, um uns allen zum Abschied freundlich zuzulächeln.
Es schien sie nicht gestört zu haben, daß ich diesen Stein aus der
Höhle warf.
Wir fuhren wieder in die Kleinstadt Chichicastenago zurück.
Doña Maria bedankte sich herzlich für die Zeremonie und bat
mich zum Abschied, niemandem davon zu erzählen, denn das
könnte unter Umständen gefährlich für sie sein. Ich konnte diese
Bitte nicht verstehen und ging mit Sarah in die nahegelegene
Kirche, um für die wundersame Führung zu diesem Kraftort der
Maya Dank zu sagen. In der Kirche kam ein etwa 60jähriger
Mann auf mich zu und stellte sich als Don Tomás vor. Er sei ein
Heiler und Maya-Priester, meinte er und fragte mich nach
meiner Herkunft. Wir unterhielten uns in der Kirche, während er
eine Zeremonie im Mittelgang der Kirche vorbereitete. Ich
fragte ihn, ob er einen Anciano kenne, der als Tata der Höhle

-183-
Tesoro Mundo bekannt sei. Er schaute mich an und stand auf.
„Der Tata, den du meinst, ist bereits vor Jahren verstorben. Er
ist und war mein Lehrmeister namens Sebastian Poncoj." Ich
drückte Sarahs Hand. Sebastian war der Maya-Schamane, der
unser Grundstück vor Jahren eingeweiht und uns mit seinen
Voraussagen die Basis für das Zentrum geschaffen hatte. Es war
also Tata Sebastian, der mir über Doña Doris den Auftrag gegen
hatte, seinen Lieblingsaltar, wie ihn sein Schüler Don Tomás
bezeichnete, zu reinigen.
Don Tomás führte uns beide zu seinem Haus und erzählte
stolz, daß er Chef der Cofradia des Heiligen Josef sei. Die
römisch-katholische Kirche hatte in den Indigenagemeinden
einen Kompromiß schließen und die von den Einwohnern
gewählten Cofradias anerkennen müssen. Die Cofradias
bestehen aus einem Weisenrat der Ancianas und Ancianos.
Viele dieser Weisen vertreten Maya und Christentum und
verbinden mit ihren Zeremonien und Ritualen beide Kulturen.
Als die Spanier Zentralamerika eroberten und missionierten,
bekam jedes Dorf einen christlichen Schutzheiligen zugeteilt.
Manchmal durfte aber auch noch der traditionelle Dorfname
beibehalten werden. So kam es zu den heute gebräuchlichen
Doppelnamen wie San Andres Xecul oder San Antonio Palopo.
Der Schutzheilige einer Gemeinde sollte vom Altar der
katholischen Kirche aus wirken, und sein Namenstag sollte zum
größten Festtag der Gemeinde werden, an dem
Kirchenprozessionen, Musik und Tänze aufgeführt werden. Die
Cofradia übernimmt innerhalb der Kirche bei den Festtagen
ganz bestimmte Funktionen. In vielen Indigenadörfern bleibt
dem katholischen Priester außer der Messe, Taufe und sonstiger
kirchlicher Zeremoniale nichts zu tun. Die Cofradia hütet die
Kirche und hält sie sauber. Die Ehefrauen der Mitglieder
schmücken die Altäre und kleiden die Heiligen ein, meist in
Indianertracht. So erhielt ich die Ehre, in den mit Kerze n
geschmückten Raum seiner Indigenahütte zu treten, wo eine

-184-
große Statue des heiligen Josef in einer Vitrine stand. Diese
Statue war aus der Kirche in das Privathaus des Capitáns, des
Anführers der Cofradia, gebracht worden, und es war für
jedermann eine Ehre, in diesen Raum Einlaß zu finden und die
Glastür zu öffnen, um San Jose ein paar Geldscheine für die
Cofradia in seinen Umhang zu stecken. Die Männer zogen sich
dezent zurück, als ich mich vor dem heiligen Josef niederkniete,
um für ein paar Minuten in mich zu gehen. Sankt Josefs Kraft
und Weisheit werden meistens nicht hoch genug geschätzt. Bis
zum heutigen Tage wird er auf seine Rolle als Zimmermann und
Ziehvater Jesu Christi reduziert. Ich freute mich wie ein kleines
Kind über alles, was sich an diesem Tag ergeben hatte. Eine
Geschichte, die mir vor Monaten angekündigt worden war, hatte
sich in allen Details manifestiert. Wir vereinbarten, miteinander
in Kontakt zu bleiben, und verabschiedeten uns von Don Tomás.
Ich wollte nach meinem Auto sehen. Es stand uns ja noch die
Heimreise bevor, und ich wollte mit Sarah nicht in die
Dunkelheit geraten.
Der Mechaniker erzählte mir erfreut, daß er
überraschenderweise den für die Reparatur notwendigen
Ersatzteil gefunden hatte.
Über den Maisfeldern zogen Nebel auf. Die dunklen
Wolkentürme am Horizont leuchteten im Schein der sinkenden
Sonne in einer Vielfalt von Gelb- und Rottönen auf, als wir
beide zusammen den Heimweg nach Sololá antraten. Sarah war
begeistert und konnte es kaum noch erwarten, die Geschichte
ihrer Mutter zu erzählen. Am Abend setzte ich mich an meinen
Altar in der Pyramide unseres Zentrums, um mich mit Tata
Sebastian zu verbinden. Ich stellte sein Foto auf den Altar,
bedankte mich für die Führung und bat ihn darum, mir eine
vielleicht noch fällige Botschaft zu schicken.
Dabei legte ich meine linke Hand aufs Herz und begann zu
visualisieren. Unten ließ ich mich von einem blauen Dreieck im
Uhrzeigersinn umkreisen. Der blaue Lichtstrahl drang von unten

-185-
in meinen Körper ein und hüllte mich in ein strahlendblaues
Kraftfeld ein. Oben ließ ich einen violetten Kreis entstehen, der
sich immer stärker zu einen Kraftwirbel des violetten Lichts
formte und gleich einem Hurrikan durch mich durchzog und
mich umhüllte. Blaues und violettes Licht mischten sich in mir
und um mich herum. Nun stellte ich mir vor, wie grünes Licht
aus meinem Herzen zu strahlen begann und sich in mir und um
mich horizontal auszubreiten begann. Auf diese Weise rufe ich
die Maya-Kraft Kukulcán, um mich zu reinigen, zu stärken und,
vor allem, um mich für die heilige Verbindung mit den mir
nahestehenden Wesenheiten bereit zu machen. Nachdem ich in
die Tiefe meines Seins gesunken war und die Kraft Kukulcáns
spürte, öffnete ich mein Drittes Auge, richtete die
Aufmerksamkeit auf mein zwölftes Chakra hoch über dem Kopf
und lud in Gedanken den Geist Don Sebastians ein. Ich wußte,
daß er heute eine Botschaft für mich hatte, und öffnete mein
Herz und meine Intuition für seine Stimme. Ich nahm seine
Anwesenheit wahr und begann zu schreiben:
„Ich danke dir, daß du meinem Ruf gefolgt und zum
Lieblingsort meines Erdendaseins gekommen bist. Es ist alles
geschehen, worum wir dich gebeten hatten. Dieser Altar ist
verbunden mit den Kräften der Prinzesa (Prinzessin) Encanto
Mundo. Deshalb wurde er von uns als Altar Tesoro Mundo
bezeichnet. Der Schatz der Welt sind eure reinen Gefühle.
Diesen Schatz sollt ihr pflegen und hüten, um Teile davon den
vielen Menschen weitergeben zu können, die euch im Alltag
zugeführt werden. Wahrhaft reiche Menschen sind reich an
Liebe, an Freude, Glück, an Schönheit und Reinheit.
Unbeschwertheit und Sorglosigkeit könnten euch vieles
erleichtern, wenn ihr bereit und fähig wärt, die Materie nicht zu
eurem einzigen Lebensinhalt zu machen. Aus diesem Grund
habe ich dich zu diesem Altar gerufen. Er wurde von dunklen
Energien verunreinigt und mißbraucht und konnte damit nicht
seinen über Jahrtausende von vielen Menschen gehüteten und

-186-
manifestierten Schatz freigeben. Du hast durch deine Zeremonie
und durch das Entfernen eines dunklen und für
schwarzmagische Handlungen mißbrauchten Steins das
Kraftfeld dieses Altars befreit. Jeder Mensch, der bewußt seine
Liebeskraft, seine Freude und seine positiven Gedanken an
diesem Altar manifestiert, wird nun derselben Kraft auch in der
Außenwelt begegne n. Dieser heilige Altar bringt eure
liebevollen und hellen Wünsche in die physische Realität. Aus
diesem Grunde bin ich so oft zu diesem Altar gegangen, um für
Menschen, die die Last von Schmerz und Leid nicht mehr tragen
konnten, die Wesenheiten der Freude, der Leichtigkeit und der
Liebe zu rufen. Ich lade dich ein, mit Menschen
hierherzukommen, die von ihrem Schicksal erdrückt werden. Ich
brauche wohl nicht zu sagen, daß sie in Wirklichkeit sich selbst
durch ihre beschränkte Vorstellung von Leben erdrücken. Du
wirst sehen, wie schnell sich ihre Realität durch die Kraft dieses
heiligen Altars der Liebe und Freude verändert.
Nehmt diesen Altar als Symbol dafür, daß die wahren
Reichtümer und Schätze der Welt durch euch selbst in die
Wirklichkeit gelangen. Nehmt euch selbst als Schöpfer eurer
Wirklichkeit wahr und umgebt euch mit Menschen, die reich an
Liebe und Freude sind. Sie sind die wahren Boten des göttlichen
Lichtstroms, die gekommen sind, um die Menschen an den
unendlichen Reichtum zu erinnern, der in ihren Gedanken und
Gefühlen, vor allem aber in ihrer Hilfsbereitschaft verborgen
liegt. Jeder Liebesdienst strahlt hinein in alle Ebenen des
Kosmos und berührt die Wesenheiten des Lichts. Ihr werdet
damit zu einem Teil von uns und macht auf euch aufmerksam.
Je näher ihr eurem inneren Kern kommt, um so mehr wird euch
bewußt werden, wie viel Freude in euch verborgen liegt. Seht in
der Schöpfung das Urprinzip des Schönen und sucht das Schöne
in euch selbst, in eurem Körper und in eurem Umfeld. Erinnere
dich, warum du immer so gerne zu mir gekommen bist. Ich hatte
nur eine armselige Behausung, und mein Altar war ein

-187-
halbverfallener Balkon. Erinnere dich, wie gerne du dort mit
Christine gesessen bist, um mit mir zu reden. In Wirklichkeit
hast du einen Ort der Liebe und der Freude gesucht und ihn in
meiner bescheidenen Hütte gefunden. Wie wichtig ist es für die
Menschen zu erkennen, wonach sie in Wahrheit suchen! Sie
gehen in die Kaufhäuser, um ihr Bedürfnis nach Schönem zu
stillen, und am nächsten Tag ist ihnen das Gekaufte schon
wieder zur Gewohnheit geworden. Sie kaufen sich nicht etwas
Schönes, um sich damit etwas Gutes zu tun, sondern um etwas
auszugleichen, was sie innerlich als Mangel empfinden.
Erinnere dich an den Schatz der Welt, an meinen vielgeliebten
Altar, wenn du irgendwo eine Zeremonie abhältst, und du wirst
spüren, wie Liebe und Freude in dir und in den Menschen, die
mit dir sind, geweckt werden. Im erwachenden Bewußtsein
Maya wird euch alles in Fülle gegeben. Ihr werdet geführt, wie
du zu diesem Altar geführt wurdest. Vertraut darauf, daß die
geistige Führung in jedem Moment eures Lebens zur Verfügung
steht. Ich habe dich zu diesem Altar geführt, um dir symbolisch
zu zeigen, daß euer Lebensweg durch eure Seelenkraft
vorgezeichnet ist. In der Entwicklung jedes einzelnen Menschen
kommt die Zeit und das Lebensalter, wo er wieder aufmerksam
auf das wird, was er sich vor seiner Inkarnation zum Ziel gesetzt
hat. Es sind nicht nur die geistigen Wesenheiten des göttlichen
Kosmos, die euch an der Hand nehmen. Ihr selbst seid es, die
sich wieder an das erinnern, was ihr euch für euer Erdenleben
vorgenommen habt. Wir stehen euch dabei zur Seite, weil es so
viele Menschen gibt, die Gefahr laufen könnten, diesen Kontakt
zu uns und zu sich selbst in ihrer Verstrickung mit der Materie
zu verlieren und dadurch in die Isolation der physischen Realität
geraten."
Am folgenden Tag sollte ich meinen Freund, den
holländischen Schamanen Jan van der Stappen, vom Flughafen
abholen. Er hatte mir sein Abflugdatum bekanntgegeben und
wollte per Fax seine genaue Ankunftszeit mitteilen. Ich fuhr

-188-
darum am Morgen in die Kleinstadt Sololá, um bei Freunden
nachzufragen, ob ein Fax für mich gekommen sei. Als ich leider
ohne Nachricht von meinen Freunden zurückkam, gab es rund
um mein an einer Straßenecke geparktes Auto keinerlei
Anzeichen einer Gefahr. So stieg ich ein und fuhr langsam
zurück. Dabei spürte ich einen seltsamen Widerstand. Mit einem
Male ertönte ein ohrenbetäubender Knall wie von einer
Explosion. Ich erstarrte vor Schreck und glaubte im ersten
Moment an eine Autobombe. In Wirklichkeit war ein Lastwagen
rückwärts aus einer Einbahnstraße gegen mein Auto gefahren.
Der Druck, den er auf meine Hecktür ausübte, erzeugte eine
enorme Spannung, die sich schließlich explosionsartig entlud.
Der Lastwagenfahrer hatte keine Versicherung und ich kein
Heckfenster mehr. Mit Tränen in den Augen fuhr ich in die
Stadt, um meinen Freund abzuholen, dessen Ankunftszeit ich
nicht genau kannte. Durch die Erlebnisse am Vortag war ich in
einem wahren Freudentaumel gewesen, nun war ich traurig und
wütend zugleich. Schließlich hatten wir sehr wenig Geld und
mußten an allen Ecken und Enden sparen. Ich bat meine
geistigen Helfer darum, mir die Botschaft dieses Unfalls zu
entschlüsseln. Unterwegs hatte ich nun genug Zeit, über alles
nachzudenken, und bat meinen Helfer Santiago um Hilfe und
Antwort. Aus dem Kassettenrecorder erklang ein indisches
Mantra, und ich ließ die Worte aus meiner Verbindung zum
Apostel Jakobus kommen und sprach zu mir selbst über die
Hintergründe des Unfalls:
„Sei dir dessen bewußt, daß jeder zeremonielle Akt eine Kette
von Reaktionen auf allen Ebenen des Universums auslöst.
Gestern bist du gerufen worden, um den Altar zu reinigen. Diese
Reinigung hat die dort von vielen Menschen manifestierte
Energie in starke Bewegung gebracht. Du hast einen Teil dieser
Kräfte durch deine Liebesfähigkeit, aber auch durch deine
Autorität als Maya-Priester transformiert. Doch es gibt in dir
Bereiche, die du zu wenig beachtest. Jeder Maya-Altar trägt in

-189-
sich die polaren Kräfte von Licht und Schatten. Du wurdest in
erster Linie gerufen, um diese Energien miteinander in
Ausgleich zu bringen. Doch deinem Denkmuster entsprechend
glaubtest du, die Kräfte der Dunkelheit dort auflösen zu müssen.
Du hast einen dieser Steine in die Tiefe der Schlucht geworfen,
noch dazu in einem Moment, wo du das Ritual bereits beendet
hattest. Geh mit diesen Energien bewußter um. Es wird die Zeit
kommen, wo du mehr Zugang zu den Ebenen der Dunkelheit
bekommen wirst, um sie im Dienste der Menschen einzusetzen.
Als Reaktion auf dein Handeln haben sich diese Wesenheiten
gegen dich gerichtet. Du hast einen sehr kraftvollen Schutz, aber
wir können und möchten dich nicht beschützen vor Erfahrungen,
die für deinen weiteren Weg notwendig sind. An deinem Auto
hat sich eine geballte, dunkle Macht entladen. Hab Vertrauen in
unsere Führung. Du bist eingehüllt in ein Kraftfeld der Liebe
und des Lichts und solltest erkennen, daß der Bruder der
Dunkelheit kein Feind ist, der bezwungen werden muß."
Ich stellte mir vor, daß sich diese dunkle Macht in einem weit
schlimmeren Unfall manifestieren hätte können, und dämpfte so
meine Enttäuschung. Ich hatte von meinen Maya-Begleitern
eine heftige Mitteilung erhalten. Von nun an war es angesagt,
die Mächte der Unterwelt kennen zu lernen. Ich konnte mir
allerdings damals noch nicht vorstellen, wie dies geschehen
sollte. Als ich in Guatemala City ankam, erfuhr eine gute
Bekannte von meinem Mißgeschick, worauf sie mir durch ihren
Fahrer einen Scheck überbringen ließ, mit dem ich den Schaden
abdecken konnte.

-190-
Der lachende Gott

Mein Freund aus Holland kam erst am nächsten Tag an. Er


wunderte sich, daß sich beim Wählen der Telefonnummer die
letzte Zahl ständig verändert hatte. Dadurch war es ihm
unmöglich gewesen, das Fax zu senden. Der 11. August 1999,
Tag der Sonnenfinsternis, war nicht nur in Europa ein
besonderer Termin. Über Tikal stand nach Aussagen von
Meister Cirilo das kosmische Kreuz der Planeten. Er hatte uns
sogar einen Plan gegeben, in den er die Stellung der Planeten
eingezeichnet hatte. Schon Wochen davor hatte ich einen Plan
von Tikal auf meinen Altar gelegt und den Herrn Tikals,
Uxbalám, gebeten, mir mitzuteilen, wo wir die Zeremonie zu
diesem besonderen Ereignis abhalten sollten.
Ich hielt meine Hand über den Lageplan und wurde zur
Tempelanlage des Nordkomplexes P geführt. Diesen Komplex
kannte ich bis dahin kaum. Ich rief Carla, die Reiseführerin an.
Sie hatte lange Zeit in der Nähe Tikals gelebt, wußte sehr gut
Bescheid über die Region und sprach oft von Erlebnissen, die
Archäologen bei Ausgrabungen in Tikal gehabt hatten. Sie
empfahl mir, einen jungen Mann namens Ricardo anzurufen.
Dieser habe bei Restaurierungsarbeiten in den unterirdischen
Gängen dieses Tempelkomplexes mitgearbeitet und wisse
einiges über diese Pyramiden zu berichten. Der Archäologe
erzählte mir eine schier unglaubliche Geschichte. Bereits bei den
Probegrabungen in die unterirdischen Gänge sei es des öfteren
zu Zwischenfällen gekommen, die Arbeiter hätten dort
manchmal gar nicht arbeiten können. Es habe Tage gegeben, wo
unsichtbare Mächte alle Leute vertrieben hätten, sie seien
regelrecht aus den Stollen geflüchtet. Er selbst habe an den
Restaurierungen von Wandmalereien mitgearbeitet und wisse,
wovon er spreche. „Ich kann es dir kaum erklären. Aber in den

-191-
unterirdischen Gängen dieses Tempels gab es ein reges Treiben.
Wesenheiten wurden sichtbar. Es gab Zeiten, wo sie einfach
präsent waren und sich manchmal sogar gegen uns richteten. Es
blieb uns nichts anderes übrig, als die Stimmungslagen dieser
Wesen miteinzukalkulieren. Ich habe so etwas noch nie zuvor
gesehen. Für mich waren Pyramiden Reste der Maya-Kultur
ohne Leben. Nachdem die bunt bemalten Anlagen verlassen
worden waren, hat die Natur sie überwuchert. Für mich waren
diese Tempel tot. Wer glaubt denn auch schon an Wesenheiten
und Geister?! Hier in diesem Komplex sind wir eines Besseren
belehrt worden. Niemand von uns bezweifelt nach diesen
Erlebnissen die Existenz dieser Wesen. Mehr und mehr verlor
ich die Angst vor ihnen und arbeitete weiter an den
Wandmalereien. Allmählich begann ich diese Energien auch in
mir wahrzunehmen und veränderte mich sehr stark. Bis dahin
hatte ich alles, was die Wissenschaft nicht nachweisen konnte,
nicht als Realität anerkannt, aber diese Erlebnisse erschlossen
mir eine neue Form der Wahrnehmung. Tikal wurde für mich
und für viele von uns dadurch wieder lebendig. Die Probegänge
schlossen wir wieder. Die Kräfte dieser Pyramiden ließen keine
weiteren Grabungen mehr zu. Heute kann niemand mehr sehen,
daß wir dort überhaupt gegraben haben. Merkwürdigerweise
wird dieser Komplex auch nur von wenigen Touristen besucht.
Es gibt dort eine Kraft, die man schwer beschreiben kann. Die
meisten Menschen, die ich kenne, fühlen sich dort nicht
besonders wohl. Man könnte fast glauben, daß die Pyramide
dort keinerlei energetische Verbindung mit Besuchern eingehen
will."
Meister Cirilo bedauerte, nicht mit uns fahren zu können. Er
hatte bereits mit einer Gruppe von Maya-Priestern eine
Zeremonie im Hochland Guatemalas vereinbart. Ich wollte auch
Don Julian und seine Enkelin Gloria zu dieser Fahrt einladen
und erfuhr, daß Tata Julian erst vor wenigen Tagen aus dem
Krankenhaus entlassen worden war. Er sei zwar wieder zuhause,

-192-
fühle sich aber sehr schlecht. Als mein Freund aus Holland
endlich ankam, verstauten wir seine mit Klangschalen und
Ritualgegenständen gefüllten Koffer im Kofferraum meines
Autos und fuhren los, um Don Julian zu helfen. Jan hatte aus
Spanien einen Stab mitgebracht, den er Don Julian als Zeichen
seiner Verbindung mit dem Apostel Jakobus geben wollte.
Neben seinem Altar hatte Don Julian einen Tisch für die
Geschenke von Menschen, die seine Unterstützung zu schätzen
wußten. Voller Stolz legte er den Stab zu den verschiedenen
Ritualgegenständen, die aus den verschiedensten Kulturen
stammten. Jan begann, mit dem Anciano zu arbeiten. Don Julian
ließ sich vom Gesang und den Schwingungen der Trommeln
und Klangschalen des holländischen Schamanen berühren,
während ich zu Gloria in die Küche ging und ihr mitteilte, daß
ich sie gerne nach Tikal einladen würde. Sie wolle mit ihrem
Tata reden, meinte sie, freute sich aber schon darauf, weil sie
bereits wußte, daß ihrer Fahrt mit uns nun nichts mehr im Wege
stehen würde. Gloria wußte, daß in Tikal etwas für sie sehr
Wichtiges geschehen werde. Don Julian war begeistert, daß wir
Gloria zu dieser Fahrt eingeladen hatten. Er selbst sei aber noch
zu schwach, um eine derartige Reise mitmachen zu können. Wir
vereinbarten, über das Telefon des Nachbarn miteinander in
Verbindung zu bleiben.
Erste Hinweise auf die Reise hatten wir bereits in Tirol
erhalten. Ich erzählte Gloria beim offenen Feuer in der Küche,
was sich in der Zwischenzeit in unserem Leben ereignet hatte.
Vor einigen Wochen hatte ein Schamane und Freund uns
angerufen, weil er einen ganz besonderen Traum gehabt hatte.
Er habe in diesem Traum eine Pyramide gesehen. Im Inneren
dieser Pyramide sei ein verschlossener Sarg gestanden, der sich
langsam geöffnet habe. Eine ungeheure Kraft sei in diesem
Moment aus den Tiefen der Erde empor geströmt, die gesamte
Pyramide sei knapp vor einer Explosion gestanden. Einerseits
habe er diese Kraft als zerstörerisch empfunden, andererseits

-193-
aber auch als einen sich in den Kosmos ergießenden goldenen
Energiestrom gesehen. Dieser Schamane kannte Tikal und
vermutete, daß an diesem heiligen Ort ein besonderes Ereignis
stattfinden werde. Ich versuchte mit Christine diesen Traum, der
mit verschiedenen anderen Informationen übereinstimmte, zu
deuten. Was uns aber am meisten überraschte, war die Tatsache,
daß meine Frau das beschriebene Traumbild vor drei Jahren
schon gemalt hatte. Über unserem Altar hing seither das Bild der
explodierenden Pyramide, umgeben von Tempelanlagen. Der
sich in den Kosmos ergießende Goldstrom wird darauf von
einem Wächter kontrolliert, der eine Schriftrolle in seinen
Händen trägt. Konnte es sein, daß dieses Bild mit dem Traum
des Schamanen in Zusammenhang stand? Und was war die
Aussage der beiden Hinweise? Ich verband das Bild mit der
Wiederkehr des Maya-Bewußtseins und stellte mir dieses als
zielgerichtete Kraft vor, die in unserem tiefen Inneren erwacht,
unsere Herzen berührt und gleich einer Explosion alles zum
Bersten bringt, was der Liebe entgegensteht. In dieser Explosion
wird alles offenbar, was hinter unseren Masken verborgen liegt.
Machtlüsternheit wird dabei genauso an die Oberfläche
gelangen wie die Angst vor Veränderung. In diesem
Aufdeckungsprozeß werden Menschen an dem erkannt werden,
was sie erschaffen. „An ihren Werken werdet ihr sie erkennen",
sagte einst Jesus und gab uns damit zu verstehen, daß wir nicht
nur über Spiritualität reden, sondern sie umsetzen sollten.
Die Zeit der Erfüllung dieser Prophezeiungen scheint immer
näher zu kommen. Viele Menschen reden zwar von Licht und
Liebe und fördern zugleich Trennung und Angst. Sie verurteilen
andere, die nicht so denken wie sie selbst, geben sich als die
alleinigen Verwalter der Wahrheit aus und berufen sich dabei
auf Durchsagen aus der geistigen Welt, mit denen sie Angst und
Schrecken verbreiten. Die geistige Welt hat aber sicherlich
keinerlei Interesse, Verunsicherung, Besorgnis, Geringschätzung
oder Machtansprüche eines Mediums zu fördern. Weltliche

-194-
Angelegenheiten sind in erster Linie im Hier und Jetzt zu klären.
Menschliche Probleme bedürfen in der Regel einer
menschlichen Lösung. Das wird von der geistigen Welt so
gewünscht und von uns erwartet. In meinen Gebeten spreche ich
immer wieder die Gegenwart des ICH BIN an. Diese Kraft, auf
die sich die großen Weisheitslehrer der Vergangenheit bezogen
haben, wird in allen Menschen wirksam, die ihre geistige
Verbindung in verantwortungsbewußtem Entscheiden und
Handeln ausdrücken.
Die Maya-Göttin Ixchél, Göttin und Hohepriesterin des
Mondes, übermittelte mir in einer Vollmondzeremonie eine
Botschaft, die mich sehr nachdenklich machte: „Seid euch
bewußt, daß es nicht nur eine Besessenheit der Dunkelheit gibt,
sondern auch Besessene des Lichts. Ihr erschafft nicht nur durch
Haß und niedrige Gefühle Dämonen, die euch beherrschen. Im
Kosmos gibt es auch Wesenheiten des Licht s, die sich euch
aufgrund eurer lieblosen Vorstellungen, Gefühle und
Handlungen anschließen. Alte Kulturen sind nicht nur an den
dämonischen Kräften, die sie riefen, zugrundegegangen. Es hat
Kulturen gegeben, die durch die Arbeit mit dem Licht in
Abhängigkeit gerieten und sich daraus den Untergang kreierten.
Licht und Liebe sind nicht dasselbe. Ihr Menschen könnt aber
Licht und Liebe in euch vereinen und ausdrücken. Wenn das
Licht getrennt von der Liebe gerufen und eingesetzt wird,
verbindet ihr euch mit der Kälte des Lichts. Diese Einflüsse sind
für euch Menschen, für Heiler und Schamanen viel schwerer zu
erkennen als Besetzungen durch Dämonen. Niedrige Energien
sind viel leichter zu erkennen als die feinen, subtilen
Energiemuster des Lichts. Somit ist diese Form von
Abhängigkeit auch viel schwerer zu lösen. Sie wird selbst von
feinsinnigen Menschen kaum mehr gespürt. Man kann diese
Anhaftungen nur mehr im Charakter eines Menschen
wahrnehmen. Diese Menschen, häufig auch als Lichtarbeiter
bezeichnet, dienen außerirdischen Kräften, die nach ihren

-195-
Vorstellungen den Planeten und seine Bewohner gestalten und
beeinflussen möchten. Im Kosmos gibt es lichte Wesenheiten,
die wie die Kräfte der Schattenwelten Menschen für ihre
selbstsüchtigen Zwecke benützen. Es gibt eine Fülle von
Büchern, die euch Techniken lehren, wie mit dem Licht oder mit
dem Schatten zu arbeiten sei. Aus diesen Büchern sprechen auch
Wesen, die euch in Abhängigkeit bringen möchten. Wenn ein
Mensch nicht mit seinem Herzen verbunden ist, ist die Gefahr
groß, daß er mißbraucht wird. Menschen, die nach Macht
streben, ziehen Wesen an, die wie sie selbst darauf aus sind, sich
anderer zu bemächtigen. Sie nähren sich vom Machthunger des
Menschen. Menschen, die danach trachten, magisch zu
manipulieren, unterliegen der Gefahr, selbst manipuliert zu
werden. Viele Lichtarbeiter beabsichtigen durchaus, dem
göttlichen Plan zu dienen. Wenn sie aber ihren Weg ohne
Mitgefühl anderen gegenüber, ohne Respekt vor allem Sein und
ohne die Kraft aus dem Herzen gehen, könne n sie diesen Plan
nicht verwirklichen. Sie verbeißen sich in Aufgaben, die zu
anderen Ergebnissen führen. Menschsein birgt eine große
Verantwortung in sich, dem Sein im Geiste der Liebe zu dienen
und jegliche Form von Abhängigkeit zu vermeiden. Helfer für
den göttlichen Plan zu sein bedeutet, die Freiheit des Herzens in
sich zu wecken und zu vervollkommnen. Die großen Magier
vergangener Kulturen leben unter euch. Sie tragen noch immer
das Wissen der Kulturen in sich, die infolge von
Machtlüsternheit und Mangel an Verantwortung für die
Gemeinschaft untergegangen sind. Orientiert euch an dem, was
aus eurem Herzen kommt, und umgebt euch mit Menschen, mit
Büchern, mit Bildern, Musik und anderen menschlichen
Kreationen, die diese Kraft verkörpern. Es gibt keinen anderen
Maßstab, um zu erkennen, was eure Entwicklung fördert oder
hindert."

Diese Worte machten mir verständlich, warum Religionen, allen

-196-
voran das Christentum, ihren Anhängern jegliche Form von
Magie untersagen. Bisher hatte ich nicht begriffen, warum
manche Priester noch heute die schwarze wie die weiße Magie
dem Teufel zuschreiben. Das hat wohl damit zu tun, daß ein
unentwickeltes Bewußtsein durch die eine wie die andere Form
energetischer Gestaltung in Abhängigkeit geraten könnte. Die
Zeit, in denen Menschen in ihrer Schöpferqualität behindert
werden konnten, scheint aber nun endgültig vorbei zu sein.
Verbote haben in der heutigen Zeit nicht mehr die Wirkung, die
sie einst hatten. In Medien, in Büchern und Zeitschriften findet
sich eine Fülle von Informationen, die Menschen dazu anregen,
diese in ihnen angelegte Begabung zu entfalten. Die großen
Weisen in allen Kulturen haben uns das auch vorgelebt und ihre
Energie beim Heilen, in der Gestaltung ihres Umfelds und zum
Wohle ihrer Mitmenschen eingesetzt. Daraus ergibt sich die
Aufgabenstellung für uns, andere Menschen auf ihre
Verantwortung hinzuweisen und zum bewußten, respektvollen
und liebevollen Umgang mit Magie anzuleiten. Wir können die
Zeit nicht zurückdrehen und stehen vor der Herausforderung, die
Balance zwischen den vielfältigsten Einflüssen, denen wir
tagtäglich ausgesetzt sind, zu finden.
Kürzlich wurde ich mit Oskar auf einen alten keltischen
Brandopferplatz auf der Piller Höhe in Tirol gerufen. Wir hatten
uns am späten Nachmittag dort verabredet, um einem inneren
Ruf nach Reinigung dieses Ortes Folge zu leisten. Dieser uralte
Ritualplatz liegt auf dem Schnittpunkt starker Kraftlinien und ist
auch heute wieder ein Anziehungspunkt für Menschen, die hier
magische Zeremonien abhalten, ihn für ihre Zwecke nutzen und
mißbrauchen. Ich war überrascht, daß offensichtlich auch im
alpinen Raum intensiv Magie betrieben wird. Uns bot sich ein
Bild des Grauens, im weiten Umkreis hatten Menschen Steine
und Bäume für ihre destruktiven Absichten eingesetzt und
beschädigt.
Da es bereits dämmerte, stellten wir im Zentrum eines

-197-
Baumkreises unser Zelt auf, schützten die Stelle vor dem
Einfluß destruktiver Kräfte und legten uns bald schlafen. Nach
einer ruhigen Nacht erwachten wir bei Sonnenaufgang und
machten uns getrennt auf den Weg. Schon nach wenigen
Minuten rief mich Oskar. Er hatte einen ausgerissenen
Baumstrunk gefunden, unter dem ein schwarzmagischer Ring
manifestiert worden war. Die zerstörerischen Mächte waren
deutlich spürbar. Oskar nahm seinen eisernen Ritualdolch aus
Bhutan und rammte ihn heftig in den Erdboden, um die dunklen
Energien in der Mitte des Kreises zu bannen. Ich benützte
meinen Schlangenstab und meine Priestervara und invokierte die
Mächte der Maya, besonders die sich aufrichtende Schlange und
den Jaguar, um der ungeheuren Kraft dieses mißbrauchten Ortes
Herr zu werden. Wir begannen ein Reinigungsritual, um die an
diesem Platz heimischen Wesenheiten von dem hier
manifestierten Fluch zu befreien. Dafür verbanden wir uns mit
den Kräften der Dunkelheit Xibalbás und baten die von
Menschen eingesetzten dunklen und bösen Mächte, sich wieder
auf die Ebenen der Dunkelheit zurückzuziehen. So hofften wir,
die tiefen Verletzungen, die diesem Platz und den damit
verbundenen Wesenheiten zugefügt worden waren, heilen zu
können, baten aber vor allem um Hilfe für diejenigen, die
offensichtlich nicht wissen, was sie tun und was sie sich damit
an Konsequenzen einhandeln.
Menschen, die an einem Kraftort eigennützig und
machtlüstern Rituale abhalten, sollten sich der Auswirkungen
bewußt sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, daß die
zerstörerischen Mächte, die sie gerufen und an einem Kultplatz
manifestiert haben, sich gegen sie selbst richten. Aber auch für
alle anderen ist es notwendig, solchen Phänomenen nicht
ohnmächtig gegenüberzustehen. Wir sind jeden Tag einer Flut
von negativen Kraftfeldern, Informationen und Nachrichten
ausgesetzt, da nützt es wenig, die Augen zu schließen und so zu
tun, als würde dies alles nicht existieren. Wir müssen diesen

-198-
energetischen Einflüssen bewußt begegnen und unsere Fähigkeit
zur Mitgestaltung unserer Welt auch auf der feinstofflichen
Ebene einsetzen.
Einem Ort der Kraft zu begegnen gibt uns eine wunderbare
Möglichkeit, die entsprechenden Energieformen auch in uns
selbst zu entdecken. Viele alte Ritualplätze sind wie wir selbst
dabei, aufzuwachen und alles, was Menschen früher dort
manifestiert haben, wiederzubeleben. Wenn wir die dort
beheimateten Wesenheiten mit unserem heutigen Bewußtsein
verbinden, können wir ihre Kraft in und durch uns von neuem
ausdrücken. Viele feinsinnige Menschen reagieren heute auf den
Ruf dieser Kraftorte. Daher ziehen sie in die Ferne, begegnen
fremden Kulturen und Religionen und lassen sich auf
unterschiedliche Kraftfelder ein, deren sie sich manchmal gar
nicht bewußt sind. Die äußerliche Beweglichkeit verlangt auch
nach innerer Flexibilität. Je offener und bewußter wir mit den
Kraftfeldern anderer Traditionen umgehen, umso reichhaltiger
werden unsere Erfahrungen mit ihren wahren Qualitäten sein.
Erst kürzlich rief mich ein Ritualplatz der Druiden in Reith
nahe dem Bergmassiv des Wilden Kaisers in Tirol. In der
Mittagspause ging ich mit meiner Frau spazieren. Wir ließen uns
wie so oft führen, gingen vom Weg ab und gelangten schließlich
an einen unscheinbaren Ort auf einem kleinen Hügel. Hinter
einem Holzmeiler begannen meine Füße und Beine zu kribbeln.
Wir suchten nach dem Zentrum des Kraftplatzes und standen
plötzlich inmitten eines Baumkreises. Die Natur hatte
offensichtlich auf das Zentrum dieses alten Keltenplatzes
reagiert und ihn eingeschlossen. Hier setzten wir uns beide hin
und ließen uns in die Tiefe sinken. In mir machte sich ein
Gefühl tiefer Erhabenheit und innerer Freude breit, und ich sah
am Gesicht meiner Frau, daß es ihr ähnlich erging. In diesem
besonderen Moment wurden wir von diesem Ritualplatz
angenommen und aufgefordert, mit den uns anvertrauten
Seminarteilnehmern wiederzukommen.

-199-
Es war an einem Tag IX im heiligen Maya-Kalender, als wir
uns zu mitternächtlicher Stunde gemeinsam aufmachten, um den
Mächten dieses alten Keltenplatzes zu begegnen. Männer und
Frauen saßen im Kreis am Boden, als ich mit der Trommel die
Wesenheiten des Ortes und der Region einzuladen begann.
Oskar kam in Verbindung mit einem Feuerdrachen, der sich ihm
als Keltenkraft vorgestellt hatte. Aber auch die Kraft des
Schwarzen Jaguars wurde für uns alle deutlich spürbar. Ein
tiefer Schauer zog von hinten über unsere Rücken und ließ uns
schwer atmen. Ich rief mit der Trommel die Kraft des Wilden
Kaisers und wurde unvermutet über die Trommel hinweg in die
Mitte unseres Kreises geschleudert. Zugleich war ein
Energiefeld des tiefen Vertrauens und der Hingabe anwesend.
Wir wurden von diesem Ort in sein Geheimnis und in seine
Kraft eingeweiht. Auf diese Weise öffnete mir meine Tiroler
Heimat ein weiteres Tor zu ihrem tiefsten Wesen.
Nach dem Mitternachtsritual, das ich mit einer Gruppe von
Seminarteilnehmern dort gestaltet hatte, kehrten wir in unser
Seminarhotel zurück. Eine junge Frau sagte, sie spüre eine
Wesenheit neben sich, die sich bereits im Ritual gemeldet habe.
Ich ging mit ihr in den Seminarraum, wo noch mein Altar
aufgebaut war, und lud sie ein, diese Wesenheit aus sich
sprechen zu lassen. Sie stellte sich als Druide vor und bat uns,
mit der Kraft dieses Ortes sehr vorsichtig umzugehen und die
Weisheit dieses Platzes mit aller Achtsamkeit zu hüten. Ich war
erstaunt darüber, daß diese Wesenheit von einem Wissen sprach,
das uns dort zuteil geworden sei. Wir hatten den Platz lediglich
um Heilung und Ganzwerdung auf unserem Lebensweg ersucht.
Dazu hatte ich besonders den Schwarzen Jaguar eingeladen, der
mit seiner archaischen Kraft in den Kreis hereingekommen war
und in einigen von uns allerhand in Bewegung gebracht hatte.
Oskar wollte eine Woche nach diesem Seminar der Kraft
dieses Platzes allein begegnen und übernachtete dort. In den
späten Nachtstunden begannen die Wesenheiten des Ortes auch

-200-
zu ihm zu sprechen: „Es gilt an diesem Platz nichts zu binden
oder zu blockieren, aber auch nichts zu erwecken. Wir sind seit
Jahrtausenden in Fluß, wenn auch für euch Menschen nicht
wahrnehmbar. Nun kommt aber die Zeit, in der wir uns bereit
erklären, der Erde, eurem Planeten, unser Wissen wieder
zugänglich zu machen. Dieses Wissen wird allerdings nur von
jenen Menschen aufgenommen, die selbst bereit sind, im Fluß
des Lebens zu stehen. Eines bedingt das andere. Wir stellen uns
im gleichen Maß zur Verfügung, in dem auch Menschen bereit
sind, sich auf uns und unser Angebot einzulassen."
Ich schrieb ein Gebet für alle wiederkehrenden Weisen dieser
Plätze und gebe damit meine Bereitschaft kund, mich den
tieferen Schichten dieser heiligen Plätze gegenüber zu öffnen.

Erwache, inneres Kind!

Ihr Boten des Lichts, der Liebe und der kosmischen Weisheit.
Ich bin hier, um mit euch zu erwachen und die Geburt meines
Inneren Kindes zu feiern.
Ich lasse mich von euch durch das Geheimnis dieses Ortes
tragen.
Mein Körper als Tempel des Geistes ist geformt in
mütterlicher Liebe, in Wärme und Geborgenheit aus dem Abbild
meiner Seele.
Ich bitte euch, ihr Weisen aus den Ebenen des Seins, mich zu
segnen mit eurer Botschaft, mit Weisheit und Kraft.
Ich spüre mit euch das Erwachen meines Inneren Kindes, das
sich in Lebendigkeit, Schönheit, Fülle, Kraft und Freude auf
unserem Planeten Erde wie in mir selbst zeigen möchte.
Luft, Wasser, Feuer und Erde bringe ich im heiligen Maya-
Kreuz zum Ausgleich.
Genährt von oben und unten, von Corazón del Cielo, Corazón

-201-
de la Tierra, eingebettet in den nährenden Schoß der Mutter
Erde wandere ich im Schein des Lichts und dem Geheimnis des
Schattens.
Beschützt und begleitet vom heiligen Jaguar bewege ich mich
in der Stille der Nacht und künde aus meinem Herzen den neuen
Morgen.
Friede, Gebet, Kerzen, der Duft des Weihrauchs und die
Klänge der Musik heißen euch willkommen.
Ich lasse Zucker aus meiner Hand fließen, um dem Feuer der
Transformation die Süße des Lebens beizumischen.
Öffnet in mir das Geheimnis dieses Ortes, das Herz dieses
Altars.
Ich bin bereit, mich in der Sprache der Liebe, im Tanze zu
wiegen und eure Botschaft und Kraft in die Welt zu bringen.
Ich berühre mein Herz und das Herz der heiligen Erde, auf der
ich stehe, und laß die heiligen Sieben Strahlen durch mich
manifest sein.
ICH BIN HARMONIE, LEBEN UND LIEBE, mit euch, ihr
Hüter der Weisheit und des Planeten.
So sei es im ICH BIN, AMEN.

Wir saßen mit Meister Cirilo auf unserer Wohnzimmercouch,


als mein Sohn zur Tür hereinkam. Er hatte ein Buch von
Däniken, „Der Tag, an dem die Götter kamen", in der Hand und
öffnete die Seite 56 mit dem Abbild einer lachenden Maya-
Gottheit aus Stein. Er bat den Maya-Propheten, ihm mehr von
diesem faszinierenden Maya-Altar zu erzählen. Don Cirilo
lachte nur und meinte: „Ich habe deinen Vater vor fünfzehn
Minuten zu einer Zeremonie an diesem Altar eingeladen." Mein
Sohn setzte sich zu uns, er konnte kaum glauben, was gerade
geschehen war. Er hatte über den Altar des „Lachenden Gottes"
in seinem Zimmer gelesen, während der Maya-Schamane Cirilo

-202-
mit mir im selben Moment über genau diesen Altar gesprochen
hatte. Auf meinem Weg zur Maya-Quiché-Priesterschaft wollte
Don Cirilo für mich eine Zeremonie zur Entfaltung der
telepathischen Fähigkeiten abhalten. Übersinnliche Qualitäten
eines Menschen lassen sich am schnellsten an den Kraftorten
wecken, die von den Ahnen der Maya dafür programmiert
worden sind.
Bereits am nächsten Tag saßen wir im Auto und unterhielten
uns über die Herkunft der Maya. Tata Cirilo meinte: „Schau in
den Sternenhimmel, und du wirst eine kleine Sternengruppe
finden. Wir nennen diese Sternengruppe das Siebengestirn. Es
sind die Plejaden, von denen wir Maya die kosmischen
Geheimnisse erfahren haben. Von dort kamen die Lichtboten,
um den Menschen die kosmische Weisheit, das kosmische
Bewußtsein zu bringen. Verbinde dich mit unseren Schwestern
und Brüdern auf den Plejaden, und die Tore in den Kosmos
werden sich öffnen. Jede Tür, die sich dir öffnet, wird dein
Bewußtsein und das Bewußtsein all derer, die du mit der Kraft
deines Herzens berührst, erweitern. Man kann die Weisheit
unserer Ahnen nicht studieren. Wenn der Zeitpunkt gekommen
ist, erhältst du den Schlüssel. Wir Maya haben auf diese Weise
die Kosmovision, das Wissen um die Geheimnisse des Kosmos,
erfahren." Don Cirilo ist der Hüter der Geheimnisse der Zeit. Er
kennt die heiligen Orte und die richtigen Zeitpunkte, an denen
die Tore sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit
offen stehen. Einer dieser Orte ist der Altar Maria Técun. Er
wurde nach der Frau des großen legendären Maya-Helden
Técun Umans benannt. Meister Cirilo suchte für diese
Zeremonie den Tag 4 B'AATZ aus. Die Zahl Vier steht im
Zeichen der heiligen vier Himmelsrichtungen auch für die vier
Elemente, also für menschliche Vollkommenheit, innere
Ausgewogenheit und Harmonie.
Schützend hängen die ausladenden Aste eines Ceibabaumes
über dem „Lachenden Gott". Ein charakteristisches und

-203-
kraftvolles Mayagesicht lag in Stein gehauen vor uns,
geschmückt mit Blumen und den bescheidenen Gaben von
Schamanen, die am Vortag ihre Feuerrituale an diesem Ort
abgehalten hatten. Der Duft von Kopal und Blumenessenzen lag
noch in der Luft. Direkt am Baum lehnt eine uralte Maya-Stele.
Sie stellt den Nahual B'aatz dar, die Wesenheit, die nach alter
Tradition den heiligen Kalender der Maya in Bewegung hält.
Waxcajib (8) B'AATZ ist der Nahual, an dem das heilige Maya-
Jahr beginnt. Über ihn bekommen wir Zutritt zu den kosmischen
Dimensionen. Tata Cirilo meinte: „Sei geduldig und bitte ihn
um seine Kraft und Weisheit. Du begegnest hier nicht einem
Stein, sondern einem Wesen, das dir weitere Geheimnisse
unserer Kultur öffnen kann. Öffne ihm gegenüber dein Herz,
denn in ihm ist Wissen von unseren Vorfahren gespeichert. Wir
haben den heutigen Tag und den Altar bewußt ausgewählt. Auf
dem Weg zur Priesterschaft der Quichés ist es ganz besonders
wichtig, sich mit der Kraft B'aatz zu verbinden. Ein Reisender
durch Raum und Zeit braucht die Hilfe und Führung dieses
Nahuals."
Tags zuvor war ich noch mit Meister Cirilo zu einem Markt
gefahren und hatte eine Fülle von verschiedenen Materialien wie
Zucker, Kopal, Kerzen, Kräuteressenzen, Heilkräut er,
Weihrauch und Myrrhe für die Zeremonie besorgt. Nun bat
mich der Maya-Prophet, das mitgebrachte Kopal aus den
getrockneten Maisblättern zu nehmen, in denen es eingepackt
war. Die runden Kopalkugeln wurden in das zuvor mit Zucker
vorgezeichnete Zeichen B'aatz gelegt. Die Kerzen in den Farben
Weiß, Rot, Gelb und Schwarz wurden rundherum in die vier
Himmelsrichtungen ausgelegt. Meister Cirilo berührte mit einer
Handvoll Kerzen meinen Kopf, meine Schultern und mein Herz.
Ich geriet mehr und mehr in das durch die Zeremonie erzeugte
Kraftfeld hinein. Die 20 Nahuales wurden nacheinander
eingeladen und mit den Zahlen eins bis dreizehn invokiert. Die
Qualität des ersten Tages im Kalender, B'aatz, wurde heute ganz

-204-
besonders geehrt. B'aatz steht für den Lauf der Ze it, der sich
vom Kosmos zu unserem Planeten Erde hin entfaltet und die
vier Himmelsrichtungen im Kraftfeld der Polarität ausrichtet.
Alles, was unserer Entwicklung dient, wird in der Kraft des
B'aatz miteinander verbunden. Die Nabelschnur zwischen
Mutter und Kind wächst in seinem Zeichen und wird wieder
getrennt, wenn das Kind in das Kraftfeld des Corazón del Cielo
und des Corazón de la Tierra, des göttlichen Schöpfers und
unserer Mutter Erde freigegeben wird.
Ich berührte den Maya-Altar mit meinem Dritten Auge. Ein
Ring am Dritten Auge des Steingesichts weist darauf hin, daß
hier die Fähigkeit des Dimensionenpendlers, seine Intuition und
Telepathie von den Ahnen der Maya einprogrammiert worden
war. „Möge die Intuition des Herzens die Kraft der Telepathie in
dir erwecken", sprach Meister Cirilo. Er rief die Ahnen, die vier
Lichtboten der Maya, Balam Quitze, Balam Acab, Mahucutah
und Iqui Balam. Sie waren vor vielen Jahrtausenden auf unseren
Planeten gekommen, um uns Menschen die kosmische Weisheit
im Bewußtsein der heiligen sieben Strahlen zu bringen. In Gran
Tepéu, dem Herrn der sieben Strahlen, manifestierte sich der
göttliche Schöpfer auf unserem Planeten. Ich sollte mich öffnen,
seine Kraft aufnehmen und manifestieren, ihm gleich werden.
Tata Cirilo beendete unsere Zeremonie und streute Weihrauch
in die noch lodernde Glut. Der Duft hüllte den Altar ein. Ich
nahm den Fotoapparat und hielt diesen kostbaren Moment fest.
Meister Cirilo stellte sich neben den Altar. Er gab mir einen
kleinen Sack mit Zucker in die Hand, den ich in die Glut streute.
Ich sollte um die Süße, Schönheit und Fülle des Lebens bitten.
Im Hintergrund erhob sich mächtig der 4000 Meter hohe Vulkan
Agua. Das Zuckerrohr auf den Feldern wiegte sich im Wind.
Die Gerüche der Zeremonien zogen in immer dünner werdenden
Rauchschwaden über die Felder. Meister Cirilo lehnte sich an
die Ceiba, um sich auszuruhen.
Er meinte noch: „Unsere Maya-Altäre sind Orte, an denen du

-205-
in die Dimensionen eintreten kannst. Du hast die Möglichkeit,
nach oben oder auch nach unten zu gehen, an der Oberfläche zu
bleiben oder in die Tiefe einzudringen. Jeder ist hier auf dem
Planeten, um Erfahrungen zu sammeln. Wir haben nicht das
Recht, Menschen diese Erfahrungen aufgrund unseres Urteils zu
verwehren, da alles aus derselben Quelle stammt, Licht und
auch die Wesenheiten der Dunkelheit. An diesem Ort wie an
vielen anderen Maya-Altären arbeiten Weißmagier und
Schwarzmagier. Es werden Menschen geheilt oder aber zerstört.
Uns Maya ist der Respekt wichtig. Wir greifen ein, wenn wir
darum gefragt werden, und nicht, um unsere Wahrheit
durchzusetzen. Ihr Europäer seid gewohnt, zu werten und zu
urteilen. Mach es dir zur Aufgabe, die Menschen so zu nehmen,
wie sie sind. Jeder trägt die Verantwortung für das, was er selbst
tut. Wenn du über Menschen urteilst, nimmst du dir selbst die
Möglichkeit, seine Lernaufgabe und das, was er in sich klären
sollte, zu erkennen." Am Himmel zogen schwere Wolkentürme
auf. Die untergehende Sonne ließ sie in den vier Farben der
Maya, Weiß, Gelb, Schwarz und Rot, erstrahlen. Am nächsten
Tag erhielt ich die Fotos der Zeremonie. Auf einem der Fotos
war klar zu erkennen: Der „Lachende Gott" hatte im Nebel des
Weihrauchs seine Augen geöffnet. Ich deutete dies als ein
Hinweis darauf, als Maya-Schamane wach zu bleiben und
beides anzunehmen, Licht und Dunkel. Im Dienste des
Göttlichen zu stehen, bedeutet, Menschen, die Heilung und
Harmonie suchen, einen Schritt weiterzuhelfen bei ihrer Suche
nach Wahrheit, aber auch denen gegenüber respektvoll zu sein,
die ihre eigene, uns nicht nachvollziehbare Wahrheit leben
möchten.
Diese Begebenheit erzählte ich meinem Freund Jan, als wir an
den Zuckerrohrfeldern nahe der Ortschaft San Lukas
vorbeifuhren. Ich kannte durch Meister Cirilo den kraftvollen
Altar Maria Tecun auf der Finca El Baúl und die großen
Steinköpfe in einem Museum, das sich mitten auf dem Areal

-206-
einer alten, noch in Betrieb befindlichen Kaffee- und
Zuckerrohrfabrik befindet. In einem offenen Rancho stehen
neben einer alten Lokomotive und neben Arbeitsgeräten aus den
letzten Jahrzehnten große Steinskulpturen, die in dieser Region
gefunden worden sind. Jan und ich knieten vor dem Maya-Altar
nieder und baten um die Verbindung mit der Kraft des Landes
Guatemala und um Hilfe und Schutz für Jans Aufenthalt im
Land der Maya. Anschließend fuhren wir durch die sich in den
verschiedenen Höhenlagen und Klimazonen ständig
verändernde Vegetation zum Fuß des Vulkans Atitlán. In den
Dörfern saßen die Leute untätig vor ihren Häusern, es war für
körperliche Arbeit entschieden zu he iß. Auch uns rann der
Schweiß von der Stirn, darum hielten wir an einem kleinen
Verkaufsstand und kauften Kokosnüsse, die mit der Machete
aufgeschlagen wurden und deren Milch unseren Durst stillte.
Als wir nach einer kurzen Rast wieder weiterfuhren, schlich vor
uns ein alter Lastwagen dahin, der gerade von einer
Schlachtfabrik kam und stinkendes Fleisch geladen hatte.
Bestialischer Gestank verbreitete sich im Auto. Im Schatten
eines riesigen Ceibabaumes blieben wir stehen, um eine gewisse
Distanz zu diesem Sondertransport zu schaffen.
An uns vorbei fuhren Lastwagen, vollbeladen mit Menschen,
die wohl alle auf dem Weg zu einer Kaffeefinca waren.
Tausende Arbeiter werden in Guatemala von Vermittlern aus
allen Landesteilen zur Kaffee-Ernte angeheuert und kommen auf
Lastwagen angereist, um dann für Wochen in einfachen
Ranchos und Hütten auf der Finca zu leben und ihre Arbeit zu
verrichten. Bekämen all diese Arbeiter einen gerechten Lohn,
wäre unser Kaffee wohl längst zu einer Kostbarkeit geworden,
die sich nur mehr wenige täglich leisten könnten. Derzeit beträgt
der Tageslohn eines Arbeiters ungefähr drei US-Dollar. Ich
erzählte meinem Freund viele Erlebnisse und Begegnungen mit
Großgrundbesitzern, aber auch mit einfachen, armen Menschen.
Ich wußte von Finceros, wie gefährlich es ist, allwöchentlich mit

-207-
den Lohngeldern von der Stadt auf die Finca zu fahren. Unter
den vielen fremden Arbeitern können sich auch kriminelle
Banden bilden. Die Menschen werden schließlich nicht nach
ihrer Integrität ausgesucht, jeder der arbeiten möchte, kommt
auf die Finca. Das Wissen um den Zeitpunkt, an dem das Geld
eintreffen wird, erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Überfalls
enorm. So kommen die Finceros meist schwerbewaffnet auf ihr
Land, wo dann je nach Vereinbarung der Tages- oder
Wochenlohn ausbezahlt wird. Meistens möchten die Arbeiter
nach Quincenas, im Fünfzehntage-Rhythmus, ausbezahlt
werden. Zwei Gehälter im Monat machen es einfacher, sich das
Geld richtig einzuteilen. Noch nie habe ich einen Fincero um
sein stattliches Haus in der Stadt, sein schönes Auto oder um
seinen Hubschrauber beneidet. Diese Menschen stehen schwer
unter Druck. Auf ihren Plantagen sind sie als Patrónes für eine
große Zahl von Arbeitern verantwortlich. Wenn einer dieser
Arbeiter erkrankt, ist es üblich, ihm medizinische Hilfe zuteil
werden zu lassen. Verantwortung als Patrón zu tragen bedeutet,
immer wieder um Hilfe gebeten zu werden, den Menschen auch
bei Schicksalsschlägen behilflich zu sein und sich dabei auf die
Verwalter der Fincas verlassen zu müssen. Eigene
Sicherheitsdienste für den Schutz der Fincas und ihrer Besitzer
scheinen die einzig mögliche Überlebensform zu sein. Wirft die
Finca entsprechende Erträge ab, ist dieses System natürlich
leichter zu erhalten, als wenn aufgrund veralteter Einrichtungen
schlechte Erträge erwirtschaftet werden. Wir hatten einmal ein
Ehepaar bei uns in Heilbehandlung, die als Erben eine Finca
übernommen hatten. Sie wurden von ihrem Verwalter bestohlen
und einmal sogar überfallen, als sie die Gehälter auszahlen
gehen wollten. Sie kündigten den Verwalter und einige
verdächtige Personen und hofften, nun wieder Ruhe auf ihrem
Grundbesitz zu haben. Einige Wochen später gab es den ersten
Mord auf der Finca, die Überfälle häuften sich, auch ihnen
selbst passierte immer öfter Unerklärliches. Sie wußten sich

-208-
keinen Rat mehr. Als sie eines Tages mit uns in Verbindung
traten, ließen wir uns einen Plan der Finca bringen, um
herauszufinden, von wo aus diese dunkle Kraft sich ausbreitete.
Wir versprachen, uns mit unseren Mitteln um eine Lösung zu
bemühen. Die Familie war sehr nett und vor allem auch sehr
bemüht um menschenwürdige Arbeitsbedingungen auf ihrer
Plantage. Die Frau engagierte sich im staatlichen Spital San
Juan, wo sie auch meine Frau kennengelernt hatte. Sie beteiligte
sich zudem finanziell in sozialen Einrichtungen, die von den
Frauen einiger Großgrundbesitzer getragen wurden. Am Abend
nahmen wir uns Zeit, über die Distanz von 200 km in das
Zerstörungsprogramm dieser Finca einzudringen. Ich benützte
dazu den topographischen Plan, während meine Frau über ihre
Glaskugel wahrnehmen konnte, was dort passierte. Sie sah ein
kleines Adobehaus, von dem sehr viel negative Energie ausging.
Wir konnten Orte auf der Finca ausfindig machen, die
energetisch sehr stark, aber auch sehr ne gativ waren. Ich
schützte bei diesem Ritual meine Frau. Dämonische
Wesenheiten zogen ihrer Aussage nach in Scharen durch ihre
Kugel und wurden dabei aufgelöst. Wir belegten den
topographischen Plan dieser Finca mit Schutzsteinen, vor allem
mit Amethysten als Zeichen der Transformation, und ließen die
Sache dabei bewenden. Alle Informationen, die wir geben
konnten, waren richtig. In diesem von Christine
wahrgenommenen Adobehaus wohnte ein Mann, der die auf
dieser Finca liegenden Ausgrabungsstätten kannte und durch
schwarzmagische Rituale mißbrauchte. Dieser Mann war
außerdem verwickelt in Betrügereien, wie sich später
herausstellen sollte. Die Besitzer suchten einen sanften Weg,
diesen Mann loszuwerden, und bezahlten ihm zu seiner Freude
eine wesentlich höhere Abfertigung als erwartet. Von diesem
Tag an beruhigten sich die Vorkommnisse auf dieser Finca.
Jan staunte, was sich in unserem Leben so alles abspielte, und
bat mich, sehr vorsichtig zu sein. Vor allem sollten wir uns

-209-
dessen bewußt sein, wie gefährlich diese Arbeit auch für uns
sein könnte. Ich wußte mich aber im Schutz der Maya-
Schamanen, die mich durchaus dazu anhielten, gemeinsam mit
Christine derartige Erfahrungen zu machen.
Unsere Fahrt führte aus der weiten hügeligen Landschaft des
Tieflandes zu den ersten Bergformationen. Wir kamen dem
Vulkan Atitlán immer näher. Von den ersten Anhöhen aus
konnten wir die Pazifikküste sehen, von der feuchtheiße
Luftmassen aufstiegen, die sich an den Hängen des Vulkans
abkühlten und ihn in ein Nebelkleid hüllten. Die Vulkane dieser
Region tragen aus diesem Grund oft einen weißen Schleier,
manchmal auch einen weißen Hut. Um die Vulkane türmen sich
in der Regenzeit gewaltige Wolkenformationen, in denen sich
oft schwere Gewitter entladen, die die ganze Atitlánregion in
eine blitzende Landschafts-Disco verwandeln. Vor uns breiteten
sich die weit auslaufenden Abhänge des Vulkanriesen mit ihrer
unbeschreiblich üppigen Vegetation aus. In einer Stunde sollten
wir von der feuchtheißen Hitze des Tieflandes in ein für uns
Europäer gewohntes sommerliches Klima in 2300 in Seehöhe
überwechseln. Mehr und mehr begegneten wir den dick
gewebten Trachten der Indianer der Atitlánregion. Wir waren
bereits im Gebiet des Volksstammes der Tzutujiles. Die circa
10.000 Einwohner des Dorfes Sant iago Atitlán unterscheiden
sich in Sprache und Rasse erheblich von allen anderen
Bewohnern rund um den Atitlánsee. Eine alte Indianerfrau trug
noch das viele Meter lange Band um den Kopf, das zu einer
weitausragenden, heiligenscheinähnlichen Kopfbedeckung
gewickelt war. Das starke Rot hob sich vom grauschwarzen
Haar und der runzeligen dunklen Haut dieser Frau ab. Die
Kopfbedeckung gab ihr Schutz vor der starken
Sonneneinstrahlung, mit der man auf dieser Seehöhe sorgsam
umgehen muß. Jan amüsierte sich über die mit farbenprächtigen
Vögeln bestickten Hosen der Indianer. „Was ist das für ein
Volk, das sich mit so viel Farbe umgibt und die Natur in seine

-210-
Kleidung eingewoben hat?" fragte er.
Wir hatten bereits Sicht auf den Lago Atitlán, das dunkle Blau
des Sees hob sich vom satten Grün der umliegenden Vegetation
ab. Die Vulkane und Bergformationen waren in zarte Nebel
gehüllt. In höchstens einer Stunde würde sich mit einem Male
der bewölkte Himmel verdunkeln und die ersten Regengüsse die
umliegenden Berge in ein luftiges Weiß kleiden. Kurz darauf
fuhren wir auf eine Regenfront zu, die mit einem Male wuchtig
auf die Windschutzscheibe prallte. In wenigen Minuten flossen
uns auf der Straße wahre Bäche entgegen. Wir mußten das Auto
anhalten, weil wir die Straße kaum mehr sehen konnten.
In den nächsten Tagen planten wir mit einer Gruppe von 21
Freunden eine Fahrt nach Tikal. So mußte einiges organisiert
werden. Ich kontaktierte Carla, die uns dabei helfen sollte. Wir
wußten bereits, welcher Platz in Tikal uns gerufen hatte. Die
Bedeutung dieses Platzes war mir allerdings noch nicht klar.
Unserem Wunsch, zum Sonnenaufgang in Tikal ein Ritual zu
gestalten, stand die Tatsache entgegen, daß es inzwischen
Richtlinien der Behörden gab, die vor 6 Uhr morgens keinen
Besuch im Nationalpark zuließen. Zudem war es nicht mehr
möglich, für so viele Leute eine Unterkunft direkt im Park zu
bekommen. Wir mußten Hotels in Remate, 30 km von Tikal
entfernt, ins Auge fassen. Ich hatte mich entschlossen, mit
meiner Familie per Bus von der Stadt Guatemala nach Flores zu
fahren. Wir waren acht Stunden unterwegs und trafen in Flores
mit dem Rest der Gruppe zusammen. Im Restaurant Las Puertas
wollten wir gemeinsam erkunden, welche Möglichkeiten uns für
den folgenden Morgen offen blieben. Bei einem wunderbaren
Frühstück trafen wir viele Freunde aus Guatemala City erstmals
nach zwei Jahren wieder. Leider mußten wir ihnen mitteilen,
daß wir keine Erlaubnis hätten, zum gewünschten Zeitpunkt eine
Zeremonie am Komplex P zu halten. Mit Carla gemeinsam hatte
ich bereits vor einer Woche ein Ansuchen an das staatliche
Institut für Archäologie gestellt. Doch der vorzeitige Eintritt in

-211-
den Nationalpark war uns verwehrt worden, so daß wir nur mehr
auf die Gegebenheiten des Moments vertrauen konnten.
Am frühen Nachmittag saßen wir Don Jórge, dem
Parkverwalter, gegenüber. Er war gemeinsam mit einigen
Parkwächtern vor Jahren dabei gewesen, als wir die
Mitternachtszeremonien auf der Plaza hielten, und hatte uns
damals sogar mit seinem Pickup geholfen, die
Ritualgegenstände zu transportieren. Er begrüßte uns herzlich
und freute sich, uns wiederzusehen. Bedauerlicherweise hätten
sich aber in der Zwischenzeit die Regelungen geändert. Es sei
ausgeschlossen, vor 6 Uhr früh in den Park zu kommen. Da wir
in Remate übernachteten, müßten wir zudem noch zwei
Wachstationen passieren. Dies erschwere die Sache erheblich.
Er könne dafür nicht die Verantwortung übernehmen. Außerdem
habe er seitens des Instituts für Archäologie die strenge
Anweisung erhalten, nur staatlich genehmigte Zeremonien
zuzulassen. Selbst den Wächtern Tikals sei es verboten worden,
an den Tempeln Kerzen anzuzünden. Ich dachte an Don
Salomón, der einer der wenigen Parkwächter ist, die sich darum
bemühen, die Kräfte Tikals in dieser Form zu ehren. Er
versucht, den Schaden, den Touristen mit ihrer oberflächlichen
Haltung und mit ihrer Respektlosigkeit anstellen, so
wiedergutzumachen.
Man hatte sich entschlossen, strikte Regeln für den Besuch
des heiligen Maya-Platzes einzuführen, nachdem es
vorgekommen war, daß Besucher auf den Maya-Tempeln
schliefen und dort sogar ihre Notdurft verrichteten. Zudem
waren die Zeremonialplätze bei den Haupttempeln II und IV
durch Eisengitter für Touristen gesperrt worden. Daher könne er
unseren Wünschen leider nicht nachkommen, erklärte Don
Jórge. Eine kleine Delegation unserer Gruppe mit dem
Schamanen Jan, Nan Cuz, Carla, meiner Frau und mir sollte
aber das unmöglich Scheinende doch wahrmachen. Wir hatten
bereits vorher vereinbart, unsere Energie auf den Parkverwalter

-212-
zu konzentrieren und ihm dadurch die Entscheidung zu
erleichtern. Don Jórge war aufgestanden und hatte sich
verabschiedet. Er war aus dem Zimmer gegangen, nach wenigen
Minuten aber wieder zurückgekommen und fragte uns nun, was
wir mit ihm gemacht hätten. Er hatte einen Block in der Hand
und notierte für seine Sekretärin den Wortlaut des Schreibens,
mit dem wir in den frühen Morgenstunden an den beiden
Wachposten vorbeikommen sollten. Er wollte uns sogar einen
Wächter mitgeben, der uns in der Dunkelheit der Nacht zum
Komplex P führen sollte. Wir wollten die Zeremonie um 4 Uhr
früh abhalten. Zu diesem Zeitpunkt würde das planetarische
Kreuz über Tikal stehen. Meister Cirilo hatte uns die Zeichnung
mitgegeben, mit der er uns eine Woche vorher diese
Planetenkonstellation erklärt hatte. Nun saßen wir gemeinsam
auf der Terrasse unseres Hotels und amüsierten uns ob der
wunderbaren Fügung. Jan hatte dem Parkverwalter als Dank für
seine Hilfe eine Kristallkugel geschenkt, die er zur Erinnerung
an diese Entscheidung auf seinen Schreibtisch stellte.
Wir trafen uns um drei Uhr früh vor dem Hotel. Verschlafen
und wortlos stiegen wir in den wartenden Bus. Eine halbe
Stunde später wanderten wir bereits auf einem schmalen Steig
durch den feuchtkühlen Urwald. Es tropfte von den Bäumen.
Vorsichtig stiegen wir im Schein der Taschenlampen über nasse
Wurzeln und Steine. Wir Männer trugen schweres Gepäck;
Klangschalen, Gongs und Trommeln sollten zum Ritual
mitgenommen werden. Als wir um vier Uhr mit der Zeremonie
begannen, erwachten bereits die ersten Vögel. Die Hänge der
Trommeln und Klangschalen mischten sich mit den
Urwaldgeräuschen. Wir hatten uns darauf eingestimmt, das
Ritual vorwiegend im Kraftfeld des Ostens zu halten. Unser
Wächter wollte an der Zeremonie teilnehmen und bat uns, alle
Spuren des Feuers nach dem Ritual so zu verwischen, daß es
niemand mehr wahrnehmen konnte. Nan Cuz hatte Mantras aus
dem Osten mitgebracht, die sie an alle austeilte. Jan lud mit

-213-
seinem Gesang die Wesenheiten des Buddhismus ein, wir
invokierten die Kräfte der Maya. Der Mond verschwand hinter
den Maya-Tempeln, als wir das heilige Feuer entzündeten. Ich
rief die Kraft des Jaguars aus dem benachbarten Tempel, der
sich machtvoll in meinem Inneren erhob. Gloria betete leise vor
sich hin und kniete in tiefer Demut auf dem Boden. In ihrem
Gesicht spiegelte sich das flackernde Maya-Feuer, das wir
unerlaubterweise entzündet hatten. So bildeten wir in diesem
heiligen Moment einen Kreis um das Feuer, die Klänge hallten
in den umliegenden Anlagen wider. Ich spürte die Öffnung des
Ortes hin zum Osten. Es sollte durch uns eine Vereinigung
Maya und Buddhismus erfolgen. Ich erinnerte mich an ein
Ritual, das ich zusammen mit Christine unter der Anleitung des
verstorbenen Ancianos Sebastian gehalten hatten. Eine Maya-
Prophezeiung sollte sich im Zeitenwandel durch die im Inneren
des Menschen stattfindende Verbindung von Maya und
Buddhismus erfüllen. Der rote Punkt des Maya-Kreuzes, der
Osten, beginnt sich zu öffnen. Die Schwestern und Brüder aus
Tibet werden sich mit den Maya wieder zu einer Einheit
verbinden, wie sie einst bestanden hatte. Wir durften unseren
Teil zu dieser Wiedervereinigung, dieser Öffnung des Ostens
beitragen.
Danach beendeten wir das Ritual und vereinbarten einen
Treffpunkt auf der Mondpyramide Ixmucané. Jan wollte auf der
Pyramide ein Klangritual für Glorias weitere geistige Öffnung
abhalten. Es war früher Vormittag, als die Plaza Tikals sich im
Klangfeld von tibetischen Klangschalen, Trommeln und Jans
Gesang mit Menschen zu füllen begann. Wir standen in einem
Kreis um Gloria, die in vollkommener Klarheit auf den
Jaguartempel blickte, während Jan und ich im Kreise der
Gruppe die heiligen Kräfte Tikals für die junge Maya-Priesterin
riefen.

-214-
II.

Der kosmische Mensch Maya

-215-
Die Wiederkehr Maya

Es war während einer Meditation meiner Frau Christine, die vor


ihrer Glaskugel saß. Ich war mit ihr im selben Raum, als sie
mich mit leiser Stimme zu sich rief.
„Norbert, ich sehe einen Anciano in meiner Kugel. Ich
erkenne ihn ganz klar. Es ist Don Sebastian, er sieht mich mit
seine n gütigen Augen an. Was könnte denn seine Botschaft
sein?" Sie verband sich mit ihrem Herzen mit Don Sebastian.
Ich stand hinter ihr, um sie in ihrer Offenheit zu schützen. „Er
spricht zu mir, er möchte uns beiden seine Kraft übertragen und
bittet uns, die s in einer Zeremonie zu tun. Wir sollten auf unsere
Altäre vor allem Ritualgegenstände aus östlichen Kulturen
stellen. Dies soll ein Zeichen für die Verbindung von Maya-
Bewußtsein und dem Bewußtsein der östlichen Religionen sein."
Wir konnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstehen, was dies
bedeuten sollte. Ich kannte die Tradition der Maya und wußte,
daß die Ancianas und Ancianos ihre Kraft lebenden Nachfolgern
zum rechten Zeitpunkt weitergeben. Manchmal geschieht dies
zu Lebzeiten der Schamanen, manchmal konnte das aber auch
durch eine Initiation aus der Anderwelt sein, wenn zu ihren
Lebzeiten die Zeit, beziehungsweise der Nachfolger noch nicht
reif dafür war. So gestalteten wir mit Gegenständen von unseren
in der Initiation zur Priesterschaft geweihten Altären einen
dritten Altar in unserem Behandlungsraum. In die Mitte stellen
wir eine Buddhastatue, die vor 15 Jahren zu uns gefunden hatte.
Wir waren auf der Heimreise von unserem Urlaub im damaligen
Jugoslawien gewesen und hatten in Venedig für zwei Tage halt
gemacht. Ich hatte unserem älteren Sohn Daniel versprochen,
mit ihm zusammen ein Straßenkonzert in Venedig zu spielen. Er
war damals erst fünf Jahre alt und spielte bereits sehr gut Geige.
Ich wollte ihn mit diesem Versprechen motivieren, gemeinsam

-216-
mit mir zu proben. Wir konzentrierten uns in erster Linie auf die
Lieder seines bereits verstorbenen Großvaters. Ich wollte, daß er
sich über die Musik seiner erinnere. Ich versprach Daniel, ihm
mit den Einnahmen vom Straßenkonzert einen seiner Wünsche
zu erfüllen. Er wollte unbedingt ein ferngesteuertes Auto haben.
So fuhren wir mit dem öffentlichen Boot entlang des Canale
Grande, spazierten über den Markusplatz und suchten in den
Seitenstraßen nach einem akustisch geeigneten Ort. Daniel trug
seine kleine Geige im Koffer, ich hatte meine Gitarre bei mir,
und Christine führte den erst dreijährigen Florian an der Hand.
Mir war ein bißchen mulmig zumute, aber ich mußte mein
Versprechen einlösen. Daniel hatte sich die Mühe gemacht,
jeden Tag zu proben, und nun war der Moment da, seinen
Wunsch in die Realität umzusetzen. Auf einem kleinen Platz
fand ich schließlich den Aufführungsort für unser Konzert, es
hallte wunderbar. Wir öffneten unsere Instrumentenkoffer und
stimmten die Instrumente. Daniel hatte blondes Haar, seine
Geige war eine sogenannte Halbgeige, und es war an den
Reaktionen der Passanten bereits im voraus erkennen, daß dieses
Konzert ein Erfolg sein werde. Als wir ohne Noten zu spielen
begannen, blieben die ersten Zuhörer stehen. Binnen weniger
Minuten vergrößerte sich die Zuhörerschaft. In den offenen
Geigenkoffer fielen unzählige Geldscheine. In mir regte sich ein
ungutes Gefühl, als ich die gierigen Blicke meines Sohnes sah.
Er beobachtete jeden einzelnen Geldschein, während er spielte.
Bald danach wurden wir von zwei Polizisten abgeführt. Im
Gänsemarsch zogen wir durch die Stadt Venedig. Voran ein
Polizist, dann kam ich, hinter mir Daniel mit seinem
Geigenkoffer, und dann meine Frau mit unserem zweiten Sohn.
Den Abschluß bildete eine Politesse. Ich versuchte meine
Familie zu beruhigen, doch als wir zum Polizeirevier kamen,
wurden wir sehr ungehalten aufgefordert, den Geigenkoffer zu
öffnen. Daniel hatte Angst, sie würden ihm die Geige
wegnehmen, und begann bitterlich zu weinen. Ich fühlte mich

-217-
sehr schlecht, hatte ich doch alles angezettelt.
Erstaunlicherweise wurden die anwesenden Polizisten durch die
Tränen derart gerührt, daß sie ihn zu streicheln begannen. Einige
Minuten später waren wir wieder auf freiem Fuß. Das
Straßenkonzert war als Kinderarbeit ausgelegt worden,
außerdem war es verboten, auf der Straße zu spielen. In nur zehn
Minuten hatten wir an die 200.000 Lire gesammelt, mit diesem
Geld konnte ich mein Versprechen einlösen. Als wir durch die
Straßen Venedigs gingen, um nach einem Spielzeuggeschäft zu
suchen, kamen wir an einer Buddha-Ausstellung vorbei. Ich
hatte keinerlei Verbindung zum Buddhismus, fühlte mich aber
wie meine Frau von einer Buddhafigur sehr stark angesprochen.
Nachdem wir dreimal zu dieser Ausstellung zurückgegangen
waren und auf der Straße diskutiert hatten, warum wir denn
diesen Buddha überhaupt haben wollten, entschlossen wir uns,
die Kreditkarte vorzulegen und unser bereits überstrapaziertes
Urlaubsbudget erneut zu belasten. Kurz danach gingen wir mit
einem Buddha und einem fernsteuerbaren Auto zurück zum
Parkplatz und fuhren nach Hause.
Dieser Buddha stand nun erstmals nach Jahren in offizieller
Funktion auf einem Altar. Bisher hatte er eher als Dekoration
gedient. Warum ausgerechnet ein verstorbener Maya-Anciano
neben Mayaritualgegenständen einen Buddha stehen haben
wollte, konnten wir nicht nachvollziehen. Hätte er ein
Christusbild erbeten, dann wäre dies ja noch verständlich
gewesen. Was konnte die Botschaft dieser Bitte sein? Christine
fuhr in den folgenden Tagen zu Don Julian, um ihm von ihrer
Vision zu erzählen. Er meinte nur, welch große Ehre es sei, von
einem Anciano ausgesucht zu werden, seine Kraft zu
übernehmen. Wir beide würden auf unserem weiteren
Lebensweg die tiefere Bedeutung dieser Initiation aus der
Anderwelt erkennen. Die wahren Initiationen würden nicht von
Menschen, sondern aus der geistigen Welt gegeben. Der
Wunsch, uns in der Zeremonie mit den östlichen Kräften zu

-218-
verbinden, sei ein Zeichen dafür, daß der nach Osten gerichtete
rote Punkt des Maya-Kreuzes sich nun im Zeitenwandel öffnen
würde. Dies bedeute eine Wiedervereinigung der Brüder und
Schwestern der Maya mit denen des Ostens. Wir seien dazu
auserwählt worden, diese Brücke zu schlagen. Trotzdem regten
sich in mir Zweifel, warum ausgerechnet wir beide dazu
auserkoren sein sollten, eine Brücke zwischen diesen beiden
Welten zu errichten. Es gab doch so viele Meister, die um vieles
ehrwürdiger wären, einen derartigen Akt zu vollziehen. Doch
half mir die Vorstellung, daß wir zwei unter vielen Gerufene n
seien und diese Verbindung in uns selbst schaffen sollten. Was
mich noch etwas irritiert hatte, war die Tatsache, daß wir beide
damals kaum Interesse an der Lehre des Buddha hatten. Ich
fühlte mich aber dieser Religion sehr zugetan, war fasziniert von
der Friedfertigkeit, die von den Anhängern dieser Religion
ausging. Auf meinem Lebensweg wurden mir oft Bilder, Statuen
und Thangkas zugeführt, und ich spürte eine alte Verbindung zu
dieser Kraft. Immer mehr Menschen wären wie wir dazu
berufen, Maya auch auf diese Weise zu manifestieren, meinte
Tata Julian. Wir würden die Dimension dieser Öffnung später in
uns selbst erkennen und aus dieser Quelle in tiefere Schichten
unseres Bewußtseins eindringen können. Don Julian versprach
uns seine Hilfe. Wir sollten ihn einfach während der
Initiationszeremonie rufen, und er werde dazukommen.
Als ich in diesen Tagen einen Freund zum Flughafen in
Guatemala City brachte, setzten wir uns noch in die Wartehalle,
um Kaffee zu trinken. Es war noch zu früh zum Einchecken.
Mein Freund suchte an den verschiedenen Ständen nach
Geschenken, und ich verfolgte über die Köpfe der wartenden
Touristen hinweg eine Dokumentation auf einem Bildschirm.
Plötzlich sah ich einen Teil einer Maya-Zeremonie, die von Don
Sebastian geleitet wurde. Als ich diese Szenen sah, spürte ich
ihn an meiner Seite. Ich hörte seine Stimme, die mir sagte, daß
all das, was Christine mitgeteilt hatte, richtig war. Nachdem ich

-219-
meiner Frau von diesem Filmausschnitt erzählt hatte, setzten wir
uns zu unserem neu aufgebauten Altar, um uns bei Don
Sebastian für die klare Botschaft zu bedanken. Der verstorbene
Schamane der Quichés bat uns, bei der nächsten Fahrt zu seinem
Heimatort Chichicastenango seine Frau aufzusuchen und ihr zu
helfen. Sie sei in einer schweren gesundheitlichen Krise und
brauche Hilfe. Bei unserem nächsten Ausflug nach
Chichicastenango besuchten wir seine schwerkranke Frau, die
inzwischen zu ihrer Tochter gezogen war. Sie lag im Bett. Im
selben Raum tummelten sich ihre Enkelkinder, auf einem
offenen Herd wurde gekocht. Licht drang nur durch die Tür in
diesen düsteren, verrauchten Raum. Wir erzählten der Witwe,
auf welche Weise uns ihr Mann gerufen habe. Er wisse um ihre
Not, und wir seien nun gekommen, um auch ihr in Erinnerung
zu bringen, daß er ständig an ihrer Seite sei. Er habe uns darum
gebeten, ihr finanziell unter die Arme zu greifen, und wir seien
nun hier, um seine Bitte zu erfüllen. Die Frau lag in ihrer
Indianertracht im Bett, lächelte uns unter Tränen an und wollte
uns aus Dankbarkeit umarmen. Wir baten sie, liegen zu bleiben,
und versprachen ihr, sie öfters zu besuchen.
An einem Sonntag danach waren wir allein im Haus, die
Kinder waren ausgeflogen. Der neue Altar war mit Blumen und
heiligen Objekten aus der Maya-Kultur geschmückt, die
Buddhastatue stand im Zentrum. Nun legten wir noch ein Buch
des Dalai Lama sowie einzelne Gegenstände, die den östlichen
Religionen zugeordnet waren, dazu. Über dem Altar befestigte
ich einen nepalesischen Thangka mit der Darstellung
Chenresigs, einer Emanation des Buddhas des unendlichen
Mitgefühls, der mich bereits seit Jahren begleitete. Christine
stellte ihre Glaskugel bereit, um die Wesenheiten begrüßen zu
können, sobald sie sichtbar werden sollten. Wir begannen die
Zeremonie mit Düften, den Klängen tibetischer Klangschalen
und mit dem Klang der Maya-Trommel. Don Sebastian wurde
invokiert, wir beide spürten seine Anwesenheit. Christine sah

-220-
ihn in ihrer Glaskugel, und mich überrieselte es, als ich seinen
Namen rief. Ich legte in seinem Namen meine Hände auf
Christines Haupt, um sie mit seiner Kraft zu segnen.
Anschließend kniete ich nieder, um von ihr die heilige Maya-
Kraft in Empfang zu nehmen. Nach den verbindenden
Erfahrungen mit den Maya-Kräften Kukulcán, Ixmucané, Chak
und vielen anderen Wesenheiten richteten wir unsere
Aufmerksamkeit nun auf die Geistwesen des Ostens. Wir
verbanden uns mit der kosmischen Mutterkraft Tara, mit Shiva,
Shakti und Buddha in seinen vielfältigen Manifestationen. Wir
baten um die heilige Öffnung, um die Integration von Maya-
Bewußtsein und östlichen Bewußtsein in uns vollziehen zu
können. Die Zeremonie dauerte über zwei Stunden, die Zeit
schien nicht mehr zu existieren.
Wochen später bekam ich von einer lieben Bekannten eine
Kassette mit den Mantras OM NAMA SHIVAYA und OM
MANI PADME HUM. Über diese Musik spüre ich eine tief in
mir verankerte Kraft, die ich erstmals während der
beschriebenen Zeremonie empfunden hatte. Seither ist auch der
Anciano Don Sebastian oft so nahe, daß ich mit ihm direkt
kommunizieren kann. Christine hatte ihre eigene Form, dieser
Verbindung Ausdruck zu verleihen. Sie meditierte täglich vor
diesem Altar und vor ihrer Glaskugel, um in eine Ebene
einzudringen, die für sie immer realer wurde. Wir sprachen
wenig darüber, offensichtlich konnte das, was geschehen war,
nicht mehr in Worte gefaßt werden. Unsere individuelle
Entwicklung ist alles, was wir zur Vervollkommnung des
göttlichen Reichs auf der Erde beitragen können. Als Teil des
Göttlichen haben wir auch Anteil an den Lichtboten, die sich
über uns ausdrücken, so wie wir uns in ihnen wiederfinden. Aus
diesem Grund besteht ein großes Interesse der geistigen Welt an
jedem einzelnen Menschen.
Sobald wir uns entscheiden, selbst unser Leben in die Hand zu
nehmen, sobald wir den Fokus auf die Entfaltung unseres

-221-
göttliche n Kerns richten, beginnt der Magnetismus der
menschlichen Seele zu wirken. Der Leitstrahl unserer Seele wird
in unserer menschlichen Entwicklung immer klarer erkennbar,
für uns, aber auch für die feinstoffliche Welt. Dieser Leitstrahl,
im heiligen Maya-Kalender als B'aatz bezeichnet, ist zugleich
der rote Faden, der alles miteinander verbindet. Es ist die
Verbindung unserer Seelenkraft zu den geistigen Hierarchien
und zu unserer Lebensaufgabe. Über diese Verbindung nähren
wir die aufgestiegenen Meister, die Engel und Heiligen. Wir
nähren das Herz des Himmels und das Herz unseres Planeten
Erde, Corazón del Cielo und Corazón de la Tierra. Je intensiver
unsere magnetischen Kräfte im Kosmos spürbar werden, um so
stärker wird auch die Resonanz des aus uns strahlenden Lichts
in den unsichtbaren Ebenen. Gemäß dem Prinzip, daß das
Oberste sich im Untersten spiegelt, berühren wir durch unsere
geistige Ausrichtung dabei auch das Herz unseres Planeten.
Jeder Liebesdienst, den wir bereitwillig leisten, gleicht einem
Gesang, dessen Echo alle Ebenen erreicht und der auf uns
aufmerksam macht. Je tiefer wir in uns selbst gründen, um so
tiefer reichen unsere Wurzeln nach unten, um so mehr geistige
Wesenheiten schließen sich uns an. Darin liegt das Geheimnis
unseres Planeten.
Aufgrund der Lebensdramatik entschließen sich viele Seelen,
nicht mehr auf die Erde zurückzukehren. Sich so zu entscheiden
hat zur Folge, daß jemand ungeachtet seines inneren Auftrags
seiner Seele vorgreift, weil ihm die umfassende Kenntnis der
Zusammenhänge fehlt. Kommt ein solcher Menschen trotzdem
wieder auf die Erde zurück, fehlt es ihm an Lebenswillen, am
Willen zu sein, am Willen, hier Verantwortung zu übernehmen.
Er hat das Gefühl, hier auf der Erde am falschen Platz zu sein.
Dies ist bei vielen Menschen auch ein Grund für Disharmonie,
fehlende Verbindung zur Erde, Abgehobenheit und
Desorientierung im Leben. Sie haben als Persönlichkeit
entschieden, ohne die Instanz ihrer Seele miteinzubeziehen.

-222-
Durch solche Vorurteile können wir den schnellsten Weg zur
Vervollkommnung unserer Seele übersehen. Unser Bewußtsein
ist gesteuert von Bewußtheit, sagt Maya. Göttliche Bewußtheit
drängt danach, sich über die Physis auszudrücken. Auf dem
Planeten Erde drückt sich diese Bewußtheit im menschlichen
Bewußtsein aus.
Das Maya-Bewußtsein flicht im Zeitenwandel unser
individuelles Bewußtsein in ein Gruppenbewußtsein ein, das
von der Liebesfähigkeit des Menschen getragen sein wird, der
dadurch immer stärker aus seinem Seelenplan heraus handeln
wird. Dies wird eine Zurücknahme der individuellen Strukturen
in den Menschen zur Folge haben. Gleichzeitig wird sich der
Mensch seiner Einzigartigkeit immer stärker bewußt werden. Im
Maya-Bewußtein wird der Mensch erkennen, daß er sein auf
persönliche Ziele ausgerichtetes Leben immer stärker dem
Gemeinwohl der Menschen und dem Wohle des Planeten
unterordnen muß. Er wird sich als Teil des Ganzen empfinden
und darin immer mehr seine Persönlichkeit aufgeben. Dies wird
er aber nicht als Mitläufer oder Jasager tun, sondern als
freudiger Diener und Gestalter. Darin erkenne ich eine direkte
Übereinstimmung zwischen dem Maya- und dem Christus-
Bewußtsein.
Das menschliche Bewußtsein stützt sich auf das Kraftfeld der
heiligen vier Elemente, Luft, Wasser, Feuer, Erde. Im Element
Luft drückt es sic h aus als unsere Kapazität zu denken. Das
Wasserelement manifestiert sich in unserer Gefühlswelt. Das
Feuerelement drückt sich in unseren Absichten und unserem
Willen aus. Die Erde vereint in unserer physischen Existenz alle
menschliche Wahrnehmung, unser Empfinden zu existieren,
unser Bewußtsein, unsere ICH BIN-Gegenwart. Das höchste
göttliche Prinzip drückt sich im niedrigsten Naturreich, in der
dichtesten Materie aus. Maya verehrt die heiligen Steine im
Wissen, daß die beiden Pole einander spiegeln. Den Menschen
steht somit eine unglaubliche Vielfalt an Möglichkeiten offen,

-223-
das Göttliche erfahrbar zu machen. Wir erreichen Gott im
heiligen Stein ebenso wie in den anderen Reichen der Natur.
Wir können dem Göttlichen im Pflanzenreich, im Tierreich und
im Menschenreich begegnen. Darum setzt Maya die heilige
Natur dem Menschen gleich und bringt ihr allen Respekt und
alle Liebe entgegen. Je höher das menschliche Bewußtsein zu
schwingen beginnt, um so tiefer empfindet der Mensch auch
seine Umwelt. Je mehr ich erkenne, um so tiefer berührt mich
die Existenz eines Steins, einer Blume, eines Baums, eines
Tieres und ganz besonders eines Mitmenschen. Alles Sein wird
in Maya lebendig, von göttlicher Bewußtheit im menschlichen
Bewußtsein durchdrungen. Der kosmische Mensch wird
geboren, wenn er die Tiefe und Weite des göttlichen Kosmos in
sich wahrzunehmen beginnt. Jedes Molekül, jede Zelle beginnt
in Einklang mit den Planeten zu schwingen. Unser Körper wird
zur Antenne für die Schwingungen und Kraftfelder der heiligen
Planeten und Sonnensysteme. Wir werden eins mit unseren
Schwestern und Brüdern in den außerirdischen Welten, mit den
Wesenheiten in Licht und Schatten. Damit beginnt sich für uns
eine kosmische Infrastruktur zu erschließen. Wir haben die
Möglichkeit, uns unterschiedlichster „Verkehrsmittel" zu
bedienen und die beste Zeit für eine Zeitreise auszusuchen. Die
Meister der Maya haben ihr Leben mit dieser Art von Reisen
verbracht. Unser Planet ist in den letzten Jahrzehnten aufgrund
der vielfältigsten Reisemöglichkeiten „klein" geworden, um so
mehr drängt es nun Menschen danach, diesen physischen Raum
zu erweitern und sich als kosmische Wesen wahrzunehmen. Das
Wissen ist vorhanden und kann abgerufen werden. Es liegt nicht
nur in den großen Maya-Stätten, in den Tempeln und Pyramiden
bereit für uns, es kann auch aus der feinstofflichen Welt bezogen
werden.
Wir versuchen noch immer zu ergründen, warum das Volk
der Maya derart detaillierte Berechnungen über die
Planetenbahnen, über die kosmische Zeit anstellen konnte. Wir

-224-
können kaum nachvollziehen, wie man solche Berechnungen
über Jahrtausende in dieser Exaktheit ohne Computer
durchführen konnte. Die Antwort auf diese Frage wird die
Wissenschaft aufgrund ihrer momentanen Prämissen nicht
finden können. Wir werden erkennen, daß das Wissen, auf das
viele so stolz sind, auf von uns selbst erschaffenen Illusionen
beruht, im Geist von Ehrgeiz, Trennung, Macht, Unterdrückung
und Kontrolle entstanden ist und vielfach in dieser Haltung
angewandt wird. Wir können die Auswirkungen dieses von
kosmischen Gesetzen abgekoppelten Wissens weltweit auf
vielen Ebenen erkennen.
Antworten auf die vielen offenen Fragen um den Zustand der
Welt und der Menschen können wir nur finden, wenn wir uns
selbst als Teil des weltlichen Geschehens begreifen. Unser
fehlendes Bewußtsein betreffend die Zusammenhänge von
Lebensgestaltung und kosmischen Verbindungen spiegelt sich
im Zustand unseres Planeten. Unsere Seele sucht
Vervollkommnung in einem bestimmten Umfeld. Sie sucht sich
die sozialen und genetischen Umstände, um im täglichen Leben
durch Erfahrung und Erkenntnis zu wachsen. Zugleich sind aber
auch Abhängigkeit, Ausgrenzung und Ablehnung unsere eigene
Kreation. Wir gestalten mit unseren Gefühlen und Gedanken,
mit unseren Absichten und Handlungen die Horrorvision
unseres Planeten. Aus unseren Vorstellungen formt sich die
Realität, die wir als Erdenleben wahrnehmen. Nicht umsonst
sind wir bereits fähig, unseren Mutterplaneten mit unserer
kollektiven Zerstörungskraft auszulöschen. Wir selbst machen
uns die Hölle auf Erden.
Die großen Weisheitslehrer der Geschichte sprechen von
dieser fehlenden menschlichen Einsicht und Erkenntnis.
Herabgestiegene Meister haben uns durch ihr Leben ein Beispiel
gegeben, wie wir in Einklang mit den kosmischen Gesetzen den
Weg zu Erleuchtung und Erkenntnis beschreiten können. Der
größte Anreiz im wiederkehrenden Maya-Bewußtsein ist die

-225-
Botschaft von Frieden, Harmonie, innerer Kraft und gelebter
und erlebter Liebe. Aufgestiegene Meister möchten uns die
Grenzenlosigkeit unseres Seins wieder in Erinnerung bringen.
Maya ist eine Zivilisation, die auf dieser physischen Ebene
existiert und für all jene Menschen erreichbar ist, die sich
entschließen, die kosmische Frequenz in ihr Herz zu integrieren.
Über unsere Liebesfähigkeit erhalten wir auch wieder den Code,
um die Türen zur Ebene des kosmischen Bewußtseins zu öffnen.
Die wahren Vertreter und Meister der Maya dienten dem Volk
kraft ihrer geistigen Kapazität, ihrer Weisheit und Umsicht. Sie
erkannten die Größe und Weite des Menschen, lebten in den
weiten kosmischen Räumen und zogen sich schließlich aus der
materiellen Ebene auf die höhere Daseinsform zurück, aus der
sie ursprünglich gekommen waren. Grund für diesen Rückzug
der Maya-Meister war, daß es viele Menschen vorzogen, sich in
die Materie zu verstricken, um Anerkennung und Macht zu
kämpfen und sich damit zugleich von der göttlichen Freiheit und
Ermächtigung zu trennen. Die Botschaften und Lehren der
Meister wurden nicht mehr wahrgenommen. Alle
Fehlentwicklungen der menschlichen Gemeinschaft im Kraftfeld
Maya zeugen vom Mißbrauch der kosmischen Energie für
eigene Zwecke. Die Maya spürten, was ihnen verloren ging, als
sich die geistigen Mächte und ihre eigenen spirituellen Meister
zurückzuziehen begannen. Sie glaubten, die kosmische n Kräfte
auch ohne sie für ihre eigennützigen Zwecke, für Macht und
Kontrolle, für Trennung und Zerstörung einbinden zu können.
Die verlorene Verbindung zum Göttlichen glaubten sie durch
das Wertvollste, was der Mensch geben kann, durch sein Blut,
wiederherstellen zu können. Letztlich fehlte ihnen im
Niedergang ihrer Kultur wohl die Erkenntnis, daß die heiligen
göttlichen Wesenheiten sich nicht zwingen lassen und eine
Verbindung in die kosmischen Ebenen nur im Kraftfeld der
Liebe aufgebaut werden kann. Ein Mensch, der auf Einfluß und
Macht bedacht ist, ist auch als Magier und Priester, als

-226-
Schamane und Heiler auf eine feinstoffliche Ebene angewiesen,
die wir der niedrigen Astralwelt zuordnen. Diese Ebene des
Kosmos ist unserer Physis sehr nahe, sie ist auch dem
menschlichen Bewußtsein sehr ähnlich und kann aus diesem
Grund von den Schamanen sehr leicht erreicht werden. Die
Maya glaubten sich nach wie vor in heiliger Verbindung zu den
höheren Dimensionen, kreierten sich aber durch die zunehmend
in Vergessenheit geratenen spirituellen Kontakte den eigenen
Untergang. Eine Kultur mit geschwächtem Gruppenbewußtsein
und fehlender kosmischer Schau verliert letztlich auch den
Schutz der kosmischen Wesenheiten und ist dem Untergang
geweiht.
Die Form des Untergangs entspricht den Kräften, derer man
sich in den zeremoniellen Praktiken bediente. Die alten Maya
haben Wesenheiten zur Ausübung von Macht und Kontrolle
gerufen, haben sie bewußt zur Erhaltung politischer Macht
eingesetzt und sind zu guter Letzt an dieser selbsterschaffenen
Struktur zugrundegegangen. Dies gilt auch für den einzelnen
Menschen, der die göttliche Kraft nur zu seinem persönlichen
Vorteil einsetzt. Erstarrte Gesellschaftsstrukturen stellen eine
vom kosmischen Geschehen isolierte Form des menschlichen
Zusammenlebens dar und lassen sich vom Fluß der kosmischen
Bewegung leicht aushöhlen. Reste dieser Struktur sind noch
heute in der Maya-Tradition wie in vielen anderen alten
Kulturen erkennbar. Eine Unzahl von Schwarzmagiern in
Guatemala erinnert an eine Ze it, wo man Wesenheiten bewußt
auch zum Schaden des Menschen einsetzte.
Zwischenmenschliche Konflikte werden heute noch vielfach mit
dem Gang zum Schwarzmagier geregelt. Krankheit, Leid und
Tod sind die Auswirkungen dieser offensichtlich im Volk der
Indigena noch stark verankerten Tradition des wechselseitigen
Machtkampfes. Auch heute noch wird vom Menschen dadurch
eine dunkle, kosmische Energie geschaffen, die sich letztlich
gegen den Menschen selbst, gegen die Gemeinschaft und gegen

-227-
den Planeten richtet.
Wie ein geschwächtes Abwehrsystem unseren Körper anfällig
macht für Viren und Krankheiten, so schaffen wir durch
fehlendes Bewußtsein Disharmonie und Trennung im Leben. Im
täglichen Miteinander kommunizieren wir in erster Linie auf
emotionaler Ebene. Aus Ausstrahlung, Worten, Gesten,
Handlungen schließen wir, ob wir mit jemandem ein Stück des
Lebensweges gemeinsam gehen können oder nicht. Wenn wir
uns entscheiden, uns voneinander zu trennen, dann richten wir
üblicherweise unsere Emotionen gegen diese Person. Somit
schaffen wir nicht nur in uns selbst und der jeweiligen Person
eine Trennung. Negative Emotionen kreieren auch auf anderen
Daseinsebenen Trennung. Wir trennen uns dadurch von der
Möglichkeit, die kosmische Weite in uns selbst wahrzunehmen.
In destruktiven Emotionen verhaftete Menschen beschränken
sich auf ein Minimum inneren Erlebens.
Wir können uns von einem Mitmenschen auch trennen, indem
wir ihn aus Respekt vor seinen Lebensentscheidungen für seine
Erfahrung freigeben. Ein Konflikt kann auch als Signal gesehen
werden, die Weichen neu zu stellen, damit unser inneres Vehikel
eine neue Richtung einschlagen kann. Unsere Mitmenschen
machen uns auf diese Weise auf etwas in uns selbst
aufmerksam, das es wert ist, angeschaut zu werden. Wir
vereinbaren oft schon vor der Inkarnation mit der uns
umgebenden Seelenfamilie, wer uns auf unserem Lebensweg
auf der Erde in Bewegung bringen wird. Gerade Menschen, die
wir als Widersacher, Feinde oder Konkurrenten empfinden, sind
oft diejenigen, mit denen wir auf anderen Ebenen eine tiefe
Beziehung in Liebe haben. Der Lernprozeß mit denjenigen, die
wir angeblich nicht mögen, ist der unbequemste von allen. Er ist
aber zugleich auch der kürzeste Weg zur Erkenntnis, wer wir
sind und woran wir zu arbeiten haben. Jesus wußte, warum er
von Feindesliebe sprach.
Viele rituelle und magische Praktiken der heute

-228-
praktizierenden Maya-Schamanen hängen noch mit der
Grundeinstellung von Menschen zusammen, die die
Verantwortung für ihr Leben an Schamanen oder Priester
abtreten zu können glauben. Geistiger Schutz und Begleitung
werden ihrer Meinung nach dem Menschen nur über die
Priesterschaft zuteil. Der kranke Mensch muß daher auch nichts
zu seine Heilung beitragen. Heute noch kann man in Guatemala
beobachten, daß ein Schamane für einen hilfesuchenden
Menschen arbeitet, der unbeteiligt das Geschehen beobachtet.
Manchmal unterhalten sich die Betroffenen sogar miteinander,
was viele Schamanen nicht einmal stört. Sie sind es gewohnt,
etwas auszugleichen, was der Hilfesuchende nicht
zustandebringt. Es obliegt somit dem Geschick des Schamanen,
die geistigen Mächte dazu zu bewegen, sich des unwissenden
Menschen anzunehmen und ihm seinen Weg zu bahnen.
Gebeten wird dabei meist um Heilung, um Geld, um die
Erwiderung von Gefühlen, um geschäftlichen Erfolg und
Ähnliches. Durch Tieropfer und magische Riten sollen geistige
Wesen ganz bewußt für bestimmte Aufgaben eingesetzt werden.
Diese Formen magischer Praxis lösen sich auf, sobald ein
Mensch zu erkennen beginnt, daß er selbst für die Art und
Qualität seiner Umgebung verantwortlich zeichnet. Solange
jemand einen Schamanen, Priester, Heiler oder ein bestimmtes
religiöses System sucht, um seinen Mangel an
Verantwortlichkeit und Erkenntnis auszugleichen, entscheidet er
sich für die Abhängigkeit. Ihm werden Menschen und
Situationen begegnen, die ihm sein fehlendes
Verantwortungsbewußtsein spiegeln und ihn mit einem Weltbild
konfrontieren, das auf Angst, Schuld, Leid und Trennung
aufgebaut ist. Er leidet an der Isolierung vom kosmischen
Geschehen und verleiht seiner destruktiven Haltung in Kriegen
und Unruhen Ausdruck. Haß, Verfolgung, Aggression sind das
Ergebnis einer vollkommen desorientierten und isolierten
Lebenseinstellung. Natürlich können wir Wirtschaftssysteme

-229-
und politische Regime für die zunehmende Not des Menschen
verantwortlich machen, im Hintergrund dieser Disharmonie auf
unserem Planeten steht aber die Abwendung der Menschheit
vom Göttlichen und Feinstofflichen. Die Last des
materialistischen Denkens, die Negativität der Gefühle und
Gedanken unzähliger Menschen äußern sich unübersehbar auf
diesem vom Menschen ausgebeuteten Planeten. Auch auf
feinstofflicher Ebene ziehen wir die unserer Sichtweise
entsprechenden Wesenheiten an, wir kreieren sie sogar und
steigen oder fallen mit ihnen.
Ein von den Ahnen der Maya auf Gott und Menschen
ausgerichtetes System verlor also infolge des Mißbrauchs jede
Verbindung zum Göttlichen als auch zu den Mitmenschen und
hatte damit keine Daseinsberechtigung mehr. In den Menschen
entstand eine tiefe Sehnsucht nach diesem Gefühl, sie waren
bereit, alles zu opfern, um die Verbundenheit mit den
kosmischen Kräften nicht zu verlieren. Aufgrund fehlender
Erkenntnis der größeren Zusammenhänge glaubten sie sogar, die
Tore in den Kosmos gewaltsam öffnen zu können. Aus Maya-
Kodizes ebenso wie aus Abenteuer-Filmen wissen wir, daß die
Maya im Niedergang ihrer Kultur auch vor Menschenopfern
nicht zurückschreckten. Die Sieger der rituellen Ballspiele, aber
auch Gefangene wurden den Göttern geopfert. Dies sind
zweifelsohne Fakten, die nachweisbar sind, die aber aus einem
Mißverständnis resultieren. Die geistige Welt ist auf Freiheit
und Liebe bedacht und hat kein Interesse am Blut des Menschen
oder irgendeiner anderen Kreatur. Maya will im Zeitenwandel,
in dem wir uns befinden, wieder in seiner Ursprünglichkeit
wahrgenommen werden und in der gelebten Liebesfähigkeit des
Menschen ausgedrückt sein. Nur dieser Ebene von Maya gilt
meine Aufmerksamkeit. Darum gehe ich auch mit der Tradition,
wie sie von vielen Maya heute gelebt wird, sehr vorsichtig um.
Ich bemühe mich, meine Aufmerksamkeit auf die Ebene Maya
zu richten, die sich uns Menschen öffnen möchte. Das

-230-
kosmische Wissen wurde und wird von Menschen in all ihrer
Unvollkommenheit vermittelt. Daher ist es zulässig und
notwendig, Traditionen und alte Schriften nicht als die einzige
reine Wahrheit zu betrachten und sie in unserem Bewußtsein
und mit unserem inneren Drang nach Verbindung zum
Göttlichen zu überprüfen. Ich versuche mich von allem
abzugrenzen, was Trennung und Unfreiheit schafft. Dies gilt vor
allem auch für Informationen medialer Menschen, die durch ihre
innere Enge die Qualität des Übermittelten mitbestimmen. Wie
oft hätte ich schon unser Zentrum umbauen, mein Leben neu
orientieren, meine Kinder umerziehen oder auch meine
Partnerschaft hinterfragen müssen, hörte ich auf die
wohlmeinenden Aussagen all derer, die sich als Sprachrohr des
Göttlichen verstehen. Maßstab für die Wahrhaftigkeit und
Klarheit einer medialen Information ist für mich die Reinheit
und Bescheidenheit eines Menschen. Da stehen meine Maya-
Begleiter in Guatemala für mich an erster Stelle.
In dieser sehr bewegten Zeit persönlicher Entwicklung und
Veränderung steht uns das Wissen alter Kulturen und
Religionen offen. Wir sind umgeben von Helfern, ob wir sie nun
erkennen oder nicht. Es gibt für keinen Menschen mehr die
Ausrede, er sei von Gott und der Welt in der Wahrheitsfindung
verlassen. Es liegt nur an uns zu erkennen, was unserer
Entwicklung dient und was sie behindert. Wenn wir uns alten
Kulturen zuwenden, benötigen wir eine innere Kontrollinstanz,
damit wir uns nicht Kräften aussetzen, die nicht in die heutige
Zeit, in das gegenwärtige Energiefeld und vor allem in unser
Bewußtsein passen. Mein Filter ist die Intuition des Herzens, die
mir zeigt, ob etwas in mir in Resonanz geht oder nicht. Neugier
ist auf diesem Gebiet nicht angesagt. Selbst Menschen, die nicht
an einen spirituellen Weg glauben, brauchen eine Art innere
Richtlinie, um die Fülle der auf uns einströmenden
Informationen und Erfahrungen entsprechend zuordnen zu
können. Niemandem bleibt es erspart, sich dem sich stark

-231-
verändernden Energiefeld auf unserem Planeten zu stellen.
Maya spricht diese Thematik sehr klar in den Prophezeiungen
an. Unsere Bereitschaft zur Wahrheitssuche stellt sicher, daß wir
durch die Turbulenzen der Zeitenwende geführt werden.
Gott erreichen wir über seine unzähligen Helfer auf
verschiedenen feinstofflichen Ebenen. Sie werden bei den Maya
als Kräfte bezeichnet und sind im Grunde die Transformatoren
der göttlichen Energie in die planetarische Materie. Ihre
Aufgabe ist es, uns Menschen beizustehen und dadurch dem
Wachstum und der Entwicklung der göttlichen Schöpfung zu
dienen. Die heiligen Kräfte bieten ihre Gaben liebevoll den
Menschen an, die mit ihnen in geistige Verbindung treten. Sie
lassen sich nicht auf menschliches Niveau herab, sondern heben
vielmehr den Menschen auf die göttliche Ebene. Der Himmel
läßt auf diese Weise seine Macht in das Herz aller lebenden
Wesen strömen. Bei der Durchdringung von Corazón del Cielo
und Corazón de la Tierra wird das Untere erhöht, ohne daß das
Obere sich erniedrigen müßte. Durch den zeremoniellen Akt
verbindet sich der Mensch mit dem göttlichen Kosmos und
erhält Antworten auf seine Fragen. Er wird in dieser Verbindung
mit dem Geschenk der Heilung und Ganzwerdung gesegnet.
Die Rückkehr der Maya besteht also nicht im Wiederaufleben
einer Tradition, die sich selbst ein Ende bereitet hatte. Wir
können den Lauf der Zeit nicht zurückdrehen. Es geht dabei
vielmehr um die menschliche Kapazität, wieder zu Reisenden
durch die göttlichen Dimensionen zu werden. Voraussetzung
dafür sind die Rückbindung an Gott in tief empfundenem
Respekt vor dem Größeren, vor dem Leben und das Annehmen
der eigenen Liebeskraft. Ein Mensch, der im Kraftfeld der
kosmischen Liebe lebt, ist nicht mehr fähig, auf Kosten anderer
zu leben. Er wird der Menschheit wie dem Göttlichen dienen
und danach trachten, seiner Seelenbestimmung entsprechend zu
leben. Das Bewußtsein der Menschheit hat sich durch die
Entscheidung vieler Suchender gehoben, sich dem göttlichen

-232-
Plan zur Verfügung zu stellen. Es gibt unzählige Lichtträger und
Helfer unter uns. Sie schaffen den Ausgleich zu den Menschen,
die sich nur mehr in innerem Zwiespalt befinden und jegliche
Verbindung zur geistigen Welt verloren haben, sind sich der
wahren Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Kosmos
wieder bewußt und gehen mit ihrer Schöpferkraft bewußt und
verantwortungsvoll um.
Wir lernten eines Tages in Guatemala City eine alte Frau
kennen. Ihr Großneffe war mein Schüler gewesen, aber bei
einem tragischen Unfall ums Leben gekommen. Er war mit dem
Fahrrad an einer Kreuzung stehen geblieben und von einem
Lastwagen, dessen Bremsen nicht funktionierten, überrollt
worden. Der Sechzehnjährige hatte seinen Unfall vorausgeahnt
und ein paar Tage davor bereits Zeichnungen angefertigt, die auf
den Unfall und seinen Tod hindeuteten. Ich hatte Benji
besonders gut gekannt. In dieser Zeit hatte ich nämlich mit einer
Schülergruppe einen Kurs zum Thema: „Bewußter Umgang mit
Prüfungsängsten" abgehalten. In Meditation versunken machte
Benji den Eindruck eines in sich gekehrten, reifen Menschen,
dessen Ausstrahlung deutlich spürbar war. Obwohl sein
Verhalten innerhalb der Klassengemeinschaft eher unangenehm
war, hatte ich in persönlichen Begegnungen seine innere Kraft
wahrgenommen. Sein Tod ging vielen Menschen sehr nahe.
So lernte ich seine Großtante kennen, die, wie sie erzählte, als
häßliches Kind in Deutschland aufgewachsen war. In ihrem
ganzen Leben hatte sie immer klare Vorstellungen von dem
gehabt, was sie sich wünschte. Schon ihre erste Puppe hatte sie
in allen Details vorhergesehen. Ohne daß sie den Eltern etwas
davon verraten habe, sei sie kurz danach mit genau dieser Puppe
beschenkt worden. So war es auch mit ihrem ersten Fahrrad
gewesen. Später, als junge Frau, entwickelte sie sich kraft ihrer
Vorstellung zu einer Dame der Gesellschaft. Es hatte nur einige
wenige Jahre gedauert, und sie verkehrte in Berlin in den besten
Kreisen. Bald übersiedelte sie nach New York, wo sie mit

-233-
Künstlern bekannt wurde. So lernte sie zum Beispiel Yehudi
Menuhin, den weltberühmten Geiger, kennen. Schließlich war
sie nach Guatemala gekommen. Diese Frau hatte sich bewußt
ihr Leben kreiert, aber im Alter fand sie heraus, daß sie ihre
schöpferische Gabe meist nur dafür eingesetzt hatte, ihre
Minderwertigkeitsgefühle zu übertünchen. Da entschloß sich
Doña Renata, sich dem Leben in all seinen Facetten
anzuvertrauen. Spannend war, was sie aus ihrem Leben erzählte,
das eine ungeheure Intensität gehabt zu haben schien.
Als ich sie kennenlernte, lebte sie schließlich in einer kleinen
Holzhütte in einem Außenbezirk der Stadt Antigua. Allein
hauste sie in einem Bretterverschlag und versorgte sich nach wie
vor selbst. Sie forderte mich und meine Frau auf, auf einer völlig
ramponierten Sitzgarnitur Platz zu nehmen, und bot uns ein Glas
Wasser an. Dann berichtete sie von ihren mystischen
Erfahrungen. Sie hatte viele Kontakte zur theosophischen
Gesellschaft, hatte eine Bibliothek mit den großen spirituellen
Werken von Leadbeater, Blavatsky, Bailey und vielen anderen
mehr. Doña Renata wirkte glücklich, sie hatte erkannt, daß es an
der Zeit war, materielle Wünsche loszulassen. Das war ihr
vielleicht auch dadurch leichter gefallen, daß sie ihr Leben in
Fülle gelebt hatte. Die alte Frau las aus unseren Händen. Sie
konnte die Schutzengel an unserer Seite sehen und meinte, es sei
immer wunderbar für sie, wenn wir sie besuchen kämen. Sie
habe niemanden mehr, dem sie ihre Geheimnisse anvertrauen
könne.
Eines Tages wurde Doña Renata Opfer eines Raubüberfalls.
Zwei Männer brachen in ihre Hütte ein, stießen sie zur Seite und
nahmen ihr das Wenige, das ihr noch geblieben war.
Stundenlang lag sie mit gebrochenem Oberschenkel am Boden,
bis jemand ihre Schreie hörte und sie in ein Spital brachte. Als
wir von diesem Überfall hörten, konnten wir es kaum fassen.
Warum mußte das Schicksal diese Frau so hart treffen? Wir
besuchten die Frau in einem staatlichen Spital, wo sie mit vielen

-234-
anderen Menschen in einem großen Schlafsaal lag, der nach
Urin stank. Als wir uns ihrem Bett näherten, setzte sie sich auf
und strahlte vor Freude. Sie erzählte uns den Hergang des
Geschehens und meinte, es habe so kommen müssen. Es sei
eben an der Zeit, alles loszulassen, selbst das Wenige, das sie
noch besessen hatte. Sie akzeptiere das als Zeichen dafür, daß
sie dem Göttlichen auf diese Weise am besten dienen könne. Sie
verspüre keinerlei Haß auf die Diebe, denn diese hätten einem
Plan gefolgt, der für sie vorgesehen gewesen sei. Zuviel an
Äußerlichkeiten habe sie in ihrem Leben kreiert, nun wolle sie
ihre geistige Kraft dem Gebet und der inneren Reinheit widmen.
Ein paar Monate danach besuchten wir die alte Frau in einem
Pensionistenheim, in dem sie von weitschichtig Verwandten
untergebracht worden war. Sie zeigte uns einen von Hand
beschriebenen Block, auf dessen vergilbten Seiten sie ihre
Lebenserfahrungen festhielt. Sie schrieb von der Gabe des
Hellsehens, von der Gefahr, sich Materie zu schaffen, und vom
göttlichen Geschenk, Materie im Wissen darum, daß alle Fülle
aus dem Inneren gegeben sei, loslassen zu können. Ein Kapitel
widmete sie der Sexualität und der großen Herausforderung an
uns Menschen, diese schöpferische Urkraft in Respekt vor dem
Partner auszudrücken und bewußt zu leben. Diese Frau zeigte
uns beiden, wie man im Zustand äußerer Armut und Not aus der
Fülle der Lebenserfahrungen und in innerer Schönheit glücklich
sein konnte. Sie hatte durch ihr bewegtes Leben das Geheimnis
der kosmischen Schöpferkraft kennengelernt und wußte, daß wir
mit dieser Kraft im Dienste des Größeren umgehen lernen und
nicht nur die eigenen Wünsche und Begierden befriedigen
sollten.
Die Schöpfergabe des Menschen ist es, die bei den Maya ganz
besonders erkannt und wahrgenommen wurde und in jedem von
uns verantwortungsbewußt wahrgenommen werden sollte. Für
Maya gab es außer den Gesetzen der Materie, unseren
Naturgesetzen, auch kosmische Gesetze und damit verbunden

-235-
ein kosmisches Wissen, dessen man sich bedienen konnte. Es
bedurfte nur eines geistigen Vorgangs, eines Rituals, und der
Maya trat in eine kosmische Bibliothek ein, entnahm daraus,
was er wissen wollte, und setzte dieses Wissen zum Wohl der
Menschheit ein. Somit schloß sich der Kreis von menschlicher
und göttlicher Weisheit, um der unwissenden Menschheit eine
höhere Lebensqualität zu ermöglichen und den kosmischen Plan
Gottes erkennbar zu machen. Die kosmische Weisheit diente
auch dazu, die Kapazität eines Menschen herauszufinden und
ihm dabei zu helfen, seine Lebensaufgabe zu erfüllen. Für
diesen Dimensionenschritt war es notwendig, die Bewegungen
der Planeten und unseres Sonnensystems, der
Sternenkonstellationen und der damit verbundenen Energien
und Strahlen zu kennen. Da sich der Zeitbegriff im Kosmos
völlig von unserem irdischen unterscheidet, war es notwendig,
die Dimensionenreisen auf die kosmischen Ebenen
abzustimmen. Die Maya wußten, wann sich die energetischen
Tore in den Kosmos öffneten, und richteten sich auf diese
Zeittore ein.
Die Fähigkeit, in diese kosmische Bibliothek einzutreten, war
freilich nur wenigen Priestern vorbehalten, die dafür auserwählt
waren. Dimensionenpendler wurden bereits im Kindesalter
erkannt. Die Gesellschaft bemühte sich, diesen besonders
begabten Kindern ihren Lebensweg zu ebnen. Ancianas und
Ancianos nahmen sich in besonderer Weise dieser Kinder an
und führten sie mit Methoden der Bewußtseinserweiterung und
Reinigung, mit Zeremonien und Einweihungen zu ihrer
Lebensaufgabe, dem Göttlichen wie dem Menschlichen zu
dienen. In den alten Kulturen war man sich dessen bewußt, daß
ein Mensch in politischer Verantwortung seine Aufgabe nur
dann im Sinn der Gemeinschaft erfüllen konnte, wenn er
zugleich bereit war, in göttlicher Verbindung zu leben. Die
Machthaber der Maya wurden nicht nur von ihren Mitbürgern
für eine Führungsaufgabe ausgewählt. Sie waren in erster Linie

-236-
Ermächtigte aus den geistigen Ebenen, ihnen war die Macht aus
den Ebenen der Unterwelt, der Naturreiche und die tiefe
Verbindung zu den Ebenen des Lichts zuteil geworden.
Im gegenwärtigen Zeitenwandel werden immer mehr
Menschen befähigt, den Weg zu Gott über die Verbindung und
Liebe zu allem Sein zu erkennen und anzunehmen. Durch die
bewußte Absicht, Teil des Göttlichen zu werden, entfalten wir in
uns selbst das kosmische Geschehen. Die Verbindung mit dem
Göttlichen gehört bei den Maya zu einer kosmischen Ordnung,
die der Erde und den Menschen Schutz sichert. Alles unterliegt
dabei dem Prinzip des freien Willens. Der Mensch hat es selbst
in der Hand, diesen Schutz in Anspruch zu nehmen oder darauf
zu verzichten. Die geistigen Wesenheiten der Maya agieren auch
als Wächter, sie arbeiten dem unheilbringenden Wirken von
Geistern entgegen, die meist von den Menschen selbst aus dem
unerschöpflichen Energiereservoir des Lichts und der
Dunkelheit erschaffen wurden. Darum stellt Maya Menschen
und geistige Kräfte auf den wunderschönen Stelen an vielen
heiligen Maya-Stätten als Einheit dar.
Wenn sich Menschen an die vorgegebene göttliche Ordnung
halten, schützen die göttlichen Kräfte den Menschen gegen alle
natürliche Gefahren. Menschen, die in Einklang mit der Natur
leben, werden von den Wesenheiten unseres Planeten beschützt
und in ihrer Entwicklung unterstützt. Sie werden auf
Katastrophen aufmerksam gemacht und sogar dazu eingeladen,
in Zusammenarbeit mit den Wesen der Natur, den vier
Elementen Feuer, Erde, Luft und Wasser Unheil abzuwenden.
Wir erhalten den Schutz von Licht und Schatten.
So wird in der Kosmovision Maya auch bewußt der Schutz
der Menschen durch die Zusammenarbeit mit den heiligen vier
Elementen erbeten. Somit erhält der Mensch, der im
Einvernehmen mit dem göttlichen Gesetz der Liebe lebt, den
Schutz der Wesenheiten des Wassers auch bei seiner
feinstofflichen Reinigung. Maya arbeitet dabei vor allem mit der

-237-
geistigen Kraft Chak. In der christlichen Tradition könnte man
vielleicht Moses oder den Apostel Jakobus, die mit dem
Wasserelement in Verbindung gebracht werden, im Bad, in der
Dusche, in der Sauna um Klärung, Reinigung und Schutz bitten.
Wasser wird durch unsere geistige Verbindung zum
Weihwasser, zur Heil- und Schutzessenz. Sobald wir ein Glas
Wasser in die Hände nehmen und mit der geistigen Kraft
segnen, verändert sich sogar die Molekularstruktur des Wassers.
Dies hat der japanische Forscher Dr. Masaru Emoto mit seinen
spektakulären Wasserkristallbildern nachgewiesen. Die tägliche
Verbindung mit dem Element Wasser sollte uns an die Reinheit
unserer Gefühle erinnern.
Im gleichen Maße erhalten wir die Reinigung und den Schutz
durch das Element Feuer. Die Gepflogenheit, zum Schutz eine
Kerze aufzustellen, kennen wir auch in der christlichen Kultur.
In Maya ist Tojil die Schutzmacht des Feuers. Der Quiché-
Schamane kommuniziert in den Ritualen mit dieser geistigen
Kraft und setzt sie bewußt zur Heilung und zum Schutz des
Menschen ein. Damit erfährt der Mensch auch die Begleitung
der reinigenden und schützenden Wesenheit des Feuers. In
dieser Verbindung werden wir daran erinnert, unsere Absichten
und unseren Willen reinzuhalten.
Im Luftelement erhalten wir Reinigung und Schutz durch den
Bruder Wind. Die Verbindung mit ihm läßt sich bei jedem
Spaziergang herstellen. Der kühle Hauch befreit uns von unserer
feinstofflichen Verschmutzung. Santa Majóm und die Wesenheit
IQ stehen in Maya für diese Kraft, die uns Menschen durch das
Leben begleitet und uns ständig an unsere Aufgabe erinnern
sollte, den Geist und die Gedanken reinzuhalten.
Besonderen Schutz erhalten wir vom Element Erde. Die Erde
ist unsere Mutter und hat höchstes Interesse daran, uns zu
begleiten und vor jeglichem Leid zu schützen. Ihre
Unterstützung finden wir durch unsere Bereitschaft, sie in allen
Wesenheiten der Mineralien, Pflanzen und Tiere als lebendig

-238-
anzuerkennen und zu lieben. Sie möchte uns durch ihre
Schönheit ständig darauf aufmerksam machen, daß wir in ihrem
Schoß unsere innere Vollkommenheit erreichen. Von ihr
erhalten wir auch den Zugang zur Dunkelheit und den Schutz in
den Reichen von Licht und Dunkel. Der kosmische Mensch
Maya beginnt seine Dimensionenreise im Kontakt mit der Natur.
Die Einheit von Mensch und Natur spiegelt die Einheit von Gott
und Mensch. Das Bewußtsein Maya entfaltet sich aus der Liebe
zur Mutter Erde und zum Vater Kosmos.

-239-
Erwachen des Jaguars

Es war knapp vor 6 Uhr morgens. Die Sonne würde jeden


Augenblick am Horizont erscheinen und ihre ersten
Lichtstrahlen durch Bäume und Gebüsch auf den kleinen Kopf
in einer halboffenen Zeremonialhöhle werfen. Er stellt den
Maya-Astronomen Ciacachol dar und wurde nach Aussagen
Tata Julians von der Natur geformt. Eine Gruppe von Maya-
Schamanen erwartete uns bereits am heiligen Altar. An diesem
uralten Ritualort sind die Maya-Kräfte der Quichés und der
Pocomames präsent, und an diesem Platz kann man daher aus
den Kraftquellen beider Maya-Volksstämme schöpfen.
Entsprechend schwerwiegende schamanische Arbeiten können
hier auch angegangen werden. Heute sollte ein Reinigungsritual
für eine junge Frau gemacht werden, die an einer schweren
Besessenheit litt. Ich kannte Lina schon seit gut einem halben
Jahr. Wir waren einander bei einem meiner Seminare begegnet.
Als Kind war sie von ihren schwer alkoholabhängigen Eltern
völlig mißachtet und von ihrem Vater sogar sexuell mißbraucht
worden. Ihr Körper war wie zweigeteilt, in der rechten
Körperhälfte tobten die schlimmsten Schmerzen. Kein
Therapeut hatte ihr bisher helfen können. Die Schmerzen waren
inzwischen unerträglich geworden, es halfen auch keine
Medikamente mehr. Außerdem war in manchen
Lebenssituationen eine unbändige Kraft aufgetaucht, die sie
nicht mehr kontrollieren konnte und die sie straffällig werden
ließ. Wenn sie nach diesen Phasen geistiger Umnachtung wieder
zu sich kam, meldete sich der andere Teil ihrer Persönlichkeit
mit tiefer Reue. Einige Zeit waren Drogen das einzige Mittel,
diesem ständigen inneren Zweikampf auszuweichen. Zuletzt
hatte sie in einem Altersheim Menschen betreut, die dem Tode
nahe waren. Selbst den Zustand derer, um die sie sich kümmern
sollte, hatte sie wie unter Zwang ausgenützt und sie hatte diese
-240-
Menschen bestohlen. So hatte sie sich zusätzlich den Haß von
Personen zugezogen, die sich nicht mehr wehren konnten und
denen man aufgrund ihres Zustands nicht mehr glaubte.
Inzwischen war sie nicht mehr Herrin ihrer Gefühle und
Gedanken und schrie um Hilfe. Die junge Frau hatte kaum mehr
Hoffnung, aus ihren Lebensumständen aussteigen zu können,
und wollte sich das Leben nehmen.
Lina hatte ich im Heilungsseminar behandelt, indem ich sie in
Gruppenritualen in den violetten Strahl der Transformation
stellte. Dies schien nicht auszureichen. So lud ich sie ein, in
unser Zentrum nach Guatemala zu kommen. Dort waren dunkle
Kräfte wach geworden, die sich ge gen mich und gegen meine
Altäre in der Pyramide richteten. Lina wälzte sich während der
Heilungsrituale wie ein Wurm herum und verlor jegliche
Kontrolle über ihren Körper. Dämonen übernahmen ihre
Stimme, steuerten ihre Bewegungen, ihre Gedanken und
Gefühle. In ihren Augen spiegelten sich Haß und Aggression.
Sie schrie mich mit einer dunklen, mißtönenden Stimme an und
wurde dabei handgreiflich. Ich bereite mich auf Zeremonien
immer sehr gut vor und weiß mich im Schutz meiner geistigen
Begleiter. In solchen heftigen Begegnungen arbeite ich
vorzugsweise mit den göttlichen Schwertführern, mit dem
Erzengel Michael, mit Santiago, dem heiligen Georg, mit der
östlichen Kraft Shiva, der Maya-Kraft Kukulcán und den
weiblichen Wesenheiten, die Schutz und Geborgenheit geben,
der göttlichen Mutter Maria als Schwarzer Madonna, der Maya-
Mutter und Schamanin Ixmucané und der Mutter der
Dunkelheit, Ixchél. Es galt vor allem, meine Vorstellungen vom
Kampf gegen das sogenannte Böse loszulassen. Wie wäre es
denn auch möglich, ge gen etwas zu kämpfen, ohne es dadurch
nicht gleichzeitig zu stärken?! Auch den Erzengel Michael rufe
ich nicht als Drachentöter, sondern als geistige Macht, die Licht
und Dunkel wieder in Balance bringt. In Guatemala wird er
meist auch in dieser Rolle dargestellt. Er trägt das Schwert nach

-241-
oben gerichtet in der linken Hand. Die rechte hält eine Waage
als Symbol dieser Balance von Licht und Schatten.
Besondere Unterstützung erhalte ich durch die Kraft von
Maya-Altären, die auf meinem Weg als Schamane für mich
Bedeutung erlangt haben. Es bedarf der Erlaubnis und ihres
Rufes, sie in diese Arbeit miteinbeziehen zu dürfen. Wenn der
richtige Zeitpunkt da ist, bringen sich diese Maya-Kraftorte nach
und nach in Erinnerung und rufen den Schamanen. Man hört
von ihnen, sie machen in vielfältigster Weise auf sich
aufmerksam und gehen einem dann nicht mehr aus dem Sinn. Es
kommt auch vor, daß sie sich in Träumen zeigen. Dies ist ein
klares Zeichen für einen Maya, daß die Zeit einer Verbindung
mit dieser Kraft bevorsteht. Dazu genügt ein Besuch an diesem
Platz, den der Maya grundsätzlich nicht aus Neugier abstattet. Er
tritt unmittelbar mit der zentralen Kraft oder auch Wesenheit des
Altars in Verbindung und bezieht von da an diese Wesenheit in
die schamanische Arbeit mit ein. Der Weg des Maya-
Schamanen gestaltet sich dadurch in ganz besonderer Weise. Er
lernt die Schönheit seiner Heimat kennen, baut Kontakte zu den
heiligen Bergen, Höhlen, Steinformationen, Seen und
Wasserfällen auf. Das sind die Stätten, an denen seine Vorfahren
Kraft und Weisheit hinterlassen haben. Bei diesen Naturaltären
erfährt der Schamane seine innere Ermächtigung. Die meisten
dieser Maya-Altäre stehen in Verbindung mit einem der 20
Nahuales und einer Zahl von l bis 13 oder den göttlichen Maya-
Boten des Lichts und der Dunkelheit. Wenn der
Wahrheitssuchende auf seinem Weg nicht selbst den Ruf der
heiligen Kraftorte erkennt, wird er in dieser Phase der Öffnung
und Sensibilisierung von einem Schamanen begleitet. Kommen
zum Beispiel Maya-Schamanen in unser Zentrum, so lassen sie
sich nicht gleich an alle besonderen Plätze führen. Don Juan, ein
Quiché-Schamane, kommt bereits seit zwei Jahren auf Besuch,
um uns bei der Heilungsarbeit zu unterstützen. Trotzdem gibt es
zwei sakrale Bereiche, von denen er noch nicht gerufen worden

-242-
ist und die er aus diesem Grunde auch noch nicht besucht hat. Er
würde sich, seiner Meinung nach, sonst einem Kraftfeld
aussetzen, für das er nicht entsprechend vorbereitet sei. Die
Wesenheiten dieser Plätze richteten sich vielleicht sogar gegen
ihn. Bei einem Maya-Schamanen drückt diese Haltung
allerdings nicht Angst vor dem, was passieren könnte, aus. Ein
Priester der Maya begegnet allem Sein, ganz besonders der
unsichtbaren Welt, mit tiefem Respekt und vertraut seiner
inneren Begleitung und Führung. Nicht der Mensch selbst
erarbeitet sich die Macht, er wird von der göttlichen Macht
gesegnet, die er dann im Dienst an den Mitmenschen einsetzen
darf. Der Maya-Altar ist somit ein Ort der Segnung und
Einladung an den Schamanen, die göttlichen Boten in sich zu
erwecken und mit ihnen zusammenzuarbeiten.
Um eine für alle Beteiligten faire Lösung in einem Prozeß der
Befreiung von dämonischen Einflüssen zu finden, ist es
notwendig, Kontakt zum Herrn der Unterwelt aufzunehmen. In
Kommunikation mit ihm bitte ich um Erlaubnis, diese
Energieformen auf die Ebenen der Unterwelt zurücksenden zu
dürfen, wo sie von Menschen kreiert worden waren. Die
Dämonen sollen also einen würdigen Platz in den Ebenen der
Unterwelt erhalten, dann sind sie auch eher bereit, von
Menschen abzulassen. Dadurch finden sie auch eine neue
Heimat und irren nicht ziellos umher. Wenn vom Herrn der
Unterwelt die Erlaubnis für diese Rückerstattung gegeben ist,
richtet sich der schamanische Kampf in einem Heilungsritual
nicht mehr gege n die Obrigkeiten der Unterwelt, sondern nur
mehr gegen ungebetene, aus Unwissenheit selbst eingeladene
Gäste im Energiefeld des Menschen. Darum ist der betroffene
Mensch selbst ganz besonders in die Heilung miteinzubeziehen.
Er hat ja schließlich diesen Mitbewohner in sich selbst
erschaffen, genährt und aufgezogen. Er hat durchaus Vorteile
aus dieser Symbiose zwischen Mensch und Wesenheit gezogen
und muß sich nun ehrlich entscheiden, dieses Kraftpotential

-243-
auch wirklich aufzugeben. Wenn seitens des Betroffenen nicht
die vollkommene Bereitschaft zu diesem inneren Wandel
vorhanden ist, wird keine noch so raffinierte Methode der
Befreiung zielführend sein. Die Entscheidung einer Person, mit
diesem Kraftpotential weiter leben zu wollen, muß dann von
allen Seiten respektiert werden. Die Menschen genießen diese
Energien ja auch in speziellen Formen der Sexualität, in
Drogen- und Alkoholexzessen, in beruflichem oder politischem
Machtrausch, wobei aufgrund der quasi vertraglichen
Vereinbarungen mit den Dämonen jeder der Beteiligten zu
seinem Recht kommt. Nach einer gewissen Zeit kommen dann
manche aber doch zu der Erkenntnis, daß ihr Leben dadurch
immer stärker eingeengt wird, daß die dämonischen Muster
immer mehr Raum einnehmen, stärker werden und sich im
zwischenmenschlichen Kontakt als hinderlich erweisen.
Lina hatte sich diese Muster in einem früheren Leben
erschaffen, diese aber im jetzigen Leben durch ihre Haltung,
durch ihr Denken und Fühlen, vor allem aber durch ihr Tun
zusätzlich verstärkt, so daß uns nun in ihr eine dunkle, trennende
Macht gegenüberstand, die diese Frau nicht ohne weiteres
freigeben wollte. Ihre vollkommene Bereitschaft, sich dem Licht
zu nähern, war die Basis, auf der wir unsere Heilungsabsichten
aufbauen konnten. In ihr sollte das Gleichgewicht von Licht und
Schatten wiederhergestellt werden. Dazu bedurfte es der
Auflösung aller behindernden und krankmachenden Strukturen.
Die Arbeit mit der Dunkelheit ist nicht dasselbe wie die
Zusammenarbeit mit dem Dämonischen, dem Trennenden im
Menschen, sondern das Schaffen von Harmonie und
Ausgewogenheit auf den Ebenen der Dunkelheit. Ein Mensch
kann die Balance von Licht und Dunkel nur finden, wenn beide
in Harmonie sind. Die Hüter der Ebenen der Dunkelheit behüten
das göttliche Prinzip des Dunkels, das nicht negativ zu bewerten
ist. Gleichermaßen bedarf es auch einer Harmonie des Lichts,
die wir nicht durch das Licht selbst, sondern durch das

-244-
Umsetzen unserer Liebesfähigkeit entfalten können. Wie gesagt,
der Mensch selbst ist es, der sich aus dem Energie reservoir des
Schattens Formen des Hasses, der Sucht, der Mißgunst, des
Neids und dergleichen erschafft. Dadurch zieht er die passenden
Energieformen auch von außen magnetisch an und leidet unter
ihnen. Tata Julian bezeichnet diese Wesenheiten als Espiritu
Burlones, Betrügergeister, die dem Menschen immer ein Bild
von sich geben, an das er selbst glaubt, das ihm aber nicht
entspricht. Der religiöse, esoterische oder politische Fanatiker ist
ebenso in Gefahr, von den Mächten der Trennung mißbraucht zu
werden wie Praktizierende von Satanskulten, Drogenabhängige
oder Kriminelle. Wobei Unwissenheit nicht vor den
Konsequenzen der Gesetze des Lebens und des Kosmos schützt.
Wenn Menschen also in ihren negativen Gedanken und
Gefühlen verharren, stärken sie diese Energiegebilde und
formen sie zu Energiemustern aus. Bekommen diese weitere
Nahrung, so kreieren wir Energieformen und schließlich
Wesenheiten, die sich durch ständiges Wachstum ihrer selbst
bewußt werden. Wir bezeichnen diese Wesenheiten als
Dämonen. Diese Wesen bekommen nun ihre eigene Dynamik.
Sie übernehmen in manchen Lebenssituationen die Herrschaft
über unser Denken und Fühlen. Dabei werden sie weiter gestärkt
und ausgeformt, bis daraus schließlich eigenständige, starke
Dämonen entstehen. Diese Entwicklung geht weiter. Dämonen
schließen sich zu Gruppen zusammen, bilden eigene Kollektive
und machen die Menschen schließlich zu ihrem Werkzeug.
Solche Personen sind ihrer selbst nicht mehr mächtig und
agieren im Dienste derer, die sie ursprünglich selbst erschaffen
haben. Maya geht davon aus, daß wir Menschen im lebendigen
Austausch mit vielen Kräften oder Wesenheiten stehen, daß
diese Lebendigkeit unseren natürlichen Seinszustand darstellt.
Psychiatrische Heilanstalten und Gefängnisse sind voll von
Menschen, denen man mit besserem Verständnis dieser
Zusammenhänge vielleicht auch besser helfen könnte.

-245-
Am Beispiel von Lina können wir sehen, daß wir selbst
Schöpfer unserer eigenen Realität sind. Doch auch unter diesen
Gegebenheiten und mit diesen schlimmen Erfahrungen steht es
einem Menschen, gehalten in der göttlichen Gnade, jederzeit
offen, Altlasten aus anderen Leben ebenso wie in diesem Leben
kreierte Energiemuster aufzulösen. Selbst wenn Menschen nicht
an Wiedergeburt glauben, haben sie die Möglichkeit, die
menschliche Schöpferqualität mit respektvoller Verantwortung
zu handhaben.
Lina bekam nach wenigen Tagen hohes Fieber und mußte das
Bett hüten. Dies wertete ich als sehr positives Zeichen, die
Dämonen begannen sich zu wehren. Sie stürzten sie in
Schwäche und Selbstmitleid. Ich forderte sie auf, auch an diesen
Tagen in die Heilbehandlungen zu kommen, und richtete dabei
meine Aufmerksamkeit auf ihren inneren Wesenskern, auf das,
was befreit werden wollte. Jede dieser Heilbehandlungen
geschah in einem Ritual. Wiederholt kam es zu Szenen, in denen
eine ungeheure Zerstörungswut ausbrach. Nur mit scharfen
Befehlen konnte ich die Dämonen von den heiligen
Gegenständen in der Pyramide fernhalten. Einmal griffen sie
mich an und zerrissen meinen Maya-Huipil, einen Poncho, der
in Zeremonien Schutz gibt. Doch Schicht für Schicht kam ich
tiefer und konnte diese Frau allmählich von ihrer schwersten
Last befreien. Die Fieberschübe verschwanden.
So trafen wir uns also frühmorgens am Altar des Maya-
Astronomen Ciacachol mit Tata Julian und seiner Enkelin
Gloria sowie dem Quiché-Schamanen Juan und seiner Frau
Salomé. Juan hatte mich bereits zwei Tage zuvor angerufen,
weil er wußte, daß eine schwere Arbeit getan werden sollte. Tata
Julian weiß sich von der Dämonenwelt respektiert und hat
Kontakte zu Licht und Dunkel, was ihm auch eine
entsprechende Ermächtigung von geistiger Seite einräumt.
Wenn er von solchen Erfahrungen erzählt, lacht er übers ganze
Gesicht. Bei ihm löst die Arbeit mit oder auch gegen die

-246-
Dämonenwelt im nachhinein viel Spaß und Heiterkeit aus. Das
bedeutet aber keineswegs, daß es ihm während seiner
Heilungsrituale an der entsprechenden Konzentration und Kraft
und dem nötigen Respekt vor dem Geschehen mangelte.
Juan bereitete sich auf dieses Reinigungsritual mit allen in der
Tradition Maya üblichen Utensilien vor. Er besorgte Zigarren,
Schweineschmalzkerzen, Knoblauch, Zitronen, Duftessenzen,
Schnaps, Heilkräuter und das übliche Räucherwerk für das
Quiché-Feuer. Die Zeremonie sollte frühmorgens beginnen, weil
der Tagesbeginn eine Kraft in sich trägt, derer man sich
bedienen wollte. Der Tagesnahual erschließt seine Kraft im
Osten und wärmt uns mit der aufgehenden Sonne. Sie steht auch
für das im Menschen erwachende Bewußtsein. Dieser Tag war
dem Nahual KAAN, der Schlangenkraft, gewidmet, in deren
Kraftfeld Lina ihre endgültige Befreiung erhalten sollte. KAAN
entfaltet seine transformatorische Kraft mit der aufgehenden
Sonne. Die Tageskraft wurde gerufen und damit auch alle Altäre
der Maya, die diese Kraft repräsentieren. Zu Beginn der
Zeremonie richtete ich meine Aufmerksamkeit ganz besonders
auf die Mächte des Cerro de Oro, des Goldhügels, eines
Vulkans, der auf der anderen Seite des Atitlánsees liegt und zu
dem wir vom Zentrum aus unmittelbaren Sichtkontakt haben.
Dieser Vulkan rief mich vor einem Jahr. Als ich im Kreis
einiger Freunde erstmals in den dicht bewachsenen Krater
einstieg, zeigte sich mir eine phantastische Märchenwelt.
Mächtige Maya-Altäre erheben sich in wundervollen
Steinformationen. Eine Höhle, umgeben von Felsformationen
und üppiger Vegetation inmitten des Kraters, wird im
Volksmund der „Eingang" genannt. Hier begegnet man der
großen Schlange, die die unterirdischen Welten hütet. Nachdem
dort ein Kristallschädel der Maya gefunden worden war,
schütteten die Priester die unterirdischen Gänge zu. Angeblich
war es immer wieder vorgekommen, daß sich Menschen in
dieser Höhle verirrten und nicht mehr zurückkamen. Für mich

-247-
stellt dieser Vulkan einen alten Initiationsplatz der Maya dar.
Hier war es möglich, mit der Kraft der „Gefiederten Schlange"
verbunden zu werden, mit Quetzalcoatl, einer Wesenheit, die
Geist und Schlange in sich vereint. Das Federkleid ist ein
Symbol für die Leichtigkeit und Klarheit unseres Geistes als
Abbild des göttlichen Geistes. Die Schlange ist Symbol für die
in uns ständig aktive Kraft der Transformation, in der wir uns
den kosmischen Energiefeldern angleichen. Im Zeichen der
Schlange klären wir behindernde Muster und legen auf diese
Weise den Geist in uns frei. Maya bezeichnet diesen
Öffnungsprozeß in die Weite und Klarheit des Geistes als
„camino blanco", als weißen Weg.
Die ganze Fülle an rituellen Opfergaben lag auf einem Kreuz,
das mit Zucker auf den Boden gezeichnet worden war. Jeder der
beteiligten Schamanen hatte die Möglichkeit, diese Zeichnung
gemäß seiner Intuition zu ergänzen und damit eine klare Absicht
in der Struktur der Zeremonie zu integrieren. Ein Zuckersack
mit aufgerissenem Eck machte die Runde. Jeder von uns konnte
nun die Basisstruktur des Maya-Kreuzes mit Kreisen, Dreiecken
oder anderen Symbolen vervollständigen.
Sehr oft wird auch das Symbol des Tagesnahuals als Basis der
Zeremonie hinzugefügt. Ein Kranz weißer Rosen umgab
Hunderte kleine Kerzen, die in Schichten übereinandergelegt
worden waren. Dazwischen lagen Heilkräuter. Für dieses Ritual
verwendete Juan in erster Linie Ruda (Raute), ein Kraut, das
dem Menschen Schutz und Reinigung gibt. Ein weiterer Kranz
von Zigarren, Knoblauch und Zitronen lag auf den rohweißen
Kerzen. Auf der Spitze des kleinen Hügels aus
Zeremonienutensilien lagen zwei Eier, mit denen Tata Julian die
junge Frau gereinigt hatte. Dabei hatte er all seine geistigen
Begleiter angerufen, jeweils ein Ei in die linke Hand genommen
und es über Linas Körper geführt. Die beiden Eier sollten alle
negative n Energien gleichsam aufsaugen. Ein Ei stand für die
Verbindung mit den Mächten der Maya-Altäre, eingebettet im

-248-
Corazón de la Tierra, und eines für die Kräfte der geistigen
Ebenen des Corazón del Cielo.
Tata Julian wurde gebeten, das Ritual zu beginnen. Do n Juan
verneigte sich vor ihm und bat um die Erlaubnis, das heilige
Feuer zu entzünden. Gleichermaßen bat er mich, meine Frau
Christine und seine Frau Salomé um Erlaubnis. Er nahm eine
Handvoll Kerzen in unterschiedlichen Farben, zündete sie an
und zeichnete mit dem Feuer das Maya-Kreuz über den liebevoll
aufgebauten Zeremonienplatz.
Nun entzündete Don Juan eine violette Kerze, die das
Zentrum des Zeremonienplatzes bildete und alles rituelle
Beiwerk überragte. Damit lud er den violetten Strahl der
Transformation, der einen der drei Strahlen Kukulcáns darstellt,
als zentrale Kraft ein. Das Feuer begann zu brennen. Lina wurde
unruhig, daher stellte ich mich darauf ein, sie zu unterstützen
und zu beruhigen, wenn es nötig wäre. Ich kannte den Ablauf
von Reinigungszeremonien und wußte, daß sie meist einer
Schlacht glichen und daß es Schreie und Widerstand geben
konnte. So stellte ich mich hinter sie, um sie notfalls auffangen
zu können. Ihre Unruhe wurde immer stärker. Aus ihrer Kehle
drangen wieder Laute, die nic hts mit ihrer üblichen Stimme zu
tun hatten. Ein lautes Aufschreien war das erste Signal für die
Schamanen, nun direkt einzugreifen. Doña Salomé drückte ihren
Finger auf das Brustbein von Lina. Die Maya-Schamanin
forderte den Dämon auf, sich zu zeigen und seinen Namen zu
nennen. Es sei nun Zeit für ihn zu gehen. Erneut schrie Lina auf
und bebte am ganzen Körper. Ich legte meine linke Hand auf ihr
Herzzentrum, um Salomé zu unterstützen. In diesem Augenblick
brach Lina zusammen. Ich mußte sie mit beiden Händen
auffangen und davor bewahren, in das Zeremonialfeuer zu
stürzen. Tata Julian betete und wartete auf den richtigen
Zeitpunkt einzugreifen. Don Juan richtete seinen scharfen Blick
auf Lina und invokierte die ihm vertrauten geistigen Mächte.
Seine Hand gab Befehle, jede Bewegung sprach für sich.

-249-
Energie wurde auf Lina zentriert. Ich legte eine Hand auf den
Maya-Altar und die andere auf Lina, die am Boden kauerte. Ihre
Kleidung war bereits rundum verschmutzt, ihr Gesicht vor
Schmerz verzerrt. Mit einem Male begann es aus ihr zu
sprechen. Eine fremde Stimme meldete sich und murmelte vor
sich hin. Der Kreis der Personen, die dieses Ritual gestalteten,
schloß sich um Lina und kreierte ein Energiefeld voll tiefer
Anteilnahme und Unterstützung. Lina begann nun in einer uns
vollkommen fremden Sprache zu sprechen, verwendete Wörter,
die keiner von uns jemals gehört hatte, und wiederholte diese
immer wieder. Es schien eine Sprache aus einer alten, längst
verschwundenen Kultur zu sein. Wenn Don Juan Gucumatz, die
gefiederte Schlange rief, schrie Lina jedes Mal auf. Diesen
Namen wollte sie nicht hören. Die Flammen bewegten sich im
Rhythmus der Sprache des Schamanen. Spiralförmig zogen sich
die Flammen zusammen und warfen sich in die Höhe, einzelne
Feuerzungen schienen in die Aura von Lina zu springen und
lösten ein tiefes Krächzen bei ihr aus. Die Dämonen wehrten
sich immer verbissener, ihr Körper begann sich zu winden. Sie
kauerte am Boden, schrie immer wieder auf, um sich dann
wieder mit Wehklagen einzurollen. Ich nahm ihre Hand, drehte
sie auf den Rücken und ließ ihr damit keinen Spielraum mehr.
Die Gefahr, daß sie sich verletzen könnte, war zu groß.
Nun kam auch Tata Julian auf Lina zu und gab den Dämonen
den Befehl zu entweichen. Keiner der Teilnehmer hätte die
junge Frau mehr erkannt, so verzerrt war sie nun. Jede Regung
war Ausdruck von dämonischen Wesenheiten, die sie
vollkommen beherrschten. Die Sonne stand bereits über dem
Horizont und warf die Schatten der umliegenden Bäume und
Sträucher auf den Zeremonialort. Während Don Juan das Feuer
leitete, die Wesenheiten über das Feuer um Hilfe und Kraft bat,
befahl Tata Julian den Dämonen, zu verschwinden und Lina
freizugeben. Auch ich lud alle mir vertrauten Wesenheiten ein,
und Doña Salomé drückte weiterhin ihren Zeigefinger mit aller

-250-
Kraft auf die Körperstellen, wo sie die Dämonen spürte. Lina
schrie auf, wenn diese andere Körperteile befielen und
lahmlegten.
Wir luden alle durch Lina geschädigten Menschen in das
Reinigungsritual ein und baten sie um Verzeihung. Die vielen
gebundenen Seelen von Verstorbenen, die sich an Lina
festhielten, baten wir darum, sich zu lösen. Der in das Ritual
miteingebundene Maya-Altar über Chichicastenango, Pascual
Abaj, öffnete uns das Tor zu den Toten. Sie kamen in Scharen,
voll der tiefsten Ablehnung und des Hasses. Die geballte
Energie der tiefsten Verachtung strahlte aus dem Totenreich auf
diese Frau aus, die darauf ebenfalls mit Haß und Abneigung
reagierte.
Nun war der Moment da, den Jaguar in das Ritual einzuladen.
In mir erwachte das Königstier der Maya mit einem tiefen
Grollen, das aus meinem Bauch aufstieg. In jeder Zelle meines
Körpers wurde die geballte Macht des Jaguars spürbar. Ich
brüllte Lina an, warf sie auf den Boden und schob mit dieser
Kraft die anhaftenden Wesenheiten in den Kopf. Die Dämonen
zentrierten sich nun in Hals und Kopf, der zu bersten drohte.
Lina schrie, ihre Augen quollen aus den Augenhöhlen. Doña
Salomé drückte ihr den Finger in den Hals, Julian spie ihr
Schnaps in das Gesicht und befahl den Dämonen erneut, im
Namen Gottes zu gehen. Tata Julian ärgerte sich darüber, daß
sie sich nach wie vor nicht lösen wollten, und steckte Lina eine
zerbrochene Zigarre in den Rachen. Sie mußte erbrechen, schrie
auf und wälzte sich am Boden vor Schmerzen. Juan sammelte
mit einer Handbewegung die Kräfte des Feuers und drückte ihr
mit aller Kraft seine Handfläche auf die Stirn. Ich nahm mein
Schwert und richtete es auf sie. Die Dämonen drängten sich
erneut nach oben und schnürten Linas Hals zu, so daß sie
schwere Erstickungsanfälle hatte und kaum mehr Luft bekam.
Es war bereits mehr als eine Stunde vergangen, als nach einem
Urschrei der Befreiung der Widerstand in Lina nachzulassen

-251-
begann und die mächtigsten Dämonen bereit waren, von ihr
abzulassen. Alles beruhigte sich. Ich begann, das Mantra OM zu
invokieren. Der Klang dehnte sich aus und wurde von
Klangschalen und dem Klang von weichen Trommeln
weitergetragen. Ich hielt Lina wie ein Baby in meinen Armen,
tröstete sie und legte meine Hand auf ihr Herz. Sie war
vollkommen erschöpft und wimmerte leise vor sich hin. Das
Feuer züngelte auf dem weiten Aschekreis und beruhigte sich
ebenfalls. Die Schamanen streuten Weihrauch in die letzten
Flammen, und der Duft hüllte uns alle im Gefühl von Stille,
Sanftheit und Geborgenheit ein. Zucker wurde auf die
glimmenden Reste des Feuers geschüttet. Juan zeichnete mit
seinem Stock ein Kreuz in die rauchende Glut und füllte es mit
Zucker. Die kleinen Flammen begannen zu fächeln und färbten
sich blau. Sie schienen freudig zu tanzen, der weiße Rauch
duftete süßlich und zog zwischen den Bäumen davon. Lina war
trotz der Heftigkeit des Geschehens in innerem Frieden. Sie lag
nach wie vor in meinen Armen und bedankte sich immer wieder.
Ihr Körper zitterte, ihre Stimme war kaum zu vernehmen. Meine
Frau streiche lte sie liebevoll. Nun kamen auch die Männer dazu
und bedankten sich für ihre vollkommene Bereitschaft, sich der
Zeremonie hinzugeben. Lina lächelte zaghaft, stand auf und
ging als erstes zu Doña Salomé, um sie zu umarmen. Tata Julian
segnete sie, und Don Juan munterte sie auf, indem er meinte:
„Ahora adelante con mucha fuerza" (Und jetzt mit viel Kraft
voraus). Wir knieten alle nieder und beendeten mit dem Dank an
alle Helfer und Begleiter die Zeremonie. Es war Zeit zu gehen.
Wir alle hatten Hunger. Tata Julian lud uns ein, bei ihm zuhause
gemeinsam zu frühstücken. Als wir in den Hof kamen, roch es
bereits nach Eiern und Frijoles. Auf der offenen Feuerstelle der
Küche war alles für ein Indianerfrühstück vorbereitet.
Lina hat in diesem Leben aus tiefster innerer Not und in
großer Abhängigkeit gehandelt, war straffällig geworden und
hatte dem Geschehen, aber auch ihrem Leben ein Ende bereiten

-252-
wollen. Zugleich gab es aber eine Instanz in ihr, die stärker war
als alles andere. Diese Instanz war durch ihr eigenes Baby
geweckt worden, das nach wenigen Lebenstagen in ihren
Händen gestorben war. In diesen wenigen Stunden ihres
Mutterglücks wurde sie von der Seele des Kindes berührt. Es
war nach ihren eigenen Aussagen der einzige Moment ihres
Lebens, an dem sie Liebe empfinden konnte. Dieses Erlebnis
zog sich gleichsam als Leitfaden durch ihr weiteres Leben. Auch
so kann sich die göttliche Vorsehung für uns Menschen zeigen,
in tiefster Not und Verzweiflung begegnen uns häufig das
göttliche Licht und die kosmische Liebe. Lina hielt sich an
diesem Kind fest. Es stand für alle Wünsche, die sie an das
Leben hatte. Sie konnte zumindest in den wenigen Lebenstagen
des Kindes lieben und wurde geliebt.
Lina hatte alle Hilfe bekommen. Es lag nun an ihr, diese
Befreiung bewußt in ihr Inneres aufzunehmen. Als erstes sollte
sie Ja zum Leben sagen. Einige Tage nach dieser
Reinigungszeremonie standen wir miteinander auf einem
Felsvorsprung bei den Wasserfällen von Lanquin Champey in
der Region Alta Verapaz. Ein reißender Wildbach zwängt sich
dort durch riesige Steinblöcke, um ganz plötzlich in einem
Schlund in der Erde zu verschwinden. Lina saß am vordersten
Rand der Felsklippe, die an ihrem unteren Teil von der Gewalt
des Flusses ausgehöhlt ist. Der Sog der reißenden Wasserfluten
ist für mich hier so stark wie an keinem anderen Ort spürbar. Ich
selbst hatte an dieser Stelle schon das Bedürfnis gehabt, in den
Sog zu springen, und mir diese Regung nicht erklären können.
Ich saß wenige Meter hinter Lina und fühlte, daß sie sich an
dieser Stelle zwischen Leben und Tod entscheiden würde. Ich
konnte ihre Gedanken und Gefühle wahrnehmen, als seien sie
meine eigenen. Eine klare Stimme in mir untersagte es, in diese
Entscheidung einzugreifen. Ich wehrte mich gegen diese
Stimme, weil ich doch wochenlang um das Leben dieser Frau
gekämpft hatte und nun nicht einsehen wollte, warum sie noch

-253-
immer den Wunsch hatte, allem ein Ende zu setzen. Lina stand
auf und machte sich zum Sprung bereit. Mein Herz zitterte, ich
schrie innerlich um Hilfe und bat sie zu bleiben. Lina setzte sich
wieder hin, kauerte sich zusammen. Es dauerte vielleicht eine
halbe Stunde, in der sie immer wieder aufstand, zum Sprung
ansetzte und in Sekundenschnelle von ihrer Seele wieder an das
Leben erinnert wurde. Dann drehte sie sich zu mir um, kam auf
mich zu und umarmte mich. Es bedurfte keiner Worte. Ich
beglückwünschte sie zur Neugeburt in diesem Leben. Lina
watete in die weiten Wasserbecken, die von einem kleinen Bach
genährt werden, der sich durch üppige Vegetation und wuchtige
Steinformationen schlängelt. Ich zitterte innerlich bei der
Vorstellung, daß ich Lina noch vor wenigen Augenblicken hätte
verlieren können.
Auf der Wasseroberfläche spiegelte sich das Blau, die
Leichtigkeit des Himmels. Duftige Wolken bewegten sich im
Spiegel des reinen Wassers. Lina ließ sich treiben und gab sich
einer Bewegung hin, die aus ihr selbst lebendig wurde. Ihr
innerer Jaguar hatte sie die Höhen und Tiefen des Lebens
erfahren lassen, er war in aller Intensität erwacht und hatte aus
ihr gleichzeitig eine Zerstörerin und Schöpferin, eine Getriebene
und Suchende, eine Hassende und Liebende gemacht. Menschen
haben die Möglichkeit, den Jaguar in sich zu einem freien,
ruhigen, inneren Helfer und Begleiter zu zügeln oder von ihm
getrieben und schließlich zerstört zu werden. Meine Frau hat der
Jaguarfrau einen Text gewidmet, um sie in ihrer inneren
Unabhängigkeit und Freiheit zu ehren:

Die Jaguarfrau

Spüre die Sanftheit und Sinnlichkeit, das Machtvolle und


Unwiderrufliche, den Dolch in meinen Augen. Ich kann geben
und nehmen. Aufnehmen.

-254-
Ich gebe Frieden, Ruhe und Stille, Tiefe der Nacht.
Einsamkeit.
Bewege mich durch alle Ebenen des Seins, erhebe und
erniedrige, laß teilhaben an meiner Zärtlichkeit.
Verrat.
Bin Wärme, gebe Feuer und Kraft, Orgasmus wie Eiseskälte.
Laß teilhaben an meinem Ganzsein, Entsagung.
Bin Lust, Verschmelzung, Hingabe, Töte und fresse,
Empfange, gebäre, nähre und sterbe.
Ich bin frei.
Der grüne Diamant leuchtet in meinem Herzen.

An Lina war es jetzt, alles, was in den Zeremonien geschehen


war, für wahr zu nehmen und den weiteren Lebensweg in
diesem Wissen zu gestalten. Zugleich sollte sie erkennen, daß
die dämonischen Energiemuster zurückkehren könnten, wenn
sie ihren Geist und ihre Emotionen nicht reinhielte. Auch Jesus
spricht davon, daß die bösen Geister verstärkt wiederkommen
können. Wenn sie keinen Ort gefunden haben, an dem sie wie
gewohnt genährt werden, suchen sie erneut nach ihrem
Schöpfer. Nur Lina selbst war fähig, sie zu nähren, weil sie sie
schließlich auch kreiert hatte. Sie waren und sind also nur mit
ihrer eigenen Energie kompatibel. Würde sie diesen
Wesenheiten durch Zweifel, Schuldgefühle, Haß oder andere
negative Emotionen erneut Eintritt gewähren, wäre die Arbeit
umsonst gewesen. Dann würde sie an noch schlimmeren
Besessenheitszuständen leiden. Ihre Aufgabe war es, ihren Dank
an die göttliche Gnade und Vorsehung dadurch auszudrücken,
daß sie den Menschen in ihrem Beruf diente. Ein Wiedereintritt
der Dämonen konnte nur dadurch verhindert werden, daß sie
diesen Energiemustern die wesentlich stärkeren Energieformen
der Liebe und des Lichts entgegensetzte. Auch diese

-255-
Wesenheiten erschaffen wir durch gute Gedanken, durch
liebevolle Zuwendung, durch positive Emotionen, durch Gebet
und Meditation, besonders aber durch Handlungen im Zeichen
der Nächstenliebe und des Dienens aus uns selbst.
Lina schrieb mir nach einigen Monaten einen Brief voller
Dankbarkeit und Liebe, den ich auf meinen Altar legte. Sie war
befreit von Schmerzen, die sie jahrelang mit sich
herumgeschleppt hatte, und hatte eine neue Arbeitsstelle
gefunden, in der sie den Bedürftigen als Krankenschwester
dienen konnte. Ihr wurde sogar an ihrer Arbeitsstelle eine
leitende Position angeboten. Sie lehnte diese Stelle aber mit der
Begründung ab, zu diesem Zeitpunkt keinerlei Machtposition
übernehmen zu wollen. Lina hatte sich vorgenommen, zu dienen
und all ihre Wünsche loszulassen. Sie war bereit, das Dienen, in
welcher Form es sich für sie auch ergeben sollte, als Weg zu
ihrer weiteren Heilung anzunehmen. Sie stellte sich also bewußt
zurück, ließ anderen den Vorrang.
Eines Tages verspürte sie den inneren Ruf, in das
Konzentrationslager Mauthausen zu fahren. Sie meinte, dort ihre
aus ihren letzten Leben aufgehäufte Schuld erlösen zu müssen.
Als Lina im Konzentrationslager ankam, erlebte sie hautnah die
Verzweiflung und Verwirrung, die sie auf der Ebene des
Totenreichs ausgelöst hatte. Sie wußte aus Träumen, daß sie
schon einmal an diesem Ort gewesen war, als Verantwortliche
für Zerstörung, Leid und Tod vieler Menschen. In einem Ritual
ließ sie sich darauf ein und schickte all jenen Seelen, die dort
durch tiefe Mißachtung und Leid gebunden waren, Liebe und
Mitgefühl. In der folgenden Nacht träumte sie von einer
Lichtpyramide, die sich über Mauthausen aufbaute. Sie fühlte
sich zutiefst befreit und richtete in ihrer Wohnung einen Altar
für die Opfer dieses Konzentrationslagers ein. An diesem Altar
betet Lina täglich und bittet um die Kraft der Gnade und
Verzeihung.
Auf dem Weg zur Arbeit suchte sie Kontakt zu Süchtigen und

-256-
anderen Ausgestoßenen unserer Gesellschaft. Im menschlichen
Austausch erhielt sie von diesen Menschen, wie sie es selbst
beschrieb, viel Leichtigkeit und Spaß. Völlig überraschend
wurde ihr an ihrer Arbeitsstelle ein Posten angeboten, an dem
sie alternative Heilmethoden anwenden durfte. „Ich lernte die
Menschen anders zu sehen, nicht über sie zu urteilen und zu
werten. Die letzten Monate waren wunderschön. Ich hatte soviel
Freude und empfinde eine tiefe Dankbarkeit, leben zu dürfen
und die größeren Lebenszusammenhänge zu begreifen. Ich
spüre eine tiefe Befriedigung, wieder in das Leben und die
Mitmenschlichkeit eingebunden zu sein. Ich empfinde eine tiefe
Liebe zu Guatemala, zum Zentrum TO-OM-RA, zu den
Wesenheiten und Menschen, die mir halfen und die mich
befreiten. Seit einiger Zeit habe ich Kontakt zum unsichtbaren
Rat der aufgestiegenen Meister. Es gleicht einem
Nachhausekommen, verbunden mit einem Auftrag, den ich in
einem Traum erhalten habe. Ich kann es nicht mit Worten
ausdrücken, was mir in diesem Traum vom Ältestenrat gesagt
wurde, aber es wird sich alles zeigen. Ich habe in meiner Arbeit
wunderbare Heilerfolge, die ich auf meine innere Führung
zurückführe."
Ich schrieb für Lina ein Gebet, das sie zur Öffnung auf ihre
Lebensaufgabe hin beten sollte:
Göttliches Gewahrsein

Über die Sprache meines Herzens bin ich verbunden mit euch,
Brüder und Schwestern der Weißen Bruderschaft, dem
Ältestenrat der aufgestiegenen Meisterinnen und Meister der
göttlichen Lichtstadt Shambala.
Im Lichtstrahl des blauen, violetten und grünen Lichts
durchdringen mich die vier heiligen Jaguare in
LIEBE, LICHT, WEISHEIT UND KRAFT.
Alle Ebenen meines Seins reinigen sich im Kraftfeld des

-257-
violetten Strahls, im TO-Klang für den Glauben und das
göttliche Vertrauen.
Im OM, dem grünen Strahl, öffne ich mich für die kosmische
Liebe.
RA, Klang der Klarheit, der Kraft und des göttlichen Willens,
berühre mich mit Deinem blauen Lichtschwert.

Ich erhebe mich, befreie mich von alten niederschwingenden


Kräften und Programmen und lasse meinen Körper und mein
Bewußtsein von der violetten Flamme des siebten Strahls im
Kraftstrom des ICH BIN durchdringen.
Ich habe den klaren Willen zu sein und bin bereit, meine
Aufgabe gemäß dem göttlichen Plan mit Liebe, Kraft und
Weisheit zu erfüllen.
Auf diese Weise wirke und diene ich der Manifestation von
Frieden, Glauben, Harmonie und Glückseligkeit auf unserem
Planeten Erde.
Das klare, blaue Licht durchflutet mich von unten aus einem
blauen göttlichen Dreieck.
Die Spirale des blauen Lichts schafft in mir Klarheit, Liebe
und Friede im Ausgleich der hellen und dunklen Kräfte.
Ein Spiralwirbel des violetten Feuers senkt sich gleich einem
Hurrikan vom Kosmos zur Erde.
In den Kraftquellen des blauen und violetten Lichts erfahre
und integriere ich Vertrauen, Klarheit, Transformation und die
Bewegungen des kosmischen Geschehens.
Aus meiner Mitte verströme ich die Kraft des grünen Strahls
der Liebe, die mich verbindet mit allen Wesen der Natur, mit
den Brüdern und Schwestern der Menschheit und mit den
göttlichen Wesen des heiligen Kosmos.
Respekt und Ehrerbietung verbreite ich auf den Ebenen der
Dunkelheit.
-258-
Ich erfahre mich als kosmisches Wesen, das in allen
Dimensionen Liebe, Licht, Weisheit und Kraft IN
GÖTTLICHER EINHEIT verströmt.
Mit unerschütterlichem Vertrauen, aus meiner Liebe und
Kraft schöpfe ich Gesundheit und Frieden aus dem kosmischen
Lebensquell und gieße diese Kraft auf alle traurigen, leidenden
und suchenden Wesen der Mutter Erde, auf die Wesen der
Welten der Mineralien, Pflanzen und Tiere.
Ich ergieße die Heilungskraft des Verzeihens über MICH,
MEINE FAMILIE, MEINE FREUNDE UND VERWANDTEN
wie über alle leidenden und suchenden Seelen der Anderwelt.
Ich bin reiner Kanal für die GÖTTLICHEN VORHABEN, die
über mich zur Manifestation und Verwirklichung drängen.
Im Einklang mit den Kräften der göttlichen Mutter Erde, mit
dem göttlichen Kosmos wirke ich durch mein Sein, durch meine
Lebensaufgabe zum Wohle aller Beteiligten.

Die Kraft der VIER HIMMELSRICHTUNGEN, verbunden mit


dem Kraftfeld der DREIFALTIGKEIT, aus der Quelle und
Einheit des Vaters lassen mich meine Seele und ihre Aufgabe
erkennen und sie im göttlichen Lichtschein erleuchten.
DER GÖTTLICHE WILLE, verbunden mit meinem Willen,
geschehe IM HIMMEL WIE AUF ERDEN.
SO SEI ES im Kraftfeld des ICH BIN.

-259-
Der Mond im Jaguar

Lina lag in der Dunkelheit der Nacht auf dem Waldboden. Die
Baumkronen ließen das Mondlicht nur spärlich
durchschimmern. Es war vollkommen still. Ein Nachtvogel
begleitete unser Ritual mit einem kaum hörbaren, ruhigen
Gesang, der aus der Ferne zu uns drang. In mir war tiefe Liebe
und Sanftheit. Linas Schmerz und die Liebe zu ihrem schon vor
Jahren verstorbenen Baby mischten sich in mir mit Freude und
Achtsamkeit. Im Kraftfeld des Mondes erbat ich vom Hüter des
Totenreichs, Kemé, Einlaß in das Reich der Toten, um Kontakt
mit dem Kind aufnehmen zu können. Ich erhielt die Erlaubnis
der geistigen Welt, seine Seele zu befreien. Sie hatte sich zur
Verfügung gestellt, um Liebe in das Leben ihrer Mutter zu
bringen, und wurde von Lina mit aller Vorstellungskraft an
unsere Welt gebunden. Ich hatte Lina auf diesen Zusammenhang
aufmerksam gemacht und lud nun dieses Kind in einem Ritual
ein, seiner Mutter noch einmal in Liebe zu begegnen, um sich
dann in höhere Ebenen zurückzuziehen. Als ich zu später
Nachtstunde im Ritual das verstorbene Baby rief, legte der
Mond einen sanften, weichen Schleier um uns. In der Stille
dieser Nacht war das Kind für uns beide spürbar anwesend.
Ich hatte bereits vor einigen Monaten die Erlaubnis erhalten,
den Mond in meine Zeremonien miteinzubeziehen. Ixchél, die
Mondgöttin der Maya, im Ritual zu rufen, bereitet mir
erhebende Momente. Sie kleidet sich mit dem seidenen Fell des
Mondscheins, gibt Sicherheit und Klarheit, um durch die
Dunkelheit wandern zu können. Ich rufe Ixchél, wenn ich mit
dem heiligen Wasser arbeite, wenn Menschen von negativen
Gefühlen zu reinigen sind oder auch, wenn es um die Heilung
von Fruchtbarkeit und Sexualität geht. Lina war bereits als Kind
sexuell mißhandelt worden. Wie viele andere Frauen in unserer

-260-
Kultur litt sie schwer unter dieser Verletzung. Im Schein des
Mondes rief ich die wunderbar weiche Kraft des Mondes in
seinen vier Phasen. Jede der Mondphasen steht mit einer
Wesenheit, mit bestimmten Qualitäten und Kräften in
Verbindung. Ein Kreis sollte sich in dieser „Heiligen Nacht" im
wunderbaren Kraftfeld des Verzeihens schließen. Lina konnte
sich mit Tränen der Freude und Trauer von ihrem Baby
verabschieden. In diesem heiligen Augenblick öffnete sich ein
Tor, durch das sich seine Seele auf höhere Ebenen
zurückzuziehen begann. Eine liebende Wesenheit beugte sich
über Lina und befreite sie von ihrer Anhaftung und Verletzung.
Die wunderbarsten Momente der Heilung finden dann statt,
wenn jemand im Gefühl der Hingabe an die geistige Welt von
einer oft über Jahre mitgetragenen Last befreit wird. Die
Zusammenarbeit mit dem Hüter des Totenreichs läßt uns zu
gegebener Zeit Verstorbene rufen. Ihnen werden die Tore für
eine Begegnung mit den Lebenden geöffnet. Sie treten dabei aus
dem Reich der Stille heraus, um uns ungeachtet der Art der
zwischenmenschlichen Beziehung zu Lebzeiten ihre tiefe Liebe
und sehr oft auch heilsame Botschaften kundzutun. Wir
Menschen brauchen das Gefühl, geliebt zu werden. Selbst wenn
wir es manchmal kaum für möglich halten, Menschen zu finden,
die uns lieben, steht es uns doch frei, diese Liebe auf den
unsichtbaren Ebenen durch unsere geistigen Begleiter zu
erfahren. Allerdings kann die geistige Welt ihre liebevolle
Zuwendung nur darauf gründen, daß wir bereit sind, uns selbst
anzunehmen. Diese Liebe in und zu sich selbst zu wecken ist für
alle jene sehr schwer, die in einem familiären Umfeld voll
Ablehnung und Haß aufwachsen. Menschen mit diesen
Kindheitserlebnissen werden zu Erwachsenen, die weder sich
selbst noch ihre Mitmenschen lieben und folglich auch nicht
wiedergeliebt werden. Aus diesem Teufelskreis auszusteigen
bedarf des Erkennens und des bewußten Übernehmens von
Verantwortung.

-261-
Eine Verbindung mit dem Hüter des Totenreichs herstellen zu
können bedeutet nicht, daß wir auch jederzeit mit Verstorbenen
kommunizieren können. Je freier von Anhaftungen an das
Irdische die Seele eines Verstorbenen ist, umso eher ist es
erlaubt, mit dem Verstorbenen in Kontakt zu treten und ihn als
Mittler und Helfer einzuladen. Daher ist es wichtig, geliebte
Menschen loszulassen, damit sie ihren weiteren Weg auf
anderen Seinsebenen in Freiheit beschreiten können, ohne von
Hinterbliebenen behindert zu werden. Sollten Verstorbene durch
emotionale Bindungen, durch Haß, Angst und andere niedrige
Emotionen gebunden sein, ist es dem Schamanen gewöhnlich
gestattet, sie zu einem Loslösungsritual einzuladen und ihre
Seele zu befreien.
Menschen empfinden diese Wiederbegegnung mit
Verstorbenen oft auf sehr intime Weise. Sie spüren ihre Präsenz,
erkennen ihre Energie. Manchmal geht es soweit, daß sie den
gewohnten Geruch des Menschen wahrnehmen. Als ich mit
Anna, einer Frau von 70 Jahren, vor einigen Monaten ein
Trennungsritual in der Pyramide TO-OM-RA in Guatemala
machte, spürten wir beide den bereits vor 30 Jahren
verstorbenen Sohn. Wie ein Energieschauer machte er sich bei
mir bemerkbar, während seine Mutter ihn mit geschlossenen
Augen sah, spürte und roch. Ich forderte beide auf, sich nun
endgültig voneinander zu verabschieden und die für die
Entwicklung von Mutter und Sohn hinderliche Bindung zu
lösen. In diesem Augenblick flog ein Kolibri durch die Tür in
die Heilungspyramide und setzte sich auf meinen Altar. Der
kleine Vogel war nicht aufgeregt, blickte mich an und wartete
einige Sekunden lang. Da es in diesem Moment für mich klar
war, daß der Vogel nicht wegfliegen würde, lud ich die in tiefer
Trauer daliegende Frau ein, aufzustehen und den Vogel in die
Hand zu nehmen. Sie konnte sich dem Kolibri ohne weiteres
nähern, ihn aufnehmen und hinaustragen. Dort hielt sie ihn noch
einige Minuten in den offenen Händen, dann verabschiedete sie

-262-
den Vogel und damit die Seele ihres Sohnes. Nie werde ich
diesen bewegenden Augenblick der Befreiung vergessen, der
eine tiefgreifende Heilung dieser Frau bewirkte.
Tiere begleiten bei Indianern sehr oft den Heilungsprozeß
eines Menschen. Die Verbindung mit einem Krafttier führt meist
auch zu einer wesentlichen psychischen Veränderung. Ich
erinnere mich an eine der Initiationen mit dem Schwarzen
Jaguar in den unterirdischen Gängen der Pyramidenstadt
Cumarcaj im Quiché. Anläßlich eines Rituals in der Dunkelheit
einer Vollmondnacht, das ich durch einen Schweigetag und
mehrere Fastentage vorbereitet hatte, trat ich hin zur Schwelle
und bat Xibalbá, den Herrn der Unterwelt, um Einlaß. Was ich
nicht ahnte war, daß er mich nicht nur über die Schwelle
zwischen Licht und Schatten, sondern ganz plötzlich in die Tiefe
der Dunkelheit führte. Wie durch einen energetischen Sog zog
es mich hinunter, ich begann zu zittern, ich wurde vom
Schwarzen Jaguar berührt. Nun war die Zeit gekommen, in die
unteren Schichten der Unterwelt zu gehen, dort meinem eigenen
Schatten zu begegnen und ihn anzunehmen. Ich verlor ein
paarmal das Bewußtsein, bis der Jaguar aus meiner Kehle brüllte
und meinen ganzen Körper erfaßte. Im Ritualfeuer der Maya-
Quiché hatte sich ein weiteres Tor in das Geheimnis des Maya-
Bewußtseins geöffnet, meine Reise zwischen Licht und Dunkel
hatte begonnen. Von da an durfte ich jederzeit über die Schwelle
treten, um Menschen in ihren Nöten zu helfen. Für den Gang in
die Unterwelt erbitte ich seither stets die Begleitung des
„Schwarzen Jaguars", der sich in Ritualen in Kraft und Klarheit
zeigt und mich durch die Ebenen der Dunkelheit leitet. Ich spüre
seinen Schutz und seine Führung. Aufgrund dieser
Ermächtigung drohen mir keine Gefahren mehr. Mein Geist
wandert durch die Dunkelheit, während in mir in aller Fülle und
Wachheit das königliche Krafttier der Maya ruht. Ich genieße
den Zustand, hier und dort zu sein. Ein Aspekt meiner selbst
vibriert in der geballten Macht des Tiers, ein anderer gibt mir

-263-
zugleich Gelassenheit, Sicherheit und das Wissen um die
Vollkommenheit des gegenwärtigen Augenblicks.
Sich über die Schwelle zwischen Licht und Dunkel zu
bewegen bedarf der Erlaubnis, die ich erhalte, wenn ich mit
Ehrerbietung und Respekt den Bruder und die Schwester der
Dunkelheit oder auch den Hüter des Totenreichs rufe. Während
im Christentum das Tor in das Reich der Verstorbenen nur
einmal im Jahr, nämlich zu Allerseelen, aufgemacht wird,
geschieht dies in Maya alle 20 Tage. Im Rhythmus des heiligen
Kalenders kehrt der Tag KEMÉ wie alle anderen Tagesnahuale
alle 20 Tage wieder. Jeder dieser Tage steht im Zeichen einer
anderen Qualität, verbunden mit den Zahlen l bis 13. Die 20
Archetypen des heiligen Kalenders bewegen sich im Rhythmus
der Zeit gegen den Urzeigersinn, wobei der Tagesnahual jeweils
im Osten steht. Die aufgehende Sonne aktiviert die Tageskraft,
verbunden mit einer Zahl, beziehungsweise der Frequenz von l
bis 13 in Bewegung. Die Bewegung der Energien von l bis 13
gleicht einer Schlange oder einer Sinusschwingung. Die Welle
erhebt sich in der Zahlenfolge von l bis 7 und fällt von 8 bis 13.
Somit ist der Ablauf des Tagesrhythmus eingebettet in eine sich
hebende und senkende Welle, in eine Schlangenbewegung. Alle
20 Tage besteht somit die Möglichkeit, den Hüter des
Totenreichs zu rufen, jedesmal mit einer anderen Tagesfrequenz,
mit einem anderen Ton. Dasselbe gilt freilich auch für die
anderen Tagesnahuale. Von der Absicht und Ausrichtung einer
Zeremonie hängt ab, wann und in welcher Tagesqualität der
Schamane das beste Resultat für den Hilfesuchenden erzielen
kann.
In der Natur öffnen sich die Pforten in die Ebenen der
Unterwelt durch hohle Baumstämme, in Höhlen und
unterirdischen Gängen. Maya-Pyramiden stehen oft über einem
unterirdischen Labyrinth, das mit Wandmalereien verziert ist
und dazu dient, den Kontakt mit den Hütern der unterirdischen
Ebenen zu pflegen. Daher ist es für den Heiler oder Schamanen

-264-
naheliegend, emotionale Anhaftungen auf den Ebenen der
Dunkelheit aufzulösen. Dämonen, die wir uns aus dem Quell des
Schattenreichs kreiert haben, ziehen sich, wenn wir ihnen
respektvoll auf einer der Ebenen des Schattens Raum
einräumen, leichter wieder dorthin zurück. Wenn eine
Wesenheit dem Dunkel entstammt, so wehrt sie sich gegen jede
Form des Lichts. Der Schamane wird sie verständlicherweise
auch nicht mit Ritualgegenständen des Lichts, mit Kristallen,
Heiligenbildern und dergleichen blenden.
Der Bruder und die Schwester der Dunkelheit bereiten mir
den Weg in die Tiefe. Von Schwelle zu Schwelle, von Ebene zu
Ebene werde ich geführt, Tore öffnen sich auf wunderbare
Weise. Maya spricht von den neun Infiernos, von den neun
Reichen des Schattens. Auch in diesem Reich gibt es eine
Wellenbewegung, die sic h in der Schwingung und Kraft der l bis
zum Wellental der 5 nach unten zieht, um sich dann wieder von
6 bis 9 zu heben. Die Wanderschaft in die Unterwelt trete ich
meist in den Nachtstunden an. Auf unserem Grundstück in
Guatemala gibt es Plätze, die für den Gang in die Unterwelt
besonders geeignet sind. Diese Kraftorte wurden in Ritualen
geweckt und sind besondere Heilungsstätten für Menschen, die
sehr in der Trennung leben. Parallel dazu gestalteten wir an
anderen Stellen auch Altäre und Orte des Lichts. Einer dieser
Lichtaltäre ist ein Marienaltar, den wir in einer kleinen Grotte
eingerichtet haben. Die Maya-Schamanin Salomé und die
Pocomam-Priesterin Gloria weihten ihn der Virgen Candelaria,
der in Guatemala vielfach angerufenen Mutter der Berge, der
erdigen Mutter Maria, der Schwarzen Madonna.
Oskar, mein geistiger Bruder und Helfer, machte mich mit
einigen dunklen Plätzen vertraut. Er schrieb auch über seine
ersten Erfahrungen mit der Dunkelheit und half mir dadurch,
auch selbst tiefer in diese Erfahrung hineinzugehen. Er ist
Architekt und verriet mir das Geheimnis, wie man Grundstücke,
Häuser, ja selbst ein Arbeitsteam durch die Ausgewogenheit von

-265-
Licht und Dunkel in Harmonie bringen kann. Bereits unsere
Vorfahren schufen in ihren Häusern Orte des Lichts und des
Dunkels und pflegten sie auf ihre Weise. Zu Orten der
Dunkelheit, den geheimnisumwobenen Räumen des
Dachbodens oder des Kellers, verwehrte man vielfach sogar
Kindern den Zugang. An diesen Orten, die umso anziehender
wirkten, weil sie verbotenes Te rrain waren, wußte man sich
schon als Kind in Begleitung dunkler Kräfte. Gleichzeitig
schufen unsere Ahnen Orte des Lichts, der Begegnung mit den
göttlichen Kräften, in Hausaltären, Kapellen und
Herrgottswinkeln, an denen um Führung und Schutz für Familie
und Anwesen gebetet wurde. So wurde sowohl den Wesenheiten
des Lichts als auch denen des Schattens Raum gegeben, wo sie
sich aufhalten konnten und wo sie sogar geehrt wurden.
Mit unserem heutigen Bewußtsein läßt sich diese Weisheit
unserer Ahnen in vielfältigster Weise neu aktivieren, obwohl es
schwieriger geworden ist, in unseren Heimen Orte der
Dunkelheit zu schaffen. In Neubauwohnungen bleiben nur mehr
kleine Abstellkammern, die dafür in Frage kommen. In Häusern
eignen sich besonders Dachböden und Keller für die Gestaltung
eines Altars für die Schattenkräfte. Ein kleiner Tisch, ein Regal,
das ausgeräumt wird, reichen bereits, um ein Zeichen zu setzen,
daß auch die Kräfte des Dunkels in unserem Umfeld erwünscht
und eingeladen sind. Ein Stein, zum Beispiel ein Obsidian, für
das Erdelement, eine schwarze Kerze für das Feuerelement, ein
Wasserglas für das Wasserelement und Räucherwerk oder
Federn für das Luftelement könnten die Basis für einen
derartigen Altar bilden. Die heiligen vier Elemente zeigen sich
in der Polarität unseres Planeten auch mit ihrer Schattenseite
und können darum auch rituell eingesetzt werden.
Wesenheiten des Schattens lieben nach Ansicht der Maya den
Duft guter Speisen oder Süßigkeiten ganz besonders. Auch ohne
besondere Kenntnisse der schamanischen Praktiken können wir
einen Altar für die Kräfte des Dunkels schaffen, ohne dabei

-266-
Schaden zu erleiden und Ängste auszulösen. Die Wesenheiten in
unserem Umfeld beruhigen sich sofort, wenn ihnen ein würdiger
Platz gegeben wird. Es bedarf bei der Einrichtung eines
derartigen Platzes allein des Respekts, den ich durch die
Einrichtung des Altars der Dunkelheit entgegenbringe. Es
empfiehlt sich dabei nicht, die schwarze Kerze zu entzünden,
weil dadurch die Schattenkräfte im Feuerelement aktiviert
würden, was den bewußten Umgang mit diesen Kräften
voraussetzt. Nach meiner Erfahrung lassen sich schwere
Konflikte und Belastungen in Familien oft schon durch das
Errichten eines dunklen Altars klären. Alte, energetisch belastete
Häuser und Anwesen können dadurch leicht harmonisiert
werden. Im Christentum kennen wir Rituale, in denen der
Tabernakel als Heimstätte der geistigen Kräfte auf dem Altar
durch Kerzen und Weihrauch rein gehalten wird. Unter dem
Kirchenschiff befindet sich aber oft noch die Krypta als Ort des
Dunkels, als Symbol für das Reich der Toten, das dem Leben
Basis geben sollte.
Auch in einem Arbeitsteam ist es ratsam, nicht nur
angenehme Mitarbeiter zu akzeptieren. Wir kennen die
Störenfriede auf unserem Arbeitsplatz, in der Familie und in
Schulen. Wir sind gewohnt, ihnen gegenüber unsere Ablehnung
auszudrücken, sie zu verurteilen, und verstärken dadurch ihre
Haltung. Wir sollten solche Menschen in ihrer Rolle annehmen,
sie bringen durch ihre Haltung Bewegung in die Gruppe und
sollten dafür auch entsprechend geschätzt werden. In den alten
Indianerkulturen hat man Menschen in dieser Rolle hoch
geachtet, gerade so wie Krafttiere, die für das Unbequeme
standen. Eines dieser Krafttiere ist der Koyote, der als Trickster
alles immer wieder auf den Kopf stellt und verdreht.
Der Narr hatte wohl auch die Aufgabe, die Menschen dazu
anzuregen, eine Angelegenheit von unterschiedlichsten
Standpunkten aus zu betrachten. Wenn wir bereit sind, die
Dunkelheit auch im Zwischenmenschlichen anzunehmen,

-267-
werden wir erkennen, daß die Spannungen in Beziehungen
nachlassen. Konflikte können sich dann immer weniger leicht
etablieren. Dann bedarf es auch keiner Person in unserer
Umgebung mehr, die unserer Unvollkommenheit den Spiegel
vorhält. Kürzlich erzählte mir eine Frau in einem Seminar von
ihrem Sohn, der sich sein Zimmer schwarz tapeziert hatte. Die
Fenster waren mit schwarzen Spanplatten verbarrikadiert, auf
seinem Arbeitstisch lagen diabolische Symbole, Karten und
Bilder, ja sogar eine schwarzmagische Fibel, die sie ga nz
besonders abstoßend fand. Die Musik, die er besonders gern
hörte, stammte von Musikgruppen, die aus demselben
Energiepotential schöpften. Sie selbst ist Heilerin und hatte
bisher, wie viele Menschen in unserem Kulturkreis, alles Dunkle
abgelehnt. Da ihr Sohn bereits volljährig war, konnte und wollte
sie ihm nicht verbieten, seinen Neigungen nachzugehen. Ich
schlug ihr vor, ihren Sohn um die schwarzmagische Fibel zu
bitten und diese in das Seminar mitzubringen. Damit nahm sie
ihrem Sohn jegliche Motivatio n für sein Verhalten. Er konnte
kaum glauben, daß sich seine „Lichtmutter" für derartige
Abartigkeiten interessiere. So erkannte die Mutter, daß sie selbst
es war, die durch ihre ablehnende Haltung der Dunkelheit
gegenüber ihren Sohn in diese Rolle drängte. Sie schuf
daraufhin in ihrem Haus einen Altar des Lichts und einen des
Dunkels und bat ihren Sohn um Mithilfe. Allein dadurch legte
sich der Großteil an Spannung in der Familie. Dem Sohn war es
leichter möglich, aus seiner Opposition auszusteigen und zu
erkennen, daß er etwas ausgeglichen hatte, was in Disharmonie
war.
Unsere Märchen hatten in erster Linie die Aufgabe, uns in
archetypischer Form die Kräfte des Lichts und des Dunkels
nahezubringen. Für ein Kind reicht es, beim Vorlesen oder
Erzählen in die Welt dieser unterschiedlichen Energien
einzutauchen und sie damit zu integrieren. Meine Kinder
betrachteten jede Abweichung vom Text förmlich als Vergehen

-268-
des Erzählers. Sie lehnten phantasievolle Ausschmückungen
durch Erwachsene ab, die - wie ich heute meine - das
Energiefeld eines Märchens beeinträchtigen. Wenn Kindern und
Jugendlichen die Möglichkeit genommen wird, dem Ruf der
Seele nach Erfahrungen mit Licht und Dunkel nachzukommen,
schaffen sie sich durch Filme, Musik, Kleidung und manchmal
sogar durch magische Praktiken und Satanskulte einen
Ausgleich zu diesem Defizit an Erfahrung. Zudem können sie
sich damit klar von allzu wohlmeinenden und beschützenden
Eltern und Erwachsenen abgrenzen.
Mit den in vier Farben wachsenden Maiskörnern stehen die
heiligen Lebensmittel der Maya für die Integration der
göttlichen Kräfte des Lichts und des Dunkels im menschlichen
Körper. Tata Julian erzählte mir, daß Indianermütter bereits in
der Schwangerschaft schwarzen Mais zu sich nehmen, um das
Kind mit der Kraft der Dunkelheit zu verbinden. Ein weiteres
Grundnahrungsmittel bei den Maya sind schwarze Bohnen. Die
dunklen Göttinnen der Maya sorgen für den Schutz der Frau,
ganz besonders in der Schwangerschaft, bei der Geburt und bei
der Erziehung der Kinder. Sie öffnen die Tore zu ihrer inneren
Kraft und Sinnlichkeit, zu ihrer weiblichen Magie und
Heilkunst.
Die meisten Göttinnen der Maya sind verbunden mit der Kraft
Ix (Isch): Ixmucané, Ixchél, Ixkawoq, Ixquic. Ix drückt die
reine, weibliche Energie im fraulichen Körper aus. Diese
Energieform entspricht dem Herzen unseres Planeten, dem
weiblichen Uterus, aber auch der Kraft der weiblichen Magie.
Selbst der Schutzgeist eines Ortes wird dieser Kraft zugeordnet.
Die Maya-Mutter Ixmucané, die auf dem Umschlag dieses
Buches abgebildet ist, steht für diese integrierte magische Kraft,
für das weibliche Wissens um die Geheimnisse der Dunkelheit
und für die Weisheit unseres Planeten Erde. Die Kraft der Maya-
Mutter kam mir auf meinem Maya-Weg immer näher. Viele
Rätsel lösten sich in Begegnungen mit Frauen, die bereit waren,

-269-
ihre Weiblichkeit anzunehmen und in den unterschiedlichsten
Facetten zu leben. Besonders meine Frau Christine ließ mich oft
erkennen, daß mein Zugang zu vielen Geheimnissen des Lebens
ein anderer war als ihrer.
Vor einigen Monaten bat ich die Maya-Mutter Ixmucané, mir
eine Tonfigur zuzuführen, mit der sie identifiziert sein möchte.
Ich wollte ihr dieses Buch widmen und fuhr zum Indianermarkt
nach Chichicastenango, um nach ihr zu suchen. Es dauerte nicht
lange, und sie stand vor mir, inmitten einer Unzahl von Stoffen,
Holztieren, alten und neuen Ritualgegenständen der Maya. Mein
Blick fiel auf sie und ließ sich nicht mehr abwenden. Ich nahm
die Figur in meine Hände, legte sie aber wieder weg, weil der
Verkäufer gleic h merkte, daß ich an ihr interessiert war. So
etwas kann den Preis gleich um ein Vielfaches hinauftreiben. So
ging ich weiter und zerstreute damit die Aufmerksamkeit des
Händlers. Am Nachbarstand betrachtete ich mit viel Neugier die
billige Kopie einer Tonfigur und kehrte nach einigen Minuten
wieder zurück. Ich sprach den Mann an und fragte, wie man eine
Kopie von einem Original unterscheiden könne. Er gab mir
einige Figuren in die Hand und erklärte mir, was ich schon
wußte: Man gibt ein wenig Speichel auf die Oberfläche. Zieht
die Nässe schnell ein, ist es frischer Ton und damit eine Kopie.
Ixmucané zeigte sich in einem alten Kleid. Sie blickte mich an,
als wolle sie sagen: „Über mich wirst du in das Geheimnis von
uns Frauen eindringen. Ich sitze in der Stille, wissend, in mir
ruhend und berühre, was von mir berührt sein möchte. Ich bin
die innere Sicherheit und Ausgeglichenheit, die Gebende für
alle, die mich suchen. Ich bin Mutter von unendlich vielen
menschlichen Generationen. Meine Kinder seid ihr, die ihr aus
der Kraft des Planeten wachst und genährt werdet. Laß dich von
mir berühren. Das Zeichen, das ich in mir trage, wird dir das
Geheimnis der weiblichen Schamanin näherbringen. Sie hat sich
in Hingabe an Kukulcán geöffnet, um zu empfangen und den
heiligen Akt der Schöpfung zu manifestieren. Verbinde mich

-270-
mit der heiligen Vier, denn aus diesem Kraftstrom nähre ich
meine Kinder mit Liebe, Licht, Weisheit und planetarischer
Kraft. Erkenne mich in der inneren Schönheit der Frauen.
Begegne ihnen mit Respekt und Liebe, und sie werden zu dir in
meinem Namen sprechen."
Ihre Sinnlichkeit, ihre machtvolle Körperlichkeit ließ mich
nicht mehr los. Der Händler überließ mir die Maya-Mutter zu
einem Preis, der ihrer unwürdig war. Sie wurde in
Zeitungspapier eingewickelt und landete wie alles andere, was
auf Indianermärkten erstanden wird, in einem schwarzen
Plastiksack. So kam Ixmucané auch als Kultgegenstand in mein
Leben und stärkte meine Liebe zur inneren Schönheit der
Frauen. Wie es nach dem heiligen Maya-Kalender üblich ist,
wartete ich auf den Tag IX, um die Tonfigur einzuweihen. An
diesem Tag bedanken sich Maya-Priesterinnen und Maya-
Priester besonders bei den Ahnen für das Urwissen, das
vergangene Generationen aus dem Herzen des Planeten Erde für
uns Lebende bezo gen haben. Es ist die planetarische Weisheit,
das planetarische Bewußtsein, das uns Menschen die Bereiche
der Natur zugänglich macht. Großmutter Ixmucané ist mir
seither Mittlerin in die Natur, aber auch hin zur Kraft des
Mondes.
Die Maya-Göttin Ixkawoq stellte sich erstmals bei einem
Besuch in Tikal als Maya-Magierin vor. Im Tempel der Fenster
erkannte sie der Wächter Don Salomón. Er ist ausdrücklich
beauftragt, diese Tempelanlage zu hüten und zu reinigen. Ich
besuchte den Tempel mit einer Gruppe von Fraue n. Wir standen
im Kreis und sangen das OM. Angelika, eine Frau aus Wien,
meinte, sie sehe eine wunderschöne Frau mit langen Haaren vor
ihrem inneren Auge. Ich spürte, wer diese Frau war, und lud
Angelika ein, sich von Ixkawoq in die Tiefe des Tempels führen
zu lassen. Angelika ging mit ihr in die unterirdischen Hallen und
gelangte schließlich in einen wunderbaren, von goldenem Licht
erleuchteten Raum. In der Mitte des Raumes befand sich ein

-271-
großes Wasserbecken. Die Magierin begann, im priesterlichen
Kleid die Kräfte zu rufen. Sie bewegte ihre Hand gegen den
Urzeigersinn durch das Wasser, das mit jeder Bewegung stärker
zu funkeln anfing. Ixkawoq nahm einen Krug zur Hand, füllte
ihn mit der Essenz und reichte den Trunk jedem einzelnen in
unserer Gruppe. Angelika erzählte diese Geschichte in einer
tiefen Trance. Wir hingen gebannt an ihren Lippen und tranken
in unserer Vorstellung das Wasser. Ixkawoq erlaubte uns, in
Zukunft in ihrem Namen das Wasser zu segnen und es den
Hilfesuchenden als Heilungstrank zu überreichen. Seitdem rufe
ich sie in den Ritualen, verbunden mit der Kraft des Wassers
und des Mondes, verbunden mit dem Geheimnis des Schwarzen
Jaguars. Ich lade in ihrem Namen und im Kraftfeld des Maya-
Tempels Wasser auf, das ich Menschen gebe, die um Heilung
bitten. In der schamanischen Arbeit schloß sich das Dreieck der
drei weiblichen Maya-Priesterinnen Ixmucané, Ixchél und
Ixkawoq. In besonderen Augenblicken in Zeremonien verbinde
ich das Dreieck auch mit den drei kosmischen Müttern
unterschiedlicher Kulturen, die göttliche Mutter Maria,
Ixmucané und Tara. In diesem Kraftfeld zu heilen und geheilt zu
werden, zählt zu den ganz besonderen Höhepunkten in meiner
Heilungsarbeit.

Heilungsgebet

Ich öffne mich, verbinde mich mit Dir und rufe Dich an,
kosmische Mutter Ixmucané, verbunden mit Ixchél und
Ixkawoq.
Gib mir Deine Hand und führe mich zur Unbeschwertheit
meines Inneren Kindes, das unter Deinem Schutze
Lebendigkeit und Freude verbreitet.
Ich lasse mich vom göttlichen Vertrauen tragen und erbitte
Deinen Schutz, Deine Heilung für mich und meine Familie im

-272-
Wandel der Zeit.
Öffne in mir die planetarische Weisheit, die Lebendigkeit und
Schönheit der Mutter Erde.
Laß aus mir den Jaguar wirken.
Ich nehme ihn am Zügel und führe ihn als schwarzer, weißer,
roter und gelber Jaguar durch mein Leben, das sich in Deiner
Geborgenheit und Liebe öffnet.

Führe mich durch die geheimnisvollen Gärten unserer heiligen


Mutter Erde und verbinde mich dadurch mit den Kräften des
heiligen Mondes.
In den mir zugeführten Mitmenschen erkenne ich Deine
Anwesenheit.
Ihre innere Schönheit nährt und kräftigt mich.
Ihr Sein erfreut meine Sinne, so wie sie von mir Kraft, Liebe
und Freude schöpfen.
Ich erkenne mich als Dein(e) Tochter (Sohn) und lasse mich
von meinen Mitmenschen als Dein Kind erkennen.
Auf diese Weise erlange ich innere Harmonie, Gesundheit
und Schönheit.
In Reinheit bin ich aus Dir geboren.
In Kraft und Freude hat sich mein Lebensweg geöffnet.
In Deiner Liebe, in Deinem Schoße erwarte ich die heilige
Stille, die mich wieder in Einklang bringt mit der Urquelle des
Seins und mit der Geborgenheit und Fülle des Planeten Erde.

Sei geliebt, Ixmucané, kosmische Mutter des Lichts und


Schwester der Dunkelheit.
In Deinem Schutz genieße ich mein Erdendasein.
In den Kräften der Natur, in den heiligen Steinen und
Pflanzen, im heiligen Jaguar öffnet sich mir das Tor zu Deinem

-273-
Herzen.
Denn Dein ist die Kraft, die Fülle und die Schönheit
In der Einheit des Seins.
Aus Deinen Armen erhebe ich mich in den Quell der
kosmischen Liebe
SO SEI ES
Im Kraftfeld des ICH BIN
AMEN

Jeder einzelne Mensch bewegt sich im Wandel von Licht und


Schatten. Wir können in einem sich ständig bewegenden
Energiefeld nicht stagnieren. Die Sonne geht im Westen, am
dunklen Punkt des Maya-Kreuzes unter. Damit beginnt die Zeit
der Stille, der Dunkelheit, der Ruhe. Unser physischer Körper
ruht im Kraftfeld der Erde, unser Geist beginnt sich in der Nacht
freizumachen und von der Physis zu lösen. Wir treten in die
Traumwelt ein und reisen in andere Ebenen des Seins, um uns
auch feinenergetisch an der weiblichen, mütterlichen Kraft der
Dunkelheit zu kräftigen und zu nähren. Im Lichtschein des
Mondes erwacht der schwarze Jaguar, der die Dunkelheit
beherrscht und in der Stille der Nacht unseren Körper, den
Tempel unseres Geistes, hütet. Wir wissen, daß der Dunkelheit
ein neuer Tag folgen wird. Wenn sich der schwarze Jaguar dem
Licht des Tages nähert, trifft er mit dem roten, dem weißen und
dem gelben Jaguar zusammen, um ihnen den Menschen für den
Tag zu übergeben. Der Mensch erwacht mit der aufgehenden
Sonne. Das Licht des Tages weckt sein Wachbewußtsein, er
beginnt sich erneut auf der planetarischen Ebene auszudrücken.
Sein Tagewerk ist in den göttlichen Plan eingebettet. Er agiert
als Schöpfer und Gestalter und erschafft sich die physische
Realität im Dienste Gottes. Dabei wird er begleitet und
ermächtigt vom roten Jaguar, von der männlichen
Umsetzungskraft.

-274-
Im Osten hat sich die Nacht im Morgengrauen gelichtet. Der
Übergang von Licht und Dunkel, gehütet von AC'ABAL, einer
weiteren Wesenheit des heiligen Maya-Kalenders, läßt uns
unsere weibliche Seite integrieren und übergibt uns der Aktivität
des männlichen Aspekts. Wir werden wach, erkennen unser
Umfeld, unser Geist fügt das in der Fülle Gewonnene in den
Alltag ein. Während wir im Wachbewußtsein unseren Alltag
gestalten, befindet sich ein Teil der Menschheit auf der andere
Hälfte unseres Planeten in der Stille und Ruhe der Traumwelt.
Wir leben also, ob wir wollen oder nicht, ständig im
Spannungsfeld von Licht und Dunkel, begleitet von den
Jaguaren der Aktivität und Verinnerlichung. Iria, eine junge
Frau, kam vor wenigen Monaten in unser Zentrum und
beschrieb ihre Begegnung mit dem Jaguar in einem Text, den
ich hier weitergeben darf:

„Den Jaguar in seiner Kraft zu empfinden, war ein großes und


unvergeßliches Geschenk. Wie er sich bewegt, hinter einem
feinen Netz von unsichtbaren Fäden. Einem Schatten gleich, der
seine Gestalt dem Spiel, den Wandlungen des Lichts angleicht,
sich mit ihm verändert, jedoch ohne ihm unterworfen zu sein. Er
ist sehr wachsam, mit scharfem Blick, immer zum Sprung
bereit, bereit, seine Existenz klar und deutlich zu bezeugen,
wenn es die Klärung einer Situation verlangt. Dann erscheint er
in aller Deutlichkeit. Seine Kraft durchschneidet mit
Leichtigkeit das fragile Gespinst und versetzt das Leben
dahinter in Vibration, initiiert mitunter eine Neuordnung. Er
durchbricht lähmende Barrieren und setzt neues Bewußtsein
frei. Aus der Dunkelheit und Stille tritt er an die Schwelle, folgt
dem dunklen Strahl, um einzutauc hen ins Licht, ohne auf
Gefahren zu achten, die auf ihn selbst lauern könnten.
Geschmeidig bewegt sich der Jaguar. Im Guten setzt er seine
Taten, dem Unreinen verhilft er zur Versöhnung. Ein Wanderer
zwischen Licht und Schatten, Sonne und Mond, in dessen Licht

-275-
die Kräfte zu ruhen scheinen. Aber sie ruhen nicht. Wind und
Wasser, Erde und Feuer tanzen unaufhörlich im kosmischen
Meer. Und wir, wir sind den Bewegungen, Strömungen,
Veränderungen anvertraut, sind eingebettet, aufgehoben, tragen
und werden getrage n."

Die Verbindung des Menschen mit der archetypischen Kraft der


Göttin des Mondes ist auch in einer Maya-Legende überliefert:
Vor unzähligen Jahren hatte Großmutter Mond zwei
Enkelkinder, die ihr sehr am Herzen lagen. Eines Tages aber
entschloß sie sich, ihre Nachkommen auf die Erde zu senden. So
sprach sie: „Ich werde meine Enkel an das Ufer des Atitlánsee
setzen und sie mit der heiligen Priestervara segnen, damit sie für
das Leben auf dem Planeten Erde ermächtigt seien." So
begannen die Enkelkinder nach vielen Jahren im Auftrag von
Großmutter Mond die ersten Gemeinschaften und Ansiedlungen
auf den Anhöhen und Bergen der Mutter Erde zu gründen.
Manche auch am Ufer des Atitlánsees. Damit die Menschen auf
dem Planeten Erde auch überleben konnten, übergab ihnen ihre
Großmutter das Geheimnis, wie der heilige Mais zu pflanzen
und die heiligen Tiere zu jagen seien. Als sie zu den fruchtbaren
Äcker kamen, legten sie Maiskörner in den vier Maisfarben in
einen Beutel und hinterlegten diesen zusammen mit ihrer
Priestervara am Rande der Äcker. Inzwischen gingen sie in die
Berge, um zu jagen. Als sie von der Jagd zurückkehrten, waren
die Beutel mit den Maissamen leer. Jemand hatte sie bereits in
die Äcker gesetzt. So lebten die zwei Enkel von Großmutter
Mond und erkannten die ersten Geheimnisse des Planeten Erde.
Es wurde ihnen alles gegeben, was sie für ein erfülltes
Erdenleben brauchten.

-276-
Rückkehr der Meister

Gloria, die Maya-Schamanin kniete vor dem einige Jahrhunderte


alten Baum Guachipilin. In den Schwingungen der
Klangschalen, im Rhythmus der Trommel und im Klang der
Rasseln wurde die Natur um uns herum still. Die Boa, „la
mazacuata", wie sie in Guatemala genannt wird, mußte
irgendwo in der Nähe im Gebüsch liegen. Don Carlos, der
gerade auf Besuch im Zentrum war, hatte bereits seit Jahren
Kontakt zu ihr. Sie hatte ihn in einer seiner nächtlichen
Meditationen wissen lassen, sie werde sich ihm zeigen, sobald er
keine Angst mehr vor ihr habe. Auf einem Spaziergang über
unser Grundstück hörte er ein Rascheln im trockene n Laub und
sah den Schwanz einer großen Schlange zwischen den Blättern
zittern. Don Carlos blieb stehen, er wußte, daß die Schlange, die
sich schon so oft bei ihm in Träumen und Visionen gemeldet
hatte, nun zu einer Begegnung bereit war. Er bückte sich und
berührte sie vorsichtig. Langsam bewegte sich das Tier und
drehte sich um. Auf dem Rücken liegend hob es den Kopf. Die
beiden schauten einander in die Augen. Carlos begann sorgsam,
den Bauch der Boa zu streicheln. Sie beruhigte sich zusehends,
und so hatte Carlos sogar Gelegenheit, den kostbaren Moment in
einem Foto festzuhalten. Ein langgehegter Wunsch war in
Erfüllung gegangen. Der Geist der Schlange, mit dem wir seit
Jahren in der Heilungsarbeit zusammenwirkten, zeigte sich auch
in physischer Form.
In den folgenden Wochen hatte sich ein weiterer alter
Ritualort auf dem Areal erschlossen, der als Kaan, als
Schlangenaltar bezeichnet werden wollte. Die Energie und das
rituelle Geschehen an diesem ehemaligen Opferplatz waren von
Christine bereits vor Jahren in zwei Bildern dargestellt worden.
Damals hatten wir beide Kontakt mit den dort gebundenen

-277-
Wesenheiten und Energien aufgenommen. Danach war es um
diesen Platz wieder still geworden, Gestrüpp hatte ihn
überwuchert. Mit großer Sorgfalt gestalteten wir dort nun
Rituale mit der Bitte um Einlaß und reinigten den Altar von
alten, bindenden Energieformen. Zusammen mit meiner Frau
und Oskar bot ich dem Ritualplatz die Kraft unserer Herzen an
und bat den Altarstein, sich in dieses Kraftfeld einzuschwingen.
Unsere Liebesenergie sollte sein Herz wecken und das im Stein
gespeicherte Urprogramm der Maya für eine gemeinsame
Aufgabe zugänglich machen, die wir im Kraftfeld Kukulcáns
und der heiligen Schlange Kaan erfüllen wollten.
Die Anwesenheit des Schlangengeistes war auch jetzt beim
heiligen Baum Guachipilin spürbar. Meine rechte Hand lag auf
den weit auseinander gespreizten Wurzeln des knorrigen, alten
Baumes. Die Brandwunden, die vergangene Generationen von
Maya-Priestern dem Baum in Feuerritualen zugefügt hatten,
waren verheilt. Wenn der Baum mit mir sprach, ging ein sanfter
Hauch von Vertrauen durch mein Herz. Diese kraftvolle
Wesenheit erfaßte mich mit einem kühlen Schauer, wenn ich in
die Nähe dieses Naturaltars kam.
Tata Julian hatte sich in die Pyramide zurückgezogen, um mit
Besuchern des Zentrums zu arbeiten. Er hatte seiner Enkelin, die
er seit nunmehr zehn Jahren als Schamanin und Magierin
ausbildete, empfohlen, die Konzentrationen mit mir zu machen.
Ich freute mich über das Vertrauen, das die beiden in mich
setzten. Zugleich war mir auch klar, daß die Zeit gekommen
war, in der ich die mediale Fähigkeit der Priesterin der
Pocomames weiter entfalten durfte. Ihre erste Einweihung hatte
sie auf dem Mondtempel in Tikal erhalten, als Jan, der
holländische Schamane, im Kreis unserer Freunde seine Kräfte
gerufen und sie mit Klängen und Gesängen als Brückenbauerin
zwischen den Kulturen initiiert hatte. In Zukunft wird sie die
Nachfolge ihres Großvaters antreten und von den Ahnen ihres
Volksstammes der Pocomames für diesen Weg ermächtigt

-278-
werden. Es gab für die weitere Öffnung des Maya-Mediums
keinen geeigneteren Ort als den heiligen Baum der Maya, den
uralten, hohlen Guachipilin, ein Symbol für das Loslassen
unserer engen Vorstellungen.
Die mir bekannten Schamanen der Maya vertrauen sich nicht
nur in Feuerritualen mit ihrem ganzen Sein der göttlichen
Führung und Begleitung an. Ihr ganzes Leben ist geprägt von
der inneren Gewißheit, daß in uns allen eine Instanz wirkt, die
uns in jeder Sekunde unseres Lebens mit der geistigen Welt in
Verbindung hält. Die Fülle des kosmischen Geschehens wurde
ihnen nicht aufgrund ichbezogener Wünsche, sondern in der
Selbstaufgabe, im vollkommenen Vertrauen und Glauben zuteil.
Sich den kosmischen Kräften zu überlassen und die eigene
Persönlichkeit zurückzustellen und die gleichzeitige
Ermächtigung zum kosmischen Menschen scheinen im
Widerspruch zueinander zu stehen, wie es auch beim kraftvollen
und gesunden Wachstum eines innen vollkommen ausgehöhlten
Baumes der Fall ist.
Woher beziehen wir die Gewißheit, im Vertrauen auf etwas,
was sich unseren fünf Sinnen verschließt, wachsen zu können?
Nur aus der Erfahrung, aus positiven Ergebnissen erhalten wir
im nachhinein eine Bestätigung für die Richtigkeit unserer
Haltung. In den vergangenen Monaten hatten sich mir viele
Türen geöffnet. Meine Zweifel, ob ich der Aufgabe als
Brückenbauer gewachsen sei, hatten sich gelegt. Viele
Reaktionen auf mein Buch und auf Veranstaltungen bezeugen,
daß sich die Energieform Maya auf die mir zugeführten
Menschen überträgt. Auch das Heilungs- und
Transformationszentrum in Guatemala wird von vielen
Menschen besucht, die den Ruf in sich wahrnehmen und sich für
den Einweihungsweg im Kraftfeld Kukulcáns TO-OM-RA
entscheiden.
Mit langsamen, schweren Trommelschlägen, dem Herzschlag
der Mutter Erde, öffnete ich für Gloria die Reiche der Natur. Ich

-279-
bat die Kräfte des Mineralienreichs, des Pflanzen- und
Tierreichs um die heilige Verbindung mit Gloria. Dann lud ich
die Kräfte der Unterwelt ein, uns Basis und Schutz für den
Dimensionenwechsel zu geben. Durch sie erhalten wir die
notwendige Festigkeit und körperliche Verankerung. Ohne diese
Verbindung mit der Schattenwelt, mit den Ebenen der
Naturreiche ist es nicht ratsam, in die unsichtbaren Ebenen des
Kosmos zu wandern. Für Gloria, die im Zeichen IX, dem
weiblichen Jaguar geboren ist, ist diese Verbindung mit der
Dunkelheit besonders wichtig. Die Maya-Priesterin begann zu
gähnen. Dies ist ein Zeichen, daß sie nach und nach ihren
Körper als heiliges Gefäß für die Kräfte aus der geistigen Welt
freigibt. Rasseln und Klangschalen schufen eine Atmosphäre der
Ruhe und Heiligkeit.
Gloria hatte sich als „Vaso espiritual", als heiliges Gefäß für
uns geöffnet. Wir warteten still auf den Moment, in dem sich
eine geistige Wesenheit melden würde. Noch bevor Gloria zu
sprechen begann, spürte ich deutlich eine unsichtbare Präsenz.
Diese stellte sich als mein Geburtsnahual NOJ vor. Ich kniete
neben Gloria, die in einem tiefen Trancezustand vor dem Baum
auf einem Stein saß und im Namen NOJs sprach: „Ich möchte
euch, vor allem aber dich, lieber Norbert, begrüßen. Bevor ich
mich zur Gruppe äußere, möchte ich mit dir, Norbert, sprechen.
Ich freue mich, auf diese Weise in Kontakt mit dir treten zu
können und habe heute die Aufgabe, dich auf die Rückkehr
meiner Schwestern und Brüder, der Meisterkräfte des Heiligen
Rates aufmerksam zu machen. Du bist von der Gemeinschaft
der Nahuales ermächtigt worden, deinen Lebensweg im
Kraftfeld Maya zu gestalten. Wir Meister des Consejo Invisible,
des unsichtbaren Maya-Rats, haben beschlossen, dich mit
unserem Vertrauen zu begleiten und dir Maya zugänglich zu
machen. Nun ist die Zeit gekommen, in der du dich nicht nur als
Brückenbauer, sondern als Brücke wahrnimmst. Verbinde dich
jeden Tag mit uns und erkenne uns in Mensche n, die wir dir

-280-
zuführen. Wir entfalten uns in Teilaspekten derjenigen, die
bereit sind, die planetarische Entwicklung mitzutragen.
Zwischenmenschliche Begegnungen in Liebe und Offenheit
geben jedem Einzelnen die Möglichkeit, unsere Meisterenergie
in sich zu integrieren und auszudrücken. Denkt dabei an den
göttlichen Lichtboten Jesus Christus. Er hat euch aufgerufen,
ihm zu folgen und selbst zu Jesus Christus zu werden. Wir
werden dir für deinen Lebensweg alles mitgeben, damit du
Maya, die Kraft, Liebe und Weisheit der Lichtboten, ausdrücken
kannst. Empfinde dich als einer von uns. Du hast dich für diesen
Weg entschieden und wirst viele Menschen erwecken, die durch
dein Beispiel und durch deine Arbeit mit uns in Kontakt
kommen möchten.
Wir Meister der goldene n Lichtstadt stehen dir und euch allen
zur Seite. Habe den Mut, durch dein Vertrauen anderen
Menschen die Zweifel an sich selbst zu nehmen. Du wirst nach
und nach Plätze erkennen und öffnen, an denen unsere Kraft und
Weisheit manifest ist. Es ist alles in Veränderung. Die von
vielen Generationen gehüteten Kräfte der heiligen Maya-Altäre
nehmen auch an dieser Veränderung teil. Von Menschen an
vielen Kraftorten der Erde manifestierte Energien ziehen sich
nach und nach zurück, um den reinen Kräften Raum zu geben,
den göttlichen Plan an den Kraftorten der Erde umzusetzen. Du
bist an dem heiligen Ort TO-OM-RA zu einem Platz geführt
worden, der dir viel abverlangt hat. Du hast mit deiner Frau mit
viel Geduld und Liebe diesen Ort wieder zu dem gemacht, was
er einst war. Hier befinden sich unterirdische Räume und
vergrabene Schätze. Was die Urväter der Maya den Menschen
für den Wandel der Zeit hinterlassen hatten, wird jetzt offenbar.
Die großen Meister der Maya haben von diesem Platz aus die
Kontakte zu den kosmischen Wesenheiten gepflegt. Ihr würdet
sie heute als Außerirdische bezeichnen. Damals war es für
Menschen viel leichter, die außerirdischen Begleiter und Helfer
zum Wohl der Menschheit zu rufen. Wie ihr auf dem Planeten

-281-
Erde in zwischenmenschlichen Beziehunge n steht, so standen
die Ahnen der Maya, aber auch anderer Kulturen in Kontakt mit
der göttlichen Familie, die auf den heiligen Planeten wie auch in
anderen Sonnensystemen leben. Die großen Weisheitslehrer der
Menschheit sind und waren Wesen dieser Ebenen, die immer
wieder in Zeiten der Finsternis auf dem Planeten Erde
eingriffen, um Licht und Dunkel wieder ins Lot zu bringen. Sie
wurden von der Menschheit gerufen, erkannt und verehrt, zogen
sich aber wieder auf die höheren Ebenen zurück. Ihre
Botschaften unterstützten die Menschheit dabei, aus der
Isolation zu sich selbst zurückzufinden. Diese lebenden Meister
manifestierten die kosmischen Mächte durch ihre gelebte
Weisheit und gaben Hinweise, wie der Mensch sich wieder zum
kosmischen Menschen entwickeln könne. Die Meister der Maya
hinterließen ihre Weisheit in den heiligen Kristallschädeln, die
dir immer näher kommen werden. Sie wurden von großen
Weisheitslehrern zur Verfügung gestellt und werden nach und
nach wieder aktiviert. Laß alles kommen, du brauchst nichts zu
suchen, es wird dir gegeben werden. Die auf der feinstofflichen
Ebene wirkenden Meister suchen sich Menschen, die der
göttlichen Absicht Ausdruck geben können. Nimm alle jene
wahr, die wir dir zur Erfüllung dieser Aufgabe zuführen. Ihr alle
werdet mit Kostbarkeiten, die über und unter der Erde ruhen und
darauf warten, wieder für die Entwicklung des Planeten Erde
eingesetzt zu werden, reichlich beschenkt werden. Es sind
Schätze, die die großen Lichtboten und Weisheitslehrer einst für
jene hinterlassen haben, die dieser Geschenke würdig sind. Lade
die Menschen in dieser Seminargruppe ein, ein Reinigungsritual
zu gestalten. Nehmt dafür Bienenwachskerzen und zündet 13
Stück entlang der Grundstücksgrenzen in allen vier
Himmelsrichtungen an. Dadurch könnt ihr die Weisheit und
Kraft, die an diesem Ort einst gelebt wurde, mit Hilfe von
wiedererwachenden Wesenheiten verstärkt in Erfahrung
bringen. Sie sind es, die dir weitere Türen in das Geheimnis

-282-
Maya öffnen werden.
Richte deine Aufmerksamkeit in den Zeremonien vermehrt
auf deine Begleiter von der Sternengruppe der Sieben, der
Plejaden. Von dort wirst du weiter in das Geheimnis Maya
eingewiesen. Ihr, die ihr euch schon vor eurer Inkarnation
entschlossen habt, diese Aufgabe gemeinsam zu übernehmen,
werdet euch gegenseitig erkennen und euch für das gemeinsame
Werk zusammentun. Die Maya kommen von einem Ort, der
eure jetzige irdische Entwicklung bereits hinter sich hat, und
können aus diesem Grund der Mutter Erde und ihren Bewohnern
Hilfe und Erfahrung anbieten. Viele ihrer Helfer leben bereits
unter euch. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, jedem
Menschen, der sie darum bittet, gemäß seiner freien
Entscheidung und Entwicklung beizustehen. Sucht die
außerirdischen Wesenheiten, die Helfer und Meister nicht in den
Phänomenen, sondern nehmt sie in euren Mitmenschen wahr.
Sie werden nicht als Einzelwesen erscheinen, sondern in der
liebevollen Begegnung mit anderen erfahrbar.
Handle aus deinem Herzen und gib jegliche Vorstellung auf,
wie sich dein weiterer Lebensweg gestalten könnte. Nimm die
Aufgabe dort wahr, wo du gerade bist. Gib jegliche Vorstellung
von Zeit auf, denn dadurch bindest du die Kräfte an Kulturen
und Zeitepochen. Was als Maya auf dem Planeten Erde wieder
manifest wird, reicht über sehr große Zeiträume zurück. Maya
ist bei seiner Wiederkehr nicht mit dem gleichzusetzen, was sich
in der Kultur der Maya erhalten hat. Maya hat sich über
kosmische Wesen auf dem Planeten Erde manifestiert. Das
Kraftfeld Maya ist eine Bewußtheit, die das menschliche
Bewußtsein steuert und sich dadurch euren begrenzten
Vorstellungen entzieht. Maya ist individuell für jeden Menschen
erfahrbar, der bereit und offen dafür ist, sein Bewußtsein zu
erweitern und sein Leben in den Dienst des göttlichen Plans zu
stellen. Es kann von allen Menschen integriert werden, die sich
ihrer selbst bewußt sind. Das Erwachen der Meister setzt in euch

-283-
ein Wissen frei, das für die Errettung des Planeten unabdingbar
ist. Nehmt euch als Gemeinschaft wahr, öffnet euch
Gleichgesinnten gegenüber, vereint eure Visionen und Ideen,
vereint die geistigen Kräfte der Religionen und Kulturen in euch
und begegnet einander mit Respekt und Wertschätzung. Seid
euch unserer Hilfe und Führung in jedem Augenblick eures
Lebens sicher."
Gloria wußte von dieser Botschaft nichts. Wie üblich gähnte
sie auch, als sie wieder in ihr Wachbewußtsein zurückfand. Wir
lächelten einander an und umarmten einander. Insgesamt waren
wir mehr als zwei Stunden mit kosmischen Mächten, mit denen
ich via Gloria kommunizierte, in Verbindung gewesen. Die
Maya-Schamanin war kaum ermüdet und freute sich sehr
darüber. Ich hatte die Botschaften mitgeschrieben und teilte sie
nun zuerst Gloria und dann der Gruppe mit. In diesem heiligen
Kontakt mit NOJ wurde mir auch die ehrenvolle Aufgabe
übertrage n, in einem Ritual den Baum Guachipilin mit der
Mutter der Maya, Ixmucané, zu verbinden. Gemeinsam mit
Gloria und im Beisein ihres Großvaters Tata Julian dem Führer
der Maya-Pocomames, durfte ich den Baum mit der Kraft und
dem Namen der Maya-Mutter initiieren, der übersetzt „Frau
Regenbogen" bedeutet. Ich mußte dabei die linke Hand auf
Glorias Herz legen und mit der Rechten den Baum berühren.
Ixmucané segnete unsere Gruppe und begann in diesem
besonderen Moment durch Gloria zu sprechen. Sie lud uns ein,
mit unseren Sorgen und Nöten zu ihr zu kommen. Sie habe auf
diese Weise unzählige Generationen von Menschenkindern
behütet und beschützt.
Die Maya-Schamanin Ixmucané, die Manifestation der
kosmische Mutterkraft, hatte sich mit der Wesenheit des
Baumes verbunden. Dieser trägt seitdem ihren Namen und
verströmt ihre wunderbare Heilungskraft an alle, die zu ihm
gerufen werden.
Ich legte die mitgeschriebene Botschaft in eine Schublade

-284-
meiner Mesa und war mir der daraus resultierenden hohen
Verpflichtung und Verantwortung wohl bewußt. In den
folgenden Wochen litt ich unter schlimmen Kreuzschmerzen.
Ich konnte mir die weitere Entwicklung nicht recht vorstellen.
Schließlich habe ich eine Familie, trage für meine Kinder, die
mir wichtig sind, Verantwortung und sollte nun einfach nur
kommen lassen, was vorgesehen war. Da ich mich schwer
belastet fühlte, bat ich meine Helfer um Unterstützung und
Hilfe. Oft schon hatte ich meine göttlichen Begleiter ersucht, die
großen Veränderungen in meinem Leben nicht allzu abrupt
geschehen zu lassen. So hatte sich bisher alles zwar in großer
Geschwindigkeit ergeben, ich war aber nie zu schwerwiegenden
Entscheidungen gezwungen worden. Meine Frau Christine
unterstützte mich auch jetzt mit ihrem vollkommenen Vertrauen
in meinen Weg. Oskar verband mich mit der Leichtigkeit des
Raben, dem ich meine innere Schwere und Last übergeben
durfte. Tata Julian machte mit mir zwei Feuerzeremonien, in
denen er um Kraft, Erkenntnis und Hilfe für meinen Weg bat.
Bei einer dieser Zeremonien meldete sich sein vor vielen Jahren
verstorbener Meister Don Catarino Lobo Juarez. Tata Julian
verehrte ihn als einen der wenigen Maya-Schamanen, die mit
der Kraft der Sieben Mächte verbunden waren. Die Sieben
Mächte setzen sich aus dem Kraftfeld des Maya-Kreuzes,
dargestellt in den vier Farben Rot, Weiß, Gelb und Schwarz, und
dem Kraftfeld Kukulcáns, den drei Strahlen (blau, violett und
grün) zusammen. Don Catarino beauftragte Tata Julian, ein
hölzernes Maya-Kreuz für mich anfertigen zu lassen und dieses
mit getrockneten Maisblättern zusammenzubinden. Er solle
dieses Kreuz neun Tage auf seine Mesa legen und mich in
Ritualen bei den stärksten Altären der Pocomames in weitere
Geheimnisse dieses Volksstammes einweihen. Dadurch könne
ich viele meiner Aufgaben mit Leichtigkeit bewältigen.
Der ganzen Gruppe wurde nahegelegt, in Europa ein weiteres
Zentrum im Kraftfeld Kukulcáns aufzubauen. Wie in der Maya-

-285-
Tradition üblich, wurde diese Idee vorerst mit der Bitte um
Begutachtung an die geistige Ebene übermittelt. Die Meister
befinden darüber, in welcher Form diese Vision dem Wohle
aller Beteiligten dienen kann. Danach übermitteln sie ihre
Empfehlung an die Intuition eines Rates von lebenden
Menschen, die sich mit derselben Vision identifizieren. Dieser
„sichtbare" Rat wird zur Verwirklichung und zum Schutz des
Projektes in Zeremonien einberufen. Ihm gehören auch
Menschen an, die der Dunkelheit verbunden sind und den Rat
und den Schutz der Meister des Schattens vertreten. Damit
manifestiert sich in einer menschlichen Interessengemeinschaft
die Absicht der Meister, die ihre Kraft und ihren Segen
einfließen lassen.
Gemäß dieser Struktur sollte auch der Rat des Zentrums TO-
OM-RA in Guatemala erweitert werden. Don Juan, der Quiché-
Schamane, saß neben mir auf einem Stuhl. Tata Julian erzählte
den Besuchern des Zentrums gerade von der Weisheit und Kraft
der Maya-Pocomames, als Juan plötzlich zusammensackte.
Seine Frau Salomé rieb sich vor Freude die Hände. Alle
Anwesenden erschraken und vermuteten eine
Kreislaufschwäche. Salomés Reaktion war irritierend, sie konnte
sich doch über einen Anfall ihres Mannes nicht händereibend
freuen. Nun bat sie mich, schleunigst Block und Schreibzeug zu
holen und mitzuschreiben. Tata Julian schaute zu Juan und hielt
inne. Ich reichte ihm Duftessenzen, mit denen er Juan bei seiner
weiteren Öffnung behilflich war, bis sich die Maya-Kraft
Kukulha (= Kukulcán) meldete. Der Maya-Fürst stellte sich vor
und bedankte sich bei Don Juan, daß er sich für eine Botschaft,
die in erster Linie mich betreffe, zur Verfügung stelle. Er bat
mich, einen Rat von Maya-Weisen zu gründen, über den sich die
Aufgabenstellung des Zentrums weiter klären werde. Es sei an
der Zeit, diesen heiligen Maya-Ort wieder für Begegnungen von
lebenden Meistern unterschiedlicher Kulturen und Religionen
zur Verfügung zu stellen. Dies sei in der Geschichte der Maya

-286-
regelmäßig geschehen. Die Meister der Maya hätten sich immer
wieder mit der Kraft und Weisheit anderer Kulturen verbunden.
Das Maya-Kreuz sei Ausdruck dieser Absicht, uns in
Zeremonien energetis ch, aber auch in Zusammenkünften auf der
physischen Ebene zu verknüpfen. So wolle der Platz in der
globalen Vernetzung neu aktiviert werden. Ich kam mit dem
Schreiben kaum nach und bat den Maya-Fürsten Kukulha
darum, mir die entsprechenden Personen zuzuführen. Er meinte,
es sei kostbar, Tata Julian und Meister Cirilo zu diesem Rat
einzuladen, die restlichen zwei Meister seien mir auch schon
bekannt. Mir fiel ein Schamane aus Rabinal in Alta Verapaz ein,
der mit uns zum Indianertreffen in Kolumbien gefahren war. Ich
war damals von diesem weißhaarigen Anciano tief beeindruckt
gewesen, der, wie ich später erfuhr, auch in Kontakt mit
ausländischen Organisationen wie UNO und UNESCO stand.
Und ich dachte an die Anciana Nan Cuz, die uns seit Jahren mit
Rat und Hilfe zur Seite stand. Dieser Rat der Vier sollte durch
einen Rat aus unserer TO-OM-RA-Familie ergänzt werden.
Dazu gehören all jene, die den Einweihungsweg im Zentrum
gegangen sind. Kukulha teilte uns mit, welche Altäre des Landes
in die Formierung des Rates der Vier eingebunden werden
sollten. Ich war ziemlich erstaunt, welche Kraftorte uns von
Juan aufgezählt wurden. Es waren der Altar Maria Técun im
Gebiet der Maya-Pocomames und der Altar Conpadres in
Esquipulas, ein wunderbarer runder Stein, der hoch über dem
Wallfahrtsort in einem großen Steinkreis liegt und den ich mit
meiner Frau und meinen Kindern vor sieben Jahren zum ersten
Mal besucht habe. Seitdem war dieser heilige Platz bei uns in
Vergessenheit geraten. Ein weiterer Ort für die globale Öffnung
seien die alte Pocomam-Hauptstadt Mixco Viejo unweit der
Stadt Guatemala und der Altar 13 TZI in der Nähe von San
Franzisco el Alto im Quiché. Diesen Altar kannte ich von den
Initiationen, die Meister Cirilo dort abhielt. Dabei handelt es
sich um einen Berg mit insgesamt 13 Maya-Altären in der Nähe

-287-
des Wohnorts von Tata Cirilo.
Juan richtete sich langsam wieder auf, nachdem wir uns von
der Maya-Kraft Kukulha in großer Dankbarkeit verabschiedet
hatten. Er bat mich, ihm zu sagen, wer das Bedürfnis gehabt
habe, durch ihn zu sprechen, und was gesagt worden war.
Kukulha ist einer seiner geistigen Führer, und er freute sich über
alle Maßen darüber, welche Botschaften gegeben worden waren.
Er bedankte sich bei Tata Julian für seine Führung, dann stand
er auf und zog sich zurück, um sich auszuruhen. Auch wir
hielten es für angebracht, den Abend zu beenden. Ich war alles
andere als müde, zuviel schien in den wenigen Tagen unseres
Guatemala-Aufenthalts schon wieder in Bewegung zu geraten.
Mir war bewußt, daß die geistige Welt einiges mit uns vorhatte,
und plante fest ein, Meister Cirilo demnächst zu besuchen und
den Kontakt zu ihm von neuem aufzubauen. Tata Julian freute
sich, dem Zentrum und dessen Idee weiter dienen zu dürfen, wie
er es ausdrückte, und bot mir an, mit dem Bus nach Rabinal zu
fahren, um den Schamanen, den er als geistigen Bruder
bezeichnete, zum Rat einzuladen. Nan Cuz sagte sofort zu und
freute sich sehr darüber, als Frau dem Viererkreis führender
Maya-Persönlichkeiten angehören zu dürfen.
Als ich mit Nan die Gartentür zu Meister Cirilos Haus öffnete,
kam uns seine Tochter entgegen. Er warte bereits auf uns, sagte
sie und führte uns zu Tata Cirilo. Dieser umarmte uns voll
Freude. Seine Frau brachte uns Kakao und war begeistert, Nan
Cuz wiederzusehen. Ich erzählte Meister Cirilo von der
Entwicklung des Zentrums und vom Auftrag aus der geistigen
Welt, einen Maya-Rat zu gründen. Cirilo erklärte sich bereit,
dem Rat beizutreten, und schlug eine Reihe von großen
Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Maya-Stämmen vor, die
er kannte. Dann unterhielten wir uns über seine Absicht, im Jahr
2002 das Indianertreffen wie schon 1995 in Guatemala
abzuhalten. Er bat mich, mitzuhelfen und vor allem Kontakt zu
den Schwestern und Brüdern in Australien, den Aborigines, zu

-288-
suchen. In Guatemala hätten sich schon Priester verschiedener
Volksstämme vereint, um über dieses Treffen zu beraten. Man
habe bereits eine klare Vorstellung, wie dieses Treffen am
besten abgehalten werden könne. Derzeit sei das wichtigste, die
Geldquellen zu erschließen. Man rechne mit einer Beteiligung
von bis zu 500 Priestern, Schamanen, Heilern und
Stammesführern aus Nord-, Zentral- und Südamerika. Vor allem
wolle man nun die Hüter der alten Kulturen Australiens und
Afrikas mit einbinden. Nachdem ich mich nach den Erfahrungen
der letzten Jahre aus dieser Bewegung zurückgezogen hatte,
stand es nun offenbar erneut an, meinen Beitrag zu leisten. Es
beruhigte mich, daß es in Guatemala wenigstens nicht
notwendig sein werde, tagelang in Hängematten in der Hitze des
Urwalds zu schmachten und Mosquitoschwärmen und den
Segnungen einer chaotischen Organisation ausgesetzt zu sein.
Bisher war allerdings nicht klar, wer die Gesamtverantwortung
für dieses Treffen übernehmen sollte. Davon würde wohl einiges
abhängen. Das konnte nur jemand sein, der weißer Hautfarbe
war, darüber machte ich mir keine Illusionen. Indianische
Organisatoren vertrauten überwiegend ihrem
Improvisationstalent und dem Wissen, daß alles in irgendeiner
Form zu einem Ende führen werde. Ob dieses Ende aber immer
ein gutes war, dessen war ich mir nicht mehr so sicher. Also
entschloß ich mich, meine Aufmerksamkeit auf die Aufgaben
des Zentrums zu richten. Hier sollte im kleinen Kreise des
Maya-Rates die Hand ausgestreckt werden zu den Schwestern
und Brüdern anderer Kulturen. Das klang überschaubar und
überaus reizvoll für mich und all jene, die mit viel Enthusiasmus
an der Verwirklichung dieser Bitte Kukulhas arbeiten wollten.
Wir machten uns wieder auf den Heimweg. Als wir in der
Nähe des Zeremonialberges 13 TZI vorbeifuhren, hielt ich das
Auto an und schlug Nan Cuz vor, eine kurze Dankeszeremonie
abzuhalten. Wir gingen einen kleinen Steig entlang zu den
ersten Altären, da begrüßte uns schon ein Maya-Schamane, der

-289-
gerade für eine Indianerfamilie arbeitete, mit strahlendem
Lächeln. Sie waren gerade dabei, ihre Kerzen mit Wünschen
und Bitten an die geistige Welt dem Feuer zu übergeben. Wir
grüßten freundlich zurück und gingen weiter, bis wir schließlich
hinter einem Felsvorsprung den Rauch eines weiteren Maya-
Feuers erblickten, zu dem es mich hinzog. Ich traute meinen
Augen nicht, als ich vor einem engen Vertrauten Tata Cirilos
stand. Er war allein hierher gekommen, um ein Feuerritual zu
machen, und freute sich über unsere Begegnung. Er war einer
der Priester, die vor Jahren gemeinsam mit Meister Cirilo unser
Zentrum eingeweiht hatten. Ich wollte ihn nicht stören, sondern
bat ihn nur, mit Nan an der Zeremonie teilnehmen zu dürfen. So
waren wir innerhalb weniger Minuten in einer Maya-Zeremonie.
Der Schamane bat im Ritual um Unterstützung für die
Zusammenkünfte der Indianerstämme, ganz besonders um Hilfe
für Meister Cirilo. Ich hatte die Möglichkeit, mich bei diesem
Altar für seine Einladung zu bedanken. Er hatte sich über Don
Juan angeboten, dem Weisenrat der Maya wie allen Helfern und
Beteiligten für die Aufgabe des Zentrums als Brücke und
Bindeglied zwischen den Kulturen und Religionen Fülle, Kraft
und Schutz zu geben.
Im heiligen Kalender Maya steht TZI für die kosmische
Ordnung, für das kosmische Gesetz und die sich daraus
ergebende göttliche und menschliche Autorität und
Gerechtigkeit. Tata Julian erbittet von diesem Nahual den
Schutz für sein Anwesen und seine Felder. TZI ist der Meister
und Hüter des geschriebenen Wortes und Gesetzes, er ist der
Hüter der Traditionen und der gesellschaftlichen Ordnung und
Gesetzgebung, aber auch der Beschützer eines Grundstücks oder
Anwesens. Ich verehre ihn als Meister der Hebräer im Kraftfeld
meines geistigen Führers Moses. Am Tag TZI erbittet der Maya-
Priester die menschliche und göttliche Gerechtigkeit in der
Gemeinschaft, die innere emotionale Harmonie, Transparenz,
das Erkennen und Auflösen von erstarrten Strukturen und

-290-
Traditionen, die uns auf dem Lebensweg behindern. Der Maya
bittet den Nahual TZI um Offenbarung der göttlichen
Geheimnisse, die uns die größeren Zusammenhänge des Lebens
begreiflich machen.
Als wir uns wieder auf den Heimweg begaben, wurde mir
bewußt, wie kostbar es ist, von diesem Altar angenommen zu
sein und die Vision und weitere Entwicklung des Zentrums in
dieses Energiefeld einbetten zu dürfen. Zugleich erkannte ich
meinen Weg zwischen und mit den verschiedenen Kulturen,
trotz der Sorge, das eine oder andere in meinem Leben
vernachlässigen zu müssen. Rundum vernehme ich Hilferufe,
ich weiß um Leid und Schmerzen von einzelnen Menschen, um
die Not der Indianer und mir nahestehender Weiser und
Schamanen und um den Ruf der geistigen Ebenen, die
planetarische Veränderung bewußt mitzutragen und Liebe und
Licht auf dem Planeten zu manifestieren. Zugleich spüre ich den
Sog, in dem sich eine Unzahl von Menschen selbst in den
Abgrund stürzen. Der Jaguar zieht mit all seiner Macht und
Unerschrockenheit durch die menschliche Rasse und weist uns
auf die fehlende Bereitschaft hin, Verantwortung für unser Sein
zu übernehmen. Katastrophen rütteln uns auf und erinnern uns
an die großen Zusammenhänge, in denen wir uns alle bewegen.
Auch die Filmindustrie zeigt uns immer klarer auf, wie sehr der
Mensch bereits an seinem eigenen Untergang arbeitet. Phantasie
und Realität fließen immer stärker ineinander und machen den
Betrachter zum Bestandteil des Szenariums, zum Mitschöpfer
des Holocausts.
Es macht keinen Sinn, den Jaguar zu bekämpfen. Vielmehr
drängt es uns danach, ihn in seiner wunderbaren Kraft in uns
selbst wiederzuentdecken. Ihn anzunehmen bedeutet, das in uns
Menschen angelegte Kraftpotential zu entfalten und zu
verfeinern. Die menschliche Ermächtigung besteht darin, den
Jaguar zu zügeln, im Wissen, daß er uns im Kraftfeld Maya für
den Ausdruck unserer Göttlichkeit begleiten möchte. Uxbalam,

-291-
die königliche Maya-Kraft bewegt sich im Jaguartanz und läßt
sich in die Tiefen und Höhen des Seins als Liebender, als
Mächtiger und Ermächtigter tragen.

Ich saß mit Oskar auf dem Tempel des Jaguars in Tikal und
freute mich darüber, in den kosmischen Tanz der Leichtigkeit
allen Seins eingeladen zu sein. Es ist ein Tanz der Innerlichkeit,
ein Tanz zwischen Anfang und Ende, ein Tanz der Erhabenheit
und Würde. Er steht über den Dingen, Uxbalam, der stille
Jaguarwächter der globalen Lichtstadt Tikal, und erinnert uns an
die Gelassenheit, an das Größere, in das wir alle eingebettet
sind. Vor wenigen Tagen war eine Touristengruppe in Tikal von
einer kriminellen Bande überfallen und eine junge Frau aus
Honduras vergewaltigt worden. Don Salvador war uns aufgeregt
entgegengekommen und hatte uns um Hilfe gebeten. Seit
Wochen befinde sich alles im Chaos, hatte er geklagt und uns
um Hilfe gebeten. Rundum war Angst und Besorgnis spürbar.
Dutzende schwerbewaffnete Polizisten patrouillierten im
Nationalpark. Wir saßen auf dem Tempel Uxbalams über dem
tiefgrünen Urwald, der die heiligen Tempelstätten umgibt. Wir
waren dorthin gerufen worden, um uns mit seiner Kraft zu
verbinden. Obwohl es verboten ist, den Tempel III zu besteigen,
erklommen wir die noch nicht freigelegte Pyramide von der
Rückseite aus, wo wir nicht so leicht gesehen werden konnten.
Über Wurzelwerk und lockere Steine kletterten wir auf den
zweithöchsten Tempel Tikals. Vor uns ragten die zwei
mächtigen Pyramiden des Jaguars und des Tempels der
Ixmucané aus den Baumkronen empor. Aus der meditativen
Ruhe begann Oskar im Namen Uxbalams zu sprechen: „Steht
über den Dingen. Was hier geschieht, ist notwendig und sollte
euch nicht beunruhigen. Sagt dies auch dem Anciano Salomón.
Er hat in den Unruhen der letzten Wochen seinen Freund
verloren. Auch das ist im Einklang mit der geistigen Welt
geschehen. Nehmt die alltäglichen Geschehnisse nicht nur auf

-292-
emotionaler Ebene wahr. Gebt ihnen den Stellenwert, der ihnen
zusteht. Über allem steht der göttliche Geist, die göttliche
Absicht. Geht in den Turbulenzen des Lebens hin und wieder
auf meine Ebene und betrachtet das Geschehen von einem
höheren Standpunkt aus. Hier seid ihr in der Stille. Es gibt
nichts, was euch beunruhigen könnte. Billigt euch selbst die
Erhabenheit und Würde zu, die wir euch spiegeln. Auf unseren
Ebenen bedeutet dies, einfach nur zu sein, ohne Wertung und
Verurteilung des Geschehens."
Ich legte mich mit geschlossenen Augen auf den Rücken.
Über mir sah ich ihn als Abbild in die „Tinteies", die
jahrhundertealten Holzbalken geschnitzt, den Hüter Tikals.
Oskar legte seine Hand auf mein Herz, um mich mit der Kraft
Uxbalams zu segnen. Diese unbändige Kraft wühlte mich auf.
Bald bahnten wir uns den mühsamen Weg durch das Dickicht
auf der Pyramide wieder abwärts und hofften darauf, daß wir
auch weiterhin von keinem der Wächter entdeckt würden. Nun
statteten wir Chak, dem Hüter des Wasserelements, in seiner
unterirdischen Kammer einen Besuch ab, um ihm unsere Liebe
und Wertschätzung entgegenzubringen. Als wir aus der Höhle
des Chak kamen, begann es in Strömen zu regnen, zu blitzen
und zu donnern. Chak zeigte uns seine Dankbarkeit in Form
eines Gewitters. Er gilt in der Maya-Tradition auch als
Herrscher über Regen und Donner. Die Maya-Kräfte zeigen sich
uns auf dem Weg der Erkenntnis so unmittelbar, daß sie immer
wieder in Erstaunen versetzen. Dies ist auch einer der Gründe,
warum ich trotz aller Schwierigkeiten und Unvollkommenheiten
diesem Land mit soviel Respekt und Liebe verbunden bin. Für
mich ist dieses Land zur spirituellen Heimat geworden, zu
einem Platz, an dem ich wie kaum anderswo die Liebe und
Unterstützung der geistigen Welt, aber auch die Liebe und
Unterstützung der mich begleitenden Maya-Meister fühlen kann.

Es bedarf nicht des Wechsel von einem Kulturkreis in einen

-293-
anderen, um die Geheimnisse, die uns alle umgeben,
entschlüsseln und erfahren zu können. Es genügen die innere
Stille, das innere Wissen und die innere Bereitschaft eines
Menschen, um uns in Aspekten unseres Lebens als Maya zu
erkennen. In unserem Umfeld bewegen sich die Hüter des
Planeten Erde im Namen der Heiligen und aufgestiegenen
Meister des Christentums, des Buddhismus und anderer
Religionen und Kulturen. Sie tanzen mit uns durch das Leben, in
Leichtigkeit und Freude, wenn sie von uns in ihrer Aufgabe
erkannt und wertgeschätzt werden. Die Musik dazu ertönt aus
der Schwingung des Herzens, aus dem Klang der Natur, aus den
Tönen des Universums. Sie alle kehren zurück, manifestiert im
Gewand der unterschiedlichen Religionen und Kulturen, in
denen sie einst geschaffen und gerufen worden sind. Es bleibt
ihr Geheimnis, warum sie in einem menschlichen Körper
wiederkehren. Sie nennen sich Jesus, Buddha oder Kukulcán
und spiegeln uns die Vielfalt menschlichen Seins. Sie, die einst
der Menschheit die kosmische Weisheit überbrachten, wollen
uns heute daran erinnern, wer wir sind.

Ruf der göttlichen Meister

Kraft, Weisheit und Freude, ausgelöst durch eure Herzen in der


Klarheit und Erkenntnis des kosmischen Christus, der euch
einbettet in die kosmische Lebendigkeit und den Fluß des
Lebens.

Meister, die euch erkennen und durch die Neugeburt eures


Planeten Erde führen.
Lichtungen mit Kindern der Liebe, umgeben von den
Lichtboten des beginnenden Morgens.
Schillernde Farben, die eure Häupter krönen.

-294-
Eine Flut von Weisheit und Liebe, die euer Sein füllt und
erfahrbar macht, was einst die großen planetarischen Meister
hinterließen.

Laßt euch rufen für die Aufgaben!


Es ist die Zeit gekommen, euch die Schönheit und Fülle des
göttlichen Vaters erkennbar zu machen.
Das Wunder Mensch beginnt im Lichtstrahl der Planeten und
Sonnensysteme zu leuchten, Heilige Wesenheiten öffnen jede
Zelle eurer Körper.
Das kosmische Licht Christi wird erfahrbar im Prinzip von
Stille und Bewegung, im Ausgleich von Licht und Schatten.
In Tod und Leben wird der weiße Weg der Erleuchtung
geebnet.
Erhebt euch, ihr Gesalbten des Herrn, denn Liebe und Freude
des göttlichen Vaters wollen durch euch Ausdruck finden.

ICH BIN der aus der Göttlichkeit entschwebende Atem, der


erweckt, was im Schlafe ruht, ICH BIN die Seele, die zu
leuchten beginnt, auf daß die Absicht Gottes erkannt werde im
Ausdruck von Wahrheit, Lebendigkeit und Liebe.

SO SEI ES, IM WILLEN DES VATERS, DES SOHNES UND


DES HEILIGEN GEISTES, IM HERZEN DES HIMMELS, IM
HERZEN UNSERES PLANETEN ERDE, IM RHYTHMUS
UND FLUSSE DER KOSMISCHEN LIEBE, AMEN.

Tata Julian kündete sein Kommen an. Wie es in der


Konzentration mit seiner Enkelin gefordert worden war, hatte er
von einem Tischler ein Kreuz, eingewickelt in trockene
Maisblätter, anfertigen lassen, und es lag inzwischen schon neun
Tage lang auf seinem Altar. Er hatte für diese heilige
-295-
Verbindung einen geeigneten Tag im Maya-Kalender
ausgesucht. Es sollte ein Tag sein, an dem die Verbindung in
eine neue Ebene des Bewußtseins begünstigt werde. Er hatte,
wie gesagt, den Auftrag und die Erlaubnis erhalten, mich mit der
Kraft des Südens und des Ostens des Maya-Kreuzes zu
verbinden. Ich ahnte nicht, was dies bedeuten könnte. Einige
Male hatte ich Don Julian gebeten, mir die Konsequenzen dieser
Initiation zu erklären, doch er meinte nur, es sei eine große Ehre
für mich, die Kraft dieses großen Meisters übertragen zu
bekommen.
So bereiteten wir das Initiationsritual an einem Platz vor, den
Tata Julian vorgeschlagen hatte. Es sollte ein Altar auf unserem
Grundstück sein, an dem wir die göttliche Mutter Maria
verehren. In Guatemala wird die göttliche Mutter in ihren
unterschiedlichen Seinsformen verehrt, eben auch als Virgen
Candelaria, als Mutter der Berge, christliche Hüterin der Maya-
Altäre und zugleich Schutzgöttin der Kerzen. Da Maya-
Schamanen in erster Linie mit dem Element Feuer
zusammenarbeiten, bedarf es ihrer Ansicht nach auch einer
christlichen Schutzkraft. Der Virgen Candelaria haben wir eine
kleinen Grotte gewidmet. Dort wollte mir nun Don Catarino
Lobo Juarez, der vor vielen Jahren verstorbene Pocomam-
Schamane, über Tata Julian einen Teil seiner Kraft übertragen.
In der Abenddämmerung war also eine Gruppe von Menschen
am Marienaltar der Mutter Candelaria zusammengekommen, um
diesen besonderen Moment gemeinsam zu feiern. Die Frauen
hatten die Grotte mit Rosen geschmückt. Vor der Marienstatue
steht ein Maya-Kreuz, das ich vor einigen Monaten auf dem
Indigenamarkt in Chichicastenago erstanden hatte. Es war
einmal Teil eines Maya-Altars gewesen, der im Zuge der
Missionierungen amerikanischer Sekten abgebaut worden war.
Immer häufiger lassen sich derartige Kostbarkeiten auf den
Märkten finden. Ich stellte dieses Steinkreuz zu Füßen der
Virgen Candelaria auf, um auch in der Grotte die Verbindung

-296-
von Christentum und Maya zu manifestieren. Im Zentrum der
Grotte steht eine Steinschale mit einem Amethyst als Symbol für
die Transformationskraft des Wassers. Da die Initiationsfeier im
Zeichen des roten und gelben Punktes des Maya-Kreuzes stand,
war es klar, daß Tata Julian das Ritual mit den Elementen
Wasser und Feuer gestalten würde. Don Julian trug sein
Priesterkopftuch, seine Faja, die Symbol des Standes der Maya-
Priester ist. Gloria wickelte die in Zeitungspapier eingepackten
Kerzen und Blumen, das Räucherwerk, die Duftessenzen und
das Symbol dieser Initiationsfeier, das in Maisblätter eingehüllte
Maya-Kreuz, aus. Mit dieser Initiation wollte die geistige Welt
ein Zeichen dafür setzen, daß sie mir ihre volle Unterstützung
für meinen weiteren Weg zwischen den Kulturen zuteil werden
lasse. Ich könne dadurch die Kraft der Pocomames, vor allem
die Kraft der Santa Neblina auch in meiner Tiroler Heimat, in
Europa manifestieren. Gemäß alter Tradition konnten die Maya-
Pocomames in Zusammenarbeit mit der Santa Neblina blanca,
roja, amarilla und negra das Wettergeschehen gestalten. Meister
Catarino war einer der letzten großen Schamanen, die den
Blitzschlag rufen und steuern konnten. Tata Julian hatte mir
einige Geschichten darüber erzählt, wie sie gemeinsam ihre
Kräfte erprobten und immer wieder erstaunt waren, wenn aus
heiterem Himmel ein Blitz in einen Stein einschlug, den sie
vorher markiert hatten.
Tata Julian eröffnete das Initiationsritual mit dem
Kreuzzeichen. Ich kniete auf dem Boden in der Grotte der
Virgen Candelaria, umgeben von brennenden Kerzen und
Blumen. Der Quiché-Schamane Don Juan begann zum selben
Zeitpunkt ein Feuerritual außerhalb der Grotte, um für meinen
Weg als Schamane und Brückenbauer den göttlichen Schutz und
die Begleitung der Maya-Kräfte, vor allem des großen Maya-
Helden Técun Uman zu erbitten. Als Tata Julian die Hände auf
meine Schultern legte, spürte ich wie bei meiner ersten
Einweihung als Maya-Priester einen ungeheuren Druck auf

-297-
meinem Herzen. Mein Puls beschleunigte sich, ich rang um
Luft, während der Maya-Anciano seinen Meister Don Catarino
einlud. Ich nahm die Präsenz dieses Schamanen mit großer
Intensität wahr und war knapp davor, in Ohnmacht zu fallen.
Meine Frau stand hinter mir und gab mir all ihre Hilfe und
Unterstützung. Sie war besorgt wegen der enormen Energie, die
auf mich einwirkte und der ich kaum noch standhalten konnte.
Ich mußte mich fast übergeben, als Tata Julian mich an den
Schultern zu wiegen begann. So beruhigte sich nach und nach
mein Herzrasen. Gloria legte mir ihre Hände auf und sprach ihre
Gebete. Auch Christine segnete mich mit ihrer Vara. Don Juan
kam in die Grotte, nahm meinen Kopf in seine Hände und
forderte mit aller Deutlichkeit die geistige Welt auf, mir alle
erdenkliche Unterstützung für meinen weiteren Weg zukommen
zu lassen. Tata Julian hieß mich aufstehen und wiederholte, es
sei eine große Ehre, die enorme Kraft seines ehemaligen
Meisters auf diese Weise übertragen zu bekommen. Ich solle
mir keinerlei Gedanken machen, wie sie sic h nun manifestieren
werde. Die Verbindung zu Santa Neblina sei das Höchste, was
im Volksstamm der Pocomames gegeben werden könne. Bald
werde für ihn selbst die Zeit kommen, diese Welt zu verlassen.
Dann dürfe er mir auch noch die Verbindung zum weißen und
schwarzen Punkt des Maya-Kreuzes übertragen. Er werde mich
rechtzeitig vor seinem Tod rufen, um mir die Kraft seiner Vara
gemeinsam mit Don Catarino zu übergeben. Der Maya-Anciano
umarmte mich mit den Worten: „Ich habe die große Ehre, dich
mit der Weisheit und Kraft meines Volksstammes zu segnen. Es
ist das erstemal, daß dieses Geschenk einem Ausländer zuteil
wird. Ich habe dich als meinen Nachfolger auserkoren und bitte
dich, wenn ich einmal nicht mehr bin, zusammen mit Gloria
aufgrund der Ermächtigung durch meinen Volksstamm deine
Aufgaben zu erfüllen. Es kommen schwere Zeiten auf die
Menschheit zu. Da braucht es Schamanen, die die Mächte der
Natur handhaben können, um in die großen Umschichtungen auf

-298-
unserem Planeten eingreifen zu können, wenn es von der
geistigen Welt erlaubt wird. Deshalb ist mein Meister Catarino
wiedergekommen. Rufe ihn, wenn du ihn brauchst. Zu
Lebzeiten habe ich ihn oft gerufen, wenn ich in Bedrängnis war.
Er hat wie kein anderer die Zusammenhänge allen Geschehens
durchschaut. Er erkannte die Krankheiten der Menschen, er
wußte, was sie dachten und fühlten, und war ein großer Heiler
und Schamane.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag, als es in unserem
Dorf Palin große Aufregung gab. Der Vulkan Pacaya war
ausgebrochen. Schwere Lavamassen wälzten sich zu Tale, alle
befürchteten eine große Katastrophe. Ich ging zu Don Catarino
und beriet mit ihm zusammen, was wir tun könnten. Er schlug
vor, Blitze in den Krater zu schleudern und Unwetter über dem
Vulkan zusammenzuziehen. So gingen wir zu einem Altar, der
dem Vulkan gegenüber liegt, und riefen gemeinsam die Santa
Neblina. Noch am selben Tag zog ein schweres Gewitter über
dem Vulkan auf. Im Beisein vieler Leute verweilte der Anciano
in tiefer Meditation und Zentrierung. Dann zeichnete Don
Catarino kleine Spiralen in die Luft. Jede seiner
Handbewegungen löste einen Blitzschlag in den Vulkankrater
aus. Auf diese Weise konnten wir den Vulkan beruhigen. Was
ich dir erzähle, haben viele Menschen gesehen, die großen
Respekt, aber auch große Angst vor dem Meister unseres
Volksstammes hatten. Ich habe von ihm das Wissen und die
Kraft übernommen, als ich an seinem Sterbebett saß. Er wollte
nicht mehr leben und lehnte jegliche Hilfe ab. Für ihn war die
Zeit gekommen, sich auf höherer Ebene dem göttliche n Plan zur
Verfügung zu stellen, wie er selbst sagte. Er bat mich, ihm seine
Vara in die Hand zu legen, und so starb er mit seiner Vara auf
dem Herzen. Ich bat seine Familie, ihn mit der Vara zu
begraben. Gelegentlich spreche ich mit Don Catarino über
Gloria als Medium. Dabei hat er mich kürzlich gebeten, dir und
Gloria die Altäre der Pocomames zu zeigen. Es sind die

-299-
Kraftorte, die ganz besonders mit ihm und den Meistern der
Pocomames in Beziehung stehen. Allein in der näheren
Umgebung von Palin sind es an die sechzig Altäre, von denen
ich die meisten noch kenne. Leider erlaubt es mein physischer
Zustand nicht mehr, sie alle zu besuchen. Meister Catarino
konnte kein Spanisch und sprach nur in unserem Dialekt. So
informierte er mich auch via Gloria in Pocomam über das
Geschenk, das ich dir in seinem Namen und im Namen der
Maya machen solle." Tata Julian meinte noch, ich sollte mir
keine Sorgen machen, wenn die Menschen in meinen Ritualen
zu zittern begännen. Dies sei ein Zeichen der inneren Reinigung
und Klärung von dunklen, die Menschen behindernden Kräften.
Don Catarino sei für die Heftigkeit der Reaktionen
hilfesuchender Menschen in seinen Zeremonien bekannt
gewesen. Dabei lachte Don Julian aus ganzem Herzen und
umarmte mich liebevoll.

-300-
Im Garten der Seele

Das Wesentliche in der menschlichen Entwicklung liegt nicht


im psychischen Bereich, sondern in seinem Geist. In der
psychischen Ebene verdichtet sich, was sich im Geist des
Menschen befreit. Die derzeit auf dem Planeten Erde
praktizierten Heilungsmethoden und Therapieformen, auch die
aus schamanischen Traditionen, sollten dem suchenden
Menschen während einer Übergangs- oder Durchgangsphase
dienlich sein. Auf dieser Ebene hängenzubleiben würde aber
bedeuten, die Probleme, die sich aus unserem Alltag ergeben, zu
verdichten. Damit würden wir nur unseren Emotionen anhaften
und ihnen eine Wertigkeit geben, die ihnen nicht zusteht.
Erfahrungen aus der Vergangenheit werden in Therapien wieder
ins Bewußtsein gebracht, die Emotion geweckt und dadurch die
in diesen Situationen geschaffenen Energiemuster erneut
genährt. Sich ständig mit schlimmen Kindheits- und
Jugenderlebnissen zu befassen, hält diese energetisch präsent.
Das Psychische unterliegt der Illusion, der subjektiven
Verblendung in der menschlichen Wahrnehmung. Es stellt einen
Seelengarten dar, der durchschritten werden sollte, sein Ausgang
führt ins Licht, in den Geist des Menschen. Doch derzeit ist
vieles in der menschlichen Entwicklung darauf ausgelegt, darin
hängenzubleiben. Betrachten wir die Psyche doch als einen Ort,
den es wie einen Garten zu pflegen gilt, der harmonisch und
schön, duftend und heiter, hell und leicht sein soll. Seine
Schönheit, seine Blumen- und Pflanzenvielfalt können erfreuen
und Ausgleich und Balance schaffen.
Dieser Garten kann auch verwildert sein, voll von Gestrüpp,
Unkraut und sumpfigen Tümpeln. Die Aufgabe der Schamanen,
Heiler und Therapeuten besteht dann darin, ihn wieder in
Ordnung zu bringen. Mit Disziplin und Konsequenz kann dies

-301-
sehr rasch vonstatten gehen. Vor allem lohnt es sich, Altes zu
roden und Neues anzupflanzen, alte Erfahrungen loszulassen,
um dem Hier und Jetzt Raum zu geben. Viele Menschen machen
ihre Eltern, ihre Familie oder ihr Arbeitsumfeld für ihr
unglückliches Leben verantwortlich, sie schieben die
Verantwortung auf andere ab. Dadurch nähren sie aber genau
das, was sie behindert. Ein Mangel an elterlicher Liebe kann
nicht dadurch ausgeglichen werden, daß man sie für die eigene
Unfähigkeit zu lieben verantwortlich macht. Sie haben ihre
Lebenssituation so gut bewältigt, wie es ihnen möglich war. Und
wir haben sie uns für unsere gegenwärtige Inkarnation
ausgesucht, weil sie uns den Nährboden anboten, auf dem
unsere notwendige Erfahrung am besten wachsen konnte.
Unsere Seele sucht sich genau den Garten, in dem sie das
ausgleichen kann, was sie in sich als unstimmig empfindet.
Unsere Therapiemodelle sind vielfach danach ausgelegt, alte
Erfahrungen aufzuwärmen und energetisch festzuhalten.
Loslassen bedeutet nicht vergessen. Es ist ein Prozeß der
Trennung von alten Energiemustern, den wir in Zusammenarbeit
mit der geistigen Welt vollziehen können. Basis für den heiligen
Akt des Trennens ist die Kraft des Verzeihens. Wenn wir fähig
sind zu verzeihen, schwingen wir in einer sehr hohen
kosmischen Frequenz, in der wir in einem Akt göttlicher Gnade
von überholten Bindungen erlöst werden. Viele Menschen
können sich schwer vorstellen, Erfahrungen und Menschen in
einem sakralen Akt loszulassen. Mit dem Vorsatz, ich lasse
meine Kinder los, ist es nicht getan. Mütter und Väter sollten
erkennen, daß hinter dem Festhalten der Kinder der Wunsch
nach Abhängigkeit und hinter der Abhängigkeit Angst steht, die
aus dem fehlenden Vertrauen darauf resultiert, daß wir
Menschen begleitet und geführt sind. Der Mangel an Vertrauen
trennt uns vo n der Kraft der kosmischen Liebe. In dieser
Isolation benötigen und benützen wir besonders diejenigen, die
uns nahe stehen. Kinder müssen oft Existenzängste,

-302-
Verlassensein und die fehlende Verbindung zum Göttlichen
ausgleichen.
Unser Miteinander ist gekennzeichnet von gegenseitigem
Energieraub. Je mehr jemand vom göttlichen Kosmos getrennt
ist, je weniger er in der Mutter Erde verwurzelt ist, umso mehr
ist er darauf angewiesen, Menschen in seiner nächsten
Umgebung als Energiespender zu mißbrauchen. Maya trennt
diese unseligen Bindungen mit der Kraft des violetten Strahls.
Es ist das transformierende Feuer, mit dem Maya alte, nicht
mehr stimmige Energiemuster verglüht. Um dem Prozeß die
entsprechende Wirksamkeit und Kraft zu verleihen, verbindet
der Schamane diesen Akt des Verbrennens von alten Mustern
mit Verstärkerstrahlen. Der violette, der blaue und der grüne
Strahl ergeben zusammen ein Dreieck als unmittelbare
Verstärkung dessen, was man beabsichtigt. In diesen
Heilungsprozeß können die Wesenheiten der Maya, die dieses
Ritual begleiten und zusätzlich effizient machen, eingeladen
werden. Es gibt aber auch Maya-Altäre, die sich für diese Arbeit
anbieten. Ich arbeite in Ritualen des Loslassens und Trennens
meist mit den geistigen Schwertführern. Dabei rufe ich das
Feuerschwert des Erzengels Michael, das Schwert des heiligen
Georg, die Kraft des Apostels Jakobus, das im Tanz geführte
Schwert Shivas und ganz besonders die Kraft Kukulcáns, der
mit alten Mustern aufräumt. Dieses Auflösen oder
Transformieren sollte auf verschiedenen Ebenen geschehen. Vor
allem geht es darum, das Bewußtsein zu reinigen und neu zu
programmieren. Kukulcán fordert von all jenen, die mit ihm
arbeiten, vollkommene Klarheit und setzt die Bereitschaft des
Menschen voraus, jegliche Anhaftung an Altes, Bindendes,
jegliche Form von Selbstmitleid und Unsicherheit aufzugeben.
Andernfalls würde dieselbe Kraft auch alles Alte und Kranke in
uns verstärken.
Oskar übermittelte mir erst kürzlich einen Text, der
klarmacht, wie sehr die geistige Welt uns als freie Wesen

-303-
braucht. In Verbindung mit dem Herrn der Drei Strahlen,
Kukulcán, schrieb er für mich in einer Zeit der Krise folgenden
Text: „Du hast jetzt die Freiheit, durch deine dir selbst und von
uns gegebene Ermächtigung deinen weiteren Lebensweg in
unserer Begleitung zu beschreiten. Es wird aber eine große
Veränderung in deinem Leben geben. Achte gut darauf, daß dir
unsere Kraft und Verbindung nicht teilweise wieder genommen
werden. Wir, die aufgestiegenen Meister, brauchen dich in
deiner Kraft, in deiner Ermächtigung, und dies ist nur möglich
in der absoluten Freiheit. Sie ist die Basis für deine eben
beginnende spirituelle Arbeit. Du wirst gemeinsam mit denen,
die wir dir zuführen, mit dem alten Wissen betraut, wie schon so
viele Menschen vor dir. Diese Ermächtigung verursachte jedoch
bei den meisten Menschen den Verlust der Demut, und das
führte zu ihrem Untergang und dem Untergang ihrer Kulturen.
Euch allen bietet sich jetzt im Wandel der Zeit eine neue
Gelegenheit. Die geistige Welt unterstützt euch und zählt auf
euch. Deine Aufgabe ist es, die dir gegeben Ermächtigung
umzusetzen und den Norden mit Maya zu verbinden." Ich war
recht beunruhigt, als ich las, daß es eine große Veränderung in
meinem Leben geben werde. Habe ich doch schon jetzt ein sehr
intensives Leben und kann mir eine neuerliche große
Lebensveränderung kaum vorstellen. Kukulcán gab mir vor
wenigen Monaten eine weitere Botschaft, die mich ebenfalls
sehr aufrüttelte. Ich bemühe mich durch Gebete und
Schreibmeditationen, meinen Lebensweg nach seiner Absicht
auszurichten und ihn durch mein eigenes Leben in Erfahrung zu
bringen. Dabei anerkenne ich ihn als göttlichen Boten der Maya
im Kraftfeld des kosmischen Christus. Er kehrt im neu
erwachenden Maya-Bewußtsein in der heiligen Verbindung mit
Jesus wieder, als vom göttlichen Vater ermächtigter Bote der
Liebe, Weisheit und Kraft. Ich legte meine Hand auf die Statue,
die er mir vor Jahren zugeführt hatte und die auf meinem Altar
steht, und bat ihn um eine Botschaft für den Zeitenwandel, den

-304-
er nach den Prophezeiungen der Maya in hohem Maße
mitgestaltet. In seiner direkten und scharfen Art berührte er
mich mit dem Schwert der Klarheit und der Erkenntnis und
segnete meinen Weg des Vertrauens und der vollkommenen
Hingabe an meine Aufgabe:
„Wenn ihr in den göttlichen Plan kein Vertrauen habt, werdet
ihr zeitlebens darauf warten, daß sich die Götter eurer erbarmen,
ohne zu erkennen, daß ihr selbst das tun müßt. Wenn ihr
zweifelt, dann fragt euch, warum ihr zweifelt. Im Zweifel
entscheidet sich jeder Mensch für Trennung. Ihr stellt euch die
Frage, ob euer tägliches Handeln richtig oder falsch ist. Wir
Meister brauchen euren festen Glauben. Wir geben euch die
Freiheit so zu handeln, wie es jeder einzelne von euch für richtig
hält. Habt den Mut, zu die sen Entscheidungen zu stehen, und
beobachtet das Resultat eures Tuns. Ihr seid ständig
aufgefordert, euch im Spiegel der kosmischen Resonanz zu
beobachten. Was immer ihr zu tun entscheidet, findet
Aufmerksamkeit in der Licht- oder in der Schattenwelt. Wenn
ihr im Licht stehen wollt, dann konfrontiert euch auch mit eurer
Schattenseite. Versteht, daß wir euch hin und wieder zur
Ordnung rufen. Ihr empfindet das als Momente der Krise. Für
uns ist dies eine der Möglichkeiten, euch vor Umwegen zu
bewahren. Ihr könnt der Lüge, in der ihr lebt, entkommen,
indem ihr euch mit eurem Schatten konfrontiert. Fragt euch
immer wieder, was das Motiv eures Zweifels ist, und macht
nicht andere dafür verantwortlich. Jeder Mensch lebt in seiner
eigenen Wahrheit. Ihr erntet die Früchte eures Glaubens wie
eures Zweifels. Jeder von euch ist Teil einer Wahrheit. Diese
Wahrheit ist Teil einer Realität. Diese Realität ist wiederum Teil
einer Vibration. Diese Vibration ist Teil einer Schwingung oder
Teil einer Frequenz. Die Frequenz ist Teil eines Lichts, und
dieses Licht ist Teil eines Lichtstrahls. Dies ist wiederum Teil
einer Intensität, und die Intensität ist Teil des Universums. In
diesem Konzept könnt ihr euch vorstellen, wie eines zum

-305-
anderen führt. Jede eurer Handlungen zieht Kreise in den
höheren und tieferen Ebenen des Daseins. Ihr Menschen seid es
gewohnt, euer Dasein mit den Schwingungen einer einzigen
Ebene zu verbinden. Deshalb fühlt ihr euch verlassen und
einsam. Ihr solltet euch der Existenz und Anwesenheit vieler
verschiedener Kräfte bewußt werden. In Angst, im Zweifel, in
der Besorgnis seid ihr außerstande, euer Sein in das göttliche
Eine zu integrieren und die Zusammenhänge des wahren
Geschehens zu erkennen. Diese Emotionen gleichen einem
Nebel, der sich über euren Seins zustand legt. Für das
menschliche Denken ist es sehr schwierig zu erfassen, was das
kleine Herz fühlt. In vielen Situationen eures Lebens wäre es
viel wichtiger, zu fühlen als zu denken. Über das Fühlen ist es
viel leichter, Glauben und Vertrauen in eure Führung zu finden.
Hinter allem steht eine göttliche Absicht, und diese drückt sich
auch über euer Herz aus. Jedes Herz denkt weiter als der
Verstand und der Intellekt, weil es am Gesamtwohl Anteil
nimmt. Wenn ihr im Strom des Glaubens fließen könnt, werdet
ihr erkennen, wie viel Energie ihr verschwendet. Der Glaube ist
das Fundament, auf dem ihr euch Richtung Einheit bewegen
könnt. Es ist nicht nur der Glaube an Gott. Es ist auch der
Glaube an ein Projekt, an eure Familie, an die Partnerschaft, der
Glaube an das Gute, der Glaube an alles, was euch bewegt.
Zuerst glaubt man, dann fühlt man und dann handelt man. Wer
keinen Glauben hat, steht außerhalb seiner eigenen
Lebensbestimmung und außerhalb der kosmischen Führung und
Begleitung. Der sich selbst isolierende Mensch projiziert seine
eigene Befindlichkeit auf sein Umfeld und schafft Disharmonie.
Jemand, der mit sich selbst nicht in Verbindung steht, kann auch
zu keinem anderem eine tiefere Verbindung empfinden. In der
Folge wird er in immer stärkere Diskrepanzen geraten, bis er
selbst begreift, daß er in sich selbst manches verfeinern muß.
Beginnt bei der Verfeinerung eurer Wahrnehmung in euch
selbst. Was ihr bei anderen als störend empfindet, ist nur ein

-306-
Spiegelbild dessen, was ihr an euch selbst verbessern solltet.
Jeder lebt in seiner eigenen Wahrheit, in seiner eigenen
Evolution, in seiner eigenen Form von Abhängigkeit oder
Freiheit. Schaut euch im Mitmenschen an und fragt euch in
eurem Herzen, was kann ich durch den anderen an mir
erkennen? Wie nehme ich mein Leben, meine Einstellung,
meine Gedanken und Gefühle durch den Mitmenschen wahr?
Jeder Mensch schwingt in seiner eigenen Frequenz. Die
Unterschiedlichkeit der Menschen spiegelt sich auch in der
geistigen Welt wider. Ihr seid auch Spiegel unserer
verschiedenen Seinsebenen. Sobald ihr einander aber kritisiert,
be- und verurteilt, fallt ihr aus der kosmischen Wahrheit heraus
und schadet euch selbst. In unserem Seinszustand existiert
dieses in der Menschheit so verbreitete Beurteilen nicht. Unter
uns existiert vollkommener Respekt vor allem Sein. Orientiert
eure Entwicklung gemäß diesem Prinzip. Respektiert die
Entscheidungen, die jeder von euch auf seinem Weg trifft. Seid
bereit, den Weg eines anderen zu respektieren, auch wenn ihr
erkennt, daß dieser Weg für euch selbst falsch wäre. Sich selbst
als Teil der menschlichen Gemeinschaft wahrzunehmen,
bedeutet, jeden einzelnen in seiner Ausdrucksform zu
respektieren und als Aspekt der eigenen Entwicklung
wahrzunehmen.
Selbst eure Vorstellung von Gut und Böse ist nur ein
gedankliches Konzept, dementsprechend ihr beurteilt, was
jemand richtig oder falsch gemacht hat. Dabei erhebt ihr euch
selbst zum Maßstab und projiziert eure Erfahrung auf eure
Mitmenschen. Fragt euch in allem, was ihr macht, warum
zweifle ich, warum mißtraue ich, warum kann ich einen
Mitmenschen nicht annehmen? Wie soll Liebe in einen
Menschen einfließen können, wenn er ständig an sich selbst und
an allen anderen zweifelt? Wie können wir jemanden für seinen
Weg ermächtigen, wenn er diese Kraft infolge seines fehlenden
Glaubens gegen sich selbst richtet? Wir würden euch nur in

-307-
immer tiefere Konfusion führen. Wenn ihr die Freiheit in eurem
Herzen zu erkennen beginnt, könnt ihr euch plötzlich auch als
Gemeinschaft, als Menschenfamilie wahrnehmen. Dies gilt im
besonderen aber auch für die Erziehung der Kinder.
Auf dem Weg der inneren Befreiung von Beschränkungen
seid ihr begleitet von einer Fülle von Helfern. Sie werden wieder
von immer mehr Suchenden gerufen und eingeladen. Die
kosmischen Begleiter, Engel oder wie immer ihr sie nennt,
trachten danach, den Menschen wieder zu sich selbst
zurückzuführen, sich selbst anzunehmen und zu lieben. Je mehr
ihr euch selbst liebt, umso mehr haltet ihr die Gesetze des
Lebens ein. Diese Liebe zu euch selbst ist die Basis für die
Manifestation der kosmischen Liebe auf dem Planeten Erde, im
Menschen und in allem Existierenden. Je mehr Menschen
außerhalb dieses kosmischen Gesetzes leben, umso größer ist
die Notwendigkeit, die Menschheit wieder nach dem
kosmischen Gesetz auszurichten. Aus der geistigen Welt erfolgt
gelegentlich ein Ordnungsruf, der manchmal machtvoll zum
Ausdruck kommen und manchmal sanft und liebevoll sein muß,
damit er von Menschen verstanden wird. Die kosmische
Liebeskraft drückt sich in vielfältiger Weise aus. Nur Menschen
mit einem klaren Geist können diese Aufforderung, zum
kosmischen Gesetz der Liebe zurückzukehren, richtig
interpretieren. Die Vorgänge in den Krisenherden des Planeten,
Kriege und Holocaust, all das sind Ausdrucksformen dieses
Rufes nach Ordnung, eine Mahnung an die Menschheit, endlich
zu erwachen. Der göttliche Wille irrt sich in seinen
Entscheidungen nie. Jedem wird genau das zugeführt, was er
braucht, er muß das reiche Angebot nur annehmen. Doch viele
Menschen brauchen einen Schicksalsschlag, um sich wieder auf
das Wesentliche im Leben konzentrieren zu können. Was
allerdings nicht heißt, daß ihr dadurch von der Pflicht entbunden
seid, Mitmenschen gegenüber Mitgefühl und Liebe walten zu
lassen und für den Frieden in der Welt aktiv mitzuarbeiten.

-308-
Es geht für euch nicht darum, Vergangenheit, Gegenwart oder
Zukunft zu beurteilen. Im Einklang mit dem Gesetz der Liebe
könnt ihr nur sein, wenn ihr aus dem Moment reagiert und
handelt. Nur so könnt ihr euch von den Blockaden der
Vergangenheit lösen und frei für die Zukunft werden. Wie sollte
auch kosmische Liebe in einen Menschen einfließen können, der
ständig in seiner Vergangenheit lebt, die Gegenwart nicht
wahrnimmt und seine Vergangenheit sogar auf die Zukunft
projizieren möchte?!"
Das Neue Bewußtsein, das Menschen in ihrem Wesenskern
berührt, kann nur von denjenigen integriert werden, die die
Freiheit der Liebe und des Geistes in sich suchen. Das Licht der
Liebe und des Geistes beginnt bereits in vielen Menschen zu
strahlen. Sie alle stellen sich einer gemeinsamen Aufgabe,
unabhängig davon, ob sie einander kennen oder nicht, sind sie
bereits Teil einer Gemeinschaft. Diese menschliche
Gemeinschaft drückt die Absicht der Gemeinschaft der
aufgestiegenen Meister, der Schwestern und Brüder der Weißen
Bruderschaft, des Consejo Invisible aus. So dient die
Veränderung, die in allem stattfindet, dem Gesamtwohl der
Menschen und des Planeten Erde. In welcher Situation der
einzelne auch stehen mag, durch seine Bereitschaft, sich dem
Neuen anzuvertrauen, dient er der göttlichen Absicht. Durch die
Wiederkehr des Maya-Bewußtseins wird alles berührt und
bewegt. Auch die Lebendigkeit unseres Planeten, die Kräfte der
Natur geraten in diesem tiefgehenden Transformationsprozeß in
Bewegung. Da auch die Natur dem Prinzip der Dualität
unterliegt, da es auch in ihr Trennung gibt, wird sehr viel
Befruchtendes, aber auch Zerstörendes von dieser Seite auf die
Menschheit einwirken. Somit gehört es zu den Aufgaben des
Menschen, auch die Naturkräfte in Liebe zu integrieren und sie
wie sich selbst auf das Gesamtwohl auszurichten.
In früheren Zeiten haben Menschen die Wesenheiten der
Natur meist als Diener für ihre egoistischen Zwecke eingesetzt.

-309-
Auch das war und ist Maya. Man hat die Naturkräfte gemäß
einem hierarchischen Prinzip, durch das sich Menschen dazu
ermächtigt fühlten, benutzt. Im erwachenden Bewußtsein Maya
stellen wir uns nicht mehr über diese Kräfte. Wir begreifen uns
als gleichrangig, aber mit unterschiedlichen Aufgaben versehen.
Jeder erhält seinen Platz im Dienste des Größeren. Wenn sich im
Menschen die Liebe zu integrieren beginnt, muß er niemanden
mehr beherrschen. Er kann den göttlichen Auftrag in sich selbst
entfalten und auf die Mutter Natur ausdehnen. Wir werden
wieder Teil von dem, was als Einheit Mensch-Natur-Kosmos
geschaffen worden ist.
Jesus Christus hat uns diese Einheit im Kraftfeld der
kosmischen Liebe bewußt gemacht. Er hat den Samen gelegt,
der nun in seiner Essenz zu keimen beginnt und von Maya
genährt wird. Er wird zu einem Baum heranwachsen, der seine
ersten Äste in die vier Himmelsrichtungen streckt. Die ersten
Blüten öffnen sich, und wir beginnen die Schönheit des Plans zu
erkennen. Der Baum bezieht seine Kraft aus den Wurzeln in der
Dunkelheit, aus der Festigkeit der Erde, die wir bewässern und
reinhalten. Am Zenit des Lebens beginnt er reiche Früchte zu
tragen. Im Herbst des Lebens werden sich die Essenz der Liebe,
die daraus wachsende Pflanze, der Bruder Baum, seine
Blütenpracht und seine reifen Früchte zu einer Einheit verbinden
und im Wandel der Jahreszeiten sterben. Uns bleibt die
integrierte Erfahrung, der reine Geist, der alles in sich birgt.
Damit öffnen wir uns dem im Osten erwachten Bewußtsein,
dem Weg des Erwachens im reinen Geist.
Ich hatte mich schon von vielen Vorstellungen, die mir lieb
waren, lösen müssen. Was in Guatemala aufgebaut worden war,
sollte ich innerlich wieder loslassen. Auch an meine Familie
sollte ich mich nicht hängen, denn meine Frau und meine Kinder
könnten sich in einer zu engen Bindung nicht entwickeln, sie
gehörten nur zu meiner Aufgabe. Ich war bereit gewesen,
meinen Beruf und die damit verbundene Sicherheit aufzugeben.

-310-
Was wollte noch meiner Bestimmung geopfert werden? Meine
immer wiederkehrenden Zweifel, ob ich wirklich den richtigen
Weg beschreite, hatte ic h ebenso loslassen können wie meine
Ängste, in meiner engeren Umgebung als ein an eine exotische
Sekte Verlorener betrachtet zu werden. Manchmal ist es schwer,
in Liebe all seine Aufmerksamkeit auf die geistige Welt zu
richten, bei Ritualen auf den Knien um Begleitung und
Unterstützung zu bitten und zugleich die eigene Freiheit und
Unabhängigkeit anzunehmen. Schritte in Richtung Freiheit zu
setzen, ganz ohne einen Blick zurückzuwerfen, läßt mich in
manchen Momenten unsicher werden. Meine Frau schrieb mir
kürzlich in Verbindung mit dem Rat der Weisen folgende
Zeilen:
„Wenn der menschliche Seelengarten in Schönheit und
Harmonie ist, dann sollte der Mensch weiterschreiten durch die
Tür ins Licht, in den Geist. Es hat keinen Sinn, in diesem Garten
zu verweilen, nicht im Schönen und nicht im Unordentlichen. Es
ist Illusion, die viele Menschen dort gefangenhält. Der Weg
beginnt sich durch die Tür in den reinen, lichtvollen Geist zu
weiten. So kann der Mensch die ersten Schritte aus der Materie
gehen. Unsere Seelengärten sind immer noch Materie. Alle
Lehren der Kulturen, auch die Kosmovision Maya sind Teil
dieses Seelengartens. Alle Formen des Schamanismus, die
geistigen wie physischen Heilmethoden und die Rituale, sind im
Seelengarten angesiedelt und dafür da, dem Menschen Hilfe zu
geben bei der Reinigung und Ordnung dieses Gartens. Auch alle
Phänomene der geistigen Schau, der Medialität, der
Prophezeiungen, die mystischen Erlebnisse, Erscheinungen und
Manifestationen sind im Garten der Seele angelegt. Die Maya
sind Experten im Wechsel von Raum und Zeit, aber ihre Sicht
geht auch nur bis in den Garten der Seele. Von dort kommen die
Visionen. Dort werden sie gesät und auch geerntet. Diese
Durchgangsphase ist für die Menschheit sehr wichtig, aber sie
sollte nicht die Endstation des Erreichbaren darstellen. Die

-311-
Wesenheiten, die Schöpfergötter sind Visionen in diesem
Garten. Die Menschheit hat sich mit ihren Gedanken, mit ihrer
Schöpfergabe, mit ihrer Kreativität in Verbindung mit hohen
geistigen Wesen diesen Garten gescha ffen. So gibt es auf dem
Planeten Erde verschiedene Gärten, wo Verschiedenes gepflanzt
wurde und wo auch unterschiedliche geistige Führer und
Meister mitgeholfen haben. Je nach Ausprägung der Kulturen,
aus denen heraus sie kreiert wurden, sind diese Gärten sehr
unterschiedlich in ihrer Ausdehnung, Größe und Schönheit. Es
gibt über alle Vielfalt dieser Gärten aber nur ein Tor, das
weiterführt. Unseren Gärten höchste Aufmerksamkeit zu geben,
ist sehr wichtig, aber dann ist es wesentlich weiterzugehen.
Helfen wir anderen Menschen, verwüstete Gärten zu ordnen,
aber bleiben wir selbst nicht unnötig lange dort.
Was hier geschrieben steht, kommt aus dem Seelengarten, ist
mit deinen Energiemustern gewebt. Spüren wir selbst hinein,
was im eigenen Seelengarten noch gereinigt werden möchte. Die
großen Mystiker haben ihre Visionen, ihre Einblicke sehr oft vor
dem Tor des Geistes im Garten der Seele gehabt und sind dann
weitergegangen. Der Magier schöpft aus dem Seelengarten, das
ist seine wichtige Aufgabe. Er kann damit eine große Hilfe bei
der Ordnung und Neugestaltung des Gartens anderer sein. Die
Wesenheiten, mit denen wir in Verbindung stehen, mit denen
wir arbeiten, sind alle Helfer in diesem Garten. Lichtwesen,
Engel, Meister, sie gehen alle bewußt in diesen Seelengarten,
um uns Menschen bei der inneren Reinigung und Klärung zu
helfen. Sie sind aber nicht mit diesem Garten verstrickt, sondern
betreuen ihn, um dann wieder durch das Tor des heiligen Geistes
zurück ins Licht zu gehen."
Ich kann und will durchaus verstehen, was es bedeutet, all
das, was mir auf dem geistigen Weg zugänglich und erlebbar
geworden ist, wieder loszulassen. Zugleich aber setzt mir die
Vorstellung zu, mich von den vielgeliebten Meistern und
Kräften, die mich in vielen Zeremonien emporgehoben haben,

-312-
wieder lösen zu müssen. Meine geliebte Familie, unser Zentrum,
unser Tiroler Heim, unsere Freunde loszulassen - wäre das nicht
mein bewußt kreierter Untergang? Ich höre noch die Worte aus
Saint Exupérys Kleinem Prinzen: „Was du dir vertraut gemacht
hast, dafür bist du verantwortlich." Wo beginnt Verantwortung
und wo endet sie? Ich denke an die Jünger Jesu, die alles
aufgaben, um dem Ruf des göttlichen Meisters zu folgen. Die
gleiche Frage stellt sich mir: Was bist du bereit zu geben und
aufzugeben? Die Schwere der Verantwortung liegt auf meinem
Herzen.
In mir meldet sich eine innere Stimme: „Ruhe und Weite,
Weichheit und Tiefe, alles erlebst du in der natürlichen
Schönheit, in der Gelassenheit. Lebe diesen Geist der Freiheit
und Unbeschwertheit. Du lebst in einem neutralen Staat und
kennst zugleich die drückende Last politischer Strukturen in
anderen Kulturen. Auch auf der geistigen Ebene gibt es
Neutralität. Es sind die Ebenen, auf denen sich alles verbindet.
Lebe im Geist der Unabhängigkeit von allem, was dir begegnet.
Liebe das Leben, seine Vielfalt und Schönheit und erkenne
dieses Leben als göttlichen Kern in dir. Es ist der Diamant, der
zu strahlen beginnt, über alle Turbulenzen des Alltags hinweg.
Aus der Klarheit dieses Strahls erkennen sich deine Seele und
viele anderen Seelen, die dir nahe sind."
Ich stehe vor dem Grab von Hermann Hesse. Auf einem
kleinen Friedhof unweit von Lugano hat der einbrechende
Winter ganz unerwartet die gepflegten Gräber unter einer
Schneedecke begraben. Hesses Einsamkeit ist deutlich
wahrnehmbar. In die Tiefe der Geheimnisse einzudringen hat
schon viele Menschen aus der Gemeinschaft derer, die sie
umgeben, entfernt. Sie fühlten sich unverstanden, ungeachtet
ihres Erfolgs. Meister Hesse berührt mein Herz, ich spüre ihn so,
wie er wohl als Mensch empfunden haben muß. Einige Minuten
zuvor habe ich mir im kleinen, aber sehr berührend gestalteten
Museum einen Stempel auf eines seiner Gedichte drücken

-313-
lassen. Ich lege es zu meinen Gebeten, die mir in den Stunden
der Verunsicherung wieder Klarheit und Kraft geben:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend


Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,


An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde


Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Hermann Hesse
-314-
-315-
GLOSSAR

Abuela Ixmucané: Urmutter der Maya


Abuelas, abuelos: Ahnen, Großmütter und Großväter
ACABAL: Tag und Kraft im heiligen Maya-Kalender
Adobehäuser: aus Lehmziegel errichtete Häuser
Ajquij: Maya-Schamane
Anciana, anciano: Weise(r)
Apazote, Chilca, Ruda: Heilkräuter für Zeremonien verwendet
Atitlán: Region im Hochland
Avenidas: Straßen
B'AATZ: Tag und Kraft im heiligen Maya-Kalender
Balam-Acap: einer der ursprünglichen vier Lichtboten der
Maya
Balam-Quitzé: einer der vier Lichtboten der Maya
Burion: Betrügergeist
Calles: Gassen
Camajuil: Schutzgeist
Camino Blanco: weißer Weg der menschlichen Entwicklung,
Milchstraße
Ceiba: Nationalbaum Guatemalas
Centro Espacio Sagrado: Zentrum heiliger Platz
Chak: Regengott der Maya
Chichicastenango: Maya-Pilgerort im Quiché-Gebiet
Ciacachol: Maya-Astronom
Colóm, Jolanda: Lebensgefährtin von Payeras, engagiert in der
Guerillabewegung, Autorin
Cofradia: spirituelle Bruderschaft
Contierra: staatliche Organisation zur Regelung von
Grundstücksfragen
Consejo Invisible: unsichtbarer Maya-Rat
Copán: Maya-Tempelstadt in Honduras
Coban: Bezirkshauptstadt in der Region Alta Verapaz
Corazón del Cielo: Göttliche Urquelle
Corazón de la Tierra: Herz der Erde
Cucumatz: Schöpfergott
Eider: Weiser
Faja: gewebtes, breites Hüftband

-316-
Flores: Dorf am Lago Petén
Fonapaz: staatliche Friedensorganisation
Frijoles: Bohnen
Gran Ahau: göttlicher Vater
Gran Tepéu: Schöpfergott, Herr der sieben Strahlen
Guachipilin: heiliger Baum der Maya
Gucumatz: gefiederte Schlange
Guerillero: Widerstandskampfer
Hopi: nordamerikanischer Indianerstamm
Huipil: blusenähnliches Kleidungsstück der
Indigenafrauen
Indigena: Indianer, Eingeborener
Iqui-Balam: einer der vier Lichtboten der Maya
Ixchél: Mondgöttin
Ixmucané: Muttergöttin
KAAN: Tag und Kraft im heiligen Maya-Kalender
KAWOQ: Tag und Kraft im heiligen Maya-Kalender
KEMÉ: Totengott
Kukulcán: Herr der drei Strahlen, Träger des Maya-
Bewußtseins
Kukulha: Kukulcán
Kuculha: Herr der drei Strahlen TO-OM-RA
Ladino: nichtindianische Bevölkerung Guatemalas
Lago Atitlán: See umgeben von Vulkanen im Hochland
Guatemalas
Lobo Errante: umherschweifender Wolf
Machete: langes Messer (für die Feldarbeit)
Mago Blanco: Weißmagier
Mahucutah: einer der vier ursprünglichen Lichtboten der
Maya
Maria Tecun: Altar in Santa Lucia Cotzumalguapa, Finca El
Baúl
Marimba: xylophonähnliches Volksinstrument der
Indigenas
Mercedes: Dorf im Hochland
Mixco Viejo: alte Hauptstadt der Maya-Pocomames,
restaurierte Tempelanlage
Morral: gewebte Tragtasche der Indigenas
Mundo Perdido: Tempelanlage in Tikal
Nahual: personifizierte Kraft
NOJ: Tag und Kraft im heiligen Maya-Kalender

-317-
Palin: Stadt im Süden von Guatemala City
Panajachel: Touristenort am Atitlánsee
Pascual Abaj: Hüter des Totenreichs
Pocomames: Volksstamm der Maya
Pom, Kopal: Baumharz, Weihrauch
Pom, Cuil pom, Kaxlan: traditionelles Räucherwerk bei Zeremonien
Poncho: traditioneller Umhang
Popol Vuh: heiliges Buch der Maya
QUANIL: Tag und Kraft im heiligen Maya-Kalender
Quiché: größter Volksstamm der Maya
Quetzal: heiliger Vogel der Maya, Währung des
Landes
Rancho: offener Bambus- oder Holzbau, Hütte
Santa Majóm: Herr der Lüfte
Santa Neblina: Herrin der Nebel und Wolken
Santiago: Apostel Jakobus
Semuk Champey: Wasserbecken und Wasserfälle in der Region
Alta Verapaz
Ser Puente: Brückenbauer
Siete Machos, Agua Pflanzenessenzen für Zeremonien
Florida, Agua de la Reina:
Sololá: Kleinstadt über dem Atitlánsee
Tata: Respektvolle Anrede
Thangkha: tibetisches Rollbild
Tikal: heilige Maya-Stadt mit Pyramiden und
Tempeln im Regenwald der Region Petén
Tojil: Wesenheit und Hüter des Feuers
TO-OM-RA: Mantra, Name des Heilungs- und
Transformationszentrums in Sololá
TZI: Tag und Kraft im heiligen Maya-Kalender
Uaxactún: Tempelstadt in der Nähe von Tikal (40 km)
Uxbalám: Geistiger Hüter Tikals
Vara: Beutel mit Kultobjekten, Symbol der Maya-
Priesterschaft
Xela: zweitgrößte Stadt Guatemalas im Hochland
(Quetzaltenango)
Xibalbá : Maya-Unterwelt

-318-