Sie sind auf Seite 1von 2

Dialektismen.

diese Wortklasse, wie schon ihre Benennung anzeigt, aus der mundartlich gefärbten
Umgangssprache sowie aus unterschiedlichen groß- und kleinflächigen Dialekten stammt. Sie alle
erfüllen aber die gleiche stilistische Funktion: dank 72 bewußter und gekonnter Verwendung dienen sie
einmal einer anschaulichen Zeichnung des nationalen und territorialen Kolorits, zum andern schaffen sie
das natürliche Kolorit bloß dadurch, daß der Sender die zu seiner Zeit üblichen Sprach- und Stilnormen
gebraucht. Auch durch diese ungewollte sprachstilistische Untermalung assoziiert der Empfänger die
Aussage zwangsläufig mit einer bestimmten nationalen bzw. landschaftlichen Spezifik der
Kommunikation. Die stilistische Hauptfunktion (nationales und' territoriales Kolorit innerhalb des
Deutschen) kann sich gelegentlich mit sozialem und zeitlichem Kolorit verbinden.

Als die Rheinländer in Anna Seghers den Kampf der österreichischen Schutzbündler gegen die
austrofaschistische Diktatur (1934) in zwei Werken verewigte, griff sie in Figuren- und Autorensprache
zu vereinzelten typischen Austriazismen (österreichische Spracheigentümlichkeiten), um Land und Leute
in ihren nationalen Besonderheiten realistisch zu schildern. Wenn wir hingegen bei den Klassikern der
deutschsprachigen Schweizer Literatur, aber auch in der zeitgenössischen Dichtung,. Presse und
Sachprosa im Wortschatz, in der Wortbildung, Grammatik und Phonetik typische LIelvetismen
(Schweizer Eigentümlichkeiten in der deutschen Sprache) finden, so bekommen wir interessante
Aufschlüsse über die im Schweizer Hochdeutsch kodifizierten Normen und gleichzeitig ein klares Abbild
der nationalen Sprachwirklichkeit. Damit erhält der Empfänger der Information ein objektives
(natürliches) Kolorit der gesprochenen und geschriebenen Rede.

In der Presse finden sich gleichfalls zahlreiche schriftdeutsche wie umgangssprachliche nationale
Synonyme zu österreichischen und deutschen Lexemen. So erfährt man von einem mehrstündigen
Unterbruch in der Stromversorgung, so liest man in einem Bericht, daß der Industtriebetrieb N. in die
Kränze kommt (d.h. unter den erfolgreichsten Unternehmen zu nennen ist). Ein unverkennbares
Nationaikolorit verrät der Phraseologismus: er ist kein Pestalozzi (d.h. nicht selbstlos sein). Auch die
wissenschaftliche Prosa enthält lexische Helvetismen. E. Staiger z.B. schreibt in seinem Buch „Die Kunst
der Interpretation“: Wir haben auch nicht nur das Wissen zu äufnen (=vermehren) ... Glinz stellt in
„Grundbegriffe und Methoden inhaltbezogener Text- und Sprachanalyse“ das harmlose Lesen des Laien
der Tätigkeit des Wissenschafters entgegen. (Das eben angeführte Substantiv Wissenschafter ist im
Schweizer Hochdeutsch allgemeingebräuchlich, im Deutsch österreichischer Ausprägung —
Wissenschaftler — wird es nicht in allen Funktionalstilen als literarische Norm anerkannt. Hauptsächlich
fungiert es in amtlichen Texten und in der Presse. Zahlreiche Sprachinteressierte propagieren diese
Form auf -er mit der Begründung, daß das Suffix -ler bald salopp-umgangssprachlieh, bald abwertend
klingt, wie etwa aus der Gegenüberstellung Taxler/Taxifahrer ersichtlich ist.)
In der Fachlexik der Maurer trägt der prosaische Lift für Baumaterialien den romantischen Namen Hexe,
denn der Aufzugboden mit dem beladenen Schubkarren bewegt sich auf der Gleitschiene hinauf und
hinunter wie eine Märchenhexe auf ihrem Besenstiel. Dieser Berufsjargonismus bewirkt dank seiner
Bildkraft mancherlei stilistischen Effekt: vor allem Humor, wenn man z.B. von allen Seiten nach der Hexe
ruft — und die Hexe wird gewöhnlich von einer weiblichen Arbeitskraft bedient. Die Stilfärbung der
Berufsjargonismen umfaßt die Skala vom Literarisch-Umgangssprachlichen über das Saloppe bis zum
Groben. Realienbezeichnungen /Realienwörter. Schon im Vorangehenden wurden Begriff und Terminus
Realienwörter öfters im Zusammenhang mit den Mitteln der Koloritzeichnung erwähnt, allein durch den
Kontext verständlich. Daher nur noch kurze Ergänzungen: Während Fachausdrücke und
Berufsjargonismen als Schichten des Wortschatzes eine lexikologische Erscheinung sind, müssen' die
Realienwörter als stilistische Kategorie angesehen werden. Sprachlich werden sie ausgedrückt durch
Termini und Berufslexik, durch Historismen und Archaismen, durch Neologismen (oft in Form von
Kurzwörtern), durch phraseologische Fügungen (insbesondere Zitate), durch Familiennamen, Städte-,
Länder-, Fluß- und Bergnamen, durch Ziffernmaterial usw. Der Stilforscher darf an der Erscheinung der
Realienwörter nicht achtlos Vorbeigehen, denn sie bilden einen wesentlichen Faktor in sämtlichen Stilen
der Nationalsprache. Eine besonders wichtige Rolle spielen sie im Stil der Wissenschaft und im
publizistischen Stil, wo sie zur Beweisführung dienen. Sie werden durchweg in ihrer logisch-
gegenständlichen Bedeutung mit expressiver Nullfärbung gebraucht, wobei sie dem Gesagten größeren
Nachdruck, größere Überzeugungskraft verleihen. Die Realienwörter sind ein erneuter Beweis dafür,
daß ein Lexem an sich völlig neutral, eindeutig-nominativ und jeder Emotionalität bar sein kann, im
Großzusammenhang aber dennoch eine bestimmte stilistische Aufgabe erfüllt.