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WELTEN DES BEWUSSTSEINS

Band 1
Ein interdisziplinärer Dialog
WELTEN DES BEWUSSTSEINS

herausgegeben von

Adolf Dittrich, Albert Hofmann und Hanscarl Leuner

Band 1
Ein interdisziplinärer Dialog

VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung


Das Emblem des ECBS'' auf dem Umschlag »Licht am Ende des Tunnels«
verdanken wir Mario Markus, MPI Dortmund. Es zeigt die biomathematische
Simulation einer Halluzination, wie sie in außergewöhnlichen Bewußtseinszuständen
auftreten kann.

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Welten des Bewußtseins / Adolf Dittrich ... (Hg.). - Berlin :


VWB, Verl. für Wiss. und Bildung.
ISBN 3-86135-404-7
NE: Dittrich, Adolf [Hrsg.]

Bd. 1. Ein interdisziplinärer Dialog. - 1993


ISBN 3-86135-400-4

Verlag und Vertrieb:


VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung
Amand Aglaster • Postfach 11 03 68 • D-10833 Berlin
Markgrafenstr. 67 • D-10969 Berlin
Tel. 030/251 04 15 • Fax 030/251 04 12

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GAM-Media GmbH, Berlin

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© VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung, 1993

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Inhalt 5

Inhalt

Seite
Hanscarl Leuner
Einleitung .............................................................................................................. 7

Albert Hofmann
Die Botschaft der Mysterien von Eleusis an die heutige Welt .............................. 9

Christian Rätsch
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände ................................................ 21

Marlene Dobkin de Rios


Halluzinogene im Kulturvergleich ........................................................................ 47

Claudia Müller-Ebeling
Visionäre Kunst ..................................................................................................... 65

Peyton Jacob III & Alexander T. Shulgin


Struktur-Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene
und ihrer Analoga .................................................................................................. 83

Karl-Artur Kovar et al.


Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden und halluzinogenen
Amphetaminen: Ein neues Pharmakophor-Modell für selektive Serotonin-
Reuptake-Hemmer ................................................................................................. 99

Hanscarl Leuner
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie ...................................... 113

Ralph Metzner
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins ......................... 149
6 Inhalt

Claudia Müller-Ebeling
Perspektiven der Forschung. Round-table-Gespräch unter der Leitung
von Rolf Verres ..................................................................................................... 171

Verzeichnis der Autoren 179


Einleitung 7

Einleitung

Die vier Bände „Welten des Bewußtseins“ sind das Ergebnis des 1. Internationalen
Kongresses, den das ECBS vom 24. bis 27. September 1992 an der Universität
Göttingen veranstaltet hat. Die Teilnahme von 500 Interessenten, Wissenschaftlern
und Experten der einzelnen Fächer (aus 16 Ländern) bestätigt auch äußerlich, daß
„Bewußtseinsstudien“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln einem zunehmenden
Bedürfnis und starken Erkenntnisdrang entsprechen. Ebenso wie fünf vorangegange­
ne Symposien war auch dieser Kongreß ein multidisziplinäres Forum.
Vom Standpunkt der an den Universitäten gelehrten Disziplinen mag die Wissen­
schaftlichkeit einer solchen multidisziplinären Veranstaltung unterschiedlich beur­
teilt werden. Eine Fachdisziplin „Bewußtseinsstudien“ gibt es bekanntlich an den
Universitäten nicht. Sie könnte wegen ihrer Komplexität und Methodenvielfalt nicht
von einem der akademischen Fächer allein vertreten werden. Eigene Forschungs­
tätigkeit und Reflexionen der Mitglieder unserer Gesellschaft haben deshalb zu der
Auffassung geführt, die Phänomene des menschlichen Bewußtseins und ihre
Korrelate auf der Basis einer interdisziplinären Zusammenarbeit zu erforschen.
Engagierte Vertreter zahlreicher Forschungsdisziplinen haben während der ver­
gangenen Jahre diesen Austausch kontinuierlich weiterentwickelt.
Unser 1986 gegründetes Collegium hat sich mit dem Problem der Bewußtseins­
forschung überwiegend auf der Grundlage empirischer Phänomene und experimen­
teller Studien über veränderte Bewußtseinszustände befaßt, wie sie in den letzten
Jahrzehnten bearbeitet worden sind.
Die Autoren dieser Bände sind ausgewiesene Experten auf ihrem Gebiet und ge­
hören zu einem Großteil den Fachgesellschaften ihrer jeweiligen Disziplin an. Sie
und auch mich hat zu dem kollegialen Zusammenschluß in dem Europäischen
Collegium für Bewußtseinsstudien nicht allein der Anspruch an Wissenschaftlich­
keit geführt; eine ebenso große Rolle spielen die Neugier und der Erkenntnisdrang,
mehr über das „Bewußtsein“ und seine vielfältigen Veränderungen und Varianten
zu erfahren. Wir verbinden mit diesem Ansatz die Hoffnung, unsere Kenntnisse zu
erweitern und Impulse für unsere eigenen Hypothesen und Forschungen zu bekom­
men, um auf diese Weise in die letztlich niemals vollständig auszulotenden Welten
des menschlichen Bewußtseins vorzudringen.
Die vier Bände „Welten des Bewußtseins“, zu denen ergänzend noch die Jahr­
bücher des ECBS hinzuzurechnen sind, geben dem interessierten Leser Einblicke in
8 Einleitung

die Gebiete der Bewußtseinsforschung. Die Herausgeber und Autoren wollen bei
den Lesern über die Vermittlung von Grundlagenwissen hinaus Interesse wecken für
die Nachbarschaftsdisziplinen, zum Nachdenken anregen und eigene Überlegungen
fördern.
Es ist mir und dem Vorstand der Gesellschaft ein Anliegen, den Autoren dieser
Bände für ihren Beitrag zu dem Kongreß und für ihre Mitarbeit an diesen Bänden
herzlich zu danken.

Prof. Dr. med. Hanscarl Leuner


Präsident des ECBS
Die Botschaft der Mysterien von Eleusis an die heutige Welt

Albert Hofmann

Die Botschaft der Mysterien von Eleusis an die


heutige Welt

Wie sehr sich das menschliche Bewußtsein, was seinen Inhalt an Erkenntnissen und
Wissen anbelangt, im Laufe der Jahrtausende auch verändert hat, so sind doch die
Grundzüge seines Wesens bis heute die gleichen geblieben. Es sind die gleichen
Grundprobleme und Sehnsüchte, die, seit es eine Geschichtsschreibung gibt, die
Menschheit beschäftigen. Es sind dies einerseits die Auseinandersetzung mit der
materiellen Außenwelt, mit der Natur, zur Sicherung und zur Befriedigung der
leiblichen Bedürfnisse, und andererseits das Streben nach Transzendenz als ein
Suchen nach Sinn in der geistigen Welt.
In der heutigen Zeit hat sich das allgemeine Bewußtsein einseitig dem materiel­
len Aspekt unserer Existenz zugewandt. Ein drohender ökologischer, sozialer und
geistiger Zusammenbruch ist die Folge dieser materialistischen Weltanschauung.
Die Rettung aus dieser bedrohlichen Lage kann nur eine Bewußtseinsänderung
bringen. Die Zuwendung zu den materiellen Grundlagen unserer Existenz muß
wieder ins Gleichgewicht gebracht werden mit den geistigen, transzendentalen
Bedürfnissen des menschlichen Seins. Das große Beispiel eines solchen Ausgleichs
bieten uns in der griechischen Antike die eleusinischen Mysterien. Über die
Botschaft der Mysterien von Eleusis an die heutige Welt soll nun gesprochen
werden.
„Glückselig ist der von den Menschen auf Erden, der das geschaut hat: Wer nicht in die
heiligen Mysterien eingeweiht wurde, wer keinen Teil daran gehabt hat, bleibt ein Toter
in dumpfer Finsternis.“
So lautet die Lobpreisung in einem epischen Gedicht, das als Homerische Hymne
bezeichnet wird. Die Mysterien, die hier gemeint sind, sind jene von Eleusis. Es
waren dies die bedeutendsten Mysterien des Altertums, die übereinen Zeitraum von
fast 2000 Jahren, von etwa 1500 Jahren vor bis ins 4. Jahrhundert n.Chr., in
Griechenland, in Eleusis, zu Ehren der Göttin Demeter und ihrer Tochter Perse­
phone gefeiert wurden.
Die Geschichte, die zur Gründung des Heiligtums von Eleusis geführt hat, ist
ausführlich in der schon erwähnten Homerischen Hymne dargelegt. Der Autor
dieser Hymne und auch der Ort ihrer Entstehung sind unbekannt. Die Zeit ihrer
Entstehung dürfte um das Ende des siebenten Jahrhunderts vor Christus liegen.
10 A. Hofmann

Als Persephone, Tochter des Zeus und der Demeter, eines Tages auf schöner Au
Blumen pflückte, wurde sie von Hades, dem Gott der Unterwelt, entführt. Ver­
geblich wurde sie von ihrer Mutter gesucht, die schließlich von Helios vom Raub
ihrer Tochter erfuhr. Tief betrübt blieb Demeter vom Olymp fern, da sie erfahren
hatte, daß auch Zeus, ihr Gemahl, mit der Entführung einverstanden gewesen war.
Als einfache Frau verkleidet, unter den Menschen weilend, fand Demeter freund­
liche Aufnahme im Palast des Königs von Eleusis, Keleos und seiner Gattin
Metaneira. Als Dank für die Gastfreundschaft stiftete Demeter, nachdem sie sich als
Göttin zu erkennen gegeben hatte, in Eleusis einen Tempel. Um die olympischen
Götter für den Raub ihrer Tochter zu strafen, ließ Demeter alle Pflanzen auf der
Erde sterben, so daß die Menschheit vom Untergang bedroht wurde. Die Götter
fürchteten, so der Anbetung und der Opfergaben der Menschen verlustig zu gehen,
und baten Demeter, die Erde wieder fruchtbar zu machen. Dieser Bitte folgte sie
aber erst, nachdem Zeus seinem Bruder Hades in der Unterwelt befohlen hatte,
Persephone ihrer Mutter zurückzugeben. Mutter und Tochter kehrten auf den Olymp
zurück, doch mußte Persephone jeweils für ein Drittel des Jahres zu ihrem Gatten
in die Unterwelt. Dann wurde es auf der Erde Winter, doch alljährlich mit Perse-
phones Erdenfahrt im Frühling erwachte die Pflanzenwelt zu neuem Blühen und
Früchtetragen.
Bevor Demeter wieder zu den anderen Göttern auf den Olymp zurückkehrte, gab
sie dem König von Eleusis, Keleos, Anweisungen, wie in ihrem Tempel die Riten
zu ihren Ehren durchzuführen seien. Es waren geheime Vorschriften, Mysterien, die
streng eingehalten werden mußten, deren Bekanntgabe oder Verletzung die Todes­
strafe nach sich zog. Als Dank für den guten Ausgang des Dramas von Eleusis
schenkte Demeter dem ersten Eingeweihten von Eleusis, dem Triptolemos, eine
Getreideähre mit dem Auftrag, die Menschen den Ackerbau zu lehren.
Der Kult der Demeter und Persephone in Eleusis, dem am Anfang wohl nur
lokale Bedeutung zukam, wurde bald ein bedeutsamer Teil des Staatslebens von
Athen und entwickelte sich dann weiter zu einer panhellenistischen Institution und
bekam zur Zeit des römischen Imperiums universelle Bedeutung.
Der Charakter einer panhellenistischen Institution der eleusinischen Mysterien ist
bereits im Jahr 760 v.Chr., zur Zeit der 5.Olympiade, bezeugt, als damals das
Orakel von Delphi alle Griechen zu gemeinsamen Opfern zu Ehren der Demeter
von Eleusis aufrief, um einer Hungersnot, die damals ganz Griechenland heimsuch­
te, zu begegnen.
Die Botschaft der Mysterien von Eleusis an die heutige Welt 11

Was war das für eine Botschaft, die in Eleusis verkündet wurde, die diesen Kult
zu den einflußreichsten, geistig bedeutendsten Mysterien des Altertums werden
ließ? Diese Frage kann im einzelnen nicht beantwortet werden, da der Schleier des
Verborgenen, Geheimnisvollen, der durch das strenge Gesetz der Geheimhaltung
gegeben war, über die Jahrtausende nicht gelüftet wurde. Nur über die Grundzüge
und die spirituelle Bedeutung, die die Lehre von Eleusis für den einzelnen Men­
schen hatte, können wir uns aufgrund der Zeugnisse von großen Eingeweihten eine
Vorstellung machen. Es war keine eigentlich andere, neue Religion, die in Eleusis
verkündet wurde; das kann daraus geschlossen werden, daß die Eingeweihten, wenn
sie von den Mysterien in ihren Heimatort zurückkchrten. dort dem Kult der
einheimischen Religion treu blieben.
Es müssen Offenbarungen gewesen sein über das Wesen der menschlichen
Existenz, über den Sinn von Leben und Tod, die dem Eingeweihten zuteil wurden.
Man weiß von Gebeten von Mysten, von Eingeweihten, an die Göttin der Er­
innerung, Mnemosyne, in denen sie flehten, sie möge die Erinnerung an die heilige
Weihe erwecken und wachhalten, denn die Weihe sollte ein Erlebnis bleiben, das
auf das ganze Leben ausstrahlte und die Existenz verwandelte.
Die Teilnahme an den Mysterien war ein Erlebnis besonderer Art, das weniger
mit dem äußeren Geschehen beschrieben werden kann, sondern einen Wandel in der
Seele des Initianden bewirkte. Das geht aus Zeugnissen berühmter Eingeweihter
hervor. So spricht Pindar vom eleusinischen Segen mit folgenden Worten: „Glück­
selig ist, wer, nachdem er dieses geschaut, den Weg unter die Erde betritt. Er kennt
das Ende des Lebens und dessen von Zeus gegebenen Anfang.“ Cicero bezeugt
gleichfalls, welcher Glanz von Eleusis auf sein Leben fiel: „Nicht nur haben wir
dort den Grund erhalten, daß wir in Freude leben, sondern auch dazu, daß wir mit
besserer Hoffnung sterben.“ Die Eingeweihten erlebten offenbar in der Vision die
Ganzheit des Seins und den ewig schöpferischen Urgrund. Es muß eine Begegnung
mit dem Unaussprechlichen, nur metaphorisch Darstellbaren, eine Begegnung mit
dem Göttlichen gewesen sein. Auffallend ist, wie das eleusinische Erlebnis immer
wieder in Antithesen beschrieben wird: Finsternis und Licht, Entsetzen und Selig­
keit. Diese Ambivalenz wird auch in anderen Beschreibungen, wie in jener des
Aelius Aristides bezeugt, Eleusis sei „zugleich das Schauerlichste und das Lichteste
von allem, was für Menschen göttlich sei“. Der Kaiser Marcus Aurelius nennt unter
den Gaben, in denen die Fürsorge der Götter für die Menschen sichtbar werde, auch
die Mysterien.
12 A. Hofmann

Soviel uns über die Bedeutung der in den Mysterien vermittelten visionären
Schau überliefert ist. so wenig weiß man vom Aufbau des Rituals, durch das den
Eingeweihten die erleuchtende Vision vermittelt wurde. Dagegen sind die Gescheh­
nisse auf dem langen Weg, der zu diesem zentralen Ritual im Telesterion. im
innersten Heiligtum führte, ausführlich dokumentiert.
Sie begannen mit den sogenannten „Kleinen Mysterien“, die im Frühling in
Athen, im Blumenmonat Anthesterion, abgehalten wurden. Auch die Feiern der
eigentlichen, der „Großen Mysterien“ begannen in Athen. Sie wurden jährlich im
Herbst, im Monat Boedromion, der heutigen Zeitrechnung entsprechend Ende
September bis Anfang Oktober, durchgeführt. Nach viertägigen Riten und Festivitä­
ten in der Stadt begann am fünften Tag mit großem Pomp der feierliche Festzug
von Athen nach dem etwa 14 Meilen entfernten Eleusis.
Während der Prozession wurden Riten. Opferfeiern und Reinigungszeremonien
durchgeführt, die in aller Öffentlichkeit stattfanden und die daher in allen Einzel­
heiten überliefert worden sind. Der 6.Tag wurde in Eleusis in der Umgebung und
in den äußeren Bezirken des Heiligtums mit Opfern, Feiern und reinigendem Fasten
verbracht. Auch darüber ist ausführlich berichtet worden. Was dann aber in der
Nacht auf dem Höhepunkt des eleusinischen Festes im Innern des Heiligtums, im
Telesterion, geschah, in das nur noch die Priester und die Einzuweihenden Zutritt
hatten, ist im wesentlichen ein Geheimnis geblieben. Das Gesetz der Geheimhaltung
wurde über alle Zeit befolgt.
Was man aber weiß, und das ist im Zusammenhang mit dem Thema meines
Vortrages von besonderer Bedeutung, ist, daß vor dem Höhepunkt der Einweihung,
vor der erleuchtenden Schau, den Einzuweihenden ein heiliger Trank, der Kykeon,
verabreicht wurde. Es ist auch überliefert, daß der Kykeon aus Gerste und Minze
bereitet wurde. In neuerer Zeit haben Eleusis-Forscher die Hypothese aufgestellt,
der Kykeon müsse außerdem einen halluzinogenen Wirkstoff enthalten haben. Das
würde erklären, wieso es den Priestern möglich war, Hunderte von Einzuweihenden
gleichzeitig, sozusagen programmäßig, in einen ekstatisch-visionären Zustand zu
versetzen.
Damit wurde das Problem des Kykeon zu einem wesentlichen Teil des Geheim­
nisses von Eleusis. Konnte in Eleusis die visionäre Schau durch uns unbekannte
Riten allein hervorgerufen werden, oder wurde dem Kykeon ein Psychopharmakon,
ein ekstatische Zustände erzeugender Pflanzenextrakt zugesetzt?
Damit ist aber auch ein aktuelles Problem unserer Zeit angesprochen. Es geht um
die heute viel diskutierte Frage, ob unter gewissen Umständen die Anwendung von
Die Botschaft der Mysterien von Eleusis an die heutige Welt 13

bewußtseinsverändernden Drogen zur Erlangung neuer Einsichten in die geistige


Welt erkenntnistheoretisch, ethisch und religiös vertretbar sei.
Bevor wir dieser aktuellen Frage weiter nachgehen, zurück zum Problem des
Kykeon. Wenn der Trank einen halluzinogenen Wirkstoff enthielt, was für ein
Halluzinogen könnte das gewesen sein? Mit dieser Frage sind Mysterien-Forscher,
zuerst Prof. Karl Kerenyi, der zwei Bücher über die Mysterien von Eleusis ver­
öffentlicht hat, und dann der amerikanische Ethnomykologe Gordon Wasson an
mich herangetreten, weil ich durch die Entdeckung des hochwirksamen Halluzino­
gens LSD und durch die Untersuchung halluzinogener mexikanischer Zauber­
pflanzen zum Experten, was die chemische Seite des Problems betraf, geworden
war.
Die Nachforschungen über das mögliche Halluzinogen des Kykeons, die ich
zusammen mit Gordon Wasson und Karl Ruck, Professor für Ethnobotanik der
griechischen Mythologie an der Harvard Universität, durchführte, deckte inter­
essante mögliche Zusammenhänge auf zwischen dem Mysterienkult von Eleusis und
heute noch existierenden magischen Kulten bei Indianerstämmen in abgelegenen
Gebieten Südmexikos.
Im Gebiet der Mazateken und Zapoteken in den südlichen Gebirgen Mexikos
benutzen die Zauberdoktoren und Heilpriester heute noch wie vor Jahrtausenden in
ihren magisch bestimmten Heilpraktiken in religiös-zeremoniellem Rahmen einen
halluzinogenen Trank, der aus den Samen von gewissen Windenarten, von Turbina
corymbosa und von Ipomoea violazea, bereitet wird. Wir haben in den chemisch­
pharmazeutischen Forschungslaboratorien Sandoz in Basel/Schweiz die Wirkstoffe
dieser als Ololiuqui-Trank bezeichneten Droge untersucht. Es waren Alkaloide, die
auch im Mutterkorn Vorkommen, nämlich Lysergsäure-amid und Lysergsäure-
hydroxyäthylamid, also sehr nahe Verwandte von Lysergsäure-diäthylamid, von
LSD.
Als Mutterkorn werden Wucherungen des Schlauchpilzes Claviceps bezeichnet,
der auf Korn und auch auf Wildgräsern parasitiert. Die vom Pilz befallenen Ähren
bilden anstelle der normalen hellen Körner dunkle Zapfen, eben das Mutterkorn.
Die genau gleichen LSD-ähnlichen Wirkstoffe wie in Ololiuqui, also Lyserg­
säure-amid und Lysergsäure-hydroxyäthylamid, hatten wir früher schon auch im
Mutterkorn des Wildgrases Paspalum distichum gefunden, eines Grases, das im
Mittelmeerraum weit verbreitet ist.
Es war nun naheliegend, aus diesen Befunden die Hypothese abzuleiten, daß als
bewußtseinsverändernder Zusatz zum Kykeon die gleichen psychedelischen Wirk-
14 A. Hofmann

Stoffe verwendet wurden, die heute noch zur Bereitung des sakralen Ololiuqui-
Trankes im Gebrauch sind. Die Priester von Eleusis brauchten nur von dem in der
Umgebung des Heiligtums vorkommenden Paspalum-Gras das Mutterkorn ab­
zulesen, es zu pulverisieren und dem Kykeon zuzusetzen, um ihm bewußtseinsver-
ändernde Potenz zu verleihen.
Diese Zusammenhänge sprechen dafür, daß im Heiligtum der Konigöttin
Demeter ein aus einem speziellen Mutterkorn bereiteter Trank die sakrale Droge
von Eleusis gewesen sein könnte.
Eine weitere Verknüpfung von Mutterkorn mit Eleusis könnte auch darin gesehen
werden, daß ein eleusinisches Ritual in der Vorzeigung einer Kornähre durch den
Priester bestand. Dieses Ritual ist in Verbindung gebracht worden mit dem Mythos
vom Gerstenkorn, das in der Erde versenkt stirbt, um einer neuen Pflanze das
Leben zu geben, die im Frühjahr wieder ans Licht emporsteigt, Symbol für den
jährlichen Wechsel von Persephone im Dunkel der Untenveit und im Licht des
Olymp, Symbol auch für die Fortdauer des Lebens im Wandel von Sterben und neu
Geborenwerden.
Die Untersuchungen, die zur Hypothese eines Mutterkornpräparates als Droge
von Eleusis führten, wurden 1978 in Buchform publiziert: The Road To Eleusis
- by R.Gordon Wasson. Albert Hofmann, Carl A.P.Ruck (Harcourt Brace Jovano-
vich, Inc., New York and London). Das Buch ist auch in spanischer Übersetzung
erschienen als El Camino a Eleusis (Fondo de Cultura Economica, Mexico 1980)
und in deutscher Sprache mit dem Titel DER WEG NACH ELEUSIS (Insel Verlag,
Frankfurt a.M. 1984).
Wenn die Hypothese stimmt, daß im Kykeon eine bewußtseinsverändernde, LSD-
ähnliche Droge vorhanden war, wofür gute Argumente sprechen, dann verbindet die
Mysterien von Eleusis mit unserer Zeit nicht nur ein geistig-existentielles Anliegen,
sondern auch noch das Problem der umstrittenen Anwendung von bewußtseinsver-
ändernden Wirkstoffen zur Erlangung mystischer Einsichten in das Lebensrätsel.

Im zweiten Teil meines Vortrages möchte ich nun folgenden Fragen nachgehen:
a) Was war die geistesgeschichtliche Funktion der eleusinischen Mysterien in der
griechischen Antike?
b) Warum und wieweit können sie ein Vorbild in unserer Zeit sein?
Die große Bedeutung und die lange Dauer der Mysterien weisen darauf hin, daß
sie einem tiefen seelischen Bedürfnis, einer geistigen Sehnsucht entgegenkamen.
Wenn wir der Ansicht Nietzsches folgen wollen, dann war es ein gespaltenes
Die Botschaft der Mysterien von Eleusis an die heutige Welt 15

Wirklichkeitsbewußtsein, das den griechischen Geist von Anbeginn kennzeichnete.


Griechenland war die Wiege eines Wirklichkeitserlebens, in dem das Ich sich von
der Außenwelt getrennt fühlte. Hier hat sich die bewußtseinsmäßige Trennung von
Individuum und Umwelt früher als in anderen Kulturkreisen herausgebildet. Diese
dualistische Weitsicht, die der deutsche Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn als
die „europäische Schicksalsneurose“ bezeichnet hat. hat in der Folge die europäi­
sche Geistesgeschichte entscheidend geprägt und ist heute noch in der westlichen
Welt voll wirksam.
Ein Ich, das fähig ist, sich der Außenwelt gegenüberzustellen, das die Welt als
Gegenstand, als Objekt, zu betrachten vermag, dieser der Objektivierung der
Außenwelt fähige Geist war die Voraussetzung für die Entstehung der westlichen
wissenschaftlichen Naturforschung. Schon in den ersten Dokumenten naturwissen­
schaftlichen Denkens, in den kosmologischen Theorien der griechischen vorsokrati-
schen Philosophen, war diese gegenständliche Weitsicht wirksam. Diese Stellung
des Menschen der Natur gegenüber, von der aus eine durchgreifende Naturbeherr­
schung möglich wurde, hat dann im 17.Jahrhundert Descartes erstmals klar formu­
liert und philosophisch begründet. In Europa ist dann eine ganz dem Objektivierba­
ren, Meßbaren zugewandte Naturforschung aufgekommen, der es gelang, die
physikalischen und chemischen Gesetze im Bau der materiellen Welt aufzuklären.
Ihre Kenntnisse ermöglichten eine vorher nie dagewesene Nutzung der Natur und
ihrer Kräfte. Sie führte zu der heute weltweiten Industrialisierung und Technisie­
rung fast aller Lebensbereiche. Das brachte einem Teil der Menschheit einen früher
kaum vorstellbaren Komfort und materiellen Wohlstand. Gleichzeitig war aber
damit eine katastrophale Zerstörung der natürlichen Umwelt verbunden, die sich
heute bereits zu einer weltweiten ökologischen Krise gesteigert hat.
Noch schwerwiegender als die materiellen sind die geistigen Schäden dieser
Entwicklung, die zu einer materialistischen Weltanschauung geführt hat. Das
Individuum hat die Verbindung mit dem geistigen, göttlichen Urgrund allen Seins
verloren. Ungeschützt, ungeborgen, allein auf sich selbst gestellt steht der einzelne
Mensch einsam einer entseelten, materiellen, chaotischen, bedrohlichen Umwelt
gegenüber.
Der Keim zu dieser dualistischen Weitsicht, die sich in unserer Zeit derart
katastrophal ausgewirkt hat, war schon, wie vorgehend angeführt, bereits in der
griechischen Antike angelegt. Der griechische Genius versuchte die Heilung, indem
er die äußere, materielle, dem Apollo unterstehende sichtbare Welt zu maximaler
Schönheit gestaltete und dieses farbenreiche, sinnenfreudige, aber auch leidvolle
16 A. Hof mann

apollinische Weltbild durch die dionysische Erlebniswelt ergänzte, in der die


Subjekt-Objekt-Spaltung im exstatischen Rausch aufgehoben ist.
Nietzsche schreibt über das dionysische Welterleben in „Die Geburt der Tragö­
die“:
„Entweder durch den Einfluß des narkotischen Getränkes, von dem alle ursprünglichen
Menschen und Völker in Hymnen sprechen, oder bei dem gewaltigen, die ganze Natur
lustvoll durchdringenden Nahen des Frühlings erwachen jene dionysichen Regungen, in
deren Steigerung das Subjektive zu völliger Selbstvergessenheit hinschwindet ... Unter
dem Zauber des Dionysischen schließt sich nicht nur der Bund zwischen Mensch und
Mensch wieder zusammen, auch die entfremdete, feindliche oder unterjochte Natur feiert
wieder ihr Versöhnungsfest mit ihrem verlorenen Sohn, dem Menschen.“
Die Mysterien von Eleusis waren eng mit den Feiern und Festen zu Ehren des
Gottes Dionysos verbunden. Sic trugen wesentlich bei zur Heilung und zur Über­
windung der Spaltung von Mensch und Natur, man kann auch sagen: zur Auf­
hebung der Trennung von Schöpfer und Geschöpf: Das war die eigentlich große
Aufgabe der eleusinischen Mysterien. Ihre kulturhistorische Bedeutung, ihr Einfluß
auf die europäische Geistesgeschichte, kann kaum überschätzt werden. Hier fand
der durch seinen rationalen, objektivierenden Geist gespaltene, leidende griechische
Mensch Heilung in einem mystischen Ganzheitserlebnis, das ihn an die Unsterb­
lichkeit in einem ewigen Sein glauben ließ.
Im Urchristentum hat dieser Glaube, wenn auch mit anderen Symbolen, wei­
tergelebt. Er findet sich als Verheißung auch noch an einzelnen Stellen der Evange­
lien, am reinsten im Johannes-Evangelium, so im Kapitel 14, 16-20. Jesus spricht
zu seinen Jüngern, als er von ihnen Abschied nimmt: „Und ich will den Vater
bitten, er soll euch einen anderen Tröster geben, daß er bei euch bleibe ewiglich:
den Geist der Wahrheit. ... An dem Tage werdet ihr erkennen, daß ich in meinem
Vater bin und ihr in mir und ich in euch.“ Hier wird der Dualismus aufgehoben.
Das kirchliche Christentum, bestimmt vom Dualismus Schöpfer/Geschöpf, hat
aber mit seiner naturfremden Religiosität das eleusinisch-dionysische Vermächtnis
der Antike weitgehend ausgelöscht. Im christlichen Glaubensbereich bezeugen nur
einzelne begnadete Menschen eine im spontanen visionären Erleben erfahrene,
zeitlose, tröstliche Wirklichkeit, zu der im Altertum Ungezählte durch die Weihe in
Eleusis Zugang hatten. Die unio mystica der katholischen Heiligen und die visio­
näre Schau, wie sie Vertreter der christlichen Mystik, Jakob Boehme, Meister
Eckhart, Angelus Silesius, Teresa von Avila, Juan de la Cruz, Thomas Traherne,
William Blake und andere in ihren Schriften schildern, sind offensichtlich wesens­
Die Botschaft der Mysterien von Eleusis an die heutige Welt 17

verwandt mit der Erleuchtung, die den Eingeweihten in den eleusinischen Mysterien
zuteil wurde.
Die grundlegende Bedeutung eines mystischen Ganzheitserlebnisses für die
Gesundung der an einem einseitig rational-materialistischen Weltbild krankenden
Menschheit wird heute nicht nur von Anhängern östlicher religiöser Strömungen,
wie des ZEN-Buddhismus, sondern auch von führenden Vertretern der Psychologie
und Psychiatrie in den Vordergrund gestellt. Noch bedeutungsvoller ist. daß nicht
nur medizinische, sondern immer weitere, auch kirchliche Kreise unserer Gesell­
schaft die Überwindung des dualistischen Weltbildes als Voraussetzung und Grund­
lage für die Gesundung und geistige Erneuerung der abendländischen Zivilisation
und Kultur betrachten.
Die offiziellen christlichen Kirchen, deren Dogmen einem ausgesprochen
dualistischen Weltkonzept entsprechen, vermögen keinen Rahmen für eine solche
Erneuerung zu bieten. Es sind private Vereinigungen und Gruppierungen, die
versuchen, das Bedürfnis und die Sehnsucht nach einem unserem heutigen Wissen
und heutigem Bewußtsein entsprechenden ganzheitlichen Welterleben zu stillen.
Workshops und Kurse aller Art für Yoga, Meditation. Selbstfindung werden in
großer Zahl angeboten, alle mit dem Ziel einer Bewußtseinsveränderung oder
Bewußtseinserweiterung.
Es ist kein Zufall, daß in diesen Gruppen auch Drogen als pharmakologische
Hilfsmittel zur Erzeugung veränderter Bewußtseinszustände angewendet werden,
und zwar sind es die gleichen Drogentypen, die in Eleusis angewandt wurden und
die bei gewissen Indianerstämmen heute noch im Gebrauch sind und die als
Halluzinogene. Psychedelika oder Entheogene bezeichnet werden.
Voraussetzung für einen sinnvollen Einsatz und psychisch gewinnbringenden
Verlauf dieser Wirkstoffe, die man als sakrale Drogen bezeichnen kann, ist der
äußere Rahmen und die geistige Vorbereitung des Probanden, wie das in Eleusis in
vorbildlicher Weise geschah. Die Indianer glauben, daß, wenn die LSD-ähnliche
Ololiuqui-Droge von einer Person, die sich nicht durch Fasten und Beten auf die
Zeremonie vorbereitet hat, eingenommen wird, diese Person wahnsinnig wird oder
gar stirbt.
Diese weise und vorsichtige Anwendung, die auf jahrtausendealter Erfahrung
beruht, wurde leider beim Gebrauch psychedelischer Drogen in unserer Gesellschaft
häufig nicht beachtet. Entsprechend waren die Folgen in Form von psychotischen
Zusammenbrüchen und schweren Unglücksfällen. Das führte in den 60er Jahren
zum Verbot einer Anwendung dieser Art Drogen, auch in der Schulpsychiatrie.
18 A. Hofmann

In Eleusis, wo die Vorbereitungen und die einrahmenden Zeremonien optimal


waren, und ebenso bei den Indianern, bei denen die Anwendung in der Hand und
unter Kontrolle des Heilpriesters liegt, haben diese Art Drogen einen segensreichen
Gebrauch gefunden. Eleusis und auch die Indianer könnten unserer Gesellschaft
auch in dieser Hinsicht ein Vorbild sein.
Zum Schluß sei noch die grundsätzliche Frage gestellt: Warum wurde in Eleusis
in religiös-zeremoniellem Rahmen dieser Typus von Droge eingesetzt? - und
warum ist eine solche Anwendung im christlichen Gottesdienst kaum denkbar? Die
Antwort lautet: Im christlichen Gottesdienst wird eine im Himmel thronende
göttliche Macht, das heißt eine Macht außerhalb des Individuums verehrt. In
Eleusis wurde dagegen im Inneren des einzelnen Menschen ein Wandel angestrebt,
eine visionäre Schau in den Seinsgrund, die ihn zum Mystes, zum Epopten, zum
Eingeweihten machte.
Um einen Wandel im einzelnen Menschen geht es auch heute wieder. Die
notwendigen Veränderungen in Richtung eines ganzheitlichen Bewußtseins als
Voraussetzung für die Überwindung des Materialismus und für ein neues Verhältnis
zur Natur können nicht an die Gesellschaft oder an den Staat delegiert werden; der
Wandel muß und kann nur im einzelnen Menschen stattfinden. Ein solcher Wandel
kann und soll auch ohne Zuhilfenahme von Psychopharmaka angestrebt werden,
durch Meditation und tägliches Bemühen. Denn die Fähigkeit zu mystischem
Erleben ist in jedem Menschen angelegt. Sie gehört zum Wesen der menschlichen
Geistigkeit. Sie ist unabhängig vom äußeren, sozialen Stand des Individuums.
Deswegen konnten sich in Eleusis Männer und Frauen, Freie und Sklaven ein­
weihen lassen. Eleusis kann Vorbild sein. Eleusis-ähnliche Zentren könnten die
vielen geistigen Strömungen unserer Zeit, die alle das gleiche Ziel haben, zu­
sammenfassen und verstärken, das Ziel, durch einen Bewußtseinswandel im
einzelnen Menschen die Voraussetzungen zu schaffen für eine bessere Welt ohne
Krieg und ohne Umweltzerstörung, für eine Welt mit glücklicheren Menschen.

Quellenangabe

Mylonas, G.E.: Eleusis and the Eleusinian Mysteries. Princeton University Press, 1961.

Kerenyi, K.: Die Mysterien von Eleusis. Rhein-Verlag, Zürich 1962.

-: Eleusis-Archetypal Image of Mother and Daughter. Schocken Books, New York 1977.
Die Botschaft der Mysterien von Eleusis an die heutige Welt 19

Gerardis, L.: Eleusis und die Mysterien. Eleusis/Athen 1958.

Schmidbauer, W.: Halluzinogene in Eleusis? Antaios 10, 18. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1969.

Ausführlicher Literaturnachweis beim Autor erhältlich.


Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 21

Christian Rätsch

Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände

»Unser normales Alltagsbewußtsein ist nur eine Art von


Bewußtsein, und viele andere Arten von Bewußtsein umgeben
es, nur durch einen dünnen Schleier verborgen.
Möglicherweise verbringen wir unser ganzes Leben, ohne
jemals von ihrer Existenz zu eifahren. Gebrauchen wir aber
den richtigen Stimulus, so können wir sie in ihrer ganzen
Vielzahl entdecken.«
William James,
Die Vielfalt religiöser Erfahrung

Psychedelische Erfahrungen werden oft mit Erfahrungen verglichen, die wir im


Traum, in der Trance oder Hypnose, in der Meditation und beim Sex erleben.
Psychedelische Erfahrungen ähneln auch dem Erwachen der Kundalini, mystischen
Erfahrungen, Sterbeerlebnissen oder Nahtodeserfahrungen (Near Death Experiences,
abgekürzt NDE) und außerkörperlichen Erfahrungen (Out-of-Body-Experiences,
Astralreisen). All diese Erfahrungen finden in Zuständen veränderten Bewußtseins
(Altcred States of Consciousness, abgekürzt ASC) oder außergewöhnlichen Bewußt­
seinszuständen (abgekürzt ABZ) statt.1 Es hat sich eingebürgert, von veränderten,
außergewöhnlichen oder erweiterten Bewußtseinszuständen (vom Scheidt 1989) zu
sprechen; es handelt sich auf jeden Fall um weitere Bewußtseinszustände.
All diese Zustände befinden sich als Programme in unserem Nervensystem (vgl.
Lilly 1968). Sie können durch äußere (exogene) oder innere (endogene) Stimuli
ausgelöst werden. Diese Stimuli (Katalysatoren, Trigger) sind Botenstoffe oder
Neurotransmitter. Sie werden entweder im Körper gebildet oder aus der Außenwelt
aufgenommen (vgl. Zehentbauer 1992). Sie geben eine Botschaft an die Synapsen
der Nervenbahnen. Diese Botschaft wird in unser Bewußtsein eingelesen. Hier wird
Materie zu Geist transformiert. Dabei ist es egal, ob unser Bewußtsein vom
Nervensystem generiert wird oder ob das Bewußtsein unser Nervensystem benutzt.

1 Vgl. Barber 1972, Drury 1991, Evans 1989, Grof & Grof 1984, Leary et al. 1964, MacKenzle
1978, Masters & Houston 1966, Metzner 1971, Mookerjee 1982, Naranjo 1992, Ornstein 1976,
Tart 1969.
22 Chr. Rätsch

um sich selbst auszudrücken (Drury 1991: 1). Obwohl die Erfahrungen veränderter
Bewußtseinszustände sehr unterschiedlich erscheinen können, liegt ihnen doch eine
gemeinsame Struktur zugrunde (siehe Anhang).

Die Erforschung des Bewußtseins

»Die Wissenschaft ist eifrig dabei, all das zu


beweisen, was die spirituellen und magisch
begabten Manschen seit Jahrtausenden
wissen und leben ...«
Luisa Francia,
Warten auf Blaue Wunder

Die Definition oder Beschreibung des menschlichen Bewußtseins ist das fundamen­
talste philosophische Problem. Es ist bisher nicht gelöst (Guttmann & Bestenreiner
1991, Walsh 1991):
„Das Bewußtsein entzieht sich einer wissenschaftlichen Definition, denn es ist das. was
ich brauche, um darüber nachzudenken, was Bewußtsein ist. Es kann nur umschrieben
werden als rezeptives und kreatives geistiges Zentrum des Ichs.“ (Hofmann 1986: 25)
Noch weniger gelöst scheint das philosophische Problem des Bewußtseinszu-
standes zu sein. Ich lege hier einen common sense zugrunde, auf den wir uns
einlassen müssen, um überhaupt kommunizieren zu können:
„Die Begriffe ‘Bewußtseinszustand’ und ‘veränderter Bewußtseinszustand’ werden
heutzutage in unserem Kulturbereich immer häufiger verwendet. Die allgemeine
Vorstellung von dem. was hinter diesen Begriffen steht, ist die Anerkennung der
Existenz eines Bewußtseinszustands d. h. einer bestimmten Struktur, eines Organisa­
tionsstils, der sich auf den gesamten geistig-seelischen Funktionsbereich des Menschen
zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt bezieht. [...] Wenn das erlebte ‘Empfinden’ eines
Bewußtseinszustands sich radikal von dem eines anderen unterscheidet, dann kann man
von einem ‘veränderten Bewußtseinszustand’ sprechen. [...] Wichtig ist die Erkenntnis,
daß es sich beim Bewußtseinszustand um eine aktive Auseinandersetzung mit der
Wirklichkeit handelt, wobei Informationen sowohl über die Außenwelt eingeholt werden
können als auch über den eigenen Körper und die eignen Erfahrungen.“ (Tart 1978:
25f., 29)
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 23

Die ethnologische Erforschung veränderter Bewußtseinszustände ist im Sinne von


Charles Tart eine „bewußtseinszustandsorientierte Wissenschaft“ (1978: 65ff.).
Eine Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände untersucht und vergleicht die
Kenntnisse und Bewertungen von verschiedenen Bewußtseinszuständen, Wissen und
Technologie der Erzeugung verschiedener Bewußtseinszustände und deren Anwen­
dungen, sowie den persönlichen und gesellschaftlichen Nutzen verschiedener
Bewußtseinszustände bei den verschiedenen Kulturen (vgl. auch Andritzky 1991).
Die ethnologische Erforschung des Bewußtseins sprengt das bisherige wissen­
schaftliche Paradigma (vgl. Long 1976). Sie geht weit über die theoretischen und
praktischen Ansätze der kognitiven Anthropologie oder der tautegorischen Herme­
neutik hinaus (vgl. Califano et al. 1987: 115). Die Grenze zwischen dem objektiv
Erforschbaren und dem Forscher löst sich auf (vgl. Duerr 1981). Denn das For­
schungsinstrument des ethnologischen Bewußtseinsforschers ist sein eigenes Be­
wußtsein mit all seinen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Offensichtlich muß man als
Forscher erst sein eigenes Bewußtsein mit all seinen Facetten und möglichen Ver­
änderungen kennenlernen, bevor man überhaupt das Bewußtsein eines anderen,
noch dazu das einer anderen Kultur, verstehen kann.
Um veränderte Bewußtseinszustände in anderen Kulturen erforschen, d. h. auch
verstehen zu können, muß man über sie kommunizieren können (Kultur als
Kommunikation! Vgl. Leach 1978), man muß sie von innen heraus kennen. Es ist
eigentlich unmöglich, sich über psychedelische Erfahrungen auszutauschen, wenn
man sie nicht selbst erlebt hat. Wenn man (sich) als Ethnologe bei der Erforschung
eines Rituals für veränderte Bewußtseinszustände nicht mit in den veränderten
Bewußtseinszustand eintritt, egal ob er durch eine psychoaktive Droge oder Technik
ausgelöst wurde, wird man auch nicht Inhalt und Bedeutung des Rituals verstehen
können.2
Da man aber sagen kann, daß ein veränderter Bewußtseinszustand kein wissen­
schaftlich taugliches Instrument mehr darstellt, weil es von der Ebene des angeblich
objektiv beobachtenden „klaren Verstands“ auf die Ebene erweiterter Wahrnehmun-

2 Es gibt einen ewigen Streit zwischen den erfahrungsorientierten und den objektiv-orientierten
Ethnologen darüber, wie weit der Forscher in seiner teilnehmenden Beobachtung bei der
Feldforschung gehen darf, um ethnische, d. h. andere Wirklichkeiten zu erforschen. Der britische
Sozialanthropologe James Fernandez (1972: 237f.) vertritt die Meinung, daß er den afrikani­
schen Bwitikult nur wissenschaftlich-objektiv untersuchen kann, wenn er die im Zentrum des
Kultes stehende Einnahme der psychoaktiven Ibogawurzel (Tabernanthe iboga) ablehnt. Er läßt
sich lediglich von den Erfahrungen der Kultmitglieder erzählen. Ich glaube hingegen, daß Herr
Fernandez nichts wirklich von der Bedeutung des Rituals verstanden hat, weil ihm das
Wesentlichste fehlt: die eigene Erfahrung.
24 Chr. Rätsch

gen und Iranspersonaler Erfahrungen gewechselt hat, würde sich also die ethnologi­
sche Erforschung veränderter Bewußtseinszustände selbst ausschließen. Es gibt kein
Objekt und Subjekt mehr. Die ethnologische Bewußtseinsforschung beginnt bei der
Selbsterforschung. Nur wer die eigenen Abgründe kennengelernt hat. nur wer das
Licht höherer Seinszustände gesehen hat. nur wer sich in seinen Tiergeist ver­
wandelt hat, nur wer die Pforten des Deliriums durchschritten hat, kann mit ande­
ren, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, über diese, sicherlich faszinierendsten
Bereiche des menschlichen Bewußtseins kommunizieren. Wer einmal die Tore zu
den inneren Räumen passiert hat, möchte mehr wissen.

Die Kenntnis von veränderten Bewußtseinszuständen

In allen Kulturen werden verschiedene oder veränderte Bewußtseinszustände


erkannt und definiert. Die Anthropologin Bourguignon (1973) hat in einer kultur­
vergleichenden Studie feststellen können, daß von 488 erfaßten Gesellschaften
(statistisch signifikant) 90% über institutionalisierte Formen veränderter Bewußt­
seinszustände verfügen. Zudem werden in fast allen untersuchten Gesellschaften
diese veränderten Bewußtseinszustände als etwas Heiliges erachtet (Walsh 1991).
Oft werden veränderte oder erweiterte Bewußtseinszustände als „Gottberauschung“,
„göttlicher Wahnsinn“, „Besessenheit“, „Unio mystica“, „Erleuchtung“ oder
„Ekstasis“ bezeichnet (vgl. Goodman 1989. Lewis 1978, 1989).
Alle Kulturen kennen das Träumen als verändertem Bewußtseinszustand (O’Nell
1976). Daneben kennen sie oft zahlreiche veränderte Zustände des Wachbewußt-
seins, abgekürzt VWB (Dittrich 1985). VWBs sind etwas ganz Natürliches; sie sind
im Prinzip jedem zugänglich. Dittrich & Scharfetter (1987: 38) charakterisie­
ren den gemeinsamen Kern von VWBs wie folgt:

- Veränderung der Denkabläufe


- Veränderung des Zeiterlebens
- Angst vor Verlust der Selbstkontrolle
- Intensive Emotionen (Glückseligkeit bis Panik)
- Körperschema-Veränderungen (bis „Körperlosigkeit“)
- optisch-halluzinatorische Phänomene, Synästhesien
- verändertes Bedeutungserleben
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 25

Diese Charakteristika scheinen eine interkulturelle Phänomenologie darzustellen.


Oft wird der Tod als Übergang in einen anderen Bewußtseinszustand verstanden;
z. B. in der pharaonischen Kultur (das „ägyptische Totenbuch“), im tibetischen
Lamaismus (das „tibetische Totenbuch“), in der Kosmologie der Desana-Indianer
(Grof & Grof 1984, Reichel-Dolmatoff 1987).
In den meisten Kulturen wird der Sitz des (Alltags-)Bcwußtseins - als reflektie­
rendes Zentrum des Ichs - im Kopf bzw. im Gehirn lokalisiert. Der Sitz des
Bewußtseins (ol) ist bei den Lakandonen-Indianem hinter der Stirn; übrigens im
Gegensatz zur Seele (pixan). die im Herz lokalisiert wird (Rätsch 1985: 53). Im
Ayurveda, der altindischen „Lebenskunst“, gilt „das Herz als Sitz des Bewußtseins
(Cetanam)“ (Lobo 1990: 33). Oft gilt der Scheitel als „Seelenpforte“, als Aus- und
Eingang für das Bewußtsein, das zeitlich begrenzt den Körper verlassen kann (vgl.
Baer 1987).
Oft werden evolutive oder hierarchische Modelle des Bewußtseins, bzw. der
Bewußtseinsebenen oder Zustände entworfen (Gottwald & Howald 1990). Die
Spirale ist in vielen Kulturen das Symbol der Bewußtseinsentwicklung; sie ver­
deutlicht das Erwachen des Bewußtseins aus dem Nichts über das ständige zykli­
sche Wachsen des Bewußtseins bis zu dessen Ende oder Erleuchtung (vgl. Purce
1988). Die in Asien weitverbreiteten Pagoden sind Stufenmodelle der Entwicklung
eines spirituellen Bewußtseins. Bei manchen religiösen oder heiligen Bauwerken,
wie dem buddhistischen Borobodur (Java/Indonesien), wird der gesamte Bewußt­
seinsprozeß vom Alltagsbewußtsein bis zur Erleuchtung bzw. der Buddhaschaft
architektonisch gezeigt.
Die linguistischen Fähigkeiten einer Kultur, über verschiedene Bewußtseinszu­
stände zu kommunizieren, ist recht unterschiedlich. Die Lakandonen kennen 20
verschiedene Bewußtseinszustände, die alle namentlich erfaßt werden (Rätsch
1985). „Die Tibeter unterscheiden bis zu elf Arten von ‘Erkenntnis-Bewußtsein’
und haben dreierlei Bezeichnungen, die wir alle mit ‘Geist’ wiedergeben müssen,
obgleich jede noch ihre besondere Nebenbedeutung hat“ schreibt Alexandra David-
Neel (1984: 224). Dennoch ist es auch in diesen, wie in vielen anderen Kulturen
bekannt und üblich zu sagen, daß die Erfahrungen bei erweiterten, mystischen oder
höheren Bewußtseinszuständen nicht beschrieben werden können; sie gelten meist
als unaussprechlich (vgl. Grof 1987).
Alle Kulturen unterscheiden zwischen „gesunden“ und „kranken oder pathologi­
schen“ veränderten Bewußtseinszuständen. „Schamanische Kulturen unterscheiden
sehr genau zwischen Menschen, die wirklich Schamanen sind, und solchen, die
26 Chr. Rätsch

krank oder verrückt sind.“ (Grof & Grof 1990: 120). Die als gesund angesehenen
veränderten Bewußtseinszustände werden gewöhnlich kulturell gefördert. Bei uns
wird z. B. das als „vernünftig“ bezeichnete wissenschaftlich-rationale Bewußtsein
gefördert.
Es gibt in vielen Kulturen verschiedene traditionelle, meist künstlerische Dar­
stellungen von Menschen in veränderten Bewußtseinszuständen:
Petroglyphen: z. B. Menschen mit „Antennen“, „Auren“ oder Flügeln
Malereien: Satnadhi-Thangka (Darstellung des Astralkörpers)
javanische Batiken von bepilzten Gehirnen
Gambilder der Huichol mit Darstellungen der erleuchteten
Seelenkörper
Comics, z. B. „Mecki auf Fliegenpilz“
Plastiken: z.B. Makonde-Schnitzereien, die veränderte Körperschemawahr­
nehmungen darstellen
Architektur: Stupa als Darstellungen der „Erleuchtungsflamme Buddhas“
sowie des visionären Blickes nach innen

Genauso gibt es traditionelle visuelle Darstellungen von Inhalten, z. B. halluzinato­


rische Muster (Phosphene)3 oder Visionen, veränderter Bewußtseinszustände:
Flechtmuster: z. B. der Körbe der Tukano-Indianer stellen Phosphene unter
Ayahuasca-Einwirkung dar
Webmuster: z. B. der Cuna-Indianer zeigen ebenfalls die geometrischen
Wahrnehmungen visionärer oder schamanischer Erfahrungen
Töpfereien: z. B. der Shipibo-Indianer spiegeln die Wahrnehmung von
Mustern auf der Haut von anderen Menschen unter dem Einfluß
von Ayahuasca wider (vgl. Baer 1987)
Fraktale: In der modernen Subkultur der computerisierten Chaosforscher,
in der Mind/Techno-Scene, sowie in der Bewußtseinsforschung
werden Fraktale als Symbole von VWB kodiert (man beachte
das Logo des Kongresses „Welten des Bewußtseins“)

3 Phosphene sind neurophysiologisch gebildete abstrakte und geometrische optische Erscheinun­


gen, die sich unter bestimmten Bedingungen in das Gesichtsfeld schieben. Sie sind trans­
kulturell, sozusagen biologische Grundmuster halluzinatorischer Erfahrungen. Sie werden in
„psychedelischen“ Kulturen oft mit Bedeutung belegt und können so als ein kodiertes graphi­
sches System zur Kommunikation von visionären Inhalten werden; vgl. dazu Reichel-Dolmatoff
1985, 1987; siehe auch Klüver 1966, Lewin 1991 und Lewis-Williams & Dowson 1988.
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 27

Neben der Darstellung geometrisch-abstrakter Formen hat natürlich die bildlich(e)


gegenständliche Darstellung von szenischen Inhalten und mythologischen Wesenhei­
ten eine sehr weite Verbreitung und lange Tradition. Diese sogenannte visionäre
Malerei finden wir z. B. in den Kulturen der Prärieindianer, die auf Schildern oder
Büffelhäuten die Inhalte ihrer Visionen malen. Ihr begegnen wir auch in der
religiösen oder psychedelischen Malerei (Müller-Ebeling 1992, Siegel & West
1975).

Die Bewertung veränderter Bewußtseinszustände

»ln unserer Gesellschaft heute könnte es so sein,


daß sich charismatisch und merkwürdig
gebärende Menschen wie Schamanen,
Trancemedien und Säulenheilige (die von Gott
Betrunkenen) in einer geschlossenen Anstalt
aufhalten müßten.«
Lee Sanella,
Kundalini: Klassisch und klinisch

Weil bei uns veränderte oder außergewöhnliche Bewußtseinszustände so negativ


bewertet werden, haben wir diesen Kongreß nötig - sonst wären wir zur jährlichen
Schamanenversammlung in den Himalaya gereist oder zum nächsten Druidentreff
gezogen oder zu den Externsteinen gepilgert.
Bei uns beschäftigen sich weder die Pfaffen oder andere religiöse Institutionen
der Kirchen noch die Ärzte - wenn man von ein paar rühmlichen Ausnahmen
absieht - mit den VWBs. In traditionellen Kulturen sind die Priester/Ärzte oder
Schamanen wahre Bewußtseinskünstler, die mit den VWBs so virtuos spielen wie
Jimi Hendrix mit seiner Gitarre.
In traditionalen Kulturen gibt es spezielle Götter, die mit veränderten Bewußt­
seinszuständen assoziiert sind. Da Götter an sich positiv, seltener ambivalent
bewertet werden, werden auch die mit ihnen verbundenen veränderten Bewußtseins­
zustände positiv bewertet, d. h. diesen Zuständen werden heilende oder spirituelle
Kräfte und Auswirkungen zugeschrieben. Bei diesen Göttern handelt es sich meist
um die zentralen Gottheiten des jeweiligen Pantheons oder Kultes. Es sind Götter
28 Chr. Rätsch

der Ekstase und Erkenntnis, oft zudem der Erotik und Fruchtbarkeit (Danielou
1992). Diesen Göttern sind oft Pflanzen heilig, die psychoaktiv wirksam sind und
die im Zentrum der religiösen Rituale stehen („Pflanzen der Götter“; vgl. SCHULTES
& Hofmann 1987). Einige Beispiele sollen genügen:
Dionysos ist der altorientalisch/griechische Gott des Weines, des Rausches, der
(dionysischen oder rauschhaften) Musik, der rasenden Sexualität, der Fruchtbarkeit
und der orphischen Mysterien (Evans 1988). Seine heilige Droge ist der Wein, der
mit verschiedenen psychoaktiven Pflanzen angereichert war. Sein heiliger Stein ist
der Amethyst. Das Wort amethyst bedeutet „nicht (be)trunken“; ein deutlicher
Hinweis darauf, daß sich der angestrebte ekstatische Rausch grundsätzlich vom
Delirium unterscheidet.
Wotan oder Odin ist der altgermanische Himmelsgott oder Göttervater. Er ist ein
schamanischer Gott der Ekstase (Wut/Raserei) sowie der Erkenntnis, der Dicht­
kunst, aber auch des heldenhaften Krieges und des ebenso heldenhaften Todes. Er
ist der Herr des Dichtennets, eines psychoaktiven. Kreativität freisetzenden Zauber­
trankes auf der Basis von Honig, Wasser und zugesetzten „bitteren Kräutern“; ihm
ist der Fliegenpilz (Amanita muscaria) heilig (Rätsch 1991a).
Shiva ist der wichtigste hinduistische Gott. Er verkörpert verschiedene Methoden
zur Bewußtseinsveränderung: Hanf (Cannabis indica) und Dhatura (Datura metel)
sind ihm heilig, er liebt die Askese in der Natur, er ist die männliche Personifika­
tion der Erotik, die nicht nur zu Lust und Ekstase, sondern zu mystischer Ein­
weihung führt (Tantra), sowie der Meister des Yoga. Nebenbei ist er in seiner
Phallusinkamation der Gott der Fruchtbarkeit. Den Anhängern Shivas, den Sadhus,
ist die Bewußtseinserweiterung zum Lebensstil geworden (Bedi 1991).
Xochipilli, der „Blumenprinz“, ist ein zentraler Gott der Azteken. Er verkörpert
verschiedene Methoden zur Bewußtseinsveränderung: Zahlreiche psychedelische
Pflanzen (teonanacatl, ololiuquih, toloache, sinicuiche) sind ihm heilig. Er ist der
Herr der Musik, des Tanzes und der Sexualität (SCHULTES & Hofmann 1987: 62).
Buddha ist im esoterischen Sinne zwar kein Gott, für die Zigmillionen praktizie­
render Buddhisten in aller Welt aber der Gott der Erleuchtung.
Es gibt neben den männlichen Göttern der veränderten Bewußtseinszustände auch
Göttinnen der Ekstase und Erkenntnis. So die Mohngöttin von Kreta, die die
ekstatische weibliche Sehergabe verkörpert, oder die Erdmutter der Huichol, die
ihren Kindern, den Menschen, den psychedelischen Peyotekaktus (Lophophora
williamsii) bringt, damit sie in die Mysterien des Universums eingeweiht werden.
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 29

Es bleibt anzumerken, daß diese Götter und Göttinnen von der christlichen
Kirche dämonisiert wurden und in der christlichen Kultur als Teufel und Hexen
verschrieen sind. Daran ist wohl am deutlichsten der Unterschied in der Bewertung
veränderter oder erweiterter Bewußtseinszustände zu sehen. Auf der einen Seite
werden solche Zustände als heilig und göttlich bewertet, auf der anderen Seite als
teuflisch und verderblich bekämpft. Es wundert wenig, daß in christlich geprägten
Kulturen auch von einem „Dämon Rausch“ gesprochen wird.
In wohl allen Kulturen wurde erkannt, daß der Mensch ein Grundbedürfnis nach
zeitlich begrenzter Bewußtseinsveränderung, z. B. einem „Rausch“, hat (vgl. Siegel
1989, WEIL 1986). In den meisten Kulturen wird das „Recht auf Rausch“ akzeptiert
(Rippchen 1992).'' Allerdings wird auf dieses Bedürfnis sehr unterschiedlich
reagiert. Oft kommt es in der Bewertung zu einer erheblichen kognitiven Dissonanz,
die für außenstehende Betrachter (z. B. Ethnologen) äußerst widersprüchlich und
unlogisch erscheint.
In manchen Kulturen gelten VWBs als unerwünscht und die Methoden zu deren
Auslösung werden moralisch unterdrückt oder gesetzlich sanktioniert. So herrschte
in der ehemaligen UdSSR ein Verbot zum Ausüben von Yogapraktiken; sie gelten
als „feindselig gegenüber der kommunistischen Ideologie“ (zit. in Müller-Ebeling
& Rätsch 1989). Im europäischen Mittelalter und der frühen Neuzeit galt z. B. die
Hypnose als Hexerei (Dittrich & Scharfetter 1987; 23).
Alle Staaten oder Staatssysteme haben sogenannte Betäubungsmittelgesetze, die
den Gebrauch von psychoaktiven Substanzen regeln sollen. Drogenge- und Verbote
sind nichts Neues. Sie hat es schon in den mesopotamischen Stadtstaaten gegeben.
Diese Gesetze gelten eigentlich nicht der Regelung des Drogenverkehrs, sondern
sollen die gezielte Bewußtseinsveränderung verhindern oder regulieren. Oft zeigt
sich aber hierbei die kognitive Dissonanz besonders deutlich. Im Sommer 1992,
kurz vor der Olympiade, gab es eine merkwürdige Kampagne gegen „Drogen“. Auf
Propagandatafeln in der Bundesrepublik lachten berühmte Sportler neben dem
Spruch:
„ Keine Macht den Drogen “

4 Die große amerikanische Ethnologin Ruth Benedict hat die Unterscheidung von „dionysischen“
und „apollinischen“ Kulturen vorgeschlagen. Dabei sind die „dionysischen“ Kulturen solche, die
das Rauschbedürfnis fördern; „apollinische“ Kulturen hingegen seien solche, die den klaren
vernünftigen Verstand fördern würden (Benedict 1932, 1955); ich halte diese Begrifflichkeit für
ungeeignet, da sich meiner Meinung nach der dionysische Rausch im Bauch, der apollinische
Rausch aber im Kopf abspielt.
30 Chr. Rätsch

Diese Initiative der christlich-konservativen Bundesregierung unter der Schirm­


herrschaft von Bundeskanzler Kohl zusammen mit dem Sportbund, der ununter­
brochen in Doping-Skandale verwickelt ist (Berendonk 1992), demonstriert aufs
eindrücklichste die kognitive Dissonanz unserer Kultur. Wir dürfen uns mit Alkoho­
lika und Nikotin vergiften, bis wir der Gesellschaft zu Lasten fallen und krebszer­
fressen tot umfallen, wir dürfen aber keine „Drogen“ - was auch immer damit
gemeint sein soll - zu uns nehmen. Es wundert nicht, daß intellektuelle Kreise
darauf mit dem Spruch „Keine Macht den Doofen“ reagiert haben.5 Ähnlich wurde
in den USA auf den Kampf-Spruch „War on drugs“ mit „Hemp can save this
planet“ reagiert. In England wurde auf die Parole „Just say no“ mit „Just say yes
to another excess “ reagiert.
Aus kulturanthropologischer Perspektive ist noch hervorzuheben, daß bestimmte
Drogen und die damit verbundenen Bewußtseinsveränderungen aufgmnd gesell­
schaftlicher Bedürfnisse gezielt eingesetzt werden. In kriegerischen Kulturen werden
aggressionsfördernde Drogen wie Alkohol oder Kokain und Amphetamine offiziell
eingesetzt, wobei anders wirkende Drogen verboten sind (damit durch die Nichtver­
fügbarkeit Frust und Aggression wachsen). In Leistungsgesellschaften wird der
Gebrauch leistungssteigernder und betäubender Drogen gefördert. Kaffee und Tee
im Büro sind steuergünstig! Beispiel Japan: nach dem Büro mit der Belegschaft in
die nächste Bar zum nächsten Suff. Besonders aufschlußreich hingegen ist das in
der Literatur oft zitierte Beispiel aus Nordindien.
In der Kastengesellschaft von Rajasthan ist jeder Kaste die ihr entsprechende
Droge erlaubt. Die Brahmanen gebrauchen Hanfprodukte (bangh), weil sie die
Meditation fördern. Die Angehörigen der Kriegerkaste trinken Alkohol (daru), weil
er den aggressiven Lebensstil fördert. Die körperlich schwer arbeitende Unterschicht
bevorzugt Opium, um die Ermüdung weniger zu spüren und um sich von der harten
Arbeit besser erholen zu können (Carstairs 1954).
Bei uns werden viele VWBs medizinisch geächtet und als pathologische Sym­
ptome abqualifiziert: „In der Regel wird in der Psychiatrie und Psychologie nicht
zwischen mystischen Erfahrungen und Geisteskrankheiten unterschieden“. (Grof &
Grof 1990: 23) In vielen außereuropäischen Kulturen gelten VWBs als heilsam,
weil sie ein spirituelles Wachstum und eine Um- oder Neuorientierung sowie ein

5 Es wurden inzwischen T-Shirts mit diesem parodistischen Spruch bedruckt und bundesweit in
Umlauf gebracht. Darauf reagierte der Bundesgesundheitsminister mit einer Klage gegen die
Vertreiber; es handele sich um eine Verballhornung und nicht um eine künstlerische Parodie.
Ein erneuter Ausdruck einer tiefen kulturellen Kluft und kognitiven Dissonanz (vgl. TAZ vom
16.10.1992).
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 31

vertieftes mystisches oder kognitives Verstehen ermöglichen (Dittrich & Schar-


fetter 1987; Grof 1987). In traditionellen Kulturen, wie z. B. bei nordamerikani­
schen Indianern, werden absichtlich veränderte Wachbewußtseinszustände erzeugt,
um sie heilsam einzusetzen (Jelik 1987, Lex 1976).
„Der ‘Rausch’ wird ... in der Gesellschaft und der Kultur der Matsigenka positiv
bewertet. Der ‘Rausch’ führt zur Trance. Traum und Trance zeigen das Verborgene,
z. B. die verborgenen Krankheitsursachen, und bilden mithin die Voraussetzungen zum
Heilverfahren und Heilerfolg.“ (Baer 1987: 72f.)

Die Erzeugung von veränderten Bewußtseinszuständen

»Gleichgültig welches Mitte! man wählt, um auf die Reise zu


den ‘Antipoden unseres normalen Wachbewußtseins’ (Huxley, 1956)
zu gehen, man landet stets in einer vergleichbaren Region,
in die man je nach auslösender Bedingung mehr oder weniger
tief eindringen kann.«
Adolf Dittrich und Christian Scharfetter,
Phänomenologie außergewöhnlicher Bewußtseinszustände

In der ältesten schriftlich überlieferten Lehre veränderter Bewußtseinszustände, den


Yoga-Lehrsprüchen des Patanjali (ca. 2. Jh. v. Chr.), werden bereits die wesentlich­
sten Gruppen von Stimuli zur Erzeugung von VWBs genannt:
„Die wunderbaren Fähigkeiten (siddhi) [= VWBs] sind entweder angeboren oder sie
entstehen durch (medizinische) Pflanzen [= Drogen], durch heilige Worte (mantra),
durch Askese oder durch Versenkung.“ (Patanjali 1982: 163)
VWBs sind immer mit veränderten chemischen Zuständen des Nervensystems
verbunden (Zehentbauer 1992). VWBs werden sowohl durch exogene als auch
durch endogene Neurotransmitter ausgelöst. Es gibt zwei verschiedene Verfahren,
um die Neurotransmitter oder Botenstoffe zu aktivieren: entweder psychoaktive
Drogen einnehmen oder gezielte körperlich-geistige Techniken ausüben. Beide
Verfahren sind uralt; sie waren schon dem Menschen in der Steinzeit bekannt. In
32 Chr. Rätsch

(fast) jeder Kultur sind Drogen6 und/oder verschiedene Techniken (Induktionsme­


thoden) bekannt, die veränderte Bewußtseinszustände auslösen.

Exogene Neurotransmitter

»Die halluzinogenen Pflanzen bzw. deren Eignergeister öjjnen


dem, der sie einnimmt, die Augen; sie lassen ihn die außer­
alltägliche Wirklichkeit, die als Realität schlechthin gilt,
erkennen, und sie sind es letzlich, nicht der Schamane, die die
Kranken von ihrem Übe! befreien.«
Gerhard Bacr,
Peru an ische aj vhuasca-Sitzungen

Die Neandertaler von Shanidar haben vor 60.000 Jahren Ephedrakraut (Ephedra sp.)
rituell mitbestattet. Im Südwesten von Nordamerika wurden in 8.000 Jahre alten
prähistorischen Kivas, indianischen Ritualräumen, die psychoaktiven Samen von
roten Mescal-Bohnen (Sophora secundiflora) und Stechäpfeln (Datura inoxia)
gefunden (Rätsch 1988). Ötzi, der gefriergetrocknete Gletschermann, der kürzlich
im tauenden Eis des Similaun-Gletschers gefunden wurde, hatte psychedelische
Pilze bei sich. Sein Alter: 5.300 Jahre (Scheppach 1992: 22).
Ein kleiner Überblick von der Reichhaltigkeit der kulturell benutzten Drogen
(sog. „Pflanzen der Götter“ oder „Zauberpflanzen“) zur Erzeugung veränderter
Bewußtseinszustände soll genügen, deren universale Bedeutung zu illustrieren (vgl.
Nadler 1992, Rätsch 1988, Hofmann & Schultes 1987).
Bei vielen täglichen Genußmitteln, die wir heute in unserer Kultur bzw. jeweili­
gen Subkultur integriert haben, handelt es sich um psychoaktive Drogen, die
traditionell im Schamanismus oder der Mystik eine wichtige Rolle gespielt haben.
Der Alkohol in Form vergorener Getränke war ursprünglich ein zeremonielles
Rauschmittel, das bei mystischen Ritualen gemeinschaftlich konsumiert wurde.
Destillierter, also hochprozentiger Alkohol hatte bei den arabischen und mittelalter­
lichen Alchemisten eine gewisse rituelle Bedeutung. Heute benutzen sibirische

6 In allen Kulturen werden verschiedene Kategorien der Funktion von Drogen verwendet:
Arbeitsdrogen, Genußdrogen, Entspannungsdrogen, Erkenntnisdrogen, Heildrogen.
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 33

Schamanen Vodka. um in die schamanische Trance zu verfallen. Zuckerrohrschnaps


wird auch von den Schamanen der Tzotzil-Hochlandindianer von Chiapas/Mexiko
reichlich genossen, um heilen und prophezeien zu können.
Der aus Amerika stammende Tabak (Nicotiana spp.) war ursprünglich eine
Pflanze der Götter; er wurde rituell und medizinisch genutzt.
Der Kaffee (Coffea arabica) wurde ursprünglich von äthiopischen Sufis getrun­
ken, um bei langen Meditationen und beim Tanzen wach zu bleiben.
Der Tee (Thea sinensis) wurde ursprünglich getrunken, um bei der Meditation
nicht einzuschlafen.
Mate (Ilexparaguariensis) wurde ursprünglich bei den Guarani-Indianern rituell
und schamanisch gebraucht. Guarana (Paullinia cupana), die neue „Tekkno-Droge“,
war bei den Amazonasindianem eine Jagd- und Schamanendroge. Der Kakao
(Theobroma cacao) war auch eine stimulierende Pflanze der Götter.
Viele Gewürze, wie Muskat (Myristica fragrans), Nelken (Eugenia caryophyl-
lata) und Safran (Crocus sativus) können extrem psychoaktiv wirken, werden sie in
der richtigen Dosis eingenommen.
Viele Pflanzen, die bei uns als Giftpflanzen verschrieen sind, wurden früher als
Rausch- und Ekstasemittel benutzt: z. B. der Fliegenpilz (Amanita muscaria), die
Tollkirsche (Atropa belladonna), das Bilsenkraut (Hyoscyamus spp.) sowie die
geheimnisumwitterte Alraune (Mandragora officinarum).
Bei vielen der exotischen Zierpflanzen, die sich in den letzten Jahrzehnten in
Europa und Amerika eingebürgert haben, handelt es sich um alte Schamanendrogen:
z. B. die prächtigen Engelstrompeten (Brugmansia spp.), die köstlich duftenden
Stechäpfel (Datura spp.), verschiedene Winden (Ipomoea spp.), farbenprächtige
Seerosen (Nymphaea spp.) und mehrere Arten der Manakawurzel (Brunfelsia spp.).
Viele bei uns (noch?) illegale Drogen, die wir entweder aus eigener Erfahrung
oder aus der Medienberichterstattung vom „Krieg den Drogen“ kennen, haben in
ihren Ursprungsländern oder auch bei uns in vergangenen Zeiten eine rituelle
Funktion ausgeübt oder üben sie noch heute dort, aber auch bei uns, zumindest in
gewissen subkulturellen Zirkeln, aus. Zu nennen sind im besonderen der Hanf
(Cannabis spp.), dessen ältester archäologischer Beleg nicht in Asien, sondern in
Thüringen zu finden ist. Kokain und Coca-Blätter (Erythroxilon coca), Opiate und
Opium, sowie Meskalin, Peyote (Lophophora williamsii) und Zauberpilze (Psilocy-
be spp.).
Außer den bei uns allgemein bekannten und benutzten legalen Drogen Alkohol,
Tabak, Kaffee. Tee. Kakao usw. gibt es noch eine Reihe anderer legaler Drogen,
34 Chr. Rätsch

die aber medizinisch kontrolliert werden, wie die synthetischen Psychopharmaka


und verschiedenen Narkosemittel wie Lachgas oder Ketamin. Eine medizinsche so­
wie gesellschaftliche Sonderstellung nimmt das LSD ein.
Weiterhin gibt es viele für uns sehr exotische Drogen, die jedoch bei anderen
Völkern eine wichtige rituelle Rolle und kulturkonstituierende Funktion einnehmen:
so das stimulierende Qat (Catha cdulis), die DMT-haltigen Schnupfpulver der
Amazonas-Indianer. Ayahuasca (der Trank der wahren Wirklichkeit) oder die psy­
chedelischen Kröten (Bufo alvarius, Bufo marinus).

Endogene Neurotransmitter

»Der Mensch ist sein eigener Drogenproduzent; er muß nur


wieder lernen, wie er bedarfs- und wunschgerecht seine
körpereigenen Drogen stimulieren kann.«
Josef Zehentbauer,
Körpereigene Drogen

Die Entdeckung der körpereigenen Drogen oder Neurotransmitter führt zu einem


neuen Verständnis vieler Praktiken und Rituale, die in ethnischen Zusammenhängen
ausgeübt werden, um VWBs zu erzeugen. Im folgenden soll ein Überblick zu den
verschiedenen Techniken und entsprechenden Methoden, die in ethnischen Zu­
sammenhängen stehen oder Ergebnisse moderner Forschung sind, gegeben werden
(vgl. Dittrich 1985. Zehentbauer 1992).
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 35

Techniken zur Aktivierung endogener Neurotransmitter:

Technik Traditionelle oder moderne Methode


Reizentzug Höhlenaufenthalte7
Tempelschlaf (Inkubation)
Aufsuchen der Einsamkeit (Askese)
Einmauerug (z. B. von Mönchen in Ladakh)
Isolationstank (Samadhi-Tank)
Retreat
Camera silens
Reizüberflutung Las Vegas
Mindmachines
Tekkno-Disco (Light shows)
Schlafentzug rituelle Wachen bei ethnischen Zeremonien
asketisches Wachen im altkirchlichen Christentum
Initiationsriten nordamerikanischer Indianer
Leben im Zen kl oster
Fasten Askese
Visionssuche
Heilfasten
Ramadan
Atmen Prana- Yoga/Pranayama
schamanischer Keuchatem
Sufi-Atemtechniken
Hyperventilation, Rebirthing
Holotropes Atmen
Biofeedback
Körperübungen Hatha-Yoga
Tai Chi Chuan
Bogenschießen
Sex Tantrarittiale
Taoistische Alchemie
Sexmagick

7 In Höhlen ist zudem die C02-Konzentration oft erheblich höher als in der Außenluft; es konnte
experimentell nachgewiesen werden, daß CO,-Überdosierungcn zu außergewöhnlichen Bewußtseins-
zuständen führen (Dittrich 1987: 27).
36 Chr. Rätsch

Technik Traditionelle oder moderne Methode

Schmerz schmerzhafte Initiation


Sonnentanz (Prärieindianer)
Tortur/Marter/Folter
Schmerzrituale (Lardig 1988)
Methoden der Fakire
Geißelung
Opfertod (Azteken)
Schwitzen Schwitzhütte
Musik Singen, Chanten
Trommeln
passives Musikhören
Rockkonzerte
Tanz Ritualtänze
Ekstase-Tänze, z. B. der Klung
Derwischtanz
Besessenheitstänze (Voodoo, Macumba)
Geistertanz
Kürbistanz (Kiowa)
Barong (Bali)
Hypnose Zaubersprüche
Heilungsgesänge, z. B. der Cuna und Mashco
Spiritismus (vgl. Stoll 1904) (Gebete)
Autohypnose Autogenes Training
mediale Trance
Meditation* Yoga. Kundalini-Meditation
körperaktiv Versenkung (Samadhi-Yoga)
geistaktiv (kon- M antren/Zaubersprüche
zentrativ) Japa-Yoga
Transzendentale Meditation
Visualisation
Phantasiereisen
Mandala-Meditation
Yantra-Meditation
Konzentration auf Objekte, z. B. Ammoniten
Koan

8 „Allen konzentrativen Mediationstechniken ist gemeinsam, daß die Aufmerksamkeit über eine
gewisse Zeitspanne einem einzigen Gegenstand zugewendet wird.“ (Diuricli & Scharfcttcr 1987: 24)
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 37

Bei der Analyse von Ritualen oder Verfahren zur Induktion veränderter Bewußt­
seinszustände zeigt sich, daß oft multiple Faktoren das Bewußtsein beeinflussen. Es
können verschiedene
- Drogen mit anderen Drogen
- Drogen mit Techniken
- Techniken mit anderen Techniken
kombiniert werden, um das Nervensystem auf gewünschte Weise zu programmie­
ren.
Oft werden die Techniken zur Ausschüttung endogener Neurotransmitter mit der
gleichzeitigen Einnahme von Drogen kombiniert, damit die erwünschte oder
angestrebte Bewußtseinsveränderung besser gesteuert bzw. programmiert werden
kann. So werden Meditationstechniken mit der Einnahme stimulierender Drogen
(Tee, Kaffee) verbunden, damit man bei der langen konzentrativen Aufmerksamkeit
nicht einschläft. Oft werden körperliche Yogaübungen mit Haschischrauchen
verbunden, damit sowohl Körper als auch Geist stimuliert werden. Bei traditionellen
erotischen Ritualen werden fast immer psychoaktive Aphrodisiaka eingenommen,
damit bei komplizierten geistigen Techniken und Prozessen die sexuellen Kräfte
erhalten bleiben. Bei der „hypnodelischen Therapie“ wird dem Patienten unter
Hypnose LSD verabreicht, damit die psychedelische Erfahrung besser zu kon­
trollieren und zu lenken ist.
Die Visionssuche der nordamerikanischen Indianer (vgl. Foster & Little 1991.
Drury 1989) ist ein Beispiel dafür, wie eine Fülle von Techniken kombiniert wird,
damit es zu der angestrebten Großen Vision kommt (Techniken mit Drogen). Der
Visionssucher geht zunächst in die Schwitzhütte. Dann sucht er die Einsamkeit
(gewöhnlich an einem heiligen Ort, z. B. dem Bear Butte in South Dakota) auf. Er
fastet für 3-4 Tage (oft durstet er auch!). Er legt ein Medizinrad, spricht ständig
Gebete und raucht ununterbrochen die heilige Pfeife, die mit verschiedenen, meist
psychoaktiven Kräutern (Bauemtabak, Stechapfel) gestopft ist.

Anwendung und Nutzen veränderter Bewußtseinszustände

Nachdem jetzt schon deutlich wurde, daß die gezielte Erzeugung von veränderten
Bewußtseinszuständen praktisch weltweit bekannt ist. bleibt die Frage nach der
(sinnvollen) Anwendung und dem sich daraus ergebenden Nutzen auf persönlicher,
gesellschaftlicher und allgemein kultureller Ebene (vgl. Dobkin de Rios 1975,
38 Chr. Rutsch

Dobkin de Rios & Smith 1977). Bei traditionalen Völkern, in vorindustriellen Ge­
sellschaften und in gewissen subkulturellen Zirkeln werden Rituale und Verfahren
zur zeitlich begrenzten Bewußtseinsveränderung angewendet, weil sie der Heilung,
der Erkenntnis oder dem spirituellen Wachstum und der Lebensbewältigung dienen.
So gibt es bestimmte Ritualformen, die in verschiedensten Kulturen wiederzufinden
sind, und deren Zweck immer der gleiche ist (Rätsch 1991b). Oft läßt sich die An­
wendung für medizinische Zwecke nicht von denen für mystische Zwecke trennen,
denn oft haben mystische Erfahrungen besonders starke Heilkräfte (vgl. Grof
1987). Manche Rituale verfolgen verschiedene Zwecke gleichzeitig und haben
mehrfachen Nutzen. Ein kleiner Überblick soll dies verdeutlichen:

Anwendung Nutzen

Inkubation Heilung/Erkenntnis/Problemlösung
Schamanismus Heilung/Problemlösung
Mysterienkulte Spirituelles Wachstum/Erkenntnis/Initiation (Einweihung)
Divination Problemlösung/Verhaltensstrategie
Kreisrituale Soziale Integration/Erkenntnis
Visionssuche Inspiration/Spiritualität
Symposion Intelligenzsteigerung

Bei der Inkubation, wie sie im Tempelschlaf des Asklepioskultes in Epidauros


geübt wurde (Siefert 1990), soll der Klient eine Traumoffenbarung durch Asklepios,
den Heilgott, erleben und dadurch direkt geheilt werden oder sein Problem erken­
nen.
Im Schamanismus steht im Zentrum die Heilung durch Ausflüge in andere
Wirklichkeiten, sprich außergewöhnliche Bewußtseinszustände. Dazu versetzt sich
entweder der Schamane allein, der Schamane und dessen Patient oder ein Kollektiv
(Stamm, Geheimgesellschaft) in einen VWB, wie etwa bei den Ayahuasca-Kulturen
am Amazonas. Entweder nimmt der Schamane Ayahuasca, um die Krankheit im
Patienten zu erkennen, oder er gibt dem Patienten auch Ayahuasca und führt ihn
durch die „wirkliche Wirklichkeit“ zu dessen eigenem Zentrum. Dadurch kann der
Patient seine Probleme oder Krankheitsursachen erkennen und gerade deswegen
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 39

verändern bzw. beheben. Manchmal geht der ganze Stamm auf Trip, um durch
geteilte mystische Erfahrungen die soziale Integrität zu stärken und die Stellung und
Aufgabe des Stammes im Kosmos zu erkennen (Reichel-Dolmatoff 1971).
Über die Mysterien von Eleusis und deren Bedeutung hat gerade Albert Hofmann
sehr eindrücklich berichtet (vgl. Wasson et al. 1984).
Bei Kreisritualen begibt sich gewöhnlich eine Gruppe von Menschen gemeinsam
und gleichzeitig in einen veränderten Bewußtseinszustand, meist mittels einer
psychoaktiven Droge. Es gibt in der ethnographischen Literatur zahlreiche Beispiele
von Kreisritualen. Sie scheinen die ursprünglichste oder archaische Form von
Ritualen kollektiver Bewußtseinsveränderung zu sein. Ich habe bei den Lakando-
nen-Indianern im mexikanischen Regenwald eine solche Ritualform ausführlich
untersucht. Dabei wird ‘balche ’, ein psychoaktiver Trunk, eine Art Met aus Wasser,
Honig und der Rinde eines Baumes (Lonchocarpus violacaeus), hergestellt. Nach­
dem der Trunk vergoren ist und durch den Alkoholgehalt (ca. 4-5%) die psychoak­
tiven Rindenwirkstoffe (Longystiline) herausgelöst hat, wird er den Göttern ge­
opfert. Dann versammeln sich die Teilnehmer im Götterhaus und setzen sich in
einen Kreis. Jeder Teilnehmer nimmt die gleiche Menge des Trankes zu sich (bis
zu 20 1). Die Wirkung des Trankes sowie die Ritualanordnung vermitteln den
Teilnehmern ein sehr intensives Zusammengehörigkeitsgefühl. Dadurch werden
soziale Bande gefestigt und Aggressionen abgebaut. Nebenbei gesagt hat der Trank
aufgrund seiner laxativen. diuretischen und emetischen Wirkung einen sehr positi­
ven Effekt auf die (physische) Gesundheit (Rätsch 1985).
Übrigens hatten unsere germanischen Ahnen ähnliche Kreisrituale mit Met oder
psychoaktivem Bier, das unter Zusatz von Bilsenkraut gebraut wurde. Die Germa­
nen tranken im Kreis solange, bis „die Götter unter ihnen weilten“.
Schließlich ist auch das altgriechische Symposion eine Form des Kreisrituals. Die
Teilnehmer liegen im Kreis, hören Musik und trinken Wein (vgl. Murray 1990).
Anschließend spricht einer nach dem anderen zu einem bestimmten Thema. Ein
Symposion ist also das gemeinsame high-Werden und die Verständigung darüber.
Zum Abschluß möchte ich die zukunftsweisenden Worte von Marina Prins zi­
tieren:
„Träume, Besessenheit und durch Drogen oder auf andere Weise ermöglichte Visionen
sind deshalb wertvolle, mit Respekt und Sorgfalt zu behandelnde Schlüssel zu jener
anderen Welt, die tiefere Wahrheit birgt und von größter Relevanz ist für den einzelnen
wie für die in ihrem inneren Gleichgewicht immer wieder neu bedrohte Gemeinschaft,
wenn man bloß die Kunst beherrscht, ihre Botschaften zu hören und zu lesen." (Prins
1987: 68)
40 Chr. Rätsch

Zusammenfassung
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände

In allen Kulturen gibt es die Unterscheidung zwischen der alltäglich wahrnehmba­


ren und erfahrbaren Welt, den gewöhnlichen Bewußtseinszuständen, und den
außeralltäglichen, besonderen Bewußtseinszuständen, in denen Wahrnehmungen und
Erfahrungen stattfinden, die Blicke in eine andere, gewöhnlich verborgene Wirklich­
keit ermöglichen. In manchen Kulturen werden die veränderten Bewußtseins­
zustände gefördert und gelten als erwünscht, in anderen Kulturen werden sie
unterdrückt und sanktioniert. Es sind im Laufe der Menschheitsgeschichte viele
Methoden entwickelt worden, um das Alltagsbewußtsein zu verändern: psychoaktive
Drogen, Körpertechniken. Reizentzug oder -Überflutung. Sex. Meditation, Musik.
Um die Erfahrungen während veränderter Bewußtseinszustände persönlich wertvoll
und kulturell erwünscht oder akzeptabel zu gestalten, werden die Techniken zur
Bewußtseinsveränderung in einen rituellen Rahmen integriert. Die Zwecke dieser
Rituale umfassen soziale Integration, Lebensschulung, Erlangung von Wissen und
Erkenntnis, Erleuchtung, Heilung und künstlerischen Ausdruck. Die Rituale des
veränderten Bewußtseins dienen der Divination, ermöglichen mystische Erfahrungen
und begünstigen das Schamanisieren.
Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 41

Anhang

3-Phasen-Modell der Bewußtseinsmatrix „Halluzinatorische Trance“

Wahrnehmung
Neurophysiologie Formen Inhalte
(Phase)
Veränderung Phosphene (entoptic inniges) abstrakt Symbole/Zeichen

Tunneleffekt psychedelischer Durchbruch abstrakt/gegenständlich Geburistrauma


angstvolle Ich-Auflösung
Tod und Wiedergeburt
Tierverwandlung
andere Welt Licht transpersonale Ebene ozeanische Entgrenzung
Synaesthesien kosmisches Bewußtsein
Akasha
unio mystica
Erleuchtung

Je nach Stärke der psychoaktiven Droge/Technik können die drei Phasen erreicht wer­
den.
42 Chr. Rätsch

Analogie zwischen exogenen und endogenen Neurotransmittern

Exogene Neurotransmitter endogene Neurotransmitter

Tryptamine
Psilocybin/Psilocin Seroton in
Bufotenin
5-Meo-DMT/DMT/LSD 5-Meo-DMT/Endopsychedelika
Harmalin/Harmin β-Carboline
Ibogain
Yohimbin
Phenethylamine
Phenethylamin Phenethylamin
Meskalin Dopamin
Amphetamine/-derivate Adrenalin
(Ephedrin, MDMA usw.)
Kokain Noradrenalin
Morphine
Opiumalkaloide Endorphin/Enkephalin
Heroin
(Alkohol)
Tropan-Alkaloide
Atropin Acetylcholin
Scopolamin
(Nikotin)
diverse Gruppen Angeldustin
PCP/Ketamin Muscimol/lbotensäure
GABA Anandamid
Cannabinoide? Endovalium
Valium

(nach Höhle et al. 1986: 27; ergänzt nach Zehentbauer 1992)


Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 43

Die Struktur von Erkenntnisritualen

Phase Innerer Prozeß Äußere Handlung

Vorbereitung (Nor­ Reinigung sexuelle Enthaltsamkeit


malbewußtsein) Fasten
Waschung/Erbrechen/Klistiere
Kleidungswechsel
Fragestellung Besinnung/Kontemplation
Meditation
Durchführung Schaffung des heiligen Räucherung
(VWB) Raumes Opfer
Musik/Gebete/Beschwörungen
Droge/psvchoaktive Technik
Vision/Erkenntnis Gebrauch von Ritualobjekten
Nachbereitung Antworten finden/ Visionen kommunizieren (erzäh­
(Normalbewußt­ Probleme lösen len, singen, malen, Bücher
sein) schreiben usw.)

(nach Rätsch 1991a und 1991b, modifiziert)


44 Chr. Rätsch

Set: Veränderung in: Konsequenzen:


- Intention - Denken, Einstellung - Interpretation (was?)
- Erwartung - Fühlen, Emotionen - Bewertung
- Persönlichkeit - Wahrnehmung ..(gut oder schlecht)
- Stimmung - Zeitsinn - Verhaltenswandel
- Körpererleben
- Selbsterleben

Trigger / Katalysators^
(Dosierung)

— Normalzustand veränderter • Normalzustand —


Zustand

Zeit

(nach Metzner 1971)


Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände 45

Literaturauswahl

Dittrich, A. & Scharfetter, Chr. (Hg.): Ethnopsychotherapie. Enke, Stuttgart 1987.

Fürst, P.T.: Hallucinogens and Culture. Chandler, San Francisco 1976.

Grof, St.: Das Abenteuer der Selbstentdeckung: Heilung durch veränderte Bewußtseinszustände.
Kösel, München 1987.

Hofmann, A.: Einsichten - Ausblicke. Sphinx, Basel 1986.

Hofmann, A., Schultes, R.E.: Pflanzen der Götter. Hallwag, Bern 1987.

Metzner, R.: Maps of Consciousness. Macmillan, New York 1971.

Ratsch, Chr.: Lexikon der Zauberpflanzen aus ethnologischer Sicht. ADEVA, Graz 1988.

Ratsch, Chr.: Pflanzen der Liebe. Hallwag, Bern 1988, 1990.

Ratsch, Chr. (Hg.): Das Tor zu inneren Räumen. In: Festschr.f. Albert Hofmann. Martin, Süder­
gellersen 1988, 1992.

Tart, Ch.C.: Transpersonale Psychologie. Walter, Olten 1978.

W eil , A.: The Natural Mind. Houghton Mifflin, oston 1986.

Ausführlicher Literaturnachweis beim Autor erhältlich.


Halluzinogene im Kulturvergleich 47

Marlene Dobkin de Rios

Halluzinogene im Kulturvergleich1

Es ist eine große Freude, heute hier auf dem internationalen Treffen des Europä­
ischen Collegiums für Bewußtseinsstudien zu sein. Ich möchte über meine For­
schungen der letzten 25 Jahre berichten. Als ich in höherem Semester medizinische
Anthropologie studierte, führten mich glückliche Umstände an die peruanische
Küste, wo ich Untersuchungen über traditionelle Volksheiler anstellte. Es waren
Mestizen, die ein pflanzliches Halluzinogen, den San Pedro-Kaktus (Trichocereus
pachanoi), verwendeten, um bei ihren Klienten psychologische Störungen und
Gefühlsstörungen zu behandeln. In den siebziger Jahren kehrte ich etliche Male
nach Peru zurück, um in den peruanischen Amazonasstädtchen Iquitos und Pucallpa
zu arbeiten und den Gebrauch von Ayahuasca zu studieren, einem Trank, der aus
einem Pflanzengemisch zubereitet wird, zu dem verschiedene Banisteriopsis-Arten
gehören, und der in der Volksheilkunde in den Städten Verwendung findet.
Im Laufe der Jahre veröffentlichte ich drei Bücher und zahlreiche Artikel, die
sich mit pflanzlichen Halluzinogenen und Kultur beschäftigen. Aus den Aufzeich­
nungen meiner Arbeit in der städtischen Slumsiedlung Belen in Iquitos entstand
mein erstes Buch Visionary Vine (1972), das gleichzeitig meine Doktorarbeit
darstellte. Dort führte ich umfassende Untersuchungen über zehn Ayahuasca-Heiler
und ihre Patienten durch. 1970 arbeitete ich auf Empfehlung von Michael Harner
an der Smithsonian Institution in Washington, D. C., als Gastwissenschaftler, um
bei der Vorbereitung einer Ausstellung über die Verwendung von Drogen durch den
Menschen mitzuhelfen. Aus jener Zeit stammt auch das Datenmaterial, das schließ­
lich im Bericht der zweiten nationalen Kommission der USA über Marihuana und
Drogenmißbrauch veröffentlicht wurde. Dieser Bericht bildete die Grundlage für
mein zweites Buch, Hallucinogens: Cross-cultural Perspective (1984), das den
theroretischen Versuch darstellt, die wichtige Rolle zu verstehen, die pflanzliche
Halluzinogene in der Geschichte und Vorgeschichte des Menschen gespielt haben.
Ein neueres, vor kurzem erschienenes Buch, Amazon Healer (1992), befaßt sich mit
dem Leben und Wirken des städtischen Ayahuasca-Heilers Don Hilde in Pucallpa,
Peru, bei dem ich mich 1977 und 1978/79 zweimal einen längeren Zeitraum zu
Feldforschungen aufhielt. Da seit Beginn meiner Karriere Volksheiler und psycholo­

1 Deutsche Übersetzung von Gunter Seipel, Rosental 74, D-53111 Bonn.


48 M. Dobkin de Rios

gische Fragen Gegenstand meiner Studien waren, schien es nur logisch zu sein,
dieses Wissen für den Dienst an anderen zu nutzen. 1982 startete ich daher eine
zweite Karriere als Psychotherapeutin, kehrte für eine weiterführende Ausbildung
an die Universität zurück und erhielt 1988 die Lizenz für Kalifornien. Gegenwärtig
bin ich im Fachbereich Psychiatrie an der University of California in Irvine tätig,
arbeite an der Entwicklung kulturübergreifender Lehrpläne für die Assistenten­
ausbildung und im Bereich Hypnotherapie und Schmerzkontrolle im Lehrkranken­
haus.
In der kurzen Zeit, die mir heute zur Verfügung steht (weniger als 2 Minuten pro
Forschungsjahr ...), würde ich gerne schlaglichtartig meine Befunde aus einer
Vielzahl von Disziplinen beleuchten. Folgende Themen wurden bei meinen For­
schungen über Halluzinogene berührt: Kulturevolution, symbolisches Verhalten,
Psychiatrie/Psychologie, Ethnobotanik, Kunstgeschichte, Vorgeschichte, Para­
psychologie und Postmoderne. Während einiges von meiner Arbeit in Europa
veröffentlicht wurde, blieb vieles dort noch unveröffentlicht. Daher möchte ich
heute die Hauptergebnisse aus diesen unterschiedlichen Gebieten zusammenfassen.
Ich denke, Halluzinogene sind in den verschiedenen Kulturen immer als zwei­
schneidiges Schwert angesehen worden. Einerseits wurden sie von unterschiedlichen
Gesellschaften verschiedener Zeitepochen und Lebensräume deswegen verwendet,
weil man ihre Fähigkeit wahrgenommen hatte, den Menschen einen Zugang zu
spirituellen Bereichen zu eröffnen. Damit will ich sagen, daß wir durch eine
Änderung unserer Körperchemie Bereiche des Seins in Erfahrung bringen können,
die normalerweise den meisten Menschen verschlossen bleiben. Die Gegenhypo­
these wäre natürlich die Auffassung, das beruhe alles auf einer ‘Fehlschaltung’ im
Gehirn, und chemische Substanzen pflanzlichen Ursprungs würden einen täuschen
und austricksen. In einer rationalen Welt existiert kein spiritueller Bereich, in den
man gelangen kann, daher bleiben uns nur Streiche, die uns der Verstand spielt. Der
zweite Hauptbefund, von dem ich hier berichten muß, stammt aus einer neueren
Publikation von mir, die ich 1991 mit Grob im Journal of Drug Issues veröffent­
licht habe, und die die Funktion pflanzlicher Halluzinogene als Werkzeuge oder
(mit den Worten Charles Tarts) Psychotechnologie untersucht, mit denen es älteren
Stammesmitgliedern möglich ist, die Heranwachsenden durch die bei den ver­
änderten Bewußtseinszuständen auftretende Hypersuggestibilität zu beeinflussen. Sie
können auf diese Weise der Jugend im Dienst des Überlebens so etwas wie eine
Gehirnwäsche verpassen. Gegenwärtig arbeite ich an einem Vortrag über Halluzino­
gene und Geisteskontrolle, den ich diesen Dezember auf der Versammlung der
Halluzinogene im Kulturvergleich 49

amerikanischen anthropologischen Gesellschaft halten will. Mehr zu diesem Thema


später.

Der Prozeß der Kulturevolution

Anthropologen und Archäologen, die innerhalb eines Paradigmas einer kulturellen


Evolution arbeiten, betrachten die ungeheure Zahl menschlicher Gesellschaften im
Licht geschichtlicher Veränderungsprozesse von einfachen zu komplexen Strukturen
und verstehen Kultur als Anpassung an spezifische ökologische Nischen. Diese
Gelehrten unterscheiden zwischen spezieller und allgemeiner Evolution und
untersuchen individuelle Gesellschaften bezüglich ihrer Fähigkeit, in feindlichen
Umgebungen zu überleben, und die besonderen Anpassungen, die diese Kulturen
dazu vornehmen müssen. Im Laufe der Zeit neigen Gesellschaften natürlich dazu,
immer komplexer zu werden. Das Modell befaßt sich mit Jägern und Sammlern,
den ersten Formen einer Landwirtschaft, intensiver Landwirtschaft und dem
Entstehen von Staaten. In einem Artikel, den ich 1977 zusammen mit David E.
Smith, dem Begründer der Haight Ashbury Free Clinic in San Franciso, veröffent­
licht habe, belegten wir, daß mit wachsender Komplexität der Gesellschaften der
Zugang zu durch Drogen hervorgerufenen veränderten Bewußtseinszuständen durch
aufwendige Gesetze geregelt wird, wenn auch immer weniger Individuen der
Eintritt in diese Zustände gestattet war. Das steht im Gegensatz zu Gesellschaften
von Jägern und Sammlern. In einem von Siskind 1973 belegten Beispiel dafür
nahmen in einer Gemeinschaft von 80 Menschen immerhin 25 erwachsene Männer
zweimal oder öfter in der Woche im Rahmen ritueller Zeremonien Ayahuasca zu
sich. In den staatsbildenden Gesellschaften, mit dem Aufstieg alter Hochkulturen,
in denen Halluzinogene verwendet wurden, hatte die Abschaffung der Zugäng­
lichkeit dieser Drogen zweifellos etwas mit der vermuteten Macht oder der ‘Kraft’
zu tun. die nach allgemeiner Auffassung auf eine Person, die sich in einem durch
halluzinogene Pflanzen hervorgerufenen Zustand befindet, übergeht, und mit der er
andere durch Magie oder Hexerei kontrollieren oder ihnen Schaden zufügen kann.
Wir können daher eine Entwicklung feststellen, die von exoterischen Ritualen, die
allen Erwachsenen offenstehen und zugänglich sind, zu esoterischen Ritualen führt,
die den eleusinischen Mysterien im Griechenland der Antike sehr ähnlich sind, und
über die A. Hofmann geschrieben hat (1984). Unter diesen Umständen war die
unerlaubte Verwendung von Drogen zu einem Verbrechen gegen das Gemeinwohl
50 M. Dobkin de Rios

geworden. In einer staatsbildenden Gesellschaft würde man es als eine Bedrohung


der legitimen Macht ansehen, wenn es einem Bauernschamanen erlaubt würde,
Drogenpflanzen zu verwenden, und nach den herrschenden Glaubensvorstellungen
die Möglichkeit bestand, daß eine solche Person einen Staatsträger verzauberte.
Sobald höhergestellte Teile der Gesellschaft Halluzinogene für sich beanspruchten,
läßt sich bei einer kulturellen Umwälzung, beispielsweise durch Eroberung,
Kolonialisierung oder Bürokratisierung, leicht prophezeien, daß das Wissen über
Drogen schnell verschwindet. Esoterisches Wissen drang nie wieder bis auf die
Ebene des Volkes herunter, auf der es sicherlich einmal entstanden war. Im
gleichen Maße, in dem immer weniger Einzelpersonen Drogenerfahrungen machten,
wurde ein Großteil der Glaubensvorstellungen, die mit der Verwendung solcher
Drogen verbunden waren, in der religiösen Kunst dieser Gesellschaften verschlüs­
selt. Mit dem sozialen Wandel verschwanden diese Glaubenssysteme und können
heute nur noch durch eine Analyse ihrer Kunst wieder aufgespürt werden. Die
Befunde meiner Arbeit über die alten Mayas und Embodens Arbeit über das alte
Ägypten (1981) belegten, daß diesen Hochkulturen die Gemeine Seerose (Nym-
phaea ampla) und Nymphaea caerulea bekannt war. Das führte uns zu der Auf­
fassung, daß diese Pflanzen in den esoterischen Drogenritualen dieser Zivilisationen
verwendet wurden. Unabhängig von diesen Untersuchungen wurden die halluzino­
genen Eigenschaften der bei den Mayas vorhandenen Seerose von Jose Luis Diaz
bestätigt, der die Rhizome dieser Pflanze einer gaschromatographischen Analyse
unterzog. Er fand heraus, daß diese Pflanze Aporphin, ein Opiat, das strukturell
dem Apomorphin ähnelt, enthält. Wir erörterten, daß die psychoaktiven Eigen­
schaften der Seerose gut zu dem hohen Wert paßten, den beide Gesellschaften
ekstatischen Zuständen als Vehikel der Kommunikation mit übernatürlichen Kräften
beimaßen. Die Pflanze spielte wiederum bei schamanistischen Transfonnations­
prozessen und in der Heilkunst eine wichtige Rolle. Der Maya-Schamane, Priester
und Künstler, kannte diese Eigenschaften; sie waren auch im Volkswissen der
vorklassischen Zeit vorhanden. Bei den Mayas wird die Seerose auch mit ver­
schiedenen mythologischen Vorstellungen verknüpft. Dazu gehören Todessymbole
und mythologische Wesen, die zur Entstehung dieser Pflanze geführt haben, wie
eine langnasige Schlange oder ein Regengott oder auch der Jaguar. Anatomisch
wird die Seerose mit dem Scheitel, den Ohren, den Augen, dem Mund, den Händen
und dem Hals-/Nasenbereich verbunden, was auf die psychoaktiven Wirkungen auf
die verschiedenen Sinne hinweist. Auch die Kröte (Bufo marinus) und nach hinten
gelehnte menschliche Figuren werden mit der Pflanze in Zusammenhang gebracht.
Halluzinogene im Kulturvergleich 51

Formveränderungen - die Verwandlung von Menschen in Tiere - werden


ebenfalls mit dieser Drogenpflanze assoziiert: Die Schamanen verwandeln sich
hierbei in Schutztiere. Vielleicht symbolisiert das die Quelle der Kraft für das
Individuum, das sein Schutztier anruft, damit es ihm zu Willen ist. Im alten
Ägypten stoßen wir auf Ähnlichkeiten zu den Mayas, die weniger auf transpazifi­
schen Kontakten beruhen, sondern eher auf den Eigenschaften der Halluzinogene
und der Tatsache, daß sie ähnliche Zustände veränderten Bewußtseins hervorrufen.
Seerosen wurden in den altägyptischen Kulturen als Schmuckmotiv verwendet, und
Descourtilz berichtete schon 1828 darüber, daß die Seerosen auf den Antillen eine
narkotische Wirkung hatten und Opium ersetzen konnten. Die ägyptische Zivilisa­
tion war genauso stark in gesellschaftliche Schichten gegliedert wie die der Mayas,
und in der fünften Dynastie standen die Tempel nur den Mitgliedern der Priester­
kaste offen; das gemeine Volk war nicht zugelassen. Sekundärkulte entwickelten
sich, in denen der gewöhnliche Sterbliche wirkliche oder imaginäre Helden und
Gottheiten verehrte. Ein von den Tempelpriestern täglich abgehaltenes Ritual,
dessen Formen sich in den verschiedenen Tempeln außerordentlich stark glichen,
stellte eine Verbindung zwischen dem König und Osiris dar, dessen Tod und
Auferstehung durch die blaue Seerose (Nymphaea caerulea) symbolisiert wurde.
Symbolische Seerosen finden wrir ferner im Mund von Todgeweihten auf ihrem
Weg zu den Totentempeln und auf Salbengläsern in den Gräbern der Pharaonen.
Ein bedeutender, zwischen 1500 und 350 v. Chr. datierter Papyrustext von Ani im
Ägyptischen Totenbuch beschreibt eine magische, schamanische Verwandlungs­
szene, in der Ani den Wunsch äußert, in die blaue Seerose, die Lieblingspflanze
Ras und eine Emanation seiner heiligen Gestalt, verwandelt zu werden. Emboden
liefert eine Fülle weiteren Anschauungsmaterials.

Symbolisches Verhalten

Als Ergebnis meiner für die zweite nationale Kommission über Marihuana und
Drogenmißbrauch durchgeführten Forschungen über den Gebrauch von Halluzinoge­
nen in den verschiedenen Kulturen fand ich eine ganze Reihe allgemeiner kulturel­
ler Themen, die mit der Einnahme halluzinogener Substanzen in Stammesgesell­
schaften und bei alten Hochkulturen wie den Mayas verbunden waren. Vielleicht
führt die Wirkung von Indol-Halluzinogenen auf das zentrale Nervensystem des
Menschen bei der persönlichsten Erfahrung, die ein Mensch machen kann, der
52 M. Dobkin de Rios

Drogenerfahrung, zur Entstehung einer strukturierten Abfolge von Themen. Einige


dieser Themen will ich kurz zur Sprache bringen.
Zunächst geht es um die Zeitwahrnehmung im Zusammenhang mit dem Ge­
brauch halluzinogener Substanzen. Wie Eliade schrieb (1956), ist eines der Haupt­
merkmale des Heiligen in der traditionellen Religion die Art und Weise, auf die
Menschen Zeit erleben. Die Kreisförmigkeit und die umkehrbaren Elemente einer
Zeit, in der eine ewige, mythische Gegenwart existiert, in illo tempore genannt, und
die periodisch in den religiösen Riten der Stammesgesellschaften wiederhergestellt
wird, ist ein Beispiel dafür. Eines der auffälligsten Charakteristika eines solchen
Gebrauches halluzinogener Drogen ist die Wahrnehmung einer unendlich ver­
langsamten oder die Erfahrung einer unbeschreiblich beschleunigten Zeit (Ludwig
1969, 13, p. 13/14).
Tiere scheinen eine entscheidende Rolle dabei gespielt zu haben, den Menschen
pflanzliche Halluzinogene zu zeigen und ihnen deren Eigenschaften zu offenbaren.
Es gibt immer mehr Beweise dafür, daß Tiere psychotrope Erfahrungen suchen
(Siegel 1989). und aus verschiedenen Gesellschaften, die pflanzliche Halluzinogene
verwenden, kennen wir Berichte, daß sie von Hirschen, Rentieren oder wilden
Ebern, die in ihrer Umgebung leben, etwas über Drogenpflanzen erfuhren. Trotz der
offensichtlich unangepaßten Aspekte eines derartigen Tierverhaltens ist es weit ver­
breitet. Das deutet darauf hin, daß die Verwendung halluzinogener Substanzen in
der menschlichen Gesellschaft sehr weit zurückreicht, denn Jäger und Sammler
waren diejenigen, die am genauesten beobachteten, was Tiere mit den unterschied­
lichen Pflanzen machten, und dieses Verhalten nachahmten.
Ferner ist interessant, daß viele Stammesgruppen glauben, halluzinogene Pflanzen
seien von Geistern beseelt, die entweder sehr klein oder sehr groß sein sollen.
Barber (1970) hat dafür die Begriffe ‘Mikropsia’ und ‘Makropsia’ geprägt. Er ist
der Auffassung, daß diese Erscheinungen mit einem physiologischen Phänomen in
Verbindung stehen, das auf komplexe Veränderungen der Pupillenaktivität zurück­
zuführen ist. Wir finden Berichte von Yagemenschen, kleinen Pilzwesen, winzigen
Hekula-Geistern und so weiter.
Eine wichtige Beziehung, die in der Forschungsliteratur immer wieder genannt
wird, besteht zwischen pflanzlichen Halluzinogenen und Schutztieren. Schamanen
werden in diese Tiere verwandelt und bei diesem Prozeß durch Tränke, die aus
halluzinogenen Pflanzen zubereitet werden, unterstützt. Das ist besonders in der
Neuen Welt der Fall, obwohl Emboden und ich auch bei den Ägyptern dafür
Belege gefunden haben (1981). Der Schamane gilt als fähig, für den eigenen
Halluzinogene im Kulturvergleich 53

Gebrauch beim Heilen oder Behexen eine ganze Reihe von Schutzgeistern anzu­
locken. Der Vorgang, bei dem ein ganz bestimmtes Bild vor dem inneren Auge
bestehen bleibt, während ein zweites darübergelagert wird, woraufhin das erste
langsam verblaßt, läßt sich als Beispiel einer Erklärung für diesen durchaus
üblichen Prozeß anführen. Trotzdem kann die Wichtigkeit, die in allen Stammesge­
sellschaften den Schutztieren als Macht verleihenden Elementen beigemessen wird,
gar nicht überschätzt werden.
Interessant ist auch die Rolle, die Musik im Zusammenhang mit der Verwendung
halluzinogener Substanzen spielt. Heiler oder Zauberer halten Musik für ein Mittel
zur Erzeugung stereotyper Visionen. Die Musik, im allgemeinen perkussiver Natur,
kann als etwas gelten, das für den einzelnen notwendig ist. um bestimmte kulturelle
Ziele zu erreichen, beispielsweise jemanden als Urheber einer Behexung zu
erkennen, bei der Heilung zu unterstützen, die Zukunft vorherzusagen usw. Mit
Hilfe halluzinogener Substanzen plötzlich Zugang zum Unbewußten zu erhalten,
bedeutet für den Menschen, trotz der ästhetischen Dimensionen und der starken
Ausdruckskraft der dadurch vermittelten Erfahrung, einen gefährlichen Raum zu
betreten. Psychodynamisch orientierte Forscher betonen die emotionale Reaktion auf
diese Erfahrung und den dabei hervorgerufenen körperlichen Streß, der sich an
Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Herzjagen und hohem Blutdruck ablesen läßt. Die
Musik und ihre innere Struktur übt die Funktion aus, in Perioden der Ichauflösung
einen Ersatz für die psychische Struktur zu bieten. Musik dient dann nicht nur dazu,
innerhalb des Settings eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. In Anbetracht der
Veränderung in der Ichstruktur und der Ängste und der körperlichen Unannehmlich­
keiten, die mit dem unerwarteten Zugang zu unbewußten Materialien verbunden
sind, schafft der schamanische Führer sozusagen einen Korpus aus Musik, dessen
Strukturen dem Klienten in der Drogenerfahrung den Weg weisen, ihm Halte­
möglichkeiten bieten, und ihm so dabei helfen, die eigentliche Erfahrung zu
bewältigen. Schamanen behaupten selber, daß die durch ihre Begleitung zustande­
kommende Musik ganz bestimmte, sehr hoch bewertete, strukturierte Drogenvisio­
nen hervorrufe, die ihren Klienten den Kontakt mit bestimmten übernatürlichen
Wesen erlauben, ihnen verraten, wer für eine Behexung verantwortlich ist, oder
ihnen gestatten, Kontakt mit ihren Vorfahren aufzunehmen.
Tod und Auferstehung ist ein Thema, auf das man in Gesellschaften, die diese
Drogen verwenden, ebenfalls häufig stößt. Vielleicht hat das etwas mit der Auflö­
sung der Ichgrenzen und der vereinigenden oder mystischen Erfahrung des Eins­
seins zu tun, die durch hohe Dosen pflanzlicher Halluzinogene hervorgerufen
54 M. Dobkin de Rios

werden kann und dann oft durch diese Begriffe symbolisiert wird. In den traditio­
nellen Gesellschaften auf der ganzen Welt kann diese Erfahrung durch die Aktivität
des Schamanen kulturell programmiert werden.
Das letzte interessante Thema in diesem Zusammenhang sind die paranormalen
Erscheinungen, die fast generell mit dem Gebrauch pflanzlicher Halluzinogene
verbunden werden. Auch die Vorstellung, diese Pflanzen hätten die Kraft, einem die
Fähigkeit der Weissagung zu verleihen, ist oft anzutreffen. Wissenschaftliche
Paradigmen, die uns in diesem Bereich weiterhelfen, gibt es nicht. In meinem
neueren Buch Amazon Healer belege ich jedoch, daß es in dieser Frage von
entscheidender Bedeutung ist, wie sehr die Patienten glauben, daß der Heiler über
prophetische Fähigkeiten verfügt. Dabei ist es ganz unerheblich, ob sie damit recht
haben oder nicht. Diese Glaubensvorstellungen können nämlich bei den Klienten
des Schamanen außergewöhnliche Gefühlszustände hervorrufen und aus diesem
Grunde von ihm zu einer ‘Biologie der Hoffnung’ gestaltet werden, die für seine
Behandlung der psychosomatischen und psychogenen Krankheiten seiner Klienten
unbedingt erforderlich ist - der Heilung von Beschwerden, die durch zwischen­
menschliche und umweltbedingte, auf seine Klienten einwirkende Streßfaktoren
hervorgerufen werden, und der vom Schamanen bewirkten Verbesserung des
Immunsystems seiner Klienten.
Bevor wir diesen Bereich verlassen und als Überleitung zu den Auswirkungen
meiner Forschungen für die Psychiatrie und Psychologie würde ich gerne einen
Augenblick bei der Wichtigkeit kultureller Variablen wie Glaubenssystemen,
Wertvorstellungen, Erwartungen und inneren Einstellungen verweilen und zwar
bezüglich dessen, was diese Variablen zur Strukturierung der halluzinogenen
Erfahrung beitragen. 1976 habe ich in dem Aufsatz „Man, Culture and Hallucino-
gens: An Overview“ („Mensch, Kultur und Halluzinogene: eine Übersicht“) die vor
der Drogenerfahrung vorhandenen Variablen erfaßt und untersucht, wie diese die
Wirkungsweise der Drogen festlegen. Als Ergebnis meiner kulturübergreifenden
Forschungen für die US-Kommission fand ich heraus, daß üblicherweise stereotype
Visionen vorkamen. Die Vorstellung, daß die Muster, nach denen Drogen Halluzi­
nationen erzeugen, durch die jeweilige Kultur geprägt werden, mag einem etwas
ungewöhnlich Vorkommen, denn im Westen haben wir es normalerweise mit
idiosynkratischen Berichten zu tun (Ebin 1961). Personen, die in einer Gesellschaft
aufwachsen, in der halluzinogene Drogen auf traditionelle Weise verwendet wurden,
gehen mit ganz bestimmten Erwartungen bezüglich des Inhalts und der Form des
durch diese Substanzen hervorgerufenen, visionären Erlebnisses in die Drogen­
Halluzinogene im Kulturvergleich 55

erfahrung hinein. Entsprechende Belege finden sich in Veröffentlichungen über die


sibirischen Hirtenvölker der altaischen Halbinsel, die Shagana-Tsonga in Mosambik,
die Mestizen und Stammesvölker des peruanischen Amazonasgebietes, die Klung-
Buschmänner in der Kalahari-Wüste und die Hopewell-Adena Mound-Kulturen
Nordamerikas.

Implikationen für Psychiatrie und Psychologie

Aus der Perspektive eines Psychiaters richten wir unser Augenmerk auf die
Beziehung des Individuums zur sozialen Gmppe. Ich behaupte, daß auf der unge­
mein privaten und persönlichen Seinsebene der durch Halluzinogene hervorgerufe­
nen Erfahrung die kulturelle Mitgliedschaft bestimmt, wie die visionäre Erfahrung
beschaffen ist. Musik ruft dabei stereotype Visionen hervor.
Ein weiteres interessantes Gebiet betrifft die Einnahme halluzinogener Sub­
stanzen in Stammesgesellschaften, insbesondere durch Jugendliche, als einem Mit­
tel, das den Erwachsenen zur Verfügung steht, um Jugendliche in einem durch Hal­
luzinogene hervorgerufenen Bewußtseinszustand auf ausdrücklich der Gesellschaft
dienende Ziele hinzulenken. Eine halluzinogene Erfahrung ist etwas überaus
Ungewöhnliches; sie ist von ihrer Beschaffenheit her in fast theatralischer Weise
expressiv. 1977 habe ich über diese charakteristische Eigenschaft der mit der
Einnahme von Halluzinogenen verbundenen Rituale geschrieben. Ein unvoreinge­
nommener Beobachter wird nie in der Lage sein, diese innere, thespische Qualität
der halluzinogenen Reise zu empfinden. Die Droge hat die Kraft, ausdrucksstarke
Erlebnisse hervorzurufen, die an Mächtigkeit und Dramatik der besten Theatervor­
stellung, die man sich nur vorstellen kann, in nichts nachstehen. Die Reise unter­
scheidet sich jedoch dadurch von einer Theatervorstellung, daß derjenige, der ihre
Inhalte in sich aufnimmt, gleichzeitig Schauspieler, Autor, Kostümbildner, Masken­
bildner, ja sogar Musiker ist. Ein sich ungeheuer schnell bewegendes, in brillanten
Farben strahlendes Kaleidoskop aus Formen, geometrischen Mustern und Bewegun­
gen, das ausschließlich im Innern der individuellen Psyche entsteht, gehört dabei zu
den außergewöhnlichsten Dingen, die von den meisten Menschen im normalen
Wachbewußtsein wahrgenommen werden. Der Schamane ist der Intendant und ruft
durch Musik, Gesänge, Pfeifen oder Trommelschläge strukturierte Visionen hervor,
die in der betreffenden Kultur eine ganz bestimmte Bedeutung besitzen.
56 M. Dobkin de Rias

In einem vor kurzem erschienenen Aufsalz von Grob und mir (1991) unter­
suchten wir, auf welche Weise halluzinogene Pflanzen im Laufe der Geschichte
eine wichtige Rolle bei der Wandlung heranwachsender Jungen und Mädchen in
vollgültige Teilnehmer einer Erwachsenengesellschaft gespielt haben. Wir betrachte­
ten den Gegensatz zwischen den gesetzlichen Einschränkungen einer Verwendung
pflanzlicher Drogen in der europäisch-amerikanischen Gesellschaft und der rituellen
Verwendung dieser Pflanzen in den traditionellen Stammesgesellschaften und
konnten mit großer Genauigkeit die Rolle dieses ‘geleiteten Umgangs mit ver­
änderten Bewußtseinszuständen’ beschreiben, der von den älteren Mitgliedern der
Stammesgesellschaft für die männlichen und weiblichen Heranwachsenden arran­
giert wird. Diese Erfahrungen werden dabei als kulturell anerkanntes, didaktisches
Mittel zur Vorbereitung dieser Jugendlichen auf ihre Rollen als Erwachsene genutzt.
Gegenstand unserer Betrachtungen waren die Initiationsrituale, die bei den australi­
schen Ureinwohnern, bei den Tshogana Tsonga Mosambiks und den Chumash-
Indianern Zentralkaliforniens in der Pubertät auf individueller Ebene und als Gruppe
durchgeführt wurden. Zu den dabei verwendeten Pflanzendrogen gehörten Pituri
(Duboisia hopwoodii), Datura fatuosa und Toloache (Datura meteloides). In allen
Fällen wurden die halluzinogenen Pflanzen dazu benutzt, Bewußtseinszustände
hervorzurufen, die sich sehr stark suggestiv beeinflussen ließen, so daß die Her­
anwachsenden durch eine sich in einem ungeheuren Tempo vollziehende, erzieheri­
sche Erfahrung, die den Älteren zu ihrem Überleben notwendig erschien, auf das
Leben in der betreffenden Gesellschaft vorbereitet wurden. Die psychedelischen
Zustände steigerten die Lernfähigkeit der Jugendlichen und ließen zwischen den
Gruppenmitgliedern eine Bindung entstehen, die dazu führte, daß die psychischen
Bedürfnisse des Individuums den Bedürfnissen der sozialen Gruppe untergeordnet
wurden. Die Identität der Gruppe wurde durch die Entbehrungen und die schmerz­
haften Bewußtseinsveränderungen der Rituale gefördert, zu denen Verstümmelungen
an den Geschlechtsorganen, Schlaflosigkeit und Schläge gehörten. Wir haben es
hier mit einer Art ‘Eingeborenenlager’ zu tun, in dem der Jugendliche gemeinsam
mit den anderen Mitgliedern der Gruppe die Prüfungen durchsteht. Der Jugendliche
identifiziert sich mit den anderen; oftmals hängt das erfolgreiche Überleben von
ihnen ab. Die Verwendung einiger Halluzinogene wie Pituri. in dem Scopolamin
enthalten ist, führte einen Bewußtseinszustand herbei, bei dem man hinterher nicht
mehr wußte, was geschehen war, und der eine Erfahrung von Tod und Wiederge­
burt verstärkte. Gleichzeitig entsprach dieser Zustand dem kulturellen Ziel, die
Menschen so zusammenzuführen, daß sie sich innerlich stark miteinander ver-
Halluzinogene im Kulturvergleich 57

bunden fühlten, und ein Individuum hervorzubringen, das in seiner Rolle als Kind
stirbt, um als vollwertiges, erwachsenes Mitglied der Gesellschaft wiedergeboren zu
werden. Jetzt konnte er oder sie sich fortpflanzen und produktiv werden. Die einen
Zustand der Hypersuggestibilität herbei führenden Wirkungen der Pflanzen waren für
diesen Prozeß von zentraler Bedeutung. In dem von den erwachsenen Lehrern
geleiteten veränderten Bewußtseinszustand wurden die Verhaltensmuster durch die
älteren Stammesmitglieder gestaltet, die religiösen und weltlichen Wertvorstellungen
und die der Kultur angemessenen Gefühlsmuster der Jugendlichen wurden ebenfalls
von den Älteren geprägt und vorgeformt. Die Verwendung halluzinogener Sub­
stanzen ist sicherlich ein Weg. der einer Kultur offensteht, wenn sie sichergehen
will, daß die jungen Menschen Strukturen entwickeln, die in Übereinstimmung mit
der Gruppe stehen und zum Überleben der Gemeinschaft und zur Harmonie in der
Gruppe beitragen. Fernandez (1982) diskutiert und dokumentiert die Methode, die
die Fang in Gabun dazu benutzen: Sie geben den Jugendlieben immer stärkere
Dosen des pflanzlichen Halluzinogens Iboga, bis diese die kulturell erwünschte
Vision haben. Sollte es nicht dazu kommen, dann konnte es den Berichten zufolge
durchaus geschehen, daß einige Jugendliche an Überdosen starben, wenn sie den
Ansprüchen, die ihre Kultur an ihre Fähigkeit zum Erleben des Übernatürlichen
stellte, nicht gewachsen waren.
Simon (1990), der sich in einem neueren Artikel mit einem Mechanismus
gesellschaftlicher Selektion und erfolgreicher Selbstlosigkeit beschäftigt, behauptet,
daß die Fügsamkeit des Menschen und eine eingeschränkte Rationalität zum
evolutionären Erfolg selbstlosen Verhaltens notwendig ist. Ein Sich-Fügen und die
Empfänglichkeit für gesellschaftliche Einflüsse tragen zu einem bedeutenden Teil
zur Tauglichkeit für die Spezies Mensch bei. Die Verwendung pflanzlicher Halluzi­
nogene zum Herbeiführen entsprechender Zustände bei Jugendlichen als Vor­
bereitung auf das Erwachsenwerden stellt eine überaus kraftvolle Psychotechnologie
dar, die in Stammesgesellschaften wie den drei oben erwähnten und zweifellos in
vielen anderen, von denen die Anthropologie zu berichten weiß, vorbehaltlos
Anwendung findet.
Ein weiterer Bereich, der für die Psychiatrie und Psychologie von Interesse ist,
und mit der anthropologischen Herangehensweise an die Verwendung halluzinoge­
ner Drogen zu tun hat. läßt sich in einer Reihe der oben aufgeworfenen Fragen
finden, die mit Tod, Auferstehung und deren Beziehung zur menschlichen Sexuali­
tät zu tun haben. In meinen kunstgeschichtlichen Untersuchungen über die alten
Moche (ca. 899 n. Chr.) in der Küstenregion Penis, wo heute noch San Pedro in
58 M Dobkin de Rios

Heilritualen Verwendung findet (1977), fanden wir Belege für einen kontinuier­
lichen Gebrauch der Pflanze über die Jahrtausende hinweg, der den Einflüssen der
Inkas, der Spanier und der modernen Welt trotzte. Auf einer Vielzahl von Keramik­
gefäßen entdeckten wir Darstellungen sexueller Themen, die mit skelettartigen
Materialien verbunden waren und schwer zu interpretieren sind, obwohl nur wenig
Zweifel daran besteht, daß pflanzliche Halluzinogene wie San Pedro bei fort­
gesetzten Heilritualen verwendet werden, bei denen sich ein Zugang zum Über­
natürlichen (Donnan 1976) eröffnet. Hier treten Themen gemeinsam in Erscheinung,
die auf den ersten Blick in einem diametralen Gegensatz zueinander stehen und
weit voneinander entfernt zu sein scheinen: Tod und Sinnlichkeit, Tod und Frucht­
barkeit oder Fortpflanzung. Bataille (1986) stellt in seinem hervorragenden Buch
fest, daß alle Formen der Erotik die Vermischung und Verschmelzung voneinander
getrennter Objekte darstellen und in den Tod und durch ihn zu Kontinuität führen.
Ich will an dieser Stelle darauf hindeuten, daß eine der Wirkungen des halluzinoge­
nen Zustandes, von der häufig die Rede ist, die Herbeiführung der vereinigenden
Erfahrung oder, mit Freuds Worten, der ozeanischen Erfahrung ist. Das läßt sich
mit Batailles Konzept von Erotik vergleichen, die in seinen Worten einem „den
Weg zum Tod eröffnet“. Auf diese Weise verleiht uns die mystische Erfahrung ein
Empfinden von Kontinuität und diese Kontinuität verbindet den Einzelnen mit
allem, was ist. Wir könnten die Behauptung aufstellen, daß Tod, Erotik und durch
Halluzinogene hervorgerufene Erfahrungen deswegen logischerweise miteinander
verknüpft sind, weil sie für ein Gefühl des Eingebettetseins und für Kontinuität
stehen.
Bezüglich moderner Narkosemittel möchte ich gerne kurz eine Arbeit zusammen­
fassen, die in den siebziger Jahren mit einem Team von der University of California
am Irvine Burn Center, in dem ich interkulturelle Programme leite, veröffentlicht
wurde. Über viele Jahre hinweg war Ketamin das Anästhetikum der Wahl bei
bestimmten Verfahren der Wundversorgung wie dem Debridement, weil man damit
ein sicheres und wirksames Mittel zur Erzeugung eines kataleptischen Narkosezu­
standes in der Hand hatte, bei dem die Muskeln starr werden und unwillkürliche
Bewegungen aufhören. Bei 12-36 % der Patienten stellten sich jedoch nachteilige
Wirkungen ein: Sie litten, insbesondere nach der Operation, unter dem Auftauchen
quälender Reaktionen, die sich durch Unruhe, lebhafte Träume, Halluzinationen und
bizarres, impulsives Verhalten auszeichneten. Die Oberschwester und der Leiter des
Burn Centers erkannten, daß vor der Erfahrung existierende Variablen auf die
pharmakologischen Eigenschaften des Mittels einwirkten, und unternahmen Maß­
Halluzinogene im Kulturvergleich 59

nahmen, um die Reaktion des Patienten auf Ketamin unter Kontrolle zu bringen, die
Drogenerfahrung weniger furchterregend werden zu lassen oder psychologische Un­
annehmlichkeiten zu vermeiden. Das Pflegepersonal und die Ärzte bereiteten die
Patienten auf die Erfahrung vor, informierten sie zwanglos über das Verfahren und
wiederholten immer wieder, daß die Patienten ihre Erfahrung durch positive Ge­
danken angenehm gestalten konnten. Was die erwarteten Ergebnisse ihrer Ketamin-
erfahrungen anbelangte, glaubten die Patienten eher den Ratschlagen der Ärzte als
denen des Pflegepersonals - eine Situation, die zweifellos Parallelen zur Macht­
stellung des Schamanen in Stammesgesellschaften aufweist.

Ethnobotanische Befunde

Auf die unabhängig von meinen 1974 veröffentlichten Befunden einige Jahre später
durch Diaz erfolgte Verifizierung der halluzinogenen Eigenschaften der Seerose (N.
ampla) bei den alten Maya bin ich bereits eingegangen. In meiner Arbeit mit
Janiger, dem Leiter der Hofmann Foundation in Los Angeles, veröffentlichten wir
etliche Aufsätze über die halluzinogenen Eigenschaften der Tabakpflanze (1973,
1976). Aus haltbar gemachten kommerziellen Tabaksorten und ihrem Rauch wurden
insbesondere Harniala-Alkaloide, nämlich Harman und Norharman, isoliert; diese
Verbindungen gehören zur chemischen Gruppe der Beta-Karboline, und bei
etlichen, chemisch eng mit ihnen verwandten Substanzen mit ähnlichen pharmako­
logischen Eigenschaften wurden halluzinogene Wirkungen entdeckt. In den Auf­
sätzen über Tabak überprüften wir das Material über die Verwendung der Tabak­
pflanze bei den amerikanischen Indianern und erkannten, um die Worte eines
Botanikers zu zitieren, „daß der Tabak die Indianer buchstäblich umwarf“. In meine
letzte Arbeit über Don Hilde aus Pucallpa habe ich Erörterungen über pflanzliche
Halluzinogene und andere Medizinpflanzen aufgenommen, die dieser prototypische
Volksheiler praktisch anwendete. Ich schätze, daß Heiler wie Don Hilde etwa zwei
Drittel aller Heiler dieses Planeten repräsentieren, denn die meisten Völker haben
wenig oder keinen Zugang zur Biomedizin. Daher bleibt ein Verständnis der
Funktion, die diese pflanzlichen Halluzinogene im Kontext südamerikanischer,
afrikanischer und asiatischer Heilkunst spielen, von großer Wichtigkeit.
60 M. Dobkin de Rios

Gegenwärtige Strömungen

In einem vor kurzem fertiggestellten Artikel befaßte ich mich mit der Verwendung
von Drogen in Europa und in den Vereinigten Staaten der Gegenwart, die Bestand­
teil des neuen Weltkapitalismus sind, bei dem der Mensch als Produzent durch den
Menschen als Konsument ersetzt wird. In einem aktuellen Vortrag, den ich diesen
Dezember auf der Versammlung der Amerikanischen Anthropologischen Gesell­
schaft halten werde, untersuche ich den Drogentourismus ins Amazonasgebiet. Ich
betrachte diesen Prozeß, durch den ein von einer Droge hervorgerufener Bewußt­
seinszustand als Handelsware nutzbar gemacht wird, aus einer postmodemen
Perspektive heraus. Dabei konzentriere ich mich auf Cushmans Arbeit über das
‘leere Selbst’ der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, das dadurch beruhigt wird und
seinen Zusammenhalt erhält, daß es mit dem Konsum von Nahrungsmitteln,
Konsumgütern und konsumierbaren Erfahrungen vollgestopft wird. Im Hinblick auf
charakteristische Bestandteile der modernen Welt wie den Verlust der Familie, die
bedeutsame Abwesenheit gemeinschaftlicher Traditionen und geteilter Sinngebung
ist das historisch bedenklich. Das individuelle Selbst des Westens befindet sich auf
einer nie endenden Suche nach Selbstverwirklichung und Wachstum. Das hat
psychologische Konsequenzen: geringe Selbstachtung, Werteverwirrung, Drogen­
mißbrauch (den Zwang, die Leere mit chemisch hervorgerufenen emotionalen
Erfahrungen zu füllen) und chronischen Konsum (den Zwang, die Leere mit dem
Erlebnis zu füllen, etwas von der Welt zu bekommen).
Besonders genau betrachte ich das relativ neue, postmoderne Phänomen eines
Drogenkonsums, bei dem Kenner in kleinen Gruppen, geführt von einem europäi­
schen oder nordamerikanischen Reiseleiter, eine Tour ins peruanische oder brasilia­
nische Amazonasgebiet machen. Dabei entsteht ein Phänomen, das Seguin (1979)
mit dem Begriff ‘Scharlatanpsychiatrie’ bezeichnete. In Peru und ganz Latein­
amerika haben nicht-authentische Volksheiler, die üble oder betrügerische Machen­
schaften verfolgen, eine lange Tradition. Diese Leute verabreichen psychedelische
Pflanzendrogen in rituellen Settings, um sich persönlich daran zu bereichern. Der
innerperuanische Tourismus hat sich im Laufe der Jahre in großem Umfang
entwickelt; sorgenbeladene Männer und Frauen überwinden große Entfernungen, um
Heiler aufzusuchen, die ihnen Tränke aus kraftvollen, psychedelisch wirksamen
Pflanzen zubereiten und verabreichen und dem Patienten eine Vision ermöglichen,
die ihnen Aufschluß über die natürliche oder durch Hexerei bewirkte Ursache ihrer
Krankheit gibt. Ein Drogentourismus, bei dem Fremde aus anderen Ländern
Halluzinogene im Kulturvergleich 61

Spezialreisen ins Amazonasgebiet veranstalten, läßt sich bis in die frühen achtziger
Jahre zurückverfolgen.
Auch Wasson hat 1980 in seiner Arbeit über die mazatekische Schamanin Maria
Sabina in Mexiko über den Drogentourismus geschrieben und beklagt, daß Reise­
gruppen Zauberpilze suchen, um sie zu nehmen, ln meinem Vortrag erwähne ich
Sofortheiler, die Touristen Mixturen von zehn oder noch mehr verschiedenen
halluzinogenen Pflanzen anbieten, um ihnen dabei zu helfen, sich in das Universum
eingebettet zu fühlen, und ihnen eine mystische Erfahrung auf eine Art und Weise
vermitteln, die in keiner Beziehung zu irgendeiner Tradition steht. Das wird mit
einem eingeborenen Schamanen (respektive Drogenheiler) verschleiert, der jedoch
normalerweise aus der städtischen Mittelklasse stammt und früher irgendein
Verkäufer oder Händler war. Der Drogentourismus hat Mitte der achtziger Jahre
derart ungeheuerliche Ausmaße angenommen, daß eine Autorin. Suzanne Valadez
(1986), auf Anzeigen in der Zeitschrift Shaman’s Drum reagierte, in denen der
Leser dazu aufgefordert wurde, geführte Reisen in abgelegene Dörfer traditionell
lebender Völker zu unternehmen oder deren heilige Kraftplätze aufzusuchen. Sie
stellte in ihrem in der gleichen Zeitschrift erschienenen Artikel fest, daß dieses
Verhalten eine der tödlichsten Waffen darstellt, die die westliche Welt besitzt, um
zur völligen Vernichtung traditioneller Völker beizutragen. Die Huichols in Mexiko
sind selber sehr besorgt über die Schwierigkeiten, die ihrem Volk jetzt seitens der
mexikanischen Regierung bei der traditionellen Pilgerreise in die 450 Kilometer
entfernte Peyote-Wüste entstehen, weil einige Huichols sich auf diese auswärtigen
Reisegruppen eingelassen haben.
Wenn wir Cushmans Modell verwenden, dann wird der Tourist im Amazonasge­
biet gezwungenermaßen sein leeres Selbst mit dem Erleben einer mystischen
Einheit oder eines Zugangs zum Bereich der dortigen Naturgeister, insbesondere
dem Jaguar, füllen. Es sind belesene und gutsituierte Touristen, die eine Unmenge
Populärliteratur über psychedelische Substanzen und Ethnographie verschlungen
haben, und von charismatischen Anstiftern zum Erlebnis der Wirkungen von
Drogen angespornt werden, die sonst nur in Stammesgesellschaften verwendet
werden. Doch wer profitiert von diesem Massentourismus? In Pucallpa werden die
traditionellen Drogenpflanzen der Region allmählich durch schlechte Drogen
verdrängt; die jüngeren, noch nicht dreißigjährigen Bewohner dieses Gebietes haben
ein geringeres Wissen und weniger Eigenerfahrungen mit Ayahuasca als die über
Dreißigjährigen (Dobkin DE RlOS 1981). Heiler wie Don Hilde werden inzwischen
gebeten. Jugendliche zu behandeln, die sich asozial verhalten und Crack rauchen.
62 M. Dobkin de Rios

Während pflanzliches Ayahuasca im Amazonasgebiet auf der Grundlage einer


moralischen Ordnung verwendet wird, in der es Gut und Böse gibt, und die Tiere,
Menschen, Gesundheit und Krankheit umfaßt, hat das nur sehr wenig mit den
Erlebnissen von Menschen in einer Industriegesellschaft zu tun.
Der Drogentourismus hat auch einen üblen, ausbeuterischen Aspekt, den man zur
Sprache bringen muß. Die neuen, sogenannten einheimischen Heiler dealen mit
Drogen, bieten ein exotisches Setting und bereiten den Touristen darauf vor, eine
angeblich authentische, persönliche Erfahrung zu machen, was überhaupt nicht der
Fall ist. Ein Zitat von Laura Huxiey über ihren Mann Aldous ist an dieser Stelle
von Nutzen. Auf die Frage, ob Aldous Huxiey jemals einem anderen Menschen
LSD gegeben habe oder irgend jemanden auf einer solchen Erfahrung begleitete,
antwortete sie: „Bei einer solchen Begleitung übt eine Person eine ungeheure Macht
aus, vergleichbar mit einem Zauberer, einer Hexe oder einem Schamanen. Wir
waren immer der Meinung, daß diese Position eine sehr hochentwickelte Ethik
verlangt, weil man dabei auf so vielerlei Weise Menschen ausnutzen könnte.“
(1991, 3)

Schlußbemerkung

Es ist natürlich schwer, in weniger als einer Stunde Forschungsaktivitäten zu­


sammenzufassen, die sich über einen langen Zeitraum erstreckt haben. Vieles von
dem, was ich gesagt habe, ist schematisch. Zum Schluß läßt sich aber sagen, daß
ich bei diesen ganzen Untersuchungen zwei wichtige Themen besonders faszinie­
rend finde. Zum einen ist es die Weigerung westlicher Wissenschaftler, die wichtige
Rolle anzuerkennen, die pflanzliche Halluzinogene in der menschlichen Geschichte
und im Ausdruck menschlichen Verhaltens spielen. Während meiner Studien über
die alten Mayas wurde ich von Gelehrten wie J. Eric Thompson mit den Worten
gerügt, ‘ihre Mayas’ nähmen keine Drogen. Jahre nach dem Erscheinen meiner
Bücher zu diesem Thema zeigen jetzt bedeutende archäologische Funde, daß die
Seerose in einem komplizierten, landwirtschaftlich betriebenen Mulchsystem, das
für den Lebensunterhalt großer Bevölkerungsteile der Mayas sorgte, Verwendung
fand. Daß diese Pflanze auch als Droge genutzt werden kann, wird jedoch von den
in diesem Bereich arbeitenden Wissenschaftlern selbst im Lichte gegenteiliger
Befunde immer noch geleugnet. Westler mit einer Phobie vor Halluzinogenen sehen
in diesen Pflanzen das Verbotene und Irrationale schlechthin, ln den Stammesge­
Halluzinogene im Kulturvergleich 63

sellschaften hingegen wurde dem Zugang zu übernatürlicher Kraft und zu einer


Erfahrung der Vereinigung ein hoher Wert beigemessen. Psychedelische Pflanzen
wurden dazu benutzt, die Wahrnehmung und die Intuition zu steigern, und spielten
eine wichtige Rolle in der Ileilkunst. Andererseits besitzen diese Pflanzen ein
ungeheures Potential zum Erzeugen von Zuständen der Hypersuggestibilität, die
dazu benutzt werden können, Jugendliche zu beeinflussen und so zum Überleben
der gesellschaftlichen Ordnung beizutragen.
Es gibt noch viele Fragen, auf die ich aus Zeitmangel in diesem Vortrag nicht
eingegangen bin, beispielsweise die Rolle der Frauen bei der Einnahme halluzinoge­
ner Substanzen und im Schamanismus, die Rolle dieser Substanzen bei den
Freizeitaktivitäten und der inneren Entwicklung westlicher Menschen, und ihre
wichtige Rolle in der Psychiatrie. Nichtsdestoweniger fühle ich mich dadurch
privilegiert, daß ich daran teilnehmen konnte, ein komplexes und faszinierendes
Gebiet menschlichen Verhaltens zu begreifen.

Literaturauswahl

Dobkin de Rios, M.: Visionary Vine. Hallucinogenic Healing in the Peruvian Amazon. Chandler, San
Francisco 1972 (Nachdr. 1984).

Dobkin de Rios, M.: Amazon Healer. The Life and Times of an Urban Healer. Prism, Bridport/GB
1992.

Eliade, M.: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Rascher, Zürich 1956 (Suhrkamp,
Frankfurt/M. 1975).

Siegel, R.K.: Intoxication - life in pursuit of artificial paradise. Simon & Schuster, London 1989.

Wasson, R.G., Hofmann, A., Ruck, C.A.P.: Der Weg nach Eleusis. Insel, Frankfurt/M. 1984.

Ausführlicher Literaturnachweis beim Autor erhältlich.


Visionäre Kunst 65

Claudia Müller-Ebeling

Visionäre Kunst

»Ich betrachte mich selbst als wirklichen Visionär. Es fließt mir zu und ich fließe mit.
Meine Bilderwelt ist eine An Tanz.«
Nick Hyde

Viele Künstler, die mit ihren Bildern nicht nur die mit den Sinnen erfahrbare
Wirklichkeit abbilden wollen, sondern deren Ziel es ist. dem Betrachter Einblick in
geistige Dimensionen zu geben, die in der materiellen Welt aufscheinen, bezeichnen
sich als Visionäre. Vision kommt von lat. visio = das Sehen, der Anblick, die
Erscheinung und ist urverwandt mit wissen. Damit ist der Rahmen der visionären
Kunst abgesteckt. Sie verdankt ihre Existenz kurzzeitigen Ein- und Ausblicken ihrer
Schöpfer in übersinnliche Dimensionen; Erkenntnissen zu den elementaren Mensch­
heitsfragen 'Woher kommen wir?, Wer sind wir? und Wohin gehen wir? - Fragen,
die das Leben jedes Einzelnen im tiefsten Grund berühren. Wie solche Visionen,
die in Bilder, Ornamente oder Objekte gebannt wurden, zustande gekommen sind,
ist dabei relativ unerheblich. Ich spreche absichtlich von visionärer Kunst und nicht
von psychedelischer Kunst - auch wenn viele der folgenden Beispiele durch
Erlebnisse mit Psychedelika stimuliert wurden. Diese Wortwahl ist dadurch
begründet, daß es in vielen Fällen unmöglich ist, auf solche Erfahrungen schließen
zu können. Entweder weil die Quellenlage, wie bei Hieronymus Bosch, nur
Spekulationen erlaubt, oder weil die Künstler von heute sich hüten, solche Erfah­
rungen zuzugeben, da dann die Substanzen und nicht das Kunstwerk selbst ins
Zentrum der Aufmerksamkeit nicken würden. Visionäre Kunstwerke vermitteln
Überblicke über komplexe Zusammenhänge und zielen auf die Sichtbarmachung
unsichtbarer Kräfte. Die visionäre Kunst bezieht sich auf alle Dimensionen mensch­
lichen Erlebens; auf Körper und Geist; auf Leben und Tod; auf Freude und Angst;
auf die Beziehung des Menschen zu seiner natürlichen und kulturellen Umgebung;
auf die Entstehung des Kosmos und auf numinose, geistige Bereiche. Deshalb ist
sie ihrem Wesen nach religiös oder mythisch. Eine solche Malerei ist nicht an
bestimmte Stile, Epochen oder Kulturen gebunden. Sie setzt ins Bild, was der
Künstler visionär erschaut und mit seiner persönlichen Handschrift erfaßt.
Die folgenden Betrachtungen konzentrieren sich auf Beispiele, die hier abgebildet
oder in der Literatur aufgesucht werden können. Sie gehören der europäischen
66 C. Müller-Ebeling

Vergangenheit und Gegenwart an, ebenso außereuropäischen Traditionen. Um das


Visionäre anschaulicher zum Ausdruck zu bringen, seien in erster Linie gegen­
ständliche Kunstwerke genannt, auch wenn abstrakte Kunst ebenso visionär sein
kann. Visionär wird vom Künstler die wahre Wirklichkeit der Erscheinungen erfaßt.
Ein Blick auf die Naturwissenschaft bestätigt die künstlerische Intuition in vielen
Fällen. Beispielsweise wenn die Ökologie die Vernetzung allen Lebens belegt, die
der Maler mit der Auflösung fester Konturen und dem Durchdringen von Innen und
Außenwelt zeigt. Mikroskopaufnahmen von der Molekularebene wiederum standen
dem künstlerischen Röntgenblick auf innere Organe Pate.

Wie sehen visionäre Kunstwerke aus?

Idealtypische Merkmale sind: die große Leuchtkraft und Intensität der Farben, die
die gezeigten Gegenstände wie mit Juwelenschimmer überziehen; eine kleinteilige
Ornamentierung, die Flächen mit vielen Details ausfüllen; eine feinporige Nahsich-
tigkeit, die Fernes ebenso deutlich wiedergibt, wie die aus der Nähe betrachteten
Strukturen. Klüver faßte in seiner Publikation Mescal and Mechanisms of Halluci-
nations von 1966 geometrische Lichterscheinungen zusammen, die als optische
Phänomene in den Berichten Berauschter universal wiederkehren. Diese Phosphene,
die sich dem Gesichtsfeld aufdrängen, kennt fast jeder Mensch von veränderten
Bewußtseinszuständen; z. B. von Ohnmächten, starken Lichtreizen, Schwindelgefüh­
len. Die optischen Sensationen sind bei geschlossenen Augenlidern sichtbar als
Wabenstrukturen, prismenartige, kreisrunde, spiralen- oder wellenförmige Gebilde.
Der Ethnologe Reichel-Dolmatoff, der Feldforschungen bei den Indianern im
Columbianischen nordwestlichen Amazonas-Becken machte, die zur TUKANOA-
Sprachfamilie gehören, stellte fest, daß ihre Ornamentik auf dieselben Phosphene
zurückzuführen ist. Damit belegt er, daß sie unabhängig von der Kultur gesehen
werden. Sie zieren die Wände der Langhäuser, die rituellen und alltäglichen
Gegenstände und entstammen der ersten Phase psychedelischer Erlebnisse, die
durch Schnupfpulver vom Virola-Baum hervorgerufen werden oder vom Gebräu der
Liane Banisteriopsis caapi.
Universale, neuronale Strukturen prägen eine Kunst, der auf den ersten Blick
gar nichts Visionäres anhaftet. Bei den verschiedenen Stämmen werden diesen
Phosphen-Ornamenten symbolische Bedeutung zugeordnet. In ihnen kommen
unmittelbar wesentliche Lebensprinzipien zum Ausdruck, die die mythische
Visionäre Kunst 67

Vorstellung und das Stammes-Leben bestimmen. Bei den SHIPIBO-Indianern des


südwestlichen Amazonasgebietes bilden abstrakte, auf Stoff gemalte Linien die
Melodien ab, mit denen der Kontakt zu Hilfsgeistern in Ayahuasca-Visionen
hergestellt wird. Möglicheweise entstammen auch die farbenprächtige Ornamentik
der Frauenkleidung der AKHA-Bergstämme im Norden Thailands oder die kom­
plizierten Stoffapplikationen der CUNA-Indianer Panamas solchen neuronalen
Strukturen halluzinogener Erfahrungen. Auch die Bilder des amerikanischen
Künstlers KEITH HARING, der insbesondere durch seine Wandmalereien und
bemalten Alltagsgegenstände einer großen Öffentlichkeit bekannt geworden ist, sind
solchen Phosphenen ähnlich. Seine ineinander verschlungenen Figuren lassen sich
auf geometrische Grundformen zurückführen, die er in Semiotik-Kursen studierte.

CUNA-Stickcrci

Ebenfalls unabhängig vom kulturellen Hintergrund zu beobachten ist eine


Veränderung des Körperschemas. Ätiologieunabhängig wird das Größenverhältnis
der Gliedmaßen verzerrt wahrgenommen. Überlang recken sich Hälse empor; dünne
Glieder stehen von spindeldürren Leibern ab. Das zeigt sich an Schnitzereien der
MAKONDE ebenso wie an Batiken aus JAVA, am japanischen Holzschnitt des 19.
wie am europäischen Omamentstich aus dem 17. Jahrhundert.
Manche Künstler aus dem Umkreis derer, die im Standardwerk von Masters
und Houston 1969 der psychedelischen Richtung zugeordnet wurden, bemühten
68 C. Müller-Ebeling

sich auch, die unter Meskalin, LSD und anderen Psychedelika wahrgenommenen
visuellen Phänomene abzubilden. Deutlich wird das an Bildern von MATI KLAR­
WEIN, in denen Leerflächen wie magnetische Kraftfelder strukturiert sind oder der
Himmel durchzogen ist von kinetischen Rastermustern. Schon früher hatte VICTOR
VASARELY mit bestechender Exaktheit geometrische Grundformen zu großforma­
tigen optisch-kinetischen Bildern zusammengefügt, die auf den Betrachter psycho-
aktiv wirken, ohne allerdings in visionäre Bereiche vorzudringen.
Die Kunstwissenschaft verwendet den von Aristoteles geprägten Begriff Horror
vacui für Bilder, die keine leeren Flächen, sondern eine überreiche Ornamentierung
aufweisen. Dieses Prinzip fällt in vielen Beispielen visionärer Malerei auf. Die
Erkenntnis, daß jeder Lebensraum der Natur belebt ist von mannigfaltigen Organis­
men, nährte im 16. Jahrhundert die Vorstellung, die Natur habe „Angst vor der
Leere“. Formal angewandt auf rein dekorative, kunstgewerbliche Gegenstände mag
das zutreffen. Bei Kunstwerken, die ein sinnstiftendes Ziel verfolgen, indem sie
dem Betrachter mythische oder religiöse Themen nahebringen, spricht jedoch aus
der plastischen Durchgestaltung der gesamten Bildfläche weniger eine Angst vor
der Leere, als vielmehr das Wissen um den Reichtum der Natur und die Zweck­
mäßigkeit flächenfüllender Strukturprinzipien, die in organischen und kristallinen
Formen allgegenwärtig sind; von der Blütendolde bis zur Muschelschale, von der
Zellstruktur von Blättern bis hin zu den feinen Verästelungen der Nervenzellen. In
der Natur wird dadurch eine größtmögliche Information, bzw. Anzahl von Samen
auf kleinstmöglichem Raum erzielt. Das garantiert nicht nur die Stabilität von
Einzelformen, sondern auch das Überleben von Arten. An Samenkapseln ist das
ebenso erkennbar wie an der spiraligen Schichtung mehreckiger Blütenstände.
Vor allem bei außereuropäischen Kunstwerken, beispielsweise balinesischen
Bildern, bemißt sich ihr Wert nach der Mühe, die der Künstler für die kleinteilige
Ausgestaltung der Flächen aufwendete. Ein solches Gestaltungsprinzip kommt
einerseits dem Schmuckbedürfnis entgegen, spiegelt jedoch auch die Komplexität
von Visionen wider, die oft durch eine Fülle von symbolischen Aussagen gekenn­
zeichnet sind. In den Thangkas tibetischer Mönche werden Berge und Gestein durch
die Staffelung kristalliner Formen dargestellt; der Himmel besteht aus unendlich
vielen Wolken, das Wasser aus einzelnen Wellen. Ebenso wird der geistige Raum
erfüllt von den Aktivitäten der Boddhisattvas, der Götter und Göttinnen, die ihn
sozusagen mit emotionalen Elementarteilchen menschlichen Erlebens füllen. Der
englische Künstler ROBERT BEER verbrachte einige Jahre bei tibetischen Thang-
ka-Malern, um ihre Kunst zu erlernen. In der Versenkung in diese göttlichen
Visionäre Kunst 69

Wirkkräfte gelang es ihm, traumatische Erlebnisse überwinden zu können. In seiner


Serie der Mahasiddhas, der Magier und Heiligen aus dem Tantrischen Buddhismus
(Khadgapa) fällt dieselbe Ornamentierung des stofflichen und geistigen Raumes
auf.
Den Durchbruch zu visionären Bildern zeigt folgendes Beispiel. Der Wiener
Künstler ERNST FUCHS, ein herausragender Vertreter der „Wiener Schule des
phantastischen Realismus“, wandte sich schon früh der niederländischen Malerei der
Gebrüder van Eyck aus dem 15. Jahrhundert zu. Deren Ölbilder bestechen durch
materialgetreu wiedergegebene kostbare Gewänder und Geschmeide, die sie in den
Dienst göttlicher Verehrung stellten. FUCHS schulte sich an der altmeisterlichen
Technik der Mischmalerei, womit eine lasurartige, kostbare Leuchtkraft der Farben
erzielt wurde. Dennoch fehlte es ihm an Visionen, um diese technischen Fähigkei­
ten sinnvoll umsetzen zu können. Ein Traum und Erlebnisse mit Peyote, die das im
Traum Geschaute bestätigten', setzten Bilder von kristalliner Plastizität und religiö­
ser Verve frei: „alle Farben wollte ich vermalen, all die herrlichen Farben, die in
mir und um mich in den herrlichsten Ornamenten kreisten. [...] Alles war durch­
sichtig und schien von innen zu leuchten“.2 So konnte der noch unbekannte Wiener
Künstler 1960 das Bild Psalm 69 vollenden, an dem er seit 1940 gearbeitet hatte.
Ihm liegt der Vers zugrunde: „Gott hilf mir. Denn das Wasser gehet mir bis an die
Seele Das Bild markiert die Konversion des Juden zum Katholizismus. FUCHS
bezeichnet es auch als Durchbruch zu seiner eigentlichen Malerei, in der er endlich
die angestrebte innere Leuchtkraft der Farben realisieren konnte. Unter der Tribüne
des Herodes und all der „falschen Göttern“ steigt das riesige, juwelenglänzende
Antlitz des domengekrönten Jesus aus dem Wasser. In den sechziger Jahren ent­
standen diverse Cherub-Bilder. Die bizarren FUCHS’schen hebräischen Erzengel
aus leuchtenden Farben scheinen aus glänzenden Edelsteinen zu bestehen. Das gab
auch dem Cherub wie ein Amethyst den Titel.
Auch an den Bildern des 1932 geborenen jüdischen Künstlers deutscher Ab­
stammung, MATI KLARWEIN, der vor allem durch Plattencover für Santana,
Miles Davis und John Hassle bekannt geworden ist, werden die oben genannten
Merkmale visionärer Malerei ebenso deutlich sichtbar wie in den Werken seines
Lehrers FUCHS. Sie bestechen durch intensive Farbigkeit, durch großen Detail­
reichtum und durch eine mikroskopische Klarsicht. Insbesondere auf den Land-
schaftsbildem, in denen die Bucht Deya der Insel Mallorca erscheint, sind die

1 Vgl. dazu Müller-Ebeling, Malerei im Labyrinth des Inneraumes, in: Hohle et al. (1986: 300f).
2 Fuchs (1973: 122).
70 C. Müller-Ebeling

Valcrde. Ramon López. Saturnino Herran. Mexiko City 1988 Abb. 106
Visionäre Kunst 71

Steine und Blätter des Strandes im Vordergrund ebenso scharf erkennbar wie die in
weiter Ferne. Auch der Schöpfer psychedelischer Plakate und Plattencover, STAN­
LEY MOUSE, bestätigt, daß ihm die visionäre Erfahrung, die er psychedelischen
Substanzen verdankte, die Fähigkeit verliehen habe, Dinge weitaus klarer als sonst
wahrnehmen zu können, als ob er sie durch ein Mikroskop betrachtete.3

Womit befaßt sich die visionäre Kunst?

Viele Bilder offenbaren eine Synthese unterschiedlicher Zeiten und Kulturen.


Zeitlich entfernte Ereignisse werden gleichzeitig wahrgenommen und in einem
Symbol, in einer Figur zum Ausdruck gebracht. Das zeigt sich am Mittelteil des
Frieses Nuestras dioses (unsere Götter), das der Mexikaner SATURNINO
HERRAN 1914 malte. Die aztekische Erdgöttin Coatlicue verknüpft der Künstler
mit dem gekreuzigten, christlichen Gottessohn. HERRAN übernahm in der Mitte
die Skulptur der Coatlicue, die 1824 auf dem Kathedralplatz von Mexico City
ausgegraben wurde und heute im Nationalmuseum aufbewahrt wird. Mit den
Schlangenleibern und Totenköpfen verkörpert sie die nehmende und gebende,
fruchtbare Erde. Darin eingeschrieben ist das Kreuz. Es symbolisiert nicht nur den
Opfertod Jesu, sondern die gewaltsame Ablösung einstiger Götter durch den „Er­
löser“, den die Conquistadores den Einwohnern Mexikos als neuen Gott aufzwäng­
ten. Die aztekische Kultur nahm damit ein gewaltsames Ende. Eine neue Zeit be­
gann. Vergangenheit und Gegenwart sind in dieser Figur HERRANS veranschau­
licht.
Das Acryl auf Papier gemalte Bild des Schweizer Künstlers HANS-RUEDI
GIGER nimmt 1977 mit Satan / eine andere, ungewohnte Zusammenschau ins
Visier. Hier wird der Gekreuzigte zur Armbrust, mit der der Widersacher auf die
Gläubigen zielt.
Häufig zeigt sich, wie stark visionäre Bilder inspiriert von Kunst der Ver­
gangenheit sind. Wo es gelang, archetypische Seinserfahrungen des Menschen in
anschauliche Bilder zu bannen, die die kulturellen Normen überdauerten, griffen die
Künstler auf solche Vorbilder zurück und wandelten sie ab. So beispielsweise die
berühmte Toteninsel von ARNOLD BÖCKLIN von 1880. Ein Boot nähert sich dem
mythischen Ort des Todes. Zypressen, die in der Antike den Unterweltgöttern

3 Zit. von Thorgerson (1990: 181).


72 C. Müller-Ebcling

Coatlicue, die aztekische Erdgöttin

geweiht waren, verdüstern das Herz der Insel, in der die Toten in Felsengräbern
bestattet werden. GIGER zitiert diese Vorlage genau. Was allerdings bei dem
Schweizer Schöpfer von Meeresgöttern als realistische Insel gezeigt ist, wird bei
GIGER zu einem unheilvollen, technischen „Organismus“, dessen Adern die
Schweißnähte von Metallteilen sind. Der Ort des Todes ist keine Insel im Mittel­
meer mehr, sondern ein Sarkophag in einer von Maschinen beherrschten Welt.
Diesen elementaren Lebenserfahrungen: Geburt und Tod, kann sich niemand
- gleich welchen Alters, welcher Stellung, Zeit oder Kultur - entziehen. Unser aller
Leben ist dazwischen gespannt. Die Allgegenwart der Kraft, die Leben gibt und
nimmt, wird oft in das Bild des Auges gebracht. Das Auge 'verwirklicht’ das
Leben. & bildet die Welt der Erscheinungen auf der Netzhaut des Sehenden ab.
Das Sehen ist nicht nur der zentrale Sinn des Künstlers; es symbolisiert geradezu
den Sitz des Lebens. An Insekten, beispielsweise den Flügeln des Schmetterlings
Pfauenauge, kann man das gut erkennen, ebenso am Gefieder mancher Vögel. Die
falschen, oft großen Augen lassen das Opfer größer erscheinen. Dadurch wird der
Visionäre Kunst 73

Sacred Mirrors. The Visionary Art of Alex Grey, Rochesier (Vermont) 1990
74 C. Muller-Ebeling

Freßfeind abgeschreckt oder zu anderen, weniger empfindlichen Körperpartien


abgelenkt. Der amerikanische Künstler ALEX GREY wendet sich seit den 80er
Jahren verstärkt transzendenten Sujets und der buddhistischen Lehre zu. In seinem
Ölbild Dying ist der Sterbende von einem Tunnel hinterfangen. Dessen Wandung
besteht aus Augäpfeln, die sich in der gleißenden Helligkeit des ewigen Lichts
auflösen. Dorthin entschwindet die Seele des Sterbenden. Die Weltreligionen
künden, übereinstimmend mit vielen Menschen, die dem Tode nahe waren, von der
gleißenden Helligkeit des Jenseits. Auch HIERONYMUS BOSCH prägte der
Vorstellungskraft im frühen 16. Jahrhundert dieses Bild des Lichttunnels ein. In
seiner Vision vom Jenseits, das im Palazzo Ducale in Venedig aufbewahrt wird,
wandeln die Seligen durch eine dunkle Röhre dem lichtdurchfluteten Himmelreich
entgegen. Das Totenreich stellen wir uns als dunklen Ort vor, in dem das Auge nur
Schemen wahrnehmen kann. Licht und Farben dringen hierher nicht mehr vor.
Auch der Blinde ist zu ewiger Finsternis verdammt.
Über sein eigenes Leben hinaus macht sich der visionäre Künstler Gedanken
über die Entstehung des Lebens an sich. Er entwirft Bilder von der Kosmogonie.
von der Schöpfung. An ihnen orientiert sich unsere Vorstellung von den ungeheuer­
lichen Kräften des Universums, die den „blauen Planeten“ schufen, auf dem sich
Leben entwickeln konnte. So gelingt es der Kunst. Visionen von Vorgängen zu
schaffen, die die menschliche Erfahrung transzendieren. Solche Bilder vermitteln
beispielsweise HILDEGARD VON BINGEN, die Seherin vom Rhein aus dem 12.
Jahrhundert, und HIERONYMUS BOSCH, der Schöpfer phantastischer Welten, die
uns bis heute faszinieren. Von göttlicher Weisung empfangen, hinterließ die
Äbtissin Schriften, in denen sie den Aufbau himmlischer und irdischer Sphären
beschrieb, von der grünenden Kraft Viriclitas berichtete und das heilkundige Wissen
der Zeit zusammentrug. Die nach ihren Angaben angefertigten Illuminationen zur
Kosmologie zeigen in einem symbolisch-abstrakten Bild den Akt der Schöpfung.
Sonne, Mond und Erde befinden sich in der gleichen Achse. Festes und Flüssiges,
Erde, Wasser und Luft machen die Erde am ersten Schöpfungstag aus. Umgeben ist
sie von einem vielgestirnten Himmel und von einem Kranz des goldzüngigen Hl.
Geistes, dessen Atem in den Sphären des Irdischen, Atmosphärischen und Gött­
lichen anwesend ist, eingeschrieben wiederum in ein ornamentiertes Rechteck. Den
dritten Schöpfungstag zeigt HIERONYMUS BOSCH auf den geschlossenen Flügeln
vom Garten der Lüste im Prado. Madrid. Die Welt ist gemäß der Vorstellung des
frühen 15. Jh. eine Scheibe. Dennoch suggeriert der Strahl, der aus den düsteren
Visionäre Kunst 75

Hieronymus Bosch, Vision vom Jenseits,


Palazzo Ducale, Venedig

Wolken auf eine bizarre amphibienartige Welt strahlt, eine Kugel, die von Licht
und Schatten gebildet ist. Gott, der von links oben herabblickt, erschuf sie.
Moleküle des Lebendigen zeigt eine australische Vision von Birth of the dream-
ing Australia, die wie nach einem Urknall vom weißen Mittelpunkt ausstrahlen.
Erdteile, Schildkröten, Fische, Pflanzen und menschliche Gemeinschaften wurden
der Vorstellung der australischen Ureinwohner zufolge in der Traumzeit geschaffen.
Auch der peruanische Künstler und Ayahuasca-Heiler PABLO AMAR1NGO,
dessen Bilder uns der Ethnologe Eduardo Luna4 nahebrachte, stellt die Grade
der Macht in Schichten dar. Der Vegetalista, unten links in seiner Hütte, (abgebildet

4 Luna (1991: 144).


76 C. Müller -Ebeling

auf dem Cover des Buches von Luna) versichert sich des Schutzes der Pflanzen-
und Tiergeister in seinen Visionen.
Viele visionäre Künstler befassen sich mit einer Introspektive des eigenen
Körpers. Er erscheint wie ein Mikrokosmos des Makrokosmos. Die Nervenbahnen,
in denen sich beispielsweise bei AMARINGO die psychedelische Erfahrung mani­
festiert, machen den Ayahuascero einem Blatt ähnlich, wo über die Blattadern die
Lebenssäfte transportiert werden.5 Die Tätigkeit der Blut- oder Nervenbahnen, die
dem Alltagsbewußtsein zwar bekannt, aber nicht im eigentlichen Sinne gegenwärtig
ist, enthüllt sich dem Künstler als subkutanes Lebensprinzip. Diese feine Ver­
ästelung von Nervenbahnen, die das bloße Auge im Blattgerippe erkennen kann,
zeigt sich bis in kleinste organische Dimensionen, blickt man durch das Elek­
tronenmikroskop. In 1.200facher Vergrößerung offenbart selbst der Zellkörper
zweier Nervenzellen in der Maus-Großhirnrinde, wie feingliedrig die Vernetzungen
sind. Diesen Molekularstrukturen wandte sich vor allem der leider viel zu wenig
bekannte Künstler tschechischer Abstammung, PAVEL TCHELITCHEW. zu. In
Blättern, die das Art Institute of Chicago aufbewahrt, studierte er den menschlichen
Körper bis hinein in die Blut- und Nervenbahnen. Sein großformatiges Gemälde
Hyde and Seck, das im Museum of Modem Art, New York, zu bewundern ist, stellt
ein beeindruckendes Vermächtnis dieses nach innen blickenden visionären Künstlers
dar. Von allen Seiten kommen Embryonalwesen bedrohlich auf das Individuum zu.
Der werdende Mensch scheint sich nicht entfalten zu können. Die Metamorphose
führt zu keiner Reifung, sondern zu einer fortwährenden Verpuppung, bei der
Nerven- und Blutbahnen nicht hautumhüllt geschützt sind, sondern schmerzhaft
bloßgelegt. Einen erbarmungslosen Blick richtete der Amerikaner IVAN
ALBRIGHT (1887-1983) auf seine Umgebung. Er studierte Körper, als ob er sie
mit Hilfe des Mikroskopes sezieren wolle. Beispielsweise im Bild Into the World
there came a soul called Ida von 1929/30, das im Art Institute of Chicago hängt.
Seine Portraitierten scheinen an Hautkrankheiten zu leiden oder ihre Organe nach
außen zu kehren. Das ließ eines seiner Bildnisse geeignet erscheinen, um in der
frühen Schwarzweißverfilmung des Stoffes von Oscar Wilde, das Picture of Dorian
Gray abzugeben, das anstelle des jugendlichen Helden altert.
Was als Komposition und Vernetzung erscheint - anschaulich in den Kammern
eines fossilen Ammoniten, die durch bizarr ornamentale sogenannte Lobenlinien
ineinander verzahnt sind - wird von YANDO RIOS in seinen Kompositionen

5 Ebd. Vision 3:52, Abb. 53.


Visionäre Kunst 77

Pavel Tchelitchew, Hyde and Scek,


Museum of Modem An, New York
78 C. Müller-Ebeling

David Alfaro Siqueiros, Echo of a scream,


Museum of Modem Art, New York
Visionäre Kunst 79

umgesetzt. Er wurde 1940 in Pucallpa, Peru, geboren und ging nach einem Kunst­
studium nach Los Angeles, wo er seit 1970 lebt. In seinen Federzeichnungen und
großformatigen Ölbildern korrespondieren Innen- und Außenwelt fließend mitein­
ander. Der Mensch ernährt sich von dem, was ihn umgibt. Er setzt organische
Materie in materielle Kultur um. Ein Vorbild sehen wir in den berühmten Personifi­
kationen der Jahreszeiten von GIUSEPPE ARCIMBOLDO (letztes Drittel des 16.
Jh.), die allegorisch aus dem zusammengesetzt sind, was sie repräsentieren. Bei
NICK HYDE, einem der Künstler, die in den siebziger Jahren in der Bay Area um
San Francisco von sich reden machten, verbindet sich der Körper mit der Außen­
welt in einer psychedelischen Dekomposition der inneren Feinstruktur. Der Körper
erscheint wie durchsichtig und durchlässig. Damit ist ein schamanistisches Prinzip
der Zerstückelung angesprochen. Der Mensch muß sich in seine Bestandteile
zerlegen, will er sich ihrer bewußt werden. Solche Erfahrungen werden von
Schamanen ebenso berichtet wie von Menschen, die mächtige Erlebnisse mit
geistbewegenden Pflanzen hatten.
Diese Erfahrung, ein Teil in einer kosmischen Komposition zu sein, löst ein
Gefühl der Geborgenheit aus. Der Mensch als Mikrokosmos fühlt sich eins mit den
makrokosmischen Prozessen des ihn umgebenden Universums. Der Mystiker
bezeichnet die glückselige Empfindung dieses Einsseins mit dem Gott (respektive
mit der Natur) als Unio mystica. Die Schlange, bei der sich Kopf und Schwanz
- Anfang und Ende - miteinander verbinden, verkörpert in Mythen der ganzen
Welt diese Erfahrung von Einheit. In kreisrunden Mandalas sind die kosmischen
Gesetzmäßigkeiten eingeschrieben. Der Kreis ist die ideale Form, die sich die
Naturvölker in heilenden Kreisritualen seit jeher zunutze machten, um den Einklang
des Menschen mit der Natur in Krisensituationen psychisch wiederherzustellen. Seit
einiger Zeit erfährt die Kunst der australischen Ureinwohner in der westlichen Welt
große Beachtung. Ihre auf Rinden oder Leinwände gemalten Bilder, die aus einer
Vielzahl von Punkten zusammengesetzt sind, veranschaulichen die Mythologie der
Aborigenes. Manche Importeure ließen diese Motive auf T-Shirts übertragen. Auf
einem solchen T-Shirt-Bild ist ein Kreisritual mit dem ältesten Instrument der Welt,
dem Didgeridoo, abgebildet. Die Gruppe ist von der vielfältigen Welt des Lebendi­
gen umgeben. Diese Geborgenheit vermittelt Sicherheit. Sie schützt vor Gefahren.
Das machen sich manche Tiere der Tropen zunutze, wenn sie in Form und Farbe
ihre Umgebung imitieren, um nicht gesehen und gefressen zu werden.
Der Mensch kann sich jedoch auch der Umgebung ausgeliefert fühlen; verloren
in den dynamischen Kräften des Alls. Die Dekomposition wird als Ich-Auflösung
80 C. Müller-Ebeling

angstvoll erlebt. Das Gemälde Der Tag seines Zorns von JOHN MARTIN, Mitte
des 19 Jh. gemalt, ist dafür eine biblische Allegorie. Vulkane brechen aus, Gesteins­
brocken prasseln auf fliehende winzige Menschen nieder. Die Naturgewalten
symbolisieren das Schicksal, dem der Mensch nicht entfliehen kann. Die Woge, auf
der das Lebensschiff des Menschen hin und her schaukelt, war schon immer
Symbol für die Situation des Menschen - ob im Farbholzschnitt von HOKUSAI
oder in der Tuschezeichnung von VICTOR HUGO. Auch NICK HYDE greift auf
dieses Symbol zurück, in seinem 1971 gemalten Bild Estate of Man.
Die Vorstellung vom Schrecken hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Im 16.
Jh. stellte sich der christliche Mensch vor, daß der Schrecken durch die Vertreibung
des abtrünnigen Engels Luzifer und seines Gefolges auf die Erde kam. In Bildern
vom Engelsturz, vom Letzten Gericht, von Christus in der Vorhölle nahm die
Darstellung monströser Teufel einen breiten Raum ein. Ein besonders beliebtes
Thema für den Einbruch teuflischer Kräfte in die Lebenswelt des Menschen war die
Versuchung des hl. Antonius. Teuflisch war all das, was der sinnlich erfahrbaren
Natur zuwiderlief. Monströse Gebilde, zusammengesetzt aus diversen organischen
und anorganischen Teilen, symbolisierten verderbenbringende Kräfte. In unseren
Tagen sorgen Maschinen und waffenstarrende Kriege dafür, daß dieser Quell der
Angst nicht versiegt. Der Vorstellungskraft sind bis heute keine Grenzen gesetzt,
wenn es gilt. Schreckerregendes abzubilden. So zeigt die phantastische Kunst, die
mit der visionären weitgehend identisch ist, weil sie sich Irrealem zuwendet, in der
Regel eine Welt von Angst und Grauen. Marcel Brion, der Kunsthistoriker, dem
wir das Standardwerk phantastischer Kunst Jenseits der Wirklichkeit verdanken,
wollte sich darin den Formen zuwenden, „in welche die uralte Bangigkeit des
furchtgehetzten Menschen ihre Angstbilder projiziert hat“.6
Bei DAVID ALFARO S1QUKIROS Echo ofascream (1937) veranschaulicht ein
schreiendes Kleinkind, allein in den Trümmern einer verlassenen Stadt, diese Angst.
In den mit Spritzpistole und technischen Schablonen hergestellten Bildern von
HANS-RUEDI GIGER geht der Mensch in den Biomechanoiden eine unheilvolle
Symbiose mit der Technik ein.

6 Brion (1965: 5).


Visionäre Kunst 8l

Ausblick

Visionäre Künstler wurden von ihrer Umgebung häufig des Wahnsinns bezichtigt.
Maler wie ODILON REDON oder ERNST FUCHS, für deren Werke heute Phanta­
siesummen gezahlt werden, haben sich immer wieder gegen diesen Vorwurf ge­
wehrt. Insbesondere traf die Künstler die gesellschaftliche Ächtung, die sich
nachweislich durch psychedelische Erlebnisse inspirieren ließen. Was als Wahn
oder Vision, als erschreckend oder beglückend erlebt wird, ist deutlich davon
abhängig, was die jeweilige Zeit und Kultur erwünscht oder verdrängt. Das betonte
bereits 1845 der Mediziner Brierre DE BOISMONT, der die Phänomene von Hallu­
zination, Traum und Vision nicht nur an pathologischen Fallstudien seiner zeitge­
nössischen Klientel darstellte. Er zog auch die poetische, historische und theologi­
sche Literatur vergangener Jahrhunderte heran. Die Gehirne der Menschen seiner
Zeit seien keine „Ballsäle mehr, in denen Teufel tanzten; der Schrecken hat
vielmehr neue Formen angenommen“.7 Deshalb ist der durch irgendeine psychede­
lische Droge ausgelöste, vielzitierte Horrortrip auch nicht von Bildern bevölkert, die
die Droge selbst produzieren würde. Sie setzt vielmehr Bilder frei, die von den
Angstvorstellungen der Gesellschaft gespeist werden. In diesem Sinne verantworten
die Eltern, Lehrer, Politiker und Medien die Inhalte und Bilder, die sich den
Berauschten aufdrängen. Sie sind für die Teufel verantwortlich, die der jeweilige
Mensch sieht. Übrigens befinden sie sich damit in der Tradition der spanischen
Geistlichen, die die Kommunikation der Indianer der Neuen Welt mit den Kräften
der Natur ausschließlich als „Gespräch mit den Teufeln“ beschrieben.
Wenn das Wirkungsprofil abhängig machender Substanzen, die Betäubung und
Bewußtseinsverengung bewirken (z.B. Alkohol, Kokain und Heroin), auf Psychede­
lika übertragen wird (wie z. B. Haschisch, LSD und Meskalin), wenn visionäre Er­
fahrungen hilflos mit Irrsinn und Krankheit in Verbindung gebracht und damit im
wahrsten Wortsinne verteufelt werden, hat es der einzelne Mensch schwer, die
Konfrontation mit Engeln und Dämonen gewinnbringend verarbeiten zu können.
Das erschwert auch dem Künstler, mit seinen Visionen anerkannt zu werden.

7 Brierre de Boismont (1845: 318).


82 C. Müller-Ebeling

Literatur

Brierre de Boismont, A.-J.: Des Hallucinations, ou Histoire raisonnöe des apparitions, des visions,
des songes, de l'extase, du magnötisme et du somnambulisme. Germer Bailliöre, Paris 1845.

Brion, M.: Jenseits der Wirklichkeit. Phantastische Kunst. Walter, Olten, Freiburg 1965.

Fuchs, E.: Architectura Caelestis. Die Bilder des verschollenen Stils. Knaur, München 1973.

Höhle, S. et al.: Rausch und Erkenntnis. Knaur, München 1986.

Luna, L.E., Amaringo, P.C.: Ayahuasca Visions. The Religious Iconography of a Peruvian Shaman.
North Atlantic Books, Berkeley 1991.

Masters, R.E.L., Houston, J.: Psychedelische Kunst. (Aus dem Amerikanischen von Längsfeld,
W. u. M.) Knaur, München 1969.

Thorgerson, St. (Hg.): Classic Album Covers of the 60s. Olms, Zürich 1990.

Ausführlicher Literaturnachweis bei der Autorin erhältlich.

Yando Rios, Healing Session


Struktur-Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene 83

Peyton Jacob III und Alexander T. Shulgin


Struktur-Wirkungs-Beziehungen der klassischen
Halluzinogene und ihrer Analoga1

Der Weg, der zum Erscheinen einer neuen psychotroper! Droge in der Medizin
führt, durchläuft gewöhnlich vier Stufen. Hierbei ist zunächst (1) die Entdeckung
der Aktivität notwendig, woraufhin (2) Tiermodelle entwickelt werden müssen, die
auf diese Aktivität ansprechen; (3) müssen die Wirkungsweise und Toxizität
untersucht werden, und zuletzt (4) müssen Effizienz und Nutzen dieser Droge
demonstriert werden. Die letzten Untersuchungen der Wirkung von Drogen, die am
Menschen angewandt werden sollen, müssen, per Definition, auch am Menschen
durchgeführt werden. Dies ist der Kern der FDA-Richtlinien in der „investigational
new drug application“ (IND). Bei vielen Drogenklassen können die Ergebnisse von
Tierversuchen (Stufen 2 und 3) die Vorhersage neuer Drogen-Strukturen ermög­
lichen (Stufe 1). Bei der Erforschung halluzinogener Drogen (wobei die erwünschte
pharmakologische Aktivität nur am Menschen selbst demonstriert werden kann)
muß die Bestätigung jener Aktivität aber notwendigerweise am Menschen selbst
erfolgen. Es ist daher von großer Bedeutung für zukünftige Forschungsarbeiten auf
diesem Gebiet, die bisher bekannten Wirkungen der klassischen Halluzinogene und
deren Analoga am Menschen in einer umfassenden Übersicht aufzuzeichnen.
Zwei Worte im Titel müssen genauer definiert werden; Halluzinogen und
klassisch. Ein Halluzinogen ist eine Droge, die den Bewußtseinszustand eines
Menschen durch Modifikation seiner sensorischen Aufnahmefähigkeit verändert,
indem Hemmungen im kognitiven wie auch im kreativen Bereich gelöst werden
und so Zugang zu Material ermöglicht wird, welches normalerweise der Erinnerung
nicht zugänglich ist oder sich im Unterbewußtsein befindet. Die Veränderungen, die
auf diese Weise erreicht werden, bleiben nicht durch Amnesie verborgen, obgleich
sie nur eine begrenzte Zeitspanne anhalten und nur am Menschen selbst demon­
striert werden können. Vor einer Generation wurden diese Drogen fälschlicherweise
als Psychotomimetika bezeichnet. Wirkstoffe, die eine Psychose imitieren. Heute ist
der Begriff Halluzinogen als Euphemismus akzeptiert, obwohl dieser noch immer

1 Deutsche Fassung von M. H. Spaeth, Institut für Organische Chemie der Universität Göttingen,
Tammannstraße 2, D-37077 Göttingen
84 P. Jacob III & A. T. Shulgin

ungenau ist insofern, als Halluzinationen nicht zu den üblichen Syndromen gehö­
ren.’ In einer nachfolgenden Generation könnte sich auch das Synonym „Psychede-
licum“ in der medizinischen und naturwissenschaftlichen Literatur durchsetzen.
Bewußt ist eine Reihe von chemischen Verbindungsklassen von diesem Rück­
blick ausgeschlossen worden, die im klinischen Bereich mit dem Begriff Halluzino­
gen assoziiert werden, aber schon Thema anderer verwandter NIDA-Konferenzen
oder Monographien gewesen sind. Zu diesen zählen Marihuana und THC, Ketamin
und verwandte Parasympatholytika, wie z. B. die Datura-Alkaloide und JB-Präpa-
rate. Opiate und MDMA-verwandte Drogen.
Der Begriff klassisch hängt von der Sichtweise der Person ab, die ihn definiert.
Ein Präparat erlangt dadurch eine Einstufung als klassisch, daß sich die Forschung
hinreichend lange damit befaßt hat. Bei Substanzen wie Meskalin, LSD, DOM,
DMT und Psilocybin könnten die Ursachen hierfür sowohl die breit angelegten
Tierversuche als auch die klinischen Forschungsarbeiten sein, die in der Literatur
erschienen sind. Bei anderen Substanzen, wie z. B. Thiomeskalin, 2C-D. 2C-T und
TMA, befindet sich die große Anzahl von Veröffentlichungen auf einem eher
strukturellen und chemischen Niveau. Die Analoga dieser neun klassischen Halluzi­
nogen-Prototypen werden hier zusammengefaßt. In neun Tabellen werden die
strukturell zusammengehörenden Varianten aufgelistet, welche am Menschen
erforscht worden sind.
Das älteste der in der westlichen Wissenschaft bekannten klassischen Halluzino­
gene ist Meskalin, das Hauptalkaloid aus dem Peyotl-Kaktus. Es wurde 1894 aus
dem Kaktus isoliert, seine pharmakologischen Eigenschaften sind seit 1896 bekannt,
die Struktur wurde im Jahre 1919 durch die Synthese bestätigt. Mescalin dient als
Standard, mit dem die Wirkung aller anderen Phenylalkylamin-Basen verglichen
wird. In Tabelle 1 ist es zusammen mit verschiedenen untersuchten Alkylhomolo-
gen aufgeführt, deren Sauerstoffatome sich stets in vicinaler 3,4,5-Position befinden.
Eine allgemein gültige Gesetzmäßigkeit wird offensichtlich: Die Wirkung nimmt
bei Verlängerung des Alkylrests am Sauerstoffatom in Position 4 zu, nicht jedoch
bei entsprechenden Veränderungen der meta-orientierten Reste. Die Benennung
dieser synthetischen Substanzen greift auf den Zufall zurück, daß Meskalin eine
A/ethoxygmppe an der Position 4 aufweist, und beide Worte mit derselben Silbe
beginnen. Die Namen Eskalin, Proskalin und Buskalin folgen daraus in logischer
Konsequenz, wenn die Gruppen zu Ethoxy, Propoxy. Buthoxy etc. werden. In den

2 Vielmehr treten meist Visionen und Pseudohalluzinationen auf [Anm. d. Übersetzerin].


Struktur- Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene 85

Namen für die Diethoxyhomologen (hier und in Tabelle 2) werden das Nomen­
klatur-Präfix sym für symmetrisch oder asym für asymmetrisch und „B“ für zwei
(bis) Ethoxygruppen kombiniert (Bescalin).

TABLE I. MESCALINE ANALOGUES

NAME: CODE POTENCY POTENCY


milligrams x mescaline

(4-modified)

MESCALINE (4-methoxy) M 200-400 1


ESCALINE (4-ethoxy) E 40-60 6
PROSCALINE [4-(n)-propoxy] P 30-60 7
ISOPROSCALINE (4-isopropoxy) IP 40-80 5
BUSCALINE (4-(n)-butoxy] B >150 <1
CYCLOPROPYLMETHYL- CPM 60-80 5
ALLYLOXY- AL 20-35 10
METHALLYLOXY- MAL 40-65 6
PROPYNYLOXY- PROPYNYL >80 ?
4-DESOXYMESCALINE (4-methyl) DESOXY 40-120 4
PHENESCALINE (4-phenethytoxy) PE >150 <1

(other modified; substituent and location defined)

METAESCALINE (3,4-dimethoxy-5-ethoxy) ME 200-350 1


METAPROSCALINE 3,4-dimethoxy-5-propoxy) MP >240 <1
ASYMBESCALINE (3,4-diethoxy-5-methoxy) ASB 200-280 1
SYMBESCALINE 3,5-diethoxy-4-methoxy) SB >240 <1
TRESCALINE 3,4,5-triethoxy) TRIS >240 <1

(Chain relocation)

ISOMESCALINE (2,3,4-trimethoxy) IM >400 <1

(deuterium substitution)

4-TRIDEUTEROMESCALINE 4-D 200-400 1


β-DIDEUTEROMESCALINE β-D 200-400 1

Eine Bemerkung zum Gebrauch der Symbole > und < in diesen Tabellen ist
angebracht. Eine Dosierung, die als >250 Milligramm angegeben wird, impliziert,
daß keine Aktivität bei 250 Milligramm gefunden wurde. Es ist nicht bekannt, ob
die Substanz überhaupt bei irgendeiner Dosis aktiv ist; wenn dies jedoch der Fall
ist, dann wird sie es bei einer entsprechend größeren Dosis sein. Eine Wirksamkeit
von < 1 im Verhältnis zu Meskalin bedeutet also, daß beim Auftreten von irgend­
einer Aktivität diese kleiner sein wird als die von Meskalin. Es wird nicht im­
pliziert, ob diese Substanz überhaupt Aktivität besitzt.
Es sind einige Mescalin-Analoga bekannt, denen eine Methoxy-Gmppe fehlt.
DMPEA (3,4-Dimethoxyphenylethylamin; das 3,5-Dimethoxy-Isomer ist am
Menschen völlig unerforscht) hat für Aufregung gesorgt durch die Beobachtung des
86 P. Jacob III & A. T. Shulgin

„pink spots“, eines rosa anfärbbaren Flecks in den Dünnschichtchromatogrammen


aus Urinextrakten schizophrener Patienten. Ein Zusammenhang zwischen dem Fleck
und der Diagnose wird kontrovers diskutiert, die chemische Identität mit DMPEA
konnte hingegen nachgewiesen werden. Der Versuch, eine zentrale Störung mit
dieser Substanz (oral bis zu >1.5 Gramm, intravenös bis zu >10 Milligramm)
hervorzurufen, hatte keinen Erfolg. Aufgrund der großen strukturellen Ähnlichkeit
mit dem Neurotransmitter Dopamin (3,4-Dihydroxyphenylethylamin) ist dies recht
enttäuschend. Das 4-Ethoxy-Homologe, MEPEA, ist bis zu 300 Milligramm erprobt
worden und hat - wenn überhaupt - nur eine geringe Aktivität.
Eine weitere Substanz ist erwähnenswert: Isomeskalin (2,3,4-Trimethoxyphenyl-
ethylamin). In der Literatur gibt es einen faszinierenden Bericht über ihre Wir­
kungsweise. Sie ist als inaktiv in normalen Probanden beschrieben worden, löst bei
Schizophrenen jedoch angeblich eine spezifische Intoxikation aus. Sollte sich dies
bestätigen, so könnte sie eine interessante Rolle als Marker oder als biochemischer
Test auf diesen Zustand spielen.
Die beiden letzten Substanzen in Tabelle l sind die einzigen bekannten Deute­
rium-Analoga, die am Menschen untersucht worden sind: 4-Trideuteromethylmes-
kalin und β.β-Dideuteromeskalin. Keine der Substanzen kann von Meskalin selbst
unterschieden werden. Andere deuterierte Isotope, die von Interesse sein könnten,
sind (3,5-Hexadeuteromethyl-)Meskalin, 2,6-Dideuteromeskalin und a,a-Dideutero-
meskalin. Da die zuletzt genannte Substanz an der wahrscheinlichsten Stelle für den
primären metabolischen Angriff deuteriert ist, könnte sie aufgrund der veränderten
Kinetik für den Abspaltungsprozeß des a-Protons eine andere Wirksamkeit besitzen,
so daß sich eine Untersuchung der (R)- und (S)-Monodeuteroisotopomeren als recht
informativ heraussteilen könnte. Diese Substanzen können als 3-D, 2,6-D, a-D2,
(R)a-D und (S)a-D abgekürzt werden. Keine der zuletzt genannten Substanzen ist
bereits untersucht worden.
Die Substitution des 4-Sauerstoffatoms durch ein Schwefelatom in Meskalin führt
zu einem erstaunlich wirksamen Analogon, dem Thiomeskalin. Obgleich diese
Substanz in klinischen Versuchsreihen nicht sehr intensiv untersucht worden ist, gab
sie jedoch Anlaß zu intensiven synthetischen Studien, die die Wichtigkeit von
Position 4 am aromatischen Ring der Phenylethylamine (siehe Tabelle 2) weiter
verdeutlicht haben.
Eine Homologisierung an Position 4 erhöht bzw. erhält den Wirkungsgrad, bis
die Seitenkette die Länge von drei Kohlenstoffatomen (4-Thioproskalin) erreicht
hat. Danach nimmt die Aktivität ab. Keines der ungesättigten (Allylthio, Methal-
Struktur-Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene 87

lylthio) oder verwandten elektronenreichen Alkylthio-Derivate (Cyclopropylmethyl-


thio) ist für den Vergleich mit den relativ aktiven sauerstoffhaltigen Verbindungen
untersucht worden (siehe Tabelle 1). Sie sollten recht einfach zu synthetisieren sein
und könnten sich durchaus als außergewöhnlich wirksam herausstellen.
Mit dem Ersatz des Sauerstoffs durch den Schwefel wird eine weitere strukturelle
Variationsmöglichkeit eingeführt. Er kann eine von den beiden Positionen, entweder
die para- oder die /nefa-Stellung zur Ethylamin Seitenkette besetzen. Die meta-
Schwefelisomeren unterstreichen die Wichtigkeit des Alkylsubstituenten am para-
Heteroatom. Es verwundert nicht, daß die drei möglichen Thioanaloga von Isomes­
kalin keine Aktivität aufweisen.

TABIE II. THIOMESCAUNE ANALOGUES

NAME: CODE POTENCY POTENCY


milligrams x mescaline

(sulfur para)

4-THIOMESCALINE (3-MeO-4-MeS-5-MeO) 4-TM 20-40 10


4-THIOESCALINE (3-MeO-4-EtS-5-MeO) 4-TE 20-30 10
4-THIOPROSCALINE [3-MeO-4-(n)-PrS-5-MeO] 4-TP 20-25 10
4-THIOBUSCALINE (3-MeO-4-(n)-BuS-5-MeO] 4-TB 60-120 4
4-THIOASYMBESCALINE (3-EtO-4-EtS-5-MeO) 4-TASB 60-100 4
4-THIOSYMBESCALINE (3-EtO-4-MeS-5-EtO)) 4-TSB >240 <1
4-THIOTRESCALINE (3-EtO-4-EtS-5-EtO) 4-T-Tris >200 <1

(sulfur meta)

3-THIOMESCALINE (3-MeS-4-MeO-5-MeO) 3-TM 60-100 4


3-THIOESCALINE (3-MeS-4-EtO-5-MeO) 3-TE 60-80 5
3-THIOMETAESCALINE (3-EtS-4-MeO-5-MeO) 3-TME 60-100 4
5-THIOMETAESCALINE (3-EtO-4-MeO-5-MeS) 5-MTE >200 <1
3-THIOSYMBESCALINE (3-EtS-4-MeO-5-EtO) 3-TSB >200 <1
3-THIOASYMBESCALINE (3-EtS-4-EtO-5-MeO) 3-TASB -160 <1
5-THIOASYMBESCALINE (3-EtO-4-EtO-5-MeS) 5-TASB -160 <1
3-THIOTRESCALINE (3-EtS-4-EtO-5-EtO) 3-T-Tris >160 <1

(Chain relocation)

2-THIOISOMESCALINE (2-MeS-3-MeO-4-MeO) 2-TIM >240 <1


3-THIOISOMESCALINE (2-MeO-3-MeS-4-MeO) 3-TIM >240 <1
4-THIOISOMESCALINE (2-MeO-3-MeO-4-MeS) 4-TIM >160 <1 X = S or O

Die beiden nun verbleibenden Prototypen für die Struktur-Wirkungs-Analysen


sind nahe verwandt mit den bekannten Amphetaminen. Zu den gut untersuchten
Drogen DOM (2,5-Dimethoxy-4-methylamphetamin) und ihrem bromhaltigen
Analogon DOB (2,5-Dimethoxy-4-bromamphetamin) existieren die C,-Homologen
2C-D und ein bromhaltiges Homologes, das als 2C-B bekannt ist. Beide Phenyl-
88 P. Jacob III & A. T. Shulgin

ethylamine haben zu großen Verbindungsklassen geführt; die beiden Amphetamine


werden in einer späteren Tabelle aufgeführt.
Die einfachste 4-alkylsubstituierte halluzinogene Substanz ist 4-Methyl-2,5-
dimethoxyphenylethylamin, 2C-D. Diese Base ist eingehend untersucht worden: In
den Vereinigten Staaten gilt sie als Prototyp für die Untersuchung neuer Ver­
bindungen, wobei sie in Deutschland bei höherer Dosierung als psychotherapeuti­
sches Agens eigener Prägung und gewöhnlich unter dem Decknamen LE-25
angewandt worden ist. Die Base ohne Alkylgruppe in para-Position ist 2C-II; wenn
jedoch der Substituent an 4-Position zu einer Ethylgruppe homologisiert wird,
gelangt man zu der außergewöhnlich wirksamen und effektiven Verbindung 2C-E.
Der Wirkungsgrad kann bei weiterer Kettenverlängerung gesteigert werden, aber die
positiven Eigenschaften der beobachteten psychopharmakologischen Effekte nehmen
ab.

TABLE III. 2C-D ANALOGUES


NAME: CODE POTENCY POTENCY
milligrams x mescaline
(4-alkyl groups)

4-PR0TE0-2.5-DMPEA 2C-H ?
4-METHYL-2.5-DMPEA 2C-D (LE-25) («> 20-60 8
4-ETHYL-2.5-DMPEA 2C-E 10-15 24
4-(n)-PR0PYL-2.5-DMPEA 2C-P 6-10 40
(3,4-dialkyl groups)

DIMETHYL-2.5-DMPEA 2C-G 20-35 10


TRIMETHYLENE-2.5-DMPEA 2C-G-3 16-25 14
TETRAMETHYLENE-2.5-DMPEA 2C-G-4
NORBORNYL-2.5-DMPEA 2C-G-5 10-16 24
(NAPHTHYL) <*» 2C-G-N 20-40 10

(other groups)

4-FLUORO-2.5-DMPEA 2C-F >250 <1


4-CHL0R0-2.5-DMPEA 2C-C 20-40 10
4-8ROMO-2.5-DMPEA 2C-B 12-24 16
4-I0D0-2.5-DMPEA 2C-I 14-22 16
4-NITRO-2,5-DMPEA 2C-N 100-150 2
4-ISOPROPOXY-2.5-DMPEA 2C-0-4 >60 ?
4-METHYLTHI0-2.5-DMPEA 2C-T (O 60-100 4
4-METHYLSELENO-2.5-DMPEA 2C-SE ca. 100 ca. 3

(a) Higher levels have been used in psychotherapeutic research.


(b) 1.4-Dimethoxy-2-(2-aminoethyl)naphthalene.
(c) Extensively studied via homologation, see separate Table.

Wie nachstehend noch bei den C (-substituierten Kohlenstoff-Amphetamin-


Analoga diskutiert wird, führt das Hinzufügen einer zweiten Alkylgruppe, an
Struktur-Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene 89

Position drei des Ringes, zu Verbindungen mit verminderter Wirksamkeit, die


jedoch ihre halluzinogene Aktivität behielten. Die C,-substituierten Isomeren
werden hier in Tabelle 3 aufgeführt; sie bilden eine ungewöhnliche Gnippe mit
einigen herausragenden Eigenschaften. Bei allen bisher untersuchten Phenylethyla-
min/Amphetamin-Paaren besitzt das Phenylethylamin eine geringere Wirksamkeit
als sein Amphetamin-Homologes, wobei die Wirkung jeder Komponente bei
Zunahme des Molekulargewichts der 4-Alkylgmppe abnimmt. In der Reihe der 3,4-
Dialkyl-Analoga erreichen bei der Zunahme von Größe und Komplexität der beiden
Alkylgruppen nicht nur die Phenylethylamine eine höhere Wirksamkeit als die
Amphetamin-Homologen, auch die absolute Wirksamkeit nimmt bei steigender
Masse und Raumerfüllung des Substituenten zu. Die bisher wirksamste Substanz,
die in dieser Strukturgruppe gefunden wurde, ist das als Formel abgebildete
Norbomyl-Derivat. 2C-G-5 besitzt insgesamt 5 aliphatische Kohlenstoffatome, die
sich zwischen Position 3 und 4 befinden.
Man kann hier in vielen Richtungen fortfahren, sowohl synthetisch als auch
pharmakologisch. Bisher sind alle hergestellten Substanzen - sowohl diejenigen, die
pharmakologisch getestet worden sind, als auch die, deren Tests noch nicht abge­
schlossen wurden - symmetrisch zur 3,4-Achse substituiert. Der Einsatz der Diels-
Alder-Reaktion mit Benzochinon als Dienophil ermöglicht eine fast unbegrenzte
Variation in der Struktur 3,4-Dialkyl-2,5-Dimethoxyphenylethylamine. Und da eine
Vergrößerung der Masse eine Steigerung der Wirksamkeit zur Folge haben müßte,
könnten hier beachtenswerte Substanzen entdeckt werden. Zwei weitere vielver­
sprechende Wege für weitere Forschungen werden offensichtlich. Eine asym­
metrische Substitution ist möglich, bei der die 3- und 4-Substituenten voneinander
verschieden sind. Außerdem muß man die optischen Isomere der hergestellten
Racemate untersuchen (wie z. B. bei 2C-G-5).
Zwei zusätzliche strukturelle Variationen des zentral wirksamen Prototyps 2C-D
sind entdeckt und erst zu einem geringen Maße untersucht worden: Die β-alkoxy-
lierten Analoga sind als BOX-Serie bekannt, wobei die Verbindungen, die Ethoxy-
Gruppen anstelle von einer der Methoxygruppen tragen, „Tweetios“ genannt werden
(abgeleitet aus dem Versuch, die chemischen Symbole, die den 2-Ethoxy-Sub-
stituenten abkürzen (in englischer Sprache) auszusprechen, 2-ErO). Keine dieser
Gruppen ist in Tabelle 3 aufgeführt, aber beide stellen deren logische Fortsetzung
dar.
Wie schon erwähnt sind die BOX-Komponenten β-Oxy-Analoga, meist die
Methylether von Analoga des 2C-X Systems. Das X steht dann für das Initial bzw.
90 P. Jacob III & A. T. Shulgin

den Kennbuchstaben des 2C-Analogons, das oxidiert worden ist. Diese Veränderung
führt ein Sauerstoffatom in einer Position ein, die mit der in den Neurotransmittern
Noradrenalin und Adrenalin identisch ist. Aber außerdem wird ein neues chirales
Zentrum eingeführt, das bei den entsprechenden Amphetamin-Derivaten wie bei
Ephedrin und Pseudoephedrin zu einem threolerythro-System von Diastereomeren
führt. Die β-Methoxy-Analoga von 2C-B (BOB) und 2C-D (BOD) sind etwas
wirksamer als ihre sauerstofffreien Äquivalente, aber weniger effektiv beim
Hervorrufen sensorischer Veränderungen. An den reinen Enantiomorphen ist bisher
noch keine Untersuchung durchgeführt worden.
Die beiden „Tweetio“ Analoga (2-Ethoxy und 5-Ethoxy) von 2C-D und 2C-B
sind untersucht worden; sie zeigen eine sehr stark reduzierte Aktivität. Die
„5-Tweetio“ (5-Ethoxy)-Komponenten zeichnen sich durch eine etwa um den Faktor
zwei geringere Wirksamkeit aus, während die „2-Tweetio“-Substanzen (2-Ethoxy)
eine um einen weiteren Faktor fünf verringerte Wirkung besitzen. Von den „bis-
Etios“ (den 2,5-Diethoxy-Homologen von 2C-D und 2C-B) ist bisher keine Aktivi­
tät bekannt.
Am Ende von Tabelle 3 ist eine Schwefel-Verbindung aufgeführt, 2C-T. Obwohl
diese selbst nur wenig Aktivität besitzt, weisen ihre Homologen eine vielfältige und
breite Psychopharmakologie auf und konstituieren damit eine weitere Gruppe von
Halluzinogenen. Diese 2C-T Analoga sind in Tabelle 4 zusammengestellt.

TABLE IV. 2C-T ANALOGUES

NAME: CODE POTENCY POTENCY


milligrams x mescaline

(4-alkylthio-2,S-DMPEA)

METHYL- 2C-T 60-100 4


ETHYL- 2C-T-2 12-25 16
PROPYL- 2C-T-7 10-30 15
ISOPROPYL- 2C-T-4 8-20 20
SEC-BUTYL- 2C-T-17 60-100 4
TERT-BUTYL- 2C-T-9 60-100 4
CYCLOPROPYL- 2C-T-15 >30 ?
CYCLOPROPYLMETHYL- 2C-T-8 30-50 8

(4-heteroalkylthio-2,5-DMPEA)

2-METHOXYETHYL- 2C-T-13 25-40 10


2-FLUOROETHYL- 2C-T-21 8-12 30

Der optimale Alkylrest (am Schwefel-Atom) besteht aus zwei bis drei Kohlen­
stoffatomen, der den Substanzen 2C-T-2, 2C-T-4 und 2C-T-7 (S-Ethyl, S-Isopropyl
und S-Propyl) sowohl Aktivität als auch die LSD-ähnliche Wirkung verleiht. Setzt
man ein Heteroatom auf die β-Position der S-Ethylgruppe von 2C-T-2, erhält man
Struktur-Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene 91

das aktive Methoxyethylthioderivat. 2C-T-13; durch Substitution mit Fluor entsteht


das sehr wirksame β-Fluorethylthio-2,5-dimethoxyphenylethylamin, 2C-T-21. Diese
Struktur ist insofern interessant, als sie die erste halluzinogene Droge ist, deren
Formel sechs verschiedene Elemente (C, H, N, O, S und F) enthält; das Fluoratom
trägt wesentlich zur zentralen Aktivität bei. Möglicherweise ist sie von großem
Wert als Sonde für l8F Studien von kinetischen Abläufen im Gehirn über die
Positronen-Computertomographie.
Es gibt zwei klassische Amphetamin-Halluzinogene, die den Ausgangspunkt für
ausgiebige Struktur-Wirkungs-Untersuchungen bildeten. Die erste Untersuchung
dieser Art, ausgehend vom bekannten C33-Homologen des Meskalins, dem 3,4,5-
Trimethoxyamphetamin oder TMA, ist in Tabelle 5 gezeigt. Wenn überhaupt
wesentliche Unterschiede zwischen den Phenylethylamin-C,-Familien (Tabellen 1-4)
und ihren Homologen, den C3-Verbindungen (von Tabellen 5 und 6) existieren,
dann würden Intensität und Modulation der Wirkung dazugehören. Die Phenylethyl-
amine sind allgemein weniger wirksam (der Faktor hierfür liegt zwischen zwei und
zehn). Außerdem sind sie eher „weich“ und angenehm in ihrer Wirkung, wohinge­
gen die Amphetamin-Homologen „rauher“ sind und den Menschen in gewisser
Weise stärker fordern. „ Die Phenylethylamine führen Dich in eine Erlebniswelt, die
Amphetamine bestehen auf Deiner Teilnahme. “
Alle sechs möglichen Konstitutionsisomere von TMA sind synthetisiert und
miteinander verglichen worden. Zwei davon heben sich von den anderen ab, die
2,4,5- und die 2,4,6-Isomeren, TMA-2 und TMA-6. TMA-5 (2,3,6-Trimethoxyam-
phetamin) scheint eine ähnliche Wirkung zu besitzen, es liegt jedoch keine klinische
Dokumentation vor, um diese Aktivität zu bestätigen. TMA-2 und TMA-6 sind bei
oraler Aufnahme im Bereich von 20-50 Milligramm aktiv. TMA-2 ist in ver­
schiedenster Weise modifiziert worden, wobei die Veränderung der Alkoxygruppe
in 4-Position (zu MEM) und die Cyclisierung zu einem fünfgliedrigen Dioxolan-
Ring (zu MMDA-2) die wichtigsten waren. Auch von der zuletzt genannten
Methylendioxy-Base sind Konstitutionsisomere hergestellt worden. Entfernt man die
Methoxygruppe von MMDA-2 (oder von MMDA), erhält man eines der wenigen
bekannten Phenylethylamin-Halluzinogene mit nur zwei Ringsubstituenten. Die
Base MDA ist auch dadurch bemerkenswert, daß ihr N-Methylderivat (MDMA)
eine ganz besondere biologische Aktivität besitzt, deren Natur jedoch außerhalb
dieses Zusammenhangs steht. Kein anderes Phenylethylamin-Halluzinogen behält

3 C-Atome in der Kette [Anm. d. Übersetzerin],


92 P. Jacob III & A. T. Shulgin

TABLE V. TMA ANALOGUES

NAME: CODE POTENCY POTENCY


milligrams x mescaline

(alkoxyamphetamine)

4-METHOXY 4-MA 50-80 5


2.4-DIMETHOXY 2,4-DMA >60 ?
2.5-DIMETHOXY 2,5-DMA 80-160 2.5
3.4-DIMETHOXY 3.4-DMA in the 100's <1
3.4.5-TRIMETHOXY TMA 100-250 1.7
2.4.5-TRIMETHOXY TMA-2 20-40 10
2.5-DIMETHOXY-4-ETHOXY MEM 20-50 10
2.5-DIMETHOXY-4-PROPOXY MPM >30 ?
2.3.4-TRIMETHOXY TMA-3 >100 ?
2.3.5-TRIMETHOXY TMA-4 >80 ?
2.3.6-TRIMETHOXY TMA-5 ca. 30 ca 10
2.4.6-TRIMETHOXY TMA-6 25-50 8
2,3.4,5-TETRAMETHOXY TA >50 ?

(methylenedioxyamphetamine)

3,4-METHYLENEDIOXY MDA (a> 80-160 2.5


3-METHOXY-4.5-METHYLENEDIOXY MMDA 100-250 1.7
2-METHOXY-4.5-METHYLENEDIOXY MMDA-2 25-50 8
2-METHOXY-3.4-METHYLENEDIOXY MMDA-3a 20-80 6
4-METHOXY-2.3-METHYLENEDIOXY MMDA-3b >80 ?

(a) The N-methyl homologue of MDA (MDMA) is not appropriate to this review of hallucinogens.

seine zentrale Aktivität bei einer N-Methylierung. Das monosubstituierte Analogon,


4-MA (4-Methoxyamphetamin, auch als PMA bekannt) ist biologisch aktiv, wirkt
jedoch vor allem als cardiovasculäres Stimulans.
In einer ähnlichen Klasse von Verbindungen ist der 4-AIkoxy-Rest durch eine
sauerstofffreie Gruppe ersetzt worden. Diese Substanzen werden in Tabelle 6
aufgeführt. Zu den wirksameren zählen die halogenhaltigen Analoga. DOM, DOB
und besonders DOI. die kürzlich besondere Aufmerksamkeit in der Forschung als
Liganden bei der Untersuchung von Scrotonin-Rezeptoren erlangt haben.
Wieder gibt es zwei mit DOM verwandte Gruppen, die hier erwähnt werden
könnten, aber nicht in der Tabelle aufgeführt sind. Einige wenige 4-Alkylthio-
Analoga sind bekannt und werden Aleph-Substanzen genannt. Sie entsprechen
genau den in Tabelle 4 aufgeführten 2C-T-Basen (Aleph, Aleph 2, Aleph 4 und
Aleph 7 sind die 4-Methylthio. 4-Ethylthio, 4-Isopropylthio beziehungsweise
4-Propylthio-2,5-Dimethoxyamphetamin-Isomeren); sie sind bedeutend wirksamer
als ihre C,-Phenylethylamin-Äquivalente.
Die zweite Gruppe hat ein 2,4,6-Substitutionsmuster, während die große Mehr­
zahl der in den vorherigen Tabellen aufgelisteten Substanzen ein 3,4,5- oder 2,4,5-
Struktur- Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene 93

TABLE VI: DOM ANALOGUES

NAME: CODE POTENCY POTENCY


milligrams x mescaline

(4-alkyl-2,5-dimethoxyamphetamine)

METHYL DOM (STP) 3-10 50


ETHYL DO ET 2.0-6.0 80
PROPYL DOPR 2.5-5.0 80
BUTYL DOBU >3 ?
ISO-BUTYL DOIB >10 ?
SEC-BUTYL DOSB >25 ?
TERT-BUTYL DOTB >10 ?

(4-substituted-2,5-d imethoxyamphetamine)

CHLORO DOC 1.5-3.0 150


BROMO DOB 1.0-3.0 150
IODO DOI 1.5-3.0 150
NITRO DON 3.0-4.5 80
2-FLUOROETHYL DOEF 2.0-3.5 100

(3,4-disubstituted-2,5-dimethoxyamphetamine)

DIMETHYL G 20-32 10
TRIMETHYLENE G-3 12-18 20
NORBORNYL G-5 14-20 18

Substitutionsmuster hatte. Die Ähnlichkeit in der Wirkung zwischen TMA-2 und


TMA-6 (letztere mit dem 2,4,6-Substitutionsmuster, siehe Tabelle 5) hat zu einer
neuen Klasse von halluzinogenen Amphetaminen geführt, die in unserer aktuellen
Forschung eine größere Rolle spielen. Bei dieser Klasse scheint wieder die 4-Posi-
tion die Wirkung sowie die Art der hervorgerufenen Reaktionen maßgeblich zu
beeinflussen, und es scheint, daß jede der 2,4,5-substituierten Verbindungen ein
aktives Gegenstück besitzen könnte. Das DOM (2,6-Dimethoxy-4-Methylampheta-
min) entsprechende Pseudo-DOM ist bei oraler Aufnahme von 15-25 Milligramm
aktiv. Inzwischen sind Syntheseverfahren verfügbar, um auch die „Pseudo“-Analoga
der 2C-T-Gruppe mit unterschiedlichen Alkylthiogruppen an der 4-Position herzu­
stellen.
Die ersten sechs Tabellen waren den Phenylethylamin-Halluzinogenen gewidmet,
die verbleibenden drei umfassen das zweite „Reich“ pharmakologisch ähnlich
wirksamer Substanzen, die Tryptamin-Halluzinogene. In Tabelle 7 sind die bekann­
ten aktiven Tryptamine aufgeführt mit Ausnahme der Psilocybin-Gruppe. Die N,N-
Dialkyltryptamine sind die ältesten und am gründlichsten untersuchten Substanzen.
Die Verbindungen mit einem geringen Molekulargewicht (DMT, DET) werden
vermutlich durch metabolische Deanimation inaktiviert und müssen daher in­
travenös oder zusammen mit einem Amin-Oxidase-Inhibitor verabreicht werden. Ist
ein größerer Alkylrest am Stickstoffatom vorhanden (wie z. B. eine Isopropyl­
94 P. Jacob III & A. T. Shulgin

gruppe), so kann die Verbindung auch bei oraler Aufnahme wirken. Auch über die
Tryptamin-Halluzinogene läßt sich eine allgemeine Aussage treffen. Genauso wie
die Amphetamine verglichen mit den Phenylethylaminen in ihrer Wirkung im
allgemeinen „fordernder“ waren, gelten die Tryptamine sogar als noch agressiver.
Einige dieser Drogen wirken auf sehr eigene Weise, und man hat oft wenig Einfluß
auf den Verlauf, den die Sitzung nimmt.
Der Indolring kann einen einzigen sauerstoffhaltigen Substituenten am aromati­
schen Ring enthalten, ohne daß die Aktivität abnimmt. Die 4-substituierten Indole
werden weiter unten diskutiert. Durch eine 5-Hydroxylierung von DMT (an der
Substitutionsposition des Neurotransmitters Serotonin, 5-H-T) erhält man Bufotenin,
welches wahrscheinlich kein Halluzinogen ist. Bildet man daraus den Methyläther,
erhält man eine Gruppe von N,N-Dialkyltryptaminen, deren Eigenschaften sich bei
parenteraler bzw. oraler Aufnahme parallel zu ihren DMT-Gegenstücken verhalten,
mit dem Unterschied, daß die Wirkung gewöhnlich deutlich zunimmt. Der Schutz
der beiden Schwachstellen von Serotonin führt zu α,O-Dimethylserotonin: Die
O-Methylierung ermöglicht den Zugang zum ZNS, während die α-Methylierung
eine enzymatische Deanimation verhindert. Dieses Halluzinogen ist bei oraler
Aufnahme aktiv und hat einen ungewöhnlich hohen Wirkungsgrad. Alle anderen
Substitutionen des Indolrings (6, 7 oder mehrfach substituiert) ergeben ausschließ­
lich inaktive Substanzen. Es ist bisher fast nichts bekannt über die Art der
Applikation (oral oder parenteral), die Aktivität oder die Wirkungsweise von
Tryptaminen (5-Proteo und 5-Methoxy) mit gemischten Alkylgruppen am Stick­
stoffatom der Seitenkette. Dies ist der zweite Bereich unserer gegenwärtigen
Forschung.
Eine zusätzliche Verbindungsklasse sollte hier erwähnt werden: die β-Carboline.
In der ethnopharmakologischen Literatur ist deren Nutzen als Enzyminhibitoren gut
dokumentiert worden. Sie ermöglichen außer der parenteralen auch die orale
Aufnahme, vermutlich durch Verhinderung des Primärmetabolismus in der Leber.
Sie können durch Cyclisierung von 6-Methoxytryptamin mit einer C,-Einheit
erzeugt werden, wie z. B. Acetaldehyd. In der Natur findet man sie in einer der drei
Oxidationsstufen: Tetrahydroharmin, Harmalin und Harmin. Die mit Serotonin
enger verwandten Isomere werden synthetisch auf ähnliche Weise aus 5-Methoxy-
tryptamin hergestellt. Nur Harmalin selbst, eine der Hauptkomponenten des
Ayahuasca, gilt als echtes Halluzinogen. Das aromatische Analogon, Harmin, hat
wenig oder gar keine Aktivität. Über die anderen vier Verbindungen ist bisher
nichts berichtet worden.
Struktur- Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene 95

TABLE VII. DMT ANALOGUES

NAME: CODE POTENCY POTENCY


milligrams x DMT

(N.N-dialkyltryptamine)

H tryptamine >100 <1


DIMETHYL DMT 60-100(4-30 iv) 1
DIETHYL DET 60-100 1
DIPROPYL DPT 20-100 (100's po) 1
METHYLISOPROPYL MIPT 10-25 4
DIISOPROPYL DIPT 20-40 2
DIALLYL 80 1

(Ar-substituted — alkyltryptamine)

H a-METHYL IT-290 20-40 3


4-Me a-METHYL >60 <1
4-OH N.N-DIMETHYL (psilocin, see separate Table)
5-OH N.N-DIMETHYL (bufotenine, not CNS active?)
5-OCH3 N.N-DIMETHYL 5-MeO-DMT 6-10 10
5-OCH3 N.N-DIISOPROPYL 5-MeO-DIPT 8-12 7
5-OCH3 N-METHYL-N-ISOPROPYL 5-MeO-MIPT 4-6 15
5-OCH3 a-METHYL a.O-DMS 3-5 20
5.6-OCH3 N-METHYL-N-ISOPROPYL 5.6-OMe-MIPT >60 <1
5.6-0CH20 N-METHYL-N-ISOPROPYL >60 <1
6-OH N.N-DIMETHYL 6-OH-DMT >80 <1
6-F N.N-DIETHYL 6-F-DET >80 <1
6-OCH3 N-METHYL-N-ISOPROPYL 6-MeO-DIPT >50 <1
7-OCH3 N-METHYL-N-ISOPROPYL 7-MeO-DIPT >70 <1

TABLE VIII. PSILOCYBIN ANALOGUES

NAME: CODE POTENCY POTENCY


milligrams x DMT

(4-oxy-N.N-dialkyltryptamine)

DIMETHYL (phosphate ester) CY-39 (PSOP) 10-15 6


DIMETHYL (free OH) CX-59 (PSOH) 7-10 8
METHYLPROPYL ((ree OH) 4-OH-MIPT 10-15 6
METHYLISOPROPYL (methyl ether) 4-MeO-MIPT 20-30 3
DIETHYL (phosphate ester) CEY-19 20-30 3
DIETHYL (Iree OH) CZ-74 15-20 4
DIISOPROPYL (free OH) 4-OH-DIPT 15-20 4
96 P. Jacob III & A. T. Shulgin

Die Gruppe der Tryptamine mit einer sauerstoffhaltigen Funktion an Position vier
hat ihren Ursprung in aktiven Alkaloiden der Pilzart Psilocybe. Der Phosphatester
des Alkaloids ist Psilocybin, der phosphatfreie phenolische Grundkörper ist das
instabilere Psilocin. Im Körper scheint eine Dephosphorylierung von Psilocybin zu
Psilocin stattzufinden, da beide die gleiche molare Wirksamkeit besitzen. Die N.N-
Diethyl-Homologen sind bei der Firma Sandoz synthetisiert und zur Anwendung in
der Psychotherapie untersucht worden. Sie scheinen etwas weniger wirksam zu sein
als die Methylderivate. In einer Studie hat man andere Reste am Stickstoffatom
untersucht und dabei festgestellt, daß alle diese Substanzen wirksam und bei oraler
Aufnahme aktiv sind. Sowohl die monomethylierten als auch die nicht-methylierten
Homologen Baeocystin und Norbaeocystin kommen als Begleitsubstanzen von
Psilocin in einigen Pilzen vor. Sie sind noch nicht am Menschen untersucht worden.
Die letzte und bei weitem wirksamste Gnippe der Tryptamin-Halluzinogene
findet man bei den Ergolinen, die mit LSD verwandt sind. Sie werden in Tabelle 9
aufgeführt. Seit langem gilt das Diethylamid als die wirksamste Substanz und dient
als Standard für den Vergleich der Wirksamkeiten. In den frühesten Arbeiten auf
diesem Gebiet gab man die Wirksamkeit als Bruchteil der Wirksamkeit von LSD
selbst an, wobei einige dieser Werte aus einer einzigen Dosis abgeleitet wurden.
Die angegebenen Mikrogramm-Bereiche wurden aus dieser Wirksamkeit errechnet.
Das N1-Acetyl-Derivat besitzt die gleiche Wirksamkeit, vermutlich aufgrund des
leichten Verlustes der Acetylgruppe durch Hydrolyse im Körper. Alle untersuchten
Variationen am Amid-Stickstoff haben zu Substanzen verminderter Aktivität
geführt.
Allerdings haben Variationen der N6-Substitution die Wirksamkeit von LSD
aufrecht erhalten, in einigen Fällen sogar gesteigert. Außer dem N6-Diethylamid
(LSD) sind keine der wirksameren N6-Homologen näher untersucht worden.
Dies ist ein kurzer Abriß unseres heutigen Wissensstandes über die Analoga
klassischer Halluzinogene. Offensichtlich gibt es keine strukturelle Gemeinsamkeit,
die man in Beziehung zu den bekannten Neurotransmittern setzen könnte, um eine
Theorie über deren Funktionsweise abzuleiten. Viele interessante Forschungs­
richtungen gehen aus den Lücken der aufgeführten Tabellen deutlich hervor. Zwei
davon werden, wie schon erwähnt, gerade bearbeitet. Das 2,4,6-Substitutionsmuster
der Phenylethylamine führt durchweg zu aktiven Substanzen. Das bedeutet, daß die
Hypothese, die die Beteiligung eines Hydrochinons als Intermediat für die Aktivität
der 2,4,5-substituierten Substanzen verantwortlich macht, nicht allgemeingültig sein
kann und überdacht werden muß. Die Analyse der Raumerfüllung durch Sub­
Strukrur-Wirkungs-Beziehungen der klassischen Halluzinogene 97

TABLE IX. LSD ANALOGUES

NAME: CODE POTENCY POTENCY


micrograms x LSD

(amide variations)

DIETHYl LSD-25 50-200 1


(1-Ac. 2-H) ALD-52 100-200 1
(1-Me. 2-H) MLD-41 75-140 0.3 <a>
(1-H. 2-Br) BOL-148 >1000 <0.1
(1-Me. 2-Br) MBL-61 >10.000 <0.01
ETHYL LAE-32 500-1400 0.1
(1-Ac. 2-H) ALA-10 1200 0.1 <a>
(1-Me. 2-H) MLA-74 2000 0.05 (a>
METHYL ca. 500 ca 0.2 <a>
DIMETHYL DAM-57 500-1200 0.1
METHYLPROPYL LMP >100 <1
1 -HYDROXY-2-PROPYL ergonovine 10.000 0.01 <a>
1-HYDROXY-2-BUTYL methylergonovine 2000 0.05 (a)
(1-Me, 2-H) UML-491 (Sansert) 4000-8000 0.02
-(CH2)s- (pyrrolidinyl) LPD-824 800 0.1 (a)
(1-Me. 2-H) MPD-75 >1600 <0.05
-CH2CH2OCH2CH2- (morpholinyl) LSM-775 300-600 0.3

(N-6 variations)

H Nor-LSD >500 <0.3


METHYL LSD 50-200 1
ETHYL ETHLAD 40-80 2
PROPYL PROLAD 80-175 1
ALLYL ALLYLAD 50-150 2
BUTYL BULAD >400 <0.3
PHENETHYL PHENETHYLAD >350 <0.3

(a) Relative potency is based on intensity of described effects. In some cases only a single dosage level was employed.

stituenten, die den Amin-Stickstoff der DMT-Homologen umgeben, könnte die


benötigte Geometrie am aktiven Zentrum genau wiedergeben. Auch diese Unter­
suchungen sind gerade in Arbeit. Weitere provokative Fragen bleiben offen: Könnte
die erstaunliche Aktivität des N-Methyl-N-Isopropyl-Substitutionsmusters der
Tryptamine auch für die Phenylethylamine zutreffen? Warum sind die aktiven
Phenylethylamine so wirksam, während man nach dem allgemeinen Wissensstand
doch vorraussagen würde, daß sie deaminiert werden müßten und so unwirksam
würden. Außerdem, warum kann nur die Position 4 bei diesen Substanzen und
deren Amphetamin-Homologen große strukturelle Veränderungen tolerieren, ohne
zu einem Aktivitätsverlust zu führen? Könnte es in der Welt der Tryptamine nicht
eine Unzahl von aktiven Substanzen geben, die eine amphetaminähnliche Struktur
wie α,O-DMS aufweisen? Vielleicht gibt es weitere Homologe mit ein oder zwei
Alkylgruppen am Stickstoff der Seitenkette?
98 P. Jacob 111 & A. T. Shulgin

Die Antwort zu diesen und anderen, ähnlichen Fragen könnte wertvolle Informa­
tionen liefern, um die erstaunliche Aktivität dieser Klasse von psychotropen
Agentien zu erklären.

Literatur

Einige der hier wiedergegebenen Daten sind zuvor nicht publiziert worden. Eine vollständige
Literaturliste, die die bekannten Daten, die in diesem Artikel erwähnt worden sind, enthält, würde
aus Hunderten von Zitaten bestehen. Folgende führende Übersichtsartikel, die diese Zitate
enthalten, sollten zu Rate gezogen werden:

Shulgin, A.T.: Psychotomimetic Drugs: Structure Activity Relationships, Handbook of Psycho-


pharmacology, Vol. 11 (Eds. L. L. Iversen, S. D. Iversen and S. H. Snyder). Plenum Press, New
York 1978, 243.

Shulgin, A. T.: Hallucinogens, Burger’s Medicinal Chemistry, 4th Edition (Ed. M. E. Wolff). Wiley
& Co., New York 1981, 1109.

Shulgin, A. T.: Chemistry of Psychotomimetics, Handbook of Experimental Pharmacology, 55/III


(Eds. F. Hoffmeister and G. Stille). Springer-Verlag, Berlin 1981,3.

Shulgin, A. T., Shulgin, A.: PIHKAL: A Chemical Love Story. Transform Press, Berkeley 1991.

Ausführlicher Literaturnachweis bei den Autoren erhältlich.


Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden und halluzinogenen Amphetaminen 99

Karl-Artur Kovar, Armin Ruff, Gerald Beuerle1,


Leo Hermle2, Euphrosyne Gouzoulis3

Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden


und halluzinogenen Amphetaminen:
Ein neues Pharmakophor-Modell für selektive
Serotonin-Reuptake-Hemmer

Amphetamine gehören zur Gnippe der Arylalkanamine (Abb. 1)[1]. Diese weisen
je nach ihrem Substitutionsmuster unterschiedliche pharmakologische Eigenschaften
auf: stimulierende, halluzinogene und entaktogene Wirkungen. Der Begriff „Entak­
togene“ wurde von Nichols 1986 vorgeschlagen [2]. Entaktogene sind Stoffe,
welche die Kommunikationsfreudigkeit anheben, die Selbsterkenntnis fördern und
die Entspannung begünstigen, sie erzeugen ein ozeanisches Gefühl.

Abb. 1: Übersicht über Arylalkanamine

1 Pharmazeutisches Institut der Universität Tübingen


2 Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Neurologie „Christophsbad“, Göppingen
3 Psychiatrische Klinik der RWTH, Aachen
100 K. -A. Kovar et ai

Die Stammsubstanz Amphetamin wurde bereits vor über 100 Jahren, nämlich
1887, von Edelano synthetisiert. Durch die Arbeiten von Shulgin [3] und NlCHOLS
[2] wissen wir, daß
- die zentralstimulierende Wirkung durch Alkylgruppen am aromatischen Ring und
durch Verkürzung oder Verlängerung der Seitenkette herabgesetzt,
- die psychotomimetische, halluzinogene Wirkung durch Alkoxygruppen am
aromatischen Ring angehoben wird und
- die entaktogenen Eigenschaften durch Einführung einer Methylendioxygruppie-
rung und einer N-Alkylierung verstärkt werden.
Beispiele hierfür sind Mescalin, DOB [4-Bromo-2,5-dimethoxyamphetamin] oder
MBDB [N-Methyl-l-(l,3-benzodioxol-5-yl)-2-butanamin], Stimulierende Ampheta­
mine sind hauptsächlich S-konfiguriert und indirekte Noradrenalin/Dopamin-
Agonisten. Noradrenalin ist für die zentralstimulierende, aufputschende Wirkung
verantwortlich, Dopamin für die Amphetamin-Psychose.

Abb. 2:

Halluzinogene Amphetamine sind vornehmlich R-konfiguriert und greifen


agonistisch am postsynaptischen 5HT2-Rezeptor an. Verbindungen mit hoher
Affinität zu diesem Rezeptor sind außerdem LSD und halluzinogene Indolderivate.
Im Gegensatz dazu wirken die S-Enantiomere der Entaktogene wie verschiedene
nichttrizyklische Antidepressiva als 5HT-Reuptake-Hemmer. Sie weisen hohe
Affinität zum entsprechenden präsynaptischen Rezeptor auf. Die Folge ist eine
Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme in den präganglionären Teil der Neuro­
nen.
Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden und halluzinogenen Amphetaminen 101

Die Frage, die wir uns stellten, war:

Kann man ausgehend von diesen biochemischen Beobachtungen durch


Computer Aided Drug Design (Molecular Modelling) eine Erklärung für die
unterschiedliche Wirkung der Entaktogene zu den stimulierenden und halluzi­
nogenen Amphetaminen finden?

Wir stellten folgende These auf:

5HT-Reuptake-Hemmer müßten sich durch ein gemeinsames Pharmakophor-


modell charakterisieren lassen, denn biologisch aktive Verbindungen besitzen
eine übereinstimmende 3-dimensionale Anordnung pharmakophorer Gruppen
sowie eine vergleichbare Ladungsverteilung.

Dazu verwendeten wir die Methoden (1) des Active Analogue Approach, (2) des
Template Fitting und (3) des Receptor Site Mapping. Die Geometrien wurden
über das Kraftfeldprogramm Sybyl Maximin 2 sowie MOPAC (Moleculare
Orbital Package) berechnet.
102 K. -A. Kovar et al.

Abb. 3: 25 aktive und 7 inaktive 5HT-Reuptake-Hemmer


Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden und halluzinogenen Amphetaminen 103

Abb. 3a: 25 aktive und 7 inaktive 5HT-Reuptake-Hemmer (Fortsetzung)


104 K. -A. Kovar et al.

Indatralin (la) weist innerhalb der Gruppe der 3-Aryl-1-Indanamine die höchste
Affinität zum 5HT-Reuptake-Rezeptor auf. la ist eine semirigide Verbindung mit
zwei freien Drehbarkeiten. Die voneinander unabhängigen theoretischen Methoden
der semiempirischen Berechnung und der Kraftfeldberechnung liefern für dieses
Molekül nahezu identische, energetisch günstige Konforme. Als Grundpharmako-
phor für alle untersuchten Verbindungen wurde diese Konformation herangezogen
(Abb. 4): Die Dichlorphenyl-Gmppe steht beinahe senkrecht zum Indanring; der
Stickstoff liegt 100 pm über dieser Aromatenebene.
Die 5HT-Reuptake-Hemmer sind eine chemisch heterogene Gnippe. Untersucht
wurden insgesamt 25 aktive und 7 inaktive 5HT-Reuptake-Hemmer (Abb. 2). Mit
Ausnahme der Substanzen 5, 1 1, 13. 15, 16, 19, 22, 23 und 25, die aus den
bekannten Röntgenstrukturen oder aus Röntgenstrukturen homologer Verbindungen
aufgebaut und minimiert wurden, wurden die übrigen Stoffe aus Standardfragmen­
ten mit SYBYL 5.3 aufgebaut und energieminimiert (MAXIMIN 2). Die energetisch
günstigsten Konformationen wurden nach einer systematischen Konformations-
analyse und erneuter Kraftfeldoptimierung erhalten. Die aktiven Konformationen
wurden durch die Übernahme der Distance Constraint (d. h. Entfernung des
Zentnims Pharmakophoraromat vom protonierten Stickstoff) der Modellverbindung
la gesucht. Die Auswahl der möglichen Konformationen wurde durch die Energie­
differenz zum energetisch günstigsten Konformer und über den RMS-Wen (Root
Mean Square) getroffen. Der RMS-Wert kann hierbei die Qualität der Überein­
anderlegung mit Indatralin (1a) als Modellverbindung wiedergeben. Dieser ist durch
drei Punkte definiert, nämlich durch die beiden Endpunkte einer 200 pm langen
Normalen auf das Zentrum des Pharmakophoraromaten und über das Stickstoff­
atom.
Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden und halluzinogenen Amphetaminen 105

Abb. 4: Energetisch günstigste Form von Indatralin

Abb. 7: Van der Waals-Radien mit Potentiallinien von Indatralin (oben) und
Citalopram (unten)
106 K.-A Kovar etal.

Abb. 8: Van der Waals-Radien mit Potentiallinien von Indatralin (oben) und
MDMA (unten)

Abb. 9: Van der Waals-Radien mit Potentiallinien von Indatralin (oben) und
Amphetamin (unten)
Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden und halluzinogenen Amphetaminen 107

Abb. 10: Differenz-Volumen (gelbes Kompartiment): Halluzinogene DOB plus


5-Mcthoxy-Tryptamin minus Entaktogene

Abb. 11: Vergleich der potentialcodierten Van der Waals-Radien von MDA,
MDMA und MDE
108 K. -A. Kovar et al.

Abb. 12: Vergleich der Isopotentiallinien von MDA, MDMA und MDE (von links
nach rechts), rot: positive Kompartimente, blau: negative Komparti­
mente

Abb. 13: Vergleich der Isopotentiallinien von DOB (links) und MDE (rechts)
Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden und halluzinogenen Amphetaminen 109

Abb. 5: Pharmakophor-Modell
a = 920 pm; b = 100 pm; X = elektronegatives Volumen; Al = verbotenenes
Volumen; A2 = Volumen mit n- und/oder π-Elektronen; A3 = Volumen einer
aliphatischen Seitenkette

Daraus ergibt sich folgendes Pharmakophor-Modell (Abb. 5):

1. Abstand zwischen dem aromatischen System und dem protonierten Stickstoff


beträgt 610 pm, das entspricht einem Abstand des Elektronendonators X vom
protonierten Stickstoff von 920 pm.
2. Wir registrieren eine tubuläre Anordnung von X-Aromat-N.
3. Der Stickstoff liegt etwa 100 pm oberhalb der Ebene des Aromaten.
4. Ein zweiter Aromat kann unterhalb der dargestellten Ebene liegen.
5. Das Areal Al stellt ein unerlaubtes Volumen des Pharmakophors dar.
6. Das Areal A2 liegt zusammen mit X und dem Aromaten in einer Ebene und
bezeichnet Substituenten mit π- oder n-Elektronen.
7. Das Areal A3 ist eine aliphatische Seitenkette mit sp3-Kohlenstoffen.
8. Bezüglich der Substitution und der sterischen Anordnung der Substituenten am
Stickstoff gilt: möglichst tertiäres Amin, dessen Substituenten von der Ebene
wegzeigen.
9. Das protonierte Molekül stellt die biologisch aktive Form dar.
110 K.-A. Kovar et aL

Citalopram
Abb. 6: Formeln von Citalopram
Konfotmatiemsfonnel

Dieses Pharmakophormodell sollte durch andere physikalische Verfahren


bestätigt werden. Das Antidepressivum Citalopram (Abb. 6) erschien uns als
geeignete Verbindung. Die Verbindung ist ein „Dihydrobenzo-Isofuran-Carbonitril“,
es weist eine Seitenkette mit fünf frei drehbaren Bindungen am Chiralitätszentrum
auf. Nach Berechnung der energetisch günstigsten Form und Ermittlung der aktiven
Konformation entsprechend dem oben angegebenen Pharmakophormodell erkennt
man. daß der Wasserstoff des protonierten Stickstoffs sich dem Sauerstoff des
Isofuran-Ringes soweit genähert hat, daß er mit letzterem eine Brückcnbildung
eingehen sollte. Man kann dies besonders an der Konformationsformel (Abb. 6,
rechts) verdeutlichen.
Die postulierte Wasserstoffbrückenbildung wurde sowohl durch das Kemreso-
nanzspektrum als auch durch die Infrarotspektroskopie nachgewiesen. Chloroform
drängt als lipophiles Lösungsmittel intermolekulare Wechselwirkungen zurück,
jedoch werden intramolekulare Wasserstoffbrücken nicht beeinflußt. DMSO bricht
als nukleophiles Lösungsmittel intramolekulare Wechselwirkungen auf. Die
Methylenprotonen an C-3 im Heterozyklus sind magnetisch und chemisch äquiva­
lent (Singulett bei 5.17 ppm). Im Gegensatz dazu zeigt das Hydrochlorid für
dieselbe Methylengruppe ein doppeltes Dublett bei 5.29 und 5.13 ppm mit einer
geminalen Kopplungskonstanten von 13.6 Hz. Ein solches AB-Systcm wird durch
die intramolekulare Wasserstoffbrückenbindung von der Ammoniumgruppe zum
Äthersauerstoff verursacht, wodurch das tieffeldverschobene Proton bei 5.29 ppm
in den Einflußbereich der positiven Ladung der Ammoniumgruppe gelangt. Bei der
Aufhebung dieser intramolekularen Wechselwirkung durch DMSO verschwinden
die beiden Dublctts. Das gleiche gilt für die reine Base, die als tertiäres Amin keine
Wasserstoff brücke ausbilden kann. Die Ergebnisse stehen in Übereinstimmung mit
den IR-Untersuchungen, die als weitere unabhängige experimentelle Methode
intramolekulare Wasserstoffbrückenbindungen an der Verschiebung der „freien“
NH*-Valenzschwingung erkennen lassen.
Abgrenzung der Entaktogene von stimulierenden und halluzinogenen Amphetaminen 111

Vergleicht man die Van der Waals-Radien von Indatralin und Citalopram
(Abb. 7), so beobachtet man eine weitgehende Übereinstimmung beider Strukturen:
Positive Ladungen sind rot. negative Ladungen blau dargestellt. Die Volumina
entsprechen einander. Das gleiche gilt für MDMA (Abb. 8). Daraus ist ersichtlich,
daß diese Verbindungen einen einheitlichen Wirkungsmechanismus besitzen und der
Rezeptorangriff in der postulierten Konformation erfolgen kann. Zwischen Indatra­
lin und Amphetamin liegt dagegen nur eine teilweise Übereinstimmung vor. Der
postulierte negative Bereich auf der linken Bildseite fehlt (Abb. 9). Dies läßt den
Umkehrschluß einer geringen Affinität der Entaktogene am noradrenergen (zentral­
stimulierenden) Rezeptor zu.
Das Differenz-Volumen zwischen den Halluzinogenen DOB und 5-Methoxy-
Tryptamin einerseits und den Entaktogenen andrerseits (Abb. 10, gelbes Kom­
partiment) zeigt für erstere ein verbotenes Areal, das entsprechend dem Pharmako-
phomiodell der Entaktogene (Abb. 5) nicht besetzt werden darf. Dies erklärt den
andersartigen Angriff der Halluzinogene aus der Amphetaminreihe, nämlich am
51 HY- Rezeptor.
Die Volumina und Ladungsverteilung der drei Methylendioxy-Amphetamine
entsprechen sich bis auf die Stickstoff-Substitution (Abb. 11). Die reine Ladungsver­
teilung ohne Van der Waals-Volumina, durch die Isopotentiallinien angezeigt,
macht die Ähnlichkeit deutlicher (Abb. 12). Der Vergleich der Isopotentiallinien von
DOB und MDE (Abb. 13) zeigt große Unterschiede: dies deutet ebenfalls auf einen
unterschiedlichen Rezeptor-Angriffspunkt beider Verbindungen hin.

Zusammenfassung

• Es wurde ein Pharmakophormodell für selektive 5HT-Reuptake-Hemmer entwor­


fen.
• Dabei gelang die Differenzierung zwischen Entaktogenen. halluzinogenen und
stimulierenden Amphetaminen:
- Entaktogene wirken stark, jedoch nicht selektiv.
- Halluzinogene sind inaktiv, da sie ein unerlaubtes Volumen und unterschied­
liche Ladungsverteilung aufweisen.
- Amphetamine wirken schwach, da ihnen eine pharmakophore Gnippe fehlt.
• Die Befunde decken sich mit den Untersuchungen von GOUZOULIS, Hermle und
Kovar [5], bei denen keine reinen entaktogenen Wirkungen von MDE festge­
112 K. -A. Kovar et al.

stellt wurden, sondern durchaus zentralstimulierende Effekte wie Erhöhung des


Blutdrucks und der Herzfrequenz, Antriebssteigerung und Verringerung der
Schlafphasen zu registrieren waren.

Literatur

[1] Kovar, K.-A., Rösch, Chr.: Pharm, unserer Zeit 19, 211. 1990.
[2] Nichols, de: J.Psych.Drugs 18, 305.
[3] Shulgin, A.T., Shulgin, A.: Pihkal. Transform Press, Berkeley/USA 1991.
[4] Rupp, A.: Dissertation. Tübingen 1991.
[51 Gouzoulis, E., Hermle, L., Kovar, K.-A.: Sucht 38, 2. 1992.

Ausführlicher Literaturnachweis bei den Autoren.


Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 113

Hanscarl Leuner
Veränderte Bewußtseinszustände in der
Psychotherapie

Unter der Vielfalt psychotherapeutischer Methoden fasse ich diejenigen zusammen,


die explizit mit einem veränderten Bewußtseinszustand einhergehen. Das sind die
folgenden Verfahren:
1. Die Hypnose in ihren Varianten
2. Das respiratorische Feedback (Leuner) innerhalb der Biofeedbackmethoden
3. Die Imaginationstechniken, unter ihnen das katathyme Bilderleben (Leuner)
4. Durch psychoaktive Substanzen gestützte Psychotherapie:
4.1 Die psycholytische Therapie zur Intensivierung der tiefenpsychologischen
Behandlung
4.2 Die psychedelische Therapie zur therapeutischen Nutzung kosmisch-mysti­
scher Erfahrungen
Der älteste Hinweis auf die Anwendung von veränderten Wachbewußtseins-
zuständen (VWB, Dittrich 1986)' findet sich in dem hinduistischen Epos Ma-
habharata von vor etwa 3000 Jahren (Roy 1978).

1. Die Hypnose in ihren Varianten

Den Hypnosebegriff prägte Braid (1795-1860) nach dem griechischen Wort


„Hypnos“, d.h. „Schlaf“, für einen durch entsprechende Techniken hervorgerufenen
schlafartigen psychischen Ausnahmezustand. Er wird z.T. als Sonderfall der
Suggestion aufgefaßt. Die klassische Form der Hypnose ist am weitesten verbreitet
und erforscht. Sie beruht auf der direkten Induktion des Trancezustandes, den der
Patient deutlich wahrnimmt (Mayer, 1980; J.H. Schultz, 1983; Stokvis, 1955;
Langen, 1972 u.a.). Die in neuerer Zeit entwickelte indirekte Tranceinduktion nach
Milton Erickson et al. (1978) isl eine sehr komplexe, genial entworfene Hypnose-

1 Dittrich (1986) hat in einer Studie über veränderte Wachbewußtseinszustände wichtige Ergeb­
nisse zum Thema VWB vorgelegt. Seine Monographie ergibt zudem einen Überblick über die
psychologischen und pharmakologischen Auslöser und Techniken, die veränderte Bewußt­
seinszustände hervorrufen können.
114 //. Lcuner

technik. Jedoch stellt sie hohe psychologische Forderungen an den Therapeuten und
ebenso an den Patienten. Die Akzeptanz der Methode ist deshalb, und weil sie nicht
selten als manipulativ erlebt wird, umstritten (Kossak 1989, S. 139).
Die bekannteste Form der Selbsthypnose ist das autogene Training (J.H. Schultz
1932) als Langzeit-Entspannungstherapie. Die gestufte Aktiv-Hypnose von E.
Kretschmer (1946) und Langen (1967) verbindet die Hypnosetechnik mit Elementen
des autogenen Trainings. Damit überträgt sie einen Teil der therapeutischen
Verantwortung auf den Patienten, um passiven Tendenzen entgegen zu wirken.
Der sachlichen Darstellung einer wissenschaftlich gestützten Hypnosetherapie
stehen häufig Voreingenommenheit und Fehlvorstellungen gegenüber. Darauf geht
Kossak (1989) in seinem hervorragenden, dem modemen komplexen Wissensstand
gerecht werdenden Lehrbuch ein, auf das ich verweise. Da Hypnose heute durch
viele Artikel in den Medien bekannt geworden ist, kann ich von ihrer Besprechung
absehen.

2. Das respiratorische Feedback (RFB)

Das Grundmodell

Entspannungstechniken spielen in der Behandlung von psychosomatischen und


streßbedingten Erkrankungen eine zentrale Rolle. Die beiden Standardmethoden, das
autogene Training und die progressive Muskelrelaxation, fordern einen wochen- bis
monatelangcn Übungsaufwand und haben eine hohe Abbruchquote. Der Vorteil des
RFB liegt in der einfachen Anwendung und der schnellen, angenehmen und den
Patienten motivierenden Wirkung. Es kann wie kaum eine andere Psychotherapie
selbst bei der Behandlung akuter Krisen eingesetzt werden.
Das Grundmodell der Biofeedback-Methoden, die der Verhaltenstherapie
zugeordnet sind, beruht auf dem Konzept der operanten Konditionierung nach
Skinner (1958). Das sich mit meinem Namen verbindende RFB beruht ebenfalls auf
diesem Prinzip. Jedoch befaßt sich die Rückmeldung des Atems nicht, wie alle
anderen Biofeedback-Techniken, mit der Konditionierung eines der peripheren
autonomen Parameter des Organismus wie etwa der Muskelspannung im Elek­
tromyogramm (EMG), der Hauttemperatur, des Hautwiderstandes, der Herzfrequenz
etc. Der neurophysiologischen Betrachtungsweise von E. Kretschmer (1950) und
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 115

von J.H. Schultz (1932) über Hypnose und autogenes Training folgend, habe ich
mich mit Fragen der zentralnervösen „Umschaltung“ bei Entspannung befaßt. Die
uralte, von ostasiatischen Techniken gewonnene Kenntnis über die Koordination
von Atem und Entspannung legte einen Versuch der Rückmeldung der Atembewe­
gungen nahe. Sic blieb von der in den 60er Jahren aufkommenden Biofeedback-
Forschung unberücksichtigt. Auch in den traditionellen westlichen Entspannungs­
techniken fand die Atmung keine angemessene Beachtung, worauf schon Langen
(1963) und Pfeiffer (1968) hingewiesen haben.

Abbildung 1:
Die Biofeedback-Schleife beim respiratorischen Feedback: Der Gürtel (alte Version) tastet die
Abdominal-Zwerchfellatmung ab. Die Impulse von Ein- und Ausatmung werden dem Steuer­
gerät zugeführt. Die verstärkten Impulse werden dem Patienten in Form eines optischen Sig­
nals (Lampe) und eines akustischen Signals (Kopfhörer) zurückgemeldet. Der Atemrhythmus
stimuliert die Formatio reticularis im Sinne einer Herabsetzung des zentralen Arousals. Die
Innervation des Muskeltonus, der Atmung und anderer vegetativer Parameter und die Aktivität
des Gehirns werden herabgesetzt. Die sich verändernde Atmung wird wiederum rückgemeldet.
So entsteht eine kybernetische Zirkelwirkung zunehmender Entspannung des gesamten
Organismus.
116 H. Lcuncr

Die Erforschung des respiratorischen Feedback begann 1972 an der s.Z. von mir
geleiteten Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Göttin­
gen. Derzeit liegen mehr als 50 Publikationen und therapeutische Berichte über das
Atemfeedback vor.
Diese Ergebnisse bestätigen die Hypothese, daß die Rückmeldung der abdomina­
len Atembewegung zu einer generalisierten Relaxation des Organismus führt. Sie
manifestiert sich in einer Herabsetzung der Erregung sowohl aller autonomen und
vegetativen Systeme in der Peripherie, also des Hautwiderstandes, des Muskeltonus,
des Kreislauf- und des Atemsystems, als auch des Zentralnervensystems. Als
Repräsentanz des VWB zeigt das Elektroenzephalogramm eine ausgeprägte Syn­
chronisation und eine Reduktion der Hirntätigkeit. Ich komme darauf zurück.
Bei dem respiratorischen Feedback dient, wie bei allen Biofeedback-Techniken,
eine elektronische Vorrichtung zur Rückmeldung der unbemerkten autonomen
Innervationen. Die Potentiale dieser autonomen Funktionen, wie etwa des Haut-
widerstandes, des Muskeltonus u.a., in unserem Falle jedoch der Atembewegung,
werden durch Elektroden oder Sensoren aufgenommen, verstärkt und in deutlich
wahrnehmbare optische und akustische Signale umgesetzt. So werden die ab­
dominalen Atembewegungen sensibel abgetastet und wird bei der Inspiration ein
vor den geschlossenen Augen des Patienten befindliches Licht heller und ein Ton
im Kopfhörer lauter bzw. umgekehrt beim Ausatmen. Für den Patienten maßgeblich
ist die Konzentration auf den Atemrhythmus.
Sensible Patienten verbinden mit diesen atemsynchronen Signalen die metaphori­
sche Vorstellung, beim Einatmen gehe gewissermaßen die Sonne auf, beim Aus­
atmen wieder unter. - Die Signale geben dem psychovegetativ gestörten Patienten
von Beginn der ersten Sitzung an klare, unmißverständliche Hinweise auf sein
Atemverhalten. Das langwierige Einüben der Selbstwahrnehmung des Atems und
die Überwindung der häufigen Konzentrationsstörungen, die bei Patienten die
Einübung des autogenen Trainings beeinträchtigen, entfallen. Zudem konzentriert
sich der Patient beim RFB ausschließlich und stetig auf die eine, psychophysisch
bedeutsame Funktion des Atems, statt wie beim AT auf fünf unterschiedliche
Parameter. Nach durchschnittlich zehn 30minütigen Übungen ist in der Regel eine
tiefe, therapeutisch wirksame Selbsthypnose erreicht.
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 117

Die Selbsterfahrung

Die Selbsterfahrung eines 50jährigen Arztes in der ersten Sitzung mit dem RFB
gibt einen Einblick in dessen Wirkung (LEUNER, Lehrbuch).
„Ich hatte einen anstrengenden Vormittag in der Klinik hinter mir, fühlte mich ange­
spannt, war etwas unruhig und hatte Kopfschmerzen (...). Bald nach Beginn der Übung
atmete ich zunehmend flacher und wurde auch müde. Eine allgemeine Gleichgültigkeit
stellte sich ein. Ich versank schließlich in einen schwer zu beschreibenden Zustand. Die
Umgebung trat zurück. Ich wurde müde, ohne aber gähnen oder einschlafen zu müssen.
Alles, was vorher gewesen war, wurde bedeutungslos. Mein ganzes Ich reduzierte sich
gewissermaßen auf einen Punkt. Geräusche vor der Zimmertür fingen an. mich zu stö­
ren. Trotzdem blieben sie mir gleichgültig. Verschiedentlich hatte ich das Gefühl, ich
würde in den Schlaf hineinkippen, dann wieder den Eindruck, ich könnte ins Bodenlose
fallen. Ich befand mich dann aber bald wieder in einem gelösten, angenehmen Zustand
des „Schwebens“.
Nach Abschluß der halbstündigen Übung fühlte ich mich von einer ungewöhnlichen
Ruhe erfüllt, die an die Stelle der inneren Gehetztheit vor der Übung getreten war. Der
Spannungskopfschmerz war verschwunden. Ich halte das Bedürfnis, mich jetzt der
inneren Ruhe hinzugeben und mich langsam und gemessen zu bewegen. So fuhr ich mit
meinem Wagen - im Gegensatz zu meiner sonstigen Gewohnheit - betont ruhig und
gemütlich nach Hause. Zum Vergleich möchte ich sagen, dal.i eine ausgiebige Übung mit
dem autogenen Training mir diesen außerordentlich ruhigen Zustand nicht verschaffen
kann.“

Kurze Vignetten der Schilderungen einiger Patienten über den Einfluß des RFB auf ihre
Beschwerden lasse ich folgen (aus „Bilder der Wissenschaft“, ARD 1978).
Patientin E.B.: Ich war im Geschäft sehr angespannt. Ich litt unter starken Herzbe­
schwerden, halte Angst, war sehr unruhig und nervös und vor allem sehr gereizt. Mich
durfte garniemand ansprechen. Nach der Entspannungstherapie war ich allgemein etwas
ruhiger geworden, bißchen ausgeglichener und wieder verträglich. Seit zwei Jahren geht
es mir eigentlich sehr gut.
Patientin J.S.: Seit zwei Jahren war ich wegen chronischer Eierstocksentzündung in
Behandlung im Krankenhaus. Nach einigen Tagen bekam ich praktisch einen Zu­
sammenbruch mit Herzbeschwerden und verschlimmerter Eierstocksentzündung. Ich
wurde von der Frauenklinik überwiesen zur Entspannungstherapie, weil ich einfach kein
Zutrauen mehr hatte zum eigenen Körper und Angst, ins Krankenhaus zu kommen. Ich
muß sagen, ich habe durch die Entspannungstherapie wieder mehr Zutrauen zu meinem
Körper gewonnen und gesehen, daß man die Organe aktiv beeinflussen kann, und damit
habe ich auch mehr Selbstbewußtsein bekommen.
118 H. Leuner

Patient E.K.: Ja, ich hatte starke Herzbeschwerden, hervorgerufen durch Spannungen
in der Ehe. Mir wurde empfohlen, mich in die Entspannungstherapie dort zu begeben.
Einmal haben sich die Herzbeschwerden gelegt und unsere Ehe wird jetzt doch bedeu­
tend harmonischer geführt.
Ehefrau des Patienten E.K.: Mein Mann machte mir den Vorschlag, auch die Ent-
spannungstherapie mitzumachen, hauptsächlich, weil ich eine Überfunktion der Schild­
drüse hatte und eben die Spannungen in der Ehe waren. Mir ist diese Behandlung sehr
gut bekommen und unsere Ehe ist wieder in Ordnung.

Neurophysiologische Veränderung

Im Hinblick auf die klinisch auffällig schnell eintretende Entspannungswirkung des


RFB mit ausgeprägter subjektiver und testpsychologisch erfaßter Herabsetzung des
Wachbewußtseins wurden zunächst die Veränderungen des Hirnstrombildes (EEG)
und des Muskeltonus (EMG) untersucht. Studien von Chr. Leuner (1972) und
Schmeichel (1986)’ bestätigten die Hypothese von dem Einfluß der Atemrückmel-
dung auf die zentralnervöse Steuerung der Entspannungsparameter. Er wird schon
nach wenigen Übungen mit der Methode nachweisbar und übertrifft das Ausmaß
neurophysiologischer Veränderungen bei anderen Entspannungstechniken wie dem
autogenen Training und der Hypnose. Die folgenden 3 Abbildungen 2, 3a und 3b
veranschaulichen diese Ergebnisse.

2 Herrn Prof. P. Schaefer, seinerzeit Vorstand des Neurobiologischen Laboratoriums der


Universität Göttingen, danke ich für die Leitung dieser beiden Studien.
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 119

Abbildung 2:
Polygraphische Untersuchung der fortlaufenden Veränderung von Atmung, EMG und EEG
während einer 27minütigen RFB-Übung (10. Sitzung) einer gesunden Vp nach einfacher
Ruhelage (Schmeichel 1986).

Erläuterungen zu Abb. 2:
Die computerisierte Ableitung stammt von einer gesunden Versuchsperson während der 10. RFB-Sitzung.
Sie beginnt in der Ruhephase vor Beginn der RFB-Übungcn und endet mit ihrem Abbruch in der 27.
Minute.

Erklärungen der Kurven von oben nach unten:


EQ = Entspannungsquotient, gewonnen aus der Veränderung der Atemkurve während der Übung; CH: ist
die von der abdominalen Atemexkursion abgeleitete Kurve; CH3 zeigt die Aktionspotentiale der Muskulatur,
abgeleitet durch das Elektromyogramm (EMG).
120 H. Leuner

Die folgenden 5 Kurven sind parieto-okzipitale Ableitungen des Elektroenzephalogramms (EEG): P sieht
für das gesamte Powerspektrum; P [3 zeigt die Fraktion der schnellen Beta-Wellen (14-30 Schwingungen pro
Sekunde), die dem Wachzustand entsprechen; Pa zeigen die langsameren Alpha-Wellen (8-13 Hz) und P 0
die der tiefen Entspannung entsprechenden Theta-Wellen (4-7 Hz) und schließlich P b> die extrem langsamen
Delta-Wellen (1/2 bis 3 Hz), die charakteristisch sind für den Schlaf.
Der Verlauf zeigt nach Veränderung der Potentiale gegenüber der Ausgangstage eine zeitliche Syn-
chronizität aller Kurven zwischen der 14. und 16. Übungsminute: Der Entspannungsquotient steigt kräftig
an, die Amplitude der Atemexkursionen hat im Vergleich zum Beginn der Atemkurve jetzt ihr Minimum
erreicht; die Anspannung der Muskulatur (Muskeltonus) läßt deutlich nach, was durch die wesentlich
geringere Dichte der muskulären Potentiale des EMG deutlich wird und in der statistischen Berechnung
signifikant ist.
Das Powerspektrum P steigt kontinuierlich an und hat sein Maximum zwischen der 18. und 27. Minute.
In den einzelnen EEG-Fraktionen verringern sich zur gleichen Zeit die Potentiale der schnellen Beta-Wellen,
die Ausdruck von kognitiver Aufmerksamkeit sind, nur z.T. sind auch die deutlich langsameren Alpha-
Wellen reduziert. Im Kontrast tritt hervor die Zunahme der langsamen Theta-Wellen und im besonderen
Maße die Zunahme der Potentiale der ganz langsamen Delta-Wellen. Dieses Hirnstrombild spricht in der Tat
für einen schlafnahen oder „Beinahe-Schlaf-Zustand“, wie Schaefer (1984) hervorhebt. Jedoch fehlen die für
den Schlaf charakteristischen Schlaf spindein und sog. K-Komplexe.

Die Übenden nehmen auch im Zustand der tiefen Entspannung Geräusche aus
der Umgebung wahr und können darüber berichten. Dieses EEG spricht nach Roth
(1961) und Schaefer (1972) für eine ausgeprägte Senkung der Vigilanz, d.h. der
Herabsetzung des WB.
Die zweite polygraphische Untersuchung wurde von Chr. Leuner (1973) im
Laboratorium Schaefer an einer Gruppe von 10 gesunden Personen im Kontroll-
design (Abbildung 3) vorgenommen.
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 121

Abbildung 3a und h:
Polygraphische Untersuchungen von Chr. Leuner (1973) an einer Gruppe von 10 gesun­
den Vpn in der 10. RFB-Sitzung; Kontrolldesign gegenüber einfacher Ruhelage und Ent­
spannungshypnose, die Gnippe ist ihre eigene Kontrolle.
3a: Hervorzuheben sind die signifikanten Werte der durchschniltlichen Veränderungen in
den einzelnen EEG-Fraktionen und gleichzeitig im EMG gegenüber den Koniroll-
bedingungen.
3b: Im Zusammenhang mit dem subjektiven Erleben einer Entspannung der Muskulatur ist
bemerkenswert, daß sich die damit verbundene Herabsetzung des Muskellonus in einer
hochsignifikanlen Reduktion der EMG-Potentiale darstellt.

Psychologische Veränderungen

Parallel zu den physiologischen Veränderungen wurden im Kontrolldesign psycho­


metrisch signifikante Verhaltensänderungen bei den Faktoren Angst, Neurotizismus
und Intro-Extraversion gefunden (Fragebogen MAS, E-N-NR) sowie eine Besserung
körperlicher und psychischer Symptome in der Gießener Beschwerdenliste (Jung
und Klapsing-Hessenbruch, 1978), wie die Abbildungen 4a und 4b veranschau­
lichen.
122 H. Leuner

Abbildung 4a und b:
Verhaltensänderung von Patienten mit psychovegetativen Störungen vor und nach der
RFB-Bchandlung von durchschnittlich 10 Sitzungen [MAS-Fragebogen (Taylor), E-N-NR-
Fragebogen nach Brengelmann und Brengelmann (4a) sowie Gießener Beschwerden liste
(Jung und Klapsing-Hessenbruch 1978) (4b)]
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 123

Theorie der Wirkungsweise

Die gezeigten neurophysiologischen Befunde mit klinischer Besserung von Be­


schwerden als Ausdruck der ursprünglich angenommenen generalisierten Ent­
spannung des Organismus führen zu theoretischen Betrachtungen über das RFB.
Wie schon gesagt, beruht das RFB, wie alle Biofeedback-Verfahren, auch die
Atemrückmeldung, auf der operanten Konditionierung nach Skinner (1958). Diese
baut auf einer bereits vorliegenden klassischen Konditionierung nach Pawlow
(1912) auf. Der Grad der durch das ZNS vermittelten Verhaltensänderung zeigt sich
beim RFB in der deutlichen Synchronisation der Hirnwellen im EEG. Darin ver­
wirklicht sich das bei Psychotherapie überaus selten zu realisierende „extrem
attraktive Ziel direkter Quantifizierung auf präzisen physikalischen Dimensionen
von emotionalen Ereignissen“, wie es der Verhaltensforscher Lang (1972) formu­
liert hat. Zur Erklärung der therapeutischen Wirkung des RFB bietet sich die fol­
gende Hypothese des bekannten Psychophysiologen Birbaumer (1973) an. Im korti­
kalen und subkortikalen Bereich des Gehirnes laufen danach dekonditionierende
Prozesse ab. Den Grad der Synchronisation im EEG betrachtet Birbaumer nicht nur,
wie früher üblich, als: „Ausdruck reduzierten Aktivitätsniveaus, sondern auch als
Abbild eines zentralnervösen Konsolidierungsprozesses“, bzw. der „Aktivierung
positiver Verstärkungsstrukturen“, und zwar i.S. einer Extinktion von pathologi­
schen Verhaltensmustern. Das erinnert an Wolpes (1958) Methode der systemati­
schen Desensibilisierung. Diese Theorie wird für das RFB durch die klinischen Er­
gebnisse gestützt: Denn 50 % der von Wätzig (1988), Barolin et al. (1988), Gross
et al. (1990) behandelten Patienten blieben nach 15 RFB-Übungen länger als 6 Mo­
nate beschwerdenfrei, obgleich keine weitere Behandlung durchgeführt wurde.
Nach der Hypothese von Birbaumer (1973) ist der Grad der Synchronisation im
Hirnstrombild ein Maßstab für die Effizienz einer Entspannungsmethode. Daraus
ergeben sich ganz neue Aspekte für die Beurteilung der Effizienz der das Wachbe­
wußtsein verändernden Psychotherapieverfahren überhaupt.
Über den therapeutischen Aspekt hinaus bietet das Atemfeedback zudem
heuristisch einen interessanten Zugang zu Konditionierungsprozessen und deren
Beziehungen zu veränderten Wachbewußtseinszuständen. Wir befinden uns jeden­
falls bei der hier skizzierten Korrelation von Synchronisation der kortikalen
Hirnaktivität mit Extinktion und Tiefenentspannung (meßbar auch in der Reduktion
der EMG-Potentiale) am Schnittpunkt der psychophysiologischen Relation, die für
124 H. Leuner

die Erforschung psychosomatischer Beziehungen hochbedeutsam ist und die auch


für weiterführende Studien von Bedeutung sein dürften.

Zusammenfassung

Auf die klinischen und psychometrischen Ergebnisse an mehr als 800 mit dem RFB
behandelten Patienten kann ich wegen des begrenzten Raumes nicht eingehen.
Diese schnell wirkende Entspannungsmethode ist nicht nur eine fruchtbare Ergän­
zung der Gesprächstherapie, sondern sie hat eine eigene „Psychotherapeutische
Dimension“ (Barolin 1988). Aus den vorliegenden Publikationen und einer Umfrage
bei praktizierenden Ärzten (N = 500) ergeben sich zusammenfassend die folgenden
Vorteile des RFB in Klinik und Praxis:
- einfache Anwendung;
- Eintritt der Wirkung nach wenigen l/2stiindigen Sitzungen;
- wirkt weitgehend unabhängig von Intelligenz, Bildung und Muttersprache;
- wirkt auch erfolgsversprechend bei akuten Zuständen wie Panikreaktion, Hyper­
ventilation, depressivem Versagen;
- kann therapieresistente Patienten für die Psychotherapie aufschließen;
- hat einen eigenen Anwendungsbereich im Bereich psychovegetativer und psycho­
somatischer Störungen.
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 125

3. Die Imaginationstechniken - unter ihnen das katathyme Bilderleben

Das Grundmodell

In der Neuzeit begegnen wir einem über die Hypnose hinausgehenden Grundprinzip
der Psychotherapie im VWB, dargestellt in dem bekannten Fall der Anna O. von
Breuer und Freud (1893).3
Dieses erste Zeugnis von Imaginationen in der Psychotherapie stammt von der
1882 von Josef Breuer in Wien durchgeführten Behandlung. Insofern kommt dem
Fall Anna O. exemplarische Bedeutung für diese Entwicklungslinie der Europäi­
schen Schulen zu.
Zur Erläuterung gebe ich eine kurze Vignette aus dieser Therapie, um daraus
Folgerungen für unser Thema zu ziehen.
Zu dieser Patientin ins Haus gerufen, fand Breuer die etwa 20jährige attraktive Frau mit
einem schweren, z.T. nervösen Krankheitsbild und vielfältigen Symptomen vor. Sie war
beispielsweise an beiden Armen gelähmt, konnte außer einigen Worten Englisch nicht
sprechen, konnte nicht trinken und Flüssigkeit nur durch Obst zu sich nehmen. Das
Bewußtsein erschien wie in Hypnose umdämmert. Entstanden war die Erkrankung im
Verlaufe einer aufopferungsvollen und anstrengenden Pflege ihres schweikranken
Vaters, der schließlich starb. - Die Patientin sprach in ihrem Dämmerzustand vor sich
hin. - Breuer lat nun etwas Ungewöhnliches. Auf diese Selbstgespräche eingehend,
entwickelte er einen Dialog. In diesem von Breuer als „Hypnoid" bezeichneten Zustand
beschrieb Anna O. vor ihren Augen ablaufende Szenen, die sie später „mein Privat-
theater" nannte. Die Szenen waren häufig begleitet von Emotionen und Erregung und
setzten sich bei den regelmäßigen Besuchen Breuers am Krankenbett fort. Diese
Tagtraumphantasien brachten der Patientin Erleichterung und später sogar Besserung
ihrer Beschwerden. So erlebte sic sich in diesem Tagtraum beispielsweise einmal als
9jähriges Mädchen, was wir heute als eine Altersregression bezeichnen (Leuner 1987).
Sie öffnete in diesem Szenario eine Tür zum Nebenzimmer und sah mit heftigem Ekel
und mit Scham, wie ihre Gouvernante dem Hund aus einem Wasserglas zu saufen gab.
Nach dieser affektiven Abreaktion oder Katharsis verlor die Patientin das Symptom,
nicht trinken zu können. Diese „talking eure“ förderte immer von neuem traumatisie­
rende Szenen ins Bewußtsein und führte zu einer wesentlichen Besserung des Zustandes.
Diese Fallskizze kann nur ein Schlaglicht werfen auf die Psychodynamik des
ersten, sorgfältig dokumentierten Behandlungsfalles im Vorfeld der Psychoanalyse.
Worin liegen die entscheidenden therapeutischen Komponenten, die wir für einige

3 Breuer, Freud: Studien über Hysterie (1894)


126 //. Leuner

neuere Therapieformen unter VWB als modellhaft erkennen? Ich ordne sie in
Abbildung 5 schematisch in vier systemische Komponenten der Psychotherapie
unter VWB.

Tabelle 1:
Über psychotherapeutische Ansätze oder Methoden, die Imaginationen anwenden.

Autoren, Name d. Methode Jahr Konzept, Ausmaß der Anwendung

Psy. VT Hyp- Kon­ regel- bei­


dyn. noid zept mäß. läufig
angew. angew.

1. Breuer und Freud, Studien 1894 X X


über Hysterie
2. C.G. Jung, Aktive Imagina­ 1916 X X
tion
Amann 1979 X X
3. J.H. Schultz, Oberstufe des 1932 X X
Autogenen Trainings
3a. Rosa, Oberstufe autogenes 1975 X X
Training
4. Desoille, Le rêve évcille 1945 ? X X
dirige
Rigo 1977 ? X X
5. Leuner, Katathymes Bilder- 1948
leben, Tagtraumtechnik 1953 X X X
6. Leut/, Psychodrama 1974 X
Moreno 1959
7. Shorr, Psychoimaginativc 1972 X
Therapy
8. Lazarus, Multimodale Thera­ 1973 X X ? X
pie
9. Erickson, Hypnose 1952 X X

Kossack, Klassische Hypnose, 1976


Kap. 16 1989
10. Perls, Gestalttherapie X X
11. Matthews-Simonton und 1976 X X
Creighton, Live-saving Self 1980
awamess-Technique
12. Wolpe, Systematische De­ X X
sensibilisierung 1985
13. Fahre und Maurey X X
1985
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 127

Abbildung 5:
Modell des Falles Anna O.

Erläuterung zu Abbildung 5:
1. Das Hypnokt, hervorgerufen durch Entspannung oder Hypnose
2. Das „Privauheater" unter Einschluß einer emotionalen Regression entspricht einer Psycho­
therapie mit Imaginationen, wie heute neben anderen Methoden auch das Katathyme
Bilderleben.
3. Der therapeutische Einßuß von 1. + 2. auf die Symptomatik psychogener Erkrankungen ist
noch heute im psychotherapeutischen Alltag nachgewiesen (Wilke und Leuner 1990).
4. Die psychodynamische Interaktion zwischen Therapeut und Patient hat dabei größte
Bedeutung gewonnen (Übertragung/Gegenübertragung).

Die Gemeinsamkeiten des Tagtraumes mit den nächtlichen Träumen haben Freud
(1894) und Kretschmer (1950) hervorgehoben. Im noch erhaltenen aber veränderten
Wachbewußtsein zeigen die Szenarien einen besseren Zusammenhang und größere
Klarheit als die nächtlichen Träume. Sie werden vom gegenwärtigen Therapeuten

4 Noch heute Fachbegriff: „Durch Autosuggestion hervorgerufener Zustand leichter Bewußtseins­


veränderung, der sich von echter Hypnose durch aktive Selbstbeherrschung des Zustandes
durch den Patienten im Gegensatz zum passiven Hingeben an den Hypnotherapeuten unter­
scheidet“ (Peters, 1984: 252)
128 H. Leuner

angeregt und in einem zurückhaltenden Dialog nach gewissen therapeutischen Re­


geln geleitet. Eine bekannte Form der symbolischen Betrachtung ist die „aktive
Imagination“, von C.G. Jung erstmals 1916 erwähnt. liier ist der Patient aufgefor-
dert, zwischen den Analysesitzungen zu Hause imaginative Vorgänge verschieden­
ster Art zu beobachten und in der Therapiestunde zu bearbeiten. Eine psychoanaly­
tische Modifikation des „Rêve éveille dirigé" (Desoille 1945) stammt von Rigo
(1977) sowie von Fabre und Maurey (1985).
Die spätere Entwicklung psychotherapeutischer Visualisationsmethoden hat
gezeigt, daß die symbolisch orientierte Bearbeitung des Tagtraumes nicht die einzig
mögliche therapeutische Anwendung ist. Die Imaginationen als solche können
unabhängig von psychoanalytischer Ausdeutung eine Komponente der Behandlung
von Verhaltensstörungen darstellen (Leuner 1955, 1957). Die Behandlungsformen
dieser Art sind in Tabelle 1 zusammengestellt.

Das katathyme Bilderleben (Tagtraumtechnik)

Die in Europa heute am meisten angewandte, tiefenpsychologisch orientierte


imaginative Psychotherapie ist das von mir seit 1948 entwickelte „Katathyme
Bilderleben“ oder „Symboldrama“ (Leuner 1953.1987). Dem Namen „Katathymes
Bilderleben“ (KB) liegt der vom Griechischen abgeleitete psychiatrische Fachaus­
druck zugrunde: katá = gemäß, thymós = die Seele, gemeint von Gefühlen und
Affekten abhängige Phänomene, hier der Imaginationen. Der Schwerpunkt der
Aufmerksamkeit ist also auf die Psychodynamik der optischen Phantasien bzw. des
Tagtraumes zentriert. Der Theorie des Symboldramas liegt das psychoanalytische
Konzept in Abwandlung zugrunde.
Zur Veranschaulichung und zum Verständnis der Projektion unbewußter Zu­
sammenhänge in den Imaginationen gebe ich eine kurze Passage des Symboldramas
wieder. Die Versuchsperson ist eine 43jährige, gesunde Frau, die bereits mit der
Methode vertraut ist. Der Szene ging eine kurze Aufforderung zur Lockerung der
Schulter- und Armmuskulatur als Entspannung voraus.

1. Sitzung:
(Vorstellung einer Wiese:) Es erscheinen drei Wiesen, eine üppige mit Blumen, eine Wiese
ohne Blumen, und eine drille ist vollständig abgebrannt, schwarz und angsterregend für die
Träumerin. Sic fühlt sich seihst auch „abgebrannt“. Sic assoziiert dazu frühere Situationen der
Verlassenheit. Sie möchte weglaufen in einen nahen Wald ...
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 129

Der Therapeut versucht, sic mit dieser verbrannten Wiese zu konfrontieren. Das beunruhigt
und erregt die Patientin. Sie fühlt sich unbehaglich. Sie bekommt Angst, sie müsse da
hinaufgehen und käme sich dort verlassen vor. Die Wiese mit hohem Gras sei für sic hingegen
vertrauenerweckend. - Verlassenheitsgefühl kenne sic, wenn sie einsam sei.

Kommentar
Wie in den modellhaften Sitzungen der Anna O. gleitet die Imaginierende in
Gegenwart des Therapeuten in einen VWB. Eine hypnoide Versenkung durch
autogenes Training oder gar Hypnose hat jedoch nicht stattgefunden. Die Tagtraum­
szenen haben einen unmittelbaren Bezug zu unbewußten Konflikten, Wünschen und
Triebbedürfnissen, die in der tiefenpsychologischen Therapie von Neurosen und
psychosomatischen Erkrankungen zu bearbeiten sind. Sie treten nun bildhaft­
symbolisch ins Bewußtsein wie hier die Verlassenheit symbolisierende, abgebrannte
Wiese. Sie ist die spontane Gestaltung des Motivs, als eine Projektion der unbewuß­
ten Probleme der Patientin. Erlebt wird dieses Szenario, als würde es auf einem
etwa 1-2 m vor den geschlossenen Augen stehenden imaginären Bildschirm
dargestellt.

(Aufgefordert sich dort einen Bach vorzustellen.)


Es ist ein reißender Fluß, die Wellen spritzen heftig, das Wasser ist kalt, Eiskristalle treffen
an ihre Hände, schmerzen auf der Haut.
(Ich biete an. den Fluß nach oben oder nach unten zu verfolgen).
Sic kann sich nicht entscheiden, möchte mit dem Wasser gehen, jedoch zieht sie etwas
hinunter, sic spürt eine Gefahr. Trotzdem ist sie davon angezogen und es ist ihr unbehaglich.
Stromaufwärts könne sie die Zuflucht finden, die sic suche.
(Gespräch über den sich hier äußernden Konflikt:)
Sie ist wie am Boden festgenagelt, wenn sic stromaufwärts gehen will. Das erinnert sie an
Nachtlräume. in denen sie am Boden festklebt.

Kommentar
Der von der Vp bevorzugte Weg stromauf ist offensichtlich durch einen negativen
Affekt besetzt (Angst?), der Weg stromab aber ebenfalls. Der sich in der Imagina­
tion manifestierende Konflikt lähmt extrem. Das therapeutische Hilfsmittel ist die
Symbolkonfrontation (Leuner 1987), die nach empirischen Zeugnissen einen
derartigen Ambivalenzkonflikt löst. Konfrontation bedeutet, die Ambivalenz unter
Schutz und Anleitung des Therapeuten solange auszuhalten (einige Minuten), bis
die Betreffende in der Lage ist, eine Entscheidung zu fällen.
130 H. Leuner

Sie kann dann dem Wasser nach unten folgen. Die anfangs angedeutete Gefahr erscheint jetzt
weniger schlimm. Sie gelangt dann an einen Wasserfall. Das Wasser fällt sehr steil hinunter.
Sie kann die untere Ebene nicht erkennen, nur Felsspitzen. Sie fühlt sich hier ganz allein. Eine
reale Erinnerung schiebt sich ein: Sie erinnert sich an die Niagara-Fälle. Dort habe sic sich
„damals ebenfalls sehr allein gefühlt, alles war so gigantisch und sie ganz klein. Es ist kalt
und reißend“.

Kommentar
Extreme Niveaudifferenzen in der Landschaft des KB-Panoramas haben sich als
Zeichen einer ausgeprägten Störung der Entwicklung eines Menschen erwiesen. In
diesem Bild manifestiert sich also die oben schon angekündigte unklare Gefahr als
ein gigantisches Naturschauspiel, dem sie allein ausgeliefert ist. Eine Fortsetzung
ihres Weges ist unmöglich.

Das untere Plateau ist nicht zu erkennen. Angeregt, in die Ferne zu blicken, um eine gewisse
Kontinuität der Landschaft zu erkennen, sieht sic ganz weit entfernt ein freundliches Land,
dann einige Häuser, dann auch Kühe und schließlich einen Traktor. Darauf sitzt ein Mann.
Ganz darauf konzentriert erkennt sie einen alten Mann, einem Großvater ähnlich. Sie habe
keinen Großvater gekannt, sagt sie bedauernd. Das Bild ist jedoch sehr weit entfernt, „für
mich unmöglich, dorthin zu gelangen“, bemerkt sie resignierend. Trotzdem strömt dieses Bild
eine anheimelnde, sic beruhigende Atmosphäre aus. Ich lasse sie so lange wie möglich hier
verharren und fordere sie auf, diese Atmosphäre lief in sich aufzunehmen.

Kommentar
In dieser entfernten letzten Szene entwickelt sich also eine immerhin nachvollzieh­
bare Beruhigung durch Existenz der großväterlichen Gestalt. Die Vp ist hier
Spontan unter gewisser Führung des Therapeuten an eine ihrer unbewußten Ressour­
cen gelangt. Damit ist zumindest teilweise das Gefühl überwunden, dem giganti­
schen Naturschauspiel ausgeliefert zu sein. Das Bild der freundlichen Gestalt kann
als das Auftauchen von Hoffnung und der Möglichkeit des Geborgenwerdens
interpretiert werden.

(Vp wird nun gebeten, den Fluß wieder nach oben zu verfolgen, um auf die Ursprungswiese
zu gelangen).
Sie kann ohne Schwierigkeiten zurückgehen. Die Landschaft drüben hat sie ruhiger gemacht.
Sie kommt wieder an die verbrannte Wiese. Diese berührt sie jetzt kaum noch unangenehm,
vor allem das Gefühl von Einsamkeit isi geschwunden. Die zweite Wiese zeigt jetzt auch
Blumen. Sie fühlt sich insgesamt nicht mehr so trostlos. (Schluß der Sitzung).
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 131

Kommentar
Eine deutliche Wandlung, vor allem des Stimmungscharakters der Wiesenmotive,
ist nach Rückkehr von der KB-Wanderung deutlich.
Solche Wandlungsphänomene sind häufig und charakteristisch dafür, daß eine
innere Umstellung bei dem Betreffenden erfolgt ist. Der anfangs extrem negative
Affekt, wie die Wiese „selbst abgebrannt“ zu sein, ist mit der Besserung des
extremen Einsamkeitsgefühls aufgehoben.

Zusammenfassung

Zusammenfassend ist zu sagen, daß die Angebote der vage formulierten Motive
einer Wiese und eines Bachs bei der gesunden Vp das zentrale Problem der Verlas­
senheit sofort erlebnisintensiv mit überraschender Intensität angesprochen hat. Die
Biographie bestätigt diese KB-Projektionen: Flüchtlingsschicksal mit Verlust der
behütenden bürgerlichen Umgebung mit 13 J., Verlust des Vaters mit 14 J. und des
Ehemannes vor 2 J. durch eine Krebserkrankung.
Auch den Außenstehenden überrascht, daß im Vergleich mit einer Gesprächsthe­
rapie ein unbewußter Konfliktfokus derart schnell und unmittelbar ausgedrückt und
mit Assoziationen verbunden wird, wie der Psychoanalytiker Niederland (1966) ver­
merkt.
Mein Führungsstil als Therapeut ist teils leitend, teils stützend und beruhigend.
Zugleich habe ich versucht, die auftretenden Abwehrmechanismen durch Verbalisie­
rung emotionaler Inhalte und durch Konfrontation mit den negativen Inhalten zu
lockern.
Im Therapeutenverhalten konstelliert sich die von Rene Spitz (1956) beschriebe­
ne anaklitische hingehende Übertragung des Patienten, realisiert als eine kon­
trollierte Regression. „Das Ich ist der Macht des Primärvorganges ausgesetzt“
(Freud 1894) und befreit sich damit von Konfliktmaterial.
Die Theorie des katathymen Bilderlebens stützt sich auf das bislang herangezoge-
ne Konzept der Psychoanalyse. Eine theoretische Lücke bestand jedoch darin, daß
der Tagtraum seit Freud (1895) traditionell lediglich als eine Wiederholung der kor­
tikalen Engramme optischer Wahrnehmungen aufgefaßt wurde. Danach seien Imagi­
nationen nichts anderes als bloße Widerspiegelung der im sekundären optischen
Rindenareal gespeicherten Wahrnehmungsmuster. Jedoch haben klinische Versuche
gezeigt, daß die visualisieren Inhalte und die vom Therapeuten angeregten Hand­
132 H. Leuner

lungsansätze miteinander korrespondieren (Leuner 1982). Noch gewichtiger sind


experimentelle Ergebnisse, zusammengestellt von Klinger (1990). Danach ist der
Schluß erlaubt, daß imaginative Vorgänge Systemteile des gesamten psychischen
Apparates sind. Die Änderung an den Vorstellungsbildern durch therapeutische
Maßnahmen führt zu einer Änderung der grundlegenden Mechanismen. Die Persön­
lichkeit ändert sich aufgrund des Bilderlebens, m.a.W., was in der Vorstellung ab­
lauft, löst Emotionen aus und zwar derart, als hätte das Imaginierte tatsächlich in
Wirklichkeit stattgefunden. Dadurch werden selbst Verhaltensweisen modifiziert,
was letztlich zu einer Veränderung der Persönlichkeit führen kann.
Worin liegt der Vorteil des KB gegenüber den ausschließlich verbalen Psycho­
therapie-Methoden?
Genannt werden die:
- schnelle Einleitung der Behandlung,
- Unmittelbarkeit, mit der unbewußtes Material aufgedeckt wird,
- Einübung des Patienten in die ihm fremde Symbolisation von Konflikten und
Gefühlen,
- Problemlösung durch phantasiertes Probehandeln und
- kreative Entfaltung der Person
Behandlungen mit dem katathymen Bilderleben begrenzten sich in ca. 80 % der
Fälle auf 30 bis 50 Sitzungen (Sturm 1984) im Gegensatz zu den Langzeittherapien
anderer Methoden. Die große Gruppe der einer konfliktzentrierten Therapie nicht
zugänglichen Personen wie die sog. alexithymen Patienten, können durch das KB
für Psychotherapie aufgeschlossen werden (Wilke, Leuner, 1990).
Auf die statistischen Untersuchungen von Wächter, Pudel (1980), und Jung,
Kulessa (1980) über die Ergebnisse der Katathym-imaginativen Psychotherapie
sowie der vielfältigen subtilen Einzelfallanalysen, die in der Psychotherapie-
Forschung an Bedeutung gewonnen haben, kann ich nicht eingehen.
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 133

Tabelle 2:
Anwendung des katathymen Bilderlebens

- Krisenintervention
- Kurztherapie
- Formen charakterneurotischer Anpassungsstörungen
- Zwangsneurosen
- Depressive Neurosen
- Angstkrankheiten und Phobien
- ichstrukturelle Störungen: Borderline und narzißtische Erkrankungen (ausgewähltc Fälle)

- psychogene Psychosen
- Patienten mit dem psychosomatischen Syndrom
- Konversionsneurosen
- psychovegetative Störungen
- Eßstörungen
- Pubertätsmagersucht
- Bulimie
- Herzneurosen

- psychogene Genitalstörungen bei Mann und Frau

- Paartherapie
- Familientherapie

Auf die Kontraindikationen und die allerdings begrenzten Gefahren der Methode wird in der
einschlägigen Literatur eingegangen.

4. Durch psychoaktive Substanzen gestützte Psychotherapie

4.1 Die Psycholytische Therapie

Klinische Erfahrungen

Die Anwendung psychoaktiver Substanzen zur Psychotherapie reicht bis in die 30er
Jahre zurück (Leuner 1982). Nach Entdeckung der halluzinogenen Eigenschaften
des LSD-25 durch A. Hofmann haben die durch psychoaktive Substanzen gestützten
Psychotherapien eine unerwartete, große Bedeutung gewonnen. In seiner Monogra­
phie über „LSD-Psychotherapie“ hat Caldwell (1968) eine Bibliographie von 193
Publikationen erfaßt.
Die psycholytische Therapie hat zwei Quellen:
134 H. Leuner

1. Die Veröffentlichung der englischen Psychiater Sandison, Spencer und Whitelaw


1954,
2. die Darstellung eigener Ergebnisse der Unterstützung des katathymen Bilder-
lebens durch Halluzinogene auf dem Internationalen Kongreß für Psychotherapie
in Barcelona 1958 (vgl. LEUNER 1987a).
Das Interesse psychiatrisch vorgebildeter Psychotherapeuten wuchs innerhalb
kurzer Zeit. Deshalb lud ich 1960 zu einem Europäischen Symposion in Göttingen
ein. Die Teilnehmer aus England, Italien, Österreich, Schweiz, Skandinavien und
Tschechoslowakei folgten übereinstimmend dem Vorschlag von Sandison, die neue
Methode „Psycholytische Therapie“ zu nennen. Aus dieser Gruppe entstand die
„Europäische Ärztliche Gesellschaft für Psycholytische Therapie (EPT)“, der ich
Vorstand. Die EPT hielt bis 1971 fünf internationale Symposien ab und ihre Ver­
treter waren maßgeblich beteiligt an Symposien der internationalen Kongresse für
Psychotherapie und ebenso für Psychopharmakologie, die sich der psychotherapeuti­
schen Behandlung unter Einfluß von Halluzinogenen widmeten.
Die Durchführung der psycholytischen Therapie ähnelt der oben beschriebenen
Tagtraummethode hinsichtlich des Settings, der Interaktion zwischen Patient und
Therapeut und der auftretenden Phänomene. Das Schema des Modelles der Anna O.
(Abbildung 5) entspricht auch der Psychodynamik einer psycholytischen Sitzung.
Den phänomenologischen Unterschied der Psycholyse gegenüber der katathymen
Imaginationsmethode drückt eine Patientin wie folgt aus: „Es ist ursprünglicher,
kommt mehr aus einem selbst heraus. Vom Therapeuten ist nichts vorgegeben,
nichts wird dirigiert, von mir wird nicht etwas verlangt“. M.a.W. der therapeutische
Prozeß verläuft unter der positiven Übertragung des Patienten relativ autonom und
oft unter starkem emotionalem Engagement. Zugleich ist er jedoch begleitet von
kognitiven Einsichten in die sich entwickelnden psychodynamischen Zusammen­
hänge. Die gewonnenen Erkenntnisse sind für den Betreffenden oft durch einen
Grad innerer Gewißheit bestimmt.
An zwei Protokollen einer 23jährigen Universitätsdozentin veranschauliche ich
die Aktivierung der Psychodynamik und der aufkommenden Selbsterkenntnisse.

Sie schreibt nach der 5. mehrstündigen Sitzung mit einer niedrigen Dosis von LSD-25: „Meine
Gedanken wandten sich dann der Königin Elisabeth von England zu. Ich projizierte mich
selbst in die Queen. Ihr Blick voller Autorität sprach mich an. Ich liebte die Idee, daß eine
Frau Macht über so viele Männer hat. Auf dem Felsen von Gibraltar blickte ich herab auf die
Britische Flotte, die augenblicklich dabei war, eine Schlacht zu gewinnen (...), als ob ihre
Männer gegen Hitlers Macht kämpften."
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 135

Kommentar:
Ihr männlich-mächliges Ideal-Ich identifiziert sich mit der Queen und verbindet sich mit deren
hoheitsvoller Rolle gegen die mit Hitler identifizierte Gestalt, in der sie offensichtlich den in
ihrer Kindheit als brutal erlebten Vater sieht.

Über die darauffolgende Sitzung schreibt sic: „In dieser Behandlung wurde mir völlig klar,
daß ich einen Minderwertigkeitskomplex habe. Ich wollte das nicht gern akzeptieren. Ich sehe
Dinge gern in ihren Extremen, derart etwa daß, wenn ich augenscheinlich mit einem schwieri­
gen Problem beschäftigt bin, ich sofort zu sterben wünsche, um mich von den Härten dieses
Lebens zu befreien. Es ist wahr, daß ich ein Leben wünsche, als sei dauernd Weihnachten {...).
Diese Behandlung war sehr deprimierend und die unangenehmste, die ich jemals halle.“

Kommentar:
Dies ist die erste Einsicht in ihre narzißtische Abwehr gegenüber den Anforderungen der
Realität und ihrer Neigung zur Resignation mit Flucht in den depressiven Rückzug.

Diese beiden psychotherapeutischen Vignetten sind Teil einer Behandlung von 12


psycholytischen Sitzungen.

Zum Verstehen des Falles dieser jungen Frau: Seil dem 14. Lebensjahr leidet sie unter
periodisch auftretenden depressiven Verstimmungszuständen reaktiver Art. Sie kommt mit
einer schweren depressiven Verstimmung nach dem Verlust ihres Freundes zu mir. Nach der
3 Monate dauernden Behandlung mit 12 eingestreuten psycholytischen Sitzungen bleibt sic
beschwerdenfrei. Die 10jährige Nachuntersuchung bestätigt das Ergebnis.

Statistische Vergleichsuntersuchungen haben gezeigt, daß eine derartige Kom­


bination tiefenpsychologischer Einzelbehandlungen mit eingestreuten psycholyti­
schen Sitzungen die besten Resultate erzielt (Mascher 1967). Auf eine verein­
fachte Formel gebracht: Die psycholytische Therapie ist keine eigenständige
Behandlung, sondern eine durch adjuvante Gaben eines Halluzinogens unterstützte
tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Leuner 1987).

Ergebnisse in synoptischer Übersicht

Eine Synopsis der Indikationen der psycholytischen Therapie aus 42 Publikationen


von 28 Therapeuten bei insgesamt 1603 Patienten hat Mascher (1967) in den
Tabellen 3 und 4 zusammengestellt. Der Autor sieht die Problematik eines Ver­
136 H. Leuner

gleiches der unter unterschiedlichen Voraussetzungen gewonnenen Ergebnisse.


Immerhin erlauben sie einen ersten vorläufigen klinischen Überblick. Bei Vergleich
der Originalarbeiten haben sich gewisse Indikationsgruppen herausgebildet. Tabelle
3 gibt das Indikationsspektrum und die Ergebnisse der Synopsis wieder.

Tabelle 3:
Synopsis der Indikationen der psycholytischen Therapie von 42 Publikationen, 28
Therapeuten (nach Mascher 1967)

%
Rangfolge Diagnosen Publikat. sehr gut/
gut

1. Angstneurosen 9 70,0
2. Depressive Reaktionen 4 62,0
3. Charakterneuroscn und Soziopathien 10 61,0
4. Borderline-Fälle 4 53,0
5. Perversionen, überwieg. Homosexualität 7 50,0
6. Zwangsneurosen 10 42,0
7. Hysterie und Konversionssymptome 2 31,5
8. Abhängigkeit von Alkohol und Tabletten 6 31,0

Bemerkenswert für die veröffentlichten Studien scheint, daß ca. 2/3 der Probanden
als schwere und chronische Fälle eingestuft wurden. Auch in unseren eigenen
statistischen Untersuchungen galten 70 % der Patienten als psychotherapeutisch
nicht behandelbar und hatten oft eine sehr lange Krankenkarriere. Die Gruppe
psychotherapieresistenter Patienten hat Arendsen-Hein (1963) in drei Arten einge­
teilt: 1. alexithyme Patienten, 2. rationalisierende Intellektuelle und 3. schweigende,
gespannte und verschlossene Menschen. Wie Mäschers Synopsis (1967) und unsere
Daten zeigen (s.o.), wandte die überwiegende Zahl der Therapeuten die psycholyti­
sche Therapie bei resistenten Patienten an.
Einzelfallberichte heben günstige Ergebnisse bei schweren Anpassungsstörungen
von Erwachsenen und Adoleszenten sowie bei psychosomatischen Erkrankungen
wie Migräne, Colitis und Anorexia nervosa hervor.
Tabelle 4 erlaubt, die angewandten Methoden mit ihren Ergebnissen zu ver­
gleichen.
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 137

Tabelle 4:
Formen der Anwendung (nach MASCHER 1967)

Gruppen Zahl der Anwendungen Klinisches


Fälle Ergebnis (%)
sehr gut/gut

Gruppe I 87 eine einzige LSD-Sitzg. nach intens,


psychoanalytischer Vorbercitung 56,0

Gnippe II 701 wiederholte LSD-Sitzungen in Kombi­


nation mit indiv. Psychotherapie 56,0

Gruppe III 452 mehrere LSD-Sitzungen kombiniert mit


Einzel- und Gmppenpsychothcrapie 62,5

Gruppe IV 363 mehrere LSD-Sitzungen, nur in der Gruppe 40,0

1603

Die besten prozentualen Ergebnisse zeigt die Gruppe III. in einer Kombination von
Einzel- und Gruppenpsychotherapie mit der psycholytischen Behandlung mit Besse­
rung in 62,5 %. Sie stützt die Argumente von Fontana (1961), Leuner (1959) und
MÄSCHER (1966) sowie Moralis (1963), daß die LSD-Sitzungen einer therapeuti­
schen Basis durch Einzel- und Gruppenbehandlung bedürfen. Hausner und Dolezal
(1965) zeigen in einer Vergleichsstudie als Alternative die Erhöhung der individuel­
len Sitzungen. Am ungünstigsten schneidet die Gruppe IV, die sich auf LSD-Gabe
im Setting der Gruppentherapie allein bezieht, mit 40 % Besserung ab.
In 25 Publikationen wurden Nachuntersuchungen nach durchschnittlich 2 Jahren
ausgewiesen. Nach Selbsteinschätzung blieben 62 % der Patienten stabil, 35 %
waren leicht verschlechtert, Rückfälle wurden in 3 % ausgewiesen.

Eigene Ergebnisse

Eine sorgfältige Studie aus der jüngeren Zeit stammt von Leuner und Mitarbeitern
(1992) aus der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie der Universität
Göttingen. 123 chronisch erkrankte Patienten wurden zwischen 1968-1985 mit
einer von LSD, Psilocybin und Psilocynderivaten gestützten Therapie behandelt. Die
Diagnosegruppen entsprachen mit kleiner Varianz den in Tabelle 3 angegebenen
Gnippen. so daß sich eine Wiederholung erübrigt. Die Therapiemethode bestand in
138 //. Leuner

Abbildung 6:
Psycholytische Therapie von 127 chronisch erkrankten Patienten; Katamnese nach
durchschnittlich 2 1/2 Jahren nach Leuner, Mascher, Schultz-Wittner 1992)

einer Kombination von tiefenpsychologisch fundierter Einzel- und Gruppentherapie,


in deren Folge die psycholytischen Sitzungen eingestreut wurden (vgl. auch Tabelle
4, Gruppe III). Die Beurteilung der Effizienz der Behandlung wird hier in den
wesentlichen Ergebnissen der Nachuntersuchung in den Abbildungen 6, 7 und 8
veranschaulicht. Die Katamnese nach durchschnittlich 2 1/2 Jahren ergibt eine gute
bis sehr gute Besserung mit Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit in 75,6 % der
Patienten. Die Aufnahme der Patienten in das Therapieprogramm hing ab von ihrer
Auslese in dem Bestreben, nur schwergestörte und chronisch Kranke aufzunehmen.
Aufgrund der durchschnittlich 7 Jahre langen Krankenkarriere vor Behandlungen
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 139

und ihrer Pathologie waren 77 % der Patienten chronisch krank, schwergestört und
durch konventionelle Psychotherapiemethoden nicht zu behandeln. Der erste Teil
der Studie wurde von Mascher (1966) in Nachuntersuchungen von 83 chronisch
gestörten Patienten durchgeführt. Abbildung 7 zeigt das Ergebnis in Relation der

Abbildung 7:
Studie von Mascher (1966): Prozent der Besserung in Nachuntersuchungen von 83
chronisch gestörten Patienten nach durchschnittlich 2 1/2 Jahren in Beziehung zur Zahl
der LSD-Sitzungen

Besserung zur Anzahl der LSD-Sitzungen. Das beste Ergebnis zeigt die Gruppe 3
mit durchschnittlich 38 LSD-Sitzungen. Gemessen an dem therapeutischen Aufwand
haben die Gruppen 1 mit 7 und Gruppe 2 mit 23 Halluzinogen-Sitzungen mit einer
Besserung von 28 % bzw. 36 % noch immer befriedigende Ergebnisse. Die Grup­
pen 4 und 5 zeigen trotz größeren Behandlungsaufwandes mit 52 und 70 LSD-Sit­
zungen keine prozentuale Besserung. Nach klinischem Eindruck konnten diese Pa­
tienten trotz Fortsetzung der Therapie auf eigenen Wunsch keinen dem Behand-
lungsaufwand angemessenen Gewinn erreichen. Diese Begrenzung zeichnet sich
parallel auch in den spontanen Nachbesserungen in Abbildung 7, Gruppe 1 und
140 II. Leuner

Gruppe 3 ab. Die Gruppe 5 hingegen zeigt katamnestisch eine deutliche Ver­
schlechterung, die Gruppe 4 nur eine minimale Nachbesserung. Der Schluß scheint
berechtigt, daß eine Weiterbehandlung über 45 Halluzinogen-Sitzungen hinaus
kaum angemessene Besserungschancen hat.

Abbildung 8:
Veränderung der Werte des Boehmschen Beschwerden-Indexes der 5 Gruppen nach
Abbildung 7 (vor Behandlung, Sofortwert, Nachbesserung oder Verschlechterung) bei
2 l/2jähriger Katamnese (nach Mäscher 1966).

Ein Kontrollgruppendesign war bei dieser Untersuchung aus äußeren Gründen


nicht möglich, so daß die Studie lediglich orientierenden Charakter hat. Wegen der
genannten Auswahl konnten knapp 80% der Patienten als besonders schwer und
chronisch krank eingestuft werden, die mit einer konventionellen Psychotherapie
nicht behandelbar waren. Wegen dieser primären Therapieresistenz kann m.E. die
Gruppe informell als ihre eigene Kontrolle betrachtet werden. Die Ergebnisse sind
methodenkritisch und zur Frage des Kontrolldesigns in der psycholytischen Thera­
pie an anderem Ort diskutiert worden (Leuner und Mitarbeiter 1992).
Im Zusammenhang mit den relativ günstigen Erfolgen der Psycholyse bei
psychotherapieresistenten Patienten ist ein Blick auf die Statistik der psychothera­
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 141

peutischen Versorgung der Bevölkerung in Deutschland von Interesse. Nach einer


jüngeren Darstellung von A.E. Meyer et al. (1991) sind 50 % der psychotherapiebe­
dürftigen Personen mit den derzeit konkret angebotenen Therapiemethoden nicht
behandelbar. Die Patienten haben zudem eine Krankenkarriere von durchschnittlich
7 Jahren, sind also chronisch erkrankt. Deshalb wäre eine Prüfung der Ergebnisse
dieser Pilotstudie unter dem Aspekt der Behandlung psychotherapieresistenter
Personen überhaupt mit den Methoden zeitgemäßer Psychotherapieforschung von
größtem Interesse.

4.2 Die psychedelische Therapie

Der Begriff psychedelisch stammt von OSMOND (1967) und bezieht sich auf „the
enriching the mind and enlarging the vision“. Das Konzept dieser Therapie hat
zweierlei Wurzeln:
1. Die Anthropologen Hensley (1908) und William James (1902) sowie Slotkin
(1907) berichten übereinstimmend, daß religiöse Bekehrung mit Hilfe von Peyote
Alkoholiker heilen kann.
2. Pahnke (1967) zeigte in seinem klassisch gewordenen Karfreitagexperiment in
einem Doppelblind-Design. daß halluzinogene Substanzen Erlebnisse hervor­
rufen. die große Ähnlichkeit aufweisen, wie sie Mystiker aller Zeiten und
Religionen beschrieben haben.
Das Research-Programm des Spring Grove Hospitals in Baltimore hat eine Reihe
methodisch sorgfältig entworfener Studien über die Behandlung von chronischen
Alkoholikern, schwergestörten Neurotikern sowie von psychedelischen Sitzungen
bei terminalen Krebspatienten durchgeführt. Das von Pahnke. später von Grof.
geleitete Team wurde vom NIMH in Washington mit mehr als 4 Millionen Dollar
Forschungsmitteln unterstützt. Ich hatte Gelegenheit, im Rahmen eines Gutachter­
auftrages des NIMH 1966 eine Reihe laufender Forschungsprogramme in den USA
kennenzuleren und kritisch zu beurteilen. Methodisch waren sie von hohem
Standard. Es war lehrreich zu sehen, in welcher Weise versucht wurde, die gefor­
derte formale Strenge der Methodik mit der Aktivierung der Psychodynamik des
einzelnen Patienten zu vereinbaren.
Das Grundprinzip der psychedelischen Behandlung kann verstanden werden als
eine extreme Regression auf die Ebene des Erlebniszustandes des Kindes nach der
Geburt. Die dabei auftretenden kosmisch-mystischen Erlebnisse der peak-experience
142 H. Leuner

(Malsow 1961) hat Dittrich (1986) testpsychologisch bearbeitet. Klinische Be­


obachtungen und psychometrische Auswertungen dieser Regression verdanke ich
meinen ehemaligen Mitarbeitern Bolle (1988) in der Anwendung von Ketanest und
Schlichting (1989) bei Einfluß von Phenäthylamin DMM-PEA. Die Aufschlüsselung
dieser perinatalen Basiserfahrungen des Menschen hat großes forscherisches
Interesse gefunden, wie Publikationen von Janus (1990) für die Psychoanalyse und
Grof (1987) für die von ihm vertretene Lehre der Transpersonalen Psychologie
gezeigt haben. Die perinatale Basiscrfahmng reicht weit in den Bereich der Reli-
gionspsychologie hinein (Josuttis, LEUNER 1972).
In der Zeit von 1954 bis 1971 liegt eine Bibliographie von 40 Publikationen über
psychedelische Therapie vor. Tabelle 5 gibt einen Überblick über die hauptsäch­
lichen Themen.

Tabelle 5:
Publikationen über die Anwendung der psychedelischen Therapie (aus Josuttis und Leuner
1972)

allgemeine Darstellungen 7

chronischer A1koholismus 22

autistische Kinder 5

Krebspatienten und Sterbehilfe


(einschl. Schinerztherapie) 4

Abhängigkeit von Narkotika 1

Sexuelle Perversionen 1

40

Die Ergebnisse einer Studie über die psychedelische Behandlung von 175 chroni­
schen Alkoholikern sind von Kurland et al. (1971) berichtet worden.
Die Praxis der Behandlung scheint einfach, wenn man von dem Modell des For­
schungszentrums für Psychedelische Therapie in Baltimore (Spring Grove Hospital)
(USA) ausgeht. Es findet nur eine einzige (selten noch eine zweite) LSD-Sitzung
statt. Die Dosis ist wesentlich höher als im Durchschnitt bei der psycholytischen
Behandlung und liegt bei etwa 300-500 μg LSD. Ziel der Therapie ist die Vermitt­
lung der über viele Stunden dauernden kosmischen Erfahrung. Um sie zu erreichen,
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 143

findet eine intensive vierwöchige psychotherapeutische Vorbereitung der Patienten


statt. Sie ist gekennzeichnet durch therapeutisches Teamwork in Einzel- und
Gruppensitzungen, in denen z.T. unter starkem suggestivem Einfluß und ent­
sprechender westlicher oder ostasiatischer religiöser Literatur Patienten auf das zu
erwartende große Erlebnis der peak-experience vorbereitet werden. Soweit tiefen-
psychologische Aspekte und persönliche Konflikte hervortreten, werden sie ent­
sprechend bearbeitet. Die genannte einmalige LSD-Sitzung wird durch stimulie­
rende, oft religiöse Musik begleitet. Der Behandlungsraum ist durch entsprechende
suggestive Bilder und Wandsprüche dekoriert. Die anwesenden Therapeuten setzen
die suggestive Beeinflussung auf das Ziel der kosmisch-mystischen Erfahrung
während der 8-10 Stunden dauernden LSD-Sitzung fort. 70 % der behandelten
Patienten erreichen nach der Statistik des Spring Grove Hospitals eine peak-
experience.
Aus wissenschaftlichen Gründen wurde eine Doppelblindstudie durchgeführt. Als
aktives Placebo dienten 150 μg LSD an Stelle der Dosis der aktiven Behandlung
von 300-500 pg. Die Sofortergebnisse, dargestellt an Ergebnissen des Persönlich-
keitstestes (MMPI) und der Alkoholabstinenz der Patienten sind überzeugend, vor
allem im Vergleich mit der Placebo-Gruppe (Abbildung 9). Die statistischen
Ergebnisse der Nachuntersuchung nach 6, 12 und 16 Monaten zeigen eine Ver­
schiebung der Werte gegeneinander, woraus deutlich wird, daß der Zeilfaktor ein
nicht zu unterschätzender Einflußparameter in dieser Studie ist (Abbildung 10 und
11). Bemerkenswert ist. daß die Werte der Placebo-Gruppe in Abbildung 11 nach
dem Trinkverhalten sich nach 12 und nach 18 Monaten durch Nachbesserungen von
denen der Werte der aktiven Gruppe nicht signifikant unterscheiden. Offenbar hat
die vierwöchige psychotherapeutische Vorbehandlung im Zusammenwirken mit dem
aktiven Placebo zu einer wesentlichen Besserung des Trinkverhaltens geführt.
Anders ausgedrückt, hatte die peak-experience der aktiven Gruppe auf die Langzeit­
wirkung der Behandlung nur relativen Einfluß ausgeübt.
Dieser konzentriert sich jedoch auf die Sofortwirkung der Therapie nach 6
Monaten mit ca. 53 % signifikanter Besserung (p = 0.05) gegenüber ca. 35 % bei
der Placebo-Gruppe.
144 II. Leuner

Abbildung 9:
Vergleich der Profile des MMPI-Persönlichkeitstestes vor und nach der psychedelischen
Therapie (hohe Dosen) von 81 Alkoholikern (nach Kurland et au 1971, aus Josuttis,
Leuner 1972)

Abbildung 10:
Vergleich der Profile des MMPI-Persönlichkeitstestes zwischen hoch und niedrig dosierten
psychedelischen Behandlungen nach Abschluß der Nachuntersuchungen von 114 Alkoholi­
kern (nach Kurland et al. 1971, aus Josuttis, Leuner 1972).
Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 145

Diese unerwartete Nachbesserung der Placebo-Gruppe veranlaßt bei dieser


sorgfältig durchgeführten Studie methodische Reflexionen. Schon nach der klassi­
schen Halluzinogen-Studie von Pahnke (1962), bei der ein neutrales Placebo
gewählt wurde, das subjektiv Blutandrang im Gesicht hervorrief, konstatierte Leary
(1963): „Die Vorstellung einer Doppelblind- oder Blindstudie mit Halluzinogenen
ist lächerlich. Sowohl die Versuchsperson als auch der Versuchsleiter erkennen
binnen kurzem, wer die aktive Substanz und wer das Placebo erhalten hat“. So
gaben seinerzeit in den USA eine Reihe von Forschem die Fortsetzung ihres LSD-
Programmes auf, da eine Doppelblind- oder Blindstudie nicht möglich war.

Abbildung 11:
Das Trinkverhalten von 114 psychedelisch behandelten Alkoholikern, 6, 12 und 18
Monate nach Abschluß der Nachuntersuchungen im Vergleich zwischen hoher und
niederiger LSD-Dosierung (nach Kurland et al. 1971. aus Josuttis, Leuner 1972).
146 H. Leuner

Für den Außenstehenden mag das methodische Problem von sekundärer Art sein.
Die wissenschaftliche Anerkennung der halluzinogen-gestützten Psychotherapieme­
thoden wird jedoch in Zukunft davon abhängen, ob die Forderung eines naturwis­
senschaftlichen Forschungsdesigns, wie z.B. in der Psychopharmakologie, erreicht
werden kann oder nicht.
Als eine methodische Kompromißlösung bietet sich an, die Verfahren vorerst auf
chronische und nachweislich inkurable Patienten anzuwenden. Damit kann diese
Therapiegruppe als ihre eigene Kontrolle gelten, wie es sich bereits in diesem
Beispiel der Behandlung extrem therapieresistenter Alkoholiker ergeben hat.

Schlußbemerkung

Die in diesen beiden Abschnitten skizzierten Ergebnisse der halluzinogen-gestützten


Psychotherapien konnten nur einen Überblick vermitteln. Die durch Gesetzgebung
verhinderte Fortsetzung therapeutischer Forschungen seit 1972 hat deren organische
Entwicklung und die Möglichkeit, aus den gewonnenen Ergebnissen neue Ansätze
zu gewinnen, unterbunden. Zur Zeit der Formulierung dieses Artikels erscheint die
Nachricht, daß die Food and Drug Administration (FDA) in USA bereit ist,
Forschungen mit Halluzinogenen und Endaktogenen am Menschen, insbesondere für
therapeutische Zielsetzungen, wieder zu genehmigen. Es steht also zu hoffen, daß
die Mittel für sorgfältig entworfene, wissenschaftlich akzeptable Forschungspro­
gramme zur Verfügung gestellt werden können. Diese Programme sollten den
Doppelcharakter der Aufgaben auf diesem Forschungsgebiet beachten: Die spezifi­
schen emotionalen Beziehungen zwischen Therapeut und Patient müssen einerseits
gewahrt bleiben, die Beachtung der methodischen Gesichtspunkte zeitgenössischer
Psychotherapieforschung sind andererseits dennoch einzuhalten. Man wird einen
angemessenen Kompromiß schließen müssen.

Literaturnachweis:

B olle , R.H.: Am Ursprung der Sehnsucht. VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin
1988.

G rof , St.: Geburt, Tod und Transzendenz. Kösel, München 1985.


Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie 147

Josuttis, M., Leuner, H.: Religion und die Droge. Kohlhammer, Stuttgart, Berlin, Köln 1972.

Kossak, H.-Chr.: Hypnose - Ein Lehrbuch, Psychologieverlagsunion, München 1989.

Leuner, Chr. (1973): In: Leuner, H., 1990.

Leuner, H.: Halluzinogene - Psychische Grenzzustände in Forschung und Psychotherapie. Huber,


Bern, Stuttgart, Wien 1981.

Leuner, H.: Lehrbuch des Katathymen Bilderlebens. Huber, Bern, Wien, Toronto 1987.

Leuner, H.: Die Psycholytische Therapie: Durch Halluzinogene unterstützte tiefenpsychologische


Psychotherapie. In: Dittrich, A., Scharfetter, Chr.: Ethnopsychotherapie. Enke, Stuttgart
1987a.

Leuner, H.: Das Respiratorische Feedback (RFB) - Physiologie und Klinik einer schnell wirkenden
Entspannungsmethode. In: Diehl, B.J.M., Miller, Th. (Hg.): Moderne Suggestionsverfahren.
Springer, Berlin, Heidelberg 1990.

Leuner, H., Mascher, E., Schultz-Wittner, Th.: Die Effizienz der durch psychoaktive Substanzen
geschützten Psychotherapie (psycholytische Behandlung). In: Leuner, H., Schlichting, M.: Jb.
Europäisches Collegium für Bewußtseinsstudien 1992. VWB - Verlag für Wissenschaft und
Bildung, Berlin 1992.

Mascher, E. (1966): zit.n. Leuner, H., 1981.

Osmond, H. (1967): In: Hoffer, A., Osmond, H.: Hallucinogens. Zit.n. Leuner, H., 1981.

Watzig, H.: Das Respiratorische Feedback. Psycho 14, 1988.

Wilke, E., Leuner H.: Katathymes Bilderleben In der Psychosomatischen Medizin. Huber, Bern,
Wien, Toronto 1990.

Ausführlicher Literaturnachweis beim Autor erhältlich.


Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 149

Ralph Metzner

Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten


Bewußtseins1

Vor kurzem lernte ich ein deutsches Sprichwort kennen, in dem sich vieles von
dem Gedankengut dieser Konferenz wiederfinden läßt, und mit dem ich vollständig
übereinstimme. Es lautet: „Die Erfahrung ist die Mutier der Wissenschaft.“ Ich
würde es nur mit dem Plural ‘Wissenschaften’ leicht abändern wollen. Es bedeutet,
daß man mit rationalem, abstraktem Denken oder mit der Darstellung meßbarer
Werte zu keinen wahren Erkenntnissen kommen und keine Wissenschaft begründen
kann. Als ich über dieses Sprichwort nachdachte, ist mir folgende Rätselfrage, eine
Art Zen-Koan sozusagen, eingefallen: „Wenn die Erfahrung die Mutter der Wissen­
schaften ist - wer ist dann der Vater?“ Ich lade Sie ein, über diese Frage nachzu­
denken, und wir können am Ende dieses Vortrages wieder auf sie zurückkommen.
Für einen unbefangenen Beobachter der menschlichen Natur hätte es den
Anschein, daß Süchte, Zwangsverhalten und Bindungen einen normalen und
unausweichlichen Bestandteil des menschlichen Erlebens ausmachen. Demselben
Beobachter, beispielsweise einem Außerirdischen, wäre sicherlich genauso klar, daß
die Suche nach Transzendenz, nach erweiterten und erhöhten Zuständen des
Bewußtseins, eine ebenfalls überall zu findende und natürliche Aktivität des
Menschen darstellt. Ich möchte die Hypothese aufstellen, daß Süchte als verengte
Bewußtseinszustände beschrieben werden können, und berücksichtige dabei, daß
zum Wesen einer Sucht Fixierung und ständige Wiederholung gehören. Ferner
möchte ich der Sucht die Transzendenz gegenüberstellen, zu der eine Bewußt­
seinserweiterung gehört, die manchmal die Ausmaße einer visionären oder mysti­
schen Erfahrung haben kann.
Was ist Sucht? Zunächst möchte ich feststellen, daß Süchte und zwanghafte
Verhaltensweisen (wobei ich den letzteren Begriff als den breiteren und umfassen­
deren ansehe) übertriebene oder pathologische Ausdrucksformen normalen und
natürlichen menschlichen Verhaltens darstellen. Wir haben alle Tendenzen zu
zwanghaftem Verhalten und zur Sucht. Wenn das Verhalten so sehr zur Gewohnheit
wird, daß es das Leben einer Person zum Nachteil ihrer zwischenmenschlichen

1 Deutsche Übersetzung von Gunter Seipel, Rosental 74, D-53111 Bonn.


150 R. Metzner

Beziehungen und zum Schaden ihres Funktionierens im Beruf beherrscht, diagno­


stizieren wir im klinischen Sinne eine Sucht oder Abhängigkeit. Millionen von
Menschen betrachten sich als Süchtige der unterschiedlichsten Art.
Einem zwanghaften Verhalten das Etikett ‘Zustand’ oder ‘Krankheit’ zu geben,
kann zweifellos für viele Menschen hilfreich und heilsam sein. Wie alle Metaphern
jedoch stößt auch dieses Bild von der Sucht als Krankheit an seine Grenzen: Mit
Recht ist kritisiert worden, daß es dazu führt, eine Sucht als festen, unabänderlichen
Zustand zu begreifen. Wenn wir andererseits klinische Sucht lediglich als das
Extrem in einem kontinuierlichen Spektrum des Verhaltens ansehen, dann wird der
Prozeß, durch den ein Mensch lernt, seine Suchttendenzen und seine zwanghaften
Neigungen zu erkennen, zu identifizieren und irgendwie mit ihnen fertig zu werden,
zu einem ganz normalen Prozeß in der Entwicklung des Menschen, zu einer Art
Reifung oder Erwachsenwerden.
Als Alternative zum Modell der Krankheit definieren manche die Sucht als ein
Verhalten, das ausschließlich in der äußeren, materiellen Welt nach Befriedigung
sucht. Dem stellt man eine Haltung gegenüber, bei der man sich psychologischer
Vorgänge bewußt wird und Innerlichkeit oder spirituelles Wachstum pflegt - eine
Haltung, in der die Aufmerksamkeit von der äußeren Welt abgewendet und auf
innere Zustände und Erfahrungen gelenkt wird. Auch das ist eine sehr weitgefaßte
Definition, die Sucht zu einem normalen Bestandteil menschlichen Erlebens macht.
Eine Orientierung nach außen, das Konzentrieren auf den Erwerb und den Konsum
materieller Güter wird weithin als das Hauptmerkmal des westlichen (wenn nicht
des allgemeinmenschlichen) Kollektivbewußtseins angesehen, ln den spirituellen
Traditionen Asiens, im Yoga, im Vedanta des Hinduismus und bei den verschiede­
nen Schulen des Buddhismus werden ‘Anhaften’, ‘Begehren’ oder ‘Verlangen’ als
Grundvorgänge menschlichen Bewußtseins angesehen und gelten auch als Haupthin­
dernisse auf dem Weg zur ‘Befreiung’, ‘Erleuchtung’ oder ‘Selbstverwirklichung’.
„Die Ursache des Leidens ist das Begehren“ heißt es in der zweiten der Vier Edlen
Wahrheiten Buddhas, nachdem die erste die Allgemeingültigkeit und Unausweich-
lichkeit des Leidens feststellt.
Allerdings bleibt bei dieser Definition von Sucht als Suche nach äußeren
Objekten noch ein Problem bestehen, denn der Gegenstand des Verlangens vieler
Süchtiger ist nicht so sehr ein materielles Objekt, sondern eine bestimmte Erfah­
rung, ein Bewußtseinszustand. Das Objekt ist dann nur wegen des durch ihn
hervorgerufenen Erlebnisses begehn. Es gibt Formen zwanghaften Verhaltens,
beispielsweise in der Spielsucht oder Sexualsucht, bei denen sich die Aufmerksam­
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 151

keit der Person auf das innere Erlebnis, den Rausch, konzentriert und das äußere
Objekt in gewissem Sinne sekundär oder nebensächlich ist. Daß man auch nach
spirituellen Erfahrungen süchtig werden kann, macht die ganze Sache noch kom­
plizierter. Die losgelösten, meditativen Zustände, die von den spirituellen Traditio­
nen als Mittel gegen Begehren und Anhaften gefördert werden, können selber zu
Objekten zwanghaften Suchens werden. Es gibt zwanghaft Meditierende, die die
Suche nach spiritueller Erfahrung dazu benutzen, die Auseinandersetzung mit
unangenehmen Aspekten ihrer eigenen Außen- oder Innenwelt zu vermeiden.
Psychedelische Substanzen, die unter günstigen Umständen und mit der ent­
sprechenden Intention transzendente, erweiterte, ja sogar mystische Bewußtseins­
zustände hervorrufen können, sind manchmal ebenfalls zu Objekten süchtigen
Drogenkonsums geworden. Die Grenze zwischen einer nach außen orientierten
Sucht und einer innerlichen, spirituellen Suche läßt sich also nicht immer so
deutlich ziehen, wie es zunächst den Anschein haben mag.
Vor einigen Jahren vertrat der amerikanische Mediziner Andrew WEIL in seinem
Buch The Natural Mind (Weil, 1986) die Ansicht, daß die Neigung, sein Bewußt­
sein zu verändern, ein bei jedem vorhandener und natürlicher menschlicher Zug ist.
was man auch der Tatsache entnehmen kann, daß Kinder gerne ihr Bewußtsein
ändern, indem sie sich beispielsweise um die eigene Achse drehen, hin und her
schaukeln oder den Kopf nach unten hängen lassen. Verhaltensweisen, die das
Bewußtsein verändern, lassen sich auch bei Erwachsenen erkennen, die sensationel­
len Erfahrungen nachjagen oder sich in extreme oder gefährliche Situationen
begeben, und in der unerschöpflichen Suche nach 'Ruhe und Entspannung’ durch
Unterhaltung, Tourismus, ästhetische Genüsse. Sport und ähnliches, mit dem man
vom aktiven Tun und Arbeiten abschalten will. Darüber hinaus verspüren nicht nur
Menschen den Drang, ihr Bewußtsein zu verändern - auch im Tierreich scheint das
weitverbreitet zu sein, zumindest bei Säugetieren, wie der Psychopharmakologe
Ronald Siegel in seinem Buch Intoxication (Siegel, 1989) ausführlich dokumen­
tiert hat.
Mit dem zirkadianischen (circadian) Zyklus, dem körpereigenen 24-Stunden-
Rhythmus, ist außerdem von der Geburt bis zum Tod eine regelmäßige Verände­
rung von Bewußtseinszuständen, eine Abfolge von Wach-, Schlaf- und Traumzu­
ständen. in unsere Physiologie eingebaut. In den letzten Jahren wurde durch die
Forschungen Ernest Rossis und anderer ein zweiter Mikrozyklus entdeckt: der im
90-Minuten-Rhvthmus stattfindende ultradianische (ultradian) Zyklus von Tätigkeit
und Ruhe, linker und rechter Hirnhälftenaktivität, Aktivierung des Sympathikus und
152 R. Metzner

des Parasympathikus. Durch diesen physiologischen Rhythmus geraten wir ungefähr


alle 90 Minuten in einen Zustand leichter hypnotischer Trance, auch ‘natürliche
Trance’ genannt, in dem sich unsere schöpferische Einbildungskraft und die
Möglichkeiten zur Selbstheilung und der Wiederherstellung unserer Energien voll
entfalten können.
Bewußtseinszustände verändern sich also dauernd, und es scheint zum Wesen des
Bewußtseins zu gehören, periodischen Schwankungen zu unterliegen. Das Bewußt­
sein ist eher wellenartig als statisch. Wenn wir schlafen, werden wir in regelmäßi­
gen Abständen fast wach und durchleben eine Traumphase, die von schnellen
Augenbewegungen begleitet wird, die sogenannte REM-Phase. Auch unser Wachzu­
stand ist nichts Gleichförmiges: Das Ausmaß der Wachheit schwankt fortwährend;
wir pendeln zwischen Momenten hochgradiger Wachheit und kurzem Mikroschlaf
hin und her. Neben den vielfältigen regelmäßigen Zyklen und periodischen Schwan­
kungen des Bewußtseins sind wir auch noch für eine Vielzahl mehr oder weniger
üblicher oder ungewöhnlicher Auslöser veränderter Bewußtseinszustände empfäng­
lich. Dazu gehören Nahrungsmittel, Genußmittel, Drogen. Klänge, Rhythmen,
visuelle Reize, Körperbewegungen, Kunstformen, Naturerlebnisse, Streß, Krankhei­
ten. Verletzungen und Schocks. Daneben gibt es noch die verschiedenen Methoden,
die in spirituellen Traditionen speziell dazu entworfen wurden, das Bewußtsein zu
verändern, wie zum Beispiel Atemübungen, Hypnose, verschiedene Formen der
Meditation, schamanische Praktiken, religiöse Rituale und ähnliches.
An anderer Stelle (Metzner. 1989) habe ich darauf hingewiesen, daß es historisch
gesehen grundsätzlich zwei Metaphern für Bewußtsein gegeben hat, eine räumliche
und eine zeitliche. Bei der räumlichen Metapher wird Bewußtsein als Bereich,
Terrain oder Feld begriffen, als ein ‘Zustand’, in den man eintreten und den man
wieder verlassen kann, oder, wie in der buddhistischen Psychologie, als leerer,
offener Raum. Wenn man sich unbewußt mit der räumlichen Metapher identifiziert,
würde man vermutlich zu einer gewissen Beständigkeit in der Wahrnehmung und
der Weltanschauung neigen. Solche Menschen empfinden Bewußtsein als etwas
Statisches und sehnen sich nach Stabilität und Beharrlichkeit. Aus dieser Per­
spektive ist das normale Wachbewußtsein der bevorzugte Zustand, und veränderte
Bewußtseinszustände jeglicher Art werden mit Angst und Argwohn betrachtet - als
ob ein veränderter Zustand automatisch abnorm oder krankhaft sei. Das ist im
allgemeinen auch die Einstellung, die die meisten Menschen unserer westlichen
Gesellschaft zu Bewußtseinsveränderungen haben. Selbst die große Vielfalt des
Traumlebens und die veränderte Bewußtheit, die durch Innenschau, Psychotherapie
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 153

oder Meditation dargeboten wird, erregt bei Menschen, die dieser statischen,
extrovertierten Weltanschauung anhängen, Mißtrauen und Argwohn. So könnte man
sich beispielsweise in den USA nicht als Kandidat für den Präsidenten aufstellen
lassen, wenn man je Psychotherapie gemacht hat, denn das würde automatisch
bedeuten, daß man geisteskrank oder zu unstabil ist.
Die zeitliche Metapher für Bewußtsein kann man in Ideen wie William James’
‘Gedankenstrom’ (stream of thoughts), dem Strom des Bewußtseins, oder dem
‘Erlebnisfluß’ wiederfinden; ebenso bei den Entwicklungstheorien, nach denen
menschliches Bewußtsein verschiedene Stadien durchläuft. In der Geschichte und
beim Kulturvergleich stoßen wir im Denken der vorsokratischen Philosophen Thaies
und Heraklit, in der buddhistischen Lehre von der Unbeständigkeit (Annica) und in
der taoistischen Betonung des Fließens und Wirbelns von Wasser als Grundformen
allen Lebens wieder auf die zeitliche Metapher. Von diesem Standpunkt aus
gesehen sind wellenförmige Schwankungen des Bewußtseins ganz natürlich und
unvermeidlich. Gesundheit, Wohlbefinden und Schöpfungskraft sind mit der
Fähigkeit verknüpft, sich auf die natürlich vorkommenden und die ‘künstlich’
hervorgerufenen Bewußtseinsschwankungen einzustimmen und sich diese nutzbar
zu machen.
Nach Immanuel Kant sind ‘Raum’ und ‘Zeit’ a priori die Strukturen jeglichen
Denkens. Es ist wohl passend, daß die beiden geläufigsten Metaphern, die wir bei
unseren Reflexionen über das Bewußtsein benutzen, ebenso räumlich und zeitlich
sind. Die ausgewogenste Art, wie wir Bewußtsein gedanklich fassen können, be­
rücksichtigt sowohl die räumliche als auch die zeitliche Metapher. Räumlich
gesehen erkennen wir die dauerhaften Strukturen der wahrgenommenen Welt, in der
wir uns in einem gegebenen Moment befinden. Zeitlich gesehen erkennen wir die
sich fortwährend wandelnde, fließende Strömung der Erscheinungen, in die wir
eingetaucht sind. Obwohl Heraklit angeblich gesagt haben soll, man könne nicht
zweimal in denselben Fluß steigen, sagte er eigentlich: „Wir steigen in denselben
Fluß, aber es ist immer anderes Wasser, das vorbeifließt“. Das ist eine Äußerung,
die mit der hier angedeuteten zweifachen Perspektive übereinstimmt.

Sucht als verengter Bewußtseinszustand

Stanton Peeles Buch The Meaning of Addiction (Peele, 1985) ist eine brauchbare
Zusammenfassung der sozial psychologischen Forschungen zum Thema Sucht. In
154 R. Metzner

diesem Buch identifiziert Peele die Hauptmerkmale des von ihm mit dem Begriff
‘Suchterfahrung’ oder ‘Verstrickung’ bezeichneten Zustandes. Mit anderen Worten:
Er analysiert die Sucht vom Bewußtsein des Süchtigen her. Suchterfahrungen oder
Verstrickungen werden als etwas definiert, das „auf kräftige Weise die Stimmung
und Empfindung verändern kann“. Wenn eine Droge oder ein Verhalten die
Fähigkeit besitzt, eine unmittelbare, wirkungsvolle und kräftige Umwandlung der
Stimmung und des Empfindens hervorzurufen, kann man sich möglicherweise auf
süchtige, zwanghafte Weise darin verstricken. Diese Definition identifiziert die
Suchterfahrung als eine bestimmte Variante veränderten Bewußtseins. Ein ver­
änderter Bewußtseinszustand läßt sich dabei als ein zeitlich begrenzter Zustand
beschreiben, in dem unsere Denkstrukturen, unsere Gefühle, Stimmungen, Wahr­
nehmungen und Empfindungen vom gewöhnlichen, alltäglichen Grundzustand des
Bewußtseins abweichen (Metzner, 1989).
Inwieweit genetische, biochemische, soziokulturelle und persönliche Faktoren
sowie Einflüsse der Umgebung bei der Entwicklung suchthafter Verstrickungen eine
Rolle spielen, ist immer noch Gegenstand kontrovers geführter Diskussionen.
Manche glauben, daß genetische und biochemische Unterschiede nur die Ver­
anlagung zur Entwicklung einer Sucht schaffen und daß Persönlichkeitsmerkmale
und Umgebungsfaktoren wie Auslöser wirken. Andere argumentieren, daß Sucht­
verhalten vollständig gelernt wird und daß biochemische und genetische Faktoren
nur für die Wahl des einen oder anderen Suchtobjektes verantwortlich sind.
Offensichtlich sind noch weitere Forschungen nötig, um herauszufinden, wie diese
verschiedenen Aspekte Zusammenhängen und zum Gesamtbild einer Sucht beitra­
gen. In diesem Aufsatz konzentriere ich mich auf die Suchterfahrung, und damit
sozusagen auf die Phänomenologie der Sucht.
Wenn wir Suchterfahrung als eine bestimmte Form veränderten Bewußtseins
untersuchen, können wir sie mit anderen veränderten Bewußtseinszuständen
vergleichen. Ich denke, daß bei Suchterfahrungen. Zwangsverhalten und Anhaftun­
gen eine Fixierung der Aufmerksamkeit und eine Verengung der Wahrnehmung
besteht - mit anderen Worten: ein beschränkter, verengter Bewußtseinszustand.
Damit hebt sich der Sucht- oder Zwangszustand deutlich von transzendenten,
ekstatischen oder mystischen Zuständen ab; bei diesen gibt es eine erhöhte Be­
weglichkeit der Aufmerksamkeit und ein Ausdehnen der Wahrnehmung - anders
ausgedrückt: den klassischen Zustand der Bewußtseinserweiterung. ‘Transzendent’
bedeutet ‘über etwas hinaus’ und ‘Ekstase’ bedeutet ‘ex-stasis’ - aus dem statischen
Zustand, dem gewöhnlichen Bewußtseinszustand, heraus. Sucht und zwanghafte
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 155

Bindungen führen in die entgegengesetzte Richtung, nämlich zu Verengung und


ständiger Wiederholung. Man könnte sagen: Sucht ist fixiertes, wiederholendes
Suchen.
Wir können uns das Bewußtsein als ein kugelförmiges Feld von Bewußtheit
vorstellen, das uns umgibt und sich mit uns bewegt, wohin wir auch gehen.
Nehmen wir einen geraden Horizontalschnitt dieses Kugelfeldes vor, dann erhalten
wir einen 360°-Kreis, den wir als den Kreis möglicher Bewußtheit bezeichnen
können. (Eine Kugel beinhaltet ja eigentlich viel mehr als nur eine einzige 360-
Grad-Kreisfläche; der kreisförmige Schnitt wird aber für dieses Bild genügen.) In
beschränkten, fixierten Zuständen konzentriert sich dann die Aufmerksamkeit
selektiv auf nur 30°. 15° oder sogar nur 1°, ausschließlich auf das Objekt der
Begierde, die begehrte Empfindung, die Flasche oder Pfeife: wobei alle anderen
Aspekte der Wirklichkeit, andere Teile des Vollkreises, ausgeschlossen werden.

normaler Grundzustand verengter Zustand


(baseline state) Fixierung, Sucht

Abbildung 1:

Der amerikanische Komödiant Richard Pryor hat einmal eine Performance über
seine Kokainsucht aufgeführt, die gefilmt wurde und auf Video verfügbar ist. Es ist
eine erschreckende Performance, bei derer seine immer beschränktere Lebensweise
beschreibt, durch die er sich schließlich von allen anderen menschlichen Beziehun­
gen isoliert und nur noch die Beziehung zu seiner Crack-Pfeife übrigbleibt, eine
Beziehung, die in einem Ritual ständiger Wiederholungen erstarrt ist. Er arbeitet
nicht, begibt sich nicht mehr in Gesellschaft und kommuniziert mit keinem mehr -
nur noch mit der Pfeife, mit der er spricht und die ihm sagt: „Hier ist alles, was du
brauchst.“ Ein Zug nach dem anderen, und nichts anderes zählt mehr; nichts
156 R. Metzner

anderes kann sein Interesse oder seine Aufmerksamkeit mehr auf sich ziehen.
Bewußtheit und Aufmerksamkeit sind völlig zusammengezogen und fixiert.
Im Gegensatz dazu dehnen sich, auf den 360°-Kreis möglicher Bewußtheit
bezogen, bei der Transzendenz und in der Ekstase Bewußtsein und Aufmerksamkeit
vom normalen oder gewöhnlichen ‘Grundzustand’ (der 30° oder 60° umfassen mag)
auf einen größeren Bogen von 90°, 120°, 180° oder sogar 360° aus - jedenfalls auf
einen vollständigeren Bereich von Bewußtheit. Eine ganz ähnliche stufenartige
Bewußtseinserweiterung findet statt, wenn)wir morgens aus dem Schlaf erwachen.
Interessanterweise berichten Menschen, die LSD genommen haben, oftmals davon,
daß sich der Bereich ihrer visuellen Wahrnehmung auf 360° erweiterte, so daß sie
das Gefühl hatten, aus der Rückseite des Kopfes sehen zu können. Möglicherweise
handelt es sich dabei um das Erlebnis einer psychischen Bewußtheit oder Empfin­
dung, die sich zur vollständigen Rundumsicht erweitert hat. Wir haben ja tatsächlich
die Möglichkeit, uns dessen gewahr zu werden, was sich hinter uns abspielt, und
die subtilen Energieströmungen in unserer unmittelbaren Nähe zu spüren, die nicht
unbedingt auf visueller Wahrnehmung beruhen.

normaler Grundzustand erweiterter Zustand


(baseline state) Transzendenz, Ekstase

Abbildung 2:

Innerhalb des Vollkreises (oder der Kugel) möglichen Bewußtseins können wir
uns Empfinden, Bewußtheit oder Aufmerksamkeit als eine Art Strahl vorstellen, der
entweder auf einen Punkt oder beschränkten Bereich konzentriert werden kann, oder
auf breitere Bögen und Bereiche ausgedehnt wird. Dieser Strahl der Bewußtheit
oder Aufmerksamkeit verändert normalerweise dauernd seinen Brennpunkt und sein
Ausmaß. Wir besitzen offensichtlich die ganz normale und natürliche Fähigkeit,
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 157

unsere Aufmerksamkeit selber zu konzentrieren oder zu erweitern. Darüber hinaus


gibt es dann noch die Verengungen oder Erweiterungen des Bewußtseins, süchtige
und transzendente Zustände eingeschlossen, die durch bestimmte äußere Reize oder
Situationen ausgelöst werden.
Ein weiterer Bereich wohlbekannter menschlicher Erfahrung, in dem eine
auswählende Beschränkung der Aufmerksamkeit stattfindet, ist das Bindungs­
verhältnis zwischen Mutter und Kind. Daß die Wörter ‘Bindung’, ‘Anhaftung’ und
‘Sucht’ in ihrer Bedeutung nicht weit voneinander entfernt sind, weist bereits auf
die psychologische Ähnlichkeit hin. Auf eindrucksvolle Weise wurde mir das
nahegebracht, als ich meine Tochter als Säugling beobachtete und ihr völlig auf die
Mutterbrust ausgerichtetes Verhalten bemerkte. Die Kleine bewegte sich vorher
umher, gurgelte und strampelte mit Annen und Beinen. Urplötzlich begann sie
dann, sich auf die Brust zu konzentrieren. Sie fing an, Töne zu machen; jede ihrer
Bewegungen ging jetzt in Richtung Mutter; ihre Aufmerksamkeit richtete sich nur
noch auf die Brust. Ich konnte sie nicht mehr ablenken, konnte nicht länger sagen:
„Schau mal hierhin!“, und sie dazu bringen, mir mit ihren Augen und Händen zu
folgen. Dadurch erkannte ich, daß das genau die gleiche Art von verengter Bewußt­
heit und Aufmerksamkeit war wie bei einem Trinker, bei dem sich alles nur noch
um die Flasche dreht, oder wie bei mir, wenn ich mich nur noch darauf konzen­
triere, „jetzt sofort diesen Schokoladenkeks“ haben zu wollen, oder bei einem
Süchtigen und seiner ausschließlichen Konzentration auf die Droge.
Bei dem psychischen Prozeß der Bindung und Sucht gibt es eine sofortige oder
sehr schnelle Veränderung der Stimmung und des Empfindens, zu der sowohl
Bedürfnisbefriedigung als auch Angstreduzierung gehören. Indem sich der Bewußt­
seinsfokus und die Aufmerksamkeit auf das Objekt oder die Erfahrung konzen­
trieren, die wir begehren oder wünschen, hört das Bewußtsein auf, sich mit irgend­
welchen anderen Aspekten unserer erlebten Realität zu befassen, insbesondere nicht
mehr mit Schmerz, Angst oder Sorge. Es besteht ein echtes Bedürfnis, Schmerz und
Angst zu verringern, und dieses Bedürfnis wird sofort und wirkungsvoll befriedigt.
Der Bereich der Wahrnehmung verengt sich; die Aufmerksamkeit ist fixiert und
beschränkt. Diese Schritte werden wiederholt, und allmählich kann sich im Laufe
der Zeit daraus eine Art Ritual entwickeln.
Der rituelle Aspekt von Sucht und zwanghaftem Verhalten ist sehr bedeutsam.
Ich habe einmal in der Therapie mit einem Mann gearbeitet, der seiner eigenen
Bewertung zufolge sexsüchtig war. Das Suchtverhalten bestand darin, sich zwang­
haft Pornographie anzusehen und Prostituierte zu besuchen, bei denen er immer
158 R. Metzner

unterwürfige und entwürdigende Positionen einnahm. Dieses Verhalten wurde


ständig wiederholt und sehr stark ritualisiert; der Mann fühlte sich von anderen
Formen sexueller Reize oder Aktivitäten nicht mehr angezogen. Selbst die Erfüllung
des Orgasmus schien im Vergleich zu der eigentümlichen Genugtuung, die er aus
diesen Dominationsritualen zog, nebensächlich zu sein.
Das Einnehmen von Drogen, die Abhängigkeit erzeugen, ist immer mit rituali­
siertem Verhalten verknüpft, das zwanghaft auf die immer gleiche Weise ständig
wiederholt wird. Freud hat bei Neurosen auch von einem „Wiederholungszwang“
gesprochen. Das trifft gleichermaßen auf Betäubungsmittel wie Opiate, Sedativa wie
Barbiturate, die im Bereich der Psychiatrie verwendeten Beruhigungsmittel und
Antidepressiva, ferner auch auf Stimulantien wie Amphetamine und Kokain zu. Das
ritualisierte Einnehmen ist auch von den gesellschaftlich gebilligten und kom­
merziell geförderten suchtbildenden Substanzen einschließlich Alkohol, Tabak und
Kaffee her wohlbekannt: ln diesen Situationen ist das Einnahmeritual Teil der
Reklame, die uns zum Konsum anregen soll. Einnahmerituale sind auch im Fall von
Nahrungsmittelsucht offenkundig, insbesondere bei der Sucht nach weißem Zucker,
Weizenprodukten und Fleisch. Bei den Freß- und Abführritualen unter ‘Eßstörun-
gen’ leidender Menschen, die versuchen, ihre Sucht mit Gewalt unter Kontrolle zu
bringen, können diese Einnahmerituale auf quälende Weise pervertiert werden.
Die durch solche Drogen und Nahrungsmittel verursachte sofortige oder sehr
schnelle Änderung der Stimmung und des Empfindens ist einer der Faktoren, die
die Entwicklung einer Abhängigkeit begünstigen. Alkoholiker sprechen davon, daß
sie frische Kraft und ein Gefühl der Macht verspüren, sobald der gewählte Trank
seine erste Wirkung im Magen entfaltet: Angst oder Frustration sind wie weggebla­
sen, Schmerzen lassen nach. Stimulantien bewirken eine angenehme Unterbrechung
der Gefühle der Impotenz und Unzulänglichkeit. Dabei entsteht das Machtgefühl
durch die Unmittelbarkeit der Veränderung des Bewußtseinszustandes. Alle unange­
nehmen Nachwirkungen, die dem Süchtigen sehr wohl bekannt sind, liegen zu weit
entfernt in der Zukunft, als daß sie ihn von seinem Tun abhalten könnten.
Die Fähigkeit, seinen Bewußtseinszustand auf der Stelle ändern zu können und
ihn insbesondere aus einem schmerzhaften Zustand in einen angenehmen oder
zumindest neutralen Zustand zu bringen, beschränkt sich nicht nur auf die physiolo­
gische Wirkung der Droge, sondern läßt sich auch auf das ritualisierte Verhalten,
das mit der Droge verbunden ist, ausdehnen. Bereits das Herausziehen der Zigarette
und ihre Vorbereitung auf das Anzünden können angstreduzierend wirken. Ähnliche
Erwägungen lassen sich auf die Sucht nach bestimmten Aktivitäten anwenden, zu
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 159

denen zwanghafte Sexualität, Spielsucht, Einkaufs- und Arbeitssucht gehören, bei


denen schon die ritualisierte Wiederholung bestimmter Verhaltensweisen Angst
reduzieren und das Bewußtsein verändern kann. Als ‘Workaholic’ auf dem Wege
der Besserung, bin ich mir bewußt darüber, daß ich durch meine Versenkung in
kleine Routineaufgaben vermeiden konnte, über andere, mir Sorgen bereitende
Aspekte meines Lebens nachzudenken. Die Tatsache, daß ‘hartes Arbeiten' ein
wesentlicher Bestandteil der europäischen und amerikanischen (und insbesondere
der protestantischen) Arbeitsethik ist, und daß offensichtliche Belohnungen von der
Gesellschaft damit verknüpft sind, verändert die Grunddynamik nicht. Wenn hartes
Arbeiten mit einer extremen Verengung und Fixierung der Aufmerksamkeit
einhergeht und dabei andere Ziele und Interessen ausgeschlossen werden, wird es
zur zwanghaften Arbeitssucht eines ‘Workaholics’. Die Familie und andere soziale
Beziehungen können dadurch beeinträchtigt werden, sogar die Arbeitsproduktivität
kann abnehmen - wodurch man mit Recht eine Sucht diagnostizieren kann.
Ähnliche Prozesse der Fixierung, Bindung und ritualisierter Wiederholung
können bei der Beziehungssucht oder in der zwanghaften, gegenseitigen Abhängig­
keit (co-dependency) beobachtet werden, die jetzt häufig in der Literatur über Sucht
beschrieben wird. Bei einer solchen Sucht zieht sich die Aufmerksamkeit in einem
verengten Wahrnehmungsbereich zusammen, in dem nur noch Raum für die
Gedanken, Gefühle, Wünsche oder Abneigungen der anderen Person ist, wobei das
Gewahrsein des eigenen Denkens, Fühlens, der eigenen Wünsche oder Abneigungen
ausgeschlossen und außer acht gelassen wird. Auf diese Weise kann ich es ver­
meiden. auf das zu achten, was ich wirklich brauche oder will oder nicht mag und
was die Situation wirklich verlangt. In wachsendem Maße konzentriert sich die
ganze Beziehung auf das, was der andere will; das Gewahrsein der eigenen, inneren
Vorgänge wird geleugnet. Wenn die andere Person bei dieser Beziehung sich auf
die gleiche Weise ausschließlich auf den Partner konzentriert, dann läßt sich leicht
erkennen, wie eine Verständigung extrem verwirrend und problematisch wird.
Erfahrungen von Transzendenz oder Bewußtseinserweiterungen verändern nun
ebenfalls sehr stark die Stimmung und das Empfinden; sie tun das aber auf eine
ganz andere Weise als die oben beschriebenen Prozesse. Der gesamte Bereich des
Erlebens, das Kontinuum aus Empfindung und Wahrnehmung, wird erweitert und
gerät mehr ins Fließen. Unheilbar kranke Krebspatienten, denen LSD gegeben
wurde, und die dessen schmerzstillende Wirkung mit der von Morphium verglichen,
sagten, daß sie bei der psychedelischen Substanz den Schmerz zwar immer noch
fühlten, aber daß er nicht mehr so wehtat und daß es noch viele andere Erlebnisse
160 R.Metzner

gab, die ebenfalls ihre Aufmerksamkeit fesselten. Im allgemeinen führen die


psychedelischen, bewußtseinserweiternden Substanzen nicht zur Sucht, und den
Benutzern von Betäubungsmitteln sind sie eher unerwünscht. Die Wirkungen sind
zu unvorhersehbar, zu unterschiedlich, zu subtil und zu verzögert, um die unmittel­
bare Schmerz- oder Spannungserleichterung zu verschaffen, nach der der Süchtige
sucht.
Nichtsdestoweniger gibt es einige Belege, die darauf hinweisen, daß unter
seltenen Umständen auch die transzendenten Erfahrungen selbst, ob sie nun durch
Drogen, durch Meditation oder durch Körperübungen wie Laufen hervorgerufen
werden, zu Suchtobjekten werden können. Wenn jemand in ständiger Wiederholung
psychedelische Drogen wie LSD oder Empathogene wie MDMA nimmt und dabei
immer wieder einen ähnlichen veränderten Zustand des Bewußtseins erlebt, der
andere Interessen ausschließt und durch den am Ende Familie und andere Ver­
pflichtungen vernachlässigt werden, hat man es mit den bekannten Formen des
Suchtverhaltens und mit Mißbrauch zu tun. Es gibt Meditierende, die vermeiden,
sich mit innerpsychischen oder zwischenmenschlichen Konflikten zu beschäftigen,
indem sie dauernd und zwanghaft meditieren. Lehrer aus den spirituellen Traditio­
nen Asiens sprechen von der Möglichkeit einer spirituellen Sucht oder von ‘spiritu­
ellem Materialismus’ und warnen davor, sich an ungewöhnliche oder ekstatische
Erfahrungen zu binden oder zu sehr von ihnen fasziniert zu sein. Sie tun solche
Erfahrungen eher als ‘Illusionen’ ab. Man kann nach der transzendenten Erfahrung
an sich süchtig werden, so daß man versucht, diese Erfahrung ständig zu wiederho­
len - was natürlich unmöglich ist. Es gehört zum Wesen solcher Erfahrungen, daß
sie sich begrenzen. Man kann nicht immerzu transzendieren, sondern muß etwas
haben, über das man hinausgehen kann. Man kann es auch so sagen: Das Ich muß
zuerst einige Strukturen errichtet haben, bevor diese in einem einheitlichen Bewußt­
seinszustand aufgelöst werden können.

Transzendenz als erweiterter Bewußtseinszustand

‘Transzendenz' bedeutet buchstäblich ‘etwas übersteigen’ oder ‘über etwas hin­


ausgehen’, und ‘Ekstase’ kommt von ‘ex-stasis’. Zu transzendenten oder ekstati­
schen Erfahrungen, wie sie in den klassischen Berichten vom mystischen oder
kosmischen Bewußtsein zu finden sind, gehören eine Erweiterung des Wahrneh-
mungsbereiches, eine Ausdehnung des Bewußtseins über die Grenzen des gewöhn­
Sucht und Transzendenz als Zustande veränderten Bewußtseins 161

liehen Grundzustandes hinaus. Solche Erfahrungen sind das Gegenteil von süchtigen
Bewußtseinsverengungen. Bewußtheit und Aufmerksamkeit sind nicht fixiert und
beschränkt, sondern erweitert und ausgedehnt. Bei der Transzendenz gellt es um
Loslösung statt Anbindung, um Auflockerung statt Fixierung. Nach der Entdeckung
von LSD wurde diese Substanz zuerst im Bereich der Psychiatrie zur ‘seelischen
Auflockerung’ empfohlen; die Therapie mit dieser Substanz wird immer noch
‘psycholytische Therapie’ genannt.
Sowohl Verengungen als auch Erweiterungen des Bewußtseins sind normale und
natürliche Vorgänge, und im allgemeinen ist uns die Phänomenologie solcher
Zustandsveränderungen durchaus vertraut. Die durch psychedelische Drogen
hervorgerufenen Bewußtseinszustände wurden auch ursprünglich treffend als
‘bewußtseinserweiternde’ Erfahrungen beschrieben. Das Ziel von Meditations­
techniken, zu denen auch die ‘Transzendentale Meditation' (TM) gehört, besteht
eindeutig darin, einen vereinigenden Bewußtseinszustand hervorzurufen, in dem die
Konflikte und Gegensätze des gewöhnlichen Bewußtseins aufgelöst oder trans­
zendiert werden. Bei näherer Betrachtung ist dieser Prozeß der Transzendenz jedoch
viel komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Es gibt dabei mindestens drei
verschiedene Prozesse, die voneinander unterschieden werden müssen und die alle
etwas mit Transzendenz zu tun haben.
Zunächst müssen wir zwischen echter Transzendenz und einer Art Pseudo-
Transzendenz unterscheiden. Letztere würde ich gerne mit der Analogie des Kanäle
wechselns beschreiben. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf irgendein Objekt oder
ein Ereignis in seiner Außen- oder Innenwelt konzentriert, dann entspräche das dem
Vorgang, bei dem man sich ein bestimmtes Programm auf einem Fernsehkanal
anschaut. Man könnte die Analogie noch schärfer fassen, indem wir uns vorstellen,
man habe den Bildschirm des Fernsehers vor die Augen geschnallt, so daß man
nichts anderes mehr sieht. Die Aufmerksamkeit und die Wahrnehmung sind nur auf
den einen Bereich gerichtet und auf diesen fixiert, nämlich auf die Bilder, die
einem gerade auf einem Kanal präsentiert werden. Wir könnten das die ‘angebunde­
ne Wahrnehmung’ nennen. Bin ich deprimiert oder traurig oder beobachte irgendein
äußeres Ereignis oder eine Aktivität, dann bin ich mit meiner Wahrnehmung an
diese Depression, an das Gefühl der Trauer, oder das äußere Ereignis gebunden,
darauf konzentriert und fixiert.
Die Kanäle zu wechseln, ist durchaus eine Art von Transzendenz, und zwar in
dem Sinn, daß man nicht länger das Programm verfolgt, das man vorher angeschaut
hat. Wenn man deprimiert ist und es schafft, irgendwie den Kanal zu wechseln,
162 R. Metzner

würde man über die Depression hinausgehen, sie also transzendieren. Ich vermute,
daß Antidepressiva so funktionieren, daß sie ein solches Wechseln der Kanäle
möglich machen oder erleichtern. Wahrscheinlich ist das die Funktionsweise der
meisten im Bereich der Psychiatrie verwendeten, stimmungsverändernden Drogen.
Einige Formen der Psychotherapie wie die Verwendung von Affirmationen, und
Eingriffe oder Ablenkungen von Freunden, für die die Franzosen den schönen
Begriff changcr les idees verwenden, lassen sich ebenfalls auf diese Weise ver­
stehen. Man ist damit in der Lage, den Bewußtseinsfokus so zu verändern, daß er
von den einen vorher vereinnahmenden, bedrückenden oder schmerzlichen Inhalten
weggelenkt wird.
In der Sprache des Bildes vom 360°-Kreis des vollständigen, möglichen Bewußt­
seins bedeutet das Umschalten von einem Kanal auf einen anderen eine Verlage­
rung der Aufmerksamkeit auf ein anderes Kreissegment, den Wechsel von einem
30°-Ausschnitt auf einen anderen 30°-Ausschnitt. Ein solcher Vorgang ist jedoch
keine Bewußtseinserweiterung, sondern würde lediglich eine Bewußtseinsver­
änderung darstellen. Mit dieser Feststellung will ich nicht abstreiten, daß eine
solche Neuausrichtung der Wahrnehmung von therapeutischem Wert sein kann.

normaler Grundzustand Kanalwechsel


(baseline state) Pseudo-Transzendenz

Abbildung 3:

Die Wirkungsweise psychoaktiver, stimmungsverändernder Drogen kann meiner


Meinung nach am besten im Rahmen dieser Analogie eines Wechsels von Kanälen
begriffen werden. Diese Drogen verändern das Bewußtsein; psychedelische Sub­
stanzen hingegen sind wirklich bewußtseinserweiternd. Mit Alkohol schaltet man
beispielsweise lediglich von einem Kanal der Aufmerksamkeit und der Bewußtheit
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 163

auf einen anderen um. Alkohol erweitert weder das Bewußtsein noch die Wahr­
nehmung. Der Bereich der Wahrnehmung, der Bewußtseinsfokus wird verlagert, so
daß man sich entspannt und euphorisch fühlt, statt angespannt und ängstlich zu sein,
zumindest solange, bis sich die dämpfende Wirkung auf immer mehr Aspekte der
kognitiven, sensorischen und motorischen Funktionen ausgebreitet hat. Das gleiche
trifft auf andere Beruhigungsmittel zu: Sie verlagern den Bewußtseinsfokus von der
Angst oder Sorge zur Entspannung. Da sie diese Veränderung des Stimmungs­
zustandes wirkungsvoll und rasch herbeiführen, machen wir die Erfahrung, auf
diese Weise schmerzhaften inneren Zuständen entkommen zu können - eine
Fixierung, eine Sucht kann sich jetzt leicht entwickeln.
Die Aufputschmittel, zu denen Kokain, Amphetamine und auch Nikotin gehören,
lösen ebenfalls eine Verlagerung des Bewußtseinsfokus ohne eine damit verbundene
erweiterte Bewußtheit aus. Mit diesen Drogen bewerkstelligen wir ein Umschalten
von Gefühlen der Machtlosigkeit, Unzulänglichkeit und Impotenz auf Gefühle der
Mächtigkeit, Kompetenz und sexuellen Erregung. Der vom Kokain hervorgerufene
Rausch oder das ‘Speed’-Gefühl beim Amphetamin ist das Empfinden, ganz
obenauf zu sein, kompetent und voller Kraft, und das unmittelbar nach der Ein­
nahme. Eine persönliche Geschichte mag dieses Phänomen veranschaulichen. Vor
Jahren, ich war damals in meinen Zwanzigern, fuhr ich mit zwei Freunden durch
die USA, und wir wechselten uns Tag und Nacht beim Fahren ab. Da ich wußte,
daß mir die späte Nachtschicht bevorstand, nahm ich eines Nachts eine Ampheta­
min-Pille. Unser Wagen hatte jedoch eine Panne, und wir mußten in der freien
Landschaft unser Lager aufschlagen und bis zum nächsten Morgen auf Hilfe
warten. Natürlich bekam ich die ganze Nacht über kein Auge zu, meine Gedanken
überschlugen sich. In meiner Phantasie führte ich alle möglichen grandiosen
Projekte aus und fühlte sogar einiges von der Heiterkeit, die eine vollbrachte
Leistung mit sich bringt. Im kalten, grauen Licht der Morgendämmerung folgte dem
natürlich ein Gefühl der Entleerung.
Ich habe mich oft gefragt, ob die so weit verbreitete und sich weiter ausdehnende
Anziehungskraft von Kokain und anderen Aufputschmitteln, sowie die des Nikotin,
einem vergleichsweise milden Anregungsmittel, nicht auf irgendeine Weise das
wachsende Empfinden einer Macht- und Hilflosigkeit spiegelt, das in unserer
fragmentierten, von tiefen, sozialen Ungerechtigkeiten und Erschütterungen gekenn­
zeichneten Gesellschaft so viele Menschen verspüren. Vielleicht gibt es auch einen
Unterschied in der Persönlichkeit oder im Temperament zwischen denjenigen, die
sich zu Beruhigungsmitteln hingezogen fühlen, um auf passive Weise ihrer Angst
164 R. Metzner

zu entkommen, und denen, die zu Stimulantien greifen und nach Aktivität süchtig
sind, um in einen Zustand überzuwechseln, in dem sic sich mächtig und kompetent
fühlen.
Die zwanghafte Gewalttätigkeit, passenderweise auch Tobsucht genannt, die oft,
aber nicht immer, mit sexueller Aggression und sexuellem Mißbrauch verknüpft ist,
läßt sich vielleicht ebenfalls als angelernte, fixierte Reaktion auf frühe und wie­
derholte Gefühle der Unzulänglichkeit und Machtlosigkeit begreifen. Angreifendes
und zerstörerisches Verhalten bewegt die Aufmerksamkeit und Bewußtheit des
Täters von schmerzhaften Gefühlen der Unzulänglichkeit und Impotenz und der
Angst vor noch tieferer Hilflosigkeit weg. Hat man einmal erfahren, wie man aus
qualvollen Gefühlszuständen herauskommen kann, dann kann man leicht auf den
Weg in die Sucht und in die zwanghafte Wiederholung geraten.
In diesem Zusammenhang möchte ich aus einem Artikel von M aya N adig ,
Professorin für europäische Ethnologie an der Universität Bremen, über die „Ritua-
lisiemng von Haß und Gewalt im Rassismus“ zitieren, in dem sie die psychologi­
sche Haltung der Neo-Nazis, der Skinheads, analysiert. Sie schreibt: „Die betonte
Potenz in der paramilitärischen Aufmachung erlaubt den jungen Männern das
Gefühl der Bedrohung ihrer Männlichkeit abzuwehren. ... Die Gewaltkultur wird
süchtig gesucht, um Lähmung, Ohnmachts- und Leeregefühle zu überwinden.... Die
gemeinsam inszenierten Ausfälle an Brutalität verschaffen ein Rauscherlebnis, in
dem sich die äußeren Grenzen und die innere Unsicherheit auflösen; die Täter
erleben sich als allmächtig, gerecht und als Vertreter einer reinigenden Kraft, die
die Ordnung herstellt."
Einkaufssucht und Spielsucht können sich bei Menschen entwickeln, bei denen
ein Großteil der Identität und Selbstachtung darauf aufbaut, wieviel materielle
Besitztümer einem gehören oder wieviel Geld man ausgeben kann, denn diese
Aktivitäten lenken für eine kurze Zeitspanne die Aufmerksamkeit von Gefühlen der
Wertlosigkeit ab. Einkäufen gibt einem die vorübergehende Illusion eines Besitzzu­
wachses und größeren Selbstwertes, das sich auf Geldausgeben stützt. Die Werbe­
medien kennen diesen ‘Konsumentenkomplex’ und nutzen ihn in seiner vollen
Wirkungskraft aus. In jedem Einkaufszentrum kann man das ohne Schwierigkeiten
beobachten; dort lautet die machtvolle und fortwährend wiederholte, unterschwellige
Botschaft: „Kaufen ist gut.“ „Du bist gut und schön, wenn du kaufst.“ Ebenso
können die Spielsüchtigen mit der Illusion und der Möglichkeit spielen, plötzlich
große Summen zu gewinnen. Über materiellen Besitz zu verfügen oder sogar kurz
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 165

vor der Möglichkeit zu stehen, zu finanziellem Wohlstand zu kommen, verleiht


einem Gefühle des persönlichen Wertes, des Glücks und der sozialen Anerkennung.
Der Prozeß, den ich hier mit der Analogie vom ‘Umschalten der Kanäle’
beschreibe, nämlich eine pseudo-transzendente Methode, sein Bewußtsein zu
verändern, spielt vielleicht auch bei den Menschen eine Rolle, die zu zwanghaftem
Intellektualisieren neigen, das auch treffend mit dem Wort ‘Denksucht’ charak­
terisiert wird, einem ständigen ‘Kopftrip’. Auch darin kann ich mühelos eine meiner
eigenen Suchttendenzen wiederfinden. In früher Jugend lernte ich, daß ich in der
Lage war, meine Aufmerksamkeit und meine Bewußtheit von unangenehmen
Gefühlen, die körperlich eher im Herzbereich oder in der Unterleibsregion lokali­
siert waren, in den Kopf zu lenken: Ich konnte denken, Bücher lesen, irgend etwas
schreiben, und so gesellschaftliche und zwischenmenschliche Belohnungen für
kognitive Aktivitäten bekommen. Wenn ich mich auf meinem ‘Kopftrip’ im Bereich
der Gedanken und Ideen befinde, kann ich es vermeiden, meine Emotionen und
meine Körperempfindungen wirklich zu fühlen und aus ihnen zu lernen. Für viele
ist das die einfachste Form der Flucht, die einfachste und unauffälligste Form einer
Sucht und Fixierung. Die Psychoanalyse nennt diesen Abwehrmechanismus
‘Intellektualisieren’ oder ‘Rationalisieren’. Weil der Kopf eben auch räumlich über
dem restlichen Körper lokalisiert ist, kommt einem vielleicht so leicht die Vor­
stellung des Transzendierens oder ‘Übersteigens’ in den Sinn, wenn die Aufmerk­
samkeit auf gedankliche Prozesse im Kopf gelenkt wird.
Das Umschalten von einem Kanal zum anderen ist wahrscheinlich auch die
passendste Analogie für spirituelle Sucht oder zwanghaftes Meditieren. Ich hatte
einmal eine Klientin, die früher TM praktizierte. Sie war sehr nervös und fast
dauernd ängstlich; nur für die Zeit ihrer zweimal am Tag für 20 Minuten statt­
findenden Meditation nicht. Bei der Transzendentalen Meditation konzentriert man
sich auf ein spezifisches, ausgewähltes Mantra - und der Verstand kann alle
anderen Gedanken ausschließen. Während diese Frau meditierte, hatte sie keine
Angst; meditierte sie nicht, war sie ängstlich. Es handelte sich dabei also um eine
Verlagerung des Wahrnehmungsbereiches, des Bewußtseinsfokus, ein Wechseln der
Kanäle und nicht um wirkliche Transzendenz, nicht um Bewußtseinserweiterung.
Der echten, mit Bewußtseinserweiterung verbundenen Transzendenz würde beim
Fernsehen folgende Analogie entsprechen: Man betrachtet immer noch die Bilder
im Fernseher, tritt aber einen Schritt von ihnen zurück, oder entfernt den Bildschirm
vom Gesicht, so daß man erkennt, was sich sonst noch um einen herum im Raum
befindet. Man kann auch aus dem Fenster, aus dem Haus nach draußen schauen.
166 R. Metzner

Die Bilder im Fernsehapparat kann man immer noch wahrnehmen. aber man
erkennt, daß es ein Fernseher ist, in dem diese und andere Programme laufen, und
daß daneben noch eine ganze Menge anderer Dinge geschehen, sowohl in einem
selbst als auch im umgebenden Raum. Der transzendente Zustand umfaßt den
früheren, engeren Wahrnehmungsbereich, geht aber noch darüber hinaus. Man
bekommt sozusagen ein größeres Bild, begreift den Kontext, wird sich gewahr, daß
es da draußen eine ganze Welt gibt, und daß man wählen kann, worauf man seine
Aufmerksamkeit lenkt. Man schaltet nicht vom vorherigen Bereich weg, sondern
dehnt die Bewußtheit aus: vielleicht von einem 30°-Ausschnitt auf einen 90°- oder
180°-Ausschnitt, der den früheren 30°-Ausschnitt beinhaltet. Wahre Transzendenz
löst Fixierungen auf und erweitert verengte, beschränkte Wahrnehmungen. Mit den
Worten William Blakes gesagt: „Die Pforten der Wahrnehmung werden gereinigt.“
Diesen Satz hat Aldous Huxley als Titel für sein Buch über seine psychedeli­
schen Meskalinerfahrungen verwendet.
Die buddhistische Achtsamkeitsmeditation (Vipassana) ruft wahre Transzendenz
hervor, denn bei dieser Meditation versucht man nicht, sich auf irgendein ausge­
wähltes Objekt oder Subjekt zu konzentrieren. Man beobachtet einfach und bemerkt
den unaufhörlichen Strom von Empfindungen, Gefühlen und Gedanken. Was immer
hochkommt, man nimmt es einfach wahr. Man tut nichts anderes, als es zu
beobachten. Man geht nicht davon weg. man versucht nicht, es zurückzulassen, man
versucht nicht, sich auf irgend etwas anderes zu konzentrieren. Man analysiert oder
interpretiert es auch nicht wie in der Psychotherapie. Man läßt es einfach hochkom­
men und wieder vergehen. Gedanken kommen und gehen. Alle Aspekte des
Erlebens gehören dazu, kein einziger Aspekt wird ausgeschlossen. Deswegen führt
die Vipassana-Meditation zu einer allmählichen Transzendenz, einer graduellen,
fortschreitenden Loslösung und immer schwächer werdenden Identifizierung, bei
der die früheren Bewußtseinsinhalte als Teile eines größeren Ganzen wahrgenom­
men werden.
In der Suchttherapie-Bewegung (addiction recovery), wie sie zum Beispiel von
John Bradshaw beschrieben wird, und in dem Zwölf-Schritte-Prozeß der Anonymen
Alkoholiker (AA) wird es als grundlegend wichtig angesehen, sich die schreck­
lichen und schmerzvollen Erfahrungen, die man gemacht hat, einzugestehen und sie
anzuerkennen: Schmerz, Schani. Schuld, Kummer, Einsamkeit, Verlassenheit,
Mißbrauch, Demütigung. Verzweiflung und so weiter. Dieses Eingeständnis von
Schmerz und Scham wird als wesentlich für die Befreiung von Sucht oder Alkoho­
lismus angesehen. Aus der Perspektive der alles einschließenden echten Tran­
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 167

szendenz kann man das leicht einsehen. Demgegenüber läuft man beim Umschalten
der Kanäle, wie es üblicherweise bei Süchten geschieht, vor einer Konfrontation mit
seinen Dämonen weg.

Transzendenz und Transformation

Schließlich müssen wir noch zwischen Transzendenz als einem Prozeß, bei dem wir
‘über etwas hinausgehen’, und der Transformation, durch die wir ‘anders werden’,
unterscheiden. Transzendenz ist ein Zustand veränderten Bewußtseins und immer
vorübergehender Natur. Dazu gehören alle mystischen Erfahrungen, Bewußtseinser­
weiterungen und Ekstasen. Transformation bedeutet eine dauerhafte Veränderung in
den Strukturen und Funktionen des Bewußtseins: des Verstandes, der Gefühlswelt,
der Wahrnehmungen, der Identität, des Selbstbildes und so weiter. Man könnte den
Bereich seiner Bewußtheit verlagern oder ihn sogar erweitern - die grundlegenden
Strukturen jedoch, die einen überhaupt erst in diesen Bewußtseinszustand hin-
eingebracht haben, können aber immer noch die gleichen sein. Um tiefgreifende
Wandlungen der grundlegenden Persönlichkeitsstrukturen herbeizuführen, ist
normalerweise psychotherapeutische Arbeit oder ein kontinuierlicher Prozeß
erforderlich, bei dem man in die tieferen Schichten des Körper-Geist-Systems
eindringt, und die Samskaras, die karmischen Muster auflöst, die verursacht haben,
daß man überhaupt diese Verhaltensstrukturen hat.
Der amerikanische Philosoph und Psychologe William James hat in seinem 1901
veröffentlichten Buch The Varieties of Religious Experience (deutscher Titel Die
Vielfalt der religiösen Erfahrung) die Frage aufgestellt, wie sich diese beiden
Vorgänge voneinander unterscheiden. Er fragte, ob das Erlebnis einer Bekehrung
(conversion), wie er die transzendente Erfahrung nennt, notwendigerweise zur
‘Heiligkeit' führt, d. h. zu einem besseren, moralischeren, menschlicheren Verhal­
ten. Wie andere auch, kam er zu dem Schluß, daß das nicht unbedingt so sein muß.
Zum einen hängt es davon ab, wie die Persönlichkeit vor der transzendenten
Erfahrung beschaffen war, und ob Veränderungen im Verhalten und im Lebensstil
angebracht wären oder nicht. Jemanden, der bereits mehr oder weniger bewußt
seiner Lebensaufgabe folgt, könnte eine mystische oder ekstatische Erfahrung eher
auf seinem Weg bestätigen, anstatt ihn zu einer radikalen Änderung des Verhaltens
zu veranlassen.
168 R. Metzner

Auf der ganzen Welt sind Erfahrungen von Transzendenz Bestandteil aller
spirituellen Traditionen. Von vielen spirituellen Übungen weiß man, daß sie
Zustände gesteigerter Wahrnehmung herbeiführen, beispielsweise das Hellsehen, das
Wahrsagen und die Telepathie. In den theoretischen Ausführungen zum Yoga
werden solche Fähigkeiten Siddhis, 'Wunderkräfte’, genannt, doch tendenziell
warnen diese Traditionen alle davor, sie zu sehr zu suchen oder zu begehren. Es
heißt: „Strebt nicht zu sehr danach, Visionen zu haben; es sind nur Illusionen, und
sie können euch ablenken.“ Ich glaube, daß diese Traditionen deshalb davor
warnen, weil sie erkennen, daß es ein Potential dafür gibt, an transzendenten
Erfahrungen hängenzubleiben. Dann würde man am Ende einfach nur noch deshalb
meditieren, weil man immer wieder diese Erfahrungen machen möchte. Tut man
das jedoch, bleibt man an den Mitteln hängen und verliert das Ziel aus den Augen
- ‘spiritueller Materialismus’ entsteht. Daher heißt es: „Geh weiter voran bis zur
vollständigen Befreiung, Selbstverwirklichung oder Erleuchtung, die jenseits aller
dualistischen Visionen oder Erfahrungen steht.“
Praktiken, die zu ekstatischen, transzendenten Erfahrungen führen, sind weltweit
zentraler Bestandteil aller spirituellen Überlieferungen, zu denen auch der Schama­
nismus gehört, der von vielen als die älteste und ursprünglichste Religion und
Heilkunst auf dieser Erde angesehen wird. Unter diesen Praktiken gibt es die
Verwendung halluzinogener, visionärer Pflanzen, und auch Trance erzeugender
Methoden wie Trommeln, Körperbewegungen, Fasten, Isolierung, monotones
Singen. Selbstopfcr (ordeal) und die Visionssuche in der Wildnis. Führt irgendeine
Methode zu Fixierungen und Verengungen des Bewußtseins, kann sie zwanghaft
und zur Sucht werden. Die Überlieferungen warnen vor diesen Tendenzen.
Welche Folgerungen ergeben sich jetzt für den Einzelnen daraus? In aller Kürze:
Da wir alle das Potential zur Sucht und Neigungen zu zwanghaftem Verhalten
besitzen, müssen wir lernen, wirkliche Bedürfnisbefriedigung mit spirituellen
Praktiken, die zu echter Transzendenz und Bewußtseinserweiterung führen, in
Einklang zu bringen. Wir müssen lernen, unser Bewußtsein absichtlich zu konzen­
trieren, wenn Verengung oder Beschränkung nötig ist. und es auszudehnen, wenn
Bewußtseinserweiterung angebracht ist. Auf neue Weise gelangen wir so zur alther­
gebrachten Tugend der Mäßigung oder der goldenen Mitte. Der extreme Gebrauch
irgendeiner Sache, die ständige Wiederholung weit über den Punkt hinaus, bis zu
dem sie nötig ist, läßt uns in die Suchtstruktur fallen.
Wir können die Suchttherapie-Bewegung (addiction recovery) als eine echte
religiöse Erneuerungsbewegung auffassen, die den spirituellen Transformationsweg
Sucht und Transzendenz als Zustände veränderten Bewußtseins 169

einer Befreiung von der Sucht beschreibt. Am Anfang dieses Weges geht es erst
einmal in den tiefsten Keller, wir gehen auf rock-bottom, wie es der Alkoholiker
nennt: Man akzeptiert seine schlimmsten Teile und geht dann durch eine Periode,
in der man seine Stärken und Schwächen abschätzt und entstandene Schäden in
Beziehungen repariert. Am Ende des Prozesses steht die Wiedereingliederung in das
gesellschaftliche Leben.
Dieses Muster für eine Genesung läßt sich mit den traditionellen, asiatischen
Lehren, die sich mit der Umwandlung der Anhaftungen befassen, und mit west­
lichen Traditionen der psychospirituellen Wandlung vergleichen. Der Weg der
Suchttherapie oder Genesung ist jedoch im Grunde enger mit der herkömmlichen
religiösen Vorstellung des Westens verknüpft, wie sie beispielsweise in Dantes
Divina Commedia dargestellt wird: Zuerst erfolgt der Abstieg in die Hölle (Inferno)-,
dann der sorgenreiche und mühevolle Aufstieg auf den Berg des Fegefeuers
(Purgatorio), bei dem unser Charakter umgeformt wird; und schließlich die
endgültige Transzendenz oder Verklärung in den spirituellen Welten des Paradiso.
Im Gegensatz zu diesem westlichen Weg legt das asiatische Modell sowohl im
Buddhismus als auch im Hinduismus ein viel größeres Gewicht auf die durch
Meditation bewirkte fortschreitende Loslösung: Im Kreislauf der Existenzen, dem
Rad der Wiedergeburt (Samsara) und in jeder der sechs Welten gibt es einen
Buddha, der uns den Weg der Transzendenz und Befreiung lehrt. In welchem
Bereich wir uns auch immer aufhalten mögen - nach der buddhistischen Lehre
können wir durch spirituelle Praxis die falschen Dualitäten und Konflikte tran­
szendieren, Einsicht in das Rad der Wiedergeburt erlangen und von ihm befreit
werden.
Wir kommen jetzt zu der von mir zu Beginn gestellten Rätselfrage zurück: Wenn
die Erfahrung die Mutter der Wissenschaften ist, wer ist der Vater? Die Antwort,
die ich vorschlage, lautet: Der Vater ist das Bewußtsein. Aus einer unbewußten
Erfahrung, zum Beispiel im Schlaf oder Koma, lernt man nicht viel. Nur indem wir
die Bedeutung und die Bedeutsamkeit unserer Erfahrung mit einer bestimmten
Absicht und auf ein Ziel hin untersuchen, können wir das verläßliche und systema­
tische Wissen erlangen, das wir Wissenschaft nennen. Offenheit und Empfäng­
lichkeit für das Erlebte in Verbindung mit einer durchdringenden Bewegung des
Bewußtseins kann echtc und, um mit Nietzsche zu sprechen, eine wahrhaft fröhliche
Wissenschaft entstehen lassen. Die wirklich großen Wissenschaftler, zu denen
Albert Einstein und unser hochgeschätzter Meister Albert Hofmann gehören, haben
170 R. Metzner

Wissenschaft mit dieser Mischung aus Erfahrung und Bewußtsein betrieben - und
ihre Forschungen trugen ja auch außerordentliche Früchte.
Andererseits ist eine Wissenschaft, die auf beschränkten Erfahrungen aufbaut,
sich nur mit der Meßbarkeit quantifizierbarer Variablen beschäftigt und nicht über
den Sinn oder die Bedeutung des Beobachteten nachdenkt, wirklich eine traurige,
eine jämmerliche Wissenschaft, wie G. I. Gurdjieff sie nannte. Diese begrenzte
Einstellung ist für die dominierende, mechanistisch-materialistische Weltanschauung
mit ihrer Mißachtung jeglicher Erwägungen über Werte oder Zwecke, über Ethik
oder Sinn, charakteristisch. In der weltweiten, katastrophalen Degeneration der
Ökosysteme und der Reduzierung der Artenvielfalt, die uns unsere technische
Industriegesellschaft beschert hat, trägt diese Weltanschauung schreckliche und
tragische Früchte.

Literaturverzeichnis

M etzner , R.: States of consciousness and transpersonal psychology. In: Vallee, Ronald & Halling,
Steen (Hg.): Existential-Phenomenological Perspectives in Psychology. Plenum Press, New York
1989.

N adig , M.: Die Realisierung von Haß und Gewalt im Rassismus. Feministische Studien 1, 92,
1993.

P eele , St.: The meaning of addiction. Heath & Co., Lexington, MA, D.C. 1985.

S iegel , R.K.: Intoxication - Life in Pursuit of Artificial Paradise. Simon & Schuster, London 1989.

W eil , A.: The natural mind. Houghton Mifflm, Co. (Revised Edition), Boston 1986.

Ausführlicher Literaturnachweis beim Autor erhältlich.


Perspektiven der Forschung 171

Claudia Müller-Ebeling

Perspektiven der Forschung


Round-table-Gespräch unter Leitung
von Rolf Verres

Résumé des Kongresses

Die Fähigkeit des Menschen, sich seiner selbst und der ihn umgebenden Welt inne
zu werden, d.h. auf sinnlicher, emotionaler oder verstandesmäßiger Ebene bewußt
zu sein, ist eine Gabe, die die Menschen seit jeher beschäftigte. Wo ist der Sitz
dieses Bewußtseins? Wie wird es gebildet, vertieft, erweitert? Eine Antwort auf
diese Fragen fällt nicht leicht, entzieht sich doch das Bewußtsein einer wissen­
schaftlichen Definition, da es - so der Entdecker des LSD, der Schweizer Chemiker
Albert Hofmann - das ist, „was ich brauche, um darüber nachzudenken, was
Bewußtsein ist. Es kann nur umschrieben werden als rezeptives und kreatives
geistiges Zentrum des Ichs“. Eine Annäherung an dieses Zentrum wird möglich,
wenn man sich mit den veränderten Zuständen des Bewußtseins beschäftigt, die der
Mensch beispielsweise im Traum erlebt. Träume entführen uns - ob tagsüber oder
im Schlaf - aus der diesseitigen Alltagswahrnehmung in andere Bereiche des Seins.
Veränderte Bewußtseinszustände sind auch erlebbar in intensiven Begegnungen mit
Kunst und Musik, in der Trance, der religiösen oder erotischen Ekstase, im Wahn;
in Situationen der Deprivation; ebenso werden sie stimuliert durch Substanzen, die
auf das Bewußtsein wirken. So unterschiedlich die diesbezüglichen Techniken des
Menschen sind und das kulturelle Selbstverständnis, dem der Einzelne veipflichtet
ist, so verschieden sind diese „Welten des Bewußtseins“.
Die Menschen, die sich im Europäischen Collegium für Bewusstseins-
Studien (ECBS/ECSC) zusammengeschlossen haben, um sich auf interdisziplinärer
und internationaler Ebene über diese Fragen zu verständigen, sind in der Mehrzahl
Naturwissenschaftler, d.h. Mediziner, Psychiater, Psychologen, Psychotherapeuten
und Psychoanalytiker; einige wenige Kulturwissenschaftler und Kulturanthro­
pologen. Dadurch ist der Schwerpunkt medizinisch oder psychologisch erforschter
„Welten des Bewußtseins“ erklärlich, der von den zahlreich anwesenden therapeuti­
schen Praktikern geschätzt wurde, wohingegen leider weniger Mediziner als erhofft
gekommen waren. Manchem Kongreßbesucher fielen die erörterten Bewußtseins­
172 C. Müller-Ebeling

wellen zu akademisch-naturwissenschaftlich aus; anderen waren sie zu amorph.


Manche vermißten einen dezidierten philosophischen, religionswissenschaftlichen
oder gar linguistischen Ansatz. Wiederum andere beklagten zu Recht, daß Kunst
und Musik unterrepräsentiert waren. Hinweise, die in einer zukünftigen Konferenz
berücksichtigt werden müssen. Doch im vielschichtigen Angebot an parallelen
Vorträgen und workshops. die - wie Adolf Dittrich sich ausdrückte, „die Fähigkeit
eines Heiligen zur Bi- und Multilokation erfordert hätte“, hatte jeder einzelne
ohnehin die Qual der Wahl.

Die Teilnehmer am Round-table-Gespräch

Der Psychologe und Mediziner Rolf Verres, Mitglied des ECBS und Leiter der
Heidelberger Abteilung für Psychotherapie und Medizinische Psychologie, leitete
humorvoll und geistreich das abschließende Round-table-Gespräch. Er lud Referen­
ten und Publikum ein, ihr persönliches Résumé zu ziehen, Wünsche für die Zukunft
zu formulieren, weitere Forschungsansätze zu benennen, der Prävention eines be­
drohlichen Drogenmißbrauches Impulse zu geben und schließlich ethische, juristi­
sche, medizinische und andere Voraussetzungen für einen verantwortungsvollen
Umgang mit Psychedelika zu skizzieren. Stellvertretend für die 70 geladenen
Referenten aus 10 Ländern nahmen daran teil: Dr. med. Gerhard Heller, Leiter einer
Suchtklinik mit ethnomedizinischen Erfahrungen; Prof. Dr. med. Hanscarl Leuner,
Schirmherr der Konferenz, der neben seiner wichtigen Grundlagenforschung zur
therapeutischen Anwendung von Psychedelika vor allem durch die Entwicklung des
katathymen Bilderlebens und einer Biofeedbackmethode bekannt geworden ist; Prof.
Dr. rer. nat. Adolf Dittrich. Empiriker und Psychologe, Schweiz; Prof. Dr. phil, Dr.
h.c. mult. Albert Hofmann, Naturstoffchemiker, Naturphilosoph und geehrter
Entdecker des LSD. Schweiz; Dr. phil. Ralph Metzner, Pionier der therapeutischen
Anwendung psychedelischer Substanzen, Ökopsychologe und Autor von Standard­
werken, USA; Dr. med. Juraj Styk, Psychoanalytiker und ehemals einer der Thera­
peuten der tschechoslowakischen Forschung um Stanislav Grof, heute Präsident der
Schweizerischen Ärztegesellschaft für psycholytische Therapie; Dr. med. Peter
Hess, Psychiater, Musiker und Musiktherapeut; Prof. Dr. rer. nat. Karl-A. Kovar,
Pharmazeut und bedeutender Entaktogenforscher, und die Kunsthistorikerin Claudia
Müller-Ebeling. M.A., die auch auf ethnopharmakologischem Gebiet forschte.
Perspektiven der Forschung 173

Positive Merkmale des Kongresses

Die kritiklose Propagierung von Drogenerfahrungen in den sechziger Jahren, eine


wenig kenntnisreiche Verherrlichung auf der einen Seite und Verdammung auf der
anderen haben in der Vergangenheit einer ernsthaften Erforschung veränderter
Bewußtseinszustände den Riegel vorgeschoben. Diejenigen, die dennoch auf diesem
Gebiet publizierten, fielen geradezu einer wissenschaftlichen Ächtung anheim.
Deshalb waren Publikum und Referenten von der Tatsache angetan, daß sich nach
zwanzig Jahren Dürrezeit ein internationaler Kongreß dieser Thematik auf so breiter
Ebene überhaupt annahm. Dabei wurden besonders gewürdigt: die aufopfernde
organisatorische Tätigkeit von Michael Schlichting. ohne den der Kongreß schwer­
lich gelungen wäre; die hervorragenden Leistungen der Übersetzer, die den sprach-
übergreifenden Austausch ermöglichten und die gute Organisationsarbeit der
Münchner Firma Eurokongress.
Die offene und tolerante Atmosphäre und die Möglichkeit zu menschlichen Be­
gegnungen und fachlichem Austausch wurde allgemein positiv hervorgehoben. In
Göttingen konnte man alte Freunde und Freundinnen vom Fach treffen oder endlich
wichtige Protagonisten wie Sasha Shulgin. den „Altmeister der Amphetaminfor­
schung“, kennenlernen. Manch einer wurde gestärkt und angeregt für die eigene
Arbeit. Als richtig und wichtig wurde von allen Referenten der interdisziplinäre
Ansatz begrüßt. Indem Ergebnisse aus anderen Fachgebieten zugänglich gemacht
wurden, vertiefte und erweiterte sich auch für den Spezialisten die Kenntnis seines
eigenen Forschungsgegenstandes. Auch wenn Peter Hess und andere bedauerten,
daß im Rahmen einer Konferenz der einzelne Repräsentant einer Fachrichtung ge­
zwungen werde, das eigene Wissen zu rekapitulieren, hob der Pharmakologe Karl
Kovar hervor, daß z.B. die neurophysiologischen Erkenntnisse zum cerebralen
Energiemetabolismus, die der Mediziner Franz Vollenweider in einer PET-Studie
in Zürich gewinnen konnte, und die Begegnung mit dem „mentalen Selbstmodell“,
das der Philosoph Thomas Metzinger in seinem Beitrag zur Sektion der Nah-Todes-
Erfahrungen und Out-of-Body-Erlebnisse auf bestechende Weise erläuterte, seinen
Horizont erweitert habe.
174 C. Müller-Ebeling

Zukunftswünsche für die Psychedelikaforschung und -anwendung

Engagiert forcierten viele Referenten eine Überwindung von Spaltung auf diversen
Ebenen; sei es des Leib-Seele-Dualismus, der nach Rolf Verres eine Medizin
hervorgebracht habe, die sich mit „Körpern ohne Seele“ beschäftige, und eine
Psychologie, die „Seelen ohne Körper“ behandle; sei es der Aufteilung in „gute
Medikamente und böse Drogen“, denn damit würde Peter Hess zufolge das Ab­
hängigkeitspotential der einen negiert und das Heilungspotential der anderen außer
acht gelassen; oder einer Aufteilung in Laien und Fachleute zu Ungunsten der
Eigenkreativität und der Selbstheilungs- und -erquickungskräfte des Einzelnen. Das
Bewußtsein müsse in das Menschenbild von Ärzten integriert werden, ein fachüber­
greifender Austausch insgesamt gefördert und Frauen sollten ermutigt werden, sich
mit ihrer besser entwickelten Intuition und gefühlsbetonteren Sichtweise in der
Bewußtseinsforschung zu exponieren. Insgesamt wurde eine größere Toleranz und
Offenheit gegenüber Wirklichkeitserfahrungen und -konzeptionell gefordert, die
vom logisch geprägten und mechanistischen Weltbild allzuoft ausgegrenzt werden.
Mit menschlicher Anteilnahme könne demjenigen, der seinen Wahnwelten ausgelie­
fert sei, oft mehr geholfen werden als mit der Ausgrenzung als Psychotiker, gab der
amerikanische Therapeut Richard Yensen aus dem Publikum zu bedenken. Men­
schen. die veränderte Bewußtseinszustände erlebten, sind ebenso mit einer ab­
wehrenden Haltung konfrontiert wie Therapeuten. Dem Psychoanalytiker Juraj Styk
zufolge habe die mittlere Generation der Psychiater noch immer große Vorurteile
gegenüber der Arbeit mit psycholytischer Therapie. Gerade die Therapeuten,
Psychiater und Ärzte und vor allem auch das Pflegepersonal, deren Aufgabe die
Heilung psychischer und physischer Krankheiten ist. profitierten von Selbsterfahrun­
gen, die in ekstatische Höhen und beklemmende Abgründe der eigenen Seele
führen. Das war die einhellige Meinung der auf dem Podium vertretenen Therapeu­
ten. Gerhard Heller: „Es ist bekannt, daß der Psychiater mit seinem Patienten nicht
weiter kommt, als er selbst gekommen ist. Er kann nur adäquat auf die beschriebe­
nen Vorstellungen reagieren, wenn sie ihm selbst einigermaßen bekannt sind. Dann
ist die Zwangsjacke nicht mehr der einzig mögliche Weg.“ Das bekräftigte Ilanscarl
Leuner. indem er den Meskalinforscher Karl Beringer zitierte, der gefordert habe,
jeder Psychiater müsse ein oder zwei Meskalinräusche erlebt haben, um Verständnis
für seine Patienten entwickeln zu können und um dem Spektrum seelischer Dimen­
sionen gegenüber sensibilisiert zu sein. Albert Hofmann rief in Erinnerung, daß auf
dem Beipackzettel des von Sandoz unter der Bezeichnung Delvsid auf den Markt
Perspektiven der Forschung 175

gebrachten Wirkstoffes Lysergsäure-Diäthylamid zu lesen war: „Delysid vermittelt


dem Arzt im Selbstversuch einen Einblick in die Ideenwelt des Geisteskranken und
ermöglicht durch kurzfristige Modellpsychosen bei normalen Versuchspersonen das
Studium pathogenetischer Probleme.“ Um dem Forscher und Praktiker, dem
verantwortlichen Wissenschaftler und Laien diesen vertieften Einblick in die eigene
Psyche zu ermöglichen, ist nach Meinung der Gesprächsteilnehmer - in Bezug auf
Mittel, die auf den Geist und die Psyche wirken - dreierlei unerläßlich:
1. eine vorurteilslosere Auseinandersetzung mit Psychedelika;
2. LSD, Meskalin. Psilocybin. Marihuana u.a., die - trotz gegenteiliger Forschungs­
ergebnisse - unterschiedslos mit suchterzeugenden, sogenannten harten Drogen
vom Betäubungsmittel indiziert sind, müssen aus der gesetzlichen Verbannung
befreit werden;
3. der kultivierte und verantwortliche Umgang damit muß gelernt werden.

Zu 1. Es ist weder für den Einzelnen noch für die Gesellschaft hilfreich, wenn
die Forschung mit Psychedelika wie bisher verhindert wird. Mangelndes Wissen
begünstigt eine einseitige Verteufelung und verhindert einen verständnisvollen
Zugang. Sowohl die Öffentlichkeit als auch Mitglieder von Ethikkommissionen
sollten sich nicht länger leichtfertigen Pauschalurteilen anschließen, sondern auf
unabhängige Fachpublikationen rekurrieren und diejenigen konsultieren, die eine
profunde Kenntnis des Gegenstandes besitzen. Stellvertretend für die Veranstalter
gab Peter Hess der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Medien bei Recherchen zum
Thema künftig an die kompetenten Fachleute des ECBS wenden. Auch der Pharma­
kologe Kovar wünschte sich - bei aller gewissenhaften Prüfung von Toxizität und
Nebenwirkungen - von den verantwortlichen Stellen eine grundsätzlich tolerantere
und weniger restriktive Haltung.
Zu 2. Die Angehörigen des ECBS sind sich darin einig, daß Meskalin, LSD,
Psilocybin zu Unrecht im Betäubungsmittelgesetz involviert sind und kriminalisiert
werden. Es ist der von Albert Hofmann dezidiert geäußerte Wunsch, daß psychede­
lische Substanzen der Forschung, der Therapie und Psychiatrie wieder zugänglich
gemacht werden müssen. Er und andere hoffen, daß der Kongreß zu einer vor­
urteilsfreien Legalisierungsdiskussion beigetragen hat. „Die von den Medien
einseitig negativ geprägten Bilder des Rausches“ - gab die Kunsthistorikerin
Müller-Ebeling zu bedenken -, „die bestimmt sind von Persönlichkeitszerfall,
Destruktivität und Horror, tragen zu einem produktiven Umgang mit Grenzerfahrun­
gen nicht bei. Sie helfen dem Einzelnen nicht, Rauscherfahrungen fruchtbar in den
176 C. Müller-Ebeling

Alltag integrieren zu können, sondern lösen destruktive Erlebnisse geradezu aus“.


Positive Vorbilder hingegen helfen denjenigen, die auf die vielfältigen Rausch­
angebote in unserer Gesellschaft eingehen, mit ihren Erlebnissen konstruktiver
umgehen und Mißbrauch verhindern zu können. Aus dem Publikum kam der
vehemente Appell an das Bundesgesundheitsamt, Drogensüchtige nicht länger zu
kriminalisieren, sondern sich menschlich der Kranken anzunehmen.
Zu 3. Psychedelika sind kaum geeignet, der Realität zu entfliehen. Im Gegenteil:
traditionell gilt der Gebrauch dem Zweck, die Einsicht in Lebensprinzipien zu
vertiefen. Deshalb kommt dem rituellen Umgang damit und der Beachtung von Set
und Setting hervorragende Bedeutung zu. Nicht in der Droge an sich liegt die
Gefahr. Es ist die Art des Umgangs, die über Ge- und Mißbrauch bestimmt. Für
den „Vertreter der Gefahren“, den Leiter einer Suchtklinik, Gerhard Heller, ist die
Fragestellung zentral, wie Kulturen es schaffen, mit Meskalin (Peyote) oder Hanf
umzugehen, ohne süchtig zu werden. Er wünscht sich eine interdisziplinäre Unter­
suchung, wie das Potential genutzt werden könne, ohne der Gefahr des Mißbrauchs
zu erliegen.
Die Kultivierung gewinnbringender Selbsterfahrungen kann dem Gesunden
helfen, sich seiner Aufgabe im Leben bewußter zu werden. Psychedelische Erleb­
nisse können insgesamt die Wahrnehmung schärfen, die Empfindungsfähigkeit und
Sensibilität verbessern und dem unheilbar Erkrankten helfen, sich angstfreier auf die
verbliebene Lebenszeit konzentrieren zu können. Rolf Verres, der auf eine reiche
Erfahrung mit terminalen Krebspatienten zurückblicken kann, betonte die segens­
reiche therapeutische Anwendung von LSD bei Todgeweihten. Er verwies auf die
verdienstvolle Arbeit des holländischen Psychiaters Jan Bastiaans, der mit Hilfe von
LSD erfolgreich Patienten mit KZ-Syndromen von ihren bedrückenden Erlebnissen
befreien konnte.

Perspektiven für einen Bewußtseinswandcl

Der undifferenzierte Umgang mit Substanzen, die auf Geist und Psyche wirken und
als „Drogen“ in der Öffentlichkeit einseitig verdammt werden, hat bewirkt, daß
jeglicher Gebrauch von Psychedelika - auch ein positiver - vom Gesetzgeber
verhindert wird. Diese Situation führte dazu, daß der Aspekt der „medikamentös
unterstützen Meditation“, wie Albert Hofmann diesen Teilbereich veränderter
Bewußtseinszustände nannte, oder der „exogenen, also von außen zugeführten
Perspektiven der Forschung 177

Rauscherfahrung“ (in der Diktion von Christian Rätsch) in Göttingen besondere


Aufmerksamkeit erfuhr. Das verzerrte in gewisser Weise das Selbstverständnis der
meisten geladenen Referenten. Immer wieder wurde auf die Gleichwertigkeit der
verschiedenen Methoden hingewiesen, die Wahrnehmung der Wirklichkeit zu
verändern und dadurch zu intensivieren oder zu erweitern. So waren in den vier
Tagen in einzelnen Sektionen Meditation und religiöse Erfahrungen ebenso zur
Sprache gekommen wie die pränatale und perinatale Psychologie, die Nah-Todes-
Erfahrung und Out-of-Body-Erlebnisse. Workshops und Vorträge hatten sich dem
Klang, Rhythmus, Atem und Tanz, die wichtige Stimuli für veränderte Bewußt-
seinszustände sind, zugewandt. So betonte etwa Ralph Metzner, der sich seit
Jahrzehnten mit Meditationstechniken ebenso beschäftigt wie mit tranceinduzie­
renden Praktiken der Schamanen: „Die Mittel sind nur ein Gebiet; was mich aber
wesentlich mehr interessiert als die Substanzen, ist die Frage, wie unser Verständnis
von der Welt ist und wie unser Weltbild unseren Umgang mit Natur bestimmt. Die
Implikationen für unser Weltbild sind äußerst tief. Eine vertiefte Einsicht in die
Faktoren, die unser Bewußtsein prägen, die über Süchtigkeit, Kreativität oder
Religiosität bestimmen, verbessert unseren Umgang mit uns und der Natur.“ Dem
schloß sich Rolf Verres an. Ihm zufolge muß die Erforschung des Bewußtseins
einen langfristigen Bewußtseinswandel nach sich ziehen. Dieser Wandel macht sich
im Denken der Erforscher des Bewußtseins bereits bemerkbar; das ist z.B. ablesbar
an den jüngsten Schriften eines Ralph Metzner oder Albert Hofmann. Ihnen liegt
die Überwindung des Maschinenmodells von Mensch und Natur am Herzen. Die
Natur steht dem Menschen nicht zur Ausbeutung zur Verfügung. Sie ist ein
lebendiger Organismus, ohne den der Mensch, der ihr Bestandteil ist, zugrunde
gehen muß. Beglückende, mystische Naturerfahrungen rufen uns dies ins Bewußt­
sein zurück.
Die Worte von Albert Hofmann können als Vermächtnis dieses Kongresses und
des abschließenden Podiumgespräches gewertet werden:
„So wichtig die Substanzen (und Therapien) sind, so wichtig ist es, in unserem Alltag die
Augen zu öffnen. Unser Bewußtsein wird erweitert durch Wahrnehmung. Dafür brauchen
wir offene Sinne und ein offenes Herz."
Verzeichnis der Autoren 179

Verzeichnis der Autoren

Marlene Dobkin de Rios, Ph.D.

Anthropologin und Psychotherapeutin; langjährige Feldforschungen und zahlreiche


Veröffentlichungen über den rituellen Gebrauch von Ayahuasca und anderen pflanzlichen
Halluzinogenen in kulturvergleichender Sicht; Professorin für Anthropologie und Lehr­
beauftragte für Transkulturelle Psychiatrie.

Dept. of Anthropolgy, California State University, Fullerton, CA 92634, USA

Dr. phil.II Dr. h.c. mult. Albert Hofmann

Chemiker und Naturphilosoph, Entdecker des LSD und Pionier der Halluzinogenfor­
schung, maßgeblich beteiligt an der Aufklärung des Geheimnisses der mexikanischen
„Zauberpilze“. Publikationen über Struktur-Wirkungs-Beziehungen der Halluzinogene
sowie philosophische und kulturhistorische Betrachtungen über die Bedeutung veränderter
Bewußtseinszustände für die Entwicklung des modernen Menschen. Gründungsmitglied
und Vizepräsident des ECBS.

Rittimatte, CH-4117 Burg i.L.

Peyton Jacob III, Ph.D.

Chemiker und Pharmakologe; Forschungstätigkeit und Zusammenarbeit mit Alexander T.


Shulgin; mehrere gemeinsame Veröffentlichungen in Fachzeitschriften über die Chemie
von Halluzinogenen.

3787 Highland Road, Lafayette, CA 94549, USA

Prof. Dr. rer.nat. Karl-Artur Kovar

Pharmakologe, Leiter des Pharmazeutischen Institutes der Universität Tübingen; For­


schungsschwerpunkte: Psychopharmakologie, Chemie und Wirkungsweise von Sucht­
stoffen und psychoaktiven Substanzen, Computer Aided Ding Design, Entaktogen-
Forschung.

Pharmazeutisches Institut der Universität, Auf der Morgenstelle 8, D-72076 Tübingen


180 Verzeichnis der Autoren

Prof. Dr. med. Hanscarl Leuner

Psychiater, Neurologe und Psychoanalytiker, ehem. Leiter der Abt. Psychosomatik und
Psychotherapie der Universität Göttingen; Hauptarbeitsgebiete: veränderte Wachbewußt­
seinszustände in der Psychotherapie, Entwicklung des katathymen Bilderlebens, Anwen­
dung psychoaktiver Substanzen in der Psychotherapie, Entspannungstherapie des respirato­
rischen Feedback; zahlreiche Buchpublikationen zu den genannten Themen. Gründungs­
mitglied und derzeitiger Präsident des ECBS.

Eisenacher Str. 14, D-37085 Göttingen

Claudia Müller-Ebeling

Kunsthistorikerin; Studien und Veröffentlichungen über die Kunstgeschichte der Dämonen,


Visionäre Kunst, Ethnobotanik und Ethnomedizin; Promotion über die Versuchung des
Heiligen Antonius; Gründungsmitglied des ECBS.

Birckholtzweg 17, D-22159 Hamburg

Dr. phil. Christian Rätsch

Ethnologe und Kulturanthropologe; zahlreiche Veröffentlichungen und Buchpublikationen


über pflanzliche Psychedelika und Aphrodisiaka, deren rituellen Gebrauch im ethnologi­
schen Kontext, über Ethnobotanik. Ethnomedizin und Bewußtseinsforschung; Gründungs­
mitglied des ECBS.

Birckholtzweg 17, D-22159 Hamburg

Alexander T. Shulgin, Ph.D.

Psychopharmakologe: Grundlagenforschung über Chemie und Pharmakologie psychoakti­


ver Substanzen, Struktur-Wirkungs-Beziehungen von Halluzinogenen. Entwicklung von
Strukturvarianten von Meskalin und anderen Phenäthylaminen, Pionier der Entaktogen-
Forschung; zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen in internationalen Fachzeit­
schriften.

1483 Shulgin Road, Lafayette, CA 94549, USA


WELTEN DES BEWUSSTSEINS

Band 1: Ein interdisziplinärer Dialog


Dieser einleitende Band gibt einen Überblick über die hauptsächlichen Wissenschaftsgebiete,
mit denen das ECBS befaßt ist. Namhafte Autoren berichten über veränderte Bewußtseins­
zustände im Kulturvergleich, deren naturwissenschaftliche Grundlagen und ihre Bedeutung
für die Psychotherapie: • Die Botschaft der Eleusinischen Mysterien für die moderne Welt
(A. Hofmann) • Zur Ethnologie veränderter Bewußtseinszustände (Chr. Rätsch) • Visionäre
Kunst (C. Müller-Ebeling) • Halluzinogene in kulturvergleichender Sicht (M. Dobkin de
Rios) • Synthese und Struktur-Wirkungs-Beziehungen von Halluzinogenen (A.T. Shulgin)
• Beziehungen der Entaktogene zu stimulierenden und halluzinogenen Amphetaminen
(K.A. Kovar) • Veränderte Bewußtseinszustände in der Psychotherapie (H. Leuner) • Über
Sucht und Transzendenz (R. Metzner) • Diskussion über Perspektiven der Forschung

Band 2: Kulturanthropologische und philosophische Beiträge


Bekannte Fachvertreter berichten über traditionelle Heiler und ihre Methoden (A Hofmann
und B. Pfleiderer). Mit religiösen Erfahrungen und Meditation befassen sich die durch ihre
Lehre und Publikationen hervorgetretenen Autoren E. Wolz-Gottwald, J. Sudbrack, P.
Machemer und W. Jäger. Neuere Forschungen über Nah-Tod-Erfahrungen und außerkörper­
liche Erlebnisse sind ein weiteier Themenschwerpunkt (Th. Metzinger, R. van Quekelberghe
und M. Sehröter-Kunhardt).

Band 3: Experimentelle Psychologie, Neurobiologie und Chemie


Bedeutende Wissenschaftler berichten über neuere und eigene Ergebnisse aus der Forschung
über Modellpsychosen und über die differentielle Psychologie außergewöhnlicher Bewußt­
seinszustände (H. Heimann, L. Hermle, E. Gouzoulis, F.X. Vollenweider, I. Bodmer, D. Lam-
parter, A. Dittrich, M. Maurer und M. Simoes). Ergebnisse elektrophysiologischer Forschung
referieren J. Berlin, M. Stigler und F. Stratmann. Das Gebiet der Chemie und Neurobiologie
entaktogener Substanzen wird von ATI Shulgin und K.A. Kovar bearbeitet. Die Beziehungen
der halluzinogenen Pilze zur Neurotransmission im Gehirn untersucht H. Laatsch. In einem
wichtigen Abschnitt werden von M. Spitzer Prozesse der Informationsverarbeitung bei verän­
derten Bewußtseinszuständen dargestellt. M. Markus und H. Schepers geben Einblick in die
Bedeutung neuronaler Netzwerke.

Band 4: Bedeutung für die Psychotherapie


Veränderte Bewußtseinszustände gewinnen in der Psychotherapie zunehmende Bedeutung,
nachdem Feldstudien gezeigt haben, daß ein großer Prozentsatz psychotherapiebedürftiger
Patienten mit konventionellen Therapiemethoden nicht erreichbar sind. Berichtet wird über
verschiedene Ansätze und Erfahrungen sowie behandlungstechnische Fragen mit Fallbei­
spielen (R. Metzner, R. Yensen und D. Dryer, E.M. Krupitsky, J. Styk, R.H. Bolle, S. Widmer,
J. Downing, G. Crombach sowie G.A. Leutz). Gemeinsamkeiten und unterschiedliche Ansätze
musiktherapeutischer Arbeit mit Klang, Rhythmus, Atem, Tanz werden diskutiert von
G. Engert-Timmermann, P. Hess, H. Park, W. Strobel und T. Timmermann. Das sich an­
schließende Kapitel über pränatale und perinatale Psychologie wird von Hauptvertretern
dieses Gebietes bearbeitet (L. Janus, D. Wasdell, T. Dowling und W.H. Hollweg).

VWB - Verlag für Wissenschaft und Bildung


ISBN 3-86135-400-4