Sie sind auf Seite 1von 13

Das Rätsel um die Goldbeute von Byzanz (1453)

Von Fbanz Babingeb, München

Staatshaushalt und (Geldwesen des osmanischen Reiches waren, wie


JoH.-WiLH. Zinkbisen (1803—1863) einmal richtig bemerkt, der christ¬
lichen Welt lange Zeit hindurch unbekaimte Dinge. Wie über die Wehr¬

kraft der Pforte war man sich im Abendland auch über die Mittel völlig
im unklaren, die ihr zu deren Unterhalt zu Gebote standen. Und eben,
weil die Phantasie da gänzlich freien Spielraum hatte, verlor sich die
Unkenntnis nur zu leicht ins Unermeßliche und Fabelhafte. Die Märchen

von den ungeheuren Schätzen, über die der Sultan gebieten könne, ge¬
hörten in dem christlichen Europa Jahrhunderte lang zu den belieb¬
testen Gegenständen aufgeregter Leichtgläubigkeit, und daß die Gewal¬
tigen der Pforte es sich angelegen sein ließen, auch sie als bequeme
Schreckbilder eher zu nähren als zu zerstreuen, war nur natürlich'. Erst

Veröffentlichungen der jüngsten Vergangenheit^ haben, wenigstens was


das letzte Jahrzehnt der dreißigjährigen Herrschaft (1451—1481) Meh¬
meds IL, des Eroberers, anbelangt, ziemliche Klarheit geschaffen und
über die osmanischen Geld Verhältnisse wissen wir erst jetzt erstaunliche

Einzelheiten. Der genuesische Patrizier lacopo de Promontorio olim de


Campis, der em Vierteljahrhundert als Hofkaufmaim im Osmanenstaat
zugebracht hatte, davon 18 bei Murad II. und weitere 7 bei Mehmed IL,

liefert erstmals gewissenhafte Angaben über Einnahmen und Ausgaben


im Reiche des Großherrn ums Jahr 1475. Darnach standen sich dazumal

1800000 Dukaten 1375000 Dukaten gegenüber, eine Ziffer, die sich


freilich nicht mit jener deckt, die der byzantinische Chronist Laonikos
Chalkokandyles geliefert hat'. Dieser berechnet die Gesamteinnahme,
so weit sie auf bestimmte ermittelte Posten zurückgeführt werden

' Vgl. Geschichte des Osmanischen Reiches in Europa, III (Gotha 1855),
S. 345f.
^ Vgl. Fr. Babinger, Die Aufzeichnungen des Genuesen lacopo de Promon-
torio-de Campis über den Osmanenstaat um 1475, in: Bayerische Akademie der
Wissenscliaften, philos.-hist. Klasse. Sitzungsberichte, Jahrg. 1956, 8. Heft
(München 1957), 95 Ss. 8" sowie dera.. Sultanische Urkunden zur Geschichte
der osmanischen Wirtscliaft und Staatsverwaltung am Ausgang der Herrschaft
Mehmeds II., des Eroberers. I. Teil: Das Qänün-näme-i sultdni her müdscheb-i
'örf-i 'o.smdni (Handschrift ancien fonds turc 39 der Bibliotheque Nationale
zu Paris), in: Südosteuropäische Arbeiten, 49. Bd. (München, Juni 1956).
^ Vgl. die Bonner Ausgabe von I. Bekkeb (1843), S. 439ff., die Budapester
Ausgabe von E. Dabkö, II (Budapest 1923), S. 199ff.
540 Franz Babinger

könne, auf 230 Myriaden, also 2300000 Dukaten. Diese halbe Million
Dukaten Unterschied läßt sich vermutlich aus dem Zeitenabstand er¬
klären, der zwischen seinen und des Genuesen Zahlen bestehen dürfte'.

Völlig in Dunkel gehüllt bleibt der Privatschatz des Sultans, der, genau
besehen, in dieser Gewaltherrschaft mit der eigentlichen öfFentlichen

Staatskasse zusammenfließen konnte, wenn es dem Sultan nur behagte.


Diese chasna (eig. chaztne), 6 xaXoüfxsvoi; tou ßacnXecoc, wie
L. Chalkokandyles sich ausdrückt^ war stetigem Schwanken unterwor¬
fen, je nach der Höhe der Geschenke, die Mehmed II. zuflössen oder der
Beute, die er bei seinen zahlreichen Heerzügen einstreichen konnte.
Wenn zu Beginn des XVI. Jhdts. die Einnahmen des osmanischen

Staatsschatzes bereits auf 4000000 Dukaten veranschlagt wurden', so


erklärt sich der an sich geringe Unterschied wohl zum erheblichen Teil
aus den bosser geordneten Staatsfinanzen, die zu Zeiten des Eroberers
gänzlich von dessen Willkür oder Kriegsbedürfnissen bestimmt worden
sein dürften.

Bis zur Wende des 15. Jhdts. bewegte sich, wie man sieht, der Um¬

fang des osmanischen Staatsvermögens m selbst für jene Zeiten beschei¬


denen Grenzen. Zu Beginn der Regierung Mehmeds II., kurz vor oder
nach der Eroberung von Konstantinopel (Mai 1453), hielten sich die
jährlichen Staatseinkünfte gewiß in noch dürftigerem Ausmaß. Bis
zur Erschöpfung des Staatssäckels wurden damals alle eingehenden Gel¬
der zur Bestreitung der Feldzüge verbraucht, die jahraus jahrein vom

' Der Kardinal Johannes Bessarion (f 1472), der über Zustände im Os¬
manenreich sich stets wohlunterrichtet erwies, schätzt die laufenden jähr¬
lichen Staatseinkünfte Mehmeds II. auf nicht mehr als 2000000 Dukaten,
kommt also der Aufstellung des genuesischen Patrizierkaufmanns sehr nahe.
Vgl. seine Oratio de discordiis sedandis et bello in Turcam decernendo, in:
Nicol. Reusneb, Epistolarum Turcicaruin Libri V, II (Frankfurt 1S98),
S. 225. — Man darf vielleicht J.-W. Zinkeisen (III, 349) hier widersprechen,
wenn er dem Kardinal die Absicht unterschiebt, die sultanische 'Geldmacht,
um den darüber herrschenden Vorurteilen zu begegnen, so gering wie mög¬
lich erscheinen zu lassen'.
^ Vgl. die Bonner Ausgabe auf S. 440, die Budapester II. Bd., S. 200, 17.
' Vgl. J.-W. Zinkeisen, a. a. O., III (1855), S. 349 mit Bezug auf den an
Kaiser Maximilian gerichteten Bericht eines Ragusäers bei Nie. Reusneb,
Epistolarum Turcicarum Libri V, IV (Frankfurt am Main 1600), S. 108.
— Am 2. XII. 1496 ward in den Pregadi zu Venedig in einer relazione, die
Alvise Sagundino, des Niccolö (f 1463 zu Rom) Sohn, erstattete, behauptet:
'la intrada ducati 3 milioni in erario et al presente 2 milioni et 500 millia
Le espese e quel medemo'. Vgl. Marino Sanuto, Diarii, I (Venedig 1879),
Sp. 398 f. — Die Sammelhandschrift der Biblioteca Nazionale Marciana zu
Venedig cod. 73, classe XIX enthält u. a. 'Forma del marciare degi' oserciti
del Gran Turco con la persona propria, spese e entrate sue', wohl zu Beginn
des 16. Jhdts.
Das Rätsel um die Goldbeute von Byzanz (1453) 541

Großherrn geplant und ausgeführt wurden. Selbst Finanzberater von der

Gewiegtheit seines Leibarztes Maestro lacopo' aus Gaeta, des späteren


Ja'qüb-Pascha, dürften damals mit ihren Haushaltsplanungen zu¬
schanden geworden sein.

Mit Sicherheit darf vermutet werden, daß die unermeßliche Beute, die
beim Falle von Byzanz in den letzten Maitagen 1453 den Osmanen in die

Hände fiel, eine Beute, von der Mehmed II. ein Fünftel beanspruchen
konnte, für Jahre den Staatsschatz bereicherte, wenngleich die Angaben
über die erlangten Schätze, besonders an Gold und Silber, durchaus

voneinander abweichen. Die Siegesbeute soll 300000 Dukaten an Wert


betragen haben, womit gewiß nur ein Bruchteil bestimmt worden sein
dürfte. Gold, Silber und Edelgestein fielen in unermeßlicher Zahl den
Eroberern der byzantinischen Hauptstadt in die Hände und Bericht¬
erstatter wie Dukas und Chalkokandyles erzählen, daß die plündernden
Janitscharen den Wert der Brandschatzungen so wenig kannten, daß
sie sie fast für nichts verschleuderten. Selbst das Gold wurde, wie Chal¬

kokandyles versichert, häufig für Kupfer verkauft. Gewaltig war der


Schaden, den damals die in Konstantinopel ansässigen abendländischen
Kaufleute zu tragen hatten, vor allem die Seestaaten wie Ancona, Genua

und Venedig. Der Verlust der Venediger wird allein auf 200000 Zechinen
veranschlagt^. Noch lange Jahre hernach sagte man von einem sehr
reichen Menschen sprichwörtlich, er sei an der Plünderung Konstanti¬
nopels beteiligt gewesen'. Der Anteil des Sultans wird von dem freilich
späteren Ewlijä Celebi*, dessen Zahlenflunkereien keinen Zweifel dulden,
mit 3800 Sklaven und 'zwanzig Beuteln dakianische Goldstücke' an¬
gesetzt. Rechnet man einen Beutel [kese] wie zu Ewlijä Celebi's Zeiten
zu 500 Einheiten (Aspern usw.), so ergäbe sich der eigentlich recht

' Vgl. über diesen merkwürdigen, aus der LTmgebung Mehmeds II. nioht
wegzudenkenden jüdischen Arzt und heimlichen Staatskämmerer den Aufsatz
von Fe. Babingee, Ja'qüb-Pasclia, ein Leibarzt Mehmed's II. — Leben und
Schicksale des Maestro Jacopo aus Gaeta, in: Rivista degli Studi Orientali,
XXVI (Rom 1951), S. 87—113 imd dazu G. Levi Della Vida, II Oran Turco
e il Medico, in: Nuovo Corriere della Sella vom 5. III. 1953 (Mailand), S. 3.
2 Vgl. J.-W. Zinkeisen, o. a. O., I (Gotha 1840), S. 854. Die Verlustziffer
der Venediger wird in fast allen Quellen in dieser Höhe bestimmt.
^ Vgl. A. D. Mobdtmann, Belagerung und Eroberung Constantinopels
dureh die Türken im Jahre 1453 (Stuttgart und Augsburg 1858), S. 95f. und
dazu Reinhold von Lubenau, Beschreibung der Reisen, hrsg. von W. Sahm, I
(Königsberg 1914), S. 141: 'die (nl. die Türken) auch so eine große Summa
Goldes und Silbers in der Stadt gefunden, das ein Sprichwort daraus ent¬
standen, wann einer Geldt gehabt : 'Du mußt gewis Constantinopel geplün¬
dert haben'.
* Vgl. A. D. Mobdtmann, a. a. 0., S. 130 in der Verdeutschung.
542 Fb.\nz Babingeb

bescheidene Betrag von 10000 'dakianos'ischen'' Geldstücken, also römi¬


schen Kaisergoldstücken (aurei) Diokletianischer Prägung, somit eine
Gesamtbeute von nur 50000 Goldstücken. Alle diese Zahlen wider¬
sprechen sich im Verlauf der Ewlijä'schen Beschreibung der Einnahme
Konstantinopels durch Mehmed II., so etwa, wenn er behauptet, in den

zwanzig gekaperten christlichen Schiffen seien '3000 Beutel von filün'


(d.i. fiorini, Gulden) des 'Dakijanos' gefunden worden, dazu 1000
Lasten (Saum oder jük, bei den Abendländern somma oder carica im

Betrag von 100000 [Stück] reinen Goldes, ferner 2000 Lasten Silbers,
lauter Phantastereien, die nicht ernst genommen werden können^. Es
verlohnt nicht die Mühe, über die von Ewlijä Celebi und in anderen

morgenländischen Quellen überlieferten Zahlen Betrachtungen anzu¬


stellen, denn keine einzige hielte der Nachprüfung stand. Was den Os¬

manen bei der Beraubung der Kaiserstadt der Byzantiner an klingender

Münze in die Hände fiel, muß Hunderttausende von Zechinen betragen


haben, vom Silbergeide ganz zu schweigen.
Wie stand es nun mit den byzantinischen Goldprägungen jener Zeiten ?

Bis jetzt ist m. W. keine Goldmünze der beiden letzten Paläologen-


Herrscher Johannes VIII. und Konstantin XII. zum Vorschein gekom¬
men. Wenn, vielleicht anläßlich einer Kaiserkrönung, wirklich Gold¬

stücke hergestellt wurden, dann geschah dies gewiß in bescheidenen


Grenzen. Keines davon wäre auf unsere Zeit gelangt. Falls sich also

damals byzantinische Goldmünzen im Umlauf befanden, so gehörten diese


Prägungen vergangengen Zeiten an. Aller Wahrscheinlichkeit handelte

^ 'Dakiantts', 'Dakianos' = Diokletianus. Vgl. dazu Evliya Qelebi, Seya-


hatname, X (Stambul 1938), S. 670 (zuerst wohl in Persien mundgerecht aus
'Denkildiyanos' verkürzt) sowie die Stambuler Ausgabe (1332 h = 1914 D.)
der Chronik des 'Äsyqpasazäde auf S. 269 unten (mit Druckfehler). Vgl.
darüber mehr in meiner demnächst erscheinenden Abhandlung Der Schau¬
platz der Siebenschläferlegende in muslimischer Sicht in den Sitzungsberichten
der Bayerischen Akademie der Wissensehaften, sowie den Kurzbericht über
meinen Vortrag in der Österr. Ak. der Wiss. Die Örtlichkeit der Sieben¬
schläferlegende in muslimischer Schau, in: Öst. Ak. der Wiss., philos.-hist.
KL, Anzeiger, 94. Jhrg. 1957, Nr.. 6 (Wien 1957). Mit den römischen Kaisern
Decianus oder gar mit Decius hat diese Namensform nichts zu schaffen.
^ Der Bischof von Mitylene Leonardo Giustiniani aus Chios, einer der
besten Gewährsmänner über den Fall von Byzanz, berichtet, daß bei der
Plünderung der Stadt später 70000 Goldgulden vorgefunden wurden, die der
Kaiser zur Ausbesserung der Stadtmauern hergegeben hatte, die aber von
zwei geldgierigen griechischen Mönchen vergraben worden waren. Stimmt
diese Angabe des lateinischen, auf die Griechen mißgestimmten Bericht¬
erstatters, so ließe sich mit gutem Grund als Gesamtbeute an barem Gelde
eine riesige Sunmie vermuten. Vgl. Fb. Babingee, Mehmed, der Eroberer, und
seine Zeit (München 1953), S. 98, italienische Ausgabe Maometto, il Con-
quistatore, e il suo tempo (Turin 1957), S. 149f.
Das Rätsel um die Goldbeute von Byzanz (1453) 543

es sich demnach bei der Goldbeute von Byzanz, soweit Gepräge in


Frage kommt, um venedische Zechinen, florenzer Dukaten (fiorini) oder
solche genuesischen Ursprungs, sog. genovini. Ob die kaiserliche Staats¬

kasse davon große Mengen verwahrt hatte, bleibt eine offene Frage. Die
allermeisten Goldstücke dürften sich in Privathand befunden haben,
aus der sie teils als Beute, teils als Lösegeld für Freilassungen in türki¬
schen Besitz gerieten'. Der Venediger Zorzo Dolfin behauptet^, daß Hi
thesori, li quali, ue noui et uegi, fono trouadi in tanta quantitä, che in nulla
cita del mondo fu ahondante de tanti, et tutti li absconditi perueniuano in
man de Turci. 0 Greci miseri et miserabili, che fingeui esser poueri. Ecco
che sono uenuti in luce li uostri tesori, li quali teneui, et negaui uoler dar
per subsidio de la citade'. Von allen diesen Schätzen an Gold und Silber

hat keiner die Stürme der Jahrhunderte überdauert. Abgesehen von


Rehquien, die Sultan Mehmed IL' und sein Sohn Bäjezid II. verscha¬
cherten, hat sich m. W. kein Kunstgegenstand, kein kostbares Gewand,

^) Die venedischen Edelleute, die in tiu-kische Gefangenschaft geraten


waren, mußten, soweit sie mit dem Leben davonkamen, erkleckliche Löse¬
gelder entrichten, die zwischen 1000 und 3000 venedischen Zecchini schwank¬
ten. Vgl. Gg. Thomas, Die Eroberung Constantinopels im Jahre 1453 aus
einer venetianischen Chronik, in: Sitzungsberichte der kgl. bayer. Akademie
der Wissenschaften zu München, 1868, II/l (München 1868), S. 33 aus der
Chronik des Zorzo Dolfin.
^ Vgl. a. a. O., S. 31 oben.
^ Vgl. darüber Fe. BAsrNGBR, Reliquienschacher am Osmanenhof im
XV. Jahrhundert. Zugleich ein Beitrag zur Geschichte der osmanischen Gold¬
prägung unter Mehmed II., dem Eroberer, in: Bayerische Akademie der Wis¬
senschaften, philos.-hist. Klasse. Sitzungsberichte Jahrg. 1956, 2. Heft (Mün¬
chen 1956). Zu S. 8 (Geschenk an König Matthias Corvinus von Ungarn)
läßt sich nunmehr nachtragen, daß es sich nicht um eine Gabe Mehmeds IL,
sondern seines Sohnes handelt. Ein von Matthias Corvinus an die Pforte
abgeordneter Botschafter kehrte Mitte November 1489 nach Ungarn zu¬
rück, begleitet von einem Gesandten Bäjezid's IL, der dem Ungarnkönig
den Leichnam des Heiligen Johannes von Alexandrien als sultanisches Ge¬
schenk überreichte. Der König empfing in Begleitung seiner Gemahlin imd
des Hofes die Reliquien an der Ofener Bannmeile imd begleitete sie feierlich
zur Palastkapelle. Vgl. Magyar Diplomacziai Emlekek Mätyds kiräly koräböl,
1450 — 1490, IV (Budapest 1878), S. 396, nach einem Bericht des Ofener
Geschäftsträgers des Herzogs von Ferrara Ercole d'Este vom 17. XI. 1489. —
Die byzantinischen HeUtümer verdanken ihre Erhaltung bis in die Regierung
Bäjezid's II. (1481—1512) ganz gewiß nur dem Umstand, daß sie von Meh¬
med II. mit abergläubischer Scheu in seinem Seraj aufbewahrt und sogar
verehrt wurden. Vgl. dazu die in Fb. Babingeb, Reliquienschacher, S. 5ff.
angeführten Belege, aus denen glaubwihdig hervorgeht, daß der Eroberer vor
diesen Reliquien öllämpchen anzünden ließ und ihnen Verehrung entgegen¬
brachte. Diese Tatsache war offenbar damals der Stambuler Bevölkerung
bekannt, die über die Hintergründe dieser 'diuotione' freilich boshafte
Betrachtungen anzustellen schien.

36 ZDMG 107/3
544 Franz Babingeb

kein reicher Stoff, in einem Museum oder in einer Privatsammlung er¬


halten. Man hat also allen Grund anzunehmen, daß die gesamte Gold-

und Silberbeute in der Folge eingezogen und zu Münzen verarbeitet wurde.


Seit langem ist das Gerücht im Umlauf, daß Mehmed II. das bei der
Einnahme von Konstantinopel erbeutete Geld habe umschmelzen und
daraus Münzen eigenen Gepräges herstellen lassen'. Wir besitzen darüber
em freilich etwas späteres Zeugnis, nämlich den Bericht des französischen
Reisenden Andre Thevet (1502—1590), der in seiner berühmten Cos-
mographie Universelle (Paris 1575) auf S. 814a zu vermelden weiß : 'C'est

ä Gatopoli, ou iadis Mehemet second, qui print Constantinople, jaisoit


battre de la monnoye. Lequel Seigneur se voyant paisible de la Grece, fit
publier un idict giniral, que nul ne fust si liardy d'user ä l'avenir plus des

escuz, piece d'or ne d'argent de l'Empereur Grec Constantin qu'il avait vaincu,
faict mourir, et prins la ville Royale de Constantinople, ains apporter de

toutes parts les monnoyes vieilles et modernes pour la faire battre et forger
ä sa marques: mesmes la monnoye, de laquelle il usoit au paravant que
iouir de l'Empire, comme chequins d'or (= zecchini d'oro, venedische

Dukaten), aspres et medins^ sur peine de confiscation des dictes pieces.'


Aus diesen Mitteilungen, die einen durchaus glaubwürdigen Eindruck
vermitteln, ergäbe sich, daß wohl gleich nach der Einnahme von Kon¬
stantinopel der Sultan das byzantinische Gold- und Silbergeld einziehen

ließ, soweit es sich im Besitze der griechischen Bevölkerung befand.

Als Münzstätte, wo diese Münzen umgeprägt wurden, wird 'Gatopoli'


genannt, worunter doch wohl nur das alte Agathopolis, heute Ahtebolu',

1 Dieser Ansicht ist selbst ein so hervorragender, freUich in erster Linie


für die ältere islamische Münzkunde zuständiger Forscher wie [Richard]
V[asmeb], der in Friedr. Frhn. v. Schbötter, Wörterbuch der Münzkunde
(Berlin-Leipzig 1930), S. 23 f. u. d. W. altun behauptet, daß damit die 'von
Muhammed II. 1454 eingeführte türkische Goldmünze' bezeichnet wird.
Wenn ioh recht sehe, stützt sich R. V. in der Hauptsache auf die Angaben in
Stanley Lane-Poole, The Coins of the Turks in tlie British Museum (Lon¬
don 1883), S. XVII, wo indessen nichts dergleichen steht.
" Medins, d. i maidin, eine mamlükische Silbermünze, die mit 1,5 os¬
manischen Aspern bewertet wurde. Vgl. dazu J.-W. Zenkeisen, a. a. O., III
(1855), S. 800 (Das Stichwort fehlt in der Erstausgabe der Enzyklopädie des
Islam, wo nicht einmal ein Artikel über islamische Münzkunde zu finden
ist!). — Der venedische zecchino galt gegen Ende des XV. Jhdts. und zu
Beginn des XVI. Jhdts. im Morgenland 25 Maidin, später gar 40 und 44.
Vgl. die belangreichen Ausführungen in Beinh. Röhricht — Hch. Meisneb,
Deutsche Pilgerreisen nach dem Heiligen Land (Berlin 1880), S. 16, Anm. 3,
wo sich eine Zusammenstellimg der von den Jerusalem-Pilgern verwendeten
Münzen und deren Bewertung findet.
' Ahtebolu liegt rund 60 km sö. Burgas auf heute bulgarischem Gebiet
(Ahtopol) und besaß vor zwei Jahrzehnten noch ansehnliche Reste antiker
Anlagen, besonders Mauern, rmd zwei verfallene altchristliche Kirchen. Vgl.
Das Eätsel um die Goldbeute von Byzanz (1453) 646

am Schwarzen Meere verstanden werden kann. Dieses Städtchen war

schon vor dem Falle Konstantinopels in osmanischem Besitz, wird


aber weiterhin nirgendwo als Prägestätte angeführt. So legt sich die
Vermutung nahe, daß es sich um eine Behelfsmünze handelt, die etwa un¬

mittelbar nach der Eroberung in Betrieb genommen ward, um die Gold¬


beute von Byzanz zu verarbeiten, und bald darauf aufgelassen wurde^.
Nun wissen wir seit geraumer Zeit, daß Mehmed II. der erste Osmanen-
herrscher^ gewesen ist, der auf seinen Namen Gold münzen ließ. Dies

geschah erstmals im Jahre 882 h (beg. 15. IV. 1477), und zwar zu Stambul.
Vorher gingen, so glaube ich schlüssig nachgewiesen zu haben', aus os¬
manischen Münzorten nur nachgeprägte venedische Zechinen hervor,
eine Übung, die sich zurück in die 20er Jahre des 15. Jhs.* urkundlich

nachweisen läßt, vermutlich aber bereits vorher, etwa unter Bäjezid I.,
dem Wetterstrahl*, oder gar schon unter dessen Vater Muräd I. zu be-

dazu Fb. Babingeb, Beiträge zur Frühgeschichte der Türkenherrseliaft in


Rumelien [14. — 15. Jhdt.] (Brünn-München-Wien 1944), S. 51. — Die Mög¬
lichkeit eines Druckfehlers aus Gal[l]ipoli müßte wohl auch in Betracht
gezogen werden. — Über G. als Münzort vgl. Ewlijä Öelebi, V, 316.
1 Eine solche Feldmünze führte z. B. auch Timür-Lenk mit sich, als er
am 10. VII. 1401 Baghdäd überrumpelte und die dort erbeuteten Münz¬
schätze an Ort und Stelle umprägen ließ. Vgl. dazu Saraf ad-Din 'Ali Jazdi,
Zafamdmah, ed. by Maulawi Muhammad IlahdAd, II (Calcutta 1888 =
Bibliotheca Indica), S. 336, wozu mich Herr Dr. Peter Jaeckel (München)
auf ShähpÜbshäh Hobmasji Hodivälä, Historical Studies in Mughal
Numismatics (Calcutta 1923), S. 62 verweist.
a Wenn also Sa'd ed-Din, Td^ et-tewdrich, I (Stambul 1279 h = 1862),
S. 39 zu Recht behauptet, daß bereits Orchan, der älteste Sohn und Nach¬
folger des Begründers des Osmanenreiches Emir 'Osmän, Goldmünzen
habe prägen lassen (angeblich im Jahre 729 h = 1328/9), so kann dabei nur
von Nachprägungen fränkischer, vermutlich venedischer Dukaten die Rede
sein. Vgl. Fb. Babingeb in der Enzyklopädie des Islam, III (Leiden 1936),
S. 1080 a. Vgl. dazu A. A. Bykov in : Trudi Otdela Numizmatiki, I (Lenin¬
grad 1945), S. 115—120, wo indessen von diesen angeblichen Goldprägungen
nicht, sondern nur von einem 726 h = 1326 zu Brusa geprägten Aq6e (Süber-
stück) gehandelt wird.
' Vgl. Fe. Babingeb, Reliquienschacher am Osmanenhof usw., S. 29ff.,
ders.. Zur Frage der osmanischen Goldprägungen im 15. Jhdt. unter Muräd II.
und Mehmed II., in: Südost-Forschungen, XV (München 1956), S. 550ff.,
sowie ders., Contraffazioni ottomane dello zecchino veneziano nel XV secolo, in:
Annali delVIstituto Italiano di Numismatica, III (Rom 1956), S. 83—99 (mit
2 Tafeln).
* Vgl. Fb. Babingeb, Contraffazioni, S. 99, wonach bereits 1425 fiorini
turchi cioe ducati' bezeugt werden.
^ Der erste Osmanenherrscher, der eine regelrechte, in den altosmanischen
Chroniken gebrandmarkte Münzverschlechterung durchführte und das alte,
gute Silbergeld gegen neues zwangsweise umtauschen ließ, dürfte Bäjezid I.,
der Wetterstrahl [1390—1403], gewesen sein. Sein Ratgeber war der erste

3ß*
546 Fbanz Babingeb

legen sein müßte. Diese Nachprägungen sind, wie sich aus italienischen

Quellen ersehen läßt, nur schwer zu erkennen gewesen: bisogna praticha


oder bisogna buon occhio a conoscerW.

Im vorliegenden Zusammenhang kann nur der Frage nachgegangen


werden, was Mehmed II. veranlaßte, etwa beschlagnahmtes byzanti¬
nisches Goldgeld, dann aber auch italienische Dukaten vornehmlich vene¬
discher Herkunft umzuprägen. Welche Rolle dabei die unzureichende

Größe des für Münzzwecke verfügbaren EdelmetaUvorrates spielte, die


durch den bescheidenen Ertrag der Bergwerke unwesentlich gewesen
sein dürfte, solange sie sich nicht durch die Eroberung von Novo Brdo
(Serbien, Juni 1455) beträchtlich steigerte, ist vorerst nicht auszu¬
machen. Gewiß war die Pforte vorher auf einen mäßigen Metallschatz
vor ahem an Gold angewiesen, obgleich im Handelsverkehr mit dem Aus¬

Wesir 'Ali-Pasa, Sohn des Qara-Chalil-Pasa, der mit fremder Hilfe 'allerlei
Kniffe' ('Listen', wie die altväterischen osmanischen Chronisten rügend und
übereinstimmend berichten [vgl. z. B. Anonymus F. Giese, S. 31, Verdeut¬
schung, S. 43; 'Äsyqpasazäde, ed. F. Giese, S. 63,10 v.u.ff.;Urudsch, ed.
F. Babingee, S. 28 bzw. 99) im Land einführte und vor allem imterwertige
Aqöe's zum früheren Nennwert ausgeben ließ, wobei er die Silberausfuhr unter¬
band. Bäjezid I. führte drei Silberprägungen durch, die sich nur durch . •. bzw.
— . — unterscheiden und im Durchmesser zwischen 11—16 mm schwanken.
Alle tragen 792 h = 1390 D, also das Jahr der Thronbesteigung (erfolgte am
4. Bamadän 792 = 15. VIII. 1390, wenn Sa'd ed-Dm, Td^ et-tewdrich,
I, 125, 'Äli, Künh ül-achbdr, V 78:5. Ram., bzw. ihre späteren Nachsohreiber
recht berichten; sein Vater Muräd I. war nämlich bereits am 15. VI. 1389
auf dem Amselfeld ermordet worden, das Jahr 792 h begann aber erst am
20. XII. 1389) als Prägejahr, jedoch ohne Angabe eüier Prägestätte. Die er¬
wähnten Punkte und Striche dienten gewiß der Unterscheidung der drei
Prägungen, was eüunal durch chemische Emissionsspektralanalyse zu er¬
mitteln wäre, wie denn überhaupt derartige Untersuchungen auf die
osmanischen Silberprägungen bis in die Zeit Bäjezid's II. ausgedehnt
werden müßten. Die Eroberung von Kratovo [Serbien] mit seinen reichen
Süberbergwerken durch Bäjezid I. hängt gewiß mit seiner Münzpolitik zu¬
sammen. Die Vermutung legt sich nahe, daß unter diesem Sultan vielleicht
erstmals im Osmanenstaat venedische Golddukaten nachgeprägt wurden.
Sachlich arg enttäuschend ist der Aufsatz über Bäjezid's, des Wetterstrahls,
Prägungen von Oberst 'Ali, einem im übrigen vortrefflichen Münzkenner, in
TTEM [ = Revu^e Historique, publiee par l'Institut d'Histoire Turque], XIV
[Stambul 1340 h = 1924], Nr. 5 [82], S. 277—282.
^ Vgl. dazu jetzt Philip Gbiebson, La moneta veneziana nell'economia
mediterranea del trecento e quattrocento, in : La Civiltä Veneziana del Quattro¬
cento (Florenz o. J. = 1457) auf S. 92. — Bereits am 5. Juli 1428 verfügt
Genua, um dem Umlauf von 'rwn bona moneta' ein Ziel zu setzen, 'expendere
in civitate lanue seu districtu florenos aliquos turcos, Mitileni aut alios quosvis
stampatos hujtismodi stampa' unter Androhung der Beschlagnahme. Vgl.
N. Iobga, Notes et Extraits pour servir ä Vhistoire des Croisades, I (Paris
1899), S. 472.
Das Rätsel um die Goldbeute von Byzanz (1453) 547

land die einheimischen Zahlungsmittel, vorab die ständig verschlech¬


terten Silbermünzen (aqce), ausschieden und ausschließlich die Dukaten

von Florenz, Genua, besonders aber von Venedig verwendet wurden.


Von einem Wechselverkehr, dessen Ausbildung dem Bedürfnis nach
Umlaufsmittehi hätte abhelfen können, kami im damaligen Osmanen¬
reich keine Rede sein^. Bargeldeinnahmen kamen nur aus den erpreßten,
unaufhörlich gesteigerten Tributen der christlichen Vasallen oder aus
den Pachterträgnissen. Diese flössen dem Staatsschatz von venedischen

Pächtern zu, in deren Händen bis zum Ausbruch des 16- jährigen venedisch-
türkischen Krieges (1463—1479) nicht nur der Alaunhandel von Foöa

(Foglia), sondern das ganze Geschäft der Seifenherstellung, der Kupfer¬


gewinnung, insbesondere aber die Einkünfte aus den Münzstätten
lagen, die im ganzen Osmanenreich ausschließlich von venedischen
Pächtern betrieben wurden^. Benedetto Dei, dessen Haß auf Venedig ihn,
den Florenzer, nicht abgehalten hatte, zu Stambul in die Dienste des
reichsten Alaunpächters Girolamo Michieli sich einzuschleichen, berichtet
1461 über die bevorzugte Rolle seiner Todfeinde am Hofe des Gro߬

herrn: 'Equa' (d.i. i quali) Venitiani chol gran Turcho tenevano e avevano
gli allumi di foglie (= Foglia an der anatolischen Westküste unweit

Smyrna), e aveano e chomerzi alle ghabelle, e aveano la saponiera, e aveano


l'appalto de' Rami, e aveano l'appalto della Zecha e della Moneta in tutti i
luoghi della Signoria del Oran Turcho'^.
Mehmed II. war keineswegs daran gelegen, venedische Zechinen von
echtem Schrot und Korn nachprägen zu lassen, vielmehr entsprachen
seine 'ducati d'oro turchi', wie einwandfreie Berechnungen ergaben*,
einem Verhältnis von 1,5:1. Aus dem Golde von 2 Zechinen wurden

^ Vgl. zu diesen Fragen die Ausführungen von A. LuscHnsr von Eben-


geeuth. Allgemeine Münzkunde und Geldgesehiehte des Mittelalters und der
neueren Zeit^ (München 1926), S. 257.
" Die osmanischen Münzstätten wurden noch im 16. Jhdt., vermutlich
aber auch späterhin, ausnahmslos an Fremde, z. B. Griechen, Juden und
Armenier verpachtet. Auch ein Deutscher war 1587 an einer Münzverschlech¬
terung als 'Fachmann' beteiligt, nämlich der Goldschmied Hans aus Nih-n-
berg, der Türke geworden ist ('Mehmed'). 'Er sollte', wie R. v. Lubenau,
a. a. O., II. Teil, S. 42ff. berichtet, 'Asper auf die Art schlagen lassen, wie die
Münz in Deutschland, das ein Zusatz dabei wehre'.
' Vgl. dazu [G. F. Pagnini della Vbntuba] Della decima e di varie
altre gravezze imposte dal Comune di Firenze usw., II ('Lissabon und Lucca'
1766), S. 254f. imd dazu W. Heyd, Histoire du Commerce du Levant au
moyen-dge, II (1885), S. 328, ferner Maeia Pisani, Un avventuriero del
Quattrocento. La vita e le opere di Benedetto Dei (Genova-Napoli-Firenze 1923),
S. 49.
* Vgl. dazu Fb. Babingee, Reliquienschaeher usw., S. 43 f. mit genauen
Nachweisen.
548 Fbanz Babingee

3 türkische Dukaten hergesteUt, ein, wie man leicht begreift, nicht un¬
erheblicher Münznutzen. Es ist also wohl kein Zweifel, daß gleich nach
der Eroberung Konstantinopels 'il conio di Vinegia' (vgl. Dante, Para¬

diso, XIX, 141) in türkischen Nachprägungen aufs neue zur Verwendung


gelangte.

Als wiUkommene Ergänzung der vorstehenden Ausführungen dürfen


nun zwei, von A. D. Mordtmann d. Ä. (1811—1879)1 freilich für falsch
erklärte Urkunden angesehen werden, die Ahmed Feridün^ in seine
bekannte Sammlung MüTiSa'ät es-selälin aufgenommen hat. Es han¬
delt sich um ein von Mehmed II. an den Scherifen von Mekka, Barakät'

mit Namen, gerichtetes arabisches Sendschreiben über die Eroberung


von Konstantinopel, ein sog. fetf/,-näme. Dieses wurde durch einen
gewissen chodscha (Kaufmann) Häddschi Mehmed aus Zeitün* zu¬
sammen mit einem ansehnlichen Geldgeschenk überbracht, von dem
allein hier die Rede gehen soll. Zuerst wird erklärt, daß 'die Dirhems
(also Silbergeld)* und Dinare (also Goldgeld) mit dem Glänze Unserer
edlen und remen Namen geprägt' (ad-darähim wa'd-dandmr al-masküka
bizinati 'smäSnd al-galijjat at-tähira) wurden*. Im weiteren wird das über¬
sandte Geschenk im einzelnen beschrieben : 'Wir senden Euch zum

1 Vgl. dessen Buch Belagerung und Eroherung Constantinopels durch die


Türken im Jahre 1453 (Stuttgart und Augsbmg 1858), S. 144ff.
" Vgl. über ihn Fb. Babingeb, Die Geschichtsschreiber der Osmanen und
ihre Werke (Leipzig 1927), S. 106ff.
ä Vgl. über den Scherifen Barakät (I.) (1426—1455) A. J. Wensinck's
Artikel Mekka in der Enzykl. des Islam, III (Leiden 1936), S. 522.
* Welcher Ort dieses Namens (d. i. Olive) gemeint ist, steht dahin. An
Zeitun (heute gr. Lamia, früher Zituni) in Griechenland ist schwerlich zu
denken und das südostanatolische Zeitun, nw. Mar'as, seit alters eine
reme Armeniersiedelung, die 1896 schrecklich verfolgt wurde (vgl. Aghassi,
Zeitoun [Paris 1897] und Anatolio Latino, (d.i. Enrico Vitto Bozzetti),
Gli Armeni e Zeitun [Florenz 1897]), scheidet wohl ebenfalls aus. Es gibt
indessen eine ganze Anzahl von gleichnamigen anatolischen Ortschaften,
die als Herkunftsstätte des Mekkapilgers Mehmed in Frage kommen.
' Mehmed II. ließ alle zehn Jahre zum Zwecke der Münzverschlechterung
Silbermünzen prägen, erstmals in seiner zweiten Herrschaft (1451—1481)
855 h = 1451, dann erst wieder 865 h = 1460/1. Bisher ist keine osmanische
Silbermünze (Asper, aq&e) zum Vorschein gekommen, die etwa 857 h = 1453
geschlagen worden wäre. Kupfermünzen [manghyr) wurden öfter hergestellt,
aber auch solche fehlen für das Jahr der Eroberung von Konstantinopel.
Die arabische Bemerkung kann, wenn ihr überhaupt ein Tatbestand zu¬
grunde liegt und nicht etwa Prahlerei im Spiel ist, sich demnach nur auf
nachgeprägte venedische Zechinen beziehen, die mit einem 'sultanischen
Stempel' zum Zwecke der Kenntlichmachung versehen wurden.
' Vgl. Ahmed Feridün, MünSa'dt es-selätin, 1 (Stambul 1274 h = 1857/8),
S. 239—240. Die betr. Stellen finden sich auf S. 240, Z. 16—17 v. o. sowie
Z. 11 V. u.
Das Rätsel um die Goldbeute von Byzanz (1453) 549

Geschenk für Euch 2000 echte, vollwertige filüri aus reinem Gold und
von gutem (behalte, die Wir der Beute entnommen haben, und weitere

7000 filun für die Armen, nämlich 2000 für die Nachfahren des Prophe¬
ten, 1000 für die zum Dienste der Ka'ba bestellten Aufwärter imd das

Übrige für die Bewohner von Mekka und Medina', im arabischen Wort¬

laut : ijlüri mina 'd-dahahi H-chdlisi 't-tämmi H-wazni wa 'l-'ajäri 'l-ma'-


chüda min tilka 'l-ghanimd' . Bei diesen 'Gulden aus reinem Gold und von

gutem Gehalt', also aus echtem Schrot und Korn, handelt es sich im-
zweifelhaft um sog. 'fränkische Gulden', echte Zechinen, die der Beute

von Byzanz entstammen. In einem zweiten, an den burdschitischen


Mamlükensultan in Kairo gerichteten arabischen Schreiben, das der

gleiche Häddschi Mehmed mit der ägyptischen Karawane überbrachte^,


nimmt Mehmed II. auf die dem Scherifen und Bewohnern der beiden

heiligen Stätten übermittelten fdüri, die mit dem ausgezeichneten,


neuen, sultanischen Stempel' (ma'a H-ijlürijati' l-maskükati bi's-sikkati
'l-dschajjidati H-dschadidati 's-sultänijja) versehen worden seien.
A. D. Mordtmann^ hat aus der Verwendung des Sultän-Titels' durch
den Großherrn sowie aus der Übersendung von 'Gulden' (filüii) den un¬
zweifelhaften Trugschluß gezogen, daß beide Urkunden Fälschungen
darstellen. Es lohnt nicht, die von irrigen Voraussetzungen ausgehenden
Darlegungen des so verdienten Orientalisten im einzelnen zu widerlegen.
Vielmehr wird aus dem oben Ausgeführten geschlossen werden dürfen,
daß es sich bei den Geldgeschenken einesteils um 'fränkische Gulden'

{zecchini) dreht, andernteils um mit einem Prägestempel* versehene

1 Vgl. ebenda, S. 240—243 und dazu S. 242, Z. 3 v. u.


^ Vgl. A. D. Mobdtmann, a. a. O., S. 145 f.
' Der Sultan-Titel wurde von Mehmed II. keineswegs, wie A. D. M. ver¬
mutet, erst nach der Besiegung des Uzun Hasan (1473) angenommen. Vgl.
J. H. Kbamebs im Artikel Sultan in der Enzykl. des Islams, IV (Leiden
1934), S. 589b.
* Die osmanischen Nachahmungen des zecchino tragen höchstwahrschein¬
lich einen Prägestempel, der bisher in den großen Sammlungen venedischer
Zechinen (z. B. des Conte N. Papadopoli zu Venedig, Museo Correr) leider
noch nicht untersucht worden ist. Keinesfalls darf daran gedacht werden,
daß diese osmanischen Nachprägungen auf einer Seite etwa in arabischer
Schrift die Namen des Sultans oder gar dessen Tughra trugen, die erst lange
hernach auf den osmanischen Münzen erschien. Daß aber der Zecchino
manchmal auf ähnliche Weise nachgeahmt wurde, zeigt das Beispiel des 1489
auf Arbo (Rab) verstorbenen Vlatko Kosaca, des Sohnes von Stepan Vuköic,
letztem Herzog der Hercegovina, der sich auf einer Seite links vom Hl. Mar¬
kus, als Doge gekleidet, abbilden ließ. Vgl. darüber die Handschrift 'Museo
di veneziane monete di Domenico di Vincenzo Pasqualigo. MDCCXXXVIF,
S. 117 im Archäolog. Museum zu Venedig sowie Giov. Majee, Imitazioni
e contraffazioni dello zecchino veneziano, in: Actes du Congres International
de Numismatique, Paris 19S3, II (Paris 1957), S. 395. Zu beachten ist, daß
550 Fbanz Babingee, Das Rätsel um die Goldbeute von Byzanz (1453)

türkische Golddukaten. Nur so dürfte der Ausdruck sikka, Münzstempel,


hier zu verstehen sein^. So sehr im übrigen seit langem besonders die
älteren von Ahmed Feridün-Pascha zusammengetragenen Urkunden
berechtigten Zweifeln an ihrer Echtheit begegnen, so wenig dürfte ein

solches Bedenken in den beiden vorliegenden Fällen gerechtfertigt


erscheinen.

Mehmed II. hat also allem Anschein nach unmittelbar nach der Ein¬

nahme der byzantinischen Hauptstadt deren Goldschätze, dann aber die


den Griechen entzogenen Gold- und Silbermünzen^ für seine Zwecke
umprägen lassen. Seine fremden Münzpächter haben diese Arbeit so
gründlich besorgt, daß wohl alle Prägungen der letzten byzantinischen
Kaiser aus dem Verkehr gezogen wurden und daß Goldmünzen, falls sie
jemals vorhanden waren, bis zum heutigen Tage nicht zum Vorschein
gekommen sind.

Vlatko Kosaöa, Herzog vom HI. Sava, venedischer nobile war. Seine Witwe
ehelichte nach seinem Tod in Venedig den Marco Loredano und seine Nach¬
kommen, die Cosaccia, lebten noch lang tmter dem Adel der Lagunenstadt
fort.
^ Ohne eine Ahnung von den osmanischen Nachprägungen des zecchino
zu besitzen, hat Fbanqois-Alphonse Belin in seiner ausgezeichneten Auf¬
satzfolge Essais sur l'histoire de la Turquie d'apres les ecrivains originaux, in :
Journal Asiatique, VI. Reihe, 3. Band (Paris 1864), S. 428 von der im Vier¬
eck angebrachten Gegenmarke sahh auf venedischen zecchini gesprochen,
die auf die türkischen Behörden zurückgeht. Es ist anzunehmen, daß durch
diesen Stempel echte, vollwertige venedische Dukaten als solche kenntlich
gemacht und von Nachahmungen unterschieden werden sollten. Vgl. dazu
auch Paul Bobdeau, Les sequins venitiens contremarques de caracteres
arabes, in: Rivista Italiana di Numismatica, XXIII (Mailand 1910), S. 119 bis
126. Dabei ist freilich nur von Gegenmarken (contremarques) zwischen dem
späten 16. und dem frühen 18. Jhdt. die Rede. — Sikke wird um 1500 auch
als Zählwort verwendet, wie der Adrianopeler Erlaß von Selim I. von Mitte
Sawwäl 921 h = Mitte Nov. 1515 an Molla Hekim ed-Din Idris bei Sa'd ed-
Din, Td^ et-tewdrich, II (Stambul 1279 h), S. 322 zeigt: 2000 sikke-i
ifrendschije-i filüri.
^ Daß Mehmed II. auch Kupfermünzen aus byzantininischen Beständen
hat herstellen lassen, ist ein Märchen, das erstmals J. Sabatieb, Description
generale des monnaies byzantines, II (Paris 1862), S. 284f. aufgebracht hat,
das aber längst erledigt ist.
Indoiranische Miszellen

Von Vittobe Pisaki, Mailand

1. Skr. adhar.

Wackeen-agbl, Altindische Grammatik I 339, § 285 b y A verzeichnet


die spärlichen Fälle von -ar statt -o, -a für -ah: darunter findet sich nicht
adhar asan für adho 'san im GJiatakarpara 3:

sendräyudhag ca jalado adhar asann ibhänäm

samrambham ävahati bhüdharasannibhänäm //

Dubsch's Ausgabe bringt zwar adharabhann ; das ist doch wohl ledig¬
lich ein Druckfehler, die Silben °dharasannibhänam sind für den dritten

pada durch deren Wiederkehr im vierten pada gesichert. Vgl. auch den
Kommentar : anyac ca megho 'dhah asan jalam sravan ibhänäm gajänäm
krodham janay ati .
Es schien mir von einigem Interesse, diesen Fall von -ar für -as hervor¬
zuheben, da er weder im pw noch bei Monier-Williams s. v. adhas an¬

gemerkt ist und soweit mir bekannt in den Grammatiken fehlt, von der
Wackebnagels angefangen.

2. Avestisch äfant- und das Wort für 'Land'

in einigen orientalischen Sprachen.

Äfant-, das dreimal im Avesta bezeugt ist (Yt. X 14; XIII 9; VIII 35),
wird von Baetholomae mit 'wasserreich' übersetzt und auf *äp-vant-

zurückgeführt. Diese bisher allgemein anerkannte Auffassung ist letzthin


von Benveniste im Donum natalicium H. 8. Nyberg oblatum (Stock¬

holm 1954) angefochten worden, der, um mich W. Brandensteins


Worten in Kratylos I, 1, 80 zu bedienen, ,, zeigt ..., daß av. äfant- schon

rein philologisch nicht 'wasserreich' bedeuten kann, der ungefähre Sinn


ist vielmehr 'region, parcours'; ein isoliertes Wort, dessen Etymologie
noch aussteht. Mit diesem Beispiel und einem zweiten erschüttert der

Verf. das angebliche Lautgesetz iran. -pv- > av. -/-". Es scheint doch
das „angebliche Lautgesetz" a priori wenigstens ziemlich gut begründet
zu sein, da im Iranischen p vor Konsonant sonst gewöhnlich zu / wird,

und für -fv- eine große Wahrscheinlichkeit besteht, daß es zu / vereinfacht


werden sollte; ein gutes Beispiel bieten m. E. jungav. äfante 'sie erhalten'
und das von mir RSO XIX, 82 ff. erkannte apers. Gerundiv äfuwäyä 'zu