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Handbuch

Handbuch
NATO Office of Information and Press /
Bureau de l’information et de la presse de l’OTAN

1110 Brussels / Bruxelles


Belgium / Belgique

Web site: www.nato.int


Site web: www.otan.nato.int

E-mail: natodoc@hq.nato.int
NATO-HANDBUCH

2001
Office of Information and Press
NATO - 1110 Brussels - Belgium

Bureau de l’information et de la presse


OTAN - 1110 Bruxelles - Belgique
ISBN 92-845-0169-5
HB0801GER
© NATO 2001
NORDATLANTIKPAKT-ORGANISATION
(NATO)

MITGLIEDSTAATEN
Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Griechenland, Island,
Italien, Kanada, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Polen, Portugal,
Spanien, Tschechische Republik, Türkei, Ungarn, Vereinigtes Königreich
und Vereinigte Staaten

Der im April 1949 in Washington unterzeichnete Nordatlantikvertrag schuf


ein Bündnis zur gemeinsamen Verteidigung im Sinne des Artikels 51 der
Charta der Vereinten Nationen. Der Vertrag hat unbegrenzt Gültigkeit. Der
4. April 1999 markierte den 50. Jahrestag der Unterzeichnung des
Nordatlantikvertrags.

Gemäß Artikel 10 des Vertrags steht die Allianz weiteren europäischen


Staaten, die ihre Grundsätze fördern und einen Beitrag zur Sicherheit des
Bündnisgebiets leisten können, auch künftig offen. 1952 erweiterten
Griechenland und die Türkei die ursprünglich zwölf Mitgliedstaaten umfas-
sende Allianz, gefolgt von Deutschland im Jahr 1955 und Spanien im Jahr
1982. Im Juli 1997 luden die Staats- und Regierungschefs des Bündnisses
anlässlich eines Gipfeltreffens in Madrid drei weitere Länder zur Aufnahme von
Beitrittsgesprächen ein, und am 12. März 1999 wurden Polen, die
Tschechische Republik und Ungarn offiziell Mitglieder der NATO. Das Bündnis
verbindet nun 17 europäische Länder mit den Vereinigten Staaten und
Kanada.

Parallel zur internen und externen Umgestaltung der Allianz seit dem
Ende des Kalten Krieges hat die NATO den Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrat oder „EAPR” als Forum für Konsultation und
Zusammenarbeit mit Partnerländern im euro-atlantischen Raum gegründet.
Sie hat ein intensives Programm für praktische Zusammenarbeit und regel-
mäßige Konsultationen mit den 26 Teilnehmerländern der 1994 ins Leben
gerufenen Initiative „Partnerschaft für den Frieden” entwickelt. Sie hat neue
Strukturen geschaffen, die die verstärkte Kooperation mit Russland und die
Partnerschaft mit der Ukraine sowie einen erweiterten Dialog mit interessierten
Ländern des Mittelmeerraums widerspiegeln. Sie hat weit reichende interne
und externe Reformen vollzogen und sich zum Beginn des neuen
Jahrtausends zum Instrument für Frieden und Stabilität im euro-atlantischen
Raum gemacht.
3
1999 feierte die NATO ihr 50-jähriges Bestehen. Ein weiteres Gipfeltreffen
fand im April 1999 in Washington statt, als der Konflikt im Kosovo auf dem
Höhepunkt war und die NATO-Länder Luftangriffe zur Beendigung der von der
jugoslawischen Regierung begangenen ethnischen Säuberungen und
Menschenrechtsverstöße führte. Der Konflikt endete Ende Juni 1999 nach
dem Rückzug der serbischen Streitkräfte und dem Einsatz der Kosovo-
Schutztruppe (KFOR) unter NATO-Führung, gemäß eines Mandats des VN-
Sicherheitsrats, mit Umsetzung der am 9. Juni unterzeichneten Militärisch-
Technischen Vereinbarung.
Schwerpunkte des Washingtoner Gipfels waren die anhaltende Kosovo-
Krise sowie die Behandlung von Fragen im Zusammenhang mit der künftigen
Stabilität in Südosteuropa. Weitere in Washington gefasste Entscheidungen
beinhalteten die Verabschiedung und Veröffentlichung eines überarbeiteten
Strategischen Konzepts der Allianz, die Annahme eines Aktionsplans zur
Mitgliedschaft, die Billigung von Maßnahmen zur weiteren Stärkung des
Programms Partnerschaft für den Frieden sowie die Einführung neuer
Initiativen zur Anpassung der Verteidigungsfähigkeiten der NATO-
Mitgliedstaaten an die veränderlichen Anforderungen sowie neue Impulse für
die Anstrengungen gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Die weiteren Entwicklungen innerhalb des Bündnisses hatten insbeson-
dere eine Stärkung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität
sowie die Entwicklung von Strukturen für eine Kooperation zwischen NATO
und Europäischer Union infolge der von der EU getroffenen Entscheidungen
zur Intensivierung ihrer operativen Rolle im Hinblick auf Krisenbewältigung und
Friedenserhaltung zum Ziel.

****

Das NATO-Emblem wurde im Oktober 1953 vom Nordatlantikrat als


Symbol des Atlantischen Bündnisses angenommen. Der Kreis steht für Einheit
und Zusammenarbeit, und die Windrose symbolisiert den von den
Mitgliedstaaten des Atlantischen Bündnisses gemeinsam eingeschlagenen
Friedenskurs.

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INHALTSVERZEICHNIS
Redaktioneller Hinweis 10
Vorwort des Generalsekretärs 11
Hinweise zum Umgang mit diesem Handbuch 15
Einleitung 17

TEIL I
KAPITEL 1: WAS IST DIE NATO?

Die Ursprünge des Bündnisses 31


Grundlegende Sicherheitsaufgaben 32

KAPITEL 2: DIE ALLIANZ IM WANDEL

Das neue Sicherheitsumfeld in Europa 39


Neue Institutionen 45
Das Strategische Konzept des Bündnisses 48
Die Rolle alliierter Streitkräfte und die Neuordnung des
Verteidigungsdispositivs des Bündnisses 53
Die NATO-Initiative zur Verteidigungsfähigkeit 57
Die NATO-Nuklearstreitkräfte im neuen Sicherheitsumfeld 60

KAPITEL 3: DIE ERWEITERUNG DES BÜNDNISSES

Der NATO-Erweiterungsprozess 69
Die Partnerschaft für den Frieden 76
Kooperation zwischen der NATO und Russland 91
Partnerschaft der NATO mit der Ukraine 99
Der Mittelmeerdialog des Bündnisses 103
Die Südosteuropa-Initiative der NATO 106

KAPITEL 4: DIE EUROPÄISCHE SICHERHEITS- UND VERTEIDIGUNGSIDENTITÄT


(ESVI)

Entwicklung der ESVI 111


Kooperation der NATO mit der WEU 115
Beziehungen der NATO zur EU 117

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KAPITEL 5: DIE OPERATIVE ROLLE DES BÜNDNISSES IM RAHMEN DER
FRIEDENSERHALTUNG

Der Prozess der Friedensstiftung im ehemaligen Jugoslawien 121


Die Förderung des Friedensprozesses in Bosnien und Herzegowina 136
Die Rolle der NATO im Kosovo-Konflikt 141
Menschenrechtsverletzungen in der Kosovo-Region und
KFOR-Unterstützung aus humanitären Gründen 148

KAPITEL 6: DIE ROLLE DES BÜNDNISSES BEI DER RÜSTUNGSKONTROLLE

Entwicklungen im Zusammenhang mit atomaren,


biologischen und chemischen Waffen 158
Entwicklungen im Zusammenhang mit konventioneller
Rüstungskontrolle und Abrüstung 161
Grundsätze des Bündnisses zur Verbreitung von MVW 163

TEIL II
KAPITEL 7: POLITIK UND ENTSCHEIDUNGSFINDUNG

Die wichtigsten Institutionen des Bündnisses für Politik und


Entscheidungsfindung 167
Konsensbildung und gemeinsame Entscheidungsfindung 171
Krisenbewältigung 174
Die militärische Dimension 175
Nuklearpolitik 179
Wirtschaftliche Zusammenarbeit 181
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit 185

KAPITEL 8: PROGRAMME UND AKTIVITÄTEN

Verbraucherlogistik 195
Wesentliche Logistikfunktionen 200
Verbraucherlogistik und friedensunterstützende Einsätze 203
Produktions- und Logistikorganisationen 204
Rüstungskooperation, -planung und -standardisierung 204
Kommunikations- und Informationssysteme 207
Koordinierung des zivilen und militärischen Luftverkehrs 208
Luftverteidigung 210
Zivile Notfallplanung 212
Wissenschaftliche Zusammenarbeit 217
Umwelt und Gesellschaft 221

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KAPITEL 9: GEMEINSAM FINANZIERTE RESSOURCEN: NATO-HAUSHALTS-UND
-FINANZWESEN

Grundsätze der gemeinsamen Finanzierung 227


Kostenteilung 230
Zivilhaushalt 231
Militärhaushalt 231
Das Sicherheitsinvestitionsprogramm der NATO 232
Ressourcenmanagement 233
Finanzverwaltung 233
Finanzkontrolle 237

KAPITEL 10: ZIVILE ORGANE UND STRUKTUREN

NATO-Hauptquartier 247
Ständige Vertreter und nationale Delegationen 247
Generalsekretär 247
Internationaler Stab 248
Persönliches Büro 249
Büro des Generalsekretärs 249
Exekutivsekretariat 249
Presse- und Informationsdienst 250
NATO-Sicherheitsamt 251
Abteilung für politische Angelegenheiten 251
Abteilung für Verteidigungsplanung und -operationen 254
Abteilung für Verteidigungsunterstützung 257
C3-Stab der NATO (NHQC3s) 260
Abteilung für Sicherheitsinvestitionen, Logistik und
Zivile Notfallplanung 261
Abteilung für Wissenschafts- und Umweltangelegenheiten 263
Amt für Management, Verwaltung und Personalführung 264
Büro des Leiters Finanzwesen 264
Büro des Vorsitzenden des Oberausschusses Ressourcen 265
Büro des Vorsitzenden der Haushaltsausschüsse 265
Internationaler Rechnungsprüfungsausschuss 265
NATO-Produktions- und Logistikorganisationen 265

KAPITEL 11: MILITÄRISCHE ORGANE UND STRUKTUREN

Militärausschuss 269
Strategische Befehlshaber 271
Internationaler Militärstab 272
Vertretung der Partnerländer 277

7
KAPITEL 12: DIE MILITÄRISCHE KOMMANDOSTRUKTUR

Aufgaben der integrierten Streitkräfte 281


Entwicklung der neuen militärischen Struktur 284
Implikationen der Entwicklung der Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität 284
Das Konzept der Alliierten Streitkräftekommandos 286
Interne Anpassung der Bündnisstreitkräfte 288
Neue Führungskonzepte 290
Die militärische Struktur 291
Die NATO-Erweiterung und der Beitritt neuer NATO-Mitglieder 304
Aktivitäten und Initiativen im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden 305
Umfassendere Konsultation und Zusammenarbeit 307

KAPITEL 13: ÜBERSICHT ÜBER DIE WICHTIGSTEN NATO-AUSSCHÜSSE UND


DIE INSTITUTIONEN FÜR ZUSAMMENARBEIT, PARTNERSCHAFT
UND DIALOG

Übersicht über die wichtigsten NATO-Ausschüsse 311


Übersicht über die Institutionen für Zusammenarbeit, Partnerschaft
und Dialog 335

KAPITEL 14: ÜBERSICHT ÜBER ORGANISATIONEN UND DIENSTSTELLEN SOWIE


SONSTIGE NACHGEORDNETE ORGANE

Einleitung 343
Verbraucherlogistik 345
Erzeugerlogistik und Ausrüstung 350
Standardisierung 353
Zivile Notfallplanung 355
Luftverkehrsführung und Luftverteidigung 357
Frühwarnung durch Luftfahrzeuge 358
Kommunikations- und Informationssysteme 360
Elektronische Kampfführung 365
Meteorologie 366
Militärische Ozeanografie 367
Forschung und Technologie 369
Aus- und Fortbildung 371

KAPITEL 15: DER UMFASSENDERE INSTITUTIONELLE SICHERHEITSRAHMEN

Vereinte Nationen (VN) 383


Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) 387

8
Europäische Union (EU) 398
Westeuropäische Union (WEU) 407
Europarat 417

KAPITEL 16: PARLAMENTARISCHE UND NICHTSTAATLICHE ORGANISATIONEN

Nordatlantische Versammlung 423


Vereinigung der Atlantischen Gesellschaften 426
Interalliierter Verband der Reserveoffiziere (CIOR) 433
Interalliierter Verband der Reserveoffiziere des Sanitätsdienstes
(CIOMR) 435

Anhang 1. Gebräuchliche Abkürzungen 441

Anhang 2. Weitere Informationsquellen 467

Anhang 3. Chronologie 473

Abbildungen

• Die zivile und militärische Struktur der NATO 593


• Die wichtigsten NATO-Ausschüsse 594
• Hauptinstitutionen für Zusammenarbeit und Dialog im Rahmen der
Partnerschaft 595
• Internationaler Stab der NATO 596
• Abteilungen des Internationalen Stabes 597
• Die militärische Struktur der NATO 598
• Die militärische Struktur - Alliierter Kommandobereich Europa 599
• Die militärische Struktur - Alliierter Kommandobereich Atlantik 600
• Der Internationale Militärstab 601

Der Nordatlantikvertrag 603

9
REDAKTIONELLER HINWEIS
Seit der Veröffentlichung der Jubiläumsausgabe des Handbuchs zum
50-jährigen Bestehen der NATO sind drei weitere Länder dem Bündnis beige-
treten, und auch sonst hat es eine Reihe wichtiger Entwicklungen gegeben.
Dazu gehörten die Aufnahme der NATO-Luftangriffe gegen die militärischen
Strukturen der für die Politik der ethnischen Säuberungen im Kosovo verant-
wortlichen serbischen Regierung im März 1999, der Einsatz der Kosovo-
Schutztruppe (KFOR) unter Führung der NATO im Juni 1999 sowie die neuen
Initiativen anlässlich des Washingtoner Gipfels im April 1999 einschließlich der
Veröffentlichung des neuen Strategischen Konzepts der Allianz.
Diese Ereignisse sind in dieser Ausgabe ebenso widergegeben wie wei-
tere wichtige Entwicklungen, darunter die Änderungen hinsichtlich der militäri-
schen Kommandostruktur, die Entwicklung der Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität (ESVI), die Umsetzung der Initiativen zur Verteidigungs-
fähigkeit, Entwicklungen im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden (PfP)
und des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR), die Umsetzung des
Aktionsplans zur Mitgliedschaft (MAP), die Entwicklung der Beziehungen zwi-
schen der NATO und Russland sowie der Ukraine, die Ausweitung des Mittel-
meerdialogs des Bündnisses, der Fortschritt im Bereich der Südosteuropa-
Initiative sowie Entwicklungen auf anderen Gebieten der Bündnisaktivitäten
wie beispielsweise die Umsetzung von Waffenkontrollmaßnahmen und die
Maßnahmen zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen.
Der Abschnitt „Hinweise zum Umgang mit diesem Handbuch” bietet einen
Überblick über die Inhalte der Hauptkapitel mit Erläuterungen zu den jüngsten
politischen Entwicklungen auf den wichtigsten Aktivitätsgebieten des Bündnis-
ses (Teil I) sowie eine Zusammenfassung der Inhalte der weiteren Kapitel, in
denen die Organisation und die Strukturen der NATO beschrieben sind (Teil II).
Die Einleitung zu dieser Ausgabe bietet einen Überblick über die wichtigsten
Entwicklungen, die die Bündnispolitik im Laufe des letzten Jahrzehnts beein-
flusst haben.
Die Informationen in dieser Ausgabe decken die Entwicklungen bis Ende
März 2001 ab. Eine aktualisierte Internet-Version des NATO-Handbuchs, wei-
tere Informationen zu den jüngsten Entwicklungen im Zusammenhang mit dem
Bündnis sowie offizielle Erklärungen und Kommuniqués sind über die NATO-
Website (www.nato.int) erhältlich.

10
VORWORT DES GENERALSEKRETÄRS
Diese neue Ausgabe des NATO-Handbuchs bietet einen umfassenden
Überblick über die nordatlantische Allianz am Beginn des neuen Jahrtausends.
Sie präsentiert das Portrait eines durch die umwälzenden Veränderungen des
letzten Jahrzehnts tief greifend beeinflussten und veränderten Bündnisses,
das bereit ist, die vierfache Herausforderung anzunehmen, der es heute
gegenübersteht.

Erstens muss es seiner grundlegenden und anhaltenden Verpflichtung


gegenüber seinen Mitgliedern zur Gewährleistung ihrer Sicherheit und ihrer
Unabhängigkeit gerecht werden. Zweitens muss es diese Sicherheit durch
bilaterale Partnerschaften und multilaterale Zusammenarbeit auf Partnerländer
in ganz Europa ausdehnen. Drittens und parallel dazu muss es zur
Unterstützung der Bemühungen der internationalen Gemeinschaft zur
Vermeidung von Krisen und Konflikten bereitstehen oder, falls es dazu kommt,
ihre Ausweitung verhindern und den Beteiligten bei der Beilegung auf politi-
schem statt auf militärischem Wege helfen.

Und viertens muss es zur Erreichung dieser Ziele eine größere


Ausgewogenheit in der transatlantischen Partnerschaft herbeiführen, die das
Kernstück der nordatlantischen Allianz bildet, indem es die Rolle Europas bei
Krisenbewältigung und Friedenserhaltung stärkt. Bei diesem Prozess geht es
um eine Stärkung des Bündnisses und die Bereitstellung von Möglichkeiten zur
Krisenbewältigung, die die NATO unterstützen kann, ohne notwendigerweise
selbst bei jeder in Europa auftretenden Krise die Führungsrolle zu überneh-
men. Es geht um größere Flexibilität und bessere Möglichkeiten zur
Vermeidung oder Beendigung von Konflikten, nicht um eine Änderung der
Grundlage der gemeinsamen Verteidigung, für die das Bündnis weiterhin der
Hauptgarant bleibt.

Die in diesem Handbuch beschriebene Allianz ist ganz sicher kein


Bündnis, das nach dem Ende des Kalten Krieges keine Aufgabe mehr hatte -
trotz der von manchen Analytikern geäußerten Prognosen, nach denen es
damit seine Daseinsberechtigung verlieren würde. Es ist vielmehr ein Bündnis,
das seinen eigenen, grundlegenden Modernisierungsprozess einleiten und
sich ohne Einbußen bei operativen Fähigkeiten zur Erfüllung seiner Aufgabe
und ohne Verzögerungen bei der Entwicklung der Instrumente für die neuen,
von seinen Mitgliedstaaten geforderten Funktionen verändern musste. Das
Verzwickte in dieser Situation bestand für das Bündnis nicht darin, seine
eigene Rolle neu zu definieren, sondern zu bestimmen, wie die Chance zur
Erreichung der von den Mitgliedstaaten bei seiner Gründung definierten
Sicherheitsziele, nämlich der Schutz von Freiheit, gemeinsamem Erbe und
11
Zivilisation ihrer Bürger, am besten zu ergreifen sei. Weit davon entfernt, für
sich selbst eine Rolle zu schaffen, sah sich die NATO der Herausforderung
gegenüber zu gewährleisten, dass ihre bestehenden Aufgaben nicht durch
eine zu vielfältige oder zu umfassende Beanspruchung ihrer Ressourcen in
Frage gestellt würden.

Die NATO ist kein Weltpolizist, verfügt jedoch nachweislich über umfas-
sende Erfahrungen als erfolgreicher Katalysator bei der Zusammenstellung
effektiver multinationaler Truppen wie der SFOR in Bosnien und Herzegowina
und der KFOR im Kosovo, die in der Lage sind, die Umsetzung von Friedens-
vereinbarungen zu gewährleisten und die Grundlagen für künftige Stabilität in
Konfliktregionen im euro-atlantischen Raum zu legen. Sie ist kein Club, bei
dem die Mitgliedschaft auf Antrag erhältlich ist, sondern ein überstaatliches
Sicherheitsbündnis, das seinen Mitgliedstaaten Pflichten und Verantwortung
ebenso wie Vorteile bringt. Sie ist kein monolithischer, selbstbestimmter Orga-
nismus, sondern ein Pakt der Mitgliedstaaten, den sie für gemeinsam verein-
barte Zwecke nutzen können, der jedoch auch den von diesen selbst bestimm-
ten Grenzen seines Aufgabenbereichs, seiner Ressourcen und seiner
Handlungsfähigkeit unterliegt. Und schließlich ist sie kein Vehikel für die
Machtprojektion einzelner Mitgliedstaaten, sondern eine Rahmenstruktur, die
es jedem Mitglied erlaubt, seine nationalen Interessen im breiteren Kontext
eines Konsenses unter den Mitgliedern der Allianz als Ganzes festzulegen.

Die Nationen haben ihre Verbundenheit mit diesen Werten in mehreren


Entscheidungen zur Anpassung des Bündnisses an veränderte Umstände und
moderne Erfordernisse unter Beweis gestellt. Ihre Bemühungen wurden durch
den Erfolg der verschiedenartigen Partnerschaften mit Nicht-Mitgliedstaaten
untermauert - auf bilateraler Ebene durch die praktische Zusammenarbeit in
der Partnerschaft für den Frieden und auf politischer Ebene durch Konsultatio-
nen im multilateralen Forum des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats. Der
Wert, der diesen gemeinsamen Bemühungen beigemessen wird, zeigt sich in
dem deutlichen Bestreben vieler Teilnehmerländer, dem Bündnis beizutreten,
manifestiert sich jedoch auch in der konstruktiven Teilnahme von Ländern, die
keinen Beitritt anstreben. Zudem hat das Ausmaß der erzielten Zusammenar-
beit in den bilateralen Beziehungen zwischen der NATO und Russland dazu
gedient, trotz der unvermeidlichen Schwierigkeiten die enormen Vorteile für
alle Beteiligten zu verdeutlichen. Auch zwischen der NATO und der Ukraine
wurde ein Grad an Verständigung und Zusammenarbeit erzielt, von dem alle
profitieren.

Die aus der Reihe der Gipfeltreffen, die seinen Kurs seit dem Ende des
Kalten Krieges bestimmten, hervorgegangenen Bündnisentscheidungen
haben die Fundamente für eine Ausweitung der Kultur des Dialogs und der
Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen gelegt, die unter den NATO-Mitgliedern

12
seit vielen Jahren praktiziert wird. Diese Kultur beeinflusst über die Arbeit der
NATO-geführten Truppen zur Unterstützung des Friedensprozesses in Bos-
nien und Herzegowina sowie im Kosovo zunehmend auch den Prozess der
Aussöhnung zwischen den Gemeinschaften und hilft beim Aufbau von Struk-
turen für eine künftige Zusammenarbeit in der krisengeschüttelten Balkan-
region. Auch auf anderen Gebieten wie dem Mittelmeerdialog des Bündnisses
werden die für eine künftige Zusammenarbeit unerlässlichen Grundlagen für
Offenheit und Verständigung gelegt.

Die wichtigsten Entwicklungen auf diesen entscheidenden Tätigkeitsge-


bieten des Bündnisses sind auf diesen Seiten dargestellt. Ebenfalls erläutert
wird der Anpassungsprozess, durch den wichtige Schritte zur Neugewichtung
der transatlantischen Partnerschaft - dem Herzstück der Zusammenarbeit
innerhalb des Bündnisses - ermöglicht werden. Dabei handelt es sich um eine
Aufgabe mit vielen Facetten, die zum einen Konsultationen und Zusammenar-
beit mit den beteiligten Institutionen zur Weiterentwicklung der Rolle Europas -
insbesondere der Westeuropäischen Union und nun zunehmend auch der
Europäischen Union - auf dem Gebiet der Verteidigung und Sicherheit umfasst,
und zum anderen praktische Maßnahmen zum Aufbau der operativen Fähig-
keiten mit einschließt, die benötigt werden, wenn dadurch die angestrebten
Verbesserungen für die europäische Sicherheit und die Stärkung der Zusam-
menarbeit mit dem Bündnis insgesamt verwirklicht werden sollen. Die Ent-
wicklung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI) und
die Umsetzung der Initiative zur Verteidigungsfähigkeit, die Auswirkungen für
das gesamte Bündnis hat, jedoch auch die ESVI stützt, sind wesentliche Ele-
mente der Agenda des Bündnisses. Ihre erfolgreiche Umsetzung steht im Mit-
telpunkt der Herausforderungen meines Amtes als Generalsekretär des Bünd-
nisses.

Es gibt nur einen Maßstab für den Erfolg all dieser Initiativen und Aktivitä-
ten - den Grad, in dem sie den Interessen der Bürger im euro-atlantischen
Raum insgesamt dienen. Nur wenn sie mehr Sicherheit, größere Stabilität und
bessere Mechanismen zur Krisenbewältigung hervorbringen, wird ihr Nutzen
anerkannt werden. Es besteht also eine immer größere Notwendigkeit dafür,
dass die entsprechenden Optionen und Entscheidungen einer breiten Öffent-
lichkeit in der NATO ebenso wie in ihren Partnerländern bekannt und ver-
ständlich sind. Andernfalls können die Regierungen längerfristig nur sehr
wenig erreichen. Sie haben also die Verantwortung sicherzustellen, dass die
im gemeinsamen nationalen Interesse verfolgte Politik zusammen mit den rele-
vanten Fakten, Zahlen und Argumentationen der öffentlichen Meinungsbildung
unterliegen.

Daher freue ich mich, dieses Buch all jenen zu empfehlen, die es als Infor-
mationsquelle nutzen können, und sie einzuladen, sich sowohl beruflich als
13
auch privat an der Diskussion zu beteiligen, die diese Themenkomplexe ver-
dienen. Im Prozess der Sicherung des besten und stabilsten Umfelds für die
künftige politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung unserer Länder gibt
es keine uneingeschränkten Wahrheiten, nur schwierige Entscheidungen. Die
richtigen Entscheidungen zu treffen, ist Sache der Regierungen, die aktive
Beteiligung am Diskussionsprozess und gegebenenfalls auch die Infragestel-
lung konventioneller Denkmuster ist jedoch Aufgabe der öffentlichen Meinung.
Organisationen wie die NATO müssen also bereit sein, möglichst umfassende
Informationen zur Verfügung zu stellen. Andernfalls besteht die Gefahr einer
unausgewogenen und irreführenden Erörterung dieser ernsten und komplexen
Fragen. Ich freue mich also, dieses Handbuch vorstellen zu können, und ich
bin überzeugt, dass ein besseres Verständnis der darin enthaltenen Informa-
tionen einen positiven Beitrag zu den öffentlichen Debatten und Überlegungen
leisten wird, denen Sicherheitsfragen ständig unterliegen müssen.

14
HINWEISE ZUM UMGANG MIT DIESEM
HANDBUCH
Teil I des Handbuchs beginnt mit einem Überblick über die Ursprünge des
Bündnisses und seine grundlegenden Sicherheitsaufgaben (Kapitel 1) sowie
einer Darlegung der Faktoren, die zusammen zur Entstehung des neuen
Sicherheitsumfelds seit dem Ende des Kalten Krieges beigetragen und den
daraus folgenden Wandel der NATO ermöglicht haben (Kapitel 2).

In den weiteren Kapiteln von Teil I wird zunächst die Öffnung des
Bündnisses durch den Erweiterungsprozess sowie durch multilaterale und bila-
terale Formen der Zusammenarbeit im Rahmen des Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrats, der Partnerschaft für den Frieden, des Mittelmeerdialogs,
der Grundakte über die Beziehungen zwischen der NATO und Russland sowie
der ausgeprägten Partnerschaft zwischen der NATO und der Ukraine (Kapitel 3)
erläutert. Des Weiteren werden die Entstehung der Europäischen Sicherheits-
und Verteidigungsidentität innerhalb des Bündnisses und die Intensivierung
entsprechender Formen der Zusammenarbeit - ursprünglich mit der
Westeuropäischen Union und neuerdings mit der Europäischen Union - dar-
gestellt (Kapitel 4) sowie die praktische operative Arbeit der NATO auf dem
Gebiet der Friedenserhaltung und der Rüstungskontrolle sowie die
Maßnahmen zur Nichtverbreitung von Massenvernichtungswaffen (Kapitel 5
und 6) dargelegt.

In Teil II des Handbuchs wird ausgeführt, wie innerhalb des Bündnisses


politische Grundsatzfragen ausformuliert und Entscheidungen getroffen wer-
den; weiterhin sind die verschiedenen Aufgaben der wichtigsten NATO-
Institutionen für Politik und Entscheidungsfindung zusammenfassend darge-
stellt (Kapitel 7). In den weiteren Kapiteln werden die Programme und
Aktivitäten behandelt, die die Hauptstützen für die Wirksamkeit des
Bündnisses auf den vielen verschiedenen Gebieten der Planung und
Zusammenarbeit darstellen, welche zusammen die heutige Sicherheitsagenda
bilden. Sie enthalten Angaben zu Logistik, Standardisierung, Kommunikation,
Rüstung, Luftverkehrsführung und Aktivitäten der Luftverteidigung, die den
Streitkräften der Mitgliedstaaten und der NATO-Partner gemeinsame
Operationen erst ermöglichen. Des Weiteren enthalten sie Informationen zu
Aktivitäten auf dem Gebiet der zivilen Notfallplanung und Katastrophenhilfe
sowie zur Zusammenarbeit in umwelt- und gesellschaftspolitischen Fragen
(Kapitel 8).

Unterstützt werden diese Programme und Aktivitäten durch die für


Informationsaustausch, Konsultationen und Entscheidungsprozesse notwendi-
gen organisatorischen Einrichtungen und Strukturen sowie administrative und
haushaltstechnische Aspekte der verschiedenen Bereiche. Kapitel 7 bis 14 des
15
Handbuchs enthalten daher Informationen zu den Verfahren, die eine
Entscheidungsfindung ermöglichen, zu den Mechanismen, denen die
Verwaltung der Ressourcen und der gemeinsam finanzierten Haushalte unter-
liegen, und zu den zivilen und militärischen Organisationen, Strukturen und
Dienststellen, die von der NATO eingerichtet wurden, um zu gewährleisten,
dass ihre Aufgaben in Übereinstimmung mit den von den Mitgliedstaaten
gemeinsam getroffenen Entscheidungen ausgeführt werden können.
Die Bedeutung der Arbeit anderer internationaler Organisationen auf dem
Gebiet der Sicherheit - unabhängig oder in Zusammenarbeit mit dem Bündnis
- sowie die einander stärkende Natur ihrer Aufgaben wird in Kapitel 15 darge-
stellt, in dem es um den größeren institutionellen Sicherheitsrahmen geht.
In Kapitel 16 schließlich werden drei weitere Einflüsse auf die Entwicklung
der Sicherheitspolitik beschrieben, nämlich die Nordatlantische Versammlung,
die auf internationaler Ebene eine Schnittstelle zwischen den legislativen und
den exekutiven Aspekten der Formulierung der Sicherheitspolitik in einzelnen
Mitglieds- und Partnerländern darstellt, die Vereinigung der Atlantischen
Gesellschaften, die verschiedene nichtstaatliche Organisationen, die an der
Information der nationalen Öffentlichkeiten über die Aufgaben und Grundsätze
der NATO beteiligt sind, zusammenbringt, sowie der Interalliierte Verband der
Reserveoffiziere, der entsprechende Aktivitäten von Reserveoffizieren in den
verschiedenen Mitgliedstaaten bündelt.
Gebräuchliche Abkürzungen und weitere Informationsquellen sind den
Anhängen 1 und 2 zu entnehmen.
Das NATO-Handbuch wird vom NATO-Presse- und Informationsdienst im
Auftrag des Generalsekretärs als Nachschlagewerk über die Allianz und ihre
Grundsätze herausgegeben. Die verwendeten Formulierungen spiegeln so
weit wie möglich den zwischen den Mitgliedstaaten bestehenden Konsens
wider, der die Grundlage aller Entscheidungen der Allianz darstellt. Das
Handbuch ist jedoch kein amtlich vereinbartes NATO-Dokument und bringt
daher nicht notwendigerweise die offizielle Auffassung oder Position einzelner
Regierungen der Mitgliedstaaten zu allen behandelten Fragen zum Ausdruck.
Weitere Informationen zur NATO sowie die offiziellen Kommuniqués und
Erklärungen des Nordatlantikrats sind der NATO-Website (www.nato.int) zu
entnehmen.

16
EINLEITUNG
DIE NATO HEUTE - VON ROM NACH WASHINGTON

Von Zeit zu Zeit finden anlässlich besonderer Ereignisse in der


Geschichte der NATO Gipfeltreffen auf Ebene der Staats- und
Regierungschefs des Bündnisses statt. Die Gegenwart von Premierministern
und Staatspräsidenten und ihre direkte Beteiligung an der Herbeiführung von
Konsensentscheidungen steigern die Wirkung solcher Treffen in der Öffent-
lichkeit und verleihen ihnen größere historische Bedeutung.
1991 bestimmte der tief greifende Wandel des internationalen
Sicherheitsumfelds, der sich Ende der 80er Jahre abspielte, die Form der
neuen NATO, die im Laufe der darauf folgenden Jahre entstehen sollte. Das
erste einer Reihe von vier Gipfeltreffen, in denen der Kurs für die Anpassung
der Allianz während des darauffolgenden Jahrzehnts abgesteckt wurde, fand
im November 1991 in Rom statt. Diesem folgte ein weiteres Gipfeltreffen im
Januar 1994 in Brüssel sowie zwei weitere entscheidende Treffen in Madrid im
Juli 1997 und in Washington im April 1999.
Die auf diesen Treffen eingeleiteten Initiativen wurde auf häufigen Treffen
der Außen- und Verteidigungsminister in den dazwischen liegenden
Zeiträumen weiterverfolgt. Insbesondere das Treffen der Außenminister im por-
tugiesischen Sintra im Mai 1997 leitete Schritte zur Ausweitung der
Sicherheitszusammenarbeit sowie zur Bereitstellung geeigneter Strukturen zur
Lenkung dieses Prozesses ein.

DAS GIPFELTREFFEN VON ROM - NOVEMBER 1991

In dem von den NATO-Staats- und Regierungschefs im November 1991


in Rom verabschiedeten Strategischen Konzept wurde eine Rahmenstruktur
für einen breit angelegten sicherheitspolitischen Ansatz auf der Grundlage von
Dialog, Zusammenarbeit und der Aufrechterhaltung einer kollektiven
Verteidigungsfähigkeit vorgestellt. Darin wurden politische und militärische
Elemente der NATO-Sicherheitspolitik zu einem ausgewogenen Ganzen
zusammengefügt und die Zusammenarbeit mit neuen Partnern in Mittel- und
Osteuropa zum festen Bestandteil der Bündnisstrategie erklärt. Das Konzept
sah eine verminderte Abhängigkeit von Nuklearwaffen sowie wesentliche
Veränderungen bei den integrierten NATO-Streitkräften vor, darunter erhebli-
17
che Reduzierungen in deren Stärke und Bereitschaftsgrad, Verbesserungen
ihrer Beweglichkeit, Flexibilität sowie Anpassungsfähigkeit an verschiedene
Eventualfälle und verstärkter Einsatz multinationaler Kräfte. Es wurden auch
Maßnahmen zur Straffung der militärischen Kommandostruktur der NATO und
zur Anpassung der Verteidigungsplanung des Bündnisses insbesondere an
künftige Anforderungen zur Krisenbewältigung und Friedenserhaltung getrof-
fen.

Auf dem Gipfeltreffen von Rom gaben die Staats- und Regierungschefs
der Bündnisstaaten außerdem eine Erklärung über Frieden und
Zusammenarbeit ab, in der die künftigen Aufgaben und Grundsätze der NATO
im institutionellen Gesamtrahmen der künftigen Sicherheit Europas und als Teil
der sich abzeichnenden partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit den mittel-
und osteuropäischen Staaten (MOE) definiert wurden. Sie unterstrich die
Bereitschaft des Bündnisses, Reformbemühungen in den Staaten Mittel- und
Osteuropas zu unterstützen, bot ihnen praktische Hilfe zur erfolgreichen
Bewältigung des schwierigen Übergangs an und lud sie ein, sich in geeigneten
Foren des Bündnisses aktiv zu beteiligen; außerdem stellte sie ihnen
Erfahrung und Fachwissen des Bündnisses auf politischer, militärischer, wirt-
schaftlicher und wissenschaftlicher Ebene zur Verfügung. Zur Koordinierung
der künftigen Entwicklung dieser Partnerschaft wurde der Nordatlantische
Kooperationsrat (NAKR) gegründet.

Seit der Veröffentlichung der Erklärung von Rom wurden auf den
Sitzungen der Außen- und Verteidigungsminister und durch den Ständigen
NATO-Rat zusätzliche Maßnahmen zur Förderung des Prozesses der
Anpassung und des Wandels des Bündnisses getroffen. Drei
Tätigkeitsbereiche sollten besonders erwähnt werden: Der institutionelle politi-
sche Rahmen, der zur Gestaltung der Beziehungen zwischen NATO und
Kooperationspartnern in Mittel- und Osteuropa geschaffen wurde, die
Entwicklung der Zusammenarbeit auf verteidigungspolitischem und militäri-
schem Gebiet sowie die Rolle der NATO zur Krisenbewältigung und
Friedenserhaltung.

Erstens zum institutionellen Rahmen: Hier war das erste wichtige Ereignis
das konstituierende Treffen des Nordatlantischen Kooperationsrats am 20.
Dezember 1991, an dem die Außenminister der NATO-Länder und Vertreter
von sechs MOE-Staaten sowie der drei baltischen Staaten teilnahmen. Der
NAKR sollte die Zusammenarbeit in der Sicherheitspolitik und damit zusam-
menhängenden Fragen zwischen den Teilnehmerstaaten auf allen Ebenen
erleichtern und die Herausbildung engerer institutioneller Bindungen sowie
informeller Kontakte zwischen ihnen koordinieren. Die elf Staaten auf dem
Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, die damals die Gemeinschaft
Unabhängiger Staaten (GUS) bildeten, schlossen sich im März 1992 diesem

18
Prozess an. Georgien und Albanien traten im April bzw. Juni 1992 bei, und
1997, als der NAKR durch den Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat (EAPR)
ersetzt wurde, zählte der NAKR 22 Kooperationspartner. Die Zusammenarbeit
im Rahmen des NAKR basierte ursprünglich auf jährlich erstellten
Arbeitsplänen; seit 1995 decken diese Pläne jedoch einen Zeitraum von zwei
Jahren ab. Der Euro-Atlantische Partnerschaftsrat hat diesen Prozess durch
die Erarbeitung eines EAPR-Aktionsplans für die Jahre 1998-2000, der als
Grundlage seiner künftigen Arbeit dienen soll, einen weiteren Schritt vorange-
bracht.

Zweitens: Was den verteidigungspolitischen und militärischen Bereich


angeht, trafen sich die NATO-Verteidigungsminister am 1. April 1992 zum
ersten Mal mit den Kooperationspartnern, um Möglichkeiten zur Vertiefung des
Dialogs und Förderung der Zusammenarbeit in unter ihre Zuständigkeit fallen-
den Fragen zu prüfen. Der Militärausschuss hielt seine erste Sitzung im koope-
rativen Rahmen am 10. April 1992 ab. Regelmäßige Sitzungen mit
Kooperationspartnern fanden sowohl auf Verteidigungsministerebene als auch
unter dem Dach des Militärausschusses statt. Neben diesen multilateralen
Zusammenkünften entwickelten sich bilaterale Kontakte und
Kooperationsvorhaben zwischen Verteidigungsministerien und auf militäri-
scher Ebene.

Drittens: Vor dem Hintergrund der Krise im ehemaligen Jugoslawien und


andernorts richtete sich die Aufmerksamkeit zunehmend auf die Rolle der
NATO bei der Krisenbewältigung und Friedenserhaltung, insbesondere auf ihre
Unterstützung friedenserhaltender Maßnahmen der Vereinten Nationen im
ehemaligen Jugoslawien. Die wichtigsten Initiativen der NATO auf diesem
Gebiet werden in Kapitel 5 beschrieben.

Die Konsultation und Zusammenarbeit im NAKR war breit gefächert, kon-


zentrierte sich jedoch hauptsächlich auf politische und sicherheitsrelevante
Themen: Friedenserhaltung, Lösungsansätze für Rüstungskontrolle und
Abrüstung, Fragen im Zusammenhang mit der Rüstungsplanung und militäri-
schen Angelegenheiten, demokratische Konzepte der zivil-militärischen
Beziehungen, Umstellung der Rüstungsproduktion auf zivilorientierte
Produktionsvorhaben, Verteidigungsausgaben und Verteidigungshaushalt,
Zusammenarbeit auf wissenschaftlichem Gebiet, verteidigungsbedingte
Umweltfragen, Weitergabe von Informationen über die NATO in den
Kooperationspartnerländern, Konsultation im Rahmen der Grundsatzplanung
und zivile/militärische Luftverkehrsführung.
19
DAS BRÜSSELER GIPFELTREFFEN - JANUAR 1994
Im Januar 1994 begründete die NATO auf dem Gipfeltreffen des
Nordatlantikrats in Brüssel eine entscheidende neue Initiative zur Stärkung von
Stabilität und Sicherheit in ganz Europa. Der NAKR und weitere Staaten wur-
den eingeladen, sich mit der NATO an einem neuen und weit reichenden
Kooperationsprogramm, der Partnerschaft für den Frieden (PfP), zu beteiligen.
Diese Partnerschaft hat sich seitdem zu einer wesentlichen
Sicherheitskomponente im europäisch-atlantischen Raum entwickelt und
nimmt heute in der NATO eine zentrale Stellung ein. Die Einladung zur
Partnerschaft für den Frieden richtete sich an alle Länder des Nordatlantischen
Kooperationsrates (NAKR) sowie an die Länder der Konferenz über Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die einen Beitrag zum Programm lei-
sten konnten und wollten. Die Aktivitäten der einzelnen Partner basieren auf
gemeinsam erarbeiteten individuellen Partnerschaftsprogrammen. Der
Umfang und die Ziele der Partnerschaft sowie deren Entwicklung und
anschließende Ausweitung sind in Kapitel 3 beschrieben.

Im Mai 1997 ging in Sintra aus dem NAKR der Euro-Atlantische


Partnerschaftsrat (EAPR) hervor, der eine neue Phase der Zusammenarbeit
einleiten sollte. Die Grundsätze des EAPR wurden in enger Zusammenarbeit
zwischen der Allianz und ihren Partnerländern entwickelt und sind im EAPR-
Grundlagendokument festgeschrieben.

Die Annahme des EAPR-Grundlagendokuments signalisierte die


Entschlossenheit der zu diesem Zeitpunkt 44 teilnehmenden Länder, die
Qualität der politischen und militärischen Zusammenarbeit untereinander auf
ein neues Niveau zu heben. Das Dokument bekräftigte die gemeinsame
Verpflichtung der Mitgliedstaaten, Frieden und Stabilität im euro-atlantischen
Raum zu stärken und auszubauen. Die gemeinsamen Werte und Grundsätze,
die dieser Verpflichtung zugrunde liegen, sind im Rahmendokument der
Partnerschaft für den Frieden (PfP) dargelegt (siehe NATO-Handbuch -
Dokumentation, separat herausgegeben). Der EAPR bietet den allgemeinen
Rahmen für politische und sicherheitsbezogene Konsultationen sowie für eine
verbesserte Zusammenarbeit unter dem Dach der Partnerschaft für den
Frieden.

Im Dezember 1997 beschloss der EAPR einen Aktionsplan, der den


Wunsch der EAPR-Mitglieder widerspiegelte, die Partnerschaft zwischen ihnen
zu stärken und effektiver zu gestalten. Eines der dem Aktionsplan zugrunde lie-
genden Ziele bestand darin, die politische und sicherheitsbezogene
Konsultation und Zusammenarbeit innerhalb des EAPR weiter zu verstärken
und zu vertiefen sowie die Transparenz unter den 44 teilnehmenden Ländern
zu erhöhen. Die Außenminister der EAPR-Länder stimmten weiterhin der

20
Einrichtung einer Euro-Atlantischen Koordinierungszentrale für Katastrophen-
hilfe (EADRU) und einer Euro-Atlantischen Katastrophenhilfsorganisation
(EADRU) zu.

Der EAPR bietet ein Forum für ergebnisorientierte, multilaterale


Konsultationen, eine verbesserte praktische Zusammenarbeit, intensiveren
Austausch und eine stärkere Zusammenarbeit in regionalen Angelegenheiten
sowie für eine höhere Transparenz und mehr Vertrauen in Sicherheitsfragen
zwischen allen EAPR-Mitgliedstaaten.

Zwei wichtige Grundsätze liegen dem Erfolg der Zusammenarbeit zwi-


schen NATO-Mitgliedstaaten und Partnerländern sowohl bei der Partnerschaft
für den Frieden als auch innerhalb des EAPR zugrunde. Erstens Offenheit: Die
Möglichkeiten zu politischer Konsultation und praktischer Zusammenarbeit ste-
hen allen Mitgliedstaaten und Partnern gleichermaßen offen. Zweitens
Wahlfreiheit: Jeder Partner kann den Umfang und die Bereiche seiner
Zusammenarbeit mit der Allianz selbst bestimmen. Entsprechend diesen
Grundsätzen kann der EAPR im Plenum oder in kleinerem Rahmen unter
Beteiligung der Mitgliedstaaten des Bündnisses und offenen Gruppen der
Partnerländer zusammenkommen, um sich praktischen Fragen oder aktuell
auftretenden regionalen Fragestellungen zu widmen. Die Anzahl gemeinsamer
Aktivitäten unter EAPR-Schirmherrschaft hat sich ebenfalls erhöht. Auf der
Basis der Grundsätze von Offenheit und Wahlfreiheit fanden weitere Aktivitäten
zu wehrwirtschaftlichen Themen, Wissenschaft, verteidigungsbezogenen
Umweltfragen, Zusammenarbeit bei der Friedenserhaltung und zur
Vorbereitung auf zivile Notfälle statt.

Die Partnerschaft für den Frieden bleibt in ihrer erweiterten Form ein klar
erkennbarer Bestandteil praktischer Zusammenarbeit in verteidigungsbezoge-
nen und militärischen Fragen im flexiblen Rahmen des EAPR. Die meisten
Partnerländer haben außerdem diplomatische Vertretungen bei der NATO ein-
gerichtet, die entscheidend zur Kommunikation und zu Kontakten in allen
genannten Bereichen beitragen.

DAS MADRIDER GIPFELTREFFEN - JULI 1997


Das Madrider Gipfeltreffen vom Juli 1997 war ein entscheidendes
Ereignis, bei dem wichtige Initiativen, die das Bündnis in den vorangegange-
nen fünf oder sechs Jahren eingeleitet hatte, zum Abschluss gebracht wurden.
Gleichzeitig markierte dieses Treffen den Übergang in eine neue und schwie-
rige Phase der Entwicklung der NATO, in der sich die zur Anpassung an die
veränderten Gegebenheiten eingeführten neuen Strukturen und Grundsätze in
der Praxis bewähren mussten. Die Aufgabe der Staats- und Regierungschefs
21
in Madrid bestand also darin, die wichtigsten Komponenten der künftigen
Bündnispolitik zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufügen und deren
Gesamtintegrität und Kohärenz sicherzustellen.
Wie weit sich das Bündnis der internen und externen Anpassung ver-
schrieben hat, wurde auf dem Madrider Gipfel durch weitere konkrete und weit
reichende Maßnahmen auf allen wichtigen Gebieten deutlich: Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen mit Polen, der Tschechischen Republik und Ungarn
sowie Bestätigung der „Politik der offenen Tür” in Bezug auf künftige Beitritte,
Stärkung der Partnerschaft für den Frieden und Einrichtung eines neuen
Forums in Gestalt des EAPR zur Förderung der Zusammenarbeit, Einleitung
eines völlig neuen Kapitels in den Beziehungen zwischen der NATO und
Russland, Formalisierung einer verstärkten Partnerschaft mit der Ukraine,
Intensivierung des Dialogs mit den Mittelmeerländern, Fortschritte bei der
Entwicklung einer Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität inner-
halb des Bündnisses und Definition der grundlegend reformierten militärischen
Kommandostruktur der NATO. Dieser überaus umfangreiche Themenkatalog
steht für eine NATO, die die neuen Herausforderungen anzunehmen imstande
ist, ohne dabei ihre traditionellen Aufgaben aufs Spiel zu setzen, und die ihre
Zukunft auf ihre in der Vergangenheit unter Beweis gestellte Fähigkeit zur
Anpassung an sich ständig verändernde Sicherheitserfordernisse gründet.

DAS WASHINGTONER GIPFELTREFFEN - APRIL 1999


Vom 23. bis zum 25. April 1999 hielt die NATO das 15. Gipfeltreffen ihres
50-jährigen Bestehens in Washington DC ab. Der Gipfel fand während einer
außergewöhnlichen Phase in der Geschichte der NATO inmitten der
Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Bündnisses statt, die im Schatten der
beispiellosen NATO-Luftangriffe zur Beendigung der kriegerischen
Auseinandersetzungen im Kosovo standen. Obwohl die Kosovo-Krise notwen-
digerweise einen Großteil der Aufmerksamkeit des Gipfels beanspruchte,
gaben die NATO-Staats- und Regierungschefs ihre Zustimmung zu einer
Vielzahl weiterer Programme und Ziele mit langfristigen Konsequenzen für das
Bündnis.
Mit den in Washington erreichten Zielen wurde das Versprechen einge-
löst, das zwei Jahre zuvor auf dem Madrider Gipfeltreffens abgegeben worden
war. In Madrid hatte das Bündnis die Tschechische Republik, Ungarn und
Polen zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen eingeladen und versprochen,
dass die Tür auch für weitere Länder geöffnet bleibe. In Washington saßen die
Regierungschefs dieser drei Länder erstmals mit am Tisch, und das Bündnis
stellte eine Initiative vor, mit denen anderen interessierten Ländern in Zukunft
die Vorbereitung auf eine mögliche Mitgliedschaft erleichtert werden sollte.

22
„Die drei neuen Bündnispartner werden nicht die letzten sein”, erklärten die
Staats- und Regierungschefs des Bündnisses im Kommuniqué zum
Washingtoner Gipfeltreffen.
In Madrid hatten sich die NATO-Staats- und Regierungschefs für eine
Stärkung der Partnerschaft für den Frieden sowie sämtlicher
Partnerschaftsaktivitäten des Bündnisses ausgesprochen; in Washington stell-
ten sie die auf diesem Gebiet erzielten Fortschritte heraus und präsentierten
neue Initiativen zur Fortsetzung dieser Vorhaben. In Madrid hatten die NATO-
Staats- und Regierungschefs eine Überprüfung des Strategischen Konzepts
(im Wesentlichen die Festschreibung der Grundsatzorientierung für die
Aufgaben der Allianz sowie der entsprechenden Mittel) angefordert; in
Washington wurde ein neues Strategisches Konzept verabschiedet, das das
veränderte euro-atlantische Sicherheitsumfeld zum Ende des 20. Jahrhunderts
widerspiegelt. In Madrid hatten NATO und Ukraine eine Charta über eine aus-
geprägte Partnerschaft unterzeichnet; in Washington fand das erste
Gipfeltreffen der NATO-Staats- und Regierungschefs mit dem Präsidenten der
Ukraine statt, in dessen Rahmen die Bedeutung der Ukraine für die Sicherheit
und Stabilität im euro-atlantischen Raum bestätigt wurde.
Die Arbeiten des Washingtoner Gipfeltreffens sind im Kommuniqué zum
Washingtoner Gipfeltreffen und im Strategischen Konzept umfassend doku-
mentiert. Das Kommuniqué enthält eine Beschreibung der Hauptthemen des
Gipfels und des Bündnisses zu diesem entscheidenden Zeitpunkt seiner
Geschichte. Das Strategische Konzept rüstet die Allianz für die sicherheitspo-
litischen Herausforderungen und Chancen des 21. Jahrhunderts und bietet
eine Richtschnur für ihre künftige politische und militärische Entwicklung.
Die konkreten Ergebnisse des Gipfels - in Form von Entscheidungen und
Programmen - bereiteten die Allianz auf den Eintritt ins 21. Jahrhundert vor. Im
Strategischen Konzept wurde anerkannt, dass sich das euro-atlantische
Sicherheitsklima im Laufe der vorangegangenen zehn Jahre drastisch verän-
dert hat, gleichzeitig wurde aber auch eingeräumt, dass „jedoch auch kom-
plexe neue Risiken für euro-atlantischen Frieden und Stabilität aufgetreten
[sind], einschließlich Unterdrückung, ethnischer Konflikte, wirtschaftlicher Not,
des Zusammenbruchs politischer Ordnungen sowie der Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen”. Das neue Strategische Konzept definierte die
Ziele und Aufgaben des Bündnisses für die Zukunft und brachte die
Entschlossenheit seiner Mitglieder zum Ausdruck, die notwendigen militäri-
schen Kapazitäten zum Erreichen sämtlicher Aufgabenstellungen der Allianz
aufrechtzuerhalten.
Ein wichtiges Merkmal für den Wandel in der Haltung der NATO ist die
Entwicklung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI)
innerhalb des Bündnisses. Anlässlich des Washingtoner Gipfeltreffens begrüß-
23
ten die Staats- und Regierungschefs der Allianz die bislang erzielten
Fortschritte und riefen zur Fortsetzung der Arbeiten zur Verwirklichung der
ESVI auf. Die NATO hat zudem eine Initiative zur Verteidigungsfähigkeit ins
Leben gerufen, die zu mehr Mobilität, Kompatibilität, Leistungsfähigkeit und
Effektivität der Bündnisstreitkräfte beitragen soll. Ebenso hat die Allianz Ände-
rungen der integrierten militärischen Kommandostruktur vorgenommen, die
das geänderte Sicherheitsumfeld widerspiegeln. Diese Veränderungen sollen
die NATO in die Lage versetzen, ihre Einsätze wirksamer durchzuführen.

Das Kommuniqué zum Washingtoner Gipfel umriss eine weitere neue


Initiative des Bündnisses zu Massenvernichtungswaffen (MVW). Das Hauptziel
der NATO hinsichtlich dieser destruktiven Waffen ist es, ihre „Proliferation zu
verhindern, oder, falls sie geschieht, durch diplomatische Mittel rückgängig zu
machen”. Um den Herausforderungen einer Verbreitung wirksamer begegnen
zu können, hat die NATO beim internationalen Stab des NATO-Hauptquartiers
ein Zentrum gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen eingerich-
tet. Dieses Zentrum soll einen integrierten politisch-militärischen Ansatz koor-
dinieren, indem die Diskussion und das Verständnis für MVW-Fragen bei der
NATO gefördert, vorhandene Programme zur Erhöhung der militärischen
Einsatzbereitschaft in MVW-Umgebungen verbessert und der
Informationsaustausch zu MVW-Vernichtungshilfsprogrammen zwischen
Bündnisländern intensiviert werden.

Gleichzeitig mit der Begrüßung der drei neuen Mitglieder auf ihrem ersten
Gipfeltreffen betonten die NATO-Staats- und Regierungschefs, dass die Tür
auch anderen Ländern weiterhin offen stehe. Im Rahmen des Gipfels wurde
ein Aktionsplan zur Mitgliedschaft, die „praktische Umsetzung der Politik der
offenen Tür”, vorgestellt. Beim Aktionsplan zur Mitgliedschaft handelt es sich
um ein Programm, aus dem interessierte Länder auf Grundlage nationaler
Entscheidungen und den eigenen Bedürfnissen entsprechend bestimmte
Aktivitäten auswählen können. Das Programm deckt fünf Bereiche ab: politi-
sche und wirtschaftliche Fragen, verteidigungspolitische/militärische Fragen,
Ressourcen, sicherheitspolitische und rechtliche Fragen. Die NATO betont,
dass das Programm nicht als Kriterienliste für die Mitgliedschaft zu betrachten
ist und dass die aktive Beteiligung an der PfP und dem EAPR für Länder, die
an einer möglichen künftigen Mitgliedschaft interessiert sind, weiterhin ent-
scheidende Bedeutung hat. Entscheidungen über die Mitgliedschaft würden
jedoch auf Einzelfallbasis in Übereinstimmung mit der Erklärung zum Madrider
Gipfeltreffen und der Erklärung zum Washingtoner Gipfeltreffen gefällt.

Im Anschluss an das Treffen auf Gipfelebene des Nordatlantikrats kamen


in Washington auch die Staats- und Regierungschefs bzw. Vertreter der
Mitgliedstaaten des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats zusammen. Die
EAPR-Staats- und -Regierungschefs besprachen die Lage im Kosovo und ver-

24
liehen ihrer Unterstützung für die Forderungen der internationalen
Gemeinschaft sowie ihrem Abscheu vor der von Gewalt, Unterdrückung und
ethnischen Säuberungen bestimmten Politik, die im Kosovo von den Behörden
der Bundesrepublik Jugoslawien ausgeübt wurde, Ausdruck. Die Staats- und
Regierungschefs gaben ihre Bereitschaft zur Unterstützung für ein weit rei-
chendes Sicherheitsfundament sowie wirtschaftsfördernde und demokratie-
bidende Maßnahmen in Südosteuropa bekannt. Sie verabschiedeten zudem
einen Bericht mit dem Titel „Auf dem Weg zu einer Allianz für das 21.
Jahrhundert - Die vertiefte und operativere Partnerschaft”, der darauf abzielte,
die Fähigkeit des Bündnisses und seiner Partner zur künftigen
Zusammenarbeit zu verbessern.
Obwohl Russland die Teilnahme am Washingtoner Gipfeltreffen ange-
sichts der Geschehnisse in Jugoslawien ablehnte, bekräftigten die Staats- und
Regierungschefs der NATO ihr Engagement für eine Partnerschaft mit
Russland im Rahmen der NATO-Russland-Grundakte. Sie unterstrichen auch
die Tatsache, dass enge Beziehungen zwischen der NATO und Russland von
gegenseitigem Interesse sind und große Bedeutung für die Stabilität und
Sicherheit im euro-atlantischen Raum haben.
Erstmals fand auch ein gemeinsames Gipfeltreffen der NATO-Staats- und
Regierungschefs mit dem Präsidenten der Ukraine statt. Beide Seiten begrüß-
ten die im Rahmen der Ausgeprägten Partnerschaft erzielten Fortschritte und
besprachen verschiedene euro-atlantische Sicherheitsfragen.
Im Kommuniqué zum Washingtoner Gipfel wurde die Bedeutung des
NATO-Mittelmeerdialogs als integraler Bestandteil der gemeinsamen
Sicherheitsbemühungen der Allianz bekräftigt. Die NATO-Staats- und
-Regierungschefs beauftragten die Allianz, eine rasche Umsetzung der
Intensivierung der im Rahmen des Dialogs eingeleiteten Kooperation auf poli-
tischer und praktischer Ebene voranzutreiben.
Die auf dem Washingtoner Gipfeltreffen erzielten Ergebnisse waren
sowohl praktischer als auch konzeptioneller Art und stellten die Früchte meh-
rerer Jahre Arbeit dar. Sie spiegelten auch die unmittelbaren Prioritäten der
NATO-Mitgliedstaaten wider, insbesondere die Notwendigkeit einer
Beendigung des Kosovo-Konflikts und die Wiederherstellung der Rechte der
Einwohner des Kosovo.

BEENDIGUNG DES KOSOVO-KONFLIKTS


Am Abend des 9. Juni 1999 wurde eine Militärisch-Technische
Vereinbarung zwischen der NATO und der Bundesrepublik Jugoslawien
geschlossen. Entsprechend der Vereinbarung zwischen der jugoslawischen
25
Regierung und den Sonderbevollmächtigten der Europäischen Union und
Russlands vom 3. Juni sah die Militärisch-Technische Vereinbarung insbeson-
dere den sofortigen Abzug der jugoslawischen Sicherheitskräfte aus dem
Kosovo vor.

Am 10. Juni 1999 konnte NATO-Generalsekretär Javier Solana die


Einstellung der Luftschläge gegen Jugoslawien bekannt geben. Am selben Tag
verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Resolution 1244,
in der die Annahme der Grundsätze für eine politische Lösung einschließlich
einer sofortigen Beendigung von Gewaltanwendung und eines schnellen
Abzugs des jugoslawischen Militärs, der Polizei und paramilitärischer Kräfte
durch Jugoslawien begrüßt wurde. In der Resolution wurde auch die
Einrichtung einer „internationalen Präsenz von Zivil- und Sicherheitskräften im
Kosovo” unter der Schirmherrschaft der VN angekündigt. Die NATO-geführte
Kosovo-Schutztruppe (KFOR), die zur Erfüllung der sicherheitstechnischen
Aufgaben dieses Mandats aufgestellt wurde, traf am 12. Juni im Kosovo ein
und beendete ihren ersten Einsatz bis zum 20. Juni. Näheres zu diesen
Ereignissen ist Kapitel 5 zu entnehmen.

Nach Beendigung des Kosovo-Konflikts waren die dringlichsten Punkte


auf der Agenda des Bündnisses die Umsetzung der Vereinbarung zur
Beendigung des Konflikts, die Wiederherstellung des Friedens, die Rückkehr
der Flüchtlinge und der Schutz der Einwohner des Kosovo ungeachtet ihrer
ethnischen Zugehörigkeit. Die Zusammenarbeit von Truppen aus NATO-
Ländern, Russland, der Ukraine und vielen anderen Nicht-NATO-
Mitgliedstaaten zur Erreichung dieser Ziele profitierte in hohem Maße von den
Erfahrungen aus dem fortgesetzten Einsatz der Stabilisierungstruppe (SFOR)
in Bosnien und Herzegowina. Viele der beteiligten Länder waren auch aktive
Teilnehmer der NATO-Partnerschaft für den Frieden - ein Faktor, der wesent-
lich dazu beigetragen hat, dass die multinationalen Kräfte eine so bedeutende
Rolle bei der Schaffung einer Basis für die künftige Stabilität in dieser Region
spielen konnten.

In den darauf folgenden Monaten machte sich der Einfluss des Kosovo-
Konflikts auch in der Umsetzung einer Reihe der anlässlich des Washingtoner
Gipfeltreffens im April 1999 vorgestellten Initiativen und späteren
Entscheidungen der Allianz bemerkbar. Insbesondere erhielten dadurch die
Pläne zur Schaffung einer stärkeren Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität und zum Aufbau europäischer Kapazitäten, die für
Interventionen zur Krisenbewältigung und Friedenssicherung im Falle künftiger
Konflikte geeignet sind, in die die Allianz als Ganzes möglicherweise nicht
involviert ist, zusätzlichen Auftrieb. Dieser Prozess ist in Kapitel 4 dargestellt.

26
NEUER GENERALSEKRETÄR

Im März 2000, ein Jahr nach der NATO-Intervention im Kosovo, gab der
neue NATO-Generalsekretär Lord Robertson einen Bericht heraus, in dem die
mit Hilfe der Militäroperation und des Einsatzes der KFOR erzielten Ergebnisse
zusammengefasst und die noch verbleibenden Herausforderungen umrissen
wurden.
Der ehemalige Verteidigungsminister des Vereinigten Königreichs Lord
Robertson trat sein Amt als NATO-Generalsekretär am 14. Oktober 1999 an.
An seinem ersten Tag in diesem Amt stellte er die Prioritäten des Bündnisses
für die kommenden Monate aus seiner Sicht dar und legte dabei den beson-
deren Schwerpunkt auf drei Bereiche, die sofortiger Maßnahmen bedurften
und von langfristiger Bedeutung für die Allianz waren.
Zunächst muss die NATO uneingeschränkt ihre Aufgaben zur
Stabilisierung des Balkans im Anschluss an die Kosovo-Krise übernehmen und
gewährleisten, dass die friedenserhaltenden Missionen der NATO sowohl in
Bosnien und Herzegowina als auch im Kosovo schnellstmöglich die
Bedingungen für einen nachhaltigen Frieden schaffen.
Zum Zweiten unterstrich er die Erfordernis, die Rolle Europas in der NATO
zu stärken, und bezeichnete dies als dringende Notwendigkeit, wenn die NATO
auch in Zukunft ihre frühere Stärke beibehalten solle. Die Allianz muss gute,
wirksame und effiziente Verbindungen zur Europäischen Union aufbauen, die
ebenfalls ihre Rolle auf diesem Gebiet stärkt. Mit der Aussage „mehr Europa in
der NATO heißt nicht weniger Nordamerika” betonte Lord Robertson die
Tatsache, dass die transatlantische Beziehung weiterhin der Schlüssel für die
Wirksamkeit der NATO bleibt und ohne starke transatlantische Bindung keine
echte Stabilität in Europa und kein Schutz seiner demokratischen Werte gege-
ben sein kann.
Den dritten Schwerpunkt legte er auf die unmittelbare Priorität des
Aufbaus engerer Beziehungen zwischen der NATO und Russland und verwies
auf die Wiederaufnahme der Treffen des Ständigen Gemeinsamen NATO-
Russland-Rats als eine außerordentlich positive Entwicklung in diesem
Prozess.
In dieser Ausgabe des NATO-Handbuchs wird die Entwicklung der NATO-
Politik auf diesen und anderen Tätigkeitsfeldern der Allianz beschrieben. Zu
leichteren Handhabung wurde das Buch in zwei Teile gegliedert, von denen der
erste die Zusammenarbeit auf bestimmten Gebieten zur Förderung der Ziele
der Allianz beschreibt und einen Überblick über den Kontext der politischen
Entwicklung gibt, und der zweite die entsprechenden Verfahren und Strukturen
27
darlegt, die eingerichtet wurden, um den Informationsaustausch, die
Konsultation, die Entscheidungsfindung und die operativen Aufgaben, die für
diesen Prozess von grundlegender Bedeutung sind, zu ermöglichen.

28
TEIL I

KAPITEL 1

WAS IST DIE NATO?

Die Ursprünge des Bündnisses


Grundlegende Sicherheitsaufgaben
WAS IST DIE NATO?

DIE URSPRÜNGE DES BÜNDNISSES


Zwischen 1945 und 1949 beobachteten die westeuropäischen Staaten
und ihre nordamerikanischen Verbündeten, die mit dem dringend notwendigen
Wiederaufbau ihrer Wirtschaft beschäftigt waren, mit Besorgnis die auf
Expansion ausgerichtete Politik und Strategie der UdSSR. Bei den westlichen
Regierungen, die ihre Versprechen aus der Kriegszeit erfüllt und daher ihre
Verteidigungsstrukturen abgebaut und ihre Streitkräfte demobilisiert hatten,
wuchs die Sorge, als klar wurde, dass die sowjetische Führung beabsichtigte,
ihre eigenen Streitkräfte auf voller Kriegsstärke zu halten. Außerdem war es
angesichts der erklärten ideologischen Ziele der sowjetischen kommunisti-
schen Partei offenkundig, dass Appelle zur Einhaltung der Charta der
Vereinten Nationen und der bei Kriegsende getroffenen internationalen
Vereinbarungen nicht ausreichen würden, die nationale Souveränität oder
Unabhängigkeit demokratischer Staaten bei einer drohenden Aggression von
außen oder einer Subversion von innen zu gewährleisten. Diese
Befürchtungen wurden durch die Zwangseinführung undemokratischer
Herrschaftsformen, die Unterdrückung jeder wirklichen Opposition und die
Verweigerung grundlegender Menschen- und Bürgerrechte und Freiheiten in
vielen Ländern Mittel- und Osteuropas und in anderen Regionen der Welt wei-
ter verstärkt.

Zwischen 1947 und 1949 spitzte sich die Lage aufgrund einer Reihe dra-
matischer politischer Ereignisse weiter zu. Dazu gehörten die unmittelbare
Bedrohung der Souveränität Norwegens, Griechenlands, der Türkei und ande-
rer westeuropäischer Staaten, der Staatsstreich in der Tschechoslowakei vom
Juni 1948 und die im April desselben Jahres begonnene widerrechtliche
Blockade Berlins. Die Unterzeichnung des Brüsseler Vertrags im März 19481
zeigte die Entschlossenheit von fünf westeuropäischen Staaten - Belgiens,
Frankreichs, Luxemburgs, der Niederlande und des Vereinigten Königreichs -,
ein gemeinsames Verteidigungssystem zu errichten und ihre gegenseitigen
Bindungen so zu festigen, dass sie künftig ideologischen, politischen und
militärischen Bedrohungen ihrer Sicherheit würden Einhalt gebieten können.

1 Der 1984 überarbeitete Brüsseler Vertrag von 1948 war der erste nach dem Krieg vollzogene Schritt
zur Wiederherstellung der Sicherheit in Westeuropa und führte zur Entstehung der Westunion und
der Brüsseler Vertragsorganisation. Gleichzeitig war er der erste Schritt auf dem Wege zur
Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags im Jahr 1949 und zur Gründung des Nordatlantischen
Bündnisses. Der Brüsseler Vertrag ist das Gründungsdokument der heutigen Westeuropäischen
Union (WEU).

31
Es folgten Verhandlungen mit den Vereinigten Staaten und Kanada über
die Schaffung einer großen nordatlantischen Allianz auf der Grundlage von
Sicherheitsgarantien und gegenseitigen Verpflichtungen zwischen Europa und
Nordamerika. Dänemark, Island, Italien, Norwegen und Portugal wurden von
den Partnern des Brüsseler Vertrags eingeladen, sich an diesem Prozess zu
beteiligen. Die Verhandlungen führten schließlich im April 1949 zur
Unterzeichnung des Vertrags von Washington und damit zur Schaffung eines
gemeinsamen Sicherheitssystems auf der Grundlage einer Partnerschaft zwi-
schen diesen zwölf Staaten. 1952 traten Griechenland und die Türkei dem
Vertragswerk bei. Die Bundesrepublik Deutschland2 schloss sich dem Bündnis
1955 an, und 1982 wurde auch Spanien Mitglied der NATO. 1999 kamen die
Tschechische Republik, Ungarn und Polen als neue Bündnispartner hinzu.
Das Nordatlantische Bündnis wurde auf der Grundlage eines Vertrags
zwischen den Mitgliedstaaten geschaffen, dem diese aus freien Stücken sowie
nach öffentlichen Debatten und ordnungsgemäßen parlamentarischen
Verfahren beigetreten waren. Der Vertrag respektiert ihre individuellen Rechte
sowie ihre völkerrechtlichen Verpflichtungen im Einklang mit der Charta der
Vereinten Nationen. Er verpflichtet die einzelnen Mitgliedstaaten, Risiken und
Verantwortung zu übernehmen, und bietet ihnen dafür den Nutzen kollektiver
Sicherheit; er verlangt außerdem von jedem Mitgliedstaat die Zusage, keine
eventuell mit dem Vertrag kollidierenden anderen völkerrechtlichen
Verpflichtungen einzugehen.
Zwischen der Gründung des Bündnisses und heute liegt ein halbes
Jahrhundert Geschichte. Lange konzentrierte sich die NATO darauf, die unmit-
telbare Verteidigung und Sicherheit ihrer Mitgliedstaaten zu gewährleisten.
Dies ist auch heute noch ihre Kernfunktion, aber die unmittelbar verfolgten
Ziele haben sich grundlegend geändert. Die wichtigsten Punkte, die zu diesem
Wandel beigetragen haben, sind in den entsprechenden Kapiteln dieses
Handbuchs zusammengefasst.

GRUNDLEGENDE SICHERHEITSAUFGABEN
Wesentliches Ziel der NATO ist es, in Übereinstimmung mit dem
Nordatlantikvertrag und den Grundsätzen der Charta der Vereinten Nationen
mit politischen und militärischen Mitteln die Freiheit und Sicherheit aller ihrer
Mitglieder zu gewährleisten. Das Bündnis wirkt seit seiner Gründung für die
Schaffung einer gerechten und dauerhaften Friedensordnung in Europa, die
sich auf die gemeinsamen Werte Demokratie, Menschenrechte und

2 Seit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1990 erstreckt sich der Schutz des Bündnisses
auch auf die ehemalige Deutsche Demokratische Republik als Teil des vereinten Landes.

32
Rechtsstaatlichkeit stützt. Dieses Hauptziel des Bündnisses hat seit
Beendigung des Kalten Krieges neue Bedeutung erlangt, denn zum ersten Mal
in der Nachkriegsgeschichte Europas ist die Erreichung dieses Ziels in greif-
bare Nähe gerückt.

Die NATO bildet das transatlantische Bindeglied, über das die Sicherheit
Nordamerikas dauerhaft mit der Sicherheit Europas verknüpft ist. Sie ist prak-
tischer Ausdruck der erfolgreichen kollektiven Bemühungen der
Bündnisstaaten, ihre gemeinsamen Sicherheitsinteressen zu verfolgen.

Grundlegendes Handlungsprinzip des Bündnisses ist die gemeinsame


Verpflichtung zu allseitiger Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten auf der
Grundlage der Unteilbarkeit ihrer Sicherheit. Solidarität und Zusammenhalt
innerhalb des Bündnisses bieten die Gewähr dafür, dass kein Mitgliedstaat
sich bei der Bewältigung elementarer sicherheitspolitischer
Herausforderungen allein auf seine eigenen nationalen Möglichkeiten stützen
muss. Ohne den Mitgliedstaaten ihr Recht und ihre Pflicht abzusprechen, ihre
souveräne Verantwortung im Verteidigungsbereich wahrzunehmen, ermöglicht
ihnen das Bündnis, ihre wesentlichen nationalen sicherheitspolitischen Ziele
im kollektiven Rahmen zu verfolgen. Kurz gesagt handelt es sich beim Bündnis
um einen Zusammenschluss freier Staaten, die entschlossen sind, ihre
Sicherheit durch gegenseitige Garantien und stabile Beziehungen zu anderen
Ländern zu wahren.

Der Nordatlantikvertrag vom April 1949, der die rechtliche und vertragliche
Grundlage des Bündnisses bildet, basiert auf Artikel 51 der Charta der
Vereinten Nationen, der das naturgegebene Recht unabhängiger Staaten auf
individuelle und kollektive Verteidigung bekräftigt. Gemäß der Präambel des
Vertrags ist es das Ziel der Bündnispartner, „friedliche und freundschaftliche
Beziehungen im nordatlantischen Gebiet zu fördern”. Zum Zeitpunkt der
Vertragsunterzeichnung allerdings bestand das unmittelbare Ziel der NATO in
der Verteidigung ihrer Mitglieder vor der Bedrohung durch die Politik und das
wachsende Militärpotenzial der damaligen Sowjetunion.

Die Nordatlantikpakt-Organisation (NATO) stellt die Strukturen bereit, die


die Verwirklichung der Ziele des Bündnisses ermöglichen. Sie ist eine Staaten
übergreifende Organisation, in der alle Mitglieder ihre volle Souveränität und
Unabhängigkeit wahren. Die NATO ist das Forum, auf dem die Mitgliedstaaten
Themen ihrer Wahl beraten und über politische und militärische
Angelegenheiten entscheiden, die ihre Sicherheit berühren. Sie liefert außer-
dem die Strukturen, die erforderlich sind, um die Beratung untereinander und
die Zusammenarbeit zu erleichtern, und zwar sowohl in politischen, militäri-
schen und wirtschaftlichen Fragen als auch auf wissenschaftlichem Gebiet und
in anderen nichtmilitärischen Bereichen.
33
Das daraus erwachsende Gefühl gleicher Sicherheit unter den
Bündnispartnern ungeachtet unterschiedlicher Gegebenheiten und unter-
schiedlicher nationaler militärischer Fähigkeiten trägt zur Stabilität im euro-
atlantischen Raum bei. Es schafft die Voraussetzungen, die eine verstärkte
Zusammenarbeit sowohl zwischen den Bündnispartnern untereinander als
auch zwischen Mitgliedstaaten des Bündnisses und anderen Staaten fördern.

Zu den Mitteln, mit denen das Bündnis seine Sicherheitspolitik umsetzt,


gehören die Erhaltung eines für die Kriegsverhütung und die Gewährleistung
einer wirksamen Verteidigung ausreichenden Militärpotenzials, die Fähigkeit
zur Bewältigung von Krisen, die die Sicherheit der Mitglieder betreffen, sowie
die aktive Förderung des Dialogs mit anderen Staaten und ein kooperativer
Ansatz in der europäischen Sicherheitspolitik, der auch Maßnahmen mit Blick
auf weitere Fortschritte im Bereich der Rüstungskontrolle und Abrüstung bein-
haltet.

Um ihr wesentliches Ziel als dem Washingtoner Vertrag und der Charta
der Vereinten Nationen verpflichtetes Staatenbündnis zu erreichen, nimmt die
Allianz folgende grundlegende Sicherheitsaufgaben wahr:

„Sicherheit: Sie bietet eines der unverzichtbaren Fundamente für ein sta-
biles euro-atlantisches Sicherheitsumfeld, gegründet auf dem Wachsen demo-
kratischer Einrichtungen und auf dem Bekenntnis zur friedlichen Beilegung von
Streitigkeiten, in dem kein Staat in der Lage ist, einen anderen Staat durch die
Androhung oder Anwendung von Gewalt einzuschüchtern oder einem Zwang
auszusetzen.

Konsultation: Sie dient gemäß Artikel 4 des Washingtoner Vertrags als ein
wesentliches transatlantisches Forum für Konsultationen unter den
Verbündeten über alle Fragen, die ihre vitalen Interessen einschließlich mögli-
cher Entwicklungen berühren, die Risiken für die Sicherheit der
Bündnismitglieder mit sich bringen, und als Forum für sachgerechte
Koordinierung ihrer Bemühungen in Bereichen, die sie gemeinsam angehen.

Abschreckung und Verteidigung: Sie schreckt vor jeder


Aggressionsandrohung und wehrt jeden Angriff gegen einen NATO-
Mitgliedstaat ab, wie es in den Artikeln 5 und 6 des Washingtoner Vertrags vor-
gesehen ist.

Und sie stärkt Sicherheit und Stabilität des euro-atlantischen Raums


durch:

• Krisenbewältigung: Sie steht bereit, von Fall zu Fall und im Konsens,


im Einklang mit Artikel 7 des Washingtoner Vertrags zu wirksamer
Konfliktverhütung beizutragen und sich bei der Krisenbewältigung
aktiv einzusetzen, einschließlich durch Krisenreaktionseinsätze.

34
• Partnerschaft: Sie fördert breit angelegte Partnerschaft,
Zusammenarbeit und Dialog mit anderen Staaten im euro-atlanti-
schen Raum mit dem Ziel, Transparenz, gegenseitiges Vertrauen und
die Fähigkeit zu gemeinsamem Handeln mit dem Bündnis zu
erhöhen.”3
Die in der NATO geschaffenen Strukturen ermöglichen es den
Mitgliedstaaten, ihre politischen Entscheidungen aufeinander abzustimmen,
um so diese grundlegenden Aufgaben erfüllen zu können. Sie bieten den
Rahmen für ständige Konsultationen und Zusammenarbeit in politischen, wirt-
schaftlichen und anderen nichtmilitärischen Bereichen sowie die Erstellung
integrierter Pläne zur kollektiven Verteidigung, den Aufbau der für den Einsatz
von Streitkräften notwendigen Infrastruktur, Basiseinrichtungen und Anlagen
sowie gemeinsame Ausbildungsprogramme und Übungen. Den Unterbau für
diese Aktivitäten bildet eine komplexe zivile und militärische Struktur mit
Verwaltungs-, Haushalts- und Planungsstäben sowie Dienststellen, die von
den Mitgliedstaaten des Bündnisses zur Koordinierung der Arbeit in bestimm-
ten Fachbereichen eingerichtet wurden, so zum Beispiel die erforderlichen
Kommunikationsmittel zur Erleichterung politischer Konsultationen und zur
Führung der Streitkräfte sowie deren notwendiger logistischer Unterstützung.
Diese Struktur ist in Teil II des Handbuchs dargestellt.

3 Aus dem Strategischen Konzept der Allianz, das anlässlich des Washingtoner Gipfeltreffens im April
1999 herausgegeben wurde.

35
KAPITEL 2

DIE ALLIANZ IM WANDEL

Das neue Sicherheitsumfeld in Europa


Neue Institutionen
Das Strategische Konzept des Bündnisses
Die Rolle alliierter Streitkräfte und die Neuordnung des
Verteidigungsdispositivs des Bündnisses
Die NATO-Initiative zur Verteidigungsfähigkeit
Die NATO-Nuklearstreitkräfte im neuen Sicherheitsumfeld
DIE ALLIANZ IM WANDEL
DAS NEUE SICHERHEITSUMFELD IN EUROPA
Am 4. April 1989 feierte das Bündnis den 40. Jahrestag der
Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags. Dieses Ereignis fiel mit dem Beginn
einer Zeit tief greifenden Wandels in den Ost-West- und internationalen
Beziehungen sowie einer weit reichenden Veränderung im Sicherheitsumfeld
zusammen. Das Nordatlantische Bündnis spielte eine entscheidende Rolle bei
der Schaffung der Voraussetzungen für den auf den folgenden Seiten
beschrieben Wandel. Es bildete die Grundlage für die kollektive Verteidigung
und die gemeinsame Sicherheit seiner Mitgliedstaaten und vermochte
während des Kalten Krieges das strategische Gleichgewicht in Europa auf-
rechtzuerhalten. Damit sicherte das Bündnis die Freiheit und Unabhängigkeit
seiner Mitglieder. Entsprechend dem Nordatlantikvertrag übt das Bündnis
diese Kernfunktionen auch weiterhin aus und hat zusätzlich neue Aufgaben
übernommen. Es arbeitet weiter an der Verfestigung der geschaffenen
Fundamente, um in ganz Europa Stabilität auf der Grundlage gemeinsamer
demokratischer Werte, der Achtung der Menschenrechte und der
Rechtsstaatlichkeit zu fördern.
Im Folgenden werden die Ursachen und der Verlauf dieser Entwicklungen
beschrieben, ferner die Fortschritte, die bei der Verwirklichung vieler
Langzeitziele des Bündnisses erreicht wurden, und die wichtigsten Probleme,
denen sich die Mitgliedstaaten und ihre Kooperationspartner bei der
Anpassung ihrer Politik und der Gestaltung ihrer gemeinsamen Institutionen im
Hinblick auf neue Herausforderungen gegenübersehen.

Ursachen des veränderten Sicherheitsumfelds


Die Wurzeln des Wandels, der die politische Landkarte Europas grundle-
gend verändert hat, lassen sich auf eine Reihe von Entwicklungen der 60er
und 70er Jahre zurückverfolgen, die weitreichende Konsequenzen haben soll-
ten. Unter den zahlreichen Ursachen dieser Entwicklung sind drei Ereignisse
von herausragender Bedeutung: erstens die im Dezember 1967 durch das
Bündnis erfolgte Verabschiedung der Harmel-Doktrin, die auf dem zweigleisi-
gen Ansatz der Aufrechterhaltung einer angemessenen Verteidigung und dem
parallel dazu verlaufenden Bemühen um Entspannung im Ost-West-Verhältnis
beruhte; zweitens die 1969 vollzogene Einführung der Ostpolitik durch die
deutsche Bundesregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt, die ein positive-
res Verhältnis zu den osteuropäischen Staaten und der Sowjetunion anstrebte,
soweit es die Innen- und Außenpolitik dieser Länder erlaubten; und schließlich
39
die Verabschiedung der KSZE1-Schlussakte von Helsinki im August 1975, die
neue Maßstäbe für die Diskussion über Menschenrechtsfragen setzte und ent-
sprechende Schritte zur Stärkung des gegenseitigen Vertrauens zwischen Ost
und West einleitete.

Eine Reihe ähnlich wichtiger Ereignisse kennzeichnete den Verlauf der


Ost-West-Beziehungen in den 80er Jahren. Dazu gehörten die Stationierung
von Mittelstreckenraketen in Europa durch die NATO nach dem
Doppelbeschluss zur nuklearen Nachrüstung und zur Rüstungskontrolle im
Dezember 1979; ferner der später im Dezember 1987 unterzeichnete Vertrag
von Washington, mit dem die amerikanischen und sowjetischen landgestützten
nuklearen Mittelstreckenraketen weltweit abgeschafft wurden. Hinzu kamen
erste Anzeichen eines Wandels in Osteuropa, wie sie sich, trotz späterer
Rückschläge, mit der Entstehung und Anerkennung der unabhängigen
Gewerkschaftsbewegung „Solidarność” im August 1980 in Polen abzeichne-
ten, sowie die Folgen des sowjetischen Einmarsches in Afghanistan im
Dezember 1979 und des endgültigen Abzugs der sowjetischen Streitkräfte aus
Afghanistan im Februar 1989; schließlich die Ernennung Michail
Gorbatschows zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion (KPdSU) im März 1985.

Im März 1989 wurden im Rahmen der KSZE viel versprechende neue


Rüstungskontrollverhandlungen zwischen den 23 Staaten der NATO und des
Warschauer Pakts in Wien aufgenommen, bei denen es um den Abbau kon-
ventioneller Streitkräfte in Europa (KSE) ging. Vor diesem Hintergrund war das
NATO-Gipfeltreffen in Brüssel Ende Mai 1989 von besonderer Bedeutung. Es
wurden zwei wichtige Erklärungen zur Bündnispolitik veröffentlicht, nämlich
einmal eine Erklärung zum 40. Jahrestag der Gründung des Bündnisses, in der
die Ziele und die Politik für das fünfte Jahrzehnt der Zusammenarbeit darge-
legt wurden, und zum anderen ein Gesamtkonzept für Rüstungskontrolle und
Abrüstung.

Die Gipfelerklärung von 1989 enthielt eine Reihe äußerst wichtiger


Elemente. Sie erkannte die Veränderungen an, die sich in der Sowjetunion und
in anderen osteuropäischen Staaten vollzogen, und umriss das langfristig
gesteckte Ziel des Bündnisses zur Überwindung der Teilung Europas und zur
Gestaltung einer gerechten Friedensordnung in Europa. Sie bekräftigte die
fortdauernde Notwendigkeit eines glaubhaften und wirksamen
Abschreckungspotenzials und einer angemessenen Verteidigung und billigte
die dreistufige Rüstungskontrollinitiative von US-Präsident Bush, die sich a) für

1 Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) wurde im Januar 1995 in
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) umbenannt.

40
beschleunigte KSE-Verhandlungen in Wien, b) für erhebliche Reduzierungen
weiterer Kategorien konventioneller Waffen sowie c) für wesentliche
Verminderungen der Personalstärke der von den Vereinigten Staaten und der
Sowjetunion außerhalb ihres Hoheitsgebiets stationierten Truppen aussprach.
Die Gipfelerklärung stellte eine umfassende Agenda für erweiterte Ost-West-
Zusammenarbeit auf anderen Gebieten, für Maßnahmen, mit denen bedeut-
samen globalen Herausforderungen begegnet werden sollte, und für
Maßnahmen zur Verwirklichung der Langzeitziele des Bündnisses auf.

Entwicklungen Ende der 80er Jahre


Entwicklungen von weit reichender Bedeutung für den gesamten europäi-
schen Kontinent und für die internationalen Beziehungen insgesamt setzten
sich das ganze Jahr hindurch fort. Ende 1989 und in den ersten Wochen des
Jahres 1990 waren bedeutsame politische und wirtschaftliche
Reformfortschritte in Polen und Ungarn erreicht worden. In der Deutschen
Demokratischen Republik, Bulgarien, der Tschechoslowakei und Rumänien
wurden Schritte in Richtung Freiheit und Demokratie unternommen, die weit
über die Erwartungen hinausgingen.

Die über 40 Jahre lang genährte Hoffnung auf ein Ende der Teilung
Europas und damit Deutschlands wurde im November 1989 mit der Öffnung
der Berliner Mauer Realität. Die Bündnispartner sahen in diesem Ereignis
neben seiner symbolischen Bedeutung auch den Beginn eines weit reichenden
Prozesses zu einem wahrhaft vereinten und freien Europa. Dieser Prozess war
keineswegs abgeschlossen; er stieß auf zahlreiche Hindernisse und
Unwägbarkeiten, aber dennoch waren rasche und beeindruckende Fortschritte
erzielt worden. In den meisten mittel- und osteuropäischen Staaten waren
bereits freie Wahlen abgehalten worden oder geplant, frühere Unstimmigkeiten
wurden überwunden, repressive Grenzanlagen wurden abgebaut, und in weni-
ger als einem Jahr, am 3. Oktober 1990, wurde mit Unterstützung der
Völkergemeinschaft und Zustimmung der sowjetischen Regierung die
Vereinigung der beiden deutschen Staaten auf der Grundlage eines internatio-
nalen Vertrags und demokratischer Wahlen des gesamten deutschen Volkes
vollzogen.

Sowohl bereits durchgeführte als auch in Aussicht gestellte Reformen hat-


ten bedeutende positive Veränderungen im Verhältnis der mittel- und osteu-
ropäischen Staaten zur Völkergemeinschaft zur Folge. Sie eröffneten einen
neuen und fruchtbaren Dialog zwischen Ost und West, der anstatt zu Furcht
vor Konfrontation Anlass zu wirklicher Hoffnung gab und anstelle von Polemik
und Stagnation praktische Vorschläge für eine Zusammenarbeit bot.
41
Ein solcher Wandel konnte nicht ohne Schwierigkeiten vonstatten gehen.
Wie die Ereignisse in der früheren Sowjetunion und anderen Teilen Mittel- und
Osteuropas gezeigt haben, bot er auch Anlass zu neuer Besorgnis über
Stabilität und Sicherheit. Der kühne Reformkurs innerhalb der Sowjetunion
selbst führte zu neuen Herausforderungen und auch zu ernsten innenpoliti-
schen Problemen. Angesichts der düsteren wirtschaftlichen Aussichten und
der gewaltigen Schwierigkeiten in vielen Staaten Mittel- und Osteuropas beim
Übergang von autoritären Regierungen und zentraler Planwirtschaft zu plurali-
stischer Demokratie und freier Marktwirtschaft waren politische Prognosen
eine unsichere Sache; zudem mussten sie ständig überarbeitet werden.

Während dieser ganzen Zeit spielte die NATO nach wie vor eine
Schlüsselrolle: Sie bot den Rahmen für Konsultation und politische
Koordinierung unter ihren Mitgliedern, um die Gefahr von Krisen zu verringern,
die gemeinsame Sicherheitsinteressen hätten berühren können. Das Bündnis
bemühte sich auch weiterhin um die Beseitigung militärischer
Ungleichgewichte, größere Offenheit in militärischen Belangen und um
Vertrauensbildung durch tief greifende, aber ausgewogene und nachprüfbare
Rüstungskontrollvereinbarungen, Verifikationsregelungen und verstärkte
Kontakte auf allen Ebenen.

Die Hand der Freundschaft und Zusammenarbeit


In der weitestreichenden Erklärung seit Gründung der NATO kündigten
die Staats- und Regierungschefs auf dem Gipfeltreffen in London im Juli 1990
bedeutende Maßnahmen zum Wandel des Bündnisses an, die dem neuen
Sicherheitsumfeld Rechnung tragen und zur Beendigung der Konfrontation
zwischen Ost und West führen sollten. Sie boten den Regierungen der
Sowjetunion und der mittel- und osteuropäischen Staaten die Einrichtung stän-
diger diplomatischer Verbindungen zur NATO sowie den Aufbau einer neuen
Beziehung auf der Grundlage von Kooperation an. Einen Monat zuvor hatte
diese Erklärung bereits ihren Schatten vorausgeworfen, als die NATO-
Außenminister auf ihrem Treffen in Schottland einen ungewöhnlichen Schritt
taten und der Sowjetunion und allen anderen europäischen Staaten in der
„Botschaft von Turnberry” Freundschaft und Zusammenarbeit antrugen. Die
Ankündigung Präsident Gorbatschows im Juli 1990, die Mitgliedschaft des ver-
einten Deutschland im Nordatlantischen Bündnis zu akzeptieren, nahm aus-
drücklich Bezug auf den positiven Charakter dieser Botschaft sowie auf sub-
stanzielle Vorschläge und Zusagen, die die Bündnisregierungen in London
gemacht hatten.

Die Londoner Erklärung enthielt Vorschläge zum Ausbau vieler Formen


der Zusammenarbeit. Die Staats- und Regierungschefs bzw. Vertreter der mit-

42
tel- und osteuropäischen Staaten wurden in das NATO-Hauptquartier nach
Brüssel eingeladen. Es fanden viele derartige Besuche statt, und es wurden
Vereinbarungen über regelmäßige Kontakte auf diplomatischer Ebene getrof-
fen. So besuchte der NATO-Generalsekretär unmittelbar nach dem Londoner
Gipfeltreffen auch Moskau, um der sowjetischen Führung die in der Erklärung
enthaltenen Vorschläge zu übermitteln und die Entschlossenheit des
Bündnisses zum Ausdruck zu bringen, die sich neu eröffnenden politischen
Möglichkeiten konstruktiv zu nutzen.

Im November 1990 wurde in Paris gleichzeitig mit der Unterzeichnung des


Vertrags über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) und der
Veröffentlichung der „Charta von Paris für ein neues Europa” von allen KSZE-
Mitgliedstaaten eine gemeinsame Erklärung und Nichtangriffsverpflichtung
unterzeichnet. Die Gemeinsame Erklärung beendete formell die von
Gegnerschaft geprägten Beziehungen und bekräftigte die Absicht der
Unterzeichnerstaaten, sich im Sinne der Prinzipien der Charta der Vereinten
Nationen und der Schlussakte von Helsinki der Androhung oder Anwendung
von Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit oder politische
Unabhängigkeit eines jeden Staates zu enthalten (siehe Kapitel 15). Alle ande-
ren KSZE-Staaten wurden aufgefordert, sich dieser Verpflichtung an-
zuschließen.

Innerhalb kurzer Zeit kam es zu neuen militärischen Kontakten und zu


intensiven Diskussionen über Streitkräfte und Einsatzgrundsätze. Es wurden
Fortschritte in Richtung auf den Vertrag über den „Offenen Himmel” erzielt,
wonach das Überfliegen fremden Hoheitsgebiets auf der Grundlage der
Gegenseitigkeit gestattet wird, um im Hinblick auf militärische Aktivitäten mehr
Vertrauen und Transparenz zu schaffen. Auf der Basis des KSE-Vertrags wur-
den weitere Gespräche über einen Abbau konventioneller Streitkräfte vom
Atlantik bis zum Ural sowie über zusätzliche Maßnahmen zur personellen
Begrenzung der Streitkräfte in Europa eingeleitet. Es wurde Einigung darüber
erzielt, den KSZE-Prozess zu intensivieren und neue Normen für den Aufbau
und die Erhaltung freier Gesellschaften zu setzen. Zudem wurden Maßnahmen
zur weiteren Institutionalisierung des KSZE-Prozesses ergriffen, der erfolg-
reich das gegenseitige Vertrauen gestärkt hatte. Auf diese Weise sollte ein
Forum für einen erweiterten politischen Dialog in einem enger zusammen-
wachsenden Europa geschaffen werden. Intern begann die NATO eine grund-
legende Überprüfung ihrer Strategie, um sie den neuen Gegebenheiten anzu-
passen.
43
Die Golfkrise
Trotz des positiven Verlaufs vieler dieser Entwicklungen kann es in unvor-
hersehbaren Situationen leicht zu neuen Bedrohungen der Stabilität kommen,
wie die irakische Invasion Kuwaits am 2. August 1990 und die daraus folgen-
den Ereignisse in der Golfregion gezeigt haben. Die NATO war zwar nicht
direkt an der unter Führung der Vereinigten Staaten zur Abwehr der Invasion
gebildeten Koalitionsstreitmacht beteiligt, die innerhalb des Bündnisses in
Bezug auf den Konflikt erreichte Solidarität spielte jedoch eine wichtige Rolle.
Von Anbeginn der Krise nutzten die NATO-Staaten das Bündnis intensiv als
Forum für politische Konsultationen und spielten eine herausragende Rolle bei
der Unterstützung der Vereinten Nationen in ihrem Bemühen um eine diplo-
matische Lösung. Als diese nicht erzielt werden konnte, wurden die direkten
Beiträge der NATO-Staaten zur Koalitionsstreitmacht und ihre Erfahrung auf
dem Gebiet der gemeinsamen Nutzung von Kräften und Mitteln und der
Zusammenarbeit innerhalb der NATO wiederum zu einem wichtigen Faktor.
Außerdem wurden im Rahmen des eigentlichen Bündnisauftrags Teile der
beweglichen Eingreifkräfte der NATO in die Türkei verlegt; damit wurde die
Verpflichtung des Bündnisses zur kollektiven Verteidigung gemäß Artikel 5 des
Nordatlantikvertrags im Falle einer äußeren Bedrohung der Sicherheit der
Türkei aufgrund der Lage in der Golfregion unterstrichen.

Die Einigkeit der Staatengemeinschaft in ihrem Handeln und ihr ent-


schlossener Widerstand gegen die Aktionen des Irak waren ein deutlicher
Beweis für die positiven Veränderungen, die im Verhältnis zwischen der
Sowjetunion und dem Westen stattgefunden hatten. Der sich aus den engeren
Kontakten und der verstärkten Zusammenarbeit ergebende Nutzen wurde
deutlich. Diese frühe Anerkennung gemeinsamer Interessen hinsichtlich
Sicherheit und Stabilität im gesamten euro-atlantischen Raum trug zur weite-
ren positiven Entwicklung der Beziehungen zwischen der NATO und Russland
bei, die 1997 in der Unterzeichnung der Grundakte über die Beziehungen zwi-
schen der NATO und Russland ihren Höhepunkt fand.

Die drohenden Gefahren der Golfkrise verstärkten die Entschlossenheit


des Bündnisses, die Zusammenarbeit mit den Staaten Mittel- und Osteuropas
und auch mit anderen Staaten entsprechend den von den Staats- und
Regierungschefs der Allianz in der Londoner Erklärung vorgegebenen Zielen
weiter auszubauen und zu verbessern. Diese Entschlossenheit wurde durch
die Ereignisse von 1991 noch verstärkt, als die sowjetische Regierung repres-
sive Maßnahmen gegen die baltischen Staaten ergriff und diesen das Recht
auf Selbständigkeit absprach, sich die Lage in Jugoslawien zuspitzte und es
zum Ausbruch von Feindseligkeiten kam, die zum Zerfall der Jugoslawischen
Föderation führten, und im August 1991 in der Sowjetunion selbst ein ver-
suchter Staatsstreich unternommen wurde.

44
NEUE INSTITUTIONEN

Der Nordatlantische Kooperationsrat


Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse war das Jahr 1991 im Sinne der
von den Staats- und Regierungschefs in London getroffenen Entscheidungen
durch vermehrte Besuche und intensivierte diplomatische Kontakte zwischen
der NATO und den Staaten Mittel- und Osteuropas gekennzeichnet. Mit der
Veröffentlichung der Erklärung von Rom im November 1991 war die Grundlage
für eine stärkere Institutionalisierung der sich entwickelnden Beziehungen
geschaffen. Die Gründung des Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) im
Dezember 1991 führte die NATO-Mitgliedstaaten und zunächst neun mittel-
und osteuropäische Staaten in einem neuen Konsultationsforum zusammen.
Im März 1992 wurde die Mitwirkung in diesem Forum auf alle Mitglieder der
Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) ausgedehnt; im Juni 1992 traten
auch Georgien und Albanien dem NAKR bei.

Die konstituierende Sitzung des Nordatlantischen Kooperationsrats fand


am 20. Dezember 1991 statt, gerade als die Sowjetunion sich auflöste.
Gleichzeitig wurden elf ehemalige Sowjetrepubliken Mitglieder der neuen
Gemeinschaft Unabhängiger Staaten und traten sowohl innenpolitisch als
auch in ihren internationalen Beziehungen in eine Periode tief greifender poli-
tischer und wirtschaftlicher Veränderungen ein. Vor diesem Hintergrund wur-
den regionale Probleme immer gravierender. In Bergkarabach, Moldau,
Georgien und andernorts kam es zu Gewaltausbrüchen und zu ernsten innen-
und zwischenstaatlichen Spannungen.

Es waren jedoch die sich zuspitzende Lage, die fortdauernde


Gewaltanwendung und die immer zahlreicheren Opfer im Gebiet des ehemali-
gen Jugoslawien, die den größten Anlass zu Besorgnis gaben und die
Aussichten auf ein sich friedlich entwickelndes neues Sicherheitsumfeld in
Europa überschatteten. Von Anbeginn dieser Krise berieten der Nordatlantikrat
und der Nordatlantische Kooperationsrat darüber und unterstützten die von
anderen Institutionen unternommenen Bemühungen um eine Wieder-
herstellung des Friedens.

Zur selben Zeit führten die Erörterungen über Maßnahmen zur Stärkung
der Rolle der KSZE im Hinblick auf die Festigung von Stabilität und Demokratie
in Europa sowie die von der Allianz in ihrer Erklärung von Rom herausgestell-
ten Vorschläge dazu, dass das Helsinki-Dokument 1992 („Die
Herausforderungen des Wandels”) auf dem KSZE-Gipfeltreffen im Juli 1992
unterzeichnet wurde. Das Dokument beschreibt unter anderem neue Initiativen
zur Schaffung eines KSZE-Forums für Sicherheitszusammenarbeit und für frie-
45
denserhaltende Maßnahmen der KSZE. Sowohl der Nordatlantikrat als auch
der Nordatlantische Kooperationsrat bekundeten ihre volle Unterstützung.

Die Entwicklung des Nordatlantischen Kooperationsrats und die


Schaffung des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR), der 1997 an die
Stelle des NAKR trat, werden in den folgenden Kapiteln näher behandelt.

Der Euro-Atlantische Partnerschaftsrat (EAPR)


Der Euro-Atlantische Partnerschaftsrat (EAPR) wurde 1997 als
Nachfolgeorganisation des Nordatlantischen Kooperationsrats gegründet. Er
bietet den 19 Bündnis- und 27 Partnerstaaten2 ein Forum für regelmäßige
Konsultation und Zusammenarbeit. Der Rat tritt in regelmäßigen Abständen
auf Ebene der Botschafter sowie der Außen- und Verteidigungsminister
zusammen.

Gegebenenfalls kann er auch auf Ebene der Staats- und Regierungschefs


der 46 Mitgliedstaaten tagen. Dies war beispielsweise im April 1999 der Fall.
Das EAPR-Gipfeltreffen in Washington bot Gelegenheit für offene Gespräche
über die Zusammenarbeit in sicherheitspolitischen Fragen innerhalb des
EAPR im 21. Jahrhundert. Schwerpunkt der Gespräche der Staats- und
Regierungschefs waren die grundlegenden sicherheitspolitischen
Herausforderungen im EAPR-Raum, insbesondere die Lage im Kosovo.

Die Staats- und Regierungschefs verabschiedeten zwei Dokumente zum


weiteren Ausbau der Partnerschaft für den Frieden. Das erste dieser
Dokumente, das „Politisch-Militärische Rahmendokument für NATO-geführte
PfP-Operationen”, bezog sich auf die Einbeziehung von Partnerländern in poli-
tische Konsultationen und die Entscheidungsfindung, die operative Planung
und die Kommandostrukturen für künftige Einsätze unter NATO-Führung, an
denen die Partner teilnehmen. Das zweite Dokument mit dem Titel „Auf dem
Weg zu einer Allianz für das 21. Jahrhundert - Die vertiefte und operationellere
Partnerschaft” umreißt die Hauptelemente für eine praxisorientiertere
Gestaltung der Partnerschaft für den Frieden (PfP).

2 Albanien, Armenien, Aserbaidschan, Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland,


Finnland, Frankreich, Georgien, Griechenland, Irland, Island, Italien, ehemalige jugoslawische
Republik Mazedonien(a), Kanada, Kasachstan, Kirgisische Republik, Kroatien, Lettland, Litauen,
Luxemburg, Moldau, Niederlande, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Russland,
Schweden, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tadschikistan, Tschechische Republik, Türkei,
Turkmenistan, Ukraine, Ungarn, Usbekistan, Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten,
Weißrussland.
(a) Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

46
Der EAPR spielte als Forum für Konsultationen zur Kosovo-Krise eine
wertvolle Rolle. Im Rahmen einer Reihe außerordentlicher Treffen wurden die
Partner über den Stand der NATO-Planungen und Vorbereitungen für mögliche
militärische Optionen im Kosovo informiert und die Standpunkte der NATO und
ihrer Partner zu den aktuellen Entwicklungen ausgetauscht.

Die Aktivitäten des EAPR stellen eine Ergänzung der Programme der
Partnerschaft für den Frieden (PfP) dar. Sie basieren auf einem Zweijahresplan
für Konsultation und Zusammenarbeit bei einer Vielzahl politischer und sicher-
heitsrelevanter Fragen einschließlich regionaler Angelegenheiten,
Rüstungskontrolle, internationalem Terrorismus, Friedenssicherung,
Verteidigungshaushalte, ziviler Notfallplanung sowie wissenschaftlichen und
umweltbezogenen Fragen.

Fast alle Nicht-NATO-Mitglieder des EAPR haben akkreditierte diplomati-


sche Vertretungen bei der NATO eingerichtet, um die Kontakte zwischen der
NATO und ihren Partnerländern auszuweiten und die Effizienz und
Wirksamkeit der Zusammenarbeit zu verbessern.

Eine wichtige Leistung des EAPR war die auf einen Vorschlag der
Russischen Föderation zurückgehende Errichtung der Euro-Atlantischen
Koordinierungszentrale für Katastrophenhilfe beim NATO-Hauptquartier. Die
Zentrale wurde im Juni 1998 eingerichtet und gleich darauf zur Unterstützung
des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen bei den
Bemühungen zugunsten der Kosovo-Flüchtlinge in Albanien in Anspruch
genommen. Die abgestimmte humanitäre Hilfe durch die NATO und ihre
Partnerstaaten wurde als Reaktion auf die eskalierende Flüchtlingskrise der
Region seit Ende März 1999 intensiviert. Die Euro-Atlantische
Koordinierungszentrale für Katastrophenhilfe spielte zudem eine bedeutende
Rolle bei der Koordinierung humanitärer Hilfsmaßnahmen für die
Hochwassergebiete in der westlichen Ukraine.

Der EAPR trägt mit Themenseminaren im Rahmen des EAPR-


Aktionsplans auch zur Förderung praktischer Sicherheitszusammenarbeit auf
regionaler Ebene bei. Gastgeber des ersten derartigen Seminars für regionale
Zusammenarbeit war im Oktober 1998 Georgien. Ähnliche Veranstaltungen
gab es seither auch in Litauen und der Slowakei, Bulgarien und Usbekistan.

Derzeit werden weitere Ideen für praktische Initiativen geprüft, so unter


anderem, auf welchen Wegen der EAPR weltweite humanitäre Einsätze gegen
Minen unterstützen und die Weitergabe von Kleinwaffen kontrollieren kann.
47
DAS STRATEGISCHE KONZEPT DES BÜNDNISSES
Auf ihrem Gipfeltreffen in Washington im April 1999 billigten die NATO-
Bündnisstaaten eine Strategie, mit der das Bündnis für die
Sicherheitsherausforderungen und -chancen des 21. Jahrhunderts gerüstet
und seine künftige politische und militärische Entwicklung gelenkt werden
sollte.
Das aktualisierte Strategische Konzept bildet den Gesamtrahmen für die
Entwicklung detaillierter Grundsätze und Militärpläne. Es beschreibt Zweck
und Aufgaben des Bündnisses und untersucht seine Strategischen
Perspektiven im Licht des sich entwickelnden strategischen Umfelds mit sei-
nen sicherheitspolitischen Herausforderungen und Risiken. Das Konzept zeigt
den Sicherheitsansatz im 21. Jahrhundert auf und unterstreicht die Bedeutung
der transatlantischen Bindung sowie der Aufrechterhaltung des militärischen
Potenzials des Bündnisses. Es untersucht die Rolle weiterer
Schlüsselelemente des breit angelegten Bündnisansatzes für Stabilität und
Sicherheit, insbesondere die Europäische Sicherheits- und
Verteidigungsidentität, Konfliktverhütung und Krisenbewältigung,
Partnerschaft, Zusammenarbeit und Dialog, Erweiterung sowie
Rüstungskontrolle, Abrüstung und Nichtverbreitung. Das Konzept enthält
zudem auf den Grundsätzen der Bündnisstrategie und den Merkmalen des
Streitkräftedispositivs des Bündnisses basierende Richtlinien für die
Bündnisstreitkräfte. Dies beinhaltet auch Abschnitte zu den Aufgaben der
Streitkräfte des Bündnisses und Richtlinien für das Streitkräftedispositiv sowie
zu den Merkmalen konventioneller und nuklearer Streitkräfte.
Das Strategische Konzept wurde erstmals 1991 veröffentlicht. Die
Fassung von 1999 bildet ebenso wie die vorherige Version die maßgebliche
Erklärung der Bündnisziele sowie die höchste Richtschnur für die politischen
und militärischen Mittel, die zu ihrer Erreichung eingesetzt werden.
Die ursprüngliche Formulierung der NATO-Strategie trug den Titel „Das
Strategische Konzept zur Verteidigung des Nordatlantikraums”. Das zwischen
Oktober 1949 und April 1950 erarbeitete Konzept definierte eine Strategie für
großangelegte Einsätze zur territorialen Verteidigung. Mitte der 50er Jahre
wurde die Strategie der „massiven Vergeltung” entwickelt. Dabei lag der
Schwerpunkt auf Abschreckung, basierend auf der Drohung, dass die NATO
auf jede Aggression gegen einen ihrer Mitgliedstaaten mit allen ihr zur
Verfügung stehenden Mitteln - insbesondere auch Nuklearwaffen - reagieren
würde.
Diskussionen über mögliche Veränderungen dieses strategischen
Ansatzes begannen im weiteren Verlauf der 50er Jahre und setzten sich bis
1967 fort. Damals wurde nach intensiven Beratungen unter den

48
Bündnispartnern die „massive Vergeltung” durch die Strategie der „flexiblen
Reaktion” ersetzt. Damit wurde der Schwerpunkt dahin verlegt, der NATO die
Vorteile einer erhöhten Flexibilität zu verleihen und bei potenziellen
Aggressoren Ungewissheit über die Reaktion der NATO auf eine eventuelle
Bedrohung der Souveränität und Unabhängigkeit eines ihrer Mitgliedstaaten
hervorzurufen. Dieses Konzept sollte sicherstellen, dass Aggressionen jeder
Art für potenzielle Angreifer mit untragbaren Risiken verbunden sein würden.
Die genannten Strategien wurden in geheimen Dokumenten festgehalten,
die den nationalen Regierungen als Richtschnur und Referenz für die militäri-
sche Planung dienten. Sie waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Obwohl
die zugrunde liegenden Konzepte allgemein bekannt waren, war eine öffentli-
che Diskussion der Einzelheiten kaum möglich, da ihre Wirksamkeit in hohem
Maßen von ihrer Geheimhaltung abhing. Sie spiegelten die Gegebenheiten
des Kalten Krieges, die politische Teilung Europas und die von Gegensätzen
geprägten ideologischen und militärischen Lager wider, die die Ost-West-
Beziehungen viele Jahre lang bestimmten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges war die Allianz jedoch auch bemüht,
Gefahren zu verringern und die Fundamente für einen Fortschritt hin zu einer
positiveren Beziehung zur Sowjetunion und anderen Staaten des Warschauer
Pakts zu legen. Der 1967 veröffentlichte Harmel-Bericht machte Verteidigung
und Dialog einschließlich Rüstungskontrolle zu den zwei tragenden Säulen für
die Sicherheitsstrategie des Bündnisses.
Mit dem Ende der Ära des Kalten Krieges veränderte sich die politische
Lage in Europa ebenso wie die militärische Gesamtlage. In den beiden auf den
Fall der Berliner Mauer folgenden Jahren entstand ein neues Strategisches
Konzept, das innerhalb des Bündnisses erörtert und diskutiert und im
November 1991 zum Abschluss gebracht wurde. Ganz anders als bei den
früheren Konzepten lag der Schwerpunkt nun statt auf Konfrontation auf
Zusammenarbeit mit ehemaligen Gegnern. Die Wahrung der Sicherheit der
Mitgliedstaaten blieb Hauptzweck der NATO, wurde jedoch mit der spezifi-
schen Verpflichtung verbunden, auf eine verbesserte und erweiterte Sicherheit
für Europa insgesamt hinzuarbeiten. Auch in anderen Punkten unterschied
sich das Strategische Konzept von 1991 drastisch von seinen Vorläufern. Es
wurde als öffentliches Dokument zur Diskussion und Kommentierung durch
Parlamente, Sicherheitsexperten, Journalisten und die Öffentlichkeit insge-
samt herausgegeben.
1997 vereinbarten die NATO-Staats- und Regierungschefs, eine Überprü-
fung und Aktualisierung des Konzepts unter Berücksichtigung der seit seiner
Annahme erfolgten Veränderungen in Europa vorzunehmen. Gleichzeitig soll-
ten die Verpflichtung der Bündnisstaaten zur kollektiven Verteidigung und
gegenüber der transatlantischen Bindung bekräftigt und die umfassende
49
Anpassung der NATO-Strategie an die Herausforderungen des 21.
Jahrhunderts gewährleistet werden. Bündnisweit wurde intensiv daran gear-
beitet, das überarbeitete Strategische Konzept bis zum Washingtoner
Gipfeltreffen fertigzustellen.

Ebenso wie alle anderen Bündnisvorgänge setzte die Genehmigung des


Konzepts den Konsens sämtlicher Mitgliedstaaten im Hinblick auf Inhalt und
Sprache des Dokuments voraus. Vor dem Hintergrund der Aufnahme dreier
neuer Mitgliedstaaten waren Vertreter der Tschechischen Republik, Ungarns
und Polens von Anbeginn an den Gesprächen beteiligt.

Das Strategische Konzept bildet die maßgebliche Erklärung der


Bündnisziele sowie die höchste Richtschnur für die politischen und militäri-
schen Mittel, die zu ihrer Erreichung eingesetzt werden.

Das Konzept von 1999 bekräftigt die Sicherung von Freiheit und
Sicherheit der Bündnispartner mit politischen und militärischen Mitteln als
wesentlichen und fortdauernden Zweck der Allianz. Es bestätigt die Werte
Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit und bringt die
Verpflichtung der Mitgliedstaaten zu gemeinsamer Verteidigung sowie darüber
hinaus zur Sicherung von Frieden und Stabilität im erweiterten euro-atlanti-
schen Raum zum Ausdruck.

Die Strategie definiert auch die grundlegenden Sicherheitsaufgaben des


Bündnisses, sowohl im Hinblick auf kollektive Verteidigung, die seit der
Gründung der Allianz im Mittelpunkt stand, als auch im Hinblick auf neue
Aktivitäten auf den Gebieten Krisenbewältigung und Partnerschaft zur
Verbesserung der Sicherheit und Stabilität im euro-atlantischen Raum.

Das Konzept beschreibt das strategische Umfeld und bietet eine


Einschätzung der vorhersehbaren Sicherheitsherausforderungen und Risiken.
Es hält fest, dass dieses Umfeld in den vorangegangenen Jahren durch anhal-
tende und grundsätzlich positive Veränderungen gekennzeichnet war, und
dass dem Bündnis seit dem Ende des Kalten Krieges eine wichtige Rolle bei
der Stärkung der euro-atlantischen Sicherheit zukam.

Im Hinblick auf die Risiken bekräftigt das Dokument die Schlussfolgerung


des Strategischen Konzepts von 1991, wonach die Kriegsgefahr in Europa
weitgehend gebannt ist, die Bündnispartner und andere Staaten im euro-atlan-
tischen Raum jedoch anderen Risiken und Unwägbarkeiten wie ethnischen
Konflikten, Verletzungen der Menschenrechte, politischer Instabilität, wirt-
schaftlichen Schwierigkeiten sowie der Verbreitung nuklearer, biologischer und
chemischer Waffen und ihrer Trägermittel ausgesetzt sind.

Eines der charakteristischen Merkmale der Bündnisstrategie von 1991


war der breit angelegte sicherheitspolitische Ansatz mit sich ergänzenden poli-

50
tischen und militärischen Mitteln unter Betonung der Zusammenarbeit mit
anderen Staaten, die die Zielsetzungen der Allianz teilen. Dieser umfassende
Ansatz ist auch zentrales Merkmal des neuen Strategischen Konzepts. Er
umfasst folgende grundlegende Elemente:

Die Aufrechterhaltung der transatlantischen Bindung. Das Strategische


Konzept unterstreicht die Unteilbarkeit der Sicherheit von Europa und
Nordamerika und damit die Bedeutung einer starken und dynamischen
Partnerschaft zwischen diesen Regionen.

Die Aufrechterhaltung effektiver militärischer Fähigkeiten. Die Strategie


fordert militärische Fähigkeiten, die für das gesamte Spektrum vorhersehbarer
Umstände geeignet sind - von Abschreckung und kollektiver Verteidigung bis
hin zu Krisenreaktionseinsätzen. Das Strategische Konzept enthält auch spe-
zifische Richtlinien zu den notwendigen Fähigkeiten.

Die Entwicklung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität


innerhalb des Bündnisses. Das Strategische Konzept bestätigt die Fortsetzung
der Entwicklung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität
innerhalb der NATO auf Grundlage der von den Außenministern der
Mitgliedstaaten in Berlin 1996 und danach gefassten Entscheidungen. Es
besagt, dass dieser Prozess eine enge Zusammenarbeit zwischen der NATO,
der Westeuropäischen Union und gegebenenfalls der Europäischen Union3
erforderlich macht.

Das Konzept bekräftigt, dass dieser Prozess es allen europäischen


Verbündeten ermöglichen wird, einen kohärenteren und wirksameren Beitrag
zu den Aufgaben und Aktivitäten des Bündnisses zu leisten, er die transatlan-
tische Partnerschaft stärken und den europäischen Verbündeten dabei helfen
wird, erforderlichenfalls eigenständig zu handeln, da das Bündnis bereit ist,
von Fall zu Fall und im Konsens seine Mittel und Fähigkeiten für Operationen
unter europäischer Führung zur Verfügung zu stellen, in denen das Bündnis
nicht militärisch engagiert ist, und zwar unter Berücksichtigung der vollen
Beteiligung aller europäischen Verbündeten, falls diese das wünschen.

Konfliktverhütung und Krisenbewältigung. Das Konzept spricht der Allianz


eine wesentliche Rolle bei Konfliktverhütung und Krisenbewältigung zu, da
Krisenreaktionseinsätze wie in Bosnien und im Kosovo wahrscheinlich auch
künftig ein Schlüsselaspekt des NATO-Beitrags zu Frieden und Sicherheit im
euro-atlantischen Raum darstellen werden.

3 Die Entwicklung der Politik im Hinblick auf die Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität
und die jeweiligen Aufgaben der NATO, der Westeuropäischen Union und der Europäischen Union
sind in Kapitel 4 und 15 dargestellt.

51
Partnerschaft, Zusammenarbeit und Dialog. Das Konzept unterstreicht die
Entschlossenheit der Allianz bei der Verfolgung ihrer politischen Zielvorgaben
der Partnerschaft, der Zusammenarbeit und des Dialogs mit allen demokrati-
schen euro-atlantischen Staaten zum Erhalt des Friedens, zur Förderung der
Demokratie und als Beitrag zu Wohlergehen und Fortschritt. Es legt dar, dass
diese Strategie auf eine Verbesserung der Sicherheit für alle abzielt, nieman-
den ausschließt und dazu beiträgt, Spaltungen, die zu Konflikten führen könn-
ten, zu überwinden. Es enthält auch eine Beschreibung der Hauptinstrumente
dieser Politik: der Euro-Atlantische Partnerschaftsrat, die Partnerschaft für den
Frieden, die besonderen Beziehungen zu Russland und der Ukraine sowie der
Mittelmeerdialog.

Erweiterung. Das Konzept bekräftigt die Offenheit des Bündnisses für


neue Mitglieder nach Artikel 10 des Washingtoner Vertrags und wiederholt die
Erwartung des Bündnisses, dass es in den nächsten Jahren weitere
Einladungen zur Mitgliedschaft aussprechen wird.

Rüstungskontrolle, Abrüstung und Nichtverbreitung. Schließlich stellt das


Strategische Konzept die auf Unterstützung von Rüstungskontrolle, Abrüstung
und Nichtverbreitung gerichtete Politik des Bündnisses vor. Sie unterstreicht
die Absicht der NATO, diesen Aspekt ihres sicherheitspolitischen Ansatzes im
Einklang mit dem Verteidigungsansatz zu halten, und bestätigt außerdem die
Absicht, Sicherheit und Stabilität mit der geringstmöglichen Stärke der
Streitkräfte zu verbessern, die zur Erfüllung der ganzen Bandbreite der
Aufgaben des Bündnisses erforderlich ist.

Im letzten Teil des Strategischen Konzepts werden Richtlinien für die


Bündnisstreitkräfte definiert, in denen die in den vorangegangenen Abschnitten
definierten Ziele und Aufgaben in praktische - wenn auch notwendigerweise
allgemein gehaltene - Anweisungen für die NATO-Streitkräfte und die operative
Planung umgesetzt werden. Die Strategie fordert die fortgesetzte Entwicklung
der Fähigkeiten, die zur Verwirklichung der ganzen Bandbreite von NATO-
Aufgaben erforderlich sind, die von kollektiver Verteidigung bis hin zu friedens-
erhaltenden Maßnahmen und anderen Krisenreaktionseinsätzen reichen.

Als besonders wichtig werden dabei unter anderem die Fähigkeit zur wirk-
samen Bekämpfung gegnerischer Streitkräfte, Dislozierbarkeit und Mobilität,
Überlebensfähigkeit von Streitkräften und Infrastruktur, Durchhaltefähigkeit
sowie Interoperabilität auch mit den Streitkräften von Partnerländern ange-
führt. Zudem hebt die Strategie die unverzichtbare Rolle der
Bündnisstreitkräfte im Hinblick auf die mit der Weiterverbreitung nuklearer, bio-
logischer und chemischer Waffen und ihrer Trägersysteme verbundenen
Risiken hervor.

52
Das Strategische Konzept legt weiterhin fest, dass das Bündnis auf
absehbare Zeit nukleare und konventionelle Streitkräfte in der passenden
Zusammensetzung in Europa erhalten wird, die auf dem niedrigst vertretbaren
Kräfteniveau und entsprechend den Anforderungen stets auf dem neuesten
Stand gehalten werden.

DIE ROLLE ALLIIERTER STREITKRÄFTE UND DIE


NEUORDNUNG DES VERTEIDIGUNGSDISPOSITIVS DES
BÜNDNISSES
Seit Gründung der NATO bilden die Bündnisstreitkräfte die Grundlage für
eine wirksame Abschreckung und die Abwehr der Gefahr eines Krieges, der
vier Jahrzehnte lang die Hauptsicherheitssorge der Bündnispartner war.
Wichtigste Aufgabe der Bündnistreitkräfte ist auch in Zukunft die
Gewährleistung der Sicherheit und der territorialen Unversehrtheit der
Bündnisstaaten.

Die Aufgabe, die Sicherheit durch Abschreckung und kollektive


Verteidigung zu garantieren, besteht unverändert fort. Aufgrund der völlig ver-
änderten Sicherheitslage in den 90er Jahren war es der Allianz jedoch möglich,
zusätzlich zu ihrem Hauptauftrag neue Aufgaben zu übernehmen. So spielen
die Streitkräfte des Bündnisses z. B. durch das Programm der erweiterten
Partnerschaft für den Frieden und im Rahmen des EAPR, des Ständigen
Gemeinsamen NATO-Russland-Rats, der NATO-Ukraine-Kommission und
anderer zur Intensivierung der Zusammenarbeit eingerichteter Foren eine
zunehmend wichtige Rolle bei der Schaffung von mehr Transparenz und dem
Aufbau von Vertrauen zwischen der NATO und ihren Partnern. Außerdem
kommt ihnen eine Schlüsselrolle bei der Verifikation von
Abrüstungsvereinbarungen zu. Vor allem haben sie als Einsatztruppe zur
Friedenserhaltung die ganz entscheidende Aufgabe übernommen, ein effizien-
tes Krisenmanagement und wirksame Vorkehrungen zur Konfliktverhütung zu
stützen, insbesondere bei der Umsetzung der Friedensvereinbarung für
Bosnien und durch Bereitstellung der internationalen Sicherheitstruppen im
Kosovo unter dem Mandat der Vereinten Nationen.

Die Aufgaben der NATO-Streitkräfte im Rahmen der Friedenserhaltung


und der Krisenbewältigung haben parallel zur Entwicklung der Rolle, die die
Allianz auf diesem Gebiet insgesamt spielt, an Bedeutung gewonnen.
Tatsächlich hat keine der Herausforderungen, mit denen das Bündnis bisher
konfrontiert war, mehr Entschlossenheit und einheitliches Handeln gefordert
als die Bereitstellung seiner Streitkräfte im Rahmen internationaler
Anstrengungen zur Beendigung des Konflikts und zur Schaffung der Basis für
eine stabile und friedliche Zukunft im Balkan.
53
Der erste größere Kampfauftrag, bei dem die NATO zur Unterstützung der
Bemühungen der Vereinten Nationen um eine Beendigung des Konflikts im
ehemaligen Jugoslawien militärische Kräfte als Instrument der
Krisenbewältigung einsetzte, wurde 1995 durchgeführt. Diese Einsatzmission
mit der Bezeichnung „Operation Deliberate Force” war ein wichtiges Element
in dem Prozess, der seinen Höhepunkt im Abschluss einer Friedensregelung
für Bosnien fand. Danach wurde die NATO Ende 1995 mit der Umsetzung der
militärischen Aspekte der Friedensvereinbarung beauftragt, indem sie
zunächst die Führung der internationalen Friedenstruppe IFOR und ein Jahr
darauf der Stabilisierungstruppe SFOR übernahm, die beide unter VN-Mandat
eingerichtet wurden. Dies brachte es mit sich, dass die NATO, die bisher eine
relativ bescheidene Rolle bei den Friedensbemühungen der Vereinten
Nationen gespielt hatte, das Kommando bei komplexen
Friedensunterstützungsoperationen übernahm, an denen Streitkräfte zahlrei-
cher Partnerstaaten und anderer Nicht-NATO-Staaten beteiligt waren. Die
dabei im Einsatz gewonnenen praktischen Erfahrungen auf dem Gebiet der
militärischen Zusammenarbeit hatten weit reichende Auswirkungen, so z. B.
die verbesserte politische Zusammenarbeit nicht nur zwischen der NATO und
ihren Partnern, sondern auch mit anderen Staaten. Dieser Prozess ist der
Sicherheit und Stabilität in Europa insgesamt förderlich.

Der NATO-Einsatz im Kosovo und der Beitrag der NATO zur Bewältigung
der humanitären Krise in den Nachbarländern hat ihre Rolle auf dem Gebiet
der Krisenbewältigung weiter gestärkt. Sie hat - insbesondere mit der
Durchführung der Luftangriffe und dem anschließenden KFOR-Einsatz - ent-
scheidend dazu beigetragen, dass das von der internationalen Gemeinschaft
verfolgte Ziel der Schaffung einer Basis für langfristigen Frieden und Stabilität
im Kosovo erreicht werden konnte.

Mit den Luftangriffen im Kosovo, die den Zusammenhalt und die Einigkeit
der Bündnispartner sowie ihr entschlossenes Handeln angesichts der anhal-
tenden Gewaltausübung und Unterdrückung der Menschenrechte im Kosovo
unter Beweis stellten, wurde den diplomatischen Bemühungen der
Staatengemeinschaft Nachdruck verliehen und wurden die Hauptziele der
NATO-Mitglieder und ihrer Partner erreicht. Die humanitäre Katastrophe ist
vorbei. Mehr als 840.000 Flüchtlinge sind zurückgekehrt, eine internationale
Friedenstruppe unter NATO-Führung wurde erfolgreich stationiert, und die
Staatengemeinschaft hat über die Mission der Vereinten Nationen (UNMIK) die
Verantwortung für die zivile Administration übernommen.

Die sich wandelnde Rolle der Streitkräfte des Bündnisses spiegelt auch
dessen Bekenntnis zum Aufbau der Europäischen Sicherheits- und
Verteidigungsidentität (ESVI) innerhalb der NATO wider. Dieser in Kapitel 4
beschriebene Prozess wird nun im Kontext der von der Europäischen Union

54
erarbeiteten Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik vorangetrie-
ben.

Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Streitkräfte des Bündnisses neuen
Bedingungen angepasst werden, ist die Umsetzung des militärischen
Konzepts Alliierter Streitkräftekommandos. Im Januar 1994 verabschiedeten
die Staats- und Regierungschefs auf dem NATO-Gipfel dieses Konzept als
wichtiges Element der Anpassung der Bündnisstrukturen an die veränderte
Sicherheitslage in Europa. Durch dieses Konzept soll die NATO in die Lage
versetzt werden, auf neue Sicherheitsherausforderungen flexibel zu reagieren,
auch im Rahmen von Operationen unter Beteiligung von Staaten, die nicht
dem Bündnis angehören. Es soll die Fähigkeit der NATO zur kurzfristigen
Entsendung einer multinationalen, mehrere Teilstreitkräfte umfassenden und
auf die besonderen Erfordernisse einer bestimmten militärischen Operation
zugeschnittenen Truppe verbessern. Zudem wird das Konzept die Integration
von Nicht-NATO-Staaten erleichtern, die an Friedensoperationen unter NATO-
Führung teilnehmen. Viele Aspekte des nach wie vor in Entwicklung befindli-
chen Konzepts Alliierter Streitkräftekommandos wurden im Rahmen der unter
NATO-Führung im Balkan durchgeführten friedenserhaltenden Einsätze
bereits in der Praxis umgesetzt.

Die Regelungen für die Abstellung von Truppen der Mitgliedstaaten für
Alliierte Streitkräftekommandos richten sich nach den üblichen
Planungsverfahren der NATO. Die mit dem Konzept einhergehende Flexibilität
stellt allerdings hohe Anforderungen an die Führung der Alliierten
Streitkräftekommandos, d. h. an deren Stäbe. Deshalb werden in ausgewähl-
ten „Stamm”-Hauptquartieren innerhalb der NATO-Kommandostruktur
Kernelemente einiger weniger Stäbe eingerichtet (siehe Kapitel 11 und 12). Für
das Personal dieser Stäbe gilt in den meisten Fällen das
Doppelfunktionsprinzip, d. h., es nimmt, wenn es nicht im Rahmen Alliierter
Streitkräftekommandos tätig ist, andere Aufgaben in den „Stamm”-
Hauptquartieren wahr. Zusätzlich kommt entsprechend geschultes Personal
aus anderen NATO-Stäben und Staaten hinzu.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der fortwährende Wandel


des auf konventionelle Streitkräfte gestützten Verteidigungsdispositivs der
Allianz einen komplexen und weitreichenden Prozess darstellt, bei dem alle
oben angesprochenen Faktoren berücksichtigt werden müssen. Letztlich müs-
sen die NATO-Streitkräfte im Falle von Krisen, die zu einer militärischen
Bedrohung der Sicherheit der Mitgliedstaaten des Bündnisses führen könnten,
in der Lage sein, die politischen Maßnahmen zu ergänzen und zu verstärken
sowie zur Bewältigung und friedlichen Lösung derartiger Krisen beizutragen.
Die Aufrechterhaltung eines angemessenen Militärpotenzials und die unmiss-
verständliche Bereitschaft zu gemeinsamem Handeln sind deshalb weiterhin
55
von zentraler Bedeutung. Dank der über viele Jahre hinweg aufgebauten
Strukturen und getroffenen Vorkehrungen können die Mitgliedstaaten von den
politischen, militärischen und materiellen Vorteilen kollektiven Handelns und
der gemeinsamen Verteidigung profitieren. Diese Vorkehrungen beruhen auf
einer integrierten Struktur, zu deren Hauptmerkmalen die gemeinsame
Streitkräfteplanung, die gemeinsame Finanzierung, die gemeinsame
Einsatzplanung, multinationale Verbände, Hauptquartiere und
Kommandostrukturen, ein integriertes Luftverteidigungssystem, eine ausgewo-
gene Verteilung der Zuständigkeiten unter den Bündnispartnern, im Bedarfsfall
die Stationierung und der Einsatz von Truppen außerhalb des eigenen
Hoheitsgebiets, Vorkehrungen wie u. a. die Planung von Krisenbewältigung
und Verstärkungsmechanismen, gemeinsame Normen und Verfahren für
Gerät, Ausbildung und Logistik, gegebenenfalls interalliierte und teilstreit-
kraftübergreifende Einsatzgrundsätze und Übungen sowie Zusammenarbeit
auf den Gebieten Infrastruktur, Bewaffnung und Logistik zählen. Die
Einbeziehung der NATO-Partnerstaaten in diese Vorkehrungen oder die
Erarbeitung vergleichbarer Strukturen auf entsprechenden Gebieten für die
Partnerstaaten trägt ebenfalls zur Verbesserung der Zusammenarbeit und
gemeinsamer Bemühungen bei euro-atlantischen Sicherheitsangelegenheiten
bei.

Die wichtigsten Aspekte der sich auf die Streitkräfte des Bündnisses aus-
wirkenden Veränderungen sind die Reduzierung der Truppenstärke und die
Verringerung des Bereitschaftsgrades sowie die Erhöhung der Flexibilität,
Beweglichkeit und Multinationalität. Zusätzlich zu den durch die neuen
Aufgaben des Bündnisses diktierten Erfordernissen liegen dem Wandel selbst
zwei auch weiterhin unantastbare, unabdingbare Prinzipien zugrunde: das
Bekenntnis zur kollektiven Verteidigung als fundamentale Kernfunktion des
Bündnisses und die Aufrechterhaltung der transatlantischen Bindung als
Garant seiner Glaubwürdigkeit und Effektivität.

Die Kriegsgefahr aufgrund eines ideologischen Konflikts sowie politischer


und militärischer Gegnerschaft, die Europa mehr als vier Jahrzehnte lang
bedrohte, hat sich erheblich verringert. Heute steht weit weniger die
Abschreckung vor der Anwendung von Gewalt gemäß Artikel 5 des
Nordatlantikvertrags im Vordergrund als die Wahrnehmung der weitaus wahr-
scheinlicheren Aufgaben im Rahmen der Friedenserhaltung, Konfliktverhütung
und Krisenbewältigung, mit denen die NATO konfrontiert werden könnte.

Dennoch bestehen Sicherheitsrisiken durch die inhärente Instabilität


infolge der seit Ende des Kalten Krieges entstandenen Konfliktsituationen -
z. B. der Lage im ehemaligen Jugoslawien - fort, die die Notwendigkeit anhal-
tender Bündnissolidarität und der Aufrechterhaltung eines schlagkräftigen

56
Militärpotenzials verdeutlichen, das auf eine Vielzahl von Eventualfällen zu
reagieren imstande ist.

Im Endeffekt haben die Veränderungen bei den NATO-Streitkräften zu


einer stark reduzierten, aber beweglicheren Struktur geführt. Die dem Bündnis
von den Mitgliedstaaten im Zuge der integrierten Verteidigungs- und
Streitkräfteplanung zur Verfügung gestellten Bodentruppen wurden um 35
Prozent gekürzt. Seit Anfang der 90er Jahre ist die Zahl größerer
Marinefahrzeuge um mehr als 30 Prozent und die der Luftwaffen-
Kampfgeschwader um etwa 40 Prozent verringert worden. Auch die Zahl der
in hoher Einsatzbereitschaft gehaltenen Verbände wurde reduziert. Insgesamt
wurden die NATO-Streitkräfte so umstrukturiert, dass ihre Mobilmachungs- und
Aufwuchsfähigkeit im Bedarfsfall, d. h. entweder zur kollektiven Verteidigung
oder im Rahmen der Krisenbewältigung einschließlich friedensunterstützender
Operationen, erleichtert wird.

DIE NATO-INITIATIVE ZUR VERTEIDIGUNGSFÄHIGKEIT


Die anlässlich des Washingtoner Gipfeltreffens im April 1999 auf den Weg
gebrachte NATO-Initiative zur Verteidigungsfähigkeit oder DCI (Defense
Capitalities Initiative) soll gewährleisten, dass das Bündnis den sicherheitspo-
litischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden kann und
auf die wirksame Bewältigung von Krisen - wie beispielsweise im Kosovo - vor-
bereitet ist, während gleichzeitig die Fähigkeit zur Erfüllung seiner grundlegen-
den Verpflichtungen zur Verteidigung seiner Mitgliedstaaten gewahrt bleibt.
Generalsekretär Lord Robertson formulierte dies wie folgt: „Mit der Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit soll nicht nur die Interoperabilität der Bündnispartner
sichergestellt, sondern auch ihre Fähigkeit verbessert und aktualisiert werden,
den neuen sicherheitspolitischen Herausforderungen zu begegnen.”

Die Initiative erstreckt sich auf nahezu alle Bereiche des Militärpotenzials.
Dies umfasst die Mobilität von Streitkräften, ihre logistische Unterstützung, ihre
Schutz- und Durchhaltefähigkeit sowie die Führungs- und
Informationssysteme, die sie einsetzen, um zu gewährleisten, dass sie bei
Bedarf schnell und effizient an die Standorte entsendet werden können, wo sie
- sofern nötig auch für längere Zeit - zur Krisenbewältigung benötigt werden.

Während des Kalten Krieges stand bei der Verteidigungsplanung der


NATO die Aufrechterhaltung der erforderlichen Fähigkeiten zur Verteidigung
gegen einen potenziellen Angriff durch die Sowjetunion und den Warschauer
Pakt im Mittelpunkt. Heute ist das europäische Sicherheitsumfeld komplexer.
Die wahrscheinlichsten Sicherheitsgefahren gehen heute von Konflikten in den
Randgebieten Europas wie im ehemaligen Jugoslawien oder von der
57
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen aus. Dementsprechend muss die
NATO heute neben der Verteidigung gegen vorbedachte Aggressionen bereit
sein, Streitkräfte zur Krisenbewältigung über die Grenzen der Allianz hinaus
einzusetzen.
Zudem ist davon auszugehen, dass sich künftige militärische Operationen
der Allianz erheblich von den Einsätzen unterscheiden werden, für die während
des Kalten Krieges Planungen vorgenommen wurden, wie dies auch in
Bosnien und Herzegowina und im Kosovo, wo derzeit NATO-Truppen statio-
niert sind, der Fall ist. Die Einsätze werden voraussichtlich außerhalb des
Bündnisgebiets stattfinden, sie können viele Jahre andauern und sie werden in
enger Zusammenarbeit mit den Truppen vieler Staaten - vorwiegend
Mitgliedstaaten des Bündnisses, aber in manchen Fällen auch Partnerstaaten
- erfolgen. Darüber hinaus erfordern Aufgaben im Rahmen der
Krisenbewältigung andere Fähigkeiten als bei kriegerischen
Auseinandersetzungen.
Um diesen neuen Situationen gerecht zu werden, muss die NATO sicher-
stellen, dass ihre Streitkräfte über die zur erfolgreichen Ausführung sämtlicher
Aufgaben benötigte materielle sowie personelle Ausstattung und Ausbildung
verfügen. Die in Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo gemachten
Erfahrungen und die Erkenntnisse aus früheren multinationalen Einsätzen
unter Beteiligung von NATO-Mitgliedstaaten - z. B. in der Golfregion, in
Somalia und in Haiti - haben gezeigt, welche Veränderungen erforderlich sind.
Die Initiative zur Verstärkung der Verteidigungsfähigkeit wurde auf den
Weg gebracht, um zu gewährleisten, dass die NATO auf alle Eventualfälle vor-
bereitet ist. Zur federführenden Bearbeitung des Programms wurde eine hoch-
rangige Lenkungsgruppe eingesetzt. Die aus ranghohen Vertretern der ver-
schiedenen Regierungen zusammengesetzte Gruppe kommt unter dem
Vorsitz des Stellvertretenden NATO-Generalsekretärs in Abständen von weni-
gen Wochen zusammen, um die erzielten Fortschritte zu prüfen und den
Prozess zu steuern.
Die DCI wird durch Stärkung des Europäischen Verteidigungspotenzials
und des europäischen Pfeilers der NATO auch einen Beitrag zum Aufbau der
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität oder ESVI leisten.
Dadurch werden die europäischen Bündnispartner in die Lage versetzt, einen
größeren und kohärenteren Beitrag zur NATO zu leisten (siehe Kapitel 4).
Die DCI zielt insbesondere auf eine Verbesserung der Bündnisfähigkeiten
in den folgenden fünf ineinandergreifenden Bereichen ab:
• „Mobilität und Dislozierbarkeit”, also die Fähigkeit, Streitkräfte rasch
an den Ort verlegen zu können, wo sie benötigt werden, auch in
Regionen außerhalb des Bündnisgebiets

58
• „Durchhaltefähigkeit”, also die Fähigkeit, Streitkräfte weit entfernt von
ihren Heimatstützpunkten zu halten und zu versorgen und zu gewähr-
leisten, dass für langfristige Einsätze genügend frische Truppen zur
Verfügung stehen

• „Wirksamkeit im Einsatz”, also die Fähigkeit, einen Gegner in


Einsätzen jeder Art und Intensität erfolgreich zu binden

• „Überlebensfähigkeit”, also die Fähigkeit, Streitkräfte und Infrastruktur


vor aktuellen und künftigen Bedrohungen zu schützen

• „interoperable Kommunikation”, also untereinander kompatible


Führungs- und Informationssysteme, die eine effektive
Zusammenarbeit von Streitkräften aus unterschiedlichen Ländern
ermöglichen.

Um die Fähigkeiten der NATO zum Einsatz von Streitkräften in entfernten


Krisenregionen zu verbessern, untersuchen die Mitgliedstaaten verbesserte
Vorkehrungen für den Transport von Truppen und Ausrüstung. Dies umfasst
die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und Strukturen, die bei Bedarf die
Nutzung von Verkehrsflugzeugen und -schiffen ermöglichen. Der Einsatz kom-
merzieller Ressourcen würde schon weit im Vorfeld entsprechende
Nutzungsvereinbarungen sowie rechtsverbindliche Verträge erfordern.

Die Logistik stellt bei jeder Militäroperation ein entscheidendes Element


dar. Ziel der DCI ist die Stärkung der Logistikeinheiten der Bündnispartner im
Hinblick auf Anzahl und Fähigkeiten. Zur Steigerung der Effizienz wird auch der
Rahmen für eine Bündelung der logistischen Kapazitäten geprüft. Dies wird die
Einrichtung gemeinsamer multinationaler Logistikzentren im Rahmen des
Konzepts des Alliierten Streitkräftekommandos nach sich ziehen (siehe
Kapitel 12).

Moderne Technologien erlauben den selektiven Einsatz militärischer


Mittel, so dass Kollateralschäden verringert und Konflikte verkürzt werden kön-
nen, indem demonstriert wird, dass fortgesetzte Aggression nicht zum Erfolg
führt. Derartige Technologien sind unter anderem Waffensysteme zum Einsatz
bei Tag und bei Nacht sowie unter Allwetterbedingungen und präzisionsge-
lenkte Munition. Die DCI befasst sich auch mit diesen Bereichen.

Zur Verbesserung von Schutz und Überlebensfähigkeit der an militäri-


schen Operationen beteiligten Streitkräfte sucht die NATO nach Wegen zur
Verbesserung der militärischen Fähigkeiten auf diesen Gebieten.
Verbesserungen im Bereich der Aufklärungs- und Überwachungssysteme,
Luftverteidigungssysteme sowie der Systeme zur Abwehr der Gefahren durch
Massenvernichtungswaffen werden derzeit geprüft.
59
Gleichzeitig erhöht sich mit der immer engeren Zusammenarbeit der
Streitkräfte verschiedener Länder - beispielsweise bei Operationen zur
Krisenbewältigung - der Bedarf für eine effektive Kommunikation auf allen
Ebenen. Durch die DCI soll gewährleistet werden, dass durch technische
Fortschritte die Interoperabilität im Bereich der Kommunikation nicht beein-
trächtigt wird. Ferner soll sichergestellt werden, dass technische Fortschritte
zur Entwicklung von Kommunikationsmethoden für den militärischen Bedarf
optimal genutzt werden.

DIE NATO-NUKLEARSTREITKRÄFTE IM NEUEN


SICHERHEITSUMFELD
Das Bündnis hat seit dem Ende des Kalten Krieges weit reichende
Schritte zur Anpassung seiner Politik und seines Verteidigungsdispositivs an
das neue Sicherheitsumfeld unternommen. Bei der Umsetzung des neuen,
breit angelegten sicherheitspolitischen Ansatzes, der neben der unverzichtba-
ren Verteidigungsdimension der Bedeutung politischer, sozialer und umweltpo-
litischer Faktoren Rechnung trägt, haben die NATO-Mitgliedstaaten die sich
aus den gewaltigen Verbesserungen des Sicherheitsumfelds ergebenden
Chancen in vollem Umfang genutzt. Die Nuklearstrategie und das entspre-
chende Streitkräftedispositiv gehörten zu den ersten dahingehend überprüften
Bereichen, in denen dann auch einige der drastischsten Änderungen vorge-
nommen wurden. Die wichtigsten dieser Veränderungen sind im Folgenden
dargestellt.

Während des Kalten Krieges spielten die Nuklearstreitkräfte im Rahmen


der NATO-Strategie der flexiblen Reaktion eine zentrale Rolle. Sie waren in die
NATO-Streitkräftestruktur integriert und eröffneten dem Bündnis eine Reihe
kurzfristig ausführbarer Optionen zur Abschreckung vor einem größeren Krieg
in Europa. Dies brachte ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft und schnell rea-
gierende Alarmdispositive für beträchtliche Teile der NATO-Nuklearstreitkräfte
mit sich.

Vor dem Hintergrund des neuen Sicherheitsumfelds hat die NATO ihre
Nuklearstreitkräfte drastisch abgebaut. Die Bündnisstrategie zielt auch weiter-
hin auf die Verhinderung eines Krieges, wird aber nicht länger von der
Möglichkeit einer nuklearen Eskalation bestimmt. Die Nuklearstreitkräfte des
Bündnisses sind nicht mehr gegen ein bestimmtes Land gerichtet; zudem wer-
den Situationen, in denen ihr Einsatz in Erwägung gezogen werden müsste,
als äußerst unwahrscheinlich erachtet. Die NATO-Nuklearstreitkräfte spielen
auch weiterhin eine wesentliche Rolle in der Kriegsverhütung, die jedoch heute
grundlegender politischer Art ist, und sie sind nicht mehr auf die Abwehr einer

60
bestimmten Bedrohung ausgerichtet. Sie werden zur Gewährleistung von
Frieden und Stabilität auf dem geringstmöglichen Niveau aufrecht erhalten.
Entsprechend der geringeren Bedeutung von Nuklearwaffen in der
Bündnisstrategie wurde das NATO-Nukleardispositiv drastisch reduziert. Nach
Ende des Kalten Krieges haben die NATO-Nuklearmächte unilaterale Schritte
zur Streichung geplanter Modernisierungsprogramme für ihre
Nuklearstreitkräfte eingeleitet. Frankreich gab die vorzeitige Einstellung der
Produktion von Hadès-Flugkörpern bekannt. Die Vereinigten Staaten und das
Vereinigte Königreich strichen Pläne für einen taktischen Luft-Boden-
Nuklearflugkörper. Als Vorbote für spätere Entscheidungen zur Eliminierung
bodengestützter Nuklearsysteme haben die Vereinigten Staaten auch die
Pläne für ein nuklearfähiges Nachfolgesystem des LANCE-Boden-Boden-
Flugkörpers sowie für die Produktion eines neuen, nuklearen 155-mm-
Artilleriegeschosses gestrichen. Frankreich hat seit 1991 die nuklearen
Trägersysteme von sechs auf zwei Typen reduziert; heute bestehen die unab-
hängigen französischen Nuklearstreitkräfte nur noch aus vier U-Booten mit U-
Boot-gestützten ballistischen Flugkörpern (SLBM) sowie dem Flugzeug Mirage
2000N mit Luft-Boden-Flugkörpern mittlerer Reichweite.
Das Vereinigte Königreich hat seit 1992 seine nuklearen LANCE-Raketen
und die nukleare Rohrartillerie, die zuvor auf Überwasserschiffen stationierten
seegestützten taktischen Nuklearpotenziale sowie sämtliche flugzeuggestütz-
ten Nuklearwaffen aufgegeben und damit auch auf die Nuklearoption für seine
Flugzeuge mit dualer Einsatzfähigkeit verzichtet. Trident-U-Boote sind heute
das einzige Nuklearsystem, über das Großbritannien noch verfügt.
Im Oktober 1991 beschloss die NATO auf Initiative von US-Präsident
Bush, die Anzahl der den substrategischen4 Streitkräften in Europa zur
Verfügung stehenden Waffen um über 85 Prozent zu verringern. Dieser Abbau
war im Juli 1992 abgeschlossen. Im Rahmen dieser Reduzierungen wurden
alle nuklearen Gefechtsköpfe für die bodengestützten substrategischen
Streitkräfte der NATO (einschließlich Nuklearartillerie und Boden-Boden-
Flugkörper) abgeschafft und flugzeuggestützte Freifallbomben um weit über 50
Prozent reduziert. Ferner wurden sämtliche Nuklearwaffen für Überwasser-
Seestreitkräfte beseitigt. Im Rahmen des Abbauprozesses wurden rund 1.300
nukleare Artilleriewaffen und 850 Gefechtsköpfe für LANCE-Flugkörper elimi-

4 Die Begriffe „strategisch” und „substrategisch” werden in manchen Staaten unterschiedlich inter-
pretiert. Strategische Nuklearwaffen werden in der Regel als Waffen „interkontinentaler” Reichweite
(über 5.500 Kilometer) definiert; in bestimmten Fällen können dazu jedoch auch ballistische
Mittelstreckenraketen geringerer Reichweite gehören. Der Begriff „substrategische” Nuklearwaffen
wird in NATO-Dokumenten bereits seit 1989 für Nuklearwaffen mittlerer und kurzer Reichweite ver-
wendet; heute bezieht er sich in erster Linie auf flugzeuggestützte Waffen für NATO-Flugzeuge mit
dualer Einsatzfähigkeit sowie eine geringe Anzahl substrategischer Trident-Gefechtsköpfe des
Vereinigten Königreichs (alle sonstigen substrategischen Nuklearwaffen wurden aus Europa abge-
zogen).

61
niert. Alle diesen Kräften zugewiesenen Nukleargefechtsköpfe wurden aus
dem Bestand der NATO entfernt. Die meisten davon wurden bereits beseitigt;
die noch verbleibenden Waffen werden in naher Zukunft zerlegt.

Auch die Vereinigten Staaten haben mit Ausnahme der U-Boot-gestützten


nuklearen Marschflugkörper, die in Friedenszeiten nicht mehr auf See dislo-
ziert werden, sämtliche nichtstrategischen/substrategischen Marinesysteme
beseitigt. Ferner wurde auf die Nuklearoption der trägergestützten Flugzeuge
mit dualer Einsatzfähigkeit vollständig verzichtet. Heute handelt es sich bei den
einzigen landgestützten Nuklearwaffen der NATO um US-amerikanische
Atombomben, die mit Flugzeugen mit dualer Einsatzfähigkeit mehrerer
Bündnispartner zum Einsatz gebracht werden können.

Auch die nuklearen Lagerstätten der NATO wurden im Zuge der


Abschaffung von Waffensystemen und der Verringerung der Waffenanzahl
massiv abgebaut (rund 80 Prozent). Gleichzeitig wurde ein neues, sichereres
und überlebensfähigeres Waffenlagersystem installiert.

Mit dem Ende des Kalten Krieges hat die NATO als weitere signifikante
Veränderung die Aufrechterhaltung ständiger Pläne für nukleare Eventualfälle
in Friedenszeiten und entsprechender Ziele für ihre substrategischen
Nuklearstreitkräfte aufgegeben. Dementsprechend sind die Nuklearstreitkräfte
der NATO nicht mehr gegen ein bestimmtes Land gerichtet. Des Weiteren hat
die NATO eine Reihe von Schritten zur Reduzierung der Anzahl und des
Bereitschaftsgrades ihrer Flugzeuge mit dualer Einsatzfähigkeit unternommen
und damit die sich bietenden Chancen des verbesserten Sicherheitsumfelds
intensiv genutzt.

In einer weiteren unilateralen Initiative haben die NATO-Außen- und


Verteidigungsminister im Dezember 1996 bekannt gegeben, dass eine
Erweiterung des Bündnisses keine Änderung des umfassend reduzierten
Nukleardispositivs erforderlich machen würde, und erklärt: „[...] die NATO-
Länder [haben] nicht die Absicht, keine Pläne und auch keinen Anlass,
nukleare Waffen auf dem Hoheitsgebiet neuer Mitglieder zu stationieren, noch
sehen sie die Notwendigkeit, das NATO-Nukleardispositiv oder die
Nuklearpolitik in irgendeinem Punkt zu verändern - und wir sehen dazu auch
in Zukunft keine Notwendigkeit”. Die noch verbleibenden, erheblich kleineren
substrategischen Streitkräfte der NATO werden dem Abschreckungsbedarf
des Bündnisses in absehbarer Zukunft auch weiterhin genügen.

Nukleare Rüstungskontrolle
Die NATO-Staaten haben ihre schon seit langer Zeit bestehende
Verpflichtung zu nuklearer Rüstungskontrolle, Abrüstung und Nichtverbreitung

62
als integralem Bestandteil ihrer Sicherheitspolitik, der fest in den größeren poli-
tischen Rahmen eingebettet ist, in dem die Bündnispartner sich um eine
Verbesserung von Stabilität und Sicherheit durch Verringerung der
Waffenbestände und Erhöhung der militärischen Transparenz und des gegen-
seitigen Vertrauens bemühen, aufrechterhalten. In ihrer „Entscheidung von
Montebello” kündigte die Allianz 1983 den Abzug von 1.400 Gefechtsköpfen
aus Europa an und setzte diese Entscheidung in der Folge auch um. In dem
1987 geschlossenen amerikanisch-sowjetischen Vertrag über atomare
Mittelstreckensysteme (INF) wurde die weltweite Abschaffung landgestützter
atomarer Mittelstreckenflugkörper vereinbart. Damit hatte der NATO-
Doppelbeschluss von 1979 auch im Hinblick auf die Rüstungskontrolle Früchte
getragen.

Die Vereinigten Staaten und die Russische Föderation befinden sich in


einem intensiven Prozess zur drastischen Reduzierung ihrer strategischen
Nuklearwaffen. Der im Juli 1991 unterzeichnete und 1994 in Kraft getretene
START-I-Vertrag über die Reduzierung strategischer Waffen sieht den Abbau
der stationierten strategischen Waffen beider Seiten von weit über 10.000 auf
6.000 vor. Mit dem START-II-Vertrag, der im Januar 1993 unterzeichnet und im
Januar 1996 von der USA sowie im April 2000 von Russland ratifiziert wurde,
werden die strategischen Waffen beider Seiten auf 3.000 bis 3.500 reduziert
und die unabhängig zielfähigen Mehrfachgefechtsköpfe für interkontinentale
ballistische Flugkörper abgeschafft sowie Verfahren zur eingehenden
Umsetzungsverifikation aufgestellt. Nach der Ratifizierung des START-II-
Vertrags durch Russland haben die Vereinigten Staaten und Russland ihre
Bereitschaft zur Aufnahme von START-III-Verhandlungen zu erkennen gege-
ben, mit denen die strategischen Waffen auf 2.000 bis 2.500 reduziert und
Maßnahmen im Hinblick auf die Transparenz der Bestände strategischer
Gefechtsköpfe und die Vernichtung strategischer Nukleargefechtsköpfe einge-
leitet werden sollen.

Alle NATO-Staaten sind dem Vertrag über die Nichtverbreitung von


Kernwaffen (NVV) beigetreten und haben dem Vertragswerk mit seinen 187
Unterzeichnerstaaten ihre volle Unterstützung zugesichert. Sämtliche Länder,
die sich dem Vertrag noch nicht angeschlossen haben, wurden dringend zur
Unterzeichnung und umfassenden Umsetzung des Vertrags aufgefordert.
Anlässlich der alle fünf Jahre stattfindenden Überprüfungskonferenz zum
Nichtverbreitungsvertrag im Mai 2000 in New York haben sich die fünf
Atommächte, die ständige Mitglieder des VN-Sicherheitsrates sind - China,
Frankreich, Russland, Vereinigtes Königreich und Vereinigte Staaten - neben
weiteren praktischen Maßnahmen zur Umsetzung des Vertrags verpflichtet,
der „eine eindeutige Verpflichtung [...] zur kompletten Abschaffung ihrer
Nukleararsenale bis hin zur vollständigen Abrüstung” beinhaltet. Diese
Verpflichtung stellt einen bedeutenden Fortschritt auf dem Gebiet der nuklea-
63
ren Rüstungskontrolle dar, von dem ein positiver Einfluss auf die künftige
Agenda im Bereich der Rüstungskontrolle zu erwarten ist.

Die NATO unterstützt die besonnenen und schrittweisen Bemühungen


zum Abbau von Kernwaffen. Das Bündnis hat Fortschritte beim Vertrag über
die Reduzierung strategischer Waffen (START) durchweg begrüßt und die
Notwendigkeit des Inkraftretens des START-II-Vertrags betont, die weitere
erhebliche Verringerungen der Bestände an strategischen Waffen im Zuge
eines geplanten START-III-Vertrags nach sich ziehen könnte.

All diese Verpflichtungen und Entwicklungen stehen im Einklang mit dem


Bündnisziel der Gewährleistung von Sicherheit und Stabilität auf dem nied-
rigstmöglichen mit den Erfordernissen der Verteidigung zu vereinbarenden
Kräfteniveau.

Die Rolle der verbleibenden Nuklearstreitkräfte der


NATO
Der Hauptzweck der noch verbleibenden Nuklearstreitkräfte ist politischer
Art und besteht in der Erhaltung des Friedens und der Verhütung von
Zwangsausübung. Die Nuklearstreitkräfte machen die Risiken einer
Aggression gegen die NATO auf eine Weise unkalkulierbar und untragbar, wie
dies mit konventionellen Kräften allein nicht möglich wäre. In der passenden
Zusammensetzung mit konventionellen Kräften lassen sie jeden Staat, der ver-
sucht sein könnte, durch Androhung oder Einsatz von
Massenvernichtungswaffen gegen das Bündnis politischen oder militärischen
Nutzen zu ziehen, vollständig im Ungewissen über die mögliche Reaktion.
Durch Abschreckung vor dem Einsatz nuklearer, biologischer und chemischer
Waffen leisten die Bündnisstreitkräfte auch einen Beitrag zu den Bestrebungen
der NATO, die Verbreitung dieser Waffen und ihrer Trägersysteme zu verhin-
dern.

Die durch das Nukleardispositiv der NATO gewährleistete kollektive


Sicherheit erstreckt sich auf alle Mitglieder der Allianz. Zudem stärken die in
Europa stationierten NATO-Nuklearstreitkräfte der USA die politischen und
militärischen Bindungen zwischen den europäischen und nordamerikanischen
Mitgliedern der Allianz. Gleichzeitig werden durch die Beteiligung der Nicht-
Nuklearstaaten des Bündnisses an der Umsetzung der NATO-Nuklearpolitik
die Solidarität des Bündnisses, die gemeinsame Verpflichtung der
Mitgliedstaaten zur Wahrung ihrer Sicherheit und die Fächerung der Lasten-
und Risikoteilung im Bündnisrahmen unter Beweis gestellt.

Die politische Aufsicht über das Nukleardispositiv der NATO wird ebenfalls
von allen Mitgliedstaaten gemeinsam ausgeübt. Die Nukleare Planungsgruppe

64
der NATO (NPG) stellt ein Forum dar, in dem die Verteidigungsminister von
Nuklear- und Nicht-Nuklearstaaten des Bündnisses (mit Ausnahme von
Frankreich) gleichermaßen an den Entscheidungen über das Nuklearpotenzial
der NATO und der Entwicklung der Nuklearpolitik mitwirken. Dies beruht auf
dem Konsens der Mitgliedstaaten, dass die NATO auch weiterhin - für alle
deutlich sichtbar - ein militärisches Kernpotenzial aus Streitkräften in der pas-
senden Zusammensetzung aufrechterhalten muss, das ihr die für die kollektive
Selbstverteidigung erforderlichen militärischen Kernfähigkeiten verleiht. Die
NATO-Nuklearstreitkräfte bleiben trotz der dramatischen Veränderungen im
Sicherheitsumfeld, die es der NATO erlaubt haben, ihr Nukleardispositiv und
ihr Zurückgreifen auf Nuklearwaffen in großem Umfang zu reduzieren, ein
wichtiger Bestandteil dieses Potenzials.

65
KAPITEL 3

DIE ERWEITERUNG DES BÜNDNISSES

Der NATO-Erweiterungsprozess
Die Partnerschaft für den Frieden
Kooperation zwischen der NATO und Russland
Partnerschaft der NATO mit der Ukraine
Der Mittelmeerdialog des Bündnisses
Die Südosteuropa-Initiative der NATO
DIE ERWEITERUNG DES BÜNDNISSES

DER NATO-ERWEITERUNGSPROZESS
„Die Parteien können durch einstimmige Entscheidung jeden anderen
europäischen Staat, der in der Lage ist, die Grundsätze dieses Vertrags zu för-
dern und zur Sicherheit des nordatlantischen Gebiets beizutragen, zum Beitritt
einladen. (...)”

Artikel 10, Nordatlantikvertrag, Washington DC, 4. April 1949

Seit Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags sind zu den ersten 12


Unterzeichnerstaaten 7 Staaten hinzugekommen, wodurch sich die
Gesamtzahl der NATO-Verbündeten auf 19 erhöht hat. Nach einer 1997 auf
dem Madrider Gipfeltreffen ausgesprochenen Einladung traten die
Tschechische Republik, Ungarn und Polen dem Bündnis im März 1999 bei. Die
drei jüngsten Mitgliedstaaten nahmen im April 1999 in Washington an ihrem
ersten Gipfeltreffen als Vollmitglieder teil. Zu diesem Zeitpunkt unterstrichen
die NATO-Staats- und Regierungschefs, dass das Bündnis für die Aufnahme
weiterer neuer Mitglieder offen stehe, und versicherten, dass die NATO auch
weiterhin neue Mitglieder willkommen heiße, die in der Lage sind, die
Grundsätze des Washingtoner Vertrags zu fördern und zu Frieden und
Sicherheit im euro-atlantischen Raum beizutragen.

Das Bündnis geht davon aus, dass in den kommenden Jahren weitere
Einladungen an Staaten ausgesprochen werden, die bereit und in der Lage
sind, die mit der Mitgliedschaft verbundenen Verantwortungen und
Verpflichtungen zu übernehmen, wenn die Aufnahme dieser Staaten den über-
geordneten politischen und strategischen Interessen der Allianz dient und die
Sicherheit und Stabilität in Europa insgesamt erhöht.

Ferner riefen die Staats- und Regierungschefs einen Aktionsplan zur


Mitgliedschaft ins Leben, der den beitrittswilligen Ländern Beratung und
Unterstützung bieten soll.

Die Studie zur NATO-Erweiterung von 1995


Im Januar 1994 bekräftigten die Staats- und Regierungschefs des
Bündnisses anlässlich des Brüsseler Gipfeltreffens, dass die Allianz weiteren
europäischen Staaten, die die Grundsätze des Vertrags von Washington för-
dern und einen Beitrag zur Sicherheit im Nordatlantikraum leisten können,
auch künftig offen stehe.
69
Gemäß einer Entscheidung der Außenminister des Bündnisses vom
Dezember 1994 wurde das „Warum und Wie” künftiger Beitritte zum Bündnis
im Laufe des Jahres 1995 durch die Bündnispartner geprüft. Die daraus her-
vorgegangene „Studie zur NATO-Erweiterung” wurde im September 1995 an
interessierte Partnerländer weitergegeben und veröffentlicht. Die in der Studie
dargelegten Grundsätze bilden nach wie vor die Grundlage für die Offenheit
der NATO in der Frage des Beitritts neuer Mitglieder. Hinsichtlich der
Begründung für die NATO-Erweiterung kam die Studie zu dem Schluss, dass
mit dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung des Warschauer Pakts
sowohl die Notwendigkeit als auch die einmalige Chance zur Errichtung einer
verbesserten Sicherheitsstruktur im gesamten euro-atlantischen Raum
bestehe, ohne erneut Trennlinien zu ziehen.

Die Erweiterung der NATO ist ein weiterer Schritt in Richtung auf das ele-
mentare Ziel des Bündnisses, im gesamten euro-atlantischen Raum die
Sicherheit zu erhöhen und die Stabilität auszubauen, und ergänzt die allge-
meinen Integrationstendenzen, insbesondere die Erweiterung der
Europäischen Union (EU) sowie die Stärkung der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) (siehe Kapitel 15). Durch die NATO-
Erweiterung wird niemand bedroht. Die NATO bleibt ein Verteidigungsbündnis,
dessen Hauptzweck in der Erhaltung des Friedens im euro-atlantischen Raum
und der Gewährleistung der Sicherheit seiner Mitglieder besteht.

Außerdem stellte die Studie fest, dass die Erweiterung des Bündnisses
auf vielerlei Weise zu erhöhter Stabilität und Sicherheit für alle Staaten im
euro-atlantischen Raum beiträgt. Sie fördert und unterstützt demokratische
Reformen, einschließlich der Errichtung einer zivilen und demokratischen
Kontrolle der Streitkräfte. Sie fördert die Strukturen und Gewohnheiten der
Kooperation, Konsultation und Konsensbildung, die die Beziehungen zwischen
den derzeitigen Bündnispartnern kennzeichnen, und unterstützt gutnachbarli-
che Beziehungen im gesamten euro-atlantischen Raum. Sie erhöht die
Transparenz der Verteidigungsplanung und der Militärhaushalte, was das
Vertrauen der Staaten untereinander stärkt, und fördert die Tendenz zu
Integration und Zusammenarbeit in Europa. Darüber hinaus stärkt sie die
Fähigkeit des Bündnisses, zur europäischen und internationalen Sicherheit
und Unterstützung der Friedenserhaltung im Rahmen der Vereinten Nationen
und der OSZE beizutragen, und festigt und erweitert die transatlantische
Partnerschaft.

Im Hinblick auf die Art der Erweiterung bekräftigte die Studie, dass wie in
der Vergangenheit jede künftige Erweiterung der Mitgliedschaft des
Bündnisses durch den Beitritt neuer Mitgliedstaaten zum Nordatlantikvertrag in
Übereinstimmung mit Artikel 10 erfolgen muss. Nach ihrem Beitritt genießen
neue Mitglieder alle Rechte und übernehmen alle Pflichten der Mitgliedschaft

70
im Rahmen des Vertrags. Sie müssen die von sämtlichen Bündnisstaaten
übernommenen Prinzipien, Richtlinien und Verfahrensvorschriften vom
Zeitpunkt ihres Beitritts an bejahen und einhalten. Die Studie stellte klar, dass
der Wille und die Fähigkeit, diesen Verpflichtungen nicht nur auf dem Papier,
sondern in der Praxis nachzukommen, bei jeder Entscheidung des
Bündnisses, einen Staat zum Beitritt aufzufordern, ein entscheidender Faktor
sei.

Staaten, die in ethnische Konflikte, externe territoriale Auseinan-


dersetzungen oder innerstaatliche Hoheitskonflikte verwickelt sind, müssen
diese Streitigkeiten nach den OSZE-Grundsätzen mit friedlichen Mitteln beile-
gen, bevor sie Mitglied werden können.

Darüber hinaus stellte die Studie fest, dass die Fähigkeit interessierter
Staaten, zur gemeinsamen Verteidigung und zur Friedenserhaltung sowie
anderen, neuen Aufgaben des Bündnisses militärisch beizutragen, ein mitent-
scheidender Faktor dafür ist, ob sie zum Beitritt eingeladen werden. Letzten
Endes, so folgerte die Studie, entscheiden die Bündnisstaaten einvernehmlich
über die Einladung jedes neuen Mitglieds zum Beitritt, wobei sich die
Entscheidung zum jeweiligen Zeitpunkt darauf stützt, ob die Mitgliedschaft
eines bestimmten Staates ihres Erachtens nach zur Sicherheit und Stabilität im
nordatlantischen Raum beitragen würde. Kein Staat außerhalb des
Bündnisses hat bei dem Erweiterungsprozess oder den damit verbundenen
Entscheidungen ein Veto- oder Mitspracherecht („droit de regard”).

Auf dem Madrider Gipfeltreffen im Juli 1997 luden die Staats- und
Regierungschefs des Bündnisses nach sorgfältiger und umfassender Beratung
und eingehenden Einzeldialogen mit den interessierten Partnerstaaten die
Tschechische Republik, Ungarn und Polen ein, Beitrittsverhandlungen mit der
NATO aufzunehmen. Nach dieser Entscheidung fanden im Herbst 1997
Verhandlungen mit jedem eingeladenen Land statt, und im Dezember 1997
wurde für jedes der drei Länder ein Beitrittsprotokoll unterzeichnet. Diese
Beitrittsprotokolle wurden von allen 16 Bündnisstaaten und den neuen
Mitgliedern nach ihren jeweiligen nationalen Verfahrensvorschriften ratifiziert.
Im März 1999 traten die drei Staaten dem Vertrag offiziell bei.

Die NATO-Erweiterung ist kein Einzelereignis, sondern ein offener, fort-


dauernder Prozess.

Der Beitrittsprozess
Nachstehend sind die wesentlichen Schritte bis zum Beitritt der drei neuen
Mitgliedstaaten dargestellt.
71
• 10. Januar 1994. Anlässlich des NATO-Gipfeltreffens in Brüssel
erklärten die Staats- und Regierungschefs der 16 Bündnisstaaten,
dass sie eine NATO-Erweiterung zur Aufnahme von demokratischen
Staaten in Osteuropa erwarteten und begrüßten. Sie bekräftigten,
dass die Allianz gemäß Artikel 10 des Washingtoner Vertrags weiteren
europäischen Staaten, die die Grundsätze des Vertrags von
Washington fördern und einen Beitrag zur Sicherheit im
Nordatlantikraum leisten können, offen stehe.
• September 1995. Die Allianz nahm die Studie zur NATO-Erweiterung
an, in der verschiedene Faktoren dargelegt wurden, die beim
Erweiterungsprozess in Betracht zu ziehen wären. Die Studie machte
auch die Berücksichtigung politischer und sicherheitsrelevanter
Entwicklungen in Europa zur Bedingung. Sie bildet nach wie vor die
Grundlage für die Haltung der NATO in der Frage des Beitritts neuer
Mitglieder.
• Im Laufe des Jahres 1996 wurde ein intensiver Einzeldialog mit 12
interessierten Partnerländern geführt. Dabei wurde zum einen deren
Verständnis für die Arbeitsweise des Bündnisses vertieft; zum ande-
ren erhielt das Bündnis einen besseren Einblick in den Stand der
betreffenden Länder, was deren interne Entwicklung sowie die
Beilegung etwaiger Konflikte mit Nachbarländern angeht. Dies wurde
in der Studie als wichtige Voraussetzung für die Mitgliedschaft defi-
niert.
• 10. Dezember 1996. Die NATO-Staaten begannen in Vorbereitung
einer anlässlich des Madrider Gipfeltreffens im Juli 1997 zu treffenden
Entscheidung mit der Ausarbeitung von Empfehlungen darüber, wel-
che Staaten zur Aufnahme von Beitrittsverhandlungen aufgefordert
werden sollten.
• Anfang 1997. Auf Anfrage von 11 Partnerstaaten fanden Treffen für
intensive Einzelgespräche statt. Parallel dazu führten die NATO-
Militärbehörden eine Analyse der relevanten militärischen Faktoren im
Hinblick auf die an der Mitgliedschaft interessierten Länder durch.
• 8. Juli 1997. Die NATO-Staats- und Regierungschefs luden auf ihrem
Treffen in Madrid die Tschechische Republik, Ungarn und Polen zur
Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit dem Bündnis ein. Sie
bekräftigten ferner, dass die NATO auch weiterhin neuen Mitgliedern
offen stehe.
• September und November 1997. Mit allen drei Ländern, an die eine
Einladung ausgesprochen worden war, wurden Beitrittsverhandlungen
geführt. Nach Abschluss der Gespräche bekräftigten die drei Staaten

72
in Absichtserklärungen die im Rahmen der Gespräche gemachten
Zusagen.
• 16. Dezember 1997. Die NATO-Außenminister unterzeichneten
Beitrittsprotokolle zum Nordatlantikvertrag über den Beitritt der drei
Staaten.
• Im Laufe des Jahres 1998 ratifizierten die Bündnisstaaten die
Beitrittsprotokolle nach ihren nationalen Verfahrensvorschriften.
• 12. März 1999. Nach Abschluss der eigenen nationalen legislativen
Verfahren hinterlegten die Außenminister der Tschechischen
Republik, Ungarns und Polens im Rahmen einer Zeremonie im US-
amerikanischen Independence (Missouri) Beitrittsurkunden zum
Nordatlantikvertrag. Dies stellte ihren offiziellen Bündnisbeitritt dar.
• 16. März 1999. Die Nationalflaggen der drei neuen Mitgliedstaaten
wurden im Rahmen einer Zeremonie im Brüsseler NATO-
Hauptquartier gehisst.
Während dieses Zeitraums wurden von allen künftigen Mitgliedstaaten
verschiedene Maßnahmen zur Gewährleistung der Effektivität ihrer künftigen
Mitwirkung in der Allianz erfolgreich zum Abschluss gebracht. Dies umfasste
Maßnahmen im Sicherheitsbereich (z. B. Vorkehrungen für den Erhalt, die
Aufbewahrung und die Verwendung von Verschlusssachen) sowie auf anderen
Gebieten wie der Luftverteidigung, der Infrastruktur, der Streitkräfteplanung
und der Kommunikations- und Informationssysteme.

Der Aktionsplan zur Mitgliedschaft


• Der Aktionsplan zur Mitgliedschaft soll beitrittswilligen Ländern durch
Beratung, Unterstützung und praktische Hilfestellungen zu allen
Aspekten der NATO-Mitgliedschaft bei ihren Vorbereitungen helfen.
Die Hauptmerkmale des Aktionsplans sind:
• die Vorlage individueller nationaler Jahresprogramme durch beitritts-
willige Länder zu ihren Vorbereitungen auf eine mögliche zukünftige
Mitgliedschaft unter Berücksichtigung politischer, wirtschaftlicher und
verteidigungspolitischer Fragen sowie ressourcenbezogener, sicher-
heitspolitischer und rechtlicher Aspekte;
• ein gezielter und offener Rückmeldungsmechanismus über die
Fortschritte beitrittswilliger Länder bei der Umsetzung ihrer
Programme, einschließlich politischer und technischer Anleitung,
sowie jährliche Treffen im Format 19+1 auf Ratsebene zur Bewertung
der Fortschritte;
73
• eine Koordinierungsstelle zur Feinabstimmung der Unterstützung
durch die NATO und durch Mitgliedstaaten für beitrittswillige Länder
auf verteidigungspolitischem und militärischem Gebiet;
• ein Verteidigungsplanungsansatz für beitrittswillige Länder, der die
Erarbeitung und Überprüfung vereinbarter Planungsziele einschließt.
Die NATO-Außenminister werden den Erweiterungsprozess einschließlich
der Umsetzung des Aktionsplans zur Mitgliedschaft ständig überprüfen. Die
NATO-Staats- und Regierungschefs werden den Prozess auf ihrem nächsten
Gipfeltreffen überprüfen, das noch im Jahr 2002 stattfinden wird.
Die Einführung des Aktionsplans zur Mitgliedschaft im April 1999 hat bei-
trittswilligen Ländern geholfen, ihre Vorbereitungen stärker auf die Erfüllung
der im Plan definierten Ziele und Prioritäten auszurichten. Zudem ist seine
Umsetzung nicht länger nur Angelegenheit der Außen- und
Verteidigungsminister. Mit der Einführung von Ministertreffen auf nationaler
Ebene werden in die Erfüllung der Planziele im Rahmen einer abgestimmten
und systematischen Vorgehensweise zunehmend auch andere Ministerien ein-
bezogen.
Bei den neun Ländern, die Interesse an einem NATO-Beitritt bekundet
haben und am Aktionsplan zur Mitgliedschaft teilnehmen, handelt es sich um
Albanien, Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei,
Slowenien sowie die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien1.
Der Aktionsplan zur Mitgliedschaft verleiht dem Bekenntnis der NATO zur
Politik der offenen Tür Substanz. Eine Beteiligung am Aktionsplan zur
Mitgliedschaft stellt jedoch keine Garantie für eine künftige Mitgliedschaft dar.
Auch ist der Plan nicht lediglich eine Checkliste mit Punkten, die die beitritts-
willigen Länder erfüllen müssen. Die Entscheidungen zur Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen mit beitrittswilligen Ländern werden innerhalb der
NATO einvernehmlich und von Fall zu Fall getroffen.
Durch den Aktionsplan zur Mitgliedschaft erhalten beitrittswillige Ländern
konkretes Feedback und Anleitung durch die NATO zu ihren eigenen
Vorbereitungen auf eine künftige Mitgliedschaft. Er stellt eine Reihe von
Maßnahmen zur Stärkung der Kandidatur der einzelnen beitrittswilligen Länder
bereit. Der Aktionsplan zur Mitgliedschaft stellt keinen Ersatz für das
Programm der Partnerschaft für den Frieden (PfP) dar. Die Mitwirkung der bei-
trittswilligen Länder in der PfP sowie der PfP-Planung und Überprüfung wurde
auf die jeweiligen Bedürfnisse zugeschnitten. Die volle Mitwirkung an der PfP
sowie an der PfP-Planung und Überprüfung ist von wesentlicher Bedeutung,
da sie den beitrittswilligen Ländern den Aufbau der Interoperabilität mit NATO-

1 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

74
Streitkräften sowie die Vorbereitung ihrer Streitkräftestrukturen und -fähigkei-
ten auf die mögliche künftige Mitgliedschaft ermöglicht.

Ebenso wie für die PfP gilt für den Aktionsplan zur Mitgliedschaft das
Prinzip der Eigenständigkeit: beitrittswillige Länder können die für ihre eigenen
nationalen Prioritäten und Umstände am besten geeigneten Elemente des
Aktionsplans zur Mitgliedschaft frei wählen. Alle beitrittswilligen Länder haben
ein nationales Jahresprogramm für ihre Vorbereitungen auf eine mögliche
Mitgliedschaft unter Berücksichtigung politischer, wirtschaftlicher und verteidi-
gungspolitischer Fragen sowie ressourcenbezogener, sicherheitspolitischer
und rechtlicher Aspekte vorgelegt. Sie haben eigene Ziele und Zeitpläne defi-
niert. Diese Programme sollen von den beitrittswilligen Ländern jährlich aktua-
lisiert werden, können jedoch jederzeit geändert werden.

Die NATO verfolgt die von den einzelnen Beitrittskandidaten erzielten


Fortschritte und bietet politische und technologische Anleitung. Die erzielten
Fortschritte werden im Rahmen von Treffen des Nordatlantikrats mit den ein-
zelnen Beitrittskandidaten diskutiert. Während des gesamten Jahres bieten
Tagungen und Workshops mit zivilen und militärischen NATO-Fachleuten ver-
schiedener Gebiete ein Gesprächsforum für das gesamte Fragenspektrum im
Zusammenhang mit der Mitgliedschaft. Ein jährlicher zusammenfassender
Fortschrittsbericht zu den Maßnahmen im Rahmen des Aktionsplans zur
Mitgliedschaft wird den NATO-Außen- und Verteidigungsministern bei ihrem
regelmäßig im Frühjahr stattfindenden Treffen vorgelegt.

Von den Beitrittskandidaten wird die Erreichung bestimmter politischer


und wirtschaftlicher Ziele erwartet. Dazu gehört die Beilegung internationaler
und ethnischer Konflikte oder externer territorialer Auseinandersetzungen auf
friedlichem Wege, die Demonstration einer Verpflichtung zu Rechtstaatlichkeit
und Menschenrechten, die Einrichtung einer demokratischen Kontrolle ihrer
Streitkräfte sowie die Förderung von Stabilität und Wohlergehen durch wirt-
schaftliche Freiheit, soziale Gerechtigkeit und verantwortliches umweltpoliti-
sches Handeln.

Der Schwerpunkt im Bereich der verteidigungspolitischen und militäri-


schen Angelegenheiten liegt auf der Fähigkeit des Landes, zur kollektiven
Verteidigung und den neuen Aufgaben des Bündnisses beizutragen. Die volle
Mitwirkung an der PfP bildet hier ein wesentliches Element. Durch ihre indivi-
duellen PfP-Programme können die Beitrittsländer sich auf wesentliche
Aspekte im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft konzentrieren. Die
Interoperabilitätsziele für beitrittswillige Länder umfassen Planziele für die
Bereiche, die für NATO- Beitrittskandidaten direkt relevant sind.

Der Schwerpunkt im Bereich der Ressourcen liegt auf der Notwendigkeit


für jedes beitrittswillige Land, ausreichende Verteidigungsressourcen bereitzu-
75
stellen, um im Falle einer künftigen Mitgliedschaft den Verpflichtungen im
Hinblick auf gemeinsame NATO-Unternehmungen gerecht werden zu können.

Im Bereich Sicherheit müssen die Beitrittskandidaten in erster Linie


sicherstellen, dass Verfahren zur Gewährleistung der Sicherheit vertraulicher
Informationen vorhanden sind.

Rechtliche Aspekte behandeln die Notwendigkeit für die


Beitrittskandidaten zu gewährleisten, dass rechtliche Vorkehrungen und
Vereinbarungen für die Zusammenarbeit innerhalb der NATO mit der nationa-
len Gesetzgebung vereinbar sind.

DIE PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN

Rahmen und Ziele


Die Partnerschaft für den Frieden (PfP) ist eine von der NATO im Januar
1994 auf dem Gipfeltreffen des Nordatlantikrats in Brüssel auf den Weg
gebrachte wichtige Initiative. Ziel dieser Partnerschaft ist die Erhöhung von
Stabilität und Sicherheit in ganz Europa. Die Einladung zur Teilnahme an der
Partnerschaft für den Frieden wurde an alle im Nordatlantischen
Kooperationsrat (NAKR)2 vertretenen Staaten sowie an andere Staaten gerich-
tet, die an der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(KSZE)3 teilnahmen und bereit und in der Lage waren, einen Beitrag zum
Programm zu leisten. Der Einladung folgten seither insgesamt 30 Staaten. Mit
dem Bündnisbeitritt der drei ehemaligen PfP-Staaten Tschechische Republik,
Ungarn und Polen liegt die aktuelle Anzahl der PfP-Teilnehmer nun bei 27
Staaten. Die Aktivitäten, zu denen sich jeder einzelne Partner verpflichtet,
beruhen auf gemeinsam erarbeiteten Individuellen Partnerschafts-
programmen.

Schwerpunkt des PfP-Programms ist die verteidigungspolitische


Zusammenarbeit; zur Schaffung einer echten Partnerschaft zwischen den ein-
zelnen Partnerstaaten und der NATO geht es jedoch über Dialog und
Kooperation hinaus. Es ist zu einem wichtigen und dauerhaften Element der
europäischen Sicherheitsstruktur geworden, das zur Erweiterung und
Intensivierung der politischen und militärischen Kooperation in Europa beiträgt.

2 Der NAKR wurde im Mai 1997 durch den Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat (EAPR) ersetzt. Der
EAPR hat 46 Mitgliedstaaten.
3 Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) wurde Anfang 1995 als
Organisation (OSZE) eingerichtet. Sie hat mit sämtlichen europäischen Staaten sowie den
Vereinigten Staaten und Kanada 55 Mitglieder.

76
Das Programm hilft auf der Grundlage praktischer Kooperation und der
Bindung an demokratische Grundsätze, auf die sich das Bündnis stützt, die
Stabilität zu festigen, Bedrohungen für den Frieden zu verringern und stärkere
Sicherheitsbeziehungen herzustellen. Gemäß dem PfP-Rahmendokument,
das von den Staats- und Regierungschefs gleichzeitig mit der PfP-
Beitrittsaufforderung herausgegeben wurde, verpflichtet sich die NATO, mit
jedem aktiven Partner Verbindung aufzunehmen, wenn dieser eine unmittel-
bare Bedrohung seiner territorialen Integrität, politischen Unabhängigkeit oder
Sicherheit wahrnimmt.
Alle Mitglieder der PfP sind auch Mitglieder des Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrats (EAPR), der den Gesamtrahmen für die Zusammenarbeit
zwischen der NATO und ihren Partnerländern bildet. Die Partnerschaft für den
Frieden bewahrt jedoch innerhalb des Rahmens des EAPR ihre eigene, beson-
dere Identität und behält zudem ihre eigenen Grundelemente und Verfahren
bei. Sie beruht auf der Grundlage eines bilateralen Verhältnisses zwischen der
NATO und jedem einzelnen der Staaten, die dem PfP-Programm beigetreten
sind.

Zielsetzungen
Das Rahmendokument enthält bestimmte Verpflichtungen, die jeder
Teilnehmer im Zusammenwirken mit der NATO zur Erfüllung der Ziele des
Programms als Ganzes zu übernehmen hat. Diese Verpflichtungen sind im
Einzelnen folgende:
• Herstellung von Transparenz in der nationalen Verteidigungsplanung
und den entsprechenden Haushaltsverfahren;
• Gewährleistung demokratischer Kontrolle der Streitkräfte;
• Bereitstellung des Potenzials und Aufrechterhaltung seiner
Einsatzbereitschaft als Beitrag zu Einsätzen im Auftrag der Vereinten
Nationen und/oder im Rahmen der OSZE;
• Entwicklung kooperativer militärischer Beziehungen zur NATO zwecks
gemeinsamer Planung, Ausbildung und Übungen zur Stärkung der
Fähigkeit der PfP-Teilnehmerstaaten, auf dem Gebiet der
Friedenserhaltung, des Such- und Rettungswesens, der humanitären
Hilfe und anderer möglicherweise noch zu vereinbarender Gebiete
Einsatzaufträge zu übernehmen;
• längerfristige Entwicklung von Streitkräften, die mit denen der
Mitgliedstaaten der Nordatlantischen Allianz besser gemeinsam ope-
rieren können.
77
Im Rahmendokument wird auch erklärt, dass die aktive Mitwirkung an der
Partnerschaft für den Frieden im Prozess der Aufnahme neuer Mitglieder in die
NATO eine wichtige Rolle spielen wird.

Verfahren und Strukturen


Jedes Land, das sich der Partnerschaft für den Frieden anschließen
möchte, wird zunächst aufgefordert, das Rahmendokument zu unterzeichnen.
Neben den Zielen der Partnerschaft sind darin die der Partnerschaft zugrunde
liegenden Prinzipien beschrieben. Mit ihrer Unterschrift bekräftigen die Staaten
ihr politisches Bekenntnis zur Erhaltung der demokratischen
Gesellschaftsordnung und Wahrung der Grundsätze des Völkerrechts. Sie
bestätigen nochmals ihren Willen, die sich aus der Charta der Vereinten
Nationen ergebenden Pflichten und die Grundsätze der Allgemeinen Erklärung
der Menschenrechte in gutem Glauben zu erfüllen, die Drohung mit oder
Anwendung von Gewalt gegen die territoriale Integrität oder politische
Unabhängigkeit von Staaten zu unterlassen, bestehende Grenzen zu achten
und Streitigkeiten mit friedlichen Mitteln beizulegen. Außerdem bekräftigen sie
nochmals ihre Verpflichtung gegenüber der Schlussakte von Helsinki und allen
nachfolgenden KSZE/OSZE-Dokumenten und bekennen sich zur Erfüllung der
im Rahmen der Abrüstung und Rüstungskontrolle eingegangenen Pflichten.
Nach Unterzeichnung des Rahmendokuments hat jeder Partner als
Nächstes der NATO ein Einführungsdokument vorzulegen. Darin werden die
Schritte, die zum Erreichen der politischen Ziele der Partnerschaft unternom-
men werden, die militärischen und sonstigen Kräfte, die der Partnerstaat für
Partnerschaftszwecke bereitzustellen beabsichtigt, und die besonderen Felder
der Zusammenarbeit genannt, auf denen der Partnerstaat gemeinsam mit der
NATO tätig werden möchte.
Auf der Grundlage der im Einführungsdokument abgegebenen
Erklärungen und weiterer Vorschläge seitens der NATO und des
Partnerstaates wird gemeinsam ein Individuelles Partnerschaftsprogramm
(IPP) erarbeitet und vereinbart. Es erstreckt sich auf zwei Jahre. Das IPP-
Programm enthält Erklärungen zu den politischen Zielen des Partnerstaates
innerhalb der Partnerschaft für den Frieden, die für PfP-Zwecke bereitzustel-
lenden militärischen und sonstigen Kräfte und Mittel, die allgemeinen Ziele der
Kooperation zwischen dem Partnerstaat und der Allianz auf verschiedenen
Gebieten der Zusammenarbeit und die auf jedem dieser Gebiete im IPP-
Programm durchzuführenden speziellen Aktivitäten.
Die Auswahl der Aktivitäten aus einem in einem Partnerschaftsarbeits-
programm enthaltenen Maßnahmenkatalog erfolgt durch jeden Partnerstaat
gesondert, und zwar auf der Grundlage seiner individuellen Erfordernisse und

78
Prioritäten. Dieser Grundsatz der Eigenständigkeit ist ein wichtiger Aspekt der
PfP, der der Tatsache Rechnung trägt, dass die Bedürfnisse und Umstände
jedes Partnerstaates unterschiedlich sind und es Sache jedes einzelnen
Partnerstaates ist, die Aktivitäts- und Kooperationsformen zu bestimmen, die
seinen Bedürfnissen am ehesten entsprechen. Das Arbeitsprogramm enthält
eine allgemeine Beschreibung der verschiedenen möglichen
Kooperationsfelder sowie einen Katalog der auf jedem Feld gebotenen
Aktivitäten. Wie jedes IPP-Programm erstreckt sich auch das
Partnerschaftsarbeitsprogramm auf einen Zweijahreszeitraum und wird jährlich
überprüft. Es wird unter voller Beteiligung der Partner erarbeitet.

Kooperationsfelder
Die verstärkte Zusammenarbeit im PfP-Rahmen erstreckt sich auf ein
breites Spektrum von Möglichkeiten sowohl auf rein militärischem als auch auf
mehr die allgemeine Verteidigung betreffendem Gebiet. Die im aktuellen
Partnerschaftsarbeitsprogramm für 2001-2002 aufgeführten Bereiche der
Zusammenarbeit sind:

01. Luftverteidigung;

02. Luftverkehrsführung;

03. Konsultation und Führung, einschließlich Kommunikations- und


Informationssysteme, Navigations- und Identifizierungssysteme,
Fragen der Interoperabilität, Verfahren und Terminologie;

04. zivile Notfallplanung;

05. Krisenbewältigung;

06. demokratische Kontrolle der Streitkräfte und Verteidigungs-


strukturen;

07. Verteidigungs- und Haushaltsplanung sowie Ressourcen-


management;

08. Planung, Organisation und Management der nationalen


Rüstungsbeschaffungsprogramme sowie internationale
Zusammenarbeit auf dem Rüstungssektor;

09. Verteidigungspolitik und -strategie;

10. Planung, Organisation und Management nationaler


Verteidigungsforschung und -technologie;

11. militärische Geografie;


79
12. globale humanitäre Minenräumeinsätze;
13. Sprachausbildung;
14. Verbraucherlogistik;
15. Sanitätsdienste;
16. meteorologische Unterstützung für NATO-/Partnerstreitkräfte;
17. militärische Infrastruktur;
18. ABC-Abwehr und -Schutz;
19. konzeptionelle, planerische und operative Aspekte der
Friedenserhaltung;
20. Kleinwaffen;
21. operative, materialtechnische und administrative Aspekte der
Standardisierung;
22. militärische Übungen und damit verbundene Ausbildungs-
aktivitäten;
23. militärische Aus- und Fortbildung sowie Militärdoktrin.

Politisch-Militärischer Lenkungsausschuss zur Partnerschaft für den


Frieden (PMSC/PfP)
Der Politisch-Militärische Lenkungsausschuss zur Partnerschaft für den
Frieden ist das Hauptarbeitsgremium mit Verantwortung für PfP-
Angelegenheiten. Er tagt in verschiedenen Zusammensetzungen entweder nur
mit Bündnisstaaten oder mit Bündnis- und Partnerstaaten.
Zu den Hauptaufgaben des Politisch-Militärischen Lenkungsausschusses
gehören die Beratung des Nordatlantikrats in PfP-Fragen, die Zuständigkeit für
die Gesamtkoordinierung des Partnerschaftsarbeitsprogramms, die
Aufstellung politisch-militärischer Richtlinien zur Anwendung durch die NATO-
Militärbehörden bei der Erarbeitung ihrer Beiträge zum
Partnerschaftsarbeitsprogramm in Bezug auf militärische Übungen und
Aktivitäten, die Anleitung zur Entwicklung der IPP-Programme und ihre Vorlage
beim Rat zur Genehmigung sowie die Entwicklung und Koordinierung der
Arbeiten bezüglich der PfP-Planung und -Überprüfung (siehe nachstehend).
Die militärischen Aspekte der Zusammenarbeit im PfP-Rahmen werden
von den Militärbehörden der NATO auf der Grundlage von Richtlinien erarbei-
tet, die vom Politisch-Militärischen Lenkungsausschuss vorgeschlagen und
vom Rat genehmigt werden. Das PfP-Arbeitsgremium auf militärischer Seite ist

80
die Arbeitsgruppe für Militärische Zusammenarbeit, die als Konsultativorgan für
den Militärausschuss dient. Die Arbeitsgruppe tritt entweder nur mit
Bündnisstaaten oder mit Bündnis- und Partnerstaaten zusammen. Auch der
Militärausschuss trifft sich mit Partnerstaaten, um militärische Aspekte der
Zusammenarbeit im PfP-Rahmen zu erörtern.

Die Partnerschaftskoordinierungszelle
Die Partnerschaftskoordinierungszelle ist ein besonderes PfP-Organ; sie
ist im belgischen Mons angesiedelt, wo sich auch der Sitz des Obersten
Hauptquartiers der Alliierten Mächte Europa (SHAPE) befindet. Sie arbeitet im
Auftrag des Nordatlantikrats und führt ihre Aufgaben im direkten Auftrag beider
Strategischen NATO-Befehlshaber aus.
Aufgaben der Partnerschaftskoordinierungszelle sind die Koordinierung
gemeinsamer militärischer Aktivitäten im PfP-Rahmen sowie die zur
Umsetzung der militärischen Aspekte des Partnerschaftsarbeitsprogramms
erforderliche militärische Planung, insbesondere auf dem Gebiet militärischer
Übungen und damit verknüpfter Aktivitäten z. B. auf den Gebieten
Friedenserhaltung und humanitäre Hilfe sowie im Bereich des Such- und
Rettungswesens. Die Partnerschaftskoordinierungszelle beteiligt sich auch an
der Beurteilung derartiger militärischer Aktivitäten. Die detaillierte
Einsatzplanung für militärische Übungen ist Sache der militärischen
Kommandobehörden, die die Übung durchführen.
Geleitet wird die Zelle von einem Direktor. Sein Stab, der internationalen
Status hat, besteht aus NATO-Personal und seit Anfang 1998 auch aus
Personal der Partnerstaaten. Außerdem sind zur Partnerschafts-
koordinierungszelle Stabsoffiziere der Vertretungen von Partnerstaaten für
Verbindungszwecke abgestellt.
Beim NATO-Hauptquartier haben die Partnerstaaten volle, offiziell akkre-
ditierte diplomatische Vertretungen und beim Militärausschuss eine ranghohe
militärische Vertretung eingerichtet.

Beispiele für die Stärkung der PfP


Einer der bereits zu einem frühen Zeitpunkt umgesetzten wichtigen
Schritte, die auf den 1997 gefassten Entscheidungen zur Stärkung der PfP auf-
bauen, war die Einrichtung von PfP-Stabselementen (PSE) bei verschiedenen
militärischen NATO-Hauptquartieren auf strategischer und regionaler Ebene.
Eine zweite Phase dieses Prozesses, der die Schaffung von PSE auf subre-
gionaler Ebene umfasst, wird derzeit erwogen. Jedes PSE besteht aus einem
81
Kern von Offizieren mit internationalem Status aus NATO-Mitglieds- und
Partnerstaaten, die gemeinsam Planungen für Übungen und sonstige gemein-
same Funktionen ausarbeiten. Etwa 56 Mitarbeiter aus Partnerstaaten und
ebenso viele Mitarbeiter aus NATO-Mitgliedstaaten sind in den acht eingerich-
teten PSE beschäftigt. Dazu gehören sieben Offiziere aus Partnerstaaten in
der Partnerschaftskoordinierungszelle in Mons sowie deren Kollegen aus
NATO-Staaten.

Die Offiziere der Partnerstaaten werden bei Tagungen des NATO-


Militärausschusses auf EAPR/PfP-Ebene durch hochrangige Offiziere vertre-
ten, die bei den Vertretungen der Partnerstaaten bei der NATO tätig sind und
als militärische Vertreter ihres Landes fungieren.

PfP-Planung und Überprüfung


Das PfP-Rahmendokument verpflichtet die NATO, zusammen mit den
Partnerstaaten Planungs- und Überprüfungsverfahren zu erarbeiten, die als
Grundlage für die Benennung und Beurteilung von Streitkräften und
Potenzialen dienen sollen, die für multinationale Ausbildung, Übungen und
Einsätze zusammen mit Streitkräften des Bündnisses bereitgestellt werden
könnten. PfP-Einsätze waren zunächst auf Friedenserhaltung, Such- und
Rettungswesen sowie humanitäre Hilfsoperationen beschränkt. Im Zuge der
seit 1997 vorgenommenen Stärkung der PfP wurden jedoch die PfP-
Operationen und der entsprechende Planungs- und Beurteilungsbedarf erwei-
tert und auf das volle Spektrum der neuen Aufgaben des Bündnisses,
einschließlich der friedensunterstützenden Maßnahmen, ausgedehnt.

Die Planungs- und Überprüfungsmaßnahmen werden den Partnerstaaten


als Option angeboten, wobei die umfangreiche Erfahrung der NATO in der
Verteidigungsplanung zum Tragen kommt. Dabei handelt es sich im
Wesentlichen um ein alle zwei Jahre anstehendes Verfahren, das bi- und
multilaterale Elemente umfasst. Für jeden zweijährigen Planungszyklus ver-
pflichten sich die Partnerstaaten, die an dem Prozess teilnehmen möchten,
Informationen über ein breites Spektrum an Themen bereitzustellen. Dies
umfasst ihre Verteidigungspolitik, die Entwicklungen hinsichtlich der demokra-
tischen Kontrolle der Streitkräfte, die nationalen Grundsätze in Bezug auf die
Zusammenarbeit im PfP-Rahmen sowie relevante Finanz- und
Wirtschaftspläne. Die Informationen werden im Rahmen einer von der NATO
im Herbst jedes zweiten Jahres durchgeführte „Erhebung zur PfP-
Gesamtinteroperabilität” bereitgestellt. Die Teilnehmerstaaten liefern außer-
dem einen umfassenden Überblick über ihre Streitkräfte sowie detaillierte
Angaben zu den Kräften, die sie für die PfP-Zusammenarbeit abstellen möch-
ten.

82
Auf der Grundlage der Angaben des jeweiligen Partnerstaates wird ein
Planungs- und Überprüfungskatalog erarbeitet. Außerdem wird eine Reihe von
Interoperabilitätszielen aufgestellt, um die Maßnahmen festzusetzen, die jeder
Partnerstaat ergreifen muss, damit seine Streitkräfte besser mit den
Streitkräften der Bündnisstaaten zusammenwirken können. Nach bi- und
multilateralen Konsultationen werden der Planungs- und Überprüfungskatalog
und die Interoperabilitätsziele vom Bündnis und dem betreffenden Partnerstaat
gemeinsam genehmigt. Von den Vertretern der Bündnisstaaten und allen an
diesem Prozess beteiligten Partnerstaaten wird einvernehmlich ein zusam-
menfassender Bericht über alle vereinbarten Bemessungsfaktoren und die von
jedem Partnerstaat zur Verfügung gestellten Streitkräfte erarbeitet. Dieser
Bericht wird den Ministern der EAPR vorgelegt.

Der erste Zyklus zur Planung und Überprüfung wurde mit 15 teilnehmen-
den Partnerstaaten im Dezember 1994 eingeleitet. Ein zusammenfassender
Bericht über die Ergebnisse wurde den Ministern der Bündnis- und
Partnerstaaten im Frühjahr 1995 vorgelegt. Auf dem Erfolg dieses ersten
Zyklus wurde weiter aufgebaut, indem eine Reihe von Maßnahmen zur
Erweiterung und Vertiefung des Verfahrens für den nächsten Zyklus eingeführt
wurden, der im Oktober 1996 begann. Der zweite Zyklus, zu dem sich 18
Partnerstaaten verpflichteten, zeigte aufs Neue die inhärente Stärke dieses
Verfahrens. Hinsichtlich Umfang und Qualität der ausgetauschten
Informationen war ein erheblicher Anstieg zu verzeichnen, so dass sich ein
wesentlich klareres Bild der von den Partnerstaaten zur Verfügung gestellten
Streitkräfte ergab. Zahl und Substanz der Interoperabilitätsziele wurden eben-
falls beträchtlich gesteigert, was einen weiteren Beitrag zu den bestehenden
Maßnahmen zur Verstärkung der Potenziale der Partnerstaaten und ihrer
Fähigkeit, mit Streitkräften der Allianz zusammenzuarbeiten, leistet.

Der Prozess der Entwicklung und Erarbeitung der individuellen


Bemessungsfaktoren und der Zusammenfassende Bericht im Frühjahr 1997
wiesen den Weg für die Erarbeitung von Empfehlungen zur weiteren
Verbesserung des Verfahrens. Dies deckte sich mit den bereits eingeleiteten
Maßnahmen zur Stärkung des PfP-Programms als Ganzes und war ein Beitrag
zu den Bemühungen der Hochrangigen Arbeitsgruppe zur Stärkung der
Partnerschaft für den Frieden. Die Empfehlungen, die von den Ministern auf
ihren Treffen im Frühjahr 1997 gebilligt wurden, zielen darauf ab, die Parallelen
zwischen dem Planungs- und Überprüfungs- sowie dem
Verteidigungsplanungsprozess, der in der NATO selbst stattfindet, zu verstär-
ken. So ist z. B. für jeden Zyklus eine politische Weisung zu erarbeiten, der die
Verteidigungsminister der am Planungs- und Überprüfungsprozess beteiligten
Staaten in Verbindung mit dem Zusammenfassenden Bericht zustimmen müs-
sen. Diese politische Weisung spielt eine der Ministerrichtlinie weitgehend ähn-
liche Rolle, die seit langem eine Schlüsselfunktion in der Verteidigungsplanung
83
des Bündnisses innehat. Außerdem sind die Interoperabilitätsziele in
Partnerschaftsziele umbenannt worden. Damit wird der Tatsache Rechnung
getragen, dass ihr künftiger Rahmen sich über die Interoperabilität hinaus auch
auf andere Felder der Verteidigungsplanung erstreckt.
Das Planungs- und Überprüfungsprogramm hat wesentlich zur engen
Zusammenarbeit der Partnerstaaten beim NATO-geführten Friedenseinsatz im
ehemaligen Jugoslawien beigetragen. Darüber hinaus hilft das Programm, das
politische Konsultationselement innerhalb der Partnerschaft für den Frieden zu
stärken, und sorgt für eine größere Beteiligung der Partnerstaaten bei der
Entscheidungsfindung und Planung im Rahmen der PfP. Zudem ist das
Programm ein entscheidendes Instrument bei der Vorbereitung potenzieller
Mitgliedstaaten auf den NATO-Beitritt.

Eine vertiefte und operationellere Partnerschaft


Seit dem Washingtoner Gipfeltreffen von 1999 ist die Partnerschaft ein
zentrales Grundmotiv. Die Staats- und Regierungschefs haben Pläne für eine
vertiefte und operationellere Partnerschaft gebilligt, die zusätzliche
Instrumente zur Unterstützung der Rolle des Bündnisses auf dem Gebiet der
euro-atlantischen Sicherheit bereitstellen wird. Mit den anlässlich des Gipfels
gefassten Entscheidungen wurden eine Reihe wichtiger Verbesserungen der
Partnerschaft für den Frieden verwirklicht, die beim Madrider Gipfeltreffen
1997 auf den Weg gebracht worden waren. Sie zielten darauf ab, die PfP ope-
rationeller zu gestalten und die Partner stärker in die PfP-Planung und
Entscheidungsfindung einzubeziehen. Zudem definierte das in Washington
angenommene aktualisierte Strategische Konzept Krisenbewältigung und
Partnerschaft als Teil der grundlegenden Sicherheitsaufgaben der Allianz. Die
vertiefte Partnerschaft wird auch die Wirksamkeit der beiden anderen auf die-
sem Gipfel verabschiedeten Initiativen, der Initiative zur Verteidigungsfähigkeit
und des Aktionsplans zur Mitgliedschaft, steigern. Zudem ist zu erwarten, dass
die PfP im Anschluss an die Kosovo-Krise eine Schlüsselrolle bei der Stärkung
von Sicherheit und Stabilität in der Balkan-Region spielen kann.
Insgesamt festigen die anlässlich des Washingtoner Gipfels gefassten
Entscheidungen die Rolle der Partnerschaft als ständiges Instrument der
Sicherheit im euro-atlantischen Raum für das nächste Jahrhundert.

Grundsteine der Partnerschaft


Das Politisch-Militärische Rahmendokument für NATO-geführte PfP-
Operationen sieht die Einbeziehung von Partnerländern in politische
Konsultationen und die Entscheidungsfindung, die operative Planung und die

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Kommandostrukturen für Einsätze unter NATO-Führung vor. Das Dokument
behandelt vier Phasen: (1) eine krisenfreie Phase; (2) eine Konsultationsphase
vor Aufnahme militärischer Planungen; (3) eine Planungs- und
Konsultationsphase zwischen der Aufnahme militärischer Planungen und der
Durchführung des Einsatzes; sowie (4) eine Ausführungsphase.

Im Hinblick auf die Einbeziehung von Partnerländern wird zwischen


„potenziell beitragsleistenden Staaten”, „anerkannten potenziell beitragslei-
stenden Staaten” und „beitragsleistenden Staaten” unterschieden. Seit
Sommer 1999 werden die Grundsätze und Richtlinien des Politisch-
Militärischen Rahmendokuments umgesetzt, z. B. im Kontext der Mitwirkung
von Partnerstaaten an der im Juni 1999 aufgestellten Kosovo-Schutztruppe
(KFOR).

Das Politisch-Militärische Rahmendokument wird das Konzept der


Alliierten Streitkräftekommandos (siehe Kapitel 12) ergänzen und unterstüt-
zen.

Die erweiterte und angepasste PfP-Planung und Überprüfung (siehe


oben) wird dem Streitkräfteplanungsprozess stark angeglichen. Im Rahmen
der Planung und Überprüfung werden Partnerschaftsziele für die von den
Partnerstaaten für PfP-Aktivitäten bereitgestellten Kräfte und Fähigkeiten defi-
niert. Ministerrichtlinien werden dabei helfen, diesen Kräften und Fähigkeiten
Form zu verleihen.

Die PfP wird sich auf der Grundlage vertiefter verteidigungsbezogener


und militärischer Zusammenarbeit weiterentwickeln und so die erhebliche
Ausweitung der Einbeziehung von Partnerstaaten in die PfP-Arbeiten der
NATO-Ausschüsse, die Stärkung der Präsenz von Offizieren aus
Partnerstaaten in den NATO-Militärstrukturen sowie die Ausdehnung von
Umfang und Komplexität von NATO/PfP-Übungen ermöglichen.

Stärkung der operationellen Fähigkeiten


Die Erfahrungen in Bosnien und Herzegowina haben die Bedeutung der
Zusammenarbeit im Rahmen der PfP für wirksame multinationale friedensun-
terstützende Maßnahmen gezeigt.

Bei der anlässlich des Washingtoner Gipfels hervorgehobenen stärkeren


operationellen Dimension der PfP konnten somit die gewonnenen
Erkenntnisse und praktischen Erfahrungen aus den IFOR/SFOR-Einsätzen in
Bosnien und die spezifischen Herausforderungen hinsichtlich der militärischen
Effizienz und Interoperabilität derartiger multinationaler Einsätze berücksichtigt
werden.
85
Innerhalb der PfP wurde ein neues Konzept operationeller Fähigkeiten
erarbeitet, um die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit der Bündnis- und
Partnerstreitkräfte bei künftigen NATO-geführten PfP-Operationen zu verbes-
sern. Das Konzept bietet zudem mehr Flexibilität bei der Zusammenstellung
spezifischer Streitkräftekomplexe zur Aufnahme und Aufrechterhaltung künfti-
ger PfP-Einsätze unter NATO-Führung. Schwerpunkt des Konzepts sind die
potenziell für derartige Einsätze verfügbaren Kräfte und Fähigkeiten. Die ver-
tieften Arbeitsbeziehungen in Friedenszeiten, die nach und nach zwischen den
Hauptquartieren und Stäben des Bündnisses und seiner Partnerländer sowie
zwischen NATO- und Partnerverbänden entstehen, werden die Integration die-
ser Kräfte in die NATO-geführten Truppen erleichtern. Eine Datenbank sowie
Beurteilungs- und Feedback-Mechanismen hinsichtlich der operativen
Fähigkeiten der von Partnerstaaten ausgewiesenen Kräfte werden weitere
zentrale Elemente bilden.

Das Konzept operationeller Fähigkeiten steht für einen neuen, integrierte-


ren Ansatz für die militärische Zusammenarbeit und verknüpft die verschiede-
nen Elemente der Partnerschaft für den Frieden. Die engere und gezieltere
militärische Zusammenarbeit durch das Konzept wird die Kooperation in
Friedenszeiten verbessern und bewirken, dass die Streitkräfte der
Partnerstaaten militärisch effektiver und besser auf die Zusammenarbeit mit
den Kräften der Allianz vorbereitet sind. Dies wird den Partnerstaaten dabei
helfen, Folgekräfte für die Stabilisierungstruppe in Bosnien und Herzegowina
(SFOR) sowie die Kosovo-Schutztruppe (KFOR) und weitere mögliche künf-
tige Einsätze unter NATO-Führung vorzubereiten.

Das Konzept stellt zudem ein Bindeglied zwischen der normalen


Zusammenarbeit im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden und dem
NATO-Prozess für den Aufwuchs von Streitkräften dar, der bei Krisen aktiviert
wird. Längerfristig wird es dazu beitragen, Kräfte und Fähigkeiten zu bilden, die
an die Anforderungen NATO-geführter Krisenbewältigungseinsätze angepasst
sind, und die wirksame Zusammenarbeit vor Ort zu verbessern. Die
Verbesserung der Fähigkeiten wird erheblichen Einfluss auf das Kosten-
Nutzen-Verhältnis einer Mitwirkung in der Partnerschaft für den Frieden haben
und den Wert der Partnerschaft als Ganzes steigern.

Das Konzept operationeller Fähigkeiten wird auch anderen Initiativen des


Bündnisses zugute kommen, beispielsweise durch Verbesserung des PfP-
Beitrags zum Konzept Alliierter Streitkräftekommandos (siehe Kapitel 12) und
zur Umsetzung des Aktionsplans zur Mitgliedschaft. Zusammen mit dem vor-
stehend beschriebenen Planungs- und Überprüfungsprozess wird so auch ein
Mechanismus etabliert, mit dem im Rahmen der Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit (siehe Kapitel 2) getroffene Entscheidungen in die künf-
tige Entwicklung der PfP einfließen können.

86
Das Konzept und die Maßnahmen zu seiner Umsetzung wurden anläss-
lich der Treffen auf Ministerebene im Herbst 1999 gebilligt. Seine
Hauptelemente werden Schritt für Schritt umgesetzt. Dabei liegt der
Schwerpunkt auf der Einrichtung einer Datenbank zu den von den
Partnerstaaten für PfP-Übungen und -Einsätzen bereitgestellten Streitkräften
und Fähigkeiten sowie entsprechenden Beurteilungs- und Feedback-
Mechanismen.

Bessere Koordinierung der Bemühungen für Aus-


und Fortbildung
Die operationellere Partnerschaft umfasst mit dem Programm für erwei-
terte PfP-Aus- und Fortbildung, das zur Erfüllung der aktuellen und künftigen
Anforderungen der Partnerschaft beitragen soll, auch Maßnahmen zur
Verbesserung der Bemühungen für Aus- und Fortbildung. Zwar bleibt die Aus-
und Fortbildung in der Regel weiterhin in nationaler Verantwortung, das
Programm hilft jedoch bei der Verbesserung der Interoperabilität und fördert
die intensivere Zusammenarbeit und den Dialog zwischen den umfassenderen
Verteidigungs- und Sicherheitsgemeinschaften in den NATO- und
Partnerstaaten und gewährleistet so den optimalen Einsatz von Personal und
anderen Ressourcen.
Das Programm für Aus- und Fortbildung umfasst die folgenden sechs
Hauptelemente:
• Verknüpfung und Zusammenarbeit der NATO- und PfP-Aus- und
Fortbildungsinstitute;
• Feedback und Beurteilung im Hinblick auf PfP-Aktivitäten;
• Interoperabilitätsinstrumente für Partner;
• Bereitstellung von Übungsplanungsinstrumenten und -verfahren für
die Partner;
• Anleitung durch die NATO im Bereich nationaler Aus- und
Fortbildungsstrategien;
• modernes verteiltes Lernen und Simulation.
Die meisten Programmelemente wurden bereits eingerichtet und befinden
sich im ersten Jahr ihrer Umsetzung. Zwei Bereiche befinden sich noch in der
Entwicklung, und zwar:
Verknüpfung und Zusammenarbeit. Bislang hat die NATO sieben
Instituten in Österreich, Griechenland, Slowenien, Schweden, der Schweiz, der
Türkei und der Ukraine den Status „PfP-Ausbildungszentrum” zuerkannt. Eine
87
regelmäßig stattfindende Konferenz der PfP-Ausbildungszentren und anderer
PfP-Aus- und Fortbildungsinstitute bietet ein Forum, auf dem alle Teilnehmer
Wege für den Austausch von Informationen, Erfahrungen und Know-how son-
dieren und prüfen können, in welchen Bereichen Doppelarbeit durch
Koordinierung vermieden und auf welche Weise Ressourcen optimal genutzt
werden können.
Modernes verteiltes Lernen und Simulation. Zielsetzung auf diesem
Gebiet ist der Einsatz von Fernschulungstechnologien (vergleichbar z. B. mit
Internet-Kursen) und die Entwicklung eines NATO-Rahmens für
Fernschulungs- und Simulationsmanagement zum Einsatz bei der Aus- und
Fortbildung von Militärpersonal für NATO-geführte Einsätze und Aufgaben im
Rahmen der PfP. Dazu soll ein gemeinsamer Bestand universell einsetzbarer
Aus- und Fortbildungsinstrumente aufgebaut werden, deren Schwerpunkt klar
auf den operationellen Anforderungen liegt. In der ersten Projektphase wurden
Arbeiten zur Entwicklung eines Prototyps sowie einer vorläufigen
Gesamtkonzeption für die künftige Organisation und Verwaltung dieses
Bestandes aufgenommen.

Das Krisenbewältigungspotenzial der Partnerschaft


Die in Washington getroffenen Entscheidungen läuten eine weitere Phase
in der Entwicklung der Partnerschaft und des EAPR hinsichtlich dessen
Krisenbewältigungspotenzials ein. Es hat sich bereits als Forum für politische
Konsultationen zu verschiedenen Themen - von Bosnien und Herzegowina
sowie Kosovo bis hin zu humanitären Einsätzen zur Minenbeseitigung -
bewährt und entwickelt sich ständig weiter. In Verbindung mit den
Verbesserungen der PfP trägt er dazu bei, der NATO und ihren Partnerstaaten
die benötigten Instrumente zu Erhöhung von Sicherheit und Stabilität im
gesamten euro-atlantischen Raum an die Hand zu geben.
Die Partnerschaft hat seit ihrer Einführung eine wertvolle Rolle bei der
Unterstützung des Gesamtengagements der NATO bei Konfliktverhütung und
Krisenbewältigung gespielt. Die praktische Zusammenarbeit im Rahmen der
PfP war der Vorbereitung der NATO und ihrer Partnerstaaten auf gemeinsame
Einsätze dienlich. Die durch die PfP erzielte Interoperabilität hat zur erfolgrei-
chen Integration von Partnerkräften in die IFOR/SFOR und anschließend die
KFOR beigetragen.
Die Rolle der PfP beschränkt sich jedoch nicht auf ihre Beiträge zu militäri-
schen Operationen. Ganz unabhängig von ihren Schwerpunkten Transparenz,
Reform, Zusammenarbeit und Interoperabilität hat die Partnerschaft konkrete
Beiträge zu den Bemühungen der NATO im Bereich Konfliktverhütung und
Krisenbewältigung insgesamt geleistet. Lange vor den Luftangriffen im Kosovo

88
und der anschließenden Stationierung der KFOR kamen in Albanien und der
ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien4 PfP-Mechanismen zum
Einsatz, um das Engagement der NATO für diese Region zu signalisieren und
die externen Auswirkungen der Krise zu bewältigen.

Speziell auf die Situation in diesen Ländern zugeschnittene Programme


waren wesentliche Elemente der Gesamtstrategie des Bündnisses angesichts
der Kosovo-Krise. Die NATO hat die Bemühungen der Regierung der ehema-
ligen jugoslawischen Republik Mazedonien4 zur Herbeiführung von
Verbesserungen in den Bereichen Krisenbewältigung, zivile Notfallplanung,
Logistik und anderen Maßnahmen zur Bewältigung der Auswirkungen der
Kosovo-Krise unterstützt. Die nach der innenpolitischen Krise 1997 erstmals
eingerichteten Unterstützungsprogramme für Albanien haben dazu beigetra-
gen, die albanischen Streitkräfte wieder aufzubauen und andere
Konsequenzen aus der Krise - insbesondere verursacht durch die Zerstörung
und Plünderung von Munitionslagern - zu bewältigen. Die NATO/PfP-Zelle in
Tirana demonstriert sichtbar das Interesse und Engagement des Bündnisses
in dieser Region.

Sowohl EAPR als auch PfP werden mit den Herausforderungen des sich
wandelnden Sicherheitsumfelds im euro-atlantischen Raum weiter wachsen.
Keine der beiden Organisationen hat ihr volles Potenzial zur Verhütung,
Bewältigung und Entschärfung von Krisen ausgeschöpft. So ist das Erreichen
dieses Potenzials auch eine der größten zukünftigen Herausforderungen für
die Partnerschaft.

Die Erfahrungen der PfP bei der Förderung von Stabilität durch
Konfliktverhütung und Krisenbewältigung wurden bei der Entwicklung der
Südosteuropa-Initiative (SEEI) der NATO umgesetzt. Aufgrund ihrer
Praxisorientierung bei Förderung und Weiterentwicklung der regionalen
Zusammenarbeit in Südosteuropa leistet die PfP einen wesentlichen Beitrag
zur SEEI. Regionale Akteure übernehmen bei einer Vielzahl von Aktivitäten die
Führungsrolle, die nach dem Vorbild der PfP gestaltet, durch eine regionale
statt länderspezifische Ausrichtung jedoch weiter ausgebaut wurden. Die
NATO ergänzt diese Bemühungen durch eigene Aktivitäten. Die bedarfsorien-
tierte Anwendung von PfP-Instrumenten in Südosteuropa trägt zur Schaffung
eines Modells für regionale Sicherheitszusammenarbeit bei, das weit über
diese Region hinaus von Bedeutung und von Nutzen ist. Vor diesem
Hintergrund wurde ein Gemeinsames Südosteuropa-Dokument zur Bewertung
regionaler sicherheitspolitischer Herausforderungen und Chancen (SEECAP)
zwischen den Ländern der Region ausgehandelt, in dem die gemeinsame
Einschätzung von Sicherheitsrisiken mit Blick auf die Förderung einer Agenda

4 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

89
für gemeinsame Maßnahmen zur Bewältigung regionaler Herausforderungen
dargelegt werden. Ferner wurde zur Stärkung der praktischen
Zusammenarbeit eine Lenkungsgruppe für Sicherheitskooperation in
Südosteuropa (SEEGROUP) eingerichtet. Auch diese Entwicklung trägt der
wachsenden und in Zukunft noch zunehmenden Bedeutung der Partnerschaft
auf dem Gebiet von Konfliktverhütung und Krisenbewältigung im euro-atlanti-
schen Raum Rechnung.

Zusammenarbeit bei der Friedenserhaltung


Das Gremium Politisch-Militärischer Lenkungsausschuss/Ad-hoc-Gruppe
für Zusammenarbeit bei der Friedenserhaltung (PMSC/AHG), das innerhalb
des EAPR-Rahmens arbeitet, dient als wichtigstes Forum für politische und
konzeptionelle Angelegenheiten im Zusammenhang mit der Friedenserhaltung
sowie für den Erfahrungsaustausch und die Erörterung praktischer
Kooperationsmaßnahmen. Die PMSC/AHG erstattet auf den Treffen der
Außen- und Verteidigungsminister regelmäßig Bericht zu diesen Themen.
Sämtliche Treffen der PMSC/AHG finden unter Mitwirkung der Partnerländer
statt. Ein Vertreter des amtierenden OSZE-Vorsitzenden nimmt regelmäßig an
den Sitzungen dieser Gruppe Teil; gelegentlich ist auch ein Vertreter der
Vereinten Nationen anwesend.
Im Laufe ihrer Arbeiten hat die Gruppe zwei detaillierte Berichte zur
Zusammenarbeit bei der Friedenserhaltung erstellt. Der erste, der so genannte
„Athener Bericht” aus dem Jahr 1993, behandelte konzeptionelle Ansätze zur
Friedenserhaltung. Ein zweiter Bericht, das Nachfolgedokument zum Athener
Bericht aus dem Jahr 1995, beleuchtete diese Fragen unter Berücksichtigung
der seit 1993 hinzugewonnenen Erfahrungen.
1995 erstellten die Mitglieder der Ad-hoc-Gruppe auf Grundlage der
umfangreichen Erfahrungen im Bereich der Friedenssicherung, einschließlich
der Erfahrungen aus dem Konflikt im ehemaligen Jugoslawien, das
Kompendium „Aus friedenserhaltenden Einsätzen gewonnene Erkenntnisse”.
Dieses Dokument spiegelt die nationalen Erfahrungen der Bündnisstaaten und
ihrer Partner in Bereichen wie der Vorbereitung und Umsetzung sowie bei den
operativen Aspekten derartiger Einsätze wider. Durch den Austausch nationa-
ler Erfahrungen wollen die Mitglieder des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats
weitere praktische Lösungen für die Friedenssicherung voranbringen.
1999 hat die PMSC/AHG ein „Kompendium der Einschätzungen und
Erfahrungen im Bereich der humanitären Aspekte der Friedenssicherung”
erstellt, das die erzielte weit reichende Verständigung unter den teilnehmenden
Staaten und anderen internationalen Organisationen sowie nichtstaatliche
Organisationen auf dem Gebiet der humanitären Hilfe widerspiegelt.

90
Die Gruppe hat den Meinungsaustausch zu „Grundsätzen, Methoden und
Erfahrungen im Bereich Frühwarnung und Konfliktverhütung” fortgesetzt und
baut ihre Kontakte und Gespräche zu diesem Thema mit den VN, der OSZE
und anderen auf diesem Gebiet maßgeblichen Organisationen weiter aus.

KOOPERATION ZWISCHEN DER NATO UND RUSSLAND

Überblick über die Beziehungen zwischen der NATO


und Russland
Seit dem Ende des Kalten Krieges misst die NATO der Entwicklung kon-
struktiver und kooperativer Beziehungen zu Russland besondere Bedeutung
bei. Im Laufe der letzten zehn Jahre ist es der NATO und Russland gelungen,
beträchtliche Fortschritte beim Aufbau einer echten Partnerschaft zu erzielen
und die Reste der früheren Konfrontation und Gegnerschaft zu überwinden,
das gegenseitige Vertrauen zu stärken und die Zusammenarbeit auszuweiten.

Seit 1991 arbeiten die Bündnisstaaten und Russland in verschiedenen


verteidigungs- und sicherheitsbezogenen Fragen zusammen. Mit dem Beitritt
Russlands zum PfP-Programm im Jahr 1994 konnte der entstehende weit rei-
chende NATO-Russland-Dialog weiter intensiviert werden. Die Mitwirkung
Russlands an der Umsetzung des Friedensabkommens für Bosnien und
Herzegowina war ein besonders wichtiger Schritt in Richtung einer neuen,
kooperativen Beziehung. Damit haben erstmals Kontingente der NATO und
Russlands Seite an Seite in einer multinationalen Militäroperation zusammen-
gearbeitet.

Durch Unterzeichnung der NATO-Russland-Grundakte über gegenseitige


Beziehungen, Zusammenarbeit und Sicherheit im Mai 1997 haben die NATO
und Russland ihre Partnerschaft institutionalisiert und erheblich verbessert. Sie
haben sich zum weiteren Ausbau ihrer Beziehungen auf der Grundlage
gemeinsamer Interessen verpflichtet und ein neues Forum zur Erreichung die-
ses Ziels geschaffen: den Ständigen Gemeinsamen NATO-Russland-Rat
(NRR). Seit Juli 1997 ist der NRR der Hauptschauplatz für Konsultationen zwi-
schen der NATO und Russland. Sein Hauptziel ist der Aufbau von Vertrauen
durch einen Mechanismus für regelmäßige und offene Konsultationen. Seit
Abschluss der Grundakte wurden beträchtliche und ermutigende Fortschritte
bei der Intensivierung der Konsultation und Zusammenarbeit erzielt. Der NRR
ist zu einem wichtigen Gremium für Konsultationen, die Förderung von
Transparenz und Vertrauensbildung sowie zur Pflege der Zusammenarbeit
geworden.
91
Die ersten konstruktiven Arbeiten im NRR wurden jedoch zunehmend
durch die heraufziehende Kosovo-Krise überschattet. Diese Entwicklung führte
schließlich dazu, dass Russland die Zusammenarbeit mit dem NRR am 24.
März 1999 infolge der NATO-Luftangriffe zur Beendigung des Kosovo-Konflikts
aussetzte. Nach Beendigung der Luftangriffe im Kosovo kehrte Russland in
den NRR zurück, beschränkte den Themenkatalog jedoch einige Monate lang
auf Kosovo-bezogene Angelegenheiten. Russland erklärte sich zudem zur
Bereitstellung eines beträchtlichen Kontingents für die NATO-geführte Kosovo-
Schutztruppe (KFOR) gemäß Resolution 1244 des VN-Sicherheitsrats bereit.
Nach den Rückschlägen im Jahre 1999 trug ein Moskaubesuch des
NATO-Generalsekretärs Lord Robertson im Februar 2000 dazu bei, dass die
Beziehungen über den Themenkatalog Kosovo hinaus wieder auf eine breitere
Basis gestellt werden konnten. Als Ergebnis dieses Besuchs arbeiten NATO
und Russland nun wieder aktiv an der Umsetzung der Zielsetzungen der
Grundakte. Monatliche NRR-Tagungen und regelmäßige NRR-Treffen auf
Ministerebene bauten auf dem positiven Impuls durch den Besuch des
Generalsekretärs auf und gaben der Zusammenarbeit zwischen NATO und
Russland in diesem Gremium weiteren Auftrieb. Dazu gehörte auch die
Eröffnung eines NATO-Informationsbüros in Moskau durch den NATO-
Generalsekretär im Februar 2001 und die Aufnahme von Konsultationen zur
Einrichtung einer NATO-Militärmission in Moskau.

Entwicklung der Beziehungen zwischen der NATO


und Russland
Mit dem Beitritt Russlands zum PfP-Programm 1994 wurde die frühere
Zusammenarbeit im Rahmen des Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR)
seit 1991 weiter ausgebaut. Bei dieser Gelegenheit wurde vereinbart, darüber
hinaus den Weg des „verstärkten und umfassenden Dialogs und der
Zusammenarbeit” einzuschlagen.
Treffen der NATO-Mitgliedstaaten mit Russland auf Minister-, Botschafter-
und Expertenebene ermöglichten den Informationsaustausch und
Konsultationen über ein breites Spektrum an Fragen von gemeinsamem
Interesse, wie Friedenserhaltung, ökologische Sicherheit und Wissenschaft.
Auf dem Gebiet der Informationspolitik umfassten die neuen Initiativen
Vereinbarungen über den verbesserten Zugang zu Informationen über die
NATO in Russland. Ein erster Schritt seitens der NATO war die Entsendung
eines Presseoffiziers in die NATO-Kontakt-Botschaft nach Moskau im Sommer
1995. Später kam ein weiterer hinzu.
Die enge Zusammenarbeit zwischen Russland und der NATO bei der
Umsetzung der militärischen Aspekte der Friedensvereinbarung zu Bosnien

92
und Herzegowina aus dem Jahr 1995 verlieh der sich entwickelnden
Sicherheitspartnerschaft eine wichtige neue Dimension. Die beispiellose
Mitwirkung russischer Truppen zusammen mit Kontingenten von Bündnis- und
anderen Partnerstaaten an der unter NATO-Führung stehenden IFOR-Truppe
und später der Stabilisierungstruppe SFOR spiegelte die gemeinsamen Ziele
und die politische Mitverantwortung für die Umsetzung des
Friedensabkommens wider. Heute stellt Russland rund 1.200 der insgesamt
etwa 20.000 Mann starken SFOR-Truppen. Die Beteiligung Russlands stellt
auch den konkreten Beweis für die Tatsache dar, dass die NATO und Russland
beim Aufbau der gemeinsamen Sicherheit in Europa effektiv zusammenarbei-
ten können. Gemeinsame Unternehmungen im Rahmen der SFOR und die
Zusammenarbeit innerhalb der Partnerschaft für den Frieden haben beiden
Seiten geholfen, gegenseitige Fehleinschätzungen auszuräumen.

Auch auf anderen Gebieten wurden wichtige Initiativen eingeleitet. Im


März 1996 wurde zwischen der NATO und dem Ministerium für Zivilschutz,
Notstandsbekämpfung und die Beseitigung der Folgen von Naturkatastrophen
(EMERCOM) der Russischen Föderation eine Regierungsvereinbarung über
zivile Notfallplanung und Katastrophenbekämpfung unterzeichnet. Dies hat
später insbesondere durch die Errichtung einer Euro-Atlantischen
Koordinierungszentrale für Katastrophenhilfe und den Aufbau einer Euro-
Atlantischen Katastrophenhilfsorganisation im Mai 1998, die auf Vorschläge
Russlands zurückgingen, Früchte getragen.

Die NATO-Russland-Grundakte
Auf ihrem Treffen vom 10. Dezember 1996 forderten die Außenminister
der NATO den Generalsekretär auf, mit der russischen Seite den Rahmen für
den Abschluss eines Abkommens zur Vertiefung und Ausweitung der
Beziehungen zwischen der NATO und Russland zu sondieren und eine
Grundlage für ihre künftige Entwicklung zu schaffen. Nach viermonatigen
intensiven Verhandlungen zwischen NATO-Generalsekretär Solana und dem
russischen Außenminister Primakow kam es zur Einigung über ein bahnbre-
chendes Dokument. Die „Grundakte über gegenseitige Beziehungen,
Zusammenarbeit und Sicherheit zwischen der NATO und der Russischen
Föderation” wurde am 27. Mai 1997 von den Staats- und Regierungschefs des
Nordatlantischen Bündnisses, dem NATO-Generalsekretär und dem
Präsidenten der Russischen Föderation in Paris unterzeichnet.

Sie ist Ausdruck eines nachhaltigen Bekenntnisses auf höchster politi-


scher Ebene zur Zusammenarbeit bei der Schaffung eines dauerhaften,
umfassenden Friedens im euro-atlantischen Raum und bildet den Rahmen für
eine neue Sicherheitspartnerschaft und die Errichtung eines stabilen, friedli-
93
chen und ungeteilten Europas. Sie verpflichtet die Allianz und Russland zum
Aufbau eines engeren Verhältnisses, nicht nur in ihrem eigenen Interesse, son-
dern darüber hinaus im Interesse aller anderen Staaten im euro-atlantischen
Raum.

Die Präambel des Dokuments umreißt den historischen und politischen


Kontext der NATO-Russland-Beziehungen und erinnert an den grundlegenden
Wandel, der sich seit den Tagen des Kalten Krieges auf beiden Seiten vollzo-
gen hat. In den vier Teilen des Dokuments werden die für die Partnerschaft
zwischen der NATO und Russland maßgebenden Grundsätze und
Mechanismen beschrieben.

Teil I erläutert die Prinzipien, auf denen die Partnerschaft zwischen NATO
und Russland beruht. Teil II schafft ein neues Forum für die Umsetzung von
Konsultation und Zusammenarbeit im Rahmen der Grundakte: den Ständigen
Gemeinsamen NATO-Russland-Rat (NRR). Teil III umreißt die Felder, auf
denen eine Konsultation und Zusammenarbeit erfolgen soll. Teil IV behandelt
politisch-militärische Fragen und wiederholt die politische Zusage der NATO-
Mitgliedstaaten, dass sie weder „die Absicht, einen Plan oder einen Grund” zur
Stationierung von Atomwaffen auf dem Territorium neuer Mitgliedstaaten des
Bündnisses haben.

Insgesamt stellt die Grundakte die gegenseitige Verpflichtung dar, auf der
Grundlage von Partnerschaft und gemeinsamen Interessen zum gemeinsa-
men Aufbau eines stabilen, friedlichen und ungeteilten Kontinents beizutragen.

Der Ständige Gemeinsame NATO-Russland-Rat


Der Ständige Gemeinsame NATO-Russland-Rat (NRR) trat erstmals am
18. Juli 1997 zusammen und wurde rasch zum Dreh- und Angelpunkt der
Bemühungen zu Vertrauensbildung, Ausräumung von Fehleinschätzungen und
Entwicklung einer Struktur für regelmäßige Konsultationen und
Zusammenarbeit.

Der NRR tritt monatlich auf Ebene der Botschafter und Militärischen
Vertreter und zweimal jährlich auf Ebene der Außen- und Verteidigungsminister
sowie auf Ebene der Stabschefs zusammen. Auch Treffen auf Ebene der
Staats- und Regierungschefs sind möglich.

Am 18. März 1998 richtete die Russische Föderation formell eine eigene
Mission bei der NATO ein und bestellte einen ranghohen Militärischen Vertreter
als festen Bestandteil der Mission, um die Zusammenarbeit in militärischen
und verteidigungsbezogenen Fragen zu vereinfachen.

94
In den ersten drei Jahren seines Bestehens hat der NRR ein umfangrei-
ches Spektrum an Themen behandelt, die für beide Seiten von direktem
Interesse sind. Dies waren unter anderem:
• die Lage im ehemaligen Jugoslawien;
• Treffen der Militärischen Vertreter unter der Schirmherrschaft des
NRR;
• Maßnahmen zur Förderung der Zusammenarbeit und Transparenz
sowie des Vertrauens zwischen der NATO und Russland;
• der Beitrag von NATO und Russland sowie die Rolle des NRR für die
Sicherheitsarchitektur im euro-atlantischen Raum;
• politische und verteidigungspolitische Anstrengungen gegen die
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen;
• Fragen im Zusammenhang mit Atomwaffen;
• Strategien und Doktrinen der NATO und Russlands;
• Friedenssicherung;
• Abrüstung und Rüstungskontrolle;
• Such- und Rettungswesen auf See;
• Umschulung von Offizieren;
• Bekämpfung des internationalen Terrorismus;
• verteidigungsbezogene wissenschaftliche Zusammenarbeit;
• verteidigungsbezogene Umweltfragen;
• zivile Notfallplanung und Katastrophenhilfe.
Unter dem politischen Dach des NRR ist ein engmaschiges Netz aus
Arbeitsgruppen, Sachverständigentreffen, gemeinsamen Projekten und
Kontakten auf Stabsebene zur Nachbereitung und Umsetzung der
Konsultationen des NRR als solches entstanden.

Der Kosovo-Konflikt
Als sich die Situation im Kosovo 1998 verschlechterte, nutzten die NATO
und Russland den NRR-Mechanismus in vollem Umfang für Konsultationen
zur Krise. Im Juni 1998 trat der NRR auf Ebene der Verteidigungsminister
zusammen und verurteilte den massiven und unangemessenen Einsatz von
Gewalt durch Belgrad sowie die Gewaltakte kosovarischer Extremisten. Die
95
Minister bekräftigten ihre Entschlossenheit, zu den internationalen
Bemühungen um eine Beilegung der Krise beizutragen.
Im Herbst 1998 sagten sowohl NATO als auch Russland Unterstützung für
diplomatische Bemühungen zur Herbeiführung einer politischen Lösung und
Abwendung einer humanitären Katastrophe zu und hoben die Notwendigkeit
der sofortigen, uneingeschränkten und irreversiblen Einhaltung der einschlägi-
gen Resolutionen des VN-Sicherheitsrats hervor. Als sich die Lage Anfang
1999 weiter verschlechterte, informierte die NATO Russland über ihre
Entscheidung zur Erteilung eines Mobilmachungsbefehls für eine begrenzte
Luftwaffenreaktion und einen stufenweisen Lufteinsatz, die dazu beitragen
sollte, der nicht tolerierbaren humanitären Situation im Kosovo ein Ende zu
setzen und Bemühungen um eine politische Lösung zu unterstützen. Am 30.
Januar 1999 sprach der Nordatlantikrat der Belgrader Regierung gegenüber
die Warnung aus, dass die NATO bei Nichteinhaltung der Forderungen der
internationalen Gemeinschaft die notwendigen Maßnahmen zur Abwendung
einer humanitären Katastrophe ergreifen werde.
Russland teilte die Ansicht des Bündnisses hinsichtlich des möglichen
Einsatzes militärischer Kräfte zur Beendigung des Konflikts und Durchsetzung
der in den entsprechenden Resolutionen des VN-Sicherheitsrats definierten
Forderungen der Staatengemeinschaft nicht. Trotzdem bekräftigten im Februar
1999 sowohl die NATO als auch Russland ihre volle Unterstützung für die
Friedensverhandlungen in Rambouillet. Als die Verhandlungen am 23. März
scheiterten und alle diplomatischen Möglichkeiten zur Beendigung des
Konflikts ausgeschöpft waren, kam die NATO zu dem Schluss, dass es keine
Alternative zur Anwendung von Gewalt gebe.
Mit Beginn der NATO-Luftangriffe über dem Kosovo setzte Russland die
Konsultation und Zusammenarbeit im Rahmen des NRR vorübergehend aus.
Ohne formellen Austritt aus der Grundakte stellte Russland auch die Teilnahme
an Treffen im Rahmen des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats ein und wies
die beiden Presseoffiziere der NATO aus Moskau aus. Die militärische
Zusammenarbeit in Bosnien und Herzegowina wurde jedoch fortgesetzt.
Mit der Unterzeichnung der Militärisch-Technischen Vereinbarung durch
die NATO und die jugoslawischen Militärbefehlshaber am 9. Juni 1999 und
Verabschiedung der Resolution 1244 des VN-Sicherheitsrats am 12. Juni war
das Fundament für eine internationale Sicherheitspräsenz im Kosovo (KFOR)
gelegt. Die Mitwirkung Russlands an der KFOR wurde durch Unterzeichnung
einer separaten Vereinbarung in Helsinki ermöglicht. Der operative Einsatz der
integrierten Schutztruppe begann mit dem Rückzug serbischer Streitkräfte aus
der Provinz; die Arbeiten zur Wiederherstellung von Frieden und Stabilität wur-
den aufgenommen. Heute stellt Russland rund 3.250 der 43.000 Mann starken
Kosovo-Schutztruppe.

96
Wiederaufnahme und Ausweitung der
Zusammenarbeit zwischen NATO und Russland
Die monatlichen Treffen des NRR wurden im Juli 1999 wieder aufgenom-
men; Russland beschränkte den Themenkatalog jedoch auf Angelegenheiten
im Zusammenhang mit dem Kosovo. Die NATO, die ihrerseits dem gesamten
in der NATO-Russland-Grundakte definierten Spektrum der Zusammenarbeit
verpflichtet war, drängte Russland zur Wiederaufnahme der gremienweiten
Kooperation, wie im NRR-Arbeitsprogramm für 1999 vereinbart.

Dieser Prozess sollte in kleinen Schritten stattfinden. Als NATO-


Generalsekretär Lord Robertson am 16. Februar 2000 auf russische Einladung
hin Moskau besuchte, wurde eine gemeinsame Erklärung abgegeben, in der
die NATO und Russland eine schrittweise Wiederaufnahme der umfassenden
Zusammenarbeit auf Basis der Grundakte vereinbarten. Die auf diesen Besuch
folgenden NRR-Treffen hatten wieder eine umfassendere Agenda.
Insbesondere der freie und offene Austausch über die jeweiligen
Militärstrategien und -doktrinen hat gezeigt, welche Rolle der NRR bei der
Ausräumung von Missverständnissen und der Verbesserung von Transparenz
und Vertrauen spielen kann.

Im Mai 2000 vereinbarten die Außenminister der NATO und Russlands in


Florenz die weitere Intensivierung ihres Dialogs im Rahmen des NRR und die
Bemühung um verbesserte Zusammenarbeit über ein breites
Themenspektrum. Sie billigten ein NRR-Arbeitsprogramm für den Rest des
Jahres 2000 und bestätigten die Vereinbarung zur Einrichtung eines NATO-
Informationsbüros in Moskau, wie in der Grundakte vorgesehen. In Florenz
nahm Russland auch seine Mitwirkung im Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat
wieder auf. Anlässlich eines Treffens auf Ebene der Verteidigungsminister im
Juni 2000 erklärte der russische Verteidigungsminister Sergejew übereinstim-
mend mit der Ansicht der NATO-Staaten, dass es keine Alternative zur
Zusammenarbeit zwischen der NATO und Russland gebe. Die nach Abschluss
des Treffens abgegebene Erklärung erkannte auch die wichtige Rolle der
Partnerschaft für Stabilität und Sicherheit im euro-atlantischen Raum an.
Festgehalten wurde auch die Einigkeit beider Seiten hinsichtlich der
Intensivierung des Dialogs und der Zusammenarbeit auf verteidigungspoliti-
schem und militärischem Gebiet auf Grundlage gemeinsamer Interessen,
Gegenseitigkeit und Transparenz gemäß der Grundakte.

Die Lage im Kosovo und die gemeinsame Entschlossenheit der NATO


und Russlands zur Gewährleistung der vollen Umsetzung der Resolution 1244
des VN-Sicherheitsrats standen auf der Agenda des Ständigen Gemeinsamen
Rats auch weiterhin ganz oben. Er warnte dringend vor Provokationen oder
anderen Versuchen, den Friedensprozess in dieser Region zu unterminieren,
97
und nahm die sich immer stärker einander annähernden Ansichten zur Lage
auf dem Balkan zur Kenntnis.

Anlässlich des NRR-Ministertreffens im Dezember 2000 bekräftigten die


NATO und Russland ihre Verpflichtung zum Aufbau einer starken, stabilen und
gleichberechtigten Partnerschaft im Rahmen des NRR im Interesse von
Sicherheit und Stabilität im euro-atlantischen Raum. Die Minister nahmen
einen Briefwechsel bezüglich der Einrichtung eines NATO-Informationsbüros
in Moskau auf. Sie billigten auch ein ehrgeiziges Arbeitprogramm für 2001, das
vielversprechende neue Aspekte wie die Zusammenarbeit im Bereich des
Such- und Rettungswesens auf See sowie der Verteidigungsreform umfasste.
Die Verteidigungsminister vereinbarten auch die Aufnahme von Konsultationen
zur Einrichtung einer militärischen Verbindungsmission in Moskau.

Vor dem Hintergrund des vertieften Dialogs und der verbesserten


Zusammenarbeit besuchte NATO-Generalsekretär Lord Robertson Moskau
vom 19.-21. Februar 2001 erneut. Der NATO-Generalsekretär und die russi-
sche Führung zogen über das im vorangegangenen Jahr Erreichte Bilanz und
erörterten Möglichkeiten zur noch effektiveren Ausschöpfung des Potenzials
der Grundakte. Während seines Besuchs eröffnete der NATO-Generalsekretär
offiziell das NATO-Informationsbüro in Moskau, das wesentlich zum
Verständnis der NATO und der sich entwickelnden Beziehungen zwischen der
NATO und Russland in der Öffentlichkeit beitragen soll.

Zukunftsaussichten
Die Zusammenarbeit im Rahmen von SFOR und KFOR sind eindrucks-
volle Beispiele dafür, wie NATO und Russland zur Erreichung gemeinsamer
Ziele erfolgreich zusammenwirken können. Die Fortsetzung dieser engen
Zusammenarbeit der Bodentruppen in Bosnien und Herzegowina sowie im
Kosovo wurde von beiden Seiten bestätigt.

Zudem stehen sie zahlreichen gemeinsamen Sicherheitsheraus-


forderungen auf anderen Gebieten gegenüber. Die Zusammenarbeit zur
Bewältigung dieser Herausforderungen ist im beiderseitigen Interesse und
trägt zur weiteren Stärkung der Basis des für Frieden und Stabilität im euro-
atlantischen Raum5 unverzichtbaren gegenseitigen Vertrauens bei.

5 Im Dezember 2000 verabschiedeten die NRR-Außenminister ein ehrgeiziges Arbeitsprogramm für


2001. Es beinhaltet die Zusammenarbeit im Bereich des Such- und Rettungswesens auf See, der
von beiden Seiten als eines der vielversprechendsten Gebiete für das künftige praktische
Zusammenwirken von NATO und Russland betrachtet wird.

98
PARTNERSCHAFT DER NATO MIT DER UKRAINE
Ein Besuch des Nordatlantikrats in der Ukraine im März 2000 gab der im Juli
1997 in Madrid ins Leben gerufenen ausgeprägten Partnerschaft zwischen der
NATO und der Ukraine neue Impulse.
Das Treffen der NATO-Ukraine-Kommission in Kiew - die erste Zusammenkunft
dieses Lenkungsgremiums der Partnerschaft in der Ukraine - bot den 19 NATO-
Mitgliedstaaten und der Ukraine Gelegenheit, das gesamte Spektrum ihrer
Zusammenarbeit zu überprüfen. Es wurde als bedeutender Schritt für die Annäherung
der Ukraine an die euro-atlantische Staatengemeinschaft freudig begrüßt.
Mit der Unterzeichnung der „Charta über eine ausgeprägte Partnerschaft zwi-
schen der NATO und der Ukraine” 1997 in Madrid erreichte die Zusammenarbeit
zwischen der NATO und Russland eine neue Ebene. Damit wurde die Bedeutung
einer unabhängigen, stabilen und demokratischen Ukraine für Europa insgesamt
offiziell anerkannt.
Die Charta steht im Einklang mit der erklärten Strategie der Ukraine zur ver-
stärkten Einbindung in europäische und transatlantische Strukturen. Sie bildet die
Basis für die Vereinbarung von Konsultationen im Kontext der euro-atlantischen
Sicherheit und Stabilität und in Bereichen wie Konfliktverhütung, Krisenbewältigung
sowie friedensunterstützenden und humanitären Einsätzen zwischen der NATO und
der Ukraine.
Seminare, gemeinsame Arbeitsgruppen und weitere Gemeinschaftsprogramme
waren schwerpunktmäßig auf Bereiche wie Verteidigungsreform und Neugestaltung
der Verteidigungsorganisation, zivil-militärische Beziehungen sowie Haushalts- und
Ressourcenplanung ausgerichtet. Ebenso wurden Seminare zur Umschulung von
freigesetztem ukrainischem Militärpersonal sowie zum Ab- und Umbau von
Militärstukturen abgehalten.
Auch die gemeinsame Arbeit im Bereich der zivilen Notfallplanung und des
Katastophenschutzes gehört zu den Hauptbereichen der Zusammenarbeit, aus
denen die Ukraine direkten praktischen Nutzen zieht. Eine Regierungsvereinbarung
zu ziviler Notfallplanung über die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet wurde im
Dezember 1997 geschlossen. In der Folge wurde eine Katastrophenhilfsübung für
September 2000 in der Region Transkarpatien angesetzt, um die Verfahren für
humanitäre Hilfsmaßnahmen im Falle weiterer Überschwemmungen zu erproben.6

6 Transkarpatien 2000 fand im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden vom 20. bis zum 28. September
2000 statt. Beteiligt waren Katastrophenhilfsgruppen aus Kroatien, Moldau, Polen, Rumänien, der
Slowakei, Slowenien, Schweden, der Schweiz, der Ukraine, Ungarn und Weißrussland unter Mitwirkung
des Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen. Inhalt der Übung
waren Katastrophenhilfsszenarien wie Such- und Rettungsdienst, lebenserhaltende und sonstige medizini-
sche Maßnahmen, Wasseraufbereitung und Reinigung kontaminierter Flüsse sowie Eisenbahnunglücke
unter Freisetzung toxischer Substanzen. Anfang Frühjahr 2001 wurde dieser Mechanismus auf die Probe
gestellt, als aufgrund wiederholter Überschwemmungen in Transkarpatien einer koordinierter Hilfseinsatz
notwendig wurde.

99
Andere Bereiche intensiver Zusammenarbeit sind die Wissenschaft - die
NATO unterstützt ukrainische Wissenschaftler durch Stipendien - sowie wirt-
schaftliche Aspekte der Sicherheit und die Ausbildung. Auf dem letztgenannten
Gebiet hat die NATO ein Fremdsprachenprogramm für bis zu 100 ukrainische
Offiziere eingerichtet.

Das im Mai 1997 vom NATO-Generalsekretär eröffnete NATO-


Informations- und Dokumentationszentrum ist für die ukrainische Öffentlichkeit
zu einer zentralen Anlaufstelle für Informationen über die Vorteile der ausge-
prägten Partnerschaft mit der NATO geworden. Das Zentrum ist das erste die-
ser Art, das in einem NATO-Mitgliedstaat eingerichtet wurde. Es spielt seither
eine wichtige Rolle bei der Erläuterung der Grundsätze der Allianz und der
Ausräumung von Missverständnissen.

Im Dezember 1998 wurde eine Regierungsvereinbarung unterzeichnet,


durch die zwei NATO-Verbindungsoffiziere in Kiew stationiert werden konnten,
um die volle Mitwirkung der Ukraine in der Partnerschaft für den Frieden zu
erleichtern. Das NATO-Verbindungsbüro wurde 1999 eingerichtet. Es erleich-
tert die Kontakte zwischen der NATO und zivilen sowie militärischen
Dienstellen, die an der Mitwirkung der Ukraine an der Partnerschaft für den
Frieden und der Umsetzung des NUK-Arbeitsplans beteiligt sind.

Beispiele für weitere positive Entwicklungen sind die Ratifizierung der


PfP-Vereinbarung über die Rechtsstellung der Truppen sowie des entspre-
chenden Zusatzprotokolls durch das ukrainische Parlament am 1. März 2000.
Dies dürfte die stärkere Beteiligung der Ukraine an der Partnerschaft für den
Frieden vereinfachen. Das Parlament hat auch den Beitritt der Ukraine zum
Vertrag über den „Offenen Himmel” gebilligt und damit einen wichtigen Beitrag
zur Transparenz im Rahmen der Rüstungskontrolle geleistet.

Entwicklung der Beziehungen zwischen der NATO


und der Ukraine
Die Beziehungen der NATO zur Ukraine begannen sich sehr bald zu ent-
wickeln, nachdem das Land 1991 seine Unabhängigkeit erlangt hatte. Die
Ukraine trat sofort als aktiver Teilnehmer dem Nordatlantischen
Kooperationsrat (NAKR) bei. Dem Programm Partnerschaft für den Frieden
schloss sich das Land 1994 an. Es gehörte auch zu den Gründungsmitgliedern
des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR), der den NAKR im Mai 1997
ablöste.

Beim NATO-Besuch des ukrainischen Präsidenten Kutschma am 1. Juni


1995 übermittelte dieser den Wunsch seines Landes, die Beziehungen zur
NATO auf eine neue Ebene zu stellen. Drei Monate später, am 14. September

100
1995, stattete Außenminister Udowenko der NATO einen Besuch zur offiziellen
Billigung des Individuellen Partnerschaftsprogramms der Ukraine und zu
Gesprächen mit dem Nordatlantikrat über europäische Sicherheitsfragen ab.
Es wurde eine gemeinsame Presseerklärung zu den allgemeinen Grundsätzen
der Beziehungen zwischen der NATO und der Ukraine im Rahmen der
Partnerschaft für den Frieden und in anderen Bereichen veröffentlicht.

Weitere Zusammenkünfte auf verschiedenen Ebenen folgten 1996 und


1997. Bei der NATO wurde eine ukrainische Mission mit einem Militärischen
Vertreter eingerichtet; ferner ist die Ukraine auch in der
Partnerschaftskoordinierungszelle beim SHAPE-Hauptquartier im belgischen
Mons vertreten. Gemäß der Entscheidung der NATO-Ukraine-Kommission auf
ihrer Tagung in Luxemburg im Mai 1998 wurde auch in Kiew ein
Verbindungsoffizier der NATO berufen, um die volle Mitwirkung der Ukraine in
der Partnerschaft für den Frieden (PfP) zu erleichtern und die Zusammenarbeit
zwischen der NATO und den ukrainischen Militärbehörden allgemein zu stär-
ken. Die Ukraine ist weiterhin ein aktiver Teilnehmer der Partnerschaft für den
Frieden und war Gastgeber mehrerer PfP-Übungen auf ihrem Staatsgebiet.
Die Ratifizierung der PfP-Vereinbarung über die Rechtsstellung der Truppen
durch das ukrainische Parlament hat die weitere Ausschöpfung dieses
Potenzials, einschließlich der Nutzung des Jaworiw-Schulungszentrums in der
westlichen Ukraine, ermöglicht.

Die Ukraine hat wichtige Beiträge zu internationalen Friedenserhaltungs-


maßnahmen geleistet. Insbesondere stellte sie nach dem Abschluss der
Friedensvereinbarung von Dayton ein aus einem 550-köpfigen
Infanteriebataillon bestehendes Kontingent für die IFOR-Truppen in Bosnien
unter NATO-Führung. Desgleichen beteiligte sie sich an der
Stabilisierungstruppe SFOR, die die IFOR ablöste, mit einem mechanisierten
Infanteriebataillon und einer Hubschrauberstaffel in einer Gesamtstärke von
rund 400 Mann. Die Ukraine beteiligt sich zwar nicht mehr an der SFOR, lei-
stet jedoch weiterhin einen Beitrag zur NATO-geführten Kosovo-Schutztruppe
(KFOR). Ferner hat sie sich an der Internationalen Polizeitruppe sowie an der
VN-Truppe in Ostslawonien beteiligt.

Die Charta über eine ausgeprägte Partnerschaft


Auf dem NATO-Gipfeltreffen in Madrid im Juli 1997 unterzeichneten die
Staats- und Regierungschefs des Bündnisses und der ukrainische Präsident
Kutschma eine „Charta über eine ausgeprägte Partnerschaft zwischen der
NATO und der Ukraine”, die einige Wochen zuvor im portugiesischen Sintra
auf den Weg gebracht worden war. Mit dieser Charta bekräftigten die NATO-
Mitgliedstaaten ihre Unterstützung sowohl für die ukrainische Souveränität und
101
Unabhängigkeit als auch für ihre territoriale Integrität, demokratische
Entwicklung, ihr wirtschaftliches Wohlergehen und ihren Status als
Nichtkernwaffenstaat sowie für den Grundsatz der Unverletzlichkeit der
Grenzen. Dies sind nach Einschätzung des Bündnisses Schlüsselfaktoren für
die Stabilität und Sicherheit in Mittel- und Osteuropa sowie auf dem gesamten
Kontinent.
Die Entscheidung der Ukraine, die unbegrenzte Verlängerung des
Vertrags über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV) zu unterstützen, und
ihr Beitrag zum Abzug bzw. zur Demontage von auf ihrem Territorium statio-
nierten Kernwaffen wurden von der NATO ebenfalls wärmstens begrüßt. Die
gegenüber der Ukraine als Nichtkernwaffen- und NVV-Vertragsstaat von allen
fünf NVV-Vertragsstaaten mit Kernwaffen abgegebenen Zusicherungen wur-
den gleichermaßen als wichtige Faktoren betrachtet.
Neben der am 16. Dezember 1997 zwischen der NATO und der Ukraine
unterzeichneten Regierungsvereinbarung über zivile Notfallplanung und
Katastrophenschutz, die die zivile Notfallplanung als einen der Hauptbereiche
für die Zusammenarbeit definierte, decken weitere Gemeinschaftsprogramme
ein breites Themenspektrum ab. Die Felder der Konsultation und Kooperation
in Form gemeinsamer Seminare und Arbeitsgruppen umfassen ein breites
Themenspektrum. Dazu gehören zivil-militärische Beziehungen, die demokra-
tische Kontrolle der Streitkräfte und die ukrainische Verteidigungsreform,
Verteidigungsplanung, Haushaltswesen, Grundsatzfragen, Strategie und natio-
nale Sicherheitskonzepte, Umstellung der Rüstungsproduktion, militärische
Zusammenarbeit und Interoperabilität zwischen der NATO und der Ukraine,
militärische Ausbildung und Übungen, wirtschaftliche Aspekte der Sicherheit,
Fragen der Wissenschaft und Technologie, umweltbezogene Sicherheitsfragen
einschließlich der nuklearen Sicherheit, Luft- und Weltraumforschung und -ent-
wicklung sowie die zivil-militärische Koordinierung der Luftverkehrsführung
und Flugsicherungskontrolle. Eine Gemeinsame NATO-Ukraine-Arbeitsgruppe
für die Verteidigungsreform wurde eingerichtet, um die Bemühungen auf die-
sem Gebiet weiter voranzutreiben.

Die NATO-Ukraine-Kommission
Der Nordatlantikrat tagt regelmäßig mit Vertretern der Ukraine, im
Allgemeinen mindestens zweimal im Jahr, in der durch die Charta geschaffe-
nen NATO-Ukraine-Kommission. Aufgabe der Kommission ist es, die
Umsetzung der Charta zu beurteilen und Möglichkeiten zur Verbesserung oder
Weiterentwicklung der Zusammenarbeit zu erörtern.
Ein NATO-Ukraine-Gipfeltreffen fand im April 1999 in Washington statt. Im
März 2000 traf die NATO-Ukraine-Kommission erstmals in Kiew zusammen.

102
Der Politische Ausschuss der NATO hat die Ukraine zwischen 1997 und 2000
dreimal besucht. Dabei fanden in Kiew und anderen ukrainischen Städten ver-
schiedene Treffen zu Konsultationen und zum Informationsaustausch statt.

Zukunftsaussichten
Die oben beschriebenen positiven Entwicklungen haben zum Aufbau
einer stabilen Basis für die künftige Zusammenarbeit beigetragen und zeigen,
auf welchen Gebieten bereits Fortschritte erzielt wurden. Die starke Mitwirkung
in der PfP, die Programme zu praktischen verteidigungsbezogenen Aktivitäten
unter Einbeziehung vieler NATO-Mitgliedstaaten und Partnerländer beinhaltet,
versetzt die Ukraine in die Lage, ihre Verteidigungsorganisation an denen ihrer
europäischen Nachbarn zu messen und ihre Rolle für die europäische
Sicherheit zu festigen. Die Teilnahme der Ukraine am Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrat (EAPR) trägt ebenfalls zu diesem Prozess bei.

DER MITTELMEERDIALOG DES BÜNDNISSES


Der Mittelmeerdialog ist integraler Bestandteil der gemeinsamen
Sicherheitsstrategie des Bündnisses. Er basiert auf der Erkenntnis, dass die
Sicherheit Europas insgesamt eng mit der Sicherheit und Stabilität im
Mittelmeerraum verknüpft ist.
An dem 1994 eingeleiteten Dialog beteiligten sich ursprünglich sechs
Länder: Ägypten, Israel, Jordanien, Mauretanien, Marokko und Tunesien.
Algerien kam im Februar 2000 hinzu. Der Mittelmeerdialog soll die
Beziehungen und das gegenseitige Verständnis der Teilnehmerstaaten ver-
bessern und einen Beitrag zu Sicherheit und Stabilität im Mittelmeerraum lei-
sten. Er bietet einen Rahmen für politische Gespräche mit den teilnehmenden
Ländern. Seine Tätigkeit wird durch ein jährliches Arbeitsprogramm organisiert,
dessen Schwerpunkte auf der praktischen Zusammenarbeit in sicherheits- und
verteidigungsbezogenen Fragen, der Information, ziviler Notfallplanung und
der Wissenschaft liegen.
Der Dialog ergänzt andere, damit zusammenhängende, jedoch separate
internationale Initiativen unter der Schirmherrschaft der Europäischen Union
(EU) und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(OSZE).
Im Rahmen des Dialogs finden die unterschiedlichsten Aktivitäten statt.
So werden beispielsweise Teilnehmer aus den Dialogländern zu Kursen der
NATO-Schule in Oberammergau und der NATO-Verteidigungsakademie in
Rom eingeladen. Inhalte dieser Kurse sind Aspekte der Friedenssicherung,
103
Rüstungskontrolle, Umweltschutz, zivil-militärische Zusammenarbeit zur zivi-
len Notfallplanung sowie die europäische Sicherheitszusammenarbeit. Ferner
wurden Wissenschaftlern aus den Dialogstaaten eine Reihe internationaler
Stipendien zur Verfügung gestellt.
Die Kosten für die Aktivitäten im Rahmen des Dialogs tragen die Staaten
grundsätzlich selbst. Die Bündnispartner können jedoch im Einzelfall entschei-
den, Finanzbeihilfen zu gewähren, um die Teilnahme der Partnerländer aus
dem Mittelmeerraum am Dialog zu unterstützen. Der Grad der Beteiligung vari-
iert von Land zu Land.
Anlässlich des Washingtoner Gipfeltreffens im April 1999 haben die
NATO-Staats- und Regierungschefs entschieden, die politische und auch die
praktische Dimension des Dialogs zu erweitern. Unter anderem sollten
dadurch weitere Gelegenheiten für Gespräche und zur Festigung der
Zusammenarbeit auf Gebieten, auf denen die NATO besonders wertvolle
Beiträge leisten kann, geschaffen werden. Dies gilt speziell auf militärischem
Gebiet und in Bereichen, an denen die Dialogländer Interesse bekundet
haben.

Die Entwicklung des Mittelmeerdialogs


Der Mittelmeerdialog hat seinen Ursprung in der Erklärung des Brüsseler
Gipfels vom Januar 1994. Die Staats- und Regierungschefs der NATO sahen
durch die positiven Entwicklungen im Friedensprozess im Nahen Osten „die
Möglichkeit eröffnet, Maßnahmen zur Förderung von Dialog, Verständigung
und Vertrauensbildung zwischen den Staaten in der Region zu erwägen”, und
unterstützten „alle Anstrengungen, die einer Festigung der Stabilität in der
Region dienlich sind”. Auf ihrem Treffen im Dezember 1994 erklärten die
NATO-Außenminister ihre Bereitschaft, „von Fall zu Fall zwischen dem
Bündnis und nicht der NATO angehörenden Mittelmeerstaaten Kontakte her-
zustellen, um so einen Beitrag zur Stärkung der regionalen Stabilität zu lei-
sten”. Zu diesem Zweck wiesen sie den Ständigen Rat an, „die Lage weiter zu
prüfen, die Einzelheiten des vorgeschlagenen Dialogs auszuarbeiten und ent-
sprechende Sondierungskontakte in die Wege zu leiten”. Daraufhin ergingen
im Februar 1995 Einladungen an Ägypten, Israel, Mauretanien, Marokko und
Tunesien zur Teilnahme an einem Dialog mit der NATO. Im November 1995
und im Februar 2000 wurden außerdem Jordanien und Algerien eingeladen.
Der Dialog soll einen Beitrag zu Sicherheit und Stabilität im
Mittelmeerraum leisten, das gegenseitige Verständnis verbessern und falsche
Vorstellungen über die NATO auf Seiten der Dialogpartner des
Mittelmeerraums richtig stellen. Er beruht auf der Erkenntnis, dass die
Sicherheit Europas eng mit der Sicherheit und Stabilität des Mittelmeerraums

104
verknüpft ist und der Mittelmeerraum eine der Sicherheitskomponenten der
europäischen Sicherheitsarchitektur bildet.
Der Dialog ist ein fortschreitender Prozess und beruht grundsätzlich auf
bilateralen Beziehungen zwischen den einzelnen Teilnehmerstaaten und der
NATO. Er ermöglicht von Fall zu Fall jedoch auch multilaterale Treffen. Er bie-
tet allen Partnerstaaten des Mittelmeerraums die gleiche Grundlage für
Gespräche und gemeinsame Aktivitäten und zielt darauf ab, andere internatio-
nale Anstrengungen zu verstärken, an denen Staaten des Mittelmeerdialogs
beteiligt sind, wie die des Barcelona-Prozesses7, des Nahost-
Friedensprozesses und der OSZE, ohne sich mit diesen Anstrengungen zu
überschneiden oder eine Arbeitsteilung anzustreben.
Der Mittelmeerdialog umfasst politische Gespräche und die Teilnahme an
spezifischen Aktivitäten.
Der politische Dialog besteht aus regelmäßigen bilateralen politischen
Gesprächen. Sie bieten die Möglichkeit zu gründlicher Unterrichtung über die
Aktivitäten der NATO, einschließlich der Erweiterungs- und
Partnerschaftsprogramme des Bündnisses, der internen Anpassung und des
allgemeinen Ansatzes für den Aufbau gemeinsamer Sicherheitsstrukturen. Die
Staaten des Mittelmeerdialogs erhalten ihrerseits Gelegenheit, der NATO ihre
Ansichten zu Fragen der Stabilität und Sicherheit im Mittelmeerraum darzule-
gen.
Die Staaten des Mittelmeerdialogs wurden eingeladen, an besonderen
Aktivitäten auf Gebieten wie Wissenschaft, Informationswesen und zivile
Notfallplanung sowie an Lehrgängen der NATO-Akademien zu Themen wie
Friedenserhaltung, Rüstungskontrolle und Verifikation, Verantwortung der
Streitkräfte auf dem Gebiet des Umweltschutzes, zivile Notfallplanung und
europäische Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen teilzunehmen. Die Kosten
für die Teilnahme an den Lehrgängen tragen die Staaten selbst. Zur Erhöhung
der Transparenz wurden auch bestimmte Aktivitäten aus dem militärischen
Sektor aufgenommen.
Der Mittelmeerdialog der NATO hat sich seit seinem Beginn 1994 stetig
weiterentwickelt. Das Madrider Gipfeltreffen von 1997 hat ihm durch die

7 Im November 1995 unterzeichneten 15 Mitgliedstaaten der Europäischen Union und 12


Nichtmitgliedstaaten des Mittelmeerraums (Ägypten, Algerien, Israel, Jordanien, Libanon, Malta,
Marokko, Syrien, Tunesien, Türkei, Zypern und die Palästinensische Autonomiebehörde) die
Erklärung von Barcelona, die den Rahmen für die Euro-Mediterrane Partnerschaft (bekannt auch
als Barcelona-Prozess) setzte. Die Erklärung umreißt drei Hauptziele: 1. eine politische und sicher-
heitspolitische Partnerschaft mit dem Ziel der Schaffung eines gemeinsamen Raums des Friedens
und der Stabilität, 2. eine Wirtschafts- und Finanzpartnerschaft zur Errichtung eines gemeinsamen
Raums der Prosperität, und 3. eine soziale, kulturelle und menschliche Partnerschaft zur
Verstärkung des Austauschs zwischen den zivilen Gesellschaften der beteiligten Staaten. Der
Barcelona-Prozess beinhaltet auch die beabsichtigte Einrichtung einer vollständigen
Freihandelszone bis zum Jahr 2010.

105
Schaffung der Kooperationsgruppe Mittelmeer eine neue, dynamischere
Ausrichtung gegeben. Durch die direkte Einbindung der NATO-Mitgliedstaaten
in die politischen Gespräche mit den Partnerstaaten besteht nun ein Forum für
den Meinungsaustausch über viele Fragen im Zusammenhang mit der
Sicherheitslage im Mittelmeerraum sowie über die künftige Entwicklung des
Dialogs.

DIE SÜDOSTEUROPA-INITIATIVE DER NATO


Die Südosteuropa-Initiative der NATO wurde anlässlich des Washingtoner
Gipfeltreffens auf den Weg gebracht, um die regionale Zusammenarbeit und
damit die langfristige Sicherheit und Stabilität in dieser Region zu fördern.
Die Initiative basiert auf vier Kernbereichen: einem Konsultationsforum für
Sicherheitsfragen zu Südosteuropa, einer zeitlich unbegrenzten Ad-hoc-
Arbeitsgruppe zur regionalen Zusammenarbeit in Südosteuropa unter der
Schirmherrschaft des EAPR auf Ebene des Politischen Ausschusses,
Arbeitsinstrumenten der Partnerschaft für den Frieden sowie gezielten
Programmen zur Sicherheitszusammenarbeit der Länder in dieser Region.
Das Konsultationsforum umfasst die NATO-Mitgliedstaaten, sechs
Partnerstaaten im südosteuropäischen Raum (Albanien, Bulgarien, Kroatien,
Rumänien, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien8, Slowenien)
sowie Bosnien und Herzegowina. Es trat erstmals am Rande des NATO-
Gipfels in Washington im April 1999 auf Gipfelebene und anschließend auf
Botschafterebene beim NATO-Hauptquartier in Brüssel zusammen.
Die EAPR-Ad-hoc-Arbeitsgruppe identifizierte Vorstellungen für die künf-
tige Entwicklung zur Förderung der regionalen Zusammenarbeit, die in eine
Reihe von Aktivitäten nach dem Vorbild der Aktivitäten im Rahmen des NATO-
Programms der Partnerschaft für den Frieden integriert wurden.
Die Methodik der Partnerschaft für den Frieden wurde zur Behandlung
einer Reihe von für Südosteuropa wichtigen Fragen, einschließlich
Transparenz bei der Verteidigungsplanung, Krisenbewältigung und
Verteidigungsmanagement, übernommen. Aktivitäten wie Workshops zu die-
sen Themen wurden so ausgelegt, dass sie sich auf die gesamte Region
beziehen. Diese Workshops werden teilweise von den Teilnehmerländern aus
der Region durchgeführt und von der NATO ausgerichtet, andere werden von
der NATO selbst durchgeführt. Die einander ergänzenden Aktivitäten tragen
durch regionale Zusammenarbeit und Integration zur Förderung der Stabilität
bei. Ferner wurde zur Koordinierung regionaler Projekte eine

8 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

106
Koordinierungsgruppe für die Sicherheitskooperation in Südosteuropa einge-
richtet.
Ein ergänzendes Programm für gezielte Sicherheitszusammenarbeit mit
Kroatien auf Grundlage von PfP-Mechanismen wurde im Frühjahr 2000 einge-
führt. Kroatien ist der Partnerschaft für den Frieden im Mai 2000 beigetreten.
Ferner verfügt die NATO außerhalb der PfP über ein spezielles
Sicherheitskooperationsprogramm mit Bosnien und Herzegowina, das eben-
falls andere Aktivitäten im Rahmen der Südosteuropa-Initiative ergänzt.
Zudem bietet die NATO Beratung und Know-how zur Umschulung von
Offizieren, die durch die Strukturreformen der Streitkräfte in Bulgarien und
Rumänien nicht mehr benötigt werden. Dieses NATO-Projekt wird im Rahmen
des Stabilitätspakts für Südosteuropa9 in Zusammenarbeit mit der Weltbank
durchgeführt. Die Finanzierung erfolgt durch die Weltbank und die beteiligten
Länder. Dieses Projekt macht deutlich, wie sich die internationalen und institu-
tionellen Maßnahmen auf diesem Gebiet gegenseitig ergänzen und verstär-
ken.

9 Der Stabilitätspakt wurde im Mai 1999 von der Europäischen Union ins Leben gerufen. Er wurde in
der Folge bei einer internationalen Konferenz am 10. Juni 1999 in Köln verabschiedet und unter die
Schirmherrschaft der OSZE gestellt. Er soll durch geschlossenes und koordiniertes Handeln zu dau-
erhaftem Frieden, Wohlstand und Stabilität in Südosteuropa beitragen, indem die Länder dieser
Region, weitere interessierte Länder sowie Organisationen, die in der Lage sind, einen entspre-
chenden Beitrag zu leisten, zusammengebracht werden. In diesem Zusammenhang werden spezi-
fische Mechanismen zur Koordinierung der gemeinsamen Bemühungen eingerichtet.

107
KAPITEL 4

DIE EUROPÄISCHE SICHERHEITS- UND


VERTEIDIGUNGSIDENTITÄT (ESVI)

Entwicklung der ESVI


Kooperation der NATO mit der WEU
Beziehungen der NATO zur EU
DIE EUROPÄISCHE SICHERHEITS- UND
VERTEIDIGUNGSIDENTITÄT (ESVI)
ENTWICKLUNG DER ESVI
Das Bündnis setzt sich durch die Entwicklung einer wirksamen
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI), mit der europäi-
sche Bedürfnisse erfüllt und gleichzeitig ein Beitrag zur Sicherheit der Allianz
insgesamt geleistet werden könnte, für eine Stärkung ihres europäischen
Pfeilers ein. Mit der Übernahme größerer Verantwortung für die eigene
Sicherheit tragen die europäischen Mitgliedstaaten zum Aufbau einer festeren
und ausgewogeneren transatlantischen Partnerschaft bei, durch die das
Bündnis insgesamt gestärkt wird.
Entsprechend brachten die NATO-Staats- und Regierungschefs auf ihrem
Treffen in Washington im April 1999 die Arbeiten zum weiteren Ausbau der
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität auf den Weg. Es wurden
Gespräche zu einer Reihe spezifischer Fragen aufgenommen, darunter insbe-
sondere:
• Maßnahmen für den Aufbau wirksamer gegenseitiger Konsultation,
Zusammenarbeit und Transparenz zwischen der Europäischen Union
(EU) und der Allianz auf der Basis der zwischen der NATO und der
Westeuropäischen Union (WEU) bestehenden Mechanismen;
• Einbeziehung der nicht zur EU gehörenden europäischen
Bündnispartner;
• praktische Vorkehrungen für den Rückgriff der EU auf NATO-
Planungskapazitäten sowie NATO-Mittel und Fähigkeiten.
Ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung der ESVI ist die
Verbesserung des europäischen Militärpotenzials. Die in Washington auf den
Weg gebrachte Initiative zur Verteidigungsfähigkeit (DCI = Defence
Capabilities Initiative) soll die Effektivität künftiger multinationaler Operationen
über das ganze Spektrum der Allianzaufgaben sicherstellen und wird eine ent-
scheidende Rolle in diesem Prozess spielen. Die sich aus der DCI ergebenden
Ziele und die Bemühungen der EU zum Ausbau der europäischen Fähigkeiten
verstärken sich gegenseitig.
Die im Rahmen des Washingtoner Gipfels und der nachfolgenden Treffen
definierten Grundsätze für die künftige Arbeit an der ESVI lauten:
• Die Allianz erkennt die Entschlossenheit der Europäischen Union an,
die Fähigkeit für autonomes Handeln zu schaffen, so dass sie
111
Entscheidungen treffen und militärische Aktionen billigen kann, an
denen die Allianz als Ganzes nicht beteiligt ist.

• Im weiteren Verlauf dieses Prozesses sollten NATO und EU auf der


Grundlage der zwischen NATO und WEU bestehenden Mechanismen
die Entwicklung wirksamer gegenseitiger Konsultation, Kooperation
und Transparenz sicherstellen.

• Die Staats- und Regierungschefs der NATO begrüßen die


Entschlossenheit der Mitglieder der Europäischen Union und anderer
europäischer Bündnispartner, die erforderlichen Schritte zu ergreifen,
um ihre Verteidigungsfähigkeiten unter Vermeidung unnötiger
Doppelarbeit besonders für neue Aufgaben zu stärken.

• Sie messen der Sicherstellung der weitestmöglichen Einbeziehung


der nicht zur EU gehörenden europäischen Bündnispartner in EU-
geführte Krisenreaktionseinsätze auf der Grundlage vorhandener
Konsultationsabsprachen innerhalb der WEU äußerste Wichtigkeit bei
und nehmen auch das Interesse Kanadas an der Beteiligung an sol-
chen Einsätzen unter geeigneten Modalitäten zur Kenntnis.

• Sie sind entschlossen, die 1996 in Berlin getroffenen Entscheidungen


einschließlich des Konzepts zur Nutzung trennbarer, jedoch nicht
getrennter NATO-Kräfte und -Fähigkeiten für WEU-geführte
Operationen weiterzuentwickeln.

Die Arbeiten zu diesen Vorkehrungen, bei denen die Anforderungen der


NATO-Operationen und die Kohärenz ihrer Kommandostruktur berücksichtigt
werden, beinhalten Fragen wie:

• den gesicherten EU-Rückgriff auf Planungskapazitäten der NATO,


durch die zur militärischen Planung für EU-geführte Einsätze beige-
tragen werden kann;

• die Bereitstellung von im Vorfeld bestimmten NATO-Fähigkeiten und


gemeinsamen Mitteln für die EU zur Nutzung in EU-geführten
Operationen;

• die Identifizierung einer Reihe von Optionen für ein europäisches


Kommando für EU-geführte Operationen und die Weiterentwicklung
der Rolle des Stellvertretenden Obersten Alliierten Befehlshabers
Europa, damit dieser seine europäischen Verantwortlichkeiten unein-
geschränkt und effektiv wahrnehmen kann;

112
• die weitere Anpassung des Verteidigungsplanungssystems der NATO,
um die Verfügbarkeit von Kräften für EU-geführte Operationen umfas-
sender einzubeziehen.

In den frühen 90er Jahren hielten viele in Europa und Nordamerika den
Zeitpunkt für eine Neugewichtung der Beziehungen zwischen den Staaten
dies- und jenseits des Atlantik und für konkrete Schritte seitens der europäi-
schen NATO-Mitgliedstaaten zur Übernahme einer größeren Verantwortung für
die gemeinsame Sicherheit und Verteidigung für gekommen. Die europäischen
Mitgliedstaaten leiteten einen Prozess zum Aufbau eines eigenständigen
europäischen Militärpotenzials ohne unnötige Verdoppelung der in der NATO
bereits vorhandenen Kommandostrukturen, Planungsstäbe sowie militärischen
Kräfte und Fähigkeiten bei gleichzeitiger Stärkung ihres Beitrags zu den
Aufgaben und Aktivitäten der Allianz ein. In diesem Ansatz wurde eine Antwort
sowohl auf den Wunsch der Europäer, eine gemeinsame Außen- und
Sicherheitspolitik zu entwickeln, als auch auf die Notwendigkeit einer ausge-
wogenen Partnerschaft zwischen den nordamerikanischen und den europäi-
schen Mitgliedstaaten des Bündnisses gesehen.

Die Stärkung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität


innerhalb der NATO ist integraler Bestandteil der Anpassung der politischen
und militärischen Strukturen des Bündnisses. Gleichzeitig bildet sie ein wichti-
ges Element in der Entwicklung der Europäischen Union (EU). Beide Prozesse
wurden auf der Grundlage des Vertrags von Maastricht (1991) und des
Amsterdamer Vertrags (1997) der Europäischen Union und der entsprechen-
den Erklärungen der Westeuropäischen Union und der Europäischen Union
sowie der von der Allianz auf ihren Gipfeltreffen von Brüssel 1994, Madrid 1997
und Washington 1999 sowie in NATO-Treffen auf Ministerebene getroffenen
Entscheidungen vorangebracht.

In dem im Dezember 1991 in Maastricht unterzeichneten Vertrag über die


Europäische Union, der am 1. November 1993 in Kraft trat, beschlossen die
Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft den Aufbau
einer Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) „wozu [...] auch die
schrittweise Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik gehört, die zu
einer gemeinsamen Verteidigung führen könnte”. Der Vertrag bezieht sich auf
die Westeuropäische Union (WEU) als festem Bestandteil der Entwicklung der
durch ihn geschaffenen Europäischen Union und verlangt von der WEU,
Entscheidungen und Maßnahmen der Europäischen Union mit verteidigungs-
politischen Auswirkungen weiter auszugestalten und umzusetzen. Anlässlich
der WEU-Tagung in Maastricht im Dezember 1991, die gleichzeitig mit der
Tagung des Europäischen Rates stattfand, gaben die WEU-Mitgliedstaaten
eine Erklärung ab, in der sie sich gemeinsam zur Notwendigkeit einer echten
113
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität und zu größerer europäi-
scher Verantwortung in Verteidigungsangelegenheiten bekannten.

Im Januar 1994 begrüßten die Staats- und Regierungschefs der NATO


das Inkrafttreten des Maastrichter Vertrags und das Entstehen der
Europäischen Union als Mittel zur Stärkung des europäischen Pfeilers der
Allianz und zur Befähigung der europäischen NATO-Mitglieder zur Leistung
eines geschlosseneren Beitrags zur Sicherheit aller Bündnispartner. Sie
bekräftigten, dass das Bündnis das wichtigste Konsultationsforum für seine
Mitglieder und das Verhandlungsgremium für Grundsätze sei, die die
Sicherheits- und Verteidigungsverpflichtungen der Verbündeten im Rahmen
des Washingtoner Vertrags beeinflussen. Sie begrüßten darüber hinaus die
enge und wachsende Zusammenarbeit zwischen NATO und
Westeuropäischer Union auf der Grundlage einvernehmlich geregelter
Prinzipien der gegenseitigen Ergänzung und Transparenz. Außerdem erklärten
sie ihre Bereitschaft, auf der Grundlage von Konsultationen im Nordatlantikrat
kollektive Ressourcen des Bündnisses für WEU-Operationen zur Verfügung zu
stellen, die von den europäischen Bündnispartnern in Verfolgung ihrer
Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik durchgeführt werden.

Die NATO-Staats- und Regierungschefs beauftragten den Nordatlantikrat


mit der Untersuchung der Frage, wie die politischen und militärischen
Strukturen der Allianz weiterentwickelt und angepasst werden können, um die
Durchführung der Aufträge der Allianz einschließlich der Friedenserhaltung effi-
zienter und flexibler zu gestalten und der sich herausbildenden Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität Ausdruck zu verleihen. Als Teil dieses
Prozesses wurde das Konzept Alliierter Streitkräftekommandos entwickelt.
Dieses in Kapitel 12 beschriebene Konzept soll die operative Flexibilität ver-
bessern und einen flexibleren und beweglicheren Einsatz von Kräften ermögli-
chen, die den neuen Erfordernissen im Gesamtaufgabenspektrum der Allianz
gerecht werden. Es sollte unter anderem trennbare, jedoch nicht getrennte
Stäbe zum Einsatz durch die Westeuropäische Union bereitstellen.

Auf ihren Treffen in Berlin und Brüssel im Juni 1996 beschlossen die
Außen- und Verteidigungsminister der NATO den Aufbau der Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI) innerhalb der NATO als wesent-
lichen Bestandteil der internen Anpassung des Bündnisses. Diese soll alle
europäischen Bündnispartner in die Lage versetzen, einen geschlosseneren
und wirksameren Beitrag zu den Aufgaben und Aktivitäten des Bündnisses zu
leisten. Sie soll ihnen die Möglichkeit eröffnen, selbst nach Bedarf zu handeln,
und gleichzeitig die transatlantische Partnerschaft stärken. Unter voller
Nutzung des Konzepts Alliierter Streitkräftekommandos soll die gestärkte
europäische Identität auf solide militärische Prinzipien gegründet und durch
geeignete militärische Planung unterstützt werden sowie die Aufstellung

114
militärisch kohärenter und leistungsfähiger Streitkräfte ermöglichen, die unter
der politischen Kontrolle und strategischen Richtlinienkompetenz der WEU zu
operieren imstande wären.

Auf ihrem Gipfeltreffen in Madrid im Juli 1997 begrüßten die Staats- und
Regierungschefs der NATO die zur Schaffung der ESVI innerhalb der NATO
bereits unternommenen wichtigen Schritte. Der Ständige NATO-Rat wurde
beauftragt, die Arbeiten auf diesem Gebiet in Zusammenarbeit mit der WEU
zügig zum Abschluss zu bringen.

KOOPERATION DER NATO MIT DER WEU


Als Folge der Entscheidungen zur Entwicklung der ESVI innerhalb der
NATO wurden Vorkehrungen getroffen, um zu gewährleisten, dass bei der wei-
teren Anpassung des Bündnisses alle Aspekte der NATO-Unterstützung für
WEU-geführte Operationen berücksichtigt würden. Dies waren u. a.:

• die Berücksichtigung von WEU-Anforderungen bei den neuen NATO-


Verteidigungsplanungsverfahren zur Entwicklung von Ressourcen
und Fähigkeiten. Die WEU begann 1997 mit einem Beitrag zur
Ministerrichtlinie von 1997, zum Verteidigungsplanungsprozess der
Allianz beizutragen (siehe Kapitel 7);

• die Einbringung von Verfahren zur Identifizierung von NATO-


Ressourcen und -Fähigkeiten, auf die die WEU gegebenenfalls mit
Zustimmung des Nordatlantikrats zurückgreifen möchte;

• die Einführung multinationaler europäischer Führungsregelungen


innerhalb der NATO, mit deren Hilfe Operationen unter der politischen
Kontrolle und strategischen Leitung der WEU vorbereitet, unterstützt,
befehligt und durchgeführt werden können. (In diesem
Zusammenhang übernimmt der Stellvertretende Oberste Alliierte
Befehlshaber Europa (DSACEUR) sowohl unter normalen
Bedingungen als auch im Zusammenhang mit WEU-geführten
Einsätzen in Bezug auf die der WEU zur Verfügung gestellten Kräfte
eine besondere Rolle);

• die Einführung von Regelungen für Konsultation und


Informationsaustausch zur Gewährleistung der Koordinierung, die bei
mit NATO-Unterstützung unter WEU-Leitung durchgeführten
Operationen benötigt wird;

• der Ausbau der militärischen Planungsmaßnahmen und Übungen für


typische WEU-Einsätze.
115
In der Praxis sollen diese Regelungen sicherstellen, dass die WEU im
Falle einer Krise, bei der sie zu intervenieren beschließt (und das Bündnis nicht
eingreifen will), den Einsatz von Ressourcen und Fähigkeiten des Bündnisses,
möglicherweise einschließlich eines Stabes Alliierter Streitkräftekommandos,
zur Durchführung von Operationen unter eigener Kontrolle und strategischer
Leitung beantragen könnte.

Der Nordatlantikrat könnte der WEU dann die angeforderten Kräfte und
Mittel von Fall zu Fall zur Verfügung stellen. Die Bedingungen für deren
Abstellung zur WEU sowie die Überwachung ihres Einsatzes und schließlich
ihre Rückführung oder Abberufung müssten in einer gesonderten
Vereinbarung zwischen beiden Organisationen festgelegt werden. Die NATO
würde den Einsatz ihrer Kräfte während der Operation überwachen und auf
politischer Ebene ständig Verbindung mit der WEU halten. Es könnten europäi-
sche Befehlshaber aus der NATO-Kommandostruktur für die Wahrnehmung
von Aufgaben unter der politischen Kontrolle der WEU benannt werden. Nach
Abschluss der Operation oder bei Bedarf fielen die Ressourcen wieder an die
NATO zurück. Während der Operation, einschließlich der Vorbereitungsphase,
würden sich NATO und WEU eingehend beraten.

Auf dem EU-Gipfel in Köln wurde im Juni 1999 beschlossen, der EU die
benötigten Mittel und Fähigkeiten zur Umsetzung einer gemeinsamen
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) bereitzustellen.
Diesen Entscheidungen entsprechend hat die Europäische Union zur
Entwicklung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität nach
und nach die Rolle der WEU übernommen.

In der Zwischenzeit hat die NATO weiter mit der WEU zusammengear-
beitet, um Regelungen zur Erleichterung der Zusammenarbeit zwischen den
beiden Organisationen im Falle einer WEU-geführten Krisenbewälti-
gungsoperation unter Einsatz von NATO-Ressourcen und -Fähigkeiten zu
vervollständigen und umzusetzen. Weitere Arbeiten zur Ausarbeitung der
Vereinbarungen über den Einsatz dieser Mittel sowie den
Informationsaustausch wurden aufgenommen. Es wurden gemeinsame
Erprobungen und Auswertungen von Verfahren sowie Übungen für gemein-
same Einheiten und Verbände durchgeführt. Im Februar 2000 fand eine
gemeinsame NATO-WEU-Krisenbewältigungsübung statt. Bei ihrem Treffen in
Marseille im November 2000 beschlossen die WEU-Minister, die routinemäßi-
gen NATO-WEU-Konsultationsmechanismen bis auf die während der Über-
gangsphase erforderlichen Maßnahmen auszusetzen.

116
BEZIEHUNGEN DER NATO ZUR EU
Anlässlich der Tagung des Rates der Europäischen Union im Dezember
1999 in Helsinki wurde ein „Leitziel” für die EU-Mitgliedstaaten im Hinblick auf
ihr Militärpotenzial für Krisenbewältigungseinsätze definiert. Ziel ist es, die EU
in die Lage zu versetzen, zur Durchführung sämtlicher so genannter
„Petersberger Aufgaben” gemäß des Amsterdamer Vertrags von 1997 bis zum
Jahr 2003 Truppen in Korpsstärke bis zu 60.000 Mann zu verlegen und für die
Dauer von mindestens einem Jahr im Einsatz zu halten. Diese Aufgaben
umfassen humanitäre Aufgaben und Rettungseinsätze, friedenserhaltende
Maßnahmen sowie Kampfeinsätze bei der Krisenbewältigung, einschließlich
friedensstiftender Maßnahmen. Ihre Rolle wäre die Durchführung von EU-
geführten Militäroperationen als Reaktion auf internationale Krisen in Fällen, in
denen die NATO als Ganzes nicht militärisch engagiert wäre. Dieser Prozess
ist Teil der Entschlossenheit der EU, zur militärischen Stützung der gemeinsa-
men Außen- und Sicherheitspolitik eine gemeinsame Europäische Sicherheits-
und Verteidigungspolitik zu entwickeln. Eine unnötige Verdoppelung bereits
vorhandener NATO-Strukturen wird dabei vermieden; auch die Schaffung einer
europäischen Armee ist nicht vorgesehen.
Ferner vereinbarte die EU zur Gewährleistung der notwendigen politi-
schen und strategischen Führung derartiger Einsätze die Schaffung dauerhaf-
ter politischer und militärischer Strukturen einschließlich eines Politischen und
Sicherheitspolitischen Ausschusses, eines Militärausschusses sowie eines
Militärstabs. Zudem beschloss die EU die Erarbeitung von Regelungen für
umfassende Konsultation, Zusammenarbeit und Transparenz mit der NATO
und zur Gewährleistung des notwendigen Dialogs, der Konsultation und
Zusammenarbeit mit europäischen NATO-Mitgliedstaaten, die nicht Mitglied
der EU sind, in Fragen der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik
und der Krisenbewältigung.
Der Dialog zwischen der NATO und der Europäischen Union wird übe-
reinstimmend mit den Entscheidungen von Washington und vor dem
Hintergrund der Entwicklungen in der EU ständig intensiviert. Bei den Treffen
des Europäischen Rats in Nizza und des Nordatlantikrats in Brüssel im
Dezember 2000 konnten weitere Fortschritte erzielt werden. Die
Außenminister der NATO bekräftigten ihre Unterstützung für das von den EU-
Mitgliedstaaten verabschiedete Ziel einer echten Partnerschaft zwischen der
NATO und der EU im Bereich der Krisenbewältigung. Beide Organisationen
stimmten dem Aufbau von Konsultation und Zusammenarbeit untereinander in
Fragen von gemeinsamen Interesse im Bereich der Sicherheit, Verteidigung
und Krisenbewältigung zu, um Krisen mit der geeignetsten militärischen
Reaktion und gesichertem, wirksamem Krisenmanagement begegnen zu kön-
nen.
117
Auf der Grundlage der Treffen vom Dezember 2000 erfolgte im Januar
2001 ein Briefwechsel zwischen dem Generalsekretär und der schwedischen
EU-Präsidentschaft hinsichtlich gemeinsamer Treffen auf Botschafter- und
Ministerebene. Die Vereinbarung sieht alle sechs Monate (also während jeder
EU-Präsidentschaft) mindestens drei Treffen auf Botschafter- und ein Treffen
auf Ministerebene vor. Beide Organisationen haben sich jedoch verpflichtet,
die Konsultationen in Krisenzeiten zu intensivieren. So finden heute regel-
mäßige Treffen des Politischen und Sicherheitspolitischen Ausschusses der
EU und des Nordatlantikrats statt, und beide Organisationen bewegen sich
rasch von der Theorie der ESVI/ESVP zu Konsultation und Zusammenarbeit in
konkreten Sachfragen wie beispielsweise der Lage auf dem westlichen Balkan.
Seit Mitte des Jahres 2000 treffen gemeinsame Ad-hoc-Arbeitsgruppen
der NATO und der EU zu Gesprächen über Sicherheitsfragen (z. B. über
Verfahren für den Austausch von Verschlusssachen einschließlich nachrich-
tendienstlicher Erkenntnisse), Modalitäten für den EU-Rückgriff auf
Ressourcen und Fähigkeiten der Allianz, Fähigkeitsziele (einschließlich Fragen
im Zusammenhang mit dem Verteidigungsplanungssystem der NATO) sowie
ständigen Konsultationsvereinbarungen unter Berücksichtigung sämtlicher
relevanter Faktoren einschließlich der Frage der Beteiligung zusammen. Im
Frühjahr 2001 wurde der NATO-Generalsekretär erstmals eingeladen, den Rat
für „Allgemeine Angelegenheiten” der EU über die Grundsätze der NATO zu
informieren.
Im Sommer 2000 gründeten die NATO und das Sekretariat des Rates der
EU eine Interims-Sicherheitsvereinbarung zwischen den beiden
Organisationen über den Austausch von Verschlusssachen. Beide
Organisationen arbeiten auf den Abschluss einer permanenten
Sicherheitsvereinbarung zwischen NATO und EU hin.
Während der zweiten Hälfte des Jahres 2000 leisteten NATO-Experten
auf Anfrage der EU im Rahmen der Vorbereitung der EU-Beitragskonferenz im
November 2000 militärische und technische Beratung für die Arbeit von EU-
Experten bei der Aufstellung eines Kräfte- und Fähigkeitskatalogs für das EU-
Leitziel. Anlässlich ihres Treffens im Dezember 2000 verliehen die NATO-
Außenminister der Bereitschaft des Bündnisses Ausdruck, auf Ersuchen der
EU und nach entsprechenden Entscheidungen weitere fachliche Beratung zu
leisten.
Innerhalb der NATO wird die Arbeit zu den wichtigsten Fragen im
Zusammenhang mit dem Ausbau der ESVI fortgesetzt. Dies gilt insbesondere
für die Identifizierung einer Reihe europäischer Kommandooptionen, die
Bereitstellung von im Vorfeld bestimmten Ressourcen und Fähigkeiten, den
gesicherten Rückgriff auf operative Planungskapazitäten der NATO sowie die
Anpassung der Verteidigungsplanung der Allianz.

118
KAPITEL 5

DIE OPERATIVE ROLLE DES BÜNDNISSES IM


RAHMEN DER FRIEDENSERHALTUNG

Der Prozess der Friedensstiftung im ehemaligen Jugoslawien


Die Förderung des Friedensprozesses in Bosnien und Herzegowina
Die Rolle der NATO im Kosovo-Konflikt
Menschenrechtsverletzungen in der Kosovo-Region und KFOR-
Unterstützung für humanitäre Ziele
DIE OPERATIVE ROLLE DES BÜNDNISSES IM
RAHMEN DER FRIEDENSERHALTUNG
DER PROZESS DER FRIEDENSSTIFTUNG IM
EHEMALIGEN JUGOSLAWIEN
Die politische Grundlage für die Rolle des Bündnisses im ehemaligen
Jugoslawien wurde auf der Ministertagung des Nordatlantikrats in Oslo im Juni
1992 geschaffen. Damals brachten die Außenminister der NATO ihre
Bereitschaft zum Ausdruck, friedenserhaltende Maßnahmen unter der
Verantwortung der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
(KSZE) (später umbenannt in Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit
in Europa oder OSZE) von Fall zu Fall gemäß ihren eigenen Verfahren zu
unterstützen. Dazu gehörte die Bereitstellung von Kräften und Mitteln sowie
Sachverstand des Bündnisses zur Durchführung friedenserhaltender Einsätze.
Im Dezember 1992 erklärten die Außenminister der NATO, dass das
Bündnis auch zur Unterstützung friedenserhaltender Maßnahmen im Auftrag
des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen bereit sei, der die
Hauptverantwortung für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit trägt.
Die Minister erörterten die friedenserhaltenden Maßnahmen und Sanktionen
bzw. Maßnahmen zur Embargodurchsetzung, die von den NATO-Staaten ein-
zeln oder im Bündnis zur Unterstützung der Durchführung der Resolutionen
des VN-Sicherheitsrats zum Konflikt im ehemaligen Jugoslawien auf den Weg
gebracht waren. Sie wiesen darauf hin, dass die Allianz auf weitere Initiativen
positiv reagieren werde, die der Generalsekretär der Vereinten Nationen zum
Erreichen der Unterstützung durch die Allianz auf diesem Gebiet möglicher-
weise ergreifen würde.

Überwachungs- und Erzwingungsmaßnahmen


Zwischen 1992 und 1995 traf das Bündnis mehrere wichtige
Entscheidungen, die in Zusammenarbeit mit der Westeuropäischen Union zum
einen zu Einsätzen von NATO-Seestreitkräften zur Überwachung und später
zur Erzwingung des VN-Embargos und der Sanktionen in der Adria und zum
anderen zum Einsatz von NATO-Luftstreitkräften zunächst zur Überwachung
und dann zur Durchsetzung der von den Vereinten Nationen verhängten
Flugverbotszone über Bosnien und Herzegowina führten. Das Bündnis sorgte
auch für Luftnahunterstützung der VN-Schutztruppe (UNPROFOR) in Bosnien
und Herzegowina und genehmigte Luftangriffe zur Lockerung der Belagerung
Sarajevos und anderer bedrohter, von den Vereinten Nationen zu Schutzzonen
121
erklärter Gebiete. Entschlossene Maßnahmen der NATO zur Unterstützung
der Vereinten Nationen in Verbindung mit energischen diplomatischen
Bemühungen bewirkten das Ende der Belagerung Sarajevos, führten zu einem
echten Waffenstillstand und ermöglichten im Herbst 1995 eine Lösung des
Konflikts am Verhandlungstisch.

Entwicklung des Konflikts


Die Entwicklung des Konflikts und der Prozess, der in der Unterzeichnung
des Bosnischen Friedensvertrags gipfelte, waren schleppend und langwierig.
Die sukzessiven Maßnahmen des Bündnisses zur Unterstützung der Vereinten
Nationen zwischen 1992 und 1995 sind nachstehend chronologisch aufge-
führt.

In diesem Zeitraum erarbeitete die NATO Eventualfallpläne für eine Reihe


von Optionen zur Unterstützung der VN-Aktivitäten im Zusammenhang mit
dem Konflikt. Solche Pläne wurden den Vereinten Nationen zur Durchsetzung
der Flugverbotszone über Bosnien und Herzegowina, zur Einrichtung von
Auffang- und Schutzzonen für die Zivilbevölkerung in Bosnien sowie für
Möglichkeiten zur Verhinderung der Ausbreitung des Konflikts auf den Kosovo
und die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien1 zur Verfügung
gestellt. Außerdem wurden Pläne für die Absicherung der humanitären Hilfe,
die Überwachung schwerer Waffen und den Schutz der VN-Bodentruppen
erstellt.

Juli 1992
Zum Ständigen NATO-Einsatzverband Mittelmeer gehörende und von
Seefernaufklärern unterstützte Schiffe begannen mit der Überwachung des
Schiffsverkehrs in der Adria. Dies geschah zur Unterstützung des VN-
Waffenembargos gegen alle Republiken des ehemaligen Jugoslawien
(Resolution 713 des VN-Sicherheitsrats) und der gegen die Bundesrepublik
Jugoslawien (Serbien und Montenegro) verhängten Sanktionen (VNSR-
Resolution 757).

Oktober 1992
Flugzeuge des NATO-Frühwarnsystems (AWACS) begannen mit Überwa-
chungseinsätzen im Rahmen der Resolution 781, mit der eine
Flugverbotszone über Bosnien und Herzegowina festgelegt worden war. Daten
über mögliche Verstöße gegen das Flugverbot wurden regelmäßig an die VN-
Behörden gemeldet.

1 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

122
November 1992
In Erweiterung der Überwachung auf See begannen NATO- und WEU-
Streitkräfte in der Adria im Rahmen der von den Vereinten Nationen verhäng-
ten Sanktionen und Embargos (VNSR-Resolution 787) mit der Anwendung von
Zwangsmaßnahmen. Die Einsätze waren nicht länger auf die Registrierung
möglicher Verstöße beschränkt, sondern umfassten jetzt auch das Anhalten,
Durchsuchen und Umleiten von Schiffen.

März 1993
Am 31. März verabschiedete der VN-Sicherheitsrat die Resolution 816,
mit der die Durchsetzung der Flugverbotszone über Bosnien und Herzegowina
genehmigt und das Flugverbot auf sämtliche Starr- und
Drehflügelluftfahrzeuge, mit Ausnahme UNPROFOR-genehmigter Flüge,
erweitert wurde.

April 1993
Am 12. April 1993 begannen NATO-Flugzeuge mit der Überwachung des
bosnischen Luftraums (Operation Deny Flight). Zunächst kamen 50 Jagd- und
Aufklärungsflugzeuge (später stieg die Zahl auf mehr als 200) aus verschiede-
nen NATO-Staaten zum Einsatz, die von Flugplätzen in Italien und
Flugzeugträgern in der Adria aufstiegen. Bis Dezember 1995 waren fast
100.000 Einsätze von Jägern und Unterstützungsflugzeugen geflogen worden.

Juni 1993
Auf einer gemeinsamen Sitzung des Nordatlantikrats und des Rats der
Westeuropäischen Union am 8. Juni wurde eine gemeinsame NATO/WEU-
Einsatzkonzeption zur Durchsetzung des VN-Waffenembargos in der Adria
gebilligt. Die sich daraus ergebende Operation (Sharp Guard) umfasste ein-
heitliche Führungsvorkehrungen unter der Verantwortlichkeit der Räte beider
Organisationen. Die operative Leitung des gemeinsamen NATO/WEU-
Einsatzverbands wurde über den Obersten Alliierten Befehlshaber Europa
(SACEUR) an den Befehlshaber Alliierte Seestreitkräfte Europa Süd (COM-
NAVSOUTH) in Neapel delegiert.

Im Zuge dieser Erzwingungsmaßnahme wurden etwa 74.000 Schiffe von


NATO- und WEU-Streitkräften kontrolliert; fast 6.000 wurden auf See durch-
sucht, etwas mehr als 1.400 wurden umgeleitet und in Häfen inspiziert. Es wur-
den keine Schiffe gemeldet, die das Embargo durchbrochen hätten; in sechs
Fällen war ein solcher Versuch unternommen worden, die betreffenden Schiffe
wurden jedoch gestoppt.

Mit der Aufhebung des VN-Waffenembargos am 18. Juni 1996 wurde die
Operation Sharp Guard ausgesetzt. Der NATO- und der WEU-Rat erklärten,
dass beide Organisationen bereit seien, die Operation in Übereinstimmung mit
123
der VNSR-Resolution 1022 wiederaufzunehmen, wenn die VN-Sanktionen
erneut in Kraft treten sollten.

August 1993
Nach der Annahme einer Resolution des VN-Sicherheitsrats in Bezug auf
die Gesamtsicherung von Schutzzonen (VNSR-Resolution 836) wurden vom
Nordatlantikrat eine Reihe von Entscheidungen getroffen. Angesichts fortge-
setzter Angriffe genehmigte der Rat am 2. August die unverzügliche
Vorbereitung härterer Maßnahmen, einschließlich Luftangriffen, gegen die
Verantwortlichen, wenn die Belagerung Sarajevos und anderer Gebiete wei-
terginge und humanitäre Hilfslieferungen in der Region nicht weiter gestört
würden. NATO-Militärbehörden wurden beauftragt, in enger Koordinierung mit
der UNPROFOR Einsatzoptionen für Luftangriffe auszuarbeiten.

Am 9. August billigte der Nordatlantikrat eine Reihe vom NATO-


Militärausschuss empfohlener „Operativer Optionen für Luftangriffe in Bosnien
und Herzegowina”. Diese Optionen betrafen sowohl das Zielidenti-
fizierungsverfahren als auch die Führungsvereinbarung zwischen der NATO
und den Vereinten Nationen für Luftangriffe.

Januar 1994
Auf dem Brüsseler Gipfeltreffen bestätigten die Staats- und
Regierungschefs des Bündnisses nochmals ihre Entschlossenheit, die
Belagerung Sarajevos und anderer Schutzzonen und bedrohter Räume in
Bosnien und Herzegowina durch Luftangriffe zu beenden.

Februar 1994
Am 9. Februar ermächtigte der Nordatlantikrat auf Ersuchen des
Generalsekretärs der Vereinten Nationen den Oberbefehlshaber der Alliierten
Streitkräfte Europa Süd (CINCSOUTH), auf Anforderung der Vereinten
Nationen gegen Artillerie- und Mörserstellungen in oder um Sarajevo, die von
der UNPROFOR für die Angriffe gegen zivile Ziele in dieser Stadt verantwort-
lich gemacht wurden, Luftangriffe zu führen. Außerdem entschied der Rat,
dass innerhalb von zehn Tagen alle schweren Waffen aus einer 20 km tiefen
Sperrzone rund um Sarajevo abzuziehen oder der UNPROFOR-Kontrolle zu
unterstellen seien. Nach Ablauf dieser Frist würden alle in der Sperrzone ver-
bliebenen schweren Waffen, gleich welcher Partei, die nicht der UNPROFOR-
Kontrolle unterstellt wären, aus der Luft angegriffen.

Am 28. Februar wurden vier in die Flugverbotszone über Bosnien und


Herzegowina eingedrungene Militärflugzeuge von NATO-Flugzeugen im
ersten militärischen Kampfeinsatz seit Gründung des Bündnisses abgeschos-
sen.

124
April 1994
Auf Anforderung des Befehlshabers UNPROFOR flogen am 10./11. April
NATO-Flugzeuge Luftnahunterstützungseinsätze zum Schutz des VN-
Personals im von den Vereinten Nationen zur Schutzzone erklärten Goražde.
Auf Ersuchen des Generalsekretärs der Vereinten Nationen zur
Unterstützung bei den Bemühungen, die Belagerung von Goražde zu beenden
und andere Schutzzonen abzusichern, drohte der Nordatlantikrat am 22. April
Luftangriffe an, wenn die bosnischen Serben ihre Angriffe nicht unverzüglich
einstellten.
Am 24. April hatten sich die Truppen der bosnischen Serben aus der
3-km-Zone um Goražde zurückgezogen, worauf die humanitären Hilfskonvois
und Sanitätskräfte Zutritt zur Stadt erhielten. Der NATO-Rat drohte mit
Luftangriffen nach dem 27. April gegen alle innerhalb der 20-km-Sperrzone
rund um Goražde verbliebenen schweren Waffen der bosnischen Serben.
Außerdem wurden Luftangriffe angedroht für den Fall, dass andere VN-
Schutzzonen (Bihać, Srebrenica, Tuzla und Žepa) mit schweren Waffen,
gleichgültig aus welcher Entfernung, angegriffen würden. Diese Gebiete konn-
ten auch zu Sperrzonen erklärt werden, wenn nach Auffassung der Führung
der NATO- und VN-Truppen innerhalb eines Radius von 20 Kilometern um
diese Orte schwere Waffen zusammengezogen oder verlegt werden sollten.
Juli 1994
NATO-Militärbehörden erhielten den Auftrag, Eventualfallpläne für die
Unterstützung der VN-Truppen bei ihrem Abzug aus Bosnien und Herzegowina
und/oder Kroatien zu erarbeiten, falls dieser unvermeidlich werden sollte.
August 1994
Auf Ersuchen der UNPROFOR griffen NATO-Kampfflugzeuge am 5.
August ein Ziel in der Sperrzone von Sarajevo an. Die NATO und die UNPRO-
FOR hatten sich auf diese Maßnahme verständigt, nachdem von bosnischen
Serben Waffen aus einer Sammelstelle bei Sarajevo entwendet worden waren.
September 1994
Nachdem bosnische Serben in der Nähe von Sarajevo ein UNPROFOR-
Fahrzeug beschossen hatten, griffen am 22. September NATO-
Kampfflugzeuge auf Ersuchen der UNPROFOR einen serbischen Panzer an.
November 1994
In Durchführung der Resolution 958 des VN-Sicherheitsrats billigte der
Nordatlantikrat am 19. November die Ausdehnung der Luftnahunterstützung
auf Kroatien zum Schutz der dort stationierten VN-Truppen.
Am 21. November griffen NATO-Kampfflugzeuge den Flugplatz Udbina in
dem von Serben besetzten Teil Kroatiens als Reaktion auf Angriffe an, die
125
Serben von dort aus gegen Ziele in der Schutzzone Bihać in Bosnien und
Herzegowina geflogen hatten.

Nachdem zwei NATO-Flugzeuge südlich von Otoka (im Nordwesten


Bosniens) mit Flugabwehrraketen beschossen worden waren, wurden am 23.
November Luftangriffe gegen Flugabwehr-Radarstellungen in diesem Raum
geflogen.

Mai 1995
Nach Verletzungen von Sperrzonen und der Beschießung von
Schutzzonen mit Artillerie griffen NATO-Flugzeuge am 25. und 26. Mai
Munitionsdepots der Serben in Pale an. Die Serben nahmen 370 VN-Soldaten
und Militärbeobachter in Bosnien als Geiseln und benutzten sie an potenziel-
len Zielen als lebende Schutzschilde, um damit weitere Luftangriffe zu verhin-
dern.

Am 30. Mai verurteilten die NATO-Außenminister auf ihrem Treffen in


Noordwijk, Niederlande, die Eskalation der Gewalt in Bosnien und die feindse-
ligen Handlungen der bosnischen Serben gegen VN-Personal.

Juni 1995
Der Nordatlantikrat billigte einstweilige Pläne für eine NATO-Operation zur
Unterstützung des Abzugs von VN-Truppen. Die NATO sprach die Hoffnung
aus, dass ihre Planungen und Vorbereitungen dazu dienen würden, die weitere
VN-Präsenz in der Region zu untermauern.

Am 18. Juni waren die restlichen VN-Geiseln wieder frei. VN-


Friedenstruppen, die in Waffensammelstellen um Sarajevo isoliert worden
waren, wurden abgezogen.

Juli 1995
Am 11. Juli forderten die Vereinten Nationen NATO-Luftnahunterstützung
zum Schutz von VN-Truppen an, die von bosnischen Serben bedroht wurden,
die auf das von den Vereinten Nationen zur Schutzzone erklärte Srebrenica
vorrückten. Unter Führung der Vereinten Nationen wurden von VN-
Beobachtern bestimmte Ziele von NATO-Kampfflugzeugen angegriffen. Trotz
der Luftangriffe fiel die Schutzzone Srebrenica in die Hand der bosnischen
Serben. Die nahegelegene Schutzzone Žepa wurde kurze Zeit später von bos-
nischen Serben überrannt.

Am 25. Juli genehmigte der Nordatlantikrat die militärische Planung zur


Abschreckung eines Angriffs auf die Schutzzone Goražde und den Einsatz von
NATO-Luftstreitkräften für den Fall, dass diese Schutzzone bedroht oder ange-
griffen werden sollte.

126
August 1995

Am 1. August fasste der NATO-Rat entsprechende Entscheidungen zur


Abschreckung von Angriffen auf die Schutzzonen Sarajevo, Bihać und Tuzla.
Am 4. August griffen NATO-Kampfflugzeuge Flugabwehr-Radarstellungen der
kroatischen Serben in der Nähe des Flugplatzes Udbina und bei Knin in
Kroatien an.

Nach anhaltenden Artillerieangriffen auf Sarajevo durch bosnische Serben


begannen NATO-Kampfflugzeuge am 30. August mit einer Reihe von
Luftangriffen gegen serbische Militärziele in Bosnien, wobei sie von der auf
dem Berg Igman stationierten Schnellen Eingreiftruppe der Vereinten Nationen
unterstützt wurden. Die Luftangriffe wurden befohlen, nachdem VN-
Truppenführer zu der Überzeugung gelangt waren, dass der Mörserangriff auf
Sarajevo zwei Tage zuvor aus Stellungen der bosnischen Serben geführt wor-
den war.

Die Operationen wurden vom Oberbefehlshaber Alliierte Streitkräfte


Europa Süd (CINCSOUTH) und vom Befehlshaber der VN-Schutztruppen
gemäß der ihnen durch die Resolution 836 des VN-Sicherheitsrats erteilten
Befugnis und in Übereinstimmung mit den vom Generalsekretär der Vereinten
Nationen gebilligten Entscheidungen des Nordatlantikrats vom 25. Juli und 1.
August 1995 gemeinsam veranlasst.

Die gemeinsamen Ziele der NATO und der Vereinten Nationen bestanden
darin, die Bedrohung der Schutzzone Sarajevo zu verringern und dort und in
anderen Schutzzonen von weiteren Angriffen abzuschrecken, den Abzug der
schweren Waffen der bosnischen Serben aus der Sperrzone rund um Sarajevo
zustande zu bringen und für VN-Truppen und -Personal sowie nichtstaatliche
Organisationen völlige Bewegungsfreiheit und die uneingeschränkte Nutzung
des Flughafens Sarajevo sicherzustellen.

September 1995

Am 20. September gelangten die Befehlshaber der NATO und der VN-
Schutztruppen zu der Überzeugung, dass die von den Vereinten Nationen fest-
gesetzten Bedingungen durch die bosnischen Serben erfüllt worden seien, und
stellten die Luftangriffe ein. Sie betonten, dass jeder Angriff auf Sarajevo oder
eine andere Schutzzone, jede sonstige Nichtbefolgung der für die Sperrzone
von Sarajevo geltenden Bestimmungen oder die Störung der
Bewegungsfreiheit der VN-Truppen oder des Betriebs des Flughafens
Sarajevo entsprechende Untersuchungen und möglicherweise die
Wiederaufnahme der Luftangriffe zur Folge habe.
127
Oktober 1995
Am 4. Oktober feuerten NATO-Kampfflugzeuge an zwei verschiedenen
Orten drei Radar-Abwehrflugkörper auf Radarstellungen der bosnischen
Serben ab, nachdem ihr Flugabwehrradar NATO-Flugzeuge erfasst hatte.

Am 9. Oktober griffen NATO-Kampfflugzeuge auf Anforderung von VN-


Schutztruppen, die an zwei Tagen hintereinander unter Artilleriebeschuss der
bosnischen Serben geraten waren, einen Führungsbunker des serbischen
Heeres nahe Tuzla an.

November 1995
Mit den sich bessernden Friedensaussichten in Bosnien bestätigte das
Bündnis nochmals seine Bereitschaft zur Hilfe bei der Umsetzung des
Friedensplans. Es wurden entsprechende Vorbereitungen für eine NATO-
geführte Truppe zur Umsetzung der militärischen Aspekte der
Friedensvereinbarung in Gang gesetzt. Am 21. November wurde in Dayton,
Ohio (USA) zwischen der Republik Bosnien und Herzegowina, der Republik
Kroatien und der Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien und Montenegro) die
Friedensvereinbarung für Bosnien paraphiert.

Der Abschluss der Friedensvereinbarung ermöglichte es dem VN-


Sicherheitsrat, die Sanktionen (VNSR-Resolution 1022) auszusetzen und sein
Waffenembargo vorbehaltlich bestimmter Bedingungen (VNSR-Resolution
1021) stufenweise aufzuheben.

Die Maßnahmen der NATO und der WEU zur Durchsetzung der
Sanktionen wurden am 22. November 1995 aufgehoben, konnten aber von
neuem verhängt werden, falls die Bedingungen der Vereinten Nationen nicht
erfüllt würden.

Dezember 1995
Die Friedensvereinbarung für Bosnien wurde am 14. Dezember in Paris
unterzeichnet.

Die im April 1993 begonnene Erzwingungsmaßnahme der NATO (Deny


Flight) wurde beendet. Am 15. Dezember nahm der VN-Sicherheitsrat die
Resolution 1031 an, mit der die Befugnis zu solchen Maßnahmen mit Wirkung
vom 20. Dezember von den Vereinten Nationen auf die NATO übertragen und
der NATO das Mandat für die Umsetzung der militärischen Aspekte der
Friedensvereinbarung eingeräumt wurde.

Der Luftraum über Bosnien und Herzegowina wurde anschließend von


der IFOR-Truppe (siehe unten) als Teil ihres Auftrags überwacht.

Der Nordatlantikrat entschied außerdem, dass gemäß Resolution 1037


des VN-Sicherheitsrats Luftnahunterstützung für die VN-Truppe in

128
Ostslawonien (UNTAES) im Rahmen der Operation Joint Endeavour bereitge-
stellt werden sollte.
Die Kontrolle über den Luftraum über Bosnien und Herzegowina sowie die
Bereitstellung von Luftnahunterstützung an UNTAES wurde unter der SFOR-
Truppe fortgesetzt, die die IFOR-Truppe am 20. Dezember 1996 ablöste. Die
Luftnahunterstützung für UNTAES endete im Januar 1998 nach dem Ende des
UNTAES-Mandats.

Die NATO-geführte IFOR-Truppe

Kommandostruktur der IFOR- Truppe


Wie im Anhang 1A zur Friedensvereinbarung festgelegt, war Joint
Endeavour eine NATO-geführte Operation unter der politischen Leitung und
Kontrolle des Nordatlantikrats. Die IFOR hatte eine einheitliche
Kommandostruktur. Die militärische Gesamtverantwortung lag in den Händen
des damaligen Obersten Alliierten Befehlshabers Europa (SACEUR), General
George Joulwan. General Joulwan ernannte Admiral Leighton-Smith
(Oberbefehlshaber Alliierte Streitkräfte Europa Süd - CINCSOUTH) zum ersten
Befehlshaber im Einsatzgebiet IFOR (COMIFOR). Im November 1996, als das
Kommando über die IFOR-Truppe von den Alliierten Streitkräften Europa Süd
(AFSOUTH) auf die Alliierten Landstreitkräfte Europa Mitte (LANDCENT) über-
ging, wurde General Crouch Befehlshaber im Einsatzgebiet IFOR. Im Juli 1997
wurde er von General Shinseki abgelöst. Einzelheiten zur weiteren
Kommandostruktur der IFOR-Truppe und ihrer Nachfolgerin SFOR sind auf der
SFOR-Website erhältlich (www.nato.int.sfor).

Wichtige Meilensteine des IFOR- Einsatzes


Ein Vorauskommando in Stärke von 2.600 Mann begann am 2. Dezember
1995 mit der Verlegung nach Bosnien und Kroatien. Sein Auftrag waren die
Einrichtung der erforderlichen Stabsquartiere, Fernmeldeverbindungen und die
Organisation der Logistik für die Aufnahme der in den Einsatzraum zu verle-
genden IFOR-Truppe mit einer Stärke von 60.000 Mann. Die Verlegung der
Masse der Kräfte wurde nach der abschließenden Genehmigung des
Operationsplans (OPLAN) durch den Nordatlantikrat und nach erfolgter
Verabschiedung der Resolution 1031 des VN-Sicherheitsrats am 15.
Dezember, die zur IFOR-Mission ermächtigte, am 16. Dezember veranlasst.
Die Übertragung der Kommandogewalt vom Befehlshaber der VN-
Friedenstruppe auf den Befehlshaber IFOR wurde am 20. Dezember vollzo-
129
gen, 96 Stunden nach Genehmigung der Verlegung der Hauptkräfte durch den
NATO-Rat. An diesem Tag traten alle an der Operation beteiligten NATO- und
Nicht-NATO-Streitkräfte unter die Kommandogewalt des Befehlshabers IFOR.

Am 19. Januar 1996, 30 Tage nach Verlegung der IFOR-Truppe (D+30),


hatten die Vertragsparteien ihre Streitkräfte aus der Entflechtungszone beider-
seits der vereinbarten Waffenstillstandslinie zurückgezogen. Am 3. Februar
(D+45) waren alle Truppen aus den zu übergebenden Gebieten abgezogen.
Die Übergabe von Territorien unter den bosnischen Gebietseinheiten war am
19. März (D+90) abgeschlossen; entlang der Grenze der Gebietseinheiten
wurde eine neue Entflechtungszone eingerichtet.

Nach den Bestimmungen der Friedensvereinbarung sollten alle schweren


Waffen und Truppen bis zum 18. April (D+120) in ihre Unterkünfte zurückkeh-
ren oder demobilisiert werden. Dies war der letzte Meilenstein im militärischen
Anhang zur Friedensvereinbarung. Technische Schwierigkeiten verhinderten,
dass die Parteien der Friedensvereinbarung den Abzug und die
Demobilisierung bzw. Rückführung der schweren Waffen und Truppen in die
Unterkünfte fristgemäß abschließen konnten. Am 27. Juni 1996, dem vom
Obersten Alliierten Befehlshaber Europa (SACEUR) neu festgesetzten Termin,
war jedoch die Rückführung der schweren Waffen in die Friedensstandorte
abgeschlossen.

Umsetzung der zivilen Aspekte


Für das Erreichen eines dauerhaften Friedens in Bosnien und
Herzegowina ist auch die vollständige Umsetzung der zivilen Aspekte der
Friedensvereinbarung entscheidend. Durch die Umsetzung der militärischen
Teile der Vereinbarung trug die IFOR zur Schaffung eines sicheren, dem zivi-
len und politischen Neuaufbau förderlichen Umfelds bei. Sie leistete außerdem
wesentliche Unterstützung bei zivilen Aufgaben im Rahmen der Grenzen ihres
Mandats und der vorhandenen Kräfte und Mittel. Die IFOR-Truppe arbeitete
eng mit dem Büro des Hohen Repräsentanten, der Internationalen
Polizeitruppe, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), dem
Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR), der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), dem
Internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien und
vielen anderen zusammen, einschließlich 400 in der Region tätigen nichtstaat-
lichen Organisationen. Sie bot diesen Organisationen eine Reihe von
Unterstützungsleistungen wie Notunterkünfte, sanitätsdienstliche Behandlung
und Abtransport von Patienten, Bergung und Instandsetzung von Fahrzeugen,
Transportunterstützung, Information und Beratung in Sicherheitsfragen und
sonstige logistische Unterstützung.

130
Die IFOR leistete auch der OSZE umfangreiche Unterstützung und half ihr
bei der Vorbereitung, Beaufsichtigung und Überwachung der Wahlen, die am
14. September 1996 stattfanden. Nach den Wahlen unterstützte die IFOR das
Büro des Hohen Repräsentanten bei der Hilfe für die Parteien beim Aufbau
neuer gemeinsamer Institutionen.

IFOR-Pioniere konnten mehr als 50 Prozent der Straßen in Bosnien und


Herzegowina reparieren und für den Verkehr öffnen und mehr als 60 Brücken
wieder aufbauen oder instandsetzen, einschließlich der, die das Land mit
Kroatien verbinden. Außerdem waren sie an der Minenräumung an
Eisenbahnlinien und deren Instandsetzung, der Öffnung von Flughäfen für den
zivilen Luftverkehr, an der Wiederherstellung der Gas-, Wasser- und
Stromversorgung, am Wiederaufbau von Schulen und Krankenhäusern und an
der Instandsetzung wichtiger Fernmeldeanlagen beteiligt.

Die NATO-geführte SFOR-Truppe

Von der IFOR zur SFOR


Nach dem friedlichen Verlauf der Wahlen vom September 1996 in Bosnien
hatte die IFOR ihre Mission erfolgreich beendet. Es war jedoch klar, dass auf
dem zivilen Sektor noch viel zu tun blieb und das Umfeld weiterhin instabil und
unsicher sein würde. Eine Woche nach den Wahlen entschieden die NATO-
Verteidigungsminister auf einem inoffiziellen Treffen in Bergen, Norwegen,
dass das Bündnis neu beurteilen müsse, wie es nach Ablauf des IFOR-
Mandats im Dezember 1996 weiterhin bei der Schaffung sicherer
Lebensbedingungen Unterstützung leisten könnte.

Einen Monat später billigte der Nordatlantikrat eine detaillierte politische


Weisung für eine von den militärischen Behörden der NATO zu erstellende
Studie über die Sicherheitsoptionen nach Ablauf des IFOR-Mandats. Im
November und Dezember 1996 wurde in Paris ein Konsolidierungsplan für
zwei Jahre aufgestellt und in London unter Aufsicht des gemäß der
Friedensvereinbarung eingerichteten Rats für die Umsetzung dieses
Vertragswerks ausgearbeitet. Auf der Grundlage dieses Plans und der bünd-
niseigenen Studie über die Sicherheitsoptionen entschieden die Außen- und
Verteidigungsminister der NATO, dass zur Gewährleistung der für die
Konsolidierung des Friedens erforderlichen Stabilität eine verringerte
Militärpräsenz notwendig sei. Sie vereinbarten, dass die NATO eine
Stabilisierungstruppe (SFOR) aufstellen sollte, die anschließend am 20.
Dezember 1996, dem Ablaufdatum des IFOR-Mandats, ihren Dienst aufnahm.
131
Funktion und Mandat der SFOR-Truppe
Gemäß Resolution 1088 des VN-Sicherheitsrats vom 12. Dezember 1996
wurde die SFOR als rechtmäßiger Nachfolger der IFOR zur Umsetzung der
militärischen Aspekte der Friedensvereinbarung ermächtigt; ihr Einsatz
erfolgte im Rahmen der VN-Charta, Kapitel VII (Friedenserzwingende
Maßnahmen). Die für die SFOR festgelegten Rules of Engagement (ROE) ent-
sprachen denen der IFOR und berechtigten zur Anwendung von Waffengewalt,
falls dies zur Durchführung des Auftrags der SFOR oder zu ihrem Schutz
erforderlich sein sollte.
Hauptaufgabe der SFOR war es, zu sicheren allgemeinen Bedingungen
beizutragen, die für die Konsolidierung des Friedens erforderlich waren. Zu
ihren speziellen Aufgaben zählten:
• Abschreckung von bzw. Verhinderung der Wiederaufnahme von
Feindseligkeiten oder neuer Bedrohungen für den Frieden;
• Konsolidierung des von der IFOR Erreichten und Förderung eines
Klimas, in dem der Friedensprozess voranschreiten kann;
• Bereitstellung von selektiver Unterstützung für zivile Organisationen
innerhalb ihrer Möglichkeiten.
Außerdem war sie darauf eingestellt, im Notfall die VN-Truppen in
Ostslawonien zu unterstützen.
Mit rund 31.000 Mann in Bosnien war die SFOR etwa halb so stark wie
zuvor die IFOR-Truppe. Die zahlenmäßig kleinere Truppe konnte auf der
während der IFOR-Mission erreichten allgemeinen Einhaltung der
Vereinbarungen der Vereinbarung von Dayton aufbauen und sich daher auf die
Umsetzung aller Bestimmungen des Anhangs 1A der Friedensvereinbarung
konzentrieren. Dies umfasst:
• Stabilisierung der augenblicklichen sicheren Verhältnisse, unter denen
die kommunalen und nationalen Behörden und anderen internationa-
len Organisationen arbeiten können, und
• Unterstützung anderer Dienststellen (in selektiver und gezielter Form
wegen der reduzierten Stärke der verfügbaren Kräfte).
Die NATO sah für die SFOR-Mission eine Dauer von 18 Monaten vor; die
Truppenstärke sollte nach sechs und nach zwölf Monaten überprüft werden,
um den Schwerpunkt gegebenenfalls von Stabilisierung auf Abschreckung ver-
lagern zu können. Bis Juni 1998 sollte die Mission abgeschlossen sein. Die
erste Überprüfung nach sechs Monaten im Juni 1997 kam zu dem Ergebnis,
dass mit Ausnahme einer Truppenverstärkung während der Kommunalwahlen
im September keine anderen wesentlichen Änderungen hinsichtlich Stärke und

132
Einsatzmöglichkeiten der SFOR ins Auge gefasst werden sollten, bis der
NATO-Rat in Konsultation mit den Nicht-NATO-Staaten, die ebenfalls SFOR-
Truppen stellten, eine sorgfältige Beurteilung der Sicherheitslage in Bosnien
und Herzegowina nach den Wahlen vorgenommen hatte.

Kommandostruktur der SFOR-Truppe


Wie im Anhang 1A zur Friedensvereinbarung vereinbart, weist die SFOR-
Truppe eine einheitliche Kommandostruktur auf; bei ihrem Einsatz handelt es
sich um eine NATO-geführte Operation unter Leitung und Kontrolle des
Nordatlantikrats. Die militärische Gesamtverantwortung liegt in den Händen
des Obersten Alliierten Befehlshabers Europa (SACEUR).

Beteiligung von Nicht-NATO-Staaten


Wie bei der IFOR stellte jeder Streitkräfte unterhaltende NATO-Staat auch
Truppenteile zur SFOR ab. Island, der einzige NATO-Staat ohne Streitkräfte,
leistete medizinische Unterstützung. Alle 18 Nicht-NATO-Staaten, die am
IFOR-Einsatz teilnahmen, beteiligten sich auch an der SFOR, nämlich
Albanien, Bulgarien, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Österreich, Polen,
Rumänien, Russland, Schweden, die Tschechische Republik, die Ukraine und
Ungarn - sie alle sind Teilnehmerstaaten der Partnerschaft für den Frieden
(PfP); hinzu kommen Ägypten2, Jordanien2, Malaysia und Marokko2. Vier wei-
tere Staaten (Argentinien, Irland, die Slowakei und Slowenien) haben ebenfalls
Truppenkontingente zur SFOR abgestellt, so dass sich die Zahl der nicht der
NATO angehörenden Teilnehmerstaaten auf insgesamt 22 beläuft.
Nicht-NATO-Staaten werden auf der selben Grundlage in die Operation
integriert wie die Streitkräfte der NATO-Mitgliedstaaten. Zwar gelten für das am
SFOR-Einsatz beteiligte russische Truppenkontingent Sonderregelungen,
doch im Allgemeinen empfangen alle beteiligten Truppen ihre Befehle vom
Befehlshaber SFOR über die multinationalen Divisionsstäbe. Das Personal
des SFOR-Hauptquartiers in Sarajevo setzt sich aus Angehörigen von 25
NATO- und Nicht-NATO-Staaten zusammen.
Die beitragleistenden Nicht-NATO-Staaten unterhalten Verbindungs-
offiziere bei SHAPE und wirken an der Einsatzplanung und der Aufstellung der
erforderlichen Streitkräfte durch die Internationale Koordinierungszentrale mit.
Beim NATO-Hauptquartier werden die beitragleistenden Nicht-NATO-Staaten
in wichtigen Sachfragen konsultiert, wobei sie ihre Auffassungen zum
Ausdruck bringen oder sich den Entscheidungen des NATO-Rats anschließen

2 Teilnehmer am Mittelmeerdialog der NATO.

133
können. Hauptinstrument der politischen Konsultation unter den beitragleisten-
den Staaten war das so genannte „NAC+N”-Forum (heute „EAPR(SFOR)”), die
Versammlung des Nordatlantikrats mit beitragleistenden Nicht-NATO-Staaten.
Konsultationen mit dieser Staatengruppe finden auch im Rahmen der
Tagungen des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) und der
Koordinierungsgruppe Grundsatzfragen in SFOR-Zusammensetzung statt.

Die Beteiligung von Nicht-NATO-Staaten trägt nicht nur zur Erfüllung der
SFOR-Mission bei, sondern ist auch darüber hinaus von Bedeutung. Sie ver-
schafft allen teilnehmenden Streitkräften von Partnerschaftsstaaten praktische
Erfahrungen im gemeinsamen Einsatz mit NATO-Truppen und beweist, dass
NATO- und Nicht-NATO-Staaten in einer NATO-geführten Operation im
Interesse des Friedens eng zusammenarbeiten können. Dies hat weit rei-
chende Auswirkungen auf die Region und trägt zu erhöhter Sicherheit in ganz
Europa und darüber hinaus bei.

Zivile Aspekte

Die volle Umsetzung der den zivilen Sektor betreffenden Teile der
Friedensvereinbarung bleibt ein entscheidender Faktor bei der Schaffung der
Grundlage für einen dauerhaften Frieden. Wie die IFOR leistet auch die SFOR
Unterstützung bei zivilen Aufgaben; da sie jedoch über geringere Kräfte ver-
fügt, muss sie bei ihren Bemühungen Prioritäten setzen und von der Truppe
selektiven Gebrauch machen.

Gemäß Weisung des Nordatlantikrats sorgte die SFOR für ein sicheres
Umfeld bei den Kommunalwahlen, die im September 1997 stattfanden. Sie
unterstützte die OSZE auch in anderer Form bei der Vorbereitung und
Durchführung dieser Wahlen. Sie hilft der OSZE weiterhin bei der
Unterstützung der Parteien in der Umsetzung der im Rahmen der Vertrauens-
und Sicherheitsbildenden Maßnahmen (VSBM) und der Subregionalen
Rüstungskontrolle erzielten Vereinbarungen. Die letztgenannte Vereinbarung
begrenzt die Bestände der Parteien an schweren Waffen, um die Gefahr eines
subregionalen Rüstungswettlaufs zu beiseitigen und eine Gesamtreduzierung
des Arsenals schwerer Waffen in dem Gebiet zu bewirken.

Das Büro des Hohen Repräsentanten wird unmittelbar durch


Bereitstellung technischen Fachwissens und Hilfeleistung auf dem Sektor der
Telekommunikation und Fernmeldetechnik, des Lufttransports und durch für
Informationszwecke einzusetzende Kräfte und Mittel unterstützt. Unterstützung
dieser Art wird routinemäßig geleistet.

134
Außerdem unterstützt die SFOR weiterhin den Hohen
Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) in den Bemühungen
zur Rückführung von Flüchtlingen und Vertriebenen. Sie tut dies durch
Hilfeleistung bei der Umsetzung der Verfahren zur Erleichterung der Rückkehr
in die Entflechtungszone, die zwischen den beteiligten Organisationen und den
Parteien der Friedensvereinbarung ausgehandelt wurde, indem sie beispiels-
weise dafür sorgt, dass keine Waffen außer denen der SFOR selbst in die
Entflechtungszone zurückgebracht werden. Darüber hinaus unterstützt die
SFOR den UNHCR bei der Beurteilung der Infrastruktur, der
Wohnungssituation, der Wirtschaft und sozialer Faktoren in mehr als 80
Städten und Gemeinden. Die Informationen werden dann dem
Informationszentrum für Repatriierungsfragen als Beitrag für seine Datenbank
über Projekte in Verbindung mit den Rückführungsvereinbarungen zur
Verfügung gestellt.

Wie die Vorgängerin IFOR pflegt auch die SFOR weiterhin enge
Zusammenarbeit mit der Internationalen Polizeitruppe im Bereich Überwa-
chung, Fernmelde- und Verkehrswesen sowie durch Sicherung ihrer
Aktivitäten. Die Ordnungskräfte der SFOR leisten der Internationalen
Polizeitruppe weiter fachliche Unterstützung und geben Hilfestellung bei der
Umsetzung ihres Kontrollpunktkonzepts. Die SFOR unterstützt außerdem die
Durchführung der Schiedsvereinbarung über die Zugehörigkeit von Brčko vom
15. Februar 1997, indem sie in und um Brčko für Sicherheit sorgt und dem
Administrator von Brčko, der Internationalen Polizeitruppe, dem UNHCR und
anderen an der Durchführung des Schiedsspruchs beteiligten Stellen Hilfe lei-
stet.

Die dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige


Jugoslawien bereits durch die IFOR zuteil gewordene Unterstützung wird
durch die SFOR aufrechterhalten. Sie umfasst den Schutz und die logistische
Unterstützung der Ermittler und die Überwachung der Orte vermuteter
Massengräber durch SFOR-Patrouillen. Der Nordatlantikrat hat die SFOR
ermächtigt, Personen, die im Verdacht stehen, Kriegsverbrechen begangen zu
haben, festzunehmen und dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal zu
überstellen, wenn SFOR-Angehörige in Ausübung ihres Dienstes auf sie
stoßen. Eine Reihe solcher Personen wurde bereits festgenommen und unver-
züglich der Rechtssprechung des Tribunals in Den Haag zugeführt. Mehrere
Beschuldigte haben sich freiwillig den Justizbehörden gestellt.

Die Unterstützung bei der Umsetzung der Vereinbarung im zivilen Bereich


erfolgt durch örtliche Kräfte und die Zivil-Militärische Einsatzgruppe der SFOR.
Die Einsatzgruppe ist in Sarajevo stationiert und besteht aus etwa 350
Militärangehörigen. Nachdem sie sich anfangs hauptsächlich aus Reservisten
des US-Heeres zusammensetzte, hat sie inzwischen multinationalen
135
Charakter. Beim Personal der Zivil-Militärischen Einsatzgruppe handelt es sich
um Führungskräfte der mittleren und höheren Ebene aus 20 zivilen
Berufssparten, einschließlich Rechtswesen, Wirtschaft und Finanzen,
Landwirtschaft, Industrie, Handel und Gewerbe, Bauwesen, Transport und
Verkehr, öffentliche Versorgung, Wohnungswesen, soziale Einrichtungen
(Bildungs- und Gesundheitswesen usw.), Kultur, Verwaltung, Management und
Politologie.

DIE FÖRDERUNG DES FRIEDENSPROZESSES IN


BOSNIEN UND HERZEGOWINA

Aufrechterhaltung einer multinationalen Militärpräsenz


unter NATO-Führung
Im Dezember 1997 trafen die Außen- und Verteidigungsminister der
NATO eine Reihe weiterer Entscheidungen in Bezug auf die Umsetzung der
Friedensvereinbarung in Bosnien und Herzegowina. In Erkenntnis der
Brüchigkeit des Friedens trotz positiver Entwicklungen auf mehreren Feldern
bekräftigten sie das Eintreten der NATO für einen einzigen demokratischen
Vielvölkerstaat. Sie begrüßten die vom Büro des Hohen Repräsentanten in
Bosnien zur leichteren Umsetzung der Friedensvereinbarung ergriffenen
Maßnahmen, in deren Rahmen dieser seine volle Autorität zur Geltung bringt,
um die Lösung von Problemen durch verbindliche Entscheidungen zu strittigen
Fragen zu fördern, die vom „Rat für die Umsetzung der Friedensvereinbarung”
festgestellt werden. Außerdem griff der NAC den sich sowohl innerhalb des
„Rats für die Umsetzung der Friedensvereinbarung” als auch anderswo her-
ausbildenden Konsens auf, demzufolge es erforderlich war, die Militärpräsenz
über die Dauer des SFOR-Mandats hinaus aufrechtzuerhalten, und ersuchte
die militärischen Behörden der NATO, entsprechende Optionen zu unterbrei-
ten.

Am 20. Februar 1998 gab der Rat in einer Erklärung bekannt, dass die
NATO vorbehaltlich des erforderlichen VN-Mandats bereit sei, nach Ablauf des
derzeitigen SFOR-Mandats im Juni 1998 eine multinationale Truppe in
Bosnien und Herzegowina aufzustellen und zu führen, und wies die
Militärbehörden an, mit der notwendigen Planung zu beginnen.

Die neue Truppe würde die Bezeichnung „SFOR” beibehalten und ihren
Einsatz mit gleichem Ziel weiterverfolgen, nämlich von einem
Wiederaufflammen der Feindseligkeiten abzuschrecken und zur Schaffung der
für die Umsetzung des zivilen Teils der Friedensvereinbarung erforderlichen

136
Bedingungen beizutragen. Gleichzeitig plante der Rat eine Übergangsstrategie
mit regelmäßigen Überprüfungen der Truppenstärke und ihrer allmählichen
Verringerung in dem Maße, in dem die Übertragung von Aufgaben auf ent-
sprechend geeignete Gemeinschaftseinrichtungen, zivile Behörden und inter-
nationale Organe möglich würde.

In Anbetracht der allgemein stabilen Lage in Bosnien und Herzegowina


wies der Nordatlantikrat die NATO-Militärbehörden im Herbst 1999 an, die
SFOR-Truppe neu zu strukturieren und ihre Stärke zu reduzieren. Aufgrund
dessen wurde die Truppenstärke seither auf etwa 23.000 Mann reduziert.
Diese Streitkräfte werden von 17 NATO-Mitgliedstaaten und 17 Nicht-NATO-
Staaten gestellt, darunter 12 Partnerländer. Zu den Streitkräften gehört unter
anderem ein 1.200 Mann starkes russisches Kontingent. Für die absehbare
Zukunft wird eine SFOR-Präsenz erforderlich sein, um die Aufrechterhaltung
eines sicheren Umfelds sicherzustellen und die Arbeit zur Förderung des zivi-
len Wiederaufbauprozesses zu untermauern.

Dessen ungeachtet hat es in diesem Zusammenhang ermutigende


Anzeichen für Fortschritt gegeben. Die Rückkehr der Flüchtlinge, insbeson-
dere die Anzahl der spontanen Heimkehrer, nahm in den Jahren 1999 und
2000 zu. Dies spiegelt das wachsende Vertrauen in der Bevölkerung wider,
dass sie in relativer Sicherheit in ihre früheren Häuser und Dörfer zurückkeh-
ren kann. Darüber hinaus zeigten die Ergebnisse der Kommunalwahlen im
April 2000, dass die Unterstützung für nationalistische Parteien zurückgegan-
gen und die politische Vielfalt gewachsen war. Ein weiteres Ereignis, das zur
Stabilität beitrug, war die friedliche Entmilitarisierung von Brčko.

Trotz dieser positiven Entwicklungen wurde auf dem Treffen des Rats für
die Umsetzung des Friedens in Brüssel im Mai 2000 Unzufriedenheit mit der
Geschwindigkeit des Fortschritts bei der Umsetzung der zivilen Aspekte der
Friedensvereinbarung sowie mit der Tatsache, dass in Schlüsselbereichen
nach fünf Jahren nicht mehr Fortschritte erzielt worden waren, zum Ausdruck
gebracht. Der Rat für die Umsetzung des Friedens stellte drei Bereiche mit
hoher Priorität fest: die Vertiefung der wirtschaftlichen Reform, die
Beschleunigung der Rückkehr von Vertriebenen und Flüchtlingen sowie die
Stärkung von demokratisch verantwortlichen Gemeinschaftseinrichtungen.

Im Rahmen dieses Prozesses beauftragte der Nordatlantikrat die SFOR-


Truppe mit der Orientierung und Beratung des Ständigen Ausschusses für
militärische Angelegenheiten. Ein weiterer Verweis auf die Rolle des Ständigen
Ausschusses findet sich im nachfolgenden Abschnitt.

Am 11. November 2000 fanden in Bosnien und Herzegowina Wahlen statt.


Am 22. Februar 2001 wurde schließlich von einer Reihe gemäßigter Parteien,
die sich zu einer „Allianz für den Wandel” zusammengeschlossen hatten, eine
137
Staatsregierung gebildet. Dies war die erste Regierung, der keine der großen
nationalistischen Parteien der drei ethnischen Gruppierungen des Landes
angehörte.

Aktivitäten im Rahmen der Sicherheitskooperation


Parallel zu den Entscheidungen zur SFOR-Truppe leitete der Rat im
Dezember 1997 eine Reihe weiterer Maßnahmen unter der Bezeichnung
„Aktivitäten im Rahmen der Sicherheitskooperation” ein. Diese unterscheiden
sich deutlich vom SFOR-Einsatz, der die Einhaltung der Bestimmungen des
militärischen Teils der Friedensvereinbarung durch alle Beteiligten sicherstel-
len sollte. Ziel dieser Maßnahmen ist es, Vertrauen und Zusammenarbeit unter
den Streitkräften von Bosnien und Herzegowina zu fördern und die
Entwicklung demokratischer Verfahrensweisen und zentraler
Sicherheitsinstrumente wie dem „Ständigen Ausschuss für militärische
Angelegenheiten” zu unterstützen.

Eine erste Reihe von Maßnahmen im Bereich der Sicherheitskooperation


wurde vom Rat gebilligt; dazu gehören Lehrgänge für militärische und zivile
Bedienstete des Verteidigungssektors von Bosnien und Herzegowina an der
NATO-Schule in Oberammergau. Diese Lehrgänge sollen der Förderung der
Aussöhnung, des Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses der früheren
Kriegsparteien innerhalb der drei Volksgruppen des Landes und ihrer einzel-
nen Parteien dienen. Zum Programm gehören außerdem Besuche und
Seminare, mit deren Hilfe sich Bedienstete des Verteidigungssektors in
Bosnien und Herzegowina mit der NATO vertraut machen sollen und die ihr
Verständnis der Rolle der internationalen Gemeinschaft bei der Schaffung der
Grundlagen für einen zukünftigen Frieden und zukünftige Stabilität in ihrem
Land verbessern sollen. Zusätzlich wurde mittels einer Einschätzung unter-
sucht, wie die NATO der Regierung von Bosnien und Herzegowina dabei hel-
fen kann, ihrem zentralen Verteidigungsgremium, dem Ständigen Ausschuss
für militärische Angelegenheiten, volle Wirksamkeit zu verleihen.

Der Ständige Ausschuss für militärische Angelegenheiten ist eines der


durch die Friedensvereinbarung von Dayton geschaffenen
Gemeinschaftsgremien und hat für die Koordinierung der Aktivitäten der
Streitkräfte in Bosnien und Herzegowina Sorge zu tragen. Er setzt sich aus den
Präsidenten der drei Volksgruppen im Lande, nämlich der bosnischen Kroaten,
der bosnischen Muslime und der bosnischen Serben, den
Verteidigungsministern und Stabschefs der Bosniakisch-Kroatischen
Föderation und der Republik Srpska sowie nationalen und internationalen
Beobachtern und einem Sekretariat zusammen. Er wird von der NATO nach-

138
drücklich unterstützt und entfaltet seine Funktion in Bezug auf
Verteidigungsfragen auf staatlicher Ebene.

Die von der NATO geförderten Aktivitäten im Rahmen der


Sicherheitskooperation werden vom Ständigen Ausschuss für militärische
Angelegenheiten unter Beteiligung von Vertretern der Bosniakisch-Kroatischen
Föderation, der Republik Srpska und der drei Volksgruppen koordiniert.
Mehrere Lehrgänge über Fragen der Sicherheitskooperation werden durchge-
führt. Die Ergebnisse werden von Teilnehmern wie Organisatoren gleicher-
maßen als ermutigend beurteilt. Das Programm für Sicherheitszusammen-
arbeit konzentriert sich zunehmend auf spezifischere Ziele, ohne dabei seine
ursprünglichen Ziele aus den Augen zu verlieren. Beispielsweise ist die NATO
in Zusammenarbeit mit anderen internationalen Gremien und im Rahmen des
Programms Bosnien und Herzegowina dabei behilflich, auf Aufgaben, die in
dem vom Rat für die Umsetzung des Friedens aufgestellten Arbeitsplan vom
Mai 2000 genannt werden, zu reagieren. Zu diesen Aufgaben gehören die
Umstrukturierung der Streitkräfte der Gebietseinheiten, die Stärkung eines
gemeinsamen Verteidigungsgremiums auf staatlicher Ebene sowie die
Entwicklung einer gemeinsamen Sicherheitspolitik für das Land.

Verringerung der Streitkräfte der Gebietseinheiten


Nach einer 15-prozentigen Reduzierung im Jahre 1999 war eine weitere
15-prozentige Verringerung der aktiven Streitkräfte der Gebietseinheiten bis
Ende 2000 vorgesehen. Die SFOR-Truppe beobachtet die Lage und arbeitet
überdies mit Befehlshabern der Streitkräfte der Gebietseinheiten bei der
Entwicklung gemeinsamer Sicherheits- und Verteidigungsrichtlinien zusam-
men, die sicherstellen sollen, dass die zukünftige Struktur dieser Streitkräfte
bezahlbar ist und den Sicherheitsanforderungen entspricht.

Entwaffnung (Operation HARVEST)


1998 begann die SFOR-Truppe mit dem Einsammeln und Vernichten
nicht registrierter Waffen und Geschütze, die sich in Privathand befanden, um
so die Gesamtsicherheit der Bürger zu erhöhen und das Vertrauen in den
Friedensprozess zu stärken. Etwa 11.000 Waffen, 10.000 Minen und 35.000
Handgranaten sowie 3.700.000 Schuss Munition (2.800.000 im Jahre 1999
und 900.000 im Jahre 2000) wurden seit Beginn der Operation eingesammelt.
Dadurch wurde die Bedrohung der örtlichen Bevölkerung erheblich verringert.
Das Ziel von Projekt Harvest 2000 bestand darin, durch das Verlagern der
Zuständigkeit für das Einsammeln von Waffen und Geschützen auf die natio-
139
nalen Behörden und ihre Streitkräfte auf dem Erfolg der im Jahre 1999 gelei-
steten Arbeit aufzubauen. Die Operation wurde im Jahre 2001 fortgesetzt.

Kriegsverbrechen/Kriegsverbrecher

Die Ergreifung von Kriegsverbrechern obliegt der Zuständigkeit der natio-


nalen Behörden. Dennoch hat die SFOR-Truppe Ermittlern des Internationalen
Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien Schutz und logisti-
sche Unterstützung gewährt sowie die Orte vermuteter Massengräber durch
SFOR-Patrouillen überwacht. Seit 1996 waren NATO-Streitkräfte an der
Festnahme von 37 unter der Anklage von Kriegsverbrechen stehenden
Personen und an deren Überstellung nach Den Haag beteiligt.

Obere Luftraumkontrolle

Gemäß der Friedensvereinbarung von Dayton ist die SFOR-Truppe für die
Normalisierung des Luftraums über Bosnien und Herzegowina durch die
Förderung eines stabilen, sicheren und geschützten Luftraumumfelds zustän-
dig, das schließlich wieder der zivilen Kontrolle unterstellt werden kann. Ein
Schritt in diese Richtung wurde im Januar 2000 unternommen, als der obere
Luftraum über Bosnien und Herzegowina wieder der zivilen Kontrolle unter-
stellt wurde. Es wurden darüber hinaus Pläne für eine Verringerung der militäri-
schen Flugoperationen der NATO aufgestellt, die vorsahen, den Weg für eine
Normalisierung des mittleren Luftraums mit dem Ziel der vollständigen
Normalisierung des Luftraums bis Ende 2001 freizumachen.

UNHCR/Flüchtlinge und Vertriebene

Seit November 1995 hat die von der SFOR-Truppe geschaffene


Sicherheit über 723.000 Personen zur Rückkehr veranlasst (368.000
Flüchtlinge und 355.000 Vertriebene). Die effektive Umsetzung von
Eigentumsgesetzen ist ein entscheidender Bestandteil des Prozesses. Die
Gesamtanzahl der Rückgaben von Häusern und Wohnungen belief sich bis
zum Dezember 2000 auf 51.500 Fälle. Die Geschwindigkeit des Fortschritts ist
jedoch weiterhin niedrig, und nur 21 Prozent aller bei der Kommission für
Liegenschaftsansprüche erhobenen Ansprüche wurden bisher entschieden.

140
DIE ROLLE DER NATO IM KOSOVO-KONFLIKT

Der Hintergrund des Konflikts


Der Kosovo liegt im südlichen Serbien und hat eine gemischte
Bevölkerung, deren Mehrheit der albanischen Volksgruppe angehört. Bis 1989
verfügte die Region über einen hohen Grad an Autonomie innerhalb des ehe-
maligen Jugoslawien. Dann änderte der Serbenführer Slobodan Milošević den
Status der Region, hob ihre Autonomie auf und unterstellte sie der direkten
Kontrolle Belgrads, der Hauptstadt Serbiens. Die Kosovo-Albaner widersetzten
sich diesem Schritt energisch.
Im Jahre 1998 führte der offene Konflikt zwischen serbischen Militär- und
Polizeistreitkräften und Freischärlern der Kosovo-Albaner zum Tod von über
1.500 Kosovo-Albanern und zur Vertreibung von 400.000 Menschen aus ihren
Häusern und Wohnungen. Die internationale Gemeinschaft zeigte sich äußerst
besorgt über den eskalierenden Konflikt, seine humanitären Folgen und das
Risiko einer Ausweitung auf andere Länder. Die Missachtung diplomatischer
Bemühungen zur friedlichen Beilegung der Krise durch Präsident Milošević
und die destabilisierende Rolle militanter Freischärler der Kosovo-Albaner
gaben ebenfalls Anlass zur Besorgnis.
Am 28. Mai 1998 legte der Nordatlantikrat bei seinem Treffen der
Außenminister die beiden Hauptziele der NATO im Hinblick auf die Krise im
Kosovo fest, und zwar:
• Unterstützung beim Erreichen einer friedlichen Beilegung der Krise
durch einen Beitrag zur Reaktion der internationalen Gemeinschaft
und
• Förderung der Stabilität und Sicherheit in benachbarten Ländern, mit
besonderem Schwerpunkt auf Albanien und der ehemaligen jugosla-
wischen Republik Mazedonien3.
Am 12. Juni 1998 beantragte der Nordatlantikrat auf einem Treffen der
Verteidigungsminister eine Einschätzung möglicher weiterer Maßnahmen, die
die NATO im Hinblick auf die entstehende Kosovo-Krise ergreifen könnte. Dies
führte zur Betrachtung einer Vielzahl möglicher Optionen.
Nach einer Verschlechterung der Lage genehmigte der NATO-Rat am 13.
Oktober 1998 Aktivierungsbefehle für Luftangriffe. Dieser Schritt sollte diplo-
matische Bemühungen unterstützen, die das Ziel hatten, das Milošević-

3 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

141
Regime zum Abzug seiner Truppen aus dem Kosovo, zur Zusammenarbeit bei
der Beendigung der Gewalt und zur Erleichterung der Rückkehr der Flüchtlinge
in ihre Häuser und Wohnungen zu bewegen. Nach weiteren diplomatischen
Initiativen seitens der NATO und US-Beamter erklärte sich Präsident
Miloševićim letzten Augenblick zum Einlenken bereit, und die Luftangriffe wur-
den abgesagt.

Die Resolution 1199 des VN-Sicherheitsrats (UNSCR) brachte unter


anderem eine tiefe Besorgnis über die übermäßige Anwendung von Gewalt
durch die serbischen Sicherheitskräfte und die jugoslawische Armee zum
Ausdruck. Außerdem forderte sie beide Parteien des Konflikts zu einem
Waffenstillstand auf. Im Geist der Resolution wurde die Truppenstärke der ser-
bischen Streitkräfte im Kosovo und das Ausmaß ihrer Operationen nach einer
separaten Vereinbarung mit der serbischen Regierung begrenzt.

Darüber hinaus wurde vereinbart, dass die Organisation für Sicherheit


und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) eine Kosovo-Verifikationsmission star-
ten würde, um die Einhaltung am Boden zu beobachten, und dass die NATO
eine Luftüberwachungsmission starten würde. Der Beginn der beiden
Missionen wurde von der Resolution 1203 des VN-Sicherheitsrats gebilligt.
Mehrere Nicht-NATO-Staaten erklärten sich bereit, einen Beitrag zur Überwa-
chungsmission zu leisten.

Zur Unterstützung der OSZE bildete das Bündnis eine spezielle militäri-
sche Einsatzgruppe, um bei der Notevakuierung von Mitgliedern der Kosovo-
Verifikationsmission behilflich zu sein, falls sie durch ein Wiederaufflackern des
Konflikts gefährdet werden sollten. Diese Einsatzgruppe wurde in der ehema-
ligen jugoslawischen Republik Mazedonien4 unter der Gesamtleitung des
Obersten Alliierten NATO-Befehlshabers Europa stationiert.

Trotz dieser Maßnahmen flackerte die Lage im Kosovo Anfang 1999 nach
einer Reihe von Provokationen auf beiden Seiten und der Anwendung von
unmäßiger und unverhältnismäßiger Gewalt durch die serbische Armee und
Sonderpolizei erneut auf. Einige dieser Vorfälle wurden durch die
Vermittlungsbemühungen der OSZE-Verifikatoren entschärft, aber nach der
Eskalation der serbischen Offensive gegen die Kosovo-Albaner hatte sich die
Situation bis Mitte Januar weiter verschlechtert.

Es wurden erneut internationale Bemühungen eingeleitet, um der Suche


nach einer friedlichen Lösung des Konflikts neue politische Dynamik zu verlei-
hen. Am 29. Januar traf sich die aus sechs Staaten bestehende
Kontaktgruppe5, die von der 1992 in London abgehaltenen Konferenz über das

4 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.
5 Deutschland, Frankreich, Italien, Russland, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten.

142
ehemalige Jugoslawien eingerichtet worden war. Es wurde vereinbart, drin-
gende Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien unter internationaler
Vermittlung einzuberufen.

Die NATO unterstützte und bekräftigte die Bemühungen der


Kontaktgruppe, indem sie am 30. Januar der Durchführung von Luftangriffen
zustimmte, falls dies erforderlich sein würde, und eine Warnung an beide
Konfliktparteien herausgab. Diese konzertierten Initiativen gipfelten in ersten
Verhandlungen in Rambouillet bei Paris vom 6. bis 23. Februar, gefolgt von
einer zweiten Verhandlungsrunde in Paris vom 15. bis 18. März. Am Ende der
zweiten Gesprächsrunde unterzeichnete die Delegation der Kosovo-Albaner
die vorgeschlagene Friedensvereinbarung, aber die Gespräche wurden ohne
Unterschrift der serbischen Delegation abgebrochen.

Unmittelbar danach intensivierten die serbischen Militär- und


Polizeistreitkräfte ihre Operationen gegen die albanische Volksgruppe im
Kosovo. Sie verlegten zusätzliche Truppen und Panzer in das Gebiet und ver-
stießen damit eindeutig gegen die Vereinbarung vom Oktober. Zehntausende
Menschen flohen angesichts dieser systematischen Offensive aus ihren
Häusern und Wohnungen.

Am 20. März wurde die Kosovo-Verifikationsmission der OSZE aus dem


Gebiet abgezogen, nachdem sie durch serbische Truppen derart behindert
worden war, dass sie ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen konnte. Danach flog
US-Botschafter Holbrooke in einem letzten Versuch, Präsident Milošević zur
Einstellung der Angriffe auf die Kosovo-Albaner zu überreden, nach Belgrad,
da anderenfalls NATO-Luftangriffe unmittelbar bevorstünden. Milošević wei-
gerte sich einzulenken, und am 23. März wurde der Befehl zur Durchführung
von Luftangriffen erteilt (Operation Allied Force).

Die Ziele der NATO


Die Ziele der NATO im Hinblick auf den Konflikt im Kosovo wurden in der
auf dem Außerordentlichen Treffen des Nordatlantikrats bei der NATO am 12.
April 1999 herausgegebenen Erklärung festgelegt und durch die Staats- und
Regierungschefs in Washington am 23. April 1999 bekräftigt:

• ein nachweisliches Ende aller militärischen Aktionen und die sofortige


Beendigung von Gewalt und Unterdrückung;

• der Abzug der militärischen, polizeilichen und paramilitärischen


Streitkräfte aus dem Kosovo;

• die Stationierung einer internationalen Militärpräsenz im Kosovo;


143
• die bedingungslose und sichere Rückkehr aller Flüchtlinge und
Vertriebenen und der ungehinderte Zugang für humanitäre
Hilfsorganisationen;
• die Schaffung einer politischen Rahmenvereinbarung für den Kosovo
auf der Basis der Vereinbarung von Rambouillet in Übereinstimmung
mit dem internationalen Recht und der Charta der Vereinten Nationen.
Während des gesamten Konflikts wurde die Erreichung dieser Ziele,
zusammen mit Maßnahmen zur Gewährleistung ihrer vollständigen
Umsetzung, vom Bündnis als Voraussetzung für die Beendigung der Gewalt
und des menschlichen Leidens im Kosovo betrachtet.
Am 10. Juni 1999, nach 77 Tage lang dauernden Luftangriffen, gab NATO-
Generalsekretär Javier Solana bekannt, dass er General Wesley Clark, den
Obersten Alliierten Befehlshaber Europa, angewiesen habe, die
Luftoperationen der NATO auszusetzen. Diese Entscheidung wurde nach
Konsultationen mit dem Nordatlantikrat und nach der Bestätigung von General
Clark getroffen, dass der vollständige Abzug der jugoslawischen Streitkräfte
aus dem Kosovo begonnen habe.
Der Abzug erfolgte in Übereinstimmung mit der Militärisch-Technischen
Vereinbarung, die zwischen der NATO und der Bundesrepublik Jugoslawien
am Abend des 9. Juni geschlossen worden war. Die Vereinbarung wurde von
Generalleutnant Sir Michael Jackson im Auftrag der NATO und von
Generalleutnant Svetozar Marjanović von der jugoslawischen Armee sowie
Generalleutnant Obrad Stevanović vom Innenministerium im Auftrag der
Regierungen der Bundesrepublik Jugoslawien und der Republik Serbien unter-
zeichnet. Der Abzug entsprach außerdem der Vereinbarung zwischen der
Bundesrepublik Jugoslawien und den Sonderbevollmächtigten der
Europäischen Union und Russlands, dem finnischen Präsidenten Ahtisaari und
Wiktor Tschernomyrdin, dem früheren Premierminister Russlands, die am 3.
Juni geschlossen worden war.
Am 10. Juni verabschiedete der VN-Sicherheitsrat die Resolution 1244,
die die Annahme der Prinzipien für eine politische Lösung der Kosovo-Krise
einschließlich des sofortigen Endes der Gewalt und eines raschen Abzugs der
militärischen, polizeilichen und paramilitärischen Streitkräfte durch die
Bundesrepublik Jugoslawien begrüßte. Die Resolution, die mit 14 Ja-Stimmen
und ohne Gegenstimmen bei einer Enthaltung (China) angenommen wurde,
gab die Entscheidung des Sicherheitsrats bekannt, eine internationale Zivil-
und Sicherheitspräsenz im Kosovo unter der Schirmherrschaft der Vereinten
Nationen einzurichten.
Nach Maßgabe von Kapitel VII der VN-Charta entschied der
Sicherheitsrat, dass die politische Lösung der Krise auf den allgemeinen

144
Prinzipien, die am 6. Mai von den Außenministern der G7-Industriestaaten und
der Russischen Föderation - der G8 - angenommen wurden, sowie auf den
Prinzipien beruhen würde, die in dem Dokument enthalten sind, das in Belgrad
vom finnischen Präsidenten und dem Sonderbeauftragten der Russischen
Föderation vorgelegt und am 3. Juni von der Regierung der Bundesrepublik
Jugoslawien angenommen wurde. Beide Dokumente wurden als Anhänge in
die Resolution aufgenommen.

Zu den Prinzipien gehörten unter anderem ein sofortiges und nachweisli-


ches Ende von Gewalt und Unterdrückung im Kosovo, der Abzug der militäri-
schen, polizeilichen und paramilitärischen Streitkräfte der Bundesrepublik
Jugoslawien, die Stationierung einer effektiven internationalen Zivil- und
Sicherheitspräsenz mit umfangreichem NATO-Beitrag zur Sicherheitspräsenz
und mit einheitlicher Führung, die Einrichtung einer Übergangsverwaltung, die
sichere und freie Rückkehr aller Flüchtlinge, ein politischer Prozess für eine
umfangreiche Selbstverwaltung, die Entmilitarisierung der Kosovo-
Befreiungsarmee (UÇK) sowie ein umfassender Ansatz für die wirtschaftliche
Entwicklung der Krisenregion.

Der Sicherheitsrat ermächtigte Mitgliedstaaten und zuständige internatio-


nale Organisationen zur Einrichtung der internationalen Sicherheitspräsenz
und beschloss, dass die Abschreckung erneuter Feindseligkeiten, die
Entmilitarisierung der UÇK und die Schaffung eines sicheren Umfelds für die
Rückkehr der Flüchtlinge, in dem auch die internationale Zivilpräsenz arbeiten
könnte, in deren Zuständigkeit fallen würden. Außerdem ermächtigte der
Sicherheitsrat den VN-Generalsekretär zur Einrichtung der internationalen
Zivilpräsenz und forderte ihn auf, einen Sonderbeauftragten zur Überwachung
ihrer Umsetzung zu ernennen.

Nach Verabschiedung der VNSR-Resolution 1244 traf General Jackson,


der designierte Befehlshaber der Streitkräfte, aufgrund der Anweisungen des
Nordatlantikrats sofortige Vorbereitungen für die schnelle Stationierung der
Schutztruppe unter dem Mandat des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen.

Die NATO-geführte Kosovo-Schutztruppe (KFOR)


Die ersten Teile der KFOR-Truppe rückten am 12. Juni 1999 im Kosovo
ein. Wie in der Militärisch-Technischen Vereinbarung festgelegt erfolgte die
Stationierung der Truppe synchron zum Abzug der serbischen Truppen aus
dem Kosovo. Der serbische Abzug war am 20. Juni abgeschlossen, und die
KFOR-Truppe hatte ihr erstes Einsatzziel erreicht.

Bei voller Stärke umfasste die KFOR-Truppe etwa 50.000 Mann. Alle 19
NATO-Mitglieder und 20 Nicht-NATO-Staaten beteiligen sich an der KFOR-
145
Truppe unter einheitlicher Führung (darunter 16 Partnerstaaten, einschließlich
eines russischen Kontingents von 3.200 Mann).
Nach der Bestätigung des Obersten Alliierten Befehlshabers Europa
(SACEUR), dass die serbischen Sicherheitsstreitkräfte den Kosovo verlassen
hätten, gab ebenfalls am 20. Juni der NATO-Generalsekretär bekannt, dass er
die Luftangriffe in Übereinstimmung mit der Militärisch-Technischen
Vereinbarung formell eingestellt habe.
Während der gesamten Krise befanden sich NATO-Streitkräfte an vorder-
ster Front der humanitären Bemühungen um eine Linderung des Leidens der
vielen Tausend Flüchtlinge, die aufgrund der ethnischen
Säuberungskampagne der Serben gezwungen waren, aus dem Kosovo zu flie-
hen. In der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien6 bauten NATO-
Truppen Flüchtlingslager, Flüchtlingsauffangzentren und Notversorgungs-
stationen und schafften viele Hundert Tonnen humanitärer Hilfsgüter zu den
Bedürftigen. In Albanien stationierte die NATO umfangreiche Streitkräfte, um
ähnliche Hilfe zu leisten, und unterstützte das VN-Hochkommissariat für
Flüchtlinge - UNHCR - bei der Koordinierung humanitärer Hilfsflüge. Außerdem
ergänzte die NATO diese Flüge unter Verwendung von den Mitgliedsländern
bereitgestellter Flugzeuge. Die bei der NATO im Juni 1998 eingerichtete Euro-
Atlantische Koordinierungszentrale für Katastrophenhilfe spielte ebenfalls eine
wichtige Rolle bei der Koordinierung der Unterstützung für UNHCR-
Hilfsoperationen.
Die besondere Sorge der NATO-Staaten und der gesamten internationa-
len Gemeinschaft galt seit Beginn der Krise der Notlage der im Kosovo ver-
bliebenen Kosovo-Albaner, wie sie von Flüchtlingen aus der Provinz beschrie-
ben wurde. Alle Anzeichen sprachen für organisierte Verfolgung mit
Massenhinrichtungen; Ausnutzung von Zivilisten als menschliche
Schutzschilde; Vergewaltigungen; Massenvertreibungen; das Niederbrennen
und die Plünderung von Häusern, Wohnungen und Dörfern; Vernichtung von
Ernte und Vieh; Unterdrückung von persönlichen Daten, Herkunft und
Grundstückseigentum durch Beschlagnahme von Dokumenten;
Unterernährung, Entkräftung und Erschöpfung; sowie viele weitere
Missachtungen der Menschenrechte und internationaler Normen zivilisierten
Verhaltens.

Unterstützung für Nachbarstaaten


Das Bündnis erkannte die immensen humanitären, politischen und wirt-
schaftlichen Probleme, denen sich die Staaten in der Region infolge des

6 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

146
Konflikts im Kosovo gegenübersahen, in vollem Umfang. Die Anstrengungen
des Bündnisses konzentrierten sich insbesondere auf die Bereitstellung unmit-
telbarer praktischer Unterstützung bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise,
indem NATO-Streitkräfte in der Region nun mit humanitären Aufgaben betraut
wurden.

Anfang April 1999 erhielt der NATO-Befehlshaber in der ehemaligen


jugoslawischen Republik Mazedonien7 die vollständige Befugnis, die
Unterstützung der NATO für dieses Land zu koordinieren und in Abstimmung
mit den albanischen Behörden und dem UNHCR ein Vorhauptquartier in
Albanien einzurichten, um die humanitäre Lage einzuschätzen und
Unterstützung zu leisten. Der Nordatlantikrat beauftragte außerdem die NATO-
Militärbehörden, weitere Planungen zu diesem Zweck vorzunehmen. Die wei-
tere Hilfe umfasste die Bereitstellung von Notunterkünften und den Aufbau von
Flüchtlingslagern sowie die Unterstützung humanitärer Hilfsorganisationen
durch die Bereitstellung von Transportmitteln und anderer Formen der Hilfe,
einschließlich der Verteilung von Nahrungsmitteln und Hilfsgütern. NATO-
Staaten leisteten finanzielle und sonstige Unterstützung für Albanien und die
ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien7 und versicherten, dass sie
auf alle Bedrohungen der Sicherheit dieser beiden Staaten durch Jugoslawien
reagieren würden, die auf die Anwesenheit von NATO-Streitkräften und deren
Aktivitäten auf ihren jeweiligen Gebieten zurückgehen würden.

Die Staats- und Regierungschefs der NATO erläuterten in Washington


ihre Vision zum Erreichen von dauerhaftem Frieden, Stabilität und zukünftigem
Wohlstand auf der Grundlage der verstärkten Integration der Staaten der
Region in die Entwicklungen im übrigen Europa. Dabei wollten sie Hand in
Hand mit anderen internationalen Einrichtungen auf diese Ziele hinarbeiten.
Sie begannen einen Prozess von Einzelkonsultationen und Diskussionen zwi-
schen den 19 NATO-Staaten und den Staaten der Region und versprachen,
die regionale Zusammenarbeit innerhalb des Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrats (EAPR) zu fördern. Außerdem vereinbarten sie, die
Ressourcen der Partnerschaft für den Frieden (PfP) für die Bereitstellung einer
direkteren und konzentrierteren Unterstützung bei der Erörterung ihrer
Sicherheitsanliegen zu verwenden. Das Bündnis begrüßte ähnliche, in ande-
ren Foren eingeleitete Maßnahmen, darunter den Vorschlag der Europäischen
Union, Ende Mai 1999 eine Konferenz über einen Stabilitätspakt für
Südosteuropa einzuberufen. Außerdem erkannte das Bündnis an, dass die
G7-Staaten und Finanzinstitute wie die Weltbank und der Internationale
Währungsfonds eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau nach dem Ende
der Kosovo-Krise spielen würden.

7 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

147
Die Lage im Kosovo wird vom Nordatlantikrat sorgfältig überwacht. Auf im
Mai 2000 abgehaltenen Ministertreffen bekräftigten die NATO-Staaten ihre
Entschlossenheit, eine umfangreiche Rolle bei der Erreichung der Ziele der
internationalen Gemeinschaft zu spielen, wie in der VNSR-Resolution 1244
formuliert. Diese Ziele bestehen darin, auf einen friedlichen, multiethnischen,
multikulturellen und demokratischen Kosovo hinzuarbeiten, in dem alle
Bewohner universelle Rechte und Freiheiten genießen. Die NATO-
Außenminister brachten ihre deutliche Bereitschaft zur Unterstützung für die
Arbeit der Mission der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK) und des
Sonderbeauftragten des VN-Generalsekretärs sowie für die weiterhin intensive
Zusammenarbeit zwischen der UNMIK und der KFOR-Truppe zum Ausdruck.
Außerdem bekräftigten sie ihre Entschlossenheit, zu gewährleisten, dass die
Truppenstärke und die Fähigkeiten der KFOR-Truppe auf dem Niveau gehal-
ten werden, das für die anstehenden Herausforderungen erforderlich ist.
Hierzu gehören die Aufrechterhaltung eines sicheren Umfelds in einem immer
noch unruhigen Kosovo, die Abschreckung und Verhinderung von ethnischer
Gewalt, die Bereitstellung von Sicherheit und Schutz für alle Minderheiten,
Hilfeleistung bei der Rückkehr von Flüchtlingen, gleich ob aus albanischen,
serbischen oder sonstigen Gemeinschaften, sowie die Unterstützung der
OSZE bei der Durchführung freier, fairer und sicherer Wahlen.
Im Frühjahr 2001, nach gewalttätigen Zusammenstößen an der Grenze
zum Kosovo, an denen Streitkräfte der ehemaligen jugoslawischen Republik
Mazedonien8 und extremistische Gruppen der albanischen Volksgruppe, die
Berichten zufolge ihre Basis im Kosovo hatten, beteiligt waren, leitete die
KFOR-Truppe zusätzliche Aktionen ein, darunter verstärkte Boden- und
Luftpatrouillen, Operationen zur Bekämpfung des Schmuggels sowie Einsätze
zur Festnahme gesuchter Personen. Aufklärungs- und Überwachungsflüge
wurden ebenfalls verstärkt, ebenso wie die Bemühungen zur Gewinnung nach-
richtendienstlicher Erkenntnisse.

MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN IN DER KOSOVO-


REGION UND KFOR-UNTERSTÜTZUNG AUS
HUMANITÄREN GRÜNDEN
Die Schaffung von Bedingungen, unter denen die zu Grunde liegenden
politischen Probleme des Kosovo gelöst werden können, ist eine schwierige
und langfristige Aufgabe. Angesichts des Ausmaßes der wachsenden huma-
nitären Krise, der der Kosovo im Frühjahr 1999 gegenüberstand, und der von
der Regierung Milošević in Belgrad veranlassten Zerstörung und Gewalt hat

8 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

148
sich die Lage erheblich verbessert. Es ist noch ein weiter Weg zurückzulegen,
aber die im Folgenden aufgeführten Fakten und Zahlen stellen eine fundierte
Liste der Leistungen dar, die den Weg für die zukünftige Stabilität der Provinz
und die Sicherheit der Region als Ganzes bereiten.

Die Erkenntnisse der Kosovo-Verifikationsmission der OSZE, die von


Januar bis März 1998 in den Kosovo entsandt wurde, deuteten auf organisierte
und systematische Gräueltaten hin, die von serbischen und jugoslawischen
Streitkräften gegen albanische Gemeinschaften begangen worden waren.
Vertreibungen, willkürliche Verhaftungen und Tötungen sowie andere
Menschenrechtsverletzungen und Einschüchterungsmethoden waren bereits
sichtbar. Der Bericht der Mission stellte fest, dass auf beiden Seiten der ethni-
schen Grenze während des Konflikts Übertretungen begangen wurden, dass
jedoch das vom jugoslawischen und serbischen Militär- und
Sicherheitsapparat verursachte Leiden auf Seiten der Kosovo-Albaner deutlich
überwog. Der Chefankläger des Internationalen Kriegsverbrechertribunals für
das ehemalige Jugoslawien berichtete, dass etwa 526 Massengräber im
Kosovo identifiziert und mehr als 4.000 Leichen exhumiert wurden. Weitere
300 Orte werden derzeit untersucht.

Flüchtlinge
Eine Hauptsorge ist das Ausmaß des Problems der Umsiedlung von
Vertriebenen und Flüchtlingen im Kosovo. Das Hohe Flüchtlingskommissariat
der Vereinten Nationen schätzte, dass die ethnischen Säuberungen bis Anfang
April 1999 226.000 Flüchtlinge in Albanien, 125.000 in der ehemaligen jugos-
lawischen Republik Mazedonien9 sowie 33.000 in Montenegro zur Folge hat-
ten. Bis Ende Mai 1999 waren über 230.000 Flüchtlinge in der ehemaligen
jugoslawischen Republik Mazedonien9, über 430.000 in Albanien und etwa
64.000 in Montenegro angekommen. Ungefähr 21.500 Flüchtlinge hatten
Bosnien erreicht, und mehr als 61.000 waren in andere Länder evakuiert wor-
den. Schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen, d. h. 90 Prozent der
Bevölkerung des Kosovo, waren aus ihren Häusern und Wohnungen vertrie-
ben worden, und innerhalb des Kosovo selbst waren etwa 580.000 Menschen
obdachlos geworden. Ungefähr 225.000 Männer aus dem Kosovo galten als
vermisst und nicht weniger als 5.000 Bewohner des Kosovo als hingerichtet.

Zur Unterstützung der NATO-Truppen bei der Erleichterung der


Flüchtlingssituation gehörten die Bereitstellung von Ausrüstung und die
Errichtung von Lagern für 50.000 Flüchtlinge in Albanien, Hilfestellung bei der
Erweiterung von Lagern in der ehemaligen jugoslawischen Republik

9 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

149
Mazedonien10, medizinische Unterstützung und die Durchführung von
Notoperationen, der Transport von Flüchtlingen in Sicherheit und der Transport
von humanitärer Hilfe und Hilfsgütern.
NATO-Streitkräfte flogen viele Tausend Tonnen Lebensmittel und
Ausrüstung in das Gebiet. Bis Ende Mai 1999 waren über 4.666 Tonnen
Lebensmittel und Wasser, 4.325 Tonnen andere Güter, 2.624 Tonnen Zelte und
fast 1.600 Tonnen Arzneimittel in das Gebiet transportiert worden.
Im Hinblick auf Rückkehrer ist ein deutlicher Fortschritt erzielt worden.
Ungefähr 1,3 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene konnten aus dem Kosovo
selbst und aus dem Ausland in ihre Häuser, Wohnungen und Dörfer zurück-
kehren. Etwa 200.000 Kosovo-Serben und bis zu 40.000 Angehörige anderer
Minderheiten sind jedoch immer noch innerhalb der Bundesrepublik
Jugoslawien vertrieben.
Im Mai 2000 wurde ein Gemeinsamer Rückführungsausschuss eingerich-
tet, um Mittel und Wege für die sichere und dauerhafte Rückkehr insbesondere
der Einwohner aus der Gruppe der Kosovo-Serben auszuloten. Die KFOR-
Truppe, die Mission der Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK) und andere
internationale Organisationen haben mitgeholfen, innerhalb ihrer
Möglichkeiten und Fähigkeiten Wiederansiedlungsaktivitäten zu koordinieren
und zu unterstützen sowie das Potenzial für ethnische Gewalt einzuschränken.
Die KFOR-Streitkräfte haben ihre Präsenz in Minderheitsenklaven verstärkt,
um mehr Sicherheit im Gefolge von örtlich auftretender Gewalt gegen Kosovo-
Serben und andere Minderheiten zu bieten.

Wiederaufbau
Im Juni 1999 waren über 128.000 Häuser im Kosovo beschädigt und zer-
stört. Bis zum 31. Januar 2001 wurden etwa 18.000 Häuser wieder aufgebaut;
über 8.000 befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch im Bau. Die Aktivitäten
konzentrierten sich außerdem auf die Instandsetzung und Erneuerung des
Stromversorgungssystems, die Wiederherstellung von Straßen und Schienen
sowie die Ausbesserung von Brücken.

Medizinische Hilfeleistung
Die medizinische Hilfeleistung stellt ein weiteres wichtiges Tätigkeitsfeld
für die KFOR-Truppe dar. Jährlich werden über 50.000 Zivilpatienten behan-
delt.

10 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

150
Sicherheit
Der Kosovo von heute unterscheidet sich erheblich von dem Kosovo, den
die KFOR-Truppe bei ihrer Ankunft in der Provinz im Juni 1999 vorfand. Die
Hauptstadt Priština ist heute ein geschäftiges Zentrum voller Autos, Verkehr,
Handel und florierenden Geschäften, ebenso wie andere große Städte. Die
meisten Bürger des Kosovo genießen Sicherheit und normales Leben in einem
Ausmaß, das ihnen jahrelang verwehrt wurde. Es werden fortlaufende
Bemühungen unternommen, den Kosovo für alle sicher zu machen. Die
KFOR-Truppe unternimmt täglich bis zu 800 Patrouillen, bewacht mehr als 550
wichtige Orte und stellt die Besatzung von über 250 Kontrollpunkten für
Fahrzeuge. Jeden Tag sind zwei von drei KFOR-Soldaten an
Sicherheitsoperationen beteiligt.

Eine der höchsten Prioriäten der KFOR-Truppe ist die Verbesserung der
Sicherheit für die ethnischen Minderheiten. Mehr als 50 Prozent ihres
Personals ist am Schutz der Minderheitsbevölkerung (hauptsächlich Serben)
im Kosovo beteiligt. Hierzu gehört die Bewachung einzelner Häuser,
Wohnungen und Dörfer, der Transport von Menschen zu Schulen und
Geschäften, Patrouillen, die Überwachung von Kontrollpunkten, der Schutz
von Orten und die Unterstützung der lokalen Bevölkerung. KFOR-Truppen sind
auch in Mitrovica stationiert, um die Sicherheit auf beiden Seiten des Flusses
Ibar zu gewährleisten.

Aufgrund der Arbeit von zivilen Minenräumfirmen, die bei Minenaktions-


und Koordinationszentren der Vereinten Nationen unter Vertrag stehen, sowie
der KFOR-Truppe hat sich die Zahl der Unfälle mit Minen und Blindgängern
einschließlich Streubomben erheblich verringert.

Grenzkontrollen
Die KFOR-Truppe kontrolliert auch weiterhin das Grenzgebiet. Mithilfe
einer Kombination aus Fuß-, Fahrzeug- und Hubschrauberpatrouillen stellt sie
die Besatzung von acht Übergangsstellen und unterstützt die Mission der
Vereinten Nationen im Kosovo (UNMIK) an vier weiteren Stellen. Außerdem
führt sie Luftüberwachungseinsätze durch.

Die KFOR-Truppe beteiligt sich fortwährend an Grenzsicherungs-


aufgben. Fahrzeuge werden an Grenzübergängen gründlich durchsucht oder
einer Überprüfung der Papiere und stichprobenartigen Durchsuchungen unter-
zogen. Es findet eine enge Koordinierung mit den Grenzschützern auf beiden
Seiten sowie mit der UNMIK-Grenzpolizei und Zollbeamten an den meisten
offiziellen Grenzübergängen statt.

151
Nach der Eskalation der Gewalt an der Grenze im Frühjahr 2001 gelang
es den NATO-Behörden am 12. März 2001, einen Waffenstillstand zu vermit-
teln. Daraufhin entschied der Nordatlantikrat, auf der Grundlage des von der
neuen jugoslawischen Regierung unter Präsident Koštunica eingereichten
Plans (Čović-Plan) eine stufenweise und bedingte Verkleinerung der
Sicherheitszone um den Kosovo umzusetzen, wie in der Militärisch-
Technischen Vereinbarung bestimmt.

Umsetzung im zivilen Bereich

Im Juni 1999 gab es im Kosovo keine zivilen Strukturen und keine


Verwaltungsdienste. Im Gegensatz dazu sind alle Exekutiv-, Gesetzgebungs-
und Gerichtsstrukturen mittlerweile in gemeinsame integrierte
Verwaltungsstrukturen (integrierten verwaltungsstrukturen) integriert. Die
ersten vier der 19 unter den integrierten verwaltungsstrukturen einzurichten-
den Verwaltungsbezirke wurden im Februar 2000 errichtet. Andere wurden
seither nach und nach eröffnet.

Am 2. Februar 2000 gab der Anführer der Kosovo-Albaner, Dr. Ibrahim


Rugova, formell die Auflösung der so genannten Schattenregierung und der
dazugehörigen Strukturen bekannt. Der Parlamentspräsident, Idriz Ajeti,
bestätigte die Auflösung.

Die zweite Sitzung des erweiterten Kosovo-Übergangsrats fand am 16.


Februar 2000 statt. An dieser Sitzung nahmen 28 Mitglieder teil, darunter der
katholische Bischof. Seither wurden in allen 29 Gemeinden Administratoren
ernannt. Es wurden Budgets für alle Kernaktivitäten der kommunalen
Regierungen bewilligt. Im Oktober 2000 spielte die Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) eine wichtige Rolle bei der Planung
der Kommunalwahlen, einschließlich der Registrierung der Wähler, unter von
der KFOR-Truppe in Absprache mit der UNMIK getroffenen
Sicherheitsvorkehrungen zur Sicherung der Bewegungsfreiheit in dem Gebiet.

Die Wahlen wurden ohne größere Zwischenfälle durchgeführt und führten


zu einem Sieg der gemäßigten Partei Demokratische Liga des Kosovo (DLK)
unter der Führung von Dr. Rugova. Zusammen mit dem Ergebnis der Wahlen
in Serbien vom Dezember 2000, bei denen es der Partei Demokratische
Opposition Serbiens (DOS) unter der Führung von Vojislav Koštunica gelang,
das Regime des früheren Präsidenten Milošević zu stürzen, wird dies den
Erwartungen zufolge weit reichende politische Auswirkungen in der gesamten
Region haben.

152
Recht und Ordnung
Im Juni 1999, bei der Ankunft der KFOR-Truppe im Kosovo, gab es 50
Morde pro Woche. Bis zum Frühjahr 2000 war diese Zahl auf 7 pro Woche
gesunken, was mit vielen großen Städten in Europa vergleichbar ist. Ein
Großteil der Gewalt ist mittlerweile krimineller Aktivität statt von ethnischem
Hass motivierten Taten zuzuschreiben. Dennoch finden auch solche Taten wei-
terhin statt. Ein wichtiger Teil der KFOR-Ressourcen ist im Rahmen der
Wiederherstellung von Recht und Ordnung weiterhin mit Patrouillen und
Kontrollpunkten sowie dem Schutz von exponierten, historisch und kulturell
bedeutenden Stätten beschäftigt.
Der von der OSZE gegründete Kosovo-Polizeidienst, der sich der fairen
und unparteiischen Durchsetzung der Gesetze für die Bevölkerung als Ganzes
verschrieben hat, verfügt mittlerweile über etwa 3.100 aktive Polizeikräfte und
beginnt, einen wesentlichen Beitrag bei der Herstellung von Recht und
Ordnung zu leisten. Das Ziel für 2001 bestand darin, die Zahl von 4.000 akti-
ven Kosovo-Polizisten zu erreichen. Dies stellt einen entscheidenden Schritt in
Richtung einer selbstständigen Organisation dar, der zu einer geringeren
Abhängigkeit von der UNMIK-Polizei führen dürfte.
Mithilfe internationaler Unterstützung wird außerdem das Gerichts- und
Strafvollzugssystem wieder aufgebaut. Hierzu gehört die Ernennung einer
großen Anzahl internationaler Richter.

Rotation des Hauptquartiers


Die Kosovo-Schutztruppe untersteht dem Oberbefehl des Obersten
Alliierten Befehlshabers Europa (SACEUR).
Die operative Befehlsgewalt über die KFOR-Truppe oblag anfangs dem
Schnelleingreifkorps des Alliierten Kommandobereichs Europa, der
Landkomponente der Schnelleingreifkräfte. Später ging sie auf das
Hauptquartier der Alliierten Landstreitkräfte Europa Mitte (LANDCENT) über,
einer Nachgeordneten Kommandobehörde unter dem früheren
Nachgeordneten Kommandobereich Alliierte Streitkräfte Europa Mitte
(AFCENT).
Im April 2000 ging die operative Befehlsgewalt über die KFOR-Truppe von
den Alliierten Streitkräften Europa Mitte (LANDCENT) auf das von 5 Staaten
gestellte Eurokorps11 über. Dies erfolgte in Übereinstimmung mit der zwischen
den am Eurokorps beteiligten Staaten und der NATO als Ganzes getroffenen

11 Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Spanien.

153
Vereinbarung, dass das Korps für die Unterstützung von Operationen unter
dem Oberbefehl der NATO zur Verfügung gestellt werden könne. Anfang 2001
ging die operative Befehlsgewalt auf AFSOUTH über. Im April 2001 übernimmt
das Hauptquartier für die nördliche Region der NATO (Höhere Nachgeordnete
Kommandobehörde Nord) die operative Befehlsgewalt über die Truppe.

154
KAPITEL 6

DIE ROLLE DES BÜNDNISSES BEI DER


RÜSTUNGSKONTROLLE

Entwicklungen im Zusammenhang mit nuklearen, biologischen und


chemischen Waffen

Entwicklungen im Zusammenhang mit konventioneller


Rüstungskontrolle und Abrüstung

Grundsätze des Bündnisses zur Verbreitung von MVW


DIE ROLLE DES BÜNDNISSES BEI DER
RÜSTUNGSKONTROLLE

Die auf Förderung der Rüstungskontrolle, Abrüstung und Nichtverbreitung


gerichtete Politik des Bündnisses spielt für die Verwirklichung der sicherheits-
politischen Zielsetzungen der NATO eine wichtige Rolle. Die NATO setzt sich
bereits seit langem auf diesem Gebiet ein und stellt auch weiterhin sicher, dass
ihre übergeordneten Ziele der Verteidigung, Rüstungskontrolle, Abrüstung und
Nichtverbreitung miteinander im Einklang bleiben.

Auf ihrem Gipfeltreffen in Washington im April 1999 beschlossen die


NATO-Staats- und Regierungschefs, die Bemühungen des Bündnisses, der
Verbreitung von Massenvernichtungswaffen (MVW) und ihrer Trägersysteme
entgegenzuwirken, weiter zu verstärken. Die Initiative gegen MVW hat zu einer
aktiveren und strukturierteren Debatte über diese Fragen geführt. Hauptziel
des Bündnisses und seiner Mitglieder ist es nach wie vor, eine
Weiterverbreitung zu verhindern, oder - sollte dies nicht gelingen - durch
diplomatische Mittel rückgängig zu machen.

Wie im Strategischen Konzept von 1999 festgehalten, verpflichtet sich die


NATO, aktiv zur Fortentwicklung von Rüstungskontroll-, Abrüstungs- und
Nichtverbreitungsübereinkommen sowie zu vertrauens- und sicherheitsbilden-
den Maßnahmen (VSBM) beizutragen. Die Bündnisstaaten betrachten
Vertrauensbildung, Rüstungskontrolle, Abrüstung und Nichtverbreitung als
wichtige Elemente der Konfliktverhütung und erkennen an, dass die NATO
durch Förderung eines breiter angelegten, umfassenderen und besser verifi-
zierbaren internationalen Rüstungskontroll- und Abrüstungsprozesses eine
wesentliche Rolle auf diesem Gebiet spielen kann. Die Partnerschafts-,
Kooperations- und Dialogprogramme der NATO bieten eine einzigartige
Chance zur Förderung dieser Ziele. Sie leisten einen Beitrag zum übergeord-
neten Ziel der Stärkung von Vertrauen und Sicherheit und der Entwicklung
eines gemeinsamen internationalen Sicherheitsansatzes.

Anlässlich des Washingtoner Gipfels beschlossen die NATO-Staaten im


Lichte der strategischen Entwicklungen insgesamt und der abnehmenden
Bedeutung von Nuklearwaffen, Optionen für vertrauens- und sicherheitsbil-
dende Maßnahmen, Verifikation, Nichtverbreitung sowie Rüstungskontrolle
und Abrüstung zu prüfen. Seit dem Gipfeltreffen haben die zuständigen NATO-
Organe eine eingehende und umfassende Bewertung der
Gesamtentwicklungen vorgenommen und eine Reihe von Optionen für die
Zukunft geprüft.
157
Die wichtigsten Entwicklungen auf diesem Gebiet sind nachstehend
zusammenfassend dargestellt.

ENTWICKLUNGEN IM ZUSAMMENHANG MIT ATOMAREN,


BIOLOGISCHEN UND CHEMISCHEN WAFFEN
Die Weiterverbreitung atomarer, biologischer und chemischer Waffen
(ABC-Waffen) und ihrer Trägersysteme sind für die Allianz Grund zu ernster
Sorge. Trotz der willkommenen Fortschritte bei der Stärkung von internationa-
len Nichtverbreitungsregimen und -mechanismen stellt eine mögliche
Proliferation auch weiterhin eine große Herausforderung dar. Das Bündnis
erkennt an, dass es allen Bemühungen zum Trotz zur Weiterverbreitung kom-
men und dies eine unmittelbare militärische Bedrohung für die Bevölkerung,
das Territorium und die Streitkräfte der Bündnispartner darstellen kann.

Einige der an das Bündnisgebiet angrenzenden Länder und auch Staaten


in anderen Regionen verkaufen oder verschaffen sich ABC-Waffen und
-Trägersysteme oder versuchen, sich diese anzueignen. Es hat sich außerdem
gezeigt, dass auch andere, nichtstaatliche Akteure potenziell über die
Möglichkeit zum Bau und Einsatz mancher dieser Waffen verfügen.

Die NATO hat ihre Abstützung auf Nuklearstreitkräfte im letzten Jahrzehnt


erheblich verringert, und die drei Mitgliedstaaten des Bündnisses, die
Nuklearstreitkräfte unterhalten - die Vereinigten Staaten, Frankreich und das
Vereinigte Königreich - haben auch diese Streitkräfte selbst drastisch reduziert.
Die Existenz leistungsfähiger Nuklearstreitkräfte außerhalb des Bündnisses
stellt jedoch einen entscheidenden Faktor dar, der von der NATO nicht außer
Acht gelassen werden kann, wenn Sicherheit und Stabilität im euro-atlanti-
schen Raum gewahrt bleiben sollen. Russland verfügt nach wie vor über eine
große Anzahl nuklearer Waffen jeder Art. China hat seine Nuklearstreitkräfte im
Laufe des letzten Jahrzehnts weiter modernisiert. Ferner haben sowohl Indien
als auch Pakistan 1998 Atomtests durchgeführt und damit die nuklearen
Nichtverbreitungsverträge gefährdet und die mit regionalen Konflikten verbun-
denen Gefahren erhöht.

Im Juni 1999 bekräftigten die Vereinigten Staaten und Russland ihre


bestehenden Verpflichtungen im Rahmen des ABM-Vertrags dahingehend,
mögliche Veränderungen der strategischen Lage, die Einfluss auf den Vertrag
haben, und mögliche Vorschläge zur weiteren Stärkung seiner
Entwicklungsfähigkeit zu berücksichtigen. Die Vereinigten Staaten haben in
der Folge Vertragsänderungen vorgeschlagen, um die Stationierung eines
begrenzten Raketenabwehrsystems zu ermöglichen. Bilaterale Gespräche und
multilaterale Konsultationen zum ABM-Vertrag wie auch zu einer dritten

158
Verhandlungsrunde über die Reduzierung strategischer Waffen (START III) fin-
den derzeit statt.

Im September 2000 haben die Vereinigten Staaten und Russland ferner


eine Kooperationsinitiative zur strategischen Stabilität vereinbart, die als kon-
struktive Grundlage für die Stärkung des gegenseitigen Vertrauens dienen und
die Erarbeitung von Maßnahmen ermöglichen soll, mit denen die strategische
Stabilität verbessert und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen,
Raketen und Raketentechnologien weltweit entgegengetreten werden kann.

Der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen


(NVV)
Der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen war viele Jahre
lang der Eckpfeiler internationaler Vereinbarungen über die globale
Nichtverbreitung und ein wesentlicher Bestandteil des Prozesses zum
Erreichen einer nuklearen Abrüstung. Der Vertrag wurde auf der NVV-Über-
prüfungs- und Verlängerungskonferenz im Jahre 1995 unbefristet verlängert.
Zudem wurde beschlossen, den Überprüfungsprozess zu verstärken und eine
Reihe von „Grundsätzen und Zielen für die nukleare Nichtverbreitung und
Abrüstung” anzunehmen, um die wirksame Umsetzung des Vertrags zu för-
dern.

Auf der NVV-Überprüfungskonferenz 2000, die vom 24. April bis zum 19.
Mai 2000 in New York stattfand, wurde ein umfassendes und substanzielles
Schlussdokument verabschiedet. Die darin enthaltenen Schlussfolgerungen
verleihen der fortgesetzten Unterstützung für den weltweiten NVV-Beitritt, der
strikten Einhaltung der Bestimmungen des NVV, der gestärkten Rolle der
Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) sowie künftigen Schritten
zur nuklearen Abrüstung Ausdruck.

Eines der wichtigsten praktischen Ergebnisse der Überprüfungskonferenz


war die Einigung über die Inkraftsetzung des Vertrags über das umfassende
Verbot von Nuklearversuchen („Teststoppvertrag”) unmittelbar nach Abschluss
der notwendigen Ratifizierungsverfahren. Die NATO-Mitgliedstaaten haben
sich verpflichtet, auf die erforderlichen Unterzeichnungen und Ratifikationen
hinzuarbeiten, um ein rasches Inkrafttreten des Vertrags zu erreichen. Die
Überprüfungskonferenz unterstrich ferner die Bedeutung der Erzielung von
Fortschritten hinsichtlich eines Vertrags über das Verbot der Produktion von
Spaltmaterial für Waffenzwecke und andere Kernsprengkörper und rief zur
Wiederaufnahme entsprechender Verhandlungen im Rahmen der
Abrüstungskonferenz auf.
159
Biologische und chemische Waffen

Die Weiterverbreitung biologischer und chemischer Waffen wird allgemein


als zunehmendes internationales Sicherheitsproblem sowohl bei zwi-
schenstaatlichen Konflikten als auch als potenzielle Dimension des
Terrorismus erkannt.

Das Genfer Protokoll von 1925 verbietet den Einsatz chemischer und bio-
logischer Waffen. Die Unterzeichnerstaaten des 1975 in Kraft getretenen B-
Waffen-Übereinkommens verpflichten sich, keine biologischen Substanzen
und entsprechende Ausrüstung für Kriegszwecke zu entwickeln, herzustellen,
zu lagern oder zu erwerben. 1994 wurde anlässlich einer Sonderkonferenz
eine Ad-hoc-Gruppe von Unterzeichnerstaaten zur Prüfung möglicher
Verifikationsmaßnahmen und Vorschläge zur Stärkung des Übereinkommens
eingerichtet. Im Rahmen der vierten Überprüfungskonferenz im Jahr 1996
wurde der schnellstmögliche Abschluss eines Protokolls noch vor Beginn der
fünften Überprüfungskonferenz im Jahr 2001 vereinbart. Auf ihrer Tagung in
Florenz am 24. Mai 2000 bekräftigten die NATO-Minister dieses Ziel.

Ein Übereinkommen über das Verbot chemischer Waffen, das zwischen


1980 und 1992 im Rahmen der Abrüstungskonferenz ausgehandelt wurde, trat
1997 in Kraft. Alle Unterzeichnerstaaten verpflichteten sich, keine chemischen
Waffen zu entwickeln, herzustellen, zu erwerben, zu lagern oder zu behalten,
keine chemischen Waffen einzusetzen bzw. deren Einsatz nicht vorzubereiten
und Dritte bei Verstößen gegen das Übereinkommen nicht zu unterstützen.
Das Übereinkommen verpflichtet die Unterzeichnerstaaten auch zur
Vernichtung sämtlicher in ihrem Besitz befindlicher Chemiewaffen sowie der
entsprechenden Produktionsanlagen.

Flugkörper und andere Trägersysteme

Auch die Weiterverbreitung von Flugkörpertechnologie gibt großen Anlass


zur Besorgnis. Das 1987 eingerichtete Kontrollregime für Flugkörper-
technologie vereint 32 Staaten (einschließlich aller 19 NATO-Mitglieder) in
ihrem Bemühen um eine Begrenzung der Verbreitung von Flugkörpern und
Flugkörpertechnologie. Die Partnerstaaten überwachen die Ausfuhr von kon-
trollierten Gütern anhand gemeinsam vereinbarter Exportrichtlinien.

160
ENTWICKLUNGEN IM ZUSAMMENHANG MIT
KONVENTIONELLER RÜSTUNGSKONTROLLE UND
ABRÜSTUNG
Im Laufe der letzten Jahre war eine Reihe viel versprechender
Entwicklungen im Bereich der konventionellen Rüstungskontrolle und der
damit verbundenen verbrauens- und sicherheitsbildenden Maßnahmen zu ver-
zeichnen. Dies waren unter anderem:

Die Anpassung des KSE-Vertrags


Der Vertrag über Konventionelle Streitkräfte in Europa (KSE) vom 19.
November 1990 legte rechtsverbindliche Obergrenzen für fünf Kategorien ver-
traglich begrenzter Ausrüstung fest und umfasste Bestimmungen für einen
außerordentlich umfassenden Informationsaustausch und Benachrichtigungen
sowie Regelungen für Inspektionen und Verifikationsmaßnahmen vor Ort. Es
wurden bereits über 3.000 Inspektionen durchgeführt. Diese hohe Transparenz
im Hinblick auf die Waffenbestände stellt eine Besonderheit unter den
Rüstungskontrollverträgen dar. Der Vertrag bewirkte drastische
Reduzierungen der vertraglich begrenzten Ausrüstung in Europa. Über 50.000
Ausrüstungsobjekte wurden vernichtet oder abgezogen. Auf der KSE-Überprü-
fungskonferenz im Jahr 1996 erkannten die Unterzeichnerstaaten die
Notwendigkeit einer Anpassung des KSE-Vertrags, um diesem weiterhin eine
Schlüsselrolle in den europäischen Sicherheitsvorkehrungen einzuräumen.

Die Anpassungsverhandlungen wurden im Mai 1996 aufgenommen. Sie


machten deutlich, dass seit 1990 - unter anderem durch die Wiedervereinigung
Deutschlands, die Auflösung des Warschauer Pakts und der UdSSR, die
Entstehung neuer Nachfolgestaaten, durch die sich die Anzahl der
Vertragsstaaten von 22 auf 30 erhöht hatte, den Demokratisierungsprozess in
Mittel- und Osteuropa sowie das Ende des Kalten Krieges - grundlegende
Veränderungen eingetreten waren.

Der Anpassungsprozess wurde auf dem Istanbuler OSZE-Gipfeltreffen im


November 1999 mit der Unterzeichnung einer rechtsverbindlichen
„Anpassungsvereinbarung” zum KSE-Vertrag abgeschlossen. Auch eine ent-
sprechende „Schlussakte” wurde in Istanbul angenommen. Dieses politisch
verbindliche Schriftstück enthält alle Verpflichtungen zur Beschränkung und
schrittweisen Reduzierung bis auf die von den Vertragsstaaten im Rahmen der
Vertragsanpassung zusätzlich eingeräumten Ausrüstungsansprüche. Der
Vertrag tritt nach erfolgter Ratifizierung durch die Vertragsstaaten in Kraft. Bis
zum Abschluss des Ratifikationsprozesses hat die volle und anhaltende
161
Umsetzung des Vertrags und der zugehörigen Dokumente weiterhin entschei-
dende Bedeutung.

Das Wiener Dokument


Auf dem Istanbuler Gipfeltreffen im November 1999 verabschiedeten die
Mitgliedstaaten der Organisation für Sicherzeit und Zusammenarbeit in Europa
(OSZE) auch das Wiener Dokument von 1999, in dem die in den Wiener
Dokumenten von 1990, 1992 und 1994 eingeführten vertrauens- und sicher-
heitsbildenden Maßnahmen (VSBM) eine weitere Stärkung erfuhren. Das
Wiener Dokument von 1999 stellt eine Verbesserung der vorhandenen VSBM
dar und unterstreicht die Bedeutung der regionalen Zusammenarbeit.

Offener Himmel
Ein weiteres wichtiges Element zur Schaffung von mehr Offenheit auf
militärischem Gebiet ist der Vertrag über den Offenen Himmel vom März 1992,
durch den gegenseitige Überflugrechte über nationale Hoheitsgebiete gewährt
werden.
Der Vertrag über den Offenen Himmel soll die Vertrauensbildung verbes-
sern, die Überwachung der Einhaltung bestehender oder künftiger
Rüstungskontrollvereinbarungen erleichtern und die Fähigkeit zur
Früherkennung und anschließenden Bewältigung von Krisen stärken, indem
der Luftraum der beteiligten Länder für Überflüge geöffnet wird.
In der Folge gab es eine Reihe von Testflügen; das volle vertraglich defi-
nierte Regime für Beobachtungsflüge ist jedoch noch nicht in Kraft getreten.
Die Bündnispartner setzen sich weiter für die Ratifizierung des Vertrags ein
und haben die noch ausstehenden Unterzeichnerstaaten Russland und
Weißrussland zur Ratifizierung des Vertrags aufgefordert, damit er so bald wie
möglich in Kraft treten kann.

Kleinwaffen
Im letzten Jahrzehnt trat die Notwendigkeit zur Verhinderung und
Reduzierung destabilisierender Anhäufungen und Transfers von Kleinwaffen -
insbesondere durch gesetzwidrigen und verantwortungslosen Handel - inter-
national immer stärker ins Bewusstsein. Ein Reihe diesbezüglicher Initiativen
wurden auf globaler, regionaler und lokaler Ebene ins Leben gerufen. Seit
Januar 1999 leisten die Mitgliedstaaten des Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrats (EAPR) praktische Arbeit auf diesem Gebiet. Die

162
Vollversammlung der Vereinten Nationen beschloss die Einberufung einer
internationalen Konferenz zu illegalem Waffenhandel in all seinen
Erscheinungsformen für das Jahr 2001.

Antipersonenminen
Während des letzten Jahrzehnts ist die Staatengemeinschaft zunehmend
aktiv geworden, um humanitären Problemen und menschlichem Leid durch
Antipersonenminen entgegenzutreten. Die NATO-Mitgliedstaaten haben ihr
Engagement zur Bewältigung dieses Problems deutlich unter Beweis gestellt.

1998 wurde ein neues Protokoll zum Übereinkommen über das Verbot
oder die Beschränkung des Einsatzes bestimmter konventioneller Waffen von
1980 unterzeichnet. Das Dokument mit dem Titel „Protokoll über das Verbot
oder die Beschränkung des Einsatzes von Minen, Sprengfallen und anderen
Vorrichtungen” trat im Dezember 1998 in Kraft. Ein Übereinkommen über das
Verbot des Einsatzes, der Lagerung, der Herstellung und der Weitergabe von
Antipersonenminen und über deren Vernichtung wurde am 3. Dezember 1997
in Ottawa unterzeichnet. Es trat am 1. März 1999 in Kraft und wurde von über
100 Staaten ratifiziert.

GRUNDSÄTZE DES BÜNDNISSES ZUR VERBREITUNG


VON MVW
In Anerkennung der Tatsache, dass von der Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen eine Bedrohung für die internationale Sicherheit
ausgeht, haben die NATO-Staats- und Regierungschefs das Bündnis 1994
angewiesen, seine Anstrengungen gegen die Proliferation zu intensivieren und
auszuweiten. Im Juni 1994 veröffentlichten die NATO-Außenminister den
„Politischen Rahmen des Bündnisses zum Problem der Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen”. In diesem an die Öffentlichkeit gerichteten
Dokument wurde dargelegt, dass es das Hauptziel des Bündnisses und seiner
Mitglieder sei, eine Weiterverbreitung zu verhindern, oder - sollte dies nicht
gelingen - durch diplomatische Mittel rückgängig zu machen. In dem Dokument
wurde auch festgehalten, dass die Verbreitung von MVW trotz internationaler
Nichtverbreitungsnormen und -übereinkünfte vorkommen kann, und dass
Massenvernichtungswaffen und ihre Trägersysteme eine unmittelbare militäri-
sche Bedrohung für die Bevölkerung, das Territorium und die Streitkräfte von
Bündnispartnern darstellen können. Seit 1994 hat sich das Bündnis zuneh-
mend mit der Frage befasst, welche militärischen Fähigkeiten benötigt werden,
um der Verbreitung und dem Einsatz von MVW entgegenzutreten. Die
163
Anstrengungen zur Verbesserung des Verteidigungsdispositivs der NATO
gegenüber MVW werden fortgesetzt, um die operative Verwundbarkeit der
NATO-Streitkräfte zu verringern und gleichzeitig ihre Flexibilität und Effizienz in
Situationen zu steigern, in denen ABC-Waffen vorhanden sind, von diesen eine
Bedrohung ausgeht oder sie sogar eingesetzt werden.

Die Bündnisinitiative zu MVW


Um den mit der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und ihren
Trägersystemen verbundenen Risiken für die Sicherheit des Bündnisses zu
begegnen, rief die NATO 1999 eine auf vorangehenden Arbeiten basierende
Initiative ins Leben, mit der die politischen und militärischen Bemühungen des
Bündnisses auf diesem Gebiet insgesamt verbessert werden sollen. Diese
MVW-Initiative trägt zur Förderung einer aktiveren, strukturierteren Debatte
und damit zu einem besseren Einvernehmen der NATO-Staaten untereinander
in Fragen der MVW und der Antwort darauf bei, beispielsweise durch qualita-
tive und quantitative Verbesserung entsprechender Erkenntnisse und des
Informationsaustauschs. Im Mai 2000 hat die NATO ein MVW-Zentrum zur
Unterstützung dieser Bemühungen eingerichtet.
Ferner befassen sich drei hochrangige NATO-Gruppen mit dem politi-
schen und verteidigungspolitischen Engagement des Bündnisses gegen die
Verbreitung von MVW: die Hochrangige Politisch-Militärische Gruppe für
Proliferation und die Hochrangige Verteidigungspolitische Gruppe für
Proliferation, die für die politische bzw. verteidigungspolitische Dimension der
NATO-Reaktion zuständig sind, sowie der Gemeinsame Proliferations-
ausschuss, der die Arbeiten zu beiden Aspekten koordiniert und zusammen-
trägt. Die Hochrangige Politisch-Militärische Gruppe prüft verschiedene politi-
sche, sicherheitspolitische und wirtschaftliche Faktoren, die zu Proliferation
beitragen bzw. diese beeinflussen können, und erörtert politische und wirt-
schaftliche Mittel, mit denen sie verhindert bzw. beantwortet werden kann. Die
Hochrangige Verteidigungspolitische Gruppe befasst sich mit den militärischen
Fähigkeiten, die zur Abschreckung vor der Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen und zur Abwehr der Androhung und des Einsatzes
derartiger Waffen sowie zum Schutz der Bevölkerung, des Territoriums und der
Streitkräfte der Bündnispartner benötigt werden.

164
TEIL II

KAPITEL 7

POLITIK UND ENTSCHEIDUNGSFINDUNG

Die wichtigsten Institutionen des Bündnisses für Politik und


Entscheidungsfindung

Konsensbildung und gemeinsame Entscheidungsfindung

Krisenbewältigung

Die militärische Dimension

Nuklearpolitik

Wirtschaftliche Zusammenarbeit

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit


POLITIK UND ENTSCHEIDUNGSFINDUNG
DIE WICHTIGSTEN INSTITUTIONEN DES BÜNDNISSES
FÜR POLITIK UND ENTSCHEIDUNGSFINDUNG

Der Nordatlantikrat
Der Nordatlantikrat (NAC) verfügt über wirksame politische Autorität und
Entscheidungsbefugnis. Er besteht aus Ständigen Vertretern aller Mitglied-
staaten und tritt mindestens einmal wöchentlich zusammen. Der Rat tagt auch
auf höherer Ebene unter Einbeziehung der Außenminister, Verteidigungsmini-
ster oder Staats- und Regierungschefs, seine Autorität und Entscheidungsbe-
fugnisse besitzen jedoch unabhängig von der Ebene, auf der er zusammentritt,
gleichen Stellenwert und gleiche Gültigkeit. Der Rat findet große Beachtung in
der Öffentlichkeit. Er veröffentlicht Erklärungen und Kommuniqués zur Darle-
gung der Grundsätze und Entscheidungen des Bündnisses für die Öffentlich-
keit und die Regierungen von Staaten, die nicht der NATO angehören.

Der Rat ist das einzige Organ der Allianz, dessen Autorität explizit auf den
Nordatlantik-Vertrag zurückgeht. Der Rat selbst wurde im Vertrag mit der
Errichtung nachgeordneter Stellen betraut. Seither wurde eine Vielzahl von
Ausschüssen und Planungsgruppen geschaffen, die die Arbeit des Rates
unterstützen oder Verantwortung für spezifische Bereiche wie die Verteidi-
gungsplanung, die Nuklearplanung und militärische Angelegenheiten tragen.

Der Rat bietet somit ein besonderes Forum für die weit reichende Kon-
sultation zwischen den Regierungen der Mitgliedstaaten zu allen Fragen, die
ihre Sicherheit betreffen, und bildet das wichtigste Entscheidungsgremium der
NATO. Alle NATO-Mitgliedstaaten können ihre Ansichten im Rat gleichberech-
tigt zum Ausdruck bringen. Entscheidungen sind Ausdruck des gemeinsamen
und einstimmigen Willens der Regierungen der Mitgliedstaaten. Alle Regierun-
gen der Mitgliedstaaten sind an der im Rat oder in dessen Auftrag festgelegten
Politik beteiligt und tragen gemeinsam den Konsens, der die Grundlage für die
Entscheidungen bildet.

Jede Regierung ist im Rat durch einen Ständigen Vertreter im Botschaf-


terrang vertreten. Die einzelnen Ständigen Vertreter werden durch einen poli-
tischen und militärischen Stab oder eine NATO-Vertretung unterschiedlicher
Größe unterstützt.

Ratstreffen dieses Formats werden häufig auch als „Ständiger Rat”


bezeichnet. Zweimal jährlich - zuweilen auch häufiger - tritt der Rat auf Mini-
167
sterebene zusammen. Dabei wird jede Nation durch ihren Außenminister ver-
treten. Es finden auch Ratstreffen auf Ebene der Verteidigungsminister statt.
Gipfeltreffen unter Teilnahme der Staats- und Regierungschefs finden zur
Behandlung besonders wichtiger Angelegenheiten oder an zukunftsweisenden
Punkten in der Entwicklung der Sicherheitspolitik des Bündnisses statt.
Normalerweise tritt der Rat mindestens einmal wöchentlich zusammen; im
Bedarfsfall kann er jedoch auch kurzfristig einberufen werden. Den Vorsitz
führt der NATO-Generalsekretär oder, in dessen Abwesenheit, sein Stellvertre-
ter. Der dienstälteste Botschafter oder Ständige Vertreter im Rat trägt den Titel
des Doyen des Rates. Der Doyen übernimmt vorwiegend zeremonielle Aufga-
ben, kann jedoch auch für Funktionen des Vorsitzes in Anspruch genommen
werden, z. B. bei der Einberufung von Sitzungen und Leitung von Gesprächen
bei der Wahl eines neuen Generalsekretärs. Bei Ministertreffen der Außenmi-
nister übernimmt der Außenminister eines Landes die Funktion des Ehrenprä-
sidenten. Diese Position wird jährlich turnusmäßig in der Reihenfolge des eng-
lischen Alphabets von einem anderen Land übernommen. Die Rangordnung
im Ständigen Rat basiert auf dem Dienstalter; bei Sitzungen des Rats auf jeder
Ebene basiert die Sitzordnung der Ständigen Vertreter jedoch auf der Natio-
nalität entsprechend der Reihenfolge des englischen Alphabets. Das gleiche
Verfahren findet in der gesamten NATO-Ausschussstruktur Anwendung.
Die im Rahmen der Ratssitzungen besprochenen Angelegenheiten und
gefassten Entscheidungen erstrecken sich auf das gesamte Spektrum der
NATO-Aktivitäten und beruhen häufig auf den auf Anforderung des Rats von
nachgeordneten Ausschüssen erarbeiteten Berichten und Empfehlungen.
Auch jeder der nationalen Vertreter oder der Generalsekretär können Themen
einbringen. Die Ständigen Vertreter handeln auf Anweisung ihrer Regierungen;
sie unterrichten ihre Kollegen am runden Tisch über die Auffassungen und poli-
tischen Entscheidungen ihrer Regierungen und geben entsprechende
Erklärungen ab. Umgekehrt berichten sie den jeweiligen nationalen Behörden
über die Auffassungen und Positionen anderer Regierungen, unterrichten sie
über neue Entwicklungen und halten sie über Entwicklungen bei der Konsens-
bildung zu wichtigen Angelegenheiten oder Bereichen, in denen die nationalen
Positionen auseinandergehen, auf dem Laufenden.
Beim Treffen der Entscheidungen werden Maßnahmen auf der Grundlage
der Einstimmigkeit und allgemeinen Übereinstimmung vereinbart. Es gibt keine
Abstimmungen oder Mehrheitsentscheidungen. Jede im Rat oder in einem der
nachgeordneten Ausschüsse vertretene Nation behält ihre volle Souveränität
und Verantwortlichkeit für die eigenen Entscheidungen.
Die Arbeit des Rates wird durch nachgeordnete Ausschüsse mit Zustän-
digkeit für spezifische politische Bereiche vorbereitet. Ein Großteil dieser Arbeit
erfolgt unter Mitwirkung des Hochrangigen Politischen Ausschusses (SPC),

168
der sich aus den Stellvertretenden Ständigen Vertretern zusammensetzt und je
nach Thematik gelegentlich durch einschlägige nationale Experten verstärkt
wird. In diesen Fällen trägt er die Bezeichnung SPC(R). Der Hochrangige Poli-
tische Ausschuss ist insbesondere für die Erstellung eines Großteils der vom
Rat veröffentlichen Erklärungen oder Kommuniqués zuständig. Er tritt im Vor-
feld der Ministertreffen zusammen, um die entsprechenden Texte zur Billigung
durch den Rat vorzubereiten. Andere Aspekte der politischen Arbeit können
durch den regulären Politischen Ausschuss behandelt werden, der sich aus
politischen Beratern aus den nationalen Delegationen zusammensetzt.
Wenn der Rat auf Ebene der Verteidigungsminister zusammentritt oder
verteidigungspolitische Angelegenheiten und Fragen der Verteidigungsstrate-
gie behandelt, können andere hochrangige Ausschüsse wie beispielsweise die
Exekutivarbeitsgruppe als Hauptberatergremien hinzugezogen werden. Wenn
Finanzangelegenheiten auf der Tagesordnung des Rats stehen, ist - je nach
Sachlage - der Oberausschuss Ressourcen, der Ausschuss Zivil- bzw. Militär-
haushalt oder der Infrastrukturausschuss für die Vorbereitung der Ratsarbeit
zuständig. Je nach erörtertem Thema übernimmt der für den entsprechenden
Bereich zuständige Oberausschuss die Federführung bei der Vorbereitung der
Ratstreffen und Nachbereitung der Ratsentscheidungen.
Das Ratssekretariat wird von den entsprechenden Abteilungen und
Dienststellen des Internationalen Stabs und insbesondere vom Exekutivsekre-
tariat gestellt, das eine Koordinierungsfunktion bei der Sicherstellung der Aus-
führung der Aufträge des Rats und der Protokollierung und Verbreitung seiner
Entscheidungen übernimmt. Der Exekutivsekretär fungiert gleichzeitig als
Sekretär des Rats.

Der Verteidigungsplanungsausschuss
Der Verteidigungsplanungsausschuss setzt sich üblicherweise aus den
Ständigen Vertretern zusammen, tagt jedoch mindestens zweimal jährlich
auch auf Ebene der Verteidigungsminister und behandelt einen Großteil der
verteidigungspolitischen Angelegenheiten und Themen im Zusammenhang mit
der kollektiven Verteidigungsplanung. Mit Ausnahme von Frankreich sind alle
Mitgliedstaaten in diesem Forum vertreten. Der Verteidigungsplanungsaus-
schuss erarbeitet Richtlinien für die NATO-Militärbehörden und verfügt in sei-
nem Zuständigkeitsbereich über die gleichen Aufgaben und Attribute und die
gleiche Vollmacht wie der Rat in dessen Verantwortungsbereich.
Die Arbeit des Verteidigungsplanungsausschusses wird durch eine Reihe
nachgeordneter Ausschüsse mit spezifischen Zuständigkeiten vorbereitet, ins-
besondere handelt es sich hierbei um den Ausschuss Verteidigungsüberprü-
fung, der den Streitkräfteplanungsprozess innerhalb der NATO beaufsichtigt
169
und andere Angelegenheiten im Zusammenhang mit der Integrierten Militär-
struktur überprüft. Ebenso wie der Rat betraut der Verteidigungsplanungsaus-
schuss den Oberausschuss des entsprechenden Zuständigkeitsbereichs mit
der Vor- und Nachbereitung seiner Entscheidungen.

Die Nukleare Planungsgruppe

Die Verteidigungsminister der im Verteidigungsplanungsausschuss der


NATO vertretenen Mitgliedstaaten treffen sich in regelmäßigen Abständen im
Rahmen der Nuklearen Planungsgruppe (NPG), wo sie spezifische politische
Fragen im Zusammenhang mit den Nuklearstreitkräften erörtern. Diese
Gespräche decken ein breites Themenspektrum im Bereich der Nuklearpolitik
ab, so u. a. die Sicherheit und Durchhaltefähigkeit von Nuklearwaffen, Kom-
munikations- und Informationssysteme, Stationierungsfragen und allgemei-
nere Fragen von gemeinsamem Interesse wie nukleare Rüstungskontrolle und
Verbreitung von Nuklearwaffen. Die Nuklearpolitik des Bündnisses wird stän-
dig geprüft; Entscheidungen zu ihrer Änderung oder Anpassung an neue Ent-
wicklungen und zur Aktualisierung und Anpassung der Planungs- und Konsul-
tationsverfahren werden gemeinsam getroffen.

Die Arbeit der Nuklearen Planungsgruppe wird durch eine NPG-Stabs-


gruppe vorbereitet, die sich aus Mitgliedern der nationalen Delegationen der
NPG-Teilnehmerstaaten zusammensetzt. Die Stabsgruppe führt die Detailar-
beiten für die Ständigen Vertreter in der NPG durch. Sie tritt regelmäßig einmal
wöchentlich sowie bei Bedarf zusammen.

Die Hochrangige NPG (HLG = High Level Group) wurde als oberstes
Beratungsgremium der NPG für Fragen der Nuklearpolitik und Planungsange-
legenheiten eingerichtet. 1998/1999 übernahm die HLG zusätzlich zu ihrem
ursprünglichen Aufgabengebiet die Funktionen und Zuständigkeiten der dama-
ligen Hochrangigen Gruppe für Nuklearwaffensicherheit (SLWPG), die für die
Sicherheit und Durchhaltefähigkeit von Nuklearwaffen zuständig war. Den Vor-
sitz der HLG haben die Vereinigten Staaten; sie setzt sich aus nationalen Poli-
tikern und Experten zusammen. Die HLG tagt mehrmals im Jahr zur Erörterung
von Fragen im Zusammenhang mit der NATO-Nuklearpolitik und -planung
sowie dem entsprechenden Streitkräftedispositiv sowie der Sicherheit und
Durchhaltefähigkeit von Nuklearwaffen.

170
KONSENSBILDUNG UND GEMEINSAME
ENTSCHEIDUNGSFINDUNG
Formulierung und Umsetzung der Politik in einem Bündnis unabhängiger
souveräner Staaten setzen voraus, dass die Regierungen aller Mitgliedstaaten
über die Politik und die Absichten ihrer Partner sowie die ihnen zugrunde lie-
genden Überlegungen umfassend unterrichtet sind. Daher müssen regel-
mäßige politische Beratungen möglichst im Rahmen der Entscheidungsfin-
dung stattfinden, d. h., noch bevor die einzelnen Staaten ihre Entscheidungen
getroffen haben.

Systematische politische Konsultationen wurden in der NATO auf der


ersten Ratstagung im September 1949 unmittelbar nach Inkrafttreten des Nor-
datlantikvertrags aufgenommen. Seitdem werden sie kontinuierlich verstärkt
und neuen Entwicklungen angepasst. Wichtigstes Forum für politische Kon-
sultationen ist nach wie vor der Rat. Auf diesen Tagungen wird weitestgehend
auf Formalismus verzichtet; die Diskussionen sind offen und direkt. Dem
Generalsekretär kommt in seiner Eigenschaft als Ratsvorsitzender eine
wesentliche Rolle bei den Beratungen zu; er ist wichtigster Vertreter und Spre-
cher des Rats bei den Verhandlungen mit den einzelnen Regierungen und in
der Öffentlichkeitsarbeit.

Regelmäßige Konsultationen finden auch in anderen Gremien statt, die


samt und sonders ihre Befugnisse vom Rat ableiten: der Politische Ausschuss
auf Führungs- und anderer Ebene, die Koordinierungsgruppe für Grundsatz-
fragen, Regionale Expertengruppen, Politische Ad-hoc-Arbeitsgruppen, die
Beratergruppe für Atlantische Politik und andere Sonderausschüsse tragen
alle unmittelbar zur Erleichterung der politischen Konsultation zwischen den
Regierungen der Mitgliedstaaten bei. Wie dem Rat stehen ihnen ein dem
NATO-Generalsekretär verantwortlicher Internationaler Stab und ein Interna-
tionaler Militärstab zur Seite, der einem Direktor untersteht und über diesen die
Tätigkeit des Militärausschusses unterstützen soll.

Politische Konsultationen zwischen den Bündnispartnern beschränken


sich nicht allein auf das Geschehen innerhalb des NATO-Vertragsgebiets.
Auch die Entwicklung der Lage außerhalb dieses Gebiets hat zunehmend Aus-
wirkungen auf das Bündnis und steht deshalb auf der Tagesordnung des Rats
und der ihm nachgestellten Ausschüsse. Das Konsultationsinstrumentarium
der NATO steht jederzeit zur Verfügung und wird von den Mitgliedstaaten in
solchen Fällen ausgiebig genutzt, selbst wenn die NATO als Bündnis mögli-
cherweise nicht direkt betroffen ist. Im Rahmen gemeinsamer Beratungen kön-
nen die Bündnispartner schon frühzeitig die Bereiche bestimmen, in denen im
Interesse von Sicherheit und Stabilität gegebenenfalls koordinierte Maßnah-
men getroffen werden müssen.
171
Andererseits lässt sich die Notwendigkeit einer Konsultation nicht allein
auf politische Angelegenheiten beschränken. Auch in zahlreichen anderen
Bereichen finden umfassende Beratungen statt. Dabei handelt es sich um
einen kontinuierlichen, sowohl auf informeller als auch formeller Ebene ablau-
fenden Prozess, der aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft der nationalen
Vertretungen des Bündnisses im selben Hauptquartier kaum Verzögerungen
oder Störungen erfährt. Bei Bedarf kann in besonders wichtigen oder dringen-
den Angelegenheiten unter Beteiligung der Vertreter aller betroffenen Regie-
rungen kurzfristig intensive Arbeit geleistet werden.

Die Konsultation innerhalb des Bündnisses hat vielerlei Formen. Generell


bedeutet sie den einfachen Austausch von Informationen und Meinungen. Auf
einer anderen Ebene umfasst sie die Bekanntgabe von Maßnahmen oder Ent-
scheidungen, die von den Regierungen bereits getroffen wurden bzw. deren
Umsetzung ansteht und die die Interessen der anderen Bündnispartner mittel-
oder unmittelbar berühren. Aber auch eine Ankündigung durch die Regierun-
gen über künftig zu treffende Maßnahmen oder Entscheidungen kann Gegen-
stand der Beratungen sein, um damit die Möglichkeit einzuräumen, diese von
anderen bestätigen oder kommentieren zu lassen. Des weiteren kann sich die
Konsultation auf Diskussionen erstrecken, die zu dem Zweck geführt werden,
einen Konsens über die einzuschlagenden Politik oder der zu treffenden
Begleitmaßnahmen zu erzielen. Schließlich soll sie es den Mitgliedstaaten
ermöglichen, allseits annehmbare Vereinbarungen zu gemeinsamen Entschei-
dungen oder Vorgehensweisen des Bündnisses als Ganzes herbeizuführen.

Regelmäßige Konsultationen zwischen den Partnerstaaten über einschlä-


gige politische Fragen finden auch im Rahmen des Euro-Atlantischen Partner-
schaftsrats (EAPR) sowie mit Russland in erster Linie über den Ständigen
Gemeinsamen NATO-Russland-Rat (NRR), mit der Ukraine über die NATO-
Ukraine-Kommission (NUK) und mit Teilnehmern im Mittelmeerdialog der
NATO über die NATO-Kooperationsgruppe Mittelmeer statt. Als Grundsatz für
die Konsultationen in diesen Gremien dient die seit Langem bei Beratungen
innerhalb des Bündnisses selbst geübte Praxis mit der gleichen Offenheit und
kooperativen Einstellung. Die Aufgaben dieser Institutionen werden in den ent-
sprechenden Kapiteln ausführlicher erörtert. Schließlich sind Konsultationen
der NATO mit jedem aktiven Teilnehmer in der Partnerschaft für den Frieden
vorgesehen, wenn der jeweilige Partner seine territoriale Integrität, politische
Unabhängigkeit oder Sicherheit unmittelbar bedroht sieht.

Indem sie den Prozess der Entscheidungsfindung von Konsens und Ein-
stimmigkeit abhängig machen, berücksichtigen die Bündnispartner die Erfah-
rungen und Auffassungen der einzelnen Staaten und machen dabei gleichzei-
tig von dem Instrumentarium und den Verfahren Gebrauch, die gemeinsames,
schnelles und entschlossenes Handeln ermöglichen, wenn es die Umstände

172
erfordern. Die Praxis des täglichen Informationsaustauschs und der ständigen
Konsultation stellt sicher, dass die Regierungen kurzfristig zusammenkommen
können, wann immer dies erforderlich wird, oft in Kenntnis der jeweiligen
Standpunkte, um eine gemeinsame Politik zu vereinbaren. Gegebenenfalls
werden Anstrengungen zur Angleichung unterschiedlicher Standpunkte unter-
nommen, damit gemeinsame Maßnahmen mit der ganzen Autorität der Ent-
scheidungen und Geschlossenheit der Regierungen der Mitgliedstaaten ver-
treten werden können. Wenn solche Entscheidungen getroffen wurden,
drücken sie den gemeinsamen Willen der beteiligten Staaten aus, sie unein-
geschränkt umzusetzen. Entscheidungen, die politisch problematisch sein
können oder in Bezug auf die Mittelzuweisung mit anderen Projekten konkur-
rieren, erhalten so mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit.

Alle NATO-Mitgliedstaaten nehmen in vollem Umfang an der politischen


Ebene der Kooperation innerhalb des Bündnisses teil und bekennen sich glei-
chermaßen zu den Bestimmungen des Nordatlantikvertrags, nicht zuletzt zur
gegenseitigen Verpflichtung gemäß Artikel 5, der die Unteilbarkeit ihrer Sicher-
heit symbolisiert, nämlich einen Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen
als Angriff gegen alle anzusehen.

Die Art und Weise, in der sich das Bündnis entwickelt hat, ist dennoch
Garant dafür, dass unterschiedlichen Bedürfnissen und politischen Ansätzen
der Mitgliedstaaten im Rahmen der Allianz Rechnung getragen werden kann.
Diese Flexibilität zeigt sich auf verschiedenste Weise. In manchen Fällen kön-
nen sich Meinungsunterschiede weitgehend auf Verfahrensfragen beschrän-
ken und ohne Weiteres geklärt werden. Island verfügt beispielsweise nicht
über Streitkräfte und ist deshalb in den militärischen Gremien der NATO durch
einen zivilen Beamten vertreten, wenn es dies wünscht. In anderen Fällen kön-
nen diese Unterschiede schon gravierender sein. Frankreich, ein Gründungs-
mitglied der Allianz von 1949, hat sich 1966 aus der integrierten Militärorgani-
sation der NATO zurückgezogen, ist aber nach wie vor Vollmitglied in ihren
politischen Strukturen. Spanien trat dem Bündnis 1982 bei, blieb aber ent-
sprechend einem 1986 erfolgten Volksentscheid außerhalb seiner integrierten
Militärstruktur.

Auf dem Madrider Gipfeltreffen von 1997 bekundete Spanien seine Bereit-
schaft zur uneingeschränkten Beteiligung an der sich neu abzeichnenden
Kommandostruktur der NATO, sobald diese endgültig vereinbart sein würde.
Im Dezember 1997 wurde die Einrichtung einer neuen Kommandostruktur als
Ganzes vereinbart; dabei ging es im Besonderen um Art, Zahl und Standorte
der militärischen Hauptquartiere. In ihren Kommuniqués am Ende des Jahres
begrüßten die NATO-Außen- und -Verteidigungsminister die Ankündigung
Spaniens, der neuen Militärorganisation beizutreten und an der soeben ver-
einbarten neuen Kommandostruktur mitzuwirken.
173
Unterschiede zwischen den NATO-Mitgliedstaaten können sich auch aus
ihrer geographischen, politischen, militärischen oder verfassungsrechtlichen
Lage ergeben. Die Teilnahme Norwegens und Dänemarks an den militärischen
Dispositionen der NATO muss beispielsweise mit dem innerstaatlichen Recht
vereinbar sein, das eine Stationierung von Nuklearwaffen und fremden Streit-
kräften auf ihrem Hoheitsgebiet in Friedenszeiten nicht zulässt. Auch können
auf regionaler Ebene getroffene militärische Vereinbarungen allein die Streit-
kräfte der unmittelbar betroffenen Staaten oder diejenigen Streitkräfte ange-
hen, die speziell für Einsätze in dem jeweiligen Operationsgebiet ausgerüstet
sind. Dies gilt beispielsweise für die von den einzelnen Staaten für die ACE-
Eingreifkräfte beigestellten Streitkräfte und die Ständigen Einsatzverbände der
NATO.

KRISENBEWÄLTIGUNG
Die der Krisenbewältigung von den NATO-Mitgliedstaaten beigemessene
Bedeutung geht aus dem 1999 veröffentlichten Strategischen Konzept hervor,
in dem die Krisenbewältigung als eine der grundlegenden Sicherheitsaufgaben
des Bündnisses definiert wird. Diesem Strategischen Konzept zufolge steht die
NATO zur Erhöhung von Sicherheit und Stabilität im euro-atlantischen Raum
bereit, von Fall zu Fall und im Konsens übereinstimmend mit Artikel 7 des
Washingtoner Vertrags zu wirksamer Konfliktverhütung beizutragen und sich
bei der Krisenbewältigung u. a. durch Krisenreaktionseinsätze aktiv einzuset-
zen. Die Aufrechterhaltung einer Fähigkeit zur erfolgreichen Krisenbewältigung
ist integraler Bestandteil des Bündniskonzepts zur Erhaltung des Friedens und
Stärkung von Sicherheit und Stabilität im euro-atlantischen Raum.
Angesichts der völlig anderen Risiken, denen sich die NATO seit dem
Ende des Kalten Krieges gegenübersieht, wurde die Krisenbewältigungspolitik
des Bündnisses ebenfalls einer Anpassung unterzogen. Sie beruht auf drei
einander ergänzenden Elementen: Dialog, Zusammenarbeit mit anderen Staa-
ten und Erhaltung der kollektiven Verteidigungsfähigkeit der NATO. Diese Ele-
mente sollen in ihrer Gesamtheit gewährleisten, dass die euro-atlantische
Sicherheit gefährdende Krisen verhindert oder mit friedlichen Mitteln beigelegt
werden können.
Die Konsultation zwischen NATO-Mitgliedstaaten spielt eine wesentliche
Rolle bei der Krisenbewältigung. Ihr fällt in Spannungs- und Krisenzeiten
besondere Bedeutung zu. In diesen Situationen kommt es im Interesse schnel-
ler einvernehmlicher Entscheidungen über die bei politischen, militärischen
und zivilen Notfällen zu ergreifenden Maßnahmen auf die sofortige und stän-
dige Konsultation zwischen den Regierungen der Mitgliedstaaten an. Wichtig-
ste NATO-Organe für die in diesem Kontext geforderte intensive Konsultation

174
sind der Rat und der Verteidigungsplanungsausschuss, die von der Koordinie-
rungsgruppe für Grundsatzfragen, dem Politischen Ausschuss, dem Militäraus-
schuss und dem Oberausschuss Zivile Notfallplanung unterstützt werden. Bei
Bedarf können auch andere NATO-Ausschüsse eingeschaltet werden.

Die dadurch zum Tragen kommenden Arbeitsweisen und Verfahren bilden


das Instrumentarium für das Krisenmanagement des Bündnisses. Die zur
Unterstützung dieses Prozesses benötigten Hilfsmittel, wie z. B. Fernmelde-
einrichtungen, werden vom rund um die Uhr besetzten Lagezentrum der NATO
bereitgestellt. In regelmäßigen Abständen werden in Zusammenarbeit mit den
Regierungen der Mitgliedstaaten und den Strategischen NATO-Befehlshabern
Übungen zur Erprobung und Entwicklung von Krisenbewältigungsverfahren
durchgeführt. Vorkehrungen, Verfahren und Einrichtungen zur Krisenbewälti-
gung sowie Vorbereitung und Durchführung einschlägiger Übungen werden
genauso wie in Zusammenarbeit mit Partnerstaaten durchgeführte Krisenbe-
wältigungsmaßnahmen vom Ausschuss für Einsatz und Übungen koordiniert.

In Anbetracht des wichtigen Beitrags, den Partnerstaaten auf diesem


Gebiet leisten können, ist die Krisenbewältigung auch einer der vereinbarten
Tätigkeitsbereiche im Rahmen des PfP-Arbeitsplans und wurde auch in die
Individuellen Partnerschaftsprogramme aufgenommen. Zu den einschlägigen
Aktivitäten gehören Vorträge und Beratungen, Expertenbesuche, Lehrgänge
zur Krisenbewältigung, die Beteiligung von Partnerstaaten an der jährlichen
NATO-weiten Krisenbewältigungsübung und die Erarbeitung allgemeiner Kri-
senbewältigungsdokumente für die Partnerstaaten. Krisenbewältigung wird
auch in der Grundakte über gemeinsame Beziehungen, Zusammenarbeit und
Sicherheit zwischen der NATO und der Russischen Föderation sowie in der
Charta über eine ausgeprägte Partnerschaft zwischen der NATO und der
Ukraine als ein Betätigungsfeld für Konsultation und Kooperation ausgewiesen
(siehe Kapitel 3). Auch im Kontext des Mittelmeerdialogs wird das Thema dis-
kutiert.

DIE MILITÄRISCHE DIMENSION


Vor dem Hintergrund des aktuellen politischen und strategischen Umfelds
in Europa hängt der Erfolg der NATO bei der Friedenserhaltung und Konflikt-
verhütung mehr denn je von einer wirksamen vorbeugenden Diplomatie und
der erfolgreichen Bewältigung sicherheitsgefährdender Krisen ab. Die politi-
schen, wirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen Faktoren von Sicher-
heit und Stabilität gewinnen deshalb zunehmend an Bedeutung.

Dennoch bleibt die militärische Dimension des Bündnisses ein für die
Erhaltung der Stabilität in Europa und für die Krisenbewältigung unverzichtba-
175
rer Faktor. Die Umstrukturierung der Streitkräfte des Bündnisses seit dem
Ende des Kalten Krieges ermöglicht es der NATO nunmehr, auf ein wesentlich
breiteres Spektrum von Eventualfällen zu reagieren. Die Aufrechterhaltung
eines angemessenen Militärpotenzials und die unmissverständliche Bereit-
schaft, gemeinsam zur kollektiven Verteidigung beizutragen, bleiben für die
sicherheitspolitischen Ziele des Bündnisses weiter von zentraler Bedeutung.
Letztlich soll dieses Potenzial zusammen mit der Solidarität auf politischer
Ebene jeden Versuch zur Ausübung von Druck und zur Einschüchterung unter-
binden und gewährleisten, dass eine militärische Aggression gegen das Bünd-
nis niemals als eine auch nur im Ansatz erfolgversprechende Option angese-
hen werden kann. Damit werden die Sicherheit und territoriale Integrität der
Mitgliedstaaten sowie der Schutz Europas als Ganzes vor den Folgen, die aus
jeder beliebigen Bedrohung des Bündnisses entstehen würden, gewährleistet.

Der Rahmen für den Verteidigungsplanungsprozess der NATO ergibt sich


aus den grundlegenden Prinzipien, die das Fundament der kollektiven Sicher-
heit bilden: politische Solidarität der Mitgliedstaaten, Förderung von Zusam-
menarbeit und starken Bindungen zwischen den Staaten in allen Bereichen,
die ihren gemeinsamen und individuellen Interessen dienen, gemeinsame
Übernahme der Aufgaben und Verantwortlichkeiten sowie Anerkennung
gegenseitiger Verpflichtungen und gemeinsames Engagement zur Aufrechter-
haltung angemessener Streitkräfte zur Unterstützung der Bündnisstrategie und
-politik.

Bei der Entscheidung über Größe und Art ihres Beitrags zur kollektiven
Verteidigung bleibt die volle Souveränität und Handlungsfreiheit der Mitglied-
staaten erhalten. Dennoch erfordert die Verteidigungsstruktur des Bündnisses,
dass die Mitgliedstaaten bei individuellen Entscheidungen die Gesamtbelange
des Bündnisses berücksichtigen. Sie folgen deshalb vereinbarten Verteidi-
gungsplanungsverfahren, die ihnen die Methoden und Instrumentarien an die
Hand geben, mit denen sie über die für die Umsetzung der Bündnispolitik erfor-
derlichen Streitkräfte entscheiden, nationale Verteidigungspläne koordinieren
und Streitkräfteplanungsziele festlegen können, die dem Interesse des Bünd-
nisses insgesamt entsprechen1. Der Planungsprozess bezieht zahlreiche Fak-
toren ein, unter anderem die sich verändernde politische Lage, Beurteilungen
der zur Erfüllung des Auftrags benötigten Streitkräfte durch die NATO-Befehls-
haber, technologische Entwicklungen, die Forderung nach einer gerechten
Aufteilung von Aufgaben, Risiken und Verantwortlichkeiten innerhalb des
Bündnisses und die jeweiligen wirtschaftlichen und finanziellen Möglichkeiten
der einzelnen Mitgliedstaaten. Der Prozess gewährleistet auf diese Weise eine

1 Frankreich nimmt nicht an der Streitkräfteplanung teil.

176
gemeinschaftliche Prüfung aller relevanten Erwägungen mit dem Ziel, die für
die Verteidigung verfügbaren nationalen Ressourcen optimal nutzen zu kön-
nen.

Eine enge Abstimmung zwischen den internationalen zivilen und militäri-


schen Stäben, den NATO-Militärbehörden und Regierungen wird im Rahmen
eines jährlichen Informationsaustauschs über nationale Planungen erreicht.
Dieser Informationsaustausch ermöglicht es, die Absichten der einzelnen Staa-
ten an den Gesamterfordernissen der NATO zu messen und gegebenenfalls
im Lichte neuer politischer Ministerrichtlinien, des Modernisierungsbedarfs
sowie geänderter Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Streitkräfte selbst
neu zu überdenken. Alle diese Aspekte werden ständig überprüft und in jeder
Phase der Verteidigungsplanung genauestens untersucht.

Als Teil der Anpassung des Bündnisses wurde eine Überprüfung seiner
Verteidigungsplanung vorgenommen. Die daraus gezogenen Schlussfolgerun-
gen wurden von den Ministern im Juni 1997 bestätigt. Es wurde ein einzelner,
kohärenter und gestraffter Prozess geschaffen, der gewährleistet, dass die
NATO die zur Erfüllung des gesamten Aufgabenspektrums des Bündnisses
erforderliche Entwicklung von Streitkräften und Fähigkeiten fortsetzt. Dazu
gehört die Unterstützung von gegebenenfalls unter Leitung der Europäischen
Union im Kontext der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität
durchgeführten Operationen. Im gleichen Zusammenhang ermöglicht dieser
Prozess die Bereitstellung von Unterstützung innerhalb der Allianz für alle
europäischen Bündnispartner im Hinblick auf deren Planungsmaßnahmen zur
Durchführung von Operationen unter Leitung der EU.

Ausgangspunkt für die Verteidigungsplanung war das 1991 angenom-


mene Strategische Konzept, das die Grundzüge der Bündnisziele und die Mit-
tel zu ihrer Umsetzung vorgibt. Das ursprüngliche Strategische Konzept wurde
durch das neue Strategische Konzept des Bündnisses ersetzt, das anlässlich
des Washingtoner Gipfeltreffens im April 1999 von den NATO-Staats- und
Regierungschefs gebilligt wurde. Detailliertere Vorgaben werden alle zwei
Jahre von den Verteidigungsministern in Form der „Ministerrichtlinien” heraus-
gegeben. Diese enthalten Weisungen für die Verteidigungsplanung im Allge-
meinen und die Streitkräfteplanung im Besonderen. Sie erstrecken sich auf die
politischen, wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Faktoren, die
sich auf die Entwicklung der Streitkräfte und Fähigkeiten der Bündnispartner
auswirken könnten, und bestimmen die Prioritäten und Belange, die in erster
Linie von den NATO-Militärbehörden bei der Konzipierung ihrer Streitkräfte-
ziele und in zweiter Linie von den Mitgliedstaaten bei ihrer eigenen Planung
berücksichtigt werden müssen. Sie befassen sich mit der Planung für die
Streitkräfte und Fähigkeiten, die sowohl für die kollektive Verteidigung als auch
für Eventualfälle, die nicht unter die Bestimmungen von Artikel 5 des
177
Washingtoner Vertrags2 fallen, erforderlich sind. Sie enthalten darüber hinaus
gegebenenfalls Richtlinien für die Zusammenarbeit mit anderen Organisatio-
nen. Als Ergebnis der 1997 durchgeführten Überprüfung des Verteidigungs-
planungsprozesses enthalten die Ministerrichtlinien nunmehr auch politische
Leitlinien der Westeuropäischen Union (WEU), mit denen der wahrscheinliche
Umfang von unter europäischer Leitung geführten Operationen definiert wird.

Unter Zugrundelegung dieser Richtlinien werden konkrete Planungsziele


für die Streitkräfte der einzelnen Mitgliedstaaten ausgearbeitet. Diese als
„Streitkräfteplanungsziele” bekannten Vorgaben gelten normalerweise für
einen Zeitraum von sechs Jahren, können in bestimmen Fällen aber auch wei-
ter in die Zukunft reichen. Wie die Richtlinien der Verteidigungsminister werden
auch sie alle zwei Jahre auf den neuesten Stand gebracht.

Die Verteidigungsplanung des Bündnisses ist Gegenstand einer jährlichen


Überprüfung; in diesem Zusammenhang erteilen die Verteidigungsminister ihre
Richtlinien in Form einer „Jährlichen Verteidigungsüberprüfung”. Im Zuge der
Beantwortung eines jährlich herausgegebenen „Fragebogens zur Verteidi-
gungsplanung” erstellen die Regierungen der Mitgliedstaaten ihre Streitkräfte-
pläne und Verteidigungsetats für den von der Überprüfung erfassten Fünfjah-
reszeitraum und legen diese dem Bündnis vor. Die jährliche
Verteidigungsüberprüfung soll den Beitrag der Mitgliedstaaten zur gemeinsa-
men Verteidigung vor dem Hintergrund ihrer Möglichkeiten und Grenzen unter
Berücksichtigung der ihnen vorgegebenen Streitkräfteziele festlegen. Sie führt
zur Erstellung eines gemeinsamen NATO-Streitkräfteplans, der die Grundlage
für die Verteidigungsplanung der NATO über einen Zeitraum von fünf Jahren
bildet.

Die Antworten der einzelnen Mitgliedstaaten auf den Fragebogen zur Ver-
teidigungsplanung werden zeitgleich durch den Internationalen Stab (IS) und
die NATO-Militärbehörden geprüft. Der Internationale Stab erstellt für jeden
Mitgliedstaat einen Einzelbericht in Entwurfsform. In diesen Berichten werden
alle bestehenden Differenzen zwischen den NATO-Streitkräftezielen und den
Plänen der einzelnen Mitgliedstaaten detailliert dargelegt, einschließlich Anga-
ben darüber, inwieweit die nationalen Pläne mit den Erfordernissen für EU-
geführte Operationen in Einklang stehen. Des Weiteren wird dargestellt, ob die
einzelnen Länder ihren bestehenden streitkräftebezogenen Verpflichtungen im
laufenden Jahr nachgekommen sind bzw. ob erwartet wird, dass sie die

2 Artikel 5 des Nordatlantikvertrags behandelt in erster Linie die Abschreckung vor dem Einsatz von
Gewalt gegen die Mitglieder des Bündnisses und verkörpert das Prinzip, dass ein Angriff gegen
einen der Mitgliedstaaten als Angriff gegen alle Bündnismitglieder gewertet wird. Bündnisaktivitäten,
die nicht unter die Bestimmungen von Artikel 5 fallen, werden zusammenfassend als „nicht unter
Artikel 5 fallende Operationen” bezeichnet.

178
geplanten Ziele erreichen. Bestehende Engpässe werden erörtert und die
Bemühungen der einzelnen Staaten vor dem Hintergrund ihrer Möglichkeiten
und Grenzen beurteilt. Die als Entwurf vorliegenden Einzelberichte werden
durch Stellungnahmen der Obersten NATO-Befehlshaber ergänzt, die sich
schwerpunktmäßig mit den Fähigkeiten der Streitkräfte im Hinblick auf die ope-
rativen Erfordernisse und Aufgaben befassen.

Die Einzelberichte werden im Rahmen „multilateraler Untersuchungen”


geprüft. Dazu gehört auch eine Überprüfung des Umfangs, in dem die einzel-
nen Staaten ihren streitkräftebezogenen Verpflichtungen im laufenden Jahr
nachgekommen sind. Im Rahmen dieser Untersuchungen sollen vor allem
mögliche Differenzen zwischen den Streitkräfteplänen der einzelnen Länder
und den NATO-Streitkräftezielen oder -plänen ausgeräumt werden. Sie dienen
aber auch der Beurteilung des Umfangs, in dem die Pläne der betreffenden
Bündnisstaaten die Forderungen von EU-geführten Operationen unterstützen
und zur Abstimmung der Verteidigungspläne der einzelnen Mitgliedstaaten bei-
tragen könnten.

Auf der Grundlage der die jeweiligen Mitgliedstaaten betreffenden Einzel-


berichte und einer Stellungnahme des Militärausschusses wird ein Sammelbe-
richt erstellt und dem Verteidigungsplanungsausschuss vorgelegt. Dieser
Bericht enthält einen Vorschlag für einen NATO-Fünfjahres-Streitkräfteplan zur
Annahme durch die Verteidigungsminister und untersucht die Ausgewogen-
heit, Durchführbarkeit und Annehmbarkeit des Streitkräfteplans insgesamt.
Des Weiteren wird geprüft, ob die einzelnen Staaten ihren streitkräftebezoge-
nen Verpflichtungen im laufenden Jahr nachgekommen sind, und beurteilt,
inwieweit den in den Ministerrichtlinien niedergelegten Gesamtzielen und
besonderen Weisungen auch im Hinblick auf die Erfordernisse für EU-geführte
Operationen entsprochen wurde. Als Teil der Konsultationen im Bündnisrah-
men werden zusätzliche „außerplanmäßige” Konsultationen mit Bündnispart-
nern notwendig, wenn ein Land wichtige Änderungen an den von den Ministern
in der Verteidigungsüberprüfung und der Festsetzung der Streitkräfteziele
genehmigten Verpflichtungen und Plänen in Erwägung zieht. Solche Konsulta-
tionen finden auch dann statt, wenn der Zeitplan für nationale Entscheidungen
eine Prüfung dieser Änderungen in der nächsten Verteidigungsüberprüfung
nicht zulässt.

NUKLEARPOLITIK
Die Änderungen in der NATO-Nuklearstrategie und dem entsprechenden
Streitkräftedispositiv sind konkrete Beispiele für die vielen positiven Schritte,
die zur Anpassung an das neue Sicherheitsumfeld unternommen wurden. Die
seit dem Ende des Kalten Krieges erzielten bedeutenden Verbesserungen des
Sicherheitsumfelds haben es der NATO ermöglicht, ihre Abhängigkeit von
179
Nuklearstreitkräften drastisch zu verringern. Ihre Strategie ist zwar unverändert
die der Kriegsverhinderung, sie wird jedoch nicht mehr von der Möglichkeit
einer Eskalation unter Einsatz von Nuklearwaffen beherrscht.

Die Nuklearstreitkräfte der NATO tragen zum Erhalt von Frieden und Sta-
bilität in Europa bei, indem sie die Irrationalität eines großen Krieges in der
euro-atlantischen Region unterstreichen. Sie machen die Risiken einer
Aggression gegen die NATO auf eine Weise unkalkulierbar und untragbar, wie
dies mit konventionellen Kräften allein nicht möglich wäre. Darüber hinaus
schaffen sie Unsicherheit in den Ländern, die durch den angedrohten oder
tatsächlichen Einsatz von ABC-Waffen3 gegen die NATO möglicherweise einen
politischen oder militärischen Vorteil zu erlangen suchen. Dadurch, dass es zur
Förderung der Stabilität in Europa beiträgt, potenzielle Gegner entmutigt, einen
Einsatz von Massenvernichtungswaffen (MVW) in Erwägung zu ziehen und
damit zur Abschreckung vor einem solchen Einsatz beiträgt, dient das nukleare
Kräftedispositiv der NATO nicht nur den Interessen ihrer Bündnispartner, son-
dern auch denen ihrer Partnerstaaten und Europas insgesamt.

Die verringerte Abhängigkeit der NATO von Nuklearstreitkräften zeigt sich


im umfangreichen Abbau dieser Kräfte selbst. 1991 beschloss die NATO, die
Anzahl der den substrategischen4 Streitkräften in Europa zur Verfügung ste-
henden Waffen gegenüber der Anzahl während des Kalten Krieges um über 85
Prozent zu verringern. Daneben werden auch die den Bündnispartnern zur
Verfügung stehenden strategischen Streitkräfte reduziert.

Die einzigen in Europa noch verbliebenen bodengestützten Nuklearwaf-


fen der NATO in Europa sind Bomben für Flugzeuge mit dualer Einsatzfähig-
keit. Auch die Zahl dieser Waffen wurde bereits deutlich verringert; zudem
werden sie an entsprechend weniger Standorten unter hohen Sicherheitsvor-
kehrungen gelagert. Der Bereitschaftsgrad der für den Einsatz dieser Waffen
vorgesehenen Flugzeuge wurde nach und nach gesenkt; die konventionelle
Einsatzaufgabe rückt zunehmend in den Vordergrund. Keine einzige Nuklear-
waffe der NATO ist auf ein bestimmtes Land gerichtet.

3 Die Begriffe ABC (atomare, biologische und chemische Waffen) sowie MVW (Massenvernichtungs-
waffen) sind austauschbar.
4 Die Begriffe „strategisch” und „substrategisch” werden in manchen Staaten unterschiedlich inter-
pretiert. Strategische Nuklearwaffen werden in der Regel als Waffen „interkontinentaler” Reichweite
(über 5.500 Kilometer) definiert; in bestimmten Fällen können dazu jedoch auch ballistische Mittel-
streckenraketen geringerer Reichweite gehören. Der Begriff „substrategische” Nuklearwaffen wird in
NATO-Dokumenten bereits seit 1989 für Nuklearwaffen mittlerer und kurzer Reichweite verwendet;
heute bezieht er sich in erster Linie auf luftfahrzeuggestützte Waffen für NATO-Flugzeuge mit dua-
ler Einsatzfähigkeit sowie eine geringe Anzahl Trident-Gefechtsköpfe des Vereinigten Königreichs
mit neuen substrategischen Funktionen (alle sonstigen substrategischen Nuklearwaffen wurden aus
Europa abgezogen).

180
Nach Ansicht der Mitgliedstaaten können die Erfordernisse des Bündnis-
ses in abhersehbarer Zukunft mit diesem „substrategischen” Kräftedispositiv
erfüllt werden. Die NATO hat auch erklärt, dass eine Erweiterung des Bünd-
nisses keine Änderung ihrer Nuklearkonzeption notwendig machen wird. Die
NATO-Staaten haben keinerlei Absichten, Pläne oder Gründe, Nuklearwaffen
auf dem Territorium neuer Mitgliedstaaten zu stationieren. Sie sehen derzeit
und auch in Zukunft keine Notwendigkeit zur Änderung irgendwelcher Aspekte
der nuklearen Konzeption oder Politik der NATO.

Die durch das Nuklearpotenzial der NATO gewährleistete kollektive


Sicherheit gilt für alle Mitgliedstaaten und ist für jeden einzelnen von ihnen, der
sich andernfalls verwundbar fühlen könnte, ein Sicherheitsgarant. Die Präsenz
der in Europa stationierten und zur NATO abgestellten Nuklearstreitkräfte der
Vereinigten Staaten stellt ein wichtiges politisches und militärisches Bindeglied
zwischen den europäischen und den nordamerikanischen Bündnispartnern
dar. Gleichzeitig werden durch die Beteiligung der Nicht-Nuklearstaaten des
Bündnisses an der Nuklearkonzeption die Solidarität des Bündnisses, die
gemeinsame Verpflichtung der Mitgliedstaaten zur Wahrung ihrer Sicherheit
und die breite Fächerung der Lasten- und Risikoteilung im Bündnisrahmen
unter Beweis gestellt.

Die politische Aufsicht über das Nuklearpotenzial der NATO wird ebenfalls
von allen Mitgliedstaaten gemeinsam ausgeübt. Die Nukleare Planungsgruppe
der NATO (NPG) stellt ein Forum dar, in dem die Verteidigungsminister von
Nuklear- und Nicht-Nuklearstaaten des Bündnisses gleichermaßen an der Ent-
wicklung der Nuklearpolitik und an den Entscheidungen über das Nuklearpo-
tenzial der NATO mitwirken.

Weitere Informationen zur Rolle der NATO-Nuklearstreitkräfte im neuen


Sicherheitsumfeld und zu den Reduzierungen auf diesem Gebiet sind Kapitel 2
zu entnehmen.

WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT
Die Grundlage für die wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb des
Bündnisses liefert Artikel 2 des Nordatlantikvertrags, der besagt, dass die Mit-
gliedstaaten „bestrebt [sein werden], Gegensätze in ihrer internationalen Wirt-
schaftspolitik zu beseitigen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen
einzelnen oder allen Parteien zu fördern”. Der zur Förderung der Zusammen-
arbeit auf diesem Gebiet eingerichtete Wirtschaftsausschuss der NATO ist das
einzige Forum des Bündnisses, das sich ausschließlich mit Konsultationen
über wirtschaftliche Entwicklungen befasst, die sich unmittelbar auf die Sicher-
heitspolitik auswirken. Analysen und gemeinsame Beurteilungen sicherheitsre-
181
levanter wirtschaftlicher Entwicklungen sind Schlüsselelemente bei der Koor-
dinierung der Verteidigungsplanung des Bündnisses. Sie befassen sich bei-
spielsweise mit Vergleichen der Verteidigungsausgaben, Entwicklungen in der
Rüstungsindustrie, der Verfügbarkeit von Ressourcen für die Umsetzung von
Verteidigungsplänen und der Sicherung eines angemessenen Preis-Leistungs-
Verhältnisses in den Rüstungssektoren der nationalen Volkswirtschaften.

Grundlage der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in der Allianz ist die Fest-


stellung, dass politische Kooperation und wirtschaftlicher Konflikt sich nicht
miteinander vereinbaren lassen. Deshalb muss seitens der Mitglieder eine
echte Verpflichtung zur Zusammenarbeit auf wirtschaftlichem wie politischem
Gebiet bestehen, ebenso wie die Bereitschaft, sich in Fragen allgemeinen
Belangs auf der Grundlage gemeinsamer Interessen auseinanderzusetzen.

Die Mitgliedstaaten sind sich bewusst, dass in vielerlei Hinsicht die Ziel-
setzungen und Prinzipien von Artikel 2 des Nordatlantikvertrags auch von
anderen Organisationen und internationalen Gremien verfolgt und umgesetzt
werden, die sich speziell mit wirtschaftlicher Zusammenarbeit befassen. Die
NATO vermeidet daher alle unnötigen Überschneidungen mit Tätigkeiten, die
an anderer Stelle durchgeführt werden, und fördert dagegen die Zusammen-
arbeit zwischen den Mitgliedstaaten in allen Wirtschaftsfragen, die für das
Bündnis von besonderem Interesse sind. Dies gilt vor allem für die Bereiche
mit sicherheits- und verteidigungspolitischen Auswirkungen. Das Bündnis dient
somit als Forum zur Untersuchung unterschiedlicher und ineinandergreifender
Problembereiche auf politischem, militärischem und wirtschaftlichem Gebiet.
Darüber hinaus können in seinem Rahmen spezifische wirtschaftliche Maß-
nahmen zur Wahrung gemeinsamer bündnisweiter Interessen eingeleitet wer-
den.

Im Zusammenhang mit den Gesamtsicherheitsinteressen des Bündnisses


und in Übereinstimmung mit den sich wandelnden Prioritäten gilt es, eine Viel-
zahl von Wirtschaftsfragen zu berücksichtigen. Dazu gehören die Untersu-
chung von Verteidigungsausgaben und Haushaltstrends, die Umstrukturierung
der Rüstungsindustrien, die Beschäftigungslage in der Rüstungsindustrie
sowie die Planung der Verteidigungsausgaben und deren Vertretbarkeit und
Auswirkungen auf Umfang und Struktur der Streitkräfte.

Entsprechend den vereinbarten Arbeitsplänen konzentrierten sich die wirt-


schaftlichen Aktivitäten der NATO in Zusammenarbeit mit den Partnerstaaten
auf die Sicherheitsaspekte der wirtschaftlichen Entwicklungen, einschließlich
der Verteidigungshaushalte und der Verteidigungsausgaben sowie ihrer Bezie-
hung zur Wirtschaft und zur Neustrukturierung der Rüstungsindustrien. Fragen
der Rüstungswirtschaft nehmen auch im Maßnahmenkatalog des Euro-Atlan-
tischen Partnerschaftsrats (EAPR) für den Zeitraum von 2000 bis 2002 einen

182
herausragenden Platz ein. Der Maßnahmenkatalog befasst sich insbesondere
mit folgenden Themen:
• Ressourcenmanagement bei den Verteidigungsausgaben;
• Transparenz der Verteidigungs- und Haushaltsplanung;
• Übergang von der Wehrpflicht- zur Berufsarmee;
• Schließung militärischer Einrichtungen;
• Umstrukturierung der Rüstungsindustrien einschließlich Privatisie-
rung;
• regionale Angelegenheiten.
Es hat bereits ein fruchtbarer Dialog zwischen Bündnis- und Partnerstaa-
ten auf dem Gebiet der Verteidigungshaushaltsplanung stattgefunden, in dem
wichtige Themen wie Aufstellung des Verteidigungshaushalts, Kosten-Nutzen-
Analyse einer Reduzierung des Verteidigungspotenzials, Planung und Mana-
gement nationaler Rüstungsprogramme, Überwachung von Verteidigungs-
haushalten durch Parlamente, wirtschaftliche Aspekte beim Vergleich von
Wehrpflicht- und Berufsarmee sowie die Rolle der Privatwirtschaft im Verteidi-
gungssektor erörtert wurden.
Die wirtschaftlichen Aspekte in den Bereichen Verteidigungshaushaltspla-
nung und Verteidigungsausgaben bilden nach wie vor das zentrale Element
der Kooperation der NATO mit den Partnerstaaten. Insbesondere dürften die
von den NATO-Staaten unternommenen Bemühungen, bei der Verwaltung der
Verteidigungshaushalte wirtschaftliche Maßstäbe anzulegen, von herausra-
gender Relevanz sein. Beispiele für die Bereiche, in denen die NATO-Staaten
ihre Erfahrungen zur Verfügung stellen, sind u. a.:
• auf die Erfahrungen der Privatwirtschaft aufbauende neue Manage-
mentgrundsätze, die auf die Einrichtung von Rüstungsagenturen
abzielen, die die zuverlässige Lieferung von Sach- und Dienstleistun-
gen innerhalb des beschränkten Rahmens vorgegebener Haushalts-
mittel gewährleisten sollen,
• Erweiterung des Wettbewerbs auf dem Dienstleistungssektor in Form
von Auftragsvergabe, Markterkundung und externer Finanzierung;
• Verbesserung der Kostenbeschränkungsverfahren und der Neubeur-
teilung von Prioritäten im Kontext einer Verringerung verfügbarer Res-
sourcen.
Der wirtschaftlichen Zusammenarbeit kommt auch im Zusammenhang mit
der Neustrukturierung der Rüstungsindustrie Bedeutung zu. Insbesondere die
Umstellung der Rüstungsindustrien sowie die Umschulung ehemaligen Militär-
183
personals stellen Bereiche dar, die für die Konsultation und Kooperation zwi-
schen der NATO und Russland, aber auch zwischen der NATO und der
Ukraine von gegenseitigem Interesse sind.
Anders als spezialisierte Finanzinstitute verfügt die NATO weder über das
Mandat noch über die Mittel zur Finanzierung der Entwicklung von speziellen
Programmen für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Das Bündnis ist jedoch
bemüht, den Dialog und Erfahrungsaustausch mit den mit der Umsetzung der
Neustrukturierung befassten Experten der Partnerländer zu fördern.
Im Zuge dieser Zusammenarbeit wurde zunehmend deutlich, dass es kein
einheitliches Modell für die Umstrukturierung der Rüstungsindustrien gibt.
Ungeachtet gemeinsamer Probleme und Herausforderungen liegt es im Inter-
esse jedes einzelnen Landes, seine eigene spezifische Politik unter entspre-
chender Berücksichtigung des jeweiligen politischen, sozialen und wirtschaftli-
chen Umfelds zu verfolgen. Um diesen Dualismus besser zu verstehen und
entsprechende gemeinsame Lehren zu ziehen, wird der Analyse der bei der
Neustrukturierung des Rüstungssektors gewonnenen praktischen Erfahrungen
besondere Bedeutung beigemessen. Dieser Teil der Arbeiten umfasst Einzel-
fallstudien und stützt sich auf die Erfahrungen vieler verschiedener kompeten-
ter Stellen, nationaler Verwaltungen, des Managements privater und öffentli-
cher Unternehmen sowie kommunaler und regionaler Behörden. Darüber
hinaus kann den sektoralen und regionalen Dimensionen der Rüstungsum-
stellung entsprechend Rechnung getragen werden.
Die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet wird sich auch in Zukunft auf die
praktischen Aspekte der Neustrukturierung und Anpassung der Rüstungsindu-
strie unter gebührender Berücksichtigung regionaler Unterschiede konzentrie-
ren. Generell gilt es, die Entwicklungen auf der Seite der Bedarfsträger des
Rüstungsmarktes ebenso wie die Reaktion auf der Seite der Lieferanten im
Rahmen der Umstrukturierung der Industrie und deren wirtschaftlichen Folgen
sorgfältig zu beobachten. Überdies verliert die Industrie ihren Ausnahmestatus
und muss sich zunehmend den Marktzwängen beugen. Deshalb ist es glei-
chermaßen wichtig, die Auswirkungen der Privatisierung von Rüstungsunter-
nehmen auf die Wirtschaft zu untersuchen.
Die Sicherheitsaspekte der wirtschaftlichen Entwicklungen werden auf
dem jährlichen Wirtschaftskolloquium der NATO und anderen Seminaren und
Arbeitstagungen erörtert. An dem Wirtschaftskolloquium nehmen Experten aus
Wirtschaft, Wissenschaft und nationalen sowie internationalen Verwaltungen
teil; es bildet den Rahmen für einen intensiven Gedanken- und Erfahrungs-
austausch auf wirtschaftlichem Gebiet. Die in jüngster Zeit abgehaltenen Kol-
loquien befassten sich u. a. mit der sozialen und menschlichen Dimension der
wirtschaftlichen Entwicklungen sowie mit den Reformen in den Kooperations-
Partnerstaaten, dem Status dieser Reformen, ihren Auswirkungen auf die

184
Sicherheit sowie die mit ihnen einhergehenden Möglichkeiten und Beschrän-
kungen und schließlich mit der Privatisierung in den Kooperations-Partner-
staaten5.

PRESSE- UND ÖFFENTLICHKEITSARBEIT


Für die Darstellung der nationalen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik
und der Aufgabe, die ein Mitgliedstaat in der NATO zu erfüllen hat, sind die ein-
zelnen Regierungen selbst verantwortlich. Die Wahl der dabei anzuwendenden
Methoden und die Mittel, die zur Unterrichtung der Öffentlichkeit über Politik
und Ziele der NATO eingesetzt werden sollen, variieren von Land zu Land und
sind ebenfalls Sache des Mitgliedstaates. Die Regierungen aller NATO-Staa-
ten erkennen sowohl das demokratische Recht ihrer Staatsbürger an, über die
für ihre Sicherheit zuständigen internationalen Strukturen unterrichtet zu wer-
den, als auch die Bedeutung, die dem Erhalt des öffentlichen Verständnisses
und der Unterstützung ihrer jeweiligen Sicherheitspolitik zukommt.

Aufgabe des NATO-Presse- und -Informationsdienstes ist es, die Öffent-


lichkeitsarbeit der einzelnen Länder zu ergänzen, diesen jede notwendige
Unterstützung zu gewähren, die routinemäßigen Kontakte zur Presse und zu
den Medien zu organisieren und als Reaktion auf das von Nicht-NATO-Staa-
ten gezeigte Interesse am Bündnis Informationen anzubieten. Ausgangspunkt
für dieses Interesse sind zum großen Teil die Zusammenarbeit und Partner-
schaft des Bündnisses mit den Mitgliedstaaten des Euro-Atlantischen Partner-
schaftsrats (EAPR), die besonderen bilateralen Beziehungen zu Russland und
die Partnerschaft mit der Ukraine sowie die im Mittelmeerdialog erzielten Fort-
schritte.

Darüber hinaus hat sich aufgrund des großen Interesses der Weltöffent-
lichkeit an den Geschehnissen in Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo
ein erhöhter Bedarf an Informationsprogrammen zur Erläuterung der Rolle der
NATO bei der Beendigung der Krise im ehemaligen Jugoslawien und Schaf-
fung der Voraussetzungen für künftige Stabilität in dieser Region ergeben.
Andere Entwicklungen innerhalb des Bündnisses einschließlich der Umset-
zung der Initiative Partnerschaft für den Frieden (PfP), der Umstrukturierung
der NATO-Streitkräfte sowie der internen Umgestaltung des Bündnisses, der
Stärkung der europäischen Identität innerhalb des Bündnisses sowie der exter-

5 Auf dem Wirtschaftskolloquium vom Mai 2001 in Bukarest wurde die Wechselbeziehung zwischen
regionaler wirtschaftlicher Zusammenarbeit, Sicherheit und Stabilität behandelt. Die Berichte der
jährlich stattfindenden Kolloquien werden in Buchform veröffentlicht. Sie können bei der Verteiler-
stelle des NATO-Presse- und -Informationsdienstes angefordert werden. Die Berichte werden auch
im Internet veröffentlicht (http://www.nato.int).

185
nen Umgestaltung der NATO haben durchweg zu gestiegenem öffentlichen
Interesse geführt und die Notwendigkeit geschaffen, dieses Interesse durch
eine angemessene Informationspolitik zu befriedigen.

Mit der Öffnung des Bündnisses für neue Mitglieder und insbesondere mit
dem Beitritt von drei neuen Mitgliedstaaten wurde der Informationsaufgabe
eine weitere bedeutende Dimension hinzugefügt. Die Regierungen der Tsche-
chischen Republik, Ungarns und Polens sehen sich einem zunehmenden
Informationsbedarf der jeweiligen Öffentlichkeit hinsichtlich der Auswirkungen
einer NATO-Mitgliedschaft gegenüber. In allen drei Ländern waren die Kennt-
nisse über die NATO, die zivil-militärischen Beziehungen innerhalb des Bünd-
nisses und die Entscheidungsfindung innerhalb der Allianz eher dürftig, und
mitunter übten negative Empfindungen aus früheren Zeiten, tief verwurzelte
Einstellungen und der Mangel an zuverlässigen Informationen einen nachteili-
gen Einfluss auf die öffentliche Meinung aus. Daher steht der NATO-Presse-
und -Informationsdienst in der besonderen Pflicht, die Regierungen der drei
betroffenen Länder zu unterstützen und dem Informationsbedürfnis der dorti-
gen Bevölkerung im Rahmen der verfügbaren Mittel nachzukommen. Zudem
ist das Interesse an Sicherheitsbelangen und der NATO in allen neun Mit-
gliedstaaten des im Rahmen des Washingtoner Gipfeltreffens im April 1999
gebilligten Aktionsplans zur Mitgliedschaft zunehmend gestiegen (siehe Kapi-
tel 3). Die Informationsaktivitäten der NATO werden daher entsprechend ange-
passt, damit in diesen Ländern angemessen auf den gestiegenen Informati-
onsbedarf zum Bündnis reagiert werden kann.

Gesamtziel der Maßnahmen des NATO-Presse- und -Informationsdien-


stes ist es, der Öffentlichkeit die Fakten über die Sicherheit näher zu bringen
und ihre Beteiligung an einer auf Informationen beruhenden und konstruktiven
Debatte über aktuelle Sicherheitsbelange und die Zielsetzungen der künftigen
Politik zu fördern. Alle Maßnahmenkataloge und Arbeitsprogramme, die der
Umsetzung der Ziele der von den NATO-Staaten in den letzten Jahren ergrif-
fenen wichtigsten Initiativen dienen sollen, enthalten besondere Abschnitte, in
denen der Informationsbedarf mit Blick auf die Erreichung dieser Ziele ange-
sprochen wird. Dies gilt gleichermaßen für den von den EAPR-Außenministern
verabschiedeten EAPR-Aktionsplan, für die Arbeitsprogramme des Ständigen
Gemeinsamen NATO-Russland-Rats und der NATO-Ukraine-Kommission
sowie für die im Rahmen des Mittelmeerdialogs der NATO ins Auge gefassten
Arbeiten.

Die mit dem Informationsetat des NATO-Hauptquartiers durchgeführten


Programme umfassen Aktivitäten, die innerhalb des Hauptquartiers selbst
stattfinden, vom Presse- und Informationsdienst der NATO betreute externe
Veranstaltungen, von staatlichen oder nichtstaatlichen Organisationen außer-
halb des Bereichs des NATO-Hauptquartiers durchgeführte Aktivitäten, die

186
gegebenenfalls durch konzeptionelle, praktische oder finanzielle Beiträge des
Presse- und Informationsdienstes unterstützt werden, sowie von anderen
externen Stellen mit direkter oder indirekter Unterstützung der NATO durchge-
führte Veranstaltungen. Nachstehend werden die wichtigsten Aktivitäten dieser
Art beschrieben.

Neben der NATO selbst hat eine Reihe sonstiger Organisationen und
Behörden einen wesentlichen Anteil an der Bereitstellung von Informationen
über das Bündnis betreffende Sachverhalte, der Verteilung von Schriftmaterial,
der Nutzung der Vorteile der elektronischen Kommunikation über das Internet
und der Deckung des öffentlichen Informationsbedarfs. Die Liste dieser zusätz-
lichen Organe ist sehr umfangreich und umfasst nationale wie auch internatio-
nale Organisationen. Es gilt vor allem folgende Stellen hervorzuheben:

• Presse- und Informationsdienststellen und Pressebüros der Regierun-


gen der NATO-Mitgliedstaaten sowie der EAPR- und der Partnerstaa-
ten;

• Diplomatische Vertretungen der NATO-Mitgliedstaaten, die im Wech-


sel als Kontaktstellen auf Botschaftsebene in den Hauptstädten der
Partnerstaaten dienen;

• Nationale Parlamente und die Nordatlantische Versammlung, ein


internationales parlamentarisches Forum, das zur Förderung der Poli-
tik und der Zielsetzungen des Bündnisses auf parlamentarischer
Ebene geschaffen wurde. Sitz der Nordatlantischen Versammlung ist
Brüssel;

• Nationale Atlantikräte, Atlantische Ausschüsse oder Atlantische Verei-


nigungen in den Mitglied- oder Partnerstaaten, die als Bildungsein-
richtungen zur Förderung der Kenntnisse und des Wissens um die
Ziele des Bündnisses und dessen Politik eingerichtet wurden;

• Institute und Stiftungen, die auf nationaler oder internationaler Ebene


in verschiedenen Ländern im gesamten euro-atlantischen Raum ein-
gerichtet wurden, um verstärkt politologische und akademische
Beiträge in die Sicherheitsdebatte einfließen zu lassen;

• Für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Stellen der militärischen Haupt-


quartiere des Bündnisses in den verschiedenen Mitgliedstaaten;

• Aus- und Fortbildungseinrichtungen des Bündnisses wie die NATO-


Verteidigungsakademie in Rom, die NATO-(SHAPE-)Schule in Ober-
ammergau, unabhängige Institutionen wie das Marshall Centre in
Oberammergau sowie nationale Verteidigungsorganisationen und
-akademien;
187
• Internationale Gremien, die die nationalen Vertretungen ihrer Organi-
sationen zusammenbringen, wie z. B. die Vereinigung Atlantischer
Gesellschaften, in der die Atlantischen Ausschüsse, Räte und Vereini-
gungen der Mitglied- und Partnerstaaten zusammengeschlossen sind,
und der Interalliierte Verband der Reserveoffiziere, in dem alle ein-
schlägigen Verbände des gesamten Bündnisbereichs vertreten sind.
Die Vereinigung Atlantischer Gesellschaften unterhält ein kleines Büro
in Paris und eine Kontaktstelle in Brüssel. Der Interalliierte Verband
der Reserveoffiziere hat ebenfalls ein Verbindungsbüro im NATO-
Hauptquartier in Brüssel;
Näheres zu diesen Organisationen ist Kapitel 16 zu entnehmen.
Im Zusammenhang mit Informationen zu den Aktivitäten des Militäraus-
schusses arbeitet der Presse- und Informationsdienst direkt mit dem Büro des
Beraters für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Internationalen Militärstabs
zusammen.
Der Presse- und Informationsdienst unterhält ein kleines regionales Infor-
mationsbüro in Reykjavik (Island). Mit Ausnahme dieses Büros gibt es keine
weiteren regionalen NATO-Informationsstellen in den Mitgliedstaaten. Militäri-
sche Stäbe, die zur integrierten Militärstruktur des Bündnisses gehören und in
verschiedenen Regionen des Bündnisgebiets untergebracht sind, und eine
Reihe außerhalb des Brüsseler Hauptquartiers eingerichteter NATO-Agentu-
ren und -Organisationen bilden einen wesentlichen Bestandteil der Identität
des Bündnisses und stellen zusätzliche Anlaufstellen und Informationsquellen
dar.
Als Teil der umfassenden Zusammenarbeit mit Partnerstaaten und insbe-
sondere der kooperativen Beziehungen zu Russland und zur Ukraine hat der
Nordatlantikrat die gebotenen Maßnahmen zur Verbesserung des Zugangs zu
Informationen über das Bündnis in diesen Ländern ergriffen. 1995 genehmigte
er die Bestellung eines Informationsoffiziers, der seinen Dienst in der Franzö-
sischen Botschaft in Moskau aufnahm, die dann als Kontakt-Botschaft für die
NATO in Russland diente.
Dieses kleine Informationsbüro wurde 1996 in die Deutsche Botschaft ver-
legt, als die Bundesrepublik Deutschland die Funktion der Kontaktstelle über-
nahm. Deutschland stellte in der Folge einen Oberst ab, um die NATO bei der
Entwicklung von Informationskontakten und -aktivitäten mit den russischen
Streitkräften zu unterstützen.
Im Januar 1998 wurde in Moskau ein selbständiges NATO-Dokumentati-
onszentrum innerhalb der Räumlichkeiten des Russischen Instituts für Fachin-
formationen über Sozialwissenschaften eingerichtet. Dieses von der NATO
unterstützte Zentrum ermöglicht den Zugang zu Publikationen und Dokumen-

188
ten über sicherheitspolitische Fragen und gibt darüber hinaus ein Bulletin
heraus, das sich an Akademiker oder sonstige interessierte Leser richtet.
Die Tätigkeit des Informationsbüros und des Dokumentationszentrums
wurde eingeschränkt, als Russland seine Zusammenarbeit mit der NATO
infolge der Militäraktion des Bündnisses zur Beendigung der Krise im Kosovo
aussetzte. Im Rahmen eines Moskaubesuchs von NATO-Generalsekretär Lord
Robertson im Februar 2000 wurden Übereinkünfte erzielt, die die Bündnis-
staaten auf eine Wiederaufnahme des gesamten Spektrums der Zusammen-
arbeit gemäß der NATO-Russland-Grundakte hoffen lassen. Im Februar 2001
besuchte der NATO-Generalsekretär Moskau erneut; anlässlich dieses
Besuchs nahm er auch die offizielle Eröffnung eines NATO-Informationsbüros
mit eigenen Räumlichkeiten im Stadtzentrum vor.
1996 wurde in Kiew ein NATO-Informations- und -Dokumentationszen-
trum eröffnet. Dieses mit Personal des NATO-Presse- und -Informationsdien-
stes besetzte und von diesem finanzierte Zentrum ist im Ukrainischen Institut
für Internationale Angelegenheiten untergebracht; es bietet entsprechendes
Dokumentationsmaterial an und stellt darüber hinaus ein Bindeglied zu ande-
ren Informationsaktivitäten dar, einschließlich des Besuchs von NATO- bzw.
von mit NATO-Mitteln geförderten Seminaren.
Die Anschriften der in diesem Kapitel angesprochenen Büros und Infor-
mationsstellen sind am Ende des Handbuchs zusammen mit Einzelheiten über
den Integrierten Informationsdienst der NATO aufgeführt, der den weltweiten
elektronischen Zugriff auf NATO-bezogene Informationen ermöglicht.
Die vom NATO-Presse- und -Informationsdienst selbst und in Unterstüt-
zung der vorstehend aufgeführten Stellen benutzten Kommunikationsmittel
stützen sich auf die herkömmlichen Arten der mündlichen und schriftlichen
Informationsübermittlung sowie auf die Förderung des Dialogs. Dieser Infor-
mationsdienst betreut ein umfassendes Besucherprogramm, in dessen Rah-
men jährlich mehr als 20.000 Personen das politische Hauptquartier des Bünd-
nisses besuchen, um dort an Informationsveranstaltungen und Gesprächen
mit Experten des Internationalen Stabes, des Internationalen Militärstabes und
der nationalen Delegationen über alle Aspekte der Tätigkeit und Politik des
Bündnisses teilzunehmen.
Der Presse- und Informationsdienst gibt eine Reihe von Publikationen
heraus, die von Sammelwerken amtlicher Texte und Erklärungen des Bünd-
nisses bis hin zu regelmäßig oder unregelmäßig erscheinenden Veröffentli-
chungen reichen, die zu einer sachkundigen öffentlichen Debatte relevanter
sicherheitspolitischer Aspekte beitragen sollen.
Bei den vom Bündnis normalerweise in Form von Kommuniqués und
Presseerklärungen herausgegebenen amtlichen Texten handelt es sich um for-
189
mal ausgehandelte Dokumente, in denen die vereinbarte politische Richtung
zum Ausdruck gebracht wird, die von den Mitgliedstaaten bei bestimmten The-
menbereichen oder bei der Gesamtheit der über das ganze Jahr hinweg regel-
mäßig behandelten politischen Kernfragen verfolgt wird. Sie bilden das öffent-
liche Archiv des Bündnisses und ermöglichen es, die Entscheidungsfindung
und die Entwicklung von Entscheidungen den politischen Ereignissen oder
Umständen zuzuordnen, auf die sie sich beziehen. All diese Texte werden in
den zwei Amtssprachen des Bündnisses, häufig aber auch in anderen Spra-
chen veröffentlicht.

Neben der Herausgabe dieser Unterlagen unterstützt der Presse- und


Informationsdienst die Bekanntgabe von Erklärungen des NATO-Generalse-
kretärs, des wichtigsten Sprachrohrs der Organisation, sowie von Texten aus
Reden des Generalsekretärs und anderer hochrangiger Persönlichkeiten. Sol-
che Dokumente erleichtern auch die Darlegung der Politik und geben einen
Einblick in die zugrundeliegenden Ziele und Beweggründe.

Im Auftrag des Generalsekretärs veröffentlicht der Presse- und Informati-


onsdienst auch den regelmäßig erscheinenden NATO-Brief sowie eine Reihe
von Handbüchern, Broschüren, Mitteilungsblättern und sonstigen Referenzun-
terlagen, die allesamt zur Unterrichtung der Öffentlichkeit beitragen sollen. Die-
ses Informationsmaterial wird ressourcen- und bedarfsabhängig zusätzlich zu
den Amtssprachen in allen in den Mitgliedstaaten sowie in einer Reihe der in
den Partnerstaaten benutzten Sprachen gedruckt.

Zunehmend werden zur Weitergabe von Schriftmaterial auch elektroni-


sche Medien eingesetzt. Der Großteil des öffentlichen Dokumentations- und
Informationsmaterials der Allianz wird über den Integrierten Informationsdienst
der NATO herausgegeben. Einzelheiten sind dem Abschnitt „Weitere Informa-
tionsquellen” (Anhang 2) zu entnehmen.

Ferner erscheinen im Rahmen eines von der NATO unterhaltenen Wis-


senschaftsprogramms (siehe Kapitel 8) ein Mitteilungsblatt sowie eine eigene
Reihe wissenschaftlicher Publikationen, die gemäß einschlägiger ziviler Über-
einkommen separat von Fachverlagen herausgegeben werden.

Zum Mitarbeiterstab des NATO-Presse- und -Informationsdienstes


gehören nationale Verbindungsoffiziere, die für die Abwicklung der auf ihre
eigenen Mitgliedstaaten ausgerichteten Informationsprogramme zuständig
sind. Solche Programme erstrecken sich auf die Vereinbarung von Besuchen
bei der NATO, die Vorbereitung von Konferenzen und Seminaren an verschie-
denen Orten im gesamten Bündnisgebiet und die Unterstützung von Parla-
mentariern, Akademikern, Journalisten und sonstigen einschlägigen Berufs-
gruppen in ihren Ländern bei der Erlangung der von ihnen benötigten öffentlich
zugänglichen Informationen. Ein Referat für auswärtige Beziehungen erfüllt

190
eine ähnliche Aufgabe bei der Weitergabe von Informationen für eine Reihe
von Partnerstaaten der NATO. Auch die nationalen Verbindungsoffiziere der
NATO-Staaten tragen zu dieser Arbeit bei, indem sie als Programmoffiziere für
die Partnerstaaten tätig sind, für die die jeweiligen nationalen Regierungen
über ihre Botschaften in den verschiedenen Partnerstaaten als Kontaktstelle
dienen.

Informationsprogramme für einzelne Staaten können auch konzeptionelle,


praktische und in begrenztem Umfang finanzielle Unterstützungsleistungen für
die einschlägige Öffentlichkeitsarbeit von nichtstaatlichen Organisationen in
den Mitglied- und den Partnerstaaten beinhalten. Vergleichbare Leistungen
können auch für die Regierungen der Partnerstaaten bei der Erstellung und
Herausgabe von Publikationen erbracht werden, die für die Unterrichtung der
Öffentlichkeit über NATO-relevante Sachverhalte dienen sollen.

Auf akademischem Gebiet erstreckt sich die Öffentlichkeitsarbeit der


NATO u. a. auf die jährliche Vergabe des nach dem verstorbenen früheren
NATO-Generalsekretär benannten Manfred-Wörner-Stipendiums sowie auf
eine Reihe von NATO-EAPR-Stipendien, die gleichermaßen Studierenden der
NATO- als auch der Partnerstaaten offen stehen. Diese Stipendien, die Reise-
und Forschungsbeihilfen beinhalten, werden jährlich auf Wettbewerbsbasis auf
Empfehlung einer unabhängigen Jury für Studien in Fachbereichen vergeben,
die sich in der Regel auf die Politik der NATO und die aktuelle politische Tages-
ordnung des Bündnisses beziehen.

Im Rahmen des akademischen Bildungsprogramms werden regelmäßig


auch multinationale Tagungen unterstützt, auf denen wichtige sicherheitspoliti-
sche Sachverhalte und Themen erörtert werden.

Das Interesse der Öffentlichkeit an der NATO-Politik und an einschlägigen


Informationen wird durch die unmittelbare und umfassende Presse- und
Medienberichterstattung bestätigt, die NATO-bezogene Entwicklungen und
Ereignisse erfahren. Ein wesentlicher Teil der Tätigkeit des Presse- und Infor-
mationsdienstes ist daher auf Presseaktivitäten und die Unterstützung ausge-
richtet, die der Pressedienst der NATO den akkreditierten und sonstigen Medi-
envertretern zukommen lässt.

Pressekonferenzen und Interviews mit hochrangigen Vertretern, Hinter-


grundinformationen, die Überlassung von Bildmaterial sowie Ton- und Video-
aufnahmen und elektronische Übertragungsdienste sind allesamt Teil der zur
Befriedigung des Informationsbedarfs der internationalen Medien erforderli-
chen Maßnahmen. Aus Anlass wichtiger Ereignisse oder Entwicklungen in der
Allianz, wie z. B. Gipfeltreffen, können sich tausend und mehr Journalisten im
NATO-Hauptquartier einfinden, für die geeignete Vorkehrungen getroffen wer-
den müssen. Der Einsatz vergleichbarer Ressourcen kann auch für Großer-
191
eignisse außerhalb des Hauptquartiers, beispielsweise bei Ministertagungen
oder Gipfeltreffen im Ausland, geboten sein. Journalisten werden von beiden
Abteilungen des Presse- und Informationsdienstes unterstützt, wobei das
Pressebüro den unmittelbaren oder kurzfristigen Informationsbedarf zu decken
sucht, während das Informationsbüro den Zugang zu einem breiten Spektrum
von Hintergrundinformationen ermöglicht, auf die die Medienvertreter auch
über einen längeren Zeitraum hinweg zurückgreifen können.
Pressesprecher und Pressebüro arbeiten kontinuierlich eng mit dem Büro
des Generalsekretärs zusammen und unterstützen den Generalsekretär bei
der Kontaktpflege mit der Presse und den sonstigen Medien. Das Pressebüro
ist auch für die Herstellung der Kontakte zwischen anderen hochrangigen Ver-
tretern und den Medien sowie für die offizielle Akkreditierung der an NATO-
Pressekonferenzen teilnehmenden Journalisten zuständig. Darüber hinaus
erstellt es täglich Zusammenfassungen und Übersichten über die Berichte der
internationalen Presse und Presseagenturen für die Internationalen Stäbe, die
diplomatischen Vertretungen der nationalen Delegationen und die im Haupt-
quartier tätigen Verbindungsoffiziere. Zudem stellen im Informationsdienst ein-
gesetzte Verbindungsoffiziere und Angehörige des Pressedienstes für den
Generalsekretär Übersichten über nationale Presseverlautbarungen in NATO-
und Partnerstaaten zusammen; diese unterstützen auch die Vorbereitungen
für offizielle Besuche des Generalsekretärs in diesen Ländern.
Der Presse- und Informationsdienst verwaltet auch die Bibliothek des
NATO-Hauptquartiers, die dem nationalen und internationalen Personal des
Hauptquartiers zur Verfügung steht.

192
KAPITEL 8

PROGRAMME UND AKTIVITÄTEN

Verbraucherlogistik
Wesentliche Logistikfunktionen
Verbraucherlogistik und friedensunterstützende Einsätze
Produktions- und Logistikorganisationen
Rüstungskooperation, -planung und -standardisierung
Kommunikations- und Informationssysteme
Koordinierung des zivilen und militärischen Luftverkehrs
Luftverteidigung
Zivile Notfallplanung
Wissenschaftliche Zusammenarbeit
Umwelt und Gesellschaft
PROGRAMME UND AKTIVITÄTEN
VERBRAUCHERLOGISTIK1
Der Begriff „Logistik” wird je nach Zusammenhang mit unterschiedlicher
Bedeutung angewandt. Auch in den NATO-Mitgliedstaaten und in Bezug auf
die als Logistikkomponenten verstandenen Kategorien der Unterstützung für
militärische Operationen findet der Begriff unterschiedliche Anwendung. Die
NATO definiert Logistik als die „Lehre von der Planung und Durchführung der
Bewegungen und der Erhaltung der Einsatzbereitschaft von Streitkräften”. In
seinem umfassendsten Sinn bezieht sich der Begriff auf Aspekte militärischer
Operationen, die sich wiederum mit den folgenden Tätigkeitsfeldern befassen:
• Planung und Entwicklung, Beschaffung, Lagerung, Transport,
Verteilung, Erhaltung, Abschub und Verwertung von Wehrmaterial.
• Transport von Personal.
• Erwerb, Bau, Instandhaltung, Betrieb und sonstige Nutzung von
Anlagen.
• Beschaffung oder Erbringung von Dienstleistungen.
• Sanitätsdienstliche Versorgung.
Die oben aufgeführten Kategorien gehen zwangsläufig mit einem breiten
Spektrum an Unterstützungsleistungen und Zuständigkeiten einher. In der
NATO werden sie aus der Sicht der Entscheidungsfindung oder vom organisa-
torischen Standpunkt aus betrachtet wie folgt unterteilt:
• Produktions- oder Beschaffungsaspekte der Logistik. Dazu gehören
Planung, Konstruktion und Beschaffung der Ausrüstung. Hierbei handelt
es sich in erster Linie um nationale Verantwortlichkeiten, die national
gehandhabt werden. Ungeachtet dessen ist entsprechende
Kooperation und Koordinierung innerhalb der NATO in zahlreichen
Bereichen hauptsächlich unter der Schirmherrschaft der Konferenz der
Nationalen Rüstungsdirektoren (KNRD) und ihrer nachgeordneten
Gremien gegeben. In organisatorischer Hinsicht fallen Produktion oder
Beschaffung innerhalb der NATO grundsätzlich in die Zuständigkeit der
Abteilung für Verteidigungsunterstützung des Internationalen Stabs auf
ziviler und der Abteilung Logistik, Rüstung und Ressourcen des
Internationalen Militärstabs auf militärischer Seite.

1 Viele der in diesem Abschnitt genannten Programme und Aktivitäten werden von Organisationen und
Agenturen umgesetzt, die vom Nordatlantikrat oder dem NATO-Militärausschuss zur Durchführung
von Spezialaufgaben eingerichtet wurden. Einzelheiten sind Kapitel 14 zu entnehmen.

195
• Verbraucherspezifische oder operative Aspekte der Logistik. Hierunter
versteht man in der Regel Versorgungs- und Unterstützungs-
funktionen für Streitkräfte. Diese werden im ersten Teil dieses
Abschnitts behandelt und fallen hauptsächlich unter die Zuständigkeit
der NATO-Logistikkonferenz und des NATO-Pipeline-Ausschusses.
Das oberste militärische medizinische Beratungsgremium, der
Ausschuss der Leiter der Sanitäts- und Gesundheitsdienste der
NATO, ist für die Beratung des Militärausschusses in sanitätsdienstli-
chen Angelegenheiten zuständig. Aus organisatorischer Sicht obliegt
die Verantwortung für die verbraucherspezifischen und operativen
Aspekte der Logistik auf ziviler Seite der Abteilung
Sicherheitsinvestitionen, Logistik und Zivile Notfallplanung des
Internationalen Stabs und auf militärischer Seite dem Fachbereich
Logistik der Abteilung Logistik, Rüstung und Ressourcen des
Internationalen Militärstabs.

Logistische Unterstützung im Rahmen des


Strategischen Konzepts des Bündnisses
Das von den Staats- und Regierungschefs der NATO im April 1999 ver-
abschiedete Strategische Konzept des Bündnisses betont den mobilen und
multinationalen Charakter der NATO-Streitkräfte und die Notwendigkeit einer
flexiblen Logistik des Bündnisses zu deren Unterstützung. Da logistische
Unterstützung, wenngleich grundsätzlich in nationaler Verantwortung, auch im
kollektiven Rahmen mit mehr Koordinierung, Zusammenarbeit und
Multinationalität erbracht werden muss, wenn diese Flexibilität erreicht werden
soll, hat die NATO-Logistikkonferenz auf die Einführung des neuen
Strategischen Konzepts mit der Durchführung einer Analyse seiner
Auswirkungen auf die logistischen Grundsätze und Richtlinien reagiert. Die
Bedeutung dieses Themas wird auch in der auf dem Washingtoner Gipfel im
April 1999 auf den Weg gebrachten Initiative zur Verteidigungsfähigkeit betont
(vgl. Kapitel 2). Eine Richtlinie zur Logistikkooperation befindet sich im ab-
schließenden Entwicklungsstadium und wird in Kürze vom Nordatlantikrat
geprüft. Ein NATO-Konzept für Logistikkooperation wird ebenfalls derzeit ent-
wickelt.

Grundsätze und Richtlinien der Logistik


Neue logistische Grundsätze und Richtlinien wurden 1992 vom
Verteidigungsplanungsausschuss in einem unter der Bezeichnung MC 319
bekannten Dokument des Militärausschusses bestätigt. Die im Dokument
MC 319 enthaltenen Grundsätze und Richtlinien wurden im Lichte der

196
Erfahrungen, die bei unter NATO-Ägide durchgeführten friedenserhaltenden
Operationen gewonnen wurden, einer gründlichen Überprüfung unterzogen.
Eine überarbeitete Fassung wurde vom Rat 1997 bestätigt (MC 319/1). Die
darin niedergelegten Grundsätze und Richtlinien gelten sowohl im Frieden als
auch in Krisen- und Konfliktsituationen und betreffen Operationen gemäß
Artikel 5 des Nordatlantikvertrags wie auch „nicht unter Artikel 5 fallende
Operationen”2. Sie gelten ferner für Operationen im Rahmen des Konzepts
Alliierter Streitkräftekommandos sowie für Operationen unter Beteiligung von
Nicht-NATO-Staaten unter NATO-Führung.
Diese allgemeinen Grundsätze dienten als Sprungbrett für die nachfol-
gende Entwicklung spezifischerer Grundsätze und Richtlinien für einzelne
Fachbereiche der Logistik wie sanitätsdienstliche Versorgung (MC 328),
Unterstützung durch die Gastgebernation (MC 334) sowie Verkehrsführung
(MC 336/1).

Wesentliche Grundsätze
Verantwortung
Mitgliedstaaten und NATO-Behörden haben eine gemeinsame
Verantwortung für die logistische Unterstützung multinationaler Operationen
der NATO. Jeder NATO-Befehlshaber stellt seinen logistischen Bedarf fest und
koordiniert die logistische Planung und Unterstützung in seinem
Verantwortungsbereich.
Bereitstellung
Die Mitgliedstaaten sorgen individuell oder im Rahmen von
Kooperationsvereinbarungen für die Bereitstellung logistischer Kräfte und
Mittel zur Unterstützung ihrer der NATO im Frieden, in einer Krise oder in
einem Konflikt zugewiesenen Streitkräfte.
Befehlsbefugnis
Der NATO-Befehlshaber der jeweiligen Ebene muss ausreichende
Befehlsbefugnis über die logistischen Kräfte und Mittel haben, damit er seine
Streitkräfte mit größtmöglicher Wirkung zum Einsatz bringen und ihre
Durchhaltefähigkeit sicherstellen kann. Gleiches gilt für Nicht-NATO-
Befehlshaber multinationaler Kontingente, die an einer Operation unter NATO-
Führung teilnehmen.

2 Artikel 5 des Nordatlantikvertrags befasst sich in erster Linie mit der Abschreckung von
Gewaltanwendung gegen Bündnismitglieder und verkörpert das Prinzip, dass ein Angriff gegen ein
Mitglied als Angriff auf alle Mitglieder betrachtet wird. Bündnisaktivitäten, die außerhalb des
Bereichs von Artikel 5 liegen, werden zusammengefasst als „nicht unter Artikel 5 fallende
Operationen” bezeichnet.

197
Kooperation und Koordinierung

Kooperation und Koordinierung zwischen Mitgliedstaaten und NATO-


Behörden sind von entscheidender Bedeutung. Darüber hinaus müssen im
Rahmen der logistischen Zusammenarbeit zwischen dem zivilen und dem
militärischen Sektor innerhalb der und zwischen den Staaten die begrenzten
Ressourcen bestmöglich genutzt werden. Kooperationsvereinbarungen und
gegenseitige Unterstützung der beteiligten Staaten bei der Bereitstellung und
Nutzung der Logistikressourcen können damit die von den einzelnen Staaten
zu tragenden Lasten verringern.

Bei der Bestimmung des Umfangs der zu entwickelnden verschiedenen


Formen der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Verbraucherlogistik mit dem
Ziel des optimalen Nutzeffekts werden alle Faktoren wie integrierte multinatio-
nale logistische Unterstützung, Spezialisierung auf bestimmte Aufgaben,
gemeinsame Finanzierung von Ressourcen und Anwendung des „Lead-
Nation”-Grundsatzes (Benennung eines Federführenden Staates) untersucht.
Die potenzielle Rolle von NATO-Behörden wie der NATO-Agentur für
Materialerhaltung und Ersatzteilversorgung sollte ebenfalls berücksichtigt wer-
den, wenn so kosteneffektive Lösungen erzielt werden können.

Die Notwendigkeit der Koordinierung auf dem Gebiet der logistischen


Unterstützung ist auf den verschiedensten Ebenen gegeben und kann nicht auf
die NATO selbst beschränkt werden. Bei „nicht unter Artikel 5 fallenden
Operationen” ist diese Kooperation gegebenenfalls auf Nicht-NATO-Staaten
und, falls zweckmäßig, auf die Vereinten Nationen, die Westeuropäische
Union, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, das
Internationale Komitee vom Roten Kreuz sowie auf andere einschlägige
Organisationen zu erweitern.

Kooperative Logistik
Das Ziel der Zusammenarbeit im Bereich Logistik besteht darin, das
Gesamtlogistikdispositiv des Bündnisses durch Optimierung der Wirksamkeit
der Logistikunterstützung für die NATO und für von der NATO geführte oder
unterstützte multinationale Operationen, durch die Steigerung der Effizienz
und durch die Erzielung von Kosteneinsparungen durch Größenvorteile und
Vermeidung von Doppelarbeit in Friedenszeiten, Krisen und Konflikten zu ver-
bessern.

Die Logistikzusammenarbeit in der NATO wird von den folgenden


Hauptprinzipien geleitet: Vorrang der operativen Erfordernisse, kollektive
Verantwortung, Effizienz sowie Visibilität und Transparenz.

198
Die Entwicklung kooperativer Logistikvereinbarungen in der NATO wird
durch eine Reihe eigens zu diesem Zweck geschaffener Produktions- und
Logistikagenturen vereinfacht. Hier ist vor allem die NATO-Agentur für
Materialerhaltung und Ersatzteilversorgung zu nennen. Das Potenzial für eine
effektive kooperative Logistik wird durch den Einsatz moderner
Materialmanagement- und Materialbeschaffungsverfahren verstärkt. Ein
Beispiel hierfür ist das von der NATO-Agentur für Materialerhaltung und
Ersatzteilversorgung entwickelte und unter der Bezeichnung SHARE (Stock
Holding and Asset Requirements Exchange, Lagerhaltung und
Bedarfsdeckung durch Austausch) bekannte Konzept. Wie schon aus dem
Namen hervorgeht, handelt es sich hier um eine Konzeption, die die gemein-
same Nutzung oder den Austausch von Lagerbeständen im Rahmen einer
sinnvollen Verknüpfung des besonderen Bedarfs auf der einen und der
Verfügbarkeit der entsprechenden Mittel auf der anderen Seite erleichtern soll.

Multinationale Logistik
Die Herausforderungen, denen sich das Bündnis in der Zukunft stellen
muss, darunter Beschränkungen der Kräfte und Mittel, unterstreichen die
Notwendigkeit einer verstärkten Zusammenarbeit und Multinationalität bei der
Logistikunterstützung. Sowohl die Notwendigkeit zur Durchführung von
Operationen (beispielsweise Friedensunterstützung) an Orten, an denen die
Logistikunterstützung der normalen nationalen Infrastruktur nicht zur
Verfügung steht, als auch die Notwendigkeit zur Integration von Nicht-NATO-
Streitkräften und ihrer Logistikunterstützung unterstreicht die Bedeutung einer
multinationalen gemeinsamen Logistikstruktur. Diese muss Logistikanfor-
derungen in den Bereichen Transport, Technik und Versorgung ebenso umfas-
sen wie das Sanitätspotenzial.

Multinationale Logistik stellt außerdem einen wichtigen Kräftemultiplikator


dar, der zur Optimierung der einzelnen nationalen logistischen
Unterstützungsmaßnahmen beiträgt. Sie umfasst bilaterale oder multilaterale
Vereinbarungen, die die Kosteneffektivität individueller nationaler logistischer
Unterstützungsaktivitäten sowie deren Nutzeffekt erhöhen. Solche
Vereinbarungen können entscheidend zur erfolgreichen Planung und
Durchführung logistischer Operationen beitragen. Mehr Multinationalität auf
diesem Gebiet soll durch eine Reihe von Konzepten und Initiativen erreicht
werden, darunter Funktionsspezialisierung und das Konzept des
Federführenden Staats, Multinationale Integrierte Logistikeinheiten und
Multinationale Integrierte Medizinische Einheiten, Unterstützung durch die
Gastgebernation und Dritte sowie die Entwicklung eines Multinationalen
Gemeinsamen Logistikzentrums.
199
WESENTLICHE LOGISTIKFUNKTIONEN

Beweglichkeit
Die effiziente und rechtzeitige Verlegung von Streitkräften ist eine
Grundvoraussetzung aller militärischen Operationen. Die Sicherstellung der
strategischen Beweglichkeit von Truppen und Material durch das
Verfügbarmachen angemessener Transporteinrichtungen, Geräte und
Infrastruktureinrichtungen ist häufig eine gewichtige operative Forderung.
Dazu gehören der mögliche Einsatz ziviler Ressourcen und gegebenenfalls die
Verlegung großer Mengen von Material und Gerät. Planung und Beurteilung
von Kapazitäten und Fähigkeiten können daher ausschlaggebend dafür sein,
dass den verschiedenen politischen und militärischen Anforderungen entspro-
chen werden kann. Die zentrale Stelle für Fragen zur strategischen
Beweglichkeit innerhalb der NATO ist die Beratergruppe Verkehrs- und
Transportwesen. Als Untergruppe der NATO-Logistikkonferenz wurde die
Beratergruppe zur Förderung der kooperativen Ansätze des Managements in
den Bereichen Verkehrsführung, Transportwesen und Beweglichkeit zwischen
militärischen und zivilen Organen sowie zwischen NATO und Mitgliedstaaten
geschaffen.

Unterstützung durch die Gastgebernation


Die Unterstützung durch die Gastgebernation umfasst die von einer
Gastgebernation im Frieden, bei Notfällen, einer Krise oder einem Konflikt
erbrachten zivilen und militärischen Unterstützungsleistungen für alliierte
Streitkräfte und Organisationen, die auf seinem Territorium stationiert sind oder
eingesetzt werden oder es durchqueren. Zwischen den zuständigen Behörden
der Gastgebernation und den „Entsendestaaten” und/oder der NATO getrof-
fene Vereinbarungen bilden die Grundlage dieser Art von Unterstützung.
Unterstützung durch die Gastgebernation ist für die Durchhaltefähigkeit
aller Arten und Kategorien von Streitkräften von entscheidender Bedeutung.
Bilaterale oder multilaterale Übereinkommen, die die operativen Erfordernisse
der NATO berücksichtigen, tragen zum Schutz der Streitkräfte bei und sorgen
für die Bereitstellung der notwendigen logistischen Unterstützung und
Infrastruktur für die Aufnahme, die Verlegung und den Einsatz dieser Kräfte.
Die von multinationalen Streitkräften benötigte Flexibilität macht die
Mitwirkung der NATO-Befehlshaber bei der Ermittlung des Bedarfs der
Gastgebernation, der Aushandlung von Regierungsvereinbarungen im Namen
der NATO und der Koordinierung der Entwicklung einschlägiger Abkommen mit

200
der Gastgebernation notwendig. Überdies bedeutet die zunehmende
Mannigfaltigkeit der Einsatzoptionen, dass sich die Planung von
Vereinbarungen mit der Gastgebernation nunmehr auf allgemeinere
Verfahrensansätze stützen muss, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Sanitätsdienstliche Versorgung
Sanitätsdienstliche Leistungen bilden durch die Krankheitsvorsorge, den
schnellen Abtransport und die Behandlung Kranker, Verletzter und
Verwundeter und deren frühzeitige Rückführung in den Truppendienst einen
wesentlichen Beitrag zu militärischen Operationen. Das jeweils eingesetzte
Sanitätspotenzial muss der Stärke sowie dem Krankheits- oder
Verwundungsrisiko der in dem betreffenden Gebiet eingesetzten Streitkräfte
entsprechen. Sanitätsdienste müssen auch vor dem Beginn militärischer
Operationen vor Ort und einsatzbereit sein. Der Ausschuss der Leiter der
Sanitäts- und Gesundheitsdienste berät den Militärausschuss und ist zentrale
Ansprechstelle für die Zusammenarbeit auf diesem Gebiet. Die zivil-militäri-
sche Koordinierung wird von einem Gemeinsamen Sanitätsausschuss über-
nommen.

Interoperabilität und Standardisierung der Logistik


Operative Interoperabilität hat unmittelbaren Einfluss auf die Kampfkraft
der NATO-Streitkräfte; dies gilt insbesondere für multinationale Verbände.
Standardisierung von Gerät, Versorgungsartikeln und Verfahren stellt somit
einen umfassenden Kampfkraftmultiplikator dar, der bei der Planung und
Produktion von Systemen und Gerät berücksichtigt werden muss. Minimalziele
zur Erlangung entsprechender Kampfkraft sind Interoperabilität des
Hauptgeräts, Austauschbarkeit von Versorgungsartikeln und Einheitlichkeit von
Verfahren. Diese Forderungen haben unmittelbare Auswirkungen auf die logi-
stische Unterstützung für standardisiertes Gerät. Darüber hinaus ist entspre-
chende Flexibilität geboten, um die Beteiligung von Nicht-NATO-Staaten an
Operationen unter NATO-Führung zu erleichtern.

Verbraucherlogistik und Partnerschaft für den


Frieden
Die meisten Verbraucherlogistikaktivitäten im Rahmen des PfP-
Arbeitsprogramms und der Individuellen Partnerschaftsprogramme sowie
national gebilligter bilateraler Programme fallen in eine der nachstehend auf-
geführten Kategorien:
201
• Gruppenbesuche bei den Partnerländern zur Erörterung des Umfangs
einer möglichen Zusammenarbeit auf logistischem Gebiet und der
Einrichtung von Logistiklehrgängen;
• Informationsaustausch, fachliche Beratung, technische
Unterstützung, Logistiklehrgänge, Logistikbeiträge für Lehrgänge im
Bereich Friedenserhaltung sowie Logistikübungen;
• formelle Kontaktpflege wie Stabsbesprechungen, Seminare und
Arbeitstagungen;
• Harmonisierung und Standardisierung von Konzeptionen,
Arbeitsrichtlinien, Material, Verfahren und sonstigen Aspekten logisti-
scher Strukturen und Systeme.
Alle oben genannten Aktivitäten werden durch entsprechende Tagungen
der wichtigsten NATO-Gremien gefördert, die sich mit der Beteiligung der
Partnerstaaten befassen. Dies gilt beispielsweise für die NATO-
Logistikkonferenz, die Beratergruppe Verkehrs- und Transportwesen, den
NATO-Pipeline-Ausschuss und den Ausschuss der Leiter der Sanitäts- und
Gesundheitsdienste der NATO, die alle regelmäßige Treffen mit Partnerstaaten
abhalten. Nähere Einzelheiten hierzu sind in Kapitel 14 beschrieben.

Logistiklehrgänge für Partnerstaaten


Ein NATO-Logistiklehrgang für Teilnehmer aus NATO- und Partnerstaaten
findet dreimal pro Jahr statt. Eine Reihe anderer Lehrgänge wird von der NATO
und den Partnerstaaten in den Fachbereichen NATO-Logistik, friedenserhal-
tende Maßnahmen der Vereinten Nationen und der NATO, Planung der
sanitätsdienstlichen Versorgung, Teilnahme an einem multinationalen gemein-
samen Logistikzentrum sowie zivil-militärische Zusammenarbeit im Bereich
zivile Notfallplanung angeboten. Auf medizinischem Gebiet ist ein PfP-
Medizinplanungslehrgang ein integraler Bestandteil des Ausbildungs-
programms der NATO-(SHAPE-)Schule. Im April 2000 hatte der Lehrgang 34
Teilnehmer aus 17 Nationen, und es ist geplant, diese Zahl auf 80 Teilnehmer
pro Lehrgang zu erhöhen. Der Lehrplan wird ständig anhand von Erfahrungen
modifiziert, die in NATO-geführten Operationen auf dem Balkan gewonnen
wurden.
Andere entsprechende Aktivitäten beinhalten Seminare zur Unterstützung
durch die Gastgebernation für Partner, die zivile und militärische Stabsoffiziere
aus Partnerstaaten mit dem Konzept des Federführenden Staats und mit
NATO-Planungsverfahren und Regelungen auf diesem Gebiet bekannt
machen sollen. Außerdem bieten sie Teilnehmern die Möglichkeit zur
Erörterung regionaler Angelegenheiten, insbesondere im Hinblick auf

202
Unterstützung durch die Gastgebernation für die Staaten, die mit Streitkräften
an NATO-geführten Operationen in Bosnien und Herzegowina sowie im
Kosovo beteiligt sind.

Übung „Cooperative Support”


Diese jährliche Übung soll Partnerländern das Konzept des Bündnisses
für die Logistikunterstützung bei multinationalen Operationen näher bringen.
Die Übung, die ursprünglich nur auf Marineoperationen beschränkt war,
umfasst nun Land-, Luft- und Marineoperationen mit dem Ziel, die Teilnehmer
mit dem gesamten Spektrum der teilstreitkraftübergreifenden
Logistikunterstützung vertraut zu machen.

Technische Unterstützung für PfP-Länder


Die NATO-Agentur für Materialerhaltung und Ersatzteilversorgung ist
befugt, technische Unterstützung auf Kostenerstattungsbasis für PfP-Länder
zu leisten. Diese zunächst auf Beratungstätigkeiten beschränkte
Unterstützung wird sich auf längere Sicht auch auf das Logistikmanagement
und logistische Operationen erstrecken.

Neben diesen multinationalen Aktivitäten gibt es auch umfassende bilate-


rale logistische Kontakte zwischen einzelnen NATO- und Partnerstaaten.

VERBRAUCHERLOGISTIK UND
FRIEDENSUNTERSTÜTZENDE EINSÄTZE

Die von der NATO zur Unterstützung der VN-Friedenserhaltungsinitiativen


in Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo durchgeführten Überwachungs-
und Zwangsmaßnahmen unterstrichen die Bedeutung der Verbraucherlogistik
bei Krisenreaktionseinsätzen. Die Anforderungen zukünftiger multinationaler
Operationen des Bündnisses, an denen möglicherweise auch Nicht-NATO-
Staaten teilnehmen, weisen ebenfalls auf die Notwendigkeit eines multinatio-
nalen Logistikunterstützungsmanagements auf der Basis vereinbarter
Logistikrichtlinien und -grundsätze hin. Zu den wahrscheinlichen Vorteilen
zählen eine Verringerung des Ausmaßes der von den einzelnen Staaten zu lei-
stenden Logistikunterstützung, verbesserte Kosteneffektivität, bessere
Koordinierung, verstärkte Interoperabilität und größere Flexibilität.
203
PRODUKTIONS- UND LOGISTIKORGANISATIONEN
Der Nordatlantikrat hat eine Reihe von NATO-Produktions- und
-Logistikorganisationen zur Wahrnehmung bestimmter Aufgaben eingerichtet.
Die speziell mit der Verbraucherlogistik befassten Organisationen sind die
NATO-Organisation für Materialerhaltung und Ersatzteilversorgung und die
Pipeline-Managementorganisation Europa Mitte.
Weitere Informationen zur Verbraucherlogistik innerhalb der NATO kön-
nen dem vom Sekretariat der NATO-Logistikkonferenz herausgegebenen und
beim Logistikdirektorat (IS-Element), SILCEP Division, NATO, 1110 Brüssel,
erhältlichen NATO-Logistik-Handbuch entnommen werden. Das Handbuch ist
kein formell vereinbartes Dokument, hat sich jedoch als hilfreicher Leitfaden für
das breite Spektrum an Fragen im Zusammenhang mit dem Begriff „Logistik”
erwiesen.

RÜSTUNGSKOOPERATION, -PLANUNG UND


-STANDARDISIERUNG

Rüstungskooperation
Die Zusammenarbeit zwischen den NATO-Staaten im Rüstungsbereich
fällt in die Zuständigkeit der Konferenz der Nationalen Rüstungsdirektoren
(KNRD), die regelmäßig zur Erörterung der politischen, wirtschaftlichen und
technischen Aspekte der Entwicklung und Beschaffung von Gerät für die
NATO-Streitkräfte zusammentritt. Rüstungsgruppen der Land-, Luft- und
Seestreitkräfte unterstützen die Arbeit der Konferenz und sind ihr für den jewei-
ligen Fachbereich verantwortlich. Ein Forschungs- und Technologieausschuss,
ein für Rüstungsforschung und technische Entwicklungen zuständiges inte-
griertes NATO-Forum, berät und unterstützt die KNRD und den
Militärausschuss. Er ist mit der Durchführung eines Programms gemeinschaft-
licher Aktivitäten in einem breiten Spektrum von Fragen der
Rüstungsforschung und -technik beauftragt. Für die Unterstützung in industri-
ellen Angelegenheiten ist die NATO-Industrieberatergruppe zuständig, die es
der KNRD ermöglicht, Rat bei der Industrie darüber einzuholen, wie die
Zusammenarbeit zwischen Industrie und Staat und zwischen verschiedenen
Firmen gefördert werden kann, und der Konferenz bei der Sondierung von
Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit Hilfestellung gibt. Andere
im Rahmen der Konferenz tätige, ehemals als Kadergruppen bezeichnete und
heute in „KNRD-Partnerschaftsgruppen” umbenannte Organe befassen sich
mit Fragen der Beschaffungspolitik und Akquisitionsverfahren, Kategori-

204
sierung, Qualitätssicherung, Erprobungs- und Sicherheitskriterien für Munition
sowie Standardisierung von Wehrmaterial.
Innerhalb dieser Struktur werden Arbeitsgruppen und Ad-hoc-Gruppen zur
Förderung der Zusammenarbeit in speziellen Bereichen gebildet. Die
Gesamtstruktur ermöglicht es den Mitgliedstaaten, die Ausrüstungs- und
Forschungsprojekte auszuwählen, an denen sie teilnehmen möchten.
Gleichzeitig erleichtert sie den Informationsaustausch zu nationalen
Ausrüstungsprogrammen und zu Technik und Logistik, bei denen einzelne
Staaten und die NATO als Ganzes von einer Zusammenarbeit profitieren kön-
nen.
1993 verabschiedete der Nordatlantikrat überarbeitete Grundsätze,
Strukturen und Verfahren für die Rüstungszusammenarbeit der NATO mit dem
Ziel, die kooperativen Aktivitäten im Rüstungsbereich zu intensivieren, die
Gesamtstruktur der KNRD-Ausschüsse zu straffen, um größere Effizienz und
Wirksamkeit zu erreichen, und die Arbeit der KNRD auf folgende
Schlüsselbereiche auszurichten:
• NATO-weite Harmonisierung der militärischen Anforderungen;
• Förderung der Interoperabilität auf dem Gefechtsfeld in entscheiden-
den Bereichen;
• Ausbau von der KNRD vorgegebener kooperativer Möglichkeiten und
Verbesserung der transatlantischen Zusammenarbeit;
• Entwicklung wesentlicher Rüstungstechnologien einschließlich der
erweiterten gemeinsamen Nutzung von Technologien.
1994 einigte sich die KNRD mit der Westeuropäischen Rüstungsgruppe
(WEAG)3 auf eine Reihe praktischer Kooperationsmaßnahmen, um damit ein
Instrumentarium für den erweiterten Dialog über transatlantische
Rüstungsvorhaben zwischen europäischen und nordamerikanischen
Bündnispartnern zu schaffen.

Rüstungsplanung
1989 billigte der Nordatlantikrat die Einrichtung des Planungssystems für
konventionelle Rüstung. Die Ziele dieses Systems bestehen darin, der KNRD
entsprechende Leitlinien und den Staaten geeignete Orientierungshilfen zu

3 Von 1976 bis 1992 stellte die Unabhängige Europäische Programmgruppe ein Forum dar, auf dem
die europäischen NATO-Mitgliedstaaten Grundsatzfragen erörtern und formulieren konnten, um die
Zusammenarbeit bei der Rüstungsbeschaffung zu intensivieren. Mit der Übertragung ihrer
Funktionen auf die WEU wurde die IEPG Ende 1992 aufgelöst. Danach wurden die einschlägigen
Aktivitäten im Rahmen der WEU von der Westeuropäischen Rüstungsgruppe übernommen.

205
geben, wie die militärischen Anforderungen des Bündnisses am besten durch
individuelle und kollektive Rüstungsprogramme erfüllt werden können.
Außerdem soll System langfristige Rüstungsbeschaffungspläne harmonisieren
und Möglichkeiten für eine künftige bündnisweite Rüstungskooperation fest-
stellen.
Am Ende dieses Planungsprozesses steht eine Reihe von Empfehlungen,
die alle zwei Jahre vom NATO-Ausschuss zur Überprüfung der konventionel-
len Rüstung unter KNRD-Zuständigkeit herausgegeben werden. Diese
Empfehlungen sollen unnötige Doppelarbeit bei der Erfüllung der militärischen
Anforderungen des Bündnisses vermeiden, einen Rahmen für den Austausch
von Informationen und die Harmonisierung operativer Forderungen innerhalb
der KNRD-Rüstungsgruppen schaffen und rationellere und kostengünstigere
Methoden der Rüstungskooperation und -beschaffung entwickeln.
Die Rüstungsplanungsverfahren der NATO, vor allem die Strukturen und
Verfahren innerhalb der KNRD, sind zur Zeit Gegenstand einer Überprüfung.

Standardisierung
Standardisierung unter den NATO-Streitkräften leistet einen maßgebli-
chen Beitrag zur Einsatzbereitschaft der Streitkräfte des Bündnisses und
ermöglicht die bessere Nutzung wirtschaftlicher Ressourcen. Auf zahlreichen
verschiedenen Gebieten werden deshalb umfangreiche Anstrengungen unter-
nommen, um die Zusammenarbeit zu verbessern und Doppelarbeit bei
Forschung, Entwicklung, Produktion, Beschaffung und Wartung von
Rüstungssystemen auszuschließen. Die Standardisierungsübereinkommen
der NATO für Verfahren und Systeme sowie Bauteile werden vom Militärischen
Amt für Standardisierung der NATO in Zusammenarbeit mit der Konferenz der
Nationalen Rüstungsdirektoren (KNRD) und anderen zuständigen Behörden
entwickelt und bekannt gegeben.
Mit der Formulierung, Vereinbarung, Umsetzung und Fortschreibung der
in der NATO durchgängig angewendeten Normen für Geräte und
Verfahrensweisen wird ein wesentlicher Beitrag zur Geschlossenheit des
Bündnisses und zur Wirksamkeit seiner Verteidigungsstruktur geleistet.
Standardisierung ist zwar in vielen unterschiedlichen Bereichen von
Bedeutung, wichtigstes Forum für Grundsatzfragen der Standardisierung ist
jedoch die NATO-Standardisierungsorganisation, die die Eingliederung der
Standardisierung als integralen Bestandteil in die Bündnisplanung zum Ziel hat
und als Koordinierungsstelle für die verschiedenen höheren, mit
Standardisierung befassten NATO-Gremien dient. Diese Organisation wurde
1995 mit der Maßgabe eingerichtet, der Arbeit des Bündnisses neue Dynamik
zu verleihen, um die alliierten Verfahrensrichtlinien und Programme für die

206
Standardisierung von Material, Techniken und Einsatzverfahren zu verbessern.
Weitere Einzelheiten zur NATO-Standardisierungsorganisation und den dazu-
gehörigen Gremien enthält Kapitel 14.

KOMMUNIKATIONS- UND INFORMATIONSSYSTEME


Konsultations-, und Führungsbelange werden innerhalb der NATO unter
dem Kürzel „C3” zusammengefasst. Die NATO-Organisation für Konsultations-
und Führungssysteme (NC3O) ist für die Bereitstellung eines NATO-weiten,
kosteneffektiven, interoperablen und sicheren Systems zuständig, das die poli-
tische Konsultation und Führung von Streitkräften auf hoher Ebene gewährlei-
stet. Dies wird mit einer Reihe von Kommunikations- und
Informationssystemen erreicht, die Schnittstellen zu nationalen Fest- und
Mobilfunknetzen aufweisen, das gesamte NATO-Gebiet abdecken und das
NATO-Hauptquartier in Brüssel, alle Hauptquartiere/Stäbe der integrierten
militärischen Kommandostruktur, die Hauptstädte der Mitgliedstaaten und die
nationalen militärischen Kommandobehörden auf höchster Ebene miteinander
verbinden. Auch für politische Konsultationen mit den Mitgliedstaaten des
Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) wird ein gesichertes Netz einge-
richtet.

Die NC3O umfasst den als Direktorium der NC3O fungierenden NATO-
C3-Ausschuss (NC3B), die als ständiger NC3B fungierende Gruppe Nationaler
C3-Vertreter (NC3REPS), eine NATO-C3-Agentur (NC3A) sowie eine NATO-
Agentur für Betrieb und Unterstützung der Kommunikations- und
Informationssysteme (NACOSA). Der NC3B ist das oberste multinationale
Gremium, das im Namen des Nordatlantikrats und des Verteidigungsplanungs-
ausschusses handelt und für deren Beratung in allen Fragen der C3-Politik,
einschließlich der Interoperabilität von NATO- und nationalen C3-Systemen,
sowie für die Beratung der KNRD zu gemeinsamen C3-Programmen zustän-
dig ist.

Die C3-Agentur der NATO (NC3A) befasst sich mit der zentralen Planung,
Konstruktion und Integration, technischen Unterstützung und
Konfigurationskontrolle für NATO-C3-Systeme. Sie ist ferner für wissenschaft-
liche und technische Beratung sowie Unterstützung der Obersten NATO-
Befehlshaber und anderer Stellen in allen Angelegenheiten zuständig, die sich
auf Operations Research, Überwachung und Führungssysteme der
Luftstreitkräfte sowie technische Unterstützung für Übungen, Einsätze und
sonstige Projekte beziehen.

Die NATO-Agentur für Betrieb und Unterstützung der Kommunikations-


und Informationssysteme (NACOSA) betreibt, kontrolliert und unterhält die ihr
207
unterstellten NATO-Kommunikations- und -Informationssysteme zusammen
mit nachgeordneten Kontrollelementen. Außerdem bietet sie entsprechende
Unterstützung und Schulung für diese Systeme. Das Festlegen von Prioritäten
für Einsatzgrundsätze sowie die Verfahrenslenkung werden von beiden
Obersten NATO-Befehlshabern gemeinsam entschieden. Die nicht einsatzbe-
zogene Leitung wird vom NC3B ausgeübt.

KOORDINIERUNG DES ZIVILEN UND MILITÄRISCHEN


LUFTVERKEHRS
Der Nordatlantikrat gründete 1955 den Ausschuss Europäische
Luftraumkoordinierung. 1998 wurde dieser Ausschuss in den Ausschuss
Luftverkehrsführung in der NATO umgewandelt.

Der Ausschuss ist für die umfassende Koordinierung des zivilen und
militärischen Luftverkehrsaufkommens über dem Hoheitsgebiet der 19 NATO-
Staaten verantwortlich. Das schließt die Durchführung größerer Übungen der
Luftstreitkräfte, die Vereinheitlichung der Flugsicherungssysteme und -verfah-
ren sowie die gemeinsame Nutzung der Kommunikationsfrequenzen ein.
Beobachter der Internationalen Zivilen Luftfahrtorganisation, des
Internationalen Luftverkehrsverbands und der Europäischen Organisation zur
Sicherung der Luftfahrt (EUROCONTROL) stehen dem Ausschuss ebenfalls
unterstützend zur Seite. Vor dem Hintergrund der neuen Einsatzaufgaben des
Bündnisses, wie z. B. friedenserhaltende Maßnahmen, kann der Ausschuss
daher als besonderes Bindeglied zwischen den für die Koordinierung umfas-
sender militärischer Lufttransportbewegungen zuständigen NATO-
Militärbehörden und den für die Kontrolle des Luftraums verantwortlichen zivi-
len Organisationen fungieren.

Die sprunghafte Zunahme des zivilen Luftverkehrs in den letzten Jahren


und die wegen Kapazitätsüberlastung der Flugsicherung und Flughäfen in vie-
len Ländern Europas zu Stoßzeiten entstehenden Verspätungen haben die
Notwendigkeit einer wirksamen Koordinierung zwischen zivilen und militäri-
schen Behörden deutlich gemacht, um eine gerechte Aufteilung des Luftraums
unter allen Nutzern zu gewährleisten. Darüber hinaus gilt es auf technischer
Ebene sicherzustellen, dass das militärische Bedienpersonal mit den vielseiti-
gen Entwicklungen bei Luftverkehrsführungssystemen Schritt halten kann, die
von den zivilen Behörden für die Zukunft vorgesehen sind. Aus diesem Grunde
und insbesondere im Zusammenhang mit laufenden Bemühungen um eine
übergreifende europäische Luftverkehrsordnung ist der Ausschuss in einer
Reihe internationaler Gremien vertreten und zudem Teilnehmer an dem von
den Verkehrsministern auf der Europäischen Zivilluftfahrtkonferenz verab-

208
schiedeten Aktionsprogramm zur Harmonisierung und Integration der europäi-
schen Flugsicherung.

Da der Meinungsaustausch über Fragen der Luftraumkontrolle Teil der


sich entwickelnden Partnerschaft zwischen dem Nordatlantischen Bündnis und
seinen Partnerstaaten ist, engagiert sich der Ausschuss auch aktiv bei den
Kooperationsaktivitäten. Seit 1991 finden in regelmäßigen Abständen unter
Beteiligung hochrangiger Vertreter der NATO-Mitgliedstaaten und anderer
europäischer Länder Tagungen über die zivil-militärische Koordinierung des
Luftverkehrs statt. Im Mai 1992 beteiligten sich die mittel- und osteuropäischen
sowie die zentralasiatischen Staaten, die Mitglieder des (später durch den
Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat (EAPR) ersetzten) Nordatlantischen
Kooperationsrats (NAKR) waren, zusammen mit Vertretern aus den NATO-
Staaten, den NATO-Kommandobehörden und fünf für dieses Gebiet zuständi-
gen internationalen Organisationen an einem Seminar zu diesem Thema.

Ab November 1992 wurden Kooperationspartner zu den Plenarsitzungen


des Ausschusses eingeladen, um die zivil-militärische Dimension der
Integration Mittel- und Osteuropas in die westeuropäischen Strategien der
Luftverkehrsregelung zu erörtern. Anfang 1994 wurden auch andere neutrale
europäische Staaten aufgefordert, sich an den Aktivitäten des Ausschusses zu
beteiligen. Dadurch wurde der Ausschuss zu einem einzigartigen
Koordinierungsgremium zwischen zivilen und militärischen Nutzern des
gesamten kontinentaleuropäischen Luftraums, was auch die Europäische
Zivilluftfahrtkonferenz bestätigte.

Die Initiative der Partnerschaft für den Frieden (PfP) verbessert die kon-
krete Zusammenarbeit auf diesem Gebiet vor allem im Hinblick auf Übungen
der Luftstreitkräfte um ein Weiteres. Regelmäßige Plenar- und
Arbeitssitzungen sind jetzt Bestandteil der Kooperationsaktivitäten in Bezug
auf die im PfP-Partnerschafts-Arbeitsprogramm vorgesehene Koordinierung
des Luftverkehrs. Mit der Stärkung der Partnerschaft für den Frieden wird eine
erhebliche Erweiterung und Vertiefung der einschlägigen Aktivitäten des
Ausschusses in den nächsten Jahren erwartet.

Die Luftverkehrsregelung wurde in den Teil des EAPR-Arbeitplans für den


Zeitraum von 2000 bis 2002 aufgenommen, in dem die vereinbarten Bereiche
der Zusammenarbeit im Rahmen des PfP-Programms aufgeführt sind. Eine
Zusammenarbeit auf den Gebieten Flugsicherheit und Luftverkehrsregelung ist
auch im Rahmen der Beziehungen zwischen der NATO und Russland, der
NATO-Partnerschaft mit der Ukraine sowie der Südosteuropa-Initiative vorge-
sehen.
209
LUFTVERTEIDIGUNG
Der NATO-Luftverteidigungsausschuss ist für die Beratung des
Nordatlantikrats und des Verteidigungsplanungsausschusses in allen Fragen
der Luftverteidigung einschließlich der Abwehr taktischer Flugkörper zustän-
dig. Er ermöglicht es den Mitgliedstaaten, ihre nationalen Anstrengungen mit
der überstaatlichen Planung im Bereich der Führungsstrukturen der
Luftstreitkräfte und der Waffensysteme der Luftverteidigung in Einklang zu
bringen. Die Koordinierung der Luftverteidigung Kanadas und der Vereinigten
Staaten erfolgt über das Nordamerikanische Luftverteidigungssystem.

1994 nahm der NATO-Luftverteidigungsausschuss unter der


Schirmherrschaft des Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR) den Dialog
mit Kooperationspartnern mit dem Ziel auf, das gegenseitige Verständnis und
Vertrauen bei allen Beteiligten in sämtlichen Bereichen der Luftverteidigung zu
fördern, die von gemeinsamem Interesse sind. Entwicklungen im Rahmen der
Initiative Partnerschaft für den Frieden, die der Stärkung der Zusammenarbeit
auf diesem Gebiet dienlich sind, erstrecken sich unter anderem auf
Fachtagungen von Luftverteidigungsexperten zur Tatsachenfeststellung,
Seminare zum Thema Luftverteidigung und die Umsetzung eines
Gemeinschaftsprogramms Luftverteidigung. Der Dialog wird im Rahmen des
Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR), dem Nachfolger des
Nordatlantischen Kooperationsrats (NAKR), und im Kontext des Erweiterten
PfP-Programms fortgesetzt.

Eine effektive Luftverteidigung ist für die Sicherheit des Bündnisses von
grundlegender Bedeutung. Sie wird durch ein komplexes System gestellt, mit
dem Luftfahrzeuge und taktische Flugkörper entweder durch see- und landge-
stützte Waffensysteme oder durch Abfangjäger erfasst, verfolgt und bekämpft
werden können. Die Führungsstruktur, die die Luftverteidigung ermöglicht,
umfasst das NATO-Führungssystem Luftverteidigung an verschiedenen
Standorten von Nordnorwegen bis in die Osttürkei, das Verbesserte
Führungssystem für die Luftverteidigung des Vereinigten Königreichs und das
Portugiesische Führungssystem der Luftstreitkräfte. Die mit modernen Radar-
und Datenverarbeitungsanlagen sowie visuellen Darstellungssystemen ausge-
statteten und ihrerseits durch moderne digitale Kommunikationsnetze mitein-
ander verbundenen verschiedenen Standorte sind in diese Systeme integriert.
Waffensysteme und das Führungssystem bilden zusammen das so genannte
Integrierte Luftverteidigungssystem der NATO.

Eines der Hauptprinzipien des Systems ist Multinationalität. Ein Großteil


der vorhandenen Luftverteidigungsstruktur wurde daher über das NATO-
Sicherheitsinvestitionsprogramm (NSIP) (das frühere Infrastrukturprogramm)
gemeinsam finanziert; die Finanzierung des Nachfolgesystems unter der

210
Bezeichnung Führungssystem Luftstreitkräfte (ACCS, Air Command and
Control System) wird zum Großteil nach dem gleichen Muster erfolgen. Das
ACCS soll die taktische Planung, Zuweisung und Durchführung aller Einsätze
im Rahmen von Luftverteidigungs-, Luftangriffs- und Luftunterstützungs-
operationen in sich vereinigen. Sein Aufgabenbereich geht somit weit über die
bloße Luftverteidigung hinaus. Das System wird unter Aufsicht der NATO-
ACCS-Managementorganisation eingeführt und soll in wenigen Jahren ein-
satzbereit sein. Ende der 80er Jahre wurde die Frühwarnfähigkeit durch die
Beschaffung einer Flotte von AWACS-Frühwarnflugzeugen verstärkt. Diese
Flotte wird zur Zeit unter Leitung der NATO-AEW&C-Programmmanagement-
organisation modernisiert. Diese NATO-eigenen und von ihr betriebenen
Flugzeuge bilden zusammen mit den im Besitz des Vereinigten Königreichs
befindlichen und von diesem eingesetzten E-3D-Flugzeugen das luftgestützte
Frühwarnpotenzial der NATO. Die französischen sowie die US-Luftstreitkräfte
verfügen ebenfalls über E-3-Flugzeuge, die mit der NATO-Luftverteidigung
zusammenarbeiten können.

Die NATO prüft derzeit Verbesserungen zur raschen Weitergabe von


Frühwarndaten über den Abschuss taktischer ballistischer Flugkörper. Darüber
hinaus hat der NATO-Luftverteidigungsausschuss das Luftverteidigungs-
programm des Bündnisses, heute Erweitertes Luftverteidigungsprogramm des
Bündnisses genannt, überarbeitet. Es enthält Maßnahmen zu dem Zweck, die
Luftverteidigungsstrukturen der NATO so anzupassen, dass sie der veränder-
ten Sicherheitslage und den damit einhergehenden Änderungen der
Forderungen an das Krisenmanagement der NATO gerecht werden. Das
Programm berücksichtigt ferner eine entsprechende multinationale Ausbildung
und untersucht den möglichen Beitrag seegestützter Kräfte zur
Luftverteidigung des Festlands sowie die mögliche Verstärkung durch leicht
verlegbare Luftverteidigungselemente. Da überdies taktische Flugkörper heute
zum Waffenarsenal vieler Länder gehören, prüft das Bündnis auch die
Möglichkeiten zur Abwehr solcher Systeme.

Im Rahmen der Konferenz der Nationalen Rüstungsdirektoren wird an der


Entwicklung eines bündnisweiten Bodenüberwachungspotenzials gearbeitet,
das die AWACS-Fähigkeit ergänzen und ein wirkungsvolles System zur
Unterstützung militärischer Operationen im Zusammenhang mit der erweiter-
ten Luftverteidigung (beispielsweise durch Bekämpfung der strategischen
Streitkräfte), der Friedenserhaltung und dem Krisenmanagement gewährlei-
sten soll. Darüber hinaus hat die KNRD auf der Basis der vom Rat verab-
schiedeten Politik Studien zur mehrstufigen Flugkörperabwehr begonnen, in
denen der Anteil der aktiven Verteidigung am umfassenden Erweiterten
Luftverteidigungsprogramm erörtert wird.
211
ZIVILE NOTFALLPLANUNG
Das Ziel der zivilen Notfallplanung der NATO besteht in der Koordinierung
nationaler Planungsaktivitäten für eine möglichst wirksame Nutzung ziviler
Ressourcen zur kollektiven Unterstützung der Bündnisstrategie. Die zivile
Notfallplanung liegt in der Zuständigkeit der einzelnen Mitgliedstaaten. Zivile
Kräfte und Mittel bleiben jederzeit unter nationaler Kontrolle. Auf NATO-Ebene
werden nationale Absichten und Potenziale jedoch harmonisiert, um sicherzu-
stellen, dass gemeinsam entwickelte Pläne und Verfahren funktionieren wer-
den sowie notwendige Kräfte und Mittel verfügbar sind. Zu diesen Kräften und
Mitteln gehören Schiffe, Flugzeuge, Eisenbahnen, medizinische Einrichtungen,
Kommunikationseinrichtungen, Katastrophenhilfspotenziale und andere zivile
Ressourcen.
Die Hauptfunktionen der zivilen Notfallplanung in der NATO spiegeln die
grundlegenden Sicherheitsaufgaben des Bündnisses wider und umfassen die
zivile Unterstützung bei militärischen und Krisenreaktionseinsätzen,
Unterstützung für nationale Behörden bei zivilen Notfällen sowie den Schutz
der Zivilbevölkerung. Unter diesen allgemeinen Oberbegriffen spielt die zivile
Notfallplanung eine Rolle bei der Verwaltung der Verfügbarkeit von zivilen
Kräften, Mitteln und Einrichtungen sowie bei der Aufrechterhaltung des norma-
len Lebens in Notsituationen wie beispielsweise Krieg, Krisen und
Katastrophen. Diese Arbeit wird in zunehmendem Maße in enger
Zusammenarbeit mit Partnerstaaten ausgeführt, die mittlerweile aktiv in die
zivile Notfallplanung der NATO eingebunden sind.
Dies alles wird vom Oberausschuss Zivile Notfallplanung zusammenge-
führt, der direkt dem Nordatlantikrat unterstellt ist. Plenarsitzungen des
Oberausschusses Zivile Notfallplanung finden mindestens zweimal jährlich
und ständige Sitzungen mindestens achtmal jährlich statt. Vorsitzender der
Plenarsitzungen ist der Generalsekretär, aber in der Praxis hat der
Beigeordnete Generalsekretär für Sicherheitsinvestitionen, Logistik und Zivile
Notfallplanung den Vorsitz inne, während der Vorsitz der ständigen Sitzungen
beim Direktor für Zivile Notfallplanung liegt. Die Vertretung der Staaten auf
Plenarebene wird von den Leitern der nationalen Organisationen für Zivile
Notfallplanung in den Hauptstädten gestellt. An den ständigen Treffen nehmen
normalerweise Mitglieder der nationalen Delegationen im NATO-Hauptquartier
teil. Diese können jedoch durch Teilnehmer aus den Hauptstädten verstärkt
werden. Aufgrund der umfangreichen Einbindung der zivilen Notfallplanung in
PfP-Aktivitäten werden die zweimal jährlich stattfindenden Plenartreffen des
Oberausschusses Zivile Notfallplanung auch in EAPR-Zusammensetzung
abgehalten, wobei die Teilnahme allen Partnerstaaten offen steht, und die
ständigen Treffen mit den Partnerstaaten finden mindestens viermal pro Jahr
statt.

212
Unter der Leitung des Oberausschusses Zivile Notfallplanung führt eine
Reihe von technischen Planungsorganen und -ausschüssen nationale
Regierungs- und Industrieexperten sowie Militärvertreter zusammen, um die
Planung in den folgenden Bereichen ziviler Aktivität zu koordinieren:

• Europäischer Binnenverkehr auf dem Land- und Wasserweg


• Hochseeschifffahrt
• Zivilluftfahrt
• Ernährung und Landwirtschaft
• Industrielle Versorgung
• Post und Telekommunikation
• Medizinische Versorgung
• Zivilschutz
• Erdölversorgung (ruht jedoch derzeit).
Diese Organe treffen sich regelmäßig und stellen die entscheidende
Verbindung zwischen der NATO-Politik und den Mitteln zu ihrer Ausführung
dar. Sie werden in ihrer Arbeit durch kleinere, flexible Arbeitsgruppen oder spe-
zialisierte technische Ausschüsse unterstützt.
Die Gesamtleitung der zivilen Notfallplanung sowohl bei der NATO als
auch auf nationaler Ebene liegt bei den Außenministern, die über Prioritäten
entscheiden. Das breite Spektrum der zivilen Notfallplanung erfordert jedoch in
den Hauptstädten die sorgfältige Koordinierung der Beiträge der zahlreichen
Ministerien und nationalen Stellen, die heute an der zivilen Notfallplanung
beteiligt sind.

Zivile Notfallplanung im Rahmen der Partnerschaft


für den Frieden
Auf der Grundlage von Plänen, die von den Partnern jeweils einzeln mit
der NATO entwickelt und vereinbart wurden, arbeiten das Bündnis und die
Partnerstaaten bei der Unterstützung gemeinsamer Ideale der demokratischen
Kontrolle nationaler Institutionen, einschließlich der Streitkräfte, zusammen
und befassen sich mit den zahlreichen Risiken, denen die Staaten gegenüber-
stehen und die im Strategischen Konzept des Bündnisses beschrieben sind.
Verbündete und Partner führen gemeinsame Planungen und Übungen durch,
um ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit bei der Unterstützung des weit gefas-
213
sten Sicherheitsansatzes des Bündnisses zu verbessern. Die zivile
Notfallplanung ist auch weiterhin das größte nicht militärische
Kooperationsprogramm und umfasste bisher Seminare, Arbeitsprogramme,
Übungen, Ausbildungslehrgänge und den Austausch von Informationen. Alle
Partner sind auf verschiedenen Ebenen der lokalen, regionalen und nationalen
Verwaltung sowie mit nichtstaatlichen Organisationen beteiligt.
Das Programm spricht direkt die politischen Ziele der Partnerschaft an
und widmet sich nun immer mehr einer konkreten Zusammenarbeit durch die
Teilnahme der Partnerstaaten an der Arbeit der Planungsorgane und -aus-
schüsse. Diese praktische Beteiligung an der zivilen Notfallplanung der NATO
wird die Rolle der Partnerstaaten stärken und in Übereinstimmung mit von
Ministern und Staats- und Regierungschefs getroffenen Entscheidungen zur
Entwicklung einer vertieften und praktischeren Partnerschaft beitragen.
Gleichzeitig nehmen auch zahlreiche andere internationale
Organisationen an Aktivitäten im Bereich der zivilen Notfallplanung teil. Dazu
gehören der Europarat, die Europäische Union, die Internationale
Atomenergie-Organisation (IAEO), die Internationale Föderation der Rotkreuz-
und Rothalbmond-Gesellschaften (IFRK), das Internationale Komitee vom
Roten Kreuz (IKRK), das Amt für die Koordinierung humanitärer
Angelegenheiten der Vereinten Nationen (UNOCHA), die Organisation der
Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) und der
Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR).
Katastrophenhilfe und Bevölkerungsschutz sind ein wesentlicher Aspekt
der meisten Aktivitäten auf dem Gebiet der zivilen Notfallplanung im PfP-
Rahmen. Dabei geht es um Ereignisse wie Lawinenunglücke, Chemieunfälle,
Erdbeben, Überschwemmungen, atomare Zwischenfälle und Gefahrgut-
transporte. Ein Großteil der in diesem Zusammenhang durchgeführten
Aktivitäten erfolgt in Zusammenarbeit mit dem UNOCHA und seinem Projekt
für den Einsatz militärischer und ziviler Kräfte und Mittel in der
Katastrophenhilfe.
Als Antwort auf den gemeinsamen Wunsch nach verstärkter praktischer
Zusammenarbeit bei der Katastrophenhilfe entwickelte der Oberausschuss
Zivile Notfallplanung in EAPR-Zusammensetzung Pläne für ein euro-atlanti-
sches Potenzial zur Katastrophenhilfe aus einer Euro-Atlantischen
Koordinierungszentrale für Katastrophenhilfe und einer Euro-Atlantischen
Katastrophenhilfsorganisation. Die Einrichtung der Euro-Atlantischen
Koordinierungszentrale für Katastrophenhilfe wurde von den EAPR-Ministern
im Mai 1998 abgesegnet. Im darauf folgenden Monat wurde die Zentrale eröff-
net. Sie hat bei der Koordinierung der internationalen Reaktion auf die Über-
schwemmungen in der Ukraine sowie die Erdbeben in der Türkei und in
Griechenland wertvolle Arbeit geleistet. Außerdem hat sie einen wesentlichen

214
Beitrag zu den UNHCR-Hilfseinsätzen in Albanien und der ehemaligen jugos-
lawischen Republik Mazedonien4 geleistet und war bei der Koordinierung der
humanitären Unterstützung in der Kosovo-Krise von unschätzbarem Nutzen.

Bei der Euro-Atlantischen Katastrophenhilfsorganisation wird es sich um


eine nicht ständige Ressource handeln, die sich aus Kräften, Mitteln und
Ressourcen zusammensetzt, die die Staaten gegebenenfalls zur Verfügung
stellen, wenn ein ein Land, das von einer Katastrophe heimgesucht wurde, um
Hilfe ersucht. Ihre Existenz wird bei der Entwicklung einer schnellen und fle-
xiblen Katastrophenhilfe eine große Hilfe sein.

Kooperation zwischen der NATO und Russland


Die Zusammenarbeit zwischen der NATO und Russland auf diesem
Gebiet kam erstmals im Dezember 1991 zum Tragen, als der Nordatlantikrat
den Oberausschuss Zivile Notfallplanung mit der Koordinierung der
Transportmaßnahmen im Rahmen der humanitären Hilfeleistungen für die
damalige Sowjetunion beauftragte. In den Monaten danach bildete die
Zusammenarbeit zwischen der NATO und Russland bei den humanitären
Einsätzen in den verschiedenen Nachfolgestaaten der ehemaligen
Sowjetunion eine solide Grundlage für anschließende gemeinsame Aktivitäten
der NATO und Russland. Es wurde eine entsprechende Kooperation zwischen
den NATO-Organisationen für zivile Notfallplanung und dem Ministerium der
Russischen Föderation für Zivilschutz, Notstandsbekämpfung und die
Beseitigung der Folgen von Naturkatastrophen ins Leben gerufen, die beide zu
den Hauptträgern der Unterstützung für UNOCHA und sein Projekt für den
Einsatz militärischer und ziviler Kräfte und Mittel in der Katastrophenhilfe
gehören. Eine erste Arbeitstagung auf diesem Gebiet fand im Dezember 1992
im NATO-Hauptquartier statt. Seitdem wurden sowohl von der NATO als auch
von Russland umfassende Folgeleistungen in diesem Bereich erbracht.

Am 20. März 1996 wurde in Moskau von diesem russischen Ministerium


und der NATO eine Regierungsvereinbarung über Zivile Notfallplanung und
Katastrophenschutz unterzeichnet. Diese verpflichtet beide Parteien, sich ver-
stärkt um praktische Zusammenarbeit und gegenseitige Unterstützung auf
dem Gebiet des Katastrophenschutzes und der Katastrophenhilfe zu bemühen
und diese entsprechend zu fördern. Beide Parteien erwägen derzeit
Vorschläge für eine Zusammenarbeit bei der Unterstützung von UNOCHA-
Einsätzen im Falle einer größeren Katastrophe.

4 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.

215
Vom 22. bis 23. April 1997 wurde von diesem russischen Ministerium im
Rahmen der Partnerschaft für den Frieden (PfP) unter Beteiligung hochrangi-
ger Vertreter der zivilen Notfallplanung ein Symposium zum Thema
„Humanitäre Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts” ausgerichtet.
Diese Veranstaltung fand zusammen mit einer vom 24. bis 25. April in Moskau
abgehaltenen Plenarversammlung des Oberausschusses Zivile Notfallplanung
mit den Kooperationspartnern statt und stellte das erste außerhalb eines
NATO-Staates durchgeführte Symposium des Oberausschusses Zivile
Notfallplanung dar. Es war zudem das erste Mal, dass ein Oberausschuss der
NATO eine formelle Tagung auf dem Gebiet der Russischen Föderation
abhielt.

Nach Unterzeichnung der Grundakte über gegenseitige Beziehungen,


Zusammenarbeit und Sicherheit durch die NATO und die Russische
Föderation am 27. Mai 1997 in Paris und der Bildung des Ständigen
Gemeinsamen NATO-Russland-Rats (NRR) wurde eine Expertengruppe für
Notfall- und Katastrophenhilfe eingerichtet, die künftige Arbeitsbereiche fest-
legte. Diese Gruppe beaufsichtigt die Umsetzung der zwischen der NATO und
Russland getroffenen Regierungsvereinbarung. Das NRR-Pilotprojekt über
den Einsatz von Satellitentechnik im Katastrophenschutz ist ein Beispiel für die
in der Folge eingeleiteten Arbeiten.

Kooperation zwischen der NATO und der Ukraine


Die Zusammenarbeit zwischen der NATO und der Ukraine auf dem Gebiet
der zivilen Notfallplanung begann im Jahre 1995 nach schweren
Niederschlägen und Überschwemmungen im Einzugsgebiet der Flüsse Ouda
und Donez in der Ostukraine. Durch die Überschwemmungen wurde die
Kläranlage der Stadt Charkow außer Betrieb gesetzt und teilweise zerstört,
was zu einer starken Kontaminierung der Wasservorräte für eine Großstadt mit
etwa zwei Millionen Einwohnern führte. Das NATO-Direktorat Zivile
Notfallplanung koordinierte die Unterstützung aus den NATO- und
Partnerstaaten zur Behebung dieser Probleme.

1996 war die Ukraine Gastgeber der ersten Tagung des Ausschusses für
Zivile Notfallplanung außerhalb des NATO-Gebiets. Im Zusammenhang mit der
Übung „Carpathian Safety 96” traf der NATO-Ausschuss für Zivilschutz in
Lemberg mit Vertretern aus Kooperationsstaaten zusammen. Die erfolgreiche
Zusammenarbeit zwischen dem Direktorat Zivile Notfallplanung der NATO und
dem Ministerium für Notfallmaßnahmen und Schutz der Bevölkerung vor den
Folgen der Tschernobyl-Katastrophe ebnete den Weg für ein Seminar über den
„Sanitätslufttransport und Rettungseinsätze in Notfällen” im September 1997 in
Kiew.

216
Die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der zivilen Notfallplanung und
Katastrophenhilfe ist ein Schlüsselelement der im Juli 1997 in Madrid unter-
zeichneten NATO-Ukraine-Charta. Eine entsprechende Regierungs-
vereinbarung mit der NATO wurde am 16. Dezember 1997 unterzeichnet.
Die Ziele der Regierungsvereinbarung bestehen in der Verbesserung von
Potenzialen auf dem Gebiet der zivilen Vorbereitung auf Notfälle und des
Katastrophenschutzes sowie in der weiteren Förderung der guten
Zusammenarbeit zwischen den Parteien. Dementsprechend konzentriert sie
sich auf Bereiche von gemeinsamem Interesse, darunter regionale
Katastrophenhilfe und Notfallhilfe, zivil-militärische Zusammenarbeit,
Transport, luftmedizinische Evakuierungspläne und die Verbesserung des
Gesamtreaktionspotenzials bei atomaren Zwischenfällen.

WISSENSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT

Das Wissenschaftsprogramm der NATO


Wissenschaftliche Zusammenarbeit in der NATO fällt in die Zuständigkeit
des NATO-Wissenschaftsausschusses. Dieser Ausschuss zeichnet für das
Wissenschaftsprogramm der NATO verantwortlich, über das die Unterstützung
für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern der NATO-Staaten und
der EAPR-Partnerstaaten der NATO im zivilen Bereich bereitgestellt wird.
Das Wissenschaftsprogramm ist in vier Unterprogramme gegliedert, die
eine Vielzahl von gemeinsamen Unterstützungsmechanismen zur Erreichung
unterschiedlicher Ziele umfassen:
Wissenschaftsstipendien: Das Ziel des Unterprogramms Wissen-
schaftsstipendien besteht darin, durch die Ausbildung junger Forscher Vorbe-
reitungen für die längerfristige Zukunft zu treffen. Die Stipendien werden
dezentral verwaltet und bieten Wissenschaftlern aus Partnerstaaten die Mög-
lichkeit, ihr Studium fortzusetzen oder ihre Forschung eine Zeit lang in einem
NATO-Staat zu betreiben und umgekehrt.
Kooperative Wissenschaft und Technik: Das Ziel dieses
Unterprogramms besteht darin, zur Zusammenarbeit anzuregen und dauer-
hafte persönliche Verbindungen zwischen Wissenschaftlern aus NATO-
Staaten und Partnerstaaten oder Staaten des Mittelmeerdialogs zu schaffen.
Es werden Unterstützung für Gemeinsame Programmübergreifende
Stipendien (Collaborative Linkage Grants, CLG) und Expertenbesuche zur
Finanzierung der gemeinsamen Arbeit an Forschungsprojekten sowie finanzi-
elle Mittel für die Organisation von Unterrichtsinstituten für weiterführende
217
Studien mit prominenter Besetzung und intensiven Brainstorming-
Arbeitsprogrammen für weiterführende Forschungsvorhaben angeboten.

Alle Bereiche der Wissenschaften können unter diesem Unterprogramm


gefördert werden, und Anträge von einzelnen Wissenschaftlern werden von
Beratergremien zu physikalisch-technischer Forschung und Technologie, Life
Science und Technologie, Umwelt, Geowissenschaften und Technologie sowie
sicherheitsrelevanter ziviler Wissenschaft und Technologie geprüft.

Unterstützung der Forschungsinfrastruktur: Das Ziel dieses


Unterprogramms besteht darin, Partnerstaaten bei der Strukturierung der
Organisation ihrer Forschungsprogramme sowie bei der Schaffung der erfor-
derlichen grundlegenden Infrastruktur zu unterstützen. Im Gegensatz zum
kooperativen Wesen der vorgenannten Unterprogramme wird hier die
Unterstützung von der NATO an die Partnerstaaten geleitet. Verschiedene
Aktivitäten können in zwei Bereichen gefördert werden -
1) Computernetzwerke und 2) Politik und Organisation von Wissenschaft und
Technologie.

Wissenschaft für den Frieden: Das Ziel dieses Unterprogramms besteht


darin, die anwendungsorientierte Forschung in den Bereichen Industrie oder
Umwelt in den Partnerstaaten zu stärken. Es führt Wissenschaftler aus
Forschungsinstituten, der Industrie oder Kundendienstleistungen aus NATO-
und Partnerstaaten für eine drei- bis fünfjährige Arbeit in angewandten
Forschungs- und Entwicklungsprojekten zusammen.

Die Ursprünge der wissenschaftlichen Zusammenarbeit in der NATO kön-


nen auf die Empfehlungen des Dreierausschusses zur nicht militärischen
Zusammenarbeit in der NATO von 1956 zurückgeführt werden. Dieser
Ausschuss der „Drei Weisen” - die Außenminister Lange (Norwegen), Martino
(Italien) und Pearson (Kanada) - erklärte, dass der wissenschaftliche und tech-
nische Fortschritt so wichtig für die Zukunft der atlantischen Gemeinschaft sei,
dass NATO-Mitglieder sicherstellen sollten, dass jede Möglichkeit der frucht-
baren Zusammenarbeit untersucht werde. Durch die Annahme eines Berichts
einer nachfolgenden Arbeitsgruppe über wissenschaftliche und technische
Zusammenarbeit billigten die Staats- und Regierungschefs des Bündnisses
auf einem Treffen im Dezember 1957 die Gründung eines NATO-
Wissenschaftsausschusses. Der Wissenschaftsausschuss trat erstmals im
März 1958 zusammen.

Das Wissenschaftsprogramm entwickelte sich im Laufe von dreißig


Jahren auf der Grundlage der beiden Prinzipien herausragende Wissenschaft
und Bündnissolidarität und sollte von Anfang an zur Unterstützung der
Zusammenarbeit zwischen einzelnen Wissenschaftlern in NATO-Staaten statt
zur Finanzierung von Forschungsarbeiten oder Institutionen dienen. In den

218
letzten Jahren hat das Programm immer mehr Möglichkeiten für eine
Zusammenarbeit mit den Partnern der NATO im Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrat bereitgestellt. Anfang 1999 wurde das Programm komplett
umgestaltet und bietet jetzt nur noch Unterstützung für eine Zusammenarbeit
zwischen Wissenschaftlern aus NATO-Staaten und Wissenschaftlern aus den
Partnerstaaten der NATO oder, bei Aktivitäten des Unterprogramms
Kooperative Wissenschaft und Technik, Staaten des Mittelmeerdialogs. Eine
ausschließliche Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern aus NATO-
Staaten wird nicht mehr unterstützt.
Heute sind jedes Jahr etwa 10.000 Wissenschaftler aus NATO- und
Partnerstaaten am NATO-Wissenschaftsprogramm beteiligt, entweder als
Stipendiatsempfänger und Tagungsteilnehmer oder als Referenten und
Mitglieder der Beratergremien. Zu den unterstützten Themen gehören unter
anderem: „Industrieller Mineralabbau in albanischen Ophiolitkomplexen”
(Umwelt-CLG - Albanien und Vereinigtes Königreich), „Calcium- und
Transmitterausschüttung in vaskulären Nerven” (Life Sciences-CLG -
Russland und Dänemark), „Magnetische Akkretion bei jungen Sternen”
(Physik-CLG - Usbekistan, Kasachstan, Armenien, Frankreich, USA und
Deutschland), „Anwendung von Waffen- und Raketentreibstoffen in kommerzi-
ellen Sprengstoffen” (Sicherheitsbezogener Zivilwissenschafts-ARW -
Russland und USA), „Wissenschaftliche Fragen umweltverträglicher
Rückgewinnungs- und Verschmutzungsendpunkte” (Umwelt-ASI - Ukraine und
USA)5.
Der Wissenschaftsausschuss trifft sich dreimal im Jahr sowie mit den
Partnern im Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat einmal im Jahr. Unterstützung
bei seiner Arbeit zur Beurteilung und Auswahl von Unterstützungsanträgen
erhält der Ausschuss von Beratergremien, deren Mitglieder aus den
Wissenschaftlern der NATO- und Partnerstaaten vom Ausschuss ernannt wer-
den.

Kooperation zwischen der NATO und Russland


Im Einklang mit den Bestimmungen der NATO-Russland-Grundakte
wurde auf einer Tagung des Ständigen Gemeinsamen NATO-Russland-Rats
(NRR) auf Ministerebene im Mai 1998 in Luxemburg eine
Regierungsvereinbarung über wissenschaftliche und technologische
Zusammenarbeit zwischen der NATO und dem Ministerium für Wissenschaft
und Technologie der Russischen Föderation unterzeichnet. Zweck dieser

5 CLG: Collaborative Linkage Grant, Gemeinsames Programmübergreifendes Stipendium


ARW: Advanced Research Workshop, Arbeitsprogramm für weiterführende Forschungsvorhaben
ASI: Advanced Study Institute, Institut für weiterführende Studien

219
Vereinbarung ist es, erstens die wissenschaftliche und technologische
Zusammenarbeit zwischen NATO und Russischer Föderation auf Feldern mit
gemeinsamem Interesse anzuregen und zu fördern und zweitens wissen-
schaftliche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu unterstützen, die
Wissenschaft und Technologie voranbringen.

Diese Vereinbarung sieht die Bildung eines gemeinsamen Ausschusses


der NATO und Russlands für wissenschaftliche und technologische
Zusammenarbeit vor, der im Auftrag des Ständigen Gemeinsamen Rats tagt.
Der Ausschuss soll einmal im Jahr wechselweise in der Russischen Föderation
und im NATO-Hauptquartier zusammentreten.

Ein erstes Treffen des Ausschusses fand im November 1998 statt. Zu die-
sem Zeitpunkt identifizierte der Ausschuss drei Bereiche zur Kooperation unter
der Regierungsvereinbarung: Plasmaphysik, Pflanzenbiotechnologie sowie die
Vorhersage und Prävention von Katastrophen.

Kooperation zwischen der NATO und der Ukraine


Die Kooperation mit der Ukraine im Rahmen des Wissenschaftspro-
gramms der NATO wurde 1991 aufgenommen und wird nach den
Bestimmungen der NATO-Ukraine-Charta intensiviert. Durch einen
Notenaustausch zwischen Vertretern der Ukraine und der NATO wurde eine
spezielle NATO-Ukraine-Arbeitsgruppe für Wissenschaftliche Zusammenarbeit
eingerichtet. Diese Arbeitsgruppe wird den Grad der Beteiligung ukrainischer
Wissenschaftler am NATO-Wissenschaftsprogramm bewerten und Wege zur
Förderung einer verstärkten Teilnahme benennen.

Kooperation im Rahmen des Mittelmeerdialogs


Der NATO-Wissenschaftsausschuss verfolgt auch besondere Aktivitäten
mit den Ländern des Mittelmeerdialogs; zudem können Wissenschaftler aus
den Ländern des Mittelmeerdialogs nun bei Kollegen aus NATO-Staaten die
Unterstützung von gemeinsamen programmübergreifenden Stipendien,
Expertenbesuchen, Instituten für weiterführende Studien und
Arbeitsprogrammen für weiterführende Forschungsvorhaben beantragen.
Besondere Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf die Bestimmung von Themen
von regionalem Interesse für die Staaten des Mittelmeerdialogs und auf die
Förderung von Anträgen auf wissenschaftliche Zusammenarbeit auf diesen
Gebieten.

220
UMWELT UND GESELLSCHAFT

Herausforderungen der modernen Gesellschaft


Die Herausforderungen für die internationale Gemeinschaft im Bereich
Umwelt wurden 1969 vom Bündnis erkannt. Damals wurde der Ausschuss für
die Herausforderungen der modernen Gesellschaft gegründet, um auf
Umweltprobleme zu reagieren. Über diesen Ausschuss haben Mitgliedstaaten
an zahlreichen Initiativen teilgenommen, um die Vorteile des Potenzials der
Zusammenarbeit im Bündnis bei der Bearbeitung von Problemen im Bereich
Umwelt und Lebensqualität zu nutzen.

Unter der Schirmherrschaft des Ausschusses wurden beispielsweise


Projekte auf den Gebieten Umweltverschmutzung, Lärmbelästigung, städti-
sche Probleme, Energie und Gesundheit sowie insbesondere verteidigungs-
bezogene Umweltfragen durchgeführt. Hierzu gehören z. B. Pilotstudien zu fol-
genden Themen: Umweltaspekte der Wiederverwendung von früherem
Militärgelände zur Unterstützung von Partnerstaaten bei der Umwandlung ehe-
maliger Militärbasen für die zivile Nutzung, Umweltsicherheit in internationalem
Kontext, Umweltmanagementsysteme im Militärbereich, saubere Produkte und
Verfahren, Ökosystemmodelle von Küstenlagunen für nachhaltiges
Management sowie Umweltverträglichkeitsprüfungen.

Der Ausschuss stellt für NATO- und EAPR-Partnerstaaten ein einzigarti-


ges Forum für den Austausch von Wissen und Erfahrung zu technischen, wis-
senschaftlichen und politischen Aspekten sozialer Themen und Umweltthemen
sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich dar. Die Arbeit des
Ausschusses findet auf dezentraler Basis statt. Die Teilnahme der Staaten an
Pilotstudien, Projekten, Arbeitsprogrammen und Seminaren (die von den ein-
zelnen Staaten finanziert werden) ist freiwillig. Der Zivilhaushalt der NATO
stellt dem Ausschuss für die Herausforderungen der modernen Gesellschaft
einige finanzielle Mittel zur Verfügung, damit dieser Stipendien an Experten für
die Teilnahme an Aktivitäten des Ausschusses vergeben kann.

Bei jedem durchgeführten Projekt übernehmen ein oder mehrere Staaten


freiwillig eine Pilotfunktion. Hierzu gehört die Verantwortung für Planung und
Finanzierung der Arbeit, die Koordinierung ihrer Ausführung, die Vorbereitung
der erforderlichen Berichte und die Förderung von Nachfolgeaktionen. Seit
1993 kann ein Vertreter eines Partnerstaats die Funktion des Ko-Direktors
einer Pilotstudie übernehmen, der mit einem Ko-Direktor aus einem NATO-
Staat zusammenarbeitet. Es müssen mindestens zwei andere Staaten des
Bündnisses teilnehmen.
221
Seit 1996 hat der Ausschuss neue Instrumente für die Zusammenarbeit im
Rahmen des Programms eingeführt. Hierzu gehören 6-18 Monate dauernde
Ad-hoc-Projekte zu bestimmten Themen sowie Arbeitsprogramme zur
Verbreitung von Informationen in klar definierten Bereichen. In diesem
Zusammenhang gibt es zwei fortlaufende Projekte: „Entwicklung eines inte-
grierten Managementprogramms für den Küstenbereich mittels Überwachung
und Modellierung von Küste und Schelf im Schwarzen Meer” und
„Nachhaltiges Bauen für die militärische Infrastruktur”. In Übereinstimmung mit
dem EAPR-Aktionsplan für 2000-2002 erweiterte der Ausschuss für die
Herausforderungen der modernen Gesellschaft seine Arbeit, die nun auch
gemeinsame Treffen mit den Partnerstaaten der NATO und Arbeitsprogramme
zu verteidigungsbezogenen Umweltfragen sowie neue Pilotstudien zu Themen
von besonderem Interesse für die Partnerstaaten umfasst. Als Beispiele für die
Arten der vom Ausschuss für die Herausforderungen der modernen
Gesellschaft geförderten Umweltkonferenzen seien zwei im Jahre 1999 orga-
nisierte Konferenzen genannt, die erste im Rahmen des EAPR-Aktionsplans
mit dem Thema „Umweltsicherheit der Ölpipeline in Georgien” (Tiflis, Georgien,
Oktober 1999) und die zweite im Rahmen der NATO-Ukraine-Charta mit dem
Thema „Ökologische Probleme aus Verteidigungsaktivitäten im Schwarzen
Meer und Asowschen Meer” (Sewastopol, Ukraine, Oktober 1999).

Die Treffen des Ausschusses in EAPR-Zusammensetzung finden jährlich


statt. Zu den begonnenen oder noch in der Diskussion stehenden Aktivitäten
gehören Pilotstudien zu Reinigungsmethoden für verseuchtes ehemaliges
Militärgelände, Umweltmanagement im Militärbereich, Umweltsicherheit sowie
Arbeiten zur gegenseitigen Beziehung zwischen Verteidigung, Umwelt und
wirtschaftlichen Fragen, die der Bestimmung von umweltverträglichen
Ansätzen für die Einsätze von Streitkräften sowohl in Bündnis- als auch in
Partnerstaaten dienen soll.

Kooperation zwischen der NATO und Russland


Eine Regierungsvereinbarung zwischen der Russischen Föderation und
der NATO zum Umweltschutz befindet sich in Vorbereitung.

Kooperation zwischen der NATO und der Ukraine


Die Kooperation mit der Ukraine im Ausschuss für die Herausforderungen
der modernen Gesellschaft wird unter den Bestimmungen der NATO-Ukraine-
Charta durchgeführt und konzentriert sich insbesondere auf Umweltprobleme
im Zusammenhang mit der Verteidigung.

222
Kooperation im Rahmen des Mittelmeerdialogs
Die Staaten des Mittelmeerdialogs sind zur Teilnahme an den Projekten
des Ausschusses für die Herausforderungen der modernen Gesellschaft auf-
gefordert.

223
KAPITEL 9

GEMEINSAM FINANZIERTE RESSOURCEN:


NATO-HAUSHALTS- UND -FINANZWESEN

Grundsätze der gemeinsamen Finanzierung

Kostenteilung

Zivilhaushalt

Militärhaushalt

Sicherheitsinvestitionsprogramm der NATO

Ressourcenmanagement

Finanzverwaltung

Finanzkontrolle
GEMEINSAM FINANZIERTE RESSOURCEN:
NATO-HAUSHALTS- UND -FINANZWESEN
GRUNDSÄTZE DER GEMEINSAMEN FINANZIERUNG
Die NATO - eine zwischenstaatliche Organisation - erhält die Mittel, die sie
für ihren täglichen Betrieb und für die Bereitstellung der für Konsultation, Ent-
scheidungsfindung und anschließende Umsetzung vereinbarter Verfahrens-
richtlinien und Tätigkeiten erforderlichen Einrichtungen benötigt, von den ein-
zelnen Mitgliedstaaten zugeteilt. Sie ist ein im Wesentlichen auf eine
militärische Struktur aufbauendes politisches Bündnis mit dem Auftrag, für die
gemeinsame Verteidigung der Mitgliedstaaten zu sorgen, die Zusammenarbeit
mit NATO-Partnerstaaten zu pflegen und die Bündnispolitik bei der
Friedenserhaltung und in anderen Bereichen umzusetzen.
Aus militärischer Sicht bleibt neben einer begrenzten Zahl ständiger
Hauptquartiere und kleiner stehender Verbände der Großteil der Streitkräfte
und Ressourcen der einzelnen Mitgliedstaaten bis zu dem Zeitpunkt unter
nationalem Kommando, zu dem je nach Mitgliedstaat gegebenenfalls die
gesamten Streitkräfte oder Teile davon zur Durchführung bestimmter militäri-
scher Einsätze der NATO unterstellt werden. Die Streitkräfte der NATO-Länder,
die einen Beitrag zu den unter NATO-Führung in Bosnien und Herzegowina
sowie im Kosovo eingesetzten SFOR- und KFOR-Truppen leisten, sind also
der NATO vorübergehend unterstellt, um die Mandate des Bündnisses zu erfül-
len; ihre Ausbildung, Ausrüstung, Erhaltung und Finanzierung gehen jedoch zu
Lasten der Verteidigungshaushalte der einzelnen Mitgliedstaaten.
Zur Vereinfachung der Konsultation und gemeinsamen Entscheidungsfin-
dung im Bündnisrahmen unterhält jeder Mitgliedstaat eine diplomatische und
militärische Vertretung im NATO-Hauptquartier sowie eine zivile und/oder
militärische Vertretung in den Stäben der verschiedenen NATO-Gremien und
-Kommandobehörden. Die Kosten für die Unterhaltung und personelle Beset-
zung ihrer nationalen Delegationen und Militärmissionen fallen ebenfalls in
nationale Zuständigkeit; ihre Finanzierung erfolgt nach den Abrechnungs-
grundsätzen und -verfahren des jeweiligen Landes.
Die beiden vorstehend angeführten Beispiele - Kosten für die Unterhal-
tung der Streitkräfte sowie für die zivile und militärische Vertretung in NATO-
Gremien - veranschaulichen die Ausgaben, die bei einer Analyse der Gesamt-
kosten berücksichtigt werden müssten, die für jeden Staat aufgrund seiner
NATO-Mitgliedschaft anfallen. Diese Ausgaben müssten einer ähnlichen Ana-
lyse des wirtschaftlichen Nutzens, der dem jeweiligen Mitgliedstaat aus seiner
NATO-Zugehörigkeit erwächst, gegenübergestellt werden.
227
Die Beweggründe für eine NATO-Mitgliedschaft gehen jedoch weit über
den engen Rahmen eines auf der Grundlage der oben dargelegten Aspekte
gezeichneten Bildes finanzieller Vor- und Nachteile hinaus und umfassen poli-
tische, wirtschaftliche, wissenschaftliche, technologische, kulturelle und
andere Faktoren, die sich nicht ohne Weiteres auf den Finanzbereich übertra-
gen lassen. Um überdies zu einer aussagekräftigen Schlussfolgerung zu kom-
men, müsste jeder Mitgliedstaat die Kosten in seine Kalkulation einbeziehen,
die im Laufe der Zeit anfielen, wenn er für sich allein oder im Rahmen anderer
Formen der internationalen Kooperation für die nationale Sicherheit Sorge tra-
gen müsste.

Zweck dieses Kapitels ist nicht der Versuch, theoretische Berechnungen


dieser Art anzustellen. Dies muss Sache der einzelnen Mitgliedstaaten unter
Zugrundelegung ihrer eigenen Verfahren und Praktiken bleiben. Ziel ist viel-
mehr die Darlegung des Prinzips der gemeinsamen Finanzierung und der
Kostenteilung, das bündnisweit und für alle zur Verwaltung der Finanzmittel der
Allianz eingesetzten wichtigen Haushalte Anwendung findet. Zusammen
genommen stellen diese Ausgaben weniger als ein halbes Prozent der
Gesamtverteidigungsausgaben der NATO-Staaten dar (siehe Tabelle 3).

NATO-Mittel werden im Wesentlichen für Vorhaben eingesetzt, die im


Interesse aller Mitgliedstaaten liegen. Die Struktur der gemeinsamen Finan-
zierung ist mannigfaltig und dezentral ausgerichtet. Bestimmte multinationale
Kooperationsaktivitäten auf den Gebieten Forschung, Entwicklung, Produktion
und logistische Unterstützung berühren nicht alle Mitgliedstaaten und können
mitunter lediglich eine kleine Zahl dieser Staaten betreffen. Diese größtenteils
unter der Leitung von NATO-Produktions- und -Logistikorganisationen durch-
geführten Aktivitäten unterliegen den allgemeinen Finanz- und Rechnungsprü-
fungsbestimmungen der NATO, werden jedoch andererseits praktisch auto-
nom gemäß den vom Nordatlantikrat verabschiedeten Statuten
wahrgenommen. Sie sind weiter unten aufgeführt (siehe unter „Finanzverwal-
tung”).

Deshalb erstreckt sich die Finanzierung im NATO-Rahmen mit wenigen


Ausnahmen weder auf die Aufstellung von Truppenkontingenten noch auf die
Beschaffung militärischen Geräts wie Schiffen, U-Booten, Luftfahrzeugen,
Panzern, Geschützen oder sonstigen Waffensystemen. Truppen und Wehrma-
terial werden von den Mitgliedstaaten für das Bündnis abgestellt, die für das
von ihnen überlassene Potenzial finanziell in der Pflicht bleiben. Eine wichtige
Ausnahme bildet das luftgestützte Frühwarn- und Überwachungssystem
(AWACS) der NATO, einer Flotte radarbestückter, im gemeinsamen Besitz der
Mitgliedstaaten befindlicher und von diesen gemeinsam beschaffter, gewarte-
ter und betriebener Flugzeuge, die dem direkten operativen Befehl eines
NATO-Truppenführers unterstellt ist, der seinerseits den Strategischen NATO-

228
Befehlshabern direkt verantwortlich ist. Darüber hinaus werden von der NATO
dem kollektiven Bedarf dienende Investitionen wie Luftverteidigungs-,
Führungs- oder bündnisweite Kommunikationssysteme finanziert, deren
Bereitstellung keinem einzelnen Mitgliedstaat überantwortet werden kann. Sol-
che Investitionsvorhaben bedürfen der Unterhaltung, Erneuerung und letztlich
des Ersatzes im Zuge des sich wandelnden Bedarfs und der technologischen
Entwicklung; für die damit einhergehenden Ausgaben wird ebenfalls ein
beträchtlicher Teil der NATO-Finanzierung aufgewendet.

Ausgangspunkt für Beantragung und Gewährung der gemeinsamen


Finanzierung für ein bestimmtes Projekt sind Identifizierung und Anerkennung
der Notwendigkeit der entsprechenden Ausgaben und die Feststellung, dass
die Verantwortung für diese Aufwendungen vernünftigerweise nicht einem ein-
zelnen Staat aufgebürdet werden kann und das Projekt den Interessen aller
beitragleistenden Staaten dienen wird. Der Bedarf muss gründlich geprüft,
festgestellt und authentisiert werden, und dies setzt eine enge Zusammenar-
beit zwischen den administrativen Systemen auf nationaler und internationaler
Ebene voraus. Nach Bestätigung der Notwendigkeit der Ausgaben gilt es zu
beurteilen, inwieweit das jeweilige Projekt für eine gemeinsame Finanzierung
durch die Mitgliedstaaten nach einem genau festgelegten Schlüssel in Frage
kommt. Die Entscheidung im Rahmen dieser Beurteilung wird von den Mit-
gliedstaaten, die sich letztlich die Kosten teilen müssten, einvernehmlich
getroffen.

In den Jahren seit der Gründung des Bündnisses gab die Anwendung die-
ser Prinzipien Raum für die Erarbeitung komplexer Regeln, die unter anderem
verschiedene Stufen für vollständige oder partielle Finanzierung und die Aus-
klammerung verschiedener Kostenelemente wie z. B. nationaler oder örtlicher
Steuern zum Inhalt hatten. Eine weitere größere und vielleicht überraschende,
in die Gründungszeit des Bündnisses zurückreichende Kostenausgrenzung
stellt die Besoldung des Militärpersonals dar, das im NATO-Hauptquartier oder
in einem internationalen Stab der militärischen Organisation des Bündnisses
seinen Dienst versieht. Dieser Kostenfaktor geht zu Lasten der das Personal
abstellenden Staaten. Zur Zeit sind etwa 15.000 Soldaten ständig in interna-
tionalen Stäben tätig, die ihren Sold durchweg von ihren nationalen Regierun-
gen erhalten. Die Gehaltszahlungen für das im NATO-Hauptquartier in Brüssel
und in den NATO-Stäben beschäftigte internationale Zivilpersonal erfolgt über
den gemeinsam finanzierten Zivil- bzw. Militärhaushalt der NATO. Wesentliche
die NATO betreffende Finanzierungsmaßnahmen bedürfen des Einverständ-
nisses aller Mitgliedstaaten.

Die Kriterien für die gemeinsame Finanzierung unterliegen einer ständi-


gen Überprüfung; Änderungen können im Zuge neuer Eventualfälle eingeführt
werden - so z. B. die Notwendigkeit der eindeutigen Festlegung der Kostenan-
229
teile für NATO-Friedenseinsätze, die den internationalen Haushalten zuge-
schlagen bzw. durch nationale Haushalte finanziert werden sollten. Andere
Änderungen an bestehenden Regelungen zur gemeinsamen Finanzierung
können im Zuge organisatorischer oder technologischer Entwicklungen oder
schlicht aufgrund der Notwendigkeit einer Kostenkontrolle zu dem Zweck vor-
genommen werden, den Anforderungen im Rahmen bestimmter finanzieller
Grenzen nachzukommen. Trotz dieser Herausforderungen bleibt das Prinzip
der gemeinsamen Finanzierung auf der Grundlage eines Konsenses wesentli-
che Voraussetzung für die Arbeit der Allianz. Dieses Prinzip wird auch weiter-
hin von allen Mitgliedstaaten getragen und kann als Ausdruck ihres politischen
Engagements für die NATO und die politische Solidarität betrachtet werden,
die die Umsetzung der vereinbarten NATO-Politik kennzeichnen.

KOSTENTEILUNG
Generell gilt, dass die Mitgliedstaaten sich an allen die gemeinsame
Finanzierung betreffenden Ausgaben beteiligen. Somit leisten alle Mitglied-
staaten ihren Beitrag zur Finanzierung der Aufwendungen für den Internatio-
nalen Stab, den Internationalen Militärstab und die Gremien des Militäraus-
schusses sowie die gemeinsam finanzierten Elemente von
friedensunterstützenden Einsätzen und Aktivitäten im Rahmen der Partner-
schaft für den Frieden. Das luftgestützte Frühwarn- und Überwachungssystem
der NATO wird hingegen von den 13 an diesem Verband beteiligten Staaten
finanziert. Aufwendungen für andere Komponenten oder Organisationen inner-
halb der internationalen Militärstruktur sowie im Rahmen des Sicherheitsinve-
stitionsprogramms der NATO anfallende Kosten werden entsprechend der Art
der Beteiligung der einzelnen Mitgliedstaaten an der integrierten Kommando-
struktur der NATO aufgeteilt.

Normalerweise sollen die vereinbarten Kostenteilungsschlüssel, anhand


derer die Beiträge der einzelnen Mitgliedstaaten ermittelt werden, die „Zah-
lungsfähigkeit” der betreffenden Länder berücksichtigen. Die Grundlage für die
angewandten Schlüssel ist jedoch gleichermaßen politischer wie wirtschaftli-
cher Natur. Die für die Zivil- und Militärhaushalte sowie das Sicherheitsinvesti-
tionsprogramm der NATO geltenden Schlüssel wurden ursprünglich Anfang
der 50er Jahre ausgehandelt. Sie wurden in der Folge zum Großteil nach pro-
portionalen Gesichtspunkten angepasst, um neuen Mitgliedern und unter-
schiedlichen Graden der Beteiligung an der integrierten Kommandostruktur
Rechnung zu tragen. Sie stehen demzufolge in keinem genauen Verhältnis zu
den aktuellen Maßstäben der relativen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit wie
z. B. dem Bruttoinlandsprodukt oder der Kaufkraftparität.

230
Zur Zeit wird der Zivilhaushalt nach einem einzigen 19-Staaten-Schlüssel
finanziert. Ein Großteil des Militärhaushalts für die internationale Militärstruktur
wird nach einem leicht abweichenden 19-Staaten-Schlüssel sowie zwei 18-
Staaten-Schlüsseln finanziert. Das NATO-Sicherheitsinvestitionsprogramm
wird ebenfalls nach zwei verschiedenen 19- und 18-Staaten Schlüsseln finan-
ziert. Der zur Finanzierung des AWACS-Verbands der NATO vorgesehene Teil
des Militärhaushalts wird nach einem 13-Staaten- sowie einem 14-Staaten-
Schlüssel verwaltet, die die industrielle/kommerzielle Ausrichtung der Kosten-
teilungsvereinbarungen für die entsprechende Beschaffungsorganisation,
NAPMO, widerspiegeln (siehe Kapitel 14).
Tabelle 1 und 2 zeigen die Kostenanteile der Mitgliedstaaten im Rahmen
des Zivil- und Militärhaushalts sowie des Sicherheitsinvestitionsprogramms der
NATO.

ZIVILHAUSHALT
Der Zivilhaushalt wird unter Aufsicht des Ausschusses Zivilhaushalt ein-
gerichtet und verwaltet und in erster Linie mit den von den Außenministerien
zugewiesenen Mitteln finanziert. Er erstreckt sich auf die Betriebskosten für
den Internationalen Stab im NATO-Hauptquartier in Brüssel, die Durchführung
genehmigter ziviler Programme und Aktivitäten sowie die Kosten für Bau,
Unterhalt und Erhaltung von Einrichtungen einschließlich der für die Ausrich-
tung aller Tagungen der NATO-Ausschüsse und nachgeordneter Gruppen
sowie Sicherheitsdienste usw. anfallenden Personalkosten. In den letzten Jah-
ren wurde ein zunehmender Teil der Haushaltsmittel zur Finanzierung von Akti-
vitäten mit Partnerstaaten aufgewendet. Der für das Jahr 2000 genehmigte
Gesamthaushalt beläuft sich auf rund 133 Millionen1 US-$. Davon entfallen
rund 61 Prozent auf Personalkosten (80 Millionen US-$). Der Anteil der Kosten
für Sonderprogramme wie beispielsweise das NATO-Wissenschaftsprogramm
oder für Informationsaktivitäten liegt bei rund 26 Prozent (35 Millionen US-$).
Der Rest (13 Prozent oder rund 18 Millionen US-$) entfällt auf sonstige
Betriebs- und Kapitalkosten.

MILITÄRHAUSHALT
Der Militärhaushalt wird unter Aufsicht des Ausschusses Militärhaushalt
eingerichtet und verwaltet und zum Großteil mit den von den Verteidigungsmi-

1 Beim Vergleich der in diesem Kapitel genannten Zahlen mit den in früheren Ausgaben des
Handbuchs veröffentlichten Daten ist zu beachten, dass Änderungen aufgrund von
Kursschwankungen des Dollars möglich sind.

231
nisterien zugewiesenen Mitteln finanziert. Er erstreckt sich auf die Betriebs-
und Erhaltungskosten und mit Ausnahme größerer, über das Sicherheitsinve-
stitionsprogramm der NATO finanzierter Bau- und Systeminvestitionen auf die
Kapitalkosten für die internationale Militärstruktur. Dazu gehören der
Militärausschuss, der Internationale Militärstab und zugehörige Gremien, die
beiden Strategischen NATO-Kommandobehörden (ACE und ACLANT) nebst
ihren Führungsinformationssystemen, Forschungs- und Entwicklungs-,
Beschaffungs- und Logistikstellen und der AWACS-Verband der NATO.

Zur Zeit werden mit diesem Haushalt auch die Betriebskosten der NATO-
Kommandostruktur für den Friedenseinsatz in Bosnien und Herzegowina
sowie im Kosovo bestritten. Der für das Jahr 2000 genehmigte Gesamthaus-
halt beläuft sich auf rund 751,5 Millionen US-$. Dabei gilt es zu beachten, dass
in dieser Summe die nicht unerheblichen Kosten für die Abstellung von Militär-
personal, die von den jeweils beteiligten Staaten getragen werden, nicht ent-
halten sind. Von der gemeinsam finanzierten Gesamtsumme entfallen rund 43
Prozent oder 323 Millionen US-$ auf Betriebs- und Erhaltungskosten von Mis-
sionen, rund 30 Prozent oder 225 Millionen US-$ auf zivile Personalkosten,
rund 22 Prozent oder 166 Millionen US-$ auf allgemeine administrative Kosten
und rund 5 Prozent oder 37,5 Millionen US-$ auf Investitionsausgaben.

DAS SICHERHEITSINVESTITIONSPROGRAMM DER


NATO
Das Sicherheitsinvestitionsprogramm der NATO wird unter Aufsicht des
Infrastrukturausschusses im Rahmen der jährlichen Beitragsleistungen durch-
geführt, deren Höchstgrenzen vom Nordatlantikrat bestimmt werden. Die für
das Jahr 2000 genehmigte Beitragsgrenze entspricht rund 688 Millionen US-$.
Mit diesem Programm wird die Bereitstellung der Anlagen und Einrichtungen
finanziert, mit denen diejenigen Aufgaben der Strategischen NATO-Komman-
dobehörden unterstützt werden sollen, die über die nationalen Verteidigungs-
forderungen der einzelnen Mitgliedstaaten hinausgehen. Die Investitionen
erstrecken sich auf Anlagen und Einrichtungen wie Kommunikations- und Infor-
mationssysteme, Radarsysteme, militärische Hauptquartiere, Flugplätze,
Betriebsstoff-Pipelines und -lager, Häfen und Navigationshilfen. Ebenso wie
beim Militärhaushalt deckt das Sicherheitsinvestitionsprogramm auch den ent-
sprechenden Bedarf für friedensunterstützende Einsätze wie im Rahmen der
SFOR und KFOR ab. Dies beinhaltet Kommunikations- und Informationssy-
steme, Einrichtungen für lokale Hauptquartiere, Energieversorgungseinrichtun-
gen sowie Flugplatz-, Schienen- und Straßenreparaturen. Mit Einführung der
Partnerschaft für den Frieden wurde das Programm um eine neue Dimension
der Zusammenarbeit erweitert. In jüngster Zeit wurden im Rahmen der auf dem

232
Washingtoner Gipfeltreffen von 1999 ins Leben gerufenen Initiative zur Vertei-
digungsfähigkeit weitere Richtlinien für die künftige Weiterentwicklung des Pro-
gramms erarbeitet.

RESSOURCENMANAGEMENT
Seit Mitte der 90er Jahre haben die Mitgliedstaaten unter dem Zwang, die
Zuweisung gemeinsam finanzierter militärischer Mittel zu optimieren, die
Führungsstruktur der NATO durch Förderung der Entwicklung so genannter
„Leistungspakete” (Capability Projects, CP) und Einrichtung des Oberaus-
schusses Ressourcen verstärkt, der für die Gesamtverwaltung der militäri-
schen Ressourcen der NATO (d. h. unter Ausklammerung der vom Zivilhaus-
halt abgedeckten Mittel) verantwortlich ist. In diesen Leistungspaketen werden
die den NATO-Befehlshabern zur Verfügung stehenden und von diesen zur
Wahrnehmung bestimmter Aufgaben benötigten Kräfte und Mittel spezifiziert.
Sie sind ein wichtiges Instrument zur Beurteilung der gemeinsam finanzierten
Ergänzungsmittel (sowohl in Form von Kapitalinvestitionen als auch wieder-
kehrenden Betriebs- und Instandhaltungskosten) sowie des zur Auftragserfül-
lung erforderlichen Zivil- und Militärpersonals. Diese Pakete werden vom Obe-
rausschuss Ressourcen geprüft, der sich aus Vertretern der einzelnen Staaten,
des Militärausschusses und der Strategischen NATO-Befehlshaber sowie den
Vorsitzenden der Ausschüsse Militärhaushalt, Infrastruktur und Militärpersonal
der NATO zusammensetzt. Der Oberausschuss Ressourcen bestätigt die Lei-
stungspakete aus der Sicht ihres Nutzeffekts vor ihrer endgültigen Genehmi-
gung durch den Nordatlantikrat. Er schlägt darüber hinaus jährlich einen
umfassenden mittelfristigen Ressourcenplan, in dem die finanziellen und per-
sonellen Obergrenzen für das kommende Jahr festgelegt sind, sowie die Pla-
nungsgrößen für die vier folgenden Jahre zur Genehmigung durch den
Nordatlantikrat vor. Innerhalb dieser Parameter überwachen die Ausschüsse
Militärhaushalt, Infrastruktur und Militärpersonal die Erstellung und Durch-
führung der entsprechenden Haushalte und Pläne. Der Ausschuss erstellt fer-
ner einen Jahresbericht, der es dem Nordatlantikrat ermöglicht, die Angemes-
senheit der Ressourcenzuweisungen im Hinblick auf den Bedarf zu
überwachen und die Auswirkungen der Zuweisung gemeinsam finanzierter
Mittel auf militärischem Gebiet auf die gemeinsamen NATO-Haushalte vor dem
Hintergrund einer eventuellen neuen Bündnispolitik zu prüfen.

FINANZVERWALTUNG
Die Struktur der Finanzverwaltung innerhalb der NATO soll sicherstellen,
dass die endgültige Kontrolle der Ausgaben bei den an den Kosten für eine
233
bestimmte Aktivität beteiligten Mitgliedstaaten liegt und einem zwischen diesen
Staaten erzielten Konsens unterliegt. Die Kontrolle kann auf allen Entschei-
dungsebenen entweder in Form allgemeiner Begrenzungen oder besonderer
Beschränkungen ausgeübt werden. Beispiele für allgemeine Begrenzungen
sind die Zuweisung genau festgelegter Ressourcen oder Obergrenzen für
Betriebskosten und Kapitalinvestitionen (mit Zustimmung des Oberausschus-
ses Ressourcen) bzw. ziviler und militärischer Personalergänzungen, die den
Beauftragten für den Haushalt (Generalsekretär, Strategische NATO-Befehls-
haber und Nachgeordnete Befehlshaber sowie sonstige benannte Leiter von
NATO-Gremien) relative Handlungsfreiheit in Bezug auf Aufstellung und
Führung ihrer Haushalte einräumen. Besondere Beschränkungen können viel-
gestaltig sein und von der Veranlassung bestimmter wirtschaftlicher Maßnah-
men bis hin zu einer vorübergehenden Mittelbindung für einen bestimmten
Zweck oder der Einschränkung der Übertragung von Haushaltsmitteln reichen.
Solche Beschränkungen oder Kontrollen können bereits in den Vorgaben fest-
gelegt werden, anhand denen der Haushalt von den beitragenden Mitglied-
staaten verabschiedet wird, oder von den beteiligten Staaten durch außer-
planmäßige Interventionen während der Umsetzung der Haushaltsbeschlüsse
erfolgen. Die Billigung der jeweiligen Haushalte kann als praktische Umset-
zung der - politischen, organisatorischen oder finanziellen - Verfahrensrichtli-
nien betrachtet werden, die nach dem Willen der beitragenden Mitgliedstaaten
implementiert werden sollen. Solche Richtlinien entwickeln sich mit der Zeit als
Reaktion auf das sich wandelnde internationale Umfeld und die Notwendigkeit
einer entsprechenden Anpassung der Strukturen und Aufgaben der Organisa-
tion.

Dieser dynamische Anpassungsprozess über die fünf Jahrzehnte seit


Bestehen des Bündnisses erklärt zum größten Teil die Mannigfaltigkeit und
dezentrale Ausrichtung der Managementstruktur der NATO auf dem Gebiet
des Finanzwesens. Kein einzelnes Gremium ist allein für die Lenkung und Lei-
tung aller vier Hauptelemente der Finanzstruktur der Organisation, nämlich
Internationaler Stab (finanziert durch den Zivilhaushalt), internationale Militär-
struktur (finanziert durch den Militärhaushalt), Sicherheitsinvestitionsprogramm
sowie spezialisierte Produktions- und Logistikorganisationen verantwortlich.
Die letztgenannten Organisationen werden in zwei Gruppen unterteilt. Dies
sind zum einen Organisationen, deren Finanzierung im Rahmen von für die
internationale Militärstruktur geltenden Vereinbarungen erfolgt, und zum ande-
ren Organisationen, die unter dem Dach der vom Nordatlantikrat bewilligten
Regelungen arbeiten und über ihre eigenen Beiräte und Finanzausschüsse
sowie über unterschiedliche Finanzquellen aus nationalen Finanzkassen ver-
fügen.

Die Finanzverwaltung der organisatorischen Haushalte (Zivil- und Militär-


haushalt) unterscheidet sich von der für das Sicherheitsinvestitionsprogramm.

234
Die Mannigfaltigkeit und dezentrale Ausrichtung der Finanzverwaltungsstruktur
der organisatorischen Haushalte ist durch die vom Nordatlantikrat genehmigte
Finanzordnung geregelt. Diese Bestimmungen stellen zusammen mit den
ergänzenden Regeln und Verfahren, mit denen sie an die jeweiligen besonde-
ren Anforderungen der verschiedenen NATO-Gremien und -Programme ange-
passt werden, die grundlegenden vereinheitlichenden Prinzipien dar, die den
Kern für die Gestaltung der gesamten Finanzstruktur bilden.

Die Finanzordnung schreibt vor, dass jedes NATO-Organ über einen eige-
nen Haushalt, ausgedrückt in der Währung des Gastgeberstaates, verfügen
muss; die Umrechnungswerte werden durch eine gemeinsame rechnungsle-
gende Stelle bestimmt. Es handelt sich dabei um einen dem Kalenderjahr ent-
sprechenden Jahreshaushalt. Der Haushalt wird unter Federführung des Lei-
ters des jeweiligen NATO-Organs erstellt, auf Konsens-Basis durch einen aus
Vertretern der beitragleistenden Mitgliedstaaten bestehenden Finanzaus-
schuss geprüft und zur Genehmigung vorgeschlagen und vom Nordatlantikrat
verabschiedet. Wird vor Beginn des Rechnungsjahres keine Einigung erzielt,
gilt der Haushalt als abgelehnt; die Finanzierung von Operationen wird unter
Aufsicht des Finanzausschusses im Rahmen einer vorläufigen Mittelzuwei-
sung auf den Umfang des für das vorangegangene Jahr genehmigten Haus-
halts begrenzt. Diese Regelung kann bis zu sechs Monate Bestand haben;
danach muss vom Rat entweder der Haushalt verabschiedet oder die weitere
Zwischenfinanzierung genehmigt werden. Dieses allerdings nur selten zum
Tragen kommende Verfahren soll den Grundsatz der kollektiven zwi-
schenstaatlichen Ausgabenkontrolle stärken, der in der Forderung nach einer
einstimmigen Verabschiedung des Haushalts durch alle beitragleistenden Mit-
gliedstaaten begründet ist.

Nach Genehmigung des Haushalts liegt es im Ermessen des Leiters des


jeweiligen NATO-Gremiums, den Haushaltsplan im Rahmen von Verpflich-
tungsermächtigungen und Ausgaben für den vorgesehenen Zweck auszu-
führen. Dieses Ermessen ist durch die Finanzordnung unterschiedlichen
Beschränkungen unterworfen, beispielsweise in Angelegenheiten wie dem
Rückgriff auf begrenzte oder vollständige internationale öffentliche Ausschrei-
bung zur Vergabe von Aufträgen für die Lieferung von Versorgungsartikeln und
die Bereitstellung von Dienstleistungen oder Übertragung von Mitteln zum Aus-
gleich zu hoch oder zu niedrig veranschlagter Kostenansätze. Der Handlungs-
spielraum für die Ausführung eines Haushaltsplans kann durch besondere Auf-
lagen wie Einholung einer vorherigen Genehmigung für bestimmte
Verbindlichkeiten oder Ausgaben eine weitere Einschränkung erfahren. Solche
Auflagen können von Fall zu Fall vom Finanzausschuss gemacht werden, um
die strikte Einhaltung neuer Verfahrensrichtlinien sicherzustellen oder die
Umsetzung komplexer Initiativen, wie z. B. der organisatorischen Umstruktu-
rierung, zu überwachen.
235
Während bewilligte Haushaltsmittel dem tatsächlichen Bedarf entspre-
chend in dem Rechnungsjahr eingesetzt werden müssen, für das sie geneh-
migt wurden, können Ausgabeverpflichtungen in den zwei darauf folgenden
Rechnungsjahren abgewickelt werden.

Ausgangspunkt für die Umsetzung des Sicherheitsinvestitionsprogramms


der NATO sind die Leistungspakete. Nach ihrer Genehmigung kann die
Ermächtigung für die einzelnen Projekte unter der Verantwortlichkeit des Infra-
strukturausschusses in die Wege geleitet werden. Der Gastgeberstaat (in der
Regel der Staat, auf dessen Territorium das Projekt durchgeführt werden soll)
erstellt einen Ermächtigungsantrag, in dem der technische Lösungsvorschlag,
die Kosten, Angaben über die Eignung des Projekts zur gemeinsamen Finan-
zierung und die zu befolgenden Ausschreibungsverfahren aufgeführt sind.
Besondere Vereinbarungen sind für die internationale Ausschreibung geboten,
mit der die optimale Beteiligung der Mitgliedstaaten gewährleistet werden soll.
Wünscht ein Staat keine internationale Ausschreibung, so muss er beim Infra-
strukturausschuss eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Sobald der Aus-
schuss dem Projekt zugestimmt hat, kann der Gastgeberstaat mit der eigentli-
chen Projektabwicklung beginnen.

Das für das Sicherheitsinvestitionsprogramm geltende Finanzverwal-


tungssystem stützt sich auf ein internationales Abrechnungsverfahren. Die ein-
zelnen Staaten melden die voraussichtlichen Ausgaben für ein in ihre Zustän-
digkeit fallendes genehmigtes Projekt. In den meisten Fällen werden diese
Ausgaben ihren vereinbarten Haushaltsbeitrag entweder über- oder unter-
schreiten. Mit dem internationalen Abrechnungsverfahren werden diese Abwei-
chungen durch entsprechende Mittelübertragung zwischen den Staaten aus-
geglichen. Sobald ein Projekt abgeschlossen ist, wird es einer Gemeinsamen
Endabnahmeinspektion unterzogen, um sicherzustellen, dass die tatsächlich
durchgeführten den zuvor genehmigten Arbeiten entsprechen. Erst nachdem
ein entsprechender Bericht vom Infrastrukturausschuss angenommen wurde,
übernimmt die NATO die formale Verantwortung für die Arbeiten und das damit
geschaffene Potenzial.

Derzeit durchläuft das Berichtswesen mehrere Ebenen. Zweimal jährlich


erstellt der Internationale Stab Halbjahres-Finanzberichte für jeden Gastgeber-
staat. Darin wird über die laufenden Projekte berichtet. Jedes Quartal wird eine
Aufstellung der geleisteten Vorauszahlungen und Zahlungen veröffentlicht.
Diese Berichte betreffen den Mitteltransfer zwischen den Gastgeberstaaten.
Jedes Frühjahr wird ein NSIP-Ausgabenprofil erstellt. Dieser Bericht deckt die
NSIP-Ausgabenniveaus für die darauf folgenden zehn Jahre ab. Schwerpunkt
des Berichts ist die Ressourcenzuweisung; er dient ferner als Grundlage für
die mittelfristige Ressourcenplanung des Oberausschusses Ressourcen im
Bereich NSIP. Die NSIP-Finanzberichte werden jedes Frühjahr erstellt. Diese

236
Finanzberichte bieten ganz ähnlich wie in einem Privatunternehmen eine Über-
sicht über die finanzielle Lage im Bereich NSIP zum 31. Dezember jedes Jah-
res sowie einen Tätigkeitsüberblick für das Berichtsjahr. Schwerpunkt dieses
Berichts ist die Finanzberichterstattung; er dient dem Infrastrukturausschuss
als Gesprächsgrundlage zum Stand des NSIP.

FINANZKONTROLLE
Zwar ist der Leiter des jeweiligen NATO-Gremiums letztlich für die kor-
rekte Aufstellung und Ausführung des Haushaltsplans zuständig, die admini-
strative Unterstützung für diese Aufgabe obliegt jedoch zum großen Teil sei-
nem Finanzbeauftragten (Leiter Finanzwesen). Die Ernennung dieses
Beauftragten ist dem Nordatlantikrat vorbehalten, der diese Aufgabe jedoch
dem zuständigen Finanzausschuss übertragen kann. Jeder Finanzbeauftragte
hat im Falle anhaltender Unstimmigkeiten mit dem Leiter des jeweiligen NATO-
Gremiums in Bezug auf beabsichtigte Transaktionen direktes Vortragsrecht
beim Finanzausschuss.
Der Finanzbeauftragte hat dafür Sorge zu tragen, dass alle Aspekte der
Umsetzung des Haushaltsplans mit den Ausgabeermächtigungen, sämtlichen
vom Finanzausschuss auferlegten besonderen Kontrollmaßnahmen und der
Finanzordnung einschließlich aller zugehörigen Durchführungsbestimmungen
und -verfahren in Einklang stehen. Er kann darüber hinaus im Anschluss an
eine interne Kontrolle weitere nach seinem Dafürhalten zur Wahrung der
Rechenschaftspflicht gebotenen Prüfmechanismen und Verfahren einrichten.
Eine Hauptaufgabe des Finanzbeauftragten ist es sicherzustellen, dass die zur
Ausführung des Haushaltsplans benötigten Finanzmittel regelmäßig von den
beitragleistenden Staaten gemäß den vereinbarten Kostenanteilen abgerufen
werden, und zwar in einer Höhe, die so berechnet ist, dass die Ansammlung
übermäßiger Gelder in der internationalen Kasse vermieden wird. Das Ergeb-
nis all dieser Aktivitäten muss aus den zu erstellenden und der Internationalen
Rechnungsprüfungsbehörde zur Kontrolle und Bestätigung vorzulegenden
jährlichen Finanzberichten hervorgehen.
Der Internationale Rechnungsprüfungsausschuss setzt sich aus Vertre-
tern der nationalen Rechnungshöfe zusammen. Er nimmt seine Tätigkeit im
Rahmen der vom Nordatlantikrat eingeräumten Privilegien wahr, die ihm
Selbständigkeit garantieren. Der Ausschuss ist dem Nordatlantikrat direkt ver-
antwortlich. Er ist befugt, die Konten aller NATO-Organe einschließlich der Pro-
duktions- und Logistikorganisationen sowie des NATO-Sicherheitsinvestitions-
programms zu überprüfen. Sein Mandat erstreckt sich nicht nur auf eine
finanz-, sondern auch auf eine leistungsbezogene Überprüfung. Seine Auf-
gabe ist demzufolge über die Gewährleistung der Rechenschaftspflicht hinaus
237
auch auf eine Überprüfung der Bewirtschaftungsverfahren im Allgemeinen
ausgerichtet.

238
Tabelle 1

PROZENTUALE KOSTENANTEILE DER NATO-MITGLIEDSTAATEN


Zivil- und Militärhaushalt

NATO-Mitgliedstaat Zivil- Militärhaushalt Militärhaushalt


haushalt (Hauptquartiere, Gremien und Programme) (Luftgestütztes Frühwarn- und Überwachungssystem)
TEILNEHMERLÄNDER "19" "19" "18" "14" "13"

Belgien 2,76 2,8 3,3 2,5869 3,2821


Dänemark 1,47 1,68 1,94 1,5282 1,9389
Deutschland 15,54 15,54 18,2 21,4886 27,2638
Frankreich 15,35 15,25 0 0 0
Griechenland 0,38 0,38 0,46 0,4728 0,5999
Island 0,05 0,04 0,05 0 0
Italien 5,75 5,91 7,08 5,5485 7,0397
Kanada 5,35 5,33 5,95 7,1994 9,1343
Luxemburg 0,08 0,08 0,1 0,0825 0,1045
Niederlande 2,75 2,84 3.28 2,8625 3,6317
Norwegen 1,11 1,16 1,36 1,1146 1,4142
Polen 2,48 2,48 2.97 0 0
Portugal 0,63 0,63 0,75 0,5323 0,6754
Spanien 3,5 3,5 4,19 2,77 3,1
Tschechische Republik 0,9 0,9 1,08 0 0
Ungarn 0,65 0,65 0,78 0 0
Türkei 1,59 1,59 1,9 1,2419 1,5757
Vereinigtes Königreich 17,25 16,09 19,12 20,8558 0
Vereinigte Staaten 22,41 23,15 27,49 31,716 40,2398
Summe 100 100 100 100 100

239
Tabelle 2
PROZENTUALE KOSTENANTEILE DER NATO-
MITGLIEDSTAATEN
NATO-Sicherheitsinvestitionsprogramm
NATO- Aufteilung unter Aufteilung unter
Mitgliedstaat 18 Staaten 19 Staaten
Belgien 4,2400 3,7200
Dänemark 3,4400 3,000
Deutschland 23,1350 20,2540
Frankreich 0 12,9044
Griechenland 1,0500 1,0000
Island 0 0
Italien 9,1000 7,7450
Kanada 4,0250 3,2200
Luxemburg 0,2000 0,1845
Niederlande 4,7400 4,1400
Norwegen 2,8950 2,6000
Polen 2,8474 2,4800
Portugal 0,3920 0,3450
Spanien 3,7793 3,2916
Türkei 1,1300 1,0400
Tschechische Republik 1,0333 0,9000
Ungarn 0,7463 0,6500
Vereinigtes Königreich 11,7156 10,1925
Vereinigte Staaten 25,5311 22,3330

240
Tabelle 3*
VERTEIDIGUNGSAUSGABEN DER NATO-MITGLIEDSTAATEN (1980-2000)
(Angaben nach aktuellen Preisen und Wechselkursen in Millionen)

Mitgliedstaat Währung 1980 1985 1990 1995 1996 1997 1998 1999 2000
(Schätzwert)
Belgien
(Belgische Francs) 115 754 144 183 155 205 131 156 131 334 131 796 133 007 136 252 140 256
Dänemark
(Dänische Kronen) 9 117 13 344 16 399 17 468 17 896 18 521 19 079 19 428 19 349
Deutschland
(DM) 48 518 58 650 68 376 58 986 58 671 57 602 58 327 59 854 59 617
Frankreich
(Franz. Francs) 110 514 186 715 231 911 238 432 237 375 241 103 23 626 239 488 243 936
Griechenland
(Drachmen) 96 975 321 981 612 344 1 171 377 1 343 276 1 510 684 1 724 621 1 853 189 1 981 984
Italien
(1000 Ital. Lire) 7 643 17 767 28 007 31 561 36 170 38 701 40 763 43 062 43 002
Luxemburg
(Luxemburg. Francs) 1 534 2 265 3 233 4 194 4 380 4 797 5 197 5 330 5 468
Niederlande
(Gulden) 10 476 12 901 13 513 12 864 13 199 13 345 13 561 14 534 14 192
Norwegen
(Norweg. Kronen) 8 242 15 446 21 251 22 224 22 813 23 010 25 087 25 809 25 675
Polen
(Zloty) // // // // // // // 12 599 14 065
Portugal
(Escudos) 43 440 111 375 267 299 403 478 401 165 418 772 420 654 452 843 475 178
Spanien
(Peseten) 350 423 674 883 922 808 1 078 751 1 091 432 1 123 046 1 124 054 1 180 075 1 266 429
Tschechische Republik
(Tschech. Kronen) // // // // // // // 41 167 44 022
Türkei
(1000 Türk. Lira) 203 1 235 13 866 302 864 611 521 1 183 327 2 289 430 4 167 636 6 998 960
Ungarn
(Forint) // // // // // // // 187 672 218 023
Vereinigtes Königreich
(Pfund Sterling) 11 593 18 301 2 287 2 139 22 330 21 612 22 551 22 548 22 823
Summe NATO Europa
(US-Dollar) 111 981 92 218 186 189 184 352 186 821 172 732 175 306 179 671 164 559
Kanada
(Kan. Dollar) 5 788 10 332 13 473 12 457 11 511 10 831 11 168 12 360 11 948
Vereinigte Staaten
(US-Dollar) 138 191 258 165 306 170 278 856 271 417 276 324 274 278 280 969 296 373
Summe Nordamerika
(US-Dollar) 143 141 26 5731 317 717 287 933 279 860 284 146 281 806 289 288 304 41
Summe NATO

241
(US-Dollar) 255 122 35 7949 503 906 472 284 466 681 456 879 457 112 468 960 468 999
Die in Tabelle 3 enthaltenen Zahlenangaben stellen die im Laufe des
Rechnungsjahres tatsächlich geleisteten oder zu leistenden Zahlungen
dar. Sie basieren auf der von der NATO zugrunde gelegten Definition der
Verteidigungsausgaben. In Anbetracht der Unterschiede zwischen dieser
und den nationalen Definitionen können die dargestellten Zahlen
beträchtlich von den durch die nationalen Behörden genannten oder in
den nationalen Haushalten erscheinenden Angaben abweichen. Bei den
Staaten, die an militärischen Hilfseinsätzen im Ausland mitwirken, sind
die entsprechenden Beträge in den aufgeführten Ausgaben enthalten.
Bei Ländern, die solche Hilfeleistungen erhalten, blieb der Wert der emp-
fangenen Unterstützung unberücksichtigt. Ausgaben für Forschungs-
und Entwicklungsvorhaben sind in den Aufwendungen für Material und
Gerät enthalten. Ruhegehälter sind Bestandteil der Personalausgaben.
Frankreich ist Mitglied der NATO, gehört jedoch nicht der integrier-
ten Militärstruktur an und nimmt nicht an der gemeinsamen Streitkräfte-
planung teil. Die Angaben zu den Verteidigungsausgaben Frankreichs
haben lediglich Referenzcharakter.
Island verfügt nicht über eigene Streitkräfte. Polen, die Tschechische
Republik und Ungarn traten der NATO 1999 bei.

* Quelle: Financial and Economic Data Relating to NATO Defence, M-DPC-2(2000)107, veröffentlicht
am 5.12.2000.

242
Tabelle 4
VERTEIDIGUNGSAUSGABEN VON NATO-MITGLIEDSTAATEN
IN % DES BRUTTOINLANDSPRODUKTS (1980-2000)
(Angaben nach aktuellen Preisen) (Durchschnittswerte)
Mitgliedstaat Währung 1980- 1985- 1990- 1995- 1996 1997 1998 1999 2000
(Schätzwert) 1984 1989 1994 1999 (STIMA)
Belgien
(Belgische Francs) 3.2 2.8 2.0 1.5 1.6 1.5 1.5 1.4 1.4
Dänemark
(Dänische Kronen) 2.4 2.0 1.9 1.7 1.7 1.7 1.6 1.6 1.5
Deutschland
(DM) 3.3 3.0 2.1 1.6 1.6 1.6 1.5 1.5 1.5
Frankreich
(Franz. Francs) 4.0 3.8 3.4 2.9 3.0 2.9 2.8 2.7 2.7
Griechenland
(Drachmen) 5.3 5.1 4.4 4.6 4.5 4.6 4.8 4.8 4.9
Italien
(1000 Ital. Lire) 2.1 2.3 2.1 1.9 1.9 1.9 2.0 2.0 1.9
Luxemburg
(Luxemburg. Francs) 1.0 1.0 0.9 0.8 0.8 0.8 0.8 0.8 0.7
Niederlande
(Gulden) 3.0 2.8 2.3 1.8 1.9 1.8 1.7 1.8 1.6
Norwegen
(Norweg. Kronen) 2.7 2.9 2.8 2.2 2.2 2.1 2.3 2.2 1.9
Polen
(Zloty) // // // // // // // 2.0 2.0
Portugal
(Escudos) 2.9 2.7 2.6 2.3 2.4 2.4 2.2 2.2 2.2
Spanien
(Peseten) 2.3 2.1 1.6 1.4 1.4 1.4 1.3 1.3 1.3
Tschechische Republik
(Tschech. Kronen) // // // // // // // 2.2 2.3
Türkei
(1000 Türk. Lira) 4.0 3.3 3.8 4.4 4.1 4.1 4.4 5.4 6.0
Ungarn
(Forint) // // // // // // // 1.6 1.7
Vereinigtes Königreich
(Pfund Sterling) 5.2 4.5 3.8 2.8 3.0 2.7 2.7 2.5 2.4
Summe NATO Europa
(US-Dollar) 3.5 3.2 2.6 2.2 2.2 2.2 2.1 2.1 2.1
Kanada
(Kan. Dollar) 2.0 2.1 1.9 1.4 1.4 1.2 1.3 1.3 1.2
Vereinigte Staaten
(US-Dollar) 5.6 6.0 4.7 3.3 3.5 3.3 3.1 3.0 3.0
Summe
Nordamerika
(US-Dollar) 5.3 5.6 4.4 3.2 3.3 3.2 3.0 2.9 2.9
Summe
NATO

243
(US-Dollar) 4.5 4.5 3.5 2.7 2.8 2.7 2.6 2.6 2.5
KAPITEL 10

ZIVILE ORGANE UND STRUKTUREN

NATO-Hauptquartier

Ständige Vertreter und nationale Delegationen

Generalsekretär

Internationaler Stab

Persönliches Büro

Büro des Generalsekretärs

Exekutivsekretariat

Presse- und Informationsdienst

NATO-Sicherheitsamt

Abteilung für politische Angelegenheiten

Abteilung für Verteidigungsplanung und -operationen

Abteilung für Verteidigungsunterstützung

C3-Stab der NATO (NHQC3S)

Abteilung für Sicherheitsinvestitionen, Logistik und Zivile


Notfallplanung

Abteilung für Wissenschafts- und Umweltangelegenheiten


Amt für Management, Verwaltung und Personalführung

Büro des Leiters Finanzwesen

Büro des Vorsitzenden des Oberausschusses Ressourcen

Büro des Vorsitzenden der Haushaltsausschüsse

Internationaler Rechnungsprüfungsausschuss

NATO-Produktions- und Logistikorganisationen


ZIVILE ORGANE UND STRUKTUREN

NATO-HAUPTQUARTIER
Der Amtssitz der NATO in Brüssel ist das politische Hauptquartier des
Bündnisses und ständiger Sitz des Nordatlantikrats. Dort sind die Ständigen
Vertreter und nationalen Delegationen, der Generalsekretär und der
Internationale Stab, die nationalen Militärischen Vertreter, der Vorsitzende des
Militärausschusses sowie der Internationale Militärstab untergebracht.
Außerdem befinden sich dort die diplomatischen Vertretungen einer Reihe von
Partnerstaaten, der C3-Stab der NATO (Konsultations- und Führungssysteme)
sowie zahlreiche NATO-Behörden.
Im NATO-Hauptquartier sind ungefähr 3.150 Vollzeitkräfte beschäftigt.
Rund 1.400 von ihnen sind Mitarbeiter nationaler Delegationen und militäri-
scher Vertretungen der Mitgliedstaaten der NATO. Dem Internationalen Stab
bzw. den ihm angegliederten Dienststellen gehören etwa 1.300 zivile
Mitarbeiter an. Der Internationale Militärstab umfasst 350 Mitglieder ein-
schließlich 80 Zivilbedienstete. Auch Regierungsvertreter, die die Geschäfte
der diplomatischen Vertretungen oder Verbindungsorgane von Partnerstaaten
wahrnehmen, verfügen über Büros im NATO-Hauptquartier.

STÄNDIGE VERTRETER UND NATIONALE


DELEGATIONEN
Jeder Mitgliedstaat entsendet einen Botschafter oder Ständigen Vertreter
in den Nordatlantikrat, dem eine nationale Delegation aus Beratern und
Regierungsvertretern zur Seite steht. Sie vertreten ihr Land in den verschiede-
nen NATO-Ausschüssen. Die Delegationen sind in vieler Hinsicht mit kleinen
Botschaften vergleichbar. Ihre Unterbringung in einem gemeinsamen
Gebäude, dem NATO-Hauptquartier, ermöglicht es ihnen, auf einfache und
schnelle Weise formelle und informelle Kontakte untereinander sowie auch zu
den internationalen Stäben der NATO und den Vertretern von Partnerstaaten
herzustellen.

GENERALSEKRETÄR
Der Generalsekretär ist ein hochrangiger internationaler Politiker, der von
den Regierungen der Mitgliedstaaten zum Vorsitzenden des Nordatlantikrats,

247
des Verteidigungsplanungsausschusses und der Nuklearen Planungsgruppe
sowie kraft seines Amtes zum Vorsitzenden anderer hochrangiger NATO-
Ausschüsse und zum Generalsekretär und leitenden Exekutivorgan der NATO
ernannt wird. Außerdem hat er den Vorsitz des Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrats (EAPR) und der Kooperationsgruppe Mittelmeer sowie
(zusammen mit dem Vertreter Russlands und dem Vertreter des Staates, der
den Ehrenpräsidenten stellt) den gemeinsamen Vorsitz des Ständigen
Gemeinsamen NATO-Russland-Rates inne. Ferner ist er zusammen mit dem
ukrainischen Vertreter Gemeinsamer Vorsitzender der NATO-Ukraine-
Kommission.
Der Generalsekretär ist verantwortlich für die Förderung und Lenkung des
Konsultations- und Entscheidungsfindungsprozesses im Bündnis. Er kann
Themen zur Erörterung und Entscheidung vorschlagen und bei
Meinungsverschiedenheiten unter den Mitgliedern seine Vermittlung anbieten.
Er ist für die Leitung des Internationalen Stabes verantwortlich und vertritt das
Bündnis als wichtigster Sprecher sowohl in seinen externen Beziehungen als
auch im Bereich der Kommunikation und Kontakte mit den Regierungen der
Mitgliedstaaten und den Medien. Der Stellvertretende Generalsekretär unter-
stützt den Generalsekretär bei der Wahrnehmung seiner Aufgaben und vertritt
ihn in dessen Abwesenheit. Er ist Vorsitzender der Hochrangigen
Arbeitsgruppe Konventionelle Rüstungskontrolle, der Exekutiv-Arbeitsgruppe,
des NATO-Luftverteidigungsausschusses, des Gemeinsamen Beratungs-
ausschusses, des Gemeinsamen Proliferationsausschusses und einer Reihe
anderer Ad-hoc- und Arbeitsgruppen.
Der Generalsekretär ist für die Gesamtleitung des Internationalen Stabes
zuständig; zudem unterstehen ihm unmittelbar ein Persönliches Büro sowie
das Büro des Generalsekretärs. Der Internationale Stab wird durch die
Mitgliedstaaten personell besetzt und arbeitet dem Rat und seinen nachgeord-
neten Ausschüssen und Arbeitsgruppen sowie dem Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrat (EAPR), dem Ständigen Gemeinsamen NATO-Russland-Rat
(NRR), der NATO-Ukraine-Kommission (NUK) und der Kooperationsgruppe
Mittelmeer zu. Er fungiert als Sekretariat sowie auch als beratendes Gremium
für politische und einsatzbezogene Fragen und befasst sich fortlaufend mit
einer Vielzahl von Problemen, die für das Bündnis und seine Partnerstaaten
von Belang sind.

INTERNATIONALER STAB
Die Arbeit des Nordatlantikrats und seiner Ausschüsse wird von einem
Internationalen Stab unterstützt. Er setzt sich aus Mitarbeitern aus den
Mitgliedstaaten zusammen, die entweder direkt von der NATO eingestellt oder

248
von den Regierungen entsandt werden. Die Angehörigen des Internationalen
Stabes sind dem Generalsekretär verantwortlich und der NATO für die Dauer
ihrer Beschäftigungszeit zu Loyalität verpflichtet.
Der Internationale Stab besteht aus dem Büro des Generalsekretärs, fünf
Fachabteilungen, dem Amt für Management, Verwaltung und Personalführung
sowie dem Büro des Leiters Finanzwesen. Jeder Abteilung steht ein
Beigeordneter Generalsekretär vor, der normalerweise den Vorsitz im
Hauptausschuss innehat, in dem die in seinen Zuständigkeitsbereich fallenden
Angelegenheiten behandelt werden. Mit Hilfe ihrer Direktorate, Referate und
Arbeitseinheiten unterstützen die Abteilungen die Arbeit der Ausschüsse auf
den verschiedenen in anderen Kapiteln beschriebenen Gebieten.
Der Internationale Stab fördert den Prozess der Konsensbildung und
Entscheidungsfindung zwischen Mitgliedern und Partnerstaaten und ist für die
Vor- und Nachbereitung der Tagungen und Entscheidungen der NATO-
Ausschüsse sowie auch jener Institutionen zuständig, die seit Ende des Kalten
Krieges für die Organisation der verschiedenen Formen bi- und multilateraler
Partnerschaft mit Nichtmitgliedstaaten geschaffen wurden. Daneben gibt es in
diversen Mitgliedstaaten eine Reihe ziviler Behörden und Organisationen, die
für Bereiche wie Fernmelde- und Informationssysteme sowie logistische
Unterstützung zuständig sind (siehe Kapitel 14).

PERSÖNLICHES BÜRO
Das Persönliche Büro unterstützt den Generalsekretär und seinen
Vertreter in allen Bereichen ihrer Arbeit. Zu seinen Mitarbeitern gehören auch
ein Rechtsberater und ein Sonderberater für mittel- und osteuropäische
Angelegenheiten.

BÜRO DES GENERALSEKRETÄRS


Das Büro des Generalsekretärs besteht aus dem Persönlichen Büro
sowie dem Exekutivsekretariat, dem Presse- und Informationsdienst und dem
NATO-Sicherheitsamt.

EXEKUTIVSEKRETARIAT
Das Exekutivsekretariat ist verantwortlich für den reibungslosen Ablauf
der Arbeit des Nordatlantikrats, des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats
(EAPR), des Ständigen Gemeinsamen NATO-Russland-Rats (NRR), der

249
NATO-Ukraine-Kommission (NUK), der Kooperationsgruppe Mittelmeer, des
Verteidigungsplanungsausschusses und der Nuklearen Planungsgruppe
(NPG) sowie der Tätigkeit aller Ausschüsse und Arbeitsgruppen, die zur
Unterstützung dieser Gremien gebildet wurden. Außerdem ist es für die
Planung und Organisation aller Ministertagungen und Gipfeltreffen sowohl im
NATO-Hauptquartier als auch im Ausland zuständig. Ferner obliegen dem
Exekutivsekretariat die administrativen Vorkehrungen in Bezug auf den EAPR
und andere Gremien, die im Rahmen des EAPR oder der Partnerschaft für den
Frieden zusammentreffen, sowie die Koordinierung der Maßnahmen für die
Akkreditierung diplomatischer Vertretungen der NATO-Partnerstaaten.
Mitglieder des Exekutivsekretariats fungieren als Ausschusssekretäre und
Protokollführer, die den Rat und seine Oberausschüsse in administrativer
Hinsicht unterstützen. Sie bereiten Tagesordnungen, Entscheidungskataloge,
Protokolle und Dokumente verfahrenstechnischer Art vor, die von den betref-
fenden Gremien benötigt werden, und fungieren als Berater der
Ausschussvorsitzenden und Ansprechpartner für die Ausschussmitglieder.
Der Exekutivsekretär, der als Sekretär aller Gremien auf Minister- und
Botschafterebene fungiert, ist dem Generalsekretär dafür verantwortlich, dass
die Arbeit der einzelnen Abteilungen des Internationalen Stabes in Überein-
stimmung mit den erteilten Weisungen erfolgt. Durch den
Informationstechnischen Dienst sorgt sein Büro für die Unterstützung des
Internationalen Stabes und des Internationalen Militärstabes und die
Kommunikationseinrichtungen in den Büroräumen des NATO-Hauptquartiers.
Außerdem ist er für die Umsetzung der für die gesamte NATO geltenden
Informationsmanagementpolitik und - nach entsprechender Ermächtigung
durch die Mitgliedstaaten - für die Offenlegung von NATO-Dokumenten, ihre
Freigabe für die Öffentlichkeit und ihre Archivierung gemäß der vereinbarten
Verfahren zuständig.

PRESSE- UND INFORMATIONSDIENST


Der Presse- und Informationsdienst besteht aus einem Presse- und
Mediendienst sowie einem Informationsdienst, der sich in ein Planungs- und
Produktionsreferat, ein Referat für Beziehungen zu NATO-Mitgliedstaaten
sowie ein Referat für Beziehungen zu Partner- und sonstigen Staaten gliedert.
Er verfügt über ein Informations- und Dokumentationszentrum in Kiew. Der
Direktor für Presse und Information ist Vorsitzender des Ausschusses für
Information und kulturelle Beziehungen.
Der Pressesprecher sowie der Presse- und Mediendienst geben offizielle
Erklärungen für das Bündnis und den Generalsekretär heraus und sorgen für
die Unterlagen und Hintergrundinformationen für Journalisten. Der Presse-

250
und Mediendienst veranlasst die Akkreditierung von Journalisten, veröffentlicht
Kommuniqués und Reden des Generalsekretärs und stellt eine tägliche
Presseübersicht sowie Presseausschnitte für das NATO-Hauptquartier in
Brüssel zusammen. Er organisiert Interviews mit dem Generalsekretär und
anderen NATO-Vertretern und stellt dafür die technische Unterstützung und
Ausrüstung für Rundfunk- und Fernsehübertragungen zur Verfügung.
Der Presse- und Informationsdienst hilft den Mitgliedsregierungen und
Partnerstaaten, durch zahlreiche Programme und Aktivitäten der breiten
Öffentlichkeit die Rolle und Politik der NATO nahe zu bringen. Diese stützen
sich auf regelmäßig und unregelmäßig erscheinende Veröffentlichungen,
Videos, Bilder und Ausstellungen, Gruppenbesuche, Konferenzen und
Seminare sowie Forschungsstipendien. Zu dem Büro gehören ein Bibliotheks-
und Dokumentationsdienst, eine Mediathek sowie eine Verteilerstelle.
Der Presse- und Informationsdienst unterhält enge Kontakte zu nationa-
len Informationsstellen und nichtstaatlichen Organisationen. Mit seiner Arbeit
versucht er, der Öffentlichkeit in den einzelnen Mitgliedstaaten die Ziele und
Errungenschaften des Bündnisses zu erläutern. Er organisiert bzw. fördert dar-
über hinaus eine Reihe multinationaler Programme, die für Bürger aus ver-
schiedenen Mitgliedstaaten bestimmt sind, und führt gemeinsam mit den
Partnerstaaten der NATO entsprechende Aktivitäten durch, um in den im Euro-
Atlantischen Partnerschaftsrat und in der Kooperationsgruppe Mittelmeer ver-
tretenen Staaten Informationen und Kenntnisse über das Bündnis zu vermit-
teln.

NATO-SICHERHEITSAMT
Das Sicherheitsamt der NATO koordiniert, überwacht und vollzieht die
Sicherheitsmaßnahmen innerhalb der NATO. Sein Direktor ist der
Hauptsicherheitsberater des Generalsekretärs und Vorsitzender des NATO-
Sicherheitsausschusses. Er ist Leiter des Sicherheitsdienstes im NATO-
Hauptquartier und damit für die Gesamtkoordinierung der Sicherheit innerhalb
der NATO verantwortlich.

ABTEILUNG FÜR POLITISCHE ANGELEGENHEITEN


Die Abteilung für politische Angelegenheiten untersteht dem
Beigeordneten Generalsekretär für politische Angelegenheiten, der den Vorsitz
im Hochrangigen Politischen Ausschuss innehat und als amtierender
Vorsitzender einer Reihe weiterer Ausschüsse fungiert (siehe Kapitel 13). Die
Abteilung besteht aus einem Direktorat für politische Angelegenheiten und

251
einem Direktorat Wirtschaft. Der Direktor des Direktorats für politische
Angelegenheiten ist Stellvertretender Beigeordneter Generalsekretär für
Politische Angelegenheiten, Stellvertretender Vorsitzender des Hochrangigen
Politischen Ausschusses und amtierender Vorsitzender des Politischen
Ausschusses. Der Direktor des Direktorats Wirtschaft ist zugleich Vorsitzender
des Wirtschaftsausschusses.
Die routinemäßige Arbeit des Direktorats für politische Angelegenheiten
wird von sieben Referaten abgewickelt:
• Das Referat für multilaterale und regionale Angelegenheiten der
NATO befasst sich schwerpunktmäßig mit der Entwicklung der
Beziehungen der NATO zu anderen europäischen
Sicherheitsinstitutionen, insbesondere der EU und der WEU, der
Vorbereitung von Außenministertagungen und Gipfeltreffen im NATO-
Rahmen, verschiedenen die NATO betreffenden politischen
Entwicklungen in den Mitgliedstaaten, verschiedenen die NATO
betreffenden Entwicklungen in einer Reihe anderer Staaten, die nicht
im Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat (EAPR) oder bei der
Partnerschaft für den Frieden (PfP) mitwirken (insbesondere Japan
und einige europäische Staaten), der Weiterentwicklung des NATO-
Mittelmeerdialogs sowie der Vor- und Nachbereitung der Treffen von
Arbeitsgruppen, in denen Experten aus den Mitgliedstaaten regionale
Fragen behandeln.
• Das Referat für Politische Planung und die Ausarbeitung von Reden
ist zuständig für den Entwurf einschlägiger Reden, Artikel und Noten
für den Generalsekretär und andere führende Vertreter des
Bündnisses, das Abfassen von Arbeitspapieren zur politischen
Planung sowie für Einweisungen in die politische Agenda der NATO.
Es unterhält Kontakte zu Vertretern der Wissenschaft und
„Denkfabriken” und führt vor- und nachbereitende Arbeiten für die
Beratergruppe Atlantische Politik durch. Auch die Unterstützung beim
Abfassen von Kommuniqués und anderen Texten sowie die Mitarbeit
im Entwurfsverfahren, das im Zusammenhang mit Treffen der NATO-
Außenminister und Treffen auf höchster Ebene stattfindet, gehören zu
den Tätigkeiten dieses Referats.
• Das Referat für Partner in Osteuropa befasst sich mit den
Beziehungen der NATO zu Russland und zur Ukraine, der Umsetzung
der NATO-Russland-Grundakte und der NATO-Ukraine-Charta, der
Gesamtkoordination der jährlichen Arbeitsprogramme sowie der Vor-
und Nachbereitung von Tagungen des Ständigen Gemeinsamen
NATO-Russland-Rats (NRR) und der NATO-Ukraine-Kommission
(NUK) auf Gipfel-, Außenminister- und Botschafterebene.

252
• Das Referat für Euro-Atlantische Partnerschaft und Zusammenarbeit
ist zuständig für bilaterale Beziehungen zwischen der NATO und allen
anderen Partnerstaaten sowie Fragen im Zusammenhang mit der
NATO-Erweiterung sowie der Umsetzung und Lenkung sämtlicher
Aktivitäten im Rahmen des Aktionsplans zur Mitgliedschaft. Das
Referat bereitet Tagungen des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats
auf Gipfel-, Außenminister- und Botschafterebene vor und behandelt
PfP-Angelegenheiten zur Unterstützung der Abteilung für
Verteidigungsplanung und -operationen, koordiniert die
Südosteuropa-Initiative der NATO und ihren Beitrag zum
Stabilitätspakt für Südosteuropa sowie die politischen Beziehungen
der NATO zur ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien1 vor
dem Hintergrund der KFOR-Aktivitäten der NATO insgesamt.

• Das Referat Kooperative Sicherheit und Politische Krisenbewältigung


ist zuständig für Fragen der gemeinsamen Sicherheit (einschließlich
der EAPR-Ad-hoc-Gruppe für friedenserhaltende Maßnahmen sowie
der NATO-Russland-Arbeitsgruppe für friedenserhaltende
Maßnahmen), die Beziehungen zwischen der NATO und der
Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
insgesamt, für politische Aspekte der Planung von
Krisenbewältigungsübungen sowie Aspekte der Friedenserhaltung in
den Beziehungen zwischen der NATO und den Vereinten Nationen.
Dieses Referat ist das wichtigste Forum für Fragen der politischen
Krisenbewältigung innerhalb der Abteilung für politische
Angelegenheiten und vertritt die Abteilung routinemäßig in der Balkan-
Arbeitsgruppe2.

• Das Referat Konventionelle Rüstungskontrolle und Koordinierung ist


zuständig für die Rüstungskontrollpolitik und Umsetzungsaspekte des
KSE-Vertrags, des „Wiener Dokuments”, der Vereinbarung von
Dayton, für regionale konventionelle Rüstungskontrolle sowie vertrau-
ens- und sicherheitsbildende Maßnahmen (VSBM), für Kleinwaffen
und Antipersonenminen, für die Organisation multinationaler KSE-
Inspektionsteams der NATO, für die Pflege und Entwicklung der
NATO-Verifikationsdatenbank (VERITY) sowie für die Leitung der
Zusammenarbeit mit den 14 mittel- und osteuropäischen KSE-
Unterzeichnerstaaten für den Ausschuss für Verifikations-
koordinierung.

1 Die Türkei erkennt die Republik Mazedonien unter ihrem verfassungsmäßigen Namen an.
2 Bei der Balkan-Arbeitsgruppe handelt es sich um ein Koordinierungsgremium, das Vertreter des
Internationalen Stabs und des Internationalen Militärstabs zusammenbringt, die mit der routi-
nemäßigen Koordinierung von Angelegenheiten im Zusammenhang mit der Aufgabe der NATO auf
dem Balkan befasst sind.

253
• Das Zentrum für Massenvernichtungswaffen wurde im Mai 2000 auf
Grundlage der Initiative gegen Massenvernichtungswaffen (MVW)
eingerichtet, die anlässlich des Washingtoner Gipfels im April 1999
genehmigt wurde. Das Zentrum ist Teil des Direktorats für politische
Angelegenheiten und setzt sich u. a. aus einer Reihe von Mitarbeitern
des Internationalen Sekretariats sowie nationalen Experten zusam-
men. Die Aufgabe des Zentrums ist die Verbesserung der
Koordination MVW-bezogener Aktivitäten sowie die Intensivierung von
Konsultationen zu Fragen der Nichtverbreitung, Rüstungskontrolle
und Abrüstung. Ferner unterstützt es verteidigungspolitische
Anstrengungen zur Steigerung der Bereitschaft des Bündnisses, auf
die mit MVW und ihren Trägersystemen verbundenen Risiken zu rea-
gieren.

Das Direktorat Wirtschaft hat beratende Funktion bei allen wirtschaftlichen


Entwicklungen, die verteidigungs- und sicherheitspolitische Auswirkungen auf
die NATO haben. Es führt zur Vorlage beim Generalsekretär Untersuchungen
über wirtschaftliche Trends und Probleme der Rüstungswirtschaft durch; nimmt
im Auftrag des Wirtschaftsausschusses Untersuchungen sicherheitsrelevanter
wirtschaftlicher Angelegenheiten vor; erstellt im Rahmen der NATO-
Verteidigungsplanung für den Ausschuss Verteidigungsüberprüfung
Wirtschaftsanalysen über NATO-Staaten und pflegt Kontakte zu internationa-
len Wirtschaftsorganisationen. Das Direktorat Wirtschaft ist auch für die
Realisierung der Kooperation mit den Partnerstaaten im Rahmen des Euro-
Atlantischen Partnerschaftsrats, des Ständigen Gemeinsamen NATO-
Russland-Rats und der NATO-Ukraine-Kommission zuständig. Diese
Aktivitäten konzentrieren sich auf sicherheitsrelevante Wirtschaftsfragen
einschließlich der Planung des Verteidigungshaushalts, der verteidigungspoli-
tischen Umstrukturierung und der wirtschaftlichen Probleme im Bereich der
Verteidigungspolitik.

ABTEILUNG FÜR VERTEIDIGUNGSPLANUNG UND


-OPERATIONEN
Die Abteilung für Verteidigungsplanung und -operationen untersteht dem
Beigeordneten Generalsekretär für Verteidigungsplanung und -operationen,
der zugleich Vorsitzender des Ausschusses Verteidigungsüberprüfung (des
höchsten Verteidigungsplanungsorgans der NATO unter Führung des
Verteidigungsplanungsausschusses) und Stellvertretender Vorsitzender der
Exekutivarbeitsgruppe ist. Er ist Vorsitzender des Koordinierungsausschusses
für Grundsatzfragen. Die Abteilung unterstützt auch den Politisch-Militärischen
Lenkungsausschuss Partnerschaft für den Frieden bei der Koordinierung und

254
Entwicklung von PfP-Aktivitäten. Sie verfügt über ein Direktorat
Verteidigungspolitik und Streitkräfteplanung, ein Direktorat Verteidigungs-
bezogene Partnerschaft und Zusammenarbeit, ein Direktorat
Krisenmanagement und -einsatz und ein Direktorat Nukleare Grundsatzfragen.
Das Direktorat leistet personelle Unterstützung für den Stellvertretenden
Generalsekretär in seiner Funktion als Vorsitzender der Hochrangigen
Lenkungsgruppe, die die Umsetzung der NATO-Initiative zur
Verteidigungsfähigkeit überwacht.

Das Direktorat Verteidigungspolitik und Streitkräfteplanung besteht aus


einem Referat Verteidigungspolitik und einem Referat Streitkräfteplanung. Es
ist verantwortlich für Fragen der Verteidigungspolitik und den Großteil der vom
Rat oder der Koordinierungsgruppe für Grundsatzfragen behandelten militär-
politischen Angelegenheiten sowie - in Zusammenarbeit mit den nationalen
Delegationen - für die Vorbereitung aller Dokumente und Maßnahmen im
Zusammenhang mit der Verteidigungsüberprüfung der NATO einschließlich
der Analyse nationaler Verteidigungsprogramme. Außerdem ist es zuständig
für andere im Verteidigungsplanungsausschuss erörterte militärpolitische
Fragen, die Ausarbeitung von Untersuchungen über allgemeine und beson-
dere Aspekte der NATO-Verteidigungsplanung und -operationen im Auftrag der
Exekutivarbeitsgruppe und des Ausschusses Verteidigungsüberprüfung, für
die Unterstützung des PfP-Programms und die Abwicklung der PfP-Planung
und -Überprüfung und die Entwicklung des Konzepts Alliierter
Streitkräftekommandos, ferner für die Unterhaltung einer rechnergestützten
Datenbank mit Angaben über die Streitkräfte der NATO sowie die
Durchführung und Leitung statistischer Erhebungen, die für die Bewertung der
Verteidigungsanstrengungen der NATO benötigt werden. Der Direktor für
Verteidigungspolitik und Streitkräfteplanung ist Stellvertretender Beigeordneter
Generalsekretär und außerdem Stellvertretender Vorsitzender des
Ausschusses Verteidigungsüberprüfung.

Das Direktorat Krisenmanagement und -einsatz umfasst das Referat


Krisenmanagement, das Referat Ratstätigkeiten und den Stab für friedenser-
haltende Maßnahmen. Der Direktor für Krisenmanagement und -einsatz ist im
Auftrag des Generalsekretärs auch für die Einrichtung und Leitung des
Lagezentrums der NATO zuständig.

Das Referat Krisenmanagement sorgt für die personelle Unterstützung


des Generalsekretärs, des Rats und des Verteidigungsplanungsausschusses
sowie einschlägiger nachgeordneter Gruppen bei der Bewältigung wichtiger
militärpolitischer Angelegenheiten, die mit der Krisenbewältigung zusammen-
hängen. Es ist für die Umsetzung und Überwachung der Entscheidungen des
Rates im Zusammenhang mit der Krisenbewältigung einschließlich der ent-
sprechenden Berichterstattung und für die Vorbereitung und Durchführung der
255
NATO-Einsätze zuständig. Außerdem nimmt es Verbindungs- und
Koordinierungsaufgaben in Bezug auf die NATO- und Nicht-NATO-Staaten
sowie zuständige internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen,
die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, die
Europäische Union, die Westeuropäische Union, das Büro des Hohen
Repräsentanten und den Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen
(UNHCR) wahr.
Das Referat Ratstätigkeiten unterstützt das Krisenmanagement der NATO
durch Entwicklung und Verbesserung von Verfahren, Organisationen und
Einrichtungen zur Unterstützung der Bedürfnisse des Rates und des
Verteidigungsplanungsausschusses und zur Erleichterung der Konsultation in
Spannungs- und Krisenzeiten. Dies umfasst die Koordinierung und
Aktualisierung der beiden NATO-Krisenmanagementhandbücher, die
Vorbereitung einer jährlichen Krisenbewältigungsübung, die Überprüfung des
Bedarfs an Fernmeldeeinrichtungen für die Krisenbewältigung, die Mitarbeit
bei der Entwicklung von DV-Unterstützung für die Krisenbewältigung und die
Durchführung gemeinsamer Aktivitäten mit PfP-Partnern, durch die diese mit
mehr Möglichkeiten für eigene Maßnahmen der Krisenbewältigung ausgestat-
tet und die Kooperation im Bereich der Krisenbewältigung verbessert werden
sollen.
Der Stab für Friedenserhaltende Maßnahmen fördert den Prozess der
Krisenbewältigung durch konzeptionelle und fachliche Beratung zu friedensun-
terstützenden Maßnahmen. Daneben unterstützt er auch noch andere Aspekte
der NATO-Arbeit im Bereich der Friedenserhaltung, einschließlich der
Entwicklung einer Friedenserhaltungspolitik des Bündnisses, einer Politik der
zivil-militärischen Zusammenarbeit (ZMZ) und der Unterstützung der beim
Politisch-Militärischen Lenkungsausschuss angesiedelten Ad-hoc-Gruppe für
friedenserhaltende Maßnahmen.
Das als SITCEN bezeichnete Lagezentrum hat drei besondere Funktio-
nen: Es muss den Nordatlantikrat, den Verteidigungsplanungsausschuss und
den Militärausschuss bei der Erfüllung ihrer jeweiligen Beratungsaufgaben
unterstützen, innerhalb des Bündnisses als Zentralstelle für den Erhalt, den
Austausch und die Verbreitung politischer, militärischer und wirtschaftlicher
Erkenntnisse und Informationen dienen und die Aufgaben eines Verbindungs-
organs zu ähnlichen Einrichtungen der Mitgliedstaaten und der Strategischen
NATO-Kommandobehörden wahrnehmen. Das Lagezentrum wird durch eine
Fernmeldezentrale unterstützt.
Das Direktorat Verteidigungsbezogene Partnerschaft und
Zusammenarbeit wurde 1997 eingesetzt. Es ist für die PfP-Politik und deren
Durchführung zuständig. Es stellt den Vorsitzenden im Politisch-Militärischen
Lenkungsausschuss Partnerschaft für den Frieden und leistet Beiträge zur

256
Arbeit anderer NATO-Organe in Bereichen, die den EAPR, die militärische
Zusammenarbeit im PfP-Rahmen, die Beziehungen zwischen der NATO und
Russland bzw. zwischen der NATO und der Ukraine sowie den Dialog mit den
Staaten des Mittelmeerraums betreffen. Im Zusammenhang mit der
Durchführung von PfP-Maßnahmen hält das Direktorat enge Verbindung mit
allen PfP-Partnerstaaten und stellt den Vorsitzenden bei Treffen von NATO-
Gruppen, die eingesetzt wurden, um die Partnerstaaten bei der Ausarbeitung
Individueller Partnerschaftsprogramme (IPP) zu unterstützen.
Das Direktorat Nukleare Grundsatzfragen leistet personelle Unterstützung
für den Generalsekretär, die Nukleare Planungsgruppe und ihr
Leitungsgremium, die Hochrangige Gruppe, sowie für die Hochrangige
Verteidigungspolitische Arbeitsgruppe für Proliferation. Seine Hauptfunktionen
umfassen die Mitarbeit in allen Angelegenheiten, die nukleare
Grundsatzfragen und Strategien betreffen, einschließlich der Entwicklung der
nuklearen Planung und entsprechender Verfahren sowie diesbezüglicher
Übungen und Ausbildungsmaßnahmen, und die Mitwirkung bei der
Koordinierung jener verteidigungsbezogenen Aktivitäten der NATO, die infolge
von Risiken durchgeführt werden, die sich aus der Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen und ihren Trägersystemen ergeben. Letzteres wird
künftig teilweise durch das neue, innerhalb der Abteilung für politische
Angelegenheiten eingerichtete MVW-Zentrum abgedeckt. Das Direktorat ist
außerdem für die Vorbereitung von Treffen der Nuklearen Planungsgruppe auf
Ebene der Minister, Ständigen Vertreter und Stabsgruppen sowie für die
Vorbereitung der Unterrichtung der Öffentlichkeit über das Nuklearpotenzial
der NATO und verteidigungsspezifische Reaktionen auf die Gefahren der
Proliferation zuständig.

ABTEILUNG FÜR VERTEIDIGUNGSUNTERSTÜTZUNG


Die Abteilung für Verteidigungsunterstützung untersteht dem
Beigeordneten Generalsekretär für Verteidigungsunterstützung und nimmt fol-
gende Aufgaben wahr:
• Beratung des Generalsekretärs, des Nordatlantikrats, des
Verteidigungsplanungsausschusses und anderer NATO-Gremien in
allen Fragen der Rüstungsforschung, -entwicklung, -produktion und
-beschaffung sowie in Bezug auf die erweiterte Luftverteidigung.
• Förderung der möglichst rationellen Nutzung der Ressourcen des
Bündnisses für die Ausrüstung seiner Streitkräfte.
Die Abteilung unterhält Verbindungen zu den mit gemeinsamen
Rüstungsprojekten befassten Produktions- und Logistikstellen der NATO und

257
pflegt den Kontakt zu den Militärbehörden der NATO, die sich mit der
Verteidigungsforschung und damit zusammenhängenden Fragen beschäfti-
gen. Sie ist im Rahmen ihres Verantwortungs- und Zuständigkeitsbereichs an
allen Aspekten der Verteidigungsplanung der NATO beteiligt. Der Beigeordnete
Generalsekretär für Verteidigungsunterstützung ist zugleich Ständiger
Vorsitzender der Konferenz der Nationalen Rüstungsdirektoren (KNRD) und
des NC3-Stabes sowie Ko-Vorsitzender des Standardisierungsausschusses
der NATO. Die Abteilung besteht aus zwei Direktoraten:

Das Direktorat Rüstungsplanung, -programme und -politik unterstützt den


Stellvertretenden Generalsekretär bei der Behandlung breitgefächerter Grund-
satzfragen und Programmpunkte, die die Beschaffung von Wehrausrüstung
und die Rüstungskooperation innerhalb des Bündnisses betreffen. Sein Direk-
tor ist Stellvertretender Beigeordneter Generalsekretär für Verteidigungsunter-
stützung. Die Verantwortung des Direktorats erstreckt sich auf die Formulie-
rung grundsätzlicher Initiativen im Rüstungsbereich, die dem Ziel dienen
sollen, die KNRD-Aktivitäten auf die Erfüllung der Bündnisaufgaben auszu-
richten. Außerdem hat es für die Abstimmung der NATO-Rüstungsplanung mit
anderen Aspekten der Gesamtverteidigungsplanung des Bündnisses Sorge zu
tragen.

Das Direktorat unterstützt die Rüstungsgruppen der Teilstreitkräfte Heer,


Marine und Luftwaffe und deren nachgeordnete Gremien. Ihre Aufgabe besteht
darin, den Informationsaustausch und die Harmonisierung von Konzepten für
Wehrmaterial und operative Anforderungen für künftige Einsatzmöglichkeiten
des Bündnisses auf dem Gebiet der Land-, See- und Luftstreitkräfte zu erleich-
tern, um gemeinsame Lösungen auf Grundlage der Programmplanungs-
schritte und Meilensteine des phasenorientierten Prozesses der Programm-
steuerung zu fördern und ein hohes Maß an Gerätestandardisierung bei der
Durchführung des NATO-Standardisierungsprogramms zu erreichen.

Darüber hinaus ist das Direktorat verantwortlich für die Durchführung des
erweiterten PfP-Programms innerhalb des Zuständigkeitsbereichs der KNRD,
einschließlich der PfP-Planung und -Überprüfung, der Lenkung der Mitarbeit
der KNRD an Vorhaben im Zusammenhang mit der verteidigungspolitischen
Dimension der Proliferationspolitik der NATO unter Leitung der Hochrangigen
Verteidigungspolitischen Gruppe für Proliferation, der Unterstützung der
KNRD-Aktivitäten im Bereich der erweiterten Luftverteidigung und der
Flugkörperabwehr im Operationsgebiet und der Koordinierung dieser
Aktivitäten mit gleichlaufenden Maßnahmen der NATO-Militärbehörden, des
NATO-Luftverteidigungsausschusses und der DGP sowie für die
Beaufsichtigung der KNRD-Tätigkeiten mit Bezug auf jene Aspekte frieden-
sunterstützender Maßnahmen, die Rüstungsgüter betreffen. Das Direktorat
hält Verbindung zu externen Organen wie der Westeuropäischen

258
Rüstungsgruppe und Behörden wie der NATO-Leitstelle für die Entwicklung,
Produktion und logistische Betreuung der Waffensysteme EF 2000 und
Tornado, der NATO-Leitstelle für die Planung, Entwicklung, Produktion und
logistische Betreuung von Hubschraubern und dem SACLANT-
Unterwasserforschungszentrum (SACLANTCEN).

Ein Teil des Stabes der Forschungs- und Technologieagentur ist zusam-
men mit dem Direktorat Rüstungsplanung, -programme und -politik in den
Räumlichkeiten der Abteilung für Verteidigungsunterstützung untergebracht.
Die Forschungs- und Technologieagentur der NATO, die ihren Hauptsitz in
Paris hat, unterstützt die Aktivitäten des Forschungs- und
Technologieausschusses der NATO. Forschungs- und Technologieagentur und
Forschungs- und Technologieausschuss sind in der Forschungs- und
Technologieorganisation der NATO zusammengefasst. Der Direktor der
Forschungs- und Technologieagentur untersteht sowohl dem Beigeordneten
Generalsekretär für Verteidigungsunterstützung als auch dem Direktor des
Internationalen Militärstabes.

Das frühere Direktorat Luftverteidigungssysteme trägt jetzt die


Bezeichnung Direktorat Luftverteidigung und Luftraumkontrolle, woraus die
Bedeutung der Beziehung zwischen Luftverteidigung und militärischer sowie
auch ziviler Luftraumkontrolle und Luftverkehrsführung ersichtlich wird. Es
unterstützt den Luftverteidigungsausschuss der NATO in seiner beratenden
Funktion gegenüber dem Rat und dem Verteidigungsplanungsausschuss in
allen die Entwicklung von Luftverteidigungsprogrammen betreffenden
Belangen. Dies erfolgt in enger Zusammenarbeit mit den NATO-
Militärbehörden. Der Luftverteidigungsausschuss der NATO ist für die
Förderung und Koordinierung der Bemühungen zur Gewährleistung der fort-
dauernden Angemessenheit, Wirksamkeit und Effizienz des NATO-
Luftverteidigungssystems aus verfahrenstechnischer Sicht sowie für die
Erweiterung des Systems für die Fähigkeiten zuständig, die erforderlich sind,
damit das Integrierte Luftverteidigungssystem der NATO seinen Aufgaben im
Hinblick auf die neuen Aufgabenstellungen und Zuständigkeiten des
Bündnisses gerecht werden kann. Die Erweiterung des Integrierten
Luftverteidigungssystems der NATO und des entsprechenden Konzepts tragen
dem Bedarf nach höherer Flexibilität bei der kollektiven Verteidigung, funktio-
naler Integration seegestützter Luftstreitkräfte und einer auf Flugkörperabwehr
erweiterten Luftverteidigung, der Erweiterung sowie den Anforderungen frie-
densunterstützender Operationen und Krisenreaktionseinsätzen Rechnung.

Der zweite Hauptzuständigkeitsbereich des Direktorats ist die


Unterstützung des Ausschusses Luftverkehrsführung in der NATO (vormals
Ausschuss für die Koordinierung des europäischen Luftraums). Aufgabe des
Ausschusses Luftverkehrsführung ist es, die Koordinierung ziviler und militäri-
259
scher Erfordernisse der Luftverkehrsführung des Bündnisses sicherzustellen.
Zudem spielt er eine wichtige Rolle bei den gemeinsam mit den Partnerländern
unternommenen Bemühungen zur Verbesserung der Luftverkehrsführung.
Zusätzlich gehört es nun zu den Aufgaben des Ausschusses, auf technischer
Ebene sicherzustellen, dass das militärische Bedienpersonal mit den vielseiti-
gen Entwicklungen bei den Luftverkehrsführungssystemen Schritt halten kann,
die von den zivilen Behörden jetzt und für die Zukunft vorgesehen sind. Im
Kontext der aktuellen Bemühungen zur europaweiten Integration der
Luftverkehrsführung vertritt das Direktorat den Ausschuss Luftverkehrsführung
in einer Reihe internationaler Gremien.
Im Rahmen der Kooperationsaktivitäten der NATO ist das Direktorat fer-
ner für die Beratung und Unterstützung von am Aktionsplan zur Mitgliedschaft
beteiligten Beitrittskandidaten und anderen Partnerstaaten in Fragen der
Luftverteidigung und der Luftverkehrsführung zuständig. Die in diesem
Zusammenhang anfallenden Analysen werden von der Analytischen
Luftverteidigungszelle der NATO vorgenommen, die innerhalb des Direktorats
eigens zu diesem Zweck eingerichtet wurde.
Darüber hinaus hält das Direktorat die Verbindung zu den für die Ein-
führung von Luftverteidigungssystemen zuständigen Dienststellen, dem
NATO-Programm für luftgestützte Frühwarnung, dem NATO-Programm für das
Führungssystem Luftstreitkräfte, dem verbesserten Boden-Luft-Flugkörpersy-
stem HAWK sowie dem Mittleren Erweiterten Luftverteidigungssystem.

C3-STAB DER NATO (NHQC3S)


Der NHQC3S fasst die früheren C3-Elemente des Internationalen Stabes
und des Internationalen Militärstabes in einem einzigen integrierten Stab
zusammen. Die Hauptaufgabe des NHQC3S besteht darin, Grundsätze und
Richtlinien für Planung, Einführung, Betrieb und Instandhaltung des
Kommunikations- und Informationssystems der NATO zu erarbeiten und ihre
Anwendung zu überwachen. Der C3-Stab unterstützt den NATO-Ausschuss für
Konsultations-, Führungs- und Kommunikationssysteme und dessen nachge-
ordnete Gremien. Ferner unterstützt er den Nordatlantikrat, den
Militärausschuss, die Konferenz der Nationalen Rüstungsdirektoren, den
Oberausschuss Ressourcen und weitere für C3-Angelegenheiten zuständige
Ausschüsse. Der Stab ist in sechs Fachbereiche gegliedert: den Fachbereich
Anforderungen und Konzepte, den Fachbereich Interoperabilität, den
Fachbereich Frequenzzuweisung, den Fachbereich Informationssicherheit,
den Fachbereich Informationssysteme und -technologie sowie den
Fachbereich Kommunikations-, Navigations- und Identifizierungssysteme. Der
Stab untersteht sowohl dem Beigeordneten Generalsekretär für

260
Verteidigungsunterstützung als auch dem Direktor des Internationalen
Militärstabes. Der Direktor NHQC3S ist Stellvertretender Ko-Vorsitzender des
NC3-Ausschusses und Vorsitzender der Nationalen C3-Vertreter.

ABTEILUNG FÜR SICHERHEITSINVESTITIONEN,


LOGISTIK UND ZIVILE NOTFALLPLANUNG
Die Abteilung für Sicherheitsinvestitionen, Logistik und Zivile Notfallpla-
nung untersteht dem für diese Aufgaben zuständigen Beigeordneten General-
sekretär. Er ist bei Plenarsitzungen Vorsitzender des Oberausschusses Zivile
Notfallplanung und Ko-Präsident der NATO-Logistikkonferenz. Außerdem sitzt
er dem Infrastrukturausschuss vor. Die Abteilung besteht aus den Direktoraten
Sicherheitsinvestitionen und Zivile Notfallplanung sowie Logistik (IS-Element)
und der Koordinierungseinheit für Grundsatzfragen im Bereich Ressourcen.
Das Direktorat Sicherheitsinvestitionen steht unter Leitung des Beauftrag-
ten für das Sicherheitsinvestitionsprogramm, der als Stellvertretender Beige-
ordneter Generalsekretär und Ständiger Vorsitzender des Infrastrukturaus-
schusses fungiert. Das Direktorat Sicherheitsinvestitionen ist in folgenden
Bereichen für die Unterstützung des Oberausschusses Ressourcen, des Infra-
strukturausschusses und des Ausschusses Militärhaushalt zuständig:
• Prüfung der technischen, finanziellen, wirtschaftlichen und politischen
Aspekte von Leistungspaketen (CP). (In den CP werden die militäri-
schen Forderungen der Strategischen NATO-Befehlshaber anhand
Investitionsaufwand, Betriebs- und Unterhaltungskosten sowie
Personalbedarf angegeben.);
• Unterstützung in Grundsatzfragen sowie technische und finanzielle
Überwachung des NATO-Sicherheitsinvestitionsprogramms;
• Prüfung der technischen und finanziellen Aspekte von Anträgen an
den Infrastrukturausschuss zur Genehmigung des Umfangs und der
Mittel für Projekte, die für eine gemeinsame Finanzierung in Frage
kommen können;
• Auf Anforderung technische und finanzielle Prüfung gemeinsam finan-
zierter Militärprojekte, die im Ausschuss Militärhaushalt erörtert wer-
den;
• Unterstützung anderer NATO-Ausschüsse (Hochrangiger Politischer
Ausschuss (verstärkt), Koordinierungsgruppe für Grundsatzfragen,
Politisch-Militärischer Lenkungsausschuss), die sich speziell mit
Angelegenheiten des NATO-Sicherheitsinvestitionsprogramms oder
allgemein mit Fragen der Ressourcen befassen.

261
Das Direktorat Logistik (IS-Element) wird von einem Direktor geleitet, der
auch Vorsitzender des NATO-Pipeline-Ausschusses und Stellvertretender Ko-
Präsident der NATO-Logistikkonferenz ist. Das Direktorat hat folgende
Zuständigkeiten:

• Entwicklung und Koordinierung von Plänen und Verfahren, mit denen


innerhalb des Bündnisses und im Rahmen des PfP-Programms ein
einheitliches Konzept zu Fragen der Verbraucherlogistik sichergestellt
werden soll, um die Effizienz der Streitkräfte durch größere logistische
Bereitschaft und Durchhaltefähigkeit zu steigern;

• personelle Unterstützung der NATO-Logistikkonferenz und der ihr


nachgeordneten Stellen;

• Bereitstellung personeller Unterstützung im Bereich Technik für den


NATO-Pipeline-Ausschuss;

• Unterstützung und Koordinierung von sowie Zusammenarbeit mit


NATO-Militärbehörden und NATO- und anderen an der Planung und
Durchführung von Fragen der Verbraucherlogistik beteiligten
Ausschüssen und Gremien;

• Zusammenarbeit mit den leitenden Gremien des Pipeline-Systems


Europa Mitte sowie der Organisation für Materialerhaltung und
Ersatzteilversorgung der NATO im Auftrag des Generalsekretärs.

Das Direktorat Zivile Notfallplanung untersteht einem Direktor, der gleich-


zeitig Vorsitzender des ständigen Oberausschusses Zivile Notfallplanung ist.
Es ist verantwortlich für die

• Koordinierung und Leitung der Planung, mit deren Hilfe die


Friedenswirtschaft der einzelnen Bündnisstaaten rasch auf
Notfallsituationen umgestellt werden kann;

• Entwicklung von Vorkehrungen für den Einsatz ziviler Ressourcen zur


Unterstützung der Verteidigung des Bündnisses und zum Schutz der
Zivilbevölkerung;

• personelle Unterstützung des Oberausschusses Zivile Notfallplanung


und der neun Agenturen und Ausschüsse für zivile Notfallplanung, die
für die Entwicklung von Vorkehrungen zur Krisenbewältigung in den
Bereichen ziviler Land-, See- und Lufttransport, Energie, Industrie,
Ernährung und Landwirtschaft, zivile Fernmeldeeinrichtungen, medizi-
nische Versorgung und Zivilverteidigung zuständig sind;

• Aufsicht über das Euro-Atlantische Koordinierungszentrum für


Katastrophenhilfe, das die internationale Reaktion auf Hilfsanfragen

262
durch oder für einen von einer Katastrophe betroffenen Staat koordi-
niert.
Der Direktor für Zivile Notfallplanung überwacht außerdem die
Maßnahmen der zivilen Notfallplanung, die im Rahmen des Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrats, der Partnerschaft für den Frieden, des Ständigen
Gemeinsamen NATO-Russland-Rats, der NATO-Ukraine-Kommission und der
Kooperationsgruppe Mittelmeer durchgeführt werden.
Die Koordinierungseinheit für Grundsatzfragen im Bereich Ressourcen ist
zuständig für:
• die Entwicklung von Grundsatzvorschlägen und Planungsdokumenten
für das Bündnis betreffende übergeordnete Ressourcenfragen in
Zusammenarbeit mit den einschlägigen Gremien;
• die stabsübergreifende Koordinierung dieser Angelegenheiten;
• die Unterstützung des Oberausschusses Ressourcen bei der
Erarbeitung der Ressourcenpolitik und der Dokumente zur
Ressourcenplanung.

ABTEILUNG FÜR WISSENSCHAFTS- UND


UMWELTANGELEGENHEITEN
Die Abteilung für Wissenschafts- und Umweltangelegenheiten untersteht
dem Beigeordneten Generalsekretär für Wissenschafts- und
Umweltangelegenheiten. Er ist zugleich Vorsitzender des NATO-
Wissenschaftsausschusses und des NATO-Ausschusses für die
Herausforderungen der modernen Gesellschaft. Ihm steht ein Stellvertretender
Beigeordneter Generalsekretär zur Seite. Er hat folgende Aufgaben:
• Beratung des Generalsekretärs in für die NATO bedeutsamen wis-
senschaftlichen und technologischen Fragen;
• Umsetzung der Entscheidungen des Wissenschaftsausschusses,
Leitung der Aktivitäten der von ihm eingesetzten Unterausschüsse
und Beratergremien und Entwicklung von Mitteln und Wegen zur
Förderung der wissenschaftlichen und technischen Zusammenarbeit
zwischen Wissenschaftlern in Bündnisstaaten und in Ländern des
Mittelmeerdialogs zum Ausbau der entsprechenden Fähigkeiten die-
ser Länder;
• Überwachung der Entwicklung der vom Ausschuss für die
Herausforderungen der modernen Gesellschaft initiierten Pilotstudien,
kurzfristigen Projekte und Workshops;

263
• Pflege wissenschaftlicher Kontakte mit dem Internationalen Stab der
NATO, den NATO-Agenturen, den für die Durchführung der Wissen-
schaftspolitik verantwortlichen Behörden in den Mitgliedstaaten und
mit internationalen Organisationen, die mit wissenschaftlichen, tech-
nologischen und umweltpolitischen Fragen befasst sind;

• Überwachung der Aktivitäten zur Förderung der Teilnahme von Wis-


senschaftlern aus den Partnerstaaten am Wissenschaftsprogramm
der NATO und an Projekten des Ausschusses für die Herausforderun-
gen der modernen Gesellschaft.

AMT FÜR MANAGEMENT, VERWALTUNG UND


PERSONALFÜHRUNG
Das Amt für Management, Verwaltung und Personalführung untersteht
einem Direktor, der für alle Angelegenheiten im Zusammenhang mit der
Organisation und Struktur des Internationalen Stabes zuständig ist. Er berät
den Generalsekretär auf dem Gebiet der Personalführung und Vergütung der
Zivilbediensteten der Gesamtorganisation. Zudem ist er für die Aufstellung,
Vorlage und Verwaltung des Haushalts für den Internationalen Stab verant-
wortlich. Ihm unterstehen ein Referat Koordinierung und Grundsatzfragen (das
administrative Angelegenheiten der Gesamtorganisation bearbeitet), ein
Referat Haushalts- und Finanzanalysen und eine Arbeitseinheit
Verwaltungsberatung, die den Generalsekretär in allen Fragen der
Organisation, Arbeitsmethoden, Verfahrensabläufe und des Personalwesens
berät.

Der Stellvertretende Direktor der Verwaltung ist verantwortlich für die all-
gemeine Administration des Internationalen Stabes, einschließlich personeller
Dienstleistungen, Instandhaltung der Baulichkeiten des Hauptquartiers,
Bereitstellung von Konferenz-, Dolmetscher- und Übersetzerdiensten sowie für
die Erstellung und Verteilung interner Schriftstücke.

BÜRO DES LEITERS FINANZWESEN


Der Leiter Finanzwesen wird vom Rat ernannt und ist für die
Mittelanforderung und Ausgabenkontrolle im Rahmen des Zivil- und
Militärhaushalts nach Maßgabe der Finanzvorschriften der NATO verantwort-
lich. Sein Büro besteht aus einem Haushalts- und Kassendezernat und einer
internen Vorprüfstelle.

264
BÜRO DES VORSITZENDEN DES OBERAUSSCHUSSES
RESSOURCEN
Der Oberausschuss Ressourcen ist das Hauptberatungsgremium des
Rates in Fragen des Bedarfs an bzw. der Verfügbarkeit von gemeinsam finan-
zierten militärischen Ressourcen. Der Oberausschuss Ressourcen wird von
einem auf nationaler Ebene ausgewählten Vorsitzenden geleitet. Er wird von
einem kleinen, vom Internationalen Stab gestellten Mitarbeiterstab unterstützt.

BÜRO DES VORSITZENDEN DER


HAUSHALTSAUSSCHÜSSE
Der Vorsitzende der Haushaltsausschüsse wird von einem Mitgliedstaat
gestellt. Er erhält seine Bezüge vom jeweiligen Staat, um die Unabhängigkeit
der Haushaltsausschüsse zu wahren. Ihm wird vom Internationalen Stab ein
kleiner Mitarbeiterstab zur Verfügung gestellt.

INTERNATIONALER RECHNUNGSPRÜFUNGSAUSSCHUSS
Die Konten der einzelnen NATO-Gremien und die Konten für Ausgaben im
Rahmen des gemeinsam finanzierten NATO-Infrastrukturprogramms werden
vom Internationalen Rechnungsprüfungsausschuss der NATO überprüft. Der
Ausschuss setzt sich aus Beamten der Rechnungshöfe der Mitgliedstaaten
zusammen. Sie haben unabhängigen Status und werden von ihren jeweiligen
Ländern ausgewählt und bezahlt. Sie werden vom Rat ernannt und sind die-
sem auch verantwortlich.

NATO-PRODUKTIONS- UND LOGISTIKORGANISATIONEN


Es gibt eine Reihe von NATO-Produktions- und -Logistikorganisationen
(NPLO), die von der NATO eingesetzt wurden und dem Nordatlantikrat für die
Wahrnehmung besonderer Aufgaben verantwortlich sind. Zwar unterscheiden
sie sich hinsichtlich ihrer Mandate, Finanzierung, finanziellen Befugnisse und
Leitung, aber alle unterstehen einem Direktorium oder einem
Lenkungsausschuss, das bzw. der ihre Aktivitäten überwacht. Näheres dazu ist
Kapitel 14 zu entnehmen.

265
KAPITEL 11

MILITÄRISCHE ORGANE UND STRUKTUREN

Militärausschuss

Strategische Befehlshaber

Internationaler Militärstab

Vertretung der Partnerländer


MILITÄRISCHE ORGANE UND STRUKTUREN

MILITÄRAUSSCHUSS
In vorhergehenden Kapiteln wurde bereits das NATO-Hauptquartier in
Brüssel beschrieben, das als politisches Hauptquartier des Bündnisses und als
Tagungsort dient, an dem die Ständigen Vertreter auf Botschafterebene unter
Vorsitz des Generalsekretärs im Nordatlantikrat zusammentreten, um die poli-
tischen Grundsätze der NATO zu erörtern und zu genehmigen. In regelmäßi-
gen Abständen kommen der Rat und andere Hochrangige Ausschüsse (in
erster Linie der Verteidigungsplanungsausschuss und die Nukleare
Planungsgruppe) in Brüssel oder anderen Hauptstädten des Bündnisses zu
Tagungen auf höherer Ebene zusammen, an denen auch die Außen- oder
Verteidigungsminister und bisweilen, wenn Gipfeltreffen einberufen werden,
die Staats- und Regierungschefs beteiligt sind.

Die Entscheidungen all dieser Gremien sind gleichwertig und stellen -


ungeachtet der Ebene, auf der sie gefasst wurden - verbindliche Richtlinien für
die NATO dar. Diesen hochrangigen Gremien sind Fachausschüsse nachge-
ordnet, die ebenfalls mit amtlichen Vertretern der jeweiligen Staaten besetzt
sind. Durch diese Ausschussstruktur wird der grundlegende Mechanismus
geschaffen, mit dessen Hilfe das Bündnis seine Beratungen durchführt und
seine Entscheidungen trifft und durch den sichergestellt wird, dass jeder
Mitgliedstaat auf allen Ebenen und in allen Bereichen der NATO-Aktivitäten
seine Interessen wahrnehmen kann.

In ähnlicher Weise fungieren hochrangige Offiziere als Nationale


Militärische Vertreter bei der NATO und als Mitglieder des Ständigen
Militärausschusses unter Leitung eines gewählten Vorsitzenden, um
Nordatlantikrat, Verteidigungsplanungsausschuss und Nukleare
Planungsgruppe in militärischen Angelegenheiten zu unterstützen und zu bera-
ten. Der Militärausschuss tritt genau wie die politischen Entscheidungsgremien
regelmäßig auf höherer Ebene, nämlich der der Stabschefs zusammen. Island,
das nicht über Streitkräfte verfügt, wird bei solchen Treffen durch einen zivilen
Beamten vertreten. Der Ausschuss bildet die höchste militärische Behörde der
NATO und untersteht der politischen Gesamtleitung des Rats, des
Verteidigungsplanungsausschusses und der Nuklearen Planungsgruppe.

Die routinemäßigen Amtsgeschäfte des Militärausschusses werden von


den Militärischen Vertretern wahrgenommen, die im Auftrag ihrer Stabschefs
tätig sind. Sie arbeiten im nationalen Auftrag und Interesse und zum Wohle
ihres eigenen Staates, bleiben aber gleichzeitig für Verhandlungen und
Diskussionen offen, damit Einvernehmen erzielt werden kann. Dazu gehört oft,
269
dass Vereinbarungen auf der Grundlage akzeptabler Kompromisse geschlos-
sen werden, wenn dies im Interesse des Bündnisses als Ganzes liegt und der
Förderung seiner Gesamtzielsetzung und seiner grundsätzlichen Absichten
dient. Deshalb verfügen die Militärischen Vertreter über angemessene
Befugnisse, die dem Militärausschuss die Bewältigung seiner kollektiven
Aufgaben und die umgehende Entscheidungsfindung ermöglichen.

Der Ausschuss hat den politischen Behörden der NATO die Maßnahmen
zu empfehlen, die zur gemeinsamen Verteidigung des NATO-Gebiets für not-
wendig gehalten werden. Hauptsächlich nimmt er eine Lenkungs- und
Beratungsfunktion in Fragen der Militärpolitik und -strategie wahr. Er erteilt den
Strategischen NATO-Befehlshabern, deren Vertreter an seinen Tagungen teil-
nehmen, Weisungen in militärischen Dingen und ist im Auftrag des Rates für
die Gesamtleitung der militärischen Belange des Bündnisses und auch für die
effiziente Arbeit der Organe des Militärausschusses verantwortlich (siehe
Kapitel 14).

Der Ausschuss wirkt bei der Entwicklung allgemeiner strategischer


Konzeptionen für das Bündnis mit und erstellt jährlich eine langfristige
Beurteilung der Stärken und Fähigkeiten jener Staaten und Gebiete, die eine
Gefahr für die Interessen der NATO darstellen. Außerdem hat er in Krisen- und
Spannungszeiten oder im Krieg die Aufgabe, den Rat und den
Verteidigungsplanungsausschuss über die militärische Lage zu beraten und
Empfehlungen zur Anwendung militärischer Gewalt, zur Durchführung von
Eventualfallplänen und zur Erarbeitung angemessener Einsatzrichtlinien aus-
zusprechen.

Der Militärausschuss tritt jeden Donnerstag im Anschluss an die regel-


mäßigen Mittwochstagungen des Rates zusammen, damit er die
Ratsentscheidungen unverzüglich aufgreifen kann. In der Praxis können
Treffen auch nach Bedarf einberufen werden; sowohl der Rat als auch der
Militärausschuss treten häufig viel öfter zusammen. Infolge der Rolle des
Bündnisses in Bosnien und Herzegowina sowie im Kosovo, der internen und
externen Anpassung der Bündnisstrukturen, der Entwicklung von
Partnerschaft und Zusammenarbeit mit anderen Staaten und der neuen
Institutionen zur Überwachung dieser Entwicklungen hat die Häufigkeit der
Tagungen aller Entscheidungsgremien des Bündnisses stark zugenommen.

Der auf der Ebene der Stabschefs tagende Militärausschuss tritt gewöhn-
lich dreimal pro Jahr zusammen. Zwei dieser Tagungen des
Militärausschusses finden in Brüssel statt; bei der dritten fungiert turnusmäßig
ein NATO-Staat als Gastgeber.

Im Rahmen des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR) und der


Partnerschaft für den Frieden (PfP) trifft sich der Militärausschuss regelmäßig

270
mit den EAPR/PfP-Staaten auf der Ebene der Nationalen Militärischen
Vertreter (einmal pro Monat) und auf Ebene der Stabschefs (zweimal pro Jahr),
um sich mit Fragen der militärischen Zusammenarbeit zu befassen. Näheres
dazu und zu den Tagungen des Militärausschusses unter Beteiligung von
Russland und der Ukraine ist Kapitel 12 zu entnehmen.

Vorsitzender des Militärausschusses


Der Vorsitzende des Militärausschusses wird von den Stabschefs gewählt
und für eine dreijährige Amtszeit ernannt. Er handelt ausschließlich in interna-
tionaler Funktion; seine Befugnisse werden ihm vom Militärausschuss verlie-
hen, dem er bei der Ausübung seiner Amtsgeschäfte verantwortlich ist. Er führt
normalerweise bei allen Tagungen des Militärausschusses den Vorsitz. In sei-
ner Abwesenheit übernimmt der Stellvertretende Vorsitzende des
Militärausschusses diese Funktion.

Der Vorsitzende des Militärausschusses ist sowohl Sprecher als auch


Vertreter des Ausschusses. Er leitet dessen routinemäßige Amtsgeschäfte und
erteilt dem Direktor des Internationalen Militärstabs (siehe nachstehend) im
Auftrag des Ausschusses die erforderlichen Weisungen und Richtlinien. Er ver-
tritt den Militärausschuss bei Tagungen auf höherer Ebene, beispielsweise bei
denen des Nordatlantikrats, des Verteidigungsplanungsausschusses und der
Nuklearen Planungsgruppe, und fungiert gegebenenfalls als Berater in militäri-
schen Angelegenheiten.

Kraft seines Amtes spielt der Vorsitzende des Ausschusses auch eine
wichtige Rolle in der Öffentlichkeit. Er ist der oberste militärische Sprecher des
Bündnisses gegenüber der Presse und den Medien. Im Auftrag des
Militärausschusses führt er offizielle Besuche durch und übernimmt
Repräsentationspflichten sowohl in NATO-Staaten als auch in Staaten, zu
denen die NATO im Rahmen des PfP-Programms, des Euro-Atlantischen
Partnerschaftsrats, des Ständigen Gemeinsamen NATO-Russland-Rats, der
NATO-Ukraine-Kommission, der Kooperationsgruppe Mittelmeer und der
Südosteuropa-Initiative engere Kontakte aufbaut. Außerdem ist er von Amts
wegen Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beratergremiums der NATO-
Verteidigungsakademie. Die Funktion der Verteidigungsakademie wird in
Kapitel 14 beschrieben.

STRATEGISCHE BEFEHLSHABER
Die Strategischen Befehlshaber, d. h. der Oberste Alliierte Befehlshaber
Europa (SACEUR) und der Oberste Alliierte Befehlshaber Atlantik (SACLANT),

271
sind dem Militärausschuss für die Gesamtleitung und Durchführung aller
militärischen Angelegenheiten des Bündnisses innerhalb ihres Befehlsbereichs
verantwortlich. Außerdem beraten sie den Militärausschuss. Jeder von ihnen
wird bei der NATO durch Offiziere im Generals- oder Admiralsrang vertreten,
die die SC unterstützen, indem sie enge Verbindung mit den politischen und
militärischen Stäben im Hauptquartier halten und einen effizienten
Informationsfluss in beide Richtungen sowie eine effiziente wechselseitige
Kommunikation sicherstellen. Die Vertreter der Strategischen Befehlshaber
nehmen an den Tagungen des Militärausschusses teil und fungieren als
Berater in Angelegenheiten des Militärausschusses, die ihren jeweiligen
Kommandobereich betreffen.

INTERNATIONALER MILITÄRSTAB
Der Internationale Militärstab (IMS) untersteht einem Offizier im
Generals-/Admiralsrang, der vom Militärausschuss aus den Kandidaten ausge-
wählt wurde, die von den Mitgliedstaaten für die Position des Direktors des
Internationalen Militärstabes (DIMS) benannt wurden. Unter seiner Leitung hat
der IMS zu militärischen Fragen, die dem Militärausschuss zur Erörterung vor-
liegen, Pläne auszuarbeiten, Beurteilungen zu erstellen und grundsätzliche
Empfehlungen zu erteilen sowie dafür zu sorgen, dass die Grundsätze und
Entscheidungen des Ausschusses weisungsgemäß umgesetzt werden.
Der IMS setzt sich aus Militärpersonal zusammen, das von den einzelnen
Staaten zur Übernahme von Stabspositionen im NATO-Hauptquartier abge-
stellt wurde, um dort in internationaler Funktion für die gemeinsamen
Interessen des Bündnisses statt im Auftrag des jeweiligen Staates zu arbeiten.
Einige der Positionen im Internationalen Militärstab werden von Zivilpersonal
besetzt, das Stabsdienst- und Unterstützungstätigkeiten wahrnimmt. Der
Internationale Militärstab unterstützt den Militärausschuss, indem er dessen
Entscheidungen vorbereitet und entsprechende Folgemaßnahmen ergreift;
außerdem ist er aktiv am Prozess der Kooperation mit den Staaten Mittel- und
Osteuropas im Rahmen der PfP-Initiative beteiligt.
Für die Koordinierung der Stabstätigkeit sowie die Kontrolle des
Informationsflusses und der Kommunikation innerhalb des IMS wie auch zwi-
schen dem IMS und anderen Organen im NATO-Hauptquartier ist ein
Leitender Koordinator zuständig, der seine Aufgaben im Büro des Direktors
des Internationalen Militärstabes (IMS) wahrnimmt. Daneben unterstützen der
Leitende Koordinator und sein Personal den Militärausschuss bei seiner
Stabsarbeit und beraten ihn in verfahrenstechnischer Hinsicht. Dem Direktor
IMS stehen außerdem fünf Stellvertretende Direktoren zur Seite, von denen
jeder eine gesonderte Fachabteilung leitet.

272
Die Abteilung Planung und Grundsatzfragen erarbeitet und koordiniert
den Beitrag des Militärausschusses zur Verteidigungspolitik und strategischen
Planung der NATO. Dies umfasst die Mitarbeit an der Entwicklung von militär-
politischen Konzeptionen, Studien, Beurteilungen und einschlägigen
Dokumenten, der NATO-Streitkräfteplanung, der Erarbeitung der
Streitkräfteplanungsziele, der jährlichen Verteidigungsüberprüfung, der PfP-
Planung und -Überprüfung und den langfristigen konzeptionellen Lösungen.
Die Abteilung wirkt im Auftrag des Militärausschusses auch am allgemeinen
Verteidigungsplanungsprozess der NATO mit; sie erarbeitet und vertritt die
Auffassungen des Militärausschusses und der Strategischen NATO-
Befehlshaber zu militärpolitischen Grundsatzfragen in verschiedenen NATO-
Organen.

Die Abteilung Operationsführung unterstützt den Militärausschuss bei


der Erarbeitung aktueller Einsatzpläne und der Behandlung von Fragen, die
das Streitkräftedispositiv der NATO betreffen, sowie von Problemen der
militärischen Führung im Zusammenhang mit der Rolle der NATO in interna-
tionalen Krisen. Außerdem fördert und koordiniert sie multinationale
Ausbildungsmaßnahmen und Übungen auch unter Beteiligung von PfP-
Staaten und koordiniert Bestrebungen zur Schaffung eines effizienten
Potenzials zur elektronischen Kampfführung (EloKa) der NATO mit entspre-
chenden Ausbildungsprogrammen und Übungen. Sie ist für die Überwachung
und Beurteilung der EloKa-Programme und des sich daraus ergebenden
Bedarfs verantwortlich. Sie unterstützt ferner den NATO-
Luftverteidigungsausschuss und ist innerhalb des Internationalen Militärstabs
für Fragen der Luftverteidigung zuständig. Gegebenenfalls fungiert die
Abteilung auch im Auftrag der Gesamtorganisation als Ansprechstelle für den
Verbindungsoffizier der NATO bei den Vereinten Nationen; diese Position wird
mit einem aktiven Mitglied des Internationalen Militärstabs besetzt.

Die Abteilung Nachrichtenwesen unterstützt den Generalsekretär, den


Nordatlantikrat/ Verteidigungsplanungsausschuss, den Militärausschuss und
andere NATO-Gremien wie z. B. Arbeitseinheiten des Internationalen
Militärstabs, den Politischen Ausschuss und das MVW-Proliferationszentrum
routinemäßig im Bereich des Nachrichtenwesens. Sie bezieht ihre grundle-
genden nachrichtendienstlichen Erkenntnisse von den NATO-Mitgliedstaaten
und von den NATO-Kommandobehörden, da sie über kein eigenes Organ oder
Potenzial zur Gewinnung nachrichtendienstlicher Erkenntnisse verfügt. Auf
Grundlage dieser Beiträge handelt sie als zentrale Koordinierungsstelle für die
Zusammenstellung, Beurteilung und Weitergabe nachrichtendienstlicher
Erkenntnisse innerhalb des NATO-Hauptquartiers und an die NATO-
Kommandobehörden, -Dienststellen, -Organisationen und -Staaten. Neben der
routinemäßigen Unterstützung der Stäbe durch nachrichtendienstliche
Erkenntnisse verwaltet und koordiniert die Abteilung Nachrichtenwesen die
273
Erstellung und Weitergabe strategischer nachrichtendienstlicher
Einschätzungen der NATO, Grundsatzpapiere zum Nachrichtenwesen und
grundlegender nachrichtendienstlicher Dokumente sowie die Führung spezifi-
scher Datenbanken und digitaler nachrichtendienstlicher Informationsdienste.
Ferner übernimmt sie strategische Warn- und Krisenmanagementaufgaben
und hält Verbindungen zu anderen NATO-Organen und nationalen Gremien,
die spezialisierte nachrichtendienstliche Funktionen und sonstige einschlägige
Aktivitäten ausüben. Insgesamt hält die Abteilung Nachrichtenwesen mit
Unterstützung der NATO-Staaten und Kommandobereiche die höchsten
Gremien des Bündnisses ständig informiert, erleichtert die militärische
Beratung der politischen Behörden, stellt eine nachrichtendienstliche
Grundlage für Zusammensetzung, Organisation und Einsätze von NATO-
Kräften bereit und übernimmt eine breite Palette an Aufgaben zur
Unterstützung der verteidigungspolitischen und allgemeinpolitischen
Funktionen der NATO.

Die Abteilung Kooperation und Regionale Sicherheit dient als zentrale


Anlaufstelle für militärische Kontakte und die militärische Kooperation im
Rahmen des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR), mit
Teilnehmerstaaten der Partnerschaft für den Frieden (PfP), mit Russland im
Rahmen der NATO-Russland-Grundakte und mit der Ukraine im Rahmen der
NATO-Ukraine-Charta. Sie ist zuständig für Entwicklung und Koordinierung
aller Tätigkeiten des IMS-Personals in Bezug auf EAPR-, PfP-, NATO-
Russland- und NATO-Ukraine-Angelegenheiten sowie des Mittelmeerdialogs.
Der für Grundsatzfragen der Zusammenarbeit und Rüstungskontrolle zustän-
dige Fachbereich erstellt und koordiniert die Arbeiten des für PfP-
Grundsatzfragen zuständigen IMS-Personals, während der Russland-Ukraine-
Fachbereich die Politik des Militärausschusses im Hinblick auf diese beiden
Länder plant, entwickelt und umsetzt. Ferner erarbeitet und koordiniert das
Referat Rüstungskontrolle des für Grundsatzfragen der Zusammenarbeit und
Rüstungskontrolle zuständigen Fachbereichs militärische Empfehlungen für
die Mitwirkung der NATO an verschiedenen Aspekten der Abrüstung und
Rüstungskontrolle sowie in Fragen der gemeinsamen Sicherheit. Außerdem
dient es dem Militärausschuss als Instrument zur gezielten Behandlung der
von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)
bearbeiteten Angelegenheiten im Bereich von Abrüstung, Rüstungskontrolle
und kooperativer Sicherheit. Eine Außenstelle der Abteilung befindet sich im
Beratungsbüro West in Wien, um die Zusammenarbeit mit der OSZE zu
erleichtern und zu verbessern. Das PfP-Stabselement (PSE) des
Internationalen Militärstabs ist als separater Fachbereich in die Abteilung inte-
griert. Hier arbeiten Offiziere der Partnerstaaten eng mit ihren NATO-Kollegen
zusammen, so dass hier das Fachwissen der Partnerstaaten zu militärischen
Aspekten der PfP in konzentrierter Form zur Verfügung steht. Das PfP-

274
Stabselement stellt das wichtigste Verbindungsglied des IMS zu den militäri-
schen Vertretern der Partnerstaaten und zu den Verbindungsoffizieren der
Partnerstaaten im NATO-Hauptquartier dar.

Die Abteilung Logistik, Rüstung und Ressourcen ist in


Zusammenarbeit mit der Abteilung SILCEP des Internationalen Stabs zustän-
dig für die Erarbeitung logistischer Grundsätze und Richtlinien, u. a. für die
Bereiche sanitätsdienstliche Unterstützung sowie Transport- und
Verkehrswesen. Sie sorgt für die personelle Unterstützung der NATO-
Logistikkonferenz sowie des Ausschusses der Leiter der Sanitäts- und
Gesundheitsdienste, des Stellvertretenden militärischen Ko-Vorsitzenden der
NATO-Logistikkonferenz sowie des militärischen Ko-Vorsitzenden/Vorsit-
zenden seiner beiden nachgeordneten Gremien. Des Weiteren liegt eine der
Hauptzuständigkeiten der Abteilung im Bereich der logistischen Aspekte des
Krisenmanagements, der humanitären und Katastrophenhilfe. Sie stellt ferner
den IMS-Vertreter beim Oberausschuss Zivile Notfallplanung und beim
Ausschuss der Leiter der Sanitäts- und Gesundheitsdienste. Die Abteilung
berät den Militärausschuss im Zusammenhang mit der Erarbeitung von militäri-
schen Leitlinien und Verfahren für die Rüstungsplanung. Dies beinhaltet auch
Aspekte der Forschung und Technologie. Sie vertritt den Militärausschuss bei
der KNRD, den Hauptrüstungsgruppen, den Forschungs- und
Technologieorganen, dem Lenkungsausschuss Luft-/Boden-Überwachung
sowie innerhalb der Westeuropäischen Rüstungsgruppe und den EUROLON-
GTERM-Gruppen. Bei Bedarf unterstützt diese Abteilung auch die NATO-
Industrieberatergruppe. Ferner ist sie in Zusammenarbeit mit dem
Internationalen Stab und den beiden Strategischen Befehlshabern zuständig
für die Erarbeitung militärischer Leitlinien und Verfahren im Bereich des
Ressourcenmanagements einschließlich der gemeinsamen NATO-
Militärhaushalte, der Infrastruktur und des Personalwesens. Sie vertritt den
Militärausschuss beim Ausschuss Militärpersonal der NATO, beim
Oberausschuss Ressourcen, beim IC und beim Ausschuss Militärhaushalt. Die
Arbeitseinheit Verwaltungsberatung des Ausschusses Militärpersonal der
NATO ist ein unabhängiges Gremium innerhalb der Abteilung, das dem
Ausschuss direkt zuarbeitet, indem es Fachwissen und den personellen Kern
für die Durchführung von Management-Erhebungen, Rechnungsprüfungen,
Validierungen und Konsultationen bereitstellt.

Das NATO-Lagezentrum unterstützt den Nordatlantikrat, den


Verteidigungsplanungsausschuss und den Militärausschuss bei der Erfüllung
ihrer jeweiligen Aufgaben im Bereich der Konsultation. Es dient als zentrale
Anlaufstelle im Bündnis für den Empfang, den Austausch und die Weitergabe
politischer, militärischer und wirtschaftlicher Informationen. Es verfolgt rund um
die Uhr politische, militärische und wirtschaftliche Entwicklungen, die für die
NATO und ihre Mitgliedstaaten von Interesse sind. Das NATO-Lagezentrum
275
stellt auch Einrichtungen zum raschen Aufwuchs der Konsultationsaktivitäten
in Krisen- und Spannungszeiten bereit und pflegt und aktualisiert die in solchen
Zeiten benötigten einschlägigen Hintergrundinformationen.

Der Berater Presse- und Öffentlichkeitsarbeit berät den Vorsitzenden


des Militärausschusses und den Direktor des Internationalen Militärstabs in
Fragen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und fungiert als Koordinator für
öffentliche Anfragen und Medien sowie als Sprecher des Militärausschusses
und des IMS. Das Büro des Beraters koordiniert die Öffentlichkeitsarbeit inner-
halb des NATO-Presse- und Informationsdienstes sowie der entsprechenden
Organe für Öffentlichkeitsarbeit bei Strategischen Kommandobehörden und
den nationalen Verteidigungsministerien.

Der Leiter Finanzwesen im IMS ist für die Beratung des Vorsitzenden
des Militärausschusses, des Stellvertretenden Vorsitzenden des
Militärausschusses und des Direktors des Internationalen Militärstabs in allen
den IMS-Haushalt betreffenden Finanz- und Steuerangelegenheiten zustän-
dig. Er ist dem Ausschuss Militärhaushalt für die Finanzverwaltung des IMS-
Haushalts verantwortlich. Außerdem ist er für die Vorbereitung, Begründung,
Abwicklung und Überwachung aller haushaltsbezogenen Angelegenheiten zur
Vorlage beim Ausschuss Militärhaushalt zuständig. Neben anderen
Aufsichtsfunktionen leistet er die Finanzkontrolle der NATO-Organe, deren
Haushalte durch den IMS verwaltet werden, also der NATO-
Standardisierungsagentur, der NATO-Verteidigungsakademie sowie der
Forschungs- und Technologieagentur. Er ist ferner für die interne
Rechnungsprüfung sowie für Aktivitäten mit finanziellen Auswirkungen auf sei-
nen Verantwortungsbereich zuständig. Weitere Informationen zur Verwaltung
des Militärhaushalts sind Kapitel 9 zu entnehmen.

Der C3-Stab der NATO (NHQC3S) ist eine selbständige integrierte


Dienststelle, die mit Personal des Internationalen Stabes und des
Internationalen Militärstabs besetzt ist. Der Direktor NHQC3S untersteht hin-
sichtlich der Anforderungen von IMS und IS unmittelbar dem Direktor des
Internationalen Militärstabes sowie dem Beigeordneten Generalsekretär für
Verteidigungsunterstützung. Als einer der Stellvertretenden Vorsitzenden des
NC3-Stabes der NATO fungiert der Direktor auch als Vertreter des
Militärausschusses beim NC3-Stab. Mitglieder des NC3-Stabs unterstützen
den NC3B auf Schlüsselpositionen in seinen acht Unterausschüssen und tra-
gen ihrerseits zur Ausarbeitung von Empfehlungen des NC3B an den
Militärausschuss zu C3-/CIS-Leistungspaketen unter Berücksichtigung der C3-
Grundsätze, Pläne und Struktur bei. Näheres dazu ist den Kapiteln 10 und 14
zu entnehmen.

276
VERTRETUNG DER PARTNERLÄNDER
Seit 1994 haben eine Reihe von Partnerstaaten Verbindungsbüros und -
seit 1997 - ständige diplomatische Vertretungen beim NATO-Hauptquartier ein-
gerichtet. Die militärischen Verbindungen mit den Partnerstaaten werden des
Weiteren durch die Einrichtung so genannter „PfP-Stabselemente” gestärkt.
Derzeit sind acht solcher aus Offizieren aus NATO- und PfP-Partnerstaaten
zusammengesetzten Elemente innerhalb des IMS beim NATO-Hauptquartier
sowie auf den ersten beiden Ebenen der integrierten NATO-Militärstruktur
angesiedelt. Ein neues PfP-Stabselement wurde kürzlich bei der NATO-
(SHAPE-)Schule eingerichtet. Es soll eine wichtige Rolle bei der Erleichterung
der Zusammenarbeit mit PfP-Ausbildungszentren und sonstigen PfP-Instituten
spielen. Offiziere aus Partnerstaaten, die solche Stellen besetzen, arbeiten in
internationaler Funktion Seite an Seite mit Offizieren aus NATO-Staaten und
wirken an der Vorbereitung von Grundsatzdiskussionen und der Durchführung
von Grundsatzentscheidungen mit, die einschlägige Militärangelegenheiten im
Zusammenhang mit der Partnerschaft für den Frieden betreffen. Seit 1998
gehören Offiziere der PfP-Partnerstaaten auch zum Stab der
Partnerschaftskoordinierungszelle und wirken uneingeschränkt an dessen
Arbeit mit.

277
KAPITEL 12

DIE MILITÄRISCHE KOMMANDOSTRUKTUR

Aufgaben der integrierten Streitkräfte

Entwicklung der neuen militärischen Struktur

Begleiterscheinungen der Entwicklung der Europäischen Sicherheits-


und Verteidigungsidentität

Das Konzept der Alliierten Streitkräftekommandos

Interne Anpassung der Bündnisstreitkräfte

Neue Führungskonzepte

Die militärische Struktur

Die NATO-Erweiterung und der Beitritt neuer NATO-Mitglieder

Aktivitäten und Initiativen im Rahmen der Partnerschaft für den Frieden

Umfassendere Konsultation und Zusammenarbeit


DIE MILITÄRISCHE KOMMANDOSTRUKTUR
AUFGABEN DER INTEGRIERTEN STREITKRÄFTE
Alle Staaten, die sich für eine Mitwirkung in der militärischen Organisation
der NATO entscheiden, stellen Streitkräfte ab, die in ihrer Gesamtheit die inte-
grierte Militärstruktur des Bündnisses bilden. Gemäß den grundlegenden
Prinzipien für die Beziehungen zwischen politischen und militärischen
Institutionen in demokratischen Staaten verbleibt die integrierte Militärstruktur
unter ständiger Kontrolle und Führung der obersten politischen Ebene.
Die integrierte Militärstruktur soll den organisatorischen Rahmen zur
Verteidigung des Staatsgebiets der Mitgliedstaaten gegen Bedrohungen ihrer
Sicherheit und Stabilität gemäß Artikel 51 des Nordatlantikvertrags bieten.
Innerhalb dieser integrierten Militärstruktur unterhält das Bündnis die notwen-
digen militärischen Potenziale, um das gesamte Spektrum der NATO-
Missionen zu erfüllen. Zur kollektiven Verteidigung gemäß Artikel 5 des
Washingtoner Vertrags müssen die vereinten Streitkräfte des Bündnisses fähig
sein, vor jeder potenziellen Aggression gegen das Bündnis abzuschrecken
und, falls dennoch ein Angriff stattfinden sollte, den Vormarsch des Angreifers
möglichst weit vorne zum Stehen zu bringen sowie die politische
Unabhängigkeit und territoriale Integrität der Mitgliedstaaten des Bündnisses
sicherzustellen. Außerdem müssen sie bereit sein, sich an der
Konfliktverhütung zu beteiligen und nicht unter Artikel 5 fallende
Krisenreaktionseinsätze durchzuführen. Die Streitkräfte des Bündnisses spie-
len eine wesentliche Rolle bei der Förderung von Zusammenarbeit und
Verständigung mit den NATO-Partnerstaaten und anderen Staaten, insbeson-
dere bei der Unterstützung von Partnerstaaten bei der Vorbereitung einer
potenziellen Beteiligung an NATO-geführten Operationen im Rahmen der
Partnerschaft für den Frieden. So tragen sie zur Erhaltung des Friedens, zur
Wahrung gemeinsamer Sicherheitsinteressen der Bündnismitglieder und zur
Aufrechterhaltung der Sicherheit und Stabilität des euro-atlantischen Raums
bei. Das erste bedeutende Beispiel für diese neue, erweiterte Rolle stellte der
neuartige Einsatz von NATO-Streitkräften im Verbund mit Truppen anderer
Staaten in Bosnien und Herzegowina dar, wo der NATO Ende 1995 von den
Vereinten Nationen die Zuständigkeit für die Umsetzung der militärischen Teile
der Friedensvereinbarung von Dayton erteilt wurde.
Ende 1996 wurde die zur Erfüllung dieser Aufgabe geschaffene IFOR-
Truppe durch die multinationale SFOR-Truppe unter Führung der NATO
ersetzt, in der ebenfalls Kräfte aus den NATO-Staaten Seite an Seite mit

1 Siehe Fußnote 2 in Kapitel 7.

281
Kräften anderer Staaten eingesetzt wurden, um die Voraussetzungen für einen
Frieden im ehemaligen Jugoslawien herzustellen. Ende 1997 kündigten die
Regierungen der NATO-Mitgliedstaaten an, dass die NATO, vorbehaltlich der
Erteilung eines neuen Mandats durch den Sicherheitsrat der Vereinten
Nationen, ab Mitte 1998 unter Beibehaltung des Namens SFOR eine weitere
von ihr geführte multinationale Truppe zur Festigung des bisher Erreichten
zusammenstellen würde.
1999, nach dem Ende der Luftangriffe des Bündnisses zur Beendigung
der gegen die Kosovo-Albaner gerichteten Unterdrückung und ethnischen
Säuberungen durch die serbische Führung, wurde in Übereinstimmung mit der
Entscheidung des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen eine Kosovo-
Schutztruppe (KFOR) mit einem von der NATO gestellten Kern zusammenge-
stellt, um die am 10. Juni vom Oberbefehlshaber der KFOR und Vertretern
Jugoslawiens geschlossene Militärisch-Technische Vereinbarung umzusetzen.
Die ersten Einheiten rückten am 12. Juni im Kosovo ein. Wie in der Militärisch-
Technischen Vereinbarung beschlossen erfolgte die Stationierung der
Schutztruppe synchron zum Abzug der serbischen Sicherheitskräfte aus der
Provinz. Am 20. Juni war der Abzug der Serben abgeschlossen, und die
KFOR-Truppe hatte im Kosovo Fuß gefasst.
Bei voller Stärke umfasste die KFOR-Truppe etwa 50.000 Mann. Es han-
delt sich hierbei um eine multinationale Truppe unter einheitlichem Kommando
mit umfangreichem NATO-Beitrag und unter Beteiligung der Russischen
Föderation. Mehr als 12 andere Nicht-NATO-Staaten leisteten zu Beginn einen
Truppenbeitrag zur KFOR.
Diese Entscheidungen und der ihnen zugrundeliegende politische
Prozess werden in anderen Kapiteln beschrieben; Gleiches gilt für sonstige
Aspekte der neuen Funktionen und Aufgabenbereiche des Bündnisses,
einschließlich der Umsetzung des PfP-Programms und der Entwicklung der
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI) innerhalb des
Bündnisses. All diese Entwicklungen stellen erhebliche Anforderungen an die
bestehende militärische Kommandostruktur der NATO und üben einen wesent-
lichen Einfluss auf ihre Anpassung und die fortlaufende Umsetzung der am
1. September 1999 erstmals aktivierten neuen Kommandostruktur aus.
Die Umgliederung seiner Streitkräfte hat das gesamte
Verteidigungsdispositiv des Bündnisses verändert. Anpassungsmaßnahmen,
die Verfügbarkeit und Bereitschaft der NATO-Truppen betreffen, spiegeln auch
weiterhin den ausschließlich defensiven Charakter des Bündnisses wider. Auf
dem europäischen Kontinent gilt jedoch nicht mehr die frühere Konzeption der
Vorneverteidigung, obwohl regionale Unterschiede in Bezug auf die
Herausforderungen, mit denen die Streitkräfte konfrontiert werden können, und
die jeweilige Notwendigkeit der Vornedislozierung fortbestehen. Die US-

282
Streitkräfte in Europa sind um etwa zwei Drittel reduziert worden, und die
Mehrheit der bisher in Deutschland stationierten alliierten Truppen hat das
Land verlassen. Diese konkreten Beispiele der Umgestaltung des
Verteidigungsdispositivs werden ausführlicher in Kapitel 2 beschrieben.

Bei der Umgestaltung haben auch andere Aspekte eine bedeutende Rolle
gespielt. Beispielsweise erfordern Flexibilität und Beweglichkeit des gegen-
wärtigen Gesamtverteidigungspotenzials Vorkehrungen, durch die sicherge-
stellt wird, dass die NATO über die nötigen Mittel zur Bewältigung der
Herausforderungen und Risiken verfügt, die von Massenvernichtungswaffen
(ABC-Waffen) und ihren Trägersystemen ausgehen. Gesteigerte
Aufmerksamkeit gilt der Gewähr, dass diese Herausforderungen im
Verteidigungspotenzial des Bündnisses berücksichtigt sind.

Auch die zunehmende „Multinationalität” hat sich bei der Entwicklung des
neuen Verteidigungsdispositivs als wichtiger Faktor erwiesen. Sie hat ver-
mehrte Möglichkeiten für eine multinationale Aufgabenteilung unter den
Bündnispartnern geschaffen, wodurch der Erhalt bzw. die Verbesserung des
der NATO zur Verfügung stehenden Militärpotenzials ermöglicht und sicherge-
stellt wurde, dass die für Verteidigungszwecke zugeteilten Ressourcen so
effektiv wie möglich genutzt werden können. Das Prinzip der Multinationalität
wird auf alle Bündnisstrukturen angewendet und ist für die Solidarität im
Bündnis und seinen Zusammenhalt, für die Durchführung von
Bündnisaufträgen und zur Verhinderung der Rückführung der
Verteidigungspolitik in die rein nationale Zuständigkeit von entscheidender
Bedeutung.

Das Prinzip der kollektiven Vorgehensweise bei der Verteidigung des


Bündnisses wird durch praktische Vorkehrungen verkörpert, durch die die
Bündnispartner die entscheidenden politischen, militärischen und ressourcen-
mäßigen Vorteile der kollektiven Verteidigung nutzen können und die die
Rückführung der Verteidigungspolitik in die rein nationale Zuständigkeit ver-
hindern, ohne den Bündnispartnern ihre Souveränität zu nehmen. Diese
Vorkehrungen ermöglichen es den Streitkräften der NATO auch, nicht unter
Artikel 5 fallende Krisenreaktionseinsätze durchzuführen, und stellen eine
Voraussetzung für eine einheitliche Reaktion des Bündnisses auf alle mögli-
chen Eventualfälle dar. Sie beruhen auf Konsultationsverfahren, einer inte-
grierten Militärstruktur und Kooperationsvereinbarungen. Zu den
Hauptmerkmalen zählen die gemeinsame Streitkräfteplanung, die gemein-
same Finanzierung, die gemeinsame Einsatzplanung, multinationale
Verbände, Hauptquartiere und Kommandostrukturen, ein integriertes
Luftverteidigungssystem, eine ausgewogene Verteilung der Rollen und
Zuständigkeiten unter den Bündnispartnern, im Bedarfsfall die Stationierung
und der Einsatz von Truppen außerhalb des eigenen Hoheitsgebiets,
283
Vorkehrungen wie u. a. die Planung von Krisenbewältigung und Verstärkungs-
mechanismen, gemeinsame Normen und Verfahren für Gerät, Ausbildung und
Logistik, gegebenenfalls interalliierte und teilstreitkraftübergreifende
Einsatzgrundsätze und Übungen sowie Zusammenarbeit auf den Gebieten
Infrastruktur, Bewaffnung und Logistik. Die Einbeziehung der NATO-
Partnerstaaten in diese Vorkehrungen oder die Erarbeitung vergleichbarer
Strukturen auf entsprechenden Gebieten für die Partnerstaaten trägt ebenfalls
zur Verbesserung der Zusammenarbeit und gemeinsamer Bemühungen bei
euro-atlantischen Sicherheitsangelegenheiten bei.

ENTWICKLUNG DER NEUEN MILITÄRISCHEN STRUKTUR


Die Entwicklung der neuen militärischen Kommandostruktur der NATO
wurde von vielen Faktoren beeinflusst. Zu den wichtigsten zählen die
Erarbeitung der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität inner-
halb des Bündnisses, die Umsetzung des Konzepts der Alliierten
Streitkräftekommandos, die Verringerungen und Umstrukturierungen der
Bündnisstreitkräfte als Ganzes, die durch die Veränderung des
Sicherheitsumfelds nach dem Ende des Kalten Krieges möglich wurden, sowie
die Übernahme neuer Aufgaben und Zuständigkeiten durch das Bündnis, ins-
besondere auf den Gebieten friedensunterstützende Operationen und
Krisenbewältigung. Der Einfluss dieser einzelnen Faktoren auf die
Militärstruktur des Bündnisses wird nachfolgend beschrieben.

IMPLIKATIONEN DER ENTWICKLUNG DER


EUROPÄISCHEN SICHERHEITS- UND
VERTEIDIGUNGSIDENTITÄT
Das Grundprinzip der von den Regierungen der NATO-Staaten getroffe-
nen Entscheidung, die Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität
(ESVI) innerhalb des Bündnisses zu stärken, wird zusammen mit den
Implikationen dieser Entscheidung und dem daraus resultierenden
Zusammenwirken von NATO, Westeuropäischer Union (WEU) und
Europäischer Union (EU) in Kapitel 4 beschrieben.
Die Entstehung einer klareren und gestärkten Rolle Europas innerhalb der
NATO ist sowohl politisch als auch militärisch von Bedeutung und hat eine ent-
scheidende Rolle bei der Festlegung der Rahmenbedingungen zur
Umgestaltung des Bündnisses gespielt. Dieser fortlaufende Prozess wurde in
den letzten zehn Jahren in verschiedenen Phasen von Entscheidungen beein-
flusst, die von der Europäischen Union, von der Westeuropäischen Union und

284
vom Bündnis selbst getroffen wurden. Während diese Entscheidungen
miteinander im Zusammenhang standen und einen Teil der Anpassung von
europäischen und euro-atlantischen Institutionen an das durch das Ende des
Kalten Krieges veränderte Sicherheitsumfeld darstellen, haben auch andere
Faktoren eine wichtige Rolle gespielt. Es gilt vor allem drei Faktoren hervorzu-
heben.

Der erste war die Intensivierung der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der
Sicherheit zwischen den in der NATO vertretenen Demokratien Europas und
Nordamerikas, den neuen unabhängigen Staaten der ehemaligen Sowjetunion
und Mittel- und Osteuropas sowie europäischen Staaten, die während des
Kalten Krieges eine neutrale oder blockfreie politische Haltung eingenommen
hatten. Nach dem Ende der Teilung Europas verlor der frühere Gegensatz zwi-
schen Ost und West seine Bedeutung, und die Entwicklung eines breiteren,
umfassenden Sicherheitskonzepts im Interesse des euro-atlantischen Raums
als Ganzes wurde möglich. Der zweite wesentliche Faktor in diesem
Zusammenhang war die zunehmende Bedeutung von Krisenbewältigung und
friedenserhaltenden und friedensunterstützenden Operationen, die vor allem
durch die Konflikte im ehemaligen Jugoslawien deutlich hervorgetreten ist.

Die dritte bedeutende Entwicklungslinie nach dem Ende des Kalten


Krieges begann mit dem Wunsch zahlreicher Staaten Mittel- und Osteuropas,
Bündnismitglieder zu werden, dem die Entscheidung der NATO-Staaten folgte,
das Bündnis in Übereinstimmung mit Artikel 10 des Nordatlantikvertrags für
neue Mitglieder zu öffnen, worauf es schließlich zu der im Juli 1997 getroffe-
nen historischen Entscheidung kam, drei Staaten zur Aufnahme von
Beitrittsverhandlungen einzuladen. Die militärischen Auswirkungen dieser
Entwicklung werden weiter unten in diesem Kapitel beschrieben.

Zusammengenommen bildeten diese Entwicklungen den Rahmen für die


Diskussion über die Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität inner-
halb des Bündnisses.

Im politischen Bereich zielt die Entwicklung der ESVI auf eine Stärkung
des europäischen Pfeilers des Bündnisses bei gleichzeitiger Stärkung der
transatlantischen Bindung ab. Sie soll es den europäischen Bündnispartnern
ermöglichen, mehr Verantwortung für ihre gemeinsame Sicherheit und
Verteidigung zu übernehmen sowie einen kohärenteren und wirksameren
Beitrag zur Sicherheit des Bündnisses als Ganzes zu leisten.

Im militärischen Bereich verlangt es die Entwicklung der ESVI, dass Kräfte


und Mittel des Bündnisses zusammen mit den Streitkräften von Nicht-NATO-
Staaten unter vereinbarten Bedingungen für Operationen, an denen das
Bündnis selbst möglicherweise nicht direkt beteiligt ist, der Westeuropäischen
Union unterstellt werden.
285
Dementsprechend verlangt eine der wesentlichen Anforderungen der
ESVI Vorkehrungen, die die Nutzung der Teile der NATO-Kommandostruktur
ermöglichen, die zur Unterstützung von Operationen unter Führung der
Westeuropäischen Union2 erforderlich sind. Daher wurden diese Teile als
„trennbar, aber nicht getrennt” beschrieben, da sie der Westeuropäischen
Union unterstellt werden könnten, dabei aber gleichzeitig feste Bestandteile
der eigenen Militärstruktur des Bündnisses bleiben.

Ein weiterer zentraler Aspekt der Entwicklung der Europäischen


Sicherheits- und Verteidigungsidentität ist das als „Alliierte Streitkräfte-
kommandos” bekannte Konzept. Dieses Konzept und seine Bedeutung für die
Anpassung der NATO-Militärstruktur werden nachfolgend beschrieben.

DAS KONZEPT DER ALLIIERTEN


STREITKRÄFTEKOMMANDOS
Ein Alliiertes Streitkräftekommando ist ein multinationales und teilstreit-
kraftübergreifendes Kommando, das für einzelne Einsätze organisiert und für
das gesamte Spektrum der militärischen Aufgaben des Bündnisses zusam-
mengestellt wurde, die eine multinationale und teilstreitkraftübergreifende
Führung durch ein Hauptquartier erfordern. Dem Kommando können Einheiten
von Nicht-NATO-Staaten angehören, die entsprechende Truppen stellen.

Das Konzept der Alliierten Streitkräftekommandos wurde Ende 1993 auf


den Weg gebracht und auf dem Brüsseler Gipfel im Januar 1994 verabschie-
det. Bei dieser Gelegenheit ordneten die Staats- und Regierungschefs des
Bündnisses an, dass die weitere Entwicklung des Konzepts ihre Bereitschaft
widerspiegeln sollte, Kräfte und Mittel der NATO auf der Basis fallweiser
Entscheidungen des Nordatlantikrats für von der Westeuropäischen Union
(WEU) geführte Operationen zur Verfügung zu stellen und so den Aufbau der
Europäischen Sicherheits- und Verteidigungsidentität zu unterstützen.
Außerdem verbanden sie die Entwicklung des Konzepts mit praktischer poli-
tisch-militärischer Zusammenarbeit im Kontext der Partnerschaft für den
Frieden (PfP).

2 Die Rolle der Westeuropäischen Union (WEU) im Hinblick auf die Entwicklung der Europäischen
Sicherheits- und Verteidigungsidentität wurde in Übereinstimmung mit Entscheidungen, die vom Rat
der Europäischen Union in Helsinki im Dezember 1999 und in Feira, Portugal, im Juni 2000 getrof-
fen wurden, in zunehmendem Maße von der Europäischen Union (EU) übernommen. Im November
2000 traf der WEU-Ministerrat in Marseille entsprechende Entscheidungen: die operative Rolle der
WEU wurde formell auf die EU übertragen, und es wurden Regelungen für die restlichen Funktionen
und Strukturen der WEU getroffen. Siehe auch Kapitel 4 und Kapitel 15.

286
Die Anforderungen, zu deren Erfüllung das Konzept geschaffen wurde,
entstanden aus der veränderten Sicherheitslage in Europa und dem Aufkeimen
kleinerer, aber vielfältiger und unberechenbarer Risiken für Frieden und
Stabilität. Insbesondere herrschte Einvernehmen darüber, dass zukünftige
Sicherheitsvorkehrungen schnell einsetzbare, multinationale, teilstreitkraft-
übergreifende Einsatzverbände erfordern würden, die auf bestimmte Arten von
militärischen Aufgaben zugeschnitten sind. Zu diesen Aufgaben zählten huma-
nitäre Hilfsmaßnahmen, Friedenserhaltung und Friedenserzwingung sowie
kollektive Verteidigung. Die benötigten Kräfte würden den Umständen ent-
sprechend variieren und müssten schnell und kurzfristig zusammengestellt
werden können.

Den Kern des Konzepts der Alliierten Streitkräftekommandos, das zur


Erfüllung dieser Anforderungen entwickelt wurde, bilden die
Führungsvorkehrungen, die für eine wirksame Arbeit dieser Streitkräfte not-
wendig sind. Die Vielfalt der Bedingungen, unter denen Alliierte
Streitkräftekommandos möglicherweise arbeiten müssen, stellt erhebliche
Anforderungen an die Führungsvorkehrungen für solche Operationen. Daher
ist die Rolle des Hauptquartiers von entscheidender Bedeutung. Ein
Hauptquartier eines Alliierten Streitkräftekommandos wird um Kernelemente
ausgewählter übergeordneter Hauptquartiere der Kommandostruktur herum
gebildet. Es wird nach Bedarf unter Verwendung eines modularen Ansatzes
von anderen NATO-Hauptquartieren sowie von Mitgliedstaaten und beitrags-
leistenden Partnerstaaten verstärkt, um die Anforderungen der jeweiligen
Aufgabe zu erfüllen.

Das Konzept wurde bereits einige Male praktisch erprobt, beispielsweise


im Kontext der Übung „Allied Effort” im November 1997, an der eine Reihe von
Partnerstaaten als Beobachter teilnahmen, und im Kontext der Übung „Strong
Resolve” im März 1998, an der Partnerstaaten teilnahmen und bei der sie in
die gesamte Struktur des Alliierten Streitkräftekommandos integriert wurden.
Das Ziel dieser Übungen bestand darin, das sich entwickelnde Konzept für die
Hauptquartiere der Alliierten Streitkräftekommandos zu überprüfen.

Auf der Grundlage dieser Übungen und anderer relevanter Stabsanalysen


begann das Bündnis im Jahre 1999 mit der vollständigen Umsetzung des
Konzepts. Dieser Prozess, der die Akquise der notwendigen
Hauptquartiersunterstützung und Ausrüstung für Führungs- und
Fernmeldesysteme umfasst, soll Ende 2004 abgeschlossen sein. Der
Umsetzungsprozess berücksichtigt in umfassender Weise Erfahrungen, die in
NATO-geführten Operationen im ehemaligen Jugoslawien gewonnen wurden.
Weitere Arbeit findet im Bereich der Ausbildung und Ausrüstung der
Hauptquartiere statt, die zum Konzept beitragen sollen. Die letzte Phase der
287
Umsetzung des Konzepts wird dem Bündnis ein wichtiges Instrument zur
Krisenbewältigung im 21. Jahrhundert an die Hand geben.

INTERNE ANPASSUNG DER BÜNDNISSTREITKRÄFTE


Die interne Anpassung der Streitkräfte des Bündnisses stellt eine
Weiterentwicklung der in den letzten Jahren durchgeführten Verringerungen
und Umstrukturierungen dar, damit sich das Bündnis den Verhältnissen des
veränderten Sicherheitsumfelds wirksamer stellen kann.

Dieser Prozess kann bis zur Londoner Erklärung vom Juli 1990 zurück-
verfolgt werden, als die Staats- und Regierungschefs der NATO-
Mitgliedstaaten einen Anpassungprozess forderten, der den Umwälzungen,
die den Wandlungsprozess Europas damals bestimmten, Rechnung trug. Der
Londoner Gipfel stellte einen entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte
des Bündnisses dar und führte im November 1991 zur Verabschiedung eines
neuen Strategischen Konzepts, das einen viel weiter gefassten
Sicherheitsansatz als jemals zuvor verkündete. Dies fand wiederum seinen
Ausdruck in den Entwicklungen der europäischen Sicherheitslage in den
Jahren 1992 und 1993. Im Januar 1994 forderten die Staats- und
Regierungschefs der NATO schließlich eine nähere Untersuchung der Frage,
wie die politischen und militärischen Strukturen und Verfahren des Bündnisses
entwickelt und angepasst werden könnten, um die Aufgaben des Bündnisses
einschließlich der Friedenserhaltung wirksamer und flexibler zu erfüllen.

Im September 1994 brachte der Militärausschuss die NATO-


Langzeitstudie zur Untersuchung der integrierten Militärstruktur des
Bündnisses und zur Erteilung von „Vorschlägen für eine Änderung der
Streitkräftestrukturen, Kommandostrukturen und gemeinsamen Infrastruktur
des Bündnisses” auf den Weg. Während die Arbeit an der Studie fortgesetzt
wurde, gaben die Außenminister auf ihrem Treffen in Berlin im Juni 1996 wei-
tere wichtige Weisungen, indem sie den Bereich der Aufgaben für die NATO
definierten, für den die neue Kommandostruktur ausgestattet werden müsste.

Auf ihrem Treffen in Berlin im Juni 1996 bekräftigten die Außenminister


der NATO, dass ein wesentlicher Teil der Anpassung des Bündnisses darin
besteht, eine europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität innerhalb
der NATO aufzubauen, damit alle europäischen Bündnispartner als Ausdruck
ihrer gemeinsamen Verantwortung einen kohärenteren und wirksameren
Beitrag zu den Aufgaben und Aktivitäten des Bündnisses leisten, selbst
bedarfsgerecht handeln und die transatlantische Partnerschaft stärken kön-
nen. Außerdem riefen sie zur Weiterentwicklung der Fähigkeit des Bündnisses
zur Durchführung neuer Funktionen und Aufgaben bei Konfliktverhütung und

288
Krisenbewältigung sowie Bemühungen gegen die Verbreitung von
Massenvernichtungswaffen und ihrer Trägersysteme bei gleichzeitiger
Beibehaltung des kollektiven Verteidigungspotenzials auf. Dies sollte durch
eine Verstärkung des Beitrags des Bündnisses zu Sicherheit und Stabilität im
gesamten euro-atlantischen Raum durch Erweiterung und Vertiefung der
Zusammenarbeit mit NATO-Partnerstaaten ergänzt werden.

Dieser entscheidende Impuls für die Arbeit des Militärausschusses zur


internen Anpassung war das Ergebnis von Entscheidungen, die von allen 16
Mitgliedstaaten gemeinsam getroffen wurden. Im Dezember 1997 gab Spanien
seine Absicht bekannt, der neuen Militärstruktur beizutreten. Frankreich, das
an der Arbeit des Militärausschusses zur internen Anpassung teilnimmt, hat
darauf hingewiesen, dass es außer Stande ist, sich umfassend an den inte-
grierten Strukturen der NATO zu beteiligen. Das Land hat jedoch seine weiter-
hin positive Haltung zum fortlaufenden Prozess der internen Anpassung und
selektiven Teilnahme an NATO-geführten Operationen zum Ausdruck
gebracht.

Die Bemühungen des Bündnisses zur Verbesserung seines Potenzials


zur Erfüllung aller seiner Rollen und Aufgaben erforderten die Erreichung
dreier grundlegender Ziele. Die militärische Leistungsfähigkeit des Bündnisses
musste sichergestellt, die transatlantische Bindung aufrechterhalten und die
Europäische Sicherheits- und Verteidigungsidentität (ESVI) innerhalb des
Bündnisses entwickelt werden.

Die entscheidende Anforderung bei der Entwicklung jeder neuen Struktur


war, dass sie „aufgabenorientiert” sein müsse. Sie musste der NATO das
Potenzial geben, das gesamte Spektrum der Rollen und Aufgaben des
Bündnisses abzudecken, von seiner traditionellen Aufgabe der kollektiven
Verteidigung bis hin zur Ausführung neuer Rollen unter sich wandelnden
Bedingungen, einschließlich „nicht unter Artikel 5 fallender” Aufgaben, wie bei-
spielsweise friedensunterstützende Operationen. Darüber hinaus mussten
auch solche Faktoren wie Flexibilität, Effektivität der Streitkräfte,
Zusammenhalt des Bündnisses, das Prinzip der Multinationalität,
Finanzierbarkeit sowie Einbeziehung der Anforderungen der ESVI und der
Alliierten Streitkräftekommandos mit berücksichtigt werden.

Außerdem musste die neue Struktur ausbaufähig und flexibel genug sein,
um neue Mitgliedstaaten ohne größere Umstrukturierungen aufnehmen zu
können. In diesem Zusammenhang wurde festgestellt, dass für den Beitritt
Polens, der Tschechischen Republik und Ungarns keine zusätzlichen
Hauptquartiere der NATO-Kommandostruktur erforderlich sein würden.
Schließlich musste die Struktur ausreichende Möglichkeiten für die Teilnahme
von Partnerstaaten bieten.
289
NEUE FÜHRUNGSKONZEPTE
Bei ihrer internen Anpassungsarbeit hat die NATO neue Konzepte unter-
einander übergreifender Führungsstrukturen entwickelt, die eine effektive
Koordinierung der verschiedenen unter der neuen Kommandostruktur einge-
richteten Kommandoebenen gewährleisten sollen. Diese neuen Konzepte
spiegeln einen flexibleren Ansatz zur Durchführung der Aufgaben des
Bündnisses und zur Erfüllung der Anforderungen für die Aufgaben wider. Sie
beruhen auf einem gestrafften, multifunktionalen Ansatz für die gesamte
Kommandostruktur. Die Konzepte weisen die folgenden Eigenschaften auf:
• Eine Kommandobeziehung zwischen „Unterstützern” und
„Unterstützten”. Dies ist einer der wichtigsten Aspekte des Konzepts
der gegenseitigen Beziehung, das die Entwicklung der neuen Struktur
geprägt hat. Diese ist darauf ausgelegt, dem Nordatlantikrat, dem
Militärausschuss und Militärbefehlshabern auf allen Ebenen mehr
Flexibilität zu geben, damit diese den Schwerpunkt jeweils dorthin ver-
lagern können, wo es erforderlich ist.
• Mehr Nachdruck auf der Durchführung von Aktivitäten und
Operationen des Bündnisses auf regionaler Ebene. Hierbei wird auch
die erhöhte wechselseitige Abhängigkeit der einzelnen Regionen
berücksichtigt. Die Arbeit an der neuen Kommandostruktur hat die
Notwendigkeit von regionalen Hauptquartieren hervorgehoben, die
sowohl zur Aufnahme von Streitkräften als auch zur Unterstützung von
inter- und intraregionaler Verstärkung in der Lage sind.
• Ein flexibler Ansatz im Hinblick auf Führungs-(C2-)Maßnahmen, bei-
spielsweise Grenzen, Koordinierungslinien und Stufen, die die
Durchführung von Übungen und Einsätzen erheblich erleichtern wer-
den. So müssen zum Beispiel im Alliierten Kommandobereich Europa
nur diejenigen Führungsmaßnahmen dauerhaft verwendet oder ein-
gerichtet werden, die für die Durchführung von täglichen Einsätzen auf
strategischer und regionaler Ebene in Friedenszeiten erforderlich
sind. Auf diese Weise wird der Bedarf an dauerhaft eingerichteten
Grenzen unterhalb der Regionalebene im Alliierten Kommandobereich
Europa beseitigt, und es gibt unter der neuen Struktur keine ständig
aktiven Gemeinsamen Einsatzgebiete des Gemeinsamen
Subregionalen Kommandos.
• Ein größeres Gewicht für das Prinzip der „Multinationalität” im Hinblick
auf die personelle Ausstattung des neuen militärischen
Hauptquartiers. Dies ermöglicht einen größeren Spielraum für die
Vertretung aller Mitgliedstaaten auf der Ebene der Obersten
Kommandobehörden. Außerdem wird so in der gesamten

290
Kommandostruktur die Vertretung von Staaten erleichtert, deren
Territorium an andere Höhere Nachgeordnete Kommandobehörden
grenzt. Dies erhöht die Erstverstärkungspotenziale und führt zu einer
umfassenderen Beteiligung auf der Ebene des Gemeinsamen
Subregionalen Kommandos, so dass Staaten, deren Territorium an ein
Land mit einem solchen Kommando grenzt, eine gerechte Vertretung
ermöglicht wird.

Diese Anpassung wurde im Rahmen der 1994 auf den Weg gebrachten
Langzeitstudie vorangetrieben. Die Art, die Anzahl und die Standorte der
Hauptquartiere, die die Kommandostruktur bilden würden, wurden von den
Verteidigungsministern 1997 vereinbart. Mit dieser Entscheidung als
Grundlage verabschiedete der Nordatlantikrat im März 1999
Aktivierungsbefehle für die Hauptquartiere und ebnete so den Weg für die voll-
ständige Umsetzung der neuen Militärischen Kommandostruktur der NATO,
die im September 1999 umgesetzt wurde.

DIE MILITÄRISCHE STRUKTUR


Die integrierte Militärstruktur besteht aus Streitkräften, die der NATO
gemäß den festgelegten Bedingungen von den Mitgliedstaaten zur Verfügung
gestellt wurden, die Teil der Struktur sind. Nach der gegenwärtigen Struktur
sind diese Streitkräfte in die drei Hauptkategorien Sofort- und
Schnelleingreifkräfte, Hauptverteidigungskräfte und Verstärkungskräfte
unterteilt.

Eingreifkräfte sind vielseitig einsetzbare, hochbewegliche Land-, Luft-


und Seestreitkräfte, die sich ständig in hoher Einsatzbereitschaft befinden und
kurzfristig für eine frühe militärische Reaktion auf eine Krise bereitstehen.
Soforteingreifkräfte bestehen aus Land-, See- und Luftkomponenten, wie
beispielsweise den Ständigen Einsatzverbänden des Bündnisses im Atlantik
und im Mittelmeer sowie dem Hauptquartier der Eingreifkräfte Land (AMF(L))
des Alliierten Kommandobereichs Europa (ACE). Schnelleingreifkräfte set-
zen sich aus anderen Land-, Luft- und Seekomponenten zusammen, wie bei-
spielsweise dem Hauptquartier des ACE-Schnelleingreifkorps und dem
Hauptquartier der Multinationalen Division (Mitte) (MND(C)).

Hauptverteidigungskräfte setzen sich aus aktiven und mobilmachungs-


fähigen Land-, Luft- und Seestreitkräften zusammen, die in der Lage sind, vor
Zwangsausübung und Aggression abzuschrecken und entsprechende
Verteidigungsoperationen zu führen. Diese Streitkräfte bestehen aus multina-
tionalen und nationalen Truppenteilen unterschiedlicher Einsatzbereitschaft.
Bei den Hauptverteidigungskräften gibt es vier multinationale Korps; im
291
Einzelnen handelt es sich dabei um ein dänisch-deutsches, ein niederländisch-
deutsches und zwei deutsch-amerikanische Korps. Einige dieser Truppen
könnten auch für die Unterstützung von „nicht unter Artikel 5 fallenden
Operationen” eingesetzt werden.

Zusätzlich zu diesen Streitkräften ist eine Vereinbarung mit Regelungen in


Kraft, nach denen das Europäische Korps (Eurocorps), das aus Einheiten aus
Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Spanien besteht, der NATO
in Krisenzeiten für einen Einsatz sowohl im Rahmen von Hauptverteidigungs-
streitkräften als auch von Eingreifkräften zur Verfügung gestellt werden kann.
Im April 2000 führten ähnliche Regelungen im Rahmen des turnusmäßigen
Kommandowechsels und unter dem Oberbefehl der NATO zur Übertragung
der operativen Befehlsgewalt über die Kosovo-Schutztruppe (KFOR) auf das
Eurocorps.

Verstärkungskräfte setzen sich aus anderen Truppen unterschiedlicher


Einsatzbereitschaft und Verfügbarkeit zusammen; sie können jeden NATO-
Abschnitt und jedes Seegebiet zum Zwecke der Abschreckung,
Krisenbewältigung oder Verteidigung verstärken.

Diese Kräfte werden weiter unterteilt in Streitkräfte, die im Bedarfsfall ent-


sprechend besonderen Verfahren oder zu bestimmten Zeiten unter
Operational Command oder Operational Control eines Obersten NATO-
Befehlshabers gestellt werden, und Streitkräfte, die gemäß Vereinbarung mit
den Mitgliedstaaten bei Bedarf zu einem späteren Zeitpunkt unter Operational
Command eines Obersten NATO-Befehlshabers gestellt werden.

Einige der vorgenannten Begriffe sind militärisch genau definiert. Die


Begriffe „Command” und „Control” beziehen sich beispielsweise auf die Art der
Befehlsgewalt, die Truppenführer über die ihnen unterstellten Streitkräfte aus-
üben. Im internationalen Sprachgebrauch haben diese Begriffe nicht notwen-
digerweise dieselbe Bedeutung wie im rein nationalen Kontext. Wenn sie der
NATO Streitkräfte unterstellen, übertragen die Mitgliedstaaten der NATO
Operational Command oder Operational Control, im Gegensatz zu Full
Command, was alle Aspekte der Operationen und Führung dieser Streitkräfte
einschließen würde. All diese Aspekte liegen weiter in nationaler Zuständigkeit
und verbleiben unter nationaler Kontrolle.

In der Regel bleiben die meisten NATO-Streitkräfte weiter unter Full


Command der nationalen Stellen, bis sie für eine besondere, auf politischer
Ebene beschlossene Operation dem Bündnis unterstellt werden. Ausnahmen
bilden hier die integrierten Stäbe in den verschiedenen militärischen NATO-
Hauptquartieren, Teile der integrierten Luftverteidigungsstruktur einschließlich
des luftgestützten Frühwarnsystems (AWACS), einige Fernmeldeeinheiten und

292
die Ständigen Einsatzverbände der Marine sowie andere Teile der
Eingreifkräfte des Bündnisses.

Oberster Alliierter Befehlshaber Europa (SACEUR)


Hauptaufgabe des SACEUR ist es, zur Wahrung von Frieden, Sicherheit
und territorialer Integrität der Bündnisstaaten beizutragen. Im Falle einer ein-
getretenen oder möglicherweise bevorstehenden Aggression hat er alle not-
wendigen militärischen Maßnahmen im Rahmen der Möglichkeiten und
Zuständigkeiten der Alliierten Kommandobehörde Europa (ACE) zu ergreifen,
um die Bündnissolidarität und die Bereitschaft zur Wahrung der Integrität des
Bündnisgebiets zu demonstrieren, die Freiheit der Meere und der lebenswich-
tigen wirtschaftlichen Versorgungsadern zu gewährleisten sowie die Sicherheit
des Alliierten Kommandobereichs Europa zu wahren oder wiederherzustellen.
Der SACEUR führt militärische Planungen durch, unter anderem die
Identifizierung und Anforderung von Streitkräften, die für das gesamte
Spektrum der Bündnisaufgaben erforderlich sind. Zu diesen Aufgaben gehören
die Förderung der Stabilität, Beiträge zur Krisenbewältigung sowie
Vorkehrungen für eine wirksame Verteidigung. Er gibt den politischen und
militärischen Behörden der NATO Empfehlungen in allen militärischen
Belangen, die seine Fähigkeit zur Wahrnehmung seiner Aufgaben berühren
könnten. Der SACEUR hat direkten Zugang zu nationalen Stabschefs und
kann nach Bedarf mit den zuständigen nationalen Behörden in Kontakt treten,
um die Erfüllung seiner Missionen zu erleichtern.
Wie der Vorsitzende des Militärausschusses hat der Oberste Alliierte
Befehlshaber Europa eine wichtige öffentliche Funktion zu erfüllen. Er ist der
ranghöchste militärische Sprecher für das Oberste Hauptquartier der Alliierten
Mächte Europa (SHAPE). Durch seine eigenen Aktivitäten und die seines
Presse- und Informationsstabs pflegt er regelmäßige Kontakte zur Presse und
zu den übrigen Medien. Er stattet offizielle Besuche in NATO-Staaten und in
den Ländern ab, mit denen die NATO Dialog, Kooperation und Partnerschaft
entwickelt. Er ist außerdem für die Entwicklung militärischer Kontakte mit PfP-
Partnern der NATO zuständig.

Alliierter Kommandobereich Europa (ACE)


Der SACEUR ist der oberste Militärbefehlshaber der Obersten NATO-
Kommandobehörde (SC) Europa. Es handelt sich um einen Offizier der USA
im Rang eines Admirals oder Generals. Seine Befehlsgewalt wird vom
Obersten Hauptquartier der Alliierten Mächte Europa (SHAPE) in Casteau,
Mons, Belgien aus ausgeübt.
293
Aufgabe von ACE ist die Sicherung des Gebiets von der Nordspitze
Norwegens bis nach Südeuropa, einschließlich des gesamten
Mittelmeerraums, und von der Atlantikküste bis zur Ostgrenze der Türkei,
einschließlich eines Gebiets um die Kanarischen Inseln und des dazugehöri-
gen Luftraums. Dies entspricht einer Landfläche von ungefähr zwei Millionen
Quadratkilometern und einem Seegebiet von mehr als drei Millionen
Quadratkilometern. Die Bevölkerungszahl liegt bei ungefähr 320 Millionen. Im
Krisenfall hat der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa im Rahmen der ihm
von den politischen Behörden des Bündnisses erteilten Befugnisse die
Verantwortung für die Durchführung militärischer Maßnahmen zur Verteidigung
und Wahrung der Sicherheit oder zur Wiederherstellung der Integrität des
Alliierten Kommandobereichs Europa.

Zum Alliierten Kommandobereich Europa zählen zwei Höhere


Nachgeordnete Kommandobehörden, die dem Obersten Alliierten
Befehlshaber Europa unterstehen:

Alliierte Streitkräfte Europa Nord (AFNORTH): Brunssum, Niederlande.

Alliierte Streitkräfte Europa Süd (AFSOUTH): Neapel, Italien.

Alliierte Streitkräfte Europa Nord (AFNORTH)


Brunssum, Niederlande

Zum AFNORTH-Gebiet gehören Belgien, Dänemark, Deutschland,


Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Polen, die Tschechische Republik
und das Vereinigte Königreich. Außerdem umfasst es die Nordsee, die Irische
See, den Ärmelkanal, das Skagerrak, das Kattegat, den Sund und die Belts
sowie die Ostsee. Der Befehlshaber ist ein Offizier im Rang eines
Viersterneadmirals oder -generals aus Deutschland oder dem Vereinigten
Königreich. Seine nachgeordneten Kommandobehörden bestehen aus folgen-
den Teilen:

• Zwei Komponentenkommandobehörden:

- Alliierte Luftstreitkräfte Nord in Ramstein, Deutschland;

- Alliierte Seestreitkräfte Nord in Northwood, Vereinigtes Königreich.

• Drei Gemeinsame Subregionale Kommandos:

- Gemeinsames Oberkommando Mitte in Heidelberg, Deutschland;

- Gemeinsames Oberkommando Nordost in Karup, Dänemark;

- Gemeinsames Oberkommando Nord in Stavanger, Norwegen.

294
Alliierte Streitkräfte Europa Süd (AFSOUTH)
Neapel, Italien
AFSOUTH deckt ein Gebiet von etwa vier Millionen Quadratkilometern ab,
einschließlich Griechenland, Italien, Spanien, die Türkei und Ungarn. Es
umfasst außerdem das Schwarze Meer, das Asowsche Meer, das gesamte
Mittelmeer und die Zugänge vom Atlantik zur Straße von Gibraltar östlich der
Länge 7° 23’ 48” W sowie ein Gebiet rund um die Kanarischen Inseln und den
dazugehörigen Luftraum. Die Region ist durch Nicht-NATO-Staaten (Schweiz
und Österreich) physisch von der AFNORTH-Region getrennt. Der
Befehlshaber von AFSOUTH ist ein Offizier im Rang eines Viersterneadmirals
oder -generals aus den USA. Seine nachgeordneten Kommandobehörden
bestehen aus folgenden Teilen:
• Zwei Komponentenkommandobehörden:
- Alliierte Luftstreitkräfte Süd in Neapel, Italien;
- Alliierte Seestreitkräfte Süd in Neapel, Italien;
• Vier Gemeinsame Subregionale Kommandos:
- Gemeinsames Oberkommando Süd in Verona, Italien;
- Gemeinsames Oberkommando Mitte Süd in Larissa,
Griechenland;
- Gemeinsames Oberkommando Südost in Izmir, Türkei;
- Gemeinsames Oberkommando Südwest in Madrid, Spanien.

Andere SACEUR unterstellte Stäbe und Kommandobehörden


Die Stäbe bzw. Kommandobehörden, die dem Obersten Alliierten
Befehlshaber Europa unterstellt sind und sich hauptsächlich mit Eingreifkräften
befassen, umfassen folgende Einrichtungen:
• Kommando Operative Führung Luftstreitkräfte: Kalkar, Deutschland;
• Luftgestützte Frühwarnkräfte der NATO: Geilenkirchen, Deutschland;
• ACE-Schnelleingreifkorps: Rheindahlen, Deutschland;
• Multinationale Division (Mitte): Rheindahlen, Deutschland;
• Multinationale Division (Süd) (noch nicht aktiviert, Standort noch nicht
festgelegt);
• Ständiger Einsatzverband Mittelmeer;
295
• ACE-Eingreifkräfte, Land: Heidelberg, Deutschland;
• Minenabwehrtruppe Nord;
• Minenabwehrtruppe Mittelmeer.

Kommando Operative Führung Luftstreitkräfte


Das Kommando Operative Führung Luftstreitkräfte wurde aufgestellt, um
die detaillierte Planung für die Reaktionsstreitkräfte Luft zu erleichtern. Der
Stab mit ungefähr 80 Mitarbeitern hat seinen Sitz in Kalkar, Deutschland.
Befehlshaber ist ein deutscher Dreisternegeneral der Luftwaffe.

Luftgestützte Frühwarnkräfte der NATO (NAEWF)


Die Aufstellung der luftgestützten Frühwarnkräfte der NATO (NAEWF,
NATO Airborne Early Warning Force) erfolgte nach einer Entscheidung des
Verteidigungsplanungsausschusses der NATO vom Dezember 1978, um der
NATO als Teil ihres Luftverteidigungspotenzials ein eigenständiges luftgestütz-
tes Frühwarnsystem für die Luftraumüberwachung und Führung aller NATO-
Kommandobereiche zu verschaffen. Das NAEWF-System ist das größte
gemeinsam finanzierte Beschaffungsprogramm des Bündnisses.
Die NAEWF ist eine voll operative, multinationale Truppe, die aus zwei
Komponenten besteht: der E-3A-Komponente, die 18 E-3A-Flugzeuge der
NATO umfasst und von einer Haupteinsatzbasis in Geilenkirchen
(Deutschland) aus operiert, und der E-3D-Komponente, die aus sieben im
Besitz des Vereinigten Königreichs befindlichen und von diesem betriebenen
E-3D-Flugzeugen besteht, die auf dem Luftwaffenstütztpunkt der Royal Air
Force Waddington im Vereinigten Königreich stationiert sind. Durch das
NAEWF-System wird ein Luftüberwachungs- und Frühwarnpotenzial geschaf-
fen, das eine erheblich gesteigerte Effektivität der Führung der NATO-
Streitkräfte bewirkt. Daten können direkt von AWACS-Flugzeugen an
Führungszentren zu Lande, zu Wasser und in der Luft übertragen werden.
Jedes Flugzeug ist mit modernen Radarsystemen ausgerüstet, die
Luftfahrzeuge aus großer Entfernung weiträumig orten können.

ACE-Schnelleingreifkorps
Das ACE-Schnelleingreifkorps ist die Landkomponente der
Schnelleingreifkräfte ACE. Sein Auftrag setzt die Fähigkeit voraus, Einsätze im
gesamten Alliierten Kommandobereich Europa (ACE) durchzuführen, um
jederzeit bei Bedarf die Streitkräfte eines NATO-Staates vor Ort zu ergänzen

296
oder zu verstärken. Seine Planungsstruktur im Frieden umfasst zehn zugewie-
sene Divisionen und Korpstruppen aus 14 NATO-Ländern. Dies erlaubt eine
rasche Reaktion auf eine große Zahl von Eventualfällen. Aufgrund des breiten
Spektrums ihrer Fähigkeiten können die Streitkräfte so zusammengestellt wer-
den, dass sie vielgestaltigen und unvorhersehbaren Risiken begegnen kön-
nen.

Die operative Gliederung, Zusammensetzung und Größe des ACE-


Schnelleingreifkorps hängt von der Art der Krise, dem Krisengebiet, der politi-
schen Bedeutung der Krise sowie den Fähigkeiten und der Verfügbarkeit regio-
naler und örtlicher Kräfte ab. Die Transportfähigkeit der Kontingente, die
Verfügbarkeit von Lufttransportmitteln, die zu überwindenden Entfernungen
und die Infrastruktureinrichtungen im aufnehmenden NATO-Staat spielen
ebenfalls eine entscheidende, ja ausschlaggebende Rolle. Das Hauptquartier
kann bis zu vier Divisionen und Korpstruppen entsenden. Folgende
Großverbände stehen dem ACE-Schnelleingreifkorps zur Verfügung:

• nationale Divisionen aus Deutschland, Griechenland, der Türkei und


den Vereinigten Staaten sowie die gemäß besonderer
Koordinierungsvereinbarungen zur Verfügung gestellte Spanische
Schnelle Eingreifdivision;

• gekaderte Divisionen unter nationaler Führung: eine britische Division


mit italienischer Komponente, eine britische Division mit dänischer
Komponente und eine italienische Division mit portugiesischer
Komponente;

• die Multinationale Division Europa Mitte mit belgischen, niederländi-


schen, deutschen und britischen Truppenteilen;

• die Multinationale Division Europa Süd (noch nicht aktiviert, Standort


noch nicht festgelegt);

• Korpstruppen - vorwiegend aus Großbritannien, aber mit bedeuten-


den Anteilen anderer teilnehmender Bündnispartner.

Das Hauptquartier des ACE-Schnelleingreifkorps ist multinational. Es hat


seinen Sitz in Rheindahlen, Deutschland. Das Hauptquartier untersteht im
Frieden dem Obersten Alliierten Befehlshaber Europa (SACEUR), während
sich das Hauptquartier der Multinationalen Division Europa Mitte unter
Operational Command des Befehlshabers des ACE-Schnelleingreifkorps
befindet. Die verbleibenden Divisionen und Truppenteile werden erst nach
ihrer Dislozierung der Operational Control des SACEUR unterstellt.
Befehlshaber des ACE-Schnelleingreifkorps ist ein britischer
Dreisternegeneral.
297
Das Hauptquartier des ACE-Schnelleingreifkorps übernahm am 20.
Dezember 1995 erstmals das Kommando über die Landkomponente der
NATO-geführten IFOR-Truppe in Bosnien und Herzegowina.

Soforteingreifkräfte See
Es gibt drei in ACE operierende maritime Soforteingreifkräfte. Der
Ständige Einsatzverband Mittelmeer (STANAVFORMED) besteht aus
Zerstörern oder Fregatten. Er bildet in Spannungs- und Krisenzeiten den Kern
der multinationalen Seestreitkräfte des SACEUR. Zwei ständige
Einsatzverbände zur Minenabwehr, MCMFORNORTH und MCMFORMED,
stellen ein ständiges NATO-Minenabwehrpotenzial dar, hauptsächlich für einen
regionalen Einsatz in den Zuständigkeitsbereichen von AFNORTH und AFS-
OUTH. Sie stehen unter Operational Command des SACEUR und können bei
Bedarf NATO-weit eingesetzt werden.

Diese Streitkräfte verschaffen der NATO eine ständige Seepräsenz und


erinnern fortlaufend und sichtbar an die Solidarität und den Zusammenhalt des
Bündnisses. Sie bilden sofort verfügbare Abschreckungskräfte und leisten
einen wichtigen Beitrag zum operativen Potenzial des Bündnisses.

Der Ständige Einsatzverband Mittelmeer (STANAVFORMED) wurde im


April 1992 aufgestellt und ersetzte den früheren, im Jahre 1969 gegründeten
Flottenbereitschaftsverband Mittelmeer (NAVOCFORMED). Er besteht aus
Zerstörern und Begleitschiffen, die von Staaten im Alliierten Kommandobereich
Europa mit Seestreitkräften gestellt werden. Von Zeit zu Zeit beteiligen sich
auch Schiffe anderer NATO-Staaten.

Der MCMFORNORTH ersetzte 1998 den Ständigen Einsatzverband


Ärmelkanal (STANAVFORCHAN) und besteht in erster Linie aus Einheiten von
Staaten der Nordregion. Von Zeit zu Zeit beteiligen sich auch die
Seestreitkräfte anderer Staaten an dem Verband.

Die beweglichen Eingreifkräfte im Alliierten Kommandobereich Europa

Die beweglichen Eingreifkräfte im Alliierten Kommandobereich Europa


(AMF, ACE Mobile Force) wurden im Jahre 1960 als kleine multinationale
Truppe geschaffen, die kurzfristig in jedes bedrohte Gebiet des Alliierten
Kommandobereichs Europa verlegt werden konnte. Das Hauptquartier der
AMF befindet sich in Heidelberg, Deutschland. Ihre Rolle besteht darin, die
Solidarität des Bündnisses sowie seine Fähigkeit und Entschlossenheit zum
Ausdruck zu bringen, jeder Form von Aggression gegen einzelne
Mitgliedstaaten Einhalt zu gebieten. Im Januar 1991 kamen die AMF erstmals

298
zu einem wirklichen Kriseneinsatz, als ein Teil ihrer Luftkomponente während
des Golfkriegs als sichtbares Zeichen der kollektiven Solidarität der NATO
angesichts einer möglichen Bedrohung des Bündnisterritoriums in den
Südosten der Türkei verlegt wurde. Die Landkomponente dieser Kräfte, die
aus einem Verband in Brigadestärke mit ungefähr 5.000 Mann besteht, setzt
sich aus Truppenteilen zusammen, die ihnen von 14 NATO-Staaten unterstellt
wurden.

Die Zusammensetzung der AMF wurde den Erfordernissen ihrer neuen


Rolle als Teil der Soforteingreifkräfte der NATO angepasst. Sie bestehen aus
Luft- und Landkontingenten, zu denen die meisten NATO-Bündnispartner bei-
tragen.

Oberster Alliierter Befehlshaber Atlantik (SACLANT)


Die Hauptaufgabe des SACLANT unter der politischen Gesamtleitung des
Nordatlantikrats und/oder des Verteidigungsplanungsausschusses ist es, zu
dem zur Wahrung von Frieden, Sicherheit und territorialer Integrität der
Bündnisstaaten erforderlichen Militärpotenzial beizutragen. Im Falle einer ein-
getretenen oder möglicherweise bevorstehenden Aggression hat er als
Oberster Alliierter Befehlshaber im Rahmen der Möglichkeiten und
Zuständigkeiten der Alliierten Kommandobehörde Atlantik alle notwendigen
militärischen Maßnahmen zu ergreifen, um die Bündnissolidarität und die
Bereitschaft zur Wahrung der Integrität des Bündnisgebiets zu demonstrieren,
die Freiheit der Meere und der lebenswichtigen wirtschaftlichen
Versorgungsadern zu gewährleisten sowie die Sicherheit des Alliierten
Kommandobereichs Atlantik zu wahren oder wiederherzustellen. Als der
Strategische Befehlshaber der NATO in Nordamerika spielt der SACLANT
auch eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung der transatlantischen
Bindung zwischen Europa und Nordamerika. Wie der SACEUR berät er die
politischen und militärischen Behörden der NATO zu militärischen Fragen und
hat direkten Zugang zu den Stabschefs, Verteidigungsministern und Staats-
und Regierungschefs der NATO-Mitgliedstaaten, wenn es die Umstände erfor-
dern.

Das Hauptquartier des Obersten Alliierten Befehlshabers Atlantik (HQ


SACLANT) befindet sich in Norfolk, Virginia, USA.

Alliierter Kommandobereich Atlantik (ACLANT)


Der ACLANT-Zuständigkeitsbereich reicht vom Nordpol bis zum
Wendekreis des Krebses und von der Ostküste Nordamerikas bis zur
299
Westküste Afrikas und Europas (einschließlich Portugal, jedoch ohne den
Ärmelkanal, die Britischen Inseln und die Kanarischen Inseln).
Die NATO ist als atlantisches Bündnis für das wirtschaftliche Wohlergehen
im Frieden und das Überleben im Krieg auf die entscheidenden
Seeverbindungswege angewiesen. Die Hauptaufgabe des ACLANT besteht
daher darin, diese Verbindungswege der Bündnispartner zu sichern, Land- und
amphibische Operationen zu unterstützen sowie die Stationierung des seege-
stützten atomaren Abschreckungspotenzials des Bündnisses zu schützen und
auf diese Weise zur Sicherheit des Atlantikgebiets beizutragen.
Das Strategische Konzept des Bündnisses, das von den Staats- und
Regierungschefs auf dem Washingtoner Gipfel im April 1999 gebilligt wurde,
spiegelt einen weit gefassten Sicherheitsansatz wider, der den Schwerpunkt
verstärkt auf Konfliktverhütung und Krisenmanagement legt. Im Einklang mit
diesem Ansatz wurden die Strukturen der NATO-Seestreitkräfte angepasst, um
den Notwendigkeiten des heutigen Sicherheitsumfelds Rechnung zu tragen,
damit die für eine Reaktion auf Friedens-, Krisen- oder Konfliktsituationen
erforderlichen Optionen zur Verfügung stehen.
Die neue militärische Kommandostruktur der NATO beseitigt die
Notwendigkeit dauerhaft festgelegter Grenzen zwischen Kommandobehörden
unterhalb der strategischen Ebene. Es gibt fünf größere nachgeordnete
Kommandobehörden, darunter drei Regionale Hauptquartiere, die dem
SACLANT direkt unterstellt sind. Jedes Regionale Hauptquartier ist dem
SACLANT gegenüber für die Planung und Ausführung militärischer Aktivitäten
und Vorkehrungen des Bündnisses in Friedenszeiten, Krisen oder Konflikten
verantwortlich, einschließlich die Durchführung von Aufgaben, die ihm mögli-
cherweise innerhalb des ACLANT-Zuständigkeitsbereichs oder gegebenenfalls
darüber hinaus zugewiesen werden.

Die fünf größeren nachgeordneten Kommandobehörden sind folgende:

Regionales Hauptquartier, Ostatlantik (RHQ EASTLANT)


Northwood, Vereinigtes Königreich
Die Hauptaufgabe von RHQ EASTLANT besteht darin, einen Beitrag zur
Wahrung von Frieden, Sicherheit und territorialer Integrität der Bündnisstaaten
im ganzen ACLANT-Zuständigkeitsbereich zu leisten. Der Oberbefehlshaber
Abschnitt Ostatlantik (CINCEASTLANT) ist ein britischer Viersterneadmiral.
Der CINCEASTLANT hat zwei Funktionen, d. h., er dient sowohl in seiner
Eigenschaft als CINCEASTLANT als regionaler Befehlshaber innerhalb der

300
Struktur des Alliierten Kommandobereichs Europa (ACE) als auch in seiner
Eigenschaft als Befehlshaber der Alliierten Seestreitkräfte Nord
(COMNA-VNORTH) als Komponentenbefehlshaber unter CINCNORTH. Die
Arbeit in der Befehlshierarchie beider Oberster NATO-Befehlshaber ermöglicht
es dem Hauptquartier, einen Schwerpunkt für Militärbewegungen und nahtlose
Seeoperationen unter Beteiligung beider Oberster Kommandobehörden zu bil-
den.

Der CINCEASTLANT ist außerdem im Auftrag des Obersten Alliierten


Befehlshabers Atlantik für die Leitung und den Betrieb des Ständigen
Einsatzverbands Atlantik (STANAVFORLANT) zuständig.

Ständiger Einsatzverband Atlantik (STANAVFORLANT)


Beim Ständigen Einsatzverband Atlantik (STANAVFORLANT) handelt es
sich um ein ständiges, in Friedenszeiten operierendes multinationales
Marinegeschwader, das aus Zerstörern, Kreuzern und Fregatten der
Seestreitkräfte verschiedener NATO-Staaten besteht. Arbeit, Ausbildung und
Übungen des Verbands finden in der Gruppe statt und sorgen so für eine täg-
liche Überprüfung der aktuellen Verfahren, Taktiken und Effektivität der NATO
auf See.

Dem Verband, der 1967 gegründet wurde, haben seither insgesamt mehr
als 500 Schiffe und mehr als 150.000 Männer und Frauen angehört. Er nimmt
jährlich an einer Reihe geplanter NATO- und nationaler Übungen teil, mit
denen die Bereitschaft aufrechterhalten und die Interoperabilität gefördert wer-
den soll. Der Verband stellt ein sichtbares, praktisches Beispiel für
Bündnissolidarität und transatlantische Zusammenarbeit dar. Kürzlich abge-
haltene Übungen haben außerdem das Potenzial des Verbands zur
Durchführung friedensunterstützender und humanitärer Operationen außer-
halb des traditionellen Zuständigkeitsbereichs des Bündnisses in Übereinstim-
mung mit der NATO-Politik der Ausdehnung der Sicherheit auf den gesamten
euro-atlantischen Raum gezeigt.

Regionales Hauptquartier, Westatlantik (RHQ WESTLANT)


Norfolk, Virginia

Die Hauptaufgabe von RHQ WESTLANT besteht darin, einen Beitrag zur
Wahrung von Frieden, Sicherheit und territorialer Integrität der Bündnisstaaten
im ganzen ACLANT-Zuständigkeitsbereich zu leisten. Der Oberbefehlshaber
Abschnitt Westatlantik (CINCWESTLANT) ist ein amerikanischer
Viersterneadmiral.
301
Die wichtigste Funktion von WESTLANT in Krisen- oder Kriegszeiten
besteht darin, zur Unterstützung aller NATO-Streitkräfte, die irgendwo im
Zuständigkeitsbereich der NATO oder darüber hinaus operieren, den sicheren
Transport von wesentlicher Verstärkung und wesentlichem Nachschub von
Nordamerika nach Europa zu gewährleisten.
In Friedenszeiten fördert der CINCWESTLANT gemeinsame multinatio-
nale Übungen und PfP-Aktivitäten, wahrt die operative Kontrolle und unter-
stützt die dem Hauptquartier zugewiesenen NATO-Streitkräfte.

Regionales Hauptquartier, Südatlantik (RHQ SOUTHLANT)


Lissabon, Portugal
Die Hauptaufgabe von RHQ SOUTHLANT besteht darin, einen Beitrag
zur Wahrung von Frieden, Sicherheit und territorialer Integrität der
Bündnisstaaten im ganzen ACLANT-Zuständigkeitsbereich zu leisten. Der
Oberbefehlshaber Abschnitt Südatlantik (CINCSOUTHLANT) ist ein portugie-
sischer Dreisterneadmiral.
Als ACLANT-Befehlshaber an der Grenze zum südlichen Teil des Alliierten
Kommandobereichs Europa stellt der CINCSOUTHLANT den Schwerpunkt für
Militärbewegungen und nahtlose Seeoperationen entlang eines Großteils der
Südostgrenze zwischen den Höheren Nachgeordneten Kommandobehörden
Europa und Atlantik dar.

Eingreifflotte Atlantik (STRIKFLTLANT)


Norfolk, Virginia
Der Befehlshaber der Eingreifflotte Atlantik (COMSTRIKFLTLANT) ist auf
See der wichtigste nachgeordnete Befehlshaber des Obersten Alliierten
Befehlshabers Atlantik. Als solcher besteht seine Hauptaufgabe darin, durch
Herstellung und Wahrung der Seeüberlegenheit im Atlantik und durch
Sicherstellung der Integrität der Seeverbindungswege der NATO von
Aggressionen abzuschrecken. Der COMSTRIKFLTLANT ist ein amerikani-
scher Dreisterneadmiral.
Die Zusammensetzung der Flotte kann so auf die Bewältigung von
Krisensituationen in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen zugeschnitten
werden, dass sowohl Luftstreitkräfte als auch amphibische und Seestreitkräfte
Unterstützung erhalten sowie Land- und Luftoperationen des Alliierten
Kommandobereichs Europa direkt unterstützt werden. An der Flotte sind
Streitkräfte aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Kanada, den Niederlanden,
Norwegen, Portugal, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten

302
beteiligt. STRIKFLTLANT verfügt über eine potenzielle Sollstärke in
Kriegszeiten von drei bis vier Kampfgruppen mit Flugzeugträgern, ein oder
zwei U-Boot-Abwehrkommandos, einem amphibischen Kommando sowie
ungefähr 22.000 niederländischen, britischen und amerikanischen
Marineinfanteristen.
In regelmäßigen Abständen werden NATO-Übungen durchgeführt, um die
Interoperabilität der der Flotte zugewiesenen Streitkräfte unter realistischen
Bedingungen zu gewährleisten und die Führungsverfahren zu stärken.

Alliierter U-Boot-Kommandobereich Atlantik (SUBACLANT)


Norfolk, Virginia
Der Befehlshaber Alliiertes U-Boot-Kommando Atlantik (COMSUB-
ACLANT) ist der wichtigste Berater des Obersten Alliierten Befehlshabers
Atlantik für U-Boot-Fragen und unterseeische Kriegsführung. Der COMSUB-
ACLANT ist ein amerikanischer Dreisterneadmiral.
SUBACLANT bietet ein Koordinierungspotenzial für den Alliierten
Kommandobereich Atlantik sowie einen direkten Kontakt mit dem Alliierten
Kommandobereich Europa zur Planung der Grundsätze und Leitlinien des
Bündnisses im Bereich U-Boote. Er ist im Wesentlichen eine
Koordinierungsbehörde und stellt die Hauptquelle der operativen und takti-
schen U-Boot-Leitlinien für beide Oberste Kommandobehörden dar.

SACLANT-Unterwasserforschungszentrum (SACLANTCEN)
La Spezia, Italien
Die Funktion und Struktur des SACLANT-Unterwasserforschungszen-
trums, das einen festen Bestandteil der wichtigsten nachgeordneten Komman-
dostruktur von ACLANT bildet, wird in Kapitel 14 (Forschung und Technologie)
beschrieben.

Regionale Planungsgruppe Kanada-USA (CUSRPG)


Die Regionale Planungsgruppe Kanada-USA (CUSRPG, Canada-United
States Regional Planning Group) setzt sich aus Militärvertretern Kanadas und
der Vereinigten Staaten zusammen. Ihre Funktion besteht in der Koordinierung
der Verteidigungsanstrengungen der NATO in der Region Kanada-USA
(CANUS). Es gibt keinen NATO-Gesamtbefehlshaber für diese Region. Daher
hängen Führungsvorkehrungen von den vorhandenen Strukturen der
Streitkräfte Kanadas und der USA sowie des Nordamerikanischen
303
Luftraumverteidigungskommandos ab, falls nicht die jeweiligen militärischen
und nationalen Behörden bestimmen, dass die Schaffung anderer gemeinsa-
mer Hauptquartiere zur Ausübung dieser Kommandofunktion erforderlich ist.

Die Aufgabe der CUSRPG besteht darin, die zur Wahrung von Frieden,
Sicherheit und territorialer Integrität der CANUS-Region erforderliche militäri-
sche Planung durchzuführen. Hierzu gehören Regelungen für die
Stationierung und den Schutz strategischer Nuklearstreitkräfte in diesem
Gebiet, Frühwarnung und Luftverteidigung, Schutz von industrieller
Mobilmachung und Militärpotenzial sowie die Verteidigung gegen militärische
Aktionen, die eine Bedrohung für die Sicherheit der Region darstellen.

Die CUSRPG besteht aus einem Ausschuss der Stabschefs, einem


Regionalen Planungsausschuss, einer Arbeitsgruppe des Regionalen
Planungsausschusses sowie einem in Washington angesiedelten Sekretariat.
Beobachter des Internationalen Militärstabs der NATO (IMS) und der Obersten
NATO-Befehlshaber können zur Teilnahme an Treffen des Regionalen
Planungsausschusses eingeladen werden.

Der Chef des kanadischen Verteidigungsstabs und der US-amerikanische


Vorsitzende der Gemeinsamen Stabschefs sind gegenüber dem NATO-
Militärausschuss für die Koordinierung von NATO-Angelegenheiten in der
CANUS-Region verantwortlich. Hierzu gehören die Vorbereitung und
Genehmigung von Plänen für die Verteidigung der CANUS-Region, die an den
Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses weitergeleitet werden, die
Aufrechterhaltung des Kontakts mit dem Vorsitzenden des Militärausschusses,
den Obersten NATO-Befehlshabern und gegebenenfalls anderen NATO-
Agenturen sowie die Aufsicht über Ausbildungs- und Übungsaktivitäten der
NATO und der Partnerschaft für den Frieden (PfP) in der CANUS-Region.

DIE NATO-ERWEITERUNG UND DER BEITRITT NEUER


NATO-MITGLIEDER
Das der Öffnung der NATO für neue Mitglieder zugrundeliegende Ziel
besteht darin, die Stabilität in Europa insgesamt zu verbessern, und nicht
darin, ihre militärischen Einflussmöglichkeiten zu vergrößern bzw. ihr
Militärpotenzial zu stärken oder das Wesen ihres grundsätzlichen
Verteidigungsdispositivs zu ändern. Die kollektiven Sicherheitsgarantien der
NATO und ihre Abhängigkeit von multinationalen Streitkräftestrukturen bieten
die beste Möglichkeit, auf der Grundlage gemeinsamer Risiken, gemeinsamer
Verantwortung und gemeinsam getragener Kosten das oben genannte Ziel zu
erreichen. Die Öffnung des Bündnisses und der Beitritt dreier neuer Mitglieder
im Jahre 1999 sowie der Einfluss von Partnerschaft und Zusammenarbeit im

304
Rahmen des PfP-Programms erlaubt es, den militärischen Schwerpunkt auf
aktuelle und zukünftige Erfordernisse zu legen. Hierzu gehören beweglichere
und flexiblere Potenziale, die eine schnelle Reaktion, Verstärkung und andere
Anforderungen auf dem Gebiet der Krisenbewältigung erleichtern sollen. Die
Beteiligung der neuen Mitgliedstaaten erstreckt sich auf das gesamte
Spektrum der Aufträge und Aufgaben der NATO. Zusammen mit den anderen
in der integrierten militärischen Kommandostruktur mitarbeitenden Staaten wir-
ken sie aktiv an der Planung, Entwicklung und personellen Ausstattung der
Streitkräftestrukturen der NATO mit.
Auf dem Gipfeltreffen in Madrid im Juli 1997 wurden Polen, die
Tschechische Republik und Ungarn eingeladen, Beitrittsverhandlungen mit
dem Bündnis aufzunehmen. Ende 1997 wurden diese Verhandlungen zum
Abschluss gebracht und die Beitrittsprotokolle unterzeichnet. Im März 1999 tra-
ten die drei neuen Mitgliedstaaten dem Bündnis bei. In der Zwischenzeit wur-
den parallel zum politischen Prozess sowohl in den Staaten selbst als auch
innerhalb der NATO intensive Anstrengungen unternommen, um die polni-
schen, tschechischen und ungarischen Streitkräfte zur Umstellung auf ihre
zukünftige Rolle zu befähigen, damit der Prozess des Übergangs in die
Militärstrukturen des Bündnisses in effizienter Weise durchgeführt werden
konnte. Vor dem Beitritt gab es Einweisungen und Diskussions-
veranstaltungen, um die einzelnen Staaten auf die Verpflichtungen vorzuberei-
ten, die sie als Mitglieder des Bündnisses übernehmen würden, und sie mit
den geltenden Verfahren und Gepflogenheiten vertraut zu machen. Diese
Vorbereitungen trugen dazu bei, die jeweilige Mitarbeit der neuen
Mitgliedstaaten in den NATO-Strukturen zu bestimmen, die Verfahren festzule-
gen, mit denen ihre Integration erreicht werden sollte, und ihre Beteiligung an
den Aktivitäten des Bündnisses während der Beitrittsphase zu erleichtern.

AKTIVITÄTEN UND INITIATIVEN IM RAHMEN DER


PARTNERSCHAFT FÜR DEN FRIEDEN
Innerhalb des allgemeinen Rahmens der PfP-Initiative und insbesondere
im Zusammenhang mit der PfP-Planung und -Überprüfung sind zur weiteren
Festigung der Bindungen zwischen der NATO und ihren Partnerstaaten eine
Vielzahl unterschiedlicher militärischer Aktivitäten und Initiativen veranlasst
bzw. eingebracht worden. Diese sind nicht auf die Beteiligung an militärischen
Übungen beschränkt, sondern umfassen zum Beispiel auch Möglichkeiten
zum Besuch von Lehrgängen an der NATO-Verteidigungsakademie in Rom
und an der NATO-(SHAPE-)Schule in Oberammergau. Die PfP-Staaten wur-
den außerdem aufgefordert, Kandidaten für die entsprechend den oben
genannten Vereinbarungen eingerichteten Dienstposten in den PfP-
Stabselementen bei verschiedenen militärischen Hauptquartieren der NATO
305
zu benennen, die umfassend an der Planung und Durchführung der PfP-
Aktivitäten beteiligt werden sollen.

Auch im Internationalen Militärstab der NATO haben Offiziere aus PfP-


Staaten internationale Funktionen bei der Partnerschaftskoordinierungszelle
(vgl. Kapitel 3) übernommen. Außerdem werden die Möglichkeiten einer
Mitarbeit von Personal aus den Partnerstaaten bei der Übungsplanung, der
Erarbeitung von Konzepten und Führungs- und Einsatzgrundsätzen sowie bei
Operationen auf Ebene der Alliierten Streitkräftekommandos und in den ent-
sprechenden Stäben geprüft.

Bei der Durchführung vieler dieser Maßnahmen wurden rasch Fortschritte


erzielt. Etwa 20 PfP-Staaten haben sich an der vom 12. bis zum 18. Februar
1998 abgehaltenen NATO-Krisenmanagementübung beteiligt. Diese
Rahmenübung (d. h., es fanden keine wirklichen Truppendislozierungen statt)
war darauf angelegt, die Maßnahmen zu erproben und einzuüben, die in einer
hypothetischen Krisensituation von der NATO bei einem friedensunterstützen-
den Einsatz unter VN-Mandat in Zusammenarbeit mit ihren Partnern durchzu-
führen wären. Ein weiterer Teil der Übung galt der Beteiligung der NATO und
ihrer Partnerstaaten an der Katastrophenbekämpfung.

Im gesamten Rahmen dieser Aktivitäten sowie im Zuge der Kooperation


im Zusammenhang mit anderen Angelegenheiten und Maßnahmen, für die
eine Zusammenarbeit mit PfP-Partnern vorgesehen ist, wird der Schwerpunkt
auf mehr Transparenz im Hinblick auf die militärischen Aktivitäten und eine
Verbesserung von Konsultation und Kooperation gelegt.

Bei der Durchführung von NATO/PfP-Übungen - beispielsweise im


Zusammenhang mit Rettungs- oder humanitären Einsätzen bzw.
Friedensunterstützungsoperationen - wird der Schwerpunkt auf die Förderung
der Fähigkeit und Bereitschaft der teilnehmenden Staaten gelegt, solche
Operationen vorzunehmen. Gleichzeitig wird das gegenseitige Verständnis der
verschiedenen militärischen Systeme und Verfahren verbessert und gestärkt.

Ein weiterer deutlicher Schwerpunkt liegt auf der Multinationalität inner-


halb des militärischen Hauptquartiers sowie in den Streitkräften, die an Übun-
gen teilnehmen. Dies hat den Übergang zu komplexeren Formen der
NATO/PfP-Übungen erleichtert, an denen auf höherer Ebene angesiedelte
militärische Einheiten beteiligt sind. Dieser Prozess hat sich als nützlich für
beide Seiten erwiesen, d. h. für die NATO und ihre Partnerstaaten, und es
ermöglicht, dass aus den Erfahrungen, die anlässlich der Zusammenarbeit bei
interalliierten Übungen gemacht wurden, nützliche Lehren gezogen werden
konnten.

306
UMFASSENDERE KONSULTATION UND
ZUSAMMENARBEIT
Im Anschluss an das Gipfeltreffen vom Juli 1997 in Madrid wurde im
Rahmen des Prozesses der Verbesserung von Konsultation und Kooperation
sowie der Einführung von Maßnahmen zur Steigerung der Transparenz im poli-
tischen wie auch militärischen Bereich eine Reihe neuer Institutionen geschaf-
fen.

Neben den Tagungen des Euro-Atlantischen Partnerschaftsrats (EAPR),


des Ständigen Gemeinsamen NATO-Russland-Rats (NRR) und der NATO-
Ukraine-Kommission (NUK), die auf der zivilen politischen Ebene tätig sind und
in früheren Kapiteln beschrieben wurden, finden zur Abwicklung der Aktivitäten
dieser multi- und bilateralen Kooperationsorgane im militärischen Bereich wei-
tere Treffen in unterschiedlichen Zusammensetzungen statt. Inzwischen tritt
auch ein im Rahmen der euro-atlantischen Partnerschaft tätiger
Militärausschuss zusammen, um militärische Fragen zu erörtern und für einen
diesbezüglichen Meinungsaustausch zwischen allen EAPR-Staaten zu sorgen.
In gleicher Weise sind Treffen der Militärischen Vertreter und der Stabschefs
unter Leitung des NRR eingeführt worden, um das Entstehen engerer
Bindungen zu ermöglichen, die zur Förderung der besonderen Beziehungen
zwischen der NATO und Russland beitragen können. Ähnliche Treffen werden
mit der Ukraine auf der Ebene der Militärischen Vertreter und der Ebene der
Stabschefs abgehalten.

Die Treffen des Militärausschusses finden entweder als Plenarsitzungen


unter Beteiligung aller Partnerstaaten oder als Sitzungen mit begrenztem
Teilnehmerkreis statt, bei denen der Schwerpunkt auf funktionale oder regio-
nale Angelegenheiten wie die gemeinsame Mitwirkung an Friedensunter-
stützungsoperationen gelegt wird. Alternativ dazu können auch spezielle
Sitzungen mit einem einzigen Partnerstaat abgehalten werden. Diese Treffen
finden entweder auf der Ebene der Stabschefs - in der Regel zweimal pro Jahr,
zeitgleich mit den anderen Treffen der Stabschefs in Brüssel - oder monatlich
auf der Ebene der Ständigen Militärischen Vertreter statt. Durch diese
Regelungen werden Häufigkeit und Kosten der für die verschiedenen
Stabschefs nötigen Reisen nach Brüssel begrenzt. Alle Treffen werden vom
Vorsitzenden des NATO-Militärausschusses geleitet.

Der Ständige Gemeinsame NATO-Russland-Rat (NRR) tritt als Gremium


der Stabschefs/Chiefs of Defence normalerweise mindestens zweimal pro Jahr
zusammen, wobei seine Sitzungen zeitgleich mit den Tagungen der
Militärausschüsse auf der Ebene der Stabschefs im Frühjahr und Herbst eines
jeden Jahres stattfinden.
307
An allen Tagungen nehmen die Stabschefs der NATO-Staaten, die
Obersten NATO-Befehlshaber und die Militärischen Vertreter Russlands teil.
Ständige Treffen der Militärischen Vertreter des NRR mit Sitz in Brüssel kön-
nen häufiger stattfinden.
Sowohl bei den Tagungen der Stabschefs als auch bei den Ständigen
Treffen haben drei Vertreter gemeinsam den Vorsitz inne, und zwar der
Vorsitzende des Militärausschusses, ein NATO-Stabschef oder ein
Militärischer Vertreter der NATO mit Sitz beim NATO-Hauptquartier in Brüssel
sowie der russische Militärische Vertreter. Die Vertretung der NATO bei den
vorstehenden Tagungen wird im turnusmäßigen Wechsel von jeweils drei
Monaten von den einzelnen NATO-Staaten wahrgenommen.
Sowohl bei den Tagungen auf Ebene der Stabschefs als auch bei jenen
der Ständigen Vertreter teilen sich die drei gemeinsamen Vorsitzenden auch
die Zuständigkeit für die einzelnen Tagesordnungspunkte. Die Tagesordnung
der einzelnen Treffen wird auf der Grundlage bilateraler Vereinbarungen zwi-
schen dem Internationalen Militärstab der NATO und der russischen Vertretung
erstellt und ist anschließend von jedem der drei Vorsitzenden zu billigen.
Der Militärische Ausschuss mit Vertretern der Ukraine tritt als Gremium
der Stabschefs mindestens zweimal pro Jahr zusammen, wobei auch hier die
Treffen zeitgleich mit anderen, auf derselben Ebene abgehaltenen Treffen
stattfinden sollen. An den Treffen nehmen die Stabschefs der NATO-Staaten,
die Obersten NATO-Befehlshaber sowie der Vertreter der Ukraine teil; sie wer-
den vom Vorsitzenden des Militärischen Ausschusses geleitet. Treffen des
Militärischen Ausschusses mit Vertretern der Ukraine auf der Ebene der
Militärischen Vertreter werden ebenfalls zweimal pro Jahr einberufen.

308
KAPITEL 13

ÜBERSICHT ÜBER DIE WICHTIGSTEN NATO-


AUSSCHÜSSE UND DIE INSTITUTIONEN FÜR
ZUSAMMENARBEIT, PARTNERSCHAFT UND
DIALOG

Übersicht über die wichtigsten NATO-Ausschüsse

Übersicht über die Institutionen für Zusammenarbeit, Partnerschaft und


Dialog
ÜBERSICHT ÜBER DIE WICHTIGSTEN NATO-
AUSSCHÜSSE UND DIE INSTITUTIONEN FÜR
ZUSAMMENARBEIT, PARTNERSCHAFT UND
DIALOG
ÜBERSICHT ÜBER DIE WICHTIGSTEN NATO-
AUSSCHÜSSE

Die wichtigsten Foren für Konsultation und Entscheidungsfindung des


Bündnisses werden von einer Ausschussstruktur unterstützt, die sicherstellt,
dass jeder Mitgliedstaat auf jeder Ebene in allen Bereichen der NATO-Aktivitä-
ten, an denen er teilnimmt, vertreten ist. Einige der Ausschüsse wurden in der
Frühphase der Entwicklung der NATO gegründet und tragen seit vielen Jahren
zum Prozess der Entscheidungsfindung des Bündnisses bei. Andere wurden
erst kürzlich im Zusammenhang mit der internen und externen Anpassung des
Bündnisses nach dem Ende des Kalten Krieges und dem geänderten Sicher-
heitsumfeld in Europa eingerichtet.
Der folgende Abschnitt enthält eine Zusammenfassung der Mitgliedschaf-
ten, des Vorsitzes, der Funktion, der Ebenen, der nachgeordneten Strukturen
und der Hauptquelle der Stabsunterstützung der wichtigsten NATO-Aus-
schüsse. Es ist zu beachten, dass der Generalsekretär Titularvorsitzender
einer Reihe von Ausschüssen für Grundsatzfragen ist, deren ständiger Vorsitz
oder Ko-Vorsitz von für den betreffenden Bereich zuständigen hochrangigen
Vertretern geführt wird. Die Ausschüsse sind gemäß ihrem normalen, ständi-
gen Vorsitz gruppiert. Daher folgt die Aufstellung keinem starren hierarchi-
schen oder strukturellen Muster.
Die unter dem jeweiligen Ausschuss angegebene Hauptunterstützungs-
quelle ist die Abteilung oder das Direktorat des Internationalen Stabs, die bzw.
das die Hauptzuständigkeit für den betreffenden Bereich innehat. Die meisten
Ausschüsse erhalten administrative, prozedurale und praktische Unterstützung
vom Exekutivsekretariat. Viele Ausschüsse werden auch vom Internationalen
Militärstab unterstützt.
Die Zusammenfassungen sind nicht mit den detaillierten Aufgabenberei-
chen der einzelnen Ausschüsse zu verwechseln, die von dem jeweils überge-
ordneten Gremium bei deren Einrichtung verabschiedet werden.
Alle NATO-Ausschüsse treffen Entscheidungen oder formulieren Empfeh-
lungen für höherrangige Behörden auf Basis eines Informationsaustauschs

311
und von Konsultationen, die zu einem Konsens führen. Es gibt keine Abstim-
mungen oder Mehrheitsentscheidungen.
Hinweis: Der NATO-Militärausschuss ist dem Nordatlantikrat und dem
Verteidigungsplanungsausschuss untergeordnet, verfügt jedoch über einen
Sonderstatus als oberste Militärbehörde der NATO. Die Funktion des
Militärausschusses wird in Kapitel 11 beschrieben.
Der Militärausschuss und die meisten der nachfolgend aufgeführten Aus-
schüsse treffen sich außerdem regelmäßig zur Erörterung von EAPR/PfP-Fra-
gen mit Vertretern der Partnerländer aus dem Euro-Atlantischen Partner-
schaftsrat (EAPR) und der Partnerschaft für den Frieden (PfP).

01. Nordatlantikrat
02. Verteidigungsplanungsausschuss
03. Nukleare Planungsgruppe (NPG)
04. Militärausschuss
05. Exekutivarbeitsgruppe
06. Hochrangige Arbeitsgruppe Konventionelle Rüstungskontrolle
07. Gemeinsamer Proliferationsausschuss
08. Politisch-Militärischer Lenkungsausschuss Partnerschaft für den
Frieden
09. NATO-Luftverteidigungsausschuss
10. NATO-Ausschuss für Konsultations- und Führungssysteme (NC3B)
11. NATO-Führungssystem Luftstreitkräfte
12. Hochrangiger Politischer Ausschuss
13. Beratergruppe für Atlantische Politik
14. Politischer Ausschuss
15. Kooperationsgruppe Mittelmeer
16. Hochrangige Politisch-Militärische Gruppe für Proliferation
17. Ausschuss Verifikationskoordinierung
18. Koordinierungsgruppe für Grundsatzfragen
19. Ausschuss Verteidigungsüberprüfung

312
20. Konferenz der Nationalen Rüstungsdirektoren (KNRD)
21. NATO-Standardisierungsausschuss
22. Infrastrukturausschuss
23. Oberausschuss Zivile Notfallplanung
24. NATO-Logistikkonferenz
25. Wissenschaftsausschuss
26. Ausschuss für die Herausforderungen der modernen Gesellschaft
27. Ausschuss Zivil-/Militärhaushalt
28. Oberausschuss Ressourcen
29. Hochrangige Verteidigungspolitische Gruppe für Proliferation
30. Hochrangige Gruppe
31. Wirtschaftsausschuss
32. Ausschuss für Information und kulturelle Beziehungen
33. Ausschuss für Einsatz und Übungen
34. Ausschuss Luftverkehrsführung in der NATO
35. Direktorium der Pipeline-Managementorganisation Europa Mitte
36. NATO-Pipeline-Ausschuss
37. NATO-Sicherheitsausschuss
38. Sonderausschuss
39. Archivausschuss

313
1. Nordatlantikrat
Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.
Vorsitz Generalsekretär.
Wichtigstes Entscheidungsfindungsgremium des
Nordatlantischen Bündnisses. Das einzige Gremium,
das formell durch den Nordatlantikvertrag geschaffen
Funktion
wurde. Es ist autorisiert, zum Zweck der Umsetzung des
Vertrags „soweit erforderlich nachgeordnete Stellen” ein-
zurichten.
Ständig (Ständige Vertreter/Botschafter). Minister
Ebenen (Außen- und/oder Verteidigungsminister). Gipfel (Staats-
und Regierungschefs).
Wichtigste Der Rat wird von zahlreichen Ausschüssen unterstützt,
nachgeordnete die die gesamte Bandbreite der Bündnisaktivitäten
Ausschüsse abdecken.
Alle Abteilungen und Unabhängigen Büros des
Internationalen Stabs unterstützen direkt oder indirekt
Unterstützung
die Arbeit des Rats. Zur Funktion des Rats als dem für
durch den
die Erreichung der Ziele des Vertrags zuständigen
Internationalen
Organ gehört die Schaffung einer Reihe von Agenturen
Stab
und Organisationen, die ebenfalls seine Arbeit auf
Spezialgebieten unterstützen.
2. Verteidigungsplanungsausschuss
Mitgliedstaaten, die an der integrierten Militärstruktur der
Mitglieder NATO beteiligt sind (alle Mitgliedstaaten außer
Frankreich).
Vorsitz Generalsekretär.
Wichtigstes Entscheidungsfindungsgremium des
Nordatlantischen Bündnisses. Das einzige Gremium,
das formell durch den Nordatlantikvertrag geschaffen
Funktion
wurde. Es ist autorisiert, zum Zweck der Umsetzung des
Vertrags „soweit erforderlich nachgeordnete Stellen” ein-
zurichten.
Ebenen Ständig (Ständige Vertreter/Botschafter). Minister
(Verteidigungsminister).
Wichtigste
nachgeordnete Ausschuss Verteidigungsüberprüfung.
Ausschüsse
Unterstützung
durch den Abteilung für Verteidigungsplanung und -operationen;
Internationalen Exekutivsekretariat.
Stab
314
3. Nukleare Planungsgruppe (NPG)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten außer Frankreich.


Vorsitz Generalsekretär.
Funktion Wichtigstes Entscheidungsfindungsgremium für Fragen
bezüglich der Nuklearpolitik des Bündnisses.
Ebenen Verteidigungsminister, Ständige Vertreter.
Wichtigste Hochrangige Gruppe, Stabsgruppe der Nuklearen
nachgeordnete Planungsgruppe.
Ausschüsse
Unterstützung Abteilung für Verteidigungsplanung und -operationen;
durch den Exekutivsekretariat.
Internationalen
Stab

4. Militärausschuss (MC)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Vorsitz Vorsitzender des Militärausschusses.
Oberste Militärbehörde der NATO unter der Gesamtbe-
Funktion fehlsgewalt des Nordatlantikrats und des Verteidigungs-
planungsausschusses.
Ebenen Stabschefs, Nationale Militärische Vertreter.
Arbeitsgruppen des Militärausschusses. Eine Reihe
Wichtigste
gemeinsamer ziviler und militärischer Gremien unterste-
nachgeordnete
hen auch dem Militärausschuss sowie dem Rat und dem
Ausschüsse
Verteidigungsplanungsausschuss.
Unterstützung
durch den
Internationaler Militärstab.
Internationalen
Stab

315
5. Exekutivarbeitsgruppe (EWG)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Stellvertretender Generalsekretär. Ständiger Vorsitzen-
Vorsitz der: Beigeordneter Generalsekretär, Verteidigungspla-
nung und -operationen.
Oberstes Beratungsgremium des Nordatlantikrats für
Verteidigungsfragen, die die 19 Mitgliedstaaten und die
Funktion
Beziehungen mit anderen Organisationen wie der
Westeuropäischen Union (WEU) betreffen.
Ebenen Verteidigungsberater nationaler Delegationen.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.1
Ausschüsse
Unterstützung
durch den Abteilung für Verteidigungsplanung und -operationen;
Internationalen Exekutivsekretariat.
Stab

6. Hochrangige Arbeitsgruppe Konventionelle


Rüstungskontrolle (HLTF)
Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.
Stellvertretender Generalsekretär; Amtierender Vorsit-
Vorsitz zender: Beigeordneter Generalsekretär für Politische
Angelegenheiten.
Konsultations- und Beratungsgremium der Außen- und
Funktion Verteidigungsminister für Fragen der konventionellen
Rüstungskontrolle.
Experten der Außen- und Verteidigungsministerien auf
Ebenen der Ebene der Politischen Direktoren; Politische Berater
der NATO-Delegationen.
Wichtigste
nachgeordnete HLTF auf der Ebene der Stellvertreter.
Ausschüsse
Unterstützung
Abteilung Politische Angelegenheiten (Referat Koordi-
durch den
nierung für konventionelle Rüstungskontrolle); Exekutiv-
Internationalen
sekretariat.
Stab

1 n. z.: nicht zutreffend.

316
7. Gemeinsamer Proliferationsausschuss

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Vorsitz Stellvertretender Generalsekretär.
Oberstes Beratungsgremium, das dem Nordatlantikrat
koordinierte Berichte zu politisch-militärischen und Ver-
Funktion
teidigungsaspekten der Verbreitung von Massenvernich-
tungswaffen liefert.
Mitglieder der Hochrangigen Politisch-Militärischen
Gruppe für Proliferation und der Hochrangigen Verteidi-
Ebenen
gungspolitischen Gruppe für Proliferation in gemeinsa-
mer Sitzung.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
Abteilung Politische Angelegenheiten; Exekutivsekreta-
durch den
riat.
Internationalen
Stab
8. Politisch-Militärischer Lenkungsausschuss Partnerschaft
für den Frieden (PMSC/PfP)
Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.
Stellvertretender Generalsekretär. Ständige Vorsitzende:
Beigeordneter Generalsekretär für Politische Angelegen-
heiten, Beigeordneter Generalsekretär für Verteidi-
Vorsitz
gungsplanung und -operationen/Direktor des Direktorats
Verteidigungsbezogene Partnerschaft und Zusammen-
arbeit (DPAO).
Wichtigstes Entscheidungsfindungs- und Beratungsgre-
mium des Nordatlantikrats für alle Aspekte der Partner-
Funktion
schaft für den Frieden einschließlich der PfP-Planung
und Überprüfung (PARP).
Vertreter der nationalen Delegationen (zwei Mitglieder je
Ebenen Delegation); je nach behandelten Themen ändert sich
die Mitgliedschaft häufig.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
Abteilung Politische Angelegenheiten; Abteilung für Ver-
durch den
teidigungsplanung und -operationen; Exekutivsekreta-
Internationalen
riat.
Stab

317
9. NATO-Luftverteidigungsausschuss (NADC)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten


Vorsitz Stellvertretender Generalsekretär.
Berät den Nordatlantikrat und den EAPR zu allen Fragen
der Luftverteidigung einschließlich der Abwehr taktischer
Flugkörper. Fördert die Harmonisierung der nationalen
Funktion
Anstrengungen mit der überstaatlichen Planung im
Bereich der Führungsstrukturen der Luftstreitkräfte und
der Waffensysteme der Luftverteidigung.
Hochrangige nationale Militär- oder Exekutivoffiziere, die
Ebenen an Management und Politik im Bereich Luftverteidigung
oder Führungssysteme der Luftstreitkräfte beteiligt sind.
Luftverteidigungsrepräsentanten (ADREPS); Unteraus-
Wichtigste schuss LV-Waffensysteme (PADW); Unterausschuss LV-
nachgeordnete Philosophie (PADP): Stabsübergreifende Frühwarn-
Ausschüsse gruppe (EWISG); Luftverteidigungsrepräsentanten der
Partnerländer (PADREPS).
Unterstützung
Abteilung für Verteidigungsunterstützung (Direktorat
durch den
Luftverteidigung und Luftraumkontrolle); Exekutivsekre-
Internationalen
tariat.
Stab

318
10. NATO-Ausschuss für Konsultations-, Führungs- und
Kommunikationssysteme (NC3B)
Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.
.
Vorsitz Stellvertretender Generalsekretär.
Beigeordneter Generalsekretär für Verteidigungsunter-
Ständiger Vorsitz
stützung.
Direktor des C3-Stabs der NATO und ein gewählter Ko-
Ko-Vizevorsitz
Vizevorsitzender.
Oberstes multinationales Gremium, das im Namen des
Nordatlantikrats und des Verteidigungsplanungsaus-
Funktion schusses handelt und diesen in allen Fragen aus dem
Bereich Konsultations-, Führungs- und Kommunikations-
systeme (C3) innerhalb der Organisation untersteht.
Der C3-Ausschuss setzt sich folgendermaßen zusam-
men: 2 hochrangige Vertreter aus jedem an Manage-
ment und Politik der Kommunikations- und Informations-
systeme (CIS) zur Unterstützung von C3 beteiligten
Staat, die die weit reichenden funktionalen Zuständigkei-
ten des Ausschusses berücksichtigen können, 1 Vertre-
Ebenen
ter des Militärausschusses, 1 Vertreter jeder Strategi-
schen NATO-Kommandobehörde, 1 Vertreter der
folgenden NATO-Ausschüsse: KNRD, SCEPC/CCPC,
COEC, NADC, NACMO BOD, NAPMO BOD, NSC,
SRB, PMSC, NCS und RTB, ferner der Generaldirektor
NC3A sowie der Leiter NACOSA.
Gruppe Nationaler C3-Vertreter, die als ständiger Aus-
schuss fungiert, Arbeitsgruppen und Unterausschüsse +
8 Unterausschüsse mit ihren nachgeordneten Arbeits-
gruppen, Ad-hoc-Arbeitsgruppen, Untergruppen und Ad-
Wichtigste
hoc-Gruppen (C3-Gesamtanforderungen und Konzepte
nachgeordnete
(JRCSC-SC/1), Interoperabilität (ISC-SC/2), Frequenz-
Ausschüsse
zuweisung (FMSC-SC/3), INFOSEC (INFOSECSC-
SC/4), Informationssysteme (ISSC-SC/5), Kommunika-
tionsnetz (CNSC-SC/6), Identifikation (IDENTSC-SC/7)
und Navigation (NAVSC-SC/8))
Unterstützung
durch den
C3-Stab der NATO (NHQC3S); Exekutivsekretariat.
Internationalen
Stab

319
11. Direktorium der Managementorganisation für das NATO-
Führungssystem Luftstreitkräfte (NACMO)
17 Teilnehmerstaaten (NATO-Mitgliedstaaten außer
Mitglieder
Island und Luxemburg).
Stellvertretender Generalsekretär.
Vorsitz Nationaler Vorsitzender (Vizevorsitzender des NATO-
Luftverteidigungsausschusses (NADC)).
Gewährleistet die Planung und Umsetzung des
Funktion Programms für das NATO-Führungssystem
Luftstreitkräfte.
Hochrangige nationale Militär- oder Exekutivoffiziere, die
am Management der Luftverteidigung oder der
Ebenen
Führungssysteme der Luftstreitkräfte beteiligt sind.
ACCS-Beratungsausschuss.
Wichtigste
nachgeordnete Abteilung für Verteidigungsunterstützung (Direktorat)
Ausschüsse
Unterstützung
durch den Luftverteidigung und Luftraumkontrolle); Exekutivsekre-
Internationalen tariat.
Stab

12. Hochrangiger Politischer Ausschuss (SPC)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Politische Angelegen-
Vorsitz
heiten.
Oberstes Beratungsgremium des Nordatlantikrats für
politische und spezielle politisch-militärische Fragen.
Funktion
Verstärkung durch Experten bei der Bearbeitung einzel-
ner Fragen (SPC(R)).
Ebenen Stellvertretende Ständige Vertreter.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
durch den Abteilung Politische Angelegenheiten; Exekutivsekreta-
Internationalen riat und andere Abteilungen/Büros des IS nach Bedarf.
Stab

320
13. Beratergruppe für Atlantische Politik (APAG)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Politische Angelegen-
Vorsitz
heiten.
Beratungsgremium des Nordatlantikrats, zuständig für
Funktion die Untersuchung relevanter längerfristiger Planungen
für die Sicherheitspolitik.
Nationale Vertreter auf der Ebene der Politischen Direk-
toren, die als einzelne Experten handeln. Die Treffen der
Ebenen
APAG finden jährlich unter Beteiligung der Partnerstaa-
ten statt.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
durch den
Abteilung Politische Angelegenheiten.
Internationalen
Stab

14. Politischer Ausschuss (PC)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Politische
Vorsitz
Angelegenheiten.
Beratungsgremium des Nordatlantikrats für politische
Funktion
Fragen.
Politische Berater nationaler Delegationen, nach Bedarf
Ebenen
durch Experten verstärkt.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
durch den Abteilung Politische Angelegenheiten; Exekutivsekreta-
Internationalen riat.
Stab

321
15. Kooperationsgruppe Mittelmeer (MCG)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Politische Angelegen-
heiten. Amtierender Vorsitzender: Stellvertretender Bei-
Vorsitz
geordneter Generalsekretär und Direktor des Direktorats
Politische Angelegenheiten.
Beratungsgremium des Nordatlantikrats für Fragen des
Funktion
Mittelmeerdialogs.
Politische Berater der NATO-Delegationen. Außerdem
Ebenen finden Treffen mit Vertretern der Staaten des Mittelmeer-
dialogs statt.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
durch den Abteilung Politische Angelegenheiten; Exekutivsekreta-
Internationalen riat
Stab

16. Hochrangige Politisch-Militärische Gruppe


für Proliferation

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Politische Angelegen-
heiten.
Vorsitz
Beratungsgremium des Nordatlantikrats für Fragen des
Mittelmeerdialogs.
Oberstes Beratungsgremium für politisch-militärische
Funktion Aspekte der Verbreitung von Massenvernichtungswaf-
fen.
Hochrangige, für Politik- und Sicherheitsfragen im
Ebenen Bereich der Nichtverbreitung zuständige nationale Ver-
treter.
Wichtigste Außerdem finden Treffen mit der Hochrangigen Verteidi-
nachgeordnete gungspolitischen Gruppe für Proliferation im Rahmen
Ausschüsse des Gemeinsamen Proliferationsausschusses statt.
Unterstützung
durch den Abteilung Politische Angelegenheiten; Exekutivsekreta-
Internationalen riat.
Stab

322
17. Ausschuss Verifikationskoordinierung (VCC)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Politische Angelegen-
Vorsitz heiten. Amtierender Vorsitzender: Leiter des Referats
Verifikations- und Umsetzungskoordinierung.
Wichtigstes Gremium für Entscheidungen zu Fragen der
Funktion Umsetzungs- und Verifikationskoordinierung im Bereich
der konventionellen Rüstungskontrolle.
Plenarsitzungen, Arbeitsgruppen, Expertengruppen,
Seminare/Workshops mit Experten von Außen- und Ver-
Ebenen
teidigungsministerien, Experten von Verifikationseinhei-
ten, Sekretäre von Delegationen.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
Abteilung Politische Angelegenheiten (Referat Koordi-
durch den
nierung für konventionelle Rüstungskontrolle); Exekutiv-
Internationalen
sekretariat.
Stab

18. Koordinierungsgruppe für Grundsatzfragen (PCG)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Verteidigungspla-
Vorsitz
nung und -operationen.
Wichtigstes Konsultationsforum und Beratungsgremium
des Nordatlantikrats für politisch-militärische Angelegen-
heiten (einschließlich friedenserhaltender Operationen,
Funktion
Entwicklung des Konzepts des Alliierten Streitkräftekom-
mandos und Überprüfung des Strategischen Konzepts
der NATO).
Stellvertretende Ständige Vertreter und nationale militäri-
Ebenen
sche Vertreter.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
Abteilung für Verteidigungsplanung und -operationen;
durch den
Exekutivsekretariat.
Internationalen
Stab
323
19. Ausschuss Verteidigungsüberprüfung

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten außer Frankreich.


Beigeordneter Generalsekretär, Verteidigungsplanung
Vorsitz
und -operationen.
Oberster Beratungsausschuss des Verteidigungspla-
Funktion nungsausschusses für die Streitkräfteplanung und
andere Fragen der integrierten Militärstruktur.
Ebenen Verteidigungsberater nationaler Delegationen.
Wichtigste
Arbeitsgruppe des Ausschusses Verteidigungsüberprü-
nachgeordnete
fung.
Ausschüsse
Unterstützung
durch den Abteilung für Verteidigungsplanung und -operationen;
Internationalen Exekutivsekretariat.
Stab

20. Konferenz der Nationalen Rüstungsdirektoren (KNRD)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Generalsekretär.
Vorsitz Ständiger Vorsitzender: Beigeordneter Generalsekretär
für Verteidigungsunterstützung.
Oberstes Gremium unter dem Nordatlantikrat, das sich
mit Produktionslogistik befasst. Fördert die NATO-
Funktion Rüstungskooperation und erörtert politische, wirtschaftli-
che und technische Fragen der Entwicklung und
Beschaffung der Ausrüstung für NATO-Streitkräfte.
Ebenen Nationale Rüstungsdirektoren.
Vertreter der Nationalen Rüstungsdirektoren
Wichtigste (NADREPS); NATO-Rüstungsgruppe Heer (NAAG);
nachgeordnete NATO-Rüstungsgruppe Luftwaffe (NAFAG); NATO-
Ausschüsse Rüstungsgruppe Marine (NNAG); NATO-Industriebera-
tergruppe (NIAG).
Unterstützung
Abteilung für Verteidigungsunterstützung (Direktorat
durch den
Rüstungsplanung, -programme und -politik); Exekutivse-
Internationalen
kretariat.
Stab

324
21. NATO-Standardisierungsausschuss (NCS)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Vorsitz Generalsekretär.
Ständiger Beigeordneter Generalsekretär für Verteidigungsunter-
Ko-Vorsitz stützung und Direktor des Internationalen Militärstabs
Höchste Behörde des Bündnisses für die koordinierte
Funktion Beratung des Nordatlantikrats in Gesamtstandardisie-
rungsfragen.
Hochrangige Vertreter aus den Hauptstädten, die koordi-
Ebenen nierte nationale Positionen zur Standardisierung vertre-
ten.
Wichtigste
Gruppe der NCS-Vertreter (NCSREPs); NATO-
nachgeordnete
Stabsgruppe Standardisierung (NSSG)
Ausschüsse
Unterstützung
NCS, Exekutivsekretariat
durch den
NCSREPs, NSSG, NATO-Standardisierungsagentur
Internationalen
(NSA)
Stab

22. Infrastrukturausschuss

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Sicherheitsinvestitio-
nen, Logistik und Zivile Notfallplanung. Ständiger Vorsit-
Vorsitz
zender: Beauftragter für das Sicherheitsinvestitionspro-
gramm.
Zuständig für die Umsetzung des NATO-Sicherheitsinve-
stitionsprogramms, wie vom Oberausschuss Ressour-
Funktion
cen geprüft und verabschiedet und vom Nordatlantikrat
oder Verteidigungsplanungsausschuss gebilligt.
Infrastrukturberater nationaler Delegationen; Vertreter
Ebenen des Militärausschusses, der Strategischen NATO-
Befehlshaber und NATO-Agenturen.
Wichtigste
nachgeordnete n. z.
Ausschüsse
Unterstützung
durch den Abteilung Sicherheitsinvestitionen, Logistik und Zivile
Internationalen Notfallplanung.
Stab

325
23. Oberausschuss Zivile Notfallplanung (SCEPC)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Generalsekretär.
Ständige Vorsitzende: Beigeordneter Generalsekretär
Vorsitz
für Sicherheitsinvestitionen, Logistik und Zivile Notfall-
planung/Direktor des Direktorats Zivile Notfallplanung.
Oberstes Politik- und Beratungsgremium des Nordatlan-
tikrats zu Fragen der zivilen Notfallplanung und Kata-
Funktion
strophenhilfe. Zuständig für Politiklenkung und Koordi-
nierung von Planungsorganen und -ausschüssen.
Hochrangige Vertreter aus den Hauptstädten, die für die
Ebenen Koordinierung ziviler Notfallaktivitäten zuständig
sind/Vertreter nationaler Delegationen.
Planungsorgane und -ausschüsse (Hochseeschifffahrt,
Europäischer Binnenverkehr, Zivilluftfahrt, Ernährung
Wichtigste
und Landwirtschaft, Industriebereitschaft, Planung
nachgeordnete
Erdölprodukte (ruhend), Planung Ziviles Kommunikati-
Ausschüsse
onswesen, Zivilschutz, Planung der sanitätsdienstlichen
Versorgung).
Unterstützung
Abteilung Sicherheitsinvestitionen, Logistik und Zivile
durch den
Notfallplanung (Direktorat Zivile Notfallplanung); Exeku-
Internationalen
tivsekretariat.
Stab

326
24. NATO-Logistikkonferenz (SNLC)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Generalsekretär. Ständige Vorsitzende: Beigeordneter
Generalsekretär für Sicherheitsinvestitionen, Logistik
Vorsitz
und Zivile Notfallplanung und Stellvertretender Vorsit-
zender des Militärausschusses.
Oberstes Beratungsgremium des Nordatlantikrats, des
Verteidigungsplanungsausschusses und des Militäraus-
schusses für Fragen der verbraucherorientierten Logi-
stik. Gemeinsames zivil-/militärisches Gremium, zustän-
dig für die Einschätzung der Erfordernisse des
Funktion Bündnisses im Bereich der verbraucherorientierten Logi-
stik und die Sicherstellung einer adäquaten Logistikun-
terstützung für NATO-Streitkräfte. Der SNLC trägt im
Auftrag des Rats die Hauptverantwortung für die Koordi-
nierung von Fragen über das gesamte Spektrum der
Logistik mit anderen Logistikorganen der NATO.
Hochrangige nationale, zivile und militärische Vertreter,
Ebenen die in den Mitgliedstaaten für Fragen der verbraucher-
orientierten Logistik zuständig sind.
Wichtigste
SNLC-Logistikstabstreffen; Beratergruppe Verkehrs-
nachgeordnete
und Transportwesen.
Ausschüsse
Unterstützung
Abteilung Sicherheitsinvestitionen, Logistik und Zivile
durch den
Notfallplanung (Logistik (IS-Element)). Abteilung Logi-
Internationalen
stik, Rüstung und Ressourcen (IMS).
Stab

327
25. Wissenschaftsausschuss (SCOM)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Vorsitz Beigeordneter Generalsekretär für Wissenschaft und
Umwelt.
Wichtigstes Entscheidungsfindungsgremium für das
Funktion
NATO-Wissenschaftsprogramm.
Nationale Experten für Wissenschaftspolitik, die von
Ebenen Regierungs- oder unabhängigen Organen in den Mit-
gliedstaaten ernannt werden.
Wichtigste Der Wissenschaftsausschuss ernennt eine Reihe von
nachgeordnete Unterausschüssen, Beratergremien und Lenkungsgrup-
Ausschüsse pen für die Durchführung von Spezialaufgaben.
Unterstützung Abteilung Wissenschaft und Umwelt.
durch den
Internationalen
Stab

26. Ausschuss für die Herausforderungen der modernen


Gesellschaft (CCMS)

Mitglieder Alle Mitgliedstaaten.


Beigeordneter Generalsekretär für Wissenschaft und
Vorsitz
Umwelt.
Wichtigstes Entscheidun