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Hans Peter Balmer

Philosophische
Ästhetik
Eine Einladung
Philosophische Ästhetik
Hans Peter Balmer

Philosophische
Ästhetik
Eine Einladung
Prof. Dr. Hans Peter Balmer ist apl. Professor für Philosophie an der Universität Augsburg.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
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© 2009 Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG


Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen
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E-Mail: info@francke.de
Druck und Bindung: Hubert & Co., Göttingen
Printed in Germany
ISBN 978-3-7720-8315-0
Inhaltsübersicht

Vorwort ..............................................................................................7
Die Krise der Moderne und die Wahrheit der Sinne ................9
Reflexion der ästhetischen Erfahrung .............................................. 9
Ästhetisches Ethos: Marcuse als Beispiel ......................................14
Grundlage erweiterter Menschlichkeit:
Die Pioniertat Baumgartens .........................................................19
Anläufe der Moderne .......................................................................19
Was Sinnlichkeit erbringt .................................................................20
Die schönen Künste und das Glück ...............................................24
Reflexionslust, Vernunftgewalt, Disponibilität:
Die Symbolik Kants ......................................................................27
Das Gefühl des Schönen und Erhabenen ......................................27
Idealität der Anschauungsformen, Zugang
zum Monumentalbau der Kritik .....................................................29
Geist der Vermittlung .......................................................................32
Vernünftige Natürlichkeit, geschmackvolle Sinnlichkeit ...........35
Beurteilung der Versinnlichung von sittlichen Ideen .................38
Durch Schönheit zur Freiheit: Schillers ästhetische
Erziehung .........................................................................................41
iDeK
unst,o M
ensch,hast du allein ...................................................41
Vollständige anthropologische Schätzung ....................................44
Schlüsselbegriff Spiel ........................................................................48
Umorientierung im Freiheitskonzept ............................................50
Vorspiel des Unbegrenzten .............................................................52
Suchen und Wiederfinden: Von der Gegenaufklärung
zur Romantik ...................................................................................55
Ästhetik in nuce: Hamanns Schreibart der Leidenschaft ............55
Begeisterung der Sinne: Herder ......................................................58
Phantasie, Ironie, Liebe: Friedrich Schlegel ..................................65
Novalis oder die Verwandlung der Welt ......................................67
Im Zeichen des Orpheus ..................................................................70

5
Erscheinung des Absoluten: Ästhetik im deutschen
Idealismus ........................................................................................73
Mythologie der Vernunft: Das „Älteste Systemprogramm“ ......73
Geist oder das Vermögen, Gefühle zum Bewusstsein
zu erheben: Johann Gottlieb Fichte ................................................75
Veranschaulichen und Begreifen des Absoluten: Hegel .............78
‚Ästhetischer Absolutismus‘: Schelling ..........................................84
Ideenkontemplation, Bedürfnisartikulation:
Arthur Schopenhauer ....................................................................93
Anschauung und Intuition ..............................................................93
Ein Vorletztes, zu Überwindendes .................................................96
Die Exzentrik geistig-sinnlichen Lebens .....................................100
Rettung der Subjektivität in Absetzung vom
Ästhetischen (wie Mystischen): Sören Kierkegaard .............103
Unmittelbarkeit oder das Musikalisch-Erotische .......................104
eist ist:w
G ie tot zu leben ...................................................................106
Künstlerische Mitteilung ................................................................110
Verbindung von Ästhetik, Moralistik, Mystik:
Friedrich Nietzsche ......................................................................113
Vom Bemühen, die Sinne zu Ende zu denken ...........................114
Weise werden, Geschmack entwickeln .......................................116
Ausdrucksformen ...........................................................................120
Mythische Präfigurationen ............................................................122
Zwischen Stimulation und Rechtfertigung .................................125
Erfahrung unversehrt: John Dewey ..........................................131
Freundliche Philosophie aus dem Geiste der Literatur ............134
Sorge um Kontinuität des Erlebens ..............................................136
Überlegenheit des Ausdrucks .......................................................138
Jenseits des Antagonismus von Moral und Ästhetik ................140
Empfänglichkeit, Verständigung, Teilhabe ................................141
Imagination: Leben als Kunst ........................................................142
Reflexion als Interpretation und die Eröffnung der Freiheit ...147
Menschsein unter ästhetischer Optik ...........................................150
Entfaltung und Gestaltung des Lebendigen ...............................155
Literaturverzeichnis .....................................................................157

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Vorwort

„Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ So lautet eine Sentenz
Nietzsches aus der „Götzen-Dämmerung“ (I, Sprüche und Pfeile,
33). Es ist ein Satz, den man sich wohl zuȱeigen machen, an den
man anschließen kann. Ohne Literatur, ohne Poesie, was wäre das
Leben? Ohne Malerei, ohne Plastik, wie viel seiner Möglichkeiten
wäre deutlich? Ja, ohne die Gaben der Musen, wo wären wir?
„Ein ungeprüftes Leben ist kein lebenswertes Leben für einen
Menschen.“ So soll Sokrates (Plato, Apologie, 38 a) gesagt haben.
Das wird zutreffen, sofern es bereits einschließt, ein nicht ausge-
drücktes Leben sei kein Leben. Das wahrgenommene, das artiku-
lierte, das mitgeteilte Leben, kurzum, das musisch entfaltete Leben,
ist recht eigentlich das menschliche Leben. Leitend ist denn auch
nicht so sehr der Asket des Geistes, der Rationalist um jeden Preis
als vielmehr der Musik treibende Sokrates; er bietet schließlich das
Inbild umfassender Harmonie.
Maximen wie diese sind es, die zu den Überlegungen und Aus-
künften des vorliegenden Buches führen. Es lädt ein zur Verständi-
gung über die ästhetische Grundlage unseres Daseins. Es will nicht
so sehr unterweisen, nicht schulmäßig streng Lehre vortragen,
schon gar nicht ein System errichten, sondern an bereits Vorhande-
nes anknüpfen, das Verstehen fördern und den kommunikativen
Verlauf beleben. Entsprechend kann die Lektüre erfolgen: recht
frei, nicht unbedingt streng fortlaufend.
Es ist einige Mühe und Arbeit auf diese kleine Schrift verwen-
det, Stunden, Tage, konzentriert zumeist, selbstvergessen, sonder-
bar vergnügt mitunter, am langen Faden der Geduld und zuse-
hends in der Zuversicht, dass, was da fertigzustellen war, erwartet
werde: vom Verlag, dem seinerseits freundlich einladenden, seiner
verdienstvollen Lektorin Kathrin Heyng zumal, und in erster Linie
von einem Kreis ansprechbarer, aufgeschlossener Leser. Was end-
lich erscheint, gibt in ungezwungener, gewissermaßen essayisti-
scher Form wieder was zuvor im akademischen Unterricht mehr-
fach mit Studierenden erörtert wurde. Die Hoffnung ist, dass dar-
über hinaus Zeitgenossen an das Dargebotene, das vornehmlich

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geschichtlich Erinnerte, mit Gewinn anknüpfen, das Bedachte ih-
rerseits fruchtbar machen können.
Ich widme das Buch den Menschen, Altersgenossen, Kommilito-
nen überwiegend, Choristen, Solisten, Instrumentalisten, mit de-
nen ich, in zusammenführender, leitender Stellung, während der
Tübinger Studienjahre die Freude gemeinsamen Musizierens erle-
ben konnte; Bach und Händel, Haydn und Verdi, Oratorisches zu-
meist. Der Text ist nicht zum geringsten ein Echo dieser unvergess-
lichen Erfahrung.
Mit dieser Veröffentlichung möchte ich überdies Martin Disler
ehren, den Künstler, den vielseitigen, völlig unakademischen, den
rückhaltlosen Maler, mit dem ich seit der Gymnasialzeit, der
Schulbühne, um genau zu sein, bis zu seinem frühen Tod im Au-
gust 1996 freundschaftlich verbunden war. Die schöpferische Be-
unruhigung, die stets von ihm ausging, war unerhört.
Der flüssigen Lesbarkeit halber sind in dieser Ausgabe nur Kurz-
belege wörtlicher Zitate angegeben. Die verwendeten Siglen (in
Klammern) sind im Literaturverzeichnis kapitelweise hinter der
entsprechenden Bibliographie aufgeführt. (Ae § 1 beispielsweise
bezieht sich auf Baumgarten, Alexander Gottlieb: Aesthetica und
so fort.) Alle weiterführenden Hinweise und Erläuterungen zur
Forschung sind in der Printausgabe weggelassen. Zur vertieften
Beschäftigung steht der ausführliche wissenschaftliche Anmer-
kungs-Apparat allen Interessenten auf der Website des Verlages
unter der Internet-Adresse http://www.narr.de/isbn.php?isbn=978-3-
7720-8315-0 zum kostenlosen Download bereit.
Der Grundtext, um auch dies vorab festzuhalten, folgt meist der
neuen deutschen Rechtschreibung. In Zitaten bleibt jedoch die Or-
thographie der zitierten Ausgaben erhalten.
Allen Beteiligten sei von Herzen gedankt. Besonderer Dank ge-
bührt Adrian Schüller und Alexander Seibold für vielerlei Er-
mutigung und konstruktive Kritik.

Augsburg/München, im Dezember 2008

Hans Peter Balmer

8
Die Krise der Moderne und die Wahrheit der Sinne

Sprich, wie geschieht’s, dass rastlos erneut


die Bildungen schwanken,
Und die Ruhe besteht in der bewegten Gestalt?
Schiller (Der Tanz, v. 19 f.)

Reflexion der ästhetischen Erfahrung


Was ist philosophische Ästhetik? Ist sie überhaupt berechtigt? Wo
und wie setzt sie an? Das alles steht durchaus nicht von vornherein
fest. Auch schon die Wendung ‚Reflexion der ästhetischen Erfah-
rung‘ ist mehrdeutig. Sie besagt (als Genitivus obiectivus), dass die
ästhetische Erfahrung der Reflexion unterzogen werde. Anderer-
seits (als Genitivus subiectivus gelesen) bedeutet die Formel, die
ästhetische Erfahrung sei ihrerseits als Reflexion aufzufassen, ge-
rade in der Reflexion liege das Eigentliche der ästhetischen Erfah-
rung. Zu allem Überfluss ist auch die Begriffsverbindung ‚ästheti-
sche Erfahrung‘ keineswegs eindeutig oder wissenschaftlich un-
umstritten. Es kann damit einmal eine spezielle Erfahrung, die Er-
fahrung nämlich des Ästhetischen, gemeint sein. Gemeint sein
könnte aber auch ein Aufmerken auf Erfahrung überhaupt und die
Möglichkeit oder Notwendigkeit, Erfahrung ästhetisch auszulegen
und fortzubilden. Vielleicht, um derart erst recht zum Erfahren zu
gelangen und zu einem Verstehen des Verstehens? Schließlich aber
wird im Ganzen unterstellt, es sei ein nützliches, ein sinnvolles
und unumgängliches Unterfangen, in der Reflexion der ästheti-
schen Erfahrung das Kernstück oder doch das erregende Moment
eines fruchtbaren philosophischen Gedankenganges oder gar einer
eigenständigen Disziplin innerhalb der Philosophie zu sehen. Fra-
gen über Fragen. Offensichtlich muss, hier wie stets, gewohntes
Gelände verlassen und ins Offene hinaus, wer zu philosophieren
sich anschickt. Um die Problematik des Ästhetischen in voller
Tragweite zu erfassen, wird es hilfreich sein, zunächst die histori-
schen Zusammenhänge in Umrissen zu vergegenwärtigen.

9
Immerhin, als bereits ausgemacht darf gelten, was nicht erreich-
bar ist. Nicht erreichbar ist eine idealistische Ästhetik. Kein Kundi-
ger wird mehr nach einer normativen Philosophie des Schönen
und der Kunst verlangen. Denn längst ist das Schöne aus dem
Mittelpunkt der Künste verschwunden, stehen die Künste selbst
nicht überall mehr unbestritten im Zentrum des Ästhetischen. Der
Frage nach den Ursachen dieser Verschiebungen wäre nur um den
Preis eines sterilen Klassizismus oder eines nostalgischen Roman-
tizismus auszuweichen. Der außer- und nachidealistischen ‚Kunst‘
liegt daran, das Wirkliche möglichst ungeschönt aufzufassen und
ihm allseitig Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Daher kommen
die Kehrseiten der Dinge zum Vorschein. Spätestens seit dem spa-
nischen Maler Francisco de Goya flutet gar das Höllische, das
während des Mittelalters, bei Dante zumal, an einen eigenen Ort,
das Inferno, gebannt war, nunmehr ins Bild der Wirklichkeit selbst
ein. Hässliches, Maßloses, Obszönes, Unheimliches, Schreckliches
oder auch nur Zufälliges, Banales, Trivialitäten, die Langeweile des
Alltags gewinnen gegenüber klassischer Schönheit zusehends an
Bedeutsamkeit. Stilrichtungen wie Manierismus , Schwarze Ro-
mantik , Realismus, Expressionismus , Surrealismus, Dadaismus
und erst recht die Avantgardebewegungen seit dem zweiten Welt-
krieg von Art Brut und Arte Povera bis Concept Art und Minimal
Art belegen unübersehbar die Grenzen schöner Idealität und mehr
und mehr das Aufhören privilegierter Repräsentativität. Was her-
kömmliche Kultur lange zu verdrängen, zu tabuisieren, zu margi-
nalisieren, mehr oder weniger zu sublimieren verstand, bricht mit
einem Mal durch, macht sich breit, oftmals als Wut und Verzweif-
lung, gar als die schiere Anarchie. Selbst das logische Denken, die
okzidentale Rationalität, der eingespielte ‚Logozentrismus‘, zumal
in seiner handfesten Anwendung, erscheint mitunter als etwas
Enges, Zwanghaftes, Unterdrückendes. Die Aufgeweckten sind
längst aufgebrochen, haben den schwindelnden Abstieg in die
dunklen Tiefen ihrer selbst und der Welt angetreten, mit dem Wil-
len, fortan über das gesamte menschliche Potential zu verfügen.
Zuletzt tritt an die Stelle jeweiliger Umgestaltung die Aufhe-
bung des Wirklichen zu Gunsten restloser Virtualisierung. Alles
scheint möglich, nichts fest. Trotzdem ist auch die analytische Ein-
grenzung auf eine formalistische Ästhetik verwehrt. Wer bloß

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semiotisch oder rein strukturalistisch dem Ästhetischen beizu-
kommen sucht und lediglich Elementarteilchen isoliert, von nichts
als potentiell unendlicher Differenz weiß und kaum noch Zeichen
auf Bezeichnetes bezieht, lässt zumindest die Frage nach der
(pragmatischen) Bedeutung ungestellt und unbeantwortet. Kurz-
um, die positivistische Reduktion verfehlt den ästhetischen Bereich
mit seiner Interpretationsbedürftigkeit und seinem universalen
Verweis- und Symbolcharakter.
Schließlich verbietet sich jedwede klassifizierende Ästhetik.
Wenn beispielsweise Hegel und noch Schopenhauer in einem Sys-
tem der Künste Ordnung und Sinn zu erkennen glauben, so wer-
den damit in Wahrheit vor allem die im Voraus gefassten meta-
physisch-ontologischen Entscheidungen illustriert und bestätigt. Es
kommt aber darauf an, die Eigenständigkeit des Ästhetischen zu
achten und von dessen Lebendigkeit und unabsehbarer Unter-
schiedenheit her an Metaphysik und Ontologie Änderungen anzu-
bringen – noch über Schellings Paradigma von der Kunst als Orga-
non der Philosophie hinaus. Ästhetisches Philosophieren, um dies
vorwegzunehmen, tendiert auf ‚Umwertung‘, auf Post-Moderne.
Folglich liegt es nahe, von der ästhetischen Erfahrung auszuge-
hen und sich zunächst darauf zu konzentrieren. Es ist angezeigt,
eine empirisch-experimentelle Haltung einzunehmen und in der
Weise der Phänomenologie und Hermeneutik zu verfahren, also
vom Erleben auszugehen, an Anschauen, Beschreiben und Verste-
hen anzuknüpfen. Ein weites Feld tut sich auf. Als ästhetische
Erfahrung fällt somit die menschliche Praxis überhaupt in Betracht,
insofern sie als reich, lebendig, zweckfrei und selbstbestimmt dar-
zustellen ist. Es besteht die Erwartung, der Lebensvollzug nehme
diese Qualitäten an, sowie die Vielheit der Bedürfnisse, Wünsche,
Artikulationsweisen und Phantasien nicht bloß in einem imaginä-
ren Bereich über der ‚Wirklichkeit‘ verbleibe, sondern in das All-
tagsleben einfließe, um es vor allem spielerisch-disponibel und
kommunikativ zu halten. Freilich, ob Kunst und Leben solcherart
zusammengehen, bleibt eine offene Frage und Anlass zu immer
neuen Experimenten. Bei aller gebotenen Zurückhaltung gegen-
über schwärmerischer Übertreibung wird doch jede neue Genera-
tion sich dagegen sträuben, die Enttäuschung und gar Resignation
der Altvorderen ohne weiteres hinzunehmen.

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Der Ansatz bei der ästhetischen Erfahrung führt also zur Neuge-
wichtung der Praxis und darüber hinaus zu einer Umwertung im
Bezug auf den die Praxis vollbringenden Menschen selber. Galt zu-
zeiten – in der Renaissance, im Sturm und Drang, in Klassik und
Romantik, im Ästhetizismus – der ästhetische Typus, das Genie,
der homo creator als quasi göttlicher Mensch, ausgezeichnet durch
eine überragende Produktivität, so fällt schließlich das Hauptau-
genmerk auf die anthropologische Komplementärgröße der Rezep-
tivität: die grundlegende Sensibilität des Menschen für die sinnli-
che Qualität der Dinge, Konstellationen und Vollzüge, sein ihm
eignendes ‚qualitatives Differenzierungsvermögen‘. Ästhetische
Erfahrung besagt rundweg, in Fühlung mit der Welt zu sein und
mit ihr kreativen Austausch zu pflegen. Menschlicher Sinnlichkeit
als qualitativem Unterscheidungsvermögen wohnt ein Moment
inne, das ihr deutlich eine produktiv-transzendierende Dynamik
verleiht. Ist also der ästhetische Weltbezug als ausgeprägter Sinn
für Erfahrung zu umschreiben, als rezeptives, aber keineswegs
passives Gespür für das, was in und um einen vor sich geht, so ent-
faltet sich darin eine schöpferische Fähigkeit: das Vermögen näm-
lich, das Erspürte auszudrücken und als Wahrgenommenes mitzu-
teilen, es als menschlich Bedeutsames und Wertvolles für sich und
andere anschaulich zu machen sowie Beteiligung, vielleicht sogar
Identifikation zu ermöglichen. Somit befördert ‚Kunst‘ den Aus-
tausch, die Solidarität und die Gerechtigkeit unter Menschen.
Bei alledem handelt es sich grundlegend um sinnliche Verwirkli-
chung. Gleichwohl fallen erspürter Vorgang, innerliche Vorstel-
lung und sinnfällige Darstellung auseinander. Das macht zum
einen die Symbolisierung unumgänglich. Zum anderen erzwingt
es die sprachlich-begriffliche Reflexion des insgesamt differenzier-
ten (und nicht ohne weiteres als dialektisch einzuholenden) dyna-
mischen Erfahrungsgefüges wie auch insbesondere des ihm einbe-
schriebenen Selbst. Wird die Reflexion weit und gründlich genug
vorangetrieben, so ergibt sich Ästhetik als philosophische Diszip-
lin: Theorie des Ästhetischen, die, als ein Moment der Praxis selbst,
nicht zuletzt deren Überformung in qualifizierte Kunst zu beglei-
ten und vielleicht mitzutragen vermag. Die ästhetische Erfahrung
als der Inbegriff menschlich-freien Umgangs mit den Dingen der
Welt erscheint aus der theoretischen Distanz alsdann als Lernpro-

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zess. Es treten charakteristische Veränderungen ein: über Kennen
und Können hinaus virtuose Fertigkeit, schließlich aber Ge-
schmack, Urteilsvermögen, insgesamt Kultur, Bildung. Ein Weg
mithin tut sich auf, der, statt in Routine, Indoktrination und Drill
zu versacken, ins Weite führt, zur Praxis der Freiheit. Darin geht es
einerseits um die Entfaltung von Individualität, andererseits aber
um die Ermöglichung von Auseinandersetzung und (partieller)
Übereinkunft. Im Brennpunkt steht die Behauptung der je meini-
gen Welt in Teilhabe an der Welt überhaupt. Nur so ist das Dasein
zu bestehen, indem gelernt wird, von Fall zu Fall voranzugehen,
eine Situation nach der anderen analog zu bewältigen. Zugleich
muss die ästhetische Erfahrung – wegen der Verpflichtung auf
Selbstbehauptung und freie Kommunikation – als Widerstand
beschrieben werden; als Gegenkraft gegen alles Entfremdende und
ungerechtfertigt Vereinnahmende.
Somit wird deutlich: Menschliche Lebendigkeit und alle Kultur
hängt unlösbar an der ästhetisch-empirischen Sensibilität für Frei-
heit und Gerechtigkeit.

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Ästhetisches Ethos: Marcuse als Beispiel
Zentrale Bedeutung gewinnt die Idee eines ästhetischen Ethos auf
neue Weise namentlich in Adornos Schaffen. Dessen ästhetische
Theorie besteht auf einem Typ denkender negativer Gehaltsästhe-
tik. Im Hinblick auf Praxisnähe empfiehlt es sich gleichwohl, –
wenn nicht Nietzsche oder Walter Benjamin oder Ernst Bloch oder
einen der postmodernen französischen Autoren – erst einmal Her-
bert Marcuse Š•œ Beispiel zu nehmen. Wie Adorno musste auch
Marcuse die Hitlerdiktatur in der Emigration überstehen. Von
Kalifornien und Mitte der neunzehnhundertsechziger Jahre von
Frankfurt und Berlin aus gab er entscheidende Anstöße für die
libertäre Aufbruchsbewegung von 1968. Ästhetische Erfahrung ist
hierbei wesentlich. Sie nährt Marcuse zufolge die Gegenkräfte zur
lebensbedrohlichen systemisch-rationalen Eindimensionalität. Im
Hinblick auf die stets erforderliche Humanisierung der Lebenswelt
bleibt der Vernunft daher keine Wahl als sich von einer bloß in-
strumentellen zu einer ästhetischen Vernunft weiterzuentwickeln.
Deren höchste Aufgabe besteht darin, gegenüber allen Einengun-
gen und Verkürzungen um wahre Lebenskunst bemüht zu sein.
Freiheit als deren Inbegriff ist nicht einfach mit Vernunft gleichzu-
setzen, das wäre bloß herkömmlicher Idealismus. Aber die Ver-
nunft ist auch nicht preiszugeben, dies hieße Irrationalismus wie er
schrecklich im Faschismus und in dessen dröhnend makaberer
Ästhetik zum Vorschein kam. Freiheit hängt vielmehr daran, ob
und inwieweit es gelingt, die Sinnlichkeit in die Vernunft als das
Andere ihrer selbst aufzunehmen und so zur Erweiterung und
Verwandlung einer teleologisch gefassten, einseitig rational-pro-
duktiven Vernunft zu gelangen. Diesen Vorgang umreißt Marcuse
zuweilen in sehr deutlichen sozialpsychologischen Konturen:
Das Vermögen, ‚rezeptiv‘, ‚passiv‘ zu sein, ist eine Vorbedingung von
Freiheit: es bezeichnet die Fähigkeit, die Dinge in ihrem eigenen Recht
zu sehen, die ihnen einbeschriebene Freude zu erfahren, die erotische
Energie der Natur – eine Energie, die befreit werden will: auch die Na-
tur wartet auf die Revolution. Diese Rezeptivität ist selbst der Boden
des Schöpferischen – sie bildet den Gegensatz nicht zur Produktivität,
sondern zur zerstörerischen Produktivität. Letztere ist das immer deut-
licher hervorgetretene Charakteristikum männlicher Vorherrschaft; weil
das ‚männliche Prinzip‘ die herrschende geistige und körperliche Kraft

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gewesen ist, wäre eine freie Gesellschaft die ‚bestimmte Negation‘ die-
ses Prinzips – sie wäre eine weibliche Gesellschaft. Diese ist grundsätz-
lich verschieden von jeglicher Form des Matriarchats; das Bild der Frau
als Mutter ist selbst repressiv; es übersetzt eine biologische Tatsache in
einen ethisch-kulturellen Wert und unterstützt und rechtfertigt derart
die gesellschaftliche Unterdrückung der Frau. Es geht vielmehr um den
Sieg des Eros über die Aggression bei Männern und Frauen; und das
heißt in einer von Männern beherrschten Zivilisation: es geht um die
‚Verweiblichung‘ des Männlichen. Darin würde sich die entscheidende
Veränderung der Triebstruktur ausdrücken: die Schwächung primärer
Aggressivität, die vermittels einer Kombination von biologischen und
sozialen Faktoren die patriarchalische Kultur bestimmt hat. (KR S. 90 f.)

Es leuchtet ein, dass daher die Forderung besteht, nachhaltig die


Wahrheit der Sinne geltend zu machen. In der Durchführung und
Begründung dieses Programms bleibt Marcuse jedoch wider-
sprüchlich. Seine Ästhetik wird ihm letztlich zum Zankapfel zwi-
schen einer kämpferischen Politik emanzipatorischer Sensibilität
und einer quasi mystischen Weigerung. Ästhetische Erfahrung,
von der ausgegangen und deren transzendierender Charakter
herausgestellt wird, verfällt somit wiederum dem Legitimations-
zwang: Ähnlich wie bei Adorno und Bloch und in der (Gesell-
schafts-)Kritischen Theorie überhaupt erscheint sie nur zulässig,
insoweit sie Möglichkeiten eines Andersseins vorwegnimmt. Auf
keinen Fall ist sie berechtigt, zum Bestehenden anerkennend sich
zu verhalten, den Status quo zu bestätigen. Zu überwinden sind
demnach nicht bloß Herrschaft und Gewalt, sondern alles Leiden,
nach Möglichkeit schließlich sogar Zeit und Tod. Dadurch geraten
Schönheit und Kunst, auf deren anhaltender Geltung Marcuse,
insofern im Fahrwasser des Idealismus, zunehmend drängt, neuer-
lich unter den Zwang, etwas außer ihnen bewerkstelligen zu sollen:
nichts Geringeres nämlich, als die heile Zukunft der Menschheit zu
erobern, oder aber, wenn sich dies als unmöglich herausstellt, zur
Sammlung in den totalen Widerstand aufzurufen. Das Ultimatum
lautet: entweder zur Befreiung und zur Vervollkommnung voran
oder aber unbeugsamer Widerstand.
Nun sollte man meinen, dass vor Zwangslagen solcher Art ge-
rade das Ästhetische bewahrt. Von einem gleichfalls durch und
durch ästhetisch-ethischen Ansatz her kommt beispielsweise der
mediterrane Albert Camus zu einem Konzept solidarischer Revolte

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in ausdrücklicher Verwahrung gegenüber jeglichen totalitären
Verstiegenheiten. Der Zugriff aufs Ganze bleibt demnach schlech-
terdings ausgeschlossen unter der Sonne wie allein schon das theo-
retische Urteil über ‚Alles‘ verwehrt ist. Von daher ließe sich erst
recht sagen: Ästhetisch fundierte, im Sinnlichen verankerte Praxis
der Freiheit bedeutet vor allem Empfänglichkeit für die affektive
Wirkung der Dinge, mit der Konsequenz, sie in ihrem Recht zu
respektieren, um von ihnen angeregt und bereichert zu werden.
Auf diese Weise werden die Dinge zum Ermöglichungsgrund
konkreter Freiheit. Hingegen bei Marcuse und in der gesamten
übrigen Kritischen Theorie tritt die Ästhetik in den Dienst einer
Utopie. Restlos alles scheint auf die befreite Gesellschaft hin finali-
siert. Allerdings hat die Organisation von Mitteln, die dazu dien-
lich scheinen, nach Maßgabe kultivierter Sensibilität zu erfolgen, so
dass schließlich die Wirklichkeit insgesamt – wie schon bei Kant
und Nietzsche und in gewisser Weise auch bei Dewey – die Form
eines Kunstwerkes annehmen würde. Hierüber sagt Marcuse:
Grunderfahrung wäre nicht länger die des Lebens als Kampf ums Da-
sein, sondern die seines Genusses. Die entfremdete Arbeit verwandelte
sich in das freie Spiel menschlicher Fähigkeiten und Kräfte. Die Folge
wäre eine Stillstellung allen inhaltlosen Transzendierens, die Freiheit
wäre nicht länger ewig scheiterndes Projekt. Die Produktivität bestimmt
sich an der Rezeptivität, die Existenz würde nicht als ständig sich stei-
gerndes und unerfülltes Werden erlebt, sondern als Da-Sein mit dem,
was ist und sein kann. Die Zeit erschiene nicht mehr als lineare, als
ewige Linie oder ewig aufsteigende Kurve, sondern als Kreislauf, als
Wiederkehr, wie sie zuletzt noch von Nietzsche als die ‚Ewigkeit der
Lust‘ gedacht wurde. (PP, S. 50)

Den anerkannten Werken der Kunst und dem darin sich zeigenden
Schönen kommt insoweit nicht nur Protestfunktion gegen das
Bestehende zu. Ihre Überlegenheit macht sie vielmehr zu symboli-
schen Größen bleibenden Rechts. Die in allem Wechsel und Wan-
del beständige Verbindlichkeit der großen Kunst artikuliert eine
umfassende Menschlichkeit, the human condition recht eigentlich,
die in ihrem ganzen Reichtum von keinem Einzelnen und von
keiner Schicht erschöpfend zu leben ist. Das Ästhetische erweist
sich also einer Idee des Glücks verpflichtet, die nicht restlos in Pra-
xis überführbar ist. Was in ästhetischer Form hervortritt, ist vor

16
allem der Appell an eine unergründlich geheimnisvolle Subjektivi-
tät. Das Schicksal des Einzelnen, seine Leidenschaft sind es, die
nach Umformung verlangen. Insofern verbleibt Kunst als Schein
über der Wirklichkeit. Die Einlösung des Versprechens, das Kunst
ist, liegt nicht bei ihr selbst. Und in der Tat, besteht nicht darin das
Blendende von Kunst, dass sie ein Glück in Aussicht stellt, das sie
selbst nicht entrichten kann? Reine Menschlichkeit ginge offenbar
wie über Politik so auch über Kunst noch hinaus. Was erstrebt
wird im Letzten – Erfüllung, Ruhe, Befriedigung, Genuss, Liebe,
Schönheit, Freiheit und Frieden –, alle diese Postulate koinzidieren,
wie bei vielen früheren auch bei Marcuse, schließlich in mystischer
Negativität. So nur scheint verständlich, wenn zum Schluss des
Essays „Die Permanenz der Kunst“ sonderbar quietistisch gemut-
maßt wird, die Selbstbestimmung des Endes sei geradezu Stillstel-
lung und der allumfassende Friede erweise sich womöglich als
Versöhnung von Eros und Thanatos, Liebe und Tod.
In allen ihren Widersprüchen, dem Oszillieren zwischen Politik
und Mystik, Revolution und Romantik, ist Marcuses Auslegung
der ästhetischen Erfahrung Ergebnis und Spiegel der jüngeren
Kulturgeschichte. Unübersehbar knüpft der radikale Gesellschafts-
theoretiker bei den Begründern der modernen Ästhetik an. Und in
der Tat sind sie es, Baumgarten, Kant und Schiller in der zweiten
Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, auf die der freiheitliche An-
spruch der neueren Ästhetik zurückzuführen ist. Die Wende zur
Ästhetik steht in engem Zusammenhang mit dem Verlust einer
Garantie der Sinnerfüllung durch eine zielgerichtete Dynamik
transzendenter Werte sowie mit den Aporien eines Bewusstseins,
das in seinem Subjektivismus die Welt verloren hat.
Ästhetische Erfahrung somit im Horizont des Nihilismus? Oder
erwiese sie sich am Ende so bedeutsam und so kraftvoll, derart
metaphysisches Denken selbst noch zu überbieten?

17
Grundlage erweiterter Menschlichkeit:
Die Pioniertat Baumgartens

Es ist ein grundlegend kritischer Anspruch, den die moderne Äs-


thetik erhebt. Nicht um Theorie der Künste und des Schönen geht
es in erster Linie, sondern um Erweiterung, Steigerung und Befrei-
ung des Daseins mittels sinnlicher Möglichkeiten. Was für eine
radikale Wende damit statthat, kann ein Rückblick auf die Ur-
sprünge der neuzeitlichen Ästhetik erweisen.

Anläufe der Moderne


Anläufe gab es verschiedentlich. Im Jahr 1642 veröffentlichte der
spanische Jesuit Baltasar Gracián einen Traktat über den Scharfsinn
und die Kunst des Ingeniums. Er betonte damit den Zusammen-
hang von Stil und Leben. Bedeutsam sind dabei vor allem das
Erfassen und Ausdrücken des jeweils Konkreten, nicht so sehr des
Allgemeinen, Universalen, Überzeitlichen. Dazu aber bedarf es
einer eigenen Findigkeit, des Ingeniums wie es heißt. Dessen Mittel
sind Scharfsinn und Geschmack sowie eine deutlich metaphorische
Verständigungsweise.
Bedeutsam ist sodann der englische Philosoph und liberale
Kommunalpolitiker mit dem eindrucksvollen Namen Anthony
Ashley Cooper, Dritter Earl of Shaftesbury. Shaftesbury publiziert
1708 zu London „A Letter concerning Enthusiasm“ („Ein Brief
über den Enthusiasmus“) und im Jahr darauf „The Moralists“
(„Die Moralisten“). Mit beiden Werken hat er stark auf die Ästhe-
tik des achtzehnten Jahrhunderts in Deutschland gewirkt. Auch
hier werden Enthusiasmus, Phantasie, Ironie, Humor und Witz als
Heilmittel gegen rationalistischen Dogmatismus und Fanatismus
zur Geltung gebracht. Nur mittels einer entsprechend gelockerten
Einstellung ist die Seele befähigt, die Dinge und insbesondere den
Bereich der Natur in einer menschlich produktiven Weise wahrzu-
nehmen und darzustellen.

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1725 konfrontiert der neapolitanische Philosoph und letzte
Nachzügler der italienischen Humanisten Giambattista Vico den
kartesischen Rationalismus mit einer deutlich toleranteren ‚Neuen
Wissenschaft‘. Darin werden Mythos und Dichtung kraft ihrer
nicht bloß kognitiven, sondern auch emotiven Stärke in neuer Wei-
se zur Deutung von Geschichte und Gesellschaft herangezogen.
Hatte sich im Gefolge von Descartes die Philosophie auf jenes klare
und distinkte Wissen eingeschränkt, das sich, methodisch streng,
auf einen einzigen unerschütterlichen Grund zurückbringen ließ,
machte sich die ‚Neue Wissenschaft‘ daran, die Axiome menschli-
chen Weltverstehens möglichst vollzählig aufzusuchen und in ih-
rer irreduziblen Vieldeutigkeit nachdrücklich zur Geltung zu brin-
gen. Der Philosophie wurde ihre andere Seite wieder nahege-
bracht: Ingeniöse Topik wurde so wichtig wie Kritik und Dialektik.
Das Mythische bleibt in Kraft, es wirkt als unerlässliche Form
menschlich-schöpferischer Welterschließung: Jede nachfolgende
Überlegung in Philosophie und Wissenschaft ist, als Re-flexion
über etwas, dank dessen überhaupt erst möglich. Bestand und
Wandel der bedeutsamen Dinge hängen von einer letztlich my-
thisch fundierenden Sprache ab. Und die menschliche Situation
kommt überhaupt erst in den Blick, wenn sie in der ihr zugehöri-
gen Sprachlichkeit verhandelt wird. Unentbehrlich ist dabei das
Innehaben der elementaren Bilder. Unter der apodiktisch-
beweisenden Sprache im Dienst des Wissens wirkt eine tiefere
Schicht: die deiktisch-weisende Sprache, das eigentliche Findever-
mögen, die Ur-kunde von den unbeweisbaren, nicht abzuleiten-
den, sondern nur zu schauenden Grundgegebenheiten. Vorzügli-
che Ausdrucksweise solch sprachlicher Deixis ist seit eh und je die
Metapher. Und die erforderlichen musischen Organe heißen Phan-
tasie und Erinnerung.

Was Sinnlichkeit erbringt


Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nun wird Alexander Gottlieb
Baumgarten das Ästhetische Grundlage umfassender Menschlich-
keit. Der deutsche Universitätsphilosoph begründet Ästhetik als
eigenständige Disziplin, er verhilft ihr zu ihrem Namen und glie-
dert sie in den philosophischen Fächerkanon ein. Und dies bereits

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