Sie sind auf Seite 1von 2

Gedichtvergleich

Die beiden vorliegenden Gedichte trennen mehrere Jahrzehnte: Paul Zech verfasste
„Im Dämmer“ im Jahre 1913, „Der Abend“ von Joseph von Eichendorff stammt aus dem Jahr
1826. Betrachten wir lediglich die Entstehungsjahre, so ist eindeutig, dass das erste Werk zur
Zeit des Expressionismus und das zweite Werk in die der Periode der Romantik entstanden
sind. Beide Dichter haben als Zentralmotiv den Abend, der programmatisch im Titel ernannt
wird. Allerdings wird das Motiv des Abends unterschiedlich behandelt, da es unter dem
Einfluss verschiedener zeitlichen und literarischen Epochen steht.
Das expressionistische Gedicht „Im Dämmer“ handelt von den Auswirkungen der
Industriegesellschaft auf die Menschenwelt und auf die Stadt. Der bekannte
expressionistische Dichter, Paul Zech, schafft auch dieses Mal der Leserschaft die Situation der
Menschen des 20. Jahrhunderts, nämlich vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges, mittels
expressionistisch geprägten Stiles zu beschreiben. Hier ist die Natur kaum bemerkbar, denn
es handelt sich um einen höchst verschmutzten Raum, in dem Menschen ihr unwürdiges
Leben führen müssen.
Im Kontrast zu Paul Zechs „Im Dämmer“ steht Joseph von Eichendorffs Gedicht „Der
Abend“ aus dem Jahr 1826. Im Vergleich zu dem was Zech beschreibt, thematisiert
Eichendorffs Gedicht ein Naturerleben, in dem die starke Beziehung zwischen der Natur, die
als etwas Göttliches dargestellt wird, und dem Einzelnen auffällig ist.
Wie schon vorher erwähnt wurde, gehen beide Dichter vom selben Zentralmotiv aus,
nämlich dem Abend. Allgemein beschreibt der Abend oder die Dämmerung die Zeit des
Übergangs vom Tag zu Nacht. Paul Zech betrachtet den Abend unter dem Begriff „Dämmer“
und unter dem Einfluss des Expressionismus. Mit der Dämmerung verändert sich die
Umgebung, auch die eigene Sichtweise, nämlich man betrachtet die Dinge in einem anderen
Licht. In dem vorliegenden Gedicht geht es um das Zwielicht, in dem man häufig lichtscheue
Gestalten sieht, die sich bei Tag nicht sehen lassen und erst bei zunehmender Dunkelheit in
Erscheinung treten. Diese Gestalten sind die arbeitenden Menschen, welche tagsüber in den
Fabriken arbeiten und nicht in der Stadt zu sehen sind. In diesem Fall bringt die Dämmerung
am Abend eine finstere Aussicht mit sich, die die Stimmung der beschriebenen Stadt
untermauert und ein apokalyptisches Bild, den Weltuntergang, ankündigt.
Diametral entgegengesetzt steht die romantische Interpretation des Abends. Für
Joseph von Eichendorff hat der Abend eine ganz besondere Bedeutung, nämlich eine
Erholungszeit, welche die Transzendenz zwischen Wirklichkeit und Traum symbolisiert.
Was die Gedichte betrifft, kann man nach ihrem ersten Durchlesen behaupten, dass
sie sowohl vom Inhalt als auch von der Art der Stilistischen Mitteln, Bilder und Ideen
entgegengesetzt sind. Auch ihre Formen sind unterschiedlich: während Zech die strenge Form
des Sonetts wählt, die stark mit dem Chaos der Welt in Verbindung steht, schreibt Eichendorff
ein kurzes reflexives Gedicht, das im Einklang mit einer Gemütsstimmung ist. Im Pauls Zechs
Werk dominiert eine kräftige Bildsprache der Industrie „zuckt“ V.1, „geschwängert“ V.4,
„niederduckt“ V.4. Die Menschen werden als eine entindividualisierte Masse, einen
„Menschentrupp“ V.5, beschrieben.
Für Eichendorff spielt die Verschmelzung des Menschen, als Teil der Natur, mit der
Welt eine wichtige Rolle. Dieser stellt mithilfe des Abends einen Gemütszustand, der in der
Natur, umgeben von „Erde“ V.2, „Bäumen“ V.3, entsteht, dar. Der Lyriker beschreibt den
Menschen als Einzelnen und stellt der Leserschaft zwei Zustände des menschlichen Daseins
vor: die Unruhe tagsüber mit der „laute(n) Lust“ V.1, welche die Ruhe der Nacht „Schweigt“
V.1 auflöst.
Spricht man von der Verbildlichung im romantischen Werk, so muss man unbedingt
erwähnen, dass alle Darstellungen, seien diese auditiv oder visuell, dem Leser helfen die
Harmonie, die gemütliche Stimmung des Gedichts wahrzunehmen und helfen die
Melancholie, die Sehnsucht zu fühlen. Angenehme Geräusche und sanfte Bewegungen führen
zum Einklang zwischen Erde und Bäume „Rauscht die Erde (...)/ (...) mit allen Bäumen“ V.2,
V.3. Somit schafft der Lyriker einen magischen Moment, der das Göttliche an der Natur
offenbart.
Demnächst widmen beide Dichter ein paar Verse den Menschen. Zech stellt ein Bild
der unmenschlichen Atmosphäre der Industrielandschaft und stellt die Arbeiter, welche
mühevoll arbeiten, der junge Generation entgegen, welche ausgelassen ist und ihre Sinne im
Alkohol betäubt. Hiermit unterstreicht Zech das unbewusste Handeln der Menschen.
Auf der anderen Seite steht Eichendorff: er nutzt auch das Unbewusste der Menschen.
Er sieht im Traum einen Zugang ins Unbewusste des Menschen und erkennt im Traum Gefühle
wie Nostalgie und Traurigkeit: „dem Herzen kaum bewusst“ V.4. Außerdem bedient sich der
Romantiker Naturphänomene um menschliche Gefühle zu wiedergeben und unterstreicht
somit die Einheit des Menschen mit der göttlichen Natur: „Schweifen leise Schauer/
Wetterleuchtend durch die Brust.“ V.6, V.7. Somit beschwört der Dichter eine Erinnerung,
welche emotionale Wirkung auf das Individuum hat, nämlich stürmische Gefühle.
Die Stimmung beider Werke wird auch mithilfe der Gerüche unterstützt. Im
expressionistischen Gedicht treten höllische Gerüche auf wie „Schwefelsumpf“ V.11 oder
„Rauch“ V.4. Auch das monströse Bild der Öffnungen des Walzwerks ähneln einem hungrigen
Ungeheuer, das mit offenem Maul „gähnt“ V.12, „Feuerrachen“ V.13 und bereit auf den
Angriff „harren des Winks, den Himmel zu zerfleischen.“ V.14 ist.
Zu Zech entgegengesetzt steht auch dieses Mal Eichendorff, denn er beendet seine
Dichtung in einer ruhigeren Nachtstimmung, die den Menschen, mit der Natur vereint, und
ihn veranlasst an die Vergangenheit zu denken.
Auch die Wortwahl der zwei Dichter ist verschieden: als Expressionist wählt Paul Zech
Wörter, welche zum Wortfeld der Industrialisierung gehören – „Kanäle“ V.1, „Fabriken“ V.2,
„Rauch“ V.4, „Kabinen“ V.6, „Drahtseilzug“ V.9, „Schlackenschutt“ V.10. Eichendorff
bevorzugt eine einfache Sprache, welche Wörter zum Wortfeld der Natur – „ Erde“ V.2,
„Bäumen“ V.3, „Schauer“ V.6, „Wetterleuchtend“ V.7 und dem der Gefühle enthält – „Lust“
V.1, „Herzen“ V.4, „Trauer“ V.5, „Brust“ V.7.
Typisch für den Expressionismus ist gewiss Paul Zechs Gedicht „Im Dämmer“: Es
beschreibt die Änderungen der Gesellschaft unter dem Einfluss der Industrieentwicklung. Der
Mensch spielt keine Rolle in seiner Beschreibung, er ist nur ein Teil dieses
Entwicklungsprozesses.
Typisch für die Romantik ist selbstverständlich Eichendorffs Gedicht „Der Abend“: Es
konzentriert sich auf die Einheit Mensch-Natur und versucht eine gemütliche, göttliche
Naturbeschreibung zu realisieren und diese in Menschengefühle mithilfe Naturvergleiche zu
wiederspiegeln.
Beide Dichter benützen das Motiv des Abends und beginnen ihr Werk damit. Der
Einfluss jeder literarischen Epoche prägt die Darstellung des Abends, so dass letztendlich beide
Lyriker ein originales Bild ihrer Zeit schaffen, dass die jeweilige Auffassung veranschaulicht.