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Herfried Münkler

Imperien
Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis
zu den Vereinigten Staaten
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1. Was ist ein Imperium?
Eine knappe Merkmalsbeschreibung der Imperien
Weltreiche und Großreiche
Imperialer Interventionszwang, Neutralitätsoptionen und
der Melier-Dialog bei Thukydides

2. Imperium, Imperialismus und Hegemonie: eine


notwendige Differenzierung
Die selbstzerstörerische Dynamik des Kapitalismus: die
ökonomischen Imperialismustheorien
Das Zentrum-Peripherie-Problem
Prestigestreben und Mächtekonkurrenz: die politischen
Imperialismustheorien
Expansionszwänge, Randlagenvorteile und
Zeitsouveränität
Die heikle Unterscheidung zwischen Hegemonie und
Imperium

3. Steppenimperien, Seereiche und globale


Ökonomien: eine kleine Typologie imperialer
Herrschaft
Imperienbildung durch militärische und kommerzielle
Mehrproduktabschöpfung
Die (mindestens) zwei Seiten von Imperien
Imperiale Zyklen und augusteische Schwellen

4. Zivilisierung und Barbarengrenze: Merkmale und


Aufgaben imperialer Ordnung
Der Frieden als Rechtfertigung imperialer Herrschaft
Imperiale Mission und Sakralität des Reiches
Der Barbarendiskurs und die Konstruktion des imperialen
Raumes
Prosperität als Rechtfertigung und Programm imperialer
Herrschaft

5. Das Scheitern der Imperien an der Macht der


Schwachen
Formen imperialer Überdehnung
Politische Mobilisierung und militärische Asymmetrierung:
die Strategien antiimperialer Akteure
Kulturelle Identitätskämpfe und Terrorismus als Strategie
des Verwüstungskrieges

6. Die überraschende Wiederkehr des Imperiums im


postimperialen Zeitalter
Die Diagnose vom Ende des imperialen Zeitalters und das
Problem postimperialer Räume
Die USA: das neue Imperium
Ein demokratisches Imperium?
Die imperiale Herausforderung Europas

Karten
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Danksagung
VORWORT
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich in der deutschen Wissenschaft für
Theorie und Geschichte der Imperien niemand mehr besonders interessiert.
Erst der Zusammenbruch der Sowjetunion hat ein kurzzeitiges Interesse
daran aufleben lassen, getragen freilich von der erleichterten Feststellung,
dass die Geschichte der Imperien, die bis in die Zeit der frühen
Hochkulturen zurückreicht, nunmehr definitiv zu Ende sei. Das hat sich in
den letzten Jahren, als die neue weltpolitische Rolle der USA sichtbar
wurde, schlagartig geändert. Mit einem Mal war vom amerikanischen
Imperium die Rede, und seitdem weist die Kritik am weltpolitischen Agieren
der USA starke antiimperiale Züge auf. Zwar ist den USA schon häufig
Imperialismus vorgeworfen worden – während des Vietnamkriegs etwa,
anlässlich von Militärinterventionen in Lateinamerika oder am Persischen
Golf. Doch solche Vorwürfe richteten sich gegen bestimmte Entscheidungen
und Handlungen der amerikanischen Regierung; die antiimperiale
Grunddisposition richtet sich gegen das Übergewicht und die
Dominanzansprüche der USA als solche. Das ist entschieden mehr.
Ist die Weltgemeinschaft zu ihrer eigenen Sicherheit auf eine imperiale
Vormacht angewiesen? Oder stellt diese imperiale Vormacht eine
gravierende Störung der Weltordnung dar, und es wäre besser, wenn es sie
nicht gäbe? Um diese Frage kreist im Prinzip die Debatte, wie sie im Vorfeld
des jüngsten Golfkrieges geführt worden ist. Tatsächlich hat die in der UNO
versammelte Weltgemeinschaft in den vergangenen Jahren immer wieder
auf die Fähigkeiten der imperialen Vormacht zurückgegriffen. Dass diese
Inanspruchnahme nicht selbstlos war und die USA dafür Sonderrechte
forderten, hat man nicht wahrhaben wollen. Die daraus erwachsenen
Irritationen waren auch eine Folge davon, dass man Funktionen und
Ansprüche eines Imperiums schon lange nicht mehr durchdacht hatte.
Imperien sind mehr als große Staaten; sie bewegen sich in einer ihnen
eigenen Welt. Staaten sind in eine Ordnung eingebunden, die sie
gemeinsam mit anderen Staaten geschaffen haben und über die sie daher
nicht allein verfügen. Imperien dagegen verstehen sich als Schöpfer und
Garanten einer Ordnung, die letztlich von ihnen abhängt und die sie gegen
den Einbruch des Chaos, der für sie eine stete Bedrohung darstellt,
verteidigen müssen. Der Blick in die Geschichte nicht nur der USA, sondern
auch anderer Imperien zeigt, dass sprachliche Wendungen wie die von der
«Achse des Bösen» oder den «Vorposten der Tyrannei» nichts Neues und
Besonderes sind. Vielmehr durchziehen sie die Geschichte der Imperien wie
ein roter Faden.
Das Pendant der Furcht vor dem Einbruch des Chaos und der selbst
gewählten Rolle eines Verteidigers der Ordnung gegen die Unordnung, des
Guten gegen das Böse, in der sich das Imperium sieht und durch die es sich
legitimiert, ist die imperiale Mission, die ebenfalls eine grundlegende
Rechtfertigung der Weltreichsbildung darstellt: Entweder soll die
Zivilisation verbreitet werden, oder es geht um die weltweite Durchsetzung
der sozialistischen Gesellschaftsordnung, den Schutz der Menschenrechte
oder die Förderung der Demokratie. Während Staaten an den Grenzen
anderer Staaten Halt machen und es ihnen selbst überlassen, ihre inneren
Angelegenheiten zu regeln, mischen sich Imperien in die Verhältnisse
anderer ein, um ihrer Mission gerecht zu werden. Deshalb können Imperien
auch sehr viel stärkere Veränderungsprozesse in Gang setzen, während die
Ordnung der Staaten durch einen strukturellen Konservatismus geprägt ist.
Betrachtet man die Dinge unter dieser Perspektive, so steht keineswegs
fest, was unter dem Einfluss der Imperialismustheorien zu einer
Selbstverständlichkeit geworden ist: dass eine globale Ordnung
gleichberechtigter Staaten ohne imperialen Akteur das Wünschens- und
Erstrebenswerte ist. Die politische Ordnung des europäischen Raumes hat
sich nach dem Untergang des Römischen Reiches so entwickelt, dass es
keine dauerhafte und handlungsmächtige imperiale Macht mehr gegeben
hat, wohl aber eine Fülle von Prätendenten auf diese Rolle, die jedoch alle
frühzeitig gescheitert sind. Das ist – abgesehen davon, dass die Europäer in
anderen Kontinenten sehr wohl Großreiche gebildet haben – andernorts
nicht so gewesen. Vor allem in Asien setzte sich eine politische Ordnung
durch, in der Imperien sich mit einem Kranz von Klientelstaaten umgeben
haben. Infolgedessen ist die Ordnung dieser Räume stark zentriert worden,
während in Europa ein vielfältiger Polyzentrismus entstand.
Unser Bild von Imperien ist durch die Vorstellung geprägt, dass die
Peripherie von ihnen ausgesaugt und ausgebeutet werde: Sie verarme, und
das Zentrum werde immer reicher. Tatsächlich hat es solche Imperien stets
gegeben, aber sie waren nur von kurzer Dauer. Nach einiger Zeit nahm der
Widerstand gegen das Zentrum überhand, und die Beherrschungskosten
überstiegen die aus der Peripherie gezogenen Gewinne. Dagegen hatten
diejenigen Imperien eine längere Dauer, die in ihre Randbereiche
investierten und so dafür sorgten, dass die Peripherie schließlich am
Fortbestand des Imperiums ebenso interessiert war wie das Zentrum.
Darum also geht es in diesem Buch: um die Typen imperialer Herrschaft,
die Formen von Expansion und Konsolidierung und um die Medien, in denen
sich die Imperiumsbildung vollzogen hat. Aber das Erkenntnisinteresse
beschränkt sich nicht auf die Unterscheidung von See- und Landimperien,
Handels- und Militärimperien, imperialen Ordnungen, die sich über die
Kontrolle von Räumen entwickeln, und solchen, die im Wesentlichen in der
Kontrolle von Strömen (Menschen, Waren, Kapital) bestehen, sondern zielt
darüber hinaus auf die Rationalität der Akteure, eben auf die Logik der
Weltherrschaft. Es geht auch darum, Prognosen über die Dauer und
Stabilität des amerikanischen Imperiums zu machen und Überlegungen zu
der Frage anzustellen, wie ein Europa beschaffen sein muss, das sich
einerseits als selbständige politische Kraft neben den USA zu behaupten
vermag und andererseits in der Lage ist, seine instabilen und
hereinstürzenden Ränder zu befestigen und positiv auf seine Nachbarn
einzuwirken. Ein solches Europa wird nicht umhin kommen, selbst
imperiale Merkmale zu übernehmen und imperiale Fähigkeiten zu
entwickeln – und wenn man genau hinsieht, hat es damit bereits begonnen.
Die Voraussetzung dafür ist freilich, dass imperiales Agieren nicht von
vornherein als schlecht und verwerflich wahrgenommen, sondern als eine
Form von Problembearbeitung neben der des Staates und anderer
Organisationsformen des Politischen angesehen wird.
Das ist nicht zu verwechseln mit einer Rehabilitierung der alten
Kolonialimperien. Sich aus einem solchen Kolonialimperium in einem
Unabhängigkeitskrieg hinausgekämpft zu haben ist der Gründungsmythos
der USA; eine solche Form der Beherrschung außereuropäischer Räume
einmal ausgeübt und dann hinter sich gelassen zu haben ist das
Selbstverständnis der Europäer. Aber dass das auf Gleichheit und
Reziprozität angelegte Staatenmodell in den nächsten Jahrzehnten in der
Lage sein wird, die erkennbaren Herausforderungen zu bestehen, wird man
eher bezweifeln dürfen. Staatsversagen, insbesondere Staatenzerfall,
provoziert das Eingreifen oder die Entstehung von Imperien.
Dagegen werden viele einwenden, dass die Gegenüberstellung von Staat
und Imperium keine erschöpfende Alternative sei – und ihre
Wunschvorstellungen von guter politischer Ordnung aufzählen. Dabei
werden sie sich immer weiter von dem entfernen, was der Fall ist. Der Blick
auf die Geschichte zeigt, dass sich die Modelle politischer Ordnung letzten
Endes doch zwischen Staat und Imperium erschöpft haben – wenn man
denn beide Begriffe weit und großzügig versteht und nicht für jeden
Spezialfall von Staatlichkeit und Imperialität einen eigenen Oberbegriff
erfindet. Was der Imperiumsbegriff leistet, soll hier ausgelotet werden. Auf
welchen Bahnen Imperien entstanden und wie sie zerfallen sind, soll
dargestellt werden. Wissenschaftlich wird dabei ein Feld betreten, das
lange brachgelegen hat.
Berlin, Februar 2005
1. WAS IST EIN IMPERIUM?
Die Debatten über den letzten Irakkrieg, die möglichen Hintergründe und
verborgenen Ziele des erneuten militärischen Eingreifens der USA in der
ölreichen Golfregion, überhaupt die Rolle der USA am Golf und in
Zentralasien, dazu die tiefen Zerwürfnisse in den transatlantischen
Beziehungen haben in Europa den Blick für die Entstehung einer neuen
Weltordnung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts geschärft. Mit der
notorischen Weigerung der USA, internationalen Vereinbarungen
beizutreten, vom Kyoto-Protokoll bis zum Internationalen Strafgerichtshof
in Den Haag, zeichnete sich eine Neudefinition der amerikanischen Position
in der politischen Ordnung der Welt ab. Es kommt hinzu, dass die
Beziehungen zwischen den USA und der UNO, die in den letzten
Jahrzehnten nie ohne Probleme gewesen sind, grundsätzlich zur Disposition
stehen, nachdem US-Präsident George W. Bush in einem denkwürdigen
Auftritt vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen am
12. September 2002 damit gedroht hat, die USA würden einige der
drängenden sicherheitspolitischen Probleme im Alleingang lösen, wenn die
Weltorganisation sich dazu als unfähig erweise.
Dass dies keine leere Drohung war, hat sich im Frühjahr 2003 mit dem
Dritten Golfkrieg gezeigt. Zwei Interpretationen des neuen Verhältnisses
der USA zum UN-Sicherheitsrat waren möglich: Entweder die USA suchten
ihn als amerikahörigen Legitimationsspender zu instrumentalisieren oder
sie begannen damit, sich aus der notorischen Inanspruchnahme als
militärischer Arm der Weltorganisation zu emanzipieren: Sie stellten ihren
ebenso hoch entwickelten wie teuren Militärapparat nicht länger in den
Dienst der Weltgemeinschaft, sondern setzten ihn gemäß eigener
Interessen und Ziele ein. Die Konflikte im Vorfeld des Irakkriegs waren –
auch – eine Kontroverse über die Frage, wer wen als Instrument benutzen
konnte: die Vereinigten Staaten die Vereinten Nationen oder die Vereinten
Nationen die Vereinigten Staaten. 1
Die europäische Sicherheitsarchitektur, auf die man sich in Deutschland
bis dahin verlassen hatte, schien ebenfalls brüchig geworden. Weitgehend
unbemerkt hatte sich die Nato in den 1990er Jahren aus einem Bündnis auf
konsultativer Grundlage in ein Instrument der USA zur Kontrolle Europas
verwandelt. Und wo es sich für die amerikanische Politik als zu sperrig
erwies, wurde es kurzerhand durch eine coalition of the willing ersetzt. Im
Vergleich zu den Zeiten des Kalten Krieges ist die faktische Abhängigkeit
der Europäer von den USA eher gewachsen als gesunken: Wer bei der
Erfüllung der amerikanischen Vorgaben nicht mitmacht, muss mit
politischem und wirtschaftlichem Druck rechnen oder wird mit höhnischen
Bemerkungen überschüttet. Wer sich hingegen auf Seiten der Amerikaner
engagieren will, kann das jederzeit tun – freilich zu amerikanischen
Bedingungen und ohne Einfluss auf die politischen Grundentscheidungen,
wie selbst Großbritannien, der Hauptverbündete der USA, ein ums andere
Mal feststellen musste. Daran haben die Probleme, in die sich die USA im
Irak verstrickt haben, im Prinzip nichts geändert. Die Ära wechselseitiger
Konsultativverpflichtungen im Nordatlantischen Bündnis ist vorbei, und die
Nato-Osterweiterung erweist sich im Nachhinein als ein Schritt, der den
Einfluss der Verbündeten aus den Zeiten der Ost-West-Konfrontation
deutlich gemindert hat. 2
In dieser Situation mehrten sich die Appelle an die USA, sie sollten sich
mit der Rolle eines wohlwollenden Hegemon begnügen, die sie bislang
innegehabt hätten, und nicht die einer imperialen Macht anstreben. Um
solchen Warnungen Nachdruck zu verleihen, wurde auf die
unkontrollierbaren Risiken von Imperien, auf die Gefahr ihrer Überdehnung
und schließlich auf den unvermeidlichen Zusammenbruch aller bisherigen
Imperien hingewiesen. «Während in der Vergangenheit», so Michael Mann,
ein in den USA lehrender Brite, «die Macht Amerikas hegemonial war, also
in der Regel vom Ausland akzeptiert und häufig als legitim betrachtet
wurde, kommt sie jetzt aus den Gewehrläufen. Das untergräbt die
Hegemonie und den Anspruch, ein ‹wohlwollendes Empire› zu sein.» 3 Wer
versuche, die hegemoniale gegen eine imperiale Position auszutauschen,
riskiere nicht bloß, mit diesem Projekt zu scheitern, sondern laufe Gefahr,
auch die Hegemonie zu verlieren. Hegemonie und Imperium wurden in
zahllosen Varianten gegeneinander ausgespielt, fast immer verbunden mit
dem Hinweis, es sei besser, Hegemon zu bleiben als die imperiale
Herrschaft anzustreben.
Mit einem Mal wurde die Debatte, die als eine über die Interessen und
Absichten der USA in der Golfregion begonnen hatte, mit einer Fülle von
historischen Argumenten und Vergleichen geführt, die allesamt dazu
dienten, das irritierend Neue an der Politik der USA sowie den
weltpolitischen Konstellationen durch Analogien mit früheren
Entwicklungen ins Vertraute und Überschaubare zurückzuholen. Die
Geschichte des Imperium Romanum wurde zur Folie, vor der die Chancen
und Risiken der amerikanischen Politik beurteilt wurden; die Struktur des
British Empire diente als Modell, an dem die imperialen Herausforderungen
und die zu ihrer Bewältigung erforderlichen Fähigkeiten der USA gemessen
wurden; und schließlich wurde der ein gutes Jahrzehnt zurückliegende
Zusammenbruch der Sowjetunion als Beispiel für die Folgen imperialer
Überdehnung bemüht, wie sie auch den USA drohe, wenn sie den
eingeschlagenen Weg fortsetzten. 4 Aber die historischen Verweise und
Beispiele wurden eher assoziativ als systematisch bemüht, und fast
durchweg sollten sie längst zuvor bezogene Positionen stützen. Sie dienten
eher der historischen Illustration von Argumentationen als der empirisch
gehaltvollen Vergewisserung dessen, was wir aus der Geschichte früherer
Weltreichsbildungen lernen können.
Nun ist die Parallelisierung zwischen der amerikanischen und der
römischen Geschichte schon darum nahe liegend, weil sich die USA von
ihrer Gründung an auf die römische Republik berufen und sich selbst in
deren Tradition gestellt haben. 5 Es handelt sich hierbei also um die
kritische Überprüfung einer Parallele, die im Selbstbewusstsein und
Selbstverständnis der amerikanischen politischen Elite von jeher einen
zentralen Platz eingenommen hat. Der Vergleich mit dem Britischen
Weltreich wiederum liegt nahe, weil die USA überall dort, wo sich die Briten
nach dem Zweiten Weltkrieg zurückzogen, deren Nachfolge angetreten und
die vormals britischen Positionen übernommen haben – dazu gehört nicht
zuletzt der Mittlere Osten, der in jüngster Zeit einen Großteil der
politischen Aufmerksamkeit und des militärischen Potenzials der USA
gebunden hat. Der Vergleich mit der Sowjetunion schließlich ist schon
deshalb unvermeidlich, weil die USA und die Sowjetunion über gut vier
Jahrzehnte Konkurrenten um die weltpolitische Vorherrschaft gewesen sind,
bis die Russen unter Gorbatschow – erschöpft von den Rüstungswettläufen
und entkräftet durch die Kosten, die für die Aufrechterhaltung des
Imperiums angefallen waren – aus dem Wettstreit ausgeschieden sind. 6
Für eine fundierte Analyse der Chancen und Risiken des amerikanischen
Empire ist die Vergleichsbasis dieser drei Weltreichsbildungen jedoch zu
schmal. Das Reich der russischen Zaren, das Osmanische und das
Chinesische Reich – die imperiale Macht mit der bei weitem längsten Dauer
– sind auf jeden Fall in eine vergleichende Betrachtung mit einzubeziehen.
Die mongolische Reichsbildung des 13. Jahrhunderts sollte in einer
Untersuchung über imperiale Handlungslogiken und -imperative ebenfalls
nicht übersehen werden. Sie zerfiel zwar rasch wieder, aber ihre territoriale
Ausdehnung machte sie zu einer der größten der Geschichte: Mit einer
Fläche von 25 Millionen Quadratkilometern wurde das Mongolische
Weltreich nur von dem der Briten übertroffen, das auf seinem Höhepunkt
38 Millionen Quadratkilometer umfasste, allerdings auf fünf Kontinente
verteilt, während sich das Mongolenreich als territorial geschlossene
Einheit über fast ganz Eurasien erstreckte. Auf dem Höhepunkt seiner
Machtentfaltung reichte es vom Gelben Meer im Osten bis an die Ränder
der Ostsee im Westen; lediglich Vorder- und Hinterindien sowie West-,
Mittel- und Südeuropa blieben von der mongolischen Besetzung frei. 7 Was
die Antike anbetrifft, so sollten neben dem Römischen Reich auch die
hellenistischen Großreiche im Osten ins Auge gefasst werden, und unter
den seaborn empires ist außer dem britischen und dem spanischen
Weltreich auch das portugiesische zu berücksichtigen, zumal es von den
europäischen Kolonialreichen das erste war und als letztes von der
politischen Landkarte verschwunden ist – seit dem 18. Jahrhundert freilich
eher ein Protegé des Britischen Empire als eine eigenständige politische
Macht. 8
Diese Zusammenstellung zeigt ein grundsätzliches Problem
vergleichender Untersuchungen zur Handlungslogik von Imperien:
Zunächst muss die Frage beantwortet werden, was unter einem Imperium
zu verstehen ist. Man könnte sie auch dahingehend zuspitzen, dass es um
die Differenz zwischen Großreichen und Weltreichen geht. Womöglich ließe
sich leichter eine Antwort darauf finden, wenn es in den vergangenen
Jahrzehnten eine sozialwissenschaftlich ausgerichtete Imperiumsforschung
gegeben hätte, die verlässliche Kriterien für Imperialität entwickelt hätte.
Das ist jedoch nicht der Fall. Zwar sind eine unüberschaubare Fülle
historiographischer Darstellungen zu einzelnen Imperien sowie
bemerkenswerte komparative Arbeiten zum Imperialismus entstanden 9 ,
aber die Frage, was ein Imperium ist und worin es sich von der in Europa
ausgebildeten politischen Ordnung des Territorialstaates unterscheidet, ist
so gut wie unbearbeitet geblieben. Das erklärt auch, warum der
Imperiumsbegriff in der jüngsten Debatte über die US-amerikanische Politik
eine eher beliebige, häufig bloß denunziatorische Bedeutung angenommen
hat. Die Politikwissenschaft hat ihn nicht definitorisch umrissen und
exemplarisch ausgefüllt, sondern der Beliebigkeit des publizistischen
Alltagsbetriebs überlassen.
Was in langfristig angelegter wissenschaftlicher Arbeit nicht geleistet
wurde, kann nicht auf einmal nachgeholt werden. Solange allerdings nicht
klar ist, was Imperien sind und was sie nicht sind, was sie leisten müssen
und worin sie sich von anderen Ordnungsstrukturen des Politischen
unterscheiden, ist es nicht möglich, aus der vergleichenden Betrachtung
von Weltreichsbildungen einen nennenswerten Gewinn für die Analyse der
neuen Weltordnung und die Rolle der USA in ihr zu ziehen. Die
Handlungslogik von Imperien ist nur zu verstehen, wenn annähernd klar ist,
wodurch sich ein Imperium auszeichnet.
Eine knappe Merkmalsbeschreibung der Imperien

Was ein Imperium ist, soll zunächst vorsichtig gegen das konturiert werden,
was es wahrscheinlich nicht ist. Ein Imperium ist erstens zu unterscheiden
von einem Staat, genauer: vom institutionellen Flächenstaat, der gänzlich
anderen Imperativen und Handlungslogiken unterliegt als ein Imperium.
Das beginnt bei der Art der Bevölkerungsintegration im Innern und reicht
bis zur Konzeption dessen, was als Grenze angesehen wird. Die für Staaten
typische Grenzziehung ist scharf und markant; sie bezeichnet den Übergang
von einem Staat zu einem anderen. Solche präzisen Trennungslinien sind im
Falle von Imperien die Ausnahme. Zwar verlieren sich die Grenzen eines
Imperiums heute nicht mehr in der Weite eines Raumes, in dem Stämme
und Nomadenvölker das eine Mal imperialen Vorgaben folgten und sich
ihnen das andere Mal widersetzten, aber auch seit dem Verschwinden der
herrschaftsfreien Räume, in die hinein sich die klassischen Imperien
ausdehnen konnten, sind imperiale von staatlichen Grenzen deutlich
unterschieden.
Imperiale Grenzen trennen keine gleichberechtigten politischen
Einheiten, sondern stellen eher Abstufungen von Macht und Einfluss dar.
Zudem sind sie – im Gegensatz zu staatlichen Grenzen – halbdurchlässig:
Wer in den imperialen Raum will, muss anderen Bedingungen genügen als
der, der ihn verlässt. Das hängt mit der wirtschaftlichen wie kulturellen
Attraktivität von Imperien zusammen; es wollen mehr hinein als heraus, und
das hat Konsequenzen für das Grenzregime. US-Amerikaner reisen und
arbeiten in aller Welt. Wer jedoch nicht die amerikanische
Staatsbürgerschaft besitzt, darf die USA nicht ohne weiteres betreten.
Darin zeigt sich auch ein Statusunterschied: Die an Imperien grenzenden
politischen Gemeinschaften haben nicht dieselbe Dignität wie das
Imperium.
Der Halbdurchlässigkeit imperialer Grenzen entsprechen radikal
verschiedene Interventionsbedingungen. So haben die USA seit dem
Ausgang des 19. Jahrhunderts im mittelamerikanischen und karibischen
Raum immer wieder in die Politik anderer Staaten eingegriffen, ohne damit
rechnen zu müssen, dass diese ihrerseits auf US-amerikanischem
Staatsgebiet intervenierten, weder wirtschaftlich noch politisch und schon
gar nicht militärisch. Vor allem diese Asymmetrie unterscheidet imperiale
von staatlichen Grenzen. Imperien kennen keine Nachbarn, die sie als
Gleiche – und das heißt: als gleichberechtigt – anerkennen; bei Staaten
hingegen ist das die Regel. Mit anderen Worten: Staaten gibt es stets im
Plural, Imperien meist im Singular. Diese tatsächliche oder auch bloß
behauptete Einzigartigkeit der Imperien bleibt nicht ohne Auswirkungen auf
die Art ihrer inneren Integration: Während Staaten nicht zuletzt infolge der
direkten Konkurrenz mit den Nachbarstaaten ihre Bevölkerung
gleichermaßen integrieren – und das heißt vor allem: ihnen gleiche Rechte
gewähren, ob sie nun im Kerngebiet des Staates oder in den Grenzregionen
lebt –, ist dies bei Imperien nicht der Fall: Fast immer gibt es hier ein vom
Zentrum zur Peripherie verlaufendes Integrationsgefälle, dem zumeist eine
abnehmende Rechtsbindung und geringer werdende Möglichkeiten
korrespondieren, die Politik des Zentrums mitzubestimmen. Im Fall der
USA zeigt sich dies an all jenen Gebieten, die unter amerikanischem
Einfluss stehen, aber nicht die Chance hatten, als Bundesstaat in die USA
aufgenommen zu werden. Im karibischen Raum sind einige Beispiele dafür
zu finden.
Imperiale Grenzen können alternativ zu denen von Staaten sein. Die
europäischen Kolonialreiche waren innerhalb Europas durch Staatsgrenzen
getrennt, während sie in Afrika und Asien imperiale Grenzen zu ihren
Nachbarn – meist lockeren Herrschaftsverbünden – hatten. Beide Arten von
Grenzen unterschieden sich deutlich voneinander, und durch sie war
erkennbar, was jenseits ihrer begann: ein Staat oder ein Imperium.
Imperiale können staatliche Grenzen aber auch überlagern und auf diese
Weise verstärken: Zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR
verlief einst eine Staatsgrenze, die gleichzeitig die Außengrenze des
Sowjetimperiums war; erst diese Bündelung hat ihr den eigentümlichen
Charakter verliehen, mit dem sie in die Geschichte eingegangen ist.
Seitdem die gesamte bewohnbare Erdoberfläche politisch in Gestalt von
Staaten geordnet ist, gibt es nur noch ein komplementäres, kein
alternatives Verhältnis mehr zwischen beiden Arten von Grenzen: Imperiale
Strukturen überlagern die Ordnung der Staaten, aber sie stehen nicht mehr
an deren Stelle. Das macht es mitunter so schwer, Imperien zu
identifizieren. Wer Imperialität lediglich als Alternative zu Staatlichkeit
denkt, wird zu dem Ergebnis kommen, dass es heute keine Imperien mehr
gibt. Wer dagegen von einer Überlagerung der Staaten durch imperiale
Strukturen ausgeht, wird auf Macht- und Einflussgefüge stoßen, die nicht
mit der Ordnung der Staaten identisch sind. Dass sich imperiale Strukturen
eher im informalen Bereich ausmachen lassen, ist auch eine Folge der
eigentümlichen Grenzsituation von Imperien. Staatengrenzen stellen häufig
eine Bündelung von politischen und wirtschaftlichen, sprachlichen und
kulturellen Grenzen dar. Das verleiht ihnen ihre Stärke und macht sie
zugleich hart und inflexibel. Imperiale Grenzen dagegen lassen sich als ein
Geflecht beschreiben, in dem politische und wirtschaftliche Grenzziehungen
voneinander getrennt sind, kulturelle Differenzen gestuft werden und
sprachliche ohnehin irrelevant sind. Das nimmt Imperiumsgrenzen an
Formalität und erhöht ihre Flexibilität.
Weiterhin ist das Imperium – zweitens – zu konturieren gegen die
Dominanzstrukturen der Hegemonie, wobei jedoch hinzuzufügen ist, dass
die Übergänge zwischen hegemonialer Vorherrschaft und imperialer
Herrschaft fließend sind. Dennoch ist es sinnvoll, beide voneinander zu
unterscheiden. Hegemonie ist danach Vorherrschaft innerhalb einer Gruppe
formal gleichberechtigter politischer Akteure; Imperialität hingegen löst
diese – zumindest formale – Gleichheit auf und reduziert die Unterlegenen
auf den Status von Klientelstaaten oder Satelliten. Sie stehen in einer mehr
oder weniger erkennbaren Abhängigkeit vom Zentrum.
In den zurückliegenden Jahrzehnten ist die Stellung der Sowjetunion im
Warschauer Pakt und die der USA in der Nato durch die Kontrastierung von
Imperium und Hegemonie beschrieben worden: Die Sowjetunion sei von
Satellitenstaaten umgeben gewesen, deren Bewegungen vom Zentrum
bestimmt wurden 10 , die Nato dagegen galt als ein System prinzipiell
gleicher Alliierter, innerhalb dessen den USA als dem bei weitem größten
und stärksten Partner eine herausgehobene Bedeutung zukam – etwa
dadurch, dass sie grundsätzlich den Oberbefehlshaber der Streitkräfte
stellten, während die anderen Mitgliedsstaaten den Posten des
Generalsekretärs besetzen durften. In der Kontrastierung von Nato und
Warschauer Pakt zeigt sich auch, dass die Unterscheidung zwischen
Hegemonie und Imperium in der Ost-West-Konfrontation politisch-
ideologisch aufgeladen wurde.
Eine andere, aufgrund der großen zeitlichen Distanz politisch eher
unverfängliche Exemplifizierung des Unterschieds zwischen Hegemonie
und Imperium ist die Verwandlung des Delisch-Attischen Seebundes in die
athenische Thalassokratie. Danach handelte es sich bei dem ursprünglichen
Seebund um ein gegen die persische Dominanz an der kleinasiatischen
Westküste und im ägäischen Raum gerichtetes Bündnis, in dem alle Partner
gleiche Rechte besaßen. Freilich leisteten sie von Anfang an sehr
unterschiedliche Beiträge: Manche zahlten nur Geld, andere stellten einige
Schiffe, aber das Hauptkontingent der Kriegsflotte kam stets aus Athen. 11
Die faktische Ungleichheit der Beiträge und Fähigkeiten blieb nicht ohne
Folgen für die innere Verfassung des Bundes, der sich zunehmend aus einer
hegemonía in eine arché verwandelte: Aus der Vorherrschaft wurde
Herrschaft. 12 Athen stellte den Befehlshaber der Streitkräfte und den
Schatzmeister des Bundes, es legte die Höhe der Beiträge fest, dominierte
die Handelsgerichtsbarkeit und setzte durch, dass seine Gewichte und
Maße im gesamten Bundesgebiet verbindlich waren. Obendrein unterhielt
es Garnisonen in den Städten der Bündnispartner und erlangte so Einfluss
auf deren innere Verhältnisse. Schließlich verlegte es die Bundeskasse von
Delos nach Athen, ließ den Treueid nicht länger auf «Athen und seine
Bündner», sondern auf «das Volk von Athen» ablegen und verlagerte die
Entscheidung über Krieg und Frieden von der Bundesversammlung auf die
athenische Volksversammlung. Aus dem Hegemon war ein Despot
geworden, wie die Korinther erklärten, als sie den Lakedämonischen Bund
zum Krieg gegen Athen aufstachelten. 13
Es ist nahe liegend, die Neupositionierung der USA innerhalb «des
Westens» vor dem Hintergrund der Verwandlung des Delisch-Attischen
Seebundes in die athenische Thalassokratie zu beschreiben. Zwar war sie
weder von der räumlichen Ausdehnung noch der zeitlichen Dauer her ein
wirkliches Imperium, aber viele Elemente imperialer Politik sind bei ihr wie
durch ein Brennglas zu beobachten – nicht zuletzt, weil diese Entwicklung
von dem Historiker Thukydides Schule machend beschrieben worden ist.
Deswegen wird nachfolgend immer wieder von der athenischen
Seeherrschaft die Rede sein, auch wenn sie nur eingeschränkt unter dem
Oberbegriff des Imperiums verbucht werden kann.
Schließlich ist das Imperium – drittens – gegen das zu konturieren, was
seit dem 19. Jahrhundert als Imperialismus bezeichnet wird. Die
Unterscheidung zwischen Imperiums- und Imperialismustheorien
ermöglicht es zunächst, die normativ-wertende Perspektive so gut wie aller
Imperialismustheorien zu verlassen und einen stärker deskriptiv-
analytischen Blick auf die Handlungsimperative von Imperien zu werfen.
Obendrein fassen der Imperialismusbegriff sowie die zugehörigen Theorien
die Entstehung von Imperien grundsätzlich als einen vom Zentrum zur
Peripherie hin verlaufenden Prozess, womit eine Einsinnigkeit der
Entwicklungsrichtung unterstellt wird, die bei der Beobachtung realer
Imperien eher hinderlich ist.
Imperialismus heißt, dass es einen Willen zum Imperium gibt;
gleichgültig, ob er aus politischen oder ökonomischen Motiven gespeist
wird – er ist die ausschlaggebende, wenn nicht die einzige Ursache der
Weltreichsbildung. Dagegen steht das bekannte Bonmot des englischen
Historikers John Robert Seeley, der 1883 erklärte, das Britische Empire sei
«in a fit of absence of mind», einem Augenblick der Geistesabwesenheit,
entstanden. 14 Gerade in ihrer strategischen Einseitigkeit – Seeley wollte
damit zu einer bewusst imperialistischen Politik aufrufen, da er befürchtete,
das Britische Weltreich werde sonst zwischen den neuen Großmächten USA
und Russland zerrieben – verweist diese Formulierung darauf, in welchem
Maße die Imperialismustheorien die Zielstrebigkeit und Bewusstheit jener
Akteure überzeichnen, die auf irgendeine Weise in die
Entstehungsgeschichte von Imperien verwickelt waren. Eine grand strategy
hat kaum einer Imperiumsbildung zugrunde gelegen. Die meisten Imperien
verdankten ihre Existenz einem Gemisch von Zufällen und
Einzelentscheidungen, die oftmals auch noch von Personen getroffen
wurden, welche dafür politisch gar nicht legitimiert waren. So gesehen ist
fast jedes von ihnen «in a fit of absence of mind» entstanden.
Der Blick aufs Zentrum, wie er in den Imperialismusvorstellungen
dominiert, muss durch den Blick auf die Peripherie ergänzt werden – auf die
dortigen Machtvakuen und wirtschaftlichen Dynamiken, die
Interventionsbitten der in Regionalkonflikten Unterlegenen und die
Entscheidungen der vor Ort Verantwortlichen. In der Formel vom
«Imperium auf Einladung», die in jüngster Zeit für die Ausdehnung der
amerikanischen Macht- und Einflusssphäre geprägt worden ist 15 , soll vor
allem die Initialfunktion der Peripherie bei der Entstehung von Imperien
zum Ausdruck kommen. Es gibt zweifellos eine imperiale Dynamik, die aus
dem Zentrum zur Peripherie drängt und den eigenen Machtbereich immer
weiter expandiert; daneben ist jedoch ein von der Peripherie ausgehender
Sog zu bemerken, der ebenfalls zur Ausdehnung des Herrschaftsbereiches
führt. Welche von beiden Wirkungen die stärkere ist, kann nur von Fall zu
Fall entschieden werden. Während Imperialismustheorien voraussetzen,
dass die Dynamik des Zentrums maßgeblich sei 16 , wird hier davon
ausgegangen, dass die genauere Beobachtung der Peripherie nicht nur im
Hinblick auf vergangene Imperien bedeutsam ist, sondern auch für die
Analyse der US-Politik in den letzten Jahrzehnten.
Weltreiche und Großreiche

Der Versuch, mit den Mitteln der Kontrastierung gegen andere politische
Ordnungen die Konturen des Phänomens «Imperium» genauer zu
bestimmen, wird in den nachfolgenden Kapiteln weitergeführt. Zuvor sollen
jedoch noch einige heuristische Kriterien festgelegt werden, mit der sich
Weltreiche gegen regionale Reiche oder kurzlebige Imperiumsbildungen
abgrenzen lassen.
Da ist zunächst die zeitliche Dauer eines Imperiums, das mindestens
einen Zyklus des Aufstiegs und Niedergangs durchschritten und einen
neuen angefangen haben muss. 17 Das Kriterium des längeren Bestehens
eines Imperiums wird damit an der institutionellen Reform- und
Regenerationsfähigkeit festgemacht, durch die es sich gegenüber den
charismatischen Qualitäten seines Gründers (oder der Gründergeneration)
verselbständigt. Damit ist klar, dass der napoleonischen Großreichsbildung
im Folgenden keine größere Aufmerksamkeit gewidmet wird, ebenso wenig
wie den noch schneller gescheiterten Vorhaben des italienischen
Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus oder dem japanischen
Versuch, eine «Ostasiatische Wohlstandssphäre» aufzubauen.
Schwieriger ist diese Entscheidung im Falle des Wilhelminischen
Kaiserreichs, das – selbst wenn man dessen imperiale Politik nicht mit
seiner Gründung 1871 im Spiegelsaal von Versailles, sondern erst mit der
Entlassung Bismarcks durch Wilhelm II. beginnen lässt – um einiges länger
gedauert hat als die im Wesentlichen auf die Anfangserfolge von Kriegen
beschränkten Imperialprojekte Mussolinis und Hitlers. Wenn man die
Wilhelminische und die nazistische Imperialpolitik schließlich als zwei
aufeinander folgende, nur durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg
getrennte Zyklen zusammennimmt, scheint einiges dafür zu sprechen,
Deutschland in die Reihe der Imperien aufzunehmen. Dann hätte obendrein
ein Elitenaustausch stattgefunden, und das genannte Kriterium der
Regeneration wäre erfüllt. Ähnliches ließe sich von der japanischen
Großreichsbildung sagen, falls man deren Anfänge auf den japanisch-
russischen Krieg von 1905 zurückführt. Aber auch dann wird man
einschränkend hinzufügen müssen, dass eine wirkliche Weltreichsbildung in
beiden Fällen erst sehr spät begonnen hat und von relativ kurzer Dauer
war. Obendrein lässt sich aufgrund des frühen Scheiterns von Deutschland
und Japan nicht definitiv klären, ob es dabei um Weltreichs- oder regionale
Großreichsbildung ging. Im Unterschied zu Michael Doyle, der Deutschland
und Frankreich in seiner vergleichenden Analyse der Großreichsbildungen
einen zentralen Platz eingeräumt hat, werden beide hier nur als Beispiele
für failed empires herangezogen. 18
Neben dem Kriterium der zeitlichen ist das der räumlichen Ausdehnung
wichtig: Eine Macht, die nicht über ein beachtliches Herrschaftsgebiet
verfügt, wird man nicht ernstlich als Imperium bezeichnen können. So wäre
die Donaumonarchie von ihrer Dauer her fraglos als eine imperiale Macht
anzusprechen, aber kaum von ihrer räumlichen Ausdehnung her. Es
handelte sich vielmehr um ein mitteleuropäisches Großreich, das im so
genannten Konzert der europäischen Mächte mit Staaten wie Frankreich
auf einer Ebene stand, doch keine Hegemonie innerhalb Gesamteuropas
anstrebte. Seine Vormachtstellung beschränkte sich – selbst zu der Zeit, als
die Habsburger die deutsche Kaiserkrone trugen – auf den
mitteleuropäischen Raum. Eine Ausnahme bildet Kaiser Karl V., der
zugleich König von Spanien und Herr der Niederlande war und über
wesentlich größere Ressourcen als die später in Wien residierenden Kaiser
verfügte. Mit der Trennung der spanischen und der deutschen Linie des
Hauses Habsburg im Jahre 1556 sind die Merkmale der Imperialität auf
Madrid übergegangen. 19 Das berühmte «AEIOU», die Imperialformel
Austriae est imperare in orbe ultimo (auf deutsch: «Alles Erden ist
Oesterreich unterthan»), war danach nur noch eine historische
Reminiszenz. 20
Nun ist das Kriterium der räumlichen Ausdehnung auf
Kontinentalimperien sehr viel leichter anzuwenden als auf Seeimperien,
deren Macht und Einfluss sich weniger in der Zahl der beherrschten
Quadratkilometer manifestiert als in der Kontrolle von Waren-, Kapital- und
Informationsströmen sowie wirtschaftlicher Knotenpunkte. 21
Hochseehäfen und gesicherte Handelsrouten, die ihnen zur Verfügung
stehenden Ressourcen und das Vertrauen der Geschäftspartner in eine
weltweit akzeptierte Währung sind bei Seereichen für die Machtentfaltung
erheblich wichtiger als die physische Kontrolle von Territorien. 22 Auf
diesen zentralen Unterschied imperialer Machtbildung, der im Gegensatz
von Land- und Seeimperien seinen Niederschlag gefunden hat, wird noch
ausführlicher zurückzukommen sein. Hier ist zunächst nur von Interesse,
dass geoökonomische Faktoren nicht als eine von der imperialen
Machtbildung unabhängige Größe anzusehen sind. Die Kontrolle des
Handels kann ebenso eine Quelle imperialer Macht sein wie die
Beherrschung von Gebieten und Räumen. Spanien etwa verfügte am Ende
des 16. Jahrhunderts über keine international bedeutende Handels- und
Bankenstadt. Es war deshalb nicht in der Lage, die europäische
Weltwirtschaft zu kontrollieren, und somit konnte es den Aufstieg Englands
zu einem konkurrierenden, schließlich überlegenen Imperium nicht
verhindern.
Gerade der Blick auf den beginnenden Niedergang Spaniens und den
Aufstieg Englands zeigt aber auch, dass die Kontrolle der Waren- und
Kapitalströme und die Beherrschung von Territorien nicht ohne weiteres
voneinander zu trennen sind: Da Spanien bei dem Versuch scheiterte, die
Herrschaft über die Niederlande zurückzugewinnen, beziehungsweise dort,
wo die Spanier die territoriale Kontrolle wiedererlangten, der Handel zum
Erliegen kam und die Wirtschaftsströme gleichsam einen Bogen um die
spanisch dominierten Gebiete machten, verloren sie die ökonomische
Kontrolle über Europa und damit auch ihre internationale Kreditfähigkeit.
Eine Reihe von Staatsbankrotten war die Folge. Ein Sieg der Armada im
Jahre 1588 und eine Invasion Englands wäre die letzte Chance Spaniens
gewesen, auf dem Umweg über die Beherrschung von Territorien die
Kontrolle über die Wirtschaftsströme zurückzuerlangen. Als dies fehlschlug,
war der Scheitelpunkt der imperialen Machtentfaltung Spaniens
überschritten.
Noch stärker als bei staatlichen sind bei imperialen Machtbildungen
geopolitische und geoökonomische Faktoren ineinander verwoben. Weil sie
immer wieder zusammenwirken, müssen sie auch gemeinsam betrachtet
werden. Dabei können dann kleine Faktoren militärischer Überlegenheit,
wie sie 1588 etwa aus der besseren Metallurgie der Engländer beim Guss
von Kanonen resultierte, den Ausschlag für Aufstieg und Niedergang eines
Imperiums geben. 23 Vor allem aber zeigt das Beispiel, dass sich das
Weltreichskriterium der räumlichen Ausdehnung nicht auf die physische
Kontrolle von Räumen beschränken lässt, sondern auch in deren virtueller
Kontrolle bei der Lenkung von Waren- und Kapitalströmen bestehen kann.
Das Kriterium der räumlichen Ausdehnung ist somit mindestens ebenso
komplex wie das der zeitlichen Dauer.
Das leitet über zu einem der schwierigsten Probleme bei der Bestimmung
von Weltreichen, der Frage nämlich, was unter «Welt» zu verstehen ist. Es
scheint nahe liegend, darunter die Erde in ihren globalen Ausmaßen zu
begreifen. Das hätte zur Folge, dass eigentlich nur die USA, und auch sie
erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als Weltreich gelten
dürften. Allenfalls wäre ihnen noch das Britische Empire als Vorläufer
hinzuzufügen. Damit wäre einer vergleichenden Betrachtung von
Weltreichen die Grundlage entzogen. Im Prinzip argumentieren jene
Autoren so, die auf der historischen Einzigartigkeit der USA bestehen:
Erstmals sei hier, wenngleich eher mit den Mitteln informeller Dominanz als
denen formaler Herrschaft, eine erdumspannende Macht entstanden –
womit dann jede weitere Beschäftigung mit der Geschichte der Weltreiche
für das Verständnis der gegenwärtigen Lage bedeutungslos wäre. In
gewisser Hinsicht folgen Michael Hardt und Antonio Negri in ihrem Buch
Empire (2002) diesem Argumentationsmodell, wobei das von ihnen
identifizierte neue Empire freilich nicht mit der amerikanischen Macht
deckungsgleich ist; vielmehr hat es sich jenseits politischer Grenzen und
Souveränitäten als neue Netzwerkstruktur formiert.
Nun zeigt allerdings schon ein etwas genauerer Blick auf die Macht der
USA, dass sie nicht nur aus der Beherrschung des Erdraums, sondern
ebenso aus der des Weltraums erwächst. Das bezieht sich auf die
satellitengesteuerten Marschflugkörper, die das US-Militär in die Lage
versetzen, an jedem Ort der Erde militärisch einzugreifen, aber auch auf die
amerikanische Fähigkeit, die Expansionsphantasien und technologischen
Visionen der Menschheit zu bündeln und zu kanalisieren – von der Landung
auf dem Mond über die dauerhafte Stationierung von Menschen in einer
Erdumlaufbahn bis zur Besiedlung des Mars. Der Weltbegriff bekommt
infolgedessen transglobale Züge. 24 Die Transglobalität ist eine wesentliche
Machtressource des amerikanischen Imperiums. Doch das ist kein Grund
dafür, dessen Unvergleichbarkeit mit früheren Imperien zu behaupten.

«Welt» ist eine relative und variable Größe, die nicht durch Invarianten wie
den geographischen Umriss von Kontinenten oder die physischen Ausmaße
des Globus festgelegt werden kann. Die Gestalt der Ökumene wird durch
das jeweilige Blickfeld und den Horizont von Zivilisationen bestimmt, also
eher durch kulturelle und technologische als durch rein geographische
Faktoren. 25 Was «Welt» jeweils ist, hat mit der Ausdehnung von
Handelsbeziehungen, der Dichte von Informationsflüssen, der Ordnung des
Wissens, den nautischen Fähigkeiten und vielem mehr zu tun. So hat sich
der Weltherrschaftsanspruch der Imperien von der Antike bis heute immer
stärker ausgeweitet, und infolgedessen ist inzwischen auf dem Globus
tatsächlich nur noch Platz für ein einziges Imperium – gemäß dem Merkmal,
wonach Imperien auf ihrer Einmaligkeit und Einzigartigkeit bestehen
müssen.
Von der Antike bis in die Neuzeit hinein war Platz für mehrere Imperien,
ohne dass dies deren Anspruch auf Imperialität dementiert hätte. Das
Chinesische und das Römische Reich bestanden über Jahrhunderte als
«Parallelimperien» 26 nebeneinander; ihre Legitimitätsansprüche wurden
dadurch in keiner Weise eingeschränkt. Die von beiden Imperien
beherrschten «Welten» berührten einander nicht. Dagegen stellte die
Koexistenz der byzantinischen mit den karolingischen, ottonischen und
salischen Kaisern deren imperiale Legitimität in Frage: Sie gehörten
derselben «Welt» an, und in der konnte es eigentlich nur einen kaiserlichen
Oberherrn geben. Dementsprechend haben sie einander zumindest auf der
zeremoniellen Ebene den Anspruch auf Ebenbürtigkeit abgestritten. 27
Relativ unproblematisch wiederum konnten bis ins frühe 20. Jahrhundert
hinein das Britische Empire und das Reich der russischen Zaren
koexistieren; die von ihnen beherrschten «Welten» waren voneinander
getrennt und vor allem hinreichend unterschiedlich. Das bezieht sich nicht
nur auf die von Briten und Russen jeweils dominierten Räume, wobei es zu
einer Teilung Asiens in eine Nord- und eine Südhälfte entlang der großen
Gebirgsketten vom Kaukasus bis zum Himalaja kam 28 , sondern mehr noch
auf die Art der von beiden ausgeübten Herrschaft: Das über administrative,
wenn nötig militärische Kontrolle integrierte Kontinentalimperium der
Russen und das wesentlich über wirtschaftlichen Austausch
zusammengehaltene britische Imperium der Seewege bedrohten sich nicht
gegenseitig und stellten einander auch legitimatorisch nicht in Frage –
jedenfalls solange die Russen darauf verzichteten, ihrem «Drang zum
warmen Meer» freien Lauf zu lassen.
Das war bei den Nachfolgeimperien der Briten und Russen, den USA und
der Sowjetunion, in dieser Form nicht mehr der Fall: Schon durch ihre
jeweilige Leitvorstellung, ihre Mission, leugneten sie die
Existenzberechtigung des anderen. Obendrein konkurrierten sie in
denselben Räumen und Sphären: vom Vorstoß der Sowjetunion auf die
Weltmeere durch den Aufbau einer beachtlichen Kriegsflotte bis zum
Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltraum. Für die USA und die
Sowjetunion war, im Unterschied zum Britischen Empire und zum
Zarenreich, die Existenz des jeweils anderen eine Einschränkung des
eigenen imperialen Führungsanspruchs. Sie teilten eine gemeinsame
«Welt», während Zarenreich und Britisches Empire in ihren eignen
«Welten» herrschten.
Was zwischen die koexistierenden «Welten» des britischen Seereichs und
des russischen Kontinentalimperiums jedoch nicht mehr passte, war ein
Dritter, der in dem verbliebenen Zwischenraum ein weiteres Imperium zu
errichten suchte. Zwangsläufig musste er mit einem der beiden Imperien in
Konflikt geraten, und der uferte regelmäßig in einen großen Krieg aus, in
dem sich schließlich auch das andere Imperium gegen ihn wandte. Man
kann es mithin als die Handlungslogik der beiden auf ihre je eigenen
«Welten» beschränkten Imperien bezeichnen, dass sie nach einer Zeit des
Beobachtens und Abtastens gegen den Dritten zusammenarbeiteten und ihn
an der Machtentfaltung hinderten. Das wiederholte sich von Napoleon über
Wilhelm II. bis zu Hitler und Kaiser Hirohito, und dabei war es gleichgültig,
mit welchem der beiden Imperien der Dritte die strategische Konfrontation
suchte. Für Napoleon war es von Anfang an das Britische Empire, während
Wilhelm II. und Hitler die Auseinandersetzung mit den Briten möglichst zu
vermeiden suchten, indem sie ihre Vorherrschaftsansprüche entweder auf
den europäischen Kontinent beschränkten oder nach Osten richteten.
Napoleon und Hitler sind wesentlich im Osten gescheitert, Wilhelm II.
dagegen hat Thron und Reich im Konflikt mit dem Westen verloren. Japan
schließlich, dem es zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelungen war, sich
gegen Russland durchzusetzen, scheiterte im Zweiten Weltkrieg an den
USA, die auch hier die strategische Kooperation mit der Sowjetunion
gesucht hatten. In allen Fällen freilich legten die Imperative des See- wie
des Kontinentalimperiums ein Zusammenwirken gegen den Dritten nahe,
und die Handlungsimperative, die aus den jeweiligen imperialen «Welten»
erwuchsen, setzten sich gegen alle Ziele und Absichten durch, die dem
entgegenstanden. 29
Wie lassen sich diese imperialen «Welten», deren äußere Begrenzungen
relativ leicht erkennbar sind, näherhin beschreiben? Was kennzeichnet sie
im Innern, und worin unterscheiden sie sich von nichtimperialen Welten?
Und nicht zuletzt: Gibt es Merkmale, die den Binnenräumen von
Kontinental- und Seeimperien gemeinsam sind?
Auf das für imperiale Räume charakteristische Zentrum-Peripherie-
Gefälle wurde bereits hingewiesen; bei den Imperien, die auf der
Beherrschung von Räumen beruhen, ist es offenbar ebenso anzutreffen wie
bei denen, die ihre Macht vor allem aus der Kontrolle von Strömen
gewinnen. Daneben findet sich in der Literatur immer wieder der Hinweis
auf den multiethnischen beziehungsweise multinationalen Charakter von
Imperien. Diese Charakterisierung ist jedoch problematisch, weil einerseits
trivial – ausgedehnte Reiche umfassen zwangsläufig mehrere ethnische
beziehungsweise nationale Gemeinschaften – und andererseits politisch
definiert, denn darüber, was ethnische und nationale Unterschiede sind, ob
sie akzeptiert oder unterdrückt werden, verfügt letztlich das imperiale
Zentrum: als ein Machtinstrument im Sinne des divide et impera. 30
Vor allem im europäischen Rahmen ging es im Verhältnis zwischen den
westeuropäischen Nationalstaaten und den mittel- und osteuropäischen
Reichen stets auch um die Frage, was deren jeweilige Stärken und was ihre
Schwächen seien: nationale Geschlossenheit oder multiethnische Vielfalt.
Hatte sich unter dem Eindruck der notorischen Schwäche des Osmanischen
Reichs sowie der zentrifugalen Tendenzen in der Donaumonarchie und im
Zarenreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Auffassung durchgesetzt,
der Nationalstaat sei dem multiethnischen Reichsverband im Konfliktfall
überlegen – eine Auffassung, die durch den Ausgang des Ersten Weltkriegs
als bestätigt angesehen werden konnte –, so haben der Aufstieg der USA
und der Sowjetunion sowie die weltpolitische Marginalisierung der
europäischen Nationalstaaten das Pendel wieder in die entgegengesetzte
Richtung zurückschwingen lassen. Offenbar handelt es sich hier um
Eindrücke und Vorstellungen, die den jeweiligen Zeitumständen geschuldet
sind, und nicht um empirisch belastbare Kriterien wissenschaftlicher
Analyse.
Ein Blick auf den prozentualen Anteil des dominierenden Volkes innerhalb
eines Imperiums zeigt, dass daraus kaum Schlüsse bezüglich der
räumlichen Ausdehnung und zeitlichen Dauer des Reichs gezogen werden
können: So betrug der Anteil von Han-Chinesen im Chinesischen Reich die
längste Zeit über um 90 Prozent; der Anteil der Russen innerhalb des
Zarenreichs lag 1897 bei 44 Prozent, der der Deutsch-Österreicher in der
Donaumonarchie während der letzten Volkszählung von 1910 bei etwa
24 Prozent und der der Briten in ihrem Weltreich 1925 bei 10 Prozent. 31
Zumindest in kurz- und mittelfristiger Perspektive lassen diese Zahlen kaum
weiter reichende Schlussfolgerungen zu. Ein allgemeines Kriterium von
Imperien ist daraus nicht zu gewinnen.
Imperialer Interventionszwang, Neutralitätsoptionen und
der Melier-Dialog bei Thukydides

Aufschlussreicher als der multiethnische beziehungsweise multinationale


Charakter von Imperien ist der Umstand, dass es für die Zentralmacht
innerhalb der von ihr beherrschten imperialen «Welt» offenbar einen Zwang
zur politischen und militärischen Intervention gibt. Einem solchen Zwang
kann sie sich nicht entziehen, ohne ihre Position zu gefährden. Mit anderen
Worten: Ein Imperium kann sich gegenüber den Mächten, die zu seinem
Einflussbereich gehören, nicht neutral verhalten, und dementsprechend hat
es eine starke Neigung, ihnen diese Möglichkeit ebenfalls nicht
zuzugestehen. Nur innerhalb einer «Welt»-Ordnung, die vom Staatenmodell
geprägt ist, besteht eine solche Neutralitätsoption. Ein Imperium dagegen,
das bei Konflikten innerhalb seiner «Welt» oder an deren Peripherie
fortgesetzt neutral bleibt, verliert zwangsläufig seinen imperialen Status.
Auch das unterscheidet Imperien von Staaten. Viele der jüngsten
Irritationen im amerikanisch-europäischen Verhältnis dürften daraus
erwachsen sein, dass dieser Unterschied nicht genügend beachtet wurde.
Dass Imperien und in etwas schwächerer Form auch Hegemonialmächte
unter permanentem Interventionszwang stehen, hat wesentlich mit dem
Glaubwürdigkeitsproblem zu tun, dem sie in ganz anderer Weise ausgesetzt
sind als nichtimperiale Mächte. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der
Konflikt zwischen Athenern und Meliern, wie ihn Thukydides in seiner
Geschichte des Peloponnesischen Krieges geschildert hat. 32 Dabei geht es
um den Wunsch der Melier, sich aus dem Krieg zwischen Athen und Sparta
herauszuhalten. Die Melier erklärten, Athen könne die Neutralität der
kleinen Insel in der Ägäis, einem von Athen beherrschten Raum, doch ohne
weiteres akzeptieren; im Krieg gegen Sparta falle die melische Beteiligung
ohnehin weder politisch noch militärisch ins Gewicht, während die
Großzügigkeit der Athener, wenn sie die Melier nicht in den Krieg
hineinzwängen, allenthalben gerühmt werde. Dagegen wiesen die Athener
darauf hin, dass, gäben sie in diesem Falle nach, auch andere Verbündete
eine ähnliche Entscheidungsfreiheit fordern würden. Die Macht Athens
würde in kürzester Zeit zerbröseln, oder es wäre in zahllosen Fällen
gezwungen, seine politische Autorität mit Waffengewalt wiederherzustellen.
Deswegen sollten die Melier ihren Befehlen gehorchen, oder ihre Stadt
werde vernichtet werden. Vielleicht hätte Athen die melische Neutralität
tolerieren können, wenn es nicht mit einem starken Flottenverband vor
Melos erschienen wäre. So aber bestand die Möglichkeit eines Rückziehers
nicht mehr, ohne dass Athens Autorität erheblichen Schaden genommen
hätte. Jeder Kompromiss mit den Meliern wäre auf einen Prestigeverlust
hinausgelaufen, und Athen hätte dadurch an Macht und Einfluss verloren.
Man hat über den Melier-Dialog gesagt, sein wesentliches Kennzeichen
sei das Aneinander-Vorbei-Reden beider Seiten. 33 Das ist sicher richtig
beobachtet, aber die scheinbaren Missverständnisse resultieren wesentlich
aus der Inkongruenz einer imperialen Handlungslogik mit den Erwartungen
einer kleineren gegenüber einer größeren Macht. Athen hat den Wunsch
der Melier, als gleichberechtigter Partner anerkannt zu werden, nicht
akzeptiert.
In der Literatur zu Thukydides wie zur Geschichte des athenischen
Seereichs finden sich zwei konträre Interpretationen: Die eine besagt, dass
Thukydides den Athenern durch den Ausgang der melischen Angelegenheit
Recht gegeben habe: Melos fiel, die Männer wurden getötet, die Frauen und
Kinder in die Sklaverei verschleppt. Gegen die Logik des Tatsächlichen, wie
sie von den Athenern vertreten wurde, hätten die Melier zu ihrem eigenen
Schaden wesentlich auf Hoffnungen und Wünsche gesetzt, und das habe sie
zu einer Fehleinschätzung der Lage verleitet, die schließlich ihr Untergang
gewesen sei. Diese Interpretation begnügt sich nicht damit, das Pathos des
Faktischen in der athenischen Argumentation herauszustellen. Vielmehr
gibt sie den Athenern auch in der Sache Recht: Angesichts der schwierigen
Situation der Stadt im Krieg mit den Spartanern, der Wankelmütigkeit
einiger Bundesgenossen sowie des Umstandes, dass Renitenz fast immer
Schule macht, sei ihnen gar nichts anderes übrig geblieben, als Melos zu
einer Entscheidung für oder gegen die imperiale Macht im ägäischen Raum
zu zwingen; jedes noch so kleine Zugeständnis wäre ein folgenreicher
Fehler gewesen. Demnach bestünde die fehlende Neutralitätsoption von
Imperien darin, dass sie, wenn sie ernsthaft herausgefordert werden, ihre
«Welt» mit der Alternative des Für oder Wider die Vormacht überziehen
und ein neutrales Heraushalten als verdeckte Feinderklärung ansehen
müssen. US-Präsident Bushs Satz «Who’s not for us is against us» wäre
dann eine offenherzige Darlegung imperialer Logik.
Dem steht jene Interpretation des Melier-Dialogs gegenüber, derzufolge
sich dessen Bedeutung nicht unmittelbar aus den Ereignissen um Melos
erschließt, sondern erst aus der Einbettung in die Gesamtdarstellung des
Krieges bei Thukydides. Hier spielt der im Anschluss an den Melier-Dialog
beginnende Bericht über die athenische Expedition gegen Syrakus eine
zentrale Rolle, die den Anfang vom Ende der athenischen Machtstellung
markiert. In maßloser Selbstüberschätzung habe Athen mit diesem
Flottenunternehmen seine Fähigkeiten und Kräfte überdehnt und damit
selbst seinen Zusammenbruch eingeleitet. 34
Wie aber hatte es überhaupt zu einer so verhängnisvollen Abweichung
vom ursprünglichen Kriegsplan des Perikles kommen können? Der nämlich
hatte in kluger Abwägung der Potenziale Athens und Spartas den Athenern
eine Politik der strategischen Defensive verordnet, wonach sie während des
Krieges auf jede weiter reichende Eroberung verzichten und sich
einstweilig mit dem Status quo bescheiden sollten 35 ; wenn sie sich daran
hielten, sei ihnen am Ende der Sieg im Kampf gegen die Peloponnesier
sicher. Dieser Interpretation zufolge ist es die bereits im Melier-Dialog zum
Ausdruck kommende Hybris – die «Arroganz der Macht» 36 , um eine viel
zitierte Wendung William Fulbrights aufzugreifen –, an der Athen
gescheitert ist. Die athenische Argumentation gegenüber den Meliern wäre
demnach statt vom Pathos des Faktischen von Verblendung bestimmt, die
auf direktem Weg in die politisch-militärische Katastrophe führen musste:
Während die Athener von politischer Glaubwürdigkeit redeten, hätten ihre
Worte und Taten in Wahrheit vom Verlust der politisch-moralischen
Selbstbindungen gezeugt, auf denen der Zusammenhalt des Seebundes
stärker beruht habe als auf militärischer Macht. Mit ihrem Schwinden habe
sich die athenische Hegemonie in ein Imperium verwandelt; erst danach
hätten sich die Bündnispartner vom lastenden Druck der Vormacht zu
befreien versucht.
Die beiden Interpretationen des Thukydides bringen ziemlich genau die
gegensätzlichen Beurteilungen der US-amerikanischen Politik während der
letzten Jahre zum Ausdruck: Einerseits wurde sie auf die Imperative
zurückgeführt, die von der Logik des Imperiums vorgegeben werden;
andererseits warf man den USA vor, sie hätten ihre moralische
Glaubwürdigkeit durch rücksichtslose Machtpolitik zerstört – der
amerikanische Einfluss in der Welt sei sehr viel sicherer auf moralische
Glaubwürdigkeit gegründet als auf den Einsatz von
Flugzeugträgerverbänden, Marschflugkörpern und Bodentruppen. Vor
allem Jürgen Habermas hat in mehreren Artikeln und Interviews die
letztgenannte Auffassung vertreten. 37 Was dabei freilich unterstellt wird,
ist eine weitgehende Entscheidungsoffenheit, in der die verantwortlichen
Politiker die eine oder die andere Antwort auf eine Herausforderung geben
können. Diese Annahme ist die Grundlage dafür, dass von den meisten
Kritikern bestimmte Personen für die US-amerikanische Politik
verantwortlich gemacht worden sind. So geht auch Habermas davon aus,
die USA hätten nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes vor der Wahl
gestanden, «ob die übrig gebliebene Supermacht zu ihrer Führungsrolle auf
dem Weg zu einer kosmopolitischen Rechtsordnung zurückkehren oder in
die imperiale Rolle eines guten Hegemons jenseits des Völkerrechts
zurückfallen würde» 38 , und er macht dafür, dass sie sich für Letzteres
entschieden haben, vor allem den Einfluss neokonservativer Berater auf die
Bush-Administration verantwortlich.
Demgegenüber misst eine Herangehensweise, die nach der Logik des
Imperiums und den aus ihr erwachsenden Handlungsimperativen fragt, den
Einflüssen und Entscheidungen von Personen eine geringere Bedeutung zu.
Vielmehr beschäftigt sie sich mit den Strukturen und Vorgaben, die deren
Handlungsspielraum definieren. Deswegen fragt sie nicht danach, welche
Relevanz das christliche Erweckungserlebnis für die Politik George
W. Bushs hat, untersucht nicht die Rolle von Paul Wolfowitz, dem
stellvertretenden Verteidigungsminister in der Bush-Administration, und
geht auch nicht davon aus, dass der Einfluss der Neokonservativen auf die
US-Politik von alles entscheidender Bedeutung sei. Weiterhin interessiert
sie sich nicht sonderlich für die psychische Verfasstheit der USA nach den
Anschlägen vom 11. September 2001. 39 Stattdessen sucht sie nach den
Handlungslogiken imperialer Macht.
Gewiss setzen sich solche Imperative nie von alleine durch, und sie
können von den politischen Akteuren stets auch verfehlt oder
missverstanden werden. Moralische Glaubwürdigkeit etwa gehört zweifellos
zu den Ressourcen imperialer Macht. In dieser Perspektive ist sie allerdings
nicht der Maßstab der Politik – sie ist eines ihrer Mittel: Die Logik des
Imperiums weiß moralische Glaubwürdigkeit sehr wohl als Machtfaktor
einzusetzen, aber sie würde sich nie selber an ihr messen lassen.
Was die imperiale Logik ausmacht, was ihre Vorgaben sind und welche
Möglichkeiten es gibt, sich ihr zu entziehen – all dies soll nachfolgend an
vergangenen Imperien untersucht und zur Diskussion gestellt werden.
2. IMPERIUM, IMPERIALISMUS UND
HEGEMONIE: EINE NOTWENDIGE
DIFFERENZIERUNG
Nach wie vor steht die Betrachtung der Imperien unter den Vorgaben der
Imperialismustheorien, in deren Sicht die Entstehung großer Reiche allein
auf das Wirken expansionsorientierter Eliten zurückzuführen ist: Aus
Prestigebedürfnis, Streben nach Machtsteigerung oder Gier nach noch
größerem Profit hätten einige große Staaten eine Politik der
wirtschaftlichen Durchdringung fremder Räume oder der machtpolitischen
Annexion betrieben, als deren Ergebnis die europäischen Kolonialreiche
entstanden seien. Bis heute stehen sie im Mittelpunkt der meisten
Diskussionen über Imperien; deshalb sollen sie hier etwas genauer in
Augenschein genommen werden.
Beschäftigt man sich allein mit der politischen Publizistik im Europa des
späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, kann man tatsächlich den Eindruck
gewinnen, Imperienbildung sei das alleinige Ergebnis der imperialistischen
Bestrebungen von Eliten. 1 Die Konkurrenz der europäischen Mächte
untereinander war dabei entscheidend: Wer, so die Befürchtung, bei dem
Rennen um die Vergrößerung der politischen und wirtschaftlichen Macht
zurückbleibe, verliere nicht bloß seinen Konkurrenten gegenüber an
Terrain, sondern sei insgesamt auf die Bahn des Niedergangs geraten. 2
Nur wer sich im Wettlauf um die attraktivsten Anteile der Weltherrschaft
und die wichtigsten Ressourcen und Märkte der Weltwirtschaft behaupte,
könne als eigenständige politische Macht überleben. Nationalismus,
Sozialdarwinismus und ein Klima der Nervosität 3 versetzten Europa sowie
die Flügelmächte Russland und die USA in einen Zustand fiebriger
Erregtheit: Mit einem Mal schien die Zukunft des Kontinents von der
Verteilung von Macht- und Einflusszonen außerhalb Europas abzuhängen.
Die Phase wilder, hektischer Konkurrenz kann im Nachhinein kaum als
eine Abfolge rationaler, wohlbedachter Entscheidungen begriffen werden,
und letztlich hat der Kolonialismus den Europäern keineswegs das
eingebracht, was sie von ihm erhofften. Im Hinblick auf die ökonomischen
Imperialismustheorien widerspricht das dem zu erwartenden Ergebnis: Der
Imperialismus wird in ihnen als eine der brutalsten Formen von Ausbeutung
und Unterdrückung beschrieben, die es in der Geschichte gegeben hat. Das
ist der Kolonialimperialismus zweifellos gewesen, aber trotz seiner
gewalttätig-exploitiven Methoden hat er tendenziell so viel gekostet, wie er
eingebracht hat. Volkswirtschaftlich betrachtet, war er eine große politisch-
ökonomische Fehlkalkulation.
Die selbstzerstörerische Dynamik des Kapitalismus: die
ökonomischen Imperialismustheorien

Wie lässt sich eine solche Fehlkalkulation erklären, zumal sie nicht auf ein
Land oder den europäischen Kontinent beschränkt blieb, von wo aus es zum
berühmt-berüchtigten Scramble for Africa kam 4 , sondern weltweit
anzutreffen war? Auch die japanische und die amerikanische Politik wurden
damals vom imperialistischen Fieber befallen: Japan griff auf das
ostasiatische Festland über, vor allem auf die Mandschurei, wo es mit
Russland in Konflikt geriet; die Folge war der russisch-japanische Krieg von
1904/05, den man als einen klassischen imperialistischen Krieg bezeichnen
kann. Und die USA setzten sich nach dem spanisch-amerikanischen Krieg
von 1898 nicht nur im mittelamerikanisch-karibischen Raum fest, sie
annektierten auch die Philippinen, wo sie in einen mehrjährigen,
verlustreichen Guerillakrieg hineingezogen wurden. 5
Wurde jene Fehlkalkulation durch eine Hysterie bewirkt, die sich
epidemieartig ausgebreitet hat und es den Eliten unmöglich machte, ihre
Interessen rational zu verfolgen? Gaben tatsächlich Überakkumulation
beziehungsweise Unterkonsumption in den ökonomisch fortgeschrittensten
Ländern den Ausschlag dafür, dass immer neue Märkte für Waren und
Anlagemöglichkeiten des Kapitals erschlossen werden mussten, wie speziell
die marxistischen Imperialismustheoretiker behaupteten? Oder war, wie
Joseph Schumpeter meinte, der Imperialismus des späten 19. und frühen
20. Jahrhunderts ein letztes Aufbegehren vormoderner Eliten, die sich dem
neuen Geist von Handel und Wandel nicht beugen wollten und deswegen
Eroberungsprojekte in Gang setzten, bei denen eigentlich erkennbar war,
dass sie sich nie und nimmer lohnen würden? 6
Im Prinzip gibt es für den Schub der Großreichsbildungen im
19. Jahrhundert und die mit ihm verbundenen Konflikte zwei
Erklärungsmöglichkeiten: eine, die von der grundsätzlichen Irrationalität
dieser Entwicklung ausgeht und den Einbruch der Irrationalität in eine sich
zunehmend rationalisierende Welt als das Problem ansieht; und eine, die
den Imperialismus als rationales Agieren der mächtigsten Akteure innerhalb
der kapitalistischen Welt versteht, wobei die Konkurrenz des nationalen
Kapitals sowie dessen Amortisationserfordernisse die Richtung der
imperialistischen Expansion vorgeben. Letzteres erklärt dann auch, warum
es in den entsprechenden Theorien nur zum geringeren Teil um Entstehung
und Aufstieg der großen Reiche geht, sondern vor allem um die Frage, ob
der Kapitalismus eine Zukunft habe und, wenn ja, ob dies eine Epoche der
Barbarei sein werde, wie Rosa Luxemburg prophezeite, oder ob sich die
kapitalistische Dynamik durch sozialpolitische Reformen bändigen lasse,
wie John Atkinson Hobson meinte.
Hobson, der an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Erster eine
rein ökonomisch fundierte Imperialismustheorie entwickelte, an der sich die
meisten späteren Imperialismustheoretiker abgearbeitet haben, war der
Auffassung, imperialistische Politik sei, gesamtgesellschaftlich betrachtet,
keineswegs gewinnbringend. Er hielt sie, im Gegenteil, für ein überaus
verlustreiches Geschäft. In keinem Fall stünden die Erträge des Handels mit
den wirtschaftlich unterentwickelten, teilweise nicht einmal erschlossenen
Territorien in einem vertretbaren Verhältnis zu den Militär- und
Verwaltungskosten, die der Unterhalt des Empire verschlinge, von den
Investitionen in die Infrastruktur jener Räume ganz zu schweigen.
Aber wer war dann am Aufbau derart unrentabler Imperien interessiert?
Weder die Steuerzahler noch die Händler oder Unternehmer, meinte
Hobson, sondern allein das Finanzkapital, das nach profitablen
Anlagemöglichkeiten suche. Imperiale Expansionspolitik eröffne solche
Möglichkeiten – jedenfalls wenn der Staat entsprechende Garantien gebe
und bereit sei, in den überseeischen Gebieten militärisch zu intervenieren
und die Investitionen gegen Aufstände und Bürgerkriege zu sichern, zur Not
sogar die politische Kontrolle dort zu übernehmen. 7 Um den Staat und die
Mehrheit seiner Bürger dazu zu bringen, dem Finanzkapital ertragreiche
und sichere Investitionsmöglichkeiten in Übersee zu eröffnen, manipuliere
dieses die öffentliche Meinung; es habe nationalistische Instinkte geweckt
und eine proimperialistische Stimmung in der Bevölkerung geschürt, durch
die das Interesse einiger Kapitalisten an überseeischen Investitionen zu
einer nationalen Aufgabe erhoben worden sei. Im Grunde war der
Imperialismus für Hobson also ein Projekt der inneren Umverteilung in
ökonomisch fortgeschrittenen Gesellschaften.
Anders als die späteren marxistischen Imperialismustheoretiker war
Hobson nicht der Auffassung, der Kapitalismus werde ohne die Expansion
nach Übersee und die politisch-militärische Absicherung des dort
investierten Kapitals zusammenbrechen. Er war vielmehr überzeugt, das
Problem der Unterkonsumption in den kapitalistischen Ländern lasse sich
mittelfristig durch eine aktive Sozialpolitik lösen, die zu einer Hebung der
Massenkaufkraft führen werde. Die politische Domestikation des
Kapitalismus und die Entwicklung effektiver Sozialsysteme war danach die
Alternative zum aggressiv-imperialistischen Ausgreifen in alle Welt.
John Maynard Keynes, der Theoretiker der antizyklischen
Wirtschaftssteuerung, ist durch Hobsons Imperialismuskritik in vielfacher
Hinsicht angeregt und beeinflusst worden. Rosa Luxemburg und Wladimir
Iljitsch Lenin dagegen haben in den parteiinternen Auseinandersetzungen
mit den sozialreformerischen beziehungsweise gewerkschaftlich
orientierten Bestrebungen ihrer Parteien die Perspektive einer
«sozialdemokratischen» Reformierbarkeit des Kapitalismus entschieden
zurückgewiesen und dessen immanenten Zwang zu imperialistischer
Expansion herausgestellt. Ihre Imperialismustheorien hatten von vornherein
die Funktion, den Fokus ganz auf die Überwindung des Kapitalismus zu
richten: Er musste revolutionär besiegt werden, und dafür, dass das
gelingen konnte, sorgte die imperialistische Konkurrenz: Die großen
Mächte würden miteinander in Krieg geraten, sich schwächen und so den
Sieg der sozialistischen Revolution ermöglichen.
All diese Theorien und Debatten interessierten sich nicht wirklich für die
Imperiumsbildung, sondern kreisten um die Frage der Reformierbarkeit
oder Revolutionierbarkeit der europäischen Gesellschaften. Folglich
schenkten sie den Problemen der Peripherie, in die hinein die Imperien
expandierten, kaum Beachtung. Bezogen auf die selbst gewählte
Herausforderung der Imperialismustheorien, die Frage nämlich, ob der
Kapitalismus reformierbar sei und wo seine Stärken und Schwächen lägen,
war die politisch-ökonomische Peripherie der Imperien buchstäblich
peripher – und dementsprechend wurde sie behandelt. Zwangsläufig wurde
die Imperiumsbildung als ein vom Zentrum ausgehender und zur Peripherie
hin verlaufender Prozess konzipiert: Nur die Push-Faktoren wurden in
Betracht gezogen, die Pull-Faktoren blieben unbeachtet. Das Ergebnis, zu
dem die Imperialismustheorien gelangten, war also durch ihre
Fragestellung und ihr Erkenntnisinteresse vorherbestimmt.
Lenin hat sich in seiner Imperialismustheorie als Einziger etwas
eingehender mit der Peripherie beschäftigt, aber das lag vor allem daran,
dass Russland, obwohl seit Jahrhunderten eine imperiale Macht, aus der
Perspektive der ökonomischen Imperialismustheorien betrachtet, selbst zur
Peripherie gehörte. Wenn der Imperialismus als eine Folge der
Überakkumulation des Kapitals begriffen wurde, konnte das notorisch
kapitalschwache Russland nur als Statist in Erscheinung treten, zumal seine
Versuche, den militärischen Imperialismus durch einen ökonomischen
Rubel-Imperialismus nach britischem und amerikanischem Vorbild zu
ergänzen, an Kapitalmangel gescheitert waren. 8 Russland sei «das
schwächste Glied» in der imperialistischen Kette, meinte Lenin, und dort
werde sie zwangsläufig reißen.
Die Prognose des Theoretikers Lenin kam dem Politiker Lenin überaus
gelegen, besagte sie doch, dass die sozialistische Revolution in Russland
ausbrechen werde, um von hier aus auf die eigentlichen Zentren der
kapitalistisch-imperialistischen Welt überzugreifen. Im Grunde interessierte
sich auch Lenin nicht für die Peripherie, sondern lediglich für das
schwächste Glied der imperialistischen Kette, an dem er die besten
Chancen für den revolutionären Umsturz sah. Die rigide Art, mit der er
während des Bürgerkriegs die im Verlaufe der Revolution abgefallenen
Teile des Zarenreichs wieder zurückerobern ließ und sie mit brutaler
Gewalt in den Verband der neuen Sowjetunion hineinzwang, zeigt, wie
gleichgültig ihm die Peripherie letztendlich war. Sie war ihm nur ein Mittel
zu dem Zweck, den Kampf im Zentrum zu gewinnen.
Die ökonomischen, zumeist sozialistischen Imperialismustheorien haben
also ein spezifisches Problem der kapitalistischen Gesellschaften zum
Schlüssel für die Erklärung von Imperiumsbildungen gemacht. Sie sind –
was man ihnen zunächst gar nicht zum Vorwurf machen kann –
zeitgenössische Antworten auf zeitgenössische Fragen. In der Regel wurden
sie allerdings nicht als solche verstanden, sondern zu generellen
Erklärungen der Imperiumsbildung stilisiert. Infolgedessen sollen sie mehr
erklären, als sie wirklich erklären können 9 , und verstellen daher den Blick
auf die tatsächlichen Faktoren und Dynamiken imperialer Politik.
Was am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts für
Großbritannien, die USA und wohl auch Deutschland zutreffen mochte, galt
schon weniger für Frankreich, das zwar nach Großbritannien das größte
Kolonialreich besaß, sich im Vergleich mit anderen europäischen Ländern
jedoch durch eine eher bescheidene Dynamik der Kapitalakkumulation
auszeichnete; noch weniger galt es für Japan, und erst recht nicht, wie
gesagt, für Russland: Das Zarenreich war während dieser Zeit auf
Kapitalimport angewiesen, und seine Bündniswechsel – vor allem der von
Deutschland zu Frankreich am Ende der 1880er Jahre, der für die
Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs bedeutsam werden sollte – standen in
engstem Zusammenhang mit dem Abschluss von Kreditverträgen, auf die
Russland zur Modernisierung seiner Infrastruktur und seiner Armee sowie
zum Ausbau seiner Industrie dringend angewiesen war. 10 Mit
ökonomischer Dynamik lässt sich die imperialistische Politik des
Zarenreichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht erklären.
Das Zentrum-Peripherie-Problem

Die Geschichte der russischen Imperiumsbildung ist durch die


Indienstnahme und Auspressung der eigenen Bevölkerung für die Zwecke
der Expansion geprägt. 11 Man hat dies auch als «inneren Kolonialismus»
bezeichnet. Einer seiner zentralen Bestandteile war die teilweise mit Zwang
und Gewalt erfolgte Bevölkerungsverschiebung aus dem europäischen Teil
Russlands nach Sibirien. 12 Davon, dass im Zuge der Imperiumsbildung
Extraprofite für die Massen angefallen seien – wie Lenin für Westeuropa
annimmt, um zu erklären, warum die Revolution dort bislang ausgeblieben
war –, kann also im Falle Russlands keine Rede sein. Vor allem die Bauern
haben für die imperiale Machtentfaltung der Zaren über Jahrhunderte
geblutet, und ob die Aristokratie so stark von ihr profitiert hat, wie die
Imperialismustheoretiker annehmen, ist mehr als fraglich. Dass zwischen
1863 und 1904 etwa 90 Prozent der adeligen Ländereien den Besitzer
wechselten 13 , spricht eher dagegen. Russlands Versuch, im imperialen
Wettlauf der großen Mächte mitzuhalten, zwang zur Veränderung der
sozioökonomischen Strukturen des Landes, und dadurch wurde der Zerfall
des adligen Grundbesitzes und die Verelendung der Bauernschaft weiter
vorangetrieben. Letzteres ist im Hinblick auf die Beobachtungen und
Prognosen der Imperialismustheorien sicher ein geringeres Problem als die
Verarmung der Aristokratie, die der sozioökonomische Träger des
Zarenreichs war. Ganz offenkundig standen ihre sozialen Interessen quer zu
den politischen Imperativen des Imperiums: Um sie zu wahren, hätte die
Aristokratie der Expansion des Reiches eigentlich entgegenwirken müssen.
Das zarische Russland ist über den größten Teil seiner Geschichte ein
Beispiel für Imperien, bei denen sich im Zentrum der Macht kaum wirkliche
Profiteure der imperialen Politik ausfindig machen lassen.
Im Falle Russlands kommt noch ein Element hinzu, das
imperialismustheoretisch nicht zu erklären ist: der Umstand nämlich, dass
die Zaren zur Verwaltung ihres Riesenreichs seit den Zeiten Peters des
Großen in hohem Maße auf Nichtrussen zurückgegriffen haben. Unter
ihnen spielten die Deutschen eine herausgehobene Rolle, und zwar neben
dem baltendeutschen Adel, der mit der russischen Expansion zur Ostsee am
Beginn des 18. Jahrhunderts in den Herrschaftsbereich der Zaren
gekommen war und besondere Privilegien genoss, auch in Deutschland
angeworbene Offiziere und Verwaltungsfachleute. So waren im 18. und
19. Jahrhundert etwa 18 Prozent der hohen Beamten in Russland deutscher
Abstammung, und bis zur Jahrhundertwende dürfte ihr Anteil noch weiter
gestiegen sein. 14 Sie haben zweifellos von der imperialen Expansion
Russlands profitiert, verdankten sie ihr doch Stellung und Karriere.
Ähnliches galt für die Kosaken, denen bei der Grenzlandsicherung eine
wichtige Funktion zukam. Die eigentlichen Nutznießer des zarischen
Imperiums waren also periphere Gruppen und nationale Minderheiten, die
innerhalb der imperialen Ordnung Positionen einnahmen, in die sie sonst
niemals gelangt wären. 15
Eine derartige Bevorzugung von Gruppen und Minderheiten, die an der
Peripherie des Reichs beheimatet waren, ist mit Theorien imperialer
Herrschaft, nicht jedoch mit denen des Imperialismus zu erklären. Während
diese nach Verbindungen von bereits vorhandener soziopolitischer Macht
mit imperialer Expansion Ausschau halten, um den mächtigsten Akteuren in
Politik und Gesellschaft als den Drahtziehern wie Gewinnern der imperialen
Expansionspolitik auf die Spur zu kommen, entwickeln Imperiumstheorien
eine Vorstellung von der Nützlichkeit gesellschaftlich randständiger
Gruppen für die Beherrschung eines ausgedehnten Reiches, in dem die
Zentrale nicht alle Vorgänge und Beschlüsse kontrollieren kann und sich auf
die Verantwortlichen an der Peripherie verlassen muss. Dabei ist weniger
das Problem richtiger oder falscher Entscheidungen von Interesse, sondern
vor allem die Sorge um die Loyalität der lokalen Entscheidungsträger. Je
größer die Ausdehnung eines Imperiums, desto deutlicher machen sich
nämlich die zentrifugalen Kräfte bemerkbar: Die Gouverneure und
Militärkommandanten verbinden sich mit der in der Peripherie ansässigen
Bevölkerung oder erlangen das Vertrauen und die Zuneigung der ihnen
unterstellten Truppen, und damit wächst die Gefahr, dass sie sich bei
nächster Gelegenheit vom Imperium abspalten oder durch Putsche und
Staatsstreiche versuchen, die Macht im Zentrum an sich zu reißen. Die
Geschichte des Imperium Romanum seit den Bürgerkriegen des 1.
vorchristlichen Jahrhunderts etwa ist von einer Abfolge von Rebellionen und
Usurpationen gekennzeichnet, die an der Peripherie entstanden und von
dort ins Zentrum übergriffen. 16
Allzu enge Verbindungen zwischen der Bevölkerung einer Region und
ihrem Gouverneur oder den an den Reichsgrenzen stationierten Truppen
und ihrem Kommandeur lassen sich verhindern, indem man die
administrative und militärische Führungsebene regelmäßig und in kurzen
Abständen austauscht. Imperien haben nicht selten auf dieses Mittel
zurückgegriffen. Der Nachteil einer solchen Methode besteht allerdings
darin, dass den Entscheidungsträgern keine Zeit bleibt, sich mit den
besonderen Verhältnissen der Region bekannt zu machen; die sture
Anwendung allgemeiner Grundsätze wird zur Regel, Fehlentscheidungen
häufen sich. Ein berühmtes Beispiel für die negativen Folgen des
Rotationsprinzips ist P. Quinctilius Varus, römischer Statthalter in
Germanien, der zuvor in Syrien Dienst getan hatte und mit den ganz anders
gearteten Verhältnissen zwischen Rhein und Elbe nur unzureichend
vertraut war. Nicht zuletzt deshalb gelang es einer Verschwörung
germanischer Stammesfürsten im Jahre 9 n. Chr., den Statthalter mitsamt
seinen Legionen im Teutoburger Wald in einen Hinterhalt zu locken und so
den Römern eine Niederlage zuzufügen, die ihren imperialen
Expansionsdrang nach Nordosten dauerhaft gebrochen hat. 17 Die
Geschichte imperialer Niederlagen ist voll von solchen Varus-Gestalten.
Die Alternative zur beschleunigten Zirkulation der Funktionsträger
besteht darin, zumindest zum Teil Gruppen oder Einzelpersonen in die
Funktionselite aufzunehmen, die zu bedingungsloser Loyalität gegenüber
dem imperialen Zentrum gezwungen sind: Ihr politisches wie persönliches
Schicksal ist an das ihres Oberherrn gebunden, deswegen ist von ihnen
Loyalität und Tatkraft zu erwarten, auch wenn der Oberherr fern ist und
seinen Sachwalter nicht direkt kontrollieren kann.
Ein weiteres Beispiel für die Nutzung von Minderheiten zur Sicherung
imperialer Macht ist – neben dem Verwaltungspersonal des Russischen
Reiches und den dort eingesetzten Kosaken – das Janitscharenkorps des
Osmanischen Reiches, das freilich nicht an der imperialen Peripherie,
sondern im Zentrum der Macht, in Konstantinopel und Umgebung,
stationiert war und darum der Herrschaft des Sultans unmittelbar
gefährlich werden konnte. Da die Janitscharen von Ausbildung und
Ausrüstung her die besten Truppen waren, über die der Sultan verfügte,
hätte er einen Janitscharenaufstand schwerlich niederschlagen können. Er
war somit auf Gedeih und Verderb von der Loyalität dieser Eliteeinheiten
abhängig. Die bedingungslose Treue der Janitscharen sowie ihre
außerordentliche Einsatzfähigkeit im Krieg wurden dadurch sichergestellt,
dass diese Truppen in Form der so genannten Knabenlese (Dewschirme) aus
den Kindern der zum Osmanischen Reich gehörigen christlichen Gebiete
des Balkans rekrutiert wurden. Sie hatten keine sozialen Bindungen und
politischen Kontakte im Machtzentrum und verdankten ihre privilegierte
Position allein dem Wohlwollen des Herrschers.
Die Elite des Osmanischen Reichs stammte über einen langen Zeitraum
vom Balkan; in ethnischer Hinsicht war sie weniger türkisch als albanisch
geprägt. Die Herkunft von der imperialen Peripherie und ihre Zugehörigkeit
zu einer ethnischen und religiösen Minderheit stellten sicher, dass die
Sultane sich auf ihre Janitscharen verlassen konnten und nicht das
Schicksal so mancher römischen Kaiser teilen mussten, die einem Aufstand
der Prätorianergarde zum Opfer gefallen waren. Ähnliches gilt für die
Verwaltungselite des Osmanischen Reichs. Ihr Niedergang setzte ein, als
seit dem späten 17. Jahrhundert zunehmend freigeborene Muslime in ihr
aufstiegen: Die Steuerpächter wirtschafteten in die eigene Tasche, und das
Zentrum verlor immer mehr die Kontrolle über die Peripherie. 18
Auch an Niedergang und Zerfall des Spanischen Weltreichs lässt sich das
Überhandnehmen der zentrifugalen Kräfte beobachten, das schließlich
sogar zur Ablösung großer Gebiete aus dem Reichsverband geführt hat.
Infolge der geringen Präsenz von Verwaltungsbeamten und Militär in
Lateinamerika arbeitete die spanische Kolonialverwaltung relativ
kostengünstig. Infolgedessen kam es jedoch zu einer wachsenden
Kreolisierung sowohl der Verwaltung als auch der Führung der Milizen, die
zur Absicherung der sozialen Ordnung wie zur Abwehr nomadisierender
Indianerstämme gebraucht wurden. Der Handel innerhalb Hispanoamerikas
lag ohnehin weitgehend in kreolischen Händen. 19 Bald sah die kreolische
Oberschicht Hispanoamerikas, das zum Zeitpunkt seiner größten
Ausdehnung von Kalifornien und Texas im Norden bis zur Südspitze Chiles
reichte, keinen Grund mehr dafür, die Reichtümer Lateinamerikas weiterhin
dem spanischen Mutterland zu überlassen, damit dieses seine
Hegemonialpolitik in Europa finanzieren konnte.
Im Zentrum des Reichs, in Madrid, sah man das selbstverständlich
anders, und dementsprechend wurde in den bourbonischen Reformen
versucht, den kreolischen Einfluss zurückzudrängen und den der Europa-
Spanier zu erhöhen. Der ökonomische Erfolg dieser Reformen brachte
jedoch eine wachsende Entfremdung Hispanoamerikas vom spanischen
Mutterland mit sich. 20 Als Spanien im Jahre 1807 durch napoleonische
Truppen besetzt und bald darauf ein Bruder Napoleons zum spanischen
König ernannt wurde, war das nur der Anlass, nicht aber die Ursache für
die Trennung Mittel- und Südamerikas von Spanien.
Was im Falle des Russischen Reiches die soziopolitische Randständigkeit
von Teilen der Verwaltungs- und Militärelite des Imperiums war, war im
Falle des Spanischen Reiches über lange Zeit die Minderheitenposition der
weißen urbanen Oberschicht innerhalb einer mehrheitlich indianischen
Umgebung. Den zentrifugalen Tendenzen imperialer Ordnung wirkte hier
also der Umstand entgegen, dass sich die kreolische Oberschicht nicht
sicher sein konnte, ob sie nach einer politischen Trennung vom spanischen
Reichsverband ihre soziale Stellung in der Neuen Welt würde behalten
können oder durch Sklaven- und Indioaufstände hinweggefegt werden
würde. Es waren die Verwaltung, Rechtsprechung sowie innere und äußere
Sicherheit umfassende Stabilitätsgarantien Spaniens, die als zentripetales
Gegengewicht wirkten. Erst als infolge der bourbonischen Reformen die
Kosten, welche die Kreolen dafür zu zahlen hatten, deutlich stiegen und
Spanien schließlich im Krieg mit England jene Zusagen nicht mehr
einhalten konnte, setzte sich die Auffassung durch, der Ausbruch aus dem
Imperium sei vorteilhafter als der weitere Verbleib darin.
Das russische und das spanische Beispiel zeigen, dass zumindest nach der
Errichtung eines Imperiums Struktur und Dynamik seiner Ordnung nicht
allein vom Zentrum her begriffen werden können. Zahlreiche
Entscheidungen, die für ein Imperium existenzielle Bedeutung hatten, sind
an seinen Rändern beziehungsweise von Personen oder Personengruppen
getroffen worden, die aus der Peripherie stammten und in ihrer politischen
Wahrnehmung durch diese geprägt waren. Das gilt etwa für die römischen
Kaiser seit dem 2. Jahrhundert.
Eine ganz andere Art von Einfluss der Peripherie auf das Zentrum lässt
sich im Falle des Britischen Empire beobachten. Die Briten gaben in den
letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die komfortable Konstellation
eines Ströme und Bewegungen kontrollierenden Imperiums – zumindest
teilweise – auf und bürdeten sich in Indien und Afrika die erhöhten Kosten
und Lasten eines Territorialimperiums auf. Sie hatten den Ausbau des
Empire, den Ideen des Freihandels und der Friedenssicherung durch
Intensivierung wirtschaftlicher Verflechtungen entsprechend, zunächst
weitgehend nichtstaatlichen Akteuren überlassen, insbesondere
Handelskompanien, aber auch einzelnen Geschäftsleuten und Banken, die
neue Märkte erschlossen und so den Handel verdichteten und ausweiteten.
«Nach meiner Ansicht», so Richard Cobden, der Begründer der
Freihandelsbewegung, im Jahre 1846, «wird das Prinzip des Freihandels in
der moralischen Welt wirken wie das Prinzip der Gravitation im Universum:
Es wird die Menschen näher zusammenführen, die Gegensätze der Rasse,
des Glaubens und der Sprache überwinden und uns durch die
Bindungskraft des ewigen Friedens vereinigen.» 21
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts jedoch begannen sich die Dinge anders
zu entwickeln, als in den Theorien des Freihandels und des liberalen
Internationalismus vorgesehen 22 : Die wirtschaftlichen Vereinbarungen, die
den abhängigen Ländern aufgezwungen worden waren, führten nicht, wie
erwartet, zur Stärkung und Liberalisierung der politischen Ordnung,
sondern zu deren schrittweiser Schwächung und schließlich zu ihrem
Zerfall. Rebellionen breiteten sich aus, von denen der 1857 in Indien
ausgebrochene Sepoy-Aufstand nur der erste war. Unter dem Eindruck
dieser Ereignisse veränderten die Briten ihre gesamte Administrations- und
Militärstruktur in Indien. Sie nahmen die kostengünstigen Elemente
indirekter Herrschaft zurück und ersetzten sie durch die teureren Formen
direkter Herrschaft. Das war keine Entscheidung, die vom Zentrum
ausging. Sie wurde vielmehr wesentlich durch die Instabilität der Ränder
hervorgerufen.
Solche Unruhen, aber auch der Aufstieg von Politikern, die den
wirtschaftlichen Erwartungen des Imperiums weniger entgegenkamen als
ihre Vorgänger, führten dazu, dass die Rückzahlung von Krediten in Verzug
kam und die Sicherheit der in den neu erschlossenen Regionen getätigten
Investitionen gefährdet war. Die USA waren – vor allem im
mittelamerikanisch-karibischen Raum, ihrem so genannten Hinterhof – mit
ähnlichen Problemen konfrontiert und sahen sich zu immer neuen
Interventionen gezwungen. Plötzlich waren gerade jene imperialen Mächte,
die bislang aus guten Gründen auf direkte politische Eingriffe in die von
ihnen wirtschaftlich durchdrungenen Gebiete verzichtet hatten, vor die
Wahl gestellt, sich entweder aus ihnen zurückzuziehen oder die
administrative und politische Kontrolle über sie zu übernehmen. 23 Die
Europäer, insbesondere die Briten, entschieden sich für Letzteres und
errichteten im subsaharischen Afrika und in Asien Kolonien, während sich
die USA in der Karibik und in Mittelamerika auf eine Politik periodisch
wiederkehrender Militärinterventionen beschränkten. Ein Rückzug hätte
bedeutet, dass man die dort getätigten Investitionen hätte abschreiben
müssen – keine der Mächte, die an dieser Phase wirtschaftlicher
Globalisierung beteiligt waren, hat das angesichts erster Anzeichen von
Widerstand oder Instabilität ernstlich in Betracht gezogen. 24
Der Entschluss der expandierenden Gesellschaften des Westens,
Staatsapparat, Militär und vor allem Steuermittel auf diese Weise in den
Dienst wirtschaftlicher Interessen zu stellen, markierte für die
ökonomischen Imperialismustheorien den Übergang von kapitalistischen zu
imperialistischen Staaten. 25 Was dabei jedoch kaum wahrgenommen
wurde, waren die Veränderungen an der Peripherie. Dort brachen die
traditionellen Produktionsformen unter dem Druck der Warenströme aus
den industriellen Zentren zusammen, während gleichzeitig die
überkommene Lebensweise der Menschen ihre Bindekraft und Kohäsion
verlor. Nicht zuletzt die Auswirkungen, welche die Frühformen der
Globalisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf diese
traditionellen Gesellschaften hatten, provozierte den Schub der so
genannten imperialistischen Expansion seit den 1880er Jahren, der das
eigentliche Zeitalter des Imperialismus einleitete. Beschreibt man diese
Entwicklung als einen Prozess der wirtschaftlich ausgelösten Erosion
bestehender Ordnungen, der ihre machtpolitische Stabilisierung von außen
erforderlich machte, so werden bemerkenswerte Parallelen zur Situation
am Ende des 20. Jahrhunderts sichtbar. In ihrem Licht erscheinen die
zahlreichen humanitären militärischen Interventionen des vergangenen
Jahrzehnts – von der Verhinderung eines Völkermords bis zur Beendigung
von Bürgerkriegen – als Nachsorge der nicht intendierten Effekte des
neuerlichen Globalisierungsprozesses. Der humanitäre Imperialismus, von
dem einige Autoren sprechen, wäre dann nichts anderes als die politische
Nachbearbeitung der Spuren, die der sozioökonomische Prozess der
Globalisierung hinterlassen hat.

Zwar ist die Forderung nach einer stärkeren Berücksichtigung der


Peripherie von Historikern, die sich mit der Epoche des europäischen
Imperialismus befasst haben, immer wieder erhoben worden 26 , aber ein
größeres Echo haben ihre Stimmen nicht gefunden. In den
Imperialismustheorien wird die Peripherie schon deshalb stiefmütterlich
behandelt, weil von Anlage und Fragestellung her ihre Aufmerksamkeit
hauptsächlich dem Zentrum gilt: Als imperialistisch werden nun einmal jene
intellektuellen Strömungen und politischen Bewegungen bezeichnet, die ein
Interesse daran haben, dass ein Imperium errichtet wird. Daher haben die
Imperialismustheorien sich zwangsläufig auf die Absichten einiger Akteure
im Zentrum kapriziert und übersehen, wie wichtig die Verkettung
funktionaler Effekte, die zwischen Zentrum und Peripherie hin- und
herlaufen, für die Entstehung von Imperien ist. Imperiumstheorien
hingegen haben Zentrum und Peripherie gleichermaßen im Blick zu
behalten, und zwar bei der Betrachtung der Entstehungsphase ebenso wie
in der Epoche nach der Konsolidierung des Imperiums.
Damit ist ein weiteres Problem von Imperialismustheorien angesprochen:
Ihre Konzentration auf die Entstehungsphase der Imperien und die
Vernachlässigung ihres späteren Funktionierens. Auch diese Einseitigkeit
ergibt sich offenkundig daraus, dass das Erkenntnisinteresse der Dynamik
des Kapitalismus galt: Man war überzeugt, dass es dem Imperialismus nicht
gelingen werde, eine stabile Ordnung herzustellen, und in den Kriegen und
Konflikten, die daraus folgen müssten, werde er dann zu Grunde gehen.
Angesichts einer solchen Erwartung bestand kein Anlass, sich ausführlicher
mit der Funktionsweise entwickelter Imperien zu beschäftigen. Auch
während der Renaissance der Imperialismustheorien in den 1960er/70er
Jahren hat man sich eher für ephemere Reichsbildungen interessiert wie
das Bismarckreich, den Wilhelminismus und die großgermanischen
Reichsvorstellungen des Nationalsozialismus. Daneben hat man vielleicht
noch einen kritischen Blick auf den amerikanischen und den japanischen
Imperialismus geworfen, aber abgesehen vom Britischen Empire die großen
Imperien mit langer Dauer keiner intensiveren Auseinandersetzung für
würdig befunden. 27 Die Erwartung, das definitive Ende des imperialen
Zeitalters stehe unmittelbar bevor, schien derlei überflüssig zu machen, und
dementsprechend konzentrierte man sich auch beim Britischen Weltreich
vor allem auf die hektischen Expansionsphasen und ließ die Perioden
ruhigen Funktionierens weithin außer Acht. Es ist nicht auszuschließen,
dass die schnell formulierten Prognosen, ein American Empire werde
keinen Bestand haben, durch dieses spezifische Design der
Imperialismustheorien vorgefertigt waren.
Prestigestreben und Mächtekonkurrenz: die politischen
Imperialismustheorien

Ist von den genuin politischen Imperialismustheorien mehr zu erwarten,


wenn es um die Klärung der jüngeren machtpolitischen Entwicklungen
geht? Kaum im Hinblick auf die Zentrum-Peripherie-Problematik, da auch
ihr Augenmerk der Metropolenentwicklung gilt. So bemühten sich die
ersten politischen Imperialismustheorien darum, den Aufstieg Napoleons III.
und die Genese des zweiten Empire in Frankreich zu erklären. Dabei zogen
sie immer wieder Napoleon I., das von ihm geschaffene Kaiserreich und die
Art und Weise, wie beide Empires sich in die Tradition des Römischen
Reichs stellten, als Vergleichsbasis heran. Am Anfang dieser Theorien steht
Karl Marx’ kleine Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte
(1852), in der Marx den politischen Aufstieg Napoleons III. auf ein
«Klassengleichgewicht» im Frankreich der Jahrhundertmitte zurückführte:
Die Kräfte des Fortschritts und die Kräfte der Beharrung hätten einander
für eine gewisse Zeit die Waage gehalten und sich gegenseitig paralysiert;
deshalb sei es zur Verselbständigung des Staatsapparats gekommen: Er
habe nunmehr eine Politik betreiben können, die nicht unter der
Direktionsgewalt einer herrschenden Klasse stand.
Die so genannte Bonapartismustheorie 28 ist selbst noch keine
Imperialismustheorie, enthält aber eine Reihe von Ansätzen dazu, insofern
Armee und Staatselite bei der imperialistischen Expansion nicht mehr unter
dem Interessen- und Rentabilitätsvorbehalt der herrschenden Klasse
standen, sondern ihrem Prestigestreben, um einen Begriff Max Webers
aufzunehmen, freien Lauf lassen konnten. Die Frage nach den Kosten des
Prestiges konnte zurückgestellt werden, da sie von einer politisch
machtlosen Gesellschaft übernommen werden mussten. «Frankreich», so
resümierte Marx die Vorgänge vom Dezember 1851, als Louis Bonaparte
endgültig die Macht an sich riss, «scheint also nur der Despotie einer Klasse
entlaufen, um unter die Despotie eines Individuums zurückzufallen, und
zwar unter die Autorität eines Individuums ohne Autorität.» 29
Für Marx war Louis Bonaparte bloß der Anführer zweier Fraktionen des
Lumpenproletariats, der Parvenus und der Schläger. Deswegen ging er
davon aus, die Armee, und nicht die Nationalversammlung, werde der
eigentliche Machtfaktor in Frankreich sein. Noch vor der Errichtung des
Zweiten Kaiserreichs schrieb er, «um die wahre Gestalt dieser Republik zu
vollenden» fehle nur eines: «seine (des Parlaments) Ferien permanent
machen und ihre (der Republik) Aufschrift: liberté, égalité, fraternité,
ersetzen durch die unzweideutigen Worte: Infanterie, Kavallerie,
Artillerie!» 30 Bereits Napoleon I. habe die in einem Staatsstreich
usurpierte Herrschaft nur «durch wiederholte Kriege nach außen»
verlängern können. Insofern gehörten «der Despotismus im Innern und der
Krieg nach außen» zwingend zusammen. 31 Imperialismus und Despotismus
waren für Marx zwei Seiten ein und derselben Medaille.
Hätte Marx, statt sich ganz auf die Fragen der Ökonomie und des
Klassenkampfs zu konzentrieren, politisch-psychologische Aspekte in seine
Erklärung einbezogen, so wäre er sehr schnell auf jene Disposition
gestoßen, die Max Weber später als Prestigestreben bezeichnet hat. Der
Kaiser, der Hofstaat und die Generalität waren um Anerkennung ihrer
herausgehobenen Rolle nicht nur in Frankreich, sondern auch in Europa
und der ganzen Welt bemüht, und zwar in einer Weise, die sich lediglich
durch immer neue imperiale Unternehmungen befriedigen ließ: von der
Konsolidierung der Herrschaft in der Maghrebregion bis zum
mexikanischen Abenteuer des Habsburgers Maximilian, hinter dem die
französische Politik stand.
Das Spielerisch-Abenteuerliche an dieser Politik hat freilich keiner der
zeitgenössischen Beobachter schärfer gesehen als Marx. Eine solche an der
Steigerung des inner- und außereuropäischen Prestiges des französischen
Kaisers und seines Reichs orientierte Politik war nicht mit wirtschaftlichen
Rentabilitätsüberlegungen zu beurteilen, und an ihnen orientiert war sie
schon gar nicht. Eher lässt sich die imperiale Politik Napoleons III. als ein
fortgesetzter Tausch ökonomischen Kapitals in politisches Prestige
beschreiben, der mit dem Versprechen verbunden war, das werde sich
mittel- und langfristig auch wirtschaftlich rentieren; kurzfristig aber
profitiere jeder Franzose vom imperialen Prestige, indem er teilhabe am
Glanz des zweiten Empire. 32
Gegenüber den ökonomischen haben die politischen
Imperialismustheorien den Vorteil, dass sie mit mehreren Kapitalsorten
argumentieren, die miteinander verglichen und gegeneinander
ausgetauscht werden können. 33 Tatsächlich ist der Begriff des
Imperialismus mit Blick auf die Politik Louis Napoleons geprägt und
verbreitet worden 34 , und als Benjamin Disraeli, der von den Tories
gestellte britische Premierminister, ihn 1872 in seiner berühmten Crystal
Palace-Rede aufnahm, um damit das Projekt einer expansiven Außenpolitik
zu bezeichnen, tat er dies vor allem im Hinblick auf eine Steigerung des
Prestiges der englischen Krone (und des öffentlichen Ansehens der
Konservativen Partei). Auch die Erhebung Königin Victorias zur Kaiserin
von Indien im April 1876 war im buchstäblichen Sinn ein imperiales Projekt:
Es hatte die Errichtung eines neuen Kaisertums zum Ziel, bei dem es
weniger um ökonomische Vorteile denn um politisches Prestige ging.
Dass Disraeli auf die imperiale Karte setzte, hatte nicht zuletzt damit zu
tun, dass auf dem europäischen Kontinent inzwischen der Kaisertitel von
Paris nach Berlin gewandert war: Nach der französischen Niederlage gegen
Preußen-Deutschland war Frankreich im September 1870 zur
republikanischen Staatsform zurückgekehrt, wohingegen die unter der
Führung Preußens geeinten deutschen Staaten mit ihren Fürsten und
Königen an der Spitze Anfang 1871 unter die Oberhoheit eines Kaisers
traten. Während die europäischen Kontinentalreiche – zunächst ganz
explizit die der beiden Napoleons und mit dem Ende der Bismarck-Ära und
dem Beginn des Wilhelminismus dann auch verschiedentlich das Deutsche
Reich 35 – ihr Prestige durch Anknüpfung an das Römische Reich zu
steigern suchten, setzte Disraeli auf die außereuropäische Machtstellung
Großbritanniens, um dessen globale Bedeutung, seine Weltherrschaft, zu
unterstreichen. Gemessen an ihr nahm sich das Deutsche Kaiserreich, das
zu diesem Zeitpunkt noch keine Kolonien besaß, bescheiden aus. Das bald
darauf allerdings auch in Deutschland grassierende Kolonialfieber war
ebenfalls Ausdruck eines Prestigestrebens, das dem Reich einen «Platz an
der Sonne» verschaffen wollte.
Der Anspruch auf Imperialität hatte somit nicht nur eine innenpolitische
Funktion, indem er ökonomische Verteilungskonflikte durch die Teilhabe
eines jeden Reichsbürgers an der nationalen Ehre stillzustellen suchte. In
außenpolitischer Hinsicht erfüllte er darüber hinaus die Aufgabe, Prestige
und somit Macht und Einfluss zu erzeugen. 36 Insofern ist Prestigestreben
ein politisch funktionaler Vorgang, der mit kurzfristigen Kosten-Nutzen-
Analysen nicht angemessen beurteilt werden kann. Im weitesten Sinne lässt
sich der Wettstreit um Prestige als Herstellung internationaler Hierarchien

begreifen, die ohne das «Auskunftsmittel des Krieges» (Clausewitz)


auskommen – jedenfalls ohne Kriege zwischen den unmittelbaren
Konkurrenten um die Vormachtstellung. Das heißt nicht, dass solche
Rivalitäten grundsätzlich friedlich verlaufen. Die Kriege, die sie begleiten,
werden jedoch meist an der Peripherie der jeweiligen Herrschaftsbereiche
ausgetragen, und die imperialen Konkurrenten achten in der Regel darauf,
dass sie sich dabei nicht in die Quere kommen. 37 Prestige gewinnen sie
durch militärische Siege gegen politisch wie ökonomisch unterlegene
Gegner. Erst wenn dieser Wettstreit um Macht und Ansehen versagt,
schlagen imperiale Kriege an der Peripherie, die gewöhnlich als
asymmetrische Kriege geführt werden, in imperialistische Kriege um, in
denen die Konkurrenten um die Hegemonialposition unmittelbar
gegeneinander kämpfen.
Im Zentrum der politischen Imperialismustheorien 38 steht somit eine
andere Art von Konkurrenz als die, auf die sich die ökonomischen
Imperialismustheorien konzentriert haben. Es ist nicht die Konkurrenz des
Kapitals um Märkte und Anlagemöglichkeiten, sondern die der Staaten um
Macht und Einfluss, und hierbei hat der Abgleich von Kosten und Nutzen im
wirtschaftlichen Sinn einen geringeren Stellenwert. Selbstverständlich ist
Prestigestreben immer auch ein Einfallstor für irrationale Motive und
Erwartungen, aber man sollte zurückhaltend damit sein, es generell in den
Bereich des Irrationalen zu verbannen, wozu eine Betrachtungsweise neigt,
die Kosten und Nutzen allein am wirtschaftlichen Ertrag misst.
Im Unterschied zu Staaten stehen Imperien unter dem informellen
Zwang, in allen Bereichen, in denen Macht, Prestige und Leistung
gemessen und verglichen werden können, die Spitzenposition einzunehmen.
Dieser Zwang zum ersten Platz zeigt sich heute nicht nur bei den
militärischen Fähigkeiten oder wirtschaftlichen Leistungen, sondern auch in
der technologischen Entwicklung, im Bereich der Wissenschaften und nicht
zuletzt im Sport und im Entertainment. Nobelpreise, Universitätsrankings,
olympische Medaillenspiegel und Oscarverleihungen sind immer wieder
Testläufe, in denen sich die imperiale soft power zu bewähren hat.
Gelegentliche Rückschläge in diesen Bereichen werden sofort als
Indikatoren für einen beginnenden Niedergang des Imperiums gewertet
und schlagen in jedem Fall als Prestigeverlust zu Buche, der bei nächster
Gelegenheit wettgemacht werden muss. Aber das sind nur die harmloseren
Formen, bei denen das Imperium unter Dauerbeobachtung steht und seinen
Vormachtsanspruch immer wieder aufs Neue unter Beweis stellen muss.
Ein sehr viel härteres Testfeld imperialer Vormachtsansprüche ist die
unbestrittene Führungsposition im Bereich der Naturwissenschaften und
der Spitzentechnologie, da hieraus die Kontrolle über die Weltwirtschaft,
aber auch politisch-militärische Macht erwächst. Die Geschichte der
Raumfahrt ist ein Beispiel dafür: Als die Sowjetunion Ende der 1950er Jahre
auf diesem Gebiet erste spektakuläre Erfolge erzielte, löste dies bei den
USA nicht nur den «Sputnikschock» aus, sondern war der Anlass zu einem
Weltraumprogramm, dessen Ziel darin bestand, die sowjetische Raumfahrt
einzuholen und zu überholen. Zum Symbol der amerikanischen
Überlegenheit wurde schließlich die Landung von Menschen auf dem Mond,
und der große Schritt für die Menschheit, den Neil Armstrong tat, als er die
Raumkapsel verließ und die Mondoberfläche betrat, war zunächst und vor
allem ein großer Schritt für das Prestigestreben und den
Vormachtsanspruch der USA.
Um die Bedeutung politischen Prestigestrebens beurteilen zu können, muss
man einen Blick auf die Rahmenbedingungen des Wettstreits um Prestige
werfen, und dabei ist es wichtig, zwischen multipolaren und bipolaren
Systemen der internationalen Politik zu unterscheiden. Sinnvollerweise
sollte man der in den Theorien der internationalen Beziehungen üblichen
Unterscheidung von Multi- und Bipolarität 39 als dritte Möglichkeit noch die
der Unipolarität hinzufügen. In ihr ist das Prestigestreben der
unbestrittenen Vormacht eher konservierender Art, geht es dabei doch nur
darum, dass das, was die objektiven Daten der Machtverteilung vorgeben,
von den beteiligten Akteuren auch als solches anerkannt wird. Je mehr dies
der Fall ist, desto stabiler ist die politische Ordnung; je weniger es der Fall
ist, desto eher ist mit Gefolgschaftsverweigerungen bis hin zu offenen
Rebellionen gegen die bestehende Hierarchie zu rechnen. In den
Auseinandersetzungen im Vorfeld des jüngsten Irakkriegs ging es auch um
das politische Prestige der USA, das durch die öffentliche
Gefolgschaftsverweigerung einiger ihrer Verbündeten erkennbaren
Schaden genommen hat.
Seit den 1960er Jahren spielt Frankreich innerhalb der westlichen
Gemeinschaft notorisch die Rolle dessen, der das überlegene Prestige der
USA in Frage stellt und einen der westlichen Vormacht nahezu gleichen
Status für sich beansprucht. Präsident de Gaulle hatte diese Politik
begonnen und sie zum Markenzeichen des Gaullismus gemacht, aber auch
liberale und sozialistische Präsidenten wie Valéry Giscard d’Estaing und
François Mitterrand sind seiner Linie gefolgt. Die Briten hingegen haben
versucht, durch engste Anlehnung an die Führungsmacht USA an deren
Prestige zu partizipieren und so das eigene Ansehen zu steigern.
Die Folgen, die solche Prestigespiele der zweiten Reihe für die
internationale Ordnung haben, verändern sich, wenn sie nicht mehr in einer
bipolaren Ordnung stattfinden, wie das in der Zeit des Ost-West-Konflikts
der Fall war. Bipolarität begrenzt die Effekte von Prestigespielen, Uni- wie
Multipolarität hingegen verstärken sie. Um es zu konkretisieren: Unter den
Bedingungen des Ost-West-Gegensatzes war klar, dass die gelegentlichen
Widersetzlichkeiten Frankreichs nicht so weit gehen würden, die
Zugehörigkeit Frankreichs zum Westen in Frage zu stellen. An ihr Zweifel
aufkommen zu lassen war nie die Absicht der französischen Politik,
deswegen fanden alle Demonstrationen einer selbständigen französischen
Außenpolitik hier ihre Grenze. Das Prestigestreben der Franzosen diente
eher dazu, nationale Eitelkeiten zu befriedigen, als dass es tatsächlich
politische Konstellationen verändert hätte. Also hielten die USA es nicht für
nötig, ihre Hegemonialposition vehement hervorzuheben, und gleichzeitig
waren die Prämien, die Großbritannien für seine sehr viel größere
Folgebereitschaft gegenüber den USA einstreichen konnte, relativ gering.
All das hat sich, zunächst kaum merklich, mit dem Ende der bipolaren
Rahmung verändert. 40 Das macht den Unterschied zwischen der Situation
der USA vor 1991 und danach aus, wobei das Jahr 1991, an dessen Ende die
Sowjetunion auch formal zu bestehen aufhörte, insoweit ein eher fiktives
Datum ist, als es fast ein Jahrzehnt gedauert hat, bis die Akteure
realisierten, welche Folgen das Ende der Bipolarität in dieser Hinsicht
hatte. Die «Prestigespiele der zweiten Reihe» stellen für den Hegemon trotz
seines relativen Machtgewinns nach dem Untergang des bipolaren
Konkurrenten nun eine echte Herausforderung dar, und er beobachtet sie
mit sehr viel geringerer Gelassenheit als in den Zeiten der Bipolarität. Dafür
hat sich die Prämie, die auf bedingungslose Gefolgschaft ausgezahlt wird,
zumindest symbolisch erhöht. Insgesamt muss die Hegemonialmacht nach
dem Wegfall der strukturellen Zwänge der Bipolarität einen sehr viel
stärkeren Erwartungsdruck gegenüber ihren Bündnispartnern aufbauen.
Mit Blick auf die jüngsten Verwerfungen in den transatlantischen
Beziehungen hat eine Reihe von Beobachtern davon gesprochen, die USA
hätten sich aus einem «wohlwollenden Hegemon» in eine harte
Imperialmacht verwandelt und dies auf die Pläne und Vorgaben einiger
neokonservativer Regierungsmitglieder und Politikberater
zurückgeführt. 41 Womöglich handelte es sich dabei aber nur um eine Folge
des Wegfalls bipolarer Zwänge und die daraus erwachsene verschärfte
Konkurrenz um Prestige.
Je größer die Konkurrenz der Hegemonieaspiranten, desto stärker der auf
der Vormacht lastende Zwang, den eigenen Anspruch durch imperiales
Auftreten zu unterstreichen. Auf eine solche Situation reagierte Disraeli mit
seiner Crystal Palace-Rede: Der britische Einfluss auf die
kontinentaleuropäischen Verhältnisse war nach der deutschen
Reichseinigung gefährdet, die Regierung fühlte sich durch die aggressive
Mittelasienpolitik Russlands provoziert, außerdem ließ der rasante Aufstieg
der USA immer deutlicher erkennen, wie prekär Großbritanniens Stellung
als weltweit führende Industriemacht geworden war. Das Empire war
herausgefordert, und das von Disraeli forcierte imperialistische Projekt war
die Antwort darauf. Viel stärker, als die ökonomischen und die politischen
Imperialismustheorien annehmen, ist darin eine Reaktion auf äußere
Probleme zu sehen: Großbritannien versuchte, die Position eines
weltpolitischen Hegemon zu verteidigen, die ihm fast ohne sein Zutun
zugefallen war und jetzt in Frage stand. Was von den meisten
Imperialismustheoretikern als ein offensives Auftreten und Ausgreifen
interpretiert wird, kann bei den politischen Akteuren also durchaus defensiv
motiviert sein.
Im Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte Großbritannien in Europa die
Funktion eines «Züngleins an der Waage» erlangt. Um das
Mächtegleichgewicht auf dem Kontinent auszubalancieren und den Aufstieg
einer konkurrierenden Hegemonialmacht zu blockieren, genügte es in der
Regel, die relativ unterlegene Seite mit Subsidien, also ohne die
Entsendung eigener Truppen, zu motivieren und ihre Durchhaltefähigkeit
zu stärken. In der Auseinandersetzung mit dem Frankreich Napoleons I. war
diese überaus kostengünstige Hegemonialpolitik an ihre Grenzen gestoßen,
und Großbritannien hatte sich über längere Zeit mit eigenen Truppen auf
dem Kontinent engagieren müssen, um den Kaiser niederzuringen und die
britischen Interessen zu wahren. Napoleon hatte Großbritannien nicht nur
militärisch, etwa durch die Besetzung der iberischen Halbinsel, sondern
auch wirtschaftlich unter Druck gesetzt: Mit einem Handelsembargo, der so
genannten Kontinentalsperre, die er verhängte, wollte er die Insel von
wichtigen Absatzmärkten abschneiden.
Die nach der Niederlage Napoleons entstandene Situation war ganz im
britischen Interesse. Das alte multipolare Kräftegleichgewicht war
wiederhergestellt, zugleich aber durch die Entwicklung bipolarer
Konstellationen fixiert: Der russisch dominierten Heiligen Allianz in Mittel-
und Osteuropa stand im Westen das geschwächte Frankreich gegenüber,
das auf die bündnispolitische Anlehnung an Großbritannien angewiesen
war. Die Briten konnten zu der von ihnen klassisch betriebenen
Hegemonialpolitik zurückkehren; sie kontrollierten die Ozeane durch eine
jedem Konkurrenten weit überlegene Kriegsflotte, steuerten die
kontinentaleuropäischen Angelegenheiten mit Hilfe von Bündnissen und
Subsidien und hielten die Märkte für die Warenströme offen, die sich im
Zuge der industriellen Revolution in England ständig vergrößerten.
Großbritannien profitierte von dieser überaus kostengünstigen
Hegemonialposition, ohne dass es, von der Flotte abgesehen, nennenswert
in sie investieren musste. Es ist darum nur zu verständlich, dass Disraelis
liberaler Widerpart William Gladstone dessen imperiales Projekt
entschieden ablehnte und dafür den Begriff Imperialismus in einer
wesentlich pejorativen Bedeutung prägte. 42 Warum sollten die Briten die
komfortable Konstellation, wie sie die europäische Balance, das System der
indirect rule in den außereuropäischen Gebieten und die Politik des
Freihandels darstellte, aufgeben und sich auf imperialistische Abenteuer
mit ungewissem Ausgang und garantiert hohen Kosten einlassen?
Expansionszwänge, Randlagenvorteile und
Zeitsouveränität

Für ihre Sicherheit und die militärische Selbstbehauptung gegen


Konkurrenten mussten die Briten stets deutlich weniger ausgeben als die
kontinentaleuropäischen Staaten. Im Unterschied zu ihnen konnte sich
Großbritannien nämlich den Luxus leisten, auf stehende Heere zu
verzichten und stattdessen in die Flotte investieren; bedurfte
Großbritannien eines größeren Landesheeres, so folgte es lange Zeit der
Praxis, Streitkräfte auf dem Kontinent zu mieten oder anzuwerben.
Im Gegensatz zum Landheer war die Flotte ein Instrument
wirtschaftlicher Prosperitätssicherung. Während die Landheere der
europäischen Kontinentalstaaten zumeist in den Garnisonen lagen und nur
Kosten verursachten, war die Flotte ständig im Einsatz, kontrollierte und
schützte Handelsrouten und schuf so einen nicht nur politischen, sondern
auch ökonomischen Mehrwert. Für das Landheer ist die Unterscheidung
zwischen Krieg und Frieden fundamental. Mit der Kriegserklärung
beziehungsweise dem Friedensschluss verändert es gleichsam seinen
Aggregatzustand. Das ist bei der Flotte, zumal der einer führenden
Seemacht, nicht der Fall. Sollte tatsächlich einmal in globalem Maßstab
Frieden herrschen, nimmt sie immerhin Polizeifunktion wahr, indem sie die
Seefahrt vor Piraterie schützt. Flotten können sich politisch und
ökonomisch amortisieren; Landheere bestenfalls politisch. Das ist einer der
wichtigsten Kostenvorteile von See- gegenüber Landimperien. Der
amerikanische Admiral Alfred Thayer Mahan hat dies in seinem
grundlegenden Werk Der Einfluss der Seemacht auf die Geschichte
(1890) detailliert dargelegt. 43 Im Falle Großbritanniens kommt als Vorteil
bei der Imperiumsbildung die mit Blick auf die europäischen Machtzentren
periphere Lage des Landes hinzu. Während Frankreich, Preußen und
Österreich sich in immer neuen Kriegen gegeneinander schwächten und das
Erreichen einer imperialen Position blockierten, vollzog sich der Aufstieg
Großbritanniens abseits dieser Hegemonialkriege, die es als Zünglein an
der Waage des europäischen Gleichgewichts obendrein noch unter seiner
Kontrolle hatte. 44
Imperiumsbildungen, die aus einem Staatensystem oder einem
Pluriversum ebenbürtiger Mächte heraus unternommen wurden, sind fast
immer gescheitert, wohingegen solche, die an den Rändern der
weltpolitischen Zentren ihren Ursprung hatten, häufig erfolgreich waren.
Von Anfang an waren in den Zentren deutlich größere Anstrengungen nötig,
damit eine protoimperiale Macht sich gegen ähnlich starke oder doch nur
geringfügig unterlegene Mächte durchsetzen konnte, und der Anlauf zu
einer solchen Imperiumsbildung führte bald zu großen Kriegen, in denen
sich schwer zu besiegende Koalitionen dem entstehenden Imperium
entgegenstellten. In diesen Hegemonialkriegen 45 scheiterte entweder die
Imperiumsbildung, oder es entwickelte sich, wie im napoleonischen
Frankreich und im wilhelminischen Deutschland, eine Dominanz des
militärischen Apparats innerhalb des entstehenden Imperiums, die die
Kosten seines weiteren Aufstiegs in untragbare Höhen trieb und politisches
Handeln unflexibel machte. Die aus den machtpolitischen Zentren heraus
unternommenen Imperiumsbildungen kamen also – im Unterschied zu den
von den Randzonen ausgehenden – nie in den Genuss jener Phase, in der
sich imperiale Herrschaft auf die Kontrolle von Handelsströmen
beschränken konnte und damit mehr einbrachte, als sie kostete. So bildeten
sich in Europa nach dem Untergang des Römischen Reiches zwar zeitweilig
Hegemonien aus, aber keine dauerhaften Imperien. Spanien in der Ära von
Philipp II. bis Philipp IV. 46 , Frankreich unter Ludwig XIV. und dann noch
einmal unter Napoleon I. und schließlich das unter den Hohenzollern
geeinte Deutschland – sie alle sind in lange währenden Kriegen nicht nur an
der Ausbildung eines Imperiums gehindert worden, sondern büßten auch
die Hegemonie ein, die sie zuvor errungen hatten.
Da in den machtpolitischen Randzonen meist ebenbürtige Gegner fehlen,
kommt es hier auch nicht zu verheerenden großen Kriegen; der Aufstieg
zum Imperium erfolgt vielmehr in einer Reihe kleiner Kriege, in denen der
Widerstand organisatorisch wie technologisch unterlegener Gegner
schließlich gebrochen wird. 47 Typisch für sie ist, dass sie nicht mit
schwerem Kriegsgerät, großen Truppenmassen und unter Einsatz einer
komplexen Logistik geführt werden und dementsprechend billig sind. Die
meisten erfolgreichen Imperiumsbildungen haben sich nicht im Zentrum,
sondern am Rande weltpolitisch umkämpfter Großräume vollzogen; das gilt
für Großbritannien und Russland ebenso wie für die USA und Rom oder für
Spanien und Portugal. 48 Selbst das Osmanische Reich ist von der
anatolischen Peripherie her aufgebaut worden und erst in der Phase der
Expansion in sein späteres kleinasiatisch-südosteuropäisches Zentrum
vorgestoßen. Die einzigen nennenswerten Imperiumsbildungen, die aus
einer weltpolitischen Zentrallage heraus unternommen und abgeschlossen
wurden, sind das antike Reich der persischen Großkönige und China. In der
imperialen Typologie stellen sie eine Ausnahme dar.
Außer in den geringeren Durchsetzungskosten gegen Konkurrenten und
Feinde dürfte der größte Vorteil für die so genannten Flügelmächte in der
Zeitsouveränität bestehen, die aus der Randlage erwächst. Während die
Mächte des Zentrums in ständigem, oft kriegerischem Konflikt mit Gegnern
stehen, die ihnen nicht selten an Menschen und Ressourcen überlegen sind,
können die Mächte der Peripherie die aus der Randlage erwachsende
Friedensdividende in den Ausbau ihrer Wirtschafts- und Infrastruktur
investieren. Im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts errang Großbritannien
dadurch einen wirtschaftlichen Vorsprung gegenüber dem europäischen
Kontinent, und da es von einer Intensivierung des Handels in jener ersten
Phase der Globalisierung nur profitieren konnte 49 , trat es für Freihandel
und gegen jede Form von Protektionismus ein. Von daher war das Empire
am Frieden interessiert, und wenn es dennoch Kriege führte, dann um die
Handelsrouten zu sichern oder Märkte zu öffnen, Kriege also, die sich
buchstäblich rentierten. Rivalitätskonflikte mit gleich starken Mächten hat
Großbritannien nach Möglichkeit vermieden – abgesehen davon, dass es in
Europa seit dem Niedergang Spaniens im 17. Jahrhundert, der
Herabstufung Portugals auf den Status eines britischen Protegés und der
Erschöpfung Frankreichs infolge seiner Verstrickung in zahlreichen
Hegemonialkriegen keinen ebenbürtigen Gegner mehr gab. 50
Auch der Aufstieg der USA vollzog sich aus einer komfortablen Randlage
heraus, was dazu führte, dass die USA zwischen 1815 (als sie bei dem
Versuch, in den kanadischen Raum vorzudringen, am britischen Widerstand
gescheitert waren) und 1917 (ihrem Eintritt in den Ersten Weltkrieg) ihre
Kräfte nicht mit einem gleich starken Konkurrenten messen mussten; die
Kriege gegen Mexiko und Spanien Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts
waren imperiale Expansionskriege gegen weit unterlegene Kontrahenten.
Den Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten konnten die USA
ebenfalls ohne Intervention fremder Mächte ausfechten – auf dem
europäischen Kontinent wäre das ausgeschlossen gewesen, dort hätten
andere Staaten eingegriffen, um aus dem machtpolitischen Vakuum Kapital
zu schlagen.
Die Randlagenvorteile zeigen sich auch in der Geschichte Roms, dessen
Expansion über lange Zeit an der Peripherie der hellenistischen Welt – dem
politischen Gravitationszentrum des Mittelmeerraumes – verlief, ebenso am
Beispiel Portugals und Spaniens, deren wirtschaftlicher und politischer
Aufstieg außerhalb des europäischen Machtzentrums erfolgte, das mit dem
Dreieck Paris–Rom–Wien grob umrissen werden kann. Wahrscheinlich war
es das Verhängnis Spaniens, dass es sich durch die dynastischen
Verbindungen des Hauses Aragon nach Süditalien und die Wahl Karls zum
deutschen Kaiser (1519) frühzeitig in die europäischen Hegemonialkriege
hineinziehen ließ, in denen es wirtschaftlich und politisch geschwächt
wurde. Die Briten, möchte man meinen, haben aus der Geschichte Spaniens
gelernt und es geschafft, sich so lange wie möglich aus den aufreibenden
und kräftezehrenden kontinentaleuropäischen Kriegen herauszuhalten. Der
Spanische Erbfolgekrieg zu Beginn des 18. Jahrhunderts ist die große
Ausnahme, aber in ihm ging es um die Verhinderung eines
antihegemonialen Blocks, der dem britischen Einfluss auf Europa hätte
gefährlich werden können.
Und Russland? Offenbar hat eine seenahe Randlage andere Effekte als die
Kontinentalperipherie. Von Anfang an nämlich erfolgte der Aufstieg des
Zarenreichs in einer endlosen Reihe von Waffengängen gegen durchaus
ernst zu nehmende Konkurrenten, die dann in Jahrzehnte währenden
Auseinandersetzungen niedergerungen wurden: Das begann mit den
Kriegszügen gegen die Goldene Horde, deren Erbe die Zaren im
südrussischen Raum antraten, setzte sich fort in der Konfrontation mit dem
polnisch-ukrainischen und anschließend mit dem schwedischen Reich, die
der nordwestlichen Expansion im Wege standen, und wurde ergänzt durch
den jahrhundertelangen Konflikt mit den Osmanen – da sie den Bosporus
und die Dardanellen kontrollierten, versperrten sie den ungehinderten
Zugang zu eisfreien und damit ganzjährig befahrbaren Schifffahrtsrouten.
Obendrein verfügten sie mit Byzanz über die heiligen Stätten der östlichen
Christenheit, aus denen sich die politische Legitimität der russischen Zaren
speiste. 51 Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam der
Dauerkonflikt mit der Donaumonarchie hinzu, in dem es um die Herrschaft
über die west- und südslawischen Völker ging, als deren Schutzherr sich
der Zar verstand. Die permanenten Kriege sorgten dafür, dass der Aufbau
des russischen Imperiums wesentlich teurer war als etwa der des britischen
oder des amerikanischen Empire. Dementsprechend bildete die Armee in
Russland einen viel gewichtigeren imperialen Machtfaktor als in den
westlichen Reichen. Russland hat von den Vorteilen seiner Randlage
niemals in gleicher Weise profitieren können wie Großbritannien oder die
USA.
Dennoch waren die Russen gegenüber den mittel- und westeuropäischen
Mächten im Vorteil, weil sie nur in Ausnahmefällen mit einer Koalition der
großen Mächte konfrontiert waren. So konnten sie ihre Kontrahenten der
Reihe nach angreifen und einzeln besiegen. Insofern haben auch die Russen
die aus der Randlage erwachsende Zeitsouveränität nutzen können: Sie
dehnten den Prozess der Gebietserweiterung über einen langen Zeitraum
aus, zerlegten ihn in einzelne Schritte und Etappen und standen dadurch
nicht in der Gefahr, ihre Kräfte zu überfordern.
Eine der gefährlichsten Bedrohungen imperialer Politik besteht im Verlust
der Fähigkeit, die Rhythmen von Expansion und Konsolidierung, also
Beschleunigung und Verlangsamung imperialen Wachstums, nach eigenem
Gutdünken bestimmen zu können. Dabei kann die imperiale
Zeitsouveränität durch äußere wie innere Faktoren eingeschränkt werden.
Unter äußeren Faktoren sind mächtige Konkurrenten beziehungsweise
Koalitionen zu verstehen, die sich dem weiteren Aufstieg des
Imperiumsanwärters in den Weg stellen oder ihm die erreichte Position
streitig machen. Die Vorteile der Randlage bestehen im Wesentlichen darin,
dass ein solcher Zusammenstoß dort weniger wahrscheinlich ist als im
machtpolitischen Zentrum, wo keiner der Akteure, solange er noch nicht die
unbestrittene Vorherrschaft errungen hat, Herr der Zeitabläufe ist; diese
verselbständigen sich vielmehr und gewinnen ihrerseits Macht über das
Geschehen. Randlagen zeichnen sich hingegen dadurch aus, dass in ihnen
tendenziell nur ein starker Akteur vorhanden ist, der das Tempo vorgibt.
Der Erste Weltkrieg, der im Wesentlichen ein innereuropäischer Krieg war,
ist ein Beispiel für den Kontrollverlust über die Zeitabläufe, dem sämtliche
europäischen Akteure, Russland und Großbritannien eingeschlossen,
unterworfen waren. Die einzige relevante Macht, die Herr der Zeitrhythmen
blieb, waren die USA, und sie wurden zum eigentlichen Gewinner des
Krieges.
Mit der Konsolidierung eines Imperiums verändern sich dann die
Verhältnisse: Wo ehedem Peripherie war, ist nun Zentrum, und einstige
Kernbereiche haben sich in Randlagen der neu geordneten «Welt»
verwandelt. Das ist zugleich die Erklärung dafür, warum
Imperiumsbildungen aus den weltpolitischen Machtzentren heraus nur in
Ausnahmefällen erfolgreich sind, während Randlagen sie offenbar
begünstigen. Man kann noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass
Randlagen durch das Fehlen starker Konkurrenten und das hohe Maß an
Zeitsouveränität, das sie den dortigen Mächten gewähren,
Imperiumsbildungen geradezu provozieren. Die weichen Grenzen, an denen
der wachsenden Macht kein entschlossener Gegner entgegentritt, wirken
wie Vakuen und saugen eine Expansion in die hinter ihnen liegenden Räume
gleichsam an. Das gilt für die amerikanische Westgrenze, die im 18. und
19. Jahrhundert mehr und mehr vorgeschoben wurde, bis man endlich am
Pazifik ankam, wie für die russische Ostgrenze, die im selben Zeitraum
immer weiter wanderte und für kurze Zeit sogar auf dem amerikanischen
Kontinent verlief. Während der russische Vorstoß jedoch letztlich am
Japanischen Meer zum Stillstand kam, wo er auf einen ernst zu nehmenden
Gegner traf 52 , stellte die pazifische Küste für die amerikanische Expansion
nur einen Zwischenstopp dar, und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts
begann der Aufstieg der USA zu einer pazifischen Macht, in dessen Verlauf
es schließlich ebenfalls zum Konflikt mit Japan kam. Ganz ähnlich erfolgte
die Bildung der europäischen Kolonialreiche, bei denen die
machtpolitischen Vakuen der Peripherie zu einer immer größeren
Ausdehnung der beherrschten Gebiete führten. Bei der Entstehung von
Territorialimperien ist die Sogwirkung der Peripherie von ebensolcher
Bedeutung wie die expansive Dynamik des Zentrums.
Selbstverständlich ist die Dynamik des Zentrums eine unverzichtbare
Voraussetzung imperialer Expansion, da die machtpolitischen Vakuen der
jeweiligen Peripherie sonst gar nicht als solche wahrgenommen würden.
Der Begriff der imperialen Zeitsouveränität schließt freilich auch ein, dass
diese Dynamik keinen unkontrollierbaren Zwang zur Expansion
hervorbringt. Das wären dann innere Faktoren, die der imperialen
Zeitsouveränität entgegenwirken. Einen derartigen Expansionszwang
stellen die Imperialismustheorien, und zwar die ökonomischen ebenso wie
die politischen, in den Mittelpunkt. Das stärkste Argument für den
bevorstehenden Zusammenbruch des Imperialismus war ihnen zufolge
neben dem drohenden Krieg der großen Mächte die erodierende
Zeitsouveränität der Imperien aufgrund innerer Umstände. Erst die
weltrevolutionäre Partisanentheorie Mao Tsetungs hat in ihrer zentralen
Idee der «Einkreisung der Städte durch die Dörfer» eine
Imperialismustheorie entfaltet, in der die imperiale Welt nicht an internen,
sondern an externen Faktoren, nicht an Entwicklungen im Zentrum,
sondern am Widerstand der Peripherie scheitern sollte. Auch dabei ging es
im Übrigen um die Zeitsouveränität der imperialen Zentren, die durch den
Partisanenkrieg, den Mao als den «lange auszuhaltenden Krieg» definierte,
begrenzt und beschnitten werden sollte. 53
Ein Konzept, in dem innere Faktoren für eine Erosion der
Zeitsouveränität imperialer Zentren sorgen, wurde in den
Überakkumulations- beziehungsweise Unterkonsumptionstheorien
entwickelt, wonach Absatzkrisen in den ökonomischen Zentren zur
Erschließung immer neuer Märkte für den Export von Waren und Kapital
zwangen. Eine andere Form findet sich in der These der
Sozialimperialismustheorien, wonach die imperialen Zentren immer stärker
genötigt seien, die eigenen Unterschichten durch die Verteilung von
Extraprofiten aus imperialistischer Ausbeutung oder durch die Eroberung
von Siedlungskolonien ruhig zu stellen. Auch die in den politischen
Imperialismustheorien betonte Prestigekonkurrenz war im Kern nichts
anderes als die Beschreibung eines Zwangs zur Expansion, der die politisch
so wertvolle Zeitsouveränität einschränkte. 54
Dieses Handicap machte sich bei den imperialen Konkurrenten im
weltpolitischen Zentrum ungleich stärker bemerkbar als bei denen an den
Randlagen, wo die Zeithorizonte größer und weiter blieben. Die
kontinentaleuropäischen Mächte, vor allem Deutschland, aber auch
Frankreich und schließlich sogar Italien, hatten es mit einem Mal sehr eilig,
sich in den Besitz außereuropäischer Territorien zu bringen, um ihren
Weltmachtstatus unter Beweis zu stellen oder zumindest die Anwartschaft
darauf zu reklamieren. Wer im Gegensatz zu seinen Nachbarn keine
Kolonien erwarb oder in anderer Form territorial expandierte, ging nicht
nur bei der Verteilung von Märkten und Rohstoffquellen leer aus, sondern
verlor auch innerhalb des europäischen Mächtesystems an Gewicht und
Einfluss. Politische und wirtschaftliche Faktoren spielten hier also
zusammen.
Die große Nervosität, die sich am Ende des 19. Jahrhunderts in Europa
ausbreitete 55 , war nicht zuletzt eine Folge der beständigen Verkürzung der
Zeithorizonte, die aus der innereuropäischen Konkurrenz erwuchs.
Schließlich wurden sogar die Randlagen davon ergriffen, wie die
Expansionspolitik der USA am Ende des 19. Jahrhunderts zeigt. Insgesamt
aber war der Konkurrenzdruck dort geringer. Während die imperialen und
protoimperialen Mächte im Zentrum das Gesetz des Handelns immer
weniger bestimmen konnten 56 , gelang es den Flügelmächten – mit
Ausnahme des seit dem Zusammenstoß mit Japan erheblich geschwächten
Russischen Reiches – sehr viel besser, Herr des Geschehens und ihrer
Entscheidungen zu bleiben. Aber der Unterschied zwischen Randlage und
machtpolitischem Zentrum ist nicht nur ausschlaggebend für Art und Erfolg
der Imperiumsbildung, sondern hat auch Bedeutung für die Frage, ob wir es
mit einem Hegemon oder einem Imperium zu tun haben.
Die heikle Unterscheidung zwischen Hegemonie und
Imperium

In einem multipolaren System, so der amerikanische Politologe John


Mearsheimer, seien alle beteiligten Großmächte bestrebt, die Hegemonie zu
erlangen, weil sie unter den gegebenen Umständen die größtmögliche
Sicherheit verspreche. Ein solcher Wettstreit führt jedoch zu einer
notorischen Instabilität des Systems, da jede Großmacht sich gerade infolge
des Hegemonialstrebens der anderen bedroht fühlt und sich deshalb umso
mehr bemüht, selbst die Vormachtstellung zu erringen. Mearsheimer
bezeichnet diesen Teufelskreis als die «Tragödie der Großmachtpolitik» 57 ,
von der er annimmt, dass sich ihr keine Macht, die in den Reihen der
Großen verbleiben will, dauerhaft entziehen kann.
Im Vergleich mit Hegemonien können Imperien viel weniger durch
andere Mächte angefochten werden, und dementsprechend beständiger
sind sie: In ihrer «Welt» konkurrieren sie nicht mit tendenziell gleich
starken Akteuren; allenfalls streiten die kleineren Mächte um die Plätze in
der zweiten, dritten oder gar vierten Reihe, wobei das imperiale Zentrum
gleichsam als Schiedsrichter fungiert und dafür sorgt, dass die Konkurrenz
nicht mit den Mitteln des Krieges ausgetragen wird. Der immer wieder
beobachtete Umstand, dass imperiale Binnenräume Zonen des Friedens
sind, während sich hegemonial beherrschte Räume durch eine gesteigerte
Belligerenz auszeichnen, hat darin eine seiner Ursachen. Das heißt
natürlich nicht, dass es in imperialen Ordnungen prinzipiell nicht zur
Anwendung militärischer Gewalt kommt; antiimperiale Befreiungskriege
können hier sehr wohl stattfinden, und sie dauern in der Regel länger als
die großen Hegemonialkriege. Diese werden freilich ungleich vehementer
ausgefochten, und sie haben gewaltige Verluste innerhalb kürzester Zeit
zur Folge. Dafür stellen antiimperiale Befreiungskriege die imperiale
Ordnung als Ganzes in Frage, während Hegemonialkriege die
Gesamtordnung eher stabilisieren: Es geht in ihnen nur um den Austausch
des Hegemons, das Ordnungsmodell selbst hingegen wird von allen
Konfliktparteien anerkannt. 58 Auch durch die andersartige Funktion des
Krieges unterscheiden sich Imperium und Hegemonie voneinander.
In Europa ist ein tiefes Misstrauen gegenüber Systemen der
internationalen Politik vorherrschend, die den Kampf um die Hegemonie
geradezu erzwingen. Im 20. Jahrhundert war hier in zwei verheerenden
Kriegen der Übergang einer kontinentalen Hegemonialmacht zur
imperialen Beherrschung des Kontinents verhindert worden. Anschließend
suchte man nach Mitteln und Wegen, eine Neuauflage der hegemonialen
Konkurrenz zu unterbinden. Weil sich herausgestellt hatte, dass jeder Krieg
mehr kostete, als er einbrachte und selbst der militärische Sieger der
politische und wirtschaftliche Verlierer des Krieges war 59 , setzten die
Europäer alles daran, durch internationale Verträge, wirtschaftliche
Verflechtungen und insbesondere die innere Demokratisierung der Staaten
gegenseitiges Misstrauen abzubauen und das verhängnisvolle Streben nach
einer innereuropäischen Hegemonie zu blockieren.
Was vor allem in Deutschland als ein Lernprozess aus den Erfahrungen
des Ersten und Zweiten Weltkriegs dargestellt wird, konnte auch ganz
anders beschrieben werden: als Sicherung der europäischen
Staatenordnung gegen einen abermaligen Versuch der Deutschen, den
Kontinent doch noch unter ihre imperiale Ägide zu bringen 60 , und zugleich
als Bollwerk gegen die neue imperiale Bedrohung der bis nach Mitteleuropa
vorgestoßenen Sowjetunion. In dieser Beschreibung spielen nicht EU und
OSZE die Hauptrolle, wenn die friedliche Entwicklung Europas nach 1945
erklärt werden soll; an ihre Stelle tritt die Nato: Ihr Sinn, so formulierte ihr
erster Generalsekretär, der Brite Hastings Lionel Ismay, knapp und
prägnant, habe darin bestanden, «to keep the Germans down, the Russians
out and the Americans in». Innereuropäische Hegemonialkämpfe wurden
demnach vor allem dadurch verhindert, dass mit den USA einer
außereuropäischen Macht die Rolle des Hegemons übertragen wurde, und
somit wäre die europäische Nachkriegsordnung weniger das Ergebnis eines
beispielhaften politischen Lernprozesses, der auch anderen Krisenregionen
zum Vorbild dienen könnte, als vielmehr die Folge der luxuriösen Situation,
Sicherheit von den Amerikanern zur Verfügung gestellt zu bekommen.
Sicherheitsgarantien einer Großmacht an Mächte mittlerer Größe sind
nach dieser Lesart nicht nur ein Instrument bei der Errichtung und
Konsolidierung eines Imperiums, sondern ebenso ein Mittel zur Beendigung
von Hegemonialkämpfen, mit dessen Hilfe kriegerische Regionen pazifiziert
und auf eine dauerhafte Friedensordnung umgestellt werden können. Das
aber hat zur Voraussetzung, dass sich eine hinreichend starke äußere
Macht findet, die an der friedlichen Stabilität des zuvor von immer neuen
Hegemonialkriegen erschütterten Raumes so sehr interessiert ist, dass sie
entsprechende Sicherheitsgarantien vergibt. Während sich die USA nach
1918 dieser Aufgabe entzogen haben, waren sie nach 1945 dazu bereit. 61
Was auch immer sie sich davon an Vorteilen versprochen haben – zunächst
war es eine politische Investition in den westeuropäischen Raum, die
einiges gekostet hat.
Die damit verbundene Vorstellung von der «wohlwollenden Hegemonie»,
welche die USA ausübten, hat wenig gemein mit der Bezeichnung der
Macht, die aus dem Wettstreit der großen Mächte als Sieger
hervorgegangen ist. Hat Letztere sich in einer harten Konkurrenz mit
tendenziell Gleichen durchgesetzt, so ist Erstere eher der Hirte einer
Herde, die er vor feindlichen Angriffen bewahrt; sein Wohlwollen besteht
darin, dass er die ihm Anbefohlenen nicht nur gegen die Bedrohung von
außen schützt, sondern auch darauf verzichtet, seine Überlegenheit zum
eigenen Vorteil auszunutzen. Was ihn auszeichnet, ist im Wesentlichen der
Dienst für andere und weniger die erfolgreiche Durchsetzung eigener
Interessen gegen andere. Hegemonie ist nach diesem Verständnis
potenzielle Imperialität, die jedoch aus Respekt vor der Rechtsordnung, aus
Rücksicht auf die moralische Befindlichkeit der eigenen Bevölkerung, aus
politischer Klugheit oder aus noch anderen, in jedem Fall aber
wohlwollenden Motiven nicht in ihrem ganzen Ausmaß realisiert wird. Über
die Entscheidung zwischen Hegemonie und Imperialität verfügt aus dieser
Sicht allein die Spitzenmacht, und deshalb ist es sinnvoll, sich mit
werbenden Appellen oder warnenden Hinweisen an sie zu wenden, um sie
vom Nutzen der hegemonialen und vom Schaden der imperialen Rolle zu
überzeugen.
Diese Alternative wäre demnach optional und nicht determiniert, und
deswegen fiele sie auch in den Bereich der politischen Moral
beziehungsweise Klugheit und nicht in den der, wenn man so sagen kann,
politischen Physik. Damit ist freilich noch nicht darüber entschieden, ob die
Spitzenmacht und ihre führenden Politiker diese Sichtweise teilen oder ob
hier eine Wahrnehmung vorherrscht, die von der politischen Physik
bestimmt ist. Jedenfalls wird man davon ausgehen können, dass aus der
Perspektive der Führungsmacht den Zwängen ein stärkeres Gewicht
zukommt, während die kleineren Mächte dazu neigen, den
Entscheidungsspielraum der Großmächte zu betonen.
Michael Mann begreift Hegemonie als eine regelgebundene Form der
Vorherrschaft – im Unterschied zum Imperium, bei dem die dominierende
Macht sich an keinerlei Regeln gebunden fühlt. Für Mann leitet sich daraus
die zentrale Frage der amerikanischen Außenpolitik ab: «Die Amerikaner
müssen sich entscheiden, ob sie die Hegemonie wollen und sich dann an die
Regeln halten. Doch wenn sie das Empire wollen und damit scheitern,
werden sie auch die Hegemonie verlieren. Die Welt würde das wenig
kümmern. Sie käme mit den multilateralen Folgen zurecht.» 62
Demgegenüber bezweifelt Chalmers Johnson, ein amerikanischer Politologe,
der sich als Ostasienexperte einen Namen gemacht hat, dass zwischen
Imperium und Hegemonie ein substanzieller Unterschied besteht. Vielmehr
geht er davon aus, dass es sich bei dieser Unterscheidung letztlich um eine
rhetorische Strategie handelt, durch die reale Machtausübung in ein
helleres Licht oder in den Schatten gestellt werden soll: «Einige Autoren
haben den Begriff ‹Hegemonie› für einen Imperialismus ohne Kolonien
benutzt, und in der Ära der ‹Supermächte› nach dem Zweiten Weltkrieg
wurde Hegemonie gleichbedeutend mit der Vorstellung von westlichen und
östlichen ‹Lagern›. Die Frage der Begrifflichkeit wurde dabei stets von der
Neigung der Vereinigten Staaten kompliziert, Euphemismen für den Begriff
Imperialismus zu prägen, die die amerikanische Spielart zumindest vor den
eigenen Bürgern eher harmlos und unschuldig erscheinen ließen.» 63
«Hegemonie» wäre danach nur ein Euphemismus für «Imperium», und die
Unterscheidung zwischen beidem wäre dann kaum von der Sache her
gerechtfertigt, sondern würde allein die jeweilige Wertung derer zum
Ausdruck bringen, welche die Ordnung beschreiben. Statt um
wissenschaftliche Kategorien würde es sich um Markierungen der
politischen Sprache handeln.
Aber offenbar erwächst die begriffliche Konfusion nicht nur aus einer
nachvollziehbaren Tendenz zu Euphemismen, denn auch der im Ruf
zynischer Offenheit stehende Henry Kissinger hat in seinen jüngsten
Stellungnahmen die Begriffe «hegemonial» und «imperial» synonym
verwandt. Die zentrale Botschaft seines Buches Die Herausforderung
Amerikas (2001) lautet, den USA könne aus der Übernahme einer
hegemonialen Rolle binnen kürzester Zeit eine so schwere und drückende
Last erwachsen, dass die amerikanische Gesellschaft nicht bereit sein
werde, sie weiter zu tragen. Es ist also gar nicht einmal die Versuchung des
Imperiums, sondern bereits die der Hegemonie, an der Kissinger die USA
scheitern sieht. 64
Man kann allerdings die Problemwahrnehmung auch umdrehen und die
Errichtung eines Imperiums als Sicherung gegen das drohende Scheitern
der stets prekären Hegemonie begreifen. Wenn die Hegemonie dadurch
definiert wird, dass in ihr kollektive Güter – Sicherheit vor äußerer
Bedrohung, Begrenzung von Rüstungsanstrengung kleinerer Mächte,
geordnete Wirtschaftsräume und so weiter – zur Verfügung gestellt werden,
für die wesentlich die Hegemonialmacht zu sorgen hat, während die
nachgeordneten Mächte davon vor allem profitieren, ist der Unwillen der
führenden Macht und ihrer Bürger über diese Verteilung von Kosten und
Nutzen leicht nachvollziehbar. Ganz anders sähe dies bei einem Imperium
aus, das für die Bevölkerung im Zentrum mehr einbringt, als es kostet, oder
das zumindest die Kosten für die Bereitstellung der kollektiven Güter nicht
alleine tragen muss, sondern seine Schutzbefohlenen daran beteiligt. Ein
solches Imperium besäße dann bei der eigentlichen «Reichsbürgerschaft»
eine höhere Zustimmung als eine Hegemonie. Viele Politiker und
Intellektuelle, die in den letzten Jahren in eher unamerikanischer Manier
von einem American Empire gesprochen haben beziehungsweise für seine
Errichtung und Befestigung eingetreten sind 65 , haben dies unverkennbar
aus Sorge vor den Gefährdungen und Kosten einer stets aufs Neue zu
behauptenden Hegemonie getan. Dabei haben sie auf präzise begriffliche
Unterscheidungen wenig Wert gelegt und unter «Imperium» einfach eine
gefestigte und auf Dauer gestellte Form der Hegemonie verstanden.

Wahrscheinlich hat über das Verhältnis von Imperialität und Hegemonie in


jüngerer Zeit niemand gründlicher nachgedacht als der deutsche
Rechtshistoriker Heinrich Triepel, der 1938 ein großes Werk über die
Hegemonie veröffentlicht hat. Auch Triepel bezweifelte, dass es zwischen
Imperium und Hegemonie kategoriale Unterschiede gibt: Hegemonie sei
lediglich «eine der Formen, in denen sich imperialistische Politik
auszudrücken vermag». 66 Ihr Charakteristikum bestehe in einer
«Selbstbändigung der Macht». 67 Triepel glaubte freilich eine im Verlauf
der Jahrhunderte sich durchsetzende Tendenz zur größeren Respektierung
der Selbständigkeit jener Gebiete beobachten zu können, die unter der
Herrschaft der imperialen Macht stehen, ihr selbst aber nicht angehören. Er
hat diese Tendenz als das «Gesetz der abnehmenden Gewalt» bezeichnet. 68
Was Triepel im Auge hatte, war ein Prozess der «Selbstbändigung der
Macht» 69 , mit dem Ergebnis, dass Imperialität inzwischen überwiegend die
Gestalt von Hegemonie angenommen habe. «Man darf ruhig behaupten,
daß in der Politik des modernen Imperialismus der Erwerb von Hegemonie
mehr und mehr die typische Form der Machterweiterung geworden ist.» 70
Für Triepel treffen Imperium und Hegemonie dort zusammen, «wo der
Imperialismus bewusst auf Inkorporation fremder Länder in das Gefüge
eines alten Staates verzichtet. Sie können sich dort, sie müssen sich nicht
begegnen.» 71 Triepel konstatiert also eine Tendenz zur Umwandlung
imperialer in hegemoniale Politik, die er vor allem dort verwirklicht sieht,
wo föderative Elemente den Prozess der Imperiumsbildung prägen. Aber er
bezweifelt, dass sie sich immer und überall durchsetzen werde. Das war
zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Überlegungen Mitte der 1930er
Jahre eine mehr als angebrachte Vorsicht.
Auf der Suche nach den Anfängen der Reflexion über Hegemonie als einer
durch gesteigerte Selbstbindung gekennzeichneten Form imperialer
Herrschaft ist Triepel auf die antiken griechischen Historiker und Rhetoren
gestoßen, die sich mit Entstehung und Scheitern der athenischen
Thalassokratie beschäftigt haben. Bei ihnen ist ein abgestufter Gebrauch
der Begriffe arché, dýnamis und hegemonía zu beobachten: Danach bringt
arché in einem starken und intensiven Sinn Machtbeziehungen zum
Ausdruck, die Triepel als «Herrschaft» wiederzugeben vorschlägt. Auch
dýnamis werde häufig in diesem Sinne verwendet, wohingegen mit
hegemonía eine schwächere Machtbeziehung gemeint ist, die Triepel als
«Vorherrschaft» übersetzt wissen möchte. 72
Auch Michael Doyle hat in seiner vergleichenden Untersuchung von
Imperien gewisse Unterschiede zwischen der athenischen und der
spartanischen Bündnispolitik im 5. vorchristlichen Jahrhundert konstatiert
und daraus eine kategoriale Unterscheidung zwischen Imperium und
Hegemonie entwickelt: Während es sich bei dem von Athen dominierten
Delisch-Attischen Seebund um ein Imperium gehandelt habe, sei der
Peloponnesische Bund mit Sparta als führender Macht eine Hegemonie
gewesen. 73 Diese ist für Doyle dadurch gekennzeichnet, dass sie ihren
Dominanzanspruch allein auf die «Außenpolitik» der Bündnispartner
beschränkt und von Eingriffen in deren innere Entwicklung absieht: Weder
die politische noch die wirtschaftliche Ordnung, weder Verfassungsfragen
noch die Regulierung von Märkten werden von ihr beeinflusst, geschweige
denn unter Verweis auf den eigenen Führungsanspruch verändert.
Eine solche Selbstbeschränkung auf Bündnisfragen ist nach Doyles
Überzeugung in einem Imperium nicht anzutreffen. Für imperiale
Herrschaft sei vielmehr charakteristisch, dass sie keine klaren
Grenzziehungen zwischen Innen und Außen kenne und sich demzufolge
permanent in die inneren Angelegenheiten der Bündnispartner
einmische. 74 Genau das habe auch den Unterschied zwischen Athen und
Sparta ausgemacht: Sparta beschränkte sich darauf, die Außenbeziehungen
der Bündner unter Kontrolle zu halten und dafür zu sorgen, dass der
Peloponnesische Bund gegenüber den beiden anderen großen Mächten des
ägäischen Raumes, den Persern und den Athenern, eine einheitliche
Position bezog 75 ; Athen dagegen habe ständig in die Angelegenheiten
seiner Bündnispartner eingegriffen: Es achtete darauf, dass die
demokratische Partei die Oberhand behielt, zog Gerichtsverfahren an sich,
bei denen es um die Verhängung der Todesstrafe ging, setzte eine
einheitliche Währung im Bündnisgebiet durch und nötigte schließlich die
Bündnerstädte zur Abtretung von Land, auf dem athenische Kolonisten
angesiedelt wurden. 76 Offenbar war man in Athen der Auffassung, man
könne sich nur dann auf die Bundesgenossen verlassen, wenn man sie unter
entsprechender Kontrolle habe. Und natürlich wollte die athenische
Bürgerschaft von der Last des Seebundes auch profitieren. Mit dem Verweis
auf langfristige Interessen waren in der Volksversammlung keine sicheren
Mehrheiten zu gewinnen; das war nur durch den Aufweis kurzfristiger
Vorteile möglich. Für Doyle ist die spartanische Aristokratie zu einer
hegemonialen Politik in der Lage gewesen, während die athenische
Demokratie einen notorischen Hang zum Imperium hatte. 77
Michael Doyle hat freilich auch gesehen, dass die strukturellen
Voraussetzungen des spartanischen und athenischen Bündnissystems so
unterschiedlich waren, dass kaum davon die Rede sein kann, den
politischen Akteuren habe eine Entscheidung über Imperium oder
Hegemonie offen gestanden. Eher wird man sagen müssen, dass die
Hegemonie die einzige Form war, in der Sparta, in politischen wie sozialen
Fragen grundsätzlich konservativ eingestellt, das Bündnis organisieren
konnte. Dagegen musste Athen, wo der Ausbau des Bündnisses mit der
Entwicklung der radikalen Demokratie im Innern Hand in Hand ging, die
Dynamik der eigenen Entwicklung in die Bündnisstrukturen weiterleiten
und so im gesamten ägäischen Raum einen Prozess in Gang setzen, der auf
eine dramatische Umwälzung der sozioökonomischen Strukturen hinauslief
und bei dem die traditionelle Schicht der Landeigner durch die sehr viel
mobilere Schicht der Händler und Kaufleute abgelöst wurde. 78 Athen
konnte also gar nicht anders, als permanent in die inneren Verhältnisse der
Bündner einzugreifen – nicht nur, um einen einheitlichen Wirtschaftsraum
zu schaffen, die Seefahrtslinien im Schwarzen Meer und in der Ägäis zu
kontrollieren sowie die stete Bedrohung durch Piraterie in Grenzen zu
halten, sondern auch, um die sozioökonomische Entwicklung mit ihren
Gewinnern und Verlierern im Innern der Bündnerstädte politisch
abzusichern. Das war nur dadurch möglich, dass die Herrschaft der
demokratischen Partei sichergestellt wurde. Es war seine traditionelle
Sozialstruktur, die Sparta nicht mehr als die Errichtung einer Hegemonie
gestattete, und es war die ökonomische, soziale und schließlich politische
Dynamik, die Athen zur Errichtung eines Imperiums antrieb.
Ähnlich hat auch Heinrich Triepel argumentiert. 79 Während seiner
Meinung nach allerdings die Entstehung von Hegemonien und Imperien
sowie die Übergänge zwischen ihnen wesentlich durch die
sozioökonomischen und politischen Konstellationen im Zentrum der Macht
determiniert waren, hat Doyle seine Überlegungen zur spartanischen
Hegemonie und zum athenischen Imperium zu einer politischstrukturellen
Unterscheidung zusammengefasst: Von einem Imperium soll dann
gesprochen werden, wenn ein Beziehungsgeflecht zwischen einem Zentrum
und einer Peripherie besteht, die in Form von staatenübergreifenden
Sozialstrukturen verbunden sind. Bei einer Hegemonie dagegen handle es
sich um ein Beziehungssystem zwischen Zentren, von denen eines deutlich
stärker als die anderen ist. 80
Ob eine politische Ordnung als imperial oder hegemonial zu klassifizieren
ist, hängt demnach vom sozioökonomischen Entwicklungsstand und der
relativen politischen Stärke der nachgeordneten Bündnispartner und
Mächte ab. Ist der Abstand erheblich und wird er womöglich durch die
Dynamik des Zentrums noch vergrößert, so ist eine «Imperialisierung» der
Dominanzstrukturen die zwangsläufige Folge; ist der sozioökonomische und
machtpolitische Abstand zwischen den Beteiligten eher gering und sind die
Beziehungen zwischen ihnen über längere Zeiträume stabil, so ist mit einer
«Hegemonialisierung» des Machtsystems zu rechnen. Mindestens ebenso
bedeutsam wie das geringe Machtgefälle zwischen den Bündnispartnern ist
für die Herausbildung einer Hegemonie aber der Umstand, dass die
nachgeordneten Mächte kein Interesse daran haben beziehungsweise keine
Anstrengungen unternehmen, die aktuelle Hegemonialmacht zu verdrängen
und selbst deren Position einzunehmen. Nur wenn die Hegemonialmacht
davon ausgehen kann, wird sie es bei einem bloßen Vorherrschaftsanspruch
belassen und nicht versuchen, die hegemonialen in imperiale Verhältnisse
zu verwandeln.
Aufgrund seines exzellenten Militärapparats sah Sparta seine
Überlegenheit gegenüber seinen Bündnispartnern offenbar als ungefährdet
an. Doch schon die Dynamik des angrenzenden Bündnissystems erschien
den Spartanern als derart bedrohlich, dass sie sich zur Führung eines
Präventivkriegs gegen den weiteren Aufstieg Athens entschlossen.
Angesichts der politischen Dauerdynamiken, in welche die Welt seit Ende
des 18. Jahrhunderts eingetreten ist, können hegemoniale Ordnungen
inzwischen nur noch vorübergehend bestehen und müssen sich entweder in
imperiale Strukturen transformieren oder in selbstzerstörerischen Kriegen
vernichten. Wahrscheinlich gibt es auch noch die dritte Möglichkeit einer
Entdynamisierung der Beziehungen durch die Entwicklung
staatenübergreifender Politikstrukturen und starker wirtschaftlicher
Verflechtung, wie dies in Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
gelungen ist. Und schließlich ist nicht ausgeschlossen, dass sich
hegemoniale und imperiale Strukturen überlagern, was heißt, dass ein und
dieselbe Ordnung in mancher Hinsicht imperiale und in anderer
hegemoniale Züge aufweist.
Für die Frage, ob die USA nun ein Imperium oder ein Hegemon sind,
heißt das zunächst, dass der Unterschied zwischen beidem sehr viel
fließender ist, als oft angenommen. Wird Imperialität allein an der
Einmischung in die inneren Angelegenheiten der kleineren Staaten
festgemacht, während der Hegemon an deren innerer Ordnung nicht
wesentlich interessiert sei, so sind die USA, seitdem sie unter Präsident
Carter zu einer offensiven Menschenrechtspolitik übergegangen sind, ein
Imperium, während sie zuvor, als sie auch Militärdiktaturen in der Nato
duldeten, ein Hegemon waren. Damit ist freilich die Wertehierarchie
zwischen beiden Begriffen auf den Kopf gestellt. Wahrscheinlich ist es
sinnvoll, beide Begriffe ganz wertfrei zu verwenden und damit
unterschiedliche Kräfteverhältnisse zwischen den Angehörigen einer
politischen Ordnung zu bezeichnen: Hegemon ist dann der Erste unter
tendenziell Gleichen, wobei wichtig ist, dass sich die Gleichheit nicht auf
Rechte und Pflichten beschränkt, sondern auch tatsächliche Fähigkeiten
und Leistungen erfasst. Von Imperien soll dagegen gesprochen werden,
wenn das Machtgefälle zwischen der Zentralmacht und den anderen
Angehörigen der politischen Ordnung so groß geworden ist, dass es auch
durch Gleichheitsfiktionen nicht mehr überbrückt werden kann. Die Frage
ist bloß, um welche Art von Macht es geht: um ökonomische, kulturelle,
politische oder militärische Macht. Und weil dies alles selten in derselben
Rechnung aufgeht, wird kaum je Einmütigkeit darüber bestehen, ob eine
Ordnung nun eher imperial oder hegemonial zu denken und
weiterzuentwickeln sei.
3. STEPPENIMPERIEN, SEEREICHE UND
GLOBALE ÖKONOMIEN: EINE KLEINE
TYPOLOGIE IMPERIALER HERRSCHAFT
Von den vier Quellen der Macht, die Michael Mann in seiner
universalhistorisch angelegten Geschichte der Macht voneinander
unterschieden hat 1 , sind in den Anfängen der Großreichsbildung die
militärische und die ökonomische Überlegenheit ausschlaggebend. Ohne sie
würde es nicht zur Großreichsbildung kommen; sie sind die Basis der
Machtentfaltung. Politische und ideologische Macht, die beiden anderen
Quellen der Macht bei Michael Mann, erlangen erst in der
Konsolidierungsphase eines Imperiums Bedeutung, dann, wenn nach
Abschluss einer mehr oder weniger dynamischen Expansionsphase die neu
erworbene Macht auf Dauer gestellt werden soll. Nunmehr kommen
Aspekte zum Tragen, die in den Anfängen des Imperiums unwichtiger
waren – die Höhe der Kosten etwa, die mit der Verwaltung des
beherrschten Raums verbunden sind, oder die Bereitschaft der
Bevölkerung, die Lasten des Imperiums zu tragen.
Während der ersten Phase tritt die Frage von Kosten und Nutzen in den
Hintergrund: Entweder die Expansion bringt selbst mehr ein, als sie an
Ressourcen verschlingt, oder man tröstet sich mit der Erwartung künftiger
Gewinne. Das ändert sich mit dem Übergang in die Konsolidierungsphase.
Will das Imperium nicht am Staatsbankrott oder am inneren Widerstand
gegen die imperialen Lasten scheitern, muss es die imaginäre nun in eine
tatsächliche Bilanz überführen, und das bedeutet in der Regel, dass die
Beherrschungskosten gesenkt werden müssen. Am einfachsten lässt sich
das meist durch den stärkeren Einsatz politischer und ideologischer Macht
erreichen; vor allem ideologische ist im Vergleich zu militärischer Macht
viel preiswerter zu generieren. Schon deshalb wächst ihr Einfluss, sobald
das Imperium an die Grenzen seiner Ausdehnung stößt und jeder weitere
Schritt zu «imperialer Überdehnung» führen würde. 2
Michael Doyle hat den Übergang von der Expansions- zur
Konsolidierungsphase eines Imperiums als «augusteische Schwelle»
bezeichnet. 3 Damit spielte er auf die tief greifenden Reformen an, die
Kaiser Augustus vornahm, nachdem er seine letzten Konkurrenten in der
Schlacht von Actium (31 v. Chr.) ausgeschaltet hatte. In der Folge
verwandelte sich die Res publica Romana endgültig in das Imperium
Romanum. 4 An dieser Schwelle sind viele Großreichsbildungen gescheitert.
Der Übergang von der Expansions- zur Konsolidierungsphase eines
Imperiums gehört also zu den wichtigsten Abschnitten der
Imperialgeschichte und verdient darum besondere Aufmerksamkeit.
Imperien entstehen entweder durch die gewaltsame Eroberung oder
durch die wirtschaftliche Durchdringung von Räumen. Dementsprechend
kann man imperiale Ordnungen, die Herrschaftsräume umfassen –
klassische «Weltreiche» –, von solchen unterscheiden, die auf
Handelsstrukturen und der Kontrolle der jeweiligen «Weltwirtschaft»
beruhen. 5 Diese beiden Typen von Imperien hat es in der Geschichte nur
selten in Reinform gegeben. Fast alle Weltreiche wiesen auch
weltwirtschaftliche Komponenten auf, zumal wenn sie längere Zeit
existierten, andererseits hat es kaum eine Weltwirtschaft gegeben, die auf
Dauer ohne machtpolitische Elemente ausgekommen wäre.
Das Überschreiten der augusteischen Schwelle läuft in der Regel darauf
hinaus, dass vorhandene Handels- durch Herrschaftsstrukturen ergänzt
werden, während in Herrschaftsräumen wirtschaftliche Verflechtungen
entstehen. Umgekehrt geht der Zusammenbruch eines Weltreichs meist mit
dem Kollaps der mit ihm verbundenen Weltwirtschaft einher. So kam nach
dem Untergang des Römischen Reichs im Westen der Handel zwischen den
betroffenen Regionen zum Erliegen, die großen Städte verfielen, und die
weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung lebte wieder unmittelbar von
der Landwirtschaft. 6 In ganz ähnlicher Weise brach mit der Auflösung der
Sowjetunion das sowjetisch dominierte Wirtschaftssystem zusammen, was
weit reichende Folgen für den Lebensstandard der Menschen im Zentrum
ebenso wie an der Peripherie hatte. Der allmähliche Niedergang des
Britischen Weltreichs hat nur deshalb keine tieferen weltwirtschaftlichen
Spuren hinterlassen, weil die USA nahtlos die Funktionen übernahmen, die
zuvor die Briten ausgeübt hatten. Man kann freilich den Börsenkrach von
1929 als Krise begreifen, die diesen Übergang begleitete.
Selbst wenn also Herrschafts- und Handelsräume nie ganz voneinander
zu trennen sind, ist es doch sinnvoll, beide zunächst gegeneinander zu
konturieren. Auch sind sie in der Entstehungsphase von Imperien deutlicher
zu unterscheiden als auf dem Höhepunkt imperialer Machtentfaltung. In
den klassischen Großreichsbildungen ist der Herrschafts- vor dem
Handelsraum entstanden – bei den meisten Imperien des neuzeitlichen
Europa war es umgekehrt. Diese auf die Entwicklung der Großreiche
bezogene Typisierung wird seit langem ergänzt durch die strukturelle
Unterscheidung zwischen Land- und Seeimperien: Landimperien entstehen
durch die Verdichtung von Herrschaftsräumen, während Seeimperien
expandieren, indem sie ihre Handelsbeziehungen intensivieren und
ausdehnen. Hier lassen sich nach einiger Zeit ebenfalls Übergänge und
Mischformen beobachten, etwa wenn imperiale Herrschaftsräume genutzt
werden, um den Wirtschaftsaustausch in ihnen auszubauen, oder wenn
Handelsstrukturen infolge von politischen Konflikten zerrüttet werden und
das imperiale Zentrum eingreift, um sie wiederherzustellen und räumlich zu
sichern.
Die genannten vier Quellen der Macht spielen bei der Imperiumsbildung
jedenfalls nicht in gleichem Maße eine Rolle, und bisweilen gilt das auch
nach dem Höhepunkt imperialer Machtentfaltung. Allerdings hat ein Defizit
an einem der vier Machtfaktoren durchweg negative Folgen für das
Imperium: Es dadurch wettzumachen, dass man die anderen verstärkt, ist
teuer, und außerdem kann die innerimperiale Machtbalance dadurch auf
Dauer aus dem Gleichgewicht geraten. So ist es dem zarischen Russland,
dem Osmanenreich oder dem spanischen Weltreich nicht gelungen, die
wirtschaftliche Macht ähnlich stark zu entwickeln wie die militärische, was
entweder zu einem früh einsetzenden imperialen Siechtum oder zu einer
ruinösen Ausdehnung des Militärapparats geführt hat. Die seaborn empires
der Portugiesen und Niederländer dagegen waren nicht in der Lage, eine
dauerhafte, ihrer wirtschaftlichen Macht entsprechende militärische und
politische Macht zu entwickeln, und so wurden sie nach einiger Zeit auf die
Position des Juniorpartners eines anderen Seereiches – in beiden Fällen des
Britischen – zurückgedrängt. Ein Imperium, so lässt sich vermuten, ist dann
am beständigsten, wenn es sich auf alle vier Quellen der Macht
gleichermaßen stützen kann beziehungsweise sie mit dem Überschreiten
der augusteischen Schwelle in ein Gleichgewicht gebracht hat. Das ist unter
anderem dem Römischen und dem Britischen Weltreich gelungen.
Imperienbildung durch militärische und kommerzielle
Mehrproduktabschöpfung

Die Entstehung von Imperien über die Ausdehnung von Herrschaftsräumen


oder die Intensivierung von Handelsstrukturen steht für unterschiedliche
Formen der Mehrproduktabschöpfung an der Peripherie imperialer Macht:
die wesentlich militärische und die vorwiegend kommerzielle Form. Als
Beispiel für militärische Mehrproduktabschöpfung sollen hier die
Steppenimperien, als Beispiel für deren kommerzielle Form die Seeimperien
betrachtet werden. Was beide voneinander unterscheidet, ist nicht der Grad
der Ausbeutung, sondern das Niveau der manifesten Gewalt, das bei
Steppenimperien deutlich höher ist als bei Seeimperien. Nicht Raub und
Plünderung, sondern Tausch und Handel sind bei Letzteren der wesentliche
Ausbeutungsmechanismus.
Das portugiesische und in dessen Nachfolge das niederländische Seereich
etwa haben diese Form der kommerziellen Mehrproduktabschöpfung
betrieben. 7 Zeitweilig beherrschten sie den Handel in einem Gebiet, das
von der ostafrikanischen Küste bis nach Südostasien reichte, und statt in
diesen Raum zu investieren, bauten sie Handelsmonopole auf, aus denen sie
beachtliche Gewinne zogen. Dabei sind die Portugiesen an der
ostafrikanischen Küste und in Vorderindien an die Stelle arabischer Händler
getreten, deren Verbindungen sie entweder übernommen oder gewaltsam
unterbrochen haben. Im Wesentlichen beschränkten sie sich darauf, an den
wichtigsten Handelsknotenpunkten Festungen oder befestigte Plätze zu
errichten, die auch von relativ schwachen Besatzungen verteidigt werden
konnten; meist befanden sie sich auf Halbinseln oder küstennahen Inseln.
Auf Vorstöße in das Landesinnere wurde verzichtet. 8 Von den gesicherten
Stützpunkten und größeren Handelsplätzen aus stellte man Verbindungen
mit den lokalen Herrschern her und bemühte sich, sie für die Unterstützung
der portugiesischen Handelsaktivitäten zu gewinnen. An einer
Modernisierung der Herrschaftsverhältnisse oder der Sozialstrukturen
zeigte man kein Interesse.
Francisco de Almeida hat zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Vizekönig
für Indien dieses Konzept ausgearbeitet, das den begrenzten Kräften und
Möglichkeiten des kleinen Portugal Rechnung trug. Er sah die ständige
Stationierung eines Flottengeschwaders im Indischen Ozean vor, das als
mobiles Verbindungsglied zwischen den Festungen und strategischen
Schlüsselpositionen diente. Auf diese Weise konnten die verfügbaren Kräfte
schnell an bedrohten Punkten konzentriert werden. Da man nicht die hohen
Kosten einer umfassenden Raumbeherrschung tragen wollte, war auch die
Errichtung von Siedlungskolonien ausgeschlossen, in denen sich Europäer
dauerhaft hätten niederlassen können. Mitte des 16. Jahrhunderts lebten
nicht mehr als zwei- bis dreihundert Weiße längs der afrikanischen Küste,
und die Ansiedlung von Europäern im indisch-südostasiatischen Raum
diente nur dazu, die unter portugiesische Kontrolle gebrachten
Schlüsselpositionen zu verstärken und aufrechtzuerhalten. 9
Die Einnahmen der Portugiesen, aus denen sie die Kosten für die
Kontrolle des Handelsraums trugen, erwuchsen daraus, dass sie den
Indischen Ozean zum mare clausum erklärten 10 und ihn wie ein
geschlossenes Territorium behandelten, bei dessen Durchquerung Zölle und
Abgaben fällig wurden. Für den Ostindienhandel wurde ein portugiesisches
Monopol verhängt, das mit einem System bezahlter Passierscheine
(cartazes) für alle nicht-portugiesischen Handelsschiffe verbunden war. 11
Auf diese Weise konnten die Portugiesen die Preise für die in Europa
hochbegehrten Gewürze, insbesondere Pfeffer, Nelken und Zimt, festlegen,
ohne einem Unterbietungswettbewerb von Konkurrenten ausgesetzt zu
sein, und wenn sie nicht-portugiesische Händler am Ostindiengeschäft
beteiligten, dann nur gegen entsprechende Lizenzgebühren. Das im
Indischen Ozean stationierte Flottengeschwader hatte neben der
Sicherungsfunktion für Handelsplätze und Festungen auch die Aufgabe, das
portugiesische Seehandelsmonopol durchzusetzen.
Die Bilanz des portugiesischen Seeimperiums war auf dieser Grundlage
über die eineinhalb Jahrhunderte seines Bestandes durchweg positiv. «Der
Haushalt für 1574 zeigt», so der Historiker Oliveira Marques, «dass das
asiatische Reich (einschließlich der Festungsanlagen in Ostafrika)
keineswegs ein Defizit aufwies, sondern einen Überschuss von mehr als
80 000 Cruzados. (…) 1581 sank dieser Überschuss auf 40 000 Cruzados,
um 1588 erneut auf 108 000 Cruzados anzusteigen. In den zwanziger Jahren
des 17. Jahrhunderts begann die Lage sich mit den ständigen Ausgaben für
die Verteidigung gegen Holländer, Engländer und andere dauerhaft zu
ändern. Doch auch unter diesen Umständen betrug der Überschuss immer
noch 15 000 Cruzados im Jahre 1620 und 40 000 Cruzados im Jahre
1635.» 12
Die Achillesferse des portugiesischen Seereichs war die
Aufrechterhaltung des Handelsmonopols, und das wurde nicht durch
diejenigen gefährdet, deren Produkte man aufkaufte, um sie nach Europa zu
bringen, auch nicht durch die Araber, die man aus diesem Handel
herausgedrängt hatte, sondern durch die europäischen Konkurrenten, die
das portugiesische Monopol bekämpften, um es selbst zu übernehmen oder
durch ein System der Marktkonkurrenz zu ersetzen. Als die Niederländer
das Seeimperium der Portugiesen in Ostindien eroberten, übernahmen sie
auch dessen Organisationsprinzipien, nur dass sie den portugiesischen
Staatskapitalismus durch private Korporationen, wie die Ostindische
Kompanie, ablösten, die eine sehr viel größere Energie und Dynamik zu
entfalten vermochten, als dies das staatliche System der Lizenzvergabe
ermöglichte. 13
Eine solche Möglichkeit der «Privatisierung» unterscheidet die
militärische von der kommerziellen Mehrproduktabschöpfung: Die
militärische Expansion, die sich in der Regel zu Lande vollzieht, ist politisch
organisiert; in ihrem Zentrum steht ein Herrscher oder eine
politischmilitärische Elite, welche die Voraussetzungen für die
Expansionsfähigkeit schafft und die Militäroperationen anleitet und
organisiert. Die kommerzielle Expansion hingegen kann auch von
Privatleuten, häufig Handelskompanien, getragen werden. Sie folgt dann
keinem strategischen Gesamtplan, vielmehr nimmt sie die Gelegenheiten
wahr, die sich an den unterschiedlichen Stellen der imperialen Peripherie
bieten. Anders als die militärische schafft die kommerzielle Expansion keine
territorial geschlossenen Herrschaftsräume, sondern aus
verschiedenartigen Teilen zusammengesetzte Handelsbereiche, die nur
durch die Verkehrswege verbunden sind, über die der wirtschaftliche
Austausch organisiert wird. Auf kommerzieller Mehrproduktabschöpfung
begründete Imperien sind daher in der Regel Seeimperien, also Reiche, die
sich auf der Karte nicht in geschlossenen, entsprechend schraffierten
Flächen zeigen, sondern aus einem Gewirr von Punkten und sie
verbindenden Linien bestehen. Charles Maier hat diesen Unterschied auf
die Formel gebracht, dass es sich auf der einen Seite um Staaten handelt,
die sich zu Imperien erweitert haben, auf der anderen um Staaten, die sich
ein Imperium halten. 14
Das portugiesische und niederländische Seereich beruhten im
Wesentlichen darauf, dass es der Titularmacht gelungen war, die Kontrolle
über große Handelsströme an sich zu bringen. Für derart imperial
geordnete Handelsstrukturen ist charakteristisch, dass das Zentrum
gegenüber der Peripherie systematisch bevorzugt ist. Sie gründen sich auf
ein Netz ungleicher Verträge, die von den Interessen des Zentrums diktiert
sind. Selbstverständlich heißt das nicht, dass die Zugehörigkeit zu einem
solchen System für die Peripherie nichts als Nachteile hätte, aber das
Zentrum profitiert stärker von ihr als die Peripherie: Sein Gewinn muss auf
Dauer gesehen so hoch sein, dass sich daraus die Kosten für die
Aufrechterhaltung dieses Systems begleichen lassen. Das imperiale
Zentrum wird also bestrebt sein, die terms of trade so zu gestalten, dass es
nicht ständig in den imperialen Handelsraum investieren muss, während
andere von der so hergestellten Sicherheit und Ordnung profitieren. 15
Lassen sich die Gewinne, die ein imperiales Zentrum aus der Kontrolle
seiner «Weltwirtschaft» erzielt, in etwa beziffern? Wahrscheinlich ist
hierbei weniger der Anteil ausschlaggebend, den das Zentrum am
Weltwirtschaftsprodukt hat – derjenige der USA beträgt zur Zeit etwa ein
Viertel, dürfte aber infolge des ostasiatischen Wirtschaftswachstums
mittelfristig sinken 16 –, als vielmehr die Kontrolle über Kapital- und
Wissensströme. In der Blütezeit des Britischen Weltreichs war das Pfund
Sterling die Leitwährung der Weltwirtschaft, und über Zinsentwicklung und
Aktienkurse wurde in der Londoner City entschieden. Die britischen Banken
waren das Herz der Weltwirtschaft, das den Kreislauf der Waren und des
Kapitals in Gang hielt und steuerte – es war vor allem die Kontrolle des
Finanzsystems, vermittelst dessen die Briten die kapitalistische
Weltwirtschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beherrschten. 17
Solange dies der Fall war, erwuchsen ihnen daraus auch die Gewinne, aus
denen die Kosten für die Kontrolle der Handelsräume – insbesondere die
Flotte und die Militärstützpunkte entlang des Seewegs nach Indien –
bestritten werden konnten. Als Großbritannien jedoch seine dominierende
Stellung innerhalb des internationalen Finanzsystems verlor, die
Beherrschungskosten des imperialen Raums deutlich anstiegen, da an der
Peripherie der Widerstand der Bevölkerung gegen die Imperialmacht
dramatisch zunahm, und Großbritannien in zwei große Kriege mit
Hegemonialkonkurrenten (Deutschland und schließlich auch Japan)
verwickelt wurde, war das gleichbedeutend mit dem Ende des Empire.
In Analogie zum Britischen Empire wird man auch die imperiale Position
der USA beurteilen müssen, deren ökonomische Potenz jedoch weit größer
ist, als es die der Briten je war, und deren militärische Macht die der Briten
ebenfalls deutlich übertrifft. Aber weder die Produktionskapazität der
US-Wirtschaft noch das globale System der US-Militärstützpunkte, das in
vieler Hinsicht an die militärische Absicherung der Handelsräume durch die
Briten erinnert, werden über die Stabilität und Dauer des US-Imperiums
entscheiden, sondern die Fähigkeit der USA, die Kapitalströme der
Weltwirtschaft zu lenken, den Wert anderer Währungen in Relation zum
Dollar zu steuern und durch immer neue Innovationen die Rhythmen der
Weltwirtschaft zu bestimmen. Die Instrumente hierfür sind die Kontrolle
über die Weltbank und den Weltwährungsfonds sowie die Attraktivität
amerikanischer Forschungsinstitute und Technologiezentren, die für einen
steten Braindrain in die USA sorgt. All dies stellt sicher, dass die Peripherie
zahlt und die USA profitieren. Die Kosten des Militärapparates stellen dabei
eine Verringerung des möglichen Profits dar.

Eine prinzipielle Alternative zur kommerziellen ist die militärische


Mehrproduktabschöpfung, die ihren schärfsten Ausdruck darin findet, dass
die Streitkräfte des Imperiums nur dadurch zu finanzieren sind, dass sie
regelmäßige Tribut- und Beutezüge in den Randbereichen des imperialen
Machtraums unternehmen. Damit wird zunächst der Militärapparat selbst
finanziert, sodann aber auch die aufwendigen Bauprojekte in der Metropole,
die vom Glanz des Reiches und seines Herrschers künden und gelegentlich
dazu führen, dass die militärische durch kulturelle beziehungsweise
ideologische Macht ergänzt und entlastet wird. Solche Bauvorhaben können
nämlich eine Transformation von «harter» in «weiche» Macht zur Folge
haben, und in diesem Sinne dürfte es sich beim Ausbau der Athener
Akropolis in der Zeit des Perikles oder der städtebaulichen Erneuerung
Roms unter der Ägide des Augustus um ein Projekt der Umwandlung
militärischer in kulturelle beziehungsweise ideologische Macht gehandelt
haben. Thukydides jedenfalls war davon überzeugt, dass die Macht Athens
infolge der herrlichen Bauten auf der Akropolis für doppelt so groß gehalten
wurde, wie sie tatsächlich war. 18 Der durch die Ausplünderung der
Peripherie finanzierte Ausbau imperialer Zentren kann also mittelfristig zu
einer Senkung der Beherrschungskosten und damit zu einer Verstetigung
imperialer Macht führen.
In der reinen Form militärischer Mehrproduktabschöpfung spielt diese
Kulturalisierung der Macht keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle.
Ein Beispiel für die Reinform militärischer Mehrproduktabschöpfung ist das
assyrische Reich. Gestützt auf seine überlegene Militärtechnologie, vor
allem die Verwendung von Streit- und Sichelwagen, hatte es im
mesopotamischen Raum eine Vormachtstellung erlangt. 19 Aber die Mittel,
die den assyrischen Herrschern zur Verfügung standen, reichten nicht aus,
um den teuren Militärapparat auf Dauer zu finanzieren. Gleichzeitig waren
sie nicht in der Lage, die Peripherie des Reiches permanent zu kontrollieren
und dort etwa regelmäßig Steuern zu erheben. Die tributpflichtigen
Herrscher suchten sich ihren Abgabeverpflichtungen zu entziehen, wo sie
nur konnten. Dem assyrischen Heer fiel also die Aufgabe zu, in alljährlichen
Kriegszügen die benötigten Ressourcen aufzutreiben. Einer Stadt oder
einem Herrscher ließ es dabei zwei Möglichkeiten: Entweder sie zahlten bei
Annäherung der assyrischen Kriegsmacht den geforderten Tribut,
bewirteten und verpflegten das Heer aus ihren Vorräten und versicherten
es ihrer Treue gegenüber Assur; oder der verweigerte Tribut wurde
gewaltsam in Form von Beute erhoben. Um sicherzustellen, dass
regelmäßige Tributzahlungen den Unterworfenen günstiger erschienen als
Krieg, bedienten sich die Assyrer einer Politik systematischer
Verwüstungen, für die sie in der Nachwelt berüchtigt geworden sind. Ihre
exzessive Grausamkeit war allerdings kein Selbstzweck; sie stellte eine
spezifische Form der Reichserhaltung dar: Sie sollte für die Herrscher in
den Randbezirken des Imperiums das Risiko erhöhen, das mit einem Abfall
vom Reich verbunden war. Die Form des Abfalls war die
Tributverweigerung, die Form seiner Bestrafung das Beutemachen. Es war
mehr als gesteigerter Tribut, hatte es doch die Einäscherung ganzer Städte,
die Verheerung von Landstrichen und die Ausrottung ihrer Bewohner zur
Folge. Der Militärapparat war das Droh- und Durchsetzungsinstrument
dieser Politik.
Das assyrische Beispiel ist paradigmatisch für die klassische Form der
Imperiumsbildung, wenngleich später nur selten eine derart ausufernde
Grausamkeit zur Absicherung der Tributtreue angewendet wurde;
wahrscheinlich haben erst die Mongolen wieder mit einer ähnlichen
Entschlossenheit auf solche Methoden zurückgegriffen. Das strategische
Manko dieser Politik bestand darin, dass derartige Reiche prinzipiell nicht
in der Lage waren, die augusteische Schwelle zu überschreiten. Das trifft
auch für die Steppenimperien in der Nachfolge der Skythen zu, wo
nomadisierende Reitervölker ihre regelmäßigen Bewegungen zwischen
Sommer- und Winterweide weiträumig ausgedehnt und zu einer freilich
eher kurzlebigen Großreichsbildung intensiviert haben. Kurzlebig blieben
die Steppenimperien darum, weil es ihnen in der Regel nicht gelang, sich
vom Zwang zur militärischen Expansion zu befreien und die aus Tribut und
Beute bezogenen Einnahmen durch reguläre Steuern zu ersetzen. Bei einer
strengen Anwendung der Imperiumsdefinition käme den Steppenimperien
aufgrund ihrer Kurzlebigkeit nur der Status einer Fußnote zu. Sie bilden
eine Sonderform der Imperien, die hier allerdings deswegen von
besonderem Interesse ist, weil sich an ihr die imperiale Expansion des
militärischen Typs und die ausschließlich militärische Form der
Mehrproduktabschöpfung quasi in Reinform studieren lassen.
Die Geschichte der Steppenimperien ist lang, auch wenn sie in der
westlichen Historiographie nur einen marginalen Platz einnehmen und die
aus der innerasiatischen Steppe auftauchenden Reiternomaden darin meist
als Störer und Zerstörer einer geordneten politischen und ökonomischen
Entwicklung in Erscheinung treten. Von den Skythen über die Sarmaten,
Alanen und Hunnen, Awaren, Ungarn und Chasaren bis zu den Mongolen 20
– sie alle haben immer wieder zu Großreichsbildungen angesetzt, die in der
Regel damit ihren Anfang nahmen, dass die Reiternomaden die an ihre
Winterweiden angrenzenden Ackerbauern tributpflichtig machten und so
die Ressourcen für großräumige Expansionsbewegungen erlangten. Die
Unberechenbarkeit der nomadischen Lebensbedingungen, bei denen
klimatische Veränderungen und Tierseuchen eine erhebliche Rolle spielten,
zwangen die Nomaden, zur Absicherung ihrer Überlebenschancen
Nahrungsmitteltribute aus den agrarischen Produktionszonen am Rande der
Steppe einzufordern. Beutezüge gehörten von jeher zu ihrer Lebensweise.
Sobald sie einen größeren Radius annahmen und nicht mehr der Sicherung
des nackten Überlebens dienten, sondern der Bereicherung, wurde dies
zum Anfang einer neuen Imperiumsbildung.
An der hunnischen Reichsbildung unter Rua und Attila im 5. Jahrhundert
lassen sich gewisse Grundzüge nomadischer Großreichsbildung ablesen 21 ,
die mehr oder weniger ausgeprägt bei allen Steppenimperien erkennbar
sind. Da ist zunächst die Ethnogenese, bei der sich mehrere Stämme um ein
Leitvolk scharen. Entscheidend für ihren Erfolg oder Misserfolg ist das
Charisma (mongol.: qut) des Anführers, das dieser zielstrebig zu steigern
sucht. Attila wurde von seinen Untertanen als ein Gott verehrt und
gefürchtet. Auch er selbst war von seiner göttlichen Sendung überzeugt und
gründete auf sie den Anspruch, seine Herrschaft müsse die gesamte Welt
umfassen. Die ihm aus Beute, Lösegeldern und Tributen zugeflossenen
Schätze gab er an die (militärische) Elite seines Reiches weiter, die Attila
damit zu Loyalität verpflichtete. Er allein bestimmte die Rangfolge
innerhalb dieser Elite und brachte sie durch solche Geschenke und die
Sitzordnung in seinem Zelt zum Ausdruck. Die traditionellen
Führungsansprüche der Clanchefs und Stammesführer wurden durch die
Gunst des charismatischen Anführers ersetzt.
Die Umstellung der soziopolitischen Ordnung der Nomaden von Tradition
auf Charisma – auf die «außeralltägliche Hingabe an die Heiligkeit oder die
Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person», wie Max Weber
charismatische Herrschaft definierte 22 – führte zu einer Dynamisierung der
inneren Organisation der Stämme und Clans, die wiederum die Grundlage
für die imperiale Expansion darstellte. Nur so ist die ungeheure Wucht zu
erklären, mit der die Reiternomaden trotz ihrer zahlenmäßigen
Unterlegenheit riesige Gebiete überrannten und andere Reiche
unterjochten. Zugleich jedoch ergab sich daraus die Fragilität der
Steppenimperien, die häufig die Lebenszeit des charismatischen Anführers
nicht überdauerten. 23
Dass die Herkunftshierarchie durch Kriegergefolgschaft abgelöst wurde,
einte die zuvor verfeindeten Nomadenstämme und befähigte sie zu
großräumig angelegter Expansion. Insbesondere wurden Loyalität und
Disziplin gesteigert, an denen es in der nomadischen Welt notorisch
mangelte. Ein Mittel, dessen sich der Mongolenkhan Themüdschin, der sich
dann Dschingis Khan nannte, hierbei bediente, war die Umorganisation des
Heeres von gewachsenen ethnischen Einheiten auf Hundert- und
Tausendschaften. Allein die Loyalität gegenüber dem Anführer einte sie,
und in ihrer Größe und Zusammensetzung waren sie wesentlich an dem
Erfordernis weit ausgreifender Kriegführung orientiert. 24 Aufmüpfige
Clans und Stämme konnten nun auf mehrere Heereseinheiten verteilt und
so gefügig gemacht werden. Widerstand von Anhängern der traditionellen
Herkunftshierarchie ließ Dschingis Khan erbarmungslos brechen. So
wurden die konservativen Hofschamanen, die sich seinen Plänen widersetzt
hatten, allesamt hingerichtet. Die vom Khan auf Krieg eingeschworene
Gesellschaft musste dann aber auch Krieg führen, um überleben zu können.
Sie unterlag dem Beutezwang ohne jede Einschränkung, denn nur wenn
reichlich Beute gemacht wurde, konnte der Anführer Gaben und Geschenke
verteilen, mit denen er sich die Loyalität seiner Heerführer erkaufte. Daher
musste sich Dschingis Khan auf eine Reihe riskanter Feldzüge einlassen und
hatte nicht die Möglichkeit, die Früchte seiner Siege zu genießen.
Dschingis Khan ist sich des selbst geschaffenen Eroberungszwangs
durchaus bewusst gewesen: «Die Mongolen müssen sich alle Länder
unterwerfen und dürfen mit keinem Volk Frieden haben, bis es vernichtet
ist, außer es unterstellt sich ihnen.» 25 Und tatsächlich: die Einheit des
Mongolenreichs mit einem Großkhan (Khagan) an der Spitze, dem die
einzelnen Khane als Teilherrscher rechenschaftspflichtig waren, konnte nur
so lange gewahrt werden, wie die Expansionspolitik fortgesetzt wurde. Mit
dem Tod von Dschingis’ Enkel Möngke 1259 zerfiel das mongolische
Weltreich in mehrere Teilreiche, die sich gegenseitig bekämpften.

Die kommerzielle und die militärische Mehrproduktabschöpfung stellen die


Endpunkte eines Bandes von Möglichkeiten dar, bei dem nicht die Extreme,
sondern Mischformen das historisch Wahrscheinliche sind. Sie können dem
Pol der militärischen oder dem der kommerziellen
Mehrproduktabschöpfung näher liegen, und in der Regel verändert sich das
Mischungsverhältnis im Verlauf der Geschichte eines Imperiums. So sah
sich das Britische Weltreich am Ausgang des 19. Jahrhunderts gezwungen,
immer häufiger zu militärischen Mitteln zu greifen, um die kommerzielle
Mehrproduktabschöpfung zu gewährleisten, und die mongolischen
Teilreiche, die sich in China und Ostsibirien (dem so genannten
Zentralkhanat) sowie im Iran, Irak und Syrien (dem so genannten Ilkhanat)
entwickelten, konnten die Bedeutung des Militärischen abschwächen und
stärker auf die Sicherung der imperialen Macht durch administrative
Kontrolle der Wirtschaft setzen. 26
Es ist jedoch keineswegs so, dass die Gründer von Imperien die Wahl
zwischen einer stärker kommerziellen oder einer vorwiegend militärischen
Mehrproduktabschöpfung hätten. Hier gibt es Vorfestlegungen, bei denen
die Geographie, der zivilisatorische Entwicklungsstand im Zentrum, die
Mentalitäten und Kompetenzen der Eliten, geschichtliche Prägung und
kollektives Gedächtnis, schließlich die Reaktionen der Peripherie auf die
sich abzeichnenden Expansionsbestrebungen entscheidend sind. So scheint
es ein über viele Jahrhunderte wirkendes Gesetz gewesen zu sein, dass die
reiternomadischen Völker Zentralasiens in gewissen Intervallen
Steppenimperien gründeten, die innerhalb kürzester Zeit gewaltige
Dimensionen annahmen, dann aber auch schnell wieder zerfielen und aus
der Geschichte verschwanden. Die Spuren, die sie hinterließen, bestehen
nicht in den Zeugnissen eigener Leistung und Größe, glanzvollen Städten,
Tempeln oder Kirchen, sondern in der Zerstörung jener Zivilisationen, die
auf dem Weg ihrer Expansion lagen. Auch der Zusammenbruch des
Römischen Reiches im Westen war nicht zuletzt eine Folge des Vorstoßes
der Hunnen aus Zentralasien: Durch ihn gerieten die in den südrussischen
Gebieten ansässigen germanischen Völker in Bewegung, sodass ein
wachsender Druck auf die Grenzen des Römischen Reiches entstand, unter
dem diese schließlich nachgaben. Ähnliches gilt für das Kalifat von Bagdad,
ein islamisch-arabisches Großreich, dessen Blütezeit während der
Mongolenstürme freilich bereits überschritten war. 27 Seine Auflösung im
Jahre 1258 wurde für die politische Geschichte des Islam ungemein
folgenreich, da es danach zu keiner arabischen Reichsbildung mehr
gekommen ist. Der arabische Raum wurde zwischen dem Osmanenreich
und der Safawiden-Dynastie in Persien aufgeteilt. Entsprechendes lässt sich
für den zentralasiatischen Raum beobachten, wo das Reich von Chwarezm,
das den heutigen Iran, Afghanistan und Teile der zentralasiatischen
Republiken umfasste, von den Mongolen Dschingis Khans zerschlagen und
seine wirtschaftlich-kulturelle Basis vernichtet wurde. 28 Nur das
Chinesische Reich hat die Zeit der mongolischen Herrschaft relativ
unbeschadet überstanden: Nach etwa einem Jahrhundert der
Fremdherrschaft wurde es wiederhergestellt.
Steppenimperien haben einen wesentlich exploitiven Charakter: Sie
bringen keine eigene Hochkultur hervor und schaffen keine zivilisatorischen
Zentren, sondern beschränken sich darauf, die Reichtümer und
Errungenschaften der Peripherie auszubeuten. Aufgrund ihrer
zivilisatorisch-technologischen Rückständigkeit müssen sie sich auf den
einzigen Bereich konzentrieren, in dem sie klar überlegen sind: den
militärischen. Die Schnelligkeit der Reiterverbände, ihr enormer
Aktionsradius bei geringem logistischem Aufwand, die Kampfkraft eines
jeden einzelnen Reiters und die Reichweite und Treffsicherheit seines
Reflexbogens sowie die Fähigkeit ihrer Anführer zu einem umfassenden
strategischen Denken, die aus ihrer nomadischen Lebensweise erwuchs und
ihren Gegnern durchweg abging, versetzten diese zahlenmäßig kleinen
Völker in die Lage, Großreiche zu bilden, wie sie die Welt noch nicht
gesehen hatte. Während die zivilisatorischen Imperien Rom und China die
jeweils neu eroberten Gebiete verwaltungstechnisch ins Gesamtreich
integrierten, sich daher nur langsam und schrittweise ausdehnen konnten
und schließlich einen Punkt erreichten, an dem sich die zivilisierende Kraft
des Imperiums erschöpfte, kannte die räumliche Expansion der
Steppenimperien keine andere Grenze als die Operationsreichweite ihrer
Militärverbände. Dementsprechend fragil war die Integration des Reichs,
die an der Peripherie oft nur in der Furcht vor der Wiederkehr der wilden
Streitscharen aus der Steppe bestand. 29

Die schier grenzenlose Ausdehnung des imperialen Raumes und eine eher
schwache Form der Integration sind den im Prinzip konträren Polen
kommerzieller und militärischer Mehrproduktabschöpfung gemeinsam.
Auch die großen Seeimperien, die mit dem Beginn der europäischen
Entdeckungsreisen Mitte des 15. Jahrhunderts entstanden – namentlich
Portugal, die Niederlande und England (Spanien setzte von Anfang an
weniger auf Handel als auf territoriale Eroberungen) –, waren nur
oberflächlich integriert und wiesen keine einheitliche Verwaltung und
Rechtsordnung auf. 30
Seeimperien sind Steppenimperien darin ähnlich, dass das Interesse an
der Peripherie ein wesentlich exploitives ist und keine sonderlichen
Anstrengungen unternommen werden, zivilisatorische Errungenschaften zu
verbreiten. Zumindest in ihrer Entstehungsphase beschränken sich die
seegestützten Handelsimperien auf die Herstellung von
Wirtschaftsverbindungen zwischen Zentrum und Peripherie. Die
bestehenden soziopolitischen Strukturen in den neuen Handelsräumen
lassen sie weitgehend unangetastet. Oft kooperieren sie mit den dortigen
Machthabern oder spielen Rivalen gegeneinander aus, letztlich jedoch
interessieren sie sich nur für bestimmte Handelsgüter. Je geringer die
Investitionen in die Peripherie, desto höher die Gewinne – so das Kalkül
einer Imperiumsbildung auf der Grundlage kommerzieller
Mehrproduktabschöpfung.
Ob diese Rechnung freilich langfristig aufgeht oder ob sich Gegenkräfte
entwickeln, die schließlich die Bilanzen umkehren, ist offen. Man kann darin
ein analoges Problem zum allmählichen wirtschaftlichen Ausbluten der
Peripherie infolge ihrer ständigen Ausplünderung durch die Streitkräfte der
Steppenimperien sehen: Auf Dauer zersetzt der Handelskontakt mit den
Fremden die soziopolitische Ordnung eines Landes. Imperien, die allein auf
militärischer oder kommerzieller Mehrproduktabschöpfung beruhen und
auf größere Investitionen in die Infrastruktur an ihren Rändern verzichten,
sind kaum in der Lage, diese zuverlässig in ihre «Weltordnung»
einzubinden. Für ihre Stabilität und Dauerhaftigkeit aber dürfte es
entscheidend sein, ob das gelingt: Die Imperien, bei denen Zentrum und
Peripherie nur durch die Mehrproduktabschöpfung miteinander verbunden
waren, haben sich allesamt rascher wieder aufgelöst als diejenigen, die zu
einer regulären Verwaltung ihrer Provinzen übergegangen sind, das heißt,
ihrer Peripherie nicht nur Ressourcen entzogen, sondern auch in sie
investiert haben. Keines der seaborn empires und keines der
Steppenimperien reicht von seiner Dauer und Stabilität an das Römische
oder Chinesische Reich heran. Das Geheimnis der lange bestehenden
Imperien scheint darin zu liegen, dass sie in Situationen der Krise und des
Niedergangs von der Peripherie her entweder gerettet oder revitalisiert
worden sind. Dazu aber waren äußere Reichsgebiete nur bereit und fähig,
wenn sie ein ausgeprägtes Bewusstsein der Reichszugehörigkeit hatten und
überzeugt waren, dass der Zerfall des Imperiums ihnen mehr schaden als
nützen werde. 31
Der Verzicht darauf, die Peripherie hemmungslos auszuplündern, und der
Entschluss, infrastrukturell wie zivilisatorisch in sie zu investieren, ist
sicherlich nicht damit zu verwechseln, dass sich die Austauschrelationen
zwischen Zentrum und Peripherie ins Gegenteil verkehrt hätten und diese
jetzt zum reinen Nutznießer des Imperiums geworden wäre. Aber die mit
diesem verbundenen Lasten werden mit dem Überschreiten der
augusteischen Schwelle gleichmäßiger verteilt und künftig auch denjenigen
auferlegt, die vom Imperium bislang nur profitierten: Der teure
Militärapparat und die neu entstandenen Verwaltungsstrukturen können
nicht mehr allein aus den Tributen und Steuern der unterworfenen
Provinzen an der Reichsperipherie bezahlt werden; zur Finanzierung der
imperialen Bestandskosten werden nun auch – qua Steuer – die Bewohner
des imperialen Zentrums herangezogen. Das ruft freilich nicht selten deren
Widerstand hervor, und dementsprechend wächst im Zentrum eine
gefährliche Neigung, Putsche und Aufstände zu unterstützen, die eine
Senkung solcher Belastungen versprechen. Die Stabilisierung des
Imperiums an der Peripherie muss also mit wachsender Unzufriedenheit im
Zentrum erkauft werden. Das dürfte auch der entscheidende Grund dafür
sein, dass viele Imperien die augusteische Schwelle niemals überschritten
haben: Die Instabilität der Peripherie war offenkundig leichter zu ertragen
als permanente Unzufriedenheit im Zentrum und der gelegentliche Abfall
einer Provinz eher zu verkraften als fortgesetzte Unruhen in der
Hauptstadt. In der historischen Retrospektive allerdings scheint es
umgekehrt zu sein: Unzuverlässige Provinzen führten häufiger zum Ende
eines Imperiums als Unruhen im Zentrum. In den meisten Fällen hat die
Entscheidung für eine gleichmäßigere bürokratisch-administrative
Mehrproduktabschöpfung im gesamten imperialen Raum dessen Stabilität
auf lange Sicht erhöht.
Die (mindestens) zwei Seiten von Imperien

Neben den geographischen Faktoren, welche die Expansionsart eines


imperialen Kerns vorgeben, gibt es begrenzte Entscheidungsspielräume von
Eliten, innerhalb derer sie die Art und Struktur der imperialen
Machtentfaltung bestimmen können. Solche Entscheidungen werden nicht
selten über historische Vorbilder oder politische Mythen beeinflusst. So
schwankte man in England während des 17. Jahrhunderts lange, ob man
sich eher in der Nachfolge Roms oder Karthagos sehen solle, und dabei ging
es insbesondere um die Gegenüberstellung von karthagischer
Handelsmacht und römischem Territorialimperium. 32 Hinter der
Ablehnung des Letzteren stand die Vorstellung, dass ein solches Reich
zwangsläufig von einem Einzelnen beherrscht werde, wie sich in Rom im
Übergang von der Republik zum Prinzipat gezeigt habe, wohingegen sich in
Karthago bis zuletzt eine Oligarchie der großen und reichen Familien an der
Macht hielt. Kontinentalexpansion wurde dementsprechend mit
Militarismus verbunden, von dem wiederum angenommen wurde, er führe
zu Diktatur oder Despotie und mache damit die erfolgreiche
Konstitutionalisierung Englands von 1688/89 rückgängig. Die Entwicklung
einer weltumspannenden Handelsmacht hingegen, die sich eher auf eine
informal rule stütze, lasse sich mit einer aristokratischen Regierungsform
sehr wohl vereinbaren: Da sie nur gelegentlich auf Söldnereinheiten
zurückgreifen müsse, welche prinzipiell außerhalb des Mutterlandes zum
Einsatz kämen, könne das Militär nicht zu einem gefährlichen
innenpolitischen Machtfaktor werden. Die Beschränkung auf die Rolle einer
maritimen Handelsmacht erschien als Schutzschild gegen politisch
unerwünschte Entwicklungen im Innern.
Man kann die Dinge freilich auch umgekehrt sehen und im Falle Roms
nicht die territoriale, sondern die maritime Expansion als die eigentliche
Bedrohung der Republik betrachten. Dann markiert der Entschluss des
Senats, in der Auseinandersetzung mit Karthago von der bisher betriebenen
kleinräumigen Herrschaftsausweitung abzugehen, den Anfang vom Ende
der Römischen Republik. Erst infolge der neuen, weit ausgreifenden
maritimen Politik nämlich kamen Persönlichkeiten zu Macht und Einfluss,
für die sich der Rahmen der republikanischen Verfassung als zu eng erwies.
Zudem verlängerte sich durch den überseeischen Einsatz der Legionen die
Dienstzeit der Soldaten so sehr, dass diese ihre kleinen Bauernhöfe nicht
mehr bewirtschaften konnten, woraus die revolutionäre Sprengkraft des
Veteranenproblems erwuchs. Auch der Oberbefehl über die Truppen musste
immer wieder verlängert werden, sodass sich Vertrauens- und
Erwartungsverhältnisse zwischen den Soldaten und ihren Kommandeuren
entwickelten, die mit dem Rotationsprinzip der republikanischen Ordnung
kollidierten. 33 Die Eroberung neuer Räume hat demnach neue Eliten
hervorgebracht, deren Ehrgeiz nur durch die Eroberung weiterer Räume zu
befriedigen war.
In der Zeit zwischen dem 1. und dem 3. Punischen Krieg begann diese
Entwicklung, der dann zwischen 67 v. Chr. und 85 n. Chr. die größte
maritime Expansionsbewegung der antiken Welt folgte. 34 Den Anfang
machte Pompeius mit dem Auftrag, das Mittelmeer von Piraten zu
«säubern» und so einen reibungslosen Handel zwischen Ost und West, Nord
und Süd zu ermöglichen. Was ihn antrieb, war nicht mehr die Sicherung
Roms gegen die unmittelbare Bedrohung durch aggressive Konkurrenten,
vielmehr ging es um die Errichtung einer universalen Seeherrschaft im
Mittelmeer, das zu einem Teil des Imperiums werden sollte. Bislang hatte
das Reich aus einer Reihe von Territorien bestanden, jetzt bekam es einen
maritimen Mittelpunkt, ein neues Gravitationszentrum, mit dem sich die
Expansionsdynamik und die imperialen Ordnungsvorstellungen
grundlegend veränderten. An der durch Pompeius bewirkten gewaltigen
Ausdehnung der römischen Macht mussten sich von nun an alle
konkurrierenden Politiker-Feldherren messen lassen: Caesar hat seinen
Vorstoß nach Britannien als Schritt zur Beherrschung des Ozeans stilisiert,
also der mittelmeerischen Eroberung des Pompeius die eigene ozeanische
Eroberung entgegengestellt, und Augustus hat seine Res gestae in
Konkurrenz zu den Vorgaben von Pompeius und Caesar formuliert. Seine
Entscheidung, den Nachruhm nicht auf der äußeren Expansion, sondern auf
der inneren Konsolidierung des Reiches zu begründen, war umso
folgenreicher, als sie der Kern dessen ist, was hier als augusteische
Schwelle bezeichnet wird.
Die in den hundert Jahren um die Zeitenwende zu beobachtende
Beschleunigung der römischen Expansion beruhte somit auf einer
Verbindung von aristokratischen Wertvorstellungen mit einer universalen
Weltherrschaftsideologie. Dabei avancierte die Schifffahrt zum Symbol für
den Sieg der menschlichen Intelligenz über die dumpfe Landgebundenheit
früherer Jahrhunderte. Die englische Aristokratie hatte in ihrer
Distanzierung vom römischen Territorialimperium und der ideologischen
Ansippung an Karthago also sprichwörtlich auf das falsche Pferd gesetzt:
Ohne es zu wissen, folgte sie schon längst den Spuren Roms. 35
In der römischen Selbstfeier, die den politisch-militärischen Triumph als
einen zivilisatorischen zelebrierte, spiegelt sich zugleich ein imperiales
Selbstbewusstsein, das so aus der Begegnung mit dem hellenistischen
Osten nicht hatte erwachsen können. Dort war man auf eine Zivilisation
gestoßen, der man zwar militärisch, keineswegs aber kulturell überlegen
war. Anders im Westen: Bereits in Spanien, dann vor allem in Gallien,
Germanien und Britannien waren die Römer überzeugt, auf einer höheren
Zivilisationsstufe zu stehen als die hier beheimateten «barbarischen»
Stämme, die keine größeren Städte, kaum Handwerk und nur wenig Handel
kannten. Daher war die militärische Befriedung dieser Räume fast
zwangsläufig mit deren Integration in die eigene Zivilisation verbunden. Im
Westen musste Rom also von Anfang an in die Peripherie investieren, im
Osten ist es eher exploitiv aufgetreten. Die Ressourcen für seine expansive
Machtentfaltung hat Rom wesentlich aus dem Osten bezogen, das
zivilisatorische Selbstbewusstsein jedoch ist ihm aus der Begegnung mit
dem Westen erwachsen. Und auch politisch war die Erfahrung zweier
Peripherien, wie sie unterschiedlicher kaum hätten sein können,
folgenreich: Im Osten gebärdete sich Rom als Hegemon, während es im
Westen und Norden eine unmittelbare imperiale Herrschaft ausübte. 36 Die
Frage, ob man hegemonial oder imperial agieren solle, wurde also nicht im
Zentrum, sondern an der Peripherie entschieden.
Die Unterschiede zwischen Ost und West haben die römische Politik lange
geprägt und immer wieder zu Rivalitäten und Missverständnissen zwischen
beiden Teilen des Reiches geführt – vor allem, wenn es um die Frage ging,
ob die Legionen des Westens oder die des Ostens das Recht hätten, ihren
jeweiligen Befehlshaber zum Kaiser auszurufen. Die Reichsreform unter
Diocletian und schließlich die Reichsteilung unter Constantin suchten
diesen Differenzen Rechnung zu tragen, aber sie schrieben damit zugleich
jene Unterschiede fest, aus deren Überbrückung das Römische Reich
gerade seine Kraft und Legitimität geschöpft hatte. Als der Westen im
Verlauf des 5. Jahrhunderts verloren ging, unternahm der Osten, von den
zeitweiligen Bemühungen Kaiser Justinians abgesehen, keine ernstlichen
Anstrengungen, die Herrschaft über die Westhälfte des Reiches
zurückzugewinnen. Im Gegenteil: Man scheint nicht unzufrieden darüber
gewesen zu sein, dass man sich des Westens, dessen militärische Sicherung
ein Fass ohne Boden geworden war, entledigen konnte: Der Osten des
Römischen Reiches brachte etwa 65 Prozent des Steueraufkommens auf,
das im Wesentlichen in eine Armee floss, von der zwei Drittel im Westen
stationiert waren. 37

In gewisser Hinsicht waren die Verhältnisse im zarischen Russland denen


des Römischen Reichs ähnlich – nur dass hier der Osten der zu
zivilisierende Bereich war, während die Russen gegenüber dem Westen
eher Minderwertigkeitsgefühle hatten und bemüht waren, den dort
herrschenden Entwicklungsstand ebenfalls zu erreichen. Dementsprechend
wurden die Russen im Westen als halbbarbarische Eroberer, im Osten
hingegen als zivilisatorische Macht wahrgenommen. 1864 begründete
Außenminister Fürst Gortschakow in einer Zirkulardepesche das russische
Vordringen nach Taschkent damit, dass er die Lage Russlands mit der
Situation aller zivilisierten Staaten verglich, die an ihren Rändern mit
rohen, nomadisierenden Völkern konfrontiert und dadurch zu einer
Expansion wider Willen genötigt seien. 38 Das war sowohl eine
Rechtfertigung gegenüber den europäischen Mächten, die den Verdacht
beschwichtigen sollte, Russland habe sich auf einen imperialistischen
Konfrontationskurs mit Großbritannien begeben, als auch ein Appell an die
eigene Aristokratie, den Expansionskurs in Asien zu unterstützen. Die
asiatischen Eroberungen stießen bei der Bevölkerung jedoch nur begrenzt
auf Resonanz, da allgemein die Vorstellung vorherrschte, die russische
Geschichte vollziehe und entscheide sich in Europa, nicht in Asien. Russland
hat – im Unterschied zu Rom – aus seinem Zivilisationsanspruch kaum
politisches Kapital schlagen können.
Die zwei Seiten des russischen Reichs wurden im Verlauf des
19. Jahrhunderts vor allem zu einem Problem des russischen Adels und der
Intelligenzija, die zwischen der Orientierung am Westen und einer immer
wieder zum Durchbruch gelangenden Sehnsucht nach dem Osten hin- und
hergerissen war. Die bekannten und viel beschriebenen
Auseinandersetzungen zwischen Westlern und Slawophilen 39 waren ein
Ausdruck dieses Konflikts, in dem es im Grundsatz um die Wahl von
politischen Vorbildern und kulturelle Zukunftsperspektiven ging. Zwar
kennen auch Staaten und Nationen solche Debatten, aber in jener
antagonistischen Form, in der sie in Russland ausgetragen wurde, handelt
es sich um eine typische innerimperiale Kontroverse, in der die
(mindestens) zwei Seiten eines Großreichs um die Definitionsmacht über die
Zukunft ringen.
Seit Peter dem Großen musste der russische Adel – der Hauptträger des
Imperiums und «die einzige Gesellschaftsschicht, die dessen Geist
verkörperte und für dessen Verteidigung und Verwaltung zuständig war» 40
– eine fast schizophrene Doppelrolle übernehmen: die eines asiatischen
Satrapen und die eines europäischen Gentleman. Viele russische Adlige und
seit dem späten 19. Jahrhundert auch die meisten Angehörigen der
Intelligenz haben sich dem zu entziehen versucht, indem sie sich für eine
der beiden Seiten des Imperiums entschieden, und damit gerieten sie
zwangsläufig mit dessen Imperativen in Konflikt. Eine Folge davon war die
notorisch oppositionelle Grundhaltung vieler Angehöriger der führenden
Schichten, welche die imperiale Kraft Russlands geschwächt und schließlich
zum Zusammenbruch des Reiches beigetragen hat. Als dem Nachfolgestaat
des zarischen Russlands ist es der Sowjetunion zeitweilig gelungen, beide
Perspektiven zu verbinden. Langfristig freilich hat sich der dafür zu
entrichtende Preis als zu hoch erwiesen. 41 Die Sowjetunion ist – auch – an
der vom zarischen Russland geerbten Integrationsüberforderung
gescheitert.
Das an den Beispielen des Römischen Reichs und des zarischen Russland
skizzierte Phänomen der politisch-zivilisatorisch unterschiedlich
entwickelten Ränder eines Imperiums verweist auf ein grundsätzliches
Problem von Großreichen, das sich für Staaten, zumal Nationalstaaten, so
nicht stellt. Während diese in ihrem Innern eine relativ einheitliche
politisch-kulturelle Identität ausbilden, aus der sie Kraft und Einfluss
beziehen, um sich gegenüber anderen Staaten zu behaupten 42 , zeichnen
sich Imperien dadurch aus, dass sie die ansonsten zwischen den Staaten
wirksam werdenden Gegensätze und Konflikte in ihrem Innern austragen
müssen, produktiv machen können oder daran scheitern.
Exemplarisch für ein solches Scheitern ist das Ende der Donaumonarchie
und deren Zerfall in eine Reihe von Einzelstaaten. Infolge seiner Mittelage
zwischen Deutschland, Italien, Russland und dem Osmanenreich hatte die
Donaumonarchie nicht nur zwei, sondern vier Grenzregionen und
Einflussrichtungen, die sich auf unterschiedliche Weise als bedrohlich
erwiesen. Analog dem römischen Modell reagierte man darauf 1867 mit
einer Reichsteilung in eine österreichische und eine ungarische Hälfte, die
nach dem Fluss Leitha als Cisleithanien und Transleithanien bezeichnet
wurden. Das hatte jedoch zur Konsequenz, dass der slawische
Bevölkerungsanteil, namentlich Böhmen, Mähren und Serben, sich nicht
angemessen repräsentiert fühlte und dass sich
Unabhängigkeitsbestrebungen verstärkten. Die zeitweilig erwogene
tripartistische Lösung, bei der Böhmen als ein dritter Reichsteil mit Prag als
Hauptstadt hinzugekommen wäre, wurde nicht verwirklicht. Aber schon die
Zweiteilung des Reichs setzte starke zentrifugale Kräfte frei. Die Völker
lebten sich auseinander, der den Zusammenhalt des Reichs tragende Adel
geriet durch die sozioökonomischen Veränderungen der modernen Welt in
Bedrängnis, die wirtschaftliche Schwäche des Balkanraums führte zu einem
dauerhaften Haushaltsdefizit, und so machte sich ein Gefühl der Ausweg-
und Perspektivlosigkeit breit. Ein großer Krieg, so hoffte man, werde die
«Weltuntergangsstimmung» vertreiben. In seinem Verlauf ist die
Donaumonarchie dann zerbrochen. 43
Wiewohl die Donaumonarchie kein Imperium im Sinne der eingangs
gegebenen Definition gewesen ist, lässt sich an ihrem Zerfall doch die
geschichtliche Bedeutung von Großreichen als zivilisationsübergreifenden
Ordnungsstrukturen gut erfassen: Über lange Zeit hat sie nicht nur den
mitteleuropäischen Raum politisch und insbesondere kulturell integriert, sie
bildete auch eine Brücke zwischen den südöstlichen Grenzregionen Europas
und dem west- und mitteleuropäischen Raum. Eine solche Funktion hat
nach 1918 keine andere Macht – vielleicht mit Ausnahme Jugoslawiens,
aber auch das nur für kurze Zeit und für eine kleineres Gebiet –
übernehmen können. Im Prinzip steht die Europäische Union heute vor der
Aufgabe, dieses Problem einer dauerhaften Lösung zuzuführen.
Erfolgreicher funktionierte die Aufgabenteilung innerhalb des
Osmanischen Reichs, wo es schon im 16. Jahrhundert zu einer Separierung
zwischen dem anatolischen und dem rumelischen Bereich kam, jeweils mit
einem eigenen Beglerbeg an der Spitze. 44 Jeder von ihnen hatte nicht nur
die innere Verwaltung seines Reichsgebiets zu kontrollieren, sondern war
auch für die Sicherung der Grenzen zuständig und musste die dafür
erforderlichen Ressourcen beschaffen. Aufgrund der unangefochtenen
Position des Sultans und der stärkeren Zentralisierung des Osmanischen
Reichs kam es jedoch – anders als im Römischen Reich und in der
Donaumonarchie – nicht zu einer Verselbständigung der beiden Teile. Der
Niedergang des Osmanischen Reichs war nicht die Folge zentrifugaler
Tendenzen, sondern erwuchs aus anderen Defiziten.
Noch effektiver ist es dem Chinesischen Reich gelungen, den
unterschiedlichen Herausforderungen an seiner Peripherie zu begegnen,
ohne die in der Qin-Dynastie (221 – 206 v. Chr.) errungene Einheit Chinas zu
gefährden. Von Anfang an ging es dabei um das Problem, dass aus dem
Norden mit Barbareneinfällen zu rechnen war, während sich im Süden ein
Kranz von Tributstaaten entwickelt hatte, zu denen das Reich völlig anders
geartete Beziehungen unterhielt als zu den nomadisierenden Reitervölkern
im Norden. Dass sich Süden und Norden auseinander entwickelten,
verhinderte in China die Vorstellung vom «Reich der Mitte». Sie wirkte als
Gegengewicht zu den durchaus vorhandenen zentrifugalen Tendenzen, die
in Niedergangs- und Zerfallsperioden immer wieder dazu führten, dass sich
Norden und Süden voneinander trennten. Die Periode des Wiederaufstiegs
war dann stets mit deren «Wiedervereinigung» verbunden. 45
Wahrscheinlich war auch die folgenreiche Entscheidung, sich nach dem
großen und aufwendigen Flottenunternehmen unter Admiral Zheng He
(1405 – 1433) von der Seefahrt zurückzuziehen, die Flotte zu verbrennen
und nur noch einen begrenzten, nach Möglichkeit staatlich regulierten
Küstenhandel zuzulassen 46 , eine Folge des stark auf die Mitte bezogenen
Reichsbewusstseins der Chinesen. Durch eine maritime Expansion und die
Auswirkungen eines intensiven Fernhandels hätte es nur zu leicht aus dem
Gleichgewicht geraten können. 47
Ausgeprägter als für die klassischen Landimperien stellte sich das
Problem der politisch, ökonomisch und kulturell unterschiedlich
entwickelten Reichsperipherien für die europäischen Seemächte Portugal,
Spanien, die Niederlande und England dar. 48 In Indien, China und Japan
trafen sie auf Staaten und Reiche, die wirtschaftlich leistungsfähig und
politisch gefestigt waren. Hier beschränkte sich die imperiale Expansion
zunächst auf den Austausch von Waren und den Aufbau von Märkten. In
dem so entstandenen Handelsraum waren zwar bemerkenswerte Gewinne
zu erzielen, aufgrund der Existenz starker Mächte ließ sich aber nur in
geringem Maße politischer Einfluss geltend machen. Erst mit dem
Zusammenbruch des Mogulnreichs in Indien (1739) und dem Niedergang
der Qing-Dynastie in China in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
wurde der bisherige Handels- durch einen allmählich wachsenden
Herrschaftsraum überlagert.
Ganz anders war die Lage in den westlichen Peripherien der Seeimperien:
In Nord- und Südamerika entwickelten sich Siedlungskolonien, in die hinein
sich ein kontinuierlicher Strom von Menschen ergoss. Was auch immer
deren Motive waren, Europa zu verlassen – die Suche nach schnellem
Reichtum, wie ihn das Gold der Inkas und Azteken versprach, oder das
Streben nach einer Form religiöser Gemeinschaft, wie sie in der alten Welt
nicht möglich war –, ihre Wirtschaftsformen setzten sich gegenüber den
bereits bestehenden Strukturen durch. Die waffentechnische Überlegenheit
der Neuankömmlinge tat ein Übriges, und so entstanden hier imperiale
Expansionsräume, die auch politisch unter die direkte Kontrolle des
Zentrums gelangten.
Die östliche und die westliche Seite des Spanischen und des Britischen
Reichs unterschieden sich also stark voneinander, und ihrer beider
Geschichte nahm einen entsprechend anderen Verlauf. Da die Reichsteile
jedoch durch Ozeane vom jeweiligen imperialen Zentrum getrennt waren,
hatte die soziokulturelle Heterogenität der Peripherien bei den Seeimperien
erheblich geringere Auswirkungen auf das Zentrum als bei den
Landimperien. Seeimperien sind offenkundig eher in der Lage, sich auf
verschiedenartige Herausforderungen in ihren Reichsteilen einzustellen,
und sie können den Verlust eines solchen Reichsteils leichter verkraften.
Ein Beispiel dafür ist Großbritannien, das nach dem Verlust der
Neuengland-Kolonien in einen neuen imperialen Zyklus eingetreten ist.
Imperiale Zyklen und augusteische Schwellen

Stärker als in der Geschichte der Staaten zeigt sich im Auf- und Abstieg der
Imperien das Zusammenspiel der unterschiedlichen Quellen und Formen
von Macht: Haben die auf Reziprozität hin angelegten Strukturen der
Staatenwelt zwangsläufig zur Folge, dass sich die vier Machtsorten 49 im
Innern der Staaten einander angleichen, so verlangen die uneinheitlichen
Peripherien der Imperien, dass bisweilen stärker militärische oder
politische, in anderen Fällen mehr wirtschaftliche oder ideologische Macht
zur Geltung gebracht wird. Militärische Defizite etwa können hier dadurch
kompensiert werden, dass vom imperialen Glanz faszinierte Völker alles
daransetzen, ein Teil des Imperiums zu werden und ihre kriegerischen
Fähigkeiten in dessen Dienst zu stellen. Dafür wollen sie belohnt werden,
aber hierzu werden sehr viel geringere Mittel benötigt, als eigene imperiale
Streitkräfte verschlingen würden.
Imperiale Grenzsicherung findet selten gegen Gleiche statt, deswegen
erfüllen Händler und Militärberater, Volkskundler und Einflussagenten
dabei oft wichtigere Funktionen als die tatsächlich vorhandenen
militärischen Kräfte des Imperiums. Das lässt sich an der römischen
«Barbarengrenze» gegen die Germanen ebenso beobachten wie am Agieren
der Briten und Amerikaner an ihren «Indianergrenzen», am Einsickern der
europäischen Kolonialmächte in die so genannten herrschaftsfreien Räume
wie an der Zerschlagung des afghanischen Talibanregimes durch die USA,
als der «Einkauf» regionaler Warlords mit ein paar Millionen Dollar
innerhalb weniger Tage das gesamte Machtgefüge der Region veränderte.
Neben Geld, letztlich also wirtschaftlicher Macht, trägt die zivilisatorische
Attraktivität, also ideologische Macht, entscheidend dazu bei, die
Bevölkerung der Grenzregionen für die Sache des Imperiums zu gewinnen.
Das zeigt sich bereits in dem von dem römischen Historiker Tacitus
geschilderten Streit zwischen Arminius und Flavus, zwei Brüdern aus dem
Stamm der Cherusker, von denen Arminius einen folgenreichen
antirömischen Aufstand angezettelt hatte, während Flavus in römischen
Diensten geblieben war. Der über die Weser hinweg geführte Disput
beginnt damit, dass Arminius von seinem Bruder, der bei einem Gefecht in
römischen Diensten ein Auge verloren hatte, wissen möchte, welchen Dank
er für seine Verstümmelung erhalten habe. «Flavus nannte Solderhöhung,
Ehrenkette, Kranz und andere militärische Auszeichnungen – höhnisch
lachte Arminius über den armseligen Preis der Sklaverei.» 50 Der Streit der
beiden gewinnt an Schärfe, sobald es um den Loyalitätskonflikt zwischen
imperialer Macht und ethnischer Herkunft geht; trotz Arminius’ Hinweis auf
Vaterland, altererbte Freiheiten und heimische Götter bleibt Flavus bei
seiner Treue gegenüber Rom, was er mit der Größe des Imperiums und der
Macht des Statthalters begründet. Es ist neben der politischen vor allem die
ideologische – und nicht die zuvor schwer erschütterte militärische – Macht
Roms, aus der Flavus’ prorömische Option erwächst.
Über Aufstieg und Dauer eines Imperiums entscheiden unter anderem die
Austauschbedingungen und Konvertierungsformen der einzelnen
Machtsorten. Außerdem regulieren sie die Zyklen, die von Imperien mit
größerer Dauer mehrmals durchlaufen werden. Dabei geht es nicht nur um
das bereits angesprochene Problem der Kosten und die Auswahl der jeweils
günstigsten Machtsorte, sondern auch um deren Verfügbarkeit zu einer
bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Wie lange ein Imperium im
oberen Zyklensegment verbleiben kann, hängt davon ab, ob das Defizit
einer Machtsorte durch den Überfluss einer anderen ausgeglichen werden
kann.
Der Aufstieg Spaniens zu einer europäischen Hegemonialmacht und
einem weltumspannenden Imperium etwa verdankte sich im Wesentlichen
einem modernen und schlagkräftigen Militärapparat, zu dem eine
disziplinierte Infanterie und eine hochseetüchtige Kriegsflotte gehörten. Die
militärische wurde durch die politische Macht komplettiert, die daraus
erwuchs, dass Spanien ein befriedetes Land mit einer gut funktionierenden
Verwaltung war. Die nach dem Ende des Communeros-Aufstandes im Jahr
1521 eingekehrte Ruhe wurde zu einem Machtvorteil gegenüber
Frankreich, das ab den 1540er Jahren verstärkt durch innere Konflikte und
schließlich einen langen Bürgerkrieg paralysiert war. Was Spanien
allerdings fehlte, war die ökonomische Eigendynamik; es entbehrte, so der
Historiker Walter Bernecker, «eines Bankwesens mit internationalen
Verbindungen und vor allem einer dynamischen Schicht von Unternehmern
und Händlern, die in Zusammenwirken mit dem Staat neben der politischen
und militärischen eine wirtschaftliche Macht aufgebaut hätten». 51 Im
Grunde hat allein das amerikanische Gold und Silber es den spanischen
Königen ermöglicht, die teure militärische Infrastruktur ihres Reichs zu
errichten und aufrechtzuerhalten. Aber trotz des permanenten
Edelmetallzuflusses aus der Neuen Welt – allein im 16. Jahrhundert dürfte
sein Gesamtwert etwa 3000 Milliarden Taler betragen haben 52 – waren die
Ausgaben regelmäßig um etwa 20 Prozent höher als die Einnahmen. Die
spanische Macht ist an einem auf Dauer unlösbaren Finanzproblem
zerbrochen.
Ein weiteres schwer wiegendes Manko des spanischen Weltreichs war die
schmale demographische Basis, auf der es ruhte: Verglichen mit seinen
Hegemonialkonkurrenten Frankreich und dem Osmanischen Reich lebten in
ihm deutlich weniger Menschen, obendrein musste es im Verlauf des
16. Jahrhunderts einen Bevölkerungsrückgang von etwa 20 Prozent
verkraften. 53 Diese Defizite im Kampf um die Hegemonie in Europa
schlugen zunächst nur deshalb nicht stärker zu Buche, weil die inneren
Konflikte Frankreichs dessen äußere Ambitionen bremsten und die Kräfte
der Osmanen im Osten gebunden waren. Zudem hatte Spanien durch die
enge Verbindung mit dem deutschen Zweig der Habsburger die
Möglichkeit, innerhalb Deutschlands Soldaten zu rekrutieren, wovon es
reichlich Gebrauch machte.
Schließlich kam noch ein Glücksfall hinzu, der den imperialen Zyklus
Spaniens erheblich verlängert haben dürfte: die Übernahme Portugals
durch die spanische Krone im Jahre 1580, mit der Spanien ein weiteres
Kolonialreich zufiel. Es verfügte nun über die größte Handelsflotte der Welt.
Kurzfristig wurden dadurch die Verluste ausgeglichen, die Spanien durch
den Abfall der Niederlande entstanden waren. In einem acht Jahrzehnte
währenden Krieg um die Rückgewinnung der abtrünnigen Provinzen
verzehrte es jedoch seine Ressourcen, ohne dass ihm ein dauerhafter Erfolg
zuteil geworden wäre. Mit Beginn des 17. Jahrhunderts gingen die
Niederländer dann in die Offensive; ihren Ost- und Westindischen
Handelskompanien gelang es, Teile des portugiesischen Orienthandels und
Kolonialreiches zu übernehmen. Der Frieden von Münster und Osnabrück
und dann der Pyrenäenfrieden von 1659 markieren das Ende des ersten
imperialen Zyklus’ Spaniens. 54 Die bourbonischen Reformen ermöglichten
ihm während des 18. Jahrhunderts zwar einen weiteren imperialen Zyklus,
aber der war deutlich bescheidener und verlief relativ unauffällig.
Der erste Zyklus des spanischen Imperiums, so lässt sich
zusammenfassen, war wesentlich von einer militärischen Überlegenheit
getragen. Sie resultierte aus militärorganisatorischen Reformen und
waffentechnischen Innovationen 55 , die zu einem beträchtlichen Anstieg der
Militärausgaben führten. Als diese nicht mehr zu finanzieren waren und
obendrein die Gegner und Konkurrenten im Militärbereich organisatorisch
wie technisch gleichzogen, zerfiel die spanische Macht in Europa. Dass
Spanien seine militärische Überlegenheit verlor, hatte auch darum so
dramatische Folgen, weil keine andere Machtsorte in hinreichendem Maße
zur Verfügung stand, die einen Ausgleich hätte schaffen können: Spaniens
wirtschaftliche Macht war ohnehin geringer als die der europäischen
Konkurrenten; seine politische Macht – besonders die Fähigkeit, Bündnisse
zu schließen und innerhalb ihrer den eigenen Willen durchzusetzen – war
infolge der konfessionellen Zweiteilung Europas und des Interessenkonflikts
mit dem aufstrebenden England begrenzt; und ideologische Macht konnte
es nur durch das Projekt der Gegenreformation erzeugen, das ihm
mindestens ebenso viel Feindschaft wie Sympathie und Unterstützung
eintrug. Mit der in den Niederlanden entstandenen und anschließend über
ganz Europa verbreiteten «Schwarzen Legende» verfügten seine
Widersacher obendrein über eine wirksame Gegenideologie, die eine
spanische Vormachtstellung in Europa mehr als unattraktiv erscheinen
ließ. 56 In ihr war die Rede von der Grausamkeit und Willkür der
Inquisition, den abgründigen Lastern Philipps II., der sittlichen und
moralischen Verderbtheit des spanischen Volkscharakters und schließlich
davon, dass Spanien eine Universalmonarchie errichten wolle, ein
weltumspannendes Imperium also, in dem es alle anderen Völker
unterjochen würde. Man kann in diesem Schreckensbild die erste
staatenübergreifende antiimperiale Ideologie des neuzeitlichen Europa
sehen. Gegen sie kam die spanische Propaganda nicht an. 57
Spaniens Machtdefizite traten zunächst freilich nur in Europa und nicht in
den außereuropäischen Gebieten des Reiches zutage. Bedroht war seine
europäische Hegemonialstellung, nicht jedoch sein außereuropäisches
Imperium. Deshalb war das Ende der spanischen Vormachtstellung in
Europa nicht gleichbedeutend mit dem Untergang des spanischen
Weltreichs, das in Lateinamerika noch eineinhalb Jahrhunderte und im
Pazifik sowie in der Karibik nahezu zweieinhalb Jahrhunderte fortbestand.
Es ist nicht überzeugend, diesen langen Zeitraum bloß als eine Periode der
Dekadenz und des Niedergangs zu beschreiben.

Folgt man dem Modell von Aufstieg und Niedergang, so ist die Geschichte
fast aller Imperien durch eine kurze und dynamische Aufstiegsphase und
eine lange Periode des Niedergangs gekennzeichnet. Dabei ist Erstere
weitgehend mit der Zeit militärischer Expansion identisch, während die
nach dem Scheitelpunkt imperialer Kraftentfaltung unternommenen
Reformen allesamt mit Blick auf den mehr oder weniger langsamen Verfall
betrachtet werden. Ein solches Modell imperialer Geschichte prämiert
zwangsläufig die militärische Seite von Imperien und vernachlässigt deren
politische Erneuerungsfähigkeit. Reformen der Verwaltung, der
Wirtschaftsordnung, des Steuer- und Finanz-, selbst des Militärwesens sind
dann nichts als Versuche, den im Prinzip unabwendbaren Niedergang des
Imperiums aufzuhalten oder zumindest hinauszuzögern.
Speziell auf die römische Geschichte ist dieses Modell immer wieder
angewendet worden, bis historische Erzählung und modelltheoretische
Annahmen kaum mehr zu trennen waren: Seinen Scheitelpunkt hatte das
Imperium danach spätestens Anfang des 2. Jahrhunderts, in der Zeit der
Adoptivkaiser, erreicht, zumal es unter Trajan die größte räumliche
Ausdehnung besaß, und dann ist es in einen lange andauernden Prozess des
Niedergangs eingetreten. 58 Die Neuordnung des Reichs am Ende des
3. Jahrhunderts durch Diocletian, die bald darauf erfolgte Reichsteilung
unter Constantin und seinen Nachfolgern, schließlich der Austausch der
ideologischen Macht durch die Erhebung des Christentums zur
Staatsreligion im Jahre 380 unter Theodosius 59 – all dem kommt dann
keine für den Verlauf der Imperiumsgeschichte entscheidende Bedeutung
zu, und so werden, wie im Falle Spaniens, zweieinhalb Jahrhunderte
Reichsgeschichte kurzerhand zur Verfallsgeschichte erklärt. Was dabei –
nicht unbedingt in den historischen Darstellungen, wohl aber im
historischen Bewusstsein – aus dem Blick gerät, ist das zyklische Auf und Ab
in der langen Periode des vorgeblichen Niedergangs. Mit dem Aufstiegs-/
Niedergangsmodell geht vor allem aber eine Vorstellung der historischen
Zwangsläufigkeit einher, welche die Reformpolitiker des Imperiums zu
tragischen Gestalten werden lässt: Bei dem Versuch, den Niedergang
aufzuhalten, hätten sie ihn letzten Endes nur beschleunigt.
Gegen das Modell von Aufstieg, Scheitelpunkt und Niedergang soll hier
auf das Zyklenmodell der politischen Geschichte zurückgegriffen werden,
das in der Antike von dem griechisch-römischen Historiker Polybios
entwickelt und am Beginn der Neuzeit von dem italienischen
Politiktheoretiker Niccolò Machiavelli erneuert worden ist. 60 Danach
durchlaufen politische Gemeinschaften in ihrer Geschichte mehrere Zyklen,
in denen sie auf- und absteigen, und sowohl die Anzahl der Zyklen als auch
die Verweildauer im oberen Zyklensegment hängt wesentlich vom Geschick
und von der Weitsicht ihrer führenden Politiker ab. 61
Das Zyklenmodell hat für die Rekonstruktion der Imperiengeschichte
mehrere Vorzüge. Erstens vermag es das Auf und Ab der Imperien sehr viel
genauer darzustellen als das auf nur zwei Entwicklungsrichtungen
festgelegte Aufstiegs-/Niedergangsmodell; zweitens widmet es sein
Hauptaugenmerk der Bewältigung von Krisen, also dem Durchschreiten des
Tiefpunkts und der Verstetigung des Aufenthalts im oberen Zyklenbereich,
wodurch drittens den politischen (und gesellschaftlichen) Akteuren ein
größeres Gewicht zukommt. Sie haben es – selbstverständlich im Rahmen
der ihnen verfügbaren Ressourcen und Machtsorten – in der Hand, durch
Reformen die Wirkung der Faktoren zu begrenzen, die den Niedergang
verursachen, und die Auftriebskräfte zu stärken. 62
Mit der Theorie der Hegemonialzyklen sind in den letzten Jahren
Analysemodelle ausgearbeitet worden 63 , die gerade die wechselvolle
Geschichte von Imperien differenzierter zu beschreiben vermögen, als dies
mit dem herkömmlichen Aufstiegs-/Niedergangsmodell möglich war. Laut
George Modelski und William R. Thompson etwa hätten die USA zu Beginn
des 20. Jahrhunderts aufgrund ihrer Überlegenheit in den wirtschaftlichen
Leitsektoren Stahl, Chemie und Elektrotechnik die Spitzenposition in der
Weltwirtschaft erlangt, und auf dieser Basis seien sie zur auch politisch
führenden Macht avanciert. Dieser Hegemonialzyklus, in dem ökonomische
und politische Entwicklung enggeführt werden, habe von 1850 bis 1973
gedauert. Infolge ihrer Überlegenheit in den neuen Leitsektoren
Informationstechnologie und Mikroelektronik seien die USA anschließend in
einen neuen Hegemonialzyklus eingetreten, der sie nach einer kurzen
Zwischenphase der Schwäche zum Sieger über die Sowjetunion und zur
einzig verbliebenen Weltmacht habe werden lassen.
Problematisch an dieser Theorie ist freilich ihre starke Determiniertheit
durch ökonomische Faktoren. Auf das Konzept der Machtsorten bezogen, ist
in ihr die ökonomische Macht alles entscheidend, einen Austausch von
Machtsorten kann es nicht geben. Konsequenterweise gehen die Vertreter
der Hegemonialzyklentheorie davon aus, dass es vor den USA nur
Großbritannien gelungen sei, zwei solcher Zyklen zu durchlaufen, wobei der
eine auf seiner nautischen und kommerziellen Überlegenheit, der zweite auf
seiner Führungsposition bei der industriellen Revolution beruht habe. Die
ökonomische Determination der Hegemonialzyklen lässt keinen Raum für
politische Entscheidungen. Gegenüber der politischen Zyklentheorie des
klassischen Republikanismus bleibt sie insofern unterkomplex, als diese das
geschichtliche Auf und Ab immerhin durch sozialmoralische Faktoren und
die Verfassungsordnung des Gemeinwesens bestimmt gesehen hatte.
Bei der Betrachtung der Imperialgeschichte sind also das Konzept der
unterschiedlichen Machtsorten und die beiden Zyklentheorien dahingehend
zu kombinieren, dass ein Determinismus vermieden und den
Entscheidungseliten ein größerer Einfluss auf die Art des Zyklendurchlaufs
– die Bewältigung von Krisen und die Verweildauer im oberen
Zyklensegment – eingeräumt wird. Unter diesen Umständen müssen keine
Annahmen über die durchschnittliche Laufzeit eines Zyklus gemacht
werden. Auch lassen sich Imperien, die nur einen Zyklus in relativ kurzer
Zeit durchlaufen haben, von solchen unterscheiden, bei denen sich mehrere
Zyklen mit jeweils langer Verweildauer im oberen Zyklensegment
ausmachen lassen. Beispiele für Erstere sind das Mongolenreich oder das
Frankreich Napoleons I., für Letztere China und Rom, aber auch die Reiche
der Osmanen, Spanier und Briten. Dabei scheint ein Zyklus umso kürzer zu
sein, je weniger Machtsorten ein Imperium zur Verfügung hat
beziehungsweise an je weniger Machtsorten es seinen unmittelbaren
Konkurrenten überlegen ist, so wie umgekehrt die Verweildauer im oberen
Zyklensegment umso größer ist, je mehr Machtsorten zur Auswahl stehen.
Mit der Varianz der Machtsorten wachsen zugleich die Möglichkeiten der
Entscheidungseliten, den Zyklendurchlauf zu steuern und beschleunigend
oder verlangsamend auf ihn Einfluss zu nehmen. 64 Natürlich darf dabei der
Entscheidungsspielraum der Eliten auch nicht überbewertet werden: Was
sie zu beeinflussen vermögen, ist der Durchlauf des Zyklus; aus ihm
aussteigen oder ihn anhalten können sie nicht.
Eine Schlüsselrolle kommt für die längere Verweildauer im oberen
Zyklensegment dem zu, was hier im Anschluss an Michael Doyle
«augusteische Schwelle» genannt worden ist. 65 Die von Octavian
eingeleiteten Reformen bestanden im Wesentlichen aus drei Elementen:
Octavian versuchte, das Vertrauen der römischen Landaristokratie zu
gewinnen, um mit ihrer Unterstützung die Macht der städtischen Oligarchie
zu brechen; er errang Einfluss auf die Verfassungs- und
Verwaltungsordnung, die sich nun ändern ließ, ohne politische Krisen
herbeizuführen; und er ordnete das Verwaltungssystem neu, um die
Provinzen aus Räumen oligarchischer Selbstbereicherung in effektiv
regierte Reichsteile zu verwandeln. Das war das Programm, mit dem
Octavian seine eigene Macht festigen und den Bürgerkrieg beenden wollte
und aus dem sich ein fundamentaler Umbau der politischen Ordnung Roms
entwickelte, der gemeinhin als das Ende der Republik und der Beginn des
kaiserlichen Prinzipats gilt. Zugleich schuf er jedoch auch die Strukturen,
die dem Imperium Romanum zu seiner langen Dauer verhalfen. Mit dem
Überschreiten der augusteischen Schwelle war die Phase der wilden,
planlosen Expansion des Reichs ebenso wie die der damit verbundenen
inneren Konflikte und Bürgerkriege beendet, und die römische Herrschaft
wurde in einen Zustand stabiler Dauer überführt.
Dass Rom für mindestens zwei Jahrhunderte im oberen Zyklensegment
verbleiben würde, war zunächst alles andere als wahrscheinlich. Nach
mehreren Jahrzehnten verheerender Bürgerkriege, in denen die Peripherie
wiederholt als Basis und Aufmarschraum für die Eroberung der Macht im
Zentrum genutzt worden war, stand das Römische Reich durchaus in der
Gefahr, wie das Makedonenreich nach dem Tod Alexanders in eine Reihe
von Teilreichen zu zerfallen. Das System der Triumvirn etwa, auf das in
Rom mehrfach als Mittel zur Beendigung des Bürgerkriegs zurückgegriffen
worden war, wies den drei Machthabern zusammenhängende Provinzen als
Herrschaftsräume zu, und daraus hätten sich unschwer Diadochenstaaten
nach makedonischem Vorbild entwickeln können. Vor allem die Spaltung
zwischen dem Westen und dem Osten des Reichs war mehr als nur eine
Denkmöglichkeit. Octavian jedoch gelang es, bei der Bevölkerung der
Provinzen eine innere Bindung an das Imperium zu schaffen. Die
Truppenstärke des Reichs konnte deutlich reduziert werden 66 , dadurch
sanken die Kosten für die Sicherung des imperialen Raums, und so war es
möglich, die Steuerlast zu reduzieren. 67 Aus dem expansiven Kraftzentrum
Rom, das seit dem endgültigen Sieg über Karthago seine Herrschaft in
immer neuen Kriegen über den gesamten mittelmeerischen Raum mit
weiten Ausbuchtungen nach Nordwesten und Südosten ausgedehnt hatte,
wurde nun das Imperium Romanum als Garant der pax Romana.
Der Schlüssel für das Gelingen der augusteischen Reformen war die
Schaffung einer korruptionsresistenten Verwaltungselite, und dabei setzte
Octavian nicht nur auf institutionelle Veränderungen, sondern auch auf eine
tief greifende Sittenreform innerhalb der imperialen Elite. Man hat die
Sitten- und Religionspolitik des Octavian, dem im Jahre 27 v. Chr. vom Senat
der Beiname Augustus («der Erhabene») verliehen worden war, in der
jüngeren Literatur häufig als Ausdruck seines tief sitzenden Konservatismus
gewertet und sie damit auf eine persönliche Werthaltung des Kaisers
zurückgeführt. Andere haben darauf hingewiesen, dass er mit eben jenen
Methoden an die Macht gekommen sei, die er später dann so vehement
bekämpfte. Der damit verknüpfte Vorwurf der Verlogenheit mag unter
Gesichtspunkten der moralischen Kohärenz berechtigt sein. Aber bei der
Erneuerung und Konsolidierung eines Imperiums geht es nicht um
moralische Kohärenz, sondern um politische Effekte. 68 Die Beseitigung der
Korruption, die in der republikanischen Oligarchie zuletzt stark verbreitet
war 69 , war die Voraussetzung dafür, dass die imperiale
Mehrproduktabschöpfung vom Beutemechanismus regionaler Kriegsherren
wie prokonsularischer Beamter auf regelmäßige, geordnete Besteuerung
umgestellt werden konnte. Dazu musste gewährleistet sein, dass das hierzu
benötigte Personal gegen die Versuchung immun war, sich auf Kosten der
Staatsmacht zu bereichern und seinen persönlichen Einfluss zu mehren.
Genau um diese Korruptionsresistenz der imperialen Verwaltungselite ging
es bei der augusteischen Sitten- und Religionsreform. Ihr dienten die
mehrfachen «Säuberungen» des Senats – denen freilich auch unbescholtene
politische Gegner Octavians zum Opfer fielen – sowie die lex Iulia de
ambitu, durch die Amtsbewerber, die sich als bestechlich erwiesen hatten,
für die Dauer von fünf Jahren von der Ämterlaufbahn ausgeschlossen
wurden. 70
Octavian kümmerte sich aber nicht nur um die politische Loyalität und
administrative Zuverlässigkeit der imperialen Elite, sondern auch um deren
physische Reproduktion. In den ersten Jahren nach Beendigung des
Bürgerkriegs hatte er die politische Klasse Roms erneuert, indem er Bürger
aus den italischen Provinzen in die Hauptstadt holte, Ritter zu Patriziern
machte und zahlreiche neue Senatoren berief. Wiewohl sich diese Politik als
ein probates Mittel erwies, um die eigene Anhängerschaft in
Führungspositionen zu vermehren, wollte Octavian dieses
Rekrutierungsverfahren der Reichselite nicht auf Dauer stellen, sondern
begriff es als Notlösung für Ausnahmefälle. Stattdessen setzte er auf die
physische Selbstreproduktion der Elite, sei es durch die Zeugung eigener
Kinder oder, was in Rom weit verbreitet war, durch Adoption. Für
unverheiratete Personen wurde das Vererbungsrecht eingeschränkt, und
der Anspruch des Staates auf das Vermögen kinderlos Verstorbener wurde
verstärkt. Der Kaiser ließ Familien mit mehr als zwei Kindern finanziell
unterstützen und verhängte strenge Strafen für Ehebruch und
sittenwidriges Verhalten. Vor allem erhielt der kinderreiche Konsul den
Vortritt vor dem kinderarmen Kollegen und konnte sich die
prokonsularische Provinz aussuchen, statt sie zugelost zu bekommen. 71
Augustus hat also nicht auf eine «zölibatäre» Elite gesetzt, die ständig
aufgefüllt und erneuert werden musste, sondern auf eine sich selbst
reproduzierende Elite, was eine Beschränkung seines Einflusses auf deren
personale Zusammensetzung zur Folge hatte. Man kann dies als Bestandteil
seines Programms der Verwandlung von potestas in auctoritas (von Macht
in Autorität) verstehen 72 , kann darin eine Vorsorgemaßnahme für die
demographische Stabilität des Imperiums – ein Problem, das auch spätere
Kaiser beschäftigen sollte – sehen, bei der die Elite als Vorbild für die
Reichsbevölkerung dienen sollte. Man kann es schließlich aber auch als eine
Maßnahme interpretieren, mit der die Korruptionsresistenz der
administrativen und militärischen Elite gesteigert werden sollte. Personen,
die in die Generationenfolge einer Familie eingebundenen sind, sind
Bestechungsversuchen gegenüber weniger anfällig als individuelle
Karrieristen, die sich allenfalls um ihren Nachruhm, nicht aber um das
Schicksal ihrer Kinder und Enkel sorgen müssen.
Die augusteische Schwelle bezeichnet also ein Ensemble einschneidender
Reformen, durch die ein Imperium seine Expansionsphase beendet und in
die Phase der geordneten Dauer, des lange währenden Bestandes überführt
wird. Zyklentheoretisch formuliert geht es hierbei darum, die Verweildauer
im oberen Kreislaufsegment so sehr wie möglich auszudehnen. In der
Selbstwahrnehmung des Römischen Reichs hat dies schließlich dazu
geführt, dass die republikanische Geschichtsvorstellung der Zyklen, wie sie
von Polybios bis Sallust vorherrschend war, durch die imperiale Vorstellung
der Roma aeterna, der ewigen Dauer des Reiches, abgelöst wurde. 73
Nimmt man die Reformen zusammen, so war das Überschreiten der
augusteischen Schwelle gleichbedeutend mit einem tief greifenden
Machtsortentausch: Die Relevanz militärischer Macht ging erheblich
zurück, weswegen Octavian auch den Truppenbestand dramatisch
reduzieren konnte, und parallel dazu wuchs das Gewicht politischer,
wirtschaftlicher und vor allem ideologischer Macht. Letztere machte sich
außer in der Ewigkeitsideologie insbesondere in der Idee des Friedens
bemerkbar, der pax Romana, als der neuen Legitimationsvorstellung des
Imperiums: Solange das Römische Reich existierte, würde Frieden
herrschen, und je fester sein Bestand war, desto sicherer würde der Frieden
sein.
Mit dem Überschreiten der augusteischen Schwelle war das Imperium
von einem exploitiven in ein zivilisierendes Verhältnis zwischen Zentrum
und Peripherie übergegangen: Dem Aufbau einer eigenständigen
Bürokratie, mit der die Reichsverwaltung der Willkür der stadtrömischen
Oligarchie entzogen wurde, folgte die allmähliche Ausweitung der
Bürgerrechte des Zentrums auf Teile der Provinzialbevölkerung. So hatte
der im Jahre 70 v. Chr. durchgeführte Zensus für den römischen
Herrschaftsbereich eine Zahl von 910 000 männlichen Bürgern ergeben. Bei
der Volkszählung, die Octavian und Agrippa für das Jahr 28 v. Chr.
angeordnet hatten, kam man auf 4 063 000 römische Bürger – eine
Steigerung, die nicht allein darauf zurückzuführen ist, dass nunmehr
Frauen und Kinder mitgezählt wurden. Zwanzig Jahre später war die Zahl
der römischen Bürger um 170 000 auf 4 233 000 angewachsen. 74 Das sind
sicherlich keine dramatischen Veränderungen, aber sie markieren den
Beginn einer Entwicklung, die im Jahre 212/13 mit der Konstitution
Caracallas endete, in der allen freien Menschen im Reich das römische
Bürgerrecht verliehen wurde. 75
Damit gelangte auch in formeller Hinsicht ein Prozess zum Abschluss, in
dessen Verlauf die Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie des
Reichs immer geringer und bedeutungsloser geworden waren. Schon
Hadrian hatte die politische und wirtschaftliche Bevorzugung Italiens
beendet und es als eine Provinz des Reichs behandelt. Zu diesem Zeitpunkt
hatte sich der wirtschaftliche Schwerpunkt des Imperiums bereits in die
Provinzen verlagert, und Italien, das Zentrum des Reichs, war in eine Phase
der wirtschaftlichen Stagnation eingetreten, was in der Entvölkerung des
Südens seinen deutlichsten Niederschlag fand. 76 Auch die Truppen des
Imperiums wurden nun überwiegend aus jenen Provinzen rekrutiert, in
denen sie stationiert waren. Die militärische Macht war nicht länger ein
Instrument, mit dem das imperiale Zentrum die Peripherie beherrschte;
vielmehr brachte die Peripherie nun selbst die militärische Macht hervor,
die zunehmend wieder zum Garanten für den Fortbestand des Imperiums
wurde. Es waren nichtitalische Kaiser, wie die aus der Provinz Africa
stammenden Severer, die die Sorge um die Armee in den Mittelpunkt der
Reichspolitik stellten.
Das Überschreiten der augusteischen Schwelle zeigt sich insbesondere
darin, dass das politische und wirtschaftliche Gefälle zwischen Zentrum und
Peripherie verschwindet und allmählich auch die rechtlichen Privilegien
beseitigt werden, die dem einstigen Eroberervolk als Frucht seiner früheren
Erfolge verblieben waren. In Rom folgte der Ausdehnung des Bürgerrechts
durch Caracalla die große Steuerreform Diocletians, in deren Rahmen die
bis dahin für alle Italiker geltende Steuerfreiheit aufgehoben wurde. 77
Ihren Abschluss fand die Dezentrierung des Imperiums schließlich in der
Verlagerung der kaiserlichen Zentrale von Rom nach Konstantinopel. Selbst
als Verwaltungszentrum für die westliche Reichshälfte wurde die einstige
Hauptstadt bald darauf abgelöst – im Jahre 293 zunächst von Mailand,
dann, seit 402, von Ravenna, das gegen feindliche Überfälle besser
geschützt war.

Haben auch andere Imperien die augusteische Schwelle überschritten? Die


vergleichende Betrachtung der imperialen Geschichte legt nahe, zwischen
einem Verharren auf der Schwelle und einem entschlossenen Eintritt in den
anschließenden Korridor zu unterscheiden. Dabei kann erneut Spanien als
Beispiel dienen: Mit dem Rücktritt Kaiser Karls V. im Jahre 1556 und der
Teilung des Reichs in eine deutsche und eine spanische Linie endete die
peregrine Herrschaftsausübung, die Karl gepflegt hatte, um sowohl bei
seinen Truppen zu sein als auch sein Herrschercharisma in den einzelnen
Teilen des Reichs zur Geltung zu bringen. 1561 machte Philipp II. Madrid
zum Zentrum der Reichsverwaltung und errichtete eine für die damaligen
Verhältnisse hochmoderne Bürokratie. 78 Damit gehörten die Zeiten des
wilden Eroberertums und der ungeordneten wie gewaltsamen
Mehrproduktabschöpfung in der Peripherie der Vergangenheit an. Da
jedoch die Bedeutung der militärischen Macht nicht durch ein zunehmendes
Gewicht der politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Macht
ausgeglichen werden konnte, ist der Übergang von einer exploitiven zu
einer zivilisierenden weltpolitischen Rolle in Spanien nicht wirklich
gelungen. 79 Vor allem aber kam es nie zu einer ähnlich starken
Dezentrierung des Imperiums wie in Rom, und dementsprechend konnte in
Spanien, anders als in Rom, keine Revitalisierung von der Peripherie her
erfolgen.
Der Grund für das Verharren Spaniens auf der augusteischen Schwelle
dürfte nicht so sehr im Verhältnis des Mutterlands zu den Kolonien als
vielmehr in der aufwendigen Konkurrenz Spaniens mit den anderen
europäischen Hegemonialmächten zu suchen sein. Nicht wesentlich als
imperiale, sondern als hegemoniale Macht ist Spanien gescheitert. Anders
gesagt: Es ist als Imperium daran zugrunde gegangen, dass ihm der Kampf
um die Vorherrschaft in Europa jene Ressourcen entzog, die sonst der
imperialen Peripherie hätten zugute kommen können, und aus den
ständigen Hegemonialkriegen erklärt sich auch seine verhängnisvolle
Fixierung auf die militärische Macht.
Es waren die Gunst der geographischen Lage und das Glück der
politischen Umstände, die dafür sorgten, dass sich Rom nach der
Niederringung Karthagos und der Bezwingung der Reiche im Osten mit
keinem Hegemonialkonkurrenten mehr auseinander zu setzen hatte,
dadurch die Friedensdividende in vollem Umfang einstreichen und sie
zivilisatorisch ins Imperium investieren konnte. Vergleichbares war Spanien
nicht vergönnt. In der Konfrontation mit dem Osmanischen Reich und vor
allem mit seinem unmittelbaren Nachbarn Frankreich war es zum Aufbau
eines lang gestreckten Befestigungssystems gezwungen, das aufgrund der
belagerungstechnischen Innovationen seit Beginn des 16. Jahrhunderts
gewaltige Summen verschlang. 80 Schließlich mussten 65 Prozent des
spanischen Haushalts allein für die Schuldentilgung aufgewendet
werden. 81 Der Unterhalt des riesigen Heeres wurde unbezahlbar, während
die spanischen Seestreitkräfte von den so genannten Barbareskenstaaten
an der nordafrikanischen Küste und aus dem karibisch-
mittelamerikanischen Raum, zuletzt sogar, mit verdeckter Unterstützung
durch den englischen Konkurrenten, von Korsaren und Piraten
herausgefordert wurden, was den wirtschaftlichen Austausch zwischen den
Reichsteilen stark belastete.
Um die Verluste in Grenzen zu halten, ist für den Verkehr zwischen
Amerika und Europa schon früh das System der Konvois eingeführt worden,
die von der Atlantik-Armada Geleitschutz erhielten. Militärisch gesehen war
diese Maßnahme überaus erfolgreich, gingen doch bei den
15 000 Schiffsbewegungen zwischen 1560 und 1650 nur 62 Schiffe
verloren. 82 Aber angesichts der damit verbundenen enormen Kosten
konnte sich in Spanien keine den britischen merchant adventurers
vergleichbare Schicht freier Unternehmer entwickeln – der transatlantische
Handel blieb unter staatlicher Kontrolle. Das spanische Weltreich musste
seinen Handels- immer als Herrschaftsraum organisieren, und das hatte zur
Folge, dass eine nachhaltige Senkung der Beherrschungskosten nicht
gelang.
Ein weiteres Beispiel für das Verharren auf der augusteischen Schwelle
ist das zarische Russland. Peter I., dem der Ehrentitel «der Große»
verliehen worden ist, war sich darüber im Klaren, dass das Imperium
langfristig nur zu sichern war, wenn die Professionalisierung der
Streitkräfte nach westlichem Vorbild sowie der Aufbau eines bürokratischen
Apparats von einer umfassenden Mobilisierung der Bevölkerung und der
Ressourcen des Landes getragen würde. 83 Das aber war nur möglich, wenn
die bisher feudal organisierte Expansion des Moskowiterreichs in staatlich
geordnete Bahnen gelenkt wurde. Peter ersetzte die in jedem Winter
aufgelösten feudalen Kriegeraufgebote durch ein stehendes Heer, das im
Jahre 1709 mit dem Sieg von Poltawa seine Bewährungsprobe bestand.
Zentral für die von Peter geschaffenen Verwaltungsstrukturen, die im Kern
bis 1917 unverändert fortbestanden, war die Trennung des bürokratischen
Apparats von der Person des Herrschers und vor allem des weltlichen vom
geistlichen Bereich. Peter ergänzte die Umgestaltung von Militär und
Verwaltung durch die Schaffung einer neuen imperialen Elite, indem er den
bislang voneinander getrennten Hof- und Dienstadel zu einem neuen
Adelsstand verschmolz. Die 1722 eingeführte Rangtabelle des Adels wertete
die persönliche Leistung höher als die Abstammung. Daneben bemühte sich
der Zar – einem Vorschlag von Gottfried Wilhelm Leibniz folgend –, eine
wissenschaftliche Elite zu etablieren, die der orthodoxen Geistlichkeit den
intellektuellen Führungsanspruch streitig machen sollte. Diese
grundlegende Neuordnung des Reichs symbolisierte Peter, der den
lateinischen Herrschertitel Imperator Russorum angenommen hatte, durch
die Verlegung der Hauptstadt von Moskau nach Sankt Petersburg, dem
buchstäblich aus Sumpf und Morast herausgestampften neuen Zentrum des
Reichs. 84 An die Stelle Moskaus als dem byzantinisch geprägten Dritten
Rom, das seit Beginn der imperialen Expansion unter Iwan IV. (dem
Schrecklichen) eine zentrale Legitimationsfunktion gehabt hatte 85 , trat
damit ein Neu-Amsterdam, das Russlands Anspruch auf Seemacht und
Weltgeltung unterstreichen und dem Reich kulturellen Glanz verleihen
sollte. In den petrinischen Reformen findet sich also eine Reihe von
Merkmalen, die für ein Imperium charakteristisch sind, welches die
augusteische Schwelle betreten hat.
Im petrinischen Russland nahm die weitere Transformation des
Imperiums allerdings einen anderen Verlauf als im Römischen Reich. Das
hat sowohl mit den unterschiedlichen geographischen und zivilisatorischen
Rahmenbedingungen als auch mit den jeweiligen politischen Zielsetzungen
zu tun. Als Octavian seine Reformen anging, war er überzeugt, dass das
Imperium nicht weiter zu expandieren brauche, zumal es keine
Konkurrenten mehr gab, die Rom hätten gefährlich werden oder seinen
Führungsanspruch in Frage stellen können. Wahrscheinlich hätte auch
Philipp II. nach der Eingliederung des portugiesischen Kolonialreichs ins
spanische Imperium dessen Saturiertheit konstatieren können, innerhalb
Europas aber war Spaniens Vormachtstellung nach wie vor prekär. Peter I.
wiederum betrat die augusteische Schwelle, um die imperiale Expansion
Russlands weiter vorantreiben und gleichzeitig die Auseinandersetzung mit
den europäischen Hegemonialkonkurrenten – insbesondere Schweden, aber
auch mit dem Osmanischen Reich – offensiv führen zu können. Es ging also
nicht darum, die Beherrschungskosten zu senken, vielmehr sollten
Ressourcen und Energien für die Kontrolle und weitere Ausdehnung des
imperialen Raumes mobilisiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, konnte
sich das zarische Russland zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte auf eine
gesteigerte Mehrproduktabschöpfung an der Peripherie beschränken,
sondern musste stets auch die Bevölkerung des imperialen Zentrums in
erheblichem Maße belasten. Das petrinische Projekt lief darum auf die
Selbstkolonisierung des Zentrums zum Zwecke der Ausdehnung der
imperialen Peripherie hinaus.
Noch einmal anders stellten sich das Betreten der augusteischen
Schwelle und dessen Folgen im Falle des Osmanenreiches dar, wo parallel
dazu der Übergang vom Nomadentum zu einer sesshaft-bäuerlichen
Produktionsweise vollzogen werden musste 86 – anderenfalls wäre das
Osmanische Reich wohl ähnlich kurzlebig gewesen wie die zahlreichen
Steppenimperien vor ihm. Da die nomadischen Eroberer keine eigenen
Verwaltungsstrukturen hatten entwickeln können, übernahmen sie
kurzerhand das byzantinische Verwaltungssystem, auf das sie in den neu
eroberten Gebieten gestoßen waren, für das gesamte Reich. 87 Beides – der
Aufbau einer Reichsverwaltung und die Emanzipation vom Beute- und
Expansionszwang – hing eng miteinander zusammen; eine geordnete
Verwaltung war nur dann möglich, wenn eine gewisse Kontinuität und
Dauerhaftigkeit in die Lebensweise der Reichselite und ihres
Erzwingungsapparats Einzug hielt, und dies wiederum setzte voraus, dass
die Streitkräfte sich nicht durch Krieg allein finanzierten. Zwar haben an
den Militärgrenzen des Reichs die Waffen nie geschwiegen 88 , aber die
Versorgung der Streitkräfte beruhte nun entweder (wie bei den Spahis, der
schweren Reiterei des Reichs) auf der Vergabe von Staatsland als Pfründe
oder (wie bei den Janitscharen) auf Zoll- und Pachteinnahmen.
Trotz solcher Maßnahmen blieb die militärische Macht während seiner
gesamten Dauer die eigentliche Grundlage des Osmanischen Reichs: Aus
der Kampfkraft und Disziplin der kasernierten und dadurch jederzeit
einsatzbereiten Janitscharen erwuchs seine Überlegenheit gegenüber dem
Westen. Als sie schwand, weil dort waffentechnologische Innovationen und
militärorganisatorische Reformen Platz griffen, wurde das Osmanische
Reich, vordem eine Furcht einflößende Macht, zum «kranken Mann am
Bosporus».
Neben der militärischen war freilich auch eine gewisse politische Macht
vorhanden: Das Osmanische Reich blieb lange von inneren Konflikten und
Unruhen verschont und war – wenn auch nicht offiziell, so doch faktisch –
für einige europäische Staaten ein wichtiger Bündnispartner im Ringen um
die innereuropäische Hegemonie. Vor allem Frankreich hat mit türkischer
Hilfe immer wieder eine «zweite Front» gegen das Haus Habsburg zu
errichten versucht. Dagegen hatte die ideologische Macht der Osmanen
zwiespältige Auswirkungen: Während sich mit ihrer Hilfe in der islamischen
Welt zeitweilig Loyalität und Folgebereitschaft herstellen ließ, entfachte sie
in der christlichen Welt intensivierte Feindschaft: Seit 1453, der Eroberung
Konstantinopels, wurde in zahllosen «Türkenschriften» zum Kreuzzug
gegen die neue Gefahr aus dem Osten aufgerufen, wobei alle politischen
Gegensätze der westlichen Christenheit zurückgestellt werden sollten, um
geschlossen gegen die vordringenden Türken vorzugehen.
Der eigentliche Schwachpunkt des Osmanischen Reichs war jedoch von
Anfang an sein Defizit an wirtschaftlicher Macht, und daran vermochte auch
der Übergang vom Nomadentum zur bäuerlichen Sesshaftigkeit nichts zu
ändern. So lag etwa der gesamte Seehandel, der infolge der Kontrolle über
die Meerengen beträchtlich war, in den Händen ausländischer
Unternehmer. Das Reich profitierte von ihren Umsätzen nur durch die
entsprechenden Zolleinnahmen. 89 Die Ressourcen des Imperiums
beschränkten sich auf das, was sich administrativ abschöpfen ließ,
weswegen hierbei eine beachtliche Kreativität entfaltet wurde, aber man
betrieb weder eine aktive Wirtschaftspolitik, noch schuf man jene Anreize,
mit denen die Entstehung einer reichseigenen Unternehmerschaft hätte
gefördert werden können.
Aus der ungleichen Verteilung von politisch-militärischer und ideologisch-
ökonomischer Macht resultierten unterschiedliche Fähigkeiten der
Krisenbewältigung und Reichserneuerung nach schweren Rückschlägen: So
ist das Osmanische Reich nach der vernichtenden Niederlage, die es 1402
in der Schlacht bei Angora (Ankara) gegen das Heer Timur Lengs erlitt 90 ,
nicht zusammengebrochen, sondern konnte sich erholen und in einen neuen
Zyklus eintreten. Das wurde sicherlich dadurch begünstigt, dass nach
Timurs Tod dessen Reich ebenso schnell wieder zerfiel, wie es entstanden
war. Immerhin: Das Reich Sultan Mehmets I. war nur noch halb so groß wie
das seines Vorgängers Bayezit I., der in die Gefangenschaft Timurs geraten
war und in ihr starb. Mit Mehmet allerdings konnte ein neuer imperialer
Zyklus beginnen 91 , in dem das Reich während des 15. Jahrhunderts einen
beachtlichen Aufstieg erlebte, schließlich Konstantinopel eroberte und
damit endgültig die Nachfolge von Byzanz an der Nahtstelle zwischen
Europa und Asien antrat.
In der Auseinandersetzung mit Timur Leng war die wirtschaftliche Macht
irrelevant; es ging allein um ein Messen der militärischen Kräfte. Das war in
der Konfrontation mit dem Westen anders: Hier hielt das Schlachtenglück
sich lange Zeit die Waage. Dadurch wuchs der wirtschaftlichen Macht die
ausschlaggebende Bedeutung zu, und dabei wurde die strategische
Schwäche des Osmanischen Reichs immer deutlicher. Die stets aufs Neue
anzutreffende Vorstellung, in der Geschichte des Osmanischen Reichs sei
die Phase des Aufstiegs unmittelbar in die des Verfalls übergegangen, ohne
dass es ein längeres Verharren im oberen Zyklensegment gegeben hätte 92 ,
ist durch die gravierenden Defizite an wirtschaftlicher Macht hervorgerufen
worden. Doch diese Auffassung wird dem Verharren des Osmanischen
Reichs im oberen Zyklensegment während des 16. und 17. Jahrhunderts
nicht gerecht.
Das neben dem Römischen Reich sicherlich interessanteste und
wichtigste Beispiel für das Überschreiten der augusteischen Schwelle ist
China. Bemerkenswert ist hierbei zunächst, dass China für die
Konsolidierung seiner imperialen Macht ein größerer Zeitraum zur
Verfügung stand als allen anderen Imperien. Unter der Qin-Dynastie
(221 – 206 v. Chr.) wurden die geographischen Umrisse des Kernlandes
festgelegt, die den heutigen Grenzen Chinas weitgehend entsprechen. Im
Unterschied zu den räumlichen Verschiebungen, die etwa das Britische
Empire zwischen dem ersten und dem zweiten Zyklus erfahren hat, als an
die Stelle der West- die Ostausdehnung trat, haben die imperialen Zyklen
Chinas stets in demselben geographischen Raum stattgefunden. In der Qin-
Zeit wurden die zuvor eroberten Gebiete administrativ vereinheitlicht.
Kaiser Zheng teilte das Reich in 36 Provinzen, diese wiederum in mehrere
Bezirke, deren Verwaltung er Beamten übertrug, die direkt der Zentrale
unterstanden. 93 Unter der Han-Dynastie (bis 220 n. Chr.) wurde die zivile
Komponente des Reichs weiter verstärkt: Der Hof wurde zum kulturellen
Zentrum des Reiches und die Loyalität der Beamtenschaft durch die
Entwicklung der konfuzianischen Ethik gestärkt. Mit dem
Konfuzianismus 94 gründete sich die Reichsverwaltung weniger auf
legalistische Prinzipien, Gesetze und Vorschriften als auf ein ausgeprägtes
Elitenethos. Ob es zerfiel oder erneuert werden konnte, war für das
Durchlaufen der imperialen Zyklen ausschlaggebend. Während das
Schicksal der Steppenimperien vor allem von der militärischen Macht
abhing, waren in China die anderen Machtsorten von jeher wichtiger.
Dabei kam der chinesischen Reichsbildung der Umstand zugute, dass
nach Abschluss der Eroberungen nur von Norden her eine gewisse
militärische Bedrohung bestehen blieb. In der Konfrontation mit den dort
ansässigen nomadischen Stämmen betrieb das «Reich der Mitte» eine
Mischung aus Appeasementpolitik und präventiven Kriegszügen, die nicht
der Ausweitung des imperialen Raums, sondern der Abschreckung des
Gegners und der Zerschlagung angriffsfähiger Stammesbündnisse dienten.
Bereits Kaiser Zheng hatte mit der Anlage von Wallsystemen begonnen, die
die Nomaden daran hindern sollten, auf das Reichsgebiet vorzudringen.
Kaiser Wudi verfolgte dann eine offensivere Politik, indem er Kriegszüge
tief ins Barbarengebiet hinein unternahm. Im Allgemeinen aber beschränkte
man sich darauf, die Nomadenstämme mit regelmäßigen Tributzahlungen
vom Überschreiten der Reichsgrenzen abzuhalten. Als Gegenleistung ließ
man sich Prinzen als Geiseln stellen, denen man eine chinesische Bildung
angedeihen ließ, die man also «zivilisierte» und auf diese Weise an das
Imperium zu binden suchte. Die Appeasementpolitik ist mithin dadurch
gekennzeichnet, dass sie stärker auf ideologische als auf militärische Macht
setzte. Damit wählten die chinesischen Kaiser einen ähnlichen Weg, wie ihn
auch die römischen Kaiser in ihrer Germanenpolitik seit dem 3. Jahrhundert
beschritten hatten. 95
Die Beschränkung der militärischen Macht, die für die Geschichte des
Chinesischen Reichs typisch ist, war freilich nur möglich, weil China in der
von ihm beherrschten «Welt» nicht mit Hegemonialkonkurrenten
konfrontiert war, sondern sich auf die Sicherung «imperialer

Barbarengrenzen» (Jürgen Osterhammel) konzentrieren konnte. Diese


geopolitischen Rahmenbedingungen begünstigten zugleich die
Durchsetzung der konfuzianischen Beamtenethik innerhalb des
administrativen Systems: Von seinen Grundsätzen her war der
Konfuzianismus für eine aktivistische Politik, wie sie unter den Bedingungen
der Hegemonialkonkurrenz erforderlich gewesen wäre, ungeeignet, und
eine aggressive Außenpolitik verwarf er aus Prinzip.
Die eigentliche Bedrohung des Chinesischen Reichs kam während der
längsten Zeit seiner Geschichte nicht von außen, sondern von innen. So kam
es am Ende der Han-Zeit zum Niedergang der Zentralmacht und zum
Aufstieg eines Erbadels, der die einheitliche Reichsverwaltung
fragmentierte und parzellierte. 96 Handel und Geldverkehr, die wichtigsten
Integrationsmedien des imperialen Raumes, schrumpften, und China zerfiel
in ein Nord- und ein Südreich. Bezeichnenderweise war die
Wiederherstellung der Reichseinheit unter der Sui- und der frühen Tang-
Dynastie (618 – 907) 97 mit der Erneuerung des konfuzianischen
Beamtenethos verbunden: Die Sui führten die schriftliche Beamtenprüfung
ein und schufen so eine Elite innerhalb der Bürokratie, die sich durch ihr
gelehrtes Wissen auszeichnete. Am Ende der Tang-Dynastie kam dann mit
dem Aufstieg örtlicher Befehlshaber der militärischen Macht wieder eine
stärkere Bedeutung zu, und das Reich zerfiel erneut. Es folgte die Zeit der
«Zehn Reiche», in der vor allem der Süden politisch stark zersplittert war,
bis der Song-Dynastie (960 – 1276) die Wiederherstellung der Reichseinheit
gelang. 98 Unter den Song wurde der Wiederaufstieg des Reichs abermals
durch eine Verbindung von intensiviertem Handel und gesteigertem
Geldumlauf mit einem erneuerten Beamtenethos getragen. 99 Dieses
Zyklenmuster hat sich bis zur Begegnung Chinas mit den europäischen
Mächten fortgesetzt. Mit ihnen und dem nach westlichem Vorbild
modernisierten Japan sind dann Hegemonialkonkurrenten aufgetaucht,
durch die militärische Macht ein sehr viel größeres Gewicht erlangte, als
dies in den zwei Jahrtausenden davor der Fall gewesen war.
Welche Machtsorte für Aufstieg und Stabilität eines Imperiums
entscheidend ist, hängt also sowohl von inneren Faktoren als auch von
äußeren Umständen ab. Zwischen beidem besteht eine asymmetrische
Beziehung, die darüber entscheidet, was die jeweilige «Räson» eines
Imperiums ist. Der Spielraum, innerhalb dessen die imperialen Eliten
erfolgreich agieren oder scheitern, wird durch diese spezifische
Imperialräson bestimmt. Sie ist die Konkretion dessen, was hier allgemein
als Logik der Weltherrschaft bezeichnet wird.
4. ZIVILISIERUNG UND BARBAREN-
GRENZE: MERKMALE UND AUFGABEN
IMPERIALER ORDNUNG
Großräumige, erst recht globale politische Ordnungen stehen unter
gesteigertem Rechtfertigungsdruck. Sind die Ordnungen kleinräumig, wie
bei Städten oder auch kleinen und mittleren Staaten, so sind vielleicht
Grenzverläufe umstritten, um die möglicherweise Kriege geführt werden,
aber die Grundstruktur der Ordnung wird nicht zur Disposition gestellt.
Kleinräumige Ordnungen profitieren von der Annahme, sie seien das
Natürliche und darum Selbstverständliche; für großräumige Ordnungen gilt
das nicht. Das dürfte im Wesentlichen damit zu tun haben, dass in ihnen ein
Machtgefälle zwischen Zentrum und Peripherie zutage tritt, das umso
eklatanter ist, je größer die Räume sind, die politisch oder ökonomisch
erfasst werden. Was darin sichtbar wird, ist das Moment von Herrschaft
innerhalb der Ordnung. Es wird von denen, die ihr unterworfen sind, in
ganz anderer Weise nach Sinn und Zweck befragt als in kleinräumigen
Ordnungen, wo sich die Machtzentren durch ihre Vielzahl gegenseitig
ausbalancieren: Die Existenz der anderen politischen Einheiten enthebt die
eigene eines besonderen Rechtfertigungszwangs. 1
Dagegen wird bei Großraumordnungen der Herrschafts- oder
Vorherrschaftsanspruch des Zentrums von der Peripherie her immer wieder
hinterfragt, wenn nicht überhaupt bestritten. Ein Beispiel dafür ist die
Frage, die Johann von Salisbury dem Stauferkaiser Friedrich I.
entgegengeschleuderte: «Wer hat die Deutschen zu Richtern der Nationen
bestellt? Wer hat diesen plumpen und wilden Menschen das Recht gegeben,
nach Willkür einen Herrn über die Häupter der Menschenkinder zu
setzen?» 2 Die nahe gelegte Antwort lautete: niemand; die Deutschen
nähmen sich eine Position heraus, die ihnen nicht zustehe, und je früher
ihre Anmaßung beendet werde, desto besser. Ganz ähnlich soll sich, dem
Bericht des Titus Livius zufolge, Hannibal über die Römer geäußert haben,
als sie ihm in Spanien dieselben politischen Restriktionen auferlegen
wollten wie seinem Vorgänger Hasdrubal: «Dieses höchst unmenschliche
und sehr hochmütige Volk will überall besitzen, überall entscheiden. Immer
maßt es sich die Entscheidung an, mit wem wir Krieg führen, mit wem wir
Frieden haben sollen. Es engt und schließt uns in Grenzen von Bergen und
Flüssen ein, die wir nicht verlassen dürfen; und selbst achtet es die Grenzen
nicht, die es setzte.» 3
Großraumordnungen sind, wenn sie von einem imperialen Zentrum aus
gesichert und beherrscht werden, dem Vorwurf der Willkür und der
einseitigen Begünstigung ausgesetzt. Unabhängig davon, ob dieser Vorwurf
berechtigt ist oder nicht, ist zu fragen, wie imperiale Ordnungen gegenüber
antiimperialer Kritik zu legitimieren sind?
Der Frieden als Rechtfertigung imperialer Herrschaft

Immer wieder ist der Frieden als Rechtfertigung imperialer Ordnung


geltend gemacht worden: Nur großräumige, zentral beherrschte politische
Ordnungen könnten jene permanenten Kriege um die Festlegung
beziehungsweise Verschiebung von Grenzen vermeiden, wie sie mit
kleinräumigen Ordnungen zwangsläufig verbunden seien. Gegen die
vorgebliche Natürlichkeit kleinräumiger politischer Ordnungen verweist die
imperiale Ideologie auf deren notorische Friedlosigkeit. Die wohl
berühmteste dieser Legitimationen findet sich in Vergils Aeneis als
Prophezeiung Jupiters für das aus der Nachkommenschaft des Aeneas
erwachsende römische Volk, «die Herren der Welt», wie Vergil Göttervater
Jupiter sagen lässt: «Krieg wird ruhn, und die Welt, die verrohte, neigt sich
zur Milde./Fides, die graue, und Vesta, Quirinus mit Remus, dem Bruder,/
geben Gesetz: die Pforten des Kriegs, die grausigen, werden/dicht
verschlossen mit Riegeln aus Erz: des ruchlosen Wahnsinns/Dämon,
rücklings gefesselt mit hundert ehernen Banden,/hockt über grausen
Waffen und knirscht mit blutigem Munde.» 4
Auch Dante, für den «der Güter höchstes aber ist (…), dass der Mensch
im Frieden lebt», war davon überzeugt, dies sei nur möglich, wenn das
Menschengeschlecht «als Ganzes einem einzigen Herrscher unterworfen
ist. (…) So hat also die Menschheit, sofern sie unter einem einzigen Fürsten
steht, am meisten Ähnlichkeit mit Gott. Daraus folgt auch, dass diese
Unterordnung auch am meisten der göttlichen Absicht entspricht. Das ist
gleichbedeutend mit ihrem Wohle und Heil.» 5 Für Dante war ohne die
Errichtung einer Universalmonarchie – wie im Mittelalter und der Frühen
Neuzeit eine Europa umfassende imperiale Großraumordnung bezeichnet
wurde – kein dauerhafter Frieden denkbar, weil da, wo zwei nebeneinander
herrschten, es immer zum Streit kommen müsse. Damit wandte er sich
gegen die Argumentation der Publizisten des französischen Königs Philipp
des Schönen und der mit ihm verbündeten italienischen Guelfen, die das
Erfordernis einer Universalmonarchie bestritten und für ein System
unabhängiger Stadt- und Territorialstaaten eintraten. Ihnen warf Dante vor,
ihr Gerede von Gerechtigkeit sei bloße Heuchelei, weil sie nicht wollten,
dass jemand der Gerechtigkeit tatsächlich zum Sieg verhelfe.
In der Geschichte des politischen Denkens in Europa finden sich wenige
Theoretiker, die mit solcher Entschiedenheit wie Dante den Wunsch nach
Frieden und die Errichtung einer imperialen Ordnung miteinander
verknüpft haben. Nur noch Tommaso Campanella und – mit Abstrichen –
Giovanni Botero haben ähnlich konsequent auf den imperialen Frieden
gesetzt, als sie für Europa und, von hier ausgehend, den gesamten Erdkreis
eine politische Ordnung propagierten, die unter der Herrschaft Spaniens
stehen sollte. 6 Der Hauptstrang des politischen Denkens in Europa hat
nicht dem imperialen Herrschaftsfrieden, sondern dem zwischenstaatlichen
Vertragsfrieden den Vorzug gegeben: Statt einer überlegenen Macht im
Zentrum des Friedensraumes sollten kollektive Selbstbindungen prinzipiell
gleichberechtigter Akteure den Frieden garantieren. In Immanuel Kants
Schrift Zum ewigen Frieden (1795) hat diese Vorstellung ihren
bekanntesten und zugleich wirkmächtigsten Ausdruck gefunden. 7 Die
Konzeption eines zwischenstaatlichen Vertragsfriedens, der durch die
Gründung eines Staatenbundes gesichert wird, lehnt die Realisierung des
Friedens um jeden Preis ab und kritisiert den imperialen Frieden als
Friedhofsruhe. Politische Unfreiheit und wirtschaftliche Stagnation seien
stets der Preis, der für ihn entrichtet werden müsse, und dieser Preis sei
entschieden zu hoch. Obendrein könne eine solche Friedensordnung keinen
Bestand haben; nach einiger Zeit werde sie zwangsläufig durch Rebellionen
und Aufstände zerstört – nicht zuletzt wegen der brutalen Ausplünderung
der Peripherie, die erforderlich sei, um die Bevölkerung des imperialen
Zentrums mit materiellen Vorteilen für ihren Freiheitsverlust entschädigen
zu können.
Ein Beispiel für eine solche Argumentation, die der imperialen Ordnung
die Kosten ihrer Peripherie vorhält, ist die Kritik an der
Universalmonarchie, wie sie Montesquieu in den Réflexions sur la
monarchie universelle (um 1727) vorgebracht hat: Selbst die Römer, die
doch die ganze Welt verwüstet hätten, um die erste Universalmonarchie zu
gründen, seien nicht so barbarisch vorgegangen wie die Spanier, die alles
zerstört hätten, um alles zu behalten. 8 Montesquieus Imperienkritik kehrt
die Zivilisations-Barbarei-Relation der imperialen Selbstdarstellungen
kurzerhand um und bezeichnet die Politik der Imperien als selbst
barbarisch. Keine Macht aber könne in der Ferne barbarisch auftreten,
ohne dass dies Rückwirkungen auf ihr Zentrum habe, wo nach einiger Zeit
dieselben Beherrschungs- und Unterdrückungsformen anzutreffen seien wie
an der Peripherie. Imperien, so Montesquieu, tendierten infolge ihrer
immanenten Gesetzmäßigkeiten zur Selbstzerstörung, und insofern sei der
Frieden, den sie zweifellos schützten, nicht von Dauer. Mit Blick auf die
sozioökonomisch verheerenden Folgen der spanischen Herrschaft in
Süditalien fragt Montesquieu schließlich, ob Weltreiche, die stets auf
despotischer Autorität gegründet seien, in einer Welt des Handels noch
einen Platz haben können.
Spanien wurde im 18. Jahrhundert zum Gegenbild der aufgeklärten
commercial society und zum großen Widersacher allen menschlichen
Fortschritts. 9 Seither findet sich in der politischen wie ökonomischen
Theorie zunehmend die Vorstellung, große Räume könnten effektiver durch
den Handel als durch politische Macht integriert werden, und diese Art der
Integration wurde lange Zeit als nichtimperial begriffen. Auch die
Wirkmächtigkeit von Kants Friedensschrift beruht nicht zuletzt darauf, dass
sie die neuen Vorstellungen einer über wirtschaftlichen Austausch
erfolgenden Integration großer Räume mit den Imperativen der Friedens-
und Freiheitssicherung zu verbinden versprach. Die Theorie des
demokratischen Friedens ist das Gegenmodell zur Konzeption des
imperialen Friedens: Sie geht von einer pluriversen Staatenwelt aus, deren
Friedlichkeit sie daraus erwachsen sieht, dass im Innern der beteiligten
Staaten eine bestimmte politische Ordnung – die Demokratie – durchgesetzt
worden ist. 10
Robert Cooper hat diese Theorie kürzlich zum Modell einer postmodernen
Staatenordnung weiterentwickelt, damit zugleich jedoch deren
Geltungsanspruch relativiert. 11 Die «Welt» der postmodernen Staatlichkeit
ist in Coopers Sicht nämlich weitgehend auf Europa beschränkt. Ihr stehen
die «Welten» gegenüber, in denen nach wie vor die Regeln des modernen
Staates gelten: der permanente Kampf ums Überleben gegen Akteure, die
denselben Regeln folgen. Diese Regeln sind von John Mearsheimer
dahingehend formuliert worden, dass erst die globale Vorherrschaft einer
der großen Mächte die Gefahr eines Hegemonialkrieges wirklich zu bannen
vermag. 12 Damit hat Mearsheimer, wenn auch ex negativo, die
Selbstrechtfertigung des Imperiums, es sei der einzige zuverlässige Garant
dauerhaften Friedens, aus der Sicht der «realistischen Schule» der
internationalen Politik reformuliert.
In seinem provokativen Essay Macht und Ohnmacht (2003) hat Robert
Kagan die postmoderne und die moderne Welt der Politik, wie sie Cooper
beschreibt, als die Welten Immanuel Kants und Thomas Hobbes’
miteinander konfrontiert und geltend gemacht, die USA müssten sich
weiterhin in der Hobbesschen (anarchischen) Welt des gegenseitigen
Misstrauens und der ständigen Kriegsbereitschaft bewegen, während die
Europäer sich in der paradiesischen Welt Kants aufhielten. Die Pointe von
Kagans Überlegungen besteht freilich darin, dass beide Welten nicht
getrennt voneinander existierten, sondern der Frieden in Europa erst durch
die Fähigkeit der USA, Kriege zu führen, garantiert werde. 13
Auch darin haben also die USA das Erbe der großen Imperien angetreten,
dass sie die Garantie des großräumigen Friedens als die zentrale
Legitimation ihres Vormachtsanspruchs übernommen haben – nur dass
dieser Frieden im Falle eines demokratischen Imperiums an der
Durchsetzung und Einhaltung der Menschenrechte gemessen wird. Sie sind
an die Stelle des Zivilisierungsanspruchs getreten, den Imperien in der
Vergangenheit häufig erhoben haben. Daneben besteht das
Prosperitätsversprechen, das ebenfalls eine lange Tradition hat,
unverändert fort. Welche Werte auch immer im Zentrum stehen, sie sind
nur durchsetzbar, wenn Frieden herrscht; insofern dient die Herstellung
des imperialen Friedens dazu, jenen Werten Geltung zu verschaffen. Fast
alle Imperien haben ihre Selbstrechtfertigung daher nicht auf den bloßen
Frieden beschränkt, sondern ihn qualifiziert, indem sie ihn mit einer
Mission verbanden.
Imperiale Mission und Sakralität des Reiches

Alle Imperien mit längerem Bestand haben sich als Zweck und
Rechtfertigung ihrer Existenz eine weltgeschichtliche Aufgabe gewählt,
eine Mission, die kosmologische oder heilsgeschichtliche Bedeutung für das
Imperium reklamierte. Hegemonialmächte brauchen keine Mission,
Imperien hingegen kommen ohne sie nicht aus. In der Auseinandersetzung
mit ihren Konkurrenten müssen Hegemonialmächte ihre Position
behaupten. Ideologische Macht kann dabei durchaus zum Einsatz kommen,
doch sie hat vor allem eine außenpolitische Funktion. Die imperiale Mission
dagegen wendet sich an die Menschen innerhalb des Imperiums, vor allem
an die in seinem Zentrum. Mehr als alles andere aber ist sie eine
Autosuggestion der politischen Eliten, aus der diese die Überzeugung und
Energie zur Fortführung des imperialen Projekts beziehen.
Man kann die imperiale Mission, den heilsgeschichtlichen Auftrag oder
die theologisch beglaubigte Sendung eines Weltreichs sicherlich unter dem
Stichwort «Ideologie» behandeln und versuchen, den harten Kern des
imperialistischen Projekts ausfindig zu machen, als der dann in der Regel
schnöde materielle Interessen identifiziert werden. Wenn unter Ideologie
die (notwendige) Selbsttäuschung der politischen und gesellschaftlichen
Akteure über die Begrenztheit ihrer Ziele und Zwecke verstanden wird, wie
dies Karl Marx in den Eingangsüberlegungen seiner Schrift Der achtzehnte
Brumaire des Louis Bonaparte vorgeschlagen hat 14 , so kann eine
ideologiekritische Betrachtung imperialer Missionen produktiv und
erhellend sein. Ideologie aber wird leicht mit Verschleierungs- und
Täuschungsmanövern identifiziert 15 , die von einer kleinen Gruppe der
Mächtigen und einigen ihnen verbundenen Intellektuellen unternommen
werden, um die breite Masse über die wahren Ziele und Absichten
imperialer Politik zu täuschen. Da sich das anspruchsvolle Ideologiekonzept
der Marxschen Theorie aus dieser Perspektive in die Priestertrugstheorie
der französischen Aufklärung zurückverwandelt, soll hier grundsätzlich auf
die Behandlung imperialer Missionen unter dem Stichwort der Ideologie
verzichtet werden. Ideologiekritik in Verbindung mit ökonomischer
Imperialismustheorie führt regelmäßig dazu, dass die Komplexität
imperialer Politik darauf reduziert wird, dass einige Akteure ihre Interessen
durchzusetzen versuchen.
Im Gegensatz zu den üblichen Vermutungen der Ideologiekritik
erwachsen aus den imperialen Missionen gerade auch jene Selbstbindungen
und Selbstverpflichtungen, die sich mit den unmittelbaren materiellen
Interessen imperialer Akteure nicht erklären lassen, ja, die aus deren
Perspektive fast immer als Ressourcenverschwendung erscheinen. Die
Mission eines Imperiums nimmt dessen Protagonisten in die Pflicht eines
Projekts, das schon aufgrund seiner Langfristigkeit den begrenzten
Interessenhorizont Einzelner weit übersteigt. Man kann die imperiale
Mission darum auch als ein Mittel begreifen, mit dem ein sich über
Jahrhunderte perspektivierendes Reich denjenigen, die in ihm für eine
begrenzte Zeit Macht und Einfluss haben, seine Handlungslogik aufdrängt:
Es nötigt sie, ihre eigenen Interessen hintanzustellen, wenn sie imperiale
Politik betreiben wollen. In diesem Sinne wendet sich die imperiale Mission
insbesondere an die imperiale Elite.
Die metaphorische Sprechweise, wonach ein Imperium vermittelst seiner
Mission die politischen und gesellschaftlichen Eliten in die Pflicht nimmt
und sie daran hindert, den langfristigen Bestand des Imperiums ihren
kurzfristigen materiellen Interessen zu opfern, kann auch als ein Wechsel-
und Zusammenspiel zwischen Teilen der imperialen Elite beschrieben
werden: Danach ist die imperiale Entscheidungselite kurzfristig darauf
angewiesen, dass sie von der Deutungselite – also den Intellektuellen,
Schriftstellern, Gelehrten, Journalisten und so weiter – Unterstützung in
Form von Perspektiven und Visionen erhält, die ihre Machtausübung
rechtfertigen und überhöhen. Aber diese Perspektiven und Visionen
entfalten ihre politische Wirkung nicht nur als machtsichernde
Legitimation, sondern ebenso als entscheidungsbeschränkende
Selbstbindung. Die sonst eher machtarmen Intellektuellen erlangen auf
diese Weise beträchtlichen Einfluss. In Rom hat der Dichterkreis um
C. Clinius Maecenas eine solche Rolle gespielt, in China kam sie Konfuzius
zu und denen, die seine Ideen verbreiteten, in Spanien den
Neuscholastikern der Schule von Salamanca, in Großbritannien den
Dichtern des viktorianischen Zeitalters, in der Sowjetunion den
marxistischen Intellektuellen, und in den USA haben die neokonservativen
Theoretiker und Publizisten die entsprechende Funktion übernommen: Sie
vor allem haben die Frage nach der weltpolitischen Aufgabe der USA seit
dem Ende des Ost-West-Konflikts aufgegriffen und, gleichgültig ob ihre
Antworten richtig oder falsch sind, die Definitionskompetenz für die
Probleme und Herausforderungen der USA erlangt.
Die imperiale Mission ist mehr als die Selbstlegitimation eines Weltreichs,
wenngleich sie diese Aufgabe durchaus miterfüllt. Pointiert formuliert:
Durch die imperiale Mission verwandelt sich die Selbstlegitimation eines
Imperiums in dessen Selbstsakralisierung. Seine quasireligiöse
Zwecksetzung enthebt es den beliebigen Entscheidungen der politisch
Mächtigen und gesellschaftlich Einflussreichen. Auch wenn sie die Macht
im Imperium innehaben, hat doch letztlich das Imperium sie in seiner
Macht. Um diese Unverfügbarkeit zu erlangen, muss die Mission des
Imperiums mit einer Weihe versehen sein, die sie dem politischen
Alltagsbetrieb weit überhebt. Das lässt sich an der Mission des Römischen
Reichs, der Durchsetzung und Sicherung der pax Romana im
mittelmeerischen Raum und den angrenzenden Gebieten, gut zeigen.
Selbstverständlich kann man geltend machen, es habe ganz im Interesse
der römisch-italienischen Kaufleute und Bankiers gelegen, dass der
Piraterie im Mittelmeer und den Hegemonialkriegen im Osten ein Ende
bereitet wurde – das Handelsrisiko habe sich minimiert und die
Kapitalanlagen seien sicherer geworden. Es kam allerdings ebenso vor, dass
Kaufleute mit Piraten kooperierten 16 und Bankiers von Kriegen
profitierten. Die Sicherheit der Schifffahrt und die Stabilität des Friedens
sind also interessengruppen- und konjunkturabhängig. Auf solch fragile
Dispositionen kann ein Imperium seine zentrale Legitimation nicht
begründen. Die imperiale Mission muss den Interessenschwankungen der
Akteure entzogen werden, und dazu dient ihre sakrale Überhöhung. Im
Falle Roms erfolgte sie durch die Vergöttlichung des Friedens, die schon
unter Octavian mit dem Bau der ara pacis eingesetzt hat. So verpflichtete
der Princeps sich und seine Nachfolger auf ein Projekt, das zur Vorgabe
eines jeden Kaisers wurde, der die Anerkennung von Senat und Volk
erhalten wollte.
Die imperiale Mission kann eher im untergründigen Selbstverständnis
eines Reiches verankert sein, aber sie kann auch immer wieder inszeniert
und beschworen werden. Ersteres ist zumeist in Stabilitätsperioden,
Letzteres in Krisenzeiten der Fall. Dementsprechend wurde in Rom seit der
Mitte des 3. Jahrhunderts, als die Lage an einigen der Reichsgrenzen
zunehmend bedrohlicher wurde, der Friede als die weltgeschichtliche
Mission des Imperiums wieder stärker ins Bewusstsein gehoben. So sollte
verdeutlicht werden, was verloren ginge, wenn das Imperium untergehen
würde. 17 Was zuvor eine Selbstverpflichtung und Selbstbindung der
politischen Eliten gewesen war, musste nun der gesamten Bevölkerung ins
Bewusstsein gerufen werden, um jene Opferbereitschaft zu wecken, die für
den Fortbestand des Imperiums vonnöten war. Selbst der Kirchenvater
Augustinus hat sich zuletzt noch an dieser Verteidigung des Römischen
Reichs beteiligt, als er den Christen innerhalb des Reichs klar zu machen
versuchte, dass der durch das Reich gesicherte Frieden der
Glaubensverkündigung und christlicher Lebensführung günstig sei. Es liege
darum im Interesse der Christen, dass das Römische Reich trotz all seiner
Schwächen und seiner finsteren Anfänge fortbestehe; deswegen sei es ihre
Pflicht, es zu verteidigen. 18
Es waren jedoch weniger die politischen Theoretiker als vielmehr die
Literaten und bildenden Künstler, die entscheidend zur Sakralisierung der
imperialen Mission beitrugen. Während die Baumeister und Bildhauer die
Friedenstempel errichteten, mit denen die zivilisierende Wirkung der
römischen Herrschaft ins Bild gesetzt wurde, pries besonders der um
Maecenas gescharte Literatenkreis, zu dem mit Horaz und Vergil die beiden
bedeutendsten Dichter ihres Zeitalters gehörten, das augusteische
Reformprogramm als Erneuerung der Welt, die bestehen werde, solange
das römische Imperium existiere. Für Octavian war die Unterstützung
durch die Literaten von höchster Bedeutung, denn sein Reformprogramm
war durch Gesetze und Verordnungen allein nicht zu verwirklichen. Es
bedurfte ebenso kulturellen Glanzes wie eines Horizonts der Sinnhaftigkeit,
der durch Bürokraten nicht zu vermitteln war.
Insbesondere Vergil hat sein Werk in großen Teilen mit Octavians
Reformprogramm verknüpft. So richteten sich seine Eklogen, die er unter
dem Titel Bucolica versammelte, gegen den Sittenverfall der städtischen
Eliten, dem gegenüber er das Landleben als Quell zur Erneuerung des mos
maiorum, der Sitte der Vorväter, pries. Mit der Revitalisierung des mos
maiorum verknüpfte Vergil die Hoffnung, dass das gegenwärtige Eiserne
Zeitalter überwunden und das Goldene Zeitalter vom Anfang der
Menschheitsgeschichte wieder erstehen könne. Ein ähnliches Programm
verfolgte er auch in seinen Georgica 19 , und in der Aeneis schließlich, die
aufgrund von Vergils plötzlichem Tod unvollendet geblieben ist und nach
dem Willen des Dichters hätte vernichtet werden sollen, wird der Bericht
von den Fahrten des Aeneas nach seiner Flucht aus dem brennenden Troja
mit Prophezeiungen durchsetzt, die auf die «weltumspannende»
Friedensherrschaft des Augustus vorausverweisen. Vergil entwirft hier die
Vision einer universalen Friedensordnung, in der Aeneas als Präfiguration
und Vorbild des Augustus erscheint. Seine Siege stehen für die
Überwindung des Dämonischen auf dem Weg zum Frieden. Das Römische
Reich war damit nicht nur dem Frieden, sondern auch der Humanität
verpflichtet. Die von Vergil mit religiösen Weihen ausgestattete Mission
Roms war die einer Befriedung und Humanisierung der Welt, aus der dann
Jupiters Verheißung des imperium sine fine, der Ewigkeit Roms erwuchs:
«Diesen (den Römern als Nachkommen des Aeneas) setze ich weder in
Raum noch Zeit eine Grenze,/endlos Reich habe ich ihnen verliehen; selbst
Juno, die harte,/die mit Furcht jetzt Meer und Land und Himmel ermattet,/
wird zum Besseren lenken den Sinn, wird mit mir die Römer/hegen, die
Herren der Welt, das Volk im Gewande der Toga.» 20
Die römische Herrschaft über den mittelmeerischen Raum ist
gerechtfertigt, weil sie den Weltfrieden sichert, und die Integration ins
Reich eröffnet die Teilhabe an den Segnungen der Zivilisation. Außerhalb
der Reichsgrenzen herrscht die Barbarei und wütet weiterhin der Krieg.
Aber damit nicht genug: Der Reichsfrieden wird mit dem Mythos des
Goldenen Zeitalters verbunden und auf diese Weise sakral überhöht. Dabei
geht es um nicht weniger als die Rückkehr ins Paradies mit imperialen
Mitteln. Beides, die Idee des Goldenen Zeitalters wie die des Paradieses als
des gegen eine feindliche Umwelt geschützten Gartens («Garten Eden»),
stammt aus dem Osten und war der sehr viel härteren machtpolitischen
Denkungsart der Römer ursprünglich fremd. Indem Vergil diese
Vorstellungen in seinen Entwurf der römischen Geschichte einschmolz,
leistete er einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Integration des Reiches.
Rom hat den Osten nicht nur machtpolitisch übernommen, es war auch
bereit, dessen kulturelles und ideenpolitisches Erbe anzutreten. Die Fahrten
des Aeneas von Troja nach Italien wurden zur Beschreibung dieses
Transfers, der Kampf um Troja war die Chiffre für die Selbstzerstörung der
östlichen Kulturwelt in Streit und Krieg, und aus dem Westen kam die
Rettung in Gestalt des römisch-imperialen Friedens – man kann
nachvollziehen, warum Augustus dafür gesorgt hat, dass die Aeneis aus dem
Nachlass des Vergil gerettet und publik gemacht worden ist.
Auch Horaz 21 hat seine Dichtung – teilweise – in den Dienst der
imperialen Mission Roms gestellt. Im Mittelpunkt seines Frühwerks stehen
die Schrecken des Bürgerkriegs, und die Hoffnung richtet sich auf den, der
sie vertreiben soll: Octavian/Augustus. Für Horaz ist die Krise des
römischen Staatswesens weniger konstitutioneller als vielmehr moralischer
Art; darin stimmt er mit dem augusteischen Reformprogramm überein.
Gegen sexuelle Freizügigkeit und Ehebruch, Habgier und Betrug, Luxus
und Verweichlichung feiert er die altrömischen Tugenden der moderatio,
virtus, pietas und iustitia. Wo sie gesichert sind, ist auch der Fortbestand
des Goldenen Zeitalters gewahrt. Das Imperium hat hier die Funktion,
Niedergang und Verfall zu verhindern, indem es dafür sorgt, dass Sitte,
Anstand und Gerechtigkeit ständig erneuert werden. Auf ein solches Reich
ist der bekannteste Satz des Horaz gemünzt: «Dulce et decorum est pro
patria mori.» – «Süß und ehrenvoll ist es, für’s Vaterland zu sterben.» 22
Der Blick auf die Werke Vergils und Horaz’ zeigt, dass der imperiale
Friede nicht nur als eine besondere Qualität großräumig-herrschaftlicher
Ordnung gedacht wurde. Zugleich war er eine Erneuerung der Zeit und die
Umkehr des Niedergangs. Nicht nur im machtpolitischen, auch in einem
kosmologisch-heilsgeschichtlichen Sinn haben Imperien weltgeschichtliche
Relevanz. Das unterscheidet sie einmal mehr von Staaten und
Hegemonialmächten, die ihrem eigenen Selbstverständnis nach in der Zeit
agieren, während Imperien für sich in Anspruch nehmen, dass sie über den
Zeitlauf entscheiden. Stärkster Ausdruck dessen ist die sakrale Aufladung
der imperialen Mission. Das Goldene Zeitalter, von dem bei Vergil und
Horaz die Rede ist, steht für mehr als den Neubeginn des großen
Weltjahres; ihm liegt die Vorstellung zugrunde, der Lauf des Weltjahres
lasse sich imperial beeinflussen. Der Zeitlauf wird neu gestartet, aber kraft
der imperialen Macht verharrt er am Anfang, und der eigentlich als
zwangsläufig angesehene Verfall über ein Silbernes und Bronzenes zum
Eisernen Zeitalter ist aufgehalten. In einer Zeit, in der Verfall und
Niedergang als die natürliche Tendenz der Geschichte begriffen wurden,
galt dies als die weltgeschichtliche Rolle der Imperien: Sie halten den
Niedergang auf und verhindern das Weltende. Nachdem sich im Verlauf des
18. Jahrhunderts eine fortschrittsorientierte Grundvorstellung vom Gang
der Geschichte durchgesetzt hat, sind Imperien dagegen als
weltgeschichtliche Beschleuniger betrachtet worden: Sie zivilisieren die
Welt und verbreiten den Fortschritt, und wenn sie versagen, hat dies
weltgeschichtliche Folgen. Diese Sicht gilt für Briten wie Amerikaner.

Nicht bei allen Imperien ist eine so weitreichende kosmologisch-


heilsgeschichtliche Selbstsakralisierung anzutreffen. Im Falle Roms ist sie,
wie gesagt, durch die Geschichtsspekulationen des Orients verstärkt
worden. Mit dem Christentum als Staatsreligion mussten dann einige der
sakralen Komponenten dieser Reichsmission aufgegeben werden, gegen die
bereits Augustinus seine Unterscheidung zwischen irdischem und
himmlischem Reich (civitas terrena – civitas Dei) geltend gemacht hatte.
Wie stark die Vorstellung von der Sakralität des Reichs dennoch geblieben
ist, zeigte sich im 11. Jahrhundert, als die staufische Kanzlei damit begann,
das Reich als sacrum imperium zu bezeichnen, was sich in die Benennung
Heiliges Römisches Reich (deutscher Nation) fortgeerbt hat. 23 Auch in
dieser Formel beruhte die Heiligkeit des Reichs auf seiner
geschichtstheologischen Rolle als Katechon (Aufhalter) des Weltendes, das,
sollte das Reich untergehen, zwangsläufig eintreten werde. 24
Für das spanische Weltreich kann die militante Form der
Gegenreformation als die imperiale Mission gelten, und sie wurde
keineswegs nur durch die Reformation provoziert. Ihre Wurzeln hatte sie in
der Reconquista, in deren Verlauf die Spanier die maurischen
Herrschaftsgebiete auf der iberischen Halbinsel Schritt für Schritt
zurückeroberten. Vom Geist der Reconquista ist nicht nur die spätere
Conquista – die Eroberung der Neuen Welt – durchdrungen, sondern auch
die Vertreibung der Juden und Mauren aus Spanien. Judenfeindschaft,
Inquisition und die Verfolgung der Reformierten in den Niederlanden
wurden zur imperialen Mission Spaniens, die sich gegen Ende des
16. Jahrhunderts in eine Festungsmentalität verwandelte. Bezeichnend für
dieses Defensivwerden der imperialen Mission ist die Vorstellung von einer
weltweiten protestantischen Verschwörung, die den Sturz des Spanischen
Reichs zum Ziel habe. Ihren stärksten Ausdruck findet die christlich-
katholische Prägung der spanischen Imperialmission aber in der Idee, die
«Wilden» in der neuen Welt müssten zum christlichen Glauben bekehrt
werden. Aus ihr hat sich die spanische Expansionsdynamik in Mittel- und
Südamerika über weite Strecken gespeist. 25
Es liegt nahe, das Osmanische Reich als den islamischen Antipoden
Spaniens anzusehen; dabei würde man jedoch seine religionspolitische
Liberalität unterschätzen, die sich scharf von der inquisitorischen
Durchsetzung des Katholizismus im spanischen Herrschaftsbereich
unterscheidet. Das Osmanische Reich war ein Flickenteppich von
Gemeinschaften (millet) mit gestuften Abhängigkeitsverhältnissen, zu dem
auch jüdische und christliche Gemeinschaften mit eigener
Binnenorganisation gehörten. In der einschlägigen Literatur findet sich eine
heftige Kontroverse darüber, ob die Multikonfessionalität als eine wichtige
Komponente des osmanischen Selbstverständnisses anzusehen sei oder ob
sich das Reich seit Eroberung der arabischen Länder zu Beginn des
16. Jahrhunderts als ein islamisches Weltreich verstanden habe, dessen
Mission in der Verteidigung gegen die Ungläubigen bestand. 26 Im Sinne
der oben angestellten Überlegungen zu den unterschiedlichen Peripherien
von Großreichen wird man wohl eher davon sprechen müssen, dass die
Turkvölker, die das Osmanenreich einst schufen und weder über
Organisationskompetenz noch über eine Mission verfügten, in ihrem
Expansionsraum auf zwei konkurrierende imperiale Vorstellungen stießen,
die sie kurzerhand miteinander zu verbinden suchten: einerseits die
Vorstellungswelt des arabisch-islamischen Raumes, in der die Ausbreitung
des Islam mit Feuer und Schwert eine gängige Praxis gewesen war und
nach wie vor die zentrale Verpflichtung für jedes sich als islamisch
verstehende Großreich darstellte; 27 andererseits die eher konservative
Verwaltungspraxis des Byzantinischen Reichs, die von den Osmanen in
großen Teilen übernommen wurde, um die eroberten Räume unter
dauerhafte Kontrolle zu bringen. 28
Auf dieser Basis kam es schließlich sogar zu einem partiellen Bündnis der
Osmanen mit der orthodoxen Kirche, das vor allem gegen die lateinische
Christenheit und den Suprematieanspruch des Papstes gerichtet war. Im
europäischen Raum, auf dem Balkan, konnte das Osmanenreich darum
zeitweilig als Beschützer christlicher Gruppen und Gemeinden auftreten,
deren Unabhängigkeit und Selbstverwaltung nur im Osmanischen Reich
gesichert war. Das führte dazu, dass auch zahlreiche Christen im Verband
der türkischen Heere kämpften. Eine imperiale Mission war daraus
natürlich nicht zu gewinnen. Der Preis, den die Osmanen für die
Doppelgesichtigkeit ihres Reichs zu entrichten hatten, bestand in der
Zerbrechlichkeit der imperialen Mission, die nie zu einem anderen
Imperialmissionen vergleichbaren Machtfaktor werden konnte. Dass dem
Osmanischen Reich nach Beginn seines Abstiegs kein Einstieg in einen
neuen imperialen Zyklus gelang, war auch eine Folge seiner nur schwach
ausgebildeten imperialen Mission.
Wiederum sehr viel stärker religiös geprägt war die imperiale Mission des
zarischen Russland: Während das Osmanische Reich das organisatorische
Erbe von Byzanz antrat, übernahm Russland dessen Mission als Beschützer
der orthodoxen Kirche. Am Anfang dieses Transfers stand 1472 die
Eheschließung Iwans III. mit Sophia Palaiologa, der Nichte des letzten
byzantinischen Kaisers, eine Verbindung, die sehr bald als Ansippung an
das Römische Reich verstanden wurde. In den Briefen des Mönchs Filofei
von Pskow ist der Legitimitätstransfer dann zur Idee des Dritten Rom
ausgearbeitet worden. 29 Indem der Krieg gegen die tatarischen
Steppennomaden als Schutz der Christen gegen ihre Feinde interpretiert
wurde, stellte sich die Expansionspolitik der Zaren auch politisch-praktisch
in die römisch-byzantinische Tradition. Die Moskauer Basiliuskathedrale,
erbaut unter Iwan IV., ist die architektonische Darstellung dieser Mission
und ihres Erfolgs. 30 Dass eine imperiale Mission die Reichsgeschichte
freilich nicht durchgängig bestimmen muss, sondern von den Reformkräften
auch als Modernisierungsblockade begriffen werden kann, zeigt sich an der
Politik Peters I., der die vorwiegend nach Osten gerichtete Mission
Russlands durch die Orientierung am Entwicklungsniveau der westlichen
Nachbarn ersetzte.
Der schon im Falle des Osmanischen Reichs beobachtete Gegensatz
zwischen einer effektiven Verwaltungsorganisation des Reichs und der
imperialen Mission als motivierender Bindung der Elite trat also auch im
zarischen Russland zutage: Indem Peter die imperiale Mission seiner
Vorgänger verwarf, um Anschluss an den Westen zu finden, legte er den
Grund für das erwähnte Spannungsverhältnis zwischen der Orientierung
nach Westen und der nach Osten, das für die russische Geschichte bis heute
charakteristisch ist. Mit den petrinischen Reformen war nämlich die
Vorstellung, Russland sei die Beschützerin des wahren christlichen
Glaubens, nicht verschwunden und durch eine neue Mission ersetzt. In
Krisenzeiten tauchte sie immer wieder auf. Das war im Krieg gegen
Napoleon der Fall, nach dessen Beendigung der russische Sieg auf die tiefe
Gläubigkeit der russischen Bauern zurückgeführt wurde. Die zuvor nur
nach Osten gerichtete imperiale Mission wurde nun in der Vorstellung einer
Erlösung des Abendlandes von seiner materialistischen Grundhaltung auch
auf den Westen bezogen. 31 Zar Alexander I. war fest davon überzeugt, er
sei Träger der heiligen Idee einer Neugestaltung Europas aus dem Geist der
christlichen Moral. Ihm schwebte die Synthese der christlichen
Konfessionen zu einem universellen Christentum vor. Die 1815 auf dem
Wiener Kongress verkündete Heilige Allianz sollte einen Prozess einleiten,
dessen Ziel die Versöhnung der europäischen Völker war. 32 Spätestens
nach dem Ende des Krimkriegs 1856 jedoch erfolgte wieder eine verstärkte
Orientierung an den Entwicklungsvorgaben des Westens, was schon
deswegen unumgänglich war, weil man vermeiden wollte, in eine ähnliche
Situation zu kommen wie das Osmanische Reich. Im Gegenteil: Man wollte
in Südosteuropa und an den Meerengen zwischen Schwarzem Meer und
Mittelmeer dessen Erbe antreten, was die Vollendung der Idee des Dritten
Roms gewesen wäre. Aber dazu musste man sich verwestlichen. So ist die
Geschichte Russlands in hohem Maße durch einen periodischen Wechsel
zwischen imperialer Mission und Orientierung an den
Entwicklungsrhythmen des Westens geprägt.
So gefährlich für Russland der Entwicklungsrückstand gegenüber dem
Westen war, so verhängnisvoll wirkte sich die allmähliche Auflösung der
imperialen Mission auf die innere Stabilität des Reichs aus: In den beiden
Revolutionen des Jahres 1917 konnten die alten Kräfte auch darum gestürzt
und vertrieben werden, weil ihnen die Bindekraft einer gemeinsamen Idee
von der weltgeschichtlichen Aufgabe des Reichs abhanden gekommen war
beziehungsweise in der Bevölkerung keinen hinreichenden Widerhall mehr
fand. Das hat sich dann im Zusammenbruch der Sowjetunion wiederholt:
Deren imperiale Mission bestand darin, dass sich in ihr, wie es in der
Verfassung von 1977 hieß, «alle Nationen und Völkerschaften zum
gemeinsamen Aufbau des Kommunismus zusammenschließen». 33 Aber das
war schon zum Zeitpunkt des Inkrafttretens dieser Verfassung nur noch
eine Phrase. Zu den wesentlichen Degenerationserscheinungen der
Sowjetunion gehörte der Verlust ihrer Mission beziehungsweise der zuletzt
nur noch zynische Umgang mit ihr. Aus einem inneren Kraftzentrum war sie
zur bloßen Kulisse des Sowjetimperiums geworden 34 , und damit fehlte die
Triebfeder, auf die auch noch die Reformpolitik Michail Gorbatschows
angewiesen gewesen wäre, um Erfolg haben zu können.
Dagegen haben die beiden westlichen Imperien, das britische und das
amerikanische, auf eine im engeren Sinn religiöse Mission verzichtet,
wenngleich auch sie ihre Mission gelegentlich in einer religiös geprägten
Rhetorik vorgetragen haben. Sieht man die Briten als die Erben des
spanischen Weltreichs, so trat – was auch der ideengeschichtlichen
Entwicklung in Europa vom 16. zum 19. Jahrhundert entspricht – an die
Stelle des katholischen Glaubens der zivilisatorische Fortschritt: Die
imperiale Mission der Briten war die Zivilisierung der Welt, auch wenn sich
ihre Politik häufig auf die Öffnung von Ländern für britische Waren
beschränkte. 35 In Rudyard Kiplings berühmter Formel «Take up the White
Man’s burden/(…)/To seek another’s profit/And work another’s gain» 36 sind
diese materiellen Eigeninteressen gänzlich hinter der zivilisatorischen
Mission des Imperiums verschwunden, was natürlich die Ideologiekritiker
auf den Plan gerufen hat. Aber selbst ein der Unaufmerksamkeit für
materielle Interessen so unverdächtiger Beobachter des britischen
Imperiums wie Karl Marx hat der britischen Expansion eine objektiv
zivilisierende Funktion attestiert.
In dem Artikel «Die britische Herrschaft in Indien» von Mitte 1853
konstatierte Marx zunächst: «England hat das ganze Gefüge der indischen
Gesellschaft niedergerissen, ohne dass bisher auch nur die Spur eines
Neuaufbaus sichtbar geworden wäre.» 37 Er führte die zerstörerischen
Effekte des britischen Eindringens in die indische Gesellschaft auf den
Zusammenstoß fortgeschrittener und zurückgebliebener Produktivkräfte
zurück: Handwebstuhl und Spinnrad, die über Jahrhunderte in Indien das
Verbindungsglied zwischen Landwirtschaft und Handwerk dargestellt
hatten, waren mit der Öffnung des indischen Marktes für britische Waren
nicht mehr konkurrenzfähig. 38 Damit aber hätten die Briten «nicht so sehr
infolge des brutalen Eingreifens des britischen Steuereintreibers und des
britischen Soldaten als vermöge der Wirkung des englischen Dampfes und
des englischen Freihandels» die größte soziale Revolution hervorgerufen,
die Asien je erlebt hatte. 39 Dass es zugleich die erste und einzige soziale
Revolution in Asien war, dient Marx als Rechtfertigung des britischen
Eindringens in Indien, und dessen Unterwerfung unter die Gesetze des
Weltmarkts wird zur zivilisierenden Tat: «Wir dürfen nicht vergessen, daß
diese kleinen Gemeinwesen durch Kastenunterschiede und Sklaverei
befleckt waren, daß sie den Menschen unter das Joch äußerer Umstände
zwangen, statt den Menschen zum Beherrscher der Umstände zu erheben,
daß sie einen sich naturwüchsig entwickelnden Gesellschaftszustand in ein
unveränderliches, naturgegebenes Schicksal transformierten und so zu
jener tierisch rohen Naturanbetung gelangten, deren Entartung zum
Ausdruck kam in der Tatsache, daß der Mensch, der Beherrscher der Natur,
vor Hanuman, dem Affen, und Sabbala, der Kuh, andächtig in die Knie
sank.» 40
Man musste jedoch keineswegs bloß, wie Marx, auf die indirekten, nicht
intendierten Effekte des britischen Weltreichs schauen, um dessen
zivilisierende Wirkung zu konstatieren: Nicht zuletzt Sklaverei und
Sklavenhandel, die während der ersten Phase der europäischen
Imperienbildung gewaltig ausgeweitet worden waren, wurden wesentlich
unter britischem Einfluss abgeschafft, zumindest eingedämmt – und dies
war kein indirekter Effekt der britischen Seeherrschaft, sondern eines ihrer
unmittelbaren und direkten Ziele. 41 Mehrere britische Geschwader fuhren
im 19. Jahrhundert vor der westafrikanischen Küste Patrouille, um den nach
wie vor blühenden Sklavenhandel zu beenden, und in Großbritannien waren
es vor allem anglikanische Geistliche und Quäker, die den Abolitionismus,
die Bekämpfung und Abschaffung der Sklaverei, zum zentralen Element der
imperialen Mission der Briten gemacht haben. Sie sorgten dafür, dass die
Ware Mensch in der britisch kontrollierten Weltwirtschaft als illegales Gut
betrachtet wurde und gegen den Handel damit imperiale Machtmittel
eingesetzt wurden. 42 Das erklärt zugleich, warum die Briten im
amerikanischen Bürgerkrieg nicht die Partei der Südstaaten ergriffen
haben, um dadurch – wie dies die Logik des Kampfs der großen Mächte
nahe gelegt hätte – den zunehmend bedrohlicher werdenden Konkurrenten
USA zu schwächen und in seine Grenzen zu weisen: Sie hätten sich gegen
ihre eigene imperiale Mission gestellt.
Die imperiale Mission der USA schließlich lässt sich als eine
Weiterentwicklung der britischen beschreiben: Marktwirtschaft,
Demokratie und Menschenrechte bilden ihre Eckpunkte, die je nach
regionalen Herausforderungen und weltpolitischen Konstellationen
unterschiedliche Prioritäten erhalten. Das heißt nicht, dass die Politik der
USA sich auf deren imperiale Mission reduzieren ließe.
Sicherheitspolitische Imperative sind für sie ebenso wichtig wie
ökonomische Interessen, und in der Regel haben sie Vorrang, wenn sie mit
den Vorgaben der imperialen Mission kollidieren. 43 Aus solchen
Konstellationen erwachsen dann die viel kritisierten Doppelstandards der
amerikanischen Politik, also die immer wieder zu beobachtende Tatsache,
dass Anforderungen der imperialen Mission gegenüber Akteuren außer
Kraft gesetzt werden, die für die USA von sicherheitspolitischem oder
ökonomischem Interesse sind.

Das Spannungsverhältnis zwischen der imperialen Mission und den


Imperativen der Selbsterhaltung beziehungsweise Selbststeigerung ist in
der Geschichte der Imperien nicht neu; sie durchzieht sie wie ein roter
Faden – jedenfalls bei jenen Weltreichen, deren imperiale Mission sich nicht
in der brutalen Durchsetzung ihrer Interessen erschöpfte. Eine
unmittelbare Identität von Mission und Interessendurchsetzung ist am
ehesten noch bei den Steppenimperien zu beobachten, aber die haben dafür
den Preis ihrer Kurzlebigkeit bezahlen müssen. Bei einem im Zentrum
demokratisch organisierten Imperium sind die Selbstbindungen der
imperialen Mission besonders groß, und sie haben einen höheren
Verpflichtungsgrad als bei autokratisch regierten oder aristokratischen
Imperien. 44 Eliten ohne Rechenschaftspflicht können sich schneller und
leichter ihren Selbstverpflichtungen entziehen als Politiker, die in
regelmäßigen Abständen für die Unterstützung ihrer Politik werben und
sich dabei auch noch der Konkurrenz von Reserveeliten stellen müssen.
Daneben hat der gesteigerte Zugang zu Informationen über die imperiale
Politik – und die damit einhergehende Schrumpfung der arcana imperii, die
der regierenden Elite allein zur Verfügung stehen – gravierende
Auswirkungen auf Charakter und Bedeutung der imperialen Mission gehabt.
Sie hat sich also nicht nur im Zuge der demokratischen, sondern auch der
medialen Revolution verändert. Die Wahlbevölkerung im imperialen
Zentrum ist dadurch in die Austarierung des Spannungsverhältnisses
zwischen Mission und Interessendurchsetzung einbezogen worden, und die
Bevölkerung der Peripherie kann die Geltung der imperialen Mission gegen
die tatsächliche Politik des Empire einfordern.
Exemplarisch für das Spektrum von Möglichkeiten, in einem
demokratischen Imperium die Spannung zwischen Mission und
Interessenverfolgung politisch bearbeiten zu können, ist der Gegensatz
zwischen den US-Präsidenten Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson.
Roosevelt, der als klassischer Imperialist unter den US-Präsidenten gilt,
maß der Durchsetzung von Interessen ein größeres Gewicht bei als den
Bindungen der Mission. Symptomatisch dafür ist das von ihm verfasste
Corollar zur Monroe-Doktrin aus dem Jahre 1904, das überall dort mit
Intervention drohte, wo politische Bewegungen die Rückzahlung
amerikanischer Schuldenansprüche gefährdeten – die USA hätten als
«internationale Polizeimacht» die Verpflichtung, «fortgesetztem
Fehlverhalten» Einhalt zu gebieten. Gleichzeitig verfolgte Roosevelt im
pazifischen Raum eine Politik des Gleichgewichts, die weit davon entfernt
war, amerikanische Vorherrschaftsansprüche – etwa gegenüber Japan –
geltend zu machen. 45 Für seine Vermittlung im Russisch-Japanischen
Krieg, die an der Idee eines Gleichgewichts der Mächte orientiert war,
wurde ihm 1905 der Friedensnobelpreis verliehen. Roosevelt war also
bestrebt, die imperiale Mission der USA zu begrenzen. Wenn er von den
USA als einer «internationalen Polizeimacht» sprach, so wollte er diese
Rolle auf unmittelbare amerikanische Interessen beschränkt wissen.
Die Politik Woodrow Wilsons hingegen wies den USA eine globale
Aufgabe zu, und hierzu musste Wilson die imperiale Mission Amerikas
normativ aufladen. Ohne die Vorstellung von einer Mission, die weit über
die unmittelbaren ökonomischen und politischen Interessen der USA
hinausging, wäre das militärische Eingreifen der USA in den Ersten
Weltkrieg, bei dem erhebliche Verluste an Menschenleben zu gewärtigen
waren, innenpolitisch nicht durchsetzbar gewesen. Erst das Projekt der
Herstellung einer weltumspannenden Friedensordnung («a war to end all
wars»), der Durchsetzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker und
schließlich dessen Sicherung in Form der Demokratie («to make the world
safe for democracy») brachten Wilson die Zustimmung zur Einmischung in
eine Region, aus der sich herauszuhalten bis dahin ein Grundkonsens der
amerikanischen Außenpolitik gewesen war. 46 Diese Unterstützung war
freilich nicht groß genug, um eine langfristige Bindung der USA auf dem
europäischen Kontinent zu ermöglichen, und so ist Wilson mit dem Frieden
von Versailles politisch gescheitert. Die imperiale Mission, die er den USA
zugedacht hatte, überforderte die Folgebereitschaft der amerikanischen
Bürger.
Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson stehen für die Eckpunkte des
Spannungsverhältnisses zwischen großräumlicher Interessenpolitik und
imperialer Mission, und dieses Spannungsverhältnis ist den USA bis heute
erhalten geblieben. Das betrifft die jeweilige Orientierung der Präsidenten
und ihrer Beraterstäbe ebenso wie das Kommunizieren von Entscheidungen
in die amerikanische Öffentlichkeit hinein und deren Kommentierung durch
journalistische und wissenschaftliche Beobachter. Auch hier gibt es zwei
Extreme, die eine lang gestreckte Linie von Möglichkeiten begrenzen: Auf
der einen Seite wird eine überwiegend interessenorientierte Politik so
präsentiert, als sei sie wesentlich an den normativen Vorgaben der
imperialen Mission ausgerichtet, auf der anderen Seite werden die
Eigeninteressen selbst dort herausgestellt, wo imperiales Agieren
überwiegend der Bereitstellung kollektiver Güter gilt oder gar die
Durchsetzung von Menschenrechten in geopolitisch marginalen Regionen
zum Ziel hat. Letzteres ist im Übrigen keineswegs die ausschließliche
Domäne antiimperialer Ideologiekritiker. 47 Auch Politiker, die glauben, sie
fänden nur dann eine hinreichende Unterstützung für ihre Politik, wenn sie
Normdurchsetzung als Interessenverfolgung deklarieren, bedienen sich
einer solchen Strategie.
Imperiale Missionen tendieren dazu, mit religiösen Begriffen und einem
entsprechenden Pathos aufgeladen zu werden. Das notorische
Unverständnis vieler Europäer gegenüber der religiösen Rhetorik der
amerikanischen Politik zeugt von einem Unverständnis gegenüber der
imperialen Mission der USA. Diese Rhetorik lässt sich weder auf
strategisches Kalkül beim Stimmensammeln in einer stark christlich
geprägten Wählerschaft noch auf pure Irrationalität reduzieren, wie in
europäischen Kommentaren häufig behauptet wird. Hier geht es um den
Kern des politischen Selbstverständnisses der USA, von Woodrow Wilsons
Zielsetzungen beim Eintritt Amerikas in den Ersten Weltkrieg über Dwight
D. Eisenhowers vor Beginn der Invasion in der Normandie geprägte Formel
vom «Kreuzzug in Europa» bis zu Ronald Reagans Charakterisierung der
Sowjetunion als «Reich der Finsternis» und George W. Bushs Begriff einer
«Achse des Bösen», die vom Irak bis Nordkorea reiche. 48
Die ausgeprägte Selbstsakralisierung eines Imperiums provozierte schon
immer starke antiimperiale Reaktionen. Das ideenpolitisch wirkmächtigste
Zeugnis dieser Art ist das Danielbuch des Alten Testaments, wo der
Anspruch der den Vorderen Orient beherrschenden Seleukiden, ein Reich
von grenzenloser Dauer errichtet zu haben, in Daniels Deutung des
Nebukadnezar-Traums als Abfolge von vier Großreichen und dem nahen
Ende des letzten dieser Reiche bestritten wird. 49 Die apokalyptische
Vorstellung vom herannahenden Reich Gottes wird hier gegen die
Behauptung von der Ewigkeit der weltlichen Reiche ins Feld geführt. Es
kommt darum auch nicht von ungefähr, dass gerade der Nebukadnezar-
Traum und seine Deutung durch Daniel bei antiimperialen Rebellen und
Revolutionären immer wieder in neuen Varianten und Auslegungen
Verbreitung gefunden hat.
Das dabei zu beobachtende Grundmuster, nach dem eine auf
quasireligiöse Gewissheiten zurückgreifende Imperialrhetorik antiimperiale
Gegenrhetoriken provoziert, die sich ihrerseits auf religiöse Gewissheiten
stützen, kennzeichnet auch die gegenwärtige Debatte über den Status und
die Macht des American Empire: Je stärker die US-Politik in quasi-religiösen
Gewissheiten kommuniziert wird, etwa wenn sie ihre Gegner als satanisch
oder dämonisch bezeichnet, desto stärker übernehmen jene Kräfte den Part
des wichtigsten antiimperialen Gegenspielers, die ebenfalls mit religiösen
Gewissheiten aufzuwarten vermögen. Es kommt also nicht von ungefähr,
dass diese Rolle seit geraumer Zeit dem Islamismus zugefallen ist. Daran
wird sich trotz Chinas wirtschaftlichem Erstarken vorerst nichts ändern.
Der Islamismus ist die wirkmächtigste Herausforderung des
amerikanischen Empire, weil er dessen Mission bestreitet und die USA
seinerseits als den «großen Satan» bezeichnet. 50
Im Prinzip ist die imperiale Dämonologie eine ins Religiöse gesteigerte
Form des Barbarendiskurses, in dem die Völker, die nicht zum imperialen
Herrschaftsbereich gehören, auf eine niedrigere Stufe gestellt und zum
potenziellen Objekt imperialer Zivilisierung gemacht werden. Die
antiimperiale Dämonologie zahlt das mit gleicher Münze heim, indem sie
das imperiale Zentrum zum Hort des Sittenverfalls und der Sünde stilisiert.
Der Barbarendiskurs und die Konstruktion des imperialen
Raumes

Von erheblicher Bedeutung für die Überzeugungskraft einer imperialen


Mission ist die diskursive Konstruktion dessen, wogegen sich diese Mission
richtet beziehungsweise was durch sie am politischen Dominantwerden
gehindert werden soll: Dies wird hier zusammengefasst unter dem
Oberbegriff des Barbaren beziehungsweise des Barbarischen.
Der Barbarendiskurs ist ein durchgängiges Merkmal zumindest der
Imperien, die sich die Zivilisierung der von ihnen beherrschten Räume zur
Aufgabe gemacht haben. 51 Seine zentrale Funktion besteht darin, die
Grenzen des Imperiums als Räume asymmetrischen Aufeinandertreffens zu
markieren. Hier stehen sich nicht, wie bei zwischenstaatlichen Grenzen,
prinzipiell Gleichartige gegenüber. Hier endet die Welt der Guten und
Höherstehenden, und es beginnt ein Bereich des Ungeordneten und
Unberechenbaren, dem gegenüber man stets auf der Hut sein muss.
Imperiale Grenzen sind insofern immer auch Grenzen zwischen Kosmos und
Chaos. Dass Imperien, wie eingangs erwähnt, auf die Halbdurchlässigkeit
ihrer Außengrenzen Wert legen, dürfte angesichts dieser
Grenzwahrnehmung klar sein.
Die im Barbarendiskurs erzeugte Asymmetrie zeigt sich vor allem darin,
dass durch ihn die einen als Subjekt und die anderen als Objekt der Politik
beschrieben und entsprechend in die politische Vorstellungswelt
eingeschrieben werden. Nun kann man sicherlich einwenden, die Verteilung
der Subjekt- und Objektrolle an der Peripherie von Imperien erfolge
machtpolitisch und bedürfe keiner diskursiven Formierung. Aber der
Barbarendiskurs verwandelt das, was ohne ihn ein bloßes Machtgefälle oder
der Unterschied zwischen einem gut organisierten Militärapparat und
lockeren Stammesbünden wäre, in einen legitimen Unterschied, der nur
abgemildert werden kann, wenn sich die Barbaren den
Zivilisationsbemühungen des Imperiums aussetzen, wenn sie also bereit
sind, sich «entbarbarisieren» zu lassen. Sie müssen so werden wie die
Bewohner des imperialen Raumes, um in ihn Einlass zu finden. Ansonsten
haben sie Zutritt nur als Gefangene, die öffentlich zur Schau gestellt
werden, um gleichermaßen von der Macht des Imperiums wie von seiner
Bedrohung durch das Barbarische zu künden. Diese Tradition reicht von
den Triumphzügen siegreicher römischer Feldherren und Kaiser über die
völkerkundlichen Präsentationen der europäischen Kolonialreiche bis zu
den Bildern gefangener Taliban nach dem jüngsten Afghanistankrieg.
Der grundsätzlich asymmetrische Barbarendiskurs kann unterschiedliche
Formen annehmen: Er kann ethnographisch geführt werden, wobei der Weg
der Selbstzivilisierung durch die politische und soziale Annäherung ans
Imperium jederzeit offen steht; er kann religiös fundiert sein, was heißt,
dass die Entbarbarisierung durch die Übernahme der Religion des
Imperiums erfolgt; er kann schließlich auf rassische Kategorien
zurückgreifen, wie dies im Kolonialismus häufig der Fall war, und dann ist
eine völlige Entbarbarisierung grundsätzlich ausgeschlossen. Nur selten
beschränkt sich der Barbarendiskurs jedoch auf eine der genannten
Formen. Zumeist verbinden sie sich oder überlagern einander, was zu
Verschärfungen, aber auch Abschwächungen der Grenzziehung führen
kann. Die asymmetrische Grundkonstellation aber bleibt in jedem Fall
erhalten. Gleichzeitig beschwört der Barbarendiskurs in den imperialen
Peripherien einen Abstand zwischen Intra- und Extraimperialität herauf, der
so in Wirklichkeit nur selten existiert. In den weiträumigen Grenzgebieten
der Imperien sind die Übergänge zwischen Innen und Außen oft fließend,
und es steht keineswegs ein- für allemal fest, in welchem Maße und in
welcher Hinsicht ein Stamm oder Clan pro- oder antiimperial eingestellt ist.
So dient der Barbarendiskurs immer wieder auch der semantischen
Befestigung einer Grenze, die sonst verschwimmen würde oder unsichtbar
bliebe. Er bringt eine imaginäre Trennungslinie hervor, welche die faktische
Konturlosigkeit des Imperiums kompensieren soll. Die kommunizierte
Asymmetrie ist dann eine, die in den Grenzregionen des Imperiums gar
nicht feststellbar ist, durch die sich das Zentrum aber versichert, dass es
die Grenzen seines Herrschaftsbereichs unter Kontrolle hat.

Erst unter dem Eindruck der Perserkriege und des athenischen


Hegemonieanspruchs ist im antiken Griechenland der Barbarenbegriff
politisch aufgeladen worden. Der Barbar wurde zum Gegenbild der von den
Griechen verkörperten Zivilisation, wodurch der Eroberungspolitik der
Athener eine Zivilisierungsfunktion zukam. 52 Bei Herodot ist der Barbar
durch seine nomadische Lebensweise und sein promiskuitives
Sexualverhalten charakterisiert; er trinkt ungemischten Wein, isst rohes
Fleisch und schreckt selbst vor Kannibalismus nicht zurück. Imperiale
Zivilisierung bedeutete also, die Nomaden in den Grenzregionen sesshaft zu
machen sowie Menschenopfern und Kannibalismus ein Ende zu bereiten. 53
In der kollektiven Vorstellungswelt der Reichsbevölkerung stand vor allem
Letzteres immer wieder im Zentrum. Neben den Berichten von
Menschenopfern und Kannibalismus ist es der bei Reiternomaden
verbreitete Frauenraub, der das imperiale Bild des Barbarischen geprägt
hat. 54
Sobald ein Imperium die augusteische Schwelle überschritten hat, also
von der expansiven in die zivilisierende Phase eingetreten ist, wachsen die
Gefühle der Bedrohung durch das Barbarische, und sie konkretisieren sich
insbesondere in den Imaginationen weiblicher Verletzlichkeit. Diese Linie
lässt sich von den Römern und Chinesen über die europäischen
Kolonialimperien bis zu den USA in der Zeit ihrer kontinentalen
Westexpansion ziehen. In modifizierter Form findet sie sich zu Beginn des
21. Jahrhunderts in den Bildern und Berichten von gedemütigten und
vergewaltigten Frauen, wie sie in vermehrtem Maße für die ethnischen
(barbarischen) Kriege an den Rändern der Wohlstandszonen typisch sind. 55
Solche Berichte stellen dann wiederum eine Aufforderung an die so
genannte zivilisierte Welt dar, notfalls mit militärischen Mitteln zu
intervenieren, um ein Mindestmaß an Menschenrechtsschutz in diesen
Gebieten durchzusetzen.
Während Berichte und Bilder von barbarischer Grausamkeit die kollektive
Vorstellungswelt der Bevölkerung prägten und ihre Bereitschaft zur
Verteidigung der imperialen Grenzen verstärkten, war die operative Politik
der Imperien durch fortgesetzte Anstrengungen zur Sesshaftmachung
nomadischer Grenzvölker gekennzeichnet. Deren Verwandlung von Jägern
in Bauern zielte stets darauf ab, jenseits der imperialen Grenzen Räume der
Stabilität und des Friedens zu schaffen und so den Aufwand zu senken, der
für den militärischen Schutz gegen räuberische Nomadenhorden betrieben
werden musste. Die imperiale Grenzsicherung wurde auf die
«entbarbarisierten Barbaren» vorverlegt.
Eine Alternative zur Pazifizierung durch Sesshaftmachung ist die
Übernahme kriegerischer Barbaren in die Dienste des Imperiums, wo sie
dann unmittelbar mit der Aufgabe der imperialen Grenzsicherung betraut
werden. Von den klassischen Weltreichen haben am stärksten die Römer,
am wenigsten die Chinesen auf eine solche Methode zurückgegriffen.
Weitere Beispiele dieses Verfahrens sind die Kosaken des zarischen
Russland, aber auch die in den Kolonien ausgehobenen Truppenteile der
europäischen Kolonialmächte. Die Nutzung afghanischer Warlords zum
Sturz des Talibanregimes in Kabul durch die USA kann als moderne
Variante einer solch riskanten Politik imperialer Grenzsicherung angesehen
werden. Riskant ist sie, weil die Kooperation schnell in Konfrontation
umschlagen kann, das Imperium seinen Zivilisierungsanspruch in Frage
stellt und schließlich Gefahr läuft, von den in seinen Diensten stehenden
und mit seinen Mitteln ausgerüsteten Barbaren überrannt oder schrittweise
übernommen zu werden. Das Römische Reich, das mit der «Barbarisierung
der Armee» 56 diesen Weg am weitesten beschritten hat, ist daran –
jedenfalls im Westen – politisch-militärisch gescheitert: Im 6. Jahrhundert
hatte sich die Westhälfte des Imperiums in ein Mosaik germanischer
Königreiche aufgelöst, die für den Fortgang der europäischen Geschichte
bestimmend werden sollten. Der imperiale Großraum war in eine
kleinräumigere Ordnung zerfallen. Dagegen hat in China die Barbarisierung
des Reichs durch die mongolischen Eroberer langfristig einen anderen
Verlauf genommen: In viel stärkerem Maße als im Westen des Römischen
Reichs kam es zur Assimilation der Barbaren; die Einheit des Reichs blieb
im Wesentlichen gewahrt, und infolgedessen waren die Eroberer auf einen
administrativen Apparat angewiesen, den sie über weite Teile mit Personen
aus der militärisch unterworfenen Bevölkerung besetzen mussten. 57
Am Anfang der mongolischen Assimilation an die überlegene chinesische
Zivilisation steht der Entschluss des mongolischen Großkhans Ögödei, eines
Sohns von Dschingis Khan, die eroberten chinesischen Gebiete nicht – wie
zunächst vorgesehen – in Weideland für die mongolischen Herden zu
verwandeln, sondern von den dort ansässigen Chinesen Steuern zu erheben,
was höhere Einnahmen versprach. 58 Allerdings waren die Mongolen selbst
nicht in der Lage, diese Entscheidung umzusetzen. Um sich nicht gänzlich
von den militärisch Unterworfenen abhängig zu machen, setzten sie
muslimische Steuerpächter ein, zumeist Kaufleute, die über die
Seidenstraße die Handelsverbindungen zwischen China und Vorderasien
aufrechterhielten; sie ersteigerten nun große Gebiete, um aus ihnen
größere Summen herauszuholen. Die Folge davon waren ruinöse
Steuerpachten, die in Nordchina zu gravierenden wirtschaftlichen
Problemen führten. Die Steuerpächter waren schließlich ebenso verhasst
und gefürchtet wie die mongolischen Krieger. Was die Mongolen betrieben,
war eine Form von Mehrproduktabschöpfung, bei der die vorhandenen
sozioökonomischen Strukturen nicht auf einen Schlag zerstört, aber durch
kontinuierliche Übernutzung auf Dauer zugrunde gerichtet wurden.
Mit der Eroberung des Südreichs der Song-Dynastie übernahm Dschingis’
Enkel Kublai den chinesischen Dynastienamen Yuan und führte an seinem
Hof chinesische Riten ein. Infolge der Vergrößerung ihres
Herrschaftsbereichs waren die Mongolen verstärkt auf chinesische
Schreiber angewiesen, ohne die sie die bürokratische Ordnung des
Großraums nicht aufrechterhalten konnten. Schließlich griffen sie im Jahre
1315 auf die traditionelle Beamtenprüfung zurück, zu der sie freilich auch
Angehörige anderer Ethnien zuließen, um nicht völlig in die Abhängigkeit
von den Han-Chinesen zu geraten. Gleichzeitig suchten die Mongolen eine
völlige Assimilation an die überlegene chinesische Kultur zu vermeiden. Sie
verboten Eheschließungen mit chinesischen Frauen, wickelten die
Regierungsgeschäfte in mongolischer Sprache ab und zogen sich während
der Sommermonate in die Mongolei zurück. 59 Dem stand auf chinesischer
Seite das konfuzianische Vertrauen in die verändernde Wirkung der Kultur
gegenüber, die mit der Zeit auch die barbarischen Eroberer aus dem
Norden zivilisieren werde. Nach dem Zusammenbruch der Yuan-Dynastie
und dem Rückzug der Mongolen nach Norden hatte sich die chinesische
Gesellschaft jedoch grundlegend verändert: Gewalt als Mittel der
Herrschaft erlangte einen höheren Stellenwert, und das Bedürfnis nach
militärischer Sicherung gegen die Barbaren aus dem Norden war deutlich
gewachsen.
Einen ganz anderen Verlauf nahm der Barbarendiskurs bei den Spaniern.
Hier war das Imperium nicht durch barbarische Invasion bedroht; die
«Wilden» der neu entdeckten Welt wurden nur als Objekt der Zivilisierung
sichtbar. Zivilisierung hieß entsprechend der imperialen Mission Spaniens
vor allem Christianisierung. Es ging nicht darum, Nomaden sesshaft zu
machen, sondern Menschenopfer zu vermeiden. Da die kannibalischen Riten
von einer Mehrheit der Indio-Bevölkerung gebilligt würden, dürften die
Spanier, wie Francisco Vitoria in seiner Schrift De jure belli Hispanorum in
Barbaros (1539) argumentierte, nicht nur eingreifen, um mögliche Opfer zu
befreien, sondern auch eine Herrschaft errichten, welche die Eingeborenen
an der Weiterführung dieser Praxis hindert. 60 Eine Bedrohung der
spanischen Macht haben die «Wilden» allerdings zu keinem Zeitpunkt
dargestellt. Vom Anfang bis zum Ende des spanischen Weltreichs waren
und blieben sie Objekt imperialer Politik. 61
Den Kosaken im zarischen Russland kommt eine Mittelstellung zwischen
der römischen und der spanischen Barbarenerfahrung zu. Da gerade ihre
nomadische Lebensweise die Voraussetzung dafür war, dass sie die sich in
der Weite der Steppe verlierenden Reichsgrenzen gegen Attacken und
Übergriffe von außen kommender Nomadenvölker zu schützen vermochten,
bestand kaum ein Interesse daran, sie sesshaft zu machen. Das Risiko, das
die Zaren bei der Einbeziehung halbbarbarischer Völkerschaften in die
Reichssicherung eingingen, erwuchs aus deren starker Neigung zu
Rebellion und Plünderung innerhalb des imperialen Raums; es war die
Unterstützung durch die Kosaken, die den Bauernaufständen des frühen
18. Jahrhunderts Dynamik und Gefährlichkeit verlieh. Aber auch nach der
festeren Einbindung der Kosaken in die russische Armee seit den 1750er
Jahren blieben sie ein im Hinblick auf die imperiale Mission fragwürdiges
Element – angesichts ihrer Art der Kriegführung drängte sich vielen
russischen Beobachtern die Frage auf, ob nicht die angeblich zivilisierende
Macht des russischen Reichs barbarischer sei als die Bevölkerung der
eroberten Gebiete des Kaukasus und Mittelasiens. 62
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts nahmen in den Vorstellungen der
Europäer die arabischen Sklavenjäger und -händler die Position des
Barbarischen ein, gegen die sich die imperiale Mission der Kolonialmächte
richtete. Die seit langem bestehenden Formen der Menschenjagd und des
Menschenhandels, die aus den arabischen Gebieten Afrikas tief nach
Schwarzafrika hineinreichten, wurden zur Rechtfertigung, zumindest zum
Vorwand für die Machtübernahme der Europäer in den westafrikanischen
und ostafrikanischen Gebieten. 63 Aber auch gegeneinander haben die
europäischen Mächte ihren Führungsanspruch mit dem Vorwurf
barbarischer Verhaltensweisen der Hegemonialkonkurrenten gerechtfertigt.
Im Ersten Weltkrieg etwa erhoben die Deutschen gegen die Entente den
Vorwurf, Kolonialtruppen auf dem europäischen Kriegsschauplatz
einzusetzen und dadurch zur Barbarisierung der Kriegführung beizutragen.
Die Entente ihrerseits beschuldigte die Deutschen, während des Vorstoßes
durch Belgien in barbarischer Weise gegen die Zivilbevölkerung
vorgegangen zu sein. 64
Je stärker die zivilisatorische Komponente in der imperialen Mission
ausgeprägt ist, desto schärfer tritt das Gegenbild des Barbarischen hervor.
Das zeigt sich auch in den jüngsten Debatten um den Terrorismus und
insbesondere die Gestalt des Selbstmordattentäters. Vor allem aber sind es
die Massaker in von ethnischen Gegensätzen gekennzeichneten Kriegen, in
denen heute die Bedrohung des Barbarischen wahrgenommen wird. 65
Gegen beide, den ethnischen Massakerkrieger an der Peripherie der
Wohlstandszonen wie gegen die in sie eindringenden Terroristen, richtet
sich im öffentlichen Diskurs die als zivilisierend verstandene Gewalt des
neuen Imperiums. Aber der Barbar entzieht sich nicht nur den Vorgaben
der Zivilisation. Wenn ihm der Einbruch in den imperialen Raum gelingt, ist
er zugleich eine Gefahr für Frieden und Wohlstand.
Prosperität als Rechtfertigung und Programm imperialer
Herrschaft

Richtet sich die imperiale Mission vor allem an die Eliten im Zentrum des
Reichs und wird durch den Barbarendiskurs die Ordnung des imperialen
Raumes gegen seine chaotische Umgebung abgegrenzt, so soll das
Prosperitätsversprechen alle Bewohner des Imperiums erreichen. Dabei
geht es auch nicht um langfristige Aufgaben und imaginäre Konstruktionen,
sondern um handfeste Vorteile, die das Imperium allen verspricht, die
innerhalb seiner Grenzen leben: Der imperiale Raum ist eine Zone der
Prosperität, die von Armut und Elend umgeben ist. Es ist demnach eine
Wohltat für die Peripherie, wenn sich die Ordnung des Imperiums ausdehnt.
Tatsächlich ist das Prosperitätsversprechen eines der überzeugendsten
Argumente, mit denen Imperien ihre Existenz rechtfertigen können, denn in
vielen Fällen sind ihre Grenzräume auch Räume des Übergangs von
Wohlstand zu Armut. Ob das jedoch der Fall ist, hängt von der Art des
Imperiums und dem Typus seiner Machtausübung ab.
Für Steppenimperien ist es typisch, dass sie den Übergang von der
exploitiven zur investiven beziehungsweise zivilisierenden Form imperialer
Herrschaft nicht vollziehen. Für sie bleibt der eroberte Raum grundsätzlich
Beute, und dementsprechend wird er behandelt. Da die Eroberten den
nomadischen Eroberern zivilisatorisch fast immer überlegen sind, können
Letztere ihre Herrschaft nur auf Gewalt und Ausplünderung stützen. Schon
die Verstetigung von Herrschaft ist unter diesen Umständen schwierig; in
der Regel beschränkt sie sich auf mehr oder minder regelmäßige
Beutezüge. Eine sich auf das Prosperitätsversprechen stützende
Rechtfertigung des Imperiums wäre hier kaum überzeugend.
Die überwiegend exploitive Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie
ist jedoch, wie wir gesehen haben, keineswegs auf die kurzlebige
Beherrschung territorialer Räume in Form von Steppenimperien
beschränkt, sondern lässt sich ebenso in der Frühphase der Seeimperien
beobachten. Die portugiesische wie die niederländische Handelsherrschaft
im indisch-südostasiatischen Raum war wesentlich exploitiver und kaum
investiver Art. Allerdings beruhte sie auf der Bewahrung statt auf der
Zerstörung von vorhandenen Herrschaftsverhältnissen und
Sozialstrukturen, und ihre Aneignungsform war der Tausch und nicht
Gewalt. Die Steppennomaden überrannten und vernichteten die Ordnungen,
auf die sie stießen, um sich deren Werte und Schätze anzueignen; die
Kaufmannsabenteurer, die den großen Entdeckern folgten und Seeimperien
schufen, dockten an die bestehenden Ordnungsstrukturen und
Produktionsverhältnisse an, stellten Verbindungen zwischen ihnen her,
brachten den Fernhandel unter ihre Kontrolle und organisierten einen
wirtschaftlichen Austausch über große Räume hinweg, bei dem sie die
terms of trade zu ihren Gunsten gestalteten. 66
Auf Dauer und mit dem allmählichen Anwachsen des Handelsvolumens
freilich untergrub die Handelsherrschaft der Europäer die vorgefundenen
Sozial- und Herrschaftsstrukturen. Unmerklich, aber stetig erodierten die
Bedingungen, von denen die Handelsimperien abhängig waren. Sie zehrten
gewissermaßen von ihnen, und irgendwann waren sie aufgezehrt. Jetzt
musste, wenn das Imperium fortbestehen sollte, in die Stabilisierung der
Herrschaftsverhältnisse und Sozialstrukturen investiert werden. Diese
Investitionen konnten in der Finanzierung von Infrastrukturmaßnahmen, in
der Weitergabe von Fertigungstechniken beziehungsweise im Aufbau von
Industrien, in der Errichtung von Garnisonen in größeren Städten und an
strategischen Positionen oder in der Entsendung von Verwaltungspersonal
bestehen, das für den Aufbau einer modernen Verwaltung sorgen sollte.
Dadurch erhöhten sich zwangsläufig die Kosten des Imperiums, und ein
Zentrum, das imperiale Politik betrieb, um an ihr zu verdienen, fasste unter
diesen Umständen fast immer den Entschluss, sich aus der direkten
Verantwortung für die handelstechnisch kontrollierten Räume
zurückzuziehen und nach günstigeren Konditionen für aus Handel und
Wandel zu beziehende Gewinne Ausschau zu halten. Fasst man die großen
Zusammenhänge der Weltwirtschaftsgeschichte ins Auge, so sind die
Seeimperien und Handelsreiche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
durch globale Ökonomien abgelöst worden, die zunächst und für einige Zeit
erheblich kostengünstiger funktionierten. Ob sie dies auf Dauer können, ist
eine andere Frage. Auf sie wird noch zurückzukommen sein. 67

Man kann das Überschreiten der augusteischen Schwelle 68 als Alternative


zur allmählichen Auszehrung der Peripherie durch das Zentrum begreifen:
Hierbei wird zu einem relativ frühen Zeitpunkt damit begonnen, in die
Peripherie zu investieren, um sie am Fortbestand der imperialen Ordnung
zu interessieren. Dabei gibt es für die imperiale Politik drei Optionen, die
für sich allein oder, was häufiger der Fall war, in Kombination miteinander
wahrgenommen werden können: Die erste Möglichkeit besteht in der
Bereitstellung kollektiver Güter – Frieden innerhalb des imperialen Raumes,
Rechtssicherheit und die Chance sicheren Reisens und Wirtschaftens –, an
denen die in der imperialen Peripherie Lebenden in gleichem Maße
partizipieren wie die Zentrumsbürger, von deren Genuss also kein
Imperiumsbewohner ausgeschlossen werden kann.
Außer durch die Bereitstellung kollektiver Güter kann die Prosperität des
imperialen Raums aber auch durch die Art seiner wirtschaftlichen
Verflechtung erhöht werden. Voraussetzung dafür ist eine starke Diversität
der in den verschiedenen Gebieten des Imperiums hergestellten Produkte,
die dann innerhalb des imperialen Raumes miteinander ausgetauscht
werden. Im Falle Roms waren dies unter anderem die Getreideimporte aus
Sizilien, Ägypten und Nordafrika, denen der Export von Wein und Olivenöl
aus Italien gegenüberstand. 69 Die wirtschaftliche Verflechtung des
imperialen Raumes beruht also darauf, dass die regionalen
Subsistenzwirtschaften durch Überschussproduktionen abgelöst werden,
womit das Volumen der ausgetauschten Produkte erhöht und deren
Austausch verstetigt wird. Das Ausmaß, in dem sich Überschussproduktion
und Handel entwickeln, hängt freilich entscheidend von der Sicherheit der
Seewege und Handelsstraßen ab. Die Bereitstellung kollektiver Güter und
die Erhöhung des Grades an wirtschaftlicher Verflechtung sind deshalb aufs
engste miteinander verbunden.
Aber es ist nicht nur die Sicherheit des Handelsraums, für die das
Imperium Sorge trägt; zumeist wird er im Gefolge der imperialen Expansion
überhaupt erst erschlossen: Den Truppen folgen die Baumeister und
Ingenieure, die bestehende Häfen vergrößern, neue anlegen und durch den
Bau von Straßen und Brücken den imperialen Raum zu einem
Wirtschaftsraum machen. Die großen Straßenbauprogramme der Römer im
zweiten vorchristlichen Jahrhundert, die via Appia, via Flaminia und via
Aemilia, beruhten nicht nur auf einer wohlbedachten Verbindung von
wirtschaftlichen und militärischen Funktionen, sondern zeigten auch, dass
Rom dabei war, Fähigkeiten für den Aufbau eines Imperiums zu entwickeln
und zu schulen. Eine Voraussetzung für das Straßenbauprogramm der
Römer waren ihre Leistungen beim Bau von Brücken, die eine gradlinige
Führung von Straßen ermöglichten. So konnten die gewundenen
Trampelpfade der alten Handelswege, die nur mit Tragtieren benutzbar
waren, aber nicht von Wagen befahren werden konnten, durch gerade und
gepflasterte (also zu jeder Jahreszeit benutzbare) Straßen abgelöst werden,
die geradezu zum Signum der zivilisatorischen Errungenschaften des
Imperiums wurden. Über ihre militärischen und wirtschaftlichen
Funktionen hinaus dienten sie der Romanisierung und kulturellen
Vereinheitlichung des imperialen Raums. Unter Kaiser Diocletian betrug
das Gesamtstraßennetz des Römischen Reichs schließlich
85 000 Kilometer. 70
Was für die Römer das Straßennetz bedeutete, war für das Britische
Empire die Eisenbahn (und zur Informationsübermittlung der Telegraph):
Massengüter konnten von nun an nicht mehr nur auf dem Seeweg, sondern
auch zu Lande schnell und kostengünstig transportiert werden. Die übrigen
europäischen Kolonialmächte nutzten die Eisenbahn ebenfalls, um das
Landesinnere der von ihnen beanspruchten Territorien wirtschaftlich zu
erschließen. Die Handelswege verlängerten sich so von der See aufs Land
und verbanden auch die nicht an der Küste gelegenen Gebiete mit den
wirtschaftlichen Zentren des Reichs. 71 In diesem Zusammenhang verdient
es der Erwähnung, dass die Eisenbahnsysteme, die von den Europäern bei
ihrem Abzug aus den Kolonien hinterlassen wurden, zumeist größer und
zeitgemäßer waren als die, über welche die in die Unabhängigkeit
entlassenen Staaten einige Jahrzehnte später verfügten. Die Ursachen für
diese Entwicklung mögen vielfältiger Art sein, aber ein Faktor spielte stets
eine zentrale Rolle: Die Eisenbahnlinien waren die Adern und
Nervenbahnen des imperialen Körpers, und als dieser zerfiel, begann auch
die auf ihn ausgelegte Infrastruktur zu zerfallen. In jüngster Zeit bietet das
Auseinanderbrechen des von der Sowjetunion organisierten und
kontrollierten Wirtschaftsraums eine Anschauung vom Niedergang der
Infrastruktur beim Zerfall imperialer Handels- und Wirtschaftsräume. 72
Für das zarische Russland wurde im Übergang vom 19. zum
20. Jahrhundert die verkehrstechnische Erschließung des Riesenraumes,
namentlich der sibirischen Gebiete, zum entscheidenden Faktor dafür, die
imperiale Konkurrenz mit den westlichen Mächten erfolgreich durchhalten
zu können. Finanzminister Sergej Witte war zutiefst davon überzeugt, dass
Russlands politische Unabhängigkeit in wachsendem Maße von seiner
ökonomischen Schwäche bedroht sei und das Zarenreich innerhalb kurzer
Zeit zu einer Ausbeutungskolonie der westlichen Mächte würde, wenn es
ihm nicht gelinge, sich selbst zu einem ökonomischen Zentrum zu
entwickeln. 73 Das von Witte verfolgte Projekt zielte also auf eine größere
wirtschaftliche Prosperität, und das Mittel dazu war für ihn die
verkehrstechnische Erschließung Russlands durch ein großräumig
angelegtes Eisenbahnnetz. Vor allem die Ablösung des mittelasiatischen
Karawanenhandels durch eine leistungsfähige Schienenverbindung stand im
Mittelpunkt seiner Überlegungen. In Verbindung mit der Idee, Russland
müsse über Sibirien hinaus in Ostasien eigene Rohstoffgebiete und
Absatzmärkte erschließen, zu denen die ökonomisch fortgeschrittenen
Konkurrenten keinen Zugang hätten, erwuchs daraus das gewaltige Projekt
der Transsibirischen Eisenbahn als der zentralen Verbindungsader
zwischen dem europäischen und dem ostasiatischen Teil Russlands.
Wie so oft spielten dabei militärische und wirtschaftliche Gesichtspunkte
zusammen: Seit dem Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts war klar, dass
die militärischen Fähigkeiten Russlands weniger durch eine Vergrößerung
seiner Streitkräfte als durch eine Erhöhung ihrer Beweglichkeit zu
verbessern waren. So hatte während des Krimkriegs die Verlegung
russischer Reserven aus dem Moskauer Raum auf die Krim doppelt so lange
gedauert wie der Transport der alliierten Invasionsarmee aus England und
Frankreich. 74 Der preußische Generalstab in Berlin fürchtete eine erhöhte
Beweglichkeit der russischen Truppen mehr als deren zahlenmäßige
Vergrößerung. Auch militärische Erwägungen sprachen also für einen
forcierten Ausbau des Eisenbahnsystems, mit dem es erstmals möglich war,
große Truppenmassen schnell über weite Strecken zu verlegen und sie zu
versorgen. 75 Bald jedoch zeigten sich insbesondere wirtschaftliche
Auswirkungen: Die Kosten für den Gütertransport sanken, und weil
entfernte Wirtschaftsräume miteinander verbunden waren, entstanden
Anreize für ein Wirtschaftswachstum, das die Prosperität des gesamten
Reichs vergrößerte. Das dürfte beim Straßenbau im Römischen Reich
ähnlich gewesen sein: Den unmittelbaren Anstoß gaben militärstrategische
Überlegungen, in denen es darum ging, die Legionen mitsamt Gerät und
Verpflegung möglichst schnell verlegen zu können. Aber der auf Dauer
mindestens ebenso wichtige Effekt der das Imperium strahlenförmig
erschließenden Straßen war die wirtschaftliche Integration, von der
schließlich die Peripherie stärker profitierte als das Zentrum.
Nun muss man freilich einschränkend hinzufügen, dass die ökonomischen
Spin-offs der militärisch motivierten Verkehrsentwicklung nicht immer und
vor allem nicht immer hinreichend stark zustande kamen. Gerade Russland
ist dafür ein gutes Beispiel, insofern sein Ausgreifen in den ostasiatischen
Raum, in erster Linie der Versuch, den Norden Chinas sowie Korea unter
seine Kontrolle zu bringen, zum Zusammenstoß mit Japan führte. Der für
Russland desaströse Ausgang des Krieges von 1904/05 offenbarte ein
weiteres Mal die Schwächen des Zarenreichs, dieses Mal hauptsächlich die
im maritimen Bereich. Die Konsequenz war die Revolution von 1905, die
allgemein als ein Vorbote für den bevorstehenden Zusammenbruch des
zarischen Russlands angesehen wurde.
Eine vergleichbare Entwicklung lässt sich im Falle Spaniens beobachten.
Nicht die gewaltigen Außengrenzen des Imperiums waren hier das Problem,
sondern die Sicherheit des Schiffsverkehrs über den Atlantik. Da die
Einführung des Konvoisystems eine ökonomische Inflexibilität mit sich
brachte und wirtschaftliche Eigeninitiativen weitgehend blockierte, ist es
Spanien – und darin ähnelt es dem zarischen Russland des 19. und frühen
20. Jahrhunderts – im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts nur
unzureichend gelungen, den von ihm beherrschten Raum wirtschaftlich zu
integrieren. Faktisch war Spanien im westeuropäischen Wirtschaftssystem
auf den Status eines Transitlandes für den europäisch-südamerikanischen
Handel herabgesunken. 76
Das sollte durch die unter den Vorgaben des Neomerkantilismus
stehenden Reformen geändert werden. Das Programm der
wirtschaftspolitischen Neuorientierung findet sich bereits in José de
Campillo y Cossíos Schrift Nuevo sistema de gobierno económico para la
América, die 1743 im Manuskript fertig gestellt war. 77 Campillo
konstatierte bei seiner Bestandsaufnahme, dass der Großteil des
lateinamerikanischen Reichtums in Amerika blieb und die Bindungen der
dortigen Ökonomien an das Mutterland immer schwächer geworden waren.
Es kam also darauf an, den imperialen Wirtschaftsraum stärker zu
integrieren, um die Überlebensfähigkeit des Reichs zu sichern. Wie Sergej
Witte ging José de Campillo davon aus, dass das Imperium nur durch eine
Neuordnung seiner Wirtschaftsstrukturen zu retten wäre, und als
Finanzminister machte er sich daran, entsprechende Reformen einzuleiten.
Als Erstes hob er das andalusische Handelsmonopol mit seinem
obligatorischen Konvoisystem auf. Durch die Liberalisierung des Handels
wollte Campillo die spanische Manufakturproduktion stärken und den
Schmuggelhandel schwächen. Sein eigentliches Ziel aber war, das
spanische Amerika in einen Rohstofflieferanten und Abnehmer von
Fertigprodukten aus dem Mutterland zu verwandeln. Dadurch würde das
Handelsvolumen zwischen beiden Reichsteilen anschwellen und die
Wertschöpfung im spanischen Zentrum steigen.
Campillo setzte also auf die Diversifizierung der Produkte, die jedoch
allein zu Lasten des amerikanischen Reichsteils gehen sollte. Bei der
kreolischen Oberschicht Amerikas bewirkte das eine schrittweise Ablösung
vom spanischen Mutterland, das nicht als Reformmotor, sondern als
Entwicklungsbremse wahrgenommen wurde. Die politische Selbständigkeit
versprach eine bessere wirtschaftliche Entwicklung, als sie bei einem
weiteren Verbleib im spanischen Reichsverband möglich gewesen wäre.
Also nahm man die nächste Gelegenheit wahr, um die Unabhängigkeit zu
erlangen. Der in den 1780er Jahren eingeleitete Versuch zu einer stärkeren
wirtschaftlichen Integration des Spanischen Reichs endete mit dessen
politischem Zerfall.
Außer am Römischen und Britischen Reich lässt sich der Zusammenhang
von imperialer Ordnung und wirtschaftlicher Prosperität am Chinesischen
Reich am besten beobachten: In der Zeit der Reichsteilung vom 3. bis zum
6. Jahrhundert ging mit Handel und Gewerbe auch der Geldverkehr
zurück 78 , und damit verlor eines der wichtigsten Medien des imperialen
Wirtschaftsraums an Bedeutung. Nach Wiederherstellung der Reichseinheit
setzte sich dann die umgekehrte Entwicklung durch, wobei vor allem die
Tang-Dynastie den Ausbau der Infrastruktur innerhalb des imperialen
Raums in Angriff nahm. Durch die Anlage von Kanälen und Straßen erhöhte
sie die wirtschaftliche Verflechtung und sorgte so dafür, dass China nicht
nur als politischer, sondern auch als wirtschaftlicher Raum an
Geschlossenheit gewann.
Mit dem Niedergang der Tang erfolgte erneut eine Desintegration des
Wirtschaftsraums, wohingegen es unter der Song-Dynastie abermals zu
einem regelrechten Take-off durch die Verdichtung des Binnenhandels und
die Erhöhung des Geldumlaufs kam. Während dieser Zeit wurde auch
erstmals mit einer Ersetzung des Münzgeldes durch Papiergeld
experimentiert. 79 Wahrscheinlich ist nirgendwo sonst der Zusammenhang
zwischen imperialer Ordnung und wirtschaftlicher Prosperität so direkt und
deutlich erfahrbar gewesen wie in China, was die lange Dauer des Reichs
und sein regelmäßiges Wiedererstehen nach Zeiten des Niedergangs und
Zerfalls erklären würde.
Die Einführung einer einheitlichen, reichsweit akzeptierten Währung
kann die Prosperität imperialer Räume stark begünstigen. Sie ist sicherlich
keine Voraussetzung für den Fernhandel, aber sie erleichtert ihn erheblich
und trägt dadurch zu seiner Ausweitung und Verdichtung bei.
Voraussetzung hierfür ist freilich die Stabilität der Währung und die
Zahlungsfähigkeit des imperialen Zentrums. Im Falle des Römischen wie
des Chinesischen Reichs haben die periodisch auftretenden Inflationen
stark negative Folgen für den reichsweiten Handel und damit die
wirtschaftliche Integration des imperialen Raumes gehabt, und die
wiederholten Staatsbankrotte Spaniens haben nicht nur die eigentliche
Schwachstelle des Reichs offen gelegt, sondern auch erheblich zur
Schwächung seiner wirtschaftlichen Position in Europa beigetragen.
Die größte Aufmerksamkeit haben sicherlich die Briten auf die Währung
gelegt, was dazu geführt hat, dass das Pfund Sterling auch über die
Grenzen des Empire hinaus zur Leitwährung der Weltwirtschaft
aufgestiegen ist. Es waren die Flotte und das Pfund Sterling, die das
Rückgrat des Empire bildeten, und als sich die Briten im Verlauf des Ersten
Weltkriegs von einer Gläubiger- in eine Schuldnernation verwandelten, war
dies der Anfang vom Ende des britischen Weltreichs. An die Stelle des
Pfundes trat der US-Dollar, und über die Wirtschaftszyklen des
20. Jahrhunderts wurde nicht mehr in London, sondern in New York
entschieden.
Bleibt als dritte Option der Prosperitätsgarantie des Imperiums noch die
direkte Investition in die Räume der Peripherie, mit denen sie an das
wirtschaftliche und zivilisatorische Niveau des Zentrums herangeführt
werden sollen. Mit Imperialismustheorien sind solche Investitionen nicht zu
erklären, und auch Imperiumstheorien müssen in ihrem Fall auf eine
Langfristigkeit strategischer Überlegungen zurückgreifen, wie sie allenfalls
aus der imperialen Mission, nicht jedoch aus der operativen Politik der je an
der Macht befindlichen Eliten heraus zu verstehen ist. Wie dem auch sei –
es hat solche Zivilisierungsinvestitionen in der Geschichte der Imperien
immer wieder gegeben, selbstverständlich nicht bei Steppenimperien und
auch nicht in der Glanzzeit der Seeimperien, aber offenbar stets dann, wenn
seezentrierte Großreiche ihre Herrschaft aufs Land ausgedehnt oder
Landreiche sich konsolidiert haben. Ein Beispiel für Ersteres sind die
Briten, eines für Letzteres sind die Chinesen, und Rom ist wohl als eine
Mischung aus beidem anzusehen.
Wenn es Imperien gelingt, das Prosperitätsversprechen einzulösen, durch
den Barbarendiskurs eine imaginäre Grenze zu errichten, die
Überzeugungskraft der imperialen Mission aufrechtzuerhalten und
schließlich den Frieden in dem von ihnen beherrschten Raum zu sichern,
dann verschafft ihnen das Stabilität und Dauer. Dieses Zusammenwirken
garantiert den Fortbestand des Imperiums, und umgekehrt beginnt dessen
Zerfall, wenn einzelne Bestandteile versagen. Hier setzen zugleich die
Feinde des Imperiums den Hebel an.
5. DAS SCHEITERN DER IMPERIEN AN DER
MACHT DER SCHWACHEN
Eine Reihe von Imperien sind an starken Konkurrenten gescheitert. Sie
wurden entweder militärisch besiegt und auf den Status einer
Regionalmacht zurechtgestutzt oder so sehr geschwächt, dass sie in
anschließenden Revolutionen und Bürgerkriegen von der politischen
Landkarte verschwanden. Das napoleonische Kaiserreich und das
wilhelminische Deutschland – eher Imperiumsaspiranten als bereits
wirkliche Imperien – sind nach ihrer militärischen Niederlage durch die
Beschlüsse der Siegermächte zu Nationalstaaten gemacht worden, deren
Macht und Größe mit den Funktionsimperativen des europäischen
Gleichgewichts zu vereinbaren waren. Ihr militärisches Scheitern war,
wenn auch in dramatischerer Form, eine Wiederholung des spanischen
Scheiterns während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. 1
Demgegenüber sind das zarische Russland, das Osmanische Reich und auch
die Donaumonarchie an einer Mischung aus innerer Schwäche,
militärischen Niederlagen gegen machtpolitische Konkurrenten und
schließlich Rebellionen und Revolutionen im Innern zugrunde gegangen.
Während das napoleonische Frankreich und das wilhelminische
Deutschland unmittelbar an der militärischen Überlegenheit ihrer Gegner
zerschellten, waren im Falle Russlands, Österreich-Ungarns und des
Osmanenreiches die militärischen Niederlagen nur der Endpunkt eines
lange währenden Verfallsprozesses, den man durch den Eintritt in den
Ersten Weltkrieg gerade hatte aufhalten und umkehren wollen.
Aufschlussreicher als das Scheitern von Imperien an starken Gegnern ist
es, wenn sie von schwachen Kontrahenten in die Knie gezwungen werden,
von denen man nicht erwartet hätte, dass sie zu einer ernsthaften
Bedrohung werden können. Wenn imperiale Akteure von Gleichstarken oder
Stärkeren in die Schranken gewiesen werden, zeugt das davon, dass sie
über ein wesentliches Merkmal von Imperialität nicht hinreichend verfügt
haben: die Weltherrschaft oder zumindest doch die alleinige Beherrschung
der je eigenen «Welt»; sie waren nur im eingeschränkten Sinn Imperien, da
diese doch dadurch definiert sind, dass es in ihrer «Welt» keine gleich
starken oder gar stärkeren Mächte gibt. Was wir hier beobachten, ist also
eigentlich nicht das Scheitern von Imperien, sondern das Auf und Ab der
großen Mächte. Dieses Problem wäre dann in Großmachts- oder
Hegemonialkriegstheorien zu klären 2 , hätte aber wenig zu tun mit den
Problemen imperialer Ordnung und ihres Zerfalls.
Nun sind freilich, wie oben gezeigt, die Unterscheidungen zwischen
Hegemonialmacht und Imperium in der Realität keineswegs so eindeutig
und prägnant, wie dies die Ordnung der Begriffe suggeriert: Imperiale
Welten können sich überschneiden, wie dies zwischen Spanien und England
im 17. Jahrhundert oder zwischen England und Frankreich während des
siebenjährigen Krieges um die Vorherrschaft in Nordamerika, schließlich
zwischen England und Russland an den Konfliktlinien vom Schwarzen Meer
bis zum Hindukusch der Fall gewesen ist. In diesen Überlappungszonen
imperialer Welten vermischen sich Hegemonial- und Imperialkrieg
miteinander, und es ist nicht immer klar erkennbar, ob hier Großmächte
miteinander um die Vorherrschaft ringen oder ob eine imperiale Macht
versucht, den Widerstand antiimperialer Akteure zu brechen. Die so
genannten Stellvertreterkriege während der Ost-West-Konfrontation etwa
entsprachen diesem Muster: Eine der beiden imperialen Mächte hatte sich
in ihnen antiimperiale Gewänder angelegt und eine Widerstandsbewegung
an der imperialen Peripherie des Gegners unterstützt, um so den
Hegemonialkonflikt, der infolge der Nuklearwaffen beider Seiten nicht mehr
als großer Krieg ausgetragen werden konnte, auf kleiner Flamme am
Köcheln zu halten.
Es ist also nicht immer klar, ob Imperien, wenn sie an ihrer Peripherie mit
eher schwachen antiimperialen Akteuren in Konflikte geraten, es
tatsächlich nur mit diesen zu tun haben oder ob dahinter das Zentrum einer
anderen imperialen «Welt» steht, das die Gelegenheit wahrnimmt, dem
großen Hegemonialkonkurrenten in dessen «Welt» oder im Niemandsland
zwischen den «Welten» eine Niederlage zu bereiten. Den USA ist es in
Vietnam so ergangen, der Sowjetunion danach in Afghanistan, um nur die
wichtigsten Beispiele zu nennen.
Bevor die Hegemonialkonkurrenten über die Atombombe sowie
entsprechende Trägersysteme verfügten und dadurch große
Hegemonialkriege unführbar wurden, bargen kleine imperiale Kriege an der
Peripherie der Reiche stets die Gefahr, sich zu Hegemonialkriegen
auszuwachsen, wenn sich dort die Interessen- und Einflussbereiche von
Imperiumskandidaten überschnitten. Das lässt sich etwa am
Hineinschlittern der europäischen Mächte in den Ersten Weltkrieg zeigen:
Für den österreichischen Generalstabschef Conrad von Hötzendorf war der
Krieg gegen Serbien, auf den er zielstrebig zusteuerte, ein kleiner
imperialer Krieg, in dem ein lästiger Störer des inneren Friedens der
Donaumonarchie in die Schranken gewiesen oder ausgeschaltet werden
sollte. Trotz der Probleme, welche die österreichisch-ungarischen Verbände
im ersten Kriegsjahr mit der serbischen Armee hatten 3 , besteht kein
Zweifel daran, dass sie Serbiens militärisch schließlich Herr geworden
wären; es hätte sich dann um einen weiteren der zahlreichen Balkankriege
gehandelt, in denen die regionale Ordnungsmacht die politischen
Konstellationen nach ihren Vorstellungen und Interessen umzugestalten
versuchte. Indem jedoch Russland, das sich als Schutzmacht der Slawen auf
dem Balkan verstand und damit seine imperiale Einflusszone weit vorschob,
die serbische Seite unterstützte und die Generalmobilmachung erklärte,
verwandelte sich der kleine imperiale in den großen hegemonialen Krieg. In
seiner Folge ist die europäische Vormachtstellung in der Welt zu Ende
gegangen.
Da imperiale Kriege von ihrer Anlage her räumlich begrenzt sind,
hegemoniale dagegen eine starke Tendenz zur Ausweitung des Konflikts
und zur Einbeziehung immer weiterer Gebiete in den Krieg haben, ist klar,
dass antiimperiale Akteure dazu tendieren, ihren Kampf gegen die imperiale
Herrschaft zum Bestandteil eines Hegemonialkrieges zu machen. Gelingt
ihnen dies, so erhöhen sich die Chancen auf eine erfolgreiche Durchsetzung
ihres politischen Willens erheblich.
Der politischen wie militärischen Führung des Deutschen Reichs war von
Beginn an bewusst, dass sich der Konflikt zwischen Wien und Belgrad im
Falle eines deutschen Eingreifens zu einem großen Hegemonialkrieg
ausweiten würde, der sich dann auch räumlich nicht mehr auf einen der im
Balkanraum üblichen Imperialkriege beschränken ließe. Wenn man den
Krieg schon räumlich ausweiten musste, wollte man ihn doch zumindest
zeitlich begrenzen, da man glaubte, er lasse sich nur so gewinnen. Das war
die Pointe der Planungen des Generalstabschefs Graf Alfred von Schlieffen,
die eine schnelle Niederwerfung Frankreichs vorsahen, um anschließend
sämtliche Kräfte auf die Auseinandersetzung mit Russland konzentrieren zu
können. Die zeitliche Begrenzung war für das Deutsche Reich die
perspektivisch wichtigere, da man bei einer längeren Kriegsdauer aus
geostrategischen Gründen ins Hintertreffen zu geraten fürchtete. Man
brachte in grundsätzlich offensiver Ausrichtung zusätzlichen Raum ins
Spiel, um den zeitlichen Verlauf des Krieges unter Kontrolle zu behalten.
Das war ein überaus riskantes Spiel, und als klar war, dass es damit ernst
wurde, versuchte man in Berlin in letzter Minute, den Gang der Ereignisse
doch noch anzuhalten. 4 Aber dazu war es in den letzten Julitagen des
Jahres 1914 zu spät. Man hatte den Fehler gemacht, Österreich-Ungarn für
sein Projekt eines begrenzten imperialen Ordnungskrieges gegen Serbien
freie Hand zu lassen, ohne hinreichend Vorsorge dafür zu treffen, selbst
nicht in einen Hegemonialkrieg hineingezogen zu werden, der ganz andere
Dimensionen und Auswirkungen haben würde als ein Imperialkrieg an der
europäischen Peripherie. 5 Und mit dem Übergang vom Imperial- zum
Hegemonialkrieg war auch die Zeitsouveränität dahin.
Gerade am serbischen Beispiel wird der Unterschied zwischen den
Erfolgschancen imperialer Politik in Europa und auf anderen Kontinenten
nochmals deutlich: Während die USA ihre kleinen imperialen Kriege in
Mittelamerika, in der Karibik und schließlich auch im pazifischen Raum
führen konnten, ohne mit anderen Großmächten zusammenzustoßen –
allenfalls hatten sie es, wie im spanisch-amerikanischen Krieg von 1898, mit
einer Macht, nicht jedoch mit einer Koalition großer Mächte zu tun –, 6
stand in Europa jeder Imperialkrieg in der Gefahr, in einen großen
Hegemonialkrieg umzuschlagen. Auch das zarische Russland hat seine
imperialen Kriege im Kaukasus und in Mittelasien ohne die Befürchtung
führen können, dadurch in einen Hegemonialkonflikt hineingezogen zu
werden. Nur in Ostasien war dies aufgrund des schnellen Aufstiegs Japans
zu einer Macht mit imperialen Ansprüchen anders, und der Krieg, den die
Russen 1904 als einen imperialen Krieg geplant hatten, schlug binnen
kurzem in einen größeren Hegemonialkrieg um, in dem sie eine Reihe
schwerer Niederlagen erlitten, die Russlands Stellung auch in Europa
schwächten. 7
Großbritannien konnte seine imperialen Kriege ebenfalls führen, ohne
dabei seinen Hegemonialkonkurrenten ins Gehege zu kommen. Das gilt für
die Besetzung Ägyptens ebenso wie für den anschließenden Sudankrieg
gegen den Mahdi von Khartum – einen, wenn man so will, frühen Ausbruch
des Islamismus – und auch für den Burenkrieg in Südafrika, bei dem der
deutsche Kaiser in der «Krüger-Depesche» zwar seine Sympathien für die
Sache der Buren zum Ausdruck brachte, ihnen faktisch jedoch keine
Unterstützung leistete.
Am größten war für die Briten das Risiko eines Umschlagens imperialer
Operationen in einen Hegemonialkrieg im Jahre 1898, als das
Expeditionskorps Lord Kitcheners bei dem Örtchen Faschoda im Südsudan
auf eine kleine französische Truppe unter Hauptmann Marchand stieß und
die konkurrierenden Imperialmächte sich wochenlang kampfbereit
gegenüberstanden. 8 Aber in Afrika waren Kompromisse und Rückzüge
möglich, an die in Europa niemand zu denken wagte. Gleichzeitig konnten
die Kriege in Afrika, im Kaukasus, in der Karibik oder auf den Philippinen
mit einer Brutalität gegen die Zivilbevölkerung geführt werden, die in
Europa einen Aufschrei der Empörung ausgelöst hätte. Anders formuliert:
In Europa tendierten alle Kriege zur Symmetrie; außerhalb Europas waren
Formen asymmetrischer Kriegführung möglich, in denen die technologische
wie organisatorische Überlegenheit der imperialen Mächte vollauf zur
Geltung gebracht werden konnte. Infolgedessen stellte sich das Problem
des imperial overstretch vor allem im außereuropäischen Bereich, und es
verband sich relativ bald mit der Frage, ob und unter welchen Umständen
antiimperiale Akteure eine Chance hatten, ihren eigenen politischen Willen
gegen die asymmetrisch überlegenen Imperien durchzusetzen. Die
antiimperialen Akteure mussten dabei eine Antwort auf die Frage finden,
wie sich ihre Schwäche in Stärke verwandeln ließ.
Formen imperialer Überdehnung

Die Beobachtung imperialer Überdehnung und ihrer langfristigen Folgen


für die Stabilität von Imperien geht auf Edward Gibbon zurück, der in
seinem monumentalen Werk The History of the Decline and Fall of the
Roman Empire 9 (1776 – 88) am historischen Beispiel Roms, immer aber
auch mit Blick auf die zeitgenössische Entwicklung Großbritanniens, die
gefährlichste Herausforderung eines Imperiums in dessen Neigung zu
übermäßiger Ausdehnung im Raum und unbegrenzter Übernahme von
Aufgaben und Verpflichtungen gesehen hat. In der jüngeren Literatur wird
dies als overstretch und overcommitment bezeichnet. Es liegt danach im
existenziellen Interesse von Imperien, sich gelegentlich aus Räumen
zurückzuziehen, die für sie von minderer Bedeutung sind, und sich von
Verpflichtungen, die sie unter bestimmten Bedingungen übernommen
haben, nach einiger Zeit zu lösen. Gerade in dieser Hinsicht weisen die
Selbsterhaltungsimperative von Imperien und die Funktionsprinzipien der
Staatenwelt in unterschiedliche Richtungen: Imperien erlangen umso
größere Stabilität, je weniger sie sich räumlich binden und vertraglich
fesseln lassen; Staatensysteme hingegen sind umso stabiler und friedlicher,
je stärker die ihnen angehörenden Staaten territorial fixiert und vertraglich
eingebunden sind. 10
Klassisch war mit imperialer Überdehnung eine übermäßige Ausweitung
der zu kontrollierenden Gebiete gemeint. Die Vermeidung von
Überdehnung war unter diesen Umständen fast immer gleichbedeutend mit
der Rücknahme von Grenzen und der Aufgabe von Territorien. Aber diese
Vorstellung von Überdehnung und Überbeanspruchung ist wesentlich auf
Kontinentalimperien bezogen und galt bereits in der Vergangenheit nur in
eingeschränkter Form für Seeimperien. In ihrem Fall kam das territoriale
Überdehnungsrisiko erst dann ins Spiel, wenn sie über die Häfen und
Handelsplätze hinaus ins Landesinnere vordrangen, wo sie denselben
Bedingungen unterlagen wie klassische Landimperien. Dagegen war es die
Beweglichkeit der Flotte, die bei Seeimperien das Problem der
Überdehnung im Raum verminderte: 11 Im Unterschied zu den
Heereseinheiten, die zur Grenzsicherung eingesetzt werden, handelt es sich
bei der Flotte um ein permanent in Bewegung befindliches Sicherungs- und
Kontrollinstrument, bei dem die Verlängerung der zu sichernden Linien
nicht zwingend zu einer entsprechenden Vergrößerung des Bedarfs und
Erhöhung der Kosten führt. Nur deswegen war ein so kleines Land wie
Portugal überhaupt in der Lage, seine Handelsherrschaft im Indischen und
Pazifischen Ozean derart auszudehnen und über mehr als ein Jahrhundert
aufrechtzuerhalten. Erst recht gilt dies für das Britische Weltreich, dessen
Macht zwar auch durch die Anzahl seiner Geschwader bestimmt wurde,
daneben aber auch durch die Qualität der Schiffe, die nautischen
Fähigkeiten ihrer Besatzung und die Kompetenz der Admiralität,
Seestreitkräfte großräumig zu führen. Die Verkürzung der Liegezeit der
Schiffe im Hafen war für die Macht des Britischen Empire von ähnlicher
Bedeutung wie das In-Dienst-Stellen neuer Schiffe.
Solche Effektivitätsreserven standen den klassischen Landimperien bei
der Grenz- und Raumsicherung nicht zur Verfügung, und insofern stellt sich
das Problem der imperialen Überdehnung für See- und Landimperien
grundsätzlich anders dar. Um es zu pointieren: Für Seeimperien ist weniger
die räumliche Ausdehnung als vielmehr das Versäumen technologischer
Entwicklungen das entscheidende Problem. Sie müssen darauf achten, dass
nur ein Teil ihrer Ressourcen durch die gegenwärtige Technologie des
Schiffsbaus und der Waffenherstellung gebunden ist und ein anderer Teil
stets frei bleibt, um Neuentwicklungen zu forcieren und diese in großer
Zahl einsetzen zu können, bevor die Konkurrenten darüber verfügen. Es
kommt nicht von ungefähr, dass der erste große Rüstungswettlauf bei der
Kriegsmarine stattgefunden hat, und zwar zwischen Großbritannien und
dem kaiserlichen Deutschland. 12
Der Bedeutungszuwachs technologischer Überlegenheit ist mit der
Erschließung des Luftraums als Sphäre imperialer Herrschaft weiter
gesteigert und mit der Erschließung des Weltraums noch einmal potenziert
worden. Das Problem der Überdehnung territorialer Grenzen spielt nun so
gut wie keine Rolle mehr. Folglich kann die Antwort auf imperiale
Überdehnung auch nicht mehr in der Rücknahme von Grenzen bestehen.
Bei Licht besehen hat das amerikanische Imperium nur noch virtuelle
Grenzen, die durch die Waffentechnologie möglicher Gegenakteure gezogen
werden: durch deren Verfügung über Nuklearwaffen und entsprechende
Trägersysteme. Ansonsten ist das US-Imperium aufgrund seiner weithin
unbeschränkten Herrschaft über den Luftraum tendenziell grenzenlos. Aus
den Räumen, welche die USA infolge ihrer technologischen Überlegenheit
kontrollieren, gibt es keinen Rückzug, der nach dem Territorialmodell der
Frontbegradigung beschrieben werden kann. Vor allem was den Luft- und
den Weltraum anbetrifft, wäre ein Rückzug gleichbedeutend mit dem Ende
und Untergang der imperialen Macht.
Es bleiben die Risiken der imperialen Überdehnung am Boden, wo die
technologische Überlegenheit nur bedingt zum Tragen gebracht werden
kann. Deswegen haben antiimperiale Akteure hier die Zuversicht, ihre
technologische Unterlegenheit gegenüber den imperialen Streitkräften
durch gesteigerte Einsatz- und Opferbereitschaft ausgleichen zu können.
Die Erinnerung an die Epoche der Partisanenkriege, beginnend bei den
Erfolgen sowjetischer und jugoslawischer Partisanen gegen die deutsche
Besatzungsmacht und ihre Verbündeten seit der Mitte des Zweiten
Weltkriegs und endend mit dem Abzug der sowjetischen Streitkräfte aus
Afghanistan 13 , ist noch lebendig, und aus ihr speist sich die Hoffnung
antiimperialer Akteure, auch das jüngste und modernste Imperium mit
dieser Art der Kriegführung bezwingen zu können. Tatsächlich ist das Ende
der europäischen Kolonialreiche durch die Partisanenkriege in Asien und
Afrika erheblich beschleunigt worden, und weder die USA noch die
Sowjetunion waren in Vietnam und in Afghanistan in der Lage, einen nach
Partisanenart kämpfenden Gegner zu besiegen; nach jahrelangem Krieg
mussten sie sich schließlich ermattet zurückziehen.
Trotz ihrer gewaltigen Überlegenheit sind Imperien im Landkrieg also
besiegbar, wenn sie auf einen entschlossenen Gegner treffen, der es
vermeidet, sich einer Entscheidungsschlacht zu stellen und stattdessen den
Krieg als eine auf kleiner Flamme geführte Auseinandersetzung in die
Länge zieht. 14 Dafür lassen sich in der Geschichte zahlreiche Beispiele
finden: Vom Widerstand eines germanischen Stämmebündnisses gegen das
römische Vordringen in Richtung Weser und Elbe über den spanischen
Partisanenkrieg gegen die napoleonischen Truppen bis hin zu den
Entkolonisierungskriegen, in deren Verlauf die europäischen Kolonialreiche
zerfallen sind. In diesen Kriegen haben die antiimperialen Akteure sich die
Probleme der imperialen Überdehnung zunutze gemacht und die Tiefe des
Raumes, in den die Imperien hineingestoßen waren, dazu genutzt, deren
Schwächen offen zu legen: Imperiale Überdehnung konkretisiert sich in der
Verlängerung der Nachschublinien, die umso verwundbarer sind, je länger
sie werden. Je weiter ein Imperium territorial vordringt, desto zahlreicher
werden die Ziele, die auch für kleinere Gruppen des Gegners angreifbar
sind und an denen der imperialen Macht durch die Häufigkeit der Attacken
erheblicher Schaden zugefügt werden kann. Von wenigen Ausnahmen
abgesehen 15 , sind antiimperiale Akteure nicht auf dem Schlachtfeld
erfolgreich gewesen, sondern dadurch, dass sie das Imperium erschöpft,
seine Kräfte ausgezehrt und es auf diese Weise zum Rückzug gezwungen
haben.

Der Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz hat, freilich bezogen auf die
Probleme konventioneller Kriegführung, das Problem der Überdehnung
unter dem Stichwort «Kulminationspunkt des Angriffs» verhandelt. Dieser
Kulminationspunkt ist ein Spezialproblem dessen, was Clausewitz die
abnehmende Kraft des Angriffs nennt, für ihn «ein Hauptgegenstand der
Strategie»: 16 Je weiter ein Angreifer auf feindlichem Gebiet vordringt,
desto mehr nimmt dadurch seine absolute Macht ab. Diese Schwächung ist
dann zu verkraften, wenn die Macht des Gegners infolge dieses Vordringens
schneller schwindet als die eigene, dem Verlust an absoluter Macht also ein
Zugewinn an relativer Macht entspricht. Das aber ist, wie Clausewitz
annimmt, nur auf räumlich begrenzten Kriegsschauplätzen möglich,
während dort, wo der Gegner über große strategische Tiefe verfügt, sich die
Kräfterelationen genau umgekehrt entwickeln: Hier kostet das Vordringen
des Angreifers ihn mehr Ressourcen, als der Gegner zur Verteidigung
benötigt. Auch dies kann den Angreifer an sein Ziel führen, allerdings nur
dann, wenn die Gegenseite kriegsmüde ist, den Verlust des aufgegebenen
Gebietes nicht länger ausgleichen kann und auf einen baldigen
Friedensschluss angewiesen ist. «Der Angreifende kauft Friedensvorteile
ein, die ihm bei den Unterhandlungen etwas gelten sollen, die er aber auf
der Stelle bar mit seinen Streitkräften bezahlen muss.» 17
Clausewitz’ merkantile Metaphorik des Kriegsgeschehens macht das
Kernproblem der Überdehnung anschaulich: Sie zu meiden ist nicht unter
allen Umständen zweckmäßig, sie kann durchaus zu dem gewünschten
Erfolg führen; das Problem ist jedoch, dass im Voraus bezahlt werden muss
und nicht klar ist, ob sich diese «Investitionen» lohnen werden. Das nämlich
hängt von Reaktionen des Gegners ab, die nicht präzise vorhergesehen
werden können. Kann dieser den Angreifer dazu bringen, den
Kulminationspunkt zu überschreiten, erfolgt ein Umschwung, ein
Rückschlag, dessen «Gewalt (…) gewöhnlich viel größer (ist) als die Kraft
des Stoßes war». 18 Der Partisanenkrieg lässt sich darum auch, unabhängig
von seinen strategischen und taktischen Besonderheiten, als eine politische
Entscheidung zur Verweigerung von Friedensverhandlungen begreifen. 19
Sein strategisches Kalkül besteht darin, dass die angreifende Seite
permanent bar zahlt, aber dafür keine Gegenleistung in Form von Friedens-
oder Kapitulationsangeboten erhält; sie erschöpft sich dadurch zunehmend
und muss nach einiger Zeit ihrerseits Friedensverhandlungen aufnehmen
oder den Rückzug einleiten. Henry Kissinger hat dieses Problem in dem
berühmten Diktum zusammengefasst, dass Partisanen gewinnen, wenn sie
nicht verlieren, konventionelle Streitkräfte hingegen verlieren, wenn sie
nicht gewinnen. 20 Das Risiko imperialer Überdehnung besteht darin, dass
genau dieser Mechanismus in Gang gesetzt wird.
Die von Clausewitz angestellten, genuin militärstrategischen
Überlegungen zum Kulminationspunkt des Angriffs haben in die Theorien
der imperialen Überdehnung unmittelbaren Eingang gefunden, etwa in
Chalmers Johnsons These, den USA drohe insbesondere im pazifischen
Raum ein blowback: Sie hätten dort den Kulminationspunkt der Expansion
inzwischen überschritten, und die ersten Anzeichen des drohenden
Rückschlags seien bereits erkennbar. 21 Die von einigen Kritikern an die
Adresse der USA gerichtete Warnung, sie sollten den Schritt von der
Hegemonie zum Imperium meiden, da sie im Falle des Scheiterns als
Imperium auch die Hegemonie verlieren würden 22 , ist ebenfalls nach dem
Modell von Kulminationspunkt und Rückschlag gedacht. Dabei wird das
Clausewitzsche Theorem dahin gehend vereinfacht, dass grundsätzliche
Zurückhaltung, auch nur in die Nähe des Kulminationspunkts zu kommen,
die Lösung des Problems sei. So freilich hat Clausewitz nicht gedacht. Sein
Ratschlag lief nicht auf prinzipielle Risikovermeidung hinaus, denn er war
überzeugt, einige Herausforderungen seien nur dann zu bewältigen, wenn
man gelegentlich riskante Entscheidungen treffe: «Bedenkt man, aus wie
viel Elementen die Gleichung der Kräfte zusammengesetzt ist, so begreift
man, wie schwer es in manchen Fällen auszumachen ist, wer von beiden die
Überlegenheit auf seiner Seite hat. Oft hängt alles an dem seidenen Faden
der Einbildung.» 23
Sieht man einmal davon ab, dass Clausewitz seine Überlegungen auf der
Grundlage eines territorialen Bewegungsmodells entwickelt hat, das bereits
zu seinen Lebzeiten für Seeimperien so nicht gegolten hat, und dass es
durch die Erschließung des Luft- und Weltraums zu einer
Entterritorialisierung der militärischen Fähigkeiten gekommen ist, so ist
sein Theorem im Prinzip auch auf die heutigen Konstellationen anwendbar.
Von besonderer Bedeutung ist dabei Clausewitz’ Hinweis auf die
zahlreichen Unbekannten in der Gleichung der Kräfte, die heute noch
erheblich schwerer zu berechnen ist als zu seinen Zeiten. Dementsprechend
ist die Frage der möglichen Überdehnung nicht mehr nur auf die Relation
zwischen den verfügbaren Streitkräften und der Größe des zu
kontrollierenden Raumes zu beziehen, sondern hat vor allem die
wirtschaftlichen Potenziale der imperialen Macht sowie die «moralische»
Verfassung seiner Bevölkerung zu berücksichtigen. Beides
zusammengenommen entscheidet über die Durchhaltefähigkeit einer
Macht, und da der Partisanenkrieg sich darauf konzentriert, einen Gegner
zu zermürben, dessen politischen Willen er nicht brechen kann, kommt
beiden Faktoren hier die ausschlaggebende Bedeutung zu. 24
Das Risiko imperialer Überdehnung liegt also wesentlich darin, dass die
Ressourcen des Imperiums knapp werden, und dieses Risiko ist umso
größer, je genauer die antiimperialen Kräfte wissen, welche Ressourcen des
Imperiums begrenzt und welche tendenziell unerschöpflich sind. Es kommt
also nicht von ungefähr, dass viele Führer antiimperialer Kriege vorher eine
längere Zeit im imperialen Zentrum zugebracht und sich dort mit den
Stärken und Schwächen des Imperiums vertraut gemacht haben. Aber
bevor es zu einer bedrohlichen Verknappung der materiellen Ressourcen
des Imperiums kommt, dürfte die Durchhaltebereitschaft der Bevölkerung
des imperialen Zentrums bereits erschöpft sein. Deswegen ist die
«moralische» Verfassung der Reichsbevölkerung inzwischen zum
Hauptangriffsziel antiimperialer Akteure geworden, gleichgültig, ob sie sich
dabei einer Strategie des Partisanenkrieges oder des Terrorismus bedienen.
Das Römische wie das Chinesische Reich konnten von ihren Gegnern
noch militärisch besiegt werden; das galt selbst noch für das Spanische und
das Osmanische Reich, aber nicht mehr für das Britische Empire und
eigentlich auch nicht für das zarische Russland. Weder Napoleon noch
Hitler vermochten es, Großbritannien direkt anzugreifen, und die indirekten
Strategien, die in Nordafrika ansetzten, zeitigten ebenfalls nicht den
gewünschten Erfolg. Der Niedergang des Britischen Empire war
wirtschaftlicher Art, und er ereignete sich langsam und schrittweise
zwischen 1914 und 1956. 25 Die Kosten und Verluste, die dem Empire aus
zwei Hegemonialkriegen in Europa sowie dem Krieg mit Japan um seine
ostasiatischen Kolonien entstanden waren, hatten das Land so sehr
geschwächt, dass es sich zu einer energischen, auf lange Zeiträume
angelegten Verteidigung seiner Kolonien gegen die verschiedenen
Unabhängigkeitsbewegungen nicht mehr entschließen konnte und sich
weitgehend kampflos zurückzog. 26 Einmal mehr zeigte sich darin die
imperiale Klugheit und Weitsicht der Briten, die – im Unterschied zu den
Franzosen – erkannten, dass die Grenzen des Empire überdehnt waren und
zurückgenommen werden mussten. Dass sie schließlich fast mit den
Grenzen des Mutterlandes identisch sein würden, hat sich Ende der 1940er
Jahre bei dem Entschluss, Indien, das Kernstück des Empire, in die
Unabhängigkeit zu entlassen, wohl niemand vorstellen können. Und eine
Zeit lang ersparte man sich diese Einsicht, indem man sich den Fortbestand
des Empire als Commonwealth imaginierte. 27
Von wenigen Ausnahmen wie Kenia und Burma abgesehen, haben die
Briten darauf verzichtet, ihr Empire mit militärischen Mitteln
aufrechtzuerhalten. Die Franzosen dagegen haben dies versucht; in
Indochina sind sie dabei militärisch gescheitert, in Nordafrika hingegen
wirtschaftlich und psychologisch. Mit der Kapitulation der Sumpffestung
Dien Bien Phu an der wichtigsten Verbindungslinie zwischen Laos und
Vietnam im Mai 1954 haben sie den Krieg um Indochina auf dem
Schlachtfeld verloren – nicht zuletzt, weil sich die USA geweigert hatten,
ihnen logistischen Beistand zu gewähren, was die Fortsetzung der
Kampfhandlungen ermöglicht hätte. 28 In Algerien dagegen war die
Situation eine völlig andere: Es gab über eine Million französischer Siedler,
die in dem Land heimisch geworden waren, man konnte auf eine erhebliche
Unterstützung durch algerische Militäreinheiten zurückgreifen und besaß
einen beträchtlichen Rückhalt in der Mittelschicht des Landes, die zunächst
keineswegs an der Unabhängigkeit von Frankreich, sondern an vollen
politischen Rechten interessiert war. Nach einem acht Jahre dauernden
Krieg, der zu einer tiefen Spaltung der französischen Gesellschaft geführt
hatte, war Frankreich jedoch wirtschaftlich so zerrüttet und psychisch
demoralisiert, dass es 1962 im Vertrag von Evian in die Unabhängigkeit
Algeriens einwilligte. 29 Der Algerienkrieg, der von den Franzosen politisch
entschlossen und militärisch kompetent geführt worden war, hatte gezeigt,
dass Kolonialmächte politisch auch dann zu bezwingen waren, wenn man
sie militärisch nicht schlagen konnte. Mit den Mitteln des Partisanenkriegs
war es gelungen, Frankreich wirtschaftlich und psychologisch zu
zermürben. 30
Der Algerienkrieg wurde zum Muster sämtlicher antiimperialer
beziehungsweise antikolonialer Kriege der 1960er bis 1980er Jahre, von
Vietnam über Mozambique, Namibia und Angola bis Afghanistan. Ein ums
andere Mal ging es den Partisanen darum, die militärische Präsenz von
Groß- oder Kolonialmächten in Gebieten außerhalb des Mutterlandes in eine
Form imperialer Überdehnung zu verwandeln. Aus der Perspektive der
Partisanenbewegungen diente die Anwendung militärischer Gewalt nicht
mehr, wie in den klassischen zwischenstaatlichen Kriegen, dazu, den
Gegner wehrlos zu machen, um ihm den eigenen politischen Willen
aufzuzwingen, sondern sie wurde zum Hebel, um die Gegenseite
wirtschaftlich zu schwächen und dabei ihren politischen Willen langsam zu
ermatten und zu zersetzen. Nach einiger Zeit, so das Kalkül, würde man im
imperialen Zentrum feststellen, dass die Präsenz an der Peripherie
erheblich mehr kostete, als sie einbrachte, und damit würden die
politischen Kräfte gestärkt werden, die nicht länger bereit waren, die
Lasten der imperialen Präsenz in entlegenen Weltteilen zu tragen. So war
es in den USA, wo sich die Mittelschicht zunehmend gegen die
Vietnampolitik der Regierung wandte, dann in Portugal, wo eine Gruppe
höherer Offiziere durch einen Militärputsch das Ende des Kolonialreichs
einleitete, und schließlich auch in der Sowjetunion, wo die Reformer um
Gorbatschow auf eine schnelle Beendigung des Afghanistanunternehmens
drängten, weil es ihrer Ansicht nach die innere Reformfähigkeit der
Sowjetunion blockierte.
Imperiale Überdehnung ist also keine objektive Größe, die nach den
theoretischen Vorgaben der Geopolitik beziehungsweise Geostrategie
berechnet werden könnte. Die Wiederentdeckung der Partisanenstrategie
während des Zweiten Weltkriegs, die anschließende Friedenssehnsucht in
den europäischen Gesellschaften und nicht zuletzt deren Konzentration auf
den Wiederaufbau des zerstörten Kontinents haben erheblich dazu
beigetragen, dass die imperialen Überdehnungslinien neu festgelegt
wurden. Hinzu kam die politische Mobilisierung der Bevölkerungen an der
Peripherie, und mit einem Mal waren Gebiete, die über Jahrzehnte, wenn
nicht Jahrhunderte feste Bestandteile imperialer Räume waren, zu Regionen
imperialer Überdehnung geworden. Genau dies meinte der britische
Premierminister Harold Macmillan, als er 1960 bei seiner Rundreise durch
Afrika davon sprach, ein «wind of change» habe das Empire erfasst. 31 Wo
zuvor von Überdehnung keine Rede war, wurde sie nun konstatiert, und
neben der Schwächung der imperialen Zentren hat dazu ein Erstarken der
Peripherie entscheidend beigetragen.
Die Schwächung des Zentrums lässt sich in statistischen Daten angeben,
das Erstarken der Peripherie jedoch mitnichten: Dem Beginn der
Entkolonisierung ging kein ökonomischer Take-off der Kolonien,
Protektorate und Mandatsgebiete voran; ihr Erstarken ergab sich fast
ausschließlich dadurch, dass sich ein Wille zur Unabhängigkeit und die
Bereitschaft entwickelte, für seine Durchsetzung erhebliche Opfer zu
bringen. Damit waren die Zeiten vorbei, in denen die Briten mit einigen
Hundert Verwaltungsbeamten und ein paar Tausend Soldaten riesige
Gebiete kontrollieren konnten. Das Selbständigkeitsstreben an der
Peripherie hatte die Beherrschungskosten des Empire dramatisch erhöht,
und vor allem dadurch hatten sich die Linien der imperialen Überdehnung
vollkommen verschoben.
Diejenigen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die These
vom definitiven Ende der Imperien vertraten 32 , stützten sich im
Wesentlichen auf die hier skizzierten Entwicklungen. Sie übersahen dabei
jedoch, dass imperiale Überdehnung eine dynamische Größe ist, die sich
nicht nur mit den Ressourcen der Konfliktparteien und dem Willen, diese
zum Einsatz zu bringen, verändert, sondern auch mit der Form imperialer
Herrschaft, durch die Beherrschungs- wie Widerstandsressourcen neu
bewertet und gewichtet werden. Indem sich das US-Imperium von der
Beherrschung des Territoriums auf die Kontrolle von Strömen (des Kapitals
und der Informationen, der Waren und Dienstleistungen) verlegte, indem es
darauf verzichtete, den Raum am Boden zu beherrschen, weil es ihn viel
effektiver und kostengünstiger aus der Luft beziehungsweise dem Weltraum
kontrollieren kann, haben die klassischen Formen des Partisanenkrieges als
Instrument zur Erhöhung der imperialen Beherrschungskosten viel von
ihrer früheren Wirksamkeit eingebüßt. Sie sind inzwischen eher ein Mittel,
mit dem Warlords ihre Ressourcenkriege austragen 33 , eine Bedrohung für
die globalen Kontrollinstrumente der amerikanischen Macht stellen sie
nicht dar. Tarnkappenbomber und Marschflugkörper sind für Partisanen
nicht angreifbar, und die nachhaltige Unterstützung durch die Bevölkerung
der Konfliktgebiete hilft den Widerstandskämpfern wenig, wenn deren
militärische Ziele außerhalb dieser Regionen liegen.

Von jeher ist es der Aufbau einer asymmetrischen Überlegenheit, durch die
sich imperiale Akteure in die Lage versetzt haben, die Überdehnungslinien
hinauszuschieben und sich so Räume zu eröffnen, die ihnen sonst
verschlossen geblieben wären. Das galt bereits für die klassischen Imperien
der Römer und Chinesen: Ihr Militär war effektiver organisiert, besser
ausgerüstet und meist umsichtiger geführt als das ihrer Gegner, aber
entscheidend war, dass das Imperium diese Überlegenheit auf Dauer zu
stellen, also gewissermaßen zu institutionalisieren vermochte. Freilich
handelte es sich hierbei um eher schwach ausgebildete Asymmetrien 34 , die
durch entsprechende Anstrengungen der Gegner tendenziell ausgeglichen
werden konnten – sei es, dass sie die imperiale Militärorganisation
kopierten, sei es, dass sie Handwerker und Ingenieure entführten und diese
dazu brachten, ihr Wissen und ihre Fertigkeiten in den Dienst der Gegner
des Imperiums zu stellen. 35
Sehr viel stärker war die asymmetrische Überlegenheit der imperialen
Mächte bei Seemächten ausgeprägt, deren kanonenbewehrte Kriegsschiffe
eine Technologie repräsentierten, die für die potenziellen Gegner an der
Peripherie uneinholbar war und für deren Handhabung man nautische
Fähigkeiten brauchte, die die Gegenseite nicht besaß. 36 Mit der
industriellen Revolution haben diese großen Asymmetrien dann auch auf die
Landkriegführung übergegriffen. Zum bleibenden Symbol dafür ist die
Schlacht von Omdurman (1898) geworden, in der ein britisches
Expeditionskorps unter Lord Kitchener mit Hilfe seiner Artillerie und vor
allem durch den Einsatz der neuen Maxim-Maschinengewehre die
zahlenmäßig um ein Vielfaches überlegenen Truppen des Mahdi von
Khartum besiegte. Aber nicht der Sieg als solcher wurde zum Sinnbild
asymmetrischer Überlegenheit, sondern die Verluste, die beide Seiten in
der Schlacht erlitten hatten: Auf britischer Seite kamen 48 Soldaten um, auf
sudanesischer hingegen waren es 13 000. 37
Solange die antiimperialen Akteure der Peripherie sich in symmetrischer
Form einem derart überlegenen Gegner entgegenstellten, war ihre
Niederlage unabwendbar. Erst als sie begannen, ihrerseits asymmetrische
Formen der Gefechtsführung zu entwickeln, indem sie Schlachten
vermieden, keine Frontalangriffe mehr unternahmen und stattdessen
Nachschubkolonnen und kleinere Einheiten angriffen, gelang es ihnen, ihre
technologische und organisatorische Unterlegenheit teilweise zu
kompensieren. Durch die technologische Entwicklung sowie strategische
und taktische Kreativität, durch die Veränderungen imperialer Kontrolle
sowie die politische Mobilisierungsfähigkeit der antiimperialen Akteure
haben sich die Überdehnungslinien der Imperien immer wieder verschoben.
Die Annahme, diese Bewegung habe sich in unserer Gegenwart dramatisch
verlangsamt oder sie sei auf die Grenzen der Staaten fixiert worden, ist
wenig plausibel. Nur werden die neuen Linien imperialer Überdehnung
nicht mehr auf geographischen Karten, sondern eher in Kapitalströmen,
Informationskonkurrenz und der Verfügung über technologische
Revolutionen wie strategische Innovationen zu finden sein. Der Wettstreit
zwischen technologischer Innovation und strategisch-taktischer Kreativität
ist weiterhin im Gange.
Politische Mobilisierung und militärische Asymmetrierung:
die Strategien antiimperialer Akteure

Imperien sind aus Gründen ihrer Selbsterhaltung bestrebt, Konkurrenten,


vor allem aber mögliche antiimperiale Gegenakteure, von militärisch
relevanten Innovationen auszuschließen. 38 Je mehr sie ihre Überlegenheit
aus einem technologischen Vorsprung beziehen, desto stärker sind sie auf
Geheimhaltung und Nonproliferation bedacht. Im europäischen
Staatensystem hat dieser Ausschluss jedoch nie funktioniert; alle
bahnbrechenden wissenschaftlichen wie technologischen Entwicklungen
haben sich innerhalb kürzester Zeit zumindest unter den west- und
mitteleuropäischen Konkurrenten ausgebreitet. 39 Vielleicht hat deswegen
innerhalb Europas kein dauerhaftes Imperium entstehen können; vielleicht
ist es aber auch umgekehrt zum Ausschluss der anderen von der
technologischen Entwicklung hier nie gekommen, weil es kein Imperium
gegeben hat. Was unter den Reziprozitätsbedingungen konkurrierender
Staaten die arcana imperii sind, die Staatsgeheimnisse, zu denen der Inhalt
der Kriegskasse, Geheimabkommen mit anderen Staaten, die Direktiven für
Kriegs- und Krisenfälle und derlei mehr gehören 40 , sind im Falle der
großen, ihre «Welt» beherrschenden Imperien die Geheimnisse ihrer
technologischen Überlegenheit, die unter allen Umständen geschützt
werden müssen.
Eines der Mittel dazu ist die Vergabe von Sicherheitsgarantien: Indem
das Imperium sich verpflichtet, seine Freunde und Verbündeten vor
Angriffen zu schützen, hält es sie davon ab, selbst größere Anstrengungen
zu unternehmen, um zum technologischen Niveau der Vormacht
aufzuschließen. Je mehr diese Mächte dazu in der Lage wären, desto eher
wird das Imperium bereit sein, sie mit entsprechenden Sicherheitsgarantien
auszustatten. Ein Beispiel dafür war der nukleare Schirm, den die USA
während des Kalten Krieges über Westeuropa und Japan aufgespannt
hatten. Das Imperium bewahrte seinen Vorsprung, indem es andere an
dessen positiven Effekten teilhaben ließ. 41 Und die anderen ließen sich –
mit Ausnahme Frankreichs – den Verzicht auf die Entwicklung einer
eigenen Technologie im Nuklearwaffenbereich gern «abkaufen», weil sie die
so frei werdenden Mittel in andere Bereiche investieren oder sie in Form
erhöhter Sozialleistungen konsumieren konnten. Man hat diese Form
imperialer Politik, die sich, wie oben gezeigt, erstmals bei der
Bündnispolitik der Athener beobachten lässt, als die eines «Empire auf
Einladung» bezeichnet. 42
Sehr viel schwieriger ist die Situation, wenn kleinere Konkurrenten oder
womöglich gar antiimperiale Akteure versuchen, die militärische
Asymmetrie aufzulösen, indem sie sich in den Besitz von Waffensystemen
bringen, durch die sie dem Imperium als ein tendenziell symmetrischer
Kontrahent gegenübertreten können. Genau dies ermöglichen
Nuklearwaffen und entsprechende Trägersysteme: Nordkorea wäre eine
weltpolitisch zu vernachlässigende Größe von allenfalls regionaler
Bedeutung, wenn das Land nicht über Nuklearwaffen verfügen würde. Es
würde sich um eines jener armen Länder handeln, die allein schon darum
nicht weiter wahrgenommen werden, weil sie keine Bodenschätze besitzen,
die weltwirtschaftlich von Interesse sind. Nuklearwaffen, so könnte man
sagen, sind ein Funktionsäquivalent strategischer Ressourcen. Sie können
deren Fehlen kompensieren. Vor allem aber machen sie selbst ein kleines
und eher schwaches Land für die imperiale Macht tendenziell unangreifbar
und verschaffen ihm ein erhebliches Drohpotenzial. Von daher gibt es für
eine Reihe von Ländern starke Anreize, eigene Atomwaffenarsenale
aufzubauen, anstatt sich unter den Schutzschild des Imperiums oder einer
regionalen Hegemonialmacht zu begeben.
Eine solche Entwicklung kann kein Imperium hinnehmen, ohne an
Prestige und Macht zu verlieren, und deswegen wird es versuchen, aktiv
dagegen vorzugehen. Auch die USA sind nach dem Ende des Ost-West-
Konflikts, zunächst schrittweise und tastend, dann immer entschlossener
und zielstrebiger von einer Politik der Proliferationsverhinderung durch
Verträge zu einer Politik der aktiven counterproliferation (also der
militärischen Zerschlagung vorhandener Nuklearpotenziale vor ihrer
Einsatzfähigkeit) übergegangen: Wer in die Verträge zur Nichtverbreitung
von Atomwaffen nicht einwilligt, sie heimlich oder offen bricht oder auf
andere Weise den Anschein erweckt, er wolle in den Club der Atommächte
aufsteigen, sieht sich massivem Druck der USA ausgesetzt. Nirgendwo zeigt
sich so deutlich wie hier, dass die Staatengemeinschaft eben doch nicht aus
Gleichen besteht – und dies bezieht sich nicht nur auf die aktuelle Größe
und Stärke, sondern auch auf die Möglichkeit, ein Gleicher zu werden.
Nonproliferationspolitik und erst recht counterproliferation sind Formen
aktiver Gleichheitsverhinderung. Dabei ist das Argument, Terroristen
könnten in den Besitz von Atomwaffen gelangen, oftmals lediglich ein
Vorwand dafür, dass auch Staaten nicht in den Besitz dieser Waffen
kommen sollen.
Der Übergang von einer Politik der nuklearen Abschreckung zu einer der
aktiven counterproliferation hat sich als Erstes in einer Umstellung der
Waffenarsenale gezeigt: Mini-Nukes mit einer Sprengkraft von weniger als
einer Kilotonne, dazu Robust Nuclear Earth Penetrators, also so genannte
Bunkerknacker, sind typische Waffen aktiver counterproliferation, für die
sich inzwischen der Begriff des Abrüstungskrieges eingebürgert hat. Die im
September 2002 verkündete Bush-Doktrin 43 hat Entwicklungen, die schon
lange zuvor in Gang gekommen waren, zusammengefasst und zur
politischen Direktive der US-amerikanischen Politik gebündelt. 44
Eine wesentliche Voraussetzung für die Umsetzung der darin
formulierten Politik der Prävention beziehungsweise Präemption ist die
asymmetrische Überlegenheit der US-Streitkräfte nicht bloß im nuklearen,
sondern auch im konventionellen Bereich. Rückgrat dieser Überlegenheit
ist die amerikanische Alleinverfügung über den Weltraum, die das
US-Militär dem Ziel einer Kriegführung ohne Feindberührung näher
bringen soll. Damit soll die Falle eines gegen die eigenen Truppen
gerichteten Partisanenkrieges vermieden und dem Gegner keine Chance
gegeben werden, Nachschubeinheiten, Sicherungsposten oder kleinere
Einheiten anzugreifen. Vor allem der Einsatz von High-Tech-Waffen und
Special Forces soll die Chancen des Gegners minimieren, auf
asymmetrische Überlegenheit seinerseits mit Strategien der
Asymmetrierung zu antworten. 45 Man will größere eigene Verluste
verhindern und die Kämpfe möglichst rasch beenden können. Anderenfalls
nämlich könnte die Kriegführungsbereitschaft der eigenen Bevölkerung
schnell abnehmen, und die politische Unterstützung für den Militäreinsatz
würde schwinden. Das ist die Achillesferse von Imperien, die an ihren
Rändern keine Ausbeutungs-, sondern Pazifizierungskriege führen, und
diese Schwachstelle der Imperien ist umso leichter anzugreifen, je stärker
deren Regierungen einer demokratischen Kontrolle unterliegen und je
ausgeprägter die postheroischen Mentalitäten sind.
Man kann den Versuch unterlegener Staaten, durch Entwicklung oder
Erwerb von Nuklearwaffen und Langstreckenraketen in eine Position
relativer militärischer Gleichheit mit dem Imperium zu kommen, als eine
Politik der Resymmetrierung begreifen, an deren Ende – wenn alle Staaten
der Erde Atomwaffen besäßen – wieder symmetrisch-reziproke Strukturen
der Weltpolitik stünden. Die Resymmetrierung durch Verbreitung von
Nuklearwaffen würde in einer viel radikaleren Form als je zuvor
weltpolitische Reziprozität herstellen, da die Verfügung über Atomwaffen
alle anderen Unterschiede zwischen den Staaten wie Einwohnerzahl,
Wirtschaftskraft, konventionelle Streitkräfte, Landesgröße und so weiter
bedeutungslos machen würde. Was machtpolitisch zählte, wären allein die
nuklearen Vernichtungskapazitäten eines Staates. Wie der englische
Politiktheoretiker Thomas Hobbes die Gleichheit aller Menschen im
Naturzustand auf dem Umstand begründet hat, dass jeder jeden töten kann
und selbst der Schwächste mit List und Tücke dem Stärksten das Leben zu
nehmen vermag 46 , so würde im Fall der Nuklearbewaffnung eines jeden
Staates auch in den internationalen Verhältnissen radikale Gleichheit
herrschen. Aber für diesen Zustand würde wohl dasselbe gelten, was
Hobbes vom Naturzustand gesagt hat, dass man nämlich in der
«beständigen Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes» lebe, was zur
Folge habe, dass «das menschliche Leben (…) einsam, armselig, ekelhaft,
tierisch und kurz» sei. 47
Unter der Voraussetzung, dass sie nur durch die nukleare Bewaffnung
aller Staaten zu erreichen ist, ist die weltweite Resymmetrierung der
machtpolitischen Konstellationen keine attraktive politische Option, zumal
dann nicht, wenn man obendrein noch in Betracht ziehen muss, dass auch
mit Atomwaffen ausgerüstete Staaten zerfallen können und diese Waffen
substaatlichen oder gar privaten Akteuren in die Hände fallen würden. 48
Die auf die Beibehaltung der imperialen Asymmetrien hinauslaufende
Politik einer Nichtverbreitung von Atomwaffen, aber auch eine Politik
aktiver counterproliferation, findet darum selbst dort Unterstützung, wo
ansonsten wenig Sympathie für die imperiale Dominanz der USA vorhanden
ist. Durch die an seinem eigenen machtpolitischen Interesse ausgerichtete
Politik der Nonproliferation schafft und erhält das Imperium ein kollektives
Gut, dessen wir ohne die Dominanz der imperialen Macht nicht sicher sein
könnten: die relative Sicherheit vor einem Atomkrieg.
Da der Weg zur Resymmetrierung versperrt ist, sind die antiimperialen
Akteure – wenn sie sich nicht auf Kundgebungen und Demonstrationen, also
die Mobilisierung der Weltmeinung gegen das imperiale Zentrum
beschränken, sondern den Kampf auch mit den Mitteln der Gewalt führen
wollen – auf den Weg einer systematischen Asymmetrierung verwiesen. 49
Und da sie weder von der ihnen verfügbaren Waffentechnologie her noch
infolge ihrer Militärorganisation in der Lage sind, die imperiale Macht
niederzuwerfen, müssen sie versuchen, diese in einem langen Kleinkrieg zu
ermatten und zu erschöpfen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war
der Partisanenkrieg die vorherrschende Strategie der Asymmetrierung.
Inzwischen hat es den Anschein, als sei er darin durch den Terrorismus
abgelöst worden. 50 Auf die politisch-strategischen Unterschiede zwischen
Partisanenkrieg und Terrorismus soll später noch eingegangen werden;
zunächst aber ist das beiden Gemeinsame zu betrachten.

Partisanenkrieg wie Terrorismus meiden die unmittelbare Konfrontation mit


dem professionalisierten Erzwingungsapparat der angegriffenen Macht; sie
umgehen ihn, um – bildlich gesprochen – im Rücken des Feindes aktiv zu
werden und ihn durch permanente kleinere Attacken auf seine Nerven und
Versorgungsbahnen zu ermatten. Strategien der Asymmetrierung zielen auf
einen erhöhten Ressourcenverbrauch der angegriffenen Macht an den
Stellen, an denen sie dadurch am empfindlichsten getroffen wird. Dieser
erhöhte Ressourcenverbrauch wird nicht nur durch direkte Angriffe und
physische Verluste bewirkt, sondern auch durch eine Strategie der
Provokation, die eine Überreaktion der angegriffenen Seite hervorrufen und
sie so in die Falle der imperialen Überdehnung locken will.
In einem ganz allgemeinen Sinn bemühten sich Partisanenkrieg und
Terrorismus als asymmetrische Formen der antiimperialen Kriegführung,
das Friedensversprechen des Imperiums und die damit verbundenen
Sicherheitsgarantien zu dementieren. Das, was die imperiale Ordnung nicht
nur im Zentrum, sondern auch an der Peripherie und über diese hinaus
attraktiv macht, soll zerstört werden, um mittel- und langfristig die
Akzeptanz der imperialen Ordnung abzuschmelzen. Wenn das Imperium
nicht mehr leisten kann, was es zu leisten versprochen hat,
beziehungsweise nur noch bei einer enormen Steigerung der
Erbringungskosten und erheblichen Einschränkungen der bürgerlichen
Freiheiten, schwindet die Zustimmung zur imperialen Ordnung, und nach
einiger Zeit wird die Unterstützung sogar im Zentrum brüchig. Der Zweck
asymmetrischer Gewaltstrategien besteht, mit anderen Worten, darin, die
Suche nach Alternativen zur imperialen Ordnung zu stimulieren; ihr
strategisches Ziel ist die wirtschaftliche wie psychische Erschöpfung der
Bevölkerung des imperialen Raumes; und das Mittel hierzu ist die Gewalt,
die in diffuser Form in die politische, soziale und wirtschaftliche Ordnung
des Imperiums eingreift. 51
Die Macht der Schwachen, die in den Strategien der Asymmetrierung
zum Tragen kommt, besteht also im Wesentlichen aus zwei Komponenten:
Sie werden versuchen, das Imperium zum einen als keineswegs so stark
erscheinen zu lassen, wie es zu sein behauptet, und es zum anderen derart
unter Druck zu setzen, dass es bestimmte Stärken weiter steigert und so in
einen Prozess der Selbstüberforderung, des overstretch und
overcommitment, hineingerät. Die erste Komponente ist wesentlich
symbolischer, die zweite vorwiegend instrumenteller Art. Im Ergebnis
laufen beide jedoch darauf hinaus, dass – um es in der Begrifflichkeit Joseph
Nyes zu formulieren – soft power durch hard power ersetzt wird und die
Beherrschungskosten ständig steigen. Letztlich zielt die asymmetrische
Strategie darauf ab, das Imperium wieder über die augusteische Schwelle
zurückzudrängen, die es einst überschritten hatte, um die
Beherrschungskosten zu minimieren. 52 Gelingt den Imperiumsgegnern
das, so beschleunigen sie den Abstieg des Weltreichs vom Zenit seiner
Macht und sorgen dafür, dass die Phase des Niedergangs nicht langsam
durchschritten wird, sondern dass der Abstieg zu einem sich selbst
beschleunigenden Prozess gerät. Ihre Erfolgsaussichten hängen jedoch
nicht nur von ihnen, ihrem Geschick und ihren Fähigkeiten ab, sondern
auch von der Reaktion des Imperiums. Asymmetrische Konflikte verlaufen
ebenso wie symmetrische Konflikte nach dem Modell von Handeln und
Gegenhandeln, und jede Seite hat dabei die Chance, die Pläne und
Absichten der Gegenseite zu durchkreuzen – nur dass asymmetrische
Konflikte nicht auf demselben Spielfeld und nicht nach denselben Regeln
ausgetragen werden.
Die Asymmetrie der Konfliktparteien zeigt sich nicht zuletzt in der
jeweiligen Legitimation der Gewaltanwendung, bei der jede Seite bestrebt
ist, den Gegner als Verkörperung des Bösen darzustellen. Der imperialen
Dämonologie, von der bereits die Rede war 53 , korrespondiert eine ähnlich
strukturierte antiimperiale Dämonologie, die den Feind verteufelt und die
eigene Sache heiligt. Das Fehlen von Symmetrie und Reziprozität findet
seinen Niederschlag in einer intensivierten Feindschaft.
In den Augen der antiimperialen Akteure sind Imperien grundsätzlich
Mittel und Formen der Unterdrückung und Ausbeutung, und die von ihnen
angeblich bereitgestellten kollektiven Güter wie Frieden und Sicherheit
dienen allein dazu, dem imperialen Zentrum Vorteile zu verschaffen,
während die Peripherie durch sie systematisch benachteiligt wird. Diese
Argumentation findet sich bereits in der klassischen antiimperialen
Ideologie, dem Nationalismus, der imperiale Ordnungen als «Gefängnis der
Völker» verurteilt hat. 54 An seiner Kraft sind im 20. Jahrhundert mehrere
Imperien zerbrochen. Doch auch der Nationalismus hat mit dem von ihm
favorisierten politischen Ordnungsmodell des Nationalstaats keine stabile
Weltordnung zu schaffen vermocht. Gerade in den Räumen, aus denen er
die Imperien vertrieben hat, ist er gescheitert: auf dem Balkan, im Vorderen
und Mittleren Orient, im subsaharischen Afrika. Zuvor jedoch hat der
Nationalismus unter Verweis auf die Unterdrückung nationaler
Selbstbestimmungsrechte gewaltige Kräfte und Energien freigesetzt, denen
nicht nur das zarische Russland, das Osmanische Reich und die
Donaumonarchie, sondern auch die europäischen Kolonialreiche zum Opfer
gefallen sind.
Die nationalistische wurde zumeist durch eine sozialistische
Imperienkritik flankiert, in der weniger die Knechtung von Nationen als
vielmehr die Ausplünderung von Regionen und eine Ausbeutungshierarchie
entlang ethnischer Merkmale im Zentrum standen. Und wo das Imperium
die Rolle eines Modernisierers eingenommen hatte, der die traditionelle
Lebensweise der Menschen an seiner Peripherie aushöhlt, konnten die
Partisanen als die Verteidiger des Überkommenen auftreten, und aus
diesem Anspruch wuchs ihnen bedeutende Unterstützung zu. 55 Gemeinsam
haben all diese Kritiken der imperialen Ordnung die Legitimation entzogen
und die Bevölkerung an den Rändern des jeweiligen Reichs dazu gebracht,
sich von ihm abzuwenden und es schließlich aktiv zu bekämpfen. Die daraus
erwachsenen Kriege und Aufstände legitimierten sich als Befreiungskämpfe,
und in Anbetracht des hohen Stellenwerts, den der Begriff der Freiheit in
der Moderne eingenommen hat, konnten die Aufständischen durchweg
Sympathie und Unterstützung für sich mobilisieren.
Aus der Sicht des Imperiums handelte es sich bei diesen Unruhen und
Kriegen um Störungen einer Ordnung, die im Interesse aller
wohlmeinenden Bewohner des imperialen Raumes verteidigt werden
musste. Es war also geradezu eine Pflicht, gegen deren Feinde mit
äußerster Härte und Entschlossenheit vorzugehen. Die Pazifizierungskriege
des Imperiums galten als gerecht, ja, die Idee des gerechten Krieges hat
sich in engster Nähe zur imperialen Ordnung entfaltet. In Rom
beispielsweise ist sie nach der Schlacht von Zama entwickelt worden, in der
Karthago, der letzte Konkurrent um die Hegemonie im westlichen
Mittelmeer, niedergerungen worden war. Fortan ging es darum, Störer des
imperialen Friedens zu pazifizieren oder zu beseitigen.
In ideengeschichtlicher Hinsicht kann die Entstehung der Konzeption des
gerechten Krieges auf den Einfluss der nach Rom gekommenen Stoiker,
namentlich Panaitios und Polybios, zurückgeführt werden; Cicero hat ihre
Anregungen zu einer Theorie des gerechten Krieges weiterentwickelt. 56
Realpolitisch gesehen war dies freilich eine Reaktion auf die imperiale
Stellung, die Rom im Mittelmeerraum errungen hatte. Imperiale Kriege
wurden demnach nicht aus symmetrischen Rechtsgründen – also nach dem
Muster von Duellen – ausgetragen, sondern sie galten als eine Form des
Vorgehens gegen Gesetzesbrecher. Die Idee des gerechten Krieges fußt auf
einer Asymmetrie der Rechtsgründe. Dieser Gedanke zieht sich durch die
Geschichte imperialer Kriegführung wie ein roter Faden: Sie ist in Spanien
bei der Schule von Salamanca, vor allem aber bei Tommaso Campanella
anzutreffen 57 , dann erneut bei den intellektuellen Parteigängern des
Britischen Weltreichs, in der Ideologie der Sowjetunion und schließlich bei
den Neokonservativen in den USA. 58
Den asymmetrischen Konstellationen imperialer beziehungsweise
antiimperialer Kriege entsprechen demnach asymmetrische
Legitimationsmuster: In solchen Kriegen lässt sich eine starke Tendenz zur
Kriminalisierung des Gegners beobachten; der Feind wird grundsätzlich
nicht als Gleicher und damit auch nicht als legitime Kriegspartei anerkannt,
was zur Folge hat, dass selten nach den Regeln des Kriegsvölkerrechts
gefochten wird. Das liegt daran, dass in imperialen beziehungsweise
antiimperialen Kriegen mit ungleichartigen Kräften gegen ungleichartige
Ziele nach ungleichen Prinzipien gekämpft wird. Partisanen und erst recht
Terroristen beziehen ihre Stärke gerade daraus, dass sie das reziproke
Regelsystem des zwischenstaatlichen Krieges unterlaufen; sie hätten keine
Chance gegen ihre Kontrahenten, wenn sie sich daran hielten. Aber auch
die imperialen Streitkräfte fühlen sich in der Auseinandersetzung mit
antiimperialen Akteuren nicht an die Regeln des Kriegsvölkerrechts
gebunden und entwickeln in Reaktion auf die ständigen Nadelstiche eines
kaum zu fassenden Gegners eine starke Neigung zu Überreaktionen. Die
Geschichte imperialer wie antiimperialer Kriegführung nimmt sich aus wie
eine Abfolge von Massakern, und wenn diese Massaker eine militärische
Funktion haben und nicht Ausdruck purer Panik sind, so ist sie in dem
Schrecken zu suchen, der die Bevölkerung von der weiteren Unterstützung
der Gegenseite abhalten soll.
Die Asymmetrie imperialer beziehungsweise antiimperialer Kriege zeigt
sich nicht zuletzt in der unterschiedlichen Einbeziehung der
Zivilbevölkerung in das Kriegsgeschehen. Handelt es sich aus der
Perspektive des Zentrums zunächst um Unruhen an der Peripherie, denen
der imperiale Militärapparat binnen kurzem Herr werden wird und von
denen sich die Bevölkerung des Reiches nicht aus der Ruhe bringen lassen
sollte, so versuchen die antiimperialen Akteure gerade, die Bevölkerung der
Region, die sie als Kriegs- und Operationsgebiet vorgesehen haben,
aufzurütteln. Sie müssen die Menschen dieses Raums für ihre Zwecke
mobilisieren, und wenn ihnen das mit den Mitteln der Agitation nicht
gelingt, sind sie darauf angewiesen, dass die imperiale Ordnungsmacht
repressive Maßnahmen ergreift und dadurch die Behauptungen bestätigt,
die imperiale Ordnung sei unerträglich. Anderenfalls ist der antiimperiale
Kampf im Ansatz gescheitert. Fallen die Vorstellungen von der
Notwendigkeit des antiimperialen Krieges bei einem Teil der Bevölkerung
an der imperialen Peripherie jedoch auf fruchtbaren Boden, so entwickelt
sich hier eine Auseinandersetzung, die durch ihre Dauer bald zu einer
schwärenden Wunde des Imperiums wird.

Sowohl der Partisanenkrieg als auch der Terrorismus zielen auf die
Ressourcen, über die das Imperium nur begrenzt verfügt. Welche
Ressourcen dies im Einzelnen sind, hat sich in der Geschichte der
antiimperialen Kriege zwar immer wieder verändert, aber einige allgemeine
Aussagen darüber sind durchaus möglich. Politische Aufmerksamkeit etwa
ist in Verbindung mit Klugheit und Weitsicht eine prinzipiell knappe
Ressource, da die Fähigkeit zur Verarbeitung und Beurteilung von
Informationen im imperialen Zentrum schnell an Grenzen stößt. Das gilt
erst recht, wenn das Imperium an mehreren Teilen seiner Peripherie von
unterschiedlichen antiimperialen Akteuren herausgefordert wird.
Ein gutes Beispiel für eine solche kognitive Überlastung ist die Art und
Weise, wie die Kennedy-Administration in den Vietnamkrieg
hineingeschlittert ist, ohne sich darüber im Klaren zu sein, wer der
wirkliche Feind war und auf welche Art von Krieg sie sich dabei einließ. 59
Für die Präsidenten Kennedy und Johnson sowie für deren
Verteidigungsminister McNamara war der Konflikt in Vietnam Bestandteil
der globalen Ost-West-Konfrontation. Das aber wurde er tatsächlich erst in
dem Maße, wie sich die USA in Vietnam zunächst mit Militärberatern, dann
mit Luftwaffeneinheiten und schließlich mit eigenen Bodentruppen
engagierten. Jetzt nämlich sahen die Sowjetunion und China die
Möglichkeit, die USA durch die Unterstützung Nordvietnams in einen
kräftezehrenden Konflikt hineinzuziehen, an dem sie selbst nur indirekt
beteiligt waren. Für den Großteil der Vietnamesen dagegen stand der Ost-
West-Gegensatz nicht im Mittelpunkt. Sie kämpften einen nationalen
Befreiungskrieg, bei dem sie die USA in der Nachfolge der ehemaligen
Kolonialmacht Frankreich sahen. Deswegen waren sie auch bereit, die
ungeheuren Lasten und Opfer des Krieges zu tragen und jeden weiteren
Eskalationsschritt mitzugehen, ohne politische Konzessionen zu machen.
Die USA wiederum glaubten, wenn sie die Kosten in die Höhe trieben, die
der Norden für die Unterstützung des Vietcong zu zahlen hatte, könnten sie
ihn dazu bringen, die Hilfsleistungen einzustellen – die Gegner im Süden
wären von den Nachschublinien abgeschnitten und leicht zu besiegen. Das
erwies sich allerdings als Illusion.
Für die USA und vor allem für deren Verteidigungsminister Robert
McNamara war der Vietnamkrieg ein instrumenteller Krieg, in dem es
darum ging, einen definierten politischen Zweck durchzusetzen: die
Aufrechterhaltung des Status quo, wonach Nordvietnam zum Ostblock und
Südvietnam zum Westen gehörte. Für die Vietnamesen dagegen handelte es
sich um einen existenziellen Krieg, in dem es um ihre nationale Existenz
ging. 60 Genau dies hatte die US-Administration in ihrer Fixierung auf den
Ost-West-Konflikt nicht hinreichend erkannt. Kognitive Überlastung der
imperialen Elite heißt insbesondere, dass die unterschiedlichen Konflikte, in
die das Imperium an seinen weit ausgreifenden Grenzen und Peripherien
verwickelt ist, nach einem identischen Muster wahrgenommen und
bearbeitet werden. Ende der 1970er Jahre erlag die sowjetische Führung in
Afghanistan einem ähnlichen Irrtum. Aber während Vietnam für die
ressourcenstärkeren USA nur eine schwere Schlappe war, wurde
Afghanistan für die Sowjetunion zum Anfang vom Ende des Imperiums. 61
In Vietnam wie in Afghanistan ist die Macht der Schwachen nicht zuletzt
aus Fehleinschätzungen und -entscheidungen der Starken erwachsen.
Im Prinzip haben die USA wie die Sowjetunion dabei den Lernprozess
wiederholt, den die europäischen Kolonialmächte zwischen den späten
1940er und frühen 1960er Jahren bereits durchlaufen hatten. Knapp
zusammengefasst, lautete dessen Lehre, dass moderne Imperien nicht in
der Lage sind, größere Territorien unter Kontrolle zu behalten, wenn es
dort zu einer grundlegenden Mobilisierung der Bevölkerung gegen die
Zentralmacht kommt. Ein solcher Widerstand war fast immer der Anfang
vom Ende der imperialen Herrschaft in diesem Raum. 62
Darin unterscheiden sich die Erfolgsbedingungen antiimperialer Akteure
des 20. Jahrhunderts deutlich von denen früherer Zeiten, in denen die
imperialen Mächte Aufstandsbewegungen an ihren Rändern mit eiserner
Faust zerschlagen und anschließend ein Regime errichten konnten, das jede
Rebellion im Keim erstickte. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es
den Briten möglich, den Burenaufstand in Südafrika niederzuschlagen und
die eigene Herrschaft wieder zu stabilisieren. Dabei sind sie nicht davor
zurückgeschreckt, die burische Zivilbevölkerung – in der Regel Frauen,
Kinder und alte Menschen – in concentration camps zusammenzufassen, um
so den Partisanengruppen den Rückhalt zu entziehen. In diesen Camps
herrschten miserable hygienische Verhältnisse, und viele sind darin elend
gestorben. 63 Man wird bezweifeln können, dass nach der globalen
Medienvernetzung, insbesondere dem Aufkommen der audio-visuellen
Medien in den 1960er und 1970er Jahren, die Briten diese Politik über
längere Zeit hätten durchhalten können. Bilder von Leid und Tod hätten
massive Proteste im imperialen Zentrum ausgelöst, und das Imperium wäre
in der Weltöffentlichkeit so sehr unter Druck geraten, dass die Lager nach
einiger Zeit hätten geöffnet werden müssen. Es ist unwahrscheinlich, dass
die Briten den Burenkrieg, wenn er in der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts stattgefunden hätte, noch hätten gewinnen können.
Das Beispiel des Burenkrieges ist auch darum aufschlussreich, weil sich
die Buren mit großem Geschick all jener Formen der Kriegführung
bedienten, die ein halbes Jahrhundert später gewissermaßen zur
Erfolgsgarantie des antiimperialen Kampfes avancierten. Offenbar hängen
Sieg und Niederlage im antiimperialen Krieg von mehr ab als bloß der
kreativen Entwicklung neuer militärischer Strategien und Taktiken. Aber
bevor man die gewachsenen Erfolgschancen eines solchen Krieges allein
und ausschließlich auf die medialen Veränderungen im 20. Jahrhundert
zurückführt, sollte man sich daran erinnern, dass bereits die
amerikanischen Siedler mit einer wesentlich partisanischen Kriegführung
ihre Unabhängigkeit von Großbritannien erkämpft haben.
Nun ließe sich dagegen einwenden, dass der Sieg der Amerikaner im
Unabhängigkeitskrieg ohne die Unterstützung durch die Franzosen
ungewiss gewesen wäre, die während der entscheidenden Phase des
Krieges für kurze Zeit die Seeherrschaft vor der amerikanischen Ostküste
innehatten und so die Kapitulation der britischen Truppen in Yorktown
erzwangen. 64 Einen vergleichbaren Beistand, etwa durch das Deutsche
Reich, haben die Buren nicht erhalten, was ihre politische wie militärische
Durchhaltefähigkeit eingeschränkt hat. Viel folgenschwerer dürfte
allerdings gewesen sein, dass es sich bei den Buren um eine Gruppe von
lediglich 30 000 Menschen handelte, deren politische Unterstützung sich im
Verlauf des Krieges nicht verbreitern ließ. Dazu hätten sie auf die schwarze
Bevölkerung der Territorien zurückgreifen müssen, gegenüber der sie in
weit höherem Maße als die Briten als Unterdrücker auftraten. Die Buren
haben den Krieg letztlich deshalb nicht gewonnen, weil sie sich zwar im
technischen Sinne der Partisanenstrategie bedienten, deren politischen
Eskalationsmechanismus jedoch nicht in Gang setzen konnten: Durch ihn
verwandelt sich mit dem Fortgang des Krieges die Imperialmacht mehr und
mehr aus einer pazifizierenden in eine unterdrückerische Größe, und das
hat zur Folge, dass die Partisanen in ihrem Operationsgebiet mit einer
ständig zunehmenden Unterstützung rechnen können.

Erstaunlicherweise ist dieser politische Eskalationsmechanismus in der


einschlägigen Literatur zur Partisanenkriegführung 65 nur selten
thematisiert worden: die Selbstdementierung des Imperiums als
Friedensmacht und Prosperitätsgarant durch die Führung eines
Antiguerillakrieges, in dessen Verlauf sich das Imperium immer stärker der
Bevölkerung des umkämpften Raumes entfremdet und schrittweise zu einer
Besatzungsmacht wird. So ist es Frankreich während des Algerienkriegs
ergangen.
Das Charakteristikum des Partisanenkrieges, wie er sich an der Wende
vom 18. zum 19. Jahrhundert in Amerika und Spanien aus der Praxis des
Kleinen Krieges 66 heraus entwickelt und als spezifisch antiimperiale
Kriegsform bewährt hat, ist die Verbindung des Militärischen und
Politischen in der Weise, dass davon notorisch die Aufständischen
profitieren, während die imperiale Ordnungsmacht deutliche Nachteile hat.
Von dem Moment an nämlich, in dem sie unter dem Eindruck gewaltsamer
Angriffe auf Einrichtungen und Personen der imperialen Ordnung zu
militärischen Mitteln greift, um die Unruhen zu beenden, verliert sie in dem
Maße an Legitimität, wie die Partisanen sie hinzugewinnen. Man kann dies
als die ursprüngliche Asymmetrie zwischen imperialer und antiimperialer
Legitimität bezeichnen, die ideengeschichtlich mit der Ausbreitung von
Freiheitsvorstellungen seit dem 18. Jahrhundert entstanden ist und sich im
Lauf der Zeit vertieft hat. Der Partisanenkrieg lässt diese latente
Asymmetrie zutage treten, und vor allem deswegen ist er im Verlauf des
20. Jahrhunderts zum Erfolgsgaranten des antiimperialen Aufstandes
geworden.
Der Griff des Imperiums zu militärischen Mitteln wird zur Bestätigung
dessen, was die Propagandisten des antiimperialen Kampfes zuvor
behauptet haben: dass das Imperium das Gebiet unter seine Kontrolle
gebracht habe, um die Bevölkerung zu unterdrücken und die Ressourcen
auszubeuten; alle Vorteile, die man angeblich durch den Verbleib innerhalb
des Imperiums habe, seien reine Ideologie, oder sie kämen nur einer
kleinen Schicht mit dem Imperium verbündeter Ausbeuter zugute. Der
Masse des Volkes, so das antiimperiale Versprechen, werde es nach
Erringung der Unabhängigkeit darum auch materiell besser gehen. Sobald
der Partisanenkrieg um sich greift und größere Teile des Landes erfasst hat,
wird jede Maßnahme zur Bekämpfung der Partisanen zur Bestätigung
dieser Voraussagen. Die zunächst indifferente Bevölkerungsmehrheit
bewegt sich von der Nichtunterstützung des Imperiums zur Unterstützung
der antiimperialen Kräfte, und so gewinnen die Partisanen, gerade weil sie
bekämpft werden, mehr und mehr an Rückhalt und Kraft.
Die klassischen Landimperien haben darauf mit einer Eskalation der
Gewalt reagiert, die noch weit über die Methoden der Briten in Südafrika
hinausging und bis zur Ausrottung der gesamten Bevölkerung eines Gebiets
oder ihrer Umsiedelung zwecks Auflösung der ethnischen Einheit gereicht
hat: 67 «Verstreuung der Völker» ist der aus der Sicht der Unterlegenen
geprägte biblische Begriff für diese Politik. Die groß angelegten
«ethnischen Säuberungen», die Assyrer und Neubabylonier an den
notorisch widerständigen Juden vollzogen, sind dafür ein Beispiel. 68 Die
Mongolen haben ebenfalls eine solche Politik betrieben. Auch die Eroberer
der Neuen Welt haben die indianische Ureinwohnerschaft dezimiert, und
die russische Politik gegenüber den kaukasischen Völkerschaften war im
19. und 20. Jahrhundert von äußerster Härte und Brutalität. Ebenso hat das
Osmanische Reich sich gegenüber rebellierenden Völkern immer wieder des
Mittels ethnischer Umsiedlung und Vertreibung bedient, und als es dies
während des Ersten Weltkriegs mit den Armeniern wiederholte, wurde
daraus ein Völkermord, der sich infolge der inzwischen eingetretenen
Mediendichte unter den Augen der Weltöffentlichkeit vollzog und für die
politische Position der Türkei und ihrer Verbündeten verheerende Folgen
hatte. 69 Die römischen Feldherren Vespasian und Titus, die den jüdischen
Aufstand von 66 – 72 n. Chr. niederschlugen, unterlagen keinen derartigen
Kontrollmechanismen. Der Aufstand endete mit der Auflösung der
politischen Gemeinschaft der Juden in Palästina. 70 Diese Maßnahme des
römischen Imperiums ist mit der Gründung des Staates Israel erst im Jahre
1948 revidiert worden.
Modernen Imperien ist obendrein die Eskalation des Krieges, also der
Einsatz aller Waffen, über die sie verfügen, bei der Führung von
Kleinkriegen an ihren Rändern verwehrt, weil dies den Vorstellungen von
der Verhältnismäßigkeit der Mittel widerspricht. So haben sämtliche
amerikanischen Politiker und Generäle, die Kriege an der Peripherie des
amerikanischen Einflussbereichs durch Atomschläge siegreich zu Ende
bringen wollten, nicht die Unterstützung der amerikanischen Wähler
gefunden: Das gilt für den zeitweilig überaus populären General Douglas
MacArthur, der die Entscheidung im Koreakrieg durch den Abwurf von
Atombomben auf China erzwingen wollte, ebenso wie für den
republikanischen Präsidentschaftskandidaten Barry Goldwater (1964) und
den Präsidentschaftskandidaten der American Independent Party George
Wallace sowie seinen Vizepräsidentenkandidaten Curtis LeMay (1968), die
den Vietnamkrieg durch einen Atombombenangriff auf Nordvietnam
gewinnen wollten. 71 Es war nicht nur die Furcht vor der Eskalation eines
Regionalkrieges zum Atomkrieg der Supermächte, die den Einsatz von
Nuklearwaffen an der imperialen Peripherie verhinderte, sondern auch eine
ausgeprägte Vorstellung davon, dass damit alle politischen Ideale, denen
sich die Amerikaner verpflichtet fühlten, in Misskredit geraten wären.
Insofern wird man sagen können, dass die Selbstbeschränkung
demokratischer Imperien bei der Niederschlagung von Aufständen und der
Führung von Kriegen an der Peripherie die Erfolgschancen antiimperialer
Akteure erheblich gesteigert hat. Man wird deshalb auch davon ausgehen
können, dass die Liberalisierung und Demokratisierung Chinas die
Aktionsräume der Tibeter vergrößern wird. 72
Freilich verfügen demokratisch verfasste Imperien, die in der Regel see-
und handelszentriert sind, über Möglichkeiten zur Umstellung ihrer
Beherrschungs- und Kontrollmethoden, die klassische Landimperien
niemals hatten: Das Imperium zieht sich als Administrator des umkämpften
Raums zurück und entlässt die dortige Bevölkerung in die politische
Unabhängigkeit, aber es kehrt nach einiger Zeit als Kontrolleur der Ströme
von Waren und Dienstleistungen, Informationen und Kapitalzuflüssen
zurück. Nun entstehen jene Formen sanfter Abhängigkeit, die weder durch
Aufstände noch durch einen Partisanenkrieg überwunden werden können.
Die klassischen Waffen des antiimperialen Kampfes sind unter diesen
Umständen stumpf – weil es das Imperium als repressive Macht nicht mehr
gibt, wie die einen meinen; weil die Formen imperialer Repression und
Ausbeutung elastischer und raffinierter geworden sind, wie die anderen
behaupten. Bei dem Streit, der an der Peripherie imperialer Einflusszonen
ausgetragen wird, geht es im Grunde um die Frage, ob der Gestaltwandel
des Imperiums auf eine Veränderung seines Charakters von einem
repressiven und ausbeuterischen zu einem Frieden sichernden und
Wohlstand fördernden Regime hinausläuft oder ob die imperiale
Unterdrückung und Ausbeutung lediglich unsichtbar geworden ist, letzten
Endes jedoch unverändert fortbesteht.
Kulturelle Identitätskämpfe und Terrorismus als Strategie
des Verwüstungskrieges

Auch für Partisanenkriege gilt, was seit dem Übergang von agrarischen zu
industriellen Gesellschaften vom Krieg im Allgemeinen gesagt werden kann:
dass er mehr kostet als einbringt, gleichgültig, ob man als Sieger oder
Verlierer aus ihm hervorgeht, und dass es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte
dauert, bis die durch einen solchen Krieg verwüsteten Gesellschaften
wieder das wirtschaftliche Niveau vor Kriegsbeginn erreicht haben. Da
antiimperiale Partisanenkriege allerdings durchweg in Regionen mit
agrarischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen geführt wurden,
waren die mittel- und langfristigen Kosten des Krieges für die
antiimperialen Akteure nicht sogleich sichtbar. Industrieanlagen mit teurer
und aufwendiger Technologie waren hier nicht vorhanden, und die
großräumige Verminung von Straßen und Feldern wurde in den
Entkolonisierungskriegen nur selten praktiziert; sie wurde erst in den
1980er und 1990er Jahren von Bürgerkriegsparteien und Warlords zur
üblichen Form der Kriegführung gemacht.
Die negativen Folgen längerer Partisanenkriege waren also zunächst eher
sozialer als wirtschaftlicher Art. Sie bestanden in der Auflösung der
früheren sozialen Ordnung, der Erosion traditioneller Autorität und dem
Heranwachsen mindestens einer Generation, die wesentlich durch den
Krieg geprägt worden war. Entgegen den Erwartungen Frantz Fanons,
eines Theoretikers des antikolonialen Kampfes, förderte das Klima von
Krieg und Gewalt nicht die Entwicklung freier, selbstbewusster Menschen,
welche die Schmach der kolonialen Unterdrückung aktiv überwunden
hatten, sondern die traumatisierter Charaktere, die den Aufbau einer neuen
Gesellschaft mehr behinderten als vorwärts brachten. 73 Häufig erwarteten
sie, für die durchgestandenen Lasten und Leiden belohnt zu werden, und
selten waren sie davon zu überzeugen, dass die eigentliche Aufbauarbeit
noch vor ihnen liege und sich in ihr entscheide, ob man die Zwecke,
derentwegen man den Krieg begonnen hatte, auch wirklich erreichen
werde. Die Veteranen des Partisanenkrieges waren (und sind) eine der
größten Hypotheken bei der Entwicklung der neuen Gesellschaft und der
Stabilisierung ihrer Staatlichkeit. In der Regel erheben sie Anspruch auf
lebenslange Versorgung mit Staatsrenten und erwarten eine materielle
Besserstellung gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Die Folge davon sind
Misswirtschaft und Korruption.
Kaum eines der Länder, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
seine Unabhängigkeit in einem Partisanenkrieg erkämpfte, hatte am Ende
des Jahrhunderts auch nur annähernd die Ziele erreicht, die für die ersten
Jahre nach der Unabhängigkeit gesteckt worden waren. Es sprechen also
triftige Gründe dagegen, dass sich durch einen lange dauernden Krieg die
Wirtschaftslage der imperialen Peripherie verbessern lässt. Zwar ist es mit
Hilfe des Partisanenkrieges möglich, technologische und organisatorische
Unterlegenheit durch die grenzenlose Leidens- und Opferbereitschaft der
eigenen Bevölkerung aufzuwiegen, die Beherrschungskosten der imperialen
Macht anzuheben und diese schließlich zum Rückzug zu zwingen. Aber
damit verbunden ist in der Regel eine derart tief greifende Selbstzerstörung
der Gesellschaft, dass politische Stabilität und wirtschaftliche Prosperität in
den befreiten Gebieten auf Jahrzehnte unmöglich werden.
Eine solche Bilanz lässt sich freilich nur rückblickend ziehen. Den
zeitgenössischen Akteuren konnte sie so nicht bewusst sein. Im Gegenteil:
Auf der Basis der Revolutionstheorien, denen sie anhingen, waren sie davon
überzeugt, dass sich die politische Mobilisierung, die den Volksaufstand
beziehungsweise den Partisanenkrieg begleitete, unmittelbar in einen
Prozess der gesellschaftlichen Modernisierung und des wirtschaftlichen
Aufschwungs überführen ließe. Diese Erwartung trog jedoch in jeder
Hinsicht. 74
Es hätte für antiimperiale Akteure am Ende des 20. Jahrhunderts also
gute Gründe gegeben, das Mittel des Partisanenkriegs zu meiden, jedenfalls
dann, wenn sie mit der Befreiung in erster Linie eine wirtschaftliche
Besserstellung der Bevölkerung in den umkämpften Gebieten bewirken
wollten. Wem es um die Erhöhung des Lebensstandards und die Mehrung
des gesellschaftlichen Reichtums ging, tat gut daran, auf den Einsatz
solcher Mittel zu verzichten. Sobald man an der weltwirtschaftlichen
Entwicklung teilhaben wollte, musste man sich mit den ehemaligen
imperialen Mächten, die die Weltwirtschaft kontrollieren, ohnehin aufs
Neue arrangieren und ihnen einen erheblichen Einfluss auf die eigene
Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung einräumen, insbesondere dann,
wenn man Kredite des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank
bekommen wollte. 75

Als Form des antiimperialen Kampfes hat sich der Partisanenkrieg somit als
ambivalent erwiesen. Mit dieser Erkenntnis ist der Niedergang des
Marxismus, der ehemaligen Leitideologie der Befreiungskriege, eng
verbunden. Sobald sozioökonomische Überlegungen eher für eine
Kooperation mit dem imperialen Zentrum als für den Kampf gegen
imperialistische Ausbeutung sprechen, ist der wesentlich auf
sozioökonomische Fragen konzentrierte Marxismus keine geeignete
Anleitung für einen solchen Kampf mehr. Tatsächlich ist er bereits längere
Zeit vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion durch ethnisch-
nationalistische und vor allem religiös-zivilisatorische Ideologien abgelöst
worden, die, wenn man so will, den Vorteil haben, dass sie den Erfolg des
antiimperialen Kampfes nicht von sozioökonomischen Indikatoren abhängig
machen. Vielmehr geht es in ihnen darum, ethnische, kulturelle oder
religiöse Identität zu bewahren. Mit Kosten-Nutzen-Rechnungen ist diesem
identitären Antiimperialismus nicht beizukommen. Sein Aufstieg, der
komplementär zum Niedergang des Marxismus erfolgte, hat dazu geführt,
dass Krieg und Gewalt ihren instrumentellen Charakter verloren und eine
existenzielle Dimension bekommen haben: Sie sind nun nicht mehr nur
Mittel zur Erreichung bestimmter Ziele und Zwecke, sondern Techniken der
Selbstbehauptung und Selbstbestätigung. Wer sie nicht beherrsche, gehe
unter oder verliere zumindest seine kulturelle Identität. Wichtiger als das
Ergebnis des Kampfes sei darum der Kampf um des Kämpfens willen. Die
folgenreichste Ausprägung dieser Entwicklung sind die neueren Formen
des internationalen Terrorismus, besonders die Gestalt des
Selbstmordattentäters.
Die Frage, welchen Stellenwert die zivilisatorisch-kulturelle Identität im
Verhältnis zu den Chancen und Gefahren sozioökonomischer
Veränderungen an der Peripherie der Wohlstandszonen einnimmt, ist also
entscheidend für die zukünftigen Kriege in der Welt und die Form der
terroristischen Bedrohung imperialer Zentren. Pointiert formuliert: Setzen
die Eliten dieser Länder auf Wirtschaftswachstum und die Aussicht, an
materiellem Wohlstand zu partizipieren, so sind Kompromisse
beziehungsweise Formen des Interessenausgleichs möglich. Setzen sie
dagegen auf die Verteidigung von Identitäten, die durch die Lebensweise
des imperialen Zentrums bedroht sind, kann es weder Kompromiss noch
Ausgleich geben. Die westliche Lebensweise ist nämlich unter den
Bedingungen globalisierter Wirtschafts-, Informations- und Mediensysteme
nicht auf bestimmte Regionen zu begrenzen. Zudem steht ihre Ausbreitung
nicht unter einer direkten politischen Kontrolle, sondern wird von
wirtschaftlichen wie zivilgesellschaftlichen Akteuren vorangetrieben:
einerseits durch die Erschließung neuer Märkte für westliche Waren,
andererseits durch Bildungsprogramme und Projekte zur Gleichstellung der
Frauen. Darüber hinaus gibt es an der Peripherie der imperialen Ordnung
stets einflussreiche Gruppen, die sich von Wertordnung und Lebensweise
im imperialen Zentrum stark angezogen fühlen und sie übernehmen wollen.
Der Kampf antiimperialer Akteure beginnt daher als ein Bürgerkrieg in den
Gesellschaften an der imperialen Peripherie, und in ihm wird darum
gerungen, von welchen Werten sie geprägt sein sollen.
Waren in herkömmlichen Bürgerkriegen der Kampf um die politische
Macht und der um gesellschaftliche Werte geradezu untrennbar
miteinander verbunden, so kann man inzwischen die Ausdifferenzierung von
zwei unterschiedlichen Typen des Bürgerkriegs außerhalb der imperialen
Zentren beobachten: Einerseits kämpfen Warlord-Gruppierungen
gegeneinander, denen es allein um die militärische Kontrolle eines
bestimmten Gebietes geht, das für sie interessant ist, weil dort wertvolle
Bodenschätze oder Rohstoffe zu finden sind. 76 Die Werte und religiös-
kulturellen Orientierungen der dort lebenden Menschen interessieren die
Warlords nicht; sie tyrannisieren die Bevölkerung, aber sie wollen sie nicht
erziehen oder verändern. Dem stehen andererseits Bürgerkriege
gegenüber, in denen die Kontrolle der Bodenschätze und die Übernahme
der politischen Macht eine nur sekundäre Rolle spielen, weil es in ihnen um
die kulturelle Identität der Menschen geht: dass sie ein an den
Gepflogenheiten der Vorfahren orientiertes Leben führen, dass religiöse
Werte für sie unbedingte Verbindlichkeiten haben, dass sie den
hedonistischen Versuchungen des Westens widerstehen und so weiter.
Aus den erstgenannten Bürgerkriegen kann sich das imperiale Zentrum
politisch und militärisch heraushalten: Die siegreiche Partei wird sich
spätestens dann von selbst in die imperialen Wirtschaftskreisläufe
hineinbegeben, wenn sie die Bodenschätze kapitalisieren will, um die der
Kampf geführt wurde. Die Rohstoffe, an denen die Wohlstandszonen
interessiert und auf die sie angewiesen sind, fließen ihnen also zu,
unabhängig davon, wer gerade in einem bestimmten Gebiet das Sagen hat.
Greift das imperiale Zentrum in diese Kriege ein, dann in der Regel nicht,
um politische oder wirtschaftliche Interessen zu verfolgen, sondern weil die
Verbrechen und Grausamkeiten eines Warlords das allgemein noch
hingenommene Maß überschreiten und eine Koalition von
Nichtregierungsorganisationen und Medien eine humanitäre Intervention
zur Beendigung der Gewalt verlangen. Sie wird jedoch allenfalls zögerlich
erfolgen, zumal, wenn ein rasches Ende der Kämpfe nicht abzusehen ist.
Bei dem zweiten Typus von Bürgerkriegen, in denen es um Normen und
Werte geht, ist die Interventionsbereitschaft ebenfalls gering. Hier aber ist
das imperiale Zentrum aus der Sicht der Konfliktparteien von Anfang an
beteiligt, schon weil die Gegner des herrschenden Regimes dessen
Stabilität und Fortbestand auf die Unterstützung des imperialen Zentrums
zurückführen und so zu antiimperialen Akteuren werden. Was von ihnen
dabei hauptsächlich abgelehnt und bekämpft wird, ist die aus den
imperialen Zentren in die Peripherie diffundierende weiche Macht, und
deswegen ist der Vorschlag Joseph Nyes, die USA sollten sich bei der
Sicherung ihrer Macht mehr auf ihre soft power als auf hard power
verlassen 77 , in solchen Fällen kaum weiterführend. Tatsächlich nimmt soft
power einen wesentlich größeren Einfluss auf die Lebensweise von
Gesellschaften als hard power: Letztere tangiert nur die Machtverhältnisse,
Erstere verändert die Identität. Fundamentalismus in seinen
unterschiedlichen Spielarten ist vor allem Widerstand gegen die weiche
Macht eines imperialen Zentrums. Dieser Widerstand muss nicht notwendig
gewaltsam sein, doch angesichts der Dynamik, welche die weiche Macht
des Imperiums entfaltet, ist er ständig in Versuchung, zu gewaltsamen
Mitteln zu greifen.

Fundamentalistische Gruppierungen, die einen Konflikt um die inneren


Werte und Orientierungen ihrer Gesellschaften austragen 78 , werden dann
zu antiimperialen Akteuren, wenn sie direkte wie indirekte Einflussnahmen
des imperialen Zentrums für die Erosion der von ihnen geschätzten Werte
verantwortlich machen und im bewaffneten Kampf die einzige Möglichkeit
sehen, dem, was für sie ein Verfall der Sitten ist, Einhalt zu gebieten. Eine
frühe Variante dieses religiös-kulturellen Antiimperialismus war der
Makkabäeraufstand gegen die Seleukidenherrschaft im Palästina des 2.
vorchristlichen Jahrhunderts. 79 In der schrittweisen Verbreitung der
hellenistischen Kultur, die zunächst von den Juden in der Diaspora, bald
aber auch von der Oberschicht in Jerusalem und Judäa übernommen wurde,
sah die an Sitten und Glauben der Vorväter orientierte Gruppe eine
Bedrohung ihrer Identität – vor allem ihres strikten Monotheismus – und
rebellierte dagegen. 80 Der Seleukidenkönig Antiochus IV. Epiphanes
reagierte mit verschärften Repressionen, was wiederum eine Ausweitung
des Aufstands nach sich zog, der bald nach Art eines Partisanenkriegs
geführt wurde. In den wüstenartigen Gebirgsregionen konnten nur kleine
Einheiten des Seleukidenheeres operieren, denen die Partisanengruppen
auf Dauer überlegen waren. Dabei kam den Aufständischen zugute, dass
sich das Seleukidenreich im Abstieg befand: Im Osten wurde es von den
Parthern schwer bedrängt, im Westen war es mit der expandierenden
Macht Roms konfrontiert, und in seinem Zentrum sorgten Rivalitäten und
Machtkämpfe dafür, dass keine langfristig angelegten Entscheidungen
mehr getroffen werden konnten. So vermochten die aufständischen Juden
sich politisch wie militärisch zu behaupten und schließlich eine politische
und religiöse Autonomie zu erkämpfen.
Wie auch immer machtpolitische und religiös-identitäre Motive bei den
Aufständischen verteilt gewesen sind – anfangs, als es höchst
unwahrscheinlich schien, dass das kleine Judäa sich gegen den mächtigen
seleukidischen Militärapparat würde durchsetzen können, trugen vor allem
religiöse Motive den Aufstand. Die Gruppe der Aufständischen war
allerdings gespalten: in die Partei der Gemäßigten, die sich damit
begnügten, die Autonomie der Jerusalemer Kultgemeinde
wiederherzustellen und einen nicht von den Seleukiden eingesetzten
Hohepriester an ihrer Spitze zu wissen, und die der Radikalen, denen es um
einen tief greifenden Wandel der Welt und die Vorbereitung des
kommenden Gottesreichs ging. Was schließlich entstand, war das jüdische
Königreich der Hasmonäer, also ein weitgehend selbständiger Staat in
Palästina. Möglich wurde das, weil das Seleukidenreich durch
jahrzehntelange Thronstreitigkeiten und das allmähliche Eindringen der
Römer in den Vorderen Orient geschwächt war, die freilich noch nicht die
gesamte Region unter ihre direkte politische Kontrolle bringen konnten. In
diesem postimperialen Raum hatte das Königreich der Hasmonäer mehr als
ein Jahrhundert Bestand.
Die politischen Rahmenbedingungen, denen das hasmonäische Königtum
seine Existenz verdankt, erklären jedoch nicht die Kampf- und
Opferbereitschaft, mit denen es tatsächlich errichtet wurde. Diese innere
Dynamik war sehr viel stärker religiös-identitär als politisch geprägt. Das
dann tatsächlich erreichte Ergebnis des etwa fünfzigjährigen Kampfes war
von den am Aufstand Beteiligten, denen es um die Bewahrung ihrer
religiösen Identität ging, kaum angestrebt. Der Kampf hatte als
Verteidigung der Traditionen begonnen, sich innerhalb kurzer Zeit
radikalisiert und schließlich eine fundamentalistische Dimension gewonnen.
Dass die minimalen Erfolgsaussichten nicht zur schnellen Resignation der
Beteiligten führten, hatte auch mit dem Aufkommen apokalyptischer
Vorstellungen zu tun. Der im Buch Daniel enthaltene Mythos von den vier
Weltreichen, deren definitives Ende nunmehr gekommen sei, ist in der Zeit
des Makkabäeraufstands entstanden. 81 Insbesondere die beiden
Makkabäerbücher, von denen das erste einen historisch detaillierten, das
zweite einen zusammenfassenden Bericht von Verlauf und Motivation des
Aufstandes gibt, sind vom Geist eines religiös-kulturellen
«Antiimperialismus» durchdrungen, in dem die Vereinheitlichung der
Gesetze und Gebräuche innerhalb der Ökumene grundsätzlich verworfen
wurde. Die hellenistische Kosmopolitie wurde als Kosmodespotie
wahrgenommen und bekämpft.
Der Bericht der Makkabäerbücher marginalisiert die politische Dimension
des Konflikts und stellt die Frage der religiösen Identität in den
Mittelpunkt. Die jüdische Empörung über den kulturellen Einfluss der
Seleukiden nahm zu, und die Errichtung eines Gymnasiums, also einer aus
der griechischen Kultur übernommenen Sportstätte, hat das Fass zum
Überlaufen gebracht. Dabei ging es nicht nur darum, dass fromme Juden die
Körperübungen nackter Menschen in unmittelbarer Nähe des Tempels als
Provokation empfanden. Wichtiger noch war, dass in hellenistischen
Gymnasien der Kult des Herakles gepflegt wurde, was auf eine Einführung
des Götzendienstes in der Heiligen Stadt hinauslief. Während das
1. Makkabäerbuch eine solche Ausbreitung heidnischer Kulte in Jerusalem
und Judäa ins Zentrum rückt, hebt das 2. Makkabäerbuch stärker auf die
Säkularisierung des alltäglichen Lebens unter dem Einfluss des Hellenismus
ab. Dabei wird deutlich, dass es bei dem Aufstand keineswegs nur um die
Zurückweisung seleukidischer Anmaßungen ging, sondern von Anfang an
auch Elemente eines innerjüdischen Konflikts vorhanden waren. 82 Durch
die Kollaboration der Oberschicht mit der seleukidischen Ordnungsmacht
verbanden sich Bürgerkrieg und antiimperialer Kampf miteinander.
Solche um der Bewahrung religiös-kultureller Identitäten willen
aufflammenden antiimperialen Aufstände haben – neben den ausschließlich
ökonomisch motivierten Ressourcenkriegen – die Imperien immer wieder
zum militärischen Eingreifen an ihrer Peripherie veranlasst. Politische und
religiös- beziehungsweise kulturell-identitäre Motivationen verbinden sich
dabei, und dass die Ziele und Absichten diffus bleiben, läuft nicht – wie in
einer marxistischen Denktradition zu vermuten wäre – auf deren
Schwächung hinaus, sondern trägt dazu bei, dass sich die Gruppen nicht in
Debatten über die richtige politische Linie zerstreiten. Der jüdische
Aufstand gegen die Seleukidenherrschaft und seine Beschreibung in den
Makkabäerbüchern ist nicht zuletzt deshalb als historischer Spiegel für die
Analyse der gegenwärtigen Situation geeignet, weil auch hier
machtpolitische und religiösidentitäre Elemente ineinander geflossen sind
und die Darstellungen des Aufstandes immer auch eine Entscheidung
darüber enthalten, welcher der beiden Bestandteile von größerem Gewicht
gewesen sei.
Vor allem aber lässt sich am Beispiel des Makkabäeraufstandes das
Zusammenwirken von hard power und soft power des Seleukidenreichs
beobachten. Die militärische Macht der Seleukiden und die auf sie gestützte
Besatzung in Jerusalem und Judäa waren sicherlich ein wichtiges Motiv für
den Aufstand, entscheidender jedoch war – zumindest nach der Sicht des
2. Makkabäerbuchs – die Attraktivität der hellenistischen Kultur. Von dieser
weichen Macht war die religiöse Identität der jüdischen Gemeinschaft in
Palästina bedroht, was schließlich das gewaltsame Vorgehen gegen die
Träger und Propagandisten der griechischen Kultur zur Folge hatte. Und
weil religiöse Traditionen unbedingte Geltung haben, ihre Bindekraft durch
Säkularisierung wie Aufklärung allerdings geschwächt wird, werden die
Traditionalisten im Zuge der Auseinandersetzungen zu Fundamentalisten.
Diese Verwandlung, die gelegentlich als Radikalisierung beschrieben wird,
aber doch mehr ist, vollzieht sich im Verlauf des Aufstandes. Diejenigen
nämlich, die zu den Waffen greifen, sind schon keine Traditionalisten mehr,
sondern bereits Fundamentalisten: Sie setzen auf die Wiederherstellung der
Gemeinschaft, und die Erneuerung ihrer Werte nimmt die Form des
bewaffneten Kampfes an. Er wird für sie zu einer moralischen Läuterung, in
der sich die Gemeinschaft der Abtrünnigen und Verräter entledigt. Aber
eine solche Läuterung, ein klassischer Bestandteil aller Bürgerkriege, kann
ihr Ziel nur erreichen, wenn sie im Kampf gegen den Herd der Verderbnis,
das imperiale Zentrum, erfolgt.
Damit freilich gelangen die Parallelen zwischen dem Makkabäeraufstand
und dem sich seit etwa einem Jahrzehnt verdichtenden Terrorismus aus der
islamischen Welt an ihre Grenze. Der Rückzug der seleukidischen
Besatzung aus Jerusalem und die Vertreibung aller Anhänger der
hellenistischen Kultur aus Judäa führte zusammen mit der Errichtung des
Königtums der Hasmonäer zu einer Stabilisierung, die durch die
Aussparung Jerusalems und Judäas aus dem ansonsten weitergehenden
Hellenisierungsprozess im Nahen Osten gekennzeichnet ist. Solche
Lösungen sind heute nicht mehr möglich. Infolge eines intensivierten
Austauschs von Menschen und Informationen können Kulturen nicht mehr
voneinander isoliert gehalten werden. Der Prozess der kulturellen
Globalisierung erhöht die soft power des imperialen Zentrums, dessen
Anziehungskraft sorgt für einen verstärkten Braindrain, und die weiche
Macht des Imperiums nimmt weiter zu. Das beginnt bei der
wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit und endet bei der Definitionsmacht
über die Populärkultur. Die Unterstellung der antiimperialen Akteure, dies
sei ein gezieltes Manöver des Imperiums zur Nivellierung kultureller
Identitäten, ist sicherlich falsch, aber gerade aus dieser Überzeugung
gewinnen die antiimperialen Akteure Unterstützung und Kraft. Folgt man
dieser Annahme, so ist klar, dass der antiimperiale Kampf nicht mehr, wie
noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, als ein Kampf um die Befreiung
von Territorien an den Rändern des Imperiums geführt, sondern bis ins
imperiale Zentrum vorgetragen wird. Die Form, in der dies geschieht, ist
der Terrorismus.
Terrorismus und Partisanenkrieg unterscheiden sich nicht nur dadurch,
dass Partisanen vor allem an den physischen, Terroristen hingegen
wesentlich an den psychischen Folgen der Gewalt orientiert sind, die sie
einsetzen, sondern auch darin, dass Partisanen ihrem innersten Wesen nach
defensiv sind 83 , während Terroristen jederzeit offensiv agieren können.
Zudem sind Partisanen darauf angewiesen, dass ihnen die Bevölkerung des
Operationsgebietes Unterstützung gewährt und zugleich Deckung bietet.
Das trifft auf den transnationalen Terrorismus nicht mehr zu. Stattdessen
greift er auf Geldspenden aus Unterstützerkreisen zurück, und er nutzt die
Infrastruktur der Länder, in denen er seine Angriffe durchführt. Dazu sind
die Mediendichte ebenso zu zählen wie die Massenverkehrssysteme urbaner
Ballungsräume, Flugverbindungen, das Internet und nicht zuletzt die
Anonymität moderner Großstädte. Diese Infrastruktur ermöglicht alles, was
für terroristische Attacken vonnöten ist: von der Platzierung der
Terrorkommandos über ihre Versorgung bis zur Umfunktionierung von
Flugzeugen in Waffen und Mobiltelefonen in Sprengstoffzünder. Das haben
die Anschläge von New York und Madrid gezeigt.
Aber was ist das strategische Ziel der neuen Formen des Terrorismus?
Der klassische Terrorismus, wie er in Russland gegen Ende des
19. Jahrhunderts entstanden ist, richtete sich gegen die Spitzen des
zarischen Regimes sowie Teile seines Repressionsapparats. Seine Absicht
war es, die Entscheidungselite einzuschüchtern und zugleich die
Bevölkerung für seine Sache zu gewinnen, um in einem Massenaufstand das
bestehende Regime hinwegzufegen. Die Terroranschläge sollten als
Initialzündung des großen Aufstands dienen. Das hat bei
nationalrevolutionären Bewegungen eher funktioniert als bei
sozialrevolutionären. Dem transnationalen Terrorismus jedoch liegt eine
gänzlich anderen Strategie zugrunde: Mit Anschlägen gegen zivile Ziele,
denen jeder zum Opfer fallen kann, lässt sich keinerlei Sympathie
gewinnen. Hier geht es um eine moderne Variante des Verwüstungskrieges.
Sein Zweck soll durch die Verheerung gegnerischer Gebiete erreicht
werden. Im Grunde folgen die Terroristen derselben Strategie wie die
nomadischen Reitervölker, die in schnellen Vorstößen in den imperialen
Friedensraum eindrangen, ihn brennend und sengend durchzogen und
wieder verschwanden, bevor die Truppen des Imperiums sie stellen
konnten.
Was im klassischen Verwüstungskrieg die Schnelligkeit der Angreifer
war, ist im Terrorismus die Verborgenheit seiner Akteure in der Anonymität
der großen Städte, ihr Untertauchen in der Masse der dort anzutreffenden
Fremden und schließlich die hohe Mobilität, für die die Angreifer nun nicht
einmal selber sorgen müssen, sondern für die sie die vorhandenen
Verkehrssysteme nutzen können. Dabei ist ihr Angriffsziel nicht die
physische Zerstörung von Dörfern und Städten oder die Verheerung ganzer
Landstriche, sondern die labile psychische Verfassung der Bevölkerung in
postheroischen Gesellschaften. Durch terroristische Anschläge soll diese in
einen Zustand des Schreckens und der Hysterie versetzt werden, der das
normale Leben und die wirtschaftlichen und finanziellen Prozesse
unterbricht und so schwere Schäden verursacht. Es ist nicht so sehr die
Stärke der Angreifer als die dramatische Verletzlichkeit der Angegriffenen,
die dafür sorgt, dass diese Strategie Wirkung zeigt. Diese Wirkung kann
unter anderem darin bestehen, dass die imperiale Macht sich dazu genötigt
sieht, in die vermuteten Herkunftsräume der Terroristen einzudringen, wo
sie dann in einen klassischen Partisanenkrieg verwickelt wird, in dem die
asymmetrische Überlegenheit des Imperiums kaum, die asymmetrierende
Kreativität der antiimperialen Akteure aber voll zum Tragen kommt. Hier
kann sich Schwäche in Stärke verwandeln, nachdem zuvor gerade die
Stärke der Imperien durch die Art der terroristischen Attacken in Schwäche
verwandelt wurde.
Nachdem es im Lauf des 20. Jahrhunderts zu einem erheblichen
Machtzuwachs der Peripherie gekommen war, weil Imperien nicht mehr mit
«voller Härte» gegen Insurrektionen vorgehen konnten, schien die These
vom Ende des imperialen Zeitalters plausibel. Aber sie erwies sich sehr
schnell als voreilig. Statt zu einem definitiven Ende aller Imperien kam es
zu einem neuerlichen Formwandel imperialer Ordnung. Dabei hat die
imperiale Macht zunächst die bodengestützte Kontrolle der Territorien, die
sie angreifbar und verletzbar machte, aufgegeben und sich auf die Kontrolle
aus der Luft beziehungsweise dem Weltraum verlegt. So kann sie partiell
und selektiv eingreifen. Was dem Imperium an politischen Möglichkeiten
verloren ging, hat es durch technologische Entwicklungen kompensieren
können. Darauf haben die antiimperialen Akteure ihrerseits mit einem
Formwandel des Widerstands reagiert, bei dem der klassische
Partisanenkrieg durch neue Arten des transnationalen Terrorismus abgelöst
wurde. Was unter den Bedingungen klassischer Symmetrie
Rüstungswettläufe waren, hat sich in einen Wettlauf zwischen
technologischer Innovation und strategischer Kreativität entwickelt.
Deshalb sind Imperien nicht mehr durch territoriale, sondern durch
fiskalische Belastungen am meisten gefährdet.
6. DIE ÜBERRASCHENDE WIEDERKEHR
DES IMPERIUMS IM POSTIMPERIALEN
ZEITALTER
Innerhalb eines Jahrzehnts ist die Stimmung umgeschlagen: Sahen zu
Beginn der 1980er Jahre viele Amerikaner ihr Land in einem ständigen
Niedergang, in dessen Folge zwar nicht die Sowjetunion, wohl aber Japan
und Westeuropa die Oberhand gewinnen könnten, so hat sich im Verlauf der
1990er Jahre ein neuer «Triumphalismus» entwickelt, der die USA als das
weitaus mächtigste Land der Erde feiert und das Ende des «amerikanischen
Jahrhunderts» noch lange nicht gekommen sieht. Sicherlich kann die
Wahrnehmung solcher Stimmungsumschwünge mit einem veränderten
Aufmerksamkeitsfokus des Beobachters zu tun haben: Er glaubt, einen tief
greifenden Mentalitätswandel feststellen zu können, und hat eigentlich nur
ein wenig den Kopf gedreht und dadurch andere Debatten und Personen in
den Blick bekommen. Was ihm als Veränderung des Objekts erscheint, ist
bloß eine Veränderung seines Blickfelds.
Als die Westeuropäer in der Spätphase des Kalten Krieges die USA auf
der Bahn des Niedergangs wähnten, haben sie vor allem jene Stimmen aus
Amerika zur Kenntnis genommen, die eine gesteigerte Besorgnis um die
Zukunft ihres Landes artikulierten und sich dabei auf die sinkende
Industrieproduktion, die hohe Kriminalitätsrate, die wachsende Kluft
zwischen Arm und Reich, die Probleme im Gesundheits- und Bildungswesen,
die wachsende Staatsverschuldung, die niedrige Sparquote der Bevölkerung
und schließlich das notorisch hohe Außenhandelsdefizit der USA
konzentrierten. Als sich hingegen in Europa nach dem Zusammenbruch der
Sowjetunion und der amerikanischen Machtdemonstration im Zweiten
Golfkrieg von 1991 der Eindruck verfestigte, die USA hätten eine in der
Geschichte beispiellose Position globaler Dominanz erlangt, registrierte
man hauptsächlich jene Stimmen, für die Amerika nunmehr die Rolle eines
Weltpolizisten übernommen hatte, der nicht bloß die ärgsten Schurken an
ihrem üblen Treiben hinderte, sondern auch dafür sorgte, dass der Prozess
neoliberaler Globalisierung, von dem die USA wirtschaftlich profitierten,
ohne Störung weiterlief.
Durch die gewandelte Außenwahrnehmung der USA mag der
Stimmungsumschwung überzeichnet und vergrößert worden sein, denn
tatsächlich sind viele der Warnungen und Bedenken, die in den 1980er
Jahren geäußert wurden, auch heute noch zu hören, zumal die damaligen
Probleme keineswegs verschwunden sind. Aber der Eindruck einer
veränderten Selbstwahrnehmung der USA und eines neuen
Selbstbewusstseins ist mehr als das Ergebnis eines westeuropäischen
Perspektivwechsels. Der Aufstieg der USA zur «einzig verbliebenen
Supermacht», der wirtschaftliche Aufschwung in den 1990er Jahren und die
damit einhergehende Erfahrung, in der ökonomischen Konkurrenz mit
Westeuropäern und Japanern (die gerade während dieser Zeit Anzeichen
wirtschaftlicher Erschöpfung zeigten) nicht bloß bestehen zu können,
sondern ihnen gegenüber wieder Vorsprung zu gewinnen, schließlich die
Überwindung des lange währenden Vietnamtraumas im Zweiten Golfkrieg
von 1991 haben den Eindruck verblassen lassen, der Zenit amerikanischer
Machtentfaltung sei bereits überschritten. Man war zuversichtlich, den
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu sein, und was zuvor
als ein Indiz des Niedergangs galt, wurde nun als ein Problem angesehen,
das zwar kompliziert, aber lösbar sei. Und vor allem: Wenn die USA es nicht
bewältigten – wer dann? In der von Madeleine Albright geprägten Formel,
die USA seien «die unverzichtbare Nation», hat das neue Selbstbewusstsein
seinen Ausdruck gefunden.
Wahrscheinlich ist die zentrale Bedeutung, die der Verlauf des
Golfkrieges von 1991 bei diesem Stimmungsumschwung spielte, lange nicht
in vollem Ausmaß erkannt worden. Dazu hat nicht zuletzt der Umstand
beigetragen, dass Präsident Bush sen. trotz des Kriegserfolgs nicht wieder
gewählt wurde und sein Amt an den zunächst wenig bekannten Bill Clinton
abgeben musste. Dennoch lässt sich die Bedeutung des Zweiten Golfkriegs
für das amerikanische Selbstbewusstsein kaum überschätzen. Zum
Vietnamtrauma gehörte nämlich nicht bloß die bittere Erfahrung der
militärischen Niederlage gegen Vietcong und Nordvietnamesen und die
demütigende Erinnerung an die überstürzte Flucht aus der US-Botschaft in
Saigon am 29. April 1975. Mit ihm war auch die Befürchtung verbunden,
dass die militärische Erfolgsgeschichte der USA, die über ein Jahrhundert
lang aus allen äußeren Kriegen als Sieger hervorgegangen waren, zu Ende
sei. Der Zusammenbruch des Schahregimes im Iran 1979, die fast
15-monatige Geiselnahme des amerikanischen Botschaftspersonals in
Teheran und der kläglich gescheiterte Befreiungsversuch im April 1980
schienen solche Befürchtungen zu bestätigen. Doch der schnelle
militärische Sieg in den Wüsten der Golfregion hat die Bedeutung der
Vietnamerfahrung relativiert und sie zu einem kurzen Einschnitt in der
amerikanischen Erfolgsgeschichte werden lassen, deren sozialmoralische
Entsorgung nun endgültig an Hollywood überwiesen werden konnte.
Womöglich lässt sich der Stimmungsumschwung in den USA am
deutlichsten daran ablesen, dass die kritischen Vietnamkriegsfilme durch
«Heldenepen» abgelöst wurden, mit denen die Amerikaner ihre Kriege im
kollektiven Gedächtnis der politischen Gemeinschaft verankern. 1
Der militärische Sieg im Zweiten Golfkrieg hatte aber nicht nur eine
therapeutische Funktion für das Vietnamtrauma; er zeigte auch, dass man
erstens der damals noch existierenden Sowjetunion, mit deren
Rüstungsgütern die irakische Armee ausgestattet war und nach deren
Militärstrategie sie geführt wurde, klar überlegen war und zweitens die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Japaner und Deutschen nicht
fürchten musste, solange man sie für die eigenen Zielsetzungen nutzen und
einspannen konnte: Bekanntlich haben im Wesentlichen Japan und
Deutschland die amerikanischen Kosten des Krieges von 1991 getragen. Am
wichtigsten allerdings war, dass die USA ihn mit minimalen eigenen
Verlusten gewannen. Sie hatten sich durch ihre Rüstungsprogramme eine
asymmetrische Überlegenheit verschafft, die es ihnen erneut ermöglichte,
an jedem Punkt der Erde Krieg zu führen. 2 Im Anschluss an den Zweiten
Golfkrieg ist das Militär wieder zu einem handlichen Instrument der
US-Außenpolitik geworden; was das bedeutete, wurde bereits im Verlauf
der 1990er Jahre und dann verstärkt nach dem 11. September 2001
sichtbar, als die US-Regierung zunehmend auf das Militär als politischen
Problemlöser setzte.
Die Erfahrung des Zweiten Golfkriegs dürfte also maßgeblich dazu
beigetragen haben, dass die US-Administrationen das Ende des Ost-West-
Konflikts nicht – wie die Europäer – zum Anlass nahmen, ihre
Rüstungsausgaben zurückzuschrauben und die Friedensdividende
einzustreichen, sondern weiter in den Ausbau ihrer militärischen
Fähigkeiten investierten. Hätten die Amerikaner im wirtschaftlichen
Aufholen Westeuropas und Japans die eigentliche Bedrohung ihrer Stellung
in der Welt gesehen, wäre dies eine falsche politische Entscheidung
gewesen. Das Bedrohungsszenario, auf das sie sich einstellten, sah offenbar
ganz anders aus. Indem sie den Militärapparat auch ohne die
Herausforderung durch einen unmittelbaren Konkurrenten ausbauten,
setzten sie auf die Option einer imperialen Politik der USA. Das ist umso
bemerkenswerter, als allgemeiner Konsens darüber bestand, dass Imperien
der Vergangenheit angehörten. So schrieb der Historiker Alexander
Demandt: «Die Selbstauflösung der Sowjetunion am 31. Dezember 1991
schloß das imperiale Zeitalter ab. Seit dreitausend Jahren wurde die
Weltpolitik durch Universalreiche bestimmt. Das ist nun vorbei.» 3
Die Diagnose vom Ende des imperialen Zeitalters und das
Problem postimperialer Räume

Das 20. Jahrhundert ist, zumal wenn man es mit Eric Hobsbawm als ein
kurzes Jahrhundert begreift, das erst 1914 begonnen und bereits 1989
geendet habe 4 , durch die wellenartig aufeinander folgenden
Zusammenbrüche von Imperien und Reichen gekennzeichnet. Schon vor
Beginn des Ersten Weltkriegs galten das Osmanische Reich, die
Donaumonarchie und das Zarenreich als instabil, unreformierbar und dem
Untergang geweiht. Ab einem bestimmten Zeitpunkt haben die
verantwortlichen Politiker in Wien, Sankt Petersburg und Istanbul den
Krieg gesucht, um mit seiner Hilfe vielleicht doch noch dem drohenden
Untergang zu entgehen. Keiner der drei Mächte ist dies gelungen. Das
Zarenreich hat nicht einmal das Kriegsende erlebt, und die
Friedensverhandlungen in Saint-Germain und Sèvres wurden bereits mit
den Nachfolgestaaten der Donaumonarchie und des Osmanenreichs
geführt. Von den großen Reichen im mittel-, ost- und südosteuropäischen
sowie dem kleinasiatisch-arabischen Raum hatte nur das deutsche den
Krieg – wenn auch mit erheblichen Gebietsverlusten – überstanden, und das
wohl nur, weil es seiner inneren Struktur nach mehr ein Nationalstaat als
ein Reich war.
Man wird jedoch kaum sagen können, dass an die Stelle der imperialen
Ordnung eine stabile Ordnung von Nationalstaaten getreten wäre. Zu
heterogen waren dafür die in den neuen Staaten zusammengeführten
Bevölkerungen und zu unterschiedlich die Interessenlagen und Motive der
westlichen Siegermächte, die diese Entwicklung angestoßen hatten. Der
amerikanische Präsident Woodrow Wilson hatte zwar das Recht auf
nationale Selbstbestimmung verkündet, sah sich jedoch aufgrund der
ablehnenden Haltung des amerikanischen Kongresses außerstande, den
Aufbau und Stabilisierungsprozess in Europa durch amerikanische
Unterstützung abzusichern. Obendrein vermochte er sich gegen die
divergierenden Interessen der verschiedenen Parteien in Versailles nicht
durchzusetzen und kehrte als gescheiterter Politiker nach Washington
zurück. 5
Eric Hobsbawm hat das Recht auf nationale Selbstbestimmung als das
«Verhängnis der europäischen Politik im 20. Jahrhundert» bezeichnet. Es
wurde schon bald zur Ursache für eine Fülle von Kriegen und
Bürgerkriegen, weil der vormals imperial beherrschte Raum nicht durch
Grenzziehungen von Nationalstaaten geordnet werden konnte, ohne neue
Minderheiten, Ungerechtigkeiten und Unterdrückung entstehen zu lassen. 6
Die Probleme Mittel- und Südosteuropas, die mit den ethnischen
Vertreibungen in der Türkei und Griechenland begannen und mit der
Zerschlagung der Tschechoslowakei im Frühjahr 1939 endeten, bevor der
gesamte Großraum während des Zweiten Weltkriegs mehrfach umgewälzt
wurde 7 , können als paradigmatisch für postimperiale Konstellationen
angesehen werden. Viele Entwicklungen, die sich dort in der
Zwischenkriegszeit vollzogen, wiederholten sich in der postkolonialen wie
der postsowjetischen Ära in abgewandelter Form: von den Infiltrations- und
Destabilisierungsversuchen der ehemaligen Imperialmächte über die
Putschversuche von Armeeeinheiten bis zu den ethnischen Konflikten und
schließlich Bürgerkriegen in den neu gebildeten Staaten.
1918/19 waren die USA nicht bereit und wohl auch nicht in der Lage, die
politische und ökonomische Ordnung in Mittel- und Südosteuropa zu
garantieren. So blieb der postimperiale Raum sich weitgehend selbst
überlassen: Die USA zogen sich zurück, das Deutsche Reich war infolge der
Niederlage zu schwach und durch den Versailler Frieden politisch
gebunden, und die gerade entstehende Sowjetunion scheiterte zunächst bei
dem Versuch, dort eine ideologische oder gar faktische Herrschaft zu
errichten. Nach 1945 aber wurden der mittel- und teilweise auch der
südosteuropäische Raum zum so genannten äußeren Imperium der
Sowjetunion, und als sich die UdSSR schließlich auflöste, übernahmen die
USA gemeinsam mit ihren westeuropäischen Verbündeten die Funktion, vor
der sie in der Zwischenkriegszeit noch zurückgeschreckt waren. Ihre
Aufgaben reichten von wirtschaftlicher Hilfe über politische Stabilisierung
bis hin zu militärischen Interventionen. In Bosnien und im Kosovo wurden
Letztere als humanitäre Akte dargestellt; das waren sie zweifellos auch,
aber wesentlich handelte es sich dabei um Eingriffe von außen, die eine
Wiederholung der Entwicklung verhindern sollten, zu der es in der
Zwischenkriegszeit gekommen war. Dass die USA als «raumfremde
Macht» 8 dabei die Hauptverpflichtungen übernahmen, lag zunächst daran,
dass sie als einzige die militärischen Fähigkeiten dazu besaßen. Das hatte
zugleich den Vorteil, dass sie die imperiale Aufgabe der Friedenssicherung
erfüllen konnten, ohne dadurch zwangsläufig – wie bei den «raumnahen»
europäischen Mächten – befürchten zu müssen, in eine imperialen Rolle
hineinzugeraten.

Der Blick auf Mittel- und Südosteuropa, wo das anbrechende postimperiale


Zeitalter seine erste Bewährungsprobe zu bestehen hatte, zeigt jene
eigentümliche Dialektik, die im 20. Jahrhundert beim Zerfall von Imperien
ein ums andere Mal zutage getreten ist: Postimperiale Räume sind darauf
angewiesen, dass sie von außen stabilisiert werden, damit in ihrem Inneren
eine stabile Ordnung entstehen kann; sie brauchen Zeit für die Entwicklung
eigener politischer Strukturen, und die erhalten sie nur, wenn sich eine
Macht findet, die – vorübergehend – imperiale Ordnungsfunktionen erfüllt,
ohne die Position des alten Imperiums einzunehmen. Es war nicht zuletzt
diese Herausforderung, die den Aufstieg der USA zur globalen Macht
begünstigt hat. Das im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder stolz
ausgerufene postimperiale Zeitalter beruht danach auf einer Paradoxie: Es
ist auf einen Akteur angewiesen, den es den eigenen Voraussetzungen nach
eigentlich gar nicht mehr geben darf. Niall Ferguson hat dies als den
«Imperialismus des Antiimperialismus» der USA bezeichnet. 9
Woodrow Wilson hatte nach 1918/19 darauf vertraut, dass der in Genf
gegründete Völkerbund die postimperialen Räume stabilisieren werde.
Eigentlich war nur von einer solchen internationalen Vereinigung zu
erwarten, dass sie der skizzierten Aufgabe gewachsen war, ohne in eine
imperiale Rolle zu schlüpfen. Aber was theoretisch überzeugend konstruiert
ist, muss in der Praxis darum noch keineswegs funktionieren. Die
Geschichte des Völkerbundes ist eine Geschichte des Versagens vor dieser
Herausforderung. Gerade aus Sorge, seine Aufgabe überzuerfüllen und in
eine imperiale Position zu geraten, untererfüllte der Völkerbund sie. 10 Er
erwies sich als außerstande, die postimperialen Konstellationen in Mittel-
und Südosteuropa zu stabilisieren, und das wurde zu einer der Ursachen
des Zweiten Weltkriegs. Damit soll nicht in Zweifel gezogen werden, dass
das nationalsozialistische Deutschland diesen Krieg begonnen hat. Aber
dass es ihn überhaupt beginnen konnte, hat mit dem Versagen des
Völkerbunds zu tun. 11
Das machtpolitische Vakuum im Mittel- und Südosteuropa der
Zwischenkriegszeit hat also mehr oder minder zwangsläufig neue
Imperiumsbildungen herausgefordert: Man kann die Außenpolitik Hitlers
und Stalins als Versuch begreifen, die nationalstaatliche Ordnung Mittel-
sowie Nord- und Südosteuropas zu zerschlagen und zu einer imperialen
Ordnung zurückzukehren. Was für die Deutschen eine Revision des
Friedensvertrags von Versailles war, war für die Russen die Revision des
Friedens von Brest-Litowsk, die im Verlauf des Bürgerkriegs nur teilweise
gelungen war. 12 Die Koalition zwischen Hitler und Stalin kam nur für
diejenigen überraschend, die ausschließlich auf die ideologischen
Gegensätze geachtet und darüber die geostrategischen Interessen
übersehen hatten. 13
Die Imperiumsbildung Hitlers ist an einer weltumspannenden Koalition
der großen Mächte und die Stalins – freilich erst knapp vierzig Jahre nach
seinem Tode – an der Überforderung ihrer Ressourcen gescheitert. Am
Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Stalin das mit dem Rückzug der
Deutschen entstandene Machtvakuum in Ost- und Mitteleuropa genutzt und
die Westgrenze seines Imperiums bis zur Elbe und zur Moldau
vorgeschoben. Dadurch jedoch hatte er die Entstehung einer
antisowjetischen Koalition der USA und der Westeuropäer provoziert, die
das sowjetische Potenzial bei weitem übertraf. So musste die Sowjetunion
im Vergleich mit den USA und den Westeuropäern das Fünf- bis Sechsfache
ihres Bruttoinlandsprodukts aufwenden, um eine strukturelle Balance der
militärischen Fähigkeiten aufrechtzuerhalten.
Um diese auf Dauer ruinöse Unterlegenheit zu kompensieren, begann die
Sowjetunion, systematisch Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt zu
unterstützen, von denen sie eine allmähliche Aushöhlung der westlichen
Überlegenheit erwartete. Die Hoffnung trog, und was von ihr im Jahre 1991
beim Zusammenbruch der Sowjetunion übrig blieb, waren akkumulierte
Schulden der Drittweltländer in Höhe von 130 Mrd. US-Dollar. 14 Auch an
westlichen Verhältnissen gemessen waren diese nicht mehr einzutreibenden
Außenstände gewaltig; für die Sowjetunion aber waren sie ein Desaster. Die
Zwänge imperialer Machtbildung hatten zu einer Überdehnung der äußeren
Linien und zur Überforderung der inneren Ressourcen geführt, die durch
keinen Rückzug des Imperiums mehr auszugleichen waren.
Mit der Sowjetunion verließ die letzte der imperialen Mächte die
politische Bühne, die in den zurückliegenden Jahrhunderten den Westen
Eurasiens beherrscht hatten. Doch auch in den anderen Erdteilen schienen
alle Zeichen auf ein Ende des imperialen Zeitalters zu deuten: 1945 war
nicht nur das nazistische Deutschland, sondern auch das kaiserliche Japan
bei dem Versuch einer Imperiumsbildung gescheitert, und nach dem Ende
des Zweiten Weltkriegs lösten sich die westeuropäischen Kolonialreiche, die
in seinem Verlauf starke Gebietsverluste erlitten hatten, mit Ausnahme des
portugiesischen innerhalb von zwei Jahrzehnten ebenfalls auf. Der Ost-
West-Konflikt war einer Wiederherstellung der alten Kolonialimperien nicht
günstig und hat das Interesse der westlichen Vormacht USA, den
europäischen Mächten bei der Rückeroberung ihrer Kolonien zu helfen,
deutlich eingeschränkt. Bezeichnend hierfür ist die Bemerkung von
US-Präsident Eisenhower zum Versuch Großbritanniens und Frankreichs,
gemeinsam mit Israel die Kontrolle über den Suezkanal zurückzugewinnen,
den der ägyptische Präsident Nasser kurz zuvor, im Juli 1956, verstaatlicht
hatte: «Wie können wir Großbritannien und Frankreich unterstützen, wenn
wir dadurch die ganze arabische Welt (an die Sowjetunion) verlieren?» 15
Einer der wenigen Fälle, in denen die USA anders optierten, war Vietnam,
und auch das nur deshalb, weil die nationalistische Befreiungsbewegung
Vietminh enge Bindungen zur Sowjetunion und zu China unterhielt. 16
Von einigen Ausnahmen abgesehen ging die Ära der europäischen
Kolonialimperien eher unblutig zu Ende, und die Europäer übertrugen die
Macht an indigene Eliten, die sie auf ihre Aufgabe freilich schlecht
vorbereitet hatten. 17 Die für die postimperialen Räume Mittel- und
Südosteuropas geschilderten Probleme stellten sich auch hier sehr bald ein,
und hier erst recht fand sich keine raumfremde Macht, die über längere
Zeit imperiale Ordnungsaufgaben übernommen hätte, ohne für sich eine
imperiale Position zu reklamieren. In der Zeit des Ost-West-Konflikts übten
zwar die beiden Blöcke einen zeitweilig stabilisierenden Einfluss aus, aber
beide hatten die Neigung, sich die Wahrnehmung der imperialen Aufgabe
damit vergüten zu lassen, dass sie die imperiale Rolle für sich reklamierten.
Die Sowjetunion wie die USA nahmen erheblichen Einfluss auf die inneren
Angelegenheiten der Staaten in der Dritten Welt, die sie mit Militär- und
Wirtschaftshilfe stabil hielten. So blieb über lange Zeit verborgen, wie
schwach und gefährdet die meisten der in den postimperialen Räumen
entstandenen Staaten im Inneren waren, und der Umstand, dass sie einen
Platz in den Vereinten Nationen einnahmen, galt als hinreichend, um ihnen
Staatsqualität zu attestieren. Als Anfang der 1990er Jahre die Sowjetunion
zusammenbrach und infolgedessen die verbliebene Supermacht USA das
Interesse an der Dritten Welt verlor, zeigte sich mit einem Mal, dass viele
der in den 1950er und 1960er Jahren gegründeten Staaten bloß aus
Fassaden bestanden, die bei der ersten größeren Erschütterung in sich
zusammenfielen. 18 Einmal mehr hatte sich die Ablösung einer imperialen
Ordnung durch ein Pluriversum der Staaten als schwierig und
risikobehaftet erwiesen. Alle Probleme, die bei der Stabilisierung
postimperialer Räume auftraten, änderten jedoch nichts an der Auffassung,
dass das Zeitalter der Imperien zu Ende gegangen sei.
Es waren (und sind) vor allem drei Argumente, mit denen diese Diagnose
begründet wird. Erstens wird die relativ sinkende Machtposition des
potenziell imperialen Akteurs genannt. Paul Kennedy hat dies so
zusammengefasst: «Die Vereinigten Staaten haben heute etwa dasselbe
riesige Arsenal von Verpflichtungen auf der ganzen Welt wie vor einem
Vierteljahrhundert. Aber damals war ihr Anteil am Bruttosozialprodukt der
Erde, an der Industrieproduktion, an militärischen Ausgaben und an
Truppen weitaus größer als heute.» 19 Daher spricht in seiner Sicht alles
dafür, den Umfang der amerikanischen Verpflichtungen
zurückzuschrauben, um nicht durch imperiale Überdehnung den
Niedergang weiter zu beschleunigen. 20
Zweitens werden das gewachsene Selbstbewusstsein und die deutlich
größeren Widerstandspotenziale der einem Weltreich unterworfenen Völker
geltend gemacht, wodurch die Beherrschungskosten stark gestiegen seien.
Neben einer politischen Rationalität, die sich im Wesentlichen an Kosten-
Nutzen-Bilanzen bemisst, sei es jedoch vor allem die erwähnte Ausweitung
der öffentlichen Kontrolle durch permanente Medienpräsenz, die imperiale
Politik unattraktiv, wenn nicht unmöglich gemacht habe. Dieses Manko
könne auch durch das Wiederauftauchen der Idee des gerechten Krieges
nicht ausgeglichen werden, die ja historisch stets eine große Affinität zu
imperialer Politik gehabt hat.
Drittens schließlich wird in Zweifel gezogen, dass ein Imperium unter
modernen Verhältnissen rentabel sein könne. Wenn schon, wie
wirtschaftshistorische Berechnungen nahe legen 21 , der Imperialismus des
19. und frühen 20. Jahrhunderts die imperialen Mächte mehr gekostet hat,
als er ihnen einbrachte, dann müsse man davon ausgehen, dass dieses
Missverhältnis inzwischen noch ausgeprägter sei. 22 Imperiale
Bestrebungen sind danach antiquierte Projekte, die schnell an den
veränderten Rahmenbedingungen scheitern werden; sie sind störende
Einbrüche der Vergangenheit in eine Gegenwart, die sich in eine andere
Richtung bewegt.
Die Diagnose vom Ende des imperialen Zeitalters konnte sich also auf
überzeugende Argumente stützen, die nicht aus normativen
Wünschbarkeiten, sondern wirtschaftlichen wie machtpolitischen
Beobachtungen erwuchsen. Umso überraschender war die plötzliche
Selbstperspektivierung der USA als ein neues Imperium.
Die USA: das neue Imperium

Die zahllosen Diagnosen vom Ende des imperialen Zeitalters, die die
politische Publizistik des ausgehenden 20. Jahrhunderts durchzogen, haben
für eine neue Weltordnung manches in Aussicht gestellt, aber sicher nicht
die Wiederkehr des Imperiums. Große Erwartungen wurden dagegen, zumal
in Europa, in die UNO gesetzt, die nun endlich die Aufgaben übernehmen
sollte, die ihr bei der Gründung am Ende des Zweiten Weltkriegs zugedacht
worden waren. Infolge der Selbstblockade des Weltsicherheitsrats hatte sie
diese bis zum Niedergang der Sowjetunion nicht oder nur teilweise erfüllen
können. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts galt dieses Problem als
überwunden.
Als weiterer Faktor für das zunehmende Gewicht der UNO erschien die
schwindende Souveränität der Staaten, die weder bei der Herstellung
äußerer Sicherheit noch bei der Garantie einer stabilen Währung mehr die
Rolle spielen konnten, durch die sie einst groß geworden waren. 23 Der
Niedergang der staatlichen Kontrollmacht und die Notwendigkeit,
Souveränität in wachsendem Maße an transnationale Institutionen
abzugeben, ließen erwarten, dass die Ära der Weltorganisation jetzt erst
richtig beginnen werde. Vor allem in Westeuropa war diese Erwartung weit
verbreitet, was nicht zuletzt daran lag, dass man hier mit der Organisation
für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und der
Europäischen Union (EU) gute Erfahrungen gemacht hatte. Die
Entwicklung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg sollte, so die
europäische Sicht, zum Modell der neuen Weltordnung werden. 24
Neben dem Ordnungsmodell der Staatengemeinschaft zirkulierten aber
auch Vorstellungen von einer zunehmenden Entstaatlichung der
Wirtschaftsräume, die sich unabhängig von territorialen Grenzen
strukturieren und in globalem Maßstab miteinander verbinden würden. 25
Der Typus des Nationalstaates, wie er sich im 16. und 17. Jahrhundert
herausgebildet hatte, würde dabei allmählich verschwinden. Diese Ordnung
war keine der Räume und Strukturen, sondern eine der Bewegungen und
Ströme, gleichgültig, ob es sich dabei um Kapital, Dienstleistungen,
Informationen oder Arbeitskräfte handelte. Der Staat verlor mit seiner
Funktion auch einen Teil seiner Macht, und dieser Teil wurde in die
Selbstregulation von Marktregimen und das politische Wirken von
Nichtregierungsorganisationen (NGOs) aufgelöst. 26
Was in beiden Perspektiven einer neuen Weltordnung, der UN-zentrierten
Staatengemeinschaft wie der globalen Metropolenvernetzung, unterschätzt
wurde, war die Bedeutung der Peripherie und deren Rückwirkungen auf das
Zentrum. Vor allem diese waren es, die zu der unerwarteten
Wiederbelebung des imperialen Ordnungsmodells geführt und ihm selbst
bei liberalen Intellektuellen eine gewisse Sympathie verschafft haben, wie
etwa die Feststellung Richard Rortys verdeutlicht, in der gegenwärtigen
Lage sei die Pax Americana das Beste, worauf die Welt hoffen könne. 27
In der Staatenordnung mit der UNO als zentralem Aushandlungsort und
letztinstanzlichem Entscheider wurde schlichtweg unterstellt, dass weltweit
stabile Staatlichkeit vorhanden sei, die nur noch in ein Rechts- und
Aushandlungsregime eingebunden werden müsse. Wie leichtfertig und
letztlich falsch diese Unterstellung war, zeigte der bereits in den 1990er
Jahren einsetzende Prozess des Staatenzerfalls, für den inzwischen der
Begriff failing states zur stehenden Wendung geworden ist. Nur in West-
und Mitteleuropa, Nordamerika und Ostasien ist jene Form von
Staatlichkeit anzutreffen, die die Voraussetzung für eine funktionierende
Weltordnung im angesprochenen Sinn ist. In Mittel- und Südamerika
dagegen, in Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten, in der Kaukasusregion,
Zentralasien und Teilen Südostasiens müsste diese Ordnung der
Staatlichkeit zunächst (wieder-)hergestellt werden, und es ist die Frage, ob
sie nicht im Zuge der Globalisierung schneller zerrieben wird, als sie
aufgebaut werden kann. Gleichzeitig ist ein erfolgreiches nation-building
nicht nur beim Stabilitätsimporteur, sondern auch beim Stabilitätsexporteur
folgenreich: Es entstehen Protektorate und Mandatsgebiete, und diejenigen,
die dort offene Gewaltanwendung unterbinden, eine neue Infrastruktur
aufbauen, Personal ausbilden und den gesamten Konversionsprozess
überwachen, geraten in eine quasi-imperiale Rolle, selbst wenn diese von
vornherein zeitlich begrenzt ist und die Funktion hat, sich selbst überflüssig
zu machen. 28 Ein ums andere Mal sind es die USA, die mit der Aufgabe
auch die Rolle des pazifizierenden Imperiums übernehmen. Bosnien, der
Kosovo und Afghanistan sind Beispiele dafür.
Mit Blick auf das Metropolen-Netzwerk, das eine Ordnung des Fluiden
herstellen soll, ist spätestens seit dem 11. September 2001 deutlich
geworden, wie empfindlich dessen Strukturen sind. Die reichen und
dynamischen Zentren interessieren sich nicht für die Räume außerhalb des
Netzwerks, und anders als im Modell des nation-building investieren sie
auch nicht in deren Ordnung. Von dort aus aber können Angriffe auf die
hochgradig verletzlichen Verbindungslinien zwischen den Metropolen
geführt werden, sodass eine ausgreifende Sicherung dieser Räume
unvermeidlich wird. 29 Kurzum: Angesichts der neuen Formen des Krieges
und der Kriegführung haben sich die postimperialen Weltordnungsentwürfe
als unzureichend oder illusionär erwiesen. Im Fall der UN-Ordnung sind es
die Ressourcenkriege zwischen Warlords, Befreiungsbewegungen und
Glaubenskriegern, derer die Weltgemeinschaft nicht Herr wird; im Fall der
Metropolen-Netzwerke ist es der transnationale Terrorismus, der sich in die
globalen Ströme der Waren und Kapitalien, Menschen und Dienstleistungen
einlagert, um sie für seine Logistik zu nutzen und Überraschungsangriffe zu
starten. 30
Damit war das Imperium als politisch-ökonomisches Ordnungsmodell
wieder in der Diskussion, und es wurde sehr bald deutlich, dass es genau
das zu leisten versprach, was die UN-zentrierte Staatenwelt und das
Netzwerk der Metropolen nicht vermochten: das entschlossene Eindringen
in staatsfreie Räume mit dem Ziel, dort zumindest Völkermord und
Massaker zu verhindern, und einen großräumig angelegten Schutz der
fragilen Verbindungslinien zwischen den großen Wirtschaftszentren der
Erde. Ersteres firmierte fortan unter dem Begriff der humanitären
militärischen Intervention, Letzteres unter dem Schlagwort vom Krieg
gegen den Terror. Dass sich beides im Zeichen imperialer Machtentfaltung
sehr schnell miteinander vermischte, war kaum verwunderlich. Die Debatte
über das Imperium begann dementsprechend abermals als Kritik des
Imperiums.
Die erste Frage, die dabei auftauchte, war die, ob es sich bei der
Wiederkehr des Imperiums um einen politisch willkürlichen Vorgang
handelte, der also auch wieder rückgängig gemacht werden konnte, oder ob
strukturelle Erfordernisse das Handeln der Akteure an der Spitze der USA
prägten, gleichgültig, welcher Präsident gerade im Amt war. Konkret geht
es dabei um die Frage, ob die USA den eingeschlagenen Weg unilateraler
Machtpolitik auch beschritten hätten, wenn George W. Bush nicht zum
Präsidenten gewählt worden wäre und die neokonservativen Kreise keinen
politischen Einfluss erlangt hätten. Tatsächlich sind nicht wenige Kritiker
der Meinung, dass die amerikanische Politik im Wesentlichen durch
persönliche Entscheidungen des Präsidenten unter dem Einfluss seiner
Berater und deren ideologischer Ausrichtung einen imperialen Charakter
angenommen habe. 31 Wäre dem so, hätte sich die Frage nach der Logik
des Imperiums erledigt, und an ihre Stelle müsste eine Untersuchung über
die Psychopathologie George W. Bushs und seiner engsten Umgebung
treten. Der Filmemacher Michael Moore hat diesen Weg überaus
publizitätsträchtig beschritten. Die komplexere Variante dieser Frage setzt
dagegen bei dem Problem an, ob die Entstehung von Imperien wesentlich
auf imperialistisch gesonnene Politiker im Machtzentrum oder auf
strukturelle Probleme an deren Rändern zurückzuführen ist. Dabei ist im
Sinne des oben Gesagten zu bedenken, dass die Mission eines Imperiums
politische Eliten in die Pflicht nimmt, ihre Problemwahrnehmung
perspektiviert und schließlich für entsprechende Entscheidungen eine nicht
zu unterschätzende Legitimationsressource bereitstellt.
Wahrscheinlich ist diese Frage dennoch nicht ein für allemal zu
entscheiden: Das mongolische Weltreich etwa wäre ohne die Person
Dschingis Khans nicht entstanden. Er erst schuf eine Heeresorganisation,
die nicht nur zu weit ausholenden Eroberungen in der Lage war, sondern
aufgrund ihrer inneren Strukturen auch permanent Eroberungszüge
durchführen musste. Andererseits zeigt die Geschichte der
Steppenimperien eine Regelmäßigkeit bei der Entstehung
expansionsfähiger Loyalitätskerne, die von den Hunnen über die Awaren bis
zu den Mongolen reicht und die Vermutung nahe legt, dass die
geographischen Verhältnisse des zentralasiatischen Raums das Auftauchen
charismatischer Imperialisten nicht bloß begünstigt, sondern geradezu
herausgefordert haben. Wie wir gesehen haben, lässt sich das bis zum
Zarenreich, ja bis zur Sowjetunion, der letzten imperialen Macht dieses
Raums, verlängern: Es sind machtpolitische Vakuen und wirtschaftliche
Entwicklungsunterschiede, die neben den Entscheidungen charismatischer
Eroberer für Imperienbildung ausschlaggebend sind.
Dagegen lässt sich einwenden, dass sich eine klug vorausschauende
Politik diesem Sog, an dessen Ende zumeist eine Form imperialer
Überdehnung steht, zu widersetzen habe. Ob das möglich ist, hängt davon
ab, in welchem Maß die Entscheidungsträger von den Begehrlichkeiten
ihres Erzwingungsapparats und den Stimmungen der Bevölkerung abhängig
sind. In Imperien mit starken Militäraristokratien oder dynamischen
Bourgeoisien kann dieser Sog eine so nachhaltige Unterstützung finden,
dass die politische Führung sich ihm nicht entziehen kann. Und in
demokratischen Imperien können es Forderungen aus der Wahlbevölkerung
sein, die unter dem Eindruck der Bilder und Berichte von Massakern,
Hungerkatastrophen und endlosen Bürgerkriegen die politische Spitze zur
Intervention drängen und auf diese Weise den Sog der Peripherie
verstärken. Für Letzteres hat sich inzwischen der Begriff des liberalen oder
demokratischen Imperialismus eingebürgert 32 , den Michael Ignatieff als
«Empire lite» bezeichnet hat. 33

Die Selbstbezeichnung als Imperium oder Empire ist in den USA lange Zeit
unüblich, wenn nicht gar verpönt gewesen. Paul Kennedy hat in seinem
vielbeachteten Buch von Great Powers, «großen Mächten», gesprochen 34 ,
und wo von Empires die Rede war, waren die Weltreiche der
Vergangenheit, nicht aber die USA gemeint. 35 Der Imperiumsbegriff war,
wenn er überhaupt für die Gegenwart in Anspruch genommen wurde, als
kritische Bezeichnung für die Sowjetunion reserviert. Seine affirmative
Verwendung stellt einen Tabubruch dar, den diejenigen, die ihn
vorgenommen haben, sich genau überlegt haben dürften.
Als die Kritiker des Vietnamkrieges die USA des Imperialismus ziehen,
taten sie das in polemischer Absicht, um eine Nation aufzurütteln, die sich
auf ihr antiimperialistisches Selbstverständnis viel zugute hielt. Wenn nun
in positiv-bestärkender Hinsicht von einem amerikanischen Empire die
Rede war, konnte dies kaum im Sinne einer Fortsetzung früherer Imperien
gemeint sein. Es kam also darauf an, zusammen mit dem Aufgreifen des
Imperiumsbegriffs die Differenz gegenüber den alten Imperien und
insbesondere gegenüber der Politik des Imperialismus zu markieren, und
dementsprechend war von einem informal empire, einen empire by
invitation oder einem consensual empire die Rede. 36
Was also macht das definitiv Neue des amerikanischen Imperiums aus?
Michael Ignatieff spricht von einer «neuen Form imperialer Herrschaft für
ein postimperiales Zeitalter», die durch ihre Verpflichtung auf
Menschenrechte und Demokratie sowie die Herstellung und Sicherung
freier Märkte gekennzeichnet sei; für Andrew Bacevich macht der Verzicht
auf Satellitenstaaten im klassischen Sinn und stattdessen die globale
Einflussnahme über vermittelnde Institutionen, wie die Nato, die UNO, den
Internationalen Währungsfonds und die Weltbank, das Neue des
amerikanischen Imperiums aus; Charles Maier sieht dessen Spezifikum in
einer Mischung aus wirtschaftlichem Austausch und der Vergabe von
Sicherheitsgarantien, während für Dan Diner das US-Empire nichts anderes
ist als die machtpolitische Absicherung des Weltmarkts, dessen beständige
Ausdehnung dem Rest der Welt immer weniger souveräne
Gestaltungsmacht belasse. 37
Dagegen bestreiten die Kritiker des American Empire das substanziell
Neue dieser Art von Herrschaft und stellen sie in die Tradition des
klassischen Imperialismus. 38 Als Hauptindiz wird die Aufteilung des Globus
durch das US-Militär in fünf Regionalkommandos genannt, die dafür sorgen
sollen, dass die Interessen der USA nicht gefährdet werden. Die
gelegentlich mit römischen Prokonsuln verglichenen
Regionalkommandeure, zuständig für Lateinamerika, Europa, den Mittleren
Osten, den pazifischen Raum sowie für Nordamerika, können auf über
250 000 außerhalb der USA stationierte Soldaten zurückgreifen. Verteilt auf
mehr als 700 Militärstützpunkte in über 150 Ländern werden Truppen und
Material bereitgehalten, die von hier aus schnell und ohne lange
Anmarschwege eingesetzt werden können. Aber auch wenn die
US-Verbände nicht zum Einsatz kommen, sind die Militärstützpunkte ein
beständiger Einflussfaktor in der Region. Mit ihrer Hilfe ist es möglich,
Regierungen zu stabilisieren oder einzuschüchtern. 39 Für die Kritiker
bilden sie das Skelett des neuen Imperiums und erlauben es den USA, eine
bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition imperialer Politik
fortzusetzen: «Die amerikanische imperiale Geschichte», so Chalmers
Johnson, «ist eine Geschichte der auf ausländischem Boden errichteten
Militärbasen.» 40
Während aus dieser Persektive die machtpolitischen und militärischen
Kontinuitäten herausgestellt werden, weisen andere Kritiker der
amerikanischen Imperialpolitik darauf hin, dass sich der Imperialismus
schon seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr auf die administrativ-
militärische Beherrschung von Räumen oder die Verfügung über
Handelsstützpunkte beschränkt habe. Vielmehr zielte die moderne Form
des Imperialismus auf die Öffnung von Märkten, um sie mit industriell
produzierten und dementsprechend billigen Waren zu überschwemmen. 41
Von den Briten wurde sie etwa im Opiumkrieg (1840 – 42) praktiziert, als die
handelspolitische Abschottung Chinas gewaltsam beendet wurde. Auch die
Machtdemonstration amerikanischer Kanonenboote unter Commodore
Matthew C. Perry im Hafen von Tokio, mit der 1853 die Öffnung Japans für
den europäisch-amerikanischen Handel erzwungen wurde, war nicht
militärisch, sondern ökonomisch bedeutsam. Statt um Geopolitik ging es um
Geoökonomie – ebenfalls eine Form imperialer Politik, auch wenn sie sich
nicht der sonst praktizierten Formen kolonialer Herrschaft bediente. Der
Imperialismus der Märkte, so diese Sicht, habe schon im 19. Jahrhundert
die klassischen Formen des Kolonialimperialismus ergänzt. Inzwischen sei
der Prozess der Globalisierung freilich so weit fortgeschritten, dass
«Kanonenbootökonomie» kaum noch erforderlich sei. An ihre Stelle seien
der Internationale Währungsfonds und die Weltbank als Instrumente einer
globalen Wirtschafts- und Finanzpolitik getreten, die in hohem Maße den
amerikanischen Interessen entspreche. 42
Imperiumsbildung durch die Kontrolle von Globalisierungsprozessen ist
danach keineswegs so neu, wie Dan Diner etwa annimmt, wenn er in der
Politik der open door, der Öffnung protektionistisch geschützter Märkte,
einen von der kontinentaleuropäischen Entwicklung unterscheidbaren
eigenen Nomos der USA sucht. 43 Auch der britische
Freihandelsimperialismus des Viktorianischen Zeitalters hat, wie wir
gesehen haben, diese Politik betrieben. Sie wurde von einem liberalen
Internationalismus flankiert, der in der Verbreitung freihändlerischer
Prinzipien gegen den Protektionismus der Staaten eine friedensstiftende
Wirkung sah. Aber die Öffnung der Märkte für europäische Waren und
europäisches Kapital hatte innerhalb weniger Jahrzehnte die politische
Stabilität der kapitalistisch infiltrierten Räume unterhöhlt, und nun war es
an den Europäern, sie durch die Entsendung von Truppen und den Aufbau
eigener administrativer Strukturen wiederherzustellen.
Nach diesem Modell, so die Kritiker eines auf wirtschaftliche
Globalisierung gestützten US-Empire, werde auch der Zyklus der
amerikanischen Imperiumsbildung ablaufen: Die Globalisierung erzeuge
failing states, weil die ökonomische Entwicklung das staatliche
Gewaltmonopol in diesen Ländern erodiere; Warlords übernähmen dann die
Kontrolle der Gebiete, in denen aus Bodenschätzen dauerhafte Renten zu
beziehen seien; und das wiederum habe zur Folge, dass der Prozess der
Globalisierung an seinen Rändern durch Militärinterventionen und nation-
building abgesichert werden müsse. Schrittweise erwachse aus der
Globalisierung der Märkte ein Interventionsimperialismus beziehungsweise
eine Folge von Pazifizierungskriegen 44 , die zwar eine prekäre Form der
Weltherrschaft, aber keine neue Weltordnung hervorbrächten. Vor allem
würden die USA zunehmend gezwungen, statt auf wirtschaftliche
Integration und zivilisatorische Attraktivität auf das Militär zu setzen, also
soft power zunehmend in hard power zu konvertieren. Wie der britische
werde auch der amerikanische Zyklus in Peripheriekriegen und einem
verstärkten Einsatz des Militärs enden. Aber im Unterschied zum späten
19. Jahrhundert hätten Krieg und militärische Gewalt im 21. Jahrhundert
eine sehr viel geringere Problemlösungskapazität. Das amerikanische
Imperium werde darum innerhalb relativ kurzer Zeit an dem Missverhältnis
zwischen den zu lösenden Problemen und seinen begrenzten Möglichkeiten
scheitern. Und dabei werde, so die Kritiker der US-Politik weiter,
entscheidend sein, dass Amerika von den Machtsorten, auf die es im
21. Jahrhundert ankomme, zu wenig und von denen, die nur noch eine
geringe Relevanz haben, zu viel besitze. In den Worten von Michael Mann:
«Das American Empire entpuppt sich als militärischer Riese, ökonomischer
Trittbrettfahrer, politisch Schizophrener und ideologisches Phantom.» 45

Nun lässt sich freilich die Führung von Pazifizierungskriegen an der


Peripherie auch als eine Folge imperialer Überdehnung begreifen, der umso
weniger Bedeutung zukommt, je stärker sich die Vormacht auf die inneren
Ringe und Ellipsen der Wohlstandszonen konzentriert und sich darauf
beschränkt, diese gegen die von der Peripherie hereindrängenden
Bedrohungen abzusichern. Gerade das hat ja die imperiale Politik der
Römer und Chinesen nach der Konsolidierung des imperialen Raums
ausgezeichnet. Imperiale Politik, so könnte man dies pointieren,
unterscheidet sich von imperialistischer Politik dadurch, dass sie sich
vorwiegend für das Zentrum interessiert und den Gebieten außerhalb des
Imperiums nur so viel Aufmerksamkeit schenkt, wie unbedingt erforderlich.
Imperialistische Politik dagegen ist regelrecht peripheriebesessen und
davon überzeugt, die größten Herausforderungen lägen an der Rändern des
Imperiums und nicht im Zentrum selbst. Dementsprechend gewichtet
imperialistische Politik auch das Militär durchweg höher, als dies eine
imperiale Politik tut, die ihm eine nur relative Bedeutung neben
ökonomischer, politischer und kultureller Macht beimisst. 46
Was von den Kritikern des US-Empire als Ursache seines zwangsläufigen
Untergangs angesehen wird, wäre demnach eher eine Folge falscher Politik,
die sich in die Probleme der Peripherie verstrickt hat, anstatt sich
herauszuhalten und durch eine kluge Politik des divide et impera die
Gegner sich selbst schwächen zu lassen. Danach war, wie Chalmers Johnson
meint 47 , Bill Clinton ein klügerer Imperiumspolitiker als George W. Bush,
der den Versuchungen imperialistischer Peripheriepolitik erlegen sei.
Imperiale im Unterschied zu imperialistischer Politik würde danach
heißen, dass sich die USA wesentlich als Garant der verdichteten
Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa, Amerika und Ostasien verstehen
und in der Rolle eines «ideellen Gesamtkapitalisten» dafür Sorge tragen,
dass das hier erreichte Niveau des Güter- und Wissensaustauschs nicht
noch einmal so dramatisch schrumpft wie Ende der 1920er Jahre – erst in
den 1970er Jahren wurde das vormalige Niveau der weltwirtschaftlichen
Verflechtung wieder erreicht. 48 Wenn die Bestandsvoraussetzung von
Imperien – vielleicht mit Ausnahme von Steppenimperien, aber
gleichermaßen bei See- wie Landimperien – in der Verdichtung und
Intensivierung des wirtschaftlichen Austauschs innerhalb des imperial
gesicherten Raumes besteht, dann ist es die wichtigste Aufgabe imperialer
Politik, diesen Wirtschaftsraum rechtsförmig zu ordnen,
Konkurrenzaustragung mit den Mitteln militärischer Gewalt zu unterbinden,
für Währungsstabilität beziehungsweise stabile Austauschrelationen
zwischen den Währungen des wirtschaftlichen Zentrums zu sorgen, durch
technologische Innovationen die Überlegenheit des imperialen Raumes
gegenüber seiner Umwelt sicherzustellen und schließlich diesen Raum
gegen Angriffe von außen zu sichern, kurz: die Aufgaben zu erfüllen, die es
mit Überschreiten der augusteischen Schwelle übernommen hat. Für die
Dauer eines Imperiums ist dann entscheidend, dass die militärischen
Aufgaben in Grenzen gehalten werden und in der
Aufmerksamkeitsökonomie der imperialen Macht nicht überhand nehmen.
Ob eine derart optimale Gewichtung der Aufgabenbereiche möglich ist,
hängt freilich nicht nur von der Klugheit der Regierenden ab, sondern auch
davon, ob die strategischen Ressourcen, auf denen die Wirtschaft des
imperialen Raumes basiert, innerhalb dieses Raumes verfügbar sind oder
importiert werden müssen. Letzteres kann einen permanenten Zwang zur
direkten Beherrschung von Teilen der Peripherie nach sich ziehen. In dieser
Hinsicht bildet die Kontrolle der Erdölversorgung und des Ölpreises die
Achillesferse des amerikanischen Imperiums.
Die auf friedliche Bestandssicherung statt militärische Expansion
angelegte Perspektive imperialer Politik führt freilich in eine moralische
Paradoxie, die weit reichende Konsequenzen hat: Alle Arten humanitärer
Intervention an der Peripherie und darüber hinaus, also das, was oben als
ein Kernelement der imperialen Mission beschrieben worden ist, stellen
dann einen moralischen Luxus dar, den sich das Imperium aus
ökonomischen Gründen eigentlich nicht leisten kann und mit Blick auf seine
Bestandsvoraussetzungen auch nicht leisten sollte. In der Logik eines an
seiner wirtschaftlichen Prosperität orientierten Imperiums sind
Militärinterventionen zur Sicherung und Kontrolle der Erdölversorgung
rational, aber solche zur Beendigung von Bürgerkriegen außerhalb des
imperialen Zentralbereichs mit anschließendem nation-building irrational.
Das aber würde darauf hinauslaufen, dass das von liberalen Intellektuellen
favorisierte Projekt einer globalen Durchsetzung und Sicherung der
Menschenrechte – das, was Ignatieff Empire lite genannt hat 49 – zu
verabschieden ist. Es wäre dann eine jener ideologischen Fallen, in die
Imperien hineintappen, wenn sie sich in Selbstüberschätzung ihrer
Möglichkeiten für Ziele und Zwecke in Anspruch nehmen lassen, die ihren
Selbsterhaltungsimperativen widersprechen.
Es geht hier um den in der Geschichte der Imperien gelegentlich
anzutreffenden Fall, dass imperiale Räson und imperiale Mission in einen
Widerspruch miteinander geraten, der nicht durch Kompromissbildung zu
schlichten ist. So hätte es für das Spanische Weltreich aus Gründen der
Selbsterhaltung eigentlich nahe gelegen, das militante Projekt der
Gegenreformation zurückzunehmen, um die begrenzten Ressourcen des
Reiches zu schonen. Das aber ließ die imperiale Mission, aus der das
Imperium seine Legitimität und die Reichselite ihre Handlungsmotivation
bezog, zunächst nicht zu. Als die imperiale Mission dann seit Mitte des
17. Jahrhunderts an Gewicht verlor, war das ein Anzeichen für die
Erschöpfung der imperialen Kräfte, das von den anderen Politikakteuren
auch als ein solches wahrgenommen wurde.
In eben diesem Dilemma befinden sich heute auch die USA: Die friedliche
Bestandssicherung des Imperiums legt den Verzicht auf globale
Selbstüberforderung nahe. Um die subglobale Welt des Imperiums zu
bewahren, muss sich eine kluge imperiale Politik von den Problemen der
globalen Welt abwenden und sich gegen sie durch die Errichtung
«imperialer Barbarengrenzen» 50 sichern. Was jenseits von ihnen geschieht,
interessiert das Imperium nur dann, wenn daraus eine Gefahr für seine
Sicherheit erwachsen könnte. Tatsächlich ist die Politik der Imperien langer
Dauer, namentlich die des Chinesischen und des Römischen Reichs, weithin
diesen Vorgaben gefolgt. Aber das ist im Zeitalter der Demokratie und der
medialen Verdichtung der Räume kaum noch möglich. Die imperiale
Mission der USA würde dadurch ständig dementiert, und ohne das
moralische Sendungsbewusstsein, das aus ihr erwächst, würde das
US-Empire viel von seiner Kraft verlieren. Zugespitzt formuliert: Es könnte
sein, dass das amerikanische Imperium nicht so sehr an seinen äußeren
Feinden, sondern an der moralischen Überlastung durch seine Mission
scheitert, weil diese die geforderte Indifferenz gegenüber der Außenwelt
unmöglich macht.
Ein demokratisches Imperium?

Dass demokratische Ordnung und imperiale Machtentfaltung auf Dauer


zusammengehen könnten, wird von vielen bezweifelt. In der Regel wird mit
Imperialität eine autoritäre, wenn nicht autokratische Führung im Zentrum
verbunden, sodass Demokratisierung und Zerfall des Imperiums
gleichbedeutend sind. Das Ende des Sowjetimperiums scheint diese These
zu bestätigen. Maßgeblich geprägt ist diese Vorstellung durch die römische
Geschichte, in der die militärische Expansion Roms im Mittelmeerraum die
republikanische Ordnung zerstört und in ein Jahrhundert der inneren
Wirren und Bürgerkriege geführt hat. Unter Octavian/Augustus wurden die
republikanischen Institutionen dann zu bloßen Fassaden, hinter denen sich
eine Ordnung entfaltete, in der weder das Volk noch das Patriziat politisch
entscheidenden Einfluss hatten.
Die Errichtung des Imperiums und der Ruin der Republik gingen in Rom
miteinander Hand in Hand – diese Vorstellung hat nicht nur Generationen
von Europäern, sondern ebenso von Amerikanern geprägt 51 , deren
politische Ordnung sehr viel stärker am römischen Vorbild orientiert ist als
die irgendeines europäischen Landes. Zwar hat das römische Beispiel auch
in der Französischen Revolution eine Rolle gespielt, doch war es hier vor
allem der Aufstieg Bonapartes zum Ersten Konsul und schließlich zum
Kaiser, in dem Rom für die Ausdehnung der französischen Macht nach Süd-
und Mitteleuropa zum Vorbild wurde. Es war also weniger das
republikanische als das imperiale Rom, in dem Akteure wie Beobachter den
Verlauf der Französischen Revolution gespiegelt sahen, während in Amerika
gerade jene Institutionen der Römischen Republik für vorbildlich erklärt
wurden, welche die Entstehung von Faktionen, den Aufstieg von
Parteiführern und schließlich die Zerstörung der Republik verhindern
sollten. 52
Insofern ist das politische Selbstverständnis der USA antiimperial
grundiert. Es hat wesentlich zu jener Distanz gegenüber weltpolitischen
Herausforderungen beigetragen, die die amerikanische Politik im 19. und
noch im 20. Jahrhundert immer wieder bestimmt hat. Darum ist es wenig
überraschend, wenn radikale Kritiker der neoimperialen Politik immer
wieder Parallelen zum spätrepublikanischen Rom herstellen, um die
Unvereinbarkeit von republikanischer Ordnung und imperialer Politik zu
demonstrieren: Weil Imperium und Demokratie nicht zusammengingen,
werde die Demokratie in den USA abgeschafft. 53 Als erstes Anzeichen
dafür wird in der Regel eine wachsende Gleichförmigkeit der Medien
ausgemacht, die zu Propagandainstrumenten der Regierungspolitik
geworden seien.
Doch auch diejenigen, die der imperialen Position der USA positiv oder
zumindest offen gegenüberstehen, sehen eine Spannung zwischen der
demokratischen Ordnung im Innern und den Erfordernissen imperialer
Politik nach außen. Michael Ignatieff hat dies auf die Formel gebracht, die
Bürden des Imperiums seien von langer Dauer, Demokratien aber hätten
wenig Zeit und seien stets in Eile. 54 Die kurzen Rhythmen demokratisch
kontrollierter Amtsführung, dazu die Amtszeitbegrenzung des Präsidenten
auf maximal acht Jahre sowie die Erwartung der Bevölkerung, dass
Probleme innerhalb eines überschaubaren Zeitraums bearbeitet und gelöst
werden, passen schlecht mit den Erfordernissen imperialer Politik
zusammen: Hier nämlich stellen sich Aufgaben, die in der Regel nur über
einen Zeitraum von Jahrzehnten Erfolg versprechend angegangen werden
können. Wo unter Zeitdruck agiert wird, führt dies durchweg zu negativen
Resultaten. Während in der inneren Politik jedoch schlechte Ergebnisse
mittelfristig korrigiert werden können oder zum Austausch der Regierung
führen, haben außenpolitische Fehler, zumal die einer globalen Vormacht,
fast immer langfristige und kaum zu korrigierende Folgen.
Wahrscheinlich ist die in den letzten Jahren hervorgetretene Neigung der
USA, in zunehmendem Maße das Militär zur Lösung von Problemen
einzusetzen, auch eine Folge der Zeitverknappung durch die
demokratischen Mechanismen. Militärische Lösungen sind mit der
Suggestion der Schnelligkeit und Endgültigkeit versehen, und insofern liegt
es nahe, dass ein «Imperium in Eile» häufiger zu ihnen Zuflucht nimmt, als
angezeigt und sinnvoll wäre. Diese Beobachtung führt, sollte sie zutreffend
sein, zu dem überraschenden Schluss, dass demokratische Imperien eher zu
militärischen Mitteln greifen als autoritäre Imperien. Das würde die
Vielzahl der Kriege erklären, in die die USA nach 1945 verwickelt waren. 55
Andererseits sind gerade demokratische Gesellschaften wenig belligerent
und betrachten den Krieg nicht als Möglichkeit, Ruhm und Ehre zu
erlangen, sondern unterwerfen ihn einer Kosten-Nutzen-Rechnung, in deren
Folge er sich häufig als ineffizient und zu teuer erweist. Bei nüchterner
Betrachtung ist die Unterstützung der Bevölkerung für die
Kriegsentscheidung eines Präsidenten also nur schwer zu haben, und das
wiederum hat zur Folge, dass viele Kriege verdeckt geführt
beziehungsweise unter Vorspiegelung falscher Tatsachen begonnen
wurden. Vom so genannten Tonking-Zwischenfall, mit dem der Beginn der
Luftbombardements gegen Nordvietnam begründet wurde, über die
angebliche Tötung kuwaitischer Brutkastenbabys durch irakische Soldaten,
die ein amerikanisches Eingreifen am Golf in den Jahren 1990/91 motivieren
sollte, bis zu der vorgeblichen Bedrohung der freien Welt durch die
Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins durchzieht die
amerikanischen Interventionsbegründungen eine breite Spur von
Täuschungen und Lügen. 56 Deren Aufdeckung ist regelmäßig als Beleg für
die abgründige Verlogenheit der amerikanischen Politik genutzt worden, die
Bedrohungen und Gefahren inszeniert, um eigene Interessen durchzusetzen
und ihren Einflussbereich auszuweiten. Was dabei zumeist übersehen wird,
ist der strukturelle Zwang zur Inszenierung von Bedrohungen, um die
demokratische Öffentlichkeit zur Übernahme imperialer Verpflichtungen zu
motivieren. Die Politik der Inszenierungen und Täuschungen dient dazu, die
Lücke zwischen Demokratie und Imperium zu schließen.
Dass eine solche Politik auf Dauer demokratiegefährdend ist, steht außer
Zweifel; dass sie auch angesichts der Erfordernisse imperialer Ordnung ein
gefährlicher Notbehelf ist, gerät meist nicht in den Blick, da die Demokratie
in unserem Selbstverständnis einen höheren Wert darstellt als das
Imperium (wenn es denn überhaupt als ordnungspolitischer Wert akzeptiert
wird). Als die gewiss brisanteste Bedrohung der Demokratie hat der Anfang
der 1960er Jahre unter dem Decknamen Operation Northerwoods
entworfene Plan von Generalstabschef Lyman Lemnitzer zu gelten, wonach
Terroranschläge verübt und Zivilisten in den Straßen amerikanischer Städte
aus dem Hinterhalt erschossen werden sollten, um die politische
Unterstützung der amerikanischen Bevölkerung für eine Invasion Kubas zu
bekommen. 57 Zwar musste Lemnitzer nach Bekanntwerden dieser Pläne
zurücktreten, aber der Verdacht, dass die US-Regierung nicht nur
Bedrohungen inszeniert, sondern auch Angriffe gegen die eigene
Bevölkerung durchführt, hat sich seitdem gehalten und ist nach den
Anschlägen vom 11. September 2001 zu regelrechten
Verschwörungstheorien ausgebaut worden. 58

Freilich haben die USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem
Krieg Erfahrungen gemacht, die sich deutlich von denen der
kontinentaleuropäischen Staaten unterscheiden und erheblich dazu
beigetragen haben, dass sich die amerikanische Wahlbevölkerung
wiederholt dazu bereit gefunden hat, die militärischen Belastungen des
imperialen Projekts zumindest teilweise auf sich zu nehmen. In den zwei
Weltkriegen nämlich waren die USA der eigentliche Sieger, insofern sie
beide Male, verglichen mit den anderen Hauptbeteiligten der Kriege, mit
der geringsten Anzahl an Gefallenen, aber dem größten wirtschaftlichen
Gewinn aus dem Krieg hervorgegangen sind. 59
In den Ersten Weltkrieg sind die USA als Schuldnernation eingetreten
und haben ihn als größter Gläubiger verlassen. Zugleich eröffnete sich
ihnen aufgrund der Kriegsbelastungen der europäischen Konkurrenten der
Zugang zu Märkten, auf denen sie bis dahin kaum vertreten gewesen
waren. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge Deutschland und
Japan als wirtschaftliche Konkurrenten für längere Zeit ausfielen und in
dessen Verlauf das Britische Weltreich endgültig erschöpft wurde, konnten
sich die USA als die ökonomisch wie politisch bei weitem stärkste Macht
profilieren. Es gibt in den USA somit die Erfahrung, dass man von Kriegen
durchaus profitieren kann, und wenn auch das amerikanische Kapital der
Hauptprofiteur beider Kriege war, so haben sich doch in der Erinnerung des
Durchschnittsamerikaners Kriegseintritt und wirtschaftlicher Aufschwung
eng miteinander verbunden.
Die Bereitschaft, mit der lange Zeit die Lasten des Vietnamkrieges
getragen wurden, erklärt sich durch die Erinnerung an die beiden
Weltkriege. Im Vietnamkrieg ist das Vertrauen in die Zweckmäßigkeit des
Krieges dann umso nachhaltiger erschüttert worden, denn er hatte für die
USA außer der psychischen auch eine wirtschaftliche Depression zur Folge.
Erst im Golfkrieg von 1991 konnten sie wieder an die Erfahrungen aus der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anschließen. Dennoch wird man die
generell richtige Feststellung, dass in der Moderne Kriege grundsätzlich
mehr kosten, als sie einbringen, dahingehend relativieren müssen, dass dies
uneingeschränkt nur für Staaten gilt, während Imperien unter bestimmten
Umständen aus Kriegen durchaus politischen wie ökonomischen Mehrwert
beziehen können: dann nämlich, wenn konkurrierende Mächte sich darin
gegenseitig schwächen und die Hauptlasten des Krieges tragen. Für ein
Imperium von Nutzen können aber auch die Kriege sein, in denen sich eine
Bedrohung zeigt, die den inneren Zusammenhalt des imperial geordneten
Raumes festigt. Solche Kriege blockieren die zentrifugalen Tendenzen
einzelner Teile des Imperiums und stärken die Imperialräson. Der Zweite
Golfkrieg hat so gewirkt, der Dritte Golfkrieg hat den gegenteiligen Effekt
gehabt. Welche Auswirkungen der «Krieg gegen den Terror» mittel- und
langfristig haben wird, muss sich noch zeigen.
Auch wenn, so Andrew Bacevich, die amerikanische Bevölkerung das
imperiale Projekt auf breiter Linie unterstützen würde, was er selbst
bezweifelt, so müsse man doch festhalten, dass das politische System der
USA für die Führung eines Imperiums nicht optimal geeignet sei. Sobald sie
über längere Zeiträume in Anspruch genommen werde, sei die öffentliche
Unterstützung der imperialen Politik nämlich unzuverlässig, da die
Menschen erwarteten, «dass die Vorteile des Imperiums seine Lasten und
Verantwortlichkeiten überwiegen, und zwar deutlich». 60 Im Unterschied zu
autoritär geführten Imperien, wie sie den historischen Regelfall darstellen,
sind demokratische Imperien beziehungsweise Imperien mit einer hohen
Responsivität der Bevölkerung kaum in der Lage, längere Perioden
durchzustehen, in denen imperiale Politik mehr kostet als einbringt. Will
man diese Beobachtung pointieren, so heißt das, dass gerade
demokratische Imperien einem größerem Beutezwang unterliegen als
autoritär geführte. 61
Der Begriff des Beutezwangs hat bei einem demokratischen Imperium
freilich eine eher metaphorische Qualität, insofern es auf einer
postheroischen Gesellschaft aufruht, die in ihrem Selbstverständnis dem
Krieg keine zentrale Bedeutung zumisst. 62 Im Unterschied zu früheren
Imperien, in deren Aufstiegsphase die Kriegsbeute nicht bloß ein Motiv,
sondern auch eine Ressource der Expansion darstellte, kann davon seit
1945, dem Scheitern des deutschen wie des japanischen Versuchs einer
Imperienbildung, keine Rede mehr sein. Im Prinzip hat jedoch schon die
industrielle Revolution die Motivationsstruktur der Imperiumsbildung und
die Imperative imperialer Politik verändert. Imperiale Expansion fand nun
nicht mehr wesentlich um der Aneignung fremder Besitztümer und Schätze
sowie der Ausbeutung kriegerisch unterworfener Arbeitskraft statt, sie
diente jetzt der Erschließung neuer Märkte, die für den Warenstrom aus
ökonomisch fortgeschrittenen Ländern geöffnet werden sollten. Was zur
Beute genommen wurde, war gerade nicht der Reichtum der
Unterworfenen, sondern ihr Konsumbedürfnis oder – mit Blick auf die
gegenüber der handwerklichen Fertigung an der Peripherie billigeren
Industrieprodukte des imperialen Zentrums – ihre technologische
Rückständigkeit.
Die wichtigste Voraussetzung, imperiale Politik dieser Art betreiben zu
können, ist also ökonomische und nicht so sehr militärische Überlegenheit.
Spielen Schätze eine Rolle, so sind es Bodenschätze, die freilich erst im
Zuge der industriellen Revolution jenen Wert erlangt haben, der ihre
Ausbeutung wirtschaftlich attraktiv macht, das heißt, sie von fossilen
Stoffen oder Erzablagerungen in Bodenschätze verwandelt hat. Vor allem
der britische Imperialismus hat diesen Weg beschritten, und seinem Vorbild
sind die übrigen Europäer, die Nordamerikaner und ansatzweise die
Japaner gefolgt, während die Imperialpolitik des russischen Zarenreichs den
alten Bahnen verhaftet blieb, was es mit den schweren Niederlagen am
Beginn des 20. Jahrhunderts bezahlen musste. 63
Das Problem einer eher auf ökonomische als militärische Überlegenheit
gestützten Imperiumsbildung besteht freilich darin, dass sie bei der
Sicherung der neu erschlossenen Wirtschaftsräume auf militärische Präsenz
nicht verzichten kann. Solange hierfür der Einsatz kleinerer Kontingente
ausreicht, bereitet das keine ernsten Schwierigkeiten – zumal wenn sie, wie
etwa die Sepoyverbände im Britischen Empire, von Handelskompanien
finanziert und kontrolliert werden. Das ändert sich, wenn Aufstände
ausbrechen und sich Unruhen ausbreiten, die eine langfristige Entsendung
größerer Truppeneinheiten erforderlich machen: Zum einen weil dies
beträchtliche Kosten verursacht, zum andern weil die Verluste an eigenen
Soldaten die Unterstützungsbereitschaft der Bevölkerung schnell
schrumpfen lassen. Auch in diesem Fall haben die Briten die nahe liegende
Lösung als Erste und am weitestgehenden praktiziert: die Rekrutierung von
Truppen an der Peripherie des Imperiums, wo sie deutlich weniger kosteten
und selbst der Verlust größerer Einheiten kein so großes Aufsehen erregte
wie bei Verbänden, die aus dem imperialen Zentrum stammten. 64
Elemente davon finden sich heute auch im amerikanischen Militär, das
seit den 1970er Jahren nicht mehr aus Wehrpflichtigen, sondern aus Zeit-
und Berufssoldaten besteht. Eine der wichtigsten Lehren aus dem
Vietnamkrieg war, dass sich ein solcher Krieg nicht mit Landeskindern
führen lässt, die aus der Mittelschicht rekrutiert werden, weil sich hier
Protestpotenzial und politische Artikulationsfähigkeit miteinander
verbinden. Inzwischen gehören 44 Prozent der Mannschaften des
amerikanischen Heeres ethnischen Minderheiten an. 65 Auf dem regulären
Arbeitsmarkt wären sie chancenlos, in der Armee jedoch erfahren sie
soziale Integration und Anerkennung, was sie umso fester an die Truppe
bindet. Die militärische Subkultur, die sich auf den amerikanischen
Stützpunkten und Schiffen in aller Welt entwickelt hat, weist freilich einen
wachsenden Abstand zum gesellschaftlichen Alltag der USA auf, und ob sich
das auf Dauer als demokratieverträglich erweist, bleibt abzuwarten. Aber
das ändert nichts daran, dass es den USA nicht zuletzt auf diese Weise
gelungen ist, eine weltweit einsetzbare Armee zu schaffen, die kampffähig
ist, wiewohl es sich um die Armee einer postheroischen Gesellschaft
handelt.
Als eigentliches Funktionsäquivalent der Kolonialtruppen, mit denen die
Europäer im 19. und 20. Jahrhundert ihre Imperien militärisch
kontrollierten, scheint sich inzwischen allerdings die Anwerbung von
Söldnern beziehungsweise der Rückgriff auf Private Military Companies
(PMCs) zu entwickeln 66 , mit der die Opferbereitschaft der Bevölkerung des
imperialen Zentrums durch Geldaufwendungen abgelöst wird. Der Anteil so
genannter Greencard-Soldaten in den im Irak eingesetzten
US-Streitkräften, also von Soldaten, die durch mehrjährigen Militärdienst
die US-Bürgerschaft erlangen wollen, wird auf ein Fünftel und die
Mannschaftsstärke der zusätzlichen PMCs auf insgesamt bis zu
20 000 geschätzt. Für die Aussicht auf Einbürgerung in die USA oder gegen
einen entsprechenden Sold sind diese Männer (und Frauen) bereit, die
militärischen Lasten imperialer Politik zu tragen, und das hat die Akzeptanz
von Militäraktionen bei der amerikanischen Wahlbevölkerung deutlich
erhöht.
Was bleibt, ist das Kostenproblem, an dem sich letzten Endes entscheidet,
ob die Vorteile eines Imperiums dessen Nachteile auf Dauer überwiegen.
Nicht immer sind für die Zentralmacht des Imperiums so kostengünstige
Lösungen möglich wie beim Golfkrieg von 1991, als die Verbündeten von
den 61 Milliarden US-Dollar Kriegskosten etwa 80 Prozent übernahmen.
Von daher ist fraglich, ob die amerikanische Wahlbevölkerung auf Dauer
bereit sein wird, die erheblichen Belastungen des imperialen Rüstungsetats
zu tragen. Zwar hat sich der Anteil des Verteidigungsetats am
Bruttoinlandsprodukt (BIP), der heute bei 3,5 Prozent liegt, im Vergleich
mit der Zeit des Kalten Krieges halbiert, doch das ist weniger auf eine
Senkung der Rüstungsausgaben in absoluten Zahlen zurückzuführen als auf
die günstige wirtschaftliche Entwicklung der USA während der 1990er
Jahre.
Die Last der Verteidigungsausgaben ist also in Relation zur
Wirtschaftskraft der USA zu sehen, und ob diese ein jährliches
Leistungsbilanzdefizit von etwa fünf Prozent des BIP über einen längeren
Zeitraum aushalten wird, ist fraglich. Mit einem Anteil von 27 Prozent am
Weltwirtschaftsprodukt verfügen die USA zwar über eine solidere
ökonomische Basis, als sie das Britische Weltreich je besaß 67 , aber auch
dieser Anteil ist relativ geringer als der, den die USA in der
Zwischenkriegszeit und nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, als er bei über
40 Prozent lag, und er dürfte in den nächsten Jahren weiter sinken. Wenn
die USA ihre gegenwärtige Position militärischer Überlegenheit halten
wollen, werden sie also bei den öffentlichen Ausgaben Einschnitte
vornehmen müssen, die für das Leben ihrer Bürger spürbar sind. Es ist
kaum anzunehmen, dass dies für die Unterstützung des imperialen Projekts
folgenlos bleiben wird.
Will man sich eine Vorstellung von den Belastungen machen, die für die
amerikanische Bevölkerung aus dem Militärapparat des Imperiums
erwachsen, so ist die Gegenüberstellung zweier Zahlen aufschlussreich: Der
Anteil der USA am Weltwirtschaftsprodukt ist so groß wie der der
nachfolgenden drei Länder (Japan, Deutschland und Frankreich) zusammen.
Aber das Militärbudget der USA ist in absoluten Zahlen so groß wie die
aufaddierten Militärausgaben der nachfolgenden zwölf Länder. 68 Das
erklärt, warum Andrew Bacevich zu dem Ergebnis gelangt ist, die größte
Verwundbarkeit des amerikanischen Imperiums liege nicht in äußeren
Bedrohungen, sondern «im möglichen Mangel an Bereitschaft seitens des
amerikanischen Volkes, die Kosten des Imperiums zu tragen». 69 Die
Kostenfrage, also die mittelfristige Relation zwischen Nutzen und Lasten
imperialer Politik, dürfte das Hauptproblem eines demokratischen
Imperiums sein. Es kommt nicht von ungefähr, wenn sich seine inneren
Gegner und äußeren Feinde gerade diese Schwäche zunutze machen.
Die Entscheidung der US-Regierung, nach dem Ende des Ost-West-
Konflikts nur einen Teil der möglichen Friedensdividende zu kassieren und
stattdessen den militärtechnologischen Vorsprung weiter auszubauen, war
durch die Vorstellung motiviert, von den Rändern des imperialen Raumes
gehe eine stärkere Bedrohung aus als von der Konkurrenz in seinem
Inneren. Die wachsende Zahl terroristischer Anschläge gegen
US-Einrichtungen und schließlich die Attacken vom 11. September 2001
schienen die Richtigkeit jener Entscheidung zu bestätigen. Sie wurde im
Vertrauen darauf gefällt, dass die Europäer nicht in der Lage sein würden,
wirtschaftlich und technologisch so aufzuholen, dass sie die amerikanische
Vormachtstellung ernstlich in Frage stellen könnten.
Tatsächlich ist die Schaffung eines einheitlichen europäischen
Währungsraumes durch die Einführung des Euro eine sehr viel größere
Herausforderung der amerikanischen Dominanz 70 , als es der islamistische
Terrorismus jemals sein kann. Eine integrierte europäische
Forschungslandschaft mit entsprechenden Transfers in die Wirtschaft
könnte ähnliche Effekte haben wie die Einführung des Euro. Es ist nicht
auszuschließen, dass die seit einigen Jahren zu beobachtende stärkere
Orientierung der USA an militärischen Beherrschungsinstrumenten auch
mit dem weltwirtschaftlichen Aufholen Europas zu tun hat: Durch die
Umstellung der Konkurrenz auf militärische Fähigkeiten vermögen die USA
Europa – zumindest zeitweilig – auf Abstand zu halten, und das, was den
Europäern durch die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes an
Macht und Einfluss zugewachsen ist, können die USA wieder abschwächen,
indem sie politische Kontroversen zwischen ihnen erzeugen.
Im Anschluss an die oben angestellten Überlegungen zu den vier Quellen
und Formen der Macht würde dies heißen, dass der sinkende Vorsprung an
wirtschaftlicher Macht 71 durch einen größeren Vorsprung an militärischer
Macht kompensiert werden soll, wo die Europäer erkennbar keine größeren
Anstrengungen unternehmen, mit den USA gleichzuziehen. Freilich steigen
für die USA dadurch die Beherrschungskosten der imperialen
Wirtschaftsräume, und diese Kosten können sie nur noch begrenzt auf die
Europäer abwälzen. In Reaktion darauf stehen den USA zwei Optionen zur
Verfügung: die Spaltung Europas im Sinne einer klassischen Politik des
divide et impera oder seine stärkere Einbindung in die Sicherung des
imperialen Raumes. Welche der beiden Möglichkeiten am Schluss zum Zuge
kommen wird, hängt auch von den Europäern ab.
Die imperiale Herausforderung Europas

Europa ist durch die veränderten Konstellationen nach dem Ende des Ost-
West-Gegensatzes und dem Zusammenbruch der Sowjetunion erheblich
stärker herausgefordert, als man sich dies Anfang der 1990er Jahre
vorstellen konnte und wollte. Zunächst wurde das Ende des weltpolitischen
Gegensatzes als Chance begriffen, die Teilung des Kontinents in zwei
konträre politische Lager zu überwinden und den in Westeuropa
begonnenen Prozess einer die Nationalstaaten übergreifenden
wirtschaftlichen und politischen Integration schrittweise auf Mittel- und
Osteuropa auszudehnen. Rückblickend zeigt sich, dass man den
befürchteten Widerstand Russlands überschätzt, während man die dabei
auftretenden wirtschaftlichen und sozialen Probleme unterschätzt hat. Dass
sich mit der «Wiedervereinigung Europas» auch dessen politisches Gewicht
verändern und es weltpolitisch eine gewichtigere Rolle spielen werde, ist
von einigen Beobachtern vorausgesagt worden, wobei die Erwartungen
bezüglich der Rolle, die den Europäern dabei zufallen werde, in der Regel
weit überzogen waren. Dass sich der Charakter der Nato mit ihrer
Ausdehnung nach Mittel- und Osteuropa grundlegend wandeln würde,
wurde hingegen nur bedingt gesehen und zumeist falsch beurteilt: Der Nato
wurde ein größeres europäisches Gewicht prognostiziert, dabei ging der
europäische Einfluss im Gegenteil zurück, und das größere Gewicht der
USA steigerte sich zu einem uneingeschränkten Führungsanspruch. 72
Tatsächlich bestand und besteht die Herausforderung der Europäischen
Union darin, dass sie auf der einen Seite mit einem postimperialen Raum
konfrontiert war, in dem sich mit großer Geschwindigkeit alle die Konflikte
und Instabilitäten entwickelten, die für postimperiale Räume typisch sind,
während sich auf der anderen Seite die bislang als wohlwollender Hegemon
agierende westliche Führungsmacht zunehmend in einen imperialen Akteur
verwandelte, der auf die Wünsche und Vorstellungen seiner Verbündeten
kaum noch Rücksicht nahm. Die meisten europäischen Politiker sind von
diesen Entwicklungen auch deswegen überrascht worden, weil sie die
Handlungslogik eines Imperiums nicht auf ihrer Rechnung hatten: Sie
dachten in der politischen Recheneinheit Staat – und wurden mit
postimperialen Räumen auf der einen und einem imperialen Akteur auf der
anderen Seite konfrontiert. Die Irritationen begannen bei der Frage, welche
Reaktion auf die jugoslawischen Zerfallskriege angemessen sei, und
steigerten sich bis zu den politischen Zerwürfnissen im Vorfeld des
Irakkrieges. Hat nun, wie einige meinen, Europa an Bedeutung und Einfluss
gewonnen? Oder hat es, wie andere dagegenhalten, an beidem verloren?

Die imperiale Herausforderung Europas ist eine doppelte, und sie ist
ungleichartig. Auf der einen Seite müssen die Europäer sich zu den
übermächtigen USA ins Verhältnis setzen und darauf achten, dass sie nicht
für die Aktionen der Führungsmacht Ressourcen bereitstellen und mit der
Nachsorge für deren Kriege betraut werden, aber keinen Einfluss mehr auf
grundsätzliche politisch-militärische Entscheidungen haben. Hier haben
sich die Europäer ihrer politischen Marginalisierung zu widersetzen.
Europa muss sich gegenüber den USA als ein Subzentrum des imperialen
Raumes behaupten und darauf achten, dass sich zwischen den USA und ihm
kein Zentrum-Peripherie-Gefälle herausbildet. Auf der anderen Seite
müssen die Europäer sich aber auch um ihre instabile Peripherie im Osten
und Südosten kümmern, wo es gilt, Zusammenbrüche und Kriege zu
verhindern, ohne dabei in eine Spirale der Expansion hineingezogen zu
werden, die das verfasste Europa in seiner gegenwärtigen Gestalt
überfordern würde. Hier stehen die Europäer vor der – paradoxen – Gefahr,
imperial überdehnt zu werden, ohne selbst ein Imperium zu sein.
Die Europäer haben auf diese doppelte Herausforderung bislang keine
Antwort gefunden, ja, sie haben sie noch nicht einmal als solche begriffen.
Wirft man einen Blick auf die einschlägige Literatur, so lassen sich zwei
Reaktionen auf das skizzierte Problem unterscheiden. Die erste lässt sich
als Beschwichtigungsliteratur bezeichnen. Sie bezieht sich vor allem auf das
Verhältnis der Europäer zu den USA: Die Herausforderung durch das
US-Imperium, so deren Tenor 73 , sei nicht so groß und gefährlich, wie es
auf den ersten Blick erscheine, weil die USA bereits im Niedergang
begriffen seien beziehungsweise sich durch ihr weltweites Engagement
derart überforderten, dass sie binnen kurzem ihre Führungsposition
gegenüber den Europäern verlieren würden. In dieser
Beschwichtigungsliteratur wird die europäische Wirtschaftskraft
herausgestellt und ein tendenzielles Gleichgewicht zwischen Europa und
den USA konstatiert. Dabei wird zweierlei übersehen beziehungsweise nicht
hinreichend gewichtet: Zum einen würde die Erosion oder gar der
Zusammenbruch der weltumspannenden Führungsrolle der USA für Europa
erheblich größere Probleme nach sich ziehen, als dadurch beseitigt würden;
zum anderen könnte gerade das ökonomische Gleichgewicht zwischen
Europa und den USA Letztere dazu veranlassen, verstärkt zum
Instrumentarium militärischer Lösungen zu greifen, weil dann die Europäer
wieder zu Zwergen und die USA zum Riesen werden. Kurz, die
Beschwichtigungsliteratur unterschätzt die globale Stabilitätsfunktion des
US-Empire und überschätzt die Bedeutung wirtschaftlicher Faktoren für die
kurzfristige Festlegung von Machtverhältnissen. Die Wirkung ökonomischer
Faktoren entfaltet sich eher langfristig.
Komplementär zur Beschwichtigungsliteratur ist die Identitätsliteratur zu
nennen, die den Fortgang des europäischen Integrationsprozesses aus einer
reinen Binnenperspektive heraus betrachtet. Sie sieht vom politischen
Gewicht der EU namentlich für Osteuropa, den Nahen Osten sowie
Nordafrika ab und konzentriert sich auf die verfassungspolitische Ordnung
und die kulturelle Identität Europas. 74 Dabei wird vorausgesetzt, dass den
Europäern weiterhin jene großen Zeiträume für das Reifen von
Entschlüssen und das Zusammenwachsen unterschiedlicher politischer
Kulturen zur Verfügung stünden, wie das in der Zeit des Ost-West-
Gegensatzes der Fall war. Die damalige Verlangsamung politischer
Prozesse durch die Absenkung der politischen Temperatur, die gleichsam
einen Wechsel im Aggregatzustand der Politik zur Folge hatte, begünstigte
die Europäische Integration. Aber mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes
sind die Verlangsamungsfaktoren verschwunden, und die politischen
Prozesse haben wieder Normaltempo erreicht, wenn sie denn nicht wegen
des erheblichen Nachholbedarfs schneller ablaufen als in anderen
Weltregionen. In der Phase der Verlangsamung konnten sich die Europäer
den Luxus einer aufwendigen Suche nach der gemeinsamen Identität
leisten, aber unter den Konstellationen der Beschleunigung, wie sie seit
Anfang der 1990er Jahre Platz gegriffen haben, stehen ihnen diese
Zeitspannen nicht mehr zur Verfügung. Die Identitätsliteratur freilich
ignoriert die Probleme der Peripherie und vertraut darauf, dass sie nicht
eskalieren, bis die Identitätsfragen im Zentrum geklärt sind. An der
öffentlichen Debatte über das türkische Beitrittsgesuch zur EU hat sich das
deutlich gezeigt.
Was das Verhältnis der Europäer zu den USA betrifft, so kann die
eingangs beschriebene Entwicklung der athenischen Thalassokratie als
Menetekel dienen: Solange die Konfrontation mit dem persischen Großreich
akut war, behandelte Athen seine Bündner als zwar schwächer, aber
dennoch gleichberechtigt. Als jedoch die Bedrohung mit dem Osten
schwand, die Bündner die Friedensdividende kassierten und die Athener
damit einverstanden waren, dass diese ihren Verpflichtungen in Form von
Geldzahlungen nachkamen, verwandelten sie sich aus gleichberechtigten
Verbündeten in abhängige Beherrschte, die den Wünschen und Vorgaben
der Athener zu folgen hatten. Dass sie sich dabei gegeneinander ausspielen
ließen, hat diese Entwicklung beschleunigt. Will Europa dem entgehen, so
muss es sich als eine politische Einheit konstituieren, in der Außenstehende
bei zentralen Entscheidungen nicht mitzureden haben – auch nicht der
engste Verbündete.
Der Zwang zum Zusammenhandeln der Europäer kommt von außen, und
die innere Entwicklung muss ihm folgen. Ob das möglich ist, hängt weniger
von den erst kürzlich beigetretenen Mitteleuropäern, sondern von
Großbritannien ab, das sich entscheiden muss, ob es der Juniorpartner der
USA oder eine europäische Führungsmacht sein will. Je nachdem, wie diese
Entscheidung fällt, wird der europäische Integrationsprozess zu
organisieren sein. Kommt es nicht zu dem an sich wünschenswerten
Dreieck Paris-London-Berlin, so wird sich auf dem Kontinent eine andere
Macht finden, mit der die Achse Paris-Berlin zum Dreieck erweitert werden
kann. London freilich wird dann an die Peripherie des Vereinten Europa
versetzt werden. Auf jeden Fall aber wird die Herstellung europäischer
Handlungsfähigkeit nach außen zu einer stärkeren Hierarchisierung der
europäischen Entscheidungsstrukturen führen, wie sie bei der
gemeinsamen Agrarpolitik unmöglich, aber auch unnötig war. Oder
umgekehrt: Ohne eine stärkere Hierarchie der EU-Staaten wird es keine
gemeinsame Handlungsfähigkeit der Europäer nach außen geben. Das ist
zugleich der Grund, warum sich viele mittlere und kleine Länder gegen
stärkere Gemeinsamkeiten in der Außen- und Sicherheitspolitik sperren. Sie
müssen sich jedoch darüber im Klaren sein, dass dadurch nicht ihr eigener
Spielraum, sondern der amerikanische Einfluss auf die europäische Politik
zunimmt. Deshalb bespielen die USA gern die Klaviatur der Kleinen und
Mittleren in Europa. Die Angewiesenheit der USA auf europäische
Unterstützung in einer weltpolitisch schwieriger werdenden Situation
eröffnet die Chance, dem einen Riegel vorzuschieben.
Die Notwendigkeit, eine gemeinsame europäische Außen- und
Sicherheitspolitik zu verfolgen, erwächst allerdings nicht nur aus der
Herausforderung durch das US-Empire, sondern auch daraus, dass es
unerlässlich ist, an der europäischen Peripherie stabilisierend einzugreifen.
Die Sogwirkung einer instabilen Peripherie, mit der die Europäer erstmals
durch die Balkankriege der 1990er Jahre konfrontiert wurden, dürfte weiter
zunehmen, und dabei wird es nicht mehr nur um überschaubare Regionen
wie den Balkan gehen, sondern um einen Bogen, der von Weißrussland und
der Ukraine über den Kaukasus in den Nahen und Mittleren Osten reicht
und sich von da über die afrikanische Mittelmeerküste bis nach Marokko
erstreckt. Da der Kollaps von Staaten, innergesellschaftliche Kriege und
wirtschaftliche Zusammenbrüche in diesem Bogen auf Europa viel stärkere
Auswirkungen haben als auf die USA, müssen die Europäer darauf
hinarbeiten, dass in diesen Regionen die Politik des Westens nicht von den
USA allein bestimmt wird. Am besten wäre es sicherlich, wenn sie in ihren
eigenen «Hinterhöfen» die Federführung selbst übernähmen und die USA in
dieser Region ins zweite Glied träten, nur ist damit im Nahen und Mittleren
Osten kaum zu rechnen. Andererseits können sich Interessenlagen wie
Stimmungen in den USA schnell ändern – und dann müssen die Europäer
von Konzeptionen wie Fähigkeiten her in der Lage sein, die bisherige Rolle
der USA zu übernehmen.

Europa ist ein Kontinent mit unscharfen Grenzen; lediglich im Norden und
im Westen sind sie von der Geographie vorgegeben. Im Süden und Osten
dagegen ist nicht klar, wie weit sich die politische und wirtschaftliche
Gemeinschaft ausdehnen kann und soll. Zwar stellt im Süden das
Mittelmeer eine natürliche Begrenzung des Kontinents dar, nur hat es
schon in der Vergangenheit eher eine verbindende als eine trennende
Wirkung gehabt. Für das Römische Reich etwa war es das Zentrum und
nicht die Grenze; das änderte sich erst infolge des arabischen Vorstoßes im
8./9. nachchristlichen Jahrhundert. 75 Aber schon die italienischen
Seerepubliken Venedig und Genua machten das Mittelmeer wieder zum
Zentrum ihrer Handelsbeziehungen, und das Osmanische Reich war in
seiner Blütezeit ein um das östliche Mittelmeer gelagertes Imperium. Es
gibt viele Gründe, dass die Europäer das Mittelmeer auch weiterhin als
Begrenzung ihrer politischen Integration ansehen, doch das enthebt sie
nicht des Zwangs zur politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung der
gegenüberliegenden Küste. Europa hat ein vitales Interesse an einer
stabilen Ordnung in den Ländern der nordafrikanischen Region.
Was über die Südgrenze Europas gesagt wurde, gilt erst recht für seine
Ostgrenze. Paul Valéry hat von Europa als dem Vorgebirge Asiens
gesprochen 76 , und im Verlauf ihrer Geschichte haben die Europäer immer
wieder mit großer Besorgnis nach Osten geschaut, von wo es in
unregelmäßigen Abständen zu Invasionen aus der innerasiatischen Steppe
gekommen ist. In geschichtlichen Zeiten beginnt dies bei der
Völkerwanderung und reicht bis zu den russischen Reichsbildungen, in
deren Folge die europäische Ostgrenze in Bewegung geraten ist: Den
Vorstößen aus der asiatischen Steppe standen nun europäische Versuche
gegenüber, den eigenen Einfluss- und Kulturbereich nach Osten hin
auszudehnen. Gerade den russischen Reichsbildungen kam dabei eine
entscheidende Bedeutung zu. Die von der Geographie her kaum zu
beantwortende Frage nach der Ostgrenze Europas ist seitdem davon
abhängig, als was Russland jeweils wahrgenommen wird: als eine eher
europäische oder eine eher asiatische Macht; die oben beschriebene
Janusköpfigkeit des zarischen Russlands war Ausdruck der Tatsache, dass
es selbst immer wieder zwischen dieser Alternative schwankte. Hatten die
antiken Geographen die Ostgrenze Europas auf den Don gelegt, so haben
die Geographen des 18. Jahrhunderts sie in Reaktion auf die Reformen
Peters des Großen bis zum Ural hinausgeschoben. Russland wurde dadurch
zu einer europäischen Macht. 77 Mit dem Fortschreiten der europäischen
Integration ist diese Frage, die früher ein vorwiegend kulturelles Problem
war, zu einem genuin politischen Problem geworden, das vorerst lautet:
Sollen die EU und Russland unmittelbar aneinander grenzen, oder sollen
dazwischen Weißrussland und die Ukraine als Puffer verbleiben?
Die heikelste Grenze liegt freilich im Südosten, wo die drei Kontinente
Europa, Asien und Afrika aufeinander treffen. In einem weiten Sinne
handelt es sich dabei um den unteren Balkan, Kleinasien sowie den Nahen
Osten, die in unterschiedlichem Ausmaß während der letzten Jahrzehnte ein
Krisengebiet dargestellt haben, das mit dem nach 1945 friedlich
gewordenen Europa scharf kontrastiert. Europa wird um erhebliche
Stabilitätsinvestitionen in diesen Raum nicht herumkommen. Der Blick auf
seine Geschichte zeigt, dass er seit der Antike eine Brutstätte ausgreifender
Reichsbildungen war, aber auch ein Herd für Kriege, die schon früh als
Zusammenstoß von Ost und West, von Despotie und Freiheit ideologisiert
wurden. Das Byzantinische und das Osmanische Reich waren in diesem
Raum zentrierte Großreichsbildungen, die sich auf dem Höhepunkt ihrer
Macht in einer scharfen Konkurrentenrolle zu Westeuropa begriffen haben.
Und als das Osmanische Reich im 19. Jahrhundert in eine Periode lange
währender Agonie eintrat, haben europäische Staaten in wechselnden
Koalitionen versucht, es zu stabilisieren, um gefährliche Entwicklungen
innerhalb dieses Raumes zu verhindern. Der Südosten hat in der
europäischen Geschichte von jeher eine besondere Rolle gespielt.
Als geographischer wie als politischer Raum hat Europa also keine klaren
Grenzen. Vor allem im Osten und Südosten weist er Grenzräume auf, wie
sie für imperiale Großraumordnungen typisch sind. Die europäische
Geschichte jedoch ist geprägt durch die Herausbildung von
Territorialstaaten, die sich zu Nationalstaaten fortentwickelt haben. Dabei
handelt es sich um eine auf dem Prinzip der Grenzbündelung beruhende
Organisationsform des Politischen; die Grenzen des Nationalstaates sind
nicht nur politische und wirtschaftliche, sondern auch sprachliche und
kulturelle. Gerade die daraus erwachsende Homogenität hat dafür gesorgt,
dass mit den europäischen Nationalstaaten ungemein handlungsfähige
Akteure die politische Bühne betreten haben. In der Konfrontation zwischen
ihnen und den Reichen Mittel- und Osteuropas haben Letztere fast immer
den Kürzeren gezogen.
Das Ordnungsmodell der Grenzbündelung führte allerdings dazu, dass die
im Innern aufgeladene Energie sich immer wieder an diesen Grenzen
entlud, weil die Nationalstaaten mit dem konkreten Grenzverlauf nicht
einverstanden waren und ihn verschieben wollten. Obendrein ließ sich das
im Westen über Jahrhunderte gewachsene Nationalstaatmodell nicht ohne
weiteres auf den Osten übertragen. Hier hat die Strategie der
Grenzbündelung eine Politik der Diskriminierung oder gar Vertreibung
ethnischer und nationaler Minderheiten bewirkt. Die nach dem Zweiten
Weltkrieg in Westeuropa in Gang gesetzte Integrationspolitik behielt zwar
das nationalstaatliche Ordnungsmodell im Grundsatz bei, ergänzte es aber
durch eine systematische Entflechtung politischer, wirtschaftlicher und
kultureller Grenzen. Die Auflösung scharf ausgebildeter politisch-kultureller
Identitäten galt als Königsweg zur Überwindung der europäischen
Belligerenz. Schon in den 1980er Jahren, mit den Entwürfen eines zum
Abschluss gekommenen europäischen Integrationsprozesses, begann dann
eine Entwicklung, in der das Modell der Grenzdiversifikation durch
neuerliche Grenzbündelungen abgelöst wurde – die europäische
Identitätsdebatte ist eine Konsequenz daraus. So sind scharfe Brüche an
den europäischen Außengrenzen entstanden, die zu Exklusionsgrenzen
geworden sind, und das wiederum hat immer neue Beitrittswünsche
provoziert und dazu geführt, dass eine Beitrittsrunde der anderen folgt. Es
ist vor allem die Politik der Grenzbündelung, die – paradoxerweise – den
Prozess einer permanenten EU-Ausdehnung in Gang gesetzt hat.
Eine Alternative hierzu stellt das imperiale Ordnungsmodell dar, das auf
eine Diversifizierung der verschiedenen Grenzlinien hinausläuft, weswegen
imperiale Ordnungen zumeist weiche Grenzen haben, an denen sich der
Regelungsanspruch des Zentrums allmählich verliert. An die Stelle von
Grenzen treten Grenzräume. Europa wird, wenn es sich nicht überfordern
und schließlich scheitern will, dieses imperiale Modell der Grenzziehung
übernehmen müssen. Im Prinzip ist ihm eine solche Ordnung
eingeschrieben, verlaufen doch die Außengrenzen der EU anders als die des
Schengenraumes und die wiederum anders als die der Eurozone. Dieses
Modell gilt es weiterzuentwickeln, um die europäischen Außengrenzen
stabil und zugleich elastisch zu machen. Das schließt Einflussnahmen auf
die Peripherie ein, die eher imperialen als zwischenstaatlichen Vorgaben
ähneln. Europas Zukunft wird darum ohne Anleihen beim Ordnungsmodell
der Imperien nicht auskommen.
Karten

Nach den Perserkriegen bauten die Athener ein Seereich auf, das zunächst durch die
fortbestehende persische Bedrohung zusammengehalten wurde. Als diese jedoch
allmählich schwand, verwandelte sich die hegemoniale zunehmend in eine imperiale
Herrschaft. Ausdruck dessen war die Verlegung der Bundeskasse von Delos nach Athen.
Das Ägäische Meer bildete das Zentrum der athenischen Thalassokratie.
Mit Augustus kam die römische Expansion im Prinzip zum Halt. Einige kleinere
Eroberungen beziehungsweise Erwerbungen folgten nach: Dakien im Norden, Armenien
und Arabien im Osten, Mauretanien im Süden. Befestigte Grenzen hatte das Reich nur im
Norden, dort, wo der Druck der Barbaren ständig zu spüren war.
Unter den Han nahm das Chinesische Reich die Gestalt an, die es in den nachfolgenden
zwei Jahrtausenden im Wesentlichen behalten sollte. Wie beim Römischen Reich finden
sich auch hier die befestigten Grenzen im Norden, wo mit Einfällen nomadischer Völker zu
rechnen war. Trotz des Vorstoßes nach Westen in der Zeit der späten Han ist es nicht zu
einer direkten Berührung mit anderen Großreichen gekommen.
Ausgangspunkt der mongolischen Großreichsbildung war die Einigung der Nomadenvölker
in der innerasiatischen Steppe durch Dschingis Khan. Mitte des 13. Jahrhunderts stießen
mongolische Heere bis an Oder und Donau vor. Zu dieser Zeit war das Mongolenreich das
größte Kontinentalimperium, das es je gegeben hat.
Das Russische Reich steht in der Linie der großen Territorialimperien: Das Meer war für es
eine Grenze und nicht ein innerimperialer Verbindungsraum. Geschwindigkeit und
Reichweite der vom Moskauer Zentrum ausgehenden Expansion nach Westen, Süden und
vor allem Osten waren davon abhängig, ob man auf Staaten oder lose integrierte
Stammesverbände traf.
An der Nahtstelle dreier Kontinente gelegen, verfügte das Osmanische Reich in seiner
Aufstiegsphase über Expansionsmöglichkeiten nach Europa, Asien und Afrika, die es
sämtlich genutzt hat. Nach Überschreiten des imperialen Zenits führte diese zentrale
geopolitische Lage jedoch zwangsläufig zu einer imperialen Überdehnung, durch die das
Reich kräftemäßig ausgezehrt und zum «kranken Mann am Bosporus» wurde.
Das portugiesische Seereich beschränkte sich zunächst auf den Erwerb und Ausbau von
Stützpunkten, von denen aus die kommerzielle Erschließung des Südatlantischen und
insbesondere des Indischen Ozeans erfolgte. Dagegen setzte Spanien von Anfang an auf
Territorialexpansion, was zu einem steten Strom von Soldaten und Glücksrittern in die
«Neue Welt» führte.
Im 18. Jahrhundert trat England in die Tradition der Portugal und Niederlande. Auch die
britische Imperialordnung beschränkte sich zunächst auf ein Netz von Hafenstädten,
Faktoreien und Handelsstraßen, das nicht vom Staat, sondern von Handelskompanien
gewoben wurde. Die imperiale Macht erwuchs hier im Wesentlichen aus der Kontrolle über
die Bewegung von Gütern, Menschen und Kapital.
Die Karte zeigt eine weltpolitische Übergangssituation: Spanien ist noch ein von seiner
räumlichen Ausdehnung her gewaltiges Reich, Großbritannien, das gerade erst seine
Kolonien an der amerikanischen Ostküste verloren hatte, sollte seinen Machtbereich im
Laufe des Jahrhunderts weiter ausdehnen. Der afrikanische Kontinent hat das Interesse der
europäischen Mächte noch nicht gefunden; seine Kolonisierung ist auf die Küstenstreifen
beschränkt.
Die Welt ist im Wesentlichen aufgeteilt zwischen Russland, das große Teile Asiens
beherrscht, und Großbritannien, dessen Macht von Kanada bis Australien reicht und
dessen afrikanisches Kolonialreich sich von Kairo bis Kapstadt erstreckt. Daneben nehmen
sich die Gebiete der anderen europäischen Kolonialimperien, vielleicht mit Ausnahme
Frankreichs, fast bescheiden aus.
Die amerikanische Militärpräsenz hat sich seit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes, wo
sie auf die westliche Politikhemisphäre beschränkt war, buchstäblich globalisiert. Sie stellt
ein dichter gewebtes Netz weltweiter Kontrolle dar, in dem die Schwerpunkte des Kalten
Krieges noch erkennbar sind, das sich aber zunehmend auf die südliche Erdhalbkugel
ausdehnt.
Anmerkungen
Anmerkungen zu Kapitel 1
1 Zur Vorgeschichte des 3. Golfkrieges vgl. Aust (Hg.), Irak, insbes.
S. 39 ff.; Tilgner, Der inszenierte Krieg, S. 17 ff.; Kubbig, Brandherd
Irak, insbes. S. 9 – 20; Wolfgang Sofsky, Operation Freiheit, S. 66 – 74,
sowie Münkler, Der Neue Golfkrieg, S. 19 – 28.

2 Zur Geschichte der Nato-Osterweiterung und den Absichten der darin


involvierten Seiten vgl. Asmus, Opening NATO’s Door.

3 Mann, Die ohnmächtige Supermacht, S. 314; ähnlich auch Czempiel,


«Pax Americana oder Imperium Americanum?». Der Begriff geht
offenbar zurück auf einen Artikel von Kagan, «The Benevolent
Empire».

4 Eine konsequent durchgehaltene Parallelisierung der USA mit dem


Römischen Reich findet sich bei Bender, Weltmacht Amerika; die
weltpolitische Apostrophierung der USA als New Rome wird seit Mitte
des 19. Jahrhunderts vorgenommen, vgl. Gollwitzer, Geschichte des
weltpolitischen Denkens, Bd. 1, S. 489 ff.; ein untergründiger
Vergleich mit der Effektivität britischer Formen imperialer Herrschaft
durchzieht die Argumentation von Mann, Die ohnmächtige
Supermacht; der Untergang der Sowjetunion wird als prospektives
Schicksal der USA bei Todd, Weltmacht USA, vorgestellt; eine Reihe
abwägender Überlegungen zum Vergleich der USA mit dem
Römischen und dem Britischen Reich finden sich auch bei Ferguson,
Das verleugnete Imperium, S. 24 ff., S. 36 ff.

5 Vgl. Wood, The Creation, insbes. S. 48 ff.; Richard, The Founders and
the Classics. – Zu dem stolzen Anspruch, die republikanische Tradition
Roms wieder aufgenommen und weitergeführt zu haben, gehörte von
Anfang an der kritische Blick auf den Übergang Roms von der
Republik zum Imperium, wobei die aus der römischen Historiographie
bezogene Annahme eines damit verbundenen Sittenverfalls ins
zeitgenössische Britische Empire hineingespiegelt wurde. Die hart
erkämpfte Unabhängigkeit der USA von Großbritannien war insofern
immer auch die Rettung der Republik vor der Imperialität; vgl. Bailyn,
The Ideological Origins, S. 131 ff., sowie Wood, The Creation, S. 35 f.

6 Dazu detailliert Daschitschew, Moskaus Griff nach der Weltmacht.,


S. 41 ff. und S. 511 ff.

7 Zum Vergleich des Britischen und des Mongolischen Weltreichs vgl.


Göckenjan, «Weltherrschaft oder Desintegration»; zur Ausdehnung
des Mongolenreichs vgl. Weiers, «Geschichte der Mongolen», S. 45 f.

8 Die Bedeutung des Achämenidenreichs und seiner hellenistischen


Nachfolger als ein den Mittelmeerraum mit Asien verbindendes
Zwischenreich wird anschaulich bei Breuer, Imperien, S. 122 – 158;
zur Initialrolle Portugals bei der europäischen Kolonialreichsbildung
eingehend Abernethy, Dynamics of Global Dominance, S. 45 ff., sowie
Reinhard, Kleine Geschichte des Kolonialismus, S. 25 ff.

9 Vgl. dazu den Überblick bei Mommsen, Imperialismustheorien.

10 Der Vergleich imperialer Macht mit der Sonne und ihren Satelliten
geht freilich, soweit ich sehe, nicht auf militärische, sondern auf
ökonomische Imperialität zurück. So erklärte der Bankier Nathan
Rothschild Anfang des 19. Jahrhunderts vor dem englischen
Unterhaus, «daß London die Hauptstadt der Finanzwelt ist und daß
auch große Handelsgeschäfte notwendig mehr oder weniger unter
dem Einfluß dieses Mittelpunkts im System der Finanzen
abgeschlossen werden, um das sich die weniger wohlhabenden
Staaten bewegen wie die kleinen Gestirne des Sonnensystems und von

dem sie zufrieden sein müssen, Glanz und Nahrung zu entleihen.»


(Zit. nach Gollwitzer, Geschichte des weltpolitischen Denkens, Bd. 1,
S. 505.)

11 Vgl. Schuller, Die Herrschaft der Athener, S. 54 ff.


12 Heinrich Triepel, Die Hegemonie, S. 146 f., hat dies als «absorptive
Hegemonie» bezeichnet.

13 Vgl. Breuer, Imperien, S. 140 – 147; detailliert Welwei, Das Klassische


Athen, S. 77 – 139; zur Ersetzung von hegemonía durch arché als
politische Bezeichnung der athenischen Herrschaft vgl. Triepel, Die
Hegemonie, S. 343 ff.; zum faktischen Wandel des Bundes ebd.,
S. 377 ff. Eine detaillierte Darstellung der athenischen Herrschaft
findet sich bei Schuller, Die Herrschaft der Athener, insbes.
S. 153 – 165.

14 Zit. nach Ferguson, Empire, S. 246.

15 Vgl. Maier, «Die Grenzen des Empire», S. 128.

16 Der Vollständigkeit halber ist hier darauf hinzuweisen, dass ein


Seitenstrang der Imperialismustheorien, die so genannten
peripherieorientierten Imperialismustheorien, die Bedeutung der
Peripherie bei der Entstehung von Großreichen sehr wohl ins Auge
gefasst hat. Darin wird davon ausgegangen, dass «die
imperialistischen Aktionen der Grossmächte in der Regel durch
krisenhafte Prozesse in der Dritten Welt ausgelöst» worden seien.
Mommsen, Imperialismustheorien, S. 80 – 90, hier S. 81.

17 Zum Problem der Konzeptualisierung langer Zyklen beim Aufstieg


und Niedergang der großen Mächte vgl. Modelski, Long Cycles in
World Politics, S. 7 – 38.

18 Doyle, Empires, S. 306 ff., 319 ff.; freilich ist es eher der französische
und der deutsche Imperialismus, den Doyle in den Blick nimmt, als
eine erfolgreiche Imperiumsbildung.

19 Vgl. Kann, Geschichte des Habsburgerreiches; zu den imperialen


Ambitionen Karls vgl. Kohler, Karl V., sowie Haider, Karl V.

20 Das zur Donaumonarchie Gesagte gilt in ähnlicher Weise auch für


Byzanz, das nach dem Ansturm des Islam und dem Verlust großer
Gebiete im Vorderen Orient nur noch den Status einer Regionalmacht
besaß. Dem byzantinischen Weltherrschaftsanspruch hat dies freilich
keinen Abbruch getan. Vgl. Lilie, Byzanz, S. 75 – 141, sowie Beck, Das
byzantinische Jahrtausend, S. 78 – 86.

21 Osterhammel (Kolonialismus, S. 17) hat zwischen Beherrschungs- und


Stützpunktkolonien unterschieden. Beide sind als Ausgangspunkte
unterschiedlicher Reichsbildungen zu betrachten.

22 Fernand Braudel hat in seiner Sozialgeschichte des 15. bis


18. Jahrhunderts gezeigt, dass die Verlagerung des wichtigsten
europäischen Bankenplatzes aus Italien, wo lange Zeit Venedig und
Genua um die Führungsposition konkurrierten, in den
niederländischen Raum mit Antwerpen und später Amsterdam als
Zentrum und schließlich nach England, nach London, für die
Machtverschiebungen in Europa erheblich folgenreicher war als die
zahlreichen Schlachten, in denen um die Kontrolle von Territorien
gerungen wurde. (Braudel, Sozialgeschichte des
15. – 18. Jahrhunderts, Bd. 3, S. 147 ff. und S. 187 ff.; vgl. auch
Wallerstein, Das moderne Weltsystem, S. 97 ff. und S. 245 ff.)

23 Vgl. dazu Nef, Western Civilization, S. 84 ff., Parker, Die militärische


Revolution, S. 107 ff., sowie Cipolla, Segel und Kanonen, S. 101 ff.

24 Im Übrigen zeigte sich dies bereits bei der Sowjetunion, die den USA
im Wettlauf um die Eroberung des Weltraums lange einen Schritt
voraus war.

25 Zum Begriff der Ökumene vgl. Voegelin, Das Ökumenische Zeitalter,


S. 58 – 62. – Die Bedeutung der kulturellen und technologischen
Faktoren übersehen zu haben war und ist der fundamentale Irrtum
der Großraumtheorie Carl Schmitts, der zunächst die Ausweitung der
amerikanischen Monroe-Doktrin, die in ihren Anfängen auf den
amerikanischen Kontinent beschränkt war, kritisiert und später selbst
eine europabezogene «deutsche Monroe-Doktrin» entworfen hat.
(Schmitt, «Völkerrechtliche Formen des modernen Imperialismus»,
sowie ders., «Großraum gegen Universalismus»; vgl. dazu Diner,
«Imperialismus».) Alle diese Überlegungen bleiben an tellurische
Raumvorstellungen gebunden und verfehlen dadurch die Dynamik
imperialer «Welt»-Vorstellungen, die nicht erst mit der
kapitalistischen Expansion begonnen, durch sie aber deutlich an Kraft
gewonnen haben.

26 Breuer, Imperien, S. 12 ff. und 158 ff.

27 Vgl. Lilie, Byzanz, S. 143 ff.

28 Die einzigen Konfrontationen zwischen Russland und Großbritannien


im Verlauf des 19. Jahrhunderts erfolgten entlang dieser Trennlinie:
der Streit um die Kontrolle des Bosporus, der schließlich zum
Krimkrieg führte, und die Auseinandersetzung um Persien und
Afghanistan. Das ändert nichts daran, dass es unter den englischen
Intellektuellen immer wieder zu russophoben Aufwallungen kam, bei
denen die Möglichkeit einer «friedlichen Koexistenz» beider Imperien
in Frage gestellt wurde; vgl. Gollwitzer, Geschichte des
weltpolitischen Denkens, Bd. 2, S. 28 ff., 71 f.

29 Der britische Historiker Niall Ferguson hat kürzlich in seinem Buch


The Pity of War (dt.: Der falsche Krieg) eine Debatte darüber
angestoßen, inwieweit die britische Politik die
Selbsterhaltungsimperative ihres Imperiums zu Beginn des
20. Jahrhunderts missverstanden habe, als Großbritannien in den
Ersten Weltkrieg eintrat, um die Bildung eines Kontinentalimperiums
unter deutscher Führung zu verhindern. Tatsächlich agierte die
britische Politik, namentlich Außenminister Edward Grey, aus der
Logik ihrer imperialen «Welt» heraus. Es ist denkbar, dass ein
«Weltwechsel» im längerfristigen Interesse des Empire gelegen hätte,
wie Ferguson meint. Möglich war er allerdings kaum.

30 Womöglich soll der Verweis auf den multiethnischen beziehungsweise


multinationalen Charakter der Imperien aber auch nur die Differenz
gegenüber dem Nationalstaat markieren, der durch die tendenzielle
Kongruenz von politischem Raum und nationaler Identität
gekennzeichnet ist. Vgl. dazu Münkler, Reich, Nation, Europa, S. 61 ff.

31 Die Angaben nach Osterhammel, «China», S. 122.

32 Thukydides, Peloponnesischer Krieg, V, 84 – 116, S. 450 – 46.

33 Vgl. die vorzügliche Interpretation des Melier-Dialogs bei Volkmann-


Schluck, Politische Philosophie, S. 39 – 58. Demgegenüber hat de
Romilly, Thucydides, den Konflikt nicht auf die imperialen
Konstellationen, die von den Meliern nicht verstanden wurden,
sondern auf den machtpolitischen Imperialismus der Athener
zurückgeführt.

34 Welche Interpretation des Thukydides bevorzugt wird, hat offenbar


auch mit dem kollektiven Gedächtnis einer politischen Gemeinschaft
zu tun: Die untergangszentrierte Lektüre ausgreifender Machtpolitik
findet sich vor allem in der deutschen Literatur.

35 Thukydides, Peloponnesischer Krieg, I, 144, 1, sowie II, 65, 7.

36 Fulbright, Die Arroganz der Macht.

37 Jürgen Habermas, «Was bedeutet der Denkmalsturz?», sowie ders.,


«Wege aus der Weltunordnung».

38 Habermas, «Wege aus der Weltunordnung», S. 34.

39 So etwa Heinrichs, Die gekränkte Supermacht.

Anmerkungen zu Kapitel 2
1 Einen vorzüglichen Überblick über die zu dieser Zeit in
Großbritannien, Russland, den USA, Frankreich und Deutschland
geführten Debatten bietet Gollwitzer, Geschichte des weltpolitischen
Denkens, Bd. 2; die sich zu diesen imperialistischen Diskursen kritisch
verhaltenden Imperialismustheorien sind knapp dargestellt bei
Mommsen, Imperialismustheorien, sowie Schröder, Sozialistische
Imperialismusdeutung; zur Begriffsgeschichte des Imperialismus vgl.
Koebner, Imperialism.
2 Es ist erstaunlich, wie sehr dies den gegenwärtigen Argumenten der
großen Unternehmen ähnelt, die meinen, nur als global players
überleben zu können.

3 Dieser Erregtheitszustand ist vor allem am deutschen Beispiel


thematisiert worden; vgl. etwa Ullrich, Die nervöse Großmacht, sowie
Radkau, Das Zeitalter der Nervosität. Freilich war er keineswegs auf
Deutschland beschränkt, sondern zeigte sich auch in Frankreich und
selbst in Großbritannien, wo eine hysterische Germanophobie um sich
griff; vgl. Gollwitzer, Geschichte des weltpolitischen Denkens, Bd. 2,
S. 71 f.

4 Vgl. dazu Doyle, Empires, S. 344 ff.

5 Zur imperialen Expansion der USA am Ende des 19. Jahrhunderts vgl.
Wehler, Der Aufstieg des amerikanischen Imperialismus; die mit
dieser Expansion verbundenen Kriege sind dargestellt bei Boot, The
Savage Wars of Peace; speziell zum Philippinen-Krieg, S. 99 – 128.

6 Als Hauptvertreter der marxistischen Imperialismustheorie sind


Rudolf Hilferding, Rosa Luxemburg, Karl Kautsky und Wladimir
Iljitsch Lenin zu nennen. Die in diesen Debatten umstrittene Frage, ob
die imperialistische Expansion eher auf Unterkonsumption oder
vielmehr auf Überakkumulation zurückzuführen sei, spielt in dem hier
interessierenden Zusammenhang keine Rolle. – Eine bemerkenswert
positive Darstellung traditionaler Mentalitäten gegenüber dem Geist
von Handel und Wandel findet sich in Werner Sombarts Kriegsschrift
Händler und Helden (1915). Es handelt sich dabei jedoch nicht um
einen «patriotischen Ausrutscher» Sombarts im Getümmel des
Krieges, sondern um eine politische Anwendung seiner
Kapitalismustheorie: Der Kapitalismus verliere durch seine Erfolge an
Kraft und Dynamik und «verfette» zunehmend. Er sei auf die Zufuhr
ihm wesensfremder Einstellungen angewiesen, um zu funktionieren.
Die entgegengesetzte Perspektive hat Joseph Schumpeter («Zur
Soziologie der Imperialismen», S. 283 f.) eingenommen, der zum
Verhältnis Imperialismus und Kapitalismus schrieb: «Der
Imperialismus ist ein Atavismus. (…) Es ist ein Atavismus der sozialen
Struktur und ein Atavismus individual-psychischer
Gefühlsgewohnheiten. Da die Lebensnotwendigkeiten, die ihn
schufen, für immer vergangen sind, muß er, trotzdem jede
kriegerische, wenn auch noch so unimperialistische Entwicklung ihn
neu zu beleben tendiert, nach und nach verschwinden.»

7 «Der aggressive Imperialismus, der den Steuerzahler so teuer zu


stehen kommt, der dem Händler und dem Unternehmer wenig Gewinn
bringt, der so unberechenbare Gefahren für den Bürger mit sich
bringt, ist eine Quelle großen Gewinns für den Investor, der im
Binnenmarkt keine profitable Anlagemöglichkeiten finden kann und
daher von der Regierung verlangt, daß sie ihm zu ertragreichen und

sicheren Investitionsgelegenheiten in Übersee verhelfe.» (Hobson,


Der Imperialismus, S. 74.)

8 Dieser Versuch wurde vor allem in der Zeit des Finanzministers


Sergej Witte gemacht, der sein Amt 1892 antrat. Er war zu der
Auffassung gelangt, dass das Imperium der russischen Zaren zu einer
Ausbeutungskolonie werde, wenn es ihm nicht gelinge, ebenfalls zu
einer Politik des ökonomischen Imperialismus überzugehen. Dies sei,
so Wittes Erwartung, am ehesten in Ostasien möglich; dazu Geyer,
Der russische Imperialismus, S. 144 ff.

9 Eine nach wie vor eindrucksvolle Auseinandersetzung mit diesem


Problem findet sich bei Aron, Der permanente Krieg, und zwar im
Kapitel «Lenin und seine Deutung des Imperialismus», S. 89 – 115.

10 Zur ökonomischen Absicherung des russischen Bündniswechsels


Ende der 1880er Jahre ausführlich Geyer, Der russische
Imperialismus, S. 131 ff.

11 Zur Auspressung der Bauernschaft für die Zwecke der


Imperiumsbildung vgl. Hosking, Russland, S. 228 – 254.
12 Allein zwischen 1887 und 1913 sind 5,4 Millionen Menschen nach
Sibirien eingewandert beziehungsweise dorthin deportiert worden;
vgl. Reinhard, Kleine Geschichte des Kolonialismus, S. 164 f.

13 Vgl. Geyer, Der russische Imperialismus, S. 101.

14 Vgl. Hosking, Russland, S. 69.

15 Damit soll nicht in Abrede gestellt werden, dass es auch


Kaufmannsfamilien gab, deren Aufstieg aufs engste mit der imperialen
Expansion Russlands verbunden war. Ein Beispiel dafür sind die
Stroganoffs, die die Expansion nach Sibirien wesentlich
vorangetrieben und gesteuert haben; vgl. Hosking, Russland, S. 44,
sowie Reinhard, Geschichte des Kolonialismus, S. 161 f.

16 Auch die in großen Abständen immer wieder auftretenden


Zerfallsprozesse des Chinesischen Reichs gingen durchweg von der
Peripherie aus. Vgl. dazu Schmidt-Glintzer, China, S. 64 ff., 113 ff.,
193 ff.

17 Vgl. Lehmann, «Das Ende der römischen Herrschaft».

18 Zur Organisation des Janitscharenkorps und seiner Rekrutierung


durch die so genannte Knabenlese vgl. Matuz, Das Osmanische Reich,
S. 98 ff.; zum Niedergang der Janitscharen als Symptom für die
Schwächung des Osmanischen Reichs vgl. Jorga, Geschichte des
Osmanischen Reichs, Bd. 3, S. 220 ff.; eine knappe Zusammenfassung
bei Ursinus, «Byzanz, Osmanisches Reich, türkischer Nationalstaat»,
S. 155 f.

19 Vgl. Pieper, «Das Ende des Spanischen Kolonialreiches», sowie


Bernecker, Spanische Geschichte, S. 107 ff.

20 Siehe unten, S. 163 f.

21 Zitiert nach Schell, Die Politik des Friedens, S. 45.

22 Vgl. Robinson, Africa and the Victorians.

23 Vgl. Schell, Die Politik des Friedens, S. 44 – 48.


24 Die Unterschiede zwischen der britischen und der amerikanischen
Antwort auf die Instabilität der Peripherie haben eher mit spezifischen
politischen Traditionen als mit prinzipiellen normativen Differenzen zu
tun: Für die Briten war die Errichtung von Protektoraten und Kolonien
eine aus ihrer bisherigen Politik heraus nahe liegende Entscheidung;
für die US-Amerikaner, in deren Bewusstsein der
Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien zum Gründungsmythos
avanciert war, gerade nicht. De facto jedoch lief die Behandlung
Panamas oder der Philippinen auf die Errichtung eines Protektorats
hinaus. – Zu verschiedenen Phasen der Globalisierung als Verdichtung
von Raum und Zeit vgl. Menzel, «Die Globalisierung».

25 Freilich sollte man sich diesen Übergang eher als das Zurücklegen
einer Wegstrecke denn als Überschreiten einer Schwelle vorstellen.

26 Vgl. Robinson, «Non-European Foundations», sowie Fieldhouse,


Economics and Empire.

27 Eine kritische Würdigung dieser Renaissance der


Imperialismustheorien und der durch sie angestoßenen historischen
Forschungen in Deutschland bietet Geiss, «Kontinuitäten des
Imperialismus».

28 Marx’ Bonapartismustheorie ist im 20. Jahrhundert von mehreren


Autoren aufgegriffen und zur Analyse des italienischen Faschismus
wie des Nationalsozialismus verwandt worden; vgl. Jaschke, Soziale
Basis.

29 Marx, «Der achtzehnte Brumaire», S. 196.

30 Ebd., S. 148.

31 Marx, «Erste Adresse des Generalrats», S. 3.

32 Zu Begriff und Konzept des Prestiges vgl. nach wie vor Kluth,
Sozialprestige.

33 Das im Wesentlichen auf Pierre Bourdieu zurückgehende


Kapitalsortenmodell ist freilich nicht zeitgenössisch und in den
politischen Imperialismustheorien des 19. Jahrhunderts
dementsprechend nicht explizit zu finden. Der Sache, wenn auch nicht
dem Begriff nach ist es in diesen Theorien aber sehr wohl angelegt.

34 Vgl. Koebner, Imperialism, S. 1 – 26.

35 Vgl. Münkler, «Das Reich als politische Macht».

36 Zur Bedeutung des Prestiges in der internationalen Politik vgl. Gilpin,


War and Change, S. 30 ff.

37 Siehe unten, S. 118 f.

38 Für einen knappen Überblick vgl. Mommsen, Imperialismustheorien,


S. 7 – 11.

39 In diesem Sinne hat Snyder (Myths of Empire, S. 21 – 26) die


Anreizstrukturen und Sanktionsmechanismen multi- und bipolarer
Systeme im Hinblick auf hegemoniale und imperiale Aspirationen
durchgespielt.

40 Dabei ist es für die Effekte des «Prestigestrebens aus der zweiten
Reihe» unmaßgeblich, ob die Rahmenbedingungen der
internationalen Politik nun als uni- oder multipolar definiert werden.
In beiden Fällen ist der auf der Vormacht lastende Druck, die
Anerkennung ihrer Hegemonialposition durch die Verbündeten
sicherzustellen, dramatisch gewachsen. Mit Mearsheimer, The
Tragedy of Great Power Politics, S. 12 f., lassen sich beide
Konstellationen auch als Multipolarität mit einem potenziellen
Hegemon beschreiben. Nach Mearsheimers Überlegungen ist dieses
System das am meisten konfliktträchtige.

41 So etwa in sorgfältig ausgearbeiteter und quellenmäßig


abgesicherter Argumentation von Verenkotte, Die Herren der Welt,
S. 82 ff.

42 Vgl. Koebner, Imperialism, S. 135 ff.

43 Mahan, Der Einfluss der Seemacht, insbes. S. 21 ff.


44 Zur Geschichte der europäischen Machtkämpfe und des
regelmäßigen Scheiterns einer dauerhaften Hegemonie vgl. nach wie
vor Dehio, Gleichgewicht oder Hegemonie; zum europäischen
Gleichgewicht und der Rolle des Züngleins an der Waage vgl. Vagts,
«Die Chimäre des Europäischen Gleichgewichts».

45 Zu Begriff und Definition des Hegemonialkrieges vgl. Gilpin, War and


Change, S. 186 – 210.

46 Im Falle Spaniens ist zu unterscheiden zwischen dem


außereuropäischen Imperium, das bis ins 19. Jahrhundert Bestand
hatte, und dem Versuch einer innereuropäischen Imperiumsbildung,
der an dem (teilweise koordinierten) Gegenhandeln Frankreichs und
des Osmanischen Reichs scheiterte; hierzu und zum Folgenden vgl.
Dehio, Gleichgewicht oder Hegemonie.

47 Solche kleinen Kriege sind nicht mit der modernen Form des
Partisanenkrieges zu verwechseln, mit der sie gleichwohl einige
Ähnlichkeiten haben. (Siehe unten, S. 184 ff.) – Dass diese Kriege zum
Teil mit äußerst brutalen Methoden und ohne jede Beachtung
völkerrechtlicher Regeln geführt wurden, zeigt unter anderem das
Beispiel der Niederschlagung des 1904 ausgebrochenen
Hereroaufstandes in Deutsch-Südwestafrika; vgl. Zimmerer,
Völkermord.

48 Auf die Bedeutung der peripheren Lage für den Aufstieg Roms wie
der USA hat zuletzt Bender, Weltmacht Amerika, S. 170 – 176,
hingewiesen.

49 Zur wirtschaftlichen Entwicklung Englands seit dem 18. Jahrhundert


und zu seinem relativen Vorsprung gegenüber den europäischen
Konkurrenten vgl. Landes, Wohlstand und Armut der Nationen,
S. 230 ff. und insbes. die Tabelle S. 247.

50 Den Annahmen der Imperialismustheorien zufolge wäre ein


imperialistischer Weltkrieg zwischen den USA und Großbritannien
unvermeidlich gewesen. Die Möglichkeit dazu hätte in einem
britischen Eingreifen in den amerikanischen Bürgerkrieg bestanden.
Nach den Theorien der realistischen Schule der internationalen Politik
wäre eine Kriegserklärung Großbritanniens an die Union mehr als
wahrscheinlich gewesen. Sie ist bekanntlich nicht erfolgt; zu den
Gründen, die dafür gesprochen hätten, vgl. McPherson, Für die
Freiheit sterben, S. 372 – 381.

51 Vgl. Hosking, Russland, S. 39 ff.

52 Wie der Verlauf des russisch-japanischen Krieges von 1904/05 zeigt,


hat Russland diesen Gegenakteur sträflich unterschätzt. Offenbar hat
man in ihm eine weitere jener schwachen Mächte gesehen, auf die
man im Verlauf der Ostexpansion immer wieder gestoßen war.

53 Mao, Vom Kriege, S. 179 ff.

54 In seiner Freiburger Antrittsvorlesung von 1895 hat Max Weber diese


Verkürzung der imperialen Zeithorizonte zum Ausdruck gebracht, als
er erklärte: «Wir müssen begreifen, daß die Einigung Deutschlands
ein Jugendstreich war, den die Nation auf ihre alten Tage beging und
seiner Kostspieligkeit halber besser unterlassen hätte, wenn sie der
Abschluß und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen

Weltmachtpolitik sein sollte.» (Weber, «Der Nationalstaat und die


Volkswirtschaftspolitik», S. 23.) Das erst spät in den Kreis der
imperialen Mächte eingetretene Deutschland musste sich demnach
beeilen, wenn es nicht leer ausgehen wollte.

55 Außer bei Ullrich, Die nervöse Großmacht, und Radkau, Das Zeitalter
der Nervosität, ist das Problem der verengten Zeithorizonte als
zentrales Element imperialer Politik thematisiert bei Fenske,
«Ungeduldige Zuschauer».

56 In der Erklärung dieser machtpolitischen Konkurrenz, die auf der


Vorstellung beruht, dass die Verteilung der Macht innerhalb eines
Pluriversums tendenziell gleicher Staaten ein Nullsummenspiel sei,
liegt die große Stärke der so genannten realistischen Theorien der
internationalen Politik, unter ihnen vor allem der schulbildenden
Hauptschriften von Morgenthau, Politics among Nations, sowie Waltz,
Theory of International Politics.

57 Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics, insbes. S. 29 ff.

58 Daase, Kleine Kriege – Große Wirkung, hat die These vertreten, dass
große Kriege die internationale Ordnung stabilisieren, während kleine
Kriege sie in Frage stellen.

59 Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, S. 125 ff.

60 Vgl. Judt, Die große Illusion Europa, S. 19 – 60.

61 Vgl. Junker, Power and Mission, S. 51 ff. und 73 ff. – Siehe auch unten,
S. 147 f.

62 Mann, Die ohnmächtige Supermacht, S. 331. An anderer Stelle heißt


es ganz ähnlich: «Ein Empire aus reiner Großherzigkeit ist vermutlich
unmöglich, doch nicht eines, dem die Beherrschten in aller Regel
zustimmen. Wir nennen das ‹Hegemonie›, ein Ausdruck, der darauf
verweist, dass die imperiale Macht ‹die Spielregeln› etabliert, nach
denen andere ‹in aller Regel› spielen. Es mag auch sein, dass sie den

Regeln zustimmen; die Hegemonie besäße dann Legitimität.» (Ebd.,


S. 25.)

63 Johnson, Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie, S. 44; auch


Ferguson hat, allerdings aus der Sicht eines Imperiumsbefürworters,
die Differenzierung zwischen Imperium und Hegemonie für eher
irreführend als hilfreich erklärt. Ferguson, Das verleugnete Imperium,
S. 15 – 24.

64 Kissinger, Die Herausforderung Amerikas, S. 311 ff.

65 Eine knappe Zusammenstellung findet sich bei Verenkotte, Die


Herren der Welt, S. 68 ff.

66 Heinrich Triepel, Die Hegemonie, S. 189.


67 Ebd., S. 283.

68 «Eine Hauptwirkung (…) unseres Gesetzes ist der zunehmende Ersatz


der Herrschaft über fremde Staaten und Völker durch die schwächere
Machtform der Hegemonie. Man kann den Beginn dieser Entwicklung
von dem Tage an datieren, an dem Sparta seine Eroberungs- und
Einverleibungspolitik mit dem Abschluss des ersten seiner zahlreichen
hegemonialen Symmachieverträge, des Vertrages mit Tegea,
abgebrochen hat. Wie stark in der heutigen Welt des internationalen
Lebens Herrschaft durch Hegemonie verdrängt worden ist, lässt sich
auf jeder Seite der Geschichte des modernen ‹Imperialismus›

ablesen.» (Ebd., S. 147.)

69 Ebd., S. 283.

70 Ebd., S. 176.

71 Ebd., S. 187.

72 Ebd., S. 343. – Der politische Kontext, in dem diese Begrifflichkeit


geprägt und verwandt worden ist, legt freilich die Vermutung nahe,
dass es weniger um die Schärfung klarer und prägnanter Begriffe
ging als um die Beeinflussung von Entscheidungen durch politische
Rhetorik – zumal dann, wenn Isokrates in seiner Rede über den
Frieden erklärt, die Spartaner hätten aufgrund ihrer hegemonía zu
Lande schließlich die dýnamis zur See erlangt, diese in Folge
vielfachen Missbrauchs aber auch schnell wieder verloren (vgl.
Isokrates, «Rede über den Frieden», §§ 101 – 104, S. 169 f.); zum
politischen Hintergrund der Rede und zur Position des Isokrates
zwischen Imperialismus und Hegemonialpolitik vgl. Ottmann,
Geschichte des politischen Denkens, Bd. I, 2, S. 241 f.

73 Doyle, Empires, S. 54 ff.

74 Ebd., S. 40.

75 Ebd., S. 58 ff.
76 Ebd., S. 55 ff.; eine ausführliche Darstellung der athenischen Eingriffe
in die inneren Verhältnisse der Bündner findet sich bei Schuller, Die
Herrschaft der Athener, S. 11 ff. (direkte Herrschaftsmittel) und
S. 80 ff. (indirekte Herrschaftsmittel).

77 Eine solche Kontrastierung beider Bündnissysteme ist freilich


geeignet, die vor allem von den Korinthern im Peloponnesischen Bund
betriebene Kriegspropaganda zu reproduzieren, wonach die
Expansion der athenischen Macht zu einer Bedrohung der Freiheit
Griechenlands geworden sei. Deswegen müsse ein Krieg gegen Athen
geführt werden, um den Delisch-Attischen Seebund zu zerschlagen.
Bereits Thukydides (Der Peloponnesische Krieg, I, 88) hatte vor der
Übernahme dieser Sicht gewarnt, bei der es sich um pure Propaganda
handele. Der eigentliche Kriegsgrund sei die Furcht der Korinther und
Spartaner vor dem weiteren friedlichen Wachstum Athens.

78 Doyle, Empires, S. 70 ff.

79 «Expansionsgelüste haben dieser peloponnesischen Macht (Sparta),


seitdem sie ihre Vorrangstellung auf der Halbinsel fest begründet
hatte, immer fern gelegen. Territorial gesättigt, seinem Charakter
nach defensiv eingestellt, auf die Sicherung seines ‹Kosmos› bedacht,
hätte Sparta durch eine Ausdehnungspolitik nur verlieren, nicht
gewinnen können. Das zum Meer gerichtete Athen aber war zu einer
solchen Politik geradezu vorausbestimmt; es war schon aus
wirtschaftlichen Gründen auf die Beherrschung der See und damit auf
die Beherrschung der Inseln der Aegaeis und der Küstenstädte
Kleinasiens angewiesen, und es wurde nicht zuletzt durch die
Entwicklung seiner politischen und sozialen Verhältnisse, durch die
Vermehrung seiner gewerbetreibenden Bevölkerung und die
Beutelust seines beweglichen Demos auf diesen Weg gedrängt. So
war es ganz natürlich, dass die athenische Hegemonie einen
imperialistischen Charakter erhielt, sehr ähnlich, nur in der Form
anders (sic!) wie die Hegemonie Englands im heutigen British
Commonwealth; allerdings ist der bloß hegemoniale Charakter der
britischen Macht das Ergebnis einer späteren Entwicklung, in Athen
ist umgekehrt die Hegemonie der ‹Herrschaft› vorangegangen.»
Triepel, Die Hegemonie, S. 382.

80 Vgl. Doyle, Empires, S. 81.

Anmerkungen zu Kapitel 3
1 Vgl. Mann, Geschichte der Macht; zu den vier Quellen und
Organisationsformen der Macht speziell Bd. 1, S. 46 ff.

2 Siehe unten, S. 172 ff.

3 Vgl. Doyle, Empires, S. 93 – 97. Siehe auch unten, S. 105 ff.

4 Vgl. Heuss, Römische Geschichte, S. 272 – 320, insbes. S. 289 ff.

5 Zum Zusammenhang von «Weltwirtschaften» und «Weltreichen» vgl.


Wallerstein, «Aufstieg und künftiger Niedergang des kapitalistischen
Weltsystems», insbes. S. 35 ff.

6 Vgl. hierzu Kulischer, Allgemeine Wirtschaftsgeschichte, Bd. 1,


S. 78 ff.

7 Vgl. die zusammenfassende Darstellung bei Reinhard, Kleine


Geschichte des Kolonialismus, S. 25 – 43.

8 «Da die Portugiesen», so der Historiker Oliveira Marques, «sich


bewusst waren, dass sie nicht imstande waren, Gebiete zu erobern,
und in Wahrheit nur wenig daran interessiert waren, so weit von
Europa entfernt politische Reiche zu errichten, strebten sie lediglich
eine effiziente Herrschaft über die Meere an, verbunden mit einer
politischen Vormachtstellung in Form von Einflusszonen.» Oliveira
Marques, Geschichte Portugals, S. 151.

9 Ebd., S. 162 f.

10 Zu der zwischen den Niederländern und den Briten ausgetragenen


Debatte, ob die See als offener (mare liberum) oder geschlossener
Raum (mare clausum) zu betrachten sei, vgl. Diner, «Imperialismus
und Universalismus», S. 24, sowie Boxer, The Dutch Seaborne Empire,
S. 84 – 112.

11 Oliveira Marques, Geschichte Portugals, S. 150.

12 Ebd., S. 252.

13 Boxer, The Dutch Seaborne Empire, S. 132 ff.; zu der von den
Portugiesen deutlich unterschiedenen Wirtschaftsmentalität der
Niederländer vgl. Shama, Überfluss und schöner Schein, S. 315 ff.

14 Maier, «Die Grenzen des Empire», S. 128 f.

15 Siehe unten, S. 157 ff.

16 Entsprechende Zahlenangaben bei Nye, Das Paradox der


amerikanischen Macht, S. 66 ff.; zu der größeren Bedeutung des
Finanzsektors gegenüber den Anteilen an der Weltproduktion bei der
Herstellung weltwirtschaftlicher Dominanz vgl. Mann, Die
ohnmächtige Supermacht, S. 69 ff.

17 Vgl. Landes, Wohlstand und Armut der Nationen, S. 247 ff., sowie
speziell Fischer, «Internationale Wirtschaftsbeziehungen und
Währungsordnung».

18 Thukydides, Der Peloponnesische Krieg I, 10,2; zum Bauprojekt und


den Bildprogrammen auf der Akropolis vgl. Welwei, Das klassische
Athen, S. 120 ff.; zum Bauprogramm und zur Bildpolitik des Augustus
vgl. Zanker, Augustus, S. 171 ff.

19 Zum Aufbau einer Kriegsmaschine als Äquivalent einer


funktionierenden Reichsverwaltung in den mesopotamischen Reichen
vgl. Edzard, Geschichte Mesopotamiens, S. 170 f. und S. 208 f., freilich
mit unüberhörbarer Skepsis gegenüber den Sieges- und
Gewaltberichten in den Erfolgsbilanzen der Könige; zur Bedeutung
des Militärapparats in frühen Großreichsbildungen finden sich
zahlreiche Hinweise bei Mann, Geschichte der Macht, Bd. 1,
S. 217 – 290.
20 Hierzu und zum Folgenden vgl. Göckenjan, «Die Welt der frühen
Reiternomaden»; zur Bedeutung der frühen Steppenimperien für den
Fortgang der europäischen Geschichte vgl. Schieder, Handbuch der
europäischen Geschichte, Bd. 1, S. 215 f. und 357 – 370.

21 Dazu ausführlich Grousset, L’empire des steppes; Altheim,


Geschichte der Hunnen; Maenchen-Helfen, The World of the Huns.

22 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 124.

23 Das Charismakonzept ist zuletzt vor allem auf germanische


Ethnogenesen angewandt und fruchtbar gemacht worden; vgl. etwa
Wenskus, Stammesbildung und Verfassung, sowie Wolfram,
Geschichte der Goten. Die militärische Überlegenheit der
mongolischen Reiterheere, die ihre Schlachten ohne Fußtruppen
schlugen, wird erläutert bei Liddell Hart, Große Heerführer, S. 7 – 32.

24 Hierzu und zum Folgenden vgl. Weiers, «Geschichte der Mongolen».


Zu diesem Thema vgl. weiterhin Kämpfe, «Činggis Khan»; Weiers,
«Von Ögödei bis Möngke», sowie Morgan, The Mongols, insbes.
S. 84 – 103. Die Quelle, auf die sich sämtliche Arbeiten über die
Mongolen und ihr Weltreich stützen, ist ein der ersten Hälfte des
13. Jahrhunderts entstammender mongolischer Text, die Geheime
Geschichte der Mongolen.

25 Zit. nach Weiers, «Geschichte der Mongolen», S. 72.

26 Zur Entwicklung des Ilkhanats vgl. Weiers, «Geschichte der


Mongolen», S. 92 – 96, sowie Nagel, Timur der Eroberer, S. 134 ff.; zur
mongolischen Herrschaft in China vgl. Franke, Geschichte des
chinesischen Reiches, Bd. IV, S. 424 – 959.

27 Vgl. Lewis, «The Arabs in Eclipse», insbes. S. 110 f.

28 Vgl. Nagel, Timur der Eroberer, S. 151 ff., sowie Irwin, «Die
Entstehung des islamischen Weltsystems», S. 71 – 76.

29 Damit wird deutlich, warum sich kein objektiver Maßstab für die
Überdehnung eines Imperiums angeben lässt: Weder die größte
Entfernung zwischen Zentrum und Peripherie noch die Gesamtlänge
der imperialen Außengrenzen sagt irgendetwas aus, wenn nicht die
Expansionsform des Imperiums und die Art seiner Integration in
Betracht gezogen wird. (Siehe unten, S. 172 ff.)

30 Zur Entstehung und Struktur der europäischen Überseeimperien vgl.


vor allem Abernethy, The Dynamics of Global Dominance; zum
portugiesischen und niederländischen Seereich vgl. Boxer, The
Portuguese Seaborne Empire; ders., The Dutch Seaborne Empire. Vgl.
dazu die knappe Zusammenfassung bei Reinhard, Kleine Geschichte
des Kolonialismus, S. 25 – 52.

31 Siehe unten, S. 118.

32 Vgl. Vance, «Vom mare nostrum zu Kiplings ‹The Seven Seas›».

33 Diese Entwicklung ist detailliert beschrieben bei Heuss, Römische


Geschichte, S. 168 ff., und Symes, Die Römische Revolution, S. 17 ff.

34 Die Darstellung folgt hier den Überlegungen von Schulz, «Roms


Eroberung des Mittelmeers». Es ist bemerkenswert, dass Bender
(Weltmacht Amerika, S. 60 ff.) bei seiner Suche nach Parallelen
zwischen dem Römischen Reich und den USA die Zeit zwischen dem
1. und dem 3. Punischen Krieg für Rom und die Periode vom
1. Weltkrieg bis zum Kalten Krieg für die USA parallelisiert hat; vgl.
dazu auch die Rezension des Verf. in: Historische Zeitschrift, Bd. 279,
S. 430 – 432.

35 Ein Bürgerkrieg wie der römische während des ersten vorchristlichen


Jahrhunderts blieb Großbritannien im 18./19. Jahrhundert allerdings
erspart – womöglich auch darum, weil er dort in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts bereits stattgefunden hatte.

36 Dazu im Detail Triepel, Die Hegemonie, S. 464 ff.

37 Zur Neuordnung des Staates unter Kaiser Diocletian vgl. Bellen,


Grundzüge der Römischen Geschichte, Bd. 2, S. 244; zur Reichsteilung
unter Kaiser Konstantin vgl. ebd., Bd. 3, S. 110 ff. Die Angaben über
Steueraufkommen und Truppendichte im Ost- und Westteil des Reichs
finden sich bei Breuer, Imperien der Alten Welt, S. 186 ff.

38 Zum russischen Zivilisierungsanspruch in Mittelasien vgl. Hosking,


Russland, S. 70 f., sowie Geyer, Der russische Imperialismus, S. 74 ff.;
zur inneren Zerrissenheit Russlands zwischen Westen und Osten bei
der Ausbildung einer politisch-kulturellen Identität vgl. Figes,
Nataschas Tanz, insbes. S. 313 ff.

39 Vgl. hierzu die Arbeiten Isaiah Berlins, etwa «Herzen und seine
Erinnerungen» und Russische Denker.

40 Hosking, Russland, S. 183.

41 «Es erwies sich auf die Dauer als unmöglich, extrem unterschiedliche
historische Regionen, von den lateinisch-westlich geprägten
Republiken über die ostslawisch-orthodoxen Gebiete bis zu den
Ländern des islamischen Kulturkreises, in einem sozialistischen
Hegemonialverband zusammenzuhalten.» Simon, «Die Desintegration
der Sowjetunion», S. 205.

42 Die Ausbildung politisch-kultureller Identität als Grundlage des


Nationalstaates ist in jüngster Zeit vor allem in Deutschland intensiv
untersucht worden; vgl. etwa die von Bernhard Giesen und Helmut
Berding herausgegebenen Bände Nationale und kulturelle Identität
und Nationales Bewusstsein und kollektive Identität sowie Mythos
und Nation.

43 Vgl. Rauchensteiner, «Verlust der Mitte», sowie Kann, Geschichte des


Habsburgerreiches, S. 367 ff.

44 Vgl. Matuz, Das Osmanische Reich, S. 141.

45 Als weiteres Bindeglied kam das konfuzianische Beamtenethos hinzu,


in dem ein starkes Vertrauen auf die zivilisierende Wirkung der Kultur
dem von der Peripherie her drohenden Andrang des Barbarischen
entgegengesetzt wurde. (Siehe unten, S. 124 ff.)
46 Vgl. Buckley Ebrey, China, S. 209 f., sowie Merson, Straßen nach
Xanadu, S. 75 f. – China ist im Übrigen nicht das einzige Land, das sich
aus Gründen der inneren Stabilität vom Seehandel fern gehalten hat.
Auch das Osmanische Reich – obwohl es über eine beachtliche
Kriegsflotte verfügte, auf die es in der Auseinandersetzung mit
Venedig und Spanien angewiesen war – hat den Seehandel nahezu
vollständig ausländischen Kaufleuten überlassen; vgl. Matuz, Das
Osmanische Reich, S. 111.

47 Die Entscheidung zum Rückzug von der maritimen Expansion ist


jedoch keineswegs einmütig erfolgt. Vgl. dazu mit weiteren
Literaturhinweisen Menzel, «Eurozentrismus», insbes. S. 76 f. – Ob die
Aufrechterhaltung des maritimen Engagements den europäischen
Vorstoß in den Indischen Ozean blockiert hätte, wie kürzlich von den
Vertretern des so genannten Asianismus behauptet wurde (vgl. ebd.,
S. 74 ff.), ist überaus fraglich. Mindestens ebenso wahrscheinlich ist
der Zerfall und die Fragmentierung des Chinesischen Reichs im Zuge
seiner maritimen Expansion.

48 Hierzu und zum Folgenden vgl. Doyle, Empires, S. 108 ff., sowie
Reinhard, Kleine Geschichte des Kolonialismus, S. 24 ff.; zum
Kulturkontakt zwischen Europa und Süd- beziehungsweise Ostasien
grundlegend Osterhammel, Die Entzauberung Asiens; zu den
unterschiedlichen Typen kolonialer Beziehungen vgl. ders.,
Kolonialismus, S. 19 ff.

49 In der Literatur wird zumeist von Machtformen gesprochen, so auch


bei Mann, dem die Typologie der Macht hier weitgehend folgt. Ich
bevorzuge im Anschluss an die Theorie der Kapitalsorten bei Pierre
Bourdieu den Begriff der Machtsorte, um in Analogie dazu die
Vorstellung eines Tauschs von Machtsorten beziehungsweise einer
wechselseitigen Kompensation entwickeln zu können.

50 P. Cornelius Tacitus, Annalen (II, 9 – 10), S. 121.

51 Bernecker, Spanische Geschichte, S. 35. – Das beklagte Fehlen der


Kaufleute und Bankiers in Spanien war freilich auch eine Folge der
Vertreibung von Juden und Mauren aus Spanien. Vgl. dazu auch
Elliott, «The Decline of Spain».

52 Vgl. Bernecker, Spanische Geschichte, S. 34; Bennassar/Vincent,


Spanien, S. 103 ff., sowie insbes. Cipolla, Die Odyssee des spanischen
Silbers, S. 53 ff.

53 Vgl. Bennassar/Vincent, Spanien, S. 86 ff.

54 Die Bedeutung beider Friedensschlüsse, in denen Spanien erhebliche


Zugeständnisse machen musste, wird durch weitere Ereignisse
unterstrichen: die Staatsbankrotte von 1627, 1647 und 1652, die
Seeniederlage gegen die Niederländer im Jahre 1639 sowie die
Niederlage in der Schlacht von Rocroi, in der der Mythos der
unbesiegbaren spanischen Infanterie zerstört wurde. Zum
niederländischen Vorstoß in die portugiesischen Handelsräume vgl.
Reinhard, Kleine Geschichte des Kolonialismus, S. 35 – 43.

55 Vgl. Roberts, The Military Revolution, sowie Parker, Die militärische


Revolution, und ders., The Army of the Flanders.

56 Vgl. Pollmann, «Eine natürliche Feindschaft».

57 Vgl. Pagden, Spanish Imperialism, insbes. S. 37 ff.

58 Für Edward Gibbon etwa (Verfall und Untergang des römischen


Imperiums, Bd. 1, Kap. IV, S. 112 ff.) beginnt der Verfall des
römischen Reiches mit dem Ende des antoninischen Zeitalters,
während Otto Seeck seine Geschichte des Untergangs der antiken
Welt (Bd. 1, S. 42 ff.) mit den Reformen des Diocletian beginnen lässt.

59 Eine differenzierte Darstellung dieser Reformen findet sich bei


Bleicken, Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen
Kaiserreichs, passim.

60 Vgl. Münkler, Machiavelli, S. 121 ff. und 374 ff.

61 In der ökonomischen Theorie sind die langen Wellen der Konjunktur


als Kondratieff-Zyklen bekannt; sie bilden gleichsam das
wirtschaftsgeschichtliche Pendant zu den hier ins Auge gefassten
politischen Zyklen.

62 Zur Debatte über richtige und falsche Maßnahmen vgl. Cipolla in der
Einleitung des von ihm herausgegebenen Bandes The Economic
Decline of Empires, S. 5 ff.

63 Etwa bei Modelski/Thompson, Leading Sectors and World Powers;


Modelski, Long Cycles in World Politics; Modelski/Thompson,
Seapower in Global Politics; Thompson, On Global War.

64 Nur unter dieser Voraussetzung lässt sich der Ratschlag Joseph Nyes
zuordnen, die US-Politik solle stärker auf soft power als auf hard
power setzen, da dies weniger Feindseligkeit hervorrufe und
obendrein kostengünstiger sei. (Nye, Das Paradox der amerikanischen
Macht, S. 208 f.)

65 Doyle, Empires, S. 93 ff.

66 Nach dem Sieg von Actium reduzierte Octavian die Zahl der Legionen
von 70 auf 26 beziehungsweise 25; konkret hieß dies, dass
120 000 Soldaten entlassen und in Italien oder den Provinzen mit
Land versorgt oder mit Geld abgefunden wurden. Die parallel dazu in
Angriff genommene Militärreform, in der die Dienstzeiten der
Legionäre, Prätorianer und Angehörigen von Auxiliarverbänden sowie
deren regelmäßiger Sold festgelegt wurde, diente dazu, die Loyalität
der Truppen gegenüber der Zentrale zu stärken und die Abhängigkeit
der Soldaten von ihren jeweiligen Befehlshabern zu mindern. Das war
der Kern der inneren Pazifizierung des Reichs. Einzelangaben hierzu
bei König, Der römische Staat II, S. 35; Bellen, Grundzüge der
Römischen Geschichte, S. 163, 171 und 179, sowie Heuss, Römische
Geschichte, S. 298 ff.

67 Indem Octavian den in Ägypten erbeuteten Ptolemäerschatz an die


stadtrömische Bevölkerung verteilte, bewirkte er eine Senkung des
Kreditzinses von 12 auf 4 Prozent. Dadurch konnte die Staatskasse die
Kriegsanleihen zurückzahlen und auf die Eintreibung von
Außenständen verzichten. Der allgemeine Schuldenerlass führte vor
allem in den östlichen Provinzen zu einem starken Prosperitätsschub.
Vgl. Bellen, Grundzüge der Römischen Geschichte, Bd. 1, S. 162, sowie
Heuss, Römische Geschichte, S. 294 ff.

68 Ronald Syme hat im Schlusssatz seines großen Werks über die


Epoche des Bürgerkriegs das dialektische Zusammenspiel von
Intention und Funktion im Leben des Augustus prägnant
zusammengefasst: «Um der Macht willen hatte er alles geopfert; er
hatte den Gipfel allen menschlichen Ehrgeizes erreicht, und durch

seinen Ehrgeiz hatte er das römische Volk gerettet und erneuert.»


(Syme, Die Römische Revolution, S. 553.)

69 Eine eindringliche Darstellung der moralischen Korruption innerhalb


der republikanischen Elite findet sich bei Syme, Die Römische
Revolution.

70 König, Der römische Staat II, S. 45.

71 Vgl. ebd.; Bellen, Grundzüge der Römischen Geschichte, Bd. 1, S. 182,


sowie Heuss, Römische Geschichte, S. 285.

72 In den Res gestae Divi Augusti hat Octavian die Verwandlung von
potestas in auctoritas als das Leitprinzip seiner Regierung
herausgestellt; vgl. Syme, Die Römische Revolution, S. 546 ff.

73 Siehe unten, S. 136 ff.

74 Die Angaben nach Bellen, Grundzüge der Römischen Geschichte,


Bd. 1, S. 107, 163 und 174.

75 Zur Constitutio Antoniana vgl. Bellen, Grundzüge der Römischen


Geschichte, Bd. 3, S. 177 ff.

76 Vgl. Potter, Das römische Italien, S. 74 ff.

77 Vgl. Bellen, Grundzüge der Römischen Geschichte, Bd. 2, S. 251 ff.


78 Vgl. Bernecker, Spanische Geschichte, S. 7 ff.; ebenso Doyle, Empires,
S. 111 f.

79 Ich vermag insofern der These Doyles (Empires, S. 118 f.) nicht zu
folgen, Spanien habe im Unterschied zu England in der Beherrschung
seiner Kolonien die augusteische Schwelle überschritten. Was Doyle
zu diesem Urteil veranlasst hat, ist die Tatsache, dass die spanische
Herrschaft auf dem amerikanischen Kontinent doppelt so lange
dauerte wie die englische.

80 Vgl. Parker, Die militärische Revolution, S. 30 ff., sowie Pepper/


Adams, Firearms and Fortifications.

81 Bernecker, Spanische Geschichte, S. 36.

82 Ebd., S. 50.

83 Hierzu und zum Folgenden vgl. Hosking, Russland, S. 106 ff.

84 Eine eindrucksvolle Beschreibung dieses Projekts und der Probleme,


die bei seiner Realisierung auftraten, findet sich bei Figes, Nataschas
Tanz, S. 30 ff.

85 Siehe unten, S. 141 ff.

86 Vgl. Matuz, Das Osmanische Reich, S. 69 ff.

87 Vgl. Ursinus, «Byzanz, Osmanisches Reich, türkischer Nationalstaat»,


S. 165.

88 Vgl. Matuz, Das Osmanische Reich, S. 141 f.

89 Vgl. ebd., S. 110 f.

90 Vgl. ebd., S. 45 ff., sowie Nagel, Timur der Eroberer, S. 354 ff.

91 Vgl. Jorga, Geschichte des Osmanischen Reiches, Bd. 1, S. 325 ff.

92 So auch Matuz, Das Osmanische Reich, S. 84 f. und 98.

93 Hierzu und zum Folgenden vgl. Ebrey, China, sowie Schmidt-Glintzer,


China.
94 Vgl. die eingehende Darstellung bei Franke, Geschichte des
Chinesischen Reiches, Bd. 1, S. 268 – 320.

95 Der Vergleich mit dem Römischen Reich ist in den Darstellungen der
chinesischen Reichsgeschichte immer wieder vorgenommen worden;
vgl. Ebrey, China, S. 85.

96 Vgl. Franke, Geschichte des Chinesischen Reiches, Bd. 1, S. 388 – 431.

97 Vgl. ebd., Bd. 2, S. 350 – 529.

98 Vgl. ebd., Bd. 4, S. 101 – 124.

99 Vgl. ebd., S. 351 – 423.

Anmerkungen zu Kapitel 4
1 Eric Lionel Jones hat in seinem Buch Das Wunder Europa den
Vorsprung, den die Europäer gegenüber Asien seit der Frühen
Neuzeit gewonnen haben, aus der Kleinräumigkeit seiner politischen
Ordnung begründet. – Zu den Anfängen des Staatenpluriversums in
Europa als einer politischen Ordnung vgl. Fueter, Geschichte des
europäischen Staatensystems; skeptisch gegenüber der
Ordnungsqualität des Staatenpluriversums hingegen Vagts, «Die
Chimäre des europäischen Gleichgewichts», S. 131 ff.

2 Zit. nach Fuhrmann, Deutsche Geschichte im hohen Mittelalter,


S. 174.

3 Livius, Römische Geschichte, XI 44, S. 97.

4 Vergil, Aeneis, I, 291 – 295.

5 Dante Alighieri, Monarchie, S. 104 und 98.

6 Vgl. Botero, Discorso dell’eccelenza della monarchia, sowie


Campanella, Della Monarchia di Spagna; vgl. dazu Bosbach,
Monarchia Universalis, S. 64 ff., sowie Pagden, «Instruments of
Empire».

7 Vgl. die ausführlichen Darstellungen bei Fetscher, Modelle der


Friedenssicherung, sowie Fischbach, Krieg und Frieden in der
französischen Aufklärung; zur Bedeutung von Kants Friedensschrift
für die aktuelle Weltordnungsdebatte vgl. Habermas, «Das Kantische
Projekt».

8 Montesquieu, «Réflexions sur la monarchie universelle», S. 23 f.; vgl.


Böhlke, ‹Esprit de nation›, S. 219 ff.

9 Als schärfster Kritiker des spanischen Reichs und der von ihm
betriebenen Kolonialpolitik ist der Abbé Raynal mit seiner Histoire
philosophique et politique de deux Indes (1774) zu nennen; vgl. hierzu
Gollwitzer, Geschichte des weltpolitischen Denkens, Bd. 1,
S. 262 – 285; zum Konzept der commercial society vgl. Bohlender,
«Government, Commerce und Civil Society».

10 Vgl. Brown, Debating the Democratic Peace; zur Kritik der


Grundannahmen dieser Theorie vgl. Münkler, «Ist der Krieg
abschaffbar?», insbes. S. 367 ff.

11 Cooper, The Breaking of Nations, S. 55 ff.; ähnlich auch Röhrich


(«Problemfelder der Weltinnenpolitik»), der vorschlägt, die
OECD-Welt von der restlichen Welt zu trennen, wo es nicht zur
Entwicklung «verdichteter Wirtschaftsräume» gekommen sei.

12 Mearsheimer, The Tragedy of Great Power Politics, S. 2 f.

13 Kagan, Macht und Ohnmacht, S. 16 ff.

14 Marx, «Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte», S. 97 ff.; zur


Komplexität des Ideologiebegriffs vgl. die problemgeschichtliche
Einleitung in Lenk, Ideologie, S. 17 – 59.

15 Jedenfalls sobald das Konzept den engen Kreis der


Ideologietheoretiker verlässt.

16 Zum Zusammenhang von Handel und Piraterie, aber auch der


Kooperation regionaler Mächte mit den Seeräubern im Mittelmeer
während des 1. vorchristlichen Jahrhunderts vgl. Christ, Pompeius,
S. 56 ff.
17 Vgl. Bleicken, Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen
Kaiserreichs, Bd. 1, S. 93 f.

18 Augustinus, Vom Gottesstaat XIX, 26, Bd. 2, S. 580 ff.

19 Zum politischen Gehalt von Vergils Dichtung vgl. Rilinger, «Das


politische Denken der Römer», S. 531 ff., sowie Ottmann, Geschichte
des politischen Denkens, Bd. 2/1, S. 183 ff.

20 Vergil, Aeneis, I, 278 – 282, S. 23.

21 Zum politischen Gehalt von Horaz’ Dichtung vgl. Rilinger, «Das


politische Denken der Römer», S. 534 f., sowie Ottmann, Geschichte
des politischen Denkens, Bd. 2/1, S. 168 ff.

22 Horaz, Sämtliche Werke. Teil I: Carmina, Oden und Epoden, Carm.


III, 2, 13.

23 Vgl. Fuhrmann, Deutsche Geschichte im hohen Mittelalter, S. 170 ff.

24 Die Figur des Katechon, die in der politischen Vorstellungswelt der


Staufer, insbesondere bei Otto von Freising, eine große Rolle gespielt
hat, ist in der politischen Theorie Carl Schmitts wieder zu einer
gewissen Prominenz gelangt; vgl. Blindow, Carl Schmitts
Reichsordnung, S. 144 ff.; ebenso Nichtweiß, «Apokalyptische
Verfassungslehren», S. 60 ff.

25 Vgl. Bernecker, Spanische Geschichte, S. 57 ff.; Pagden, Spanish


Imperialism, S. 13 – 36, sowie Otto, Conquista, Kultur und Ketzerwahn,
S. 45 ff.

26 Die Auffassung der reichspolitischen Multikonfessionalität vertritt


Adanir, «Der Zerfall des Osmanischen Reichs», S. 112 ff., die vom
islamisch-expansiven Grundcharakter dagegen bei Philipp, «Der
aufhaltsame Abstieg des Osmanischen Reiches».

27 Vgl. Lewis, Die Araber, S. 62 ff., sowie Hourani, Die Geschichte der
arabischen Völker, S. 44 ff.

28 Vgl. Jorga, Geschichte des Osmanischen Reiches, Bd. 2, S. 196 ff.


29 Hosking, Russland, S. 35 ff.; zur Idee des Dritten Rom vgl. Barudio,
«Die Macht des Hegemonialismus».

30 Figes, Nataschas Tanz, S. 178; zur imperialen Außenpolitik Iwans IV.


vgl. Stökl, Russische Geschichte, S. 237 – 246.

31 Vgl. Figes, Nataschas Tanz, S. 336 f.

32 Hosking, Russland, S. 169 ff., sowie Stökl, Russische Geschichte,


S. 450 ff.

33 Zit. nach Lorenz, «Das Ende der Sowjetunion», S. 259.

34 Vgl. Simon, «Die Desintegration der Sowjetunion», insbes. S. 186 ff.

35 Zur imperialen Mission der Briten umfassend Ferguson, Empire,


S. 115 ff.; eine knappe Zusammenfassung der Zivilisierungsideen des
British Empire findet sich bei Reifeld, «Imperialismus», S. 29 ff.

36 Vgl. Kipling, Complete Verse, S. 321 – 323. – Kiplings Gedicht wendet


sich im Übrigen an die USA, die sich ihren imperialen Verpflichtungen
stellen und diese schultern sollen.

37 Marx, «The British Rule in India», S. 169 (dt. Text in: Marx, Engels,
Werke, Bd. 9, S. 127 – 133, hier S. 129).

38 Ebd., S. 130.

39 Ebd., S. 132.

40 Ebd., S. 133.

41 Vgl. Wolfgang Reinhard, Kleine Geschichte des Kolonialismus,


S. 97 ff.

42 Dazu ausführlich Ferguson, Empire, S. 117 ff.

43 Zur amerikanischen Außenpolitik seit den späten 1950er Jahren vgl.


Hacke, Zur Weltmacht verdammt.

44 Zum Begriff der aristokratischen Imperien und der Rolle der


Aristokratie als herrschender Klasse vgl. Kautsky, The Politics of
Aristocratic Empires, insbes. S. 79 ff. Kautsky beschäftigt sich vor
allem mit Reichen, in denen Macht und Einfluss auf Landeigentum
beruhte und deren definitives Merkmal er darin sucht, dass es in
ihnen keinen sozialen Wandel gegeben hat.

45 Zum Corollar zur Monroe-Doktrin vgl. Johnson, Der Selbstmord der


amerikanischen Demokratie, S. 256; zur Gleichgewichtspolitik im
pazifischen Raum vgl. Junker, Power and Mission, S. 34 ff.

46 Vgl. Junker, Power and Mission, S. 42 ff.; Kissinger, Die


Herausforderung Amerikas, S. 288 ff., sowie Mead, Special
Providence, S. 132 – 173.

47 Die ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem amerikanischen


Imperium folgt den Spuren der klassischen Ideologiekritik, indem sie
grundsätzlich alle größeren Pläne und Entscheidungen durch
wirtschaftliche und politische Interessen determiniert sieht. Der
wichtigste Protagonist dieser Kritik an den USA ist Noam Chomsky.
Eine grundlegende Auseinandersetzung mit den verschiedenen
Formen von Imperienbildung findet sich etwa in seinem Buch
Wirtschaft und Gewalt.

48 Diese religiöse Grundierung durchzieht die gesamte amerikanische


Außenpolitik, gleichgültig, welcher Grundhaltung sie sich
verschrieben hat oder welcher Doktrin sie folgt; vgl. dazu Mead,
Special Providence; ebenso Prätorius, In God We Trust.

49 Zur Identifizierung der vier Reiche und ihrer späteren Ausweitung


auf das Römische Reich vgl. Koch, Das Buch Daniel, S. 182 ff., sowie
Mosès, Eros und Gesetz, S. 111 – 126.

50 Siehe unten, S. 190 ff.

51 Für einen zusammenfassenden Überblick zum Barbarendiskurs vgl.


Schneider, Der Barbar, sowie Nippel, Griechen, Barbaren und ‹Wilde›.
Zur Struktur und Funktion des Barbarendiskurses im Übergang von
imperialer Reminiszenz zu einem Pluriversum nationaler Identitäten
vgl. Münkler, Nationenbildung, S. 130 ff.; zur Reaktion der diskursiv
Barbarisierten vgl. ebd., S. 210 ff., sowie von See, Barbar, Germane,
Arier, S. 31 – 60.

52 Diese und die nachfolgenden Überlegungen sind den Anregungen


Reinhart Kosellecks in dessen brillantem Aufsatz «Zur historisch-
politischen Semantik asymmetrischer Gegenbegriffe» verpflichtet.

53 Vgl. Nippel, «Griechische Kolonisation»; zur Legitimation der


spanischen Eroberungspolitik als Unterbindung von Menschenopfern
bei Francisco de Vitoria vgl. Marina Münkler, «Entdecker und
Eroberer», S. 173 f.

54 In China kam es zwischen der Song-Dynastie im Süden und den


mongolischen Jin im Norden zu einer Verschärfung der
Barbarenvorstellungen, die über Erzählungen vom Schicksal
chinesischer Frauen in den Händen der Barbaren beeinflusst wurden.
Vgl. Ebrey, China, S. 150 f.

55 Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, S. 146 ff.

56 Zur Barbarisierung des römischen Heeres und seinen Folgen vgl.


Heuss, Römische Geschichte, S. 484 ff., sowie Goldsworthy, Die
Legionen Roms, S. 208 ff.

57 Vgl. Schmidt-Glintzer, China, S. 165 ff.

58 Ebrey, China, S. 172.

59 Ebd., S. 173.

60 In seiner 1538 veröffentlichten Schrift De indis recenter inventis


hatte Vitoria noch den Standpunkt vertreten, die einzigen
Rechtsansprüche, die den Spaniern gegenüber den Indios zukämen,
seien das ius peregrinandi und das ius predicandi, das Recht, das
Land der Eingeborenen zu bereisen und sie zu missionieren. Nur
wenn sie sich dem mit Gewalt widersetzen, sei auch den Spaniern der
Gebrauch von Gewalt erlaubt. Zu der auf höchstem Niveau geführten
Debatte um die Frage nach der Form und Legitimität der spanischen
Herrschaft vgl. Pagden, Spanish Imperialism, S. 13 – 36; vor allem
aber Marina Münkler, «Entdecker und Eroberer», S. 172 ff.

61 Vgl. Bitterli, Die Entdeckung und Eroberung der Welt, Bd. 1, S. 51 ff.

62 Dazu Figes, Nataschas Tanz, S. 406 ff.

63 Zum europäischen Vorgehen gegen den arabischen Sklavenhandel


vgl. Albertini, Europäische Kolonialherrschaft, S. 453 und 513 f.

64 Vgl. Jeismann, «Propaganda», sowie Hamann, Der Erste Weltkrieg,


S. 34 ff., 42 ff. – In beiden Fällen war das Barbarenbild stark durch den
Vorwurf sexueller Gewaltanwendung geprägt.

65 Zur Regelverweigerung des Selbstmordattentäters vgl. Reuter, Mein


Leben ist eine Waffe, S. 9 – 31; zu den Massakern in Ruanda, die durch
das Eingreifen der Weltgemeinschaft hätten verhindert werden
können, vgl. Des Forges, Kein Zeuge darf überleben, S. 415 ff.

66 Gänzlich ohne militärische Instrumente sind freilich auch die


Begründer von See- und Handelsimperien nicht ausgekommen; es
waren die Karavellen und Galeonen, auf die sich die europäische
Überlegenheit stützte; vgl. Cipolla, Segel und Kanonen, S. 99 ff.

67 Siehe unten, S. 240 ff.

68 Siehe oben, S. 112 ff.

69 Dazu ausführlich Potter, Das römische Italien, S. 198 ff., sowie Doyle,
Empires, S. 102 f.

70 Vgl. Potter, Das römische Italien, S. 162 ff.; für die Angaben zum
Straßennetz in der Zeit Diocletians vgl. ebd., S. 174.

71 Zum britischen Eisenbahnsystem in Indien und zur Bedeutung des


Telegraphen vgl. Ferguson, Empire, S. 169 ff.

72 Eine Beschreibung des zerfallenden sowjetischen Wirtschaftsraums


findet sich bei Kapuściński, Imperium, S. 107 ff., sowie bei Kernig,
Lenins Reich in Trümmern, S. 333 ff.

73 Zur imperialen Politik Wittes vgl. Hosking, Russland, S. 374 f., Geyer,
Der russische Imperialismus, S. 144 ff., sowie Stökl, Russische
Geschichte, S. 610 – 618.

74 Hosking, Russland, S. 347 ff.

75 Zur Bedeutung der Eisenbahn für die Effektivierung der


Transportsysteme vgl. McNeill, Krieg und Macht, S. 199 ff.

76 Vgl. Bernecker, Spanische Geschichte, S. 62 ff., sowie Cipolla, Die


Odyssee des spanischen Silbers, S. 91 ff.

77 Hierzu und zum Folgenden König, «Der Zerfall des Spanischen


Weltreichs in Amerika», S. 128 ff.

78 Vgl. Ebrey, China, S. 86 ff.

79 Ebd., S. 141 f.

Anmerkungen zu Kapitel 5
1 Für Ludwig Dehio (Gleichgewicht oder Hegemonie) ist die
europäische Geschichte der Neuzeit durch vier sukzessive
Hegemonialbestrebungen gekennzeichnet: die spanische, die bereits
unter Philipp II. fehlgeschlagen sei; die erste französische, die sich am
Ende der Regierungszeit Ludwigs XIV. erschöpft hatte; die zweite
französische, die mit Napoleon scheiterte; und die deutsche, die für
Dehio mit der Bismarckschen Reichseinigung begann und 1945
endete.

2 Vgl. Gilpin, War and Change, S. 186 ff., sowie Mearsheimer, The
Tragedy of Great Power Politics, S. 32 – 54.

3 Keegan, Der Erste Weltkrieg, S. 219 ff.; Strachan, Der Erste


Weltkrieg, S. 44 ff.; der für die Donaumonarchie zunächst desaströse
Kriegsverlauf an der serbischen Front war eine Folge der
Umgruppierung von Truppen, die durch den russischen Kriegseintritt
erforderlich geworden war.

4 Zum Ablauf der Ereignisse und zur Verselbständigung der


Kriegslogik vgl. Baumgart, Die Julikrise.
5 In der Kriegsschulddebatte ist das deutsche Agieren im Juli 1914
bekanntlich in zwei Richtungen interpretiert worden: die eines
extremen Ungeschicks der deutschen Diplomatie oder die eines
bewussten Hineinsteuerns in den Krieg, bei dem die neuerliche
Balkankrise nur den Anlass bildete, um die Einkreisung des Reichs
durch die Tripelallianz zwischen Frankreich, Russland und
Großbritannien aufzusprengen.

6 Vgl. Schley, Die Kriege der USA, S. 58 – 63; zu den kleinen imperialen
Kriegen der USA allgemein Boot, The Savage Wars of Peace.

7 Die größte Besorgnis über das russische Scheitern herrschte in


Frankreich, das darin eine erhebliche Schwächung seines wichtigsten
Verbündeten sah. Mit umfangreichen Krediten suchte man danach die
Modernisierung der russischen Streitkräfte und den Ausbau seines
Eisenbahnnetzes voranzutreiben. Das wiederum führte in Deutschland
zu einer erhöhten Besorgnis; vgl. Howard, Kurze Geschichte des
Ersten Weltkriegs, S. 36 f.

8 Dazu ausführlich Lewis, The Race to Fashoda.

9 Gibbons Werk liegt seit kurzem in einer bis zum Ende des Römischen
Reichs im Westen vollständigen deutschen Übersetzung vor: Gibbon,
Verfall und Untergang des römischen Imperiums.

10 Vgl. Münkler, «Staatengemeinschaft oder Imperium».

11 Vgl. Modelski, Seapower in Global Politics, S. 27 ff.

12 Vgl. Massie, Die Schalen des Zorns, S. 40 ff., 506 ff. und 573 ff.

13 Vgl. Heilbrunn, Die Partisanen in der modernen Kriegführung;


Schulz, Partisanen und Volkskrieg, sowie Münkler, Der Partisan.

14 Als Sammelbezeichnung dafür hat inzwischen der Begriff low


intensity war Verbreitung gefunden; vgl. hierzu Creveld, Die Zukunft
des Krieges, S. 42 ff. und 94 ff.

15 David hat diese Ausnahmen, die von der Schlacht im Teutoburger


Wald bis zu der von Dien Bien Phu reichen, als Folge eines
übertriebenen Selbstvertrauens der imperialen Akteure beschrieben;
vgl. David, Die größten Fehlschläge der Militärgeschichte,
S. 242 – 315.

16 Clausewitz, Vom Kriege, S. 877.

17 Ebd., S. 879.

18 Ebd.

19 Clausewitz kommt auf diesen Punkt in dem Kapitel über


Volksbewaffnung zu sprechen, das in der Anlage seines Werks
unmittelbar auf das Kapitel über den Rückzug in das Innere des
Landes folgt. Der Rückzug ins Landesinnere und die Volksbewaffnung
sind für ihn gewissermaßen Funktionsäquivalente: Wo die
strategische Tiefe, durch die solche Rückzüge erst möglich werden,
fehle, müsse sie durch eine gesteigerte Opfer- und
Leidensbereitschaft der Bevölkerung wettgemacht werden. Die
politische Logik des Partisanenkrieges lautet also: «Kein Staat sollte
sein Schicksal, nämlich sein ganzes Dasein, von einer Schlacht, sei sie
auch die entscheidendste, abhängig glauben. Ist er geschlagen, so
kann das Aufbieten neuer eigener Kräfte und die natürliche
Schwächung, welche jeder Angriff in der Dauer erleidet, einen
Umschwung der Dinge herbeiführen, oder er kann von außen her
Hilfe bekommen. Zum Sterben ist es immer noch Zeit, und wie es ein
Naturtrieb ist, dass der Untergehende nach dem Strohhalm greift, so
ist es in der natürlichen Ordnung der moralischen Welt, dass ein Volk
die letzten Mittel seiner Rettung versucht, wenn es sich an den Rand

des Abgrunds geschleudert sieht.» (Ebd., S. 805.) Imperien, die an


ihrer Peripherie auf solche Völker treffen, sind dem Risiko imperialer
Überdehnung in erhöhtem Maße ausgesetzt.

20 «The guerilla wins if he does not lose. The conventional army loses if

he does not win.» (Kissinger, «The Vietnam-Negotiations», S. 214);


ähnliche Überlegungen finden sich bereits bei Aron, Krieg und
Frieden, S. 48 f.

21 Johnson, Blowback (dt.: Ein Imperium verfällt).

22 Siehe oben, S. 69 ff.

23 Clausewitz, Vom Kriege, S. 879 f.

24 Im Anschluss an Clausewitz hat der Militärhistoriker Hans Delbrück


zwischen Niederwerfungs- und Ermattungsstrategie unterschieden.
Dabei hat er die Niederwerfungsstrategie als einpolig definiert, weil
sie allein auf die Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte
ausgerichtet sei, während die Ermattungsstrategie zweipolig sei, da
sie, je nach Kräfteverhältnissen und politischer Absicht, sowohl auf
die Ermattung durch militärische Manöver als auch auf die
Entscheidung im Gefecht ausgehen könne; vgl. Delbrück, Die
Strategie des Perikles, S. 27 f.; dazu eingehend Lange, Hans Delbrück
und der ‹Strategiestreit›. Mit Blick auf die jüngeren Formen des
Partisanenkrieges wird man freilich auch im Bereich der
Ermattungsstrategie von einer Entwicklung zur Einpoligkeit sprechen
müssen: Die Möglichkeit einer Entscheidungsschlacht lag für die
Partisanen in unerreichbarer Ferne, sobald sie nicht mit regionalen
Kontrahenten, sondern mit der imperialen Kriegsmaschinerie
konfrontiert waren.

25 Das Jahr 1914 bezieht sich auf den britischen Eintritt in den Ersten
Weltkrieg, der im Wesentlichen erfolgte, weil man von einer
deutschen Bedrohung des Empire ausging (vgl. Howard, Kurze
Geschichte des Ersten Weltkriegs, S. 23 ff.); das Jahr 1956 ist das Jahr
der Suezkrise (siehe unten, S. 221).

26 Ferguson, Empire, S. 346 ff.

27 Diese Selbsttäuschung findet sich sympathetisch dargestellt bei


Porter, «Die Transformation des British Empire».

28 Vgl. Frey, «Das Ende eines Kolonialreichs».


29 Vgl. Rémond, Frankreich im 20. Jahrhundert, S. 543 ff. und 561 ff.

30 Für eine ebenso knappe wie brillante Analyse des Algerienkrieges


vgl. Aron, Clausewitz, S. 496 – 504.

31 Zit. nach Ferguson, Empire, S. 352.

32 Siehe unten, S. 216 ff.

33 Vgl. Münkler, «Kriegsszenarien des 21. Jahrhunderts», insbes.


S. 84 ff.

34 In der Literatur werden die Begriffe Symmetrie/Asymmetrie in der


Regel binär gebraucht. Dadurch wird zumeist übersehen, dass es
schwächere und stärkere Asymmetrien gibt. Erst durch diese
Flexibilisierung gewinnt das Begriffspaar seine analytische
Brauchbarkeit.

35 Die Entführung von Handwerkern und Ingenieuren war ein vor allem
in den nordchinesischen Grenzregionen verbreitetes Verfahren
nomadischer Völker, um die Überlegenheit des Imperiums
einzuebnen; vgl. Merson, Straßen nach Xanadu, S. 54; Ähnliches gilt
auch für die Osmanen, die sich regelmäßig «abendländischer»
Kanonengießer bedienten, wobei sie diese freilich zumeist nicht
entführen mussten, sondern mit Geld in ihre Dienste brachten; vgl.
Cipolla, Segel und Kanonen, S. 104 ff.

36 Vgl. Nef, Western Civilization, S. 84 ff., sowie Cipolla, Segel und


Kanonen, S. 114 ff.

37 Diese Angaben bei Schweinitz, The Rise and Fall of British India,
S. 242. Die Berühmtheit der Schlacht von Omdurman resultiert nicht
zuletzt daraus, dass Winston Churchill darüber einen glänzenden
Bericht verfasst hat. Dass gleichwohl Siege der europäischen
Kolonialmächte nicht selbstverständlich waren, zeigte die Niederlage
der Italiener gegen äthiopische Verbände zwei Jahre zuvor bei Adna;
vgl. dazu Brogini Künzi, «Der Sieg des Negus».

38 Hierzu und zum Folgenden vgl. Rosen, «Ein Empire auf Probe»,
insbes. S. 92 ff.

39 Carlo M. Cipolla hat dies am Beispiel der technologischen


Fähigkeiten zur Herstellung gusseiserner Kanonen gezeigt: Als es den
Engländern und dann den Schweden gelang, leichte, zuverlässige und
obendrein kostengünstige gusseiserne Kanonen herzustellen, war dies
ein technologischer Sprung, der ihnen eine entscheidende
Überlegenheit gegenüber den europäischen Konkurrenten verliehen
hätte. Tatsächlich exportierten sie jedoch die Kanonen in großer Zahl
und ließen auch Handwerker mitsamt den Betriebsgeheimnissen
abwandern. Nach einiger Zeit besaßen alle europäischen Mächte
gusseiserne Kanonen von hoher Qualität. Vgl. Cipolla, Segel und
Kanonen, S. 23 – 98.

40 Dazu eingehend Münkler, Im Namen des Staates, S. 280 ff.

41 Vgl. Rosen, «Ein Empire auf Probe», S. 96.

42 Zu diesem Begriff vgl. Maier, «Die Grenzen des Empire», S. 128.

43 Die «Neue nationale Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten»


findet sich auszugsweise veröffentlicht in: Blätter für deutsche und
internationale Politik, Heft 11/2002, S. 1391 – 1393, sowie Heft 12/
2002, S. 1505 – 1511; vgl. dazu Münkler, «Angriff als beste
Verteidigung».

44 Zur «Vorgeschichte» dieser neuen Sicherheitsdoktrin in der


amerikanischen Politik vgl. Hacke, Zur Weltmacht verdammt, S. 471 ff.
und 576 ff.

45 Vgl. Johnson, Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie,


S. 393 – 399, sowie Priest, The Mission, insbes. S. 121 ff. – Auch die von
Harlan Ullman geprägten Formeln Shock and Awe und Achieving
Rapid Dominance umschreiben Strategien, mit denen an der
Peripherie jederzeit imperiale Überlegenheit hergestellt werden kann.

46 Hobbes, Leviathan, Buch I, Kap. 13, S. 94.

47 Ebd., S. 96.
48 Territorial nicht gebundene Politikakteure könnten, da sie durch
einen nuklearen Gegenschlag nicht zu bedrohen wären, von diesen
Nuklearwaffen einen ganz anderen Gebrauch machen als Staaten und
etwa eine Atmosphäre der Dauererpressung territorial-gebundener
Politikakteure herstellen. (Dazu jetzt Behr, Entterritoriale Politik,
S. 75 ff., sowie 119 ff.) Im Falle weltweit verbreiteter Atomwaffen,
deren Kontrolle und Sicherung in vielen Staaten nur unzureichend
wäre, müsste obendrein damit gerechnet werden, dass diese Waffen
von Kriminellen gestohlen werden, um einzelnen oder allen Staaten
Lösegeldzahlungen aufzuerlegen.

49 Vgl. Schröfl/Pankratz (Hg.), Asymmetrische Kriegführung.

50 Die nachfolgenden Überlegungen sind ausführlich entwickelt in:


Münkler, «Ältere und jüngere Formen des Terrorismus»; ders.,
«Terrorismus heute», sowie ders., «Wandel der Weltordnung».

51 Diese Überlegung folgt der Clausewitzschen Trias von Zweck, Ziel


und Mittel: Danach ist der Zweck das, was mit dem Krieg erreicht
werden soll, während das Ziel angibt, was in dem Krieg erreicht
werden soll; Vgl. Clausewitz, Vom Kriege, S. 200 f.

52 Siehe oben, S. 112 ff.

53 Siehe oben, S. 149 ff.

54 Vgl. Anderson, Die Erfindung der Nation, S. 55 ff., sowie Hobsbawm,


Nationen und Nationalismus, S. 148 ff.

55 Vgl. Herfried Münkler, «Partisanen der Tradition».

56 Vgl. Olshausen, «Das politische Denken der Römer», S. 510 f.

57 Vgl. dazu Pagden, «Instruments of Empire».

58 Dazu allgemein Steinweg, Der gerechte Krieg, sowie Walzer, Gibt es


den gerechten Krieg? Zum US-amerikanischen Selbstverständnis vgl.
das nach der Afghanistanintervention und im Vorfeld des Dritten
Golfkriegs veröffentlichte Manifest amerikanischer Intellektueller
«What we’re fighting for – wofür wir kämpfen».

59 Vgl. hierzu und zum Folgenden die zusammenfassende Darstellung


von Steininger, Der Vietnamkrieg.

60 Zur Unterscheidung zwischen instrumentellen und existenziellen


Kriegen vgl. Münkler, «Instrumentelle und existentielle Auffassung
des Krieges».

61 «Seit 1988 wurde immer deutlicher, dass ohne ein massives


Degagement im militärischen und ökonomischen Bereich weder die
seit langem schwelenden Regionalkonflikte entschärft noch eine
fühlbare Entlastung für den sowjetischen Staatshaushalt erreicht
werden konnten. Der Rückzug aus vielen Teilen der Dritten Welt
nahm dann seit 1990 fluchtartige Züge an und führte mit dem Ende
des Staates zur Aufgabe einer Politik der Einflussnahme in
Entwicklungsländern überhaupt.» Simon, Verfall und Untergang des
sowjetischen Imperiums, S. 199.

62 Vgl. Schell, Die Politik des Friedens, S. 73 ff.

63 Vgl. Ferguson, Empire, S. 270 – 282.

64 Vgl. die knappe und pointierte Darstellung bei Tuchman, Der erste
Salut, S. 193 ff.

65 Etwa Hahlweg, Guerilla; von der Heydte, Der moderne Kleinkrieg;


Kitson, Im Vorfeld des Krieges.

66 Vgl. Kunisch, Der kleine Krieg, S. 5 – 24.

67 Einen Überblick über die von Imperien im 20. Jahrhundert


umgesetzte Politik der ethnischen Vertreibung, aber auch über die
ethnisch grundierten Massaker in postimperialen Räumen bietet
Naimark, Flammender Hass.

68 Die Beherrschungspolitik der Assyrer unter Tiglatpileser III. und


Salmanasser V. beruhte im Wesentlichen auf der Deportation der
jeweiligen Oberschicht, durch die einem Volk die Organisations- und
Handlungsfähigkeit genommen werden sollte; zur Zerschlagung
Israels durch die Assyrer vgl. Noth, Geschichte Israels, S. 233 ff.;
Nebukadnezar betrieb gegenüber Juda eine ähnliche Politik, vgl. ebd.,
S. 253 ff., sowie den Beitrag von Hayim Tadmor in: Ben-Sasson,
Geschichte des jüdischen Volkes, S. 166 ff. und 191 ff.

69 Die Angaben über die Anzahl der Opfer, die die Deportation der
armenischen Bevölkerung zur Folge hatte, schwanken zwischen
200 000 und einer Million Menschen; die Beurteilung der türkischen
Maßnahmen gegen die rebellierenden Armenier, die sich seit Ende
des 19. Jahrhunderts mit terroristischen Anschlägen und schließlich in
einem regelrechten Partisanenkrieg der türkischen Herrschaft zu
entledigen suchten, ist ebenfalls uneinheitlich: Matuz, Das
Osmanische Reich, S. 265, spricht von einem Genozid (so auch
Majoros/Rill, Das Osmanische Reich, S. 360), während Kreiser/
Neumann, Kleine Geschichte der Türkei, S. 371 – 377, das im Mai 1915
erlassene «Gesetz über Bevölkerungsumsiedlung» stärker im Rahmen
der Kriegshandlungen an der Kaukasusfront sehen. – Einen bis ins
18. Jahrhundert zurückreichenden Blick auf die Position der Armenier
im Osmanischen Reich wirft Jorga, Geschichte des Osmanischen
Reiches, Bd. 5, S. 606 – 613.

70 Vgl. Noth, Geschichte Israels, S. 392 ff., sowie den Beitrag von
Menahem Stern, in: Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes,
S. 364 ff.

71 Vgl. Angermann, Die Vereinigten Staaten von Amerika, S. 313 f., 400
und 426.

72 Vgl. Buruma, Chinas Rebellen, S. 369 – 387.

73 Frantz Fanon hat seine Vorstellung von der therapeutischen Funktion


der Gewalt im Prozess der Dekolonisation in seinen Büchern Die
Verdammten dieser Erde sowie Schwarze Haut, weiße Masken
entwickelt; zur Psychopathologie des Partisanenkrieges vgl. Voss,
«‹Ich habe keine Stimme mehr, mein ganzes Leben flieht.›» (mit
umfangreicher Literatur).

74 Dass der Partisanenkrieg mittel- und langfristig nicht nur den Gegner
ruinierte, sondern mit einer nachhaltigen Selbstzerstörung verbunden
war, hätte bereits eine vergleichende Betrachtung der
antinapoleonischen Kriegführung Spaniens und Preußens zeigen
können. Beide Länder waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts von
napoleonischen Truppen besetzt worden und suchten nach
Möglichkeiten, sich der französischen Herrschaft wieder zu
entledigen. Während die preußischen Reformen als der Versuch zu
verstehen sind, diese Überlegenheit, die eine Folge der revolutionären
Veränderungen in Frankreich war, durch Resymmetrierung
wettzumachen, setzten die Spanier auf den Weg der Asymmetrierung,
indem sie den Kleinen Krieg (guerilla) zu einer weitgehend
selbständigen Form der Kriegführung fortentwickelten. Beide haben
schließlich einen wesentlichen Beitrag zur Niederringung Napoleons
geleistet. Aber während die preußische Gesellschaft nach 1814/15 in
einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess eintrat, der nur in der
Revolution von 1848/49 eine gewaltsame Beschleunigung erfuhr,
erlebte die spanische Gesellschaft im 19. Jahrhundert eine schier
endlose Abfolge von Krisen und Machtwechseln, und Spanien verlor
immer mehr den Anschluss an die europäische Entwicklung; vgl.
Bernecker, Spanische Geschichte, S. 111 – 149.

75 Eine Beschreibung dieser Einflussnahme und ihrer Folgen findet sich


bei Stieglitz, Die Schatten der Globalisierung, S. 109 ff.

76 Vgl. Münkler, Die neuen Kriege, insbes. S. 131 ff., sowie ders., «Zur
Charakterisierung der neuen Kriege».

77 Vgl. Nye, Das Paradox der amerikanischen Macht, S. 12 ff. Nye ist
sich freilich darüber im Klaren, dass weiche Macht erheblich weniger
politischer Kontrolle unterliegt als harte Macht; vgl. etwa S. 116.
78 Die gründlichste Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus des
20. Jahrhunderts und seinen Vorläufern bietet Armstrong, Im Kampf
für Gott.

79 Hierzu und zum Folgenden vgl. Noth, Geschichte Israels, S. 322 – 343,
Stern, in: Ben-Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes, S. 251 – 268,
sowie Soggin, Einführung in die Geschichte Israels und Judas,
S. 225 – 240.

80 Bei der Entstehung des Aufstandes waren sicherlich nicht allein


religiös-identitäre Fragen entscheidend. Der Krieg der Seleukiden
gegen die in Ägypten herrschenden Ptolemäer kostete Geld, und zwar
mehr, als Antiochus IV. Epiphanes zur Verfügung hatte.
Dementsprechend wuchs seine Begehrlichkeit auf die Tempelschätze
seines Reichs, durch deren Aneignung er sich die benötigten
Finanzmittel verschaffen wollte. Die Plünderung des Tempels in
Jerusalem hat die Bereitschaft vieler Juden, sich den Aufständischen
anzuschließen oder sie zumindest zu unterstützen, erheblich erhöht.

81 Vgl. Mosès, Eros und Gesetz, S. 111 ff., sowie Koch, Das Buch Daniel,
insbes. S. 127 ff.

82 Dass dieser Bürgerkrieg sich auch um soziale Fragen drehte, die im


religiös-kulturellen Konflikt um die richtige Lebensführung ihren
Katalysator fanden, stellt vor allem Menahem Sterns Beitrag in: Ben-
Sasson, Geschichte des jüdischen Volkes, S. 254, heraus.

83 Die defensive Ausrichtung des Partisanen ist ein wichtiges


Definitionsmerkmal in ihrer Charakterisierung durch Carl Schmitt;
vgl. Schmitt, Theorie des Partisanen, S. 26. Letztlich hat nicht Lenin,
wie Schmitt vermutete, den «defensiv-autochthonen Verteidiger der
Heimat» in einen «weltaggressiven, revolutionären Aktivisten»
verwandelt (ebd., S. 35), sondern dieser Wandel erfolgte erst mit den
Veränderungen imperialer Macht, bei denen hard power zunehmend
durch soft power abgelöst wurde.
Anmerkungen zu Kapitel 6
1 Die Wiederkehr des heroischen Problembewältigers im
amerikanischen Kinofilm ist ein guter Indikator für den
Stimmungsumschwung und das zurückkehrende Selbstvertrauen der
USA. Es kommt hinzu, dass Kinofilme solche Stimmungsumschwünge
nicht nur anzeigen, sondern auch beschleunigen und verstärken. –
Einige Hinweise zur therapeutischen Funktion des Generals
Schwarzkopf für das amerikanische Vietnamtrauma finden sich bei
QRT, Schlachtfelder der elektronischen Wüste, S. 10 – 39.

2 In der Literatur findet der Asymmetriebegriff zumeist nur für die


Kriegführung von Unterlegenen Verwendung, etwa als
Charakterisierung des Partisanenkrieges oder inzwischen auch des
Terrorismus. Tatsächlich gibt es jedoch Asymmetrien von beiden
Seiten, der Überlegenen wie der Unterlegenen; vgl. dazu Münkler,
«Wandel der Weltordnung durch asymmetrische Kriege».

3 Demandt, «Die Weltreiche in der Geschichte», S. 223. – In den 1990er


Jahren erschienen in Deutschland mehrere Bände, in denen nicht nur
das mehr oder minder kontingente Ende einzelner Imperien
abgehandelt wurde, sondern die aus der Vorstellung vom Ende aller
Imperien heraus konzipiert waren; vgl. etwa Richard Lorenz (Hg.),
Das Verdämmern der Macht; Altrichter/Neuhaus (Hg.), Das Ende von
Großreichen; Demandt (Hg.), Das Ende der Weltreiche.

4 Eric Hobsbawm, Das Gesicht des 21. Jahrhunderts, S. 9 f.

5 Vgl. Junker, Power and Mission, S. 48 ff.

6 Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, S. 53 und 92 f.

7 Vgl. Dan Diner, Das Jahrhundert verstehen, S. 85 ff.; zu den


ethnischen Säuberungen insbes. S. 195 ff.

8 Der Begriff wurde geprägt von Carl Schmitt (vgl. Schmitt


Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für
raumfremde Mächte, sowie ders., «Großraum gegen Universalismus»,
S. 295 – 302). Er wird hier freilich entgegen den politischen
Intentionen Schmitts verwendet.

9 Ferguson, Das verleugnete Imperium, S. 82.

10 Ob die Ursache dafür eher struktureller Art war und am System


kollektiv organisierter Unverantwortlichkeit lag oder in den
spezifischen Konstellationen der Zwischenkriegszeit zu suchen ist,
etwa dem gegenseitigen Misstrauen der größeren Mächte und der
daraus erwachsenden Selbstblockade, sei dahingestellt.

11 Das zwischen Hitler und den konservativen Eliten in Wirtschaft und


Militär geschlossene Bündnis beruhte nicht zuletzt auf deren
Perspektive eines räumlich wie zeitlich begrenzten Revisionskrieges
in Mitteleuropa, in dessen Verlauf die hegemoniale Position
Deutschlands in diesem Raum wiederhergestellt werden sollte. – Zur
Offenheit auch später entschiedener Gegner Hitlers für einen auf
Mitteleuropa beschränkten Revisionskrieg vgl. Klaus-Jürgen Müller,
«Militärpolitik in der Krise»; zur Bedeutung des südosteuropäischen
Raums bei Hitlers Entscheidung zum Angriff auf die Sowjetunion vgl.
jetzt Gabriel Gorodetsky, Die große Täuschung.

12 Zwar wurden die für kurze Zeit eigenstaatlichen Regionen Georgien,


Armenien und Aserbaidschan sowie die Ukraine in die Union der
Sozialistischen Sowjetrepubliken eingegliedert und eigenstaatliche
Bestrebungen in Weißrussland, auf der Krim, bei Baschkiren und
Wolgatataren sowie in der kasachisch-kirgisischen Steppe unterdrückt
(vgl. Alexander J. Motyl, Sovietology, Rationality, Nationality,
S. 105 ff.), aber Finnland, die baltischen Republiken und Polen hatten
sich dem Zugriff der Roten Armee entziehen können. Auch auf dem
Balkan sowie an der unteren Donau hatte die Sowjetunion jenen
Einfluss verloren, den das Zarenreich hier vormals besessen hatte.

13 Wo die früheren imperialen Interessenlinien des Bismarck-Reichs und


des Reichs der russischen Zaren wiederhergestellt wurden, fiel die
Übereinkunft zwischen Hitler und Stalin leicht; wo es dagegen um die
Räume der alten Donaumonarchie und des Osmanischen Reichs ging,
tauchten Gegensätze auf, die unüberwindlich waren und die
schließlich zum Ende der deutsch-sowjetischen Koalition führten. –
Zur Vorgeschichte des Hitler-Stalin-Pakts vgl. Besymenski, Stalin und
Hitler, insbes. S. 111 ff.; zu den Kontroversen um den Unterlauf der
Donau und die Kontrolle des Bosporus vgl. Gorodetsky, Die große
Täuschung, S. 127 ff. und 206 ff.

14 Vgl. Daschitschew, Moskaus Griff nach der Weltmacht, S. 38 ff.;


ähnlich Simon, «Die Desintegration der Sowjetunion», S. 191 f.

15 Zit. nach Ferguson, Das verleugnete Imperium, S. 141.

16 Siehe oben, S. 194 f.

17 Vgl. Mommsen, Das Ende der Kolonialreiche, sowie Abernethy, The


Dynamics of Global Dominance, S. 331 ff.

18 Einen differenzierten Erklärungsansatz bieten Jung/Schlichte/


Siegelberg, Kriege in der Weltgesellschaft, S. 56 ff.

19 Kennedy, Aufstieg und Fall, S. 768; vgl. auch ders., In Vorbereitung


auf das 21. Jahrhundert, S. 371 ff.; eine ähnliche Argumentation findet
sich bei Nye (Das Paradox der amerikanischen Macht), nur dass er
den relativen Verlust der USA an hard power durch die starke
Stellung bei der soft power kompensiert sieht.

20 Die Beschleunigungsrisiken des Niedergangs hat Paul Kennedy


(Aufstieg und Fall, S. 784) wie folgt beschrieben: «Für die ‹Nummer
eins›-Länder ist es immer ein geläufiges Dilemma gewesen, daß
äußere Herausforderungen sie dazu zwangen, mehr an Ressourcen
auf den Militärsektor zu konzentrieren, während zugleich ihre relative
ökonomische Kraft nachließ. Dieser Prozeß beschleunigt sich, da
immer weniger Kapital für produktive Investitionen übrig bleibt. Dazu
kommen höhere Steuern, wachsende Uneinigkeit über politische
Prioritäten und eine sich abschwächende Fähigkeit, die militärischen
Lasten zu tragen.»

21 So etwa Fieldhouse, Economics and Empire, sowie Robinson, Africa


and the Victorians.

22 Der Strategietheoretiker Edward Luttwak hat eine umfassende


Ablösung der Geopolitik durch die Geoökonomie konstatiert, was die
Schlussfolgerung nahe legt, dass die machtpolitische Herstellung und
Sicherung imperialer Räume funktionslos geworden sei. (Luttwak,
Weltwirtschaftskrieg, S. 410 ff.) In diesem Sinne bemerkt auch
Alexander Demandt («Die Weltreiche in der Geschichte», S. 232): «Die
Universalreiche wurden von Wirtschaftsimperien überlagert und
abgelöst. Sie sind die Großmächte der Zukunft. Der Kampf geht nicht
mehr um Staatsgrenzen, sondern um Absatzmärkte, Rohstoffquellen
und Normsysteme. Er wird mit Handelsboykott, Dumpingpreisen und
Währungsmanipulation ausgefochten. Diese Wirtschaftsriesen haben
ihr Standbein in Nordamerika, Japan und Europa, aber ein
bewegliches Spielbein.»

23 Zur schleichenden Erosion staatlicher Kontroll- und


Steuerungsfähigkeit vgl. Reinhard, Geschichte der Staatsgewalt,
S. 509 ff.; zur wachsenden Fiktionalisierung von Souveränität vgl.
Badie, Souveränität und Verantwortung, S. 104 ff.

24 Robert Cooper (The Breaking of Nations, S. 16 ff.) hat diese


Vorstellungen inzwischen als das Ordnungsmodell der postmodernen
Welt beziehungsweise der postmodernen Staaten bezeichnet. Das
Problem, das sich bei der Umsetzung dieses Modells jedoch stellt,
besteht in der Fortexistenz moderner und vor allem prämoderner
Staaten. Infolgedessen bleibt diese Ordnung auf den OSZE-
beziehungsweise EU-Raum beschränkt.

25 Am radikalsten hat Saskia Sassen (Machtbeben, insbes. S. 173 ff.) die


Ablösung politisch-territorialer durch ökonomisch-globale
Ordnungsmuster prognostiziert, als sie von einer umfassenden
«Denationalisierung von Raum und Zeit» sprach. Globalisierung und
Informatisierung der Wirtschaft griffen ihrer Überzeugung nach so
ineinander, dass der Staat von einem mächtigen Kapitalregime unter
Druck gesetzt werden könne und dass ihm durch wegbrechende
Steuereinnahmen die Handlungsmöglichkeiten entzogen werden.

26 Die Vorstellung vom Bedeutungsverlust der Staaten und dem


Aufstieg der NGOs liegt auch der Argumentation bei Hardt/Negri,
Empire, zugrunde.

27 Rorty, «Ein Empire der Ungewissheit», S. 253. – Wie schwer


amerikanischen Liberalen und Linken der Umgang mit den
Erfordernissen humanitärer Interventionen fällt, die oftmals auf die
staatliche Souveränität keine Rücksicht nehmen – also der imperialen
Aufgabe und der Vermeidung einer imperialen Rolle –, zeigt Walzer,
«Is There an American Empire?».

28 Vgl. hierzu Fukuyama, Staaten bauen; Hille, State Building, sowie


Hippler, Nation-Building.

29 Michael Hardt und Antonio Negri haben Angriffe auf die verletzlichen
Verbindungslinien der Ordnung, die sie Empire nennen, durchaus in
ihre Überlegungen einbezogen, sie aber nicht als Element der
Zerstörung, sondern der Weiterentwicklung der Ordnung begriffen.
Indem sie das Empire von vornherein als omniinklusiv angelegt
haben, haben sie die Bedrohung durch Attacken von außen
wegdefiniert. (Hardt/Negri, Empire, S. 271 ff., S. 306 ff.)

30 Zu den neuen Formen der Kriegführung vgl. Münkler, Die neuen


Kriege; ders., «Die Privatisierung des Krieges», sowie ders., «Kriege
im 21. Jahrhundert». Zu Logistik und Ökonomie der neuen Kriege vgl.
Napoleoni, Die Ökonomie des Terrors.

31 Zu nennen sind hier insbes. Vidal, Ewiger Krieg für ewigen Frieden,
sowie Mailer, Heiliger Krieg; auch bei Mann (Die ohnmächtige
Supermacht, S. 24 f., 314 und 330 f.) findet sich die Auffassung, die
USA hätten unter Bill Clinton Hegemonialpolitik betrieben, die erst
unter George W. Bush auf imperialistische Politik umgestellt worden
sei. Freilich argwöhnt Mann, dass bereits die Hegemonialpolitik mehr
Unordnung als Ordnung gestiftet habe.

32 So etwa Boot, «Plädoyer für ein Empire», S. 66; auch Leggewie («Ein
Empire der Demokratie», S. 205) spricht von «demokratischem
Imperialismus».

33 Ignatieff, Empire lite.

34 Kennedy, Aufstieg und Fall; ähnlich auch Mearsheimer, The Tragedy


of Great Power Politics.

35 Etwa Doyle, Empires.

36 Vgl. Bacevich, «Neues Rom, neues Jerusalem», sowie Maier, «Die


Grenzen des Empire»; dagegen hat Joseph Nye («Amerikas Macht»,
S. 160) großen Wert darauf gelegt, dass die US-Politik nach wie vor
hegemonial, aber keineswegs imperial sei, was sich unter anderem
darin zeige, dass das US-Militär zwar für Kampfeinsätze, nicht aber
für Polizeiarbeit ausgerüstet und ausgebildet sei. Erwähnung verdient
in diesem Zusammenhang auch, dass Zbigniew Brzezinskis
geostrategische Studie über die nachhaltige Absicherung der
weltpolitischen Führungsrolle der USA, die in deutscher Übersetzung
unter dem Titel Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der
Vorherrschaft erschienen ist, im amerikanischen Original den
unverfänglichen Titel The Grand Chessboard. American Primary and
Its Geostrategic Imperatives trägt.

37 Ignatieff, «Empire Amerika?», S. 30; Bacevich, «Neues Rom, neues


Jerusalem», S. 71 f.; Maier, «Die Grenzen des Empire», S. 126 f.; Diner,
«Das Prinzip Amerika», S. 262.

38 So etwa Johnson, Blowback (dt.: Ein Imperium verfällt); ders., The


Sorrows of Empire, (dt.: Der Selbstmord der amerikanischen
Demokratie).

39 Für Chalmers Johnson haben sie fünf Funktionen: die Sicherung der
US-Vorherrschaft über den Rest der Welt; das Belauschen der
Kommunikation von Bürgern und Regierungen, vor allem aber von
Unternehmen, um auf diese Weise an wichtige Informationen zu
gelangen; die Kontrolle der Ölquellen und der Transportwege des Öls;
Einkommens- und Beschäftigungssicherung für den petro-
militärischen Komplex; schließlich die Ermöglichung eines
angenehmen Lebens für die Soldaten und ihre Familienangehörigen,
um so die Rekrutierungschancen für Soldaten in den USA zu erhöhen.
(Johnson, Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie, S. 205 ff.)

40 Ebd., S. 251. – Von der kritischen Sicht Johnsons unterscheiden sich


die Überlegungen des ehemaligen Sicherheitsberaters Zbigniew
Brzezinski, wie die USA ihre globale Vorherrschaft in den nächsten
Jahrzehnten sichern können, im Kern kaum, wenngleich Brzezinski
dem, was Joseph Nye soft power genannt hat, ein größeres Gewicht
beimisst als Johnson: «Da der american way of life in aller Welt mehr
und mehr Nachahmer findet, entsteht ein idealer Rahmen für die
Ausübung der indirekten und scheinbar konsensbestimmten
Hegemonie der Vereinigten Staaten (…) Die globale Vorherrschaft
Amerikas wird solchermaßen durch ein ausgetüfteltes System von
Bündnissen und Koalitionen untermauert, das buchstäblich die ganze

Welt umspannt.» (Brzezinski, Die einzige Weltmacht, S. 48.)

41 Vgl. Gallagher/Robinson, «Der Imperialismus des Freihandels»; dazu


auch Mommsen, «Wandlungen der liberalen Idee im Zeitalter des
Imperialismus».

42 So etwa Mann, Die ohnmächtige Supermacht, S. 80 ff.; freilich taucht


dieser Gedanke auch bei den intellektuellen Parteigängern des
Imperiums auf, etwa wenn Bacevich (American Empire, S. 3) über die
der Imperiumsbildung zugrunde liegende allgemeine Idee der Öffnung
schreibt: «Its ultimate objective is the creation of an open and
integrated international order based on the principles of democratic
capitalism, with the United States as the ultimate guarantor of order
and enforcer of norms.» Auch hier gibt es inzwischen eine breite
Literatur, die die Dominanz der USA aus ökonomischen Gründen für
überaus prekär ansieht; vgl. stellvertretend Soros, Die Vorherrschaft
der USA.

43 Diner, «Das Prinzip Amerika», S. 273.

44 Zur Bedeutung von Pazifizierungskriegen, die vom Zentrum in die


Peripherie hineingeführt werden, vgl. Münkler, «Kriege im
21. Jahrhundert», insbes. S. 93 f.; zu den in Folge der Globalisierung
(aber nicht nur durch sie) entstehenden Kriegen ders., «Politik und
Krieg».

45 Mann, Die ohnmächtige Supermacht, S. 27.

46 In diesem Sinn ist Joseph Nyes Insistenz auf soft power auch als
Drängen zu einer eher imperialen als imperialistischen Politik zu
begreifen. Vgl. Nye, Das Paradox der amerikanischen Macht.
Umgekehrt kommt es nicht von ungefähr, dass die entschiedensten
Kritiker der US-Politik Imperialismus durchweg mit Militarismus
gleichgesetzt haben; vgl. Mann, Die ohnmächtige Supermacht,
S. 314 ff., sowie Johnson, Ein Imperium verfällt, S. 57 ff. und 133 ff.

47 Johnson, Ein Imperium verfällt, S. 385.

48 Vgl. Harold James, Der Rückfall, S. 21 ff., 290 ff.; vgl. dazu auch
Fischer, «Die Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert».

49 Ignatieff, Empire lite, S. 1 – 25; noch weiter gegangen ist Samantha


Power: Für sie stellt die Ausbreitung der Menschenrechte die
Voraussetzung für den Erhalt der amerikanischen Macht dar; vgl.
Power, «Das Empire der Menschenrechte». Ähnlich Beck, «Über den
postnationalen Krieg», sowie ders., Macht und Gegenmacht im
globalen Zeitalter, S. 407 ff.

50 Der Begriff geht zurück auf Osterhammel, «Kulturelle Grenzen bei


der Expansion Europas», S. 109 ff.

51 Diese Prägung ist durch die Arbeit der Historiker immer wieder
erneuert worden; im 20. Jahrhundert ist keine Studie hierbei so
einflussreich gewesen wie Symes The Roman Revolution (1939), ein
Werk, in dem das anglo-amerikanische Selbstverständnis mit Blick auf
die Selbstzerstörung demokratischer Ordnungen auf dem
europäischen Kontinent im Spiegel der römischen Geschichte
befestigt und bestätigt wurde. – Die Rom-Analogie findet sich
durchgängig bei sämtlichen Autoren, die sich mit der Herausbildung
des amerikanischen Imperiums im Verlauf des letzten Jahrzehnts
beschäftigen, und zwar unabhängig davon, ob sie dies in kritischer
oder affirmativer Sicht tun. Am bemerkenswertesten ist vielleicht,
dass sich auch ein prinzipiell imperiumsskeptischer Autor wie Nye der
Rom-Analogie nicht entziehen kann; vgl. Nye, Das Paradox der
amerikanischen Macht, S. 167 ff.

52 Zur römischen Prägung des napoleonischen Empire vgl. Lefebvre,


Napoleon, insbes. S. 219 ff. Ein herausragendes Beispiel dafür, wie
das politische Selbstverständnis der USA sich in Auseinandersetzung
mit der römischen Republik konstituierte, sind die Federalist Papers
(1787/88), in denen das Projekt des Bundesstaates entwickelt und
verteidigt worden ist (vgl. Hamilton u. a., Die Federalist-Artikel).

53 So vor allem Johnson, Der Selbstmord der amerikanischen


Demokratie, S. 43 ff.; 387 ff.; sowie Chomsky, Hybris, S. 19 – 66.

54 Ignatieff, «Empire Amerika?», S. 24 und 31.

55 Eine Zusammenstellung der von den USA geführten Kriege findet


sich, vorgetragen freilich mit anklagendem Gestus, bei Schley, Die
Kriege der USA.

56 Dazu allgemein Beham, Kriegstrommeln; zum Zweiten Golfkrieg von


1991 vgl. MacArthur, Die Schlacht der Lügen; zur Kosovo-Intervention
Lampe, «Medienfiktionen beim NATO-Einsatz im Kosovo-Krieg 1999»;
zum Dritten Golfkrieg von 2003 Tilgner, Der inszenierte Krieg, insbes.
S. 17 ff.
57 Johnson, Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie, S. 412 f.

58 Vgl. Bröckers, Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die


Geheimnisse des 11.9., sowie ders., Fakten, Fälschungen und die
unterdrückten Beweise des 11. 9. Auch der japanische Überfall auf die
amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor ist immer wieder als eine
Verschwörung von Präsident Roosevelt gegen das amerikanische Volk
«dechiffriert» worden, dem auf diese Weise die Zustimmung für den
Kriegseintritt abgerungen werden sollte; vgl. Stinnett, Pearl Harbor.

59 Zu den Kosten und Verlusten des Ersten Weltkriegs für die Europäer
vgl. Kolko, Das Jahrhundert der Kriege, S. 96 ff. und 107 ff.; für die
USA hat Junker (Power und Mission, S. 52) die Ergebnisse
zusammengefasst: «Die USA, die durch den Ersten Weltkrieg zur
führenden Wirtschafts- und Handelsmacht der Erde geworden waren,
bauten diese Position in den 20er Jahren weiter aus: (…) Der Anteil an
der Weltproduktion industrieller Güter wuchs von 35,8 % im Jahre
1913 auf 46 % im Durchschnitt der Jahre 1925 bis 1929. Das
Nationaleinkommen der USA war, in Dollar gemessen, ebenso hoch
wie das der nächsten 23 Nationen zusammen, einschließlich
Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs, Japans und Kanadas.
New York wurde neben London zum zweiten Finanzzentrum der Welt,
das Weltwirtschaftssystem wurde bizentrisch, wenn nicht sogar
amerikazentrisch.» Zur Bilanz des Zweiten Weltkriegs vgl. Kolko, Das
Jahrhundert der Kriege, S. 205 ff., sowie Overy, Die Wurzeln des
Sieges, S. 419 f.

60 Bacevich, «Neues Rom, neues Jerusalem», S. 79.

61 Niall Ferguson (Das verleugnete Imperium, S. 43.) ist in seiner


Analyse des US-Imperiums, an dessen Existenz er keinen Zweifel hegt,
zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen, wenngleich er weniger die
Kosten des Imperiums als vielmehr den fehlenden «Willen zur Macht»
in der amerikanischen Bevölkerung als dessen Achillesferse ansieht.

62 Vgl. Münkler, «‹Nothing to kill or die for …›».


63 Zum amerikanischen Handelsimperialismus vgl. Wehler, Der Aufstieg
des amerikanischen Imperialismus, S. 259 ff.; zum russischen
Militärimperialismus und dem gescheiterten Versuch, ihn durch einen
«Rubelimperialismus» zu ergänzen, vgl. Geyer, Der russische
Imperialismus, S. 144 ff.

64 Der Rekrutierung eigener Truppen in anderen Ländern ging die


leihweise Übernahme der Truppen anderer Länder voraus: So waren
es vorwiegend hessische Truppen, mit denen die Briten während des
amerikanischen Unabhängigkeitskrieges ihre Herrschaft
aufrechtzuerhalten suchten.

65 Vgl. Johnson, Der Selbstmord der amerikanischen Demokratie,


S. 144 f.

66 Eine Zusammenstellung der bekannt gewordenen PMCs findet sich in


Ruf, Politische Ökonomie der Gewalt, S. 317 – 345.

67 Vgl. Ferguson, Das verleugnete Empire, S. 52 ff.

68 Nye, Das Paradox der amerikanischen Macht, S. 66 ff.

69 Bacevich, «Neues Rom, neues Jerusalem», S. 80.

70 Es kommt darum nicht von ungefähr, dass imperiumskritische


Autoren, wie Todd (Weltmacht USA) und Kupchan (Die europäische
Herausforderung), vor allem auf die Frage der weltwirtschaftlichen
Dominanz der USA abheben. Ähnlich auch Rifkin, Der europäische
Traum, S. 199 ff.

71 Siehe oben, S. 79 ff.

72 Zum politischen Gewicht eines selbstbewussten Europa vgl.


Sloterdijk, Falls Europa erwacht, sowie Schmierer, Mein Name sei
Europa, insbes. S. 174 ff.; zur Osterweiterung der Nato vgl. Asmus,
Opening NATO’s Door, S. 134 ff.

73 Zu nennen sind hier insbes. Todd, Weltmacht USA, insbes. S. 211 ff.,
sowie Rifkin, Der europäische Traum, S. 19 ff., 71 ff.; auch Kupchan,
Die europäische Herausforderung, S. 115 ff., geht davon aus, dass die
eigentliche Herausforderung der USA aus Europa komme.

74 Die Debatte über die europäische Identität hat durch die Frage des
EU-Beitritts der Türkei neuen Auftrieb erlangt; vgl. dazu Leggewie,
Die Türkei und Europa; der Blick auf die europäische Identität ist in
seinen unterschiedlichen Facetten zusammengestellt bei Hoffmann/
Kramer (Hg.), Europa – Kontinent im Abseits?

75 Vgl. Brague, Europa, sowie Pomian, Europa und seine Nationen,


S. 14 ff.

76 Valéry, «Europäischer Geist», S. 34; vgl. dazu Lützeler, Die


Schriftsteller und Europa, S. 308 f.

77 Zur Frage der europäischen oder asiatischen Identität Russlands vgl.


Figes, Nataschas Tanz, S. 380 ff.
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Danksagung
Am Anfang des Buches standen längere Gespräche mit meinen Mitarbeitern
an der Humboldt-Universität und der Berlin-Brandenburgischen Akademie
der Wissenschaften. Es ging darin unter anderem um die Frage, was
Imperien sind, ob sie eine relevante Größe der Politikanalyse darstellen und
worin sich jüngere von älteren Imperien unterscheiden. In diesen
Gesprächen wurde ein Anstoß fortgeführt, den ich ursprünglich von
Dr. Ulrich Speck erhalten habe, als er mich auf dem Höhepunkt der
europäisch-amerikanischen Irritationen vor und während des jüngsten
Golfkrieges bat, einen Beitrag für den von ihm herausgegebenen Band
Empire Amerika zu schreiben. Im Rahmen verschiedener Vorträge, unter
anderem auf Einladung des Goethe-Instituts in Boston sowie im Rahmen der
Botschafterkonferenz 2004 des Auswärtigen Amtes, habe ich meine
Überlegungen zum Imperium weiter präzisiert und zur Diskussion gestellt.
Dr. Karsten Fischer, PD Dr. Harald Bluhm, Dr. Hans Grünberger, Dr. Gerald
Hubmann und Nicolas Stockhammer haben immer wieder Abschnitte
meines Textes gelesen, diese kommentiert, Einwände formuliert und mir vor
allem weitergehende Anregungen gegeben. So nahm das Buch allmählich
Gestalt an.
Dafür, dass der Text in Form gebracht wurde, hat einmal mehr meine
Sekretärin Karina Hoffmann gesorgt, die meine handschriftlichen
Aufzeichnungen abschrieb und die Überarbeitungen in das Typoskript
einbrachte. In der Schlussphase der Arbeit haben Anna Arndt und Samuel
Müller beim Ordnen der Anmerkungen und bei der Vervollständigung des
Literaturverzeichnisses gute Dienste geleistet. Dass dies möglich war,
verdanke ich dem Wissenschaftszentrum Berlin, namentlich seinem
Präsidenten Prof. Dr. Jürgen Kocka, der mich für ein Jahr in die ruhige und
angenehme Atmosphäre des Wissenschaftszentrums eingeladen hat.
Während der gesamten Entstehungszeit des Buches hat Gunnar Schmidt
vom Rowohlt · Berlin Verlag mich ermutigt, die anfängliche Idee
weiterzuverfolgen und sie zu einer historisch fundierten, komparativ
angelegten Untersuchung auszuarbeiten. Bernd Klöckener, der bereits mein
Buch Die neuen Kriege lektoriert hat, war auch dieses Mal ein
rücksichtsvoller, aber ebenso entschlossener Lektor, der entscheidend zur
endgültigen Fassung des Buches beigetragen hat. Wie immer in den letzten
zwei Jahrzehnten hat meine Frau Dr. Marina Münkler das Projekt
aufmerksam begleitet und das Manuskript mit großer Sorgfalt gelesen. Ihre
Einwände und Hinweise sind einmal mehr aus einer tiefen intellektuellen
Verbundenheit erwachsen. Allen Genannten möchte ich herzlich danken.
Informationen zum Buch
Wodurch zeichnen sich Imperien aus? Welche Gefahren birgt eine imperiale
Ordnung? Und welche Chancen bietet sie? Mit einem Mal sind diese Fragen
nicht mehr nur von historischem Interesse. Die USA haben inzwischen eine
Vormachtstellung inne, die viele für bedrohlich halten. Bestimmen die
Politiker in Washington die Regeln, denen der Rest der Welt zu folgen hat?
Oder gibt es eine Logik der Weltherrschaft, der auch sie sich beugen
müssen? Herfried Münkler zeigt, wie ein Imperium funktioniert und welche
Arten von Imperien es in der Vergangenheit gegeben hat. Ein souveräner
Gang durch die Geschichte und zugleich die brillante Analyse eines
hochaktuellen Themas.
Informationen zum Autor
Herfried Münkler, geboren 1951, einer der renommiertesten deutschen
Politikwissenschaftler und Ideenhistoriker, ist Professor an der Humboldt-
Universität Berlin und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie
der Wissenschaften. Mehrere seiner Bücher gelten mittlerweile als

Standardwerke, etwa «Die neuen Kriege» (2002), «Imperien» (2005) und

«Die Deutschen und ihre Mythen» (2009), das mit dem Preis der Leipziger
Buchmesse ausgezeichnet wurde.
Impressum
Die Seitenzahlen im Text beziehen sich auf die Printausgabe.

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Februar 2014


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Konvertierung epublius GmbH, Berlin
ISBN Printausgabe 978 - 3-499 - 62213-7 (2. Auflage 2008)
ISBN E-Book 978 - 3-644 - 11821-8
www.rowohlt.de

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