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Luis Alberto Ammann wurde 1942 in Cordoba, Argentinien,

geboren. Er erwarb sein Lehrdiplom und den Bachelor in Mo-


derner Literatur an der Nationalen Universität von Cordoba und
ist außserdem Journalist und Schriftsteller.
Er ist Mitbegründer der Humanistischen Partei Argentiniens,
in der er mehrmals in der nationalen Leitung vertreten war. Er
war Herausgeber der Zeitung Der Humanist, Vizepräsident der
Humanistischen Internationalen, Mitglied des ersten Koordi-
nationsteams der Internationalen Humanistischen Partei und
Generalsekretär der Internationalen Föderation Humanistischer
Parteien. Gegenwärtig ist er Mitarbeiter der Organisation Welt
ohne Kriege und Gewalt sowie der Argentinischen Organisation
Bewegung für Frieden, Unabhängigkeit und Solidarität unter den
Völkern (Movimiento por la Paz, la Soberanía y la Solidaridad
entre los Pueblos - MOPASOL).
Heute ist er als Journalist für Radios sowie inländische und aus-
ländische Zeitungen tätig.
Er ist weiterhin in der Humanistischen Partei aktiv, verbreitet
über verschiedene Kanäle die Siloistische Lehre und verfasst
Schriften über Silos Denken. Er ist Autor des vorliegenden, in
zahlreiche Sprachen übersetzten Buches Selbstbefreiung und ver-
steht sich als Teil der Denkströmung des Neuen Humanismus.
Selbstbefreiung
L. A. Ammann
Die spanische Erstausgabe erschien erstmals 1980 unter dem
Titel Autoliberación im Verlag Editorial ATE, Barcelona.

Copyright der spanischen Originalausgabe


© 1980 Luis A. Ammann
© 2015 Ediciones Léon Alado

Übersetzt aus der korrigierten und aktualisierten 2. Auflage,


Ediciones Léon Alado, 2016, Madrid, Spanien, von

Daniel Horowitz

in Zusammenarbeit mit Gustavo Joaquin,


Heike Steinbach und Ivetta Csongradi

Edition Pangea
Zürich - Berlin - Wien
April 2018
www.editionpangea.ch

Copyright deutsche Ausgabe: © 2018 Pangea, Zürich

Gestaltung: Mariana García


Umschlagabbildung: gdi Kohl
Druck und Bindung: EPC Nyomda Budaörs
Printed in Hungary

ISBN 978-3-9524725-6-9
Inhaltverzeichnis

Vorwort zur Ausgabe von 1980


Die Wahl der Themen 13
Das Selbstbefreiungssystem 14
Leiden und Selbstbefreiung 15
Die drei Leidenswege 15
Theorie und Praxis der Selbstbefreiung 16
Die Quelle der Lehre des Selbstbefreiungssystems 18
Beziehungen zwischen dem Selbstbefreiungssystem
und den psychologischen Strömungen 21
Das vorliegende Werk als Teamarbeit 22
Vorwort zur Ausgabe von 1990 23

Erster Teil
Verhaltensverbesserung
Entspannungspraktiken 31
Empfehlungen 31
Lektion 1 Äußere körperliche Entspannung 33
Lektion 2 Innere körperliche Entspannung 36
Lektion 3 Geistige Entspannung 39
Lektion 4 Ruheerlebnis 41
Lektion 5 Freilaufende Bilder 45
Lektion 6 Steuerung der Bilder 47
Lektion 7 Umwandlung von alltäglichen
spannungserzeugenden Bildern 48
Lektion 8 Umwandlung von biographischen
spannungserzeugenden Bildern 50
Lektion 9 Umfassende Entspannungstechnik 52
Überprüfung 55

V
Selbstbefreiung

Psychophysische Praktiken
Einführung 59
Empfehlungen 60
Lektion 1 Körperhaltungen und geistige Zustände 61
Lektion 2 Tätigkeit der Zentren. Menschliche Typen
Vegetatives Zentrum 65
Lektion 3 Die Zentren, ihre Teile und Unter-Teile
Motorisches Zentrum 70
Lektion 4 Merkmale der Funktionsweise der Zentren
Emotionales Zentrum 78
Lektion 5 Intellektuelles Zentrum 87
Lektion 6 Verbesserung der Aufmerksamkeit 92
Überprüfung 95

Praktiken zur Selbsterkenntnis


Einleitung 99
Empfehlungen 100
Lektion 1 Situationsanalyse. S pannungen und
Klimata 101
Lektion 2 Autobiographie 104
Lektion 3 Rollen 108
Lektion 4 Werteskala 111
Lektion 5 Selbstbild 113
Lektion 6 Tagträume und Tagtraumkern 116
Überprüfung 120

VI


Zweiter Teil
Operative
Überprüfung der vorhergehenden Arbeiten 127
Einführung in die Operative 130
Empfehlungen 131

Katharsispraktiken
Lektion 1 Katharsissondierung 135
Lektion 2 Katharsissondierung (Vertiefung) 139
Lektion 3 Katharsis. Bewusstseinsschema.
Tiefgehende Katharsis 145

Übertragungspraktiken
Lektion 1 Einführung in die Übertragung 157
I. Spannungen und Klimata. Die Impulse und ihre
Umwandlungen 159
II. Wahrnehmung und Vorstellung.
Assoziationsketten 162
III. Assoziationen und Bewusstseinsebenen 164
IV. Vorstellungsraum 166

Lektion 2 Einführung in die Übertragung 174


I. Vorstellungsraum und Bewusstseinsebenen 174
II.Tiefen und Ebenen des Vorstellungsraums 179
III. Überprüfung von Apparaten und Impulsen 180
Übungen zur Überprüfung 182

Lektion 3 Einführung in die Übertragung 183


Allegorien, Symbole und Zeichen 183
Symbollehre 186
Übungen zur Symbolehre 191

VII
Selbstbefreiung

Lektion 4 Einführung in die Übertragung 194


Allegorienlehre 194
Themen 197
Handlungsabläufe 201
Allegorische Analyse 202
Allegorische Interpretation 203
Übungen zu Allegorien 204

Lektion 5 Übertragungssondierung 206


I. Anzeichen 207
II. Anzeichen für Widerstände 207
Übung zur Übertragungssondierung von
Widerständen 212

Lektion 6 Übertragungssondierung 213


I. Ebenentechnik 213
II. Umwandlungstechnik 217
III. Ausdehnungstechnik 218
Übung zur Übertragungssondierung und
übertragenden Fortbewegung 219

Lektion 7 Bilderübertragung 221


Schritte der Übertragungssitzung 222
Anmerkugen 225
Übung zur Bilderübertragung 226

Lektion 8 Klimaübertragung 227


Voraussetzungen 228
Behandlung von Klimata ohne visuelle Bilder 230
Anmerkungen 231
Übung zur Klimaübertragung 232
Übung zur negativen Übertragung 232

VIII


Lektion 9 Verarbeitung nach der Übertragung 235

Selbstübertragungspraktiken
Überprüfung der vorhergehenden Arbeiten 241
Lektion 1 Unterschiede zwischen Übertragung
und Selbstübertragung 245
Einführung in die Selbstübertragung 245
Empfehlungen 246
Elemente der Selbstübertragung 247
I.Voraussetzung der Selbstübertragung 247
II. Die Themen 248
Einstiegsübung für den Selbstübertragungsprozess 256

Lektion 2 Verschiedene Arten des Selbstüber-


tragungsprozesses 257
I. Empirische Selbstübertragungen 257
II. Empirische Selbstübertragung in den
Religionen 258
III. Der Selbstübertragungsprozess 261
Übung zur Entwicklung des Selbstübertragungs-
prozesses (Abstieg) 266

Lektion 3 Die Richtungen der Selbstübertragung 267


I. Allgemeine Struktur des Selbstübertragungs-
prozesses 267
II. Ein paar Bemerkungen zu den veränderten
Bewusstseinszuständen 269
III. Die mittlere und die hohe Ebene bei der
Selbstübertragungsarbeit 272
Übung zum Ablauf des Selbstübertragungs-
prozesses (mittlere Ebene und Aufstieg) 276

IX
Selbstbefreiung

Lektion 4 Verarbeitung nach der Übertragung 278


Die Folge-Übertragung 281
Übung zum vollständigen Selbstübertragungs-
prozess 282

Epilog
1. Die Hilfestellung bei den täglichen
Schwierigkeiten 285
2. Der Mensch in Situation und nicht als isolierte
Subjektivität 289
A. Prägungslandschaft 289
B. Der eigene „Blick” und der der anderen als
entscheidende Faktoren des Verhaltens in der
Prägungslandschaft 292
C. Das „Mitschleppen“ von Verhaltensweisen
aus der Prägungslandschaft im gegenwärtigen
Moment 293
D. Vorschlag einer situationsbezogenen
Selbsterkenntnis 294
E. Die Planung der Zukunft auf der Grundlage
eines ganzheitlichen Gesichtspunkts 298

Vokabular 303

X
Vorwort zur Ausgabe von 1980
Das vorliegende Buch gliedert sich in zwei Teile: Der erste
trägt den Titel Verhaltensverbesserung und behandelt die
Themen der Entspannung, psychophysische Gymnastik
und Selbsterkenntnis. Der zweite trägt den Titel Operative
und entwickelt die Techniken der Katharsis, der Übertra-
gung und Selbstübertragung. Diese Techniken gehen über
das Interesse an der Verhaltensverbesserung hinaus, um
sich in Veränderungswerkzeuge im Dienste einer neuen
Richtung des Lebens zu verwandeln, sofern dies dem Be-
dürfnis der übenden Person entspricht.

Die Wahl der Themen

Die drei Themen des ersten Teils können unabhängig von-


einander und in beliebiger Reihenfolge bearbeitet werden.
Die Themen der Operative dagegen verlangen, dass man
das Vorangegangene beherrscht.
Demnach bieten die einleitenden Themen die Mög-
lichkeit, je nach persönlichem Interesse ausgewählt zu wer-
den. Bei einer Person über 35 Jahren wäre es beispielsweise
denkbar, dass sie die Entspannung vorzieht, während sich
ein jüngerer Mensch eher für die Selbsterkenntnis inte-
ressieren dürfte. Denn junge Menschen fühlen oft einen
starken Drang, sich selbst kennenzulernen, ihr Leben zu
ordnen und klare Projekte für ihr Leben zu entwickeln,
eher als das Bedürfnis, ihre Verspannungen zu lösen. Sie er-
leben ihre Spannungen weniger als erschöpfenden Druck,
sondern viel mehr als interessanten Anreiz für die Entwick-
lung täglicher Aktivitäten. Es gibt zahlreiche Gründe, die

13
Selbstbefreiung

dazu führen können, die eine oder andere vorgeschlagene


Arbeit auszuwählen. Deshalb ist der erste Teil des Buches
so aufgebaut, dass er eine eigenständige Gliederung der
Themen erlaubt.
Wie dem auch sei, wer das gesamte System der Selbst-
befreiung meistern möchte, sollte beim Lernprozess vom
Einfachsten zum Umfassendsten voranschreiten. In diesem
Fall wird man wohl der im Text angeführten Reihenfolge
folgen.

Das Selbstbefreiungssystem

Es ist gedacht als Antwort auf die tiefsten Bedürfnisse des


Menschen. Diese Bedürfnisse richten sich zweifellos auf
die Überwindung des Leidens. Unter diesem Gesichts-
punkt ist das Selbstbefreiungssystem ein Werkzeug, das es
ermöglicht, das Leiden zu überwinden, indem man Ver-
haltensweisen verändert.
Auch wenn es uns dank der Übungen und einfachen
theoretischen Erklärungen heute gelungen ist, das System
ziemlich zu vereinfachen, müssen wir dennoch beachten,
dass dieses Selbstbefreiungssystem sich aus einer umfassen-
den Philosophie ableitet, die das menschliche Leben im
Zusammenhang mit seinem Sinn und seiner Möglichkei-
ten untersucht.

14
Vorwort zur Ausgabe von 1980

Leiden und Selbstbefreiung

Viele Menschen glauben, dass sie nicht leiden, aber sie er-
kennen, dass sie Spannungen, Angst, innere Unruhe und
fehlenden Kontakt zu anderen empfinden und dass ihnen
ein Sinn im Leben fehlt. Wir können alle diese Schwierig-
keiten unter dem Begriff „Leiden” zusammenfassen.
Das Ziel der Selbstbefreiungslehre ist die Überwindung
des Leidens. Das Leiden zu überwinden bedeutet, eine
wachsende Zufriedenheit mit sich selbst zu erreichen.

Die drei Leidenswege

Man leidet, weil man gescheitert ist, weil man Gelegenhei-


ten vertan, Gegenstände, geliebte Personen verloren hat.
Man leidet aus Mangel an Anerkennung in der Familie
und in der Gesellschaft. Man leidet, weil es schwierig ist,
das zu erreichen, was man für sich und für die anderen
wünscht. Man leidet aus Angst: Angst, das zu verlieren,
was man besitzt, Angst vor der Einsamkeit und vor Krank-
heit, vor dem Alter und vor dem Tod.
So leidet man nicht nur aufgrund negativer Empfin-
dungen in der Gegenwart, sondern auch aufgrund negati-
ver Erinnerungen und wenn man sich negative Ereignisse,
die in der Zukunft liegen, einbildet. Daher sagen wir, dass
die drei Leidenswege die Empfindung, die Erinnerung und
die Einbildung sind, wenn sie verzerrt werden.
Das System der Selbstbefreiung sollte alle diese Aspekte
berücksichtigen und sollte dem Verständnis und der Arbeit
an sich selbst auf eine umfassende Art und Weise dienen.

15
Selbstbefreiung

Denn man kann nichts mit den Teillösungen anfangen,


die uns täglich angeboten werden und die zwangsläufig in
Frustration enden.

Theorie und Praxis der Selbstbefreiung

Selbstverständlich soll der die Lektionen begleitende theo-


retische Teil kein Hindernis für die praktischen Übungen
darstellen, sondern zu einem größtmöglichen Verständnis
dessen führen, was man ausführt. Das ist notwendig, da
es sich um eine umfassende Arbeit handelt, wie wir oben
schon angemerkt haben.
Seit längerem kursieren zu viele „Systeme” ohne soli-
de Grundlage. Diese Systeme werden von Freunden der
Autoren empfohlen oder von Leuten, die die Leser beein-
drucken sollten. Einige Systeme preisen ihre „Methoden
zum glücklich werden” an und stützen ihren Anspruch
auf zweifelhafte Messwerte über Sauerstoffverbrauch,
Pulsschlag und ähnliche Daten. Andere Systeme belassen
es nicht dabei, sich auf die Meinungen Dritter oder aber
auf die erwähnten Messwerte zu berufen. Sie bedienen sich
darüber hinaus der Verführungsgewalt der Wörter selbst.
Sie gebrauchen uralte Wörter; Wörter aus entlegenen
Gegenden oder Wörter, die von einer wissenschaftlichen
Aura umgeben sind. Wieder andere benutzen technische
Hilfsmittel als Allheilmittel. Damit meinen wir nicht die
neumesmerianische Auferstehung des Orgons, mit seinen
dielektrischen Leitern und seinen Kabinen für bioenergeti-
sche Ladung (kaum besser ausgearbeitet als die Zuber von
Mesmer und vom Marquis von Puységur im 18. Jahrhun-
dert). Wir beziehen uns hier vielmehr auf die Tricks mit

16
Vorwort zur Ausgabe von 1980

Hautwiderstandsmessgeräten (GSR), Elektromyographen


(EMG), Elektroenzephalographie-Verstärker (EEG) usw.
Auf diesem Gebiet hat sich der Geschäftssinn in verant-
wortungsloser Weise breit gemacht.
Wer kennt nicht das folgende Beispiel, das anschaulich
genug ist: Ein Herr schließt uns Elektroden eines Mess-
gerätes an den Fingerspitzen an und lässt uns dadurch die
Probleme entdecken, unter denen wir leiden. Wenn es zu
einem Konflikt kommt, schlägt der Zeiger des Gerätes
aus. Daraufhin versetzt uns der Herr einen Stromschlag
oder nötigt uns unaufhörlich. Indem er diese hemmende
Vorgehensweise ständig wiederholt, gelingt ihm dann die
konfliktreiche Information in unserem Gedächtnis zu „lö-
schen“... Die Behandlung wird dann mit einem aufmun-
ternden Lächeln und irgendeinem makrobiotischen oder
vegetarischen Rezept als Ausgleich für unsere Unausge-
wogenheit beim Natrium/Calcium-Elektrolyten-Haushalt
abgeschlossen, die sich in unserer Sympathikus-Parasym-
pathikus-Störung wiederspiegelt. Erfolgt die Behandlung
durch einen Guru, so wird er seine Erklärungen in der
Sprache des „Prana” kleiden. Ist er Okkultist, so wird er
von alternativer Medizin sprechen, und wenn er Titel und
akademische Grade besitzt, so wird er uns mit einer Theo-
rie blenden, die gerade Mode ist. Auf diese Art und Weise
tragen diese extravaganten Übungen dazu bei, dass Leute,
die Hilfe brauchen, sich in eine Situation begeben, in der
sie alle möglichen Experimente mitmachen, ohne dass sie
verstehen, auf was sie sich einlassen.
Angesichts der allgemeinen Orientierungslosigkeit in
diesen Bereichen sowie der wachsenden inneren „Verwai-
sung”, unter der man heute leidet, sehen wir in der Klä-

17
Selbstbefreiung

rung dieser Fragen das Minimum unserer Verantwortung,


das wir dem Denken im Allgemeinen und unseren Mit-
menschen im Besonderen schuldig sind.
Wie schwierig es auch sein mag zu erklären, was ei-
gentlich die Grundprobleme des Menschen sind, wie sie
zu behandeln sind und worauf die Vorgehensweise zur
Lösung dieser Probleme aufbauen sollte, sollte man kei-
ne Gelegenheit vergehen lassen, um dies zu tun. Es wäre
bedeutend leichter für uns und auch einfacher für unsere
Leser gewesen, wenn wir uns auf eine Folge von Lektionen
ohne jegliche Erklärung beschränkt hätten. Diesen Weg
sind wir aber nicht gegangen. Ebenso wenig haben wir uns
von der Möglichkeit entmutigen lassen, dass unser System
sich nur auf einen kleinen Kreis von Lesern beschränken
könnte. Auf jeden Fall sind wir davon überzeugt, dass
unsere Absicht unverfälscht ist, dass unser Vorschlag zur
Befreiung vom Leiden umfassend ist. Unsere Übungen
müssen begleitet werden von aufklärenden theoretischen
Erklärungen, die sich auf die allgemeinen Ziele und auf
den spezifischen Sinn der Übungen selbst beziehen.

Die Quelle der Lehre des Selbstbefreiungs-


systems
Vor zwanzig Jahren haben wir – einige Studenten und
ein paar Akademiker – in Südamerika einen Kreis um
die Lehre Silos gebildet. Unter ihnen befanden sich ein​
Psychiater und junge Studenten der Psychologie, Soziologie
und Anthropologie. Zu dieser Zeit war die Psychoanalyse

18
Vorwort zur Ausgabe von 1980

in eine innere Krise geraten, die viele ihrer fortschrittlichs-


ten Anhänger vertrieb. Tatsächlich aber war es die soziale
und kulturelle Umgebung, die sich in Krise befand.
Neue Strömungen tauchten auf dem Gebiet der Psy-
chologie auf. Erkenntnismethoden, die in Europa schon
seit einiger Zeit mit Erfolg angewandt wurden, kamen in
Südamerika aber gerade erst als Neuigkeit an. Viele Neue-
rungen kamen, während unsere alten Vorbilder eins nach
dem anderen zusammenbrachen: Kein Binet-Test mehr,
keine Psychodiagnostik nach Rorschach-Verfahren, auch
Ribot, Wundt, Weber und Fechner verloren ihren Halt...
Die experimentelle Psychologie ging mehr und mehr in
Statistik auf oder verwandelte sich in einen Zweig der
Neurophysiologie. Die Anhänger der Gestaltpsychologie
landeten an Gestaden, die weit entfernt vom hohen Ni-
veau der psychologischen Diskussionen waren. Werthei-
mer, Koffka und Köhler wurden dank Tolman und Kantor
mit der Verhaltenspsychologie zusammengefasst. Hinter
all den neuen Strömungen erkannten wir eine umfassende
Methodologie, die den Bereich der Logik, der Erkenntnis-
theorie und selbst der Ethik und Ästhetik beeinflusste: Das
war Husserls phänomenologische Methode, deren Kritik
am Psychologismus von Heidegger aufgegriffen wurde
und schließlich in die Existenzpsychologie mündete. Das
herkömmliche psychoanalytische Pantheon zerfiel nach
der Kritik Sartres an der Lehre vom Unbewussten, die er
eben auf der Grundlage der Phänomenologie entwickelte.
Im Besonderen beschäftigten wir uns in diesem Zusam-
menhang mit einem weniger bekannten Essay von Sartre,
nämlich seiner ausgezeichneten „Skizze einer Theorie der
Emotionen.”

19
Selbstbefreiung

Welche Unordnung und welches Missverhältnis gab es in


allem! Wenn wir unsere Kollegen in den Universitäten um
Aufklärung über die Phänomenologie und die Theorie des
Strukturalismus baten, so wussten sie uns nur mit alten
thomistischen Formeln zu antworten.
Unterdessen beherrschten Vogt, Jakobson und Schultz
das Feld der praktischen Methodik für die Arbeit an einem
selbst, die sich auf Selbsthypnose und Entspannungstech-
niken gründete. Darüber hinaus wurden diese Methoden
auch zuweilen mit Patanjali, verschiedenen Formen des
Yoga sowie anderen orientalischen Einflüssen vermischt. In
diesem von Ideologien und allen möglichen Erfahrungen
erhitzten Klima stellte Silo in der Tat eine Oase dar. Er
erklärte nicht genau die Psychologie, die unser Thema war,
sondern er führte alle Probleme auf eines zurück: nämlich
auf das Problem des Leidens und seine Wege, die Art und
Weise, wie diese Wege zu erforschen sind und die Mög-
lichkeiten, das Leiden zu überwinden. Zunächst schien
uns dieses Konzept mit einer originellen Auffassung vom
Buddhismus verwandt zu sein. Allmählich entdeckten wir
auch Ähnlichkeiten mit einigen christlichen und muslimi-
schen Lehren, daher erschien es uns ein wenig mystisch.
Im Laufe der Zeit begannen wir jedoch zu verstehen, dass
die Lehre Silos sich tatsächlich mit denselben Grundpro-
blemen befasste, die in allen großen Systemen der inneren
Erfahrung berücksichtigt werden, Systemen, die üblicher-
weise mit Philosophie und Religionen verflochten waren.
Nach und nach lernten wir bestimmte Themen wert-
zuschätzen, die in der Geschichte der Psychologie nicht
vorkamen, wie etwa die Funktion des Bildes als Ladungs-
träger, die Strukturierung der Wahrnehmung und der
Vorstellung, die Bedeutung der inneren Sinne bei der

20
Vorwort zur Ausgabe von 1980

Erzeugung, Übersetzung und Verformung von Impulsen;


die Charakterisierungen und Unterscheidungen zwischen
Bewusstseinsebenen und Bewusstseinszuständen; die
Auswirkung des Tagtraumkerns auf die Herausbildung
der Verhaltensweisen; die Wirkung der Protention bei der
verzögerten Antwort, und selbstverständlich der bemer-
kenswerte Beitrag über den Vorstellungsraum und die Vor-
stellungszeit.* Als dies alles in die Praxis umgesetzt wurde
und zwar weder als eine Therapie noch als Heilmittel für
psychische Krankheiten, sondern als Arbeit zum persönli-
chen (und sozialen) Wachstum, da verstanden wir, dass wir
vor einer der größten Lehren unserer Zeit standen.
Was in diesem Buch als Selbstbefreiungssystem er-
scheint, ist der bescheidene Beitrag jener Lehre.

Beziehungen zwischen dem Selbstbefreiungs-


system und den psychologischen Strömungen
Zunächst gibt es Beziehungen im Bereich der Sprache. Wir
haben es als unnötig gesehen, neue Worte zu gebrauchen
für Phänomene, die in der herkömmlichen Psychologie
allgemein anerkannt wurden: Begriffe wie Empfindung,
Wahrnehmung, Bild usw. werden hier beibehalten, ob-
wohl diese Phänomene auf eine neue Art erklärt werden.
Zuletzt darf man nicht vergessen, dass das System der
Selbstbefreiung, wenn es auch die Darstellung der konven-
tionellen Themen so annimmt, wie es andere Strömungen
machen, sich doch erheblich von ihnen entfernt, was die
Methodik und die Interpretation betrifft.
* Mittlerweile veröffentlicht in: Silo, Beiträge zum Denken, erster Teil
(Psychologie des Bildes). München, 1992.

21
Selbstbefreiung

Das vorliegende Werk als Teamarbeit

Diese Arbeit ist das Ergebnis der Beiträge vom Absolven-


ten J. J. Pescio, der Absolventin A. Martínez und von E.
de Casas bei ihren Untersuchungen über Katharsis und
Übertragungen; der Erfahrungen von P. Gudjonsson,
vom S.I. aus New York, im Bereich Entspannungstech-
niken; der Diplomarbeit über Elektroenzephalographie
und Bewusstseinsebenen von der Psychologin C. Serfaty,
vom A.T.P. aus Caracas; der Untersuchung von P. Deno
über Anwendung von körperlichem Ausdruck in Theater
und Tanz; der Synthese über Morphologie, Symbol- und
Zeichenlehre von J. Caballero; der Untersuchungen über
angewandte Symbollehre von den Architekten G. G.
Huidobro und J. Swindon; des bemerkenswerten Beitrags
des Professors S. Puledda über Selbstübertragung und der
sorgfältigen Arbeit von Dr. A. Autorino, die sich im beilie-
genden Vokabular niederschlug.
Gewiss kamen die Erfahrung und die Begabung vieler
anderer Mitarbeiter und Freunde auf diesen Seiten nicht
genügend zur Geltung. Wir möchten uns bei ihnen von
diesem Ort aus bedanken, an dem wir diesem Buch den
letzten Schliff geben, einem Ort übrigens, der sich ganz
in der Nähe jenes Ortes befindet, der Professor Köhler als
Testgelände diente.
L. A. Ammann
Las Palmas de Gran Canaria,
Spanien
20. Februar 1979

22
Vorwort zur Ausgabe von 1990
Zehn Jahre nach der ersten Ausgabe dieses Buches würde
ich nun gerne einige Nachbesserungen einführen.
Im Allgemeinen kann ich sagen, dass viele Leute zu i​hrer
Zufriedenstellung mit diesem Material gearbeitet haben
und dass ich bis jetzt die größten Kritiken von den Leu-
ten erhalten habe, die es nicht vollständig gelesen haben.
Einen der Einwände kann man jedoch berücksichtigen:
Die Vorsilbe „Selbst”, die sich sowohl auf das System als
auch auf das Buch bezieht, hat zu bestimmten Irrtümern
geführt, weil man davon ausging, dass die Selbstbefreiung
den Anspruch erhebt, Bedingtheiten und Unterdrückung
zu überwinden, dass sie die Entdeckung des Lebenssinns
beansprucht, und dass sie darauf abzielt, das menschliche
Wachstum durch eigene und isolierte persönliche Anstren-
gung zu erreichen. Im Gegensatz dazu muss ich darüber
aufklären, dass der Wert des Selbstbefreiungssystems darin
besteht, die Handlungsweise des Einzelnen in seiner sozia-
len Umgebung zu verbessern und zu entfalten. Wenn man
dieses Ziel vor Augen hat, wird die Arbeit an sich selbst ei-
nen Sinn haben. Ebenso wird eine persönliche Befähigung
nur dann einen Sinn haben, wenn sie die Bedingungen
physischer und intellektueller Arbeit einer Gesamtheit ver-
bessert. Bevor ich dieses Buch schrieb, erkannte ich, dass
die wahrhaftige, die nichtwidersprüchliche und befreiende
Handlung die ist, die in anderen endet und nicht in sich
selbst. Schließlich ist der Mensch von seinem Wesen her
offen zur Welt, er ist Welt und nicht Isolation, er ist Ge-
schichte und Gesellschaft. Deshalb wird der Nutzen, den
das Selbstbefreiungssystem bringen kann, am Ergebnis

23
Selbstbefreiung

gemessen, das bei der Überwindung des gesellschaftlichen


Leidens herauskommt, indem man die Individuen mit
Werkzeugen zur Verbesserung ihrer Handlungen versorgt.
Ich muss hinzufügen, dass die Erklärungen bezüglich
des „Apparates” des Psychismus und der Arbeit der Zent-
ren (mit ihren Teilen und Unterteilen) keinen anderen An-
spruch haben, als das Übungssystems in einen bestimmten
Rahmen zu setzen. Gemäß diesem Standpunkt, muss man
diese Erklärungen als einfache didaktische Figuren verste-
hen und nicht als Beschreibung psychischer Realitäten.
Selbstverständlich habe ich nie gedacht, dass die psycho-
physische Struktur einem kybernetischen Artefakt ähnelt.
Aber ich habe versucht, sie so darzustellen, um ein besseres
Verständnis zu schaffen, und ich hoffe, dass es nicht zu
falschen Interpretationen führt.
L. A. Ammann
Cordoba, Argentinien,
30. Juli 1990

24
25


26


Erster Teil

Verhaltensverbesserung

• Entspannungspraktiken

• Psychophysische Praktiken

• Praktiken zur Selbsterkenntnis

27
Verhaltensverbesserung

28
Entspannungspraktiken

Einführung und Empfehlungen

Lektion 1 Äußere körperliche Entspannung

Lektion 2 Innere körperliche Entspannung

Lektion 3 Geistige Entspannung

Lektion 4 Ruheerlebnis

Lektion 5 Freilaufende Bilder

Lektion 6 Steuerung der Bilder

Lektion 7 Umwandlung von alltäglichen span-


nungserzeugenden Bildern

Lektion 8 Umwandlung von biographischen


spannungserzeugenden Bildern

Lektion 9 Umfassende Entspannungstechnik

Überprüfung

29
30
Entspannungspraktiken

Einführung

Entspannungspraktiken helfen uns, sowohl äußere Mus-


kelverspannungen wie auch innere und geistige Spannun-
gen zu verringern. Sie ermöglichen folglich eine Erholung
von Müdigkeit und eine Steigerung der Konzentrations-
und Leistungsfähigkeit bei den Tätigkeiten des täglichen
Lebens.

Empfehlungen

1. Wenn möglich, sollte man jedes Wochenende eine hal-


be Stunde erübrigen, um eine einzige Lektion mehrmals zu
üben. Das ist die beste Methode, um diese Techniken zu
lernen.
2. Wenn man eine Lektion schon gelernt hat und sie
meistert, so sollte man sie sich jede Nacht einige Minu-
ten vor dem Einschlafen vergegenwärtigen. Sollte es der
Fall sein, dass man an Schlaflosigkeit leidet, wäre das ein
Grund mehr, sie zu machen.
3. Man sollte versuchen, das in den wöchentlichen Lek-
tionen Gelernte in täglichen Situationen anzuwenden, die
Beklemmung, Angst, Ärger, innere Unruhe oder allgemein
Unwohlsein (das heißt, Spannungen) hervorrufen.
4. Als letzte der Entspannungspraktiken wird man eine
einzige umfassende Technik lernen, um sie im täglichen
Leben anzuwenden. Wenn man nicht alle vorhergehenden
Übungen meistert, wird diese Technik nicht leicht anzu-

31
Verhaltensverbesserung

wenden sein. Wenn man sich dagegen alle anderen Tech-


niken Schritt für Schritt angeeignet hat, so wird man fähig
sein, nur diese einzige Technik anzuwenden, um Spannun-
gen in allen Situationen beseitigen zu können.
5. Wenn man diese letzte Entspannungstechnik gelernt
hat, sollte man sie in verschiedenen Alltagssituationen an-
zuwenden versuchen, um sich ganz damit vertraut machen
zu können.
In dem Maße, in dem man beobachtet, dass diese Tech-
nik automatisch in irgendeiner verspannenden Situation
einzusetzen beginnt und damit Entspannung erzeugt, ist
man auf dem Wege, das vorgeschlagene Ziel zu erreichen.
Es sollte der Augenblick kommen, dass man die Span-
nungen ganz von selbst in eben dem Augenblick beseitigt,
in dem sie sich bemerkbar machen – ohne sich dessen be-
wusst zu sein.
Jede Übung und besonders die zusammenfassende
Technik der letzten Lektion muss deshalb immer wieder
geübt werden, weil Spannungen bei uns zur Gewohnheit
geworden sind und man sie daher nicht von einem Tag
zum andern ändern kann. Daher werden die Ergebnisse
direkt im Verhältnis zum Aufwand stehen.

32
Entspannungspraktiken

Lektion 1

Äußere körperliche Entspannung

Wir werden die Formen der körperlichen Entspannung


lernen.
Bevor wir mit dieser für alle anderen Übungen grund-
legenden Übung beginnen, ist es nötig, die Stellen in unse-
rem Körper zu erkennen, die am stärksten verspannt sind.
Welche Körperstellen sind gerade jetzt verspannt?
Beobachte deinen Körper und entdecke diese ver​ -
spannten Stellen. Vielleicht der Hals? Vielleicht die Schul-
tern? Einige Muskeln der Brust oder des Magens?
Um diese andauernden Verspannungsstellen lockern zu
können, musst du sie zuerst beobachten.
Achte auf deine Brust, nun auf deinen Bauch. Beob-
achte deinen Nacken, beobachte auch deine Schultern und
versuche dort, wo du eine Muskelanspannung entdeckst,
diese Anspannung nicht zu lösen, sondern vergrößere sie.
Das heißt, spanne die schon angespannten Muskeln noch
mehr an. Spanne den Hals noch mehr an, die Schultern,
die Brustmuskeln, die Bauchmuskeln. Wo immer du Ver-
spannungen deines Körpers fühlst, verstärke sie bewusst
einige Sekunden lang und entspanne die übersteigerte An-
spannung dann ruckartig. Versuche dies ein-, zwei-, drei-
mal. Spanne die verspannten Stellen kräftig an und nach
einigen Sekunden entspanne sie dann plötzlich.

33
Verhaltensverbesserung

Äußere körperliche Entspannung

Teil des Gesichts ErsterTeil

ZweiterTeil

DritterTeil

Damit hast du schon gelernt, die am stärksten ver-


spannten Muskeln zu entspannen, und zwar indem du et-
was tust, was im Gegensatz zu deiner Erwartung zu stehen
scheint. Du spannst die Muskeln zunächst noch mehr an,
um sie dann umso besser entspannen zu können.
Sobald du diese Technik beherrschst, gehe dazu über,
die verschiedenen Teile deines Körpers symmetrisch zu
spüren. Zunächst spüre deinen Kopf, die Kopfhaut, die
Gesichtsmuskeln, den Kiefer, dann spüre beide Augen
gleichzeitig, die beiden Teile deiner Nase, dann achte auf
die Mundwinkel, auf deine Wangen, gehe im Geist an den
beiden Seiten deines Halses hinunter und achte gleich-

34
Entspannungspraktiken

zeitig auf deine beiden Schultern. Danach gehe langsam


deine Arme, die Unterarme und die Hände hinunter, bis
alle diese Teile ganz gelöst und gut entspannt sind.
Komme zu deinem Kopf zurück und wiederhole die-
selbe Übung. Nun gehe jedoch an der Vorderseite deines
Körpers hinunter, folge den beiden Brustmuskeln. An-
schließend bis zum Bauch, bewege dich dabei im Geist
auf beiden Seiten gleichzeitig nach unten, als ob du zwei
eingebildeten Linien folgen würdest. Dann weiter hinab
zum Unterleib und zum Ende deines Rumpfes. Alles sollte
dort völlig entspannt zurück bleiben.
Und nun gehe wieder zurück. Komme geistig wieder
zu deinem Kopf zurück. Doch diesmal gehe dem Nacken
nach hinunter. Folge dabei zwei imaginären symmetri-
schen Linien entlang dem Nacken hinunter. Gehe entlang
der beiden Linien den Rücken hinab, durch deine Schul-
terblätter hindurch und weiter nach unten, den ganzen
Rücken hinunter, bis du den untersten Teil deines Körpers
erreicht hast. Gehe entlang deiner beiden Beine, bis du zu
den Zehenspitzen gelangst.
Wenn du diese Übung beendet hast und sie meisterst,
solltest du eine gute äußerliche Muskelentspannung erle-
ben.

35
Verhaltensverbesserung

Lektion 2

Innere körperliche Entspannung

Vergegenwärtige dir noch einmal die erste Lektion und


wiederhole die einzelnen Schritte solange, bis du das Ge-
fühl hast, diese Technik völlig zu beherrschen. Versuche
dich jedes Mal etwas schneller zu entspannen, ohne dass
dabei die Entspannung an Tiefe verliert.
Der Reihenfolge ihrer Bedeutung entsprechend sollte
man zunächst die Entspannung der Gesichts-, Hals- und
der Rumpfmuskeln beherrschen. Es ist sekundär, die Ent-
spannung der Arm- und Beinmuskulatur zu meistern.
Gewöhnlich glaubt man genau das Umgekehrte und die
Übenden verschwenden auf diese Weise viel Zeit.
Denke immer daran, dass dein Kopf, dein Hals, dein
Nacken, dein Gesicht und der Rumpf allgemein die wich-
tigsten Bereiche sind, die es zu entspannen gilt.
Nun wollen wir uns mit der inneren Entspannung
beschäftigen.
Beginne wieder an deinem Kopf. Spüre nun deine Au-
gen. Du spürst deutlich deine Augäpfel und die Muskeln,
die sie umgeben. Spüre von innen her beide Augen gleich-
zeitig. Erlebe die innere symmetrische Empfindung von
beiden Augen, gehe ganz ins Innere deiner Augen hinein
und entspanne sie, entspanne sie vollständig. Jetzt lass dich
in deinen Kopf „hinein fallen“... lass dich einfach hinein
gleiten und entspanne ihn vollständig. Lass dich wie durch
eine Röhre weiter nach unten in die Lungen fallen. Spüre
beide Lungen gleichzeitig von innen her und entspanne
sie. Dann steige innerlich weiter hinab durch den Bauch

36
Entspannungspraktiken

und löse dabei all seine Verspannungen. Gehe immer wei-


ter nach unten und entspanne dich dabei ständig im Inne-
ren. Dringe tief durch deinen Unterleib hindurch bis zum
Ende deines Rumpfes, bis alles vollständig entspannt ist.

Wie du bemerken wirst, haben wir in dieser zweiten Art


der Entspannung die Beine und Arme ganz außer Acht ge-
lassen. Man geht von den Augen aus nach innen und lässt
sich wie bis zum Ende des Rumpfes stetig hinunterfallen.
Mache diese Übung mehrmals, und wenn du sie be-
endet hast, überprüfe, ob einige äußere Muskeln noch
verspannt sind.

37
Verhaltensverbesserung

Alle äußeren Muskeln sollten nun gut entspannt sein, au-


ßerdem solltest du natürlich eine gute innere Entspannung
erreicht haben. Das erlaubt dir, zu den nächsten Übungen
weiterzugehen, die etwas komplexer sind.

38
Entspannungspraktiken

Lektion 3

Geistige Entspannung

Übe die zweite Lektion noch einmal und versuche in einer


gleichmäßigen Bewegung vorzugehen, nicht an einer Stelle
länger zu verweilen als an einer anderen. Wiederhole die
Übung und beschleunige dabei deine inneren Bewegun-
gen, ohne dass jedoch die Entspannung dabei an Tiefe ver-
liert. Wenn Du glaubst, die Übungen zu meistern, kannst
du zu den nächsten übergehen.
In dieser dritten Lektion wollen wir mit der geistigen Ent-
spannung arbeiten.
Spüre wieder deinen Kopf. Da ist die Kopfhaut, und
darunter der Schädel. Versuche allmählich dein Gehirn
von innen zu „spüren“.

Geistige Entspannung

1. Empfindung des oberen


Teils des Gehirns

2. Zum Zentrum des Gehirns


herabsinken

39
Verhaltensverbesserung

Spüre dein Gehirn so, als ob es „angespannt” wäre. Lockere


diese Anspannung zum Inneren des Gehirns hin und nach
unten, so, als ob die Entspannung immer weiter nach un-
ten sinken würde.
Konzentriere dich. Verringere die Anspannung so, als
ob die oberen Teile deines Gehirns immer lockerer, sanfter
würden. Gehe immer weiter hinab, zum Zentrum deines
Gehirns hinein. Gehe noch weiter hinunter, tiefer als das
Zentrum. Viel tiefer. Spüre, wie das Gehirn weicher, sanf-
ter und wärmer wird.
Wiederhole diese Übung mehrmals, bis du erkennst,
dass du sie immer besser meisterst.

40
Entspannungspraktiken

Lektion 4

Ruheerlebnis

Wiederhole die Lektion 3 mehrmals, bis du die geistige


Entspannung rasch erleben kannst.
Hier eine Möglichkeit, wie du deine Fortschritte über-
prüfen kannst: Stehe auf und gehe ein wenig im Raum
umher, öffne und schließe die Türen, nimm einige Gegen-
stände und stelle sie wieder hin und kehre dann wieder zu
deinem ursprünglichen Platz zurück.
Diese Übung beginnst du mit der Empfindung geistiger
Entspannung, wie sie in der vorigen Übung gelernt wurde.
Wenn du diese Übung meisterst, kannst du komplexere
tägliche Erfahrungen versuchen.
Du kennst nun schon die drei Arten von Entspannung
gut: Die äußere, die innere und die geistige. Du kannst nun
damit anfangen, diese verschiedenen Arten von Entspan-
nung im täglichen Leben schnell und wirksam einzusetzen.
Bis jetzt hast du vorwiegend mit deinen Muskeln und
deinen inneren Empfindungen gearbeitet. In dieser Lekti-
on wirst du an eine andere Arbeit herangehen. Du lernst
hier mit den geistigen Bildern umzugehen. Denn durch
solche Bilder werden sowohl Verspannungen als auch Ent-
spannungen erzeugt.
Stelle dir z.B. vor, dass du dich in einem brennenden
Haus befindest. Du kannst leicht beobachten, wie sich bei
dieser Vorstellung deine Muskeln verspannen. Umgekehrt
stelle dir vor, dass das Feuer gelöscht wird und beobachte,

41
Verhaltensverbesserung

wie sich dabei deine äußeren Muskeln sofort entspannen


und du gleichzeitig eine Entspannung deiner inneren
Empfindungen erlebst.

Ruheerlebnis

1. Visualisierung der Kugel. Herabsinken auf die Höhe der Augen


2. Eintritt in den Kopf. Herabsinken bis zur Mitte der Brust
3. Ausdehnung der Empfindung
4. Ruheerlebnis
5. Zusammenziehen der Empfindung
6. Visualisierung. Aufstieg bis zum Kopf und Austritt der Kugel

42
Entspannungspraktiken

In dieser vierten Lektion wollen wir mit einem Bild ar-


beiten, das für unsere weitere Arbeit sehr nützlich ist: wir
werden das Ruheerlebnis ausführen.
Beginne damit, dir eine durchsichtige Kugel vorzustel-
len, die von oben zu dir herabsinkt, durch den Kopf in den
Körper eindringt und schließlich in der Mitte deiner Brust,
auf der Höhe des Herzens zur Ruhe kommt.
Einige Menschen können sich zu Beginn diese Kugel
nicht richtig vorstellen. Aber dies behindert die Arbeit
nicht sonderlich, da es hierbei vor allem darum geht, eine
angenehme Empfindung im Innern der Brust erleben zu
können, selbst ohne das Bild der Kugel zu Hilfe zu neh-
men. Mit der Zeit werden sie sich zweifellos dieses Bild der
Kugel, die von oben herabsinkt und im Herzen zur Ruhe
kommt, immer besser vorstellen können. Wenn sich die-
ses Bild einmal am entsprechenden Ort befindet, beginnt
man damit, es langsam auszudehnen, als ob es immer mehr
wachsen würde, bis es die Grenzen des ganzen Körpers er-
reicht. Wenn die Empfindung, die in der Mitte der Brust
begonnen hat, sich im ganzen Körper bis zu seiner Begren-
zung ausgedehnt hat, stellt sich eine warme Empfindung
von Ruhe und innerer Einheit ein, die man einfach auf
sich wirken lässt.
Es ist wichtig, dass diese Empfindung sich bis an die
Grenzen deines ganzen Körpers ausdehnt oder anders
gesagt, dass sie von der Mitte deiner Brust aus deinen ge-
samten Körper durchstrahlt, bis eine Art inneres Leuchten
erfahren wird. Wenn dieses mit den Grenzen des Körpers
übereinstimmt, so ist eine vollständige Entspannung
erreicht.

43
Verhaltensverbesserung

Ruheerlebnis

Während dieser Übung kann es vorkommen, dass die At-


mung tiefer wird und positive Gefühle begleitet, die sich
einstellen: Gefühle innerer Zufriedenheit oder inspirieren-
de Gefühle. Beachte deinen Atem jedoch nicht weiter, lasse
ihn einfach deine positiven Gefühle begleiten.
Bei anderen Gelegenheiten mögen Erinnerungen oder
sehr lebhafte Bilder aufsteigen. Doch auch hier sollte sich
dein Interesse mehr auf deine Registrierung zunehmender
Ruhe richten.
Wenn diese Registrierung sich ausgehend von der Brust
über den ganzen Körper bis an seine Grenzen ausgebreitet
hat, so hat man den wichtigsten Teil dieser Übung gemeis-
tert. Das Ruheerlebnis wird sich einstellen. Du kannst
dann einige Minuten in diesem interessanten Zustand
verweilen. Dann lass die Empfindung und das Bild lang-
sam bis zur Brust, in die Nähe des Herzens zurückweichen.
Dann bewege es von dort aus nach oben bis zum Kopf, um
dann die „Kugel“, die du am Anfang der Übung benutzt
hast, nach und nach verschwinden zu lassen.
Damit ist das Ruheerlebnis beendet.
Denke daran: Wenn du dich nicht richtig entspannt
hast, so wie es in den vorherigen Lektionen erklärt wurde,
kann sich dieses wichtige Ruheerlebnis nicht einstellen.

44
Entspannungspraktiken

Lektion 5

Freilaufende Bilder

Bevor du fortfährst, empfehlen wir, noch einmal die letzte


Lektion zu wiederholen.
Wir wollen uns nun mit freilaufenden Bildern beschäf-
tigen. Versetze dich zunächst in einen Zustand vollkom-
mener äußerer, innerer und geistiger Entspannung. Lass
nun die Bilder, die auftauchen, frei laufen.
Achte auf die Bilder, die in Verbindung zu deinem tägli-
chen Leben stehen: Bilder, die deine Beziehung zu anderen
Menschen zeigen, Bilder über deine Arbeit, Bilder deiner
Freunde und Verwandten. Achte darauf, wie einige dieser
Bilder in dir Unbehagen hervorrufen und eine besondere
Muskelverspannung in dir erzeugen. Merke dir diese Bil-
der und schreibe sie nach der Übung auf, ohne jedoch zu
versuchen, mit diesen Bildern zu arbeiten. Lass ihnen in
deinem Geist einfach freien Lauf und beobachte, welche
Bilder besondere Spannungen in dir erzeugen.
Wiederhole diese Übung mit freilaufenden Bildern
mehrfach. Wiederhole sie und schreibe jedes Mal deine
Beobachtungen auf, bis du begreifst, welche Bilder in dir
Spannungen erzeugen und in welchen Körperstellen sich
diese Spannungen am stärksten bemerkbar machen.

45
Verhaltensverbesserung

Muskuläre Verspannungen

Vorderansicht Rückansicht

Markiere in diesen Figuren die Stellen, an denen


du starke Verspannungen spürst.

46
Entspannungspraktiken

Lektion 6

Steuerung der Bilder

Gehe zunächst wie in der vorherigen Lektion vor. Entspan-


ne dich gut und lasse dann den Bildern freien Lauf. Achte
darauf, welche Bilder in dir eine besondere Muskelver-
spannung erzeugen. Wenn ein solches Bild ganz deutlich
erscheint, dann halte es im Geiste fest, schaue es gut an
und beobachte, wo sich die Muskeln in deinem Körper
verspannen. Entspanne die verspannten Muskeln, ohne
dabei das Bild zu vergessen oder in deiner Vorstellung los-
zulassen. Entspanne sie völlig, bis du dir diese Bilder erneut
vorstellen kannst, aber ohne dich dabei zu verspannen.
Übe das ein-, zwei-, dreimal. Lasse den Bildern freien
Lauf. Achte auf die Bilder, die besondere Verspannung
in dir erzeugen. Halte diese Bilder fest, die Verspannung
erzeugen, und beginne tief zu entspannen, bis dieselben
Bilder keine Verspannungen mehr in dir erzeugen.
Es ist wichtig, dass du diese Übung des Öfteren machst.
Wende sie wenn möglich im alltäglichen Leben an, oder
in jenen wenigen Minuten, die du jeden Abend vor dem
Schlafengehen dieser Arbeit widmest. In dieser sechsten
Lektion hast du gelernt, deine Bilder zu steuern.

47
Verhaltensverbesserung

Lektion 7

Umwandlung von alltäglichen spannungs-


erzeugenden Bildern
Nun wollen wir mit der Verwandlung der Bilder aus dem
täglichen Leben arbeiten. Diese Übung baut auf dem auf,
was wir bereits erklärt haben, nämlich auf der Tatsache,
dass die Bilder einerseits Muskelverspannungen erzeugen
können, diese jedoch auch zu entspannen vermögen.
Wenn du in den vorigen Lektionen mit deinen Bildern
richtig gearbeitet hast, so hast du diese Tatsache bereits
selbst erkannt. Du weißt jetzt aus eigener Erfahrung, wel-
che Situationen in deinem täglichen Leben eine besondere
Verspannung in dir erzeugen.
Bevor du mit den Übungen in dieser Lektion beginnst,
schreibe dir diese Situationen auf. Überprüfe zu diesem
Zweck alles, was du im täglichen Leben tust. Schau dir
deine Beziehungen zu anderen Menschen an: Beziehungen
in deiner Arbeit, zu Hause, im gesellschaftlichen Leben,
geschlechtliche Beziehungen usw.
Es gibt Menschen, die in dir besonderes Unbehagen
verursachen: sei es, weil du in der Situation des Vorgesetz-
ten oder des Untergebenen, eines Elternteils oder eines
Kindes, des Lehrers oder des Schülers usw. bist. In vielen
Situationen triffst du auf unterschiedliche Personen, einige
von ihnen erzeugen in dir diese bestimmte Verspannung
oder dieses bestimmte Unwohlsein.

48
Entspannungspraktiken

Vergegenwärtige dir geistig diese unangenehmen Situati-


onen noch einmal und schreibe dir jene auf, die dich am
meisten stören, damit du später diese unangenehmen Ge-
fühle verschwinden lassen kannst.
Wenn du diese Situationen gründlich überprüft hast,
entspanne dich tief und beginne dann damit, dir diese
Menschen und diese Situationen vorzustellen.
Halte die Bilder fest. Ein Bild, in dem du dich selbst
in einer schwierigen Situation siehst.... Dann entspanne
Schritt für Schritt die Muskeln. Doch füge nun etwas Ent-
scheidendes hinzu: füge neue Bilder hinzu, die die Situati-
on positiv verändern.
Du wirst erkennen, dass es gar nicht so schwer ist, sich
diese Person, die in dir Verspannung erzeugte, jetzt in ei-
ner neuen, ganz anderen Situation vorzustellen, in der eure
Beziehung zueinander erheblich besser ist. Achte mehr auf
die guten Eigenschaften dieser Person und versuche, die
ganze Situation in eine befriedigendere zu verwandeln.
Betrachte Situationen, die schwierig sind, und entde-
cke, dass selbst diesen Situationen noch einige positive
Aspekte abgewonnen werden können.
Suche die gute Seite der Dinge. Verändere deine Bilder
in positive, angenehme Bilder mit einer wohltuenden Aus-
strahlung. Wenn du fähig bist, die Situationen oder Bilder
jener Menschen in positive zu verwandeln und gleichzeitig
dabei deine Muskeln tief entspannen kannst, so wirst du
große Fortschritte machen. Wiederhole mehrmals diese
Übung der Umwandlung alltäglicher Bilder, bevor du zur
nächsten Lektion übergehst.

49
Verhaltensverbesserung

Lektion 8

Umwandlung von biographischen spannungs-


erzeugenden Bildern
In dieser Lektion handelt es sich um die Umwandlung
biographischer Bilder. Das heißt, um die Verwandlung
jener Bilder von Menschen, Objekten oder Situationen,
die mit entscheidenden Augenblicken deines Lebens
zusammenhängen.
Beginne damit, dir dein Leben von deiner frühen Kind-
heit an bis zum heutigen Tage in Erinnerung zu bringen.
Mach dich an diese Aufgabe. Nimm zur Hand, was
nötig ist, um deine Erinnerungen aufzuschreiben. Dann
fahre fort.
Erinnere dich zunächst an deine frühe Kindheit und
notiere vor allem die Situationen, die besonders schwierig
waren. Schreibe eine kurze Biographie, also eine kleine
Lebensgeschichte. Während des Schreibens wirst du dich
allmählich an immer mehr Situationen erinnern, einige
davon sehr schwierig und unangenehm, andere nicht. Be-
ginne mit deiner Kindheit, mache mit der Jugend weiter
bis zum Erwachsenwerden und bis zum heutigen Tag.
Du wirst bemerken, dass viele dieser Dinge, die im Lau-
fe des Lebens geschehen sind und nicht ganz verstanden
wurden, anscheinend der Vergangenheit angehören. Aber
dem ist ganz und gar nicht so. Die Bilder dieser schwieri-
gen Situationen wirken in diesem Augenblick, auch wenn
du das nicht bemerkst. Und manchmal, wenn dich etwas
an diese Situationen erinnert, tauchen in dir starke Ver-
spannungen auf.

50
Entspannungspraktiken

Diese Lektion ist verständlicherweise deshalb von beson-


derer Bedeutung, weil die Arbeit, die du jetzt in Angriff
nimmst, in die Tiefe geht.
Schreibe dein Leben auf, durchsuche dein Gedächtnis.
Suche nach den schwierigen Situationen und begreife
allmählich, dass diese Situationen eine außergewöhnliche
Quelle von Verspannungen und Beschwerden sind.
Wenn du deine Biografie abgeschlossen und diese Er-
eignisse aufgeschrieben hast, dann bist du in der Lage, mit
der eigentlichen Arbeit zu beginnen.
Jetzt, wo du diese schwierigen Situationen deines Le-
bens kennst, fange mit einer tiefen Entspannung an und
rufe dir dann diese schwierigen Situationen ins Gedächt-
nis, um sie in günstige zu verwandeln, so wie wir es in der
vorherigen Lektion erläutert haben.
Verwandle sie in angenehme, fröhliche Bilder. Wandle
jene schwierigen Lebenssituationen in positive um, wäh-
rend du gleichzeitig deine Muskeln vollständig entspannst.
Du weißt jetzt schon, wie das geht, und kannst es
machen. Ein-, zwei-, dreimal, oder mehrmals, falls nötig.
Mach solange damit weiter, bis all jene schwierigen Le-
benssituationen ihre negative Ladung verlieren und sich in
positive Bilder verändert haben. Auf diese Weise kann eine
tiefe und dauernde Entspannung erreicht werden.

51
Verhaltensverbesserung

Lektion 9

Umfassende Entspannungstechnik

Diese Technik sollte man sich richtig und tief einprägen,


so dass sie die Einzige ist, die man im täglichen Leben
anwendet.
Denke daran: diese Technik wird deine einzige Beglei-
terin in den schwierigen Situationen deines Lebens sein.
Wende sie deshalb erst dann an, wenn du ganz sicher bist,
dass du alles, was wir in den vorangegangenen Lektionen
erklärt haben, gut meisterst.
Denn wenn dies nicht der Fall ist, wirst du dieses Ver-
fahren nicht automatisch anwenden können und somit
auch nicht die gewünschten Resultate erreichen. Deshalb
ist es empfehlenswert, an dieser Stelle erst einmal innezu-
halten und alles, was du bisher gemacht hast, noch einmal
zu überprüfen. Beobachte dabei, wo du noch Schwierig-
keiten hast und vervollkommne die Arbeit durch wieder-
holte Übung.
Erst wenn du die vorangegangenen Lektionen voll-
kommen meisterst, solltest du dich anschicken, dir diese
umfassende Entspannungstechnik anzueignen.
Erinnerst du dich an die vierte Lektion, in der das Ru-
heerlebnis erklärt wurde? Darum handelt es sich, gehe aber
so vor, wie wir es des Weiteren erklären.
Presse deine Faust zusammen, spanne die Muskeln dei-
ner Faust an; rufe das Ruheerlebnis wach; dann löse plötz-
lich die Spannung in deiner Hand. Wenn du sie lockerst,
sollte sich das Ruherlebnis vollständig einstellen.

52
Entspannungspraktiken

Verstehe gut, was hier gemeint ist. Du spannst deine Faust


an (immer dieselbe Faust, während du das Ruhe­erlebnis
wachrufst), und dann löst du ganz plötzlich die Spannung
in deiner Hand. Beim Lösen muss das Ruhe­erlebnis voll-
ständig eintreten.
Um das zu erreichen, musst du diese Übung oft wieder-
holen, mit dem Ziel, dass das Ruheerlebnis mit dieser Ges-
te assoziiert wird. Du spannst an, während du das Erlebnis
wachrufst, dann entspannst du plötzlich und erzeugst die
innere Registrierung von Entspannung.
Übe mehrmals. Wende die Übung im täglichen Leben
erst dann an, wenn du sie dir richtig eingeprägt hast und
sie immer schneller wiederholen kannst. Setze sie nicht
unnötig ein, sondern nur in wirklich schwierigen Situatio-
nen, in denen man schnell die Ruhe verliert.
Beobachte, dass alle schwierigen Situationen Anspan-
nung erzeugen. Nutze also diese Anspannung, um deine
Hand zusammenzupressen und so die Spannung der Situ-
ation auf deine Faust zu übertragen. Dann lass los, lockere,
und die vollständige Entspannung wird sich einstellen.
So wirst du erreichen, dass du die übermäßige Anspan-
nung automatisch umleitest und dich dabei vollständig
entspannst.
Erinnere dich an das Ruheerlebnis. Erinnere dich,
dass du dabei das Bild der durchsichtigen Kugel zu Hilfe
genommen hast. Indem du dich auf dieses Bild gestützt
hattest, erreichtest du eine tiefe Entspannung, wobei du
das Bild vom Zentrum deiner Brust ausgehend zum Äuße-
ren hin ausgedehnt hast, bis es die Körpergrenzen lichtvoll
berührte.

53
Verhaltensverbesserung

Wenn du diese Ausdehnung des Bildes bis zu den Kör-


pergrenzen registriert hast, dann hast du dieses Entspan-
nungserlebnis, dieses tiefe Ruheerlebnis erreicht.
Hier ist es nicht mehr unbedingt erforderlich, dass du
dir das Bild der Kugel vorstellst, da du ja bereits genug
damit gearbeitet hast. Was du aber erreichen musst, ist die
sich vom Zentrum der Brust zur Begrenzung des Körpers
ausbreitende Empfindung, wobei du eine tiefe Entspan-
nung erreichst, die sich vom Inneren bis zu den äußersten
Muskeln ausbreitet.
Wenn du also sofort deine Hand zur Faust anspannst,
wann immer sich eine Spannung ergibt, und wenn du im
Zentrum deiner Brust das Ruheerlebnis wachrufst, dann
wird das Lösen der Handmuskeln auch zu einer vollstän-
digen Entspannung der Brust führen. Das heißt, die Ent-
spannung wird vom Zentrum deiner Brust zur Begrenzung
deines Körpers weitergehen, und so wirst du eine vollstän-
dige Entspannung erreichen.
So einfach es ist, diesen Mechanismus zu verstehen, so
schwierig ist es, ihn wirksam einsetzen zu können. Deshalb
muss er sehr oft und in verschiedenen Situationen wieder-
holt werden, bis er sich dauerhaft eingeprägt hat.

54
Entspannungspraktiken

Überprüfung:

1. Übe schnell in fortlaufender Reihenfolge die äußere,


innere und geistige Entspannung. Dann wiederhole den
Vorgang, indem du nur an den Schwierigkeiten arbeitest,
auf die du getroffen bist.
2. Übe schnell das Ruheerlebnis und dann arbeite aus-
schließlich an den Schwierigkeiten.
3. Übe das Ruheerlebnis in alltäglichen Situationen (wo-
bei du immer von einfacheren zu komplexeren Situationen
fortschreitest).
4. Überprüfe deine Arbeit mit spannungserzeugenden
alltäglichen Bildern, wobei du mit den angetroffenen
Schwierigkeiten arbeitest.
5. Überprüfe deine Arbeit mit den spannungserzeugen-
den biografischen Bildern wobei du mit den angetroffenen
Schwierigkeiten arbeitest.
6. Übe die umfassende Entspannungstechnik, indem du
mit einfachen alltäglichen (weniger spannungsreichen) Si-
tuationen beginnst und dann zu komplexeren (spannungs-
reicheren) Situationen übergehst.

55
Verhaltensverbesserung

56
Psychophysische Praktiken

Einführung und Empfehlungen

Lektion 1 Körperhaltungen und geistige Zustände.

Lektion 2 Tätigkeit der Zentren.


Menschliche Typen.
Vegetatives Zentrum

Lektion 3 Die Zentren, ihre Teile und Unter-Teile.


Motorisches Zentrum

Lektion 4 Merkmale der Funktionsweise


der Zentren.
Emotionales Zentrum

Lektion 5 Intellektuelles Zentrum

Lektion 6 Verbesserung der Aufmerksamkeit

Überprüfung

57
Verhaltensverbesserung

58
Psychophysische Praktiken

Einführung

Die psychophysische Gymnastik führt zu einer Steigerung


der Selbstkontrolle im alltäglichen Leben. Es ist ein System
von Praktiken zur Selbstkontrolle und zur ganzheitlichen
Entwicklung. Sie zielt darauf ab, das Gleichgewicht zwi-
schen Geist und Körper wiederherzustellen.
Wenn man von Gesundheit und Stärke spricht, so
spricht man eigentlich von Gleichgewicht. Um dieses
Gleichgewicht zu erreichen, gibt es keinen besseren Weg,
als Körper und Geist gleichzeitig zu trainieren.
Diese Arbeiten zielen nicht darauf ab, eine stärkere
Muskelbildung, eine Vergrößerung der Widerstandskraft
oder der Körperbeweglichkeit zu fördern, wie es allgemein
im Sport und in der Gymnastik üblich ist. Ebenso wenig
handelt es sich hier um Techniken zur Verbesserung der
Körperform.
Diese Übungen erlauben es der übenden Person, mittels
eines Testsystems, ihre schwächsten Punkte der Selbstkon-
trolle zu verstehen. Auch wenn man alle vorgeschlagenen
Techniken machen sollte, wird man diejenigen herausgrei-
fen, die bei ihrer Ausführung am meisten Schwierigkeiten
bereiten, solange bis man sie meistert. Das ist der wichtigs-
te Punkt.

59
Verhaltensverbesserung

Empfehlungen

1. Mache all diese Übungen gemeinsam mit anderen


Personen.
2. Vervollkommne die Techniken, die du am schwierigs-
ten findest, und widme dich jeder Einzelnen von ihnen,
wann immer sich im täglichen Leben Gelegenheit dazu
bietet. Sobald du die Übungen kennst, wirst du diese Mo-
mente selbst entdecken.
3. Führe ein Notizbuch mit allen Beobachtungen, die du
von Lektion zu Lektion machst.

60
Psychophysische Praktiken

Lektion 1

Körperhaltungen und geistige Zustände

Falls du jemals den Unterschied in der Körperhaltung


eines niedergeschlagenen und in der eines frohen Men-
schen beobachtet hast, wirst du die Verbindung zwischen
Körperhaltung und geistigem Zustand leicht verstehen.
Wichtig dabei ist die Tatsache, dass genauso wie ein geisti-
ger Zustand eine bestimmte körperliche Haltung bedingt,
auch die Körperhaltung umgekehrt einen bestimmten
geistigen Zustand hervorruft. Dieses Phänomen der Wech-
selwirkung haben wir bereits bei der Entspannung von
einem anderen Gesichtspunkt aus untersucht.
Wir unterscheiden zwei Arten von Körperhaltungen:

1. Die statischen (im Allgemeinen): Stehen, Sitzen,


Liegen.
2. Die dynamischen (im Allgemeinen): Vorwärtsgehen,
Rückwärtsgehen, sich beugen, Wechsel der Gangart und
Wechsel von einer Bewegung in die andere.

Reihe 1: Körperstatik

A) Stehe wie gewöhnlich. Stelle dir in deinem Körper eine


senkrechte Linie vor, die vom Kopf bis zum Fußboden
führt. Stelle fest, ob dein Kopf im Vergleich zu dieser gera-
den Linie eine schlechte Haltung zeigt, ob deine Brust ein-
gesunken ist, dein Bauch sich hervorwölbt, oder ob du den

61
Verhaltensverbesserung

Unterleib einziehst und so das Gesäß nach hinten drückst.


Versuche nicht, die falschen Haltungen zu korrigieren;
nimm sie einfach wahr und merke dir die Einzelheiten gut.
Dann zeichne die Kontur deines Körpers von vorne
und in Seitenansicht, so wie du ihn wahrgenommen hast.
Bezeichne alle Stellen, die eine fehlerhafte Haltung zeigen
und erkenne daran, was du verändern musst. Und jetzt
stehe wieder auf und korrigiere die Fehler. Du wirst sehen,
dass das nicht einfach ist, da du dir während vieler Jahre
falsche Gewohnheiten in deinen Haltungen angeeignet
hast.
Wenn du den Eindruck hast, dass deine Haltung nun
richtig ist, stelle dich an die Wand und versuche dabei, dei-
ne Fersen und deinen Rücken gegen die Wand zu drücken.
Beobachte und korrigiere weiter.

B) Setze dich auf einen Stuhl, so wie du es gewöhnlich


tust. Stelle dir wiederum die Linie vor und beobachte dei-
ne Haltungsfehler. Jetzt korrigiere.
Schließlich setze dich so, dass du mit dem Gesäß
und dem Rückgrat die Rückenlehne spürst. Wiederhole
mehrmals.

C) Lege dich hin. Lockere die Muskeln. Beobachte, wel-


che Teile deines Körpers eine falsche Haltung zeigen oder
starke Spannungen verursachen. Beobachte besonders
aufmerksam die Haltung deines Kopfes und Rückens.
Wiederhole mehrmals.

62
Psychophysische Praktiken

Reihe 2: Körperdynamik

A) Gehe wie gewöhnlich. Beobachte die Haltungsfehler.


Gehe weiter und versuche dabei die korrekte Haltung ein-
zuhalten, die du in der vorangegangenen Übung festgelegt
hast.

B) Gehe, setze dich hin, stehe auf und laufe wieder. Mach
all das wie gewöhnlich. Beobachte alle deine Haltungsfeh-
ler. Wiederhole alle Bewegungen, aber diesmal mit den
jeweiligen Korrekturen.

C) Öffne und schließe eine Tür, wobei du die richtige Hal-


tung beibehältst. Beobachte, ob du dabei aus der korrekten
Haltung „rausfällst“. Wiederhole dies mehrmals.

D) Gehe im Raum umher und bücke dich, um einen Ge-


genstand vom Boden aufzunehmen. Gehe weiter. Bücke
dich wieder, um den Gegenstand auf den Boden zu legen.
Beobachte, ob du dabei aus der korrekten Haltung „raus-
fällst“. Wiederhole mehrmals.

E) Gehe umher und grüße dabei die anderen Teilnehmer.


Unterhalte dich kurz mit ihnen. Gehe wieder umher. Be-
obachte, in welchen Augenblicken du aus den korrekten
Haltungen „rausfällst“. Wiederhole mehrmals.

Beginne die Lektion von neuem und wiederhole die


Übungen aus den Reihen 1 und 2. Notiere deine Beob-
achtungen. Komme mit den anderen Teilnehmern dahin
überein, euch in den kommenden Lektionen gegenseitig zu
korrigieren, wenn schlechte Haltungen bemerkt werden.

63
Verhaltensverbesserung

Wichtig: Nimm dir vor, deine Schlussfolgerungen bis


zum nächsten Treffen im täglichen Leben anzuwenden.

64
Psychophysische Praktiken

Lektion 2

Tätigkeit der Zentren. Menschliche Typen.


Vegetatives Zentrum.
Wenn der Gemütszustand eines Menschen sich ändert, hat
das viele Änderungen in seinem Inneren zur Folge, unter
anderem ändert sich die Atmung. Wenn jemand gefühls-
mäßig stark erregt ist, beginnt sein Herz schneller zu schla-
gen, obere Atmung setzt ein, er spricht stockend und auch
die Tonhöhe kann sich ändern.
Genauso wie gewisse innere Zustände in Verbindung
zu bestimmten Körperhaltungen stehen, so stehen sie auch
in Verbindung zu bestimmten Atmungsformen.
Einige Personen, die diese Zusammenhänge kennen,
können ihre negativen Gefühle allein schon dadurch än-
dern, dass sie eine angemessene Körperhaltung einnehmen
oder die Atmungsweise verändern. Man darf aber nicht
glauben, dass diese Veränderungen augenblicklich erreicht
werden. All das geschieht mit einer Verzögerung von eini-
gen Minuten… Wir wollen das genauer erklären.
Wenn ich mich aus irgendeinem Grunde in einem
schlechten Gemütszustand befinde, führt das dazu, dass
meine Gedanken verwirrt werden und meine Körperhal-
tung fehlerhaft sowie meine Atmung mangelhaft wird. Ich
kann aufstehen und beginnen herumzugehen, indem ich
die Haltung gemäß dem, was ich jetzt schon weiß, kor-
rigiere. Dennoch wird mein negativer Zustand noch eine
Weile lang andauern. Behalte ich jedoch die richtige Kör-
perhaltung bei, so kann ich feststellen, dass sich mein Ge-
mütszustand nach einigen Minuten zu verbessern beginnt.

65
Verhaltensverbesserung

Dasselbe wird geschehen, wenn ich meine Atmungs-


weise kontrolliere. Vorher muss ich aber meine übliche
Atmungsweise beobachten und lernen, diese zu verändern.
Später wird man verstehen, dass sich die intellektuellen,
emotionalen und motorischen Aktivitäten ausgeglichen
entfalten, indem man die korrekten Körperhaltungen
einnimmt und ein gutes Atmungssystem beibehält. Das
ist zweifellos ein großes Hilfsmittel, benötigt aber einige
Erklärungen. Allgemein sagen wir, dass die menschlichen
Aktivitäten von Nerven- und Drüsenzentren reguliert wer-
den. So unterscheiden wir:

A) Intellektuelles Zentrum: Es reguliert die Ausarbeitung


von gedachten Antworten, die Beziehung zwischen ver-
schiedenen Reizen, die Verknüpfung von Daten und den
Lernprozess.

B) Emotionales Zentrum: Es reguliert die Gefühle und


die Emotionen als Antworten auf innere und äußere
Phänomene.

C) Motorisches Zentrum: Es reguliert die Beweglichkeit


eines Individuums und alle körperlichen Bewegungen.

D) Vegetatives Zentrum: Es reguliert die innere Aktivität


des Körpers.

Die Zentren arbeiten mit unterschiedlicher Geschwin-


digkeit: das intellektuelle Zentrum ist das langsamste,
während das vegetative das schnellste ist. Im Allgemeinen

66
Psychophysische Praktiken

beeinflusst eine vegetative Veränderung die Funktionsweise


der anderen Zentren, welche auf diese Veränderung etwas
langsamer antworten werden.
Indem man auf das motorische Zentrum wirkt, können
sich auch die emotionalen und die intellektuellen Aktivi-
täten verändern.
Wenn wir von Korrektur der Körperhaltung sprechen,
stützen wir uns auf diese Tatsache. Wenn wir andererseits
von angemessenen Atmungsformen sprechen, stützen wir
uns auf das vegetative Zentrum, damit dieses die Aktivität
der anderen Zentren verändert.
Jeder Mensch neigt dazu, mit einem Zentrum stärker
zu arbeiten als mit den anderen: Deshalb kann man von
intellektuellen, emotionalen, motorischen und vegetativen
(oder instinktiven) menschlichen Typen sprechen.
Wir wollen mit den vorliegenden Arbeiten erreichen,
dass alle Zentren trainiert werden. Zunächst beginnen wir
mit dem vegetativen Zentrum, und wir werden mit jeder
Lektion die anderen Zentren in Bewegung setzen. Jeder
Teilnehmer wird dabei erkennen, welche Zentren er am
wenigsten zu kontrollieren vermag, und gerade mit diesen
wird er sich besonders ausdauernd beschäftigen müssen.

Reihe 3: Vegetatives Zentrum. Vollständige


Atmung.
Setze dich korrekt auf einen Stuhl. Schließe die Augen-
lider und entspanne deine Muskeln so gut du kannst.
Atme die Luft in deinen Lungen vollständig aus, aber ohne
Anstrengung. Dann strecke den Bauch vor, dehne ihn aus
und beginne, in dieser Haltung Luft einzuatmen. Versuche

67
Verhaltensverbesserung

dabei, in dir die Empfindung zu erzeugen, dass du „deinen


Bauch füllst”. Halte den Atem einige Momente lang an
und atme dann aus. Diesen Teil der Übung nennen wir
„untere Atmung”.
Nachdem du die vorhergehende Übung beherrschst,
beginne mit der unteren Atmung im Bauch, ziehe den
Bauch ein – wobei du die Empfindung erhältst, dass die
Brust sich mit Luft füllt (diese Empfindung verstärkt sich,
wenn man den Brustkorb ausdehnt und die Schultern
nach hinten streckt). Halte die Luft in dieser Haltung ei-
nige Augenblicke an und atme dann aus. Diesen Teil der
Übung nennen wir „mittlere Atmung”.
Schließlich vom Bauch zur Brust und von dort zum
oberen Teil der Brust zur Kehle hin (das kann verstärkt
werden, indem man die Schultern hängen lässt und den
Hals leicht streckt). Diesen Teil der Übung nennen wir
„obere Atmung”.
Nun durchlaufe nochmals den gesamten Atemzyklus
– untere, mittlere und obere Atmung, und zwar alles in
demselben Atemzug. Atme am Ende der Übung die ver-
brauchte Luft aus.
Zusammenfassung: Setze dich korrekt hin, schließe
die Augen, entspanne die Muskeln, dann gehe in dieser
Reihenfolge vor: Luft ausatmen; Ausdehnung des Bauchs;
untere Atmung; Luft aufsteigen lassen bis zur Mitte der
Brust; aufsteigen lassen zum oberen Teil; ausatmen. Zu
Beginn wirst du die verschiedenen Teile der Übung noch
nicht richtig „fließend“ miteinander verbinden können,
doch nach mehrmaliger Wiederholung wirst du einen har-
monischen und kontinuierlichen Rhythmus von ein- und
ausatmen durch die drei Ebenen der Lungen erreichen,

68
Psychophysische Praktiken

die zum Schluss der Übung zusammenhängend gearbeitet


haben. Achte darauf, dass die vollständige Atmung immer
sanfter wird, bis sie ohne jede Anstrengung vor sich geht.
Wichtig: Übe mehrmals die vollständige Atmung. No-
tiere deine Schwierigkeiten und nimm dir vor, die Übung
zwei- oder dreimal am Tag zu machen, bis zur nächsten
Lektion. Gemäß den erzielten Resultaten kannst du diese
Atmungsform zukünftig als tägliche Übung anwenden,
oder aber immer dann, wenn du deinen körperlichen und
geistigen Zustand ins Gleichgewicht bringen willst.

69
Verhaltensverbesserung

Lektion 3

Die Zentren, ihre Teile und Unter-Teile.


Motorisches Zentrum
Betrachten wir, wie die verschiedenen „Teile” deines mo-
torischen Zentrums funktionieren. Zuvor aber wollen wir
uns ein allgemeines Schema der Zentren anschauen, damit
du unser Übungssystem besser verstehst. Wir haben das
motorische Zentrum bereits allgemein behandelt, indem
wir die statischen und dynamischen Körperhaltungen kor-
rigiert haben (Übungsreihe 1 und 2).
Motorisches Zentrum
Intellektueller Emotionaler Motorischer
Teil Teil Teil

Intellektuelles
Intellektuelle Gewohn-
Zentrum
Abstraktionen heiten (Interessen, Bilder
Neugierde)

Emotionales Emotionale
Zentrum Intuitionen Gewohnheiten Leidenschaften

Motorisches Bewegungs-
Zentrum Bewegungssorgfalt gewohnheiten Erworbene Reflexe

Vegetatives Organische Vegetative Nicht Erworbene


Zentrum Tendenzen Gewohnheiten Reflexe

Mit der vollständigen Atmung haben wir auch schon


den „vegetativen Tonus“ im Allgemeinen bearbeitet. Zu
diesem Zentrum werden wir keine weiteren Übungen
machen, da sein System willentlich nicht beeinflussbar ist.
Zu diesen willentlich nicht beeinflussbaren Vorgängen im

70
Psychophysische Praktiken

vegetativen Zentrum zählen wir den Stoffwechsel, Rege-


nerationsvorgänge, die Abneigung gegenüber bestimmten
Substanzen, Wachstum usw.
Um das Schema der Zentren zu vervollständigen, wei-
sen wir darauf hin, dass ebenso wie jedes Zentrum „Teile”
hat, auch jeder dieser Teile sich in „Unter-Teile” gliedert.
Wir geben hier nur ein Beispiel, und dazu nehmen wir das
intellektuelle Zentrum.
Intellektuelles Zentrum
Intellektueller Emotionaler Motorischer
Teil Teil Teil

Auswahl der Auswahl der Auswahl der


intellektuellen Selektoren
abstrakten Daten Bilder
Interessen

Ausdauer im Beibehalten der Beibehalten


intellektuellen Adhäsoren
Denken der Bilder
Interessen
Energie im Energie in den Stärke
intellektuellen Energiespender
Denken der Bilder
Interessen

Wenn wir uns zum Beispiel ein Haus einbilden, und


das Bild des Hauses schwach ist (keinen „Glanz“ besitzt),
so ist zum Beispiel der Energiespender des motorischen
Teils des intellektuellen Zentrums zu wenig geübt.
Wenn andererseits das Bild zwar Stärke („Glanz“)
besitzt, aber abwechselnd erscheint und verschwindet, so
sagen wir, dass die Aufrechterhaltung, die Beibehaltung
des zu fixierenden Bildes ungenügend ist. In diesem Falle
benötigt der Adhäsor des motorischen Teils des intellektu-
ellen Zentrums mehr Training.

71
Verhaltensverbesserung

Wenn schließlich anstelle des Bildes des Hauses, das man


wachrufen möchte, ein anderes Bild erscheint oder das
Haus mit einem anderen Objekt verwechselt wird, dann
arbeitet der Selektor des motorischen Teils des intellektuel-
len Zentrums ungenügend.
Um diese Fehler zu korrigieren (die in Wirklichkeit
durch mangelnde Übung entstehen), solltest du regelmä-
ßig dieselbe Übung wiederholen, die als Test gedient hat.
Ziel dabei sollte sein, diesen Teil oder Unter-Teil mehr und
mehr zu trainieren, bis er neue Gewohnheiten annimmt.
Dieses Schema der Unter-Teile kann für alle Zentren
angewandt werden, wenn man sie den jeweiligen Fällen
anpasst. Die hier vorgeschlagenen Übungen beziehen sich
jedoch ausschließlich auf die Ebene der Teile der Zentren.

Reihe 4: Motorischer Teil des motorischen


Zentrums
A) Jemand wirft aus kurzer Entfernung (und mit wenig
Kraft) einen weichen Ball auf dich zu. Weiche aus. Wie-
derhole dies mehrmals und lass dir den Ball dabei immer
schneller zuwerfen. Achte darauf, wie schnell und genau
du dich beim Ausweichen zu bewegen vermagst. Notiere,
wie gut du deine Reflexe beherrschst.

B) Setz dich auf den Boden. Bitte einen anderen Teilneh-


mer, der hinter dir steht, dass er in einem unvorhergese-
henen Augenblick laut in die Hände klatscht. Reagiere
sofort auf das Geräusch, indem du so schnell wie mög-
lich aufstehst. Wiederhole die Übung und notiere deine
Reaktionsgeschwindigkeit.

72
Psychophysische Praktiken

C) Gehe in Starthaltung, so als ob du dich zu einem Wett-


lauf vorbereiten würdest (nach vorne gebeugt, ein Bein
eingezogen, das andere gerade nach hinten ausgestreckt,
die Hände auf den Boden gestützt). Sobald du das Hände-
klatschen hörst, springe so schnell wie möglich auf. Laufe
jedoch noch nicht los. Wiederhole den Vorgang und beob-
achte deine Reaktionsgeschwindigkeit.

D) Steh auf und schließ die Augen. Stelle den linken Fuß
vor den rechten Fuß, so dass die Ferse des linken Fußes die
Fußspitze des rechten Fußes berührt. Dann gehe vorwärts,
indem du den rechten Fuß vor den linken stellst usw.
Versuche dabei nicht mit den Armen dein Gleichgewicht
erhalten zu wollen. Wenn du dich ohne aus dem Gleichge-
wicht zu geraten in dieser Gangart fortbewegen kannst, so
erhöhe die Geschwindigkeit. Du solltest dabei fähig sein,
mindestens 2 Meter weit zu gehen, ohne dabei die Augen
zu öffnen. Schreibe dir auf, welche Schwierigkeiten du hat-
test, um das Gleichgewicht beizubehalten.

Reihe 5: Emotionaler Teil des motorischen


Zentrums
Wie wir schon gesehen haben, nehmen Menschen während
ihres Lebens häufig schlechte Gewohnheiten hinsichtlich
ihrer statischen und dynamischen Körperhaltung an. Wir
können diese schlechten Gewohnheiten jedoch in zufrie-
denstellender Weise überwinden, wenn wir die Übungen
zur Verbesserung und Beibehaltung der neuen Haltung
wiederholen.

73
Verhaltensverbesserung

Wir werden jetzt sehen, wie die Haltungs-und Bewegungs-


gewohnheiten mit dem Ziel bearbeitet werden können,
den Bewegungen eine größere Gelöstheit, Kontrolle und
Anmut zu verleihen. Diese Übungen bezeichnen wir als
„motorischen Widerspruch”.

A) Setz dich wie gewöhnlich hin. Und nun nimm ganz


verschiedene Haltungen ein, die sich alle von deinen ge-
wöhnlichen Sitzgewohnheiten unterscheiden. Verändere
diese Haltungen mehrmals, ohne dass sich irgendeine
wiederholt. Es kann dabei hilfreich sein, andere Menschen
nachzuahmen. Notiere deine Schwierigkeiten und perfek-
tioniere die Übung.

B) Stehe auf und gehe so, wie du gewöhnlich gehst. Dann


gehe auf eine ganz ungewöhnliche Art und Weise. Benutze
als Hilfsmittel die Nachahmung eines alten Mannes, ei-
nes Seemannes usw. Beobachte die Schwierigkeiten beim
Durchbrechen deiner Bewegungsgewohnheiten. Notiere
und perfektioniere durch Wiederholung.

C) 1. Setz dich an einen Tisch mit geschlossenen Fäusten


und ausgestreckten Zeigefingern. Die Finger liegen auf
dem Tischrand.
2. Bewege den linken Zeigefinger senkrecht auf und ab
und klopfe dabei auf die Tischplatte.
3. Bewege dabei gleichzeitig den rechten Zeigefinger hori-
zontal von links nach rechts und umgekehrt.
4. Mache nun beide Bewegungen gleichzeitig, aber in un-
gleichem Rhythmus. Beschleunige die Geschwindigkeit
und erschwere die Übung weiterhin durch doppelte oder
dreifache Klopfschläge usw.

74
Psychophysische Praktiken

D) Setz dich hin und lege deine Hände auf die Knie. Fasse
gleichzeitig mit der linken Hand zur Nase und mit der
rechten zum linken Ohr. Dann lege beide Hände wieder
auf die Knie. Dann berührt die rechte Hand die Nase,
während die linke Hand gleichzeitig ans rechte Ohr fasst
usw. Wiederhole diese Übungen und beschleunige dabei
die Bewegungen.

E) Stehe auf, lege deine rechte Hand auf den Bauch und
deine linke auf den Kopf. Während du die rechte Hand
im Uhrzeigersinn im Kreis bewegst, bewege die linke
Hand über dem Kopf in senkrechter Richtung auf und ab.
Mache nun mit der rechten Hand Kreise in umgekehrter
Richtung, gegen den Uhrzeigersinn, während du die linke
Hand weiterhin auf und ab bewegst. Dann vertausche die
Hände und mache die gleiche Übung – die linke Hand
kreist auf dem Magen und die rechte bewegt sich über dem
Kopf auf und ab. Wiederhole die Übung schließlich noch-
mals und bewege dabei deinen Kopf von links nach rechts
und umgekehrt.

F) Stehe auf einem Bein und mache mit dem anderen krei-
sende Bewegungen in die Luft, während du beide Arme bis
zur Schulterhöhe ausgestreckt hochhebst und sie wieder
nach unten fallen lässt. In Abänderung der Übung hebe
die Arme wieder in Schulterhöhe, aber strecke sie diesmal
nach vorne aus. Wiederhole die Übung und wechsle das
Bein.

G) Wiederhole die vorhergehende Übung und füge krei-


sende Kopfbewegungen hinzu. Versuche dabei das Gleich-
gewicht zu halten. Wenn du diese Übung beherrschst,

75
Verhaltensverbesserung

wiederhole sie nochmals mit geschlossenen Augen. Notiere


alle Schwierigkeiten, die du an dir während der Übun-
gen dieser Reihe feststellen konntest. Wiederhole und
korrigiere.

Reihe 6: Intellektueller Teil des motorischen


Zentrums
Diese Reihe erfordert anfangs sehr viel Aufmerksamkeit
und sehr viel „Sorgfalt“ in den Bewegungen. Sie hat die
bemerkenswerte Eigenschaft, die Harmonie und den
Rhythmus in den Fortbewegungen zu verbessern.

A) Stehe auf und balanciere ein Buch auf dem Kopf. Gehe
nun langsam umher und behalte dabei die zuvor bearbei-
tete korrekte Körperhaltung bei.

B) Gehe umher, setze dich hin, immer mit dem Buch auf
dem Kopf. Stehe wieder auf und versuche dabei deine Be-
wegungen anmutig und schnell auszuführen.

C) Stehe auf und drehe dich um dich selbst – immer mit


dem Buch auf dem Kopf. Gehe vorwärts und rückwärts,
dann ein paar Schritte nach rechts und dann nach links.
Erhöhe die Geschwindigkeit deiner Bewegungen. Wieder-
hole die Reihe mehrmals. Mach Notizen.

Wichtig: In dieser Lektion gibt es drei Reihen mit


jeweils mehreren Übungen. Mach in deinem Notizbuch
eine Synthese deiner Beobachtungen zu jeder Reihe und

76
Psychophysische Praktiken

lege dabei besonderes Gewicht auf die Übungen, die dir


am schwersten gefallen sind. Nimm dir vor, diese bis zur
nächsten Lektion zu üben.

77
Verhaltensverbesserung

Lektion 4

Merkmale der Funktionsweise der Zentren.


Emotionales Zentrum
In den vorhergehenden Lektionen haben wir schon einige
allgemeine Merkmale der Zentren betrachtet. Nun wenden
wir uns einigen anderen zu, sowie Fragen, die vor allem die
Wirkungsweise der Zentren untereinander betreffen.
Die Reaktionsgeschwindigkeit der Zentren nimmt in
aufsteigender Richtung ab. Die Geschwindigkeit wird glei-
chermaßen umso geringer, je mehr Aufmerksamkeit vor-
handen ist. Wir verstehen unter „aufsteigender Richtung”
die Folge vom vegetativen Zentrum (dem schnellsten) zum
intellektuellen. Dasselbe gilt auch für die Teile der Zent-
ren: die Geschwindigkeit nimmt vom motorischen (dem
schnellsten) zum intellektuellen Teil hin ab.
In diesem Schema ist der intellektuelle Teil des intel-
lektuellen Zentrums der langsamste (und benötigt am
meisten Aufmerksamkeit), während der motorische Teil
des vegetativen Zentrums der schnellste ist.
Aus dem bisher Gesagten folgt, dass sich ein Gefühl
verlangsamt, wenn man intellektuelle Aufmerksamkeit
darauf richtet, und dasselbe geschieht, wenn man dies mit
einer Körperbewegung macht. In der Praxis ist es nicht so
einfach, da es – wie wir später noch sehen werden – die
„unteren” Zentren sind, welche die „höheren” steuern, und
nicht umgekehrt. In diesem Sinn ist es leichter, Emotionen
durch motorische Veränderungen zu beeinflussen (das mo-
torische Zentrum liegt unter dem emotionalen), als dieses

78
Psychophysische Praktiken

vom Intellekt her zu tun. Es kommt auch vor, dass ne-


gative Emotionen die Arbeit des intellektuellen Zentrums
blockieren, während positive es anregen.
Schauen wir uns ein Beispiel für die Geschwindig-
keiten der Zentren an. Eine Person überquert die Straße
unachtsam. In diesem Augenblick fährt ein Auto mit
großer Geschwindigkeit heran, bremst scharf und hält nur
wenige Zentimeter von ihr entfernt an. Die Person springt
sofort zur Seite und erlebt dabei Muskelanspannungen, die
an der Seite des Körpers, die der Gefahr ausgesetzt war,
am stärksten sind. Sie registriert auch eine Spannung im
Solarplexus.
Danach fängt ihr Herz stark zu klopfen an und die At-
mung wird gestört. Es läuft ihr kalt den Rücken hinunter
und ihre Beine zittern (Reste der motorischen und emoti-
onalen Störungen aufgrund der vorhergehenden Ausschüt-
tung von Adrenalin in die Blutbahn).
Erst am Ende dieser Reaktionskette, die mit dem
Sprung zur Seite anfing (motorische Antwort), spürt sie
das Gefühl von Angst (emotionale Antwort) und erkennt
in einer schnellen, dichtgedrängten und verworrenen Bil-
derfolge, was ihr alles hätte zustoßen können (intellektuel-
le Antwort, im motorischen Teil des Zentrums).
Der ganze Prozess endet schließlich damit, dass sie da-
rüber nachdenkt, was sie nun in der gegebenen Situation
machen soll (ihre Reaktion verlagert sich vom motorischen
auf den emotionalen und intellektuellen Teil des intellek-
tuellen Zentrums). Und damit beginnt eine ganz neue
Reaktionskette, oder aber die Person ist total gelähmt, wie
wenn alle Zentren blockiert oder ohne Ladung wären.

79
Verhaltensverbesserung

Wenn das sexuelle Zentrum (das eine Spezialisierung des


vegetativen Zentrums ist, das Energie in sich sammelt und
an alle anderen Zentren verteilt) kurz vor dem Zwischen-
fall tätig gewesen wäre, dann würde es jetzt ohne Energie
verbleiben (Verbrauch seiner Ladung durch erhöhte Akti-
vität der anderen Zentren).
Jedes Zentrum hat seinen eigenen spezifischen Zyklus
von Ladung und Entladung, und dieser Zyklus bildet den
besonderen Biorhythmus eines jeden Menschen. Man
kann das leicht am eigenen Tagesrhythmus erkennen:
einige Stunden des Tages sind für bestimmte Aktivitäten
besser geeignet als andere. Über längere Zeiträume hinweg
kann man auch beobachten, wie sich Phasen stärkerer oder
schwächerer Aktivität in jedem der Zentren wiederholen.
In diesem Sinn kann man tägliche, monatliche und selbst
jährliche Zyklen in den Zentren verfolgen.
Ein Zentrum kann, genau wie einer seiner Teile oder
Unter-Teile, entweder im negativen Sinn arbeiten (dann
zieht es Energie aus einem anderen ab), oder aber im po-
sitiven Sinn. In diesem Fall gibt es Energie an ein anderes,
bis es sich entladen hat.
Kein Zentrum arbeitet isoliert, sondern in einer Struk-
tur mit anderen. Auf diese Weise entspricht eine falsche
Funktionsweise eines Zentrums der schlechten Funkti-
onsweise in den anderen Zentren, und zwar je nachdem,
ob das jeweilige Zentrum eine Überladung an Energie
zeigt (die in die benachbarten Zentren überfließt), ob es
mit einer übersteigerten Entladung arbeitet (Energie aus
den benachbarten Zentren absaugt) oder aber, ob es den
Durchfluss der Energie der anderen Zentren blockiert.

80
Psychophysische Praktiken

Die höheren Zentren können auf die tieferen nur über


ihre motorischen Teile einwirken. So können zum Beispiel
abstrakte Ideen weder das emotionale noch das motori-
sche Zentrum in Bewegung setzen. Andererseits können
die Bilder Gefühle oder körperliche Bewegungen in Gang
setzen und manchmal vegetative Veränderungen erzeugen.
Wir wollen nun zu den praktischen Übungen für das
emotionale Zentrum übergehen.

Reihe 7: Motorischer Teil des emotionalen


Zentrums
Wir werden versuchen zu verstehen, wie einige Reize klei-
ne Gemütserregungen auslösen können. Anschließend
werden wir einige Mittel kennenlernen, um diese Aus-
drucksformen kontrollieren zu können.

A) Stelle dich einem anderen Teilnehmer von Angesicht zu


Angesicht gegenüber. Dein Gegenüber legt die Hand auf
dein Gesicht und drückt deinen Kopf sanft nach hinten.
Beobachte, wie diese kleine Unannehmlichkeit sich bis
zur Gereiztheit in dir steigern kann, wenn diese Übung
mit stärkerer Kraft wiederholt wird. Wenn du in dir ein
gewisses Maß an Unbehagen spürst, beginne die Übung
von vorne, doch versuche dabei, dich von deinem Heraus-
forderer gefühlsmäßig „abzuschalten”.
Wir werden jetzt die Übung des Abschaltens erklären,
die du anschließend während dieser ganzen Reihe anwen-
den wirst.

81
Verhaltensverbesserung

Schau den Anderen ein wenig wie „von oben herab” an und
spanne dabei die Muskeln an, die die Ohren nach hinten
ziehen, bis der andere dir wie ein „Gegenstand” erscheint.
Versuche es jetzt noch einmal. Wiederhole die Übung A,
indem du dich mit der anderen Person verbunden fühlst
und die bekannte unangenehme Empfindung erlebst.
Dann wiederhole, aber schalte ab. Vergleiche beide Zu-
stände. Die Wirkung des Abschaltens kann verstärkt wer-
den, indem man eine korrekte Körperhaltung einnimmt
und schnell mehrere Male vollständig atmet. Wiederhole
diese Übung mehrere Male bis du sie etwas beherrschst, da
sie im alltäglichen Leben gegenüber besonders störenden
Situationen von großem Nutzen sein kann.

B) Bitte die anderen Teilnehmer, dich öffentlich zu kriti-


sieren. Es ist dabei unwichtig, ob die Kritik ungerecht ist,
da es vielmehr darum geht, mit diesen emotionalen Unbe-
quemlichkeiten zu arbeiten, die manchmal unbeherrschte
Leidenschaften in Bewegung setzen können. Lass es zu,
dass du zunächst ein gewisses Unbehagen empfindest;
dann schalte ab. Wiederhole die Übung mehrmals.

C) Stelle dich auf einen Stuhl und singe den anderen Teil-
nehmern einen Schlager vor. Du kannst auch ein Gedicht
aufsagen oder irgendetwas tun, wovor du dich genierst
oder wovon du glaubst, dass es dich vor den Anderen lä-
cherlich macht. Bemühe dich, abzuschalten. Wiederhole
mehrmals.

D) Gib einem anderen Teilnehmer die Hand und bitte


ihn, dass er versucht, dich zum Lachen zu bringen. Schalte
ab. Wiederhole mehrmals.

82
Psychophysische Praktiken

Man sollte sich klar darüber sein, dass diese Übungen in


einer Atmosphäre und einem Personenkreis stattfinden,
die jegliche Exzesse und Grobheiten ausschließen. Es geht
hier nicht darum, starke Leidenschaften hervorzurufen,
sondern wir wollen die kleineren emotionalen Unannehm-
lichkeiten wecken, die ersteren zugrunde liegen. Auf diese
Weise wirst du allmählich lernen, das interessante System
des Abschaltens anzuwenden. Übe das Abschalten im
täglichen Leben bis zur nächsten Lektion und notiere alle
Schwierigkeiten, die aufgetaucht sind.

Reihe 8: Emotionaler Teil des emotionalen


Zentrums
Wir wollen nun mit dem Versuch beginnen, unsere emoti-
onalen Gewohnheiten zu verändern, indem wir Übungen
mit „emotionalen Widersprüchen” machen.

A) Wir kennen schon den Zusammenhang von Gemüts-


zustand und Körperhaltung. Nimm also eine Haltung ein,
die dem Zustand tiefster Traurigkeit entspricht und erzähle
dabei gleichzeitig die lustigsten Sachen. Behalte diese Hal-
tung bei und versuche gleichzeitig Freude zu spüren. Dann
mache es umgekehrt. Wiederhole die Übung und wandle
sie beliebig um. Mach Notizen.

B) Setz dich hin. Stelle einen Gegenstand vor dich hin, der
dir gleichgültig ist. Stelle dir nun vor, dass dieser Gegen-
stand in Verbindung mit tragischen Ereignissen steht, bis
du beginnst, negative Gefühle zu empfinden. Dann stelle
dir denselben Gegenstand in einem lustigen Zusammen-

83
Verhaltensverbesserung

hang vor. Beobachte, ob du fähig bist, abwechselnd beide


Gemütszustände in dir hervorzurufen. Falls das nicht mög-
lich ist, hilf dir, indem du den Gemütszuständen entspre-
chende Körperhaltungen annimmst. Denke daran, dass
es dabei eine Trägheit von einigen Minuten gibt, bis die
Haltung die entsprechende Emotion erzeugt. Wiederhole
mehrmals, bis du ohne Schwierigkeiten von der traurigen
zur lustigen Einstellung gegenüber demselben Gegenstand
umschalten kannst. Mach Notizen.

C) Erinnere dich an eine Situation in deinem Leben, die


für dich durch starke negative Gefühle gekennzeichnet war.
Halte die Erinnerung weiterhin wach, doch sieh dies alles
jetzt aus dem lustigen Blickwinkel. Verstärke diese Übung
durch eine korrekte Körperhaltung und vollständige At-
mung. Wiederhole mehrmals. Versuche jedes Mal, die glei-
chen negativen Gefühle zu erleben, welche diese Szenen zu
früheren Zeitpunkten wachgerufen haben. Erst wenn du
diesen negativen Zustand wirklich erlebst, kannst du be-
ginnen, deine Einstellung zu verändern und solange damit
arbeiten, bis deine negativen Gefühle an Ladung verlieren.
Denke daran, im Moment, in dem du den Blickwinkel än-
derst, eine korrekte Körperhaltung einzunehmen und gut
zu atmen. Wiederhole mehrmals, bis du feststellst, dass du
diese Zustände kontrollieren kannst. Mach Notizen.
Bearbeite alleine einige negative Gefühle, die dich stö-
ren und die mit Personen, Orten, Situationen usw. ver-
bunden sind. Nimm dir vor, diese Übung bis zur nächsten
Lektion mindestens einmal täglich zu machen.

84
Psychophysische Praktiken

Reihe 9: Intellektueller Teil des emotionalen


Zentrums
Diese Übungen setzen den „intuitiven” Bereich des emo-
tionalen Zentrums in Bewegung. Dies ist natürlich nicht
ganz so einfach. Arbeite mit den anderen Teilnehmern
abwechslungsweise folgendermaßen:

A) Versuche, etwas aus dem Leben einer anderen teilneh-


menden Person zu verstehen (wovon du keine vorherigen
Informationen hast). Beschreibe es ihr und bitte sie, dir
zu sagen, inwieweit deine Beschreibung mit der wirklichen
Situation übereinstimmt. Wiederhole diese Erfahrung mit
anderen Lebensmomenten oder in Bezug auf Lebenssitu-
ationen, welche die andere Person vorschlägt. Wiederhole
die Übung mit anderen Personen. Wenn alle anwesenden
Personen diese Übung machen, kannst du die unterschied-
lichen intuitiven Fähigkeiten bei jeder erkennen. Im Ver-
gleich kannst du dir eine Vorstellung von deiner eigenen
Fähigkeit auf diesem Gebiet machen. Mach nach der
Übung und nach dem Vergleich Notizen.

B) In dieser Übung sollen einzelne Teilnehmer verschiede-


ne Tiere, Gegenstände, Menschen oder auch Situationen
nachahmen, ohne dabei zu sprechen. Versuche zu erraten,
was die anderen teilnehmenden Personen jeweils darstel-
len. Jedes Mal, wenn jemand „Darsteller“ ist, versuchen die
anderen zu raten. Dabei kannst du wiederum sehen, dass
verschiedene Menschen ganz unterschiedliche intuitive Fä-
higkeiten (oder unterschiedliche Übung mit der Intuition)

85
Verhaltensverbesserung

haben. Das wird dir dabei nützen, dich zu vergleichen und


deine eigene Fähigkeit ungefähr abzuschätzen. Wiederhole
die Übungen und mache Notizen.
Wichtig: In dieser Lektion gibt es drei Übungsreihen.
Es ist hierbei besonders wichtig, die Technik des Abschal-
tens immer besser zu meistern. Mach auf jeden Fall eine
Synthese der Ergebnisse der drei Übungsserien und unter-
suche dabei, welche deine größten Schwierigkeiten sind.
Nimm dir vor, zumindest bis zur nächsten Lektion sowohl
an der Technik des Abschaltens als auch an der Betrach-
tungsweise bezüglich negativer Emotionen zu arbeiten.

86
Psychophysische Praktiken

Lektion 5

Intellektuelles Zentrum

Reihe 10: Motorischer Teil des intellektuellen


Zentrums
A) Stelle einen Gegenstand vor dich hin. Betrachte ihn
eingehend in all seinen Einzelheiten und versuche, ihn dir
genau einzuprägen. Schließe nun die Augen und versuche,
den Gegenstand so wahrheitsgetreu wie möglich wachzu-
rufen. Dann öffne die Augen wieder und vergleiche das
Erinnerungsbild mit der tatsächlichen Wahrnehmung
des Gegenstandes vor dir. Korrigiere die Fehler. Schließe
wiederum die Augen. Versuche, dich genau an den Ge-
genstand zu erinnern. Überprüfe, ob das Bild ausreichend
Kraft und „Glanz” hat, ob es beständig da ist oder ob es
manchmal erscheint und dann wieder verschwindet. Achte
weiterhin darauf, ob du immer das richtige Bild siehst oder
ob stattdessen andere Bilder erscheinen. Wiederhole diese
Übung mehrmals und mache dir Notizen zu den Mängeln,
die du bei der Gestaltung deiner Bilder festgestellt hast.
Falls überhaupt keine visuellen Bilder in deiner Vorstel-
lung erscheinen, solltest du das in dem Sinne verstehen,
dass es sich hier um einen Mangel an Übung handelt. In
Extremfällen kann auch eine Blockierung die Ursache
dafür sein, die durch ein schwerwiegendes Ereignis in dei-
nem Leben verursacht wurde. Diese Art „Bilderblindheit”
lässt sich durch beharrliche Anwendung dieser Übung
korrigieren. Wenn du deine Träume beobachtest, wirst du

87
Verhaltensverbesserung

erkennen, dass in ihnen mehr als einmal visuelle Bilder


aufgetaucht sind, und somit bist du in der Lage, mit ihnen
zu arbeiten. Wir wiederholen, dass diese Mängel mittels
Training korrigiert werden. Das Fehlen von visuellen Bil-
dern entspricht häufig der Empfindung eines „Mangels an
Verbindung zur Welt”. Deshalb ist die Beherrschung dieser
Übung besonders wichtig. Auf alle Fälle erkennt man heu-
te, dass in verschiedenen Personen ein bestimmtes Bilder-
system über ein anderes vorherrscht. So gibt es Leute, die
vor allem auditive, taktile oder kinästhetische Bildersyste-
me haben, und deshalb bereitet ihnen ihre „Blindheit” in
Bezug auf visuelle Bilder keine Probleme im Alltag.

B) Stelle zwei Gegenstände vor dich hin und arbeite ge-


nauso mit ihnen wie in der vorangegangenen Übung. An-
schließend „lösche” ein Bild und behalte nur das andere in
deiner Vorstellung. Jetzt kehre den Vorgang um. Lösche
dann beide und verharre einen Augenblick in einer Art
„geistigen Leere”. Dann rufe die Bilder wieder wach und
führe noch Varianten ein. Mache Notizen.

Reihe 11: Emotionaler Teil des intellektuellen


Zentrums
Wir kommen jetzt zu Übungen, in denen man den Grad
unseres intellektuellen Interesses oder unsere intellektuelle
Ausdauer feststellen kann. Es gibt Menschen, denen es
schwer fällt, sich für intellektuelle Themen zu interessieren,
während andere sich im Gegensatz dazu nicht mehr von

88
Psychophysische Praktiken

den intellektuellen Themen „loslösen” können. Schließlich


gibt es auch noch jene, die geradezu „besessen” von be-
stimmten Themen sind.

A) Nimm ein Buch und lese still für dich. Versuche dabei,
so viel wie möglich zu verstehen. Dann lies weiter, ohne
jedoch die Bedeutung der Wörter zu erfassen, so als ob du
nur den Blick über die Zeilen schweifen ließest. Wieder-
hole den Vorgang mit Hilfe eines anderen Teilnehmers, der
dabei in bestimmten Zeitabständen in die Hände klatscht.
Beim ersten Händeklatschen achte auf die Bedeutung der
Lektüre. Beim nächsten löse dich von der Bedeutung usw.
Wiederhole die Übung und mach Notizen.

B) Nun mache die folgende Übung des „intellektuellen


Widerspruchs”. Zwei Teilnehmer setzen sich an beide
Seiten neben dich, jeder mit einem Buch, das völlig un-
terschiedliche Themen behandelt. Beide beginnen dir
gleichzeitig laut aus ihrer Lektüre vorzulesen. Versuche,
den Inhalt des Textes zu verstehen, der dich weniger in-
teressiert, während du den interessanteren „ausschaltest”.
Danach mache es umgekehrt. Beginne von neuem usw. Bei
all dem können bessere Resultate erzeugt werden, wenn
eine dritte Person ab und zu in die Hände klatscht, um
das Zeichen dafür zu geben, wann du deine Haltung oder
dein Interesse von einer Lektüre auf die andere umschalten
sollst. Wiederhole mehrmals. Mach Notizen.

C) Wie in der vorhergehenden Übung, nur dass du diesmal


versuchen wirst, beide Texte gleichzeitig zu verstehen. Brich
nach einer bestimmten Zeit die Lektüre ab und versuche,
laut all das wiederzugeben, an das du dich erinnerst. Du

89
Verhaltensverbesserung

wirst dabei feststellen, dass deine Aufmerksamkeit sich me-


chanisch dem für dich interessanteren Thema zugewendet
hat. Mach die Übung erneut, bis du einen gewissen Grad
an gleichzeitiger Aufmerksamkeit für beide Texte erreicht
hast, oder doch zumindest einen gewissen gleichmäßigen
Wechsel in der Aufmerksamkeit, der es dir im Nachhinein
möglich macht, beide Texte wiederzugeben, ohne dass der
eine vor dem andern vorherrscht. Wiederhole mehrmals
und mach Notizen.

Reihe 12: Intellektueller Teil des intellektuellen


Zentrums
Nun wollen wir mit dem Teil des intellektuellen Zentrums
arbeiten, der für die intellektuellen Abstraktionen und die
logischen Folgerungen verantwortlich ist. Die beste Art
dies zu machen ist, wenn man sich scheinbar unlösbaren
Schwierigkeiten gegenüberstellt. Dies erlaubt es uns, un-
sere Ordnung und Genauigkeit im logischen Denken zu
verstehen.

A) Denke über die folgende klassische Aporie nach: „Ein


Pfeil, der in die Luft geschossen wurde, ist in einem be-
stimmten Moment da, wo er ist, oder er ist da, wo er nicht
ist. Da letzteres unmöglich ist, muss doch der Pfeil da sein,
wo er ist... infolgedessen bewegt sich der Pfeil nicht.” Kom-
mentiere den anderen Personen deine Überlegungen. Die
anderen machen dasselbe. Kümmere dich nicht allzu sehr
um die Lösung, sondern achte vielmehr auf die Ordnung
und die Genauigkeit des Urteils und der Gedankenfolge.
Schreibe deine Beobachtungen auf.

90
Psychophysische Praktiken

B) Denke über das folgende Paradoxon der modernen Lo-


gik nach: „Auf der einen Seite einer Karte steht folgende
Behauptung: ‚Die Behauptung auf der anderen Seite ist
wahr‘. Dreht man die Karte um, so liest man: ‚Die Be-
hauptung auf der anderen Seite dieser Karte ist falsch‘.”
Denke über die folgenden Fragen nach und versuche, sie
zu beantworten. Können beide Behauptungen falsch sein?
Können sie wahr sein? Ist eine falsch und die andere wahr?
Ist das ganze Paradoxon falsch? Ist das ganze Paradoxon
wahr? Die Lösung spielt keine Rolle. Trage deine Überle-
gungen laut vor. Jede teilnehmende Person macht dasselbe.
Beobachte die Genauigkeit und die Ordnung deiner Urtei-
le und Überlegungen. Mache Notizen.

Wichtig: In dieser Lektion gibt es drei Übungsreihen.


Dabei ist es wichtig, vor allem dein Bildersystem zu verbes-
sern. Falls du also bei der Arbeit mit Bildern Schwierigkei-
ten hattest, so gebe dir die größte Mühe, sie zu überwin-
den, indem du die in Reihe 10 vorgeschlagenen Übungen
wiederholst.

91
Verhaltensverbesserung

Lektion 6

Verbesserung der Aufmerksamkeit

Eine gute Lernfähigkeit, ein gutes Gedächtnis, eine größe-


re Beständigkeit in Bezug auf die Vorhaben, die man hat,
kurz eine wachsende Veränderungsfähigkeit hängt von der
Aufmerksamkeit ab.
Die folgende Übungsreihe ist sehr wichtig. Sie basieren
auf der Arbeit zur Aufmerksamkeit, wobei motorische Auf-
gaben als „Vorwand“ benutzt werden, das heißt Aufgaben,
die in sich selbst nicht wichtig sind, sondern nur insofern,
als sie das Training der Aufmerksamkeit ermöglichen.
Diese als „Vorwand” dienenden Aufgaben sind in sich
selbst nicht nützlich. Sie werden dich körperlich ermü-
den und dir auch emotional lästig sein. Denn wenn man
motorische Tätigkeiten, die offensichtlich nutzlos sind,
ständig wiederholt, so ist das nicht gerade ermutigend.
Und dennoch sind diese Übungen sehr sinnvoll, wenn
du sie mit dem Ziel ausführst, deine Aufmerksamkeit zu
perfektionieren. Diese Fähigkeit wird sich in dem Maße
vervollkommnen, indem man die motorische Ermüdung
und emotionale Störung überwindet.
Dazu ein Beispiel: Wenn jemand eine tiefe Grube gräbt
und sie danach wieder füllt, macht er eine materiell gese-
hen nutzlose Arbeit. Wenn diese Person die Übung kennt,
wird sie kein Interesse daran haben, diese Übung perfekt
auszuführen. Sportliche Übungen und Gymnastik arbeiten
jedoch auf eine ähnliche Art, selbst wenn andere Anreize
dahinterstehen: Wettkampf, körperlicher Nutzen usw.

92
Psychophysische Praktiken

In den „Vorwandarbeiten” liegt anscheinend weder ein


körperlicher Nutzen, noch gibt es den Anreiz des Wett-
kampfes. Von außen gesehen zeigt jemand, der diese Tätig-
keiten ausführt, ein absurdes Verhalten. Dies ist nicht der
Fall, wenn jemand Sport treibt oder eine Art Gymnastik
macht.

Reihe 13: Einfache Aufmerksamkeit

Nimm verschiedene Gegenstände aus dem Zimmer, trage


sie zu einem Platz, schichte sie aufeinander oder ordne sie
so perfekt wie möglich. Wenn du das gemacht hast, trage
jeden Gegenstand zu seinem ursprünglichen Platz zurück.
Wiederhole diese Tätigkeit mehrmals. Beobachte, wie die
Wiederholung und Ermüdung dein Vorhaben schwächen
und wie du mit der Zeit der perfekten Ausführung der Be-
wegungen weniger Aufmerksamkeit schenkst.
Dies ist eine typische „Vorwandübung”. Wir können
auch andere solche Tätigkeiten wählen, wie etwa das vor-
hergehende Beispiel (des Erdgrabens). Diese Arbeit wird
interessanter, wenn man über zahlreiche solcher Übungen
verfügt. Hierzu kann auch die Umgebung an der frischen
Luft beitragen, wo man zahlreiche solcher Übungen ma-
chen kann.
Indem wir irgendeine „Vorwandarbeit” als Grundlage
nehmen, gehen wir nun zu einer spezifischen Übung der
„einfachen Aufmerksamkeit” über.
Die „Vorwandarbeit” wird ausgeführt, indem die zu-
vor gelernten korrekten Körperhaltungen so vollkommen
wie möglich angewendet werden. Gleichzeitig soll die
Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Arbeit, die man

93
Verhaltensverbesserung

ausführt, gerichtet sein. Rhythmische oder monotone


Bewegungen, die dazu führen, dass man an andere Dinge
denkt, sollten vermieden werden, um so die nötige Auf-
merksamkeit beizubehalten. Sägen etwa wäre ein Beispiel
für eine ganz monotone Tätigkeit, die sich ganz und gar
nicht zur „Vorwandübung” eignet.

Reihe 14: Geteilte Aufmerksamkeit

Führe verschiedene „Vorwandtätigkeiten“ aus, und zwar


immer mit perfekter Körperhaltung, aber indem du gleich-
zeitig auf die Empfindung in deinem rechten Bein und auf
deine augenblickliche Tätigkeit achtest. Wiederhole die
Übung jetzt mit dem linken Bein. Wiederhole sie noch-
mals, aber nun mit der rechten Hand. Schließlich mit der
linken Hand. Wähle für alle Übungen dieselbe „Vorwand-
tätigkeit” aus.

Reihe 15: Gelenkte Aufmerksamkeit

Führe dieselbe „Vorwandübung” mehrere Male in per-


fekter Körperhaltung durch, aber schenke dabei deinen
Bewegungen immer mehr Aufmerksamkeit. Begegne
deiner wachsenden Müdigkeit und der daraus folgenden
Verringerung deiner Aufmerksamkeit mit einer stärkeren
Lenkung der Aufmerksamkeit. Wir sprechen hier natürlich
nur von maßvollen Anstrengungen und nicht von Über-
anstrengungen, die zu einem extrem negativen Leiden
führen. In solchen Übungen hat das Leiden keine aufbau-
ende sondern eine zerstörerische Wirkung. Wiederhole die

94
Psychophysische Praktiken

Übung mehrmals und lenke deine Aufmerksamkeit immer


stärker. Wenn der Mechanismus deiner Aufmerksamkeit
nicht mehr gut arbeitet, ruhe dich eine Weile aus und be-
ginne dann von neuem.
Wichtig: Versuche alles, was du im täglichen Leben
machst, mit immer mehr Aufmerksamkeit zu tun. Auf die-
se Weise kannst du selbst die eintönigen Beschäftigungen
im Alltag in interessante Vorwandübungen verwandeln,
die für die Entwicklung der Aufmerksamkeit nützlich sind.

Überprüfung:

1. Überprüfe Lektion für Lektion die gemachten Notizen.


Achte dabei darauf, ob die Schwierigkeiten, die du hast,
immer in den gleichen Teilen der verschiedenen Zentren
auftauchen, z.B. in allen emotionalen Teilen.

2. Mache eine Tabelle mit den vier Zentren und unterteile


jedes Zentrum in seine drei Teilbereiche. Fasse in jedem
leeren Quadrat deine Beobachtungen zusammen.

3. Mache auf der Grundlage dieser Tabelle Schlussfolge-


rungen über deine Schwierigkeiten.

4. Beachte nun den größten Mangel, den du durch alle


Lektionen hindurch entdeckt hast, und nimm dir vor, ihn
solange zu bearbeiten, bis er überwunden ist. Setz dir Fris-
ten und stelle dir einen Zeitplan auf, um für dich allein
dieselben Übungen durchzuführen, die als Test benutzt
wurden.

95
Verhaltensverbesserung

96
Praktiken zur Selbsterkenntnis

Einführung und Empfehlungen

Lektion 1 Situationsanalyse.
Spannungen und Klimata

Lektion 2 Autobiographie

Lektion 3 Rollen

Lektion 4 Werteskala

Lektion 5 Selbstbild

Lektion 6 Tagträume und Tagtraumkern

Überprüfung

97
Verhaltensverbesserung

98
Praktiken zur Selbsterkenntnis

Einführung

In der Selbsterkenntnis wollen wir unsere negativen As-


pekte studieren, aber gleichzeitig werden wir auch positive
Eigenschaften entdecken, die verstärkt werden können.
Dabei ist den meisten Menschen nicht klar, welche zu den
einen und welche zu den anderen gehören, weil sie kein
gutes System zum Studium ihrer selbst zur Verfügung
haben.
Die Selbsterkenntnis ist ein Werkzeug von größter Be-
deutung, da sie einen Antrieb in Richtung einer bewuss-
ten und positiven Veränderung gibt. Ohne Zweifel kann
diese Arbeit von einigen Enttäuschungen begleitet werden,
wenn sich Mängel zeigen, die man bisher für bemerkens-
werte Fähigkeiten hielt.
Man sollte nicht glauben, dass man, um sich selbst zu
kennen, einfach dasitzen und über sich nachdenken müsse.
Um sich selbst zu kennen muss man sich, wenn möglich,
in Situationen des alltäglichen Lebens beobachten. Dazu
ist es gut, zu betrachten, was man in der Vergangenheit
erlebt hat in welcher gegenwärtigen Situation man lebt
und was man in der Zukunft erreichen will. Es gibt viele
Leute, die diese drei Fragen nicht ernsthaft zu beantwor-
ten wissen: es ist ihnen nicht klar, welche Ereignisse ihr
Leben entscheidend beeinflusst haben; sie verstehen nicht,
wie ihre augenblickliche Lebenssituation ist, und sie haben
auch nicht klar, was sie in der Zukunft erreichen wollen.

99
Verhaltensverbesserung

Wir werden uns mit all diesen Fragen beschäftigen, indem


wir einer eigenen Methode folgen, wobei der wichtigste
Teil der Arbeit durch die übende Person gemacht werden
muss. Ihr Fortschritt wird davon abhängen, wie vollständig
sie alle vorgeschlagenen Übungen ausführt.

Empfehlungen:

1. Die Selbsterkenntnis ist so aufgebaut, dass man nicht


von einer Lektion zur nächsten übergehen sollte, bevor
man die vorhergehende nicht vollkommen verstanden und
gemeistert hat.
2. Jede Lektion zu meistern bedeutet, die vorgeschlagenen
Übungen genau auszuführen und aus dem Gemachten
Schlüsse zu ziehen.
3. Diese Schlussfolgerungen sollten in einem Heft oder
Notizbuch festgehalten werden, wobei jede Lektion, jede
Entdeckung und jedes Vorhaben, das darauf zielt, die als
negativ betrachteten Aspekte zu verändern, schriftlich nie-
dergelegt wird.
4. Die Selbstüberprüfung wird Lektion für Lektion im
Notizbuch gemacht, und das ermöglicht, den gemachten
Fortschritt nachzuvollziehen. Vergleiche die Ergebnisse
jeder Lektion miteinander und verbinde in einer letzten
Überarbeitung die verschiedenen Teilergebnisse zu einer
Synthese.
5. Man sollte immer mit anderen Menschen zusammen-
arbeiten, da viele dieser Übungen die Gesichtspunkte der
anderen teilnehmenden Personen erfordern.

100
Praktiken zur Selbsterkenntnis

Lektion 1

Situationsanalyse. Spannungen und Klimata

Frage dich: „In welcher Situation lebe ich?” Beantworte


diese Frage in einer bestimmten Ordnung.
Beschreibe möglichst genau deine Situation in Bezug
auf dein Alter, Geschlecht, Arbeit, Zuhause, Gesundheit
und Freundschaften. Halte in jedem von diesen Bereichen
die unangenehmsten Spannungen fest, unter denen du
leidest.
Versuche jetzt festzustellen, in welchen geistigen „Kli-
mata” du lebst. Verstehe unter „Klimata” die allgemeinsten
und manchmal irrationalsten Empfindungen, unter denen
du leidest: ein Klima der Verlassenheit, der Gewalt, der
Einsamkeit, der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung, der
Unsicherheit usw.
Gehe noch einen Schritt weiter. Wenn du deine gegen-
wärtige Situation in Bezug auf Alter, Geschlecht, Arbeit
usw. genau beschrieben hast und die jeweils wirkenden
Spannungen entdeckt hast, dann mache das Gleiche mit
den Klimata.
Bespreche diese Punkte mit den anderen Teilnehmern
und mache dann die folgende Übung.

101
Verhaltensverbesserung

Übung 1

Mach verschiedene Zeilen in dein Heft, benenne jede mit


den verschiedenen Lebenssituationen und mache zu jeder
kurze und genaue Betrachtungen. Nachdem die Tabelle
fertig ist, mach eine Synthese.
Hier geben wir ein willkürliches Beispiel:
Alter: 50 Jahre. Gereiztheit, weil ich das allmähliche
Schwinden der Energie spüre. Angst, meine gegenwärti-
ge Arbeitsstelle zu verlieren. Trostlosigkeit im Hinblick
auf die Zukunft. Versöhnung aufgrund der wachsenden
Erfahrung. Enttäuschung wegen vieler ungenutzter Gele-
genheiten usw.
Geschlecht: Weiblich. Leidenschaftslose Auffassung
von der Partnerschaft. Spannung, weil ich für meine Kin-
der etwas erstrebe, was ich für mich selbst nicht erreichen
konnte. Ein unbestimmtes Klima der Hilfsbedürftigkeit,
etwa von meinem Partner usw.
Arbeit: Gut bezahlt. Angst, durch Untergebene zur
Seite geschoben zu werden. Innere Gewalt wegen der
geringen Anerkennung meiner Verdienste. Unbestimmte
Empfindung von „mich erdrückenden Wänden” usw.
Zuhause: Haus ohne Intimität wegen der vielen Freun-
de meiner Kinder und meines Partners. Bedürfnis, außer-
halb der Stadt zu leben. Klima von Erstickung, das ich der
Luftverschmutzung zuschreibe. Unheimliche Angst vor
Verseuchung und Schmutz usw.
Gesundheit: Ich bin die Stärkste in der Familie. Dies
verursacht Spannungen in mir, weil ich mehr Verantwor-
tung als die anderen trage. Unbegreifliches Schuldgefühl

102
Praktiken zur Selbsterkenntnis

wegen der Schwäche der Anderen. Angst vor einer unheil-


baren Krankheit und eine diffuse Hoffnung auf Unterstüt-
zung, sollte ich krank werden. Gefühlsschwankungen, usw.
Freunde: Wenige, nur die Freunde anderer Familien-
mitglieder, denen ich kritisch gegenüberstehe. Formelle
Treffen mit Arbeitskollegen. Innerlich kühle Teilnahme
an bestimmten religiösen Feierlichkeiten (Hochzeiten und
Bestattungen), zusammen mit Bekannten. Widerwille ge-
gen Geburtstags- oder Neujahrsfeiern. Nostalgisches Klima
wegen der verlorenen Freunde aus meiner Jugendzeit, usw.
Synthese: Gereiztheit über mich selbst, weil ich kein
anderes Leben geführt habe. Spannungen wegen mangeln-
der Anerkennung meiner Person. Klima der Angst vor der
Zukunft, der Einsamkeit, der Gefangenschaft. Verzweif-
lung und Gefühlsdurcheinander gegenüber einer tödlichen
Krankheit. Zufriedenheit mit der gewonnenen Erfahrung
und mit manchen Erfolgen. Ich möchte das Ressentiment
gegenüber vielen vergangenen Sachen und Personen aus
der Vergangenheit überwinden. Ich muss auch die immer
größer werdende Angst vor der Zukunft vertreiben.
Wenn du diese Übung mit deinen Notizen beendet
hast, ziehe aus dieser Situation Schlüsse und mach dir
nützliche Vorsätze. Erkenne, dass die beste Art, deine Situ-
ation weiter zu entwickeln, nicht darin besteht, gegen die
negativen Faktoren zu kämpfen, sondern die positiven zu
vergrößern usw.

103
Verhaltensverbesserung

Lektion 2

Autobiographie

Wenn du die Lektion 1 verstanden und geübt hast, wirst


du leicht erkennen, dass viele Aspekte deiner gegenwärti-
gen Situation von deinem vergangenen Leben bestimmt
sind. Das heißt, dass deine persönliche Geschichte nicht
ohne Bedeutung ist. Deine Vergangenheit wirkt in die Ge-
genwart hinein, zum einen, weil die gegenwärtige Situati-
on das Ergebnis dessen ist, was man bisher getan hat, zum
anderen, weil die Vergangenheit nicht nur in der Praxis,
sondern auch im Gedächtnis weiterwirkt.
Viele vergangene Erlebnisse wirken als Erinnerungen
weiter, und so sind viele Unsicherheiten, Ängste und
andere Gefühlsbewegungen das Ergebnis vergangener,
unangenehmer Erfahrungen, die weiter wirken und den
gegenwärtigen Moment beeinflussen.
Fast alle Leute lassen Phasen ihres Lebens hinter sich,
aber es gibt auch Situationen oder Ereignisse – darunter
auch viele sehr schmerzliche – die sie nicht vollständig ver-
standen haben. Auf diese Vergangenheit wollen sie lieber
nicht zurückkommen.
Wenn man sich nicht mit den vergangenen Erfahrun-
gen auseinandersetzt, die noch nicht verarbeitet wurden,
so wissen wir, dass diese dann – von störenden Klimata
begleitet – weiter Druck ausüben.
Es ist nicht angenehm, sich an Unfälle oder traurige
biographische Ereignisse zu erinnern, aber man muss ver-
stehen, dass es nützlich ist, diese Erinnerungen zu verarbei-
ten und sie in die Gesamtheit des Lebens einzuordnen. Es

104
Praktiken zur Selbsterkenntnis

dürfen keine „Inseln” im Bewusstsein bleiben, sondern al-


les muss sinnvoll miteinander verbunden werden. Deshalb
schlagen wir dir vor, dass du alle Elemente deiner Vergan-
genheit, an die du dich erinnerst, miteinander verknüpfst,
selbst die unangenehmsten, so dass auch diese „Inseln”
erforscht werden und sich in den Bereich nützlicher Erfah-
rungen einordnen.
Die Untersuchung der Autobiographie nimmt einige
Zeit in Anspruch. Während du sie vorantreibst, wirst du
bemerken, dass einige Erinnerungen wieder auftauchen,
die du lange vergessen glaubtest. Es werden auch einige Ge-
dächtnislücken zurückbleiben. Diese kannst du mit Hilfe
von Familienmitgliedern oder Freunden ausfüllen, die sich
noch an die betreffenden Ereignisse erinnern können.
Mache deine Arbeit auf der Grundlage der folgenden
Vorgabe:

Übung 2

A) Schreibe einen ausführlichen Lebensbericht in dein


Heft.

B) Ordne danach die biographische Abfolge Jahr für Jahr


in einer Spalte.

C) Dann schreibe neben der Jahresangabe die drei folgen-


den Elemente auf, an die du dich erinnerst:

1. Schicksalhafte Ereignisse. Darunter fallen unver-


meidbare Ereignisse, wie Krankheiten oder unfreiwillige
Umstände, die wichtig waren oder zu einer Veränderung in

105
Verhaltensverbesserung

deinem Leben geführt haben. Hier sollten auch unvorher-


gesehene Ereignisse in Betracht gezogen werden, die eini-
germaßen wichtige Projekte vom Kurs abgebracht haben.

2. Wiederholungen. Dabei handelt es sich um Situatio-


nen, die sich im Laufe des Lebens mehr als einmal ereignet
haben, und die sich ähnlich sind. Man kann sie erkennen,
indem man Ereignisse verschiedener Jahre vergleicht.

3. Etappenwechsel. Diese Änderungen geschehen z.B.


beim Übergang von der Kindheit zur Jugend oder von
der Jugend zum Erwachsensein. Im Allgemeinen sind sie
gekennzeichnet durch einen Wechsel im Lebensstil, den
man bisher geführt hat. Manchmal entstehen auch grund-
legende Änderungen der lebenswichtigen Interessen. Jeder
Mensch kann in bestimmten Augenblicken seines Lebens
solche tatsächlichen „Wendepunkte” erkennen. Diese Ver-
änderungen können sich abrupt oder allmählich vollzie-
hen, und das kann man an diesem Punkt herausfinden.

D) Mache zum Schluss die Synthese deiner Lebensge-


schichte, in der du nur die wesentlichsten Punkte aus dem
gesamten Material heraussuchst und zusammenfasst.
Wir geben ein Beispiel zum bisher Erklärten. Du kannst
auf der Grundlage eines ausführlichen Berichts deines ei-
genen Lebens (je ausführlicher, desto besser) eine Tabelle
nach diesem Muster machen:
Wenn du deine Lebensgeschichte bis zur Gegenwart in
dieser Tabelle festgehalten hast, dann kannst du die schick-
salhaften Ereignisse, Wiederholungen und Etappenwech-
sel, die nun ersichtlich werden, heraussuchen.

106
Praktiken zur Selbsterkenntnis

Jahr Alter Ereignisse

1990 1 Geburt in X. Keine Erinnerungen

1991 2 Umzug. Tod meines älteren


Bruders. Kopfverletzung

1992 3 Die Treppe hinuntergefallen. Geburt


meiner Schwester. Vater verreist.
Wiederholung.

1993 4 Flucht, Verwirrung. Keine Erinnerungen


mehr

1994 5 Der Mann unter dem Baum. Der Brand.


Meine Mutter weint. „Meine Kleider
sind weg” (?). Der Zug ist nicht angekom-
men. Etappenänderung

Jetzt bist du in der Lage, einen sehr synthetischen Be-


richt zu erstellen, wobei du nur das beachtest, was dein Le-
ben am meisten bestimmt hat, sowie die Faktoren: schick-
salhafte Ereignisse, Wiederholungen und Etappenwechsel.
Überarbeite diese Synthese mehrmals, bis du eine zu-
sammenhängende Struktur erreicht hast, welche dir zu
verstehen erlaubt, wie sich deine gegenwärtige Situation
gebildet hat und wie sich eine mögliche Zukunft entwi-
ckeln würde, sofern die sich in der Vergangenheit gebilde-
ten Tendenzen weiterhin wirksam bleiben.

107
Verhaltensverbesserung

Lektion 3

Rollen

Beginne diese Lektion erst, wenn du deine Autobiographie


abgeschlossen hast.
Wir werden nun die „Rollen” untersuchen, die man in
den verschiedenen Situationen des täglichen Lebens spie-
len muss.
Diese Rollen sind wichtig, weil sie uns helfen, Energie
zu sparen (weil sie Systeme kodifizierter Verhaltensweisen
sind) und die Anpassung an die gesellschaftliche Umge-
bung erleichtern. Diese Rollen sind manchmal falsch
gestaltet, oder man hat keine passenden Rollen für neue
Gegebenheiten zur Verfügung. Es kann auch vorkommen,
dass man Rollen durcheinanderbringt, wenn man ein zu
einer bestimmten Situation passendes Verhalten auf eine
andere Situation überträgt, zu der es nicht passt.
Junge Menschen verfügen nur über wenige Rollen. Äl-
tere Menschen dagegen haben ein ganzes Rollenrepertoire
zur Verfügung, aber viele dieser Rollen können falsch ge-
staltet sein oder in verschiedenen Situationen durcheinan-
der gebracht werden. In jedem Fall benötigt die Korrektur
von Rollen eine beständige Arbeit, da diese Verhaltenswei-
sen sich mit der Zeit tief in uns verwurzelt haben.
Wenn du das Studium der Rollen beendet hast, ist es
angebracht, dass du sie genau untersuchst und die Be-
ziehungen herstellst, die dir ein besseres Verständnis der
eigenen Situation und deines Verhaltens als Antwort ihr
gegenüber ermöglichen. Beachte dabei, dass es nicht be-
sonders aufschlussreich ist, einfach die von einer Person

108
Praktiken zur Selbsterkenntnis

wahrgenommene Rolle des Lehrers festzuhalten, wenn


nicht gleichzeitig die Art und Weise erklärt wird, in der die
Rolle ausgeführt wird. Das heißt, man könnte ein guter
oder schlechter Lehrer sein, man könnte ein despotisches
oder liebenswürdiges Verhalten zeigen, es könnte überzeu-
gend, fordernd oder entgegenkommend sein usw.
Vielleicht kann man bei aller Vielfältigkeit der Rollen,
die wir im Alltag erfüllen, eine bestimmte Grundhaltung
erkennen, die allen gemeinsam ist. Diese Grundhaltung
vermag uns zu einem großen Teil zu erklären, wieso einige
der Rollen schlecht ausgebildet sind, warum andere durch-
einander gebracht werden oder warum manche Rollen
für mich besonders schwierig zu beherrschen sind. Diese
Grundhaltung sollte zum Schluss dieser Arbeit als Synthe-
se herausgefunden werden.

Übung 3

Wir zeigen die Übung anhand eines Beispiels, so dass die


übende Person es später mit den eigenen Angaben ausfüllt.
Arbeit: Rolle des energischen Chefs usw. Rolle des Un-
tergebenen als vorsichtig handelnde Person usw.
Zuhause: Rolle des strengen Vaters, ähnlich der Rolle
des Chefs in der Arbeit usw.
Freundschaften: Rolle des Chefs bei Freunden eines
niedrigeren „Status”. Rolle des Beraters mit den Freunden
höheren „Status” usw.
Sexuelle Beziehungen: Rolle des sorglosen jungen
Mannes usw.
Neue Situationen: Rolle des schweigsamen Beobach-
ters und bissigen Kritikers usw.

109
Verhaltensverbesserung

Schwierige Situationen: Rolle des Kumpels, nie die


eines Chefs usw.
Grundhaltung: Auf wackeligen Füßen stehendes
Selbstbewusstsein. Angst davor, in Frage gestellt zu wer-
den. Durch schmeichelhaftes Verhalten umgehe ich, dass
ich in Frage gestellt werde.
Man soll die Grundhaltung aus dem, was den Rollen
gemeinsam ist, ableiten. Außerdem sollte man erklären, in
welchen Fällen die Rollen schlecht ausgebildet sind, in wel-
chen sie durcheinander gebracht werden und bei welchen
man auf überhaupt keine Antwort zählt. Schließlich bleibt
noch übrig, diese Arbeit mit der Übung 1 zu vergleichen.
Versäume nicht, alle Beobachtungen in deinem Notiz-
buch niederzuschreiben.

110
Praktiken zur Selbsterkenntnis

Lektion 4

Werteskala

Das Feststellen der Werteskala ist insofern wichtig, weil


das erklärt, wie eine Person die Situationen, in denen sie
lebt, einschätzt, und welche Stellung sie innerhalb dieses
Wertesystems erreichen möchte. Wenn für eine Person
z.B. „Wissen” den höchsten Stellenwert darstellt, „Freund-
schaft” dagegen den niedrigsten, dann könnte sie eine
Werteskala erstellen, in der die beiden genannten Werte
die Extreme bilden und alle Übrigen abgestuft dazwischen
eingeordnet werden.

Übung 4

Stelle deine Skala in konzentrischen Kreisen dar. Trage in


den innersten Kreis (welcher der wichtigste ist) den höchs-
ten Wert ein, und in den äußersten den unbedeutendsten.
Beispiel:

Wissen
Gesellschaftliche Anerkennung
Familie
Geld
Sex
Freundschaft

111
Verhaltensverbesserung

Die hier als Beispiel gewählten Werte werden entsprechend


deinen eigenen Einschätzungen verändert. Wenn du bei
zwei Stellenwerten bezüglich ihrer Einschätzung Zweifel
hast, so stelle dir vor, welchen du im Falle eines Verlustes
mehr vermissen würdest. Dies wäre dann der wichtigere.
Wir empfehlen dir diese Übung mehrmals zu wieder-
holen und dabei die Anordnung der Stellenwerte so zu ver-
ändern (oder auch neue hinzuzufügen), bis du schließlich
das Gefühl hast, dass der Aufbau stimmt.
Nachdem du diese Übung beendet hast, vergleiche
sie mit deiner Situationsanalyse (Übung 1) und mit der
Rollenuntersuchung (Übung 3). An diesem Punkt werden
Zusammenhänge auftauchen, bei denen scheinbar gänz-
lich verschiedene Dinge sich zu einer Einheit verbinden,
was viel von deinem Verhalten und deinen gegenwärtigen
Widersprüchen erklären wird. Das wird dir aber auch eine
neue Perspektive geben, wie du deine positiven Aspekte
verstärken kannst.
Versuche, mit den anderen teilnehmenden Personen
über diese Beziehungen und Verbindungen auszutauschen.

112
Praktiken zur Selbsterkenntnis

Lektion 5

Selbstbild

Wir wollen zwischen zwei Dingen unterscheiden: Zum


einen der Eindruck, den man bei anderen hinterlassen will
(dies wird in einem hohen Maße sichtbar in der Art und
Weise, wie die Rollen dargestellt werden). Zum anderen
der Eindruck, den man von sich selbst hat, beziehungswei-
se das Bild, das man von sich selbst hat. Es ist, als wenn
man sich die Frage stellt: „Was denke ich wirklich über
mich selbst?” Beachte, dass diese Frage nicht gleichbedeu-
tend ist mit der nach dem Eindruck, den man auf andere
machen möchte.
Der beste Weg, um dieses Selbstbild zu erkennen, ist
das Ausschlussverfahren. Lasse in deiner Vorstellung nach-
einander eine der Fähigkeiten oder Eigenschaften fallen,
um festzustellen, welche Probleme jeder dieser Verluste
mit sich bringen würde. Du kannst so feststellen, dass
dein Selbstbild starke kompensatorische Züge enthält, die
deinem Leben eine gewisse Sicherheit geben. Zwar ist das
Selbstbild nützlich, um sich selbst zu bestätigen, aber man
sollte erkennen, dass seine Wurzel manchmal in kompen-
sierten Mängeln oder Fehlern liegt.

113
Verhaltensverbesserung

Übung Nr. 5

Frage dich selbst: „Wenn ich eine meiner Fähigkeiten


verlieren würde, welcher Verlust würde mich am meis-
ten treffen? Wäre es die Intelligenz, das Wissen, oder die
Schönheit, oder die Gesundheit, oder die Güte, oder die
Sensibilität... usw.?
Da du die Vorgehensweise bereits kennst, kannst du
ein Schema mit konzentrischen Kreisen erstellen, wie du
es bereits in der vorhergehenden Lektion getan hast. Setze
die für dich wichtigste Eigenschaft oder Fähigkeit in den
innersten Kreis und trage die übrigen in der Reihenfolge
ihrer Wichtigkeit von innen nach außen ein.
Sicherlich müsste man das folgende Beispiel den ei-
genen Eigenschaften entsprechend ganz oder teilweise
verändern.

Wissen
Sicherheit
Güte
Gesundheit
Schönheit
Scharfsinn

Nachdem du diese Übung gemacht hast, überlege dir,


ob du selbst wirklich versuchst, diese Eigenschaften, die
du so hoch einschätzt, in dir zu fördern. Je nach deiner

114
Praktiken zur Selbsterkenntnis

Antwort kannst du interessante Rückschlüsse ziehen, wie


zufrieden oder unzufrieden du mit deinem eigenen Selbst-
bild bist. Vergleiche diese Übung mit der Übung 4 und
versuche, Zusammenhänge zwischen dem Selbstbild und
deiner Werteskala herzustellen. Stelle Beziehungen her,
erkenne, wie du deine Mängel kompensierst. Versuche
das mit den anderen Personen, welche die gleiche Arbeit
machen, zu besprechen. Wenn du mit der Übung fertig
bist, notiere dir deine Vorsätze oder Empfehlungen, die du
umsetzen möchtest, um dein Selbstbild zu korrigieren oder
zu verbessern.

115
Verhaltensverbesserung

Lektion 6

Tagträume und Tagtraumkern

Sicherlich hast du bemerkt, dass es Momente im täglichen


Leben gibt, in denen man zwar wach aber am Träumen
ist. Wenn man hungrig ist, dann "träumt" man manchmal
von bestimmten Speisen. Das geschieht fast immer, wenn
Bedürfnisse und Wünsche vorliegen, aber auch bestimmte
andere Umstände, die wir später besprechen werden. Diese
wachen Träume nennen wir "Tagträume". Im Allgemei-
nen dienen die Tagträume dazu, Mängel auszugleichen
oder Schwierigkeiten imaginär zu lösen. Sie bewirken eine
vorübergehende Lösung der störenden Spannungen.
Wenn es sich um eine vorübergehende Schwierigkeit
handelt (wie im Fall des Hungers und der Träumerei vom
Essen), dann sagen wir, dass ausgleichende, sekundäre,
situationsbezogene Tagträume tätig sind. Wenn aber für
jemanden der Hunger zu einem Dauerzustand würde,
oder wenn die schlechte wirtschaftliche Lage diese Person
ständig mit Hunger bedrohen würde, dann würden diese
Träumereien über Essen zu primären Tagträumen.
In unseren Untersuchungen sind die primären Tagträu-
me wichtig, denn sie neigen dazu, viele unserer Tätigkei-
ten zu lenken und zur Entladung von Dauerspannungen
beizutragen.
Die beste Art, um die eigenen primären Tagträume zu
verfolgen, ist die, auf jene Bilder und Abschweifungen zu
achten, die kurz vor dem Einschlafen oder kurz nach dem
Aufwachen entstehen, das heißt auf der Bewusstseinsebene
des „Halbschlafs”. Diese Bilder tauchen auch in der Ebene

116
Praktiken zur Selbsterkenntnis

der „Wachheit” auf (der Wachebene), nämlich dann, wenn


man müde ist, und hier lassen sie sich auch leicht verfolgen.
Es ist bedeutend schwieriger, den primären Tagträumen
in der Bewusstseinsebene des Schlafes nachzugehen, weil
dann die als „Träume” auftauchenden Bilder manchmal
die primären Träumereien selbst sind, aber auch sekundäre
situationsbedingte Träumereien sein können (als Ausgleich
für Durst, Hunger, Hitze, unbequeme Körperlage usw.).
Es gibt noch andere Formen, diese Tagträume zu ver-
folgen, und diese werden wir jetzt in den folgenden Übun-
gen vorschlagen.

Übung 6

Notiere dir die Bilder oder Tagträume, die sich im Halb-


schlaf oder im Wachzustand, wenn du müde bist, häufig
wiederholen.

Übung 7

Stelle eine Kerze vor dir auf, etwa in einem Meter Entfer-
nung. Sie sollte das einzige Licht im Zimmer sein. Lass
deinen Blick zehn Minuten lang auf der Flamme der Kerze
ruhen. Notiere dir die auftauchenden Bilder und schreibe
daraus eine kurze Geschichte auf der Grundlage dieser Bil-
der, unabhängig davon, ob sie miteinander verknüpft sind
oder nicht.

117
Verhaltensverbesserung

Übung 8

Lass ein Stück Blei schmelzen und wirf es dann schnell


in kaltes Wasser. Das Blei wird sofort willkürliche Formen
annehmen. Stelle das Gebilde etwa 50 cm von dir entfernt
auf einen Tisch. Lass deinen Blick ungezwungen darüber
schweifen, bis sich "Gestalten" für dich herausbilden, über
die du dann eine Erzählung schreiben kannst, als ob es sich
um ein Märchen handelte.

Übung 9

Lege kleine Wattestücke auf einen schwarzen Stoff von un-


gefähr 20 cm x 20 cm Größe. Lasse deinen Blick darüber
wandern, bis du "Gestalten" entdeckst. Mache eine schrift-
liche Erzählung... erzähl die Geschichte, welche durch all
das suggeriert wird.
Wenn du alle vier Übungen beendet hast, beachte die
sich wiederholenden Bilder. Diese wiederholten Bilder las-
sen deine ständigen, primären Tagträume erkennen. Wenn
du keine wiederholten Bilder findest, dann mache diese
Übung erneut, und zwar so oft, bis einige Wiederholungen
erkennbar werden.
Die primären Tagträume, die du bestimmen konntest,
sollten nun in Bezug auf die gegenwärtige Situation, in der
man lebt, untersucht werden. Diesbezüglich sollte man
sich fragen, welche Mängel diese entdeckten Tagträume
ausgleichen.
Anschließend vergleiche die Geschichten (nicht mehr
nur die sich wiederholenden Bilder). Selbst wenn diese
sehr unterschiedlich sein mögen, werden sie ein gemeinsa-

118
Praktiken zur Selbsterkenntnis

mes geistiges Klima enthüllen. Dieses gemeinsame Klima,


das sicher mit dem geistigen Klima, in dem du gewöhnlich
lebst, übereinstimmen wird, lässt deinen Tagtraumkern
erkennen. Es ist von großer Bedeutung, diesen Tagtraum-
kern zu bestimmen, da er das grundlegende Problem wie-
derspiegelt, mit dem man lebt.
Der Tagtraumkern ist ein geistiges Grundklima, das
primäre, ausgleichende Tagträume erzeugt (in Form von
Bildern, welche die größten inneren Spannungen entladen
und gleichzeitig Verhaltensweisen zur Welt hin steuern).
Der Tagtraumkern kann die grundlegenden Tätigkei-
ten eines Menschen über einen langen Zeitraum hinweg
bestimmen, und zwar mittels Bildern (primärer Tagträu-
me), die zu seinem Ausgleich auftauchen. Umgekehrt,
wenn sich der Tagtraumkern durch den Wechsel der Le-
bensphasen (Kindheit, Jugend usw.), durch schicksalhafte
Ereignisse oder durch plötzliche neue Umstände verändert,
dann ändern sich auch die kompensatorischen primären
Tagträume und damit die Ausrichtung der Tätigkeiten
eines Menschen.
Es gibt Menschen, bei denen der Tagtraumkern (das
heißt, das geistige Grundklima) auf eine weit zurückliegen-
de Phase ihres Lebens fixiert ist. Wir können bei ihnen un-
verwechselbare Zeichen erkennen, die einer Lebensphase
angehören, die mit der jetzigen nicht mehr übereinstimmt.
Wenn wir im Gegensatz dazu bei einer Person innerhalb
kurzer Zeit eine große Veränderung bemerken, eine Ver-
haltensweise, die beinahe gegensätzlich zu der ist, die wir
kannten, dann können wir annehmen, dass ein Tagtraum-
kern verschwunden ist und durch einen anderen ersetzt

119
Verhaltensverbesserung

wurde. Infolgedessen veränderte sich auch das Gefüge der


primären Tagträume und damit auch sein Verhalten und
seine Sicht der Realität.
Es ist außerordentlich wichtig, diese Lektion eingehend
zu studieren und mit den Übungen zu arbeiten, die hier
vorgeschlagen werden. Viele der Erkenntnisse, die hier
gewonnen wurden, ermöglichen uns, die bisherigen Er-
gebnisse aus den früheren Lektionen zusammenhängend
zu strukturieren.
Wir empfehlen, sich an dieser Stelle noch einmal die
Autobiographie vorzunehmen und zu versuchen, die Au-
genblicke im eigenen Leben zu bestimmen, in welchen
sich der Kern verändert hat, was sich notwendigerweise in
einem tiefen Wandel in der jeweiligen Lebensphase selbst
ausgedrückt hat.

Überprüfung
Schreibe folgende Angaben auf eine Karteikarte:

Karteikarte zur Selbsterkenntnis

Gegenwärtige Situation (Synthese):


Rollen (Grundverhalten):
Werteskala (Kompensationen):
Selbstbild (Kompensationen):
Primäre Tagträume (Kompensationen):
Tagtraumkern (grundlegende Kompensation):
Biographie (schicksalhafte Ereignisse):
Biographie (Wiederholungen):
Biographie (Änderung der Lebensphasen):
Biographie und Tagtraumkern
(Zusammenhänge):

120
Praktiken zur Selbsterkenntnis

Es empfiehlt sich, die Bemerkungen so kurz und genau wie


möglich zu fassen.
Wenn du die Karte fertig ausgefüllt hast, vergleiche
noch einmal jeden einzelnen Punkt mit den neun übrigen
Punkten. Notiere die Ergebnisse in deinem Notizbuch.
Du bist nun in der Lage, eine Veränderung hinsicht-
lich der Tendenzen und Zukunftsprojekte vorzunehmen.
Um dies im Zusammenhang besser verstehen zu können,
erstellen wir eine zweite Karteikarte. Diese sollte in Verbin-
dung mit der ersten Karte erarbeitet werden.

Karteikarte für Projekte

Kurzfristige Lebensprojekte:
Mittelfristige Lebensprojekte:
Langfristige Lebensprojekte:
Gründe für diese Projekte
(Beziehung zur vorhergehenden Karteikarte):
Mögliche Abweichungen von den Projekten
(auf der Grundlage der vorherigen Karteikate):
Korrekturen und Anpassungen, die für die
Verwirklichung der Projekte nötig sind:
Bemerkungen:
(Zusammenhänge):

Je mehr man die Tagträume und die Projekte als kom-


pensierte Mängel zu verstehen beginnt, desto eher sind
viele Leute teilweise über sich selbst enttäuscht. In der
Selbsterkenntnis wird zwar vorgeschlagen, sich den negati-
ven Aspekten zu nähern, aber es geht vor allem darum, die

121
Verhaltensverbesserung

interessanten Eigenschaften zu verstärken, die eben durch


kompensatorische Einbildungen „erstickt” sein können.
Im Allgemeinen ist es so, dass die Bilder und Projekte, die
auf kompensatorischen Tagträumen basieren, eine gewis-
se Entspannung erzeugen, und deshalb hält der Mensch
an ihnen fest. Aber die Wirklichkeit geht darüber hinaus,
und mit der Zeit driften die Tagträume immer weiter von
der Situation ab, in der man lebt. Das erzeugt Leiden und
Widerspruch.
Eine geglückte Arbeit mit der Selbsterkenntnis hilft
nicht nur, die grundlegenden Mängel zu verstehen, son-
dern sie regt auch zu Vorhaben hinsichtlich einer Verän-
derung an.

122
123


124


Zweiter Teil

Operative

• Katharsispraktiken

• Übertragungspraktiken

• Selbstübertragungspraktiken

125
Operative

126


Überprüfung der vorhergehenden Arbeiten

Bei der Entspannung wurde mit der äußeren, inneren


und geistigen Entspannung gearbeitet. Dann wurde das
System weitergeführt, indem Bilder verwendet wurden,
wie zum Beispiel beim Ruheerlebnis und der Verwandlung
alltäglicher, spannungserzeugender Bilder, ebenso wie bei
der Verwandlung biographischer spannungserzeugender
Bilder.
Bei der psychophysischen Gymnastik wurde auf der
Grundlage von Körperhaltungen gearbeitet. Es wurde eine
Reihe von Übungen ausgeführt, die darauf abzielten, das
vegetative, das motorische, das emotionale und das intel-
lektuelle Zentrum in Gang zu setzen, wobei man in allen
Fällen versuchte, die Mängel in den besagten Zentren und
deren Teilen festzustellen. Es wurden auch Übungen zur
Verbesserung der Aufmerksamkeit gemacht und es wur-
de als allgemeine Richtlinie empfohlen, die entdeckten
Mängel zu überwinden, indem man diejenigen Übungen,
welche die besagten Mängel an den Tag brachten, solange
wiederholen sollte, bis man sie meistert.
In der Selbsterkenntnis wurden Studien zur Lebenssi-
tuation, zu den Rollen, zur Werteskala und zum Selbstbild
gemacht, wobei der Erstellung der Autobiographie sowie
den Arbeiten über die Tagträume eine besondere Bedeu-
tung zukam.
Bevor wir uns dem schwierigen Thema der Operative
widmen, empfehlen wir, die vorhergehenden Kurse noch-
mals durchzuarbeiten und anschließend eine schriftliche
Überprüfung zu machen. Diese Vorgehensweise ermög-
licht es, das Verstandene einzustufen und die vorhergehen-
de Etappe zu verarbeiten.

127
Operative

Überprüfung

1. Die Entspannungspraktiken schnell wiederholen, so


dass all ihre Techniken verstanden werden und man sie
willentlich einsetzen kann. Falls man bei einigen dieser
Techniken auf Schwierigkeiten stößt, sollte man sie so lan-
ge üben, bis man sie beherrscht.
2. Die Praktiken zur psychophysischen Gymnastik
schnell wiederholen und feststellen, ob sie gut bearbeitet
wurden. Ein gutes Kennzeichen dafür wird sein, ob man
eine korrekte Körperhaltung verinnerlicht hat und ob man
den hauptsächlichen Mangel, den man festgestellt hatte,
überwunden hat. Sollte dies nicht der Fall sein, wäre es
angebracht, solange an den genannten Punkten weiterzu-
arbeiten, bis man sie meistert.
3. Die Kartei der Selbsterkenntnis zur Hand nehmen und
mit der Kartei der Projekte vergleichen. Die damaligen
Veränderungsvorschläge neu betrachten.
Wenn die Überprüfung abgeschlossen ist, sollte man
über die folgende Frage nachsinnen: „Weshalb möchte ich
diese Art Arbeit fortsetzen?”

Schriftliche Überprüfung

1. Genau beantworten:
a) Wozu dient die Entspannung?
b) Wozu dient die psychophysische Gymnastik?
c) Wozu dient die Selbsterkenntnis?
Die Materialien nachschlagen, um die Genauigkeit der
Antworten zu überprüfen.

128


2. Die folgenden Fragen beantworten:


a) Worin (in welchen Techniken) unterscheidet sich un-
ser Entspannungssystem von anderen Systemen und
weshalb?
b) Worin unterscheidet sich unsere psychophysische Gym-
nastik von der herkömmlichen Gymnastik und dem
Sport und weshalb?
c) Worin unterscheidet sich unsere Selbsterkenntnis von
anderen Systemen und weshalb?

3. Die folgenden Fragen beantworten:


a) Welche Art Verspannungen gibt es?
b) Wo werden die Verspannungen registriert und auf wel-
che Art?
c) Welche Funktion erfüllen die Bilder?
d) Welche Beziehung besteht zwischen Körperhaltung und
Gemütszustand?
e) Welche Beziehung besteht zwischen Atmung und
Gemütszustand?
f ) Wie arbeitet jedes Zentrum?
g) Wie arbeitet jeder Teil eines jeden Zentrums?
h) Wie arbeiten die Zentren in der Beziehung zueinander?
i) Weshalb ist die Entwicklung der Aufmerksamkeit
wichtig?
j) Was sind die Unterschiede zwischen einer Verspannung
und einem Klima?
k) Was ist eine Rolle?
l) Was ist eine Werteskala?
m) Was ist das Selbstbild?
n) Was sind die Tagträume und welche Funktion erfüllen
sie?
o) Was sind die Bewusstseinsebenen?

129
Operative

p) Weshalb bedingen die biographischen Ereignisse die


Gegenwart?
q) Weshalb bedingen die Projekte die Gegenwart?
Die Materialien nachschlagen, um die Genauigkeit der
Antworten zu überprüfen.

Einführung in die Operative

Nachdem die Überprüfung der vorhergehenden Arbeiten


abgeschlossen wurde, hat man die Voraussetzungen, um
mit der Operative zu beginnen.
Wozu dient die Operative? Die Operative dient dazu,
die Ladungen derjenigen Inhalte, die das Bewusstsein stö-
ren, mit Hilfe eines Systems zu beseitigen, das „Katharsis”
genannt wird. Darüber hinaus dient sie dazu, die psy-
chische Tätigkeit mit Hilfe eines Systems zu ordnen, das
„Übertragung” genannt wird. Und schließlich ist sie für
diejenigen Personen nützlich, die mit Hilfe des Systems,
das „Selbstübertragung” genannt wird, eine bestimmte Si-
tuation ihres Lebens verändern möchten, indem sie ihren
Sinn neu ausrichten.
Man kann die Operative als die Gesamtheit von Tech-
niken definieren, die darauf abzielen, die psychische Tätig-
keit zu normalisieren, so dass das Bewusstsein dann in der
Lage ist, seine Möglichkeiten zu erweitern.
Die Operative erfüllt keine therapeutische Funktion,
da es bei ihr nicht darum geht, psychische Dissoziatio-
nen oder Anomalien zu lösen. Dies fällt in das Gebiet der
Psychiatrie.

130


Die Operative geht davon aus, dass jeder Mensch inner-


lich gespalten ist. Diese Spaltung bezieht sich nicht auf die
Bewusstseinsfunktionen, da wir es in diesem Fall mit einer
pathologischen Erscheinung zu tun hätten, die nicht ins
Gebiet der Operative fällt. Die besagte Spaltung betrifft
vielmehr die Inhalte (biographische, situationsbedingte,
Lebensprojekte betreffende usw.). Inhalte zu verarbeiten
heißt, der Innenwelt Zusammenhang zu verleihen und
demzufolge, auch dem menschlichen Handeln in der Welt
Zusammenhang zu verleihen.
Es ist nicht zusammenhängend, in eine Richtung
zu denken, in eine andere zu fühlen und in wieder eine
andere zu handeln. Jedoch ist gerade dies, was tagtäglich
stattfindet. Es handelt sich dabei nicht um pathologische,
sondern um gewöhnliche Fälle, die aber deswegen nicht
minder schmerzhaft sind.
Um in eine Richtung zu denken, zu fühlen und zu
handeln, ist es an erster Stelle nötig, die Ladungen der
Bewusstseinsinhalte ins Gleichgewicht zu bringen, und an
zweiter Stelle, die genannten Inhalte neu zu ordnen. Die
gesamte Arbeit mit der Operative zielt auf die Kohärenz
ab und eröffnet somit Möglichkeiten zur Entwicklung des
Geistes.

Empfehlungen

1. Jede Lektion gemeinsam mit anderen Personen durch-


gehen und gemeinsame „pädagogische” Übungen machen.
2. Nachdem jede Lektion durchgearbeitet und diskutiert
wurde, arbeitet jede Person mit nur einer weiteren Person
zusammen. Das ist ein wichtiger Punkt: Gemeinsam stu-

131
Operative

dieren, diskutieren, sogar pädagogische Übungen machen,


aber an den wirklichen und tiefgehenden Übungen neh-
men nie mehr als zwei Personen teil. Diese zwei Personen
nehmen jeweils die Rollen der „führenden Person” und des
„Subjekts” ein.
3. Die jeweilige Rolle der führenden Person und des Sub-
jekts muss in jeder Übung abgewechselt werden, damit
beide Übenden die vorgeschlagenen Techniken verstehen
und beherrschen.
4. Während des gesamten Kurses sollten, wenn möglich,
dieselben Personen zusammen arbeiten.
5. Dabei muss auf eine gute Beziehung von Sympathie
geachtet werden, und man muss mit einer vollständigen
und gegenseitigen Vertraulichkeit bezüglich der gemach-
ten Arbeiten rechnen können.
6. Man beginnt keine neue Lektion, bevor die vorange-
hende vollkommen beherrscht wird. Demzufolge ent-
spricht jeder Lektion eine unterschiedliche Anzahl von
Arbeitssitzungen.

132
Katharsispraktiken

Lektion 1 Katharsissondierung

Lektion 2 Katharsissondierung (Vertiefung)

Lektion 3 Katharsis. Bewusstseinsschema.


Tiefgehende Katharsis

133
Operative

134
Katharsispraktiken

Lektion 1

Katharsissondierung

Wenn ein Bewusstseinsinhalt (zum Beispiel ein Bild, eine


Erinnerung, eine Idee) eine derart starke Intensität oder
„Ladung” gewinnt, dass er über die anderen Inhalte her-
ausragt, neigt er dazu, sich zu entladen, indem er den ent-
sprechenden Zentren Impulse gibt. Diese Zentren setzen
sich in Gang und mobilisieren körperliche Aktivitäten zur
Außenwelt hin.
Streng genommen bringt jede Aktivität eine Entladung,
eine Katharsis von Spannungen mit sich. Aber die norma-
len Aktivitäten des alltäglichen Lebens stehen in direkter
Beziehung mit dem Kreislauf Bedürfnis - Befriedigung des
Bedürfnisses. Dank diesem Kreislauf, der die Spannungen
in den Augenblicken des Bedürfnisses erhöht und in den
Augenblicken der Bedürfnisbefriedigung verringert, be-
wegt sich jedes Lebewesen auf die Nahrungsquellen hin
und weicht angesichts Gefahren zurück, um so seine Un-
versehrtheit zu schützen. Des Weiteren richtet es sich auch
auf Möglichkeiten zur Fortpflanzung, zur Vermehrung sei-
ner Struktur, aus. Diese Mechanismen wurden von alters
her durch den „Selbst- und Arterhaltungstrieb” erklärt.
Das System von Spannung - Unbehagen und Entspan-
nung - Wohlbehagen spiegelt auf organischer Ebene die
natürliche Erscheinung von Ungleichgewicht - Wiederher-
stellung des Gleichgewichts wieder.

135
Operative

Im Menschen drücken sich kathartische Entladungen


durch Lachen, Weinen, Mitteilung von Problemen, künst-
lerisches Schaffen, „nutzlose” körperliche Aktivität usw.
aus. All diese Ausdrucksformen scheinen nicht in direktem
Dienste der Instinkte zu stehen, dennoch spielen sie bei
der Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts eine
wichtige Rolle.
Aus unterschiedlichen Gründen können verschiedene
kathartische Entladungskanäle zu einem bestimmten Zeit-
punkt blockiert sein. In diesem Fall sucht die angesammel-
te Spannung einen anderen Ausdruckskanal, und so stellt
sich indirekt das Gleichgewicht wieder her. Wenn aber
die angesammelten Spannungen gegenüber den (direkten
oder indirekten) Entladungen ansteigen, gerät die gesam-
te Struktur in Gefahr. Viele Krankheiten lassen sich auf
Somatisierungen oder innere Explosionen zurückführen,
hervorgerufen durch die Blockierung von äußeren Ent-
ladungskanälen. Andere allgemeine Explosionen können
sich nach außen hin ausdrücken, wie zum Beispiel durch
Gewaltakte.
Aus all dem Gesagten wird klar, dass ein angemessenes
System der Katharsis für das Leben von grundlegender
Bedeutung ist.

Übung 1

Die führende Person bittet das Subjekt, verschiedene


Witze zu erzählen. Die führende Person notiert sich die
Geschichten.

136
Katharsispraktiken

Übung 2

Die führende Person bittet das Subjekt, historische Ereig-


nisse zu erzählen und macht sich Notizen.

Übung 3

Die führende Person bittet das Subjekt, fröhliche Ereig-


nisse aus seinem Leben zu beschreiben. Sie macht sich
Notizen.

Übung 4

Die führende Person bittet das Subjekt, schwerwiegende


oder traurige Vorkommnisse aus seinem Leben zu erzäh-
len. Sie macht sich Notizen. Nachdem die vier Übungen
gemacht wurden, wird das erhaltene Material zusammen-
getragen, und das Subjekt wird aufgefordert zu erklären,
welches die gemeinsamen Elemente in den verschiedenen
Geschichten sind, die in ihm folgendes erzeugten: a) mus-
kuläre Spannungen und weshalb; b) Entspannung und
weshalb; c) Blockierung (das heißt: Vergessen, Vertuschen
oder Stillschweigen) und weshalb; d) Veränderungen in der
Stimme, der Atmung, der Körperhaltung… und weshalb.
Nachdem all das abgeschlossen ist, wird das Subjekt
aufgefordert, in wenigen Worten zusammenzufassen, was
in ihm Spannung erzeugt und was es entspannt.

137
Operative

Schließlich wird das Subjekt aufgefordert, frei Vor-


kommnisse oder Träumereien zu erzählen, die es von
seinen Spannungen befreien. Zu diesem Zeitpunkt wird
bereits eine erste elementare Katharsis geleitet.
Wie es in diesem Kurs üblich ist, tauscht die führende
Person seine Rolle mit dem Subjekt. Diesen Arbeiten wer-
den so viele Sitzungen wie nötig gewidmet.
Keine Sitzung sollte länger als eine Stunde dauern.

138
Katharsispraktiken

Lektion 2

Katharsissondierung (Vertiefung)

In der vorhergehenden Lektion haben die führende Person


und das Subjekt einen ersten Kontakt hergestellt.
Die vorgeschlagenen Übungen hatten zum Ziel, die
mit bestimmten Themen verbundenen Spannungen zum
Vorschein zu bringen. Man zielte auch darauf ab, eine ele-
mentare Katharsis zu erreichen, indem man das Subjekt
darum bat, sich frei auszudrücken und Ereignisse und
Träumereien ganz nach seinem Belieben zu erzählen.
Wir gehen jetzt zu präziseren Techniken über, wobei
wir immer der Idee folgen, Probleme zu entdecken (Son-
dierung), um dann die hervorgetretenen Spannungen zu
entladen.
Dabei muss Folgendes verstanden werden: Das In-
teresse liegt nicht darin, Ladungen freizusetzen, die mit
situationsbezogenen (momentanen) Spannungen zu tun
haben, sondern diejenigen, die mit dauerhaften Spannun-
gen verbunden sind. Auch wenn diese Spannungen eine
Vielfalt an Ursachen haben können, sind sie üblicherweise
doch mit drei großen Themenbereichen verknüpft: Geld,
Sex und Selbstbild.
Wir legen jetzt ein komplettes System der Katharsis-
sondierung dar, das keine besonderen Voraussetzungen zu
seiner Durchführung benötigt.
Die Grundlage des Systems ist die Liste von Reizwörtern.
Die führende Person nennt Wörter, auf die das Sub-
jekt mit anderen antworten muss, und zwar so schnell wie
möglich, ohne dabei zu rationalisieren, mit anderen Wor-

139
Operative

ten, aufgrund einer einfachen Gedankenassoziation. Bei-


spiele einer Rationalisierung sind die Antworten, die das
vorgeschlagene Reizwort definieren, beschreiben oder ein-
fach wiederholen. Wenn also die führende Person „Stuhl”
sagt und das Subjekt mit „Sitzgelegenheit” antwortet, so
befinden wir uns in Gegenwart einer Rationalisierung, die
für die Sondierung von geringem Nutzen ist.
Die Reizwörter sind am Anfang neutral. Das heißt, es
sind Wörter, die sich auf Gegenstände oder Gebrauchsge-
genstände aus dem alltäglichen Leben beziehen, wie zum
Beispiel: Tisch, Stuhl, Tür, Fenster, Bett, Küche, Auto,
Stadt, Fabrik, Spielzeug usw.
Danach ersetzt die führende Person einige neutrale
Wörter durch andere, die mit den oben genannten zent-
ralen Themenbereichen verbunden sind, wie zum Beispiel:
Tisch, Geld, Tür, Liebe, Mutter, Auto, lächerlich, Fabrik,
Tod, Kind usw.
Die Wörter, die mit den zentralen Themenbereichen
verbunden sind oder die eine besondere Bedeutung für
das Leben und die Integrität des Subjekts haben (wie zum
Beispiel „Tod”, „Krankheit”, „Unfall”, usw.), werden „be-
deutsam” genannt, unabhängig davon, ob sie als Reiz oder
als Antwort vorkommen.
Anschließend geben wir noch ein paar Empfehlungen:
Die führende Person sollte ein gepflegtes und anstän-
diges Wörterrepertoire verwenden. Die führende Person
sollte die bedeutsamen Antworten notieren, sei es, weil sie
mit den zentralen Themenbereichen verknüpft sind, oder
aufgrund ihrer gefühlsmäßigen Ladung, so z. B. wenn auf
das Wort „Stuhl” die Antwort „Liebhaber” folgt, oder aber

140
Katharsispraktiken

ein Ausruf wie „Uh !”, oder eine eigenartige Konstruktion


wie „ich kann nicht” usw. Man soll ganz besonders auf fol-
gende Anzeichen achten:

1. Steigerung der Muskelspannung beim Hören des


Reizwortes oder beim Antworten darauf.
2. Veränderung im Klang der Stimme.
3. Veränderung in der Atmung.
4. Veränderung in der Körperhaltung.
5. Zu lange Antwortzeit.
6. Vergessen von Wörtern, die als Antwort auf den
Reiz in Frage kämen.
7. Gefühlsgeladene Antworten.

Im 5. Fall liegt der Grund meistens darin, dass das Sub-


jekt das erste Wort, das ihm in den Sinn gekommen ist,
durch ein anderes ersetzt hat. Der 6. Fall weist auf eine
Blockierung bei den Bildern hin. Der 7. Fall hat katharti-
sche Merkmale.
In späteren Übungen nennt die führende Person neu-
trale Wörter, fügt dabei aber andere ein (Reizwörter oder
Antworten des Subjekts, die als erneutes Reizwort verwen-
det werden), die vorher als bedeutsam eingestuft wurden.
Später wird die Liste aus jeweils zwei Wörtern bestehen,
auf die das Subjekt ebenfalls mit zwei Wörtern antworten
muss.
Schließlich wirft die führende Person ganze Sätze ein,
die auf der Grundlage bedeutsamer Wörter gebildet sind,
und bittet das Subjekt darum, ebenfalls mit ganzen Sätzen
zu antworten.

141
Operative

Die Sondierung erreicht eine interessante Ebene, wenn die


führende Person immer weniger und das Subjekt immer
mehr spricht, wobei es derart in die Länge geht, dass man
von einer einfachen Sondierung zu einer gefühlsgeladenen
Geschichte übergeht. In diesem Fall öffnen sich katharti-
sche Möglichkeiten, die etwas auffällige Ausdrucksformen
wie Lachen, Weinen, Wutausbrüche usw. ermöglichen.

Übung 1

Die führende Person nennt eine Liste von Reizwörtern, auf


die das Subjekt antwortet.

Übung 2

Die führende Person fügt bedeutsame Wörter ein, die mit


den zentralen Themenbereichen zu tun haben und/oder
bedeutsame Wörter, mit denen das Subjekt in der vorher-
gehenden Übung geantwortet hat.

Übung 3

Die führende Person nennt eine Reihe von jeweils zwei


Wörtern, auf die das Subjekt ebenfalls mit je zwei Wörtern
antwortet.

142
Katharsispraktiken

Übung 4

Die führende Person nennt bedeutsame Sätze und bittet


das Subjekt, ebenfalls mit Sätzen zu antworten.

Übung 5

Die führende Person nennt bedeutsame Sätze und bittet


das Subjekt darum, sich ohne Vorurteile und ohne Ratio-
nalisierungen auszudrücken.
Nach den Übungen hilft die führende Person dem
Subjekt dabei, dass es selbst die bedeutsamen Phänomene
interpretiert und eine zusammenhängende Synthese seiner
Grundprobleme macht.
Wenn das Subjekt nach Abschluss der Arbeit eine Er-
leichterung von seinen Spannungen verspürt, dann hat die
Katharsis stattgefunden. Selbstverständlich erreicht die Ka-
tharsis verschiedene Tiefengrade, und deshalb empfehlen
wir die Durchführung von mehreren Sitzungen.
Wie immer tauschen beide Personen die Rollen nach
Abschluss der Übungsreihe.
Man beobachte auch, dass man auf der Grundlage des
erklärten Schemas Techniken verfeinern kann, die im all-
täglichen Leben bei jenen Personen anwendbar sind, die
große innere Spannungen und im Allgemeinen Kommu-
nikationsschwierigkeiten haben. Sehen wir uns ein Beispiel
einer alltäglichen Katharsissondierung mit einer Person an,
die diese Themen nicht kennt.

143
Operative

Rückspeisungs-Sondierung

Die führende Person bittet das Subjekt auf jedes Wort, das
er sagt, mit einem anderen zu antworten, und auf mehrere
Wörter ebenfalls mit mehreren zu antworten. Wenn die
führende Person schließlich ganze Sätze sagt, antwortet das
Subjekt ebenfalls mit ganzen Sätzen.
Die führende Person bittet das Subjekt unverzüglich zu
antworten, ohne Vorurteile oder Rationalisierungen.
Dann nennt die führende Person plötzlich ein belie-
biges Wort…. Das Subjekt antwortet und die führende
Person nimmt die Antwort auf und lanciert sie als neues
Reizwort. Auf diese Weise entwickelt das Subjekt selbst
nach und nach eine Art kathartischen Ablauf, der in einer
Geschichte mündet, bei der nur noch das Subjekt spricht.

144
Katharsispraktiken

Lektion 3

Katharsis. Bewusstseinsschema. Tiefgehende


Katharsis
In anderen Kapiteln haben wir die Funktionswei-
se der Antwortzentren sowie die Funktion des Bil-
des als treibende Kraft von Aktivitäten betrachtet.
Wir stellen jetzt die folgenden Schemata zusammen:

Schema I

Reiz
Bewusstsein
Antwort

Das Schema I zeigt ein einfaches System, in dem die Reize


zum Bewusstsein gelangen und dieses tätig wird, indem es
eine Antwort gibt.

Das Schema II zieht bereits in Betracht, dass die Reize von


außerhalb oder von innerhalb des Körpers stammen kön-
nen. Die Reize werden durch die Sinne als Sinneseindrü-
cke empfangen und dem Bewusstsein als Wahrnehmungen
(das heißt strukturierte Sinneseindrücke) übermittelt. Das

145
Operative

Bewusstsein wird mittels Bildern tätig, die Energie zu den


Zentren befördern, welche dann ihrerseits, je nach Fall,
die äußeren bzw. inneren Antworten auslösen.

Schema II
Äußerer Reiz Wahrnehmung
Sinne

Innerer Reiz Bewusstsein

Zentren
Äußere Antwort Bild

Das Schema III ist vollständiger. Hier werden bereits zwei


Sinnessysteme unterschieden: die äußeren Sinne (Sehen,
Hören, Riechen, Schmecken und Tasten) sowie die inne-
ren Sinne (Koenästhesie: Schmerz, Temperatur, Muskel-
spannung usw., sowie Kinästhesie: Körperposition und
-bewegung).
Die aus dem äußeren und inneren Milieu stammenden
Reize erreichen das Bewusstsein als Wahrnehmungen und
werden gleichzeitig im Gedächtnis abgespeichert. Das Ge-
dächtnis wiederum schickt Reize zum Bewusstsein (Erin-
nerungen). Das Bewusstsein liefert Bilder, die auf die
Zentren wirken, die dann ihrerseits äußere (motorische)
oder innere (vegetative) Antworten geben.

146
Katharsispraktiken

Schema III

Erinnerungen
Gedächtnis
Speicherungen

Äußere
Äußerer Reiz Sinne Äußere und innere Bewusstsein
Wahrnehmung
Empfindung Innere
der Antwort Innere Empfindungen

Zentren
Äußere Bilder
Antwort

Jede von einem Zentrum gegebene Antwort wird von


den inneren Sinnen und vom Bewusstsein erkannt. Dank
dieses Erkennens hat es eine Ahnung von den ausgeführten
Vorgängen (Rückspeisung der Antwort), die zusätzlich im
Gedächtnis gespeichert werden. Letzteres ist die Grundla-
ge des Lernens, das in dem Maße vervollkommnet wird, in
dem die Vorgänge wiederholt werden.
Sollten die Impulse, die von den Sinnen oder von den
Antworten der Zentren oder vom Gedächtnis ankommen
sollten, aus irgendeinem Grund blockiert sein, kommt es
zu Bewusstseinsstörungen. Diese treten aber ebenfalls auf,
wenn zu viele Impulse auf das Bewusstsein einströmen.
Alle Impulse, die den Kreislauf durchlaufen, können
mit unterschiedlicher Stärke arbeiten: manchmal arbeiten
sie normal (innerhalb der Schwellen), manchmal mit sehr
schwacher Energie (unterhalb der Schwelle), manchmal im
Überfluss (oberhalb der Toleranzschwelle) oder manchmal
auch gar nicht (Blockade). Wenn die vom Bewusstsein

147
Operative

stammenden Impulse zu einem Zentrum gelangen und in


diesem die Antwort blockiert wird, dann wird dieses Zent-
rum mit Energie überladen. Diese Ladungen verlagern sich
dann zu anderen Zentren hin und erzeugen somit fehler-
hafte Antworten (z.B. gehemmte motorische Antworten
überladen das vegetative Zentrum, das unpassende innere
Antworten gibt und so organische Fehlfunktionen oder
Somatisierungen erzeugt. Ähnliches kann geschehen, wenn
bestimmte gefühlsmäßige Antworten blockiert werden, die
sich eigentlich motorisch hätten ausdrücken sollen).
Die Katharsis erfüllt die Funktion, die Aufhebung der
Blockade zu ermöglichen und so die Überladungen zu ver-
ringern, die den ganzen Kreislauf in Gefahr bringen.
Als wir mit der psychophysischen Gymnastik gearbeitet
haben, konnten wir feststellen, wie gelegentlich ein Zent-
rum als Ersatz eines anderen tätig wurde, oder wie ein be-
stimmter Teil denjenigen Teil ersetzte, der eigentlich hätte
antworten sollen. Dort haben wir auch festgestellt, dass die
Arbeitsweise der Zentren in verschiedenen Personen unter-
schiedlich ist. Anhand der inzwischen bekannten Übungen
haben wir versucht, diejenigen Zentren oder Teile in Gang
zu setzen, die Funktionsschwierigkeiten aufwiesen.
Die psychophysische Gymnastik half beim Erkennen
von Problemen bei den Antworten, sowie beim Wieder-
herstellen des Energieflusses hin zu den richtigen Entla-
dungsstellen. In diesem letzteren Fall wurde die katharti-
sche Wirkung jener Arbeiten offensichtlich.
Jetzt müssen wir uns fragen: was geschieht, wenn sich
die Impulse blockieren, noch bevor sie zu den Zentren ge-
langt sind? Es ist offensichtlich, dass wir in einem solchen
Fall auf der Ebene der inneren Sinne arbeiten müssen (bei
innerkörperlicher Unempfindlichkeit, oder beim Schwin-

148
Katharsispraktiken

den der Empfindung von ganzen Körperzonen), oder auf


der Ebene der Bildergestaltung (im Falle von Abwesenheit,
Ersatz oder fehlerhafter Lage im Vorstellungsraum des Be-
wusstseins). All diese Fälle werden in den entsprechenden
Lektionen des Abschnitts Übertragung behandelt.
Auch haben wir bereits mit Entspannung gearbeitet,
wobei wir Ladungen verringert haben, die, wenn sie sich
in innere Empfindungen verwandeln, neue Impulse her-
vorrufen können, welche dann ihrerseits die reibungslose
Arbeitsweise des Kreislaufes beeinträchtigen können. Es
ist aber auch klar, dass bestimmte Spannungsquellen von
denjenigen Stellen entfernt sind, auf die sie schließlich ein-
wirken. So kann sich zum Beispiel ein Gedächtnisinhalt
als zwanghaftes Bild ausdrücken, das die emotionale und
motorische Spannung erhöht. In diesem Fall bewirkt die
Entspannung, dass die Ladung in bestimmten Körperzo-
nen verringert wird und dass die Aufmerksamkeit von den
störenden Bildern zu den kontrollierbaren hin verlagert
wird. In jedem Fall benötigen die verschobenen Ladungen
jedoch eine kathartische Öffnung.

Tiefgehende Katharsis

Die Anwendung der Katharsis als Technik empfiehlt sich


in Fällen von allgemeiner Unruhe, Angstzuständen, Man-
gel an Kommunikation und Blockaden jeglicher Art.
Manchmal reicht eine kathartische Sondierung; ge-
legentlich wird es aber nötig sein, zu einer tiefgehenden
Katharsis zu gelangen.

149
Operative

Bevor wir uns nun diesem Thema widmen, sollten


wir uns daran erinnern, dass es zahlreiche empirische Ka-
tharsisformen gibt: Lachen, Weinen, Rennen, Schreien,
sowie jegliche Art Aktivitäten, die Spannungen entladen
und demzufolge als Erleichterung registriert werden.
Dennoch ist es für uns von Interesse, genaue Techniken
zu beherrschen (kathartische Sondierung und tiefgehende
Katharsis), die uns direkt zu den Problemkernen führen,
seien diese nun gegenwärtige, biographische oder auch nur
eingebildete. Dort, wo es solche „Knoten” gibt, müssen wir
bis zu ihnen vordringen und ihre Ladungen auf einfachste
und schnellstmögliche Art lösen.
In dieser Lektion werden wir den folgenden Schritten
folgen:

1. Innere Untersuchung, 2. Entspannung, 3. Ablauf der


Katharsis, 4. Entladung und 5. Synthese

1. Schritt: Man bittet das Subjekt darum, sich innerlich zu


untersuchen und dabei zu versuchen, diejenigen Probleme
zu entdecken, über die zu reden ihm am schwersten fallen
würde. Nach diesem Vorschlag lässt man das Subjekt wäh-
rend einiger Minuten alleine.
2. Schritt: Die führende Person setzt sich neben das Subjekt
und empfiehlt ihm, eine gute äußere Muskelentspannung
zu machen.
3. Schritt: Die führende Person setzt alle Techniken der
kathartischen Sondierung ein, bis er zu einem Punkt ge-
langt, an dem er selbst kaum spricht und das Subjekt frei
zu erzählen beginnt.

150
Katharsispraktiken

4. Schritt: Dem Subjekt gelingt es, jene Probleme aus-


zudrücken, von denen es bei der inneren Untersuchung
glaubte, dass es unmöglich wäre, sie einer anderen Person
mitzuteilen.
5. Schritt: Führende Person und Subjekt machen eine Syn-
these von dem, was geschehen ist und geben dabei dem
ganzen Prozess einen Zusammenhang.

Empfehlungen

1. Der Arbeitsraum sollte ruhig und nur halb beleuchtet


sein. Es ist wichtig, dass mögliche Störungen durch andere
Personen ausgeschlossen sind.
2. Die Teilnehmer sollten sich nebeneinander setzen, so
dass das Subjekt sich durch die führende Person nicht be-
obachtet fühlt.
3. Die führende Person achtet darauf, dass sie sich einer
gepflegten und freundlichen Ausdrucksweise bedient und
dass sie eine warmherzige Kommunikation herstellt. Auf
keinen Fall wird die führende Person dem Subjekt Vorhal-
tungen machen oder es verurteilen.
4. Die führende Person wird nie den Namen des Subjekts
nennen.
5. Die führende Person notiert sich die Anzeichen, die
beim Ablauf auftauchen.

151
Operative

Anmerkungen

Eine der ersten Schwierigkeiten, die bei stark blockierten


Subjekten auftreten, ist das Argument, „sie hätten keine
Probleme, die sie nicht ausdrücken können”. Manchmal
klingt diese Begründung sogar für das Subjekt selbst un-
glaubwürdig. In diesem Fall kann man in mehreren Sit-
zungen Schritt für Schritt in dem Maße voranschreiten,
wie das Vertrauen unter den Teilnehmern wächst. Solcher
Begründung entspricht auch ein Mangel von Glauben an
den Erfolg der Technik oder an die Fähigkeit der führenden
Person. Es ist klar, dass je größer das Kommunikationspro-
blem des Subjekts ist, desto strenger wird es in seiner Be-
urteilung bezüglich der führenden Person sein und desto
größer werden seine Rationalisierungen sein.
In vielen Fällen denkt wohl das Subjekt, dass das Risi-
ko größer als das Ergebnis sei. Streng genommen besteht
überhaupt kein Risiko, aber zweifellos bringt die Katharsis
das Selbstbild des Subjekts oder eben das Bild, das es den
anderen von sich zeigt, ins Wanken.
Es kann auch vorkommen, dass das Subjekt seine
Grundprobleme aufgrund des Spannungssystems, das sei-
ne Inhalte blockiert, tatsächlich nicht versteht. In diesem
Fall werden die größeren Probleme üblicherweise auf we-
nig bedeutende Schwierigkeiten verlagert.
Eine andere Schwierigkeit einiger Subjekte ist der Ge-
brauch von Interpretationen, die der kathartischen Arbeit
vorausgehen und durch die sie die Probleme theoretischen
Schemen entsprechend rationalisieren.

152
Katharsispraktiken

Die genannten Schwierigkeiten können durch die führen-


de Person gelöst werden, indem sie das Subjekt darüber
aufklärt und dabei immer jegliche Diskussion vermeidet.
Gerade die hier aufgeführten Anmerkungen können dem
Subjekt vor Beginn der Arbeit offen erläutert werden.
Bei der inneren Untersuchung grenzt das Subjekt all
jene Probleme ein, die ihm schwerfallen oder gar unmög-
lich scheinen, der führenden Person mitzuteilen. Es sollte
aber auch jene berücksichtigen, die seine Kommunikation
mit anderen Menschen erschweren.
Mit dem Zustand äußerer Entspannung wird ange-
strebt, dass das Subjekt jede in ihm auftauchende Schwie-
rigkeit selbst aufgrund der Zunahme der Muskelspannung
entdeckt. Ebenso dient dies der führenden Person als An-
zeichen. Und schließlich ist er auch nützlich, um zweitran-
gige Impulse zu verringern, die sonst dem Kreislauf zuge-
führt werden könnten und so die Blockierung verstärken
könnten.
Im Verlauf der Arbeit bittet die führende Person das
Subjekt nicht darum, die in der inneren Untersuchung
erkannten Probleme mitzuteilen, sondern beschränkt
sich auf die Techniken der kathartischen Sondierung. Es
geschieht jedoch in der Praxis, dass das Subjekt in dem
Maße, in dem der Prozess voranschreitet, sich selbst zu den
in der vorhergehenden Untersuchung bestimmten Proble-
men hinwendet. Es kommt manchmal auch vor, dass das
Subjekt während des Ablaufes Probleme erkennt, die über
die in der Überprüfung bestimmten hinausgehen, und
jene ersteren dann als Rationalisierungen oder Verlagerun-
gen der Grundthemen versteht. Dennoch sind es zweifellos

153
Operative

die in der inneren Untersuchung bestimmten Themen, die


es dem Subjekt ermöglichten, zu anderen, interessanteren
Themen vorzustoßen.
Die Schwierigkeiten, die möglicherweise auftauchen,
sind zahlreich und vielfältig. Viele von ihnen wird man
verstehen, wenn man sich mit den der Übertragung ge-
widmeten Lektionen befasst.

154
Übertragungspraktiken

Lektion 1 Einführung in die Übertragung


I. Spannungen und Klimata
Die Impulse und ihre Umwandlungen
II. Wahrnehmung und Vorstellung
Assoziationsketten
III. Assoziationen und
Bewusstseinsebenen
IV. Vorstellungsraum

Lektion 2 Einführung in die Übertragung


I. Vorstellungsraum und
Bewusstseinsebenen
II. Tiefen und Ebenen des
Vorstellungsraums
III. Überprüfung von Apparaten und
Impulsen. Übungen zur Überprüfung

Lektion 3 Einführung in die Übertragung


Allegorien, Symbole und Zeichen
Symbollehre. Übungen zur Symbollehre

Lektion 4 Einführung in die Übertragung


Allegorienlehre. Themen. Handlungs-
abläufe. Allegorische Analyse. Allegori-
sche Interpretation. Übungen zur
Allegorienlehre

155
Operative

Lektion 5 Übertragungssondierung
I. Anzeichen
II. Anzeichen für Widerstände
Übung zur Übertragungssondierung von
Widerständen

Lektion 6 Übertragungssondierung
I. Ebenentechnik
II. Umwandlungstechnik
III. Ausdehnungstechnik
Übung zur Übertragungssondierung und
übertragenden Fortbewegung

Lektion 7 Bilderübertragung
Schritte der Übertragungssitzung
Anmerkungen
Übung zur Bilderübertragung

Lektion 8 Klimaübertragung
Voraussetzungen
Behandlung von Klimata ohne visuelle
Bilder
Anmerkungen
Übung zur Klimaübertragung
Übung zur negativen Übertragung

Lektion 9 Verarbeitung nach der Übertragung

156
Übertragungspraktiken

Lektion 1

Einführung in die Übertragung

In der vorangehenden Lektion tauchte die Frage auf: „Was


geschieht, wenn Impulse blockiert werden, noch bevor sie
zu den Zentren gelangt sind?” Nehmen wir z.B. den Fall
einer innerkörperlichen Unempfindlichkeit. Das Subjekt
erklärt, dass es keinerlei Spannungen im Geschlechtsbe-
reich empfindet und dass Symptome der Impotenz auf-
treten. Oder nehmen wir einen anderen Fall, in dem eine
stark konfliktgeladene Situation in Vergessenheit geriet,
anstatt verarbeitet oder kathartisch entladen zu werden.
Oder nehmen wir schließlich den Fall eines andauernden
Depressionszustands, in dem das Subjekt keinerlei Span-
nung empfindet, die es durch Entspannung oder katharti-
sche Abreaktionen beseitigen könnte.
Die genannten Fälle, ebenso wie andere komplizierte-
re, veranlassen uns dazu, uns mit schwierigeren Arbeiten
zu beschäftigen, die unter dem Namen „Übertragungen”
bekannt sind.
Die Übertragungen zielen darauf ab, Inhalte zu inte-
grieren. Sie gehen nicht wie die Katharsis vor, die Span-
nungen nach außen hin entlädt, sondern sie übertragen
Ladungen von bestimmten Inhalten auf andere, um ein
Gedankensystem oder eine geistige „Szene” ins Gleichge-
wicht zu bringen.

157
Operative

Eigentlich arbeitet das Bewusstsein ständig damit,


Ladungen von einigen Inhalten auf andere zu übertragen.
Dennoch geschieht es, dass aus irgendeinem Grund be-
stimmte Inhalte isoliert bleiben und zu Spaltungen führen.
Vom psychologischen Standpunkt aus betrachtet sollte
das menschliche Leben auf eine wachsende Integration
von Inhalten hinauslaufen. In diesem Sinne zielt die Über-
tragung als Technik auf die Verwirklichung des normalen
Prozesses ab, der durch zufällige Spaltungen beeinträchtigt
wird.
So wie es natürliche kathartische Ausdrucksformen
gibt, so gibt es auch Übertragungsvorgänge, die sich in den
Träumen, in den Tagträumen, in der Ausübung künstleri-
scher Tätigkeiten, in der Praxis der Liebe und der Religion
vollziehen.
Wir erklären diese Aktivitäten hier nicht anhand der
Übertragung, sondern wir stellen lediglich fest, dass in die-
sen Aktivitäten Übertragungen stattfinden.
Im paradoxen Schlaf (oder Schlaf mit Bildern) kommt
es zu Übertragungen (Integrationen, Verarbeitung von In-
halten), aber zusätzlich wird die Information, die im Laufe
des Tages aufgenommen wurde, im Gedächtnis neu geord-
net. Es werden auch Spannungen vermindert und der Kör-
per ruht sich aus. Der Schlaf erfüllt also zahlreiche Funk-
tionen, und eine von ihnen ist die Übertragungsfunktion.
Viele kathartische Phänomene ermöglichen Übertra-
gungen, indem sie „Überladungen” lindern. Umgekehrt
setzen Übertragungsphänomene Reste von Überladungen
frei, die sich kathartisch ausdrücken. Auch wenn es sich
um verschiedene Funktionen handelt, wirken sie häufig
zusammen.

158
Übertragungspraktiken

Wir werden später sehen, dass im Fall von zu großer


Spannung zuerst eine kathartische Entladung dieser Span-
nungen erzeugt werden muss, bevor eine Übertragungsar-
beit begonnen werden kann. Wir werden auch verstehen,
in welchen Fällen eine Entladung unangebracht sein wird,
da sie den Inhalten, die wir integrieren möchten, ihre La-
dung wegnehmen würde.

I. Spannungen und Klimata.


Die Impulse und ihre Umwandlungen
In der Selbsterkenntnis haben wir einen ersten Unter-
schied zwischen Spannung und Klima gemacht, wobei wir
letztere als eine allgemeine und unbestimmte Empfindung
charakterisierten. Die Spannung hingegen wurde in Bezug
auf äußere und innere Muskeln und manchmal auch auf
geistige Bilder erklärt. Bei jener Gelegenheit haben wir
Klimata der Verlassenheit, Gewalt, Einsamkeit, Ungerech-
tigkeit, Unterdrückung, Unsicherheit usw. erwähnt.
Ebenso wie wir beim Studium der Katharsis die situ-
ationsbezogenen Spannungen außer Acht gelassen haben
und nur den dauerhaften Spannungen Aufmerksamkeit
geschenkt haben, werden wir jetzt bei den Übertragungs-
techniken das Interesse auf die (dauerhaften) „festgefahre-
nen Klimata” legen, die als gefühlsmäßiger Hintergrund
im alltäglichen Leben wirken und das zentrale Bewusst-
seinsfeld nur unter bestimmten Umständen besetzen.
Die Klimata haben keinen punktuellen Charakter, son-
dern sind eher diffus. Manchmal sind sie nicht an visuelle
Bilder gebunden und entstehen als Folge koenästhetischer
Empfindungen (innere Sinne), hervorgerufen durch eine

159
Operative

Funktionsstörung oder durch eine Gesamtheit von Ge-


dächtnis- oder Bewusstseinsimpulsen. Die beiden letzte-
ren wirken, in koenästhetische Bilder verwandelt, auf das
vegetative, sexuelle oder emotionale Zentrum ein, die eine
innere Antwort geben, was wiederum eine neue Gesamt-
heit von Empfindungen hervorbringt (Rückspeisung von
Impulsen). Da diese Empfindungen durch die Koenästhe-
sie aufgenommen werden, erreichen sie das Bewusstsein
in diffuser Form (wie im Fall der Empfindungen, die von
einer funktionalen Störung herstammen) und werden dort
in andere, den äußeren Sinnen eigene Bilder übersetzt (vi-
suelle, auditive usw.).
Auf diese Weise kann sich dank dem Phänomen der
Übersetzung sowohl eine organische Störung als auch eine
sexuelle oder emotionale Überladung in z.B. visuelle Bilder
verwandeln, aber sie werden stets von einem diffusen emo-
tionalen Klima begleitet, das den Impulsen des Körper-
inneren eigen ist.
Die Übersetzung von koenästhetischen Impulsen in
Bilder, die den äußeren Sinnen eigen sind, steigt in dem
Maße, in dem die Bewusstseinsebene sinkt. Tatsäch-
lich erscheinen jene koenästhetischen Impulse, die das
Bewusstsein in der Wachheit nur als diffuse Klimata er-
reichen, im Tiefschlaf übersetzt, da sich die der äußeren
Wahrnehmung entsprechenden Sinne beim Absinken der
Ebene von der äußeren Welt abschalten, während sich die
Wahrnehmungsschwelle der inneren Sinne erweitert.
Betrachten wir ein Beispiel. Die Empfindungen, die im
Wachzustand als „Kribbeln” aufgrund einer ungünstigen
Position des Armes interpretiert werden, können im Traum
als Ameisen erscheinen, die auf dem Arm herumlaufen.
Diese Bilder dienen dem Schlafenden dazu, seine Lage zu

160
Übertragungspraktiken

korrigieren ohne aufzuwachen, aber sie führen außerdem


zu einer langen Kette von Assoziationen, aus der sich eine
mehr oder weniger komplizierte Traumhandlung ergibt.
Eine Erhöhung der Magensäure kann in Bilder eines
Brandes übersetzt werden; ein Atemproblem in das Leben-
dig-begraben-werden des Schlafenden; ein Herzproblem
in einen Pfeiltreffer, Blähungen in einen Ballonflug, eine
sexuelle Überladung in auf einen Sexualpartner bezogene
visuelle, auditive und taktile Bilder.
Auch die von der äußeren Welt stammenden Reize
können in der Schlafebene verformt werden, ohne not-
wendigerweise von einem Sinn zu einem anderen übersetzt
zu werden. Zum Beispiel kann das Klingeln des Telefons
zum Läuten von im Wind schwingenden Glocken werden;
jemand, der an die Tür klopft, wird zum greisen Schuster
eines alten Märchens; das Bettlaken, das sich um die Beine
wickelt, wird zu einem Moor voller Hindernisse, aber mit
taktilen Empfindungen, die denen des auslösenden Reizes
ähnlich sind. Wir haben zwei unterschiedliche Umwand-
lungen von Impulsen erwähnt: die eine haben wir „Über-
setzung” genannt, die andere „Verformung”.
Ein weiterer wichtiger Fall der Umwandlung von Im-
pulsen ist die „Abwesenheit”. Dies geschieht zum Beispiel
im Falle von innerkörperlichen Unempfindlichkeiten, feh-
lenden Gliedmaßen oder Organen, oder einem mangelhaf-
ten äußeren Sinn, die als Klimata von „Identitätsverlust”
oder „Abgeschnittenheit von der Welt” usw. empfunden
werden. In den niedrigen Bewusstseinsebenen kann diese
Abwesenheit von Reizen durch verschiedene Verformun-
gen oder Übersetzungen ausgeglichen werden, je nachdem,
welche Assoziationskette eine bessere Funktion für den
psychischen Haushalt erfüllt.

161
Operative

II. Wahrnehmung und Vorstellung.


Assoziationsketten
Wenn eine Person einen Gegenstand wahrnimmt, erkennt
sie ihn wieder oder aber sie stellt fest, dass er etwas Neues
darstellt. Dies ist möglich, weil beim Eintreten des Impulses
(der zum Gedächtnis und zum Bewusstsein geht) eine
schnelle Analyse im Gedächtnis stattfindet. Dieser Analyse
liegt ein Vergleich zwischen den ankommenden und den
früher gespeicherten Impulsen zugrunde. Das Gedächtnis
schickt dann ein vollständiges Signal zum Bewusstsein,
und das Bewusstsein „erkennt” den Gegenstand.
Ebenso wie die Impulse, die in den Sinnen beginnen
(Sinneseindrücke) und dann das Bewusstsein strukturiert
als Wahrnehmung erreichen, liefert das Gedächtnis dem
Bewusstsein Daten, die als Vorstellungen strukturiert wer-
den. Die Übereinstimmung zwischen Wahrnehmung und
Vorstellung ermöglicht dem Bewusstsein je nach Fall den
Reiz zu erkennen oder ihn nicht zu erkennen.
Wenn die Wahrnehmung eines Gegenstands zum ers-
ten Mal erfolgt, liefert das Gedächtnis auf alle Fälle un-
vollständige Daten, die es dem Bewusstsein ermöglichen,
das Objekt aufgrund von Ähnlichkeit, Kontiguität oder
Kontrast bezüglich Objektbereiche oder Teile von anderen
Objekten einzuordnen. In diesen Fällen wird das Subjekt
sagen, dass das neue Objekt anderen Objekten aufgrund
dieser oder jener Merkmale ähnlich ist, und dass es sich
demzufolge nicht um eine andere Art Objekt handeln
kann usw.
Jeder Wahrnehmung entspricht eine Vorstellung. Die
Vorstellungen werden im Gedächtnis ausgelöst, und zwar
in Impulsabfolgen. Diese Impulsabfolgen sind als „Asso-

162
Übertragungspraktiken

ziationsketten” bekannt, und im Bewusstsein ragen dieje-


nigen primären hervor, die unmittelbar mit dem wahrge-
nommen Gegenstand zu tun haben. Aber zusätzlich wirken
auch andere, die zur Bewusstseinsdynamik beitragen. Sonst
würde das Bewusstsein lediglich „photographisch” auf der
Basis des Erkennens oder Nichterkennens der Impulse,
die zu ihm gelangen, funktionieren. Tatsächlich arbeitet
das Bewusstsein sequenziell und nicht mit unbeweglichen
„Photographien”.
Nehmen wir jetzt an, dass das Gedächtnis durch Impul-
se, die von den inneren Sinnen (Koenästhesie) her stam-
men, erregt wird und gleichzeitig treffen Impulse aus der
Außenwelt (durch die äußeren Sinne) ein. Das Gedächtnis
wird das Bewusstsein mit den jeweiligen Daten beliefern,
woraus sich das entsprechende Erkennen ergibt. Es ist klar,
dass wenn das Subjekt, während es in der Welt handelt, von
seinem Körperinnern Impulse erhält, die einer vegetativen
Störung entspringen, so wird es eine ziemlich „klimabela-
dene” Ansicht der Welt haben. Es gibt deutliche Beispiele:
eine Person mit Leberbeschwerden wird sich ein schönes
Gemälde nicht mit Wohlbehagen anschauen; ein Problem
im Verdauungstrakt gestaltet eine ärgerliche Welt; eine
tiefgreifende Verspannung schränkt die Wahrnehmung der
Welt ein.
Auf diese Weise werden zahlreiche, im Bewusstsein
auftauchende Assoziationsketten von äußeren wie auch
von inneren Impulsen hervorgerufen, die zum Gedächtnis
gelangen.
Wir haben gesagt, dass sich die Assoziationen durch
Ähnlichkeit, Kontiguität oder Kontrast ergeben. Sehen wir
ein paar Beispiele:

163
Operative

Wenn ich „Berg” sage und ihn mit „Gebäude” verbinde, so


wirkt die Ähnlichkeit. Wenn ich mit „Schnee” antworte,
wirkt die Kontiguität. Und wenn ich „Grube” sage, der
Kontrast.
Bei der Ähnlichkeit wirken die Vorstellungen auf-
grund des Gleichartigen; bei der Kontiguität aufgrund
des Benachbarten oder dessen, was mit dem Gegenstand
in Kontakt war bzw. ist; und beim Kontrast aufgrund des
Entgegengesetzten.
Dank dieser Assoziationsmechanismen kann das Be-
wusstsein Beziehungen der Differenzierung, Ergänzung
und Synthese herstellen (obwohl für komplexere Vorgänge
auch Abstraktionsmechanismen in Gang gesetzt werden
müssen). Die erwähnten Beziehungen dienen ebenso der
rationalen wie der imaginären Arbeit.
Wenn die Ketten kontrolliert werden, sprechen wir von
„geleiteten Bildern”, und wenn es sich um unkontrollierte
Ketten handelt, von „freilaufenden Bildern”.
Wenn ich mich der Reihe nach an die Gegenstände
meines Zimmers erinnere, arbeite ich mit der geleiteten
Vorstellung. Wenn ich abschweife oder zulasse, dass sich
die Assoziationen frei entfalten, so arbeite ich mit der frei-
laufenden Vorstellung.

III. Assoziationen und Bewusstseinsebenen

In dem Maße, in dem die Bewusstseinsebene sinkt, neh-


men die gelenkten Assoziationen ab und die freilaufen-
den Assoziationen zu. Der rationale Vergleich zwischen
Daten ist beeinträchtigt und im Allgemeinen hört die

164
Übertragungspraktiken

Aufmerksamkeit auf, die Bewusstseinsaktivität zu lenken.


Infolgedessen verringert sich die Fähigkeit zur Kritik und
Selbstkritik.
Wenn die Ebene absinkt, werden die Umkehrbarkeits-
mechanismen blockiert, wenn sie ansteigt, werden sie
freigegeben.
Es sind diese Umkehrbarkeitsmechanismen, die es dem
Bewusstsein ermöglichen, die Vorgänge auf mehr oder we-
niger „willentliche” Weise zu lenken.
Wenn das Bewusstsein Vorgänge lenkt, die sich auf die
Impulsquellen ausrichten, dann wirkt die Umkehrbarkeit.
Dies ist der Fall, wenn man sich etwas ins Gedächtnis ruft
(Aufmerksamkeit + Gedächtnis), im Unterschied zum Fall
der einfachen Erinnerung, bei dem die Impulse ohne jegli-
ches Einwirken der Aufmerksamkeit vom Gedächtnis zum
Bewusstsein gelangen.
Ein weiterer Fall von Umkehrbarkeit ist die Apperzep-
tion (Aufmerksamkeit + Wahrnehmung), die sich von der
gewöhnlichen Wahrnehmung unterscheidet. Im letzteren
Fall gelangt die Information zum Bewusstsein, ohne dass
sich das Bewusstsein zur Reizquelle hin wendet.
Die sogenannten „rationalen” Vorgänge entsprechen
ausschließlich dem Wachzustand und sind infolgedessen
typisch für die Arbeit der Umkehrbarkeit.
Die für die Ebene des Schlafes typischen „irrationalen”
Vorgänge drängen sich dem Bewusstsein dank der Blockie-
rung der Umkehrbarkeit mit der ganzen Suggestionskraft
ihrer Bilder auf (fehlende Kritikfähigkeit).
In der Zwischenebene des Halbschlafes (bei Müdigkeit,
beim Aufwachen oder Einschlafen) ist die Umkehrbar-
keitsaktivität eingeschränkt.

165
Operative

Es gibt weitere Fälle der verminderten Umkehrbarkeit,


die sich in den gestörten Bewusstseinszuständen (starke
Suggestibilität, Hypnose, Halluzination usw.) zeigen, selbst
wenn sich das Bewusstsein im Wachzustand befindet.
Diese Situationen haben in der klassischen Psychologie zu
nicht wenigen Verwirrungen geführt, da man z.B. glaub-
te, bei der Hypnose handele es sich um einen besonderen
Schlafzustand oder bei den Halluzinationen um einfache
Simulationen usw.
Auch im veränderten Zustand des „erregten Bewusst-
seins” vermindern sich die Umkehrbarkeitsmechanismen,
obwohl andere Vorgänge weiterhin in Übereinstimmung
mit den Anforderungen der Wachheit stattfinden.

IV. Vorstellungsraum

Wenn man einen Gegenstand visuell wahrnimmt, so sieht


man ihn an einem bestimmten Standort im Raum. Seine
Breite, Höhe und Tiefe kann geschätzt werden. Anderer-
seits ist der wahrgenommene Körper uns näher als andere
Gegenstände, oder umgekehrt.
Die visuelle Wahrnehmung ist sehr komplex. Jeder
wahrgenommene Gegenstand hat für uns Farbe und Aus-
dehnung. Diese beiden Kategorien sind untrennbar und
bilden eine Struktur.
Aus demselben Grund gibt es in der visuellen Vorstel-
lung keine Farbe ohne Ausdehnung und umgekehrt. Wenn
man sich z.B. ein durchsichtiges Glas vorstellt, und dahin-
ter einen bestimmten Gegenstand, so erhält das „Glas”
(trotz seiner „Durchsichtigkeit”) einen gewissen Schimmer
oder einen leichten Grauton, die es ermöglichen, das Glas

166
Übertragungspraktiken

als solches zu bemerken. Wenn man sich andererseits ei-


nen roten Fleck vorstellt, so kann man ihm eine derartige
Ausdehnung verleihen, dass man seine Begrenzung nicht
mehr bemerkt oder man kann ihn sich als winziges „Fleck-
chen” vorstellen. In beiden Fällen bemerken wir seine
Ausdehnung.
In der Wahrnehmung bewegen sich die Körper fort
oder sie verbleiben an einem bestimmten Punkt, unab-
hängig von den geistigen Vorgängen des Beobachters.
Dasselbe geschieht mit der Farbe (sie behalten ihre Farbe
oder sie verändern sie von sich aus). Der Beobachter oder
der Gegenstand kann seine Position verändern, und diese
Veränderungen geschehen unabhängig von den geistigen
Aktivitäten. Selbstverständlich gibt es manchmal Illusio-
nen, so dass die eigene Fortbewegung als Fortbewegung
des Gegenstandes wahrgenommen wird oder umgekehrt;
doch dies beeinflusst den Gegenstand nicht bezüglich sei-
ner Äußerlichkeit gegenüber dem Bewusstsein.
Bei der Vorstellung liegen die Dinge anders. Farbe und
Ausdehnung können durch geistige Vorgänge verändert
werden. Auch kann die Ausdehnung im Sinne der „Ent-
fernung” zwischen dem Beobachter und dem Gegenstand
verändert werden.
In Ausnahmefällen, wie z.B. im Fall der Halluzinatio-
nen, wird die Vorstellung stärker als die Wahrnehmung,
wobei die Vorstellungen überdies im „äußeren” Raum
angesiedelt werden, was schließlich dazu führt, dass der
vorgestellte Gegenstand mit einer äußeren Wahrnehmung
verwechselt wird.
Die wahrgenommenen Gegenstände können von den
vorgestellten Gegenständen unterschieden werden, und
zwar an erster Stelle aufgrund ihrer Abhängigkeit bzw. Un-

167
Operative

abhängigkeit von den geistigen Vorgängen und an zweiter


Stelle aufgrund ihrer unterschiedlichen Schärfe oder Kraft,
obwohl dies in bestimmten Fällen kein Merkmal ist.
Wenn ich die Augen schließe und mir einen Gegen-
stand vorstelle, den ich zuvor wahrgenommen habe, so be-
merke ich, dass dieser Gegenstand weiterhin „außerhalb”
von mir ist, auch wenn ich verstehe, dass dies von meinen
geistigen Operationen abhängt.
Der Gegenstand wird in einem Raum vorgestellt, der
dem der Wahrnehmung ähnelt, aber selbstverständlich
nicht der gleiche ist. Ich unterscheide beide Räume dank
dem inneren Tastsinn meiner Augenlider und der Koe-
nästhesie, die meinen Vorstellungsakten entspricht. Der
Gegenstand, der anscheinend im Wahrnehmungsraum
vorgestellt wird, erweckt diese Illusion, weil er sich in der
äußersten Schicht des Vorstellungsraums ansiedelt. Wenn
ich den gleichen Gegenstand zum Zentrum meines Kopfes
hin ansiedle, bemerke ich, dass die Grenze mit dem „äu-
ßeren” Raum als Übersetzung der taktilen Grenze meiner
Augenlider und meiner Koenästhesie im Allgemeinen
auftaucht.
Der Vorstellungsraum entspricht dem Wahrnehmungs-
raum in seiner Dreidimensionalität. Dank dem Vorstel-
lungsraum können alle Bilder als Objekte angesiedelt
werden, und je nach der „Tiefe” oder „Höhe”, auf der sie
sich befinden, können Impulse zu den entsprechenden
Antwortzentren gesendet werden. Wenn ich mir zum
Beispiel meine Hand „von außen” vorstelle (als ob ich sie
sehen würde) und mir dabei vorstelle, wie sie sich auf einen
Gegenstand zubewegt, so wird sich meine Hand allein des-
wegen nicht wirklich bewegen. Wenn ich die Hand aber
„von innen” spüre und mir ihre Bewegung vorstelle (kinäs-

168
Übertragungspraktiken

thetische Bilder), so bemerke ich, wie sich die Muskeln in


die beabsichtigte Richtung in Gang setzen. Dies geschieht,
weil ich das entsprechende Bild auf der exakten Höhe und
Tiefe des Vorstellungsraums platziert habe.
Die den äußeren Sinnen eigenen Bilder (Bilder, die
dem Seh-, Gehör-, Geruchs-, Geschmacks- und Tastsinn
entsprechen) bewirken keine Aktivität des motorischen
Zentrums, sondern „zeichnen” den Weg vor, den die
Körperaktivität einschlagen wird, nachdem sie durch das
Wirken der den inneren Sinnen eigenen Bilder (Koenäs-
thesie und Kinästhesie) in Gang gesetzt wird. Und all dies
wird immer dann geschehen, wenn die den inneren Sinnen
entsprechenden Bilder in der richtigen Tiefe und auf der
richtigen Höhe des Vorstellungsraums platziert werden
und überdies die angemessene Ladung besitzen. Wenn die
Tiefe nicht stimmt, kann eine Antwort ausbleiben; wenn
die Höhe nicht stimmt, kann ein anderer Teil des Körpers
antworten; wenn die Ladungen nicht angemessen sind,
kann die Antwort schwach oder übermäßig stark ausfallen.
Der Vorstellungsraum ist die „Bildfläche” oder der
„Monitor”, auf dem das Bewusstsein seine eigenen Ak-
tivitäten bemerken und mit seinem Mechanismus der
Aufmerksamkeit lenken kann, oder aber von dem aus die
Vorgänge automatisch, ohne Einwirken der Aufmerksam-
keit in Gang gesetzt werden.
Die Impulse der äußeren und inneren Sinne, die vom
Gedächtnis stammenden Impulse sowie die von den
Vorgängen des Bewusstseins selbst stammenden Impulse
werden schließlich in Bilder verwandelt, die sich in den
unterschiedlichen Höhen- und Tiefenebenen des Vorstel-
lungsraums ansiedeln.

169
Operative

Wenn man die Umwandlungsphänomene der Impulse


kennt (Übersetzung, Verformung und Abwesenheit), ver-
steht man die enormen Kombinationsmöglichkeiten der
Bewusstseinsphänomene und die riesigen Möglichkeiten
zu Katharsis und Übertragungen, die den Ladungen und
Inhalten, die innerhalb der unterschiedlichen Ebenen des
Vorstellungsraums verschoben werden, eigen sind.

Übung 1

Die führende Person bittet das Subjekt, sich an eine an-


genehme Situation seines Lebens zu erinnern und bittet
es, zwischen den muskulären Spannungen und den ge-
fühlsmäßigen Klimata, die auftauchen, zu unterscheiden.
Danach bittet die führende Person, auf die gleiche Art mit
unangenehmen Situationen zu verfahren.
Der Sinn dieser Übung besteht darin, zwischen Span-
nungen und Klimata unterscheiden zu können.

Übung 2

Die führende Person bittet das Subjekt, in geordneter


Weise zuerst die Gegenstände, die es beim Betreten seiner
Wohnung sieht, und danach diejenigen eines Zimmers zu
beschreiben. Danach fordert die führende Person das Sub-
jekt auf, frei zu assoziieren und die Bilder zu beschreiben,
die ihm in diesem Zimmer in den Sinn kommen, wobei
sie besonders darauf hinweist, diese Vorgänge nicht zu
rationalisieren.

170
Übertragungspraktiken

Der Sinn dieser Übung besteht darin, zwischen gelenkten


und freilaufenden Assoziationsketten zu unterscheiden.
Man sollte beachten, dass die Bewusstseinsebene bei den
gelenkten Ketten zum Wachzustand neigt, während sie bei
den freilaufenden Ketten zum Halbschlaf neigt. Man sollte
außerdem die Arbeit der Umkehrbarkeit in beiden Fällen
besprechen.

Übung 3

Die führende Person, die sich bei der vorhergehenden


Übung Notizen zu den freilaufenden Assoziationsketten
gemacht hat, bespricht die Assoziationen mit dem Subjekt
aufgrund ihrer Ähnlichkeit, Kontiguität und Kontrast.

Übung 4

Sowohl in dieser Übung als auch in den folgenden soll-


te das Subjekt alles erzählen, was im Augenblick gerade
geschieht.
Die führende Person bittet das Subjekt, sich vollständig
zu entspannen und ausgehend von einem Bild von sich
selbst (in dem sich das Subjekt selbst sieht) damit zu be-
ginnen, mit Hilfe von Treppen, Aufzügen, Seilen usw. in
die Tiefe hinabzusteigen. Anschließend bittet sie es, zur
anfänglichen Ebene zurückzukehren, um dann von dort
aus in die Höhen hinaufzusteigen. Schließlich schlägt sie
vor, zur anfänglichen mittleren Ebene zurückzukehren.

171
Operative

Das Subjekt sollte die Rationalisierungen und Schwierig-


keiten hervorheben, die in seinen freien Assoziationsketten
aufgetaucht sind, als es sich durch die verschiedenen Ebe-
nen des Vorstellungsraums bewegte.

Übung 5

Die führende Person bittet das Subjekt, sich ausgehend


vom Bild von sich selbst frei in seiner Landschaft zu bewe-
gen. Dann bittet sie es, denselben Weg zurückzugehen, bis
es an den Anfangspunkt zurückkehrt.
Das Subjekt sollte die Schwierigkeiten beim "Vor- und
Zurückgehen" in den Tiefen des Vorstellungsraums
beschreiben.

Übung 6

Die führende Person bittet das Subjekt, sich ausgehend


vom Bild von sich selbst immer mehr zusammenzuziehen
und sich hinsichtlich der anderen Objekte seiner Land-
schaft immer kleiner zu machen. Anschließend bittet sie
es, zu seiner ursprünglichen Größe zurückzukehren und
immer weiter zu wachsen, um dann schließlich wieder zur
normalen Größe zurückzukehren.
Das Subjekt sollte die Schwierigkeiten bei der Verklei-
nerung und Vergrößerung seines Vorstellungsraums
beschreiben.

172
Übertragungspraktiken

Mit dieser Übungsreihe haben wir uns den Arbeiten mit


Bildern angenähert, die in den Übertragungen verwendet
werden.*

* Zu einem besseren Verständnis der Arbeit mit Bildern siehe auch Silo,
Geleitete Erfahrungen, 1. Ausgabe im Selbstverlag, Düsseldorf, 1992

173
Operative

Lektion 2

Einführung in die Übertragung

I.Vorstellungsraum und Bewusstseinsebenen

In dem Maße, in dem die Bewusstseinsebene sinkt, ver-


engen sich die Wahrnehmungsschwellen der äußeren und
erweitern sich die der inneren Sinne. Infolgedessen ver-
innerlichen sich die Vorstellungen im Vorstellungsraum.
Zusätzlich nehmen die Übersetzungen und Verformungen
der Wahrnehmungsimpulse zu, und da die Umkehrbar-
keitsmechanismen blockiert werden, steigt die Suggestibi-
lität der Bilder.
In den Bildern des Tiefschlafs „sieht sich” das Subjekt
häufig selbst, wie es an den Szenen teilnimmt, im Unter-
schied zur Vorstellung im Wachzustand, in der sich das
Subjekt die Welt „außerhalb von sich selbst” vorstellt und
sie „von sich aus” beobachtet.
Die Teilnahme des Bildes von sich selbst in den Szenen
des Traums ähnelt dem der Erinnerungen des frühesten
Gedächtnisses. Eine Person, die sich an ihre Kindheit oder
zumindest an eine relativ weit zurückliegende Zeit erin-
nert, „sieht sich” üblicherweise „selbst”, wie sie an der Sze-
ne teilnimmt. Wenn sich die Person dagegen an eine Szene
erinnert, die sie vor wenigen Minuten wahrgenommen hat,
so stellt sie sich diese Szene so vor, als ob sie sie von innen
ihrer Selbst „sehen” würde, wobei die Szene außerhalb ist.

174
Übertragungspraktiken

Wenn das Subjekt sich selbst in einer Szene sieht (im Tief-
schlaf ), verlegt es seinen Beobachtungspunkt an eine Stelle,
die tiefer liegt als die der Bilder. Der Beobachtungspunkt
verinnerlicht sich in dem Maße, in dem die Bewusstseins-
ebene absinkt.
Erläutern wir dieses eigenartige Phänomen mit
Beispielen:
Vor mir liegt ein kleiner Gegenstand, den ich ergreifen
möchte. Ich schließe die Augen und stelle mir den Gegen-
stand in der äußeren Schicht meines Vorstellungsraums
vor (und zwar in scheinbarer Übereinstimmung mit dem
äußeren Raum) und „sehe” ihn von einer Stelle aus, die
ungefähr dem Ort meiner Augäpfel entspricht. Wenn ich
nun in dieser Situation den Gegenstand ergreifen möchte,
könnte ich meinen Arm ausstrecken, die Hand öffnen und
die Entfernung mehr oder weniger abschätzen, um den
Gegenstand zu erreichen.
Wenn ich mir den Gegenstand aber „innerhalb meines
Kopfes” vorstelle, sehe ich ihn von einem noch weiter in-
nen liegenden Ort aus, den ich als „hinter meinen Augen
liegend” wahrnehme. Wenn ich nun in diesem zweiten
Fall den Gegenstand ergreifen möchte, würde ich ernst-
hafte Schwierigkeiten haben, da ich ihn mir in einem für
die äußeren körperlichen Vorgängen ungeeigneten inneren
Raum vorstelle.
Eben weil die Bewusstseinsebene sinkt und die äußere
Wahrnehmungsschwelle sich verengt, hört die äußere kör-
perliche Aktivität auf. Die Bilder verinnerlichen sich und
der Beobachtungspunkt gewinnt an Tiefe, so dass sich das
Subjekt sich selber vorstellen kann, ohne dass diese inneren
Bilder die Aktivität des Körpers im äußeren Raum in Gang
setzen.

175
Operative

Wenn die Bilder (im Traum) in den äußeren Schichten des


Vorstellungsraums angesiedelt werden würden, so würden
sie Ladungen befördern, die Aktivitäten zum motorischen
Zentrum hin vorzeichnen würden und folglich würden
die kinästhetischen Bilder die motorische Aktivität in die
vorgezeichnete Richtung lenken. Der Körper des Subjekts
befände sich also in ständiger Aktivität; das Subjekt könnte
aufstehen und in die von den „äußeren” Bildern vorgezeich-
nete Richtung gehen. Dem ist nicht so, dank der dieser
Ebene eigenen Verinnerlichung der Vorstellung. Es bleibt
lediglich ein Rest übrig, der die Bewegung der Augäpfel
vorzeichnet, während sich die Traumbilder entfalten.
In den Fällen des gestörten Schlafes, wie im Fall der
sogenannten „Albträume” oder beim Schlafwandeln ge-
schieht selbstverständlich etwas von all dem (körperliche
Ausdrucksformen zum äußeren Raum hin), was als eine
Anomalität bei der Platzierung der Bilder zu verstehen ist.
Das Subjekt kann sich wälzen, sprechen, lachen usw., da
seine Verbindung zur äußeren Welt nicht genügend ab-
geschnitten ist (sei es aufgrund von starkem Druck von
bestimmten Inhalten oder inneren Reizen, die zu einem
„Rückprall” der Bewusstseinsebene führen, oder sei es auf-
grund einer übertriebenen, auf die äußere Welt hin gerich-
tete Wachsamkeit).
Tatsache ist, dass sich die Bilder in dem Maße im Vor-
stellungsraum verinnerlichen, in dem die Ebene sinkt, und
umgekehrt.
Die der Wahrnehmung der äußeren Sinne entspre-
chenden Erinnerungen, ebenso wie die den äußeren Sin-
nen entsprechenden Bilder, die aber eine Übersetzung der
durch die inneren Sinne erfassten Impulse sind, werden (in

176
Übertragungspraktiken

der Schlafebene) in der Tiefe des Vorstellungsraums ange-


siedelt. Damit überträgt sich die Ladung dieser Bilder zum
Körperinneren.
Nehmen wir jetzt an, das Subjekt hätte in einem be-
stimmten Moment seines Lebens eine unangenehme Szene
erlebt. In jener Situation hat diese Szene eine Reihe von
Klimata und Spannungen sowohl auf der äußerlichen als
auch auf der tiefliegenden muskulären Ebene erzeugt. Die
Situation geschah vor langer Zeit, und dennoch werden
jedes Mal, wenn sich das Subjekt an die Szene erinnert, die
entsprechenden Klimata und Spannungen wachgerufen.
Jetzt schläft das Subjekt. Einige Assoziationsketten zei-
gen die unangenehmen Bilder oder auch andere, welche
die erwähnten Spannungen und Klimata auslösen. Die
inneren Spannungen werden durch die Koenästhesie er-
fasst und in bildliche Vorstellungen einer möglicherweise
eigenartigen Szene übersetzt, aber die Handlung dieser
Szene führt dazu, dass sich die Bilder so entwickeln, dass
die Ladungen in verschiedene Richtungen (oder Ladun-
gen von einigen Bildern zu anderen) verschoben werden,
bis die tiefliegende Spannung schließlich aufgrund einer
Übertragung von Ladungen aufhört.
Im erwähnten Beispiel könnte es vorkommen, dass sich
bestimmte Bilder oder Klimata wiederholen. Dies würde
„Fixierungen” zeigen, das heißt mehr oder weniger zwang-
hafte Inhalte, die entstanden sind, weil sie ihre Ladungen
nicht übertragen konnten und so den normalen Arbeitsab-
lauf des Bewusstseins aufspalten.
Es könnte auch geschehen, dass das Subjekt die un-
angenehmen Inhalte blockiert hat und sich nicht einmal
im Wachzustand an die geschehenen Ereignisse erinnert.
Dennoch würden die dauerhaften tiefliegenden Spannun-

177
Operative

gen Impulse aussenden, die in den Träumen mit größerer


Einfachheit übersetzt würden, da die koenästhetischen
Reizschwellen verglichen mit dem Wachzustand erweitert
wären. Im Wachzustand hätte das Subjekt lediglich den
Eindruck eines verschwommenen und allgegenwärtigen
Klimas, ohne jeglichen Bezug zu einer bestimmten Szene,
die als Hintergrund all seine Aktivitäten prägen würde. Im
Traum würde sich das Klima mit durch die Koenästhesie
übersetzten Bildern verbinden. Diese Bilder wären der
„Versuch” des Bewusstseins, sich mittels einer Übertragung
von den dauerhaften tiefliegenden Spannungen zu befrei-
en, indem es Ladungen zum Körperinnern losschickt.
Man beginnt nun zu verstehen, dass die Übertragungs-
technik damit arbeitet, Bilder und Klimata mit dem Ziel
zu bewegen, Ladungen zu verschieben, die aus irgendei-
nem Grund im normalen Arbeitsablauf des Bewusstseins
nicht freigesetzt werden können.
Wenn die Übertragungstechnik ihr Ziel erreicht, führt
sie zur Befreiung von Blockaden, zu Entspannungen und
zu einem ausgeglichenen Verarbeiten von Inhalten und
ermöglicht so eine Fortsetzung der inneren Entwicklung
des Subjekts.
Die Übertragungstechnik kann (mit Ausnahme der für
die Übertragungssondierung typischen Allegorisierungen)
nicht in der Wachebene wirken, was aus dem oben Gesag-
ten hervorgeht. Ebenso wenig kann sie in der Schlafebene
wirken, da das Bewusstsein in dieser Ebene von den äuße-
ren Reizen abgetrennt ist und somit jegliche Handlungs-
möglichkeit der führenden Person verhindert wird.

178
Übertragungspraktiken

Es ist offensichtlich, dass die geleitete Übertragung in der


Halbschlaf-Ebene anwendbar ist, und sie wird umso wirk-
samer sein, je weniger Rationalisierungen wirken, je besser
die inneren Impulse übersetzt werden und je kraftvoller die
Vorstellungen des Subjekts sind.
Es wird auch keine richtige Übertragung geben, wenn
man Hypnosemethoden anwendet, da diese Methoden
mit Bildern arbeiten, die von der führenden Person indu-
ziert werden, und nicht mit Bildern, die eine Übersetzung
der Impulse des Subjekts selbst sind.
Und schließlich wird eine Arbeit mit freien Assoziatio-
nen oder mit ihrer einfachen Interpretation höchstens eine
kathartische Wirkung haben, sie wird jedoch nicht die bes-
ten Früchte einbringen, da sie die Bilder, die letztendlich
die Träger der Ladungen sind, nicht steuert.

II. Tiefen und Ebenen des Vorstellungsraums

In der Entspannung wurde mit Hilfe eines kugelförmigen


Bildes gearbeitet, das sich vom Mittelpunkt der Brust
ausgehend ausdehnt und schließlich bis zur Begrenzung
des Körpers reicht. Beim Ausdehnen des Bildes konnte
man eine tiefgehende Entspannung wahrnehmen, die wir
als „Ruheerlebnis” bezeichneten. Einige Personen hatten
Schwierigkeiten beim Ausdehnen oder Zusammenziehen
des Bildes. Diese Schwierigkeiten entsprachen Widerstän-
den, die durch in verschiedenen Tiefen des Körperinnern
liegende Spannungen erzeugt wurden. Durch die Koenäs-
thesie übersetzt verhinderten diese tiefliegenden Spannun-
gen nämlich die Kontrolle über das vorgeschlagene Bild.

179
Operative

Jedes "innere" Bild, das sich ausdehnt oder zusammen-


zieht, macht das im Vorstellungsraum, und seine Ladung
beeinflusst somit verschiedene Tiefen des Körperinnern.
Dort, wo das Bild Verformungen erleidet, oder seinen
Weg ändert, oder seinen Prozess unterbricht, zeigt es sein
Spannungsfeld. Und dort, wo das Bild Widerstände über-
windet, wird eine Entspannung erreicht.
Nun gut. In dem Maße, in dem jedes „innere” Bild im
Vorstellungsraum hinabsteigt, desto dunkler wird dieser.
In dem Maße, in dem das Bild im Vorstellungsraum hi-
naufsteigt, desto heller wird er, was mit der Lage der op-
tischen Sinnesorgane übereinstimmt. Beim Hinauf- und
Hinabsteigen des Bildes tauchen ebenfalls Verformungen,
Wegabweichungen und Prozessunterbrechungen auf. Sie
zeigen Spannungsfelder in bestimmten Ebenen des Kör-
perinnern auf. Dort, wo das Bild Widerstände überwindet,
werden Entspannungen erreicht.

III. Überprüfung von Apparaten und Impulsen

Im Folgenden stellen wir ein vollständigeres Schema der


Apparate und Impulse dar, so dass vieles von dem bislang
Erklärten zusammengefasst werden kann.
Der Vereinfachung halber haben wir die assoziativen
und abstraktiven Kanäle nicht veranschaulicht, ebenso we-
nig wie den Aufmerksamkeitsmechanismus und die „Bild-
fläche” der Bewusstseinsvorgänge (Vorstellungsraum). Wir
haben die äußeren Antworten der Zentren mit einem ein-
fachen Pfeil angedeutet, ohne dabei vollständig kodifizierte
Antworten, wie z.B. die Verhaltensrollen, hervorzuheben.

180
Speicherungen
rung Gedächtnis
strie s
Regi chtnisse
e d ä
Äußere des G
Äußere Impulse Sinne
Ap
pe Ebenen
rze
pti
Innere on

Erinnerungen
Wachrufen
Wa
hrn
ehm
ung
Innere Impulse der E

181
Bew mpfi
uss dun Bewusstsein
tsei ng
nsv
org
än

hervorruft
ge
Übertragungspraktiken

Reiz, der eine Antwort


Äußere Antworten Innere Antworten

Registrierung der Antwort


der Zentren der Zentren
Schema der Apparate und Impulse

Zentren
Antwort-Impuls (Bild)
Operative

Übungen zur Überprüfung

Die führende Person bittet das Subjekt, eine äußere, in-


nere und geistige Entspannung zu machen. Dann schlägt
sie vor, das Ruheerlebnis auszuführen. Schließlich schlägt
sie dem Subjekt vor, die bei jedem Schritt angetroffenen
Schwierigkeiten zu beschreiben. Falls das Subjekt einige
der Techniken nicht beherrscht, sollte es sie solange üben,
bis es die entsprechenden Ergebnisse erzielt. Eine ungenü-
gende Beherrschung der Entspannungstechniken kann ein
ernsthaftes Hindernis für die Übertragungsarbeit darstel-
len, die wir später beginnen werden.

182
Übertragungspraktiken

Lektion 3

Einführung in die Übertragung

Allegorien, Symbole und Zeichen*

Wenn die Bewusstseinsebene sinkt, verinnerlichen sich die


Bilder im Vorstellungsraum. Gleichzeitig ändert sich die
Bewusstseinszeit.
In der Tat hat man im Wachzustand eine Ahnung von
dem, woran man sich erinnert (Vergangenheit), von dem,
was man wahrnimmt oder sich gerade vorstellt (Gegen-
wart) und von dem, was man in gelenkter oder assoziativer
Weise bildlich projiziert (Zukunft).
Im Tiefschlaf vermischen sich die den verschiedenen
Zeiten entsprechenden Vorstellungen und werden manch-
mal sogar in einem einzigen Objekt synthetisiert. Daraus
ergibt sich, dass die träumende Person innerhalb kurzer
Zeit nicht nur eine sehr schnelle Bildersequenz erleben
kann, sondern dass zusätzlich jede einzelne von ihnen aus
vielen Elementen zusammengesetzt sein kann und die
dann, wenn sie sich verdichten, die Ahnung einer großen
Vielfalt von Erlebnissen liefern. Innerhalb weniger Sekun-
den kann das Subjekt eine Traumszene erleben, für die es
mehrere Minuten bräuchte, um sich an sie zu erinnern
oder um sie zu erzählen. Außerdem kommt es vor, dass

* Für ein umfassenderes Verständnis der folgende Themen siehe auch


J. Caballero, Morphologie: Symbol-, Allegorien- und Zeichenlehre
(Morfología: simbólica, alegórica y sígnica, J.Caballero, Editorial ATE,
Barcelona, 1981)

183
Operative

sich die vom Anfang bis zum Ende des Traumes verstrei-
chende Zeit zusammenzieht, da mehrere Stunden als ein
paar Minuten erlebt werden.
Die Bilder gestalten sich aufgrund von Daten des Ge-
dächtnisses. Man kann sich an eine Landschaft erinnern
oder man kann sie sich einbilden, indem man sie anhand
von Elementen von verschiedenen Orten, an die man sich
erinnert, zusammensetzt. Der zweite Fall, die zusammen-
gesetzte Einbildung, kann synthetisiert werden, so dass die
Eigenschaften verschiedener Gegenstände in einem einzi-
gen Gegenstand Ausdruck finden bzw. sich verdichten.
Sehen wir dazu ein paar Beispiele. Ich erinnere mich
zum Beispiel an eine Szene mit Bäumen an einem Fluss,
mit Bergen im Hintergrund. Dann füge ich dieser Land-
schaft andere Elemente hinzu: ein Pferd, das aus dem Fluss
trinkt, eine um einen Baum gewundene Schlange, hoch
darüber kreist ein Adler. Im Gebirge steigt eine Rauchsäule
auf, die durch einen Brand entstanden ist.
Die Elemente, die der ursprünglichen Landschaft
hinzugefügt wurden, stammen nicht alle aus der gleichen
erinnerten Szene, sondern aus verschiedenen Szenen. Ich
habe Wahrnehmungen, die zu verschiedenen Zeitpunkten
stattfanden, in ein und derselben Landschaft verdichtet.
Im ersten Fall habe ich mich auf gelenkte Weise an et-
was erinnert. Im zweiten Fall habe ich Elemente assoziativ
hinzugefügt.
Ich kann die Landschaft noch mehr synthetisieren,
zum Beispiel so: „Auf dem Berggipfel steht ein Baum. Aus
ihm quillt Wasser hervor, das einen Fluss bildet, der den
Berg hinunterfließt. Ein eigenartiges geflügeltes Tier, ein

184
Übertragungspraktiken

Drache läuft um den Baum herum und speit Feuer. Seine


Beine sind kräftig wie die eines Pferdes, sein Aussehen ist
das einer Schlange, die Flügel sind die eines Adlers”.
Im ersten Fall handelt es sich um eine erinnerte Land-
schaft, im zweiten Fall um eine eingebildete Landschaft
und im dritten Fall um eine allegorische Landschaft.
Eine Allegorie ist die Verdichtung von Assoziationen
in einem einzigen vorgestellten Objekt, im Gegensatz zu
einfachen assoziierten Objekten, die sich voneinander ab-
leiten, ohne ihre Identität zu verlieren.
Des Weiteren existieren Vorstellungen, die weder von
Erinnerungen noch von konzentrierten (verdichteten) As-
soziationen, wie z. B. Allegorien herrühren, sondern die
der abstraktiven Arbeit des Bewusstseins entspringen. Dies
ist der Fall der Symbole.
In den Symbolen wird ein Bild von all seinen neben-
sächlichen Merkmalen befreit, so dass nur die allgemeins-
ten Gestaltungseigenschaften erhalten bleiben. Zum
Beispiel bleibt von einem Ackerfeld nach Entfernen aller
Einzelheiten ein einfaches Rechteck übrig, das genau ver-
messen werden kann. So sind die geometrischen Symbole
Beispiele für die abstraktive Arbeit des Bewusstseins.
Schließlich gibt es Vorstellungen, die ebenfalls der ab-
straktiven Arbeit des Bewusstseins eigen sind, die durch
Übereinkunft festgelegte Funktionen erfüllen. Dies ist der
Fall der Zahlen, arithmetischen Zeichen, Musiknoten, in
der Chemie verwendeten Buchstaben und Zahlen, Ver-
kehrszeichen, Warnsignalen und Zeichen für Orte, die alle
spezifische Funktionen erfüllen.
Sowohl ein Gegenstand aus der Welt der Wahrneh-
mung als auch eine Allegorie oder ein Symbol können die
Funktionen eines Zeichens erfüllen, wenn Bräuche oder

185
Operative

Konventionen ihnen eine bestimmte Verwendung oder


Bedeutung zugeordnet haben. Beispiel: Zwei gekreuzte
Knochen unter einem Totenkopf bedeuten „Gefahr”. Al-
legorien können auch als Zeichen verwendet werden, wie
zum Beispiel in der Alchemie, in der ein Drache gleichbe-
deutend mit einer bestimmten Säure war.
Schließlich können Symbole die Funktion von Zeichen
erfüllen. Beispiel: In einem Firmenorganigramm kann
der Vorstand durch ein Rechteck dargestellt werden, die
Abteilungen durch Kreise, das männliche Personal durch
Dreiecke usw. Auf einer Landkarte können politische
Hauptstädte durch Sterne, Seerouten durch durchgezoge-
ne und Landrouten durch gepunktete Linien usw. darge-
stellt werden.
Für unsere Arbeiten ist es von Interesse, einige Elemen-
te der Symbol- und der Allegorienlehre zu beherrschen,
wobei wir uns nicht weiter um die Zeichenlehre kümmern.

Symbollehre

Vom Standpunkt der Impulsumwandlung aus betrachtet


entstehen die Symbole aus der abstraktiven Übersetzung
oder Verformung der Impulse.
Wir unterscheiden zwischen Symbolen ohne Rahmen
(Punkt, Gerade, geknickte Gerade, Kurve, gekreuzte Ge-
raden, gekreuzte Kurven, Spiralen usw.) und Symbolen
mit Rahmen (sie entstehen, wenn Linien und Kurven sich
im Kreislauf miteinander verbinden und so einen äußeren
von einem inneren Raum trennen, den wir „Feld” nennen.
Beispiele sind: Kreis, Dreieck, Quadrat, Rhombus und alle
anderen Mischformen, die einen Raum einschließen).

186
Übertragungspraktiken

Wir definieren als offenkundiges Zentrum den Schnitt-


punkt, der durch zwei gerade Linien und/oder Kurven
gebildet wird.
Symbole mit Rahmen (das heißt, diejenigen, die ein
Feld einschließen) haben ein verborgenes Zentrum, das
durch die Kreuzung von imaginären Linien gebildet wird,
welche die offenkundigen Zentren miteinander verbinden.
In einem Rechteck zum Beispiel ergibt sich das verborge-
ne Zentrum aus der Kreuzung von Diagonalen von den 4
Ecken aus, welche die offenkundigen Zentren darstellen.
Wenn ein Symbol im Feld eines anderen eingeschlossen
ist, wird es zu einem seiner offenkundigen Zentren.
Einige Symbole ohne Rahmen neigen dazu, die Energie
des Bildes zu ihrem Äußeren hin zu verschieben. Dies gilt
im Allgemeinen für spitze Symbole. Andere neigen dazu,
die Energie zu ihrem Inneren hin zu verschieben, wie im
Falle der kurvenförmigen Symbole.
Bei den Symbolen mit Rahmen konzentriert sich die
Energie in den offenkundigen und verborgenen Zentren
in unterschiedlichem Maße.
Da der Punkt keinen Rahmen hat, stellt er lediglich ein
offenkundiges Zentrum dar, das Energie in alle Richtun-
gen verschieben kann.
Da der Kreis keine offenkundigen Zentren hat, kon-
zentriert er die gesamte Energie in seinem verborgenen
Zentrum.

187
Operative

Beispiele für Symbole ohne Rahmen

Beispiele für Symbole mit Rahmen

188
Übertragungspraktiken

Beispiele für Spannungssysteme in Symbolen

Sammelt Energie zu den


Winkeln hin und verschiebt
sie nach außen hin

Trennt Räume und verschiebt die


Energie zum eingeschlossenen
Raum hin.

Verborgenes Zentrum
Raum
Rahmen

Offenkundiges Zentrum

Verborgenes Zentrum

Offenkundiges Zentrum

189
Operative

Verborgenes Zentrum

Offenkundiges Zentrum

Verborgenes Zentrum

Wenn das Subjekt sich eine Szene vorstellt oder eine Szene
träumt, in der es selbst vorkommt, wird es zum wichtigsten
offenkundigen Zentrum. Wenn es außerhalb des Feldes ist,
wird es zum ausgeschlossenen Zentrum und die Energie
wird ins Innere des Feldes verschoben. Das Subjekt träumt
z. B. von einem kleinen Park, in dem es ein paar Denkmä-
ler und einen See gibt. Es kann den Park nicht betreten,
weil ein Hund den Eingang bewacht.
Die Energie neigt dazu, ins Innere des Feldes zu fließen
und innerhalb des Feldes in Richtung der offenkundigen
Zentren; es gibt allerdings ein Hindernis, das starke Span-
nungen erzeugt.

190
Übertragungspraktiken

See

Monumente

Hund

Subjekt

Übungen zur Symbollehre

Übung 1

Den Raum, in dem man arbeitet, zu einem Symbol re-


duzieren und die offenkundigen und verborgenen Zentren
studieren. Die Ansammlungen, Zerstreuungen und Ver-
schiebungen der Energie erklären. Die Spannungsstellen
verstehen.

Übung 2

Verschiedene Beziehungen, die zwischen zwei Personen


bestehen, zu Symbolen reduzieren und offenkundige und
verborgene Zentren sowie Ansammlungen, Zerstreuungen
und Verschiebungen der Energie studieren. Die Span-
nungsstellen verstehen.

191
Operative

Übung 3

Die Beziehungen zwischen fünf Personen zu Symbolen re-


duzieren und die Personen, je nach Gemeinsamkeiten oder
Interessen auf folgende Weise verteilen:

a) wenn sie ein gemeinsames Interesse haben, innerhalb


eines Kreises
b) wenn sie zwei entgegengesetzte Interessen haben, in die
offenkundigen Zentren einer Mandelform.
c) wenn es mehr als zwei Interessen gibt, in die offenkun-
digen Zentren, in das verborgene Zentrum und eventuell
in ein ausgeschlossenes Zentrum.
d) ein Dreieck benutzen.
e) ein Quadrat benutzen.

Übung 4

Eine Traumszene zu einem Symbol reduzieren und die


offenkundigen und verborgenen Zentren sowie die An-
sammlungen, Zerstreuungen und Verschiebungen der
Energie untersuchen. Die Schwierigkeiten und Hindernis-
se als Spannungsstellen begreifen. Die Entspannungsstel-
len erkennen. Im Allgemeinen jeden „Widerstand” als eine
Spannung und jede Überwindung eines „Widerstands” als
Entspannung erkennen. Beobachten, auf welcher Höhe
und in welcher Tiefe des Vorstellungsraums sich die Szene
und ihre „Widerstände” äußern.

192
Übertragungspraktiken

Übung 5

Verschiedene symbolische Reduktionen der gleichen


alltäglichen Situation üben und stets offenkundige und
verborgene Zentren sowie Ansammlungen, Zerstreuun-
gen und Verschiebungen der Energie hervorheben. Die
Widerstände und die Überwindungen der Widerstände
begreifen.

193
Operative

Lektion 4

Einführung in die Übertragung

Allegorienlehre

In einer assoziativen Sequenz können verschiedene Bilder


und verschiedene „Handlungsabläufe” unterschieden wer-
den, wobei die letzteren eine Verbindung oder ein Verbin-
dungsband zwischen den Vorstellungen herstellen.
Nehmen wir den Fall eines Gemäldes, in dem verschie-
dene Gegenstände dargestellt sind. Wir sehen am linken
Rand ein Weizenfeld und mehrere Bauern; im mittleren
Teil, im Hintergrund, sehen wir eine Stadt, in der ein
Fabrikkomplex hervorsticht. Es ist ein strahlender Tag. Auf
der rechten Seite, und fast im Vordergrund sind Kinder,
die in der Nähe des Hauses mit Hunden spielen. Eine Frau
ruft zum Essen, indem sie auf etwas wie eine Bratpfan-
ne klopft. Das ganze Bild ist angenehm und spiegelt die
Arbeit und die häusliche Freundlichkeit der Landbevölke-
rung wieder.
In dieser Szene unterscheiden wir die einzelnen Bil-
der, die sich in den Gesamthandlungsablauf einfügen. Es
versteht sich, dass sich der Handlungsablauf wesentlich
verändern würde, wenn wir die gleichen Bilder anders be-
handeln und ansiedeln. Zum Beispiel: die Kinder schlagen
mit der Bratpfanne auf die Hunde ein; die Bauern haben
ihre Arbeitsgeräte liegen lassen; das Haus ist eine Ruine;
der Himmel hat jetzt eine dunkle Färbung, während der
Rauch der Fabriken von weitem einen Brand andeutet.

194
Übertragungspraktiken

In jeglicher, durch freilaufende Assoziation gestalteten


Szene unterscheiden wir zwischen Themen (Bilder) und
Handlungsabläufen. Die Themen zeigen das Wechselspiel
der Spannungen und Entspannungen, die beim Bahnen
eines Weges durch die Schwierigkeiten hindurch und bei
der kathartischen Arbeit auftreten.
Die Handlungsabläufe dagegen zeigen das Klima, in
dem sich die Szene entwickelt.
Themen und Handlungsabläufe stimmen im Allgemei-
nen überein. In diesem Fall genügt es zu begreifen, welche
Funktion die Themen in einer gegebenen Szene erfüllen,
um zu verstehen, welche Übertragungslösung der Hand-
lungsablauf vorschlägt.
Es kann jedoch vorkommen, dass die Bilder nicht mit
dem Klima übereinstimmen. So kann ein Subjekt zum
Beispiel träumen, dass ein Zug mit rasender Geschwindig-
keit auf es zukommt, wobei das Subjekt aber keine Angst-
gefühle, sondern lustige Fröhlichkeit verspürt.
Diese Diskrepanz zwischen Bildern und Klimata
kommt auch im alltäglichen Leben vor. Das Subjekt erhält
zum Beispiel eine gute Nachricht, stellt sich die angeneh-
me Situation vor, die ihm mitgeteilt wurde, und verfällt
automatisch in Niedergeschlagenheit.
Es gibt weitere Fälle, in denen das Hintergrundklima
unbeweglich bleibt, selbst wenn sich die Vorstellungen
verändern, und ohne dass das Subjekt die Gründe dieses
Klimas verstehen kann. Es ist, als ob das betreffende Klima
nicht mit Bildern verbunden ist (zumindest nicht mit visu-
ellen Bildern) und deshalb nicht richtig übertragen werden
kann.

195
Operative

Wenn man sich an das erinnert, was wir seinerzeit bezüg-


lich der primären und sekundären Tagträume sowie des
Tagtraumkerns gesagt haben, wird man verstehen, dass
letzterer eine Art festgefahrenes Klima darstellt, das sich
nicht durch die entsprechenden alltäglichen Wahrneh-
mungen und Vorstellungen verändert. Vielmehr bestimmt
er auf kompensatorische Weise die Handlungen in der
Welt und erzeugt verschiedene Tagträume als „Versuche”
einer Übertragung, denen es nicht gelingt, die Verlagerung
des Grundklimas zu erzielen.
In der Übertragungspraxis treffen wir häufig auf den
Tagtraumkern (mit dem bestimmenden Grundklima), der
sehr schwer zu verändern ist. Aber wir treffen auch auf
tiefliegende Klimata, die durch die Benutzung von pas-
senden Bildern und Vorgehensweisen verwandelt werden
können.
Im Allgemeinen können wir sagen, dass alle Bilder oder
alle Klimata, die sich in verschiedenen Szenen wiederho-
len, von Bedeutung sind. So kann das Subjekt beispiels-
weise zu verschiedenen Gelegenheiten unterschiedliche
Handlungsabläufe träumen, in denen aber dieselbe Person
oder derselbe Gegenstand vorkommt. Oder umgekehrt:
In den Träumen des Subjekts tauchen immer verschiedene
Themen auf, aber der Handlungsablauf wiederholt sich
ständig.
Ein sich wiederholendes Bild oder Klima zu erfassen
stellt bereits einen wichtigen roten Faden dar, um den Vor-
gehensweisen bei Übertragungen eine Richtung zu weisen.
Sehen wir nun, auf welche allgemeinen Kategorien wir
die Themen reduzieren können, um die Arbeit zu verein-
fachen. Anschließend werden wir dasselbe mit den Hand-
lungsabläufen machen.

196
Übertragungspraktiken

Themen

A) Behälter: Diejenigen Gegenstände, die andere ein-


schließen, bewachen oder beschützen. Der größte Behälter
einer gegebenen Szene kann symbolisch reduziert werden,
um den Spannungsrahmen zu verstehen, innerhalb dessen
(Feld) die Szene stattfindet.

B) Inhalte: Gegenstände, Personen, Situationen usw., die


innerhalb eines Behälters vorkommen. Die Inhalte sind
offenkundig, wenn die Bilder erscheinen. Sie sind verbor-
gen, wenn die Bilder nicht erscheinen, man aber trotzdem
„weiß”, dass sie da sind.

C) Verbindungen: Elemente, die Behälter mit Behältern,


Inhalte mit Inhalten oder Behälter mit Inhalten verbinden.
Die Verbindungen können eine Erleichterung darstellen
(z.B. Brücken, Fahrzeuge, Wege, Treppen, verschiedene
Kommunikationsformen wie Gestik, Sprache usw.) oder
eine Behinderung (dieselben Verbindungen, die ihre Funk-
tion aber verfehlen, z.B. zerstörte Brücken, festgefahrene
oder unkontrollierbare Fahrzeuge, überschwemmte Wege,
gefährliche Treppen, fremde oder verwirrende Sprachen
usw.).

D) Eigenschaften: Elemente, die einen von anderen Ele-


menten durch Ähnlichkeit, Kontiguität oder Kontrast
übertragenen Wert besitzen (z.B. ein Gegenstand erhält
Bedeutung, weil er ein Geschenk eines Freundes ist; ein
Kleid, weil es einer bestimmten Person gehört; ein Wert

197
Operative

oder ein Wertesystem, das allegorisch dargestellt wird: die


Gerechtigkeit als Frau mit verbundenen Augen, in der ei-
nen Hand eine Waage, in der anderen ein Schwert usw.).

E) Ebenen: Die auf verschiedenen Höhen derselben Szene


angesiedelten Bilder stellen Ebenen dar (z.B. ein Hügel,
ein Tal), ebenso Größenunterschiede (Riese - Zwerg) oder
die verschiedenen Funktionen und Rollen untereinander
(Vorgesetzter - Untergebener).

F) Entwicklungsmomente: Wie z.B. die Altersstufen


(Greis, Erwachsener, Kind); Verwandlungen (eine Person
verwandelt sich in eine andere oder in einen Gegenstand);
Umkehrungen (die einen besonderen Fall der Verwand-
lungen darstellen, z.B. ein Kürbis, der sich in eine Kutsche
verwandelt).

G) Beschaffenheit. Farben, Klänge, Gerüche usw. Sie be-


ziehen sich stets auf den Sinn, der den übersetzten oder um-
gewandelten Impuls erzeugt. Bezüglich der Beschaffenheit
muss jedoch hinzugefügt werden, dass auch visuelle Bilder
wie Spitzen, scharfe Klingen, Werkzeuge zum Spalten usw.
verschiedene taktile und koenästhetische Registrierungen
hervorrufen. Dies ist ein wichtiger Punkt, da die von den
äußeren Sinnen stammenden Impulse kontinuierlich zu
taktilen und koenästhetischen Registrierungen übersetzt
werden. Das erklärt, dass jegliche unangenehme Erschei-
nung körperliche Begleiterscheinungen zur Folge haben
kann. Wenn dem nicht so wäre, hätte eine schmerzhafte
Szene auf die Zuschauer z.B. keinerlei Wirkung.

198
Übertragungspraktiken

Die Elemente wie Luft, Feuer, Beschaffenheit und Tempe-


raturen erzeugen starke taktile Registrierungen. Dasselbe
gilt für die Farben.

H) Funktionen.
1. Verteidiger: Sie bewachen oder verteidigen etwas und
verhindern so den freien Zugang oder Durchgang. Es
gibt Verteidiger mit einer klar definierten Funktion
und andere, die eher verhüllt sind wie Fallen, Täu-
schungen und Verführungen, die von den gesteckten
Zielen ablenken.
2. Beschützer: Sie erleichtern den Zugang und das
Erreichen bestimmter Ziele. Dies ist der Fall der
Führer oder gewisser magischer oder technischer
Gegenstände.
3. Vermittler: Sie werden meistens durch Wesen dar-
gestellt, an die man sich wenden muss, um etwas
Nützliches zu erhalten (z.B. Wesen, die man bezah-
len oder überzeugen muss, damit man an einen Ort
gebracht wird oder damit sie einem eine bestimmte
Eigenschaft verleihen). Es gibt auch vermittelnde
Situationen, durch die man gehen muss, um etwas
zu erreichen (z.B. Situationen des Leidens oder der
„Prüfung”).
4. Kraftzentrum: Gegenstände oder Orte, die verwand-
lungsfähige Eigenschaften besitzen (z.B. Das Wasser
oder das Feuer der Unsterblichkeit, die Insel der
Glückseligkeit, der Stein der Weisen usw.). Am Ende
jeder Suche (bei der verschiedene Funktionen erschei-
nen) befindet sich ein Kraftzentrum, ein Bild, das in
vollkommener Weise den Wunsch nach umfassender
und andauernder Entspannung darstellt. Manchmal

199
Operative

ist das Kraftzentrum bekannt, auch wenn es nicht


erreicht werden kann (offenkundiges Zentrum, um-
geben von einem Labyrinth oder von Verteidigern,
die den Zugang verhindern).
Es kommt auch vor, dass das Subjekt sich auf einer
ständigen Suche nach einem unbekannten Kraftzen-
trum befindet (verborgenes Zentrum). In diesem Fall
liegt ein Klima vor, das nicht mit einem bestimmten
Bild verbunden werden kann, das notwendig ist, um
die Übertragung der Ladungen durchzuführen.
Auch die Vorstellungen vom idealen Partner erfül-
len die verwandlungsfähige Funktion des „Kraftzen-
trums” (z.B. Lilith oder Abraxas; die Große Mutter
und der Große Vater; die Riesen oder die Großen
Schatten als Übersetzungen von diffusen weiblichen
sexuellen Impulsen; die Tänzerinnen oder auswei-
chenden Frauen mit ihren wechselnden Kleidern als
Übersetzungen von genauer lokalisierten, kitzelnden
männlichen sexuellen Impulsen.
Diese verwandelnden Themen führen häufig zu
sexuellen Entladungen, womit ihre kathartische
Funktion erfüllt ist. Vom Standpunkt der Übertra-
gung aus betrachtet, zeigen die idealisierten Bilder
des Sexualpartners bzw. der Sexualpartnerin jedoch
die Schwierigkeits- oder Verarbeitungsstufen bezüg-
lich der tiefliegenden Inhalte an.

200
Übertragungspraktiken

Handlungsabläufe

Die Handlungsabläufe ergeben sich aus den Beziehungen,


welche die Themen untereinander herstellen. Manchmal
kann die Beweglichkeit einer einzigen Allegorie (als Summe
verschiedener Themen) einen Handlungsablauf darstellen.
Aus jedem Handlungsablauf muss das Klima heraus ge-
filtert werden. Es gibt jedoch Klimata, die nicht mit dem
Handlungsablauf übereinstimmen, und manchmal gibt es
auch Klimata, die nicht mit visuellen Bildern verbunden
sind, so wie das im alltäglichen Leben geschieht. Wenn
ein Klima nicht an visuelle Bilder gekoppelt ist oder nicht
mit einem Handlungsablauf übereinstimmt, müssen dem
Klima entsprechende Bilder vorgeschlagen werden, damit
die Ladungsübertragungen stattfinden können. Diesen
Punkt werden wir später behandeln. Betrachten wir nun
die wichtigsten Arten der Handlungsabläufe.

A) Kathartische: Handlungsabläufe, in denen das Subjekt


eine Erleichterung der Spannungen empfindet. Sie sind
fast immer verbunden mit Lachen, Weinen, gewalttätiger
Konfrontation und dem Liebesakt. Ein gutes Beispiel eines
kathartischen Handlungsablaufs ist der Witz. Sollte die
Entwicklung eines kathartischen Handlungsablaufs nicht
zur Entladung von Spannungen führen, so weist die entste-
hende Frustration auf eine Spannung hin, die ungelöst zu-
rückbleibt und mit einigen Themen des Handlungsablaufs
verbunden ist. Sollten sich die Themen in verschiedenen
Handlungsabläufen wiederholen (z.B. dasselbe Haus oder
dieselbe Person, aber in einem anderen Zusammenhang),
so ist die ständige Spannung klar mit ihnen verbunden.

201
Operative

B) Übertragende: Handlungsabläufe, in denen das Subjekt


am Schluss eine Verwandlung oder eine Veränderung des
Standpunktes oder der „Bedeutung” empfindet. Sollte sich
derselbe Handlungsablauf ( z.B. die Suche nach etwas oder
die Flucht vor etwas) stets wiederholen, ohne zu einem
Abschluss zu kommen, so liegt das Klima auf der Hand,
das bearbeitet werden muss, indem verschiedene Themen
vorgeschlagen werden, bis die Übertragung stattfindet. Ge-
legentliche: Handlungsabläufe, die auf situationsbezogene
Spannungen oder Klimata hinweisen. Ihr Rohmaterial ist
wechselhaft und aus jüngerer Zeit. Diese Handlungsabläu-
fe dienen momentanen kathartischen und übertragenden
Prozessen sowie dem Ordnen der Daten im Gedächtnis.

Allegorische Analyse

1. Bei einem gegebenen allegorischen Thema oder ei-


nem allegorischen Handlungsablauf ist es nötig, zunächst
den Rahmen symbolisch zu reduzieren. Diese Arbeit wird
das allgemeinste Spannungssystem, die Ansammlungen,
Zerstreuungen und Verschiebungen der Energie enthüllen.
Sie ermöglicht auch, die Widerstände und die Überwin-
dungen der Spannungen zu verstehen.

2. Nachdem die symbolische Reduktion des Rahmens


durchgeführt wurde, geht man dazu über, alle vorkommen-
den Themen und Handlungsabläufe zu analysieren und zu
gruppieren. Nachdem die Gruppierung der Themen und
Handlungsabläufe durchgeführt wurde, geht man dazu

202
Übertragungspraktiken

über, die Klimata zu bestimmen. Diese Bestimmungen


stellen die Zusammenfassung der vorhergehenden Analyse
dar.

Allegorische Interpretation

Wenn eine allegorische Zusammenfassung vorliegt, kann


sie interpretiert werden, wenn man vorhergehende und/
oder nachfolgende Zusammenfassungen zur Verfügung
hat. Dies ist notwendig, um zu verstehen, ob es sich um
kathartische, übertragende oder gelegentliche Phänomene
handelt.
Man sollte verstehen, dass eine allegorische Interpreta-
tion nur möglich ist, wenn man über einen Prozess verfügt,
der mehrere Szenen umfasst. Nach der Interpretation geht
man dazu über, die Synthese zu machen.
Häufig wird der schwerwiegende Fehler gemacht, ir-
gendein Thema aufgrund vermeintlicher festgelegter Be-
deutungen zu interpretieren. Das Bild eines Mannes z.B.,
der den Durchgang verhindert, könnte seltsamerweise als
Dramatisierung des strafenden Vaters oder etwas Ähnliches
interpretiert werden. Für uns wird ein derartiges Bild in die
Gruppe der anderen „Verteidiger” eingeordnet und bringt
lediglich ungelöste Spannungen zum Vorschein, welche
die Energieverlagerung von einigen Bildern zu anderen hin
verhindert.
Wenn wir von „Interpretation” sprechen, beziehen wir
uns auf den Prozess der Themen und Handlungsabläufe, so
dass wir verstehen können, welche Funktion sie erfüllen,
welche Spannungen sie zum Vorschein bringen, welche

203
Operative

Klimata auftauchen und welche Schwierigkeiten oder Vor-


teile die verschiedenen Übertragungstechniken bieten, die
angewandt werden sollten.

Übungen zur Allegorielehre

Übung 1 (Symbolische Reduktion)

Den Rahmen eines gegebenen Kindermärchens (oder ei-


ner Legende) zu einem Symbol reduzieren und dabei die
Ansammlungen, Zerstreuungen und Verlagerungen der
Energie erklären. Es geht darum, die Spannungen und
Entspannungen zu verstehen.

Übung 2 (Allegorische Analyse)

Analyse und Gruppierung aller im Märchen enthaltener


Themen und Handlungsabläufe.

Übung 3 (Allegorische Zusammenfassung)

Die Klimata bestimmen.

Übung 4 (Allegorische Interpretation)

Vom kathartischen und übertragenden Standpunkt aus


erklären, was das Märchen löst (und was nicht).

204
Übertragungspraktiken

Die vier vorgeschlagenen Übungen sind im Fall der


Mythen, Märchen und Legenden relativ einfach auszu-
führen, da sie üblicherweise eine Art innere Entwicklung
haben, mit anderen Worten, sie haben einen Beginn, einen
„Kernpunkt”, eine Lösung und ein Ende.
Wenn man Übungen mit einem Traum oder einem per-
sönlichen Tagtraum machen möchte, so können die Übun-
gen 1, 2 und 3 ohne Schwierigkeit ausgeführt werden. Für
Übung 4 wären mehrere aufeinanderfolgende Träume oder
Tagträume nötig, um den Prozess zu verstehen. Dennoch
gibt es Träume oder Tagträume, die in ihrem Ablauf einen
inneren Prozess wie im Falle der Legenden aufweisen, was
eine allegorische Interpretation ermöglicht.

205
Operative

Lektion 5

Übertragungssondierung

Mit den in den vorhergehenden Lektionen gegebenen


Erklärungen sind wir nun in der Lage, tiefergehende Stu-
dien bezüglich der Symbole und Allegorien in Angriff zu
nehmen, und zwar sowohl im Bereich der individuellen
Erzeugung (im Schlaf, Halbschlaf und Wachzustand) als
auch im Bereich des kollektiven Schaffens (Märchen, Le-
genden, Mythen, Kunst, Religion usw.).
Auch individuelle oder kollektive Verhaltensweisen
können vom Standpunkt der Symbole und Zeichen un-
tersucht werden.
Wir aber werden diese Kenntnisse jetzt als einfache
Hilfsmittel für die Übertragungstechniken anwenden.
Erinnern wir uns daran, dass wir in diesem Kurs der
Operative mit kathartischen Techniken arbeiten, um
Spannungsentladungen zu erzeugen, die mit anderen Mit-
teln unmöglich erreicht werden könnten. Ebenso müssen
wir mit Übertragungstechniken arbeiten, die es uns er-
möglichen, fixierte psychische Inhalte loszulösen und zu
verarbeiten.
Wir setzen voraus, dass man weiß, unter welchen Um-
ständen die eine oder andere Technik anzuwenden ist.

206
Übertragungspraktiken

I. Anzeichen

Rationalisierungen, Verheimlichen, Vergessen und Blocka-


den im Allgemeinen weisen auf Widerstände bei der ka-
thartischen Entladung hin. Die Überwindung dieser Wi-
derstände, damit die Spannungen sich nach außen hin als
Entladung ausdrücken, stellt ein technisches Problem dar.
Ebenso stößt man auf Widerstände, wenn man versucht,
die fixierten Inhalte zu bewegen und in den Bewusstseins­
prozess zu integrieren. Grundsätzlich sind die Anzeichen
der Widerstände die gleichen, die bei der Anwendung der
kathartischen Techniken auftreten, aber zusätzlich existie-
ren andere Anzeichen, die eng mit der Gestaltung und der
Dynamik der Bilder verbunden sind.
Für die gesamte Operative (Katharsis, Übertragung
und Selbstübertragung) gilt derselbe Grundsatz: Wider-
stände aufspüren und überwinden. Hierzu ist es wichtig
zu begreifen, welches die Anzeichen für Widerstände und
welches die Anzeichen für die Überwindung dieser Wider-
stände sind. Im Fall der Katharsis wurden sie ausreichend
untersucht, so dass wir nun im Fall der Übertragung zu
deren Erklärung übergehen.

II. Anzeichen für Widerstände

Eine der ersten Bedingungen, die für einen Übertragungs-


prozess erfüllt werden muss, ist die freie Assoziation des
Subjekts, und zwar möglichst mit visuellen Bildern. Um
diese Bedingung ungezwungen zu erreichen, muss zuerst
die Ebene des aktiven Halbschlafes erreicht werden. In

207
Operative

dieser Ebene beschreibt das Subjekt dann der führenden


Person seine geistigen Szenen, während diese sich darauf
beschränkt, den Bildern eine Richtung zu geben.
Es geht nicht darum, dass die führende Person Bilder
vorschlägt (womit sie dem Subjekt ihre eigenen Inhalte
vermitteln würde), sondern dass sie sich darum bemüht,
den vom Subjekt beschriebenen Szenen eine Richtung zu
verschiedenen Tiefen und Höhen des Vorstellungsraums
hin zu geben, wobei sie auf Umwandlungen, Vergrößerun-
gen und Verkleinerungen von Bildern zurückgreift, sofern
Anzeichen für einen Widerstand auftauchen.
Betrachten wir die wichtigsten Anzeichen.

1. Widerstände durch Rationalisierung, Verheimlichen,


Vergessen und Blockade. Sie weisen auf starke Spannun-
gen hin. In diesem Fall wendet die führende Person die
Technik der kathartischen Rückspeisungs-Sondierung an,
bis diese Widerstände überwunden werden. Sollten die
Schwierigkeiten auch weiterhin bestehen, muss eine tiefe
Katharsis herbeigeführt werden.

2. Schwierigkeit bei der vertikalen Fortbewegung. Dies


ist der Fall, wenn das Subjekt nicht in „die Höhen” hinauf-
oder in „die Tiefen” hinabsteigen kann. Diese Schwierig-
keit sollte durch Wiederholung überwunden werden, wo-
bei dem Subjekt allegorische Hilfsmittel wie Verbindungen
oder bestimmte Eigenschaften zur Verfügung gestellt
werden sollten. Diese von der führenden Person häufig
benutzten Hilfsmittel haben stets mit der Überwindung
der Widerstände zu tun und fügen sich mehr oder weniger

208
Übertragungspraktiken

harmonisch in die Szenen des Subjektes ein, so dass das


Einschleusen von Inhalten der führenden Person vermie-
den werden kann.

3. Schwierigkeit bei der horizontalen Fortbewegung.


Dies ist der Fall, wenn das Subjekt in seiner Szene weder
voran- noch zurückschreiten kann. Eine Wiederholung
wird nötig sein, wobei allegorische Hilfsmittel zur Verfü-
gung gestellt werden.

4. Schwierigkeit beim Ausdehnen bzw. Zusammen-


ziehen. Dies ist der Fall, wenn das Subjekt das Bild von
sich selbst oder ein anderes, von ihm selbst als schwierig,
gefährlich usw. betrachtetes Bild nicht „vergrößern” oder
„verkleinern” kann. Die führende Person wird allegorische
Hilfsmittel vorschlagen, bis der Widerstand überwunden
ist.

5. Schwierigkeit bei Verwandlungen. Dies ist der Fall,


wenn das Subjekt seine Kleider, sein Aussehen oder auch
Rollen, Alter, Ebenen usw. nicht verändern kann. Dies
trifft auch zu, wenn es Bilder, die negative Klimata her-
vorrufen, nicht in positive Bilder umkehren kann. Die
führende Person greift auf allegorische Hilfsmittel zurück.

6. Schwierigkeit, ein Klima mit Bildern zu verknüpfen.


Die führende Person sollte das Subjekt bitten, solange nach
Bildern zu suchen, bis das Klima mit einer erinnerten oder
fiktiven Szene „zusammenpasst”. Die Schwierigkeit ist nur
dann überwunden, wenn das Subjekt eine wirkliche Über-
einstimmung zwischen Klima und Bildern verspürt. Mit
anderen Worten, wenn die Registrierung dieser Vorgänge

209
Operative

künstlich ist, sollte die Arbeit so lange fortgeführt werden,


bis das Subjekt die echte Empfindung hat, dass Klima und
Bilder „zusammenpassen”.

7. Schwierigkeit, Bild und Klima voneinander zu tren-


nen. Die führende Person schlägt vor, das Klima solange
auf andere Bilder zu verlagern, bis die ursprünglichen Bil-
der ihre emotionale Kraft verlieren.

8. Kathartischer Ausbruch im Übertragungsprozess.


Man muss dem Subjekt ermöglichen, sich umfassend
auszudrücken, aber der Übertragungsprozess muss unter-
brochen werden, bis das Subjekt wieder in der Lage ist,
den von der führenden Person vorgeschlagenen Rich-
tungen zu folgen. Dieser Fall unterscheidet sich von den
kathartischen Ausdrücken, die einen Übertragungsprozess
begleiten, aber die von der führenden Person angegebene
Prozessrichtung nicht unterbrechen.

9. Übermäßige Geschwindigkeit in den Fortbewegun-


gen. Das Subjekt gelangt von einer Szene zur nächsten
oder bewegt sich so schnell zwischen den Bildern, dass es
nicht richtig wahrnimmt, worum es geht und so die Be-
schreibung erschwert. Hier wird man den Prozess verlang-
samen müssen, indem das Subjekt dazu veranlasst wird,
die Objekte, die es sieht, in weiter Entfernung voneinander
anzuordnen, so dass der „Weg” von einem zum anderen
mehr Zeit beansprucht. Ein anderes Hilfsmittel besteht
darin, das Subjekt aufzufordern, zahlreiche Details von
jedem von ihm angetroffenen Objekt zu beschreiben.

210
Übertragungspraktiken

10. Höhen-Rückprall. Bei einem Auf- oder Abstieg be-


schreibt das Subjekt plötzlich Szenen der entgegengesetz-
ten Ebene. Die führende Person muss den Prozess wieder
aufnehmen und allegorische Hilfsmittel in dem Moment
einsetzen, in dem ein sprunghafter Wechsel möglich ist.

11. Ebenen-Rückprall. Dies geschieht, wenn das Subjekt


durch den Druck von bedrückenden Inhalten, Bestürzung
oder anderen zufälligen Faktoren den Prozess zwar fort-
setzt, aber mit einer deutlichen Veränderung zur Rationa-
lisierung hin. Dies geschieht auch, wenn das Subjekt die
Sequenz blockiert. Die führende Person muss die Arbeit
abbrechen und von vorne beginnen.

12. Schwierigkeit bei der Visualisierung von Bildern. Die


führende Person beginnt die Arbeit auf jeden Fall. Das
Subjekt arbeitet in diesem Fall mit demjenigen Bildersys-
tem, das ihm näher liegt.

Nachdem wir die Anzeichen und die Art kennen, mit


ihnen umzugehen, versteht man, wie die Kenntnisse über
Symbole und Allegorien von der führenden Person als
Hilfsmittel eingesetzt werden können, indem sie nicht-ra-
tionale (z.B. allegorische) Hilfen vorschlägt, damit sich der
Prozess entfalten kann und ein Ebenen-Rückprall vermie-
den wird. Das könnte eintreten, wenn das Subjekt in ein
kritisches oder selbstkritisches Denksystem gerät.
Wir wiederholen, dass die Symbollehre und die Allego-
rienlehre bei den Übertragungen eine vorwiegend helfende
Rolle spielen und weniger der Interpretation dienen, wie es
in anderen Bereichen der Fall ist.

211
Operative

Übung zur Übertragungssondierung von


Widerständen
Die führende Person bittet das Subjekt, einen Witz zu er-
zählen. Dann bittet sie es, sich als Hauptfigur des Witzes
(oder je nach Situation als eine der Figuren des Witzes)
vorzustellen, um dann zu folgenden Übungen überzuge-
hen: Auf- und Absteigen, Vor- und Zurückgehen, Aus-
dehnen (Vergrößerung des Bildes) und Zusammenziehen
(Verkleinerung des Bildes). Es ist stets nötig, dass das
Subjekt alles erzählt, was in den Szenen vorfällt und dabei
auch erläutert, von welchen Klimata die Szenen begleitet
werden. Die führende Person notiert sich die jeweiligen
Anzeichen für auftretende Widerstände. Bei dieser Übung
wird nicht versucht, irgendeinen der festgestellten Wider-
stände zu überwinden.
Nach Abschluss der Sondierung von Widerständen be-
sprechen Subjekt und führende Person die Bedeutung der
angetroffenen Widerstände und versuchen, eine Beziehung
zu alltäglichen Verhaltensweisen oder biographischen
Vorfällen herzustellen. Zusätzlich könnte eine einfache
symbolische Reduktion der allgemeinen Rahmen und
eine kurze Synthese der Themen und Handlungsabläufe
versucht werden. Danach tauschen führende Person und
Subjekt die Rollen.

212
Übertragungspraktiken

Lektion 6

Übertragungssondierung

Die drei wichtigsten Techniken der Übertragung sind:


Ebenen-, Umwandlungs- und Ausdehnungstechnik.

I. Ebenentechnik

Sie arbeitet mit verschiedenen Ebenen des Vorstellungs-


raums in vertikalem Sinn. Diese räumlichen Ebenen dür-
fen nicht mit den Bewusstseinsebenen verwechselt werden.
In der Tat kommt es z.B. im Traum vor, dass man während
des Schlafes im inneren Raum „aufsteigt” beziehungsweise
„hinabsteigt”, ohne deswegen aufzuwachen.
Bei der Arbeit mit dieser Technik beginnt die führen-
de Person damit, dem Subjekt vorzuschlagen, sich selbst
auf einer Ebene vorzustellen, die wir als „mittlere” Ebene
bezeichnen können. Diese Ebene entspricht mehr oder
weniger der Ebene der gewöhnlichen Wahrnehmung.
Sobald das Subjekt sich selbst sieht, schlägt die führen-
de Person vor, abzusteigen. Hier beginnt bereits die erste
Schwierigkeit, da das Subjekt herausfinden muss, wie es
dies bewerkstelligen kann. Da die Anzeichen für Wider-
stände und für ihre Überwindung bekannt sind, wird die
führende Person immer dann eingreifen, wenn Widerstän-
de auftauchen.
Wenn die allgemeine Regel jeglicher Übertragung be-
sagt, dass jeglicher Widerstand überwunden werden muss,
damit sich die Ladungen verschieben, bleibt die Frage of-

213
Operative

fen, wie das zu bewerkstelligen ist. Im Allgemeinen sollte


so verfahren werden, dass das Subjekt sich jeder auftau-
chenden Schwierigkeit gegenüberstellt, immer solange es
eine Möglichkeit hat, sie zu überwinden. Das heißt, wäre
ein Widerstand stärker als das Subjekt, dann würde es eine
Frustration verspüren, die den Widerstand im Nachhinein
verstärken würde.
In der Übertragung sprechen wir vom „Überzeugen”
der Widerstände, womit wir andeuten wollen, dass wir
sie frontal angehen sollten, sofern sie die Möglichkeiten
des Subjekts nicht übersteigen. Wenn sie aber stärker als
das Subjekt sein sollten, dann muss die führende Person
eingreifen und die Szene mit allegorischen Hilfsmitteln
ausstatten oder gelegentlich auch das Subjekt auffordern,
einen einfacheren Weg zu finden, um erneut zu dem Wi-
derstand zu gelangen, aber dieses Mal von einer günstige-
ren Perspektive aus.
Wenn wir die Idee der Überzeugung der Widerstände
weiterverfolgen, so ist es stets vorzuziehen, dass die füh-
rende Person einen möglichen gewalttätigen Kampf mit
einem Verteidiger, der aggressiv einen Eingang versperrt,
vermeidet und eher die Versöhnung mit ihm vorschlägt.
Ein ähnliches Hilfsmittel in diesen Fällen ist die Bezahlung
oder der allegorische Tausch, um denjenigen, der den Zu-
gang versperrt, umzustimmen.
Beim Abstieg erscheinen häufig fremdartige Wesen, die
die führende Person in Verbündete verwandeln kann, so
dass das Subjekt sich weiter fortbewegen kann.
Fast immer verdunkelt sich der Vorstellungsraum in
dem Maße, in dem man hinabsteigt, wobei einem der
Wachheit eigenen Assoziationssystem gefolgt wird. Dies
beruht auf der alltäglichen Erfahrung, nach der das Dunk-

214
Übertragungspraktiken

le in den Tiefen liegt, egal ob am Land oder im Meer. Für


die aufsteigende Richtung gilt das Gegenteil, da die Sonne
und der offene Himmel (zum Beispiel oberhalb der Ge-
witterwolken) sich in den Höhen befinden. Es gibt jedoch
ein weiteres Phänomen, das mit der Wahrnehmung der
Außenwelt übereinstimmt, ohne deshalb von ihr abhängig
zu sein. Im Allgemeinen geschieht es, dass das Subjekt sich
in dem Maße, in dem es hinabsteigt, von seinen optischen
Zentren immer weiter entfernt. Die Szene verdunkelt sich
und auf der „Bildfläche” erscheinen übersetzte oder ver-
formte Vorstellungen des Körperinnern (Höhlen mit Tie-
ren als Vorstellung des eigenen Mundes, der Zunge und
der Zähne; Fallröhre als Allegorisierung der Speiseröhre;
sich rhythmisch bewegende Blasen oder geflügelte Wesen
als Vorstellung der Lungen; Schranken, die dem Zwerch-
fell ähnlich sind; Tentakelwesen, Labyrinthe und schma-
le Gänge, die in Beziehung zu den verschiedenen Teilen
des Verdauungsapparates stehen; warme oder erstickende
Höhlen, die manchmal von erlöschenden Feuern beleuch-
tet werden, als Verformung und Übersetzung sexueller
koenästhetischer Registrierungen; wässerige, lehmige oder
glitschige Texturen als Vorstellung von Flüssigkeiten oder
Substanzen, die im Körperinnern wirken usw.)
Je höher das Subjekt im Raum aufsteigt, desto hel-
ler wird er. Gleichzeitig wird die Atmung flacher und es
kommt zu von den Lungen stammenden Übersetzungen,
erneut in Form von geflügelten Wesen, aber diesmal als
leuchtende Wesen wie Engel, Vögel usw.
Es gibt eine bestimmte Grenze der Tiefe, über die hi-
naus man nicht noch tiefer hinabsteigen kann… dort ist
alles im Dunkeln. In den Höhen, über dem erleuchteten
Himmel, der Sonne, den Sternen zeigt sich ein ähnliches

215
Operative

Phänomen: alles ist im Dunkeln. Diese endgültige Verdun-


kelung, sowohl beim Hinauf- als auch beim Hinabsteigen,
entspricht den Grenzen des eigenen Körpers. In der Tat
sind diese Grenzen schwierig zu erreichen, da sie häufig
einen Rückprall erzeugen, der jedoch zur Kontinuität der
Szenen beiträgt.
Bei der Ebenentechnik darf das Licht, das von einer be-
stimmten Quelle stammt (unterirdische Lichter, vulkani-
sche Feuer, erleuchtete Städte unterhalb des Wasserspiegels
usw., oder umgekehrt die Sonne, der Mond, die Gestirne,
die Städte des Lichts, kristallene oder leuchtende Gegen-
stände usw.) nicht mit der allgemeinen Beleuchtung des
Raumes verwechselt werden, die uns die Vorstellungsebene
verrät.
Zusammenfassend können wir folgendes über die Ebe-
nentechnik sagen: man beginnt auf der mittleren Ebene
und steigt bis zu einer akzeptablen Grenze der Visuali-
sierung und Beweglichkeit der Vorstellungen hinab, um
anschließend auf dem Wege zurückzukehren, den man
hinabgestiegen ist, bis man wieder auf der mittleren Ebe-
ne angelangt ist. Von dort aus steigt man ebenfalls bis zu
einer akzeptablen Grenze hinauf, um dann denselben Weg
wieder hinabzusteigen, bis man erneut auf der mittleren
Ebene angelangt ist.
Man beginnt stets auf der mittleren Ebene, wo man
auch wieder endet. So wird das Subjekt zum Schluss aus
den mehr oder weniger irrationalen Szenen hinaus- und
in ein alltägliches Vorstellungssystem hineingeführt. Hier
werden die freilaufenden Assoziationen nach und nach
von Rationalisierungen ersetzt, welche die führende Person

216
Übertragungspraktiken

vorschlägt. Man versucht, die Empfindung eines schritt-


weisen und stärkenden „Ausgangs” aus der Übertragung
zu erreichen.
Der Ausgang sollte auf keinen Fall auf abrupte Weise
oder aus einer anderen als der mittleren Ebene vorgeschla-
gen werden.

II. Umwandlungstechnik

Sie arbeitet innerhalb der mittleren Vorstellungsebene. Wie


üblich stellt das Subjekt sich selbst vor. Die führende Per-
son fordert es auf, sich „vorwärts” fortzubewegen, so als ob
das Subjekt sich selbst sehen würde, wie es sich innerhalb
einer Szene fortbewegt, die es selbst vorgeschlagen hat, um
die Arbeit zu beginnen.
Sobald die Szene die für freie Assoziationsprozesse ty-
pische Gelöstheit erreicht hat, schlägt die führende Person
Änderungen in der Kleidung des Subjekts und anschlie-
ßend Änderungen in den verschiedenen auftauchenden
Bildern vor, bis Widerstände entdeckt werden. Jeder er-
kannte Widerstand muss angemessen überwunden werden.
Es kann vorkommen, dass man bei den Umwandlun-
gen auf keine größeren Widerstände trifft, wohl aber bei
der Fortbewegung von einer Umgebung in eine andere,
beim Betreten oder Verlassen von Räumen usw. All dies
sollte mit Hilfe der jeweiligen allegorischen Hilfestellun-
gen oder durch Umwandeln der Bilder gelöst werden.
Die Arbeit wird fortgesetzt, wobei man schließlich zum
Ausgangspunkt zurückkehrt. Von hier wird das Subjekt
nach und nach mit Hilfe von Rationalisierungen der Sze-
nen freundlich aus der Übertragung hinausgeführt.

217
Operative

III. Ausdehnungstechnik

Diese Technik wirkt sowohl auf der vertikalen Ebene (Ebe-


nentechnik) als auch auf der horizontalen Ebene (Um-
wandlungstechnik). Sie wird immer dann angewendet,
wenn in den Themen oder Handlungsabläufen Situationen
des Eingeschlossenseins, Hindernisse oder Unvereinbarkei-
ten aufgrund von Größenunterschieden auftreten. Es gibt
Missverhältnisse zwischen dem eigenen Bild des Subjekts
selbst und einem Objekt, durch das es hindurch gehen
will (sich verschließende Gänge, Schlüssellöcher, Leitern
mit zu weit voneinander entfernten Sprossen oder Treppen
mit zu hohen Stufen usw.). Es kann auch vorkommen,
dass eine Unvereinbarkeit bezüglich der Größe bei Gegen-
ständen besteht, die man ins Innere des Subjekts bringen
möchte (eine Frucht, die man essen möchte und die zu
groß oder zu klein zu sein scheint). Aus demselben Grund
können auch Schwierigkeiten in der Beziehung zwischen
verschiedenen Wesen auftreten (Riesen und Zwerge) oder
Missverhältnisse innerhalb derselben Figur (riesiger Kopf
und sehr dünne Gliedmaßen) usw.
Wenn die soeben erwähnten Schwierigkeiten auftreten,
schlägt die führende Person ein Vergrößern beziehungs-
weise Verkleinern der betroffenen Bilder vor, bis die Szene
ausgeglichen ist. Manchmal muss man sich auf allegorische
Hilfsmittel stützen, um die harmonische Einfügung der
Bilder in einen gegebenen Handlungsablauf zu erleichtern.
Wann sollte welche Technik angewendet werden?
Im Allgemeinen arbeitet man mit der Ebenentechnik,
wobei man dem Subjekt eine Richtung gibt. Aber in dem
Maße, wie sich diese entwickelt, werden Widerstände auf-
tauchen, die mit Fortbewegungen auf horizontaler Ebene

218
Übertragungspraktiken

oder mit der Bildergröße zu tun haben. Deshalb werden


die Umwandlungs- und Ausdehnungstechniken immer
dann angewendet, wenn entsprechende Widerstände in-
nerhalb der allgemeinen Ebenentechnik entdeckt werden.
Nur wenn es sich aufgrund von vorhergehenden Sitzungen
klar herausgestellt hat, dass das wesentliche Problem des
Subjekts mit Widerständen bei den Umwandlungen oder
Ausdehnungen verbunden ist, werden diese Techniken
direkt angewendet, wobei man auf die Fortbewegung auf
vertikalen Ebenen verzichten kann.

Übung zur Übertragungssondierung und


übertragenden Fortbewegung
Die führende Person bittet das Subjekt, einen Witz zu
erzählen. Anschließend fordert sie es auf, sich als Haupt-
figur des Witzes vorzustellen (oder als eine der Figuren, je
nach Witz) und geht dann dazu über, die Ebenentechnik
zu üben. Wann immer ein Widerstand auftaucht, bringt
die führende Person das Subjekt dazu, ihn zu überwinden,
wozu sie je nach Fall die Umwandlungs- oder die Ausdeh-
nungstechnik anwendet.
Es ist notwendig, dass das Subjekt alles erzählt, was in
den Szenen geschieht und auch die begleitenden Klimata
ausführlich beschreibt.
Nach Abschluss der Sondierung und Überwindung
der Widerstände besprechen Subjekt und führende Person
die Bedeutung der angetroffenen Widerstände und der
Schwierigkeiten, sie zu überwinden. Dabei versuchen sie,
Beziehungen zum alltäglichen Verhalten oder zu biogra-
phischen Ereignissen herzustellen. Darüber hinaus kann

219
Operative

auch versucht werden, eine einfache symbolische Reduk-


tion der allgemeinen Rahmen und eine kurze Synthese der
Themen und Handlungsabläufe zu machen.
Später tauschen führende Person und Subjekt die
Rollen.
Die Übertragungssondierung ist eine Übung, die
keinerlei größerer Vorbereitungen oder Voraussetzungen
bedarf. Sie kann sogar im Wachzustand gemacht werden,
sofern sich das Subjekt in einen nicht-rationalisierenden
Zustand begeben kann, in dem sich die Assoziationen frei
entwickeln.
Zusammenfassend können wir sagen, dass eine erfahre-
ne führende Person mit Hilfe von nur zwei Vorgehenswei-
sen, nämlich der kathartischen Rückspeisungs-Sondierung
und der Übertragungssondierung ein Subjekt je nach Fall
zu Entladungen und Verlagerungen von gewisser Tiefe
bringen kann. All dies kann selbst mit Subjekten erreicht
werden, die über keinerlei Vorbereitung bezüglich dieser
Themen verfügen. Um tiefere kathartische oder Übertra-
gungsprozesse zu ermöglichen, muss das Subjekt selbst-
verständlich über den gleichen Umfang an Information
verfügen wie die führende Person.

220
Übertragungspraktiken

Lektion 7

Bilderübertragung

Mit den Übertragungssondierungen (ebenso wie mit den


kathartischen Sondierungen) können zahlreiche Situatio-
nen des alltäglichen Lebens bearbeitet werden, ohne dass
das Subjekt dazu besondere Kenntnisse benötigt.
Wenn man tiefgehende Übertragungen machen möch-
te, sieht die Sache anders aus, da das Subjekt über ausrei-
chende Informationen bezüglich dieser Themen verfügen
muss. Der wesentliche Grund dafür ist, dass jede tiefge-
hende Übertragungssitzung mit einer sich im Wachzustand
abspielenden Besprechung zwischen führender Person und
Subjekt abgeschlossen wird und es letztendlich das Subjekt
ist, das seinen eigenen Prozess interpretiert und ordnet.
Diese im Wachzustand stattfindende Besprechung
erfordert besondere Kenntnisse seitens des Subjekts, da
andernfalls die Interpretationen der führenden Person
in eine Projektion ihrer eigenen Inhalte münden würde.
Außerdem ergibt sich ein späteres Phänomen: das der Ver-
arbeitung nach der Übertragung, in der das Subjekt die
in der vorhergehenden Arbeit bewegten Inhalte tatsächlich
verarbeitet. Für diese Ausarbeitung muss es über Hilfsmit-
tel verfügen, die es ohne die Hilfe der führenden Person
anwenden kann.
In welchen Fällen wird die tiefgehende Übertragung
angewendet?

221
Operative

Wenn man am Verständnis von komplexen Bewusstseins-


mechanismen interessiert ist. Wenn man biographische
Probleme überwinden möchte, die nicht gelöst sind und
Druck auf die gegenwärtige Situation ausüben.
Wenn man bedeutende Verschiebungen und Integrati-
onen bewirken möchte.
In welchen Fällen wird die tiefgehende Übertragung
nicht angewendet?
Wenn das Subjekt Symptome von psychischer Anoma-
lität zeigt.
Wenn das Subjekt die Arbeit als ein Therapiesystem
betrachtet.
Wenn das Subjekt Probleme lösen möchte, die mit Hil-
fe der vorhergehenden Übungen überwunden sein sollten.
Wenn sich das Subjekt noch in der Vorstufe befindet, in
der Probleme kathartisch gelöst werden.

Schritte der Übertragungssitzung

1. Vorbereitung. Nachdem das Interesse des Subjekts be-


züglich der Frage, weshalb es einen Übertragungsprozess
in Gang setzen möchte, geklärt worden ist, notiert sich die
führende Person die körperlichen und sensoriellen Proble-
me des Subjekts, die sie stets als mögliche Impulserzeuger
gegenwärtig haben wird.
Führende Person und Subjekt setzen sich in einer an-
gebrachten Umgebung bequem nebeneinander hin. Die
Beleuchtung sollte sanft und wenn möglich indirekt sein.
Das Subjekt wird aufgefordert, sich tief und vollständig
zu entspannen.

222
Übertragungspraktiken

2. Einstieg. Das Subjekt wird aufgefordert, eine biogra-


phische Situation, einen Traum oder ein Bild, an dem
es interessiert ist, vorzuschlagen. Man folgt diesem Bild,
wobei man eine Empfindung des „Sich-Fallen-Lassens”
vorschlägt (eine Empfindung, die für den Übergang in den
Schlaf typisch ist, um so Rationalisierungen auszuschalten
und den Übergang in den assoziativen aktiven Halbschlaf
zu ermöglichen).

3. Ablauf. Die führende Person schlägt die jeweiligen


Richtungen vor, wobei sie immer von der mittleren Ebe-
ne und dem vom Subjekt vorgeschlagenen Bild ausgeht.
Wenn Widerstände auftreten, hilft die führende Person,
sie auf die bereits gelernte Art und Weise zu überwinden.
Während des Ablaufes werden sicherlich die drei bekannten
Techniken (Ebenen, Umwandlungen und Ausdehnungen)
angewendet. Die führende Person notiert sich diejenigen
Widerstände, die während der Sitzung nicht befriedigend
überwunden wurden oder die in verschiedenen Szenen auf
veränderte Weise auftauchen, aber einen gemeinsamen Ur-
sprung offenbaren.

4. Ausgang. Nachdem man die jeweiligen Wege zurück-


gelegt hat und zum Ausgangspunkt zurückgekehrt ist, wird
die führende Person mit Hilfe von angenehmen Bildern
ein versöhnliches Klima des Subjekts mit sich selber för-
dern. Von diesem Moment an wird sie zunehmend ratio-
nalisieren, bis das Subjekt seinen gewohnten Wachzustand
erreicht hat.

223
Operative

5. Besprechung im Wachzustand. Nachdem das Subjekt


aus der Übertragung herausgekommen ist, beginnt die Be-
sprechung anhand des gesammelten Materials. Das Sub-
jekt sollte die gesamte gemachte Arbeit erneut betrachten
und die angetroffenen Schwierigkeiten und Widerstände
sowie ihre Überwindung zusammenfassen. Sollten Punkte
vergessen werden, weist die führende Person auf sie hin.
Subjekt und führende Person machen eine symboli-
sche Reduktion und eine allegorische Gruppierung und
versuchen eine interpretative Synthese zu erarbeiten. Diese
Synthese wird über mehrere Sitzungen hinweg zunehmend
erfolgreicher werden, da man über immer vollständigeres
Material eines gesamten Prozesses verfügt. Dennoch ist
es stets angebracht, jede Sitzung mit einer Synthese zu
beenden.

6. Verarbeitung nach der Übertragung. Nachdem die


Sitzung beendet ist und die Einzelheiten der nächsten
festgelegt worden sind, bleibt das Subjekt in der Zwischen-
zeit ohne führende Person. Es ist angebracht, dass es in
dieser Zwischenzeit seine nächtlichen Träume, alltäglichen
Tagträume, Veränderungen des Standpunkts bezüglich der
inneren Problematik sowie Verhaltensänderungen beob-
achtet. Es empfiehlt sich, diese Beobachtungen schriftlich
festzuhalten und sie zu den nächsten Sitzungen als ergän-
zendes Material mitzubringen.

7. Abschluss des Übertragungsprozesses. Die Anzahl der


zum Abschluss eines Prozesses nötigen Sitzungen kann
nicht festgelegt werden. Sie hängt vom Interesse ab, wel-
ches das Subjekt zu Beginn geäußert hat. Der Abschluss ei-
nes Prozesses wird jedoch offensichtlich, wenn das Subjekt

224
Übertragungspraktiken

während der Verarbeitungen nach der Übertragung regis-


triert, dass es Inhalte, die bislang nicht ins Ganze integriert
waren, begreift und dass diese sich "einfügen". Ein ent-
scheidendes Anzeichen hierfür ist eine Verhaltensänderung
bezüglich der konkreten Situation, die man überwinden
wollte.

Anmerkungen

In dieser Form der Übertragung stimmen die Themen


mit den Handlungsabläufen überein. Das vereinfacht die
Sache, da sich beim allmählichen Verändern der Themen
einer Szene auch Umwandlungen von den möglicherweise
negativen Klimata bewirken lassen.
Manchmal lässt sich ein Klima nicht verschieben, weil
der Widerstand sehr groß ist. In diesem Fall geht man
schrittweise vor: man beginnt mit dem Thema, das stark
mit der negativen Ladung verbunden ist und geht zu einem
naheliegenden Thema über, damit letzteres die Merkmale
des ersteren übernimmt (z.B.: in einer unangenehmen Sze-
ne taucht ein Verwandter mit einer bestimmten Kleidung
und einer bestimmten Haltung auf. Wenn der Widerstand
gegen die Umwandlungen dieses Bildes sehr stark sein soll-
te, sollte man eine andere Person in der Szene auftauchen
lassen und sie mit den Eigenschaften der ersten versehen,
damit sich das Klima überträgt. Von der zweiten Person
geht man zu einer dritten über usw.).
Erinnern wir uns an dieser Stelle an das zuvor Gesagte
bezüglich des „Überzeugens” der Widerstände. Die füh-
rende Person wird auf gar keinen Fall das plötzliche Auf-
tauchen von Bildern fördern, die das Subjekt als gefährlich

225
Operative

empfindet. Vielmehr wird sie mit Vorsicht und Behutsam-


keit in eine den Widerständen entgegengesetzte Richtung
orientieren. Sie wird das Subjekt gegenüber Bildern, die
es nicht ertragen kann, niemals ungeschützt lassen. Sollte
das Klima bedrohlich werden, wird sie einer direkten Kon-
frontation ausweichen und dem Überzeugen (oder einem
Zurückweichen) den Vorrang geben. Wenn sie begreift,
dass sie eine Schwierigkeit nicht lösen kann, wird sie die
Arbeit auf die kommenden Sitzungen verschieben und sich
entsprechende Notizen machen.

Übung zur Bilderübertragung

Bevor man beginnt, empfiehlt es sich, die Übungen zur


Übertragungssondierung von Widerständen erneut zu
lesen, ebenso wie jene zur Übertragungssondierung und
übertragenden Fortbewegung.
Anschließend wird eine pädagogische Übung gemacht,
in der einer der Anwesenden die Führungsrolle und ein
anderer die Rolle des Subjekts übernimmt. Die übrigen
Teilnehmer machen sich Notizen. Die Besprechung und
der abschließende Beitrag werden gemeinsam gemacht.
Nach Abschluss der pädagogischen Übung können die
Interessenten ihrerseits (und immer nur zu zweit) einen
Übertragungsprozess von mehreren Sitzungen beginnen.
Führende Person und Subjekt werden dabei ihre Rollen
tauschen, so dass beide die Techniken in gleichem Maß
beherrschen.

226
Übertragungspraktiken

Lektion 8

Klimaübertragung

In der Entspannung wurde mit der Umwandlung von all-


täglichen spannungserzeugenden Bildern und biographi-
schen Bildern gearbeitet. Für das damalige Niveau war dies
eine angebrachte Übung. Auf beschränkte Weise wurde
dort eine Übertragungsarbeit in dem Sinne vorgeschlagen,
dass man versuchte, die mit bestimmten Bildern verbunde-
nen negativen Klimata von diesen Bildern loszulösen, um
zum Schluss die Gefühle im positiven Sinn zu verändern.
Wenn wir von der Klimaübertragung sprechen, dann
beziehen wir uns auf eine besondere Arbeitsform, die im-
mer dann nötig ist, wenn ein Subjekt ein Bild nicht von
einem Klima trennen kann und diese Ladung weder auf
andere Inhalte übertragen noch sie positiv verändern kann,
weil lediglich das Klima ohne Verbindung zu visualisierba-
ren Themen oder Handlungsabläufen existiert.
Wenn ein Subjekt ein negatives Klima verspürt, das mit
biographischen, alltäglichen oder eingebildeten Themen
verbunden ist, wird die Klimaübertragung ihre besten
Ergebnisse zeigen, da Bilder vorhanden sind, auf deren
Grundlage es relativ einfach sein wird, die Ladungsver-
schiebung zu leiten. Aber was geschieht, wenn jemand ein
Klima von Depression, Angst, Unsicherheit oder Beklem-
mung im Allgemeinen verspürt? Was geschieht, wenn es
weder eine auf bestimmte Objekte bezogene Phobie gibt,
noch ein zwanghaftes, klar definiertes Bild, noch eine

227
Operative

Zwangsvorstellung, noch einen Zwang zu bestimmten


Gegenständen oder Ereignissen hin, sondern vielmehr ein
tiefgreifendes, allgemeines und diffuses Unbehagen?
Unsere Antwort auf diese Fragen ist, dass wir uns in
Gegenwart von Klimata ohne visuelle Bilder befinden
(da zweifelsohne koenästhetische, kinästhetische und von
den verschiedenen äußeren Sinnen her stammende Bilder
wirken) und dass wir diese Klimata nur dann verschieben,
verändern und verarbeiten können, wenn es uns gelingt,
sie vorher mit Bildern zu verknüpfen. Dies ist die Aufgabe,
die man bei der Klimaübertragung angeht.

Voraussetzungen

Wenn es sich um ein Subjekt handeln sollte, das ein (nicht


gelegentliches) bedrückendes, negatives und diffuses Klima
empfindet, so ist es wichtig, vor Beginn der Übertragungs-
sitzungen festzustellen, ob es körperliche Funktionsstörun-
gen gibt, die das Subjekt auf allgemeine Art beeinträch-
tigen (z.B. Drüsen-Fehlfunktionen, Kreislaufstörungen
usw.). Es gibt viele Fälle, in denen die Störung, welche das
Klima erzeugt, rein körperlicher und keineswegs psychi-
scher Natur ist. Eine erfolgreiche ärztliche Behandlung des
Problems kann diese Schwierigkeit beheben.
Körperliche Probleme erzeugen diffuse Impulse, wie
die oben erwähnten, und ebenso Bilder, die in den nor-
malen Übertragungen zwar verformt, aber an identischen
„Stellen” im Vorstellungsraum wiederholt auftreten.
Die körperliche Schwierigkeit kann zwar nicht mit Mit-
teln der Übertragung korrigiert werden, aber dennoch ist
es möglich, dass das Subjekt dem Problem eine andere Di-

228
Übertragungspraktiken

mension gibt, es aus einem anderen Blickwinkel betrachtet


und es schließlich verarbeitet, falls es keine medizinische
Lösung für seine Situation gibt.
Von daher ist es eine wichtige (und schon weiter oben
erwähnte) Voraussetzung, dass ein Subjekt, das dem Druck
dieser diffusen und bestimmenden Klimata ausgesetzt ist,
sich einer ärztlichen Untersuchung unterzieht.
Eine weitere Voraussetzung besteht darin, dass das
Subjekt versucht, den zeitlichen Ursprung der Klimata zu
finden (hierfür kann es auf sein schon erstelltes autobio-
graphisches Material zurückgreifen). Wenn der Beginn des
Problems entdeckt wurde, wird es für die führende Person
leichter sein, sich im Prozess zurecht zu finden.
Und schließlich ist es erforderlich herauszufinden, ob
das Subjekt diese Klimata deshalb nicht mit visuellen Bil-
dern verknüpfen kann, weil es nicht mit solchen arbeitet.
In diesem Fall kann die Klimaübertragung angewendet
werden, aber das Subjekt wird vorher von sich aus die sei-
nerzeit empfohlenen Übungen machen, um diesen Mangel
zu beheben.

229
Operative

Behandlung von Klimata ohne visuelle Bilder

Schritt 1. Vorbereitung.

Auf die gleiche Weise wie bei der Bilderübertragung.

Schritt 2. Einstieg.

Auf die gleiche Weise wie bei der Bilderübertragung, aber


diesmal sucht man nach dem Klima, das man verknüpfen
möchte. Anschließend wird das Subjekt darum gebeten,
biographische oder fiktive Situationen zu suchen, in wel-
che sich das Klima „passend einfügen” lässt, ohne einen
künstlichen Eindruck zu erwecken. Danach wird das
Subjekt versuchen, das Klima mit anderen Bildern „zu-
sammenzufügen", wobei es stets eine optimale Verbindung
suchen wird.
Diese Arbeit könnte sich über eine komplette Sitzung
hinziehen, ohne ein befriedigendes Ergebnis zu erreichen.
In diesem Fall wird man bei den folgenden Arbeitssitzun-
gen erneut an der Vorbereitung und am Einstieg arbeiten,
bis ein gutes „Zusammenfügen” beider Elemente erreicht
wird. Zum Schluss und unabhängig von der Anzahl der
Sitzungen, die notwendig sind, um dieses „Zusammen-
fügen” zu erreichen, bittet man das Subjekt, die Bilder
solange zu vervollkommnen, bis das Klima sich mit seiner
ganzen suggestiven Kraft zeigt.
Man arbeitet solange an diesem Punkt, bis das Klima
eindeutig mit präzisen Themen und Handlungsabläufen
fest verknüpft wurde. Die Etappe der Verknüpfung des

230
Übertragungspraktiken

Klimas mit den Bildern wird erst dann abgeschlossen sein,


wenn das Subjekt das betreffende Klima "aufrichtig" regis-
triert, sobald es sich auf die Szene konzentriert.
Häufig kommt es vor, dass das Subjekt beim wiederhol-
ten Versuch, die Bilder an das diffuse Klima anzupassen,
sich an die Szene erinnert, die tatsächlich den Beginn des
Problems darstellt. In diesem Fall geht man dazu über, mit
den Schritten der Bilderübertragung zu arbeiten.
Nach Erreichen des „Zusammenfügens” und der
eindeutigen Verknüpfung kann man mit den folgenden
Schritten weitermachen, die mit denen der Bilderübertra-
gung übereinstimmen.

Anmerkungen

Durch die beständige Arbeit mit einem Klima und dem


Verstärken seiner Registrierung kann das Subjekt eine
kathartische Abreaktion auslösen, welche die für die Ver-
knüpfung mit einem Bild notwendige Kraft vermindert.
Man wird es auf jeden Fall zulassen, dass die Entladung
vollständig stattfindet, und anschließend wird man die
Sitzung aufheben. Es versteht sich, dass eine Erleichterung
der Spannungen gewonnen wurde, aber es wird notwendig
sein, die sich aus dieser Tatsache ergebenden Schlussfolge-
rungen zusammen mit dem Subjekt zu besprechen.
Es ist wichtig, dass die führende Person über einige bio-
graphische Angaben des Subjekts und wenn möglich, über
Material bezüglich Tagträume, Träume und Allegorien
verfügt, um die Orientierung zu erleichtern.

231
Operative

Manchmal wird das diffuse Klima mit andauernden


Spannungen verwechselt, die nicht mit denen überein-
stimmen, welche das Klima ursprünglich hervorriefen, die
es aber verhindern, dass das Subjekt sich in die notwendige
Ebene des aktiven Halbschlafes begeben kann. Angesichts
dieser Möglichkeit kann man eine kathartische Rückspei-
sungs-Sondierung versuchen. Es ist möglich, dass das Kli-
ma z.B. nach Abschluss einer Katharsis nicht mehr wirkt,
oder dass es sich mit den entsprechenden Bildern zeigt, die
bislang durch das System der andauernden Spannungen
gedämpft wurden.

Übung zur Klimaübertragung

Es wird eine pädagogische Übung durchgeführt, bei der


einer der Anwesenden ein diffuses Klima erwähnt, auch
wenn es nicht sehr bedeutend ist, um mit dem „Zusam-
menfügen” und dem Assoziieren von Bildern zu arbeiten.
Die spätere paarweise Arbeit wird davon abhängen, ob
ein entscheidendes negatives Klima ohne Bilder vorhanden
ist. Man wird also nicht auf künstliche Weise mit Subjek-
ten vorgehen, deren Klimata mit bestimmten Bildern ver-
bunden sind.

Übung zur negativen Übertragung

Eine äußerst nützliche Arbeit für jene, die daran interes-


siert sind, besteht darin, ein hemmendes Klima mit dem
Bild einer schädlichen Gewohnheit (Tabak- oder Alkohol-
konsum usw.) zu assoziieren.

232
Übertragungspraktiken

Zuerst wird die führende Person so vorgehen, dass


das Subjekt sich selbst klar sieht, wie es der schädlichen
Gewohnheit nachgeht. Unmittelbar danach wird ein Bild
wachgerufen, das ein hemmendes Klima (z.B. etwas Ab-
stoßendes) hervorruft und das in die erste Szene eingefügt
wird. Man bemüht sich darum, dass die Bilder, die jetzt
diese komplexe Szene gestalten, so eng wie möglich mitei-
nander verbunden sind.
Anschließend arbeitet man daran, die Verschiebung
und das „Zusammenfügen” des hemmenden Klimas mit
dem Bild der schädlichen Gewohnheit zu erreichen. Man
wird mehrere Sitzungen wiederholen müssen, bis bei der
Vergegenwärtigung des Bildes der schädlichen Gewohnheit
das hemmende Klima mit ihm stark assoziiert auftaucht.
Um den Prozess des „Zusammenfügens” und der Asso-
ziation zu beschleunigen, kann das Subjekt diese Arbeit al-
leine und mehrmals pro Tag bis zur nächsten Sitzung üben.
Wenn man mit diesem System zur Verstärkung arbeitet,
werden lediglich zwei oder drei Sitzungen notwendig sein,
um die negative Übertragung zu erreichen. Wenn das
Subjekt bei der Vergegenwärtigung der Gewohnheit das
stark hemmende Klima verspürt, dann bittet die führende
Person es darum, diese Gewohnheit von diesem Moment
an endgültig aufzugeben.
Diese Technik wird immer dann zu ausgezeichneten
Ergebnissen führen, wenn 1. das Subjekt gute und klare
Gründe hat, zu versuchen, die Gewohnheit aufzugeben;
2. es sich wirklich von ihr trennen möchte, weil das für sein
Leben wichtig ist; 3. es sich um ein endgültiges Vorhaben
handelt, das heißt, es handelt sich weder um eine allmähli-
che noch ein stufenweise oder versuchsweise Aufgabe.

233
Operative

In den Sitzungen der negativen Übertragung ist es ange-


bracht, sich nach dem 1. und 2. Schritt der tiefgehenden
Übertragung zu richten.

234
Übertragungspraktiken

Lektion 9

Verarbeitung nach der Übertragung

In den vorhergehenden Lektionen wurden die Schritte der


Verarbeitung nach der Übertragung und des Abschlusses
des Übertragungsprozesses erklärt, wobei man bestimmte
Anzeichen berücksichtigte. Diese Anzeichen waren eine
Veränderung des Blickwinkels des Subjekts bezüglich
seiner Probleme, die positive Verhaltensveränderung in
konkreten Situationen und die Empfindungen des Begrei-
fens und des „Zusammenfügens” von Inhalten, die bis zu
diesem Moment nicht integriert wurden.
Es gibt viele weitere Anzeichen dafür, dass der Übertra-
gungsprozess erfolgreich abgeschlossen wurde, aber selbst-
verständlich müssen sie dem anfänglichen Vorhaben des
Subjekts entsprechen. Wenn das ausdrückliche Interesse
sich z.B. darauf bezog, Techniken oder ein größeres Wissen
über die Arbeit des Bewusstseins zu erwerben, dann würde
es merkwürdig erscheinen, wenn sich infolge der Übertra-
gungsarbeit eine Verhaltensveränderung ergeben sollte.
Etwas Ähnliches kann man von jemandem sagen, der
daran interessiert ist, ein bestimmtes Klima loszulösen und
zu verschieben und der später Folgen erwartet, die der
führenden Person nicht mitgeteilt wurden, so dass die füh-
rende Person, welche die Erwartungen des Subjekts nicht
kennt, nicht in der Lage ist, den Prozess angemessen zu
leiten.
Trotz des vorher Gesagten ist es sicherlich gut klarzu-
stellen, dass die führende Person, obwohl sie die ausdrück-
lichen Interessen des Subjekts berücksichtigen und sich

235
Operative

nach ihnen ausrichten wird, sich auch nach den Anzeichen


von Widerständen ausrichten wird. Deswegen können sich
unvorhergesehene Entladungen und Verschiebungen erge-
ben, die zu einer Veränderung des anfänglichen Vorhabens
führen können.
Ebenso wie die Übertragungssitzung kann auch die Ver-
arbeitung nach der Übertragung eine Integration und eine
kettenartige Neuordnung hervorrufen, und dieser Prozess
kann sich auch noch lange Zeit nach Abschluss der geleite-
ten Arbeit weiter entfalten. In diesem Fall wird das Subjekt
spüren, dass sich „etwas” in ihm weiterhin verändert.
Manchmal werden festgefahrene Inhalte integriert, die
mit sehr weit zurückliegenden Etappen der Biographie fest
verbunden sind. Und zwar geschieht dies nicht während
der Sitzungen, sondern später, während des Verarbeitungs-
prozesses. Stellen wir uns einen Erwachsenen vor, an dem
wir sehr starke kindliche Charakterzüge erkennen. Diese
Person beendet einen Prozess, in dem sie bestimmte be-
deutende Veränderungen erreichte, aber wir beobachten
keinerlei Veränderung bezüglich den erwähnten Charak-
terzügen. Nach und nach beginnen wir jedoch zu beob-
achten, dass das Subjekt von den erwähnten Eigenschaften
ablässt und dass stattdessen immer reifere, seinem Alter
entsprechende Rollen auftauchen. Solche Fälle kommen
häufig vor, wenn auch erst eine Zeit lang nach Abschluss
der Sitzungen.
Ein merkwürdiges Phänomen kann in dem Moment
auftauchen, in dem sich die Auflösung des Tagtraumkerns
aufgrund des Verarbeitungsprozesses nach der Übertragung
beschleunigt und seine Energie in eine andere Richtung

236
übertragen wird. Dieser radikale Wandel wird auf jeden
Fall positiv sein, da er in die fortschreitende Richtung der
Integration von Inhalten geht.

Empfehlung

Alle Lektionen zum Thema der Übertragung noch einmal


durchlesen und alle nicht richtig bearbeiteten Übungen
wiederholen.

237
Operative

238
Selbstübertragungspraktiken

Überprüfung der vorhergehenden Arbeiten

Lektion 1 Unterschiede zwischen Übertragung und


Selbstübertragung. Einführung in die
Selbstübertragung. Empfehlungen.
Elemente der Selbstübertragung
I. Voraussetzung der Selbstübertragung
II. Die Themen
Einstiegsübung für den Selbstüber-
tragungsprozess

Lektion 2 Unterschiedliche Arten des


Selbstübertragungsprozesses
I. Empirische Selbstübertragungen
II. Empirische Selbstübertragung in den
Religionen
III. Der Selbstübertragungsprozess
Übung zur Entwicklung des Selbst-
übertragungsprozesses (Abstieg)

Lektion 3 Die Richtungen der Selbstübertragung


I. Allgemeine Struktur des Selbst-
übertragungsprozesses
II. Ein paar Bemerkungen zu den
veränderten Bewusstseinszuständen

239
Operative

III. Die mittlere und die hohe Ebene


bei der Selbstübertragungsarbeit. Übung
zum Ablauf des Selbstübertragungspro-
zesses (mittlere Ebene und Aufstieg)

Lektion 4 Verarbeitung nach der Übertragung


Die Folge-Übertragung
Übung zum vollständigen Selbstüber-
tragungsprozess

240
Selbstübertragungspraktiken

Überprüfung der vorhergehenden Arbeiten

Am besten die folgenden Fragen schriftlich beantworten:


1. Wozu dient die Operative?
2. Welche großen Systeme verwendet die Operative und
welche Funktion erfüllt jedes von ihnen?
3. Worauf zielt die Operative ab?
4. Welches ist die angebrachteste Form, die Operative zu
lernen und zu praktizieren?
5. Welche empirischen Katharsisformen kannst du
anführen?
6. Wozu dient empirische Katharsis?
7. Weshalb reicht manchmal die Entspannungsarbeit
nicht aus und man muss zur Katharsis greifen?
8. Worin besteht die Technik der kathartischen
Sondierung?
9. Was sind die hauptsächlichen Anzeichen, die ein
bedeutungsvolles Reizwort oder eine bedeutungsvolle
Antwort begleiten?
10. Zu welchem Zeitpunkt der Sondierung können die
ersten kathartischen Äußerungen beobachtet werden?
11. Worin besteht die kathartische Rückspei­sungs-Son​‑
dierung?
12. Wie können Impulse blockiert werden?
13. Welches sind die Schritte der kathartischen
Rückspeisungs-Sondierung?
14. Welches sind die Schritte der tiefen Katharsis und
worin unterscheiden sie sich von denen der kathartischen
Sondierung?
15. In welchen Fällen ist die tiefe Katharsistechnik
angebracht?

241
Operative

16. Welche Schwierigkeiten tauchen häufig bei der tiefen


Katharsisarbeit auf?
17. Welche Auswirkungen hat die Blockade von Impulsen,
bevor sie zu den Antwortzentren gelangen?
18. Worin unterscheidet sich die Katharsis von der
Übertragung?
19. Welche empirischen Übertragungsformen kannst du
anführen?
20. Hinsichtlich deiner letzten Untersuchungen, worin
unterscheiden sich Spannungen von Klimata?
21. Wie unterscheiden sich Übersetzungen, Umformun-
gen und Fehlen von Impulsen?
22. Welche Unterschiede bestehen zwischen Wahrneh-
mung und Vorstellung?
23. Was sind Assoziationsketten und welche Assoziations-
arten gibt es?
24. Welche Beziehungen bestehen zwischen Bewusstseins​‑
ebenen, freilaufenden Assoziationsketten und gelenkten
Asso​ziationsketten?
25. Welche Unterschiede können zwischen dem Wahr-
nehmungsraum und dem Vorstellungsraum festgestellt
werden, wobei man dazu die in ihnen angesiedelten
Objekte als Bezugspunkt nimmt?
26. Welche den Bewusstseinsebenen entsprechenden Ver-
änderungen erfahren die Impulse im Vorstellungsraum?
27. Welche Unterschiede bestehen zwischen den Tiefen
und Ebenen des Vorstellungsraumes, und welche allge-
meinen Veränderungen können beim Bild hinsichtlich
seiner Ansiedlung in diesen beobachtet werden?
28. Kannst du das allgemeine Schema der Apparate und
Impulse zeichnen und erklären?

242
29. Worin unterscheiden sich in einer gegebenen Szene
die erinnerten von den eingebildeten und allegorisierten
Bildern?
30. Worin unterscheiden sich die Allegorien von den
Symbolen und den Zeichen?
31. Wie werden vom Gesichtspunkt der Impulsumwand-
lung aus gesehen die Symbole erzeugt?
32. Wie können die Symbole gruppiert werden?
33. Kannst du ein Beispiel für eine symbolische Abfolge
geben, in der die Ansammlung, Zerstreuung, Verschie-
bung und Fixierung einer Spannung vorkommen?
34. Wann findet eine Entspannung in einer Symbolse-
quenz statt?
35. Worin unterscheidet sich ein Thema von einem
Handlungsablauf?
36. Welche allgemeinen Themen gibt es in unserer
Klassifizierung?
37. Welche allgemeine Arten von Handlungsabläufen gibt
es innerhalb unserer Klassifizierung?
38. Was sind die Unterschiede zwischen symbolischer
Reduktion, allegorischer Analyse, allegorischer Zusam-
menfassung und allegorischer Interpretation?
39. Wozu dient die Symbollehre?
40. Wozu dient die Allegorienlehre?
41. Nach welchen allgemeinen Grundsätzen richten
sich die Katharsis und die Übertragung hinsichtlich der
Widerstände?
42. Was sind die hauptsächlichen Widerstandsanzeichen
bei den Übertragungsprozessen?
43. Welche und wie sind die drei Haupttechniken zur
Übertragung?
44. Wann wird jede dieser Techniken angewendet?

243
Operative

45. Worin besteht die Übertragungssondierung?


46. Worin unterscheidet sich die Übertragungssondierung
von der tiefen Übertragung?
47. In welchen Fällen greift man zur tiefen Übertragung?
48. In welchen Fällen greift man nicht zur tiefen
Übertragung?
49. Welches und wie sind die Schritte der Übertra­gungs‑
sitzung?
50. Worin unterscheidet sich eine Bilderübertragung von
einer Klimaübertragung?
51. Welche Voraussetzungen müssen vorliegen, um zu
einer Klimaübertragung zu greifen?
52. Wie sollten Klimata ohne visuelle Bilder behandelt
werden?
53. Worin besteht die negative Übertragung?
54. Wie funktioniert die Verarbeitung nach der
Übertragung?

244
Selbstübertragungspraktiken

Lektion 1

Unterschiede zwischen Übertragung und


Selbstübertragung
Die Selbstübertragung benötigt keine Mitarbeit einer
äußeren Führungsperson. Die Funktion der führenden
Person wird von einem entsprechend gestalteten Bild
übernommen, welches dazu dient, die Fortbewegungen zu
lenken. Dieses Bild nennen wir den "inneren Führer".
Andererseits verwendet die Selbstübertragung festge-
legte Themen und Handlungsabläufe.
Bei der Selbstübertragung gibt es selbstverständlich
keinen Austausch im Wachzustand.
Schließlich gibt es bei der Selbstübertragung verschie-
dene Arbeitstiefen bezüglich desselben Handlungsablaufs.

Einführung in die Selbstübertragung

Wozu dient die Selbstübertragung? Wie die Übertragung


dient sie in erster Linie dazu, den psychischen Phänomenen
Zusammenhang zu verleihen, indem Inhalte verarbeitet
werden. Ihr größter Nutzen besteht in ihrer Eigenschaft,
einer besonderen Situation oder der allgemeinen Situation,
in der eine Person lebt, einen neuen Sinn zu verleihen.
Da sie festgelegte Themen und Handlungsabläufe
verwenden, sind die Hauptanzeichen von Widerständen
in den Selbstübertragungsprozessen durch die Schwierig-

245
Operative

keiten beim Aufbau einer Szene gegeben, oder aber in der


Schwierigkeit, passende Klimata zuordnen und verwan-
deln zu können.
Sehen wir uns das näher an: nehmen wir mal an, die
übende Person hat das Interesse einer „Versöhnung“ fest-
gelegt und baut ihre geistige Szene auf, in die sie verschie-
dene Personen eingliedert, mit denen sie von Feindschaft
geprägte Beziehungen unterhält. Sie wird versuchen, La-
dungen so zu übertragen, dass am Ende der Arbeit das fest-
gelegte Ziel erreicht wird. Zweifellos werden im Laufe der
Arbeit zahlreiche Widerstandsregistrierungen aufgetaucht
sein, aber es wird klar sein, ob man zum passenden Klima
gelangt ist, oder ob es nötig ist, weiter zu arbeiten, bis die
entsprechenden Registrierungen erreicht werden.
Die übende Person wird wissen, wie sie Korrekturen
vornehmen kann, da das Interesse ja richtig festgelegt wor-
den ist (die Versöhnung zu erzeugen). Auch die Mängel
beim Szenenaufbau, die möglicherweise ein gutes Zusam-
menpassen und darauffolgende Umwandlung erschwert
haben können, werden wohl klar geworden sein.

Empfehlungen

1. Jede Lektion in Begleitung anderer Personen durchar-


beiten und dann die vorgeschlagenen Übungen machen.
2. Nach der Übung mit den Anwesenden austauschen,
um so die eigenen Techniken zu bereichern.
3. Alles notieren, was man gemacht hat.
4. Die Übung in den darauffolgenden Tagen vertiefen.

246
Selbstübertragungspraktiken

5. Beobachtungen hinzufügen, wenn Registrierungen bei


der Verarbeitung nach der Selbstübertragung in Träumen
oder im alltäglichen Leben auftreten.

Elemente der Selbstübertragung

I. Voraussetzung der Selbstübertragung

1. Festlegung des Interesses


Wenn man einer bestimmten Situation einen neuen Sinn
verleihen will, so muss als Erstes diese Situation genau be-
stimmt werden. Natürlich handelt es sich hierbei nicht um
Situationen, die mittels (zuvor beschriebenen) einfacheren
Techniken verändert werden können. Die betreffenden
Situationen können sich auf nicht überwundene biogra-
phische Knoten oder auf gegenwärtige bzw. zukünftige
Themen beziehen. In den vorliegenden Lektionen werden
einige Handlungsabläufe für Umwandlungen von in ver-
schiedenen Bewusstseinszeiten wirkenden negativen geisti-
gen Situationen behandelt.

2. Anpassung der Arbeitsumgebung


Das bezieht sich nicht nur auf äußere Bedingungen (ruhi-
gen Raum usw.), sondern auch auf den körperlichen und
geistigen „Bereich“ der übenden Person. In diesem Sinne
beginnt man jede Arbeit immer mit einer guten inneren
Entspannung, der ein Ruheerlebnis folgt.

247
Operative

II. Die Themen

1. Der innere Führer*


Die Gläubigen unterschiedlicher Religionen rufen ge-
wöhnlich große Persönlichkeiten, Heilige usw. ihrer Glau-
bensbekenntnisse an. Manche tun dies mittels auditiver
Bilder, andere mittels visueller Bilder usw.
Andere Personen führen manchmal eine Art Zwiege-
spräch mit ihren verstorbenen Eltern oder mit geliebten
oder angesehenen Personen. Sie bitten diese „inneren
Führer“ in besonders schwierigen Situationen um Rat.
Manchmal legen sie ihnen einfach ihre Probleme dar, als
eine Art, die Ideen und Gefühle besser zu ordnen. Die
Einen erhalten „Antworten“ oder „Zeichen“ im Laufe des
Zwiegesprächs mit ihrem inneren Führer, die Anderen er-
halten sie während des Schlafes mittels Allegorien, und es
gibt auch jene, welche die „Nachricht“ beim Aufwachen
oder in unerwarteten Augenblicken erhalten.
Häufig werden die beschützenden Führer auch in Mo-
menten der Richtungslosigkeit, Einsamkeit oder Gefahr
angerufen.
Viele der empirischen Beziehungsformen mit inneren
Führern haben ihren Ursprung in verbalisierten Überset-
zungen der koenästhetischen Registrierung des Nachden-
kens selbst. Um das zu veranschaulichen, reicht es, das
folgende Experiment zu machen: Sage dir im Geiste „Ich
klettere aufs Dach“, während du gleichzeitig auf die auto-
matisch ablaufenden Bewegungen deines Stimmapparats
achtest. Jetzt „klettere“ aufs Dach, wobei du dich aber auf
visuelle Bilder stützt. Natürlich entsprechen die Bewegun-
*Aus Gründen der Lesbarkeit verwenden wir hier ausschließlich die
männliche Form. Selbstverständlich kann es sich dabei auch um ein
weibliches Wesen handeln (Anm.d.Übers.)

248
Selbstübertragungspraktiken

gen im zweiten Fall den Augäpfeln. Wenn du aber andere


Handlungen vornimmst, bei denen du dich auf visuelle
Bilder stützt und auf deinen Stimmapparat achtest, dann
wirst du manchmal automatische Bewegungen feststellen.
Dies ist dann der Fall, wenn sich heimlich auditive Bil-
der eingeschlichen oder sich die visuellen Bilder übersetzt
haben.
Die Verbalisierungen geschehen tagtäglich und sie
werden als innere Gespräche, Rhythmen, Melodien usw.
registriert, welche die Tätigkeiten in der Außenwelt be-
gleiten. Selbstverständlich sprechen wir hier nicht von
pathologischen Fällen wie der Fall der halluzinatorischen
Verbigeration.
Um zum Thema des inneren Führers zurück zu kom-
men, so stellen wir fest, dass es dabei keine Rolle spielt,
welche Art Bilder man aussucht, um ihn sich vorzustellen.
Auf alle Fälle sollte das Bild aber eindeutig zu einem be-
schützenden Klima (Kraft, Weisheit, Aufrichtigkeit usw.)
passen. Irgendein Bild – nicht nur ein visuelles – kann
die Registrierung seiner „Anwesenheit“ vermitteln. Dies
wird genügen, da der innere Führer dazu dienen wird, den
geistigen Bewegungen eine Richtung zu weisen, hin zu an-
deren Themen, die notwendigerweise bildhaft vorgestellt
werden sollten.
Der innere Führer sollte einzigartig sein, wobei er mit
einem bestimmten Ruf oder einer bestimmten Anrufung
verbunden sein sollte. Die Hinweise des inneren Führers
können wiederum mittels irgendeines Bildersystems regis-
triert werden.

249
Operative

2. Die Grenze
Sie stellt eine Allegorisierung der Arbeitsebene dar, von der
aus der Einstieg in einen Selbstübertragungsprozess vorge-
nommen wird. Man kann sie sich als eine Tür, eine Trep-
pe, eine Schwelle, eine Trennungslinie usw. vorstellen. Die
Widerstände aufgrund von Rationalisierungen, anderen
Spannungen oder Blockaden spiegeln sich in einer schlech-
ten Ausgestaltung der Grenze wieder, oder in Verteidigern,
die den Zugang verhindern usw.
Es ist dabei wichtig, dass die Grenze immer dieselbe ist,
und dass man sowohl von ihren Einzelheiten als auch vom
Ganzen eine sehr lebendige Vorstellung hat.

3. Die Wege
Die Aufstiegs-, Abstiegs- und horizontalen Bewegungs-
richtungen sollten immer auf dieselbe Weise allegorisiert
werden, um keine widerstandsbedingten Abweichungen
zu erleiden. Die drei Wege öffnen sich beim Überschreiten
der Grenze. Sie stellen die Richtungs-Verbindungen dar,
die zu den in den verschiedenen Ebenen liegenden Räum-
lichkeiten führen.

4. Die Räume
Auch sie sollten immer dieselben sein und in ihrer Gestal-
tung und ihren Merkmalen der Ebene entsprechen, in der
sie liegen. Es ist wichtig, dass die Räumlichkeiten dreidi-
mensional definiert sind und dass sich die übende Person
in sie einbezogen fühlen kann.

5. Die Landschaften
Die Landschaft des horizontalen Weges kann ein Strand
sein, eine Oase, ein fruchtbares Tal usw.

250
Selbstübertragungspraktiken

Die Landschaft des absteigenden Weges kann ein Abgrund


sein, die Tiefsee usw. Es ist nicht empfehlenswert, mit
Urwaldlandschaften zu arbeiten, da durch ihre Gestaltung
selbst zahlreiche Widerstände auftreten. Diese Themen
werden in Selbstübertragungen benutzt, in denen man
gezielt Widerstände auftauchen lassen will, um sie besser
zu untersuchen.

6. Die Figuren
Im Unterschied zu den vorherigen Themen sollte man von
ihnen kein festes Repertoire haben (wobei wir später einige
Ausnahmen betrachten werden), da man in den verschie-
denen Handlungsabläufen diejenigen einfügen sollte, die
zu dem zuvor festgelegten Interesse passen.

7. Die verborgene Stadt


Sie stellt eine hervorragende Allegorie des innersten Rau-
mes der übenden Person dar.
Die verborgene Stadt befindet sich am Ende des auf-
steigenden Weges. Oberhalb von ihr „gibt es nichts“. Sie
besitzt eigenes Licht (oder besser gesagt Licht, das aus ih-
rem Inneren, dem Kraftzentrum projiziert wird), das von
künstlichen oder äußerlichen natürlichen Lichtquellen wie
Sonne, Mond und Sterne unabhängig ist. Sie kann am
mythologischen „Gipfel der Welt“ angesiedelt sein, oder
jenseits der Himmelskörper schweben. Auf jeden Fall und
in erster Linie kann sie als eine Übersetzung der Grenzen
des eigenen Kopfes der übenden Person betrachtet werden,
in dem zahlreiche koenästhetische Empfindungen stattfin-
den, die allegorisiert eine äußerst gestalterische Komplexi-
tät anbieten.

251
Operative

Die verborgene Stadt wurde in bestimmten Traditionen


als „die Krone“ oder als „die Truhe“, welche die Perle, das
große Juwel usw. beherbergt, vorgestellt (letztere sind Alle-
gorien des Kraftzentrums).
Wenn man sich die verborgene Stadt wirklich bildlich
vorstellt, und nicht irgendeine dazwischenliegende Nach-
bildung, so wird man beobachten, dass oberhalb von ihr
die totale Dunkelheit herrscht, welche der oberen Begren-
zung des Vorstellungsraums entspricht.
In den Räumen der verborgenen Stadt werden die gro-
ßen Bestrebungen, Ideale und Hoffnungen aufbewahrt, als
treibende Kraft des menschlichen Tuns auf der Suche nach
vollkommener Entspannung (Friede, Ruhe, Glück usw.).
Es gibt ein Gegenstück zur verborgenen Stadt, nämlich
die unterirdische Stadt. Unterhalb von ihr „gibt es nichts“.
Diese Stadt kann in den tiefsten Abgründen der Erde oder
der Meere angesiedelt sein. Auch sie besitzt ihr eigenes
Licht. Jenseits von ihr herrscht totale Dunkelheit, welche
der unteren Begrenzung des Vorstellungsraums entspricht.
Es gibt zahlreiche dazwischenliegende Nachbildungen
in den verschiedenen absteigenden Ebenen, aber keine
unter ihnen besitzt das Merkmal, dass dort alle Fortbewe-
gungen enden.
In den Räumen der unterirdischen Stadt werden die
Frustrationen und biographischen Konflikte aufbewahrt
(und diese müssen dort gelöst werden). In ihrem Zentrum
befindet sich das reinigende Feuer, aber vor allem Sie (oder
Er), die als Bild die vom Geschlecht herstammenden Im-
pulse, biographischen Fixierungen sowie situationsbeding-
te Kompensationen synthetisieren.

252
Selbstübertragungspraktiken

Die übende Person wird sich die Städte jeweils am Ende


der entsprechenden Wege bildlich vorstellen, wobei sie
die Bilder in darauffolgenden Übungen und ihrer eigenen
Kreativität entsprechend vervollkommnet.
Was den mittleren Weg betrifft, so finden wir an seinem
Ende die Stadt des täglichen Lebens, in welcher die übende
Person ihre Aktivitäten entwickelt. In ihren verschiedenen
Räumen sollte sie die Szenen der gegenwärtigen Situation
ansiedeln, die sie bearbeiten möchte.

8. Das Kraftzentrum
Es liegt im zentralen Raum der verborgenen Stadt. Es ist
das Licht, die Kraft und der Sinn.
Die Vorstellung des Lichts stimmt nicht mit dem wahr-
genommenen und später erinnerten Licht überein. Es ist
das „innerlichere, reinere und tiefer liegende“ Licht, weil
es psychologische Bedeutung hat und nicht auf das äußere
Phänomen bezogen ist.
Das Licht kann mit der übenden Person durch einen
gänzlich unüblichen Kontakt „kommunizieren“.
Wenn der Kontakt mit dem Licht (und nicht mit da-
zwischenliegenden Lichtern) hergestellt ist, dann entsteht
das Phänomen der Erleuchtung des Vorstellungsraums.
Das vermittelt der übenden Person den Eindruck, die
Grenzen der vollkommenen Dunkelheit überschritten zu
haben. Diese Veränderung im Bewusstseinshaushalt dauert
noch einige Zeit nach der Erfahrung an, so dass sogar die
äußere Wahrnehmung eigenartigerweise davon betroffen
ist.
Das Kraftzentrum ist eine Übersetzung der Regis-​
trierung des „Selbst“, dem Wesentlichsten im Menschen.
Dieses Zentrum ist gewiss nicht das psychologische „Ich“

253
Operative

(welches wir didaktisch als eine Art Oberhaupt der Um-


kehrbarkeitsmechanismen betrachten können und das aus
der Gesamtheit der Wahrnehmungs- und Gedächtnis-
impulse resultiert). Das Kraftzentrum ist für gewöhnlich
durch die Tätigkeiten des psychologischen Ichs verdeckt.
Beim Studium der Ebenentechniken haben wir weiter
oben gesagt: „…Es gibt eine bestimmte Grenze der Tie-
fe, über die hinaus man nicht noch tiefer hinabsteigen
kann… dort ist alles im Dunkeln". In den Höhen, über
dem erleuchteten Himmel, der Sonne, den Sternen zeigt
sich ein ähnliches Phänomen: alles ist im Dunkeln. Diese
endgültige Verdunkelung, sowohl beim Hinauf- als auch
beim Hinabsteigen, entspricht den Grenzen des eigenen
Körpers. In der Tat sind diese Grenzen schwierig zu errei-
chen, da sie häufig einen Rückprall erzeugen, der jedoch
zur Kontinuität der Szenen beiträgt.
„Bei der Ebenentechnik darf das Licht, das von einer
bestimmten Quelle stammt (unterirdische Lichter, vul-
kanische Feuer, erleuchtete Städte unterhalb des Wasser-
spiegels usw., oder umgekehrt die Sonne, der Mond, die
Gestirne, die Städte des Lichts, kristallene oder leuchtende
Gegenstände usw.) nicht mit der allgemeinen Beleuchtung
des Raumes verwechselt werden, die uns die Vorstellungs-
ebene verrät.“
Als Ausnahme des bis hierher Erklärten muss man, im
Sinne einer Hypothese, den Fall betrachten, in dem nach
der grenzmäßig bedingten Dunkelheit (beim Abstieg oder
Aufstieg) der Vorstellungsraum „erleuchtet“ wird. Diese
Ausnahme ist bei den Übertragungsprozessen nicht fest-
gestellt worden, aber es handelt sich um einen Fall, der
durch Mystiker verschiedenster Epochen und Regionen
überliefert wird. Das Phänomen wurde auch durch Perso-

254
Selbstübertragungspraktiken

nen bezeugt, die sich an der Schwelle zum Tod befanden


oder von ihm „zurückgekehrt“ waren, nachdem sie für kli-
nisch tot erklärt wurden. Sollten sich solche Behauptungen
nicht als Schwindel entpuppen, dann würden sie ein inte-
ressantes psychologisches Phänomen aufzeigen, dem man
nachgehen sollte, und vielleicht ist die Selbstübertragung
das angebrachte Hilfsmittel, um solche Untersuchungen
voranzubringen.

9. Sie oder Er
Es handelt sich hier um wichtige Themen, da sie die „ideale
Frau“ oder den „idealen Mann“ allegorisieren, was von der
sexuellen Orientierung der übenden Person abhängt.
Diese Themen klären sich bei der Untersuchung des
zentralen Raumes der unterirdischen Stadt.
Die Arbeit mit dem Thema Sie (oder Er) ist vom Ge-
sichtspunkt der Bestimmung des Komplementärbildes der
übenden Person wichtig.
Es empfiehlt sich nicht, sich diese Figuren auf künstli-
che Weise bildlich vorstellen zu wollen, sondern vielmehr
sich auf den entsprechenden Raum zu konzentrieren und
auf ihr Erscheinen zu warten. Selbstverständlich wird die
Bestimmung in dem Maße voranschreiten, wie die Arbeit
an Tiefe gewinnt.

Beobachtungen
In dieser Lektion wurden die Voraussetzungen zur Über-
tragung kurz erläutert. Auch wurden die hauptsächlichen
Themen betrachtet. In der folgenden Lektion werden wir
auf die Handlungsabläufe eingehen.

255
Operative

Bei der Selbstübertragung können wir den folgenden Pro-


zessschritten folgen: Einstieg, Entwicklung, Ausgang und
Verarbeitung nach der Übertragung. In der Folge vermit-
teln wir die grundlegende Übung zum Einstieg.

Einstiegsübung für den Selbstübertragungs-


prozess
Die übende Person macht eine tiefgehende innere Ent-
spannung. Unmittelbar danach, oder zum Zeitpunkt, der
ihr angemessen erscheint, nimmt sie den Einstieg in die
Selbstübertragung vor. Dabei nutzt sie jedwedes Mittel zur
Gestaltung des inneren „Führers“. Daraufhin lässt sie die
Grenze oder den „Eingang“ auftauchen, und dann die drei
„Wege“.
Die übende Person sollte diese Übung solange wieder-
holen, wie sie braucht, um sich die vorgeschlagenen The-
men (innerer Führer, Grenze und Wege) gut vorstellen zu
können.
Es ist angebracht, alle auftretenden Widerstände zu
untersuchen, um sie bei den darauffolgenden Wiederho-
lungen überwinden zu können.
Nachdem die Übung mehrmals gemacht wurde, findet
ein Austausch mit den anderen teilnehmenden Personen
statt, immer mit dem Ziel, die eigenen Techniken zu ver-
vollkommnen. Die Beherrschung der Einstiegsübung ist
grundlegend, da in Zukunft jeder Prozess mit ihr begon-
nen wird.

256
Selbstübertragungspraktiken

Lektion 2

Verschiedene Arten des Selbstübertragungs-


prozesses

I. Empirische Selbstübertragungen

Es gibt zahlreiche empirische Handlungsabläufe, wie sie


sich in den Träumen, den Tagträumen, der Kunst und der
Religion entwickeln.
Wenn man die psychologische Sichtweise auf die Spitze
treiben wollte, so könnte man das Leben jedweder Person
als ein Schauspiel betrachten, das sich inmitten der un-
vorhergesehenen Situationen, welcher die zentrale Figur
ausgesetzt wird, zu entwickeln versucht. Diese verkörpert
verschiedene Rollen, aber immer von einer Grundhaltung
aus, die entfaltet werden kann oder aber in bestimmten
Situationen festgefahren bleibt, ohne zur Kohärenz zu
gelangen.
Die Tätigkeiten, die ein Mensch in der Welt entfaltet,
haben ihre Entsprechungen in den sie begleitenden Vor-
stellungen. So gesehen sind seine äußeren Tätigkeiten nicht
gleichgültig, da die einen desintegrierende Registrierungen
erzeugen, während die anderen zu Registrierungen innerer
Einheit, oder wenn man will, der Kohärenz, führen. So
gibt es im tagtäglichen Leben viele Elemente selbstübertra-
gender Art (so wie es solche kathartischer Art gibt).
Von diesem Standpunkt aus gesehen kann man sich
durchaus äußere Handlungen vorstellen, durch die die
Person keine äußeren Ergebnisse erwartet, sondern deren

257
Operative

Wert in der ihnen innewohnenden selbstübertragenden


Fähigkeit liegt. Es ist möglich zu lieben, ohne dadurch auf
äußere Resultate zu spekulieren. Die Liebe zu einer Person,
einer Sache, der Menschheit usw. ist möglich.
So gesehen sind jene Verhaltensabläufe oder die Vor-
stellungen entsprechender Abläufe, welche der Person die
Registrierung von Einheit und die Empfindung von Fort-
schritt oder des “inneren Wachstums” vermitteln, empi-
rische selbstübertragende Handlungsabläufe. Letzteres ist
von besonderer Bedeutung, da es erlaubt, zwischen einer
entspannenden kathartischen Handlung und einer über-
tragenden Handlung zu unterscheiden.

II. Empirische Selbstübertragung in den


Religionen
Die von den Religionen in ihren Gebets- und Meditations-
systemen vorgeschlagenen Themen und Handlungsabläufe
können von der gläubigen Person selbstständig nachvoll-
zogen werden, sofern sie die Formulierungen auswendig
kennt, oder aber sie können gelesen werden. Die betende
Person kann auch das von einer anderen Person Gesagte
laut nachsprechen.
Betrachten wir den Fall eines Gebets, in dem verschie-
dene Handlungen auftauchen, die von derselben Figur
oder demselben zentralen Thema (in diesem Falle Jesus)
vollzogen werden. Ein solches Gebet ist ein Glaubensbe-
kenntnis, es erfüllt aber auch die Voraussetzungen eines
selbstübertragenden Prozesses, der mittels der Anleitung
eines Vorbeters oder auswendig unternommen wird, allei-

258
Selbstübertragungspraktiken

ne oder gemeinsam mit anderen, mit lauter Stimme oder


im Stillen. Es handelt sich um ein Fragment des Nizäischen
Glaubensbekenntnisses:
"… durch die Jungfrau Maria und ist Mensch gewor-
den. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat
gelitten und ist begraben worden. Er stieg ins Reich der
Toten hinab*. Ist am dritten Tage auferstanden nach der
Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rech-
ten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu
richten die Lebenden und die Toten… usw.".
Hier ist es wichtig, dass die betende Person die Hal-
tung innerer Sammlung annimmt und dass sie die verti-
kalen Fortbewegungen des inneren Führers (in diesem
Falle Jesus) durch die drei Ebenen des Vorstellungsraums
(mittlere, Unterwelt und Himmel) spürt und sie sich wenn
möglich bildlich vorstellt. Jesus stellt das zentrale Thema
dar, und er ist auch der innere Führer, der Umwandlungen
erfährt. Das erlaubt dem gläubigen Menschen, mit ihm
zu verschmelzen und einen auf Bilder gestützten geisti-
gen Prozess der gefühlsmäßigen Ladungsverschiebung zu
erleben.
Wenn sich die betende Person ihrem Gebet vollkom-
men hingibt, so erhält sie zweifellos die Gelegenheit, die
Szenen des Lebens, des Leidens, des Todes und der Wie-
dergeburt Jesu (dem Handlungsablauf ) mit dem Bege-
hen eigener Sünden in Verbindung zu bringen und diese
wachzurufen; das Leiden zu erfahren, welches diese erzeugt
(*)Dieser Satz ist weder im griechischen noch lateinischen Nizäischen
Glaubensbekenntnis erhalten (und demzufolge auch nicht in seiner
deutschen Übersetzung). Offenbar verwendete der Autor in Argenti-
nien eine Mischung aus dem Nizäischen und dem Apostolischen Glau-
bensbekenntnis. In letzterem heißt es „... gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des
Todes...“ (Anm. d. Übers.)

259
Operative

haben; sich dem Bild der verdienten Strafe anzunähern;


Reue zu empfinden; Besserungsvorsätze für die Zukunft
zu formulieren, um schließlich und entsprechend ihrem
christlichen Glauben, ihre Hoffnung auf den Himmel der
Gerechten zu wecken.
Im vorgebrachten Beispiel kann man eine sehr große
Anzahl Möglichkeiten für Selbstübertragungsprozesse er-
kennen, welche sich der betenden Person eröffnen.
In den großen Religionen können wir andere Vorbil-
der für Selbstübertragungsprozesse antreffen, welche die
Gläubigen während ihrer religiösen Zeremonien oder der
Ausübung ihrer Gebete in Gang setzen.
Es gibt darüber hinaus andere Mittel, die kleinere Selbst-
übertragungsprozesse in Gang setzen, auch wenn sie die
jeweiligen Voraussetzungen der Handlungsabläufe nicht
erfüllen. Sie sind im Allgemeinen statische Präsentationen,
die sich nur entsprechend der Tiefe der Insichselbstversen-
kung verändern, wie sie die übende Person erreicht. Hier
beziehen wir uns auf die „Mantras“ (wiederholte heilige
Verse) und die „Yantras“ (visuelle Bilder oder heilige Sym-
bole zur Konzentration).
Es gibt auch kurze Anrufungen, die zu verschiedenen
Gegebenheiten benutzt werden, die aber keine selbstüber-
tragenden Handlungsabläufe darstellen, sondern vielmehr
eine Art an den inneren Führer oder die Gottheit gerich-
tete „Bitten“, um irgendeine Wohltat zu erlangen. Zum
Beispiel: „X.Y. Errette mich vor der Gefahr…“, womit sich
die anrufende Person begleitet oder gestärkt fühlt, um sich
seinen Schwierigkeiten zu stellen.
Schließlich erfüllen auch bestimmte Gebärden oder
Körperhaltungen die Funktion von Anrufungen, Kontakt-
aufnahmen, Danksagungen usw. Gewiss können solche

260
Selbstübertragungspraktiken

Handlungen nicht als Selbstübertragungen betrachtet wer-


den, es sei denn, sie sind Teil der angewandten Mittel, um
in einen solchen Prozess einzusteigen. Die religiöse Zere-
monie, die Gebete, Gebärden, Gesänge, Sakramente usw.
miteinschließt, bietet eine komplette Reihe von Mitteln
für die Gläubigen, die in alle Einzelheiten dieser Handlun-
gen eindringen.
Dieselbe Zeremonie kann immer wieder wiederholt
werden, wobei sie für den frommen Menschen unter-
schiedliche selbstübertragende Tiefen erreichen kann, oder
aber in ihr werden, je nach den jeweiligen Bedürfnissen,
unterschiedliche Elemente hervorgehoben.

III. Der Selbstübertragungsprozess

Bevor man eine Selbstübertragungsarbeit beginnt, sollte


man das Interesse festlegen. Dementsprechend wird die
übende Person wissen, wie sie den Handlungsablauf struk-
turieren möchte, welche Themen in den Handlungsablauf
eingegliedert werden und selbstverständlich in welcher
Ebene des Vorstellungsraums und in welcher Art Räume
sie ihre Arbeit entwickeln wird.
Nehmen wir an, die übende Person hat das Bedürfnis,
einige für sie sehr wichtige biographische Knoten zu lösen.
Sie weiß, dass sie mit Bildern und Klimata verbunden sind,
die viele ihrer gegenwärtigen Haltungen bedingen, die aber
zweifellos ihren Ursprung in der Vergangenheit haben. In
Übereinstimmung mit dem, was wir verstanden haben, ist
es klar, dass sie den Handlungsablauf auf dem absteigen-
den Weg ansiedeln muss, welcher sie zum angemessenen
Raum führen wird. Allerdings kann ihr Interesse darin

261
Operative

bestehen, Situationen des Scheiterns zu überwinden, die


ihr Selbstbild ernsthaft beeinträchtigen. Aber es wird uner-
lässlich sein, die Grenzen dieses Scheiterns festzulegen. Sie
könnten sich wohl auf Fragen der Arbeit, der Beziehung
usw. beziehen.
Wenn unsere übende Person ihr Interesse geklärt hat,
wird die Szenerie mit einer Wiederholung der Situation
beginnen, mit der das Problem begonnen hat. Der Hand-
lungsablauf wird also zum Teil aus dem bestehen, was
vorgefallen ist. Aber nur zum Teil, da man auf zahlreiche
Allegorisierungen zurückgreifen kann, die es eben ermög-
lichen, bedrückende Ladungen zu übertragen und Inhalte
mit dem gewünschten Ausgang zu verarbeiten.
Wir werden hier ein Beispiel einer selbstübertragenden
Arbeit geben, bei der das Interesse darin liegt, sich mit
der eigenen Vergangenheit auszusöhnen. Da es zahlreiche
Situationen sind, die dabei mitgewirkt haben, müssen ver-
schiedene Handlungsabläufe ausgearbeitet werden, die es
der übenden Person ermöglichen, sich besonders in einen
unter ihnen zu vertiefen.
Im gleichen Beispiel können wir auch dem Umgang
mit dem Thema Sie (oder Er) beiwohnen, ohne dabei den
Anspruch zu stellen, dadurch genaue Definitionen zu er-
halten. Man kann dabei auch die allegorische Behandlung
bei den Szenen beobachten, in welche die übende Person
ihre Themen angesiedelt hat. Des größeren Verständnisses
willen zerlegen wir den Prozess in Einzelteile.
Man sollte sich nicht durch den Einsatz von Wider-
ständen aus Urwaldlandschaften verwirren lassen, da diese
dazu dienen, die Spannung zu steigern, die sich später, bei
der Ankunft im Ziel entladen wird.

262
Selbstübertragungspraktiken

Der gesamte Prozess wird durch eine Art „letztes Gericht“


eingerahmt, in dem man das Leben der übenden Person
Revue passieren lässt. Der Ausgang des Prozesses wird
durch die Wiederbegegnung mit den ersten Schritten
allegorisiert, aber diesmal in einem abschließenden Klima
einer positiven Erfahrung.

1. „… jetzt, da du tot bist und bis zur Schwelle der Schat-


tenwelt hinabgestiegen bist und das Geräusch der Waagen
vernimmst, wirst du zu dir sagen: ‚Sie wiegen meine Ein-
geweide…‘, und es wird wahr sein, denn deine Eingeweide
zu wiegen heißt, deine Handlungen zu wiegen“.

2. „Die unteren Eingeweide befinden sich im Höllenfeuer.


Die Wächter des Feuers zeigen sich ständig aktiv, während
Sie oder Er (je nach deinen Präferenzen) heimlich dahin-
gleitet oder plötzlich erscheint, um auf dieselbe Weise wie-
der zu verschwinden“.

3. „Zuerst wirst du die Wächter bezahlen. Danach wirst


du ins Feuer eintreten und dich an das Leiden erinnern,
das du im Band der Liebe verursacht hast“.

4. „Du wirst die von dir Misshandelten um Vergebung


bitten, und du wirst nur dann gereinigt herauskommen,
wenn du dich versöhnst...”.

5. Alsdann rufe (je nach deinen Präferenzen) Sie oder Ihn


beim Namen und bitte darum, dass sie (er) dich das Antlitz
sehen lässt. Wenn deine Bitte erfüllt wird, dann höre auf
ihren (seinen) Rat, der so sanft ist, wie eine ferne Brise…“.

263
Operative

6. „Bedanke dich von ganzem Herzen und breche auf, der


Fackel deines inneren Führers folgend“.

7. „Der innere Führer wird dunkle, schmale Gänge durch-


schreiten und wird mit dir in einer Kammer ankommen,
wo die Schatten jener warten, denen du im Laufe deines
Daseins Gewalt angetan hast. Sie alle befinden sich in der-
selben leidvollen Situation wie an dem Tage, an dem du sie
verlassen hast...“.

8. „Bitte sie um Verzeihung, versöhne dich und küsse sie


einen nach dem anderen, bevor du gehst“.

9. „Folge dem inneren Führer, der dich zu den Orten


deines Scheiterns, zu den Orten der starren, nichtwieder-
gutzumachenden Dinge zu führen weiß”.
„Oh, Welt der großen Verluste, wo Lächeln und Zauber
und Hoffnungen deine Last und dein Scheitern sind!”
„Betrachte deine lange Kette von Fehlschlägen…”.

10. „Bitte den inneren Führer, er möge langsam all jene


Illusionen erleuchten…”.

11. „Versöhne dich mit dir selbst, verzeihe dir selbst, und
lache. Alsbald wirst du sehen, wie aus dem Füllhorn der
Träume ein Orkan entsteht, der den Staub deines illusori-
schen Scheiterns ins Nichts trägt…”

12. „Auch im dunklen und kalten Wald folgst du deinem


inneren Führer. Die Vögel der bösen Vorzeichen streifen
dein Haupt. In den Sümpfen ziehen dich schlangenartige
Schlingen in die Tiefe.”

264
Selbstübertragungspraktiken

13. „Lass den inneren Führer dich zu der dunklen Höhle


führen.“
„Du kannst jetzt nicht eher weitergehen, bis du die feind-
seligen Gestalten, die den Eingang verteidigen, bezahlst...“

14. „Wenn du schließlich erreicht hast, dort hineinzukom-


men, dann bitte den inneren Führer, er möge zur linken
und rechten Seite erleuchten. Bitte ihn, dass er die großen
Marmorkörper derjenigen erleuchtet, denen du nicht ver-
zeihen konntest...“

15. „Verzeihe einem nach dem anderen, und wenn dein


Gefühl echt ist, werden sich die Statuen in Menschen
verwandeln, die dir in einer Hymne der Dankbarkeit zulä-
cheln und dir ihre Arme entgegen strecken... “

16. „Folge dem inneren Führer aus der Höhle hinaus und
schau auf keinen Fall zurück...“

17. „Bezahle deinen inneren Führer und komme hierher


zurück, wo die Handlungen der Toten gewogen werden...“

18. „Höre zu, wie die Waage sich zu deinen Gunsten neigt:
Deine Vergangenheit ist dir verziehen!“

19. „Du hast schon mehr als genug, um jetzt noch mehr
beanspruchen zu wollen…Wenn dich dein Ehrgeiz weiter
treiben sollte, dann könnte es passieren, dass du nicht in
den Kreis der Lebenden zurückkehrst.“
„Du hast schon mehr als genug mit der Reinigung deiner
Vergangenheit.“

265
Operative

20. „Ich sage dir jetzt: Wache auf und komme aus dieser
Welt heraus!"

Übung zur Entwicklung des Selbstüber-


tragungsprozesses (Abstieg)
Nachdem sie den bereits bekannten Einstieg gemacht hat,
folgt die übende Person dem absteigenden Weg, bis sie den
angemessenen Raum antrifft, um eine biographische Szene
zu bearbeiten, wobei sie sich auf einige in dieser Lektion
zitierte Absätze stützt.
Es ist dabei wichtig, dass vor Beginn der Arbeit das In-
teresse klar festgelegt ist, so dass die ausgearbeiteten Hand-
lungsabläufe diesem dienlich sind. Die Handlungsabläufe
ihrerseits sollten eine biographische Grundlage haben (zu-
mindest bei dieser Übung), und die Themen sollten mit
diesen im Einklang sein. Sollte es sich um ein bestimmtes
Klima ohne Bilder handeln, so macht man auf jeden Fall
den Einstieg, steigt dann bis zu irgendeinem unterirdi-
schen Raum hinab und bittet dann den inneren Führer,
den Raum nach und nach zu erleuchten, bis (allegorisierte
oder nicht allegorisierte) Themen auftauchen, die unmit-
telbar bearbeitet werden können. Das ist ein interessantes
Hilfsmittel, um im Selbstübertragungssystem ein „Zusam-
menpassen“ zu erzeugen.
Es ist angebracht, am Anfang nicht auf einen langen
Ablauf abzuzielen, sondern vielmehr einen einzigen Hand-
lungsablauf zu bearbeiten, um ihn dann in darauffolgen-
den Übungen zu vertiefen.
Nach einer Sitzung werden mit anderen Personen Ge-
sichtspunkte ausgetauscht.

266
Selbstübertragungspraktiken

Lektion 3

Die Richtungen der Selbstübertragung

I. Allgemeine Struktur des Selbstübertragungs-


prozesses
Zu einem früheren Zeitpunkt haben wir die Unterschie-
de zwischen Übertragungen und Selbstübertragungen
betrachtet.
Wir haben auch die hauptsächlichen Widerstandsan-
zeichen betrachtet, die grundsätzlich für beide Systeme gel-
ten. Dennoch könnte man im Fall der Selbstübertragung
Widerstände beim Szenerieaufbau, beim Zusammenpas-
sen von Bildern mit Klimata sowie bei Fehlern hinsichtlich
der Umwandlung in die durch das Anfangsinteresse vorge-
schlagene Richtung beobachten.
Wir haben das Festlegen des Interesses sowie die ent-
sprechende Anpassung der Umgebung als grundlegende
Voraussetzungen der Selbstübertragung untersucht.
Auch haben wir die hauptsächlichen Themen betrach-
tet (innerer Führer, Grenze, Wege, Räume, Landschaften,
Figuren, die verborgene Stadt, das Kraftzentrum, Sie bzw.
Er).
Wir haben die auf die drei Bewusstseinszeiten bezoge-
nen Handlungsabläufe berücksichtigt, wobei wir die bio-
graphischen Konflikte in den unteren Räumen, die gegen-
wärtigen in der mittleren Ebene und die Bestrebungen und
zu erreichenden Ideale in den hohen Ebenen angesiedelt
haben.

267
Operative

Wir sollten auch hinzufügen, dass die inneren Konflikte,


die bezüglich der Zukunft entstehen (Angst vor Verlust,
Einsamkeit, Krankheit und Tod), in den hohen Ebenen
angesiedelt werden müssen, wobei die Handlungsabläu-
fe in Übereinstimmung mit der Art und Weise, wie sich
die übende Person ihren Konflikt vorstellt, strukturiert
werden.
Die Szenen sollten so gestaltet werden, dass die Hand-
lungsabläufe in Übereinstimmung mit dem zuvor fest-
gelegten Interesse positiv verwandelt werden können. In
diesem Sinne dürfte man nicht in die verborgene Stadt
eindringen, wenn die konfliktive Handlung zuvor nicht
verwandelt wurde; oder man wird in am Rande der er-
wähnten Stadt gelegene Räume gelangen, in denen man
Gelegenheit hat, die entsprechenden Umwandlungen zu
vollziehen.
Andererseits unterschieden wir den Einstieg vom Ab-
lauf, und nebenbei sprachen wir vom Ausgang als ein Wie-
derantreffen der ersten Schritte, aber mit dem abschließen-
den Klima einer positiven Erfahrung.
Schließlich unterschieden wir verschiedene Arten von
selbstübertragenden Abläufen, die den unterschiedlichen
Aktivitäten entsprechen, die eine Person in der Welt entfal-
tet, und zwar aufgrund der entsprechenden begleitenden
Vorstellungen.
Wir haben diesbezüglich die Fälle des Traums, des Tag-
traums sowie des künstlerischen und religiösen Schaffens
erwähnt. Wir haben jede selbstübertragende Arbeit als eine
Vertiefung in der Bedeutungsumwandlung einer allgemei-
nen Situation, in der die Person lebt, betrachtet, und diese
Vertiefung dank der Unveränderlichkeit von Themen und
Handlungsabläufen als möglich verstanden.

268
Selbstübertragungspraktiken

Wenn sich die Richtung der kathartischen und übertra-


genden Prozesse zu den Widerständen hin ausrichtet, die
man antrifft, um diese zu überwinden, so ist klar, dass
die Richtung im Falle der Selbstübertragung durch das
Interesse an der zu erreichenden Umwandlung sowie der
Vervollkommnung der Themen und Handlungsabläufe im
Szenenaufbau gegeben ist.

II. Ein paar Bemerkungen zu den veränderten


Bewusstseinszuständen
Zuvor haben wir gesehen, dass in dem Maße, wie die Be-
wusstseinsebene absinkt, die Umkehrbarkeitsmechanismen
blockiert werden. Wir haben aber auch den Fall betrachtet,
bei dem die Arbeit dieser Mechanismen aufgespaltet wird,
wobei man eine bestimmte Ebene beibehält. Es gibt Phä-
nomene, die wir unter der Bezeichnung „gestörte Bewusst-
seinszustände“ zusammenfassen können, wie zum Beispiel
die Hypnose und im Allgemeinen die Zustände erregten
Bewusstseins, nebst anderen, die rein pathologischer Natur
sind.
Die Bezeichnung „gestörte Zustände“ ist irreführend,
da sie sich in einigen Fällen auf Phänomene bezieht, die
der Kontrolle des Ichs entgleiten und die Tätigkeiten der
Person außerhalb von sich antreiben (heftige Gemütsbe-
wegung, zum Beispiel), während die Aufspaltung der Um-
kehrbarkeit in anderen Fällen die Aktivitäten der Person
ins Innere von sich führt (Insichselbstversenkung, zum
Beispiel).

269
Operative

Dasselbe kann im Verliebtsein, in der künstlerischen


Inspiration oder in der mystischen Ekstase geschehen.
Aber weshalb widerstrebt es uns, die Verliebtheit oder die
künstlerische Inspiration mit einer Störung des Bewusst-
seins in Verbindung zu bringen? Sicher deshalb, weil die
Auffassung von „Störung“ mit der Idee des Abnormalen, ja
irgendwie des Krankhaften verbunden ist.
Es scheint uns nicht vernünftig, die zuletzt erwähnten
Phänomene in den Bereich der Störungen einzuordnen, da
sie uns vielmehr als positiv, integrierend und schlichtweg
höher angesiedelt erscheinen. Wir haben den Eindruck,
dass sie dem Haushalt der Psyche zugute kommen und
keinen Nachteil für ihn darstellen.
Wie können wir also Phänomene einordnen, welche
über die Mechanik des psychologischen Ichs hinausgehen,
wie jene der Verschmelzung mit dem Selbst, die den Kon-
takten mit dem Kraftzentrum eigen sind? Vom Standpunkt
der Umkehrbarkeit her gesehen mögen sie als gestörte Phä-
nomene erscheinen, aber vom Standpunkt des Interesses
der übenden Person erscheint die Übergabe der gewohnten
Mechanik des Ichs an das Selbst als ein gewollter Akt, der
irgendwie gesteuert ist und der als Endergebnis eine riesige
Positivisierung des psychischen Haushalts bewirkt.
Diese besonderen „gestörten“ Zustände können mit
Fug und Recht als höhere Bewusstseinsphänomene einge-
stuft werden. Selbstversändlich unterscheiden wir zwischen
der künstlerischen oder religiösen Ekstase, der Verzückung
und dem höheren Erkennen.
Die Ekstasephänomene haben für gewöhnlich moto-
rische Begleiterscheinungen, die zu bestimmten Körper-
haltungen führen (dies ist bei spontanen „Mudras“ der
Fall), oder zu gewissen heftigen Bewegungen verschiede-

270
Selbstübertragungspraktiken

ner Körperteile, welche sie äußerlich gesehen in die Nähe


hysterisch-epileptischer Phänomene rückt, oder aber in
die Nähe von motorischen Ausdrücken, die den Däm-
merzuständen des Bewusstseins eigen sind. Die für einige
primitive Religionen typische rasende Trance oder einige
sanftere Äußerungen wie das „Automatische Schreiben“ in
spiritistischen Sitzungen haben gewisse Ähnlichkeiten mit
pathologischen Fällen, aber es wäre übertrieben, sie ihnen
ganz zuzuordnen.
Der Verzückung hingegen liegt vor allem eine emo-
tionale Aktivität zugrunde, welche sie in die Nähe des
Phänomens der Verliebtheit rückt, ohne dass wir sie aber
miteinander verwechseln sollten.
Das Erkennen ist die überlegene Erfahrung, die fähig
ist, den Sinn des eigenen Daseins und die Sicht auf die
Wirklichkeit zu verändern. Sie ist die Bekehrungserfah-
rung schlechthin. Es wäre mehr als übertrieben, das bud-
dhistische „Samadhi“ oder „Nirvana“ mit schizophrenem
Autismus oder mit bestimmten Krisen mystischen Deliri-
ums in Verbindung zu bringen.
Auch wenn sie uns vom roten Faden unserer Darlegung
entfernt haben, waren diese Bemerkungen nötig, um ein
paar Vorurteile aus dem Weg zu räumen, die auf irgend-
eine Weise in den westlichen Menschen eingepflanzt sind
und die durch Geschwafel bestimmter psychologischer
Strömungen dermaßen bearbeitet wurden, auch wenn die-
se selbst in der Begründung ihrer Schemen vollkommen
zusammenhangslos sind.

271
Operative

III. Die mittlere und die hohe Ebene bei der


Selbstübertragungsarbeit
1. Der mittlere Weg während eines Selbstübertragungs-
prozesses führt die übende Person durch eine mehr oder
weniger gewohnte Landschaft, wobei sie die Informatio-
nen ihres Kurzzeitgedächtnisses aktualisiert. Am Ende des
Weges befindet sich die Stadt, in der sich die täglichen Ak-
tivitäten entfalten. Dort kann man sich die Räume bildlich
vorstellen, in denen man die jeweiligen Szenen ansiedeln
wird.
Wie gewohnt muss dabei das Interesse der Bedeutungs-
umwandlung klar festgelegt sein.
Die Handlungsabläufe werden solche sein, die mit der
Situation, die man verändern möchte, übereinstimmen,
und die Themen können dem Fall entsprechend und je
nach Bereitschaft der übenden Person allegorisiert sein.
Selbstverständlich sollte man erreichen, dass die Bilder
gut zu den Klimata passen, damit die negativen Klimata
von den einen zu den anderen Themen übertragen werden
können, bis der Handlungsablauf im Sinne des festgeleg-
ten Interesses verändert werden kann.
Die Untersuchung der Widerstände, besonders jener,
die mit dem Szenenaufbau oder mit dem Zusammenpas-
sen von Bildern mit Klimata zu tun haben, ermöglicht
der übenden Person, ihre Arbeit zu vervollkommnen und
ihren Selbstübertragungsprozess zu vertiefen.
An dieser Stelle sollten wir uns das zuvor Gesagte in
Erinnerung rufen. Es ist nicht angebracht, mittels Selbst‑​
übertragungstechniken nach Lösungen für Probleme zu
suchen, wenn es dazu einfachere Techniken gibt, die gute
Ergebnisse bringen können.

272
Selbstübertragungspraktiken

Die Vorbereitung wird gemacht, indem man die bereits be-


kannten Voraussetzungen erfüllt. Unmittelbar darauf wird
der innere Führer gerufen; der Prozessablauf findet statt
und zum Schluss vollzieht man den Ausgang, wobei man
die ersten Schritte wieder antrifft, aber nun in einem posi-
tiven Klima von innerer Einheit. Anschließend untersucht
man das Gemachte, um die Techniken in darauffolgenden
Arbeiten zu verbessern.

2. Der aufsteigende Weg während eines Selbstübertra-


gungsprozesses führt die übende Person durch eine Land-
schaft, die, je mehr man vorankommt, an Vertrautheit
verliert, bis man schließlich bei der verborgenen Stadt
ankommt.
Im Inneren der Stadt trifft man auf die Bestrebungen,
welche die übende Person antreiben; gewiss sind dies ihre
zutiefst verankerten Tagträume, worunter der Tagtraum-
kern hervorsticht.
Wenn das Interesse der übenden Person die Verände-
rung einer bestimmten Bestrebung oder eines bestimmten
Tagtraums ist, dann sollte sie damit beginnen, diesen rich-
tig zu bestimmen, wobei sie sich in den Handlungsablauf
miteinschließt und darin ihre Wünsche erfüllt, um danach
den Ablauf in Richtung des vorgeschlagenen Interesses zu
verschieben. Es ist wichtig, dass die übende Person in der
Anfangshandlung ihre Wünsche erfüllt. Dazu sollte sie
nicht nur eine gute bildliche Vorstellung der Szene haben,
sondern auch erreichen, dass sie zu dem entsprechenden
Klima passt. Wenn das nicht der Fall ist, können die La-
dungen nicht in die durch das Interesse festgelegte Rich-
tung verschoben werden.

273
Operative

Es ist offensichtlich, dass man wie bei jeder anderen


Selbstübertragungsarbeit den Szenenaufbau und das
Zusammenpassen durch Wiederholung vervollkommnen
und vertiefen kann.*
Ein häufig auftretendes Problem liegt in den Kon-
flikten, welche die Sicht auf die eigene Zukunft mit sich
bringt. Die Ängste vor zukünftigen Situationen sollten im
Vorfeld bearbeitet werden. In diesem Sinne erscheint es
empfehlenswert, sich vor dem Eintritt in die verborgene
Stadt, in der die eigenen Bestrebungen aufbewahrt werden,
von den erwähnten Ängsten zu befreien, indem man sie
mit den entsprechenden Handlungsabläufen in vorherigen
Räumen bearbeitet. Diese Art von „Reinigung“ vor dem
Eintritt in die verborgene Stadt ist sehr hilfreich, da sie eine
gewisse innere Freiheit bei der Arbeit ermöglicht, welche
auf die Veränderung bestimmter Tagträume oder Bestre-
bungen der Person abzielt und von denen wir wissen, dass
sie eine Antwort auf Kompensationen darstellen, in denen
die Person lebt.
Man arbeitet also im Vorfeld mit den Zukunftsängsten,
damit sich die Motivationen für die Bestrebungen oder
kompensatorischen Tagträume zeigen und sich nicht in
Widerstandsknoten verwandeln, die schwierig zu handha-
ben sind.
Wir erlauben uns, hier eine Sequenz zu zitieren, die als
Beispiel für die aufsteigenden Selbstübertragungsprozesse
dienen kann.
„Du kannst auf dem inneren Weg dunkel oder leuch-
tend wandeln. Achte auf die zwei Wege, die sich vor dir
öffnen.
(*) Kapitel XIV des Buchs Der Innere Blick, aus Silos Botschaft, Silo,
Edition Pangea, Zürich, 2016

274
Selbstübertragungspraktiken

Wenn du zulässt, dass sich dein Wesen in dunkle Re-


gionen stürzt, gewinnt dein Körper den Kampf und über-
nimmt die Herrschaft. Dann werden Empfindungen und
Erscheinungsbilder von Geistern, von Kräften und von Er-
innerungen in dir aufsteigen. Auf diesem Weg sinkt man
immer tiefer und tiefer hinab. Dort befinden sich der Hass,
die Rache, die Entfremdung, die Besitzgier, die Eifersucht
und der Wunsch zum Verweilen. Wenn du noch tiefer
hinabsteigst, werden die Enttäuschung, das Ressentiment
und all jene Wunschträume und Begierden von dir Besitz
ergreifen, die der Menschheit Verderben und Tod gebracht
haben.
Wenn du dein Wesen aber in eine lichtvolle Richtung
lenkst, so wirst du bei jedem deiner Schritte Widerstand
und Müdigkeit spüren. Für diese Müdigkeit beim Auf-
stieg gibt es Schuldige. Die Last deines Lebens, die Last
deiner Erinnerungen wiegen schwer und deine früheren
Handlungen behindern deinen Aufstieg. Dieser Aufstieg
wird erschwert durch den Einfluss deines Körpers, der die
Herrschaft zu übernehmen sucht.
Auf dem Wege des Aufstiegs wirst du fremde Regionen
voll reiner Farben und unbekannter Klänge vorfinden.
Fliehe nicht vor der Reinigung, die wie Feuer wirkt und
dich mit ihren Trugbildern schreckt.
Weise das Erschrecken und die Entmutigung zurück.
Weise das Verlangen, in untere und dunkle Regionen
fliehen zu wollen, zurück.
Weise die Anhänglichkeit an die Erinnerungen zurück.
Bleibe innerlich frei, gleichgültig gegenüber der
Täuschung der Landschaft, mit Entschlossenheit beim
Aufstieg.

275
Operative

Das reine Licht erstrahlt über den Gipfeln der großen Ge-
birgsketten und unter unerkennbaren Melodien fließen die
Gewässer der tausend Farben zu den kristallenen Hoch-
ebenen und Wiesen herab.
Fürchte nicht den Druck des Lichts, der dich immer
stärker aus seiner Mitte drängt. Nimm es in dich auf, als
ob es eine Flüssigkeit oder ein Wind wäre. Denn im Licht
ist wahrhaftig das Leben.
Wenn du auf der großen Gebirgskette zu der verbor-
genen Stadt gelangst, musst du den Eingang kennen.
Aber du wirst das in dem Moment wissen, da dein Leben
gewandelt ist. Die gewaltigen Mauern der Stadt sind in
Gebilden geschrieben, sie sind in Farben geschrieben, sie
sind „empfunden“. In dieser Stadt ist das, was getan, und
das, was zu tun ist, aufbewahrt… Aber für dein inneres
Auge bleibt das Durchsichtige undurchsichtig. Ja, für dich
sind die Mauern undurchdringbar!
Nimm die Kraft aus der verborgenen Stadt. Kehre zu-
rück in die Welt des dicht gedrängten Lebens mit deiner
leuchtenden Stirn und deinen leuchtenden Händen.“

Übung zum Ablauf des Selbstübertragungs-


prozesses (mittlere Ebene und Aufstieg)
1. Das Interesse bezüglich eines gegenwärtigen Konflikts
festlegen, den man überwinden möchte. Durchführung
von Einstieg, Ablauf und Ausgang. Die Widerstände
notieren, insbesondere die Schwierigkeiten beim Szenen-
aufbau und dem Zusammenpassen. Austausch über die
Techniken mit anderen Übenden. In den folgenden Tagen
wiederholen.

276
Selbstübertragungspraktiken

2. Das Interesse bezüglich eines Tagtraums festlegen, der


dem eigenen Leben eine nicht wünschenswerte Richtung
verleiht. Im Rahmen des Interesses genau bestimmen, wel-
che Veränderung man erzeugen möchte. Dann Durchfüh-
rung von Einstieg, Ablauf und Ausgang. Die Widerstände
notieren. Austausch über die Techniken mit anderen
Übenden. In den folgenden Tagen wiederholen.

3. Das Interesse bezüglich Zukunftsängsten festlegen. Im


Rahmen des Interesses definieren, welche Veränderung
man erzeugen möchte. Dann Durchführung von Einstieg,
Ablauf und Ausgang. Die Widerstände notieren. Mit an-
deren austauschen. Wiederholen.
Es ist empfehlenswert, pro Übung nur einen einzigen
Handlungsablauf zu bearbeiten.

277
Operative

Lektion 4

Verarbeitung nach der Übertragung

In den vorhergehenden Lektionen sind wir den Prozess


durchgegangen, wobei wir die drei Wege getrennt betrach-
tet haben. Wir haben gesehen, dass jede Strecke ihre Be-
sonderheiten und Abwechslungen besitzt. So war die Be-
handlung biographischer Konflikte auf dem absteigenden
Weg von anderer Natur als die Bestimmung des Themas
Sie (bzw. Er). Es war bereits von Anfang an klar, dass das
Interesse in beiden Fällen unterschiedlich war.
Dasselbe geschah mit dem aufsteigenden Weg, auf dem
die Arbeit mit Zukunftsängsten sich von der mit Hoff-
nungen und Tagträumen, die aus irgendeinem Grunde
als nicht wünschenswert angesehen werden, unterscheidet
(sollte dieser Punkt im Dunkeln bleiben, dann denke man
an den Fall einer Person, deren Aktivitäten von einem
Tagtraum der Dominanz motiviert werden, und den die
Person für ihre Entwicklung als negativ betrachtet).
Auf dem mittleren Weg tauchen grundsätzlich nicht so
viele Alternativen auf. Wenn man eine Linie bearbeitet, so
ändern sich tatsächlich die Standpunkte in den anderen
Ebenen. Dies kann aufgrund der Strukturalität der geisti-
gen Prozesse gar nicht anders sein.
Wenn eine übende Person also einen für sie nicht wün-
schenswerten Tagtraum zu bearbeiten beginnt, so ist es
durchaus möglich, dass ihr nach kurzer Zeit klar wird, dass
dieser Tagtraum eine Kompensation für eine Reihe von
biographischen Enttäuschungen darstellt. Wenn sie das
einmal entdeckt hat, wird sie in den darauffolgenden Ar-

278
Selbstübertragungspraktiken

beiten den absteigenden Weg nehmen, wobei sie versuchen


wird, die vergangenen, als Enttäuschungen registrierten
Konflikte aufzulösen. Zum Schluss wird sie zum Verständ-
nis gelangen, dass zahlreiche ihrer gegenwärtigen Probleme
mit dem Tagtraum verbunden sind, der sie immer wieder
dazu bringt, Situationen zu erzwingen. Alsdann wird sie
versuchen, den mittleren Weg zu bearbeiten, mit dem Ziel,
die Einstellung zu den gegenwärtigen Situationen zu ver-
ändern usw.
Man könnte sich andere Situationen vorstellen, aber
wir würden in allen Fällen auf die gegenseitige Beeinflus-
sung zwischen den Ebenen stoßen.
Folgende Frage taucht auf: wo soll man anfangen? Wir
antworten darauf, dass die übende Person an irgendeiner
Stelle beginnen kann, da der Prozess alle anderen mitein-
beziehen wird, je mehr sie sich in die Arbeit vertieft.
Es gibt aber auch eine andere Antwort darauf. Wenn
die übende Person durch irgendeine Vorgehensweise, wie
zum Beispiel in der Art eines Gebets (man erinnere sich an
das Nizäische Glaubensbekenntnis), immer derselben Ab-
folge nachgehen könnte, und außerdem alle drei Ebenen
durchlaufen würde, dann könnte sie auf eine vortreffliche
Vorgehensweise zählen, um einen umfassenden Prozess
voranzubringen. Ja mehr noch, sie könnte immer diesel-
ben Formeln benutzen, auch wenn sie entsprechend ihren
Bedürfnissen Szenenvariationen einbaut. Es könnte aber
auch vorkommen, dass sie nicht einmal Szenenvariationen
einbaut, sondern mit jeder Wiederholung den Prozess ver-
tieft. Uns scheint Letzteres der beste Fall zu sein.

279
Operative

Nun gut, in den ersten Etappen dieser Arbeit wird man


Schritt für Schritt vorgehen, um mit jeder Art von Durch-
gang eine minimale Erfahrung zu erreichen. Später wird
die übende Person die zuvor erwähnten Mittel benötigen.
Nehmen wir jetzt an, dass man im Prozess der drei
Ebenen eine gewisse Übung erlangt hat. Es tauchen un-
mittelbar praktische Schwierigkeiten auf. Kann die übende
Person einen Prozess der wachsenden Integration ohne
Zeitlimit voranbringen? Kann sie vielleicht regelmäßig
einen solchen Arbeitsplan erfüllen? Kann sie sich jedes Mal
isoliert von ihrer unmittelbaren Umgebung an die Arbeit
machen?
Tatsächlich scheint es mehr als eine Schwierigkeit zu
geben, um diese Arbeit auf eine kontinuierliche Weise
voranzubringen.
Wenn die übende Person jedoch irgendeine Religi-
on praktiziert, könnte sie ihre gewohnte Praxis mit dem
Selbstübertragungssystem bereichert voranbringen. Wenn
sie wiederum eine nicht-religiöse Person ist, sollte sie ihr
Leben auf etwas, was über die unmittelbaren eigenen In-
teressen hinausgeht, ausrichten, hin zu etwas, was ihren
Mitmenschen oder der Gesellschaft, in der sie lebt, zugu-
tekommt. Zusammengefasst werden die Kenntnis und die
wichtigsten Übungen des Selbstübertragungssystems dann
von Nutzen sein, wenn sie später im praktischen Leben
angewandt werden können, indem man ihm einen neuen
und transzendenten Sinn verleiht.

280
Selbstübertragungspraktiken

Die Folge-Übertragung

In einer Selbstübertragungssitzung kann eine Ladungs-


übertragung stattfinden, eine Verarbeitung von Inhalten
und demzufolge eine Verwandlung der Bedeutung gegen-
über einer gegebenen Situation. Das kann sich jedoch erst
nach der Sitzung ergeben, womit dieser Fall innerhalb des-
sen liegt, was wir für die Verarbeitung nach der Übertra-
gung erklärt haben. Es kann aber auch vorkommen, dass
der Prozess nach der Übertragung über den anfänglichen
Vorsatz der übenden Person hinausgeht und eine Reihe von
Verwandlungen in der bearbeiteten Ebene erzeugt. Und
selbstverständlich kann es auch vorkommen, dass sich in
der Verarbeitung eine Linie entwickelt, und später andere
Inhalte miteinbezieht, die mit der Situation in Verbindung
stehen, die man zu Beginn verwandeln wollte.
Zweifellos besteht die wichtigste Verarbeitung darin,
die allgemeine Situation, in der die übende Person lebt, zu
verwandeln. So wie es aber nicht einfach ist, auf direktem
Weg zum Kraftzentrum zu gelangen, sondern vielmehr
durch zunehmende Annäherungen, so werden auch solche
auf Übertragungen folgende Verarbeitungen nicht so häu-
fig vorkommen.
Bezüglich der Verwandlung durch direkten Kontakt
mit dem Kraftzentrum ist klar, dass in diesem Kurs nicht
näher darauf eingegangen wurde. Dennoch wurden die
allgemeinsten Bezugspunkte dazu vermittelt. Auf alle Fälle
fügen wir hinzu, dass die übende Person diese Arbeit dann
in Angriff nehmen sollte, wenn sie zufriedenstellende Er-
gebnisse in vorhergehenden Selbstübertragungsprozessen
erzielt hat.

281
Operative

Übung zum vollständigen Selbstübertragungs-


prozess
Festlegung des Interesses bezüglich eines gegenwärtigen
Konflikts, den man überwinden möchte.
Anschließend die dem Konflikt entspringenden kom-
pensatorischen Tagträume verstehen.
Den Selbstübertragungsprozess durchlaufen, indem
man den Einstieg, die Entwicklung und den Ausgang
vollzieht, wobei man aber bei den Fortbewegungen sich an
folgende Sequenz hält:

1. Nach dem Einstieg nimmt man den Weg des Abstiegs.


Im passenden Raum verwandelt man die grundlegende
biographische Bedeutung des Konflikts. Anschließend
steigt man auf und kehrt zum Ausgangsort zurück (wo-
bei man die vor den drei Wegen liegende Grenze erneut
passiert).

2. Man nimmt dann den aufsteigenden Weg, bis man zum


Raum gelangt, in dem man an der Erfüllung des kompen-
satorischen Tagtraums arbeitet, um dann zum Ausgangsort
zurückzukehren.

3. Man nimmt den mittleren Weg, bis man zum Raum


gelangt, in dem man die Bedeutung des gegenwärtigen
Konflikts verwandelt, um daraufhin zum Anfangsort zu-
rückzukehren und in einem positiven Klima den Ausgang
vorzunehmen.

282
Selbstübertragungspraktiken

Nach der Übung mit anderen teilnehmenden Personen


über die gemachte Arbeit austauschen. Es ist empfohlen,
die angetroffenen Widerstände zu notieren.
In den folgenden Tagen versucht man, die Übung zu
verbessern, wobei man jeweils Notizen zu den stattfinden-
den Verarbeitungen nach der Übertragung macht.

283
284
Epilog

Sicherlich wird der Leser in diesem Buch Antwort auf zahl-


reiche persönliche Probleme gefunden haben und ebenso
wird er über eine größere Kenntnis von sich selbst und
seinen künftigen Möglichkeiten verfügen.
Dies ist der Moment, einige Dinge in Betracht zu zie-
hen, die das Verständnis unseres Systems insgesamt verbes-
sern können.

1. Die Hilfestellung bei den täglichen


Schwierigkeiten
An erster Stelle ist es sinnvoll festzuhalten, dass man einen
bemerkenswerten Fortschritt im „Labor” beim Erlernen
und Vervollkommnen der Techniken anhand der durchge-
führten Arbeiten erreicht haben kann. Aber die Bedeutung
des Erreichten muss sich außerhalb des Studienzimmers,
in der Hektik des Alltags bewähren. Und es ist eben dort,
wo die Situation selbst es verhindert, die Techniken anzu-
wenden! Das Paradoxon ist offensichtlich: unser Subjekt
ist mit einem guten Verständnis ausgerüstet, es besitzt eine
umfangreiche Ausstattung an Techniken der Selbstkon-
trolle, aber in dem Moment, in dem es einer kritischen
Situation gegenübersteht, kann es seine Hilfsmittel nicht
anwenden. Man könnte sagen, dass es sich um das Verges-
sen des Gelernten handelt, aber das Problem bleibt nach
wie vor ungelöst. Also sollten wir uns mit diesem Punkt
auseinandersetzen.

285
Selbstbefreiung

Wenn jemand in eine alltägliche konfliktbeladene Si-


tuation gerät, wird er von Spannungen und Klimata „er-
griffen”; er wird von dem Gegenstand, den er vor sich hat,
„gefesselt” und von diesem Augenblick an wird er nicht
in der Lage sein, auf die gelernten Techniken zurückzu-
greifen, die genau für solche Situationen vorgesehen sind,
es sei denn, er hat sie richtig und durch viel vorheriges
Üben „gespeichert”. Aber nicht alle, die das System der
Selbstbefreiung praktizieren, machen es so sorgfältig, um
vollkommen dafür vorbereitet zu sein.
In der Praxis sieht es eher so aus, dass einige Punkte
des Systems studiert und im Vorübergehen geübt wurden,
ohne auf ihre vollkommene Beherrschung abzuzielen. In
solch einem Fall müsste man zumindest über eine Behelfs-
antwort auf die konflikterzeugende Situation verfügen, die
es ermöglicht, einen kurzen „Abstand” zwischen dem Pro-
blem-Gegenstand und dem Subjekt zu schaffen; zwischen
den bedrückenden Spannungen und Klimata und der Per-
son, die sie erleidet. In diesem Buch wurde mehrere Male
von diesen Hilfestellungen gesprochen, aber angesichts
der Wichtigkeit des Themas ist es notwendig, sie erneut
hervorzuheben.
Wenn du die Übungen nicht angemessen bearbeitet
hast, verzichte auf die muskuläre Hilfestellung einer Kör-
perstelle oder auf das Bewusstsein des Standortes, an dem
du dich dem Gegenstand gegenübergestellt siehst oder auf
deine Körperhaltung. Achte einfach auf deine Atmung.
Eines der ersten Dinge, die du feststellst, wenn du dich
in einer schwierigen Situation befindest, ist es, dass sich
deine Atmung verändert. Nutze dieses Phänomen aus, um
deine Atmung in eine tiefe Atmung vom Zwerchfell heraus
zu verwandeln... und das ist schon alles. Von da an wirst du

286
Epilog

über die verschiedenen dir bekannten Techniken verfügen


können. Aber betrachten wir das Thema genauer. Nehmen
wir an, dass du spürst, dass du dich aufregen wirst, bevor es
zu dieser Situation kommt: Achte also auf deine Atmung
und verwandle sie in eine tiefe Atmung.
Stellen wir uns jetzt vor, dass die Situation dich einge-
nommen hat, dass du keine Zeit hattest, dich vorzuberei-
ten: deine Atmung wird plötzlich flach und beklemmend,
und du bemerkst es. Lass dies nicht zu, atme tief durch.
Jetzt kannst du z.B. nicht einschlafen. Du verfügst über
zahlreiche Techniken, mit dem Problem umzugehen, aber
du wendest sie nicht an, weil deine Sorgen dich gefangen
halten: Achte also auf deine Atmung, atme tief durch.
Du fühlst dich von anderen beobachtet und weißt, wie
du einen Abstand gegenüber dem Bedrückenden schaffen
kannst, aber du kannst dein Wissen nicht anwenden: Ach-
te auf deine Atmung und atme tief durch.
Mit anderen Worten: Du magst zahlreiche Techniken
kennen und bearbeitet haben, aber in einer bedrücken-
den Situation vergisst du sie und es ist, als ob du keinerlei
Hilfsmittel zur Verteidigung hättest. Die Ereignisse stür-
zen auf dich ein, und von da an bist du nicht mehr Herr
deiner selbst. Eines ist doch klar: wenn du einen Abstand
zwischen dir und dem Faktor der Bedrückung schaffen
könntest, würdest du dein Wissen anschließend anwen-
den. Eben dies ist unser Problem.
Wir sagen nicht, du sollst bei deinen alltäglichen Akti-
vitäten auf deine Atmung achten, sondern nur in bedrü-
ckenden Situationen, und dies macht dir die Veränderung
deiner Atmung möglich, indem sie dir das notwendige
Signal gibt, es zu bemerken. Wenn du diese Tatsache in
der Praxis feststellst und versuchst, die Atmung zu norma-

287
Selbstbefreiung

lisieren, indem du tief durchatmest, dann bist du gerade


dabei, eine Hilfestellung zu speichern. Dies ist es, was es
dir ermöglichen wird, den notwendigen Abstand zwischen
dir und dem absorbierenden Gegenstand zu schaffen; zwi-
schen dir und den abrupten Spannungen oder Klimata, die
als mechanische Antwort auf deine innerlichen Nöte auf-
tauchen. Was später geschieht, wird von deinen Kenntnis-
sen abhängen und darüber können wir nichts sagen, aber
dass du über deine breite Palette von Hilfsmitteln nicht
verfügen kannst, weil du sie vergessen hast, wäre offen ge-
sagt unverzeihlich.
Um dieses Thema abzuschließen, betonen wir, dass man
eine Hilfestellung benötigt, um einen Abstand zwischen
sich und dem konflikterzeugenden Gegenstand, zwischen
sich und den bedrückenden Spannungen und Klimata
schaffen zu können. Hierfür gibt es zahlreiche Hilfestel-
lungen, aber da es sich bei der Atmung um ein gemischtes
unwillentliches und willentliches System handelt und da
sie sich in Folge der Bewusstseinsveränderung ebenfalls
verändert, hat man eine Empfindung von ihr, die es ermög-
licht, sie zu Hilfe zu nehmen, um die Veränderung der Si-
tuation zu bewirken. Diese Veränderung findet statt, wenn
man versucht, das Ein- und Ausatmen unter Kontrolle zu
bringen, indem man tief durchatmet. So geschieht es, dass
wenn man sich in die Kontrollbereitschaft dieses körperli-
chen Mechanismus versetzt, ein „Abstand” zwischen dem
Subjekt und dem bedrückenden Objekt entsteht, der es
ermöglicht, auf die Hilfsmittel zurückzugreifen, die ande-
renfalls außer Acht gelassen und folglich in der konkreten
Situation nicht angewendet werden würden.

288
Epilog

2. Der Mensch in Situation und nicht als


isolierte Subjektivität
An zweiter Stelle möchten wir einige Punkte hervorheben,
die speziell die Selbsterkenntnis betreffen, die es aber au-
ßerdem ermöglichen, das gesamte System der Selbstbefrei-
ung aus einer breiteren Perspektive her zu verstehen, als wir
es bisher betrachtet haben.

A) Prägungslandschaft

Man hat die Autobiographie studiert und in den bedeut-


samen Erinnerungen an zahlreiche Geschehnisse aus dem
eigenen Leben ein bisschen Ordnung geschaffen. Man hat
die schicksalhaften Ereignisse, die Wiederholungen und
die Abweichungen von Projekten betrachtet, die in ver-
schiedenen Momenten stattfanden. Nun gut, wir wurden
in einer Zeit geboren, in der es Fahrzeuge, Gebäude und
Gegenstände im Allgemeinen gab, die typisch für jenen
Moment waren; ebenso gab es Kleidung und Apparate, die
wir fast tagtäglich benutzten. Es war eine Welt von berühr-
baren Gegenständen, die sich in dem Maße veränderte, in
dem die Jahre verstrichen. Wenn wir uns die Zeitungen
und Zeitschriften, die Photographien, die Filme und Vi-
deos anschauen, die dies bezeugen, werden wir verstehen,
wie sehr sich unsere Welt in diesen Jahren verändert hat.
Jedermann kann über ein ansehnliches Dokumentations-
material verfügen, um sich in das Jahrzehnt oder das Jahr
seines Interesses zurückzuversetzen. Beim Vergleich stellen
wir fest, dass viele Gegenstände, die Bestandteil der Welt
unserer Kindheit waren, nicht mehr existieren. Andere
sind so sehr verändert worden, dass sie für uns unerkenn-

289
Selbstbefreiung

bar geworden sind. Und schließlich sind neue Gegenstän-


de produziert worden, von denen es in jener Epoche noch
keine Vorläufer gab. Es reicht, sich an die Spielzeuge zu
erinnern, mit denen wir spielten, und sie mit den Spielzeu-
gen der Kinder von heute zu vergleichen, um die zwischen
zwei Generationen entstandene Veränderung der Welt zu
begreifen.
Aber wir erkennen auch, dass sich die Welt der un-
berührbaren Gegenstände verändert hat: die Werte, die
gesellschaftlichen Motivationen, die zwischenmenschli-
chen Beziehungen usw. In unserer Kindheit, in unserer
Prägungsetappe funktionierte die Familie anders als heute,
ebenso wie die Freundschaft, die Partnerschaft, die Kame-
radschaft. Die gesellschaftlichen Gruppen wurden anders
definiert. Was man tun sollte und was nicht (das heißt,
die epochenbedingten Normen), die persönlichen Ideale
und jene von Gruppen, die es zu erreichen galt, haben sich
beträchtlich verändert.
Mit anderen Worten: die berührbaren und unberührba-
ren Gegenstände, die unsere Prägungslandschaft bildeten,
haben sich verändert. Aber in dieser Welt, die sich verän-
dert hat, in dieser Welt, in der auf die neuen Generationen
eine andere Prägungslandschaft wirkt, neigen wir dazu,
auf der Grundlage von unberührbaren Gegenständen zu
handeln, die nicht mehr angebracht sind.
Die Prägungslandschaft wirkt durch uns als Verhal-
tensweise, als eine Art zu sein und unter den Personen
und Dingen zu handeln. Diese Landschaft ist außerdem
ein allgemeiner Gemütstonus, eine „Sensibilität” jener
Epoche, die nicht mit der gegenwärtigen Sensibilität
übereinstimmt.

290
Epilog

Die Generation, die heute an der Macht ist (wirtschaftlich,


politisch, gesellschaftlich, wissenschaftlich, künstlerisch
usw.), wurde von einer Landschaft geprägt, die anders war
als die heutige Landschaft. Sie handelt jedoch in der heu-
tigen Landschaft und zwingt ihren Gesichtspunkt und ihr
Verhalten als einen mitgeschleppten „Überrest” aus einer
anderen Epoche auf. Die Folgen der generationenbedingten
Nicht-Übereinstimmung sind heute offensichtlich: Man
wird einwenden können, dass die Generationsdialektik
stets gewirkt hat und dass gerade sie es ist, die der mensch-
lichen Geschichte Dynamik verleiht. Selbstverständlich ist
dies unser Gesichtspunkt. Aber was wir hier hervorheben,
ist, dass sich die Geschwindigkeit der Veränderung immer
mehr beschleunigt und dass wir uns in Gegenwart eines
Lebensrhythmus befinden, der sehr unterschiedlich zu
dem ist, der in anderen Epochen herrschte. Schon allein
durch das Betrachten des technologischen Fortschritts
und des Einflusses der Kommunikationstechnologie im
Prozess der weltweiten Verflechtung verstehen wir, dass in
unserem kurzen Leben eine Beschleunigung stattgefunden
hat, die ganze Jahrhunderte anderer historischer Momente
übertrifft.
So stoßen wir auf das Thema der Prägungslandschaft
und auf den Moment, in dem unser Handeln stattfindet.
Darauf hinzuweisen scheint in diesem wachsenden Anpas-
sungsprozess, den wir benötigen, von Bedeutung zu sein;
sich damit auseinanderzusetzen, scheint eine dringende
Aufgabe zu sein; diese Überlegungen mit anderen zu tei-
len, scheint lebenswichtig für die geistige Gesundheit aller
zu sein.

291
Selbstbefreiung

Betrachten wir also noch einmal unser bisheriges Studium


der Autobiographie und schauen wir uns jetzt die Land-
schaft an, in der wir geprägt wurden. Nicht die Landschaft
jener Epoche im Allgemeinen, sondern die Landschaft
unserer unmittelbaren Umgebung. Auf diese Weise wer-
den wir den Gesichtspunkt einer etwas subjektiven Auto-
biographie erweitern und sie in eine situationsbezogene
Autobiographie verwandeln, in der das persönliche „Ich”
in Wirklichkeit eine Struktur mit der Welt bildet, in der
es existiert.

B) Der eigene „Blick” und der der anderen als entschei-


dende Faktoren des Verhaltens in der Prägungslandschaft

Es gibt zahlreiche Faktoren, die auf uns eingewirkt haben,


um im Laufe der Zeit ein persönliches Verhalten, eine
Kodifizierung, auf deren Grundlage wir Antworten geben
und uns an die Umgebung anpassen, nach und nach her-
vorzubringen. Das Studium der Werteskala hat uns eine
erste Annäherung an diese Idee ermöglicht.
Wenn wir unsere Biographie aus einem situationsbe-
zogenen Gesichtspunkt untersucht haben, werden wir
festgestellt haben, dass wir angesichts der Umgebung, die
uns geprägt hat, auf charakteristische Arten in ihr gehan-
delt haben. Angesichts der etablierten Werte lehnten wir
uns gegen sie auf, oder akzeptierten sie, oder wir zogen
uns in uns selbst zurück. So gestalteten wir unsere Verhal-
tensweisen in der Beziehungswelt, aber außerdem gab es
kontinuierliche Anpassungen. Wir blickten auf diese Welt
und wir blickten auf andere Leute, während wir handelten.
Wir überdachten unsere Handlung und nahmen uns neue
Verhaltensweisen, neue Korrekturen vor.

292
Epilog

Parallel dazu wurden wir von anderen „angeschaut”, die


uns ermunterten oder uns tadelten. Selbstverständlich gab
es einen dem gesetzlichen System eigenen, institutionellen
„Blick”, ebenso wie einen den Sitten und Gebräuchen ei-
genen „Blick”. Für einige existierte auch ein komplexerer
„Blick”. Ein äußerer Blick, der nicht nur unser äußeres
Verhalten unter die Lupe nahm, sondern auch unsere
tiefsten innerlichen Absichten. Dies war der Blick Gottes.
Für andere war dies der Blick des eigenen „Gewissens”,
das sie als moralische Denk- und Verhaltensbereitschaft
verstanden.
Der eigene Blick über die Welt und die Blicke anderer
über einen selbst fungierten also als Verhaltenskorrekturen
und dank all dem gestaltete sich ein Verhalten. Heute ver-
fügen wir bereits über ein enormes System von Kodizes,
die in unserer Prägungslandschaft entstanden sind. Unsere
Verhaltensweise entspringt aus ihm und wir wenden sie in
einer Welt an, die sich jedoch verändert hat.

C) Das "Mitschleppen" von Verhaltensweisen aus der


Prägungslandschaft im gegenwärtigen Moment

Unser gegenwärtiges typisches Verhalten besteht aus zahl-


reichen Verhaltensweisen. Wir können diese Verhaltens-
weisen als „Taktiken” verstehen, die wir benutzen, um uns
in der Welt zu entfalten. Viele dieser Taktiken haben sich
bislang als angemessen bewährt, aber es gibt andere, von
denen wir erkennen, dass sie unangebracht und sogar kon-
flikterzeugend sind. Es ist sinnvoll, hierauf kurz näher ein-
zugehen. Warum sollte ich weiterhin Taktiken anwenden,
die sich als unwirksam oder kontraproduktiv erweisen?

293
Selbstbefreiung

Warum fühle ich mich von diesen Verhaltensweisen, die au-


tomatisch funktionieren, überrollt? Wir werden auf einen
Begriff zurückgreifen, den wir der klassischen Psychologie
entleihen, um uns auf diese inneren Kräfte zu beziehen, die
uns, ohne dass wir es wollen, zum Handeln zwingen oder
uns bei der Handlung, die wir ausführen wollen, hemmen.
Wir werden den Begriff „Zwang” benutzen.
Wir kennen zahlreiche Zwänge, die in uns wirken. Das
System der Selbstbefreiung ist in großem Maße ein Werk-
zeug zur Überwindung von kontraproduktiven Zwängen.
Wir haben an diesem Thema also schon mehr als genug
gearbeitet. Aber es ist Zeit, einen situationsbezogenen
Blick anzuwenden und zu verstehen, dass zusätzlich zu den
subjektiven Faktoren, die als Spannungen, Klimata, Bilder
usw. wirken, Verhaltensweisen existieren, die schon in un-
serer Prägungsetappe gespeichert und kodifiziert wurden
und die damals mehr oder weniger wirksam waren, aber
heute nicht mehr angemessen funktionieren. Wir sollten
all dies von seinem Ursprung aus überprüfen und uns den
Anforderungen der neuen Zeit gegenüber erneuern.

D) Vorschlag einer situationsbezogenen Selbst‑


erkenntnis

Nimm noch einmal die autobiographischen Arbeiten auf


und fange ein neues Kapitel an, in dem du die Situation
deiner Kindheit und dann deiner Jugend darstellst. Es
geht nicht um Perfektion. Rekonstruiere in groben Zügen
deine Prägungslandschaft und lege die Betonung nicht auf
die berührbaren Gegenstände jener Zeit, sondern auf die
unberührbaren. Beobachte deine Familienstruktur und
die Werte, die in deiner Familie herrschten: das, was als

294
Epilog

gut angesehen war und das, was getadelt wurde. Beobach-


te die Hierarchien und die etablierten Rollen. Übe keine
Kritik, versuche nicht zu urteilen.... sondern einfach zu
beschreiben.
Beschreibe jetzt die unberührbaren Objekte, welche die
Beziehung mit deinen Freunden prägten. Urteile nicht.
Beschreibe die unberührbaren Objekte, die in der Schu-
le wirkten, in der Beziehung zum anderen Geschlecht, in
der gesellschaftlichen Umgebung, in der du dich bewegt
hast. Urteile nicht.
Nachdem du mit der empfohlenen Beschreibung fertig
bist, versuche zusammenzufassen, wie diese Landschaft
war, indem du die Moden, Bauwerke, Instrumente, Fahr-
zeuge usw. zur Hilfe nimmst, um deine Beschreibung der
Prägungslandschaft durch berührbare Gegenstände zu un-
terstützen. Urteile nicht.
Und versuche schließlich, die „Sensibilität” zu erfassen,
den allgemeinen Gemütston der wichtigsten Momente
deiner Prägungslandschaft. Möglicherweise dienen dir die
Musik, die Helden des Augenblicks, die begehrte Kleidung,
die Idole aus der Geschäftswelt, der Politik, der Kino- und
der Sportwelt als Bezugspunkte, um den Gemütston zu er-
fassen, der als Hintergrund in der dich umgebenden Welt
wirkte. Urteile nicht.
Untersuche jetzt, wie du all dies „angeschaut” hast und
wie die Mitglieder dieser Welt dich „angeschaut” haben.
Erinnere dich an die Form, wie du all dies beurteilt hast
und an die Weise, wie du reagiert hast. Beurteile es nicht
aus deiner „heutigen” Sicht, sondern mach es aus der da-
maligen Sicht. Wie war dein Zusammenprall, deine Flucht,
dein In-Dich-Zurückziehen, deine Zustimmung? Wenn
du dies beantwortest, wirst du es unter Berücksichtigung

295
Selbstbefreiung

der Verhaltensweisen machen, die sich zu jener Zeit in dir


gestaltet haben. Beschreibe die Art und Weise, wie du be-
urteiltest und wie du beurteilt wurdest und mit welchen
Rollen du in dieser Landschaft gehandelt hast. Aber sage
jetzt nicht, ob es gut oder schlecht war. Beschreibe einfach.
Wir sind jetzt in der Lage zu verstehen, wie diese
Verhaltensweisen und dieser allgemeine Gemütston bis
hierhin, bis zum heutigen Tag gelangten. Untersuche jetzt,
was du aus jener Zeit in Bezug auf die Handlung und die
„Sensibilität” mitgeschleppt hast. Lass dich nicht von den
Veränderungen deiner Verhaltensweisen verwirren, da viele
von ihnen die gleiche Struktur beibehalten, auch wenn sie
sich im Laufe der Zeit erheblich verfeinert haben.
Es gilt zu verstehen, dass viele „Taktiken” verbessert
wurden, aber dass einige starr und ohne wachsende An-
passung geblieben sind. Untersuche die Beziehung jener
starren Verhaltensweisen, jener Taktiken mit der Art der
Sensibilität zu jener Zeit. Prüfe, ob du innerlich zur Auf-
gabe dieser Sensibilität bereit bist, die selbstverständlich
Wertvorstellungen miteinschließt, die du aufrechterhältst.
Wir sind an einem Moment angelangt, wo tiefes Nach-
sinnen gefragt wird. Wir schlagen nicht vor, dass du die
Werte und die Sensibilität deiner Prägungslandschaft auf-
gibst. Wir sprechen von etwas Anderem: zu verstehen, wie
all dies in deiner gegenwärtigen Situation wirkt.
Du bist es, der entscheiden muss – und an Werkzeugen
mangelt es dir nicht –, um die als notwendig erachteten
Veränderungen durchzuführen. Aber jetzt werden die von
dir bewältigten Veränderungen strukturell und situations-
bezogen sein, und nicht mehr einfach nur subjektiv, weil
du die gesamte Beziehung mit der Welt, in der du lebst, in
Frage stellst.

296
Epilog

Wir haben die vorangegangene Arbeit nicht als eine zu-


sätzliche Übung charakterisiert, sondern als ein Nach-
sinnen über das eigene Leben. Aus dem Zusammenhang
der Darlegungen geht hervor, dass wir nicht versuchen,
einige unerwünschte Taktiken zu verändern, sondern dass
wir uns die Wahrheit über unsere Beziehung mit der Welt
vor Augen halten. Selbstverständlich ist man nach all der
gemachten Arbeit in der Lage, die Ursprünge von zahl-
reichen Zwängen zu verstehen, die mit Verhaltensweisen
verknüpft sind, welche bereits in der Prägungslandschaft
begannen. Aber die Veränderung von Verhaltensweisen,
die mit Werten und einer bestimmten Sensibilität verbun-
den sind, kann sicherlich nur schwer durchgeführt werden,
ohne an der Struktur der umfassenden Beziehung mit der
Welt zu rühren, in der man gegenwärtig lebt. Nachdem
man das Problem verstanden hat, und falls man keine
strukturelle Veränderung des Verhaltens anstrebt, wird
man sich entscheiden müssen, welche die zu verändernden
Taktiken sind, die man als unangebracht betrachtet. Diese
Bestrebung kann durch die Anwendung von verschiede-
nen, seinerzeit studierten Techniken erfüllt werden.
Aber was kann man damit gewinnen, wenn man nicht
zu strukturellen Veränderungen bereit ist? Zumindest wird
es vorteilhaft sein, das Wissen über uns selbst zu erweitern;
was die Notwendigkeit radikaler Veränderungen angeht,
wird die Situation, in der wir augenblicklich leben, uns
dazu führen, uns für die eine oder für die andere Richtung
zu entscheiden. Andererseits verändern sich die Situatio-
nen, und möglicherweise birgt die Zukunft Anforderun-
gen, die wir heute noch nicht ausreichend spüren.

297
Selbstbefreiung

E) Die Planung der Zukunft auf der Grundlage eines


ganzheitlichen Gesichtspunkts

Wenn wir von Planung sprechen, beziehen wir uns auf


Angelegenheiten von höchstem Interesse für die Richtung
unseres Lebens. Es gibt zahlreiche Planungs-Techniken,
die vom Flussdiagramm zur Erstellung eines Compu-
terprogrammes bis hin zur Aufstellung einer Strategie in
einer Firma oder im politischen, gesellschaftlichen oder
kulturellen Leben reichen. Aber wir werden uns nicht mit
diesen Fällen beschäftigen, sondern mit jenen, die sich auf
die Ausrichtung des Lebens beziehen. Auf diesem Gebiet
herrscht eine ziemliche Verwirrung.
Nehmen wir, z.B. ein Paar, das seine Zukunft plant:
Sie trachten nach einem mit Verständnis und Eintracht
ausgefüllten Leben, sie wollen eine gemeinsame und feste
Existenz aufbauen. Da sie praktische Leute sind, beziehen
sie auch Fragen wie Einkünfte, Ausgaben usw. in ihre Pla-
nung mit ein. Nach Ablauf von fünf Jahren stellen sie fest,
dass sich ihre Planung als angemessen herausgestellt hat.
Die Einkünfte verliefen erfolgreich, und sie haben jetzt
zahlreiche Dinge, die sie sich früher gewünscht haben. Al-
les Berührbare hat noch besser geklappt als es geplant war.
Niemand mit gesundem Menschenverstand würde von
einem Scheitern der Planung sprechen. Natürlich sollte
man nun aber feststellen, ob das Unberührbare, das ja die
Grundlage der Planung darstellte, vollständig erreicht wur-
de. Was die Prioritäten angeht, kam an erster Stelle das mit
Verständnis und Eintracht ausgefüllte gemeinsame Zu-
sammenleben; die berührbaren Dinge waren zweitrangig
– Dinge, die nötig waren, um jenes Ergebnis in der Praxis
zu erreichen. Wenn die Sachen so gelaufen sind, hat sich

298
Epilog

die Planung des Lebens als erfolgreich herausgestellt; wenn


sich die Prioritäten vertauscht haben oder der wichtigste
Bestandteil verschwunden ist, hat sich die Planung als
gescheitert herausgestellt. Dies ist der Fall einer einigerma-
ßen wichtigen Lebensplanung, in der die unberührbaren
Elemente in Betracht gezogen werden sollten. Bei einem
Flussdiagramm oder einer Firmenstrategie ist dies nicht
der Fall.
Und schließlich würde sicherlich niemand auf die Idee
kommen, sein Leben in einem verwirrten oder erregten
Zustand, mit anderen Worten, in einem Zustand offen-
sichtlichen inneren Zwanges zu planen. Um das Beispiel
ins Groteske zu ziehen, sagen wir, dass jeder versteht, dass
gewisse Planungen selbst im Zustand der Trunkenheit
noch mehr oder weniger gut klappen können, aber dieser
Zustand scheint nicht die geeignete Bewusstseinsebene für
vernünftige mittel- und langfristige Planungen zu sein.
Mit anderen Worten, für eine angemessene Planung wird
es angebracht sein, zu verstehen, von „wo” aus sie gemacht
wird, welche geistige Richtung den Weg der Planung vor-
gibt. Warum sollte man sich nicht fragen, ob die Planung
von den gleichen Zwängen diktiert wird, die bis zum jetzi-
gen Augenblick zu zahlreichen Fehlschlägen in den Hand-
lungen geführt haben?
Beschließen wir die Lebensplanung aus einem ganz-
heitlichen Gesichtspunkt heraus: die Prioritäten müssen
eindeutig festgelegt werden; man muss zwischen dem
angestrebten Berührbaren und Unberührbaren unterschei-
den; man muss Zwischenfristen und Indikatoren festlegen,
und selbstverständlich wird es sinnvoll sein zu klären, von
welcher geistigen Richtung aus das Projekt entworfen

299
Selbstbefreiung

wird, wobei man darauf achtet, ob es sich um einen Zwang


handelt oder um eine vernünftige Einschätzung, die für die
Erreichung des Ziels angemessen ist.

300
301
Selbstbefreiung

302
Vokabular
Abstraktion. Bewusstseinsmechanismus, der es ausge-
hend von den Funktionalitätsmerkmalen der Objekte
ermöglicht, Konzepte zu bilden (s. Ideenbildung). Diese
Fähigkeit des Bewusstseins nimmt in der Wachebene zu
und verringert sich in den tieferen Ebenen. Sie charakte-
risiert sich durch eine Abschwächung der Bilder und dem
Auftauchen bestimmter logischer Kategorien, die schwer
mittels Bildern vorstellbar sind.

Allegorie. Durch den assoziativen Bewusstseinskanal er-


zeugtes dynamisches Bild mit vervielfältigenden, summie-
renden, assoziativen und umwandelnden Eigenschaften.
Allegorien sind plastisch umgewandelte Erzählungen,
in denen etwas Vielfältiges festgehalten oder mittels An-
spielungen vervielfacht wird, in denen sich aber auch das
Abstrakte konkretisiert. Die Allegorie ist stark situations-
bezogen und erzählt von Situationen, die sich auf den in-
dividuellen Geist beziehen (Geschichten, Träume, Kunst,
Mystik, pathologische Zustände), oder auf den kollektiven
(Geschichten, Kunst, Folklore, Mythen und Religionen).

Allegorie, Klima und Ideenbildungssystem der ~. In der


Allegorie ist der emotionale Faktor unabhängig von der
Vorstellung. Das Klima ist Teil der Ideenbildung und ver-
rät die Bedeutung für das Bewusstsein, wobei es gegenüber
einem nicht entsprechenden Bild den Ausschlag gibt. Die
Allegorie respektiert weder die lineare Zeit noch die Raum-
strukturierung des Wachzustands.

303
Selbstbefreiung

Allegorie, Funktionen der ~. a) Sie erzählt von Situatio-


nen, wobei sie die Schwierigkeiten, etwas vollständig zu
erfassen, ausgleicht. b) Wenn man Situationen allegorisch
erfasst, wird es möglich, auf eine reale Situation indirekt
einzuwirken. c) Als Bildersystem neigt sie dazu, Ladungen
vom Bewusstsein zu den Antwortzentren hin zu verschie-
ben (Lachen, Weinen, Liebesakt, aggressive Konfrontation
usw.), womit sie Spannungsentladungen des Psychismus
herbeiführt.

Allegorien, Zusammensetzung der ~. Wir treffen auf


Behältnisse, Inhalte, erleichternde oder hindernde Ver-
bindungen, offensichtliche oder verborgene Attribute,
Ebenen, Beschaffenheiten, Elemente, Prozessmomente,
Umformungen und Umkehrungen. Diese Elemente wer-
den auch als allegorische Themen betrachtet.

Allegorien, assoziative Gesetze der ~. a) Die Ähnlichkeit


leitet den Geist bei seiner Suche nach etwas, was einem
bestimmten Gegenstand ähnlich ist. b) Die Kontiguität,
wenn er nach etwas sucht, das einem bestimmten Gegen-
stand eigen ist, oder nach etwas, was mit diesem in Kon-
takt steht, stand oder stehen wird. c) Der Kontrast, wenn
er nach etwas sucht, das einem bestimmten Gegenstand
entgegengesetzt ist oder zu diesem im Widerspruch steht.

Allegorien, Interpretationsregeln der ~. Sie bilden ein Ar-


beitssystem zum Verständnis der Allegorien; der Funktion,
die sie im Haushalt des Psychismus erfüllen (um später mit
diesen Phänomenen im Sinne der Spannungsentladungen
arbeiten zu können); der Interpretation der Illusion, sofern

304
Vokabular

diese Interpretation ermöglicht, auf eben diese Illusion


einzuwirken; um im Allgemeinen und konkret das Leiden
zu verstehen und zu beseitigen.

Amnesie. Fehler in der Arbeit des Gedächtnisses (s. da),


der vor allem aus der Blockierung des Wachrufens einer
bestimmten Information besteht, da man diese Empfin-
dung nicht registriert, weil die diesem Gedächtnisbereich
entsprechende Registrierungsempfindung von anderen
Empfindungsarten beeinflusst wurde (zum Beispiel den
schmerzhaften Empfindungen, die von der Struktur zu-
rückgewiesen werden und so alles, was sie begleitet, mit
sich reißen. S. Vergessen). Manchmal tauchen diese Infor-
mationen, die nicht wachgerufen werden können, in den
nicht wachen Ebenen auf. Es ist der Schmerzmechanismus
bei der Speicherung einer Information, der über kürzere
oder längere Zeit dazu führt, dass die Information ver-
schwindet. Die Information, die schmerzhaft gespeichert
wurde, wird entweder vergessen oder vom Bewusstsein
erneut wachgerufen, wobei aber die damaligen sie beglei-
tenden, sekundären Inhalte verändert werden. Es gibt ver-
schiedene Arten von Amnesien, darunter die anterograden,
retrograden sowie die kombinierten retroanterograden. Sie
alle beziehen sich auf ein bestimmtes Ereignis.

Antwort. Die Handlung, die sich zur Empfindungswelt


hin ausdrückt, wird Antwort genannt (s. Verhalten, Ein-
schätzung des Verhaltens; s. Rollen)

305
Selbstbefreiung

Antwort, verzögerte. Sie unterscheidet sich von der re-


flexartigen Antwort durch das Eingreifen von Koordinati-
onskreisläufen, durch die Möglichkeit, die Antwort durch
verschiedene Zentren zu kanalisieren sowie durch die zeit-
liche Aufschiebung gegenüber dem Reiz.

Antwort, reflexartige, oder Reflex. Signal, das unter Um-


gehung des Bewusstseins von den Sinnen zu den Zentren
geht, und zwar ohne die Mitwirkung irgendeiner Art von
Bild, das im Vorstellungsraum projiziert wurde und von
dort aus auf die Zentren wirkte.

Antwortzentren. Konzeptuelle Synthese bezüglich eines


Mechanismus des Psychismus, der auf die Empfindungs-
welt eine Antwort gibt. Die Antwort ist der Ausdruck der
Zentrumsaktivität auf die äußere und/oder innere Um-
gebung. Wir können die Antwortzentren aufgrund ihrer
Aktivität oder der Funktion, die sie erfüllen, unterscheiden
(s. Zentren).

Apparate. Darunter verstehen wir die Sinnesstruktur, die


Gedächtnisstruktur und die Bewusstseinsstruktur mit ih-
ren unterschiedlichen Ebenen. Diese Apparate arbeiten auf
integrierte Weise und die Verbindung unter ihnen findet
mittels Impulsen statt, welche je nach der Umgebung, der
sie angehören, Umformungen, Übersetzungen und Um-
wandlungen erfahren.

Apperzeption. So nennt man die Bewusstseinsaktivität,


bei der die Aufmerksamkeit auf die Sinneswahrnehmung
gerichtet wird. Das Bewusstsein wirkt auf die Sinne, damit
sich diese in die eine oder andere Richtung bewegen. So

306
Vokabular

werden die Sinne nicht nur durch die Aktivität der auf sie
gerichteten Phänomene bewegt, sondern auch durch die
Richtung, welche das Bewusstsein vorgibt.

Arbeitsebenen. Das sind die Zustände, in denen sich die


Antwortzentren zu einem bestimmten Zeitpunkt befinden
und die ihre Aktivitäten modulieren. Wir beziehen uns auf
sie als innere Beweglichkeit, welche die Struktur hat, um
auf die Reize auf die eine oder andere Art zu antworten, je
nachdem, ob sie sich in der Wachheit, im Halbschlaf oder
im Schlaf befindet. Selbst wenn man in einer bestimmten
Ebene arbeitet, gibt es in den anderen Ebenen weiterhin
irgendeine Art von Aktivität. Wir betrachten die Arbeits-
ebenen als eine Gesamtheit von Aktivitätspotentialen, die
sich gleichzeitig in Dynamik befinden. Die Regulierung
der Arbeit dieser Ebenen hängt von Körperstellen ab, die
Signale empfangen und ausgeben.
In der Wachebene arbeiten die rationalen Mechanismen
vollständig und man hat Kontrolle über die geistigen und
körperlichen Aktivitäten in der Außenwelt und gibt ihnen
eine Richtung.
In der Schlafebene nimmt diese Funktionsweise ab,
und wenn der bilderlose Tiefschlaf vorherrscht, dann funk-
tioniert nur noch das vegetative Zentrum, das mit seinem
charakteristischen Automatismus innere Antworten gibt.
Dieser Schlafzustand wechselt sich zyklisch mit einem
anderen ab, den wir Schlaf mit Traumbildern nennen (pa-
radoxer Schlaf ), mit Bildern, die auf der Vorstellungsbild-
fläche registriert werden.
Wir unterscheiden zwischen Ebenen und Zuständen
(s. da). Der Schlaf dient dazu, den Körper zu regenerieren
und die gesamte Informationsmenge des unmittelbaren

307
Selbstbefreiung

Gedächtnisses zu ordnen sowie zahlreiche körperliche und


psychische Spannungen zu entladen (in diesem Falle mit-
tels des Bildes).
In der Halbschlafebene vermischen sich die Phäno-
mene der anderen beiden Ebenen. Man steigt aus dem
Schlaf zum Halbschlaf empor, und man erreicht sie vor
dem vollständigen Aufwachen. Diese Ebene ist reich an
Fantasien und langen Bilderketten, welche die Funktion
erfüllen, innere Spannungen zu entladen oder Inhalte zu
ordnen, wobei manchmal die Ladungen von den einen zu
den anderen verschoben werden.
Die Tagträumerei in der Wachheit ist keine Ebene son-
dern ein Zustand, in dem sich, bei voller Wachheit, dem
Schlaf oder Halbschlaf eigene Bilder den Weg bahnen und
so Druck auf das Bewusstsein ausüben. Dies geschieht
ebenfalls mit dem Ziel, Spannungen zu entladen. Darü-
ber hinaus dienen die Tagträume in der Wachheit dazu,
situationsbedingte Schwierigkeiten oder Bedürfnisse, die
das Subjekt erfährt, zu kompensieren. Das ist im Grun-
de mit dem Problem des Schmerzes verwandt, und dieses
ist das innere Zeichen und die innere Registrierung, die
dann auftauchen, wenn das Subjekt sich in der Welt nicht
ausdrücken kann, wobei dann als Folge kompensatorische
Bilder auftauchen.

Assoziation. Bewusstseinsmechanismus, der es ermöglicht,


zwischen Bewusstseinsobjekten mittels der Kanäle von
Ähnlichkeit, Kontiguität und Kontrast Beziehungen her-
zustellen (s. Einbildung).

308
Vokabular

Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit ist eine Fähigkeit


des Bewusstseins, die uns ermöglicht, innere und äußere
Phänomene zu beobachten. Wenn ein Reiz die Reizschwel-
le passiert, wird das Interesse des Bewusstseins geweckt
und der Reiz verbleibt in einem zentralen Gegenwartsfeld,
auf das sich die Aufmerksamkeit richtet. Das heisst, die
Aufmerksamkeit funktioniert durch Interessen, durch et-
was, was irgendwie Eindruck auf das Bewusstsein macht
und eine Registrierung auslöst. Der Reiz, der das Interesse
weckt, kann in einem zentralen Aufmerksamkeitsfeld ver-
bleiben, das wir als Gegenwartsfeld bezeichnen und das mit
der Wahrnehmung zu tun hat. Alles, was nicht direkt mit
dem zentralen Objekt in Verbindung steht, löst sich in der
Aufmerksamkeit auf, begleitet aber die Objektgegenwart
durch assoziative Verbindungen mit anderen, nicht ge-
genwärtigen Objekten, die aber mit jenem in Verbindung
stehen. Dieses Phänomen der Aufmerksamkeit nennen wir
Mitgegenwartsfeld, und es hat mit dem Gedächtnis zu tun.
Beim Wachrufen kann die Aufmerksamkeit von den
Gegenwärtigkeiten auf die Mitgegenwärtigkeiten verlagert
werden, und dem ist so, weil es eine Registrierung des ge-
genwärtigen Objektes und der mitgegenwärtigen Objekte
gab. Die Mitgegenwart ermöglicht die Strukturierung von
neuen Informationen, und so können wir sagen, dass wenn
die Aufmerksamkeit auf ein Objekt gerichtet ist, wird sein
offenkundiger Aspekt gegenwärtig, während das nicht of-
fenkundige auf mitgegenwärtige Weise wirkt. Das macht
das Bewusstsein mit der Wahrnehmung, so dass es immer
mehr strukturiert, als das, was wahrgenommen wird, wo-
bei es das beobachtete Objekt übertrifft. Die Mitgegenwart
umfasst auch die verschiedenen Bewusstseinsebenen. So

309
Selbstbefreiung

gibt es in der Wachheit eine Mitgegenwart der Tagträume


und im Schlaf eine Mitgegenwart der Wachheit, was die
verschiedenen Zustände erzeugt (s. Bewusstseinsebenen).

Aufmerksamkeit, angespannte. Form der Aufmerksam-


keit, bei der die Denktätigkeit mit körperlichen Verspan-
nungen muskulärer Art verbunden ist und die für den
Aufmerksamkeitsprozess überflüssig sind.

Aufmerksamkeit, gerichtete. Form von apperzeptiver


Aufmerksamkeit, bei der die Denktätigkeit mit Entspan-
nungsregistrierungen verbunden ist.

Bedeutung-Zeichenbedeutung. So bezeichnen wir die


innere Registrierung von Übereinstimmung zwischen:
a) Der gegenständlichen Wahrnehmung, die als Zeichen
wirkt, und b) der zuvor als Form kodifizierten inneren Re-
gistrierung der besagten gegenständlichen Wahrnehmung.

Besitzen. (s. Leiden). a) Leiden steht in Verbindung mit


Angst (vor Krankheit, Einsamkeit und Tod), und Angst ist
mit der Erinnerung, der Empfindung und der Einbildung
verbunden. Aber diese gesamte Struktur hat ihrerseits mit
dem Besitzen von sich selbst, von Objekten und anderen
Personen zu tun. So leidet man auch, weil man etwas nicht
hat, aus Angst, etwas zu verlieren, was man hat, oder weil
man etwas nicht erreichen kann, was man sich wünscht.
Dieses Leiden wurzelt ebenfalls im Besitzen. b) Die Regis-
trierung des Besitzens hat mit Verspannung zu tun, sie ist
der Indikator dafür.

310
Vokabular

Bewusstsein. 1) Bewusstsein nennen wir die Registrierung,


die der koordinierende und strukturierende Apparat aus-
führt, wobei er mit Empfindungen, Bildern und Erinne-
rungen arbeitet. Dieser Apparat muss eine Beschaffenheit
haben, die ihm trotz seiner Beweglichkeit Einheit verleiht,
da die Aktivitäten, die er registriert, ebenfalls beweglich
sind. Er ist nicht von Anfang an im Menschen gestaltet
und scheint sich in dem Maße zu entwickeln, in dem sich
die Gesamtheit der Körperempfindungen entfaltet. Dieser
Registrierungsapparat von Empfindungen, Bildern und
Erinnerungen ist im Körper angesiedelt und seinerseits mit
den Körperempfindungen verbunden. Manchmal wird
dieser Apparat mit dem Ich (s. da) gleichgesetzt und diese
Gleichsetzung geschieht in dem Maße, wie Körperempfin-
dungen im Gedächtnisbereich hinzugefügt und verändert
werden. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet wird man
nicht mit einem Ich geboren, sondern es entwickelt und
gliedert sich durch eine Ansammlung von Erfahrungen.
Ohne Empfindung, Bild oder Erinnerung gibt es kein Ich.
Wenn sich das Ich selbst wahrnimmt, arbeitet es ebenfalls
mit diesen Wegen, unabhängig davon, ob diese wirklich
oder illusorisch sind.
2) Bewusstsein nennen wir das Koordinierungs- und
Registrierungssystem, das vom menschlichen Psychismus
zustande gebracht wird. Je nach den unterschiedlichen
Funktionen, die er erfüllt, beziehen wir uns trotz der ver-
schiedenen Bezeichnungen auf ein und denselben Appa-
rat: Wenn er koordiniert, nennen wir ihn "Koordinator",
wenn er registriert "Registrierer". Wir betrachten keinen
Vorgang des Psychismus als bewusst, wenn in ihm keine
Koordinierungstätigkeiten beteiligt sind.

311
Selbstbefreiung

Bewusstsein. Abstraktionskanäle: Arbeitsweisen des Be-


wusstseins, wobei es die Vielfalt der Phänomene auf ihre
wesentlichen Merkmale reduziert. Dabei kann es sich um
Phänomene der Außen- oder Innenwelt handeln (s. Abs-
traktion). Assoziationskanäle: Arbeitsweisen des Bewusst-
seins, wobei es die Vorstellungen aufgrund von Ähnlich-
keit, Kontiguität und Kontrast strukturiert.

Bewusstsein, erregtes. Dabei handelt es sich um eine Stö-


rung der Arbeitsweise des Bewusstseins. Das geschieht,
wenn man die wahrgenommenen Gegenstände als mit
einem Zweck, einer Tätigkeit oder Absicht ausgestattet
betrachtet. Die Halluzinationen, die wir als „erregtes
Bewusstsein“ bezeichnen, entstehen nicht nur bezüglich
visuell wahrgenommener Gegenstände, sondern ebenso
bezüglich koenästhetisch wahrgenommener Objekte, wo-
bei die Person diese Bilder als außerhalb von sich selbst
registriert. Das erregte Bewusstsein tritt auch in rituellen
Tätigkeiten auf, die zwar Wirksamkeit auf psychologischer
Ebene haben können (d.h. sie können zum Beispiel andere
Personen beeinflussen), aber sie sind vollkommen wir-
kungslos gegenüber materiellen Tatsachen.
Zur Verdeutlichung fügen wir hier einen bemerkens-
werten Auszug aus einem von Silo am 25. August 1969
in Buenos Aires gehaltenen Vortrag zu diesem Thema ein:
„Das erregte Bewusstsein verändert im Allgemeinen die
körperlichen Verhaltensweisen, mit dem Ziel, die Eigen-
schaften der Welt zu verändern; diese neuen Eigenschaf-
ten, die „gesetzt“ werden, sind subjektive Projektionen, die
selbstverständlich den äußeren Gegenständen nicht eigen
sind.

312
Vokabular

So rechnet das erregte Bewusstsein mit Glaubensvorstel-


lungen, die übertragen werden und die Gegenstände mit
einer Absicht ausstatten. Nachdem diese Gegenstände
gefühlsmäßig „aufgeladen“ worden sind, richtet sich die
körperliche Verhaltensweise unwirksam zu diesen hin (dies
im Gegensatz zu irgendeiner motorischen Aktivität, die
den eigenen Körper zum Gegenstand macht, indem sie
ihn auf dieselbe Ebene stellt wie die der Gegenstände, auf
die er wirkt).
Die dem erregten Bewusstsein entsprechende körperli-
che Verhaltensweise ist von ritueller Art, so wie es mehr als
ein zeitgenössischer Denker beschrieben hat.
Es kommt häufig vor, dass man vor Freude lacht und
klatscht, als wären dieses Lachen und Klatschen Zauber-
rituale oder ein synthetisches Einfangen des begehrten
Gegenstandes.
Das Kind (ja selbst der Erwachsene) stellt sich reglos
oder versteckt sich unter Leintüchern oder einer Decke,
wenn es oder er in der Nacht Angst hat. (…). Ein auf-
merksamer Beobachter kann leicht feststellen, dass eine
solche Verhaltensweise wirkungslos ist, und dass es eigent-
lich nicht darum geht, den Körper zu verstecken, sondern
vielmehr zu verneinen, um somit den bedrohlichen Ge-
genstand zu verneinen.
Sich in der Trauer zu verstecken ist ein ziemlich verbrei-
teter Ritus, und er hat zum Ziel, den „Körper verschwinden
zu lassen“, damit das (projizierte) Traurige verschwindet.
Viele Leute reagieren gegenüber einem Gegenstand,
der sie plötzlich erschreckt, durch lautes Schreien, als ob
sie mit dieser rituellen Handlung den erschreckenden
Gegenstand selbst erschrecken oder vertreiben würden. In
mehr als einer Gelegenheit haben wir Personen gesehen,

313
Selbstbefreiung

die durch einen Hund erschreckt wurden (durch einen


dieser Hunde, die plötzlich auftauchen), und die mit ei-
nem Schrei auf das Bellen geantwortet haben, wodurch
eine sonderbare Situation entstand, in der Angreifer und
Angegriffener unmittelbar in entgegengesetzte Richtungen
flohen, und zwar dank eben diesem Ritus, der sich in die-
sem Fall als wirksam erwies. Wenn der erschreckende Ge-
genstand nicht ein Hund, sondern eine umfallende Wand
gewesen wäre, dann wäre dieser Ritus leider wirkungslos
geblieben.
Niemand bestreitet, dass die Riten, welche das erregte
Bewusstsein begleiten, andere Funktionen erfüllen können.
Tatsächlich sind Lachen und Weinen motorische Abreakti-
onen oder Entladungen emotionaler Spannungen, welche
die Überladung von Zentren mildern, und die stattfinden,
wenn sich die Polaritäten umkehren. (…)
Die Verteidigungsschreie haben nebst ihrem rituellen
Ausdruck wohl etwas mit einem versteckten Hilferuf zu
tun. Das ist aber nicht so offensichtlich, wenn ein ängst-
licher Mann beim Vorbeigehen an einem geheimnisvollen
Haus anscheinend unbekümmert eine Melodie pfeift.
Es gibt viele erregte Bewusstseinszustände mit ihrem
Vorrat von entsprechenden Riten. Einer dieser Zustände
ist das magische Bewusstsein, bei dem der Ritus eine große
Bedeutung erhält und als die am wenigsten wirkungsvolle
Verhaltensweise hervorsticht.
Wenn jemand spürt, dass sich in der stillen mitter-
nächtlichen Gewalt plötzlich eine andere „Welt“ offenbart,
dass diese Welt unausweichlich in jenem gelblichen Licht
äußert, in diesen lauernden Spiegeln, im Nieselregen der
verlassenen, gepflasterten Straßen, in den finsteren Fried-
höfen, in denen irgendein Baum das „Medium“ ist, welches

314
Vokabular

die Klebrigkeit jener Welt übersetzt und ihr materielle,


wahrnehmbare Wirklichkeit verleiht und so zum Symbol
der Finsternis wird, dann ist diese Person vom magischen
Bewusstsein eingenommen.
Im erwähnten Fall wird die magische Situation durch
irgendeine alltägliche ersetzt, wenn sich das Subjekt am
nächsten Tag an seinem Arbeitsplatz befindet. Gewöhnli-
che Situationen können jedoch magisch gefärbt werden,
und diese Färbung kann sich auf die Gesamtheit des Be-
wusstseins ausdehnen.“

Bewusstsein, magisches. (Idem zitierter Vortrag, Silo,


Buenos Aires, 25.8.1969). "Es gibt eine Art, in der Welt
zu sein, die man als „magisch“ bezeichnen kann. Das ma-
gische Bewusstsein hat Auswirkungen auf die Gesamtheit
der inneren Vorgänge und wird zur alltäglichen Gegen-
standswelt projiziert. Es handelt sich somit um eine magi-
sche Situation sowie um eine alltägliche „magische Welt",
in der sich das Bewusstsein befindet.
Das magische Bewusstsein ist ein Fall des erregten
Bewusstseins, in dem das Fantasieren der gewöhnlichen
geistigen Aktivität vor den Schwierigkeiten der Welt flüch-
tet, aber dann mittels rituellen Projektionen zu den Ge-
genständen zurückkehrt, die täglich mit für die Vernunft
unverständlicher und unkontrollierbarer Feindlichkeit
näher kommen.
Die rituelle Haltung des magischen Bewusstseins ist
allen Arten von erregtem Bewusstsein gemeinsam, aber in
diesem Falle ist das vorherrschende Gefühl das der Angst
gegenüber dem Näherkommen des Unbekannten.
Die organische Entsprechung des magischen Bewusst-
seins ist die Haut, und der passende Sinn der Tastsinn.

315
Selbstbefreiung

Die Angst spürt man durch die Haut. Diese Angst bezieht
sich auf "das, was sich von hinten anschleicht und einen
überraschend erwischt". In diesem Augenblick entsteht die
rituelle Handlung, nicht um der Angst ein Ende zu setzen,
sondern um das "Angsteinflößende" abzuwerten.
Schematisch ausgedrückt: zuerst versucht man, mittels
Bewusstseinsakten auf die Welt zu wirken, da man über
keine physischen Handlungen verfügt, um sich gegen ei-
nen unsichtbaren Gegner, dessen Beweggründe überdies
unbekannt sind, zu wehren. In dieser Phase verbleibt der
Körper inaktiv, kaltgestellt. Alles ist Wahrnehmung: weit
geöffnete Augen, gespitzte Ohren, allgemeine motorische
Untätigkeit.
Anschließend spürt man in der Welt die Aktivität, die
dem Körper fehlt.
An dritter Stelle erfindet das Bewusstsein eine Handlung
(Ritus), damit dieser das Näherkommen des Angsteinflö-
ßenden verhindert.
Zum Schluss erlangt der Ritus einen eigenen Wert,
wird kodifiziert und auf Lager gehalten in Erwartung neu-
er Angriffe.
Auf diese Weise wird mittels des rituellen Verhaltens
oder des Ritualobjekts (Fetisch) die magische Welt, die nur
darauf wartet, sich zu "manifestieren", erneut zurecht ge-
legt. Das gefangene Bewusstsein muss das Näherkommen
(das heißt, das "Voranschreiten") des Angsteinflößenden
verhindern. Das bezieht sich bereits auf die Zukunft als
Bewusstseinszeit. Diese lauernde Zukunft verwandelt die-
ses Bewusstsein häufig in ein Schicksal.

316
Vokabular

(...). In der Gegenstandswelt zu handeln bedeutet, in


ihr physisch zu handeln, und eben das verneint der Ma-
gier. Diese primäre Trennung zwischen dem Bewusstsein
und der Welt der Dinge schafft den Bereich der magischen
Situation."

Bewusstsein, Fehler des ~. Halluzination (s. da)

Bewusstsein, Funktionsstörungen des ~. a) Mit den Sin-


nen: Unfähigkeit, von verschiedenen Empfindungskanälen
stammende Informationen in Verbindung zu setzen, bzw.
Interpretationsfehler der Information eines Sinnes, die ei-
nem anderen Sinn zugeordnet wird; b) Mit dem Gedächt-
nis: Bestimmte Arten des Vergessens und Blockaden.

Bewusstseinsebenen. Das sind die verschiedenen Ar-


beitsformen des Kreislaufes Bewusstsein-Sinne-Gedächt-
nis-Zentren. Die Bewusstseinsebenen können aufgrund
der Tätigkeiten, die sie ausführen, und aufgrund der
Registrierungen dieser Tätigkeiten unterschieden werden.
Es gibt keine Registrierung der Bewusstseinsebenen ohne
diese Tätigkeiten oder Inhalte. Die unterschiedlichen
Bewusstseinsebenen erfüllen die Funktion, die Menge an
Informationen auszugleichen und zu strukturieren, um so
die psychische Energie wieder herzustellen.
Wir unterscheiden: Tiefschlafebene, die durch eine
minimale Tätigkeit der äußeren Sinne charakterisiert wird
(es gibt keine andere Information von der Umwelt, als
jene, welche die vom Schlaf selbst gebildete Reizschwelle
übersteigt). Die Arbeit des koenästhetischen Sinnes ist vor-
herrschend, wobei er die Impulse liefert, die von den asso-
ziativen Mechanismen übersetzt und umgewandelt werden

317
Selbstbefreiung

und so die Traumbilder entstehen lassen, die eine starke


Suggestivkraft besitzen. Die psychologische Zeit und der
Raum sind gegenüber der Wachheit verändert und die
Akt-Objekt-Struktur erscheint häufig ohne Entsprechung
zwischen ihren Elementen. „Klimata“ und Situationen
machen sich häufig voneinander unabhängig, was dazu
führt, dass die Ladungen, welche die Vorstellungen beglei-
ten, sich von den Objekten loslösen, mit denen sie in der
Wachheit verknüpft sind.
Die Kritik- und Selbstkritikmechanismen verschwin-
den, und sie verstärken ihre Tätigkeit mit ansteigender
Bewusstseinsebene. Wir unterscheiden die Tiefschlafebene
ohne Bilder und mit Bildern.
In der Halbschlafebene nimmt die Tätigkeit der äuße-
ren Sinne zu, aber ihre Information ist nicht vollkommen
strukturiert, da es Überlagerungen von Träumereien und
inneren Empfindungen gibt. Die Suggestionskraft der Bil-
der nimmt ab, während sich gleichzeitig die Selbstkritik
schwach zu äußern beginnt. Wir unterscheiden den Zu-
stand des passiven Halbschlafs, der einen einfachen Über-
gang zum Schlaf bietet und einem inneren Entspannungs-
system entspricht, vom Zustand des aktiven Halbschlafs,
der einen einfachen Übergang zur Wachheit bietet und
gestört sein kann (was die Grundlage der Spannungen und
Klimata ist), oder ruhig und aufmerksam sein kann. Der
Zustand des aktiven Halbschlafs ist der angemessene, um
Klimata und Spannungen des Wachzustands aufzuspüren.
In der Wachebene liefern die äußeren Sinne die größte
Fülle an Informationen, wobei sie mittels Hemmung die
inneren Sinne regulieren und so ermöglichen, dass sich das
Bewusstsein bei seiner Arbeit des Reizausgleichs zur Welt
hin richtet. Die Kritik- und Selbstkritikmechanismen, die

318
Vokabular

Abstraktions- und Umkehrbarkeitsmechanismen funk-


tionieren vollumfänglich (wodurch sie die Suggestibilität
der unterhalb der Wachheit liegenden Inhalte verringern).
Auf diese Weise greifen sie in hohem Maße in die Koordi-
nierungs- und Registrierungsaufgaben ein. Es gibt einen
Tonus der aktiven Wachheit, der aufmerksam oder gestört
sein kann.
Beim Übergang von einer zur anderen Ebene treffen
wir auf Trägheitsphänomene (s. da), auf das Phänomen des
Verlagerns von Inhalten (s. Zustände) sowie auf zeitliche
und räumliche Veränderungen des Bewusstseins.

Bewusstseinsebenen. Beziehungen: Die Beziehung zwi-


schen den Ebenen erzeugt in diesen gegenseitige Störungen.
Wir unterscheiden vier Faktoren, die auf diese Beziehung
einwirken. Trägheit: Die Tendenz jeder Ebene, ihre Akti-
vität beizubehalten. Die Trägheit führt zum allmählichen
Übergang von einer zur anderen Ebene. Rauschen: Die
Trägheit der unteren Ebene taucht als "Hintergrundrau-
schen" bei der Arbeit der höheren Ebene auf. Als Rauschen
können wir die Klimata, die Spannungen und die der
gegenwärtigen Arbeit nicht entsprechenden Inhalte un-
terscheiden. Rückprall: Jede Ebene versucht, ihre Trägheit
aufrecht zu erhalten, aber gelegentlich werden die für eine
Ebene charakteristischen Tätigkeiten in eine andere Ebene
eingefügt, was seinerseits den Rückpralleffekt herbeiführt,
der darin besteht, dass fremde Inhalte mit ihrer für sie ei-
genen Konstellation in die antreibende Ebene eingeführt
werden (s. Mitschleppen).

319
Selbstbefreiung

Bewusstseinsmechanismen. a) Umkehrbarkeit (s. da).


b) Intentionalität und Zeiten des Bewusstseins (s. da).
c) Aufmerksamkeit (s. da). d) Abstraktion (s. da). e) As-
soziation (s. da). Diese Mechanismen arbeiten wirksamer
in der Wachebene, und sie stellen ihrerseits das Merkmal
dieser Ebene dar, mit Ausnahme des Assoziationsmecha-
nismus, dessen Arbeitsbereich perfekt in der Schlaf- und
Halbschlafebene liegt. Beim Sinken der Ebene wird ihre
Arbeitsweise eigenartiger und sie verlieren gegenständliche
Wirksamkeit (das heißt Wirksamkeit bezüglich der Gegen-
stände der Außenwelt).

Bild. Als Bild bezeichnen wir strukturierte und gestalte-


te Vorstellungen, welche das Bewusstsein ausgehend von
Empfindungen oder Wahrnehmungen macht, die von der
äußeren oder inneren Umgebung auf dem Sinneskanal
(s. Empfindung) herkommen oder hergekommen sind
(Gedächtnis). Es gibt somit visuelle Bilder, Tast- und Ge-
ruchsbilder, auditive, koenästhetische oder kinästhetische
Bilder (s. Form). Das Bild ist Bestandteil des Impulsum-
wandlungssystems, das jeden Impuls, der zum Bewusstsein
gelangt, in ein Bild verwandelt. Dieses Bild seinerseits ist
die Gesamtheit der Impulse, welche das Bewusstsein zu
den Zentren sendet, um Antworten in Gang zu setzen.

Bild, Funktion des ~. a) Antwortzentren in Gang zu set-


zen, um der psychophysischen Struktur die Reize näherzu-
bringen oder sie von ihr fernzuhalten, je nachdem, ob es
sich um schmerz- oder lustvolle Reize handelt. Im Falle des
Gedächtnisses, je nachdem, ob dieses lust- oder schmerz-
volle Daten sendet, setzt es auch die Einbildung in Gang,
welche dann die Struktur in die eine oder andere Richtung

320
Vokabular

bewegt. b.1) Impulse zu den Antwortapparaten zu brin-


gen. Wenn also ein Bild auftaucht, dann setzt sich dank
dem Muskeltonusmechanismus (s. da) eine Antwort in
Gang (wenn eine Abstraktion auftaucht, wird nicht unbe-
dingt eine Antwort in Gang gesetzt). Wir sagen damit, dass
das Bild psychologische Ladungen auf körperliche Ebenen
überträgt. Es stellt eine Verbindung psychischer Tätigkei-
ten dar, die psychische Ladungen aufnimmt und sie von
einem Ort zum anderen verschiebt. Es verschiebt Impulse,
bei denen es sich manchmal um Spannungen, Irritationen,
Wahrnehmungs- oder Gedächtnisinformationen handelt.
Diese Impulse werden in Bilder übersetzt, die, wenn sie
sich ausdrücken, zu den Zentren gesendet werden, von
wo aus sie schließlich den Körper bewegen. b.2) Durch
denselben Mechanismus, aber bezogen auf das Lust- bzw.
Schmerzvolle in den geistigen Aktivitäten selbst, erfüllt
das Bild die Funktion, Spannungen in der Vorstellung
zu entladen. Wenn man sich also an angenehme Dinge
erinnert, so ist das dem Haushalt des Psychismus zuträg-
lich. Wir nennen dies "kathartische Funktion des Bildes".
b.3) Das Bild hat überdies eine übertragende Funktion,
und zwar wenn es sich vom Impulsbereich, der es erzeugte,
loslöst. c) Jeder Sinnes- oder Gedächtnisimpuls ruft im
Registrierungsapparat ein Bild hervor. Die Bilder, welche
die Sinneswahrnehmung begleiten, setzen bezüglich des
ankommenden Reizes Aktivitäten in Gang. Es ist nicht die
Empfindung oder die Wahrnehmung, die Aktivitäten in
Gang setzen, sondern das durch diese Wahrnehmung ak-
tivierte Bild. Das Bild lenkt das Muskelsystem, und dieses
folgt ihm. Es ist nicht der Reiz, der die Muskeln bewegt,
sondern das Bild, das auf die äußeren oder inneren Mus-
kelsysteme wirkt, was wiederum zahlreiche physiologische

321
Selbstbefreiung

Phänomene in Gang setzt. Von diesem Standpunkt aus ge-


sehen können wir sagen, dass die Funktion des Bildes darin
besteht, der Welt, aus der die Empfindungen herkommen,
Energie zuzuführen, beizutragen und zurückzugeben.

Biographie. Persönliche Geschichte (s. Verhalten, Fakto-


ren, die es beeinflussen).

Biorhythmen. Zyklen und Rhythmen, die in jedem Le-


bewesen stattfinden. Sie regulieren alle menschlichen Ak-
tivitäten. Innerhalb der vegetativen Aktivitäten erkennen
wir zum Beispiel: a) Kurze Zyklen: Atmung, Kreislauf,
Verdauung; b) Tageszyklen; c) Monatszyklen; d) Zyklen
der biologischen Etappen usw.
Alle Zentren haben ihren eigenen Rhythmus, geben
aber der Gesamtstruktur einen allgemeinen Rhythmus vor.
Die Zyklen und Rhythmen der Zentren unterscheiden sich
zwar innerhalb eines allgemeinen ausgleichenden Systems,
sie behalten aber eine strukturelle Beziehung, auch wenn
ihre Zeiten unterschiedlich sind. Bezüglich dieser Struk-
tur im Allgemeinen stellt das zyklische Ausgleichssystem
einen Indikator für ihr Gleichgewicht im Laufe der Zeit
dar. Die Biorhythmen sind in der Arbeit der Zentren, der
Bewusstseinsebenen und des Verhaltens im Allgemeinen
gegenwärtig.

Biotypus oder Menschentypus. Jeder Menschentypus


entspricht einem solchen, und zwar aufgrund seiner na-
turgegebenen Veranlagung, gemäß der die Arbeit eines
Zentrums die Arbeit der anderen Zentren übertrifft. Je
nach der Antwortgeschwindigkeit auf einen Reiz und der
Richtung der Energie unterscheiden wir vier Grundtypen,

322
Vokabular

welche sich in charakteristischen Verhaltensweisen wieder-


spiegeln, und das sind: der vegetative, der motorische, der
emotionale und der intellektuelle Typus. Jeder Typus lässt
entsprechend der Veranlagung zu einer größeren Arbeit
eines Unter-Teils eines Zentrums Untertypen zu. Durch
Ausbildung und verwirklichte Arbeit können Zentren,
Teile und Unter-Teile weiter entwickelt werden und Ver-
änderungen des Grundtypus hervorrufen.

Einbildung. a) Mit dem Assoziationsmechanismus (s. As-


soziation) in Verbindung stehende Bewusstseinsaktivität.
Wir unterscheiden die freilaufende Einbildung, die rein
assoziativen Charakter hat und bei der die Bilder ausgelöst
werden und sich dem Bewusstsein aufdrängen (vor allem
im Schlaf und Halbschlaf ), sowie die gerichtete Einbildung,
bei der die Bilderassoziation rund um einen vom Bewusst-
sein vorgeschlagenen schöpferischen Plan geordnet wird,
mit dem Interesse, etwas Gestalt zu geben, was es bis dahin
noch nicht gibt. Letztere unterscheidet sich ihrerseits von
der gezielten Erinnerung. b) Bewusstseinsfunktion, die
mit Gedächtnisinformationen arbeitet, denen sie als Bild
Gestalt gibt und sie in die Zukunft projiziert.

Empfindung. a) Siehe Registrierung. b) Theoretisches


Wahrnehmungsatom. c) So nennen wir das, was registriert
wird, wenn ein von der äußeren oder inneren Umgebung
stammender Reiz (inklusive Bilder und Erinnerungen) er-
fasst wird, welcher den Tonus des wahrnehmenden Sinnes
verändert. Von diesem Standpunkt aus betrachtet kann
im Bewusstsein nichts existieren, das nicht zuvor von den
Sinnen erfasst worden ist. Auch die Gedächtnisinhalte
und die Aktivitäten des Bewusstseins und der Zentren

323
Selbstbefreiung

selbst werden von den inneren Sinnen registriert. Für das


Bewusstsein existiert das, was sich vor ihm gezeigt hat, ein-
geschlossen das Bewusstsein selbst. Und da dieses Zeigen
vorher registriert werden musste, können wir sagen, dass
es auch dabei eine Empfindung gibt. d) Das, worauf jeder
Impuls reduziert wird (s. Schmerz).

Entspannung. Technik, die darauf abzielt, die äußere und


innere Muskulatur zu lockern. Es gibt auch eine geistige
Entspannung. Der Nutzen der Entspannung besteht dar-
in, Spannungen zu vermindern, auszuruhen, um allgemein
den Wachzustand zu normalisieren, und um kathartische
Arbeiten sowie Übertragungsarbeiten zu ermöglichen.
Diese Technik benötigt vorhergehende Übungen, um
die unnötigen Spannungssysteme, die sich als Begleitung
punktueller Spannungen entwickeln, zu erkennen und um
diese Systeme aufzulösen.

Entspannung, Schritte der ~. a) Sich der situationsbe-


dingten körperlichen Lage anpassen und Körperhaltungen
korrigieren, die unnötige Verspannungen hervorrufen;
b) symmetrisch Spannungssysteme bearbeiten nach: Ge-
sicht, Kopf, Hals, Glieder und Brustkorb im Allgemeinen;
c) geistig die vorhergehenden Stellen nochmals durchlau-
fen; d) innerlich vertiefen und auf die koenästhetische Re-
gistrierung der Augen, des Kopfes und des Rumpfs achten;
e) immer mehr innerliche Empfindungen erreichen, indem
man sich auf Registrierungen von Weichheit, Wärme und
sanften Fallens stützt.

324
Vokabular

Erinnerung. a) Erinnerung nennen wir den Bewusstseins-


inhalt, der zu ihm gelangt und nicht von den Sinnen her-
kommt (s. Wachrufen). b) Vergegenwärtigung eines Bildes
(s. da) im Bewusstsein, das zu einem früheren Zeitpunkt
von den äußeren oder inneren Sinnen herstammte.

Form. a) Allgemein werden die Strukturierungen, die das


Bewusstsein mit den Impulsen macht, Form genannt.
b) Die Formen sind geistige Umgebungen innerer Regis-
trierungen, die es ermöglichen, unterschiedliche Phäno-
mene zu strukturieren. c) Wenn wir auf Bewusstseinsebene
von Impulsen sprechen, können wir die Formen fast exakt
mit den Bildern gleichsetzen, sofern diese die abstraktiven
und assoziativen Kanäle bereits verlassen haben. d) Bevor
letzteres geschieht, können wir von Formen im Sinne von
Wahrnehmungsstrukturen sprechen. Die Wahrnehmung
strukturiert sich in einer ihr eigenen Form, und so wie je-
der Sinn seine Form zur Strukturierung der Daten besitzt,
so strukturiert auch das Bewusstsein die Beiträge der Sinne
in einer charakteristischen Form, die den verwendeten
Wahrnehmungskanälen entspricht. Auf diese Weise kann
man von einem Gegenstand verschiedene Formen erhal-
ten, je nach den verwendeten Sinneskanälen, je nach der
Perspektive bezüglich dem besagten Gegenstand, und je
nach der vom Bewusstsein vorgenommenen Strukturie-
rungsart, da jede Ebene ihren eigenen formalen Bereich
festlegt, um die Daten in charakteristischen Formen zu
strukturieren. e) Die Informationsgliederung, welche das
Bewusstsein vornimmt, und bei der es bestimmte Formen
gegenüber bestimmten Gegenständen erzeugt, ist mit ei-
ner inneren Registrierung von ihr verbunden. Wenn sich
diese innere Registrierung kodifiziert und der Gegenstand

325
Selbstbefreiung

erneut gegenüber der Wahrnehmung auftaucht, so wirkt


er wie ein Zeichen zum Bewusstsein, wobei die dieser
Wahrnehmungsform entsprechende innere Registrierung
aktiviert wird und somit Bedeutung erhält (s. Zeichen; s.
Bedeutung). f ) Ein Reiz wird sich in eine Form verwan-
deln, wenn das Bewusstsein ihn von einer Arbeitsebene aus
strukturiert. g) Derselbe Reiz kann, je nach verwendetem
Wahrnehmungskanal, in unterschiedliche Formen, in un-
terschiedliche Bilder übersetzt werden. Diese unterschied-
lichen Formen, diese unterschiedlichen Bilder können sich
untereinander in Beziehung setzen und sich gegenseitig
auswechseln (zum Zwecke der Wiedererkennung, zum
Beispiel). Dies geschieht, da sie sich bezüglich der Lage,
die sie im Vorstellungsraum einnehmen, und bezüglich
der Funktion, die sie dann erfüllen werden, wenn sie ihre
Ladungen zum entsprechenden Zentrum hin auslösen,
entsprechen.

Gedächtnis. Funktion des Psychismus zwecks Regulierung


der Zeiten und Speicherung der Registrierungen oder
Empfindungen, die durch äußere oder innere Reize hervor-
gerufen wurden und die je nach dem Zustand der Struktur
kodifiziert werden (s. Wachrufen). Jede neue Empfindung
wird mit vorhergehenden Empfindungen verglichen
(s. Verhalten, Faktoren, die es beeinflussen). Manchmal
werden die Speicherungen in eine nicht gegenwärtige Zeit,
in die Zukunft projiziert. Von beiden Vorgängen (Ver-
gegenwärtigung oder Erinnerung, und Projektion oder
Einbildung) hat man eine Empfindung. Es arbeitet struk-
turell mit den Sinnen, dem Registrierungsapparat und der
Arbeitsebene des Psychismus zusammen.

326
Vokabular

Gedächtnis, Speicherung im ~. Sie findet strukturell statt,


und zwar mit den Informationen, die von den Sinnen
stammen, mit denen, die man von der Bewusstseinsakti-
vität hat, mit denen der Arbeitsebene der Struktur sowie
mit denen, die mit der Arbeit der Zentren zu tun haben
(s. Wachrufen).

Gedächtnisfehler. a) Irrtümliche Wiedererkennung. Eine


neue Information wird fälschlicherweise mit einer vor-
herigen in Beziehung gebracht, oder ein wiedererkanntes
Objekt ruft eine Situation hervor, die man zwar nicht
erlebt hat, von der man aber das Gefühl hat, sie bereits
erlebt zu haben (Paramnesie). b) In der falschen Erinne-
rung wird eine Information durch eine andere ersetzt, die
nicht im Gedächtnis auftaucht. c) Amnesie. Sie wird als
eine Unmöglichkeit, Daten oder Datensequenzen wachzu-
rufen, registriert. Es gibt verschiedene Arten von Amnesien
(s. da). d) Wenn verwandte Erinnerungen als zentrale
erscheinen. e) Hypermnesie: Anormale Gedächtniserwei-
terung, wobei üblicherweise frische Informationen ersetzt
werden.

Gedächtnisbereiche. Wir unterscheiden drei Bereiche:


a) das Altgedächtnis, das ein aus ersten Speicherungen ge-
bildetes Substrat oder eine Basis darstellt (gefühlsmäßige
Toni oder innere Registrierungen der Operationen, welche
die durch den Sinneskanal ankommende Information be-
gleiteten). Auf dieser Grundlage wird das gesamte System
späterer Beziehungen strukturiert. b) Das mittelfristige
Gedächtnis, das aus den Speicherungen gebildet wird, die
im Laufe des Lebens registriert werden und c) das unmit-
telbare Gedächtnis, das sich auf Informationen bezieht,

327
Selbstbefreiung

mit denen man alltäglich arbeitet, wobei sie geordnet und


klassifiziert werden. Dank diesen Bereichen kann sich das
Bewusstsein zeitlich und räumlich zurechtfinden, da der
geistige Raum mit den Bewusstseinszeiten verbunden ist,
und diese werden durch vom Gedächtnis gelieferte Phä-
nomene bestimmt. Wenn dem nicht so wäre, würde das
Bewusstsein seine Strukturalität verlieren und das Ich wür-
de seine Auflösung registrieren. Es gibt auch eine Art situa-
tionsbezogenes Gedächtnis, in dem ein Objekt durch seine
Zusammenhänge gespeichert wird und später dadurch
wachgerufen wird, dass zuerst diese Zusammenhänge auf-
gefunden werden.

Gedächtnis, Funktion des ~. a) Sinnes- und Bewusstseins-


informationen speichern, behalten, strukturieren und
ordnen. Die Informationsspeicherung findet vor allem in
der Wachheit statt, während das Ordnen hauptsächlich im
Schlaf gemacht wird. b) Dem Bewusstsein Informationen
liefern (s. Wachrufen). c) Der Struktur im Laufe der Zeit
die Empfindung von Identität verleihen (s. Gedächtnisbe-
reiche). d) Dem Bewusstsein Bezugspunkte für sein zeitli-
ches Zurechtfinden zwischen den Phänomenen geben.

Gedächtnis, Speicherungsgesetze des ~. Es wird besser


gespeichert: a) je stärker der Reiz ist; b) wenn die Informa-
tion durch verschiedene Sinneskanäle ankommt; c) wenn
dieselbe Information über ein Phänomen auf verschiedene
Weisen erscheint; d) durch Wiederholung; e) durch Zu-
sammenhang; f ) durch einen vollständigen Mangel an
Zusammenhang; g) wenn es kein Hintergrundrauschen
gibt oder das Signal deutlicher ist; h) bei Abwesenheit von
Reizen wird der erste auftauchende Reiz stark gespeichert;

328
Vokabular

i) wenn das Gedächtnis keine Informationen an das Be-


wusstsein liefert; j) wenn es keine wiederholungsbedingte
Sättigung oder Blockade gibt; k) wenn das Bewusstsein auf
die Informationen aufmerksam ist (Apperzeption).

Gegenwarts- und Mitgegenwartsfelder.


(s. Aufmerksamkeit)

Geistesinhalte. Sie erscheinen als Bewusstseinsobjekte, als


Formen, die das Bewusstsein organisiert, um auf die Welt
zu antworten. Diese Formen werden immer mittels des
Stoffes der Vorstellung ausgearbeitet und stellen im weites-
ten Sinne Bilder dar, die im Vorstellungsraum wirken. Es
gibt bestimmte Entsprechungen zwischen den Formen, die
Bewusstseinsinhalte zu organisieren. Solange letztere in der
Ebene wirken, in der sie gebildet wurden, haben sie eine
wichtige Bedeutung für den Koordinator. Wenn sie aber
als träge oder mitgeschleppte Inhalte in anderen Ebenen
verbleiben, dann werden sie zu Geräuschfaktoren, da sie
von charakteristischen Toni, Spannungen und Klimata be-
gleitet werden, welche sich von den Bildern unterscheiden,
mit denen sie verbunden sind und die vom Bewusstsein
nicht immer wahrgenommen werden, besonders wenn es
sich bei ihnen um koenästhetische Bilder handelt.

Halluzination. Fehler des Bewusstseins, der dann entsteht,


wenn Vorstellungen auftauchen, die als außerhalb des
Bewusstseins wahrgenommen werden, obwohl sie nicht
über die Sinne gekommen sind. Sie werden mit allen Ei-
genschaften sinnlicher Wahrnehmung erlebt, so als ob sie
in der äußeren Welt stattfinden würden. Das Bewusstsein
projiziert Impulse und Bilder auf den Empfangsapparat,

329
Selbstbefreiung

der diese Informationen falsch interpretiert und sie als zur


Außenwelt gehörige Phänomene zurückgibt. In diesem
Sinne sind die Phänomene, die sich auf der Schlafebene
sowie der Ebene des aktiven Halbschlafs abspielen, Hal-
luzinationsphänomene. Es sind Gestaltungen, die das Be-
wusstsein auf der Grundlage des Gedächtnisses schafft. Sie
treten in der Wachheit in extremen Ermüdungssituationen
auf, bei bestimmten Krankheiten, in Fällen körperlicher
Schwächung, Todesgefahr und „erregten Bewusstseins“,
wobei das Bewusstsein seine Fähigkeit, sich in der Zeit und
im Raum zu bewegen, verliert. Was sich bei Halluzinati-
onen verändert, ist der Vorstellungsraum, und man ver-
wechselt das, was sich im Inneren des Vorstellungsraums
abspielt, so als würde es von außen stammen (s. erregtes
Bewusstsein).

Ich. Mit Ich bezeichnen wir jenes etwas, das die sich im
Bewusstsein abspielenden Mechanismen und Vorgänge
beobachtet. In der Wachheit findet diese Beobachtung
sozusagen von "innen" heraus statt, während im Schlaf
sozusagen von "außen" beobachtet wird. In beiden Fällen
erscheint das Ich als etwas Getrenntes, als nicht in den
Vorgängen eingeschlossen, die es beobachtet. So ist es auf-
grund der inneren Registrierung nicht berechtigt, das Ich
mit dem Bewusstsein (s. da) oder mit einer seiner Funktio-
nen gleichzusetzen. Die Begrenzungen des Ichs sind durch
die Körperempfindungen gegeben, besonders durch den
äußeren Tastsinn.

Impulse. So nennen wir die von den Sinnesapparaten oder


dem Gedächtnis stammenden Signale, welche das Bewusst-
sein erreichen und von diesem in Bilder übersetzt werden,

330
Vokabular

indem sie von den Abstraktions- und Assoziationskanälen


verarbeitet werden. Diese Impulse erfahren zahlreiche
Übersetzungen und Umwandlungen, auch bevor sie zu
Bildern gestaltet werden.

Impulsübersetzung und -umwandlung. Es finden Impul-


sumwandlungen und -übersetzungen statt, auch bevor sie
das Bewusstsein erreichen, und zwar: a) entsprechend den
vorhergehenden Sinnesbedingungen; b) je nach dem, wie
das Gedächtnis den Impuls bearbeitet und ihn dabei mit
vorhergehenden gegenständlichen Daten und/oder inneren
Registrierungen strukturiert hat, die mit dem Reiz in den
entsprechenden Gedächtnisschichten (den unmittelbaren,
mittelfristigen und alten) verbunden sind. Ferner finden
sie auch nach dem Ankommen des Reizes beim Bewusst-
seins statt: a) wie im Falle von auditiven oder koenästhe-
tischen Impulsen, die in visuelle Bilder übersetzt werden;
b) wenn sich die Wahrnehmung im Bewusstsein mit allen
Daten der Wahrnehmung, des Gedächtnisses, der inneren
Registrierungen sowie der Registrierung der Bewusstseins-
aktivität selbst strukturiert, wobei sich zu all dem noch die
Einbildungstätigkeit addiert und c) aufgrund der Arbeit,
welche die abstraktiven oder assoziativen Kanäle entspre-
chend der gerade aktiven Ebene mit den Impulsen leisten,
wobei die Reize in charakteristische Bilder umgewandelt
werden.
Die Impulsübersetzung und -umwandlung hat zu tun
mit: a) dem Schmerz, weil das, was ihn (über den Empfin-
dungskanal) erzeugt, illusorisch umgewandelt oder über-
setzt sein kann und beim Wachrufen erneut Verformungen
erleidet, was das Leiden (als psychologische Registrierung)
steigert, da, wenn Impulse in nicht entsprechende Bilder

331
Selbstbefreiung

umgewandelt werden, Antworten hervorgerufen werden,


die den ursprünglichen Impulsen ebenso wenig entspre-
chen. b) Es hat auch mit dem Problem des Leidens zu tun,
weil das, was es über den Gedächtnis- oder Einbildungs-
kanal erzeugt (der anfängliche Impuls), in der Vorstellung
(Einbildung) – oder sogar vorher im Gedächtnis – verformt
und umgewandelt werden kann. Auf diese Weise wird
diese schmerz- bzw. leidensvolle Empfindung durch die
Einbildung und die vom Gedächtnis stammenden Daten,
die dann als Impuls auftauchen, umgewandelt und über-
setzt. Der Schmerz und das Leiden werden so durch die
Einbildung im Allgemeinen schlussendlich stark verformt,
übersetzt und umgewandelt und führen dazu, dass viele
Leiden nur in den durch den Geist übersetzten und um-
gewandelten Bildern existieren. Unser Interesse liegt darin,
die Verbindung der Impulse zu begreifen, ihre besondere
Strukturierung und ihre spätere Umwandlung in einem
positiven Sinne hinsichtlich der Befreiung vom Leiden.

Impulsumwandlung. Insbesondere, wenn das, was in ei-


nem Bild im Vorstellungsraum auf eine bestimmte Weise
gegliedert wurde, aufgrund der Assoziation andere Gestal-
tungen annimmt, so als ob das Bild ein Eigenleben und
eine eigene Dynamik entwickelt hätte.

Innere Einheit. Wenn die Zentren strukturiert arbeiten,


wird das als innere Einheit registriert. Wenn diese Arbeit als
in verschiedene Richtungen laufend erfahren wird, dann
wird das als innerer Widerspruch registriert. Das kann
in folgendem Satz zusammengefasst werden: "In dieselbe
Richtung denken, fühlen und handeln". Die Registrierung

332
Vokabular

der Fehlfunktion der gegensätzlichen Aktivität der Zentren


wird als innerer Schmerz bzw. als Zunahme der inneren
Spannung registriert.

Innere Zustände. Das sind Bewusstseinsphänomene, wel-


che die jeder Ebene eigene Situation beeinflussen, indem
sie diese mit bestimmten Charakteristiken färben, die den
in Gang gesetzten Erlebnissen entsprechen; Erlebnisse
nämlich, die den Inhalten der anderen Ebenen eigen sind.
So unterscheiden wir im Schlaf den passiven und aktiven
Zustand; im Halbschlaf den passiven und aktiven Zu-
stand, wobei letzterer aufmerksam oder gestört sein kann;
und in der Wachheit beobachten wir den aktiven und
passiven Zustand, wobei hier beide sowohl aufmerksam
oder gestört sein können (s. Bewusstseinsebenen). Die un-
terschiedlichen Zustände (passiv oder aktiv) werden durch
den Tonus oder durch die energetische Intensität gegeben,
die jeder Ebene eigen sind. Häufig wird der Fehler began-
gen, die inneren Zustände mit den Bewusstseinsebenen zu
verwechseln.

Instinkt, Selbst- und Arterhaltungsinstinkt. (s. Antwort-


zentren, vegetatives Zentrum).

Intentionalität. Grundlegender Mechanismus des Be-


wusstseins, durch den es seine Strukturalität aufrechterhält,
indem es Akte mit Objekten verbindet. Diese Verbindung
ist ständig, und gerade das verleiht dem Bewusstsein Dy-
namik, da es Akte auf der Suche nach Objekten gibt. Diese
Intentionalität ist immer auf die Zukunft ausgerichtet, was
als Suchspannung registriert wird, auch wenn sie umkeh-
rend arbeitet und sich auf vergangene Ereignisse ausrichtet.

333
Selbstbefreiung

Die Anordnung der Zeiten, die in diesem Intentionali-


tät-Wachrufen-Spiel stattfindet, ist wirkungsvoller, wenn
sie von der Wachebene aus durchgeführt wird.

Interesse. (s. Aufmerksamkeit).

Katharsis. Technik zur Entladung von bedrückenden In-


halten und/oder inneren Spannungen mittels ihrer Verla-
gerung nach außen durch die Zentren. Die Techniken der
Katharsis bilden – gemeinsam mit den Übertragungs- und
Selbstübertragungstechniken – einen Teil des Selbstbefrei-
ungssystems, das als Operative bekannt ist.

Katharsis, Anwendung der ~. a) als Vorbereitung der Vo-


raussetzungen für eine Übertragung; b) wenn eine allge-
meine Unruhe oder Beklemmung vorliegt; c) wenn es Be-
ziehungsprobleme gibt; d) als Variante einer Übertragung,
bei der das Subjekt in eine Entladung gerät. In diesem Fall
wird der ursprüngliche Zweck aufgegeben.

Katharsis, einige Schritte der ~. a) einige Minuten dau-


ernde innere Überprüfung, in der jene Themen ausgelotet
werden, bei denen das Subjekt Widerstände hätte, sie der
führenden Person zu erzählen; b) äußere Entspannung des
Subjekts; c) die führende Person nennt Wörter aufs Ge-
ratewohl und andere dazwischengeschobene, die mit den
zentralen Themen zu tun haben; das Subjekt antwortet
aufs Geratewohl; d) die führende Person bestimmt die
Schlüsselwörter, und zwar aufgrund der Reaktion des Sub-
jekts diesen gegenüber (Verzögerungen, Verspannungen,
Blockaden, Unentschlossenheit usw.); e) Nennung von
zwei oder mehreren Schlüsselwörtern und aus zwei oder

334
Vokabular

mehreren Wörtern bestehenden Antworten, anschließend


Übergang zu Schlüsselsätzen, bis man das Subjekt freund-
lich bittet, sich auszudrücken, wobei die führende Person
immer weniger teilnimmt; f ) es kann körperliche Begleit-
erscheinungen geben oder auch nicht, wobei die Kathar-
sis anschließend beendet wird, oder wenn das Subjekt es
wünscht.

Kathartische Rückspeisungs-Sondierung. Sie dient dazu,


Probleme zu entdecken. In irgendeiner alltäglichen Situa-
tion antwortet das Subjekt auf die Wörter, welche die füh-
rende Person nennt, wobei Schlüsselwörter eingeschoben
werden, welche das Subjekt gefühlsmäßig bewegen. Die
führende Person nennt die Antwortwörter wieder als neue
Reizwörter, bis das Subjekt seine Themen zu entwickeln
beginnt und mit einer Katharsis endet. Sie benötigt keine
besonderen Umgebungsbedingungen.

Klima. So nennen wir den emotionalen Hintergrund, bei


dem jedes Objekt, das in dieses Feld hineinfällt, die Cha-
rakteristiken dieses Hintergrunds oder dieses Gemütszu-
stands annimmt. Die Klimata können situationsabhängig
sein oder sich im Psychismus festsetzen und die gesamte
Struktur stören, indem sie die Beweglichkeit zu anderen,
passenderen Klimata verhindern. Die festgefahrenen Kli-
mata zirkulieren durch die verschiedenen Ebenen, wobei
sie die Handlungsfreiheit des Bewusstseins einschränken.

Klimata, Merkmale der ~. a) Sie entziehen sich der willent-


lichen Kontrolle; b) sie verfolgen das Subjekt, selbst wenn
die Situation, die sie hervorgerufen hatte, vorbei ist (bei
den situationsunabhängigen), wobei sie deren Mitschlep-

335
Selbstbefreiung

pen durch die Zeit und die Ebenen bewirken; c) sie werden
auf diffuse und umfassende Weise übersetzt, da sie nicht
punktuellen, koenästhetischen Impulsen entsprechen;
d) manchmal wirkt der Impulsübersetzungsmechanismus,
indem er Bilder beiträgt, die dem Klima entsprechen,
und es ergibt sich so die Entsprechung zwischen Klima
und Bild bzw. Thema; e) manchmal sind sie nicht von
visualisierbaren Bildern begleitet, wobei das Klima ohne
Bilder registriert wird, obwohl es in Wirklichkeit immer
ein koenästhetisches Bild und seine diffuse und allgemei-
ne Ansiedlung im Vorstellungsraum gibt. Das stört und
setzt die Tätigkeiten der Zentren in Gang, besonders der
instinktiven, da aus dem Klima die Bilder entstehen, die
zu den Zentren hin ausgelöst werden und deren Aktivität
herbeiführen.

Klimata, Ursprung der ~. Er kann a) in den inneren Sin-


nen liegen, b) vom Gedächtnis aus wirken und Registrie-
rungen hervorrufen, oder c) vom Bewusstsein aus wirken,
besonders von seiner Einbildungsaktivität aus. Es gibt Fälle
von Assoziation des innerlich-koenästhetischen Impulses
mit äußeren wahrgenommenen Situationen oder mit dem
Gedächtnis, oder mit äußeren Sinnen, die koenästhetische
Registrierungen hervorrufen, wobei beide im Gedächtnis
gespeichert werden. Ebenso gibt es Fälle von Assoziation
von äußeren oder inneren Sinnesimpulsen sowie von Ge-
dächtnisimpulsen mit eingebildeten Elementen, und so
erweist sich die Verkettung Sinne-Gedächtnis-Bewusstsein
als unauflöslich, nichtlinear und strukturell.

336
Vokabular

Leiden. (s. Schmerz). a) Sein Ursprung liegt im Geist, so


wie der Ursprung des Schmerzes im Körper liegt, auch
wenn der Geist scheinbar vom Körper abhängt und des-
halb das geistige Leiden sicherlich ebenfalls vom Körper
herstammt. b) Die Hindernisse gegenüber der Normali-
sierung, Erweiterung und Entwicklung des Bewusstseins
haben sicherlich das Leiden als Grundlage. c) Das Leiden
kann nicht dank einer einfachen Neubeurteilung der Per-
sonen, Ereignisse oder Situationen gelöst werden, es sei
denn, sie hat eine dem betreffenden Problem gegenüber
unterschiedliche geistige Haltung und unterschiedliche
Verhaltensweise erzeugt.

Lernprozess. Prozess der Registrierung, Ausarbeitung und


Übertragung von Informationen, der auf der Tatsache grün-
det, dass ein Wahrnehmungsimpuls sich zum Bewusstsein
und zum Gedächtnis hin aufspaltet, wobei letzteres ihn
analysiert und mit vorhergehenden Daten vergleicht. Und
so steht man vor dem Phänomen des Wiedererkennens,
in dem Wahrnehmung und Vorstellung übereinstimmen.
Wenn es keine vorherigen Informationen gibt, dann wer-
den als Erstes Vergleichsmechanismen zwischen früheren
Informationen in Gang gesetzt, die der Information, vor
der man steht, ähnlich sind. Wenn entsprechende Bilder
ausgelöst werden, so wirken sie auf die Zentren und diese
setzen sich in Gang. Da es andererseits einen Empfang der
Rückspeisung gibt, welcher als die Empfindung des mobi-
lisierten Zentrums zum Bewusstsein hin einfließt, beginnt
dieses, zwischen Erfolg und Irrtum zu unterscheiden, wo-
bei es sich auf die neuen Informationen stützt, die sich im

337
Selbstbefreiung

Gedächtnis bereits aufgespalten haben. Demzufolge ist der


Lernprozess nicht passiv und setzt immer das Ingangsetzen
der Antwortzentren voraus.

Licht, Registrierung des ~. Erfahrung, die gewöhnlich


Übertragungs- oder Selbstübertragungsprozesse begleitet,
bei denen sich die (aufgrund gelöster Probleme) freie Ener-
gie in Gang setzt und koenästhetische Registrierungen er-
zeugt, die als Zunahme der Klarheit im Vorstellungsraum
übersetzt werden.

Lust. Die Registrierung eines angenehmen Reizes wird im


Allgemeinen Lust genannt. Sie hat mit der Spannungsver-
minderung oder mit der einhergehenden Entspannungsre-
gistrierung zu tun. (s. Schmerz).

Lust, Zeitraum der ~. (s. Schmerz, Zeitraum des ~)

Mitgegenwartsfeld. (s. Aufmerksamkeit)

Mitschleppen. Dieses Phänomen ergibt sich, wenn die


einer Ebene eigenen Vorstellungsinhalte, Klimata oder
Spannungen sich gelegentlich verlagern und in einer an-
deren Ebene verbleiben. In einigen Fällen gibt es solche
Phänomene des Mitschleppens als wahrhafte Fixierungen,
die alle Ebenen durchdringen und die während langer
Zeiträume wirken.

Muskeltonus. Tendenz der Muskelsysteme, den Körper


zu der Stelle hinzubewegen, wo im Bewusstsein ein Bild
angesiedelt wurde (s. Bild, Funktion des ~). Wenn man
sich zum Beispiel einen Gegenstand auf der rechten Seite

338
Vokabular

vorstellt, dann wird die äußere Muskulatur in diese Rich-


tung prädisponiert. Die visuellen Bilder besitzen eine den
Spannungszustand "ausrichtende" Eigenschaft, die beim
Auftauchen der mit Energie geladenen und entsprechend
angesiedelten kinästhetischen Bilder tatsächlich zur Hand-
lung führt.

Operative, Allgemeine Theorie der ~. Sie bezieht sich auf


Vorgehensweisen, welche das Verhalten verändern, ver-
wandeln oder neu ausrichten können.

Operative, Techniken der ~. Vorbereitender Art: Kathar-


sissondierung, Übertragungssondierung. Gezielter Art:
Katharsis, Übertragung und Selbstübertragung.

Operative, unmittelbare und praktische Folge der ~.


a) Normalisierung des Bewusstseins, insbesondere der
Wachheit, mittels der Aufhebung des Leidens, indem
dessen illusorische Mechanik verstanden wird. Dazu ist
es nötig, die schmerzvollen Registrierungen zu beenden,
wenn auch nur vorläufig. Das ist das unmittelbare prakti-
sche Ziel der Operative, die es ermöglicht, unbestreitbare
Registrierungen der Überwindung des Leidens zu erhalten
und so das Verständnis laufend zu vergrößern. So stellt die-
se Normalisierung den wichtigsten Schritt im Verständnis
des Problems dar, und mit ihm beginnt die Selbstbefrei-
ung. b) Sie dient dem besseren Verständnis des eigenen,
zur Selbstbefreiung hinführenden Prozesses, geht aber
auch darüber hinaus, wenn sie sich auf die Möglichkeiten
einer Bewusstseinserweiterung und -entwicklung bezieht.
c) Sie dient dem Verständnis von individuellen und kollek-
tiven psychologischen Phänomenen, welche die Spannun-

339
Selbstbefreiung

gen und Klimata verraten, die von diesem zerstörerischen


Leiden erzeugt werden, das zur Entwicklung des Geistes
und des Lebens selbst im Gegensatz steht. Es wird auf die
Konstanten der für alle Menschen gültigen Registrierun-
gen geachtet, wobei man sich auf die Ähnlichkeit der kör-
perlichen und psychischen Struktur stützt, die da sind: Die
Eigenschaften des Vorstellungsraums im Halbschlaf und
Schlaf, was die Helligkeit in den hohen Ebenen und die
Dunkelheit in den tiefen Ebenen des Vorstellungsraums
betrifft; die Wege bzw. die inneren Zustände sind im Halb-
schlaf und Schlaf im inneren Raum angesiedelt, von dessen
Hintergrund aus man die Phänomene zu sehen glaubt,
wobei dieser innere Raum diese Phänomene umfasst. Im
Schlaf und Halbschlaf erscheinen bei allen Menschen
bestimmte Orte, Wesen und Phänomene als allgemei-
ne Kategorien. Die dem Schlaf oder Halbschlaf eigenen
Merkmale des Vorstellungsraums dringen gelegentlich in
die Wachheit ein, das heißt, die Welt wird innerhalb eines
Vorstellungsraums wahrgenommen, der in Wirklichkeit
dem des Schlafes oder Halbschlafes entspricht. Auch illu-
sorisch, zuweilen halluzinatorisch gestaltete Orte, Wesen
oder Phänomene dringen ein, wobei sie angenehme oder
unangenehme Empfindungen hervorrufen. Dies führt zum
Festhalten bzw. Zurückweisen, oder es legt die Richtung zu
den äußeren Objekten fest, und zwar in dem Maße, wie
diese mit diesen Wesen, Wesenheiten oder inneren Land-
schaften in Beziehung stehen, die wir Tagträume nennen.

Psychismus. Ein integriertes und wechselseitig durch Sin-


ne, Gedächtnis, Koordinator, Ebenen und Zentren dyna-
misch reguliertes System.

340
Vokabular

Psychismus, wechselseitige Regulierung des ~. Wenn sich


eine Funktion oder ein Faktor ändert, dann verändern
sich auch alle anderen, da sie alle strukturell arbeiten.
Zum Beispiel hemmt die Apperzeption das Wachrufen,
das Gedächtnis hemmt die Wahrnehmung. Wenn die äu-
ßeren Sinne arbeiten, wird der Eintritt der inneren Reize
gebremst und umgekehrt. Beim Abtauchen in den Schlaf
werden die Umkehrbarkeitsmechanismen blockiert und
die Assoziationsmechanismen frei gesetzt. Wenn die Kri-
tikmechanismen tätig sind, werden die Assoziationsmecha-
nismen gehemmt, wobei man in die Wachheit aufsteigt.
Das geschieht selbst zwischen den äußeren Sinnen. Wenn
sich die visuelle Reizschwelle erweitert, nehmen Tast-, Ge-
ruchs-, Hörempfindung usw. ab.

Psychismus, Rauschen im Selbstregulierungssystem des


~. Es gibt Geräusche, die durch Impulsinterferenzen im
Informations- oder Entscheidungskreislauf entstehen. Da-
durch wird die Information, die zu einem der Apparate
oder der Zentren gelangt, getrübt. So wird zum Beispiel
die gesamte Information, die von den äußeren Sinnen ge-
liefert wird, vom Zustand, in dem sich die Struktur gerade
befindet (Klimata, Spannungen usw.), beeinflusst. Das
Rauschen erzeugt häufig eine Zunahme der Spannungen,
welche die Toleranzschwelle der inneren Sinne übersteigen
(oder auch die der äußeren Sinne, sofern es sich um eine
punktuelle Spannungszunahme der äußeren Muskulatur
handelt), wobei sie die Informationskanäle stören und als
geistiger Schmerz registriert werden. Indem Klimata und
mitgeschleppte Inhalte die normale Bewusstseinsarbeit
stören, rufen sie im Bewusstsein das Senden von unange-

341
Selbstbefreiung

messenen Bildern hervor, da es nicht mehr über passende


Parameter verfügt, um diese zusammenhangslose Informa-
tion zu ordnen.

Psychophysische Gymnastik. Sie führt zu einer Steigerung


der Selbstkontrolle im alltäglichen Leben. Es ist ein System
von Praktiken zur Selbstkontrolle und zur ganzheitlichen
Entwicklung. Sie zielt darauf ab, das Gleichgewicht zwi-
schen Geist und Körper wiederherzustellen. Diese Arbeiten
zielen nicht darauf ab, eine stärkere Muskelbildung, eine
Steigerung der Widerstandskraft oder der Körperbeweg-
lichkeit zu fördern, wie es allgemein im Sport und in der
Gymnastik üblich ist. Die Übungen ermöglichen es der
übenden Person, mittels eines Testsystems, ihre schwächs-
ten Punkte der Selbstkontrolle zu verstehen. Das befähigt
sie, eine zusammenhängende Arbeit zur Verhaltensverbes-
serung zu beginnen.

Reflexantwort oder Reflex. s. Antwort, reflexartige


Antwort.

Registrierung. Empfindungserfahrung, die durch Reize


erzeugt wird, welche von äußeren oder inneren Sinnen
erfasst werden, und die auch Erinnerungen und Bilder
miteinschließt.

Reminiszenz. Theoretisches Gedächtnisatom. Was regis-


triert wird ist, dass im Gedächtnis Sinnesinformationen
erhalten, verarbeitet und geordnet werden, zusammen mit
dem allgemeinen Zustand der wahrnehmenden Struktur.
Somit erinnert man sich nicht an Elemente, die von einge-
prägten Zusammenhängen losgelöst wären. (s. Wachrufen).

342
Vokabular

Rollen. Festgelegte Verhaltensgewohnheiten, die sich in


der Gegenüberstellung mit verschiedenen Umgebungen,
in denen eine Person lebt, gestalten (s. Verhalten, Faktoren,
die dabei beteiligt sind; s. Antwort). Die Rollen haben mit
der Ebene der äußeren Vorstellung des Selbstbildes zu tun.

Rollen. Funktion der ~. Sie neigen dazu, die Widerstände


seitens der Umgebung auf ein Minimum zu senken, indem
sie gemäß dem System von Erfolg-und-Irrtum kodifiziert
werden und so zu typischen oder atypischen Antworten
führen, je nachdem, ob sie sich der Situation und den
anerkannten Normen anpassen oder nicht. So kann in bei-
den Fällen eine wachsende oder abnehmende Anpassung
stattfinden. Das kompensatorische Bild des Tagtraumkerns
gleicht die grundlegenden Schwächen und Mängel des
Rollensystems aus, während es gleichzeitig auf die allge-
meinen Anforderungen der Umgebung eine Antwort gibt.

Rollenfehler. a) Bei der Auswahl der Rollen; b) durch An-


wendung einer früheren Rolle in einer neuen Umgebung,
was zu einer dem Reiz unangepassten Verhaltensweise
führt.

Schmerz. Die Registrierung eines unangenehmen Reizes


wird allgemein als Schmerz bezeichnet und geht mit ei-
ner Spannungszunahme einher. Wenn die Registrierung
dem Körper entspringt, so sprechen wir vom eigentlichen
Schmerz, und sie wird auf dem Empfindungsweg (s. da)
übermittelt. Wenn die Registrierung dem Geist entspringt
und auf dem Einbildungs- oder Erinnerungsweg übermit-
telt wird, nennen wir sie Leiden (s. da). In letzter Instanz
entspringt der Schmerz oder das Leiden immer dem Kör-

343
Selbstbefreiung

per, da man sowohl vom Gedächtnis als auch von der Ein-
bildung eine Registrierung hat; man hat eine Empfindung
von ihnen; von diesem Blickwinkel aus liegen also sowohl
der Schmerz als auch das Leiden in der Empfindung, auf
die jeder Impuls zurückzuführen ist. Strukturell ist der
Schmerz mit einer Mechanik verbunden, die in Gang
gesetzt wird, um ihn abzuwenden. Der auf dem Empfin-
dungsweg übermittelte Schmerz wird registriert, wenn der
Reiz die Toleranzschwelle des ihn wahrnehmenden Sinnes
übersteigt (s. Amnesie und Impulse, Übersetzung usw.).

Schmerz, Zeitraum des ~. Der Zeitraum des Schmerzes ist


der „Augenblick“, da der Schmerz die den schmerzvollen
Impuls wahrnehmende Struktur zu einer Reaktion veran-
lasst, wobei sie mit ihrer Antwort darauf abzielt, diesen
Impuls schnellstmöglich zu verändern und so eine weitere
Spannungszunahme zu verhindern. Mit der Lust geschieht
das Gegenteil: bei ihr neigt die strukturelle Antwort dazu,
den Reiz fortbestehen zu lassen. Bezüglich der äußerlichen
zeitlichen Messung des Schmerzimpulses hat die Expe-
rimentalpsychologie beachtenswerte Beiträge geleistet.
Dieser Blickwinkel liegt aber trotzdem außerhalb unseres
Studienfeldes.

Schmerzwege. Schmerz entsteht durch Empfindung, Ein-


bildung und Erinnerung. Es gibt illusorische Empfindun-
gen, illusorische Bilder und illusorische Erinnerungen. Das
sind die illusorischen Leidenswege (s. Empfindung, Bild,
Erinnerung, Illusion). Ebenso, wie die drei Leidenswege
erkannt werden, kann man dieselben Wege für jeden geis-
tigen Vorgang erkennen, selbst für die Gestaltung des Ichs.
Illusorischer Schmerz oder illusorisches Leiden haben für

344
Vokabular

das Bewusstsein eine reale Registrierung, und es ist gerade


hier, wo die Übertragung (s. da) ihr bestes Anwendungs-
gebiet findet.

Selbsterkenntnis, Praktiken zur ~. Sie ermöglichen das


Verständnis eigener negativer Aspekte, die verändert wer-
den müssen, sowie positiver Aspekte, die es zu verstärken
gilt. Um sich mit Hilfe dieses Übungssystems kennenzuler-
nen, ist es nötig, sich selbst in Bezug auf Situationen, wenn
möglich des alltäglichen Lebens, zu untersuchen. Dazu ist
es sinnvoll zu betrachten, was einem in der Vergangenheit
zugestoßen ist, in welcher Situation man gegenwärtig lebt
und was man in der Zukunft erreichen möchte. Die Selbst-
erkenntnis endet nicht mit einer bloßen Analyse, sondern
sie regt die Formulierung von Veränderungsvorhaben an,
wobei sie sich auf eine korrekte Ausarbeitung von Projek-
ten stützt.

Selbstübertragung. Technik, die mit der Registrierung


einer Änderung des Lebenssinnes endet. Sie benötigt kei-
ne äußere Führungsperson, da man einem geordneten,
verstandenen und zuvor erlernten Prozess folgt. In diesem
schreitet man in dem Maße voran, wie man Anzeichen oder
Registrierungen dafür erhält, dass ein Schritt tatsächlich
vollendet wurde. Ihr größtes Hindernis liegt darin, dass
man aufgrund des Fehlens einer äußeren Führungsperson
dazu neigt, die im Prozess auftretenden Widerstände zu
umgehen, wo es doch darum geht, sie zu besiegen und zu
überwinden.

345
Selbstbefreiung

Sinne. Apparate oder Funktionen des Psychismus, welche


die von der inneren oder äußeren Umgebung zum Körper
gelangenden Reize registrieren, wobei es sich je nach dem
um innere oder äußere Sinne handelt. Die Sinne arbeiten
gleichzeitig, dynamisch und sie sind unter sich und mit
dem Gedächtnis- und Registrierungsapparat strukturell
verbunden.

Sinne, Funktion der ~. Sie besteht darin, Information


zu empfangen und an das Bewusstsein und Gedächtnis
weiterzuleiten, damit sie auf unterschiedliche Weise und
je nach Aktivität, Lage und Arbeitsebene, in der sich der
Organismus gerade befindet, organisiert wird.

Sinne, gemeinsame Merkmale der ~. a) Reizregistrie-


rungsaktivität. b) Abstraktion bestimmter Informationsei-
genschaften sowie Strukturierung und Gestaltung der In-
formationen untereinander. c) Ständige Abtastbewegung.
d) Sie besitzen ein eigenes Gedächtnis oder eine Trägheit,
was zu einer Fortdauer der Wahrnehmung führt, auch
wenn der Reiz aufgehört hat. e) Sie arbeiten innerhalb von
Wahrnehmungsbereichen gemäß einem besonderen To-
nus, der ihnen eigen ist und der durch den Reiz verändert
werden muss. f ) Sie haben eine tiefste Reizschwelle und
eine höchste Toleranzgrenze, wobei beide beweglich sind.
Wenn der Reiz die Schwelle nicht übersteigt, gibt es keine
Wahrnehmung, und wenn er die Grenze überschreitet,
wird er als Schmerz registriert. g) Sie übersetzen den Reiz
in ein homogenes Impulssystem. h) Sie haben punktuelle
oder diffus verteilte Endigungen, die immer mit dem Ko-
ordinierungsapparat verbunden sind. i) Sie sind mit dem
allgemeinen Gedächtnisapparat des Organismus verbun-

346
Vokabular

den. j) Sie übermitteln charakteristische Registrierungen,


die von der Veränderung des ihnen eigenen Tonus gege-
ben sind. k) Sie können sich bei der Informationswahr-
nehmung irren (s. Wahrnehmungsgesetze). l) Sie können
bei ihrer Arbeit durch das Bewusstsein beeinflusst werden
(s. Umkehrbarkeit-Apperzeption-Halluzination).

Sinne, innere ~. a) Koenästhetischer: er liefert Informati-


onen über Druck, Temperatur, Feuchtigkeit, Säuregehalt,
Alkalinität, Spannung, Entspannung usw. sowie bezüglich
aller anderen vom Körperinneren stammenden Empfin-
dungen. Er registriert überdies die Arbeit der Zentren
(zum Beispiel Emotionen, intellektuelle Tätigkeiten usw.);
die Arbeitsebene der Struktur aufgrund ihrer Anzeichen
von Müdigkeit, Erschöpfung usw.; die Arbeit des Gedächt-
nisses sowie des Registrierungsapparats. b) Kinästhetischer:
liefert die Informationen bezüglich Körperbewegung und
-haltung sowie körperliches Gleich- und Ungleichgewicht.

Sinne, Klassifikation der ~. a) Physikalische Sinne: Sehen


und Hören; b) Chemische Sinne: Geschmack, Geruch und
Koenästhesie (teilweise); c) Mechanische Sinne: Äußeres
Tasten, Kinästhesie und Koenästhesie (teilweise, bezüglich
des inneren Tastsinns); d) Als übergeordnete Klassifizie-
rung in innere und äußere.
Was die Drucksensoren (Barorezeptoren), die Tempe-
ratursensoren (Thermorezeptoren), die Sensoren für Alka-
linität und Salzgehalt usw. betrifft, so können diese den
inneren Sinnen zugeordnet werden, und insbesondere der
Koenästhesie. Andererseits vollziehen Sinnesorgane wie
das Auge, welche den Lichteinfall empfangen, zahlreiche
chemische Vorgänge, bevor sie den Nervenimpuls auslö-

347
Selbstbefreiung

sen. Dasselbe geschieht mit anderen Sinnen. So gesehen


erscheinen die Sinne im Lichte neuester Untersuchungen
als gemischte Sinne.

Sinnesfehler. a) Blockaden durch Übersättigung oder ein


Übermaß an Reizen. b) Defekt des Sinnes (Kurzsichtigkeit,
Taubheit usw.). c) Künstliche Erzeugung von Empfindung
oder Wahrnehmung auf Grund mechanischer oder chemi-
scher Bedingungen sowie Bedingungen, unter denen die
Information interpretiert wird. Im Allgemeinen bezeich-
nen wir diese Fehler als Sinnestäuschungen.

Spannungen. So nennen wir mehr oder weniger tieflie-


gende Kontraktionen der Muskelsysteme. Diese Verspan-
nungen stehen nicht immer in direkter Verbindung zum
Psychismus, da eine muskuläre Entspannung nicht immer
von einer geistigen Entspannung begleitet wird. Von einem
psychologischen Gesichtspunkt aus haben die psychischen
Verspannungen mit übermäßigen Erwartungen zu tun,
die den Psychismus zu einer Suche antreiben, zu einem
Warten auf etwas, wobei es eine Art besitzergreifenden
Hintergrund gibt. Andererseits werden Entspannungen
erzeugt, wenn eine psychologische Besitzlosigkeit bzw. ein
Geben vorhanden ist (begleitet von der Registrierung des
Loslassens). Es ist interessanter, die Spannungen genau
registrieren zu können, als ihre Ursachen zu suchen, und
dasselbe gilt für die unnötigen Verspannungen, welche
die Spannung an einer bestimmten Stelle begleiten. Wir
unterscheiden äußere, situationsbezogene oder dauerhafte
Verspannungen; innere Verspannungen oder Verspannun-
gen der tiefliegenden Muskulatur oder viszerale Reizung
im Allgemeinen. Letztere werden von einem wichtigen

348
Vokabular

emotionalen Bestandteil begleitet, sind gefühlsmäßig


gefärbt, und wir nennen sie Klimata (s. da). Sie können
zusammen mit äußeren Spannungen koexistieren oder
auch nicht. Gelegentlich erzeugen sie, wenn sie sich lösen,
Gedächtnisphänomene, welche zur Entstehung der dem
Klima entsprechenden Registrierung führen.

Symbol. Fixes, dem Abstraktionskanal entspringendes


Bild, das all seinen sekundären Aspekten entledigt ist. Es
ist reduktiv und synthetisiert oder abstrahiert das Wesent-
lichste der vorliegenden Merkmale. Wenn das Symbol die
Funktion erfüllt, Registrierungen zu kodifizieren, nennen
wir es Zeichen (s. da).

Tagträume. In der Wachebene tauchen zahlreiche Vorstel-


lungen, Ideen und Gedanken auf, die der Idee oder dem
Gedankengang, den man gerade am Entwickeln ist, fremd
sind. Diese Gestaltannahme von aus anderen Bewusstseins-
ebenen stammenden Reizen, die sowohl aus der Außen-
welt als auch aus dem Körperinneren ankommen, äußern
sich in Bildern, die auf die Wachebene Druck ausüben,
und die wir Tagträume nennen. Diese Tagträume sind un-
stabil und wechselhaft und stellen die größten Hindernisse
für die Arbeit der Aufmerksamkeit dar. Es gibt situations-
bezogene Tagräume, die sich täglich auflösen und die wir
sekundäre Tagträume nennen und die kompensatorische
Antworten auf Reize geben, ob die nun aus der Situati-
on selbst oder aus inneren Druckfaktoren stammen. Ihre
Funktion besteht gerade darin, die inneren Spannungen zu
entladen, die von diesen schmerzhaften Situationen, auch
von inneren, erzeugt werden. Diese sekundären Tagträume
kreisen um ein besonderes emotionales Klima, das als un-

349
Selbstbefreiung

veränderlich beobachtet werden kann und einen stark fi-


xierten Kern verrät, den wir Tagtraumkern (s. da) nennen.
Deshalb ist die Beobachtung der sekundären Tagträume
in den verschiedenen Ebenen eine geeignete Technik, um
dem Tagtraumkern auf die Spur zu kommen.

Tagtraumkern. Es gibt stark festgefahrene oder sich


wiederholende Tagträume, oder solche, die, obwohl sie
veränderlich sind, auf ein gemeinsames geistiges Klima
hindeuten. Das grundlegende Merkmal dieses Klimas ist
seine Beständigkeit. Diese Tagträume treten auch in den
Fantasievorstellungen des Halbschlafs und des nächtlichen
Schlafes auf, wobei sie aber auf einen fixierten Abschwei-
fungskern hinweisen, und er ist es, der den Tendenzen
eine Richtung gibt, auch wenn das Subjekt dies nicht
bemerkt. Dieser festgefahrene Kern äußert sich als Bild,
und dieses Bild besitzt die Eigenschaft, den Körper, bezie-
hungsweise die Handlungen in eine Richtung zu lenken.
Dieser Tagtraumkern lenkt die Tendenzen des menschli-
chen Lebens in eine Richtung, die vom Bewusstsein nicht
bemerkt wird. Der Tagtraumkern kann sich weiterent-
wickeln oder auf eine Lebensetappe fixiert bleiben, was
zu Wiederholungen von Handlungen oder Haltungen
gegenüber einer sich verändernden Welt führt. Diesen
Kern kann man nicht sichtbar machen und er wird als
„geistiges Klima“ verspürt, als ein „Zustand“ des Subjekts,
der stark emotionale Konnotationen besitzt; man regis-
triert ihn zwar, aber man hat kein Bild, obschon er die
Erzeugung zahlreicher kompensatorischer Bilder veran-
lasst, welche ihrerseits Verhaltensweisen steuern. Wenn der
Tagtraumkern anfängt, sich als ein fixes Bild zu zeigen, als
Archetyp, dann beginnt sich der besagte Kern zu verän-

350
Vokabular

dern, weil seine Grundspannung sich mittels des Bildes


bereits in die Richtung der Entladung bewegt. Wir halten
fest, dass dieser Kern seine Wirksamkeit verliert, wenn das
ihm entsprechende Bild auftaucht. Die Funktion des Bildes
besteht darin, Spannungen zu entladen; somit verschiebt
dieses stark fixierte Klima seine Ladungen zur Peripherie
hin. Der Tagtraumkern kann sich ändern aufgrund von:
a) Einer Änderung der Lebensetappe, da sein Entstehen
mit bestimmten Spannungen verbunden ist. Wenn man
also in eine neue Lebensetappe gelangt, dann ändern sich
auch die Spannungen beträchtlich. Die inneren Druckfak-
toren, welche zu seiner Entstehung führten, ändern sich
eben gerade mit diesen körperlichen Veränderungen, was
sich in einem System emotionaler Klimata äußert, das
sich von dem der vorhergehenden Etappe unterscheidet.
b) Durch schicksalshafte Ereignisse oder Schocks, denn
wenn sich diese Druckfaktoren zufällig ändern, dann än-
dert sich der Kern, und so ändern sich die Klimata und als
Folge davon die sekundären Bilder. In diesen Fällen erfährt
das Verhalten bedeutende Veränderungen.

Tod. Als eine Tatsache betrachtet, die starke instinkti-


ve (und dadurch mit den unteren Bewusstseinsebenen
verbundene) Registrierungen hervorruft, steht ihre Be-
trachtung in Verbindung mit: a) der psychologischen
Schwierigkeit, die sich aus dem Problem ergibt, sich als tot
und registrierungslos vorzustellen und sich als solches zu
registrieren (s. erregtes Bewusstsein) und b) der Angst vor
Schmerz, wobei man in der Einbildung die Registrierungs-
aktivität über den Tod hinaus projiziert und mit der Art
und Weise in Verbindung bringt, mit der die sterblichen
Überreste behandelt werden. In beiden Fällen nimmt man

351
Selbstbefreiung

an, dass die Registrierungen mit dem Tod nicht aufhören,


und so wird ein illusorisches Bildersystem erzeugt, das
Schmerz und Leiden erzeugt. Sich den eigenen Tod als
Registrierungsaktivität einzubilden stellt eine Quelle von
vielen Leiden dar; sie hat mit der bezüglich dieses Themas
erzeugten Verspannung sowie mit dem diesbezüglichen
Besitzen zu tun, in diesem Fall mit dem Besitzen von
sich selbst gegenüber dem Verlust des Körpers. So erzeugt
diese Verspannung Leiden. In einigen Fällen erzeugt die
Vorstellung von definitiver Entspannung und Enteignung
– als vollständiger Verlust der Spannungsregistrierungen
mit einhergehender Auflösung des Ichs – den Wunsch des
Fortbestehens. In diesen Fällen stoßen wir immer auf das
Besitzen als Grund des Problems, ebenso wie in den Fällen
der Betrachtung des Todes der anderen (s. Leiden).

Toni. Die Tätigkeiten jeder Arbeitsebene können mit hö-


herer oder niedrigerer energetischer Intensität bzw. höhe-
rem oder niedrigerem Tonus ausgeführt werden.

Übertragung. a) Technik, die in Verbindung mit der Ka-


tharsis und der Selbstübertragung das System der Opera-
tive bildet. b) Technik, die im inneren Vorstellungsbereich
wirkt, indem sie Spannungen von manchen Inhalten ent-
lädt und ihre Ladungen zu anderen hin verschiebt. Sie wird
im aktiven Halbschlaf angewendet und von einer führen-
den Person geleitet.

Übertragung, Ablauf und Ausgang der ~. Nachdem das


Bild festgelegt ist und das Subjekt sich in der Szene be-
findet (auf der Vorstellungsebene), wird sie gründend auf
der Ebenen-, Umwandlungs- und Ausdehnungstechniken

352
Vokabular

entwickelt, wobei das Subjekt ohne zu rationalisieren oder


zu blockieren erzählt, was geschieht. Bei der Ebenentech-
nik beginnt man in der mittleren Ebene, man steigt ab
und wieder auf demselben Weg auf, den man beim Abstieg
benutzte, bis man zur mittleren Ebene gelangt. Diese soll
erkannt werden und dann beginnt man den Aufstieg, um
dann auf demselben Weg wieder zur mittleren Ebene zu-
rückzukehren (der ganze Weg durch die inneren Zustände
wird in der Halbschlafebene gemacht). Bei der Umwand-
lungstechnik geht es darum, dass das Subjekt das ursprüng-
liche Bild sowie das Bild von sich selbst umwandelt, wenn
dies angebracht erscheint, um dann den umgekehrten
Weg einzuschlagen und so zur Ausgangssituation zurück-
zukehren. Bei den Ausdehnungen arbeitet man mit der
Ausdehnung der koenästhetischen Empfindungen, so wie
es angemessen erscheint, um dann zur Ausgangssituation
zurückzukehren, indem man sie erneut zusammenzieht. In
allen drei Fällen wird das Subjekt in einen guten inneren
Zustand und ins Reine mit sich selbst versetzt.

Übertragung, Auswertungssystem der ~. Der beste Be-


zugspunkt für die späteren Ergebnisse nach einem Über-
tragungsprozess, bei dem ein Problem in Angriff genom-
men und überwunden wurde, besteht darin, dass man eine
spürbare Verhaltensänderung bezüglich allem, was in Zu-
sammenhang mit den Problemen steht, die man verändern
wollte, erlebt. Dies wird stärker oder schwächer geschehen,
je nachdem, ob die Übertragung mit einem für die Person
bedeutenden Entwicklungsmoment zusammenfällt und
als Beschleuniger oder Auslöser für ihn wirkt. Diese innere
Registrierung der Veränderung entsteht im auf die Über-
tragung folgenden Zeitraum, wenn man erkennt, dass

353
Selbstbefreiung

Gedankenbildungs- und Bildersysteme des Halbschlafs,


Schlafs, ja selbst der Wachheit beachtlich betroffen wur-
den. Die Übertragungsarbeit wird somit länger oder kürzer
sein, je nach dem Entwicklungsmoment und bis die In-
dikatoren auftauchen, wobei man immer die Phänomene
versteht und diese Inhalte neu ordnet und verarbeitet.

Übertragung, Einstieg in die ~. Auf Vorschlag des Sub-


jekts hin, welches Bilder eines Traums, Information aus
seiner Biographie oder aus einem für es bedeutungsvollen
Tagtraum auswählt.

Übertragung, nachträgliche Schritte der ~. a) Austausch


zwischen Subjekt und führender Person im Wachzustand.
Das Subjekt rekonstruiert, was während der Übertragung
geschehen ist. Dabei unterstützt die führende Person durch
Gedächtnishilfen und bezüglich der Abfolge des Vorgefal-
lenen. b) Das Subjekt interpretiert die Bedeutung seiner
Allegorisierungen, wobei die führende Person auf übertrie-
bene Interpretationen achtet. c) Geschriebene Synthese des
Subjekts, in der es kurz die angetroffenen Probleme, Wi-
derstände oder Schwierigkeiten, die begleitenden Klimata
und die entsprechenden körperlichen Registrierungen
beschreibt. d) Wenn die Übertragung erfolgreich verlaufen
ist, dann wird im Subjekt sowohl in der Wachheit, als auch
im Schlaf und im Halbschlaf ein automatischer innerer
Prozess ausgelöst, bei dem Informationen neu geordnet
und Inhalte verarbeitet werden. An dieser Stelle muss da-
rauf gewartet werden, dass dieser auf die Übertragung fol-
gende Prozess der Neuordnung und Integration vollendet
wird, bevor man neue Übertragungen in Angriff nimmt.

354
Vokabular

Übertragung, Voraussetzungen zur ~. Es braucht dazu: a)


Gegenseitiges Vertrauen zwischen Subjekt und führender
Person. b) Technische Kenntnisse. c) Ausschaltung von
Sinnesreizen. d) Das Subjekt sollte nicht die Idee haben,
dass es Schaden nehmen könnte. e) Dass nur das Subjekt
und die führende Person involviert sind. f ) Bei einer ge-
fühlsmäßigen Ambivalenz oder psychischen Abhängigkeit
sollte die führende Person ausgetauscht werden. g) Ange-
messene Körperposition, wobei sich die führende Person
am Rande der visuellen Mitgegenwärtigkeit des Subjekts
platziert. h) Zustand der Sinnesorgane und innere orga-
nische Probleme des Subjekts in Betracht ziehen. i) An-
näherungssitzung zur Übertragungssondierung und für
biographische Fragen. j) Ausreichende Beherrschung der
Entspannung seitens des Subjekts.

Übertragung, Vorgehensweise in der ~. Wenn man sich


nach dem Klima richtet: Man versucht, im Subjekt das
fixierte Klima hervorzurufen, herbeizuführen oder hervor-
zuholen und seine Intensität zu erhöhen. Ist das erreicht
(was aus den körperlichen Begleiterscheinungen ersicht-
lich ist), dann geht es darum, dieses Klima mit einem
angebrachten, von der führenden Person vorgeschlagenen
Bild zu verknüpfen, welches das Klima vergrößert oder
verstärkt. Daraufhin versucht man, das erste Bild durch
andere ähnliche oder benachbarte Bilder zu ersetzen. So
wird die Verlagerung des mit dem ersten Bild verbundenen
Potentials zum zweiten erzeugt, um nach und nach (von
Verlagerung zu Verlagerung) festzustellen, ob das erste Bild
an Intensität verliert und das Klima sich zu lösen beginnt.
Wenn man sich nach den Bildern richtet: Man arbeitet

355
Selbstbefreiung

mit Ebenen, Umwandlungen und Ausdehnungen. Dabei


beginnt man in der mittleren Ebene, steigt ab, steigt auf
und kehrt zum Ausgangspunkt zurück.

Übertragung, Widerstandsanzeichen der ~. Anzeichen


sind fehlende Bilder, übertriebene, der Wachheit eigene
Rationalisierungen, wiederholte kathartische Ausbrüche,
Rückprallerscheinungen, fixierte Bilder, zu schnelle Bil-
derabfolge, die Weigerung, einen bestimmten Zustand zu
verlassen und das Eingeschlossensein. Diese Probleme, die
bei der Übertragungspraxis auftauchen können, stellen die
besten Anzeichen dar, da sie der führenden Person eine
Orientierung ermöglichen, um später die angemessene
Technik anzuwenden. Dabei geht sie in eine dem Wider-
stand, der die Blockade anzeigt und der das Klima in ein
Bild übersetzt, entgegengesetzte Richtung vor. All dies soll
ohne etwas zu erzwingen und ohne direkte Konfrontation
vor sich gehen. Vielmehr tendiert man dazu, die Inhalte zu
überzeugen und eine innere Versöhnung mit ihnen herbei-
zuführen, womit gezeigt wird, dass sie in ein überschauba-
res System integriert werden können.

Übertragungssondierung. Schnelle und kurze, im Wach-


zustand ausgeführte Technik, die in irgendeiner alltäglichen
Situation angewendet wird, um die möglichen Widerstän-
de, die das Subjekt möglicherweise hat, festzustellen. Man
geht von einer vom Subjekt erzählten Geschichte, einem
von ihm erzählten Witz oder Traum aus. Dann nimmt
man eine Figur dieser Geschichte und schlägt dem Subjekt
vor, dass es mit ihr Umwandlungen und Fortbewegungen
vornimmt, an sie Klimata anhaftet bzw. von ihr loslöst
usw., wobei man die Leichtigkeit oder die Schwierigkeiten

356
Vokabular

beobachtet. Bei anderen Gelegenheiten kann das Subjekt


die Rolle einer der beschriebenen Figuren verkörpern,
wobei es die dem Übertragungsprozess eigenen Fortbewe-
gungen vollzieht.

Umkehrbarkeit. Grundlegender Bewusstseinsmechanis-


mus, den wir als Fähigkeit des Bewusstseins definieren, sich
mittels der Aufmerksamkeit auf seine Informationsquellen
zu richten. Im Falle der Sinne ist das die Apperzeption
(s. da), und im Falle des Gedächtnisses das Wachrufen
(s. da). Es kann auch Apperzeption beim Wachrufen geben.
Die Arbeitsweise der Umkehrbarkeit steht in direkter Be-
ziehung zur Arbeitsebene des Bewusstseins. Wenn die Ebe-
ne aufsteigt, nimmt die Umkehrbarkeit zu und umgekehrt.
Es gibt aber auch Blockierungsphänomene bzw. eine Ein-
engung der Umkehrbarkeit, selbst in vollständiger
Wachheit.

Vergessen. Das ist die Unmöglichkeit, bereits gespeicherte


Informationen ins Bewusstsein zu bringen. Dies geschieht
aufgrund einer Blockade der Reminiszenz (s. da), die ein
Wiederauftauchen der Information verhindert. Manchmal
umfasst das Vergessen die Information und die gesamte
Situation, in der sie gespeichert wurde, und alles, was das
Klima hervorrufen könnte, wird gelöscht. Ganze Bereiche
werden gelöscht, welche dieses Bild wachrufen könnten.
Es gibt andererseits eine Art von funktionalem Vergessen,
was das beständige Wiederauftauchen von Erinnerungen
verhindert (s. Amnesie). Dies geschieht durch gegenseitige
Regulierungsmechanismen, die einen Apparat hemmen,
während ein anderer arbeitet. Die Gedächtnislöschung
ist allerdings theoretisch, da man experimentell komplett

357
Selbstbefreiung

vergessene Erlebnisse wieder herstellen kann. Es gibt äu-


ßerst schlechte, auf chemischer und elektrischer Wirkung
basierende "Löschsysteme", die Inhalte und Antworten der
Zentren blockieren können, ohne dass irgendeine Integra-
tion stattfindet.

Verhalten. Struktur, welche a) die Registrierung der Emp-


findung und b) die Antwort auf diese ankommende Emp-
findung umfasst. Diese gesamte Struktur, die sich von den
Zentren ausgehend äußert und handelt, nennen wir Ver-
halten. Das Verhalten variiert je nach Bewusstseinsebene,
oder mit anderen Worten, je nach dem Zustand oder Mo-
ment, in dem sich diese Struktur befindet, was wiederum
die Intensität der Registrierung der Empfindung sowie die
Intensität und Geschwindigkeit der Antwort regelt. Der
Begriff "Registrierung der Empfindung" beinhaltet die Re-
gistrierung des Bildes und der Gedächtnisaktivität.

Verhalten, Faktoren, die dabei beteiligt sind. Die Arbeits-


weise der Zentren, ihrer Zyklen und Rhythmen ermöglicht
uns, Reaktionsgeschwindigkeiten und -arten zu verstehen.
Die Arbeitsebenen ihrerseits gleichen die Funktionsweise
der gesamten Struktur aus. Die Tagträume und der Tag-
traumkern wirken als hemmende oder treibende Kräfte,
wobei sie die Bestrebungen, Ideale und Illusionen leiten,
die sich in jeder Lebensetappe verändern. Auch wirken ge-
sellschaftliche Faktoren und Umweltfaktoren, ebenso wie
die Art und die Eigenschaften des Reizes. Die Biographie
oder das Gedächtnis der Struktur bezüglich früherer Reize
und der Antworten darauf, sowie die in jenen Augenblicken
tätigen Ebenen üben ebenfalls einen starken Druck aus (so
stellt das Gedächtnis ein immer bestehendes Reizsystem

358
Vokabular

dar, es wirkt von der Vergangenheit aus, und zwar mit ei-
ner Intensität, die den gegenwärtigen Reizen vergleichbar
ist). Die Gedächtnisinformationen, ob wachgerufen oder
nicht, üben Druck aus und wirken zwangsläufig in jedem
Augenblick, in dem die Struktur Reize empfängt und Ant-
worten ausarbeitet. Die Rollen (s. da) wirken ebenfalls in
jedem Augenblick, auch wenn man nicht mit der Situation
konfrontiert ist, durch die sie ursprünglich herausgebildet
wurden. So kommt es, dass sich in eine gegenüber einer
gegebenen Situation gewöhnliche Rolle zahlreiche Kom-
ponenten von Rollen aus anderen Situationen einschlei-
chen, womit sich eine wahrhaftige Rollenstruktur gestaltet,
da die Rollen dynamisch sind und untereinander Druck
ausüben. Die Faktoren, die das Verhalten beeinflussen,
stehen unter sich in einer dynamischen und strukturellen
Wechselwirkung, wodurch die Zentren, die Ebenen und
die Biographie eine untrennbare Struktur bilden. Verän-
derungen in einem Faktor führen zu einer Änderung der
gesamten Struktur.

Verhalten, Fehler des ~. a) In sich gekehrtes Verhalten,


wenn der Psychismus die Gegenständlichkeit leugnet;
b) entfremdetes Verhalten, wenn er das innere Psychische
leugnet; c) Funktionsstörungen zwischen dem Psychismus
und der Welt. Dies ist beim Ritualverhalten der Fall, wo-
bei dem Gegenstand die Gegenständlichkeit abgesprochen
wird und er zu einer ausschließlich psychischen Eigenschaft
verwandelt wird, indem der Körper in seiner Beziehung
zur Welt durch ausschließlich psychische Vorgänge ersetzt
wird. Diese in der gegenständlichen Welt unwirksame
Haltung kann dann effizient sein, wenn man auf andere
Psychismen wirkt. In diesem Fall ist das eine angebrach-

359
Selbstbefreiung

te Verhaltensweise. Im Falle des magischen oder erregten


Bewusstseins kommt dem Ritualelement eine bedeutende
Rolle zu.

Verhalten, Funktion des ~. Sie besteht darin, die Integrität


des Individuums zu schützen, indem versucht wird, seine
Bedürfnisse zu befriedigen, wobei es sich an den Regis-
trierungen von Schmerz oder Lust orientiert. Die Nicht-
befriedigung der Bedürfnisse ruft Schmerz hervor, was als
Spannungszunahme registriert wird. Die Registrierung von
Schmerz und Lust bestimmt das Verhalten. Von einem an-
deren Standpunkt aus gesehen neigt das Bewusstsein dazu,
die Welt auf strukturierte Weise zu kompensieren. Dazu
organisiert es ein Antwortsystem, das wir Verhalten oder
Verhaltensweise nennen. Diese Antworten können verzö-
gert oder reaktiv sein, je nachdem, ob sie sich langsamer
und komplexer oder umgekehrt äußern. Die Antworten
können auch innerlich sein, ohne zur Welt hinauszugehen
und somit auf den eigenen Körper wirken. Die kompen-
satorische Verhaltensweise kann auftreten, weil es zuvor
ein die Zentren mobilisierendes Bild gab. Im Fall des
Tagtraumkerns (s. da), von dem man kein Bild hat, wirkt
dessen kompensatorisches Bild und nicht der Kern selbst.

Verhalten, Grenzen des ~. Sie werden durch die Möglich-


keiten des Psychismus und des Körpers gegeben.

Verhalten, Einschätzung des ~. Es kann eingeschätzt


werden: a) von einem äußeren Gesichtspunkt aus, je nach-
dem, ob es einer evolutiven Linie bzw. einer wachsenden
Anpassung folgt oder nicht, und b) von einem inneren
Gesichtspunkt aus, je nachdem, ob es zu einer wachsenden

360
Vokabular

Integration oder aber Auflösung führt. Die Registrierung


der Integration entspricht der des inneren Gleichgewichts,
des Nicht-Widerspruchs, der inneren Übereinstimmung
mit sich selbst und dem Einklang der Arbeit der Zentren
untereinander.
Vom Gesichtspunkt der wachsenden Anpassung sind
die interessanten Verhaltensweisen jene, die mehr Ant-
wortmöglichkeiten geben, was ermöglicht, Energie zu
sparen, die wiederum für neue Schritte in der Anpassung
verwendet werden kann. Eine Änderung der bedeutsamen
Verhaltensweise liegt dann vor, wenn sich eine psychische
Instanz erschöpft und die wirksamen Inhalte einer Instanz
in ihrer Thematik und charakteristischen Begründung sich
bis zur Erschöpfung abnutzen, wodurch sich der Psychis-
mus auf eine neue Instanz ausrichtet, was eine gegliederte
Antwort in seiner Beziehung mit der Welt darstellt.

Vorstellung. Jedes Gedächtnisphänomen, welches das Ge-


genwartsfeld des Bewusstseins berührt. Dies unterscheidet
sich von der Gedächtnisinformation, die unterschwellig
mitgegenwärtig wirken kann, und selbstverständlich auch
von der Wahrnehmungsinformation. (s. Wahrnehmung).

Vorstellungsraum. Er ist eine Art "geistige Bildfläche", auf


welche die Bilder projiziert werden und die ausgehend von
den Sinnes- und Gedächtnisreizen sowie der dem Bewusst-
sein eigenen Einbildungsaktivität Gestalt annimmt. Nebst
seiner Funktion als Bildfläche wird der Vorstellungsraum
selbst durch die Gesamtheit der inneren Vorstellungen
des koenästhetischen Sinnes gebildet, womit er exakt den
Körpersignalen entspricht und als Summe dieser Signale,
als eine Art innerlich vorgestellter "Zweitkörper" registriert

361
Selbstbefreiung

wird. Dieser Raum ist nicht nur in zwei Ebenen gestaffelt,


sondern er besitzt Tiefe, er hat Volumen, und eben das er-
laubt uns, je nach der Lage des Bildes, festzustellen, ob die
Phänomene von der Innen- oder Außenwelt herstammen,
wobei manchmal die Illusion erzeugt wird, dass die Vor-
stellung außerhalb des (immer inneren) Vorstellungsraums
liegt. Je mehr die Bewusstseinsebene absinkt, desto mehr
nimmt er an Dimension, Tiefe und Volumen zu, was mit
einer Erweiterung der Registrierung des Körperinneren
einhergeht. Umgekehrt, je mehr man zur Wachheit auf-
steigt, desto mehr neigt er dazu, flacher zu werden, wobei
er je nach der wirkenden Ebene unterschiedliche Merk-
male annimmt. Der Vorstellungsraum ist auch den Zyklen
oder Biorhythmen, welche jede menschliche Struktur re-
geln, unterworfen. Es gibt keinen Vorstellungsraum ohne
Inhalte, und es ist dank der Vorstellungen, die sich in ihm
gestalten, dass man seine Aktivität registriert.

Vorstellungsraum, Funktion des ~. Diese innere Vor-


stellung des geistigen Raums, die den inneren, visuellen
Übersetzungen der Körperempfindungen entspricht,
ermöglicht die Verbindung zwischen den Bewusstseinser-
zeugnissen und dem Körper selbst. Diese Vermittlung ist
nötig, damit der Körper in eine Richtung funktionieren
kann, denn wenn irgendein Impulssystem zu ihm gelangt
(sei das von den Sinnen, dem Gedächtnis oder der Einbil-
dung), dann wird es bei ihm in ein Bild umgewandelt, das
in einer bestimmten Schicht und Tiefe angesiedelt wird.
Dasselbe geschieht, wenn dieses Bild in irgendeiner Stelle
und Tiefe übersetzt wird, um auf die Zentren zu wirken,
wobei das wirkende Zentrum entsprechend der Stelle und
Tiefe variiert, in der das Bild angesiedelt ist.

362
Vokabular

Wachrufen. Absichtliche, auf das Gedächtnis gerichtete


Bewusstseinshandlung, bei der zuvor gespeicherte Infor-
mationen innerhalb eines bestimmten Bereichs von auf
der Basis der Speicherungszustände oder –klimata struktu-
rierten Erinnerungen gesucht werden (s. Umkehrbarkeit).
Beim Wachrufen taucht die gesuchte Information auf, und
darüber hinaus tauchen in einer Struktur auch die übri-
gen, mit ihr verbundenen Informationen auf. So tauchen
Informationen der übrigen Sinne auf, die zum Zeitpunkt
der Speicherung aktiv waren, sowie Informationen, die
der Arbeitsebene oder dem Zustand der Struktur zum
Zeitpunkt der Speicherung entsprechen (Klimata, gefühls-
mäßige Toni, Emotionen). Beim Wachrufen taucht genau
die gesuchte Information auf und nicht eine andere, weil
eigentlich der Speicherung entsprechende emotionale Zu-
stände und Klimata gesucht werden und diejenigen Bilder
ermittelt werden, die der einen oder anderen Situation
entsprechen. Es ist nicht aufgrund des Bildes an sich, son-
dern aufgrund des Zustands, der ihm entspricht. Man ruft
aufgrund von inneren Empfindungen wach. Sie sind es,
welche die Suche zwischen den verschiedenen inneren Zu-
ständen und dem allgemeinen Klima, das der Speicherung
entsprach, leiten. Wenn das genaue wachgerufene Bild
auftaucht, kann es Vorgänge in Gang setzen (s. Vorstel-
lungsraum, Funktion des ~), Entladungen hervorrufen, die
Muskeln bewegen, einen Apparat in Gang setzen, damit
er mit diesem Bild arbeitet, wobei intellektuelle Vorgän-
ge auftreten, Emotionen ausgelöst werden usw. (s. Bild,
Funktion des Bildes; s. Wiedererkennen). Die Struktur der
Bewusstseinszeiten ist unterschiedlich, je nachdem, wie
im Wachrufen der zeitliche Ablauf geordnet wird. Diese

363
Selbstbefreiung

Strukturierung variiert entsprechend der Arbeitsebene,


wobei diese Anordnung effizienter ist, wenn sie von der
Wachheit aus gemacht wird.

Wachrufungsgrade. Sie sind davon abhängig, ob die In-


formation mit mehr oder weniger Intensität registriert
wurde. Es gibt eine Gedächtnisschwelle, die der Wahrneh-
mungsschwelle entspricht: eine unterhalb davon liegende
(unterschwellige) Information wird vom Bewusstsein nicht
registriert, aber wohl vom Gedächtnis, und diese Informa-
tion wird vom besonderen Zustand der Struktur zum Zeit-
punkt der Speicherung begleitet. Wenn wir die Intensität
und Speicherungsfrequenz erhöhen, erreichen wir von da
ausgehend die automatische Erinnerung, deren Merkmal
das schnelle Wiedererkennen ist, wie das zum Beispiel mit
der Sprache der Fall ist (s. Gedächtnis, Speicherungsgesetze
des Gedächtnisses).

Wahrnehmung. a) Einfache Registrierung der Sinnesinfor-


mation. b) Die den Sinn erreichende Information wird als
Veränderung seines Arbeitstonus registriert. Darüber hin-
aus wird sie durch den Sinn gestaltet und strukturiert. So ist
die Wahrnehmung die Registrierung der Information plus
die Aktivität des sich in Bewegung befindlichen Sinnes.
Sie bildet eine Struktur von Information plus Sinnesakti-
vität, die abstrahiert und strukturiert. c) Die durch einen
Sinn, mehrere Sinne, das Gedächtnis und/oder durch das
Bewusstsein samt einem Sinn, samt verschiedenen Sinnen
und dem Gedächtnis gemachten Strukturierungen.

364
Vokabular

Wahrnehmungsgesetze. a) Schwellengesetz: wenn es ein


Hintergrundrauschen gibt, das vom selben gerade aktiven
Sinn, oder von anderen Sinnen, oder vom Gedächtnis,
oder von der Einbildung, oder vom Information verarbei-
tenden Bewusstsein im Allgemeinen stammt. Wenn man
die Registrierung von einem bestimmten Sinn benötigt,
müssen die übrigen Sinne ihre Reizschwellen zusammen-
ziehen und ihr Feld verkleinern, oder aber der Reiz muss
seine Intensität erhöhen, um registriert zu werden, ohne
dabei aber die maximale Toleranzgrenze zu überschreiten,
da sich sonst eine Sättigung oder Blockade des Sinnes
einstellt. In diesem Fall muss das Hintergrundrauschen re-
duziert werden. Dieses Gesetz steht in Verbindung zu den
Arbeitsebenen der Struktur. Im Schlaf oder Halbschlaf ist
es nötig, dass sich die Reizschwellen des äußeren Sinnessys-
tems zusammenziehen und die des inneren Sinnessystems
erweitern. In der Wachheit geschieht das Umgekehrte.
b) Gesetz der Registrierungsabnahme des konstanten Rei-
zes durch Anpassung der Reizschwellen. Gegenüber einem
konstanten Reiz passt sich die Reizschwelle diesem an, um
ihn so an ihrer Grenze zu behalten und somit seine Tätig-
keit fortsetzen und andere Reize registrieren zu können.

Welt, Aktivität in der ~. Vor allem um körperliche Bedürf-


nisse zu befriedigen. Viele der menschlichen Tätigkeiten
haben mit den zur Welt hin gerichteten Entladungen der
Spannungen zu tun; andere erklären sich durch die innere
Gestaltung, die der Geist selbst vollbringt, wenn er sich der
Welt zuwendet. Der erste Fall ist der der empirischen Kat-
harsis durch die Handlung, der zweite der der empirischen
Selbstübertragung durch die Handlung.

365
Selbstbefreiung

Welt, äußere bzw. äußeres Milieu. Was außerhalb des


inneren Tastsinnes liegt. Ihre Licht-, Geruchs-, Ton-, Ge-
schmacks- und Tastäußerungen werden Reize genannt,
welche die Empfindungen gestalten, wenn sie auf die äu-
ßeren Sinne wirken.

Welt, innere bzw. inneres Milieu. Was innerhalb des äu-


ßeren Tastsinnes liegt. Ihre Wärme-, chemischen, Druck-,
Spannungs-, Beschaffenheits-, Lageäußerungen usw.,
werden Reize genannt, welche die inneren Empfindungen
gestalten, wenn sie auf die inneren Sinne wirken. Es gibt
auch innere Empfindung der Tätigkeit des Gedächtnisses
und der Einbildung.

Weltbild. Es wird durch die Gegenwarts- und Mitgegegen-


wartsfelder (s. da) gestaltet.

Wiedererkennen. Das ist der Fall, wenn eine Information,


die ankommt, mit früheren Informationen verglichen und
als bereits registriert erkannt wird (s. Vergessen).

Zeichen. Symbol oder Allegorie, welche die Funktion


erfüllen, innere Registrierungen zu kodifizieren (s. Zwi-
schenmenschliche Kommunikation).

Zeichenlehre. Funktion, die irgendeine zuvor kodifizierte


gegenständliche Wahrnehmung erfüllt.

Zentren. 1) Abstraktion oder konzeptuelle Synthese be-


züglich der verschiedenen möglichen Aktivitäten des Men-
schen. In ihr wird die Arbeit verschiedener Körperstellen,
die manchmal weit auseinanderliegen, zusammengefasst.

366
Vokabular

2) Apparate, welche den Ausgang von zur Welt hin gerich-


teten Antworten steuern. Diese Zentren erzeugen speziali-
sierte Beziehungsantworten.

Zentren, Antwortzentren. Konzeptuelle Synthese be-


züglich eines Mechanismus des Psychismus, der auf die
Empfindungswelt eine Antwort gibt. Die Antwort ist der
Ausdruck der Zentrumsaktivität zur äußeren und/oder
inneren Umgebung. Wir können die Antwortzentren auf-
grund ihrer Aktivität oder der Funktion, die sie erfüllen,
unterscheiden:

Zentrum, emotionales. Es regelt die Gefühle und


Emotionen als Antworten auf innere und äußere Phäno-
mene. Seine Tätigkeit verändert die Aktivität der übrigen
Zentren, selbst in ihren willentlich nicht beeinflussbaren
Teilen, ebenso wie die Aktivität des vegetativen Zentrums.
Es regelt in erster Linie situationsgebundene Antworten
und fasst sie zusammen, wobei es mittels Adhäsion oder
Abweisung arbeitet. Von dieser Arbeit des emotionalen
Zentrums registriert man die Fähigkeit des Psychismus, als
wie von ihm selbst erzeugt, die Empfindung zu erfahren,
sich an etwas Angenehmes anzunähern oder sich von et-
was Schmerzhaftem zu entfernen, ohne dass der Körper
in bestimmten Situationen deswegen notwendigerweise
handelt, was eine Art psychischer Fortbewegungen er-
zeugt. Wenn das emotionale Zentrum Antworten gibt,
die überhand nehmen, erzeugt das mittels Teilblockaden
Störungen bei der Synchronisierung der anderen Zentren,
was das Verhalten beeinflusst (s. erregtes Bewusstsein).

367
Selbstbefreiung

Zentrum, intellektuelles. Es regelt die Ausarbeitung


gedachter Antworten, die Beziehung zwischen verschie-
denen Reizen, die Beziehung zwischen Daten und den
Lernprozess. Es erteilt den übrigen Zentren Befehle, mit
Ausnahme der willentlich nicht beeinflussbaren Teile sowie
des vegetativen Zentrums. Es funktioniert auf der Grund-
lage von Abstraktions-, Einordnungs- und Assoziationsme-
chanismen usw. Es arbeitet aufgrund von Selektion oder
Konfusion von Bildern, innerhalb eines Bereichs, der von
Ideen bis hin zu verschiedenen gelenkten oder abschwei-
fenden Einbildungsformen reicht, wobei es Antworten
ausarbeiten kann, die sich ihrerseits als Bilder in Form von
Symbolen, Zeichen und Allegorien ausdrücken. Wenn
falsche Antworten dieses Zentrums ausufern und ihren
Bereich überschreiten, dann bewirkt das eine Verwirrung
in der restlichen Struktur und folglich auch im Verhalten.

Zentrum, motorisches. Es ermöglicht dem Körper,


sich im Raum zu bewegen, und es regelt die Bewegungs-
gewohnheiten. Es arbeitet mit Spannungen und Entspan-
nungen. Ebenso wie die übrigen Zentren arbeitet es bei
seinen Antworten mit Überladungen.

Zentrum, sexuelles. Es reguliert die sexuellen Aktivitä-


ten gegenüber äußeren und inneren Reizen und gibt auch
willentlich nicht beeinflussbare Signale an die übrigen
Zentren. Es hat einen minimalen willentlichen Bestand-
teil. Es ist der hauptsächliche Sammler und Verteiler von
Energie, der durch abwechselnde Konzentration und Ver-
teilung wirkt und dabei die Energie örtlich begrenzt oder
verteilt in Gang setzt. Es ist die unmittelbarste Speziali-
sierung des vegetativen Zentrums. Die Anspannung sowie

368
Vokabular

die energetische Verteilung vom sexuellen Zentrum zu


den übrigen Zentren erzeugen starke koenästhetische Re-
gistrierungen. Die Abnahme der Spannung erfolgt durch
a) eigene Entladungen des sexuellen Zentrums, b) durch
Entladungen mittels der anderen Zentren sowie c) durch
Übertragung der Signale zum Bewusstsein, welches diese
Signale in Bilder umwandelt. Es kann auch Spannungen
vom Körper und von den anderen Zentren sammeln, und
diese koenästhetischen Signale können das Antwortsystem
des sexuellen Zentrums in Gang setzen.

Zentrum, vegetatives. Es regelt die innere Aktivität des


Körpers, indem es ausgleichende Antworten auf entste-
hende Ungleichgewichte gibt und an die übrigen Zentren
Signale sendet, damit diese sich ihrerseits in Gang setzen,
um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, indem diese dem re-
gistrierten Schmerz aus dem Weg gehen oder aber die er-
fahrene Lust beibehalten. Von einem anderen Standpunkt
aus sagen wir, dass es die Grundlage des Psychismus ist,
von wo aus der Selbst- und Arterhaltungstrieb aktiviert
wird. Erregt durch entsprechende Schmerz- und Lustsig-
nale setzen sich diese zur Verteidigung und Ausbreitung
der gesamten Struktur in Gang. Von diesen Instinkten gibt
es keine Registrierungen, sondern nur durch bestimmte
Signale, dass sich ein Teil oder die Gesamtheit der Struk-
tur in Gefahr befindet (das sind keine Apparate, sondern
Aktivitäten, die wir Instinkte nennen). Das vegetative
Zentrum wird durch koenästhetisch registrierte Bilder mo-
bilisiert. Und diese Bilder tauchen zum Beispiel gefördert
durch einen Schlaf- oder Erschöpfungszustand auf, durch
Hungergefühl, durch sexuelle Reflexe usw. Die koenästhe-
tische Registrierung nimmt bei Krankheit zu, aber auch

369
Selbstbefreiung

bei Abwesenheit von äußeren Empfindungen. Es gibt an-


gemessene Antworten, damit bestimmte Energiemengen
bereit gestellt werden, womit die auf koenästhetischem
Wege entdeckten Signale ausgeglichen und Stellen des
Körperinneren in Gang gesetzt werden. Dieses vegetative
Zentrum umgeht die Bewusstseinsmechanismen praktisch
vollständig, aber seine Tätigkeit wird von den inneren Sin-
nen registriert, deren Signal das Bewusstsein erreicht, wo es
in ein Bild umgewandelt wird, welches dann seinerseits die
willentlich nicht beeinflussbaren Teile der anderen Zentren
in Gang setzen kann. Diese Zentren sind a) auf keinerlei
Weise voneinander getrennt und arbeiten dynamisch in
einer Struktur zusammen, wobei gleichzeitige Aktivitäten
festgestellt werden und b) sie arbeiten auf dem Weg der
inneren Sinne mit eigenen Registrierungen sowie mit der
Verbindung zwischen den Zentren und dem Bewusstsein.

Zentren, Energie der ~. Der Arbeit oder Aktivität der


Zentren entspricht eine Art von Energie, die wir Nerven-
energie nennen. Sie zirkuliert zwischen den Zentren. Die
Energiemenge ist dabei dieselbe, das heißt, wenn die Ak-
tivität in einigen Zentren zunimmt, dann nimmt sie in
anderen ab, vor allem in denen, die wir benachbarte nen-
nen. Manchmal kommt es in diesem Energiekreislauf zu
Blockierungen in einem Zentrum, was zu Funktionsstö-
rungen in der Struktur der übrigen Zentren führt. Dabei
sollte man Energiemangel oder Blockierungen in einem
Zentrum nicht mit einem Mangel an Übung verwechseln.
Man sollte auch die kathartische Funktion in Betracht zie-
hen, die ein Zentrum erfüllen kann, das einem blockierten
oder überladenen Zentrum benachbart ist, und so zu einer
Spannungsentladung beiträgt. Die negative Aktivität eines

370
Vokabular

Zentrums führt in den benachbarten zu einer Ladungsver-


minderung durch „absaugen“, während die positive La-
dung es überfließen lassen kann und in den benachbarten
zu einer Überladung führt. Sowohl die negative Aktivität
als auch die Überladung spiegeln sich im Haushalt der üb-
rigen Zentren und führen letztendlich zu deren Entladung.
Das vegetative Zentrum beliefert die anderen mit Energie;
es ist der Körper, der den Zentren Energie gibt. Das sexu-
elle Zentrum ist der Sammler dieser Energie und gewichtet
die Aktivität der übrigen Zentren durch seine Aktivität.

Zentren, Funktionsstörungen der ~. Sie treten auf, wenn


sich die Antworten nicht strukturiert organisieren und die
Zentren Aktivitäten in zueinander gegensätzliche Rich-
tungen auslösen. Das kann durch folgende Formel ausge-
drückt werden: „Im Widerspruch denkt, fühlt und handelt
man in unterschiedliche Richtungen.“

Zentren, Geschwindigkeiten der ~. Bei den Antwortbe-


fehlen zur Umgebung hin nimmt die Geschwindigkeit,
ausgehend vom intellektuellen Zentrum, welches das lang-
samste ist, bis zum vegetativen und sexuellen Zentrum,
welches das schnellste ist, zu.

Zentren, Registrierung der Aktivität der ~. Die Aktivität


der Zentren wird an bestimmten Körperstellen registriert,
auch wenn diese Stellen nicht die Zentren sind. Das Re-
gistrieren des vegetativen Zentrums ist körperlich, inner-
lich und diffus. Das Registrieren des Geschlechts findet
im sexuellen Plexus statt, des motorischen Zentrums im
Solarplexus, des emotionalen Zentrums im Herzplexus
(Atmungsregion) und des intellektuellen Zentrums im

371
Selbstbefreiung

Kopf. Alle Zentren geben bei ihrer Antwortaktivität Sig-


nale an die inneren Sinne, von wo aus die Registrierung
zum Gedächtnis und zum Bewusstsein gelangt und so eine
Regelung der Antwort ermöglicht.

Zentren, Teile und Unterteile der ~. Abstrakt gesehen


setzt sich jedes Zentrum aus Teilen zusammen, die von den
willentlich steuerbaren Antworten bis hin zu den willent-
lich am wenigsten beeinflussbaren reichen. Letztere Teile
sind schneller und überfluten bei einer Überladung das ge-
samte Zentrum. Wir unterscheiden einen intellektuellen,
einen emotionalen und einen motorischen Teil. Jedem Teil
ordnen wir (abstrakt gesehen) Unter-Teile zu, welche dazu
führen, dass das Zentrum in Selektion oder Konfusion,
Adhäsion oder Abweisung sowie Spannung oder Entspan-
nung arbeitet.

Zentren, Zyklen und Rhythmen der ~. Die Zentren be-


sitzen ihre besondere innere Aktivität, die unabhängig von
den zu ihnen ankommenden Reizen ist. Obwohl diese Rei-
ze die Arbeitsweise der Zentren beeinflussen, werden sie
erneut dem normalen Rhythmus des Zentrums angepasst
(s. Biorhythmus).

Zwischenmenschliche Kommunikation. Sie wird mittels


des Gebrauchs irgendeines Zeichensystems ermöglicht,
welches aufgrund von Ähnlichkeit der entsprechen-
den kodifizierten inneren Registrierungen wirkt (s.
Zeichen-Zeichenlehre-Bedeutung).

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