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über die Merkmale einer Klassizität hinaus, das durch Espressivo und objektivierterAusdruck

alle Künste und die verschiedensten Strömungen ge-


genwärtiger Kunst gehende Kennzeichen. Statisch im
Bau des einzelnen Werkes, statisch in bezug auf das Ziel
insofern, als das fertige Werk Klarheit vermitteln soll,
Statisch vielleicht auch in bezug auf die in die Zukunft
weisende Triebkraft der Kunst, der im Gegensatz zu Die Bezeichnung »Espressivo« wird von den Kompo-
der Sprunghaftigkeit der letzten Jahrzehnte auf der nisten vorgeschrieben, wenn eine Melodie oder eine
neugewonnenen Bahn Stetigkeit ihres Lebens ermög- einzelne Stimme im Orchester mit besonderer Besee-
licht wird. lung vorgetragen werden soll. In der musikalischen
Praxis bedeutet diese Bezeichnung vor allem diejenige
Vortragsart, die sich kurzer, aber intensiver An- und
Abschwellungen bedient. Wie in Seufzern erhöht sich
der Druck der melodischen Linie, wie in Resignationen
spannt sich der Druck ab. Die Bezeichnung »Espressi-
vo« selbst und die ihr entsprechende, auf An- und Ab-
schwellung beruhende musikalische Faktur findet sich
in weiterer Verbreitung erst seit Beginn der romanti-
schen Musik, daß heißt vom Beginn des 19. J ahrhun-
derts an.
Ja, diese musikalischen Schwellungen sind für die Mu-
sik dieses Jahrhunderts so typisch, daß die musikali-
sche Epoche von Beethoven bis Richard Strauss eine
Epoche des Espressivo genannt werden kann. Das Es-
pressivo galt als der Ausdruck des Seelischen schlecht-
hin so sehr, daß sogar die ältere, vorbeethovensche
Musik in Bearbeitungen und in der Aufführungspraxis
im Sinne des Espressivo umgedeutet wurde. Alles jen-
seits des Espressivo Stehende galt als ledern und kalt.
Diese Tendenz zum Espressivo entspricht dem gestei-
gerten subjektiven Empfinden dieses Zeitalters, in dem

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der Mensch und sein individuelles Seelenleben als das ungebundene, aufs Maßlose eingestellte Empfinden
Maß der Dinge erschien. eines einzelnen), Maß der Dinge war.
Aus der neuen Musik (wie aus der neuen Kunst und Mit dem Hinweis auf solche Gesetzlichkeit sind weni-
Geistigkeit überhaupt) ist dieses Espressivo fast voll- ger die Regeln der alten musikalischen Theorie ge-
ständig verschwunden. Andere Kräfte dominieren: mo- meint als diejenigen, die gesamte musikalische Struk-
torischer Rhythmus, scharfe, schrille Klänge, große tur betreffenden Gestaltungsprinzipien, die sowohl die
melodische Bögen, deren Spannung nicht mehr am mittelalterliche wie die Barockmusik behenschen: die
Maß menschlichen Atems gemessen werden kann. Die ununterbrochene, gleichförmige rhythmische Bewe-
Abkehr von ausdrucksheißen Aufwallungen und von ge- gung, die ostinaten Wiederholungen, die Sequenzbil-
fühlsgeladener, schmelzender Beseeltheit ist offenbar. dungen, die stereotype Verwendung bestimmter For-
Man spricht vielfach von einer Rückkehr der neuen meln wie der verschiedenen Kadenzierungsarten oder
Musik zu formalen Prinzipien der vorbeethovenschen auch der klare dynamische Aufbau, der wohl Gegen-
Epoche. Über diese formalen Beziehungen hinaus be- sätze, aber keine Nuancierung im einzelnen kennt. Die
steht tiefe Wesensverwandtschaft zwischen neuer und meisten dieser Kennzeichen, denen die romantische
alter Musik: ihr ist das Espressivo ebenso fremd wie Musik des I 9· Jahrhunderts völlig entgegengesetzt ist,
das individualistische Feuer der romantischen Melo- erscheinen gerade auch für die neue Musik als typische
dik; und in ähnlicher Weise zeigt sich in ihr die Wirk- Grundelemente.
samkeit motorisch-rhythmischer Kraft und objektivier- Die von diesen Grundelementen ausgehende Aus-
ter, naturhaft schwebender melodischer Bögen. drucksgewalt ist keineswegs geringer als die Ausdrucks-
Heute - vor allem dank der Erkenntnisse, welche die gewalt, die das Espressivo ausströmt. Innerhalb der
moderne Musikwissenschaft in bezug auf das Wesen gesetzlich formelhaften Bindungen, ja gerade durch
alter Musik vermittelt hat - wird niemand mehr die diese, entsteht in der alten Musik eine Momumentalität
alte Musik wegen des fehlenden Espressivo als aus- und Bewegungsschwingung, welche die Musik des Es-
druckslos bezeichnen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, pressivo kaum erreichen kann.
daß sie, wie alle Kunst, einem gesteigerten Ausdrucks- Warum?- So sehr die Musik des 19. Jahrhunderts (sei
bedürfnis ihr Leben verdankt. Daß sich dieses primäre es bei Beethoven, Wagner, Bruckner oder Brahms)
Ausdrucksbedürfnis in gebundener Form, d. h. nach nach der Unendlichkeit strebt, so sehr bleibt sie dem
Maßgabe einer künstlerischen Gesetzlichkeit, ja im Persönlichen verbunden. Das Espressivo spiegelt indi-
Rahmen scheinbarer künstlerischer Formelhaftigkeit viduelles, subjektives Leben und subjektive Geistigkeit.
äußert, entspricht nur der geistigen Struktur füherer Hierin liegt die Tragik der Zeit: nach dem Äußersten,
Zeitalter, in denen Gesetze und Formeln (nicht das dem Überirdischen, dem Letzten strebt die Kunst - sie

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muß in den Grenzen des Menschlichen verbleiben, weil Diese Zusammenhänge zeigen, in welch grundverschie-
sie allein aus dem Subjektiven schöpft. dener Weise das Espressivo einerseits und der »Aus-
Die alte Musik, in scheinbarer Gebundenheit, reicht druck« alter Musik andererseits zustande kommen. Ist
über das allein Menschliche, das Subjektive, weit hin- das Espressivo Spiegelung subjektiven Empfindensund
aus. Ihre ausdruckschaffenden Grundelemente stehen Lebens, so beruht das vVesen der auf unmittelbarer Na-
deshalb über den gestaltenden Kräften des Espressivo, turgesetzlichkeit sich aufbauenden Kunst auf objekti-
weil sie unmittelbaren Zusammenhang mit primären viertem Ausdruck. Zugleich läßt sich von hier aus die
Naturkräften besitzen. Sie gehören dem über allem Besonderheit dieser zwei verschiedenen Gestaltungsar-
Menschlichen stehenden Reich des Objektiven an: in ten erkennen: die Gestaltungsart der Espressivo-Ein-
diesem Sinn erscheint der gleichförmige, ungebrochene stellung bedarf der Vielgestaltigkeit subjektiver »Ein-
Rhythmus und das Ostinato als unmittelbare Spiege- fälle«, wogegen die objektivierte Ausdrucksweise eine
lung von Naturphänomenen, die sich etwa im organi- gewisse Gleichförmigkeit gestattet, die nie zur Einför-
schen Herzschlag, im Rhythmus strömender Wasser- migkeit herabsinken kann, weil sie stets mit der Uner-
massen oder auch im Gleichtakt einer Maschine oder schöpflichkeit der großen Naturgewalten verbunden
eines sonstigen Instrumentes äußert, dessen Bewegung bleibt. So erklärt sich die merkwürdige Lebendigkeit
auf dem Walten primärer Naturkräfte beruht. (Man etwa der Barockmusik, in der die thematischen Einfälle
denke beispielsweise an das unaufhaltsame Ticken einer keineswegs von besonderer Bedeutung sein müssen.
Uhr, in dem die gespannte Kraft einer Feder oder die Wenn die neue Musik sich dem objektivierten Aus-
Wucht ziehender Gewichte unmittelbar empfunden druck zugewendet hat, so steht dies in unmittelbarem
werden kann.) Ja, selbst bestimmte Aufbaugesetzlich- Zusammenhang mit der Tatsache, daß heute das Stre-
keiten und Formelhaftigkeiten (etwa die kadenzieren- ben nach objektiver Einsicht und nach Erkenntnis ob-
den Schlußbildungen) stehen in unmittelbarer Analogie jektiver Bindungen zum Zeichen der Zeit geworden ist.
zu N aturgesetzlichkeiten, wie sie sich beispielsweise im Nicht das Privaterlebnis, sondern das Gemeinschafts-
formalen Werden und Sein von Pflanzen äußern. All erlebnis erregt die Menschen; nicht in der Vielgestaltig-
diese Phänomene - eine umfassende Betrachtung wür- keit, sondern in der typisierten Gleichform gestalten
de noch eine große Zahl von Analogien zwischen den sich die schöpferischen Kräfte der Zeit (sinnfällige Bei-
Grundelementen alter Musik und primären N aturkräf- spiele: Baukunst oder Technik).
ten erkennen lassen - sind geladen mit Ausdrucksge- Ebensowenig wie etwa diese typisierte Architektur
halt, der den Menschen unmittelbar erfaßt; sie sind die oder auch die gewaltigen Erzeugnisse der Technik als
unmittelbar verständlichen Äußerungen einer höheren, ausdruckslos bezeichnet werden können, ebensowenig
objektiven Macht. ist das, was in der neuen Musik gleichförmig sich be-

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wegt, monoton stampft oder leise schwebt, als Erzeug- Ansermets Musikdenken
nis kalter Seelen oder ausdrucksloser Gleichgültigkeit
zu bezeichnen.
Im Gegenteil: in dem Bestreben, den Ansdruck nicht
aus der Sphäre des beschränkt Menschlichen, sondern
aus der Sphäre des Naturgesetzlichen, Umfassenden,
Objektiven zu schöpfen, beweist sich der (gewiß viel- Unter den Dirigenten unserer Zeit ist Ernest Ansermet
fach unbewußte) Wunsch, die Warme des Kosmischen, ein Ausnahmefall. Er ist Musiker, Mathematiker und
allerdings nicht die Hitze des Individuellen, zu gestal- Musikphilosoph, ein Mensch von weitem Bildungs-
ten. horizont, belesen in vielen Sparten der Wissenschaft
und Literatur. Als Dirigent gehört er zusammen mit
Furtwängler, Klemperer, Walte1-, Kleiber und weni-
gen anderen in die erste Reihe der großen Orchester-
leiter des 20. Jahrhunderts, die ihren Beruf auf hohe
Ebenen geführt haben. Ansermet ist der Typus des spi-
rituellen, geistigen Dirigenten von ursprünglicher mu-
sikalischer Vitalität. Künstler und Lehrer zugleich.
Das Zentrum seiner Tätigkeit war und ist die Schweiz,
im besonderen Genf, wo er dem Geist Calvins den Geist
der Musik beigefügt hat. Aber durch seine Gastspiele,
die ihn seit Jahrzehnten nach Paris, nach Deutschland,
Rußland, Nord- und Südamerika führen, gehört er
ebenso dem internationalen Musikleben an, das durch
ihn höchst belebende Impulse erhalten hat. Er erscheint
aber nicht als der plötzlich auftauchende und ver-
schwindende artistische Reisedirigent, sondern als Re-
präsentant einer bestimmten musikalischen Kultur, der-
jenigen, die durch Claude Debussy geprägt worden ist,
und als Wortführer moderner Musik, ohne im gering-
sten die Werke der Klassiker zu vernachlässigen. Im
Gegenteil: auch hier besitzt seine Interpretation einen

154 155
HANs cuRJEL Synthesen
Vermischte
Schriften
zum
Verständnis
der neuen
Musik

CLAASSEN
Harnburg
Inhalt
CLAASSEN CARGO
HeTausgegeben von
Alfred Anderscb
SYNTHESEN
Musik um I9I4 9
I. Der Radius 9
2. Evolutionäre Kräfte 26
3. Revolutionäre Kräfte 33
Der »falsche« Ton 5I
Das große Intervall 65
Dodekaphonie- eine Weltsprache 82
Wandlungen des tönenden Materials 97
Vorgänge im Bereich der Sprache I I9

VERMISCHTES
Triumph der Alltäglichkeit, Parodie
und tiefere Bedeutung I 35
Statische Tendenz I42
Espressivo und objektivierter Ausdruck I49
Ansermets Musikdenken I 55
Strawinsky und die Maler I 70

DISKOGRAPHIE I87

© I966 Claassen Verlag GmbH, Harnburg Nachwort 207


Umschlagentwurf Alfred Janietz
Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany