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I

Das Buch stellt den Versuch dar, einige Grenzprobleme der modernen Wis-
senschaen, vor allem Naturwissenschaen, darzustellen, deren Beantwortung
früher haltlosen Spekulationen anheimgestellt oder dem Mythos vorbehalten
war, die sich aber heute bis zu einem gewissen Grad und bis zu einer gewissen
Grenze durchaus rational diskutieren, wenn nicht sogar empirisch untersuchen
lassen. Das in diesem Buch der evolutive Aspekt als durchgehendes Leitmotiv
aufscheint, ist kein Zufall: Zum einen ist der Begriff der Evolution längst nicht
mehr auf die Entwicklung des Lebendigen beschränkt, sondern ausgeweitet
worden auf die Entwicklung des gesamten Kosmos. Zum anderen treten eben
in Zusammenhang mit der Evolution die wesentlichen (Grenz-) Probleme von
Wissenscha und Philosophie auf. Evolution von Kosmos, Leben, Mensch und
Wissen bilden daher den Einteilungsgrund dieser Untersuchung.

Alois Reutterer, geb. am 21.12.1938 in Bludenz, Österreich, studierte von 1959


bis 1967 an der Universität Innsbruck Biologie und Erdwissenschaen sowie
Philosophie und Psychologie; 1964 Lehramtsprüfung für Allgemeinbildende
Höhere Schulen (Gymnasien). 1967 Promotion zum Doktor der Philosophie mit
Nebenfach Psychologie; seither Gymnasiallehrer für Biologie und Philosophie.
Seit 1972 Leiter der Arbeitsgemeinscha der Gymnasial-Biologen Vorarlbergs,
seit 1989 Bereichsleiter der Volkshochschule Bludenz. Veröffentlichungen im
Bereich Philosophie, Zoologie, Ökologie und Ethik. Buchpublikationen: „Phi-
losophie“ (1977), „Lehrbuch Philosophie“ (1984), „Erleben und Verhalten“
(1990).

vitzliscan20020424
II
ALOIS REUTTERER

AN DEN GRENZEN
MENSCHLICHEN WISSENS

WISSENSCHAFTLICHE BUCHGESELLSCHAFT
DARMSTADT
III
Einbandgestaltung: Studio for Communication Design.
Ulrich Franz & Neu McBeath.

Einbandbild: Bild einer Galaxie.

CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Reutterer, Alois:
An den Grenzen menschlichen Wissens / Alois
Reutterer. – Darmstadt: Wiss. Buchges., 1990
ISBN 3-534-11239-3

© 1990 by Wissenschaliche Buchgesellscha, Darmstadt

IV
INHALT

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII

1. Kosmos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . l
1.1 Die Frage nach dem Anfang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . l
2.2 Wie entstand (und entsteht) Materie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.3 Struktur, Zukun und Ende der Welt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
1.4 Überlegungen über die Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.5 Gott oder Kosmos? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
1.6 Das anthropische Prinzip. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.7 Unsere Welt ist nicht Chaos. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
1.8 Die metaphysische Grenze. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

2. Leben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
2.1 Was ist Leben?-Gibt es eine „Lebenskra“? . . . . . . . . . . . . 28
2.2 Evolution als kosmisches Phänomen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
2.3 Zweifel und Beweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
2.4 Verläu die Evolution zielgerichtet?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
2.5 Warum sterben Arten oder ganze Stämme aus? . . . . . . . . . 41
2.6 Außerirdisches Leben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
2.7 Die Entstehung des Lebens auf der Erde . . . . . . . . . . . . . . . . 52
2.8 Die ersten Vielzeller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
2.9 Wie ging es weiter? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
2.10 Die Evolution des Nervensystems. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69

3. Mensch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
3.1 Das Erwachen des Bewußtseins . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
3.1.1 Hominisation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
3.1.2 Das Integrationsphänomen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
3.1.3 Die Sonderstellung des Menschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
3.2 Bewußtsein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
3.2.1 Seele oder Bewußtsein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
3.2.2 Lösungsversuche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
3.2.3 Gehirn und Erleben in moderner Sicht . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
V
3.3 Willensfreiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
3.4 Sinn des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
3.4.1 Die Dringlichkeit des Problems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
3.4.2 Sinn, Wert, Ziel und Zweck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
3.4.3 Arten von Lebenssinn. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
3.4.4 Lebensziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116

4. Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
4.1 Grenzen der Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
4.2 Das Schicksal wissenschalicher eorien .. . . . . . . . . . . . 125
4.3 Von der Wissenscha zur Ideologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
4.4 Wissenscha und Mystik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136

Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139

Glossar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143

Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Namen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
Sachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153

VI
VORWORT

Die Geschichte des menschlichen Denkens verlief sicher nicht gera-


dlinig vom Mythos zum Logos, von der bildhaen zur rational-wissen-
schalichen Erklärung der Welt. Dennoch: Die Grenzen des Wissens
wurden im Verlauf der Bewußtseinsentwicklung der Menschheit immer
weiter hinausgeschoben (vor allem durch die Naturwissenschaen), und
der mit dem Glauben an Wunder verknüpe Mythos wurde ständig
zurückgedrängt. Wir meinen zwar o, schon sehr viel zu wissen – und
wir wissen zweifellos sehr viel mehr als unsere Vorfahren früherer
Jahrhunderte -, aber es gibt doch noch zahlreiche weiße Flecken auf
der Landkarte unseres Wissens; und wir wissen nicht einmal, wie groß
diese Flecken sind, ja wie groß diese unsere Wissenslandkarte theoretisch
sein könnte.
D (1973) spricht in diesem Zusammenhang vom „blinden
Fleck“ in unserem Wissen, den wir wie den blinden Fleck im Auge gar
nicht wahrnehmen.
Das vorliegende Buch stellt einen Versuch dar, einige Grenzprobleme
der modernen Wissenschaen, vor allem der Naturwissenschaen,
darzustellen, deren Beantwortung früher haltlosen Spekulationen an-
heimgestellt oder dem Mythos vorbehalten war, die sich aber heute bis
zu einem gewissen Grade und zu einer bestimmten Grenze durchaus
rational diskutieren, wenn nicht sogar empirisch untersuchen lassen.
Selbst die klassischen Kantischen Fragen der Metaphysik nach Gott,
Freiheit und Unsterblichkeit finden heute ihren Platz teilweise im Kon-
text empirisch fundierter Spekulation. Daher ist es auch kein Zufall, daß
naturwissenschaliche und originär metaphysische Probleme vermischt
behandelt werden, denn zahlreiche Fragen der früheren Metaphysik sind
zu Grenzproblemen der modernen (Natur-)Wissenscha geworden. Es
stehen uns heute empirische Daten zur Verfügung, die eine wesentlich
rationalere und empirisch fundierte Diskussion solcher Fragen erlauben.
Die Spekulationen der neuen „Meta-Physik“ hängen nicht mehr so im
erfahrungslosen Raum wie die der Metaphysiker früherer Epochen.
VII
Daß in diesem Buch der evolutive Aspekt als durchgehendes Leitmotiv
aufscheint, ist kein Zufall: Zum einen ist der Begriff der Evolution längst
nicht mehr auf die Entwicklung des Lebendigen beschränkt, sondern
ausgeweitet worden auf die Entwicklung des gesamten Universums.
Zum anderen treten eben in Zusammenhang mit der Evolution die
wesentlichen (Grenz)Probleme von Wissenscha und Philosophie auf.
Evolution von Kosmos, Leben, Mensch und Wissen bilden daher den
Einteilungsgrund dieser Untersuchung.
Den Wissenschalern wird o ein gewisser Hochmut nachgesagt,
doch sind die meisten von ihnen heute weit davon entfernt, zu meinen,
alles erklären zu können. Je weiter wir zu den mutmaßlich definitiven
Grenzen des Wißbaren vorstoßen, desto mehr sehen wir ein, wie wenig
wir letztlich wissen können. Die Wissenschaler von heute zeichnen
sich gerade dadurch vor den Ideologen jedweder Provenienz aus, daß
sie sich der Grenze der Wissenscha bewußt sind und nicht mehr
glauben, absolute Wahrheiten finden zu können. Die Erklärbarkeit der
Welt scheint sich zwischen zwei Polen zu erstrecken, zwischen zwei
Problemen, die für uns vermutlich für immer unlösbar bleiben werden:
Warum gibt es überhaupt etwas? Und: Wie ist Bewußtsein möglich?
Alles was dazwischen liegt, scheint grundsätzlich erklärbar – auch wenn
das meiste noch unerklärt ist und zum Teil wohl noch auf lange Sicht
bleiben wird. Der Autor steht auf dem Standpunkt eines kritischen
Rationalismus, der jedoch die Bedeutung anderer Lebensbereiche als
der Wissenscha in ihrer Berechtigung durchaus anerkennt. Dieser
Standpunkt bedeutet vor allem die Meinung, daß es in der Welt allezeit
mit rechten Dingen zugeht, daß nirgendwo prinzipiell unerklärbare
Wunder postuliert werden müssen, daß also die Welt grundsätzlich
(soweit überhaupt) rational erklärbar sei – ohne dem Hochmut zu
verfallen, daß wir schon (fast) alles erklären könnten. Zu begrenzt ist
menschliches Erkenntnisvermögen.

Bludenz, Österreich, 1990 Alois Reutterer

VIII
1. KOSMOS

Naturwissenscha ist der Versuch, bei der


Erklärung der Welt ohne Wunder auszu-
kommen.
Hoimar von Ditfurth

1.1 Die Frage nach dem Anfang

Die meisten Wissenschaler nehmen heute an, daß das Weltall vor
etwa 15-20 Milliarden Jahren (die Schätzungen schwanken sehr stark)
mit einer gewaltigen Explosion eines „Uratoms“, einer „Singularität“
von extrem hoher Hitze und Dichte zu existieren begonnen hat und
daß es seither sich ständig mit großer Geschwindigkeit ausdehnt, also
größer wird. – Wobei man zu fragen geneigt ist, wohin es sich denn
ausdehne. Aber diese Frage wäre bereits falsch gestellt, dann der Raum
selbst expandiert und das Weltall ist eben alles, was es – für uns? – gibt,
ein Außerhalb ist nicht denkbar. Daß der Weltraum expandiert, daß die
fernen Sternensysteme (Milchstraßen oder Galaxien) sich mit hoher
Geschwindigkeit von uns wegbewegen, wird aus der Rotverschiebung
gewisser Linien im Spektrum dieser Galaxien erschlossen. Wie Schall-
wellen unterliegen auch Lichtwellen dem sogenannten Dopplereffekt:
Schall- oder Lichtwellen von Objekten, die sich von uns wegbewegen,
werden gedehnt, haben eine niedrigere Frequenz. Wellen von Objekten,
die sich uns nähern, erscheinen verkürzt, haben eine höhere Frequenz.
Die Rotverschiebung könnte aber auch andere Ursachen haben:
(1) Zusammenstöße mit Teilchen im intergalaktischen oder interstel-
laren Gas könnten eine Abbremsung bewirken.
(2) Auch die Schwerkra kosmischer Objekte könnte bremsend wir-
ken.
(3) Ebenso wäre ein Energieverlust durch Photonenalterung denkbar,
und schließlich
(4) wäre es möglich, daß das Wirkungsquantum h nicht konstant
ist, sondern sich allmählich ändert.
1
Aus der Astronomie ist bekannt, daß bestimmte Galaxien – so unsere
„nur“ 2,5 Millionen Lichtjahre entfernte Schwestergalaxis Andromeda
– eine Blauverschiebung zeigen, sich also uns nähern müßten, was mit
der Vorstellung einer allgemeinen Flucht der Galaxien voneinander
schwer vereinbar scheint, andererseits aber die neuere Annahme be-
stätigen könnte, daß der Raum sich nicht gleichmäßig ausdehnt, an
manchen Stellen sich sogar zusammenzieht.
Außerdem gibt es eine Galaxis, die aus zwei durch eine Sternenbrücke
miteinander verbundenen Spiralen besteht, welche aber unterschiedliche
Rotverschiebungen aufweisen. Diese Tatsache durch den Dopplereffekt
zu erklären ist unmöglich.
Gegen eine Deutung der Rotverschiebung als Dopplereffekt spricht
auch noch die Überlegung, daß ja eigentlich nicht die Galaxien in einem
vorhandenen Raum auseinanderfliegen, sondern der Raum selbst ex-
pandiert. Die Galaxien werden sozusagen vom Raum mitgetragen. Zur
Veranschaulichung könnte man sich einen unregelmäßig verbeulten
vierdimensionalen Luballon denken (nicht wirklich vorstellen), auf
den Punkte gemalt sind. Durch Aulasen des Ballons entfernen sich die
Punkte voneinander, ohne daß sie sich selbst bewegen würden. Dadurch
entsteht zunehmend Raum.
Ist es schon unmöglich, sich ein „Außerhalb“ unserer Welt vorzustel-
len, so scheitern wir mit unserem Verstand vollends, wenn wir bei der
angenommenen Expansion die rasante Umwandlung von „Nichts“ in
Weltall denken sollen. Das Bild vom „Urknall“ ist aber auch irreführend,
weil man sich darunter keine Explosion vorstellen darf, die sich sozusa-
gen von außen hätte beobachten lassen. Eine solche Außenposition gibt
es nicht, schließlich explodierte das gesamte Universum.
Dies alles bedeutet, daß die Expansionstheorie keineswegs zweifels-
frei richtig ist. Für einen heißen Urknall spricht andererseits die 3-K-
Hintergrundstrahlung, die von überall her einfällt und als Resthitze der
enormen Temperatur des Big bang angesehen wird. Nach der neuen
Hypothese vom „inflationären“ Weltall hat sich das Universum nicht mit
kontinuierlicher Geschwindigkeit ausgedehnt, sondern 10-35 Sekunden
nach seiner Entstehung in kürzester Zeit um den unvorstellbar großen
Faktor 1028 aufgeblasen.
2
Abb. l: Ein schematisches Bild der Entwicklung des Kosmos. Acht Epochen der
kosmischen Evolution kann man unterscheiden, von den ersten 10-43 Sekunden
nach der Urexplosion bis zur heutigen Epoche, die durch das Vorhandensein von
Galaxien gekennzeichnet ist (aus: H. F, Vom Urknall zum Zerfall, R. Piper
GmbH & Co. KG, München 21988).

Ein Raumbereich von der Größe eines Atomkerns wäre plötzlich


auf die Größe des Sonnensystems angeschwollen. Während dieses
inflationären, exponentiellen Wachstums wäre die Temperatur rap-
ide abgefallen. Neu ist auch die Vorstellung, daß sich das Universum
– wie schon angedeutet – nicht gleichmäßig und glatt ausgedehnt hat
wie ein kugelförmiger Luballon, sondern eher wie ein Handschuh mit
vielen Ausstülpungen, mit Bereichen, die sich stark ausdehnten, und
3
mit solchen, die sich sogar zusammenzogen. Der Weltraum hat durch
die Gravitationswirkung der Materie nicht nur Dellen, sondern ist
völlig verbogen. Auch sind die Galaxienhaufen im All nicht homogen
verteilt (Abb. 2).
Nach der klassischen Urknall-Hypothese stob sämtliche Materie aus-
einander und verteilte sich dann mehr oder weniger gleichmäßig, also
homogen. Nun entdeckte man, daß das Weltall keineswegs so homogen
aufgebaut ist. Vielmehr ballen sich Galaxien nicht nur millionenfach zu
Haufen („cluster“) zusammen und diese wiederum zu Überhaufen („su-
percluster“), sondern diese bilden auch noch Supercluster-Komplexe,
Mega-Überhaufen. Solche Superkomplexe können die unvorstellbare
Größe von l Milliarde Lichtjahre Länge und 150 Millionen Lj Breite
erreichen.
Messungen von John P. H (nach S 1988) zufolge
liegen die meisten Gestirne auf der Oberfläche gigantischer, unsicht-
barer Blasen von 100 bis 200 Millionen Lichtjahren Durchmesser.
Diese Blasen füllen das Universum gleichsam aus wie Schaumblasen
ein Spülbecken. Und dort, wo Weltraumblasen sich berühren, drängen
sich besonders viele langgezogene Sternenfelder und Gestirne, wie dies
auch die „Pfannkuchen-Hypothese“ vermutet hatte. Im All existieren
wahrscheinlich ebenso viele Blasen, wie es echte Schaumblasen in einer
durchschnittlich gefüllten Badenwanne gibt – rund eine Million.
Möglicherweise bewegen sich die Galaxien innerhalb großer Neu-
trinowolken von eben diesem Durchmesser von 100-200 Millionen Lj.
Es wäre nun denkbar, daß die kosmischen Zusammenballungen der
Neutrinos als Schwerkrafallen für die sichtbare Materie wirken. Sterne
wären sozusagen die Schneekappen auf den Gipfeln riesiger Neutrino-
Gebirge. Die Hauptmasse des Universums (mehr als 90 Prozent) wird
vielleicht von den allerdings nocht nicht nachgewiesenen Neutrino-
„Geisterteilchen“ geliefert.
Die Frage ist nun, wie die Blasenstruktur des Alls entstanden ist. Mit ei-
nem einzigen Urknall läßt sich das Hohlraum-Universum nicht erklären.
Die Blasenstruktur verlangt nicht einen, sondern mehrere „Urknalle“;
genauer: einen (inflationär aufgeblähten) Urknall-Startschuß, dem ein
astronomisches Feuerwerk folgte. In der Frühzeit des Alls könnten sich
4
Abb.2: Die Materie scheint nicht homogen verteilt zu sein. Das Weltall hat sich nicht
gleichmäßig und glatt ausgedehnt wie ein kugelförmiger Luballon, sondern eher wie
ein Handschuh mit vielen Ausstülpungen, mit Bereichen, die sich stark ausdehnten,
und mit anderen, die sich sogar zusammenzogen. Im Laufe der Zeit glättete sich
dieses Chaos (aus: Bild der Wissenscha 7 [1984], S.87).

riesige Sternenhaufen zusammengeballt haben.


Diese Ursonnen waren aber so instabil, daß sie nach kurzer Zeit
ausbrannten. Dabei erlitten sie einen Schwerkrakollaps und explo-
dierten. In der Folge kam es zu Kettenreaktionen. Sonnen explodierten
reihenweise. Dieses kosmische Feuerwerk löste Schockwellen aus, die
zur Bildung der mysteriösen Blasen führte. Denn um die Explosions-
herde herum fegten die Schockwellen die Materie einfach weg. Zurück
blieben riesige „leere“ Gebiete. Erst in einer Entfernung von 100 bis 200
Millionen Lichtjahren kam die Materie wieder zur Ruhe – auf einer
kugelförmigen Fläche. Hier entwickelten sich zunächst die Superhau-en
und Haufen, und erst bei deren Zerfall wurden die Galaxien geboren,
in denen dann Sterne gebildet werden konnten.
Die Bildung von Supercluster-Komplexen ist damit allerdings nicht
erklärbar. Hier könnte die String-Hypothese ansetzen (vgl. 1.3!). Strings
könnten als schleifenartige Energierelikte aus der frühen Phase des
Universums für die Bildung von Galaxien und ihren übergeordneten
Strukturen gesorgt haben.

1.2 Wie entstand (und entsteht) Materie?

Wir können nicht zum Augenblick der Schöpfung zurückkehren,


als das Universum unendlich energiegeladen, unendlich dicht und ein
mathematischer Punkt mit null Volumen war. Aber die Physiker kön-
5
nen sich diesem Moment ziemlich nähern. Sie können erklären, wie
ein winziges Objekt, ein Weltall, in dem (zumindest nach der Urknall-
theorie) sämtliche Massenenergie im Volumen eines Protons enthalten
war, in so etwas wie unser heutiges Universum explodieren konnte.
Vielleicht war die Anfangssingularität ein supermassives explodierendes
Schwarzes Loch. In der Frühphase des hypothetischen Urknalls gab es
noch keine Atomkerne, die Urmaterie war ein überdichtes „Plasma“ von
Strahlung. 10-38 Sekunden nach Beginn des Universums könnte sich das
zu beobachtende Ungleichgewicht zwischen Materie und Antimaterie
gebildet haben. Bei l Billion Grad entstanden ständig Teilchen und Ant-
iteilchen verschiedener Art, die sich durch Aussenden von X-Bosonen
ineinander umwandelten. Das X-Boson ist ein Binde-Elementarteilchen
(„superstarke Kra“) mit der Eigenscha, die Umwandlung von Quarks
(jener Ultrateilchen, von denen angenommen werden darf, daß sie nicht
weiter strukturiert sind) in Elektronen vermitteln zu können. Nach dem
Absinken der Temperatur hatte nun das Anti-X-Boson die um ein win-
ziges bessere Chance, normale Materie zu erzeugen. Diese Unsymmetrie
beim Zerfall der X-Teilchen bewirkte, daß zur Zeit der paarweisen Zer-
strahlungsorgie der Protonen und Antiprotonen ein winziger Überschuß
von Protonen vorhanden war. Auf je l Milliarde Antiprotonen kam 1
Milliarde + 1 Protonen. Es ist dieses eine Proton aus der Milliarde, das
die paarweise Vernichtung überlebt hat. Das bringt uns zu der Erken-
ntnis, daß die heutige Materie im Weltall nur ein winziger Rest ist von
dem, was im Urknall zur Verfügung stand. Nur durch die gigantische
Verschwendung im Urknall konnte die Welt so werden, wie sie heute ist.
Ohne diese Energieverschwendung würde es uns nicht geben.
Es gibt aber auch eine Alternativtheorie zu dieser Vorstellung: Nach
der Steady-State-eorie von F H eines stets gleich dicht mit
Materie angefüllten, sich also durch die Expansion nicht verdünnenden
Weltalls entsteht Materie ständig neu. Heute glaubt H zur Annahme
zahlreicher Mini-Big-Bangs gezwungen zu sein. Doch ändere dies wenig
am Grundkonzept der Steady-State-eorie, nach der das Universum
keinen Anfang hat. Über der Urknall-eorie jedenfalls sieht 
das „Leichentuch“ schweben (H 1984).
Nach der Quantenfeldtheorie stellt die Materie Anregungen eines
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einzigen allgegenwärtigen kontinuierlichen Feldes dar, das den ganzen
Raum ausfüllt und mit ihm untrennbar verknüp ist. Das Feld ist die der
Materie (und der Strahlung) zugrundeliegende Realität, es ist die Mög-
lichkeit von Materie und Energie. Es zeigt sozusagen Schwankungen,
Erregungen, das Feld „brodelt“. Materie kann als lokaler „Schmutzeffekt“
oder als „Granulation“ des Feldes angesehen werden.
A (1984) bezeichnet die Materieteilchen als Knoten der Raum-
zeit. Durch die Anwesenheit des Feldes ist auch der Raum gegeben.
Insofern ist es richtig, zu behaupten, Materie existiere nur zusammen
mit der Raumzeit. Gekrümmte leere Raumzeit erscheint so als einziges
Baumaterial der Welt. Verschiedene Arten von Teilchen wären dann
nur verschiedenartige „Verschlingungen“ der Raumzeit. Nach F
H bedarf Raum als „negativer Energie“ der Materie als positiver
Energie, um überhaupt existieren zu können. Die Energie zur Materie-
bildung käme dann zum größten Teil aus dem allgemeinen Raumfeld,
zu einem kleinen Teil aber auch aus dem Gravitationsfeld, das jede
Materie umgibt.
Während nach der konventionellen Urknall-eorie die gesamte
Materie des heutigen Kosmos bereits im Uratom potentiell enthalten
war, entsteht nach der Steady-State-eorie Materie mit fortschreitender
Ausdehnung des Raumes ständig neu. Damit gut in Einklang zu bringen
ist eine neue Hypothese, wonach die landläufige Definition des Vakuums
als materiefreier Raum sich nicht halten läßt. Die Quantentheorie erlaubt
Fluktuationen auch des Vakuums. Vielleicht hat die Welt als Vakuum
begonnen, das sich erst im Laufe seiner Expansion mit Materie füllte. Die
Expansion des Kosmos bewirkt die Erzeugung reeller Teilchen. Echte
Materie wird erzeugt, weil der Raum sich ausdehnt. Alle Materie und alle
Energie des beobachtbaren Universums sind letztlich aus dem Nichts
entstanden. Würden die (negative) Gravitationsenergie und die Energie
des Raumfeldes die nichtgravitative Energie gerade aueben, so wäre
die Gesamtenergie des Kosmos Null – das wäre mit einer Entwicklung
des Universums aus dem Nichts verträglich. Vielleicht ist das gesamte
Universum buchstäblich aus dem Nichts entstanden -ein Nichts, das
sich symmetrisch auseinanderfaltet und wieder in sich schließt, ohne
eine Spur zu hinterlassen. Die bestechende Idee, das Universum als eine
7
gigantische Vakuum-Fluktuation aufzufassen, stammt von E -
 (1973). Wenn man im Sinn der Allgemeinen Relativitätstheorie
Raum, Zeit und Materie als eine untrennbare Einheit auffaßt, kann man
nicht mehr fragen, was denn vor einem „Beginn“ des Universums war.
Man kann nur folgern, daß die Welt aus „Nichts“ entstand, daß es kein
„Sein“ gab. Von einer Existenz eines „Nichts“ zu sprechen wäre bereits ein
Widerspruch in sich. Irgendeinen prinzipiell anderen vorhergehenden
Zustand vorauszusetzen, dies wäre eine nichtssagende Ausflucht.

1.3 Struktur, Zukun und Ende der Welt

Welche Anmaßung liegt doch in der still-


schweigenden Annahme, daß alle Rätsel der
Natur in den Horizont unseres Vorstellungs-
vermögens hineinpassen müssen.
Hoimar von Ditfurth

Angenommen, das Weltall expandiert – sei es von einem heißen


Uratom ausgehend oder von einer Keimzelle der Raumzeit -, so gibt es
zwei Möglichkeiten: entweder das Weltall dehnt sich in alle Ewigkeit
weiter aus oder die Expansion kommt einst zum Stillstand und geht in
eine Kontraktion über, so daß das Universum in einem gigantischen
„Endknall“ enden würde. Ob diese Expansion einst in eine Kontraktion
umschlagen wird, hängt davon ab, ob die Gravitationskräe der gesa-
mten Materie im Kosmos auslangen, den „Schwung“ der Ausdehnung
zu bremsen, welchen er beim Urknall mitbekommen hat. Die heute
bekannte Materiemenge reicht dafür nicht aus. Doch muß man wohl
davon ausgehen, daß uns der größte Teil der Masse des Weltalls noch
unbekannt ist, also aus dunkler Materie besteht. Es gibt sogar Beweise
dafür, daß die sichtbare Materie in Galaxien weniger als 10 Prozent von
deren tatsächlicher Masse ausmacht. Dunkle Materie stellt also wahr-
scheinlich die dominierende Form von Masse dar. Bestimmte Galaxien-
haufen müssen dutzend- bis vielhundertfach mehr Masse beinhalten, als
man aus der direkten Untersuchung der leuchtenden Materie ableiten

8
kann; ansonsten wäre es unmöglich, alle Galaxien des Haufens durch
die Gravitation allein zusammenzuhalten (vgl. B 1986).
Welche Formen für uns unsichtbarer Materie kämen nun in Frage?
Zunächst könnte es
(1) im intergalaktischen Raum ungeheure Mengen von Plasma (Proto-
nen) geben. Ferner könnten
(2) zahlreiche Galaxien existieren, die wir deshalb nicht sehen können,
weil sie hinter Dunkelwolken verborgen sind. Auch könnte es
(3) zahlreiche erloschene Sterne wie Schwarze Zwerge, erloschene
Neutronensterne und Schwarze Löcher geben, die wir nicht auszu-
machen in der Lage sind, weil sie keine Strahlung abgeben.
(4) In den Galaxien gibt es eine sehr große Zahl von nur schwach
leuchtenden Sternen („Braune Zwerge“). Sie könnten die „dunkle“
Materie zu einem namhaen Teil repräsentieren.
(5) Möglicherweise haben die sogenannten Neutrinos doch eine Masse.
Wäre dies der Fall, so könnte die Gesamtgravitation des Weltalls
ausreichen, die Expansion zu stoppen und in eine Kontraktion um-
schlagen zu lassen. Aus verschiedenen theoretischen Gründen jedoch
scheint ein neutrinodominier tes Universum nicht plausibel.
(6) Andere Kandidaten für die exotische dunkle Materie sind die hy-
pothetischen Axionen sowie der supersymmetrische Partner des
Photons, das Photino. Rechnungen zeigen, daß Photinos im Mas-
senbereich von einer bis fünfzig Protonenmassen genügend häufig
vorkommen könnten, um das Universum zu schließen. Gewisse
Modellvoraussagen allerdings sind nur schwer mit den Beobach-
tungen vereinbar.
(7) eoretische Überlegungen führten Physiker zu der Annahme,
daß unser Universum neben den vier Dimensionen der Raumzeit
noch weitere verborgene Dimensionen enthält (s. unten!). Nach der
sogenannten Superstring-eorie würde dies bedeuten, daß die un-
sichtbare „Schattenmaterie“ bei weitem ausreichen würde, die Ex-
pansion unseres Weltalls zu stoppen und in einen Zusammensturz
umschlagen zu lassen. Die ein solches Universum dominierenden
kosmischen Strings sind lange, dünne (10 -31 cm „dicke“) Fäden sehr
großer Energiedichte, die sich durch den Kosmos winden.
9
Es konnte gezeigt werden, daß die heutige Energiedichte kosmischer
Strings exakt ausreichen könnte, um das Universum zu schließen.
Vielleicht lassen sich Strings bald schon über ihre Gravitationswir-
kung nachweisen. Existieren diese Strings tatsächlich, so wäre es sogar
denkbar, daß Galaxien statistisch seltene Strukturen darstellen und sich
der größte Teil der Masse im Universum noch nicht einmal zu Galaxien
verdichtet hat.
In den letzten Jahren haben sich immer mehr Kosmologen Gedanken
über die Zukun des Universums gemacht. Diese hängt davon ab, ob
wir in einem offenen – analog einer Sattelfläche negativ gekrümmten
– Weltraum leben, erfüllt mit Materiemasse unter der kritischen Dichte,
oder in einem analog einer Kugeloberfläche (mit Ausstülpungen) positiv
gekrümmten und damit geschlossenen Raum. Ein solches Weltall wäre
als vierdimensionale Hyperkugel zu denken.
Ein offenes Universum würde, da seine Gesamtmasse nicht ausreich-
te, die Expansion zu stoppen, sich in alle Ewigkeit -wenn auch immer
langsamer werdend – weiter ausdehnen, wobei nach vermutlich 101500
26
Jahren alle Materie in Eisen verwandelt wäre. In 1010 Jahren wären
die zu Eisenkugeln erstarrten Sterne in Schwarze Löcher umgewandelt,
die dann „verdampfen“. Einen Wärmetod wird das Weltall – entgegen
früheren Annahmen – nicht erleiden.
Ein geschlossenes Universum, mit Materie über der kritischen Dichte,
würde nach Erreichen seiner maximalen Ausdehnung beginnen, in sich
zusammenzustürzen. In einem solchen kollabierenden Universum wür-
den sich auch immer mehr Schwarze Löcher bilden, die sich schließlich
in einem einzigen, das ganze Universum umfassenden Schwarzen Loch
vereinigen würden. Der Kosmos endet dann, wie er begonnen hat: in
einer „Singularität“ von der Ausdehnung Null.
Es wäre jedoch möglich, daß ein unbekannter Mechanismus das
Universum beim Zusammensturz zurückprallen und „auseinander-
krachen“ läßt, so daß erneut Expansion einsetzt, bevor die Dichte bis
ins Unendliche wächst. Falls sich das Universum wieder ausdehnt,
aber nach wie vor geschlossen bleibt, könnte es zwischen Phasen
der Expansion und Kontraktion oszillieren, wir hätten dann ein
pulsierendes Weltall vor uns. Wenn die Energie, die die Photonen
10
bei jeder Oszillation gewinnen, nach dem Kollaps bis zum „großen
Krach“ erhalten bleibt, kann das Universum mit jedem Zyklus auf
eine größere Maximalausdehnung anwachsen, es würde aber jeweils
länger dauern, bis die maximale Größe erreicht wäre. Die Expan-
sionsphase unseres Universums sollte demnach im nächsten Zyklus
etwa zweimal so lang sein wie im gegenwärtigen. Umgekehrt wäre die
Expansionsrate früherer Perioden kleiner gewesen. Die Hypothese
des pulsierenden Universums vermutet, daß höchstens 100 Zyklen
vergangen sind, seit eine Expansionsphase zum ersten Mal genügend
Zeit für die Entstehung wenigstens einer Generation von Sternen ließ.
Unser All wäre in diesem Modell nur ein Pulsschlag des Universums.
Allerdings wollen andere Autoren (so T 1934 nach K-
 1984) die thermodynamische Unmöglichkeit einer solchen
unendlichen Abfolge von Welten bewiesen haben.
Wir wissen heute nicht, ob unser Weltall ein „Wegwerfuniversum“
oder „zu mehrmaligem Gebrauch“ bestimmt ist. Der US-Physiker S.
A. B (1984) ist überzeugt, daß auch ein geschlossenes Univer-
sum nur einmal lebt, also nicht oszilliert. Dabei, so meint er, sei für das
Entstehen nicht unbedingt der heiße Urknall nötig, sondern es genüge
– wie dies die Steady-State-eorie annimmt – eine „Vakuum-Fluktua-
tion“, ein kaltes Entstehen. Das Ende des Universums ist aber auch nach
B heiß und endgültig.
Neuerdings hat L M. K (1987) eine neue – und
andererseits die älteste – Vorstellung in Diskussion gebracht: die Idee
eines flachen Universums. Von einem solchen spricht man, wenn die
Gravitation exakt so stark ist, daß sie zwar die Expansion des Kosmos
stetig verlangsamt, aber gerade nicht stark genug, um das Universum
zu schließen. Verschiedene – hier nicht zu diskutierende – Argumente
legen nahe, daß der beobachtbare Kosmos tatsächlich nahezu exakt flach
ist, seine Dichte also gleich der kritischen Dichte ist.
Welches Modell immer wir auch akzeptieren und welches auch richtig
sein mag, wir kommen auf jeden Fall in Denkschwierigkeiten, wenn wir
uns genauer überlegen, was es überhaupt bedeuten soll, wenn wir sagen,
die Welt habe einmal zu existieren begonnen. Fragen wie „Was war denn
vorher?“, „Was wird nach dem Ende des Universums sein?“, „Was ist
11
außerhalb des Weltalls?“, „Wohin vergrößert sich der Kosmos?“ oder
– falls man sich ein offenes Universum vorstellt – „Was soll es heißen,
das Weltall existiere ewig weiter?“. Solche Fragen scheinen nicht nur
nicht beantwortbar, sondern für uns geradezu sinnlos, weil hier unser
auf dreidimensionale Verhältnisse festgelegter Verstand streikt. Auch
die Antwort auf die Fragen „Was ist Materie eigentlich?“ oder „Warum
ist sie gerade so beschaffen, wie sie es nun einmal ist?“, „Warum gibt
es überhaupt Materie, eine Welt?“, „Wie kann aus nichts etwas entste-
hen?“, „Was gab den Anstoß für die Entstehung des Alls?“ scheinen uns
verschlossen, bleiben wohl für immer ein unlösbares Geheimnis. Die
Frage nach der Herkun der Materie oder des Weltalls ist allein schon
deshalb wissenschalich nicht mehr zu beantworten, weil die Antwort
eine Erklärung der Form „Weil dies und das der Fall ist“ fordert. Da
jede wissenschaliche Erklärung empirische Prämissen erheischt, die
bei dieser Letztfrage aber nicht mehr zur Verfügung stehen, ist die Frage
nach der Herkun der Welt wissenschalich nicht nur nicht zu beant-
worten, sondern sinnvollerweise gar nicht stellbar. Eine Erklärung, die
alles erklärt, aber empirisch nichts voraussetzt, ist in der Wissenscha
unmöglich. Völlig unüberprüar müssen daher erst recht Spekulationen
sein über Paralleluniversen (sofern sie mit unserem Kosmos nicht in
Wechselwirkung stehen) oder über die Möglichkeit, daß unser Weltall
nur ein Atom in einer Hierarchie von Universen darstellen, daß es also
ineinandergeschachtelte Universen geben könnte. Da unser Kosmos aus
sich heraus nicht erklärbar scheint, bietet sich die Hypothese an, unser
dreidimensionales Weltall könnte in einem wesentlich größeren vier-
dimensionalen Superraum eingebettet liegen und diesem sein Dasein
verdanken. Oder anders ausgedrückt: Unsere vierdimensionale Raum-
zeit könnte nur eine Hyperfläche in einem realen fünfdimensionalen
Universum sein. (Was dann wieder die Frage nach dem Ursprung eben
dieses Superuniversums aufwir, die Problematik eines Anfangs und
eines „Außerhalb“ ist also nur verschoben.)
Der Russe A L, Professor für eoretische Physik, ent-
wickelte ein Modell, wonach unser Weltall nur eines von zahlreichen
Mini-Universen ist (R 1988). Aus einem chaotisch verteilten
„wabernden Schaum aus Raum und Zeit“ entstehen durch zufällige
12
Schwankungen (Fluktuationen) neue Universen. Kraquelle hierfür
ist die (negative) Gravitationsenergie, die in einem abgeschlossenen
Kosmos gerade von der positiven Energie, die in der Materie steckt,
ausbalanciert wird. Das Gesamtweltall ist danach ein sich ständig selbst
reproduzierendes Ganzes, das ständig Mini-Universen hervorbringt,
die irgendwann wieder zusammenbrechen. Einer dieser Mini-Kosmen
ist das Universum, in dem wir leben. Ununterbrochen entstehen neue
Raum-Welten, die sich so stark voneinander unterscheiden können, daß
sie nicht nur anderen physikalischen Gesetzen folgen, sondern auch
mehr (oder weniger) Dimensionen aufweisen als unser Universum. Die
einzelnen Universen dehnen sich nicht auf Kosten ihrer Nachbarn aus.
Nur ihr eigener Raum wird größer. Deshalb können zwei Universen
auch nicht zusammenstoßen oder sich gegenseitig „auffressen“. Auch
unser Universum ist so eine Insel, und die Urknall-eorie bleibt für
unser „All“ durchaus gültig. Die eorie von L besagt lediglich,
daß dies nicht der einzige und nicht der erste oder letzte Urknall war,
sondern daß sich das gesamte Universum in unendlich vielen Urknallen
ständig weiter fortpflanzt.
Dem Anschauungsvermögen unseres auf irdische Verhältnisse ge-
züchteten Gehirns ist es genauso unmöglich, einen endlichen Raum und
eine endliche Zeit anschaulich zu begreifen wie eine Unendlichkeit von
Raum und Zeit oder gar Spekulationen der obigen Art. Darüber hil
auch keine mathematische Formel hinweg. Hier besteht eine unüber-
schreitbare Grenze unserer Erkenntnisfähigkeit. Alles was wir wissen
können, betri notwendigerweise nur Ereignisse und Sachverhalte
unseres Weltalls. Ein Darüberhinaus gibt es für uns nicht oder ist zu-
mindest streng wissenschalich-empirisch nicht erreichbar.
Seit einiger Zeit werden eorien erneut diskutiert, nach denen unsere
Welt nicht in höhere Dimensionen eingebettet liegt, sondern in sich
mehrere Dimensionen enthält. Gemäß der K-K-eorie hat
die Raumzeit, die man sich normalerweise als vierdimensionale Struktur
vorstellt, möglicherweise bis zu sieben weitere (verborgene) Dimensio-
nen (F 1985). In einem elfdimensionalen Raum lassen sich die
vier Grundkräe der Natur (Elektromagnetismus, Gravitation, starke
und schwache Kernkra) in einheitlicher Weise beschreiben. In der
13
konkurrierenden Superstring-eorie (string = Saite) werden Teilchen
den Vibrationsbewegungen einer eindimensionalen Saite in einem
höherdimensionalen Raum zugeordnet. Diese eorie erfordert nur
sechs zusätzliche Dimensionen. Sie ist zwar insgesamt komplizierter als
die K-K-eorie, aber es gibt in ihr verschiedene Probleme
nicht, mit denen sich letztere herumschlägt. Superstring-eoretiker
vermuten im sichtbaren Kosmos ein zweites unsichtbares Universum,
eine gespenstische Doppelwelt. Diese „Schattenmaterie“ sei mit unserem
Kosmos nur durch die Kräe der Gravitation verbunden. Im Konzept
der Schattenmaterie erblicken die Forscher auch eine Chance, das Rätsel
der fehlenden Materie („missing mass“) zu lösen. Verschiedene Bewe-
gungen von Galaxien und Sternen lassen sich nämlich nur durch die
Annahme riesiger Materiemengen erklären, die aber bislang nicht zu
entdecken waren. Auch könnten Superhaufen von Galaxien durch die
Gravitation der leuchtenden Materie allein nicht zusammengehalten
werden. Existiert die Schattenmaterie tatsächlich – wofür es bis heute
keinerlei empirisches Indiz gibt –, so düre es in ferner Zukun mit
Sicherheit zum universalen Schwerkra-Kollaps des Kosmos kommen.
Das Weltall wäre in sich geschlossen.

1.4 Überlegungen über die Zeit

In der Allgemeinen Relativitätstheorie werden die drei Dimensionen


des Raumes mit der Zeit zu einem vierdimensionalen Raumzeit-Kon-
tinuum zusammengefaßt. Raum, Zeit, Strahlung und Materie (und
deren Bewegung) sind untrennbar miteinander verknüp: Es gibt nur
eine unteilbare raumzeitlich-materielle (oder energetische) Realität.
Energie und Materie sind „aufgerollte Raumzeit“ (A 1984). Und
so wie Materie durch ihre Gravitationswirkung den Raum zu krümmen
vermag, kann auch die Zeit durch Gravitation verändert werden, so un-
glaublich dies auch klingen mag. Gravitation hat nach der Allgemeinen
Relativitätstheorie dieselbe Wirkung wie Beschleunigung, welche ja
bekanntlich die Zeit verkürzt. Nähert sich die Gravitation der Größe
„unendlich“, so verlangsamt sich entsprechend auch der Ablauf der Zeit,
14
bis diese – zumindest in der eorie – stillsteht, was theoretisch beim
Urknall der Fall gewesen sein könnte. Wenn aber die Zeit mit zuneh-
mender Annäherung an den Urknall immer langsamer abläu, so sollte
dieses „Ereignis“ als ein unendlich entfernter Saum oder Rand gedacht
werden. Interessanterweise stellt F V (1984) eine genau
entgegengesetzte Überlegung an: Bei einem sich ausdehnenden Weltall
dehnt sich auch die Zeit mit. „Gingen wir Milliarden Jahre zurück, so
würde auch die Zeit mit dem Weltall zusammenschrumpfen, gera
werden und somit immer schneller ablaufen. Auf sich selbst bezogen
– und welche andere Bezugsgröße hätte es -, war also das sich seit jeher
von Ewigkeit zu Ewigkeit erstreckende Weltall immer gleich alt, immer
gleich groß und die Zeit seit seiner Entstehung immer gleich lang. Was
war dann beim Urknall? Können wir hier überhaupt noch von einer
Zeit Null, von einem Anfang sprechen?“
Der englische Physiker H (1984, Spiegel-Interview) sinniert:
Zeit habe einen Anfang, aber keine Grenze – wie die Erdoberfläche am
Nordpol nicht einfach auört. In der Nähe des Urknalls sei die Zeit
„schlecht definiert“, genauso wie die Richtung Norden am Nordpol auf-
hört, gut definiert zu sein. Ähnlich meint K (1984), bei
t = 0 sei „überhaupt kein physikalischer Zustand definiert“. Damit ist aber
eine zeitlose und mithin unverursachte Welt konzipiert. Sie gleicht nach
K (1990) in vielem der Welt des Parmenides, der schon
im 5. Jahrhundert v. Chr. formulierte „Die wahre Welt ruht unbeweglich
und zeitlos. Sie ist ohne Anfang und Ende.“
Anfangs- und Endzustand des Universums stellen nach K-
 (1979) eine prinzipielle Begrenzung für die Anwendung des
Zeitbegriffes dar. Es könnte sein, daß durch die extreme Krümmung des
Universums im Urknall die Raumzeit dort „pathologischen Charakter“
erhält, entartet und deshalb die bewährten physikalischen Gesetze hier
keine Gültigkeit haben.
Ob die Zeit nun mit Annäherung an den Urknall gera wird, also rascher
abläu oder ob sie gedehnt wird und damit immer langsamer vergeht,
um schließlich zum Stillstand zu kommen – beide Denkmöglichkeiten
sind Spekulationen, zwischen denen zu entscheiden einer künigen Ko-
smologie vorbehalten bleibt. Fest steht jedoch eines: Vorstellen können
15
wir uns dies alles nicht, weder einen Anfang der Zeit (man denkt dann
nämlich sofort an ein „Vorher“, das es aber eben nicht gibt) noch ein
Ende der Zeit (Was kommt „danach“?), noch eine unendliche Zeit ohne
Anfang und Ende. Aber auch was es bedeuten soll, wenn wir sagen, die
Zeit verlaufe langsamer oder schneller, ist letztlich nicht vorstellbar. Am
Beispiel dieser Problematik wird einmal mehr deutlich, wie begrenzt
menschliches Vorstellungs- und Erkenntnisvermögen ist.

1.5 Gott oder Kosmos?

Nicht wie die Welt ist,


ist das Mystische,
sondern daß sie ist.
Ludwig Wittgenstein

In seinem Buch ›Schöpfung ohne Schöpfer‹ (1984) versucht P W.


A darzulegen, daß „die Welt ›sich selbst begonnen‹ hat«, »daß das
Universum durch einen selbstbezüglichen Vorgang entstanden ist«.
Vor allem können wir nach A „gewiß sein, daß die Entstehung
des Universums einer … Intervention nicht bedure“. In seiner Hypoth-
ese vom „unendlich faulen Schöpfer“ vertritt der Autor „die Auffassung,
daß der Urstoff des Universums von äußerster Einfachheit sein muß und
daß die wahrgenommene Komplexität und Vielfalt durch das Zusam-
mentreten primitivster Dinge entstehen. … daß im Schöpfungsprozeß
nur sehr einfache Dinge entstehen konnten und daß infolgedessen die
Aufgabe irgendeines Schöpfers leicht gewesen sein mag. Mehr noch,
… daß die einzig mögliche Erklärung der Schöpfung der Nachweis ist,
daß dem Schöpfer überhaupt nichts zu tun blieb und daß die Schöpfung
deshalb ebensogut auch ohne Schöpfer ausgekommen sein kann.“ Und
so vollzog sich nach A die „Schöpfung“: „Zuerst ist der Anfang.
Am Anfang war das Nichts. Absolute Leere, nicht nur leerer Raum. Es
gab keinen Raum und keine Zeit, denn es war vor der Zeit. Das Univer-
sum war ohne Form und ohne Ausdehnung. Zufällig kam es zu einer
Fluktuation, und eine Gruppierung von Punkten, die aus dem Nichts
kamen und existent wurden dank des von ihnen gebildeten Musters,
16
legte eine Zeit fest. Aus dem absoluten Nichts und ohne die geringste
Intervention entwickelte sich rudimentäre Existenz.“
Sehr befriedigend erscheint diese Beschreibung der „Schöpfung“
nicht. Unwillkürlich fragt man sich, wo soll was fluktuieren, welche
Punkte sollen sich da gruppiert haben, wenn es absolut nichts gab ?
Bedarf es nicht doch eines Anstoßes, einer ersten Ursache, damit „aus
nichts“ etwas werden kann? Selbst wenn man annimmt, daß die gesamte
Energie (und damit auch die Materie) der Welt gleich Null ist (z. B. weil
sich Materie und Gravitationsenergie aueben), muß es irgendeinen
Initiator gegeben haben, der irgendwo eine lokale Energiefluktuation
„geschaffen“ hat. Diese erste Ursache, diesen Initiator aber, nennen wir
meist „Gott“. Selbst wenn wir annehmen, daß unser Kosmos sein Dasein
einer „Auskondensation“ aus einem Hyperkosmos verdankt, ist damit
die Frage nach einer ersten Ursache nur verschoben. Man fragt dann
sofort, wem oder welchem Ereignis dieser höherdimensionale Kosmos
wieder seine Existenz verdankt. Die Frage nach einer allerersten Ursache
allen Seins scheint in jedem Fall unausweichlich. Die Frage nach dem
Warum eines Anfangs scheint nur durch die Annahme eines Initiators
plausibel beantwortbar. Konsequenterweise freilich müßte man weiter
fragen, wem denn nun der Schöpfer unseres Alls oder eines Überkosmos
wieder sein Dasein verdankt. Die Antwort der Religionen lautet, daß
Gott unerschaffen und ewig sei. Unser menschlicher Verstand aber, der
sich so etwas nicht vorstellen kann, sagt uns: Wenn Gott ohne Ursache
existieren kann, also „notwendig“ ist, so kann auch die Welt ohne Ur-
sache existieren. Es bedeutet nämlich einen willkürlichen Abbruch der
Kausalkette, wenn man eine letzte Ursache der Welt postuliert, zumal
der Ursache-Begriff nur innerweltlich angewendet werden darf und der
Ausdruck „notwendig“ niemals einem Ding oder Wesen zugeschrieben
werden kann. Dagegen aber meint der englische eologe C
(in R 1963): „Die Reihe der Ereignisse ist entweder verursacht
oder sie ist nicht verursacht. Ist sie verursacht, muß es offenbar eine
Ursache außerhalb der Reihe geben. Wenn sie nicht verursacht ist,
dann genügt sie sich selbst, und wenn sie sich selbst genügt, ist sie …
notwendig … Aber sie kann nicht notwendig sein, da jedes einzelne
Glied kontingent (nicht notwendig existierend) ist.“
17
So bleibt die Frage, sollen oder müssen wir das Weltall als aus sich
heraus, ohne Ursache existierend annehmen (wie es die Materialisten
tun) oder muß man das Problem um eine Stufe zurückverschieben und
eine Ursache des Kosmos postulieren (wie dies z. B. die Christen tun)?
Wobei eben die Frage auritt, woher nun wieder dieser Urgrund der
Welt komme, von wem dieser Gott selbst geschaffen worden sein soll.
In beiden Fällen kommen wir in Denkschwierigkeiten, weil wir uns
etwas Ursachloses nicht vorstellen können und auch eine unendliche
Ereignisreihe letztlich nicht vorstellbar ist, auch wenn man noch so sehr
die mathematische Unendlichkeit als Analogen strapaziert.
Während es so dem einen plausibel erscheinen mag, eine letzte Ur-
sache der Welt oder wenigstens eine höhere Dimension anzunehmen,
in der unser Kosmos eingebettet liegt und der er sein Dasein verdankt,
könnte der andere argumentieren, daß es weder notwendig noch stattha
sei, diesem unserem ohnedies unfaßbaren Universum eine weitere, noch
unfaßbarere Dimension überzuordnen. Ist es, so könnte er fragen, nicht
unerklärlich und wunderbar genug, daß es Materie, das All, daß es uns
gibt? Muß man daneben unbedingt noch ein höheres Prinzip anneh-
men? Ob das Fragen nach dem Ursprung des Kosmos mit der einfachen
Hinnahme seiner Existenz oder erst eine Stufe höher mit der Annahme
eines Urgrundes (einer höheren Dimension) abgebrochen werden soll,
ist weder logisch noch empirisch entscheidbar. Beide Hypothesen sind
gleich unanschaulich und gleich wahrscheinlich.
So steht es jedem frei, sich angesichts der Frage nach dem Warum der
Welt für die eine oder andere Alternative zu entscheiden. Die Wissenscha
vermag darauf keine Antwort zu geben. Akzeptiert man die Hypothese
von einer höheren unerfahrbaren Dimension, so ist diese sicher nicht
identisch mit jenem absoluten Wesen, das die Religionen als Gott vere-
hren. Aussagen über einen als „Person“ gedachten Gott sind notwendig
anthropomorph (vermenschlichend). Es kann andererseits niemandem
genommen werden, sich die Ursache des Kosmos als eine persönliche
Intelligenz vorzustellen, welche die Ordnung dieser Welt geschaffen hat.
So scheint die ese legitim und wahrscheinlich: Wenn die Welt nicht
letztlich absurd und sinnlos sein soll, muß für ihre Existenz ein für uns
in jeder Hinsicht unvorstellbarer Erschaffer postuliert werden.
18
1.6 Das anthropische Prinzip

Naturwissenschaler werfen der abendländischen Geisteshaltung seit


langem gerne einen Anthropozentrismus – eine Art „Mittelpunktswahn
des Menschen“ – vor. Der christliche Abendländer wähnt sich als „Krone
der Schöpfung“ im Mittelpunkt eines für ihn erschaffenen Universums.
Diese vermeintliche Vorrangstellung des Menschen wurde von natur-
wissenschalichen Erkenntnissen (von K über D,
M und F bis zum heutigen Tag) immer mehr erschüttert, und
schließlich galt es noch vor wenigen Jahren als ausgemacht, daß es im
Weltall Millionen uns zum Teil weit überlegener intelligenter Rassen gebe
und wir somit eine ganz unwesentliche Außenseiterrolle im kosmischen
Drama spielen. Diese Hypothese erhielt nun ihrerseits in zweifacher
Hinsicht einen empfindlichen Stoß. Einmal konnte durch Auflisten der
Voraussetzungen für Leben nachgewiesen werden, daß es eine große
Zahl von Bedingungen sind, die Leben auf der Erde und damit uns selbst
ermöglicht haben. Zum anderen scheint vieles darauf hinzuweisen, daß
das Universum auf die Herauun ausgerechnet des Menschen angelegt
ist. Es wäre allerdings ein Mißverständnis, dies als einen Rückfall in den
alten Anthropozentrismus aufzufassen. Gemeinhin betrachtet man die
Existenz des Menschen als Folge der Entstehungsgeschichte unseres Ko-
smos. Das anthropische Prinzip argumentiert gerade umgekehrt: Aus
der bloßen Tatsache, daß es Menschen gibt, kann man Rückschlüsse
ziehen auf die Entstehungsgeschichte des Universums. Das heißt, man
kann fragen: Welche Schritte mußten bei der Entwicklung des Kosmos
getan werden und was war zu unterlassen, damit die bislang einzigen
bekannten „Beobachter des Kosmos“ – sprich Menschen – entstehen
konnten? Das anthropische Prinzip darf jedoch, wie gesagt, nicht zum
anthropozentrischen Fehlschluß werden, daß das Universum nur dazu da
sei, den Menschen hervorzubringen. Zu viele Zufälle sind in der Evolution
trotz allem im Spiel. Übrigens ist die Geschichte des Universums nicht
nur durch eine blinde Auswahl von Anfangsbedingungen determiniert,
sondern auch durch selbstorganisierende Prozesse. Besser wäre es, statt von
einem anthropischen (menschengemäßen) Prinzip von einem biotischen
(lebensträchtigen) Prinzip zu sprechen. Dem Chaos des Feuerballs im
19
Urknall war nicht „anzusehen“, daß das Universum die Fähigkeit haben
sollte, Leben hervorzubringen.„Auch das Stadium der ersten Galaxien und
der noch fast ausschließlich aus Wasserstoff bestehenden Sterne der ersten
Generation läßt nichts von dieser in der Zukun liegenden Möglichkeit
ahnen. Nachträglich aber ist unübersehbar, daß das Universum aus dem
Urknall mit Eigenschaen hervorging, die es als ‘maßgeschneidert’ für
die Entstehung von Leben erscheinen lassen“ (D 1972).
Vermutlich fielen in den ersten 10-43 Sekunden bereits die Entschei-
dungen, die das Weltall so werden ließen, wie wir es heute kennen. Der
Kosmos ist gewiß nicht entstanden, um Menschen hervorzubringen. Von
den vielleicht sehr zahlreichen Möglichkeiten, die es für seine Struktur
gegeben hätte, ist jedoch genau eine (die einzige?) verwirklicht, die Leben
möglich, ja unausweichlich macht. Oder gab es etwa wirklich nur diese
eine Möglichkeit? Gäbe es unendlich viele Universen, dann könnte schon
ein lebensfreundliches darunter sein, dann wäre das unwahrscheinliche
Zusammentreffen so zahlreicher physikalischer Parameter verständlich,
wie sie für ein Weltall wie unseres typisch sind.
Es gibt aber auch Überlegungen, die zu zeigen scheinen, daß ein an-
dersartiges Universum gar keinen Bestand hätte. So legt A dar,
daß etwa in einem Weltall mit vier Raumdimensionen keine stabilen
Planetenbahnen möglich wären. Es könnte also in einem Raum mit mehr
als drei Dimensionen auch kein Leben sich entwickeln. A hält die
Dreidimensionalität unseres Raumes aber auch notwendig für die Existenz
von Materie. Stabile Teilchen als „Knoten der Raumzeit“ sind nur in drei
Dimensionen möglich, weil es in andersdimensionierten Räumen nicht
die Möglichkeit stabiler Knoten gibt.„Nur in einer Raumzeit mit unserer
Dimensionalität – drei Dimensionen des Raums und eine der Zeit – sind
Kräe vereinbar mit dem Vorhandensein von Materie“ (A 1984).
„Auch die Dimensionalität der Zeit ist kein Zufall. Wenn die Zeit
mehr als eine Dimension hätte, könnte man sich in der Zeit so frei
bewegen wie im Raum. Die Struktur unserer Raumzeit sorgt dafür, daß
die Konsequenzen gegenwärtigen Handelns in der Zukun liegen. Das
wäre ganz anders, wenn Zeit mehrdimensional wäre. … Das Ende der
Kausalität – die Auflösung der Kette von Ursache und Wirkung dadurch,
daß plötzlich die Wirkung vor der Ursache läge – brächte mehr als
20
Unordnung. Es brächte das Ende allen Seins“ (ebd.).
Übrigens:„Nur in unserem Zeittypus läßt sich das ganze Universum zu
einem einzigen Punkt zurückverfolgen: Es hat einen Anfang“ (ebd.). In
einem All mit mehr Zeitdimensionen ließe sich in der Geschichte des Uni-
versums kein Anfang ausmachen.Weiter schreibt :„Es ist möglich,
daß die Erzeugung von Raumzeit aus absoluter Leere notwendigerweise
zu der uns bekannten Kräekonstellation führt, denn Kräe sind Aspekte
der Raumzeitstruktur.“ (Demgegenüber hat unser Universum nach der
K-K-eorie und auch nach der Superstring-eorie sehr
wohl mehr als die offenkundigen 4 Dimensionen [vgl. 1.3!].)
Vielleicht können die universellen Konstanten gar keine anderen
Werte annehmen als die, welche sie haben. Damit wäre dem Sosein
unseres Universums der Anschein eines Wunders genommen. Ander-
enfalls wären wir entweder genötigt, den hochunwahrscheinlichen
Zufall des Zusammentreffens all der Parameter und Konstanten un-
seres Alls zu strapazieren oder aber einen Schöpfer zu postulieren,
der dies alles so wohl gefügt hat. Die für uns befriedigendste Hypoth-
ese ist sicher die, anzunehmen, daß unser Weltall, daß die Materie
in all ihren Eigenschaen, daß Raum und Zeit einfach nicht anders
beschaffen sein können, wenn sie existieren sollen. Letzte Sicherheit
freilich, daß das Universum auch anders aussehen könnte, haben wir
nicht (vgl. K 1984).
In der Folge seien einige spezielle Voraussetzungen für ein le-
bensträchtiges Universum angeführt:
(1) Die Existenz der Materie schlechthin ist einem ungeheuren Zu-
fall zu verdanken. Durch ein winziges Ungleichgewicht der Zerfallsrate
von noch hypothetischen X-Bosonen und Anti-X-Bosonen entstanden
auf eine Milliarde Antiprotonen eine Milliarde + l Protonen. Protonen
und Antiprotonen vernichteten sich paarweise. Das eine Proton blieb
übrig. Durch diese winzige Asymmetrie entstand die heutige Materie
im Weltall.
(2) Die Koppelungskräe zwischen den Quarks, welche die Protonen
auauen, dürfen nicht anders sein, als sie sind. Wäre die Koppelungskon-
stante nur 2% größer, als sie tatsächlich ist, könnten keine Protonen aus
Quarks aufgebaut sein und damit überhaupt keine chemischen Elemente
21
und ihre Verbindungen existieren. Wäre sie aber etwa 2% kleiner, gäbe
es nur zwei stabile Elemente: Wasserstoff und Helium.
(3) Wären die elektrischen Anziehungskräe zwischen den Elektronen
der Atomhülle und den im Kern steckenden Protonen stärker, als sie sind,
dann würden die Elektronen dem Kern näher liegen oder sogar in ihn hi-
neinstürzen. Es gäbe keine Atome, die stabile Moleküle bilden könnten.
(4) Wäre das Verhältnis der mittleren kosmischen Dichte der
Materie zur kosmischen Expansionsrate in der ersten Frühzeit des
Weltalls vom tatsächlichen Wert abgewichen, wäre der Kosmos en-
tweder gleich wieder kollabiert oder die Expansion hätte Formen an-
genommen, die weder das Entstehen von Galaxien noch von Sternen
zugelassen hätte.
(5) Die Langlebigkeit von Sonnen und des ganzen Kosmos hängt von
der Gravitationskonstanten ab, von dieser wieder (und von der Masse
bzw. Dichte) die Expansionsgeschwindigkeit des Kosmos. Wäre sie nur
ganz winzig geringer, hätte sich das Weltall zu rasch ausgedehnt und
es gäbe heute wegen der zu geringen Schwerkra keine Galaxien und
daher auch keine Sterne und Planeten. Wäre sie nur wenig größer, so
wäre der Kosmos schon nach wenigen Millionen Jahren wieder in sich
zusammengestürzt.
(6) Das Weltall muß alt genug werden, auch die Sonnen müssen relativ
langlebig sein (was sich aus dem obigen ergibt), damit Leben Zeit hat,
sich zu entfalten.
(7) Es existierte auch kein Leben, wenn es keine größeren Sterne gäbe
als unsere Sonne. Denn nur große Sterne explodieren an ihrem Ende
und schleudern die in ihnen gebildeten komplizierteren Atome ins All,
aus denen sich neue Sterne mit (auch lebentragenden) Planeten bilden
können.
Dies sind einige der heute bekannten Fakten. Zu den aufgezählten
Beispielen grundsätzlicher physikalisch-kosmologischer Voraussetzungen
für Leben kommen noch zahlreiche kosmische Umweltbedingungen für
die Entstehung und Evolution von Leben dazu. Auch hier ist wieder eine
unwahrscheinlich große Zahl von Zufällen im Spiel. Nur wenn wenigstens
die wichtigsten dieser Bedingungen erfüllt sind, können in diesem unserem
lebensträchtigen Universum auch tatsächlich Organismen entstehen und
22
sich weiterentwickeln – bis herauf zu bewußtseinstragenden intelligenten
Wesen. Wir sind „Kinder des Weltalls“ (D 1970). Der Mensch ist
kein „Zigeuner am Rand des Universums“, wie J M (1971)
meinte, sondern Ausdruck der Schöpferkra der Natur. Unser Kosmos
(und einen anderen kennen wir nicht) hat jedenfalls und offensichtlich
die Tendenz in sich, Leben hervorzubringen, und unter geeigneten Rah-
menbedingungen entwickelt sich die Materie auch tatsächlich zu einer
so hohen Komplexität, daß Lebewesen entstehen. Doch sei nochmals
betont, daß dies alles nicht den Schluß erlaubt, das Universum sei von
vornherein darauf „programmiert“, den Menschen entstehen zu lassen.
Denn: „Es liegt auf der Hand, daß Lebewesen, die sich über die Rätsel
eines Universums den Kopfzerbrechen, dazu nur in einem Universum
fähig sind, das in der Lage ist, intelligente Lebewesen hervorzubringen“
(D 1981). So gesehen ist das „anthropische Prinzip“ eigentlich
eine Tautologie. Daß Homo sapiens nicht das vorprogrammierte Ziel
der Evolution sein kann, zeigt auch folgende Überlegung von D
(1984): „Wenn man die Geschichte der Evolution auf der Erde bis zu
ihrem Anfang vor rund vier Milliarden Jahren zurückdrehen und von da
aus bei immer gleichen Startbedingungen wieder und wieder ablaufen
lassen könnte, dann würde ganz sicher jedesmal etwas anderes dabei
herauskommen. Der Homo sapiens jedenfalls wäre bei noch so vielen
Wiederholungen nicht ein einziges Mal erneut das Ergebnis. Dazu ist die
Zahl der evolutiven Zufallsschritte, die uns zur Tatsache haben werden
lassen, bei weiten zu groß.“

1.7 Unsere Welt ist nicht Chaos

Die neueren Erkenntnisse über das Weltall und seine Geschichte


lassen dieses in einem neuen (oder auch sehr alten!) Licht erscheinen:
Es ist nicht einfach eine Maschine, in der bei Kenntnis aller Daten ein
„Laplacescher Geist“ alle künigen Zustände und Ereignisse voraus-
berechnen könnte. Es ist aber noch weniger ein chaotisches Gebilde,
in welchem der bloße Zufall herrscht (auch wenn im Quantenbereich
der Zufall eine fundamentale Rolle spielt und es heute als ausgemacht
23
gilt, daß das Universum letztlich eine indeterministische Struktur
besitzt). Vielmehr erscheint uns die Welt als ein komplexes Geflecht
von Beziehungen, ein sich entwickelndes und dabei immer komplexer
werdendes System, in dem alle Kräe aufeinander abgestimmt sind. Es
wird sogar bezweifelt, ob die Grundprinzipien des Auaus der Materie
vollständig aus ihren Komponenten abgeleitet werden können. Eine
Reduktion der physikalischen Wirklichkeit auf Grundbausteine oder
gar auf Grundgesetze wäre nach diesem Konzept nicht möglich. Nicht
Eigenschaen, sondern sich entwickelnde Beziehungen zwischen den
Komponenten des evoluierenden Systems der Materie rücken in die-
ser systemtheoretischen Betrachtungsweise in den Vordergrund. „Die
Evolution des Universums ist die Geschichte der Entfaltung von diffe-
renzierter Ordnung oder Komplexität“ (J 1982).
Der neue Weltmythos ist daher der von einem ganzheitlichen Uni-
versum als eine Art „Organismus“, einer Welt als energetischem Prozeß,
nicht der einer Maschine. Unser Kosmos ( = „Schatzkästchen“) hat eine
geordnete zusammenhängende Struktur. Warum dies so ist, dafür gibt
es zwei mögliche Antworten: Entweder diese Ordnung mit ihrer ganz-
heitlichen Struktur ist notwendig aufgrund ihres Hervorgehens aus der
Raumzeit, oder sie ist von einer höheren bewußten Intelligenz geschaffen
worden. Gemäß der Hypothese vom „unendlich faulen Schöpfer“ wäre
die erste ese aus Gründen der Einfachheit zu bevorzugen. Doch gibt
es nach D (1981) „kein Argument, das uns an der Annahme
hindern könnte, daß die Ordnung, die sich in dieser Welt vor unseren
Augen in einem den ganzen Kosmos einschließenden Entwicklungs-
prozeß entfaltet, der Widerschein einer Ordnung ist, die jenseits der
Grenzen unserer Welt existiert. Es ist nicht nur zulässig, sondern darüber
hinaus auch plausibel, davon auszugehen, daß unsere Wirklichkeit, …
deren Ordnung sich aus unserer Welt nicht verständlich ableiten läßt,
von einer umfassenderen Ordnung getragen wird.“ Alle Naturgesetze
– die wir aufgrund festgestellter Regelmäßigkeiten konstruieren – und
damit auch die Möglichkeit von Evolution kra Selbstorganisation der
Materie sind nach D daher „als der Widerschein jener tran-
szendenten Ordnung aufzufassen, ohne die es in unserer Welt keine
geordnete Struktur gäbe“ (ebd.). Allerdings muß hier festgehalten
24
werden, daß die moderne Chaos-eorie zeigen konnte, daß Ordnung
aus chaotischen Zuständen in unvorhersehbarer Weise entstehen kann.
„Wer die Entwicklung in Gedanken … bis an den Anfang zurückverfolgt,
… entdeckt in der Struktur des Wasserstoffatoms – als der Materie des
Uranfangs, aus der alles hervorgegangen ist, was heute existiert – den
unübersehbaren Hinweis auf eine jenseits unserer Wirklichkeit gele-
genen Ursache der Welt“ (D 1976). Naturwissenschalich ist
die Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?“ zweifellos
nicht mehr beantwortbar; und die Frage, was vor dem Urknall war, ist
vielleicht schon falsch gestellt. Aber gerade aus diesen Gründen kann
niemandem das Recht genommen werden, hinter diesem die Existenz
der Welt begründenden Anfang eine – notwendigerweise jenseits dieser
Welt gelegene – Ursache anzunehmen.

1.8 Die metaphysische Grenze

Unsere Welt geht rational


nicht ohne Rest auf.
Hoimar von Ditfurth

Die Behauptung, daß es einen Verursacher des Kosmos und seiner


Ordnung gebe, widerspricht keiner wissenschalichen eorie. Aller-
dings ist sie auch weder erfahrungswissenschalich noch logisch be-
weisbar. Aber der Mensch hat nun einmal ein metaphysisches Bedürfnis,
wie schon Immanuel K feststellte: „Daß der Geist des Menschen
metaphysische Untersuchungen einmal gänzlich aufgeben werde, ist
ebensowenig zu erwarten, als daß wir, um nicht immer unreine Lu
zu schöpfen, das Atemholen einmal lieber ganz und gar einstellen
würden.“
Der forschende Mensch will wissen, was jenseits der Physik, jenseits
der ihm mit Sinnesorganen und Instrumenten zugänglichen Natur liegt.
Wir müssen uns „die Welt rund machen“, wir müssen zur Kenntnis neh-
men, daß die Welt, die wir wahrnehmen, nicht alles sein kann, was es
gibt. Zumindest ist es für uns unbefriedigend, anzunehmen, daß unser
Weltall alles ist und daß dieses aus absolut nichts und ohne Ur-Sache ent-
25
standen sein soll. Befriedigender jedenfalls scheint es, die Hypothese zu
akzeptieren, daß unser Kosmos in einer höheren Dimension eingebettet
liegt, wobei freilich sofort die Frage nach deren Ursprung auaucht.
Physik und Astronomie haben gezeigt, daß die Welt komplizierter und
größer ist, als unser Verstand uns weismachen will. Gewisse eorien
(Relativitätstheorie, Quantenmechanik, Kosmologische eorien) über-
schreiten bei weitem unsere Sinneserfahrung und unser Anschauungs-
und Vorstellungsvermögen. Allein die Tatsache, daß wir uns weder einen
räumlich oder zeitlich begrenzten noch einen unbegrenzten Kosmos
überhaupt denken können, zeigt deutlich, daß wir hier an eine wohl
prinzipielle Grenze unseres Verstandesvermögens stoßen. Neben den
vorläufigen Grenzen des Erkennens, die mit dem Fortschritt der Wis-
senscha, mit neuen eorien immer weiter hinausgeschoben werden,
gibt es zweifelsohne auch endgültige, prinzipielle Grenzen für unser
Wissen, von denen wir nicht sehen, wie sie jemals überwunden werden
könnten. Dies betri vor allem die Frage, warum es überhaupt ein Weltall
gibt. Unser Vorstellungs- und Denkvermögen hat sich primär als Über-
lebensfunktion zwecks optimaler Anpassung an die gegebenen irdischen
Umweltverhältnisse entwickelt, und es wäre vermessen, anzunehmen, daß
die ganze Welt ausgerechnet in unserem Gehirn Platz haben sollte.
„Jede Anpassung aber bildet einen Teil der realen Welt ab. Und das
gilt nicht nur für Pferdehufe, Vogelflügel und Fischflossen. Es gilt ebenso
auch für Verhaltensweisen und für Erkenntnisstrukturen. Und deshalb
ist die in unserem Erkenntnisvermögen steckende Kausalkategorie in
Wahrheit nichts anderes als ein Abbild der in der realen Welt tatsächlich
herrschenden Ordnung“ (D 1981). Genau dies ist das Konzept
der „Evolutionären Erkenntnistheorie“, die im deutschen Sprachraum
durch G V und R R popularisiert wurde.
Immerhin sind wir dennoch die ersten und einzigen (irdischen)
Lebewesen, die zu erkennen imstande sind, daß unser Denkapparat
unserem Verstand Schranken setzt. Der bedeutende österreichische
Philosoph L W (1963) prägte in seinem ›Tractatus
logico-philosophicus‹ das Bonmot: „Wovon man nicht sprechen kann,
darüber muß man schweigen.“ Dieser Satz wurde in der Folge zum
Dogma einer ganzen philosophischen Tradition, aber auch vieler Na-
26
turwissenschaler. Es scheint jedoch legitim, bis an eine gewisse Grenze
unseres rationalen Vermögens vorzudringen, ohne mit den bekannten
naturwissenschalichen eorien und Fakten in Konflikt zu kommen
und dennoch nicht in unhaltbares Spekulieren zu verfallen.
Wir werden auf diesen Punkt im Abschnitt 4 zurückkommen.

27
2. LEBEN

… nichts ist begreiar


außer durch seine Geschichte.
Teilhard de Chardin

2.1 Was ist Leben? – Gibt es eine „Lebenskra“?

Das Organismenreich umfaßt so unterschiedliche Gebilde wie


Menschen oder Bakterien. So ist es gar nicht leicht, das ihnen allen
gemeinsame „Leben“ herauszufinden, also das, was ihr „Wesen“ aus-
macht, zu bestimmen. Spätestens seit W wissen wir jedoch:
Wer nach dem Wesen eines Dinges fragt, sucht nach einer sprachlichen
Übereinkun. Wer fragt „Was ist Leben?“ gleicht einer Abendgesells-
cha, die im Wein den Weingeist sucht. An die Stelle dieser Frage hat
eine andere zu treten: „Wie ist ein Organismus zu kennzeichnen?“ Wir
können also auf die Frage „Was ist Leben?“ keine „Wesensdefinition“
geben, sondern nur sagen, welche Bedingungen erfüllt sein müssen,
damit wir ein Stück Materie als lebendig anzusehen bereit sind. Als
solche Bedingungen werden etwa angegeben: bestimmte chemische
Elemente und Verbindungen, bestimmte Strukturen, Stoffwechsel, Ei-
genbeweglichkeit, Wachstum, Fortpflanzung, Regeneration, Reizbarkeit,
Anpassungsfähigkeit, Mutabilität (Änderbarkeit der Erbsubstanz). Der
französische Molekularbiologe und Nobelpreisträger M (1971)
hat die Lebewesen als Objekte bezeichnet, die mit einem Plan (mit
Information) ausgestattet sind, den sie in ihrer Struktur darstellen
und durch ihre Leistungen ausführen. Sie verwirklichen ein in ihnen
vorprogrammiertes Projekt. Das zielgerichtete, plan- und zweckmäßige
Verhalten der Organismen hat viele frühere Philosophen und Biologen
bewo-gen, eine in den Lebewesen wirkende teleologische (zielstrebige)
Lebenskra oder „Entelechie“ (D 1924) anzunehmen. Entelechie
wurde dabei verstanden als ein „außerräumlicher Naturfaktor“, ein im-
materieller, metaphysischer und daher empirisch nicht nachweisbarer
28
Gestaltfaktor. Diese Lebenstheorie, die heute noch von manchen Denk-
ern ernstha vertreten wird, bezeichnet man als „Vitalismus“ und stellt
sie dem „Mechanismus“ entgegen, der das Leben als eine komplizierte
Kombination physikalischer und chemischer Reaktionen erklärt, deren
Gesetzmäßigkeiten die gleichen sind, die auch für die unbelebte Natur
gelten. Das Lebendige unterscheidet sich nur unwesentlich von der leb-
losen Materie. Die vitalistische eorie besagt dagegen: Jenes unerhört
komplizierte Kräespiel in Organismen kann nicht allein durch die
Gesetze der Physik und der Chemie erklärt werden. K meinte
eine Lebenskra annehmen zu müssen, die für die Rotation der Sonne
verantwortlich sein sollte. Gerade sein Fall zeigt, wie gefährlich es sein
kann, bestimmte Vorgänge für physikalisch prinzipiell unerklärbar zu
behaupten. Wer solches tut, läu Gefahr, von der Wissenscha früher
oder später widerlegt zu werden. Abgesehen davon, daß die biologische
Forschung sich um den Vitalismus-Mechanismus-Streit wenig geküm-
mert hat und sozusagen zur Tagesordnung übergegangen ist, kann man
heute eine Menge Argumente gegen die ohnedies unbeweisbare An-
nahme einer Lebenskra anführen (und die Beweislast liegt bei dem,
der eine Behauptung aufstellt!):
(1) Wenn die Auffassung des Vitalismus zu Recht bestünde, so wäre
das Leben eine Folge von Wundern, was bedeuten würde, daß es eine
wissenschaliche Biologie überhaupt nicht gibt.
Billigt man der Entelechie schöpferische Kra, also willkürliches Ver-
halten zu, so schließt man damit jedes Verständnis aus und kann ihr
Wirken nur stumm bewundern. Einen Vorgang oder eine Tatsache als
prinzipiell unerklärbar anzunehmen ist nicht nur ungeschickt, sondern
bedeutet o einen unverantwortlichen Wissensverzicht.
(2) Die Annahme einer Entelechie wir eine Reihe unlösbarer Schein-
probleme auf, z. B. „Woher kommt die Entelechie und wo hin geht sie
bei Eintritt des Todes eines Organismus?“ oder: „Wenn die Entelechie
planvoll-zielstrebig und zweckmäßig wir ken soll, muß sie doch Einsicht
in das von ihr gelenkte Gesche hen, also Intelligenz besitzen.“
(3) Metaphysisch-fiktive Begriffe erklären nichts (ein Begriff al-
lein erklärt nie etwas), sondern mit ihrer Hilfe errichtete Hypothesen
hemmen höchstens den Erkenntnisfortschritt, da sie eine Erklärung
29
vortäuschen. Der Entelechiebegriff ist wissenschalich unfruchtbar und
überflüssig. (Dies ist einer der härtesten Vorwürfe, die gegen einen wis-
senschalichen Begriff erhoben werden können!) Eine Entelechie oder
ein elan vital erklärt die Evolution oder den Organismus nicht besser,
als ein elan locomotif die Dampfmaschine erklärt.
(4) Mit Hilfe des Entelechiebegriffs wird die unbestreitbar gegebene
Zweckmäßigkeit in der organischen Natur kurzerhand in Zwecktätig-
keit umgedeutet. Es ist eine Projektion des bewußten absichtsvollen
Handelns des Menschen.
(5) Nach S (21983) kann man innerhalb des Vitalismus
eine konkrete von einer abstrakten Interpretation des Entelechiebegriffs
unterscheiden: Nach der konkreten Deutung sind die Entelechien un-
körperliche Kräe oder Wesen, die denkend und wollend handeln, also
das biologische Geschehen nach ihren vorsätzlichen Plänen lenken
– gleich einem Gespenst in einer Maschine. S: „Wer heute
so etwas behauptet, kann nicht erwarten, vom Naturwissenschaler
ernst genommen zu werden, so wie schon seit langem niemand mehr
ernst genommen würde, der behauptet, daß die Planeten von Geistern
bewegt würden.“ Aber auch die abstrakte Version des Vitalismus ist
unhaltbar: Hier werden die Entelechien als theoretische Begriffe gedeu-
tet – analog zu den theoretischen Termen „Kra“, „Energie“ usw. Der
wesentliche Unterschied zu letzteren besteht darin, daß sich mit Hilfe des
Terms „Entelechie“ kein Gesetz aufstellen läßt, das in eine biologische
eorie eingehen könnte, wodurch der Begriff über sogenannte Kor-
respondenzregeln eine wenigstens indirekte und teilweise empirische
Deutung erhalten würde, wie dies bei anderen theoretischen Begriffen
der Fall ist.
(6) Der komplizierte zweckmäßige Bau der Organismen und ihr ziel-
strebiges Verhalten hat die Vitalisten dazu bewegen, aus der Tatsache,
daß das Ganze mehr ist als die Summe der Teile, den falschen Schluß zu
ziehen, daß hier etwas Neues (eben die Entelechie) hinzugekommen sei.
Es ist richtig: Die Erhöhung der Kompliziertheit biologischer Systeme
gegenüber unbelebten drückt sich in einer Vermehrung von Eigenschaf-
ten aus, aber darin liegt nichts Geheimnisvolles. Vor der Entdeckung
des genetischen Codes der Erbsubstanz DNA (Desoxyribonukleinsäure)
30
konnte das „Geheimnis des Lebens“ noch als prinzipiell unauflösbar
erscheinen. Die Ergebnisse der Molekularbiologie zeigen uns jedoch, daß
das Leben erklärbar und auf physikalische Gesetze zurückführbar ist,
wenngleich durch die Komplexität neuartige Verhaltensweisen und Ge-
setzmäßigkeiten dazukommen, z. B. kybernetische. Ein in Organismen
wichtiges kybernetisches Prinzip ist der Regelkreis, die Rückkoppelung.
Selbsttätige Regelvorgänge machen den Organismus zu einem kom-
plexen ganzheitlichen System von Wechselwirkungen, das zielstrebig
zu handeln imstande ist. Deshalb ist der Ausdruck „Mechanismus“ für
die Gegenposition des Vitalismus eigentlich unzutreffend. Zellen ebenso
wie vielzellige Organismen sind nicht mechanisch, sondern nur kyber-
netisch beschreibbar. Solche Regelsysteme gibt es auch im technischen
Bereich sehr häufig. Der ermostat z. B.„sucht“ anscheinend zielstrebig
eine gewünschte Temperatur und sorgt dafür, daß sie gehalten wird,
Abweichungen werden korrigiert. Betrachtet man die einzelnen Stufen
des Reaktionsablaufes, so arbeitet der ermostat durchaus kausal, für
die Beschreibung des Gesamtsystems jedoch läßt sich auch eine Ide-
ologische Betrachtungsweise anwenden. So gesehen sind kausale und
te-leologische Beschreibung nur durch den Blickwinkel, unter dem sie
Reaktionsabläufe betrachten, unterschieden. Im Modell des Regelkreises
werden Zweckmäßigkeit und physikalische Zwangsläufigkeit identisch.
Teleologie darf nur nicht so verstanden werden, daß ein vorgegebenes
Ziel die Ereignisse sozusagen aus der Zukun her anzieht.
(7) Der Jesuitenpater und Anthropologe T  C
(1961) hat die Biologie „als die Physik des besonders Komplexen“ char-
akterisiert. Leben ist vor allem die Eigenscha hochkomplexer funktio-
nierender Systeme. (Ein System besteht aus Elementen, die miteinander
in Wechselwirkung stehen.) Die physikalischen Gesetze gelten auch im
Bereich des Biologischen, doch ist es technisch unmöglich und wäre
höchst unpraktisch, die eorie der lebenden Systeme aus einer physika-
lischen Atomtheorie abzuleiten. Die hochgradige Kompliziertheit der
Organismen läßt eigene Methoden als angemessen erscheinen. Die
biologische Aussage „Das Pferd trabt“ läßt sich vielleicht, aber sehr
umständlich als Reaktion zahlreicher Moleküle chemisch beschreiben,
eine umfassende Darstellung auf der Ebene der Physik wäre jedoch
31
hoffnungslos verwirrend. Darauf, und nicht auf irgendwelchen meta-
physischen Elementen lebender Organismen, fußt die Eigenständigkeit
der Biologie als Wissenscha.
(8) Der Versuch, Eigenschaen des Lebendigen aus solchen der anor-
ganischen Materie abzuleiten und zu verstehen, stößt auf emotionelle
Widerstände und Vorurteile. Man pflegt diese Gedankenrichtung als
„Materialismus“ abzustempeln und meint, sie damit als unzureichend
ablehnen zu können. Hierbei wird allerdings der Materiebegriff des
19. Jahrhunderts zugrunde gelegt und übersehen, daß sich unsere
Vorstellungen über die Materie inzwischen erheblich gewandelt haben.
Jene zu grobe, mechanistische Vorstellung hat wohl dazu geführt, für
biologische Systeme etwas Nichtmaterielles, etwas außerhalb von Physik
und Chemie Stehendes anzunehmen. „Man vergaß dabei, daß die Ma-
terie auf der Basis ihrer atomaren Struktur viel feinere, komplexere
Vorgänge realisieren kann, als wir uns jemals vorzustellen vermögen.
Wie wir immer deutlicher erkennen, je tiefer wir in die Materie ein-
dringen, beruht der ganze Vitalismus nur auf der Armut menschlicher
Einbildungskra, auf einer groben Unterschätzung der der Materie
inhärenten Möglichkeiten“ (Z 1973).
Eine spezielle Gruppe von modernen Vitalisten sind die religiösen
Fundamentalisten. Sie glauben, den biblischen Schöpfungsbericht
wörtlich nehmen und daher die Evolutionstheorie aus religiösen
Gründen ablehnen zu müssen. In den USA (aber auch in Europa) feiert
diese Geisteshaltung als Creationismus derzeit fröhliche Urständ. Die
Botscha der Bibel von der direkten Erschaffung des Lebens oder des
Menschen durch Gott wird als wissenschaliche (!) eorie aufgefaßt
und sogar verlangt, daß diese Lehre neben dem Darwinismus als glei-
chrangige ese gelehrt wird.
Genauer betrachtet ist aber der Vitalismus nicht nur für die Wis-
senscha inakzeptabel, sondern auch für die eologie ruinös, wie
D (1972) gezeigt hat: „Der Vitalismus übersieht völlig, daß er
den Gott, dessen er mit seiner Beweisführung in der belebten Häle
der Natur habha zu werden ho, mit derselben Methode aus der
unbelebten Häle der Welt vertreibt. Er selbst also vollzieht in Wirkli-
chkeit das, was er ursprünglich der Wissenscha unterstellte, nämlich
32
die Anerkennung einer ›Hinauserklärbarkeit‹ Gottes aus dem Univer-
sum.“ Wer so wie die Vitalisten argumentiert, „wer die verhängnisvolle
Auffassung vertritt, daß Gott nur in dem nicht erklärten und angeblich
nicht erklärbaren Teil der Welt anwesend sei, muß sich von den Wis-
senschalern darüber belehren lassen, daß der Teil der Welt, der für
Gott übrig bleibt, von Jahr zu Jahr kleiner wird“ (ebd.).
Sicher wird die Biologie noch lange mit der Erforschung der Lebens-
vorgänge beschäigt sein und sicher haben wir bisher nur sehr grobe
Vorstellungen über viele Lebensprozesse. Doch dies darf kein Grund
sein, voreilig in ein unlösbares Geheimnis, in den irrationalen Glauben
zu flüchten.

2.2 Evolution als kosmisches Phänomen

Vielleicht die größte und wahrscheinlich die


gefährlichste Illusion, die wir uns über uns
selbst machen, ist die seit Urzeiten genährte
Überzeugung, daß wir uns durch den Besitz
von Vernun von allen anderen Lebewesen
grundsätzlich und radikal unterscheiden.
Hoimar von Ditfurth

Der Evolutionsgedanke ist heute weit über den biologischen Bereich


hinaus bedeutsam, die Evolutionstheorie ist zu einem universellen Erk-
lärungsschema der Entwicklung nicht nur des Lebens, sondern auch
unseres Planeten Erde, des Sonnensystems, der Sterne und Milchstraßen,
ja des gesamten Kosmos geworden. „Evolution“ ist heute ein zentraler
Begriff des naturwissenschalichen Weltbildes. Die Idee, daß sich alles in
ständiger Entwicklung befindet, ist uralt und nicht erst bei den Griechen
anzutreffen. Um 600 vor Christus behauptete A gar, daß
Lebewesen von andersartigen Vorformen abstammen, und nahm damit
die Evolutionstheorie vorweg. Diese dynamische Weltsicht wurde allerd-
ings durch das statische Weltbild eines P und eines A
und in deren Folge auch der Bibel abgelöst. In der Neuzeit hat vor allem
L den Entwicklungsgedanken erneut ausgesprochen. Was wir
heute als Evolutionstheorie kennen, ist in den Grundzügen jedoch von
33
C D ausgearbeitet worden, wenngleich auch er Vorgänger
hatte. Die Darwinsche eorie wurde in den letztcn Jahrzehnten ständig
verbessert und ausgebaut, der „Darwinismus“ wurde zum „Neodar-
winismus“ und schließlich zur sogenannten „Synthetischen eorie“,
welche nicht nur die zufälligen Erbänderungen und die Auslese durch
die Umwelt (Mutation + Selektion) als Mechanismus der Evolution der
Organismen ansah, sondern die auch gewisse andere sekundäre Faktoren
zur Erklärung des Artenwandels heranzog. Neuerdings wurde diese
eorie nochmals erweitert zur „Systemtheorie der Evolution“. Diese
vor allem von R (1976) und W (1982) propagierte eorie
betont, daß Selektion nicht erst durch die Umwelt stattfindet, sondern
bereits auf molekularer Ebene beginnt: Zuerst muß ein Organismus in
sich stimmig sein, bevor er der Umwelt überhaupt ausgesetzt werden
kann. Die Systemtheorie der Evolution faßt das evolutive Geschehen als
Systemoptimierungsprozeß auf, d. h., die Lebewesen sind Systeme, die
sich ständig selbst verbessern oder zumindest in verschiedene Richtun-
gen weiter- und auch höherentwickeln. Nur aus dieser kybernetischen
Sicht kann Evolution gedeutet und verstanden werden.
Der Regelkreis, die Rückkoppelung ist ein wesentliches Grund-
phänomen nicht nur des Lebens, sondern der Entwicklung der Materie
überhaupt. Evolution wird dadurch zu einem sich selbst regulierenden
und damit richtenden Geschehen. Rückkoppelung ist das Ordnung-
sprinzip der Evolution. Es ermöglicht und bewirkt die Systemkomplexi-
fizierung der Materie. Diese entwickelt sich, sich selbst die Bedingungen
für ihre Weiterentwicklung schaffend. Die Annahme einer treibenden
Kra, eines »elan vital« ist daher überflüssig. Evolution bedeutet ein In-
einandergreifen von immer komplexer werdenden Regelkreisen. (Diese
ese wurde übrigens – die Systemtheorie von heute vorwegnehmend
– vom Autor bereits 1963 aufgestellt [vgl. R 1963].) J
(1982): „Evolution ist nicht nur in ihren vergänglichen Produkten,
sondern auch in den von ihr entwickelten Spielregeln noch offen. Aus
dieser Offenheit ergibt sich die Selbstüberschreitung der Evolution in
einer ›Metaevolution‹, einer Evolution evolutionärer Mechanismen und
Prinzipien.“
Eine wichtige Rolle spielt auch die Tendenz der Materie, immer
34
kompliziertere Strukturen aufzubauen (Selbstorganisationstendenz).
„Evolution ist letztlich Selbstorganisation“ (W 1981).
Bei dieser Selbstoptimierung lebender Systeme wird der Zufall zune-
hmend eingeschränkt. Naturgesetze steuern den Zufall. In der Evolution
spielt beides eine Rolle: Zufall und Notwendigkeit, Freiheit und Ges-
etz. Daß Evolution trotz der großen Rolle des Zufalls nicht ins Chaos
führt, ist die Folge der Struktur der Materie und ihrer wunderbaren
Entfaltungsmöglichkeit sowie der natürlichen Auslese. Das unerklärbare
Geheimnis ist dabei bloß: Warum hat die Materie die Eigenscha, sich
selbst zu immer komplexeren Gebilden zu organisieren? Diese Frage
ist vermutlich unbeantwortbar und fällt zusammen mit der nach ihrer
Herkun. Materie existiert nur als sich entwickelnde. Der ganze Kosmos
ist in ständiger Evolution begriffen. Wir wissen heute, „daß Evolution
ein Prinzip der Materie ist“ (W 1981). J (1982) spricht
von „der evolvierenden Organisation der Materie“. In diesem Zusam-
menhang interessant ist die Gaia-Hypothese, die von der amerikanischen
Mikrobiologin L M und vom englischen Chemiker J
L aufgestellt wurde. Danach stellt auch der Planet Erde ein
ständig evolvierendes und sich selbst organisierendes System dar: „Die
gesamte lebende Materie auf der Erde bildet zusammen mit der At-
mosphäre, den Ozeanen und dem festen Land ein komplexes System,
das über alle typischen Kennzeichen der Selbstorganisation verfügt. Es
verharrt in einem bemerkenswerten Zustand chemischen und thermo-
dynamischen Ungleichgewichts und ist durch eine riesige Vielfalt von
Vorgängen in der Lage, die Umwelt des Planeten so zu regulieren, daß
optimale Verhältnisse für die Evolution des Lebens aufrechterhalten
werden“ (C 71984).

2.3 Zweifel und Beweise

Unter den Wissenschalern gibt es höchstens einige nicht ernstzu-


nehmende Außenseiter – meist Nichtbiologen-, die tatsächlich an der
Evolutionstheorie zweifeln. Selbst der eologe und Mitentdecker des
Pekingmenschen T  C verurteilt die Skepsis einiger
35
Zeitgenossen scharf: „Hier und da in der Welt gibt es noch einige Köp-
fe, die bezüglich der Evolution mißtrauisch oder skeptisch geblieben
sind. Sie kennen die Natur und die Naturforscher nur aus Büchern und
glauben, daß der Kampf um die Entwicklungslehre noch immer wie zur
Zeit  weitergeht. Und weil die Biologie fortfährt, über die Art
und Weise zu diskutieren, auf die die Arten sich haben bilden können,
meinen sie, sie zweifle, ja sie könne noch, ohne Selbstmord zu begehen,
an der Tatsache und Wirklichkeit einer solchen Entwicklung zweifeln“
(T  C 1959).
Die Beweise zugunsten der Evolutionstheorie sind so zahlreich und
gewichtig, daß niemand, der sich mit ihr wirklich beschäigt hat, sie
in Zweifel ziehen kann. Allein die mögliche Einteilung der Lebewesen
in Gruppen ähnlicher Organismen, deren Verwandtscha offenkundig
ist, scheint zu genügen, um jeden Zweifel an einem stammesgeschich-
tlichen Zusammenhang auszuschalten. Aber auch der Vergleich des in-
neren Baues oder der Keimesentwicklung fällt überzeugend zugunsten
der Abstammungslehre aus. Ferner zeigt die Verbreitung bestimmter
Pflanzen und Tiere, daß sie sich von einem Entstehungsmittelpunkt aus
ausgebreitet haben müssen. Bei Tieren äußert sich Verwandtscha auch
o in einem ähnlichen Verhalten. Und vor allem ist die biochemische
Verwandtscha ein schlagender Beweis für die Zusammengehörigkeit
aller Lebewesen, für eine gemeinsame Herkun. Die Tatsache, daß wir
andere Lebewesen essen können, ist nur daraus erklärbar, daß wir aus
denselben Baustoffen bestehen.
Alle Lebewesen der Erde haben dieselben Eiweiße, dieselbe Erb-
substanz, also denselben genetischen Code. Alle Zellen bezeugen die
Herkun von einem einzigen Ursprung. Anhand der Verwandtscha
bestimmter Eiweiße läßt sich sogar ein Stammbaum erstellen, der mit
dem aufgrund von Fossilien aufgestellten genau übereinstimmt. Fos-
silien sind auch die Hauptquelle für unser Wissen über ausgestorbene
Organismen. Durch sie wissen wir, wie Lebewesen früherer Erdepochen
ausgesehen und gelebt haben. Diese Funde sind ein eindeutiges Indiz
für die Entwicklung aller Lebewesen aus andersartigen Vorfahren und
lassen sich wohl kaum anders erklären. An der prinzipiellen Gültigkeit
der Evolutionstheorie, an der ese, daß die Organismenarten nicht
36
gleich bleiben, sondern veränderlich sind und sich entwickelt haben,
können heute aus all den aufgeführten Gründen auch nicht die ge-
ringsten Zweifel bestehen. Die Evolution ist eine Tatsache, und die
Evolutionstheorie ist eine völlig abgesicherte naturwissenschaliche
eorie. Es gibt keine einzige Naturerscheinung, die ihr widerspräche.
Im Gegenteil: Durch immer neue Fakten und Funde wird sie immer
besser bestätigt und ausgebaut. Die Evolutionstheorie ist heute die zen-
trale eorie der Biologie, die in alle anderen Disziplinen hineinspielt
und auf sie befruchtend wirkt, wie die Evolutionstheorie selbst auch
Anregungen und Bestätigung von den anderen Teilbereichen der Bio-
logie und anderer Wissenschaen erhält. Andererseits muß zugegeben
werden, daß die heutige Evolutionstheorie noch bei weitem nicht alle
Phänomene der Evolution und des Lebens überhaupt befriedigend zu
erklären vermag. Es gibt noch zahlreiche Ungereimtheiten. Zweifellos
muß die eorie noch ausgebaut und verbessert werden. Dennoch: „Der
originäre Entwurf D bleibt als Kern, der von umfassenderen
eorien überbaut wird“ (W 1982). Ansätze für eine solche
neue Evolutionstheorie gibt es zahlreiche. Unser Wissen ist seit D
gewaltig angewachsen. Vor allem hat die Molekulargenetik bedeuten-
de Fortschritte gebracht. Hier sind besonders neue Erkenntnisse der
Mutationsforschung interessant. So wurde bekannt, daß Mutationen
o spontan und ohne erkennbare Fremdeinwirkung im Erbprogramm
entstehen. Erbinformationen werden häufig neu arrangiert, wobei frei-
bewegliche Genfragmente in den Textzusammenhang eingefügt wer-
den. Falsch formulierte Genpartien werden aufgespürt und korrigiert,
es gibt eine Binnenselektion auf Genebene. Da nur rund zwei Prozent
der Erbsubstanz (etwa des Menschen) für den Auau der Gene benötigt
werden, steht der überwiegende Teil der Erbsubstanz (der keine Bau-
und Betriebsanleitungen enthält) als Experimentierfeld zur Verfügung.
DNA-(Desoxyribonukleinsäure-)Abschnitte können sich zu einem
neuen Gen vereinigen. Die Erbsubstanz ist also nicht statisch, sondern
höchst dynamisch. Die Entstehung größerer Umkonstruktionen ist so
leichter erklärbar: Bereits bevor Neubildungen der Umwelt ausgesetzt
werden, kommt es zu Optimierungs- und Integrationsprozessen in der
DNA! Viele Selektionsschritte haben sich im verborgenen vollzogen.
37
Dies ist mit ein Grund dafür, daß relativ wenige connecting links ge-
funden werden. Ein anderer ist der, daß Übergangsformen naturgemäß
selten vorkommen und daher die Chance, fossil erhalten und entdeckt
zu werden, sehr gering ist. Außerdem ist die Evolution nicht gleichför-
mig, sondern häufig in durch Umweltänderungen ausgelösten Schuhen
erfolgt, die zum Teil durch kosmische Katastrophen, wie Aufprall von
Planetoiden oder Kometen, hervorgerufen wurden.
Seit einiger Zeit ist bekannt, daß Viren genetische Informationen von
einem Lebewesen zum anderen übertragen können. So werden neue
„Erfindungen“ rasch ausgebreitet, die Evolution wird beschleunigt. Viren
sind die „Klatschbasen der Evolution“.
Nicht akzeptabel scheint die Hypothese von C S
(nach S 1985), der behauptet, bereits in der Ursuppe hätten
sich sämtliche Baupläne aller Organismen vorgefunden, die später
nacheinander ausgeführt wurden. Zu diesem Schluß gelangt S-
, weil jeder Organismus weit mehr Erbinformationen besitzt, als er
verwirklicht. Demgegenüber gibt es jedoch zweifellos eine Zunahme
der genetischen Information im Verlauf der Evolution. Die DNA eines
Virus besteht maximal aus etwa 5000 Basen (Bauelemente, deren Abfolge
– wie die Buchstaben des Alphabets einen Text ausmachen – in ihrer
Gesamtheit die genetische Information ergibt). Bakterien haben etwa
l bis 6 Millionen Basen, höhere Zellen bis zu l Milliarde. Damit aber
scheint ein prinzipielles Limit der Informationsübertragung erreicht.
Wird diese Länge der DNA-Ketten überschritten, so entstehen zu viele
„Abschreibfehler“, die exakte Weitergabe der Erbinformation ist nicht
mehr gewährleistet. Eine Bakterienzelle hat 100mal mehr DNA als ein
Virus und der Kern einer Vertebratenzelle besitzt wiederum 100mal
mehr DNA als ein Bakterium. Allerdings bedeutet dies nicht, daß die
Menge an DNA alleine ein Maßstab der Organisationshöhe darstellt.
Die genetische Information ist aber sicher einer Entwicklung im Sinne
einer Erhöhung der Komplexität unterlegen. Sie war nicht von Anfang
an für alle Organismen fix und fertig vorhanden, womöglich noch direkt
„aus außerkosmischem Bereich“, wie dies S (1971) mutmaßt.
Bereits in der ersten Zelle, so meint er, sei die von Gott persönlich co-
dierte Information für alle denkbaren Lebewesen, wenn auch nur latent,
38
vorhanden gewesen. Ähnlich wie ein Computer ohne Programmierung
nicht funktionieren könne, wäre auch Leben nicht existent ohne den
geistigen „Schöpfungsplan für alle Lebensformen“.
Eine solche Hypotese widerspricht allem, was wir gesichert naturwis-
senschalich über die Entstehung und Entwicklung des Lebens (und
damit auch des genetischen Codes!) wissen, und vor allem ist es völlig
überflüssig, bei der Entstehung der genetischen Information einen
göttlichen Eingriff, d. h. ein Wunder anzunehmen.

2.4 Verläu die Evolution zielgerichtet?

Viele Forscher vor allem früherer Generationen sahen in der Phy-


logenese (der stammesgeschichtlichen Entwicklung) der Organismen
eine zielgerichtete Höherentwicklung, eine „Orthogenese“. Verschiedene
Stammbäume (etwa jener der Pferde, aber auch der des Menschen) hatten
sie zu dieser Annahme verführt. Sie glaubten, eine besondere Lebenskra,
einen elan vital, annehmen zu müssen, welcher die Evolution steuern
sollte, der den Evolutionsprozeß dahin bestimmen sollte, besondere
Arten von Lebewesen zu schaffen. Dem ist entgegenzuhalten, daß nicht
jedes Ziel, das erreicht wird, ein erstrebtes sein muß und daß jeder Zu-
stand nachträglich als Ziel deklariert werden kann, auch wenn ihn kein
wollendes Subjekt zu erreichen suchte. Selbst T  C
(1959) gibt zu, daß auch der Mensch nicht etwa Zweck und Ziel der
ganzen Evolution war, daß er nicht notwendigerweise entstehen mußte.
Gerade diese Behauptung der Evolutionstheoretiker aber war vermutlich
das eigentliche Ärgernis für ihre Gegner. Nicht so sehr die ese von der
Abstammung des Menschen aus dem Tierreich, sondern vielmehr die
seiner Zufallsentstehung erregte bei den eologen Anstoß – und tut dies
auch heute noch vielfach. Doch es bleibt dabei: Die Annahme, Evolution
vollziehe sich zielgerichtet, ist eine metaphysische Spekulation und kann
jedenfalls aus den vorliegenden Fakten nicht extrapoliert werden.
Allerdings kann man die sich entwickelnde Biosphäre auffassen als
ein Supersystem von Regelkreisen. Die Systemganzheit kann dann in
ihrer Evolution nicht nur kausal, sondern auch teleologisch beschrieben
39
werden und ru historisch betrachtet den Eindruck einer Steuerung
durch autonome Entwicklungskräe hervor.
Wenn trotz des Fehlens einer Zielrichtung und Planhaigkeit des
Geschehens Abläufe von großer Folgerichtigkeit zustande kommen, so
geschieht dies darum, weil es in „biologischen Apparaten“ technische
Zwänge gibt, die – durch die Auslese geleitet – eine geradlinige Vervol-
lkommnung mancher Systeme bewirken. Es gibt biologisch-evolutive
Zwangsläufigkeiten. Allerdings stehen den Fällen einer scheinbar
orthogenetischen Entwicklung andere gegenüber, in denen die bio-
techsischen Möglichkeiten sehr groß sind, so daß eine hohe Zahl au-
seinanderstrebender Lösungen, d. h. eine Vielfalt biologischer Formen
entstehen kann. Evolution ist also zweifellos zwar ein gerichteter Prozeß
– er führt zur Entwicklung von Eigenschaen von arterhaltendem Wert.
Aus dem planlos gelieferten Rohmaterial werden planvoll gestaltete
Organismen, die o erstaunliche Anpassungen an ihre Umwelt und
ihre Lebensweise aufweisen. Aber: Würde die Evolution nochmals mit
denselben Startbedingungen beginnen, so würde sie sicherlich einen
ganz anderen Verlauf nehmen.
Nach E-E (1981) ist die Ungerichtetheit der Evolution
die einzig mögliche Antwort auf die Notwendigkeit, sich unvorherse-
hbaren Umweltveränderungen anzupassen: „Nur durch das blinde
Abtasten aller Möglichkeiten, nur dadurch, daß auch Monstrositäten
erzeugt werden, erhält sich das Leben.“
Der unregelmäßige und sprunghae Charakter der Evolution sowie
das Aussterben von über 99 Prozent aller jemals existenten Arten und
andere Fakten sprechen gegen eine richtunggebende Kra, die den
Evolutionsprozeß auf bestimmte Ziele gelenkt hätte. Was es jedoch
zweifelsfrei gibt, ist eine Höherentwicklung, eine Evolution zu immer
komplexeren Strukturen. Diese „Anagenese“ ist nicht durch gerichtete
Mutationen zu erklären, sondern durch gerichtete Selektion (Orthose-
lektion) im Sinne einer Auslese durch Umweltfaktoren, aber auch einer
Binnenselektion auf der Ebene der Gene. Denn: „Selektion durch das
Außenmilieu kann erst einsetzen, wenn die betreffende Struktur oder
Funktion bereits entstanden ist. Sie kann nicht deren Ursache sein. Das
Genom kontrolliert sich selbst und läßt nur (zufällige) Veränderungen
40
bestehen, die es aufgrund seiner Gesamtkonstitution verträgt. Es wären
viele Merkmale denkbar, die hervorragend in die Umwelt passen würden
(etwa Zoom-Augen), deren Entstehen aber unmöglich ist, da sie die
genetische Harmonie der Art ruinieren würden“ (K 1981).
Höherentwicklung bedeutet übrigens nicht in jedem Falle, daß neue
Organismenformen ihrer momentanen Umwelt besser angepaßt wären,
sondern im Gegenteil und vor allem eine fortschreitende Emanzipation
von ihrer derzeitigen Umwelt in Richtung auf ein neu zu eroberndes
Milieu, z. B. beim Übergang von Leben im Wasser zum Landleben. Die
Amöbe ist ebenso gut angepaßt wie der Delphin. Käme es nur auf eine
optimale Anpassung an, so gäbe es überhaupt keine Höherentwicklung.
Und viele Lebewesen haben sie auch nicht mitgemacht, sonst existi-
erten heute keine Bakterien, Einzeller und andere weniger komplexe
Organismen.
Dennoch und allen Erklärungsversuchen zum Trotz: Das Leben und
seine Entwicklung ist ein Wunder. Doch darf die Ursache für die uns
wunderbar erscheinende Entwicklung der ungeheuren Vielfalt von
erstaunlichsten Formen und Anpassungen nicht in einer mystischen
Lebenskra vermutet werden. Das eigentliche Wunder liegt – einmal
mehr muß darauf hingewiesen werden – in den Anfangsbedingungen,
in der Struktur der Materie und ihrer Fähigkeit, immer komplexere
Formen zu entwickeln. Das wahre Wunder liegt in der Tatsache, daß es
diese potente Materie überhaupt gibt.

2.5 Warum sterben Arten oder ganze Stämme aus?

Die Evolution erweckt durch das ungerichtete Tasten in Versuch und


Irrtum mehr den Eindruck eines Spielens der Natur (ohne mit dieser
Formulierung einen „Täter“ dingfest machen zu wollen) als den eines
Kampfes ums Dasein. Viele der Versuche endeten in einer Sackgasse.
Die allermeisten Lebensformen sind längst wieder ausgestorben. Nur
relativ wenige haben bis heute überlebt. Warum? Folgende Gründe für
das Verschwinden vieler Tier- und Pflanzenarten können (vor allem
nach R 1977) angeführt werden:
41
(1) Zunächst war die Existenz von vielen Arten schon dadurch zeitlich
beschränkt, daß sie sich allmählich in neue Arten um wandelten. Und in
entsprechender Weise entwickelten sich aus ganzen Familien neue Familien,
aus Ordnungen gingen neue Ordnungen oder auch Klassen hervor.
(2) Andere Arten konnten mit höher entwickelten nicht konkurrieren.
So waren vermutlich kleinere Saurier den fortschrittlicheren Säugetieren
unterlegen. Die Säuger waren warmblütig und dadurch flinker, sie be-
saßen eine größere Lernfähigkeit, waren außerdem lebendgebärend und
zogen ihre Jungen auf.
(3) Verschiedene Tiere waren neu auretenden Feinden nicht ge-
wachsen.
(4) Auch zu einseitige Spezialisierung hat des öeren in eine Sackgasse
geführt, weil die Art sich an stärker veränderte Umwelt verhältnisse
nicht anpassen konnte. Als die Eiszeit zu Ende ging, starben zahlreiche
für das Leben in kaltem Klima spezialisierte Tiere wie Mammute, Woll-
nashörner und Riesenhirsche aus.
(5) Seltener vorgekommen sein mag eine krankhae Entartung, wie
sie durch Knochendeformationen der ausgestorbenen Höhlenbären
oder der ausgestorbenen Riesentaube belegt ist.
(6) Manchmal mögen auch Luxusbildungen (Riesengeweih, übergroße
Reißzähne) oder Übergröße (Dinosaurier) zum Aussterben beigetragen
haben.
(7) Für einige Saurierarten Südfrankreichs wurde nachgewiesen, daß
Streß durch Überbevölkerung in zu engem Lebensraum zu Hormon-
störungen bei den Weibchen geführt hat, wodurch die Eierschalen dün-
ner wurden, so daß die Eier austrockneten, bevor die Jungen schlüpfen
konnten.
(8) Ebenfalls für das Aussterben mancher Saurier wird die Tatsache
verantwortlich gemacht, daß in der Kreidezeit neue Pflanzenarten
(Angiospermen, die höheren Blütenpflanzen) entstanden, auf welche
Nahrung sich die pflanzenfressenden Saurier nicht umstellen konnten
(eine nicht besonders plausible Hypothese).
(9) Schließlich werden verschiedene geologische oder gar kosmische
Ursachen für das Aussterben mancher Gruppen ins Treffen geführt:
Klimaänderungen durch Polsprünge (was zu Eiszeiten führt), Vordrin-
42
gen der Wüste, Wasser-Land-Verschiebungen,Supernovaexplosion in
kosmischer Nachbarscha, was durch erhöhte Strahlung zu zahlreichen
Mutationen geführt haben könnte-eine ebenfalls nicht plausible Hypo-
these, zumal ja viele Arten überlebt haben und andererseits etwa gleich-
zeitig mit den Sauriern Ende Kreide auch zahlreiche Meeresbewohner
ausgestorben sind, die vor Strahlen zweifelsohne geschützt waren.
1979 haben L W. A und sein Sohn W A (nach
D 1985) eine neue Katastrophentheorie vorgeschlagen. An
der Grenze zwischen den Formationen Kreide und Tertiär wurden in
verschiedensten Teilen der Welt hohe Werte des seltenen Elements Irid-
ium festgestellt, wie sie sonst nur in Meteoriten zu finden sind. Daraus
schlossen die Forscher, daß vor 65 Mio. Jahren ein Asteroid mit etwa
10 km Durchmesser die Erde getroffen hat und wahrscheinlich ins Meer
gestürzt ist. Der Wasserdampf und die Staubpartikel, durch den Einschlag
bis in die Stratosphäre hochgeschleudert, hätten die Sonneneinstrahlung
vermindert. Eine Kältewelle sei über die Erde hereingebrochen und habe
den damals lebenden wärmeliebenden Planktonorganismen sowie den
Ammoniten und auch den Dinosauriern und deren Futterpflanzen den
Garaus gemacht. Genauere Analysen ergaben dann, daß im Verlauf der
Erdgeschichte im Rhythmus von 25 bis 30 Mio. Jahren immer wieder
einschneidende Aussterbewellen und im Abstand von etwa 150 Mio.
Jahren besonders drastische Dezimierungen stattfanden. Ein Erk-
lärungsversuch dieser Tatsache ist der folgende: Es sind eben genau in
diesem Rhythmus immer wieder Kometen oder Meteoriten auf die Erde
gestürzt, was anhand von Einschlagskratern, die man meist erst durch
Satellitenaufnahmen gefunden hat, auch bewiesen werden kann. Zur
Zeit geologischer Wendemarken sind zwei bis fünf Millionen Jahre lang
ganze Serien von Himmelskörpern verschiedener Größe auf die Erde
herniedergeprasselt.
Die Erdgeschichte ist seit dem ausgehenden Präkambrium in Abfol-
gen von jeweils rund 150 Mio. Jahren Dauer gegliedert. In jeder Abfolge
beginnt die Aktivität mit vielen kleinen Einschlägen und schließt mit ein
oder zwei besonders schweren Einschlagsereignissen ab. Dies sind jeweils
auch die Zeiten großen Massensterbens. Den Serien kleinerer Einschläge
beim „normalen“ Wechsel geologischer Perioden sind im Durchschnitt
43
jeweils „nur“ 10 bis 30 Prozent der zu einer Zeit lebenden Arten zum
Opfer gefallen. Daneben hat es aber die Großereignisse gegeben mit
Aussterbensraten von 40 bis zu 75 Prozent der Arten.Wie aber ist nun diese
Regelmäßigkeit von kosmischen Treffern zu erklären? Eine Möglichkeit
wäre, daß es einen Zwillingsstern unserer Sonne gibt, der in regelmäßigen
Zeitabständen (von etwa 26 Mio. Jahren) sich unserem Sonnensystem
nähert und dabei eine Wolke von Kometen mitschleppt, die dann eben
auch unsere Erde treffen und dadurch die entsprechenden Katastrophen
auslösen. Nach der griechischen Göttin der Rache wurde dieser Stern,
nach dem derzeitig eifrig gefahndet wird, „Nemesis“ genannt.
Ob nun diese Nemesis-Hypothese richtig ist oder nicht, es scheint,
daß ohne diese regelmäßigen Katastrophen es nicht zu dem häufigen
Wandel in der Entwicklung des Lebens gekommen wäre, der zu der im-
mer wieder aulühenden Vielfalt der Arten geführt hat. Möglicherweise
hätte es überhaupt kein höheres Leben (und folglich auch den Menschen
nicht) gegeben, sondern nur primitve Organismen. Die Evolution des
Lebens stellt sich so dar als Antwort auf die Herausforderung durch
kosmische Katastrophen.
Jedenfalls ist eines sicher: Wir müssen das Bild von einer langsamen
kontinuierlichen Evolution des irdischen Lebens aufgeben zugunsten
einer o sprunghaen Entwicklung. Die Fossilien belegen einen häufigen
Wechsel von sprunghaen Entwicklungs-schüben, in denen eine Vielzahl
neuer Arten und Gattungen gleichzeitig entstanden war, und von langen
Zeiten der Stagnation, die nur noch wenig Veränderung brachten.
Gegner der A-Hypothese wenden gegen die Annahme einer
Verdunkelung und Abkühlung durch Meteoriteneinschlag ein, daß der
dadurch entstehende Staubschirm die Erde nicht genug habe abküh-
len lassen, um diese Massenvernichtung der Saurier und Ammoniten
zu bewirken. Sie nehmen im Gegenteil an, daß ein solcher Einschlag
große Mengen von Kohlendioxid aus kohlestoffreichem Sedimentgestein
freigesetzt, in die Atmosphäre gejagt und die Temperaturen für etwa
10 000 Jahre hochgetrieben habe (Treibhauseffekt).
Gegen diese Hypothese spricht vor allem die geringe Wahrscheinlichkeit,
daß der auf die Erde schlagende Himmelskörper ausgerechnet eine solche
kohlenstoffreiche Ablagerungsschicht getroffen haben sollte.
44
Eine andere eorie aus jüngerer Zeit besagt, daß beim Eintauchen des
fremden Himmelskörpers in die Erdatmosphäre chemische Reaktionen
entstanden seien und eine längere Periode pflanzentötenden sauren
Regens eingeleitet hätten.
Eine weitere Hypothese akzeptiert zwar die Annahme einer Verdun-
kelung der Sonne, aber nicht durch Meteoriten-, Kometen- oder Aster-
oideneinschlag, sondern aus irdischen Ursachen: Zur Zeit, als die Saurier
verschwanden, begann auch der Zerfall der großen Kontinente Laurasia
und Gondwania (dem Südkontinent, der in Afrika, Südamerika,Antarktis,
Australien zerfiel und von dem auch das heutige Indien abdriete). Das
damit verbundene Aulaffen des entstehenden Atlantiks war ganz sicher
mit heiger Vulkantätigkeit verbunden. Und diese könnte sehr wohl in
der Lage gewesen sein, große Mengen von Wasserdampf und Asche in
die Atmosphäre zu befördern, um eine entsprechende Verdunkelung und
damit Kälte zu bringen.
(10) Eine neuere Hypothese soll noch erwähnt werden. Bei der Gas-
analyse von Bernsteinen, die vor 80 Millionen Jahren entstanden waren,
stellte sich heraus, daß die Atemlu damals nicht wie heute 21, sondern
32 Prozent Sauerstoff enthielt, also um mehr als die Häle sauerstof-
freicher war. Das hatte für das Leben auf der Erde in der Kreidezeit
erhebliche Konsequenzen. Da Sauerstoff die Verbrennung fördert, sind
die Kontinente wahrscheinlich regelmäßig von riesigen Waldbränden
heimgesucht worden. Die Tiere, unter anderem auch die mächtigen
Dinosaurier, sind sicherlich mit relativ kleinen Lungen ausgekommen.
Als dann der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre drastisch abfiel, muß das
für die Kolosse einschneidende Folgen gehabt haben. Vielleicht sind sie
einfach erstickt, sie konnten sich auf den geringeren Sauerstoffgehalt der
Lu nicht mit der notwendigen Geschwindigkeit umstellen. Als Auslöser
für eine solche Veränderung in der Atmosphäre kommt eine Abkühlung
der Ozeane in Betracht, denn in kälteren Gewässern wachsen die Algen
nicht so üppig und geben deshalb weniger Sauerstoff ab.
(11) Der amerikanische Paläontologe Robert B (im Spiegel
26 [1989]) vermutet, „daß die Dinosaurier gänzlich undramatisch um-
kamen: aufgrund einer Vielzahl von Krankheiten. Aufgetreten seien die
Seuchen am Ende der Kreidezeit, als zwischen Eurasien und Amerika
45
eine Landbrücke entstand – die Folge war eine Vermischung der ge-
samten Fauna zweier Kontinente. Anläßlich dieses globalen Arten-Mix,
so der Kern der unspektakulären Bakker-Hypothese, seien die Dino-
saurier mit neuen Krankheitskeimen in Berührung gekommen, gegen
die ihr Organismus nicht gefeit war.“
Eine globale Umweltkatastrophe ganz anderer Art allerdings bahnt
sich in unserer Gegenwart an: Die Ausrottung zahlreicher Lebensfor-
men besonders in den tropischen Regenwäldern durch den Menschen
düre zu einem der größten Flora- und Faunenschnitte der Erdges-
chichte gehören.
Eine in diesem Zusammenhang interessante Frage ist für uns zweifel-
los die, ob möglicherweise auch der Mensch mit seinem überspezialisier-
ten Gehirn einst den phylogenetischen Tod erleiden wird. Diese Frage
ist wohl eher zu verneinen. Aufgrund natürlicher Ursachen werden wir
nicht aussterben (es sei denn, eine kosmische Katastrophe vernichtet
unsere Biosphäre), dazu ist der Mensch zu intelligent. Er kann sich al-
len möglichen Umweltveränderungen anpassen, er hat ein breites Fit-
neßfeld, er ist nicht spezialisiert wie die meisten Tiere, er kann seinen
Untergang prinzipiell vermeiden. Ob sein Verstand aber auch imstande
sein wird, triebbedingte Interessen wie Machtstreben und Egoismus zu
überwinden und dadurch den Untergang der Menschheit durch atomare
Vernichtung, totale Überbevölkerung der Erde oder Zerstörung der
Lebensgrundlagen (ökologisches Desaster) zu verhindern, dies muß
heute ernstha bezweifelt werden. Es gehört nicht viel Phantasie dazu,
aus den heute möglichen und zum Teil schon eingetretenen Katastro-
phen eine rabenschwarze Zukun für die Menschheit zu prophezeien.
Im Augenblick deutet wenig darauf hin, daß wir das Steuer noch
herumreißen und das Selbstmordprogramm stoppen könnten. Aber
wir haben – im Gegensatz zu den instinktgebundenen Dinosauriern
– unser Schicksal in der Hand (allerdings nicht fest im Griff!), und jeder
einzelne von uns muß daran arbeiten, daß der endgültige Holocaust
der Menschheit nicht eintritt. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben,
wir dürfen nicht resignieren. Der einzige Lichtblick ist die Jugend, die
umzudenken begonnen hat, wozu die ältere Generation offensichtlich
nicht mehr imstande ist.
46
2.6 Außerirdisches Leben

Noch vor wenigen Jahren waren viele Wissenschaler, die sich mit
dem Problem außerirdischen Lebens beschäigen, bereit, anzuneh-
men, daß es allein im Sternensystem unserer Milchstraße – bestehend
aus etwa 200 Milliarden Sonnen – Tausende, wenn nicht Millionen
technisch hochentwickelter Zivilisationen gebe. Und von Lebensfor-
men primitiverer Art müßte es im Universum geradezu wimmeln. Zu
diesem Schluß gelangten die Forscher aus mehreren Gründen: Vor
allem war entdeckt worden, daß Vorstufen von Leben sich unter allen
nur einigermaßen geeigneten Bedingungen bilden, und zwar aufgrund
der Tendenz der Materie, sich selbst zu entwickeln. Im Labor waren in
einer simulierten Erd-Uratmosphäre spontan organische Moleküle aus
unbelebter Materie entstanden. Und sogar im freien Weltraum wurden
bisher über 60 chemische Verbindungen (zusammengesetzt aus bis zu
11 Atomen) entdeckt, darunter auch solche, wie sie für die Entstehung
von Leben unerläßlich scheinen. Schließlich hatte man in Meteoriten
Aminosäuren, also Eiweißbausteine, gefunden.
Einen ersten Rückschlag erhielt die Auffassung, daß Leben im Weltall
sehr verbreitet sei, dadurch, daß auf keinem der bisher von Sonden
untersuchten Planeten unseres Sonnensystems auch nur eine Spur von
Organismen gefunden werden konnte. (Hatte man doch früher auf dem
Mars sogar intelligente Wesen vermutet!)
Vor einigen Jahren hat nun der amerikanische Physiker M H.
H der Idee, daß wir zahlreiche „Brüder im All“ hätten, quasi den
Todesstoß versetzt (nach B 1978). Er fütterte einen Computer mit
allen zur Verfügung stehenden Daten unseres Wissens über die Bedin-
gungen, unter denen sich Leben entwickeln kann, und kam aufgrund
der Berechnungen zu einem gänzlich negativen Ergebnis: Wir sind mit
allergrößter Wahrscheinlichkeit die einzige intelligente Lebensform und
haben die einzige technische Zivilisation unserer Galaxis, wenn nicht des
gesamten Kosmos. Primitiveres Leben freilich könnte es häufiger geben.
(Eine Konsequenz dieses Konzepts wäre etwa die Unsinnigkeit der Behaup-
tung, fliegende Untertassen könnten außerirdische Raumschiffe sein.) Zu
diesem Resultat kommt H deshalb, weil das Leben auf der Erde allem
47
Anschein nach seine Existenz einer geradezu unwahrscheinlich hohen
Zahl von kosmischen Zufällen verdankt. Zunächst düre es relativ wenige
Planeten (allenfalls Monde von solchen) geben, die für die Entwicklung
von Leben geeignet scheinen. Planeten, auf denen Leben entstehen soll,
müssen um Sterne von der Größe, Leuchtkra und Lebensdauer unserer
Sonne kreisen, und zwar innerhalb der sogenannten Ökosphäre. Das ist
jener relativ kleine Bereich um eine Sonne, in dem Leben temperaturmäßig
überhaupt möglich ist. Umrundete unsere Erde die Sonne in einem um
nur etwa 5 Prozent geringeren Abstand, als dies der Fall ist, so wäre ihre
Oberfläche eine Gluthölle, auf der Leben unmöglich scheint. Kreiste sie
nur l Prozent weiter weg um den Stern, so wäre sie eine einzige kalte
Wüste wie der Mars. Daraus folgt eine ziemlich geringe Wahrscheinli-
chkeit, Sterne mit erdähnlichen, lebentragenden Planeten zu finden, selbst
wenn Planetensysteme an sich häufig wären. Neuere Berechnungen jedoch
führen zu einem optimistischeren Schluß: Falls andere Planetensysteme
existieren, besteht eine gute Chance, bewohnbare Planeten zu finden. Ob
davon einige auch tatsächlich bewohnt sind, muß freilich eine offene Frage
bleiben; sie kann aber nicht mehr mit der Behauptung verneint werden,
die Erde sei klimatologisch einmalig im Universum. H hatte in seiner
Hypothese nämlich übersehen, daß nicht nur der Abstand eines Plan-
eten von der Sonne wichtig ist, sondern auch seine Größe und mögliche
Treibhauseffekte durch von Vulkanen exhalierte Gase. Der Bereich der
Ökosphäre wäre dann entsprechend zu erweitern – je nach Stärke des
angenommenen Treibhauseffektes. Mars düre nur deshalb kein Leben
hervorgebracht haben, weil auf ihm aufgrund seiner geringen Größe gewisse
komplizierte Rückkoppelungs- und Treibhauseffekte zusammenbrachen.
Mitentscheidend für die Evolution von Organismen war auf der Erde
die Tatsache, daß die Lebewesen selbst durch ihre Lebensaktivitäten die
Zusammensetzung der Atmosphäre mitbeeinflußt haben, wie dies von
der schon erwähnten Gaia-Hypothese behauptet wird. Durch komplexe
Wechselwirkungen zwischen Ozeanen, Gestein und Organismen kommt
es zu einer Balance, die Leben ermöglicht.
Der in Frage kommende Planet müßte ferner Masse und Schwerkra
haben, welche die irdische nicht wesentlich unterschreitet, aber auch
nicht sehr übersteigt, weil dies starke Entwicklungshemmnisse mit sich
48
brächte bzw. weil ein zu leichter Planet keine Atmosphäre halten könnte.
Doppelsterne düren meist keine Planeten besitzen, während Einzel-
sterne aus Gründen der Drehimpulsbilanz fast notwendigerweise auch
Planeten haben müßten, von denen zumindest einer in die Ökosphäre
fallen düre. Inzwischen sind auch extrasolare Planeten und Vorsta-
dien von Planetensystemen tatsächlich entdeckt worden, so daß man
vermuten könnte, daß es sozusagen normal ist für einen Stern, Planeten
zu besitzen. Freilich: Nur Sterne der dritten und vierten Generation
düren genügend schwere Elemente enthalten, um auch terrestrische
(erdähnliche) Planeten mitzuführen. Sehr alte Sterne der ersten oder
zweiten Generation enthalten zuwenig schwere Elemente, so daß sich
vermutlich nur iovanische jupiterähnliche Planeten aus Wasserstoff und
Helium ohne feste Oberfläche bilden können.
Allerdings: Seit 1988 glauben wir aufgrund der Beobachtung einer kol-
labierenden Gaswolke in unserer Galaxis zu wissen, daß die Entstehung
eines Sonnensystems wie des unseren nur durch das Zusammentreffen
außerordentlicher Zufälle möglich ist. Die Kondensation der Urgaswolke
muß nämlich durch eine nahegelegene Supernovaexplosion ausgelöst
werden, und in diesen Verdichtungsprozeß hinein müssen die Schock-
wellen einer zweiten Supernova krachen.
Auf bis heute nicht geklärte Weise sind in unserem Sonnensystem die
Abstände der Planeten, Gravitation und Strahlungsintensität der Sonne
in einzigartiger – wohl unwiederholbarer (?) – Weise abgestimmt. So
natürlich für Astronomen der Entstehungsprozeß von Planetensystemen
auch sein mag, typisch für das Universum ist er nicht. Ja, die Entstehung
eines Sonnensystems wie des unseren ist sogar so untypisch, daß es wohl
als einmalig gelten kann. Nach dem heutigen Stand der Forschung darf
man ruhig davon ausgehen, daß es in Myriaden von Galaxien wirklich
nur ein solches Planetensystem gibt!
Andere Voraussetzungen für die Entstehung von Leben, die diskutiert
werden, düren zum Teil zu sehr auf irdische Verhältnisse und irdische
Organismen bezogen und daher nicht für Leben schlechthin unabding-
bar sein, so etwa das Vorhandensein eines Magnetfeldes zur Abschir-
mung kosmischer Strahlen oder einer Ozonschicht zur Abhaltung harter
UV-Strahlen der Sonne. Beides könnte genausogut durch eine dichte
49
Atmosphäre oder Hydrosphäre bewirkt werden. Auch Rotation des
Planeten und Neigung seiner Drehachse scheinen nicht unabdingbare
Bedingungen für die Entstehung und Entwicklung von Leben zu sein,
obwohl sie die Evolution auf der Erde zweifellos begünstigt haben.
Eine für jedes Leben unabdingbare Voraussetzung jedoch ist das Vor-
handensein der für Organismen notwendigen chemischen Elemente.
Unser irdisches Leben – und ein anderes kennen wir bis heute nicht
– beruht auf der Basis von Kohlenstoff. Dieses Element ist durch seine
Vierwertigkeit imstande, lange Ketten mit Seitenarmen zu bilden, die
Voraussetzung sind für Makromoleküle, wie sie sich für Lebensbaustoffe
als typisch erweisen.
Es ist zwar diskutiert worden, ob Leben auch auf der Basis anderer
Elemente und Strukturen denkbar und möglich wäre. So ist etwa das
Silizium wie Kohlenstoff vierwertig und kann ebenfalls lange Ketten
bilden. Die Silizium-Silizium-Verbindungen sind aber nur halb so
stark wie Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen – die Mutationsrate im
Siliziumleben wäre hoch. Siliziumatome bilden untereinander keine
Mehrfachbindungen aus, wie sie für viele Kohlenstoffverbindun-
gen im lebenden Bereich bedeutsam sind. Siliziumwasserstoffe sind
thermisch labil und entflammen an der Lu, Siliziumdioxid ist im
Gegensatz zu Kohlendioxid kein Gas, sondern ein Mineral. Dies alles
zeigt, daß Silizium als Lebensträger nicht in Frage kommt. Wir dürfen
daher mit gutem Grund vermuten, daß Leben, wo immer es auritt, auf
Kohlenstoasis beruht. Auch die meisten in. interstellaren Gaswolken
vorkommenden Moleküle enthalten Kohlenstoffatome. Dies hat H
(1984) und W veranlaßt, die äußerst umstrittene und
nicht sehr plausible Hypothese aufzustellen, daß selbst Organismen
einfachster Art in solchen Gaswolken entstanden sein müßten und
von dort aus Planeten – also auch unsere Erde – besiedelt hätten. In
seinem Roman ›Die schwarze Wolke‹ hatte H sogar eine interstel-
lare lebende, ja intelligente Gaswolke beschrieben. Wenn man davon
ausgeht, daß Leben höchst komplexe Strukturen voraussetzt, so kann
man wohl mit Recht ausschließen, daß eine Gaswolke eine derartige
Komplexität erreichen könnte, wie sie für Lebewesen selbst einfachster
Art typisch und notwendig scheint. Wir können also annehmen, daß
50
Leben immer Kohlenstoffleben ist, zumal Kohlenstoff in ausreichendem
Maß im ganzen Universum vorkommt. Für die Entstehung von Leben
scheinen aber doch wohl komplexere Umweltverhältnisse notwendig
zu sein, als sie im freien Weltall herrschen. Überall dort jedoch, wo
entsprechende Bedingungen gegeben sind, düre Leben aufgrund der
Selbstorganisationstendenz der Materie auch tatsächlich entstehen. Wie
allerdings fremdartige Lebewesen anderer Planeten aussehen, wissen
wir nicht. Es gibt jedoch Gründe für die Annahme, daß sie nicht total
von irdischen Lebensformen verschieden sein können, weil bestimmte
Zwangsläufigkeiten für jede Evolution existieren. So können Lebewesen
keine Räder zur Fortbewegung haben, weil die versorgenden Blutsträn-
ge durch die Drehung abreißen würden. Auch scheint es unabdingbar,
daß der Kopf mit den wichtigsten Sinnesorganen und dem Gehirn als
Datenverarbeitungszentrum vorne sitzt. Ansonsten gibt es auf der Erde
eine Fülle von Modellen für verschiedene Möglichkeiten von Gestalt und
Lebensweisen, daß wir getrost ähnliche Formen auf anderen Planeten
vermuten dürfen. Was aber natürlich nicht heißt, wir könnten etwa aus-
gerechnet menschenähnliche intelligente Wesen erwarten, wie sie uns in
den meisten Science-fiction-Romanen und -Filmen entgegentreten.
Eine ganz andere Frage ist die nach der Möglichkeit eines Kontakts
mit außerirdischen Lebensformen. In unserem eigenen Sonnensystem
existiert mit größter Wahrscheinlichkeit außer auf der Erde nirgendwo
Leben. Die Entfernung zu Planeten anderer Sonnen, die womöglich Le-
ben hervorgebracht haben, ist derart groß, daß ein direkter Kontakt mit
solchen extraterrestrischen Lebensformen auch in sehr ferner Zukun
höchst unwahrscheinlich ist, es sei denn, ein Generationenraumschiff
machte sich auf eine Reise ohne Wiederkehr. Aber auch ein direkter
oder indirekter (Funk-)Kontakt mit intelligenten Extraterrestriern mit
hochentwickelter Technik ist aufgrund der anzunehmenden giganti-
schen Entfernung kaum wahrscheinlich.
Der Wissenschasphilosoph Wolfgang S vertritt überdies
die Auffassung, das „Unternehmen Wissenscha“ sei etwas so spezifisch
Menschliches, daß keinesfalls zu erwarten sei, es gebe noch irgendwo im
Weltall Wissenscha und Technik in unserem Sinne. Träfe diese Vermu-
tung zu, so wäre ein Kontakt mit außerirdischen Intelligenzen – weil sie
51
eben wahrscheinlich völlig andere Interessen hätten – von vornherein
unmöglich.
Noch durch einen weiteren Zufall wird die Möglichkeit eines Kon-
taktes eingeschränkt: Die fremde Zivilisation müßte ausgerechnet zum
jetzigen Zeitpunkt existieren, und über die Lebensdauer einer hoch-
technisierten Zivilisation können wir nur spekulieren. Zwar können wir
theoretisch behaupten, es wäre vermessen und Zeichen menschlichen
Mittelpunktwahns, zu glauben, wir wären im unermeßlich großen Kos-
mos die einzigen intelligenten Wesen. Aber wir werden voraussichtlich
nie mit Sicherheit wissen, ob wir „Brüder im All“ haben – so tröstlich
(oder erschreckend?) dies sein würde. Und wir werden nie erfahren, ob
wir einsam in Raum und Zeit auf einem winzigen Planeten eines gelben
Zwergs (unsere Sonne) das Zentrum unserer Galaxis umkreisen. Den-
noch braucht dieser Gedanke nicht zu Resignation zu führen. Denn das
Weltall ist nicht jener fremde, lebensfeindliche Raum, für den er lange
gehalten wurde. „Er ist unser Weltraum. Er hat uns hervorgebracht und
erhält uns am Leben. Wir sind seine Geschöpfe“ (D 1973).

2.7 Die Entstehung des Lebens auf der Erde

Das Problem der Lebensentstehung auf unserem Planeten war lange


Zeit eine Frage der Metaphysik. S M (1953) ging das Pro-
blem erstmals experimentell an. Damit war es zu einem naturwissen-
schalichen geworden. Zumindest wissen wir seither, daß es prinzipiell
naturwissenschaliche Modelle für die Lebensentstehung gibt, die mehr
oder weniger wahrscheinlich sind. Zwar werden wir nie definitiv wissen
können, wie die Bildung erster Organismen nun wirklich vor sich gegan-
gen ist (es bleibt insofern ein „Grenzproblem“), denn es handelt sich ja
um ein historisches und damit unwiederholbares Ereignis. Wir können
uns aber der Wahrheit schrittweise und asymptotisch nähern.
Von philosophisch-metaphysischer Seite wurde und wird zum Teil
noch immer argumentiert, Leben könne nicht durch Zufall entstanden
sein, es sei daher ein Eingriff Gottes, also ein Wunder zu postulieren. Als
Argument wird angeführt, daß durch zufällige Kombination von Amino-
säuren nicht einmal einfachste Eiweiße hätten entstehen können, selbst
52
53
wenn seit Beginn der Welt jede Sekunde ein Eiweiß sich gebildet hätte. Dies
ist auch richtig. Nur die Folgerung, daß deshalb ein Wunder angenom-
men werden müsse, ist nicht zwingend. Wir wissen nämlich heute, daß
die Urinformation der ersten Zellen nicht völlig zufällig entstanden ist,
weil bestimmte Aminosäuresequenzen sich bevorzugt bilden und alsbald
auch eine Selektion bestimmter Abfolgen durch das Funktionieren oder
Nichtfunktionieren des betreffenden Enzyms einsetzt.
Außerdem darf bei einer solchen Hochrechnung nicht vergessen
werden, daß die Natur ja nie sozusagen vor der Aufgabe gestanden
hat, ein ganz bestimmtes – heute existierendes – Enzym zu erzeugen.
Vielmehr wurde aus den zufällig vorhandenen Proteinen das brauch-
barste selektiert und optimiert.
Bevor wir uns etwas genauer mit der Entstehung des Lebens beschäigen,
wollen wir uns die wichtigsten Schritte der Evolution nochmals vor Augen
halten (vgl. auch Abb. 3). Folgende Schritte lassen sich unterscheiden:
1. Das Entstehen kleiner organischer Moleküle (Aminosäuren, Stick-
stoasen usw.).
2. Die Verbindung dieser Mikromoleküle zu langen Ketten (Makro-
molekülen), wie sie lebende Systeme auszeichnen.
3. Das Zustandekommen des Zusammenspiels von Information-
strägern (DNA) und Funktionsträgern (Proteine).
4. Die Entstehung von Zellen mit Membranen und der Fähigkeit zur
Fortpflanzung.
5. Die Entstehung der Euzyte (echten höheren Zelle) mit Zellkern und
den verschiedenen Organellen.
6. Die Entwicklung vielzelliger Organismen (grüne Pflanzen, Pilze und
Tiere).
Allgemein akzeptiert wird heute die Auffassung, daß die Erde sich vor
etwa 4,6 Milliarden Jahren gebildet hat.Vermutlich entstanden die Planeten
und ihre Monde an den Berührungszonen von Gas- und Staubwirbeln
in der Umgebung der Ursonne. Diese entwickelte sich ihrerseits aus den
bei einer Supernovaexplosion weggeschleuderten Gasmassen. Nur aus
solchen konnte sich eine neue Sonne mit Planeten bilden, die zum Teil aus
schweren Elementen bestehen. Denn letztere waren in der Vorgängersonne
durch Kernfusion aufgebaut worden. Unsere Sonne ist also ein Stern
54
wenigstens zweiter, eher sogar dritter oder vierter Generation.
Durch das ständige Bombardement von Staubteilchen und größeren
Brocken wurde die Urerde ebenso aufgeheizt wie durch den Druck der
Gravitation, durch radioaktive Vorgänge im Erdinnern und schließlich
auch durch elektrische Ströme, die in der fließenden Gesteinsschmelze
entstehen. Die Erde war so ursprünglich durch und durch glutflüssig
(und ist es im Innern heute noch, wie die zahlreichen Vulkane bezeugen).
Entstehung von Leben war zu diesem Zeitpunkt unmöglich. Allmählich
kühlte sich die Kruste ab, Vulkane förderten riesige Mengen von Lava,
aber auch von Wasserdampf und Gigasen, welche die Uratmosphäre
bildeten. Da die Oberfläche sehr heiß war, verdampe das niederreg-
nende Wasser sofort wieder. Der Wasserdampf bildete eine für die Sonn-
enstrahlen fast undurchdringliche Schicht. Heige Gewitterentladungen
erhellten für Augenblicke immer wieder die gespenstische Szenerie. Erst
nachdem die Erdkruste entsprechend abgekühlt war, konnte sich Wasser
in flüssiger Form ansammeln und die Urozeane bilden.
Während früher angenommen wurde, daß die Uratmosphäre reduz-
ierend, also sauerstofffrei und vorwiegend aus Ammoniak und Methan
zusammengesetzt gewesen sein müsse, zeigen neuere Computersimu-
lationen, daß die Uratmosphäre höchstens leicht reduzierend gewesen
sein kann und vor allem aus Kohlendioxid und Stickstoff bestand. Es
zeigte sich auch, daß die Sonne zur Zeit der frühen Erde wesentlich
stärker im blauen Teil des Spektrums gestrahlt haben muß, so daß der
UV-Anteil 10000mal intensiver war als bisher angenommen. Durch die
Zerlegung des Wassers und des Kohlendioxids durch das UV-Licht (Pho-
tolyse) entstanden sehr früh beträchtliche Mengen Sauerstoff. Bereits
vor 4 Milliarden Jahren war der Ozonschirm so weit ausgebildet, daß
er ausreichend biologischen Strahlenschutz gewährte. Denn gerade die
harten UV-Strahlen sind für die wichtigen Lebensträger (Eiweiße und
Nukleinsäuren) tödlich. Wie könnten sich nun die früher erwähnten
Schritte der Entstehung und Anfänge des Lebens unter den angedeuteten
Bedingungen abgespielt haben?
Der erste Schritt, die Synthese von organischen Mikromolekülen
(Aminosäuren, Purin- und Pyrimidinbasen usw.), scheint durch die
Mschen Experimente hinreichend erhellt (Abb. 4).
55
Abb.4: Schema der Versuchsapparatur von S. L. M, mit der innerhalb einiger
Tage aus Gasen wie Wasserstoff, Methan und Ammoniak durch künstliche Blitze an
die 20 verschiedene organische Moleküle erzeugt werden können (aus: D/
M [Hrsg.], bsv Biologie für den Sekundarbereich II, Evolution, Bayerischer
Schulbuch-Verlag, München M988, S. 11).

Blitzentladungen, UV-Strahlung, radioaktive Strahlung aus dem


Gestein und Erdwärme könnten in kleinen Tümpeln oder Lagunen
der Urmeere solche Stoffe aus Kohlendioxid, Ammoniak, Blausäuregas
und Methan gebildet haben. Experimente zeigten, daß unter den in einer
austrocknenden Meereslagune bei starker Erhitzung durch die Sonne
herrschenden Bedingungen DNA-Bausteine in guter Ausbeute entste-
hen. Besonders Blausäure kann unter präbiotischen Bedingungen als
Ausgangsmaterial für die Bildung von Stickstoasen und Aminosäuren
dienen. Eine wichtige Rolle scheinen bei der Evolution von Makro-
molekülen Tonmineralien gespielt zu haben, vor allem beim zweiten
Schritt, der Synthese von Großmolekülen: In Gegenwart von Kaolinit
und Bentonit entstehen aus Aminosäuren zahlreiche Polypeptide, also
56
Vorstufen von Eiweißen. Die Ausbeute im Labor ist besonders hoch,
wenn abwechselnd in wäßriger und trockener Phase gearbeitet wird. Auf
diese Weise simuliert man das periodische Austrocknen von Tümpeln
und Lagunen. Neuerdings gelang es, Polynukleotide (DNA-Teilketten)
mit bis zu 40 Grundeinheiten unter simulierten präbiotischen Bedingun-
gen zu erhalten. Zink- und Bleiionen wirkten dabei als Katalysator.
Probleme macht der dritte Schritt bei der Entstehung der ersten Zel-
len: das Zustandekommen der Wechselwirkung von Erbsubstanz und
Eiweißen, von Informationsträgern und Funktionsträgern. Hier besch-
reibt nun das Hyperzyklus-Modell von E und S (1979)
die Vorbedingungen für das Aureten erster selbstvermehrungsfähiger
Zellen: „Die Informationsträger enthalten zwei Instruktionen, und zwar
eine für die eigene Reproduktion und die zweite für die ‘Übersetzung’ in
Enzyme mit optimalen funktioneilen Eigenschaen, also Eiweißstoffe,
wobei jedes Enzym die Reproduktion des nachfolgenden Information-
strägers katalysiert. Aus dieser spezifischen Verknüpfung von Informa-
tions- und Funktionsträgern ergibt sich schließlich ein Hyperzyklus
höherer Ordnung“ (W 1984). So entwickelt sich in einem ge-
genseitigen „Helfen“ das Zusammenspiel der Information der DNA mit
der Funktion der Enzyme, die als Biokatalysatoren wichtige Aufgaben
in jeder Zelle erfüllen (Abb. 5).
Noch schwieriger und hypothetischer wird die Sache bei Schritt vier,
der Entstehung der Protobionten, der ersten primitiven, bakterienarti-
gen Zellen. Vor allem werden drei Modelle diskutiert: das Modell der
Mikrosphären, der Koazervate und das von Micellen. Sidney Fox (1969)
erhielt aus einem Gemisch von Aminosäuren bei 70 bis 200 °C in Ge-
genwart von Polyphosphat eiweißartige Substanzen (Proteinoide), die in
Salzwasser winzige (2 bis 3 hundertstel Millimeter große) „Mikrosphären“
bildeten, die auch Doppelmembranen entwickelten, wie sie für lebende
Systeme typisch sind. Diese Kügelchen nahmen aus der Umgebung weitere
Proteinoide auf, und auch Nukleinsäuren ließen sich eingliedern.
Koazervattröpfchen, wie sie erstmals O (1968) in Zusammen-
hang mit der Entstehung des Lebens diskutierte, sind Bläschen von etwa
einem hundertstel Millimeter Durchmesser und bilden sich, wenn ba-
sische Eiweiße und Nukleinsäuren in einer Lösung zusammenkommen.
57
Abb. 5: Hyperzyklus als Modell der Selbstorganisation. N1 – N : Polynukleotide
mit Selbstvermehrungszyklus; E1 – E6 : Enzyme (Eiweiße); : andere Moleküle,
deren Bildung durch Enzyme katalysiert wird. Jedes Polynukleotid speichert als
Informationsträger die Aminosäuresequenz eines oder mehrerer Proteine (Funktion-
sträger), die ihrerseits die identische Reduplikation eines oder mehrerer Polynukle-
otide katalysieren. Ein solches „kooperatives System“ stabilisiert sich selbst (aus: V.
KULL, Evolution, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 1977).

Sie können als Modell für Vorstufen erster Lebenssysteme angesehen


werden. Koazervate sind imstande, aus der Umgebung Stoffe aufzuneh-
men, umzubauen und Endprodukte abzugeben, so daß hier auch ein
Modell für einen einfachen Stoffwechsel vorliegt. Unter präbiotischen
Bedingungen könnten sich auch Koazervate mit Lipoidmembran gebil-
det haben, die nur bestimmte Stoffe aufnahmen und abgaben.
Andere zellähnliche Partikel, sogenannte „Micellen“, bestehen aus
zwei Lagen Eiweißmolekülen, die durch eine Lage Lipide (fettähnliche
Stoffe) getrennt sind. Wenn diese membranartige Schicht auf einer un-
ruhigen Wasseroberfläche auf- und niedergeschaukelt wird, können sich
geschlossene Kügelchen bilden, die einen mit Eiweißen angereicherten
Wassertropfen einschließen.
Weder Mikrosphären noch Koazervate, noch Micellen sind echte
58
Abb. 6: Denkbarer Auau eines Protobionten (aus: D/M [Hrsg.], bsv
Biologie für den Sekundarbereichll, Evolution, Bayerischer Schulbuch-Verlag:
München 21988, S. 11).

Zellen. Die Modelle zeigen aber zweierlei: erstens, daß das Problem
der Lebensentstehung prinzipiell empirisch erforscht werden kann, und
zweitens, daß es bei der Entstehung des Lebens so wie es die Modelle
beschreiben zugegangen sein könnte.
Die ersten lebenden Systeme mit Selbstvermehrungsfähigkeit waren
nicht viel mehr als Kügelchen mit Ribonukleinsäure und Enzymen, die
von einer Doppelmembran umschlossen waren.

Abb. 7: Prokaryontenzelle (Bakterium) uund Eukaryontenzelle (unbegeißelte Alge)


im Vergleich (aus: D/M [Hrsg.], bsv Biologie für den Sekundarbereichll,
Evolution, Bayerischer Schulbuch-Verlag, München 21988, S. 11).

59
Diese Eobionten (frühen Lebewesen) düren vor etwa 4 Milliarden
Jahren entstanden sein. Sie waren heterotroph, das heißt, sie entnahmen
die Baustoffe (ihre Nahrung) der „Ursuppe“. Als die Vorräte der Umge-
bung aufgezehrt waren, mag es zur ersten großen „Welternährungskrise“
gekommen sein. Vielleicht haben größere Zellen auch begonnen, klei-
nere „aufzufressen“. Hier rettete das Leben nun eine wichtige Erfindung:
die Photosynthese, die Energiegewinnung mit Hilfe des Sonnenlichts.
Der Katalysator Chlorophyll erlaubte aus Kohlendioxid und Wasser
Zucker als Energiespeicher zu produzieren. Frühere autotrophe Or-
ganismen mögen sich auf anaerobem Wege Energie bescha haben,
wie die heute lebenden Eisen-, Schwefel- oder Nitratbakterien. Der bei
der Photosynthese entstehende Sauerstoff wurde als aggressives Gas
dem Leben allmählich gefährlich. Einigen Einzellern jedoch gelang es,
ihn zu bändigen, ja mit seiner Hilfe mehr Energie zu gewinnen. Diesen
Stoffwechselprozeß nennen wir Atmung, und diese ergibt 18mal mehr
Energie als die Gärung. Die Sauerstoffanreicherung im Wasser und in
der Lu setzte neue Bedingungen für die weitere Evolution. So schae
sich in ständigen Rückkoppelungen das Leben seine Bedingungen zu
einem guten Teil selbst.
J A. L von der Universität Kalifornien in Los Angeles glaubt
die „Urzelle“ gefunden zu haben. Er untersuchte eine Nukleinsäure
in den Ribosomen, das sind die „Eiweißfabriken“, die in jeder Zelle
vorkommen. Durch Computervergleiche konnte er feststellen, wie
der Evolutionsablauf gewesen sein muß. Es stellte sich heraus, daß die
ältesten einzelligen Lebewesen in einem Milieu entstanden sein müs-
sen, das nach heutigen Maßstäben ausgesprochen lebensfeindlich war:
fast kochend heißes Wasser mit hohem Schwefelgehalt. In isländischen
Schwefelquellen leben noch heute die Nachkommen der ältesten Lebe-
wesen der Welt. Diese Archebakterien galten lange Zeit als „Exoten“,
als Nebenlinie der Evolution. J A. L hat nun erklärt, daß die
Sulfobakterien – eine von drei Archebakterienarten – jene Zellen sind,
von denen einst alles Leben seinen Ausgang nahm.
A. G. C-S (1985) hat eine völlig andersartige Hypothese
zur Entstehung des Lebens eingebracht. Die ersten Organismen waren
naturgemäß wesentlich einfacher gebaut als die heute existierenden
60
Arten mit hochkomplizierter Biochemie. Aus solchen viel einfacheren
Systemen können sich sehr wohl hochkomplexe Strukturen entwickelt
haben. Als Vergleich nehme man das Modell eines Gewölbes aus Steinen.
Wie kann so etwas Stein für Stein errichtet werden? Die Antwort lautet:
Mittels eines Gerüsts. Am Anfang muß ein Gerüst zur Verfügung ste-
hen, das in einem Entwicklungsprozeß entstehen, also Stück für Stück
errichtet werden kann. Das gleiche gilt für das erstaunliche „gewölbte“
Gebäude der Biochemie. Die Teile, die sich heute problemlos gegenseitig
tragen (etwa Proteine und DNA), stützten sich anfangs auf etwas anderes
– etwas technisch viel Einfacheres, das heute ersetzt ist durch Komplex-
eres. Nach C-S waren Tonmineralien Hauptbestandteile der
ersten Organismen. Solche Mineralien können Katalysatorfunktionen
übernehmen. Sie waren der Stoff für eine primitive Fabrik zur Produk-
tion komplizierterer organischer Verbindungen. Die ersten Gene waren
Kristalle! So phantastisch diese Idee zunächst anmuten mag, sie ist es
sicher wert, genauer geprü zu werden.
Der wichtigste Schritt zur echten höheren Zelle (Euzyte) war die
Entstehung eines Zellkerns, also die Abgrenzung des Genmaterials.
Während diese nach der einen Meinung eine „Eigenerfindung“ der Zelle
darstellt, nehmen andere Forscher (z. B. M nach B
1984) an, eine aufgenommene ermoplasma-Bakterie hätte diesen
gebildet. Nach der heute gut gesicherten Endosymbionten-eorie
sind analog auch die Chloroplasten, Mitochondrien und Geißeln du-
rch Aufnahme von Bakterien entstanden, die dann aber nicht verdaut
werden konnten. So waren die Chloroplasten ursprünglich eigenständige
photosynthetisch tätige Bakterienzellen, während die heutigen Mito-
chondrien aus sauerstoffatmenden Bakterien entstanden sind und die
Geißeln spirochätenartigen Bakterien ihren Ursprung verdanken. Die
von der Kern-DNA verschiedene Nukleinsäure von Mitochondrien und
Chloroplasten bezeugt heute noch diese Entstehungsweise (Abb. 8).

61
Abb. 8: Die Endosymbionten-eorie erklärt das Zustandekommen der „modernen“
Zelle durch Aufnahme einfacher Bakterienzellen in größere primitive Zellen (aus:
U. K, Evolution, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 1977).

2.8 Die ersten Vielzeller

Über die weitere Entwicklung des Lebens auf der Erde, vor allem über
die Entstehung der allerersten vielzelligen Organismen, können wir vor-
läufig nur Vermutungen anstellen. Für das Entstehen vielzelliger Pflan-
zen gibt es ein plausibles Modell: Durch Unterdrückung der Loslösung
62
nach der Zellteilung eines Einzellers mag es zur Bildung von Algenfäden
gekommen sein, aus denen sich später verzweigte und schließlich echte
Gewebepflanzen entwickelten. Die Pilze sind wahrscheinlich durch den
Verlust des Chlorophylls aus Grünalgen (vielleicht auch aus Rotalgen)
entstanden und stehen in ihrer heterotrophen Ernährungsweise den
Tieren fast näher als den Pflanzen.
Schwieriger liegt der Fall bei der Entstehung vielzelliger Tiere. Hier
wurden verschiedene Hypothesen diskutiert. Wir dürfen aber doch an-
nehmen, daß vielzellige Tiere auf ähnliche Weise entstanden sind, wie
sich ein Vielzeller heutzutage aus der befruchteten Eizelle entwickelt,
nämlich durch Teilungen in alle drei Raumrichtungen, wobei die Zel-
len wiederum beisammenbleiben, sich also nach der Teilung nicht
voneinander lösen. Der Weg, über die Bildung einer Einzellerkolonie
zur Vielzelligkeit zu gelangen, war eine Sackgasse, wie sowohl die Al-
genkolonie Volvox im Reich der Pflanzen als auch die Schwämme im
Reich der Tiere zeigen, die ja keine echten Gewebe besitzen.
Die ersten echten Gewebetiere (Histozoa) düren einfachste Würmer
gewesen sein nach dem Modell heutiger darmloser Strudelwürmer
(Acoela). Diese Tiere besitzen ein verdauendes Plasmodium (das licht-
mikroskopisch keine Zellgrenzen erkennen läßt und welches von einem
Hautmuskelschlauch umschlossen ist). In der Haut befindet sich ein
primitives Netznervensystem. Die Fortbewegung erfolgt durch Kriechen
oder (bei kleineren Formen) durch Schwimmen mit Hilfe der Wimpern,
welche den ganzen Körper bedecken.
Bemerkenswert scheint doch, daß echte Vielzeller vermutlich erst vor
etwa einer Milliarde Jahren entstanden sein können, als die Temperatur
der Meere unter ca. 35 ° C gesunken war. Denn nur kühles Wasser kann
genügend Sauerstoff lösen, den größere Tiere benötigen, zumal hier ja
nicht alle Zellen direkten Kontakt mit dem umgebenden Wasser haben.
Und eigene Atmungsorgane und ein Blutgefäßsystem sind erst später
entstanden. (Einen Überblick über die Evolution des Lebens geben die
Abbildungen 9 und 10.)

63
Abb.9: Erdzeitalter und Evolution im linearen Maßstab (aus: K.-E.Z, Elemente
und Strukturen der Natur, Nymphenburger Verlagshandlung in der FA. Herbig Ver-
lagsbuchhandlung GmbH, München 1970).

64
Abb. 10: Stufen der Evolution. Besonders die Entstehung der ersten Zelle ist noch
sehr hypothetisch (aus: U. K, Evolution, J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 1977).

65
(3) Spezielle Form der Sexualität (ständige Paarungsbereitscha,
Liebe und Treue, Familie).
(4) Lange Kindheit und damit Erhalt der Lernfähigkeit und Neugier.
(5) Großes Gehirn und damit zusammenhängende Fähigkeiten (Lern-
vermögen, Sprache, Denken, Bewußtsein, Intelligenz, Symbolver-
wendung, Kultur und Tradition).

3.2 Bewußtsein

Das was wir unseren Geist nennen, erweist


sich als gebunden an die Struktur unseres
Gehirns.“
Hoimar von Ditfurth

3.2.1 Seele oder Bewußtsein?

Zu welchem Zeitpunkt in der Hominisation der Mensch sich seiner


selbst und seiner Existenz bewußt wurde, läßt sich nicht sagen. Am
Schädelvolumen läßt sich Bewußtseinsfähigkeit nicht ablesen. Immerhin
scheint es bereits bei Anthropoiden (Orang, Gorilla und Schimpanse)
rudimentäre Ansätze von Selbsterkenntnis zu geben. Malt man einem
Schimpansen, ohne daß er es bemerkt, einen Farbklecks auf die Stirn,
so versucht er, wenn er diesen im Spiegel bemerkt, ihn sofort weg-
zukratzen.
Der Besitz eines früher nur dem Menschen zugesprochenen Bewußt-
seins ließ den Naiven sich gegenüber anderen Lebewesen in einer derart
exzeptionellen Position vermuten, daß im Anschluß an die Materiefeind-
lichkeit der platonisch-christlichen Metaphysik die wirren Geistspekula-
tionen eines Deutschen Idealismus entstehen konnten. „Der Wahn, kein
Naturwesen zu sein, erzeugt den weiteren Wahn, daß alles, was nicht
Geist ist oder besitzt, auf den Menschen als das einzige Wesen, das damit
ausgestattet wurde, hingeordnet ist“ (S 1971).
Das eigene Bewußtsein wurde dem Menschen relativ spät zu einem
Problem. Doch dreht sich nach L F „die ganze Ge-
schichte der Philosophie eigentlich nur um diese Frage“, nach dem
87
Verhältnis von Leib und Seele, von Materie und Bewußtsein. E
nannte sie darum die „Grundfrage“ der Philosophie.
Dabei handelt es sich eigentlich um mehrere Probleme, die wir später
zu präzisieren haben werden:
(1) Wie wirken Körperliches und Seelisches aufeinander?
(2) Wie geht Seelisches aus körperlichen Prozessen hervor? (Oder auch
umgekehrt: Ist das Bewußtsein vor dem Materiellen und dieses nur
unsere Einbildung?)
(3) Welcher Art ist die gegenüber dem Materiellen neue Qualität des
psychischen Geschehens?
Bevor wir uns diesen Fragen zuwenden, müssen wir uns fragen, wie
es eigentlich kommen konnte, daß die körperlich-seelische Einheit
Mensch in zwei grundverschiedene „Dinge“ zerlegt wurde. Vielleicht
hat in vorphilosophischen Zeiten der Mensch – bewogen durch die
unheimliche Beobachtung des bewegungslosen Körpers eines eben
Verstorbenen – als Ursache der Lebendigkeit eine „Seele“ angenommen,
die man sich als eine Art unsichtbaren Bewohner des Körpers vorstellte,
der die Lebensäußerungen veranlaßt und steuert. Dem leblosen Körper
mußte also „etwas“ entflohen sein – die Seele. Vielfach findet man auch
heute noch bei „primitiven“ Völkern die Vorstellung, daß im Schlaf die
Seele zeitweilig vom Körper abwesend sei. Im Traum verläßt die Seele
den Körper, besucht andere Orte und Personen und führt Handlungen
aus, von denen der Schläfer träumt. Von dieser Vorstellung ausgehend
düre sich dann die andere vom Leben der Seele nach dem Tod gebildet
haben: Beim Tod trennt sich die Seele vom Körper endgültig und läßt ihn
als leblose Leiche zurück, um in einem unsichtbaren, übernatürlichen
„Jenseits“ weiterzuexistieren. Der Vorstellung einer Unsterblichkeit der
(menschlichen) Seele liegt ein Wunschdenken zugrunde: Man wünscht
sich und erho ein besseres Leben im Jenseits; man ho, liebe Verstorbene
wiederzusehen und man ho auch auf eine ausgleichende Gerechtigkeit.
Vielfach können sich Menschen auch einfach nicht vorstellen, daß das
eigene Ich einmal auören wird zu existieren. Es sei aber betont, daß mit
dem Aufzeigen der Motive für den Unsterblichkeitsglauben dieser weder
widerlegt noch bewiesen werden kann; die Existenz einer unsterblichen
Seele ist wissenschalich weder beweisbar noch widerlegbar.
88
Dennoch basieren die meisten traditionellen Lösungsversuche des
Leib-Seele-Problems auf der o gar nicht bewußten Voraussetzung,
daß eine Seele als unstoffliche und unsterbliche Substanz existiere.
Sonderbarerweise gibt es sogar berühmte Hirnforscher (so etwa J
E), die allen Ernstes meinen, einer solchen Hypothese nicht en-
tbehren zu können. Hat man aber den Menschen einmal in zwei Teile
(Körper und Geist) zerlegt, so darf man sich nicht wundern, daß man
diese Teile nicht mehr zusammenbringt und daß man einen ganzen
Sack von Problemen am Hals hat.

3.2.2 Lösungsversuche

Auf die klassischen Lösungsversuche des Leib-Seele-Problems soll


hier nicht eingegangen werden, wir begnügen uns mit einer groben
Übersicht (nach A 1979):
I. Dualistische Lösungen (Annahme zweier Substanzen):
1. Wechselwirkungslehre (wechselseitige Beeinflussung der beiden
Substanzen: D).
2. Parallelismus (zwei parallel ablaufende Ereignisreihen ohne
gegenseitige Einflußmöglichkeit: L).
II. Monistische Lösungen (Annahme von nur einer Substanz):
1. „Streichungslösungen“:
a) Materialismus (es gibt eigentlich nur Materie, Geistiges ist
nur ein Epiphänomen, eine Nebenerscheinung ma terieller
Prozesse: V, R).
b) Spiritualismus (die Wirklichkeit ist letztlich geistiger Natur,
Materie ist nur Manifestation des Geistes: ontologischer Ide-
alismus).
2. Identitätslehre (Materie und Geist sind identisch: Zwei-Aspekten-
Hypothese von S; panpsychistischer Identismus von
R; sprachliche Identitätshypothese von F; Identität-
stheorie von V). (Vgl. auch die Abb. 15.)
Neuere Denker der sprachanalytischen Philosophie (so W,
R oder R) halten die Leib-Seele-Frage schlechthin für
ein Scheinproblem, das dadurch entstehe, daß vermutet werde, Geister
89
Abb. 15: Vorstellung zum Kausalverhältnis von Leib und Seele. Die Pfeile bedeuten
soviel wie „erzeugt“. Genauere Erklärung im Text (aus: A. R, Philosophie,
Österreichischer Bundesverlag, Wien 1977).

existieren in derselben Weise wie Körper. Zu behaupten, der Mensch


bestehe aus Körper und Geist, sei dasselbe wie zu behaupten, einer hätte
einen rechten und einen linken Handschuh gekau und darüber hinaus
auch noch ein Paar Handschuhe (R 1969). Eins haben die Sprachphi-
losophen zweifellos richtig erkannt: Allein schon die Rede von „Geist“
oder „Seele“ leistet einer Substanztheorie Vorschub, und es wäre daher
besser, im Sinne von H Aktualitätshypothese nur von „Erlebnissen“
zu sprechen. Es gibt nicht den Geist, sondern nur geistige Prozesse.
Das ehemalige Wiener-Kreis-Mitglied H F vertritt die
90
Auffassung, physikalische Ereignisse im Gehirn und unsere Erlebnisse
seien buchstäblich dasselbe. Was von „außen“ gesehen als hirnphysiolo-
gischer Prozeß erscheine, sei – von „innen“ erlebt – nichts anderes als
der entsprechende psychische Vorgang.
Ähnlich wie F (nach S 1960) meinte schon M
H (1956): „Es ist wie ein Reden mit zweierlei Sprachen, das
aber doch nur dem Begreifen eines einzigen Sachverhaltes dient. Und
dieser Sachverhalt ist immer nur der physische.“
Im Anschluß an N B hat der Österreicher W  N
(1968) aus der Quantenphysik den Begriff der Komplementarität über-
nommen und auf das psychophysische Problem anzuwenden versucht.
Ebensowenig wie „Welle“ und „Teilchen“ identisch sind, sind es Leib und
Seele. Es ist letztlich etwa unbekanntes Drittes, das sich einerseits in Form
physiologischer Prozesse, andererseits als Erlebnis manifestiert. Dies ist im
Prinzip genau dieselbe Lösung, die schon S vorgeschlagen hatte:
die Zwei-Aspekten-Hypothese, also eine Variante der Identitätstheorie.
Von „Identität“ spricht neuerdings auch C (1984). Er postu-
liert eine „Identität von geistigen Zuständen und physiologischen oder
physikalisch-chemischen Zuständen des Gehirns“. „Es gibt nur noch
zwei ›Aspekte‹ eines einzigen Ereignisses, das man entweder in der
Sprache der Psychologie (der Selbstbeobachtung) oder in der der Neu-
robiologie beschreiben kann.“ „Spiritualistischen esen“ (also einem
Dualismus) gibt C keine Chance mehr. L und W
(1984) halten ebenfalls eine „eorie der zentralen Zustandsidentität“
für die befriedigendste Konzeption des Geistes.

3.2.3 Gehirn und Erleben in moderner Sicht

Zweifellos kann die Frage des Verhältnisses von Körper und Geist
heute präziser als Frage nach dem Zusammenhang von Gehirn und Er-
leben gestellt werden. Eine Behandlung dieses „Problems aller Probleme“
( 1966) erfordert zweierlei: (1) das Sammeln der vorhandenen
relevanten empirischen Befunde und (2) eine wissenschasphiloso-
phische Präzisierung der Fragestellung. Sowohl Dualisten als auch
Monisten anerkennen heute, daß das Leib-Seele-Problem auch und
91
vor allem ein empirisches ist und nicht durch logische Analyse allein
gelöst werden kann. Die Einbeziehung neurologischer und anderer
Informationen ist daher unumgänglich.
Noch eine Vorbemerkung: Körperliches und Seelisches sind zwei-
erlei. Aussagen über Körperliches sind nicht Aussagen über Seelisches
äquivalent, und diese sind nicht auf jene reduzierbar. Der Monismus ist
eorie, der Dualismus Erfahrung. Das Bewußtsein kann nicht negiert
werden, die Dualität bleibt. Zwischen Materie und Bewußtsein besteht
ein unleugbarer qualitativer Unterschied, und Qualitäten kann man
logisch nicht auseinander ableiten. Dazu ein Beispiel: Eine physikalische
Wellenlänge kann nicht logisch äquivalent einer Farbe sein, die man
erlebt, denn das eine hat nur Längenqualität, das andere nur Farbqual-
ität. Man kann nicht sagen, die Farbe rot hat etwas „Langwelliges“. Der
Gegensatz zwischen Physis und Psyche scheint also unüberbrückbar,
das Verhältnis ein irrationales, alogisches.
Im Gegensatz zum Körper kann das Bewußtsein nur „von innen her“
(introspektiv) „betrachtet“ werden. In diese Innerlichkeit von außen her zu
gelangen ist unmöglich. Daß unsere Mitmenschen Bewußtseinsvorgänge
haben wie wir selbst, können wir nur durch Analogie erschließen, aber nie
wirklich wissen – von der utopischen Möglichkeit, in „direkten“ Kontakt
mit anderen Gehirnen zu treten, sei dabei abgesehen.
H (1967): „Da beide Bereiche in ihrer Eigengesetzlichkeit
anerkannt werden müssen, kann weder davon die Rede sein, daß das
Leib-Seele-Problem heute gelöst, noch daß es als ein Scheinproblem
abgetan sei, obwohl manche Philosophen der analytischen Schule (z. B.
G R) zu der letzteren trivialisierenden Auffassung neigen. Nur
soviel kann heute mit Bestimmtheit gesagt werden, daß eine Rückkehr
zur Auffassung von Leib und Seele als zweier getrennter Substanzen
ausgeschlossen ist.“ Zur Annahme zweier Substanzen werden wir unter
anderem durch das Erleben der Kontinuität des Ichs und durch die
Struktur unserer Sprache verführt.
Es seien nun einige empirische Befunde aufgezeigt, welche die Ge-
hirnabhängigkeit des psychischen Geschehens beweisen. Dies scheint
zunächst ein müßiges Unterfangen, denn zu erdrückend sind die
Beweise. Allein schon die Tatsache, daß es gelingt, aus dem Enzepha-
92
logramm (der „Hirnstromschri“) sogenannte „evozierte Potentiale“
herauszufiltern, die Wahrnehmungen und Vorstellungen entsprechen
(und damit ein primitives Gedankenlesen ermöglichen), sollte genügen,
um alle metaphysischen Spekulationen über eine Substanzseele ad ab-
surdum zu führen. Dennoch seien einige relevante Fakten erwähnt:
(1) Erleben ist nur möglich, wenn das Gehirn funktionsfähig ist.
Wird das Gehirn funktionsunfähig, so hört alles Erleben auf; Sauerst-
offmangel, Blutverlust oder Gehirnerschütterung führen sehr rasch zu
Bewußtlosigkeit. Das Einführen bestimmter Chemikalien in das Gehirn
bewirkt, daß in der Hirnrinde nicht mehr die Prozesse stattfinden kön-
nen, die dem bewußten Erleben zu grunde liegen. Diese Tatsache könnte
ebenfalls allein genügen, um alle Diskussion über die Unabhängigkeit
seelischer Vorgänge im Körper (und damit auch über „paranormale“
Erscheinungen) als müßiges Gerede erscheinen zu lassen.
(2) Veränderungen der Gehirnfunktion durch Zuführen bestimmter
Drogen führen zu Veränderungen der Erlebnisinhalte und des Erleb-
nisablaufs. Alkohol erzeugt heitere Grundstimmung und reduziert die
Selbstkontrolle; Morphin, Kokain, Meskalin, LSD, Haschisch und andere
Drogen lassen farbenprächtige, wahrnehmungsähnliche Halluzinatio-
nen entstehen und bewirken überdies Erlebnisse der Entspannung
und Befreiung vonsolcher Intensität, daß der Mensch diese glückhaf-
ten Zuständeimmer wieder zu erzeugen trachtet und dadurch süchtig
wird (bei manchen Drogen allerdings auch körperlich abhängig).
(3)Für das Zustandekommen von Gefühlen ist die Beteiligung
von Neurotransmittern (z. B. von Endorphinen) notwendig. Mangel
oder Überschuß von solchen führt zu Psychosen. Solche „Geistes“-
Krankheiten sind durch Psychopharmaka günstig beeinflußbar, weil
ihnen chemische Veränderungen, also Stoffwechselstörungen im Gehirn
zugrunde liegen.
(4) Sowohl die geistige Leistung als auch Trieb- und Gefühlserlebnisse
des Menschen werden durch die Sekrete verschiedener Hormondrüsen,
vor allem der Schilddrüse und der Keimdrüsen entscheidend beeinflußt.
Bei unzureichender Entwicklung der Schilddrüse bleibt die normale
Ausbildung der geistigen Fähigkeiten zurück, es kommt zum Kretinis-
mus (Zwergwuchs mit starker Intelligenzstörung). Die Beseitigung der
93
Schilddrüse führt zu Verblödung. Eine Überfunktion bewirkt Nervosität,
Schlaflosigkeit, Angst und geistige Verwirrung. Die Entfernung der Ke-
imdrüsen (Hoden bzw. Eierstöcke) führt zu einer völligen Veränderung
des Erlebens und Verhaltens eines Menschen.
(5) Bestimmte psychische Einzelleistungen sind von der Funktions-
fähigkeit bestimmter Gehirngebiete abhängig. Bei ihrem Ausfall durch
Verletzung oder Operation kommt es zu schwerwiegenden Veränderun-
gen des Erlebens. Am folgenschwersten sind für die Persönlichkeit
Erkrankungen des Stirnhirns; sie führen zu Enthemmung, d. h. zum
Verlust der Selbstkritik und des moralischen und sozialen Fühlens. Wird
das Sehzentrum im Hinterhauptshirn zerstört, so ist der Betroffene blind,
obwohl seine Augen völlig intakt sind. Auch das Sprachverständ nis und
die Bildung der Sprachlaute sind an bestimmte Hirngebiete gebunden.
(6) Hirngespaltene Menschen (Split-brain-Patienten), bei denen
der Balken durchtrennt wurde, welcher die beiden Hirnhemisphären
verbindet, können zwei Aufgaben ebenso schnell ausführen, wie ein
normaler Mensch eine bewältigen kann. Solche Menschen haben zwei
Bewußtseinssphären, was die Auffassung einer einheitlichen Seelensub-
stanz unmöglich erscheinen läßt.
(7) Verhaltensweisen und Erleben können durch Elektrostimulation
entsprechender Hirngebiete beliebig hervorgerufen und abgeschaltet
werden. Der so Manipulierte merkt nicht, daß er nicht spontan handelt,
sondern von außen gesteuert wird. Dies zeigt, daß dem Erleben hirnele-
ktrische Prozesse zugrunde liegen.
(8) Das Gedächtnis beruht nachgewiesenermaßen auf chemischer
Basis. Während das Kurzzeitgedächtnis auf kreisenden elektrischen
Strömen beruht, hängt das mittelfristige und das Langzeitgedächtnis
mit spezifischen Veränderungen an den Synapsen zusammen.
(9) Es gilt als erwiesen, daß die Intelligenz von der Zahl der Nervenzel-
len des Cortex (Großhirns) und vor allem der Anzahl der Verbindungen
zwischen ihnen (der Zahl der Dendriten) abhängt. Während das Neu-
geborene noch sehr wenig Dendriten aufweist, vermehren sich diese im
Laufe der ersten Lebensmonate und -jahre stark, und zwar abhängig von
der Menge der Umweltreize.
(10) Die geistige Entwicklung hängt also von der Gehirnentwicklung ab.
94
Dies gilt sowohl für den einzelnen Menschen wie für die ganze Menschheit.
Es dauert ungefähr 20 Jahre, bis aus dem kleinen Gehirn des Säuglings das
ausgereie Gehirn des Erwachsenen entstanden ist; genau parallel dazu
erfolgt die geistige Entwicklung von den dürigen Leistungen des Neu-
geborenen bis zur vollen Lern- und Denkfähigkeit des reifen Menschen.
In der Stammesgeschichte der Menschheit konnte die Größenzunahme
des Gehirns einwandfrei nachgewiesen werden. Vom Urmenschen bis
zum heutigen Homo sapiens hat sich das Gehirngewicht verdreifacht.
In dieser Gewichtszunahme liegt unter anderem die Grundlage für die
geistige Entwicklung der Menschheit.
(l 1) Es ist bewiesen, daß es elektrische Erregungsvorgänge im Gehirn
gibt, die den Erlebnissen entsprechen. Die durch ein Mittelungsverfahren
aus dem Störrauschen des EEG herausfiltrierbaren summierten evozierten
Potentiale (SEP) sind das letzte faßbare Korrelat des Erlebens. Zu jedem
Erleben gehört eine ganz spezifische Erregungskonstellation.
(12) Der Mensch erlebt nur bewußt, wenn die Netzformation (Formatio
reticularis) als Wach- und Weckzentrum Erregungsimpulse zur Großhirn-
rinde sendet. Bei ihrem Ausfall kommt es zu Bewußtlosigkeit, bei ihrer
Zerstörung zu irreversiblem Dauer schlaf. (Ein solcher Mensch erlebt
überhaupt nicht mehr, er ist ein „lebender Leichnam“.) Ermüdungsstoffe
blockieren den Mechanismus der Wachsamkeit. Bekanntlich gibt es ver-
schiedene Wachheits- oder wie wir auch sagen können: Bewußtseinsgrade,
wenn wir Bewußtsein als Wachheit definieren. Beim Tagträumen sind wir
weniger wach als bei einer Rechenaufgabe. Substrat bewußten Denkens
scheinen spezielle Mikroneuronenverbände des Cortex zu sein.
(13) Der Wachzustand ist dadurch gekennzeichnet, daß im fron-
talen Cortex ein höherer Blutdurchfluß (oder Glukoseverbrauch) zu
beobachten ist als in den anderen Regionen der Großhirnrinde. Mit
Hilfe von radioaktiv markierten Glukosemolekülen ist es möglich, diese
Unterschiede fotografisch sichtbar zumachen. Nach C (1984)
ist es durchaus vorstellbar, daß wir mit Hilfe dieser Ideographie „eines
Tages das Bild eines geistigen Objektes auf dem Bildschirm bewundern
können“. Substrat geistiger Objekte sind Erregungskonstellationen spe-
zifischer Neuronenverbände.
(14) Immer mehr „geistige“ Funktionen sind durch informations-
95
verarbeitende Maschinen (Computer) simulierbar. Eine totale Simuli-
erung des Gehirns durch technische Systeme „künstlicher Intelligenz“
kann nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Das Gehirn zeigt
Schaltpläne, die denen von Computern gleichen. Besonders liegen dem
logischen Denken ganz bestimmte Schaltungen von Neuronenketten
zugrunde. „Der Einwand, eine Maschine könnte niemals intelligenter
sein als ihr Schöpfer, ist so wenig überzeugend, wie es die Behauptung
sein würde, ein Student könnte niemals intelligenter sein als seine El-
tern und Lehrer“ (F 1970). S (1969): „Diese ganze
›Computer-können-nicht‹-Literatur illustriert Palmströms berühmte
Devise: ›Weil, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht
sein darf.‹“ Manche Kybernetiker meinen allerdings, daß ein künstliches
Gehirn nur dann auch die Funktionen des natürlichen Menschenhirns
erfüllen könnte, wenn es nicht aus elektronischen Bestandteilen zusam-
mengesetzt wäre, sondern aus denselben Elementen bestünde wie das
biologische Gehirn, nämlich aus Nervenzellen.
Ob ein weitentwickeltes Elektronen„gehirn“ Bewußtsein hat, ist
freilich ebensowenig entscheidbar, wie wir das Bewußtsein unserer
Mitmenschen feststellen können. Doch wäre der Bau eines Compu-
ters mit den Leistungsmöglichkeiten eines menschlichen Gehirns ein
starkes Indiz für die Unnötigkeit der Annahme einer Seelensubstanz
im Menschen.
Aus der Sicht der Kybernetik – der Lehre von der Steuerung und
Informationsverarbeitung in Maschinen und Organismen -betrachtet
auch der marxistische Philosoph G K die „Grundfrage der
Philosophie“, der Frage nach dem Verhältnis von Materie und Be-
wußtsein. Er vertritt eine „informationstheoretische Auffassung des
Bewußtseins“, indem er Bewußtsein versteht als „ein dynamisches Sys-
tem von Informationen“. „Das Bewußtsein ist weder stofflicher noch
energetischer Natur, sondern dem dritten Aspekt der Materie, nämlich
dem Informationsaspekt zuzurechnen. … Jeder Gedanke ist an stoffliche
und energetische Prozesse gebunden, ohne etwa mit ihnen identisch
zu sein oder sich auf sie reduzieren zu lassen. … Das Bewußtsein wäre
dann zwar nicht materiell, sondern eine Eigenscha materieller Eigen-
schaen“ (K 1966). Da es ohne materielle energetische Prozesse
96
auch keine Informationsübertragung gibt, kann natürlich auch Erleben
nicht ohne nervöses Substrat (Neuronen, Neurotransmitter) existieren.
Deshalb muß auch das Postulat erhoben werden, daß es für sogenannte
„außerkörperliche Erfahrungen“, wie sie von Sterbenden, die reanimiert
wurden, berichtet werden, eine natürlich-biologische Erklärung geben
muß. Dies wird auch nahegelegt durch die Tatsache, daß ähnliche Erleb-
nisse auch durch Einnahme von halluzinogenen Drogen erzeugt werden
oder durch Sauerstoffmangel im Gehirn zustande kommen können.
Damit ist auch klar, „daß das Psychische nicht der Materie quasi im-
manent ist, sondern eine durch Fulguration entstandene neue Systemei-
genscha repräsentiert, als deren höchste, auf gleichem Wege entstandene,
Stufe das Bewußtsein bewertet werden kann“ (W 1978). Ähnlich
versteht auch M B (1984) den Geist als „emergente Aktivität
spezieller Biosysteme, der Gehirne“. Einen Emergentismus besonderer Art
vertritt auch der Hirnforscher R S. Er nennt seine Hypothese
ein „emergentistisches, mentalistisches oder holistisches Paradigma“ oder
einfach „Mentalismus“ (S 1985). Er versteht Gehirnzustände als
„dynamische Entitäten“ und spricht vom „Bewußtsein als emergenter
Eigenscha der Gehirnaktivität“, doch „werden die emergenten Eigen-
schaen hier nicht als rein passive, parallele Korrelate, Aspekte oder
Nebenprodukte von Vorgängen in der Großhirnrinde betrachtet, sondern
vielmehr als aktive Kausaldeterminanten, die für die Steuerung normaler
Gehirntätigkeit unentbehrlich sind. Eine dualistische Wechselwirkung
im klassischen Sinn ist hier nicht im Spiel.“ Die „emergenten geistigen
Kräe“ können also ihre eigenen ihnen zugrundeliegenden neurophysi-
ologischen Prozesse kontrollieren.  spricht von „der Macht, die
jede Ganzheit über ihre Teile ausübt. Der Geist bewegt die Materie im
Gehirn in ganz ähnlicher Weise wie ein Organismus die Organe und Zel-
len bewegt, aus denen er besteht.“ Ein anderes Gleichnis bietet das Rad,
das bergab rollt und dabei seine Atome und Moleküle mitreißt. Diese
werden durch die höheren Eigenschaen des Ganzen „überwältigt“.„Die
geistigen Entitäten transzendieren die physiologischen, genau wie die
physiologischen die molekularen transzendieren, die molekularen die
atomaren und subatomaren und so weiter.“
Die geistigen Kräe kommen zu den physiologischen noch hinzu,
97
genau wie Fernsehprogramme zu den elektronischen Abläufen im Fern-
sehgerät. Die Hypothese S ist zweifelsohne diskussionswürdig
und interessant. Eine Schwierigkeit ist aber doch wohl darin zu sehen,
daß den emergenten Eigenschaen (dem Erleben) als Kausaldetermi-
nanten (!) eine hohe Autonomie zugestanden wird, was einen versch-
leierten Dualismus nahelegt.
Der österreichische Psychologe R (1967) hat eine „eorie
der letzten Wirkung“ entwickelt. Dabei geht er von der Tatsache aus, daß
die Erregungsprozesse im Gehirn die letzte faßbare Ursache der Bewußt-
seinsvorgänge sind. Das Psychische geht aus Erregungsprozessen hervor,
es wird von ihnen bewirkt. Das bewußte Erleben ist die letzte Wirkung des
organischen Geschehens im Gehirn, die selbst keinerlei weitere Wirkungen
ausübt. Damit ist das Problem der Wechselwirkung vermieden: Das Erleben
wirkt nicht auf das Gehirn zurück, die Kausalität ist einbahnig. Geistige
Vorgänge sind immer nur Wirkungen physikalischer Prozesse, niemals
aber ihre Ursache (im Gegensatz zur ese S!). So einleuchtend
diese Hypothese ist, so mißverständlich scheint in diesem Zusammen-
hang der Ausdruck „Wirkung“, der ja einen Kausalprozeß suggeriert.
Hier wird aber nichts bewirkt (und erst recht nicht zurückgewirkt). Statt
„Ursache“ von Erlebnisprozessen sollte es besser nur „Korrelat“ heißen.
Geistiges und Körperliches verhalten sich zueinander wie der Schatten
eines Menschen zu diesem selbst. Das Bewußtsein ist nach der Vorstel-
lung R einfach ein Epiphänomen von Erregungsprozessen im
Gehirn, eine nicht unbedingt notwendige und nur zeitweise auretende
Begleiterscheinung gehirnelektrischer Prozesse, die sich der Organismus
manchmal „leistet“. W (1981): „Bewußtseinsvorgänge sind und
bleiben stets an zentral-nervöse Strukturen und Prozesse gebunden, ein
davon emanzipiertes Bewußtsein anzunehmen, ist völlig absurd. (Eine
solche Annahme kann nur dem Mystiker zugebilligt werden.)“ Auch
L (1968) meint: „Wie die Verhaltenslehre, die Nervenphysiolo-
gie und die Biochemie schlechthin zeigen, lassen sich psychische bzw.
›seelische‹ Vorgänge zwar nicht mit physiologischen Vorgängen identi-
fizieren, wohl aber sind sie eine Begleiterscheinung dieser Vorgänge und
ohne sie nicht denkbar.
So kann sich auch beim Tod eines Lebewesens nicht ein geheimnis-
98
volles Etwas vom Körper trennen, um fortan ein nebelhaes Eigenleben
zu führen, sondern der Tod versteht sich als Übergang von einer leb-
enswirkenden Organisationsform der Materie in eine solche, die kein
Leben mehr bewirkt.“
Doch nun wollen wir eine Präzisierung der Fragestellung des Leib-
Seele-Problems versuchen. Dazu eine Vorbemerkung:
Es gibt nicht nur sinnlose Aussagen, sondern auch sinnlose, weil prin-
zipiell unbeantwortbare Fragen. Damit soll nicht gesagt sein, daß das
Leib-Seele-Problem als ganzes zu den sinnlosen Scheinfragen gehört,
wohl aber, daß manche Fragestellungen, die in diesem Zusammenhang
aureten, unbeantwortbare Wesensfragen sind, z. B. „Was ist die Seele?“
oder auch nur „Was ist Erleben?“. Manche Philosophen glaubten, das
Problem auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Geist und Körper
reduzieren zu können, ohne zu bemerken, daß damit ja von vornherein
Substanzen angenommen werden, die bereits H vernichtend kritisi-
ert hat: Eine Substanz als Ding ohne jede Eigenscha ist im wahrsten
Sinne des Wortes ein Un-Ding. Sehr häufig wird aber überhaupt nicht
klar, wonach nun eigentlich gefragt wurde oder welche Frage durch den
„Lösungsvorschlag“ beantwortet werden sollte. Um möglichst große
Klarheit und Exaktheit zu erreichen, wollen wir das Problem in fünf
Fragen aufsplittern:
(1) Haben Erlebnisse eine materielle (gehirnphysiologische)
Grundlage?
(2) Was geschieht im Gehirn, wenn wir etwas erleben?
(3) Sind neurophysiologische Prozesse nicht nur notwendige, sondern
auch hinreichende Bedingung für Erleben?
(4) Welcher Kausalzusammenhang besteht zwischen psychischen
Vorgängen und Gehirnprozessen?
(5) Wie entsteht Erleben aus dem Erregungsgeschehen?
Folgende relevante esen sollen als Ausgangspunkt einer
Antwort auf obige Fragen dienen:
a) Gehirnelektrische Prozesse sind das letzte faßbare Erlebnis korrelat,
sie liegen dem Erleben zugrunde. Erleben ist die Aus„wirkung“ spe-
zifischer Erregungsprozesse.
b) Bewußtsein ist definierbar als Wachsein, welches bedingt ist durch
99
unspezifische Erregungen vor allem aus der Formatio reticularis.
c) Bewußtsein ist eine Hirnfunktion, ein Informationsphänomen,
besteht in auf sich selbst reflektierbarer Information. Träger der In-
formation sind elektrische Impulsmuster (Erregungen) im Cortex.
Doch nun zu den einzelnen Fragen:
Zu (1): Diese Frage ist eindeutig mit „Ja“ zu beantworten. Aufgrund
der unbezweifelbaren Dualität von Erleben und Erregungsgeschehen
muß die Annahme einer qualitativen Identität beider Prozesse abge-
lehnt werden. Die Gleichung „Erleben = Erregungen“ ist in dieser Form
unsinnig. Das bedeutet jedoch nicht, daß Erleben ohne Erregungen für
möglich gehalten wird oder daß gar zwei Substanzen angenommen wer-
den müßten. Vielmehr sind Erlebnisse das Resultat von Erregungen oder,
wenn man will, eine Eigenscha von ihnen, ihr Epiphänomen. Genauer:
Wenn die neuroelektrischen Erregungen ein Zustand des Gehirns sind,
dann sind die Erlebnisse Zustände dieser Gehirnzustände oder eine
Eigenscha der Eigenschaen von Erregungskonstellationen. Wenn
wir das Bewußtsein als Informationsphänomen – als „dynamisches
System von Informationen“ (K 1966) – betrachten, so wäre das
(bewußte) Erleben der Informationsaspekt des Erregungsgeschehens.
Warum dieser Informationsaspekt subjektiv erlebt wird, was Erlebnisse
ihrem „Wesen“ nach sind, läßt sich nicht beantworten.
Z (1973): „Bewußtsein gehört zu den Prämissen unseres be-
wußten Daseins und kann nicht durch sich selbst erklärt werden, eben-
sowenig wie es möglich ist, über den eigenen Schatten zu springen.“
Denn: „Mit dem Gehirn wollen wir das Gehirn erforschen – kann das
gelingen? … Es gibt einen Grundsatz der Informationstheorie, wonach
zur Analyse eines Systems immer ein System von wesentlich höherem
Komplikationsgrad notwendig ist“ (L 1968). Die Information-
shypothese des Bewußtseins von G K scheint zusammen mit
einer etwas modifizierten „eorie der letzten Wirkung“ von H
R geeignet, eine eorie des Bewußtseins nach dem heutigen
Stand des Wissens zu begründen.
Die Identitätshypothese oder auch eine Komplementaritäts-hypothese
könnten nur in der Form beibehalten werden, daß man sagt: Identisch
– oder vermutlich besser komplementär -sind Bewußtsein und Infor-
100
mationsaspekt des Erregungsgeschehens. Insofern als es neben dem Er-
regungsgeschehen kein eigenes psychisches Geschehen gibt, kann also
durchaus von einer Identität gesprochen werden. Genausogut könnte
aber auch formuliert werden: Bewußtsein als Informationsaspekt des
Erregungsgeschehens ist ein Epiphänomen mancher genügend starker
Erregungskonstellationen (denn die wenigsten Erregungen sind stark
genug, um bewußt zu werden, d. h. ein Erlebnis hervorzubringen; der
Großteil der Datenverarbeitung im Gehirn geschieht unbewußt und hat
keine Erlebnisseite). Identität oder auch Komplementarität besteht also
nicht zwischen psychischen und neurophysiologischen Prozessen, sondern
zwischen psychischen Vorgängen und den Informationsphänomenen,
die aus den neurophysiologischen Prozessen resultieren.
Man darf jedoch nicht die im Gehirn in Form von elektrischen
Signalen kreisenden Informationen zu etwas Halbseelischem, zu einer
quasipsychischen Substanz verdinglichen. Vielmehr ist der Monismus
im Recht, wenn nicht in simplifizierender Weise das Seelische auf
Materielles als einfache Substanz reduziert wird. Erleben ist eine neue
Qualität komplexer materieller Systeme.
Zu (2): Die Frage nach den materiellen Grundlagen unseres Erle-
bens läßt sich heute einwandfrei beantworten: Es sind eben gewisse
Erregungskonstellationen genügender Stärke, die aus dem komplexen
Zusammenspiel zahlreicher elektrochemischer Prozesse im Gehirn
resultieren. Jedem einzelnen Inhalt unseres Erlebens entspricht (liegt
zugrunde) eine eigene Erregungskonstellation.
Zu (3): „Für viele Menschen ist die Ableitung des bewußten Erle-
bens aus den Vorgängen im Gehirn ein widerwärtiger, unerträglicher
Gedanke. Sie erblicken darin eine materialistische Entwürdigung des
Menschen; das Seelisch-Geistige, seiner Natur nach von Grund aus
verschieden von allem Körperlichen, soll nichts anderes sein als das
Produkt von Hirnprozessen – was bleibt da noch übrig vom Göttlichen
im Menschen, von seiner Sonderstellung in der Natur, von der Würde
und Freiheit? Der Mensch soll nichts anderes sein als das naturnotwen-
dige Resultat seiner Gehirnprozesse. … Daß das gesamte psychische
Geschehen von Hirnprozessen abhängt, ist sicher – so sicher, wie eine
naturwissenschaliche Erkenntnis überhaupt sein kann. Es ist aber gar
101
nicht einzusehen, warum das Gefühl für Freiheit und Recht oder das
Streben nach sozialer Gerechtigkeit dadurch, daß ihnen Erregungspro-
zesse im Gehirn zugrunde liegen, entwertet werden könnten – so wenig
die Schönheit einer Blume dadurch entwertet werden kann, daß sie in
der Erde wurzelt“ (R 1967).
Von Metaphysikern wird zwar zugegeben, daß geistige Funktionen
von Gehirnprozessen abhängig sind, sie bezweifeln aber, daß sie von
ihnen ausschließlich hervorgebracht werden. Sie seien notwendige, aber
keineswegs hinreichende Bedingung für Erleben. Es müsse noch etwas
anderes da sein, damit das immaterielle, geistige Leben entsteht. Es wird
daher eine besondere Kra, ein unkörperliches Prinzip oder eben eine
Seele angenommen, die das Gehirn als Werkzeug oder Instrument zur
Erzeugung der psychischen Prozesse benütze. Eine solche Hypothese
kann prinzipiell nicht bewiesen oder widerlegt werden, weil diese Kra ja
definitionsgemäß wissenschalich in keiner Weise faßbar ist. Außerdem
entsteht wieder die Frage, wie Unkörperliches auf etwas ganz anderes,
auf Körperliches wirken könne. Schließlich kann dazu noch gesagt wer-
den, daß eine solche Hypothese in der Psychologie überflüssig ist, da
mit ihrer Hilfe keinerlei Erklärungen oder Prognosen gegeben werden
können. Es ist aber ein Prinzip der Wissenscha, nicht ohne unbedingte
Notwendigkeit neue Faktoren in eine eorie einzuführen.
Zu (4): Die Frage nach der Kausalbeziehung zwischen Körper und
Geist (wie wirkt Körperliches auf Geistiges und umgekehrt?) fällt weg,
da selbstredend der Informationsaspekt der Erregungssignale nicht
auf diese zurückwirken kann, er ist ja nur deren Begleiterscheinung,
Eigenscha oder Epiphänomen (vgl. jedoch S !).
Zu (5): Die Frage nach der Entstehungsweise des Erlebens aus elektro-
chemischen Prozessen der Hirnrinde (warum haben Erregungen eine
Erlebnisseite?) ist gleichbedeutend mit der Wesensfrage „Was ist das
Erleben für eine neue Qualität gegenüber elektrischen Hirnvorgängen?“.
Da Qualitäten – in unserem Fall Erlebnisse – nicht reduzierbar sind,
handelt es sich um eine unzulässige, weil prinzipiell unbeantwortbare
Frage. Wir können zwar feststellen, daß es sich beim Bewußtsein oder
Erleben um ein Informationsphänomen handelt, doch bleibt ein ir-
rationaler, unauflösbarer Rest: Die erlebte Dualität von körperlichen
102
Vorgängen und Erleben ist unauebbar, die Existenz des Bewußtseins
bleibt (wohl für immer?) ein Welträtsel.

3.3 Willensfreiheit

Vom menschlichen Standpunkt ist es weni-


ger wichtig, daß der Wille des Menschen frei
sei, als daß er ihn für frei hält.
Charles Sherrington

Ein altes Problem im Grenzbereich zwischen Psychologie und Philoso-


phie ist das der sogenannten Willensfreiheit. Es handelt sich aber auch
insofern um ein „Grenzproblem“, als es die Auffassung gibt, die Frage, ob
der Mensch einen freien Willen habe, sei prinzipiell unentscheidbar.
Unter „Freiheit“ versteht man die Möglichkeit der Wahl zwischen ver-
schiedenen Arten des Verhaltens in ein und derselben Lage. Dennoch ist
der Ausdruck „Freiheit“ vieldeutig. Wir sprechen von einer rechtlichen,
politischen, sittlichen oder psychologischen Freiheit. Hier soll allein von
der psychologischen Freiheit, Willensfreiheit oder Wahlfreiheit die Rede
sein. Die Frage, ob der Wille des Menschen frei sei, ist exakt formuliert
die Frage, ob der Mensch in einer gegebenen Wahlsituation sich für jede
beliebige Wahlmöglichkeit entscheiden kann oder nicht. Könnte er es,
so wäre er frei; kann er es nicht, so ist er nicht frei.
R (1958): „Bei dieser präzisen Formulierung ist die Ant-
wort einfach. Sie lautet: nein, der Mensch kann in einer gegebenen
Wahlsituation nicht jede beliebige Verhaltensmöglichkeit wählen. Die
Triebe, Interessen und Gefühle, die in ihm in dieser Situation aureten,
bestimmen ihn, eine bestimmte Verhaltensmöglichkeit allen anderen
vorzuziehen und sich für sie zu entscheiden. Hätte er sich aber nicht für
eine andere entscheiden können? Nur dann, wenn in ihm andere Motive
aufgetreten wären. Trotz dieser klaren Problemlage wird immer wieder
der Versuch gemacht, die Freiheit des Wollens nicht nur philosophisch,
sondern auch psychologisch zu beweisen.“
Zugunsten eines Indeterminismus (also der Annahme einer Wil-
lensfreiheit) werden zum Beispiel verschiedene Gefühle angeführt:
103
das Freiheitsbewußtsein (das Gefühl, in einer bestimmten Situation
frei entschieden zu haben), das Gefühl von Verantwortung, Reue und
Schuld, welche ohne Willensfreiheit sinnlos seien. Allerdings ist das
Verantwortungsgefühl eher ein Motiv für unser Handeln als das Re-
sultat eines freien Wollens. Und Selbstvorwürfe richten sich gegen die
Umstände, die zu einer Entscheidung geführt haben.
Richtig ist zwar, daß der Indeterminismus strenggenommen nicht
widerlegbar ist, da die Faktoren, die eine bestimmte Handlung deter-
minieren, niemals vollständig aufweisbar sind. Die seelischen Prozesse
sind zu komplex. Es gibt jedoch gewichtige empirische Argumente, die
eher für einen Determinismus sprechen.
- Getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge zeigen verblüffend ähnliche
Verhaltensweisen und Vorlieben. Vermutlich ist ein viel größerer Teil
unserer Entscheidungen genetisch vorprogrammiert, als man dies nor-
malerweise zu akzeptieren bereit wäre. Vielleicht ist unser Vertrauen
in unsere Willensfreiheit nur deshalb so groß und unerschütterlich,
weil uns die Begegnung mit einem erbgleichen Doppelgänger meist
erspart bleibt.
- Wenn das Denken untrennbar mit chemischen und physikalischen
Gehirnprozessen verknüp ist – und daran ist ja wohl nicht zu zweifeln
–, muß der strengen logischen Struktur des Denkens eine ebenso
strenge kausal bestimmte Folge materieller Prozesse entsprechen. So
konnte nachgewiesen werden, daß etwa die Absicht, einen Finger zu
krümmen, 0,2 Sekunden vor der entsprechenden Muskelbewegung im
Gehirn existiert, daß jedoch die zugehörigen Hirnströme bereits 0,4
Sekunden vor der Handlung auauchen. Eine Fünelsekunde, bevor
die Handlung bewußt wird, „beschließt“ also eine Planungsstelle im
Großhirn bereits, den Finger zu krümmen. Möglicherweise segnet
unser Bewußtsein nur noch Entscheidungen ab, die irgendwo im
Gehirn längst gefällt wurden.
- Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang auch die Unter-
suchungen an Patienten mit gespaltenem Großhirn, wo beide
Hemisphären getrennt arbeiten. S (nach B 1975):
„Die Tatsache, daß zwei freie Willen innerhalb desselben Schädels
wohnen, erinnert uns daran und verstärkt die Vermutung, daß der
104
freie Wille eine Illusion ist, wie das Auf- und Untergehen der Sonne.
Je mehr wir über Hirn und Verhalten lernen, um so deterministischer,
gesetzmäßiger und kausaler erscheint es uns.“
Eines ist freilich wahr: Es sind meine ureigenen Gefühle, Bedürfnisse
oder Interessen, die als Motive zu einer Wahlentscheidung führen. Immer
ist der Entschluß motiviert, immer bin ich durch Motive bestimmt, sonst
könnte ich überhaupt nicht zu einer Entscheidung kommen. Ein strenger
Freiheitsbegriff – in jeder Wahlsituation jede beliebige, jede denkbare
Verhaltensmöglichkeit wählen zu können – ist offensichtlich unsinnig.
In bezug auf das menschliche Wollen kann man nur in der Hinsicht
von Freiheit sprechen, als wir das wählen, was unserer Persönlichkeit
am besten entspricht. Freiheit besteht höchstens in dem Sinne, daß der
Mensch nur durch sich selbst, nicht durch äußere Umstände determini-
ert ist; als Entschluß kommt das heraus, was ich will. Diese Auffassung
ist nicht mit dem Fatalismus zu verwechseln. Dieser erklärt, daß alles
Geschehen außerhalb menschlicher Kontrolle liege und daß sich alles in
vorbestimmter Weise ereigne, was immer wir auch unternehmen mögen.
Der wohlverstandene Determinismus hingegen lehrt, daß wir sehr wohl
bewußt zur Ursache von Ereignissen werden können; der Mensch erfährt
sich als Ursache von Ereignissen und fühlt sich daher frei. Und er ist in
seinen Handlungen auch meist frei, frei nämlich von äußerem Zwang. Es
ist also kein Widerspruch zu sagen, daß ich eine bestimmte Entscheidung
frei getroffen habe und daß diese trotzdem durch meine psychische Situ-
ation und andere Umstände determiniert gewesen sei. Unfrei wird meine
Entscheidung nicht durch die Gesetzmäßigkeit der Natur, sondern durch
äußere Umstände, die sie wesentlich beeinflussen. Je größer der Druck
von außen ist, desto größer wird meine Unfreiheit, und je mehr ich gelernt
habe, meine Anlagen und Bedürfnisse sowie den Einfluß der Umwelt in
allen Einzelheiten zu erkennen und damit auch Möglichkeiten zu finden,
sie auszuschalten, desto größer wird meine Freiheit bei Entscheidungen.
Der physikalische Begriff des Indeterminismus darf also nicht mit dem
Freiheitsbegriff der Ethik identifiziert werden, und der Begriff des De-
terminismus nicht mit dem der Unfreiheit. Echte Freiheit besteht darin,
nicht von außen, sondern nur von innen her durch uns selbst bestimmt
zu sein. Da unser Strafrecht in seiner heutigen Form weitgehend auf
105
der Ideologie des freien Willens auaut, wäre noch zu klären, wie Strafe
im Rahmen eines deterministischen Weltbildes zu deuten wäre. Nun, es
düre „Strafe“ nicht mehr als Vergeltung, als Racheakt aufgefaßt wer-
den, sondern als Schutz- und Erziehungsmaßnahme. An die Stelle eines
Strafrechts (= Vergeltungsrechts) hätte ein Besserungsrecht zu treten.
Mittels geeigneter Maßnahmen soll das gesellschasschädigende Verh-
alten des Rechtsbrechers zu einem gesellschasfreundlichen Verhalten
umgewandelt werden. Wieweit es im Erwachsenenalter noch möglich
ist, Erziehungsfehler oder gar charakterliche Anlagen zu korrigieren, ist
freilich eine andere Frage.

3.4 Sinn des Lebens

Wenn du einem Philosophen begegnest,


der behauptet, daß er die letzte Wahrheit
gefunden hat, sei mißtrauisch.
Hans Reichenbach

3.4. l Die Dringlichkeit des Problems

Albert C schreibt in seinem Essay ›Der Mythos von Sisyphos‹


„Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbst-
mord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet
die Grundfrage der Philosophie. Alles andere – ob die Welt drei Dimen-
sionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien habe – kommt erst
später. Das sind Spielereien; zunächst heißt es Antwort geben.“
C hält die Frage nach dem Sinn des Lebens für die dringlichste
aller Fragen, und zwar der Handlungen wegen, zu denen eine Antwort
verpflichtet.
Im Gegensatz dazu halten manche Empiristen diese Frage für ein
sinnloses Scheinproblem und lehnen eine Stellungnahme von der Phi-
losophie her grundweg ab. Nun ist aber die Frage nach einem Lebenssinn
existentiell für jeden einzelnen Menschen von höchster Bedeutung und
läßt sich nicht dadurch beseitigen, daß man sie zu einem Pseudoproblem
erklärt. Zeigt eine genauere Analyse, daß die Fragestellung unklar oder
106
gar semantisch unzulässig ist, so muß zunächst versucht werden, sie zu
präzisieren. Sollte sich dann herausstellen, daß die Frage wissenschalich
in keiner Weise beantwortet werden kann, so ist doch mit der Klärung
der Problematik einiges geleistet, selbst wenn das Ergebnis einer solchen
Untersuchung nur wäre, daß die Beantwortung der Sinnfrage an den
Glauben zurückverwiesen und die Entscheidung der Sinngebung dem
einzelnen überantwortet werden muß.
Jedenfalls hat der Mensch die Tendenz, Angst und Ungewißheit zu
beseitigen, indem er allem Handeln und schließlich dem ganzen Leben
einen Sinn zu verleihen sucht. Unser Verlangen nach Sinngebung ist
sicherlich mit eine Wurzel aller Religionen. Es ist interessant, daß die
überwiegende Zahl von Lebensdeutungen pessimistisch ist. Schon im
alten Griechenland wiederholt sich ständig der Satz: „Das Beste für den
Menschen wäre, nicht geboren zu sein, das Zweitbeste, in früher Jugend
zu sterben.“ Solche pessimistischen Auffassungen sind hervorgerufen
durch die Überbetonung vom physischem Schmerz und psychischem
Leid, wodurch Geburt, Leben und Tod sinnlos erscheinen können. Die
großen Religionen mit ihren Erlösungsmythen sind im Grunde ebenfalls
pessimistisch. Für Hinduismus und Buddhismus ist alles Leben Leid,
von dem es sich zu befreien gilt. In Hinsicht auf das irdische Dasein
ist auch die Weltanschauung des Christentums durchaus pessimistisch
(die Welt als „Jammertal“).
Lange Zeit war die Religion die Vermittlerin der für den Menschen so
notwendigen Geborgenheit. Die Antworten der Religionen werden aber
heute weithin und zunehmend als unbefriedigend empfunden. Angst,
Unsicherheit, Verzweiflung und das Empfinden der Sinnlosigkeit des
Daseins lassen viele Menschen nach neuen Antworten suchen. Man darf
sich deshalb nicht wundern, daß in halbgebildeten Kreisen pseudowis-
senschaliche Ersatzreligionen ins Kraut schießen und der Aberglaube
fröhliche Urständ feiert. Das Anschwellen des Interesses an Astrologie,
Wahrsagerei, Okkultismus, Hexen- und Teufelskulten, die UFO-Hysterie
und der Glaube an mächtige außerirdische Intelligenzen, die uns als
Kosmonauten angeblich besucht haben oder gar noch besuchen, sind
auf das Konto dieser Suche nach einem neuen Sinn zu buchen. Vielen
mißlingt die Sinnsuche, sie sind „existentiell frustriert“, leben in einem
107
„existentiellen Vakuum“ (V E. F), eben in jener trostlosen
Langeweile, welche die Überflußgesellscha kennzeichnet. Der Verlust
eines Lebenssinns ist so gesehen eine „Wohlstandsneurose“. Dazu
kommt noch die Vereinsamung in der Masse. Der moderne Mensch
sieht keinen Sinn in seinem Dasein, es fehlt ihm die existentielle Ge-
borgenheit, die ihm früher der überlieferte Glaube gab. All dies führt zu
Depressionen und nicht selten schließlich zum Freitod. Kaum einmal
sind es die wirtschalichen Verhältnisse, die einen Menschen zur letzten
Verzweiflungstat treiben. Nach S will der Selbstmörder
das Leben, ist aber mit seinen Bedingungen unzufrieden.
Anderseits ist es gerade die Absurdität des Todes, die den Menschen
immer wieder zur Frage nach dem Sinn dieses kurzen und o leidvol-
len Lebens drängt. C: „Es ist widersinnig, daß wir geboren werden,
und ebenso, daß wir sterben.“ Besonders der zufällige Tod erscheint uns
sinnlos.
Die Versuche, dem Tod seine Unheimlichkeit zu nehmen, sind zahllos.
So meint S: „Der wolle nicht leben, der nicht sterben will. Denn
das Leben ist uns mit der Bedingung des Todes geschenkt, es ist der
Weg zu diesem Ziel. Unsinnig ist es daher, den Tod zu fürchten; denn
nur das Ungewisse fürchtet man, dem Gewissen sieht man entgegen.
Der Tod bedeutet eine gerechte und unabwendbare Notwendigkeit. Wer
wollte sich beklagen, in einer Lage zu sein, in der sich alle ausnahmslos
befinden…. Nicht den Tod fürchten wir, sondern die Vorstellung des
Todes. Der Tod ist die Erlösung von allen Schmerzen und völliges Auf-
hören; über ihn gehen unsere Leiden nicht hinaus.“
Noch einprägsamer bagatellisiert E den Tod: „Das schauer-
lichste Übel, der Tod, geht uns nichts an, weil, solange wir sind, der
Tod nicht da ist; ist er aber da, so sind wir nicht mehr.“
Diese Interpretation hat aber ihre Schattenseiten: Dem nicht mehr
Existierenden kann zwar nichts Böses mehr geschehen – aber auch nichts
Gutes. Die andere Schattenseite der epikureischen Einstellung gegenüber
dem Tod ist, daß sie nur für unseren eigenen Tod gilt, nicht jedoch für
unseren Kummer und Schmerz beim Tod einer anderen Person. Und
schließlich fürchten wir uns wohl nicht so sehr vor dem Totsein, als viel-
mehr vor dem Sterben. Denn: „Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den
108
Tod erlebt man nicht“ (W 1963). Aber auch die Beteuerung,
daß das Sterben ein sanes Einschlafen sei oder bei einem Unfall so plöt-
zlich eintrete, daß wir es nicht erleben, vermag uns nicht zu beruhigen.
Ebenso kann uns die Tatsache, daß es ohne Tod kein neues Leben geben
könnte, daß er also notwendig für die Evolution des Lebens sei, die Furcht
vor dem Ausgelöschtsein nicht nehmen. Vermutlich fürchten viele Men-
schen auch nicht so sehr den Tod als solchen, sondern die Ungewißheit
eines eventuellen Danach. Der Mensch ist das einzige Wesen, das weiß,
daß es sterben muß, und das sich instinktiv dagegen sträubt, einmal nicht
mehr zu sein; das sich wehrt, die Auslöschung des Ichs hinzunehmen,
das über sich hinaus will, das den Tod leugnet, sich als un109sterblich
setzt. Der Mensch erträgt nicht, zu denken, daß er all das Angefangene
und Weiterwirkende nicht mehr miterleben soll. Er hat den Drang nach
einer unbegrenzten Zukun und kann sich meist gar nicht vorstellen,
daß er einmal nicht mehr sein wird. Vielleicht fürchtet er auch, daß sein
Leben zu Ende geht, bevor er sein Lebenswerk vollendet weiß. Der Tod
macht alles, was wir tun, zweifelha. Eine Sinngebung des Lebens hat
daher den Tod mitzubedenken. Was dem Leben Sinn verleiht, gibt auch
dem Tod Sinn.  (1963): „Das Glück ist wahr, auch dann, wenn es
ein Ende finden muß, und auch das Denken und die Liebe verlieren nicht
ihren Wert, weil sie nicht ewig währen.“ So ist gerade der Tod der stärkste
Impuls zur Betrachtung über das Leben und seinen Sinn.
Die Religionen versuchen seit jeher, dem Tod und damit dem Leben
einen Sinn zu geben. Das Nirwana oder die Idee einer nach dem Tod
in einer besseren Welt weiterexistierenden Seele sind solche Lösungs-
versuche. Für den Gläubigen hat das Leben auf alle Fälle einen Sinn,
auch wenn vieles im Leben absurd scheint. Mit dem Wort „Gottes Wege
sind unerforschlich“ und mit der Annahme einer im besseren Jenseits
ausgleichenden Gerechtigkeit versuchen viele Religionen das Dasein
erträglich und sinnvoll zu machen. Für den Nichtgläubigen stellt sich
das Problem freilich um so schärfer. Da für ihn Gott und Seele nicht
existieren, sondern Wunschbilder des Menschen sind, kann es für ihn
einen transzendenten Sinn des gesamten Lebens nicht geben. Ein Affe,
der schmerzhae Injektionen erdulden muß, weil der Mensch auf diese
Weise ein Serum gegen eine Krankheit gewinnen will, wird den Sinn
109
dieses Leidens und seines Lebens überhaupt nie begreifen können, weil
dieser Sinn außerhalb seiner Vorstellungskra liegt. Ähnlich könnte
auch das scheinbar sinnloseste Leid eines Menschen doch seinen Sinn
erhalten in einer dem Menschen unzugänglichen Dimension. Diese
Schlußfolgerung ist korrekt, doch kann nicht geschlossen werden, daß
es erstens eine solche höhere Dimension gibt, und zweitens, worin nun
der Sinn des Lebens in bezug auf diese unerkennbare Welt liegen soll.
So erhebt sich die dringliche Frage: Ist das Leben ohne personal
gedachten Gott und unsterbliche Seele sinnlos oder gibt es einen
Ausweg aus dem Dilemma, einen absoluten, allgemeingültigen Sinn
des Daseins annehmen zu müssen oder Selbstmord zu begehen? Wir
wollen versuchen, die Frage systematisch anzugehen und zunächst
einige Begriffe zu klären.

3.4.2 Sinn, Wert, Ziel und Zweck

Einen Sinn oder Wert „an sich“ gibt es nicht und er haet auch nicht
einem Ding oder Ereignis an, sondern wird vom Menschen zugeschrieben.
Etwas erhält (für mich) einen Sinn, wenn ich ihm einen Wert beimesse;
dieser macht ein Ziel erstrebenswert. Nur zielgerichtetes Handeln hat
Sinn. Von Zielen und Zwecken (die Ausdrücke sollen hier gleichbedeu-
tend verwendet werden) aber kann nur die Rede sein, wo Zielsetzungen
vorgenommen werden. Solche setzen ein bewußt handelndes Wesen
voraus, eine planende Intelligenz. Sinn besteht in der Verwirklichung
eines gesetzten Zieles, das von mir als Wert und damit als erstrebenswert
angesehen wird. Das Leben hat einen Sinn in bezug auf ein mir erreich-
bar scheinendes Ziel. Wir müssen mit dem Ziel einverstanden sein und
es erreichbar halten, sonst scheint uns das Streben danach sinnlos. Die
Frage nach Sinn, Wert, Ziel, Zweck oder Bestimmung des Menschen ist
eine Ideologische Wozu-Frage in Analogie zur Frage nach dem Zweck
menschlicher Produkte. Um über einen „objektiven“ Zweck, ein außer-
halb des menschlichen Lebens liegendes Ziel etwas aussagen zu können,
müßte der Mensch sein Leben verlassen können oder ein Wissen über
die Absichten eines vorausgesetzten Schöpfers besitzen. Der endgültige
110
Daseinssinn, das Endziel, der Endzweck des Lebens könnte mithin nur
von einer über dem Leben des einzelnen stehenden Instanz gesetzt sein.
Man könnte aber auch versucht sein, ans Ende der Kette von Zwecken
unseres Handelns einen abschließenden „Selbstzweck“ zu setzen, der selbst
nicht mehr als Mittel für anderes gedacht werden könnte. Da jedoch der
Begriff „Zweck“ relativ ist in Hinsicht auf ein zwecksetzendes Subjekt,
ist der Ausdruck sinnleer und hebt sich selbst auf.

3.4.3 Arten von Lebenssinn

Der österreichische Philosoph R R (1947) schreibt:


„Die Zielsetzung, die einen Lebenssinn gewähren soll, kann vom einzel-
nen selbst ausgehen, sie könnte aber ebensogut auch von außen an ihn
herangetragen und sich ihm als unabweisbar darbieten.“ Wir wollen
daher einen daseinstranszendenten und einen daseinsimmanenten
Lebenssinn unterscheiden. Beim daseinstranszendenten Sinn wäre
noch die Unterteilung in einen welttranszendenten und einen weltim-
manenten Sinn möglich. Die Arten des daseinsimmanenten Lebens-
sinnes bestünden in der Entscheidung jedes einzelnen zu einem mehr
oder weniger persönlichen Lebenssinn.
(1) Der daseinstranszendente Lebenssinn:
Ein außerhalb des individuellen Lebens liegender vorgegebener Sinn
könnte außerhalb von Raum und Zeit oder aber in das Einzelleben
übergreifenden innerweltlichen Geschehnissen gefunden werden,
a) Welttranszendenter Lebenssinn:
Ein Ziel, das außerhalb unserer sinnlich erfahrbaren Welt liegt und daher
nicht von Menschen gesetzt wurde, ist empirisch-rational nicht erfaßbar.
Andere Erfahrungsarten (Visionen, Intuitionen) erweisen sich als nicht
intersubjektiv nachvollziehbare Methoden, deren Ergebnisse subjektiv,
nur wenigen Menschen „einsichtig“ und daher nicht allgemeinverbind-
lich sind. Es gibt also keine Möglichkeit, einen angeblich vorgegebenen
Weltenplan Gottes, an dessen Erfüllung mitzuwirken den Sinn unseres
Daseins ausmachen könnte, auf irgendeine Weise zu erfahren, außer man
beru sich auf eine Offenbarung dieses Planes durch Gott oder seinen
111
Gesandten.Wer aber einen solchen Glauben nicht übernehmen zu können
meint, muß sich auch den Glauben an eine welttranszendente absolute
Sinnhaigkeit des Daseins aller Menschen versagen.
b) Weltimmanenter Sinn:
aa) Biologischer Sinn:
Vom Gesichtspunkt des Kreislaufs der Natur sind Leben und Tod
durchaus sinnvoll, obwohl es unwahrscheinlich ist, daß jemand die Per-
spektive befriedigt, daß er, Würmer und Pflanzen nährend, zum Leben in
der Natur beiträgt. Biologisch könnte man das Leben des Individuums
auch als sinnvoll im Sinne der Arterhaltung und der Höherentwicklung
im Rahmen der Evolution ansehen. In dieser Sicht wäre auch der Tod
des einzelnen sinnvoll. Er ist notwendig für den Aufstieg des Lebens.
Ohne Tod gäbe es kein höherentwickeltes Leben, da bereits primitive
Lebensformen die Erde übervölkert hätten. Die Erhaltung des Indi-
viduums und der Art ist jedoch nur Voraussetzung, nicht aber Sinn des
Lebens. Nur in lebensbedrohenden Situationen wird die Selbsterhaltung
vorübergehend zum obersten Wert und Sinn.
bb) Evolutiver Sinn:
Zur Frage, ob in der stammesgeschichtlichen Entwicklung der
Organismen Sinn und Ziel entdeckt werden könne, ist das Folgende
zu bemerken: Gegen eine Zielgerichtetheit der Evolution lassen sich
zahlreiche Einwände vorbringen; nachträglich freilich läßt sich alles
Vorhandene als erreichtes Ziel deklarieren, auch wenn kein Wille die
Evolution auf den gegenwärtigen Zustand zusteuern ließ. Wenn aber
die Evolution kein erkennbares Ziel anstrebt, kann ihr auch kein Sinn
für das individuelle Leben abgerungen werden.
cc) Historischer Sinn:
Immer wieder haben Philosophen versucht, Ziel und Sinn der Men-
schheitsgeschichte zu erkennen, ohne zu bemerken, daß sie selbst jeweils
dieses Ziel in die Geschichte hineininterpretierten und daß der Begriff
des Selbstzwecks – eines Zwecks ohne zwecksetzendes, zielgebendes,
wertendes Bewußtsein – ein Widerspruch in sich ist. Manchmal wird
zugegeben, daß wir den Sinn der Geschichte als Ganzes nicht zu ver-
stehen vermögen, daß aber etwa Gott ihn kenne. Jede Auffassung von
einem utopischen Endzustand der Menschheitsentwicklung degradiert
112
das individuelle Dasein zum bloßen Mittel für einen subjektlosen „ab-
soluten Zweck“, das Einzeldasein erhält einen scheinbaren Sinn, indem
der Mensch „mitwebt am Kleid der Zukun“. So setzt die Annahme
eines transzendenten Sinns der Geschichte die Hypothese einer Offen-
barung des Weltenplans voraus, und die Annahme eines immanenten
Geschichtssinns ist widersprüchlich, weil eine Extrapolation aus der
bisherigen Geschichte auch keinen umfassenden Sinn und ein Endziel
zu erkennen erlaubt. Man kann der Geschichte höchstens einen Sinn
zuschreiben.
Da somit eine Offenbarung des Sinns unseres Lebens einfach ge-
glaubt werden muß und daher zwar eine bequeme, aber keine philoso-
phische Lösung des Problems bietet, andererseits weder das Leben als
biologisches Faktum noch die Evolution, noch die Geschichte einen
Selbstzweck haben können, weil dieser Begriff in sich widersprüchlich
ist, ist der Mensch bei der Beantwortung der Lebenssinnfrage auf sich
selbst zurückverwiesen.
(2) Der daseinsimmanente Lebenssinn – Daseinssinn als Entschei-
dung des einzelnen:
Der Mensch ist ungefragt in die Welt gesetzt worden und hat sich zurech-
tzufinden. Ein dem Menschen angeborenes Bedürfnis nach umfassender
Erklärung läßt ihn nach einem Sinn und Ziel des Daseins suchen, nach
dem Wozu des Ganzen fragen. Das Fehlen einer umfassenden Erklärung
kann in ihm tiefe Angst auslösen. Nach dem Sinn des Lebens zu fragen
bedeutet zweierlei: Einmal wird gefragt, ob es sich lohne, zu leben oder
nicht, also nach dem Wert des Lebens. Die zweite Frage ist die nach dem
Wozu, also nach dem Ziel. Diese ist wohl auch die praktisch wichtigere
und interessantere Interpretation der Frage nach dem Sinn des Lebens.
Beide Fragen kann aber letztlich nur jeder für sich beantworten. Wenn es
keinen unveränderlichen, ewigen, für alle Menschen aller Zeiten gültigen
Sinn des Lebens gibt, wenn das menschliche Leben als Ganzes in sich
keinen umfassenden Sinn haben und sein eigenes Ziel nicht in sich tra-
gen kann, andererseits die Annahme eines daseinstranszendenten Sinns
einen irrationalen Glaubensakt darstellt, so bleibt nur die Möglichkeit,
nach vielen kleinen Zielen zu suchen, die das Leben des einzelnen sin-
nvoll machen können. Ob es lohnt zu leben, kann nur jeder selbst sagen.
113
 (1947) spricht geradezu vom „egozentrischen Charakter der
Lebenssinnfrage“. Es gibt keine fertige allgemeinverbindliche Lösung,
sondern das Problem hat den Charakter einer Aufgabe, die jeder für
sich zu lösen hat. Dies läßt sich auch positiv-optimistisch formulieren:
Wir Menschen haben die Freiheit, unserem Leben ein Ziel zu setzen und
unserem individuellen Dasein dadurch einen Sinn zu geben. Unser Leben
hat den Sinn, den wir ihm geben.
Der Mensch ist autonom, er vermag seinem Dasein selbst Sinn zu ver-
leihen, ohne daß ihm dieser von außen aufgedrängt werden könnte. Jeder
kann sich in persönlicher Entscheidung sein Lebensziel, das er erreichen
möchte, das seiner Persönlichkeit optimal entspricht und welches seinem
Leben Sinn gibt, selbst setzen. Bei der ähnlichen Struktur aller Menschen
ist es andererseits wahrscheinlich, daß gewisse oberste Lebensziele von
sehr vielen Menschen in gleicher Weise angestrebt werden (Abb. 16).
Die Psychologin Charlotte  (1962) hat aufgrund von Leb-
enslaufanalysen vier Menschentypen unterschieden, deren Lebensziel
jeweils verschieden ist. Für jeden dieser Typen besteht die Erfüllung
seiner Strebungen in etwas anderem.
a) Der expansiv Schaffende sieht die Erfüllung seines Lebens vor
allem im Auau von Besitz, im Schaffen von Beziehungen und
maßgebenden Stellungen oder in der Herstellung von Produkten
und Leistungen, die er, wenn möglich, der Nachwelt zu übermitteln
ho und die seine Identität überdauern.
b) Der sich selbst beschränkende Anpassende hingegen ist ein Mensch,
dem seine erfolgreiche Einordnung in die gegebene Umwelt – in
Kultur, Natur und Universum – Befriedigung gibt.
c) Der dritte Typ ist in erster Linie auf Befriedigung von Genüssen,
Liebe, Glück und Wohlleben bedacht.
d) Zur vierten Gruppe endlich gehören Menschen, denen ihr Seelen-
frieden am wichtigsten ist. Sie legen Wert auf innere und äußere
Harmonie, auf ein gutes Gewissen.
Nach R (1947) wiederum lassen sich die möglichen Sin-
nerfüllungen unter drei Begriffsnamen bringen: Selbsterhaltung, Selb-
stbeglückung und Selbstvervollkommnung. „Ihnen entsprechen die
ethischen eorien des Biologismus, Hedonismus und Perfektionismus,
114
115
deren Zielsetzungen auf jene drei Möglichkeiten der Sinnerfüllung sich
gründen, mit den Oberwerten Leben, Glück,Vollkommenheit.“ Das Leben
als höchsten Wert und die Selbstbehauptung und Fortpflanzung als oberstes
Ziel anzusehen düre für die meisten Menschen unbefriedigend sein.
Die Selbstverwirklichung und -vervollkommnung hält B als
Lebensziel für zu einseitig, da sie auf gewisse Persönlichkeitstypen (vor
allem auf den ersten Bschen Typus) anwendbar sind. Man sollte
nach B statt dessen von einem adäquaten Leben im Sinn der
relativ größten Werterfüllung sprechen.

3.4.4 Lebensziele

Wollte man eine Umfrage veranstalten, so würde sich wohl herauss-


tellen, daß die überwiegende Zahl der Menschen ihr Lebensziel in
irgendeiner Form des Glücks – und sei es auch erst in einem Jenseits
– sieht. Für viele von uns ist das Leben ein ständiges Kämpfen, und der
schönen Stunden sind nur wenige. Gerade deshalb streben wir nach
Glück und Erfüllung unserer Wünsche.
J B (um 1800) sah den Sinn des Lebens im größtmögli-
chen Glück für möglichst viele Menschen; und auch die Anhänger des
sozialistischen Sozialeudämonismus sind überzeugt, daß der Sinn des
Daseins im Streben nach einem Maximum an Glück für die breitesten
Menschenmassen bestehe und nur dadurch das Streben nach persön-
lichem Glück sich erfüllen könne.
Tatsächlich zeigt die Psychologie, daß die elementarsten menschlichen
Glückseligkeiten gesellschalicher Natur sind. Einer mag beglückt sein
durch die Anerkennung seiner beruflicher Leistungen durch die Ge-
meinscha, die letzte Erfüllung seines Lebens mag ein anderer in einer
glücklichen Ehe und in Kindern finden. Das Dasein für andere und mit
anderen vermag dem Menschen Erfüllung zu geben. Und indem er seine
Mitmenschen fördert und ihnen ihre Sinnsuche erleichtert, darf er hoffen,
auch sein eigenes Glück zu vertiefen. Sinnerfüllung des Lebens kann aber
nur der finden, der selbst in einer Umgebung aufwuchs, in der es solche
Sinnerfüllung gab. Das Kind bedarf des Geborgenseins in der Familie,
116
der verständnisvollen Liebe seiner Angehörigen, um jenes Urvertrauen
entwickeln zu können, das ihm später erlauben wird, allen Widerwärtig-
keiten zum Trotz die Hoffnung nie aufzugeben, gesetzte Ziele zu erreichen.
O sind die einfachen, hausbackenen Dinge im Leben, Kleinigkeiten, am
wichtigsten. Vor allem gehört sicher auch die körperliche Gesundheit
zum Glücklichsein dazu, wenngleich uns ihr Wert meist erst aufgeht,
wenn wir sie verloren haben. Vielleicht ist gar nicht so sehr das erreichte
Glück das am meisten Befriedigende. Vielmehr scheint der Mensch die
tiefste Befriedigung darin zu finden, erreichbare Ziele zu sehen und sich
ihnen Schritt für Schritt zu nähern. Mancher wird dabei immer wieder
für kurze Zeit glücklich sein, einem „kleinen Glück“ begegnen, ohne das
große Glück, das Endziel, je zu erreichen. Das Erreichen vieler kleiner
Ziele in einem arbeitsreichen Leben gibt schließlich auch seinem Ende,
dem Tod, einen Sinn. Der Mensch lebt aus der Hoffnung. Er muß das
Bewußtsein haben, daß etwas auf ihn wartet in der Zukun. Der Mensch
ist immer unterwegs, er ist Homo viator.
Hoffnung aber schließt Erfüllung, also das endgültige Erreichen des
Lebenszieles, aus. In der scheinbaren Sinnerfüllung wird das menschliche
Leben sinnlos, der Mensch wir es weg. Nie ist die Selbstmordhäufigkeit
so groß wie in den Zeiten des Wohlstands, wenn der Mensch nichts
mehr zu wünschen und daher nichts mehr zu hoffen hat. In tiefer Not
hingegen, solange er noch einen Ausweg sieht und hoffen kann, daß es
wieder einmal schöner wird, scheint ihm das Leben lebenswert. Hof-
fen auf glückhae Erfüllung ist die große Triebkra in unserem Leben.
Das große Glück werden die wenigsten erreichen, aber der Mensch lebt
gerade vom kleinen Glück, das ihm hin und wieder begegnet, und aus
der Hoffnung, das große doch noch zu finden.
Die Freuden der Arbeit und der Muße, das Glück der Liebe und
Freundscha, die Befriedigung, die aus selbstlosen Taten erwächst,
die Betrachtung oder das Erschaffen von Kunstwerken, alles das und
noch vieles mehr geben dem Leben einen Sinn. Für die meisten unter
uns besteht das Problem darin, daß wir keine Ahnung von Lebenskunst
haben. Hier könnte eine wissenschalich aufgeklärte Erziehung und
Ausbildung viel helfen.

117
4. WISSEN

Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme


der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo
das Problem angeht, und sich sodann in der
Grenze des Begreiflichen zu halten.
J. W v. Goethe

4.1 Grenzen der Erkenntnis

Selbst dem naiven Menschen leuchtet ohne weiteres ein, daß einem
Tier viele Dinge, die wir erkennen können, verschlossen bleiben, weil
die Leistungsfähigkeit seines Gehirns für eine solche Erkenntnis einfach
nicht ausreicht. Kein Tier ist imstande, etwa zu erkennen, daß die Erde
eine Kugel sein muß.
Es macht uns auch keine Schwierigkeit einzusehen, daß große Teile
der Welt für das Erleben eines Urmenschen noch gar nicht existieren
konnten, weil sein Gehirn nicht in der Lage war, sie aufzunehmen.
Von uns selbst aber erwarten wir naiverweise, daß die ganze Welt, die
wir um uns vorfinden, ausgerechnet in unser Gehirn passen müsse, daß
wir imstande seien, sie so zu erfassen wie sie ist. Halten wir uns doch
einmal vor Augen,
(1) daß es im Tierreich Sinnesorgane gibt, die wir nicht besitzen und
mit denen Tiere Wahrnehmungen haben, die uns versagt sind; man
denke nur an Ultraschall oder Radarwellen, die man che Tiere wahrneh-
men, an den unvorstellbar feinen Geruchssinn von Aalen oder gewissen
Nachtfaltern, an den Infrarotsinn der Grubenottern, mit dem diese auch
in Dunkelheit zielsicher ihre Beute orten. Weite Bereiche der Welt sind
uns nur durch technische Zusatzgeräte zugänglich, durch Teleskope,
Mikroskope, Geigerzähler, Spezialmikrophone oder komplizierte ele-
ktronische Apparate.
Einfache Beobachtungen zeigen uns ferner,
(2) daß unsere Sinnesorgane uns ständig täuschen: Wir haben Il-
lusionen oder gar Halluzinationen von Dingen, die es gar nicht gibt.
Auch im Traum glauben wir, daß wir Wirkliches erleben. Wie können

118
wir wissen, daß wir auch jetzt nicht träumen?
Die moderne Wissenscha hat gezeigt,
(3) daß viele erforschbare Dinge der Wirklichkeit uns unvorstell-
bar – allerdings deshalb nicht völlig unerkennbar sind: Atome und
Elementarteilchen, das Weltall, eine vierte Dimension sind für uns
völlig unanschaulich. Es ist der Ausdruck eines unreflektierten „Mit-
telpunktswahns“, daß wir glaubten, die Natur müsse bis in ihre letzten
Geheimnisse nicht nur verständlich, sondern außerdem auch noch so
beschaffen sein, daß sie sich dem Vorstellungsvermögen unseres Gehirns
fügt. Die Unhaltbarkeit dieser Auffassung geht auch daraus hervor,
(4) daß gezeigt werden konnte, daß unser Denken und Sprechen seiner
Herkun nach räumlich ist. Die Sprache übersetzt alle anschaulichen
Verhältnisse ins Räumliche. Bei seelischen Vorgängen sprechen wir
von „über und unter der Schwelle“ des Bewußtseins. Wir sagen „neben
der Arbeit erteilt er Unterricht“, „größer als der Ehrgeiz war die Liebe“,
„hinter dieser Maßnahme stand die Absicht“, „im Zeitraum von zwei
Jahren“, „wir gewinnen Einsicht in einen verwickelten Zusammenhang,
aber wirklich erfaßt haben wir einen Gegenstand erst, wenn wir ihn voll
begriffen haben“. Der Raum dient also als Modell für alle unanschau-
lichen Verhältnisse. Unräumliche Verhältnisse können wir als solche
meist gar nicht verstehen.
Schließlich gibt es noch
(5) weitere unüberschreitbare Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit. So
ist uns ein zeitlich oder räumlich unendliches Weltall ebenso unvorstellbar,
wie ein Anfang oder Ende von Raum und Zeit. Und für unser in diesem
Augenblick unleugbares Vorhandensein ist es letztlich unbegreiflich, daß
wir vor kurzem nichtexistent waren und in absehbarer Zeit nicht mehr da
sein werden. Die Wirklichkeit geht also in allen Bereichen vom Begrei-
flichen ins Unbegreifliche über. Es gibt ein „Jenseits unserer Erfahrung“,
was aber nicht heißen muß, ein „Jenseits unserer Wirklichkeit“. (Denn
etwa der Anfang der Welt ist real, aber doch nicht erfahrbar.)
„Das Universum läßt sich nicht auf das beschränken, was der Mensch
zu einer bestimmten Zeit erfassen kann, und es kann unmöglich als
etwas gedacht werden, das sich mit der Entwicklung der menschlichen
Fähigkeiten verändert. Dennoch bedeutet dies zweifellos, daß es
119
ebenso falsch ist, aufgrund unseres unzureichenden Verständnisses
geheimnisvolle Kräe anzunehmen, wie diese a priori aus denselben
Gründen auszuschließen. Wir müssen im Fall der Wissenscha ein-
sehen, wie töricht es ist, darauf zu bestehen, daß die gesamte Realität
der Wissenscha zugänglich sein muß. Die Vorstellung einer Realität
jenseits des wissenschalichen Geltungsbereichs ist durchaus rational,
sofern sich dafür Gründe angeben lassen. Wir müssen einsehen, daß
unsere Kriterien der Entscheidung für das, was real ist, nicht ein für
allemal festlegen, was als real zu gelten hat. Wir können uns irren. Daß
die heutige Wissenscha uns einige der zuverlässigsten Normen an die
Hand gibt, über die wir gegenwärtig verfügen, besagt noch nicht, daß
sie unfehlbar ist“ (R T 1985).
Es sei hier noch eine Textstelle aus D (1984) angefügt, welche
die hier vertretene Auffassung mit der Evolutionstheorie und der evo-
lutionären Erkenntnistheorie in deutlichen Zusammenhang bringt: „Es
gibt nicht den geringsten Anlaß zu der Annahme, ausgerechnet unser
Gehirn stelle in ausgerechnet diesem Weltaugenblick den Endpunkt und
Gipfel der Evolution dar. Nur anthropozentrischer Mittelpunktswahn
wäre der aberwitzigen Unterstellung fähig, daß alle bisherige kosmische
Geschichte in unserem Gehirn kulminiere, mit der Konsequenz, daß
erstmals in dieser Geschichte ein subjektives Weltbild, nämlich unser
eigenes, identisch sei mit der Welt selbst. Zulässig und plausibel ist
genau der umgekehrte Schluß. Plausibel ist allein die Annahme, daß es
auch jenseits des uns angeborenen, des uns von der Evolution auf dem
augenblicklichen Entwicklungsstand zur Verfügung gestellten Erkennt-
nishorizonts noch große, wahrha unausdenkbar große Bereiche der
Realität geben muß, die unserem Verstand und unserer Vorstellung
verschlossen sind. Bereiche, von denen wir durch die gleiche, auf keine
Weise übersteigbare Barriere getrennt sind, die ein Insekt daran hindert,
etwas vom Fixsternhimmel zu wissen, und die es auch dem klügsten
Affen noch unmöglich macht, jemals wissen zu können, was es mit der
kleinen Scheibe auf sich hat, als die sich der Mond auch auf seinem
Augenhintergrund schon projiziert. Wir bekommen die eigentümliche
Schmerzlichkeit dieser Barriere zu spüren, wenn wir unseren Kopf etwa
bei dem aussichtslosen Versuch strapazieren, uns ein Universum vor-
120
zustellen, das endlich ist, obwohl es keine Grenzen hat.“
Die Tendenz der Evolution „hatte darin bestanden, den subjektiven
Erkenntnishorizont im Ablauf der phylogenetischen Zeit immer mehr
zu erweitern. Schon bisher hat die Evolution auf dem Wege von der
Amoebe bis zu uns immer größere Bereiche der objektiv existierenden
Welt zu subjektiv erfahrbarer Wirklichkeit werden lassen. Diesen Pro-
zeß dürfen wir uns nun in die Zukun hinein fortgesetzt denken bis zu
jenem letzten möglichen Schritt, der das Ende der Evolution insofern
bedeuten und herbeiführen würde, als er ein Bewußtsein, einen Erk-
enntnishorizont hervorbringt mit einem Fassungsvermögen, das groß
genug ist für die Wahrheit des ganzen Universums.
Das ist selbstredend keine naturwissenschaliche Aussage mehr,
sondern eine metaphysische Spekulation. Eine Spekulation jedoch,
die insofern zulässig ist, als sie dem von uns rational, wissenschalich
über die Welt gewonnenen Wissen in keinem Detail widerspricht und
als sie sich darüber hinaus auch noch auf eine von uns bei der wissen-
schalichen Beschreibung der Welt entdeckte Tendenz der evolutiven
Entwicklung berufen kann.“ (D 1984).
Einen anderen Aspekt der Begrenzung unseres Wissens hat R-
 (1968) mit seinen Überlegungen zur Überprüarkeit von
Aussagen aufgezeigt. Er unterscheidet folgende Möglichkeiten der
Nachprüarkeit:
(1) Technische Möglichkeit.
Sie besteht, wenn wir im Besitz der Mittel sind, die uns erlauben,
die betreffende Aussage zu verifizieren; z. B. fehlt uns die technische
Möglichkeit, die Aussage „Alpha Centauri hat einen von intelligenten
Wesen bewohnten Planeten“ direkt zu verifizieren.
(2) Physische Möglichkeit.
Sie besteht dann, wenn die Verifizierung der Aussage den Gesetzen der
Natur nicht widerspricht. Die Aussage „Die Temperatur des Sonnenkerns
beträgt 18 Millionen Grad K“ ist nicht direkt (technisch) verifizierbar, es
steht aber kein physikalisches Gesetz dagegen, die Aussage als wahr oder
falsch zu erweisen. Hingegen kann die Aussage „Bewegt sich ein Körper
mit der Geschwindigkeit von 350000 km/s, dann wird er verschwindend
leicht“ physisch nicht verifiziert werden, weil nach den Gesetzen der Physik
121
sich kein Körper mit dieser Geschwindigkeit bewegen kann.
(3) Logische Möglichkeit.
Sie besteht in der Widerspruchsfreiheit der verifizierenden Aussage.
Die unter (2) zuletzt angeführte Aussage ist, obwohl physisch nicht veri-
fizierbar, doch logisch verifizierbar, weil sie keinen Widerspruch enthält.
Aus logischen Gründen nicht nachprüar ist hingegen die Kische
Aussage „Es gibt Dinge an sich, doch sind diese unerkennbar“. Mit
dieser Aussage verhält es sich wie mit der Behauptung „Auf der Venus
gibt es für den Menschen (prinzipiell) unerkennbare Lebewesen“. Eine
andere derartige Aussage wäre die Behauptung mancher Physiker „Es
gibt Tachyonen (überlichtschnelle Teilchen), doch sind sie physikalisch
(prinzipiell) nicht nachweisbar“. Dies kommt auf dasselbe hinaus wie
die Behauptung, sie existierten überhaupt nicht.
Der österreichische Mathematiker und Logiker K G ent-
deckte das „Unvollständigkeitstheorem“, dem zufolge es innerhalb eines
formalen Systems Sätze gibt, deren Richtigkeit (Geltung innerhalb des
Systems) im Rahmen des Systems selbst nicht bewiesen werden kann; da
zu diesen Sätzen auch jener Satz gehört, der die Widerspruchsfreiheit des
Systems aussagt, kann von einer absoluten Widerspruchsfreiheit eines
Systems nicht gesprochen werden. A. C gelang der Nachweis,
daß es kein mechanisches Verfahren zur Lösung logischer und mathe-
matischer Probleme geben kann. Es ist also unmöglich, eine Maschine
(einen Computer) zu konstruieren, mit deren (dessen) Hilfe man für eine
beliebige Aussage feststellen könnte, ob sie aus rein logischen Gründen
wahr ist oder nicht. Das besagt nicht etwa, daß es uns bis heute nicht
möglich ist, einen derartigen Computer zu konstruieren, sondern es
besagt etwas wesentlich Stärkeres: Die Konstruktion einer solchen
Maschine wird niemals möglich sein, weil sie logisch unmöglich ist.
(4) Transempirische Möglichkeit.
R wählt als Beispiel hierfür die Aussage einer Anhängerin
einer religiösen Sekte „Die Katze ist ein göttliches Wesen“. Diese Aussage
ist nur durch eine „übernatürliche“ Erfahrungsart „verifizierbar“.
Eine andere Einteilung der Möglichkeit des Verifizierens wäre die
nach den Arten der Erfahrung. Danach gäbe es eine
a) sinnliche (durch Sinneserfahrung),
122
b) eine introspektive (durch Selbstbeobachtung),
c) eine phänomenologische (durch „Wesensschau“ – eine Art einfüh-
lendes Sichhineinversetzen in das problematische Objekt) – und
d) eine transnatürliche (durch Offenbarung).
C (nach S 21960) hat das Toleranzprinzip aufgestellt,
wonach es jedem freisteht, zu bestimmen, welche Art von Verifikation
er zulassen will. In der Wissenscha werden letztlich nur solche Aus-
sagen als sinnvoll betrachtet werden dürfen, die – direkt oder indirekt
– durch sinnliche Erfahrung verifizierbar sind. Alles andere liegt jenseits
menschlichen Erkenntnisvermögens.
Ein interessanter Gedanke von Mortimer T (1966) soll hier
noch erwähnt werden: „Es lohnt sich wohl, darauf hinzuweisen, daß
viele der wirklich bedeutenden wissenschalichen Erkenntnisse in dem
Nachweis bestanden, daß gewisse Dinge unmöglich sind – daß gewisse
Forschungsrichtungen steril sind und nicht zu bedeutsamen Ergebnissen
führen können. Aus dem zweiten thermodynamischen Gesetz kann man
die Unmöglichkeit der Konstruktion eines perpetuum mobile ableiten;
aus der Hschen Unbestimmtheitsrelation die Unmöglichkeit,
gleichzeitig den Ort und die Geschwindigkeit eines Elektrons exakt zu
bestimmen; aus der Relativitätstheorie die Unmöglichkeit, eine Simul-
tanität an verschiedenen Orten festzustellen.“
Über die Grenzen der Wissenscha hat sich neuerdings auch N-
 R (1985) Gedanken gemacht. Aus dem Werk ›Grenzen der
Wissenscha‹ seien kurz einige Grundideen wiedergegeben. Wenn man
über die Grenzen der Wissenscha nachdenkt, muß man nach R
drei Fragen unterscheiden:
„1. Wie weit kann die Wissenscha tatsächlich gehen: Welches sind die
praktischen Grenzen der Wissenscha?
2. Wie weit sollte die Wissenscha gehen: Welches sind die vernünigen
und ethischen Grenzen der Wissenscha?
3. Wie weit könnte die Wissenscha grundsätzlich gehen: Welches sind
die theoretischen Grenzen der Wissenscha?“
In unserem Zusammenhang geht es vor allem um das letztgenannte
ema. R gelangte zu vier Schlüssen:
1. Die Naturwissenscha hat keine Grenzen. Es gibt keine wissen-
123
schalich vertretbaren Fragen, die die Wissenscha prinzipiell nicht
lösen kann – und daher auch in Zukun nicht lösen könnte. Die
Suche nach unlösbaren wissenschalichen Problemen ist eine Täus-
chung; niemand kann im voraus sagen, auf welche Fragen genau die
Naturwissenscha eine Lösung zuwege bringen kann und aufweiche
nicht.
2. Gleichwohl haben wir gute Gründe zu denken, daß die Naturwis-
senscha niemals abgeschlossen werden kann: Sie kann es niemals
fertigbringen, alle ihre Fragen zu beantworten, alle Probleme zu lösen.
Sie kommt nie an ein Ende.
3. Für die Wissenscha gibt es auch gewaltige Schranken praktischer
(und letztlich ökonomischer) Art. Es sind Projekte denkbar, die aus
Kostengründen nicht verwirklichbar sind.
4. Wir müssen schließlich auch einsehen, daß gewisse Fragen (etwa
Ethik oder Metaphysik) gänzlich außerhalb des Wirkungskreises
der Wissenscha, wie wir sie verstehen, liegen.
„Wir werden immer Fragen über den Menschen und seinen Platz in
dieser Weltordnung haben, die außerhalb des Zuständigkeitsbereichs
der Wissenscha liegen. … Poesie, Drama, Religion, Spruchweisheit usw.
übermitteln allesamt Botschaen, die im Medium des wissenschalichen
Diskurses nicht artikuliert werden können.“ Allerdings: „Zu fürchten,
die Wissenscha stünde im Gegensatz zu menschlichen Werten und
Interessen (und sei ihnen gegenüber nicht bloß gleichgültig), ist nicht
allein unbehaglich, es ist irrational und unangemessen, weil es auf einem
schwerwiegenden Mißverständnis dessen beruht, was Wissenscha
eigentlich und überhaupt ist. … Wie die ›idealistische‹ Tradition der
deutschen Philosophie von H bis H immer ganz richtig
betonte, ist daher das Streben nach wissenschalichem Wissen einfach
ein menschliches Projekt unter anderen.“
Wissenscha kann nicht alles erklären. „Das Äußerste, was wir für sie
beanspruchen können, ist, daß sie alles Erklärbare erklären kann: Sie kann
alle zulässigen Fragen beantworten – wobei die Wissenscha selbst als
bestimmende Kontrollinstanz zur Zulässigkeit fungiert. Der Gedanke
relativer Zulässigkeit zeigt, daß das gegenwärtige Erkenntnissystem nicht
nur die Reichweite unserer Behauptungen eingrenzt, sondern ebenso
124
den Umfang der Fragen, die wir angemessener Weise stellen können.“ So
gibt es beispielsweise für den „Ursprung aller Existenz“ keine Erklärung
im Sinne einer Kausalverbindung zu vorausliegenden Ereignissen (vgl.
1.3). Nach R ist dies aber kein Beweis für die Grenzen naturwis-
senschalicher Erklärung.„Es beweist lediglich die Sinnlosigkeit der Er-
wartung, ein ursprüngliches Schöpfungsereignis könne im strengen Sinn
kausal erklärt werden. Der Wissenscha eine Aufgabe aufzubürden, die
grundsätzlich nicht erfüllt werden kann, führt zu überhaupt nichts.“
Von „unzulässigen Fragen“ streng zu unterscheiden sind nach R
„unlösbare Probleme“. Solche sind nämlich zulässige Fragen, auf die jedoch
– jetzt und für immer – unmöglich eine Antwort gegeben werden kann.
„Um ein unlösbares Problem nachzuweisen, müßten wir zeigen, daß eine
bestimmte wissenschalich angemessene Frage solcherart ist, daß ihre
Lösung jenseits jedes (möglichen oder vorstellbaren) Leistungsstandes
zuküniger Wissenscha liegt.…Es wäre höchst unvernünig,zu erwarten,
die Natur würde das Aureten kognitiv bedeutsamer Phänomene auf jene
Gebiete beschränken, die innerhalb unserer Reichweite liegen.“

4.2 Das Schicksal wissenschalicher eorien

P (nach S 1988) sieht den Fortschritt der Wissenscha


im wesentlichen und trotz aller Irrtümer als ständige Annäherung an die
Wahrheit, die wir aber nie ganz erreichen können. „Wir hungern nach
Absolutem, müssen uns jedoch mit dem Plausiblen zufrieden geben“
(R 1985). Der Gang der Wissenscha besteht nach P in
einem ständigen Probieren, Irren und Weiterprobieren. Auch R
meint: „Wir müssen so realistisch sein einzusehen, daß hinsichtlich un-
seres wissenschalichen Weltbildes unsere sicherste Erkenntnis sehr
wahrscheinlich nicht mehr ist als ein momentan akzeptierter Irrtum.“
Keine bestimmte eorie kann als absolut sicher betrachtet werden; jede,
auch die am besten bewährte, kann unter Umständen wieder problema-
tisch werden. Die Entwicklung wissenschalicher eorien läßt sich
danach mit dem Evolutionsmechanismus von Mutation und Selektion
vergleichen: Im Wechselspiel von Versuch und Irrtum wird eine eorie

125
ständig abgeändert, um auch neuentdeckte Zusammenhänge erklären
und altbekannte Tatsachen besser erklären zu können. Wie in der Evolu-
tion wird ein einmal eingeschlagener Weg so lange beibehalten, bis er in
eine Sackgasse führt, in eine Krise gerät: Die eorie genügt nicht mehr,
weil Fakten bekannt geworden sind, die sich einer Erklärung durch die
verfügbare eorie hartnäckig widersetzen. Dann wird sie zunächst
gewöhnlich etwas verbessert und abgeändert, so daß sie die neuen Ge-
setze wieder zu decken, neue Fakten wieder zu erklären vermag.
Früher oder später kommt aber der Moment, da man sie überhaupt
nicht mehr zur Erklärung aller neuen Gesetze heranziehen kann.
Trotzdem toleriert man sie noch, solange sie immerhin viele Gesetze
zu erklären vermag. Schließlich wird sie aber doch so kompliziert und
ungenügend, daß sie als falsifiziert betrachtet werden muß, man sie
aufgibt und nach einer neuen, besseren eorie sucht. Nach 
kann also eine neue eorie erst dann die Stelle der früheren einnehmen,
nachdem die alte eorie aufgrund von falsifizierenden Erfahrungen
preisgegeben worden ist. Dieses Psche Bild mag zwar für primitive
Denkstadien, für welche man zwischen Hypothesen und eorien nicht
zu unterscheiden braucht, angemessen sein. Mindestens in den Fällen
jedoch, in denen eine eorie der mathematischen Physik vorliegt, ist
aber ein Bild, das zuerst von  entworfen wurde, angemessener.
Nach T S. K (1967) wird eine eorie niemals falsifiziert,
sondern durch eine neue Ersatztheorie verdrängt, so wie in der Evolution
existierende Arten durch lebenstüchtigere neue verdrängt werden. Die
Entscheidung, eine eorie abzulehnen, ist immer eine Entscheidung
zugunsten einer neuen eorie, die mehr leistet, d. h. mehr Erklärungen
und eintreffende Prognosen abzuleiten gestattet.
Grundliegender wissenschalicher Fortschritt kommt aber auch nicht
durch induktive Anhäufung von Wissen oder durch Ausbau vorhanden-
er eorien zustande (wie die Empiristen glaubten), sondern o gerade
dadurch, daß sich jemand im Gegensatz zur herrschenden Auffassung
stellt, zum wissenschalichen Revolutionär wird, mit seiner neuen Idee
an den Grundfesten der bisherigen eorie rüttelt. „Bei bedeutenden
wissenschalichen Fortschritten geht es gewöhnlich nicht darum, ein-
ige weitere Tatsachen hinzuzufügen, sondern den Denkrahmen selbst
126
zu verändern“ ( 1985). „Die Geschichte der Wissenscha ist
im wesentlichen eine Geschichte des Genies“ (M 1972). O
ist wissenschalicher Fortschritt auch verbunden mit einer Befreiung
von althergebrachten Irrtümern, von Aberglauben und Mythen. „Die
Alternative zu der Annahme, daß die Wissenscha ein hohes Maß an
Wahrheit hat, ist die Rückkehr dazu, einer Hexe die Schuld zu geben,
wenn eine Kuh krank ist. Diese Ansicht aber ist gründlich verkehrt. Es
stimmt, daß die spätere Wissenscha die besser begründete ist. Es stim-
mte, daß es irrational wäre, die spätere Wissenscha gegen die frühere
einzutauschen (ganz zu schweigen vom Aberglauben). Aber die Über-
legenheit der späteren Wissenscha beruht nicht darauf, daß sie mehr
Wahrheit hat oder der Wahrheit näher ist. Sie beruht vielmehr darauf,
daß sie uns eine besser haltbare Vermutung hinsichtlich der Wahrheit
bietet— Spätere wissenschaliche eorien sind den früheren nicht
deshalb überlegen, weil sie die Natur zuverlässiger abbilden, sondern
weil sie uns leistungsfähigere Mittel der Voraussage und Kontrolle bietet“
(R 1985).
Nach K allerdings bedeutet eine wissenschaliche Revolution
keine Erkenntnisvermehrung, und zwar deshalb, weil rivalisierende
eorien unvergleichbar seien und man daher nicht sagen könne,
welche von ihnen die bessere sei. Demgegenüber läßt sich aber doch
eine Wissensvermehrung über die revolutionären Phasen der Wissen-
scha hinweg dann feststellen, wenn eine verdrängende eorie alle
Leistungen der verdrängten eorie übernimmt und darüber hinaus
weitere erbringt. Die Grenzen unseres Wissens werden so ständig
weiter hinausgeschoben. Dies scheint doch ein wesentlicher Aspekt
wissenschalichen Fortschritts zu sein. So wächst unser Wissen zwar
immer mehr an, aber – und dies mag für viele eine bittere Enttäusc-
hung sein – wir werden nie eine absolute Wahrheit besitzen. Wir kön-
nen uns nur immer bessere Modelle von der Realität machen. Freilich:
„Die Versuchung ist nur allzu groß, zu glauben, daß eine grenzenlos
fortgesetzte Forschung schließlich zu einem letzten und endgültigen
Ergebnis kommen muß…. Was der Verlauf wissenschalicher Ent-
wicklung hervorbringt, wird er ebenso einmal auslöschen. Daher ist
unsere Wissenscha schlichtweg nicht in der Lage, ein endgültiges
127
Bild der physikalischen Realität zu liefern. Es gibt keinen Grund zu
glauben, daß wissenschaliches eoretisieren in der Zukun grund-
sätzlich ein letztes und endgültiges Ergebnis erreichen muß… Was an
der Wissenscha stabil ist, das sind ihre grundsätzlichen Ziele, nicht
ihre Fragen -ganz zu schweigen von ihren Antworten“ (R
(1985). Alle unsere eorien haben hypothetischen und damit vorläu-
figen Charakter, sind jederzeit revidierbar. Dieser Punkt unterschiedet
ja auch die Wissenscha von dogmatischen Ideologien. Das Problem
der Grenze unseres Erkenntnisvermögens ist selbst ein Grenzprob-
lem, nämlich ein Grundproblem der Wissenschasphilosophie.

4.3 Von der Wissenscha zur Ideologie

Relativ am Vorurteilsfreiesten ist derjenige, der


zugibt, daß er Vorurteile hat, der sich bemüht, diese
zu entdecken, der aber weiß, daß ihm das nie ganz
gelingen kann.
Hans Lenk

Im Laufe der Menschheitsgeschichte wurden die unterschiedlichsten


Versuche unternommen, „die Wahrheit“ zu finden. Und allzuo wurden
(und werden) dabei die Grenzen menschlichen Erkenntnisvermögens
nicht eingehalten oder es wurde (und wird) unsere Fähigkeit, die Welt
und ihre komplexen Strukturen zu erkennen, weit überschätzt. Häufig
aber auch scha sich menschliche Phantasie unnötigerweise Schein-
probleme, indem Phänomene und Zusammenhänge angenommen
werden, die gar nicht existieren (so in der Parapsychologie). Gerade
heute sind viele Menschen von der traditionellen Wissenscha und vor
allem ihren Folgen, die sich in der modernen Technik zeigen, enttäuscht.
Die Vergiung unserer Welt und die Aufrüstung machen den Menschen
Angst. Eine Technik- und Wissenschasfeindlichkeit macht sich breit.
Doch ist eines sicher: Nur mit Hilfe der Wissenscha werden wir die
globalen Menschheitsprobleme lösen können. Es gilt daher, das Kind
nicht mit dem Bade auszuschütten, die Ratio nicht mit dem Rational-
ismus über Bord zu werfen. Vernun, Rationalität und Wissenscha

128
sind nicht alles, es gibt auch das Gefühl, es gibt Kunst. Das Mißtrauen
gegenüber der modernen Wissenscha und Technik darf aber nicht zu
Wissenschasfeindlichkeit führen, denn letztlich werden wir nur mit
Hilfe von Wissenscha und Technik imstande sein, aus der scheinbaren
Sackgasse der Entwicklung herauszukommen. Keine irrationalistische
Ideologie wird verhindern, daß wir an einem ökologischen Desaster
oder an einem atomaren Holocaust zugrunde gehen. Nähme man der
Menschheit alle Ideologien und Religionen, sie würde weiterexistieren.
Schae man dagegen von heute auf morgen alle Technik ab, wären
spätestens in einem halben Jahr neunzig Prozent aller Menschen tot.
Es gilt also, einer geistigen Umweltverschmutzung entgegenzutreten,
einen Irrationalismus zu bekämpfen, der den Untergang unserer Gattung
nur beschleunigt. Es soll dabei nicht einer blinden Wissenschasgläu-
bigkeit das Wort geredet werden. Aber zweifellos haben Wissenscha
und Technik das „menschliche Maß“ verloren, das es wieder zu finden
gilt. Was wir heute dringend brauchen, ist eine ökologisch angepaßte
und damit auch menschengerechte Technik. Indes droht uns eine Flut
von Ideologien, Ersatzreligionen, drohen uns Wundergläubigkeit und
Pseudowissenscha zu überfluten und die Geister der Halbgebildeten zu
vernebeln. In der Tat ist es dem Laien fast unmöglich, die Spreu vom Wei-
zen zu trennen, wenn selbst „Wissenschaler“ den Unfug mitmachen.
Man denke hier an das Enfant terrible der Wissenschasphilosophie
P F, für den Mythos und Wissenscha, Magie und Tech-
nik sich im Grunde nicht voneinander unterscheiden.
E (1982): „Nach Anthropologie ist heute bei deutschen
Akademikern wieder Anthroposophie gefragt: statt Archäologie und
Prähistorik lesen Millionen Bundesbürger Atlantologie, Bermudologie
und D Prä-Astronautik; Alchemie, nicht Chemie gewinnt
neue Freunde; interdisziplinäre Wissenschaler-und Ingenieurteams
beschäigen sich hauptberuflich mit Lu-und Raumfahrt, neben-
beruflich betreiben sie Ufologie; Mathematik wird von Numerologie,
Philosophie weltweit von esoterischen Metaphysiken und Mystik
überrundet, während Physiker seit Jahren in wachsender Zahl eigene
paraphysikalisch-parapsychologische Tagungen besuchen.
Statt Prognostik finden Prophezeiungen ein mehr oder minder gläu-
129
biges Publikum; Anti- oder Parapsychiatrie kämp gegen Schulpsychi-
atrie an, und Parapsychologie hat neuerdings nicht nur ein interessiertes
psychologisches, sondern zunehmend ein spiritistisches Publikum.
Soziologie in Europa wird mehr und mehr von Parasoziologie über-
wuchert; neben statistische Veröffentlichungen sind in den letzten Jahren
zunehmend harmonikale Schrien (z. B. Pyramidologie) getreten, und
Zoologie bedeutet für Tausende interessierte Leser in der westlichen
Welt Nessie- oder Yeti-Forschung.“
Es scheint daher zweckmäßig und notwendig, einige Begriffsklärun-
gen durchzuführen. Es soll der Versuch gemacht werden, folgende
Begriffe zu umschreiben: Wissenscha, Parawissenscha, Metaphysik,
Glaube, Aberglaube und Ideologie.
(1) Wissenscha ist definierbar als systematisierte Erkenntnis oder
als System von intersubjektiv prüaren Sätzen mit prognostischer
Relevanz (d. h., sie müssen Voraussagen erlauben). Allerdings : Auch
in der (Standard-)Wissenscha muß viel „geglaubt“ werden:
a) Der Wissenschaler kann unmöglich selbst alle eorien, Hypoth-
esen und Gesetze einer Disziplin überprüfen, insbesondere aber kann
der Laie oder Schüler nicht umhin, wissenschalichen Autoritäten
Glauben zu schenken. Sie müssen den Wissenschalern, die Experi-
mente angestellt haben, um eorien zu testen, vertrauen. Freilich ist
Kritik jederzeit zulässig und notwendig.
b) Auch der Wissenschaler muß nichtwissenschaliche oder wenig-
stens vorwissenschaliche (ja metaphysische!) Voraussetzungen machen,
bevor er mit seiner wissenschalichen Forschertätigkeit beginnt. Dazu
gehört der Glaube an die objektive Existenz einer realen Außenwelt, die
im strengen Sinne nie beweisbar ist, wofür aber Plausibilitätsgründe
angegeben werden können; oder der Glaube an die Möglichkeit, die
Natur zu erkennen und der Glaube an eine Ordnung in der Natur, also
daran, daß es in der Natur Regelmäßigkeiten gibt und nicht chaotisch
zugeht, denn dann wären Prognosen (und Technik) unmöglich. Jede
wissenschaliche Aussage muß prinzipiell intersubjektiv prüar sein.
Jeder, der will und hinreichend intelligent ausgerüstet und ausgebildet ist,
kann wissenschaliche Behauptungen überprüfen. Freilich: Letztlich ist
jede intersubjektive Überprüfung nur intrasubjektiv. Jeder überprü für
130
sich, es sind seine ureigenen Wahrnehmungen, die er macht. Allerdings
kann er feststellen, daß andere Individuen die gleichen Wahrnehmungen
oder doch sehr ähnliche machen. Durch verbale Kommunikation über
eigene Erlebnisse und mit Hilfe summierter evozierter Potentiale des
EEG ist dies bis zu einem gewissen Grad auch verifizierbar.
Am besten wird eine Wissenscha objektiv gemessen werden kön-
nen an der Menge der aus ihren eorien ableitbaren zutreffenden
Prognosen. Und allgemein wird man jede eorie für sich genau
analysieren und auf verschiedene Kriterien, denen Wissenschaf-
ten konventionellerweise zu genügen haben, überprüfen müssen.
Es gibt nämlich (leider!) kein allgemeines Kriterium, das den Sinn
oder Unsinn von Sätzen oder ganzen eorien eindeutig erkennbar
machen könnte. Freilich könnte man jede Disziplin (verschiedene
Wissenschaen, Parawissenschaen, Metaphysik und philosophische
Systeme) willkürlich als Wissenscha bezeichnen, nur wäre das dann
entweder ein erweiterter Begriff von „Wissenscha“ oder auch ein
völlig anderer. Man müßte dann etwa von W1, W2, W3 usw. sprechen.
Einigen allgemein als wesentlich anerkannten Kriterien für Wissen-
schalichkeit müssen jedoch zweifellos alle diese Wissenschastypen
entsprechen, da sie ohne diese sinnlos wären und sich selbst ad absur-
dum führen würden, etwa wenn in ihrem System die Forderung nach
Widerspruchsfreiheit nicht gelten würde, wenn also innerhalb der
eorie ein Satz und sein genaues Gegenteil behauptet werden düre,
z. B. „Es gibt einen Gott“ und „Es gibt keinen Gott“.
(2) Parawissenscha soll hier in Anschluß an E (1982) als
Randgebiet unseres Wissenschasbetriebes verstanden werden. Die
Standard- oder Schulwissenscha darf keinen Anspruch auf ein Erk-
enntnismonopol erheben, dann wäre sie Ideologie. Deshalb soll hier
nicht von Pseudowissenscha gesprochen werden, sondern von Parawis-
senscha. Dazu gehören Disziplinen wie Paranormologie (die sich mit
paranormalen Phänomenen befaßt) oder Astrologie.
Vieles, was früher als Wissenscha galt, ist heute als falsch erwiesen
oder wird als unwissenschalich abgetan. Dies gilt für die Astrologie
genauso wie für den Marxismus.
Viele ursprünglich abstruse metaphysische eorien haben sich um-
131
gekehrt zu brauchbaren wissenschalichen eorien entwickelt. (Man
denke nur an den Atomismus D ) So kann die Astrologie
als die Großmutter der Psychologie angesehen werden. N kam
zu seiner Gravitationstheorie aufgrund von Überlegungen über die
Allmacht Gottes.
Die Abgrenzung zwischen Wissenscha und Parawissenscha ist nicht
leicht. Denn auch unsere heutigen „wissenschalichen“ eorien kön-
nten später als vor-, un- oder pseudowissenschalich angesehen werden.
Parawissenschaen verwenden allerdings häufig Immunisierungsstra-
tegien, ein eindeutiges Indiz für Unwissenschalichkeit (was nicht
heißen soll, daß es nicht auch in der Schulwissenscha Immunisierungs-
versuche gibt!). Ein anderes Kennzeichen einer Pseudowissenscha ist
nach R (1985) die Vollständigkeit. Pseudowissenschaen sind
gewöhnlich so konstruiert, „daß die Fragen, die man stellen darf, genau
diejenigen sind, die das vorliegende Instrumentarium zu lösen in der
Lage ist. … Die Scheidelinie zwischen Wissenscha und Pseudowissen-
scha kann nicht durch die jeweiligen Inhalte definiert werden – durch
die Art von esen und eorien, die behauptet werden –, sondern nur
durch die Methode, durch die Art, wie diese eorien belegt werden.“
Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe von pragmatischen Kriterien,
die eine Parawissenscha charakterisieren, wie E darlegt. So
fordern Paradis-ziplinen bekennerisch die Anerkennung ihres Objekts
(z. B. die Existenz von PSI in der Parapsychologie), sie beanspruchen
eigene Methoden und Ansätze – obgleich eorienbildung im Sinne der
Schulwissenschaen meist fehlt –, sie bieten Ad-hoc-Erklärungen als
„Erklärungsprinzipien“ an. Sie orientieren sich an Wertprämissen und
erfüllen psychosoziale Funktionen für ihre Angehörigen wie für die Ge-
samtgesellscha. Parawissenschaen weichen also hinsichtlich Objekt,
Methodik und Erklärung von den orthodoxen Wissenschaen ab und
sind daher wertfrei als „deviante Wissenschaen“ zu bezeichnen.
Trotz möglicher Skepsis und berechtigter Kritik, die insbesondere ge-
genüber der Methodik mancher Parapsychologen anzubringen ist, muß
betont werden, daß wir heute nicht in der Lage sind, alle für paranormal
gehaltenen Phänomene rational im Rahmen heutiger Wissenscha zu
deuten und zu erklären. Wir dürfen fairerweise nicht a priori auss-
132
chließen, daß es möglicherweise das eine oder andere ungewöhnliche
Phänomen (z. B. Telepathie, Präkognition oder Telekinese) tatsächlich
gibt. Zu zahlreich sind die Berichte von zum Teil durchaus glaubwür-
digen Zeugen. Wir müssen uns offenhalten für ein neues Paradigma.
R T (1985): „Es ist durchaus möglich, daß es weite Bereiche
gibt, die wir als Realität anzuerkennen bereit sein sollten und die von
der gegenwärtigen Wissenscha nicht erklärt werden können. Das kann
prinzipiell für die Existenz von Gespenstern, Geistern, spirituellen und
anderen Wesenheiten zutreffen, die von jedem gestandenen Wissen-
schaler abgelehnt wird. … Es mag gute Gründe dafür oder dagegen
geben, Realitäten jenseits wissenschalicher Erklärungen anzunehmen,
aber jeder Fall muß für sich untersucht werden. Eine dogmatische
Ablehnung der reinen Möglichkeit ist selbst ebenso irrational wie eine
gläubige Hinnahme ohne jede Evidenz.“
Was jedoch notwendig wäre, ist ein intensives Forschungsprogramm
und eine äußerst kritische Untersuchung paranormaler Phänomene.
L M (1980): „Parapsychologie hat … neben Forschungsauf-
gaben auch die Funktion, Psychohygiene zu treiben, für ›seelischen
Gesundheitsschutz‹ auf dem Gebiet des Okkultismus zu sorgen.“ Sie
hätte also einer immer weiter um sich greifenden geistigen Umweltver-
schmutzung entgegenzuwirken.
(3) Metaphysik kann allgemein aufgefaßt werden als Lehre von Ge-

Bereiche der Paradisziplinen (nach M 1980, ergänzt):


a) Außersinnliche Wahrnehmung (ASW oder auch ESP: Telepathie,
Hellsehen, Präkognition, Wünschelrute, Pendel);
b) Psychokinese, Materialisation, Spuk, Gedankenfotografie, Ton-
bandstimmen Verstorbener;
c) Überdauern des körperlichen Todes, leibfreie Existenzformen,
Reinkarnation;
d) Paranormale Heilung (Geistheilung, Wunderheilungen);
e) Mantische Deutungspraktiken (Astrologie, Chirologie, Tarot,
IGing);
f) Erweiterte Bewußtseinszustände.

133
genständen, die jenseits unserer Sinneserfahrung liegen oder dieser
auch zugrunde liegen. Mit der Erweiterung des Wissenschasbegriffs
könnte z. B. auch der Erfahrungsbegriff erweitert werden. Während
der positivistische Wissenschaler nur die Sinneserfahrung gelten läßt,
könnte etwa ein Metaphysiker auch die innere Erfahrung (Wesensschau,
Intuition, mystische Versenkung) als Erfahrungsart zulassen und darauf
ein System, eine eorie auauen. Niemand könnte einem Menschen
seine subjektive innere Erfahrung streitig machen.Wenn er behauptet, er
habe das Gefühl des Einsseins mit Gott oder dem All erfahren, so kann
dem nichts entgegengehalten werden. Lediglich die Zahl der Menschen,
denen solche Erfahrungen zuteil werden und zu gänglich sind, wird relativ
klein sein. Die Gemeinscha der Mystiker jedoch könnte durchaus in
ihrem esoterischen Kreis über ihre Erfahrungen kommunizieren und
vermutlich Gemeinsamkeiten herausfinden. eoretisch wäre immerhin
ein Sprachspiel der Metaphysik denkbar, deren Objekte freilich in
keinem sinnesempirischen Kontakt mit der natürlichen Realität gedacht
werden könnten.Auch eine sich als Wissenscha verstehende Metaphysik
müßte gewisse Mindestforderungen erfüllen: Konsistenz der verwendeten
Ausdrücke, Widerspruchsfreiheit, korrekte logische Ableitungen usw.
(4) Glaube bedeutet Fürwahrhalten einer Behauptung aufgrund einer
Autorität, der man vertraut. Glaubensinhalte sind nicht von jedem über-
prüar, wie dies von wissenschalichen Sätzen gefordert wird. Häufig
schleicht sich beim Versuch, die Wahrheit von Glaubenssätzen zu beweisen,
ein Zirkelschluß ein. So gilt die Bibel als das Wort Gottes, deshalb muß
alles, was in der Bibel steht, auch wahr sein. Hier wird das zu Beweisende
(daß die Bibel Gottes Wort sei) bereits als wahr vorausgesetzt.
Typisch für Glaubenssysteme ist die Bildung von Dogmen, also un-
bezweifelbaren Glaubenssätzen, die a priori jede externe Kritik verbi-
eten. Gerade die Dogmatisierung jedoch bewirkt eine Erstarrung des
Glaubens und führt zu Widersprüchen mit wissenschalichen Erkennt-
nissen. Der Zwang der Anpassung des Systems an die Fakten führt dazu,
daß die Dogmatiker in zunehmendem Maße „entmythologisieren“ müs-
sen, ohne zu bemerken, daß sie damit das Glaubensgebäude unterhöhlen
und in Gefahr versetzen, daß es eines Tages ganz zusammenbricht. Der
undogmatische Hinduismus ist dieser Gefahr weit weniger ausgesetzt als
134
das Christentum und hier wieder ganz besonders der Katholizismus, von
einigen Sekten ganz zu schweigen, für die wissenschalicher Fortschritt
überhaupt nicht zu existieren scheint.
Zugegeben werden muß jedoch, daß es auch in der offiziellen Wissen-
scha „Dogmen“ gibt, die aber – obwohl sie zur Zeit als unumstößlich
gelten – prinzipiell kritisierbar und revidierbar sind, was für religiöse
Dogmen eben gerade nicht gilt.
(5) Aberglaube bedeutet soviel wie Gegenglaube, also ein Glaube, der
dem eigenen Glauben widerspricht. Er beinhaltet das, was die anderen
glauben. So läßt sich von einem bestimmten Standpunkt aus jeder
Glaube zum Aberglauben relativieren.
Eine brauchbarere Definition scheint folgende zu sein: Aberglaube
ist von der gegenwärtigen Wissenscha eindeutig widerlegter Glaube.
Beispiele dafür sind der Hexenglaube oder der Glaube, die Planeten
würden von Engeln geschoben.
Aberglauben gibt es aber auch in der Wissenscha. Ein Beispiel aus der
Geschichte ist die Phlogiston-eorie, die heute als eindeutig widerlegt
betrachtet werden darf. Beim Verbrennen entsteht nicht – wie früher
vermutet – ein geheimnisvolles Fluidum, sondern es wird Sauerstoff
gebunden. Um die Phlogiston-eorie zu retten, wurde seinerzeit die
Ad-hoc-Hypothese eingeführt, Phlogiston habe ein negatives Gewicht,
deshalb nehme das Gewicht des Verbrennungsproduktes zu. Derartige
Rettungsversuche werden auch heute noch unternommen, um sonst
gut bewährte eorien nicht aufgeben zu müssen.
Vielleicht werden viele unserer heutigen eorien in der Wissenscha
in der Zukun als unsinniger Aberglaube abgetan werden.
(6) Ideologie kann verstanden werden als ein vor- oder unwissenschali-
ches Überzeugungssystem mit Herrschasansprüchen. Religionen müssen
nicht von vornherein Ideologien sein, können aber zu solchen entarten.
Ob im Einzelfall eine Ideologie vorliegt, muß eine Detailuntersuchung
ergeben, genau wie bei einer wissenschalichen eorie ihr empirischer
Gehalt nur durch eine exakte Analyse festgestellt werden kann.
Nach S (1972) sind für Ideologen einige Vorgangsweisen
typisch:
a) Verwendung dichotomischer Deutungsschematas (z. B. arisch-
135
jüdisch, kapitalistisch – kommunistisch).
b) Einführung dämonisierender Feind-Stereotype (z. B. Judentum als
Weltfeind, Kapitalisten, Imperialisten, Kommunismus).
c) Absolute Wahrheitsbehauptungen (Dogmatisierung von unumstößli-
chen „Grundwahrheiten“).
d) Beanspruchung eines Erkenntnismonopols (Behauptung eines
unkontrollierbaren höheren Wissens; z. B.: Nur wer proletarisches
Bewußtsein besitzt ist imstande, die Entwicklungsgesetze der Ges-
ellscha zu erkennen).
e) Anwendung von Immunisierungsstrategien (z. B. Unfehlbarkeit-
sanspruch des Papstes in Glaubensfragen, H bei politischen
Entscheidungen).
f) Verwendung von Leerformeln („Freiheit“,„Demokratie“). Nach S-
 versteht man unter „Ideologie“ am besten „Gedankengebilde,
welche die Macht- und Lebensansprüche bestimmter gesellschali-
cher Gruppen legitimieren und deren Unwahrheit oder Halbwahrheit
auf eine interessen- und sozialbedingte Befangenheit ihrer Vertreter
zurückzuführen ist“. Wäre abschließend noch zu bemerken, daß nicht
nur philosophische und religiöse Systeme, sondern auch Paradiszi-
plinen und sogar orthodoxe Wissenschaen zu Ideologien entarten
können, man denke hier etwa an die Fsche Psychoanalyse.

4.4 Wissenscha und Mystik

Durch die hohe Spezialisierung und Komplexität der Wissenscha


ist es dem einzelnen Forscher heute unmöglich, alle Bereiche auch nur
seines Faches zu überblicken, geschweige denn über die Erkenntnisse
aller Forschungsbereiche auch nur annähernd Bescheid zu wissen.
Immerhin aber zeichnet sich heute eine Synthese der Ergebnisse der
Einzeldisziplinen und eine enger werdende Zusammenarbeit der ver-
schiedensten Wissenschaen ab, die zu einer wieder mehr ganzheitli-
chen Sicht der Wirklichkeit führt. Wir sehen immer deutlicher, daß die
Welt ein Ganzes ist und daß dieser Ganzheit nur eine ganzheitliche
(holistische) Betrachtungsweise gerecht zu werden vermag (vgl. 1.7).
136
Dieses neue Systemdenken, wie es vor allem durch J (1982)
und C (1984) propagiert wurde, ist auch Bestandteil einer an sich
unwissenschalichen Denkweise, wie wir sie in den Ideen der New-Age-
Bewegung vorfinden. Hier wird allerdings wissenschaliches Denken
mit mystischem Gedankengut auf eine unerquickliche Art und Weise
vermischt – ein Vorgehen, das sich teilweise auch bei  findet.
Insbesondere meinen die Vertreter des New Age, fernöstlich-mystisches
Denken (und anderes esoterisches „Wissen“) mit westlich-rationalem
Denken verschmelzen zu können. So glaubt man etwa, in alten chi-
nesischen Weisheiten modernste wissenschaliche Erkenntnisse vor-
weggenommen zu sehen, z.B. im Orakelbuch IGing den genetischen
Code. Hier werden Zusammenhänge konstruiert, die auf rein zufälligen
Parallelen beruhen. Grundsätzlich ist esoterisch-mystisches Denken
mit wissenschalicher Rationalität nicht in Einklang zu bringen. Eine
Denkweise, in der Widersprüche geduldet werden, ja als „fruchtbar“
für den Fortschritt des Denkens erscheinen, ist mit wissenschalicher
Methodik unvereinbar.
Ich kann zwar als Mensch zu meiner Erbauung und Entspannung
mystische Versenkungsübungen und Meditationen durchführen, aber
nicht in der Funktion als Wissenschaler. Esoterische „Erkenntnisse“
sind für die Wissenscha nur in seltenen Fällen fruchtbar – fruchtbar in
dem Sinne, daß sie Impulse zu geben vermögen für weitere Forschung.
Der Mensch ist ganz sicher nicht nur ein rationales Wesen, sondern auch
ein zutiefst von seinen Emotionen bestimmtes. Mystisches Erleben und
mystische Gefühle mögen daher zwar für die Persönlichkeitsbildung
des einzelnen günstig oder sogar wichtig sein, mit Wissenscha sollte
das Mystische jedoch nicht vermengt werden. Die Welt ist durch uns
Menschen rational sicher nicht völlig erfaßbar, die Grenzen unseres Wis-
sens über sie sind aber zweifelsohne auch durch mystisch-esoterische
Einsichten nicht hinausschiebbar. Zumindest muß die Überprüfung
irgendwelcher Ahnungen oder mystischer Eingebungen und Vermu-
tungen streng empirisch-rational erfolgen. Einfühlendes Verstehen und
mystisches Erleben haben zwar ihre Berechtigung beim Zustandekom-
men von – auch wissenschalichen – Erkenntnissen (also im Entste-
hungszusammenhang), nicht jedoch im Begründungszusammenhang,
137
wenn es darum geht, eine Hypothese zu verifizieren.
Die Welt geht nicht rational auf, doch die Grenzen unseres Erkennens
dieser Welt lassen sich nur durch wissenschaliches Vorgehen immer
weiter hinausschieben, mystische Versenkung vermittelt allenfalls sub-
jektive Erfahrungen, die jedoch nicht mit wissenschalicher Erkenntnis
verwechselt werden dürfen.
Diese Einstellung hat nichts zu tun mit Mystikfeindlichkeit und sie
hat auch nichts zu tun mit Wissenschasgläubigkeit, sondern erwächst
aus der Erkenntnis, daß allein die Vernun als eine der edelsten Fähig-
keiten des Menschen imstande ist, die Grenzen echten, intersubjektiv
vermittelbaren Wissens immer weiter hinauszuschieben – hin zu einem
Horizont der Wahrheit, den wir nie erreichen werden.

138
EPILOG

Die verschiedensten Wissenschaen haben zutage gefördert, daß un-


ser menschliches Erkenntnisvermögen in vielfacher Weise an Grenzen
stößt.
(1) Da gibt es einmal die Grenzen unserer Wahrnehmungsfähigkeit.
Man denke nur an die feinen Sinne mancher Tiere, aber auch an unsere
Unfähigkeit, sehr Großes oder sehr Kleines wahrzunehmen.
(2) Ferner existieren Grenzen unserer Sprache, die nach W-
 „die Grenzen meiner Welt“ bedeuten. S und W haben in
ihrer eorie des sprachlichen Determinismus darauf hingewiesen, daß
unser Weltbild weitgehend von der Struktur unserer Sprache abhängt
(eher düre eine Wechselwirkung zwischen Sprechen und Denken vor-
liegen). Das würde heißen, daß Sprachen anderer Strukturen, z. B. solche
ohne Subjekt-Prädikat-Konstruktion, vielleicht besser imstande wären,
bestimmte Sachverhalte – etwa in der Quantenphysik – zu beschreiben.
Anderer seits wäre vermutlich eine Wissenscha in unserem Sinne im
Kontext einer völlig anders gearteten Sprache gar nicht entstanden.
(3) Die Definitionslehre zeigt, daß wir beim Definieren von Aus-
drücken an Grenzen der Exaktheit stoßen. Letztlich werden wir immer
wieder auf die Umgangssprache zurückverwiesen.
(4) Da gibt es weiter die Grenzen der Erklärbarkeit, wie sie besonders
von  aufgezeigt wurden. Wo nichts mehr vorausgesetzt wer-
den kann, kann eine eorie auch nicht mehr überprü werden, etwa
bei der Frage nach der Entstehung der Welt.
(5) Auch wenn wir es heute mit Hilfe der Mathematik weit übersteigen,
so bleibt doch unser beschränktes Fassungs- und Anschauungsvermö-
gen eine für unseren Verstand unüberwindbare Grenze.
(6) Auch eine falsche Betrachtungsweise und dadurch falsche Frag-
estellung stellt einen erkenntnisbegrenzenden Faktor dar. So ist die
monokausal-lineare Betrachtungsweise für komplexe Systeme zweifellos
inadäquat. Sie kann unsere potentielle Erkenntnisfähigkeit – wenigstens
vorläufig – stark begrenzen.
139
(7) Schließlich gibt es gesellschalich-historische Voraussetzungen
des Denkens, deren wir uns gar nicht bewußt sind. Wir sind Kinder
unserer Gesellscha und unserer Zeit. Wir können nicht über unseren
soziologisch-historischen Schatten springen. Unser Denken entspricht
der allgemeinen Denkweise unseres Zeitalters. Es baut auf dem
gegenw/ärtigen Wissen auf. Gerade in unserer Epoche bahnt sich ein
Paradigmenwandel an von einer mechanistischen Sehweise zu einer
ganzheitlich-kybernetischen Systembetrachtungsweise.
All diese Grenzen wissenschalicher Wahrheitsfindung zu sprengen
maßen sich allerdings die Pseudo- und Parawissenschaen an, denen
die Wunder unserer Welt offensichtlich nicht genügen (als ob etwa
das Leben für uns kein Wunder wäre) und die daher synthetische
Ersatzwunder konstruieren und für bare Münze nehmen. Nicht daß
wir die verschiedenen behaupteten paranormalen Phänomene nicht
ernstha untersuchen sollten, nur müßte dies unvoreingenommen und
viel kritischer geschehen als bisher. Auch ist ein Paradigmenwechsel
dahingehend nicht prinzipiell ausgeschlossen, daß unser gegenwärtig
gültiges Weltbild der Naturwissenschaen so erweitert werden könnte,
daß heute angezweifelte oder unerklärliche Phänomene in einem neuen
Paradigma ihren legitimen Platz finden könnten. Zur Zeit allerdings
spricht fast alles gegen eine solche Möglichkeit.
Die letzte Wahrheit werden wir nicht finden, wir haben immer nur
mehr oder weniger gute Modelle von der Wirklichkeit. Das neue ho-
listische (Ganzheits-)Paradigma erlaubt zweifellos in vielen Bereichen
neue adäquatere Modelle der komplexen Wirklichkeit. Zahllose Fragen
sind vermutlich prinzipiell unbeantwort-bar. Was aber der Aberglaube,
was uns manchmal Paradiszipli-nen zumuten, hat nicht nur in unserem
heutigen Weltbild keinen Platz, sondern bedeutet, abstruse Vorstellungen
zu akzeptieren, die von der Wissenscha längst anders erklärt oder als
Unsinn ad acta gelegt wurden. Es scheint daher an der Zeit, vermeintli-
che wunderbare Phänomene auf das zu reduzieren, was sie vermutlich
einzig und alleine sind (nämlich normalpsychologisch deutbare Fakten),
und zu versuchen, die vorläufigen Grenzen menschliehen Erkenntnis-
vermögens immer weiter hinauszuschieben, die prinzipiellen Grenzen
aber anzuerkennen. Dabei bedeutet es selbst wieder ein Grenzproblem,
140
wo die Grenze zu ziehen ist zwischen vorläufigen (empirischen, durch
den jeweiligen Forschungsstand bedingten) und den grundsätzlichen
unauebbaren Grenzen, welche durch die raumzeitliche Struktur un-
seres Erkenntnisapparats Gehirn festgelegt sind.
Wir müssen akzeptieren, daß es für uns unlösbare Probleme gibt,
weil zweifellos kognitiv bedeutsame Phänomene existieren, die jenseits
der Reichweite unseres Verstandes liegen. Wir müssen aber darüber
hinaus anerkennen, daß gewisse Fragen im Rahmen der Wissenscha
unzulässig sind, weil sie mit wissenschalichen Methoden nicht be-
handelt werden können, die außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der
Wissenscha liegen und anderen Bereichen – wie der Darstellenden
Kunst, Dichtkunst, Musik oder Religion – überlassen werden sollen
und müssen.
Wissenscha ist sicher ein ganz wesentlicher Bereich menschlichen
Tuns, aber es gibt neben dem kognitiven Unternehmen Wissenscha
auch noch den emotionalen und den Wertbereich, die von der Wis-
senscha nicht durchgehend erfaßt werden können.

141
142
GLOSSAR

Anagenese: stammesgeschichtliche Höherentwicklung


anthropisches Prinzip: Das Weltall ist genau so beschaffen, daß es Leben und
den Menschen hervorzubringen imstande war
Anthropologie: Lehre vom Menschen
anthropomorph: vermenschlicht (z.B. Gott in Menschengestalt vorgestellt)
Anthroposophie: von Rudolf Steiner begründete wirre Geisterlehre
anthropozentrisch: Denkweise, in der alles auf den Menschen bezogen gedacht
wird
Biosphäre: Gesamtheit des irdischen Lebens
Cerebralisation: Gehirnentwicklung
DNA (Desoxyribonukleinsäure): Erbsubstanz, genetisches Material
Emergentismus: Hypothese, wonach neue Qualitäten (Leben, Bewußtsein)
langsam auauchen
Endosymbiontentheorie: Die Organellen (Funktionsteile) der höheren Zelle
entstanden durch Vereinnahmung ursprünglich selbständiger Bakterien
Entelechie: Lebenskra, die nach Meinung des Vitalismus alle Lebensfunktio-
nen steuert
Euzyte: Moderne, hochentwickelte Zelle im Gegensatz zur Prozyte der Bak-
terien
Evolution: Entwicklung der unbelebten und belebten Natur
evolutionäre Erkenntnistheorie: Lehre, wonach sich menschliches Wahrnehmen
und Erkennen der Wirklichkeit evolutiv in Anpassung an die Umweltgege-
benheiten entwickelt hat
falsifizieren: widerlegen
Gaia-Hypothese: Die Erde als komplexes System verhält sich analog einem
Organismus
Galaxis: Sternensystem von Hunderten bis Tausenden Milliarden Sonnen. Gal-
axien können sich zu Galaxienhaufen und solche wieder zu Superhaufen
zusammenfügen
Gott: der oberste, stets mehr oder weniger anthropomorph als Person aufge-
faßte Gegenstand religiösen Glaubens. Sein Dasein kann man nur glauben,
nicht beweisen. Es scheint jedoch legitim, einen Schöpfer des Kosmos zu
postulieren
Hominide: menschenartiger Vorläufer des Homo sapiens

143
Hominisation: Evolution der Menschheit
Hyperzyklus: eorie, wonach die erste Zelle durch ein komplexes Wechselspiel
von Nukleinsäuren und Proteinen zustande kam
Ideologie: vorurteilsbeladenes dogmatisches Überzeugungssystem mit
Herrschasanspruch, vor- oder unwissenschaliche Weltanschauung
Immunisierungsstrategie: Methode, eine Lehre gegen Einwände abzusichern
Indeterminismus: (1) Das Weltgeschehen verläu nicht durchgehend kausalge-
setzlich bestimmt (determiniert), sondern zufällig; (2) die Willensentschei-
dungen des Menschen sind frei. Gegensatz: Determinismus
Integrationsphänomen: In der Stammesgeschichte entwickeln sich alle Teile
eines Organismus in gegenseitiger Abstimmung
Kausalität: Ursächlichkeit, Verhältnis von Ursache und Wirkung
kontingent: nicht existierend, zufällig
Kosmogonie: Lehre von der Entstehung und Entwicklung des Weltalls
Kosmologie: Wissenscha von der Struktur des Kosmos
Kritischer Rationalismus: auf Karl R.Popper zurückgehende philosophische
Position, derzufolge alle Problemlösungen widerlegbar sein müssen
Materialismus: Alles ist Materie, das Bewußtsein ist eine Funktion von Ge-
hirnprozessen
Mentalismus: Standpunkt (von Sperry), wonach das Geistige im Menschen eine
gewisse Eigenständigkeit erreicht, ohne jedoch sich vom materiellen Substrat
des Gehirns lösen zu können
Metaphysik: mehrdeutiger Begriff, meist jedoch als Transzendenzmetaphysik
(Lehre vom Übersinnlichen) verstanden (z. B. Gott)
Mutabilität: Fähigkeit der Erbsubstanz, die genetische Information zu verändern.
Ohne sie gäbe es keine Evolution, kein Leben
Mutation: Änderung der genetischen Information der DNA
Ökosphäre: Bereich um eine Sonne, in dem von der Temperatur her Leben
möglich ist
Orthogenese: zielgerichtete stammesgeschichtliche Entwicklung
Paranormologie: untersucht alle außernormalen Phänomene, vor allem als
Parapsychologie (Telepathie, Telekinese usw.)
Phylogenese: stammesgeschichtliche Entwicklung im Gegensatz zur Ontogenese
(Entwicklung des Individuums)
Pongide: Menschenaffe. Die Pongiden werden mit den Hominiden zu den
Hominoidea (Menschenähnlichen) zusammengefaßt
Protobionten: Urzellen, erste bakterienartige Lebewesen
PSI: von den Parapsychologen angenommene Fähigkeit des Gehirns zu
außersinnlicher Wahrnehmung, Psychokinese u. ä.
Raumzeit: In der Allgemeinen Relativitätstheorie werden die drei Dimensionen
des Raumes mit der Zeit zur vierdimensionalen Raumzeit zusammengefaßt

144
Selbstorganisationstendenz: „Fähigkeit“ der Materie, immer komplexere
Strukturen aufzubauen
Selektion: Auslese des Angepaßten im Verlauf der Phylogenese Spiritualis-
mus: Alles ist Geist; Gegensatz zum Materialismus Synthetische eorie
der Evolution: Fortbildung des Darwinismus und Neodarwinismus unter
Einbeziehung verschiedenster Forschungsergebnisse. Den Organismen in-
newohnende Richtkräe, welche die Evolution auf ein Ziel hin steuern,
werden strikt abgelehnt Systemtheorie der Evolution: Evolution wird als
Selbstoptimierungsprozeß der komplexen organismischen Systeme betra-
chtet. Selbstorganisation der Materie und Binnenselektion im genetischen
Material kommen als wesentliche Evolutionsfaktoren hinzu. Hauptvertreter:
R.Riedl, F.M.Wuketits Ideologisch: zielgerichtet

145
146
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150
REGISTER

Namen
Alvarez, L. und W. 43 Eberlein, G. L. 129. 131f.
Anaximander 33 Eccles, J. 89
Aristoteles 33 Eibl-Eibesfeldt, I. 40
Atkins, P.W. 7. 14. 16, 20 Eigen, M. 57
Austeda, F. 89 Engels, F. 88
Epikur 108
Baerlocher, F. 61
Bakker, R. 45 Feigl, H. 89 f.
Bentham, J. 116 Feinberg, G. 96
Birbaumer, N. 104 Feyerabend, P. 129
Bludman, S.A. 11 Fox, S. W. 57
Bohr, N. 91 Franke, H. W. 74
Breuer, R. 47 Frankl, V. E. 107
Bühler, C. 114 Freedman, D. Z. 13
Bühler, K. 85 Freud, S. 19
Bunge, M. 97
Burns, J.O. 9 Gehlen, A. 84
Buytendijk, F. J. J. 84 Gödel, K. 122
Goethe, J. W. v. 118
Cairns-Smith, A. G. 60, 61
Camus, A. 106, 108 Hardy, A. 79
Capra, F. 35, 137 Hart, M. H. 47
Carnap, R. 123 Hartmann, M. 91
Changeux, J.-P. 91, 95 Hawking, S.W. 15
Church, A. 122 Heberer, G. 76. 78
Copleston, F.C. 17 Hegel, G. W. F. 124
Heidegger, M. 124
Darwin, C. 19, 37, 72f. Hölling, J. 92
Del Negro, W. 91 Huchra, J. P. 4
Descartes, R. 89 Hoyle, F. 6 f. 50
Ditfurth, H. v. VII. 20, 23ff. 32f. 52, 85,
87, 120 f. Jantsch, E. 34 f. 136
Dolezol, T. 43
Driesch, H. 28 Kanitschneider, B. 11. 15. 21

151
Kant, I. 72 Russell, B. 17. 109
Kaspar, R. 40 Ryle, G. 90. 92
Kepler, J. 29
Klaus, G. 96, 100 Salamun, K. 135f.
Kopernikus, N. 19 Sapir, E. 139
Krauss, L. M. 11 Schäfer, L. 125
Kühn, T. S. 126 f. Scheppach, J. 4. 38, 82
Schopenhauer, A. 108
Lake, J. A. 60 Schröder, J. 38
Lamarack, J. B. 33 Schuster, P. 57
Leakey, R. E. 74 Schwabe, C. 38
Leibniz, G. W. 89 Seneca 108
Lenk, H. 128 Sherrington, C. 103
Linde, A. 12 Sperry, R.W. 97f. 104
Löbsack, T. 98, 100 Spinoza, B. 89
Lovejoy, C. O. 82 Stegmüller, W. 30, 51, 85, 123,139
Lovelock, J. 35 Steinbuch, K. 96
Lumsden, C.J. 91 Szczesny, G. 87

Margulis, L. 61 Taube, M. 123


Marx, K. 19 Teilhard de Chardin, P. 28, 31, 35f,
Medawar, P. B. 127 39, 73f.
Miller, S. 52 Tolman, R. 11
Monod, J. 23, 28 Trigg, R. 120, 133
Morris, D. 79 ff. Tyron, E. 8
Müller, L. 133
Vester, F. 15
Oparin, A.J. 57 Vogt, C. 89
Vollmer, G. 26. 89
Platon 33
Popper, K. R. 125 Whorf, B. L. 139
Portmann, A. 84 Wickramasinghe, C. 50
Wilson, E. O. 91
Rahner, K. 73 Wittgenstein, L. 26, 28, 89, 108, 139
Reichenbach, H. 89, 106, 121f. Wuketits, F. M. 34f, 37, 57, 83, 97 f.
Reininger, R. 111, 113f.
Rensch, B. 41, 89 Zimen, K.E. 32, 100
Rescher, N. 123, 125ff, 132
Reutterer, A. 34
Riedl, R. 26
Rohracher, H. 89, 98, 102f.

152
Sachen

Grenzen der Erkenntnis 118 ff.


Grenzen der Wissenscha 123 ff.

Hintergrundstrahlung 2
Histozoa 63
Aberglaube 135 Hominiden 72, 76f.
Anthropisches Prinzip 19ff. Hominisation 72ff.
Außerirdisches Leben 47ff. Hyperzyklus 57
Aussterben 41ff.
Ideologie 128ff.
Bewußtsein 87ff. Indeterminismus 103ff.
Blasenstruktur des Alls 4 inflationäres Weltall 2
Integrationsphänomen 78
Cerebralisation 71, 77
Chaos-eorie 25 Koazervate 57 f.

Darwinismus 34 Leben 28ff.


Determinismus 104f. Lebenskra 28ff.
Dopplereffekt l Leib-Seele-Problem 87ff.
Logos VII
Endknall 8
Endosymbionten-eorie 61 Mängelwesen 84
Entelechie 28ff. Materialismus 32
Entstehung des Lebens 52 Materie 5ff.
Eobionten 60 Mechanismus 29, 31
Euzyte 61 Metaphysik 133
Evolution 33ff. Micellen 57f.
Evolutionäre Erkenntnistheorie 26 Mikrosphären 57
Evolutionstheorie 33f, 36f. Mutation 34
Mystik 136f.
Gaia-Hypothese 35 Mythos VII
Galaxienhaufen 4
Galaxis l Naturgesetz 24
Gastroneuralia 70 f. Neodarwinismus 34
Gehirn 93 ff. Neotenie 82
Glaube 134 Nervensystem 70f.
Gott 16 ff. Neutrinouniversum 9

153
Notoneuralia 70 f. Supercluster 4
Superstring-eorie 9f.
Orthogenese 39 Synthetische eorie 34
Systemtheorie 34
Parawissenschaen 131
Photosynthese 60 Tod 108

Relativitätstheorie, Allgemeine 8 Urknall 2. 6. 7


Rotverschiebung 1. 2
Vakuumfluktuation 7
Schattenmaterie 9 Vitalismus 29 ff.
Selbstoptimierung 35
Selbstorganisation 24, 35 Willensfreiheit 103 ff.
Selektion 34 Wissenscha 130
Sexualität 66, 87 Wissenschaliche eorie 125 ff.
Singularität l
Sinn des Lebens 106ff. Zeit 14 ff. 20 f.
Steady-State-eorie 6f.

154