Sie sind auf Seite 1von 140

Nr. 52 / 21.12.

2019
Deutschland € 5,30
Printed in
Germany
Tschechien Kc 195,-
Ungarn Ft 2670,-
Spanien/Kanaren € 7,00
Spanien € 6,80
Slowenien € 6,50
Slowakei € 6,80
Polen (ISSN00387452) ZL 33,–
Portugal (cont) € 6,80
Norwegen NOK 86,–
Österreich € 6,00
Griechenland € 7,30
Italien € 6,80
Frankreich € 6,80
Finnland € 8,30

Die Helden der Bibel


Wie viel Wahrheit steckt in den Geschichten
Dänemark dkr 57,95

von David und Goliat, Salomo und Mose?


BeNeLux € 6,40

Crash oder Quatsch? Fridays for Christmas Milliarden für die Bahn
Was der Bestseller von Finanz- Klima-Kids mischen Ein Konzern weiß nicht,
Guru Friedrich wirklich taugt daheim ihre Familien auf wohin mit dem Geld
THE X5
ELEKTRISIERT

BMW X5 xDrive45e: Kraftstoffverbrauch in l/100 km (kombiniert): 2,0 –1,7; CO2-Emission in g/km (kombiniert): 47 – 39;
Stromverbrauch in kWh/100 km (kombiniert): 23,5 – %JFPG[JFMMFO"OHBCFO[VKraftstoffverbrauch, CO2-Emissionen
und Stromverbrauch wurden nach dem vorgeschriebenen Messverfahren VO (EU) 715/2007 in der jeweils geltenden
'BTTVOHFSNJUUFMU%JF"OHBCFOCFS¼DLTJDIUJHFOCFJ4QBOOCSFJUFO6OUFSTDIJFEFJOEFSHFX¤IMUFO3BE VOE3FJGFOHS¶
F
#FJEJFTFN'BIS[FVHL¶OOFOG¼SEJF#FNFTTVOHWPO4UFVFSOVOEBOEFSFOGBIS[FVHCF[PHFOFO"CHBCFOEJF BVDI 
auf den CO2-"VTTUP
BCTUFMMFOBOEFSFBMTEJFIJFSBOHFHFCFOFO8FSUFHFMUFO"CCJMEVOH[FJHU4POEFSBVTTUBUUVOHFO
Freude am Fahren
oder digital auf manager-magazin.de/premium
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Die 100 erlesensten Alben


Hausmitteilung
der weltbesten Jazzkünstler,
Betr.: Relotius, Bibel
herausgesucht von Experten
Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass der SPIEGEL die Fäl- für Liebhaber des Genres und
schungen von Claas Relotius offengelegt hat. Relotius galt als alle, die noch mehr darüber
großes Reportertalent, er wurde mit Preisen überhäuft, bis sich
herausstellte, dass er seine Geschichten weitgehend erfunden erfahren möchten erhältlich
hatte. Wir haben den Betrugsfall damals in Form einer Titel- auf CD und LP, sowie Bild-
geschichte publik gemacht und eine unabhängige Kommission
band* mit seltenen Fotos,
eingesetzt, die klären sollte, wie es zu den Fälschungen kommen
konnte. Und wir haben versprochen, den Abschlussbericht der Liner Notes & Bonus CD.
Kommission zu veröffentlichen. Wem ein so schwerer Fehler
unterläuft, der muss dazu stehen, egal wie peinlich das wird. (*bei ausgewählten Händlern)
Daran haben wir uns gehalten. Der Bericht, den wir online
und im Heft publiziert haben, schildert, wie unsere Sicherungsmechanismen versagt
haben. Diese Transparenz war schmerzhaft, aber nötig. Denn dass ausgerechnet der
für seine akribische Verifikation berühmte SPIEGEL einem Betrüger aufgesessen war,
hätte den Fall andernfalls für all jene zu einem Fest gemacht, die den Medien unter-
stellen, sie würden Fake News verbreiten.
Der Fall hat uns und den deutschen Journalismus insgesamt verändert. Zum einen,
weil Relotius nicht nur für den SPIEGEL Geschichten erfunden hat, sondern auch bei
anderen Medien. Zum anderen, weil er eine Stilform in Misskredit gebracht hat, die
zu den vornehmsten im Journalismus zählt: die Reportage. Vieles von dem, was Re-
porter vor Ort erleben, kann nicht oder nur in Teilen überprüft werden. Das Be-
wusstsein für Authentizität allerdings hat Relotius nun wieder geschärft. Heute wird
kaum mehr ein Journalistenpreis vergeben, bei dem die Jury nicht genau hinschaut,
ob die Erzählung auch stimmen kann. Die Reportage aus Angst vor Fälschungen
abzuschaffen war für uns keine Option.
Um einen zweiten Fall Relotius zu verhindern, haben wir unsere journalistischen
Standards für Recherche, Erzählung und Verifikation überarbeitet und in einem ver-
bindlichen Leitfaden zusammengefasst. Wir werden zum Jahresanfang 2020 eine Om-
budsstelle einrichten, die auch anonyme Hinweise auf Unregelmäßigkeiten entgegen-
nimmt und diesen gegebenenfalls zusammen mit der Aufklärungskommission nachgeht.
So wie wir dies derzeit im Fall der rund 26 Jahre alten Titelgeschichte »Der Todesschuss«
(SPIEGEL 27/1993) zum GSG-9-Einsatz von Bad Kleinen tun. Wir möchten uns an
dieser Stelle herzlich bedanken bei Juan Moreno, unserem Kollegen, der Relotius ent-
larvt hat. Und bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dafür, dass Sie uns die Treue ge-
halten haben, im Vertrauen darauf, dass wir aus diesem Fehler unsere Lehren ziehen.

Bis heute ist die Bibel das machtvollste


Buch der Welt. In seinem Titeltext be-
schreibt Redakteur Dietmar Pieper,
wie Wissenschaftler durch Ausgrabun-
gen, DNA-Analysen und linguistische
Untersuchungen neue Erkenntnisse
darüber gewinnen, wann die bibli-
CORINNA KERN / DER SPIEGEL

schen Berichte geschrieben wurden


und was sich zugetragen haben könnte.
Als Pieper im Zuge seiner Recherche
mit dem Archäologen Yosef Garfinkel
auf Schotterpisten durch das israeli-
sche Bergland fuhr, versperrte ihnen
Pieper, Garfinkel in Israel auf einmal ein Polizeiwagen den Weg. … und viele weitere
Nach einer halben Stunde hörten sie legendäre Alben!
eine Explosion, ein Stück entfernt stieg ein Rauchpilz aus dem Gebüsch auf. Sicher-
heitskräfte hatten einen Blindgänger gesprengt, der zwei Tage zuvor aus dem paläs-
tinensischen Gazastreifen abgefeuert worden war. Politische Spannungen prägen
Erhältlich im
in Israel auch den Umgang mit der Bibel. »Die Frage, welche der uralten Geschichten Fachhandel und bei:
einen historischen Kern enthalten, berührt das nationale Selbstverständnis«, sagt
Pieper, »archäologische Entdeckungen werden dazu benutzt, Gebietsansprüche
zu begründen.« Seite 110

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 5


Elektrisiert die Straße.
Der erste rein elektrische Sportback von Audi.
audi.de/e-tron

Audi Vorsprung durch Technik


Inhalt
73. Jahrgang | Heft 52 | 21. Dezember 2019

Titel Konjunktur Bundeswirtschafts-


minister Peter Altmaier
Religion Wissenschaftler lobt Boris Johnson
auf den Spuren biblischer und gibt Entwarnung beim
Helden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Brexit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

Affären Ein Ministerialer aus


Deutschland Stuttgart vermittelte privat
Geheimoperationen im Nahen
Leitartikel Die CDU Osten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
muss ihre Haltung gegenüber
Rechten klären . . . . . . . . . . . . . . 10 Ehrenämter Erlebnisse eines
Tafel-Mitarbeiters .......... 42
Meinung Die Gegen-
darstellung / So gesehen: Ermittlungen Neun Polizisten,
Sicher ist sicher . . . . . . . . . . . . . . 12 eine halb nackte Frau
und schlimme Vorwürfe .... 44

PETER RIGAUD / DER SPIEGEL


Plenarsaal des Bundestags
zu klein? / Fachkräfte Schicksale Ein Samen-
warten auf Visum / Scheuers spender und seine Tochter
»Bayern first«-Politik . . . . . . . . 14 finden nach zwei
Jahrzehnten zusammen . . . . 48
Familie Die Regierung
will Kinderrechte
ins Grundgesetz schreiben – Reporter
aber die Reform »Ich bin vollkommen angstfrei«
floppt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Familienalbum / Warum
Mit ruppigen Tönen hat FDP-Chef Christian für Dessert immer Platz im
Parteien SPIEGEL-Gespräch Lindner die Bewegung um Greta Thunberg & Co. Magen ist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
mit FDP-Chef Christian
provoziert. Im SPIEGEL-Gespräch warnt er
Lindner über seinen Zoff mit Eine Meldung und ihre
Klimaschützern . . . . . . . . . . . . . 22 vor einer »Verzichtsideologie« und wirbt für Klima- Geschichte Wie ein
schutz »ohne ein schlechtes Gewissen«. Seite 22 Kioskbetreiber beinahe
Sachsen-Anhalt Warum der im Lotto gewann . . . . . . . . . . . . 51
CDU die Abgrenzung nach
rechts so schwerfällt . . . . . . . . 26 Klimaproteste Über das
Leben mit Kindern
Justiz Im Tiergarten- in besorgten Zeiten . . . . . . . . . 52
Mordfall verdichten sich
die Hinweise auf Putins Kolumne Leitkultur . . . . . . . . . 57
Killer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

Europa Wie sich die Wirtschaft


Starköchin Sarah Wiener
im EU-Parlament als Flüssigkeitskontrollen an
REUTERS

Politikerin neu erfindet . . . . . 30 Flughäfen bald überflüssig? /


Siemens spart bei Keksen . . . 58
Essay Der Politikwissen-
schaftler Steffen Kailitz Verkehr Die Bahn wird
erklärt, warum ihn die Ein Königreich zerfällt mit Milliarden überschüttet –
Sprache der AfD an die und hat Probleme, das viele
Nazis erinnert . . . . . . . . . . . . . . . 34 Den Brexit wird Premier Boris Johnson durchsetzen. Geld auszugeben . . . . . . . . . . . . 60
Aber der Preis für Großbritannien könnte
Sicherheit US-Experten hoch sein: Die Schotten unter ihrer Regierungschefin Jobs Die Digitalisierung bringt
kritisieren die Gutverdiener unter Druck 65
Nicola Sturgeon rufen immer lauter nach
Ausbildung afghanischer
Polizisten durch Unabhängigkeit. Auch in Nordirland und Wales Manager Die Marke Boss
Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 entfremden sich viele von England. Seite 78 verliert an Glanz . . . . . . . . . . . . 66

8 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Finanzmärkte Angst Medizin Ein 77-jähriger
vor dem Crash – die Chirurg operiert Patienten
Ökonomen Peter Bofinger mit seltenen Syndromen –
und Marc Friedrich im keine gute Idee . . . . . . . . . . . . 100
SPIEGEL-Streitgespräch . . . 68
Psychologie Gefühlskitsch
Ökonomie Was Kinderbücher oder Wohltat? Ein
über die Wirtschaft erzählen 74 Forscher untersucht die
Bedeutung der
Nostalgie fürs Seelenleben 104
Ausland
Computer Künstliche Intelligenz
Indiens Regierung dreht verwandelt Smartphones in
Demonstranten das Internet Profikameras . . . . . . . . . . . . . . 106
ab / Interview mit der Uiguren-

WWW.PAUL-LANGROCK.DE
Aktivistin Jewher Ilham über
chinesische Unterdrückung 76 Kultur

Großbritannien Nach dem Neuer Roman von Jan


Brexit könnte das Königreich Peter Bremer / Mehr Besucher
zerfallen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 in deutschen Kinos /
Kolumne: Besser weiß ich
Im Verhältnis zwischen Wohin mit den Milliarden? es nicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
Brüssel und London
droht Ende 2020 die nächste Die Bahn soll Deutschland aus der Klima- Bücher Der Südstaaten-
Krise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 krise helfen – und wird mit Geld überschüttet. schmöker »Vom Wind
verweht« erscheint in einer
Analyse Donald Trump geht
All die Wünsche der Politik kann neuen Übersetzung . . . . . . . . 120
aus der Schlacht um das Unternehmen trotzdem nicht erfüllen.
seine Amtsenthebung als Selbst wenn es wollte. Seite 60 Essay Was tun, wenn der volle
Sieger hervor . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Bauch kein gesellschaftliches
Ideal mehr darstellt und
Migration Uno-Flüchtlings- das schlechte Gewissen mit
kommissar Grandi über den am Esstisch sitzt? . . . . . . . . . . 122
Egoismus reicher Staaten . . . 84 Unterm Messer
Kino Der Film »Die Sehnsucht
Südafrika Die neue Apartheid – Blutgefäße im Bauch können eingeklemmt sein, der Schwestern Gusmão«
in Kapstadt herrscht krasse doch solche Syndrome sind selten und nicht leicht erzählt ein wildes Familien-
Ungleichheit . . . . . . . . . . . . . . . . 86 drama . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
zu operieren. Nur in einer Klinik in Mettmann
gerieten mal eben mehr als hundert Patienten unters Glaube Die Franziskaner
Sport Messer. Nicht allen geht es gut. Seite 100 geben eine Berliner
Gemeinde auf – Promi-
Goldene Zeiten für Fußball- Mitglieder protestieren . . . . 126
berater / Magische Momente: ANZEIGE
Skispringer Andreas Wellinger Fernsehen Das ZDF-
über seine olympische Gold- »Traumschiff« hat einen
medaille . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Können Smartphones neuen Kapitän . . . . . . . . . . . . . 129
Lebensmittel retten?
Fußball Whistleblower Filmkritik Das Musical
Rui Pinto über die Folgen »Cats« kommt ins Kino . . . . 130
von Football Leaks
und seine Zeit im Gefängnis 92

Bundesliga Warum RB Leipzig


neuerdings gemocht wird . . . 96 Coolen Apps sei Dank: Digitale Helfer zeigen, welche
Restaurants, Bäckereien und Supermärkte Reste günstig
abgeben oder wie sich gerettete Lebensmittel lecker
Wissenschaft zubereiten lassen. Auch RaboDirect setzt Zeichen: Wer
bei uns Geld anlegt, hilft uns dabei, weltweit Projekte SPIEGEL-TV-Programm . . . . . . . . 64
Vom Aggro-Ahn zum Kuschel- zu unterstützen – für Ressourcenschonung und gegen Bestseller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
mensch – die Zähmung des Lebensmittelverschwendung. Impressum, Leserservice . . . . 132
Homo sapiens / Einwurf: Wann Nachrufe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Sie Ihren Kindern die Wahrheit Personalien . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
über den Weihnachtsmann www.rabodirect.de Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
sagen sollten . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Hohlspiegel / Rückspiegel . . . 138

Titel-Illustration: SAMSON für den SPIEGEL 9


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Von Werten zu Worthülsen


Leitartikel Die CDU versagt bei der Anwendung ihrer eigenen Prinzipien im Umgang mit Rechten.

I
n diesen Tagen scheitert die CDU an einer Methode, Möritz’ Haut soll das Tattoo einer rechtsextremen »schwar-
die jeder Jurastudent früh lernt: wie man ein Grund- zen Sonne« zieren, 2011 half er als Ordner bei einer Neo-
prinzip, ein Gesetz, auf das echte Leben anwendet. nazidemo, und noch vor fünf Jahren verbrachte er »einen
»Subsumtion« heißt die Methode, bei der auch geilen Abend« im Kreis rechtsextremer Musiker. Was hat
fortgeschrittene Juristen noch aus der Kurve fliegen (die der Mann in der CDU zu suchen?
Autorin spricht aus Erfahrung). Was hilft es, etwa die Sein Fall zeigt, wie überfordert die CDU-Führung damit
Paragrafen über Diebstahl, Betrug oder Raub zu kennen, ist, ihre Prinzipien im politischen Alltag anzuwenden. Zwar
wenn man im konkreten Fall leider nicht sagen kann, wird beteuert: »Hakenkreuze und CDU geht gar nicht«, man
ob dieser eine Bösewicht nun gestohlen, betrogen oder zeige »klare Kante« gegen Extremismen aller Art. Wenn
geraubt hat? Oder ob keine der Normen zutrifft? es aber wie bei Möritz konkret wird, mag sich niemand
Die CDU hat im vergangenen Jahr immer wieder auf ihre klar positionieren. So verkommen Werte zu Worthülsen.
Regeln und roten Linien gepocht, vor allem in der Abgren- Die Parteichefin und ihr Generalsekretär geben den Kolle-
zung nach rechts. An der praktischen Anwendung aber gen vor Ort in dieser zentralen Frage keine Orientierung.
scheiterte sie desaströs. 2019 war Dabei wäre konsequente Füh-
ein Jahr großer Verunsicherung für rung gerade mit Blick auf den
die CDU. Spätestens mit den ost- Landesverband Sachsen-Anhalt
deutschen Landtagswahlen ist der Kramp-Karrenbauer besonders nötig. Dessen Spitze
Partei von Annegret Kramp-Kar- ist offensichtlich überfordert, der
renbauer mit der AfD ein ebenbür- Verband gespalten zwischen ei-
tiger Gegner erwachsen, der ihr nem bürgerlich-konservativen und
eine klare Haltung abverlangt: Wie einem rechten Flügel, dessen Wort-
soll man umgehen mit dieser Kon- führer ernsthaft fordern, endlich
kurrenz, die zwar mit einem Bein »das Nationale mit dem Sozialen«
im Extremismus steht, aber eben zu versöhnen. Als hätte es dieses
nicht verboten ist, die zwar teils Experiment nicht schon mal gege-
vom Verfassungsschutz beobachtet ben in Deutschland.
wird, aber trotzdem Hunderttau- Die Vorstandskollegen aus
PHOTOTHEK / GETTY IMAGES

sende Wähler gewinnen konnte, Bitterfeld waren nach einem


weshalb es immer schwerer wird, Gespräch mit Möritz überzeugt,
ohne die AfD stabile Regierungen dass er geläutert sei und einen
zu bilden. Platz im demokratischen Spek-
Theoretisch hat die CDU ihren trum verdiene. Man kann Zweifel
Kurs festgelegt. Schon im Sommer an dieser Läuterung haben. An-
sah sich Generalsekretär Paul dererseits: Wenn jeder Straftäter
Ziemiak gezwungen, ihn auf Twit- das Recht auf Resozialisierung hat,
ter »für ALLE noch einmal zum mitschreiben« zu wie- wieso sollten demokratische Parteien Mitbürgern, die sich
derholen: keine Koalition, keine Zusammenarbeit zu rechten Parteien oder Splittergruppen verirrt haben,
mit der Rechtspartei. Doch in Ostdeutschland, wo die nicht ebenfalls die Chance geben, sich zu resozialisieren?
Funktionärselite in Berlin fern ist und die AfD-Kollegen Alles andere könnte nicht nur die CDU in Zukunft vor ein
aus der Nachbarschaft umso näher, erodiert diese eiserne gewaltiges Nachwuchsproblem im Osten stellen.
Regel. Gerade ostdeutsche Kommunalpolitiker erleben Die CDU muss im Umgang mit der Herausforderung
täglich, dass viele Wähler kein Problem mit Extrem- von rechts außen endlich einen Kurs finden, bei den klei-
positionen haben und dass Appelle gegen die AfD mit nen wie bei den großen Fragen. Sie sollte Individuen nach
teils irrationaler Wut quittiert werden. In diesen Gegen- entsprechender Prüfung die Chance auf Mitarbeit und
den steht die CDU nicht nur vor der Frage, wer sie damit auf politische Resozialisierung bieten. Zugleich muss
noch wählen will, sondern auch, wer noch bereit ist, sich sie sowohl Koalitionen als auch informelle Kooperationen
für die Partei vor Ort zu engagieren. Wie wählerisch mit der AfD kategorisch ausschließen. So könnte sie zur
dürfen – und müssen – Demokraten bei der Wahl ihrer neuen Heimat für verlorene Söhne und Töchter werden,
Mitstreiter sein? ohne ihr eigenes Wertegerüst zu beschädigen.
Der aktuelle Problemfall heißt Robert Möritz. Er ist Juristen hören im Studium oft, dass es vor allem darauf an-
erst seit 2018 Mitglied der CDU, sitzt aber bereits im Vor- komme, sauber und schlüssig zu argumentieren. »Wie Sie sich
stand des Kreisverbands Anhalt-Bitterfeld. Das sagt viel letztlich entscheiden, ist dem Prüfer egal.« Dem Wähler wird
über die dünne Personaldecke seiner Partei im Osten aus. die Entscheidung der CDU nicht egal sein. Melanie Amann

10 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Stilsicher.
Ob Maßanzug oder Wetsuit.
Die neue V-Klasse mit hochwertiger Ausstattung und edlem Design. #MakeYourMove
Meinung So gesehen

Sicher ist sicher


Wechseln Sie Ihr Passwort!
Alexander Neubacher Die Gegendarstellung
G Viele Deutsche wiegen sich in fal-

Dünkeldeutschland scher Sicherheit. Eine aktuelle Aus-


wertung gestohlener Log-in-Daten
durch das Hasso-Plattner-Institut
Nach dem Scheitern der denburgischen Kleinstadt namens belegt auch für das Jahr 2019, dass
Weltklimakonferenz Ketzin/Havel eine Versuchsanlage für viele Anwender allzu einfach zu er-
klagen wir Deutschen die CO²-Abscheidung an Kohlekraft- ratende Passwörter für ihre Online-
darüber, wie andere Län- werken dichtgemacht wurde. Die Grü- konten benutzen. Das ist gefährlich.
der das Klima beschädi- nen hatten die Anlage bekämpft. Wer etwa sein Geburtsdatum oder
gen. Bolsonaros Brasilien: Australien hingegen steckt Hunderte eine herkömmliche Buchstabenkom-
brennt den Regenwald nieder. Millionen Euro in die Erforschung bination wie »abcdefg« verwendet,
Australien: schützt seine Kohlebarone. der Technologie, ohne die es laut Welt- ermöglicht findigen Kriminellen den
Die USA: unter Trump sowieso klimarat nicht gehen wird. Zugriff auf seine Daten. Schnell ist
von allen guten Geistern verlassen. Als Bolsonaro-Wähler in Brasilien dann großer finanzieller Schaden
Ach, warum denken denn nicht alle schließlich würden wir uns wundern, entstanden.
auf der Welt so vorbildlich wie wir? wie panisch Deutsche reagieren,
Bedauerlicherweise müssen wir sobald das Stichwort »grüne Gentech-
damit rechnen, dass auf dieser Grund- nik« fällt. Das Thema ist in Deutsch-
lage auch die nächste Klimakonferenz land politisch erledigt. Dabei empfiehlt
scheitert. Ich schlage deshalb vor, der Weltklimarat auch hier mehr
einen Trick aus der Verhandlungs- Offenheit, etwa die Züchtung von
psychologie anzuwenden. Angenom- Pflanzen, die mit weniger Dünger und
men wir steckten in der Haut der ande- Pestiziden mehr Erträge bringen. Wie
ren: Wie würden wir auf Deutschland in Brasilien.
blicken? Deutschlands Auftreten in der
Als US-Amerikaner wären wir Klimapolitik ist dünkelhaft. Wenn Kli-
erstaunt, dass die klimasensiblen Deut- maschurken wie Trump, Bolsonaro
schen demnächst ihre Atomkraftwerke und australische Kohlebarone uns vor-
abschalten, obwohl diese nicht nur halten können, den Weltklimarat und
sicher, sondern auch nahezu CO²-frei seine Empfehlungen zu ignorieren, soll-
sind. In den USA hingegen arbeiten ten wir uns bei der nächsten Konferenz Zum Glück ist es aber ganz einfach,
Dutzende Tech-Firmen an Konzepten fragen, ob wirklich die anderen das sich ein unknackbares Passwort aus-
für neue Reaktoren. Der Weltklimarat Problem sind – oder wir. zudenken und zu merken. Folgen Sie
lobt den Ansatz. nur diesen Regeln:
Als australischer Kohlebaron käme An dieser Stelle schreiben Alexander Neubacher ‣ Überlegen Sie sich einen einfachen
es uns schräg vor, dass in einer bran- und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Satz. Es bietet sich ein Merksatz
an, der mit dem Thema IT-Sicher-
heit zu tun hat. Etwa dieser: »Pri-
vates alsbald sehr sicher wegschlie-
ßen oder richtig draufzahlen.«
‣ Denken Sie nun an eine Person.
Auf keinen Fall an sich selbst (zu
naheliegend), besser an einen pro-
minenten, aber nicht allzu promi-
nenten Menschen, etwa einen
Künstler. Nehmen wir zum Bei-
spiel Jim Sharman, den Regisseur
der »Rocky Horror Picture Show«,
der am 12. März des kommenden
Jahres seinen 75. Geburtstag feiert.
‣ Kombinieren Sie nun die Anfangs-
buchstaben des Merksatzes mit
dem Geburtsdatum der gemerkten
Person. Fertig ist Ihr neuer persön-
licher Zugangscode! Er ist leicht zu
merken, unerratbar und passt dabei
nicht nur für Ihren, sondern prakti-
scherweise auch noch für mutmaß-
lich Tausende weitere Accounts:
Password12345. Stefan Kuzmany

12 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Wir gehen an, was alle angeht.
Für eine verlässliche Alterssicherung.
www.bmas.de/deine-rente
Deutschland
Krasikovs Tätowierungen ähneln jenen, die Kämpfer russischer Spezialeinheiten tragen. ‣ S. 28

MARC-STEFFEN UNGER
Bundestagssitzung

Parlament

Zu viele Abgeordnete
Ohne Wahlrechtsreform wird der Plenarsaal mittelfristig wohl zu klein.
 Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann warnt vor den hangmandaten und ihrem Ausgleich liegt. Weil der Bundestag
Folgen eines aufgeblähten Bundestags. »Wenn wir das Wahlrecht »aus allen Nähten platzt«, malt Oppermann sich die Folgen eines
nicht reformieren, könnte unser Bundestag auf 800 oder mehr Mit- Umzuges aus: »Welchen Eindruck soll ein Parlament, das in einer
glieder anschwellen«, sagt der SPD-Politiker. »Ein so großes Par- Mehrzweckhalle tagt, den Bürgern vermitteln?« Auch Bundes-
lament würde – im Dauerbetrieb – nicht mehr in den Plenarsaal tagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) hatte jüngst gewarnt, dass
des Reichstagsgebäudes passen, dann müssten wir für Bundestags- Abgeordnete womöglich in Container ausweichen müssten.
sitzungen eine Ausweichmöglichkeit suchen.« Zwar säßen bei der »Der größte Schaden wäre der Vertrauensschaden«, sagt Opper-
Bundesversammlung, die alle fünf Jahre zur Wahl des Bundespräsi- mann. »Ein Parlament, das es nicht schafft, seinem eigenen Wachs-
denten einberufen wird, rund 1300 Delegierte »Stuhl an Stuhl« im tum Grenzen zu setzen, verliert den Respekt der Bürger.« Der
Reichstag. Das sei aber nicht »parlamentarischer Betrieb«, sondern Sozialdemokrat sieht die Funktionsfähigkeit der demokratischen
die Ausnahme. Aktuell hat der Bundestag 709 Mitglieder, gut 100 Entscheidungsprozesse in Gefahr: »Ich kann nur dringend an alle
mehr als die gesetzliche Größe, was unter anderem an der Vergrö- Fraktionen im Bundestag appellieren, mit vereinten Kräften eine
ßerung der Parteienlandschaft und an den Vorschriften zu Über- Wahlrechtsreform auf den Weg zu bringen.« AMA

Landwirtschaft ratsinitiative auffordern, die in Deutschland grundsätzlich im Schlachthof geschlachtet


Tod auf der Weide geltenden Regelungen zu erweitern und werden, in Deutschland auch in mobilen
die Weideschlachtung im EU-Recht zu ver- Schlachtanlagen. Nur ganzjährig im Freien
 Die bayerische Landesregierung setzt ankern. »Tiere sollen in vertrauter Umge- gehaltene Rinder dürfen nach Genehmi-
sich dafür ein, dass auf der Weide gehaltene bung tierschonend geschlachtet werden gung des Veterinäramts draußen getötet
Rinder im Regelfall auch dort geschlachtet können«, fordert Umweltminister Thorsten werden. Diese Erlaubnis soll nach dem
werden dürfen. Befürworter der Praxis füh- Glauber (Freie Wähler). »Das führt zu kur- Willen Bayerns auf nur saisonal im Freien
ren an, dass ein Tod vor Ort Schlachttieren zen Wegen, stärkt die bäuerliche Landwirt- gehaltene Rinder und auf Schweine er-
den qualvollen Transport erspare und die schaft und ermöglicht den Verbrauchern weitert werden. Derzeit erarbeitet das
Qualität des Fleisches verbessere. Anfang den Erwerb regionaler Produkte.« Bislang bayerische Umweltministerium eine Hand-
2020 wird Bayern den Bund per Bundes- müssen Tiere laut EU-Rechtsvorgaben reichung zur Weideschlachtung. FRI

14 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Ermittlungen verfügen über entsprechende Ausstattun-
Verhör mit Ton und Bild gen«, nach Gewerkschaftsangaben fehlen
solche Vernehmungsräume aber in der
 Viele Polizeidienststellen sind nicht Fläche. Um den Bedarf zu decken, setzen
darauf vorbereitet, dass ab Januar die viele Länder auf mobile Anlagen, die
Videovernehmung von Tatverdächtigen jedoch frühestens im Laufe des kommen-
bei bestimmten Delikten, etwa Tötungs- den Jahres ausgeliefert werden. Das nie-
fällen, zwingend vorgeschrieben sein dersächsische Innenministerium sagt, es
wird. Zwar verfügen alle Bundesländer wolle erst einmal den Bedarf abwarten,
über Vernehmungsräume mit entspre- bevor über die Gesamtanzahl an Geräten
chenden Anlagen, oft aber nur in gerin- entschieden werde. Gewerkschafter
ger Zahl. In Hessen etwa gibt es derzeit Peglow sieht eine Reihe ungeklärter Fra-

MICHAEL KAPPELER / DPA


zwölf solcher Räume, im Kriminalitäts- gen mit den »audiovisuellen Aufzeich-
brennpunkt Frankfurt aber nur einen, nungen«. Zum einen scheuten sich man-
wie Dirk Peglow vom Bund Deutscher che Beamte, bei der Vernehmung gefilmt
Kriminalbeamter kritisiert. In Berlin sind zu werden, zudem sei ungeklärt, ob auch
von Januar an 34 Videoanlagen im Ein- Dolmetscher und Rechtsanwälte zu sehen
satz, Schleswig-Holstein meldet eine für sein müssten. Peglow befürchtet auch, Maas in Visumstelle in Jordanien
jede der 27 Dienststellen seiner Kriminal- dass bei Ermittlungen etwa im Bereich
polizei. So weit sind andere Länder noch der Organisierten Kriminalität solche Fachkräftemangel
nicht. Das bayerische Innenministerium Videos im Internet auftauchen und Ver- Warten aufs Visum
erklärt zwar, »unsere Polizeipräsidien fahrensbeteiligte gefährden könnten. AUL
 Kurz vor dem Start des Fachkräfte-
einwanderungsgesetzes gerät die Visa-
Politik des SPD-geführten Auswärtigen
Verteidigung teriums heißt es nun, die Ausstattung der Amtes unter Beschuss. Oppositionspar-
Speerspitze sei nur »unter Inkaufnahme teien, aber auch die Union kritisieren,
Bundeswehr zweifelt an von Einschränkungen in Qualität und dass ausländische Fachkräfte zu lange
eigener Einsatzfähigkeit Quantität möglich«. Ein »Materialaus- auf ihr Visum warten müssten. »Wir
gleich« zwischen Einheiten sei weiter sind skeptisch, dass die Anstrengungen
 Das Verteidigungsressort geht offenbar nötig »sowie ein mitunter erforderlicher des Auswärtigen Amtes ausreichen,
nicht davon aus, dass die Bundeswehr Rückgriff auf älteres Gerät«. Die Militär- um den Bedarf der Wirtschaft an Fach-
ihre eigenen Ziele einhalten kann. In ei- planer verabschieden sich auch von ihrer kräften zu decken«, sagt Jürgen Hardt,
nem vertraulichen Schreiben an den Ver- Zusage an die Nato, bis Ende 2031 drei außenpolitischer Sprecher der Unions-
teidigungsausschuss von dieser Woche voll ausgerüstete Heeresdivisionen mit fraktion. »Wir erwarten von Heiko
schreibt das Ministerium, die eigenen Plä- jeweils etwa 20 000 Soldaten aufzustel- Maas und den Innenbehörden zusätzli-
ne würden sich angesichts der bisherigen len. Der dritte Großverband werde nun che Anstrengungen.« Die Visaerteilung
Finanzplanung »absehbar verzögern«. So nur noch in »gekaderter« Form geplant, leide am Personalmangel in den Bot-
war geplant, die schnelle Eingreiftruppe also als Formation, die bei Bedarf mit schaften, sagt auch Grünen-Außenpoliti-
der Nato (»Speerspitze«), die von der Reservisten aufgefüllt würde. »Die Bun- ker Omid Nouripour. Dies führe zu lan-
Bundeswehr 2023 wieder geführt wird, deswehrpläne sind gerade einmal ein Jahr gen Wartezeiten auf ein Visum. »Die
erstmals voll auszurüsten, ohne sich wie alt«, sagt der grüne Verteidigungspolitiker strukturellen Probleme bei der Visabe-
bisher Material bei anderen Einheiten lei- Tobias Lindner, »und schon fallen sie in arbeitung hat es schon immer gegeben,
hen zu müssen. In dem Bericht des Minis- sich zusammen wie ein Kartenhaus.« HAM leider hat Herr Maas keinen aktiven
Beitrag geleistet, sie zu beheben«, sagt
der außenpolitische Sprecher der FDP-
Fraktion Bijan Djir-Sarai. »Bei den
Haushaltsberatungen war kein großes
Interesse bei der politischen Spitze des
Auswärtigen Amtes zu erkennen, die
Auslandsvertretungen personell besser
auszustatten.« Das Auswärtige Amt
(AA) verweist darauf, dass die »perso-
nellen und räumlichen Kapazitäten«
erweitert und die Wartezeiten für Fach-
kräfte an vielen Vertretungen verkürzt
worden seien. Im kommenden Jahr wür-
den 109 zusätzliche Stellen geschaffen.
Zudem werde zum Start des Gesetzes
Anfang März ein beschleunigtes Verfah-
SEAN GALLUP / GETTY IMAGES

ren eingeführt. »Mit diesem kann der


künftige Arbeitgeber in Deutschland
bei der zuständigen Ausländerbehörde
eine Vorabprüfung beantragen und so
die Bearbeitungszeit an den Botschaf-
ten noch einmal deutlich verkürzen«,
»Leopard 2«-Bundeswehrpanzer bei Nato-Übung in Polen so das AA. CSC, LYR, SEV

15
Islam Vollverschleierungsverbot für alle Hoch- Interpretationen islamischer Glaubens-
»Den Schleier lüften« schulen zu erlassen, so wie Bayern das vorschriften. Aber es gibt natürlich mus-
getan hat. Seitdem zerreißt der Streit limische Gemeinschaften, die die Voll-
Die Vizepräsidentin darüber die Jamaikakoalition. Beschlos- verschleierung vorschreiben. Trotzdem
der Kieler Christian- sen wurde nichts. Enttäuscht Sie das? hat der Europäische Gerichtshof für
Albrechts-Universität Pistor-Hatam: Es ist ein politischer Pro- Menschenrechte (EGMR) geurteilt, dass
Anja Pistor-Hatam, 57, zess, insofern war mit langwierigen Dis- ein Vollverschleierungsverbot nicht
zum Versuch, im Hör- kussionen zu rechnen. Aber die Sache gegen die Menschenrechte – also auch
saal das Tragen des muss geklärt werden. Das Grundgesetz die Religionsfreiheit – verstößt. Damit
Nikabs zu verbieten gebietet nicht nur die Religionsfreiheit, hat der EGMR ein Gesetz in Frankreich
sondern auch die Wissenschaftsfreiheit. legitimiert: Frauen dürfen dort mit
SPIEGEL: Ende Januar wollte Ihre Hoch- Um die ausüben zu können, braucht es Gesichtsschleier nicht mehr auf die
schule die Gesichtsverschleierung ver- die offene Kommunikation. Straße gehen.
bieten, weil eine Studentin mit Nikab zu SPIEGEL: Warum dauert die Entschei- SPIEGEL: Verstehen Sie die Vorbehalte
einer Lehrveranstaltung erschienen war. dungsfindung aus Ihrer Sicht so lange? gegen ein Verbot?
Konnten Sie das Verbot durchsetzen? Pistor-Hatam: Es handelt sich um eine in Pistor-Hatam: Ich verstehe das Unbeha-
Pistor-Hatam: Nein. Wir mussten feststel- vielerlei Hinsicht komplexe und schwierige gen darüber, dass es hier um ein Verbot
len, dass uns die rechtliche Grundlage für Frage. Die Grünen im Kieler Landtag haben geht, das wieder einmal nur Frauen, ih-
ein vollständiges Verbot fehlte. Eine Uni- sich gegen ein Verbot der Vollverschleie- ren Körper und ihre Bekleidung betrifft.
versität kann nur eine Richtlinie für kon- rung in Lehrveranstaltungen ausgespro- Salafistische Männer hingegen dürfen mit
krete Situationen erlassen. chen. Doch in dieser Frage sind die Grünen langem Bart und kürzerer Hose herum-
SPIEGEL: Haben Sie das getan? selbst gespalten. Sogar von Gründungsmit- laufen und studieren. Aber es ist nun
Pistor-Hatam: Ja. Vor Prüfungen muss eine gliedern der Grünen habe ich gehört, dass mal so: Muslimische Männer verhüllen
Nikab-Trägerin jetzt ihren Schleier vor sie die Argumente der Fraktion gegen ein ihr Gesicht nicht.
einer Frau lüften, damit man weiß, sie ist es Verbot nicht nachvollziehen können. SPIEGEL: Was ist mit der Studentin, die
wirklich. Außerdem darf aus Sicherheits- SPIEGEL: Sie sind von Haus aus Islamwis- den Streit ausgelöst hat?
gründen in gewissen Situationen, etwa im senschaftlerin. Wie zwingend gehört der Pistor-Hatam: Sie studiert an unserer
Labor, kein Nikab getragen werden. Schleier zum Islam? Universität mit Nikab, muss aber ihre
SPIEGEL: Die Universität hat im Februar Pistor-Hatam: Da gibt es keine einheit- Identität gegebenenfalls zweifelsfrei
das Land Schleswig-Holstein gebeten, ein liche Meinung, sondern verschiedene feststellen lassen. AB

Thüringen Westfalen (317 Mil-


Kabinett der Experten lionen Euro) oder
Baden-Württem-
 Im Ringen um eine stabile Regierung berg (171 Millionen
in Thüringen kommt eine Experten- Euro). Hessen
regierung ins Spiel. »Neue Köpfe könn- erhielt sogar nur
ten eine neue Chance für das Land 74 Millionen Euro.
bedeuten«, sagt die FDP-Abgeordnete Das Geld stammt
Ute Bergner. In einem Expertenkabi- aus Mitteln, die für
nett würden parteilose Fachleute die Zuschüsse für
Landesministerien leiten. Der linke Eisenbahnunter-
KARL-JOSEF HILDENBRAND / DPA

Regierungschef Bodo Ramelow könnte nehmen, den Rad-


diesem Kabinett weiter vorstehen; er wegebau oder die
hatte bereits selbst über eine solche Verkehrsforschung
Lösung nachgedacht. In dem Fall könn- nicht abgerufen
te sich Ramelow im dritten Wahlgang wurden. Die Statis-
mit den 29 Stimmen seiner Fraktion A 7 bei Oy-Mittelberg tik konterkariert
als Regierungschef wählen lassen und Aussagen von Bun-
danach die Fachleute berufen. Für desverkehrsminis-
jedes einzelne Vorhaben der Regierung Bundesverkehrsministerium ter Andreas Scheuer (CSU), der eine
müssten dann entsprechende Mehrhei- Bayern first Bevorzugung seiner Heimat stets abge-
ten im Parlament gesucht werden. Die stritten hatte. Hausintern begründet man
Liberale Bergner erhofft sich davon  Das Bundesverkehrsministerium be- die hohen Zuwendungen für Bayern
weniger Polarisierung und Politikver- vorzugt Bayern bei der Finanzierung von damit, dass die Verwaltung dort leistungs-
drossenheit. Für Deutschland wäre ein Fernstraßen. Das geht aus einer Auf- stärker sei und zusätzliches Geld in
Expertenkabinett Premiere, in Öster- stellung über den Einsatz zusätzlich ver- bereits geplante Straßenbauvorhaben
reich, Tschechien und Italien wurde es fügbarer Finanzmittel aus den Jahren investieren könne. Grünenverkehrs-
bereits erprobt. Derzeit verhandeln 2014 bis 2018 hervor. Von den mehr als experte Oliver Krischer kritisiert dagegen
Linke, SPD und Grüne in Thüringen 1,6 Milliarden Euro, die das CSU-regierte Scheuer und dessen Vorgänger: »Zugver-
über eine Fortsetzung ihres Bündnisses, Ministerium in dieser Zeit verteilen konn- spätungen, Funklöcher und Fahrverbote
ihm fehlen jedoch vier Stimmen zur te, flossen 551 Millionen Euro in die Fern- sind dem jeweiligen CSU-Verkehrsminis-
Mehrheit. CDU und FDP hatten eine straßen des Freistaats. Damit liegt Bayern ter herzlich egal, Hauptsache, man kann
Duldung von Rot-Rot-Grün mehrfach weit vor anderen großen Ländern bei sich mit Bundesgeldern im Heimatbun-
ausgeschlossen. STW diesen Zusatzmitteln – vor Nordrhein- desland schmücken.« GT

16 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Fahrspaß auf
den ersten Blick.

DER NEUE OPEL CORSA


Als Benziner, Diesel oder 100 % elektrisch
Energieverbrauch Opel Corsa-e 16,8 kWh/100 km, CO2 -Emission 0 g/km, Reichweite 337 km (WLTP), Ladezeit ca. 5 h 15 min (ca. 11 kW, 3-phasig). Die tatsächliche
Reichweite kann unter Alltagsbedingungen abweichen und ist von verschiedenen Faktoren abhängig, insbesondere von persönlicher Fahrweise, Strecken-
beschaffenheit, Außentemperatur, Nutzung von Heizung und Klimaanlage sowie thermischer Vorkonditionierung.
Abbildung zeigt Sonderausstattung.
Deutschland

Zwergenreform
Familie Die Kinderrechte sollen nach jahrzehntelanger Debatte im Grundgesetz verankert werden.
Doch der Vorschlag von Bundesjustizministerin Lambrecht ist zu zaghaft,
um tatsächlich etwas zu verändern. Das Verhältnis von Eltern, Kind und Staat bleibt wie gehabt.

A
uf dem Tisch steht ein angeknab- lich »der beste Moment für mich«, so Es sind Fälle wie dieser, die seit Langem
berter Schoko-Nikolaus, drum Schmidt: »Noah lachte wieder.« Da hörte die Diskussion darüber befeuern, ob Kin-
herum liegen Matchbox-Autos, auch das Ausreißen der Haare wieder auf. derrechte im Grundgesetz ausdrücklich
ein gepunktetes Windrädchen – Das Sorgerecht aber habe die Mutter verankert werden sollten. Damit, so glau-
und ein paar Blätter mit amtlichem Stem- noch immer, sagt der Pflegevater, das wer- ben Kinderschützer und Familienrechtler,
pel. Seit vier Jahren sind Martin und Tom de vermutlich auch erst mal so bleiben. wäre es in vielen Fällen einfacher, das
Schmidt Pflegeeltern von Noah.* Seit vier »Die Richterin sagte zu uns, die Mütter- Wohl der Kinder zu schützen, wenn die
Jahren bekommen sie immer wieder Post rechte stünden nun mal im Grundgesetz, leiblichen Eltern dazu nicht in der Lage
vom Amtsgericht. Denn Noahs Mutter hat- die müsse sie beachten«, so Schmidt. sind. Der Ehrenvorsitzende des Deutschen
te eine Woche nachdem sie der Pflege-
elternschaft zugestimmt hatte, ihre Mei-
nung wieder geändert. Seitdem kämpft sie
dafür, dass Noah zu ihr zurückkommt,
obwohl sie nicht einmal ihr 14-tägliches
Besuchsrecht und die verabredeten Tele-
fonate mit ihm einhält.
Noah ist sechs Jahre alt und hat in sei-
nem kurzen Leben schon viel durchge-
macht. Seine Mutter war bei seiner Geburt
16 Jahre alt, sie war mit dem Kind über-
fordert. Noah verbrachte, ausgelöst durch
Interventionen des Jugendamts, längere
Zeit in diversen Mutter-Kind-Einrichtun-
gen, dreimal kam er in eine Kurzzeitpflege,
berichtet Schmidt.
Die Polizei musste mehrmals kommen,
der neue Ehemann hatte die Mutter ge-
schlagen. Der Junge fing an, sich die Haare
auszureißen. Die Mutter wiederum soll
ihren Sohn so laut angeschrien haben, dass
sein Atem in einem Affektkrampf aussetz-
te und er ohnmächtig wurde. Der Notarzt
musste alarmiert werden.
Mit zwei Jahren kam Noah zu den
Schmidts. »Wir waren sein zehntes Zuhau-
se«, sagt Pflegevater Martin Schmidt.
Doch was das Leben des Kindes befrieden
sollte, wurde nach Schmidts Worten zur
»Tortur«. Die Mutter wollte nicht loslassen,
sie hatte trotz aller Probleme das Sorge-
recht behalten. Im vergangenen Jahr gab
es den Versuch, mithilfe von Psychologen
und den Pflegeeltern das Kind zur Mutter
»zurückzuführen«, wie es in der Fachspra-
che heißt. Das Vorhaben aber misslang.
Noah veränderte sich bald, unterbrach
sein Spielen ständig und wurde aggressiv.
Er schlug seine Mutter und die anderen
Kinder in der Kita. Er lachte kaum noch
und fing wieder an, sich die Haare auszu-
reißen. Die Schmidts brachen die Rück-
führung ab, das Gericht ließ sich darauf
ein, nach einigen Wochen kam dann end-

* Namen geändert. Kanzlerin Angela Merkel bei Wahlkampfveranstaltung 2017

18
Familiengerichtstags, Siegfried Willutzki, war wohl verfrüht. Der Union geht Lam- Hauptstreitpunkt ist die Frage, ob und
ein Befürworter einer Verfassungsände- brechts Gesetzentwurf deutlich zu weit. wie Kinderrechte die in Artikel 6 des
rung, spricht von einem »bisher übermäch- »Wir müssen darauf achten, das rechtlich Grundgesetzes festgelegten Elternrechte
tigen Elternrecht«. sorgfältig austarierte Dreieck aus Kindern, beeinflussen. Es geht dabei nicht um juris-
Erstmals seit Jahrzehnten schien mit der Eltern und Staat nicht zu verändern«, tische Spitzfindigkeiten, sondern um eine
Großen Koalition Bewegung in die Debat- sagt der stellvertretende Vorsitzende der sehr grundsätzliche Frage: Welche Rolle
te zu kommen. Kanzlerin Merkel und ihre Unionsfraktion, Thorsten Frei. Mit ande- und welche Macht sollen Kinder und ihre
CDU, die sich lange gegen eine Verfas- ren Worten: Es soll beim Elternrecht mög- Eltern haben? Und welches Recht wiegt
sungsänderung gewehrt hatten, gaben ih- lichst alles so bleiben wie bisher. im Konfliktfall mehr? Entsprechend heftig
ren Widerstand vor der Bundestagswahl Die Grünen dagegen bemängeln, die wird seit Jahrzehnten darüber gestritten.
2017 auf. Im Koalitionsvertrag wurde ver- Justizministerin gehe viel zu zögerlich vor. Das Elternrecht wurde 1949 nach den
einbart, die Kinderrechte im Grundgesetz »Der aktuelle Gesetzentwurf ist schwach Beratungen des Parlamentarischen Rats
zu verankern. Am 26. November legte und bleibt deutlich hinter der UN-Kinder- auch als Lehre aus der Zeit des National-
Bundesjustizministerin Christine Lam- rechtskonvention zurück«, kritisiert die sozialismus in das Grundgesetz aufgenom-
brecht einen entsprechenden Gesetzent- für Familienpolitik zuständige stellvertre- men. Es sollte Familien vor der Willkür
wurf vor. »Über 30 Jahre haben wir auf tende Fraktionschefin Katja Dörner. Ohne des Staates schützen. Daran will auch kei-
diesen Entwurf gewartet«, sagte Lam- Zustimmung der Grünen ist die für eine ne Partei im Grundsatz etwas ändern.
brecht bei der Vorstellung. Es klang nach Verfassungsänderung auch im Bundesrat Andererseits zeigen Fälle wie der von
einem großen Wurf. nötige Zweidrittelmehrheit nicht zu errei- Noah, dass manchmal mehr Macht des
Doch die Hoffnung, damit einen wesent- chen. Das zunächst bejubelte Vorhaben Staates über ein Kind für dessen Wohl-
lichen Schritt vorangekommen zu sein, droht nun zu scheitern. befinden sinnvoll wäre. Doch es gibt be-
gründete Zweifel, ob der Gesetzentwurf
aus dem Justizministerium an der gegen-
wärtigen Lage überhaupt etwas ändern
würde. Würde es Pflegeeltern erleichtern,
ihre Pflegekinder zu behalten, statt sie wie-
der an die leiblichen Eltern abgeben zu
müssen, wenn es ihnen dort schlecht geht?
Könnten Jugendämter künftig früher ein-
schreiten, wenn die Eltern erkennbar über-
fordert sind und das Wohl des Kindes ge-
fährdet ist?
Wie heikel das Thema ist, machen die
Beratungen der im Juni 2018 eingesetzten
Arbeitsgruppe von Bund und Ländern
deutlich, die einen Vorschlag für die
Grundgesetzänderung erarbeiten sollte.
Wegen heftiger Meinungsunterschiede
standen die Verhandlungen kurz vor dem
Abbruch. Am Ende einigte man sich da-
rauf, sich nicht einigen zu können – und
legte der Justizministerin verschiedene
Formulierungsvorschläge vor.
Am umstrittensten war die Frage, ob das
Kindeswohl bei allem staatlichen Handeln
»vorrangig«, »wesentlich« oder »angemes-
sen« zu berücksichtigen sei. »Angemessen«
ist dabei die vorsichtigste Variante, also
die, die am ehesten der gegenwärtigen
Rechtslage entspricht. »Angemessen« steht
nun im Entwurf des Justizministeriums.
Die Begründung liest sich merkwürdig.
Es sei »ein Kernanliegen dieser Grund-
gesetzänderung, das Elternrecht und die
Elternverantwortung nicht zu beschrän-
ken«, heißt es dort. »Das austarierte Ver-
hältnis zwischen Eltern, Kindern und Staat
soll durch die Änderung bewusst nicht an-
getastet werden.« Es sind die Formulierun-
gen, die nun auch die CDU in ihrer Kritik
FABRIZIO BENSCH / REUTERS

an dem Entwurf verwendet.


Das Grundgesetz soll also geändert wer-
den, damit sich am entscheidenden Punkt
nichts ändert. Grundrechte von Kindern
sollten »besser sichtbar gemacht werden«,
versucht Lambrecht ihren Entwurf zu
mit Kindern in Berlin: Lange gegen eine Verfassungsänderung gewehrt rechtfertigen. Sichtbarkeit ist allerdings

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 19


Deutschland

wohnen zu dürfen, seien noch drängender


geworden. Eine Erzieherin des Heimes
habe versucht, den Kontakt zwischen Flo-
rian und ihr zu reduzieren. »Also musste
ich etwas tun, Florian ging es schlecht«,
sagt Solau. Eine Anwältin habe ihr schließ-
lich empfohlen, die Vormundschaft zu be-
antragen, die beim Jugendamt liegt.
Das Jugendamt aber wehrte sich dage-
gen, der Rechtsstreit begann. Eine Diplom-
Psychologin wurde als Verfahrensbeistand
benannt. Sie empfahl in ihrer Stellungnah-
me »ausdrücklich«, die Vormundschaft
der ehemaligen Erzieherin zu übertragen.
Auch eine psychologische Sachverstän-

STEFFEN ROTH / DER SPIEGEL


dige, die das Amtsgericht beauftragt hatte,
stellte fest: Florians ausdrücklicher Wille
sei, »zukünftig im Haushalt der Frau Solau
leben zu wollen«. Eine Verwehrung des-
sen drohe zu »besonderer Traurigkeit«
zu führen. Trotz dieser Aussagen stellte
Erzieherin Solau: Enge Beziehung zum Heimkind die Richterin die Entscheidung zurück und
wollte eine weitere Einschätzung der
Gutachterin.
eher eine ästhetische denn eine rechtliche dem sie vor bald fünf Jahren in den Ruhe- In der Zwischenzeit hatte die zuständige
Kategorie. stand gegangen war. Die beiden sind auch Mitarbeiterin des Jugendamts die Groß-
Entsprechend enttäuscht reagieren nicht schon häufig gemeinsam in die Ferien ge- mutter überzeugt, den Jungen doch zu sich
nur die Grünen und die Fürsprecher für fahren. zu nehmen, sagt Solau. Seither ist die Si-
mehr Kinderschutz. Auch Wissenschaftler Florians Eltern sind geistig behindert, sie tuation unübersichtlich: Florian durfte sei-
haben ihre Probleme mit dem Entwurf. können ihn nicht erziehen, auch die Groß- ne ehemalige Erzieherin zwar weiterhin
»Der Vorschlag des Bundesjustizminis- mutter lehnte es bislang ab, die Betreuung besuchen, sei dann aber immer unruhig
teriums greift zu kurz«, sagt Ludwig Salgo, zu übernehmen. Sie befürwortete zunächst, gewesen. »Er hatte riesige Loyalitätskon-
Professor für Familien- und Jugendrecht dass sich Solau um Florian kümmerte. Der flikte«, sagt Solau. »Ich habe jetzt erst mal
an der Goethe-Universität Frankfurt am Junge habe eine enge Beziehung zu ihr das Verfahren zurückgestellt, damit Ruhe
Main. Der Referentenentwurf sei mutlos gehabt, erzählt die ehemalige Erzieherin, reinkommt.« Ihr sei nur wichtig, dass es
und wirke, »als sei er mit Blick auf den er habe gesagt: »Ich gehe nicht mehr weg Florian gut gehe.
Koalitionspartner im vorauseilendem Ge- von dir.« Er drohte, nicht mehr aus seinem Entscheidungen darüber, wer die Vor-
horsam entstanden«. Dennoch ist Salgo Zimmer zu kommen. Als die Oma mal mit mundschaft eines Kindes bekommt, sind
froh, wenn es eine explizite Erwähnung ihm verreisen wollte, lehnte er ab. oft schwierige Abwägungen. Die Veranke-
von Kinderrechten im Grundgesetz gibt. Solau sitzt in ihrem Wohnzimmer, als rung von Kinderrechten im Grundgesetz
»Aktuell sind Kinder in der geltenden Fas- sie die Geschichte erzählt. Es ist stilvoll könnte diese Abwägungen erleichtern.
sung von Artikel 6 Grundgesetz nur Ob- eingerichtet, auf dem Sims des Bücher- Dazu müssten die Formulierungen im Ge-
jekte elterlichen Handelns oder Objekte regals stehen Fotos von Florian, eines als setz aber deutlich sein.
des staatlichen Schutzes, aber nie Subjek- Baby, eines von vor nicht allzu langer Zeit, Die CDU allerdings sperrt sich selbst ge-
te.« Zumindest das würde sich ändern. als er in ihrem Haus auf dem Land in der gen die sehr zurückhaltenden Pläne der
Der Leipziger Juraprofessor und Lan- Hängematte lag. Im Nebenzimmer be- Justizministerin. Nicht ganz so kategorisch
desverfassungsrichter Arnd Uhle, ein Geg- wahrt sie die Bilder auf, die Florian für sie ist die Haltung der Unionsfraktion nur bei
ner einer Grundgesetzänderung, wiede- gemalt hat. der Frage, ob zumindest die Beteiligungs-
rum warnte in der »Frankfurter Allgemei- Als sich die Gruppe im Heim veränder- rechte von Kindern ausdrücklich verankert
nen« vor einem »Trojanischen Pferd«. Die te, habe er kaum mehr Bezugspersonen werden. »Jedes Kind hat bei staatlichen
beabsichtigte Grundgesetzergänzung wür- gehabt, sagt Solau. Seine Bitten, bei ihr Entscheidungen, die seine Rechte unmit-
de »einen Interpretationswettbewerb in telbar betreffen, einen Anspruch auf recht-
Wissenschaft und Rechtsprechung aus- liches Gehör«, heißt es im Gesetzentwurf.
lösen« und auf diese Weise zu einer Än- Behörden als Wächter Um das sicherzustellen, braucht man aller-
derung der Rechtslage führen. Art der Kindeswohlgefährdung bei durchgeführten dings keine Grundgesetzänderung.
Dass dies kein Nachteil sein muss, zeigt Verfahren von Jugendämtern in Deutschland Das Anliegen, das Verhältnis von Staat,
der Fall von Florian*. Der Elfjährige ver- 2018, Einschätzung »akut« und »latent« gefährdet Eltern und Kindern neu zu regeln und die
suchte die vergangenen drei Jahre lang, Rechte der Schwächsten zu stärken, wird
das Kinderheim zu verlassen und zu Vernachlässigung 30 468 mit dem Gesetzentwurf nicht erfüllt. Die
seiner ehemaligen Erzieherin Gabriele Politik überträgt ihre Gestaltungsmacht
Solau* zu ziehen. Psychische auf die Gerichte. Dort, wo sie bislang auch
Im Alter von vier Wochen war er ins Misshandlung 15563 schon lag. Für Jungen wie Noah und Flo-
Heim gekommen. Die ersten sechs Jahre rian sind das keine guten Nachrichten.
Körperliche
betreute ihn Erzieherin Solau, die mehre- Misshandlung 13079 Ann-Katrin Müller, Ralf Neukirch,
re Tage die Woche mit ihm und anderen Anne-Sophie Schakat
Kindern zusammenlebte. Solau hielt wei- sexuelle Gewalt 2454 Quelle: Statistisches Mail: ann-katrin.mueller@spiegel.de
ter Kontakt zu dem Jungen, auch nach- Bundesamt

20 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Das Elektroauto für Deutschland:
Der neue Renault ZOE
Eine Generation weiter

Jetzt ab 109,– € mtl.


bei einer Leasingsonderzahlung von 1.880,– € zzgl. mtl. Batteriemiete1

Renault ZOE LIFE R110 Z.E. 40 (41-kWh-Batterie): Fahrzeugpreis 2 inkl. 4.480 € Elektrobonus: 3 17.420,– €. Bei Leasing: Leasingsonderzahlung
1.880,– €, 36 Monate Laufzeit (36 Raten à 109,– €), Gesamtlaufleistung 22.500 km, eff. Jahreszins 0,99 %, Sollzinssatz (gebunden) 0,99 %, Gesamt-
betrag 5.804,– € zzgl. Überführungskosten. Ein Kilometer-Leasingangebot für Privatkunden der Renault Leasing, Geschäftsbereich der RCI Banque
S.A. Niederlassung Deutschland, Jagenbergstraße 1, 41468 Neuss. Angebot gilt nur bei gleichzeitigem Abschluss eines Mietvertrags für die Antriebs-
batterie mit der Renault Bank, Geschäftsbereich der RCI Banque S.A. Niederlassung Deutschland, Jagenbergstraße 1, 41468 Neuss. Bei allen teil-
nehmenden Renault Partnern. Gültig für Privatkunden mit Mitgliedschaft beim ADAC mit Kaufvertragsdatum bis zum 31.12.2019.

Renault ZOE LIFE R110 Z.E. 40 (41-kWh-Batterie), Elektro, 80 kW: Stromverbrauch kombiniert (kWh/100 km): 17,2; CO2 -Emissionen kombiniert:
0 g/km; Energieeffizienzklasse: A+ (Werte gemäß gesetzl. Messverfahren). Renault ZOE: Stromverbrauch kombiniert (kWh/100 km): 17,7–17,2;
CO2 -Emissionen kombiniert: 0–0 g/km; Energieeffizienzklasse: A+–A+ (Werte gemäß gesetzl. Messverfahren).
1
Zzgl. eines monatlichen Mietzinses von 74,– € bei einer Jahresfahrleistung von 7.500 km. Der monatliche Mietzins deckt die Bereitstellungskosten
für die Batterie sowie die Renault Z.E. Assistance ab. 2 Abbildung zeigt Renault ZOE INTENS mit Sonderausstattung. 3 Inklusive 4.480 € Elektrobonus,
ohne Antriebsbatterie. Der Elektrobonus enthält 2.000 € staatlichen Umweltbonus sowie 2.380 € Renault Elektrobonus gemäß den Förderrichtlinien
des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie zum Absatz von elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Der Elektrobonus enthält auch die Förde-
rung des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle für den Einbau eines akustischen Warnsystems (AVAS) bei neuen Elektrofahrzeugen in
Höhe von 100 €, www.bafa.de. Der staatliche Umweltbonus und die AVAS-Förderung sind bereits in die Leasingsonderzahlung und den Gesamtbe-
trag einkalkuliert. Die Auszahlung erfolgt erst nach positivem Bescheid des von Ihnen gestellten Antrags. Ein Rechtsanspruch besteht nicht. Nicht
mit anderen Aktionen kombinierbar. Angebot gültig bis zum 31.12.2019. Renault Deutschland AG, Postfach, 50319 Brühl.
Deutschland

»Ich will nicht


anmaßend sein«
SPIEGEL-Gespräch FDP-Chef Christian Lindner, 40, sucht den
Streit mit der Klimabewegung, warnt vor einem Kulturkampf
gegen das Auto und setzt auf enttäuschte SPD-Anhänger.

SPIEGEL: Herr Lindner, Greta Thunberg Lindner: Wie ich schon oft eingeräumt
ist vom »Time«-Magazin zur Person des habe, lud die Formulierung leider zu Miss-
Jahres gekürt worden. Zu Recht? verständnissen ein. Tatsächlich ging und
Lindner: Die Bewertung von Greta Thun- geht es mir darum, dass wir bei den Wegen
berg als Person soll jeder für sich vornehmen. zum Klimaschutz auf Ingenieure und Na-
Mir geht es darum, wie wir in Deutsch- turwissenschaftler vertrauen sollten. Ich
land den Klimaschutz so organisieren, dass bin überzeugt, dass wir mit Innovation
die Menschen eine freiheitliche Lebens- und Technik bessere Ergebnisse erzielen
weise behalten können und wir unsere in- als mit Verboten und Verzichtsideologie.
dustrielle Basis nicht gefährden. SPIEGEL: Wie konnte es denn zu so einem
SPIEGEL: In den ostdeutschen Wahl- PR-Desaster kommen?
kämpfen haben Sie sich darüber mo- Lindner: Sagen Sie nie etwas, was miss-
kiert, welch seltsame Debatte angeblich verstanden werde kann? Mir passiert das.
in Deutschland laufe. Als Beleg zitierten In der Sache ging es mir um Folgendes:
Sie Magazin-Titelbilder mit Greta Thun- Wir müssen politische Ziele festlegen und
berg und der Flüchtlingshelferin Carola dann den Leuten vertrauen, die den na-
Rackete … turwissenschaftlich-technischen Sachver-
Lindner: … Sie haben Juso-Chef Kevin stand haben.
Kühnert auf dem Cover des SPIEGEL ver- SPIEGEL: Tausende von Wissenschaftlern
gessen. unterstützen »Fridays for Future«.
SPIEGEL: So spezifisch deutsch kann die Lindner: Das muss man differenzierter se-
Debatte um besseren Klimaschutz nicht hen. Die Wissenschaftler sind sich in der
sein, wenn auch ein amerikanisches Ma- Analyse einig, dass wir das Klima schützen
gazin Greta Thunberg auf das Cover hebt. müssen. Aber über die Frage, wie wir CO2
Lindner: Es geht nicht um Klimaschutz, einsparen, sehe ich auch unter Wissen-
sondern eine Unterversorgung mit Ver- schaftlern keine Einigkeit. Der Weltklima-
nunft. Herr Kühnert will die Wirtschaft rat selbst hat unterschiedliche Szenarien.
wie in Venezuela verstaatlichen. Frau Ra- Darüber muss man streiten.
ckete hielt es in einem Interview nicht für SPIEGEL: Ist es nicht so, dass außer den
ein Problem, wenn 50 Millionen Klima- Grünen alle Politiker unterschätzt haben,
flüchtlinge kommen. Zugleich will sie die wie sehr die Klimakrise die Menschen be-
Demokratie durch zufällig ausgeloste Öko- wegt – Sie eingeschlossen? Verzicht und Askese nicht. Wir müssen
räte ersetzen. Das geht an der Lebenswirk- Lindner: Nach meinem Eindruck haben also erreichen, dass auch die Studentin ei-
lichkeit der Menschen vorbei. Dass solche viele Menschen auch noch andere Sorgen nen Backpacker-Urlaub in Südostasien ma-
Stimmen so laut wurden, zeigt mir, dass als das Klima. In jedem Fall gibt es eine chen kann, ohne ein schlechtes Gewissen
bestimmte Grundwerte wie Freiheit, Eigen- Paradoxie. Einerseits wird viel über das zu haben. Und das geht mit technischen
tum und Verhältnismäßigkeit keine Selbst- Klima gesprochen, andererseits verzeich- Lösungen wie zum Beispiel mit klimaneu-
verständlichkeit sind. nen wir Rekordzahlen bei Flugreisen, Kreuz- tral hergestelltem synthetischen Kraftstoff.
SPIEGEL: Warum haben Sie sich so scharf fahrten und der Zulassung von SUVs. SPIEGEL: Das ist doch Zukunftsmusik, mit
über »Fridays for Future« geäußert? SPIEGEL: Darauf würde Greta Thunberg der Sie von notwendigen Einschränkun-
Lindner: Ich habe mich nicht scharf geäu- wohl sagen: Wir machen noch nicht genug gen beim Autoverkehr ablenken.
ßert. Ich gehöre zu den wenigen, die diese Panik, weil die Leute es nicht kapieren. Lindner: Gerade beim Auto geht es doch
Jugendbewegung ernst nehmen, indem ich Lindner: Vielleicht hat aber auch der Kli- um einen Kulturkampf. Da machen wir
mich mit ihren konkreten Forderungen maforscher Hans von Storch recht, der nicht mit. Vor ein paar Jahren haben alle
beschäftige. neulich im SPIEGEL vor Aktionismus und auf China gezeigt und gesagt, die Auto-
SPIEGEL: Wie bitte? Sie haben gesagt, Kli- Panikmache warnte. Die politische Aus- industrie müsse alles auf Elektroantrieb
maschutz sei eine Sache für Profis. Damit gangslage ist: Die Menschen sehen die Not- setzen. Jetzt schauen wir nach China und
haben Sie große Teile der Jugend vor den wendigkeit, das Klima zu schützen, aber sehen, dass dort auf Technologieoffenheit
Kopf gestoßen. in der Praxis folgen sie den Predigern von umgeschaltet wird. Wasserstoff hat min-

22
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL
Parteivorsitzender Lindner: »Zeigen Sie mir bitte jemanden, der sich nicht hin und wieder überfordert fühlt«

destens eine Chance verdient. Wenn wir tie erklären. Der Facharbeiter, der mit dem AfD. Diesen Menschen machen wir ein
jetzt die richtigen Schritte einleiten, haben Diesel pendelt, der sich darauf verlassen Angebot: nicht als Protestpartei, sondern
wir eine Chance, auch ohne harte Ein- können muss, dass die öffentliche Schule als Gestaltungskraft. Ihre Sorgen und Wer-
schnitte in Wohlstand und unsere Lebens- für seine Kinder funktioniert, der Über- te teilen wir nämlich.
weise den Klimawandel zu bewältigen. stunden machen möchte, ohne von der SPIEGEL: Ihre Politik scheint es zu sein,
Wer jetzt das Falsche macht, gibt unsere kalten Progression bestraft zu werden, der vor allem das Gegenteil von dem zu for-
Lebensweise preis, ohne etwas für das Kli- spart, um im Alter im Eigenheim mietfrei dern, was die Grünen fordern.
ma zu erreichen. zu wohnen – wo findet der sich heute in Lindner: Das kann ich nicht bestätigen.
SPIEGEL: Halten Sie sich für den Anwalt der SPD wieder? Der erlebt eine Partei, SPIEGEL: Nerven die Grünen Sie vielleicht
einer schweigenden Mehrheit? die mit grüner Klimapolitik seinen Arbeits- auch deshalb, weil sie so konträr zu dem
Lindner: Ich will nicht anmaßend sein. Die platz gefährdet und die sich mit grüner Mi- stehen, was Ihnen persönlich Spaß macht?
schweigende Mehrheit hat sicherlich un- grationspolitik praktischen Problemen der Lindner: Sie würden sich wundern. Ich
terschiedliche Perspektiven. Aber eines Integrationsfähigkeit verweigert. fahre privat so gut wie kein Auto, lebe in
kann man gewiss sagen: Im politischen SPIEGEL: Und Sie glauben, die FDP könn- Berlin-Mitte, esse nur sehr bewusst Fleisch,
Berlin werden die Debatten oft ganz an- te deren neue Heimat werden? bin oft in der Natur, und die Wegwerf-
ders geführt, als ich sie auf meinen Reisen Lindner: Neulich wurde in einer Zeitung gesellschaft ist mir ein Graus.
durch das Land erlebe. So lässt sich auch ein Mitarbeiter von Opel zitiert. Der sagte: SPIEGEL: Sie sind stolzer Besitzer eines
der Abstieg der deutschen Sozialdemokra- Wir wählen Protest, entweder FDP oder Porsche 911 SC, Baujahr 1982, mit immer-

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 23


HERMANN BREDEHORST / POLARIS / LAIF
»Fridays for Future«-Demonstranten in Berlin: »Viele Menschen haben auch noch andere Sorgen als das Klima«

hin 180 PS. Das löst bei Klimaschützern Viertel der Menschen wählen noch nicht SPIEGEL: Der Eindruck drängt sich aber auf.
Schnappatmung aus. grün. Lindner: Nein, diesen Eindruck wollen Sie
Lindner: Aber völlig zu Unrecht. Mein SPIEGEL: Ist die FDP das Auffangbecken vermitteln. Nehmen Sie beispielsweise die
Auto könnte mit synthetischem Benzin be- für diejenigen, die vom Moraldiskurs der Apotheker. Die sind uns als Freiberufler
tankt werden, dann wäre es klimafreund- Klimabewegung genervt sind? sympathisch. Als liberale Partei müssen
licher als ein neuer Tesla. Das Nadelöhr Lindner: Wir sind kein Auffangbecken, wir dennoch im Interesse der Patienten
ist nur die Verfügbarkeit von erneuerbarer wir sind eine liberale Alternative. Wir ste- für die Wahlfreiheit sein und den Versand
Energie, um diesen Sprit zu produzieren. hen für Positionen und nicht in erster Linie von Medikamenten begrüßen.
Das werden wir in Zukunft in Europa lö- gegen eine andere Partei. SPIEGEL: Warum stimmt denn die FDP ge-
sen. Übrigens kenne ich keine Schnappat- SPIEGEL: Können Sie uns erklären, warum gen Regierungspläne, auch wenn sie ver-
mung. Ich gönne jedem seine individuelle Sie sich bei den Bauernprotesten in die nünftig sind? Nach dem antisemitischen
Lebensweise. In einer Gesellschaft ist ein erste Reihe gestellt haben? Anschlag in Halle hat die Große Koalition
friedliches Zusammenleben nur dann mög- Lindner: Weil es auch um Respekt vor beispielsweise das Waffenrecht verschärft.
lich, wenn man so großzügig ist, dem an- Leistung, um Fairness und um wissen- Grüne und Linke enthielten sich, FDP und
deren auch seine Vorlieben zu gönnen. schaftliche Evidenz von Politik geht. Das AfD waren im Bundestag dagegen. Fühlen
SPIEGEL: Reden Sie jetzt lieber über Ihre fordern die Bauern zu Recht. Sie sich in dieser Gesellschaft wohl?
S-Bahn- als über Ihre Porsche-Fahrten aus SPIEGEL: Die protestierenden Bauern, die Lindner: Sie vermischen eine Sachfrage
Angst vor dem nächsten Shitstorm? unter anderem gegen die Verschärfungen mit der Frage, wie wir zur AfD stehen. Die
Lindner: Nein, ich habe doch eben sogar bei der Düngeverordnung sind, werden AfD steht gegen nahezu alles, was uns an
das böse Wort Diesel in den Mund genom- mehrheitlich als Gegner der Klimabewe- Werten heilig ist.
men. Ich bin, was das angeht, vollkommen gung wahrgenommen. SPIEGEL: Uns interessiert, warum Sie auch
angstfrei. Meine Position ist nicht: Jeder Lindner: Sie bestätigen gerade meinen Ein- beim Waffenrecht gegen einen vernünfti-
soll Fleisch essen, Diesel fahren, nach Mal- druck, dass die Landwirte oft diskreditiert gen Vorschlag sind.
lorca fliegen. Aber meine Position ist auch werden. Die haben doch das größte Inte- Lindner: Der Vorschlag war überhaupt
nicht, Fleischkonsum zu verpönen, das resse daran, natürliche Lebensgrundlagen nicht vernünftig. In Halle wurden keine
Einfamilienhaus zu verbieten und einen zu schützen. Sie leben ja davon. legalen Waffen eingesetzt. Wer in Deutsch-
Kulturkampf gegen das Auto zu führen. SPIEGEL: Sind die Bauern eine neue Ziel- land legal eine Waffe trägt, dessen Zuver-
Ich will Ressourcen schonen und nachhal- gruppe der FDP? lässigkeit wird bereits geprüft. Wer etwa
tig wirtschaften. Ich will das Klima schüt- Lindner: Wir haben Positionen und su- mit Alkohol am Steuer erwischt wird, dem
zen, aber ohne den Menschen ihre Lebens- chen Gleichgesinnte. Feste Zielgruppen, wird schnell seine Waffe entzogen. Die Re-
weise wegzunehmen. Es mag ja außerhalb für die wir dann Politik machen, suchen gelanfrage beim Verfassungsschutz ist zu-
Berlins kaum vorstellbar sein, aber drei wir nicht. sätzliche Gängelung und Bürokratie.

24 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Deutschland

SPIEGEL: Aber wenn man dadurch verhin- Sonntagsfrage mehr als zwei Jahren im Bundestag in der
dert, dass Waffen in die falschen Hände »Welche Partei würden Sie wählen, wenn am Opposition. Wie anstrengend ist das?
gelangen? kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre?« Lindner: Das ist kein Zustand, den ich auf
Lindner: Das ist ja gerade nicht der Fall, 12 Dauer fortsetzen will. Unser Ziel ist es, in
denn das Problem sind illegale Waffen. Mit FDP-Bundestags- Deutschland mitzugestalten und dem
Jagdbüchsen werden auch keine Banken wahlergebnisse 10,7 Land eine andere Richtung zu geben. Re-
10
überfallen. formen in der Bildung, große Technologie-
Seit Anfang Dezember 2013
SPIEGEL: Sie sind seit Sommer 2018 Jung- ist Christian Lindner projekte, kontrollierte Zuwanderung – da
jäger, also befangen. FDP-Bundesvorsitzender. wären wir dabei.
Lindner: Man könnte auch sagen, dass ich SPIEGEL: Würden Sie sich beim nächsten
den Sachverhalt gut kenne. Mal auf eine Koalition Union, FDP und
SPIEGEL: Haben Sie die Sorge, FDP-Wäh- Umfrage 6 Grüne – das 2017 von Ihnen abgesagte
4,8 13. Dez.
ler unter den Jägern und Sportschützen Jamaikabündnis – einlassen?
an die AfD zu verlieren? 8% Lindner: Das hängt ganz vom Verlauf et-
4
Lindner: Sie können das Spiel jetzt immer waiger Verhandlungen ab. Union und Grü-
weiter betreiben, aber Ihre Thesen stim- FDP ne wissen jedenfalls jetzt, dass die FDP
men nicht. 2 nicht Mehrheitsbeschaffer für ein schwarz-
SPIEGEL: Welche Thesen meinen Sie? grünes Bündnis sein wird.
Quelle: Infratest dimap; mindestens 1000 Befragte;
Lindner: Durch Ihre Themenwahl wollen Schwankungsbreite zwischen 1,4 bis 3,1 Prozent SPIEGEL: Die Grünen liebäugeln mehr mit
Sie belegen, die FDP sei eine Protestpartei, ’13 2015 2017 2019
Schwarz-Grün.
sie sei in einem Wettbewerb mit der AfD, Lindner: Die Grünen liebäugeln mit Grün-
sie suche krampfhaft nach neuen Zielgrup- Rot-Rot, die Union mit Schwarz-Grün.
pen. Wenn wir über Europa oder nicht Kann man verstehen, denn wir stören die
kommerzielle Leihmutterschaft sprechen ge. Außerdem ist die Steuerlast im interna- Harmonie. Beim Klimapaket konnte man
würden, gäbe es einen anderen Eindruck. tionalen Wettbewerb schon jetzt zu hoch. das erleben. Die neue CO2-Steuer wurde
Wir machen jedenfalls Politik für die Mitte SPIEGEL: 52 Prozent der FDP-Anhänger schon erhöht, bevor sie das erste Mal er-
der Gesellschaft. sind aber nach einer ARD-»Deutschland- hoben wurde. Das erschwert den Struk-
SPIEGEL: Die Große Koalition schafft den trend«-Umfrage für die Steuer. Was sagen turwandel. Friedrich Merz hat mit einem
Soli für 90 Prozent der Steuerzahler ab. Ihnen solche Zahlen über die Befindlich- höheren Spitzensteuersatz sogar ein Ko-
Sie haben mit Blick auf den verbliebenen keit in der Gesellschaft? alitionsangebot unterbreitet. Wenn Grün-
Rest von einer »Strafsteuer für Hochqua- Lindner: Dass wir diskutieren und Vor- Rot-Rot keine Mehrheit hat und Union
lifizierte« gesprochen. Warum? und Nachteile abwägen müssen. Sie sehen und Grüne ohne uns nicht regieren kön-
Lindner: Weil es die Wahrheit ist. allerdings, dass wir Haltungen nicht von nen, haben wir eine starke Position.
SPIEGEL: Wie erklären Sie den anderen Umfragen abhängig machen. SPIEGEL: Bislang dringt die FDP kaum
90 Prozent, dass sie nicht hochqualifiziert SPIEGEL: Sehen Sie keine Probleme bei durch. Ihr Vize Wolfgang Kubicki hat Par-
sind? der Verteilung des Vermögens? teifreunden empfohlen, lieber mal was Fal-
Lindner: Jetzt legen Sie mir etwas in den Lindner: Doch. Wer eine Eigentumswoh- sches zu sagen als nichts. Teilen Sie diesen
Mund, was ich nicht gesagt habe. Der Soli nung besitzt, profitiert vom niedrigen Zins. Befund?
wird zu 50 Prozent abgeschmolzen, ob- Wer zur Miete wohnt, tritt auf der Stelle. Lindner: Wir sollten starke Nerven be-
wohl sein Zweck erfüllt ist. Mittelstand Dagegen hilft aber keine Vermögensteuer, halten und vertreten, was wir für richtig
und Wirtschaft müssen weiter zahlen. Das die Arbeitsplätze unsicher macht und zur halten. Unser Teamwork ist unsere Stärke.
sind nicht Superreiche, sondern schon der Flucht ins Ausland einlädt. Wir sollten SPIEGEL: Bei allem Verständnis für Ge-
erfahrene Teamleiter am Produktions- auch auf die furchtbare Aktiensteuer von schlossenheit – wenn keiner öffentlich mal
band. Für die ist das eine Strafsteuer, die Finanzminister Olaf Scholz verzichten, mit widerspricht, wirkt eine Partei blutleer.
unfair und in Zeiten der wirtschaftlichen der Kleinanleger zu Spekulanten gemacht Lindner: Ich habe Verständnis für das
Stagnation schädlich ist. werden. Machen wir stattdessen Deutsch- Geschäft nachrichtensuchender Journalis-
SPIEGEL: Für die FDP waren solche rhe- land zu einem Land von Kleinaktionären, ten, aber ich persönlich ziehe das Mann-
torischen Zuspitzungen schon immer ge- von Eigentümern mit mittleren Einkom- schaftsspiel vor. Das hat dazu geführt,
fährlich – wir denken da an Guido Wes- men, indem wir den Zugang zu Bauland dass wir mehr Tore erzielen als in der
terwelles Satz von der »spätrömischen De- verbessern und einen höheren Freibetrag Vergangenheit. Wir klären unsere Diffe-
kadenz« oder das Diktum von der »Partei bei der Grunderwerbsteuer einführen. renzen unter uns, wir streiten intern, aber
der Besserverdienenden«. SPIEGEL: Sie sind nach den außerparla- wir machen keine Spielchen mehr. Als
Lindner: Ich danke für Ihre Fürsorglich- mentarischen Jahren der FDP jetzt seit Vorsitzender hafte ich für den Erfolg
keit, das ist neu beim SPIEGEL. Aber ich der FDP.
überlasse es einmal Ihren Leserinnen und SPIEGEL: Haben Sie mitunter den Ein-
Lesern, ob das eine gefährliche Zuspitzung druck, in Ihrer Rolle als liberaler Multitas-
war oder ob Sie übertreiben. ker überfordert zu sein?
SPIEGEL: Die Sozialdemokraten wollen Lindner: Wir leben in Zeiten, in denen
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL

die Vermögensteuer einführen. Warum sich fortwährend alles verändert – von der
sind Sie dagegen? Weltordnung bis hin zur inneren Liberali-
Lindner: Der bürokratische Aufwand ist tät unseres Landes gibt es keine Gewiss-
größer als die Einnahmen, vielen Famili- heiten mehr. Zeigen Sie mir bitte jeman-
enbetrieben droht eine Substanzbesteue- den, der sich damit nicht hin und wieder
rung, die zulasten von Arbeitsplätzen gin- überfordert fühlt.
SPIEGEL: Herr Lindner, wir danken Ihnen
* Mit den Redakteuren Christoph Schult und Severin Lindner beim SPIEGEL-Gespräch* für dieses Gespräch.
Weiland in Berlin. »Ich danke für Ihre Fürsorglichkeit«

25
Deutschland

dort eher wie ein akademisches Problem

Mit Wenn und Aber daher. Vorsichtig loteten Strategen über


lange Zeit aus, wann der richtige Zeitpunkt
für eine schwarz-grüne Bundesregierung
gekommen sein könnte. Und über den
Sachsen-Anhalt Die Affäre um einen CDU-Kommunalpolitiker richtigen Kurs wird auf Parteitag um Par-
zeigt die Zerrissenheit der Partei. Die Spitze steht teitag und bei vielen anderen Gelegenhei-
zu den Grünen, Teile der Basis liebäugeln mit der AfD. ten debattiert.
In Sachsen-Anhalt ist das alles real. Das
Bündnis mit den Grünen ist kein Gedan-

A ls der Mond aufgegangen war, nach


einem Tag, an dem wieder nur ge-
stritten worden war, fiel plötzlich
Frieden auf das vorweihnachtliche Mag-
schon bald Vergangenheit. Reiner Haseloff
wurde 2016 Chef der ersten Koalition von
CDU, SPD und Grünen auf Landesebene.
Vor vier Wochen folgte eine solche Kenia-
kenspiel, sondern per Koalitionsvertrag
besiegelte Wirklichkeit. Zugleich sind die
konservativen Kreise im Landesverband
offen für eine Zusammenarbeit mit Rech-
deburg herab. koalition in Brandenburg. Nun ist es auch ten. Bereits nach der Landtagswahl 2016
Wie ein etwas bullig geratener Engel in Sachsen so weit, just am Donnerstag wollten Teile der CDU-Fraktion lieber mit
trat der CDU-Landesvorsitzende Holger stimmten als dritter Partner auch die Grü- der AfD verhandeln.
Stahlknecht in einem Kloster nahe
der Parteigeschäftsstelle vor die
Presse und verkündete seine frohe
Botschaft, mit der zwischenzeitlich
nicht mehr viele gerechnet hatten:
dass in der Partei und damit auch
in der Regierungskoalition von
Sachsen-Anhalt alles wieder gut
werde.
Es klang wie ein Weihnachts-
wunder. Allein, der Glaube daran,
so viel war schon klar, wird noch
auf schwere Proben gestellt werden
in den kommenden Tagen.
Stahlknecht erklärte, dass »in
der CDU kein Platz für Extremis-
ten jeglicher Form« sei. Hakenkreu-
ze hätten in der CDU keinen Platz.
Dies sei so selbstverständlich, dass
er es eigentlich gar nicht habe er-
FOTOS LINKS UND MITTE: MONITOREX

wähnen wollen. »Das ist eine Tau-


tologie, ein weißer Schimmel.« Der
Landesvorstand werde sich der
Streitsache annehmen und eine
Entscheidung treffen, allerdings
erst nach Weihnachten, am 28.
Dezember.
In Realpolitik übersetzt heißt
das: Stahlknecht hat einen Waffen- Demonstrationsteilnehmer Möritz (M.) in Halle 2011, rechtes Propagandaplakat, CDU-Politiker
stillstand erreicht. Der Konflikt ist
nicht gelöst, er wird nur vorerst
nicht ausgetragen. Ein Weihnachtsfriede, nen dort einem solchen Bündnis zu. Nach Dazu kam es nicht, aber der Lan-
mehr nicht. der Bundestagswahl 2017 hatten Einzelne desverband ist tief gespalten. Weder Ha-
Noch Anfang der Woche hatte es so aus- in Berlin bereits von einem solchen Bünd- seloff noch Stahlknecht haben die Auto-
gesehen, als würde es nicht mal dazu rei- nis auf Bundesebene geträumt. rität, um ihn zu versöhnen. Die Spannung
chen. Die Koalition schien an einem Kom- Doch alle Träumer müssen in Sachsen- wurde bereits vor drei Wochen deutlich.
munalpolitiker zu zerbrechen, den bis da- Anhalt nun Realitätsschock um Realitäts- Stahlknecht, zugleich Innenminister, woll-
hin kaum einer gekannt hatte. Denn alles, schock erleben. Im Mittelpunkt steht die te Rainer Wendt zum Staatssekretär in
was dann über ihn bekannt wurde, warf CDU, die nach links Optionen sucht und seinem Ministerium machen. Der Polizei-
die Frage auf, wo die Regierungspartei nach rechts um Abgrenzung ringt. gewerkschafter hatte viele Gelegenhei-
CDU steht: näher an den Grünen oder In Berlin, auf Bundesebene, steht sie ten genutzt, sich einen Namen als Hard-
doch näher an der AfD? Dass es dafür vor der gleichen Aufgabe. Die aber kommt liner zu machen, und war republikweit
kaum mehr brauchte als eine Tätowierung auch wegen der Affäre um sein Gehalt be-
und die Teilnahme an einer Demonstra- kannt.
tion, sagt mehr über den Zustand der Re- Seine Berufung durfte man als Signal
gierung aus, als alles, was der Landesvor- Es wurde etwas ruhiger, an den konservativen Flügel im CDU-Lan-
sitzende Stahlknecht in seiner Pressekon- aber nur für einige desverband verstehen: Wir tun was, wir
ferenz erklärte. lassen uns nicht länger von diesen Linken
Sachsen-Anhalt sollte ein Zukunftsmo-
Tage. Dann brach der und Grünen reinreden. Die Koalitionspart-
dell werden, doch möglicherweise ist es nächste Sturm los. ner verstanden die Personalie, mit glei-

26
chem Recht, als Kampfansage, zumal ih- tete etwa, das Tattoo sei kein rechtsextre- tionszwänge schwach daher. Es folgte ein
nen zuvor niemand etwas gesagt hatte. mes Symbol. Der Landesverband forderte Satz, der wie ein Angebot an die AfD
SPD wie Grüne kündigten ihr Veto an, ihn am Donnerstag auf, »seine Aktivitäten klang: »Es muss wieder gelingen, das So-
am Ende wurde Wendt nicht berufen und und Vernetzungen in der rechtsextremis- ziale mit dem Nationalen zu versöhnen.«
die Koalition damit gerettet, so gerade eben. tischen Szene darzulegen«. Außerdem Einer der beiden Vizes, Ulrich Thomas,
Es wurde etwas ruhiger, aber nur für einige möge er erklären, dass NS-Symbole »mit sagte es dann gegenüber der »Mitteldeut-
Tage. Dann brach der nächste Sturm los. den Grundsätzen der CDU Sachsen-An- schen Zeitung« offen: Man solle eine Koa-
Er begann mit dem Tweet eines Mit- halt unvereinbar sind und dass er dieses lition mit der AfD künftig »jedenfalls nicht
glieds des CDU-Kreisvorstands Anhalt- vorbehaltlos anerkennt«. ausschließen«.
Bitterfeld. Der Mann namens Robert Mö- Seine bisherigen Erklärungen fanden Dabei hat die CDU eigentlich für sich ge-
ritz verteidigte gegen einen Kritiker auf viele nicht überzeugend. Die Kritik gipfel- klärt, unter welchen Umständen sie mit den
Twitter einen Satz im Grundsatzpapier te in dem Statement der Grünen, das die Rechten koalieren will: unter keinen. Es
des Landesverbands: »dass der Islam nicht Frage enthielt: »Wie viele Hakenkreuze gilt der Unvereinbarkeitsbeschluss des Bun-
zu Deutschland gehört«. haben Platz in der CDU?« Die offizielle desparteitags, der jegliche Zusammenar-
Der Kritiker aus den Reihen des Jusos Antwort gab der Ministerpräsident. beit mit der AfD ausschließt und eine Äch-
entdeckte dann auf dem Profilfoto ein klei- »Ohne Wenn und Aber: Hakenkreuze und tung rechtsextremer und antisemitischer
nes Symbol: ein Schwert, das in einem CDU geht gar nicht.« Aber der Koalitions- Thesen fordert. In den vergangenen Tagen
verlangten Bundestagsabgeordnete
sowie Christdemokraten aus ande-
ren Landesverbänden von den Par-
teifreunden in Sachsen-Anhalt, im
Fall Möritz rigoros zu handeln.
Das kam nicht überall gut an »Es
sollten einfach alle mal ein bisschen
mehr Vertrauen in die Partei haben,
die sich da melden«, sagt etwa der
Weißenfelser CDU-Landtagsabge-
ordnete Harry Lienau. »Natürlich
kann ich mich von außen darüber
erheben und die Nase rümpfen, ge-
holfen wird uns damit hier jeden-
falls nicht.«
Schwierig ist die Situation auch
für die Koalitionspartner SPD und
Grüne. Jedes Mal, wenn sie sich
deutlich äußern, setzen sie die
CDU unter Druck, und doch wol-
len sie gerade eines nicht: einen
Koalitionsbruch, der dazu führen
könnte, dass die rechten Kräfte in
der CDU stärker werden.
Schweigen ist indes auch keine
Lösung. Die Grünen-Bundestags-
abgeordnete Steffi Lemke aus Sach-
sen-Anhalt, lange Jahre Bundes-
Möritz (Twitter-Profilbild): Der Konflikt ist nicht gelöst, er wird nur vorerst nicht ausgetragen geschäftsführerin ihrer Partei, packt
ihr Unbehagen in diese Worte:
»Wir müssen uns fragen, ob Kenia
Kreuz steckt. Es ist das Symbol des Vereins krach war damit ebenso wenig zu verhin- mehr Deckmantel als Bollwerk gegen
Uniter. Der steht im Verdacht, rechtsextre- dern wie weitere Diskussionen darüber, rechts wird, wenn die CDU keine klaren
me Verbindungen zu haben; zu seinen Mit- wie rechts die CDU sein sollte und ist. Grenzen einziehen kann.«
gliedern sollen aktive und ehemalige Sol- Möritz gehört dem Vorstand des Kreis- Die nächste Wahl in Sachsen-Anhalt fin-
daten, Polizisten und private Sicherheits- verbands Anhalt-Bitterfeld an. Dessen det spätestens 2021 statt. Ob Haseloff, der
leute zählen. Vorsitzender ist Matthias Egert, ein junger, jegliche Zusammenarbeit mit der AfD aus-
Linke Gruppen begannen mit der Suche aufstrebender Politiker; unter den mäch- schließt, wieder antritt, ist unklar. Er re-
nach rechtsextremen Verbindungen von tigen Kreisvorsitzenden ist er der jüngste. giert seit mehr als achteinhalb Jahren in
Möritz, und siehe da: Sie fanden ein Foto, Zudem steht er dem Landesfachausschuss Magdeburg. Wer nach ihm kommt, welche
das ihn 2011 auf einer Demonstration von »Konservativer Kreis« vor, einer Gruppe, Kräfte sich in der CDU in Sachsen-Anhalt
Neonazis in Halle zeigt. Und ein anderes, die sich durchaus ein Bündnis mit der AfD durchsetzen, ist ungewiss. Für alle, die auf
auf dem sein Tattoo zu sehen ist, die vorstellen kann. eine Ausgrenzung der AfD setzen, muss
»Schwarze Sonne«, ein rechtsextremes Nach der Europawahl im Mai war eine die Weihnachtsbotschaft von Magdeburg
Symbol aus drei Hakenkreuzen. Denkschrift – »Nur zur internen Diskus- in diesem Jahr lauten: Fürchtet euch!
Möritz, 29, beteuerte, nicht mehr rechts- sion!« – aufgetaucht, in der zwei Vizevor- Florian Gathmann, Roman Höfner, Valerie
extrem zu sein, und er trat nach dem Be- sitzende der Landtagsfraktion beklagten: Höhne, Timo Lehmann, Markus Verbeet,
richt aus dem Verein Uniter aus. Doch sei- Auf der einen Seite profiliere sich die AfD Severin Weiland, Steffen Winter
ne Angaben waren teilweise widersprüch- mit einstigen CDU-Themen, auf der ande- Mail: timo.lehmann@spiegel.de
lich, teilweise wenig glaubhaft. Er behaup- ren Seite komme die CDU durch Koali-

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 27


Deutschland

Verräterische
detailliert auf, was für diesen Verdacht Den Mordanschlag selbst hält der Ge-
spricht – und warum sie glauben, dass neralbundesanwalt jedenfalls für profes-
Krasikov alias Sokolov Helfer hatte, die sionell ausgeführt: drei gezielte Schüsse

Tattoos
für ihn das Opfer in Berlin ausspähten. mit Spezialmunition in die Brust und in
Würde der Verdacht zur Gewissheit, den Kopf, abgegeben aus einer Pistole mit
käme die Bundesregierung kaum um här- Schalldämpfer.
tere Konsequenzen herum. Wenn der Ein- Sicher sind sich die Ermittler auch, dass
Justiz Neue Details stärken den druck entstünde, dass Deutschland Staats- die Tat kaum ohne Helfer vonstatten ge-
Verdacht, dass ein russischer morde auf eigenem Boden toleriert, so hen konnte. Der mutmaßliche Todesschüt-
schreibt der Generalbundesanwalt, wäre ze reiste erst einen Tag vor dem Mord von
Geheimdienst hinter dem Mord dies eine »erhebliche Gefahr für das An- Warschau nach Berlin – zu spät, um das
im Tiergarten steckt – und der sehen der Bundesrepublik«. Opfer selbst ausspähen zu können.
Killer Helfer in Berlin hatte. Laut dem Vermerk zum Tiergarten-Fall Am Tag des Attentats will eine Zeugin
glauben die Ermittler, dass russische Be- Krasikov gesehen haben, wie er am Ein-
hörden tatkräftig halfen, Krasikov eine gang des Parks wartete, durch den Zelim-

D er Mann, der sich Vadim Sokolov


nennt, hatte eine einfache Erklä-
rung, was er in dem Gebüsch trieb:
Er habe pinkeln wollen, mehr nicht, sagte
Tarnidentität zu besorgen. Sie schließen
aus, dass er ohne staatliche Unterstützung
in der Lage gewesen wäre, sich falsche Pa-
piere zu verschaffen und »unbehelligt die
khan Khangoshvili freitags zur Moschee
ging. Die Informationen über das Opfer
müssten ihm »bereits in Berlin befindliche
Personen« geliefert haben, schreiben die
er seinen Vernehmern. Mit dem Mord im Sicherheitskontrolle beim Abflug in Mos- Ermittler.
Kleinen Tiergarten habe er nichts zu tun. kau zu passieren«. Von dort flog der mut- Einen auffälligen E-Roller, mit dem Kra-
Zwei Jugendliche hatten anderes beob- maßliche Auftragskiller am 17. August sikov wohl nach dem Mord fliehen wollte,
achtet. Sie sahen, wie der Russe mit sei- nach Paris, dann weiter nach Warschau. sah ein Zeuge ebenfalls schon einen Tag
nem Mountainbike hinter einem Gebüsch Mehrere Details seiner Legende, so vor der Tat am Spreeufer bereitstehen. Un-
verschwand und plötzlich nicht mehr steht es in dem Vermerk, »weisen auf einen klar ist bislang, wo sich der Russe über
dunkle Kleidung und Perücke trug, son- nachrichtendienstlichen Hintergrund hin«. Nacht aufhielt. Die Ermittler fanden Visi-
dern ein helles Shirt mit Streifen. Das Rad Etwa sein Visumantrag, den er kurz vor tenkarten von zwei Hotels in Berlin und
versenkte er in der Spree. Dort fanden der Reise gestellt hatte: Eine Faxnummer Potsdam, gesehen wurde er dort nie.
Polizeitaucher auch die Mordwaffe, einen darauf führe zu einem Tarnunternehmen Fest steht für die Ermittler: Moskau hät-
Handschuh mit Schmauchspuren und eine im Umfeld des russischen Verteidigungs- te ein Motiv für das Attentat auf ihn. Das
Hose mit DNA-Partikeln von Sokolov, der ministeriums. Opfer galt als Staatsfeind, im Tschetsche-
in Wirklichkeit Vadim Krasikov heißt. Ein weiteres Puzzleteil könnten Krasi- nienkrieg führte er eine Miliz gegen die
Recherchen des SPIEGEL und seiner Ko- kovs Tattoos sein. Experten des Berliner russischen Streitkräfte an.
operationspartner Bellingcat, The Insider Landeskriminalamts gingen zunächst der Womöglich war sein Todestag kein Zu-
und The Dossier Center hatten seit dem Frage nach, ob diese charakteristisch für fall. Der Verfassungsschutz merkt in einem
Sommer immer mehr Hinweise zutage kriminelle russische Banden seien. Ihre Gutachten an, dass der Mord am Geburts-
gefördert, dass Krasikov den Mord am Antwort lautete: nein. Vielmehr ähnelten tag von Achmat Kadyrow verübt wurde,
23. August im Auftrag eines russischen die Tätowierungen jenen, die Kämpfer mi- dem Vater von Putins heutigem Statthalter
Geheimdienstes ausführte. litärischer Spezialeinheiten trugen. Das in Tschetschenien – der war 2004 bei ei-
In einem 20-seitigen Vermerk des Ge- lege den Verdacht nahe, so die Ermittler, nem Bombenanschlag von tschetscheni-
neralbundesanwalts, der den Fall im De- Krasikov habe mal zu einer »Speznaz«- schen Rebellen ermordet worden, an de-
zember übernahm, listen die Ermittler nun Einheit russischer Geheimdienste gehört. ren Seite Khangoshvili kämpfte.
Schon 2012, vier Jahre bevor das späte-
re Mordopfer nach Deutschland übersie-
delte, übergab ein Vertreter des russischen
Geheimdiensts FSB dem Bundeskriminal-
amt eine Liste mit 19 angeblichen Terro-
risten – Khangoshvili war einer von ihnen.
Russlands Präsident Wladimir Putin nann-
te ihn vor wenigen Tagen einen »blutrüns-
tigen Menschen« und »Banditen«. Es
klang wie eine Drohung an Russlands Fein-
de in aller Welt.
Trotz allem will die Bundesregierung
weiter versuchen, Moskau zur Koopera-
tion zu bewegen. »Es gibt die begründete
Hoffnung auf eine Unterstützung unserer
Ermittlungen«, sagte Bundesinnenminis-
ter Horst Seehofer zuletzt dem SPIEGEL.
Bislang allerdings blieben die Russen
bei ihrer ursprünglichen Version: Sokolov
sei Sokolov, sein Pass sei echt – und Mos-
kau habe mit dem Mord nichts zu tun.
REUTERS

Maik Baumgärtner, Roman Lehberger,


Fidelius Schmid,
Wolf Wiedmann-Schmidt
Ermittler am Tatort im August: »Gefahr für das Ansehen der Bundesrepublik«

28 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Mit SPIEGEL+ nutzen
Sie die ganze digitale Welt
des SPIEGEL.
Jeden Tag besser informiert: Sie erhalten vollen Zugriff auf alle Inhalte von SPIEGEL+ auf
SPIEGEL ONLINE, entdecken in dem SPIEGEL+-Newsletter besondere Leseempfehlungen
aus der Redaktion und lesen die digitale Ausgabe des SPIEGEL schon freitags ab 18 Uhr.

Jetzt gratis testen:


abo.spiegel.de/plus
1 Monat
SPIEGEL+
gratis
Frischkornbrei für alle
Europa Die Fernsehköchin Sarah Wiener sitzt seit Juli für Österreichs Grüne im
EU-Parlament. Kann die Quereinsteigerin, die über Bienen und
JEROME BONNET / DER SPIEGEL

gesunde Ernährung sprechen will, die Politik verändern? Von Peter Müller

30
Deutschland

M
orgens um 8.30 Uhr, wenn setzen, die, wie sie sagt, die Menschen Einheitsgeschmack erziehen, um maxi-
die Abgeordneten durch die krank und die Umwelt kaputtmache. Die male Profite zu erzielen.
Drehtüren ins Europaparla- Starköchin würde gern verhindern, dass »An der Nahrung kannst du alles dekli-
ment hetzen, verrührt Sarah die Europäische Union dieses System Jahr nieren, was schiefläuft – von der Tier-
Wiener in einer hellgelben Emailleschüssel für Jahr mit Milliarden Euro füttert. So haltung, dem Klima bis zur Ausbeutung
Buchweizen mit Hirse und Hafer. »Jetzt weit die Theorie. ärmerer Menschen und Länder«, sagt
gebe ich Kurkuma und Ingwer dazu«, sagt In der Praxis beschäftigt sich der Agrar- Wiener. »Wenn die Regenwälder brennen,
sie, »aber nicht zu viel, es soll ja niemand ausschuss, dem Wiener nun angehört, zum dann auch, weil Lebensmittel immer billi-
schockiert sein vom Geschmack.« Wiener Beispiel mit der »Vorstellung der von der ger sein sollen. Den Preis zahlen andere
rührt mit fester Hand. Es folgt das Obst. Fachabteilung B in Auftrag gegebenen Stu- in Form von Vertreibung, Emissionen,
Die Äpfel bringt sie aus ihrem Garten in die zum Thema Beschäftigung in der Land- Müll und Krankheiten.«
der Uckermark mit. »Wir brauchen ja wirtschaft der EU«. Sarah Wiener sitzt in der Parlaments-
Energie und Vitamine, was Frisches.« »Ich habe so naiv gedacht, wir kommen kantine und stochert in einer Reispfanne
Fernsehköchin Wiener, bekannt als hierher und transformieren die GAP zu mit verkochtem Hühnchen für 14,99 Euro.
Dauergast bei »Lanz kocht!« und »Ker- was Nachhaltigem«, sagt Sarah Wiener in Sie erzählt von ihren Vorhaben.
ners Köche«, trägt eine blaue Schürze mit ihrem Eckbüro. »Aber bis sich da was än- Forschungen zeigten, dass das Darm-
großen roten Punkten. Sie steht in ihrem dert, das sind ja Welten.« mikrobiom, die bakterielle Besiedelung des
Eckbüro im achten Stock des mächtigen Der SPIEGEL hat die Starköchin in den Darms, über Krankheit und Gesundheit
EU-Parlamentsbaus in Brüssel und macht vergangenen Monaten immer wieder ge- »bis ins Hirn hinauf« entscheiden kann. »Es
Frühstück, für sich selbst, aber auch für troffen und sie bei ihrer Arbeit begleitet. gibt Ärzte, die behaupten, sie könnten an
Kollegen, die sie abwechselnd versorgt. In den Gesprächen stellte die Österreiche- der Zusammensetzung der Darmbakterien
»Meine Zuneigung«, sagt sie, »zeigt sich rin sehr grundsätzliche Fragen: Kann der erkennen, ob ein Mensch in 20 Jahren Par-
oft übers Essen.« ambitionierte »Green Deal« der neuen kinson kriegt«, sagt Wiener.
Auf dem Regal stehen ihre bekannten EU-Kommissionspräsidentin Ursula von Zusatzstoffe im Eis, Maissirup in Limo-
Kochbücher, am Fenstersims eine elektri- der Leyen überhaupt funktionieren, wenn naden und Glyphosat in der Landwirt-
sche Herdplatte wie in einer WG. Auf dem in der Agrarpolitik alles beim Alten bleibt? schaft beeinträchtigten die Darmflora, so
Schreibtisch liegt der Terminplan, gleich Muss nicht das Wirtschaftssystem radikal viel wisse man. Die genauen Zusammen-
kommen Lehrer aus Österreich zu Besuch. geändert werden, um auch die Ernährungs- hänge seien noch unklar. »In diese Rich-
»Mach mal die Briten heute«, ruft sie tung müssen wir forschen, unbedingt«, sagt
ihrer Mitarbeiterin zu und drückt ihr zwei Wiener. Sie habe sich entschieden, dafür
Schüsseln mit Brei in die Hände, »die sind Die Tage waren kühler, im Parlament zu kämpfen. Sie hat plötzlich
ja bald weg.« Die Mitarbeiterin bricht auf. Wiener ermunterte ihr Thema.
»Aber nicht für die Brexiteers«, ruft Wie- Ohne Aussicht auf Erfolg ist der Plan
ner hinterher, »und die FPÖ kriegt auch die Kanzlerin, ihren Bade- nicht. Sarah Wiener schafft es durchaus,
nichts.« anzug mitzubringen. ihren Themen Gehör zu verschaffen.
Sarah Wiener, 57, hat im Leben schon Zuletzt bekam das EU-Agrarkommissar
viel ausprobiert. Manches davon ist schief- Janusz Wojciechowski zu spüren. Anfangs
gegangen, im Beruf, aber auch privat. Drei gewohnheiten der Menschen zu ver- ignorierte der Pole die Bitten der Parla-
Ehen gehören dazu und einige Restaurants bessern? Kann gute Landwirtschafts- und mentsnovizin um einen Termin. Wie es
wie das »Speisezimmer« in Berlin. Auch Lebensmittelpolitik dort entstehen, wo der Zufall wollte, saß Wiener nach einer
die Kantine des Bundespräsidialamts be- Menschen jeden Tag schlecht essen? dieser Absagen im gleichen Flugzeug nach
wirtschaftet Wiener nicht mehr. »Na, diese Melone schmeckt nach Berlin wie Ursula von der Leyen.
Geblieben sind unter anderem das Res- nichts«, sagt Sarah Wiener, »die Mandari- Die beiden kennen sich, seit von der
taurant im Hamburger Bahnhof in Berlin, ne ist harzig, und wer braucht im Dezem- Leyen als Bundesfamilienministerin mit
eine Biobäckerei, ein Cateringbetrieb mit ber bitte schön eine Kiwi?« Wiener sitzt Sarah Wiener kochte, um ihre Initiative
rund 120 Mitarbeitern und ihr Gutshof am in der Kantine des Brüsseler Parlaments, »Kindergerechtes Deutschland« vorzustel-
Rande der Uckermark. Hinzugekommen im Stockwerk minus eins. »Warum werden len. Wenn sie sich treffen, begrüßen sie
ist die Politik. die Orte zur Nahrungsaufnahme so oft in sich mit Küsschen. Wiener war eine der
Seit Juli sitzt Sarah Wiener für die öster- den Keller gesteckt?«, fragt sie. Es ist kurz wenigen Grünen, die im Juli von der Ley-
reichischen Grünen im Europaparlament, nach halb eins, ein Dienstag Mitte Dezem- en als neue Kommissionschefin unterstütz-
dort ist sie ordentliches Mitglied im Agrar- ber, es herrscht Hochbetrieb. ten. »Sag ihm einen schönen Gruß von
ausschuss und Stellvertreterin im Aus- Täglich wird in den Kantinen des Euro- mir«, sagte von der Leyen nun im Flieger.
schuss für Verbraucherschutz. paparlaments für rund 2700 Menschen ge- Wenig später bekam Wiener einen Termin
Nirgendwo sind die Strukturen europäi- kocht. Klar, dass es hier nicht zugeht wie beim Agrarkommissar.
scher Politik so verkrustet wie bei der in einem Sternerestaurant. Wiener zupft Auch zu Angela Merkel pflegt die Fern-
»GAP«, der Gemeinsamen Agrarpolitik. an der Tischplatte. Der Tisch sieht aus, als sehköchin einen ungewöhnlichen Kontakt.
Nirgendwo sind die Gräben tiefer, als wäre er aus Holz, doch der Belag löst sich. Im vergangenen August, so erzählt Wiener,
wenn Mitgliedstaaten, Landwirte und Lob- »Es muss pflegeleicht sein, waschbar, es schaute die Kanzlerin für einige Stunden
byisten verbissen um die Milliarden aus müssen viele reinpassen«, sagt sie. »Es ist in ihrem Gutshof im brandenburgischen
dem größten Geldtopf der EU ringen. so rührend, dass die Leute die Welt verän- Kerkow vorbei. Von Merkels Datsche in
Kann eine Quereinsteigerin wie Sarah dern wollen, aber selbst für ihre Umge- der Uckermark ist es nur eine halbe Stun-
Wiener überhaupt etwas bewirken, noch bung überhaupt keine Sensibilität haben.« de zu Wieners Ökohof. Es war ein Besuch
dazu, wenn sie eine Idealistin ist? Oder Wer sich nicht gesund ernährt, verliert unter Nachbarn.
braucht es vielleicht gerade eine wie sie? die Verbindung zu Körper und Natur, das Die Tage waren schon etwas kühler,
Sarah Wieners Ziel ist es, im Parlament ist Wieners These. Als Feinde betrachtet Wiener ermunterte die Kanzlerin den-
über gesunde Ernährung zu reden und ei- sie die Nahrungsmittelgroßkonzerne wie noch, ihren Badeanzug mitzubringen.
ner Nahrungsmittelindustrie Schranken zu Nestlé. Sie würden die Verbraucher zum »Ja, wenn das geht, prima«, antwortete

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 31


Merkel. Die Kanzlerin kam mit ihrer Frischkornbrei gewartet hat. »Ich esse das
Schwester, man besichtigte den Hof und später«, sagt er und schiebt die Schüssel
badete. Anschließend kochte Wiener, die zur Seite. Ein wichtiger Beamter der EU-
Kanzlerin deckte den Tisch. Kommission will gleich vorbeischauen, es
Das Netzwerken beherrscht die Fern- geht um Durchführungsbestimmungen zur
sehköchin, mit der trockenen Parlaments- neuen Ökoverordnung.
arbeit und der Vorbereitung der Ausschüs- Neulich traten Häusling und Wiener in
se tut sie sich noch schwer. »In den ersten einem hessischen Kurhaus beim Infotalk

HERBERT NEUBAUER / PICTURE ALLIANCE


Monaten war ich wirklich Burn-out-ge- »Essen ist politisch« auf. Der Saal war voll.
fährdet«, erzählt sie. »Es passiert so viel »Wegen mir«, sagt Häusling, »kommen die
im Parlament. Da kommt am Nachmittag Bauern. Und wegen ihr die Verbraucher.«
was, eine Agri-Sitzung, dann werden da Häusling freut sich über Wieners Engage-
sieben Sachen aufgelistet, von denen du ment. Aber er weiß auch, dass man irgend-
eigentlich keine Ahnung hast, und zu den wann die Fußnoten der einschlägigen Be-
sieben Sachen sollst du dann je 30 Papiere richte kennen muss, um bei den komplizier-
lesen. Wie soll das gehen?« ten Verhandlungen zwischen Parlament,
Gut Kerkow ist Wieners Gegenentwurf Rat und Kommission Einfluss zu haben.
zu Brüssel und zur globalen Lebensmittel- Grüne Robert Habeck, Wiener* »Wenn man zuständig ist für einen Bericht«,
industrie, ein Ort, der ihrem Traum von »Werte und Farbe einbringen« sagt Häusling, »dann muss man sich richtig
gutem Leben und gutem Essen ziemlich Detailwissen draufladen. Sonst verliert
nahekommt. Kurz vor der polnischen gen hätte. Die EU will gegen das Sterben man schnell an Renommee.« Der Agrar-
Grenze züchten sie und knapp 30 Mit- von Bienen und anderen Bestäubern vor- experte, daran lässt er keinen Zweifel, traut
arbeiter auf 800 Hektar schwarz-zottelige gehen. Wieners neuestes Buch handelt von Wiener zu, sich in die Untiefen der Parla-
Angusrinder. Dazu sieben Bienenvölker, ihrer Liebe zu Bienen. mentsarbeit hineinzufinden. Das aber se-
jedes hat einen eigenen Namen. Es ist dennoch kein dankbarer Termin. hen längst nicht alle Abgeordneten ihrer
Anfang September sitzt Wiener auf ei- Der Plenarsaal ist fast leer, die öffentliche Fraktion so.
ner rustikalen Holzbank im Bioladen, der Aufmerksamkeit gleich null. Ihre Fernsehprominenz, ihre vielen öf-
im Erdgeschoss des Hofgebäudes unter- Wiener wirbt dafür, die Bienenschutz- fentlichen Auftritte, ihre Nebeneinkünfte
gebracht ist, und beißt in ein mit Korian- richtlinie zu verschärfen. Die Grünen aus der Sarah Wiener Gruppe und für Le-
derkäse belegtes Brötchen. Auf dem Tisch wollen erreichen, dass Neonikotinoide, gif- sungen sorgen dafür, dass Wiener in ihrer
steht ein Glas mit Bio-Mettwurst, in den tige Insektenvernichter, verboten werden. Partei nicht nur Freunde hat. Einige unter-
Regalen liegen Demeter-Pizzateig, Lebens- stellen ihr, sie sei aus Geldnot in die Politik
baum-Tee und Blaumohn von Rapunzel. gewechselt. Andere fragen, nachdem sie
In Brüssel hat der Agrarausschuss ein Die neue Abgeordnete in den morgendlichen Genuss des Frisch-
paar Tage zuvor über die »Frage der Pa- weiß, wie viele kornbreis kamen: »Und, was willst du da-
tentierbarkeit von Pflanzen im Hinblick für?« Solche Fragen kränken sie.
auf die Übermittlung einer schriftlichen Er- Vorbehalte ihr entgegen- Die neue Abgeordnete weiß, wie viele
klärung an die große Beschwerdekammer schlagen. Vorbehalte ihr entgegenschlagen. Sie tut
des Europäischen Patentamts« diskutiert. sich auch jetzt, ein halbes Jahr nach ihrem
Auf Gut Kerkow findet »Das Sympo- Einzug ins Parlament, schwer damit, ihre
sium für eine neue Esskultur« statt. Am »Wir wissen heute, sie sind gefährlich«, Rolle zu finden. Derzeit bemüht sie sich,
Abend muss Wiener zur »Bild 100«-Party ruft Wiener von weit hinten in das fast lee- Berichterstatterin für die Strategie »Vom
nach Berlin. re Plenarrund. »Sie sind giftig, sie gehören Hof auf den Tisch« zu werden. Ein Plan,
Die Wiese neben dem Klinkerbau ist zu- nicht in unsere Natur und auch nicht mehr den die EU-Kommission im Frühjahr vor-
geparkt mit Autos vor allem aus der auf unseren Teller.« legen will. Die Konkurrenz in der eigenen
Hauptstadt. Hendrik Haase, selbst ernann- Am Ende erhält der Antrag eine Mehr- Fraktion ist groß. Wer diesen Job be-
ter »Food Aktivist« und Mitstreiter bei heit. Es ist ein Erfolg, auch wenn sich erst kommt, kann bei der Gesetzgebung von
»Kumpel und Keule«, einer Metzgerei in mal nichts ändert. Das Parlament kann Ursula von der Leyens »Green Deal« mit-
Kreuzberg, schaut bei Hausherrin Wiener nicht mehr tun, als die Kommission zum reden. Die Agrarstrategie ist ein Teil davon.
im Bioladen vorbei. Die beiden diskutie- Handeln aufzufordern. Wiener nippt an einem Milchkaffee,
ren über »Food-Start-ups« und »Smart Grund für die breite Zustimmung ist ver- selbstverständlich mit Rohmilch. Ihre Mit-
Farming«, über Themen also, die Wiener mutlich weniger Wieners Debattenbeitrag. arbeiter haben Tage gebraucht, um in Brüs-
gern auch im Brüsseler Agrarausschuss Martin Häusling, der agrarpolitische Spre- sel einen Laden zu finden, der naturbelas-
bereden würde. Bislang ist sie damit noch cher der Grünenfraktion, hat den Antrag sene Milch im Angebot hat.
nicht durchgedrungen. geschrieben und intensiv dafür geworben. Fünf Jahre, so viel Zeit hat sich Wiener
»Will ich einen grünen McDonald’s?«, »Es ist gut, wenn Außenseiter den Be- für ihr Experiment Europaparlament ge-
fragt Wiener. »Nee, will ich nicht. Ich will trieb hier ganz grundsätzlich hinterfragen«, nommen. Eine Legislaturperiode. »Und
100 000 kleine Geschäfte. Das System zu sagt Häusling. Sein Brüsseler Büro liegt ge- wenn ich mir nur Watschn hole, blaue Fle-
kopieren und zu sagen, wir machen es grü- nau gegenüber von Wieners Räumen. cken und Enttäuschungen, ich werde in
ner, haut nicht hin. Kleinbäuerliche Land- Als die Promiköchin Anfang Dezember diesen fünf Jahren meine Werte und meine
wirtschaft ist das Stabilste, auf dem wir kurz vor neun Uhr hereinhuscht, um ihm Farbe einbringen«, sagt sie. »Und wenn
stehen können.« sein Frühstück zu bringen, sitzt Häusling ich am Ende sage, es ist sinnlos, dann ist
Wiener kann stundenlang über ihre An- längst am Schreibtisch. Er sieht nicht aus das auch eine Erkenntnis.«
liegen reden. Im Europaparlament hat sie wie jemand, der auf seinen täglichen Sie blickt aus dem Fenster und nippt am
am vergangenen Dienstagabend nur eine Kaffee. Dann sagt sie: »Es wird nicht sinn-
Minute. Dabei steht ein Thema auf der Ta- * Am 27. April in Wien beim Wahlkampfauftakt zur los sein.«
gesordnung, zu dem Wiener einiges zu sa- Europawahl.

32 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Die Welt hat ein neues
Familienmodell
Die nächste Generation ist da: Den Multivan 6.1 gibt es jetzt mit
optimierter Serienausstattung und elektrischer Kindersicherung.
Das Raumangebot bleibt dabei so flexibel wie immer. Damit sich
Ihre Familie auf bis zu acht Sitzplätzen1 so wohl fühlt wie in den
eigenen vier Wänden.

Der Multivan 6.1 – Ikone, neuester Stand

Ab 36.890 €2

1Sonderausstattung gegen Mehrpreis. 2Unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers zzgl. Über-

führungs- und Zulassungskosten beim Kauf eines Multivan Family, 2,0-l-TDI-Motor mit 81 kW und
5-Gang-Schaltgetriebe, Kraftstoffverbrauch in l/100 km: innerorts zwischen 7,4 und 7,7, außerorts
zwischen 5,7 und 6,0, kombiniert zwischen 6,3 und 6,6. CO₂-Emission in g/km: kombiniert zwischen
167 und 174. Effizienzklasse: B. Für den Multivan Family ist ein ausgewähltes Motor- und Getriebe-
sowie Ausstattungsprogramm erhältlich. Abbildung zeigt Sonderausstattung gegen Mehrpreis.

vwn.de/multivan6.1
Deutschland

erster Linie durch die Geburt innerhalb der Grenzen


Steffen Kailitz
eines Staates erworben« werde und die »Volkszugehörig-
keit« keine Rolle spiele. »Ein Neger«, so Hitler, der »nun

Im Namen des in Deutschland seinen Wohnsitz hat, setzt damit in sei-


nem Kind einen ›deutschen Staatsbürger‹ in die Welt.«
Die von Hitler inflationär verwendeten ironisierenden
Anführungszeichen sind typisch für die Sprache des

»Volkes« Nationalsozialismus. Mit ihnen erkannte Hitler großen


Gruppen von Menschen die Möglichkeit ab, Deutsche
sein zu können: Der Erwerb des »Staatsbürgertums« glei-
che der Aufnahme »in einen Automobilklub«, ein »einfa-
Essay Warum AfD-Spitzenpolitiker wie die cher Federwisch, und aus einem mongolischen Wenzel«
Nationalsozialisten reden – und was werde »plötzlich ein richtiger ›Deutscher‹«.
Einer ähnlichen Sprache bedienen sich die heutigen
Demokraten dagegen unternehmen können Völkischen von der AfD. Die ironisierenden Anführungs-
zeichen sind auch bei ihnen beliebt: vom »Flüchtling« bis
zum »Deutschen«. In Reden sind Anführungszeichen

V
aber schlecht zu hören. Was tun? Da hat die NPD schon
ictor Klemperer hat beschrieben, wie sich die vorgearbeitet, die AfD musste es nur noch übernehmen.
Sprache des »Dritten Reichs« in Deutschland ver- Man setze einfach ein »Pass« vor »Deutscher« und gren-
breitete. »Worte können sein wie winzige Arsen- ze die »Passdeutschen« von den vermeintlich echten
dosen«, notierte der Romanist. »Sie werden unbe- Deutschen ab. Ein Stück Papier, so die Botschaft, ändere
merkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, ja nicht das Blut und die Biologie.
und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.« So argwöhnte die AfD-Bundestagsfraktion im Juli 2019
Im Gedächtnis geblieben sind die hoch dosierten Arsen- auf Facebook, dass die Medien »Passdeutsche« kurzer-
dosen, mit denen die Nazis auf dem Gipfel ihrer Macht die hand zu »Deutschen« machten, »um die Kriminalitätssta-
millionenfachen Morde schönfärbten: »Konzentrations- tistik zu entbunten«. Dafür zeichnete die Co-Fraktions-
lager«, »Endlösung«, »Sonderbehandlung«. Charakteris- vorsitzende der AfD im Bundestag, Alice Weidel, verant-
tischer für die NS-Propaganda schon vor 1933 war es aber, wortlich. Ihr Fraktions- und Bundesvorstandskollege
zentrale politische Begriffe zu vergiften. Ein kurzes Wort Stephan Protschka versuchte im Dezember 2018, über
mit vier Buchstaben war dabei entscheidend: Volk. Twitter den Hashtag »Passbeschenkter« zu popularisie-
Wie Arsendosen verbreitet sich auch heute das Gift der ren. Auf den Einwand, dass jeder Deutscher sei, der die
völkischen Volksdeutung. Es wird zunächst unbemerkt deutsche Staatsangehörigkeit habe, antwortete Protschka:
verschluckt, hat für allzu viele einen »normalen«, »natür- »Wenn sich ein Hund einem Wolfsrudel anschließt, ist er
lichen«, »lebensrichtigen« Geschmack. Erst wenn es zu dann ein Wolf oder bleibt er Hund?«
spät ist, zeigt sich die Giftwirkung, die Ausgrenzung aller, Das erinnert an einen Ausspruch Hitlers: »Der Fuchs
die nicht deutsch »aussehen« und dann nicht mehr zum ist immer ein Fuchs, die Gans eine Gans, der Tiger ein
Volk gehören dürfen und »entsorgt« werden sollen. Tiger usw.« Für ihn war die »Blutsvermischung« die
»Wir sind das Volk«, beanspruchte das Volk der DDR »alleinige Ursache des Absterbens aller Kulturen«. Die
gegen die kommunistische Elite. Sprechen Demokraten kulturelle, völkische oder rassische Reinheit treibt auch
vom Volk, meinen sie den Demos, das Staatsvolk. Es die AfD um. So wendete sich der sächsische AfD-Bundes-
schließt hierzulande alle ein, die deutsche Staatsbürger tagsabgeordnete Heiko Heßenkemper gegen eine »Durch-
sind. Wo sie, ihre Eltern und Großeltern geboren sind, ob mischung der Rassen«, sein Fraktionskollege Jens Maier
sie schwarz oder weiß, ob sie Christen, Juden oder Musli- warnte vor einer »Herstellung von Mischvölkern«.
me sind, ist egal. Sie alle haben dieselben Rechte. Natürlich gibt es auch AfD-Mitglieder, die anders den-
»Wir sind das Volk« beansprucht die AfD auf ihren ken oder sich zumindest anders ausdrücken. Aber es sind
Wahlplakaten. Wenn völkische Nationalisten von Volk nicht nur Einzelne, die gern völkisch daherreden. Interne
sprechen, meinen sie den Ethnos, eine biologische Chats, die in die Öffentlichkeit gelangten, zeigen, dass die
Abstammungsgemeinschaft. Der ethnische Volksbegriff zweite, dritte, vierte Reihe teils heftiger formuliert.
steht mit dem demokratischen auf Kriegsfuß. Er schließt

W
alle aus dem Staatsvolk aus, die eine falsche Hautfarbe
oder die falsche Religion haben. er aber löst bei der AfD solche Abscheu aus?
Das Gift des ethnischen Volks- War das Schreckbild der Nationalsozialisten
begriffs hat sich in der deutschen eine »Verjudung« der Welt, richtet sich die
Kailitz, 50, ist Politik- Demokratie bereits verbreitet. Für Propaganda der AfD gegen die »drohende
wissenschaftler und arbeitet zu viele klingt die völkische Propa- Islamisierung Europas«, so steht es im Europawahl-
am Hannah-Arendt-Institut ganda plausibel, dass das »Abstam- programm der Partei 2019.
für Totalitarismusforschung mungsprinzip« der einzige und Die sprachlichen Tricks der Nazis und der AfD sind im
an der TU Dresden. Er »natürliche« Zugang zur deutschen Kern die gleichen. So wendete sich Hitler dagegen, das
war Sachverständiger im Staatsbürgerschaft sei. Außer zur Judentum »als ›Religion‹ segeln zu lassen«, denn die
NSU-Untersuchungsaus- Zeit des Nationalsozialismus galt in Juden bildeten »immer einen Staat innerhalb der Staa-
schuss des Bayerischen Land- Deutschland aber nie ein reines ten«. Die AfD will den Islam nicht als Religion, sondern
tags sowie Gutachter Abstammungsprinzip. Gerade darü- als gefährliche, totalitäre und imperialistische »politische
im zweiten NPD-Verbots- ber beklagte sich Adolf Hitler in Ideologie« verstanden wissen. Für die Nationalsozialisten
verfahren vor dem »Mein Kampf«. Es sei widernatür- ließ sich die Religionsfreiheit nicht auf die Juden anwen-
Bundesverfassungsgericht. lich, dass das Staatsbürgerrecht »in den, für die AfD nicht auf die Muslime. Für die National-

34
te Verordnung zu diesem Gesetz besagte, dass Juden prin-
zipiell nicht Staatsbürger sein konnten. Ihnen stand damit
kein »Stimmrecht in politischen Angelegenheiten« in
Deutschland zu, und sie durften »ein öffentliches Amt
nicht bekleiden«. Aber so schlimm wie für die Juden ab
1935 würde es doch unter einer AfD-Regierung nicht wer-
den für die Muslime in Deutschland, oder? Im Sinne des
NS-Reichsbürgergesetzes sagte Gauland 2016 anlässlich
einer Mekka-Fahrt des damaligen deutschen Fußball-
Nationalspielers Mesut Özil: »Bei Beamten, Lehrern,
Politikern und Entscheidungsträgern würde ich sehr wohl
die Frage stellen: Ist jemand, der nach Mekka geht, in
einer deutschen Demokratie richtig aufgehoben?«
Was mit denen geschehen soll, die in Deutschland nicht
»richtig aufgehoben« sind und sich nicht geräuschlos
unterordnen und assimilieren, erläuterte Gauland im Bun-
destagswahlkampf 2017 am Beispiel der damaligen Inte-
grationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan
Özoğuz, einer deutscher Staatsbürgerin. Man könne sie,
»Gott sei Dank, in Anatolien entsorgen«. Weidel pflichte-
te bei, dass Özoğuz »zurück in die Türkei« gehöre. In
Ulm plakatierte die AfD in plattestem Stürmer-Stil: »Özo-
guz ›entsorgen‹? JA!!!« Ein »Entsorgungsprojekt« lässt
sich allerdings rhetorisch schwer verkaufen. Sprachlich
geschickter ist es, von einem »Remigrations-Programm«
zu sprechen. Das ist inzwischen offizielle Parteilinie der
AfD: »In Deutschland und Europa müssen Remigrations-
Programme größtmöglichen Umfangs aufgelegt werden«,
hieß es zur Europawahl 2019.
Die Nationalsozialisten waren Meister darin, die
SCHERL / SZ PHOTO

Dimension und die Barbarei ihres Programms gegen die


Juden zu kaschieren. Goebbels erläuterte dazu im Juni
1944: »Es wäre ja sehr unklug gewesen, wenn wir vor der
Machtübernahme schon den Juden ganz genau auseinan-
Diffamierte Frauen um 1940 dergesetzt hätten, was wir mit ihnen zu tuen beabsichtig-
ten.« Es sei »ganz gut und zweckmäßig« gewesen, dass
»wenigstens ein Teil der Juden dachte: Na, ganz so
sozialisten stellten die Juden eine existenzielle »Gefahr« schlimm wird’s ja nicht kommen; die reden viel, aber das
für Deutschland dar, für die AfD ist die »Präsenz von wird sich ja noch finden, was sie tuen werden«.
über 5 Millionen Muslimen, deren Zahl ständig wächst«,

E
eine »große Gefahr für unseren Staat, unsere Gesellschaft
und unsere Werteordnung«, so ist es im Programm für die rstaunlich offen allerdings spricht Björn Höcke,
vergangene Bundestagswahl zu lesen. AfD-Fraktionsvorsitzender in Thüringen, bereits
Um die vermeintliche Gefahr greifbar zu machen, von der Machtergreifung einer »nationalen Regie-
nutzt die AfD-Bundestagsfraktion den Hetzbegriff »Mes- rung«, die ausschließlich »der autochthonen
sereinwanderung«. Dazu zeichnet sie auf YouTube eine Bevölkerung« und damit auf eine Politik der »wohltempe-
»Karte des Schreckens!«, die auf den ersten Blick sugge- rierten Grausamkeit« im Zuge des »Remigrationspro-
riert, mordende Muslime würden das Land überrennen. jekts« verpflichtet sei. Es müssten »aller Voraussicht nach
2018 malte der AfD-Bundesverband dies auf Facebook so Maßnahmen« ergriffen werden, die sogar dem »eigentli-
aus: »Wie viele Messer-Morde müssen noch beweint wer- chen moralischen Empfinden« jener zuwiderliefen, die sie
den, bevor die wilden Heerscharen junger Asylbegehren- durchführten. Heinrich Himmler erörterte solche mögli-
der das Messer aus der Hand und ihre kranke, menschen- chen Gewissenskonflikte von Tätern nur im Geheimen,
verachtende kulturelle Prägung endlich ablegen?« erst nach den Taten und vor einem Publikum von Tätern.
Im Parteiprogramm von 1920 forderte die NSDAP als Es geht heute angesichts der kämpferisch-völkischen
ersten Schritt: »Jede weitere Einwanderung Nicht-Deut- Ausrichtung der AfD und ihrer Wahlerfolge nicht mehr
scher ist zu verhindern.« Der zweite Schritt: »Wir fordern, darum, den Anfängen zu wehren, sondern in den östli-
dass alle Nicht-Deutschen, die seit 2. August 1914 in chen Bundesländern bereits darum, das bittere Ende zu
Deutschland eingewandert sind, sofort zum Verlassen des verhindern – die Wiederkehr von Völkischen in deutsche
Reiches gezwungen werden.« Für alle aus NS-Sicht Regierungen. Was sollen Demokraten tun? Sie dürfen den
»Nicht-Deutschen« mit deutscher Staatsangehörigkeit sah Völkischen niemals zentrale Begriffe wie Deutschland,
Hitler 1923 noch nicht Vertreibung und Vernichtung vor. Deutsche, Volk und Staatsbürger oder Kernsymbole der
Sie sollten »freiwillig« gehen oder sich unterordnen. Hit- deutschen Demokratie wie die schwarz-rot-goldene Flag-
ler wollte dazu im »völkischen Staat« zwischen Staats- ge als »kontaminiert« überlassen, und sie dürfen nicht
bürgern und Staatsangehörigen unterscheiden. Das unbedarft rassistische Unterscheidungen wie »Passdeut-
Reichsbürgergesetz von 1935 setzte genau das um, die blo- sche« und »Biodeutsche« nachplappern. Es zählt
ßen Staatsangehörigen verloren die Bürgerrechte. Die ers- der Demos und nicht der Ethnos. Wir sind das Volk! I

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 35


Deutschland

Zu langsam,
den im Laufe der Jahre geschult, etwa eine wurde, wenn auch mit Schwärzung vieler
halbe Milliarde Euro hat der Einsatz bis- Namen. Zudem erwirkte die Zeitung die
lang gekostet. Aber wie viel hat er ge- Freigabe von Regierungsdokumenten.

zu wenig
bracht? Berlin hatte eine Polizeiakademie in Ka-
Die Deutschen haben darauf keine Ant- bul aufgebaut, um über Jahre einige Hun-
wort. Eine systematische und unabhängige dert Polizeioffiziere nach deutschen Stan-
Evaluierung des »umfangreichsten zivil- dards auszubilden. Das sei »großartig«,
Sicherheit Deutschland hat polizeilichen Engagements«, wie das Bun- spottete Robert Finn, Ex-Botschafter in
in Afghanistan Zehntausende desinnenministerium den Einsatz nennt, Kabul, in einem Sigar-Interview, nur leider
hat nie stattgefunden. Die Amerikaner hin- hätte Afghanistan nicht einige Hundert,
Polizisten ausgebildet. gegen haben eine Antwort – nur fällt die sondern 10 000 Offiziere benötigt – »und
Laut US-Dokumenten war alles andere als schmeichelhaft aus. zwar gestern«.
der Einsatz ein Reinfall. Die »Washington Post« veröffentlichte Auch Richard Boucher, ehemals hoch-
vor wenigen Tagen interne US-Dokumen- rangiger Diplomat im US-Außenministe-
te. Sie handeln vorwiegend vom amerika- rium, kritisierte gegenüber Sigar-Mitarbei-

E ine Hauptstraße in Kabul im Som-


mer 2009. Es ist früher Nachmittag,
der Verkehr staut sich in der afgha-
nischen Hauptstadt. Ein junger Fahrer will
nischen Versagen in Afghanistan, doch
auch die Deutschen und ihre Aufbauhilfe
für die afghanische Polizei sind Thema.
Die US-Einschätzungen dazu sind sehr
tern den deutschen Verbündeten. Der
habe Polizeioffiziere unterrichtet in der
Hoffnung, diese würden auf das Verhalten
der unteren Ränge einwirken. Das aber sei
an der Schlange vorbeiziehen, doch er kritisch: zu langsam, zu wenig, falsche illusorisch. Als Boucher 2006 nach Afgha-
kommt nicht voran und muss wieder ein- Prioritäten. nistan flog, fand er nach eigenen Angaben
fädeln. Da tritt ein afghanischer Polizist Den Dokumenten zufolge lief der deut- »so gut wie keinen ausgebildeten afghani-
vom Straßenrand an den Wagen heran. sche Einsatz von Anfang an schief. Bereits schen Polizisten« vor.
Ein kurzer Wortwechsel, der Uniformierte im August 2003 schrieb US-Verteidigungs- Dabei wälzen die befragten Amerikaner
greift durchs heruntergekurbelte Fenster, minister Donald Rumsfeld in einem nun keineswegs die Schuld für eigenes Versa-
packt den Mann am Schopf und schlägt zugänglichen Memo über die deutschen gen ab. Douglas Lute, wichtiger Afghanis-
ihn immer wieder mit dem Kopf aufs Lenk- Bemühungen: »Das genügt nicht.« Man tan-Berater der Präsidenten George W.
rad. Dann tritt er zurück und bedeutet solle Berlin unter Druck setzen, damit die Bush und Barack Obama, räumt offen ein:
dem blutüberströmten Afghanen, er solle Deutschen einen »besseren, schnelleren »Uns fehlte ein grundlegendes Verständnis
weiterfahren. Job« machten. von Afghanistan – wir wussten nicht, was
Polizeialltag in Afghanistan. Die Papiere stammen vom »Sonder-Ge- wir taten.«
Solche Szenen sollte es eigentlich schon neralinspekteur für den Wiederaufbau Af- Ein Urteil, das so ähnlich auch manche
damals nicht mehr geben, dafür wollte die ghanistans« (Sigar). Diese US-Behörde hat in Berlin fällen. Man habe die Herausfor-
Bundesrepublik sorgen. Seit die Bundes- mehr als 600 Entscheidungsträger zur Af- derung »gigantisch unterschätzt«, sagt
wehr 2002 begonnen hat, die afghanische ghanistan-Politik befragt: Militärs, Diplo- Winfried Nachtwei. Der Grünenpolitiker,
Regierung gegen die Taliban zu unterstüt- maten, Entwicklungshelfer. Die »Washing- der von 1994 bis 2009 dem Bundestag
zen, bilden deutsche Polizisten afghani- ton Post« setzte vor Gericht durch, dass angehörte, reiste in dieser Zeit fast jedes
sche Kollegen aus. Mehr als 80 000 wur- ein Großteil der Interviews freigegeben Jahr an den Hindukusch und verfolgt
bis heute die Polizeiausbildung. Dem
SPIEGEL gewährte er Einblick in seine
Aufzeichnungen. Demnach hat eine hoch-
rangige Delegation von Ministerien, Poli-
zei und Bundesnachrichtendienst bereits
2002 nach einer Kabulreise berichtet,
der Ausbildungsbedarf der afghanischen
Polizei sei »nahezu unbegrenzt«. Dem-
gegenüber waren die deutschen Bemü-
hungen »krass unterdimensioniert«, sagt
Nachtwei.
Sieben von zehn afghanischen Polizis-
ten waren Analphabeten und konnten we-
der Gesetzestexte lesen noch Ermittlungen
führen. Versuche, die Korruption einzu-
dämmen, blieben weitgehend erfolglos.
Praktiker wie der pensionierte Polizeidi-
rektor Jan Schürmann, der mehrmals in
Afghanistan im Einsatz war, glauben im
Rückblick sogar, dass die Bundesrepublik
SEBASTIAN WIDMANN / DDP MEDIA

»nach den Maßstäben des Rechtsstaates


eine unlösbare Aufgabe übernommen«
habe. Das habe zu Hause allerdings nie-
mand hören wollen. Schürmann sagt heu-
te: »Wir haben den latenten Druck ver-
spürt, Erfolgsberichte zu schicken.«
Andreas Ulrich, Klaus Wiegrefe
Mail: klaus.wiegrefe@spiegel.de
Afghanische Polizeirekruten in Kunduz 2012: »Unlösbare Aufgabe«

36 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


WIR TRAUERN 2019 UM
AFGHANISTAN: 5. Januar Nuri Dschawid, Radiojournalist/Blogger | 5. Februar Rahmani
Rahimullah, Fernsehjournalist | 5. Februar Aria Schafik, Radiojournalist | 15. März
Chairchah Sultan Mahmud, Radiojournalist | 1. Juli Imeailsi Abdulrauf, Medien-
mitarbeiter | GHANA: 16. Januar Ahmed Hussein-Suale, Fernsehjournalist | HAITI:
10. Oktober Néhémie Joseph, Radiojournalist | HONDURAS: 17. März Leonardo Gabriel
Hernández, Fernsehjournalist | 31. August Edgar Joel Aguilar, Fernsehjournalist | IRAK:
4. Oktober Hischam Fares Al-Adhami, freier Journalist | 6. November Amdsched al-
Dahamat, Autor/Bürgerjournalist | JEMEN: 28. Januar Siad al-Schaarabi, Medienmit-
arbeiter/Producer | 5. Mai Ghaleb Labhasch, Bürgerjournalist | KOLUMBIEN: 9. Mai
Mauricio Lezama, Dokumentarfilmer | LIBYEN: 19. Januar Mohammed bin Chalifa,
Journalist | MEXIKO: 20. Januar Rafael Murúa Manríquez, Radiojournalist | 19. Februar
Jesús Eugenio Ramos Rodríguez, Radiojournalist | 15. März Santiago Barroso, Radio-
journalist | 25. März Omar Iván Camacho Mascareño, Sportreporter | 2. Mai Telésforo
Santiago Enríquez, Radiojournalist | 16. Mai Francisco Romero Díaz, Printjournalist |
11. Juni Norma Sarabia Garduza, Printjournalistin | 30. Juli Rogelio Barragán Pérez,
Onlinejournalist | 3. August Jorge Ruiz Vázquez, Printjournalist | 24. August Nevith
Condés Jaramillo, Onlinejournalist | NIGERIA: 22. Juli Precious Owolabi, Fernseh-
journalist | PAKISTAN: 4. Mai Ali Sher Rajpar, Printjournalist | 16. Juni Muhammad
Bilal Khan, Bürgerjournalist | 30. April Malik Amanullah Khan, Printjournalist |
30. August Mirza Waseem Baig, Fernsehjournalist | 24. November Urooj Iqbal, Print-
journalistin | PHILIPPINEN: 10. Juli Eduardo Dizon, Radiojournalist | 7. November
Dindo Generoso, Radiojournalist | 1. Dezember Benjie Caballero, Radiojournalist |
DEMOKRATISCHE REPUBLIK KONGO: 2. November Papy Mahamba Mumbere, Radio-
journalist | SOMALIA: 12. Juli Hodan Nalayeh, Fernsehjournalistin | 12. Juli Mohamed
Sahal Omar, Fernsehjournalist | 14. August Abdinasir Abdulle Ga’Al, Radiojournalist |
SYRIEN: 23. März Mohammad Dschumaa, Medienmitarbeiter | 18. Juni Amdschad
Bakir, Fotojournalist | 23. Juni Omar al-Dimaschki, Bürgerjournalist | 17. Juli Alaa
Najef al-Chader al-Chalidi, Fotojournalist | 21. Juli Anas al-Diab, Bürgerjournalist |
15. August Samer al-Sallum, Bürgerjournalist | 10. Oktober Welat Erdemci, freier
Journalist/Fotograf | 13. Oktober Saad Ahmad, Agenturjournalist | 13. Oktober
Mohammed Rascho, Fernsehjournalist | 10. November Abdel Hamid al-Jussef, Foto-
journalist | TSCHAD: 25. Mai Obed Nangbatna, Fernsehjournalist | UKRAINE: 20. Juni
Wadim Komarow, Printjournalist | VEREINIGTES KÖNIGREICH: 19. April Lyra McKee,
freie Journalistin/Autorin

Ihre Spende für die Pressefreiheit: www.reporter-ohne-grenzen.de/spenden


Deutschland

»Aufgehellte Stimmung«
SPIEGEL: Dennoch fühlen sich populisti-
sche Parteien in Europa durch Johnsons
Anti-EU-Kurs beflügelt.
Altmaier: Boris Johnson ist ein Politiker,
der eine Neigung zu populären Themen
Konjunktur Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, 61, glaubt, dass verspürt, aber er ist nach meiner festen
alles gut wird: der Brexit geordnet, der Handelskrieg Überzeugung kein Rechter. Das wird sich
geschlichtet. Große Koalition und schwarze Null bleiben auch. bald herausstellen, und deshalb wird John-
son schon bald als Galionsfigur der Rech-
ten in Deutschland oder Frankreich an
Strahlkraft verlieren.
SPIEGEL: Sind die deutschen Unterneh-
men auf den nahenden Brexit ausreichend
vorbereitet?
Altmaier: Sie sind jedenfalls für diese Si-
tuation besser gewappnet als für einen har-
ten, ungeordneten Ausstieg Großbritan-
niens. Die Abkühlung der Konjunktur in
Deutschland war nicht zuletzt darauf zu-
rückzuführen, dass deutsche Unterneh-
men wegen eines No-Deal-Brexits ver-
unsichert waren. Der scheint nun sehr viel
unwahrscheinlicher geworden zu sein. In
der Übergangszeit ändert sich für die deut-
schen Unternehmen erst einmal nichts.
SPIEGEL: Dann können Sie Ihre pessimis-
tische Wachstumserwartung ja getrost wie-
der nach oben korrigieren.
Altmaier: Die wirtschaftliche Lage ist
längst nicht so, wie wir uns das wünschen.
Wir gehen laut unserer Herbstprojektion
für 2019 von einem Wachstum von 0,5 Pro-
zent aus, für das Jahr 2020 wird ein Zu-
wachs in Höhe von 1,0 Prozent erwartet.
DANIEL HOFER / DER SPIEGEL

Immerhin, die Gefahr einer Rezession ist


gebannt, nicht zuletzt auch dank der ge-
wachsenen Klarheit beim Brexit. Auch
wenn der Aufschwung ein zartes Pflänz-
chen bleibt, hellt sich die Stimmung in der
Wirtschaft wieder auf. Wir brauchen aber
CDU-Politiker Altmaier: »Der Aufschwung bleibt ein zartes Pflänzchen« höhere Wachstumsraten, als wir diese ak-
tuell haben. Daher setze ich mich weiter-
hin für Entlastungen der Wirtschaft ein,
SPIEGEL: Herr Minister, nach den briti- SPIEGEL: Bislang erweckte er eher den insbesondere für eine Unternehmensteuer-
schen Unterhauswahlen steht fest, dass der Eindruck, dass seine Brexit-Pläne ähnlich reform.
Brexit Ende Januar kommt. Drohen der strukturiert sind wie seine Frisur. SPIEGEL: Wird die deutsche Position in
deutschen Wirtschaft dadurch neue Tur- Altmaier: Großbritannien ist noch immer Brüssel durch den Abgang der Briten
bulenzen, vielleicht sogar eine Rezession? tief gespalten in der Frage, das zeigt das geschwächt?
Altmaier: Danach sieht es nicht aus. Die Wahlergebnis. Deshalb muss Johnson jetzt Altmaier: Das glaube ich nicht. Großbri-
Entscheidung der Briten, die EU zu ver- diese Spaltung im eigenen Land überwin- tannien ist ja nicht aus der Welt. Deutsch-
lassen, ist zwar nach wie vor bedauerlich, den. Hierzu muss er einen versöhnlichen
doch nun haben wir die Chance auf einen Kurs gegenüber der EU einschlagen, um
geordneten Brexit mit Vertrag und Über- jene zu gewinnen, die für einen Verbleib Handelsriesen
gangszeit. EU und Großbritannien haben gestimmt haben, zum Beispiel die Schot- Die wichtigsten Partnerländer Deutschlands
nun rund ein Jahr Zeit, ihre künftigen Be- ten. Auf der anderen Seite bin ich über-
Handelsvolumen 2018, in Milliarden Euro
ziehungen neu zu regeln. Wir wollen, dass zeugt, dass sich die verbleibenden 27 EU-
Großbritannien auch in Zukunft ein wich- Länder nach dem Ausstieg Großbritan- China 199
tiger Partner der EU bleibt. niens enger zusammenschließen.
SPIEGEL: Sind die Verhandlungen in ei- SPIEGEL: Sie rechnen also nicht damit, Niederlande 189
nem Jahr zu schaffen? dass der Brexit Schule macht?
USA 178
Altmaier: Wir haben jetzt endlich Klar- Altmaier: Das ist nun wirklich für kein
heit. Ich kenne Boris Johnson aus meiner Land ein erstrebenswertes Vorbild. Die Frankreich 170
Zeit als Kanzleramtsminister. Er ist ein Briten haben eine dreijährige Leidenszeit
hochintelligenter Politiker, der an einem hinter sich, in der Regierung und Parla- Italien 130
guten Verhältnis zu Deutschland und der ment über weite Strecken gelähmt waren,
Großbritannien 119
EU interessiert ist. Deshalb ist mir, was in der es Ministerrücktritte am Fließband
die Verhandlungen angeht, nicht bange. gab. Das will sich keiner antun. Quelle: Statistisches Bundesamt

38
land hat ein großes Interesse daran, mit
diesem Nato-Partner auch in Zukunft bei
sicherheits- und außenpolitischen Fragen
eng zusammenzuarbeiten. Großbritannien
ist und bleibt ein europäisches Land.
SPIEGEL: Halten Sie es nicht für möglich,
dass die neue Regierung von Boris John-
son die EU gegen die USA, aber auch Chi-
na ausspielen wird, etwa bei neuen Han-
delsverträgen?
Altmaier: Auch das ist nicht meine Auf-
fassung. Dafür sind die Größenverhält-
nisse zu ungleich. Selbst ohne Großbritan-
nien kann die EU ein ähnliches Gewicht
wie die USA in die Waagschale werfen.
Ein vergleichsweise kleines Land wie das
Vereinigte Königreich wird kaum in der
Lage sein, der EU Schaden zuzufügen. Ich
bin überzeugt, dass Boris Johnson genau
das auch weiß.
SPIEGEL: Im Handelsstreit zwischen den
USA und China stehen die Zeichen seit
der vergangenen Woche auf Entspannung.
Auch das dürfte sich positiv auf die Kon-
junktur auswirken.
Altmaier: Ich glaube, dass viele Akteure
in der Wirtschaft noch abwarten, ob sich
aus diesen ersten schüchternen Signalen
ein Ergebnis herausschälen wird, das für
viele Jahre Berechenbarkeit ergeben wird.
Aber in den USA scheint sich die Erkennt-
nis durchgesetzt zu haben, dass ein Han-
delsstreit letztlich beiden Seiten schadet.
Deshalb hoffe ich auf eine Lösung im Streit
zwischen den USA und China. Höhere
Zölle schaden am Ende allen.
SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, dass
Entscheider
treffen.
Trump seine zerstörerische Energie jetzt
auf die Europäer, vor allem die Deutschen
richten wird?
Altmaier: Dafür spricht augenblicklich
nicht sehr viel. Wir sind in vielen Fragen
in guten Gesprächen mit der amerikani-

Chancen
schen Regierung, dennoch gibt es noch
Streitpunkte, zum Beispiel die Sanktionen
gegen Airbus, die in den nächsten Mona-
ten wohl durch Maßnahmen gegen Boeing
gekontert werden. Da stellt sich die Frage,
ob beide Seiten das auf die Spitze treiben

begegnen.
wollen. Auch bei den angekündigten Sank-
tionen bei Nord Stream 2 sind wir im Aus-
tausch mit der US-Seite und machen un-
sere Haltung deutlich.
SPIEGEL: Sie haben also den Eindruck,
dass die US-Regierung mit sich reden
lässt?
Altmaier: Ich habe jetzt zwei Jahre Erfah-
rung mit der Regierung von Präsident
Donald Trump. Dabei habe ich festgestellt,
dass es eine große Unterstützung gibt für Die manager lounge ist das branchenübergreifende Netzwerk des manager magazins
gute transatlantische Beziehungen, insbe- und des Harvard Business Managers für Entscheider, die sich auf Augenhöhe
sondere zu Deutschland. Bislang ist es uns begegnen und austauschen wollen. Wir bringen Sie beruflich weiter: Durch exklusive
jedenfalls gelungen, eine Eskalation zu ver- Veranstaltungen und Erlebnisse, vertrauensvolle Business-Kontakte und persönlichen
meiden. Ich glaube nicht, dass der ame- Mitgliederservice.
rikanische Präsident ein Jahr vor den
Wahlen großes Interesse daran hat, einen +49 40 380 80 505
Handelskrieg mit Europa vom Zaun zu contact@manager-lounge.com
www.manager-lounge.com
DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 39
Deutschland

Stuttgarter Superagent
brechen. Die Amerikaner fahren übrigens
sehr gern deutsche Autos.
SPIEGEL: Die Labour-Partei ist mit ihrem
dezidierten Linkskurs bei den Wahlen in
Großbritannien krachend gescheitert. Wel-
che Lehren sollte die SPD daraus ziehen? Affären Ein deutscher Regierungsangestellter versprach
Altmaier: Wenn ich SPD-Politiker wäre, Geheimoperationen, um IS-Frauen nach Hause zu holen. Doch
würde ich genau hinschauen. Labour ist die teuren Missionen im Krisengebiet gab es so nicht.
an zwei Dingen gescheitert: Zum einen
war ihr Spitzenkandidat sehr unbeliebt,
zum anderen war die Lust auf sozialisti-
sche Experimente selbst in der Anhänger-
schaft von Labour nicht weitverbreitet.
Das hat die Partei nicht erkannt. Deshalb
B evor die Rettungsaktion losgehen
sollte, musste Bert Klijn im Januar
2017 eine Erklärung unterzeichnen,
eine Art Stillhaltegarantie. Er sei sich »voll-
Klijn. Er suchte Hilfe und fand sie, wie er
dachte, in Person eines deutschen Regie-
rungsangestellten.
Daniel Köhler heißt der Mann, er ar-
hoffe ich, dass das Wahlergebnis von der kommen über die Gefahren und Risiken beitet als wissenschaftlicher Referent im
neuen SPD-Führung sehr genau zur Kennt- der anstehenden Operation im Klaren«, baden-württembergischen Innenministe-
nis genommen wird. versicherte der Niederländer. Und falls die rium. Er ist zuständig für Präventions-
SPIEGEL: Was bedeutet der Wechsel an Mission scheitere, werde er »keine Straf- projekte gegen Extremismus. Undercover-
der SPD-Spitze für den Fortbestand der anzeige erstatten und keine finanziellen operationen in Kriegsgebieten zählen
Großen Koalition? Ansprüche stellen«. Das Geld, das er auf nicht zu den Aufgaben des Religions-
Altmaier: Die neue SPD-Spitze hat An- ein Konto in den Vereinigten Arabischen wissenschaftlers.
spruch auf Respekt und konstruktive Ge- Emiraten überweisen sollte, sei auf jeden Bereits vor zwei Jahren beschrieben
spräche. Klar ist aber auch, dass CDU und Fall weg. SPIEGEL und »Handelsblad«, wie Köhler
CSU keine Vorschläge akzeptieren wer- Klijn war das egal. Er wollte unbedingt Angehörige für den vermeintlichen Ret-
den, die ihrer Meinung nach in die falsche seine Tochter Amber zurückholen. Sie war tungsversuch einer niederländischen Sala-
Richtung gehen. Aber es gibt auch Ge- in das Gebiet der Terrormiliz »Islamischer fistin bezahlen ließ. Deren Vater überwies
meinsamkeiten. Staat« (IS) ausgereist. 10 000 Euro, ohne dass seine Tochter ge-
SPIEGEL: Welche? Knapp drei Jahre später sitzt der 63-Jäh- rettet wurde. Tatsächlich wäre Laura H.
Altmaier: Union und SPD wollen beide rige in Dordrecht bei Rotterdam an seinem bei ihrem Fluchtversuch im Juli 2016 bei-
öffentliche Investitionen steigern. Der Un- Wohnzimmertisch. Der Manager eines nahe ums Leben gekommen. Köhler sagte
terschied ist nur, dass wir die schwarze Busunternehmens ist ein freundlicher und damals, er habe lediglich ehrenamtlich
Null und die Schuldenbremse einhalten geduldiger Mann mit Glatze und dunkler Kontakte vermittelt. Ein Anwalt der Fa-
wollen. Trotz der schwächeren Konjunk- Lesebrille. Auf seinem iPad zeigt er Re- milie bezeichnete ihn als »Scharlatan«.
tur sind die Steuereinnahmen nicht einge- portern des SPIEGEL und Der baden-württember-
brochen. Es gibt deshalb überhaupt keinen der niederländischen Ta- gische Innenminister Tho-
Grund, beides infrage zu stellen. In der geszeitung »NRC Handels- mas Strobl (CDU) hielt
SPD wollen manche genau das. Dennoch blad« die Chatnachrichten trotzdem an seinem Mit-
sehe ich Raum für Kompromisse. und E-Mails. Er hat sie von arbeiter fest. Köhler durfte
SPIEGEL: Welche denn? dem Mann erhalten, der im Stuttgarter Ministerium
Altmaier: Saskia Esken und Norbert Wal- eine Mission versprach, bleiben. Jetzt wird klar,
ter-Borjans haben sich lobend über mei- die seine Tochter retten dass er zu diesem Zeit-
nen Vorschlag für einen Investitionsfonds sollte. Klijn zahlte Zehn- punkt schon an einer wei-
HUBERT GUDE / DER SPIEGEL

geäußert. tausende Euro für eine an- teren Operation arbeitete.


SPIEGEL: Sie meinen Ihre Bürgerstiftung gebliche Geheimmission Im Fall Amber Klijn floss
für den Klimaschutz? in der Kriegsregion. noch mehr Geld als bei
Altmaier: Genau. Der Witz dabei ist, dass Im Spätsommer 2015 Laura H. Auch sie wurde
dieser Fonds privates Kapital mobilisieren reiste Klijns Tochter, da- nicht gerettet.
würde, mit dem Investitionen in den Kli- mals 19 Jahre alt und kurz Das sei ebenfalls eine
maschutz finanziert werden könnten. Das zuvor zum Islam konver- »private, ehrenamtliche Tä-
müsste dann nicht mehr der Staat über- tiert, zusammen mit drei tigkeit«, teilte das Stutt-
nehmen, sodass Mittel im Bundeshaushalt weiteren Niederländerin- garter Ministerium mit.
frei würden für andere Investitionen, zum nen heimlich über die Tür- Köhler habe nicht im offi-
Beispiel in Straßen oder digitale Infrastruk- kei nach Syrien. Ihr Ziel ziellen Auftrag gehandelt.
tur. Das ließe sich erreichen, ohne die war das vermeintliche Reine Privatsache also?
schwarze Null zu gefährden. Die Frage ist, »Kalifat« des IS. Chats, E-Mails und Do-
ob es dafür Bewegung in der SPD gibt. Amber heiratete in Rak- kumente belegen, wie Köh-
SPIEGEL: Sie hören sich an, als ob Sie damit ka, der Hauptstadt des Ter- ler in den Niederlanden als
rechnen, dass die Große Koalition bis zum rorreichs, einen Mann, eine Art deutscher Super-
Ende der Legislaturperiode weitermacht. »den sie noch nie gesehen agent auftrat. Er gab vor,
Altmaier: Ich sehe keinen verantwortungs- hatte«, wie ihr Vater sagt. mit ehemaligen Elitekämp-
vollen Politiker, der dem Land angesichts Sie bekam eine Tochter. fern zusammenzuarbeiten.
der vielen ungelösten Aufgaben ein Jahr Schon bald sei ihr das Es schien, als stünde er in
Wahlkampf und Regierungsbildung zu- entbehrungsreiche Leben stetem Austausch mit west-
muten will. unter dem IS-Regime un- Vater Klijn, lichen Geheimdiensten
Interview: Melanie Amann, erträglich geworden. »Am- Tochter Amber, Baby 2016 und den kurdischen YPG-
Christian Reiermann ber war verzweifelt und 40 000 Euro für Milizen im Krisengebiet.
wollte nach Hause«, so die Hoffnung auf Rettung Die verängstigten Eltern

40
glaubten es, wollten es glauben, Ministeriumsmitarbeiter bekam
und bezahlten für den Funken er dafür nicht. Von Anfang 2017
Hoffnung, den Daniel Köhler ih- bis August 2018 stand Klijn mit
nen anbot, sehr viel Geld. Köhler in Kontakt.
Köhlers Engagement in den Köhler erklärte auf SPIEGEL-
Niederlanden begann im Jahr Anfrage, seine Vorgesetzten sei-
2015 in einer Extremismus- en informiert gewesen. Eine
beratungsstelle in der Nähe Überprüfung der Staatsanwalt-
von Amsterdam. Der Wissen- schaft Stuttgart habe im Fall Lau-
schaftler leitete Workshops für ra H. kein strafrechtlich relevan-
Sozialarbeiter. Sie sollten ler- tes Verhalten festgestellt. Wo das
nen, mit Angehörigen von Isla- Geld genau gelandet ist, sagte
misten umzugehen. Köhler nicht. Auf den Überwei-
Eine niederländische Teilneh- sungen notierte Klijn als Ver-
merin erinnert sich noch gut wendungszweck »Lohn für Ein-
an den eloquenten Referenten. heimische«. Weitere Fragen ließ
Köhler habe durchblicken las- Köhler unbeantwortet.
sen, dass seine Kompetenzen Der heutige Referent aus
über die Deradikalisierung von Stuttgart hatte offenbar schon
Islamisten hinausgingen. Sie ge- immer ein Talent, sich selbst
wann den Eindruck, er könne in Szene zu setzen. Die aner-
nach Syrien ausgereiste IS-Fa- kannte Extremismusexpertin
milien zurückholen. Auch Bert Claudia Dantschke von der De-
Klijn wurde auf den vermeint- radikalisierungsberatung Hayat
lichen Profi aus Stuttgart auf- erinnert sich gut an ihn: »Köh-
merksam und betraute ihn mit ler kam 2010 zunächst als Prak-
der Rettung seiner Tochter. tikant und arbeitete dann ab
Die Kurznachrichten, die 2012 bei Hayat in 26 Beratungs-
Köhler in den folgenden Wo- fällen mit, wo es um Deradi-

ACKERMAN + GRUBER
chen an Klijn schickte, lesen kalisierungen im islamistischen
sich heute wie skurrile Dialoge Bereich ging.« Im Oktober 2014
aus einem Theaterstück. Köhler habe Köhler Hayat verlassen
inszenierte sich als Superagent, und sei sofort als Experte für
der über alles im Bilde sei. Er Rechtsextremismus und Isla-
schrieb an Klijn, er komme mit Referent Köhler mismus aufgetreten. »Als er
der Aufklärung der Lage voran »In Kontakt mit den Spezial-Suchteams am Boden« dann auch noch behauptete,
und bereite die Operation vor. er habe Hayat mitgegründet,
»Wir machen wirklich gute Pläne.« Sein sich wegen der hohen Kosten, so Köhler, ließen wir das gerichtlich untersagen«,
Team sei »optimistisch, Amber da raus- »kein schwer bewaffnetes Team per Hub- sagt Dantschke.
zuholen«. schrauber schicken«, um Amber und ihre Bert Klijn wusste von diesen Auseinan-
Die inzwischen schwangere Hollände- Familie abzuholen. Obwohl man durchaus dersetzungen nichts. Für ihn war Köhler
rin wartete schließlich mit ihrer Tochter in der Lage sei, die Flugabwehr des IS zu ein Mann mit unglaublichen Kontakten und
im Eingang eines Krankenhauses, ver- umgehen. noch unglaublicheren Fähigkeiten. Immer
steckt hinter einem Vorhang. Angeblich »Für mich klang das plausibel. Er arbei- wieder habe Köhler den Vater gedrängt, er
sollte sie von zwei »vertrauenswürdigen tete ja schließlich für die deutsche Regie- solle seine Tochter zur Flucht bewegen. Tat-
Syrern« abgeholt werden, sagt der Vater. rung.« Er sei froh, dass er damals keine sächlich fuhr Amber im Januar 2018 mit
Es kam aber niemand. Klijn: »Plötzlich 100 000 Euro gehabt habe, »denn die hätte Mann und Kind auf einem Motorrad in
erzählte Köhler, der IS habe zwei seiner ich ihm auch noch überwiesen«, sagt Klijn. Richtung Front. »Wie angeordnet, gaben
Leute verhaftet und getötet.« Für Klijn »Ich weiß, es ist eine Menge Geld«, sie Signale mit dem Scheinwerfer und
war das ein Schock. schrieb der Deutsche einmal, als es um schwenkten ein weißes Tuch«, sagt Klijn.
In seinen Nachrichten an Vater Klijn er- eine weitere Rate ging. Doch Rakka sei Trotzdem schossen die kurdischen Kämp-
weckte der Ministeriumsmitarbeiter aus die Hauptstadt des IS. »Man geht nicht fer auf sie. Die Kugeln trafen nicht, Amber
Stuttgart den Eindruck, er sei ganz nah einfach da rein und fährt mit dem Taxi und ihre Familie wurden festgenommen.
dran am dramatischen Geschehen im Kri- wieder heraus.« Dahinter setzte er einen »Sie fragte sofort nach Köhlers Team
sengebiet. Mit den kurdischen Einheiten, zwinkernden Smiley. »Ich fand das nicht und dem Mann vor Ort, weil die Flucht ja
die auf Rakka vorrückten, stimmten er lustig«, sagt Klijn. angeblich mit den Kurden abgesprochen
und seine Leute sich ab, suggerierte er. Insgesamt 40 000 Euro brachte der Va- war«, so Klijn, »doch niemand wusste et-
»Wir sind recht konstant in Kontakt mit ter für die Rettung seiner Tochter auf. Viel was von einer solchen Operation oder ir-
den Spezial-Suchteams am Boden«, Son- mehr als einen langen Chat mit einem gendwelchen Teams.« Statt ins Konsulat
dereinheiten seien das, »die Bunker, Ge- wanderten Amber und ihre Familie in kur-
bäude und Tunnel des IS durchsuchen«. dische Gefangenschaft. Dort sitzen sie
Köhler und seine Leute hätten sicher- noch heute. Die Umstände sollen schreck-
gestellt, dass den »lokalen Kräften« eine Die kurdischen Kämpfer lich sein, aber sie haben überlebt, sie sind
genaue Beschreibung samt Foto von Am- schossen auf in Sicherheit. Nicht wegen, sondern trotz
ber und ihrer Familie vorlägen. Vater Klijn des angeblichen Retters. Hubert Gude
gewann sogar den Eindruck, der Deutsche
sie, die Familie wurde Mail: hubert.gude@spiegel.de
könnte auf Kriegsgerät zugreifen: Es ließe festgenommen.
DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 41
Deutschland

Rucola ist ein Mittelschichtsalat


Ehrenämter Warum ich bei meiner Arbeit für eine Tafel viel über Armut
in Deutschland lerne – und noch viel mehr über den Überfluss. Von Ansbert Kneip

V
or ein paar Monaten las ich in
der Lokalzeitung, dass die Tafel
in Hamburg-Harburg ehrenamt-
liche Helfer sucht. Ich war in den
Vorruhestand gegangen, hatte also Zeit.
Über die Tafeln wusste ich nicht viel, nur,
dass sie bei Bauern und Supermärkten
übrig gebliebene Lebensmittel einsam-
meln und an Bedürftige verteilen. Das
klang nach einer sinnvollen Tätigkeit. Und
außerdem: Die Ausgabestelle der Har-
burger Tafel liegt nur ein paar Hundert
Meter von meiner Wohnung entfernt – ich
könnte mich also engagieren, müsste aber
trotzdem nicht allzu früh aufstehen. Win-
win.
Seit dem Sommer ziehe ich einmal in
der Woche die alten Jeans an, packe Hand-
schuhe ein und mache mich auf den Weg.
Meistens arbeite ich als Beifahrer. Das
heißt: Ein Kollege und ich laden leere Kis-
ten in einen Transporter, dann klappern
wir Supermärkte und Discounter in der
Umgebung ab, füllen unsere Kisten mit
Bananen, Trauben, Tomaten, Kohl, Salat,
Äpfeln und so weiter.
Die Märkte haben das Obst und Gemü-
se bereits aussortiert und abgeschrieben,
ohne die Tafel würde es einfach vernichtet.
Was nicht schon eindeutig gammelig ist,
nehmen wir also mit. Die Sachen sind nor-
malerweise durchweg gut genießbar, aber
nicht alles sieht noch knackfrisch aus.
Dazu kommen Brot, Milch, Käse, Auf-
schnitt: MHD-Ware. MHD steht für Min-
desthaltbarkeitsdatum.
Eine Tour geht über 30 Kilometer, und
mit Glück bringen wir 40 Kisten Lebens-
mittel zurück zur Tafel. Anfangs habe ich
mich gewundert, warum die Supermärkte
uns überhaupt so viel Essen überlassen.
Klar – gut für uns, gut für die Kunden (so
werden die Bedürftigen bei der Tafel ge-
nannt). Aber weiß denn nicht jeder Filial-
leiter dank Digitalisierung genau, wie vie-
le Kohlköpfe, Zitronen oder Auberginen
er im Lager hat, wie viele gekauft werden
und wann er nachbestellen sollte? Ich
DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL

weiß, dass bei einer Supermarktkette so-


gar das Wetter ins Bestellsystem einge-
speist wird. Bei Grillwetter ordert das
System eigenständig mehr Würstchen als
bei Regen.
Wenn das alles so schlau durchdacht ist,
glaubte ich, dann müsste es doch möglich
sein, dass eine Filiale nur so viel Ware
ordert, wie sie auch verkaufen kann. Ich Helfer Kneip: »Moin, was habt ihr heute?«

42
brauchte eine Weile, um zu begreifen, dass te, es stehe schon alles draußen an der Land, frisch vom Baum. Es waren so viele,
es darum gar nicht geht. Rampe für uns bereit. dass im Laden den Mitarbeitern gesagt
Wer bei den Tafeln arbeitet, erfährt viel Dort waren tatsächlich zwei Paletten wurde, jeder Kunde solle quasi als Starter-
über Armut in Deutschland. Die Tafeln voller Obst und Gemüse, aber nichts da- pack erst einmal sechs Äpfel eingepackt
versorgen nur jemanden, der nachweislich von sah nach Tafel-Obst aus: keine Fle- bekommen. Ich dachte, einer der Obst-
bedürftig ist. Der Vorsitzende aller Tafeln cken, nichts gequetscht, alles beste Ware. bauern hätte uns eine gewaltige Spende
in Deutschland, Jochen Brühl, berichtete Ich lief zurück, fragte noch einmal, wo geliefert.
neulich, dass die Zahl der Kunden steige. denn die Sachen für uns seien. »Das ist Wie naiv.
In diesem Jahr wurden mehr als 1,6 Mil- alles für euch«, sagte sie. Als die Äpfel noch klein waren und am
lionen Menschen versorgt, das sind 10 Pro- Und dann erklärte sie: »Gestern war un- Baum hingen, hatte es einen Hagelsturm
zent mehr als im Jahr davor. Der Anteil ser Regionalchef hier. Der sieht gern viel gegeben. Und die Hagelkörner schlugen
der Rentner wuchs um 20 Prozent. frische Ware.« Mit anderen Worten: Da- kleine Dellen in die Früchte. Beim reifen
Übrigens stieg auch die Zahl der Kinder mit der Chef beim Rundgang einen guten Apfel kann man die Beulen kaum noch
und Jugendlichen unter den Kunden. Das Eindruck kriegt, bestellt der Marktleiter erkennen. Aber für den Supermarkt
sind dann die Altersarmen von übermor- haufenweise frisches Zeug. Mehr, als er waren die Äpfel nicht zumutbar. Wahr-
gen. Und der Staat delegiert das Problem verkaufen kann. scheinlich hätte auch niemand die Zeit, im
einfach an private Helfer wie die Tafeln. Anderes Beispiel, anderer Markt: Wir Großhandel jeden einzelnen Hagelapfel
Bei meiner kleinen Ausgabestelle in packten Bananen ein, reif, gelb, gut aus- nach »geht nicht, geht noch« zu unter-
Hamburg-Harburg sieht das Delegieren sehend. Neben uns saß der Filialleiter und suchen.
so aus: Manche Kunden werden laut, sie rauchte. »Die haben jetzt die perfekte Ess- Bei der Massenproduktion von Lebens-
beschweren sich, weil sie weniger Lebens- reife«, sagte er. Und warum verkauft er mitteln fällt eben Ausschuss an. Im Mo-
mittel erhalten als erhofft. Oder weil keine die nicht? »Wenn ich die in den Laden lege, ment versorgen wir unsere Kunden mit
Zitronen vorrätig sind, zum Beispiel. Sie krieg ich ’ne Abmahnung.« Die Käufer im Kirschen im Glas. Lecker, noch lange halt-
wissen gar nicht, dass alle Helfer hier frei- Supermarkt, lernte ich, wollen Bananen, bar, erste Wahl. Einziger Makel, wenn es
willig arbeiten, dass die Lebensmittel ge- die noch etwas grün sind. Leicht grüne Ba- denn einer ist: Die Gläser haben kein Eti-
spendet und eingesammelt sind. Und dass nanen halten zu Hause noch eine Woche. kett. In der Fabrik war die Maschine aus-
es kein Recht auf eine wöchentliche Kiste gefallen, von Hand nachkleben wäre viel
mit Wunschobst gibt. Sie haben das aber zu aufwendig. Also weg damit. Für die Ta-
geglaubt, weil ihnen auf den Ämtern ge- An fünf Werktagen sorge fel kann man sich freuen, über das Prinzip
sagt wurde: »Wenn Sie mit dem Geld nicht ich für den Überschuss, nicht.
auskommen, gehen Sie halt zur Tafel.« Wenn Weihnachten vorbei ist, werden
Die meisten beruhigen sich übrigens den ich am sechsten Tag wir noch wochenlang Weihnachtsschoko-
sehr schnell wieder. Es kommt auch vor, einsammeln gehe. laden verteilen können, wahrscheinlich bis
dass jemand Hausverbot erhält. Ich habe die ersten Osterhasen kommen. Zurzeit
aber, zumindest bisher, nur freundliche erhalten unsere Kunden Schokolade, die
Kundinnen erlebt. Ein Großteil in der »Stimmt eigentlich«, dachte ich, »das noch zwei Monate haltbar ist, mindestens.
Schlange vor dem Laden sind Frauen. geht mir ja auch so.« Aber dass die voll- Aber die schmeckt nach Erdbeere oder
Auch ohne die Statistik genau zu ken- gelben, reifen Bananen wegsortiert wer- Joghurt und ist zudem sommerlich hell
nen, könnte ich sagen, dass Hamburg-Har- den, wenn ich nur die halb gelben kaufe, eingepackt. Im Mandelmonat Dezember
burg ein strukturschwacher Stadtteil ist. war mir nicht klar. will das kaum einer kaufen.
Herkunft und Sozialstruktur spiegeln sich Nach einer Studie des Bundesernäh- Den Kunden der Tafel ist das egal. Sie
in den Einkaufstrolleys wider, mit denen rungsministeriums landen in Deutschland zahlen pro Einkauf zwei Euro, und wenn
die Kunden und Kundinnen das Tafel- pro Jahr zwölf Millionen Tonnen Lebens- dann viel Joghurtschokolade im Laden ist,
gelände verlassen. Große Tüte Grünkohl: mittel im Müll. Dazu zählen nicht nur die dann können sie auch viel mitnehmen.
wahrscheinlich Rentner, wahrscheinlich Lebensmittel, die bei mir zu Hause ver- Die zwei Euro sind übrigens wichtig, in
deutsch. Granatäpfel: schätzungsweise schimmeln, also zum Beispiel Brot und zweierlei Hinsicht. Sie bedeuten erstens,
Mittelmeerländer. Veganes Schnitzel oder Toast. Dazu gehören auch die reifen dass der Kunde etwas kauft – und sich
Sojanudeln: jemand, der sich vertan hat. Bananen, die ich gar nicht erst kaufe, und nicht einfach nur ein Almosen abholt.
Das sind zwar alles Vorurteile, aber ich die Abermillionen Avocados, auf denen Und zweitens, dass die Tafel das Benzin
glaube, im Schnitt wäre meine Treffer- Käufer im Supermarkt herumdrücken und für die Autos und die Heizung im Lager
quote nicht schlecht. die dann für »schon zu weich« befunden und Laden bezahlen kann. Der Verein
Was gar nicht gut geht: Rucola. Das ist werden. lebt nur von Spenden.
offenkundig ein Mittelschichtsalat. Die Be- Wenn ich abends um neun im Rewe ste- Was bei den Kunden übrigens immer
dürftigen in unserem Laden können sich he, dann will ich nicht hören: »Weintrau- gut ankommt, und zwar quer durch alle
aus den Regalen reichen lassen, was sie ben sind aus.« Selbstverständlich erwarte Nationen und Altersgruppen, sind Blu-
wollen (natürlich nicht unbegrenzt). Ru- ich, dass von allem noch genügend da ist, men. Schnittblumen aus dem Supermarkt,
cola bleibt immer liegen. und zwar frisch. Was in meinem Fall be- die mit Glück noch ein paar Tage halten.
Wer bei den Tafeln arbeitet, lernt nicht deutet: An fünf Werktagen in der Woche Wenn jemand in Not ist, so könnte man
nur etwas über Armut oder die Geschmä- sorge ich durch mein Einkaufsverhalten meinen, sind Blumen vielleicht überflüs-
cker der Nationen und Generationen. Man für genau den Überschuss an Lebensmit- siger Luxus. Wahrscheinlich ist genau das
lernt vor allem etwas über den unfass- teln, den ich am sechsten Tag mit der Tafel der Grund: Zitronen, Äpfel, Salat – das
baren Überfluss in unserem Land. einsammeln gehe. sind nur Vitamine. Aber Blumen sind
Vor ein paar Wochen standen wir mit Als der Herbst anfing und die Obstbau- Würde.
unserem Transporter an der Lieferrampe ern aus dem Alten Land südlich der Elbe
eines Discounters. Ich hatte im Laden eine ihre berühmten Äpfel in die Supermärkte Kneip arbeitete von 1990 bis 2017 als Re-
Verkäuferin gesucht (»Moin, die Tafel Har- karrten, erhielt auch die Tafel eine Liefe- dakteur beim SPIEGEL.
burg, was habt ihr heute?«), und sie mein- rung. Palettenweise Äpfel aus dem Alten

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 43


Deutschland

Totale Panik
Urlaub. Im Treppenhaus hört sie bereits
Stimmen, erkennt zwei Beamte, die hier
schon einmal vergebens nach der Cousine
gefragt haben. Die Abiturientin erinnert
sich an eine aggressive Körpersprache der
Ermittlungen Polizisten durchsuchen die falsche Wohnung – beiden: »Das hat mir Angst gemacht.« Sie
und fordern dort eine junge Frau auf, sich auszuziehen. hätten gedroht, die Tür mit Gewalt zu
Die Aufarbeitung läuft schleppend, das Opfer ist traumatisiert. öffnen. Über die Treppe seien sieben wei-
tere Beamte ins Haus gepoltert. Bereit-
schaftspolizei in voller Einsatzmontur.

P olizist in Weimar, das muss ein ech-


ter Traumjob sein. Für den »Tatort«
ermitteln sich hier Nora Tschirner
und Christian Ulmen kalauernd durch
Es gab, so fanden interne Ermittler spä-
ter heraus, sogar zwei Überprüfungen der
Adresse. Dabei wurde den Beamten er-
klärt, die Gesuchte lebe nicht hier. Im poli-
»Bis an die Zähne bewaffnet«, so be-
schreibt es Eva.
Die junge Frau ist mit der Situation of-
fensichtlich überfordert. Im Durchsu-
schrille Fälle: »Der höllische Heinz«, »Der zeilichen Informationssystem IGVP exis- chungsbeschluss steht weder ihr Name,
kalte Fritte«, »Der wüste Gobi« oder »Die tiert ein entsprechender Eintrag. Trotzdem noch wird ihr irgendetwas vorgeworfen.
Fette Hoppe«. Es gibt Protagonisten mit kommen die Beamten wieder mit einem Sie habe geweint und sei verstört gewesen,
so schönen Namen wie Gotthilf Bigami- Beschluss für die »Durchsuchung der Per- sagt sie. Zwei Beamtinnen, so erinnert sie
luschvatokovtschvili oder Peggy Schuh- son, der Wohnung mit Nebenräumen, der sich, hätten sie plötzlich ohne Vorwarnung
schnabel. Und Dialoge, die in der Stadt Geschäftsräume mit Nebenräumen und im Treppenhaus abgetastet. Sie habe ge-
Schillers und Goethes für die Ewigkeit ge- der Fahrzeuge«. Die Maßnahme, so unter- droht, aus dem Fenster zu springen, sich
schrieben wurden. Ulmen: »Der Hund schrieb es der Amtsrichter, stehe »in an- gewehrt und gesagt: »Bitte hören Sie auf,
frisst das Katzenstreu!« Tschirner: »Viel- gemessenem Verhältnis zur Schwere der mich anzufassen, ich wurde vergewaltigt,
leicht ist er vegan?« Tat und zur Stärke des Tatverdachts«. und all das hier fühlt sich an, als würde es
Das wahre Leben in der Weimarer Poli- Es ist der 14. September 2017 gegen wieder passieren.«
zeiinspektion ist alles andere als spaßig, 20.15 Uhr. Eva kommt von einer Geburts- Es sind zu diesem Zeitpunkt drei Jahre
mitunter auch für die Bürger der Stadt. tagsfeier nach Hause, die Mutter ist im vergangen, seitdem Eva vergewaltigt wurde.
Eine junge Frau, die ihre Identität schützen
will und deshalb in diesem Text Eva heißt,
kann davon erzählen.
Wie sich an einem Tag im September
2017 neun Polizeibeamte in die kleine Woh-
nung ihrer Familie in der Bertuchstraße
drängten. Einer Straftat auf der Spur, mit
der sie nichts zu tun hatte. Wie die damals
18-Jährige nach der Polizeiaktion trauma-
tisiert in der Notaufnahme landete und bis
heute psychologisch behandelt werden
muss. Und wie lange sich Ermittlungen hin-
ziehen, wenn es um vermutete Straftaten
in den eigenen Reihen geht. Denn der Fall
hat sich über die Jahre im Verborgenen aus-
geweitet. Derzeit gibt es bei der Staatsan-
waltschaft Erfurt in der Sache vier Verfah-
ren gegen sechs Polizeibeamte wegen des
Verdachts der Nötigung, der Sachbeschädi-
gung und des Diebstahls sowie der versuch-
ten Strafvereitelung im Amt und wegen
Verletzung des Dienstgeheimnisses.
Das Elend der Weimarer Familie be-
ginnt mit einem Ronix-Wakeboard, ver-
schwunden aus einem Garten im nahe
gelegenen Bad Berka. Der Besitzer hat das
gestohlene Brett auf Ebay-Kleinanzeigen
wiederentdeckt, die Spur führt nach Wei-
mar. Die Polizei ermittelt und verdächtigt
Evas Cousine. Die junge Frau ist eine alte
Bekannte der Polizei mit einer dicken
Akte und ohne festen Wohnsitz. Behör-
denpost geht an Evas Mutter, am Briefkas-
ten steht der zweite Name, am Klingel-
schild nicht. Die Cousine wohnt nicht in
der Bertuchstraße.

Polizeiopfer Eva gegenüber Wache in Weimar


»In keiner Weise aggressiv«

44
Sie musste danach psychologisch betreut lässt, was geschehen ist, erstarrt diese. »Sie sich Eva »in keiner Weise aggressiv oder
werden, hatte Selbstmordgedanken. Wenn war nicht mehr ansprechbar.« Die Frauen herumschreiend im Treppenhaus« verhal-
fremde Menschen ihre Tochter seitdem gehen in die Notaufnahme, Eva wird in die ten. In der Wohnung sei sie »psychisch an-
berühren, sagt ihre Mutter, »dann brennen Psychiatrie aufgenommen. Die Abiturien- gespannt« erschienen und »weinte gele-
alle Sicherungen durch«. Sie werde nicht tin beklagt Zittern, Frieren, Schwindel. Hat gentlich«. Die Beamten hätten sich auf den
gewalttätig, aber bekomme »totale Panik«. Flashbacks. Der Arzt attestiert eine ge- Aufnahmen amtsangemessen verhalten.
Die Beamtinnen machen weiter. Eva drückte Stimmung, einen geminderten An- Es gibt zugleich keinen Hinweis darauf,
sagt, sie sei ins Bad bugsiert worden. Sie trieb und psychomotorische Anspannung. dass sieben Bereitschaftspolizisten nicht
musste die Schuhe ausziehen, Socken, mit einer Schülerin zurechtkommen, die
Jeans, T-Shirt. Nur noch in Unterwäsche, 1,65 Meter groß und zierlich ist.
sei sie aufgefordert worden, den BH abzu- Die internen Ermittler Und die Internen fanden noch mehr he-
legen. Die Polizistinnen hätten gesagt: »Ent- fanden Anzeichen raus. Es gebe in der Inspektion Weimar
weder Sie ziehen ihn aus, oder wir tun es.« eine sichtbare Führungsschwäche und
Sie fügt sich und sackt am Ende im Bad zu- für ein »erhebliches Anzeichen für »ein erhebliches Führungs-
sammen. »Ich war nicht mehr ich selbst.« Führungsproblem«. problem«. Ein Beamter, der bei der Durch-
Die restlichen Beamten suchen ausgie- suchung dabei war, hatte offenbar Kontakt
big nach dem sperrigen Wakeboard oder zu einer jungen Frau aus dem direkten
nach Hinweisen auf dessen Verbleib. Selbst Diagnose: »posttraumatische Belastungs- Umfeld der vermeintlichen Wakeboard-
im Nachtschränkchen, in Schubladen und störung mit ausgeprägten dissoziativen Diebin. Die Ermittler werteten WhatsApp-
zwischen der Wäsche. Fündig werden sie Phasen nach Reaktivierung traumatischer Kontakte aus und schrieben diesen Satz
nicht. Der Trupp rückt ab. Zurück bleibt Vorerfahrungen«. in einen Vermerk: Der Beamte habe ver-
aus Sicht der Familie eine beschädigte Die Familie ist verzweifelt. Die Mutter sucht, die Frau »durch anzügliche Äuße-
Wohnung und eine Lücke in der Haushalts- sucht Aufklärung bei der Polizei in Wei- rungen und Versenden seines entblößten
kasse: Aus einer Schublade im Schlafzim- mar. Ohne Erfolg. Sie geht zum Bürgerbe- Gliedes sexuell zu stimulieren bzw. zu
mer sind 300 Euro verschwunden. auftragten, zum Landesdatenschutzbeauf- erobern«.
Evas Mutter eilt aus dem Urlaub zurück tragten, zu Thüringens Polizeipräsidenten So aufgetauchte Sprüche könnten tat-
nach Weimar. Als sie sich von Eva schildern und zur Polizeivertrauensstelle. Die rot- sächlich aus einem Ulmen-Tschirner-Tatort
rot-grüne Koalition in Thüringen hat diese stammen: »Meine liebste kleine süße Lisa.
Stelle eingerichtet. Ende 2017 wurde sie Du sollst doch keine Drogen nehmen!!!«
gegründet »zur Förderung und Entwick- Oder: »4,1 ng/ml THC. Was hast du nur
lung der Führungs- und Fehlerkultur in- schon wieder gemacht? So bekommst du
nerhalb der Thüringer Polizei«. Inzwi- deinen Führerschein nie wieder.« Zudem
schen ging sie mehr als 200 Beschwerden wurden vom Polizeicomputer abfotogra-
nach, über 20 strafrechtliche Ermittlungen fierte Einträge aus der internen Datenbank
wurden eingeleitet. auf Telefonen der Frau gefunden. Der Poli-
Die erfahrene Ex-LKA-Beamtin Meike zist ist zurzeit suspendiert.
Herz führt die Vertrauensstelle, der Wei- Seit mehr als zwei Jahren warten Eva
marer Fall war zugleich ihr erster. Der Vor- und ihre Mutter auf eine Aufarbeitung des
gang, so Herz, sei außergewöhnlich und Polizeieinsatzes. Sie fordern Schadens-
steche unangenehm aus dem heraus, was ersatz etwa für Anwaltskosten, Arztrech-
ansonsten bearbeitet werde. Herz schob nungen, Gehaltseinbußen und Nachhilfe
Untersuchungen an, der Fall ging an die für die traumatisierte junge Frau. Sie ha-
internen Ermittler der Landespolizeidirek- ben eine Summe von 103 049,92 Euro aus-
tion. Doch es dauert. gerechnet. Doch noch immer laufen die
In ihren Vernehmungen gaben beteiligte Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Er-
Beamte an, Eva sei ungehalten und laut furt. Die Verfahren stünden kurz vor dem
sowie aggressiv im Auftreten gewesen. Um Abschluss, versichert die Behörde auf An-
Verletzungen für die Polizisten und für frage. Erst wenn es eine rechtskräftige Ent-
Eva selbst ausschließen zu können, habe scheidung eines Gerichts gibt, will die Poli-
man sie nach gefährlichen Gegenständen zei über Schadensersatz entscheiden.
durchsuchen müssen. Und weil sie nicht Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen
abgetastet werden konnte, musste sie sich verfügt, die offensichtlich falsche Anschrift
ausziehen. Dem habe sie zugestimmt. Zu der Cousine im Computersystem zu lö-
welchem Zeitpunkt von der Vergewalti- schen. Das Verfahren wegen des Wake-
gung die Rede war, darüber gehen die Aus- boards wurde eingestellt, es konnte nicht
sagen auseinander. nachgewiesen werden, dass die Cousine
Dem eingeschalteten Landesdatenschüt- das Board überhaupt gestohlen oder bei
zer schrieb die Polizeiinspektion Weimar, Ebay angeboten hatte.
Eva habe begonnen, »unvermittelt im Eva hat Weimar verlassen. Sie sei noch
Hausflur herumzuschreien«. Dies habe immer in psychologischer Behandlung.
MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL

sich gesteigert »bis zu einem aggressiven Wenn sie Polizisten begegne, wechsle sie
Verhalten hinsichtlich der polizeilichen die Straßenseite. Sie habe Angst, erneut
Einsatzkräfte«. Zur »Entkleidung« gebe zu Unrecht in Verdacht zu geraten. Kürz-
es nach Aktenlage keine Hinweise. lich hat sie offiziell ihren Namen geändert.
Doch gibt es etwas lückenhafte offizielle Steffen Winter
Videos der Durchsuchung. Die internen Mail: steffen.winter@spiegel.de
Ermittler haben sie gesichtet. Danach habe

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 45


8 Prämien zur Wahl
Sichern Sie sich eine Prämie für einen neuen SPIEGEL-Leser.

Kärcher-Hochdruckreiniger K2 iPad Wi-Fi 10,2“ 32 GB Spacegrau


Modell »Full Control Home« mit Druckregulierung. Ideal Mit 10,2“-Retina-Display, Face ID/Touch ID und bis
für größere Flächen rund ums Haus. Ohne Zuzahlung. 10 Stunden Batterielaufzeit. Zuzahlung: € 249,–.

KitchenAid-Küchenmaschine Teasi ONE4 Outdoor-Navi


Mit Knethaken, Flachrührer, Schneebesen und Für Rad, Wandern, Ski und Boot. Mit 3-D-Kompass,
Schüssel. Maße: 35 × 35 × 22 cm. Zuzahlung: € 199,–. Reiseführer und 8,8-cm-Display. Ohne Zuzahlung.
Wagenfeld-Tischleuchte WG 24 100 € Amazon.de Gutschein
Aus vernickeltem Metall, Klarglas und Opal- Erfüllen Sie sich einen Wunsch: über eine Million Bücher
glas. Höhe: ca. 36 cm. Zuzahlung: € 179,–. sowie DVDs, Technikartikel und mehr zur Auswahl.

€ 100,– Prämie Thule Revolve 55-cm-Bordtrolley


Erfüllen Sie sich oder Ihren Lieben einen Wunsch, oder Hartschalen-Handgepäckkoffer mit TSA-Schlössern.
legen Sie Ihre Prämie für eine größere Anschaffung zurück! In Schwarz. Maße: 55 × 35 × 23 cm. Ohne Zuzahlung.

 
w
Ja, ich habe geworben und wähle meine Prämie! Ich bin der neue SPIEGEL-Leser.
Anschrift des neuen Lesers:
SPIEGEL-Vorteile • Wertvolle Wunschprämie für den Werber.
Frau
• Der Werber muss selbst kein SPIEGEL-Leser sein.
Herr
• Zum Vorzugspreis: statt € 5,30 nur € 5,10 je Ausgabe inkl. Lieferung. Name, Vorname
• Auf Wunsch das Digital-Upgrade für nur € 0,70 je Ausgabe inkl.
SPIEGEL-E-Books.
Straße, Hausnr. Geburtsdatum

Wunschprämie Kärcher-Hochdruckreiniger (5742) Teasi ONE4 (5776) PLZ Ort


iPad 10,2" (5843) Zzlg. € 249,– Wagenfeld (5786) Zzlg. € 179,–
KitchenAid weiß (5688) Zzlg. € 199,– 100 € Amazon.de Gutschein (5075) Gläubiger-Identifikationsnummer DE50ZZZ00000030206
Telefon (für eventuelle Rückfragen) E-Mail (für eventuelle Rückfragen)
KitchenAid schw. (5735) Zzlg. € 199,– Thule-Bordtrolley (5775)
€ 100,– Prämie (2160). Mein Konto für die Überweisung: Gleich mitbestellen! Ja, ich möchte zusätzlich das Digital-Upgrade für nur € 0,70
pro Ausgabe beziehen statt für € 4,99 im Einzelkauf. SD19-015
DE Ja, ich wünsche unverbindliche Angebote des SPIEGEL-Verlags und der manager magazin Verlagsgesellschaft
IBAN
(zu Zeitschriften, Büchern, Abonnements, Onlineprodukten und Veranstaltungen) per Telefon und/oder E-Mail. Mein
Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.
Anschrift des Werbers: Der neue Abonnent liest den SPIEGEL für zunächst 52 Ausgaben für zurzeit € 5,10 pro Ausgabe statt € 5,30 im Einzelkauf,
das Digital-Upgrade zusätzlich für € 0,70 pro Ausgabe. Das Abonnement verlängert sich automatisch und ist dann jederzeit
Frau zur nächsterreichbaren Ausgabe kündbar.
Herr
Name, Vorname Ich zahle bequem per SEPA-Lastschrift* vierteljährlich € 66,30, Digital-Upgrade halbjährlich € 18,20
Die Mandatsrefe-
DE renz wird separat
mitgeteilt.
Straße, Hausnr. IBAN
SP19-101-WT127
PLZ Ort Datum Unterschrift des neuen Lesers

Coupon ausfüllen und senden an:


DER SPIEGEL, Kunden-Service, 20637 Hamburg 040 3007-2700 abo.spiegel.de/p19
Der Werber erhält die Prämie ca. vier Wochen nach Zahlungseingang des Abonnementbetrags. Der Vorzugspreis von € 0,70 für das Digital-Upgrade gilt nur in Verbindung mit einem laufenden Bezug der Printausgabe, enthalten sind € 0,60 für das E-Paper.
Alle Preise inklusive MwSt. und Versand. Das Angebot gilt nur in Deutschland. Hinweise zu AGB, Datenschutz und Widerrufsrecht: www.spiegel.de/agb. SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG, Ericusspitze 1, 20457 Hamburg, Telefon: 040 3007-2700,
E-Mail: aboservice@spiegel.de
* SEPA-Lastschriftmandat: Ich ermächtige den Verlag, Zahlungen von meinem Konto mittels Lastschrift einzuziehen. Zugleich weise ich mein Kreditinstitut an, die vom Verlag auf mein Konto gezogenen Lastschriften einzulösen. Hinweis: Ich kann innerhalb
von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrags verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.
Nr. 261 und seine Töchter
Schicksale Eine Frau findet den Samenspender, der
ihr Vater ist. Sie freunden sich an – und entdecken weitere Kinder von ihm.

MARCUS SIMAITIS / DER SPIEGEL

Spender Hubertus mit Tochter Sarah, Enkel Emil: Er weiß nicht, wie viele Nachkommen er hat

D
as erste Mal begegnete sie dem chen mit Sahne. Sie redeten stundenlang. Was, wenn sie ihm egal war? Sie ver-
Fremden, der ihr Vater ist, in ei- Danach gingen sie im Wald spazieren. Er, suchte, niedrige Erwartungen zu haben.
nem abgelegenen Gasthof im der Samenspender, und sie, die Frau, die In einem Interview mit SPIEGEL ONLINE
Sauerland. Beide waren vor dem seine Gene in sich trägt. sagte sie damals: Sie wolle nur wissen, wer
Treffen nervös. Sie hatte Angst, dass er Die Geschichte von Sarah L. und ihrem er sei, um zu verstehen, wer sie selbst sei.
unsympathisch sein könnte, »ein schlim- Erzeuger hatte im Jahr 2013 deutschland- »Es ist nicht mein Interesse, diese Person
mer Spießer« zum Beispiel. Er befürchtete, weit Aufsehen erregt. Jahrelang hatte die in mein Leben zu integrieren.«
dass sie denken könnte: »Ach du Schande! Studentin gegen den Arzt prozessiert, der Nachdem das Urteil verkündet war,
Was ist denn das für einer!« den Namen des Spenders nicht preisgeben wurde es in den Medien bald still um Sarah
Auf der Rechnung aus dem Gasthaus wollte, von dem ihre Mutter schwanger ge- L. Dabei begann ihre Geschichte da erst
steht das Datum: 2. März 2013. Noch heu- worden war. Viele Menschen, auch Freun- richtig.
te bewahrt sie den Zettel in ihrem Porte- de und Bekannte, hatten Zweifel, ob sie Damals war sie bereits seit fast vier Jah-
monnaie auf. Beide bestellten Apfelku- sich damit einen Gefallen tue. ren auf der Suche nach ihrem leiblichen

48
Deutschland

Vater. Als sie 18 geworden war, hatte sie kommt sie rüber, um zu hören, was Hu- ihre Eltern hätten das getan. »Ich kann nur
von ihrer Mutter erfahren, dass sie nicht bertus über sie erzählt. Er sei zu einem zur absoluten Transparenz raten«, sagt sie.
von dem Mann abstammt, den sie »Papa« der wichtigsten Ansprechpartner in ihrem »Jedes Kind hat ein Recht darauf, die
nannte. Sie wollte mehr herausfinden, Leben geworden, sagt sie. Noch immer Wahrheit zu erfahren.« Eltern, die sich für
doch die Kinderwunschpraxis in Essen ver- freue sie sich, wenn sie Ähnlichkeiten ein Leben mit der Lüge entschieden, müss-
weigerte ihr jegliche Information. Einem zwischen sich und ihrem leiblichen Vater ten zudem in ständiger Angst leben, dass
Journalisten allerdings verriet der leitende entdecke. Als wäre jedes einzelne Detail diese auffliege.
Arzt die Nummer des Spenders: 261. ein fehlendes Puzzleteil ihrer Persön- Seitdem Ahnenforschung mithilfe von
Sarah L. klagte vor Gericht. In der Hoff- lichkeit. DNA-Analysen in Mode kommt, ist das
nung, ihren biologischen Vater zu finden, Hubertus ist Lehrer für Geografie und Risiko größer denn je. »Finden Sie Ver-
gab sie zudem zahlreichen Zeitungen In- Geschichte an einer Gesamtschule. »Als wandte, von deren Existenz Sie bisher kei-
terviews und ging ins Fernsehen. Es funk- ich das zum ersten Mal gehört habe, wuss- ne Ahnung hatten«, wirbt eine der größten
tionierte. Noch während der Prozess lief, te ich, dass ich alles richtig gemacht habe«, Online-Genealogie-Plattformen. Es reicht,
schickte ihr Spender Nr. 261 eine E-Mail, sagt sie. Anfangs hatte sie Architektur stu- ein Wattestäbchen mit einem Wangen-
seine Nummer hatte er nie vergessen. Die diert. Aber nur, weil es ihren Eltern damals abstrich einzuschicken. Die DNA wird
erste Zeile lautete: »Ich schreibe Dir diesen wichtig gewesen sei, dass sie ein klares Be- dann mit einer Datenbank abgeglichen
Brief, da ich vermute, Dein biologischer rufsbild vor Augen hatte. »Das war irgend- und der Kunde über mögliche Verwandt-
Vater zu sein.« wie nicht ich«, sagt sie. Sie brach das Stu- schaftsbeziehungen informiert.
Ein DNA-Test bestätigte diese Vermu- dium ab und schrieb sich für Geschichte, Hubertus weiß nicht, wie viele Nach-
tung. Im Februar 2013 gaben die Richter Literatur und Kunst ein. Bis sie Hubertus kommen er hat. Jahrelang hat er in der
am Oberlandesgericht Hamm Sarah L. traf, war sie allerdings unsicher, ob das Essener Kinderwunschklinik sein Sper-
recht. Das Urteil war für sie nicht mehr wirklich die richtige Entscheidung war. ma abgegeben. »Ich fand es eine gute
entscheidend, sie hatte ihren Vater ja be- »Dass er Geschichte unterrichtet, fühlt sich Sache, anderen Menschen zu einem Baby
reits gefunden. Aber es gilt als wegweisend wie eine Bestätigung an«, sagt sie und zu verhelfen.« Zudem habe er Geld für
für Betroffene. Seitdem kann sich jeder, strahlt. Heute arbeitet sie als Redakteurin jede Spende bekommen. Die Tragweite
der durch eine anonyme Samenspende einer Lokalzeitung. sei ihm erst über die Jahre hinweg klar
gezeugt wurde, darauf berufen. geworden.
Es ist kalt an diesem dritten Advents- Er und Sarah L. haben ihre Daten gleich
wochenende, mehr als sechs Jahre später. »Ich hatte anfangs bei vier Anbietern hinterlegt, die DNA-
Nur Schnee fehlt noch zur perfekten Weih- Angst, man will ja ungern Profile abgleichen. Vor ein paar Wochen
nachtskulisse. Eine Lichterkette ziert das bekamen sie eine Nachricht: Hubertus hat
Dach des Schuppens vor dem Haus in Teil einer Massen- zwei weitere leibliche Kinder, Sarah also
einem Weiler im Sauerland. Vier Esel gra- produktion sein.« zwei Halbschwestern. Beide wohnen in
sen auf dem Nachbargrundstück, rund- Kiel. »Ich habe geweint, als ich das erfah-
herum gibt es nichts als Wiesen, Felder ren habe, und mich total gefreut«, sagt
und Nadelbäume. Im Wohnzimmer brennt Von ihrem rechtlichen Vater hat sie sich Sarah L. Sie hatte sich immer Geschwister
Holz im Kamin. als Kind und Teenager selten verstanden gewünscht. Trotzdem verspürte sie aber
Sarah L. hat eine Familie gegründet, sie gefühlt. »Wir hatten früher kein gutes Ver- »auch einen kleinen Stich«, als die Nach-
wohnt hier mit ihrem Mann und ihrem hältnis«, sagt Sarah L. »Nachdem die Bom- richt kam. »Ich hatte anfangs Angst, Hu-
Sohn. Emil, vier Jahre alt, spielt am Kü- be geplatzt war, wusste ich wenigstens, wo- bertus teilen zu müssen«, sagt sie. »Man
chentisch mit einem Playmobil-Traktor. ran das lag.« Mittlerweile verstünden sie will ja ungern Teil einer Massenproduk-
»Der Hubertus und der Stefan« hätten ihm sich aber besser. Die Verhältnisse seien ge- tion sein.«
den geschenkt, erklärt der kleine blonde klärt, das helfe. Auch der Tod ihrer Mutter, Die drei jungen Frauen schreiben einan-
Junge. So nennt er seinen biologischen die an Krebs erkrankt war, habe sie einan- der häufig über WhatsApp und haben sich
Großvater und dessen Ehemann, sie sind der nähergebracht. für Anfang des Jahres zum ersten Mal ver-
an diesem Samstag zu Besuch. Sie wohnen Hubertus und ihre Mutter sind sich nur abredet. Die Kieler Schwestern wissen
in Bonn. einmal begegnet, an Emils erstem Geburts- schon länger, dass ihr leiblicher Vater ein
Emil sagt nicht »Opa«, Sarah L. nicht tag. »Das war natürlich nicht einfach«, Samenspender ist.
»Papa«. Trotzdem ist das Verhältnis innig. sagt er. »Wir waren beide ein bisschen un- Vor ein paar Tagen erhielt Sarah L. die
»Wir sehen uns als Freunde der Familie. sicher.« Die beiden wechselten nur ein nächste Nachricht. Eine weitere Halb-
Sie alle sind uns sehr ans Herz gewachsen«, paar Worte. Eine weitere Gelegenheit er- schwester von ihr lebe in Münster. Auch
sagt Hubertus, der es sich auf dem Sofa gab sich nicht. diese Frau hatte eine Mail mit der Infor-
im Wohnzimmer bequem gemacht hat. Er Auch mit Sarah L.s rechtlichem Vater mation bekommen. Sarah L. kontaktierte
ist Anfang fünfzig, hat grau meliertes, kur- habe er bisher nur »zwischen Tür und An- sie sofort. Anfangs habe sie noch höflich,
zes Haar und trägt eine Brille. Wenn er gel« gesprochen. An einem engeren Kon- wenn auch verwundert geantwortet. Auf
lacht, meint man eine Ähnlichkeit zu er- takt sind beide Männer nicht interessiert. die Erklärung Sarah L.s, dass ihr Vater ein
kennen mit Sarah L. und Emil. »Ich kann verstehen, dass die Situation Samenspender sei, reagierte die andere
Seit dem ersten Treffen ist der Kontakt schwierig für ihn ist«, sagt Hubertus. »Er nicht mehr.
nie abgerissen. Sein Partner und er über- ist Sarahs Papa, diese Rolle werde ich ihm Sarah L. ist nun unsicher, ob sie zu früh
legen nun sogar, in der Nachbarschaft ein auf keinen Fall streitig machen.« zu viel verraten hat, und hofft, dass ihre
Grundstück zu kaufen, um ein kleines Emil ist noch zu klein, um das kompli- Halbschwester das alles gut verkraftet.
Ferienhaus darauf zu bauen. Während zierte Familiengeflecht und die vielfältigen »Muss ich ein schlechtes Gewissen ha-
Hubertus erzählt, klettert Emil mit einem Möglichkeiten der menschlichen Fortpflan- ben?«, fragt sie sich. »Ich glaube nicht. Ich
Bastelbuch auf seinen Schoß und zeigt ihm zung zu verstehen. In seinem Leben gibt bin es nicht, die das eigene Kind mit einer
die Bilder darin. es halt den Opa und den Hubertus. großen Lüge leben lässt.« Katrin Elger
Sarah L. kocht in der Küche Kaffee für Sarah L. will ihm aber so früh wie mög- Mail: katrin.elger@spiegel.de
alle, ihr Mann backt Waffeln. Manchmal lich alles erklären. Sie wünscht sich, auch

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 49


Reporter
»Die Welt geht unter, wenn wir so weitermachen.« ‣ S. 52

Festessen
Warum ist für Dessert
immer Platz, Frau Rolls?
SPIEGEL: Frau Rolls, alle sind satt, alle plat-
zen beinahe, dann kommt Eis auf den
Tisch – und alle essen weiter ...
Rolls: Das Gefühl der Sättigung ist relativ.
Dass man sich satt fühlt, heißt nicht, dass
der Magen voll ist. Der Mensch isst sich oft
satt an einer bestimmten Art Essen – es
braucht nur etwas Vielfalt, und schon ist
wieder Platz im Magen. Der Fachbegriff
dafür heißt spezifisch-sensorische Sättigung.
SPIEGEL: Süßes nach Herzhaftem geht stets?
Rolls: Meistens. Das gilt übrigens nicht nur
für Geschmacksrichtungen, sondern auch
für Farben, Formen oder Härtestufen.
Menschen essen 15 Prozent mehr, wenn
man ihnen drei Nudelsorten vorsetzt statt
einer. Das hat die Natur so eingerichtet bei
uns. Bei vielen Tieren übrigens auch.
SPIEGEL: Was will sie uns damit sagen?
Familienalbum ten Familie Menschen mit hellerer Rolls: Ernährt euch gesund! Nehmt unter-
Haut. Ich selbst heiße Israel Kauna- schiedliche Vitamine, Proteine, Fette zu
Brüder, tjike. Wieso ich einen jüdischen Vor- euch.
namen habe, weiß ich bis heute nicht. SPIEGEL: Oder: Fresst weiter, wenn ihr
1954 Ich war politischer als mein Bruder. euch Vielfalt leisten könnt?
Als junger Mann ging ich ins Ausland, Rolls: In Wohlstandsgesellschaften kann
Israel Kaunatjike, 72: um von dort gegen die Apartheid zu dieser biologische Mechanismus in der Tat
Das sind mein Bruder und ich vor kämpfen. In Südwestafrika hätte man zu Völlerei führen. Wir müssen lernen, die
dem Laden der Katjitaes in Ombujo- mich verfolgt. Über Umwege gelang- Vielfalt zu verwalten.
mumbonde, auf dem Gebiet des heu- te ich nach West-Berlin, seit den Sieb- SPIEGEL: Verwalten?
tigen Namibia. Damals hieß das Land zigerjahren lebe ich hier. Es ist mein Rolls: Langsamer essen. Riechen. Kauen.
Südwestafrika. Familie Katjitae Zuhause. Walter war auch für die Sacken lassen. Vier Sorten Gemüse essen
betrieb einen Tante-Emma-Laden, Abschaffung der Apartheid, aber er statt vier Sorten Chips. Weihnachten einen
man konnte dort Zucker, Reis oder blieb in Namibia. So ist das manch- Spaziergang einplanen vor dem Dessert.
Bonbons kaufen. Schokolade gab es mal in der Familie, einer geht in die SPIEGEL: In welchem Alter setzt dieser
nicht, sie wäre in der Hitze geschmol- SPD, einer in die CDU. Als ich dieses Mechanismus ein?
zen. Wir wuchsen bei unserer Tante Foto durch Zufall fand, machte ich Rolls: Bereits ein Säugling trinkt mehr
auf, sie ist die Frau in der Mitte. Eines eine Kopie und überraschte Walter Milch, wenn seine Mutter ihre Ernährung
Tages sagte sie, uns erwarte eine während eines Besuchs in Namibia variiert und Dinge isst, die den Milchge- MAGONE / GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO
Überraschung. Aus Baumwolle hatte damit. Vor zwei Jahren ist er auf sei- schmack positiv beeinflussen. Erst in
sie uns Kleider genäht und auch diese ner Farm gestorben, wahrscheinlich fortgeschrittenem Alter nimmt unser
Art Baskenmütze, die wir auf dem an einem Herzinfarkt. Den Tante- Bedürfnis nach Vielfalt ab.
Kopf tragen. Herr Katjitae fotografier- Emma-Laden der Familie Katjitae SPIEGEL: Ist dieses Bedürfnis aufs Essen
te uns, seinen Schatten sieht man auf gibt es noch immer. Wenn ich sterbe, beschränkt?
dem Foto. Es ist das einzige Bild, das möchte ich auf einem Friedhof nahe Rolls: Vielfalt steigert das Aufnahme-
ich von meiner Kindheit habe. Mein meiner Wohnung in Schöneberg vermögen: beim Kunstgenuss, bei der
Bruder Walter ist der kleinere von begraben werden, wo auch Rio Reiser Pflege von Freundschaften. Manchmal
uns beiden, er schaute immer, als liegt, der »König von Deutschland«. beim Sex. Ein komplexes
führte er etwas im Schilde. Wieso er Aufgezeichnet von Yannick Ramsel Thema. NES
Walter hieß, habe ich mich damals
nicht gefragt. Wir stammen von den ‣ Sie haben auch ein Bild,
Barbara Jean Rolls, 74,
Herero ab. Weil unter unseren Vor- zu dem Sie uns Ihre Geschichte erforscht Ernährungs-
fahren deutsche Kolonialherren erzählen möchten? Schreiben gewohnheiten an der
waren, gibt es bei uns in jeder zwei- Sie an: familienalbum@spiegel.de Pennsylvania State
University.

50
Als er endlich die Hotline erreichte, war eine Frau am
Eine Meldung und ihre Geschichte
Apparat. Die Gewinnsumme, sagte sie, betrage insgesamt

Zentralgewinn
3,2 Millionen Euro, davon erhalte er 24 000 Euro.
Henning hat noch nie mehr als 100 Euro gewonnen. Er
beschloss, seine Frau am Abend ins Restaurant einzuladen,
»so eins, wo man 130 Euro pro Person bezahlt, ohne Geträn-
ke«, sagt er. Er malte sich aus, wie er ihr beim Essen von den
Wie ein Lottobudenbetreiber im Lotto gewann sechs Richtigen erzählen würde. Und weil sein Sohn aus-
und trotzdem leer ausging gerechnet an diesem Tag 29 Jahre alt wurde, kaufte er ihm
29 Rubbellose des Typs »Diamond 7«, das Stück für 20 Euro.
Im Laden steckte er seinen Schein mit den sechs Richtigen

D er Tag, der beinahe der größte Tag seines Lebens ge-


worden wäre, begann für Rainer Henning wie jeder
andere Arbeitstag auch: Als er am 7. November um
4.30 Uhr den Laden betrat, machte er sich als Erstes daran,
in das Lottoterminal, um ihn einzulösen. Im Display, das
wusste Henning, erscheint in solchen Fällen die Meldung
»Zentralgewinn«. Stattdessen las er: »Gewinn wird von der
Zentrale bearbeitet.« Er rief erneut bei der Hotline an. Ein
die aktuellen Zeitungen ins Regal zu sortieren. Gemeinsam paarmal wurde er durchgestellt, schließlich landete er bei
mit seiner Frau betreibt er die Internationale Fachpresse Hen- jemandem, der ihm erklärte, dass man kein Geld auszahlen
ning, einen Kiosk mit Lottoannahmestelle im Frankfurter werde. Stattdessen werde er, Rainer Henning, demnächst
Westend. Post von Lotto Hessen bekommen.
Als alles eingeräumt war, druckte er sich am Computer die Absender des Briefes waren der Leiter des Spielbetriebs
Lottozahlen der Ziehung vom Vortag aus. Er holte seinen und die Leiterin des Kundendienstes: »Wir nehmen Bezug auf
eigenen Tippschein und nahm einen Kugelschreiber zur Hand. das zwischen Ihnen und unserer Hotline geführte Telefonat
Henning ist 71 Jahre alt, seit Jah- zu Ihrer Spielteilnahme mit Spiel-
ren spielt er regelmäßig Lotto, auftrag 05 797815 10000232«, las
Systemtipp, immer samstags und Henning. Er habe gegen Para-
mittwochs. Beim Systemtipp darf graf 5 Absatz 5 der Teilnahme-
er mehr als sechs Zahlen ankreu- bedingungen verstoßen: »Die In-
zen. Dadurch verkleinern sich haber und das in den Verkaufs-
zwar die Gewinnquoten, aller- stellen beschäftigte Personal sind
dings erhöhen sich die Chancen. von der dortigen Spielteilnahme
Dieses Mal hatte er im ersten an den Glücksspielen ausgeschlos-
Block drei Richtige und im zwei- sen.« Henning hatte im eigenen
ten Block einen Treffer. Henning Laden gespielt, offenbar war das
kontrollierte den dritten Block. verboten.
Er kreiste die 7 ein, die 11, die 32. Auch seine Frau erhielt ein
Dann die 39. Und die 45. Mit Schreiben von der Lottozentrale,
jedem Kringel, sagt er, habe sein eine »Ermahnung«, per Ein-
Herz ein bisschen schneller ge- schreiben/Rückschein. Falls ihr
schlagen. Ehemann und gemeldeter Mit-
Die letzte Zahl war die 46. arbeiter erneut in ihrem Kiosk
Henning hatte die 46. Er machte spielen sollte, stand dort, könne
einen weiteren Kreis auf dem das »zur fristlosen Kündigung
Zettel, sechs Kreise waren es des Geschäftsbesorgungsvertra-
insgesamt. Sechs Richtige. Die Henning ges« führen. Ein Lizenzentzug
Wahrscheinlichkeit für sechs würde das Ende ihres Kiosks
Richtige liegt beim Systemtipp bedeuten.
bei 1 zu 15 537 573. Er habe von dem Gebot
Henning wartete ungeduldig nicht gewusst, sagt Henning,
bis 6.30 Uhr, dann rief er die Hot- immer noch empört. »Meinen
line von Lotto Hessen an. Mit Von der Website Mainpost.de Gewinn kriege ich nicht, und
welcher Summe er rechnen kön- die 580 Euro für die Rubbellose
ne, wollte er wissen. sind auch futsch.« Seine Frau
Rainer Henning hat keine übertrieben großen Wünsche sagt: »Wer weiß, wofür es gut ist«, es ist als Trost gemeint.
ans Leben. Nach dem Studium reiste er herum, schrieb eine »Na, für nix«, sagt Henning.
Weile als Reisejournalist aus Brasilien, Kanada und Malaysia, Paragraf 5 Absatz 5, das weiß er inzwischen, ist eine Prä-
irgendwann verliebte er sich beim Zeitungskauf in seine ventionsmaßnahme. Die Lottogesellschaft will verhindern,
spätere Frau. Ji-Youn Henning ist Krankenschwester, 1975 dass ihre Lizenznehmer spielsüchtig werden. Henning über-
war sie als Gastarbeiterin aus Südkorea nach Frankfurt zeugt das nicht. »Wir verkaufen Zigaretten und Alkohol«,
gekommen. Die beiden zogen nach Irland, kauften eine sagt er. »Ich kann in dem Laden doch auch so viel rauchen
Ferienwohnung in Kenmare, im Südwesten der Insel, die sie und trinken, wie ich will.«
vermieteten. Als immer weniger Touristen nach Irland kamen, Vor Kurzem meldeten sich zwei Anwälte bei ihm. Sie könn-
kehrten sie nach Deutschland zurück. Seitdem betreiben sie ten ihm seinen Gewinn verschaffen, sagten sie. Henning ist
den Lottoladen im Grüneburgweg: Ji-Youn Henning ist die sich nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, die Lottogesellschaft
Inhaberin, Rainer Henning ihr Angestellter. zu verklagen.
Die Hennings haben 1800 Pressetitel im Angebot, aber Lotto Hessen hat ihm seinen Tippeinsatz inzwischen
den größten Teil ihres Umsatzes machen sie mit Zigaretten zurücküberwiesen, 36,25 Euro. Und sein Sohn hat mit den
und Glücksspiel. In zwei Jahren wollen sie den Laden ver- Rubbellosen, die Henning ihm geschenkt hat, 300 Euro ge-
kaufen. Henning spielt Lotto, um seine Rente aufzubessern. wonnen. Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 51


Reporter

Wie konnten
wir nur?
Klimaproteste »Fridays for Future«,
Angst vor der Erderwärmung,
Sorge um die Natur: Redakteurin
Susanne Beyer beschreibt,
wie sich die Suche nach einem
verantwortungsbewussteren
Leben in ihrer Familie widerspiegelt.

E
s war dieser Tag im August, der Meine jüngere Tochter brauchte etwas Bis zu jenem Tag hatte ich mich durch
mich verunsichert hatte. Der Som- fürs Schulbrot, sie, 13, und ihre ältere meine eigenen Kinder zur Klimabe-
mer war ein Sommer der Klima- Schwester, 18, leben seit Jahren vegan. Bei wegung zugehörig gefühlt. Ich konnte et-
proteste gewesen, ich hatte das gut Edeka sah ich nach veganem Käse – er was beitragen, wenn Eltern an den
gefunden, wollte mich auch an- war in Plastik eingeschweißt. Ich kaufte Kantinentischen davon erzählten, wie sie
strengen, »nachhaltiger« zu leben, wie das ihn trotzdem. versuchten, sich daran zu gewöhnen, zu
heute heißt. Meine Kinder sagten, ihnen wer- Beim Frühstück am nächsten Morgen Hause den Kaffee mit Hafer- oder Reis-
de das Plastik zu viel. Mir ging es genauso. blickte ich in das fragende Gesicht meiner milch zu trinken, weil die Kinder das so
Ein Vorratseinkauf stand an, ich hatte Tochter und holte zu einem Vortrag aus: wollten.
von meinen Töchtern von einem Unver- Ich hätte nun mal nur soundso viel Zeit, Oft werden meine Töchter gefragt, ob
packtladen gehört und dachte, ich könnte und das Angebot ohne Verpackungen sei, vegane Ernährung nicht übertrieben und
dort das meiste bekommen. wie es sei – dürftig. Ich wisse einfach nicht, auch ungesund sei. Ihre Argumente sind
Hätte ich mich mal besser erkundigt. wie ich es hinbekommen sollte, plastikfrei sachlich, politisch und menschlich: Sie füh-
Hätte ich mal besser vorher zu Hause nicht einzukaufen. ren das Treibhausgas Methan an, das
so angegeben mit dem ökologischen Auf- Ich behauptete, die linken Ideale wi- durch die Rinderzucht in die Atmosphäre
trag, den ich mir selbst gegeben hatte. dersprächen sich: dass ökologisches Le- steigt. Sie führen die frühe Trennung der
Der Unverpacktladen liegt in der Ham- ben, wenn man es erfüllte, bedeutete, Kälber von ihrer Mutter an, die vorgenom-
burger Rindermarkthalle, sie gehört zum in alte Zeiten zurückzufallen, in denen men wird, um die Milchproduktion in
früheren Schlachthof, heute ist sie ein Ein- eine ganze Arbeitskraft in den Haushalt Gang zu halten. So mit Lebewesen umzu-
kaufszentrum. Es stellte sich heraus, dass gehen müsse: Bohnen einweichen, Auf- gehen, empfinden sie als Zeichen einer
dieser Laden ein winziges Geschäft unter striche selbst machen, Marmeladen ein- Rücksichtslosigkeit und Gier, die auch die
vielen großen ist: Aldi, Edeka, die Filiale kochen. Umweltzerstörung verursacht.
einer Drogeriekette. Meine Tochter hörte sich das an, sie sag- Wenn meine Kinder nicht dabei sind,
Ich füllte Kircherbsen, rote Bohnen, te: »Die Welt geht trotzdem unter, wenn verteidige ich sie gegen die Skepsis der
Maismehl in Leinenbeutel, schon als ich wir so weitermachen.« Sie hatte recht. Nachfragenden. Wenn sie dabei sind, ver-
den Laden betrat, verstand ich, dass ich Was war mit uns, den Älteren, passiert? teidigen sie sich selbst, auch vor der Kin-
für einen Vorratseinkauf hier nicht weit Warum hatten wir es nicht geschafft, un- derärztin, die von der Lebensweise meiner
kommen würde. Was ich nicht gewusst hat- seren Kindern die Welt heiler zu überge- jüngeren Tochter nicht überzeugt war, bis
te: wie sehr mich das Plastik in den ande- ben? Die 16-jährige Klimaaktivistin Greta das Blutbild bestätigte, dass alles in Ord-
ren Geschäften, in die ich danach gehen Thunberg und ihre Mitstreiter sprechen nung ist.
sollte, stören würde – eine Flut. Aber was uns Ältere direkt an: »How dare you«, wie Ich staune, wie meine Kinder diese stän-
sollte ich machen? könnt ihr nur? digen Nachfragen aushalten. Sie werden

52
Reporter

auch gefragt, ob sie den Veganismus von menhängt, spielen auch entlegenere The- ben. Aber nun haben wir sie, im Sommer
uns, ihren Eltern, hätten. Haben sie nicht. men mit hinein: unser Verhältnis zur Ar- sind sie im Garten, im Winter im Flur, wir
Zu Hause esse ich, was es gibt. In der Kan- beitszeit, zur Freizeit etwa. hoffen, dass es ihnen gut bei uns geht.
tine, im Restaurant oder an den Imbiss- In meiner Jugend war ich durch eigene
ständen entlang meiner Recherchereisen Womit hatte bei uns alles angefangen? Haustiere zur Vegetarierin geworden,
esse ich, wonach mir ist, und mir ist kaum Manches wahrscheinlich mit den Haustie- zwei Jahre lang, bis ich zu einer Gast-
je nach Fleisch. Doch würde ich mich nicht ren. Kurz vor Weihnachten vor fünf Jah- familie in Amerika gekommen war. Der
Veganerin, Vegetarierin, Flexitarierin oder ren war ich in eine Zoohandlung gegan- Vater dort war Metzger, ich hätte es als
was auch immer nennen. Warum das so gen, um unseren Töchtern zwei Meer- unhöflich empfunden, seinen Beruf infra-
ist, darüber habe ich erst jetzt, für diesen schweinchen zu kaufen. Es hieß, ich solle ge zu stellen. Ich aß, was die anderen aßen,
Artikel, nachgedacht. Weibchen nehmen, sie seien weniger ag- passte mich an, auch wenn ich es nicht
Ich war zufrieden mit den Fortschritten gressiv als Männchen, jedenfalls wenn die mochte.
der Umweltbewegung, ich war stolz auf nicht kastriert seien. Über Kastration woll- In diesem März musste ich noch einmal
unsere Kinder, sowieso, und ich freute te ich nicht nachdenken, ich nahm die an meine Jugend denken, denn wir fuhren
mich, zu einer Elterngeneration zu gehö- Weibchen. mit Freunden, wie inzwischen jedes Jahr,
ren, die Impulse der Kinder nicht ab- Dass das eine trächtig war, konnten wir an den Ferienort, in den ich schon in den
wehrt. nicht ahnen. Kurz nach Weihnachten ka- Achtzigern mit meinen Eltern gereist war.
Aber der Tag im August zeigte, dass men zwei Babys, ein Weibchen, ein Männ- Der Vater der anderen Familie und ich gin-
meine Zufriedenheit trügerisch gewesen chen, sie waren daumengroß, die Augen gen in dieses wunderbare Delikatessen-
ist. Was wollen die Kinder, und was will schon geöffnet – warm und leuchtend. Das geschäft, das aussieht wie in früheren Zei-
ich? Gibt es einen guten Kompromiss? Männchen musste kastriert werden, nur ten: Die Waren liegen unverpackt in der
Und wie beginnt man ein nachhaltiges mühsam quälte es sich aus der Narkose, Auslage, es duftet nach getrocknetem Obst
Leben? wochenlang war es isoliert von den ande- und Gewürzen. Der Freund fragte nach
Historiker können Abstand nutzen, den ren, lag auf künstlichem Stroh, damit die Honig, er hatte bereits die Imkerin im Ort
Abstand der Zeit und von Personen. Doch OP-Narbe sich nicht entzündete. Wir la- angerufen, sie hatte keinen mehr: Bienen-
das Klimathema zwischen Eltern und Kin- sen, dass Meerschweinchen in Südamerika sterben. Auch der Betreiber des Geschäfts
dern findet jetzt statt, da hat sich noch als Delikatesse gelten. Die Freude an den hatte nur noch wenige Gläser und riet, auf
kaum etwas gesetzt. Es findet inmitten von Schweinchen verdarb uns die Lust auf Vorrat zu kaufen. Es war das erste Mal,
Familien statt, mit Abstand erkennt man Fleisch. Den Kindern gründlich, mir so dass ich hörte, etwas sei bald nicht mehr
nicht viel. Es geht um Alltägliches, um halb. Natürlich hatten wir über Käfig- zu bekommen.
Haushalt, Haustiere, Reisen, aber weil haltung nachgedacht und ob es schon Tier- Unser jährlicher Urlaub im März ist ein
beim Umweltschutz alles mit allem zusam- quälerei sei, überhaupt Haustiere zu ha- Skiurlaub – ja. In den Alpen – ja. Auf

Illustrationen: Tim Möller-Kaya für den SPIEGEL 53


Reporter

künstlichem Schnee fahren wir nicht und Und doch ging ich im Studium mit im- Auf den Markt aber können Konsumen-
haben uns geschworen, es auch nie zu tun. mer derselben Flasche an einen Hahn im ten Druck ausüben, das haben wir durch
Wie oft wird es diese Märzreisen noch ge- Supermarkt und zapfte dort die Milch. Na- die Kinder später gemerkt. Vor ein paar
ben, wenn der Klimawandel fortschreitet? türlich trennte ich den Müll. Jahren mussten wir noch ganz unten in
Es gab diesen Moment, in dem wir alle Mein Beruf ist unruhig. Journalisten den Supermarktregalen nach veganen Pro-
auf unseren Skiern oben auf dem Gipfel müssen ständig schnell irgendwohin. dukten suchen. Jetzt gibt es ein breites An-
standen und innehielten: Wir sahen auf Wenn es ging, mied ich das Fliegen. Man- gebot.
die weißen Bergspitzen, das grüne Tal mit che meiner Kollegen flogen sogar von Dadurch, dass wir viel, wahrscheinlich
dem Fluss, der sich sanft hindurchschlän- Hamburg ins gerade mal 300 Kilometer zu viel arbeiteten, wurden die Kinder
gelt, die Baumwipfel waren bedeckt von entfernte Berlin. Andere fuhren im Inland selbstständig. Sie fingen früh an, selbst zu
Schnee, der sich in der Märzsonne löste: Zug wie ich, ein Kollege nannte das seinen kochen. Ich lernte Hefeflocken als Käse-
Bewegung und Ruhe in einem Bild. »ökologischen Schwur«. ersatz kennen. Sie kochten Bolognese aus
Dass die Natur in ihrer Schönheit ver- Der Zeitgeist der Neunziger war neo- Linsen oder mal aus Soja. Soja, in großen
gehen wird, weil wir Menschen sie zerstö- liberal, Arbeit forderte den ganzen Men- Monokulturen angebaut, gefährdet die
ren, ist ein unerträglicher Gedanke. schen, sich um den Arbeitsplatz zu sorgen, Umwelt, es ist inzwischen umstritten.
Ich dachte daran, wie ich diese Land- hatten wir in den Achtzigerjahren gelernt. Auch die Avocado ist umstritten, weil ihr
schaft schon früher geliebt hatte. Und dass Wir Frauen übernahmen Berufe, die als Anbau viel Wasser verbraucht. Wir haben
wir damals schon wussten, dass die Natur Männerberufe galten, und meinten, uns die Ökobauern, die uns jede Woche eine
gefährdet ist. Warum stehen wir jetzt am beweisen zu müssen. Es war ein großes sogenannte Grüne Kiste zusammenstellen,
Rande einer Katastrophe? Greta Thun- Thema, ob wir überhaupt Kinder haben gebeten, Avocados wegzulassen.
bergs Satz »How dare you« klingt nach. dürften, wenn wir doch arbeiten wollten. Einmal flogen wir gemeinsam nach New
Ja, wie konnten wir nur? Meine ältere Tochter wurde zwei Tage York, mit einem schlechten Gewissen, we-
nach den Terroranschlägen des 11. Septem- gen der Emissionen. Wenn wir aber eine
Auf der Suche nach Antworten also noch bers 2001 geboren. Und so schaute ich mir Haltung zur Welt finden wollen, müssen
einmal ganz zurück in die eigene Jugend, unsere Tochter an und machte mir Gedan- wir sie kennenlernen.
in die Achtzigerjahre. In den ersten Januar- ken über den Terror und nicht über den Als meine Töchter neue Winterjacken
tagen 1980 hatten sich die Grünen in Karls- brauchten, zog ich mit der jüngeren durch
ruhe gegründet, sie feiern jetzt ihr 40-jäh- die Geschäfte mit der lauten Musik und
riges Jubiläum. Sie waren von Anfang an Ich komme aus einer Zeit, der jungen Mode, an den gesteppten Ja-
die Partei der Umweltbewegung. die von Schuldvorwürfen cken baumelten Schilder: ohne echte Dau-
Im Nachhinein lässt sich sagen, dass es nen. Meine große Tochter kaufte ihre Ja-
uns Westdeutschen in der alten Bundes- der Kinder ihren Eltern cke selbst, sie ist aus recyceltem Plastik.
republik im Schnitt gut ging. Die Stim- gegenüber geprägt war. Es ging also voran, irgendwie, ich wollte
mung aber war apokalyptisch: Angst vor dabei sein, mitmachen.
Strahlung, Reaktorunfällen, dem Wettrüs- Anfang dieses Jahres hatte ich mir
ten, dem Atomschlag. Klimawandel, wenn ich darüber nachdach- knapp vier Monate lang frei genommen.
Die Bildungsreform hatte so viele Schü- te, in welche Welt ich sie hineingeboren Ich musste die Küche neu ordnen, sie war
ler ans Gymnasium gebracht, dass die Leh- hatte. zum Teil abgenutzt, obwohl sie erst 13 Jah-
rer uns mit besorgtem Gesicht empfingen: Die Eltern um uns herum und auch wir re alt ist. Ich dachte an die stabilen Holz-
Akademikerarbeitslosigkeit – ein Wort, rannten durch unser Leben. Es gab zu we- einbauten in der Küche meines Eltern-
dessen Schrecken größer wurde, je näher nige Betreuungsplätze für kleine Kinder, hauses, die genauso alt waren wie das
wir dem Abitur kamen. irgendwie mussten wir die Arbeit schaffen. Haus selbst: knapp 100. Sollte ich eine
Die Sorge um die Zukunft legte sich auf Zeit wurde knapp. Ich begann, auch kür- ganz neue Küche kaufen? Ich sah die Berge
alle Lebensbereiche, wir waren umzingelt zere Strecken zu fliegen: München an ei- von Abfall vor mir. Ich fand eine Firma,
von Sorgen. Die Jugendkultur teilte sich nem Tag hin und zurück. Heute nennt man die jene Teile von Küchen, die erneuert
in Gruppen auf, als habe es gegolten, sie Kleidung, die billig produziert und nur werden müssen, ersetzt und Teile im Stil
auf diese Weise besser zu überblicken: kurz in Mode ist, »fast fashion«. Die Klei- der alten anbaut. Es war ein guter Kom-
Punks, Waver, Popper, Ökos, jede Gruppe dung, die ich trug, war »fast fashion« in promiss.
hatte ihre eigenen Gegner, es war eine anderer Weise: im Vorbeigehen an einem Ebay hatte ich schon im Jahr zuvor
selbst gewählte Form der Unfreiheit. Ich Bahnhof oder Flughafen gekauft. einige Male ausprobiert, gebrauchtes
mochte das nicht. Manchmal an den Supermarktregalen Zeug bei fremden Menschen kaufen, das
Auf die Sorge über die zerstörerischen fiel mit wieder ein, was eine gleichaltrige gefiel mir. Einmal kaufte ich über Ebay
Folgen für die Ozonschicht durch das Verwandte mir 1987 in der DDR gesagt Gartenmöbel in einer Kleingartensied-
Treibgas FCKW hat die Politik damals rea- hatte, nachdem sie ihre erste Reise in den lung etwa 30 Kilometer von zu Hause ent-
giert und bestimmte Stoffe verboten. Das Westen hinter sich hatte: »Warum packt fernt. Als ich dort mit dem Wagen ange-
Waldsterben und der saure Regen haben ihr alles ein? Ihr packt fünf Scheiben Käse kommen war, stellte sich heraus, dass er
sich dann als doch nicht so schlimm he- in Plastik. Ist doch verrückt.« zu klein war, um die Möbel darin unter-
rausgestellt. Hat das auch dazu geführt, Auch die paar Käsescheiben der Bio- zubringen. Der Verkäufer war ein ehema-
dass wir das Klimaproblem in den nun fol- marke, auf die wir viel später, auch wegen liger Taxifahrer aus Istanbul, der sagte,
genden Neunzigerjahren etwas aus dem der Kinder, umgestiegen waren, waren so die Männer in Deutschland würden die
Auge verloren? verpackt. Kunst des Knotens nicht richtig beherr-
Das Ende des Kalten Krieges war be- 462 Kilogramm Haushaltsabfälle fielen schen, erst recht nicht die des Möbel-
rauschend. Auch andere Sorgen lösten nach Angaben des Statistischen Bundes- anknotens an Autos. Er holte Seile, unter
sich. Freiheit war das wichtigste Wort der amts pro Kopf im Jahr 2017 an. Insgesamt seiner Aufsicht knoteten die Söhne die
Neunzigerjahre. Das Kastenwesen unter hatte des Volumen 38,2 Millionen Tonnen Möbel an meinen Wagen. Er sagte noch,
den jungen Leuten gab es kaum noch. In- betragen, das waren 0,2 Millionen Tonnen ich solle so nicht über die Autobahn fah-
dividualität – darum ging es jetzt. mehr als 2016. ren, ich fuhr also über die Landstraße und

54 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


hielt an einem Hof, wo ich Kartoffeln, days for Future«-Kinder wurden schon Der amerikanische Psychologe Jona-
Erdbeeren und Spargel kaufte – unver- Jahre, bevor die Klimaproteste begannen, than Haidt, 56, empfiehlt jedenfalls in sei-
packt. Die Bäuerin und ich unterhielten als eine Generation beschrieben, die nichts nem Buch »The Coddling of the American
uns eine ganze Weile, so wie der Taxifah- mehr zu fürchten schien als den Schuld- Mind« – auf Deutsch: Verhätschelung der
rer und ich uns zuvor alles Mögliche er- vorwurf. amerikanischen Seele – der jüngeren Ge-
zählt hatten. Mit den Dingen die Ge- Helikoptereltern heißen wir Mittel- neration Abstand und den Mut zum
schichten der Menschen mitzunehmen ist schichtsangehörige. Natürlich sind nicht Generationenkonflikt. Er warnt vor einer
schön. Doch ein solches Leben braucht alle Eltern gemeint, es ist nur eine Ten- Elterngeneration, die ihre Kinder zu ewig
Zeit. Und ich hatte sie nach meiner kur- denz. Wir nehmen unsere Welt als brüchig Schutzbedürftigen erziehe.
zen Pause nicht mehr. Die Szene im Un- wahr, all die Veränderungen. Jede dritte Stephan Grünewald, 59, Psychologe
verpacktladen trug sich abends zu, nach Ehe scheitert, wir haben das Gefühl, den und Mitbegründer des Rheingold-Instituts,
einem Arbeitstag. Kindern nicht den Halt geben zu können, sagt in einem Interview: »Es wäre wün-
Danach war ich im Konflikt mit mir den wir ihnen gern geben würden, und schenswert, wenn es mal zu einem richti-
selbst. Ich wollte jemand sein, der ich nicht deswegen übertreiben wir es damit, sobald gen Konflikt käme. Wir brauchen eine
schaffte zu sein, ich hatte Schuldgefühle. wir Gelegenheit dazu haben. Wollen sich neue Streitkultur und kein symbiotisches
Ich will den Kindern keine kaputte Welt unsere Kinder durch die Klimaproteste Betroffenheitsabkommen. Denn ein Ge-
hinterlassen. Trotz der Sorge über den Kli- von uns abgrenzen, weil sie uns als zu nah nerationenkonflikt ist auch immer ein Ent-
mawandel werden immer mehr SUV ver- empfinden? wicklungsmotor, der neue Ideen bringt.«
kauft, die Anzahl der Flüge steigt. Wenn Grünwalds Mitarbeiter befragen jährlich
das eine gelöst ist, kommt das nächste. Das Einmal reiste ich mit unseren Töchtern rund 5000 Personen aus allen Alters- und
führt zu einem permanenten Schuldgefühl, nach Kopenhagen. Wir besuchten das Hip- Bevölkerungsschichten.
das nicht immer zu ertragen ist. Aber wo pieviertel Christiania. Es roch nach Gras, Grünewald und Haidt haben sicher
beginnt meine Verantwortung – und hört an kleinen Ständen wurden Haschkekse recht. Andererseits – einen Generationen-
sie eigentlich irgendwo auch mal auf? War verkauft. Wir redeten darüber, warum die konflikt künstlich herzustellen ist auch
es mir vor allem um mich selbst gegangen, Hippies sich so sehr von ihren Eltern ab- Unsinn. Vielleicht geht es viel eher da-
wenn ich mich bemühte, ökologischer zu grenzen wollten. Meine große Tochter sag- rum, die Unterschiede zu erkennen zwi-
leben? Darum, mit meinen Schuldgefüh- te: »Heutzutage reicht es schon, sich von schen Eltern und Kindern, die heutzutage
len klarzukommen? den Eltern abzugrenzen, wenn man sich fein sind. Darum, genau hinzuhören und
Ich komme aus einer Zeit, die geprägt gesund ernährt und Sport macht.« Ich esse den Kindern nicht die Erkenntnis vorzu-
wurde durch Schuldvorwürfe von Kindern gern Chips und salziges Zeugs. Sie meinte enthalten, dass Unterschiede interessant
ihren Eltern gegenüber. 1968 hatten die mich. und anregend sein können. Aus dem
damaligen Studenten ihren Eltern die ver- In der aktuellen Shell-Studie wird das Fehlen von Streit erwächst eine Aufgabe:
drängte Schuld im Nationalsozialismus Verhältnis der befragten Kinder und jun- Genauigkeit in der Wahrnehmung. Takt-
vorgeworfen. Die Kinder der 68er wiede- gen Menschen zu ihren Eltern als gut be- gefühl.
rum warfen ihren Eltern vor, zu wenig be- zeichnet. Ist es so gut, weil wir Eltern kei- Unter Soziologen gibt es noch nicht vie-
hütet worden zu sein. Die Eltern der »Fri- nen Raum lassen für Gegnerschaft? le, die sich mit den gesellschaftlichen Aus-

55
Tannenbaum sein sollte. In unserem eige-
nen Leben können dies große Fragen sein,
weil Kindheitserinnerungen daran hängen,
Traditionen.
Ob es einen Weihnachtsbaum geben
soll, haben wir diskutiert. Die Kinder
waren nicht dafür. Ich selbst kann
mir Weihnachten ohne Baum kaum vor-
stellen. Die Kinder sagten, na gut, dann
würden sie selbst später im Leben auf
einen verzichten. Es gibt nicht die eine
Antwort, die eine Lösung. Es ist eine Su-
che, es wird eine bleiben. Vieles ist ein
Kompromiss.
Ich ging also einen Baum kaufen. Wie
immer führte ich dabei einen inneren Dia-
log mit meinem verstorbenen Vater, der
Weihnachtsbäume – große, prächtige – ge-
nauso liebte wie ich. Ich war froh, dass ich
erst hinterher einen Artikel las, der besag-
te, dass die Sache mit den Weihnachtsbäu-
men unter ökologischen Gesichtspunkten
wirklich bedenklich sei. Nächstes Jahr den-
ke ich neu darüber nach.
Menschen seien höchstens »mittlere
wirkungen des Klimawandels beschäfti- tig ist ihnen die Umweltpolitik. Mein Helden«, sagte der Autor und »Zeit«-Kol-
gen. Eine Professorin, die es tut, lehrt und Fokus liegt eher darauf, Prinzipien der lege Bernd Ulrich, 59, im Oktober bei der
forscht an der Universität Hamburg. Zeit, mit denen ich aufwuchs und mit de- Präsentation seines Buches mit dem Un-
Anita Engels glaubt, dass die Genera- nen ich eine stabile Demokratie verbinde – tertitel »Das Zeitalter der Ökologie«: Im
tionenkonflikte in Zukunft eher zunehmen Volksparteien, Pressefreiheit, Gewalten- Moment sei »der Einzelne zu privatem He-
werden, »wenn die jüngeren Generationen teilung –, nicht verloren gehen zu lassen. roismus verurteilt und damit völlig über-
in unseren alternden Gesellschaft noch Außerdem neige ich dazu, skeptisch zu fordert«. Die Politik müsse den großen An-
stärker als bisher erkennen, dass sie einer- sein, ob Druck von der Straße auf die forderungen gemäß groß handeln. Im Pu-
seits diejenigen sind, die als Wählergruppe Politik etwas nützt. Die Kinder glauben blikum saß die damals bereits designierte
in der Minderheit sind, und andererseits an den Straßenprotest. EU-Kommissionspräsidenten Ursula von
auch diejenigen, die den Wohlstand erwirt- Tatsächlich gehöre ich zu einer Eltern- der Leyen, 61, mit ihrem Mann – und einer
schaften und mit den negativen Folgen un- generation, die vom Staat wenigstens mit Tochter. In zwei Monaten würde sie ihren
seres Wirtschaftsmodells klarkommen einem Thema zu lange alleingelassen wor- Green Deal verkünden.
müssen«. den war: Familie und Beruf zu vereinba- Da die Buchpräsentation an einem Wo-
Die »Fridays for Future«-Bewegung tra- ren. Elterngeld, ein Recht auf Kinderbe- chenende war, hatte auch ich eine Tochter
ge erheblich dazu bei, »dass bisherige Le- treuung, all das hatte es nicht gegeben, als mitgenommen. Wie ausführlich auf dem
bensmodelle auch innerfamiliär neu legi- meine Kinder geboren wurden. Mit Druck Podium und im Publikum über vegane
timiert und ausgehandelt werden müssen«. auf die Politik ist dann manches erreicht und vegetarische Lebensweise debattiert
Ums Aushandeln geht es also, nicht da- worden; so wird es auch bei den ökologi- wurde, fand meine Tochter lustig. Warum
rum, sich in allem einig zu sein und alles schen Fragen gehen müssen. nicht einfach machen, fragt sie sich.
auf einmal sofort richtig zu machen. Be- Das Klimapaket der Bundesregierung Zuvor waren wir in einem veganen
halten wir das Auto, das vor allem ich so hätte es ohne den Druck der Straße tatsäch- Restaurant frühstücken gewesen. Am
gern fahre, weil ich mich irrationalerweise lich nicht gegeben. Weil die Enttäuschung selben Tisch saßen junge Leute, sie trugen
darin so beschützt fühle? Oder kaufen wir darüber dann trotzdem groß war, hat sich T-Shirts mit einem Bekenntnis zum Vega-
ein Elektroauto? Aber die Batterien! Die der Vermittlungsausschuss von Bundestag nismus, ich habe die Aufschrift so in Erin-
sind ja besonders umweltschädlich. Doch und Bundesrat nun doch auf einen höheren nerung: »I’m vegan, and you?«
Carsharing? Einstiegspreis für eine Tonne CO2 geeinigt. Ich? Ich fühle mich immer noch unwohl
Vieles, was ich über den Genrationen- Die Klimakonferenz von Madrid aber hat dabei, mich einer klar definierten Gruppe
konflikt lese, läuft auf Folgendes hinaus: versagt. Ein Vor und Zurück in nur wenigen zugehörig fühlen zu sollen.
Sich von den Kindern bei politischen Tagen. Aber es ist in Ordnung, wenn Jüngere
Themen anregen zu lassen bringe die Er- Natürlich wirkt es gegen die ganz große es anders machen – Für und Wider, Rei-
wachsenen selber weiter, aber die Älteren Politik klein, womit Familien sich beschäf- bung, Weiterkommen. Die Essensplanung
sollten den Jüngeren auch Luft lassen für tigen: dem Wohl von Meerschweinchen zu Weihnachten übernimmt übrigens un-
eigene Positionen. Kinder sollten Eltern etwa oder der Frage, ob es dieses Jahr ein sere jüngste Tochter. Als Vorspeise wird
widersprechen dürfen – das sollte aber es Maronensuppe geben, für alle vier. Da-
auch umgekehrt gelten. Im Konflikt lerne nach ein kleines Büfett nach Rezepten des
man sich kennen. Das Für und Wider trei- israelisch-britischen Kochs Yotam Otto-
be Debatten voran. Die Kinder wollten lenghi: Rosenkohl mit Pomelo, Reissalat,
Also gut. dieses Jahr keinen so etwas. Zum Nachtisch vielleicht Eis. Ich
Meine Töchter schauen anders auf Poli- habe mich noch nicht festgelegt, ob meine
tik als ich. Sie bewerten nüchtern, was Par-
Weihnachtsbaum. Portion vegan sein soll.
teien versprechen und dann halten, wich- Ich schon.
56
Reporter

Er läuft ein paar Schritte auf eine Betonröhre zu und ver-

Goldie schwindet darin. Als er am anderen Ende wieder auftaucht,


guckt er, als hätte er eine Mutprobe bestanden. Im Bus fragt
er mich: »Wieso reden die dauernd von der anderen Seite?
Dürfen sie den Namen nicht aussprechen, wie den von Lord
Leitkultur Alexander Osang über den Voldemort?«
neuen deutschen Politiker Die Bedrohung scheint bei ihm eher Fragen auszulösen
als Angst. Das ist angenehm. Die Tour gehört zum israeli-
schen Routineprogramm. Im Traumazentrum versteht man,

E s ist eine Herausforderung für den deutschen Politiker,


angemessen in Israel aufzutreten. Besonders wenn er
ein Mann ist, glaube ich. Ich habe hier verschiedene
deutsche Politikermänner erlebt. Sigmar Gabriel schloss sich
dass die Geisterfahrt uns von der Notwendigkeit des Trauma-
zentrums überzeugen soll. Die Mitarbeiter erklären, welche
Probleme die Dauerbedrohung für die Bewohner Sderots
mit sich bringt. Schlaf- und Essstörungen, Aggressionen und
auf seinem Zimmer im King David Hotel ein, obwohl im Foyer Konzentrationsprobleme schon bei Kindern. Die behandeln
eine Delegation israelischer Sozialisten wartete. Heiko Maas sie unter anderem in einem Therapiezoo. Es gibt Chinchillas,
flog mit der schönsten rechten israelischen Politikerin im einen Python, zwei Syrische Goldhamster, mehrere Hasen
Helikopter über die besetzten Gebiete, und wenn sie ihn da- und einen Papagei, dem ein Stück Schnabel fehlt.
rum gebeten hätte, wäre er dort wohl auch mit dem Fallschirm Habeck nimmt den Python in den Arm. Einen Königs-
abgesprungen. Gregor Gysi erklärte einem Mönch in Jerusa- python. Er streicht ihm über den Kopf.
lem, wie man die Welt rettet. Eine Gruppe Anzugträger der »Das ist Goldie«, sagt der Wärter des Traumazoos. Er
Jungen Union pflanzte einen Baum in der Wüste. Sie sahen könnte von der Schlange reden, aber auch vom Grünenchef.
aus wie Entführungsopfer. Vor ein paar Tagen bin ich gemein- Habeck wirkt wie ein Schlangenbeschwörer. Der Europa-
sam mit Robert Habeck in abgeordnete Sergey Lago-
einem kleinen Reisebus auf dinsky, der Habeck auf der
Gaza zugefahren. Reise begleitet, schüttelt
Vorn erklärte ein Experte sich und flieht zu den syri-
von der Israelischen Trauma- schen Hamsterbrüdern.
Koalition in der Stadt Sderot, »Deswegen kann ich nie
dass man bei Raketenalarm Parteivorsitzender werden«,
15 Sekunden habe, um den sagt er.
Bus zu verlassen und einen Es ist nur ein Ausschnitt
Schutzraum aufzusuchen. einer fünftägigen Reise, aber
Wenn es keinen gibt: flach eigentlich habe ich alles ge-
auf den Boden legen. sehen.
Robert Habeck sitzt hin- Beim anschließenden Mit-
ten und schaut in den blas- tagessen wird Habeck sehr
ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL
sen Himmel, aus dem die ernsthaft über Ängste, Er-
Raketen fallen könnten. Er wartungen und Überraschun-
trägt hellblaue Jeans, hell- gen dieser Reise sprechen,
braune Stiefel und einen über Paul Celan, Plastik-
Dreitagebart. Er leistete sei- müll, Elektroautos, Waffen
nen Zivildienst im damali- und die allgegenwärtige
gen Hamburger Spastiker- grüne Moral. Er sei mit den
verein. Er schrieb, gemein- Habeck, Bunker an der Grenze zu Gaza U-Booten groß geworden,
sam mit seiner Frau, mehre- die in Kiel für Israel gebaut
re Romane. Er hat vier Kin- würden, sagt er. Er könne
der. Er ist Vegetarier. Seine Doktorarbeit handelt von literari- nicht für und auch nicht gegen sie sein. Er war gestern in
scher Ästhetizität. Er ist Chef der Grünen Deutschlands, er Yad Vashem und wird morgen nach Hebron fahren. Er will
ist aus Schleswig-Holstein und zum ersten Mal in Israel. Er sich dabei eigentlich nicht beobachten lassen, Emotionen
nähert sich der Grenze zum Gazastreifen, wo rund zwei Mil- liefern, die alle erwarten. Der letzte große Grünenpolitiker,
lionen Palästinenser auf einem Landstreifen am Meer gefan- der Israel besuchte, war Jürgen Trittin. Man kann sich kaum
gen sind. Vermutlich war er selten weiter weg von zu Hause. vorstellen, dass Habeck mit diesem Mann in derselben Partei
Der Traumaexperte erwähnt einen Krater, den eine Rakete ist. Habeck wird eine große Rede schreiben, in der es um
bei den Angriffen im vergangenen Monat schlug. »Einige beide Länder geht, Deutschland und Israel, um Schuld und
Meter im Durchmesser«, ruft er nach hinten in den Bus. Verantwortung. Aber die wird er nicht halten. In zwei Tagen
Auf einem Hügel außerhalb von Sderot steigen wir aus. wird er, kurz bevor er nach Deutschland zurückfliegt, ein
Unser Führer zeigt nach Westen, wo Gaza liegt. »Ich hoffe, paar Studenten der Tel-Aviv-Universität erzählen, welche
die andere Seite sieht, dass wir nur Zivilisten sind«, sagt er. Politiker die Welt künftig braucht.
»Sie sehen uns ja. In diesem Moment.« »Niemand kommt mehr an die Macht, der sich auf der
Wir selbst sehen sie nicht, die andere Seite. Man hört die Brust herumtrommelt«, wird Robert Habeck ihnen sagen.
Maschinengewehre im nahe gelegenen Lager der israelischen »Je stiller du bist, desto mehr erreichst du.«
Armee knattern. Ich fürchte, das wird schwer. Ich kann allerdings sagen,
»Was würde denn passieren, wenn wir einfach weiterfah- dass Habeck der einzige deutsche Politiker auf Israelbesuch
ren?«, fragt Habeck. war, den ich sowohl in einem Luftschutzbunker an der
»Wir würden nicht weit kommen«, sagt der Traumaexperte. Grenze zu Gaza als auch in einem Käfig mit Wollmäusen
Als wir zurück zum Bus gehen, ruft Habeck: »Ich will noch beobachten durfte. Er sah in beiden Zusammenhängen
schnell den Bunker sehen.« gut aus. I

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 57


Wirtschaft
»Wenn es leicht wäre, hätten sie ja keine Frau für diesen Posten ausgesucht.« ‣ S. 60

DINO FRACCHIA / ALAMY / MAURITIUS IMAGES


Röntgenbild von Sicherheitsscanner

Flugreisen

Bald wieder Wasser im Handgepäck?


Die Bundespolizei will 89 Computertomografen anschaffen. Das macht die Kontrollen an Flughäfen teurer.
 Die Mengenbegrenzung für Flüssigkeiten im Handgepäck Passagiere schätzten vor allem, dass sie Laptops und Flüssig-
von Flugreisenden könnte in den kommenden Jahren fallen. keiten nicht mehr aus ihrem Gepäck nehmen müssten. Die
Hintergrund ist die Einführung von Computertomografen Bundespolizei will am Flughafen Köln-Bonn bald ebenfalls
(CTs) für die Gepäckdurchleuchtung. Sie sind in der Lage, CTs testen. An anderen Flughäfen, etwa in Amsterdam, Mel-
automatisiert Fest- und Flüssigsprengstoffe zu erkennen. bourne oder Chicago, sind die Geräte bereits im Einsatz.
Bis Ende 2022 will die Bundespolizei 89 CTs zum Einzel- Das Bundesinnenministerium will sich nicht festlegen, ob
preis von rund 2,3 Millionen Euro beschaffen, heißt es in und wann es zu einer vollständigen Freigabe von Flüssigkeiten
einem Bericht des Bundesrechnungshofs. Die Kontrolleure im Handgepäck kommt. Man müsse Tests abwarten und dabei
gehen davon aus, dass sich dadurch die Luftsicherheitsgebühr etwa herausfinden, ob größere Flüssigkeitsmengen Auswirkun-
von derzeit rund zehn Euro pro Passagier an manchen Flug- gen auf die Kontrollen hätten. Ralph Beisel, Chef des Flug-
häfen weiter erhöhen wird. In München findet bereits an hafenverbands ADV fordert von der Bundespolizei, »dass
zwei Kontrollspuren ein Test mit CTs statt. Aus Flughafen- moderne und leistungsfähige Kontrollgeräte unmittelbar zum
kreisen heißt es, Personal und Reisende seien »sehr zufrie- Einsatz kommen, sobald die erforderliche Zulassung und der
den« mit der Technik. Die Prozesse würden beschleunigt, Nachweis der operativen Tauglichkeit« vorlägen. MUM

Emissionen Die CO2-Emissionen hätten 2019 ein neu- er. Das entspricht fast dem 150-fachen
VW-Chef Diess sieht es Rekordlevel erreicht. Unter anderem dessen, was ein Durchschnittbürger in
riet der VW-Chef den Managern, die Deutschland jährlich zu verantworten hat.
Thunberg als Vorbild Reden der Klimaaktivistin Greta Thun- Diess begründet den hohen Ausstoß mit
 VW-Chef Herbert Diess fordert von berg genau zu studieren. Zu Recht kritisie- der häufigen Nutzung von Firmenflie-
den Managern des Autokonzerns einen re Thunberg das internationale Gefeilsche gern, was sich bei Dienstreisen oft nicht
größeren persönlichen Beitrag zum Klima- um die langfristigen Klimaziele. Diess vermeiden lasse. Künftig will er aber
schutz. »Der Systemwechsel ist unsere selbst will die von ihm persönlich verur- verstärkt auf Linienflüge umsteigen. Im
Aufgabe«, sagte Diess bei der Konferenz sachte CO2-Menge im kommenden Jahr VW-Konzern plant Diess, die Dienst-
»Global Management Info« am Dienstag um 20 Prozent senken. Aktuell verursa- wagenflotte auf kleinere und umwelt-
vor rund tausend Zuhörern in Wolfsburg. che er jährlich 1300 Tonnen CO2, erklärte freundlichere Autos umzustellen. SH

58 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


»Kekserlass« Silvesterböller
Siemens spart am Gebäck »Feuerwerk kann man
 Ausgerechnet vor den Feiertagen nicht per Post schicken«
traktieren Vorgesetzte beim Münchner
Siemens-Konzern ihre Untergebenen Thomas Schreiber, 55, geschäftsführender
mit Sparmaßnahmen. An einigen Gesellschafter von Deutschlands größtem
Standorten wie etwa in Südwest- Feuerwerkhersteller Weco, über die
deutschland wurden die Weihnachtsfei- Debatte, das Knallen in der Neujahrs-
ern gestrichen. Das geht aus einer Infor- nacht zu verbieten
mation der IG Metall an die Mitarbei-
ter hervor. Auch beim Verbrauch von SPIEGEL: Die Feinstaubwerte steigen
Kaffee und Gebäck sollten die An- regelmäßig an Silvester auf Höchststände.
gestellten Maß halten. Die Anweisung Feuerwerke verursachen jede Menge
wird intern bereits als »Kekserlass« Müll. Ist Böllern noch zeitgemäß?

RALF HIRSCHBERGER / DPA


verspottet. Während Firmenchef Joe Schreiber: Beim Feinstaub beruft man
Kaeser zuletzt mit 14 Millionen Euro so sich auf Schätzungen des Umweltbundes-
gut verdient hat wie nie zuvor, sollen amts. Es wird kolportiert, dass Feuerwer-
Mitarbeiter der digitalen Industriespar- ke 4000 bis 5000 Tonnen Feinstaub ver-
te teilweise kräftige Einkommensein- ursachen sollen. Wirkliche Messungen
bußen hinnehmen. Einige von ihnen über den Anteil gibt es jedoch nicht. Das
hatten in den vergangenen Jahren von ist doch keine Diskussionsgrundlage. Feuerwerk in Berlin
einer tariflichen Ausnahmeregelung SPIEGEL: Silvesterknaller sind also
Gebrauch gemacht und ihr Wochenpen- gesund? Schreiber: Wir beliefern 30 000 Super-
sum auf 40 Stunden aufgestockt. Jetzt Schreiber: Natürlich nicht, aber sie sind marktfilialen in Deutschland, 10 bis 15
sollen die Angestellten kürzertreten und schön. Sie gehören zu einem traditio- wollen kein Feuerwerk mehr verkaufen.
nur noch 35 Stunden arbeiten. »Für die nellen Brauch. Und es ist einfach nicht Das ist verschmerzbar. Mich wundert
Betroffenen bedeutet das massive so, dass sie für große Teile der Umwelt- jedoch, wie sehr sich Firmen wie Horn-
Einbußen auf der Gehaltsabrechnung«, verschmutzung verantwortlich sind. bach mit einer Auslistung in den Vorder-
heißt es in dem Rundschreiben der Der Feinstaub, der durch die Dieselver- grund drängeln. Uns sind sie bisher nicht
Gewerkschaft, gerade zu Weihnachten brennung entsteht, das ist etwas anderes. durch große Umsätze aufgefallen. Da fällt
sei das »doppelt unerfreulich«. Ein Sie- Beim Feuerwerk handelt es sich haupt- es sicher leicht, medienwirksam zu ver-
mens-Sprecher argumentiert, die Maß- sächlich um wasserlösliche Substanzen, künden, keine Knallkörper mehr im Sor-
nahme sei mit dem Betriebsrat die bei der Explosion austreten, die timent zu haben. Fakt ist aber auch: Wir
abgesprochen worden. Eine dann aber auch schnell wieder ver- brauchen den Handel. Feuerwerkskörper
generelle Streichung von schwinden. kann man nicht einfach per Post schicken,
Weihnachtsfeiern gebe es SPIEGEL: Wie sehr trifft es Sie wirtschaft- und wir können nur schwerlich ein eige-
nicht, auch der Konsum lich, dass mancher Supermarkt und man- nes Onlinegeschäft betreiben. Wir ver-
von Kaffee und Keksen cher Baumarkt dieses Jahr kein Feuer- senden Gefahrgut, beim Empfänger muss
sei weiterhin erlaubt. DID werk mehr verkaufen will? das Alter kontrolliert werden. MUM

Samstagsfrage

Sinkt die Ungleichheit bei den Vermögen?


Es gibt Meldungen, die stoßen sich am Alltagsempfin- Koeffizient zwischen 2014 und 2017 um 0,2 Prozent-
den. Zwei Drittel der Bundesbürger sind davon über- Netto- punkte gesunken. Längerfristig, so das IW, sei die Ver-
zeugt, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich gesamtvermögen mögensungleichheit zwischen den Jahren 1998 und
in den vergangenen Jahren immer weiter geöffnet privater Haushalte 2008 gestiegen, im neuen Jahrtausend habe sich an
in Deutschland, 2017
hat. Kann es dann wirklich stimmen, wenn aus- der Vermögenskonzentration wenig verändert. Ande-
gerechnet das arbeitgebernahe Institut der deutschen Die reichsten Die ärmere re kommen zu vergleichbaren Ergebnissen. Im Okto-
Wirtschaft (IW) meldet, dass die Vermögensungleich- 10 % besitzen Hälfte ber kam das Deutsche Institut für Wirtschaftsfor-
heit in Deutschland in den vergangenen Jahren kon- 56 % 1,3% schung, das das SOEP erhebt, zu dem Ergebnis, dass in
stant geblieben ist und eher sinkt als steigt? Kann es. Quelle: DIW
den vergangenen zehn Jahren die Vermögensungleich-
Die IW-Forscher werteten für ihre Studie die Daten der heit in Deutschland nicht weiter zugenommen hat und auf
Deutschen Bundesbank, des Statistischen Bundesamts und die Ver- hohem Niveau verharrt. Ist deshalb alles gut? Mitnichten. Zwischen
mögensdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus, einer 2012 und 2017 ist das individuelle durchschnittliche Nettovermögen
jährlichen Befragung von rund 30 000 Personen. Gemessen wird der Deutschen um mehr als 20 Prozent gestiegen. Profitiert haben
die Vermögensverteilung mit dem sogenannten Gini-Koeffizienten: nahezu alle, bis auf jene, die über keinerlei Vermögen verfügen.
Liegt er bei eins, besitzt eine Person sämtliche Vermögenswerte Die Ungleichheit bleibt groß. Eigentlich Grund genug für die
eines Landes, bei null haben alle das gleiche Vermögen. Das IW ver- Politik, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie die Vermögens-
weist auf die Bundesbank, nach deren Daten er seit 2010 zwischen bildung von Menschen, die wenig oder nichts besitzen, besser för-
0,74 und 0,76 liegt – mit rückläufiger Tendenz. Danach ist der Gini- dern könnte. Markus Dettmer

59
Wirtschaft

Totes Gleis
Verkehr Die Regierung will die Bahn zum Klimaretter machen.
Der Konzern soll deshalb zig Milliarden Euro zusätzlich
bekommen. Doch das Unternehmen ist in einem desolaten Zustand.
Kann das Geld überhaupt sinnvoll ausgegeben werden?

S
ven Sobiella ist Herr über ein son- auf die Oberleitungen krachen. Züge, die
derbares Ungetüm. 400 Meter ist nur halb repariert aus der Werkstatt rollen.
es lang und wahnsinnig laut. Den Züge, die verspätet sind. Anschlüsse, die
»Büffel« nennen es Oberbauleiter verpasst werden. Kunden, die unzufrieden
Sobiella und seine Leute. »Schnellumbau- sind. Politiker, die fast schon gewohnheits-
zug« heißt es in der Fachsprache. mäßig auf den Konzern schimpfen.
Wie Hörner graben sich die Pflüge des Zum Symbol der Lage der Bahn wurde
Büffels in den Schotter. Stählerne Arme ein Foto der vergangenen Woche. Es zeigt
greifen nach den Schwellen, reißen sie in Klima-Ikone Greta Thunberg im ICE 74 auf
die Luft. Tonnenschwere Schienen werden der Fahrt nach Kiel. Die Schülerin hatte
nach außen gebogen. Das Gleis vor der aus einem defekten Hochgeschwindigkeits-
Maschine ist vermoost und verrostet. Hin- zug aussteigen müssen und saß dann in ei-
ter ihr landen neue Schwellen auf einem nem Ersatzzug zeitweise auf dem Boden.
frisch planierten Schotterbett. »Zack«, sagt Ein PR-Desaster, das die Bahn durch unge-
Sobiella, »alles automatisch.« Seine Augen schickte Kommunikation noch verschärfte.
strahlen. Die Großmaschine Sobiella würde über die
fasziniert ihn. Der Büffel ist Dauerkrise der Bahn am liebs-
für ihn eben nicht nur ein Stilllegungen ten überhaupt nicht reden.
zehn Millionen Euro teures Sie nagt an seinem Selbst-
Baugerät, er ist ein Fabel-
wesen, das die Bahn retten
5148 km wertgefühl und an dem der
meisten Bahner. Die Gewerk-
Bahnstrecken seit 1994
könnte. schaften melden Frust. »Die
Dort sei viel zu lange ge- Mitarbeiter haben die Nase
spart worden, sagt Sobiella. Erneuerung voll«, sagt etwa Torsten West-
Zu lange habe man die Glei- 2018 wurden phal, neuer Vorsitzender der
se benutzt, ohne sie zu er- mächtigen EVG.
neuern. Aber ohne funktio-
nierenden Gleiskörper gebe
3,4 % Seine Mitglieder seien es
leid, ihren Kunden ständig
der rund 33 000 Kilometer
es keine pünktliche Bahn, so Gleise sowie erklären zu müssen, warum
einfach sei das. Fahren auf die Kaffeemaschine mal wie-
Verschleiß funktioniert auf
Dauer nicht. 2,4 % der nicht funktioniere, das
Klo gesperrt sei oder der An-
Das Tagwerk kann sich der knapp 66 000 Weichen schlusszug leider nicht war-
erneuert.
sehen lassen. 2500 Schwel- ten könne. »Viele Mitarbei-
len sind neu eingesetzt, 2400 ter«, sagt Westphal, »schä-
Tonnen Schotter ausgebracht, Instandhaltungs- men sich für die zahlreichen
1600 Meter Schienen neu ausgaben* Mängel.«
verlegt. Bis kurz vor den der Deutschen Bahn ... Die Bahn ist runtergerockt,
Bahnhof von Pasing hat es die Bahn ist schwach. Ausge- konzern voraussichtlich knapp 170 Milliar-
Sobiellas Team geschafft. 1,4 2,0 rechnet jetzt, wo alle von ei- den Euro bereit. Die eine oder andere Mil-
Mrd. € Mrd. €
»Wir liegen voll im Plan.« ner starken Bahn reden, die liarde wackelt noch. Aber sicher ist schon
So einen Büffel brauchte 2009 2018
politische Aufmerksamkeit mal ein Finanzpaket von satten 51 Milliar-
die Bahn nicht nur für ein so groß ist wie nie und auf den. Dafür soll die Bahn das Land nicht
paar Schienen zwischen Mün- einmal die Milliarden fließen. nur vor dem Verkehrskollaps bewahren,
chen und Pasing. So eine »Wir brauchen einen natio- sondern ihm auch helfen, mindestens zehn
Ruckzuck-alles-neu-Maschi- nalen Kraftakt bei der Bahn«, Millionen Tonnen CO2 pro Jahr einzuspa-
ne wäre ideal für den ganzen 15,0 tönt etwa Bundesverkehrs- ren – knapp ein Viertel dessen, was im
Konzern. Dann käme er viel- Mrd. € minister Andreas Scheuer Verkehrssektor insgesamt reduziert wer-
leicht endlich mal raus aus 19,5 (CSU). »Wir stellen so viel den muss.
den Negativschlagzeilen. Mrd. € Geld wie nie zuvor für die Die Erwartungen sind hoch. Die Wirk-
Seit Jahren kämpft die Bahn Bahn zur Verfügung.« lichkeit ist eine andere. Selten war die
mit »Anfälligkeiten«, wie So- ... und die Schulden In den kommenden zehn Bahn in ihrer Geschichte so schlecht auf-
biella das nennt. Bäume, die * ohne staatliche Zuschüsse Jahren stehen für den Staats- gestellt: organisatorisch, personell, finan-

60
MICHAEL PROBST / AP
S-Bahn-Zug in Frankfurt am Main

ziell. Es herrschen Durcheinander, Orien- theoretisch in der Lage, in einem Jahr- unterfangen, das entsprechende Vokabeln
tierungslosigkeit und Lähmung. zehnt auf knapp das Doppelte zu wachsen. erfordert. Bahn-Chef Richard Lutz spricht
Ist die Bahn überhaupt in der Lage, die Und das soll sie ja. Dafür aber müssten vom »größten Investitions- und Wachs-
zig Milliarden Euro in ein modernes, zu- die Struktur des Konzerns umgekrempelt, tumsprogramm in der über 180-jährigen
verlässiges und komfortables Angebot der Durchgriff des Vorstands auf das Ma- Bahngeschichte«. Sein mächtiger Infra-
umzumünzen? Sich selbst in ein Service- nagement verstärkt und Hierarchien ver- strukturvorstand Ronald Pofalla bläst den
unternehmen zu verwandeln, das die Bür- schlankt werden. Die Organisation besitzt Rückenwind für seinen Konzern zu »fast
ger raus aus Autos und Flugzeugen und derzeit nicht die planerische Kraft für ein Sturmstärke« auf.
hinein in die Züge lockt – in eine Zukunft derart großes Wachstum, auch wenn es ein Pofalla hat einen seiner besten Leute
ohne Benzin, Diesel und Kerosin? paar Erfolge zu verbuchen gibt: neu be- nach Stuttgart geschickt. Olaf Drescher
Die Antwort lautet leider: nein. stellte Züge, geplante Reparaturwerke, ef- soll beweisen, dass dieser verlachte Laden
Immer neue Konzepte werden für den fektiveres Baustellenmanagement. Großes leisten kann. Er hat den Auftrag,
Eigentümer, den Staat, geschrieben. Starke 148 Millionen Menschen transportiert das völlig verkorkste Mammutprojekt
Schiene heißt das aktuelle. Doch in ihrer die Bahn im Jahr. 260 Millionen Passagiere Stuttgart21 für die Bahn zu retten. Dre-
derzeitigen Struktur ist die Bahn nicht mal sollen sie bis 2030 nutzen. Ein Wahnsinns- scher ist der Kraftakt durchaus zuzutrau-

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 61


Signale, Schilder und Fahrzeichen. Das
Ganze soll die Bahn in eine komplett neue
Dimension katapultieren.
Drescher macht dazu folgende Glei-
chung auf: Nur mit neuen Gleisen könnte
die Bahn in der nächsten Dekade um ein
bis anderthalb Prozent wachsen. Zu kom-
pliziert seien die Genehmigungsverfahren,
zu teuer der Bau. »Mit der Digitalisierung
wollen wir im gleichen Zeitraum 20 Pro-
zent mehr Zugverkehr ermöglichen.«
Das ist zwar noch keine Verdoppelung,

BORIS SCHMALENBERGER / DER SPIEGEL


aber immerhin. Steuert der Computer all
die Regionalzüge, S-Bahnen und ICE in
und um Stuttgart, können sie alle in einem
engeren Takt verkehren. Heute gilt bei der
Bahn wie seit Anbeginn die Regel, dass
immer nur ein Zug innerhalb eines Stre-
ckenabschnitts fahren darf. Erst wenn er
diesen Bereich verlassen hat, kann der
nächste Zug hinein. »Das dient der Sicher-
Stuttgart21-Manager Drescher (M.): »Wir müssen jetzt einmal tief in die Tasche greifen« heit, drosselt aber die Kapazität unge-
mein«, sagt Drescher. Er ist auf dem Weg
ins Erdgeschoss, im Fahrstuhl räsoniert er
en. Er hat es geschafft, vor gut zwei Jah- Nun soll Wundermann Drescher bei über den menschlichen Erfindungsgeist
ren die Hochgeschwindigkeitsstrecke zwi- Stuttgart21 wieder Großes bewirken. Dort und die Kräfte des Beharrens. Zwei Mäch-
schen Berlin und München fertigzustellen. explodieren die Kosten, die Zeitpläne wan- te, von denen in seinem Konzern bislang
Ein Projekt, das tot war, als er übernahm. ken. Drescher steht seelenruhig inmitten vor allem letztere gewann.
2004 war das. Der Bund hatte plötzlich alle des Chaos. Das mag an dem gut drei Meter In einem dunklen Büro mit Blick auf den
zugesagten Gelder gestrichen. langen Computerausdruck liegen, der hin- Innenhof sitzen seine Softwareexperten, de-
Drescher, ein 60-jähriger Sachse mit kahl ter seinem Schreibtisch hängt. Darauf ren Aufgabe »der Kampf um jede Sekunde«
geschorenem Kopf und kantigem Gesicht, befindet sich der Zeitplan des Projekts. Es sei, wie Drescher sagt. Alle zweieinhalb Mi-
erinnert sich noch gut daran. »Da standen wimmelt nur so von braunen, grauen und nuten befährt derzeit eine S-Bahn die
Soda-Brücken in der Landschaft herum«, blauen Balken, die anzeigen, wann wel- Stammstrecke im Stuttgarter Untergrund.
sagt er und genießt für einen Moment den cher Bauabschnitt fertig zu sein hat. Ver- »Den Takt wollen wir um die Hälfte verkür-
fragenden Blick seines Gesprächspartners. mutlich ist Drescher der einzige Mensch zen«, sagt IT-Spezialist Peter Reinhart. In
»Na, das sind Brücken, die waren einfach überhaupt, der das Zahlenwerk versteht. der digitalen Bahnwelt weiß der Computer
nur so da«, sagt er und lacht. Pofalla hat ihm neben der Fertigstellung jederzeit, wo sich die Züge befinden, ob sie
Er hat die Brücken ausgemottet, Gleise noch eine andere Herausforderung auf- beschleunigen oder bremsen.
dazwischengebaut und mit Strom versorgt. gedrückt: Der neue Bahnhof soll vollkom- Das Prinzip: »Die Züge können viel
Heute zählt die Strecke zu den wenigen men digital gesteuert werden, »als erster dichter aufeinanderfolgen und an den
Erfolgsprojekten der jüngeren Vergangen- Verkehrsknotenpunkt Deutschlands«, wie Bahnsteigen nachrücken. Fahren zwei
heit. Die Züge zwischen München und Drescher bemerkt. Er macht sich keine Il- Züge gleichzeitig auf einem Bahnsteig zu,
Berlin sind mit unter vier Stunden Fahrt- lusionen über das zusätzliche Risiko. Man wird einer zurückgehalten oder verlang-
zeit eine ernste Konkurrenz zum Flugzeug. krempele auf einen Schlag eine gelebte samt. Fährt der erste Zug im Bahnsteig ab,
Sie sind gut ausgelastet und im Schnitt Kultur um, die sich »über hundert Jahre wird der nächste im optimalen Abstand
pünktlicher als alle anderen Fernverbin- gebildet hat«. Alles fällt weg, was einem herangefahren«, erklärt Reinhart. Sein
dungen der Bahn. Bahner bislang Sicherheit gegeben hat: Team tüftelt gerade am Durchrutschweg.

Fahrgastrekord mit Tücken Bahnreisende Güterverkehr Zufriedenheit 2018


in Transportkilometern
Pünktlichkeit 2018
Fernverkehr* 2018
Reisende

74,9 %
Personenverkehr insgesamt
2009
2,6 Mrd. 2009
94 Mrd.
75,1 %
inkl. Nahverkehr: 93,5% 1,9 Mrd. 2018
* weniger als 6 Minuten Verspätung 88 Mrd.

Güterverkehr
Güterverkehr** und Logistik

60,7 % Quellen: Deutsche Bahn, Bundestag


65,1 %
**weniger als 16 Minuten Verspätung

62
Wirtschaft

So heißt die Strecke, die ein schlecht ge- das schlechte Management in den Werk- Doll hatte tiefe Einblicke in die desaströ-
bremster Zug über das Ziel hinausschießen stätten zuständig sind und für die Züge, se Finanzlage der Bahn, die vermeintli-
darf, ohne dass es zum Unfall kommt. die mitunter nach ein paar Hundert Kilo- chen Fehler seines Vorgängers bekommen:
Auch diesen Sicherheitsabstand wollen sie metern wieder liegen bleiben. Richard Lutz. Doll sollte geräuschlos ent-
verkürzen. Digitale Züge verpatzen ihre Seine Truppe, verkündet er mit singen- machtet werden. Doch der ließ das nicht
Bremsung nicht, weil der Computer sie dem rheinischen Akzent, werde vom kom- mit sich machen. Das vergiftete Angebot,
permanent überwacht. »Deshalb dürfen menden Jahr an noch leistungsstärker. Güterchef zu werden, lehnte er ab. Da war
wir die Züge auch in engerer Taktung Nicht nur, dass sie von 8000 Planern auf klar, einer von beiden muss gehen.
durch das System schicken«, sagt Reinhart. 11 000 angewachsen sei. Sein Vorstands- Aufsichtsrat und Verkehrsminister muss-
Chefplaner Drescher hört seinen Leuten bereich werde komplett neu organisiert ten sich zwischen Lutz und Doll entschei-
aufmerksam zu. Er selbst kennt sich in den sein. Die Baustellenplaner für den Fern- den. Sie entschieden sich für Lutz – was
Computerprogrammen nicht aus, mit de- und die für den Regionalbereich etwa ar- seitdem als schwere Hypothek auf dem
nen sein Trupp den künftigen Bahnver- beiteten fortan unter einer Führung, sagt Konzern lastet.
kehr simuliert. Dreschers Aufgabe ist es, Pofalla stolz – und man fragt sich, warum Das Management ist verunsichert. Es ist
den Politikern vor Ort und seinen Vorge- da erst jetzt jemand draufgekommen ist. nach dem Eklat noch schwieriger gewor-
setzten in Berlin Mut zu machen, das Vor- Der CDU-Politiker stilisiert sich raffi- den, gute Führungskräfte zu finden. Die
haben weiter zu unterstützen. »Wir müs- niert als Aufräumer. »Kundenfreundliches Affäre Doll hat zudem einen Einblick in
sen jetzt einmal tief in die Tasche greifen die miserable finanzielle Situation gewährt.
und die Digitalisierung durchziehen«, sagt 25,4 Milliarden Euro Schulden hat die
er. Der Modernisierungsstau bei der Bahn Bahn mittlerweile aufgetürmt, den von der
solle so aufgelöst werden. Politik vorgegebenen Maximalstand. Doll

MICHAEL KAPPELER / PICTURE ALLIANCE / DPA


Ende gut, alles gut? hat der Bahn auf den letzten Metern noch
Nicht alle bei der Bahn teilen Dreschers eine Hybridanleihe über zwei Milliarden
Zuversicht. Es fehlte jahrelang ja nicht nur Euro beschafft. Ein schöner Trick: Sie zählt
Geld, sondern auch Personal. Nun muss al- bilanztechnisch nicht als Verschuldung.
les schnell gehen. Drescher hat bereits eine Die Konzernzahlen sind eine Katastro-
erste Ausschreibung für digitale Stelltechnik phe. Der Cashflow ist negativ, 655 Millionen
gestartet. Doch ein Bieterverfahren, bei Euro im ersten Halbjahr. Ständig öffnen sich
dem noch nicht klar ist, was für eine Technik neue Löcher im Budget. Im nächsten Jahr,
man am Ende wirklich braucht, ist riskant. so hat man es dem Aufsichtsrat bereits zur
Ändern sich die Anforderungen, muss alles Genehmigung vorgelegt, sollen bis zu drei
wieder umgestürzt werden; Zeitverzug Milliarden Euro in Form von Hybridanlei-
droht. Ein Insider aus dem Konzern sagt: hen aufgenommen werden. Eigentlich hätte
»Es wäre nicht das erste Mal, dass eine das Geld durch den Verkauf der englischen
schlecht vorbereitete Planung am Ende alles Bahntochter Arriva hereinkommen sollen.
nur durcheinanderbringt und teurer macht.« Doll sollte den Deal einfädeln, stieß da-
Tatsache ist, dass die Planungs- und bei aber auf bis dahin nicht bekannte finan-
HEINL / PHOTOTHEK / MAGO IMAGES

Bauleistung der Bahn in den vergangenen zielle Verpflichtungen von 432 Millionen
zehn Jahren sank. Das lässt sich an den Euro, die den Unternehmenswert schlag-
Kernparametern gut ablesen: Es wurden artig verringerten: Pensionsgarantien, die
weniger Gleise erneuert, weniger Weichen Ex-Finanzvorstand Lutz beim Kauf des
ausgetauscht und Stelleinheiten ersetzt. britischen Unternehmens vor neun Jahren
Pofalla, der verantwortliche Vorstand, ver- gewährt hatte. Oder den jahrelangen In-
sucht geschickt, diesen Eindruck zu zer- vestitionsstau. Arriva fiel bei den Interes-
streuen. Er legt neue Zahlen vor, die eine senten glatt durch.
Trendwende belegen sollen. »Die Bahn ist Vorstände Lutz, Pofalla, Nikutta Insider befürchten, dass es bei einer
robuster geworden und schlagkräftiger«, Bizarrer Machtkampf bösen Überraschung in den Büchern der
sagt er im 26. Stock des Bahntowers. Bahn nicht bleiben wird. Bei der Logistik-
Er ist auch als Bahnvorstand ein Politi- Bauen«, sagt er, sei »wie Häuserkampf«. tochter Schenker etwa, die auch als Ver-
ker – und ein begnadeter Verkäufer. Neun Er greife regelmäßig selbst ins Tagesge- kaufskandidat gilt, vermuten viele weiteres
Milliarden Euro habe er bereits an Bau- schäft ein, in die Koordination von Bau- Unheil. »Der Bahn geht es schlechter, als
aufträgen für das kommende Jahr verteilt, stellen. Es solle bei der Bahn nicht zugehen es ihr Bild in der Öffentlichkeit nahelegt«,
sagt er. Die baubedingten Verspätungen wie auf dem Gehweg vor der Haustür, wo sagt ein hochrangiger Manager.
hätten um 40 Prozent abgenommen, rech- alle zwei Wochen ein neuer Bautrupp die Symptomatisch ist auch die Affäre um
net er vor. Alles könnte nach Aufbruch Straße aufreiße, scherzt er. Ex-Bahnvorstände, die mit Beraterverträ-
klingen, wäre da nicht eine Zahl, die selbst Pofalla hat gerade keinen leichten Stand. gen weiterversorgt worden waren. Der Auf-
Pofalla nicht wegreden kann. Die Pünkt- Sein Chef aber, der Mann ganz oben an der sichtsrat erfuhr lange nichts davon und ließ
lichkeit (weniger als sechs Minuten verspä- Spitze der Bahn, steht komplett mit dem dann Beraterfirmen ermitteln. Der Skandal
tet) hat sich insgesamt nur um einen Pro- Rücken zur Wand: Richard Lutz. Im Ge- erzählt viel über die Selbstbedienungs-
zentpunkt verbessert. Mit rund 76 Prozent gensatz zu Pofalla agiert der Pfälzer eher mentalität im Unternehmen. Denn am En-
liegt die Bahn im Fernverkehr weit unter ungeschickt. Vor wenigen Wochen brach de zahlt der Steuerzahler die Zeche.
dem noch für 2018 selbst gesteckten Ziel Lutz einen bizarren Machtkampf vom Vergangene Woche urteilte das hilflos wir-
von 82 Prozent und noch mal deutlich un- Zaun. Er wollte seinen Finanzchef und Car- kende Kontrollgremium, der Personenver-
ter dem, was die Bahn früher einmal ge- go-Verantwortlichen, Alexander Doll, auf kehrsvorstand Berthold Huber müsse als
schafft hat. Pofalla lenkt mit seiner Erfolgs- den Posten des Gütervorstands abschieben, Strafe dieses Jahr Teile seiner Tantiemen ab-
präsentation geschickt das Augenmerk auf weil er in ihm offenbar einen Konkurrenten geben. Und die Untersuchungen sollen nun
die Schuld der anderen Vorstände, die für erkannt hatte. auch auf alle weit mehr als hundert Tochter-

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 63


Programm
unternehmen ausgedehnt werden. Die Frage
lautet aber: Wie geht eine solche Organisa-
tion mit neuen Milliarden um? Deshalb liegt
es nahe, einen klaren personellen Schnitt zu
machen, einen Neuanfang, mit einer ande-
ren, schlagkräftigen Struktur und unbelaste-
tem Personal, das nicht permanent die eige-
nen Fehler der Vergangenheit kaschieren
muss? Doch das ist bei der derzeitigen Ei-
gentümersituation nicht zu machen. Die Poli-
tik sorgt dafür, dass der personelle Neuan-
fang ausbleibt, zumindest so lange, bis die
GroKo zerbricht. Die Berufung einer neuen
Bahnführung ist ein machtpolitischer Kraft-
akt sondergleichen: Er folgt strengen Pro-
porzregeln unter den Regierungspartnern.

SPIEGEL TV
Am Ende müsste Führungspersonal gefun-
den werden, das sowohl der SPD als auch
Sondengänger-Team »Sondelsüchtig« der Union nahesteht. Zu einem solchen Deal
scheint Schwarz-Rot nicht mehr in der Lage.
Immerhin gibt es einen hoffnungsvollen
SPIEGEL TV WISSEN ARTE RE: Neuzugang im Vorstand. Von Januar an
SONNTAG, 22. 12., 22.30 – 23.15 UHR, SKY MONTAG, 23. 12., 19.40 – 20.15 UHR, ARTE wird Sigrid Nikutta die Gütersparte des
und bei allen führenden Kabelnetzbetreibern Konzerns übernehmen. Die promovierte
Zerrissene Familien – Psychologin hat die Berliner Verkehrsbe-
Die Schatzsucher Geflüchtete kämpfen um ihre triebe nicht nur mit einer frechen Werbe-
In Deutschland gehen regelmäßig
Kinder kampagne aus der Depression befreit. Die
Zehntausende mit Detektor Fteim Almousa flüchtete 2015 von BVG schreibt unter ihr erstmals seit Jahr-
und Spaten auf die Jagd nach im Syrien nach Deutschland. Vier zehnten wieder schwarze Zahlen – Lan-
Boden versteckten Kostbarkeiten. Jahre später konnten ihr Mann und desmittel eingerechnet.
Der Erfolg hängt nicht nur vom Gerät drei ihrer Kinder nachkommen. Die Lage bei DB Cargo sieht noch viel
und Können des Suchers ab, sondern Die 19-jährige Tochter Reham erhielt verfahrener aus als damals bei der BVG,
auch von Geduld und Glück. High- jedoch kein Visum. Nur Ehepartner darüber macht sich Nikutta keine Illusio-
light aller Sondengänger: die Deutsche und minderjährige Kinder haben einen nen. Die Frachtmengen nehmen auf dra-
Schatzsucher Meisterschaft. Anspruch auf Familienzusammen- matische Weise ab; die Verluste lasten auf
führung, argumentieren die Behörden. der Gesamtbilanz des Konzerns. Hinzu
Wie geht eine Familie mit dieser Zer- kommt, dass das Frachtvolumen konjunk-
rissenheit um? turbedingt weiter sinken dürfte.
SPIEGEL GESCHICHTE Nikutta hat jedoch, was es für eine sol-
MONTAG, 23. 12., 11.35 – 12.25 UHR, SKY che Aufgabe bedarf: Selbstbewusstsein.
Noch hatte sie ihren Job nicht angetreten,
Die gestohlenen Kinder da versammelte sie die Berliner Politik-
der DDR und Medienszene zu einem Abendemp-
Der Verlust eines Kindes ist für Eltern fang. Die zierliche Frau, Mutter von fünf
eine Katastrophe. In der DDR muss- Kindern, stieg auf ein kleines Podest, griff
ten Tausende Paare dieses Schicksal sich ein Mikrofon und sagte nach wenigen
erfahren, das Regime nahm politisch Augenblicken mit rauer Stimme: »Wenn
unliebsamen Familien ihren Nach- es leicht wäre, hätten sie ja keine Frau für
wuchs. Die Mädchen und Jungen ka- diesen Posten ausgesucht.«
men in Heime oder wurden zur Die 50-Jährige, das ist zu spüren, hat
Adoption freigegeben. Sie sollten zu Ambitionen, sie würde sich auch den CEO-
Vorzeigebürgern des Arbeiter-und- Job zutrauen, wenn der frei würde. Sie
SPIEGEL TV

Bauern-Staats erzogen werden. Ein habe alle Berichte über die Lage bei der
Wiedersehen mit ihren leiblichen Bahn gelesen, so Nikutta. »Viele Headhun-
Eltern war oft erst nach dem Fall der Familie Almousa beim Deutschlernen ter haben mir abgeraten.« Das sei das Ende
Mauer möglich. Ehemalige DDR- ihrer Karriere, hätten die ihr gesagt. Nikut-
Funktionäre behaupten auch Jahr- ta scheint das keine Angst zu machen. Sie
zehnte später, dass alles zum habe gesagt: »Hört auf, mir vom Ende zu
Wohle der Kinder geschah. Die SPIEGEL TV erzählen. Im Zweifel besorgt mir dann eben
Dokumentation erzählt Geschichten MONTAG, 23. 12., 23.15 – 23.50 UHR, RTL einen neuen Job.« Gerald Traufetter
von Familien, die einst auseinander-
gerissen wurden, und begleitet Es war nicht alles schön!
Menschen auf ihrer Suche nach An- Klimakrise, Rechtsruck, Flüchtlings- Video
Wie Schienen automa-
gehörigen, die teilweise bis heute dramen – was SPIEGEL-TV-Reporter tisch erneuert werden
andauert. im Jahr 2019 alles erlebten. spiegel.de/sp522019bahn
oder in der App DER SPIEGEL

64 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Wirtschaft

Kollege
Computer
Jobs In den USA schlägt sich

DAVID GROSSMANN / ALAMY / ALL MAURITIUS IMAGES


die Digitalisierung bereits
aufs Gehalt nieder.
Das Überraschende: Besonders
Gutverdiener leiden.

G esucht wird eine Zahl. Eine Antwort


auf die Frage, wie viele Jobs von
der Digitalisierung bedroht sind.
Und wenn man diese Zahl schon nicht fin-
det, so wenigstens eine Antwort darauf,
welche Arbeitnehmer zu den Gewinnern Pendler in New York City: »Viele Arbeiten kann schon heute die Maschine besser«
oder Verlierern gehören könnten.
Für viele gilt als ausgemacht, dass es vor Den größten Effekt stellte Reitzig ausge- das Rennen gegen den technologischen
allem die Geringqualifizierten sein werden. rechnet im Hochlohn- und im Hochrisiko- Fortschritt verloren haben. Je besser die
Eine neue Studie kommt aber zu dem segment fest. Dazu gehören US-Spitzenver- Ausbildung war, desto eher durfte man
Schluss, dass besonders auch die gehobene diener, deren Lohn mehr als 33 Dollar in sich auf der sicheren Seite fühlen. Und na-
Mittelschicht und Wissensarbeiter zuneh- der Stunde beträgt und deren Jobs einem türlich schützt Bildung noch immer, doch
mend unter Druck geraten werden. hohen Risiko unterliegen, durch Compute- ganz so einfach ist es nicht mehr. Auch in
Die Frage nach Gewinnern und Verlie- risierung ersetzt zu werden. Auch hier den Büros und Verwaltungen wandeln sich
rern steht im Raum, seit die Professoren wuchsen die Gehälter im Beobachtungs- viele Tätigkeiten, die früher als anspruchs-
Carl Frey und Michael Osborne 2013 eine zeitraum zwar insgesamt noch deutlich voll galten, in der digitalen Arbeitswelt zu
Untersuchung veröffentlichten, die zu an. Sie stiegen jedoch deutlich geringer als computerlesbaren Routinen.
dem Schluss kam, dass in den kommenden zu erwarten – vor allem in der Gruppe mit »Bei Kreditvergaben und Steuererklä-
10 bis 20 Jahren bis zu 47 Prozent der un- einem Verdienst zwischen 33 und 55 Dollar rungen, in der Buchhaltung oder in tech-
tersuchten Berufe in den USA durch die Stundenlohn. »Jede Erhöhung des Compu- nischen Abteilungen gibt es viele Arbeiten,
Digitalisierung wegfallen könnten. Bis heu- terisierungsrisikos um zehn Prozent geht die schon heute die Maschine besser
te sorgt die Untersuchung für Aufwallun- einher damit, dass das Gehalt im Vergleich kann«, sagt Reitzig. Besonders betroffen
gen, es folgten Arbeiten, die sie bestätigt zur Erwartung für 2017 in der Industrie in sind seiner Studie zufolge etwa Buchhalter
haben, aber auch solche, die zu dem Ergeb- diesem Beruf um etwa einen Dollar fällt«, oder Analysten – quer durch alle Branchen
nis gekommen sind, dass die Digitalisie- sagt Reitzig. und Industrien. Derzeit sind die Effekte
rung so viele Jobs schaffen wie sie vernich- Interessant ist, dass die Löhne im mitt- noch klein. Ob diese Jobs verschwinden
ten wird. Doch warum liegen die Ergebnis- leren Segment nur moderat auf den Ein- oder sich stark wandeln werden, ist noch
se so weit auseinander? zug der Technik reagierten. Dort sinkt der nicht abzusehen. Berufe bestehen nicht
»Das Problem ist, dass es zwar viele Stu- Lohn um etwa 8 Cent im Vergleich zur nur aus einer Tätigkeit.
dien über die Beschäftigungseffekte von Erwartung, wenn das Risiko um zehn Pro- Zumindest ist die Studie ein Hinweis
maschinellem Lernen und künstlicher In- zent erhöht ist, dass der Job ersetzt wer- darauf, dass künftig eine Gruppe von Ar-
telligenz gibt, doch bei den meisten han- den könnte, und um bis zu 17 Cent, wenn beitslosigkeit bedroht sein könnte, die sich
delt es sich um reine Prognosen«, sagt der Job ein hohes Automationsrisiko hat. bislang davor gefeit fühlte – gut ausgebil-
Markus Reitzig, »es gibt nur wenige empi- Die unteren 25 Prozent im niedrigen dete Menschen mit hohem Einkommen
rische Daten.« Der Deutsche leitet den Lohnbereich unter 17 Dollar pro Stunde und ebensolchem Lebensstandard. Reitzig
Lehrstuhl für Strategisches Management folgten nicht dem Muster. »Gehaltstech- schließt nicht aus, dass es zu Kaskaden-
an der Universität Wien. nisch entwickelten sich die Hochrisikojobs effekten kommen könnte: Die höher quali-
In einer bislang unveröffentlichten Stu- in diesem Bereich besser als befürchtet«, fizierten Arbeitnehmer verlieren ihre Jobs
die untersuchte er gemeinsam mit seinem sagt Reitzig. und verdrängen in der Folge niedriger
Mitarbeiter Vlad Mitroi deshalb, ob die Er selbst betrachtet seine Ergebnisse mit Qualifizierte.
Prognosen von Osborne und Frey am ame- Vorsicht, fünf Jahre sind keine breite Deshalb werde mehr Qualifikation und
rikanischen Arbeitsmarkt bereits nach- Datengrundlage, der genaue Anteil der Bildung allein vielleicht nicht genug brin-
weisbar sind. Sie schauten sich an, in- künstlichen Intelligenz an der allgemeinen gen, um soziale Abstürze zu vermeiden,
wieweit der gestiegene Einsatz solcher Computerisierung lässt sich noch schwer meint Reitzig. Es werde künftig darum ge-
Technologien zwischen 2012 und 2017 beziffern, und einige Ergebnisse scheinen hen, Arbeitnehmer nicht nur über den
dort Einfluss auf die Gehälter gehabt hat. vor allem durch die jüngste Vergangenheit Lohn am unternehmerischen Erfolg teil-
Das Ergebnis: Zwar stiegen die Löhne – bestimmt. Doch die Effekte, die er fest- haben zu lassen, »sondern auch über die
über alle Jobs gemittelt – in allen Indus- stellt, werden teilweise auch durch andere Beteiligung an den wohlfahrtsstiftenden
trien während dieser Zeit an. Je stärker Studien gestützt. Technologien«. Am besten über eine Be-
die Jobs allerdings durch Technik ersetzbar In den gut 200 Jahren der Industriali- teiligung am Unternehmen.
waren, desto geringer fiel der Gehaltsan- sierung waren es bislang vor allem die Markus Dettmer
stieg aus. schlecht ausgebildeten Arbeitnehmer, die

65
Wirtschaft

Die Sexyness fehlt


von Mitte der Siebzigerjahre an den nöti-
gen Glamour. 1985 ging Boss an die Börse.
Der britische Finanzinvestor Permira,
der 2007 bei Boss einstieg, verfolgte ehr-
geizige Pläne. Der Großaktionär heuerte
Manager Hugo Boss galt lange als Börsenstar und einziger deutscher als neuen Chef Claus-Dietrich Lahrs von
Modekonzern von Weltrang. Doch die Marke hat der Luxusmarke Dior an. Dessen Auftrag
sich übernommen. Jetzt droht ein Kehraus – auch in der Führung. lautete, aggressiv und weltweit zu expan-
dieren – unter Lahrs’ Führung wurden
jährlich 50 bis 70 Boss-Läden rund um

Z ur Weihnachtsfeier für seine 2000


Mitarbeiter ließ es der Modekonzern
Hugo Boss noch einmal richtig kra-
chen. Geladen waren Bayern-Star Javi
vorstand bei Boss. Er kann sowohl mit
Zahlen als auch mit Menschen umgehen,
viele Kollegen schätzen seine freundliche,
unaufgeregte Art. Doch Design und Mar-
den Globus eröffnet.
Parallel entwickelte Lahrs die passende
Börsenstory. Die Männermarke Boss soll-
te auch für Frauen attraktiv werden. Lahrs
Martínez und Schlagersängerin Marianne kenführung zählen nicht zu Langers Stär- verpflichtete den jungen US-Designer
Rosenberg (»Liebe kann so weh tun«), sie ken, er begreift das auch nicht als seine Jason Wu, der bereits die damalige First
sollten für Promi-Glanz sorgen. TV-Mann Hauptaufgaben. Seit seinem Amtsantritt Lady Michelle Obama eingekleidet hatte.
Kai Pflaume (»Nur die Liebe zählt«) mo- im Mai 2016 ist er fast ausschließlich als Wu brachte die Boss-Damenmode auf die
derierte den »Winterzauber«. Man feier- Krisenmanager unterwegs. Laufstege in New York und Shanghai –
te, als sei alles wie früher, alles in bester Gegenüber Vertrauten gibt der Boss- und in Hochglanzmagazine wie »Vogue«.
Ordnung. Chef zu, die Größe der Aufgabe unter- Dass Boss-Manager vor den Risiken des
Alles nur Show. Wirtschaftlich ist die schätzt zu haben: »Ich hätte gedacht, dass Turbowachstums warnten, überhörte
Party für Hugo Boss eher vorbei. Die ein- der Umbau zwei und nicht vier Jahre lang Lahrs geflissentlich. Zeitweise flossen bis
zige deutsche Modemarke von Weltrang dauern würde.« Für die Misere ist Langer zu 80 Prozent der Marketinginvestments
glänzt nicht mehr. Der Umsatz stagniert, jedoch nicht allein verantwortlich. Das in die Damenmode. Ganze Etagen der
der Gewinn bröckelt. Der Börsenwert größte Problem ist die Marke selbst: Nach neuen Stores ließ Lahrs damit ausstatten.
stürzte nach dem Boomjahr 2015 von gut steilem Aufstieg und tiefem Fall scheint Ein wirtschaftlicher Erfolg war die Offen-
acht Milliarden auf rund drei Milliarden niemand mehr zu wissen, wofür Hugo sive jedoch nicht. Abendkleider, Pumps
Euro ab. Hugo Boss, vor wenigen Jahren Boss eigentlich noch steht. und Handtaschen entpuppten sich eher als
noch Anwärter auf den Aufstieg in die Kö- Ursprünglich war Boss ein Hersteller Ladenhüter. Bis heute macht die Damen-
nigsklasse Dax, könnte ein Übernahme- schnöder Arbeitskleidung. 1924 vom Textil- mode nur rund ein Zehntel des Boss-Um-
kandidat werden. unternehmer Hugo Ferdinand Boss in Met- satzes von 2,8 Milliarden Euro aus.
Der Aufsichtsrat will verhindern, dass zingen gegründet, fertigte die Firma zeit- Auch der Versuch, die Marke in neue,
es so weit kommt. Vor allem die beiden weise Uniformen für das Naziregime. In höherpreisige Segmente zu hieven, miss-
Vertreter der italienischen Unternehmer- den Wirtschaftswunderjahren reagierte lang. Zeitweise bot Boss einen Anzug, der
familie Marzotto, die zehn Prozent der das Unternehmen dann rasch auf die ver- in Deutschland rund tausend Euro kostete,
Boss-Anteile hält, sehen Handlungsbedarf. änderte Nachfrage – und stellte Herren- in China für mehr als das Doppelte an. Das
Schlüsselstellen in Vorstand und Aufsichts- anzüge her. Der österreichische Designer war vielen Chinesen zu teuer, stattdessen
rat sollen neu besetzt werden. Headhunter Werner Baldessarini verlieh der Marke reisten sie in großen Gruppen nach Met-
suchen bereits nach Spitzenpersonal. Die zingen, um sich im dortigen Outletcenter
Familie Marzotto äußert sich dazu nicht. mit günstiger Ware einzudecken.
Im Kontrollgremium herrschen Zweifel, Krisensignale Es passierte genau das, was Edelmarken
ob die amtierende Führung noch in der Börsenwert von Hugo Boss, in Mrd. Euro eigentlich vermeiden sollten: Hugo Boss
Lage ist, Boss aus der Krise zu holen. Der lockte Schnäppchenjäger an. Der Anteil
Job von Vorstandschef Mark Langer, 51, 8 der Outlets am Boss-Umsatz stieg in der
Quelle: Refinitiv Datastream;
ist bedroht. Stand: 19. Dezember Ära Lahrs von 11 auf 18 Prozent und später
Nach der Gewinnwarnung im Oktober 6 sogar noch weiter, was mit daran lag, dass
muss Langer seine – bereits gesenkten – sich Ware in den Boss-Lagern staute, die
Ergebnisziele für 2019 unbedingt erfüllen, 4 nur noch mit hohen Abschlägen verkauft
sonst droht ihm die Ablösung. Doch die werden konnte. Stores an teuren Stand-
3,01
neuen Ziele, sagen Boss-Vorstände, seien orten wie Moskau, Hongkong oder Los
2
noch immer »ambitioniert«. Angeles häuften Verluste an. Schließun-
Die Krise hat teils konjunkturelle, vor gen, Umbau und Restrukturierungen ver-
allem aber hausgemachte Gründe. Den ak- 0 schlangen später etwa 50 Millionen Euro.
tuellen Boss-Kollektionen fehlt der ent- 2015 2016 2017 2018 2019 Die Krise, die auf den Höhenflug folgte,
scheidende Schuss Verrücktheit, Innovati- erlebte Lahrs nicht mehr mit. Er schied im
on, Überraschung. »Die Sexyness ist weg«, Gewinn Februar 2016 aus, angeblich in bestem Ein-
sagt ein Modemanager, der das Unterneh- in Mio. Euro, jeweils I. bis III. Quartal Q IV. Quartal vernehmen, kurz nachdem er die zweite
men seit vielen Jahren kennt. Entspre- Gewinnwarnung verkündet hatte. Das gilt
chend schlecht laufen die Verkäufe vor 75 bei Boss als Trennungsgrund. Das gleiche
85
allem in der wichtigen Absatzregion Nord- Schicksal droht nun auch seinem Nachfol-
amerika, im Heimatmarkt Deutschland 259 64
67
ger Mark Langer, obwohl er mit Lahrs’
235 45
machen sich Wettbewerber wie Joop oder Strategie gebrochen hat.
Roy Robson breit. 190 186 Mit Langer kehrte bei Boss eine neue
170 138
Kritiker halten dem Boss-Chef vor, ihm Nüchternheit ein. Er schloss Läden, kürzte
fehle das Gespür für Mode. Langer war Budgets und baute Personal ab. »Das ist
2014 2015 2016 2017 2018 2019
mal McKinsey-Berater und zuletzt Finanz- zwar nicht sexy«, sagt Langer, »aber rich-

66
ständig, ein Zweimetermann mit Millime-
terhaarschnitt und Brille, der für schnörkel-
losen Boss-Schick steht. Kritiker lästern,
Wilts’ Farbspektrum bewege sich zwi-
schen hellgrau und tiefschwarz. Die teuren
Werbekampagnen, die er initiiert, empfin-
den viele als farb- und ideenlos.
Wilts wird angelastet, dass Boss im Ge-
gensatz zu Wettbewerbern keine Partner-
schaften mit Sportmarken unterhält, die
der Marke neuen Pepp verleihen könnten.
Prada zum Beispiel arbeitet mit Adidas,
Dior mit Nike zusammen. Die Kombina-
tion aus Luxus und Sportlichkeit soll über-
raschende Kollektionen hervorbringen.
Genau das, was Boss fehlt. Stattdessen
kooperiert der Modehersteller mit dem
Sänger Liam Payne und, was in der Bran-
che teils für Stirnrunzeln sorgt, mit der
Porzellanmanufaktur Meissen.
Wilts und Langer sind Büronachbarn in
der gläsernen Boss-Zentrale in Metzingen.
Doch die zwei Manager, die eigentlich als
Tandem agieren sollten, trennt mehr als
nur die Betonwand zwischen ihren Ar-
beitsräumen.
Langer soll unzufrieden sein mit der Art,
wie Wilts die Marke präsentiert. Angekrei-
det wird ihm unter anderem ein Auftritt
bei der Fashionshow in Mailand im Sep-
tember. Aus Sicht einiger Manager war das
Geldverschwendung, Italien spielt für Boss
als Absatzmarkt kaum eine Rolle. Wilts
hingegen wollte damit »ein neues Kapitel
für unser Unternehmen« aufschlagen.
Einen Machtkampf mit Wilts kann sich
Langer jedoch derzeit nicht leisten. Dem
umstrittenen Markenvorstand wird ein gu-
RAMON HAINDL / LAIF

tes Verhältnis zum Großaktionär Marzotto


nachgesagt. Die Familie reagierte begeis-
tert, als Wilts die neuen Boss-Kollektionen
in ihrer Heimat präsentierte.
Den Marzottos kommt in Metzingen
Boss-Chef Langer: Neue Nüchternheit eine Schlüsselrolle zu, zumal sie womög-
lich bald von einer Last befreit werden.
Die Staatsanwaltschaft Tübingen ermittelt
tig und wichtig.« Für den neuen Boss-Chef cher Erlösbringer. Mittlerweile haben ei- noch wegen möglicher Insidergeschäfte
gibt es vor allem eine Richtung: zurück nige Einzelhändler Flächen für andere mit Boss-Wertpapieren. Mitglieder der
zum Kerngeschäft, zurück zu Herrenan- Marken freigeräumt. Familie Marzotto sollen darin verwickelt
zügen, Hemden und Pullovern. Vieles an- Langer reagiert, wie Chefs in Krisen gewesen sein, was die Betroffenen bestrit-
dere hatte sich als Flop erwiesen und nur häufig reagieren – er nimmt fast alles selbst ten haben (SPIEGEL 42/2017). Bis Ende
die Lager verstopft. in die Hand. Gerade ist er durch die USA Januar wollen die Fahnder die Ermittlun-
Unter Langers Spardiktat litt jedoch die gereist, um Manager und Handelspartner gen abschließen. Einiges deutet darauf hin,
Vielfalt im Regal. Die Boss-Palette, die frü- dort auf seine Linie einzuschwören. Das dass das Verfahren eingestellt wird.
her von der zerrissenen Jeans bis zum Vertriebsressort führt Langer neuerdings Bei den Aufsichtsratswahlen im Mai gel-
Kaschmirmantel reichte, schrumpfte. Die in Personalunion. Für den Boss-Chef ten die Marzotto-Vertreter als gesetzt. An-
früheren Freizeit-Submarken Boss Orange bleibt jetzt kaum noch Zeit für seine wich- sonsten könnte sich einiges ändern. Im
und Boss Green, deren Ursprünge aus der tigste Aufgabe: eine Zukunftsstrategie zu Kontrollgremium sitzen mehrere Finanz-
Ära Baldessarini stammten, hat Langer ab- entwickeln. experten, aber kaum ein Modekenner. Ein-
geschafft. Boss-Bekleidung, egal ob schick Beim Aufsichtsrat hat Langer bereits flussreiche Boss-Funktionäre wünschen
oder sportlich, gibt es nur noch unter den Alarm geschlagen. Der Boss-Chef bittet sich, dass ein Manager aus der Sportarti-
Namen »Boss« und »Hugo«. um mehr Zeit, die ehrgeizigen Rendite- kelbranche in das Gremium rückt. Adidas
Damit zog Langer den Zorn von Han- ziele zu erreichen. Und er fordert perso- und Puma gelten als einzige deutsche Kon-
delspartnern auf sich. Modehäuser wie nelle Verstärkung im Vorstand, zum Bei- zerne, die mit dem Verkauf von Schuhen
Peek & Cloppenburg hatten Millionensum- spiel bei Produktion und Beschaffung. und Bekleidung noch richtig Erfolg haben.
men in passende Ladendesigns investiert. Auch beim Markenauftritt gibt es Defi- Simon Hage
Die Boss-Freizeitmode war ein verlässli- zite. Im Vorstand ist dafür Ingo Wilts zu-

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 67


»Also immer mehr Geld drucken?«
»Es wird kein Geld gedruckt«
SPIEGEL-Streitgespräch Der Bestsellerautor Marc Friedrich prophezeit den größten Crash
aller Zeiten, der Ökonom Peter Bofinger hält das für Quatsch.

SPIEGEL: Herr Bofinger, in Deutschland


wird die Angst vor einem neuen Crash ge-
schürt. Zu Recht?
Bofinger: Ich sehe keinerlei Anzeichen für
eine Weltrezession, einen Zusammen-
bruch der Finanzmärkte oder einen star-
ken Anstieg der Inflation. Das Einzige,
was ich sehe, ist eine konjunkturelle Ge-
fahr für die deutsche Wirtschaft.
SPIEGEL: Mit dieser Prognose sind Sie si-
cher nicht einverstanden, Herr Friedrich.
Friedrich: Ganz sicher nicht. Wir erleben
gerade die längste Wachstumsphase der
westlichen Welt in der Wirtschaftsgeschich-
te. Und bisher kam nach jeder Wachstums-
phase eine Rezession. Es gibt keinen
Grund, warum es dieses Mal anders sein
sollte. Jedes System muss einmal ausatmen.
SPIEGEL: Eine Rezession ist noch kein
Crash, wie Sie ihn in Ihrem neuen Buch
prognostizieren.
Friedrich: Das billige Geld der Notenban-
ken hat einen künstlichen Boom erzeugt,
wir haben historisch niedrige Zinsen, und
dadurch wurde die notwendige Rezession
in die Zukunft verschoben, weil man
Angst hat, dass der nächste große Ab-
schwung das ganze Gebilde zum Einsturz
bringen und auch der Euro in die Knie ge-
hen wird. Deshalb senken die Notenban-
ken die Zinsen immer weiter und kaufen
fortwährend Staatsanleihen auf. Parallel
sind neue Finanzmarktblasen entstanden:
Immobilien und Aktien. Für mich ist der
nächste Crash so sicher wie das Amen in
der Kirche.
Bofinger: Gerade weil die Notenbanken
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL

geldpolitisch reagieren und weil die Fi-


nanzpolitik in den großen Ländern expan-
siv ist, glaube ich nicht, dass in nächster
Zeit eine große Rezession oder gar ein
Crash eintritt. Rezessionen wurden entwe-
der ausgelöst durch einen massiven Preis-
anstieg, durch einen Finanzcrash wie 2007
oder durch eine Notenbank, die massiv
gegen eine Inflation vorgeht. All diese
Faktoren sehe ich nicht.
Friedrich: Was wir derzeit erleben, ist kein
Kapitalismus, sondern Planwirtschaft der Friedrich, 44, Autor und Vermögensberater, hat zusammen mit seinem Partner
Matthias Weik den Bestseller »Der größte Crash aller Zeiten« geschrieben.
Das Streitgespräch moderierten die Redakteure Tim Bofinger, 65, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg
Bartz und Armin Mahler. und war 15 Jahre lang Mitglied des Sachverständigenrats.

68
Wirtschaft

Notenbanken, und Planwirtschaft hat be- Bofinger: Entscheidend ist doch nicht die Friedrich: Sie nehmen einen Strohhalm
kanntlich noch nie funktioniert. Wir er- absolute Verschuldung, sondern die Ver- aus dem Heuhaufen, der Ihre These stützt,
leben eine Art gigantischer Insolvenzver- schuldung im Verhältnis zur Wirtschafts- aber nicht das große Bild zeigt.
schleppung auf höchster Ebene. Die No- leistung, und die ist konstant in der Welt. Bofinger: Die Verschuldung ist in den
tenbanken haben die Wirtschaft abhängig Friedrich: Seit der Finanzkrise hat sich die hoch entwickelten Ländern relativ zur
gemacht vom billigen Geld, deshalb steigt Verschuldung verdoppelt. Wirtschaftsleistung von 273 Prozent Ende
die Zahl der Zombieunternehmen … Bofinger: Absolute Zahlen kann man den September 2009 auf 267 Prozent im März
SPIEGEL: … die durch billiges Geld künst- Hasen geben, wie der Schwabe sagt. Das 2019 gesunken, in der Welt insgesamt ist
lich am Leben erhalten werden … lernen meine Studenten im ersten Semes- sie gerade einmal um zwei Prozentpunkte
Friedrich: … laut BIZ, der Notenbank der ter. Verschuldung ist immer ein relatives gestiegen.
Notenbanken, beläuft sich ihr Anteil be- Konzept. Der arme Haushalt mit 10 000 Friedrich: Alles klar, dann haben wir also
reits auf 15 Prozent in Europa. Euro Schulden hat ein Problem, der große keine Krise.
Bofinger: Diese Zahl stimmt nicht, ich Investor, der zehn Millionen Euro Schul- Bofinger: Nein, wir haben keine Krise.
habe heute extra mit der BIZ gesprochen: den hat, nicht. Und im Verhältnis zur Wirt- Das Einzige, was gestiegen ist, ist die Ver-
Richtig sind 10 Prozent, mit rückläufiger schaftsleistung ist die Verschuldung der schuldung der Schwellenländer, vor allem
Tendenz. Ihre Fakten sind also falsch. Staaten, Unternehmen und privaten Haus- in China. Das ist ein Problem, wird aber
Friedrich: Ihre Zahlen sind falsch, die halte in den hoch entwickelten Ländern keinen globalen Crash verursachen, weil
sind alt. sogar zurückgegangen. die Chinesen nicht so vernetzt sind.
Bofinger: Die Zahlen hat mir die BIZ SPIEGEL: In der Eurozone stieg die Staats- Friedrich: Nein, gar nicht, klar. Sie sind
heute geschickt, neuere gibt es nicht. verschuldung zwischen 2008 und 2018 um nur die zweitwichtigste Volkswirtschaft
SPIEGEL: Offenbar gibt es unterschiedliche 18 Prozentpunkte auf 88 Prozent des Brut- der Welt.
Statistiken, die zu unterschiedlichen Aus- toinlandsprodukts. Ist das kein Problem? Bofinger: Die Chinesen haben sich nicht
sagen kommen. Bofinger: Wir haben eben über die gesam- im Ausland verschuldet. Wenn die chine-
Friedrich: Tatsache ist, wir haben Zom- te Verschuldung gesprochen. Relativ zur sischen Banken crashen, wird sie der Staat
bieunternehmen wegen des billigen Geldes. Wirtschaftsleistung ist die Staatsverschul- genauso retten, wie es die Amerikaner ge-
Bofinger: Die hatten wir auch schon vor- dung in den Industrieländern gestiegen, macht haben. Das wird die Weltwirtschaft
her. Seit 2013 ist der Anteil der Zombie- die Verschuldung der Unternehmen und fast gar nicht beeinflussen.
unternehmen im Euroraum sogar gesun- der privaten Haushalte ist jedoch zurück- Friedrich: Ihre Worte in Gottes Ohr. Die
ken. Und in den USA liegt der Anteil der gegangen. französischen Unternehmen sind zu 136
Zombies seit Langem wesentlich höher als Friedrich: Die Unternehmensschulden Prozent verschuldet. Die US-Unternehmen,
im Euroraum. sind weltweit gestiegen. die als Müll, »Junk«, bewertet sind, sind
SPIEGEL: Viele Ökonomen sagen, schuld Bofinger: Wir reden von den hoch ent- auf einem Rekordniveau, und die USA ha-
an den niedrigen Zinsen seien gar nicht wickelten Industrieländern, und da sind ben 23 Billionen Dollar Staatsverschuldung.
die Notenbanken, sondern globale Trends sie relativ zur Wirtschaftsleistung zurück- Bofinger: Wo ist das Problem?
wie die Digitalisierung und die Alterung gegangen. Friedrich: Die Staatsverschuldung steigt
der Gesellschaften. Deshalb werde zu viel exponentiell.
gespart und zu wenig investiert. Bofinger: Im Vergleich zur Wirtschafts-
Bofinger: Die Demografie hat damit nichts leistung haben die USA eine Staatsver-
zu tun, auf der ganzen Welt geht die Stellschrauben der EZB 600 schuldung von rund hundert Prozent. Für
Sparquote der privaten Haushalte zurück. Geldmenge in der Eurozone, ein Land wie die USA ist das völlig unpro-
Was eine Rolle spielt, sind hohe Unterneh- Veränderung gegenüber 2000 blematisch.
mensgewinne, die nicht wieder investiert in Prozent Friedrich: Wir brauchen immer mehr
400
werden. Schulden, damit die Wirtschaft wächst.
SPIEGEL: Herr Friedrich, würden Sie ak- Von 2010 bis 2019 musste die Welt sich
zeptieren, dass es andere Einflussgrößen Zentralbankgeld M0 um 50 Billionen Dollar verschulden, um
gibt als die Politik der Zentralbanken? 200 20 Billionen Wachstum zu erzeugen. Des-
Friedrich: Wenn es Beweise dafür gäbe. halb müssen die Notenbanken immer
Aber die sehe ich nicht. Warum senken Geldmenge M3 mehr Geld drucken und die Zinsen immer
denn die Notenbanken die Zinsen? Warum weiter senken. Wir werden nie wieder stei-
hat die EZB schon wieder Aufkaufprogram- Quelle: EZB gende Zinsen sehen und die Schulden nie
me für Staatsanleihen und Unternehmens- 2000 2008 2019 wieder zurückzahlen können.
anleihen beschlossen, um das Geldkarussell M0: Umlaufendes Bargeld sowie Guthaben der Banken
Bofinger: Die Idee, dass der Staat seine Ver-
am Laufen zu halten, wenn alles so normal bei der Zentralbank. Diese stellt so den Geschäftsbanken schuldung zurückzahlt, ist eine Laienidee.
ist? Fakt ist: Die Welt ist süchtig nach der Liquidität bereit. Friedrich: Also immer weiter Schulden
Droge des billigen Geldes. Wir erleben das M3: Zirkuliert in der Wirtschaft, d. h. zwischen Banken, machen, und am Ende kommt die Wäh-
größte Notenbankexperiment aller Zeiten: Unternehmen und Haushalten. Wichtiger Einflussfaktor rungsreform?
für die Inflationsrate.
Noch nie gab es so lange so niedrige Zinsen, Bofinger: Wenn die Wirtschaftsleistung
wir haben sogar negative Nominalzinsen. Leitzinsen der EZB*, in Prozent der USA nominal jedes Jahr um vier Pro-
4
Wir werden nie wieder steigende Zinsen zent wächst, können sie jedes Jahr ein
sehen, weil sonst die Länder Südeuropas Staatsdefizit in Höhe von vier Prozent ha-
und die Zombieunternehmen umfallen. ben, und die Relation bleibt konstant. US-
2
SPIEGEL: Herr Bofinger, gefährdet die Dollar-Anleihen sind sichere Anlagen, und
Politik des billigen Geldes die Wirtschaft? es gibt eine Sehnsucht der Investoren nach
Seit dem Ausbruch der Krise 2008 ist die sicheren Anlagen. In Deutschland haben
* Einlagenzins
Verschuldung immer weiter gestiegen. wir eher das Problem, dass der Staat we-
Quelle: Refinitiv Datastream
Bofinger: Das stimmt ja nicht. gen der Überschüsse Bundesanleihen zu-
Friedrich: Wie bitte? 2000 2008 2019 rückzahlt. Weil viele Leute ihr Geld aber

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 69


Banker nach Lehman-Pleite
in New York 2008 Bofinger: Falsch. Im Euroraum erkennt
man bis 2008 einen fantastischen Anstieg
der Kreditexpansion, in Spanien hat sich
das Kreditvolumen verdreifacht, in Irland
verfünffacht. Man hat aber nicht hinge-
guckt, da möchte ich mich nicht ausneh-
men. Wenn wir jetzt 2007 hier sitzen wür-
den, dann hätten Sie recht. Aber wir sitzen
hier 2019. Die Kreditexpansion hatte ihren
Zenit 2007/08, seitdem tut sich da nicht
mehr viel.
SPIEGEL: Herr Friedrich, was würden Sie
machen, wenn Sie EZB-Präsident wären?
Friedrich: Den Euro abschaffen, sofort, er
funktioniert einfach nicht. Wir sehen seit
Jahren eine Rettungsorgie mit Billionen-
Aufkaufprogrammen, weitere 20 Milliarden
kommen noch mal hinzu. Wir verharren
auf der Nullzinslinie und werden demnächst

JOSHUA LOTT / REUTERS


Negativzinsen sehen. In diesem System gibt
es keine Lösung. Damit es gesunden kann,
müssen wir den Euro ad acta legen.
SPIEGEL: Was dann genau den Crash aus-
lösen könnte, den Sie prophezeien.
Friedrich: Wenn wir weitermachen wie
»Gerade weil die Notenbanken geldpolitisch reagieren bisher, potenzieren sich die Kollateral-
schäden, und der Crash wird umso größer.
und weil die Finanzpolitik in den großen Ländern expansiv ist, SPIEGEL: Wie stellen Sie sich die Auf-
glaube ich nicht, dass in nächster Zeit eine große Rezession lösung des Euro praktisch vor? Italien
müsste seine Schulden dann in Mark oder
oder gar ein Crash eintritt.« Peter Bofinger Dollar begleichen.
Friedrich: Es geht nur mit einem Schul-
denschnitt, Deutschland wurden nach dem
Krieg auch die Schulden erlassen. Wir
in Bundesanleihen anlegen wollen, steigt Bofinger: Sie erwecken eine falsche Asso- brauchen eine Katharsis, es gibt keine
deren Preis, und die Zinsen sinken. Das ziation. Beim Gelddrucken denkt man, Besserung ohne Schmerzen.
Grundproblem ist genau das Gegenteil dass die Menschen mehr Geld haben. Das Bofinger: Wir können das ja mal durch-
dessen, was Sie erzählen: Wir haben zu stimmt eben nicht. Was sich ausweitet, spielen. Was würde das denn für Deutsch-
wenig Kreditnachfrage. sind Guthaben der Banken bei der No- land bedeuten?
Friedrich: Weil es an Wachstum fehlt. tenbank. Aber dieses Zentralbankgeld Friedrich: Ein paar harte Jahre.
Bofinger: Nein, im Gegenteil. Die Kredit- kommt nicht in den Kreislauf von Unter- Bofinger: Ist ja toll. Aber würden wir geld-
nachfrage ist schwach, weil Unternehmen nehmen und Haushalten. Für Inflation politisch nicht in die Situation einer großen
wie Google und Apple auf ihrem Geld relevant ist das, was Unternehmen und Schweiz kommen? Die Schweizerische No-
sitzen. Das bremst die Weltwirtschaft. Die Haushalte bei Banken halten. Diese Geld- tenbank muss, um irgendwie zu überleben,
Notenbanken versuchen mit niedrigen Zin- menge ist in den vergangenen Jahren viel sackweise ausländische Devisen aufkau-
sen, diesen Unterdruck auszugleichen und weniger gewachsen als in den Jahren fen. Wenn wir aus dem Euro ausscheiden
dem globalen Nachfragedefizit entgegen- zuvor. würden, müssten wir das genauso machen.
zuwirken. Friedrich: Sie nehmen sich jetzt einfach Wenn ich die Schweizer Aufkäufe auf
Friedrich: Das funktioniert aber nicht. irgendwelche Punkte raus, die in Ihre Ar- Deutschland umrechne, wären das zwei
Bofinger: Sie wissen ja nicht, was passiert gumentation passen. Billionen Euro.
wäre, wenn sie das nicht gemacht hätten. Bofinger: Wenn man mit der Geldmenge Friedrich: Währungsunionen haben noch
In der Nachkriegszeit gab es nur drei Pe- argumentiert, ist das Monetarismus. Und nie funktioniert. Nennen Sie mir ein Ar-
rioden mit niedrigerer Inflation als in den für Monetaristen ist die zentrale Größe gument, warum das beim Euro anders sein
acht Jahren der Amtszeit von EZB-Präsi- die Zuwachsrate der Geldmenge. Zurzeit sollte. Warum gibt es Aufkaufprogramme
dent Mario Draghi. Die schlimmste Nega- sind diese Raten geringer als im Durch- in der Größenordnung von 2,7 Billionen
tivverzinsung ist die Inflation, das wird in schnitt der letzten 50 Jahre. Euro? Warum sind die Zinsen so niedrig?
der Diskussion über die angeblich enteig- Friedrich: Subprime-Kredite, Studenten- Warum ist die Produktivität in Deutsch-
neten Sparer gern ausgeblendet. Wer von kredite, Kreditkartenkredite – überall his- land auf einem historischen Tief?
1969 bis 1977 sein Geld auf dem Girokonto torische Hochs. Bofinger: Langsam, langsam. Bezogen auf
hatte, hat ein Drittel durch Inflation ver- Bofinger: Bei einer wachsenden Wirtschaft das Bruttoinlandsprodukt ist das Volumen
loren. sind alle Zahlen auf einem historischen der Aufkaufprogramme vergleichbar mit
Friedrich: Also sind Sie dafür, immer wei- Hoch. Absolute Zahlen sind Quatsch. dem in den USA und Großbritannien, also
ter Geld zu drucken. Friedrich: Kein Wunder, dass die Ökono- nicht außergewöhnlich.
Bofinger: Es wird kein Geld gedruckt. men die Finanzkrise 2008 nicht vorher- Friedrich: Also ist das System nicht krank?
Friedrich: Ach so. Dann erklären Sie mir gesehen haben. Sie müssen aus Ihrem aka- Bofinger: Was heißt krank? Natürlich haben
mal die Expansion der Notenbank- demischen Elfenbeinturm heraus und die wir eine schwierige Situation, und natür-
bilanzen. Realität anerkennen. lich muss man das Ding am Laufen halten.

70 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Nadja Bogdanova
UX/UI-Designerin
bei Volkswagen

UXX-Chromosom
Hello Possible
Du hast Usability im Blut? Volkswagen
sucht Digitalisierungs-, Elektrifizierungs-
und IT-Experten (w/m/d). Bewirb dich
jetzt unter: hello-possible.de
EZB-Chefin Lagarde
SPIEGEL: Herr Friedrich, hätten Sie die
Banken pleitegehen lassen?
Friedrich: In der freien Marktwirtschaft
gehören Risiko und Haftung immer zusam-
men. Wahrscheinlich wäre es besser gewe-
sen, wir hätten zwei, drei ultraharte Jahre
gehabt, und dann wären wir jetzt wieder
auf dem aufsteigenden Ast. Island hatte
den Mut, die Banken pleitegehen zu las-
sen, und steht heute, nach harten Jahren,
wirtschaftlich besser da als zuvor. Im Üb-
rigen, Herr Bofinger: Die Bankenrettung
hat uns Steuerzahler knapp 60 Milliarden
Euro gekostet, und weitere Garantien sind
immer noch aktiv.
Bofinger: Mir fällt eher ein anderes Bei-
spiel ein: die Große Depression. Da gingen

ELMAR KREMSER / SVEN SIMON


die Banken pleite, das Bruttoinlandspro-
dukt fiel um mehr als 20 Prozent, die Zahl
der Arbeitslosen im Deutschen Reich stieg
auf mehr als sechs Millionen, und danach
kamen die Nazis.
Friedrich: Wir sind auf dem besten Weg
dahin. Es gibt starke Parallelen zu den
Zwanzigerjahren.
»Wir erleben eine Art gigantischer Insolvenzverschleppung Bofinger: Das ist doch Quatsch. Wieso soll-
ten wir einen Einbruch der Weltwirtschaft
auf höchster Ebene. Die Notenbanken haben die um 20 Prozent kriegen? Wo soll der her-
Wirtschaft abhängig gemacht vom billigen Geld, deshalb kommen?
Friedrich: Die Ränder werden doch im-
steigt die Zahl der Zombiefirmen.« Marc Friedrich mer stärker, weil die Mitte erodiert.
Bofinger: Sie springen von einem Punkt
zum anderen. Sie haben gesagt: Man hätte
die Banken pleitegehen lassen sollen. Und
Friedrich: Also doch. Bofinger: Da sprechen Sie gerade einen ich sage: Wir haben eine historische Erfah-
Bofinger: Moment. Es ist ein Unterschied, kritischen Punkt an. Der drittgrößte Gold- rung, wohin das führen kann. Das war ein
ob man, wie ich, sagt: Wir haben Proble- halter der Welt ist Italien mit 2500 Tonnen großes historisches Unglück. Warum hät-
me. Oder wie Sie: Die Welt bricht zusam- Gold. Was, glauben Sie, passiert mit dem ten wir das 2008 wiederholen sollen? Das
men. Sie haben schon 2012 gesagt: Der Goldpreis, wenn Italien in die Schwierig- ist doch abenteuerlich.
Crash kommt. Und nichts ist passiert. keiten kommt, die Sie prophezeien, und Friedrich: Weil der kommende Crash nur
Friedrich: Ist das Ihr Gegenargument? Im diese Reserven auf den Markt wirft? Dann umso größer wird.
Übrigen habe ich damals kein Zeitfenster ist der Goldpreis dahin. Bofinger: Wie soll der größte Crash aller
genannt. SPIEGEL: Herr Bofinger, warum, glauben Zeiten denn ausgelöst werden?
Bofinger: Das sind immer die besten Pro- Sie, hat Herr Friedrich so großen Erfolg Friedrich: Wir haben eine lange Wachs-
gnosen. In den USA gibt es den Spruch: mit seinem Buch? tumsphase, es kommt immer eine Rezes-
Wer immer sagt, es ist fünf vor zwölf, hat Bofinger: Angst verkauft sich immer gut. sion, wir haben sie künstlich in die Zukunft
zweimal am Tag recht. Die Leute gehen ja auch in die Geisterbahn verschoben …
Friedrich: Aufgrund der aktuellen Ent- und zahlen Geld, um sich zu gruseln. Nur Bofinger: Das hatten wir schon alles.
wicklungen habe ich inzwischen den Mut mit der Wirklichkeit hat das nichts zu tun. Wodurch ganz konkret soll der Crash aus-
zu sagen, der Crash kommt spätestens Seit der Nachkriegszeit sind wir ganz gut gelöst werden?
2023. durchgekommen, selbst der Crash 2008/09 Friedrich: Das Vertrauen der Menschen
Bofinger: Ihre Prognosen sind nie einge- hat für die meisten Menschen in Deutsch- wird erodieren, sobald die Notenbank
treten. Sie haben 2012 Ihren Lesern emp- land wenig Probleme mit sich gebracht. Helikoptergeld verteilt …
fohlen, Gold zu kaufen. Friedrich: Aber wir standen am Rande SPIEGEL: … also wenn die Notenbank di-
Friedrich: Das stimmt nicht. Wir haben des Abgrunds. Die Notenbanken mussten rekt Geld an die Bürger zahlen würde, um
unsere eingetroffenen Prognosen auf un- über Nacht eingreifen, die Politik hat die die Wirtschaft anzukurbeln, wie manche
serer Website veröffentlicht, aber auch die Banken gerettet. Parallel wird die Alters- Ökonomen ernsthaft empfehlen.
nicht eingetroffenen. Gold hat seit dem vorsorge immer schwieriger. Bofinger: Und dann?
Jahr 2000 alles outperformt. Bofinger: Na und? Ist doch alles professio- Friedrich: Wenn der Bäcker sagt, ich neh-
Bofinger: Aber seit 2012 nicht. Da haben nell gemacht worden. Selbst die Erzählung, me keinen Euro mehr, weil jeder 10 000
Sie den Leuten empfohlen, Gold zu dass es die Banken waren, die auf Kosten Euro Helikoptergeld erhält, dann wissen
kaufen. der Steuerzahler gerettet wurden, ist Sie, was die Stunde geschlagen hat.
Friedrich: Gold ist die ultimative Versiche- falsch. Gerettet wurden die, die ihre Gut- SPIEGEL: Warum sollte der Bäcker die
rung fürs Vermögen. Alle Notenbanken haben bei den Banken hielten, und das Euro nicht nehmen?
der Welt kaufen im Moment aktiv Gold war auch richtig so. Dagegen haben die Friedrich: Weil das Vertrauen erodiert.
auf, weil sie ihrem eigenen Produkt nicht Eigentümer der Banken, die Aktionäre, Kann man aus dem Nichts Geld schöp-
trauen. ohne Ende Geld verloren. fen und damit Wohlstand erzeugen? Das

72 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Mein Vermögen?
 $# $)!#$"$/'$(-$ 

Mit der Digitalen Vermögensverwaltung bevestor und den
-/++$ - 3+ -/ ) -! #- ) ) $))5"-0++


Hohe Ab 25 € monatlich Professionelle


Flexibilität * -
 $)('$" Vermögensverwaltung

smarter anlegen Ein Unternehmen der


Wirtschaft

Böse
hat wirtschaftshistorisch noch nie funk- Malthus. 1798 formulierte der die Theorie
tioniert. der Bevölkerungsfalle, die immer dann zu-
Bofinger: Doch, zum Beispiel in China. schnappe, wenn Ressourcen knapp wür-

Kapitalisten
Das Land hat über das Finanzsystem seine den. Überflüssige Population würde so auf
Wirtschaft unheimlich weit nach vorn ge- natürlichem Wege dahingerafft. Dement-
bracht. Die Staatsbanken haben den Un- sprechend setzte sich Malthus für jene
ternehmen Kredite gegeben, die Unterneh- brutalen Armenhäuser ein, die Dickens so
men haben investiert. Es ist eine Frage der Ökonomie Die Klassiker der schockierten – und agitierte gegen Wohl-
Dosis. Aber das Prinzip funktioniert. Kinderliteratur, vor allem zu tätigkeit, die das Leiden nur verlängere.
SPIEGEL: Herr Friedrich, noch einmal: Dickens’ Kritik an Malthus war wohl
Wieso sollte aus dem, was Sie beschreiben, Weihnachten, strotzen vor gerechtfertigt, die an der Ökonomie nicht
der größte Crash aller Zeiten werden? Das wirtschaftstheoretischen Weis- unbedingt. Nicht Philanthropen konnten
ist doch reine Glaubenssache. heiten. Soll man sie befolgen? die Massenarmut schlussendlich lindern –
Friedrich: Mein Szenario muss niemand sondern der durch die industrielle Revo-
teilen, aber die Fakten sprechen für sich. lution erwirtschaftete Wohlstand.
Wir werden sehen, dass Banken umfallen,
die EZB noch mal 15 oder 20 Billionen
Euro ins System pumpen wird, um die Re-
zession zu vermeiden. In jeder harten Re-
D ie wichtigste Figur in jeder Weih-
nachtsgeschichte ist zweifellos der
herzlose Egoist. Ohne verstockten
Aristokraten-Senior gäbe es keinen »klei-
Trotzdem haben Unternehmer in der
Welt der Kinderbücher bis heute oft keine
Chance. Wer nicht gerade Süßigkeiten
produziert, hat gern das Image eines
zession müssen die Notenbanken die Leit- nen Lord«. Ohne giftgrünen Grinch kein Sklaventreibers. Markt- und Konsumkri-
zinsen um fünf Prozentpunkte senken. konsumfreies Fest. Und ohne hochnäsige tik gehören zum Grundinventar der Kin-
Dann gibt es erst Deflation, anschließend Wirtsleute kein Christuskind der- und Jugendliteratur. Nur
kollabiert die Kreditvergabe, und dann im Stall. Goldschatzerbin Pippi Lang-
kommen Hyperinflation und Währungs- Weihnachten brauchte im- strumpf darf Weihnachten
reform. So war es in der Vergangenheit zu- mer schon griesgrämige Spiel- mit 18 Kilogramm Bonbons
meist. Verläuft es anders, dann freue ich verderber, denen bei all den versüßen. Andere Kinder ler-
mich, aber ich fürchte, dass es so kommt. Lichtern und guten Gedan- nen, dass man mit weniger
Sonst hätte ich das Buch nicht geschrieben. ken schließlich das Herz zufrieden sein muss.
SPIEGEL: Warum ist die Crash-Angst ge- aufgeht. Denn wenn Weih- »Die Literatur setzt sich
rade in Deutschland so groß? nachtsmuffel sich über Nacht oft zur Aufgabe, den Kin-

OXFORD UNIVERSITY PRESS


Friedrich: Wir haben am meisten zu ver- ändern können, warum dann dern die Gier auszutreiben«,
lieren, weil wir den größten Anteil an der nicht eine Gesellschaft? sagt Dirk Loerwald, Co-Lei-
EZB haben. Und wir haben in der Vergan- Charles Dickens hatte die- ter des Oldenburger Instituts
genheit ja schon öfter Währungsschnitte se Hoffnung, als er sich 1843 für ökonomische Bildung. In
erlebt. Ebenezer Scrooge ausdachte, Kinderbüchern gelte meist
Bofinger: Das Problem ist, dass die Deut- den Misanthropen aus »A das Egalitätsprinzip: Erst
schen wenig Vermögen in Sachwerte inves- Christmas Carol«. England wenn alle gleich sind, ist die
tiert haben. Nur 45 Prozent halten Immo- durchlebte gerade die bitte- Welt in Ordnung.
bilien. Stattdessen sind alle aufs Geldsparen ren Folgen der industriellen Ein Beispiel ist der Regen-
fixiert. Das hat die Politik auch lange ge- Revolution, in den Städten bogenfisch. Als glitzerndes
fördert, und das klappte ja auch, solange herrschte Massenarmut. Und Tier wird er von seinen Mit-
Staatsanleihen und andere Anlagen vier Dickens war fest entschlos- schwimmern beneidet. Am
Prozent Zinsen abwerfen. Aber das geht sen, dagegen anzuschreiben. Ende verteilt er die Schuppen
jetzt nicht mehr. Also erfand er den Kapi- gleichmäßig – und wird zu
SPIEGEL: Wie legen Sie denn Ihr Geld an? talisten Scrooge, der das Fest einem Regenbogenfischlein
Bofinger: In Immobilien. Für Aktien bin der Liebe so sehr hasst, dass unter vielen. Der Schweizer
ich zu nervös. Der Vorteil von Immobilien er jedem weihnachtsbeseel- Autor Marcus Pfister schrieb
ist, dass man nicht groß drüber nachden- ten Mitmenschen wünscht, das Buch vor fast 30 Jahren,
ken muss. mit einem »Pfahl von Stech- immer wieder wurde ihm
Friedrich: Gold und Silber als Lebensver- eiche im Herzen begraben eine sozialistische Agenda
sicherung gegen den Wahnsinn der EZB. zu werden«. Scrooge war für Kinderbuch-Cover unterstellt. Zu Unrecht, sagt
Sachwerte, die durch die Natur limitiert Dickens mehr als nur eine Armut und Konsumkritik Pfister. Ihm gehe es, wenn
sind, Ackerland etwa. Aktien. Und Bitcoin Parabel, er war ein Symbol überhaupt, um Konsumkri-
als Put gegen die Giralgeldschöpfung. für seinen Lieblingsfeind: die junge Dis- tik. Freundschaft zähle mehr als Materiel-
Bofinger: Bitcoin ist doch nur heiße Luft, ziplin der Wirtschaftswissenschaft. les. Schenken hält auch der US-Ökonom
Spielgeld wie bei »Monopoly«. Dickens misstraute der Lehre von An- Joel Waldfogel für überschätzt. 2009 stell-
Friedrich: Sie meinen den Euro, oder? gebot und Nachfrage. In der kalten, tech- te er die These auf, dass Weihnachtsge-
Bofinger: Gar nicht. Ich könnte hier auf nischen Ökonomie sah er ein »Skelett«, schenke eine gigantische »Vermögensver-
einen Zettel »100 Bofinger« schreiben, das dem der Mensch drum herum fehle. Di- nichtung« seien. Wer nämlich eine Kaffee-
hätte die gleiche Wirkung wie Bitcoin. ckens hatte eine romantische Vorstellung maschine für 1000 Euro verschenke, für
Friedrich: Sie haben keine Ahnung, bei von Wirtschaft – und eine klare Meinung die der Beschenkte nur 800 Euro ausge-
allem Respekt. zu den Ökonomen. geben hätte, schaffe einen Wohlfahrtsver-
Bofinger: Ich verstehe davon mehr als Sie, Man kann sie etwa erkennen, wenn lust von 200 Euro. Deswegen solle man,
mein Lieber! Scrooge arme Menschen als »überflüssige wenn überhaupt, Gutscheine verschenken.
SPIEGEL: Herr Bofinger, Herr Friedrich, Bevölkerung« bezeichnet. Dickens ent- Der Name des Buches: »Scroogenomics«.
wir danken Ihnen für dieses Gespräch. nahm den Begriff der Vorstellungswelt des Anton Rainer
britischen Nationalökonomen Thomas

74 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Kinostart am
2. Januar

lädt ins Kino ein!


Verlosung von 250 x 2 Freikarten
www.spiegel.de

KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE


Harlan Thrombey (Christopher Plummer) ist tot! Und nicht nur das – der renommierte Krimi- Registrieren Sie sich mit Ihrem
autor und Familienpatriarch wurde auf der Feier zu seinem 85. Geburtstag umgebracht. Doch Namen und Ihrer Adresse unter:
natürlich wollen weder die versammelte exzentrische Verwandtschaft noch das treu ergebene
www.spiegel.de/kartenverlosung
Hauspersonal etwas gesehen haben. Ein Fall für Benoit Blanc (Daniel Craig). Der lässig-
elegante Detektiv beginnt seine Ermittlungen, und während sich sämtliche anwesenden Gäste
alles andere als kooperativ zeigen, spitzt sich die Lage zu und das Misstrauen untereinander
wächst. Ein komplexes Netz aus Lügen, falschen Fährten und Ablenkungsmanövern muss
Einsendeschluss ist der 26.12.2019,
durchkämmt werden, um die Wahrheit hinter Thrombeys vorzeitigem Tod zu enthüllen. 24 Uhr. Die Gewinner erhalten die
Eine extravagante Familie, ein charmant-mysteriöser Ermittler und zahlreiche überraschende Kinokarten per Post, hierfür sind Ihr
Wendungen machen KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE zu einem grandiosen Name und Ihre Adresse notwendig.
Die Freikarten sind in allen Kinos
Kinovergnügen. Dem Autor und Regisseur war es dabei auch ein Anliegen,
einlösbar, in denen der Film in
dem Muster einer klassischen Tradition zu folgen. So werden, ganz im Stil Deutschland gezeigt wird. Es gelten
von Agatha Christie, inmitten eines labyrinthisch verschlungenen Mord- die aktuellen Datenschutzbestim-
geheimnisses auch die sich wandelnden sozialen Beziehungen erforscht. mungen, insbesondere werden die
Die Krimikomödie ist hochkarätig besetzt, unter anderem mit Daniel Craig, Adressen der Gewinnspielteilnehmer
Christopher Plummer, Chris Evans und Jamie Lee Curtis. nicht an Dritte weitergegeben. Der
QR-Code scannen Rechtsweg ist ausgeschlossen. Miss-
/KnivesOut.DerFilm und online registrieren brauch wird zur Anzeige gebracht.
Ausland
»Jetzt kommen bald die Gangster raus und schießen herum. Das ist unsere Nachtmusik.« ‣ S. 86

JIM RUYMEN / UPI / LAIF


Jesus, Maria und Josef in Käfigen, so stellt die United Methodist Church im kalifornischen Claremont
das Krippenspiel dieses Jahr dar. Mit der drastischen Inszenierung kritisiert die Kirche symbolhaft
die Flüchtlingspolitik von Donald Trump und die Art, wie die US-Regierung mit Familien umgeht, die
in den Vereinigten Staaten Asyl suchen.

Analyse

Die Wut der Straße


Indiens Premier Narendra Modi ist im Begriff, einen nationalistischen Hindustaat zu errichten.

Zunächst wirkt das neue Staatsbürgerschaftsgesetz wie eine Wie die Regierung auf die Wut der Straße reagierte, war
humanitäre Geste: Man wolle damit religiöse Minderheiten vor bezeichnend. In vielen Landesteilen schalteten Behörden das
Verfolgung schützen, sagt die Regierung von Premier Narendra Internet ab, zudem gelten Versammlungsverbote. Es wird deut-
Modi. Tatsächlich erleichtert das Gesetz, das vorige Woche im lich, was Modi mit dem neuen Gesetz erreichen will: Er will
Parlament verabschiedet wurde, den Angehörigen von sechs umdefinieren, was es bedeutet, Inder zu sein. Auch die muslimi-
Religionsgruppen aus Pakistan, Bangladesch und Afghanistan, schen Rohingya-Flüchtlinge aus Myanmar können nicht mehr
schneller an die indische Staatsbürgerschaft zu kommen – mit auf die Milde des Staates hoffen. Geht es nach dem Premier-
einer Ausnahme: Muslimen. Die teils gewaltsamen Proteste, die minister und seiner Bharatiya-Janata-Partei, wird Indien künftig
folgten, sind die schlimmsten Unruhen der jüngeren Zeit. kein pluralistisches Land mehr sein, sondern ein nationalistischer
Die Demonstranten fürchten, das Staatsbürgerschaftsgesetz Staat, in dem die Hindumehrheit die Macht hat.
diene dazu, Indiens rund 200 Millionen Muslime zu diskriminie- Eine paradoxe Auswirkung hat Modis Strategie jedoch:
ren. Im Bundesstaat Assam verlangten die Behörden von Der Kampf gegen das Gesetz hat die zerstrittene Opposition
Bürgern den Nachweis, dass sie oder ihre Vorfahren vor 1971 in zusammengeführt. Hindus und Muslime, junge und alte
Indien ansässig waren. Fast zwei Millionen Menschen fielen Menschen demonstrieren Schulter an Schulter in den Straßen.
durch, sie könnten bald als staatenlos gelten. Zigtausenden Men- Modi hat erreicht, was er nie wollte. Er hat seine Kritiker
schen droht die Internierung in Lagern. geeint. Christoph Scheuermann

76 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Spanien des Separatistenführers sowie eine
Harsche Rüge Annullierung des Urteils. Das steht wohl
nicht zur Debatte, aber Junqueras’ ehe-
 Katalanische Separatisten haben einen maliger Vorgesetzter Carles Puigdemont,
Erfolg vor dem Europäischen Gerichtshof der sich in Belgien aufhält, hofft jetzt,
errungen: Den Richtern zufolge hätte der von seiner Immunität als Europaabgeord-
frühere katalanische Vizeministerpräsi- neter Gebrauch machen und wieder in
dent Oriol Junqueras nicht daran gehin- die Heimat reisen zu können. Belgische
dert werden dürfen, sein Mandat im Richter müssen bald über ein Ausliefe-
Europäischen Parlament anzutreten, das rungsbegehren Spaniens entscheiden.
er bei der Wahl im Mai erworben hatte. Junqueras’ Parteifreunde von der
Junqueras saß in Untersuchungshaft, Republikanischen Linken ERC trumpfen
während gegen ihn in Madrid ein Verfah- jetzt auf, weil sie sich von Europa be-
ren wegen des Unabhängigkeitsreferen- stärkt fühlen. Das erschwert und verzö-
dums 2017 lief. Das Urteil der EU-Richter gert die Verhandlungen über die Bildung
ist zugleich eine harsche Kritik an der einer Regierung – nach acht Monaten

NARONG SANGNAK / EPA-EFE / REX


spanischen Justiz. Seit dem 13. Juni, als Machtvakuum in Madrid. Der Sozialist
die gewählten Europaabgeordneten offi- Pedro Sánchez ist für eine Koalition mit
ziell verkündet wurden, habe Junqueras Podemos zumindest darauf angewiesen,
Immunität genossen. Die spanische Justiz dass ERC sich der Stimme enthält, damit
hätte zunächst deren Aufhebung bean- er wieder zum Ministerpräsidenten ge-
tragen müssen. Nun fordern Junqueras wählt werden kann. Die Separatisten trei-
und seine Unterstützer die Freilassung ben den Preis dafür nun in die Höhe. HZU
Thanathorn in Bangkok

Thailand
Uiguren Lagern in Verbindung stehen, wären
hilfreich. Aber die EU sollte auch nicht
Idol in Bedrängnis
»Ich hoffe, dass das zu weit gehen. Seit dem Militärcoup vor gut fünf Jah-
SPIEGEL: Wie meinen Sie das? ren haben sich in Bangkok nicht mehr
nicht tragisch endet« Ilham: Es wäre nicht ideal, die gesamte so viele Demonstranten versammelt:
chinesische Regierung zu bestrafen oder 10 000 Menschen protestierten am ver-
Jewher Ilham, 25, ist die Tochter des alle Handelsbeziehungen mit China zu gangenen Wochenende gegen das
chinesischen Ökonomen Ilham Tohti, der begrenzen. Wir wollen kein Problem drohende Verbot der »Future-Forward-
wegen seines Eintretens für die Rechte schaffen, sondern eines lösen. Deshalb Partei«, der zweitgrößten Oppositions-
von Uiguren zu lebenslanger Haft verur- sollten die Maßnahmen auf bestimmte partei im Land. Ihr Anführer Tha-
teilt wurde. Ilham kam 2013 in die USA, Produkte, Unternehmen oder Beamte nathorn Juangroongruangkit, 41, war
nachdem ihr Vater festgenommen wor- ausgerichtet sein, die mit den Lagern in Idol der Jugend. Der Sohn einer
den war. Am Mittwoch nahm sie anstelle Verbindung stehen. schwerreichen Familie galt als »Thai-
ihres Vaters vom Europaparlament in SPIEGEL: Die chinesische Regierung lands Macron«, wollte Premier werden
Straßburg den Sacharow-Preis entgegen. bezeichnet die Lager als »Ausbildungs- und die Herrschaft des Militärs be-
zentren«, Sie nennen sie Konzentrations- enden. Doch derzeit laufen gut zwei
SPIEGEL: Frau Ilham, die chinesische lager. Dutzend Verfahren gegen Thanathorn
Regierung hat in der Region Xinjiang Ilham: Ich weiß, dass der Begriff an die und die »Future-Forward-Partei«, was
Hunderttausende Uiguren interniert. Ermordung von Millionen Juden erin- ihre Auflösung nach sich ziehen könnte.
Finden Sie, dass die EU genug für die nert. Und ich höre immer wieder, dass In einem der größeren Fälle ist die
Uiguren unternimmt? die Geschehnisse in China nichts sind im Partei bizarrerweise beschuldigt, die
Ilham: Es ist ein Anfang. Aber es gibt Vergleich zu dem, was in Europa passiert Monarchie stürzen zu wollen, weil sie
noch viel Raum für Verbesserungen. Ich ist. Aber die Judenverfolgung fand nicht Verbindungen zum Geheimbund der
hoffe auf weitere Maßnahmen. an einem Tag statt, sondern über Jahre. Illuminaten habe. In einem anderen
SPIEGEL: Was erwarten Sie? Und in China findet bereits ein kulturel- Fall soll sie Spenden aus illegaler Quelle
Ilham: Es hilft, das Vor- ler und ethnischer Völker- angenommen haben – Thanathorn
gehen der chinesischen mord statt. Eine Kultur, hatte der Partei 6,3 Millionen Dollar
Regierung zu verurteilen. eine Religion und eine geliehen. Im November hatte Thailands
Aber es wäre noch besser, Sprache werden vernichtet. Verfassungsgericht ihn bereits für schul-
wenn die EU chinesische In den Lagern werden dig befunden, gegen das Wahlgesetz
Behörden oder westliche Menschen gefoltert und verstoßen zu haben, er verlor darauf-
Regierungen sanktionieren getötet. Überlebende hin seinen Sitz im Parlament. Tha-
würde, die solche Konzen- berichten, dass ihre Finger- nathorn wird vorgeworfen, dass er zum
trationslager direkt unter- nägel herausgerissen wur- Zeitpunkt seiner Registrierung als
JEAN-FRANCOIS BADIAS / AP

stützen. Die chinesische den, dass sie vergewaltigt Kandidat Anteile an einem Medien-
Regierung profitiert von und ihre Kinder getötet unternehmen hielt. Seine Partei
den Lagern. Wenn das wurden. Ich hoffe, dass das bezeichnet die Anschuldigungen als
aufhörte, würde es Pekings nicht so tragisch endet wie politisch motiviert. Mit dem Wunsch
Perspektive vielleicht während der Nazizeit, aber nach Demokratie wird die im Jahr
ändern. Visabeschränkun- die Dinge sind tragisch 2018 gegründete Partei den Herrschen-
gen für Beamte, die mit den Ilham mit Tohti-Foto genug. MBE den offenbar zu unbequem. KUK

77
Ausland

Der Rosenkrieg
Großbritannien Ein Problem gelöst, ein neues geschaffen: Nach
dem Wahlsieg der Tories muss Boris Johnsons England
aufpassen, dass ihm Schottland, Nordirland und Wales nicht von
Bord gehen. Das Königreich ist so unvereinigt wie selten zuvor.

E
s dämmert über der alten Schmie- gigkeit führen werde: »Und als Anführer
de von Gretna Green, als die letz- einer in Schottland geschlagenen Partei ha-
te Hochzeit des Tages ihren Lauf ben Sie kein Recht, uns im Weg zu stehen.«
nimmt. Vom Shop gegenüber, den Damit sind die Weichen gestellt für
auch an diesem dritten Advent wieder die einen Showdown, der das Zeug dazu hat,
Chinesen überrannt haben, ist die Kassie- so unerbittlich zu werden wie der jahre-
rerin rübergeschlurft, um als Trauzeugin lange Zank um den Brexit. Der nicht nur
zu fungieren. Die gelangweilte Standesbe- in Schottland, sondern auch in Nordirland
amtin kritzelt die Personalien auf ein DIN- und womöglich gar Wales geführt werden
A5-Blatt. Danach wird es für acht Minuten wird. Und an dessen Ende das schon lange
feierlich in dem etwas klammen Raum, wo nicht mehr vereinigte Königreich in seine
Schüreisen an den Wänden hängen und Einzelteile zerfallen könnte: England,
ein wuchtiger Amboss in der Mitte steht. Schottland, Nordirland, Wales.
Es treten ein: Keith und Caroline, nicht Für Johnson wäre es die bitterste Wen-
mehr ganz jung, aber sehr aufgeregt. Er in dung in der Brexit-Saga: Sein größter Er-
Schwarz, sie in Weiß. Aus der betagten folg droht zum Wegbereiter einer epocha-
Musikanlage tönt blechern Jimmy Rad- len Niederlage zu werden.
cliffe: »Don’t go away, don’t you leave me, Zwar hat das Wahlergebnis die Macht-
or I’ll cry ’til the end of time.« Caroline verhältnisse fürs Erste geklärt. Mit ihrer
tupft sich die Wangen. Mehrheit von 80 Sitzen im Unterhaus kön-
Rund vier Stunden lang sind sie und nen die Konservativen fortan praktisch tun
ihr Zukünftiger von Shropshire, Mitteleng- und lassen, was sie wollen. Als Erstes wird
land, hierher ins schottische Gretna Green Johnson die Inselnation am 31. Januar aus
gefahren. »Musste sein«, sagt Keith, als der EU führen. Danach wird er versuchen,
sie später draußen in der Kälte stehen. Brüssel bis Ende 2020 einen Freihandels-
»Haben wir lange von geträumt.« So wie vertrag zu seinen Bedingungen zu diktie-
Tausende andere Paare, die sich jährlich ren. Gelingt das nicht, wird er sein Land
hier trauen lassen. Seit 1754, als der unge- am Ende womöglich doch in den vertrags-
liebte Nachbar England seine Ehegesetze losen Bruch mit der EU zwingen. Und es
verschärfte, sind der Grenzort am Flüss- gibt niemanden, der ihn daran hindern
chen Sark und die Schmiede, die damals könnte. Die Tories, tönte Johnson in der
zu einer Art Standesamt wurde, zum Sehn- Wahlnacht, »sprechen nun wirklich für
suchtsort für Heiratswillige geworden. jeden Teil des Landes«.
Gretna Green ist stolz darauf, eine der Für jeden? Eben nicht.
Hochzeitshauptstädte der Welt zu sein. Tatsächlich musste Johnson in jener
Neuerdings jedoch fürchten viele im denkwürdigen Wahlnacht miterleben, dass
Ort, dass sie bald schon mit einer schmut- der stramme Rechtskurs, den er seiner ken. Die DUP – härtester Gegner einer iri-
zigen Scheidung in Verbindung gebracht Tory-Partei verordnet hat, nicht überall schen Wiedervereinigung und in den ver-
werden könnten. gleichermaßen verfing. In Schottland, das gangenen Jahren einziger Bündnispartner
Es war am frühen Freitagmorgen ver- 2016 mit klarer Mehrheit für einen Ver- der Tories – verlor sensationell zwei Sitze
gangener Woche, als den Menschen im bleib in der EU gestimmt hatte, verloren in der Provinz. Stattdessen haben mit Sinn
Vereinigten Königreich zu dämmern be- die Konservativen vielmehr 7 ihrer 13 Sit- Féin und der sozialdemokratischen SDLP
gann, dass sie zwar ein schwerwiegendes ze. Nicola Sturgeons Schottische Natio- nun erstmals überhaupt jene Kräfte eine
Problem gelöst, sich dafür aber ein anderes nalpartei (SNP) holte dagegen 47 von ins- Mehrheit, die eine Nation auf der irischen
eingebrockt hatten. In London feierten Bo- gesamt 59 Mandaten. Es war der vierte Insel propagieren.
ris Johnson und seine Konservativen, dass Wahlerfolg hintereinander für die linke Explosiver könnte die Lage damit nicht
nach einem triumphalen Wahlsieg der Partei, die einen in Europa raren welt- sein für das Vereinigte Königreich Groß-
Weg zu ihrem Wunsch-Brexit nun frei ist. offenen und migrationsfreundlichen Na- britannien und Nordirland, das in dieser
650 Kilometer weiter nördlich stand fast tionalismus etabliert hat. Form seit 1922 existiert. Und Johnson
zur selben Zeit Schottlands Regierungs- In Nordirland, wo die Brexit-Gegner selbst hat erheblich dazu beigetragen. Er
chefin Nicola Sturgeon vor den Kameras 2016 ebenfalls in der Überzahl waren, ge- schlug sich von Anfang an auf die Seite
und rief ebenjenem Johnson zu, dass sie riet derweil die Machtbalance zwischen der protektionistischen und in Teilen aus-
ihr Land nun endgültig in die Unabhän- Unionisten und Republikanern ins Wan- länderfeindlichen Kräfte seiner Partei,

78 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


SOPHIE GERRARD / DER SPIEGEL
Schottische Flagge mit EU-Sternen in Edinburgh: Der Freiheitsdrang unter jungen Schotten ist sogar noch größer als unter älteren

machte moderate Stimmen mundtot, igno- für ein selbstständiges Wales auf die Stra- deten Meinungsforscher, dass vor allem
rierte die Schotten, belog die Nordiren. ße, der nächste Marsch ist geplant. Unter zwei Faktoren eine Mehrheit für die Un-
Der Regierungschef habe die Tories zu 18- bis 24-jährigen Walisern liegt die Zu- abhängigkeitskämpfer bringen könnten:
einer »englischen Nationalpartei« umge- stimmung zur Unabhängigkeit bereits bei Boris Johnson und der Brexit.
formt, sagt Tony Blairs ehemaliger Stabs- 42 Prozent, wenn die Provinz dafür in der Der blonde Berserker, der England im
chef Jonathan Powell. Und in der Folge EU bleiben könnte. Sturm genommen hat, ist für die SNP ein
sind nun eben auch der schottische und In Schottland sind sie darüber schon lan- Gottesgeschenk.
der irische Nationalismus auf dem Vor- ge hinaus. Seit die SNP im Parlament von In Gretna Green, wo sie so gern Bünde
marsch. Dort sind viele überzeugt, dass Edinburgh 2011 die absolute Mehrheit er- fürs Leben schließen, geht seither die
Johnson, wenn er vollmundig einen »One rang, wächst die Sehnsucht nach einem na- Angst um. In der dortigen »Old Toll Bar«,
Nation Conservatism« verspricht, in Wirk- tionalen Alleingang anscheinend unauf- dem ersten Haus hinter der englisch-schot-
lichkeit nur eine Nation meint: England. haltsam. Seinerzeit war gerade mal einer tischen Grenze, sitzt am Sonntag Trisha
Selbst in Wales, wiewohl 2016 mehrheit- von vier Schotten für die Unabhängigkeit. Gray und sagt: »Soll das hier wieder ein
lich für den Brexit, sind wachsende Un- 2014 verlor die SNP zwar ein entsprechen- Zollhaus werden? Was für ein Quatsch!«
abhängigkeitsbestrebungen nicht mehr des Referendum, nur 45 Prozent stimmten Gray, an deren Ohren zwei Schneemän-
zu übersehen. Tausende gingen zuletzt in für einen schottischen Staat. Aber seither ner baumeln, führt das Lokal, in dessen
Cardiff, Merthyr Tydfil und Caernarfon wächst die Zustimmung. Zuletzt verkün- Nebengebäude seit 1830 angeblich schon

79
Europa Warum nach dem Ausscheiden der Briten aus der EU schon Im Wahlkampf sprach er von einem »Super-
Kanada-Plus«-Abkommen. Übersetzt heißt
Ende 2020 erneut ein chaotischer harter Brexit droht das: Johnson strebt einen möglichst um-
fassenden Marktzugang für britische Waren

Herzschlagfinale, Teil zwei und vor allem Dienstleistungen an – und


gleichzeitig möglichst viel Freiheit, um von
den EU-Regeln abzuweichen.
Darauf kann sich Brüssel keinesfalls ein-
lassen, das macht die Ausgangslage so
 Michel Barnier lässt keinen Zweifel auf- dem Ausscheiden der Briten nur noch bis komplex. Sicher, auch Ursula von der Leyen
kommen, dass der Brexit Ende Januar nun Ende 2020 gelten. Elf Monate, bis dahin wünscht sich »null Zölle, null Quoten,
wirklich kommt. »Im Februar sind wir so muss das Abkommen über die künftigen null Dumping« – ein Angebot, das die
weit«, sagt der EU-Brexit-Unterhändler. Beziehungen stehen – oder es droht, ein- EU bisher noch keinem Drittland gemacht
Barnier ist am Dienstagabend ins Europa- mal mehr, ein Brexit ohne Auffangnetz, hat. Doch die Kommissionschefin weiß,
parlament nach Straßburg gekommen. Es also das schlimmste denkbare Szenario dass die EU diesen VIP-Eintritt in ihren
ist das erste Mal seit Boris Johnsons Wahl- für Bürger und Wirtschaft, inklusive Zöl- Binnenmarkt nur gewähren kann, wenn
sieg, dass sich der Franzose mit der Brexit- len und Chaos an den Häfen. die Briten sich nicht zu einem unfairen
Steuerungsgruppe im Europaparlament Barnier, der Vorzeigediplomat, gibt sich Wettbewerber entwickeln, der beim
austauscht. Die Runde ist sich schnell einig: im Kreis der Abgeordneten optimistisch. Umweltschutz oder im Sozial-, Arbeits-
Nach derzeitigem Stand wird das Euro- Ende 2020 sei zu schaffen, sagt er. Andere und vor allem Beihilferecht in Zukunft
päische Parlament am 29. Januar über das EU-Diplomaten sind indes skeptischer. nicht weit laxeren Regeln folgt als die EU.
Austrittsabkommen abstimmen. Bislang hat die Gemeinschaft noch nie ein Die grobe Formel für die anstehenden
Und dann? Dann geht alles wieder von Freihandelsabkommen in so knapper Zeit Verhandlungen lautet daher: Je stärker
vorn los. Nach dem harten Brexit ist vor ausgehandelt. Bei Ceta, dem Vertrag mit die Briten sich an die EU-Regeln halten,
dem harten Brexit – das ist die Stimmung, den Kanadiern, benötigte man acht Jahre. desto größer wird ihr Marktzugang sein.
Je mehr sie abweichen, desto höher liegen
künftig die Hürden für britische Exporte
in die Gemeinschaft.
Die Zeit drängt, zumal es in den kom-
menden Monaten nicht nur um Handelspro-
bleme geht, sondern auch um die Zusam-
menarbeit in Sicherheitsfragen (»Schenge-
ner Informationssystem«, Europol), um das
sensible Thema der Fischereirechte und um
Landerechte von Fluggesellschaften.
Es droht, mal wieder, ein Herzschlag-
finale. Die Brexit-Arbeitsgruppe im Rat
tagt ab 8. Januar beinahe täglich, um das
Verhandlungsmandat für Barnier vorzube-
reiten – am 25. Februar soll es beschlossen
werden. Da die Staats- und Regierungs-
chefs der EU die Ergebnisse am Ende prü-
fen wollen, schrumpft die Zeit für die Ver-
JESSICA TAYLOR / AFP

handlungen auf neun oder zehn Monate.


Die EU-Unterhändler planen daher, mit
den Briten zunächst über die Themen zu
reden, bei denen es im Fall eines harten
Brexits Ende 2020 keinerlei adäquate Auf-
Wahlsieger Johnson: Die Zeit für die Verhandlungen schrumpft auf neun oder zehn Monate fangregeln gibt: Ohne Handelsabkommen
drohen ab Anfang 2021 Einfuhrquoten
und Zölle. Bei den Landerechten für bri-
mit der die Unterhändler der EU in das Entscheidend wird sein, welche Art von tische Airlines dagegen könnte man mit
neue Jahr gehen. Nach dem klaren Wahl- Abkommen die Briten und die EU tatsäch- Notfallvorkehrungen das Schlimmste erst
sieg Johnsons herrschte zunächst Erleich- lich anstreben. Die EU-Unterhändler neh- mal verhindern, sollte nicht rechtzeitig ein
terung. Nach dreieinhalb Jahren Unge- men Johnson beim Wort, der immer wie- Abkommen erreicht werden.
wissheit liegen die Dinge nun klar: Die der gesagt hat, sein Vorbild sei der Vertrag Vor allem für Kanzlerin Angela Merkel
Briten verlassen die EU. »Chapeau, muss mit Kanada. »Genau das bereiten wir der- ist die sich abzeichnende neue Folge
man einfach sagen, dass ihm das gelungen zeit vor«, sagte Sabine Weyand, Barniers im Brexit-Drama keine gute Nachricht.
ist«, gratuliert Angela Merkel nach dem ehemalige rechte Hand in der Brexit-Task- Deutschland übernimmt im zweiten Halb-
EU-Gipfel am vergangenen Freitag sogar. force, zuletzt bei einer Diskussionsveran- jahr 2020 die rotierende EU-Ratspräsi-
Doch auch Merkel weiß, wie hart die staltung in Brüssel. Als Chefin der General- dentschaft. Die Kanzlerin wollte sich
Gespräche mit den Briten noch zu werden direktion Handel wird sie auch künftig an dann um die großen Fragen der EU küm-
drohen. Das Problem ist, dass Johnson den Verhandlungen beteiligt sein. mern, das künftige Verhältnis zu China
es kategorisch ablehnt, die Übergangsfrist Das Problem ist nur, dass Johnson für etwa. Nun dürfte ein näher liegendes Pro-
zu verlängern, die ab dem 1. Februar läuft. die Briten deutlich mehr herausholen will, blem dominieren – der Brexit eben.
Das bedeutet, dass die EU-Regeln nach als die EU den Kanadiern zugestanden hat. Peter Müller

80
Ausland

wenn die SNP bei den schottischen Wah-


len 2021 wieder die absolute Mehrheit
holen sollte.
Nur: Wie lange lässt sich diese Verwei-
gerungshaltung durchhalten? Was, wenn
die Zustimmung zu einem schottischen
Alleingang auf 55 Prozent steigt? Auf 60?
Gut möglich, dass es so kommen wird:
Umfragen zeigen, dass der Freiheitsdrang
unter jungen Schotten sogar noch größer
ist als unter älteren. Wird Schottland dann
zum britischen Katalonien? Die SNP
schließt das aus, sie will die Unabhängig-
keit auf legalem Weg erreichen. Sie plant
stattdessen einen Krieg um die Köpfe.

PAULO NUNES DOS SANTOS / DER SPIEGEL


»Die Zeit ist auf unserer Seite«, sagt An-
gus Robertson am Montag in der Schotti-
schen Nationalbibliothek in Edinburgh. Er
vergräbt sich hier derzeit mehrere Tage
pro Woche, um an einem Buch zu schrei-
ben – und so sieht er mit seinem Sechs-
tagebart und seinen blassen Wangen auch
aus. Seit der britischen Parlamentswahl je-
doch ist der ehemalige SNP-Vize, ein Ver-
Sinn-Féin-Politiker Finucane: Traum von einem »neuen Irland« trauter von Nicola Sturgeon, bestens ge-
launt. Vor einigen Monaten hat Robertson
den Thinktank »Progress Scotland« ge-
10 000 Brautpaare vermählt wurden. Sie Nash hofft daher, dass Boris Johnson, gründet, um die Unabhängigkeit voranzu-
stammt aus Glasgow, ist verheiratet mit ei- wenn schon nicht den Brexit, dann wenigs- treiben. Jetzt sieht er sich und seine Lands-
nem Engländer und sagt: »Ich liebe alle tens die schottische Unabhängigkeit ver- leute dicht vor dem Ziel: »Normale Länder
Menschen, egal, woher sie kommen.« Hin- hindern wird. Noch sieht es danach aus. regieren sich selbst.«
ter ihr, überm Kuchenbüfett, hängen zwei Den Antrag aus Edinburgh für ein weiteres Es könne einfach nicht sein, dass Schott-
Uhren an der Wand, eine zeigt die schot- schottisches Unabhängigkeitsreferendum, land gegen seinen Willen aus der EU ge-
tische Zeit, eine die englische. Sie ticken der am Donnerstag in London einging, trieben werde, sagt der 50-Jährige. Was
genau gleich. Aber wer weiß, wie lange werde man ungeöffnet »zurück an den Ab- auch immer Boris Johnson in den kom-
das noch so bleibt? sender« schicken, hat der Premierminister menden Monaten versuchen werde, um
Niemand hier im Grenzgebiet kann sich versprochen. Sein Nein gelte selbst dann, die Schotten zu umgarnen, er werde da-
vorstellen, dass es je wieder Schlagbäume mit scheitern. »Johnson ist ein Lügner,
am Ufer des Sark geben könnte. Anderer- Gespaltenes Königreich Sexist und Rassist, wieso sollten wir ihm
seits hat die Universität Sussex gerade ge- Gewinner der Wahlkreise glauben?« Und je länger die Regierung
meldet, dass das sehr wohl sehr bald der in London die schottischen Bedürfnisse
Fall sein könnte. Es sei nämlich das Recht ignoriere, desto mehr Menschen werde
der schottischen Regierung, auch nach er der Unabhängigkeitsbewegung in die
dem Brexit EU-Lebensmittelstandards Arme treiben.
beizubehalten. Sollten die Engländer nach SCHOTTLAND Den Schotten gehe es derzeit wie einer
dem EU-Austritt aber amerikanischen Tories haben Frau, die nach häuslicher Gewalt die Schei-
7 von 13 Sitzen
Chlorhühnchen ihren Markt öffnen, müss- verloren, SNP dung wolle, während der Eheberater zum
ten in Grenzorten wie Gretna wohl Check- Edinburgh strebt neues Mann sagt: »Sperr sie ein, wirf den Schlüs-
points errichtet werden. Unabhängigkeits- sel weg, sag ihr, dass das gut für sie ist.«
Schon wäre ein symbolischer Schritt hin Gretna referendum an. Robertson schnauft: »So etwas passiert in
zur schottischen Unabhängigkeit getan. Green einer Bananenrepublik! Aber hier?«
Von einer »brandgefährlichen Situa- Belfast Der Ton ist damit gesetzt für eine Aus-
tion« spricht Pamela Nash, die mal La- einandersetzung, die die leidgeprüften Bri-
bour-Abgeordnete war und heute die Anti- ten erneut auf Jahre hinaus malträtieren
Unabhängigkeit-Bewegung »Scotland in NORDIRLAND könnte. Mit ihrer 47-köpfigen Truppe im
Union« anführt. Wenn niemand sie recht- erstmals Mehrheit britischen Parlament wird die SNP keine
zeitig stoppe, drohten die Schotten im für Nationalisten Gelegenheit auslassen, Johnson als doppel-
ENGLAND
Kleinen den gleichen Fehler zu begehen, züngig hinzustellen. Als einen, dem 44 Pro-
den die Briten im Großen begangen hätten. WALES zent der britischen Wählerstimmen rei-
Wie die Brexiteers versuche die SNP, den wachsende chen, um das gesamte Königreich aus der
Unabhängigkeits- London
Menschen einzureden, dass ein nationaler bestrebungen EU zu zwingen – der 45 Prozent für die
Alleingang die Lösung aller Probleme sei. SNP in Schottland aber als ungenügend be-
»Es ist schmerzhaft ironisch«, sagt Nash: trachtet, um ein neues Referendum zuzu-
»Viele unterstützen die SNP vor allem des- lassen. Die Freiheitskämpfer werden mit
halb, weil sie durch jahrelange Sparpolitik Tories Labour Schottische Nationalpartei (SNP) allen Mitteln diesen Rosenkrieg führen und
in die Armut getrieben wurden.« Ihnen Liberaldemokraten Demokratische Unionisten (DUP) wie schon 2014 Prominente von beiden
könnte ein böses Erwachen drohen. Sinn Féin Plaid Cymru (Walisische Partei) Sonstige Seiten der Grenze – damals gehörten dazu

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 81


Unabhängigkeitsvotum bereits erreicht
sein könnte. Mit dem Brexit haben die An-
hänger eines vereinigten Irlands zudem
ein politisches Pfund, mit dem sich wu-
chern lässt – zumal, wenn Johnson Ende
2020 doch noch den vertraglosen Bruch
mit der EU wählen sollte.
In Ardoyne, einem katholischen Stadt-
teil von Belfast, der viele Jahre lang Zen-
trum der Auseinandersetzungen war,
fürchten die Menschen sich zwar vor dem
Brexit und seinen Konsequenzen. Aber
sie wittern auch Morgenluft. »Boris John-
son sind wir egal«, sagt Paul McCusker,
ein Krankenpfleger aus Ardoyne. »Also
müssen wir selbst überlegen, wie wir die
Dinge verbessern können.« Mit verbes-

SOPHIE GERRARD / DER SPIEGEL


sern meint er: weg vom verhassten Eng-
land. Fast alle Katholiken, die man in die-
sen Tagen fragt, sehen es ähnlich.
Selbst einige, die sich traditionell bri-
tisch fühlen, wenden sich inzwischen ab
von Boris Johnsons England. »Wir müssen
pragmatisch sein«, sagt Alan McBride, der
Anti-Unabhängigkeit-Aktivistin Nash: Den Schotten könnte ein böses Erwachen drohen in einem Traumazentrum arbeitet, das Op-
fer des Nordirlandkonflikts unterstützt.
McBrides Frau wurde 1993 bei einem
Sean Connery, Judi Dench, Mick Jagger – ist in seiner Bedeutung nicht hoch genug Bombenanschlag der IRA getötet. Er sähe
für sich sprechen lassen. einzuschätzen. Es verschiebt das Kräfte- es lieber, wenn Nordirland ein Teil von
Auch wenn Johnson bislang Siegesge- verhältnis in der Region. Großbritannien bliebe. »Aber wenn der
wissheit ausstrahlt: Dieser Kampf wird Mit John Finucane haben die proiri- Brexit wirtschaftlich eine Katastrophe
auch für einen wie ihn nicht leicht zu ge- schen Nationalisten erstmals eine Mehr- wird, müssen wir über alles nachdenken.«
winnen sein. Denn es sind ja nicht nur die heit gegenüber den probritischen Unionis- Es ist ein hochentzündliches Gemisch
aufmüpfigen Schotten, die er in Schach hal- ten. Und die wollen sie nutzen, um die aus Nationalismus und Unzufriedenheit,
ten muss. Zeitgleich wird er in Phase zwei Vereinigung mit der Republik Irland vo- das in Nordirland freigesetzt wurde. Soll-
der Brexit-Verhandlungen weiterhin gegen ranzutreiben. »Die vergangenen Jahre ha- te es tatsächlich dazu führen, dass die Pro-
27 EU-Nationen antreten müssen. Und ben gezeigt, dass die englische Regierung vinz sich irgendwann von Großbritannien
dann gibt es, auf der anderen Seite der Iri- sich nicht um die Interessen der Menschen lossagt, werde jeder wissen, wessen Werk
schen See, auch noch die Nordiren, die sei- hier schert«, sagt Finucane. »Wir haben das war, sagt Jonathan Powell: »Para-
ner Partei das Regieren schon seit Jahren jetzt die Möglichkeit, selbst über unsere doxerweise haben Mr Johnson und der
sauer machen – und jetzt auch noch die Zukunft zu bestimmen.« Brexit womöglich mehr für ein vereinig-
aus seiner Sicht Falschen gewählt haben. Seine linke Partei Sinn Féin, die einst tes Irland getan, als es die IRA je ver-
John Finucane hat in seinem Leben vie- als politisches Sprachrohr der IRA galt und mocht hat.«
le Kämpfe ausgefochten: Er ist Anwalt, hat heute als einzige Kraft auf der gesamten Eine Insel weiter östlich sitzt ein Regie-
ehemalige IRA-Mitglieder vor Gericht ver- irischen Insel antritt, arbeitet unermüdlich rungschef, der seit der Wahl bereits mehr-
teidigt und Schadensersatz für die Opfer an einer Volksabstimmung über die Verei- fach die Einheit der Nation beschworen
von Polizeigewalt erklagt. Doch der größte nigung. Sie kann sich dabei auf das Kar- hat. Boris Johnson hat sich schon im Juli
Kampf steht dem 39-jährigen Sinn-Féin- freitagsabkommen berufen, mit dem pro- zum »Minister für die Union« ernannt.
Politiker womöglich jetzt bevor. Finucane irische Katholiken und probritische Pro- Und er wird vieles versuchen, um sie zu
will die Unabhängigkeit für Nordirland er- testanten 1998 ihren jahrzehntelangen retten – allein schon, um nicht als letzter
streiten. »Eine Abstimmung darüber ist Bürgerkrieg beendeten. In dem Vertrag Premier des Vereinigten Königreichs in die
unausweichlich.« wurde die Möglichkeit einer Vereinigung Geschichte einzugehen.
Finucane empfängt in seinem Anwalts- festgeschrieben – wenn es in Nordirland Er wird dafür auch die Rückendeckung
büro im Zentrum von Belfast, das aussieht, eine Mehrheit dafür geben sollte. derjenigen brauchen, die ihn nun massen-
als wäre er gerade erst eingezogen. »Ich Finucane hat auch schon einen Namen haft gewählt haben: jenes Teils national
hatte wenig Zeit«, entschuldigt sich Finu- für den Staat, den er herbeisehnt: das beseelter Engländer, die sich behaglich mit
cane. Seit Mai 2019 ist er Bürgermeister »neue Irland«. Im Londoner Parlament dem Gedanken eingerichtet haben, dass
von Belfast; nun ist er zudem gewählter Ab- wird er allerdings nicht dafür werben. Sinn es England immer schon am besten ging,
geordneter für den Wahlkreis Belfast-Nord. Féin boykottiert traditionell das Unter- wenn es allein stand.
Am Eingang zu seinem Büro hängt ein haus, weil seine Politiker niemals einen Beunruhigen sollte Johnson, dass viele
Bild seines Vaters Patrick. Er war ebenfalls Eid auf die Queen schwören würden. das ganz wörtlich meinen. Jüngsten Um-
Anwalt prominenter IRA-Kämpfer und Dennoch scheint auch den nordirischen fragen zufolge wäre ein Großteil der eng-
wurde 1989 vor den Augen seines Sohnes Nationalisten – ähnlich wie in Schottland lischen Nationalisten nur zu gern bereit,
von probritischen Loyalisten erschossen. und in Wales – die Zeit in die Hände zu Schottland und Nordirland zu opfern – so-
Dass nun ausgerechnet Finucane junior in spielen. Da Katholiken traditionell mehr lange sie dafür ihren Brexit bekommen.
Nord-Belfast – über Jahrzehnte Hochburg Kinder bekommen als Protestanten, glau- Alexandra Rojkov, Jörg Schindler
der probritischen DUP – gewählt wurde, ben viele, dass die kritische Masse für ein

82 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Ausland

In Schönheit sterben
Analyse Donald Trump wird als Sieger aus der Schlacht um das Impeachment-Verfahren
in den USA hervorgehen. Was können die Demokraten daraus lernen?

G
eschichte wird von Siegern geschrieben, und eines denten zur Strecke bringen will, der sich daranmacht, den
lässt sich jetzt schon sagen: Donald Trump wird den Sumpf in Washington trockenzulegen.
Triumph aus der Schlacht um sein eigenes Amtsent- Doch Anfang September erreichte die Beschwerde eines
hebungsverfahren davontragen. Er mag es als Schan- Whistleblowers den Kongress. Sie ließ kaum einen Zweifel
de empfinden, dass die Demokraten mit ihrer Mehrheit im daran, dass Trump die Ukraine dazu zwingen wollte, Muni-
Repräsentantenhaus ein Impeachment gegen ihn eingeleitet tion für seinen Wahlkampf zu liefern. Es gab nun gute Gründe
haben, das dritte in der Geschichte der USA. Aber die Hoff- für ein Impeachment, aber Pelosi blieb auch keine Wahl.
nung der Demokraten, sie könnten die Ära Trump vorzeitig Sonst hätte der Streit über den Umgang mit dem Präsidenten
beenden, wird sich nicht erfüllen. Schon im Januar werden die Demokraten zerrissen.
die Republikaner im US-Senat die Anklage gegen den Präsi- Pelosi hat sich insofern für das kleinere Übel entschieden.
denten abschmettern. Das Impeachment wird die Demokra- Man kann argumentieren, dass die Demokraten ihre Unter-
ten nicht einmal dem Ziel näherbringen, Trump bei der Prä- suchungen gegen Trump nur halbherzig betrieben haben. Sie
sidentschaftswahl im November 2020 zu schlagen, im Ge- zogen nicht vor Gericht, um Zeugen wie den ehemaligen Si-
genteil: Zwar spricht sich eine Mehrheit der Amerikaner für cherheitsberater John Bolton oder Trumps Stabschef Mick Mul-
das Impeachment aus, aber Trumps Beliebtheitswerte haben vaney zur Aussage zu zwingen. Aber es ist mehr als zweifelhaft,
sich sogar leicht zugunsten des Präsidenten entwickelt. ob deren Vernehmung die öffentliche Meinung gedreht hätte.
Trump und seine Leute Die komplizierte Lage
haben sich im republikani- der Demokraten verdeut-
schen Lager mit ihrer Deu- licht ein Videoschnipsel, der
tung durchgesetzt. Sie haben sich viral verbreitete: Nach
es geschafft, das Impeach- der erfolgreichen Abstim-
ment zu einem Staatsstreich mung über das Impeach-
zu erklären, zu einem Ver- ment bedeutete Nancy Pe-
such linker Eiferer, einen losi ihren Abgeordneten mit
rechtmäßig gewählten Präsi- einer ruckartigen Armbewe-
denten seiner Macht zu be- gung und geweiteten Augen,
rauben. Selbst viele modera- dass sie keinesfalls applau-
te Wähler, die sehr wohl die dieren sollten.
finsteren Motive Trumps er- Den Kampf um die Prä-
kennen, finden nicht, dass sidentschaft haben die De-
LEAH MILLIS / REUTERS

die Ukraineaffäre Grund ge- mokraten noch nicht verlo-


nug ist, das Votum der Bür- ren. Doch die Partei muss
ger zu annullieren. aus ihren Fehlern lernen,
All die Appelle an das Ge- will sie nicht in Schönheit
wissen der Republikaner, all sterben. Sie kann den
die beschwörenden Worte, Kampf gegen Trump nicht
sich auf die Werte der Verfassung zu besinnen, haben nichts ins Zentrum ihres Wahlkampfs stellen. Die USA sind ein zu-
gefruchtet. Ursprünglich war es der Plan der Demokraten, tiefst gespaltenes Land: Die einen halten Trump für einen
moderate Republikaner davon zu überzeugen, dass ihr Amts- Helden, der den Washingtoner Stall ausmistet; die anderen
eid es ihnen gebiete, gegen den eigenen Präsidenten zu stim- halten ihn für einen Ganoven. Keine der beiden Seiten wird
men. Am Mittwochabend aber, als es im Repräsentantenhaus sich in ihrer Weltsicht erschüttern lassen.
zum Schwur kam, stand die Front der Trump-Anhänger. Die Wahl im kommenden November wird von jenen
Man kann es für eine Fehlkalkulation halten, dass sich die Wechselwählern entschieden werden, die genug von der
Demokraten auf das Abenteuer eines Amtsenthebungsver- Hysterie in der Hauptstadt haben und sich wünschen, dass
fahrens einließen. Nur: Gab es eine Alternative? Es war Nan- die Politik ihre Probleme angeht. Im Herbst 2018 haben
cy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, die über die Demokraten das Repräsentantenhaus gewonnen, weil
Monate die Hitzköpfe in ihrer Partei im Zaum gehalten hatte. sie sich auf Themen konzentrierten, die fast alle Ameri-
Wäre es nach linken Abgeordneten wie Alexandria Ocasio- kaner im Alltag beschäftigen: Was kostet die Ausbildung
Cortez oder Rashida Tlaib gegangen, hätten die Demokraten meiner Kinder? Wie kann ich meine Krankenversicherung
viel früher gegen Trump vorgehen müssen. Tlaib setzte den bezahlen?
Ton, als sie kurz nach ihrer Vereidigung im Kongress in ein Das wird auch im kommenden Jahr die richtige Strategie
Mikrofon schrie: »Impeach the motherfucker!« sein. Eine Mehrheit der Amerikaner wünscht sich die Rück-
Die umsichtige Pelosi hat sich lange darum bemüht, dass kehr zur politischen Vernunft. Die Wahl in Großbritannien
ihre Partei nicht von solchen Stimmungen getrieben wird. könnten den Demokraten eine Warnung sein. Dort ist der
Sie hat immer davor gewarnt, mit wildem Furor auf Trump Versuch, rechten Populismus mit linkem zu schlagen, gerade
einzudreschen, weil dies nur dessen Anhänger in ihrem Ge- grandios gescheitert. René Pfister
fühl bestätigt, dass eine korrupte Politikerkaste einen Präsi- Mail: rene.pfister@spiegel.de

83
Ausland

müssen wir von Flüchtlingen unterschei-


den. Das ist kompliziert, aber wichtig.
SPIEGEL: Legale Wege in die EU gibt es
aber auch für Flüchtlinge kaum noch, weil
die Grenzen vielerorts dicht sind. Sie sind
größtenteils gezwungen, illegal einzurei-
sen, wenn sie Asyl beantragen wollen.
Grandi: Das stimmt. Aber es ist wichtig,
auf irreguläre Migration zu reagieren, um
zu vermeiden, dass zu viele Menschen das
Asylsystem missbrauchen. Viele irreguläre
Migranten haben keine andere Wahl, als
Asyl zu beantragen, und überlasten so das
Asylsystem – das muss korrigiert werden.
Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen,
dass irreguläre Migranten Menschen sind.

ANADOLU AGENCY / GETTY IMAGES


Ihre Rechte und ihre Würde müssen ge-
wahrt werden. Es ist niederschmetternd
zu sehen, wie Migranten dämonisiert und
stigmatisiert werden.
SPIEGEL: Andauernde Kriege, Hungers-
nöte, dazu die Folgen des Klimawandels:
In den kommenden Jahren werden eher
Behördenchef Grandi*: »Nicht mehr viel Zeit« mehr Menschen flüchten als weniger. Ist
die Welt darauf vorbereitet?
Grandi: Sie ist nicht sehr gut vorbereitet.
Neue Fluchtursachen wie der Klimawan-

»Das ist del wirken sich auf verschiedene Arten


aus: Menschen werden etwa nach und
nach von untergehenden Inseln fliehen –

eine Schande« den Umgang damit kann man planen. Sie


werden auch fliehen, weil Naturkatastro-
phen häufiger vorkommen und größere
Schäden anrichten werden – diese Men-
Migration Der Uno-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi über schen werden ihre Heimat plötzlich ver-
unmenschliche Zustände in Flüchtlingslagern und die lassen, aber könnten irgendwann zurück-
kehren. Auf jede dieser Fluchtursachen
sinkende Bereitschaft reicher Staaten, Vertriebene aufzunehmen müssen Staaten mit unserer Hilfe eine
maßgeschneiderte Antwort finden.
SPIEGEL: Muss die Genfer Flüchtlings-
Als Grandi 2016 sein Amt als Uno-Hoch- viel Geld wie noch vor rund zehn Jahren. konvention ausgeweitet werden, um auch
kommissar für Flüchtlinge antrat, steckte Aber Sie haben recht, insbesondere die Klimaflüchtlinge anzuerkennen?
Europa mitten in der Flüchtlingskrise. Seit- reichen Staaten des globalen Nordens sind Grandi: In der gegenwärtigen politischen
dem muss er Antworten finden auf eine immer weniger bereit, Flüchtlinge auf- Situation wäre es äußerst unklug, den Gel-
der drängendsten Fragen unserer Zeit: Was zunehmen. Es braucht Programme, mit tungsbereich der Konvention zur Debatte
tun, wenn sich immer mehr Menschen auf denen ausgewählte Flüchtlinge direkt aus zu stellen. Jeder Versuch, die Konvention
der Flucht befinden, aber immer weniger einem Krisengebiet in ein sicheres Land zu reformieren, würde mit ziemlicher Si-
Staaten bereit sind, Vertriebene aufzuneh- gebracht werden. cherheit aktuell dazu führen, dass die
men? Grandi, 62, ist Chef einer Behörde SPIEGEL: Allerdings stellen die Staaten im- Flüchtlingsdefinition verengt oder die ge-
mit mehr als 16 000 Mitarbeitern, die von mer weniger Plätze für solche Umsiedlun- samte Konvention infrage gestellt würde.
den griechischen Inseln bis Uganda im Ein- gen zur Verfügung. SPIEGEL: Das halten Sie für möglich?
satz sind. Am Dienstag eröffnete er das Grandi: Das ist in der Tat sehr besorgnis- Grandi: Ja, fast überall auf der Welt haben
Global Refugee Forum in Genf, eine der erregend. Die USA haben ihr Resettle- Politiker Erfolg damit, Flüchtlinge als Si-
größten Flüchtlingskonferenzen der Ge- ment-Programm drastisch zusammenge- cherheitsproblem oder Invasoren zu be-
schichte. kürzt. Sie geben an, dass sie Probleme ha- zeichnen. Die Gefahr ist, dass das Konzept
ben, die Flüchtlinge auszuwählen und zu des Flüchtlingsschutzes ganz verschwindet.
SPIEGEL: Herr Grandi, während sich vor überprüfen. Ich hoffe, dass die amerikani- Wenn ich Regierungen in Afrika, Latein-
allem Industrienationen abschotten, sind sche Regierung diese Probleme bald löst amerika und anderen Teilen der Welt auf-
so viele Vertriebene auf der Flucht wie und wieder mehr Kapazitäten schafft. fordere, ihre Grenzen angesichts großer
noch nie. Wie gehen Sie mit diesem Di- SPIEGEL: Hinter der Entscheidung steht Flüchtlingsströme offen zu halten, fragen
lemma um? vor allem Donald Trump. Aber die EU sie mich, warum sie das tun sollten. Schließ-
Grandi: Die finanzielle Unterstützung der setzt auf einen ähnlichen Ansatz, auch sie lich wollen sich selbst reichere Länder ab-
Staaten ist in den vergangenen Jahren ge- schottet sich zunehmend ab. schotten. Die EU nimmt derzeit vergleichs-
stiegen. Deutschland gibt uns viermal so Grandi: Da muss man unterscheiden: Es weise wenige Flüchtlinge auf – gleichzeitig
gibt Probleme mit irregulärer Migration, hat sie mehr Ressourcen zur Verfügung.
* Im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel mit Zuwanderern, die eher aus wirtschaft- Europa hat deswegen eine Verantwortung,
Lesbos am 27. November. lichen Gründen ihr Land verlassen. Die Flüchtlingen weiterhin Schutz zu bieten.

84 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


SPIEGEL: Sie haben beim Global Refugee vor, dass die Asylbewerber bis zu ihrem tierungslagern unter schrecklichen Bedin-
Forum auch Unternehmen wie Lego und Bescheid auf den Inseln bleiben. gungen. Halten Sie das für legitim?
Ikea eingeladen mitzudiskutieren. Sollen Grandi: Die griechische Regierung will in Grandi: Menschen in den eigenen Territo-
jetzt Firmen helfen, wenn sich immer we- den kommenden Monaten 20 000 Asyl- rialgewässern abzufangen ist nicht illegal.
niger Staaten für den Flüchtlingsschutz bewerber aufs Festland bringen, um die Die Europäer können libysche Institutio-
engagieren? Zustände zu verbessern. Anders geht es nen stärken, wenn sie das für richtig halten.
Grandi: Nein, die Unterstützung von nicht. Die Kinder werden zuerst von den Aber ich habe mit dem Ansatz zwei Pro-
Flüchtlingen liegt in erster Linie in der Ver- Inseln gebracht. Kurzfristig ist das die bes- bleme: Erstens wurde neben der Küsten-
antwortung von Staaten. Aber warum soll- te Lösung. wache keine andere Institution im Land
ten wir nicht um die Hilfe anderer Akteure SPIEGEL: Die griechische Regierung hat gestärkt. Und so landen Migranten und
werben und Unternehmen einbinden? Wir zudem angekündigt, geschlossene Lager Flüchtlinge in Inhaftierungslagern, sobald
leben in einer Zeit, in der Flüchtlinge oft- zu bauen. Was halten Sie davon? sie an Land gebracht werden. Zweitens hat
mals als Problem dargestellt werden. Da Grandi: Von außergewöhnlichen Situatio- die EU ihre eigenen Rettungskapazitäten
ist jede zusätzliche Hilfe willkommen. nen abgesehen, sind wir gegen die Inhaf- reduziert, und einige Politiker haben zu-
Außerdem helfen private Akteure dabei, tierung von Asylsuchenden, auch wenn dem die zivilen Retter kritisiert, die einge-
Arbeitsplätze zu schaffen und Regionen sie in vielen Ländern der Welt Routine ist. sprungen sind. Es wurde sogar so darge-
wirtschaftlich voranzubringen, die viele Wir müssen nun abwarten, wie die Pläne stellt, als würden wegen der NGOs noch
Flüchtlinge aufnehmen. umgesetzt werden. mehr Menschen fliehen, obwohl das statis-
SPIEGEL: Auf den griechischen Ägäis- SPIEGEL: Wie lange werden Ihre Mitarbei- tisch nicht belegt ist. Das ist eine Schande.
inseln leben derzeit mehr als 40 000 Mi- ter in der Ägäis bleiben? SPIEGEL: Wie ist die Situation in den In-
granten und Flüchtlinge in Lagern unter Grandi: 2015 glaubten wir, dass wir nur haftierungslagern?
unmenschlichen Bedingungen. Warum kurz und ausnahmsweise in Griechenland Grandi: Das sind schreckliche Orte. Aller-
schaffen es das UNHCR, die EU und der aktiv werden müssten. Es ist überhaupt dings nimmt die Zahl der Menschen, die
griechische Staat nicht, diese Menschen das erste Mal, dass das UNHCR eine große in den offiziellen, uns bekannten Lagern
angemessen zu versorgen? Operation in der Europäischen Union or- gefangen sind, zum ersten Mal ab. Das
Grandi: Ich war vor drei Wochen in Grie- ganisiert hat, was zeigt, dass es in Europa Problem ist, dass in Libyen selbst außer-
chenland und habe mit der Regierung eine humanitäre Krise gibt. Aber ich habe halb der Lager die Situation für Migranten
gesprochen. Die Zahl der Ankünfte auf Premierminister Kyriakos Mitsotakis ge- sehr gefährlich ist. Draußen tobt der Krieg,
den Ägäisinseln war lange Zeit sehr nied- sagt, dass wir Griechenlands eigene Kapa- vor allem subsaharische Migranten wer-
rig, aber in den vergangenen Monaten ist zitäten ausbauen sollten. Unsere knappen den gekidnappt und ausgenutzt.
sie wieder gestiegen. Unsere Priorität ist es, Ressourcen werden in Afrika, Asien und SPIEGEL: Im Internet kursiert ein UNHCR-
die Inseln zu entlasten, indem mehr Men- dem Nahen Osten gebraucht. Dokument, in dem steht, dass in einem
schen auf das Festland gebracht werden. SPIEGEL: Die EU bezahlt die libysche Küs- Flüchtlingslager in Tripolis einige Migranten
SPIEGEL: Das Flüchtlingsabkommen zwi- tenwache dafür, dass sie Flüchtende auf bald kein Essen mehr bekommen werden.
schen der Türkei und der EU sieht aber dem Meer abfängt. Viele enden in Inhaf- Dem UNHCR wird vorgeworfen, diese Men-
schen aushungern zu wollen, um sie aus der
Fluchtwege überfüllten Einrichtung zu vertreiben.
Globale Hauptmigrationsströme, 2018 Grandi: Auch Migranten oder Flüchtlinge,
AFR die das Zentrum verlassen, bekommen
IK A
von uns weiterhin Hilfe, auch in Form von
Geld. Ich verstehe die Frustration dieser
Menschen, wirklich. Das Dilemma, mit
dem wir in Libyen konfrontiert sind, ist
Migration innerhalb ein wiederkehrendes Element unserer Ar-
K

Afrikas: rund 26,1 Mio.


I BI

beit: Entweder wir bleiben und leben mit


K AR

den Schwierigkeiten vor Ort und mit den


innerhalb moralischen Herausforderungen. Dann
IK A &

Lateinamerikas können wir ein paar Menschen retten und


und der Karibik:
L ATEINAMER

nach Europa: ausfliegen. Oder wir entscheiden, dass wir


rund 11,4 Mio. rund 0,8 Mio. keine Kompromisse machen, und verlas-
sen das Land. Die Situation ist ohne Zwei-
nach Nordamerika:
EUROPA

fel eine der schwierigsten, in denen wir


rund 0,6 Mio. uns seit Jahren befunden haben.
SPIEGEL: Sie sind beinahe täglich mit Leid
und Elend konfrontiert. Wie hat Ihre Ar-
AMER
N O R DIK A

beit Ihren eigenen Blick auf die Welt ver-


ändert?
-

Grandi: Ich schaue besorgter auf die Welt


nach Europa: als noch vor ein paar Jahren. Aber ich bin
rund 1,4 Mio. nicht naiv. Wenn ich glaubte, dass wir nichts
innerhalb des mehr tun könnten, würde ich diesen Job
Nahen Ostens:
rund 18,2 Mio. nicht mehr machen. Ich denke, dass uns
Ozeanien und Osteuropa und
Asien (ohne Zentralasien noch Zeit bleibt, um Lösungen zu finden,
Zentralasien) die nicht aus Zäunen und Mauern bestehen.
N
TE Aber viel Zeit haben wir nicht mehr.
R OS
N AHE Interview: Steffen Lüdke, Maximilian Popp
Quelle: UNHCR

85
Kinder in der Township Khayelitsha: »In unseren Vierteln ist die Situation unerträglich geworden«

Hütten und Paläste


Südafrika Global City, Verbrechenshochburg, Sehnsuchtsort. Ein Vierteljahrhundert nach
dem Ende der Apartheid herrschen in Kapstadt krasse Unterschiede zwischen
Arm und Reich, Schwarz und Weiß. Porträt einer gespaltenen Stadt. Von Bartholomäus Grill

G
änseaugenblauer Himmel, violett schöneren Ort geben? Aber gleichzeitig Die vielen Dienstboten und Obdachlo-
blühende Jacarandabäume, der zeigt die Stadt ihr zweites Gesicht. Klein- sen kommen jeden Werktag in das Viertel
Duft von Jasmin, die Luft pri- busse kriechen die Molteno Road hinauf, mit dem hübschen Namen Oranjezicht,
ckelnd wie Champagner. Und die- Babysitter, Maids, Putzfrauen steigen aus. »Orangenblick«, in das Viertel, in dem ich
ses atemberaubende Panorama: vor mir Dann treffen die Gärtner und Hilfsarbeiter lebe. Es sind fast ausnahmslos »blacks«
die Wolkenkratzer der City, der Hafen, die ein. Auch »dog walkers«, die Rassehunde und »coloureds«, wie das in der alten süd-
silbern gleißende Atlantikbucht, hinter mir ausführen, sind schon unterwegs. Und die afrikanischen Farbenlehre heißt.
die Felsabstürze des Tafelbergs. Ein Som- erste Schicht der Müllsammler, die Abfall- Ich wohne mit meiner Familie seit dem
mermorgen in Kapstadt. Kann es einen tonnen nach Essbarem durchwühlen. Jahr 2000 in Kapstadt, ich habe mich an

86 Fotos Ilvy Njiokiktjien für den SPIEGEL


Ausland

»Das soll die Regenbogennation sein?«, heute sind es mehr als doppelt so viele. In
fragte mich der afroamerikanische Schrift- dieser Zeit wurden viel zu wenige Jobs ge-
steller Teju Cole, als er vor einigen Jahren schaffen, um die Armut zu reduzieren.
zu einem Literaturfestival einflog. Und gab Khayelitsha ist mit rund 400 000 Ein-
die Antwort gleich selbst: »Die einen wer- wohnern die größte Township, ein Meer
den bedient, die anderen dienen.« aus Hütten, das sich bis zum Horizont aus-
Wir leben in postkolonialen Zeiten, dehnt. »Neues Heim« bedeutet der Name
aber Cape Town ist eine Kolonialstadt ge- in der Sprache der Xhosa. Ein Hohn für
blieben. Das erklärt auch das Unbehagen, einen jungen Mann wie Yamkela Masala,
das einen manchmal erfasst. Es ist das ver- der dort in einem Blechverschlag haust.
drängte Gefühl, als Weißer an der Un- An diesem Morgen ist er schon kurz nach
gleichheit mitschuldig zu sein. Unsere Pri- fünf Uhr aufgestanden und in einem klapp-
vilegien beruhen auf einem rassistischen rigen Bus ins 30 Kilometer entfernte Stadt-
Ausbeutungssystem. zentrum gefahren, um die weißen Kunden
Kapstadt, ein Sehnsuchtsziel für jährlich zu bedienen, Büromenschen, Hipster, Tou-
rund zwei Millionen Touristen, ist überdies risten. Masala arbeitet als Barista in einem
die gewalttätigste Metropole Südafrikas; Café an der Shortmarket Street, gegenüber
2018 wurden 2868 Menschen ermordet. vom SPIEGEL-Büro.
Besucher lesen auf elektronischen Anzei- »Wieder so ein Morgen«, sagt er und
getafeln am Highway vom Flughafen ins schiebt einen Cappuccino über den Tresen.
Zentrum eine Warnung: »Zone hoher »Auf dem Weg zur Bushaltestelle habe ich
Kriminalität! Nicht anhalten!« Aber sie zwei Leichen am Straßenrand liegen sehen.«
werden nur äußerst selten Opfer von Ob Masala tatsächlich Tote gesehen hat
Schwerverbrechern. oder vielleicht auch nur Betrunkene, die
Kapstadt nennt sich »Mother City«. ihren Rausch ausschliefen, lässt sich nicht
Hier begann vor dreieinhalb Jahrhun- überprüfen. Fest steht, dass er in einem le-
derten die Eroberung und flächendecken- bensgefährlichen Umfeld lebt. Allein an
de Enteignung eines ganzen Kontinents. zwei Wochenenden im Juni und Juli dieses
Das Stadtbild wirkt durch und durch Jahres wurden an der Peripherie Kap-
europäisch, kapholländischer Barock, stadts 105 Menschen ermordet, die Verge-
viktorianische Bauten, Art-déco-Fassaden, waltigungsrate zählt dort zu den weltweit
moderne Hochhäuser. Eine Metropole, höchsten. Rund 130 Verbrecherbanden
die alles Afrikanische abgewehrt hat. In mit geschätzten 100 000 Mitgliedern ter-
der man vergisst, auf welchem Erdteil rorisieren die Townships, die Gewaltexzes-
sie liegt. se haben ihnen den Beinamen »Killing
Afrika beginnt draußen, in den Cape Fields« eingetragen. »In unseren Vierteln
Flats. Auf der Ebene zwischen dem Indi- ist die Situation unerträglich geworden,
schen Ozean und dem Atlantik entstanden wir haben ständig Angst«, sagt Masala,
in der Ära der Apartheid, als das weiße »aber ihr Weißen könnt euch einigerma-
Regime die Bevölkerung nach Hautfarben ßen sicher fühlen.«
trennte, die sogenannten Townships. Aber auch wir Weißen sind verun-
Zehntausende Menschen wurden im Zuge sichert, wenn wir durch die Naturparks
der Rassensegregation zwangsumgesiedelt und Kiefernwälder rund um den Tafelberg
und wie Unrat vor der Stadt abgekippt. spazieren, mittlerweile wird davor ge-
Im Zentrum von Kapstadt hat die Depor- warnt, allein zu gehen. In den vergange-
tation eine Wunde hinterlassen: das Brach- nen Jahren kam es vermehrt zu Überfällen
diese Gegensätze gewöhnt und nehme sie land des District Six, wo einst ein bunt ge- und auch zu einigen Raubmorden. Un-
kaum noch wahr. Doch manchmal be- mischtes Völkchen lebte. längst wurde einem Bekannten, der zum
schleicht mich auf dem Weg zur Arbeit ein Seit der Wende im Jahr 1994, als Nelson Joggen vorsorglich nichts mitnahm, der
zwiespältiges Gefühl. Es sind die Momen- Mandela zum ersten schwarzen Präsiden- Ehering vom Finger gebissen.
te, in denen mir bewusst wird, warum das ten Südafrikas gewählt wurde, hat sich in Ich zucke unwillkürlich zusammen,
Leben in Kapstadt für uns Weiße so ange- den Townships zwar viel getan; Straßen, wenn mir beim Mountainbiken junge
nehm ist: weil 25 Jahre nach dem Ende Schulen, Einkaufszentren und zahllose Bil- schwarze Männer entgegenkommen. Und
der Apartheid die Rassentrennung fortdau- lighäuser wurden im Rahmen staatlicher ich bin beschämt, wenn sie sich als harm-
ert – und wir davon profitieren. Programme gebaut. Dennoch sind die lose Wanderer erweisen, die mich freund-
Die Mehrzahl der weißen Capetonians Cape Flats eine Zone der Armut, Arbeits- lich grüßen. Argwohn ist ein typischer Ab-
ist mehr oder weniger wohlhabend, die losigkeit, Krankheit und Kriminalität ge- wehrreflex der Kapstädter.
Nichtweißen sind überwiegend arm. blieben. »Zwei Schwarze nähern sich. Kennt sie
Die einen treten in der Regel als Master Das liegt an der Unfähigkeit der Regie- jemand?«
und Madam auf, die anderen sind »ser- rungen der Stadt, der Provinz und des Staa- »Nein. Was wollen die hier?«
vants«, billige Arbeitskräfte, Lohnskla- tes, die diese Region seit Jahrzehnten sträf- »Sie stehen jetzt vor unserem Haus. Was
ven. Die extreme Wohlstandskluft prägt lich vernachlässigen, vor allem aber an der haben sie vor?«
alle Großstädte Südafrikas, eines Landes, geringen wirtschaftlichen Produktivität, die »Jetzt gehen sie weiter. Einer schaut in
das mit die größte Ungleichheit weltweit nicht mit dem beschleunigten Bevölke- ein geparktes Auto.«
aufweist. Doch vermutlich geht in keiner rungswachstum Schritt halten kann. Bei »Ruft jemand den Wachdienst?«
die Schere so weit auseinander wie in meinem ersten Besuch vor 30 Jahren hatte Ein ganz alltäglicher Chat über Whats-
Kapstadt. Kapstadt rund zwei Millionen Einwohner, App, die Anwohner unserer Straße tau-

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 87


Ausland

»Dog walker«, Barista Masala, junge Männer am Strand: Kapstadt ist eine Kolonialstadt geblieben

schen sich aus. Wir werden manchmal zu gerade auf dem Parkplatz eines Supermarkts Aber die Armut dringt in ihre heile Welt
Nachbarschaftstreffen eingeladen. Da wird in Philippi einen Mann mit mehreren Pisto- ein, sie ist nicht mehr zu übersehen: Junge
dann diskutiert über verstärkte Sicher- lenschüssen getötet, einen Schwarzen, der schwarze Männer suchen im Stadtzentrum
heitsvorkehrungen, über Elektrozäune, In- ihn ausrauben wollte. Es stellte sich heraus, verzweifelt nach Arbeit, die Zahl der Ob-
frarotsensoren, Überwachungskameras, dass Sanga seit Jahren eine Waffe bei sich dachlosen und Entwurzelten steigt, mehr
Nachtwächter, Straßensperren. Einige trug, auch während er bei uns arbeitete. und mehr Bettler belagern die Straßen-
Nachbarn haben ihre Häuser zu Wohnfes- Derselbe Mann saß an einem Aprilmor- kreuzungen.
tungen aufgerüstet. gen weinend auf der Terrasse unseres Hau- »Die Leute schauen einfach durch mich
Es gibt Nächte, in denen wir beklommen ses. Sein 19-jähriger Sohn war zwei Tage durch. Als ob ich nicht da wäre«, sagt Cai-
in die Dunkelheit hinaushorchen. Weil es zuvor von Gangstern erschossen worden. lem Bester, 22. Er ist aus Mitchells Plain
im Garten verdächtig raschelt. Oder weil Im Vorbeifahren, einfach so. Der Sohn war geflohen, vor den Hard Livings, einer be-
nebenan eine Alarmsirene heult. Dabei ist so alt wie unser Sohn. Andile Sanga, erst rüchtigten Gang. Bester sagt, er habe sich
Oranjezicht ein ruhiger, beschaulicher Täter, dann Opfer: Sein Schicksal spiegelt geweigert, die »Aufnahmeprüfung« zu ma-
Wohnbezirk, in dem gelegentlich zwar Ein- die Verrohung in den Townships. chen. Er hätte ein Mitglied seiner Familie
bruchsserien vorkommen, aber an den letz- umbringen müssen, mit dem Messer.
ten Mord kann sich kaum jemand erinnern. Jetzt wartet er jeden Tag vor einer Tank-
Und dennoch fühlen sich viele latent be- »Die Leute schauen stelle und hält einen Pappkarton hoch. Da-
droht und geraten schnell in Panik. einfach durch rauf steht: »Auch wenn ihr mich ignoriert,
Vordergründig geht es um die Sorge, ich bin ein Mensch.« Die schlimmste De-
Opfer eines Verbrechens zu werden, aber mich durch. Als ob mütigung sei für ihn nicht die Armut, son-
das Bedrohungsgefühl sitzt tiefer. Es ist ich nicht da wäre.« dern die Tatsache, nicht mehr als mensch-
die aus den Zeiten der Apartheid vererbte liches Wesen wahrgenommen zu werden,
Furcht vor der »swart gevaar«, vor den sondern eher wie ein Hund, sagt Bester.
schwarzen Massen, die irgendwann über Natürlich gibt es auch das andere Kap- Chantal Sampson geht es genauso. Sie
die Weißen herfallen könnten. stadt. Das multiethnische Treiben in den schläft im Deer Park gleich bei uns um
Es ist die Urangst vor der Rache der Ar- Straßen. Die bunten Märkte. Die jungen die Ecke unter einer Plastikplane. Zehn
men. Ich habe allerdings noch niemanden Südafrikaner aller Hautfarben, die sich in Obdachlose campieren hier, manche seit
getroffen, der das offen zugegeben hätte. den Musikklubs mischen. Die langsam, Jahren. Sie werden regelmäßig von städ-
Die bessergestellten Capetonians sind aber stetig wachsende schwarze Mittel- tischen Räumkommandos vertrieben,
Meister im Verdrängen, und von den men- schicht. Und es gibt die engagierten Bürger, neuerdings knöpfen ihnen Polizisten Buß-
schenunwürdigen Verhältnissen in den die die Not in den Townships als Skandal gelder ab. »Lächerlich! Womit sollen wir
Townships erfahren sie nur durch ihre dort empfinden und Hilfsprojekte unterstützen. das zahlen? Wo sollen wir hin?«, fragt
wohnenden Hausangestellten. Doch begüterte Capetonians zeigen in Sampson, eine Frau von 37 Jahren, die
Geschichten wie die von Andile Sanga, der Regel nicht viel Empathie. Sie wissen sogar Abitur hat. »Abgestürzt«, erklärt
der in Philippi East wohnt, wo im Jahr nichts von den Lebensbedingungen ihrer sie, »sechs Kinder, die falschen Männer,
2016 93 Prozent der Haushalte von Ver- schwarzen Landsleute – oder wollen der Job als Kassiererin bei Pick n Pay
brechen betroffen waren. Sanga, 48, pflegt nichts davon wissen. Sie drücken aufs Gas, weg.«
alle zwei Wochen unseren Garten. wenn sie auf der Autobahn N 1 an den Sampson blättert in der »Rooi Rose«,
An einem Herbsttag des Vorjahres kam Slums vorbeirauschen. Sie sind innerlich einem Frauenmagazin, sie liebt den
er, am ganzen Körper zitternd, an. Er hatte so weit von ihnen entfernt wie Europäer. Tratsch über die Royals, die Bilder von

88
pompösen Villen, die Blicke in Luxus- Kliniken für Schönheitsoperationen, in Die Metropolen auf der Südhalbkugel
schlafzimmer. Sie schaut in eine Welt, die den Townships haben die Krankenstatio- kämpfen mit den Folgen der Landflucht,
ferner nicht sein könnte – und doch so nah nen oft nicht mal Schmerztabletten. dem Bevölkerungsdruck und der rasanten
ist. Denn rings um ihr Notlager stehen sie, Schwarze Kinder gehen hungrig in den Un- Urbanisierung, Megacitys wie Lagos in
die großen Häuser mit Meerblick und terricht, weiße Schüler bestellen in der Nigeria mit 20 und mehr Millionen Ein-
Swimmingpool. Sampson sagt: »Für die Pause per Lieferservice Sushi. wohnern gelten mittlerweile als unregier-
Leute, die darin wohnen, sind wir Müll.« Infrastruktur, Mobilität, öffentliche Si- bar. So weit ist es im viel kleineren Kap-
Obdachlose fühlen sich überall auf der cherheit, Strom und Wasser, Wohnraum, stadt noch lange nicht, aber auch dieser
Welt aus der Gesellschaft ausgeschlossen, Arbeit, Gesundheit, Ernährung, Bildung, Ort ist ein Mikrokosmos der globalen Un-
doch im reichen Kapstadt wirkt die Dis- Kultur und Freizeit, auf sämtlichen Feldern gleichheit, eine Frontstadt des 21. Jahrhun-
kriminierung besonders krass. Shayne tun sich gewaltige Gräben auf. Eine Studie derts, in der sich entscheiden wird, ob und
Ramsay, eine weiße Ex-Stadträtin, stem- ergab, dass es 80 Prozent der Kapstädter wie die Kluft zwischen Armen und Rei-
pelte sie als »Kriminelle, Geisteskranke Haushalte mit Niedrigeinkommen an Nah- chen verkleinert werden kann.
und sozial Geächtete« ab. rungsmitteln mangelt. Andernfalls könnten schon in naher Zu-
Der neue Rassismus ist der alte. Beim Weil in den übervölkerten Townships kunft Chaos und Anarchie auf die ganze
Einkaufen werden hellhäutige Kunden oft der Verteilungskampf um knappe Güter Stadt übergreifen, so wie das längst der
bevorzugt bedient. Wenn schwarze Freun- immer härter wird und die Politik versagt, Fall ist in einigen Elendsvierteln, in denen
de einen Tisch im Restaurant reservieren wächst die Wut ihrer Bewohner. Sie blo- die staatlichen Institutionen nicht mehr
wollen, ist alles ausgebucht, sobald sie ih- ckieren Straßen, bewerfen Autos mit Fä- funktionieren.
ren afrikanischen Namen nennen. Man- kalien, schreien korrupte Gemeinderäte Natürlich kennt auch Dan Plato diese
chen Weißen passt es nicht, dass sie »ihre« nieder, marschieren in die Innenstadt, um Herausforderungen. Gleichwohl zeichnet
schönen Badestrände mit Nichtweißen tei- Geschäfte zu plündern und alles kurz und er ein Wunschbild seiner Stadt, das aus
len müssen. klein zu schlagen. einer Hochglanzbroschüre für Touristen
Vor dem Gerichtsgebäude an der Straße, Weiße Politiker wagen sich nur unter stammen könnte. Seine PR-Leute werben
die nach der britischen Queen Victoria be- massivem Polizeischutz ins Krisengebiet. damit, dass Cape Town von einer engli-
nannt ist, stehen zwei Holzbänke. Auf der Daniel (»Dan«) Plato, der Bürgermeister schen Zeitung siebenmal in Folge zur »best
linken Bank durften früher nur Europäer von Kapstadt, fällt in die Kategorie »Co- city in the world« gekürt wurde. Ein klei-
sitzen, Schwarze, Farbige und Indischstäm- loured«, aber auch er lässt sich in den Cape ner, wohlhabender Teil der Bevölkerung
mige mussten auf der rechten Platz neh- Flats nur selten sehen. Ich habe ihn zwei- wird das bestätigen, aber, aufs Ganze ge-
men. Aus der Sicht der ärmeren Capeto- mal getroffen, er ist ein jovialer Mann, der sehen, ist es eine Selbsttäuschung.
nians hat sich daran nichts geändert: Sie die Probleme wortgewandt herunterspielt: Die Zone, in der die Gegensätze auf-
sind die Verlierer in einer Stadt, in der die die Wohnungsnot, die ausufernde Krimi- einanderprallen, liegt hinter dem Fracht-
politische von der ökonomischen Apart- nalität oder die Wasserkrise, die im ver- hafen, in traditionellen Arbeitervierteln
heid abgelöst wurde. gangenen Jahr beinahe dazu geführt hätte, wie Woodstock, das die Begehrlichkeit
An speziellen Feiertagen wird nachts dass Kapstadt als erster Millionenstadt der von Investoren weckt und wie der Meat-
der Tafelberg angestrahlt. Das Felsmassiv Welt das Trinkwasser ausgegangen wäre. packing District in New York gentrifiziert
leuchtet dann wie ein riesiger Quarz, Platos Mantra heißt: Wir haben alles im wird: Einkommensschwache Bewohner
gleichzeitig versinken die »wilden« Sied- Griff. Für die Misere macht er andere ver- werden verdrängt, ihre Häuser müssen Bü-
lungen am Rande der Stadt in mittelalter- antwortlich, bevorzugt die Zentralregie- robauten, Wohnkomplexen oder Shop-
licher Finsternis. In der City boomen die rung in Pretoria. pingmalls weichen. Wie das geht, erklärt

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 89


Ausland

ein schwarzer Immobilienmakler, der ano- die Old Biscuit Mill, eine aufgelassene klingen mag: Es sind die Menschen aller
nym bleiben will. »Erst erhöhst du die Mie- Mühle, die zu einem Vergnügungszentrum Couleur, die einem trotz aller sozialen Ver-
te um ein Vielfaches. Dann täuschst du Re- umgebaut wurde. Jeden Samstag gibt es werfungen so entwaffnend herzlich und
novierungen vor und machst das Dach un- hier einen Fressmarkt, Austern, Spring- heiter begegnen, wie man das in unseren
dicht. Dann drehst du das Wasser ab.« bock-Carpaccio, Champagner, dazu Öko- Breitengraden selten erlebt.
Der Makler, jung, schwarz und smart, kitsch, Designerläden, Livemusik. Die Be- »Keine Ausbildung, kein Geld, um mich
trägt einen blauen Trainingsanzug, FC sucher sind fast ausschließlich weiß. selbstständig zu machen, es hat alles kei-
Chelsea, London. Er erzählt, wie er sich »Nachbarschaftsmarkt« nennt sich die nen Sinn«, sagt Yamkela Masala, der Ba-
aus der Armut hochgearbeitet und mit 32 Veranstaltung, aber die unmittelbaren rista aus meinem Stammcafé. Er ist 27, ein
seine erste Rand-Million* gemacht hat. Pla- Nachbarn sind unerwünscht. Sie treten nur bisschen älter als das neue Südafrika, ein
gen ihn keine Skrupel, wenn er Menschen, vor dem Eingangstor auf, als Bettler oder »Born-Free«, dem wenig Zuversicht geblie-
die seit Generationen hier wohnen, ver- als Parkplatzwächter, die sich um die im ben ist. Sein langer, miserabel bezahlter
treibt? »Hey man, it’s business! Manchmal SUV anrollenden Kunden prügeln. Arbeitstag geht zu Ende; er werde abge-
musst du eben schmutzige Arbeit funden mit 5000 Rand im Monat,
machen«, sagt er augenzwinkernd. umgerechnet rund 300 Euro, seine
Für Bevil Lucas, 57, sind das die weißen Kollegen würden das Drei-
Auswüchse einer neoliberalen fache verdienen.
Stadtpolitik, die auch nach der de- Masala nimmt uns mit hinaus in
mokratischen Wende nur den Rei- seine Township. 20 Kilometer Stau,
chen diene. Der gelernte Koch ist die Busfahrt nach Khayelitsha dau-
Aktivist einer Gegenbewegung, die ert anderthalb Stunden. »Es ist ein
sich in den vergangenen Jahren un- langer Weg zur Freiheit«, sagt er.
ter dem Motto »Reclaim the City« Eine ironische Anspielung auf den
formiert hat: Holt euch die Stadt Titel von Nelson Mandelas Auto-
zurück! Leer stehende Gebäude, biografie.
die auf den Abriss warten, werden Kinder hüpfen um uns herum,
besetzt, im ehemaligen Kranken- junge Männer mustern uns. »Passt
haus von Woodstock haben sich gut auf, es ist gefährlich hier«,
mehr als 800 Leute eingerichtet. warnt eine alte Frau. Wir befinden
Auch Lucas hat ein Zimmer okku- uns in einer No-go-Area, Weiße
piert. Er sagt, dass sich erst etwas verirren sich so gut wie nie hierher.
ändern werde, »wenn wir unsere Polizisten verschanzen sich nachts
Sklavenmentalität überwinden«. in ihre Wache, auf Patrouillen wür-
Ein Slum an der Wright Street, den sie nur ihr Leben riskieren.
mitten in Woodstock. Hausruinen. Selbst Rettungswagen trauen sich
Müllhaufen, giftige Kloaken, schlam- nicht mehr in die Gegend; sie wer-
mige Wege. Am Eingang ist in der den bei Einsätzen ausgeraubt.
Nacht vor unserem Besuch ein Un- Masala kauft ein paar Chips im
bekannter an mehreren Schusswun- Kiosk an der Ecke, sein Abendbrot.
den verblutet; er hatte sich ins Dann schlendert er in die Mpuku
Machtgebiet einer Bande verlaufen. Street, Hausnummer B 55074: eine
Riccardo, einer der Gangster, erzählt Blechhütte, acht Quadratmeter,
stolz, er habe 13 seiner 44 Lebens- Bett, Gasheizer, Mikrowelle, Was-
jahre im Knast gesessen. »Ich habe serkanister, Flatscreen, mehr hat
ein paar Feinde aufgeschlitzt«, sagt nicht Platz in seinem Heim, mehr
er, »aber Jesus hat mir verziehen.« besitzt er auch nicht. Draußen
Riccardos Kampfhund leckt an sei- Obdachlose Sampson: »Wo sollen wir hin?« tauchen 30 Meter hohe Peit-
nem tätowierten Unterarm. Er wirkt schenleuchten die Umgebung in
unberechenbar, er ist vollgepumpt ein gespenstisches Gefängnishof-
mit Tik, einem Rauschgift, das in kurzer Wohlstand und Not, Überfluss und licht – Relikte der Apartheid. Auch sie
Zeit Körper und Psyche zerstört. Mangel, Paläste und Hütten – die Gegen- erinnern die Menschen in Khayelitsha
Nebenan verkauft seine Nichte »Lollis«, sätze sind obszön. Wie können wir zuge- daran, dass die Vergangenheit nicht ver-
kleine Glaspfeifen, mit denen das Zeug in- zogenen Europäer in einer derart zerris- gangen ist.
haliert wird. Sie sieht so aus, wie sie heißt: senen Stadt guten Gewissens leben? Ganz Die Sonne versinkt hinter dem Tafel-
Skinny. Eine knochendürre, ausgezehrte einfach: indem wir diese Realitäten ver- berg. Masala verriegelt das eiserne Gitter
Frau, blaue Flecken, 34 Jahre alt, ohne Hoff- drängen. So wie das die meisten Cape- an seiner Tür. »Jetzt kommen bald die
nung. Sie haust seit 16 Jahren in einem en- tonians tun – und die meisten Bewohner Gangster raus und schießen herum. Das
gen, stickigen Kabuff, es stinkt nach Urin. reicher Länder, die sich die Ungerechtig- ist unsere Nachtmusik.«
Am Spiegel über ihrem Bett klebt das Ab- keiten in den armen Regionen der Welt Es ist die Stunde, in der die Capetonians
ziehbild einer Elfe – der Traum, einfach weg- gar nicht vorstellen können und wollen. ihren Sundowner genießen.
schweben zu können aus diesem Drecksloch. Wir sehen die Sonnenseite unserer Wahl-
»Kapstadt? Scheißstadt!«, faucht sie. »Ich heimat, ihre Schönheit, die Berge, das
werde hier nie ein besseres Leben haben.« Meer, den Wein – und blenden die Nacht- Video
Die dunkle Seite
Das bessere Leben lässt sich ein paar seite aus. Kapstadts
Straßenzüge weiter besichtigen. Da steht Aber jenseits dieser Widersprüche gibt spiegel.de/sp522019kapstadt
es einen weiteren Grund, warum wir hier- oder in der App DER SPIEGEL
* Umgerechnet rund 63 000 Euro. bleiben wollen, einen Grund, der banal

90
Sport
RB Leipzig hat mit viel Geld auch viel richtig gemacht. ‣ S. 96

583,8
Traumberuf Spielerberater: Den Agenten der Profi- summen bei Spielerwechseln und an die Gehälter der
+ 25,6 % fußballer wurde bereits in den vergangenen Jahren Kicker. Ein guter Markt für das boomende Fußball-
gegenüber üppig Geld in die Kassen gespült. Das Jahr 2019 geschäft ist auch die Bundesliga. Die Vereine der ersten
dem Vorjahr
war jedoch besonders glänzend: Die Einnahmen der Liga haben in der Spielzeit 2017/18 fast 200 Millionen
Berater stiegen weltweit um mehr als 25 Prozent. Euro an Berater gezahlt, eine Steigerung um 35 Prozent
Ihr Honorar ist zumeist gekoppelt an die Transfer- gegenüber der Vorsaison.

Zahlungen an Spielerberater... 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019


... durch Fußballklubs weltweit, in Mio. Euro* ... durch Bundesligaklubs, in Mio. Euro
464,7 Quelle: Fifa Quelle: DFL

163,9
2015/16 2016/17 2017/18
395,8 181,4
348,8 + 35,3 %
268,4 gegenüber
der Vor-
saison
198,6
146,8
127,7

*Dollarwerte zum Jahresdurch-


schnittskurs in Euro umgerechnet

Magische Momente Wellinger: Voll und ganz. Im zweiten

»Einen extrem geilen Sprung hingelegt«


Durchgang habe ich einen extrem geilen
Sprung hingelegt, wahrscheinlich einen
der besten, die ich zeigen konnte.
Skispringer Andreas Wellinger, 24, über seine olympische Goldmedaille SPIEGEL: Wegen eines Kreuzbandrisses
verpassen Sie die komplette aktuelle Sai-
SPIEGEL: Herr Wellinger, SPIEGEL: Nach dem ersten Durchgang son. Wie geht es Ihnen momentan?
Sie haben nach dem waren Sie Fünfter, danach sind Sie Wellinger: Ich mache gute Fortschritte,
Gewinn der Goldme- Schanzenrekord gesprungen. Hatten auch wenn es schwer ist, den Jungs
daille bei den Olym- Sie sich überhaupt noch Chancen aus- nur zuzuschauen. Aber es ist eine Chance,
pischen Spielen 2018 gerechnet? mich weiterzuentwickeln. Wir haben
geweint. War das Ihr uns viel Zeit genommen, an anderen Bau-
emotionalster Sieg? stellen zu arbeiten – Dinge, mit denen
Wellinger: Selbstverständlich habe ich man sich während der Wettkampfzeit nur
JENS HARTMANN / PEOPLE PICTURE

nur geweint, weil es so kalt und windig bedingt beschäftigen kann.


war (lacht). Als Sportler wünscht man SPIEGEL: Was meinen Sie damit?
sich immer den Sieg, aber man rechnet Wellinger: Zum Beispiel die Symmetrie.
nicht damit. Wenn es dann aufgeht, Man wird einen Menschen nie ins Lot
ist es noch viel extremer, als man sich stellen können. Aber wir versuchen jetzt,
das vorgestellt hat. möglichst exakt in der Körperachse zu
SPIEGEL: Sie mussten vier Springer abwar- trainieren und zu springen. Zudem habe
ten, die Sie noch hätten überholen können. ich neue Inputs bekommen, Bewegungen
Wellinger: Es war eine Katastrophe – genauer zu speichern, um sie dann auf
GETTY IMAGES SPORT

warten, ohne etwas beeinflussen zu kön- der Schanze umzusetzen.


nen, ist das Schlimmste. Die Jungs um SPIEGEL: Am 28. Dezember startet die
mich herum haben viel schneller realisiert Vierschanzentournee. Gehen Sie dorthin?
als ich, dass ich am Schluss noch immer Wellinger: Ich bin in Oberstdorf und
auf Platz eins war. Man selbst ist in so werde versuchen, den TV-Zuschauern
einem Moment mit allem überfordert. Wellinger 2018 in Pyeongchang das Skispringen zu erklären. MEM

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 91


Sport

»Die gleiche Scheiße«


Fußball Rui Pinto, das Gesicht von Football Leaks, sitzt seit neun Monaten im Gefängnis. Erstmals
äußert er sich nun zu den 147 Straftaten, die ihm angelastet werden, und zu seiner Zeit in Haft.

D
as Gefängnis, in dem der schärfs-
te Ankläger der Fußballbranche
sitzt, liegt mitten in der Innen-
stadt von Lissabon. Ein Weg zwi-
schen mehrstöckigen, grauen Häusern
endet vor der hohen Mauer des Justiz-
gebäudes, auf der sich Stacheldraht kräu-
selt. Am Montagvormittag herrscht hier
Stille, die nur von Lautsprecherdurchsagen
der Wärter durchbrochen wird.
In diesem Gefängnis ist seit rund neun
Monaten Rui Pinto untergebracht, der
Mann hinter Football Leaks. Pinto über-
gab seit 2016 dem SPIEGEL mehr als 70 Mil-
lionen Dokumente, die gemeinsam mit
Partnern vom Recherchenetzwerk Euro-
pean Investigative Collaborations (EIC)
ausgewertet wurden. So entstanden mehr
als tausend Artikel, viele zogen juristische
Konsequenzen nach sich.
Doch der Einzige, der im Zuge der Ent-
hüllungen im Gefängnis landete, ist Pinto.
Der Portugiese, 31, wurde im Januar in
Budapest verhaftet und im März nach Lis-
sabon ausgeliefert. Die Staatsanwaltschaft
wirft Pinto 147 Straftaten vor, darunter
versuchte Erpressung, Cyberkriminalität
und den Bruch des Briefgeheimnisses.
Die portugiesische Justiz hat nach mona-
telanger Weigerung die Erlaubnis für ein In-
terview erteilt. Pinto spricht erstmals über
die Anschuldigungen, seine Zeit im Gefäng-
nis und den bevorstehenden Prozess.
Die SPIEGEL-Redakteure müssen durch
eine Sicherheitsschleuse und alle Metall-
gegenstände in einen Schrank einschließen
– inklusive der Mobiltelefone und Aufnah-
megeräte. Lediglich einen Notizblock und
Stifte dürfen sie mitnehmen. Das Gespräch
mit Pinto findet in einem Konferenzraum
statt. Die Gitterstäbe vor den Fenstern sind
von Gardinen verdeckt.
Pinto trägt ein schwarzes T-Shirt und
eine ausgeleierte Jeans. Er wirkt viel
schmaler als bei seiner Verhaftung, sein
Gesicht ist grau.

SPIEGEL: Haben Sie sich vorstellen kön-


nen, dass Football Leaks für Sie in einem
MARIA FECK / DER SPIEGEL

Lissabonner Gefängnis endet?


Pinto: Ich musste mich darauf gefasst
machen. Ich wusste ja, dass die portugie-
sischen Behörden Whistleblower straf-
rechtlich verfolgen.
SPIEGEL: Wie werden Sie von den Gefäng-
niswärtern behandelt? Football-Leaks-Gründer Pinto im Januar in Budapest: »Respektlos behandelt«

92
Pinto: Sie gehen sehr gut mit mir um, wir Football-Leaks-Chronik ihrer Werberechte in Steueroasen verscho-
unterhalten uns auch oft. Sie sagen, dass ben haben. Ronaldo musste infolge der
ein Gefängnis nicht der richtige Ort für September 2015 Der Portugiese Rui Pinto stellt Enthüllungen eine zweijährige Bewäh-
mich sei und dass Portugal mehr Personen die anonyme Enthüllungsplattform Football rungsstrafe und die Zahlung von rund
Leaks ins Netz.
wie mich brauche: Menschen, die bereit 19 Millionen Euro akzeptieren.
sind, gegen Korruption vorzugehen. Die Football Leaks zeigten zudem, wie
SPIEGEL: Sie wurden für mehr als sechs bis April 2016 Regelmäßige Veröffentlichungen viel schmutziges Geld in dem Business
Monate in Einzelhaft gehalten. Haben Sie von Dokumenten, z. B. zum Wechsel von Gareth steckt und wie Oligarchen und Scheichs
mittlerweile Kontakt zu anderen Insassen? Bale von Tottenham Hotspur zu Real Madrid den Fußball für ihre Zwecke ausnutzen.
Pinto: Ja, ich bin Anfang Oktober umge- Gegen Manchester City, den mit Millionen
Frühjahr 2016 Die Plattform überlässt dem
zogen und wohne jetzt in einem Trakt mit SPIEGEL erste Dokumente. Sie werden mit aus Abu Dhabi aufgepumpten englischen
Häftlingen, die im Gefängnis arbeiten dür- dem Recherchenetzwerk European Investigative Spitzenklub, ermittelt der europäische
fen. Sie kochen, erledigen die Wäsche, ei- Collaborations (EIC) geteilt. Fußballverband Uefa. Der Klub hat offen-
nige betreiben sogar einen kleinen Laden. sichtlich mit fingierten Sponsorenverträ-
Ich darf meine Zelle verlassen und mit ab Dezember 2016 Football-Leaks-Veröffent- gen die verbandsinternen Finanzregeln ge-
ihnen Zeit verbringen, aber arbeiten darf lichungen des SPIEGEL und der EIC-Partner. brochen. Dem Verein droht ein Ausschluss
Darunter: Steuerhinterziehung von
ich selbst nicht. Mir ist es auch nicht er- Fußballprofis wie Cristiano aus der Champions League.
laubt, nach draußen auf den Hof zu gehen Ronaldo. Zudem Nebenabspra- Die Football-Leaks-Daten enthüllten

o
tia n o Ro n ald
– auf Anordnung des Gefängnisdirektors. chen bei Spielertransfers, der zudem, wie Fifa-Präsident Gianni Infan-
SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Tage in Ein- Umgang mit minderjährigen tino einen Schweizer Oberstaatsanwalt
zelhaft verbracht? Talenten, rassistische Scouting- beschenkte und sich so Zugang zu
praktiken, Umgehung des Finan-

C r is
Pinto: Ich habe mich nur in meiner Zelle einem Bundesanwalt verschaffte, der
cial Fair Play oder geheime Pläne
und einem sehr kleinen Hof bewegt. Da für eine Super League samt Ab- gegen die Fifa ermittelte.
bin ich im Kreis gelaufen und habe einen spaltung vom Fußballverband Uefa.
Fußball herumgekickt. In der Zelle habe SPIEGEL: Haben Ihre Aufdeckungen etwas
ich auch ein bisschen Sport getrieben, an- im Fußball verbessert?
sonsten viel gelesen und in mein Notiz- November 2018 Inzwischen hat die Plattform Pinto: Im vergangenen Jahr haben der
buch geschrieben. Football Leaks dem SPIEGEL und dem EIC mehr SPIEGEL und das EIC enthüllt, wie große
als 70 Millionen Dokumente (3,4 Terabyte Daten)
SPIEGEL: Wie geht es Ihnen psychisch? zur Verfügung gestellt. Vereine in Europa eine Super League ge-
Pinto: Anfangs war es sehr schwierig. Wir plant haben. Nach der Veröffentlichung
Menschen brauchen doch Kontakt zu Vorwürfe gegen Fifa-Präsident Gianni Infantino, haben die Klubs die Ergebnisse der Re-
IMAGO SPORT

anderen Personen. Mir ist nichts anderes u. a. wegen der Änderung des Ethikkodex der Uefa cherchen dementiert. Aber schauen Sie
übrig geblieben, als die Situation zu mit dem Ziel, Voruntersuchungen zu erschweren. sich die aktuellen Meldungen an: Floren-
akzeptieren und mich anzupassen. Es tino Pérez, der Präsident von Real Madrid,
war mir sehr wichtig, nicht den Dezember 2018 Rui Pinto, der anonym hat einen neuen internationalen Klub-
Fokus zu verlieren. in Budapest lebt, entscheidet sich, verband gegründet. Sie wollen die Super
in ein französisches Zeugenschutz-
G i a n n i I n f a n ti n o

SPIEGEL: Was meinen Sie damit? League wirklich umsetzen. Es ist seit
programm zu gehen. Frankreich will
Pinto: Die portugiesischen Behör- die Daten auswerten. Jahren immer die gleiche Scheiße. Es geht
den haben Angst vor dem, was ich einfach weiter. Solange die Lieblings-
weiß. Darum darf ich auf keinen mannschaft gewinnt, ist den Leuten alles
Fall den Verstand verlieren. Am An- Januar 2019 Portugiesische andere egal – selbst wenn sie von Fehl-
fang habe ich noch Notizen über das Behörden erlassen Haftbefehl gegen verhalten und Verbrechen wissen. Dagegen
Verfahren in mein Heft geschrieben, aber Pinto wegen Straftaten in sechs Fällen. komme ich nicht an. Fußball ist unantast-
dann wurde es mir abgenommen. Meine Kurz vor seinem geplanten Umzug nach Frank- bar. Und die Behörden schützen die Bran-
reich wird er in Ungarn verhaftet.
Anwältin war anwesend, als meine Zelle che, weil sie von so großem öffentlichen
durchsucht wurde. Sie hat gesagt, es sei Interesse ist.
illegal, meine Notizen zu beschlagnahmen. 19. Februar 2019 Bei einem Eurojust-Koordinie- SPIEGEL: Warum ist das so?
rungstreffen geht es um den Umgang mit den
Das waren nicht die Gefängniswärter, son- Football-Leaks-Daten. Staatsanwälte aus neun Pinto: Nehmen Sie den größten portugie-
dern es war die Staatsanwaltschaft. Die Ländern bekunden ihr Interesse, die Daten sischen Verein Benfica. Der ist wie ein
macht, was sie will. Ich habe das Heft erst auszuwerten. Krake, dessen Arme überall in die Elite
nach einem Monat wiederbekommen. des Landes hineinreichen. Der Klub ist so
SPIEGEL: Wenn Sie Ihre aktuelle Situation 21. März 2019 Pinto wird nach Portugal aus- eng mit der Polizei, den Strafverfolgungs-
betrachten – waren die Enthüllungen es geliefert und sitzt seitdem in Lissabon in Haft. behörden und der Politik verbunden. Die
am Ende wert? bekommen regelmäßig VIP-Tickets für
Pinto: Wir haben schon ein paar Ergebnis- 16. April 2019 Pinto wird mit dem Whistle- Benfica-Spiele geschenkt. Es wäre ein rie-
se erzielt. Es gab Steuerverfahren gegen blower-Award der Linken im Europäischen siger Interessenkonflikt, wenn sie den Ver-
Fußball-Superstars wie Cristiano Ronaldo, Parlament ausgezeichnet. ein einmal ernsthaft untersuchen müssten.
José Mourinho, Radamel Falcao und Án- SPIEGEL: Ihr Prozess wird voraussichtlich
gel Di María. Belgische und französische 20. September 2019 Die Generalstaatsanwalt- Anfang nächsten Jahres beginnen. Warum
Behörden ermitteln auf Basis von Football- schaft in Lissabon erhebt Anklage gegen Pinto. müssen Sie bis dahin in Haft bleiben?
Sie wirft Pinto nun Straftaten in 147 Fällen vor.
Leaks-Enthüllungen. Wir müssen noch Ge- Pinto: Das ist völlig unbegründet und un-
Diese beinhalten den Vorwurf der versuchten
duld haben, bis wir beurteilen können, ob Erpressung, des illegalen Zugangs zu ver- fair. Ich habe die Richterin um Erlaubnis
sich alles gelohnt hat. traulichen Daten sowie die Verletzung des gebeten, zu Hause auf den Prozessbeginn
Briefgeheimnisses. zu warten. Aber die Staatsanwaltschaft hat
Mithilfe der Football-Leaks-Daten wurde behauptet, ich könne dann die Ermittlun-
ein System der Steuerhinterziehung offen- 18. Dezember 2019 Verhandlung vor dem gen behindern. Sie sehen sogar das Risiko,
gelegt, durch das Spitzenfußballer Teile Ermittlungsgericht in Lissabon dass ich mit Unterstützung ausländischer

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 93


Sport

Mächte illegale Aktivitäten betreiben kön- Informationen zu testen. Ich hatte nie die dieser Programme für den Zugriff auf
ne. Es ist total lächerlich. Absicht, ihr Geld anzunehmen. Daten verwendet wurde.
SPIEGEL: Wen meint die Staatsanwalt- SPIEGEL: Die Staatsanwaltschaft wirft SPIEGEL: Sie haben immer behauptet,
schaft damit? Ihnen 147 Straftaten vor, darunter Ha- nicht allein gehandelt zu haben. Seit Ihrer
Pinto: Ich nehme an, dass sie Behörden cking und den Bruch des Briefgeheim- Festnahme ist Football Leaks jedoch ver-
aus anderen Ländern meint. Einige sind nisses. Was sagen Sie zu diesen Anschul- stummt. Was ist mit Ihren angeblichen
ja zu einer Kooperation mit mir bereit und digungen? Gefährten geschehen?
möchten Verbrechen in der Fußballwelt Pinto: Ich weiß, dass das wie eine hohe Pinto: Seien Sie geduldig. Es stimmt, dass
mithilfe meiner Daten aufklären. Ist das Anzahl von Verbrechen klingt, und mir ich das Gesicht des Projekts war. Aber wir
nicht unglaublich? In Portugal werden werden wahrscheinlich auch Straftaten un- werden sehen, was in der nahen Zukunft
nicht nur Whistleblower kriminalisiert, terstellt, die nicht ich begangen habe. Ich geschieht.
sondern auch die Menschen, die Whistle- muss aber betonen, dass die gesamte Un- SPIEGEL: In Ihrer Budapester Wohnung
blower unterstützen wollen. tersuchung völlig voreingenommen ist und haben die Behörden mehr als ein Dutzend
SPIEGEL: Die portugiesischen Behörden große Mängel aufweist. Ein Zugriff auf die Datenspeicher beschlagnahmt. Einige Fest-
haben kein Interesse daran, mit Ihnen zu- Server-Infrastruktur der Kanzlei PLMJ platten waren unverschlüsselt. War das
sammenzuarbeiten? zum Beispiel sollte doch als eine Straftat nachlässig?
Pinto: Die Staatsanwältin hat mir gesagt, gezählt werden. Stattdessen zählen die Er- Pinto: Dafür gibt es Erklärungen. Eine der
sie erwarte von mir als Kooperation einzig mittler jede einzelne E-Mail-Adresse und Festplatten hat zum Beispiel jemand in
und allein, dass ich mich schuldig bekenne. kommen damit auf mehr als 70 Straftaten. Sarajevo erstellt. Leider befand sie sich
Sie will das Football-Leaks-Datenmaterial Das ist extrem merkwürdig. bei meiner Verhaftung zufällig in meiner
nicht verwenden, obwohl darin zahlreiche SPIEGEL: Werfen die Ermittler Ihnen zu Wohnung, weil ich davon Kopien anferti-
Beweise für die Kriminalität mächtiger Recht diesen Zugriff auf die Server vor? gen wollte.
Akteure der Fußballwelt enthalten sind. Pinto: Das ist strittig. Wir werden das vor SPIEGEL: Auf der Festplatte befand sich
Gericht diskutieren. Jetzt ist es zu früh, also Material, dass jemand anderes als Sie
Die Ermittlungen gegen Pinto gehen auch darüber zu sprechen. gesammelt hatte?
auf eine Anzeige der Sportvermarktungs- Pinto: Ich sage es noch einmal: Die Behör-
agentur Doyen und ihren Manager Nélio den schreiben mir viele Verbrechen zu, die
Lucas zurück. Pinto hatte 2015 Lucas kon- nicht ich begangen habe. Aber ich werde
taktiert und eine hohe Geldsumme dafür niemanden verpfeifen.
verlangt, dass er sensible Dokumente über SPIEGEL: Mit welchem Ausgang des Pro-
Doyens Geschäfte nicht im Internet ver- zesses rechnen Sie?
öffentlichte. Lucas meldete sich daraufhin Pinto: Ich bezweifle, dass ich ein faires
bei der Polizei und ging zum Schein auf Verfahren bekommen werde. Ich denke,
Verhandlungen mit Pintos Anwalt ein. Vor dass dieser Fall vor dem Europäischen Ge-
ANDRÉ VIEIRA / DER SPIEGEL

Abschluss des Deals zogen sich Pinto und richtshof für Menschenrechte landen wird,
der Jurist allerdings zurück, ohne Geld er- weil Portugal sich nicht um den Schutz
halten zu haben. von Whistleblowern kümmert.
Dass ausgerechnet Doyen Pinto nun
vor Gericht bringt, klingt wie ein schlech- Am vergangenen Mittwoch, zwei Tage
ter Witz. Die Agentur steht stellvertretend nach dem Interview, bekommt Rui Pinto
für das Übel in der Fußballwelt, das Pinto Pinto-Anwalt da Mota ein Gefühl dafür, was ihn erwarten könnte:
mit seinen Leaks bekämpfen wollte. Hin- Haftbefehl erweitert Zum ersten Mal trifft er in einem Gerichts-
ter der Firma stand jahrelang die Arif- saal auf die Staatsanwälte und die Neben-
Familie aus Kasachstan, die, gestützt von kläger. Der Termin im Justizzentrum in
dubiosen Oligarchen, mit Hotels, Immo- SPIEGEL: Das klingt danach, als ob Sie Lissabon ist eine Art Verfahren vor dem
bilien und Rohstoffgeschäften Geld ver- zugeben würden, gehackt zu haben. Uns offiziellen Prozessbeginn, bei dem die Be-
dient hat. Doyen wickelte über ein un- gegenüber haben sie das stets bestritten. teiligten die erste Möglichkeit bekommen,
durchsichtiges Firmengeflecht Millionen- Pinto: Ich akzeptiere, dass einige meiner die Richterin von ihren Standpunkten zu
deals im Fußballbusiness ab, setzte dabei Handlungen aus Sicht der portugiesischen überzeugen. Vornehmlich geht es dabei
Vereine unter Druck, band Spieler mit Rechtsordnung möglicherweise als illegal um juristische Formalitäten – etwa ob Lis-
Knebelverträgen an sich. Die spanische betrachtet werden könnten. Ich betone sabon der zuständige Gerichtsstand ist,
Staatsanwaltschaft ermittelt seit Sommer aber, dass viele Dinge, die hier behandelt wenn eine mutmaßliche Cyberattacke im
gegen Doyen und einige ihrer Manager werden, nicht illegal begangen wurden. Ausland stattgefunden hat.
wegen des Verdachts des Steuerbetrugs Und ich betrachte mich nicht als Hacker. Am Morgen des Vorverfahrens muss die
und der Geldwäsche. Grundlage dafür SPIEGEL: Was bedeutet Hacking für Sie? Richterin Cláudia Pina den Verhandlungs-
sind die Football Leaks. Pinto: Für mich ist Hacking, wenn man raum kurzfristig verlegen, damit alle Zu-
mit brachialen Mitteln in ein System ein- schauer Platz finden. Pinto betritt als Letz-
SPIEGEL: Bereuen Sie irgendetwas? bricht und es ausbeutet. So etwas habe ich ter den Saal, begleitet von fünf bewaffne-
Pinto: Ich bereue den ersten Kontakt zu nie gemacht. ten Polizisten mit kugelsicheren Westen.
Doyen im Jahr 2015. Ich war damals naiv, SPIEGEL: Laut Anklage wurde Hacker- Sie nehmen ihm die Handschellen ab und
und es war eindeutig ein Fehler, Doyen an- Software auf Ihrem Laptop gefunden. bleiben in seiner Nähe. 14 Juristen befin-
zugehen. Die Behörden interpretieren das Pinto: Das ist wahr, aber erstens wurde den sich auf der anderen Seite des Raums,
als versuchte Erpressung. Das benutzen dieser Computer nicht nur von mir be- sie vertreten die Nebenkläger, darunter
sie, um mich in Untersuchungshaft zu nutzt. Zweitens bedeutet es nicht, dass die den portugiesischen Fußballverband, die
behalten. Meiner Meinung nach habe ich Software tatsächlich verwendet wurde, Anwaltskanzlei PLMJ, den Fußballklub
aber kein Verbrechen begangen. Ich bin nur weil sie da ist. Und drittens steht nir- Sporting, die Anwaltskammer und Doyen.
an sie herangetreten, um den Wert meiner gends in der Anklage, dass auch nur eines Die mutmaßlich Geschädigten und die

94 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


GETTY IMAGES SPORT
Pinto-Solidaritätsaktion von Dortmunder Fans im Februar: »Fußball ist unantastbar«

Staatsanwaltschaft tragen ihre Argumente Pinto: Alle Debatten sind völlig zulässig. Wenn Portugal mich zu 25 Jahren Haft ver-
vor. Sie erklären, warum der Umfang der Wenn ein Zeitungsredakteur schreibt, dass urteilen würde, würde Eurojust nur sagen:
Klage gerechtfertigt sei und die 147 Straf- ich ein Verbrecher bin, werde ich mich Okay, Pech gehabt. Wir hätten bitte trotz-
taten zwingend in einem Prozess verhan- nicht darüber beschweren. Das ist die dem gern deine Daten.
delt werden sollten. Während die Anklä- Pressefreiheit. Ich verlange nur eine ehr- SPIEGEL: Spüren Sie noch den Drang, Ver-
ger sprechen, streicht sich Pinto immer liche Debatte darüber, was Football Leaks brechen in der Fußballwelt zu bekämpfen?
wieder durchs Gesicht und kaut Haut von erreicht hat. Und bis jetzt war es keine Pinto: Ja, sicher. Eines Tages werde ich das
seinen Fingern ab. Hin und wieder schüt- faire Diskussion, denn im Moment geht Gefängnis verlassen, dann werde ich auf
telt er entgeistert den Kopf. es nur um mich als Person und nicht um Konferenzen sprechen und Artikel veröf-
Nur wenige Meter von ihm entfernt sit- das Unrecht, das ich aufgedeckt habe. fentlichen. Wir brauchen mehr Regulierung.
zen seine Verteidiger, Francisco Teixeira SPIEGEL: Ende 2018 haben Sie beschlos- Die Europäische Kommission muss eingrei-
da Mota und dessen Tochter Luisa. Sie tei- sen, das Leben in Anonymität aufzugeben fen. Erst in diesem Jahr wurde die Fußball-
len mit, dass sie es für unzulässig halten, und mit den Behörden zu kooperieren. branche auf die EU-Beobachtungsliste für
dass die Staatsanwaltschaft den im Januar Frankreich hat mit Ihnen über ein Zeugen- Geldwäsche gesetzt. Es gibt noch viel zu tun.
vollstreckten Europäischen Haftbefehl von schutzprogramm verhandelt, damit Sie die SPIEGEL: Schauen Sie im Gefängnis Fuß-
6 auf 147 Straftaten erweitert hat. Strafermittlungen unterstützen können. Ist ballübertragungen?
Das Vorverfahren zieht sich über meh- so etwas noch möglich? Pinto: Das ist schwierig, weil wir nicht
rere Stunden. Die einzige Person, die das Pinto: Ich hatte vor, Ende Januar nach Paris viele Fernsehkanäle zur Verfügung haben
Wort »Whistleblower« in den Mund nimmt, umzuziehen. Wenige Tage vorher wurde ich und daher nicht viel Fußball zu sehen
ist die Anwältin von Doyen. Und das auch verhaftet. Seitdem habe ich keinerlei Kon- bekommen. Normalerweise höre ich mir
nur, um Pinto diesen Status abzusprechen. takt mehr mit den französischen Behörden. die Spiele im Radio an.
Pinto sieht stumm dabei zu, wie die SPIEGEL: Anfang des Jahres hat die EU- SPIEGEL: Sie sind immer noch Fußballfan?
Pflöcke für ein kompliziertes Verfahren Behörde Eurojust, die die Zusammen- Pinto: Natürlich! Es ist das beste Spiel der
eingeschlagen werden. Am späten Nach- arbeit zwischen europäischen Staatsanwäl- Welt. Ich verachte nur das schmutzige
mittag beendet Richterin Pina die Ver- ten erleichtert, auf der Grundlage Ihrer Geschäft drum herum.
handlung. Für den 13. Januar kündigt sie Daten gemeinsame Ermittlungen in der SPIEGEL: Wie wird Weihnachten im Ge-
ihre Entscheidung darüber an, ob, wo und Fußballwelt eingeleitet. Staatsanwälte aus fängnis für Sie aussehen?
mit wie vielen Straftaten Pinto angeklagt neun Ländern haben ihr Interesse bekun- Pinto: Das wird hart. Nicht nur für mich,
werden wird. det. Haben Sie danach mehr Unterstüt- sondern für alle hier. Wir werden versu-
zung für sich erwartet? chen, uns eine schöne Zeit zu machen und
SPIEGEL: Wir bezeichnen Sie als Whistle- Pinto: Ja, ich habe viel mehr Hilfe erwar- die traurige Realität für eine Weile zu ver-
blower, weil Sie unter großem persön- tet. Ich weiß, dass Eurojust eine sehr büro- gessen. Aber Weihnachten sollte man
lichem Risiko relevante Informationen kratische Struktur hat, aber ich fühle mich mit seinen Lieben verbringen. Trotzdem:
gesammelt und mit Medien und Ermittlern einfach respektlos behandelt. Sie wollen, Manchmal muss man Opfer bringen.
geteilt haben. Andere sehen in Ihnen einen dass ich vollständig kooperiere, ohne mir Rafael Buschmann, Christoph Winterbach
Kriminellen. Was sagen Sie dazu? irgendetwas im Gegenzug anzubieten.

95
Sport

alle 74 Minuten und hat nur ein Tor weni-

Gier nach Erfolg ger erzielt als der Münchner Robert Le-
wandowski. Der Marktwert der Leipziger
Spieler ist geringer als der der Münchner
Bundesliga RB Leipzig ist zum ernsthaften Meisterkandidaten Stars, aber in der Tabelle liegt der Dauer-
meister vier Punkte hinter RB. Er ist der
gereift. Das junge Team strotzt vor jüngste Verein mit dem jüngsten Kader der
Selbstvertrauen. Die Kritik am Red-Bull-Modell wird leiser. Liga, wird mit Markus Krösche von einem
jungen Sportdirektor geführt und von
einem sehr jungen Trainer gecoacht.
Nagelsmann passt hervorragend zu die-
ser jugendlichen Energie, die den Klub aus-
machen soll und die sich so glänzend ver-
markten lässt. Während sein Einfluss auf
die Leipziger Spielweise schon zu erken-
nen ist, wird Krösche in den kommenden
Transferperioden beweisen müssen, wie
er mit der weltumspannenden Strategie
von Red Bull zurechtkommt.
Krösche, 39, ersetzte im Sommer den
langjährigen RB-Vordenker Ralf Rangnick
als Sportdirektor und verließ mit dem
SC Paderborn einen kleinen Verein, bei
dem er bis vor vier Jahren selbst 373 Spiele
absolviert hatte. »Heutzutage wäre ich
kein Profi geworden«, sagt der gebürtige
Hannoveraner und beschreibt grinsend sei-
ne fußballerischen Fähigkeiten: Er könne
froh sein, »damals rumgewürgt zu haben«.
Krösche sitzt an einem Septembermor-
ODD ANDERSEN / AFP
gen in der Leipziger Zentrale, der fünfte
Spieltag ist gerade vorbei, Leipzig führt die
Tabelle an. Sein erster Transfer, der Mittel-
feldspieler Christopher Nkunku, kam von
Paris Saint-Germain. Er stand in Leipzig
Leipzig-Spieler Sabitzer (im weißen Trikot): Klare Ansprüche auf den Titelgewinn schon länger auf der Liste. »Das ist ja nicht
so, dass ich aus Paderborn anreise und sage,
jetzt holen wir mal den Nkunku«, sagt Krö-

A n einem grauen Dezembervormit-


tag kickt der Cheftrainer von RB
Leipzig mit seinen Assistenten auf
dem Trainingsplatz. Während die Spieler
für das Achtelfinale der Champions League
qualifiziert, bei dem man im Februar auf
Tottenham Hotspur trifft.
Für viele Kritiker ist damit ein Horror-
sche. Er habe in Leipzig zu jedem poten-
ziellen Spieler Langzeitreports auf dem
Tisch und könne sich so ein Bild machen.
Diese professionelle Akribie, zu der beim
nach und nach eintreffen, spielt Julian szenario wahr geworden, das sie von Anfang Training auch die Arbeit von Nagelsmann
Nagelsmann, 32, seinen Co-Trainern den an befürchtet haben: ein Fußballklub als und seinem Trainerstab passt, ist ein Grund-
Ball scharf zu. Nagelsmann kreischt, Spielball von Geschäftsleuten. Jener Anfang pfeiler des Erfolgs in Leipzig.
quietscht und flucht, während sie den Bäl- liegt zehn Jahre zurück, als der Getränke- Im persönlichen Gespräch testet Krö-
len hinterherhechten. Ab und zu ballert hersteller Red Bull beim sächsischen SSV sche, ob ein Spieler auch menschlich in
er auf das rund 20 Meter entfernte Tor. Er Markranstädt einstieg. Damit begann ein den Kader passt. Er frage die Fußballer
trifft oft, und dann feiert sich der gebürtige bisher in Deutschland einzigartiger Aufstieg, vor einer Verpflichtung, wo sie ihre Schwä-
Bayer breitbeinig: »Boooomm«, brüllt er bei dem die Leipziger in den Fankurven der chen sehen. »Wenn sich ein Spieler richtig
über den Platz. Es ist viel Testosteron im Stadien oft mit Hass konfrontiert wurden. einschätzt, ist das ein gutes Zeichen dafür,
Spiel, Leidenschaft und Spielfreude. Doch ausgerechnet jetzt, da Konkurren- dass er auch kritikfähig ist.« Neue Spieler
Einige Leipzig-Fans sehen vom Rand ten wie Bayern-Chef Karl-Heinz Rumme- von einem Wechsel nach Leipzig zu über-
aus zu. Sie murmeln anerkennend. »Viel- nigge und Gladbach-Manager Max Eberl zeugen falle ihm nicht schwer, sagt der
leicht sollten sie den Nagelsmann auch mal Leipzig für einen ernsthaften Meister- Sportdirektor. »Der Verein strahlt Dyna-
aufstellen«, sagt einer. anwärter halten, verebbt die Kritik. mik und Offenheit aus, ich glaube, dass
Nicht nötig. Nagelsmann muss sich Die Leipziger Vereinsführung hatte stets das einfach gut ankommt.«
nicht selbst einwechseln, er hat seiner gut gefüllte Konten und damit einen Wett- Mit Rangnick hat sich im Sommer eine
Mannschaft längst die Leidenschaft einge- bewerbsvorteil gegenüber der Ligakonkur- Reizfigur aus dem Leipziger Tagesgeschäft
impft, sie gehört zu den besten Teams der renz. Aber sie hat mit viel Geld auch viel zurückgezogen. Der 61-Jährige kümmert
Bundesliga-Hinrunde. richtig gemacht. Mittlerweile kann es RB sich nun unter dem klangvollen Red-Bull-
Unter dem neuen Trainer ist der Klub mit Topklubs wie Bayern München auf- Jobtitel »Head of Sport and Development
zum Titelkandidaten gereift. RB Leipzig nehmen. Und selbst die Skeptiker müssen Soccer« vorwiegend um den brasiliani-
präsentiert sich dynamisch, professionell erkennen, dass damit die Bundesliga an schen Filialklub des RB-Imperiums, der
und strotzt vor Selbstvertrauen. 4:0, 6:1, Spannung gewinnt. von der kommenden Saison an in der ers-
8:0 lauteten einige Ergebnisse dieser Sai- Der Angreifer Timo Werner, 23, trifft in ten Liga spielen wird. Die engen Verban-
son. Der Verein hat sich als Gruppenerster dieser Bundesligasaison durchschnittlich delungen der Red-Bull-Vereine sind einer

96 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


dieser Vorteile, die Konkurrenten immer »Ich glaube, wir haben Der Widerstand in den Fankurven ist in
noch für unfair halten. In der zweiten den vergangenen Monaten leiser gewor-
österreichischen Liga kickt der FC Liefe- aktuell die stärkste den. In der aktuellen Saison blieb es bisher
ring, der regelmäßig Spieler an Red Bull Mannschaft, die hier relativ ruhig. Außer am ersten Spieltag. RB
Salzburg abstellt. Zwischen Red Bull Salz- trat in feindseliger Umgebung beim Auf-
burg und RB Leipzig sind bis heute 22 Spie- je gespielt hat.« steiger Union Berlin an. Die Köpenicker
ler gewechselt. Und dann gibt es noch die Fans hatten mit Unterstützung ihres Ver-
Filialen in New York und Brasilien. eins zu einem Stimmungsboykott aufgeru-
Als der heutige Leipziger Offensivspieler Dass die Aussicht auf den Titelgewinn fen. Jeder sei eingeladen, 15 Minuten »laut-
Marcel Sabitzer 2014 bei Rapid Wien spiel- von dem umstrittenen Milliardär Dietrich stark zu schweigen« und danach »die Hölle
te, war ihm ein Wechsel innerhalb Öster- Mateschitz und seinem Red-Bull-Kon- zu entfachen«, hatte der Stadionsprecher
reichs vertraglich verboten. Also kaufte zern erkauft wurde, missbehagt Fußball- von Union vor der Partie ins Mikrofon
Leipzig den damals 20-Jährigen und lieh romantikern immer noch. »Wir haben gedonnert. Als die Union-Fans dann ihre
ihn augenblicklich nach Salzburg aus. Viele genauso Budgets wie jeder andere auch Gesänge anstimmten, erzielte Leipzig das
Fans waren außer sich. »Wenn Sie mich so und müssen die knallhart einhalten«, hält 1:0. »Gerade als sie anfangen wollten, ha-
fragen, wohlgefühlt habe ich mich damit Krösche den Fans, Konkurrenten und ben wir sie noch ruhiger gestellt«, sagte
nicht«, sagt Sabitzer. Fußballtraditionalisten entgegen, die RB RB-Kapitän Willi Orban nach dem Spiel
Der österreichische Nationalspieler sitzt ablehnen. und ging darüber hinweg, dass die Union-
in roter Trainingsjacke in einem Konferenz- Doch Red Bull tritt nicht nur als Trikot- Fans trotzig weitergesungen hatten.
raum und umklammert eine Teetasse. »Ich und Stadionsponsor auf, sondern leiht Leipzig vermöbelte den Aufsteiger 4:0.
habe damals echt kurz überlegt, das Ganze dem Verein auch Geld. 2018 hatte RB Leip- Unter dem modernen Trainerteam um Na-
abzubrechen, weil ich wusste, dass viel zig 149 Millionen Euro Verbindlichkeiten gelsmann hat sich die Mannschaft deutlich
Gegenwind kommen kann.« Auch dass er in seiner Bilanz. 121 Millionen davon hatte weiterentwickelt: Sie emanzipiert sich
nach einem Jahr und zwei Titeln in Salz- er sich von der Energydrinkfirma geliehen. vom bisher praktizierten Überfallfußball
burg nach Leipzig in die zweite deutsche Der Klub führt das RB im Namen, obwohl und geht nun souveräner mit Ballbesitz
Bundesliga wechseln sollte, missfiel Sabit- die Verbandsregeln Firmenbezeichnungen um. Die hohen Erwartungen an den jun-
zer. »Im Nachhinein muss ich eingestehen, im Vereinsnamen verbieten. Darum dach- gen Coach, die ihn einst auch zum Trainer-
dass es das Beste war, was mir für meine te man sich kurzerhand den Begriff »Ra- kandidaten bei Borussia Dortmund mach-
Entwicklung passieren konnte«, sagt er. senballsport« aus, kurz RB. Das Vereins- ten, hat er in Leipzig bisher erfüllt.
Sabitzer ist jetzt einer der prägenden wappen wurde marginal geändert, damit Dass der Plan so gut aufgeht, ist kei-
Spieler der Saison. Für Nagelsmann ist er es nicht mit dem Logo des Getränkeher- ne Selbstverständlichkeit. »Unser Erfolg
der Anführer und Taktgeber auf dem Feld. stellers identisch ist. kommt nicht von allein«, betont Markus
Der Österreicher gehört zu den lauf- und Dass einige das Leipziger Modell noch Krösche, »sondern entsteht aus harter
passstärksten Spielern im Team, hat schon immer kritisch sehen, kann Sabitzer nicht Arbeit.« Der Siegeswille, die »Gier« zu
sechs Tore erzielt und vier vorbereitet. »Ich verstehen. Investoren gehörten zur Fuß- siegen, präge den Verein. »Ich bin sehr,
glaube, wir haben aktuell die stärkste Mann- ballwelt mittlerweile dazu. »Wenn man sehr schlecht gelaunt, wenn ich verliere«,
schaft, die hier je gespielt hat«, sagt er. Wie sich die Entwicklung des Fußballs insge- sagt Marcel Sabitzer. Und das wolle er den
sein Trainer und Sportdirektor schreckt Sa- samt ansieht, dann kann man sich davor Leuten um sich herum ersparen.
bitzer nicht davor zurück, klare Ansprüche auf lange Sicht auch in Deutschland nicht Christoph Winterbach
auf die Meisterschaft zu formulieren. mehr komplett verschließen.«

Meisterkandidaten 80 80
75 Marktwert* der wertvollsten Spieler von RB Leipzig
und Bayern München, in Millionen Euro 70 70 70
*Stand: 19. Dezember

50
45
DPA PICTURE-ALLIANCE (4); IMAGO SPORT (6)

40
35

Timo Dayot Ibrahima Marcel Yussuf Serge Joshua Robert Philippe Lucas
Werner Upamecano Konaté Sabitzer Poulsen Gnabry Kimmich Lewandowski Coutinho Hernández

Kader RB Leipzig gesamt: Kader Bayern München gesamt:

590,4 Mio. 892,7 Mio. Quelle: transfermarkt.de

97
Wissenschaft+Technik
»Er hat gesagt, wenn ich die Operation nicht mache, würde ich das nicht überleben.« ‣ S. 100

LONELY PLANET IMAGES / GETTY IMAGES


Rudolph, das Zugtier mit der roten Nase, rülpst und pupst Methan, ein Klimagas – müssten die Geschenke in
modernen Weihnachtsliedern also nicht mit einem E-Mobil zu den Empfängern expediert werden? Rentier
Rudolphs realen Artgenossen beschert umgekehrt die Erderwärmung Probleme: Nicht alle zupfen wie diese
Exemplare ihre Nahrung unter einer lockeren Schneedecke hervor. In Skandinavien drohen viele zu ver-
hungern, da seltener Schnee, stattdessen Regen fällt. Gefriert der nachts zu Eis, können die Tiere nicht grasen.

Evolution das sogenannte Domestikationssyndrom zurückgingen. Erbgutvergleiche brachten


Homo nett schon länger bekannt: Es beschreibt die Forscher jetzt auf die Spur eines
das Phänomen, dass sich Haustiere nicht womöglich entscheidenden Mechanismus,
 Wissenschaftler haben erstmals einen nur im Verhalten, sondern auch in der Sanftmut und weiche Gesichtszüge
genetischen Schlüsselfaktor für einen wich- ihrer Erscheinung von verknüpft. BAZ1B
tigen Schritt in der Entwicklungs- ihren wilden Ahnen unter- beeinflusst das Knochen-
geschichte des Homo sapiens entdeckt: scheiden. So schrumpfen wachstum im Gesicht,
Ein Gen namens BAZ1B war es, das im Laufe der Zähmung während ähnliche Gene
den Menschen gesellschaftstauglich wer- Kiefer und Nase, das Ge- auch sprachliche Fähig-
den ließ. Genauer: Dieses Stückchen sicht wirkt kindlicher. keiten und Persönlich-
Erbanlage war offenbar daran beteiligt, Schon länger gehen For- keitsmerkmale steuern.
FEDERICO GAMBARINI / DPA

dass eher grimmig dreinschauende und scher davon aus, dass der Indem Urmenschen eher
ungesellige Urahnen zum modernen Mensch einen ebensol- zivilisierte Artgenossen
Menschen wurden – Wesen also mit sanf- chen Prozess durchlaufen bei der Partnerwahl bevor-
terem Antlitz und freundlicherem Naturell. hat, im Zuge dessen die zugten, so die Idee der
Das berichten die Forscher um Matteo zum Beispiel für Neander- Forscher, verbreiteten sich
Zanella im Fachblatt »Science Advances«. taler typische Überaugen- somit die Gene für freund-
Bei Hunden und anderen Haustieren ist wülste und große Nase Neandertalerin (Nachbildung) liche Gesichter. JKO

98
Gesundheit Infektionen, und wir wissen, dass er Fußnote

50000
»Regelmäßig essen!« zudem den Verlauf der Therapie positiv
beeinflusst.
Der Ernährungsmediziner SPIEGEL: Wie können Mediziner gegen-
Hans Hauner, 64, von der steuern?
TU München fordert ein Hauner: Zunächst sollten in allen onko-
Umdenken in der Versor- logischen Praxen die Risikopatienten
gung von Tumorpatienten. identifiziert werden. Das geht sehr einfach Tannenzapfentiere sind Opfer von
mit einem Fragebogen. Den Betroffenen Wilderern geworden. Ermittler im
SPIEGEL: Herr Hauner, Sie haben heraus- könnte dann eine Ernährungsberatung chinesischen Wenzhou stellten 23 Ton-
gefunden, dass jeder dritte Krebspatient empfohlen werden; das zahlt in der Regel nen aus Afrika eingeschmuggelte Pan-
in ambulanter Behandlung Gefahr läuft, die Kasse. Dort lernen sie, ihr Lieblings- golin-Schuppen sicher, die wegen ihrer
in die Mangelernährung zu rutschen. gericht zum Beispiel fettreicher zuzuberei- angeblich heilkräftigen Wirkung vor
Merkt das denn niemand? ten. Und sie lernen, dass gilt: Selbst wenn allem in Asien stark nachgefragt sind.
Hauner: Geschähe dies in Krankenhäu- man kaum Hunger verspürt – regelmäßig Ein Tannenzapfentier liefert bis zu
sern, würde es natürlich auffallen, aber essen! Es gibt auch spezielle Trinklösun- 600 Gramm Schuppen. Durch das Ge-
ein großer Teil der Behandlungen findet gen, die Mangelernährung vorbeugen. schäft mit dem Wunderglauben sind
mittlerweile nicht mehr in Kliniken statt, SPIEGEL: Und das würde reichen? mehrere Arten der nachtaktiven Säuger
sondern in Schwerpunktpraxen – was Hauner: Noch besser wäre es, wenn in inzwischen vom Aussterben bedroht.
für die Patienten ja auch angenehmer jeder onkologischen Schwerpunktpraxis
ist, niemand liegt gern im Krankenhaus. Ernährungsberater zumindest eng mit
Aber die Ernährungssituation dieser ihnen kooperieren würden. Von solch
Patienten hatte bislang noch niemand einer umfassenden Betreuung sind wir in
untersucht. Wir waren selbst überrascht Deutschland noch weit entfernt.
von dem Ergebnis, zumal von 44 an- SPIEGEL: Konzentriert sich die Onkolo-
gefragten Praxen nur 17 teilnehmen woll- gie zu wenig auf die Lebensqualität der
ten, sodass wir davon ausgehen, dass Patienten?
die sich immerhin für das Thema interes- Hauner: Zumindest sollten wir unsere
sieren. Es ist also möglich, dass die Prioritäten kritisch hinterfragen. Es wird
Lage in Wahrheit noch dramatischer ist. immer mehr Geld für Chemotherapien

JEROME FAVRE / EPA / REX / SHUTTERSTOCK


SPIEGEL: Wie kommt es zur Mangel- ausgegeben, die das Leben mitunter nur
ernährung bei Krebs? um wenige Wochen verlängern. Auf der
Hauner: Die aggressiven Therapien anderen Seite vernachlässigen wir ein-
führen dazu, dass die Patienten weniger fache Mittel, mit denen sehr viel gewon-
Appetit haben. In späteren Stadien nen werden kann. Wie etwa eine ver-
führt auch die Krankheit selbst zu massi- nünftige Ernährung. Die Patienten legen
vem Gewichtsverlust, der sogenannten Wert darauf, selbst Entscheidungen
Kachexie. In bis zu 30 Prozent der Fälle treffen zu können, und beim Essen kön-
ist das sogar die Todesursache. Ein guter nen sie das. Für viele hat das einen sehr
Ernährungsstatus dagegen schützt vor hohen Stellenwert. JKO Pangolin-Schuppen

Einwurf

O du ehrliche
Was Psychologen uns über den Kinderglauben an den Weihnachtsmann verraten

Ich habe meinen Kindern früh gesagt, dass es den Weihnachts- lassen sich Schlüsse ziehen auf Prinzipien dessen, was Menschen
mann nicht gibt. Zu früh, wenn es nach der Kitagruppe meines für wahr halten. Realität, sagt Kapitány, sei ein soziales Kon-
Sohnes geht, der er mit seinem neuen Wissen einen besinnlichen strukt, geprägt von dem, was andere glauben.
Adventsvormittag verdarb und, so ist es überliefert, Kinder zum Geht der Glaube an einen gestrengen Geschenkebringer so
Weinen brachte. Zu früh auch, wenn es nach Rohan Kapitány weit, dass Kinder versuchen, ihm zum Gefallen brav zu sein? Das
von der Keele University im englischen Staffordshire geht. Der wollen Kapitány und Kollegen jetzt durch die Befragung von
Forscher rät, den Kleinen die Wahrheit über den Weihnachts- mehr als hundert Kindern und Eltern ergründen. Teilen die klei-
mann – oder das Christkind – zu verraten, kurz bevor sie klug nen Probanden mit dem Schwesterlein Süßes aus dem Advents-
genug sind, die Story selbst zu entlarven. Sobald man Sohn oder kalender, räumen sie den Tisch ab, vermeiden sie Streit? Und wer-
Tochter desillusioniert habe, solle man sie aber darum bitten, den den sie umso sanftmütiger, je näher Fest und damit Santa rücken?
Mythos für jüngere Geschwister noch ein Weilchen zu bewahren. Bis die Ergebnisse vorliegen, können Eltern sich schon einmal
Kapitány ist Kulturpsychologe; er untersucht Rituale und wie seelisch darauf vorbereiten, den Weihnachtsmann-Mythos zu
sie die menschliche Neigung beeinflussen, an Unfug zu glauben. begraben. Was allerdings auch schiefgehen kann. Kapitány weiß
Unter welchen Umständen Kinder den Weihnachtsmann für ein von Eltern, die erst jetzt von ihrer Tochter als Lügner gesehen
real existierendes Geschöpf halten, stellte er fest, ist weitgehend werden. »Sie glaubt ihnen nicht«, sagt Kapitány, »weil alle ihre
unerforscht. Aus der Analyse des Kinderglaubens aber, hofft er, Freunde sagen, dass es den Weihnachtsmann gebe.« Julia Koch

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 99


Wissenschaft

Professor Messer
Medizin Ein 77-jähriger Chirurg operiert junge Frauen mit seltenen Krankheitsbildern,
es sind meist umfangreiche Eingriffe. Ein Kollege weist ihm die Patientinnen zu.
Nun mehren sich Hinweise, dass die beiden Ärzte womöglich zu eifrig waren. Entsetzlich eifrig.

W
as sie gerade erlebe, sei ihr Doch es häufen sich Hinweise, dass die lischen Krankenhauses Mettmann schmück-
»schlimmster Albtraum«, pos- Diagnosen in Leipzig womöglich nicht im- te sich dort schon mit »unserem Chirurgen,
tet Miriam Kuhn am 5. De- mer korrekt gestellt wurden. Und dass sich der sehr spezifische Techniken entwickelt
zember in einer Facebook- nach einigen der Operationen Sandmanns, hat, um ein, zwei oder viele Syndrome
Gruppe, das war etwa zwei Wochen nach oft drastischen Eingriffen mit Schnitten zugleich in einem Patienten zu dekompri-
ihrer Bauchoperation. Als hätte man sie vom Zwerchfell bis zur Scham, die Kran- mieren«.
»zum Sterben abgelegt«, so fühle sie sich. ken noch kränker fühlten als zuvor. Christina Kehrer, 37, eine große, einst
Fünf Tage nach der OP habe der Chirurg Etliche Patienten, häufig junge Frauen, sportliche Frau, kam im August 2017 mit
sie erneut aufgeschnitten. Wie eine Ewig- sind verzweifelt, andere wütend und man- einer Vielzahl von Beschwerden zu Tho-
keit sei es ihr vorgekommen, bis es so weit che beides zugleich, wenn sie auf das Ärzte- mas Scholbach. Er diagnostizierte zwei
war, dass »ich mich nicht mehr winde und duo zu sprechen kommen. Medizinerkolle- Syndrome und erwog zwei weitere als
schreie und kotze vor Schmerzen«. gen zeigen sich erschüttert. Ein erfahrener mögliche Ursache ihrer Beschwerden. Bei
Inzwischen ist Kuhn aus dem Kranken- Ultraschalldiagnostiker bezweifelt manche anderen Patienten sah er gar fünf Kom-
haus entlassen worden und voriges Wo- schicksalhafte Diagnose, ein Experte aus pressionen zugleich – ein in der medizini-
chenende nach Hause zurückgekehrt. Großbritannien versucht zu verhindern, schen Fachliteratur bisher nicht anerkann-
Ihren wirklichen Namen mag sie hier nicht dass britische Patienten sich in Scholbachs ter Befund.
lesen. Zu viel Leid, zu nah dran alles, sie und Sandmanns Hände begeben. Eine Woche später meldete sich Wil-
brauche nun Ruhe. Habe immer noch Es ist ein Phänomen des Internetzeit- helm Sandmann per Mail bei Kehrer, die
schlimme Schmerzen. alters: Verzweifelte Patientinnen, bei denen in Wahrheit anders heißt. Er machte alle
Der Ort, an dem Kuhns Albtraum wahr Ärzte keine Ursache ihrer Beschwerden fin- vier Syndrome verantwortlich für ihre Be-
wurde, ist ein OP-Saal des Evangelischen den, googeln im Internet ihre Symptome. schwerden. »Eine operative Therapie ist
Krankenhauses Mettmann nahe Düsseldorf. Stoßen auf eine seltene Erkrankung, die angezeigt und wird zur Besserung/Heilung
Durchgeführt hatte den Eingriff der Gefäß- ihr jahrelanges Leiden womöglich erklärt. führen«, schrieb der Chirurg.
chirurg Wilhelm Sandmann, 77. Damit dürf- Schließen sich in Facebook-Gruppen zusam- Ein kühnes Versprechen. Bereits die Dia-
te Kuhn einer der jüngsten Fälle des Medi- men. Und tauschen Empfehlungen zu Ärz- gnose der Kompressionssyndrome gilt als
ziners sein – eine Patientin, die außer sich ten, Diagnosen, Operationen. äußerst komplex. Leitlinien gibt es nicht.
ist vor Entsetzen über das, was ihr geschah. Patientinnen wie Emma Green, über- Wie gut das Blut in unseren Gefäßen
Bald drei Jahre ist es her, dass auch zeugt von ihrem Heilerfolg, vernetzen und fließt, das kann mit Ultraschall gemessen
Emma Green, heute 32, auf dem OP-Tisch überzeugen die Neulinge. Und Kliniken werden, mit einem speziellen Verfahren,
von Wilhelm Sandmann landete. Auch sie nutzen die geschützten Gruppen als Fo- der Doppler-Sonografie – aber es hängt
litt, auch sie wurde seither noch mal ope- rum – auch eine Managerin des Evange- auch von der Einschätzung des jeweiligen
riert, aber sie sagt, sie habe Glück gehabt Untersuchers ab, wann eine Abweichung
mit dem Professor aus Mettmann. Denn: von der Norm auf solchen Bildern als
»Ich lag praktisch im Sterben.« krankhaft bewertet wird. Und wann man
Kompressionssyndrome sind es, die bei das Messer ansetzen muss.
Green wie Kuhn operiert wurden. Es gibt Die Gefäße sind nicht bei allen Men-
verschiedene Varianten davon. Gemein ist schen gleich angeordnet im Körper; den
ihnen, dass Gefäße eingeengt werden, wenigsten bereiten solche Abweichungen
komprimiert eben. Das Blut fließt dann Probleme. Im Netzwerk der Bauchgefäße
nicht mehr durch den Körper wie es soll. gebe es etwa 25 Prozent Variationen, sagt
Weil Green sich gerettet fühlte, begab Thomas Schmitz-Rixen, Präsident der
sie sich auf eine Mission. In der englischen Deutschen Gesellschaft für Chirurgie.
Boulevardpresse, in Selbsthilfeforen auf »Die haben keinen Krankheitswert. Man
Facebook wirbt sie für Sandmann – und muss nur wissen, dass es sie gibt, wenn
einen Kollegen, der die Kompressions- man operiert.«
syndrome erst diagnostiziert: Professor Patienten mit diffusem Bauchschmerz,
VERENA MÜLLER / DER SPIEGEL

Thomas Scholbach, einen Kinderarzt aus oft junge Frauen, müssen nicht gleich eine
Leipzig. 20 Patienten kontaktierten sie schlimme Krankheit haben, die nur durch
täglich, berichtet Green, jede Woche tele- eine große Operation geheilt werden kann.
foniere sie mehrere Stunden mit Rat- Vielfältige Gründe könnten zu den Be-
suchenden. schwerden führen, sagt Schmitz-Rixen: »Ich
Emma Green trägt maßgeblich dazu bei, muss alle anderen Ursachen ausschließen.«
den deutschen Ärzten Patientinnen aus Dazu brauche es die Expertise verschiede-
aller Welt zuzuführen – indem sie die bei- Patientin Kehrer ner Disziplinen. Jedenfalls, sagt der Gefäß-
den als Lebensretter preist. Schreiend aus der Narkose erwacht chirurg, gehöre die Diagnose solcher kom-

100 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


INSA HAGEMANN / DER SPIEGEL
Chefarzt Sandmann: Man brauche ein »Händchen«

plexen Syndrome »nicht in eine Arztpraxis, Zudem schloss er eine Bruchlücke im sollten diese Diagnosen gestellt werden«,
auch wenn jemand noch so spezialisiert ist«. Zwerchfell durch eine sogenannte Fundo- schrieb Horz damals in seinen Befund.
Klartext: Wie kann der Kinderarzt plicatio. Dabei wird ein Teil des Magens wie Horz, Oberarzt am Krankenhaus Köln-
Scholbach, auch wenn er ein erfahrener eine Manschette um die Speiseröhre genäht. Merheim, ist ein erfahrener Ultraschall-
und sogar ausgezeichneter Ultraschall- Kehrer sagt, sie sei schreiend aus der diagnostiker und Kursleiter. Er hat mittler-
diagnostiker ist, solche weitreichenden Narkose erwacht, habe sich gefühlt wie weile 16 Patientinnen von Scholbach für
Diagnosen stellen? lebend in einem toten Körper. eine Zweitmeinung untersucht. In neun
Der Kenntnisstand zur Therapie der Wochenlang habe sie um ihr Überleben Fällen konnte er die Diagnose von Schol-
Kompressionssyndrome ist eher dünn. Ex- gekämpft, sie sei durch Infusionen ernährt bach nicht bestätigen. Mehrfach sah er bei
perten wie Schmitz-Rixen vermissen kon- worden. Seit der Operation könne sie nur operierten Patienten im Nachhinein keine
trollierte Studien, Goldstandard in der me- wenig und in kleinen Mengen trinken. Sie Indikation zur Operation, während Schol-
dizinischen Forschung. Untersuchungen nehme meist püriertes Essen zu sich, Roh- bach eine gefäßchirurgische Konsultation
schlössen oft nur wenige Patienten ein kost vertrage sie nicht. Bei 1,72 Meter Kör- empfohlen hatte. 3 Patienten, denen Horz
oder beschrieben Einzelfälle. pergröße wiegt sie noch 47 Kilogramm. von einem Eingriff abgeraten hatte, geht
Auffällig sei die relativ hohe Komplika- Und inzwischen glaubt Kehrer: Sie wäre es inzwischen auch so besser.
tionsrate nach Eingriffen, sagt Werner wohl besser nicht wegen ihrer Kompressio- Jutta Fromme aus Sachsen, auch ihr
Lang, Leiter der Gefäßchirurgie am Uni- nen operiert worden. Denn ihre ursprüng- Name ist geändert, gehört zu jenen, denen
versitätsklinikum Erlangen, und die eher lichen Beschwerden gehen möglicherweise eine OP erspart blieb. Ihr Leidensweg be-
geringe Anzahl von dauerhaft Geheilten. auf eine seltene, schwere Antibiotikaschä- gann vor sechs Jahren mit einem Zusam-
»Die Patienten sind längst nicht alle auf digung zurück. Sie hatte Sandmann und menbruch nach einer Phase extremer Ar-
Dauer beschwerdefrei. »Da können Folge- Scholbach darüber berichtet. Die beiden beitsbelastung. In der Folge entwickelte sie
operationen nötig werden.« Ärzte hielten dies aber offenbar nicht für Herzrasen, Bauchschmerzen, Sodbrennen,
Als Christina Kehrer mit ihrer Mutter bedeutsam. Schwindel. Fünfmal war sie in diesen Jah-
nach Mettmann reiste, sei sie noch un- »Letztlich gab es keine Indikation, die- ren in der Notaufnahme, fürchtete einen
sicher gewesen, erzählt sie. Aber dann se Operation durchzuführen, weil die an- Herzinfarkt. Ernsthafte Herzleiden seien
habe Sandmann zu ihnen beiden gesagt, dere Diagnose höherwertig war«, sagt der ausgeschlossen worden, der Kardiologe
die Erkrankung werde langfristig zum Kölner Angiologe Reinhold Horz, der Keh- habe psychosomatische Ursachen vermutet,
Tode führen, falls sie sich nicht operieren rer Monate nach der Operation untersuch- sagt die 49-Jährige heute. Sie habe Angst-
lasse. Kehrer willigte ein. te. Zumal Kompressionssyndrome Aus- zustände und depressive Phasen gehabt.
Während des mehrstündigen Eingriffs schlussdiagnosen seien: »Nur bei Fehlen Als Magen-Darm-Probleme hinzuka-
operierte Sandmann ihre Kompressionen. anderer Erklärungen für die Symptomatik men, geriet Fromme im Februar 2018 an

101
ausländischen Patienten nur mit den übli-
chen Abrechnungssätzen belastet werden.
Scholbach gibt sich Mühe, ausländi-
schen Patienten gerecht zu werden. Sie fin-
den auf seiner Website Informationen in
vielen Sprachen. Zahlen müssen sie bei
ihm in der Regel privat, mehrere Hundert
Euro pro Untersuchung, wie er sagt. Pati-
entinnen berichten mitunter über vierstel-
lige Beträge. Er hat keine Zulassung, die
es ihm erlaubte, seine Leistungen mit den
Kassen abzurechnen.
Was den Chirurg und den Kinderarzt
eint, ist die Überzeugung, dass Scholbach
Dinge sieht, die andere in der Häufigkeit
nicht sehen. Vor allem: Kompressionssyn-

ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL


drome. Sandmann verweist darauf, dass
Scholbach ein sehr erfahrener Ultraschall-
spezialist sei, dessen Untersuchungstech-
nik sowie die Aussagekraft seiner Unter-
suchungen er selbst aufgrund eigener Fach-
kenntnis »sehr gut verstehen« könne.
Mathematikstudentin Gamber: »Ich würde bei lebendigem Leibe verhungern« Die Fachwelt sieht solche Krankheits-
bilder als selten und zwei solcher Syndro-
me bei einem Patienten als noch seltener.
Thomas Scholbach. Dieser diagnostizierte von internationalem Ruf. Seit seiner Eme- Scholbach kennt die Fachliteratur, aber
mehrere Kompressionssyndrome und ritierung vor zehn Jahren baut er gefäß- »im Gegensatz« dazu, sagt er, seien Gefäß-
empfahl eine gefäßchirurgische Korrektur. chirurgische Abteilungen an Krankenhäu- syndrome »nach meiner Beobachtung
Nur eine Woche später, berichtet sie, habe sern auf, in Kamp-Lintfort, in Duisburg- eher häufig«.
sie einen OP-Termin bei Sandmann ge- Nord und zuletzt eben in Mettmann. Aber warum entgeht all das Krankhafte
habt. Bei der Absprache mit dem Chirur- Seit Oktober 2017 ist er Chefarzt dort. an den Gefäßen der Patienten so vielen
gen am Telefon sei es ihr so vorgekommen, Die Klinik hat sich in den zwei Jahren sei- Kollegen, offenbart sich nur ihm?
als wolle er die Operation unbedingt. Sie nes Wirkens zu einer Art Weltzentrum für Scholbach zieht eine von ihm selbst er-
habe sich überfahren gefühlt. die Behandlung von Kompressionssyndro- dachte computergestützte Analyse hinzu:
Fromme sagte ab und vereinbarte men entwickelt. Nach Angaben der Ge- PixelFlux, ein Verfahren, um Doppler-
stattdessen einen Termin bei Horz. Der schäftsführung operierte Sandmann in der Ultraschallvideos zu analysieren. Entwi-
Angiologe konnte kein einziges der von Zeit seines Wirkens dort rund hundert die- ckelt hat es sein Sohn, auf seine Anregung
Scholbach diagnostizierten Kompressions- ser Patienten. hin, seinerzeit noch Schüler. Ob die Soft-
syndrome bestätigen. Im Arztbrief wider- Universitätskliniken können da nicht ware im Vergleich mit etablierten Metho-
sprach er vehement dessen Empfehlung mithalten. Chirurgenpräsident Schmitz- den bestehen kann, ist laut Experten nicht
zur gefäßchirurgischen Korrektur. Es sei Rixen sieht pro Jahr zwei bis drei Patien- hinreichend nachgewiesen.
fahrlässig, eine große, komplikationsträch- ten. Chefarzt Lang aus Erlangen berichtet Ungeachtet dessen sieht Scholbach in
tige Gefäßoperation »aufgrund eines von drei Fällen im Jahr 2018, keiner wurde PixelFlux einen Quantensprung; dass es
fragwürdigen sonografischen Befundes« operiert. Hans-Henning Eckstein, Chef- nicht routinemäßig eingesetzt wird, um
durchzuführen. arzt der Gefäßchirurgie an der TU Mün- Kompressionssyndrome zu diagnostizie-
Frommes Panikattacken, sagt Horz heu- chen, kommt auf bis zu 15 Patienten im ren, verstehe er nicht – zumal er viel dazu
te, seien eine mögliche Erklärung ihrer kör- Jahr. Nur jeder fünfte sei ein Kandidat für veröffentlicht habe.
perlichen Beschwerden gewesen. eine OP. Scholbach hat auf seiner Website eine
Der Patientin geht es inzwischen auch Den rasanten Anstieg der Zahl seiner Publikationsliste hinterlegt, auch mit Stu-
ohne Eingriff besser. Selbst ihre Magen- Eingriffe führt Sandmann auf die Empfeh- dien zu Kompressionssyndromen. Exper-
probleme, sagt Fromme, fühlten sich in- lungen zurück, die seine Patienten im In- ten sind von der Qualität mancher Arbeit
zwischen erträglich an, ganz ohne Medi- ternet finden. Aus ganz Europa, den USA allerdings nicht sehr überzeugt. Eine Publi-
kamente. Sie sei froh, dass sie die OP ab- und selbst Peru fänden Verzweifelte ihren kation, eine Fallserie mit 59 Patienten,
gesagt habe. Weg zu ihm, sagt er. 30 000 Euro muss ein hat sich Hans-Henning Eckstein für den
Wer ist dieser überaus operationsfreu- ausländischer Patient laut Sandmann auf SPIEGEL genauer angeschaut; er überprüft
dige Chirurg? Wilhelm Sandmann, ein einem Klinikkonto deponieren. Je nach er- regelmäßig Studien für medizinische Fach-
hünenhafter Mann mit riesigen Händen, brachten Leistungen werde ein Teil davon zeitschriften auf Gehalt und Qualität.
empfängt in seinem Büro in Mettmann. am Ende zurückgezahlt. Die Geschäftsfüh- Ecksteins Kritik an jener Arbeit: Schol-
An der Wand ein halbes Dutzend Urkun- rung versichert, dass auch die zahlreichen bach definiere das untersuchte Kompres-
den – Ehrenmitgliedschaften, Platzierun- sionssyndrom »anhand eigener sono-
gen auf einer »Focus«-Liste angeblicher grafischer Kriterien«, die unzureichend
Top-Mediziner, eine Vortragsankündigung überprüft worden seien. Es fehle eine Ver-
an der University of Texas. Evita Gambers Bein gleichsgruppe, und es sei nicht nachver-
Der 77-Jährige gilt als Koryphäe, war schmerzt bei Belastung, folgt worden, wie es den Patienten später
Gründungsmitglied der Deutschen Gesell-
schaft für Gefäßchirurgie, Verfasser von selbst Treppensteigen ging. Er habe den Eindruck, so Eckstein,
»dass Herr Scholbach versucht, Dinge zu
mehr als 200 Publikationen. Ein Mann bereitet ihr Mühe. belegen, an die er einfach glaubt«.

102
Wissenschaft

Auch Wilhelm Sandmann ist offenbar mehr. Als ihr linkes Bein plötzlich schmerz- In den folgenden Wochen musste Evita
von seiner eigenen Wirkmächtigkeit über- te, geriet sie in Panik und kontaktierte den Gamber zweimal nachoperiert werden. In
zeugt. Offensiv vertritt er seine ungewöhn- von Scholbach empfohlenen Sandmann. einer Kontrolluntersuchung zeigte sich ein
liche Strategie, vermeintliche Mehrfachsyn- Der riet ihr, umgehend nach Mettmann zu Verschluss in dem Bereich der Becken-
drome in stundenlangen OPs zu behandeln, kommen. Sie reiste an einem Samstag im arterie, wo Sandmann das Venenstück ein-
nach der Methode »alle in einem Rutsch«. November an, in Begleitung ihrer Mutter. gesetzt hatte. Er ersetzte es durch eine
»Mir sind keine anderen Experten bekannt, »Wir wussten überhaupt nicht, auf was Kunststoffprothese. Zwei Tage später
die meine Strategie ablehnen«, so der Chi- wir uns einlassen«, sagt Evita Gamber. musste die junge Frau wegen einer akuten
rurg. Er habe sogar schon vier Syndrome Sandmann habe betont, dass er bereits seit Blutung erneut unters Messer.
bei einem Patienten operiert, und ohnehin Jahren erfolgreich sei mit diesen Metho- Evita Gamber geht es seit diesen Ope-
führe er Eingriffe nur durch, wenn die Be- den, dass es dazu Studien gebe. »Und er rationen schlechter als zuvor. Die operierte
troffenen »schwer symptomatisch« seien. war auch der Erste, der überhaupt gesagt Beckenarterie mit dem Gefäßersatz ist ver-
Aber alle Kompressionen auf einmal hat, dass er helfen kann.« engt, ihr Bein schmerzt bei Belastung,
operieren? Sandmann hält es für riskant, Und, das werde sie so leicht nicht ver- selbst Treppensteigen bereitet ihr Mühe.
die Bauchdecke immer wieder öffnen zu gessen: »Er hat gesagt, wenn ich die Ope- Seit der Operation hat sie Schmerzen in
müssen, wenn ein Patient nach Behand- ration nicht mache, würde ich das nicht der Nierengegend, die sich ab dem Winter
lung eines Syndroms immer noch Be- überleben. Ich würde bei lebendigem Lei- 2018 verschlimmerten. Es stellte sich he-
schwerden habe, denn »allein durch das be verhungern.« raus, dass sich an ihrer von Sandmann ver-
Lösen von Verwachsungen erzeugen Sie Der Chirurg habe ihr zwar mitgeteilt, es setzten oberen Darmarterie ein Aneurys-
auf jeden Fall neue Verwachsungen«. Das sei keine leichte Operation, aber er habe ma, eine in manchen Fällen lebensbedroh-
hält er für »total unsinnig«. sie nicht auf Risiken wie zum Beispiel Nach- liche Gefäßausweitung, gebildet hatte. Im
Im Übrigen glaubt Sandmann, dass vie- Juli 2019 wurde es am Universitätsklini-
le Menschen mit Kompressionssyndromen kum Freiburg beseitigt. Ihre vierte größere
falsch oder gar nicht diagnostiziert wür- Operation.
den. Die Kenntnisse darüber hätten sich Horz, der Ultraschallspezialist, hat den
in der Fachwelt erst in den letzten zwei Fall Gamber in der interdisziplinären
bis drei Jahren durchgesetzt. Gefäßkonferenz seines Krankenhauses
Seine »Art der Chirurgie« habe er be- vorgestellt. Fazit: »Sie hat eine Operation
wusst noch nicht in einem Buch oder einer bekommen, die wir nicht nachvollziehen
Fachzeitschrift veröffentlicht. Weil man können.« Die Staatsanwaltschaft ermittelt
dafür ein »Händchen«, brauche, eine »chi- nach SPIEGEL-Informationen gegen Sand-
rurgische Begabung«. mann wegen des Vorwurfs der fahrlässi-
Wem er dies – außer sich selbst – noch gen Körperverletzung. Es besteht offenbar
zutraue? »Ich würde keinen empfehlen.« der Anfangsverdacht, dass der Chirurg
Er scheint sich als einen der großen, be- ohne ausreichende medizinische Indikati-
rühmten Pioniere seines Fachs zu sehen. on einen Eingriff an der Patientin vorge-
MARTIN JEHNICHEN / DER SPIEGEL

Auch Werner Forßmann, Erstbeschreiber nommen habe.


des Rechtsherzkatheter-Verfahrens, sei Sandmann mag sich aus verschiedenen,
anfangs verkannt worden. Die beiden unter anderem juristischen Gründen nicht
Australier, die das Magenbakterium Heli- zu den Fällen Gamber und Kehrer äußern;
cobacter Pylori entdeckten? Denen habe Jutta Fromme kenne er gar nicht und erin-
man nicht geglaubt. Später habe Forßmann nere sich somit auch nicht an Telefonate
den Medizinnobelpreis erhalten. Und die mit ihr. Grundsätzlich aber sagt er, kenne
beiden Australier auch. Diagnostiker Scholbach er »keine Patienten, die durch den opera-
Manchmal operiert Sandmann sogar et- Er sieht, was andere nicht sehen tiven Eingriff prinzipiell kränker gemacht
was, das nicht einmal Kollege Scholbach worden sind«; Miriam Kuhn sei sogar in
für klinisch bedeutsam erachtet. einem sehr guten Gesundheitszustand aus
Die heute 23-jährige Evita Gamber, eine blutungen, Infektionen oder Gefäßschäden der Klinik entlassen worden.
zierliche Frau mit langem braunem Haar, hingewiesen. Die Studentin kann sich nicht Und in jedem Fall könne es, wie bei je-
war früher eine leidenschaftliche Läuferin. erinnern, einen Aufklärungsbogen für den der operativen Medizin, Komplikationen
Seit vier Jahren studiert die gebürtige Rhein- Eingriff unterschrieben zu haben. geben, »diese wurden entsprechend den
länderin Mathematik und Physik in Lon- Am 6. November 2017, nur zwei Tage fachlichen Richtlinien versorgt«. Das Evan-
don. Im Oktober 2017 wusste sie nicht mehr nach dem Gespräch, lag Gamber auf dem gelische Krankenhaus Mettmann erklärt,
weiter; es ging ihr dreckig. Ein Jahr lang litt OP-Tisch. Sandmann operierte wieder »in dass die OPs stets nach den Regeln der
sie schon unter starken Bauchschmerzen, einem Rutsch«, diesmal drei vermeintliche ärztlichen Kunst erfolgten und es aus-
klagte über Übelkeit und Erbrechen, hatte Syndrome auf einmal, trotz der eher zu- schließlich um medizinisch indizierte Fälle
mehr als zehn Kilogramm Gewicht verlo- rückhaltenden Empfehlung von Scholbach. ging.
ren. Ärzte hatten ein Reizdarmsyndrom di- Er dekomprimierte den gemeinsamen Ar- Scholbachs und Sandmanns Praktiken
agnostiziert. Eine Klinik äußerte den Ver- terienstamm für die Organe im Oberbauch, haben inzwischen Ärzte im Ausland alar-
dacht auf ein Kompressionssyndrom, emp- indem er Teile des Zwerchfells entfernte. miert. Alun Davies, ein international an-
fahl aber zunächst keine Operation. Weiterhin schnitt er ein Stück des Solar- gesehener Gefäßchirurg aus London mit
Dann stieß die Studentin auf Scholbach. plexus weg, eines vegetativen Nervenge- spezieller Expertise in Gefäßkompressio-
Der fand mehrere Kompressionen, bei ihr flechts. Er versetzte eine Darmarterie nach nen, hat gut zehn Patienten des Ärzteduos
gleich fünf. Allerdings: Nur bei einem riet unten und erweiterte eine Nierenvene mit gesehen, weitere Fälle seien ihm, sagt er,
er dazu, abklären zu lassen, ob es operiert einem Stück körpereigener Vene vom Bein. von Kollegen berichtet worden.
werden solle. Gamber wollte eine Zweit- Er verlängerte eine Beckenarterie, eben- Der Professor am Imperial College Lon-
meinung einholen, doch dazu kam es nicht falls mit einem Stück der Beinvene. don spricht von Überdiagnosen und Über-

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 103


Wissenschaft

»Nostalgie hilft«
behandlungen. »Wir konnten diese Ergeb-
nisse nicht bestätigen«, sagt er, wenn
man ihn zu Scholbachs Untersuchungen
befragt. Und Sandmanns Strategie, meh-
rere Kompressionen zugleich zu operie-
ren, lehnt Davies entschieden ab. »Je Psychologie Der Forscher Constantine Sedikides erklärt,
mehr Eingriffe Sie vornehmen, desto
größer das Risiko von Komplikationen
weshalb sentimentale Erinnerungen die Gegenwart
und möglicherweise unnötigen Opera- erträglicher machen und unsere Zukunftspläne beeinflussen.
tionen.«
Eine britische Patientin sei am Ende so-
gar gestorben, berichtet Davies. Sedikides, 61, ist Professor für Psychologie SPIEGEL: Wie erforschen Sie es?
Die Frau war, nach zwei Eingriffen in an der University of Southampton in Eng- Sedikides: Wir sehen uns zum Beispiel an,
Großbritannien, erstmals von Sandmann land. Als er nach vielen Jahren Forschung wie stark es als Charakterzug bei einem
operiert worden. Sie sei aber »mit einer in den USA nach Großbritannien kam, Menschen ausgeprägt ist. Einige von uns
Komplikation« bei ihm angekommen, sagt erzählte er einem Kollegen von seinen weh- sind dafür tatsächlich anfälliger als andere.
der Chirurg, »die ich erst mal beseitigen mütigen Gefühlen für Amerika – worauf- Vor allem aber überprüfen wir, wie Men-
musste, bevor ich tatsächlich ihr Kompres- hin der ihn für depressiv hielt. Neugierig schen darauf reagieren, wenn man sie in
sionssyndrom beseitigen konnte«. geworden, begann er, mit seinem Team die einen Zustand nostalgischer Erinnerung
Danach, sagt Davies, hätten er und ein Nostalgie experimentell zu erforschen. versetzt.
weiterer Kollege der Patientin entschieden SPIEGEL: Wahrscheinlich sind es ältere
von einer weiteren Operation abgeraten. SPIEGEL: Herr Sedikides, gerade um die Menschen, die mehr dazu neigen?
Doch die Frau, deren Zustand offenbar Feiertage herum schwelgen wir gern in Er- Sedikides: Bis zu einem gewissen Grad
verzweifelt war, fuhr im Frühjahr 2018 er- innerungen. Was genau ist die Nostalgie stimmt das zwar, aber bei Kindern, Teen-
neut nach Mettmann und wurde von Sand- für ein Gefühl? agern oder jungen Erwachsenen ist der Hang
mann operiert. Im April 2018 verschied Sedikides: Ein bittersüßes. Es kann beides dazu in etwa gleich stark ausgeprägt. Die
sie in einer anderen Klinik. in uns hervorrufen, Zufriedenheit und Nostalgie ist in allen Altersklassen vertreten.
Sandmann, danach befragt, sagt, sie sei Freude, aber auch Sehnsucht nach der Ver- SPIEGEL: Und trotzdem hat der sentimen-
nicht an einer Komplikation gestorben, gangenheit. Wer nostalgisch ist, der kann tale Blick zurück keinen besonders guten
vielmehr habe sie eine Lungenembolie auch mal eher zu Tränen neigen. Die Nos- Ruf. Man soll gefälligst nach vorn schauen
erlitten. Diese habe »mit einem solchen talgie ist aber immer ein Gefühl, ansonsten und positiv sein.
Eingriff« nichts zu tun. handelt es sich bloß um eine autobiografi- Sedikides: Historisch hat dazu eine Dok-
Davies wandte sich an das »General Me- sche Erinnerung. torarbeit aus dem 17. Jahrhundert Anstoß
dical Council«, um zu verhindern, dass SPIEGEL: Und neigen wir vor allem an gegeben. Der junge Mediziner Johannes
weitere britische Patienten sich in Deutsch- Weihnachten dazu? Hofer untersuchte damals junge Schweizer
land in Behandlung begeben. Diese Ein- Sedikides: Das haben wir wissenschaftlich Söldner, die aus armen Verhältnissen in
richtung in Großbritannien überprüft das nicht untersucht, ich würde es aber stark europäische Länder ausgezogen waren.
medizinische Handeln von Ärzten und vermuten. Wir verbringen die Feiertage Dort sprachen sie oft die Sprache nicht,
wird aktiv, wenn die Sicherheit von Patien- mit Familie und Freunden, haben das frü- hatten Schwierigkeiten, sich anzupassen.
ten gefährdet ist. her schon getan. Da gibt es sicher Momen- Sie gerieten psychisch arg in Bedrängnis.
Sandmann versichert, seine Erfolgsquo- te, an die wir uns erinnern. Was wir aber Hofer fand heraus, dass sie besonders dazu
te liege zwischen 90 und 95 Prozent. An- wissen, ist, dass man eher zur Nostalgie neigten, nostalgisch zu werden. Er be-
dere chirurgische Verfahren, mit denen neigt, wenn das Wetter schlecht ist. Kälte, schrieb die Nostalgie in der Folge als eine
Kompressionssyndrome behandelt wür- Schnee, Regen. Die unterstützen tatsäch- klinische Störung, einen Zustand, den es
den, seien weniger dazu geeignet, die Pa- lich das Gefühl. zu vermeiden galt. Nach ihm blickten noch
tienten nachhaltig von ihren Beschwerden viele Mediziner und Psychiater ähnlich auf
zu befreien. Beweisen kann er seine Quo- die Nostalgie.
te nicht, trotz einer Fragebogenaktion, die SPIEGEL: Sie scheinen diesen Blick nicht
er inzwischen unter seinen Patienten ge- zu teilen – warum?
startet hat. Aber: 90 Prozent der Patien- Sedikides: Hofer verwechselte Ursache
ten, behauptet er, hätten sich nach der und Wirkung. Es ist auf keinen Fall die
Operation spontan persönlich zurückge- Nostalgie, die Einsamkeit und Depression
meldet. Mit Nachrichten wie: »Sie haben hervorruft. Im Gegenteil, sie hilft bei der
mir das Leben gerettet.« Bewältigung schwerer Zeiten.
Dass solche anekdotischen Berichte un- SPIEGEL: Inwiefern?
wissenschaftlich sind? Von Kollegen belä- Sedikides: Ist jemand einsam, wissen wir,
chelt? Ficht Sandmann nicht an. Sein ohne- dass die Nostalgie das Gefühl weniger
hin befristeter Vertrag in Mettmann läuft schmerzhaft macht. Sie hilft auch in Situa-
zum Jahresende aus. Er will sein »Patien- tionen, in denen man Angst hat zu sterben,
ANDREA ARTZ / DER SPIEGEL

tengut« nun an eine Universitätsklinik meint, seinen Lebenssinn verloren zu ha-


transferieren. Mit dreien sei er im Ge- ben, oder schlicht gelangweilt ist. Die Nos-
spräch. Er hoffe, dass ihm gestattet werde, talgie wirkt dann wie ein Puffer, der die
auch weiterhin zu operieren. »Solange schlimmsten Stöße abfedert.
mein Kopf und meine Hände nicht wa- SPIEGEL: Wie kann man sich diesen Me-
ckeln, warum soll ich nicht etwas Gutes chanismus vorstellen?
tun?« Martina Keller Wissenschaftler Sedikides Sedikides: Wenn man sich nostalgisch
»Die Wärme von früher wieder empfinden« fühlt, erinnert man sich an bestimmte Mo-

104
braucht. Man kann damit durchaus auch
in die Zukunft investieren.
SPIEGEL: In einer aktuellen Studie haben
Sie Menschen in Griechenland nostalgisch
werden lassen, um zu sehen, ob sie andere
Konsumentscheidungen treffen. Was ist
passiert?
Sedikides: Wir wollten die Effekte der so-
genannten kollektiven Nostalgie testen.
Unsere Probanden haben sich nostalgisch
an Ereignisse erinnert, die wichtig für ihre
Kindheit in Griechenland waren. Anschlie-
ßend haben wir sie gebeten, aus verschie-
denen Angeboten auszuwählen. Darunter
fanden sich griechische oder auch inter-
nationale Lebensmittel, TV-Shows, Lieder.
SPIEGEL: Was war das Ergebnis?
Sedikides: Bei der Gruppe, in der wir eine
kollektive Nostalgie provoziert hatten, sa-
hen wir Ethnozentrismus. Die Teilnehmer
haben sich eher für griechische Produkte
entschieden. Die Kontrollgruppe, die nicht
nostalgisch stimuliert wurde, wählte freier.
Und man sieht es ja tagtäglich: Auch für
die Wirtschaft spielt die gute alte Zeit eine
große Rolle. In Werbung und Marketing
stößt man ständig darauf. Nostalgie bedeu-
tet Big Business.
SPIEGEL: Ist sie nun also gut oder schlecht?
Sedikides: Kollektive Nostalgie kann zum
Instrument werden, das Akteure mani-
pulativ für sich nutzen. Nehmen Sie den
Brexit. Hier versprechen einige Politiker,
das alte Großbritannien wieder aufleben
zu lassen. Sie bauen auf Gefühlen auf, die
mit der Vergangenheit zu tun haben.
SPIEGEL: Führt kollektive Nostalgie im-
ARKIVI / AKG-IMAGES; JUICE IMAGES / VARIO IMAGES; FOTOARCHIV RUHR MUSEUM / BPK; PICTURE-ALLIANCE / DPA (2); GETTY IMAGES; LAIF

mer zu Patriotismus?
Sedikides: Das muss nicht sein. Es hängt
davon ab, welche Teile der Geschichte mit
welchem Ziel benutzt und für nostalgische
Sehnsuchtsquell Weihnachtsfest Erzählungen verwendet werden. In der
»Viele sind dafür anfälliger als andere« Diskussion um den Brexit hätten auch die
Remainer an alte Zeiten erinnern können:
an ein Großbritannien, das historisch
mente im Leben, die man mit wichtigen Erinnerungen zu positiven Ereignissen international, offen für Migration und ein
Personen geteilt hat. Während man an die- umgedeutet werden. Die nostalgischen Champion der Demokratie war. Diese Kar-
se Ereignisse denkt, erfährt man die Wär- Geschichten, die wir uns selbst erzählen, te haben sie allerdings nicht gezogen. Oder
me dieser sozialen Bindung wieder. Man sind in der Regel sogenannte Erlösungs- nicht erfolgreich genug.
fühlt sich akzeptiert, angenommen. geschichten. Manchmal haben sie einen SPIEGEL: Können Sie selbst den Blick zu-
SPIEGEL: Was ist mit der bitteren Seite? bösen Anfang, finden dann aber ein gutes rück überhaupt noch genießen?
Macht es einen nicht noch trauriger zu Ende. Nostalgische Menschen sehen die Sedikides: Ja, das kann ich! Wir wissen,
merken, dass man sich nur alte Geschich- Vergangenheit oft durch die rosarote Brille, dass es ein Phänomen gibt, das wir »er-
ten in Erinnerung ruft, aber die Gegenwart teilen ihre Erinnerung immer wieder mit wartete Nostalgie« nennen. Es handelt
anders aussieht? ihren Mitmenschen. Das vergrößert den sich dabei um ein aktives Schaffen von
Sedikides: Wenn Menschen nostalgisch stärkenden Effekt. guten Erinnerungen und die Vorfreude
werden, tauchen sie in die Vergangenheit SPIEGEL: Wer nostalgisch ist, hängt nicht darauf, sich wiederum daran zu erinnern.
ab, zurück zu Erinnerungen, die ihnen in der Vergangenheit fest? SPIEGEL: Was folgt für Sie daraus?
bedeutsam und sinnhaft erscheinen. Die Sedikides: Im Gegenteil. In Experimenten Sedikides: Für mich bedeutet das, schöne
integrieren sie dann in ihr Leben. Die Nos- sehen wir, wie Probanden, die nostalgisch Dinge mit Freunden und Familie zu unter-
talgie hilft den Menschen, ihre Gegenwart werden, ihre Zukunft planen: Sie werden nehmen, an die ich mich in Zukunft erin-
zu bewältigen und ihre Zukunft zu planen. kreativer, optimistischer, sind interessierter nern werde. Das kann ein großes gemein-
SPIEGEL: Wie das? am Lösen von Problemen. Der Soziologe sames Treffen einmal im Jahr sein. Oder
Sedikides: Wir wissen, dass Menschen Fred Davis beschrieb die Nostalgie mal als ein Familienurlaub mit neuem Ziel. So fül-
dazu neigen, schlechte Erfahrungen schnel- ein Bankkonto, auf das man seine wert- le ich mein Nostalgiekonto auf.
ler zu vergessen als gute. Innerhalb weni- vollen Erinnerungen einzahlt und von Interview: Kerstin Kullmann
ger Jahre können selbst relativ belanglose dem man abhebt, wenn man etwas davon

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 105


Technik

Magische Linsen
Computer Nachtsicht, Studiolicht und wilde Effekte – dank künstlicher Intelligenz lernen Smartphones,
die oft glanzlose Welt fotografisch zu verzaubern. Und sogar: sie neu zu erschaffen.

F ür Spektakel der Kameratechnik


schien das Handy nicht gemacht.
Bislang war es schon schwierig ge-
nug, der kümmerlichen Optik überhaupt
Schon jetzt ermuntern die Geräte ihre
Nutzer, Aufnahmen möglichst wirkungs-
voll zu inszenieren. Sie begnügen sich
nicht mehr damit, mittelmäßige Fotos von
aufnahmen zum Beispiel versucht sie
zu erkennen, welche Bildflächen zum
Himmel gehören. Dann kann sie ihn
durch sommerliches Blau mit Wölkchen
brauchbare Aufnahmen zu entringen. Doch Freizeitknipsern diskret aufzuhübschen; ersetzen – oder eine Sonnenfinsternis ins
seit Kurzem trumpfen die Geräte mit neu- sie geben ihnen auch mehr oder minder Bild zaubern. Lichtverteilung und Farb-
en Fertigkeiten auf, die ihnen kaum je- grelle Effekte an die Hand, mit denen sie stimmung werden passend zum Sujet ge-
mand zugetraut hätte. vor Publikum Eindruck machen können. regelt.
Das jüngste Beispiel liefert die Software- Den entscheidenden Fortschritt brachte Die Firma nennt diese Effekte »Len-
firma Adobe mit einer App, die nächstes der Einsatz künstlicher Intelligenz (KI). ses«, zu Deutsch: Linsen – als gehörten
Jahr auf den Markt kommen soll. Noch
ehe der Mensch auf den Auslöser drückt,
bekommt er je nach Szene eine Auswahl
von Effekten vorgeschlagen: Soll sein Ge-
sicht im Selfie erscheinen wie von Studio-
leuchten umschmeichelt? Will er es lieber
in eine verwegene Pop-Art-Kulisse mon-
tiert haben? Oder diese mitteltrübe Land-
schaft vor der Linse: Sie ließe sich in ma-
lerisches Dämmerblau tauchen und mit
Mondlicht übergießen.
Die App nennt sich Photoshop Camera;
sie macht das schlichte Knipsen zu einem
Akt der Verwandlung.
Eine andere Attraktion ist bereits ver-
fügbar: Handys von Google boten als erste
eine brauchbare Nachtsicht. Schummrige
Barszenen und dunkle Strandpromenaden
sehen auf den Fotos dieser Geräte aus wie
magisch erleuchtet. Mit dem neuesten
Modell, dem Pixel 4, gelingen nun sogar KI-gestützte Fotografietechniken der Gegenwart ...
Nachtaufnahmen vom sternenübersäten Porträtfotos Optimale Detailschärfe Nachtsicht
Firmament. Maschinelles Lernen befä- Die Kamera nutzt das Bei Dunkelheit nimmt die
Auch Apple arbeitet schon an der Ka- higt die Kamera, Gesichter Zittern der Hand, um eine Kamera zusätzlich Bilder
mera der Zukunft. Bislang ist es nur ein zu erkennen. Auf Wunsch Reihe leicht versetzter mit langer Belichtungszeit
Gerücht, aber Branchenkenner sind sich stellt sie den Hintergrund Fotos aufzunehmen. Diese auf, um finstere Bereiche
rechnerisch unscharf dar. werden für ein scharfes aufzuhellen.
sicher: Das nächste iPhone soll über einen Gesamtbild miteinander
eingebauten 3-D-Sensor verfügen. Damit verrechnet.
kann es die Szene einem Radar ähnlich er-
fassen – die Kamera weiß dann, wie Men-
schen, Tiere, Objekte räumlich im Sicht-
feld verteilt sind. Google etwa nutzt Methoden des Maschi- sie zur eingebauten Optik der Kamera,
Daraus ergeben sich ganz neue Möglich- nenlernens für den Nachtsichtmodus: Ein durch die der Fotograf auf sein Motiv
keiten. Ein Computer könnte dann etwa neuronales Netz wurde darauf trainiert, blickt. »Künftig wollen wir regelmäßig
nachträglich die Beleuchtung verändern: welche Farbverteilung einem mensch- neue Lenses anbieten«, sagt Sven Doelle,
Das Dorf an der Steilküste zum Beispiel, lichen Betrachter bei Aufnahmen ohne Experte für Bildbearbeitung bei Adobe.
fotografiert in plattem Mittagslicht, er- Tageslicht natürlich erscheint – sie einfach »Künstler steuern dann eigene Kreatio-
schiene dann wie von schräg stehender nur pauschal aufzuhellen würde die Stim- nen bei.«
Abendsonne angestrahlt, korrekter Schat- mung zerstören. Das Projekt ist sichtlich auf Schauwert
tenwurf inklusive. Außerdem kann die KI heutiger Smart- und Abwechslung bedacht, mit Blick auf
Solche Erfindungen weisen weit über phones oft schon halbwegs ermitteln, wel- die sozialen Medien. Denn Fotos, die
die herkömmliche Fotografie hinaus. Bis- che Szene sie vor sich hat. Grünes Laub sich mit Filtereffekten hervortun, werden
lang begnügte sich die Kameratechnik da- verarbeitet sie anders als Hauttöne; mensch- eher wahrgenommen; die Wahrschein-
mit, möglichst realitätsgetreu Licht einzu- liche Gestalten schneidet sie auf Wunsch lichkeit erhöht sich um gut 20 Prozent,
fangen. Aber bald ist das wohl nur noch ganz aus dem Bild und setzt sie vor einen wie schon 2015 eine Yahoo-Studie belegt
eine Funktion unter vielen – im intelligent neuen Hintergrund. hat. Noch stärker – um fast die Hälfte –
manipulierten Foto der Zukunft werden Von diesen Fertigkeiten profitiert auch steigt die Zahl der Kommentare, zu denen
Abbild und Fiktion eins. die neue App von Adobe. Bei Außen- sie ermuntern. Es geht hier also nicht

106
nur um Spielereien, sondern um soziales es mit Abertausenden Bilddateien von Viele Ideen für die Fotografie scheitern
Kapital. armseliger Qualität füttern. Der Trick ist, noch daran, dass das Smartphone nicht
In den Geräten setzen die erforderlichen dass diese Übungsbilder aus detailreichen, gut genug versteht, was es vor der Linse
Finessen eine Menge Rechenarbeit voraus. hochwertigen Aufnahmen hergestellt wur- hat. Eine Menge wäre schon gewonnen,
Beim Smartphone war das im Prinzip den. Der Computer versucht dann durch könnte es die Szene räumlich korrekt
schon immer so. Es nimmt die Bilder nicht unentwegtes Probieren, den Originalen erfassen.
einfach nur auf, es muss sie errechnen. wieder möglichst nahezukommen. Was dadurch möglich wird, stellte
»Eine rohe Aufnahme, wie sie der winzige Mit einem ähnlichen Verfahren lassen kürzlich eine internationale Forschergrup-
Lichtsensor liefert, sieht erstaunlich dürftig sich nicht nur Details erfinden, sondern – pe vor. Deren Verfahren erlaubt es, auf
aus«, sagt Stefan Roth, Experte für Maschi- nach entsprechendem Training – kom- Fotos den Lichteinfall nachträglich zu
nenlernen an der TU Darmstadt. plette Gesichter. Dabei treten zwei neu- manipulieren: Gebäude mit Sonne von
Den Bildern mangelt es häufig an Schär- ronale Netze gegeneinander an: Das eine rechts oben, von links, von schräg
fe, und wo die Belichtung nicht ausreichte, probiert blindlings Entwürfe aus, das zwei- hinten – die Lichtquellen lassen sich be-
sind die Flächen pixelig verrauscht. Die te, als unerbittlicher Gegenspieler, weist liebig verschieben, die Schatten wandern
Kamera löst das Problem, indem sie, falls alle Kreationen zurück, die nicht echt entsprechend mit.
nötig, mehrmals auslöst. »Bei schlechtem wirken. Noch muss der Computer zuvor mit
Licht werden bis zu 15 Aufnahmen mit- Theoretisch könnte der Computer auf Aufnahmen aus verschiedenen Winkeln
einander verrechnet«, sagt Roth. »Und da- diese Weise beliebige Szenen in fotorea- gefüttert werden, damit er ein dreidi-
mit kommen wir heute schon erstaunlich listischer Güte erzeugen. Aber da käme mensionales Modell der Szene errechnen
kann. Doch spezielle 3-D-Sensoren, mit
denen Apple vermutlich die iPhones der
nächsten Generation ausstatten will,
könnten das künstliche Beleuchten erheb-
lich vereinfachen.
Eines Tages darf der Fotograf dann wohl
in seinen Bildern die Lichtregie überneh-
men – oder eine App erledigt das für ihn.
Nächstliegende Nutzanwendung: das Por-
trät. Nicht umsonst setzt der Profi im Stu-
dio allerhand Leuchten ein, um ein Gesicht
vorteilhaft aus Licht und Schatten zu mo-
dellieren. Bald kann es ihm womöglich der
Freizeitknipser nachtun, indem er nach-
WESTEND61 / DPA; GET T Y IMAGES; SHUT TERSTO CK; PL AINPICTURE / FOTOFINDER

träglich in seinen Aufnahmen die Beleuch-


tung arrangiert.
Solche Mittel in Laienhand dürften die
Fotografie nachhaltig verändern. Schon
jetzt ist es gar nicht mehr so einfach, ein
technisch schlechtes Foto zu machen. Zu-
... und Zukunft (Forschungsprojekte) mindest bei den Allerweltsmotiven hat
Ergänzungen Verwandlungen Wanderndes Licht sich der Standard deutlich gehoben – zu
Der Computer fügt erfun- Die Stilistik einer Aufnahme 3-D-Sensoren erfassen, wie sehen an den Abermillionen Essensbil-
dene Bildteile in fotorealis- (z. B. »sommerlich«) lässt die Motive im Bild räumlich dern, die auf Plattformen wie Instagram
tischer Qualität ein; dafür sich auf ein beliebiges verteilt sind. Damit lassen abgeladen werden.
genügen grobe Vorgaben anderes Bild übertragen. sich Lichtquellen nachträg- Speisen halbwegs appetitlich in Szene
über deren Verteilung. lich verschieben.
zu setzen ist gar nicht so leicht, aber
nun helfen dem Laien dabei zahlreiche
automatische Filter, die ihm etwa die
Mühen der Farbgebung abnehmen. Die
Adobe-App bietet sogar ein Sortiment
nah an die Bildqualität großer Kameras größtenteils Unsinn heraus. Noch hat die von Effekten, die speziell dem Essen
heran.« KI nur eine sehr begrenzte Ahnung davon, schmeicheln.
Dank dem Maschinenlernen lässt sich was realistisch ist und was nicht. Man muss Für Profis, die nach Distinktion stre-
künftig sogar eine Bildschärfe vortäu- ihr Vorgaben setzen. »Mit Gesichtern geht ben, wird es schwieriger, sich von der
schen, die das Foto selbst gar nicht mehr das«, sagt KI-Forscher Roth. »Denn sie Masse abzusetzen. So mancher flüchtete
hergibt. Wer etwa in eine Straßenszene sind, bei allen Unterschieden, formal doch sich in den Trend zum absichtsvoll ap-
hineinzoomt, wird bald nur noch grobe recht eingeschränkt: zwei Augen, Nase, petithemmenden Kunstfoto – gern grell
Pixel erkennen. »Aber eine KI kann die Mund. Das lässt sich gut automatisieren.« angeblitzte Speisen mit Farbstich ins
fehlenden Details halluzinieren«, sagt Etwas freier darf der Computer schon Gelblich-Grüne, sichtlich inspiriert von
Roth. »Sie erfindet Strukturen, die an die- in einem Forschungsprojekt der Firma Erbrochenem. Sollte die Mode sich durch-
sen Stellen plausibel aussehen.« So erhält Nvidia gestalten, die unter anderem Gra- setzen, wird der Laie schnell lernen, dass
man ein digitales Superzoom – nur mit fikchips für Smartphones herstellt. Der starke Essensfotos genau so auszusehen
dem Risiko, dass die Realität der Häuser- Mensch zeichnet der KI nur grob vor, wie haben.
fassaden bei genauem Hinsehen doch et- Berge und Gewässer, Brücken und Gebäu- Und dann, keine Frage, bieten ihm Smart-
was abweicht. de auf dem Bild verteilt sein sollen – und phone-Apps auch solch eine angesagte
Forscher trainieren ein künstliches neu- sie schafft daraus eine halbwegs fotorea- Ekelautomatik. Manfred Dworschak
ronales Netz für diese Aufgabe, indem sie listische Szene.

DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019 107


Kultur
Mit der Mahlzeit beginnt die menschliche Kultur. ‣ S. 122

WILD BUNCH GERMANY


Szene aus »Pavarotti«

Musik aber auch Testimonials berühmter Zeitgenossen wie Bono,


Plácido Domingo und Zubin Mehta, die nur das Beste über
Belcanto mit Pasta den Freund berichten. Mit seinem Auftritt im Urwald hatte
der Tenor ganz bewusst die ruhmreiche Tradition des Belcanto
 Als Luciano Pavarotti den Höhepunkt seiner Karriere gefeiert, die betörend schöne Musik von Donizetti, Verdi und
längst überschritten hatte, fuhr er 1995 zum Teatro Amazo- Puccini. Dabei war Pavarotti (1935 bis 2007) kein Intellektu-
nas im brasilianischen Manaus, um noch einmal auf jener eller, sondern ein Künstler, der mit seiner Musik identisch zu
legendären Bühne zu stehen, auf der schon die Opernstars sein schien, ein Genussmensch, der das Irdische liebte, vor
des frühen 20. Jahrhunderts gesungen hatten. Mit Video- allem die Liebe, die Oper und nicht zuletzt italienische Pasta
bildern dieses Auftritts beginnt Ron Howards Dokumentar- (davon wohl etwas zu viel). Der Film zeigt auch, dass Pava-
film »Pavarotti« (Kinostart: 26. Dezember), der eher ein rotti den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt verpasste. Nur
Vermächtnis ist. Mit erheblichem Aufwand setzt Howard Pa- mit größter Mühe quälte er sich am Ende noch bis zum hohen
varottis Arbeit am eigenen Mythos fort. Er präsentiert bis- C. Die Fans merkten das, aber sie verziehen es ihm – und
her unbekannte Filmdokumente aus dem Leben des Tenors, verehren ihn bis heute. DY

Literatur jenem Doktoranden aufgesucht. Endlich. in einem Kreuzberger Buchladen daraus


Du kommst auch drin vor Es scheint, ein Leben lang habe sich dieses vorlas, erkannte sich eine alte Dame
Paar nach ihm gesehnt. Der Ehemann ist im Publikum sofort wieder. Ihren Mann
 Man kann eigentlich gar nicht durch ein Künstler mit wenig Erfolg, seine Frau auch. Ein junger Doktorand im Publikum
Kreuzberg gehen, ohne Jan Peter Bremer ist sein Publikum. Zu wenig natürlich wurde ebenfalls enttarnt. Er sprach aller-
zu begegnen, dem Romanautor mit den für ein verkanntes Genie. Der Doktorand, dings nur wenig Deutsch, sodass er nicht
enormen Locken. Bremer, 54, ist ein der dem Künstler in der Mühle zu gleich verstand, um was es ging. Dass Bre-
beharrlicher Spaziergänger und Weltbe- echtem Ruhm verhelfen soll, hatte sich mers Roman so fließend in der Wirklich-
trachter und veröffentlicht im Schnitt lange schon angekündigt, dann allerdings keit weitergespielt werden kann, liegt an
alle vier Jahre einen sehr kleinen, aller- immer wieder abgesagt. Als er nun seiner genialen, zärtlichen, lustig genauen
dings immer großartigen Roman. Der erscheint, beginnt ein fantastisches Kam- Menschenbeschreibungskunst. VW
neue heißt »Der junge Doktorand«, und merspiel, ein zähes Ringen der beiden
darin wird ein altes, einsames Ehepaar, Einsamen um diesen einen neuen Betrach- Jan Peter Bremer: »Der junge Doktorand«. Berlin
das in einer Mühle lebt, eines Abends von ter ihrer Welt. Als Bremer vor einer Weile Verlag; 176 Seiten; 20 Euro.

108 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21. 12. 2019


Künstler stehenden Ausstellungen von Hamburg Elke Schmitter Besser weiß ich es nicht
bis Dresden.
Heikles Fest Eine der bekanntesten Schöpfungen Da war doch was
 Am 2. Januar 2020 jährt sich der des in Wedel geborenen Künstlers ist seine
Geburtstag von Ernst Barlach zum Skulptur »Der Schwebende«, die er In Stockholm gewesen, andere
150. Mal. Der berühmte Bildhauer, 1927 für den Güstrower Dom in Bron- weinen gesehen. Britzelkalt
Zeichner und Autor gibt allerdings selbst ze gegossen hat. Die Formensprache und dunkel war es draußen
ein Bild ab, dessen widersprüchliche ist, typisch für Barlach, archaisch und unter den Protestierenden
Seiten wohl auch im anstehenden Jubi- unkonventionell. Wenige Jahre spä- gegen den Nobelpreis für
läumsjahr nicht aufgelöst werden kön- ter wurde er zum Angepassten. Im Au- Peter Handke, warm strahlten
nen. Weder in den neuen Publikationen, gust 1934 unterzeichnete er, damals 64 in der weihnachtsgeschmückten
die in Verlagen wie Siedler und Suhr- Jahre alt, ein von Joseph Goebbels initiier- Innenstadt ein paar Fernsehleuchten auf
kamp erscheinen, noch in den an- tes Gruppenbekenntnis zu Hitler. In einem die Redner. Der Journalist und Pulitzer-
Brief an einen Cousin erklärte er sich so: preisträger Roy Gutman war aus
»Von Zeitzuständen u. Politik schweigt Washington angereist, der Germanist
man besser. Ich habe den Aufruf der ›Kul- Vahidin Prejlević aus Sarajevo, der Zeit-
turschaffenden‹ mitunterschrieben, bin zeuge Enver Djuliman aus Oslo, eine
also den Vorwurf, Kulturbolschewismus Delegation der Mütter aus Srebrenica
zu treiben, los, bis man ihn wieder aus der außerdem. Die Ärztin Christina Doc-
Kiste holt.« Wie etliche andere moderne tare, die systematische Vergewaltigung
Künstler, wie vor allem auch sein Kunst- von Frauen im Jugoslawienkrieg er-
händler Bernhard A. Böhmer, versuchte mittelt hatte, nahm ihre Gedenkmedaille
er, sich mit den Nazis zu arrangieren – an den Friedensnobelpreis 1988 von
und wurde dennoch von ihnen bekämpft. der Outdoorjacke und verkündete,
Sein »Schwebender« etwa wurde 1937 ab- sie gebe ihn zurück. Sie hatte ihn als
gehängt und später eingeschmolzen, seine Mitglied der UN-Friedenstruppen
EPD / AKG-IMAGES

Kunst wurde grundsätzlich als »entartet« bekommen.


diffamiert. Barlach starb im Oktober 1938 Insgesamt war die Stimmung nach
an einem Herzinfarkt. Hinterlassen hat der Kundgebung am Dissidententisch,
er Werke, die oft wie schwermütige Mahn- wo man bei Kabeljau mit Avocado
Barlach-Skulptur »Singender male wirken – wozu sie ermahnen kön- Zehen und Finger wieder zu spüren be-
Mann«, um 1935 nen, scheint offener denn je. UK gann, dennoch vermutlich gehobener
als im Rathaus, wo man zur selben Zeit
beim Bankett nach der Preisverleihung
Kalixrogen von einem Gurkenbeet
Filmwirtschaft lar ein, fast das 20-Fache seiner Produk- pickte. Fisch mit Grün wird in Schwe-
tionskosten. Der Angriff von Streaming- den haltungsneutral serviert.
Aufatmen in der anbietern wie Netflix, die den Film- So war der internationale Abschluss
Kinobranche studios mit aufwendigen Produktionen einer, sagen wir, anregenden zweimo-
wie Martin Scorseses umstrittenem natigen Zwischenzeit von der Bekannt-
 Nach den katastrophalen Zuschauer- Gangsterepos »The Irishman« Konkur- gabe bis zur Verleihung. Nun ist das
zahlen des Jahres 2018 zeigt sich die renz machen, scheint vorerst keine gra- Unglück geschehen (meine Ansicht,
deutsche Kinobranche deutlich erholt. vierenden Folgen zu haben. LOB schon klar), und die germanistische
Rund hundert Millionen Tickets wurden Zunft der akademisch äußerst wohl-
bis Mitte Dezember verkauft, nicht bestallten Bundesrepublik, bisher
zuletzt dank Blockbustern wie dem Dis- bemerkenswert still, könnte ihre Arbeit
ney-Film »Der König der Löwen« und aufnehmen: die ganze Debatte unter
der deutschen Gesellschaftssatire »Das Zuhilfenahme des akademischen
perfekte Geheimnis« mit Elyas M’Barek Bestecks aufarbeiten. Kontextualisier-
und Karoline Herfurth. In diesem Jahr tes Lesen, historisch-kritische Kommen-
gab es gleich fünf Filme, die in Deutsch- tierung, Versionsvergleiche – all dieser
land mehr als vier Millionen Zuschauer dringend erforderliche Bienenfleiß,
fanden – 2018 hatte es keinen einzigen der besonders rote Erdbeeren und
gegeben. In Nordamerika steuert Holly- sprechende Pilze, den ganzen putzigen,
wood auf ein gutes Jahr zu, auch wenn alternativen Handke-Kosmos, auch
die Studios vermutlich nicht an den seinen Liebhabern in seinen düsteren
Rekord von 2018 herankommen werden. Anspielungen verständlich macht.
Vor allem Superheldenspektakel wie Wissenschaft braucht Zeit, das Publi-
»Avengers: Endgame«, »Captain Marvel« kum Geduld. Doch wer in zehn Jahren
MARVEL STUDIOS / IMAGO IMAGES

und »Spider-Man: Far from Home« bei der Erwähnung des Nobelpreis-
sorgten für Schlangen an den Kinokassen. trägers Peter Handke denkt, »da war
Eine der größten Überraschungen doch was?«, der wird hoffentlich eine
dieses Jahres war das düstere Rache- Ausgabe in den Händen halten, die
drama »Joker« mit Joaquin Phoenix in Licht in finster identitäre Zeiten bringt.
der Hauptrolle, dem dafür auch Chancen
auf den Oscar eingeräumt werden. Es An dieser Stelle schreiben Elke Schmitter und
spielte weltweit über eine Milliarde Dol- Werbemotiv für »Avengers: Endgame« Nils Minkmar im Wechsel.

109
ERICH LESSING / AKG

110 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21.12. 2019


Titel

D
er Geländewagen kommt jetzt
nur noch im Schritttempo voran.
Schwere Regengüsse über dem

Unter den Steinen


Bergland südwestlich von Jeru-
salem haben die Schotterpiste ausgewa-
schen. Die Fahrt endet vor einem Wall. Er
erinnert an eine jener großen Feldstein-

Jerusalems
mauern, die Schafhirten der Gegend an
manchen Orten aufschichten. Yosef Gar-
finkel lächelt, den Vergleich hat er schon
gehört. »Aber das hier ist etwas anderes«,
sagt er, »es ist die Stadtmauer von Khirbet
Religion Kein Buch hat die Weltgeschichte so geprägt Qeiyafa.«
wie die Bibel. Doch was stimmt von den Vor 3000 Jahren tauchte Khirbet Qei-
yafa aus dem Dunkel der Geschichte auf.
Geschichten über König David, die Philister oder Rom war noch nicht gegründet, da lebten
zwischen den Mauern dieser Stadt Men-
Mose? Archäologen suchen nach Spuren der schen, deren Hinterlassenschaft das wis-
biblischen Helden – mit überraschenden Ergebnissen. senschaftliche Bild der Bibel heute erheb-
lich verändern könnte.
Von Dietmar Pieper Noch ist der Name Khirbet Qeiyafa
außerhalb der Fachwelt kaum bekannt.
Doch was Garfinkel mit seinem Grabungs-
team über die einstige Festungsstadt he-
rausgefunden hat, gehört zu den aufre-
gendsten Funden der biblischen Archäo-
logie im 21. Jahrhundert.
Garfinkel setzt seinen breitkrempigen
Lederhut auf. Vorbei an rekonstruierten
Mauern und spärlich bewachsenem Geröll
stapft der 63-Jährige zum südlichen Stadt-
tor. Auf dem Pflaster des drei Meter brei-
ten Zugangs bleibt er stehen und sagt: »Ich
bin sicher, König David ist genau hier Hun-
derte Male hin und her gegangen.«
Garfinkel ist der Direktor des Archäo-
logischen Instituts der Hebräischen Uni-
versität in Jerusalem. Auf der Suche nach
der Wahrheit über David hat er Hacke,
Schaufel und Pinsel in die Hand genom-
men, er hat seine Funde akribisch doku-
mentiert und sich in einen wissenschaft-
lichen Streit gestürzt, der noch nicht be-
endet ist.
In der Auseinandersetzung um Khirbet
Qeiyafa bildet sich noch etwas Größeres
ab als eine archäologische Kontroverse,
die sich darum dreht, ob vor 3000 Jahren
das vereinigte Königreich von Israel und
Juda existierte. Garfinkels Entdeckung
wirft ein neues Licht auf eine der großen
Streitfragen: Wie genau nahmen es die
Verfasser der Bibel mit der historischen
Wahrheit? Generationen von Ausgräbern
und viele andere wollten schon wissen, ob
die Heilige Schrift nicht nur Geschichten,
sondern auch Geschichte erzählt.
In 692 Sprachen hat sich die Bibel um
den Erdball verbreitet, damit übertrifft sie
jedes andere Werk. Sie ist das mächtigste
Buch der Menschheitsgeschichte, hat Kul-
turen und Gesellschaften geprägt und tut

Caravaggio-Gemälde »David mit


dem Haupt des Goliat«, um 1600
König oder Clanführer?

111
Titel

es noch heute. Die allermeisten US-Präsi- heutigen Staatsgebiets habe er auch den Von blutigen Feldzügen berichtet die Bi-
denten schworen ihren Amtseid auf die Bi- damals Israel genannten Norden unter sei- bel ebenso wie vom Turmbau zu Babel oder
bel. Donald Trump ließ für jenen Tag im ner Gewalt gehabt. Sein Sohn Salomo der Auferstehung des gekreuzigten Jesus.
Januar 2017 eine Ausgabe herbeischaffen, sei ebenfalls noch König des vereinigten Gesetzestexte (»Leben um Leben, Auge um
die Abraham Lincoln gehört hatte, aus- Reichs gewesen, ehe es in zwei Herr- Auge, Zahn um Zahn«) stehen neben eroti-
nahmsweise folgte Trump damit seinem schaftsgebiete zerfiel. scher Poesie (»Deine beiden Brüste sind
Vorgänger Barack Obama. Auf der Bibel So wie die Autoren des Alten Testa- wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle«).
fußten Königreiche, um die korrekte Aus- ments König David beschreiben, übertraf Niemand weiß, wie viele Autoren daran
legung wurden Kriege geführt. Und noch er alle seine Nachfolger. mitgeschrieben haben, wann und wo sie die
heute wird sie als politische Waffe benutzt. Das antike Werk beginnt mit der Er- ersten Zeilen auf Papyrus festhielten.
König David ist in der Bibel eine der he- schaffung der Welt, mit Adam, Eva und Nur Kreationisten, wie sie sich in er-
rausragenden Personen. Beweisen kann der Schlange. Zum grandiosen Finale bie- staunlich großer Zahl unter evangelikalen
Garfinkel zwar nicht, dass es David selbst tet dann das Neue Testament nichts Ge- Christen und ultraorthodoxen Juden fin-
war, der die Stadtmauer hochziehen und ringeres als den Weltuntergang und eine den, verstehen das Geschriebene wörtlich.
die Festung ausbauen ließ. Aber er ist über- neue Erde. Dazwischen passiert ungeheu- Die radikale Gegenposition zu den
zeugt, dass der Herrscher viel Zeit in Khir- er viel, Kain und Abel tauchen auf und Kreationisten vertritt der britische Evolu-
bet Qeiyafa verbracht hat: »David war ein verschwinden wieder, die Sintflut hebt die tionsbiologe Richard Dawkins. Für ihn ist
Krieger bis ins hohe Alter, so beschreibt Arche Noah an, Abraham erkennt den die Bibel bloß »eine chaotisch zusammen-
ihn die Bibel. Jedes Jahr musste er einige wahren Gott, es ist ein Epos, das die west- gestoppelte Anthologie zusammenhang-
Monate bei seinen Soldaten sein, die das liche Kultur geprägt hat, ein erzählerischer loser Schriften«.
Grenzgebiet zu den Philistern bewachten.« Kosmos, der weit umfangreicher ist als die Doch damit macht es sich Dawkins zu
Die Philister, sie sind im Alten Testament meisten Romane. Und fast alles soll tat- einfach. In den biblischen Geschichten sind
die großen Gegenspieler der Judäer. sächlich geschehen sein? Fakten und Fiktionen eng verwoben, es ist
Wenige Kilometer entfernt haben Ar- kaum möglich, sie pauschal abzutun. Die
chäologen die eisenzeitlichen Überreste Zeitschrift »Biblical Archaeology Review«
der Stadt Gat ausgegraben. Gat war eine Das Land der Bibel führt 53 Personen auf, die in anderen Quel-
der fünf Philister-Metropolen, in der Bibel Die südliche Levante im len, etwa in gemeißelten Inschriften, eben-
ist es die Heimat von Goliat, dem Riesen, 10. Jahrhundert v. Chr. PH Ö N I ZI E R falls bezeugt sind, unter ihnen biblische
der »sechs Ellen und eine Handbreit« gro- Könige, ägyptische Pharaonen sowie Des-
ßen Kampfmaschine. Eine der bekanntes- Territorium Judas poten aus Mesopotamien, dem Zweistrom-
ten Begebenheiten der Bibel nimmt ihren (Kerngebiet der land an Euphrat und Tigris.
Herrschaft Davids DAN
Lauf, als die Philister eines Tages hinauf und Salomos) Besonders das Alte Testament hört sich
nach Juda marschieren und sich »zwi- häufig an wie die Chronik einer fernen
schen Socho und Aseka« zur Schlacht ge- Zeit. Es setzt sich aus den ursprünglich auf
gen die Bergbewohner rüsten. See Genezareth Hebräisch verfassten Büchern zusammen,
Garfinkel zeigt über das Tal hinweg auf die auch zum Tanach gehören, so nennen
die Hügel der anderen Seite. »Dort haben Mittelmeer die Juden ihre Bibel.
wir Socho gefunden«, sagt er und deutet Historiker und Archäologen versuchen
nach Südosten. »Und dort, ein Stück tal- Samaria nach all der Zeit, Spuren der Helden und
abwärts, liegt Aseka.« Die Geografie sei IS R A E L der Schurken dieses Buchs zu finden. Wer
zeitweilig unter
für ihn das Wichtigste an der biblischen judäischer Herrschaft war König David wirklich, was ist mit Pro-
Überlieferung. »Die Orts- und Landschafts- Ekron Jerusalem
pheten oder Herrschern? Und stimmt es,
angaben beweisen uns, dass die Verfasser Jericho was die Bibel über die Nachbarn des aus-
der Texte wussten, worüber sie schrieben.« Aschdod erwählten Volkes verbreitet?
In Sichtweite von Khirbet Qeiyafa habe Aschkelon
der Kampf zwischen David und Goliat Bethlehem Qumran- Gene aus dem Felsenbein
Gaza
Gat Höhlen
stattgefunden, sagt der Archäologe. Aber Seit fast 30 Jahren hatten die Archäologen
hat er das wirklich? Oder ist es nur plau- Hebron in der israelischen Küstenstadt Aschkelon
PHI LI STE R
sibel? Auch Garfinkel hat keinen Beweis nach den Überresten der Philister gegra-
dafür gefunden, dass der Riesenmann J U DA ben, und beinahe hätten sie das, wonach
wirklich gelebt hat. »Mag sein, dass Goliat M OA B sie schon lange suchten, wieder nicht ge-
eine mythologische Figur ist«, räumt er funden. Am Ende des letzten Tages schien
ein. »Gat war eine große Stadt, Goliat es dort bloß noch darum zu gehen, bis
kam von dort, also könnte er auf meta- Totes hinunter auf den ursprünglichen Boden
phorische Weise zu einem Riesen gewor- Meer vorzudringen, um die Arbeiten abzuschlie-
den sein.« Und die Darstellung, dass Da- ßen. Aber plötzlich war da etwas.
vid den gewaltigen Kämpfer gegen alle Ausgrabungsstätte Khirbet Qeiyafa Einer der Archäologen stieg in den Bag-
Wahrscheinlichkeit mit seiner Steinschleu- Überreste einer befestigten Stadt gerlöffel und ließ sich in die Grube hinab-
der besiegte und ihm den Kopf abschlug? (um 1000 v. Chr.). Zwei nahe gelegene senken. Aus der Erde klaubte er einen
»Es klingt für mich wie eine dieser Ge- Fundstätten im Tal von Elah werden menschlichen Backenzahn. In dem Mo-
schichten, die sich Soldaten am Lagerfeuer von Archäologen den in der Bibel ment habe er gewusst, »dass sich für uns
genannten Orten Socho und Aseka
erzählen und die dann von den Schreibern zugeordnet. hier alles verändern wird«, sagte er später.
aufgegriffen wird.« Propaganda zur Ehre Endlich hatten die Ausgräber einen vor
eines Mächtigen. drei Jahrtausenden angelegten Friedhof ent-
In der Bibel ist David der größte aller 50 km deckt, im Juli 2013 war das. Nach und nach
Könige, die je über das Gottesvolk stießen sie auf 145 vollständige Skelette,
herrschten. Neben Juda im Süden des einige trugen noch Ringe und Halsketten.

112 DER SPIEGEL Nr. 52 / 21.12. 2019


GRANGER COLLECTION / ULLSTEIN BILDERDIENST

ERICH LESSING / AKG


Mose Empfängt die göttlichen Gesetze und führt Abraham Geboren in Ur in Mesopotamien, wird er
den Exodus an. Die ersten fünf Bücher der Bibel heißen nach langer Wanderschaft zum Stammvater der
auch Bücher Mose. Verfasst wurden sie Hunderte Jahre Israeliten. Gott schließt mit ihm einen Bund. Gleicher-
nach den beschriebenen Ereignissen. maßen bedeutend für Juden, Christen und Muslime.
Forschungsstand: Mose ist eine Sagengestalt. Forschungsstand: Abraham ist eine Sagengestalt.

Doch wichtiger als die Grabbeigaben waren hält«, sagt Krause. Der 39-jährige Forscher In neun der zehn Fälle stammte das Mate-
für die Wissenschaftler die Knochen selbst. ist einer der Stars der deutschen Wissen- rial aus dem Felsenbein, in einem Fall aus
Mit diesen Skeletten sowie weiteren schaft, er war beteiligt, als das Erbgut der einem Backenzahn – je 100 Milligramm
Funden konnten sie einer biblischen Über- Neandertaler entschlüsselt wurde, danach Knochenpulver, herausgefräst im Rein-
lieferung nachspüren. Die Philister, heißt identifizierte er den bis dahin unbekann- raumlabor mit einem Zahnarztbohrer.
es im Alten Testament und ähnlich auch ten Denisova-Menschen. Von den zehn brauchbaren Proben ka-
auf ägyptischen Inschriften, seien übers Im heißen Klima Israels und Palästinas men drei vom Philister-Friedhof, nach dem
Meer gekommen, aus Kaftor, gemeint ist zerfallen Genmoleküle besonders rasch. die Ausgräber so lange gesucht hatten.
vermutlich Kreta. Gehörten sie zu den le- 108 Proben hatten die Archäologen aus Gelebt hatten die Menschen im 10. und
gendären »Seevölkern«, die gegen Ende Aschkelon nach Jena geschickt, doch bei 9. Jahrhundert v. Chr. Drei weitere Proben
der Bronzezeit um 1200 v. Chr. an die süd- den Analysen stellte sich heraus, dass die waren rund 700 Jahre älter, sie stammten
östlichen Küsten des Mittelmeers vordran- meisten davon unbrauchbar waren. aus einer bronzezeitlichen Grabstätte. Die
gen? Weil sich das alles nicht beweisen ließ, Krause holt eine dunkelgraue Schatulle vier übrigen, im Alter zwischen den bei-
wollten manche Forscher es nicht glauben. aus seinem Regal, kaum größer als ein Bril- den anderen Gruppen, hatten die Archäo-
Die entscheidende Phase der Untersu- lenetui, ein bleiches Fragment eines Men- logen unter dem Fußboden eines Hauses
chung begann 2014 weit entfernt von Asch- schenschädels liegt darin. »Sehen Sie hier«, gefunden. Aus den Proben ergab sich eine
kelon, im thüringischen Jena. Dort hatte ge- sagt er und zeigt auf ein Teilstück, das un- verwertbare Zeitreihe.
rade ein neues Max-Planck-Institut die Ar- gefähr so lang ist wie ein Fingerglied, »dort Ergebnis: Die älteste Gruppe fügte sich
beit aufgenommen. Der Archäogenetiker ist das Felsenbein, der härteste Knochen nahtlos in den Genpool der südlichen Le-
und Institutsdirektor Johannes Krause be- im Körper.« Das Felsenbein umschließt vante während der Bronzezeit ein. Auch
schreibt sein Fach als »naturwissenschaftliche das Innenohr mit dem Gleichgewichts- die jüngste wies keine bedeutsamen Un-
Geschichtswissenschaft«. Genau das, was organ, überlebenswichtig für einen auf- terschiede zu ihren Nachbarn auf, die in
man braucht, um die in alten Knochen ge- recht gehenden Zweibeiner. der Eisenzeit lebten.
speicherten Informationen lesbar zu machen. Zehn Proben aus Aschkelon mit geeig- Anders aber die mittlere Gruppe, wie
Allerdings: »Die südliche Levante ist netem DNA-Material konnten die Wissen- Krause erklärt: »Hier fanden wir eine deut-
keine Region, in der sich die DNA gut er- schaftler in Jena erfolgreich analysieren. liche Abweichung, diese Menschen be-

113
Titel

saßen Gene, die in Südeuropa vorkom- Die biblischen Geschichten beschreiben


men. Kreta ist unser Topkandidat, auch die Karriere eines Alleskönners: aufge-
Sizilien oder Sardinien sind möglich.« wachsen in kleinen Verhältnissen, erst
Also hat die Bibel an dem Punkt recht: Die Haudegen und Rebellenführer, dann
Philister waren übers Meer gekommen, sie weiser Staatsmann und frommer Diener
waren Europäer. Eine Bestätigung für alle, Gottes. David spielt angeblich glänzend
die in der Heiligen Schrift eine zuverlässige auf der Harfe und dichtet Psalmen, er
Quelle sehen möchten. verführt die Frauen und begründet eine
Doch daneben ergibt sich aus der Dynastie.
Zeitreihe auch ein Widerspruch. Anders Wie die frühen Christen von seinem
als im Alten Testament behauptet, Ruhm zu zehren versuchten, zeigt sich im
können die Philister kaum die ewigen Neuen Testamen