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Die Flüchtlingswelle kommt genau zur rechten Zeit

Das neue Jahr wird ökonomisch ein gutes für Deutschland. Warum? Wegen der Flüchtlinge. Diese kurbeln
die Binnenwirtschaft an - und das ist in einer Zeit des schwächelnden Exports doppelt wichtig. Von Thomas
Straubhaar
Noch nie ging es so vielen Deutschen so gut wie heute. Die Zahl der Erwerbstätigen (…) erreicht rund 43
Millionen, die Zahl der sozialpflichtig Beschäftigten liegt bei fast 31 Millionen. Beides sind absolute
Rekordwerte. Sie liegen über vier Millionen höher als vor zehn Jahren.
Ebenso eindrücklich ist der Rückgang der Arbeitslosigkeit. Anfang 2005 wurde die Fünfmillionen-grenze
überschritten. 2015 blieben im Jahresdurchschnitt nur noch 2,8 Millionen Menschen ohne Arbeit. Die
Arbeitslosenquote fiel auf 6,4 Prozent – gegenüber 11,7 Prozent eine Dekade zuvor. Noch nie hatten so viele
Menschen Arbeit und blieben so wenige ohne Beschäftigung.
Weil die Löhne, nicht aber die Preise steigen, erhöht sich die Kaufkraft der Einkommen. Das erste Mal seit
der Jahrhundertwende verbessert sich momentan die reale wirtschaftliche Situation für die Maße der
deutschen Haushalte (…) spürbar. Deshalb geht es heute den meisten Deutschen ökonomisch besser als
jemals zuvor.
Optimismus und Gelassenheit
Jahrelang stand die (Un-)Sicherheit des Arbeitsplatzes ganz oben auf dem Sorgenbarometer der Deutschen.
Heute gibt es für diese Ängste weniger Ursachen denn je. An diesem erfreulichen Trend wird das kommende
Jahr nichts ändern. Die ökonomischen Aussichten für 2016 bieten viel Grund für Optimismus und gelassene
Zuversicht.
Als würden die positiven wirtschaftlichen Fakten nicht zur Kenntnis genommen, zeigt sich Deutschland als
"verstörte Nation", wie der "Spiegel" Mitte Dezember titelte. Vor allem seine bürgerliche Mitte lässt sich durch
die Flüchtlingszuwanderung verunsichern. Sorgenvoll wird gezweifelt, ob angesichts einer Million
Asylsuchender das Boot überquelle, und ob Deutschland es schaffen kann, die Flüchtlingswelle zu
bewältigen. Wieso eigentlich?
Ökonomisch bieten die Flüchtlinge wenig Anlass zu Sorgen. Anstatt Menschen mit deutschen Produkten in
deren Heimat zu beglücken, werden sie nun als Asylsuchende in Deutschland mit Gütern und
Dienstleistungen versorgt. Was soll problematisch daran sein, wenn anstatt Waren zu den Konsumenten, die
Konsumenten zu den Waren kommen? In beiden Fällen finden die Produzenten Abnehmer für ihre
Angebote.
Wohnen, essen und kaufen Flüchtlinge hierzulande Güter und Dienstleistungen für den Alltagsbedarf,
stimulieren sie genauso die deutsche Wirtschaft, wie sie das tun würden, wenn sie in ihrer Heimat deutsche
Waren und Dienstleistungen konsumieren. Ihre Nachfrage wird nun aber nicht mehr als Export verbucht,
sondern als Konsumausgabe im Inland. Beides wirkt sich gleichermaßen positiv auf die deutsche Konjunktur
aus.
Eine Million zusätzlicher Kunden
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, dass Flüchtlinge wohl kaum deutsche Güter und
Dienstleistungen nachgefragt hätten, wenn sie in ihrer Heimat geblieben wären. Sie würden dann lokale
Güter aus der Nachbarschaft kaufen und kaum Lebensmittel, Alltagsprodukte und Dienstleistungen oder
Wohnraum aus Deutschland nachfragen. Anders formuliert: Deutschlands Wirtschaft erhält dank der
Asylsuchenden schlagartig eine Million zusätzlicher Kunden, die sie ansonsten nicht gehabt hätte. Der
private Konsum in Deutschland wird sich im nächsten Jahr überaus positiv entwickeln und real um fast zwei
Prozent zulegen.
Das erfreuliche Wachstum der privaten Konsumausgaben ist für Deutschland von entscheidender
Bedeutung. Jahrelang war der Exportweltmeister vom Erfolg seiner Ausfuhrwirtschaft abhängig. Schwächelte
die Weltwirtschaft, wurde Deutschland krank. Das ändert sich gerade. Deutschland emanzipiert sich von
seiner Exportabhängigkeit. Gottlob. Denn die Zukunftsaussichten für die Exportwirtschaft sind alles andere
als rosig.
Bestenfalls kann davon gesprochen werden, dass die Globalisierung an Schwung verloren hat und gerade
eine Pause einlegt. Schlimmstenfalls aber kann es sein, dass das Zeitalter offener Märkte und einer
grenzenlosen Arbeitsteilung gerade zu Ende geht. Weltweit gewinnen Nationalisten, Protektionisten und
Antiglobalisierungskräfte massiv Zulauf. Sie alle schotten nationale Märkte vor Konkurrenten aus dem
Ausland ab. Als Ergebnis steigen die Transaktionskosten der internationalen Arbeitsteilung, während die
Vorteile der Spezialisierung stetig geringer werden. Das wird die deutsche Exportwirtschaft in 2016 bremsen.
Binnenwirtschaft ist wichtiger denn je
Mehr denn je dürfte somit Deutschlands Konjunktur 2016 von positiven Impulsen der Binnenwirtschaft
abhängig sein. Und genau diesen notwendig werdenden Rückenwind liefert der Zustrom von Flüchtlingen.
Zwar sind die Asylsuchenden nicht in der Lage, ihre Nachfrage selber zu finanzieren. Vielmehr sind sie auf
humanitäre Hilfe der Öffentlichkeit angewiesen.
Genau deshalb aber entsprechen die Konsumausgaben der Flüchtlinge einem staatlich finanzierten
Konjunkturprogramm. Allerdings mit einem weiteren entscheidenden Unterschied. Die Flüchtlingswelle kann
– anders als ein reines Konsumstimulierungsprogramm – nachhaltig wirken. Nämlich dann, wenn sie nicht
nur als Konsum, sondern als Investition wirkt.
Das bedeutet, dass Flüchtlinge eben nicht nur als von öffentlichen Kassen subventionierte Käufer behandelt
werden sollten, sondern so rasch wie irgendwie möglich als Arbeitskräfte, die in Zukunft mithelfen, das
deutsche Bruttoinlandprodukt zu mehren.
Damit wird offensichtlich, was 2016 für die deutsche Wirtschaft zum Schlüsselfaktor werden wird. Die
Flüchtlinge sind hier, andere werden noch kommen. Sind sie nur Konsumenten, nicht aber Produzenten, sind
sie eine enorme Belastung für Gesellschaft und öffentliche Kassen.
Werden sie aber zu Konsumenten und Arbeitskräften, können sie für eine nachhaltige
Konjunkturstimulierung sorgen. Deshalb ist alles erfolgreich, was hilft, dass Flüchtlinge rasch arbeiten
können und entsprechend ihren Fähigkeiten zu "deutschen" Arbeitskräften werden.
Die Flüchtlingswelle trifft Deutschland nicht im falschen Moment. Sie kommt genau zur rechten Zeit. Anstatt
weltweit Menschen in deren Heimat mit deutschen Exportprodukten zu beliefern, könnten Flüchtlinge in
Deutschland direkt mit Gütern und Dienstleistungen aus hiesiger Wertschöpfung bedient werden, zu der sie
als Arbeitskräfte auch beigetragen haben. So würden Flüchtlinge hierzulande für jene binnenwirtschaftlichen
Impulse sorgen, die der deutschen Außenwirtschaft 2016 fehlen dürften, weil der Motor der Globalisierung
ins Stottern geraten ist.

https://www.welt.de/wirtschaft/article150432545/Die-Fluechtlingswelle-kommt-genau-zur-rechten-Zeit.html