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Ernst Dorfner

Ist der Kapitalismus zukunftsfähig?


Überlegungen zum gleichnamigen Gespräch

Ob die Systemlogik des marktwirtschaftlichern Systems


tatsächlich
mit Zukunftsfähigkeit vereinbar ist [...], wissen wir nicht - und
können wir nicht wissen. [...] Erst wenn sich in Zukunft
herausstellt, daß eine Verbrauchsreduktion von Energie und
Stoffen mit der Systemdynamik der Marktwirtschaft nicht
vereinbar ist,
müssen andere Wege des Wirtschaftens überlegt werden.
BUND/ Misereor,‘Zukunftsfähiges Deutschland’, S. 372

Aus der Analyse der ökonomischen Dynamik ergibt


sich aber, daß ein Nullwachstum [...] ohne eine
wesentliche Mutation der Geldwirtschaft
nicht möglich ist.
H. C. Binswanger, ‘Geld & Wachstum’, Seite 119

Ist der Kapitalismus zukunftsfähig? So die bündige Frage. Dieser Begriff steht
für das, was auch Marktwirtschaft, Geldwirtschaft, Eigentumswirtschaft benannt
wird 1. Jedenfalls geht es um die Zukunftsfähigkeit dessen, was gesellschaftlich
und ökonomisch ist. Das sehen ja auch Friedrich Hinterberger und Fred Luks
so, wenn sie feststellen, “ökopolitische Vorschläge müssen von den
tatsächlichen gesellschaftlichen Strukturen ausgehen - und nicht von
irgendwelchen Wunschträumen”2.

Angesichts der enttäuschenden Ergebnisse sowohl der Denver-Konferenz der G


8 als auch der Umwelt-konferenz der UNO in New-York im Frühsommer 97
sollte ja auch die Frage gestellt werden, ob es nur die Unwilligkeit der Beteiligten
ist, die dieses so bewirkt, oder ob nicht doch mehr unbedacht blieb in der
Darstellung der gesellschaftlichen Wirkmechanismen als bislang in den Studien
über eine zukunftsfähige Entwicklung beschrieben wurde. Ob man denn doch
nicht allzusehr von Wunschträumen statt von tatsächlichen gesellschaftlichen
Strukturen ausgegangen ist und diese Täuschungen jetzt ent-’täuscht’ werden.

1
Die Klassik entwickelte mit dem ‘Kapitalismus’ eine Herrschaftstheorie, die Neoklassik die Theorie der
‘Marktwirtschaft’, die Berliner Schule des monetären Keynesianismus die der ‘Geldwirtschaft’, Heinsohn und Steiger
die der ‘Eigentumswirtschaft’. Siehe G. Heinsohn / O. Steiger, Eigentum, Zins und Geld, Rowohlt 1996,
2
F. Hinterberger / F. Luks, Ökologische Wirtschaftspolitik, Birkhäuser, 1996, S. 303
1
Eine der renommiertesten dieser Studien ist ‘Zukunftsfähiges Deutschland’3.
Sowohl in dieser
als auch in ‘Ökologische Wirtschaftspolitik’ gehen die Autoren, allesamt
Mitarbeiter des renommierten
Wuppertal Institutes, in ihren ökonomischen Überlegungen vom Mainstream der
ökonomischen Lehre, der Neoklassik, aus. Wiewohl sie die daraus entwickelte
neoklassisch inspirierte Umweltökonomik damit
kritisieren, daß sie wohl “ein formal überzeugendes theoretisches Bild” bietet,
“das aber mit der Realität wenig gemein hat”4, bildet sie doch weiterhin die Basis
ihrer Überlegungen, welche trotz der Berücksichtigung neuerer Gedanken und
Theorien, wie die der Institutionenökonomik, der evolutorischen Ökonomik oder
der ökologischen Ökonomik, unverändert in ihrer paradigmatischen Annahme
bestehen bleibt.

Dieses Paradigma beschreibt unsere Wirtschaft als eine geldvermittelte


Tauschwirtschaft, in der heute
fertige Güter und Leistungen gegen heute fertige Güter getauscht werden und
dem Geld lediglich die Rolle eines neutralen Tauschvermittlers zukommt. Einen
systemlogischen Zwang zum Wachstum gibt es dabei nicht - und kann es nicht
geben. Denn niemanden geht es um Geld. Vielmehr - so die Theorie - geht es
allen nur um die Güter und Leistungen und deren optimale Allokation. Jedem
Angebot steht damit zwangsläufig eine Nachfrage gegenüber, wie es das
Say’sche Gesetz formuliert. Die Ökonomik reduziert sich damit auf eine
Optimierungsaufgabe, die sich im Ausgleich von Grenzkosten und Grenznutzen
erfüllt. Die paretooptimale Allokation ist dann erreicht wenn im Gleichgewicht
kein Individuum oder Kollektiv seine Situation durch seine Aktivitäten mehr
verbessern kann, ohne die Situation eines anderen zu verschlechtern. Dabei
wird der Mensch als homo oeconomicus, als rationaler Nutzenmaximierer,
gezeichnet, dessen Bemühen es ist, dieser beschriebenen
Optimierungsaufgabe möglichst gut nachzukommen. Daß es dabei den Markt,
auf dem dies abläuft, schon immer gegeben hat und dieser nicht eine Eigenheit
einer ganz bestimmten gesellschaftlichen Form ist, wird unhinterfragt als gültig
vorausgesetzt 5.
Während jedoch die Grundannahmen vom Tausch von Gütern gegen Güter
nirgends in der Realität zu erkennen sind, spielen offen vor uns liegende
Strukturelemente, - mit denen wir alltäglich umgehen und uns deshalb so
selbstverständlich sind - , wie Eigentum und Geld, in dieser Theorie keine

3
BUND/Misereor, Zukunftsfähiges Deutschland, Birkhäuser, 1996
4
F. Hinterberger / F. Luks, S. 241
5
Diese Annahme gehört nach Meinung der von F. A. Hayek geprägten neo-österreichischen Schule in die
“wissenschaftliche Folklore” . Siehe dazu G. Heinsohn / O. Steiger, S. 41
konstitutive, sondern nur eine nachgeordnete Rolle. Wiewohl also Eigentum und
Geld in der modernen gesellschaftlich-rechtlichen Realität so bestimmend
hervortreten, werden sie auch von den Wuppertaler Autoren nur am Rande
angeprochen und nicht als “tatsächliche gesellschaftliche Strukturen” erkannt.

Folgt man nun aber den Gedanken der neoklassischen Schule, so ist es auch
verständlich, daß einer der Hauptvertreter dieser Schule, Arthur Cecil Pigou,
sein Hauptwerk ‘Ökonomie der Wohlfahrt’ genannt hat6. Soziale Wohlfahrt wird
demnach dadurch erzielt, daß die einzelnen Wirtschaftssubjekte diese
Allokation optimal bewältigen. Allerdings ist nicht auszuschließen, daß einzelne
Menschen oder Kollektive diese täglichen Optimierungsaufgaben nicht
vollständig erfüllen, so daß es individuell als auch gesellschaftlich zu
suboptimalen Lösungen kommt. Dazu zählt auch Arbeitslosigkeit, die danach
nur eine freiwillige sein kann, weil eben über zu hohe Arbeitskosten die
Erzielung des optimalen Gleichgewichtes verhindert wird.

Da in diesem Verständnis eine Krise somit keinen theoretischen Ort findet, gibt
es auch ökonomisch keine Umweltkrise, sondern nur eine suboptimale
Allokation von Ressourcen, die allerdings ökologisch zur Krise führen kann. So
geht es ökonomisch bei der Entwicklung einer zukunftsfähigen Wirtschaft von
vornherein ‘nur’ darum, aufzuspüren, welche Behinderungen dem Erreichen
eines optimalen Zieles entgegenstehen, womit sich auch die Wuppertaler
Studie beschäftigt, und ob bzw. welche Wirtschaftspolitik zu deren Überwindung
betrieben werden soll. In den unterschiedlichen Politiken drücken sich zwar die
verschiedenen Richtungen - hier mehr Staat, dort mehr Markt - aus, die aber
allesamt das Paradigma der neoklassische Lehrmeinung nicht in Frage stellen.
Diese Richtungen werden auch in ‘Ökologische Wirtschaftspolitik’ dargestellt.
Die grundsätzliche Frage, ob denn diese unsere Wirtschaft überhaupt
zukunftsfähig ist, kann demnach aber gar nicht gestellt werden. Diese
Zukunftsfähigkeit ist vielmehr eine Selbstverständlichkeit. Die
Rahmenbedingungen müssen dahingehend ‘nur’ optimiert werden.
Ebenfalls findet der Zwang zum Wirtschaftswachstum darin keine theoretische
Begründung. So können die Wuppertaler Autoren dann auch schreiben, daß
sich “eine [...] Wachstumsbeschränkung [...] als Folge der Stoffstromreduktion
[...] durchaus als vereinbar mit der marktwirtschaftlichen Ordnung erweisen
kann.7” ‘Kann’: Offensichtlich sind sie selbst nicht ganz davon überzeugt, denn
skeptisch merken sie wenige Zeilen weiter unten an: “Ob die Systemlogik des
6
So ist es nicht überraschend, daß dieser Arthur Cecil Pigou auch in der modernen Theorie der Internalisierung der
externen Umwelteffekte eine bedeutende Rolle spielt.
7
BUND/ Misereor, Seite 372. Dort heißt es weiter: Der Wissenschaftliche Beirat ‘Globale Umweltveränderung’ weist
[...] auf die Wachstumsdynmik des marktwirtschaftlichen System hin, macht aber gleichzeitig darauf aufmerksam ,
daß es “im Gegensatz zu mancher Behauptung - falls die ökologischen Rahmenbedingungen dies erzwingen - im
Prinzip auch mit dem Gedanken des Nullwachstums vereinbar ist.”
marktwirtschaftlichern Systems tatsächlich mit Zukunftsfähigkeit vereinbar ist
[...], wissen wir nicht - und können wir nicht wissen”.8

2.
Nun braucht die Neoklassik kein gesondertes monetäres Profitmotiv, damit es
überhaupt zur Produktion von Gütern kommt. Diese Produktion und die
Möglichkeit hierzu wird stillschweigend angenommen. Evolutionär ist es dabei
zur Arbeitsteilung gekommen, weil sich diese im Zusammenhang mit dem den
Menschen von Urzeiten an innewohnenden “Hang zum Tauschen”, wie ihn
Adam Smith den Menschen andichtet, sich als die vorteilhafteteste Weise der
Deckung von Bedürfnissen herausgestellt hat. Dies reicht für die nötige
Dynamik der Wirtschaft. Der Vorteil oder Gewinn liegt in der Tauschrelation der
arbeitsteilig erzeugten Güter selbst, findet sich also im individuellen Verhältnis
von eingetauschtem Güternutzen gegenüber dem hingegebenen Grenzaufwand,
und wird in einer geldvermittelte Tauschwirtschaft nur monetär eingekleidet. Von
all denen, die das Gut A herstellen, erzielt beim Tausch gegen das Gut B eben
der den größten Gewinn, der A mit dem geringsten Aufwand herstellt. Das drückt
sich materiell und nicht monetär aus, kann aber monetär eingekleidet werden.
In diesem Sinn gibt es im ‘neoklassischen’ Wettbewerb zwar Gewinner, aber
keine Verlierer, die auch ausscheiden müssen. Gewinner ist der mit den
geringsten Aufwendungen. Alle anderen müssen ‘halt nur mehr hineinstecken’,
braucher längere Zeit dazu, ihr Verhältnis ‘Grenznutzen zu Grenzkosten’ wird
kleiner. Der Wettbewerb ist kein Ausscheidungswettbewerb. Es ist wie eine
Wettfahrt flußab: Auch die, die nicht rudern, kommen an - nur eben später.

In eben diesem Sinn sehen die Wuppertaler Autoren Wettbewerb nur von der
positiven Seite: “Erst ein ausreichender Wettbewerb schafft innerhalb einer
geeigneten Rahmensetzung ausreichende Anreize für die Suche nach
Innovationen. Ein wirtschaftlicher Rahmen ohne geeignete Politik gegen
Wettbewerbsbeschränkungen ist nicht geeignet, die gewünschten Ziele zu
erreichen .”9

Fraglich bleibt allerdings, ob sie dies auch dann noch so sehen, wenn sie
schreiben, “daß das Streben nach Gewinn das Ziel unternehmerischer
Aktivitäten ist und bleibt”10 und es wenig weiter dann heißt, “daß sich eine
Erhöhung der Ressourcenproduktivität schon unter Kostengesichtspunkten
‘rechnet’”11. Hier kommt für den Betriebswirt doch der Aspekt zum Tragen, der

88
BUND/Misereor, Seite 373
9
F. Hinterberger / F. Luks, Seite 301
10
F. Hinterberger / F. Luks, S. 251
11
F. Hinterberger / F. Luks, S. 252
da heißt, daß noch vor dem Beginn der Produktion die Frage nach dem Geld
steht, mit dem diese finanziert wird. Und das ‘Sich rechnet’ nichts anderes heißt,
als daß zumindest die ursprünglich investierten Geld-Kosten samt Zinsen durch
den Verkauf der Produkte wieder hereinkommen müssen.
Hier in der Betriebswirtschaft wird also das Geld zum Um und Auf der
Entscheidung. Und der Betriebswirt weiß ganz genau, daß er zu Kredit und Geld
nur kommt, wenn er eine Sicherstellung mittels disponiblen Eigentum leisten
kann. Das aus dem Kredit entspringende Geld setzt also haftendes Eigentum
voraus, wie anhand eines guten Handelswechsels gezeigt werden kann. Geld
ist somit ein Derivat des Eigentums, eine Forderung gegen das Eigentum der
Banken bzw. der Notenbank, wie Heinsohn und Steiger12 überzeugend
nachweisen, und zwar eine Forderung auf bereits vorhandenes und nicht erst zu
schaffendes Eigentum. Dabei ist Eigentum etwas, das über den Besitz an
materiellen und immateriellen Sachen hinausgeht und allein aus einem
Rechtsakt hervorgeht13. Eigentum ist das ‘wohlerworbene Recht’.

Wenn sich nun auch über diese Theorie trefflich streiten läßt, so weiß der
Unternehmer doch ganz praxisnah diese Gegebenheiten zu bedenken: Er weiß,
daß er seines Eigentums, das er zur Sicherstellung seines Kredites verpfändet
hat, dann verlustig geht, wenn er die Tilgung des Kredites samt Zinsen nicht
leisten kann. Dieser Konsequenz ist er sich immer bewußt, wenn er davon
spricht, ob sich etwas ‘rechnet’.
Um diesen Verlust aber zu vermeiden, muß er ständig bemüht sein, mit seinen
Kosten konkurrenzfähig sein, um zumindest die Tilgung der Schulden
einschließlich der Zinsen durch den Verkauf wieder hereinspielen zu können.
Der Wettbewerb hat also seine wesentliche Begründung im Bemühen des
Unternehmers, die Kosten für die Herstellung seiner Erzeugnisse und damit
seine Verschuldung möglichst niedrig zu halten. Je niedriger diese Kosten sind,
um so geringer sowohl die Verschuldung und um so höher die Chance, seine
Produkte kostendeckend verkaufen zu können.
Da er diese Schulden aber nur mit Geld tilgen kann, muß er seine Produkte
gegen Geld verkaufen und darf sie gerade nicht gegen Güter tauschen14.
Das Bemühen um Minimierung der Kosten in Geld ist somit keine
‘Schönheitsfrage’, der Beste zu sein, wie es die Neoklassik vermittelt, sondern
eine Frage auf Leben und Tod. Somit geht es beim Wettbewerb um wesentlich
mehr als um eine Optimierungsaufgabe.

12
G. Heinsohn / O. Steiger, op. cit.
13
Dadurch wird nach Heinsohn und Steiger die mit dem Eigentum entstehende immaterielle Eigentumsprämie
blockiert wird. Diese Blockade der Eigentumsprämie muß durch den Zins abgegolten werden, denn der Kreditnehmer
zu zahlen hat.
14
Dieses Problem zeigt sich sehr rasch bei den Tauschringen.
Kosten können nun aber nicht nur durch die Einsparung von Arbeit reduziert
werden, sondern auch durch die von Material- und Energie. Werden diese
Kosteneinsparungen nun aber durch die Steuerpolitik zu unterlaufen versucht,
geht dies zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit. Dies gilt auch für eine
Wertschöpfungsabgabe.

3.
Dieses Bemühen gilt es nun nicht nur einzelwirtschaftlich zu bedenken, sondern
auch im gesamtvolkswirtschaftlichen Kontext. Da die Kosten auf der anderen
Seite das Volkseinkommen bilden, mit denen nach den Erzeugnissen
nachgefragt werden kann, hängt dessen Höhe also davon ab, wie hoch sich die
Unternehmer insgesamt zu verschulden bereit sind. So gilt, daß
makroökonomisch durch die Reduzierung der Kosten auch das
Volkseinkommen und damit die ffektive Nachfrage reduziert wird. Für den
einzelnen Unternehmer ergibt sich folglich nur solange ein Wettbewerbsvorteil,
wie die Gesamtkosten - und damit das Volkseinkommen - durch diese
einzelwirtschaftliche Bemühung noch nicht wesentlich gesunken sind und nur er
allein eine verbesserte Kostenposition hat.
Um aus diesem Spiel nun aber nicht ausscheiden zu müssen, werden sich
auch die anderen bemühen, diesen Positionsvorteil wieder ein- bzw. zu
überholen. So wird es makroökonomisch geschehen, daß durch
Kostenreduzierungen bei gleichbleibendem materiellen Output ein Schrumpfen
des monetären Sozialproduktes in einer Spirale nach Unten eintritt.

Nun kann zudem gezeigt werden, daß bereits eine nichtwachsende, aber doch
noch nicht schrumpfende Wettbewerbswirtschaft ein monetäres
Nullsummenspiel ist15, d.h. daß nur ein Teil der Unternehmer monetäre
Gewinne machen kann, die sich dann aber in Summe zu gleich hohen Verlusten
des anderen Teiles saldieren müssen. Auch ohne Zinszahlungen kann sich so
immer nur ein Teil der Unternehmer wieder entschulden, während bei den
anderen die Schulden akkumulieren.
Schon aus diesem Grund braucht unsere Wirtschaft ein entsprechendes
monetäres Wachstum, damit insgesamt ein positiver Saldo der Gewinne und
Verluste über die ganze Volkswirtschaft möglich wird, der immer nur einen ganz
geringen Teil der Unternehmen zum Ausscheiden zwingt und so der
Volkswirtschaft eine ausreichende Stabilität verleiht. Je größer dieser positive
Gewinnsaldo, umso stabiler ist die Gesamtwirtschaft, werden viele Fehler
verdaut. Im anderen Fall wird der Wettbewerb immer härter, da
Ertragsüberschüsse der einen über die Tilgung der Schulden hinaus bei den
15
Dieser Umstand wird in der weiteren Erklärung noch deutlicher herausgearbeitet.
anderen immer mehr dazu führen, daß nicht einmal die Tilgungen geschweige
denn die Zinsen der Schulden geleistet werden können. Jeder Fehler schlägt
sofort voll durch.

Genau dies aber wird in der laufenden Diskussion immer übersehen, in der es
neben der Veränderung der Allokation zwischen Arbeit einerseits und Material-
und Energieverbrauch andererseits ‘nur’ um den Zusammenhang von
wirtschaftlichem Wachstum und den Arbeitsplätzen geht. Vom Wachstum
abhängig ist aber auch der Gewinnsaldo des gesamten
Unternehmensbereiches. Mit kleiner werdendem Wachstum wird auch dieser
Saldo kleiner und das Verlustrisiko größer, was auf die Investitionsbereitschaft
und damit auch auf das Angebot an Arbeit drückt. Die Wirtschaft gerät in eine
deflationäre Abwärtsspirale.
Es geht somit nicht allein um eine Neuverteilung der Arbeit, wobei die Nachfrage
nach letzterer durch eine ökologische Steuerreform erhöht werden soll. Denn
Vermögensbesitzer haben nicht nur die Wahl, Geld für Arbeits- oder
Energiespar-Investition zu verwenden. Eigentümer können sich, aber sie
müssen sich nicht verschulden. Aber nur dann, wenn sie das tun, entsteht
Erwerbsarbeit.
Sie verschulden sich aber nur dann, wenn Aussicht auf Mehrung ihres
Eigentums über Gewinne und Zinsen besteht.

4.
In diesem Modell geht es also nicht um das (mehr oder minder) gleichzeitige
Tauschen von fertigen Gütern gegen fertige Güter, sondern um das Bezahlen
von fertigen Gütern mit Geld. Damit aber kommt die Zeitfrage in einer ganz
eigenartigen Weise ins Spiel: Das Geld, mit dem ‘getauscht’, d. h. bezahlt wird,
wird in Form von Löhnen und Zukäufen für jene Produktion bezahlt, die erst im
Laufen ist. Gekauft werden aber damit Waren, die schon fertig am Markt sind.
Damit verschränkt sich hier das Gestern mit dem Heute, wogegen beim Tausch
‘fertiges Gut gegen fertiges Gut’ gewissermaßen alles zeitgleich erfolgt.
Kommt es so aber zu einem Ansteigen der Ausgaben der Unternehmern bei
steigender Produktion gegenüber der Vorperiode, so erhöhen sich gleichfalls die
Einkommen, womit auch die effektive monetäre Nachfrage steigen kann. Somit
können heute Preise für jene gestern erzeugten Waren realisiert werden, die
höher sind als deren Kosten. Solange dieser Geldvermehrung nun aber auch
eine Vermehrung des Output zeitversetzt folgt, kommt es zu keiner
wesentlichen inflationären Entwicklung.
Umgekehrtes gilt nun aber genau so: Sinken die gesamten Kosten der
Produktion gegenüber der Vorperiode, so können die am Markt vorhandenen
Waren nur zu Preisen verkauft werden, die grosso modo nur kleiner sein
können als deren damals investierte Kosten ohne die noch zusätzlich
anfallenden Zinszahlungen. Ein übermäßig großer Teil der Unternehmen wird
daher seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen können und
bankrottieren .

Daraus muß nun aber gefolgert werden, daß eine Wettbewerbswirtschaft, in der
ja die monetären Kosten insgesamt - und nicht nur die Arbeitskosten - ständig
reduziert werden, für sich allein nicht bestehen kann. Sie muß ergänzt werden
durch ein ständiges Wachsen der Wirtschaft, mit dem zusätzliche monetäre
Ausgaben und damit zusätzliche Einkommen entstehen, so daß die Kosten-
und damit die Einkommensreduktion durch den Wettbewerb durch ein
anderweitiges Wachstum von Kosten und Einkommen überkompensiert wird.
Nur so können die am Markt vorhandenen Produkte zu Preisen gekauft werden,
die in Summe höher sind als deren Kosten und so nicht nur die Zahlung der
Zinsen und Gewinne, sondern für die Mehrheit der Unternehmen überhaupt erst
die Tilgung der Schulden ermöglichen.

Um es zu wiederholen: Ohne Wachstum gerät die Wirtschaft in eine deflationäre


Abwärtsspirale.
Ein gravierender Unterschied zwischen einer Wirklichkeit, die mit dem
neoklassischen Modell beschrieben wird, und einer entsprechend dem Modell
einer Geld- oder Eigentumswirtschaft, kommt ja darin zum Ausdruck, daß im
ersteren alles zeitgleich passiert - somit Schulden hier keinen theoretisch Ort
finden -, während im anderen Fall das Gestern, Heute und Morgen ineinander
greifen. So ist das Heute durch das Gestern vorbestimmt, und dieses Heute
vorbestimmt unumkehrbar das Morgen: Die Schulden von gestern erzwingen
heute eine Verschuldung für deren Tilgung und Zinsen, die wiederum die Höhe
der Verschuldung von morgen bestimmt. So ist die Zukunft aus dem
Zurückliegenden - das nicht Vergangenes ist - prädestiniert.

Wenn nun aber Geld durch Verschuldung entsteht und folglich durch
Entschuldung wieder verschwindet, so gibt es Geld nur im Zeitraum zwischen
Ver- und Entschuldung. Nur in diesem Zeitraum kann es auch als ‘Tauschmittel’
von denen verwendet werden, die sich selbst nicht verschulden, sondern etwa
Lohnarbeit gegen Geld verkauft haben. Das Vorhandensein von Geld setzt
somit immer wieder neue Investitionen voraus, die im Laufe der Zeit
abgeschrieben werden. So wird auch die Frage zu beantworten sein, wieweit es
ohne Investitionen und nur dem zeitgleichen Austausch vor allem von
Dienstleistungen überhaupt Geld geben kann.
Diese Verschuldungen für die Investitionen müssen nun aber von Periode zu
Periode höher werden, da sie nicht nur die früheren Schulden, sondern auch die
darauf mit der Zeit anfallenden Zinsen abdecken müssen. Das aber heißt, daß
mit steigendem Sozialprodukt die Verschuldungsbereitschaft der Unternehmer
zunehmen müßte und nicht abnehmen dürfte.
Diese Verschuldungsbereitschaft aber sinkt nun. Es wird zuwenig investiert,
womit der positive makro-ökonomische Gewinnsaldo sinkt. Gewinne sind für
den einzelnen Betrieb immer stärker nur mehr aus dem Wettbewerb zu Lasten
anderer erzielbar, womit der Wettbewerb immer härter und schärfer wird. Dieser
Wettbewerb wird dabei über die Finanzmärkte durch positive Rückkopplung
noch verstärkt, weil die Aktionäre immer sehr rasch die Schiffe verlassen, die zu
sinken drohen, und auf jene drängen, die sich seetüchtiger machen. Damit
verbunden sind immer stärkere Unternehmenskonzentrationen und immer
weitere Rationalisierungen zwischen den Unternehmen selbst, wie auch
innerhalb der verschiedenen Standorte von Unternehmen auch bei guter
Gewinnlage, die damit die strategischen Finanzreserven für den Kampf der
Giganten schaffen bzw. herbeischaffen sollen. Es geht um ‘Übernahmen’ (hostile
take-over), oder die Verhinderung ‘feindlicher Übernahmen’. 16
All dies sind Erscheinungen, die derzeit verstärkt zu beobachten sind, wiewohl
wir noch nicht bei einem Nullsummenspiel angelangt sind, uns dem aber stark
nähern. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil nun Rationalisierungen im
organisatorischen Bereich ohne wesentliche Investitionen - Stichworte ‘lean
management’ und ‘lean production’ - durchgeführt werden, um so die eigene
Verschuldungsposition weniger groß werden zu lassen.

5.
Zumindest in den theoretisch Grundzügen scheint die Ökologisierung der
Wirtschaft in der neoklassischen Vorstellungswelt vergleichsweise einfach. Ist
es da eben ‘nur’ die Frage der richtigen Allokation, die natürlich auch in den
außerökonomischen Fragen der Information, des mangelnden Einblickes in
komplexe Zusammenhänge der Natur und Umwelt u. a. m. ihre Schwierigkeiten
findet, so vervielfacht sich diese Komplexität wesentlich bei einer Betrachtung
der ökonomischen Zusammenhänge, die Geld nicht von vornherein als neutral
abtut. Und es erhebt sich die Frage, ob nicht sehr tiefgreifende
kultursoziologische und psychosoziale Verhaltensänderungen für diese
Zukunftsfähigkeit notwendig werden. Wiewohl die Neoklassik die Realität nicht
abbildet, ist es ihr doch gelungen, diese zu formen: So ist das neoklassische
Bild vom Menschen als Nutzenmaximierer im Laufe der Zeit immer stärker
verinnerlicht und ‘Wirk’-lichkeit geworden. Ökonomische Entscheidungen
16
Die Gewinnsicherung erfolgt dabei nicht durch Wachstum, sondern durch Ausschaltung von Konkurrenz.
reduzieren sich folglich immer mehr auf ‘mehr oder weniger’, ‘billiger oder
teurer’. Geld und ‘Geld machen’ prägt daher unsere Gesellschaft. Sie ist eine
‘Geldgesellschaft’.

Wenn aber nun die Existenz von Geld die Bereitschaft zur Verschuldung für
Investitionen voraussetzt, so ist doch vorerst einmal vorstellbar, daß diese in
Form von Investitionen in die Erhöhung der Material- und Energieeffizienz und
nicht mehr für die Rationalisierung der Arbeit getätigt werden. Um einen
ausreichend hohen makroökonomischen Gewinnsaldo zu erzielen, müssen aber
auch hier die Netto-Investitionen steigen. Diese aber sind auch wieder
abzuschreiben.

Nun kann nach der Vorstellung der Wuppertaler Autoren die Material- und
Energieeffizienz nur dadurch erreicht werden, daß die Produkte nicht nur
effizienter, sondern auch weniger davon erzeugt werden bzw. die
Massenproduktion zumindest stark eingebremst wird. Die einzelnen
Gebrauchsprodukte müssen also längerlebiger und reparaturfreundlicher
werden, sie sollen intensiver genutzt werden, indem diese etwa nicht individuell
angekauft, sondern nur mehr gemietet werden. ‘Reparaturgesellschaft’ und
‘Car-sharing’ stehen beispielsweise dafür.
Wenn nun aber zudem die weiterhin notwendigen Netto-Investitionen ein
dynamisches Innovationspotential voraussetzen, ergibt sich ein recht kurzer
Zeitzyklus für die vorausgehenden Innovationen und Investitionen. Die hohen
und notwendigerweise weiter steigenden Fixkosten müssen daher auch in sehr
kurzer Zeit bei einem verringerten Jahresausstoß abgeschrieben werden. Das
aber heißt dann, daß bei weiterhin steigenden Gesamtinvestitionen die
anteiligen Fixkosten auf eine insgesamt wesentlich geringeren
Produktionsmengen umgelegt werden müssen, was zu steigenden Stückkosten
führt.
Dadurch aber wird, so ist zu befürchten, der Wettbewerbsvorteil, der durch
geringeren Material- und Energieverbrauch erreicht werden soll, wieder mehr als
egalisiert. Es ist daher mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die
solcherart hergestellten Produkte in der Anschaffung wesentlich teurer sind als
die konventionell hergestellten.

Offen bleiben muß aber auch die Frage, ob die Hoffnungen in die
Dienstleistungsgesellschaft - etwa besagte Reparaturgesellschaft - so einfach
erfüllt werden können. Wie schon angedeutet, erhebt sich ja die Frage, wieweit
in einer derartigen Gesellschaft Geld entsteht, das ja Verschuldung und damit
Vorfinanzierung während eines Zeitraumes voraussetzt. Diese Vorfinanzierung
wird auch bei der Erbringung von Dienstleistungen notwendig, wo es um dafür
erforderliche Gebäude, Einrichtungen und Geräte als auch um Ausbildung, d.h.
um Humankapital, geht. All das wird ja dann mehr oder weniger langfristig
abgeschrieben.
Wo aber der direkte Austausch nur von persönlichen Diensten erfolgt, findet
Vorfinanzierung und damit Verschuldung und Geld keinen Platz. Hier käme
somit erst das Modell, das die Neoklassik beschreibt, zum Tragen: Der
gegenseitige Tausch von Leistungen, der über ein reines Zählmittel, ein
Numeraire, verrechnet wird.
Das aber ist etwas ganz anderes als unser heutiges Geld. Während dies den
Anspruch auf vorhandenes Eigentum der Bank verspricht, ist jenes Zählmittel
ein Anspruch auf eine noch zu erbringende Gegenleistung desjenigen, der die
Leistung seines Tauschpartners bereits konsumiert hat. Genau dieses wird in
Form der in letzter Zeit so zahlreich entstandenen Tauschringe versucht.
In diesem Tauschsystem ‘verschuldet’ sich allerdings nicht ein Unternehmer,
sondern der Konsument gegenüber seinem Tauschpartner. Er ist diesem etwas
schuldig, solange dieser selbst nicht eine Gegenleistung einfordert. Das ist ein
eklatanter Unterschied gegenüber unserem Geldsystem, in dem ja der
Geldbesitzer mit dem Geld eine Forderung gegenüber der Bank bzw. die
Notenbank hält17. In den in Österreich gegründeten Tauschringen ist dagegen
rechtlich festgelegt, daß die offenen Schulden gegenüber dem Tauschpartner,
nicht aber gegenüber der Verrechnungsstelle bestehen18. Es liegt also am
Gläubiger, vom Schuldner eine Gegenleistung einzufordern, wogegen er kein
Geld einfordern kann.

Wie schwierig und neu der Umgang mit einem solcherart neuen Medium aber
ist, zeigen diese Tauschringe. Schwierig auch deshalb, weil Geld theoretisch als
ein solches Medium beschrieben wird, es aber tatsächlich nicht ist. Der
Mainstream der ökonomischen Wissenschaft hat solcherart auch jene irre
geführt, die einen ‘neuen Weg nach Indien’ suchen. Sie bemühen sich, dieses
theoretisches Modell in die Wirklichkeit umzusetzen, während die Vertreter des
Mainstream so tun, als gäbe es diese Wirklichkeit schon.

17
G. Heinsohn / O. Steiger stellen dies in op. cit. ausführlich dar.
18
Näheres bei M. Graf, TALENTE-Tauschring Tirol, Innsbruck
Auszug aus dem nicht überarbeiteten Protokoll des
2. Binswanger-Privatissimums in
Salzburg, 31.10. bis 2.11. 1997

Ernst Dorfner

(Statement anhand von Folien, deren Inhalt hier mit eingezogenem Absatz
wiedergegeben wird. Nicht eingezogen ist der etwas in den Worten
abweichende gesprochene Text)

1.
Die Wuppertaler Autoren kritisieren “die neoklassisch inspirierte
Umweltökonomik”, daß sie wohl “ein formal überzeugendes theoretisches
Bild” bietet, “das aber zumeist mit der Realität wenig gemein hat”, meinen
aber dennoch, daß sich “eine [...] Wachstumsbeschränkung [...] als Folge der
Stoffstromreduktion [...] durchaus als vereinbar mit der marktwirtschaftlichen
Ordnung erweisen kann.”
Skeptisch heißt es dann aber weiter unten: “Ob die Systemlogik des
marktwirtschaftichen Systems tatsächlich mit Zukunftsfähigkeit vereinbar ist
[...], wissen wir nicht - und können wir nicht wissen”.
H. C. Binswanger schreibt:
Aus der Analyse der ökonomischen Dynamik ergibt sich aber, daß ein
Nullwachstum [...] ohne eine wesentliche Mutation der Geldwirtschaft nicht
möglich ist. Die Alternative zum Wachstum ist nicht Stabilisierung auf dem
heute erreichten Niveau, sondern Krise bzw. Schrumpfung.

2.
Das neoklassische Paradigma beschreibt unsere Wirtschaft als eine
geldvermittelte Tauschwirtschaft, in der heute fertige Güter (und Leistungen)
gegen heute fertige Güter getauscht werden und dem Geld lediglich die Rolle
eines neutralen Tauschvermittlers zukommt. Alles geschieht zeitgleich.
Konstitutiv gibt es somit nicht die Zeit und damit auch nicht Verschuldung.
Und niemanden geht es um Geld.
Einen systemlogischen Zwang zum Wachstum gibt es in der Neoklassik
folglich nicht.
Vielmehr geht es allen nur um die Güter (und Leistungen) und deren optimale
Allokation. (Pareto-Optimum). Jedem Angebot steht zwangsläufig eine
Nachfrage gegenüber, wie es das Say’sche Gesetz formuliert.

Die Ökonomik reduziert sich damit in der Neoklassik auf eine


Optimierungsaufgabe

3.
Folglich findet hier eine Krise keinen theoretischen Ort , und gibt es auch
ökonomisch keine Umweltkrise, sondern nur eine suboptimale Allokation von
Ressourcen.
Die Dynamik der Marktwirtschaft wird durch die Vorteile der Arbeitsteilung
und dem den Menschen von Urzeiten an innewohnenden “Hang zum
Tauschen” bewirkt. Somit braucht die Neoklassik kein monetäres Profitmotiv,
damit es überhaupt zur Produktion von Gütern kommt. Daß der
‘Wirtschaftszug fährt’, gilt als selbstverständlich. So geht es ökonomisch bei
der Entwicklung einer zukunftsfähigen Wirtschaft von vornherein ‘nur’ darum,
aufzuspüren, welche Behinderungen dem Erreichen eines optimalen Zieles
entgegenstehen, welche Weichen also falsch stehen.
Eine eventuelle konstitutive Eigengesetzlichkeit von Geld wird überhaupt
nicht in Betracht gezogen.

4.
Der Vorteil (Gewinn) liegt in der Tauschrelation der arbeitsteilig erzeugten
Güter selbst, d.h. im Verhältnis von eingetauschtem Grenznutzen gegenüber
dem hingegebenen Grenzaufwand. Dieser wird in einer geldvermittelten
Tauschwirtschaft nur monetär eingekleidet. Von all denen, die das Gut A
herstellen, erzielt beim Tausch gegen das Gut B eben der den größten
‘Gewinn’, der A mit dem geringsten Aufwand herstellt.
So gibt es im ‘neoklassischen’ Wettbewerb zwar Gewinner, aber keine
Verlierer, die auch ausscheiden müssen. Der Wettbewerb ist somit kein
Verdrängungs-Wettbewerb.
Gewinner ist der mit den geringsten Aufwendungen. Alle anderen müssen
‘halt nur mehr hineinstecken’, ihr Verhältnis ‘Grenznutzen zu Grenzkosten’
wird kleiner.
Es ist wie eine Wettfahrt flußab: Auch die, die nicht rudern, kommen an - nur
eben später.

5.
In eben diesem Verständnis sehen die Wuppertaler Autoren Wettbewerb nur
von der positiven Seite:
“Erst ein ausreichender Wettbewerb schafft innerhalb einer geeigneten
Rahmensetzung ausreichende Anreize für die Suche nach Innovationen. Ein
wirtschaftlicher Rahmen ohne geeignete Politik gegen
Wettbewerbsbeschränkungen ist nicht geeignet, die gewünschten Ziele zu
erreichen.”

Sie meinen auch, “daß das Streben nach Gewinn das Ziel unternehmerischer
Aktivitäten ist und bleibt”. In diesem Sinn meinen sie, “daß sich eine
Erhöhung der Ressourcenproduktivität schon unter Kostengesichtspunkten
‘rechnet’ ”.
Dieses betriebswirtschaftlichen Ergebnis ergibt sich dabei sowohl bei
neoklassischer als auch geldökonomischer Herangehensweise für das
einzelnen Unternehmen.

6.
Betriebswirtschaftliche Erfahrung zeigt:
Vor Beginn der Produktion erhebt sich für den Betriebswirt die Frage nach
dem Geld, mit dem diese finanziert wird. Das ‘Sich rechnet’ heißt dann aber,
daß zumindest die ursprünglich investierten Geld-Kosten samt Zinsen durch
den Verkauf der Produkte wieder hereinkommen müssen.
Denn der Betriebswirt weiß, daß er das Eigentum, das er zur Sicherstellung
seines Kredites verpfändet hat, dann verliert, wenn er die Tilgung des
Kredites samt Zinsen nicht leisten kann. Somit geht es beim
Kostenreduzieren um wesentlich mehr als um eine Optimierungs-Aufgabe. Es
geht um ‘Leben oder Tod’.
Da der Unternehmer seine Schulden aber nur mit Geld tilgen kann, muß er
seine Produkte gegen Geld verkaufen und darf sie gerade nicht gegen Güter
tauschen. (Satz von Clower)

7.
Das Bemühen um Kostenminderung gilt es auch gesamtvolkswirtschaftlich
zu bedenken.
Bilden (neoklassisch) die erzeugten Güter und Leistungen das reale
Volkseinkommen19, sinkt dieses nicht, auch wenn diese zu geringeren Kosten
(= Realaufwand) erzeugt werden. Werden diese Güter aber zu geringeren
monetären Kosten erzeugt, sinkt auf der anderen Seite auch das monetäre
Volkseinkommen und damit die Höhe der Nachfrage.
Eine Auswirkung auf das gesamtvolkswirtschaftliche Aggregat ergibt sich
somit nur bei geldökonomischer Betrachtung.
Durch die Reduzierung der Kosten wird auch das monetäre Volkseinkommen
und damit die monetäre Nachfrage reduziert.20
Das Volkseinkommen hängt also davon ab, wie hoch sich die Unternehmer
insgesamt verschulden.

Gesprochener Text zum selben Punkt:


Ich komme auf das Zitat von Woll zurück: Wenn wir den Schritt machen. daß
wie die Makroökonomie nicht als eigene Wissenschaft betrachten, sondern
sozusagen als das Aggregat der Betriebswirtschaft, dann ist das Bemühen um
Kostenminderung auch gesamtvolkswirtschaftlich zu bedenken. Und nun stellt
sich ganz deutlich ein Unterschied heraus, ob ich einen realwirtschaftlichen

19
bei konstant bleibender Stückzahl der Produktionen
20
Dieser Satz ist unpräzis formuliert und führte zu Mißverständnissen bei Hans C. Binswanger (siehe dort), der darauf
hinweist, daß zwischen Stückkosten und Gesamtkosten zu unterscheiden sei. Tatsächlich ist immer gemeint: Bei
gleichbleibender Stückzahl sinkende Gesamtkosten, was auch heißt: Sinkende Stück-

kosten. Genauer muß es deshalb heißen: Durch die Reduzierung der Stück-Kosten bei gleichbleibender
Stückzahl ( = Output) wird auch das monetäre Volkseinkommen und damit die monetäre Nachfrage reduziert .
(Siehe dazu auch Nachtrag zu Ernst Dorfner)
Zugang habe oder einen monetären. Wenn ich einen realwirtschaftlichen
Zugang habe und das BSP hintnach die Summe aller Güter und
Dienstleistungen ist, dann sinkt das Volkseinkommen nicht, auch wenn ich in
diese Erzeugung weniger an Ressourcen hineinstecke. Das entscheidende ist ja
faktisch das Endergebnis. Wenn wir das aber von der monetären Seite her
betrachten, wenn wir weniger Geld in die Produktion hineinstecken, weil wir uns
um Kostenminderung bemüht haben, so sinken die gesamten
volkswirtschaftlichen Kosten, und dann sinkt auch das gesamte
Volkseinkommen und damit auch die Höhe der gesamten zur Verfügung
stehenden monetären Nachfrage. Das zeigt für mich, daß sich die Auswirkung
auf das gesamtvolkswirtschaftliche Aggregat nur bei geldökonomischer
Betrachtung ergibt. Bei realwirtschaftlicher Betrachtung bleibt das
Volkseinkommen gleich, aber die Summe des Geldes wird weniger. Das heißt,
durch Reduzierung der Kosten. wird auch das monetäre Volkseinkommen, aber
auch die monetäre Nachfrage reduziert

Einwände und Ergänzungen:


N:N.: ...die Alternative wäre eine (reine) Subsistenz-Ertragsgesellschaft ....
Dorfner: ...das, was der Betriebswirt macht, summiere und auf die ganze
Volkswirtschaft anwende ...
Blau:: ....das gilt nur, wenn die geringeren Kosten nicht in sinkenden Preisen
weitergegeben werden. Umgekehrt ist ..... zu deflationieren.
Dorfner: .Richtig ... Ich komme später noch darauf zurück, wenn wir näher
auf die Schulden eingehen: Sie können natürlich das Geld ....(den Geldwert
deflationieren), dann bleibt das Realeinkommen gleich. Das reale Einkommen,
wenn sie....
Kohlhaas: (?): Wo liegt dann das Problem?
Dorfner: Das Problem entsteht dann, wenn sie mit dem Geld die Schulden
zurückzahlen müssen, die in der Vergangenheit getätigt wurden. Sie müßten in
dem Zusammenhang auch die Schulden abwerten. ....
Binswanger: .... müßten ....
Dorfner::.. Ja, sie müßten auch die Schulden abwerten. Ich komme auf das
noch zurück ...

Schustereder unterbricht und bemüht sich nun zu moderieren und


Wortmeldungen zu ordnen.
Hier fehlen nun offensichtlich am Band mehrere Wortmeldungen, so eine von
Kohlhaas

Binswanger:..... so einfach die Dinge darstellt, ohne Geld und ohne Zeit, wie er
es dargestellt hat. Und es gibt einen gewissen Ansatz dazu, es zu verbessern,
sozusagen die Zeit etwas einzuordnen .. das Geld als idealen (?) Standard, aber
erstens meine ich, ist er (der Ansatz, E.D.) nicht vollständig, bezieht sich nur auf
die Makroökonomie, nicht auf die Mikroökonomie, und zweitens ist er heute
wieder weitgehend vergessen. Also, die heutige Ökonomie ist eine
neoklassische Ökonomie und Keynes ist praktisch out. Das muß man einfach
de facto sehen. ...Da ist es durchaus realistisch, dies so darzustellen, daß man
einfach sagt - und wird auch in Lehrbüchern so abgehandelt. Gerade die
Wachstumsfragen werden so abgehandelt, wie es abgehandelt würde, wie wenn
der Robinson allein auf einer Insel lebt. Er entscheidet allein (darüber), ob er
spart und investiert - uno actu spart und investiert -, oder etwas mehr
konsumiert. Und das ist das Bild, daß von der Ökonomie heute geboten wird.
Das ist nicht eine Erfindung von mir, das steht wörtlich so in den Büchern. Man
kann es fast gar nicht grotesker sagen als die Wirklichkeit ist. Ich möchte das
nur .... Es ist tatsächlich so absurd, wie Herr Dorfner es dargestellt hat.
Dorfner: ...das Produktionsergebnis kann durchaus das gleiche bleiben. Nur
wenn ich das mit weniger Aufwand, mit weniger monetären Aufwand insgesamt
herstelle, dann sind das weniger Kosten für die Volkswirtschaft, und nachdem
die Kosten auf der anderen Seite die Einkommen sind, sinken mit den
geringeren Kosten auch die Einkommen.
N.N.: ... die monetären Kosten, wie ist das real?
N.N.: .....(nicht verständlicher Einwand)
Binswanger: ...das was sie sagten , stimmt deshalb nicht, weil nicht
gleichzeitig die Kosten und die Preise sinken. Die Kosten geht man ein, bevor
man verkauft. D.h., ich muß mit dem Verkauf die Kosten decken, die ich vorher
eingegangen bin. Wenn ich das nicht kann; dann mache ich bankrott.
N.N.: ... na gut, das ....
Binswanger: Genau um den Punkt geht es.

8.
Für den einzelnen Unternehmer ergibt sich aber nur solange ein
Wettbewerbsvorteil, wie die Gesamtkosten - und damit das Volkseinkommen
- durch diese einzelwirtschaftlichen Bemühungen noch nicht wesentlich
gesunken sind und nur er allein eine verbesserte Kostenposition hat. Diese
rasch zu nützen, bestimmt das Tempo der Marktwirtschaft.
Um aus diesem Spiel nicht ausscheiden zu müssen, werden sich aber auch
die anderen Unternehmer bemühen, diesen Positionsvorteil wieder
einzuholen. Das aber heißt:

In einer Wettbewerbswirtschaft ohne (ausreichendes) Wachstum - und damit


bei gleichbleibendem realen Output - tritt durch immer weitere
Kostenreduzierungen ein Schrumpfen des monetären Sozialproduktes in
einer Spirale nach Unten ein. (Siehe dazu auch Nachtrag)

9.
In der realen Welt geht es nicht um das gleichzeitige Tauschen von fertigen
Gütern gegen fertige Güter, sondern um das Bezahlen von fertigen Gütern mit
Geld. Damit aber kommt die Zeit ins Spiel:
Das Geld, mit dem die Waren bezahlt werden, wird in Form von Löhnen und
Zukäufen für jene Produktion ausgegeben, die erst im Laufen ist. (Beispiel)
Gekauft werden aber damit die Waren, die schon fertig am Markt sind.

Einwand:
N.N.: ..... da häufen sich jetzt Widersprüche...

In einer Geldwirtschaft verschränkt sich das Gestern mit dem Heute, womit
Schulden auch einen theoretischen Ort finden.
Kommt es heute zu einem Ansteigen der Ausgaben der Unternehmern bei
steigender Produktion gegenüber gestern, so erhöhen sich auch die
Einkommen. Somit können heute Preise für jene gestern erzeugten Waren
realisiert werden, die höher sind als deren Kosten.

10.
Sinken jedoch die gesamten Kosten der Produktion gegenüber der
Vorperiode, so können die am Markt vorhandenen Waren nur zu Preisen
verkauft werden, die in Summe nur kleiner sein können als deren vormals
investierten Kosten und damit die vormals eingegangenen Schulden. Ein
übermäßig großer Teil der Unternehmen wird daher seinen finanziellen
Verpflichtungen selbst ohne Verzinsung nicht nachkommen können und
bankrottieren .
Eine Wettbewerbswirtschaft, in der die monetären Kosten ständig reduziert
werden, kann deshalb für sich allein nicht bestehen. Die Kosten- und
Einkommensreduktion durch den Wettbewerb muß durch ein anderweitiges
Wachstum von Kosten und Einkommen überkompensiert werden. 21

Einwand:
Blau: ...das meint bei stabilen ... (Preisen)
Dorfner: Ja

21
Der Satz muß genauer lauten: Eine stationäre Wettbewerbswirtschaft, in der die monetären Stückkosten ständig
reduziert werden, kann deshalb für sich allein nicht bestehen. Makroökonomisch muß die dadurch bedingte
Kosten- und Einkommensreduktion durch den Wettbewerb durch ein Wachstum des Output überkompensiert
werden.
11.
Die Rede ist stets ‘nur’ von einer Veränderung der Allokation zwischen Arbeit
und Energie, sowie vom Zusammenhang von wirtschaftlichem Wachstum und
dem Angebot an Arbeitsplätzen.
Vom Wachstum abhängig ist aber auch der Gewinnsaldo des gesamten
Unternehmensbereiches.

N.N.: .... Was ist das ...?


Dorfner: ... der Gewinnsaldo, das ist Summe aller Gewinne und Verluste des
gesamten Unternehmensbereiches einer (gesch ..) Volkswirtschaft.
Binswanger: .....die Summe der Gewinne und der Verluste
Kohlhaas: Da war doch so ein bißchen die Silbe ‘gesch ..’ angeklungen: Soll
das eine offene oder geschlossene Volkswirtschaft sein.
Dorfner: (Nicht am Band) Wegen der einfacheren Erklärung wie allgemein
üblich: In einer geschlossenen Volkswirtschaft. Durch den Staatsanteil und Im-
und Exporte wird das nur komplizierter. Das Prinzip ist so leichter am
geschlossenen Modell erklärbar.

Mit kleiner werdendem Wachstum wird der Gewinnsaldo kleiner und das
Verlustrisiko größer, was auf die Investitionsbereitschaft und damit auch
auf das Angebot an Arbeit drückt.
Vermögenseigentümer haben ja nicht nur die Wahl, Geld entweder für
‘Arbeitspar’- oder ‘Energiespar’-Investition zu verwenden. Eigentümer können
sich, aber sie müssen sich nicht verschulden. Aber nur dann, wenn sie sich
für reale Investitionen verschulden, entsteht Erwerbsarbeit. Ansonst gerät die
Wirtschaft in eine deflationäre Abwärtsspirale.

Einwände:
Kohlhaas: ..könnten Sie uns das noch einmal erklären?
Dorfner: Um zu investieren, braucht er Geld. Damit er das Geld bekommt,
muß er das Geld, das er von der Bank (als Kredit) erhält, mit bereits
vorhandenem Eigentum sicherstellen. Er muß also bereits Eigentum haben. Er
verpfändet das Eigentum, das er auf das Spiel setzt, nur dann, wenn er relativ
sicher ist, daß er nicht nur das investierte Geld wieder herausbekommt, sondern
zusätzlich mehr. Und dieses Risiko steigt (jetzt). Dazu könnte ich morgen noch
ein paar Folien zeigen... Dieser Gewinnsaldo sinkt immer mehr ab. Es kommen
immer mehr Unternehmen in die Verlustzone hinein, und je mehr Unternehmen
in die Verlustzone geraten, um so mehr wirkt sich das auf die ganze
Unternehmerschaft aus. Sie werden also vorsichtiger, Geld in die Produktion
hineinzustecken, Geld aufzunehmen und damit Arbeit zu bezahlen. ....Die
Erwerbsarbeit muß ja mit Geld bezahlt werden. Und zu dem Geld kommt der
Unternehmer nur, wenn er sich verschuldet.
Kohlhaas und andere Stimmen: ..nein, das ist nicht notwendig, das versteh
ich nicht.. ...
Dorfner. Jede Unternehmensbilanz hat zwei Seiten, eine Haben und eine
Sollseite. Und alles was der Unternehmer auf der Habenseite hineinsteckt, dem
steht auf der anderen Seite eine Forderung gegenüber.
Kohlhaas: Das könnte aber theoretisch Eigenkapital sein.
Binswanger: Das nennt er (Dorfner) auch Verschuldung. Verschuldung an sich
selbst.
Kohlhaas: .....genau so gut... Na, dann wird aber das ganze ad absurdum
geführt. Wenn das Preisniveau steigt, dann werden auch die Schulden nominal
aufgewertet, wenn das Preisniveau sinkt, dann werden die Schulden nominal
abgewertet ... und plötzlich kann man die ganze Wirtschaft mit Nullwachstum
genau so gut weiter ...
Dorfner: Aber nicht nur die Schulden, sondern sie müssen genauso den
Hunderter und den Tausender auch abwerten.
Kohlhaas: ...nein, nein, das darf ich wiederum nicht: Ich rechne ja in
Geldeinheiten. Aber ..

12.
Erwerbsarbeit ist etwas künstliches.
Und: Geld ist nicht einfach da.
Geld entsteht durch Verschuldung von Eigentümern. Und es verschwindet
durch deren Entschuldung wieder. Folglich gibt es Geld nur im Zeitraum
zwischen Ver- und Entschuldung. Nur in diesem Zeitraum kann es auch als
‘Tauschmittel’ von denen verwendet werden, die sich selbst nicht verschulden,
sondern etwa Lohnarbeit gegen Geld verkauft haben.
Diese Verschuldungen für die Investitionen müssen nun aber von Periode zu
Periode höher werden, da sie nicht nur die früheren Schulden, sondern auch
die Gewinne und die darauf zeitabhängig anfallenden Zinsen abdecken
müssen.
Mit steigendem Sozialprodukt müßte also die Verschuldungsbereitschaft der
Unternehmer zunehmen..

Dorfner: ...ich möchte damit für heute Schluß machen

Statement Hans Ch. Binswanger


Meine Damen und Herrn, wir haben schon so viel diskutiert, daß ich hoffe, die
Ermüdung sei groß genug, daß ich ohne allzugroße Aufmerksamkeit meinen
Vortrag halten kann. (Heiterkeit).....

Ich werde notgedrungen auch etwas im Plauderton sagen, denn ich habe im
Laufe des Tages meine Ausführungen etwas geändert und .... Ohnehin ist die
Zeit so knapp, daß man ein neues Modell, das ja hier eigentlich vorgestellt
werden muß, um die Frage des Wachstumszwanges zu begründen, nicht in der
kurzen Zeit adäquat behandeln kann Man kann Hinweise geben, und ich hoffe,
daß sich aus den Hinweisen für Sie echte Fragen ergeben.

Primär geht es für mich um die Frage des Wachstumszwanges, also des
Wachstums des BSP oder des BIP. Ich möchte aber doch noch ganz kurz auf
die Frage eingehen, die Herr Sachs gestellt hat, inwieweit das ökologisch
überhaupt relevant ist. Denn ich meine, daß die Frage, inwieweit der
Ressourcenverbrauch an das wachsende Bruttosozialprodukt gekoppelt ist,
sicher zu diskutieren ist und nicht eindeutig beantwortet werden kann. Ich meine
aber doch, daß in einer realistischen Zeitperiode in der Zukunft genügend klar
ist, daß mit dem Wachtum des BSP auch ein Ressourcenverbrauch verbunden
sein wird.
Wir müssen ja davon ausgehen, daß wir nicht so einfach hier in Europa
diskutieren, oder in den Vereinigten Staaten, sondern daß wir weltweit
diskutieren. Wir diskutieren hier im Rahmen einer geschlossenen Weltwirtschaft
und auch einer geschlossenen Umwelt. Deshalb ist natürlich auch der weltweite
Verbrauch an Ressourcen maßgebend und auch das weltweite BSP-Wachstum
Wir hatten ein enormes BSP-Wachstum real von 4,5 Prozent im letzten Jahr. Mit
dem geht auch ein Wachstum des Energieverbrauches weltweit einher von etwa
3 Prozent . Jedenfalls schätzt die Energieagentur das Wachstum des
Energiekonsum in der Welt auf ungefähr 3 Prozent in den nächsten 20 bis 30
Jahren. Das heißt, eine Verdoppelung in 40 Jahren. Ich glaube, damit allein
zeigt sich, daß zumindest die Vermutung herrschen kann, daß hier ein gewisser
Zusammenhang besteht.
Ich möchte aber jetzt nicht näher auf die Frage eingehen, wieweit das wirklich
der Fall sein muß. Insbesondere, ob es genügend Möglichkeiten gibt für eine
Effizienzrevolution, die zu einer Suffizienzstrategie wird. Oder ob eben dann
diese Effizienzstrategie doch nicht genügt, um ... eine Suffizienzstrategie zu
ermöglichen, wenn das Wachstum immer weiter geht. Das ist ja hier die
relavante Frage.
Ich würde das vorerst einmal dahingestellt sein lassen und aus dem nur die
Konsequenz ziehen, dieser Frage des Wachstumszwanges nachzugehen.
Einfach: Das ist die relevante Frage. Mehr will ich hier dazu gar nicht sagen..

Nun, die zweite Frage: Was heißt Wachtumszwang? Das heißt natürlich nicht,
daß man physisch gezwungen ist zu wachsen, gezwungen also, mehr zu
arbeiten, mehr Energie einzusetzen. Sondern es heißt, daß die Alternative zum
Wachstum Schrumpfung ist, und nicht die Sättigung oder die Stabilisierung.
Bildlich gesprochen, daß man, wenn man hier die Zeitachse hat (verweist auf
eine Skizze) und hier das BSP und hier hätten wir mehr oder weniger
exponentielles Wachstum, das sich hin und wieder verzögert, nicht ganz
exponentiell ist. Daß wir also sagen, heute entscheiden wir, ob wir immer so
weitergehen wollen oder nicht. Dann ist die Entscheidung, die gefragt ist, nicht,
daß wir in diese Richtung gehen, einfach auf hohem Niveau stabilisieren, daß
ware schön, eine durchaus relevante Alternative, unterstellen wir mal, soweit
das zu einer Umweltentlastung führt. Dann würden viele sagen: Wir haben
eigentlich genug… Wenn wir für die Umwelt gewinnen, dann müssen wir nicht
mehr haben...
Aber die Alternative wäre dann eben hier: Wachstum ... oder Schrumpfung.
Und das ist eben eine viel unangenehmere Alternative. Und um diese Frage
geht es. Das heißt: Stehen wir vor einer eher harmlosen Frage, ... oder stehen
wir vor einer sehr dramatischen? Und ich meine, wir stehen vor der sehr
dramatischen Frage. Aber das kann man natürlich hier bestreiten. Das ist ja hier
zu rezepieren, ob es wirklich so ist.

Nun, wenn ich von dem Wachstumszwang ausgehe, so meine ich, wir haben
eine Geldwirtschaft. Ich gehe also von der real existierenden Marktwirtschaft
aus, rede also von einer mit Geld arbeitenden Marktwirtschaft. Und in der, meine
ich, gilt ‘money maters’. Es kommt auf Geld an, allerdings nicht nur im Sinne
des Monetarismus, - der hat gemeint, Geldpolitik ist relevant im Verhältnis zu
einer Fiskalpolitik. Hier meine ich fundamentaler: Geld ist eine relevante Frage.
Die Wirkungsweise des Geldes ist hier entscheidend.
Das heißt mit anderen Worten, daß die Naturalwirtschaft, oder auch in einem
Modell, das die Marktwirtschaft als Naturalwirtschaft oder als Tauschwirtschaft
erklärt, daß es in einem solchen Modell genau so wie in der realen
Naturalwirtschaft keinen Wachtumszwang gibt. D.h., es kommt wirklich eben auf
das Geld an, ob ....

Und jetzt möchte ich, bevor ich dann auf meine Überlegungen eingehe, kurz auf
das eingehen, was Herr Dorfner gestern noch gesagt hat. Ich bin von der
fundamentalen Aussage her einverstanden, habe aber zwei etwas andere
Zugänge zu zwei Fragen, die ich kurz andeuten möchte.
Zuerst: Ich bin einig mit ihm, daß es in einem neoklassischen Modell nicht
taugt, die Frage zu beantworten, ob es einen Wachstumszwang gibt oder nicht.
Das heißt, im neoklassischen Modell - das ist ein reines Naturaltauschmodell -
gibt es keinen Wachstumszwang. Das wollen wir mal so festhalten. Und alle die,
die anhand dieses neoklassischen Modells beweisen, daß es keinen
Wachtumszwang gibt, beweisen nur, daß dieses Modell nicht relevant ist. ...
Damit bin ich einverstanden.
Ich bin auch einverstanden, wenn er sagt, daß hier die Zeit eine ganz
entscheidende Rolle spielt. Und zwar die Zeit, die mit dem Geld eingeführt
werden muß in das Modell, nämlich die Zeit, die mit dem Geld als
Zahlungsmittel zu tun hat und nicht mit dem Geld nur als Vermögenstitel. Auf
das werden ich auch noch eingehen. Ich möchte hier nur Keynes zitieren, der
schon gesagt hat, Geld ist ein subtiles Bindeglied zwischen Gegenwart und
Zukunft.

Bei zwei Statements haben wir gewisse Differenzen. Das möchte ich hier nur
ganz kurz vorweg sagen. Ich komme dann noch darauf zurück.
Herr Dorfner hat einzelne seiner Überlegungen auf Heinsohn und Steiger
abgestellt, und diese Überlegungen gehen davon aus, daß alles Geld als Schuld
dargestellt werden kann. Ich meine, daß einiges daran auch richtig ist, und ich
werde auf diese Frage ‘Geld als Schuld’ auch eingehen. Aber es wird bei
Heinsohn und Steiger fast tautologisch verwendet. Und dabei geht verloren, wo
Geld wirklich aus Schulden entsteht. Darauf werde ich speziell zurückgehen.
Also, ich meine, daß Heinsohn und Steiger zwar korrekt darauf hingewiesen
haben, daß mit der Schuld, .... und damit mit dem Pfand, um die Schuld zu
stützen, und dem Eigentum als Pfand ..., die man eingeht, wenn man einen
Kredit aufnimmt, eine relevante Frage aufgeworfen ist. Aber ich meine, es ist
fast zu tautologisch ausgeweitet worden.
Das zweite ist, daß man stärker unterscheiden muß zwischen den Stückkosten
und den Totalkosten. Wenn die Stückkosten zurückgehen, heißt das noch nicht,
daß auch die Gesamtkosten zurückgehen. Das wurde gestern unterstellt. Das
kann sein, aber normalerweise ist das nicht der Fall. Normalerweise ist das so,
wenn man Rationalisierungsinvestitionen macht, daß sich das nur dann lohnt,
wenn man gleichzeitig die höheren fixen Kosten proportional auf eine höhere
Menge verteilt. Das heißt, das die Gesamtkosten sich ausweiten, auch wenn die
Stückkosten zurückgehen. Was wieder heißt, daß auch höhere
Konsumausgaben entstehen müssen, um diese höheren Totalkosten zu decken.
Das ist dann der relevante Zusammenhang. Und für höhere Kosnumausgaben
bedarf es auch höherer Einkommen.
Das wollte ich nur vorweg sagen.

Das weitere möchte ich in zwei Teilen vorstellen. Im ersten möchte ich den
Background vorstellen für eine neue Theorie, die ich die ‘Dynamische Theorie
der Marktwirtschaft’ nennen möchte. Und dann möchte ich noch eingehen auf
den Wachstumszwang im Zusammenhang mit dem Geld .... und die
Geldschöpfung.

Nun, die Marktwirtschaft ist ja einem Entwicklungsprozeß entstanden. Sie hat


sich entwickelt aus dem Nebeneinander sich selbst versorgender
Wirtschaftseinheiten - Naturalwirtschaft, Naturaltauschwirtschaft, sich selbst
versorgender Wirtschaftseinheiten - und dieser Prozeß ist noch keineswegs
abgeschlossen, es gibt immer noch in der Dritten Welt Bauernbetriebe, die für
sich selbst produzieren, die nur zum Teil im Markt integriert sind. Und auch wir
alle sind nur zum Teil im Markt integriert. Es gibt immer noch Tätigkeiten, die wir
ausführen, um uns selbst zu erhalten. Ob nun als Hausfrauen oder
Hausmänner. Aber wir werden immer mehr integriert. So daß immer mehr die
Selbstversorgerwirtschaft in den Markt eingezogen wird, während natürlich auch
immer mehr natürliche Ressourcen eingezogen werden.
Und ich meine, daß die herkömmliche Theorie das Augenmerk vor allem legt
auf das Marktgleichgewicht, d. h. auf den Zustand, der sich ergibt, wenn man
von einer naturalen Tauschwirtschaft ausgeht. In diesem Gleichgewicht gibt es
keine endogene Veränderung mehr, es ist zum Stillstand gekommen. Es zeigt
an, daß alle Erwartungen erfüllt worden sind und es deswegen keine
Begründung gibt für eine Veränderung. Veränderungen kann es nur exogener
Art geben, Veränderungen der zur Verfügung stehenden Ressourcen zufolge
technischen Fortschritts, Änderungen der Präferenzen, usw. Aber so weit diese
exogenen Veränderungen nicht stattfinden, gibt es nur Wiederholung. Und
Wiederholung ist kein Wachstum. Auf den Markt selbst - es wird ja immer nur
das Gleichgewicht beschrieben - ist die Zeit verbannt.
Das heißt nicht, daß man nicht auch Erwartungen einbringt über zukünftige
Größen, die sich über Wahrscheinlichkeitsverteilungen gewisser
Erwartungshaltungen auch rechtfertigen. Entsprechend dieser
Erwartungshaltungen werden dann auch die Zukunftsgüter bewertet, also
abdiskontiert auf den Gegenwartswert. Und mit diesen Gegenwartswerten der
Zukunftsgüter wird auch gehandelt. Aber das ist immer ein Gegenwartshandel.
Das Gleichgewicht bezieht sich immer auf die Gegenwartswerte auch der
Zukunftsgüter.
Infolgedessen wird diese Wirtschaft im neoklassischen Modell vor allem in
Bezug auf mögliches Wachstum infolge der Höherbewertung von
Zukunftsgütern in dem Sinne behandelt, daß man sagt: Ja, ich soll noch
investieren. Ich möchte investieren, dann habe ich mehr in der Zukunft, indem
ich die Zukunftswerte heute abdiskontiere. Aber das ist mir mehr wert als heute
zu konsumieren. Und das ist genau gleich dieser Robinson-Crusoe-
Entscheidung. Infolge dessen wird die Marktwirtschaft in den Lehrbüchen so
abgehandelt, als ob sie eine Robinson-Crusoe-Wirtschaft wäre, d.h. eigentlich
nur eine Selbstversorgungswirtschaft. Und ich meine, daß diese Modellierung
nicht adäquat ist für unsere reale Wirtschaft.

Die reale Dynamik ergibt sich nicht nur durch exogene Veränderungen, sondern
ergibt sich dadurch, daß die Unternehmung, die zentral in einer arbeitsteiligen
Wirtschaft funktioniert, von sich aus aktiv wird, immer neu produziert und immer
neue Produktionsmethoden erfindet.
In einer Robinson-Crusoe-Wirtschaft gibt es keine Unternehmung. In einer
Selbstversorgungswirtschaft ist jede Produktionseinheit gleich Konsumeinheit.
Und in einer Naturaltauschwirtschaft ist es auch so. Im walrasianischen Modell,
im neoklassischen Modell, tauscht man überflüssige Güter gegeneinander aus.
Im Prinzip versorgt man sich selbst, und immer da, wo Güter überflüssig sind,
werden sie gegeneinander ausgetauscht. Es gibt aber keine Unternehmung,
und es gibt keinen Unternehmungsgewinn oder Unternehmungslohn. Walras hat
sich das ausdrücklich verbeten, es sei nicht kompatibel mit seinem Modell.
Ich würde aber meinen, daß es in der realen Wirtschaft eine Wirtschaftseinheit
gibt, die sich nicht selbst versorgt, sondern alles, was sie kauft, auch wieder
verkauft. Und alles was sie verkauft, zum großen Teil auch gekauft wird. Sie fügt
auch etwas hinzu, aber zum großen Teil hat sie es gekauft. D.h., auf beiden
Seiten, der Input- und der Outputseite, ist sie im Markt integriert. Sie lebt vom
Markt. Dies Unternehmung gibt es in einer Robinson-Crusoe-Wirtschaft nicht,
kann es nicht geben.

Was ist nun aber das Entscheidende?


Ich habe gesagt, daß die Unternehmung alles verkauft, was sie kauft. Und
dieser Kauf findet statt, bevor sie verkauft. Das ist eine zeitliche Differenz. Es
geht Zeit verloren zwischen dem Kauf von Waren, wenn es ein
Handelsunternehmen ist, oder von Produktionsfaktoren, wenn es ein
Produktionsunternehmen ist - und dem Verkauf der Waren oder des
Fertigproduktes. Und die Unternehmung weiß nicht, zu welchem Preis sie
verkaufen kann, bzw. welche Menge sie zu einem bestimmten Presi verkaufen
kann. D.h., sie hat, weil sie zuerst kauft und nachher verkauft, eo ipso ein
Risiko. Systematisch, im normalen Fall, nicht wie der Schumpeter’sche
Unternehmer, der nur im Ausnahmefall ein Risiko hat, sondern immer ein Risiko.
Sie verkauft ja an den unbekannten Konsumenten. Und sie weiß nicht, ob sie zu
kostendeckenden bzw. gewinnbringenden Preisen bzw die entsprechenden
Mengen absetzen kann. Das ist der springende Punkt.
Sie haben also eine Unternehmung mit einem Risiko, das in einer Robinson-
Crusoe-Wirtschaft nicht da ist. Wo man mit den eigenen Mitteln produziert, die
man nicht gekauft hat. Da gibt es nur ein Wetter-risiko. Aber es gibt keine
Frage, ob das kostendeckend oder gewinnbringend verkauft werden kann.

Und gerade deshalb, weil sich dieses Risiko stellt, muß sie, wird sie nach
Gewinn trachten. Denn sie nimmt ja nicht freiwillig ein Risiko in Kauf, wenn sich
nicht daraus ein Vorteil ergibt. Wäre ja schön blöd. - Es muß also eine
Kompensation geben für das Risiko. Und das ist der Gewinn.

Und wenn man schon Gewinn macht, dann wird man auch danach sehen, daß
es ein möglichst großer Gewinn ist, der hier anfällt. Eine möglichts gute
Kompensation für das Risiko, das man auf sich nimmt.
Das aber heißt, daß man zusätzlich noch gezwungen ist, bessere Produkte,
mehr Produkte, billigere Produkte anzubieten, daß man damit aber auch die
anderen, die Mitkonkurrenten verdrängt . Daß sie aber auch das gleiche
machen werden. So daß im Zusammenwirken der Konkurrenz - eigentlich ist
das auch schon gesagt worden - immer ein Antrieb besteht, die Konkurrenz
weiterzuführen und immer mehr, immer besseres zu produzieren, aber auch
mehr zu investieren, und dieses Mehr zusätzliche Produkte hervorbringt.
Dieser Prozeß von Aktio und Reaktio hat kein Ende, wenn er nicht einer
Eigenregulierung ....oder einer Fremdregulierung -staatlichen Vorschriften .-
unterworfen wird. Und er geht solange fort, wie neue Produkte und
Produktionsmöglichkeiten gefunden und neue Chancen wahrgenommen werden
können.

Dieses Gesamtspiel von Risiken und Chancen eröffnet dabei eine Dynamik, die
bei einem Nebeneinander oder auch Miteinander von selbstversorgenden
Wirtschaftseinheiten nicht gegeben ist, auch wenn sich diese gelegentlich
einem Wettbewerb unterziehen. Und so zeigt sich, daß der Markt keine
Wiederholung und kein Gleichgewicht im herkömmlichen Sinn zuläßt. Es gibt in
dem Sinn kein Gleichgewicht, wie es im neoklassichen Modell abgehandelt wird.

Hat nun der Markt überhaupt eine Funktion in der Koordination von Angebot und
Nachfrage?
Durchaus, er hat eine Funktion, aber nur im Zuge der sich vollziehenden
Evolution, in dem entweder das Angebot oder die Nachfrage vorauseilt, und
entsprechend die Nachfrage oder das Angebot sich anpaßt. Während
gleichzeitig neue Veränderungen im Gange sind.
Und so gestaltet der Markt forlaufend seine Zukunft. Und die Ressource Zeit
wirkt infolgedessen nicht außerhalb des Marktes, sondern innerhalb.

Also, die entscheidende Voraussetzung für diesen Markt ist die Existenz der
Unternehmungen, die diese Marktwirtschaft tragen. Dies setzt aber nun die
Einführung und Verbreitung des Geldes voraus. Und so ist Geld ein
existenzieller Bestandteil des Marktes.

Was ist nun aber Geld?:


Geld ist jedes leicht teilbare und transportierbare Gut, das überall begehrt wird.
Von dem man deshalb weiß, daß man es später weitergeben kann und daß es
daher als stellvertretendes Gut, als allgemeines Tauschmittel einsetzbar ist. Man
tauscht eben nicht mehr Produkte gegen Produkte, sonder nur mehr Produkte
gegen Geld, und nachher wieder Geld gegen Produkte. So kann das Geld den
Austausch zwischen den selbstversorgenden Wirtschaftseinheiten erleichtern,
indem man im Austausch gegen die eigenen Waren bereit ist, dieses
stellvertretende Geld anzunehmen. Und so erleichtert man den Verkauf dieser
Überschüsse, weil man dann von der Mühe enthoben ist, den Partner zu
suchen, der das Gut hat, was ich haben will, und der das haben will, was ich
habe. ....So werden Einnahmen und Ausgaben getrennt. Und sie werden auch
zeitlich getrennt.

Aber die Einführung des Geldes geht darüber hinaus. Weil dieses Geld eben
eine Rolle spielt, ermöglicht es überhaupt erst die vorher beschriebene
Unternehmung. Die Unternehmung kauft alles gegen Geld, und sie verkauft
alles für Geld. Für sie ist allein das Geld von Bedeutung. Es kommt auf das
Geld an, um die Produktionsmittel zu kaufen, und auf das Geld, das man später
für die Produkte einnimmt. Das Risiko, das sich der Unternehmer aussetzt, ist
daher stets ein Geldrisiko, und der Gewinn, den der Unternehmer erzielen will,
um das Risiko zu kompensieren, stets ein Geldgewinn.

Das Entscheidende ist nun, daß die Unternehmung das Geld, mit dem sie kauft,
schon haben muß, bevor sie es durch den Verkauf verdient hat. Es muß also
vorgeschossen werden, in der Hoffnung auf Gewinn und mit dem Risiko des
Verlustes. Und dieses vorgeschossene Geld ist nichts anderes als das Kapital.
Dieses vorgeschossene Geld nennt man Kapital, Geldkapital. Und auf das
Kapital wird daher mit Recht auch der Gewinn bezogen.
Dabei wird das Kapital aufgespalten in Eigenkapital, das das Hauptrisiko trägt,
dem also auch der Gewinn im engeren Sinne zugesprochen wird, und dem
Fremdkapital, das nur ein verringertes Risiko trägt und einen festen Zins erhält.
Und ich meine, daß man deshalb nicht einfach von Schulden sprechen soll,
sondern man hier unterscheiden muß zwischen Eigenkapital und Fremdkapital.
Obwohl beide auf der Passivseite der Bilanz geschrieben werden, ist doch
diese Differenz entscheidend.

Das Kapital wird nun dazu verwendet, um im Handel Produkte zu kaufen, um


sie dann zu verkaufen, und in der Produktion, um Material, Energie, Arbeit zu
kaufen, um Fertigprodukte herzustellen, um diese dann zu verkaufen.
Material, Energie, Arbeit werden meist in einer Periode vollständig verkauft - es
gibt zwar gewisse Lagerinvestitionen - aber im allgemeinen muß sich der größte
Teil in einer Periode bezahlt machen. Und ich binde daher das Geldkapital nur
kurzfristig.
Andererseits dient das Kapital zur Anschaffung produzierter Produktionsmittel,
die über mehrere Perioden hinweg verbraucht werden. Sie gehen daher pro
Periode nur mit einem Abschreibungsteil in den Preis der Produkte ein. Man
bindet also damit das Kapital längerfristig .... Deshalb reserviert man auch das
Wort ‘Investition’ für die Produktion oder den Kauf der produzierten
Produktionsmittel. Und nennt diese Investitionen dann Investitions- oder
Kapitalgüter. Oder Kapital im Sinne von Realkapital.
Darüber vergißt man aber, daß das Kapital, das Geldkapital, das
vorgeschossene Geld, sowohl für die Finanzierung der in einer Periode als auch
für die Finanzierung der in mehreren Perioden verbrauchten Produktionsmittel
benötigt wird. Es braucht für alles Geldkapital.
Und es ist daher richtiger, die Maschinen und Apparate, die noch nicht
abgeschrieben sind, nicht als Kapital, sondern als Produktionsvermögen oder
Anlagevermögen zu bezeichnen.Und unter diesem Winkel erscheinen sie auch
in der betriebswirtschaftlichen Bilanz auf der Aktivseite. Denn es ist ein
Vermögen, während das Geldkapital, das Kapital im engern Sinne, auf der
Passivseite der Bilanz erscheint. Und zum kapitalistischen Wesen der
Unternehmung gehört, daß es Gewinn abwirft, auch den Zins zuschreibt und
gegebenenfalls auch den Verlust tragen muß. Das Kapital wird deshalb auf der
Passivseite genannt.
Das kommt dann auch in einer realwirtschaftlichen Darstellung der Wirtschaft
zum Ausdruck, die auf der Produktionsfunktion aufbaut, wo also Kapital, Arbeit,
Energie, Naturverbrauch zusammengefügt werden. Dann erst geht diese
Differenz zwischen dem Geldkapital, die eine relevante Größe ist für die
Unternehmungen, die auf dem aufbauen, und dem Produktionsvermögen, die
Kapitalgüter, ein. Das kommt erst zum Ausdruck, wenn man auch die
geldwirtschaftliche Seite und auch die Bilanz der Unternehmung sieht. Die
Unternehmung als eine reale Größe der Wirtschaft.
All das kann aber nur funktionieren, wenn die gesamtwirtschaftlichen Gewinne
dominieren. Denn bei Gleichwahrscheinlichkeit von Gewinn und Verlust würde
niemand das Risiko auf sich nehmen, das mit dem Einsatz von Kapital
verbunden ist. Und daraus ergibt sich nun als der entscheidende Punkt die
Notwendigkeit der fortgesetzten Ausweitung der Geldmenge

Warum? Gewinn ist auf längere Sicht die positive Differenz von Einnahmen und
Ausgaben. Im genaueren muß man das zwar differenzieren, längerfristig mit
Bezug auf die Abschreibungen etwas korrigieren. Aber wenn das funktionieren
soll, müssen die Gewinne im Saldo der Gewinne und Verluste dominiern, d.h.
der Gewinnsaldo muß positiv sein. Es muß also Mehreinnahmen geben.

Aber wie ist das möglich, wenn die Einnahmen der einen die Ausgaben der
anderen sind?
Das geht ja nicht?
Es geht nicht, wenn die gleiche Geldmenge immer umläuft. Es geht nur, wenn
zusätzliches Geld zuströmt. Dann können die Einnahmen größer sein als die
Ausgaben. Deswegen braucht es eine zusätzliche Ausweitung der Geldmenge,
damit die Gewinne realisiert werden können.

Diese Zunahme ergab sich durch die Gewinnung von Gold und Silber aus
Flüssen und Bergwerken zu Zeiten der Gold- und Silberwährung. Heute erfolgt
sie auf der Basis von Banknoten der Zentralbank - dem Papiergeld - und dem
Giralgeld der Geschäftsbanken in Form von Einlagen am Konto eines
Bankkunden. Diese Einlagen entstehen entweder durch Einzahlung von
Zentralbankgeld oder durch Gewährung von Bankkrediten.
Damit kommen wir zu der Bedeutung der Bankkredite, die der eigentliche Motor
der Geldausweitung sind. Diese übersteigen regelmäßig das Sparvolumen und
führen daher auf dem Weg über die Kreditschöpfung zur Geldschöpfung durch
Vermehrung der Geldmenge.

Und nun, wozu braucht man Kredite, wozu nimmt man Geld auf? Wodurch
ergibt sich diese Geldschöpfung? Im wesentlichen dafür, daß man investiert.
Man muß ja etwas dafür bezahlen: den Zins. Man wird ja nicht so einfach Geld
aufnehmen und dafür etwas bezahlen, wenn man damit nicht etwas anfangen
will. Etwas anfangen will, wobei man einen Gewinn erzielt, der größer ist als
das, was man bezahlt für den Zins. D.h., man wird daraus eben Investitionen im
wesentlichen bezahlen, auch Ausweitung des Handels, um mit ihnen zu
verdienen.
Und diese Mitwirkung des Bankensystems ist infolge dessen eine notwendige
Voraussetzung dieser Geldausweitung, damit eben Gewinne gemacht werden
können, gesamtwirtschaftlich gesehen. Aber gleichzeitig - und das ist der
eigentliche Trick, die List der Vernunft - , ist es die Vorausetzung, daß auch
mehr produziert wird, sodaß der Geldausweitung eine Ausweitung der
produzierten Menge folgt.

....... Nur zwei Ergänzungen, die hier notwendig sind: Die Voraussetzung der
Produktionssteigerungen seit Jahren ist natürlich, daß entweder mehr
Beschäftigung eingesetzt, oder daß die Arbeit durch Energie ersetzt und ergänzt
wird. Und gleichzeitig aber auch die Primärproduktion erhöht wird ---die
Landwirtschaft oder Agarwirtschaft ---, oder aber mehr Rohstoffe aus den
Bodenschätzen herausgeholt werden, oder quasi eine Umformung von
Produktionsmitteln erfolgt, die auch von der Natur geliefert werden, aber dann
Ersatzstoffe bilden gegenüber den ursprünglichen Stoffen. Aber alles wird
ursprünglich aus der Natur gewonnen, und diese Ressourcen von den
Eigentümern der Ressourcenvorräte über den Ressourcenmarkt an die
Produktionsunternehmungen verkauft. Das heißt, es wird hier notwendigerweise
eine ständige Ausweitung des Ressourcenverbrauches vorausgesetzt. Natürlich
kann man auch --- das ist ja die Diskussionsfrage --- dies auch qualitativ
verändern. Aber wie gesagt, das ist nicht das, was heute noch passiert. Sondern
im allgemeinen werden mehr Ressourcen eingesetzt. Weil das nichts kostet.
Den Ressourceneigentümern kostet die Entnahme der Sache selbst nichts. Nur
die Arbeit hierfür ist zu bezahlen. Es ist also unheimlich lukrativ, dies zu
machen. Und deswegen geht ein Sog in diese Richtung, primär die Ressourcen,
die nichts kosten, auszubeuten und in die Produktion einzubeziehen.

Und ein weiterer entscheidender Unterschied zur herkömmlichen, zur


neoklassischen Theorie ist: Es gibt dort einen Kranz von Ressourcen, die
einfach da sind, die einen Eigentümer haben, die nie mehr und nie weniger
werden, ... man kann sie besser nutzen, aber in der Menge, der Substanz nicht
verändern. Das ist die Voraussetzung. Alle knappen Ressourcen sind im
Eigentum. Und alle Eigentumsgüter sind knapp. Und alle Nicht-Eigentumsgüter
sind reichlich. Die aber gibt es in der Theorie nicht, die sind dort nicht relevant.
Und es ist ......

Es entsteht pausenlos neues Eigentum. Auf ganz verschiedene Weise.


Insbesondere aber aus dem Ressourcenvorrat. Das muß man einmal auch ganz
juristisch sehen. Es gibt zwar nur eine endliche Welt und einen endlichen Vorrat
an Rohstoffen, an Ressourcen. Aber diese resources, wie man in der Sprache
der Ressourcenökonomie sagt, sind ökonomisch irrelevant. Sie gehören auch
niemand, sind nur geologisch geschätzt. Sie werden erst Eigentum in dem
Moment, wo sie erbohrt worden sind, wo sie zur Reserve werden. In dem
Moment bekommt derjenige, der bohrt, ein Eigentum. Vorher ist das
ökonomisch gesehen ‘Nichts’. Es ist ja nicht verwertbar und erzielt keinen Preis.
Man kann sich darum nichts kaufen
Materiell oder ökologisch gesehen, ist es nicht ‘Nichts’, aber ökonomisch
gesehen, wird aus ‘Nichts’ etwas Wertvolles. Und zwar in einem pausenlosen
Prozeß. Es gibt auch andere Eigentumsgüter, die so entstehen ---geistiges
Eigentum. Oder in der Umweltökonomie etwa Emissionszertifikate ---.

Eigentum weitet sich also ständig aus, ist ein Prozeß, nicht ein Status. Das ist
ein ganz wichtiger Punkt. Und so kann es auch sein, wenn man die natürlichen
Ressourcen betrachtet, die Reserven, daß das, was an Eigentum an
Ressourcen entsteht, sich pausenlos ausweitet, auch wenn die Gesamtvorräte,
der in der Welt noch liegen, per definitionem, knapp sind.
Diese Knappheit erscheint aber nicht im ökonomischen Bereich. Die relativen
Presie steigen nicht an. Im Gegenteil. Die Menge kann sich ständig ausweiten.
Wir hatten beispielweise gebohrte Ölreserven lange Zeit etwa in Höhe des 30-
fachen der (Jahres) Produktion.Und heute ist das das 40-fache. Sie hat sich
ausgeweitet, nicht verknappt! Und das Angebot steigt auch auf dem Markt. D.h.,
die Preise fallen. Wenn nicht weiterhin die Vorräte kleiner werden, ist die
ökologische Knappheit ökonomisch nicht relevant.
Das heißt, man hat eine ständige Angebotserhöhung, und damit die reale
Voraussetzung für das Wachstum, so daß die Geldvermehrung nicht zu Inflation
führt. Und das ist auch der entscheidende Punkt.

Zum Schluß möchte ich noch darauf hinweisen, daß der Staat im
Zusammenhang mit dem Markt eine relevante Rolle spielt, daß die staatliche
Ordnung eine wesentliche Voraussetzung der Marktwirtschaft ist. Diese braucht
eine Eigentumsordnung, die sagt: Wer darf verkaufen. Die Antwort ist: Der
Eigentümer darf verkaufen, oder jemand, der abgeleitete Eigentumsrechte hat.
Das ist die Antwort. Wer ist berechtigt, überhaupt einen Preis zu verlangen?
Das kann verschieden ausgestaltet sein. Es ist faszinierend, sich mit dem
Eigentumsrecht auseinanderzusetzen. Ich hab’ das mal getan. Zuerst habe ich
gedacht: Na, es gibt halt Staatseigentum und Privateigentum. Doch nein, es gibt
unheimlich viele Varianten...
Dann muß natürlich die Eigentumsordnung polizeilich gesichert sein. Man darf
nichts so einfach wegnehmen. Nur über den Markt kann man auf Eigentum
zugreifern. Das ist ein entscheidender Punkt. Darüber hinaus muß der Staat
auch ........ ...

Und darüberhinaus reguliert der Staat laufend den Markt durch die von ihm
errichtete Zentralbank über das Zentralbankgeld, das das gesamte Geldwesen
nicht regiert, aber zumindest beeinflußt. Die Zentralbank muß im Interesse der
Inflationsbekämpfung in der Geldpolitik immer ziemlich restriktiv sein.
Andererseits kurbelt der Staat durch die Gestaltung des Staatshaushalts mit
einer Tendenz zum deficit spending die Wirtschaft immer wider an. Und je
nachdem, ob die Inflationsbekämpfung oder das deficit spending vorherscht,
wird die Dynamik des Marktes dann gebremst oder verstärkt. Ich meine aber,
die Dynamik ist ein eigenes Anliegen des Marktes selbst, nicht nur des Staates,
sondern ein Anliegen des Marktes selbst, d.h., der im Markt wirkenden
Unternehmungen selbst, die sich Gewinnchancen erobern, mikroökonomisch
und makroökonomisch erobern, indem sie investieren und damit das
Wachstum erhöhen.

Nachtrag und Kommentar

Ernst Dorfner

Hans C. Binswanger ist in seinem Statement auf einige in den Ausführungen


von Dorfner aufgestellten Thesen kritisch eingegangen. In der etwas
ungeordneten Diskussion zum Statement von Dorfner sind zudem einige
Fragen offen geblieben. Auf diese wird hier von Dorfner repliziert.

So stellt Binswanger fest:


”Bei zwei Statements haben wir gewisse Differenzen. Das möchte ich hier nur
ganz kurz vorweg sagen. Ich komme dann noch darauf zurück.
Herr Dorfner hat einzelne seiner Überlegungen auf Heinsohn und Steiger
abgestellt, und diese Überlegungen gehen davon aus, daß alles Geld als
Schuld dargestellt werden kann. Ich meine, daß einiges daran auch richtig ist,
und ich werde auf diese Frage ‘Geld als Schuld’ auch eingehen. Aber es wird
bei Heinsohn und Steiger fast tautologisch verwendet. Und dabei geht
verloren, wo Geld wirklich aus Schulden entsteht. Darauf werde ich speziell
zurückgehen.
Also, ich meine, daß Heinsohn und Steiger zwar korrekt darauf hingewiesen
haben, daß mit der Schuld, --- und damit mit dem Pfand, um die Schuld zu
stützen, und dem Eigentum als Pfand ---, daß also mit der Schuld, die man
eingeht, wenn man einen Kredit aufnimmt, eine relevante Frage aufgeworfen
ist. Aber ich meine, es ist fast zu tautologisch ausgeweitet worden.”
Und weiter unten dann:
“Das Entscheidende ist nun, daß die Unternehmung das Geld, mit dem sie
kauft, schon haben muß bevor sie es durch den Verkauf verdient hat. Es
muß also vorgeschossen werden, in der Hoffnung auf Gewinn und mit dem
Risiko des Verlustes. Und dieses vorgeschossene Geld ist nichts anderes als
das Kapital. Dieses vorgeschossene Geld nennt man Kapital, Geldkapital.
Und auf das Kapital wird daher mit Recht auch der Gewinn bezogen. Dabei
wird das Kapital aufgespalten in Eigenkapital, das das Hauptrisiko trägt, dem
also auch der Gewinn im engeren Sinne zugesprochen wird, und dem
Fremdkapital, das nur ein verringertes Risiko trägt und einen festen Zins
erhält. Und ich meine, daß man deshalb nicht einfach von Schulden sprechen
soll, sondern man hier unterscheiden muß zwischen Eigenkapital und
Fremdkapital. Obwohl beide auf der Passivseite der Bilanz geschrieben
werden, ist doch diese Differenz entscheidend.”

Dazu ist zu sagen:


Makroökonomisch erfolgt die Zunahme des Geldes, so wie es H.C. Binswanger
sagt “auf der Basis von Banknoten der Zentralbank (....) und dem Giralgeld der
Geschäftsbanken in Form von Einlagen am Konto eines Bankkunden. Diese
Einlagen entstehen (...) durch Gewährung von Bankkrediten.
Damit kommen wir zu der Bedeutung der Bankkredite, die der eigentliche Motor
der Geldausweitung sind. Diese übersteigen regelmäßig das Sparvolumen und
führen daher auf dem Weg über die Kreditschöpfung zur Geldschöpfung durch
Vermehrung der Geldmenge”.

So wie Binswanger festhält, daß zusätzliches Giralgeld aus Krediten entsteht,


entsteht gleichermaßen auch zusätzliches Zentralbankgeld durch Gewährung
eines Zentralbankkredites an die Geschäftsbanken. Und so wie der
Geschäftsbankkredit durch bereits vorhandenes Vermögen des Kreditnehmers
zu besichern ist, gilt es auch für Zentralbankkredite, die die Geschäftsbanken
durch Schatzscheine des Staates - die sgn. ‘Pensionsgeschäfte - oder
erstklassige Wechsel von Unternehmungen zu besichern haben.

Wenn nun aber alles Geld - Zentralbankgeld und Giralgeld - als im Laufe der
Jahre akkumuliertes zusätzliches Geld sich darstellt, so heißt das, daß alles
Geld aus Kredit- oder Verschuldungsprozessen entsteht.
Für die Bundesrepublik Deutschland stellt sich das in Ziffern wie folgt dar: 1948
wurden bei der Währungsreform pro Kopf 60 neue DM als ‘Pro-Kopfgeld’ - und
damit, wenn man so meint, nicht über Kredite, also nicht als Kreditgeld - durch
Umtausch von Alt auf Neu ausgegeben. Der ‘Bargeldumlauf ohne
Kassenbestände der Kreditinstitute’ betrug damit 1950 rd. 8 Milliarden DM. Alles
weitere erfolgte über Notenbankkredite und den Ankauf von Valuten,
insbesondere US-Dollar, die ihrerseits auch wieder über besicherte Kredite
entstanden. 1990 lag der Bargeldumlauf in Deutschland jedenfalls bei 159 Mrd.
und Ende 1993 bei rd. 197 Mrd. DM.22 In dieser Relation gesehen, kann man
22
Helmut Creutz, Das Geldsyndrom, Ullstein-TB, 1995, S.34 und S.68
durchaus sagen, daß praktisch alles Notenbankgeld aus Krediten oder
sonstigen Schuldpapieren stammt.
Damit aber gilt makroökonomisch, daß alles Geld als Schuld dargestellt werden
kann, auch wenn es der einzelne dann verschuldungsfrei als Arbeits- oder
Kapitaleinkommen erhält. Erst durch den Verschuldungsvorgang entsteht aus
‘streng verrechneten Drucksorten’ Zentralbankgeld, wird Geld ‘geschöpft’, wie
die Österreichische Nationalbank schreibt. Und durch Entschuldung - also etwa
der Einlösung eines Wechsels gegen Bargeld durch die Bank des Bezogenen -
wird Geld wieder ‘vernichtet’.23 Und wenn Geschäftsbanken im Rahmen der
‘Multiplen Geldschöpfung’ bei der Kreditschöpfung nur durch die Mindestreserve
begrenzt sind, so können sie doch nicht mehr Kredite und damit Buchgeld
schöpfen, als Kreditsuchende sich finden, die bereit sind, einen Schuldvertrag
zu akzeptieren.24

Entscheidend ist somit, daß insgesamt nur soviel Geld - Bargeld und Buchgeld -
vorhanden ist, wie sich Schuldner finden. Diese Verschuldungen werden zum
Teil fortgeschrieben, womit dieses Geld erhalten bleibt, zum anderen Teil durch
Bezahlung mit Geld getilgt, womit Geld ‘vernichtet’ wird. Diese Tilgungen sind
aber nur möglich, weil mit neuen Verschuldungen neues Geld ‘geschöpft’ wurde.
Zusätzlich aber muß für die Dotierung des Bruttogewinnsaldos zusätzliches
neues Geld zufließen, welches aus zusätzlichen Krediten und damit aus
zusätzlichen Verschuldungen entsteht.
Damit aber ist die Geldmenge keine Konstante, sondern etwas, was größer
werden kann, aber durchaus auch kleiner. Und über die Ausdehnung oder
Schrumpfung dieser Menge befindet die Wirtschaft mindestens ebenso wie die
Zentralbank. “Man kann dei Pferde zur Tränke führe, aber nicht zwingen zu
saufen”. Die Fähigkeit der Zentralbank, diese Menge zu steuern, ist daher nur
eine sehr beschränkte, und es verwundert deshalb nicht, daß sie die angeblich
‘autonome’ Geldmengenzielsetzung regelmäßig verfehlt.

Geld ist so nicht Schmiermittel, das den Austausch bereits fertiger Waren
erleichtert, sondern es ensteht aus der Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft
als ‘substanzgewordene’ Absicht, etwas zu produzieren oder mit etwas zu
handeln. Es ensteht Geld, insoweit die Unternehmungen bereit sind, für die
Bezahlung von Arbeit, von Handelsprodukten, von Vorprodukten und
Investitionen, sowie für Steuern und Abgaben Schulden auf sich zu nehmen,

23
Österreichische Nationalbank (Hgb), ‘Notenbank und Währung’, Eigenverlag, 1985, S. 32 und S. 42. Auf Seite 32
heißt es: “Wenn bespielsweise ein Kreditunternehmen von der Österr. Nationalbank ausländische Zahlungsmittel
erwirbt und mit Schillingnoten bezahlt, verlieren diese bei der Hereinnahme durch die Notenbank ihre
Geldeigenschaft, währen die entsprechenden Deckungswerte sich verringern. Es hat also ein
‘Geldvernichtungsvorgang’ stattgefunden.
24
Der rechnerisch mögliche Geldschöpfung-Multiplikator ist nur ein mathematischer Wert, der mit der Realität wenig
gemein hat, wie etwa auch Robert J. Gordon in seiner ‘Makroökonomik’, Oldenburg, 1989, S. 489, einräumt.
um durch den Verkauf der Produkte oder Fertigprodukte diese Verschuldung
samt Zinsen wieder tilgen zu können, um dann für sich einen Gewinn zu
lukrieren. Geht diese Dynamik zurück, geht auch diese Geldmenge zurück, die
etwa auch aus der Bezahlung von Arbeit entsteht und dafür zur Verfügung steht.
Was nicht heißt, daß nicht anderweitig auch Geld entstehen kann, dann aber
primär nicht für die Bezahlung von Arbeit und von Produkten, sondern etwa für
den spekulativen Kauf von Aktien.

Nun aber gehört es zum unabdingbaren Wesen von Schulden, daß eine
Zeitspanne, also ‘Zeit’ zwischen Aufnahme und Tilgung liegt. Und zu tilgen sind
die Schulden, real und rechtlich gesehen, in nominellen Größen, unabhängig
von deren Kaufkraft. Dies ist derzeit eine faktische Spielregel unserer
Marktwirtschaft, von der vorerst einmal so auszugehen ist. Und nur unter diesen
Regeln, an denen sich Mittun oder Ausscheiden in diesem Spiel entscheidet,
gelten auch die folgende Überlegung, so wie sie auch für die vorausgehenden
so gelten.

Makroökonomisch gesehen können deshalb die Schulden nur dann getilgt


werden, wenn die Geldmenge, die in die Wirtschaft hineingesteckt wird, auch in
Zukunft zumindest gleich groß bleibt, um die Schulden wieder tilgen zu können,
die Wirtschaft, so gesehen, über die Zeit zumindest in einem stationären
Zustand bleibt. Auf keinen Fall aber darf die Geldmenge sinken.

Dabei ist richtig, daß dem Eigenkapital keine Schuld gegenübersteht, wie schon
der Namen sagt. Vielmehr dient das Eigenkapital eben zur Besicherung der
Schulden, die mit der Aufnahme von Fremdkapital entstehen, in dem Sinn, daß
bei Wertberichtigungen (Abwertungen) des Anlagevermögens auf der Aktivseite
der Bilanz eben das Eigenkapital auf der Passivseite entsprechend gekürzt wird.
Gerade aber das zeigt den Zusammenhang zwischen Geld, Kredit, Schulden
und Eigentum. Die Unternehmung bekommt einen Kredit, der ihr ermöglicht, mit
Geld zu zahlen, weil sie bereits Eigentum hat, das sie zur Besicherung des
Kredites heranziehen kann. Und dieses Eigentum entsteht etwa durch
Verwendung eines individuellen Geldüberschusses zum Ankauf von
Anlagevermögen - oder zumindest Teilen davon.
Der Geldüberschuß stammt aber vorzugsweise aus Gewinnen und Zinsen für
die Vorperiode, die aber wiederum nur deshalb bezahlt werden können, weil
über Verschuldung zusätzliches Geld geschöpft wird.
Damit aber zeigt das rekursive Eigenart der Entstehung von Eigentum und Geld.

Es werden dabei Teile des vorhandenen Eigentums eines Wirtschaftssubjektes


in Form von Produktionsressourcen oder anderen nicht verkauft, um mit dem
Erlös die anderen Ressourcen zu erwerben, die benötigt werden, um sie zu
einem Ganzen zusammenfügen zu können. Würden diese verkauft, -oder
genauer gegen andere getauscht -, dann bliebe die Wirtschaft ja tatsächlich auf
der Ebene einer Tauschwirtschaft.
Zeichen der kapitalistischen oder geldwirtschaftlichen Reproduktion aber ist,
daß diese Eigentums-teile nur verpfändet, nicht aber verkauft werden. Weil so
aber trotzdem im Falle des Falles auf bereits vorhandenes Eigentum des
Kreditnehmers zurückgegriffen werden kann, wird diesem über Kredit und Geld
ermöglicht, auf das Eigentum eines Dritten durch Bezahlung mit Geld
vorzugreifen. Diese Verknüpfung zwischen dem Zurück und dem Vor über einen
Vertrag auf Erfüllung in Zukunft wird dabei von der geldschöpfenden Stelle
übernommen.
Erst mit dieser Verknüpfung aber gelingt es, materiell über die ursprüngliche
einfache Reproduktion hinauszugreifen und ein Wachstum des Outputs zu
ermöglichen. Und erst jetzt ist die Akkumulation von Eigentum möglich, wenn es
gelingt, das Verprechen auf Erfüllung in Zukunft durch Rückzahlung des
Kredites zu erfüllen, so daß vorhandenes Eigentum immer nur verpfändet, aber
nicht abgetreten werden muß, und diesem ‘alten’ Eigentum das neu geschaffene
Eigentum zugeschlagen wird.

Wird aber gegebenenfalls der gewährte Vorgriff vom Kreditnehmer in Zukunft


durch Rückzahlung des Kredites mit Geld nicht erfüllt, dann greift die Geld
schöpfenden Stelle auf den Rückgriff, auf das Pfand, zurück und handelt all das
in der ursprünglichen vorkapitalistischen Form ab: Eben durch ‘Verkauf’, oder
genauer: durch Abtretung eines Teiles des Eigentums an die Geld schöpfende
Stelle, die dieses gegen Geld verkauft und so (etwa) jenes Geld (in der Menge)
wieder hereinbekommt, das sie ursprünglich geschöpft hat und nun wieder
‘vernichtet’.

Bei Gelingen des kapitalistischen Prozesses weitet sich so Eigentum ständig


aus, in dem dieses der Natur entrissen wird, so daß Eigentum, wie Binswanger
sagt “ein Prozeß, nicht ein Status” ist. Und es weitet sich auch Geld ständig aus.
Voraussetzung hierfür ist ein ständiges Weiterlaufen und sich Beschleunigen
dieses Verschuldungsprozesses, der in dem ständig wachsendem Eigentum ein
Fundament hat. Denn die Zurverfügungstellung von Geld für Eigenkapital durch
den Kauf von Anteilscheinen setzt die Verfügung von Geld voraus, welches nicht
zur Tilgung von eigenen Schulden benötigt wird, das aber aus den Schulden
anderer entsprungen ist. Dieses Geld ermöglichte erst die Bezahlung von
zusätzlichen Investitionengütern, also Netto-Investitionen, gleichermaßen aber
auch den Wiederverkauf dieser Anteilscheine.
Insgesamt entsteht dieses Eigenkapital genau so durch Verschuldung wie das
Fremdkapital. Und es treibt die Dynamik des Wirtschaftsprozesses mindestens
genau so an wie das Fremdkapital, ja man darf nach den Erfahrungen mit dem
sharholder value sogar behaupten, daß es derzeit die treibende Kraft in der
ganzen Entwicklung hin zu immer mehr Unternehmenskonzentrationen ist. Jede
Unternehmung muß deshalb bemüht sein, einen Cash-flow zu erzielen, der die
- nominelle - Eigenfinanzierungskraft der Unternehmung nicht nur erhält,
sondern verbessert, und so den Wiederverkaufswert der Anteilscheine
verbessert.

An dieser Stelle sei deshalb an die Einwürfe von Michael Kohlhaas und
anderen erinnert, daß Arbeit auch aus dem Eigenkapital bezahlt werden könnte,
und dieses nicht auch wie eine Schuld zu behandeln sei, weil es eben
Eigenkapital ist.
Dem widerspricht ganz deutlich die praktische Erfahrung. Es muß zwar
rechtlich und sofort nicht wie eine Schuld behandelt werden, aber faktisch und
auf Dauer mindetens so. Und genau so wenig können Schulden aufgewertet
werden, wenn das Preisniveau steigt, und abgewertet, wenn dieses sinkt.

Mikroökonomisch ist aber weiter zu bedenken, daß die vorhandene Geldmenge


am Markt nicht genau kostenparallel oder symmetrisch aufgeteilt wird, sondern
so, daß bei den einen Unternehmungen mehr als die Kosten hereinkommen, bei
den anderen aber weniger. Bei ersteren können so die Schulden (ohne Zinsen)
auf Fremdkapital getilgt werden, und es bleibt sogar noch ein Überschuß, aus
dem Zinsen bezahlt werden können, und eventuell sogar ein Gewinn für die
Unternehmung selbst bleibt. Bei den anderen ist dann aber nicht einmal mehr
die gesamte Tilgung der Schulden auf Fremdkapital möglich, ohne den Cash-
flow auf das Eigenkapital zu beschneiden. Das aber drückt dann sofort auf den
Marktwert der Anteilsscheine des Eigenkapitals (Aktien) und verschlechtert
damit auch die Fremdfinanzierung dieser Unternehmung.
Im stationären Zustand ist dann die Wirtschaft ein Nullsummenspiel, in dem
aber die Gesamtschulden in weiteren Sinn nicht mehr getilgt werden können.
Der gesamtvolkswirtschaftliche Saldo aller Gewinne und Verluste ist dabei Null.
Während aber bei dem einen Teil der Unternehmen das Geldvermögen
akkumuliert, akkumulieren bei einem allzu großen Teil der Unternehmungen die
Schulden bzw. wird das Eigenkapital aufgezehrt. In diesem - wegen der sich
verschlechterten Bonität - sich selbst vestärkenden Prozeß, werden deshalb
allzu viele Unternehmungen früher oder später zum Ausscheiden gezwungen.

Um deshalb eine einigermaßen stabile Wirtschaft zu haben, bei der immer nur
eine Minderheit an Unternehmen ausscheiden muß, braucht es
gesamtvolkswirtschaftlich einen positiven Gewinnsaldo. Und dieser hängt davon
ab, wie hoch sich vor allem und idealtypisch die Unternehmungen im Vergleich
zur Vorperiode zu verschulden bereit sind. Daß hier auch der Staat in die
Bresche springen kann, ist ja als deficit spending bekannt.
Daß dieser gesamtvolkswirtschaftliche Gewinnsaldo voll und ganz mit dem
betriebswirtschaftlichen Ergebnis der Einzelbetriebe zusammenhängt, sollte
doch unzweifelhaft sein. Die Volkswirtschaft ist zwar nicht einfach nur die
Summe der Betriebswirtschaften, doch ist sie etwas, das daraus resultiert und
nicht etwas ganz anderes, davon losgelöstes. Und die vollswirtschaftlichen
Rahmenbedingungen wirken u.a. wieder auf die Betriebe und beeinflussen
dadurch wiederum die volkswirtshaftliche Resultierende. Und da für die
Betriebe ‘Wettbewerbsfähigkeit’ schlicht und einfach heißt, die anfallendeKosten
erwirtschaften zu können, muß sich diese Art Wettbewerbsfähigkeit auch
volkswirtschaftlich und damit gesellschaftlich manifestieren, unabhängig davon,
was ‘systemische Wettbewerbsfähigkeit’ auch meint, von der Fritz
Hinterberger spricht.

Nun könnte selbstverständlich auch das überlegt werden, was von Michael
Kohlhaas und Evelyn Blau mehrfach eingeworfen wurde, nämlich die
Anpassung an die reale Kaufkraft des Geldes, die sich bei sinkenden monetären
Kosten der Produktion erhöht.
Ich möchte hier nicht näher darauf eingehen. Die Diskussion sollte allerdings
zeigen , daß hier ein durchaus ernst zu nehmender Mangel in der bisher
geführten theoretischen Aufarbeitung einer zukunftsverträglichen Wirtschaft zu
orten ist, in dem die Geldfrage überhaupt nicht oder nicht ernst genug
angeschnitten wurde.

Wie Kohlhaas in seinen Ausführungen herausstellte, wurde ja die Geldfrage in


dem bei Greenpeace abgehaltenen Workshop ganz im Sinne der Neoklassik als
eine eigene Unterfrage neben den Themen ‘Beschäftigung’, ‘Finanzierung der
Staatsausgabe, ‘das Wirtschaftsystem Marktwirtschaft’, die Frage der Nord-
Südbeziehungen’ eingeteilt, und nicht als etwas, was all diese Punkte zutiefst
berührt und bewirkt. Genau das aber ist der große Mangel, der all den
unzähligen ‘Umweltprogrammen’ anhaftet.
Dort wird überall die Marktwirtschaft wie eine große Mischmaschine behandelt,
die ‘nur’ falsch beschickt wird, die verschiedenen Produktionsfaktoren falsch
alloziert. Unterschiedlich große Haufen an Zuschlagstoffen liegen so vor dieser
‘Mischmaschine’: Der Haufen ‘Umwelt’ ist dabei schon sehr klein, die Quellen
und insbesondere die Senkern sind schon sehr knapp, während der Haufen
‘Arbeit’ immer größer wird, weil er zuwenig ‘beigemischt’ wird.
Die von mir aufgestellte These, daß die Neoklassik die ganze Umwelt - wie auch
die soziale Frage - nur als Optimierungsproblem sieht, wird hier deutlich
bestätigt. Mit dieser Optimierungsfrage, der Änderung der ‘Beschickung der
Mischmaschine’, beschäftigen sich weltweit unzählige Ökonomen, Ökologen,
Naturwissenschafter und Soziologen. Alle aber gehen davon aus, daß sich diese
Mischmaschine wie ein Perpetuum mobile unentwegt von selbst dreht, daß
diese Bewegung dem moderenen industriellen System immanent und so immer
da ist - ein Irrtum, dem die beiden dominierenden ökonomischen Theorien
dieses Jahrhunderts, der marxistischen Sozialismus und die kapitalistischen
Neoklassik, anheim gefallen sind.
Ersterer ging davon aus, daß die dynamischen Produktivkräfte den modernen
Produktionseinrichtungen zwangsläufig anhaften und auch nach der Enteignung
der privaten Eigentümer und Abschaffung des privaten Profites
selbstverständlich erhalten bleiben. Der Sozialismus ist an diesem Irrtum
kläglich gescheitert. Wie es in den kommunistischen Ländern mit den
Produktivkräften wirtschaftlich aussah, ist nach dem Zusammenbruch 1990 nur
allzu deutlich geworden.

Die Neoklassik hat schon von vorneherein als Widerpart des Marxismus die
generelle Existenz des Profites geleugnet bzw. diesen nur für den
vorübergehenden Ausnahmefall des Marktungleichgewichtes gelten lassen. Im
Gleichgewicht verschwindet dieser Profit.25 Und in diesem Gleichgewicht, so H.
C. Binswanger, “gibt es keine endogene Veränderung mehr, ist es (das System)
zum Stillstand gekommen”. Das Gleichgewicht zeigt ja an, “daß alle
Erwartungen erfüllt worden sind und es deswegen keine Begründung gibt für
eine Veränderung. Veränderungen kann es nur exogener Art geben.”
Daß damit ein Erklärungsmodell, das eine generelle innere Dynamik des
marktwirtschaftlichen Systems nicht nur nicht berücksichtigt, sondern sogar
bewußt ausschließt, die Frage eines Wachstumszwanges nicht abhandeln kann,
hat ja Binswanger bereits dargestellt.

Während nun aber Binswanger sagt, der Wachstumszwang sei immanter Teil
der Logik des markwirtschaftlichen Systems - und ich auch eben diese Position
unterstütze, sagen Kohlhaas, Hinterberger und Sachs: “Wir wissen es nicht.”
Als politische Konsequenz heißt das aber: Das kann sein und kann auch nicht
sein.

25
Was deshalb Michael Kohlhaas unter der normalen Kapitalrendite’ versteht, wäre zu beantworten .
Im Sinne des Vorsichtsprinzips, wie es etwa auch bei der Frage der Gentechnik
zum Tragen kommt, müßte deshalb dieser Wachstumszwang zumindest als
vermutete Notwendigkeit zur Sicherung der Stabilität des ökonomischen und
damit auch sozialen Systems viel deutlicher herausgestellt werden. Oder anders
gesagt. Es müßte ganz deutlich gemacht werden, daß all die Vorschläge, wie
eine ökologische Steuerreform, Arbeitszeitverkürzung, Wertschöpfungsabgabe,
Tobinsteuer , ... zwar zu versuchen sind, daß sie aber möglicherweise dann
nichts oder zuwenig bewirken können, wenn die Wirtschaft zuwenig wächst.
Und das bestimmte umfassendere Vorschläge, die in einer eher autokratischen
politschen Situation durchgesetzt werden , durchau sauch zum Versagen des
marktwirtschaftlichen System führen können.
Politisch heißt das aber wiederum, daß insbesondere die Vorschläge zur
ökologischen Steuerreform und den so gehandelten ‘Ersatz von Energie durch
Arbeit’ nicht so apodiktisch als die das Wirtschaftswachstum bzw. Netto-
Investitionen unnotwendig machende Patentrezepte abgehandelt werden
dürften.

* * *

Weiters wirft Binswanger ein:


“Das zweite ist, daß man stärker unterscheiden muß zwischen den
Stückkosten und den Totalkosten. Wenn die Stückkosten zurückgehen, heißt
das noch nicht, daß auch die Gesamtkosten zurückgehen. Das wurde gestern
unterstellt. Das kann sein, aber normalerweise ist das nicht der Fall.
Normalerweise ist das so, wenn man Rationalisierungsinvestitionen macht,
daß sich das nur dann lohnt, wenn man gleichzeitig die höheren fixen Kosten
proportional auf eine höhere Menge verteilt. Das heißt, das die Gesamtkosten
sich ausweiten, auch wenn die Stückkosten zurückgehen. Was wieder heißt,
daß auch höhere Konsumausgaben entstehen müssen, um diese höheren
Totalkosten zu decken. Das ist dann der relevante Zusammenhang. Und für
höhere Konsumausgaben bedarf es auch höherer Einkommen.”

Dazu möchte ich sagen, daß es sich hier lediglich um eine Mißverständnis
handelt. Der ursprüngliche Satz unter 7.
(Durch die Reduzierung der Kosten wird auch das monetäre Volkseinkommen
und damit die monetäre Nachfrage reduziert.)
ist unpräzis formuliert . Ich gehe voll konform mit der Aussage von H.C.
Binswanger, teile diese nur in zwei Teile, deren ersterer der stationäre
Wettbewerbs-Teil ist und ergänzt werden muß durch den dynamischen
Wachstums-Teil.

Gemeint war für den Wettbewerbsteil stets:


Durch die Reduzierung der Stück-Kosten bei gleichbleibender Stückzahl
( = Output) wird auch das monetäre Volkseinkommen und damit die
monetäre Nachfrage reduziert.

Oder formelmäßig beschrieben:


Volkseinkommen Y = Summe (ni * k i ) = Kosten K;

wobei ni die Stückanzahl (Menge) der verschiedenen Produkte i,


ki deren Stückkosten bezeichnet.

Wird zur Zeit t+1 mit einem Einkommen Y(t+1)


um die zur Zeit t mit Gesamtkosten Kt
erzeugten Produkte nachgefragt,
dann gilt mit G als Gewinnsaldo:
Kt + G t = Y(t+1), oder, weil Kt = Yt
Gi = Y(t+1) - Yt
d.h einen (positiven) Gewinnsaldo gibt es nur bei steigendem monetären
Volkseinkommen.

Ist nun das Volkseinkommen zur Zeit t ...


Yt = Summe (ni, t * k i, t ) ,
das Volkseinkommen zur Zeit (t+1) .....
Y(t+1) = Summe (ni, (t+1) * k i, (t+1) ),
so wird Y(t+1) >Yt bei k i, (t+1) < k i, t, nur dann,
wenn n i (t+1) >> ni, t

Das aber heißt, daß eine Wettbewerbswirtschaft mit im Laufe der Zeit
sinkenden Stückkosten einen wachsenden Output (höhere Stückzahl)
braucht, um Gewinne realisieren zu können.
Für den Sonderfall der (reinen) Wettbewerbswirtschaft ohne Wachtum
(wachsende Stückzahl) gilt:
n i (t+1) = n i , t = konstant und k i (t+1) < k i,t
wird Y(t+1) < Yt ;

Dann wird Gi = Y(t+1) <-Yt < 0, d.h es ergibt sich ein negativer Gewinnsaldo,
also ein negativer makroökonomischer Saldo aller Gewinne und Verlust.

Dies ist meines Erachtens die entscheidende Ursache der aufkommenden


deflationären Tendenzen.