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Mauerwerk gegen Erdbeben: Entwurf und

Bemessung von Mauerwerksbauten für


Erdbebeneinwirkung

Autor(en): Bachmann, Hugo / Lang, Kerstin

Objekttyp: Article

Zeitschrift: Tec21

Band (Jahr): 130 (2004)

Heft 16-17: Erdbewegungen

PDF erstellt am: 30.12.2019

Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-108385

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Hugo Bachmann, Kerstin Lang

Mauerwerk gegen Erdbeben


SS
Entwurf und Bemessung von Mauerwerksbauten für Erdbebeneinwirkung y -

X ..¦-

Mauerwerksbauten sind durch Erdbeben sehr verletzbar. Der m p~


Nachweis einer genügenden Erdbebensicherheit anhand der '*S -,*
r*^s**
gültigen Mauerwerksnormen ist auch bei relativ geringer lS- .3
Sfe .-- "5L-J
Erdbebeneinwirkung meist nicht möglich. Hier wird ein neues
Verfahren vorgeschlagen, das bisher vernachlässigte Trag-
und Verformungsreserven nutzt. Damit gelingt es in bestimmten
1

Eingestürztes Gebäude aus unbewehrtem Mauerwerk


Fällen, den Erdbebennachweis zu erbringen. Andernfalls
(Bilder: H. Bachmann und K. Lang]
sind bauliche Massnahmen unerlässlich.

Traditionsgemäss werden in der Schweiz Wohnhäuser numerische Berechnung und Bemessung eines 4-stöcki-
gen Wohngebäudes dargestellt6. Während für
und auch kleinere Gewerbebauten oft mit unbewehrten die

tragenden Mauerwerkswänden aus Backsteinen, massgebende Wand der Nachweis für Wind problemlos
Kalksandsteinen oder Zementsteinen ausgeführt. Es gibt gelingt, ist dies für Erdbeben nicht der Fall, da selbst
solche Mauerwerksbauten mit bis zu 16 Stockwerken. für das Bemessungsantwortspektrum Zone 1 die
Mauerwerk ist ein in bauphysikalischer Hinsicht - vor Erdbebenkräfte sehr viel grösser sind als die Windkräfte.

allem bezüglich Wärmedämmung und -speicherung Die Nachweiskriterien gegen Gleiten und gegen
sowie Behaglichkeit - sehr geeigneter und bewährter Materialversagen können bei weitem nicht erfüllt werden.

Baustoff. Auch vertikale Kräfte, vor allem aus Schwerelasten, Bild 2 zeigt ein ähnliches Gebäude, bei dem dies ebenfalls
können relativ gut abgetragen werden. Für die zutreffen dürfte.
vorwiegend horizontale und zyklische Erdbebeneinwirkung
hingegen sind Mauerwerksbauten wenig geeignet. Ein neues Verfahren
Einerseits sind sie recht steif, sie haben meist eine hohe Es ist jedoch offensichtlich, dass das einfache und für

Eigenfrequenz im Plateaubereich des Bemessungsantwortspektrums vertikale Lasten und für Windkräfte zweckmässige
der Beschleunigung gemäss SIA 160' Verfahren nach den SIA-Normen V177 und 266 wesentliche
bzw. SIA 261 und sie erfahren entsprechend grosse Trag- und Verformungsreserven für horizontale
Erdbebenkräfte. Anderseits sind unbewehrte Einwirkungen vernachlässigt, die für den Erdbebennachweis
Mauerwerkswände ziemlich spröde und zeigen eine genutzt werden können. Dies wird im Folgenden
verhältnismässig geringe Energiedissipation. Deshalb sind versucht. Es wird ein Verfahren vorgeschlagen, das
auf einer möglichst wirklichkeitsnahen Erfassung des
Mauerwerksbauten durch Erdbebeneinwirkung im
Allgemeinen sehr verletzbar (Bild 1). Erdbebenverhaltens von Mauerwerksbauten beruht.
In der Schweiz gelten für tragendes Mauerwerk bis Insbesondere wird gewissermassen als Ergänzung zu
1.7.2004 die Empfehlung SIA V1773 und ab 1.1.2003 den in den SIA-Normen V177 und 266 verwendeten
die Norm SIA 266". Sie enthalten ein einfaches Verfahren Modellen die Koppelung der einzelnen Mauerwerkswände
für die Bemessung von Mauerwerkswänden für die durch Decken und Fassadenriegel erfasst, die
statische Einwirkung von vertikalen Lasten und einen beträchtlichen Einfluss auf das Verhalten der
horizontalen Kräften (Windkräfte, Erdbebenersatzkräfte). Gebäude unter Erdbebeneinwirkung haben kann.
Die verwendeten Modelle basieren aul dem unteren Zudem wird von der Möglichkeit einer Überlagerung
Grenzwertsatz der Plastizitätstheorie (Gleichgewichtssatz), von Spannungsfeldern Gebrauch gemacht. Das Verfahren
und die Bruchkriterien wurden an entsprechenden beruht in wesentlichen Zügen auf einer Methode,
Versuchen kalibriert die zur Evaluation des Erdbebenverhaltens bestehender
Erfahrungen haben gezeigt, dass es auf der Grundlage Bauten in einer Dissertation'0 und einem Aufsatz"
der erwähnten SIA-Normen auch bei relativ geringer entwickelt und dargestellt worden ist. Das neue Verfahren

Erdbebeneinwirkung - z.B. gemäss dem gilt nur für Mauerwerksbauten, die eine regelmässige
Bemessungsantwortspektrum Zone 1 der Norm SIA 160 - meist Gestaltung im Grund- und Aufriss aufweisen.
nicht möglich ist, ein genügendes Erdbebenverhalten Mit diesem Verfahren gelingt es in bestimmten Fällen,
nachzuweisen. In der Literatur ist ein Beispiel für die d.h. je nach der Anzahl Stockwerke, der Konfiguration

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der Mauerwerkswände usw. und bei eher geringer Stärke
der Erdbebeneinwirkung (gemäss dem
Bemessungsantwortspektrum für Zone 1 nach den SIA-Normen

SIA 160 bzw. SIA 261), den Erdbebennachweis von


regelmässigen Bauten zu erbringen. In anderen Fällen,
-, i
m wo dies nicht möglich ist, sind bauliche Massnahmen -
&m z.B. eine Aussteifung durch Stahlbetontragwände, die
~W5=HSI
i^jbws
jr Anordnung einer vertikalen und horizontalen Bewehrung
:*«*r? UM fefel
rzj»
¦ ¦•

oder eine vertikale Vorspannung - unerlässlich.


t^Essf
fe Regeln für den Entwurf
Für den konzeptionellen Entwurf von Mauerwerksgebäuden
sollen die folgenden grundsätzlichen Regeln
Mauerwerksbau mit problematischem Erdbebennachweis beachtet werden:
- Durchgehende Wände über die ganze Gebäudehöhe:
Die tragenden Wände sollen grundsätzlich über die
Öffnungen
ganze Gebäudehöhe laufen und im unteren Bereich
des Gebäudes keine Aussparungen aufweisen.

- Symmetrische Anordnung der Tragwände im Grundriss:


Um wesentliche Torsionseffekte zu vermeiden,
sollen die Wände im Grundriss einigermassen
Pfeiler symmetrisch zu den Hauptachsen angeordnet werden.

i*t Vorteilhaft ist eine Anordnung der Wände an der


Peripherie des Grundrisses, um Torsionseffekten
wirksam begegnen zu können.
- Fundamentkasten für die Wände: Die tragenden
Wände sollen auf einem steifen Stahlbetonkasten
(Untergeschoss) stehen.
Diese Regeln können durch einen regelmässigen
Riegel Entwurf im Grund- und Aufriss eingehalten werden. Nur

wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, kann das


vorgeschlagene Verfahren zur Bemessung von Mauerwerksgebäuden

Wand angewendet werden.

Fundament Begriffe und Tragwerksmodell


In Bild 3 sind die grundlegenden Begriffe definiert. Die
Begriffsdefinitionen Wände in einer Ebene sind durch Decken und Riegel
miteinander verbunden und bilden eine Wandkombination.
Dadurch entsteht ein Koppelungseffekt.
Bild 4 zeigt den Biegemomentenverlauf an einem
elastischen Rahmenmodell für zwei Extremfälle
unterschiedlich gekoppelter Wände. In Bild 4a sind die

Wände nur durch die Decken verbunden; die Koppelung


geht daher gegen null und das totale, durch die
angreifenden horizontalen Kräfte hervorgerufene
—; Moment wird allein durch die Wände abgetragen
P^t P^i (zusammenwirkende Wände). In Bild 4b sind die Wände
n
>0 durch hohe Riegel verbunden; die Koppelung ist daher
sehr stark, und ein Teil des totalen Momentes wird
/ durch Normalkräfte, die aus den vertikalen Querkräften
D D
'/r j r
in den Riegeln resultieren, abgetragen. In Wirklichkeit
/
liegen die Verhältnisse meist zwischen diesen
D D H

1
Extremen.

D D >
5t
/ / / |hoh
Für regelmässige Rahmen kann das Ausmass der
Koppelung approximativ durch einen einzigen Parameter,

+-^ V^ V^4 v^< die Höhe des Momentennullpunktes hg, erfasst


werden. In Bild 5 ist der Verlauf von h0/hit in Funktion der

|
I
Steifigkeit der Riegel zur Steifigkeit der Pfeiler (EIR/l0)/
(EIp/hJ für den 3x3-Rahmen aus Bild 4 (wobei die
Biegemomentenverlauf für zwei Fälle unterschiedlich erste Zahl der Anzahl Wände und die zweite Zahl der
gekoppelter Wände Anzahl Stockwerke entspricht) mit jeweils l0 bsl dar-

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2 -
gestellt. Für andere Rahmen mit unterschiedlicher
2\ Rahmen
Anzahl Wände und Anzahl Stockwerke ergeben sich
1

2x2 Rahmen
2 0
sehr ähnliche Kurven7. 3x2 Rahmen. Aussenpfeiler

Vergleiche mit Resultaten von Versuchen an Modellge- 3x2 Rahmen. Innenpfeiler


1.5 3x3 Rahmen. Aussenpfeiler
bäüden aus unbewehrtem Mauerwerk von D. Benedet- 3x3 Rahmen. Innenpfeiler
ti8 und G. Magenes et al12 zeigen, dass die Vernachlässigung 4x3 Rahmen. Aussenpfeiler
I 0 4x3 Rahmen, lnnenpfeiler
der Koppelung zu einer Unterschätzung der
führen kann10. Es sei jedoch daraufhingewiesen,
Kapazität
0.5
dass nur die Koppelung in einer Wandkombination Ol) 0.5 1.0 1.5 2.0
berücksichtigt wird. Die Koppelung paralleler (EIs/EIp)(hA
Wandkombinationen durch die Decken wird vernachlässigt.
Dies erscheint eine zweckmässige Vereinfachung im
Rahmen des vorgeschlagenen Verfahrens, da eine Verlauf der Höhe des Momentennullpunktes h0 (bezogen
vollständige Betrachtung dieser Problematik nur mit einem auf die Stockwerkshöhe hst) in Funktion der

3-D-Modell erfolgen könnte. Der dadurch begangene


relativen Steifigkeit der Biegel zur Steifigkeit der Pfeiler

Fehler ist akzeptabel im Rahmen der hier gerechtfertigten


Genauigkeiten.
Wand 1

Kapazitätskurve eines Gebäudes


Die einzelnen Wände werden als auf einem steifen
Stahlbetonkasten (Untergeschoss) stehend angenommen. Wand 4
yu
Eine Wand kann Querkräfte nur in Richtung
ihrer Ebene abtragen; die Querkräfte, die quer zur
Ebene abgetragen werden, werden vernachlässigt. Die
Decken werden als in ihrer Ebene starr, senkrecht dazu
jedoch vollkommen biegeweich angenommen. Die Wand 3 Wand 2 A

Kapazitätskurve des Gebäudes in einer Richtung -


definiert als Beziehung zwischen der horizontalen Einwirkung

Fund der Verschiebung A am Kopf des Gebäudes Fiktives Beispielgebäude

- kann durch Überlagerung der Kapazitätskurven der


in dieser Richtung tragenden Wände bestimmt werden. Vb *
Dies ist erlaubt, solange die Geometrie des Gebäudes
regelmässig ist und Torsionseffekte vernachlässigt werden
können.
Die Kapazitätskurve einer Mauerwerkswand wird
bilinear mit einem linear elastischen Bereich bis zum Erreichen

des horizontalen Widerstands der Wand Vm und


einem anschliessenden ideal plastischen Bereich
Wand
modelliert (dünn gezeichnet im Bild 7). Der horizontale
1
Vmi
kef(1
Vm4 Wand 4 Wand 3
Widerstand Vm kann gemäss den SIA-Normen V177 m3 mJf]
und 266 bestimmt werden unter Anwendung des unteren Vm2 Wand 2

Grenzwertsatzes der Plastizitätstheorie und den Ms


Bruchkriterien nach H.R. Ganz9. Das plastische Ay4 Ay1 _\y3 \y2 Au4 AU1 AU3

Verformungsvermögen A„ wird mit Hilfe einer empirischen

Beziehung abgeschätzt. Näheres hierzu sowie zur


nominellen Fliessverschiebung A,. und zur effektiven Kapazitätskurve des fiktiven Beispielgebäudes
Steifigkeit kggrKt in' beschrieben.

Bild 6 zeigt den Grundriss eines einfachen, fiktiven


Beispielgebäudes. In x-Richtung gibt es vier tragende
Wände. Die Kapazitätskurve des Gebäudes in x-Richtung
ist in Bild 7 gezeigt. Die maximal zulässige
Verschiebung des Gebäudes, A/,Ä, ist definiert durch das
£, 40
Versagen der ersten Wand (Wand 4). An diesem Punkt
fällt der theoretische Schubwiderstand des Gebäudes
ab, und die Abtragung der Schwerelasten ist unter
Umständen nicht mehr gewährleistet (vgl. die graue
idealisierte Kurve in Bild 7).
t'IHzl
Kapazitätsbedarf eines Gebäudes 8

Der Kapazitätsbedarf wird durch ein Elastisches Verschiebungsantwortspektrum Zone 1 (Mittelwerte


Verschiebungsantwortspektrum bestimmt. Als Beispiel zeigt Bild 8 für 5% Dämpfung) für mittelsteife Böden gemäss SIA 160

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Kopl\erschiebung A [mm]

10

Grundriss und Ansicht des vierstöckigen Kapazitätskurve des vierstöckigen


Beispielgebäudes, Abmessungen in m Beispielgebäudes in x-Bichtung

das Verschiebungsantwortspektrum, das zum elastischen stöckigen Wohnbau mit Stahlbetondecken und Flachdach.
Bemessungs-Antwortspektrum der Beschleunigung Gezeigt ist nur eine Hälfte des Gebäudes, die
Zone 1 (Mittelwerte für 5% Dämpfung) für andere Hälfte ist symmetrisch dazu. Die beiden Hälften
Böden gemäss SIA 160 gehört.
mittelsteife sind durch eine Zweischalen-Mauerwerkswand
Die Benutzung eines Antwortspektrums setzt voraus, (Wände 11) getrennt, die Stahlbetondecken sind jedoch
dass das Gebäude durch einen Einmassenschwinger durchgehend und weisen keine Fuge auf. Es wird
(EMS) ersetzt werden kann, der durch eine äquivalente angenommen, dass die Wände auf einem steifen
Stahlbetonkasten (Untergeschoss) stehen. Im Folgenden wird
Masse niß und eine äquivalente Steifigkeit kß bestimmt
ist und dessen Frequenz mit der Grundfrequenz des der Erdbebennachweis des Gebäudes in x-Richtung
Gebäudes übereinstimmt: angestrebt. Der Erdbebennachweis des Gebäudes in y-
Richtung ist in analoger Weise anzugehen.
ft (1) In x-Richtung gibt es 20 tragende Wände, je zweimal
2n die Wände 1, 2, 3, 8, 9, 10, 12, 13, 14 und 17. Alle Wände
Wird die äquivalente Steifigkeit kß des EMS mit der haben eine einheitliche Wanddicke von t 0,2 m. Weitere
Steifigkeit k des Gebäudes aus der bilinearen Approximation geometrische Daten sind in einem Forschungsbericht7
der Kapazitätskurve gleichgesetzt zusammengefasst, und die Normalkräfte werden
aus Lehrbeispielen übernommen.
Die Berechnung der Kapazitätskurven der Wände folgt
dem oben beschriebenen Vorgehen. Tabelle 1 gibt eine
ist die äquivalente Masse zu Zusammenfassung der Eckdaten der Kapazitätskurven
der einzelnen Wände. Die Kapazitätskurve des Gebäudes
m. m (3) entsprechend der Überlagerung der Kapazitätskurven
der einzelnen Wände ist in Bild 10 gezeigt. Die
bestimmt. Hierbei ist m, die konzentrierte Masse und maximal zulässige Verschiebung des Gebäudes ist durch
das Versagen der ersten Wand definiert, in diesem Fall
0, die Verschiebung der ersten Eigenform auf der Höhe
der i-ten Geschossdecke. Letztere ist so normiert, dass durch das Versagen der Wand 10 bei A 12,7mm. Der
<P„ 1. Daraus folgt der Verschiebebedarf der obersten äquivalente EMS ist bestimmt durch die äquivalente
Geschossdecke Ay (=n-tes Geschoss): Steifigkeit

A, c-T- S„ (4) kl _ 2-^ktl, 77748 kN/m

T ist der modale Partizipationsfaktor, und c ist ein und durch die äquivalente Masse (Gleichung (3)):
Koeffizient, der das nichtlineare Verhalten berücksichtigt.

in ,.=2 •£/«,<}) =522444 kg


Beispiel 4-stöckiges Wohngebäude
Im Folgenden wird das vorgeschlagene Bemessungsverfahren Somit kann die Frequenz des Gebäudes in x-Richtung
auf ein Beispielgebäude6 angewandt. Der berechnet werden (Gleichung (1)):
Entwurf dieses Gebäudes entspricht den am Anfang
77748-10
Regeln. Bild 9 zeigt einen Grundriss und eine
gegebenen
1.94 Hz
Ansicht des Gebäudes. Es handelt sich um einen vier¬ 2k \ inj zu 522444

10 tec21 16-17/2004
Wand 1 2 3 8 9 10 12 13 14 17 Tabelle 1

hop'hp 0.7 0.8 0.9 08 1.2 1.2 3.0 3.0 3.0 3.0 Eckdaten der Kapazitätskurven der
Vm [kN] 24 51 46 32 85 49 34 34 63 51
Wände des vierstöckigen
ke/, [kN/m] 2047 4429 3942 3255 6706 6706 1652 1652 4239 4239
Beispielgebäudes
Ay [mm] 11.6 11.4 11.6 9.7 12.6 72 20.4 20.4 14.8 11.9
Au [mm] 15.7 14.9 15.7 14.8 16.8 12.7 27.4 27.4 23.2 21.5

Mit Gleichung (4) kann der Verschiebebedarf berechnet Wirklichkeit im Allgemeinen näher kommt.
was der
werden: Dadurch ist die totale Gebäudemasse kleiner als im
Verfahren nach SIA 160.
A, :
11.2 mm - Im Weiteren wird der Kapazitätsbedarf an das Gebäude
nicht wie im Ersatzkraftverfahren nach SIA 160
Vergleicht man den Verschiebebedarf mit der maximal bzw. SIA 261 mit der totalen Masse berechnet,
zulässigen Verschiebung des Gebäudes A^a so sieht sondern mit der modalen Masse, was dynamisch
man, dass AD 11,2mm < 12,7mm A/,„, der Erd- betrachtet richtiger ist. Dadurch wird der Kapazitätsbedarf
bebennachweis in x-Richtung ist somit erbracht. auf 62% reduziert.
Doch auch mit dem hier vorgeschlagenen Verfahren ist
Forschungsbedarf es im Allgemeinen nicht möglich, den Erdbebennachweis
Die vorstehenden Darlegungen basieren auf dem heutigen für das Beispielgebäude für eine etwas stärkere
Stand der Kenntnisse über das Erdbebenverhalten Erdbebeneinwirkung zu erbringen. In solchen Fällen sind
von unbewehrten tragenden Mauerwerkswänden. Dieser bauliche Massnahmen - beispielsweise eine Aussteifung
Stand ist noch beschränkt, es gibt wichtige offene durch Stahlbetontragwände - unerlässhch.
Fragen. Vor allem bestehen Wissenslücken beim
Verformungsvermögen von einzelnen Mauerwerkswänden
und von Wandkombinationen (gekoppelte Wände) Prof. em. Dr. Dr. h.c. Hugo Bachmann, dipl. Bauing. ETH
unter zyklischer Einwirkung und ebenso bezüglich des Institut für Baustatik und Konstruktion IBK. ETH Zürich

Querkraftverhaltens der Riegel. Entsprechende h.bachmann@ibk.baug.ethz.ch


Dr. sc. techn. Kerstin Lang, dipl. Bauing. ETH.
Forschungsprojekte sind dringend und im Hinblick auf die
Basler & Hofmann, Ingenieure und Planer AG. Zürich
stark verbreitete Mauerwerksbauweise von grosser klang@bhz.ch
Bedeutung bezüglich Sicherheit und Wirtschaftlichkeit.

Literatur
Folgerungen 1 SIA 160 (Norm): Einwirkungen auf Tragwerke, Schwei¬
Anders als mit den «klassischen» Verfahren gemäss den zerischer Ingenieur- und Architekten-Verein. Zürich 1989,
2 SIA 261 (Norm): Einwirkungen auf Tragwerke. Schwei¬
SIA-Normen 160, 261, V177 und 266 ist es mit dem hier
zerischer Ingenieur- und Architekten-Verein. Zürich 2003
vorgeschlagenen Verfahren zur Bemessung von 3 SIA V177 (Empfehlung): Mauerwerk, Schweizerischer
Mauerwerksgebäuden möglich, den Erdbebennachweis für Ingenieur- und Architekten-Verein. Zürich. 1995.
4 SIA 266 (Norm): Mauerwerk- Schweizerischer Ingeni¬
das Beispielgebäude in x-Richtung für Zone 1 zu
eur- und Architekten-Verein, Zürich, 2003
erbringen. Die Hauptgründe hierfür sind: 5 Bachmann H,: Erdbebengerechter Entwurf von Hoch¬
bauten - Grundsätze für Ingenieure, Architekten.
- Im klassischen Verfahren gemäss Elastizitätstheorie Bauherren und Behörden. Bundesamt für Wasser und

wird die totale horizontale Ersatzkraft auf die Wände Geologie (BWG). Biet 2002.
6 Bachmann H Hochbau für Ingenieure. vdf-Hochschul-
proportional zu deren Trägheitsmoment verteilt.
:

verlag Zürich und Teubner-Verlag Stuttgart. 1997.


Dabei werden nur die längeren Wände im Innern des 7 Bachmann H.. Lang K,: Zur Erdbebensicherung von
Gebäudes berücksichtigt, während die kürzeren Mauerwerksbauten. Institut für Baustatik und Konstruktion
(IBK), ETH Zürich. Bericht Nr 274, vdf-Hochschul-
Fassadenwände vernachlässigt werden. So muss die
verlag Zürich, 2002.
Wand 17 des Beispielgebäudes 21% der totalen 8 Benedetti D., Pezzoli P Shaking table tests on mason-
:

ry buildings - Results and comments. ISMES. Senate


Ersatzkraft abtragen6. Da jedoch die Fassadenwände
Bergamo Italien, 1996
durch die Riegel gekoppelt sind, ist ihre Steifigkeit 9 Ganz HR Mauerwerksscheiben unter Normalkraft und
:

Schub, Institut für Baustatik und Konstruktion (IBK).


nicht vernachlässigbar, wie man aus Tabelle 1 ETH Zürich, Bericht Nr. 148, Birkhäuser Verlag. Basel.
entnehmen kann. Der Anteil an der Ersatzkraft, der von 1985
Wand 17 getragen werden muss, reduziert sich daher 10 Lang K: Seismic Vulnerability of Existing Buildings.
Institut für Baustatik und Konstruktion (IBK). ETH
auf 6%. Zürich, Bericht Nr. 273, vdf-Hochschulverlag Zürich, 2002.

- Im Gegensatz zum Ersatzkraftverfahren nach SIA 11 Lang K, Bachmann H.: Erdbebenverletzbarkeit beste¬
hender Gebäude aus unbewehrtem Mauerwerk.
160 wird der Einspannhorizont des Gebäudes nicht
SGEB-Tagung 7/8.09.2000 Erdbebenvorsorge in der
auf der Bodenebene des ersten Untergeschosses Schweiz - Massnahmen bei neuen und bestehenden
Bauwerken SIA-Dokumentation D 0162. Schweizerischer
angenommen, sondern auf der Bodenebene des
Ingenieur- und Architekten-Verein. Zürich, 2000
Erdgeschosses, d.h. dort, wo die Wände in die Fundation 12 Magenos G Kmgsley GR. Calvi G.M.: Static tesling
of a full-scale, two-story masonry building: Test procedure
münden. Das Gebäude wird also als n-Massen-
and measured expenmental response, Universitä
schwinger betrachtet, mit n Anzahl Stockwerke, degli Studi dl Pavia, 1995.

tec21 16-17/2004 11