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SALOMON MAIMON

Versuch über die


Transzendentalphilosophie

Eingeleitet und mit Anmerkungen


sowie einer Beilage herausgegeben von
florian ehrensperger

FELIX MEINER VERLAG


HAMBURG
PHILOSOPHISCHE BIBLIOTHEK BAND 552

Veröffentlicht mit Unterstützung des Franz-Rosenzweig-Forschungs-


zentrums für deutsch-jüdische Literatur und Kulturgeschichte an der
Hebräischen Universität Jerusalem.

© Felix Meiner Verlag 2004. Alle Rechte, auch die des auszugs-
weisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der
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hergestellt aus 100% chlorfrei gebleichtem Zellstoff. Printed in
Germany. www.meiner.de
INHALT

Einleitung von Florian Ehrensperger . . . . . . . . . . . . . . . . . VII

I. Maimons intellektueller Werdegang . . . . . . . . . . . VII


II. Die Entstehung der Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XIV
III. Die Frage nach der Möglichkeit von synthetischen
Urteilen a priori . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XVIII
A. Wie ist Erfahrung möglich? . . . . . . . . . . . . . . . . XXIII
B. Wie ist Mathematik möglich? . . . . . . . . . . . . . . XXIX
C. Wie ist Metaphysik möglich? . . . . . . . . . . . . . . XXXV
IV. Würdigung und Wirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XXXIX
V. Editorische Hinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XLIX

salomon maimon
Versuch über die Transzendentalphilosophie

Widmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
erster abschnitt. Materie, Form der Erkenntnis,
Form der Sinnlichkeit, Form des Verstandes,
Zeit und Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
zweiter abschnitt. Sinnlichkeit, Einbildungskraft,
Verstand, reine Verstandsbegriffe a priori, oder
Kategorien, Schemata, Beantwortung der Frage
quid juris, Beantwortung der Frage quid facti,
Zweifel über dieselbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
dritter abschnitt. Verstandsideen,
Vernunftideen, u.s.w. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
VI Inhalt

vierter abschnitt. Subjekt und Prädikat.


Das Bestimmbare und die Bestimmung . . . . . . . . . . . . . 51
fünfter abschnitt. Ding, möglich, notwendig,
Grund, Folge, u.s.w. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
sechster abschnitt. Einerleiheit, Verschiedenheit,
Gegensetzung, Realität, Negation, logisch und
transzendental . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
siebter abschnitt. Größe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
achter abschnitt. Veränderung, Wechsel u.s.w. . . . . . . . 73
neunter abschnitt. Wahrheit, subjektive, objektive,
logische, metaphysische . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
zehnter abschnitt. Über das Ich. Materialismus,
Idealismus, Dualismus etc. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
Kurze Übersicht des ganzen Werkes . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Meine Ontologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Über symbolische Erkenntnis und philosophische Sprache 146
Anmerkungen und Erläuterungen über einige kurz
abgefaßte Stellen in dieser Schrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182

Beilage: »Antwort des Hrn. Maimon auf voriges Schreiben« 239

Anmerkungen des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253


Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
Register
A. Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
B. Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
EINLEITUNG

»Daß meine Schriften supertranszendental sind, mag


wohl wahr seyn.« (Salomon Maimon)1

I. Maimons intellektueller Werdegang

»Aber wo denken Sie hin, liebster Freund, mir ein großes Pack
der subtilsten Nachforschungen zum Durchlesen nicht allein, son-
dern auch zum Durchdenken, zuzuschicken«2, stöhnte Kant auf,
als er das durch Markus Herz übermittelte Manuskript des Ver-
suches über die Transzendentalphilosophie erhielt. Im Hinblick
auf sein fortgeschrittenes Alter und eine weitläufige Arbeit war
Kant bereits im Begriff, das Manuskript umgehend an den Verfas-
ser zurückzusenden, »allein ein Blick, den ich darauf warf, gab
mir bald die Vorzüglichkeit desselben zu erkennen«3. Und nach
der Lektüre der ersten zwei Abschnitte stellte Kant fest, dabei die
Vermutung seines ehemaligen Schülers Herz bestätigend,4 »daß
nicht allein niemand von meinen Gegnern mich und die Haupt-

1 Salomon Maimons Schriften werden im folgenden nach den Ge-


sammelten Werken, herausgegeben von Valerio Verra, Hildesheim
u. a. 1965–1976 (²2000, ³2003), zitiert. Die römischen Ziffern geben
den Band an, die arabischen Ziffern die Seitenzahl des entsprechen-
den Bandes. Das Eingangszitat findet sich in: III 458. Der Versuch
über die Transzendentalphilosophie wird nach der Paginierung der
vorliegenden Ausgabe zitiert und zu Versuch abgekürzt.
2 Brief Kants an Markus Herz vom 26. Mai 1789, in: Immanuel
Kant: Briefwechsel. Herausgegeben von Rudolf Malter und Joachim
Kopper. Dritte, erweiterte Auflage, Hamburg 1986, S. 395.
3 Ebd.
4 Markus Herz hatte das Manuskript mit den Worten begleitet:
»Herr Salomon Maymon, ehedem einer der rohesten polnischen Ju-
den, hat sich seit einigen Jahren durch sein Genie, seinen Scharfsinn
und Fleiß auf eine außerordentliche Weise in fast alle höhere Wissen-
schaften hineingearbeitet, und vorzüglich in den letzten Zeiten Ihre
VIII Florian Ehrensperger

frage so wohl verstanden, sondern nur wenige zu dergleichen tie-


fen Untersuchungen soviel Scharfsinn besitzen möchten, als Hr.
Maymon«5. Dieses Urteil ist um so bemerkenswerter, als es sich
bei dem Autor des Versuches um einen philosophischen Autodi-
dakten handelte, der »durch Geburt [dazu] bestimmt [war], die
besten Jahre [s]eines Lebens in den litauischen Wäldern, entblößt
von jedem Hilfsmittel zur Wahrheit, zu verleben«6. Diesem Ab-
hilfe zu schaffen, brach er schließlich nach Deutschland auf, um
sich ganz den philosophischen und wissenschaftlichen Studien zu
widmen. Nach Kant verrät das Resultat »in der Tat kein gemeines
Talent zu tiefsinnigen Wissenschaften«7. Und Johann Gottlieb
Fichte war gar der Meinung, daß durch ihn die Kantische Philo-
sophie »von Grund aus umgestoßen ist. Das alles hat er gethan,
ohne daß es jemand merkt, und indeß man von seiner Höhe auf
ihn herabsieht. Ich denke, die künftigen Jahrhunderte werden
unsrer bitterlich spotten.«8 Jürgen Habermas hat zu Recht ange-
merkt: »Nun, die deutschen Historiker haben keinen Anstoß ge-
nommen.«9 Und dies, obwohl Maimon mit seiner Kritik an der

Philosophie oder wenigstens Ihre Art zu philosophieren so eigen ge-


macht, daß ich mit Zuverlässigkeit mir zu behaupten getraue, daß er
einer von den sehr sehr wenigen von den jetzigen Bewohnern der Erde
ist, die Sie so ganz verstanden und gefaßt.« (Brief an Kant vom 7.
April 1789, in: ebd., S. 371)
5 Ebd., S. 395.
6 Brief Maimons an Kant vom 7. April 1789 (ebd., S. 372).
7 Brief Kants an Maimon vom 24. Mai 1789 (ebd., S. 394).
8 Johann Gottlieb Fichte: Gesamtausgabe der Bayerischen Akade-
mie der Wissenschaften. Herausgegeben von Reinhard Lauth, Hans
Jacob und Hans Gliwitzky, Stuttgart-Bad Cannstatt 1962 ff. [weiter-
hin abgekürzt zu GA; die römischen Ziffern geben den Band an, die
arabischen Ziffern die Seitenzahl des entsprechenden Bandes], III, 2;
S. 282. Diese Einschätzung Fichtes ist einem Brief an Karl Leonhard
Reinhold aus dem Jahre 1795 entnommen. Auf welche Schriften oder
Philosopheme Maimons Fichte sich dabei bezieht, ist nicht eindeutig.
Vgl. hierzu die in der Bibliographie angegebenen Arbeiten von Daniel
Breazeale sowie weiter unten unter »Würdigung und Wirkung«.
9 Jürgen Habermas: »Der deutsche Idealismus der jüdischen Phi-
losophen«, in: ders.: Philosophisch-politische Profile. Erweiterte Aus-
gabe, Frankfurt a. M. 1998, S. 39–64, hier: S. 44.
Einleitung IX

Transzendentalphilosophie zahlreiche Argumente der späteren


Kant-Rezeption vorweggenommen hat: Sowohl mit seinem Skep-
tizismus als auch mit seinem Versuch einer »Vereinigung der Kan-
tischen Philosophie mit dem Spinozismo« (III 455)10 steht Mai-
mon an prominenter Stelle in der Entwicklung von Kant bis
Hegel. Gedanken Maimons haben eine Wiederaufnahme und
Weiterentwicklung im Neukantianismus erfahren. In jüngster
Zeit wurde auf Parallelen zur analytischen Philosophie und der
modernen Mathematik hingewiesen. Es wäre ein lohnendes Un-
terfangen, jede dieser historischen Entwicklungslinien individuell
nachzuzeichnen oder sich an einer systematischen Interpretation
von Maimons oft als eigenwillig oder gar als paradox beschriebe-
nem »Coalitionssystem« (I 557) aus Rationalismus, Skeptizismus
und Transzendentalphilosophie zu versuchen. Im folgenden kann
jedoch nur der Versuch unternommen werden, Maimons grund-
sätzliche Kritik an Kants Transzendentalphilosophie vorzustellen.
In »Würdigung und Wirkung« soll in Grundzügen auf die Rezep-
tionsgeschichte eingegangen werden.
Salomon Maimon11 wurde im Jahr 1753 als Salomon ben Jo-
sua in Sukowiburg, Litauen (damals Königreich Polen, heute

10 Frederick Beiser bestimmt das Verhältnis von Maimon zum


deutschen Idealismus folgendermaßen: »The title of Maimon’s extra-
ordinary manuscript is Versuch über die Transcendentalphilosophie,
a work of the first importance for the history of post-Kantian idea-
lism. To study Fichte, Schelling, or Hegel without having read Mai-
mon’s Versuch is like studying Kant without having read Hume’s
Treatise. Just as Kant was awakened by Hume’s skepticism, so Fichte,
Schelling, and Hegel were challenged by Maimon’s skepticism.« (Fre-
derick C. Beiser: The Fate of Reason. German Philosophy from Kant
to Fichte, Cambridge (Mass.) 1987 (²1993), S. 286) Richard Kroner
betont in seiner Darstellung Maimons Spinozismus (Richard Kroner:
Von Kant bis Hegel. Bd. 1: Von der Vernunftkritik zur Naturphiloso-
phie, Tübingen 1921, S. 326–361).
11 Es gibt in Maimons Werk keine eindeutige Angabe zu seinem
Geburtsjahr (zur Diskussion hierüber siehe Achim Engstler: Untersu-
chungen zum Idealismus Salomon Maimons, Stuttgart-Bad Cannstatt
1990, S. 13 Anm. 1). Die Matrikel des Hamburger Gymnasiums
(Christianeum), das Maimon vom 23. Juni 1783 bis zum März 1785
X Florian Ehrensperger

Weißrußland), geboren. In seiner Autobiographie Salomon Mai-


mon’s Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben und heraus-
gegeben von K[arl]. P[hilipp]. Moritz (Berlin 1792 und 1793 [I
1–588]) läßt sich nachlesen, wie sein »Streben nach Geistesausbil-
dung« (I 120) Maimon einen »ewigen Kampf mit Elend aller Art«
(ebd.) führen ließ. Nachdem er Polen verlassen hatte, führte ihn
sein unstetes und entbehrungsreiches Leben nach Posen, Amster-
dam, Hamburg, Dessau, Breslau und viermal nach Berlin, um
»Meimik Bechochma zu seyn (mich in Wissenschaften zu vertie-
fen)«. (I 458) Den philosophischen Werdegang, den er dabei
durchlief, teilte Maimon selbst in »drei Haupt-Epochen« (VII
639) ein, die er jeweils dem Einfluß von Mose ben Maimon (Mai-
monides), Christian Wolff und Immanuel Kant zuordnete.
Neben einer umfassenden talmudischen Ausbildung und dem
Studium der Kabbala ist die erste Hauptepoche durch den Ein-
fluß von Maimonides charakterisiert, dem er, so Maimon, seine
»geistliche[n] Wi[e]dergeburt« (I 301) verdanke. Dieses ›Er-
weckungserlebnis‹ ließe sich am treffendsten mit der Einsicht wie-
dergeben, daß die wahre Vollkommenheit und die Aufgabe des
Menschen im Wissen besteht. Maimon teilt mit Maimonides, daß
er »kein andres Interesse der Menschheit als das Interesse der
Wahrheit« (IV 209) anerkenne: Die »Erkenntniß der Wahrheit ist

besuchte, vermerkt allerdings: »Nomen: Salomon Maimon. Patria:


Littuania. Parentes: Israel. Aetas: 1753 [...].« (Archiv des Christia-
neums Hamburg, Matrikel M I, Nr. 494; vgl. hierzu Franklin Ko-
pitzsch: Grundzüge einer Sozialgeschichte der Aufklärung in Ham-
burg und Altona. Hamburg 1982. Zweite, ergänzte Auflage Hamburg
1990, S. 770) Die Matrikel ist darüber hinaus das erste Dokument,
das den Namen Salomon Maimon verbürgt. Über die genauen Um-
stände der Aneignung des Namens ist nichts bekannt. Es ist sehr
wahrscheinlich, daß Maimon den Namen aus Verehrung für Maimo-
nides annimmt – als Zeichen seiner Maimonides verdankten »geistli-
chen Wi[e]dergeburt«. (I 301) Vgl. hierzu auch Christoph Schulte:
»Kabbala in Salomon Maimons Lebensgeschichte«, in: Eveline Good-
man-Thau / Gert Mattenklott / Christoph Schulte (Hg.): Kabbala und
die Literatur der Romantik. Zwischen Magie und Trope, Tübingen
1999, S. 33–66; hier: S. 46.
Einleitung XI

[...] der höchste Zweck eines vernünftigen Wesens«. (Ebd.)12. Die-


ses Streben nach Wissen und Aufklärung erhielt anfangs seinen
entscheidenden Impuls durch Maimonides’ Methode der sprach-
kritischen Exegese: »Von Majmonides hat er [Maimon; F. E.] den
Unterschied zwischen dem eigentlichen und uneigentlichen Aus-
druck in der Sprache gelernt.« (VII 639) Dieses ›Hilfsmittel zur
Wahrheit‹ erlaubte es Maimon, den eigentlichen Gehalt der heili-
gen Schriften von seinem figürlichen Ausdruck zu scheiden, was
eine »Revolution [...] seine[r] Religionsbegriffe« (ebd.) zur Folge
hatte. Seine anfängliche »melancholische und schwärmerische
Religion« (I 306) konnte er »nach und nach in eine Vernunftreli-
gion« (ebd.)13 verwandeln. Die ersten Schritte in diese Richtung
unternahm Maimon mit »Explikationen« (I 143) zur Kabbala, in
denen er eine Aussöhnung der Religionsgeheimnisse mit Aristote-
les anstrebte, den er über Maimonides kennengelernt hatte.14 In
diese Epoche fiel gleichfalls ein Kommentar Maimons zu dem

12 Deutlich tritt hierbei der Einfluß Aristoteles’ zu Tage, wenn


Maimon schreibt: »Vergebens wird man also die Würde des Men-
schen und seinen Rang vor den bloßen Thieren anderwärts suchen,
als wo ihn Aristoteles gesucht und gefunden hat, im Denkvermögen.
Ist es also Wunder, wenn ein Denker seiner Bestimmung als Mensch
gemäß, die sogenannten wichtigen menschlichen Angelegenheiten
dem Theologen, Politiker u. s. w. überläßt, und bloß seine Würde, als
denkendes Thier zu behaupten sucht?« (V 324)
13 Das Verhältnis von Vernunft und Glauben bestimmt Maimon
an anderer Stelle folgendermaßen: »Die sogenannte Harmonie zwi-
schen Glauben und (theoretischer) Vernunft ist seiner [Maimons;
F. E.] Meinung nach, nichts anders, als die gänzliche Aufhebung des
erstern durch die letztere.« (VII 640)
14 In der Lebensgeschichte bemerkt er hierzu: »Ein ganzes Werk,
das ich darüber schrieb, brachte ich noch mit nach Berlin und ver-
wahre es bis jetzt als ein Denkmal von dem Streben des menschlichen
Geistes nach Vollkommenheit, ohngeachtet aller Hindernisse, die sich
ihm in den Weg stellen.« (I 143) Maimons Biograph Sabattia Joseph
Wolff vermerkt in den Maimoniana. Oder Rhapsodien zur Charakte-
ristik Salomon Maimon’s, Berlin 1813, S. 264, als Nummer vier der
hinterlassenen Manuskripte: »Ueber Kabbale und einige dunkele Exe-
gesen des berühmten Ben Esra. In einer Vorrede dazu erklärt er diese
Arbeit als sein erstes Geistes-Produkt.«
XII

Hauptwerk Maimonides’, dem More Nebuchim (Führer der Un-


schlüssigen).15 Seine schriftstellerischen Arbeiten beschränkten sich
jedoch nicht nur auf die rationale Klärung religiöser Begriffe. Ei-
nem umfassenden Aufklärungsprogramm verpflichtet, verfaßte er
neben exegetischen und kommentierenden Schriften sowohl mathe-
matische als auch physikalische Werke in hebräischer Sprache.16
Die zweite Epoche gibt Maimon mit dem Studium der rationa-
listischen Philosophie Christian Wolffs17 an. Diese lernte Mai-

15 Dieses Frühwerk ist nicht zu verwechseln mit dem 1791 ano-


nym erschienenen hebräischen Kommentar Maimons zum Führer der
Unschlüssigen unter dem Titel: More Nebuchim. Sive Liber Doctor
Perplexorum Auctore R. Mose Majemonide Arabico Idiomate Con-
scriptus, R. Samuele Abben Thibbone In Linguam Hebraeam Trans-
latus, Novis Commentaris Uno R. Mosis Narbonnensis, Ex Antiquis-
simis Manuscriptis Depromto; Altero Anonymi Cujusdam, Sub
Nomine Gibeath Hamore Adauctus, Nunc In Lucem Editus Cura Et
Impensis Isaaci Eucheli, Berlin 1791. In der Lebensgeschichte befin-
det sich im zweiten Teil (I 319–454) eine umfassende Ausführung zu
Maimonides und dessen Hauptwerk.
16 Maimon verfaßt in Posen ein Konvolut, welches S. J. Wolff nicht
anführt. Abraham Geiger vermerkt es in seinem Aufsatz »Zu Salo-
mon Maimon’s Entwickelungsgeschichte«, in: Jüdische Zeitschrift für
Wissenschaft und Leben 4, Breslau 1866, S. 189–199. Nach Auskunft
von Yitzhak Melamed handelt es sich dabei um folgendes Werk:
»Cheshek Shlomo (Solomon’s Desire) is a Hebrew Manuscript com-
prised of five different treatises. Most of the text was written by Mai-
mon in Posen in 1778. It deals with various topics such as: Kaballah,
Astrology, Science, Mathematics, and Biblical Commentaries. The
manuscript is currently held by the National and University Library
in Jerusalem (MS 806426).«
17 Als erstes Werk liest Maimon Wolffs Deutsche Metaphysik, die
den Titel Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele
des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, Halle 1720, trägt. Von
seiner Lektüre berichtet er wie folgt: »Schon bei der ersten Durchle-
sung wurde ich von diesem Buche ganz entzückt; nicht nur diese er-
habene Wissenschaft an sich, sondern auch die Ordnung und mathe-
matische Methode des berühmten Verfassers, seine Präzision im
Erklären, seine Strenge im Beweisen und seine wissenschaftliche Ord-
nung im Vortrage zündeten in meinem Geiste ein ganz neues Licht
an.« (I 460 f.)
Einleitung XIII

mon während seines ersten Berlinaufenthalts kennen, wobei ihn


deren formale Kriterien zu ausführlicher und deutlicher Erkennt-
nis entscheidend beeinflussen: »Von Wolf hat er [Maimon; F. E.]
den formellen Unterschied der Begriffe (dunkle, klare, deutliche
u. s. w.) gelernt. Dieses zündete ein neues Licht in seinem Gedan-
kensysteme an.« (VII 639) Zweifel an der Konsistenz des Wolf-
fischen Gottesbeweises a posteriori veranlaßten Maimon, eine Kri-
tik desselben zu verfassen und diese Moses Mendelssohn18 zu
übersenden. Die positive Resonanz Mendelssohns ermunterte Mai-
mon, »eine metaphysische Disputation in hebräischer Sprache« (I
462) anzufertigen, die eine Kritik der geoffenbarten wie natürli-
chen Theologie enthielt. Neben den theologischen Traktaten ver-
fertigte Maimon »zur Aufklärung der noch im Dunkeln lebenden
polnischen Juden« (I 536) ein mathematisches Lehrbuch und eine
hebräische Übersetzung der Schrift Moses Mendelssohns Morgen-
stunden oder Vorlesungen über das Daseyn Gottes, Berlin 1785.19

18 Zum Verhältnis von Mendelssohn und Maimon siehe Gideon


Freudenthal: »Radikale und Kompromißler in der Philosophie – Salo-
mon Maimon über Mendelssohn, den ›philosophischen Heuchler‹«,
in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 30, 2002,
S. 369–385; vgl. ferner Christoph Schulte: Die jüdische Aufklärung.
Philosophie, Religion, Geschichte, München 2002.
19 Keine der besagten Schriften Maimons erschien im Druck. Ein
Teil der Übersetzung der Morgenstunden fand Eingang in den hebräi-
schen Kommentar zum Führer der Unschlüssigen: Passagen aus dem
11. bis zum 14. Kapitel der Morgenstunden erschienen im 74. Kapitel
des Führer der Unschlüssigen. (Eine französische Übersetzung findet
sich in: Salomon Maïmon: Commentaires de Maïmonide. Textes
édités, traduits de l’allemand et de l’hébreu avec une introduction et
des notes par Maurice-Ruben Hayoun, Paris 1999, S. 317–327.) Das
physikalische Lehrbuch ist erhalten geblieben (wiederum nach einer
Auskunft von Yitzhak Melamed): »Maimon’s Hebrew Manuscript,
Taalumot Chochma (Mysteries of Wisdom), was written in Breslau in
1787. In this manuscript Maimon presents a summary of Newtonian
physics. The manuscript is currently held by the Bodleian Library in
Oxford (MS Mich. 186).« Maimon berichtet außerdem von einem
philosophischen Aufsatz, den er Christian Garve in Breslau vorlegte
(I 30 und 545). Alle weiteren von S. J. Wolff und Geiger erwähnten
Manuskripte konnten bisher nicht wieder aufgefunden werden.
XIV Florian Ehrensperger

Neben Christian Wolff studierte Maimon die rationalistischen


Systeme von Gottfried Wilhelm Leibniz und Benedictus de Spino-
za. Auf Spinozas System hatten ihn bereits seine kabbalistischen
Studien gebracht: Das »tiefe Denken dieses Philosophen und sei-
ne Liebe zur Wahrheit gefiel mir ungemein«. (I 469) Maimon war
schließlich »von dessen Wahrheit so überzeugt, daß alle Bemühun-
gen Mendelssohns mich davon abzubringen fruchtlos« (I 470)
waren. Doch es blieb nicht beim Einfluß des Rationalismus,
bevor sich Maimon mit der Kantischen Philosophie auseinander-
zusetzen begann. Maimon hatte sich bereits vorher mit der empi-
ristischen und skeptischen englischen Philosophie bekannt ge-
macht. Vor allem David Hume tritt im Versuch an zentraler Stelle
gegen Kant auf, wie noch zu zeigen sein wird.

II. Die Entstehung der Schrift

Maimons Auseinandersetzung mit Kant begann frühestens im


Jahr 1787.20 Er hatte sich in Berlin »bey einer alten Frau auf eine
Dachstube« (I 557) eingemietet und beschlossen, die Kritik der
reinen Vernunft zu studieren. Die Art und Weise, wie Maimon
»dieses Werk studirte, ist ganz sonderbar. Bey der ersten Durchle-
sung bekam ich von jeder Abtheilung eine dunkle Vorstellung,
nachher suchte ich diese durch eigenes Nachdenken deutlich zu

20 Maimons vierter Berlinaufenthalt begann frühestens nach Mo-


ses Mendelssohns Tod, dem 4. Januar 1786: »Mendelssohn, als ich
nach Berlin kam, lebte nicht mehr«. (I 556) Bald darauf begann Mai-
mon, Kants Kritik der reinen Vernunft zu lesen. Maimon kann aller-
dings nicht vor 1787 nach Berlin gekommen sein, da das Manuskript
aus Breslau (»Taalumot Chochma«), Maimons vorherigem Aufent-
haltsort, auf 1787 datiert ist. Maimons Kant-Studien beginnen also
erst im Jahre 1787. Es war übrigens Saul Ascher, der Maimon sein
Exemplar der Kritik aushändigte: »Ich habe Maimon persönlich und
genau gekannt. – Aus meinen Händen erhielt er zuerst ein Exemplar
von Kants Kritik der reinen Vernunft [...]. Ich war es, der ihn zum
Schriftsteller ermunterte«. (Saul Ascher: Germanomanie, Berlin 1815,
S. 55)
Einleitung XV

machen, und also in de[n] Sinn des Verfassers einzudringen, wel-


ches das eigentliche ist, was man sich in ein System hineindenken
nennt.« (I 557) Dies erfordere eine »Biegsamkeit im Denken, und
die einem Philosophen unentbehrliche Kunst, Gedanken mit Ge-
danken umzutauschen«. (I 301) Maimon macht darauf aufmerk-
sam, daß er im Versuch »zwar dem genannten scharfsinnigen Phi-
losophen [folge]; aber (wie der unparteiische Leser bemerken
wird) ich schreibe ihn nicht ab: ich suche ihn, so viel in meinem
Vermögen ist, zu erläutern, zuweilen aber mache ich auch Anmer-
kungen über denselben.«(11) So entstand »nach und nach« (I 57),21
der Versuch ,22 der sich in fünf sowohl formal als auch inhaltlich
heterogene Teile gliedert. Die erste Hauptabteilung besteht aus
zehn Abschnitten, denen eine Einleitung vorangestellt ist. Der sy-
stematische Bezug auf die Kritik der reinen Vernunft kann von
der Einleitung bis zum dritten Abschnitt festgestellt werden. Wie
der Kantischen Einleitung dient auch bei Maimon dieser Teil der
Problemexposition, d. h. in diesem Fall der Bestimmung der
Transzendentalphilosophie. Der erste Abschnitt stellt neben einer
allgemeinen Ausführung zu Form und Materie der Erkenntnis

21 Es gibt in der »Kurze[n] Übersicht des ganzen Werkes« (95–


132) und den »Anmerkungen und Erläuterungen« (182–238) Hin-
weise auf Reaktionen Maimons auf den Brief Kants an Markus Herz,
so daß zumindest Teile aus diesen Abteilungen wohl erst nach dem
26. Mai 1789, dem Datum des Briefes, entstanden sind. (Zu den be-
treffenden Stellen siehe die »Anmerkungen des Herausgebers«. Vgl.
hierzu Engstler (1990), S. 30 Anm. 12.)
22 Zwei Hinweise legen den Schluß nahe, daß der Versuch bereits
Ende 1789 erschienen ist. In einem Brief an Kant vom 15.12.1789
berichtet Karl Christian Kiesewetter davon, er habe Maimons »Trans-
cendentalphilosophie zu lesen angefangen«. (Immanuel Kant: Gesam-
melte Schriften. Herausgegeben von der Königlich Preußischen Aka-
demie der Wissenschaften, Bd. XI: Briefwechsel, Berlin u. a. 1922,
S. 115) Und in einem Brief vom 22. August 1791 schreibt Reinhold an
Maimon, die »Litteraturzeitung« habe ihn »schon vor zwei Jahren«
(IV 237) um eine Rezension des Versuches gebeten. Daher wird, so
Engstler, »der ›Versuch‹ spätestens Anfang Dezember 1789 erschienen
sein, einer üblichen Praxis gemäß schon mit der Jahreszahl des fol-
genden Jahres.« (Engstler (1990), S. 27 Anm. 2)
XVI Florian Ehrensperger

Maimons Lehre von Zeit und Raum dar, bezugnehmend auf die
»Transzendentale Ästhetik« der Kritik der reinen Vernunft. Der
zweite Abschnitt orientiert sich vornehmlich an Themen der
»Transzendentalen Analytik«: der Kategorienlehre, der transzen-
dentalen Deduktion und dem Schematismus-Kapitel sowie den
Grundsätzen des reinen Verstandes. Der dritte Abschnitt rekur-
riert wiederum mit einer eigentümlichen Bestimmung von Begriff
und Idee auf die »Transzendentale Dialektik«. Bereits der vierte
und nachfolgend der fünfte und sechste Abschnitt verlassen die-
sen Bezugsrahmen und folgen dem Aufbau der Ontologie der Me-
taphysik 23 Alexander Gottlieb Baumgartens.24 In den Abschnit-
ten sieben bis zehn handelt Maimon so unterschiedliche Themen
wie Größe, Veränderung, Wahrheit und das Ich in unzusammen-
hängender Weise ab.
Die zweite Hauptabteilung stellt eine »Kurze Übersicht des
ganzen Werkes« dar, wobei Maimon gleich eingangs die Warnung
ausspricht: »So ganz kurz mag [...] diese Übersicht nicht sein.«
(95) Hier gibt Maimon zahlreiche Anmerkungen zu bereits Aus-
geführtem, aber auch neue Reflexionen und zwei Unterkapi-
tel »Von den Kategorien« und »Antinomien, Ideen«. Der dritte
Hauptteil »Meine Ontologie« hält sich weitgehend an die »Baum-
gartensche[n] Paragraphenordnung« (133), also die Einteilung
von Baumgartens Metaphysik. Im Kapitel Ȇber symbolische Er-
kenntnis und philosophische Sprache« unternimmt Maimon ei-
nen sprachphilosophischen Exkurs. Die abschließenden »Anmer-
kungen und Erläuterungen über einige kurz abgefaßte Stellen in
dieser Schrift« gehen nochmals auf verschiedene Themen aller
vorhergehenden Teile ein. Ein formales Ordnungsprinzip läßt sich

23 Alexander Gottlieb Baumgarten: Metaphysica, Halle 1739


(übers. v. G. F. Meier, Halle 1766, neue, vermehrte Auflage Halle
1783).
24 Engstler bemerkt hierzu: »Vergleicht man die Anordnung der
Themen im vierten und sechsten Abschnitt des Haupttextes des ›Ver-
suchs‹ mit den §§ 29 ff. des ersten Teils von Baumgartens Buch, so
zeigt sich eine gewisse Übereinstimmung.« (Engstler (1990), S. 30
Anm. 10)
Einleitung XVII

dabei nicht feststellen. Thematisch zusammenhängende Reflexio-


nen sind über das ganze Buch verstreut, immer wieder setzt Mai-
mon, zum Teil unter modifizierten Gesichtspunkten, zur Analyse
an. Bereits Kant hatte darauf hingewiesen, »daß, da es Hr. May-
mon vermutlich nicht gleichgültig sein wird, völlig verstanden zu
werden, er die Zeit, die er sich zur Herausgabe nimmt, dazu an-
wenden möge, ein Ganzes zu liefern«25. Obwohl nicht geklärt
werden kann, welchen Umfang das Kant vorliegende Manuskript
hatte und damit, welche Verbesserungen Maimon bis zur Veröf-
fentlichung selbst daran noch vornahm, so liegt der Verdacht
nahe, daß Maimon glaubte, dieses Ganze durch die »Kurze Über-
sicht« und die »Anmerkungen« liefern zu können. Allerdings hat
er selbst eingesehen, daß ihm dies nicht gelungen ist. Wie sein
Biograph Sabattia Joseph Wolff berichtet, »war er selbst nicht
ganz zufrieden, weil, wie er sagte, keine rechte Ordnung darin
herrschte; er habe dieß zu spät eingesehen und sich bemühet,
durch hinzugefügte Bemerkungen und Erläuterungen eine Verbes-
serung zu bewirken; so viel Arbeit ihm dieß auch gekostet hätte,
so sey es ihm dennoch nicht nach Wunsche gelungen, das Ganze
in eine Harmonie zu bringen«26. Auf Grund dieser fehlenden
Harmonie soll daher im folgenden Überblick über Maimons phi-
losophische Grundposition27 die Kantische Fragestellung von
der Möglichkeit von synthetischen Urteilen a priori als Leitfa-
den dienen. Diese Frage steht selbst, wie sich zeigen wird, mit
der Einsicht in direkter Verbindung, die Maimon der dritten sei-
ner »Haupt-Epochen« (VII 639) philosophischer »Revolutionen«
(ebd.) zugeordnet hat: »Endlich von Kant hat er [Maimon; F. E.]
gelernt den Unterschied zwischen bloß formeller und reeller Er-
kenntniß, und daß jene nicht hinreichend ist, diese zu bestim-
men.« (VII 640) Bekanntlich hat dies eine Neubestimmung der
Metaphysik zur Folge.

25 Kant (1986), S. 401.


26 Wolff (1813), S. 86. Vgl. hierzu ferner V 25 f.
27 Es werden dabei nicht nur Stellen aus dem Versuch, sondern
auch aus anderen Schriften Maimons herangezogen. Ich gehe dabei
von der Hypothese aus, daß sich Maimons »System (oder Nichtsy-
XVIII Florian Ehrensperger

III. Die Frage nach der Möglichkeit von synthetischen


Urteilen a priori

Damit Metaphysik nach Kant als Wissenschaft wird auftreten


können, müssen zwei Kriterien erfüllt sein: Sie muß eine »Er-
kenntnis a priori, oder aus reinem Verstande und reiner Ver-
nunft« und »erweiternd« sein, d. h. die »gegebene Erkenntnis ver-
größern«28. Die Frage nach der Möglichkeit von Metaphysik
wird somit die nach der Möglichkeit von synthetischen Urteilen a
priori. »Der große Kant«, so Maimon, »hat diese Frage in seiner
Kritik der reinen Vernunft aufgeworfen, und sie auch selbst be-
antwortet, indem er zeigt: daß die Philosophie transzendental sein
muß, wenn sie von irgend einem Gebrauch sein soll, d. h. sie muß
sich a priori auf Gegenstände überhaupt beziehen können, und
heißt alsdann die Transzendentalphilosophie.« (8) Der apriori-
sche Gegenstandsbezug ist nach Kant allein dadurch möglich,
daß sich der Verstand als das Vermögen der Begriffe auf die rei-
nen Anschauungsformen (Zeit und Raum) bezieht.29 Reine Ver-
standeserkenntnis ist – in den Worten Maimons – »formelle« (VII
640) Erkenntnis. Eine »reelle« (ebd.) Erkenntnis besteht gleicher-
maßen aus Denken und Anschauung, wobei die anschauliche
Erkenntnis nach Kant keine verworrene Verstandeserkenntnis,

stem)« (236) über die Jahre hinweg nicht wesentlich verändert. Die
nicht zu leugnenden Akzentverschiebungen bedürfen einer gesonder-
ten Analyse.
28 Immanuel Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Meta-
physik, die als Wissenschaft wird auftreten können. Eingeleitet und
mit Anmerkungen herausgegeben von Konstantin Pollok, Hamburg
2001, S. 16. [Weiterhin abgekürzt zu Prolegomena.]
29 Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft wird nach den Pagi-
nierungen der beiden Originalausgaben von 1781 (A) und 1787 (B) –
nach der Ausgabe Hamburg 1998 (hg. v. J. Timmermann) – zitiert.
Vgl. A 51/B 75 f.: »Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand ge-
geben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne In-
halt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. […] Der Ver-
stand vermag nichts anzuschauen, und die Sinne nichts zu denken.
Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntnis entspringen.«
Einleitung XIX

sondern eine eigenständige Erkenntnisquelle darstellt. Die aprio-


rische Erweiterung der Erkenntnis wird durch die Bestimmung
von Zeit und Raum als reine Anschauung möglich. Der Gegen-
stand wird entweder vollständig a priori durch Konstruktion in
der reinen Anschauung (reine Mathematik) bestimmt,30 oder es
wird die Bedingung angegeben, unter welcher der Gegenstand als
Erscheinung, d. h. als das Objekt einer empirischen Anschauung
auftreten kann.31 Während die reine Mathematik ihre Objekte a
priori in der reinen Anschauung konstruiert, gibt die Transzen-
dentalphilosophie allein die Bedingung der Möglichkeit der Er-
kenntnis von empirischen Gegenständen an, da diese nicht a prio-
ri konstruiert werden können. Die Gegenstände der Philosophie
können allein formal bestimmt werden, da ihr die Materie in der
empirischen Anschauung gegeben werden muß: »Die Materie
aber der Erscheinungen, wodurch uns Dinge im Raume und der
Zeit gegeben werden, kann nur in der Wahrnehmung, mithin a
posteriori vorgestellt werden. [...] Synthetische Sätze, die auf Din-
ge überhaupt, deren Anschauung sich a priori gar nicht geben
läßt, gehen, sind transzendental.« (A 720/B 748)32 Die kritische

30 Vgl. A 713/B 741: »Einen Begriff aber konstruieren heißt: die


ihm korrespondierende Anschauung a priori darstellen. Zur Kon-
struktion eines Begriffs wird also eine nicht empirische Anschauung
erfordert, die folglich, als Anschauung, ein einzelnes Objekt ist, aber
nichts destoweniger, als die Konstruktion eines Begriffs (einer allge-
meinen Vorstellung), Allgemeingültigkeit für alle mögliche Anschau-
ungen, die unter denselben Begriff gehören, in der Vorstellung aus-
drücken muß.«
31 Vgl. B XVII: »Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffen-
heit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a
priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand
(als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungs-
vermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen.«
Siehe auch A 158/B 197.
32 Vgl. Versuch 7 f.: »Nun gibt es aber nur zwei eigentlich so ge-
nannte Wissenschaften, in so fern sie auf Principia a priori beruhen;
nämlich: die Mathematik, und die Philosophie. In allen übrigen Ge-
genständen menschlicher Erkenntnis aber ist nur so viel Wissenschaft,
als diese darin enthalten sind, anzutreffen. Die Mathematik bestimmt
XX Florian Ehrensperger

Philosophie, so folgert Maimon, »bezieht sich auf einen transzen-


dentalen Gegenstand, d. h. auf etwas, ohne welches kein reeller
Gegenstand überhaupt gedacht werden kann, nämlich auf Zeit
und Raum, die die Materie der Gegenstände a priori und die
Form der a posteriori ausmachen.« (183 f.) Die von Kant in der
»Analytik der Begriffe« aufgefundenen reinen Verstandesbegriffe
oder Kategorien33 beziehen sich auf reine Anschauung, mit der
sie gemeinsam die formale Bedingung von empirischer Erkenntnis
bereitstellen. Dieser Bezug auf die Materie ist es, was einem Be-
griff seine Bedeutung verschafft. Kant bestimmt dieses Verhältnis
folgendermaßen:
»Zu jedem Begriff wird erstlich die logische Form eines Be-
griffs (des Denkens) überhaupt, und denn zweitens auch die Mög-
lichkeit, ihm einen Gegenstand zu geben, darauf er sich beziehe,
erfordert. Ohne diesen letztern hat er keinen Sinn, und ist völlig
leer an Inhalt [...]. Nun kann der Gegenstand einem Begriffe nicht
anders gegeben werden, als in der Anschauung, und, wenn eine

ihre Gegenstände völlig a priori, durch Konstruktion; folglich bringt


darin das Denkungsvermögen sowohl die Form, als die Materie seines
Denkens aus sich selbst heraus. So ist es aber nicht mit der Philoso-
phie beschaffen: in derselben bringt der Verstand bloß die Form sei-
nes Denkens aus sich selbst heraus; die Objekte aber, worauf diese
angewandt werden soll, müssen ihm von irgend anders woher gege-
ben werden.«
33 Zum »Leitfaden der Entdeckung der reinen Verstandesbegriffe«
bemerkt Maimon, »daß man genau unterscheiden muß, zwischen den
eigentlichen logischen Formen und den in den logischen Schrif-
ten dafür ausgegebenen«. (III 189) Vgl. V 462 sowie 466–470. Mai-
mon faßt seine Kritik dort folgendermaßen zusammen: »Die Kritik
der reinen Vernunft hat also nicht nur den wichtigsten, zur Ausmes-
sung des ganzen Umfangs des Verstandes unentbehrlichsten Theil,
nämlich die Untersuchung des Ursprungs, Umfangs und der wahren
Bedeutung der Formen übergangen, sondern auch die in ihrem Ge-
brauche eingeschlichenen Fehler in die Logik, zur Bestimmung dieser
Formen an sich, übertragen.« (V 469 f.) Vgl. hierzu: Hans Lenk:
Kritik der logischen Konstanten. Philosophische Begründungen der
Urteilsformen vom Idealismus bis zur Gegenwart, Berlin 1968,
S. 155–177.
Einleitung XXI

reine Anschauung noch vor dem Gegenstande a priori möglich


ist, so kann doch auch diese selbst ihren Gegenstand, mithin die
objektive Gültigkeit, nur durch die empirische Anschauung be-
kommen, wovon sie die bloße Form ist.« (A 239/B 298)
Damit unterscheidet sich die Transzendentalphilosophie von
der dogmatischen Metaphysik, die transzendent verfährt. Tran-
szendental bedeutet nach Kant »nicht etwas, das über alle Erfah-
rung hinausgeht, sondern was vor ihr (a priori) zwar vorhergeht,
aber doch zu nichts Mehrerem bestimmt ist, als lediglich Erfah-
rungserkenntnis möglich zu machen«.34 Erfahrungserkenntnis im
Verständnis Kants kann als empirische Anschauung bestimmt
werden, die (als Anschauung) nicht nur innerhalb der Anschau-
ungsformen – wie die bloße Wahrnehmung auch – auftritt, son-
dern darüber hinaus von den Verstandesformen bestimmt wird.
Während das Wahrnehmungsurteil die empirische Materie nach
subjektiven Prinzipien der empirischen Einbildungskraft verbin-
det, verknüpft die Erfahrungserkenntnis die Materie a priori, d. h.
durch reine Verstandesbegriffe wie den der Substanz oder der
Kausalität: »Empirische Urteile, sofern sie objektive Gültigkeit
haben, sind Erfahrungsurteile; die aber, so nur subjektiv gültig
sind, nenne ich bloße Wahrnehmungsurteile.«35 Dabei ist zu be-
achten, daß die Kategorien nach Kant nicht unmittelbar auf die
Materie angewendet werden können. Die Verstandesbegriffe
müssen zunächst schematisiert werden, wobei die »Grundsätze
des reinen Verstandes« entstehen. Diese synthetischen Urteile a
priori geben also nichts als die Bedingungen der Möglichkeit von
Erfahrung an. Nach Maimon sind sie die »Prinzipien oder not-
wendige Bedingungen zur Erfahrung, wodurch dasjenige, was in
der Wahrnehmung bloß ist, sein muß.« (9) Die Transzendental-
philosophie ist somit »die Wissenschaft von den Formen des Den-
kens in Beziehung auf einen Gegenstand der Erfahrung über-

34 Prolegomena, S. 168 Anm. An anderer Stelle führt Kant aus,


»daß alles, was der Verstand aus sich selbst schöpft, ohne es von der
Erfahrung zu borgen, das habe er dennoch zu keinem anderen Behuf,
als lediglich zum Erfahrungsgebrauch.« (A 236/B 295)
35 Prolegomena, S. 62.
XXII Florian Ehrensperger

haupt«. (IV 35)36 Diese Formen erhalten durch ihre Anwendung


auf das empirische Material ihre Bedeutung. Eine solche Konzep-
tion der Transzendentalphilosophie als »Theorie der Erfahrung«
(Hermann Cohen) ist für Maimon mit zahlreichen Schwierigkei-
ten verbunden. Da für ihn kein Übergang von den Bedingungen
der Möglichkeit der Erfahrung zur Erfahrung selbst gedacht wer-
den kann, erneuert er skeptische Argumente Humes. Erfahrung
im Sinne Kants bleibt ihm ein bloß problematischer Begriff. Aus
dieser Skepsis erwächst ihm ein besonderes Interesse an der Ma-
thematik, da in der Mathematik wirklich Gegenstände a priori
bestimmt werden können. Mit seinem Satz der Bestimmbarkeit
stellt er für eine solche Synthesis ein apriorisches Prinzip auf. Aus
Maimons Konzeption der Transzendentalphilosophie ergibt sich
darüber hinaus eine Neubewertung der Frage nach der Möglich-
keit von Metaphysik. Auf Grund einer »allgemeinen Antinomie
des Denkens« (III 186) erachtet er Metaphysik nicht nur als mög-
lich, sondern sogar als notwendig.

36 Wenn im folgenden nicht zwischen Erfahrung, reiner Erfah-


rungswissenschaft und Erfahrungswissenschaft a priori unterschieden
wird, dann rechtfertigt sich eine solche Engführung daher, daß mit
der Frage nach der Möglichkeit von Erfahrung das generelle Problem
angesprochen ist, dem sich diese drei Begriffe gegenüber sehen. Es
geht um die Frage, wie es möglich ist, Empirisches (sei es nun ein em-
pirischer Begriff oder eine Empfindung) a priori zu verknüpfen. Aus
der folgenden Zusammenstellung wird ersichtlich, daß es sich für
Maimon um ein generelles Problem handelt, daß Erfahrung wie Er-
fahrungswissenschaft allgemein betrifft: »Wie ist reine Naturwissen-
schaft möglich? Ihre Bedeutung ist nach Herrn Kant diese: Wie kann
der Verstand den Dingen außer demselben a priori Gesetze vorschrei-
ben? Die Auflösung dieser Frage ist nach ihm diese: Der Verstand
kann keineswegs den Dingen an sich außer demselben Gesetze vor-
schreiben, sondern bloß denselben, insofern sie von der Sinnlichkeit
angeschauet und vom Verstande gedacht werden. Die Gesetze des
Verstandes sind Bedingungen des Denkens eines Objekts überhaupt.
Sie müssen daher von allen Objekten a priori gelten.« (III 188 f.) Wei-
terhin bemerkt Maimon: »wie ist Naturwissenschaft a priori mög-
lich? Die Erklärung davon nach Herrn Kant ist diese. Die Naturwis-
senschaft enthält synthetische Sätze a priori; (jede Wirkung muß eine
Einleitung XXIII

A. Wie ist Erfahrung möglich?

In der »Deduktion der reinen Verstandesbegriffe« versucht Kant


darzulegen, »wie diese Begriffe sich auf Objekte beziehen kön-
nen« (A 85/B 117), d. h. wie sich die Kategorien auf Materie, dem
in der empirischen Anschauung Gegebenem, beziehen können:
»Ich nenne daher die Erklärung der Art, wie sich Begriffe a priori
auf Gegenstände beziehen können, die transzendentale Deduk-
tion derselben«. (A 85/B 117) Gegen eine »empirische Ableitung«
(B 127), worauf John Locke und David Hume verfielen, will die
transzendentale Deduktion zeigen, daß die Kategorien nicht der
Wahrnehmung entspringen und aus Gewohnheit gebildet werden.
Eine solche empirische Ableitung unternimmt Hume, indem er
am Beispiel des Begriffs der Kausalität zu zeigen versucht, »daß
nach einer Wiederholung gleichartiger Fälle der Geist aus Ge-
wohnheit veranlaßt wird, beim Auftreten des einen Ereignisses
dessen übliche Begleitung zu erwarten und zu glauben, daß sie
ins Dasein trete.«37 Damit wäre die Kategorie der Kausalität ein
empirischer Begriff und nicht, wie Kant behauptet, ein notwendi-
ger und allgemeingültiger. Gegen eine solche empiristische Auf-
fassung, die in den Skeptizismus führt, macht Kant den Einwand
geltend, »daß über das Empirische und überhaupt über das der
sinnlichen Anschauung Gegebene noch besondere Begriffe hinzu-
kommen müssen, die ihren Ursprung gänzlich a priori im reinen
Verstande haben, unter die jede Wahrnehmung allererst subsu-
miert und dann vermittels derselben in Erfahrung kann verwan-
delt werden.«38 Im Kapitel »Von dem Schematismus der reinen

Ursache haben und dergl.) wie ist es also möglich, daß der Verstand a
priori den Gegenständen der Natur a posteriori Gesetze vorschreiben
soll (daß sie seinen Sätzen a priori gemäß sein müssen?)« (III 197)
Wie sich zeigen wird, ist es das Problem des Übergangs vom Apriori
zum Aposteriori, dem sich Erfahrung wie Erfahrungswissenschaft ge-
genüber sehen.
37 David Hume: Eine Untersuchung über den menschlichen Ver-
stand, Hamburg 1984, S. 91.
38 Prolegomena, S. 61 f. Vgl. ebd., S. 66 Anm.: »Sage ich aber: die
Sonne erwärmt den Stein, so kommt über die Wahrnehmung noch der
XXIV Florian Ehrensperger

Verstandesbegriffe« und dem sich daran anschließenden »System


aller Grundsätze des reinen Verstandes« versucht Kant zu ver-
deutlichen, wie eine solche Subsumtion als möglich gedacht wer-
den kann: »Wie ist nun die Subsumtion der letzteren unter die
erste, mithin die Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen
möglich«? (A 137 f./B 176 f.) Dies geschieht nach Kant durch
einen Vermittlungsbegriff, der beide rechtmäßig miteinander ver-
bindet, d. h. der geeignet ist, das Aposteriori der Wahrnehmung
mit dem Apriori des Verstandes zu vereinigen, um einerseits dem
Verstandesbegriff seine »Bedeutung zu verschaffen« (A 146/B
185) und andererseits Erfahrung als den Fall anzugeben, »der un-
ter der Regel steht.« (A 159/B 198)
»Nun ist klar, daß es ein Drittes geben müsse, was einerseits
mit der Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in Gleichar-
tigkeit stehen muß, und die Anwendung der ersteren auf die letz-
tere möglich macht. Diese vermittelnde Vorstellung muß rein
(ohne alles Empirische) und doch einerseits intellektuell, anderer-
seits sinnlich sein. Eine solche ist das transzendentale Schema.«
(A 138/B 177)39
Die Zeit als allgemeine Form der Sinnlichkeit a priori begleitet
notwendig alle Gegenstände (sowohl des inneren als auch des
äußeren Sinnes), die überhaupt in der Wahrnehmung auftreten
können. Die Schematisierung der Verstandesbegriffe muß nach
Kant über eine transzendentale Bestimmung der Zeit erfolgen:
»Daher wird eine Anwendung der Kategorie auf Erscheinungen
möglich sein, vermittelst der transzendentalen Zeitbestimmung,
welche, als das Schema der Verstandesbegriffe, die Subsumtion
der letztern unter die erste vermittelt.« (A 139/B 178) Gemäß der
vier Kategoriengruppen ergeben sich für Kant vier Arten von

Verstandesbegriff der Ursache hinzu, der mit dem Begriff des Sonnen-
scheins den der Wärme notwendig verknüpft, und das synthetische
Urteil wird notwendig allgemeingültig, folglich objektiv und aus einer
Wahrnehmung in Erfahrung verwandelt.«
39 Vgl. A 155/B 194: »Es ist nur ein Inbegriff, darin alle unsre
Vorstellungen enthalten sind, nämlich der innre Sinn, und die Form
desselben a priori, die Zeit.«
Einleitung XXV

Grundsätzen, die den (natur-)gesetzlichen Rahmen für Erfahrung


bereitstellen. Maimons sich daran anschließende Kritik bezieht
sich exemplarisch auf das Schema der hypothetischen Urteile40 in
der »Zweite[n] Analogie der Erfahrung«: »Alle Veränderungen
geschehen nach dem Gesetze der Verknüpfung der Ursache und
Wirkung.« (B 232) Um zwei Ereignisse, so Kants Argument, als
objektiv miteinander verbunden zu denken, »muß das Verhältnis
zwischen den beiden Zuständen so gedacht werden, daß dadurch
als notwendig bestimmt wird, welcher derselben vorher, welcher
nachher und nicht umgekehrt müsse gesetzt werden«. (B 234) An
Hand zweier Beispiele verdeutlicht Kant den Unterschied zwi-
schen subjektiver und objektiver Sukzession. Bei der Wahrneh-
mung eines Schiffes, das einen Strom hinabtreibt, nehme ich
dieses zuerst oberhalb, nachher aber unterhalb des Stromes
wahr. Eine Umkehrung der Wahrnehmung ist nicht möglich: »Die
Ordnung in der Folge der Wahrnehmungen in der Apprehension
ist hier also bestimmt, und an dieselbe ist die letztere gebunden.«
(A 192/B 237) Bei der Wahrnehmung eines Hauses hingegen ist
die Folge der Apprehension nicht determiniert: »In der Reihe die-
ser Wahrnehmung war also keine bestimmte Ordnung, welche es
notwendig machte, wenn ich in der Apprehension anfangen müß-
te, um das Mannigfaltige empirisch zu verbinden.« (A 192 f./B
238) Das eine Mal wird eine subjektive Folge, das andere Mal
eine objektive Folge apprehendiert. Nach Kant sind es zwei Krite-
rien, wonach angegeben werden kann, ob eine Zeitstelle be-
stimmt ist, d. h. ob ein Ereignis unter die Regel oder das Schema
der Kausalität subsumiert werden kann: erstens, daß sich die Rei-
henfolge nicht umkehren läßt und zweitens, daß wenn das eine
Ereignis gesetzt ist, das andere, d. h. »diese bestimmte Begeben-
heit unausbleiblich und notwendig« (A 198/B 244) folgt. Für
Kant ist die »Zeitfolge allerdings das einzige empirische Kriteri-
um der Wirkung, in Beziehung auf die Kausalität der Ursache, die

40 Vgl. A 144/B 183: »Das Schema der Ursache und der Kausalität
eines Dinges überhaupt ist das Reale, worauf, wenn es nach Belieben
gesetzt wird, jederzeit etwas anderes folgt. Es besteht also in der Suk-
zession des Mannigfaltigen, in so fern sie einer Regel unterworfen ist.«
XXVI Florian Ehrensperger

vorhergeht«. (A 203 f./B 249) Maimons Einwand gegen ein sol-


ches empirisches Kriterium lautet, daß »beiderlei Arten von Suk-
zession an sich betrachtet […] von einander gar nicht unterschie-
den« (106) sind. Maimon führt hierzu aus:
»Die Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung ist im-
mer (sie mag sub- oder objektiv) sein, sukzessiv; man kann also
das objektive vom subjektiven nur dadurch unterscheiden, daß
man wahrnimmt, daß im erstern die Folge notwendig nach einer
Regel, im letztern hingegen bloß zufällig ist. Nun sage ich, man
trifft nirgends in der Wahrnehmung eine Folge, die notwendig
nach einer Regel ist, d. h. ich leugne das Faktum: denn soll sie
darum notwendig sein, weil ich während der Wahrnehmung der
einen Folge die andere nicht wahrnehmen kann, so wird diese
von einer bloß zufälligen Folge nicht unterschieden werden kön-
nen, weil auch in dieser, während der einen Sukzession die andere
unmöglich ist.« (105f.)
Die notwendige Folge und Unumkehrbarkeit kann nicht wahr-
genommen werden. Um Erfahrung als den Fall zu erweisen, der
unter einer Regel steht, kann nicht die erst zu erweisende Not-
wendigkeit des Folgens oder Apprehendierens in der Kausalität
vorausgesetzt werden. Eine objektive, in der Zeit bestimmte Folge
ist bereits eine Anwendung der Kategorie der Kausalität, über de-
ren Befugnis im Beweisgang doch entschieden werden sollte. Wir
wenden also nach Maimon nicht die Kausalität auf eine notwen-
dige Sukzession an, um sie dadurch zur Ursache oder Wirkung zu
machen, sondern die Bestimmung einer Folge als objektiv ist be-
reits die Anwendung der Kategorie der Kausalität. Dadurch ist
nach Maimon der gesamte Beweis der transzendentalen Deduk-
tion zirkulär:41
»Hr. Kant setzt das Faktum als unbezweifelt voraus, daß wir
nämlich Erfahrungssätze (die Notwendigkeit ausdrücken) haben,

41 Vgl. hierzu Julius Ebbinghaus: »Kantinterpretation und Kant-


kritik«, in: ders.: Gesammelte Aufsätze. Voträge und Rede, Darm-
stadt 1968, S. 1–23, Manfred Baum: Deduktion und Beweis in Kants
Transzendentalphilosophie. Untersuchungen zur Kritik der reinen
Vernunft, Königstein/Ts. 1986, S. 188 f. sowie Kroner (1921), S. 73 ff.
Einleitung XXVII

und beweiset hernach ihre objektive Gültigkeit daraus, daß er


zeigt, daß ohne dieselbe Erfahrung unmöglich wäre; nun ist aber
Erfahrung möglich, weil sie nach seiner Voraussetzung wirklich
ist, folglich haben diese Begriffe objektive Realität. Ich hingegen
bezweifle das Faktum selbst, daß wir nämlich Erfahrungssätze
haben«. (105)42
Maimon macht wiederum am Beispiel der hypothetischen Ur-
teile deutlich, daß sich das als Faktum vorausgesetzte objektive
Verhältnis selbst als Täuschung herausstellen könnte. Die in An-
spruch genommene Objektivität, die sich beispielsweise im Erfah-
rungsurteil »Feuer erwärmt den Stein« ausdrückt, kann als ein
Produkt der Einbildungskraft und nicht des Verstandes verstan-
den werden:
»Ja, wird man sagen, das Faktum ist unbezweifelt. Wir sagen
z. B. das Feuer erwärmt (macht warm) den Stein, welches nicht
bloß die Wahrnehmung der Folge zweier Erscheinungen in der
Zeit sondern die Notwendigkeit dieser Folge bedeutet. Hierauf
aber würde David Hume antworten: es ist nicht wahr, daß ich
hier eine notwendige Folge wahrnehme; ich bediene mich zwar
bei dieser Gelegenheit desselben Ausdrucks, dessen sich andere
bedienen, allein ich verstehe darunter bloß die von mir oft wahr-
genommene Folge der Erwärmung des Steins auf die Gegenwart
des Feuers, nicht aber die Notwendigkeit dieser Folge.« (44 f.)

42 Vgl. B 234: »Also ist nur dadurch, daß wir die Folge der Er-
scheinungen, mithin alle Veränderung dem Gesetze der Kausalität un-
terwerfen, selbst Erfahrung d. i. empirisches Erkenntnis von densel-
ben möglich; mithin sind sie selbst, als Gegenstände der Erfahrung,
nur nach eben dem Gesetze möglich.« Es scheint, daß das vorausge-
setzt wird, was eigentlich bewiesen werden sollte: die Objektivität der
Erfahrung. Vgl. A 197/B 242 f.: »Wenn wir untersuchen, was denn
die Beziehung auf einen Gegenstand unseren Vorstellungen für eine
neue Beschaffenheit gebe, und welches die Dignität sei, die sie da-
durch erhalten, so finden wir, daß sie nichts weiter tue, als die Ver-
bindung der Vorstellungen auf eine gewisse Art notwendig zu ma-
chen, und sie einer Regel zu unterwerfen; daß umgekehrt nur da-
durch, daß eine gewisse Ordnung in dem Zeitverhältnisse unserer
Vorstellungen notwendig ist, ihnen objektive Bedeutung erteilet wird.«
XXVIII Florian Ehrensperger

Das Erfahrungsurteil ist vielmehr eine »bloße Wahrnehmung,


die eine (durch Gewohnheiten entstandene) subjektive Notwen-
digkeit enthält, und die man fälschlich für eine objektive Not-
wendigkeit ausgibt.« (45)43 Als Resümee seines Skeptizismus gibt
Maimon folgendes Dilemma zu bedenken:
»Mein Skeptizismus gründet sich also auf dieses zweihörnichte
Dilemma. Entweder ist das Faktum an sich (daß wir die Form der
hypothetischen Urtheile von empyrischen Objekten gebrauchen)
falsch, und die angeführten Beispiele beruhen auf Täuschung der
Einbildungskraft, wie ich schon mehreremal gezeigt habe, die Ka-
thegorien haben alsdann gar keinen Gebrauch; oder es ist an sich
wahr, und dann hat es keinen erkennbaren Grund, und die Ka-
thegorien bleiben nach ihrer mühsamen Dedukzion und Schema-
tismus, wie vor, bloße Formen die keine Objekte bestimmen kön-
nen.« (V 250)44
Es fehlt, so Maimon, der »Uebergang von den allgemeinen
transcendentalen Begriffen und Sätzen, die sich auf Erfahrung
überhaupt beziehen, zu denjenigen, die sich auf besondere Erfah-

43 Vgl. III 48 f.: »Letzlich begehen Sie [Maimon adressiert diese


Passage an »die kritischen Skeptiker oder Kantianer«, F. E.] auch ei-
nen Zirkel im Erklären, indem Sie diese Formen als nothwendige Be-
dingungen der Erfahrung, welche Sie als Faktum voraussetzen, den-
ken, und wiederum die Erfahrung als Faktum voraussetzen, damit Sie
die Realität dieser Formen beweisen können. Sie müssen also zeigen,
daß das Gesetz der Association nicht hinreicht, die Entstehungsart
dieser Formen zu erklären. Sie müssen ferner beweisen, daß diese For-
men im Verstande a priori schon ihre Realität haben. Oder Sie müs-
sen das Faktum, daß wir sie nehmlich auf Gegenstände der Erfahrung
anwenden, beweisen; wenn Sie anders das skeptische System um-
stoßen wollen.« Vgl. IV 73 f.
44 Vgl. IV 225 Anm.: »Die tranzendentalen Prinzipien haben nicht
n[u]r an sich, sondern auch als Bedingungen zur Möglichkeit der Er-
fahrung (die allerdings zugegeben werden kann) ihre Realität. Da
aber die Wirklichkeit der Erfahrung (der wirkliche Gebrauch dieser
Prinzipien von Gegenständen der Wahrnehmung) noch immer in
Zweifel gezogen werden kann, so haben sie als Prinzipien bloß eine
hypothetische Gültigkeit oder Realität.« Vgl. ferner V 386 f., 412 f.
sowie 521.
Einleitung XXIX

rungen beziehen«. (II 519)45 Die Philosophie hat nach Maimon


»noch keine Brücke aufbauen können, wodurch der Uebergang
vom Transzendentalen zum Besondern möglich gemacht würde.«
(IV 38) Es muß nach Maimon notwendigerweise mißlingen, Er-
fahrung als den besonderen Fall eines allgemeinen Gesetzes aus-
zuweisen. Anders steht jedoch die Sache bei der Mathematik.
»Nur die Mathematik kann sich eines Ueberganges vom Allge-
meinen zur Erfindung des Besondern rühmen.« (IV 36)46

B. Wie ist Mathematik möglich?

In der Mathematik ist das Problem eines solchen Überganges vom


Allgemeinen zum Besonderen durch Konstruktion gelöst: »Die
Mathematik bestimmt ihre Gegenstände völlig a priori, durch
Konstruktion; folglich bringt darin das Denkungsvermögen so-
wohl die Form, als die Materie seines Denkens aus sich selbst her-
aus.« (7 f.) Die Beziehung von Form auf Materie ist in diesem Fall
unproblematisch, denn der »Verstand unterwirft also nicht Etwas
a posteriori gegebenes, seinen Regeln a priori; er läßt es vielmehr
diesen Regeln gemäß entstehen«. (50) Synthetische Urteile a priori
sind in der reinen Mathematik ein unbezweifelbares Faktum:
»Was mich anbetrifft, so lege ich auch ein Faktum zum Grun-
de, aber nicht ein Faktum, das sich auf Gegenstände a posteriori
(weil ich dieses bezweifle), sondern ein Faktum, das sich auf Ge-
genstände a priori (der reinen Mathematik) beziehet, wo wir For-
men (Verhältnisse) mit Anschauungen verknüpfen, und da dieses

45 Vgl. hierzu Kroner (1921), S. 79 f.: »Kant übersieht, daß die


Subsumtion von ganz eigentümlicher Art ist, da das Verhältnis des
Allgemeinen zum Besonderen hier den Abgrund zu überbrücken hat,
der sich zwischen Bewußtsein und Gegenstand, zwischen Form und
Materie, zwischen apriori und aposteriori auftut.«
46 Vgl. IV 37: »Die Mathematik, sie mag hinaufsteigen vom Be-
sondern zum Allgemeinen oder hinuntersteigen vom Allgemeinen
zum Besondern, sichert sich immer die Realität ihres Verfahrens, und
folglich auch des dadurch Herausgebrachten, durch Konstrukzion.«
XXX Florian Ehrensperger

Faktum unbezweifelt ist, und sich auf Gegenstände a priori bezie-


het, so ist es gewiß möglich, und wirklich zugleich.« (197)
Im weiteren regessiven Beweisgang unterscheidet sich Mai-
mons Beweisziel wesentlich von Kants. Die Frage nach dem
Prinzip einer solchen synthetischen Erkenntnis gibt Kant folgen-
dermaßen an: »Alle synthetische Urteile des theoretischen Er-
kenntnisses sind nur durch die Beziehung des gegebenen Begriffs
auf eine Anschauung möglich.«47 Maimon verlangt jedoch einen
synthetischen Grundsatz, »wodurch neue synthetische Erkenntnis
bestimmt werden kann«. (VII 642) Kants Prinzip gebe »bloß die
allgemeine Bedingung der Möglichkeit synthetischer Erkenntnis
überhaupt.« (Ebd.) In einer solchen Erklärung sieht Maimon eine
bloße Tautologie: »Alles was nicht anders construirt werden
kann, kann nicht anders in einer Construction erkannt werden.
Dieser so gepriesene Grundsatz von der Möglichkeit einer Con-
struction reducirt sich auf einen unfruchtbaren identischen Satz.«
(VII 399) Ein synthetischer Grundsatz, nicht bloß »eine analyti-
sche Bedingung einer jeden gegebenen Anschauung« (VII 642),
vermag ein synthetisches Urteil a priori von seiner Bedingung her
verständlich zu machen. Das von Maimon gesuchte Prinzip ant-
wortet auf die Frage: Wie ist das Dasein eines synthetischen Ur-
teils »in uns a priori (aus einer vorhergegangenen Erkenntnis) be-
greiflich?« (III 187 f.)48 Die synthetischen Urteile a priori in der

47 Kant in einem Brief an Karl Leonhard Reinhold vom 12. Mai


1789. (Kant (1986), S. 383)
48 Vgl. VII 642 f.: »Die Frage ist hier nach einem synthetischen
Grundsatze aller synthetischen Erkenntniß. Nun ist aber mögliche
Construction (Darstellung in einer Anschauung) kein synthetischer
Grundsatz, wodurch neue synthetische Erkenntniß bestimmt werden
kann, sondern bloß die allgemeine Bedingung der Möglichkeit syn-
thetischer Erkenntniß überhaupt. So wenig die Vorstellung des Rau-
mes, als Bedingung aller geometrischen Objecte, einen synthetischen
Grundsatz abgiebt, wodurch die Erkenntniß dieser Objecte erweitert
werden kann, indem die Vorstellung des Raumes überhaupt eine zwar
materielle, aber dennoch bloß analytische Bedingung ist (in einem je-
den bestimmten Raume muß Raum überhaupt enthalten seyn), die
Axiome und Postulate aber, die eigentliche Grundsätze der Geometrie
Einleitung XXXI

reinen Mathematik drängen sich gewissermaßen auf, ohne daß


man doch verstehen könne, warum diese oder jene apriorische
Synthesis so und nicht anders beschaffen sei.49 Die Anschauung
stellt allein die Bestandteile der Synthesis dar. Der Grund der
Darstellung läßt sich der Anschauung jedoch nicht entnehmen:
»Also angenommen, daß Zeit und Raum Anschauungen a pri-
ori sind; so sind sie doch nur Anschauungen, nicht aber Begriffe a
priori: sie machen uns nur die Glieder des Verhältnisses, und ver-
mittelst derselben das Verhältnis selbst anschauend, nicht aber
die Wahrheit und Rechtmäßigkeit seines Gebrauchs. Es bleibt
also die Frage übrig: wie sind synthetische Sätze in der Mathema-
tik möglich? oder: wodurch gelangen wir zu ihrer Evidenz?« (38)
Der Grund, warum eine mathematische Erkenntnis derart ist,
wie sie konstruiert wird, wird in der Anschauung selbst nicht ein-
gesehen. Man erkennt nur das daß, nicht das warum.50 Dies fol-
gert Maimon daraus, »weil ein Verhältnis bloß gedacht, nicht aber
angeschaut werden kann«. (38)51 Wie wird das Verhältnis selbst
also vor seiner Darstellung in der Anschauung bestimmt? Mai-
mon sucht ein Prinzip, welches a priori Objekte zu bestimmen,
d. h. zwischen Subjekt und Prädikat a priori zu unterscheiden und

sind, durch deren mannigfaltige Verbindung diese Wissenschaft er-


weitert wird: eben so ist mögliche Anschauung überhaupt kein syn-
thetischer Grundsatz, sondern eine analytische Bedingung einer jeden
gegebenen Anschauung.«
49 Vgl. IV 438: »Hingegen wird uns die Wahrheit der mathemati-
schen Axiome aufgedrungen, ohne auf irgend eine Weise begreiflich
gemacht zu werden«.
50 Vgl. Versuch 44: »Daß aus dreien Linien, deren zwei zusammen
größer als die dritte sind, ein Dreieck konstruiert werden kann, gibt
die Anschauung, aber diese macht es nicht erst möglich, sondern es ist
schon an sich möglich«. Vgl. hierzu VII 398 f.
51 Wie Samuel Hugo Bergman formuliert: »Wir folgen also hier ei-
nem apriorischen Zwang und nicht der Einsicht«. (Samuel Hugo
Bergman: »Salomon Maimons Philosophie der Mathematik«, in: Isis
16, 1931, S. 220–232, hier: S. 225) Es ist dies ein »uneinsichtiger
Zwang«, (ebd., S. 226) »dass sie uns durch die ›Konstruktion‹ oder
›Darstellung‹ die Wahrheit der Axiome aufdrängt, ohne sie uns frei-
lich durchsichtig zu machen«. (Ebd., S. 231)
XXXII Florian Ehrensperger

über deren Verhältnis eindeutig zu entscheiden vermag. Maimon


legt sich die Frage vor, was die in der Einheit des Bewußtseins ge-
gebenen verschiedenen Glieder nicht nur subjektiv, sondern ob-
jektiv in einem Urteil verbindet. Eine Synthesis ist eine Einheit in
der Mannigfaltigkeit, d. h. eine Einheit von Verschiedenem. Im
Urteil wird eine solche Einheit behauptet oder negiert. Demnach
muß nach Maimon die Reflexion die Relata voneinander unter-
scheiden und aufeinander beziehen. Wie können Subjekt und Prä-
dikat eines Urteils a priori voneinander unterschieden und in ein
Verhältnis gesetzt werden? Die »gemeine Transzendentalphiloso-
phie« (III 459) unterscheidet »Subjekt von Prädikat durch keine
Bedingung«. (51) In Maimons Transzendentalphilosophie »hin-
gegen werden sie durch eine Bedingung a priori unterschieden:
diese Bedingung also suche ich hier festzusetzen. Sie ist nichts an-
ders als die objektive Möglichkeit einer Synthesis überhaupt.«
(Ebd.)52 Das entsprechende Prinzip der synthetischen Urteile a
priori gewinnt Maimon durch eine Reflexion auf die möglichen
Abhängigkeitsverhältnisse von Subjekt und Prädikat. Es gibt für
Maimon »drei Arten von Verhältnissen« (V 82), in denen Subjekt
und Prädikat einer Synthesis in einer Einheit des Bewußtseins zu-
einander stehen können. Zum einen kann Subjekt und Prädikat in
einer bloß willkürlichen Art und Weise zusammenhängen. Diese
Synthesis ist eine Synthesis der Einbildungskraft: »Das willkührli-
che Denken hat gar keinen Grund, und ist also in der That gar
kein Denken.« (Ebd.) Ein willkürliches Verhältnis läßt sich daran
erkennen, daß beide Bestandteile für sich selbst gedacht werden
können. Eine solche Synthesis ist daher willkürlich, da nicht aus-
gemacht werden kann, welcher der Subjekts- und welcher der

52 An anderer Stelle fragt Maimon: »Aus welchem synthetischen


Grundsatze aber, der sich auf ein Object überhaupt bezieht, können
die synthetischen Sätze, die sich auf besondere Objecte beziehn (wie
z. B. die Sätze der Mathematik), hergeleitet werden? So, daß man
schon vor der Anschauung besonderer Objecte, vermöge des Grund-
satzes, der sich auf ein Object der Anschauung überhaupt beziehet,
bestimmen kann, wie besondere Objecte angeschauet werden müssen,
können, oder nicht können?« (VII 397)
Einleitung XXXIII

Prädikatsbegriff ist. Die Synthesis entbehrt eines objektiven


Grundes. Solcher Art sind nach Maimon Wahrnehmungsurteile.
Er bemerkt hierzu:
»Ist hingegen diese Synthesis nicht in einer Verstandseinheit,
sondern in einer Einheit der Einbildungskraft (das Zugleichseyn
und Aufeinanderfolgen in Zeit und Raum) gegründet, so fällt die-
ser Unterschied zwischen dem Bestimmbaren und der Bestim-
mung weg, weil so wie jenes ohne diese, auch diese ohne jenes ge-
dacht werden kann, und die eine Abstraktion nicht schwerer als
die andere ist. Von dieser Art sind alle so genannte Substanzen. In
einem rothen Apfel z. B. kann sowohl Apfel ohne das Rothe als
das Rothe ohne Apfel vorgestellt werden«. (IV 277 Anm.)
Zum anderen kann der eine Bestandteil der Synthesis nicht
ohne den anderen gedacht werden. Dieses rein formale Verhältnis
ist eine bloß wechselseitige Beziehung, weil nicht ausgemacht
werden kann, welcher Begriff den anderen determiniert: »Kann
aber keiner von beiden ohne Beziehung auf den andern gedacht
werden, so ist jeder zugleich Subjekt und Prädikat in Beziehung
auf den andern, und der daraus entspringende Begriff, ein Relati-
onsbegriff wie z. B. Ursache und Wirkung und dergl.« (52)53 Da
aber ein solches Verhältnis eine Wechselbeziehung bezeichnet, in
der nicht absolut, sondern nur relativ bestimmt wird, kann da-
durch kein Objekt bestimmt werden. Für ein endliches Erkennt-
nisvermögen ist daraus keine synthetische Erkenntnis zu generie-
ren. Allein folgende Synthesis ist reell: »Wenn eine Synthesis von
der Art ist, daß der eine Bestandteil derselben ohne Beziehung auf
den andern, d. h. so wohl an sich, als in einer andern Synthesis,

53 In einer Fußnote hierzu führt Maimon aus: »Diese Art Synthe-


sis ist bei einem endlichen Verstande, eine bloße Form, die ohne An-
wendung auf einen bestimmten Gegenstand der Anschauung an sich
betrachtet, kein Objekt bestimmt. Man kann sie mit einem algebrai-
schen Ausdruck, wo x eine Funktion von y, und umgekehrt, ist, ver-
gleichen, das nur durch Bestimmung der einen dieser Größen, die an-
dere durch ihr Verhältnis zur Ersteren, bestimmt; folglich findet bei
einem endlichen Verstande nur die erst Art der Synthesis, als Objekt,
statt«. (52 Anm.)
XXXIV Florian Ehrensperger

der andere aber nicht ohne Beziehung auf den erstern gedacht
werden kann, so heißt der erste Subjekt dieser Synthesis, und der
letzte Prädikat.« (51) Damit ist Maimons »Satz der Bestimmbar-
keit« (V 78)54 angegeben. Dieses Prinzip generiert solche Begriffe,
die Maimon absolute nennt und die nur in der Mathematik anzu-
treffen sind:
»Z. B ein Dreieck oder ein Raum in dreien Linien eingeschlos-
sen, kann sowohl an sich, ohne Beziehung auf das recht- oder
schiefwinkligsein, als in diesen verschiedenen Arten der Synthesis,
disjunktive gedacht werden. Hingegen kann das recht- oder
schiefwinkligsein, nicht ohne Dreieck überhaupt gedacht werden.
Hier ist also Dreieck Subjekt, das recht- oder schiefwinkligsein
aber Prädikat; und der aus dieser Synthesis entsprungene Begriff,
ein absoluter Begriff.« (51)
Diese aus einer Analyse der möglichen Abhängigkeitsverhält-
nisse von Subjekt und Prädikat einer Synthesis überhaupt ent-
sprungenen Prinzipien haben zur Folge, daß allein mathematische
Begriffe dem Kriterium einer reellen Synthesis entsprechen. Mit
dem Kriterium des Satzes der Bestimmbarkeit als dem »höch-
ste[n] Grundsatz, wodurch die mögliche Construction a priori,
vor ihrer Wirklichkeit, bestimmt wird« (VII 648), kann allein die
Mathematik synthetische und apriorische Erkenntnis liefern.
Denn nur für die Mathematik gilt, daß sie ihre Gegenstände a pri-
ori bestimmen kann. In der Mathematik allein können nach Mai-
mon synthetische Urteile a priori realisiert werden:55 »Unter syn-

54 Maimon bestimmt ihn als ersten Grundsatz: »Der erste Grund-


satz alles reellen Objekt bestimmenden Denkens ist der von mir soge-
nannte Satz der Bestimmbarkeit.« (V 78) Vgl. auch VII 104, 148 so-
wie 202. Die Formulierung »Satz der Bestimmbarkeit« taucht im
Versuch noch nicht auf. Dort heißt es: »Gesetz[e] des Bestimmbaren
und der Bestimmung« (17 f.).
55 Vgl. V 496: »Die Kathegorien sind also nach mir nicht zum Er-
fahrungsgebrauch, sondern zum Gebrauch von a priori bestimmten
Objekten der Mathematik bestimmt«. Siehe auch VII 122. Daraus
zieht Maimon den Schluß, »daß wir keine andere (reelle) objektive
Erkenntniß haben, als die mathematische, und daß die sogenannte
empyrische Erkenntniß blos Scheinerkenntniß ist«. (V 178)
Einleitung XXXV

thetischen Urtheilen a priori im strengen Sinne verstehe ich sol-


che, worin das Prädikat dem Subjekte, nach einem Grundsatze
a priori synthetisch beigelegt wird, durch welchen es als ein mög-
liches Prädikat dieses Subjekts, vor der wirklichen Beilegung
erkennbar ist.« (VII 135)

C. Wie ist Metaphysik möglich?

Der Satz der Bestimmbarkeit hatte die Aufgabe, »die objektive


Möglichkeit einer Synthesis überhaupt« (51) festzusetzen. Da-
bei war Maimon von der in der Mathematik als Faktum vorlie-
genden Synthesis von Denken und Anschauung ausgegangen.
Dem Satz der Bestimmbarkeit kommt dabei die Rolle zu, die-
ses Verhältnis a priori zu regeln. Nach Maimon bleibt jedoch
auch diese Möglichkeit unter der dualistischen Prämisse Kants,
nämlich »daß Sinnlichkeit und Verstand zwei ganz verschiede-
ne Vermögen sind« (103), unerklärlich. Denken und Anschau-
ung können sich nach Maimon nur quantitativ voneinander
unterscheiden, soll das in der Mathematik vorliegende Faktum
einer Synthesis von Anschauung und Denken begreiflich gemacht
werden. Maimon behauptet im Gegensatz zu Kant, »daß, ob
sie [Anschauung und Denken; F. E.] schon in uns als zwei ver-
schiedene Vermögen vorgestellt werden müssen, sie doch von ei-
nem unendlichen denkenden Wesen als eine und eben dieselbe
Kraft gedacht werden müssen, und daß die Sinnlichkeit bei uns
der unvollständige Verstand ist.« (Ebd.) Maimon geht so weit zu
behaupten, daß nur unter der Voraussetzung, »daß nämlich die
Wirkungen der Sinnlichkeit, Einbildung u. s. w. eben die Wirkung
des Verstandes und der Vernunft, obgleich mit minderer Vollstän-
digkeit ist« (189), die Evidenz der Mathematik gerettet werden
kann.
Maimon ist sich bewußt, daß er damit die Grenzziehung Kants
zwischen dem endlichen und dem unendlichen Verstand über-
schreitet. Für Kant ist die Konzeption des unendlichen Verstan-
des, eines anschauenden oder intuitiven Verstandes, ein bloß pro-
blematischer Begriff: »von einem solchen aber haben wir nicht
XXXVI Florian Ehrensperger

den mindesten Begriff«56. Dagegen bringt Maimon vor: »Wird


man einwenden, daß wir von einer solchen Denkart keinen Begrif
haben, so antworte ich; wir haben allerdings einen Begrif davon,
indem wir dieselbe zum Theil besitzen. Alle Begriffe der Mathe-
matik werden von uns gedacht, und zugleich als reelle Objekte
durch Konstrukzion a priori dargestellt. Wir sind also hierin Gott
ähnlich« (IV 42). In diesem Zusammenhang sei nur darauf hinge-
wiesen, daß hierbei nicht an die geometrische Konstruktion57 zu
denken ist, die notwendigerweise Anschauung miteinbegreift,
sondern an eine reine Konstruktion ohne Anschauung: eine Ob-
jektbestimmung durch bloße Verhältnisse. Nach Maimon ist dies
in der Algebra58 und der Arithmetik59 realisiert. Diese Bestim-
mung einer reinen, anschauungsfreien Mathematik bedarf sicher-
lich einer eingehenderen Analyse, die hier nicht gegeben werden
kann. Es gibt jedoch nach Maimon noch weitere Hinweise dar-
auf, daß der endliche Verstand vom unendlichen nur dem Grade
nach verschieden ist. Dies entwickelt er wiederum in direkter
Auseinandersetzung mit Kant.
Kant, der in seinem Brief an Markus Herz vom 26. Mai 1789
auf Maimons Kritik im Versuch detailliert eingeht, bemerkt hierzu,
daß »die Antinomien der r[einen]. Vernunft einen guten Probier-
stein abgeben können, die ihn [Maimon; F. E.] vielleicht überzeugen
werden, daß man den menschlichen Verstand nicht für spezifisch
einerlei mit dem göttlichen und nur durch Einschränkung, d. i.
dem Grade nach, von diesem unterschieden annehmen könne«60.

56 Prolegomena, S. 75.
57 Im Gegensatz hierzu vgl. jedoch IV 622.
58 Vgl. David R. Lachterman: »Mathematical Construction, Sym-
bolic Cognition and the Infinite Intellect: Reflections on Maimon and
Maimonides«, in: Journal of the History of Philosophy 30, 1992,
S. 497–522.
59 Vgl. Meir Buzaglo: Solomon Maimon: Monism, Skepticism and
Mathematics, Pittsburgh 2002, S. 40: »Natural numbers are not ob-
jects that exist independently of the relations between themselves,
but, on the contrary, the relations between them actually constitute
them.« Siehe beispielsweise Versuch 107, V 288.
60 Kant (1986), S. 401.
Einleitung XXXVII

Für Maimon hingegen machen gerade die Antinomien die Kon-


zeption eines unendlichen Verstandes notwendig. Nach Maimon
sind die Antinomien nicht nur in der Metaphysik, »sondern auch
in der Physik, ja sogar in der evidentesten aller Wissenschaften,
nämlich der Mathematik anzutreffen«. (126) Daraus folgt er, daß
»die Antinomien eine weit allgemeinere Auflösung erfordern«.
(Ebd.) Die Antinomien lassen sich darauf zurückführen, daß un-
ser Verstand von zwei Seiten, als ein eingeschränkter, endlicher
und als absoluter, unendlicher, d. h. daß er »in zweierlei entge-
gengesetzten Rücksichten betrachtet werden kann und muß. 1)
Als ein absoluter (durch Sinnlichkeit und ihre Gesetze uneinge-
schränkter). 2) Als unser Verstand, seiner Einschränkung nach.
Er kann und muß daher nach zweierlei entgegengesetzten Geset-
zen seine Objekte denken.« (127) Die Auflösung dieser Antino-
mie »ist aber nichts anders als die Idee des allervollkommensten
Denkvermögens, wozu wir uns immer nähern müssen bis ins Un-
endliche«. (III 193) Und dies stellt nach Maimon den »spinozisti-
sche[n] oder leibnitzische[n] Dogmatism« (I 558) dar.61 Dieser
wird notwendigerweise von der »allgemeinen Antinomie des
Denkens überhaupt« (III 186) gefordert:
»Die Vernunft fodert, daß man das Gegebne in einem Objekte
nicht als etwas seiner Natur nach unveränderliches betrachten
muß, sondern bloß als eine Folge der Einschränkung unsres Denk-
vermögens. Die Vernunft gebietet uns daher einen Fortschritt ins
Unendliche, wodurch das Gedachte immer vermehrt, das Gegeb-
ne hingegen bis auf ein unendlich Kleines vermindert wird. Es ist
hier die Frage nicht, wie weit wir hierinn kommen können, son-
dern bloß aus welchem Gesichtspunkt wir das Objekt betrachten
müssen, um darüber richtig urteilen zu können.« (III 193)62

61 Maimon glaubt, »daß dieses das Leibnizische System (wenn es


recht verstanden wird) ist«. (233) Zum Unterschied von Spinoza und
Leibniz siehe IV 59–63 sowie 405–414.
62 Vgl. III 186 f.: »Denn das Denken überhaupt bestehet in Bezie-
hung einer Form (Regel des Verstandes) auf eine Materie (das ihr sub-
sumirte Gegebne)[.] Ohne Materie kann man zum Bewußtseyn der
Form nicht gelangen, folglich ist die Materie eine nothwendige Bedin-
XXXVIII Florian Ehrensperger

Mit Kant ist Maimon davon überzeugt, daß der »actus der Be-
ziehung der Objekte auf einander« (67) »immer eine subjektive
Einheit des Bewußtseins« (ebd.) voraussetzt. Dies zeigt ihm je-
doch im Gegensatz zu Kant einen »Mangel der Einerleiheit, oder
der objektiven Einheit« (ebd.) an. Da wir als endliche Erkenntnis-
vermögen »in Ansehung der Begriffe, die wir erlangen können, an
der Sinnlichkeit haften müssen, um zum Bewußtsein derselben zu
gelangen« (103), ist das Wissen als unendlicher Prozeß zu be-
schreiben, das zu keinem Abschluß kommen kann: »Wir fangen
also mit unserer Erkenntnis der Dinge von der Mitte an und
hören wiederum in der Mitte auf.« (350) Die Annäherung des
endlichen an den unendlichen Verstand ist eine unendliche Aufga-
be, die niemals erreicht oder vollendet werden kann. Diese un-
endliche Annäherung beschreibt Maimon mit den Worten: »Du
sollst das gelobte Land von ferne sehen, aber dahin nicht kom-
men!« (VII 554)
Damit wäre in Grundzügen Maimons »Vereinigungspunkt«
(I 558) von »Spinozas, D. Humes und Leibnitzens Systeme«
(I 557) mit der kritischen Philosophie angegeben. Humes Skepti-
zismus ist nach Maimon durch Kants transzendentale Deduktion
nicht widerlegt, da eine Synthesis von Verstandesbegriffen und
empirischer Materie zu Erfahrung nicht möglich ist. Kants syn-
thetische Urteile a priori haben allerdings in der Mathematik
Realität, wobei der Satz der Bestimmbarkeit dessen Bedingung
angibt. Auf Grund der Einschätzung der Anschauung als bloß
subjektiver Bedingung der Erkenntnis, sieht sich Maimon ge-
zwungen, »mit dem Plato« (II 521) zu behaupten, »daß die Ideen

gung des Denkens, d. h. zum reellen Denken einer Form oder Verstan-
desregel muß nothwendig eine Materie, worauf sie sich beziehet,
gegeben werden; auf der andern Seite hingegen erfordert die Vollstän-
digkeit des Denkens eines Objekts, daß nichts darinn gegeben, son-
dern alles gedacht werden soll. Wir können keine dieser Forderung
als unrechtmäßig abweisen, wir müssen also beiden Genüge leisten,
dadurch, daß wir unser Denken immer vollständiger machen, wo-
durch die Materie sich immer der Form nähert bis ins Unendliche,
und dieses ist die Auflösung dieser Antinomie.«
Einleitung XXXIX

die wahren Objektive des Verstandes sind« (ebd.), womit die Me-
taphysik wieder in ihr Recht gesetzt wäre.

IV. Würdigung und Wirkung

Die Frage, welche sich bei einem solchen »Coalitionssystem« (I


557) unmittelbar aufdrängt und welche die frühe Rezeption des
Versuches bewegt hat, hat Maimon im Versuch selbst formuliert,
sich einer Antwort jedoch enthoben: »Wie weit ich übrigens Kan-
tianer, Antikantianer, beides zugleich, oder keines von beiden,
bin: überlasse ich der Beurteilung des denkenden Lesers.« (11)
Ein Rezensent hatte Maimon daraufhin aufgeklärt:
»Sie wissen theuerster Freund, daß bey der vorgefallenen Re-
voluzion in der Philosophie, wo die gelehrte Welt in zwey Haupt-
partheyen getheilt ist, man sich förmlich zu irgend einer Parthey
bekennen muß, wenn man nicht von beyden als Feind behandelt
werden will, und daß die erste Frage, die einem jeden bey Er-
scheinung eines neuen Produkts der Philosophie einfallen muß,
diese ist: Ist der Autor kantisch oder antikantisch?«63
Maimons Anspruch ist es jedoch gerade, zwischen diesen ge-
gensätzlichen Positionen zu vermitteln. Er weist selbst darauf hin,
daß eine Klassifizierung nur bedingt möglich sei, denn die »Par-
teien lassen sich hier nicht so genau bestimmen, und die Sekten in
der Philosophie lassen sich nicht wie die Gegenstände der Natur-
geschichte unter bestimmte Klassen bringen.«64 Für Maimon ist
sowohl dem Kantischen System sein Recht einzuräumen als auch
dem rationalistischen und der skeptischen Kritik. Maimon be-
hauptet zwar, daß er die Kritik der reinen Vernunft »für so klas-
sisch und so wenig widerlegbar, als das Werk des Euklides in sei-

63 Berlinisches Journal für Aufklärung, 9. Bd. 1. St., Berlin 1790,


S. 49. Dieselbe Frage stellt sich Erich Adickes: »One might be well in
doubt, whether to designate Maimon as an opponent or adherent of
Kant’s.« (German Kantian Bibliography, Boston 1895–1896, S. 47)
64 Berlinisches Journal für Aufklärung, 9. Bd., 1. St., Berlin 1790,
S. 52 f.
XL Florian Ehrensperger

ner Art« (184) hält, erachtet jedoch auf der anderen Seite das
Kantische »System für unzulänglich«. (Ebd.) Diese paradox an-
mutende Einschätzung hat die unmittelbare Rezeption vor allem
beschäftigt.
Obwohl sich Kant anerkennend über Maimons Versuch
äußert, ist er dennoch nicht davon überzeugt, daß sein System un-
zulänglich sei, um dadurch, wie es Maimon formuliert, »allen
Dogmatism überhaupt umzustoßen«65. Für Kant ist es offensicht-
lich, daß Maimon zu seinen »Gegnern«66 zähle, da seine Schrift
»großenteils wider mich gerichtet«67 sei. Während für Kant die
Sache eindeutig war, so gehen die Meinungen darüber in der er-
sten Rezeptionsphase auseinander. Gemein ist fast allen allein die
Klage über Maimons Unverständlichkeit. Bereits 1789 bemängelt
Karl Christian Kiesewetter, daß Maimon »sehr oft Präcision«68
fehle. 1791 erschien anonym eine Polemik Ludolf Holsts gegen
Kant und Maimon mit dem Titel Über das Fundament der ge-
sammten Philosophie des Herrn Kant.69 Darin hält der Autor
Maimon »unter allen Anhängern Kant’s noch für den besten«70,
sieht im Versuch allerdings »ein sich überall widersprechendes
Werk«71, das »ein Chaos von Vorstellungen«72 ausmache. Glei-
chermaßen kritisiert Gottlob Ernst Schulze 1794 in der Allgemei-
ne[n] Deutsche[n] Bibliothek73 den Versuch, wobei er freimütig

65 Ebd., S. 53.
66 Kant (1986), S. 395.
67 Ebd., S. 401.
68 Kiesewetter an Kant am 15.12. 89, in: Kant (1922), S. 115.
69 Über das Fundament der gesammten Philosophie des Herrn
Kant. Halle 1791. Adickes gibt den Autor mit Ludwig Holst an
(Adickes (1895–1896), S. 186).
70 Ebd., S. 52. Als »grand partisan de Kant« wird Maimon von
Karl Johann Maria Denina bezeichnet (La Prusse Littéraire Sous Fré-
deric II Ou Histoire Abrégée De La Plupart Des Auteurs, Des Aca-
démiciens Et Des Artistes Qui Sont Nés Ou Qui Ont Vécu Dans Les
États Prussiens Depuis MDCCXL Jusqu’A MDCCLXXXVI. Bd. 2, Ber-
lin 1790, S. 449).
71 Holst (1791), S. 13.
72 Ebd., S. 56.
73 Daß es sich bei dem Rezensenten um Gottlob Ernst Schulze
Einleitung XLI

bekennt, daß »es ihm, trotz aller angewandten Mühe, nicht ge-
lungen ist, den Verfasser in den wichtigsten der von demselben
angestellten Untersuchungen völlig zu verstehen«74. Die Rezen-
sion besteht deshalb auch nur aus einer Zusammenstellung des In-
haltsverzeichnisses und längerer Originalzitate. Den »Mangel an
Ordnung und jedesmaliger genauer Bestimmung der Begriffe«75
kritisiert der Rezensent in der Allgemeine[n] Literatur-Zeitung76

handelt, geht hervor aus G. F. K. Parthey: Die Mitarbeiter an Friedrich


Nicolai’s Allgemeiner Deutscher Bibliothek nach ihren Namen und
Zeichen in zwei Registern geordnet, Berlin 1842, S. 26 f. (Sigel des
Rezensenten: »Ru.«)
74 Allgemeine deutsche Bibliothek. Bd. 117. Erstes Stück. Kiel
1794, S. 128–133, hier: S. 128.
75 Allgemeine Literatur-Zeitung. Bd. 4. Numero 405. Mittwochs,
den 31. December 1794. Jena und Leipzig, S. 681–688, hier: S. 681.
76 Karl Leonhard Reinhold berichtet in einem Brief an Maimon,
daß er eine Rezension des Versuches für die Allgemeine Literatur-Zei-
tung ablehnen mußte: »Ich habe die mir von der Litteraturzeitung
schon vor zwei Jahren angelegenen Recension Ihrer Transzendental-
philosophie ablehnen müssen, weil ich das wenigste von diesem Bu-
che verstehen konnte, ungeachtet ich auch aus denselben die Natur-
kräfte Ihres Geistes hochschätzen lernte; und Schmid, dem die
Recension nach mir aufgetragen wurde, hat das Buch ebenfalls mit
dem Geständniß zurückgegeben, daß er es nicht verstehen könne.«
(IV 237) Auf eine Anfrage Maimons schreibt die Allgemeine Litera-
tur-Zeitung (wie Maimon in seiner Lebensgeschichte berichtet): »Ein
Exemplar dieses Werks war, wie gewöhnlich, an die Expedition der
allgemeinen Litteratur-Zeitung geschickt worden. Da nun in gerau-
mer Zeit keine Anzeige erfolgte, schrieb ich selbst dahin, und erhielt
zur Antwort: ›Ich wisse selbst, wie gering die Anzahl derjenigen sey,
die geschickt dazu wären, philosophische Werke richtig zu fassen,
und zu beurtheilen: drei der spekulativsten Denker hätten die Anzeige
meines Werkes abgelehnt, weil sie nicht vermögend wären, mit mir in
die Tiefen meiner Untersuchungen einzudringen. Der Antrag sey ei-
nem vierten geschehen, von dem sie eine ihre Wünsche befriedigende
Antwort, zu erhalten hofften. Aber auch dieses vierten Anzeige bliebe
noch bis jetzt zurück.« (I 563) Jean Baptiste Scherrer bemerkt zu dem
dritten Rezensenten, der eine Besprechung des Versuches abgelehnt
hatte: »La troisième personne pressentie pour la recension de l’Essai
n’est, à notre connaissance, nulle part nommée. On peut toutefois pen-
XLII Florian Ehrensperger

vom 31. Dezember 1794. Dies mache den Text »fast völlig unver-
ständlich«77. Wilhelm Ludwig Gottlob Eberstein sieht im selben
Jahr im Versuch »eine Menge eigenthümlicher Lehren«, die »die
Spuren eines nicht gemeinen Scharfsinns«78 seien. Allerdings
schränkt er sein positives Urteil dahingehend ein, daß dieses weit
sichtbarer geworden wäre, »wenn eine lichtvollere Schreibart in
diesen Werken herrschend gewesen wäre«79. Maimons Schreibart
und philosophische Methode steht während der ersten Rezep-
tionsphase zweifelsohne im Mittelpunkt der Kritik. Trotzdem
hat Maimon mit dem Versuch und mit nachfolgenden Schriften80
die nachkantische Philosophie nicht unerheblich beeinflußt. Er
nimmt am philosophischen Diskurs seiner Zeit rege Anteil. Mai-
mon steht nicht nur mit Kant im Briefwechsel,81 sondern auch
mit Karl Leonhard Reinhold. Diesen Briefwechsel veröffentlicht
Maimon 1793 in seiner Schrift Salomon Maimon’s Streifereien im
Gebiete der Philosophie ,82 allerdings ohne vorher das Einver-

ser qu’il s’agissait de J. S. Beck (1761–1848).« (Jean-Baptise Scherrer:


»Présentation«, in: Salomon Maïmon: Essai sur la philosophie tran-
scendantale. Traduction, présentation et notes par Jean-Baptiste Scher-
rer. Avant-propos de Reinhard Lauth, Paris 1989, S 23 Anm. 40)
77 Allgemeine Literatur-Zeitung, S. 681.
78 W[ilhelm]. L[udwig]. G[ottlob]. Freyherrn von Eberstein: Ver-
such einer Geschichte der Logik und Metaphysik bey den Deutschen
von Leibnitz bis auf gegenwärtige Zeit. Bd. 2, Halle 1794, S. 396.
79 Ebd., S. 397.
80 Eine Bibliographie sämtlicher publizierter Werke Maimons fin-
det sich in: Gideon Freudenthal (Ed.): Salomon Maimon: Rational
Dogmatist, Empirical Skeptic. Critical Assessments, Dordrecht u. a.
2003, S. 263–272.
81 Der Briefverkehr ist zumindest als »einseitig« zu bezeichnen.
Die ausführliche Besprechung des Manuskriptes des Versuches adres-
siert Kant an Markus Herz. An Maimon ergeht nur eine kurze Notiz.
Auf die zahlreichen Briefe Maimons antwortet Kant nicht mehr,
selbst die Beschwörung Maimons vom 30. November 1792 bewirkt
nichts: »so bitte ich Sie ergebenst, ja ich beschwöre Sie bei der Heilig-
keit Ihrer Moral mir diese Beantwortung nicht zu verweigern.« (Kant
(1986), S. 609)
82 »Philosophischer Briefwechsel nebst einem demselben vorange-
Einleitung XLIII

ständnis Reinholds eingeholt zu haben. An Aenesidemus (Gottlob


Ernst Schulze) adressiert Maimon zahlreiche Briefe in einem Ap-
pendix seiner Schrift Versuch einer neuen Logik oder Theorie des
Denkens von 1794.83
Richard Kroner ist nicht der einzige, der auf Maimons Einfluß
auf den deutschen Idealismus hingewiesen hat: »Der scharfsinnig-
ste der zwischen Kant und Fichte für die Weiterentwicklung in
Betracht kommenden Denker ist ohne allen Zweifel Salomon
Maimon.«84 Johann Gottlieb Fichte selbst bekennt sich freimütig
zum Einfluß Maimons. Gegen dessen »Talent«, so Fichte in einem
Brief an Reinhold aus dem Jahre 1795, sei seine »Achtung gren-
zenlos«85. In den frühen Schriften und Aufzeichnungen Fichtes
finden sich zahlreiche Hinweise auf eine Auseinandersetzung mit
Maimon, vor allem mit seinen skeptischen Angriffen auf Kant. In
seiner Schrift Über den Begriff der Wissenschaftslehre von 1794
schreibt Fichte, er verdanke den »vortreflichen Maimonschen
Schriften«86 die Einsicht, daß die Philosophie »noch nicht zum
Range einer evidenten Wissenschaft erhoben sei«87. In Maimons
Schriften findet er gleichfalls Hinweise zur Lösung dieses Pro-
blems: die Lehre von der Einbildungskraft88 und der mathemati-
schen Konstruktion.89 Weiterhin ist auf den Einfluß Maimons auf

schickten Manifest«, in: Salomon Maimon’s Streifereien im Gebiete


der Philosophie, Berlin 1793 (IV 199–266).
83 »Briefe des Philaletes an Aenesidemus«, in: Versuch einer neuen
Logik oder Theorie des Denkens, Berlin 1794 (V 349–496).
84 Kroner (1921), S. 326.
85 GA III, 2; S. 282.
86 GA I, 2; S. 109.
87 Ebd.
88 Vgl. GA I, 2; S. 368: »Es wird demnach hier gelehrt, daß alle
Realität – es versteht sich für uns, wie es denn in einem System der
Transcendental-Philosophie nicht anders verstanden werden soll –
bloß durch die Einbildungskraft hervorgebracht werde. Einer der grö-
sten Denker unsers Zeitalters, der, so viel ich einsehe, das gleiche
lehrt, nennt dies eine Täuschung durch die Einbildungskraft.« Die
Herausgeber identifizieren in Fichtes Bezugnahme Maimon.
89 Vgl. GA IV, 3; S. 32 f.: »Kant hat der Geometrie den ausschlies-
senden Besitz der Demonstration zugestanden, weil sie ihre Begriffe
XLIV Florian Ehrensperger

Fichte mit dem Satz der Bestimmbarkeit hingewiesen worden.90


Friedrich Wilhelm Joseph Schelling91 erwähnt Maimons Schrift
Versuch einer neuen Logik anerkennend in seiner Schrift Vom Ich
als Princip der Philosophie oder über das Unbedingte im mensch-
lichen Wissen.92 Von Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist nicht be-

konstruieren könne, welches die Wissenschaftslehre nicht vermöge.


Alle seine Nachfolger sagten dasselben. Alle Skeptiker, Maimon be-
sonders haben daraus Folgerungen gezogen gegen die Philosophie
und ihre Würde.« Vgl. hierzu auch GA IV, 1; S. 212: »Maimon wirft
der kantischen Phil[osophie]. vor sie habe keine Realität, denn fragt
er, wie kommt man dazu, die Begriffe a priori auf Objecte anzuwen-
den; in der Mathem[atik]. sagt er läßt sich die Realität unserer Begrif-
fe einsehen, denn wir construiren selbst sezt er hinzu. Daß nun die
Gesetze des Geistes darauf paßen läßt sich leicht einsehen.« Anders
als Maimon will Fichte sich jedoch nicht mit einem skeptischen
Schluß für die Transzendentalphilosophie zufrieden geben: »So wie es
aber in der Mathematik ist so ist es in der ganzen Weltanschauung,
der Unterschied ist nur, daß man sich beim Construiren der Welt sei-
nes Construirens nicht bewust ist«. (Ebd.) Fichte wirft Maimon vor,
aus einer unsystematischen Position ein System machen zu wollen:
»Aber das Nichtsystem zum System zu machen, ist widersinnig.« (GA
II, 4; S. 229) Im Gegensatz hierzu wiederum Maimon: »Philosophie
ist (wie schon ihr Name zeigt) vielmehr eine intellektuelle Tendenz,
als ein geordnetes Ganze der Erkenntniß selbst.« (VI 135)
90 Vgl. hierzu vor allem die in der Bibliographie angeführten Ar-
beiten von Klaus Hammacher sowie Daniel Breazeale.
91 Valerio Verra schreibt hierzu in seinem Nachwort zu den Ge-
sammelten Werken Maimons: »Bei Schelling wird der von Maimon
behauptete konstruktive Charakter des Denkens über den Bereich der
Mathematik hinaus zur Anwendung gebracht in Richtung auf eine
spekulative Naturphilosophie und einen transzendentalen Idealismus,
wo das konstruktive Verfahren sowohl die Entwicklung der unendli-
chen Produktivität der Natur wie die entsprechende und parallele
Entwicklung des Selbstbewußtseins darstellen soll, anstatt, wie bei
Maimon, einfach als Begründung des gegen jedes nicht bloß mathe-
matische Wissen gerichteten Skeptizismus zu gelten.« (Valerio Verra:
»Nachwort«, in: VII 681–719; hier: 684)
92 Bei der Erwähnung bezieht sich Schelling auf Maimons Versuch
einer neuen Logik oder Theorie des Denkens. Nebst angehängten
Briefen des Philaletes an Aenesidemus (Berlin 1794): Friedrich Wil-
Einleitung XLV

kannt, ob er Maimon überhaupt gelesen hat. In der Forschung


hat man über einen eventuellen Einfluß spekuliert.93 Wenn-
gleich allgemein anerkannt ist, daß Maimon einen nicht geringen
Einfluß auf die Entwicklung des deutschen Idealismus ausgeübt
hat, so ist es doch nur der frühe Fichte, der sich zu Maimon be-
kennt.
Der Neukantianismus, auch als Reaktion gegen die Systeme
des deutschen Idealismus zu verstehen, geht nicht nur auf Kant,
sondern auch – in freilich wesentlich geringerem Ausmaß – auf
Maimon zurück.94 Es sei hier nur auf folgende zwei Parallelen
hingewiesen: die Lehre vom Differential und der Ausgang der
Philosophie vom Faktum der Wissenschaft. Die Lehre vom Diffe-
rential, die im vorhergehenden Überblick nicht behandelt werden
konnte, wurde von Hermann Cohen in seiner Schrift Das Princip
der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte. Ein Kapitel
zur Grundlegung der Erkenntniskritik, Berlin 1883, weiterent-
wickelt. Ein solcher Versuch ist wie bei Maimon durch die ideali-
stische Grundannahme motiviert, »daß die Welt der Dinge auf

helm Joseph Schelling: Vom Ich als Princip der Philosophie (1795),
in: Historisch-kritische Ausgabe. Werke 2. Herausgegeben von Hart-
mut Buchner und Jörg Jantzen, Stuttgart-Bad Cannstatt 1980, S. 137
und 151.
93 Vgl. hierzu Wolfgang Bonsiepen: »Salomon Maimons Kant-Re-
zeption – Ausgangspunkt für Hegels Kant-Kritik?«, in: Allgemeine
Zeitschrift für Philosophie 7, 1982, S. 37–44 sowie Samuel Hugo
Bergman: »Maimon and Hegel«, in: ders.: The Philosophy of Solo-
mon Maimon. Translated from the Hebrew by Noah J. Jacobs, Jeru-
salem 1967, S. 248–255.
94 Eine erste kritische Würdigung der verschiedenen Aspekte der
Philosophie Maimons, so bemerkte Friedrich Kuntze, stellt die Dar-
stellung Johann Eduard Erdmanns dar: »Die Auferstehung Maimons
bedeutet der ›Versuch einer wissenschaftlichen Darstellung der Ge-
schichte der neueren Philosophie‹ von Dr. Johann Eduard Erdmann«,
Leipzig 1848 (Friedrich Kuntze: Die Philosophie Salomon Maimons,
Heidelberg 1912, S. 12). Zum Verhältnis von Maimon zu Hermann
Cohen siehe beispielsweise Friedrich Kuntze (1912), S. 339 sowie Sa-
muel Hugo Bergman: »Maimon und Cohen«, in: Monatsschrift für
Geschichte und Wissenschaft des Judentums 83, 1939, S. 548–561.
XLVI Florian Ehrensperger

dem Grunde der Gesetze des Denkens beruht«95. Es ist erstaun-


lich, daß Cohen Maimon in seiner Schrift nicht erwähnt, kann
Maimon doch als erster gelten, der den mathematischen Begriff
des Differentials in die Erkenntnistheorie eingeführt hat. Schon
Friedrich Kuntze96 hat auf diesen Mißstand aufmerksam ge-
macht, wobei sich Cohen in der Schrift Kants Theorie der Erfah-
rung genötigt sieht, darauf hinzuweisen »dass Salomon Maimon
in entschiedener Weise den Zusammenhang von Bewusstsein und
Differential hervorgehoben hat in seinen Untersuchungen zur
Transszendental-Philosophie«97. Darüber hinaus findet sich bei
Maimon ein für den Neukantianismus paradigmatisches Verhält-
nis von Philosophie und Wissenschaft. Bei Maimon liest man

95 Hermann Cohen: Das Princip der Infinitesimal-Methode und


seine Geschichte. Ein Kapitel zur Grundlegung der Erkenntniskritik,
Berlin 1883, S. 125.
96 Kuntze (1912), S. 339: »Cohen hat in seinem ›Prinzip der Infi-
nitesimalmethode und seine Geschichte‹ (Berlin 1883) den Kantischen
Satz von den Antizipationen in genau derselben Weise, mit denselben
Hilfsmitteln und zu genau dem gleichen systematischen Zwecke um-
gebildet wie Maimon. (Siehe namentlich op. cit., S. 147 ff.) Das Merk-
würdige aber ist, daß Cohen, als er das in Rede stehende Buch
schrieb, nichts von diesem Versuche Maimons gewußt zu haben
scheint, denn er erwähnt ihn nicht.«
97 Hermann Cohen: Kants Theorie der Erfahrung. 3. Auflage,
Berlin 1918, S. 540. Anm. Cohen fährt hier weiter fort: »Diese in der
II. Aufl. enthaltene Bemerkung hat Kuntze übersehen in seinem gegen
mich erhobenen Vorwurf, der zudem auch meinen Zusammenhang
mit Maimon über die obenbezeichnete Grenze hinaus erweitert.«
(Ebd.) An anderer Stelle schreibt er: »Am meisten bekannt sind die
tiefsinnigen, scharfsinnigen, auf gründlicher Kenntnis der Mathema-
tik beruhenden Arbeiten Salomon Maimons. Fichte, der ein philoso-
phisches Talent zu schätzen vermochte, hat solches gerade an Mai-
mon anerkannt. Die Forschung auf diesem Gebiete muß erst wieder
ein ganz anderes Ansehen gewinnen, als welches heute den Markt be-
herrscht, wenn die Verdienste Maimons, die etwas tiefer liegen, zur
Anerkennung kommen sollen.« (Hermann Cohen: »Innere Beziehun-
gen der Kantischen Philosophie zum Judentum«, in: ders.: Jüdische
Schriften. Mit einer Einleitung von Franz Rosenzweig herausgegeben
von Bruno Strauß. Bd. 1, Berlin 1924, S. 284–305, hier: S. 302 f.)
Einleitung XLVII

über das Faktum der Wissenschaft:98 »Die Philosophie ist die Idee
einer Wissenschaft, deren Gegenstand die Möglichkeit einer Wis-
senschaft überhaupt ist.« (VI 130) Dabei ist Philosophie auf das
Faktum der Wissenschaft selbst angewiesen: »Ohne Philosophie
ist keine Wissenschaft überhaupt möglich, weil sie die Form einer
Wissenschaft überhaupt a priori bestimmt. Ohne irgend eine ande-
re Wissenschaft vorauszusetzen, hat die Philosophie für uns gar
keine Bedeutung.« (V 19)
Zahlreiche weitere Parallelen in der Philosophie- und Wissen-
schaftsgeschichte ließen sich aufzeigen. Meir Buzaglo hat einen
Vergleich Maimons mit Gottlob Frege99 und dem Strukturalismus
in der Mathematik100 unternommen. In der gegenwärtigen anglo-
amerikanischen Philosophie101 finden sich Anklänge an Themen
Maimons.
Ein vermehrtes historisches Interesse an der nachkantischen
Philosophie und dem deutschen Idealismus102 sowie den Anfän-
gen der philosophischen Romantik103 haben in jüngster Zeit
Maimon wieder in das Blickfeld gerückt. Die Maimon-Forschung
steht jedoch erst an ihrem Anfang. Sie sollte es sich u. a. zum Ziel
machen, der tendenziösen Beurteilung von Maimons Stil, seiner
Methode und seiner Konzeption von Philosophie ein Ende zu set-

98 Wie bereits bemerkt, beschränkt sich dieses bei Maimon auf


die Mathematik.
99 Siehe Meir Buzaglo: »A Short Comparison with Frege«, in:
Buzaglo (2002), S. 93–95.
100 Siehe ders.: »Maimon and Modern Structuralism in Mathema-
tics«, in: ebd., S. 139–147.
101 Siehe hierzu die Hinweise von Paul Franks in seinem Aufsatz
»What should Kantians learn from Maimon’s Skepticism?«, in: Freu-
denthal (2003), S. 200–232, hier: S. 208 Anm. 28; sowie Peter Thiel-
ke: »Intuition and Diversity: Kant and Maimon on Space and Time«,
in: ebd., S. 89–124, hier: S. 119 Anm. 39.
102 Vgl. hierzu die in der Bibliographie angegebenen Arbeiten von
Frederick Beiser und Paul Franks.
103 So z. B. die Monographie von Manfred Frank: ›Unendliche
Annäherung‹. Die Anfänge der philosophischen Frühromantik,
Frankfurt a. M. 1997.
XLVIII Florian Ehrensperger

zen, die mit Kant104 ihren unrühmlichen Anfang105 gemacht hat.


Es gilt einen Denker zu erschließen, der sich selbst wenig um die
Klassifizierung als kantisch, antikantisch, dogmatisch, kritisch
oder skeptisch bekümmert hat, so daß zuweilen ein falsches oder
zumindest einseitiges Bild seiner Philosophie entstehen konnte.
Diese zu würdigen setzt eine Würdigung seiner Konzeption von
Philosophie voraus:
»In Ansehung des Gebrauchs des Erkenntnißvermögens giebt
es keine allein seligmachende Lehre, keinen Erlöser, der die Men-
schen (mit den Theologen zu sprechen) von der Sünde des Stre-
bens nach Erkenntniß des Guten und Bösen befreiet hat; keine
Zurechnung der Verdienste eines Andern durch den Glauben, wie
bei den Kantianern, die durch das von Kant aufgestellte System,
und das Glauben an dasselbe, der beschwerlichen Geschäfte des
Selbstdenkers überhoben zu seyn wähnen.« (VII 669 f.)106

104 Kant schreibt in einem Brief an Reinhold: »was aber z. B. ein


Maimon mit seiner Nachbesserung der kritischen Philosophie (der-
gleichen die Juden gerne versuchen, um sich auf fremde Kosten ein
Ansehen von Wichtigkeit zu geben) eigentlich wolle, nie recht habe
fassen können und dessen Zurechtweisung ich anderen überlassen
muß«. (Kant (1986), S. 662 f.)
105 Zwei Beispiele für die weitere Rezeption mögen hier genügen:
Erich Adickes (Adickes (1895–1896), S. 47): »Neither by nature nor
by his talmudistic education was Maimon endowed with any great
gift of productive and systematic thought, though both went towards
fitting him for polemic and criticism.« Hermann Glockner: Die eu-
ropäische Philosophie von den Anfängen bis zur Gegenwart, Stutt-
gart 1958, S. 728: »Lesenswerter als alle philosophischen Schriften
dieses polnisch-litauischen Talmudisten ist seine von K. Ph. Moritz
herausgegebene Selbstbiographie (1792).« Vgl. hierzu: Gideon Freu-
denthal: »A Philosopher between Two Cultures«, in: Freudenthal
(2003), S. 1–17.
106 Zur Kritik Maimons an den Kantianern siehe auch VII 568.
Einleitung XLIX

V. Editorische Hinweise

Die vorliegende Ausgabe bringt den Versuch über die Transzen-


dentalphilosophie nach der Originalausgabe, Berlin 1790 (re-
prographischer Nachdruck in Bd. II der Gesammelten Werke,
Hildesheim 2000, S. VII–442). Redaktionelles Prinzip dieser Aus-
gabe ist es, die sprachliche Originalität weitgehend zu erhalten
und gleichzeitig dem Anspruch auf Leserfreundlichkeit Genüge zu
tun. Die Orthographie wurde daher behutsam modernisiert (z. B.
Teil statt Theil, winklig statt winklicht, bei statt bey). Eigenna-
men werden in ihrer heutigen Form geschrieben und gegebenen-
falls vereinheitlicht. Umlaute werden als ä, ö und ü wiedergege-
ben. Originale Worttrennung, Groß- und Kleinschreibung sowie
Interpunktion wurden beibehalten. Fehlende oder falsche Zei-
chensetzung, Abweichungen in der Grammatik, z. B. in der Wahl
des Genus oder in der Deklination, wurden nicht korrigiert. Die
Differenzierung innerhalb der Hervorhebungen der Originale
wurde beibehalten. Die für Zitate verwendeten lateinischen Buch-
staben werden durch Groteskschrift wiedergegeben. Veränderun-
gen in der Schriftgröße im fließenden Text wurden einheitlich
wiedergegeben. Offensichtliche Druckfehler wurden stillschwei-
gend korrigiert und die im Druckfehlerverzeichnis (S. 445–446)
verzeichneten Korrekturen ausgeführt. Darüber hinaus wurden
folgende Textkorrekturen vorgenommen:
S. 21 Anm.: Auch ist etwas Großes (Quantum) doch nicht als
eine Größe (Quantität) betrachtet] Auch ist etwas Großes (Quan-
tum) doch nicht als eine Größe Quantität
S. 25: d x : d y] d x d y
S. 67: α = α β, b = α.] a = α B, b = α.
S. 67: Merkmale a β hat, so muß wiederum α von β verschieden
sein] Merkmale B α hat, so muß wiederum α von β verschieden
sein
S. 83: Abc] abc
S. 105: Deduktion] Reduktion
S. 112: alle Realitäten sind bloß jede Realität] alle Realitäten
bloß jede Realität
S. 134: nichts ist ohne Grund] nichts ohne Grund
L Florian Ehrensperger

S. 190: 0,1, 0,01] 0,1, 00,1


Abkürzungen (»K.« für Kant, »B.« für [Lazarus] Bendavid,
»E.V.« für Erkenntnisvermögen) wurden jeweils aufgelöst, ohne
eigens darauf hinzuweisen. Auf eine Anmerkung des Herausge-
bers wird seitlich der Textkolumne im Bundsteg mit fortlaufen-
den Ziffern hingewiesen. Fußnoten Maimons werden im Text
gleichfalls mit fortlaufenden hochgestellten Ziffern bezeichnet
und auf der jeweiligen Seite wiedergegeben. Auf die »Anmerkun-
gen und Erläuterungen« (S. 182–230) Maimons wird mit einem
Asterisk seitlich der Textkolumne, ebenfalls im Bundsteg, hinge-
wiesen. Die Paginierung der Originalausgabe erscheint kursiviert
im Kolumnentitel. Die falsche Paginierung des Originals (auf 400
folgt 405; daß es sich hierbei nur um einen Druckfehler handelt
und keine Seiten fehlen, wird aus dem Zusammenhang ersicht-
lich) wurde beibehalten. Der jeweilige Seitenumbruch ist mit ei-
nem Trennstrich im Text gekennzeichnet.
Die Beilage »Antwort des Hrn. Maimon auf voriges Schrei-
ben« erschien in: Berlinisches Journal für Aufklärung, 1790, Bd.
IX/1, S. 52–80, als eine Antwort auf das »Schreiben des Herrn R.
an Herrn Maimon«107, in: ebd., S. 48–51. Sie wurde ebenfalls
nach den oben angeführten Kriterien modernisiert. Auf Heraus-
geberanmerkungen wurde verzichtet. Auch wurde die Beilage
nicht in das Register aufgenommen. Der als Beilage abgedruckte
Aufsatz erschien gekürzt und mit Veränderungen als Teil des Ar-
tikels »Wahrheit« in Maimons Schrift Philosophisches Wörter-
buch, oder Beleuchtung der wichtigsten Gegenstände der Philo-
sophie, in alphabetischer Ordnung, Berlin 1791 (III 185–201). Es
ist darauf aufmerksam zu machen, daß Maimon im Philosophi-
schen Wörterbuch eine Änderung an der Textgestalt vornimmt,
die im Hinblick sowohl auf Maimons »Coalitionssystem« (I 557)
als auch seine weitere philosophische Entwicklung von Interesse
ist. In der »Antwort des Hrn. Maimon auf voriges Schreiben«
heißt es eingangs: »Ich behaupte, daß die Kritik der reinen Ver-
nunft in Ansehung ihres Resultats wider die Dogmatisten unwi-

107 Nach Valerio Verra ist der Autor der Herausgeber des Journals
Andreas Riem (VII 722).
Einleitung LI

derleglich sei, und daß also die Frage: Ist Metaphysik möglich?
(in dem Sinn, worin Herr Kant es nimmt, nämlich, als eine Wis-
senschaft der Dinge an sich) mit Nein beantwortet werden muß,
behaupte aber zugleich, daß dies System unzulänglich sei, und
dieses in zweierlei Betracht.«108 Dieser Satz gibt eine Umschrei-
bung dessen, was Maimon seinen »verbesserten Leibnizismus« (II
521) nennt und was oben umrissen wurde. In dem 1791 erschie-
nen Philosophischen Wörterbuch wurde u. a. diese Passage getilgt
und folgende eingefügt: »Dieses [Kants; F. E.] System ist un-
zulänglich, um dadurch allem fernern Scepticismum vorzubeu-
gen.« (III 185) Maimon behauptet weiterhin in einem anderen
Aufatz aus dem Jahre 1792, »daß ihn dieser hohe Schwung
schwindlich macht« (III 455) – nämlich eine »Vereinigung der
Kantischen Philosophie mit dem Spinozismo« (ebd.), welche er
nun einen »Salto mortale« (ebd.) nennt – und »glaubt vielmehr
die Vereinigung der Kantischen Philosophie mit dem Humischen
Skeptizismo bewerkstelligen zu können«. (Ebd.) Maimons philo-
sophische Entwicklung nach dem Versuch verlangt freilich eine
gesonderte Untersuchung. Es sei jedoch der Hinweis gestattet,
daß sich zumindest in der Überarbeitung des hier abgedruckten
Aufsatzes aus dem Jahre 1791 noch keine wesentliche Akzentver-
schiebung abzeichnet. Außer der einleitenden Passage sind näm-
lich keine weiteren Veränderungen am Text selbst vorgenommen
worden. (Vgl. hierzu die Anmerkung von Valerio Verra, VII
720–722.)
Für Hilfe bei Erstellung der Edition bedanke ich mich bei
Michael Franz, Bernd Göbel, Georg Holzer, Christian Kaufer-
stein, Yitzhak Melamed, Albert Mues, Gabor Mues, Konstantin
Pollok und Johannes Rößler. Ein Stipendium des Erasmus Institu-
te der University of Notre Dame, Indiana, hat es mir u. a. ermög-
licht, die Arbeit an der Edition zu einem Abschluß zu bringen.
Karl Ameriks und Paul Franks danke ich für ihre Unterstützung
während meiner Zeit in Notre Dame und für die Durchsicht der
Einleitung. Besonders fühle ich mich Gideon Freudenthal ver-

108 Berlinisches Journal für Aufklärung, 1790, Bd. IX/1, S. 52.


LII

pflichtet, mit dem ich über Jahre hinweg editorische und philo-
sophische Probleme diskutieren konnte.
Nicht zuletzt sei dem Franz Rosenzweig Research Center ge-
dankt, das die Veröffentlichung durch die großzügige Gewähr
eines Druckkostenzuschusses ermöglicht hat.

Notre Dame und Berlin,


im August 2003 Florian Ehrensperger
Versuch
über die
Transzendentalphilosophie

mit einem
Anhang
über die
symbolische Erkenntnis
und
Anmerkungen
von
Salomon Maimon,
aus Litauen in Polen

1 Dextrum Scylla latus, laevum implacata Charybdis


Obsidet. – – –
Virgil. Aen. Lib. III, v. 420.

Berlin,
bei Christian Friedrich Voß und Sohn
1790
III | VII 3

2 An Seine Majestät den König von Polen,


Großherzog von Litauen, etc. etc. | |

Sire!

Die Menschen haben von jeher die Herrschaft der Vernunft über
sich anerkannt, und sich ihrem Zepter freiwillig unterworfen. Sie
haben ihr aber bloß eine richterliche, nicht eine gesetzgebende,
Macht zuerkannt. Der Wille war immer der oberste Gesetzgeber;
die Vernunft sollte nur die Verhältnisse der Dinge zu einander, in
Beziehung auf den Willen bestimmen. In den neuern Zeiten haben
die Menschen einsehen gelernt, daß der freie Wille nichts anders,
als die Vernunft selbst sein kann, und daß diese daher nicht bloß
das Verhältnis der Mittel zum Endzweck, sondern den Endzweck
selbst bestimmen muß. Die Grundsätze der Moral, Politik, ja
selbst des Geschmacks, müssen den Stempel der Vernunft haben,
wenn sie von irgend einem Gebrauch sein sollen. Es ist also ein
wichtiges Geschäft, ehe man die Gesetze der Vernunft auf diese
Gegenstände anwendet, erst diese Gesetze selbst durch Untersu-
chung über die | Natur der Vernunft, die Bedingungen ihres Ge-
brauchs und ihre Grenzen, zu bestimmen und festzusetzen. Dies
ist keine einzelne Spekulation, die bloß die Befriedigung der Wiß-
begierde zum Endzweck hat, und die daher aufgeschoben, und
andern wichtigern Geschäften nachgesetzt werden muß; sondern
sie muß allen übrigen Geschäften vorgehen, weil, ehe dieses ge-
schehen ist, nichts vernünftiges im Menschenleben vorgenommen
werden kann. Dieses ist die Untersuchung, die ich in diesem Wer-
3 ke angestellt habe, das ich jetzt zu den Füßen des Throns Ewr.
Königlichen Majestät zu legen wage.
Wenn es wahr ist, daß man die innere Würde eines Mannes in
hohen Posten mit weit größerer Zuverlässigkeit aus der Art, wie
er seine Muße verwendet, als aus den Beschäftigungen erkennen
kann, die sein erhabner Stand von ihm zu fordern scheint, und
wobei er eine ganze Nation, ja öfters | eine halbe Welt zu Zeugen
hat; wie hoch müssen wir dann nicht das Verdienst eines Regen-
ten würdigen, Der von dem ehrenvollsten und schwersten aller
4 Versuch über die Transzendentalphilosophie VII | IX

Geschäfte, Menschen glücklich zu machen, in den Armen der


Musen, im Schoße der Wissenschaften ausruht, und so noch
selbst in Seinen Erholungen, und Feierstunden groß bleibt! Ver-
bindet Er mit dem stillen Bewußtsein eigner Würde, das Ihm dies
unaufhörliche Ringen nach Vollkommenheit gewähren muß,
noch überdem die liebenswürdige Eigenschaft der Popularität, die
den Glanz des Thrones mildert, und dem bescheidnen Wahrheits-
forscher Mut gibt, seine Untersuchungen zu den Füßen der Maje-
stät niederzulegen; wie feurig muß Ihm dann nicht jedes Herz zu-
fliegen, wie muß Sein Beispiel dann nicht alle Seine Untertanen
auffordern, Ihm wenigstens in dem erreichbaren Grade ähnlich
zu werden, und ihre ganze Kraft auf die Wissenschaften zu rich-
ten, denen ihr erhab | ner Monarch nur einen geringen Teil Seiner
kostbaren Zeit schenken kann: zumal da sie sich von Ihm nicht
nur Schutz und Nachsicht, sondern auch Leitung und Belehrung
versprechen dürfen.
Es ist mein Stolz, in dem Lande eines Regenten geboren zu
sein, Der jene erhabnen Vorzüge in so vollem Maße besitzt, Der
die Wissenschaften schützt, und befördert, weil Er ihren Einfluß
auf den Staat kennt, weil Er weiß, daß sie die menschliche Natur
veredeln, und unserm Geist die Ausdehnung und Freiheit geben,
die zwar dem zagenden Despoten verdächtig sind, von denen aber
der gute Landesvater nichts fürchtet, und sie darum Seinen Kin-
dern, als ihr unveräußerliches Geburtsrecht eher gönnen, als
mißgönnen wird. – Es ist mein Stolz, unter dem Zepter Ewr. Kö-
nigl. Majestät geboren zu sein. Und führte mich gleich mein
Schicksal in die Preußischen Staaten, so blieben mir doch selbst in
der Entfernung | die glücklichen Bemühungen Ewr. Königl. Ma-
jestät um die Wissenschaften immer heilig und unvergeßlich, und
bewogen mich, Ewr. Majestät diese Versuche über einige Gegen-
stände der Transzendentalphilosophie in tiefster Untertänigkeit
zuzueignen.
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn diese erste Frucht
meiner geringen Talente nicht ganz unwürdig gefunden würde,
mit dem hohen Beifall Ewr. Königlichen Majestät beehrt zu wer-
den; wenn ich dadurch etwas dazu beitragen könnte, den edlen
Polen eine vorteilhafte Meinung von meiner Nation, nämlich den
IX | XI Widmung 5

unter ihrem Schutze lebenden Juden, beizubringen, und sie zu


überzeugen, daß es ihnen weder an Fähigkeit, noch an gutem Wil-
len, sondern bloß an einer zweckmäßigen Richtung ihrer Kräfte
gemangelt hat, wenn sie dem Staat, der sie geduldet, nicht nütz-
lich gewesen sind. Doppelt glücklich wäre ich, wenn es mir ge- |
lingen sollte, meine Nation zugleich auf ihre wahren Vorteile auf-
merksam zu machen, und ihr Mut und Eifer zu dem Bestreben
einzuflößen, sich der Achtung der Nation, unter welcher sie lebt,
durch Aufklärung und Rechtschaffenheit immer würdiger zu ma-
chen, und die Wohltaten zu verdienen, die sie unter der weisen
Regierung Ewr. Königlichen Majestät genießet.
Mit den wärmsten Wünschen für die Erhaltung und Glückse-
ligkeit Ewr. Königl. Majestät verharre ich zeitlebens

E w r. M a j e s t ä t

Berlin,
im Dezember, untertänigster Knecht,
1789. Salomon Maimon. |
6 Versuch über die Transzendentalphilosophie XI | 1

AD KANTIUM

4 E tenebris tantis tam clarum extollere lumen


Qui primus potuisti, illustrans commoda vitae,
Te sequor, o G ... ae gentis decus, inque Tuis nunc
Fixa pedum pono pressis vestigia signis:
Non ita certandi cupidus, quam propter amorem
Quod Te imitari aveo; quid enim contendat hirundo |
Cycnis? aut quidnam tremulis facere artubus hoedi
Consimile in cursu possint, ac fortis equi vis?
Tu Pater et rerum Inventor! Tu patria nobis
Suppeditas praecepta, Tuisque ex, Inclute, chartis,
Floriferis ut apes in saltibus omnia limant,
Omnia nos itidem depascimur aurea dicta,
Aurea, perpetua semper dignissima vita. –
Lucret. Lib. III. |
1|2 7

EINLEITUNG

5 Wenn es wahr ist, daß jedes Wesen sich bestrebt, so viel an ihm
ist, sein Dasein zu verlängern, und das Dasein eines denkenden
6 Wesens (nach dem kartesianischen identischen Satz: cogito, ergo
sum) im Denken besteht: so folgt hieraus ganz natürlich, daß je-
des denkende Wesen sich bestreben muß, so viel an ihm ist, zu
denken. Es ist nicht schwer, zu beweisen: daß alle menschlichen
Triebe, in so fern sie menschliche Triebe sind, sich in dem einzi-
7 gen Triebe zu denken auflösen lassen; ich erspare aber dieses bis
zu einer andern Gelegenheit. Auch die Verächter des Denkens,
wenn sie nur genau auf sich selbst aufmerksam sein wollen, müs-
sen diese Wahrheit eingestehn. Alle menschliche Beschäftigungen
sind, als solche, bloß ein mehr oder weniger Denken. |
Da aber unser denkendes Wesen eingeschränkt ist, so ist dieser
Trieb, obwohl nicht objektiv, doch subjektiv begrenzt. Es gibt
also hier ein Maximum, das man (alle äußere Hindernisse abge-
rechnet) nicht überschreiten, wohl aber von demselben durch ei-
gene Nachlässigkeit zurück bleiben kann; folglich ist das Bestre-
ben eines denkenden Wesens: nicht nur überhaupt zu denken,
sondern dieses Maximum im Denken zu erreichen. Man kann da-
her den Wissenschaften, außer ihrem mittelbaren Nutzen im
menschlichen Leben, einen unmittelbaren Nutzen, indem sie die-
ses Denkungsvermögen beschäftigen, nicht absprechen.
Nun gibt es aber nur zwei eigentlich so genannte Wissenschaf-
ten, in so fern sie auf Principia a priori beruhen; nämlich: die Ma-
thematik, und die Philosophie. In allen übrigen Gegenständen
menschlicher Erkenntnis aber ist nur so viel Wissenschaft, als die-
* 8 se darin enthalten sind, anzutreffen. Die Mathematik bestimmt
ihre Gegenstände völlig a priori, durch Konstruktion; folglich
bringt darin das Denkungsvermögen sowohl die Form, als die
8 Versuch über die Transzendentalphilosophie 2|4

Materie seines Denkens aus sich selbst heraus. So ist es aber nicht
mit der Philosophie beschaffen: in derselben bringt der Verstand
bloß die Form seines Denkens aus sich | selbst heraus; die Objek-
te aber, worauf diese angewandt werden soll, müssen ihm von ir-
gend anders woher gegeben werden.
Die Frage ist also: wie ist Philosophie, als eine reine Erkenntnis *
a priori, möglich? Der große Kant hat diese Frage in seiner Kritik 9
der reinen Vernunft aufgeworfen, und sie auch selbst beantwor-
tet, indem er zeigt: daß die Philosophie transzendental sein muß,
wenn sie von irgend einem Gebrauch sein soll, d. h. sie muß sich a
priori auf Gegenstände überhaupt beziehen können, und heißt als-
dann die Transzendentalphilosophie. Diese ist also eine Wissen-
schaft, die sich auf Gegenstände bezieht, welche durch Bedingun-
gen a priori, nicht durch besondre Bedingungen der Erfahrung a
posteriori bestimmt sind: wodurch sich die Transzendentalphilo-
sophie sowohl von der Logik, die sich auf einen unbestimmten
Gegenstand überhaupt, als von der Naturlehre unterscheidet, die
sich auf durch Erfahrung bestimmte Gegenstände bezieht. Ich
will es mit Beispielen erläutern. Der Satz: A ist A, oder ein Ding ist
mit sich selbst einerlei, gehört zur Logik: denn hier bedeutet A ein
Ding überhaupt, das zwar bestimmbar, aber doch durch keine Be-
dingung, so wenig a priori als a posteriori, | bestimmt ist: daher gilt
er auch von jedem Dinge ohne Unterschied. Der Satz aber: der
Schnee ist weiß, gehört zur Naturlehre; weil sowohl das Subjekt
(Schnee), als das Prädikat (weiß) Gegenstände der Erfahrung
sind. Hingegen dieser Satz: alles Wechselnde (Akzidenz) ist mit et-
was Beharrlichem in der Zeit (Substanz) notwendig verknüpft,
gehört nicht zur Logik; weil das Subjekt und das Prädikat keine
unbestimmte, d. h. Gegenstände überhaupt sind; sondern das
Subjekt ist dadurch bestimmt, daß es etwas Beharrliches in der
Zeit, das Prädikat aber dadurch, daß es etwas Wechselndes sei.
Auch gehört er nicht zur Physik; denn die Gegenstände sind zwar
bestimmt, aber nur durch Bestimmungen a priori (der Zeit, die
eine Form a priori ist,) bestimmt. Er gehört also zur transzenden-
talen Philosophie. Die Sätze der Logik sind analytische (deren
Prinzip der Satz des Widerspruchs ist); die der Physik sind synthe-
tische a posteriori (das Subjekt wird mit dem Prädikate darum in
4|6 Einleitung 9

einem Satze verknüpft, weil man sie in Zeit und Raum, als ver-
knüpft, wahrnimmt): ihr Prinzip ist (als bloße Wahrnehmungen,
ehe sie durch einen Verstandsbegriff zu Erfahrungssätzen ge-
macht werden) Assoziation der Ideen. Die Sätze der | transzen-
dentalen Philosophie aber sind zwar auch synthetische Sätze, ihr
Prinzip ist aber nicht Erfahrung (Wahrnehmung), sondern viel-
mehr umgekehrt: sie sind Prinzipien oder notwendige Bedingun-
gen zur Erfahrung, wodurch dasjenige, was in der Wahrnehmung
bloß ist, sein muß.
Wir gelangen zu ihnen auf folgende Weise: Zuförderst setzen
wir das Faktum als unbezweifelt voraus: daß wir eine Menge Er-
fahrungssätze haben, d. h. solche, die nicht bloß eine zufällige,
sondern eine notwendige Verknüpfung zwischen den in Wahrneh-
mung gegebenen Subjekten und Prädikaten enthalten. Z. B. das
Feuer erwärmt den Körper, der Magnet zieht das Eisen an, u. dgl.
mehr. Wir machen aber aus diesen besondern Sätzen einen allge-
meinen Satz: daß, wenn das Eine, A, gesetzt wird, auch das Ande-
re, B, notwendig gesetzt werden muß. Nun möchte man zwar
glauben, daß wir diesen allgemeinen Satz durch die Induktion
herausgebracht haben, indem wir voraussetzen, daß er sich auch
durch eine vollständige Induktion bestätigen wird. Da aber unsre
Induktion niemals vollständig sein kann, so kann auch ein auf die
Art herausgebrachter Satz nur so weit, als diese zu | reicht, ge-
braucht werden. Bei genauer Untersuchung finden wir aber, daß
es sich mit einem transzendentalen allgemeinen Satze ganz anders
verhält: nämlich, der Satz ist an sich a priori schon vor den be-
sondern Erfahrungen allgemein, weil wir ohne denselben gar kei-
ne Erfahrungen (subjektive Wahrnehmungen auf Objekte bezo-
gen) haben können, wie es in der Abhandlung selbst gezeigt
werden soll; folglich weit entfernt, einen solchen Satz von der Er-
fahrung abzuleiten, leiten wir vielmehr Erfahrung von demselben
her, indem er eine Bedingung der Erfahrung ist.
Nun könnte man wieder sagen: es ist wahr, daß in den beson-
dern Fällen, wo wir diesen Satz bemerken, er nicht bloß eine
Wahrnehmung, d. h. subjektive Verknüpfung zwischen Subjekt
und Prädikat, sondern eine Erfahrung, d. i. objektive Verknüp-
fung, ist; er kann aber dennoch nur ein besondrer Satz sein, d. h.
10 Versuch über die Transzendentalphilosophie 6|8

von den schon gemachten, nicht a priori von den noch zu ma-
chenden Erfahrungen, gelten. So wie z. B. der Satz: eine gerade Li-
nie ist die kürzeste zwischen zwei Punkten, ob er gleich objektiv
ist, dennoch nur von der geraden Linie, nicht aber allgemein von
allen zu konstruierenden Objekten, gilt; weil dieser Satz nicht auf
Bedingungen einer Konstruktion über | haupt, sondern nur dieser
besondern Konstruktion beruhet. So könnte auch der Satz: wenn
etwas in der Erfahrung gegeben wird, so muß etwas Anderes not-
wendig gegeben werden, nur von dieser besondern, nicht aber
von Erfahrung überhaupt, gelten? Hierauf dient zur Antwort:
diese Voraussetzung ist unmöglich, weil alsdann der Satz so aus-
gedrückt werden müßte: einige Gegenstände der Erfahrung sind
von der Beschaffenheit, daß, wenn der eine gesetzt wird, auch der
andre notwendig gesetzt werden muß. Die Bedingungen, wo-
durch diese einige Gegenstände bestimmt, und von allen, worauf
sich dieser Satz nicht bezieht, unterschieden werden, müßten also
in der Wahrnehmung gegeben werden; die besondern Erfahrun-
gen (das Feuer erwärmt den Körper u. dgl.) müßten durch Ver-
gleichung ihrer mit den im Satze ausgedrückten Bestimmungen,
und Beurteilung, daß sie einerlei sind, entspringen. (Denn wären
diese einige im Satze selbst unbestimmt, so hätten wir gar kein
Kriterium, woran wir erkennen könnten, daß diese besondern
Fälle unter den einigen, worauf sich der Satz bezieht, gehören;
wir könnten also von dem Satze gar keinen Gebrauch machen.)
Nun aber ist der Verstand (als das Vermögen der Regeln) nicht
zu | gleich das Vermögen der Anschauungen; folglich kann sich
der Satz oder die Regel nicht auf besondre Bestimmungen der
Wahrnehmungen beziehn, sondern auf Wahrnehmungen über-
haupt: wir müssen also in den Wahrnehmungen etwas allgemei-
nes a priori aufsuchen; (denn wäre dieses Allgemeine selbst eine
Bestimmung a posteriori, so könnte die Schwierigkeit dadurch
nicht gehoben werden;) dieses finden wir aber wirklich an der
Zeit, die eine allgemeine Form oder Bedingung aller Wahrneh-
mungen ist, folglich auch alle begleiten muß. Jener Satz wird nun
also auf die Art ausgedrückt: das Vorhergehende bestimmt das
Folgende in der Zeit; er bezieht sich also auf etwas a priori allge-
meines, nämlich die Zeit. Woraus wir sehen: daß die Sätze der
8 | 10 Einleitung 11

Transzendentalphilosophie sich erstlich auf bestimmte Objekte


(nicht, wie die der Logik, auf einen Gegenstand überhaupt,) d. h.
auf Anschauungen; zweitens auf a priori bestimmte Objekte
(nicht, wie die der Physik,) beziehen: denn sie müssen entweder
allgemeine Sätze sein, oder sie sind gar keine.
10 Eine vollständige Idee der Transzendentalphilosophie (ob-
schon nicht die ganze Wissenschaft selbst) liefert uns der große
Kant in seinem unsterblichen Werke der Kritik der reinen Ver-
nunft. | Mein Vorhaben in diesem Versuche ist: die wichtigsten
Wahrheiten aus dieser Wissenschaft vorzutragen. Ich folge zwar
dem genannten scharfsinnigen Philosophen; aber (wie der unpar-
teiische Leser bemerken wird) ich schreibe ihn nicht ab: ich suche
* ihn, so viel in meinem Vermögen ist, zu erläutern, zuweilen aber
mache ich auch Anmerkungen über denselben. Besonders lege ich
dem denkenden Leser folgende Anmerkungen zur Prüfung vor.
Erstlich: den Unterschied zwischen bloßer Erkenntnis a priori,
und der reinen Erkenntnis a priori, und die noch zurückgebliebne
Schwierigkeit in Ansehung der letztern. Zweitens: meine Herlei-
tung des Ursprungs der synthetischen Sätze aus der Unvollstän-
digkeit unserer Erkenntnis. Drittens: den Zweifel in Ansehung
11 der Frage: Quid facti, worin Hume’s Einwurf unauflöslich zu sein
scheint. Viertens: die von mir gegebnen Winke zur Beantwortung
der Frage: quid juris, und Erklärung der Möglichkeit einer Meta-
physik überhaupt, durch das Reduzieren der Anschauungen auf
ihre Elemente, die von mir Verstandsideen genannt worden sind.
Die übrigen Anmerkungen wird der Leser selbst an ihrem Orte
finden. Wie weit ich übrigens Kantianer, Antikantianer, beides zu-
gleich, oder keines | von beiden, bin: überlasse ich der Beurteilung
des denkenden Lesers. Ich habe mich bemüht (welches ich auch
durch mein Motto habe anzeigen wollen), den Schwierigkeiten
dieser entgegengesetzten Systeme, so viel an mir war, auszuwei-
chen; wie weit es mir hierin gelungen ist, mögen Andere entschei-
den.
Was meinen Stil und Vortrag anbetrifft, so gestehe ich selbst,
daß derselbe (weil ich kein Deutscher von Geburt bin, und mich
auch in schriftlichen Aufsätzen nicht geübt habe) sehr mangelhaft
ist. Auch wollte ich dies Werk nicht durch den Druck bekannt
12 Versuch über die Transzendentalphilosophie 10 | 12

machen, wenn mich nicht einige gelehrte Männer, denen ich es


zum Durchlesen gegeben habe, versichert hätten, daß ich bei den
Mängeln meines Vortrags dennoch verständlich bin; und für Le-
ser, die auf den Stil mehr als auf die Sache selbst sehen, schreibe
ich auch nicht. Übrigens soll es nur ein Versuch sein, den ich in
der Folge ganz neu umzuarbeiten gesonnen bin. Sollte ein Rezen-
sent, außer dem Stil und der Ordnung, noch etwas gegen die Sa-
che selbst einzuwenden haben: so werde ich immer bereit sein,
entweder mich zu verteidigen, oder meinen Irrtum einzugestehn.
Mein Hauptbewegungsgrund ist bloß Beförderung der Erkenntnis
der Wahr | heit; und wer meine Lage kennt, wird selbst einsehn,
daß ich auf sonst nichts in der Welt Prätention machen könne.
Ein Tadel über meinen Stil wäre also nicht nur unbillig, weil ich
meine Schwäche darin selbst eingestanden habe, sondern auch
ganz unnütz, weil meine Verteidigung dawider vermutlich nicht
anders, als auch in solchem Stil abgefaßt sein würde: welches
dann einen Progressum in infinitum geben müßte. |
12 | 13 13

erster abschnitt

MATERIE, FORM DER ERKENNTNIS,


FORM DER SINNLICHKEIT, FORM DES VERSTANDES,
ZEIT UND RAUM

Ein eingeschränktes Erkenntnisvermögen, erfordert zwei Stücke:


1) Materie, d. h. etwas Gegebnes; oder das was am Gegenstande
der Erkenntnis erkannt werden soll; 2) Form, oder das wofür es
erkannt werden soll. Die Materie ist das Besondre im Gegenstan-
de, wodurch er erkannt und von allen übrigen unterschieden
wird. Die Form hingegen (in so fern sie im Erkenntnisvermögen
in Beziehung auf diese Art Gegenstände gegründet ist) ist das All-
gemeine, das einer Klasse von Gegenständen zugehören kann. –
* Form der Sinnlichkeit ist daher die Art des Erkenntnisvermögens
in Beziehung auf sinnliche Gegenstände; Form des Verstandes ist
seine Wirkungsart in Beziehung auf Ge | genstände überhaupt;
oder (welches dasselbe ist) auf Gegenstände des Verstandes.
* Z. B. es wird dem Erkenntnis-Vermögen die rote Farbe gegeben
(es heißt darum gegeben, weil dieses Vermögen es nicht aus sich
selbst, nach einer von ihm selbst vorgeschriebnen Art, hervor-
bringen kann, sondern es sich dabei bloß leidend verhält). Dieses
ist also Materie des wahrgenommnen Gegenstandes. Nun ist aber
unsre Art, so wohl die rote Farbe, als andre sinnliche Gegenstände
wahrzunehmen, diese: daß wir das Mannigfaltige darin in Zeit
und Raum ordnen. Diese sind die Formen. Denn diese Arten das
Mannigfaltige zu ordnen, sind nicht in der roten Farbe, als in ei-
nem besondern Gegenstande gegründet; sondern in unserm Er-
kenntnisvermögen in Beziehung auf alle sinnliche Gegenstände
ohne Unterschied. Und so sind wir also a priori überzeugt, daß
nicht nur die sinnlichen Gegenstände, die wir in diesen Formen
schon wahrgenommen haben, sondern auch alle noch wahrzu-
nehmenden Gegenstände diese Formen haben müssen.
Man sieht auch hieraus, daß nicht erst bei der Wahrnehmung
der Gegenstände diese Formen in uns entspringen (weil sie sonst
14 Versuch über die Transzendentalphilosophie 13 | 15

in den be | sondern Gegenständen gegründet, und folglich keine


allgemeine Formen, sein würden); sondern daß sie schon vorher
(als allgemeine Bedingungen dieser Wahrnehmung) in uns waren.
Die Wahrnehmung selbst ist also ein Erkennen dieser allgemeinen
Formen in besondern Gegenständen; und so ist es auch mit den
Formen des Verstandes, wie es in der Folge gezeigt werden soll.
Wir wollen hier von den Formen der Sinnlichkeit an sich han-
deln; im folgenden Abschnitt aber werden wir diese, in Verknüp-
fung mit den Formen des Verstandes, in Beziehung auf die ihnen
zum Grunde liegende Materie der Sinnlichkeit selbst, betrachten.
Also erstlich von den Formen der Sinnlichkeit oder von Zeit und
Raum.

Raum und Zeit.

Raum und Zeit sind keine von den Erfahrungen abstrahierten Be-
griffe; denn sie sind keine Bestandteile der Erfahrungsbegriffe:
d. h. sie sind nicht das Mannigfaltige, sondern die Einheiten, wo-
durch das Mannigfaltige der Erfahrungsbe | griffe zusammen ge-
nommen wird. Z. B. das Gold ist ein Erfahrungsbegriff von der
Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, gelben Farbe, u. s. w. welche
das Mannigfaltige in dem Golde ausmachen; dieses Mannigfaltige
wird aber bloß darum in einem Begriffe zusammen genommen,
weil es in Zeit und Raum zusammen ist; folglich sind Zeit und
Raum, nicht die Bestandteile selbst, sondern bloß die Bande der-
selben. Die Undurchdringlichkeit, die gelbe Farbe u. s. w. an sich,
außer ihrer Verknüpfung betrachtet, sind von der Erfahrung ab-
strahierte Begriffe; nicht aber Zeit und Raum, wodurch diese Ver-
knüpfung möglich ist. Sie sind aber auch keine Erfahrungsbegrif-
fe selbst (Einheit im Mannigfaltigen der Erfahrung); denn sie *
enthalten kein Mannigfaltiges, aus ungleichartigen Teilen beste-
hendes in sich. Die Teile derselben sind nicht vor ihnen, sondern
in ihnen möglich; nur ihrer Quantität, nicht aber ihrer Qualität
nach, können sie als Vielheit betrachtet werden.
Was sind also Raum und Zeit? Herr Kant behauptet, daß sie 12
die Formen unsrer Sinnlichkeit sind, und hierin bin ich mit ihm
völlig einerlei Meinung. Ich füge bloß hinzu, daß diese besondern
15 | 17 Erster Abschnitt 15

Formen unsrer Sinnlichkeit in den allge | meinen Formen unsers


Denkens überhaupt, ihren Grund haben. Denn die Bedingung un-
sers Denkens (Bewußtseins) überhaupt, ist Einheit im Mannig-
faltigen. Sind also A und B völlig einerlei; so fehlet hier das Man-
nigfaltige. Es gibt daher kein Vergleichen, und folglich kein
* Bewußtsein (auch der Einerleiheit nicht). Sind sie aber völlig ver-
schieden, so fehlet hier die Einheit, es gibt abermal kein Verglei-
chen, und folglich auch kein Bewußtsein, selbst dieser Verschie-
denheit nicht, indem die Verschiedenheit, obschon sie subjective
betrachtet, eine Einheit oder Beziehung der Objekte auf einander
ist, doch objective bloß ein Mangel der Einerleiheit ist. Sie kann
also nicht objektive Gültigkeit haben. Raum und Zeit sind also
diese besondern Formen, wodurch Einheit im Mannigfaltigen der
sinnlichen Gegenstände und dadurch diese selbst als Objekte un-
sers Bewußtseins, möglich sind.
Ich bemerke noch, daß jede dieser Formen an sich nicht hinrei-
chend, und daß beide zu diesem Behuf notwendig sind, aber nicht
daß die Setzung der einen die Setzung der andern notwendig
macht; sondern vielmehr umgekehrt, nämlich die Setzung der ei-
nen macht die Hebung der andern in eben denselben Objekten
notwendig. Folg | lich macht die Setzung der einen die Setzung der
andern überhaupt notwendig; weil ohnedies die Vorstellung der
Hebung der andern (als einer bloßen Negation) unmöglich wäre.
Ich werde mich hierüber näher erklären. Raum ist das Auseinan-
* dersein der Objekte (in einerlei Ort sein, ist keine Bestimmung
des Raums, sondern vielmehr die Hebung desselben); Zeit ist
das Vorhergehen und Folgen der Objekte auf einander (das Zu-
gleichsein ist keine Bestimmung der Zeit, sondern die Hebung
derselben). Sollen wir uns also Dinge im Raum, das heißt, außer
einander, vorstellen, so müssen wir sie uns zugleich, das heißt, in
einerlei Zeitpunkt, vorstellen (weil die Beziehung des Auseinan-
derseins eine unteilbare Einheit ist). Sollen wir uns Dinge in einer
Zeitfolge auf einander vorstellen, so müssen wir sie in einerlei
Ort vorstellen, (weil wir sie uns sonst in eben demselben Zeit-
punkt vorstellen müßten). Nun könnte man zwar denken, daß
Bewegung, Raum und Zeit in eben denselben Objekten vereinigen
muß, weil sie Veränderung des Orts in einer Zeitfolge ist. Bei ge-
16 Versuch über die Transzendentalphilosophie 17 | 19

nauer Überlegung aber finden wir, daß es sich doch nicht so ver-
hält, nämlich sie werden hier auch nicht in eben denselben Ob-
jekten vereinigt. Laßt | uns zwei Dinge setzen, die außer einander
sind: a und b; und ferner ein drittes c annehmen, das sich von a
nach b bewegt. Hier wird a und b zugleich (ohne Zeitfolge) in
Raum (außer einander) vorgestellt; c aber d. h. seine verschiednen
Beziehungen (c a. c b.) bloß in einer Zeitfolge, nicht aber im
Raum vorgestellt werden; weil Beziehungen (als Begriffe) bloß in
einer Zeitfolge, nicht aber außer einander gedacht werden kön-
nen.
Raum und Zeit sind so wohl Begriffe als Anschauungen, und *
die letztern setzen die ersten voraus. Die sinnliche Vorstellung der *
Verschiedenheit der bestimmten Dinge ist das Auseinandersein
derselben; die Vorstellung der Verschiedenheit der Dinge über-
haupt ist das Auseinandersein überhaupt oder der Raum. Dieser
Raum ist also (als Einheit im Mannigfaltigen) ein Begriff. Die
Vorstellung der Beziehung eines sinnlichen Objekts auf verschie-
dne sinnliche Objekte zugleich, ist Raum als Anschauung. Gäbe
es nur eine einförmige Anschauung, so hätten wir keinen Begriff
und folglich auch keine Anschauung (weil diese jene voraussetzt)
vom Raume. Gäbe es hingegen lauter verschiedenartige Anschau-
ungen, so hätten wir bloß einen Begriff, aber nicht eine Anschau-
ung des Raumes. Und so ist es auch mit der Zeit. Raum | als An-
schauung (wie auch Zeit) ist also ein ens imaginarium; denn er
entsteht dadurch, daß die Einbildungskraft dasjenige was nur in
Beziehung auf etwas anders ist, als absolut sich vorstellt; von
dieser Art, ist absoluter Ort; absolute Bewegung, u. d. gl. Ja die
Einbildungskraft bestimmt sogar diese ihre Erdichtungen auf
mannigfaltige Art; woraus die Gegenstände der Mathematik ent-
springen (der Unterschied zwischen der absoluten und relativen *
Betrachtungsart ist bloß subjektiv, und ändert nichts im Gegen-
stande selbst). Die Gültigkeit der Grundsätze von diesen Erdich-
tungen beruhet lediglich auf der Möglichkeit ihrer Hervorbrin-
gung. Z. E. aus 3 Linien deren zwei zusammen größer als die 13
dritte sind, kann ein Dreieck entstehen; aus 2 Linien kann keine
Figur entstehen; u. dergl. Ja so gar die Einbildungskraft (als Er- *
dichtungsvermögen, Gegenstände a priori zu bestimmen) stehet
19 | 21 Erster Abschnitt 17

hier dem Verstande zu Dienste. Wenn dieser zur Ziehung einer


Linie zwischen zwei Punkten die Regel vorschreibt, daß sie die
kürzeste sein soll; so ziehet alsbald die Einbildungskraft zur Ge-
nugtuung dieser Forderung eine gerade Linie. Dieses Erdichtungs-
vermögen ist gleichsam ein Mittelding zwischen der eigentlich so-
genannten Einbildungskraft und dem Verstande; indem dieser |
ganz tätig ist. Er nimmt nicht bloß die Objekte (wie sie von ir-
gend einem Grund gegeben sein mögen) auf, sondern er ordnet
und verknüpft sie unter einander; und hierin ist auch sein Verfah-
ren nicht bloß willkürlich, sondern er sieht dabei erstlich auf ei-
nen objektiven Grund, und dann auch auf Vermehrung seiner
Tätigkeit, das heißt, bei ihm gilt nur diejenige Synthesis als Ob-
jekt, die einen objektiven Grund (des Bestimmbaren und der Be-
stimmung) hat und die daher Folgen haben muß; aber keine an-
dere. Die Synthesis der Einbildungskraft hingegen ist nur in so
fern tätiger Art, als sie die Gegenstände nicht bloß auf einmal,
sondern sie unter einander ordnet und verknüpft; sie ist aber hier-
in leidend, daß dieses auf eine bestimmte Art (nach dem Gesetz
der Assoziation) von ihr bewerkstelligt wird. Hingegen ist die
Synthesis des Erdichtungsvermögens ganz freiwillig, und kann
daher, ob zwar nicht regelverständig, doch regelmäßig sein.
Ich will mich hierüber näher erklären.
Eine Synthesis überhaupt, ist Einheit im Mannigfaltigen. Es
kann aber diese Einheit, und dieses Mannigfaltige, entweder not-
wendig (dem Verstande gegeben, nicht aber von demselben her-
vorgebracht) sein; oder willkürlich vom | Verstande selbst, aber
nicht nach einem objektiven Gesetze, hervorgebracht sein oder
auch freiwillig, d. h. vom Verstande selbst nach einem objektiven
Grunde hervorgebracht. Das Gegebene (reale in der Empfindung)
* ist eine Einheit von der ersten Art. Zeit und Raum als Anschau-
ungen, in so fern sie Quanta sind, gehören zur zweiten Art. Ein
bestimmter (eingeschränkter) Raum kann willkürlich als eine Ein-
heit angenommen werden, woraus (durch sukzessiver Synthesis
solcher Einheiten zu einander) eine willkürliche (so wohl in Bezie-
hung auf diese angenommene Einheit, als in Betracht der immer
möglichen Fortsetzung dieser Synthesis) Vielheit entspringt. Ein
Dreieck z. B. ist eine vom Verstande (nach dem Gesetze des Be-
18 Versuch über die Transzendentalphilosophie 21 | 23

stimmbaren und der Bestimmung) hervorgebrachte Einheit. Ein


recht-stumpf- und spitzwinklige Dreieck ist eine vom Verstande
(nach dem Gesetze des Bestimmens) gedachte Vielheit. Zeit und
Raum als Begriffe (des Auseinanderseins und der Folge) enthalten
eine als Differentiale derselben notwendige Einheit im Mannigfal- 14
tigen; denn Synthesis von der Beziehung des Vorhergehenden und
des Folgenden auf einander kann nie vom Verstande getrennet,
gedacht werden, weil sonst das Wesen der Zeit ganz zerstört
werden muß. Nehme ich hingegen eine bestimmte Zeit (Dauer)
als eine Einheit an, und bringe durch sukzessive Synthesis von
der | gleichen Einheiten zu einander, eine größere Zeit hervor; so
ist diese Synthesis bloß willkürlich. Und so ist es auch mit dem
Raume. Hieraus erhellet der Unterschied zwischen Zeit und
Raum als Begriffe, und als Anschauungen betrachte. Im erstern
Falle schließen sie sich einander aus, wie ich schon bemerkt habe;
im zweiten verhält es sich gerade umgekehrt, d. h. sie setzen ein-
ander voraus, denn da sie extensive d. h. solche Größen sind, bei
denen die Vorstellung des Ganzen erst durch die Vorstellung der
Teile möglich wird; so muß man, um einen bestimmten Raum
sich vorstellen zu können immer einen andern bestimmten Raum
als eine Einheit annehmen, um durch sukzessive Synthesis dessel-
ben, diesen beliebigen Raum herauszubringen. Diese sukzessive
Synthesis aber setzt die Vorstellung der Zeit voraus. Wiederum
will man eine bestimmte Zeit denken, so kann es nur durch die
Entstehung eines bestimmten Raumes, d. h. durch die Bewegung
des Zeigers an einer Uhr, u. dergl. geschehn. Die reine Arithmetik
hat die Zahl, deren Form die reine Zeit als Begriff ist, zum Ge-
genstande. Die reine Geometrie hingegen, hat den reinen Raum
nicht als Begriff, sondern als Anschauung, zum Gegenstande. In
der Differentialrechnung wird der Raum als Begriff abstrahiert
von aller Quan | tität, aber doch durch verschiedne Arten der
Qualität, seiner Anschauung bestimmt betrachtet.
Ich glaube behaupten zu können, daß die Vorstellungen von
Raum und Zeit mit den reinen Verstandsbegriffen oder Katego-
rien einerlei Grad der Realität haben; und daß daher, was von
diesen mit Recht, auch von jenen behauptet werden kann. Ich
nehme zum Beispiel die Kategorie von Ursache. Hier finde ich
23 | 25 Erster Abschnitt 19

erstlich die Form der hypothetischen Urteile: wenn etwas a ge-


setzt wird, so muß etwas anders b notwendig gesetzt werden; da-
durch wird a und b bloß durch dieses Verhältnis zu einander be-
stimmt, wir wissen aber noch nicht was a an sich und b an sich
sein mögen. Bestimme ich hingegen a (durch etwas anders, außer
seinem Verhältnis zu b) so wird dadurch auch b bestimmt. Diese
logische Form auf bestimmte Gegenstände appliziert, heißt Kate-
gorie. Die Zeit ist eine Form, das heißt eine Art Gegenstände auf
einander zu beziehen. Es müssen in ihr zwei von einander unter-
schiedne Punkte (das Vorhergehende und das Folgende) ange-
nommen werden; diese müssen wiederum durch die Gegenstände
die sie ausfüllen, bestimmt werden. Die reine Zeit (das Vorherge-
hen, und Folgen ohne die Stelle eines jeden zu bestimmen) kann |
also mit gedachter logischer Form verglichen werden (beide sind
Beziehungen der Dinge auf einander). Die durch Gegenstände be-
stimmten Zeitpunkte können mit den Kategorien selbst (Ursache
und Wirkung) verglichen werden. Und so wie die Kategorien
ohne Zeitbestimmung keine Bedeutung, und folglich keinen Ge-
* brauch haben können; so können auch die Zeitbestimmungen
ohne die Kategorien von Substanz und Akzidenz, und diese ohne
bestimmte Gegenstände keine Bedeutung haben. Und so ist es
auch mit dem Raume.
Außer diesem Begriffe weiß ich auch nicht, warum Zeit und
Raum Anschauungen sein sollen. Eine Anschauung wird bloß
darum als eine Einheit betrachtet, weil ihre in Raum und Zeit un-
terschiedene Teile, in Ansehung eines Begriffs einerlei sind; man
müßte, also um Zeit und Raum selbst als Anschauung zu bestim-
men, noch eine andere Zeit und einen andern Raum annehmen.
Ich setze zwei Punkte a und b, die auseinander sind, jeder dieser
Punkte ist noch kein Raum, sondern bloß ihre Beziehung auf ein-
ander; hier ist also keine Einheit im Mannigfaltigen des Raums,
sondern eine absolute Einheit desselben d. h. es ist noch keine An-
schauung. Wird man sagen, daß es obschon keine Anschauung,
doch das Element ein | er Anschauung sein kann, wenn man außer
dem Punkt b noch einen Punkt c annimmt, so daß die Anschau-
ung des Raums aus dem Auseinandersein, von a und b und dann
von b und c entspringen wird? so bedenkt man nicht, daß, wenn
20 Versuch über die Transzendentalphilosophie 25 | 27

man von Beziehungen und Verhältnissen sagt, daß sie auseinan-


der sind; dieses nur so viel heißt: sie sind verschieden voneinander
(weil ein Begriff nichts außer einem andern Begriff in Zeit und
Raum sein kann). Nun sind aber diese zwei Beziehungen, an sich,
abstrahiert von den Gegenständen, nicht verschieden von einan-
der; folglich kann aus ihrer Zusammenrechnung keine Anschau-
ung des Raums entstehn. Und so ist es auch mit der Zeit. Diese
wird durch das Vorhergehen und das Folgen gedacht (das Zu-
gleichsein ist keine Zeitbestimmung, sondern bloß die Hebung
derselben). Der vorhergehende sowohl als der folgende Zeitpunkt
sind, in Ansehung der Zeit, nichts; sondern bloß ihre Beziehung
auf einander stellt die Zeit vor. Verschiedne Beziehungen dieser
Art lassen sich gar nicht denken. Folglich ist Zeit auch keine An-
schauung. (Zusammennehmung des dem Begriff nach einerlei,
der Zeit nach verschiednen Gegebnen in eine Vorstellung). Dies
erfordert außer der Perzeption jedes in der Zeit gegebenen an
sich, noch | eine Reproduktion des vorhergehenden gegebenen,
bei Wahrnehmung des jetzigen (vermöge ihrer Einerleiheit nach
dem Gesetz der Assoziation). Um also verschiedne Zeiteinheiten
in einer Anschauung zusammen nehmen zu können, müßte man
bei der jetzigen Zeiteinheit, die vorhergehende reproduzieren,
welches aber unmöglich ist. Raum und Zeit können also nur em-
pirische Anschauungen (als Prädikate derselben) nicht aber reine
Anschauungen heißen. |
27 | 29 21

zweiter abschnitt

SINNLICHKEIT, EINBILDUNGSKRAFT, VERSTAND,


REINE VERSTANDSBEGRIFFE A PRIORI ,
ODER KATEGORIEN, SCHEMATA, BEANTWORTUNG
DER FRAGE QUID JURIS , BEANTWORTUNG DER FRAGE
QUID FACTI , ZWEIFEL ÜBER DIESELBE

Jede sinnliche Vorstellung an sich betrachtet, muß, als Qualität,


von aller sowohl extensiven als intensiven Quantität abstrahieret
werden1. Die Vorstellung der roten Farbe z. B. muß ohne alle |
endliche Ausdehnung, aber doch nicht als ein mathematischer,
15 sondern als ein physischer Punkt, oder als das Differential einer
Ausdehnung gedacht werden. Sie muß ferner ohne allen endlichen
Grad der Qualität aber doch als das Differential eines endlichen
Grades, gedacht werden. Diese endliche Ausdehnung oder endli-
cher Grad, ist dasjenige, was zum Bewußtsein dieser Vorstellung
| notwendig, und bei verschiednen Vorstellungen, nach Verschie-
denheit ihrer Differentiale, verschieden ist; folglich geben sinnli-
che Vorstellungen an sich, als bloße Differentiale betrachtet, noch
kein Bewußtsein2. Das Bewußtsein entsteht durch eine Tätigkeit

1 Es ist mir nicht unbekannt, was man gegen die Einführung der ma-
thematischen Begriffe vom Unendlichen in der Philosophie einwenden
kann. Besonders, da diese in der Mathematik selbst noch vielen Schwierig-
keiten unterworfen sind: so möchte es scheinen, als wollte ich etwas
Dun | kles durch etwas noch Dunkleres erläutern. Ich getraue mir aber zu
behaupten, daß in der Tat diese Begriffe zur Philosophie gehören, von da
16 sie in die Mathematik übertragen worden sind; und daß der große Leibniz
durch sein System der Monadologie auf die Erfindung der Differential-
Rechnung geraten ist. Auch ist etwas Großes (Quantum) doch nicht als
eine Größe (Quantität) betrachtet, weit sonderbarer, als Qualität abstra-
hiert von Quantität ist. Sie sind aber sowohl in der Mathematik als Philo-
sophie bloße Ideen, die keine Objekte, sondern die Entstehungsart der Ob-
jekte, vorstellen: d. h. sie sind bloß Grenzbegriffe, welchen man sich
immer nähern, die man aber niemals erreichen kann. Sie entstehen durch
einen steten Regressus oder Verminderung des Bewußtseins einer An-
schauung bis ins Unendliche.
2 Die sind so wie ihre Differentiale keine absolute, auch keine bloße
22 Versuch über die Transzendentalphilosophie 29 | 31

des Denkvermögens. Bei Aufnahme der einzelnen sinnlichen Vor-


stellungen aber, verhält sich dieses Vermögen bloß leidend. Wenn
ich sage: ich bin mir etwas bewußt, so verstehe ich nicht unter
diesem Etwas, dasjenige, was außer dem Bewußtsein ist, welches
sich widerspricht; son | dern bloß die bestimmte Art des Bewußt-
seins, d. h. der Handlung selbst. Das Wort, Vorstellung, von dem *
primitiven Bewußtsein gebraucht, verleitet hier zu einem Irr-
tum; denn in der Tat ist dieses keine Vorstellung; d. h. ein bloßes
Gegenwärtigmachen dessen, was nicht gegenwärtig ist, sondern
vielmehr Darstellung, d. h. als existierend vorstellen, was vor-
her nicht war. Das Bewußtsein entstehet erst, wenn die Einbil-
dungskraft mehrere einartige sinnliche Vorstellungen zusammen
nimmt, sie nach ihren Formen (der Folge in Zeit und Raum) ord-
net, und daraus eine einzelne Anschauung bildet. Die Einartigkeit
ist daher notwendig, weil sonst keine Verknüpfung in einem ein-
zigen Bewußtsein statt finden könnte. Es sind aber doch (obwohl
nicht in Ansehung unsers Bewußtseins) an sich mehrere Vorstel-
lungen; denn obwohl wir bei ihnen keine Zeitfolge wahrnehmen,
so müssen wir doch dieselbe darin denken; weil Zeit an sich ins
Unendliche teilbar ist.
So wie z. B. bei einer beschleunigten Bewegung die vorherge-
hende Geschwindigkeit nicht verschwindet, sondern sich immer
zu der folgenden gesellt, woraus eine immer vermehrte Geschwin-
digkeit entsteht; so verschwindet auch die erste sinnliche Vorstel-
lung nicht, sondern gesellet sich immer zu den folgen | den, bis der
Grad, der zum Bewußtsein nötig ist, erreicht wird. Dieses geschie-
het nicht durch Vergleichung dieser sinnlichen Vorstellungen, und
durch die Einsicht in ihre Einerleiheit, (d. h. wir sind uns dabei

willkürliche, sondern bestimmte Einheiten, durch deren sukzessives Hin-


zutun zu sich selbst, hernach eine willkürliche endliche Größe entspringt.
Man muß aber diese Einheiten in verschiednen Objekten verschieden an-
nehmen: denn sonst wären alle Dinge eins und eben dasselbe Ding, und
ihre Verschiedenheit bestünde nur in ihrer Größe, welches doch Niemand
zugeben wird. Daß es aber verschiedne Einheiten (die nicht willkürlich an-
genommen werden) geben kann, sieht man aus der Mathematik, indem die
inkommensurabeln Größen, wie auch die Differentiale, notwendig ver-
schiedne Einheiten voraussetzen.
31 | 33 Zweiter Abschnitt 23

keiner Vergleichung bewußt, obschon sie dunkel in uns vorgehen


muß, weil die Vergleichung eine Bedingung der Einheit im Man-
nigfaltigen, oder einer Synthesis überhaupt, wodurch erst eine
Anschauung möglich wird, ist) so wie es nachher durch den Ver-
stand, wenn er zum Bewußtsein verschiedner Objekte schon ge-
langt ist, geschieht; (denn die Einbildungskraft vergleicht nicht),
17 sondern bloß nach den Newtonischen allgemeinen Gesetzen der
Natur, daß nämlich keine Wirkung ohne eine ihr entgegengesetz-
te Wirkung von selbst vernichtet werden kann.
Endlich kommt der Verstand hinzu; dessen Geschäft es ist, ver-
schiedene schon gegebene sinnliche Objekte (Anschauungen)
durch reine Begriffe a priori auf einander zu beziehen, oder sie
durch reine Verstandsbegriffe zu reellen Objekten des Verstandes
zu machen, wie es in der Folge gezeigt werden soll. Diese reinen
18 Verstandsbegriffe werden von ihrem Erfinder dem Aristoteles Ka-
tegorien genannt. Die Sinnlichkeit also liefert die Differentiale zu
einem bestimmten Bewußt | sein; die Einbildungskraft bringt aus
diesen ein endliches (bestimmtes) Objekt der Anschauung heraus;
der Verstand bringt aus dem Verhältnisse dieser verschiedenen
Differentiale, welche seine Objekte sind, das Verhältnis der aus
ihnen entspringenden sinnlichen Objekte heraus.
Diese Differentiale der Objekte sind die sogenannte Noumena;
die daraus entspringende Objekte selbst aber sind die Phänome-
na. Das Differential eines jeden Objekts an sich ist in Ansehung
der Anschauung = 0, d x = 0, d y = 0 u. s. w.; ihre Verhältnisse aber
sind nicht = 0, sondern können in den aus ihnen entspringenden
Anschauungen bestimmt angegeben werden.
Diese Noumena sind Vernunftideen, die als Prinzipien zur Er-
klärung der Entstehung der Objekte, nach gewissen Verstandsre-
geln dienen. Wenn ich z. B. sage: rot ist von grün verschieden; so
wird der reine Verstandsbegriff der Verschiedenheit nicht als Ver-
hältnis der sinnlichen Qualitäten, (denn sonst bleibt die Kantische
Frage quid juris übrig), sondern entweder nach der Kantischen
Theorie, als das Verhältnis ihrer Räume, als Formen a priori, oder
auch nach der meinigen, als Verhältnis ihrer Differentialen, die
Vernunftideen a priori sind, betrachtet. Der Ver | stand kann kein
Objekt (außer den Formen der Urteile, die keine Objekte sind)
24 Versuch über die Transzendentalphilosophie 33 | 34

anders als fließend denken. Denn da das Geschäft des Verstandes


nichts anders als Denken, d. h. Einheit im Mannigfaltigen hervor-
zubringen, ist; so kann er sich kein Objekt denken, als bloß da-
durch, daß er die Regel oder die Art seiner Entstehung angibt:
denn nur dadurch kann das Mannigfaltige desselben unter der
Einheit der Regel gebracht werden, folglich kann er kein Objekt
als schon entstanden, sondern bloß als entstehend d. h. fließend
denken. Die besondere Regel des Entstehens eines Objekts, oder
die Art seines Differentials macht es zu einem besondern Objekt;
und die Verhältnisse verschiedner Objekte entspringen aus den
Verhältnissen ihrer Entstehungsregeln, oder ihrer Differentialen.
Ich werde mich hierüber näher erklären. Ein Objekt erfordert
zwei Stücke. Erstlich: eine entweder a priori oder auch a posterio-
ri gegebene Anschauung; zweitens, eine vom Verstande gedachte
Regel, wodurch das Verhältnis des Mannigfaltigen in der An-
schauung bestimmt wird. Diese Regel wird vom Verstande nicht
fließend, sondern auf einmal gedacht. Die Anschauung selbst hin-
gegen (wenn sie a posteriori ist) oder die besondere Bestimmung
der Regel in | derselben (wenn sie a priori ist) macht, daß das Ob-
jekt nicht anders als fließend gedacht werden kann. Z. B. der Ver-
stand denkt ein bestimmtes, obgleich nicht ein einzelnes Dreieck,
dadurch, daß er ein Größen-Verhältnis zwischen zwo seiner Sei-
ten (die Lage derselben wird gegeben, und daher unveränderlich),
denkt, wodurch auch die Lage und Größe der dritten Seite be-
stimmt wird. Diese Regel wird vom Verstande auf einmal ge-
dacht; da aber diese Regel bloß das Allgemeine (nach jeder will-
kürlich angenommenen Einheit) Verhältnis der Seiten enthält: so
bleibt dadurch die Größe der Seiten (nach einer bestimmten Ein-
heit) noch unbestimmt. In der Konstruktion dieses Dreiecks aber
kann sie nicht anders als bestimmt dargestellt werden; es ist hier
also eine Bestimmung, die in der Regel nicht enthalten war, und
die der Anschauung notwendig anhängt; diese kann mit Beibehal-
tung eben derselben Regel, oder desselben Verhältnisses in ver-
schiedenen Konstruktionen verschieden sein. Folglich muß dieses *
Dreieck vom Verstande in Ansehung jeder möglichen Konstrukti-
on niemals als schon entstanden, sondern als entstehend, d. h.
fließend gedacht werden. Hingegen kann das Anschauungs-Ver-
34 | 36 Zweiter Abschnitt 25

mögen (das zwar regelmäßig, aber nicht | regelverständig ist) kei-


ne Regel oder Einheit im Mannigfaltigen, sondern das Mannigfal-
tige selbst vorstellen; es muß sich daher seine Objekte nicht ent-
stehend, sondern als schon entstanden denken. Ja sogar wenn das
Verhältnis kein bestimmtes Zahlen-Verhältnis, sondern ein allge-
meines Verhältnis oder Funktion ist: so ist das Verhältnis der Ob-
jekte und die daraus zu ziehenden Folgen niemals genau richtig,
außer in Beziehung auf ihre Differentiale. Wenn man z. B. von je-
der krummen Linie behauptet: daß die Subtangente: y = d x : d y
ydx
und folglich Subtangente = so ist dieses in keiner Konstruk-
dy
tion genau richtig, weil in der Tat nicht die Subtangente, sondern
eine andere Linie durch dieses Verhältnis ausgedruckt werden
muß, die erstere aber nicht ausgedruckt werden kann, wo man
nicht Δ x : Δ y zu d x : d y macht, d. h. wo man nicht dieses Verhält-
nis, das nur in der Anschauung gedacht werden kann, auf ihre
* Elemente beziehet. Soll der Verstand eine Linie denken, so muß er
sie in Gedanken ziehen; soll man aber in der Anschauung eine
Linie darstellen, so muß man sie sich als schon gezogen vorstel-
len. Zur Anschauung einer Linie, wird bloß das Bewußtsein der
Apprehen | sion (der Zusammennehmung von Teilen, die außer-
einander sind) erfordert; hingegen zum Begreifen einer Linie wird
die Sacherklärung, d. h. die Erklärung der Entstehungsart dersel-
ben, erfordert: in der Anschauung gehet die Linie der Bewegung
eines Punktes in derselben voraus; im Begriffe hingegen ist es ge-
rade umgekehrt, d. h. zum Begriffe einer Linie, oder zur Erklä-
rung ihrer Entstehungsart gehet die Bewegung eines Punkts, dem
Begriffe der Linie voraus.
Die Sinnlichkeit also hat gar keine Verbindung; die Einbil-
dungskraft hat eine Verbindung durch Bestimmung des Zu-
gleichseins und der Folge in Zeit und Raum, ohne doch die Ge-
genstände in Ansehung dieser zu bestimmen; d. h. die Form der
Einbildungskraft ist, Dinge überhaupt so auf einander zu bezie-
hen, daß das eine als das Vorhergehende, und das andere als das
Folgende in Zeit und Raum vorgestellt wird, ohne doch zu be-
stimmen, welches das Vorhergehende und welches das Folgende
sei; so daß wenn wir in der Erfahrung (Wahrnehmung) finden,
26 Versuch über die Transzendentalphilosophie 36 | 38

daß die Dinge in Ansehung ihrer (des Vorhergehens und des Fol-
gens) bestimmt sind, dieses bloß zufällig ist. Reine Begriffe, mei- *
ner Erklärung zufolge (solche, die keine Anschauung, wenn auch
| a priori, enthalten) können nichts anders als Verhältnis-Begriffe
sein, weil ein Begriff nichts anders als Einheit in der Mannigfal-
tigkeit ist; das Mannigfaltige kann aber nur alsdann als eine Ein-
heit gedacht werden, wenn seine Bestandteile entweder wechsel-
seitig oder zum wenigsten einseitig zugleich gedacht werden
müssen. Im ersten Fall entspringt daraus ein Verhältnis-Begriff,
d. h. ein solcher, der nicht bloß seiner Form, sondern auch seiner
Materie nach vom Verstande gedacht wird; oder wo Materie und
Form einerlei, und folglich durch einen einzigen Actus des Ver-
standes hervorgebracht werden; z. B. der Begriff von Ursache und
sein Verhältnis zur Wirkung, wodurch er bestimmt wird, sind ei-
nerlei, daher der Satz: Eine Ursache muß eine Wirkung haben,
nicht nur identisch, d. h. schon in der Definition enthalten, son-
dern die Definition selbst ist. Ursache ist ein Etwas von der Art,
daß, wenn es gesetzt wird, etwas anders gesetzt werden muß.
Hingegen ein absoluter Begriff wird nur einseitig in einer Einheit
gedacht; denn er ist ein in der Anschauung gedachtes Verhältnis;
die Anschauung kann also auch ohne dieses Verhältnis, nicht aber
umgekehrt gedacht werden. S. Abschnitt III. | 19
Der Verstand hingegen hat eine Verknüpfung durch Formen a
priori, Inhärenz, Dependenz, u. s. w. Weil aber diese keine An-
schauungen sind, folglich nicht wahrgenommen werden können,
ja sogar die Möglichkeit derselben unbegreiflich ist, so bekom- *
men sie nur durch eine allgemeine Regel in der Form der An-
schauungen (der Zeit) worauf sie sich beziehen, ihre Bedeutung.
Also wenn ich z. B. sage: a ist Ursache und b Wirkung, so heißt
dies so viel; ich beziehe Gegenstände auf einander durch eine be-
stimmte Form der Urteile (Dependenz;) ich bemerke aber noch,
daß es nicht Gegenstände überhaupt, sondern bestimmte Gegen-
stände a und b sind; und durch eine allgemeine Regel in der Form
der Anschauungen, daß nämlich a notwendig vorhergehen, und b
folgen muß, sind ihre wechselseitigen Beziehungen auf einander
in dem gemeinschaftlichen Begriff von Dependenz auch be-
stimmt, daß nämlich a Ursache und b Wirkung ist. Es gehet hier
38 | 40 Zweiter Abschnitt 27

so wie mit allen willkürlich angenommenen Begriffen, wodurch


20 ihre Essentia nominalis bestimmt wird, ihre Essentia realis den-
noch zweifelhaft bleibt, bis man es in der Anschauung dargestellt
hat. Z.B. der Verstand denkt den willkürlich angenommenen Be-
21 griff eines Zirkels nach dieser Regel, daß es | eine von einer Linie
begrenzte Figur von der Art, sei, daß alle Linien die von einem
gegebenen Punkt in derselben zu dieser Linie können gezogen
werden, einander gleich sind; dieses ist die Essentia nominalis ei-
nes Zirkels. Es bleibt aber noch zweifelhaft, ob auch diese Bedin-
gungen möglich sind, bis man es in der Anschauung durch Bewe-
gung einer Linie, um einen ihrer Endpunkte dargestellt hat; und
alsdann bekommt der Zirkel eine Essentia realis. So ist hier auch
der Fall: Man denkt (durch die Form der hypothetischen Urteile)
ein Etwas von der Art, daß wenn es gesetzt wird, ein anderes Et-
was gesetzt werden muß. Dieses Verfahren aber ist bloß willkür-
lich; man kann die Möglichkeit dessen aus bloßen Begriffen nicht
* einsehen: nun findet der Verstand (was er nämlich selbst darin
zum Behuf der Erfahrungssätze hinein gebracht hat) eine gegebe-
ne Anschauung a von der Art, daß wenn sie gesetzt wird, eine an-
dere Anschauung b gesetzt werden muß; dieser Begriff bekömmt
also dadurch seine Realität. Ich werde mich deutlicher erklären.
Die Form der hypothetischen Urteile ist bloß der Begriff von der
Dependenz des Prädikats vom Subjekt; das Subjekt ist sowohl an
sich, als in Ansehung des Prädikats unbestimmt, | das Prädikat
aber ist zwar an sich unbestimmt, in Ansehung des Subjekts hin-
gegen und durch dasselbe bestimmt. Der Begriff von Ursache ist
an sich unbestimmt, und kann also willkürlich gesetzt werden;
der Begriff von Wirkung hingegen ist zwar an sich auch unbe-
stimmt, in Ansehung der angenommenen Ursache, und durch die-
* selbe, aber bestimmt, oder mit andern Worten: jeder mögliche
Gegenstand ohne Unterschied kann Ursache von etwas sein, und
dies nicht nur an sich, sondern auch in Ansehung der bestimmten
Wirkung, wenn man diese nämlich willkürlich bestimmt. Hat
man aber die Ursache schon willkürlich angenommen, so kann
nicht mehr jedes, sondern ein bestimmtes Ding Wirkung sein 3.

3 Um dieses durch eine Analogie zu erläutern, so stelle man sich vor:


28 Versuch über die Transzendentalphilosophie 40 | 42

Dependenz kann also ohne Beziehung auf bestimmte Gegenstän-


de, (als die Form der hypothetischen Ur | teile in der Logik) be-
griffen werden: Ursache und Wirkung aber können ohne Bezie-
hung auf bestimmte Gegenstände nicht begriffen werden; d. h. die
Verstandsregel der hypothetischen Urteile beziehet sich bloß auf
bestimmbare, nicht aber auf bestimmte Gegenstände; die objekti-
ve Realität derselben aber kann nur durch die Anwendung auf
bestimmte Gegenstände der Anschauung dargetan werden. Nun
aber kann diese Bestimmung der Wirkung durch die Ursache
nicht materialiter (wie wenn ich sage; ein rotes Ding ist die Ur-
sache eines grünen u. dgl.) angenommen werden, denn alsdann
entstehet die Frage: quid juris? d. h. wie ist es begreiflich: daß Ver-
standsbegriffe a priori wie die von Ursache und Wirkung, Bestim-
mungen von etwas a posteriori abgeben können, sondern diese
Bestimmungen müssen | formaliter, d. h. in Ansehung dieser Ge-
genstände gemeinschaftlicher Form (der Zeit) und ihrer beson-
dern Bestimmungen in derselben (der eine als vorhergehend, und
der andere als folgend) angenommen werden; denn alsdann sind
diese Begriffe von Ursache und Wirkung, Bestimmungen von et-
was a priori, und vermittelst dieses, von den Gegenständen selbst,
(weil diese ohne das erstere nicht gedacht werden können.)
Erfahrungen also, und diese Begriffe haben eine wechselseitige
Beziehung von ganz verschiedener Art auf einander, nämlich Er-
fahrung macht diese Begriffe nicht erst möglich, sondern zeigt
bloß daß sie an sich möglich sind: diese Begriffe aber zeigen nicht
nur, daß Erfahrung an sich möglich ist, sondern sie machen die-

eine krumme Linie, wo ebendasselbe y mehrere Werte x gibt (d. h. wenn


die krumme Linie in mehrere Punkte von ihrer Direktrize durchschnitten
wird.) Man vergleiche die Form der hypothetischen Urteile überhaupt mit
dem Ausdrucke dieser krummen Linie, wo y eine Funktion von x und be-
stimmten Größen ist: y stelle hier Ursache, und x Wirkung | vor; sowohl x
als y sind an sich unbestimmt, oder variabel. Wird aber x bestimmt, so
wird dadurch auch y bestimmt, nicht aber umgekehrt; folglich ist x sowohl
an sich als ein unbestimmter Teil der Direktrize, als durch y, (wenn dieses
bestimmt wird) unbestimmt; hingegen ist y zwar an sich als eine unbe-
stimmte Ordinate, unbestimmt, wird aber durch x (wenn dieses bestimmt
wird) bestimmt.
42 | 44 Zweiter Abschnitt 29

selbe möglich. So ist es auch mit der Konstruktion der mathema-


tischen Begriffe 4. Die Konstruktion eines Zirkels z. B. (durch Be-
wegung einer Linie um einen ih | rer Endpunkte) macht nicht erst
den Begriff desselben möglich, sondern zeigt bloß, daß er möglich
ist. Die Erfahrung (Anschauung) zeigt, daß eine gerade Linie die
kürzeste zwischen zweien Punkten ist, aber sie macht nicht, daß
die gerade Linie die kürzeste ist. Daß ein Zirkel (eine Figur von
der Art, daß alle Linien, die von einem gegebenen Punkt in der-
selben zu ihrer Grenze gezogen werden können, einander gleich
sind) möglich ist, wird analytisch bewiesen; nämlich eine An-
schauung wird gegeben, (eine Linie die sich um einen ihrer End-
punkte bewegt) nun vergleicht man diese Anschauung mit dem
willkürlich angenommenen Begriff, und man findet, daß sie einer-
lei sind, weil eine Linie, die sich um einen ihrer Endpunkte be-
wegt, in einer jeden ihrer möglichen Positionen mit sich selbst
einerlei ist, folglich diese Linie in allen ihren möglichen Positio-
nen mit dem Begriff des Zirkels (seinen Bedingungen) einerlei ist.
Diese Einerleiheit gibt nicht die Erfahrung, diese gibt nur etwas
was absolut vorgestellt wird, wodurch dasjenige, was an sich
nicht begriffen werden kann5, (die Formen und Kategorien) be-
griffen wird. Das Materielle der Anschauung, was sich unmittel-
bar auf einen Gegenstand beziehet, macht | das Formelle dersel-
ben d. h. sowohl die Formen der Anschauungen mit allen ihren
möglichen Beziehungen und Verhältnissen als auch die reinen
Verstandsbegriffe oder Formen des Denkens, die sich nicht un-
mittelbar, sondern bloß vermittelst der Kategorien auf einen
Gegenstand beziehen, begreiflich. Man kann daher mit Recht
22 behaupten, daß alle Verstandsbegriffe demselben angeboren sind;
obschon sie nur durch Veranlassung der Erfahrung zum Vor-
schein (Bewußtsein) kommen. Eben so ist es auch mit den Urtei-

23 4 Ich verstehe darunter die empirische Konstruktion, welche durch die-


ses Postulat, oder praktisches Corollarium, einen Zirkel zu beschreiben,
nach der Definition bewerkstelligt wird. Die reine Konstruktion in der
Einbildungskraft hingegen, zeigt nicht bloß, daß die Figur möglich sei,
sondern sie macht sie erst möglich.
5 D. h. ein Verhältnis-Begriff.
30 Versuch über die Transzendentalphilosophie 44 | 46

len; ja so gar die Natur der Urteile und ihre Möglichkeit, ist aus
der Erfahrung unbegreiflich; sie müssen also an sich vor aller Er-
fahrung möglich sein. Daß aus dreien Linien, deren zwei zusam-
men größer als die dritte sind, ein Dreieck konstruieret werden
kann, gibt die Anschauung, aber diese macht es nicht erst mög-
lich, sondern es ist schon an sich möglich u. d. gl. mehr. Wenn
man z. B. urteilt: rot ist von grün unterschieden, so stellt man sich
erst in der Anschauung rot, und dann grün vor; hernach ver-
gleicht man beide untereinander, woraus alsdann dieses Urteil
entspringt. Aber wie sollen wir uns dieses Vergleichen begreiflich
machen? Es kann nicht während der Vorstellung rot und der Vor-
stellung grün vor sich gehen; es hilft nicht, wenn | man uns sagt:
die Einbildungskraft reproduziert bei der letztern die erste Vor-
stellung, sie können doch nicht in eine Vorstellung zusammen
fließen; und wäre es auch möglich, so fände doch aus eben dem
Grunde keine Vergleichung statt. Bei den disjunktiven Urteilen ist
es noch auffallender, z. B. ein Dreieck ist entweder recht- oder
schief-winklig; soll dieses Urteil erst durch die Anschauung mög-
lich werden, so muß man erst ein recht- und dann ein schiefwink-
liges Dreieck in die Anschauung bringen.
Aber wie ist dieses Urteil begreiflich, da sich diese Prädikate
einander ausschließen, und doch sollen beide zugleich in eben
dem Subjekte möglich gedacht werden? Die Erfahrung kann also
die Möglichkeit solcher Begriffe und Urteile nicht begreiflich ma-
chen, sondern sie müssen im Verstande schon a priori, der Erfah-
rung und ihren Gesetzen ununterworfen, anzutreffen sein: man
siehet hieraus die geheimnisvolle Natur unsers Denkens, daß
nämlich der Verstand alle mögliche Begriffe und Urteile schon vor
seinem Bewußtsein von demselben in sich haben muß. Dieses zei-
gen (außer dem Vorgetragenen) nicht nur die Formen des Den-
kens, samt ihren Bestimmungsbegriffen (Kategorien) und ihren
Grundsätzen a priori, (welche | nicht bloß Anlagen sind, wie eini-
ge glauben möchten; sie werden nicht erst dunkel, und dann deut-
lich wahrgenommen, wie es mit den sinnlichen Vorstellungen der
Fall ist; denn Anlagen, Fähigkeiten u. dergl. sind die zur Wirklich-
keit kommenden Gegenstände selbst nur im schwächern Grade.
Diese Begriffe und Urteile aber sind unteilbare Einheiten), son-
46 | 48 Zweiter Abschnitt 31

dern auch alle Begriffe und Urteile überhaupt; weil wie schon er-
wähnt worden, Anschauung bloß die Data, worauf sie angewen-
det werden, liefert, und dadurch zum Bewußtsein der selben ver-
hilft, ohne welches wir von ihnen keinen Gebrauch machen
können, nichts aber zu ihrer Realität beiträgt. So ist hier auch
derselbe Fall. Die Begriffe von Ursache und Wirkung enthalten
die Bedingung, daß wenn etwas bestimmtes A willkürlich gesetzt
wird, etwas anders (durch das Vorige) notwendig bestimmtes B
gesetzt werden muß. Die Begriffe sind in so weit bloß problema-
tisch. Nun aber erlangen wir Erfahrungsurteile, z. B. die Wärme
dehnt unsre Luft aus u. d. gl. (welches nicht bloß sagen will, die
Wärme gehet vorher und die Ausdehnung der Luft folgt, d. h.
eine bloße Wahrnehmung, sondern wenn die Wärme vorher ge-
het, so muß die Ausdehnung der Luft notwendig darauf folgen).
Wir finden darin etwas, was mit | dem willkürlich angenomme-
nen Begriff einerlei ist, nämlich die Wärme wird als etwas Be-
stimmtes assertorisch (willkürlich) gegeben, woraus die Ausdeh-
nung der Luft, als etwas durch die Wärme notwendig bestimmtes
folgen muß: alsdann sehen wir erst ein, daß die willkürlich ange-
nommenen Begriffe möglich sind. Also nicht Erfahrung macht erst
diese Begriffe möglich, sondern man erkennt bloß ihre Möglich-
keit durch dieselbe: hingegen diese Begriffe machen erst Erfah-
rungsurteile möglich, weil diese ohne jene nicht gedacht werden
können. Eben diese wechselseitige Beziehung ist zwischen jedem
allgemeinen Begriff, und dem besondern, der darunter enthalten
ist. Eine Figur (beschränkter Raum) ist an sich möglich; um dieses
einzusehen, muß ich eine besondere Figur konstruieren, z. B. ei-
nen Zirkel, ein Dreieck u. dgl. Diese besondern Figuren aber sind
nur durch den allgemeinen Begriff von Figur überhaupt möglich,
weil sie ohne denselben nicht gedacht werden können, nicht aber
umgekehrt, weil eine Figur auch ohne diese besondere Bestim-
mung möglich ist. Man kann sich über solche wichtige Begriffe,
wie die Kategorien sind, und über ihren rechtmäßigen Gebrauch
nicht weitläuftig genug erklären. Ich habe, so viel in meinem Ver-
mögen | war, mich bemühet, dieselbe zu erläutern; ich will es jetzt
noch umständlicher tun.
Ein Objekt des Denkens ist ein vom Verstande, nach allgemei-
32 Versuch über die Transzendentalphilosophie 48 | 50

nen Regeln oder Bedingungen hervorgebrachter Begriff eines Ge-


genstandes, es erfordert also zwei Stücke; 1) Materie des Den-
kens, oder etwas gegebenes (Anschauung) wodurch diese allge-
meine Regeln oder Bedingungen auf ein bestimmtes Objekt des
Denkens angewendet werden, (denn diese können kein Objekt
bestimmen, eben darum, weil sie allgemein sind). 2) Form des
Denkens, d. h. diese allgemeinen Regeln oder Bedingungen selbst,
ohne die das Gegebene zwar ein Objekt (der Anschauung) aber
kein Objekt des Denkens sein kann: denn Denken ist urteilen,
d. h. das Allgemeine im Besondern zu finden, oder das Besondere
dem Allgemeinen zu subsumieren. Nun können die Begriffe mit
der Anschauung zugleich entstehen, oder sie können auch dersel-
ben vorausgehen, und in diesem Falle sind sie bloß symbolisch,
ihre objektive Realität ist bloß problematisch. Von diesen ist al-
so die Frage quid juris, d. h. können diese symbolischen Be-
griffe auch anschauend gemacht werden, und dadurch objektive
Realität bekommen oder nicht? Ich will dieses mit Beispielen
erläu | tern. Der Begriff einer geraden Linie erfordert zwei Stücke;
erstens, Materie oder Anschauung (Linie, Richtung); zweitens,
Form, eine Verstandsregel, wonach diese Anschauung gedacht
wird (Einerleiheit der Richtung, das Geradesein); hier entstehet
der Begriff mit der Anschauung zugleich, denn das Ziehen dieser
Linie ist gleich vom Anfange an dieser Regel unterworfen. Die
Realität der Synthesis des Ausdrucks (Gerade mit Linie) oder die
symbolische Realität beruhet auf der Realität der Synthesis des
Begriffs selbst (die möglichste Verbindung zwischen Materie und
Form). Das gehet aber nur da an, wo die Anschauung so wie die
Regel selbst a priori ist, welches bei den mathematischen Begrif-
fen, die sich a priori konstruieren, d. h. in einer reinen Anschau-
ung darstellen lassen, der Fall ist; alsdann laß ich eine Anschau-
ung a priori einer Regel a priori gemäß entstehen: ist aber die
Anschauung a posteriori, und will ich der Materie eine Form ge-
ben und daraus ein Objekt des Denkens machen, so ist mein Ver-
fahren offenbar unrechtmäßig; denn da die Anschauung a poste-
riori von irgend etwas außer mir, nicht aber a priori von mir selbst
entsprungen ist, so kann ich ihr keine Entstehungsregel mehr vor-
schreiben. Nun gibt es aber auch Fälle, | wo die Synthesis des
50 | 51 Zweiter Abschnitt 33

symbolischen Objekts der Synthesis des intuitiven vorausgehet.


Z. B. der Verstand bildet den Begriff eines Zirkels dadurch, daß er
ihm die Regel oder die Bedingung vorschreibt, daß es eine Figur
von der Art sein soll, daß alle Linien, die von einem bestimmten
Punkte in derselben (Mittelpunkt) zu ihrer Grenze (Peripherie)
gezogen werden können, einander gleich sind: hier haben wir
bloß eine Namenerklärung, d. h. wir wissen die Bedeutung der
Regel oder Bedingung des Zirkels, aber noch keine Sacherklä-
rung, d. h. wir wissen nicht, ob diese Regel oder Bedingung auch
in Erfüllung gebracht werden könne oder nicht. Sollte sie nicht
erfüllt werden können, so wird dieser hier mit Worten ausge-
druckte Begriff keine objektive Realität haben: die Synthesis des-
selben würde nur in Worten, nicht aber in der Sache selbst anzu-
treffen sein. Wir lassen es also dahin gestellt sein, und nehmen
seine objektive Realität bloß problematisch an; um zu sehen, ob
wir sie durch eine Anschauung auch assertorisch machen können
oder nicht. Zum Glück für diesen Begriff hat Euklides 6 | wirklich
eine Methode erfunden, denselben in eine Anschauung a priori
(durch Bewegung einer Linie um einen ihrer Endpunkte) zu brin-
gen; dadurch bekömmt der Begriff des Zirkels eine objektive Rea-
lität. Nun finden wir Begriffe oder Regeln, die die Formen der Ur-
teile überhaupt sind, wie z. B. der Begriff von Ursache, welcher
die Form der hypothetischen Urteile in Beziehung auf einen be-
stimmten Gegenstand ist. Seine Bedeutung ist diese: Wenn etwas
bestimmtes a assertorisch gesetzt wird, so muß etwas anderes b
apodiktisch gesetzt werden. Die Frage ist also quid juris, d. h. ist
der objektive Gebrauch dieses Begriffs rechtmäßig oder nicht? –
und ist er es, was für Art Rechtens ist es, worunter er gehört:
denn da derselbe sich auf a posteriori gegebene Objekte der An-
schauung bezieht; so ist er gewiß in Ansehung der Materie der

6 Wenn Zeit und Raum Formen der Sinnlichkeit a priori sind; so be-
greife ich nicht: warum | nicht auch Bewegung, d. h. Veränderung der Be-
ziehung im Raum? Ja, ich glaube sogar, daß die Vorstellung des Raums
nur durch die der Bewegung, oder vielmehr mit ihr zugleich, möglich sei.
Eine Linie kann nicht anders, als durch Bewegung eines Punkts gedacht
werden.
34 Versuch über die Transzendentalphilosophie 51 | 53

Anschauung, welche a posteriori gegeben wird, unrechtmäßig.


Wie | können wir also denselben rechtmäßig machen? Die Ant-
wort hierauf oder die Deduktion ist diese: wir wenden diese Be-
griffe nicht auf die Materie der Anschauung unmittelbar, sondern
bloß auf ihre Form a priori, (die Zeit) und vermittelst derselben
auf die Anschauung selbst an. Wenn ich also sage, a ist die Ursa-
che von b, oder wenn a gesetzt wird, muß notwendig auch b ge-
setzt werden; so ist nicht a und b ihrer Materie oder Inhalt nach,
sondern nach besondern Bestimmungen ihrer Form (das Vorher-
gehen und das Folgen in der Zeit) bestimmt: d. h. a ist nicht dar-
um a und nicht b, weil jenes eine materielle Bestimmung hat, die
dieses nicht hat, (denn dieses, in so fern es etwas a posteriori ist,
kann der Regel a priori nicht subsumiert werden); sondern weil es
eine formelle Bestimmung (das Vorhergehen) hat, die b nicht hat.
Und so ist es auch mit b; es wird nicht durch eine materielle son-
dern formelle Bestimmung (das Folgen) ihrer beiden gemein-
schaftlichen Form (der Zeit) zu einem bestimmten von a verschie-
denen Gegenstand. Es verhält sich also hier das vorhergehende
zum folgenden wie der Antezedens zum Konsequenz in einem hy-
pothetischen Urteile. Durch dieses Verfahren ist der Verstand ver-
mögend, nicht nur Gegenstände überhaupt zu | denken, sondern
bestimmte Gegenstände zu erkennen. Wären keine Begriffe a pri-
ori, welche die Gegenstände bestimmen, so könnte man zwar be-
stimmte Gegenstände an sich anschauen, keinesweges aber diesel-
ben denken, d. h. sie würden bloß Gegenstände des Anschauens,
nicht aber des Verstandes: Wären hingegen keine Anschauungen,
so könnte man zwar Gegenstände im Allgemeinen denken, wir
hätten aber alsdann keine Begriffe von bestimmten Gegenstän-
den: das eine würde nämlich dadurch gedacht werden, daß es et-
was von der Art sei, daß, wenn es gesetzt wird, etwas anderes zu-
gleich gesetzt werden muß; das andere aber von der Art: daß,
wenn das erste gesetzt wird, es alsdann auch gesetzt werden muß.
Aber wir könnten alsdann keine Gegenstände erkennen; d. h. an-
geben, ob etwas Besonderes diesen allgemeinen Begriff enthält.
Im ersten Falle also hätten wir keinen Verstand; im zweiten aber,
kein Beurteilungsvermögen: und hätten wir auch beide: hätten
aber keine Form der Anschauung a priori, so hätten wir zwar die
53 | 55 Zweiter Abschnitt 35

Bestandteile zur Beurteilung (allgemeine Begriffe, die in beson-


dern Gegenständen in concreto anzutreffen sind, und besondere
Gegenstände, worauf allgemeine Be | griffe appliziert werden kön-
nen), wir hätten aber alsdann kein Mittel an der Hand, dieses auf
eine rechtmäßige Weise zu verrichten; weil allgemeine Begriffe
oder Regeln a priori und besondere Gegenstände der Anschauung
a posteriori ganz heterogen sind. Nun aber sind durch diese De-
duktion alle Schwierigkeiten auf einmal gehoben. Will man aber
fragen: was bestimmt doch das Beurteilungsvermögen, die Folge
nach einer Regel mit der Verstandsregel selbst, (so daß, wenn a
vorhergehet, und b folgt, aber nicht umgekehrt, das Beurteilungs-
vermögen alsdann zwischen ihnen das Verhältnis von Ursache
und Wirkung denkt) und jedes besondere Glied dieser Folge mit
jedem besondern Glied der Verstandsregel übereinstimmend zu
denken (das Vorhergehende mit Ursache, und das Folgende mit
Wirkung)? Hierauf dient zur Antwort: wir sehen zwar den Grund
dieser Übereinstimmung nicht ein, wir sind aber deswegen nichts
desto weniger vom facto selbst überzeugt. Wir haben mehrere
Beispiele dieser Art: z. B. in diesem Urteile: die gerade Linie ist die
kürzeste zwischen zweien Punkten, ist eine apodiktisch erkannte
Übereinstimmung zwischen zweien Regeln, die sich der Verstand
zur Bildung einer gewissen Linie vorschreibt: (das Geradesein, |
und das kürzeste). Wir begreifen nicht, wie so diese beide in ei-
nem Subjekt zusammen sein müssen; genug, daß wir die Möglich-
keit dieser Übereinstimmung (in so fern sie beide a priori sind)
einsehen. So ist hier auch der Fall, – wir wollten nicht durch Be-
antwortung der Frage quid juris durch eine Deduktion diese Über-
einstimmung analytisch erklären, sondern bloß, da das Faktum
durch die Anschauung synthetisch gewiß ist, die Möglichkeit der-
selben beweisen; oder wir wollten diese Erkenntnis, nicht zu einer
reinen, sondern bloß zu einer Erkenntnis a priori machen. Man s.
24 hinten die kurze Übersicht.
Ich will mich über den Unterschied dieser beiden Erkenntnisar-
ten näher erklären. Eine Erkenntnis a priori ist, eine allgemeine
Erkenntnis, die die Form oder Bedingung aller besondern ist,
folglich denselben vorausgehen muß, deren Bedingung aber keine
besondere Erkenntnis ist. Eine Anschauung ist a priori, wenn sie
36 Versuch über die Transzendentalphilosophie 55 | 57

die Form oder Bedingung aller besondern Anschauungen, keine


besondere, aber wiederum eine Bedingung derselben ist. Z. B.
Zeit und Raum. Das Bewußtsein aller Anschauungen überhaupt
setzt das Bewußtsein von Zeit und Raum voraus; das Bewußtsein
dieser aber, setzt keine besondere, sondern eine | Anschauung
überhaupt voraus. Ein Begriff ist a priori, wenn er die Bedingung
des Denkens aller Objekte überhaupt, kein besonderes Objekt
aber eine Bedingung desselben ist. Z.B. Einerleiheit, Verschieden-
heit, Gegensetzung: a ist mit a einerlei, a ist dem non a entgegen-
gesetzt; hier wird unter a kein bestimmtes, sondern bloß ein
bestimmbares Objekt gedacht, d. h. zum Bewußtsein der Einerlei-
heit oder Gegensetzung ist kein besonderer sondern ein Gegen-
stand überhaupt nötig, oder auch allenfalls wenn er die Bedin-
gung eines besondern Objekts ist, abstrahiert von demselben
betrachtet. Rein ist das jenige, was bloß ein Produkt des Verstan- 25 *
des (nicht der Sinnlichkeit) ist. Alles was rein ist, ist zugleich a
priori, aber nicht umgekehrt. Alle mathematische Begriffe sind a
priori, aber doch nicht rein: ich erkenne die Möglichkeit eines
Zirkels aus mir selbst, ohne warten zu dürfen, daß er mir in der
Erfahrung gegeben werde, (wovon, wenn er gegeben werden soll,
ich niemals gewiß sein kann). Ein Zirkel ist also ein Begriff a pri-
ori; aber deswegen doch nicht rein, weil ihm eine Anschauung
(die ich nicht aus mir selbst nach einer Regel herausgebracht
habe; sondern die mir von irgend anders woher, obschon a priori
gegeben ist) zum Grunde liegen muß. Alle Verhältnisbegriffe |
z. B. Einerleiheit, Verschiedenheit, Substanz, Ursache u. dergl.
sind a priori und zugleich rein; denn sie sind keine gegebene Vor-
stellung selbst, sondern bloß gedachte Verhältnisse zwischen ge-
gebenen Vorstellungen. So ist es auch mit den Sätzen. Sätze a pri-
ori sind solche, die aus den Begriffen notwendig durch den Satz
des Widerspruchs folgen (ohne darauf zu sehen, ob diese rein sind
oder nicht). Reine Sätze sind nur diejenigen, die aus reinen Be-
griffen folgen: alle mathematische Sätze sind a priori, aber nicht
rein. Dieser Satz hingegen: jede Wirkung hat ihre Ursache, ist a
priori und zugleich rein; weil er aus einem reinen Begriff a priori
(Ursache; indem Ursache ohne Wirkung, und umgekehrt, nicht
gedacht werden kann) notwendig folgt. Daher sind die Vorstel-
57 | 59 Zweiter Abschnitt 37

lungen von Zeit und Raum, obschon a priori (vor jeder besondern
sinnlichen Vorstellung) dennoch nicht rein: (weil sie selbst aus
* sinnlichen Vorstellungen entspringen), sie sind keine Einheiten
wodurch das Mannigfaltige der Anschauungen verknüpft wird,
sondern selbst ein Mannigfaltiges, welches durch Einheit ver-
knüpft ist, und zugleich Formen aller übrigen Anschauungen.
Zum Beschluß dieses Abschnitts will ich noch etwas über die
Möglichkeit synthetischer Sätze | a priori hinzufügen. Die Er-
klärung der Möglichkeit eines Objekts oder einer Synthesis über-
haupt, kann zweierlei Bedeutung haben. Erstlich die Erklärung
der Bedeutung einer Regel oder Bedingung, d. h. man verlangt ei-
nen bloß symbolischen Begriff intuitiv zu machen. Zweitens die
genetische Erklärung eines Begriffs, dessen Bedeutung schon be-
kannt ist. Nach der erstern Art-Erklärung der Möglichkeit, ist der
Begriff von Farbe z. B. für einen Blindgebornen etwas nicht Mög-
liches: nicht bloß, weil ihm die Entstehungsart dieser Anschauun-
gen, sondern weil ihm auch die Bedeutung dieses Symbols nicht
erklärt werden kann. Für einen Sehenden aber, hat dieser Begriff
zwar eine Bedeutung, er kann ihm materialiter intuitiv gemacht
* werden, aber seine Möglichkeit ist bloß problematisch, weil man
ihm die Entstehungsart derselben nicht erklären kann. Man sehe
* 26 den Vten Abschnitt. Eine Wurzel von 2 hat eine Bedeutung, (eine
Zahl, aus deren Produkt mit sich selbst, die Zahl 2 entspringt)
und ist daher formaliter möglich. Sie ist aber materialiter nicht
möglich; weil hier kein Objekt (bestimmte Zahl) gegeben werden
kann. Hier wird die Regel oder Bedingung zur Hervorbringung
eines Objekts begreiflich, und doch ist das Objekt an sich | (aus
Mangel an Materie) nicht möglich. √–a ist auch formaliter unmög-
lich: weil die Regel selbst nicht begreiflich gemacht werden kann,
(indem sie eine Widerspruch enthält). Die Möglichkeit der mathe-
matischen Grundsätze ist bloß von der erstern Art, d. h. man
kann ihnen eine Bedeutung in der Anschauung geben, nicht aber
von der zweiten Art, denn wenn ich schon die Bedeutung dieses
Satzes: eine gerade Linie ist die kürzeste zwischen zweien Punk-
ten, einsehe (durch Konstruieren einer geraden Linie) so weiß ich
doch nicht, wie ich zu demselben gelangt bin. Denn da dieses Ver-
hältnis keine bloße allgemeine Form, die in mir selbst a priori sein
38 Versuch über die Transzendentalphilosophie 59 | 61

muß, sondern die Form oder die Regel eines besondern Gegen-
standes, (die notwendige Verknüpfung zwischen dem Geradesein
und die kürzeste sein) angibt, so ist hier die Frage: quid juris? von
der Erklärung der Möglichkeit, in diesem Sinne genommen, ganz
unauflöslich, denn, wie ist es begreiflich, daß der Verstand mit
apodiktischer Gewißheit ausmachen kann, daß ein von ihm selbst
gedachter Verhältnisbegriff (das notwendige Zusammensein bei-
der Prädikate) in einem gegebenen Objekte angetroffen werden
muß? Er kann im Objekt nur dasjenige mit Gewißheit annehmen,
was er selbst darin hineingelegt | hat, (indem er das Objekt selbst,
nach einer von ihm selbst vorgeschriebenen Regel hervorgebracht
hat), nicht aber was in demselben von anders woher gekommen
ist. Also angenommen, daß Zeit und Raum Anschauungen a prio-
ri sind; so sind sie doch nur Anschauungen, nicht aber Begriffe a
priori: sie machen uns nur die Glieder des Verhältnisses, und ver-
mittelst derselben das Verhältnis selbst anschauend, nicht aber
die Wahrheit und Rechtmäßigkeit seines Gebrauchs. Es bleibt
also die Frage übrig: wie sind synthetische Sätze in der Mathema-
tik möglich? oder: wodurch gelangen wir zu ihrer Evidenz?
Soll eine Erkenntnis wahr sein, so muß sie gegeben und ge-
dacht zugleich sein: gegeben, in Ansehung ihrer Materie (die in ei-
ner Anschauung gegeben werden muß), gedacht, in Ansehung der
Form, welche an sich nicht gegeben werden kann, obschon sie in
einer Anschauung ihre Bedeutung erhält, (weil ein Verhältnis
bloß gedacht, nicht aber angeschaut werden kann). D. h. die
Form muß von der Beschaffenheit sein, daß sie auch dem Symbol
als Objekt betrachtet, zukommen muß; wie die Sätze der Identität
und des Widerspruchs: a ist mit a einerlei; a ist dem non a entge-
gengesetzt. Alsdann fällt die Frage: quid juris? gänzlich weg; weil
die | Sätze Regeln der Denkbarkeit der Dinge überhaupt sind,
ohne auf ihre Materie zu sehen. Bei synthetischen Sätzen hinge-
gen (es mögen mathematische oder physische Sätze sein), kehrt
die Frage immer wieder, quid juris? d. h. obschon das Faktum un-
bezweifelt ist, so bleibt doch die Möglichkeit desselben unerklär-
bar. Dieses kann überhaupt auf jedes Wesen, in Ansehung seiner
Eigenschaften, ausgedehnt werden; denn da die Eigenschaften aus
dem Wesen, nicht nach dem Satze der Identität (wie es mit den
61 | 63 Zweiter Abschnitt 39

wesentlichen Stücken der Fall ist) analytisch folgen, sondern bloß


synthetisch; so ist die Möglichkeit dieser Folge unbegreiflich. Ver-
möge des Facti könnten wir dergleichen Sätzen allenfalls den
höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit, keinesweges aber eine
apodiktische Gewißheit beilegen. Um dies zu können, müssen wir
annehmen, daß die (in Ansehung unserer) synthetische Verknüp-
fung zwischen dem Subjekt und dem Prädikat, einen innern
Grund haben muß; so daß, wenn wir z. B. das wahre Wesen einer
geraden Linie einsehen, und sie darnach definieren könnten, als-
dann dieser synthetische Satz analytisch folgen wird. Durch diese
Voraussetzung wird zwar die Evidenz der Mathematik gerettet;
aber wir werden alsdann keine synthetische Sätze ha | ben. Ich
kann also nicht anders denken, als daß auch Herr Kant die Rea-
lität der synthetischen Sätze nur in Ansehung unsers einge-
schränkten Verstandes annimmt; und darin werde ich leicht mit
ihm einig werden.
* Wollen wir die Sache genauer betrachten, so werden wir fin-
den, daß die Frage quid juris? mit der wichtigen Frage die alle Phi-
losophen von jeher beschäftigt hat, nämlich die Erklärung der
Gemeinschaft zwischen Seele und Körper, oder auch mit dieser,
die Erklärung von Entstehung der Welt (ihrer Materie nach) von
einem Intelligenz; einerlei ist. Denn da sowohl wir selbst, als die
Dinge außer uns (in so fern wir uns ihrer bewußt sind) nichts an-
ders als unsere Vorstellungen selbst sein können, diese aber füg-
lich in zwei Hauptklassen eingeteilt werden. 1) Die Formen, d. h.
die Vorstellung von den allgemeinen Arten unserer Operationen,
die in uns a priori sein müssen. 2) die Materie, oder die uns a po-
steriori gegebene Vorstellung von besondern Objekten, die in Ver-
bindung mit den erstern das Bewußtsein besonderer Objekte lie-
fern) so nennen wir die erstere Seele, die letztere aber Körper,
(nämlich Modifikationen derselben, wodurch sie erkannt wer-
den). Die Frage von der Erklärung | der Vereinigung der Seele und
des Körpers, wird also auf folgende Frage reduziert: Wie ist es be-
greiflich, daß Formen a priori mit gegebenen Dingen a posteriori
übereinstimmen sollen? und die zweite Frage wird auf folgende
reduziert: Wie ist die Entstehung der Materie als etwas bloß gege-
benes, nicht aber gedachtes, durch Annehmung eines Intelligenz
40 Versuch über die Transzendentalphilosophie 63 | 65

begreiflich, da sie doch so heterogen sind? Könnte unser Verstand


aus sich selbst, ohne daß ihm von irgend anders woher etwas ge-
geben zu werden brauchte, nach den von ihm selbst vorgeschrie-
benen Regeln oder Bedingungen Objekte hervorbringen, so fände
diese Frage nicht statt. Da es sich aber nicht so verhält, sondern
die den Regeln oder Bedingungen unterworfenen Objekte ihn von
irgend anders woher gegeben werden müssen, so ergibt sich die
Schwierigkeit von selbst. Wie kann nämlich der Verstand etwas
was nicht in seiner Macht ist (die gegebenen Objekte) dennoch
seiner Macht (den Regeln) unterwerfen? Nach dem Kantischen
System, daß nämlich Sinnlichkeit und Verstand zwei ganz ver-
schiedene Quellen unserer Erkenntnis sind, ist, wie ich gezeigt
habe, diese Frage unauflöslich; hingegen nach dem Leibniz-Wolf- 27
fischen System, fließen beide aus einerlei Erkenntnisquelle: (ihr
Un | terschied besteht nur in Graden der Vollständigkeit dieser Er-
kenntnis); sie kann also leicht aufgelöst werden. Ich nehme z. B.
den Begriff von Ursache vor; d. h. die Notwendigkeit der Folge
von b auf a. Nach dem Kantischen System ist es unbegreiflich,
mit was für einem Recht wir einen Verstandsbegriff (der Not-
wendigkeit) mit Bestimmungen einer Anschauung (der Zeitfolge)
verknüpfen? Herr Kant sucht zwar dieser Schwierigkeit dadurch
auszuweichen, daß er annimmt: Zeit und Raum, und ihre mögli-
che Bestimmungen sind in uns Vorstellungen a priori, daher kön-
nen wir der bestimmten Folge in der Zeit, die a priori ist, den Be-
griff der Notwendigkeit, der auch a priori ist, mit Recht beilegen.
Da aber, wie schon gezeigt worden, Anschauungen, sie mögen
auch a priori sein, doch mit Verstandsbegriffen heterogen sind, so
kommen wir durch die Voraussetzung doch nicht viel weiter: hin-
gegen nach dem Leibniz-Wolffischen System sind Zeit und Raum
obgleich undeutliche jedoch Verstandsbegriffe von den Beziehun-
gen und Verhältnissen der Dinge überhaupt, und so können wir
mit allem Fug diese den Verstandsregeln unterwerfen. Wir neh- *
men an (zum wenigsten als Idee) einen unendlichen Verstand, bei
dem die Formen zugleich selbst Objekte des Denkens | sind; oder
der aus sich alle mögliche Arten, von Beziehungen und Verhält-
nissen der Dinge (der Ideen) hervorbringt. Unser Verstand ist
eben derselbe, nur auf eine eingeschränkte Art. Diese Idee ist er-
65 | 66 Zweiter Abschnitt 41

haben, und wird, wie ich glaube, (wenn sie ausgeführt werden
wird) die größte Schwierigkeit dieser Art heben.
Was ich vorher von den synthetischen Sätzen behauptet habe:
daß sie nämlich ihr Dasein aus der Unvollständigkeit unserer Be-
griffe herleiten, will ich jetzt durch folgendes Beispiel erläutern.
28 Hr. Kant führt diesen Satz: eine gerade Linie ist die kürzeste zwi-
schen zweien Punkten, als einen synthetischen Satz a priori z. B.
29 an. Laßt uns aber sehen: Wolff definiert eine gerade Linie: eine
Linie deren Teile dem Ganzen ähnlich sind (vermutlich, deren Tei-
le einerlei Richtung haben; weil die Richtung das einzige ist, wor-
an man eine Linie erkennen und von andern unterscheiden kann);
und da Linien abstrahiert von aller Größe, nur durch ihre Lage
verschieden sein können, so heißt eine gerade Linie so viel: als
eine (der Lage nach) Linie, und eine nicht gerade (krumme) so
viel als mehrere Linien (die durch ein ihnen gemeinschaftliches
Gesetz, als eine einzige Linie gedacht werden) 7. Ich will | also ver-
suchen, diesen Satz: daß nämlich eine Linie (zwischen zweien
Punkten) kürzer sein muß als mehrere (zwischen denselben Punk-
ten), analytisch zu beweisen. Ich setze also zwei Linien, die ich
* mit einer, zwischen denselben Punkten vergleichen will. Hieraus
30 entspringt in der Anschauung ein Dreieck, wovon Euklides (Buch
I. Satz 20.) bewiesen hat: daß die zwei Linien zusammen genom-
men (Seiten des Δ) größer sein müssen als die dritte, und dieses
bloß durch einige Axiomen und Postulate, die aus dem Begriff
analytisch folgen. Z. B. eine gerade Linie zu verlängern, die Lage

7 Mein Vorhaben ist hier bloß, zu zeigen: daß nach gedachter Defini-
tion von gerader Linie, der | Satz: Eine gerade Linie u. s. w. kein Axioma,
sondern ein aus andern Sätzen analytisch abgeleiteter Satz ist. Und
gesetzt, daß wir doch zuletzt auf allen diesen zum Grunde liegenden syn-
thetischen Sätzen geraten sollten, (welches ich jetzt dahin gestellt sein las-
se); so behaupte ich dennoch, daß, so gut als ich jenen für synthetisch aus-
gegebenen Satz durch meine Definition analytisch gemacht | habe, ich es
auch mit diesen so machen kann. Ja, noch mehr, ich erkläre mich selbst in
der Folge, daß ich mit dieser von Wolff abgeborgten Definition nicht zu-
frieden bin; ich wollte nur die Möglichkeit meiner Behauptung zeigen, ge-
setzt, daß ich auch im vorgelegten Fall die Anwendung derselben nicht
machen könnte.
42 Versuch über die Transzendentalphilosophie 66 | 68

der Figuren verändert in ihrer Größe nichts, u. dergl. Eben dieses


kann auch vom Verhältnis dieser einen Linie mit mehrern, die mit
ihr zwischen eben den Punkten enthalten sind, leicht bewiesen
werden; weil immer eine geradlinige Figur die in Dreiecke aufge-
löset werden | kann; entstehen wird. Laßt uns setzen z. B. die Li-
nie a c ist mit dreien Linien a d, d e, e c, zwischen eben den zweien
Punkten a, c, enthalten. Ich sage also: die Linie a c muß kürzer als
die drei Linien a d, d e, e c zusammengenommen sein. Denn aus
vorigem Satze erhellet, daß a c < a b + b c. b c = b e + e c. folglich
a c < a b + b e + e c: nun ist aber: b e < b d + d e folglich a c < a b +
b d + d e + e c. Q. E. D. 31
Freilich muß die Einheit oder Mehrheit der Linien (ihrer Lage
nach) konstruieret, d. h. in einer Anschauung dargestellt werden,
ohne welches diese gar keine Bedeutung hätten: aber das heißt
nur: die Glieder der Vergleichung (die Gegenstände), nicht das
Verhältnis selbst wird in einer Anschauung dargestellt. So wie
wenn ich sage: das Rot in a ist mit dem Rot in b einerlei; so ist
der Satz analytisch, obschon die Gegenstände der Vergleichung
gegebene Anschauungen sind. | Hier ist eben der Fall: eine gera-
de Linie ist so wie eine nicht gerade Linie (viele Linien unter ei-
ner Einheit gebracht) in einer Anschauung gegeben; aber nichts
destoweniger ist das Verhältnis selbst (daß die erstere kürzer als
die letztere ist) analytisch (durch den Satz der Identität und des
Widerspruchs, per substitutionem) bewiesen. 32
Will Hr. Kant die Wolffische Definition von einer geraden Li-
nie, (denn keine andere gibt es nicht, so viel ich weiß) nicht an-
nehmen, sondern hält er eine gerade Linie für einen bloß durch
Anschauung bestimmten Begriff; so werden wir hier ein Beispiel
haben, wie der Verstand einen Reflexionsbegriff (der eigentlich
zwischen schon gegebenen Objekten gedacht werden soll, nicht
aber sie durch das Denken desselben erst hervorbringen) zur Re-
gel der Hervorbringung eines Objekts machen kann. Denn um
eine gerade Linie als Objekt hervorzubringen, denkt der Verstand
die Regel, daß sie die kürzeste zwischen zweien Punkten sein soll;
(denn daß sie gerade sein soll, kann er nicht zur Regel machen,
weil das Geradesein eine Anschauung, folglich außer seinem Ge-
biete ist) welches in der Tat ein Reflexionsbegriff ist (Verhältnis
68 | 70 Zweiter Abschnitt 43

der Verschiedenheit in Absicht der Größe) und welches bei


Größen rein betrachtet vor ihrer Anwendung | auf Anschauun-
gen, auch nicht anders zu vermuten war, weil sie eben durch sol-
che Verhältnisse erst zu Objekten werden. Hier gehet nicht, wie
bei andern Objekten, das Innere (Ding an sich) dem Äußern (Ver-
hältnis zu andern Dingen) voraus, sondern vielmehr umgekehrt;
d. h. ohne ein gedachtes Verhältnis gibt es gar kein Objekt der
Größe (in der reinen Arithmetik; denn die Geometrie liefert uns
Objekte vor ihrer Subsumierung unter der Kategorie von Größe,
nämlich Figuren die durch ihre Lagen schon bestimmt sind). Das
Geradesein ist gleichsam ein Bild oder das Merkmal dieses Ver-
hältnisbegriffes: daher kann es auch nicht als ein Verstandsbegriff
um irgend eine Folge daraus zu ziehen, gebraucht werden. Man
mag alle Sätze der geraden Linie durchgehen, so wird man finden,
daß dieselben, nicht in so fern sie gerade, sondern bloß in so fern
sie die kürzeste ist, daraus folgen; so wenig als von allen andern
sinnlichen Anschauungen etwas anders folgen kann, als daß sie
das sind, was sie sind. Und so auch alle Sätze die von allen Din-
gen ohne Unterschied (auch von dem Nichts) gelten, weil sie auch
symbolisch, d. h. von keinen bestimmten, sondern Gegenständen
überhaupt, richtig sind. Man bedient sich des Ausdrucks: gerade
Linie, bloß der Kürze hal | ber. Daß man diesen Satz aber, schon
vor seinem Beweise durchs bloße Anschauen erkennet, beruhet le-
diglich darauf, weil man in demselben das Merkmal oder das Bild
wahrnimmt, (das aber doch bloß klar aber nicht deutlich gemacht
werden kann) und daher diese Wahrheit schon zum Voraus ahn-
* det, (welche Ahndung, wie ich glaube, keine unbeträchtliche Rol-
le in der Erfindungskraft spielen muß). Es scheint ein Paradoxon
zu sein, da man gemeiniglich glauben möchte, hier sei das Gera-
desein eine innere Bestimmung (Verhältnis der Teile unter einan-
der) und die kürzeste seie eine äußere Bestimmung. Bei genauer
Überlegung aber findet sich gerade das Gegenteil: nämlich daß
das Geradesein oder die Einerleiheit der Richtung der Teile, die
Entstehung derselben schon voraussetzt. Daher taugt auch diese
Definition der geraden Linie nichts. Die Wolffische Erklärung
kann dieser Schwierigkeit nicht ausweichen; weil die Ähnlichkeit
der Teile mit dem Ganzen bloß in der Richtung sein muß, folglich
44 Versuch über die Transzendentalphilosophie 70 | 72

setzt es schon Linien voraus. Die Eigenschaft aber, daß sie die
kürzeste sei, fängt gleich mit der Entstehung an, und ist zugleich
ein inneres Verhältnis.
Ich komme nun zu der Frage: Quid Facti? – Herr Kant erwähnt 33
dieselbe bloß im Vorbeigehen, | da sie doch wie ich dafür halte, in
Ansehung der Deduktion der Kategorien von großer Wichtigkeit
ist. Ihre Bedeutung ist diese: Woher weiß man bei der Wahrneh- *
mung der Folge von b auf a, daß diese Folge notwendig sei; da-
hingegen die Folge von eben demselben b auf c (welche gleichfalls
möglich ist) zufällig ist? Herr Kant bemerkt zwar, (und das mit 34
Recht) daß die Beantwortung dieser Frage bloß auf die Beurtei-
lungskraft ankomme, worüber sich weiter keine Regeln geben
lassen. Aber sollen wir es darauf ankommen lassen, so werden
wir nichts festes haben, worauf wir uns bei der Bestimmung der
Realität der Kategorien und ihrer vollständigen Aufzählung, stüt-
zen können. Laßt uns also sehen. Den Begriff von Ursache leitet
Hr. Kant aus der Form der hypothetischen Urteile in der Logik 35
her. Man könnte aber die Frage aufwerfen: wie ist doch die Logik
selbst auf diese seltsame Form geraten, daß nämlich wenn ein
Ding a gesetzt wird, ein anderes Ding b notwendig auch gesetzt
werden muß? Sie ist keine Form der möglichen Dinge (wie die
Form der kategorischen Urteile, oder das Principium exclusi tertii, 36
das auf dem Satz des Widerspruchs beruhet ein jedes Subjekt A
hat entweder a oder non a zum Prädikat) denn da treffen wir |
dieselbe nirgends an, die Prädikate werden vom Subjekt, die Ei-
genschaften vom Wesen, kategorisch ausgesagt; und wenn man
schon einen kategorischen Satz auch hypothetisch ausdrücken
kann, so ist nur dadurch der Ausdruck, nicht aber die Form des
Urteils selbst hypothetisch. Wir haben sie also vermutlich von
ihrem Gebrauche bei wirklichen Gegenständen abstrahiert, und
in die Logik übertragen; wir müssen daher, ehe wir ihr als einer
Form des Denkens in der Logik Realität beilegen, die Realität ih-
res Gebrauchs selbst, nicht ob wir sie mit Recht gebrauchen kön-
nen, welches die Beantwortung der Frage: quid juris? ist, sondern
ob auch das Faktum wahr sei; daß wir sie nämlich bei wirklichen
Gegenständen gebrauchen, außer Zweifel setzen. Ja, wird man
sagen, das Faktum ist unbezweifelt. Wir sagen z. B. das Feuer er-
72 |75 Zweiter Abschnitt 45

wärmt (macht warm) den Stein, welches nicht bloß die Wahrneh-
mung der Folge zweier Erscheinungen in der Zeit sondern die
37 Notwendigkeit dieser Folge bedeutet. Hierauf aber würde David
Hume antworten: es ist nicht wahr, daß ich hier eine notwendige
Folge wahrnehme; ich bediene mich zwar bei dieser Gelegenheit
desselben Ausdrucks, dessen sich andere bedienen, allein ich ver-
stehe darunter bloß die von mir oft wahrgenom | mene Folge der
Erwärmung des Steins auf die Gegenwart des Feuers, nicht aber
die Notwendigkeit dieser Folge. Es ist bloß eine Assoziation der
Wahrnehmungen, aber kein Verstandesurteil: es ist eben das, was
man die Erwartung ähnlicher Fälle bei den Tieren nennt; und
wenn auch Hr. Kant bewiesen hat, daß wir diese Formen nicht
von der Erfahrung haben abstrahieren können; weil nämlich Er-
fahrung erst dadurch möglich wird: so kann ihm David Hume
(oder sein Stellvertreter) dieses alles gerne zugeben. Er wird sa-
gen: der Begriff von Ursache ist nicht in der Natur unsers Den-
kens überhaupt, so daß er auch in der symbolischen Erkenntnis
statt fände, auch nicht in der Erfahrung in dem Sinne, in welchem
Herr Kant dieses Wort gebraucht) gegründet; folglich gibt es auch
keine eigene Erfahrungssätze, (die Notwendigkeit ausdrücken)
und wenn ich sage: dieser Begriff ist von der Erfahrung herge-
nommen, so verstehe ich darunter bloße Wahrnehmung, die eine
(durch Gewohnheiten entstandene) subjektive Notwendigkeit
enthält, und die man fälschlich für eine objektive Notwendigkeit
ausgibt. Um also das Faktum selbst wider David Hume zu bewei-
sen, müßte man zeigen können: daß auch Kinder, wenn sie das er-
stemal diese Wahrneh | mung haben, sogleich urteilen: das Feuer
ist die Ursache von der Erwärmung des Steins; welches sich aber
schwerlich tun lassen wird. Man siehet hieraus, daß die Logik, (in
so fern das Faktum, oder der Gebrauch ihrer Formen selbst zwei-
felhaft ist,) kein sicheres Merkmal von der Realität dieser Formen
abgeben kann; und daß solche Begriffe, die besondere Gegenstän-
de bestimmen, von der Logik, die von aller Materie abstrahiert,
ganz wegbleiben müssen. |
46 75 | 76

DRITTER ABSCHNITT 38

VERSTANDSIDEEN, VERNUNFTIDEEN, U. S. W.

Die materielle Vollständigkeit eines Begriffs, in so fern diese Voll- *


ständigkeit in der Anschauung nicht gegeben werden kann, ist
eine Verstandsidee. Z. B. der Verstand schreibt sich eine Regel
oder Bedingung vor: daß aus einem gegebenen Punkte, eine un-
endliche Anzahl Linien die einander gleich sind, gezogen werden
sollen; woraus (durch Verknüpfung ihrer Endpunkte) der Begriff
des Zirkels hervorgebracht werden soll. Die Möglichkeit dieser
Regel, und folglich auch dieses Begriffs selbst, kann in der An-
schauung (durch Bewegung einer Linie um den gegebenen Punkt)
gezeigt werden; folglich auch seine formelle Vollständigkeit (der
Einheit im Mannigfaltigen). Seine materielle Vollständigkeit (des
Mannigfaltigen) aber, kann in der Anschauung nicht gegeben
werden, weil man immer nur eine endliche Anzahl Linien, die ein-
ander gleich sind, ziehen kann. Es ist also kein Verstandsbegriff,
dem ein Objekt entspricht, son | dern bloß eine Verstandsidee,
wozu man sich immer in der Anschauung durch sukzessives Hin-
zufügen dergleichen Linien, bis ins Unendliche nähern kann, und
folglich ein Grenzbegriff. Ich glaube daß ein offenbarer Unter-
schied ist, zwischen der Totalität der Bedingungen, wodurch ein
Objekt der Anschauung gedacht wird, und der Totalität der An-
schauungen selbst, die diesen Bedingungen subsumiert werden.
Die Gleichheit der Linien in diesem Beispiel ist eine Bedingung
(Bestimmung ihres Verhältnisses unter einander), ich kann jede
beliebige Anzahl Linien dieser Bedingung subsumieren, die Bedin-
gung selbst aber bleibt immer eben dieselbe. Denke ich also, daß
alle Linien die aus einem gegebenen Punkte in einer Ebene gezo-
gen werden können, einander gleich sein sollen, so betrifft diese
Allheit nicht die Bedingung als die Form des Begriffs, welche un-
ter jeden zwei Linien schon vollendet ist (die Linien A und B wer-
76 | 78 Dritter Abschnitt 47

den nicht deswegen mehr gleich weil ihnen C auch gleich gedacht
wird) sondern den Stoff desselben. Wird aber die Allheit der Lini-
en mit als Bedingung gedacht, so ist hier wiederum keine Vielheit
der Bedingungen; denn ich mag so viel gleiche Linien denken als
ich will, so lange ich ihre Anzahl endlich setze, denke ich noch
dadurch keinen Zirkel; hingegen kann ich z. B. nicht den | Begriff
eines Individuums ohne den Begriff der Art, und diesen nicht
ohne den der Gattung, u. s. w. denken. Hier ist die Denkbarkeit
des Individuums durch die Denkbarkeit aller allgemeinen Begriffe
bedingt; wir treffen die vollständige Bedingung in keinem Paare
dieser Begriffe, sondern in allen zusammen, und wenn dieses All
unendlich ist, so ist es eine Vernunftidee. In einer geometrischen
Reihe ist die Bedingung durch das Verhältnis zweier aufeinander
folgenden Glieder vollendet; soll diese Reihe aber einer gegebenen
Summe gleich sein, so gehört dies mit zur Bedingung, und so lan-
ge, als die Anzahl der Glieder nicht vollendet ist, ist sie auch nicht
* die der Aufgabe genugtuende Reihe. Die Reihe wodurch man eine
irrationale Wurzel ausdruckt, darf zu dieser Absicht nirgends auf-
hören, weil sonst die Bedingung (daß ihr Wert der verlangten
Wurzel gleich sein soll) nicht erfüllt werden wird. Nun könnte
man zwar sagen: daß es nicht nötig sei in der Definition des Zir-
kels alle Linien, welche aus dem Mittelpunkt gezogen werden,
gleich zu setzen; sondern bloß daß jede Linie die ich darin ziehe,
der schon gezogenen gleich sein soll, wodurch dieser Begriff keine
Idee sein wird. Bedenkt man aber, daß die mathematischen Be-
griffe keine Kopien von irgend | Etwas sind, so daß wir sie mit
ihren Urbildern vergleichen müßten, um dadurch ihre Vollstän-
digkeit zu bestimmen: sondern selbst Urbilder, die der Verstand
aus sich selbst a priori hervorbringt: so kann ihre Vollständigkeit
bloß relativ in Ansehung der aus ihnen zu ziehenden Folgen, beur-
39 teilt werden. Wollen wir also z. B. aus dem Begriff eines Zirkels
diesen Satz als eine Folge herleiten, daß jede Linie, die von jedem
Punkte der Peripherie auf den Diameter perpendikular gefällt
wird, die Mittelproportional-Linie ist, zwischen den dadurch ab-
geschnittenen Teilen des Diameters; so braucht man in der Defini-
tion des Zirkels nicht alle Linien, die aus dem Mittelpunkt gezo-
gen werden, sondern bloß 3 derselben einander gleich zu setzen.
48 Versuch über die Transzendentalphilosophie 78 | 80

Sollen wir aber daraus die Ausmessung der Zirkelfläche, oder ihr
Verhältnis zu einem Quadrat herleiten; so müssen wir notwendig
den Zirkel als schon vollendet, ansehen, weil sonst dieses Verhält-
nis nicht genau sein kann.
Diese Ideen sind zur Erweiterung des Verstandsgebrauchs un-
entbehrlich. Der Umfang dieses Gebrauchs stehet immer mit dem
Grade der erlangten Vollständigkeit, in gleichem Verhältnis.
Wenn ich z. B. drei Linien c a, c b, c d, nach dieser Regel gezogen
habe, so daß zwei der | selben c a, c b, nach entgegengesetzter
Richtung vom gegebenen Punkte in eine Linie a b zusammen lau-
fen, die dritte c d aber mit der einen c a einen spitzen Winkel a c d
macht; so kann ich mit Gewißheit folgern, daß die vom End-
punkte der erstern d, auf der letztern gezogene Perpendikularli-
nie d e, die Mittelproportionallinie zwischen den durch sie abge-
schnittenen Teil a e, und den andern Teil e c, + der andern Linie
c b, ist, u. dgl. So ist es auch mit dem Begriff einer geraden Linie,
nämlich einer Linie, deren sämtliche Teile einerlei Richtung ha-
ben: Linie, Richtung einiger Teile, und die Einerleiheit dieser
Richtung, kann in einer Anschauung gegeben werden, nicht aber
die Einerleiheit der Richtung aller Teile: und so sind auch die *
Asymptoten einer krummen Linie ihrer Regel nach, vollständig;
in Ansehung ihrer Darstellung aber, immer unvollständig. Man
begreift die Art, wie man sie völlig konstruieren muß, ohne sie
doch völlig konstruieren zu können. Diese Begriffe, oder vielmehr
Verstandsideen, sind ihrer materiellen Unvollständigkeit ungeach-
tet, nichts destoweniger richtig; weil ihre Regeln durch dasjenige
was immer in der Anschauung gegeben wird, begreiflich gemacht
werden können; sie brauchen nur zu ihrer materiel | len Vollstän-
digkeit eine beständige Wiederholung eben dieser Regeln. Da
aber diese Wiederholung ihren Bedingungen nach, unendlich sein
muß, so bleiben sie bloße Ideen, sie haben mit dem Grade ihrer
materiellen Vollständigkeit einerlei Grad der Richtigkeit in der
Anwendung. Z. B. dieser Grundsatz: eine gerade Linie ist die kür-
zeste zwischen zweien Punkten, ist auf eine gegebene Linie ange-
wendet, um desto richtiger, je mehr man gerade Teile darin be-
merkt. Eben so ist es auch mit den Begriffen oder Anschauungen
die zur Synthesis der Einbildungskraft dienen. Z. B. der Begriff
80 | 82 Dritter Abschnitt 49

von Folge in Zeit und Raum. Diese sind Formen, wodurch die
Einbildungskraft verschiedene sinnliche Vorstellungen auf einan-
der beziehet, und ihrem Mannigfaltigen, Einheit gibt. Hier dringt
der Verstand abermal auf die materielle Totalität, oder er be-
trachtet diejenige Anschauung, wo die Einbildungskraft keine
Folge bemerkt, doch vermöge dieser Form a priori in einer Folge
von Zeit und Raum, ohne welche wir keine Anschauung haben
können.
Die formelle Vollständigkeit eines Begriffs hingegen, heißt eine
Vernunft-Idee. Wir wissen z. B. von dem Begriffe (oder dem dar-
aus folgenden Urteile) von Ursache, d. h. was ist, | setzt etwas
voraus, worauf es nach einer Regel folgen muß. Laßt uns also set-
zen: ein Ding g, dieses setzt eine Ursache f voraus, und dieses die
seinige e, u. s. w. ins Unendliche. Hier enthält f gleichsam die erste
Dignität von dem Begriff Ursache in Ansehung der Wirkung g; e
die zweite, indem es Ursache von Ursache ist; u. s. w. Es setzt also
eine unendliche Dignität von Ursache in Ansehung g voraus, und
dies ist eine Vernunftidee. So ist es auch mit allen reinen Ver-
standsbegriffen beschaffen. Ich will mich darüber noch deutlicher
* erklären. Die subjektive Ordnung (in Ansehung unseres Bewußt-
seins) aller Gemüts-Operationen ist diese:
1) Sinnlichkeit, (welche zwar nicht das Bewußtsein selbst, aber
doch den Stoff dazu liefert).
2) Anschauung. Ordnung der einartigen sinnlichen Vorstellun-
gen unter ihren Formen a priori (Zeit und Raum) woraus
zwar kein Denken, aber doch ein Bewußtsein entspringt.
3) Verstandsbegriffe (Kategorien) woraus ein Denken, d. h.
Vorstellung einer Einheit im Mannigfaltigen enstehet.
4) Vernunftideen. Totalität der Verstandsbegriffe. |
Die objektive Ordnung an sich betrachtet, ist hingegen diese:
1) Verstandsideen, d. h. das Unendlichkleine jeder sinnlichen
Anschauung und ihrer Formen, welches den Stoff zur Er-
klärung der Entstehungsart der Objekte liefert.
2) Verstandsbegriffe, und
3) Vernunftideen, deren Gebrauch schon erklärt worden ist.
Für den Verstand und die Vernunft gibt es also keine Sinnlichkeit,
keine Anschauung, welche für die Sinne und die Einbildungskraft
50 Versuch über die Transzendentalphilosophie 82 | 84

gehören; sondern bloß Ideen und Begriffe, die die vorigen immer
begleiten, und die bei ihrer Veranlassung zum Vorschein (Bewußt-
sein) kommen. Der Verstand unterwirft also nicht Etwas a poste-
riori gegebenes, seinen Regeln a priori; er läßt es vielmehr diesen
Regeln gemäß entstehen (welches, wie ich glaube, die einzige Art
ist, die Frage: quid juris? auf eine völlig befriedigende Weise zu
beantworten). Diese drei Operationen sind die Bedingungen der
Anschauungen selbst. Z. B. zur Anschauung der roten Farbe, wird
erfordert 1) Verstands-Ideen, d. h. Vorstellung eines jeden roten
Punkts an sich (abstrahiert von aller Quantität. 2) Verstandsbe-
griffe, (Einartigkeit derselben, wo | durch sie in einer einzigen An-
schauung gebracht werden können; Ursache, wenn ein roter
Punkt vorhergehet, kann kein anderer als roter Punkt in dersel-
ben Anschauung folgen, denn sonst könnten wir keine Anschau-
ung d. h. Verknüpfung mehrerer derselben in einer Vorstellung
haben, wir lebten alsdann in einem beständigen Traume; Sub-
stanz, bei der Folge dieser Punkte auf einander in Zeit und Raum,
muß immer etwas mit sich selbst einerlei bleiben, sonsten könn-
ten sie nicht in einer Anschauung zusammen genommen werden,
und so auch mit allen übrigen Verstandsbegriffen). 3) Vernunft-
ideen: die Totalität der Verstandsbegriffe. |
84 | 85 51

vierter abschnitt

SUBJEKT UND PRÄDIKAT.


DAS BESTIMMBARE UND DIE BESTIMMUNG

* Wenn eine Synthesis von der Art ist, daß der eine Bestandteil der-
selben ohne Beziehung auf den andern, d. h. so wohl an sich, als
in einer andern Synthesis, der andere aber nicht ohne Beziehung
auf den erstern gedacht werden kann, so heißt der erste Subjekt
dieser Synthesis, und der letzte Prädikat. Z. B ein Dreieck oder ein
Raum in dreien Linien eingeschlossen, kann sowohl an sich, ohne
Beziehung auf das recht- oder schiefwinkligsein, als in diesen ver-
schiedenen Arten der Synthesis, disjunktive gedacht werden. Hin-
gegen kann das recht- oder schiefwinkligsein, nicht ohne Dreieck
überhaupt gedacht werden. Hier ist also Dreieck Subjekt, das
recht- oder schiefwinkligsein aber Prädikat; und der aus dieser |
Synthesis entsprungene Begriff, ein absoluter Begriff. In der allge-
meinen Logik werden die Formen des Denkens in Beziehung auf
einen Gegenstand überhaupt (a priori oder a posteriori), in der
transzendentalen aber in Beziehung auf a priori bestimmte Gegen-
stände, betrachtet. In jener wird daher Subjekt von Prädikat
durch keine Bedingung unterschieden; in dieser hingegen werden
sie durch eine Bedingung a priori unterschieden: diese Bedingung
also suche ich hier festzusetzen. Sie ist nichts anders als die ob-
jektive Möglichkeit einer Synthesis überhaupt. Es ist ferner zu be-
merken, daß weil hier von einer objektiven Synthesis (wo der
Grund dieser Synthesis in den Objekten liegt) die Rede ist: so
werden die negativen Prädikate oder Bestimmungen (die zwar ei-
nen Begriff aber kein Objekt bestimmen) davon ausgeschlossen,
und bloß die positiven, in so fern sie einander durch Verschie-
denheit (nicht durch Gegensetzung) ausschließen, in Betrach-
tung gezogen, welche nicht in einem Objekt in Beziehung auf
eben dasselbe denkende Subjekt zu gleicher Zeit gedacht werden
können.
52 Versuch über die Transzendentalphilosophie 85 | 87

Kann aber keiner von beiden ohne Beziehung auf den andern
gedacht werden, so ist jeder zugleich Subjekt und Prädikat in Be-
ziehung auf den andern, und der daraus entspringende | Begriff,
ein Relationsbegriff wie z. B. Ursache und Wirkung und dergl.8.
Daß bei dem absoluten Begriff dasselbe Subjekt mit verschiede-
nen Prädikaten disjunktive gedacht werden kann, wird mir, wie
ich glaube, jeder eingestehen. Daß aber dasselbe Prädikat nur ei-
nem Subjekte zukommen kann und dasselbe Subjekt nur ein Prä-
dikat haben kann, | wird man nicht so leicht zugeben. Man wird
sagen: das Prädikat (in so fern es Prädikat und nicht Subjekt sein
kann), kann zwar nicht ohne irgend ein Subjekt überhaupt, wohl
aber, ohne dieses besondere Subjekt gedacht werden. Ich will
mich also darüber näher erklären: Ein abstrakter Begriff macht *

8 Diese Art Synthesis ist bei einem endlichen Verstande, eine bloße
Form, die ohne Anwendung auf einen bestimmten Gegenstand der An-
schauung an sich betrachtet, kein Objekt bestimmt. Man kann sie mit ei-
nem algebraischen Ausdruck, wo x eine Funktion von y, und umgekehrt,
ist, vergleichen, das nur durch Bestimmung der einen dieser Größen, die
andere durch ihr Verhältnis zur Ersteren, bestimmt; folglich findet bei ei-
nem endlichen Verstande nur die erst Art der Synthesis, als Objekt, statt;
bei einem unendlichen Verstande hingegen, findet die zweite Art statt:
denn dieser denkt alle mögliche Dinge dadurch. Daß er alle mögliche
Real-Verhältnisse zwischen den Ideen, als Prinzipien derselben, denkt; da-
durch wird ihm jedes Ding an sich völlig bestimmt. Laßt uns setzen, z. B. x
ist eine Funktion von y, y eine Funktion von z u. s. w. Aus diesen bloß mög-
lichen Verhältnissen entspringt ein notwendiges Verhältnis von x zu z
u. s. w. x ist durch | diese neue Funktion mehr bestimmt als zuvor, und
durch Beziehung auf alle mögliche Verhältnisse, völlig bestimmt. Bei dem
unendlichen Verstande ist Subjekt, was bloß als möglich gedacht wird,
und Prädikat, was daraus notwendig folgt. Das Erstere kann ohne das
Letztere (als an sich möglich) das Letztere aber kann nicht (als notwendi-
ge Folge des Ersteren) ohne das Erstere gedacht werden. Bei einem endli-
chen Verstande hingegen ist Subjekt, nicht das was an sich gedacht, son-
dern was bloß an sich gegeben wird, und Prädikat, was nur in Beziehung
auf dasselbe, als Objekt, gedacht wird. Bei dem ersteren sind die Begriffe,
Urteile von der Möglichkeit der Dinge, und die Urteile, Schlußsätze von
der Notwendigkeit der Dinge, aus dem vorigen hergeleitet; bei dem Letz-
teren sind Begriffe auch Urteile von der Möglichkeit der Dinge, die aber in
einer einseitigen Synthesis sind.
87 | 89 Vierter Abschnitt 53

natürlicherweise einen andern ab | strakten Begriff notwendig;


denn wenn ich in der Synthesis A B, A als von B getrennt, betrach-
te, so muß ich auch B als von A getrennt, betrachten; dieses ist
aber bloß in der symbolischen Erkenntnis möglich: denn in der
Anschauung muß ich notwendig A B zusammen betrachten, weil
sonst diese Synthesis keinen Grund haben würde. Es ist aber doch
ein Unterschied zwischen diesen beiden Abstrakten, indem A, ob-
schon es nicht in der Anschauung als ein solches (abstrahiert von
A B) dargestellt werden kann, doch ein reeller Begriff (der Folgen
hat) ist; hingegen B kein reeller Begriff ist, obschon durch sein
Hinzukommen zu A ein neuer reeller Begriff (der neue Folgen hat)
entspringt. A ist also hier Subjekt, und B Prädikat dieser Synthe-
sis; das Subjekt enthält also mehr Realität als das Prädikat, denn
außer dem Anteil, den es mit diesem zugleich hat an den neuen
Folgen, so hat es noch dazu, erstlich: die ihm eigene, woran dieses
keinen Anteil hat; zweitens, die Möglichkeit der neuen Folgen.
Laßt uns also setzen: zwei Subjekte A und B die ein gemein-
schaftliches Prädikat C haben, so daß daraus zwei verschiedene
Syntheses, A C, B C, entspringen: sollen also diese beiden Synthe-
ses reell (nicht bloß symbolisch) sein, so muß C an sich be | trach-
tet kein reeller Begriff sein; d. h. er muß als ein solcher keine Fol-
gen haben, die Syntheses A C, B C, hingegen müssen Folgen ha-
ben, die A und B an sich nicht hatten, folglich müssen diese
neuen Folgen ihren Grund bloß in der Synthesis haben; ferner:
da die Synthesis A C von der B C unterschieden ist: so müssen
auch die Folgen der Ersteren von den Folgen der Letzteren unter-
schieden sein. Ich frage also: wo liegt hier der Grund der Ver-
schiedenheit? Es kann nicht im Prädikat C sein, weil C notwendig
in beider Synthesis mit sich selbst einerlei ist, auch nicht in A und
B an sich, denn, wenn der Grund der Verschiedenheit (als Be-
stimmung) der Folgen, in A und B an sich angetroffen werden
soll, so müßten die Folgen selbst auch schon in A und B an sich
angetroffen werden; (weil das Verschiedensein keine neue Bestim-
mung, wodurch der Begriff des Objekts synthetisch erweitert
würde, ist, sondern bloß ein Reflexionsbegriff, wodurch wir eine
besondere Art Verhältnis denken) und die Synthesis wäre also
nicht reell, (indem aus AC, BC, keine neue Folgen, die nicht schon
54 Versuch über die Transzendentalphilosophie 89 | 91

aus A und B an sich entspringen, angegeben werden können). Es


kann auch nicht in der Verbindung von Subjekt und Prädikat lie-
gen; denn was heißt einen Grund in der | Verbindung haben, an-
ders, als daß beide Anteil daran haben?
Oder noch kürzer: jeder wird, wie ich hoffe, mir zugeben, daß *
verschiedene Gründe nicht einerlei Folgen haben können; denn
sind sie völlig verschieden, d. h. ist die Setzung des Einen, die He-
bung des Andern, so ist gewiß, daß, wenn A ein Grund (Bedin-
gung) von Etwas ist: so kann nicht zugleich non A, oder die He-
bung des Grunds, der Grund von diesem Etwas sein. Sind sie
aber nicht völlig, sondern bloß zum Teil verschieden, zum Teil
aber einerlei; so kann, wenn A der Grund von Etwas ist, zugleich
B, nur in so fern es mit A einerlei ist, der Grund von diesem Etwas
sein, und alsdann ist nicht A, nicht B, sondern bloß das, was bei
ihnen einerlei ist, der Grund von diesem Etwas. Will man sagen,
daß Verschiedensein nicht (ganz oder zum Teil) Gegensetzung,
sondern eine besondere Form sei, so muß man doch gestehen,
daß, wenn es schon nicht Gegensetzung selbst ist, es doch diesel-
be voraussetzt, indem das, was verschieden ist, sich einander not-
wendig ausschließt; oder, um etwas von A Verschiedenes zu den-
ken, muß man vorher A heben, und dann dieses Etwas an seine
Stelle setzen.
Oder noch anders: Eine nicht bloß symbolische, sondern reelle
Synthesis wird dadurch er | kannt, daß man den einen Teil dersel-
ben auch ohne den andern (an sich), nicht aber umgekehrt, den-
ken kann; da aber jeder dieser Teile an sich, als ein abstrakter Be-
griff in keiner Anschauung dargestellt werden kann: so können
wir nicht wissen, ob der Eine derselben an sich gedacht werden
kann, wenn wir ihn nicht durch verschiedene Syntheses in der
Anschauung wirklich darstellen; denn nur daraus erkennen wir,
daß keine dieser Syntheses zu seiner Denkbarkeit notwendig sei;
folglich muß er auch ohne sie, d. h. an sich, gedacht werden kön-
nen. Die Notwendigkeit dieser Synthesis wird also auf dem an-
dern Teil einer jeden beruhen, der nicht ohne den Ersten (an sich)
gedacht werden kann. Nehmen wir also an, eine zweien Bestimm-
baren gemeinschaftliche Bestimmung, so wird diese Bestimmung
zum Bestimmbaren (weil sie in verschiedener Synthesis gedacht
91 | 93 Vierter Abschnitt 55

werden kann) und auch umgekehrt, wider die Voraussetzung.


Wollte man noch daran zweifeln, daß das, was in verschiedener
Synthesis dargestellt wird, auch an sich gedacht werden kann, so
betrachte man nur allgemeine Begriffe in Ansehung ihrer Folgen;
und man wird finden, daß nichts, was mit ihnen in irgend einer
Synthesis verknüpft ist, den mindesten Anteil an ihren | Folgen
hat, woraus ihre Unabhängigkeit von aller Synthesis überhaupt
(in Ansehung ihrer Folgen, obschon nicht in Ansehung ihrer Dar-
stellung in einer Anschauung) zur Genüge erhellen wird.
Ich glaube auch nicht, daß man mir diese Behauptung durch ir-
gend eine Induktion umstoßen wird. Wenn man z. B. einwenden
wollte, jedem Körper als Subjekt, kömmt das Prädikat Figur zu;
eine bestimmte Farbe z. B. rot kann verschiedenen Körpern zu-
kommen u. dergl. Denn man betrachte nur diese Beispiele genau-
er, so wird sich finden, daß im ersteren, Figur kein unmittelbares
Prädikat des Körpers, sondern der Form desselben, nämlich des
Raums ist; so ist auch im letztern, die Farbe kein Prädikat (Be-
stimmung) sowohl vom Körper überhaupt, als von irgend einem
besondern Körper: denn wovon soll sie eine Bestimmung sein?
etwa von der Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, Schwere, Härte
und dergl.? – Das können nur diejenigen glauben, die die Natur
einer Bestimmung nicht einsehen, und die Dinge der Einbildungs-
kraft, als Dinge des Verstandes ansehen. Die Zusammennehmung
dieser Qualitäten ist bloß eine Synthesis der Einbildungskraft,
wegen ihres Zugleichseins in Zeit und Raum (die Vermutung ei-
nes inneren Grun | des, ist und bleibt bloß eine Vermutung –
nämlich in Ansehung unsrer, obschon man gestehen muß, daß in
Ansehung des unendlichen Verstandes die assertorisch-syntheti-
schen Sätze apodiktisch, so wie die apodiktisch-synthetischen
Sätze analytisch sein müssen – ); nicht aber eine Synthesis des
Verstandes: man kann so wenig einen roten Körper als eine süße
Linie denken.
Das Verfahren des Verstandes bei Bildung der Begriffe ist sei-
nem Verfahren im Urteilen entgegengesetzt. Im ersten Falle han-
delt er synthetisch, im zweiten aber, analytisch. Bei Bildung der
Begriffe, fängt er vom Allgemeinen an und gelangt durchs Bestim-
men zum Besondern; im Urteilen hingegen ist es umgekehrt, er
56 Versuch über die Transzendentalphilosophie 93 | 95

denkt erst das Besondre, welches er durch Weglassung der Be-


stimmungen dem Allgemeinen subsumiert: daher müssen auch die
Benennungen von Subjekt und Prädikat in beiden verwechselt
werden. Bei Begriffen ist Subjekt das Allgemeine, und Prädikat *
das Besondere. Beim Urteilen ist es umgekehrt, aber nur der Be-
nennung nach; denn in der Tat ist Begriff und Urteil einerlei.
Wenn ich z. B. sage: ein Dreieck kann rechtwinklig sein; so ist es
nichts anders, als daß ich durch diese Operation den Begriff ei-
nes rechtwinkligen Dreiecks | denke: – und wenn ich sage; ein *
Mensch ist ein Tier, so heißt dies so viel, der Begriff Mensch ent-
stehet dadurch daß ich den Begriff von Tier näher bestimme. Es
geschiehet bei diesem Urteile eine Wiedererinnerung des Begriffs, 40
und dergl. mehr. So auch wenn ich sage A ist Ursache von B, so
entstehet mit diesem Urteile zugleich der Begriff von Ursache:
denn wie schon gezeigt worden, die bloße Form der hypotheti-
schen Urteile, ohne sie auf bestimmte Gegenstände anzuwenden,
enthält noch nicht den Begriff von Ursache, denn Ursache ist et-
was, wodurch etwas anderes bestimmt wird; bestimmt aber heißt
nicht bloß gesetzt sondern bestimmt gesetzt. Folglich enthält die
bloße Form (wenn etwas überhaupt gesetzt wird, so muß etwas
anders überhaupt gesetzt werden): noch nicht den Begriff von Ur-
sache.
Nachdem ich also festgesetzt habe: daß eine Bestimmung nicht
ohne das Bestimmbare gedacht werden kann, so folgt von selbst,
daß eine Bestimmung in Ansehung unseres Bewußtseins nichts
anders, als ein Verhältnis sein kann9, | und dieses entweder ein in-
neres, oder ein äußeres. Z. B. in dem Begriff einer geraden Linie,
ist das Prädikat gerade ein inneres Verhältnis, d. h. die Einerlei-
heit der Richtung der Teile; in dem Begriffe einer Perpendikularli-
nie aber, ist das Perpendikularsein ein äußeres Verhältnis nämlich

9 Dieses gilt von einem absoluten Begriff; denn die Bestimmung eines
relativen Begriffs, ist nichts anderes, als der besondere Gegenstand, wor-
auf er angewendet wird, d. h. eine Anschauung. | Z. B. Wenn ich sage: das
Feuer erwärmt den Stein, so wird hier der allgemeine Verhältnis-Begriff
von Ursache durch einen besondern Gegenstand, nämlich, das Feuer, be-
stimmt.
95 | 97 Vierter Abschnitt 57

* in Beziehung auf eine andere Linie und dergl. In einer Synthesis


von Anschauung und Begriff kann so wohl die Anschauung als
der Begriff Subjekt oder Prädikat sein, u. s. w. Die Begriffe von
Subjekt und Prädikat, auf Gegenstände der Erfahrung angewen-
det, liefern uns die Begriffe von Substanz und Akzidenz. Wenn
man nämlich einen Gegenstand der Erfahrung (Anschauung) in
verschiedener Synthesis denken kann, (und weil es ein Gegen-
stand der Erfahrung ist, so kann man nicht anders überzeugt sein,
daß man ihn in verschiedener Synthesis denken kann, als wenn
man ihn wirklich in verschiedener Synthesis gegeben denkt): so
heißt er Substanz; seine verschiedenen Bestimmungen aber, womit
er in Synthesis gedacht wird, heißen seine Akzidenzen. Weil aber |
die Zeit die Form der Anschauungen ist und also verschiedene
Vorstellungen nicht zugleich gedacht werden können, so können
diese verschiedenen Syntheses nicht anders als aufeinander fol-
gend in der Zeit gedacht werden; in allen aber muß das Subjekt
mit sich selbst einerlei sein, d. h. die Substanz muß notwendig et-
was beharrliches in der Zeit sein, die Akzidenzen aber etwas
wechselndes, woraus man siehet, daß man die Begriffe von Sub-
stanz und Akzidenz keinesweges auf Dinge die nicht in der Zeit
existieren (Dinge an sich, nicht Anschauungen) anwenden kann,
* denn alsdann werden sie gar keine Bedeutung haben. Denn ich
weiß gar nicht, wie es möglich ist, daß ein Ding an sich oder
durch ein ander Ding gedacht werden soll. Man muß nicht ein-
wenden, daß ich mir doch diese Begriffe durch Beispiele aus der
Mathematik (deren Gegenstände a priori sind) erläutern kann. In
dem Begriff einer geraden Linie z. B. ist Linie das Subjekt, und
Geradesein das Prädikat; weil nämlich das Erstere ohne das Letz-
tere, nicht aber umgekehrt, gedacht werden kann. Denn man be-
denke nur, daß Raum mit allen seinen möglichen Bestimmungen,
Formen der Sinnlichkeit und zugleich Anschauungen selbst sind,
d. h. etwas (obschon a priori) Gegebenes, nicht | aber etwas ge-
* dachtes; folglich kann ich mit Recht Linie als etwas Gegebenes,
ohne Verhältnisbestimmung des Geradeseins, denken. So ist es
aber nicht mit den Objekten a priori (noumena); von diesen haben
* die reinen Verstandsbegriffe gar keine Bedeutung: denn außer-
dem daß wir die Möglichkeit der bloßen Form der synthetischen
58 Versuch über die Transzendentalphilosophie 97 | 98

Urteile, ohne Anschauungen nicht einsehen können; so können


wir auch durch sie bloß einen Gegenstand denken, nicht aber
denselben erkennen. Dieses geschiehet nur durch die Merkmale
des beharrlichen und wechselnden Daseins in der Zeit. |
98 | 99 59

fünfter abschnitt

DING, MÖGLICH, NOTWENDIG,


GRUND, FOLGE, U. S. W.

Ein möglich Ding wird 1) dem formaliter-positiv erkannten Un-


möglichen entgegengesetzt, und bedeutet alsdann die Abwesen-
heit des Widerspruchs, 2) dem formellen Nichts oder dem forma-
liter-problematisch Möglichen und Unmöglichen; und bedeutet
alsdann eine positive erkannte Synthesis, daß das Prädikat dem
Subjekte als die Bestimmung dem Bestimmbaren zukommen
kann. Diese Synthesis ist einseitig. Das Bestimmbare ist derjenige
Teil derselben, der sowohl an sich als disjunctive mit andern
(außer der wirklich gedachten) Bestimmungen gedacht werden
41 kann. Die Bestimmung aber kann ohne zum wenigsten (siehe Ab-
schnitt 3) etwas Bestimmbares über | haupt an sich nicht gedacht
werden. Z. B. in der Synthesis einer geraden Linie, ist Linie das
Bestimmbare, sie kann sowohl an sich, als mit einer andern Be-
stimmung (schief) gedacht werden: hingegen ist das Geradesein,
die Bestimmung, die an sich ohne etwas dadurch Bestimmbares,
nicht gedacht werden kann. Diese Synthesis ist also von der Syn-
thesis der Verhältnisbegriffe verschieden, indem diese letztere
wechselseitig ist, d. h. keiner von den Teilen der Synthesis kann
ohne den andern gedacht werden, wie z. B. Ursache und Wirkung;
jeder derselben ist Bestimmbares (durch den andern) und Bestim-
mung (des andern) zugleich. Nimmt man aber mehrere Dinge,
wovon jedes an sich gedacht werden kann, willkürlich zusam-
men, so ist diese Synthesis formaliter problematisch und diesem
Möglichen entgegengesetzt.
3) Dem materiellen Nichts: dann bedeutet es eine gegebene
Anschauung, die das Substratum dieser Synthesis ist, ohne welche
diese eine bloße subjektive Form, ohne objektive Realität sein
würde.
4) Dem Wirklichen: dieses bedeutet wiederum entweder Abwe-
60 Versuch über die Transzendentalphilosophie 99 | 101

senheit einer zufälligen (reiner Begriff) oder einer wesentlichen


Materie. | (Idee) Z. B. der Begriff eines Dreiecks, abstrahiert vom
Körper womit ihn die Einbildungskraft in Zeit und Raum (durch
Zugleichsein) verknüpft, ist von der erstern Art; die Asymptoten
einer krummen Linie sind von der letztern Art. In diesem Falle ist
die Synthesis des endlichen und des unendlichen Verstandes for-
maliter einerlei; sie sind nur materialiter verschieden, indem der
erstere dieselbe nur zum Teil intuitiv machen kann, das übrige ist
bloß symbolisch: der letztere hingegen stellet sich das Ganze in-
tuitiv vor.
5) Dem Notwendigen: und dieses entweder formaliter, wenn
nämlich die Synthesis nicht nach dem Gesetz der Identität, auch
nicht der Relation; oder materialiter, wenn die Synthesis nicht in
der Anschauung notwendig ist, so wie z. B. in diesem Urteile:
die gerade Linie ist die kürzeste zwischen zweien Punkten, u.
dergl. m.
Ein Ding ist also entweder bloß negativ oder auch positiv mög-
lich; das erstere ist dasjenige dessen Begriff keinen Widerspruch
enthält, d. h. wenn nicht einen und eben demselben Subjekt ein
Prädikat beigelegt und zugleich nicht beigelegt wird (ohne auf
den Inhalt des Subjekts und Prädikats zu sehn). Das letztere setzt
zwar das erstere voraus, es erfordert aber auch noch etwas außer-
dem: 1) eine, | dem Begriff zum Grunde liegende Anschauung,
und das darin gedachte Verhältnis, z. B. eine gerade Linie u.
dergl.; 2) einen objektiven Grund der Möglichkeit, der, wie ich
schon gezeigt, darin besteht, daß das Subjekt auch ohne das Prä-
dikat, nicht aber umgekehrt gedacht werden kann, wodurch die
Synthesis nicht bloß willkürlich, sondern im Objekt selbst ge-
gründet ist. Die gerade Linie kann hier wieder zum Beispiele die-
nen; 3) eine Definitio realis oder die Erklärung der Entstehungsart 42
desselben. Man sieht hieraus, daß das positiv Mögliche mehr
Realität enthält, als das bloß negativ Mögliche.
Das Wirkliche ist nicht, wie einige Philosophen vorgeben, ein
Ens omni modo determinatum; denn wenn ich schon zugeben 43
wollte, daß jedes wirkliche ein Ens omni modo determinatum ist,
so folgt doch nicht daraus, daß auch umgekehrt, ein jedes Ens
omni modo determinatum wirklich sein muß. Ein rechtwinkliges *
101 | 103 Fünfter Abschnitt 61

Δ von bestimmter Größe (das gewiß ein Ens omni modo determi-
natum ist) ist deswegen doch nicht wirklich, u. dergl. m. Ja, es ist
sogar zu zweifeln, ob selbst der erste Satz seine Richtigkeit hat,
daß nämlich jedes wirkliche ein Ens omni modo determinatum
sein muß. Wir erkennen das Wirkliche bloß durch | seine Kausal-
Verknüpfung mit andern Dingen, das heißt, durch sein Wirken
oder Leiden. Nun möchte ich gerne wissen, woher ich überzeugt
sein kann, daß ein wirkliches Ding, das Gold z. B. omni modo de-
terminatum ist, denn da seine Determinationen nichts anders als
seine besondern Arten von Vermögen oder Kausal-Verknüpfung
mit andern Dingen ist, z. B. daß es im Feuer schmelzbar ist, in
44 Aqua regis auflösbar ist, nicht aber in Aqua forti u. dergl. Dieses
alles kann ich aber nicht a priori sondern bloß a posteriori aus der
Erfahrung wissen, und also mich nur durch eine ins unendliche
gehende Erfahrung (das aber unmöglich ist) davon überzeugen;
so ist ein ens omni modo determinatum bloß eine Idee. Die Wirk-
lichkeit erfordert also eine andere Definition: nämlich das Wirkli-
che ist dasjenige, worinnen ich zwar eine Synthesis, aber nicht
nach Gesetzen des Verstandes (des Bestimmbaren und der Bestim-
mung), sondern bloß der Einbildungskraft wahrnehme. Z. B. das
Gold ist eine wahrgenommene Synthesis der gelben Farbe, vor-
züglichen Schwere, Härte u. dergl. Es ist hier keine Synthesis des
Verstandes, weil diese Merkmale nicht im Verhältnis von Subjekt
und Prädikat (das Bestimmbare und seine Bestimmung) sind, in-
dem sie ohne einander gedacht wer | den können; sondern sie wer-
den bloß darum zusammengenommen, weil sie einander in Zeit
und Raum begleiten. Ich gebe gerne zu, daß die Synthesis der
Einbildungskraft einen innern Grund haben muß, d. h. daß ein
Verstand, der das innere Wesen des Goldes kennt, sich von dem-
selben einen solchen Begriff machen muß, daß diese als Eigen-
schaften aus dem Wesen notwendig folgen müssen; aber immer
wird doch diese Synthesis in Ansehung unserer eine bloße Synthe-
sis der Einbildungskraft bleiben.
Das bloß mögliche also, was diesem wirklichen entgegenge-
setzt ist, ist das erdichtete, d. h. eine nicht wahrgenommene son-
dern ganz willkürliche Synthesis, z. B. die grüne Farbe, vorzügli-
che Schwere u. dergl. Es ist vom wirklichen nicht der Art, sondern
62 Versuch über die Transzendentalphilosophie 103 | 105

bloß dem Grad nach, d. h. der wenig öftern Begleitung in Zeit


und Raum oder minder Stärke der Vorstellungen selbst, unter-
schieden.
Ding an sich. Begriff eines Dings. Der Begriff eines Dings kann
vom Dinge selbst bloß in Ansehung der Vollständigkeit unter-
schieden sein, entweder der materiellen oder der formellen Voll-
ständigkeit. Ein rechtwinkliges Δ von bestimmter Größe in einer
Konstruktion gebracht, ist Ding und Begriff eines Dinges | zu-
gleich; dahingegen ein Δ überhaupt bloß der Begriff eines Dinges,
nicht aber das Ding selbst ist, weil ihm zu seiner Darstellung in
einer Anschauung noch Bestimmungen fehlen; er ist also bloß we-
gen seiner materiellen Unvollständigkeit vom Dinge selbst unter-
schieden. Das Ding Gold ist ein unbekanntes Wesen, dessen Ei-
genschaften sind gelbe Farbe, vorzügliche Schwere u. s. w. Die
Synthesis dieser macht bei uns den Begriff von Gold aus; dieser
Begriff ist vom Dinge selbst bloß wegen seiner formellen Unvoll- *
ständigkeit (Mangel der Einsicht in der objektiven Verknüpfung
dieser Eigenschaften) unterschieden u. dergl.
Der Satz: alles wirkliche ist möglich, will dreierlei sagen; 1) es 45
muß nicht positiv unmöglich sein, oder es muß keinen Wider-
spruch enthalten; 2) es muß in Ansehung unserer auch nicht posi-
tiv möglich sein, d. h. die Synthesis der Einbildungskraft muß von
uns nicht begriffen werden können; 3) es muß auch an sich posi-
tiv möglich sein, d. h. sie muß an sich in einer Synthesis des Ver-
standes ihren Grund haben.
Der Satz: das unmögliche kann nicht wirklich sein, heißt nicht 46
so viel, die Bestandteile einer wirklichen Synthesis dürfen sich
nicht widersprechen (denn diese können sich nicht widerspre-
chen, weil jeder derselben an sich vorgestellt werden kann, | das
sich widersprechende aber ist nur so in Beziehung auf einander)
sondern die Bedeutung ist diese: jeder dieser Teile muß sich selbst
nicht widersprechen, wie z. B. wenn man sagt: eine goldene vier-
eckige Kugel u. dergl.
Wirklich, wird 1) dem formaliter positiv erkannten Unmögli-
chen entgegengesetzt, und in diesem Falle hat der Satz: alles
Wirkliche ist möglich, seine Richtigkeit. 2) Dem problemati-
schen: in so fern die Synthesis des Wirklichen (ob schon keine
105 | 107 Fünfter Abschnitt 63

Synthesis des Verstandes) nicht ganz willkürlich, sondern eine re-


elle Synthesis der Einbildungskraft in Zeit und Raum ist. 3) Dem
materiellen Nichts. 4) Dem Notwendigen.
* Das Notwendige ist allem diesen entgegen, gesetzt, und erhel-
let aus dem schon angeführten.
Grund eines Objekts: ist eine Regel oder Bedingung, wonach
ein Objekt vorgestellet werden kann. Das Objekt selbst ist das
darin Gegründete. Z. B. Der Verstand schreibt sich eine Regel
oder Bedingung vor, aus einem gegebenen Punkte eine unendliche
Anzahl Linien zu ziehen, die einander gleich sein sollen, wonach
(durch Verbindung der Endpunkte) ein Zirkel dar | gestellt wer-
den soll. Die Gleichheit der Linien ist hier Grund, der Zirkel aber
das Gegründete: dieser Grund ist aber noch zur Entstehung des
Gegründeten (des Objekts) unzureichend, bis der Verstand wie-
derum seinen Grund (die Regel oder Bedingung zur Gleichheit
der Linien, durch Bewegung einer Linie um einen ihrer Endpunk-
te) ausfündig gemacht hat. Grund ist also ein Verstandsbegriff;
* zureichender Grund aber bloß eine Vernunftidee, zu der man sich
immer nähern, (wodurch der Gebrauch der Vernunft erweitert
wird) die man aber niemals erreichen kann.
Grund einer Erkenntnis (eines Urteils) in der engsten Bedeu-
tung ist ein allgemeines Urteil, das als Obersatz von dem gegebe-
nen Urteil, als Schlußsatz gedacht wird, wodurch dieser ein ana-
lytischer Satz wird. Grund in weiterer Bedeutung ist bloß das
Subjekt als Bedingung des Urteils gedacht; dies ist also bloß ein
synthetisches Urteil. Die erste Art Grund wird durch weil, die
zweite durch wenn ausgedrückt. Ein Dreieck ist ein Dreieck, weil
jedes Ding mit sich selbst einerlei ist; eine gerade Linie ist die kür-
zeste zwischen zwei Punkten; d. h. wenn eine Linie gerade ist, so
u. s. w. Die Definitionen der Mathematik sind Bedingungen, aber
nicht Gründe | (in engster Bedeutung) der Sätze. Wenn die Urteile
den Begriffen vorausgehen, oder, wenn die Urteile Verhältnisse,
welche Definitionen der Begriffe sind (wie alle reine Urteile a pri-
ori nach meiner Erklärung), ausdrücken: so sind sie subjektiv-
analytische, und objektiv-synthetische Urteile; z. B. jede Ursache
hat eine Wirkung; diese Synthesis von Ursache und Wirkung ist
nicht analytisch (objektive betrachtet) weil Ursache mit Wirkung
64 Versuch über die Transzendentalphilosophie 107 | 109

nicht einerlei ist, und doch müssen sie (in Ansehung des Subjekts
des Denkens) zusammengedacht werden, indem sie einander
wechselsweise erklären.
Ferner wird Grund bloß von der Erkenntnis, nicht aber vom
Dasein eines Dinges gebraucht; es bedeutet, wie schon erwähnt
worden, eine vorher erlangte Erkenntnis als Bedingung einer neu-
en Erkenntnis betrachtet. Betrifft diese neue Erkenntnis nicht die
Denkbarkeit überhaupt, sondern die Art des Daseins der Objekte,
so heißt dieser Grund Ursache. Ich will es mit Beispielen erläu-
tern: die Summe der Winkel eines Dreiecks ist zweien rechten 47
gleich; dieses ist eine neue Erkenntnis: der Grund derselben ist
eine schon erlangte Erkenntnis; nämlich: daß ein Ding sich selbst *
gleich ist, und daß, wenn zwei Parallellinien von einer | dritten ge- 48
schnitten werden, die Wechselwinkel einander gleich sind. Hier
ist also der Antezedens die Bedingung zum Konsequenz in diesem
neuen Urteil, und das vorhergehende Urteil der Grund dieses neu-
en Urteils. Suche ich hingegen den Grund zu diesem Urteil: wenn
a vorhergeht, so muß b darauf notwendig folgen, welches die Exi- *
stenz dieser Objekte betrifft, so heißt es: ich suche die Ursache
davon. Finde ich also diesen Grund oder diese Ursache in keiner
schon erlangten Erkenntnis, so gibt es hier gar keinen Grund oder
Ursache; denn sagen: ein Ding ist Ursache seiner selbst, heißt so
viel sagen, als: es hat keine Ursache; sondern bloß, der Anteze-
dens ist die Bedingung zum Konsequenz, wie in diesem Urteile
z. B. die gerade Linie ist die kürzeste zwischen zween Punkten. Es
ist also ein Irrtum, wenn man sagt: daß in diesem hypothetischen
Urteil, wenn a vorhergeht, so muß b darauf notwendig folgen,
das Vorhergehende a die Ursache von dem Folgenden b sei; son-
dern es ist bloß die Bedingung desselben; Ursache gibt es hier gar
nicht. Dieses Urteil findet also nicht statt bei Dingen an sich, wo
a nicht als Bedingung bestimmt ist. Man müßte sich eigentlich so
ausdrücken: Was ist der Grund oder die Ursache, daß wenn a
vorhergeht, | b darauf folgen muß? die Antwort hierauf würde
sein: es ist so notwendig, d. h. es hat in der Tat keinen Grund, *
oder keine Ursache. So wie wenn man fragte: Was ist der Grund,
daß die gerade Linie die kürzeste zwischen zwei Punkten ist? und
man antwortete: weil sie eine gerade Linie ist; d. h. der Grund des
109 | 110 Fünfter Abschnitt 65

Prädikats ist im Subjekte selbst; oder genauer zu reden: dieses Ur-


teil hat in der Tat keinen Grund; d. h. es gibt kein allgemeines Ur-
teil, wovon dieses als von einer vorhergehenden Erkenntnis abge-
leitet werden könnte. Es ist also sonderbar, daß, indem wir den
Grund unsers Urteils zu wissen glauben, dadurch daß wir ihn im
Subjekte desselben setzen, wir dadurch eben anzeigen, daß wir
diesen Grund nicht wissen. |
66 110 | 111

sechster abschnitt

EINERLEIHEIT, VERSCHIEDENHEIT,
GEGENSETZUNG, REALITÄT, NEGATION,
LOGISCH UND TRANSZENDENTAL

Einerleiheit und Verschiedenheit. Der Gebrauch dieser Begriffe ist


allgemeiner als der Gebrauch der Kategorien. Einerleiheit und
Gegensetzung, beziehen sich auf ein Ding überhaupt: a ist mit a
Einerlei, a ist dem non a entgegengesetzt. Verschiedenheit bezie-
het sich zwar nicht auf ein Ding überhaupt, aber doch nicht auf
(durch Bedingungen) bestimmte sondern bloß auf bestimmbare
Dinge; die Kategorien hingegen beziehen sich auf durch Bedin-
gungen bestimmte Dinge, Einerleiheit, Verschiedenheit etc. sind
Verhältnisbegriffe, deren jeder ohne den andern nicht gedacht
werden kann. Wenn man sagt a und b sind einerlei, so ist dies nur
in gewissem Be | tracht; in einem andern Betracht hingegen muß
man sie notwendig (in so fern es mehrere Dinge sind) als ver-
schieden denken. Wenn man auch sagt: ein Ding ist mit sich selbst
einerlei, so betrachtet man es wenigstens zweimal, d. h. zu ver-
schiedenen Zeiten; diese Zeitverschiedenheit macht also das Ding
in gewissem Betracht von sich selbst verschieden. Von einem Be-
griffe können wir gewiß sein, daß er völlig mit sich selbst einerlei
ist, nicht aber von einem Gegenstand: (ein Begriff mit einer ihm
zum Grund gelegten Anschauung): denn außer der gedachten
Verschiedenheit der Zeit, kann er auch in Ansehung des Begriffs
selbst verschieden sein, d. h. wir können uns im Urteile irren. Es
können auch keine Gegenstände völlig verschieden sein, ohne zu-
gleich auch in gewissem Betracht einerlei zu sein; denn sonst
wären sie nicht bloß verschieden, sondern entgegengesetzt, und
alsdann hieße es: man vergleicht nicht zwei Gegenstände, sondern
einen Gegenstand mit Nichts, untereinander, nach der Baumgar- 49
tenschen Definition (wenn in a etwas ist, was in b nicht ist). Die-
ser Erklärung zufolge, werden alle Dinge einerlei und bloß der
Größe nach verschieden d. h. ähnlich sein, oder a muß eine un-
111 | 113 Sechster Abschnitt 67

endliche Anzahl Merkmale enthalten. Das erste folgt, wenn man |


a
b= annimmt, das letzte aber wenn man setzt: a = α β, b = α.
n
Denn wenn a zwei Merkmale α β hat, so muß wiederum α von β
verschieden sein, u. s. w. ins Unendliche.
Eigentlich ist Verschiedenheit keine besondere Form, sondern
bedeutet bloß den Mangel der Einerleiheit, oder der objektiven
Einheit; obschon der actus der Beziehung der Objekte auf einan-
der immer eine subjektive Einheit des Bewußtseins ist. Aber in der
Tat lassen sich diese wie alle Verhältnisbegriffe überhaupt ohne
Zirkel nicht definieren; sie sind allgemeine Formen des Denkens,
wodurch der Verstand Einheit ins Mannigfaltige bringt. Von An-
schauungen an sich (abstrahiert von ihren Formen a priori, Zeit
und Raum) kann man eben so wenig sagen, daß sie einerlei, als
daß sie verschieden sind, (denn hier ist die Kantische Frage: quid
juris? ganz unauflöslich); wo es nicht in Ansehung ihrer Differen-
tiale oder Elemente, wie ich oben gezeigt habe, geschiehet. Wir
können diese Begriffe nur von den Formen der Anschauungen,
oder nach meiner Erklärungsart, von ihren Differentialen, und
vermittelst dieser, von den Anschauungen selbst gebrauchen. Nur
von Begriffen | oder Ideen a priori kann man also urteilen, ob sie
einerlei oder verschieden sind; oder auch von Anschauungen
bloß, vermittelst ihrer Formen, in so fern sie nämlich in einerlei
Zeit und Raum sind, oder nicht. Gegensetzung, ist auch ein Ver-
hältnisbegriff, dessen sich auf einander beziehende Glieder oder
Extrema, Realität und Negation sind. Diese werden von den allge-
meinen logischen Funktionen der Bejahung und Verneinung abge-
leitet, die uns über die Materie oder den Inhalt der Urteile (Sub-
jekt und Prädikat) nichts belehren, sondern bloß die Form, oder
* die Art ihrer Beziehung auf einander ausdrucken. Wir machen
auch diese Formen zu Objekten des Denkens selbst, und denken
Realität und Negation als wären es Dinge an sich die uns gegeben
sind. Gegensetzung, (als das Gemeinschaftliche dieser beiden Ex-
tremen in Beziehung auf einander), Realität und Negation (als die
Extrema selbst), können nicht ohne einander begriffen werden; so
wenig als Größe überhaupt ohne größer und kleiner, (die Ingredi-
enzien der Definition von Größe) und diese wiederum ohne ein-
68 Versuch über die Transzendentalphilosophie 113 | 115

ander, und ohne Größe überhaupt gedacht werden können. Es ist


also ungereimt gesagt, (wie man gewöhnlich zu tun pflegt) Rea- 50
lität und Negation sind einander entgegen | gesetzt: denn da Ne-
gation das Korrelatum der Realität ist, so können die Korrelata
niemals einander entgegengesetzt sein: d. h. das eine hebt das an-
dere nicht auf, sondern sie erklären sich einander vielmehr. Wenn
man also sagt: Negation ist der Realität entgegengesetzt, so ist es
so viel, als sagte man: Wirkung ist der Ursache entgegengesetzt.
Verstehet man aber unter Negation nicht bloß Hebung der Rea-
lität sondern den Begriff von Hebung überhaupt, so heißt: Rea-
lität ist der Negation entgegengesetzt, so viel, als sagte man: der
Begriff von größer oder kleiner ist dem Begriff von Größe über-
haupt entgegengesetzt; da doch dieser ohne jenen nicht gedacht
werden kann, weil Größe überhaupt das Gemeinschaftliche bei-
der Korrelate (größer und kleiner) ist. So ist hier auch Gegenset-
zung das Gemeinschaftliche beider Korrelate Realität und Nega-
tion; und dies ist eben die Natur solcher Verhältnisbegriffe, worin
sie sich von allen übrigen Verstandesprodukten unterscheiden:
nämlich bei diesen letztern gehen die Begriffe dem Urteile voraus,
d. h. um zu urteilen oder die Beziehungen und Verhältnisse dieser
Dinge einzusehen, oder die Form durch die Kopula zu bestim-
men, muß man erst vom Subjekt an sich, und vom Prädikat an
sich, Begriffe | erlangen, d. h. die Materie gehet der Form voraus;
bei den erstern hingegen, bekömmt man erst durchs Urteilen Be-
griffe von Subjekt und Prädikat, d. h. die Form gehet der Materie
voraus, oder genauer zu reden, sie entstehen beide zugleich.
Außer diesem kann man noch aus andern Gründen nicht sa-
gen: die logische Realität ist der logischen Negation entgegenge-
setzt: denn diese Formen oder Handlungen des Bejahens und Ver-
neinens selbst, sind einander nicht bloß entgegengesetzt, d. h. die
Setzung des einen ist nicht bloß die Hebung des andern, sondern *
eine von derselben verschiedene Setzung. Man kann es auch nicht
von den Objekten der logischen Gegensetzung behaupten; denn
die Logik unterscheidet ihre Objekte nicht; sondern bloß von den
transzendentalen Objekten, in so fern das eine mit dem Subjekt
des Denkens unter der Form der Bejahung, das andere aber unter
der Form der Verneinung gedacht wird. Ich werde mich darüber
115 | 117 Sechster Abschnitt 69

näher erklären. Realität und Negation sind sowohl logisch (Be-


jahung und Verneinung), als transzendental (etwas und nichts).
Im ersten Falle sind sie die zwei allgemeinsten Formen der Urtei-
le, oder Arten der Beziehungen der Objekte | auf einander; ja sie
sind sogar Formen der Formen selbst; und dies auf zweierlei Wei-
se: entweder, indem sie Arten der Beziehungen der Formen auf
einander sind, wie wenn ich sage: einer Substanz kommen Akzi-
denzen zu, welches eine Beziehung der Bejahung zwischen Sub-
stanz und Akzidenzen ist, die selbst wiederum durch Beziehungen
erklärt werden, u. dergl.; oder indem sie das Allgemeine, das
durch die Formen auf verschiedene Arten bestimmt wird, ausma-
chen. Wenn ich z. B. sage: a ist Ursache von b, so heißt es so viel:
ich bestimme die allgemeine Form der Bejahung durch Ursache;
und wenn ich sage: a ist nicht Ursache von b, so bestimme ich die
allgemeine Form der Verneinung durch Ursache, u. dergl. m.; d. h.
wenn ich sage: a ist nicht Ursache von b, so lasse ich dadurch das
Verhältnis der Objekte zu einander unbestimmt, in Ansehung
meiner aber, ist das positive Denken, daß a nicht Ursache von b
ist, ein Verhältnis dieser Dinge zu meinem Denkungsvermögen.
Im zweiten Falle sind sie also eben die logische Beziehungen, aber
nicht der Objekte auf einander, sondern bloß von Etwas auf das
Subjekt des Denkens. Eine Realität in diesem Sinne ist also ein Et-
was, welches in Ansehung des Subjekts der logischen Bejahung;
ein Negations-Ding aber, ein | Etwas, was der Beziehung der Ver-
neinung subsumiert wird.
Der Begriff von der Handlung der Verneinung ist, so wie der
von der Bejahung, eine transzendentale Realität; und wenn man
sagt: Realität und Negation sind einander entgegengesetzt, so
kann darunter nicht die logische, sondern die transzendentale
Realität und Negation verstanden werden, d. h. man vergleicht
das was in Beziehung auf der Vorstellungskraft der Form der Be-
jahung, mit dem was der Form der Verneinung, subsumiert wird,
und subsumiert sie alsdann der Form der logischen Verneinung
(Entgegensetzung). Wollte man aber sagen: die logische Realität
und Negation sind einander entgegengesetzt, so würde dieses gar
keine Bedeutung haben; denn da logische Verneinung nichts an-
ders als Entgegensetzung ist, so würde ein Bestandteil der Materie
70 Versuch über die Transzendentalphilosophie 117 | 120

des Urteils (Entgegensetzung) zugleich die Form desselben sein,


und es hieße dann so viel, als sagte man z. B.: der Begriff der
Einerleiheit ist mit a einerlei, welches gar keinen Sinn hat.
Eine logische Realität ist sowohl eine subjektive als objektive
Synthesis oder Beziehung der Ob | jekte auf einander. Hingegen ist
die logische Negation bloß eine subjektive Beziehung auf einan-
der; weil ich eben durch diese Negation, die Beziehung der Ob-
jekte auf einander, hebe. Die erstere ist daher fruchtbar, d. h. sie
produziert ein Objekt, die letztere hingegen ist unfruchtbar. Wenn
ich sage: a ist, oder kann sein b (ein Dreieck ist, oder kann sein
rechtwinklig) so entspringt daraus ein neuer Begriff a b. (ein
rechtwinkliges Dreieck). Sage ich hingegen: a ist nicht b, so ent-
springt daraus kein Objekt.
Die transzendentale Realität ist ein Etwas, was mit der Vorstel-
lungskraft in Beziehung der logischen Realität gebracht werden
kann. Die transzendentale Negation aber ist ein Etwas, was so-
wohl mit der transzendentalen Realität, als mit der Vorstellungs-
kraft in Beziehung der logischen Negation gebracht werden kann.
Das Minimum einer transzendentalen Realität ist, wie ich schon *
gezeigt habe, eine Verstandsidee; die transzendentale Negation
aber eine Vernunftidee. Aus Mangel der Unterscheidung dieser
beiden Arten der Realität und Negation, sind zwei wichtige Irrtü-
mer entstanden. 1) Der vorgedachte Irrtum, daß man nämlich
diese logischen | Formen, die bloß verschieden sind, als entgegen-
gesetzt, betrachtet hat. 2) Daß man die transzendentale Realität
als Etwas an sich außer der Vorstellungskraft ansiehet; da sie
doch bloß eine besondere Beziehung von Etwas überhaupt auf
das Subjekt des Denkens ist. |
120 | 121 71

siebenter abschnitt

GRÖSSE

51Größe ist entweder Vielheit als Einheit, oder Einheit als Vielheit
gedacht. Die erste ist eine extensive, die letzte eine intensive
Größe.
Um sich von einer extensiven Größe einen Begriff zu machen,
wird erfordert 1) daß verschiedene (der Formen Anschauung
* nach), gleichartige (dem Begriff nach), sinnliche Vorstellungen ge-
* geben werden. 2) Die Zusammennehmung derselben in einem Be-
griff. 3) Die Zusammennehmung derselben in einer Anschauung.
Um sich aber von einer intensiven Größe einen Begriff zu ma-
chen, wird erfordert: 1) eine sinnliche Anschauung, 2) die Ver-
gleichung derselben mit einer andern mit ihr gleichartigen An-
schauung. Z. B. Zwei Tropfen Wasser sind der Anschauung nach
(ihrer Beziehung in Raum oder ihrem Ort nach) verschieden; |
dem Begriff nach aber gleichartig. Ihre Zusammennehmung in ei-
ner Anschauung macht den Begriff der extensiven Größe aus.
Hingegen eine bestimmte Röte ist eine einzelne Anschauung; die
Vergleichung derselben mit einer andern bestimmten Röte bringt
den Begriff der intensiven Größe oder des Grades hervor. Nun
sind die Formen der Anschauung Zeit und Raum, diese aber sind
ihrer Natur nach extensive Größen, (weil man bei ihnen eine Zu-
sammennehmung verschiedener gleichartiger Vorstellungen wahr-
nimmt: in der Zeit, das Vorhergehende und das Folgende; im
Raume, das rechte und das linke u. dergl.); folglich müssen die
Anschauungen selbst diesen Formen gemäß extensive Größen
sein. Außerdem aber kann auch das Materiale (reelle) mit einer
andern gleichartigen (ohne auf die Form zu sehen) verglichen
werden, folglich hat es eine intensive Größe. Bei einer extensiven
Größe wird die Vielheit gegeben, die Einheit aber (durch Abstra-
hieren) gedacht: bei einer intensiven hingegen ist es umgekehrt.
72 Versuch über die Transzendentalphilosophie 121 | 124

Die extensive Größe ist gleichsam das Schema der intensiven


Größe, indem diese und ihre Verhältnisse, nicht an sich unmittel-
bar, sondern bloß vermittelst jener wahrgenommen werden kann,
wie z. B. die verschiedene Grade der | Wärme und Kälte, durch
das Steigen und Fallen des Thermometers, u. dergl.: sie wird als
eine Einheit gegeben und durchs Vergleichen als Vielheit gedacht.
Die intensive Größe ist bei Quanta das Differential der extensi- *
ven, und diese wiederum das Integral von jener. So wie zum Bei-
spiel, wenn ich sage: ein recht- ein stumpf- ein spitzwinkliges
Dreieck sind Dreiecke; hier sind ein recht- etc. etc. eine Vielheit,
weil das eine das andere ausschließt, folglich können sie nicht zu-
gleich gedacht werden: die Einheit wird bloß durch Abstraktion
gedacht. Hingegen wenn ich sage: ein Dreieck kann sowohl recht-
stumpf- als spitzwinklig sein, so ist hier eine Einheit (Dreieck);
denn das kann sein muß sowohl mit recht- stumpf- als spitzwink-
lig auf einmal gedacht werden, in Beziehung auf die Wirklichkeit
aber müssen sie als eine Vielheit gedacht werden. Die erste Viel-
heit kann mit der extensiven, die zweite aber mit der intensiven
verglichen werden. Ein recht- stumpf- und spitzwinkliges Dreieck
ist eine innere (ohne Vergleichung mit etwas anderm) Vielheit,
weil das Denken der einen das Denken der übrigen ausschließt.
Hingegen ist ein Dreieck überhaupt eine innere Einheit; die Viel-
heit ist in ihm bloß potentialiter, und wird äußerlich, d. h. | in
Vergleichung mit den noch möglichen hinzukommenden sich ein-
ander ausschließenden Bestimmungen gedacht. Eine Linie von be-
stimmter Größe enthält eine innere Vielheit: denn wenn man z. B.
eine Linie von 10 Zoll ziehen will, so muß man erstlich eine Linie
von eins, zwei, drei etc. Zoll ziehen. Bei einem bestimmten Grad
Wärme z. B. aber findet man im Gegenstande selbst keine Viel-
heit: man muß ihn mit einem andern Gegenstand der Wärme ver-
gleichen, um dieses wahrzunehmen. |
124 | 125 73

achter abschnitt

VERÄNDERUNG, WECHSEL U. S. W.

Zwei Vorstellungen oder Begriffe, deren jeder an sich gedacht


werden kann, können in keiner Synthesis mit einander gedacht
werden. Eine Synthesis ist nur darum möglich, weil der eine ihrer
Bestandteile ohne den andern nicht gedacht werden kann. Dieses
kann entweder einseitig, wie bei der Synthesis des Subjekts und
Prädikats (Bestimmbaren und Bestimmung) eines absoluten Be-
griffs, oder wechselseitig, wie bei der Synthesis der Korrelaten ei-
nes Verhältnisbegriffs sein. Das Schwarze und ein Zirkel können
in keiner objektiven Synthesis (schwarzer Zirkel) gedacht werden;
weil jeder derselben an sich gedacht werden kann. Im Reiche der
Möglichkeit sind beide unabhängig von einander zu aller Zeit,
oder genauer zu reden, unabhängig von der Zeit; da hingegen in
einer | geraden Linie, eine Synthesis des Verstandes anzutreffen
ist. Denn obschon Linie an sich gedacht werden kann, so kann
doch das Geradesein nicht ohne Linie gedacht werden, also kann
das Geradesein nur durch diese Synthesis gedacht werden. Diese
Synthesis ist also zum wenigsten einseitig notwendig. Ursache
und Wirkung, obschon sie verschieden sind, erklären sich einan-
der, und können also ohne einander nicht gedacht werden. Diese
Synthesis (daß eine Ursache eine Wirkung hat, und umgekehrt) ist
also wechselseitig notwendig: sie müssen zu gleicher Zeit (ohne
Zeitfolge) gedacht werden: hingegen ein Dreieck recht- und
schiefwinklig kann nicht zu gleicher Zeit, sondern in einer Zeit-
folge gedacht werden.
52 Das Vorhergehende und das Folgende in der Zeit selbst sind
Korrelate derselben, und können also ohne einander nicht vorge-
stellt werden, denn sie sind nur was sie sind in Beziehung auf ein-
ander. Wechsel heißt Folge der Bestimmungen auf einander in der
Zeit: Veränderung ist die Beziehung des Bestimmbaren auf diese
74 Versuch über die Transzendentalphilosophie 125 | 127

sich auf einander folgenden Bestimmungen, oder die Synthesis


eben desselben Bestimmbaren mit verschiedenen sich einander
ausschließenden Bestimmungen in einer Zeitfolge, und wird aus
der logischen | Funktion in disjunktiven Urteilen hergeleitet, das
aber doch nicht anders als in einer Zeitfolge (ihres Schema’s)
wahrgenommen werden kann. Die Zeit selbst wird nicht verän-
dert, denn ihre verschiedene Bestimmungen (das Vorhergehende
und das Folgende) wechseln nicht; (denn sonst müßte man eine
andere Zeit annehmen, in welcher dieser Wechsel wahrgenom-
men wird) weil Zeit ohne beide nicht gedacht werden kann.
Nicht das Vorhergehende an sich, auch nicht das Folgende an
sich, sondern ihre Beziehung auf einander stellet die Zeit vor;
woraus folgt: daß um eine Veränderung, d. h. Wechsel der Be-
stimmungen vorzustellen, etwas Bestimmbares mit verschiedenen
Bestimmungen in einer Zeitfolge verknüpft werden muß. Soll ich
nicht nur eine Veränderung als bloß möglich (z. B. das Dreieck,
das eine mal recht- das andre mal schiefwinklig) sondern als ge-
geben mir vorstellen; so muß etwas gegeben sein, das in der Zeit
beharrlich ist; (Substanz) von der Art, daß es an sich ohne Bezie-
hung auf irgend eine Bestimmung vorgestellt werden kann; und
dieses muß mit verschiedenen in der Zeit auf einander folgenden
d. h. wechselnden Bestimmungen in einer Synthesis wahrgenom-
men werden. Sollen aber diese verschiedene | Syntheses in An-
sehung der Zeitfolge (was vorhergehen und was folgen soll)
willkürlich sein, so wird kein Unterschied zwischen einer bloß
möglichen subjektiven und einer wirklichen objektiven Synthesis
sein; und wenn ich z. B. wahrnehmen sollte, daß ein dreieckiger
Körper rund geworden sei, so werde ich mir eben den beschränk-
ten Raum in zweien verschiedenen Zuständen (eben dasselbe Be-
stimmbare mit zweien verschiedenen Bestimmungen) in einer Zeit-
folge denken; woraus das Urteil: ein Körper (seiner Form nach als
beschränkter Raum) kann sowohl dreieckig als rund in einer
Zeitfolge auf einander gedacht werden; nicht aber daß er es wirk-
lich sei, entspringt. Ich werde also bloß Wahrnehmungen in einer
Zeitfolge auf einander haben, welche Objekte der Sinnlichkeit
und der Einbildungskraft sind, die ich nach subjektiven Gesetzen
meiner Vorstellungsart verknüpfen werde; ich werde aber keine
127 | 129 Achter Abschnitt 75

Erfahrung d. h. eine Wahrnehmung von etwas, das das, was nach


subjektiven Gesetzen meiner Vorstellungsart unbestimmt ist, be-
stimme, haben. Denn so wie ich mir vorstellen kann: ein Körper
vorher dreieckig und nachher rund, so kann ich es mir in eben der
Zeit auch umgekehrt vorstellen; und so wie ich mir vorstellen
kann, das Wasser ist erst fließend, und | dann fest, (gefroren) so
könnte ich es auch umgekehrt tun, u. dergl. mehr. Soll ich also Er-
fahrung haben, so müssen diese Wahrnehmungen, in Ansehung
ihrer Folge nicht unbestimmt, sondern nach einer Verstandsregel
bestimmt sein, d. h. es muß nicht auf jede mögliche Erscheinung
jede andere mögliche Erscheinung, sondern auf jede mögliche
eine unter allen übrigen möglichen Erscheinungen notwendig fol-
gen. Die Bestimmung der Erscheinungen (welche vorhergehen, und
welche darauf folgen soll) muß, wie schon gezeigt worden, nicht
in denselben materialiter gedacht werden, denn sonst bleibt die
Frage: quid juris? übrig, d. h. wie kann man etwas a posteriori ge-
gebenes (die materielle Bestimmung der Erscheinungen) einer
Verstandsregel a priori (der Notwendigkeit der Folge) kongru-
ierend voraussetzen? sondern bloß formaliter, d. h. wenn ich et-
was vorhergehen und etwas darauf notwendig folgen (ohne auf
ihre Materie zu sehen, sondern auf die besondere Bestimmung des
Folgens überhaupt) wahrnehme, (daß diese Wahrnehmung selbst
richtig ist, oder die Beantwortung der Frage: quid facti? beruhet
lediglich auf der Beurteilungskraft, worüber sich ferner keine Re-
gel angeben läßt); alsdann urteile ich: daß die Folge dieser Gegen-
stände auf einan | der objektiv ist: (weil in Ansehung meines Sub-
jekts diese Folge nicht notwendig sondern bloß möglich ist) wo
aber nicht, so ist sie bloß subjektiv, wie in dem vorher angeführ-
ten Beispiel, worin die verschiedenen Syntheses des Dreiecks bloß
subjektive, die verschiedenen Zustände des Wassers an sich be-
trachtet auch bloß subjektive sind; hingegen bei wirklicher Wahr-
nehmung der auf die Wärme folgenden Flüssigkeit, auf die Kälte
folgenden Festigkeit des Wassers ist eine Notwendigkeit damit
verknüpft, woraus ich urteile: die Wärme macht (ist Ursache) das
Wasser fließend, die Kälte macht dasselbe fest u. dergl.
Hieraus folgt ein allgemeines Naturgesetz in Ansehung der Ge-
genstände der Erfahrung. Alles was geschiehet (objektive wirk-
76 Versuch über die Transzendentalphilosophie 129 | 131

lich), muß auf etwas Vorhergehendes notwendig folgen; sonst


(wenn es bloß darauf zufällig folgt) geschieht es nicht objektive
wirklich, sondern ist bloß ein Spiel der Einbildungskraft. Also
ohne den Begriff von Ursache auf Gegenstände der Wahrneh-
mung angewendet, können wir keine Gegenstände der Erfahrung,
und folglich keine Erfahrung (objektive Verbindung derselben)
haben. Hierüber will ich mich näher erklären. Die Reflexions-Be-
griffe Einerleiheit und Verschie | denheit 10, sind die obersten (all-
gemeinsten) Formen des Denkens: denn da sich der Gebrauch der
eigentlich so genannten Kategorien bloß auf Gegenstände der Er-
fahrung erstreckt (objektive Realität der subjektiven Wahrneh-
mung) so erstreckt sich der Gebrauch dieser Reflexionsbegriffe
nicht nur auf Gegenstände der Erfahrung, sondern auch auf Ge-
genstände der Wahrnehmung selbst. Das Bewußtsein überhaupt
beruhet auf Einheit im Mannigfaltigen; es muß etwas Mannigfal-
tiges gegeben werden, welches der Verstand durch irgend einen
Begriff (die Einheit der Einerleiheit) auf einander bezieht; oder es
muß etwas gegeben werden, welches vom Verstande als ein Man-
nigfaltiges (durch Ein | heit der Verschiedenheit) gedacht wird:
d. h. entweder ist die Einheit im Mannigfaltigen objektiv, wie die
Einerleiheit, oder subjektiv, wie die Verschiedenheit. Z. B. Zwei
Objekte a und b werden jedes an sich gegeben. Zum Bewußtsein
derselben wird erfordert: 1) subjektive Einheit des Bewußtseins,
(daß demselben Subjekt dem a gegeben, auch b gegeben ist; sonst
könnte keine Beziehung der gegebenen Objekte statt finden).
2) Objektive Einheit, d. h. es muß etwas in den gegebenen Objek-
ten anzutreffen sein, wodurch sie zu dieser Beziehung geschickt
werden; und dies wiederum auf zweierlei Art: entweder die Ob-

10 Gegensetzung ist bloß eine logische Form, der keine Anschauung als
Materie subsumiert werden kann; d. h. diese Einheit ist bloß subjektiv;
weil einer Realität nur eine Negation, welcher keine Anschauung gegeben
werden kann, entgegengesetzt ist. Die entgegengesetzte Richtung in der
Bewegung zweier Körper ist bloß verschieden, nicht entgegengesetzt; weil
sie in verschiedenen Objekten einander nicht heben, so lange nämlich bei-
de ihre Bewegung behalten: stoßen sie aber auf einander: so daß ihre Be-
wegung aufhört, so ist hier abermals keine Gegensetzung, denn es ist bloß
Negation mit Negation.
131 | 133 Achter Abschnitt 77

jekte werden dadurch bloß in Ansehung des Subjekts zusammen,


oder an sich als eine Einheit gedacht, (weil der Verstand mehrere
Formen oder Arten der Beziehung der Dinge aufeinander hat,
folglich muß der Grund dieser besondern Beziehung nicht in dem
Subjekt allein, sondern auch in den Objekten anzutreffen sein).
Die Formen der Wahrnehmungen überhaupt, (einzelner sinnli-
chen Anschauungen) sind Verschiedenheit und Einerleiheit. Wenn
mir eine Wahrnehmung rot z. B. gegeben ist, so habe ich noch
kein Bewußtsein von derselben; wird mir eine andere z. B. grün
gegeben, so habe ich auch von | dieser an sich noch kein Bewußt-
sein: beziehe ich aber (durch Einheit der Verschiedenheit) beide
auf einander, so bemerke ich alsdann daß rot von grün verschie-
den ist, wodurch ich zum Bewußtsein einer jeden an sich gelange.
Hätte ich beständig die Vorstellung rot z. B. ohne irgend eine an-
dere Vorstellung zu haben, so könnte ich niemals zum Bewußt-
sein derselben gelangen. Dieses ist freilich so in Ansehung unseres
Bewußtseins; aber wie ich schon oben gezeigt habe, kann ich
auch zu keinem Bewußtsein einer jeden einzelnen Anschauung ge-
langen, ohne den Begriff der Einerleiheit der einzelnen sinnlichen
Vorstellungen, wodurch sie in einer Anschauung zusammen ge-
nommen werden können, doch ohne Bewußtsein von dieser Ei-
nerleiheit; weil dieses Bewußtsein die Gegenwart der Objekte vor-
aussetzt, hier sollen aber die Objekte erst durch diese Einerleiheit
entspringen.
Die Formen der Begriffe überhaupt sind Einerleiheit, (Einheit
im Mannigfaltigen) aber auch Verschiedenheit, wodurch das
Mannigfaltige als ein solches gedacht wird. Es sind mir z. B. zwei
Dreiecke gegeben (sie sind durch Verschiedenheit der Bestimmun-
gen zwei und nicht eins) ich beziehe sie auf einander, und bemer-
ke daß sie beide Dreiecke, d. h. einerlei sind woraus | der Begriff
von Dreieck überhaupt entspringt. Laßt uns also sehen, was aus
diesen Formen oder Bedingungen unseres Bewußtseins notwendig
folgen muß. Die Verschiedenheit der Wahrnehmungen macht die
Formen unserer Sinnlichkeit, d. h. das Außereinandersein in Zeit
und Raum notwendig; (ich spreche hier als ein Leibnizianer, der
Zeit und Raum als allgemeine unbestimmte Reflexionsbegriffe,
die einen objektiven Grund haben müssen, betrachtet); oder das
78 Versuch über die Transzendentalphilosophie 133 | 135

letztere ist ein Schema des erstern und durch dieselbe a priori be-
stimmt: d. h. das was materialiter als verschieden gegeben wird,
kann auch formaliter nicht anders als verschieden gedacht wer-
den: denn obschon die Form der Materie vorausgehet, d. h. unse-
re Vorstellungsart (Beschaffenheit unsers Gemüts) die Vorstellung
selbst bestimmt, so ist es doch in Ansehung unseres Bewußtseins
umgekehrt, oder das Bewußtsein der Form setzt die Materie vor-
aus, (weil, ohne daß uns etwas Bestimmtes gegeben wird, wir
zum Bewußtsein der Form nicht gelangen können): das Außerein-
andersein in Zeit und Raum, hat in der Verschiedenheit der Din-
ge seinen Grund, d. h. die Einbildungskraft die eine Nachäfferin
des Verstandes ist, stellet darum die Dinge a und b außer einander
in | Zeit und Raum vor; weil der Verstand sie als verschieden
denkt. Dieser Verstandsbegriff ist also die Richtschnur der Ein-
bildungskraft, sie muß ihn nicht aus den Augen lassen, wenn ihr
Verfahren rechtmäßig sein soll; verliert sie hingegen denselben
aus dem Gesicht, so gerät sie auf Erdichtungen, die keiner Ver- *
standsregel mehr unterworfen sind. Der Begriff von verschieden
sein ist allgemeiner, als der des außer einander sein, weil dieser
bloß von Anschauungen, jener aber auch von Begriffen, ge-
braucht werden kann, d. h. alles was verschieden ist, muß in der
Anschauung in Zeit oder Raum wahrgenommen werden, aber
nicht umgekehrt. Wenn wir also Dinge, die in der Anschauung
einerlei sind, dennoch im Raume vorstellen, wie z. B. das Wasser,
so geschieht es nur in Beziehung auf etwas, das verschieden ist,
d. h. diese Vorstellung ist transzendent. So ist es auch mit der
Zeit, wenn ich z. B. einige Stunden geschlafen habe, so kann ich
nur die Zeit durch Verschiedenheit der Lage des Zeigers z. B.
wahrnehmen; nun aber existieren Zeit und Raum bloß in der
Wahrnehmung, folglich wo sie nicht wahrgenommen werden, da
sind sie auch nicht. Das Original (das Objektive) bestimmt also
die Kopie (das Subjektive) in Ansehung des | Daseins notwendig;
aber nicht umgekehrt, obschon wir zuweilen kein Mittel haben,
das Original als durch die Kopie zu erkennen, wie man die Kate-
gorie aus einer bestimmten Zeitfolge erkennt. Diese ist also der
idealische Grund von jenem, jenes aber der reale Grund von die-
ser. Wenn die Einbildungskraft sich eine Reihe Dinge, die dem Be-
135 | 137 Achter Abschnitt 79

griff nach einerlei sind, in einer Folge von Zeit und Raum vor-
stellt, so ist ihr Gebrauch alsdann transzendent, d. h. sie überträgt
ihre Form von einer reellen Materie auf eine eingebildete (wo der
Verstand keine Verschiedenheit bemerkt). Jeder kann es an sich
selbst wahrnehmen, daß um Dinge, die einerlei sind in einer Fol-
ge von Zeit und Raum vorzustellen, man sich gezwungen sieht,
dieselben auf Dinge, die verschieden sind, zu beziehen, ohne wel-
ches diese Vorstellung unmöglich ist. Also ob schon Zeit und
Raum Formen unserer Sinnlichkeit sind, so setzen sie doch Ver-
standsformen und diese wiederum etwas Objektives (Materie)
voraus. Die Frage: quid juris? fällt hier weg, weil diese Formen
Bedingungen der Wahrnehmungen sind; aus welchem Grunde sie
auch beim Subsumieren der Objekte, unter ihren Formen Zeit
und Raum wegfallen muß. |
Der Begriff der Stetigkeit in Zeit und Raum wird auch von der
Stetigkeit der Verschiedenheit der Dinge abgeleitet. Denn gesetzt,
ich hätte nur eine Vorstellung, die mit sich selbst (ohne bestimm-
te Dauer) einerlei bliebe, so könnte ich zu keinem Bewußtsein von
derselben gelangen; ich hätte also keinen Begriff der Verschieden-
heit, folglich auch keine Vorstellung der Zeitfolge. Gesetzt wie-
derum, ich hätte lauter verschiedene Vorstellungen (d. h. keine
derselben dauerte einige Zeit, so daß man von ihr sagen könnte,
sie sei mit sich selbst in verschiedenen Zeitpunkten einerlei) so
hätte ich wiederum kein Bewußtsein. Folglich ist zum Bewußtsein
notwendig in Ansehung der Sinnlichkeit Dauer einiger Zeit, wel-
ches in Ansehung des Verstandes Einerleiheit in Verschiedenheit
ist. Denn man kann sich keine Dauer, d. h. die Unveränderlichkeit
von etwas, vorstellen, ohne die Bestimmung einiger Zeit; d. h.
durch die Beziehung desselben auf etwas veränderliches, (wo-
durch die Vorstellung von Zeitfolge entspringt); so wie man sich
nichts als einerlei mit sich selbst denken kann, ohne es auf etwas
von einander verschiedenes zu beziehen: z. B. die Substanz auf
ihre Akzidenzen. Daher um einen Gegenstand zugleich als einerlei
und verschieden von sich selbst, | d. h. verändernd und dauernd in
der Zeit vorstellen zu können, muß diese Verschiedenheit so klein
als möglich angenommen werden, so daß man sich nur dadurch
die Zeit, worin der Gegenstand mit sich selbst einerlei ist, vorstel-
80 Versuch über die Transzendentalphilosophie 137 | 139

len könne, oder mit andern Worten, jede Veränderung muß stetig
sein; denn wenn sie es nicht ist, so kann man nicht mehr sagen,
daß es derselbe Gegenstand sei, der verändert wird, sondern ein
ganz anderer Gegenstand, und der Begriff der Veränderung muß
gänzlich aufhören eine Bedeutung zu haben.
Nun ist Erfahrung die Wahrnehmung eben desselben Beharrli-
chen mit verschiedenen in der Zeit wechselnden Bestimmungen
verknüpft. Dieses setzt erstlich den Begriff des Beharrlichen (Sub-
stanz) und dann des Wechselnden (Akzidenz) voraus: ferner setzt
es die Notwendigkeit der Folge der Bestimmungen auf einander
(Ursache und Wirkung) voraus. Man kann nicht sagen: das kalte
Wasser ist süß geworden, sondern es ist warm geworden, d. h. um
eine Erfahrung zu machen, ist nicht genug die Substanz mit jeden
in der Zeit wechselnden Bestimmungen überhaupt verknüpft,
wahrzunehmen, sondern nur mit solchen die sich auf einander
beziehen, indem sie sich in eben dasselbe Subjekt einander aus-
schließen: um aber die | Einerleiheit mit sich selbst zu erhalten,
muß dieses Ausschließen ein Minimum sein. Die Wahrnehmung,
daß das Wasser kalt und darauf daß es süß sei, enthält zwar eine
subjektive Folge der Bestimmungen, aber noch keine objektive,
weil beide Bestimmungen sich im Objekt vereinigen, d. h. zu-
gleich sein können; hingegen kann dasselbe Wasser nicht zugleich
warm und kalt sein. Nimmt man diese sich ausschließende Syn-
thesis ja wahr, so kann es nicht anders als durch Wechsel dieser
Bestimmungen in Zeit vorgestellt werden. Die Art des Wechselns
die zur Erfahrung notwendig ist, ist also bestimmt, die vorher-
gehende Bestimmung ist Ursache der folgenden, oder diese setzt
jene voraus, weil ohne Folge überhaupt, oder auch ohne bestimm-
te Folge, keine Erfahrung möglich ist.
Nun aber muß eine Bestimmung etwas positives sein, (wenn sie
nämlich in der Anschauung wahrgenommen werden soll, weil
eine negative Bestimmung bloß logisch ist) und doch soll die fol-
gende Bestimmung der vorhergehenden entgegengesetzt sein; was
aber etwas positivem entgegengesetzt ist, kann nichts anders als
etwas Negatives sein, und doch sind diese beide entgegengesetzte
Qualitäten zur Erfahrung notwendig; um also | diesen Wider-
spruch zu heben und folglich Erfahrung möglich zu machen, müs-
139 | 140 Achter Abschnitt 81

sen sie im Objekte so vereinigt werden, daß sie sich am wenigsten


Abbruch tun, d. h. ihre Gegensetzung muß ein Minimum sein. In
diesem Falle haben wir also Erfahrung, d. h. Wahrnehmung des-
selben Beharrlichen mit verschiedenen in der Zeit wechselnden
Bestimmungen verknüpft. Diese Bestimmungen sind auch zu-
gleich positiv, weil die darin bemerkte Gegensetzung (welche zur
Erfahrung notwendig ist) die kleinste mögliche ist, und dieses ist
der so genannte Satz der Stetigkeit.
53 Dieser ist also nicht wie man gemeiniglich annimmt, ein Erfah-
rungssatz, d. h. bloß von der Erfahrung abstrahiert, sondern ein
Satz a priori, wodurch Erfahrung erst möglich gemacht wird.
Wenn wir bemerken, daß etwas plötzlich (ohne Stetigkeit) ge-
schieht; wenn ein kleines Kind z. B. auf einmal Riese würde, so
können wir uns nicht bereden, daß es dasselbe Ding, und nur ver-
ändert worden sei, sondern wir glauben vielmehr daß es verschie-
dene Dinge sind; (die Ähnlichkeit tut hier wo die Verschiedenheit
so groß ist, nichts zur Sache) so wenig als wir glauben können,
daß Peter und Paul eben derselbe Mensch sei, weil der allgemeine
Begriff Mensch bei beiden ei | nerlei ist: und sollten wir vor uns
den Peter und darauf den Paul an seiner Stelle erblicken, so wür-
den wir nicht urteilen: Peter ist Paul geworden, sondern Peter ist
verschwunden, und Paul hat seine Stelle (ohne zu wissen wie) ein-
genommen.
Dieses leitet uns die Ursache dieser Erscheinung, d. h. das Steti-
ge in derselben aufzusuchen und die Lücken unserer Wahrneh-
mung auszufüllen, um sie dadurch zu Erfahrungen zu machen.
Denn was verstehet man sonst in der Naturlehre unter dem Wort
Ursache? als die Entwickelung einer Erscheinung und Auflösung
derselben; so daß man zwischen ihr und der vorhergehenden Er-
scheinung die gesuchte Stetigkeit finde. Jeder kann sich dieses
durch unzählige Beispiele selbst erläutern, so daß ich mich dabei
aufzuhalten nicht nötig habe.
Finde ich diese Stetigkeit in der Folge der Bestimmungen von
eben demselben Bestimmbaren nicht; so nehme ich zu einem an-
dern Bestimmbaren meine Zuflucht, und suche diese Stetigkeit
zwischen beider auf einander folgende Bestimmungen: wie z. B.
wenn ich sage: der Vater ist Ursache des Sohnes (versteht sich mit
82 Versuch über die Transzendentalphilosophie 140 | 142

Entwickelung des ganzen Prozesses), oder das Feuer erwärmt |


den Stein u. dgl. Daraus entspringt der Unterschied zwischen Ur-
sache in sich selbst oder außer sich haben. Die Vorstellungen der
Seele, die ununterbrochen nach dem Gesetz der Assoziation ge-
hen, sind von der ersten Art, werden sie aber durch eine äußere
Empfindung unterbrochen, so gehören sie zur letztern Art: es ist
noch immer Stetigkeit darin anzutreffen, aber diese muß nicht in
Verknüpfung der jetzigen mit der vorhergehenden Vorstellung,
sondern in der Analogie zwischen körperlichen Bewegungen und
Empfindungen gesucht werden, und beruhet auf die Frage de 54
commercio animi et corporis.
Dieses letztere gibt uns die Vorstellung vom notwendigen Zu-
gleichsein, so wie das vorige von notwendiger Folge. Denn da die
Vorstellungen immer sukzessiv sind (sollten wir auch finden, daß
diese Sukzession bloß willkürlich sei, indem wir sie auch in um-
gekehrter Ordnung vorstellen können, so muß doch diese umge-
kehrte Folge der Sukzession zu einer andern Zeit, als die vorher-
gehende, geschehen, folglich zu jeder Zeit nur eine Art Folge
wirklich sein können): so können wir nicht wissen, ob nicht die
Objekte an sich, so wie in unserm Subjekte, auf einander folgen.
Hier haben wir aber | ein Merkmal, woran wir es erkennen; fin-
den wir nämlich eine Erscheinung, deren Bestimmung sich nicht
mit der vorhergehenden Bestimmung eben derselben Erscheinung,
sondern mit der einer andern in Stetigkeit bringen läßt, so urtei-
len wir, daß die Bestimmungen nicht auf einander (in eben dem-
selben Bestimmbaren) folgen, sondern daß sie (in verschiedenen
Bestimmbaren) zugleich sind. Hieraus folgt, daß ein Bestimmba-
res (Subjekt) zwei sich einander ausschließende Bestimmungen
(Prädikate) wovon das eine eine Realität und das andere die Ne-
gation desselben ist, (und wie schon erwähnt worden, nach dem
Gesetz der Stetigkeit) in einer Folge der Zeit auf einander haben
kann; nicht aber zwei sich nicht ausschließende Bestimmungen in
einer Zeitfolge, wie schon bewiesen worden. Nun aber behaupte
ich auch, daß es nicht zwei sich nicht ausschließende Bestimmun-
gen zu gleicher Zeit haben kann, und beweise es auf folgende Art:
Eine Bestimmung überhaupt ist etwas, was an sich nicht ge-
dacht werden kann, sondern bloß als Bestimmung in Beziehung
142 | 145 Achter Abschnitt 83

auf das Bestimmbare. Laßt uns also annehmen, ein bestimmbares


A habe zwei Bestimmungen zugleich, b und c. | c ist entweder eine
mittelbare oder eine unmittelbare Bestimmung von A, d. h. entwe-
der ist c eine Bestimmung von b, und dieses hinwiederum von A,
oder c ist keine Bestimmung von b, sondern beide sind Bestim-
mungen von A unmittelbar. Im ersten Falle hat A in der Tat nur
eine Bestimmung b, und dieses auch nur eine c; im zweiten aber
können b und c jedes ohne das andere gedacht werden (sonst
müßten sie, wider die Voraussetzung, Bestimmungen von einan-
der abgeben,) folglich kann ich A b an sich und A c an sich den-
ken. Woher entstehet also die notwendige Synthesis aller dreien
A b c? Es ist wahr, daß wenn b gedacht werden soll, es mit A in
Synthesi gedacht werden muß, und so ist es auch mit c. (aus der
Natur der Bestimmung). Warum müssen sie aber zugleich in die-
ser Synthesis gedacht werden, da sie doch keine Bestimmungen
von einander sind? Folglich ist diese Synthesis ganz willkürlich,
d. h. das bestimmbare A kann nicht zwei Bestimmungen b, c zu-
55 gleich haben. Ich habe schon (im 4ten Abschnitt, Seite 53,) ge-
zeigt: daß auch umgekehrt eine und dieselbe Bestimmung nicht
verschiedenen Bestimmbaren zukommen kann.
Hieraus folgt, daß eine Substanz auch nicht zwei verschiedene
Akzidenzen zugleich haben kann; | (es kann nicht in der Erfah-
rung gebracht werden). Denn kann die eine Akzidenz ohne die
andere nicht gedacht werden, so ist die erstere eine Akzidenz der
letzteren, nicht aber unmittelbar der Substanz; kann eine jede
derselben ohne die andere gedacht werden, so muß die Substanz
mit jeder derselben sukzessiv vorgestellt werden, folglich können
sie nicht zugleich in derselben Substanz wahrgenommen werden. |
84 145 | 146

neunter abschnitt

WAHRHEIT, SUBJEKTIVE, OBJEKTIVE,


LOGISCHE, METAPHYSISCHE

Wahrheit und Falschheit kann erstlich nicht von Gedanken, son-


dern von Zeichen als Zeichen, von Ausdruck als Ausdruck (in Be-
ziehung auf den Gedanken) gebraucht werden. Ein rechtwinkliges
Dreieck z. B. ist ein wahrer Begriff; weil ich bei diesem Ausdruck
das Dreieck, als etwas Bestimmbares, das rechtwinklig-sein aber
als seine Bestimmung wirklich denke, und die Einheit desselben
oder die reelle Verknüpfung zwischen Subjekt und Prädikat (Be-
stimmbares und Bestimmung) einsehe. Folglich hat dieser Aus-
druck eine Bedeutung, und ist also wahr: denn das Rechtwink-
ligsein ist ein Verhältnis im Dreieck, das also an sich nicht
gedacht werden kann; daher ist diese Synthesis notwendig. Hin-
gegen ist ein | schwarzes Dreieck kein wahrer Begriff, aber auch
kein falscher, weil ich bei diesem Ausdruck gar nichts denke:
denn die schwarze Farbe, da sie an sich vorstellbar ist, kann kei-
ne Bestimmung von Dreieck abgeben, folglich fehlet mir hier die
Einheit der Inhärenz, oder die reelle Verknüpfung zwischen Sub-
jekt und Prädikat, die doch zu jedem Begriff, in so fern er etwas
materialiter Mannigfaltiges enthält, erforderlich ist: folglich ist
der Begriff an sich bloß problematisch; hingegen ist dieser Aus-
druck, in so fern er sich auf etwas (eine gedachte Einheit) bezie-
hen soll, worauf er sich nicht beziehen kann, auch falsch.
In Ansehung des Gedankens an sich betrachtet gibt es keinen
wahren und falschen Begriff, sondern er ist entweder ein Begriff,
oder er ist keiner; das Zeichen aber in Beziehung auf denselben ist
im letzteren Falle falsch; denn es ist ein Zeichen und kein Zeichen
zugleich. Man siehet hieraus, daß auch in diesem Falle, wo
Falschheit in Ansehung des Begriffs, so viel als nichts denken be-
deutet, der Satz des Widerspruchs das oberste Kriterium dersel-
ben ist: denn obschon in diesem Falle im Objekt selbst kein Wi-
146 | 148 Neunter Abschnitt 85

derspruch anzutreffen ist, so findet er sich doch darin in Bezie-


hung auf das Subjekt des Denkens. Der Unterschied beider | Ar-
ten des Widerspruchs bestehet darin, wenn ich z. B. sage, ein vier-
eckiger Zirkel, so ist bloß die Form die Verbindung beider, als
einander zugehörend), falsch; die Teile der Materie (Viereck, Zir-
kel), können dieselben bleiben, ich brauche nur, anstatt daß ich
sie unter der Form der Bestimmung subsumiere, sie vielmehr un-
ter der Form der Verschiedenheit zu subsumieren, und alsdann
wird der Gedanke, ein Dreieck ist von einem Zirkel verschieden,
wahr sein; hingegen ein schwarzes Dreieck kann unter keiner
Form subsumiert werden. Im ersten Falle sind beide, Bestimmun-
gen der Figur, die sich einander heben, im zweiten hingegen ist
nur das eine (Dreieck), nicht aber das andere (Schwarze), eine Be-
stimmung vom Subjekt, Figur. Nun möchte ich gern wissen, was
56 die Philosophen mit ihrem Unterschied zwischen Wahrheit im Re-
den und Wahrheit im Denken haben wollen? Im Reden an sich,
d. h. im Gebrauch der Worte als leere Töne, gibt es gewiß keine
Wahrheit; im Denken an sich ohne alle Zeichen, gibt es auch kei-
ne Wahrheit, sondern es ist ein Denken oder kein Denken. Wahr-
heit ist also die besondere Beziehung des erstern auf das letztere,
d. h. daß dem Ausdruck ein Gedanke entspreche; Falschheit aber
das Gegenteil, d. h. daß dem Aus | druck kein Gedanke entspricht,
und man doch vorgibt, daß ihm ein Gedanke entspreche, denn
sonst wäre es ein leerer Ton.
* Logische Wahrheit ist die Verknüpfung der Objekte des Den-
kens (Begriffe), den Gesetzen des Verstandes gemäß. Die Axioma-
ta (in so fern sie durch keine Verknüpfung herausgebracht wor-
den sind,) sind die Elemente der Wahrheit, aber nicht Wahrheit
selbst. Die aus der Verknüpfung herausgebrachten Resultate sind
Produkte der Wahrheit, aber nicht Wahrheit selbst; weil, meiner
Erklärung zufolge, Wahrheit bloß den Gang des Verstandes, oder
seine gesetzmäßige Art zu denken bedeutet, nicht aber das Prin-
zip, wovon er ausgegangen, auch nicht das Resultat, wozu er zu-
letzt gelangt ist. Alle Sätze (auch die metaphysisch falschen)
könnten als Prinzipium der logischen Wahrheit gebraucht wer-
den, nicht nur deswegen, weil man aus falschen Prinzipien zufäl-
liger Weise Wahrheiten herausbringen kann, sondern auch abso-
86 Versuch über die Transzendentalphilosophie 148 | 150

lut, d. h.: unter Voraussetzung, daß diese falschen Sätze wahr


sind, so muß dieses und dieses daraus folgen. Freilich werden die-
se Folgen sowohl als ihre Prinzipien von keinem praktischen Ge-
brauch sein, aber ich betrachte auch hier bloß ihren Gebrauch im
Denken. Hätte Euklides an | statt seiner metaphysisch wahren
Axiomen falsche angenommen, so bin ich doch sicher, daß er
nicht deswegen ein kleineres oder schlechteres Werk der Welt hin-
terlassen hätte, als dasjenige, was wir von ihm noch jetzt haben.
Ich nehme z. B. an: daß der äußere Winkel eines Dreiecks nicht 57
der Summe der beiden gegenüberstehenden inneren Winkel, son-
dern dieser Summe plus der Hälfte derselben gleich ist: so wird
daraus notwendig folgen, daß der Winkel am Mittelpunkt des
Zirkels nicht zweimal (wie er wirklich ist), sondern dreimal so
groß ist, als der an der Peripherie, und dgl. Nehm ich an, ein Teil 58
ist größer als das Ganze, so würde ich daraus, den Gesetzen des
Denkens gemäß, sowohl als aus dem gegengesetzten Axioma Fol-
gen, die von jenen Folgen verschieden sind, herleiten. Zwar wür-
de es der Richter nicht zugeben, daß ich nach dieser Vorausset-
zung meinem Gläubiger, dem ich einen Taler schuldig bin, einen
Groschen dafür bezahlen sollte, weil diesem zufolge ein Groschen
noch mehr, als ein Taler ist; dieses tut aber im Gebrauch des Ver-
standes nichts. Ich teile daher lieber die Sätze in reelle und nicht
reelle, statt der wahren und falschen, ein; der Unterschied zwi-
schen den reellen und nicht reellen (in Ansehung des Denkens)
wird bloß darin | bestehen, daß nämlich die letztern zum wenig-
sten einen reellen Satz erfordern, ohne welchen sie auch im Den-
ken keinen Gebrauch haben werden, nämlich den Satz des Wider-
spruchs. Diese Behauptung befördert nicht nur das Interesse der
Vernunft, indem sie uns neue Aussichten zu ihrem Gebrauch
eröffnet (daß wir zum Beispiel eine neue Mathematik erfinden
könnten), sondern sie hat auch zu ihrem Gebrauch in der Moral
ihren Nutzen, daß wir nämlich in solchen Fällen, wo es keine
wichtige Folge hat, unsern Eifer in Beibringung der Wahrheit und
Benehmung des Irrtums in etwas mäßigen sollen: denn es kann al-
lerdings Falschheiten geben, die einem gewissen Menschen viel
nützlicher sind, als ihre entgegengesetzten Wahrheiten.
Logische Wahrheit ist bloß der Satz des Widerspruchs, oder
150 | 152 Neunter Abschnitt 87

der davon abgeleitete Satz der Identität und alles, was darunter
subsumiert wird. Die Beziehung dieser Wahrheit auf bestimmte
Gegenstände ist bloß zufällig, weil sie von jedem Gegenstand
überhaupt gelten, und durch dasselbe begriffen werden; hingegen
ist die Form der Verschiedenheit, wie auch die der kategorisch-
hypothetisch und disjunktiven Sätze, und alles, was darunter sub-
sumiert wird, metaphysische Wahrheit, | weil sie sich notwendig
auf bestimmbare, obschon nicht bestimmte Gegenstände bezie-
hen, und durch dieselben begriffen werden. Soll ich a von b als
verschieden denken, so kann ich unter a und b nicht bloß Objek-
te des Denkens überhaupt; sondern bestimmbare denken, denn
ein Objectum logicum kann von einem Objecto logico d. h. von
sich selbst nicht verschieden sein. So ist es auch, wenn ich sage,
dem a als Subjekt kommt b als Prädikat zu, oder a ist Bedingung
von b.
Subjektive und objektive Wahrheit. Eine von irgend einem be-
sondern denkenden Wesen erkannte Wahrheit ist in so fern bloß
eine subjektive Wahrheit: wird sie aber von demselben so er-
kannt, daß sie auch von jedem denkenden Wesen überhaupt, in so
fern es ein solches ist, dafür erkannt werden muß, so ist sie eine
objektive Wahrheit. Unsere sinnlichen Anschauungen z. B. sind,
in so fern sie gewissen Formen gemäß sind, bloß subjektiv, denn
es kann immer denkende Wesen geben, die ganz andere Formen
der Anschauungen, als wir, haben; folglich haben diese Formen
selbst, obschon sie in uns a priori sind, bloß subjektive Realität,
und so ist es auch mit den Formen unsers Denkens beschaffen;
denn es kann immer denkende Wesen | geben (problematisch), die
durch ganz andere Formen, Erscheinungen (wenn sie welche ha-
ben) verknüpfen, und sie dadurch zu Gegenständen des Verstan-
des machen.
Es scheint, daß wir in der Tat kein Kriterium der objektiven
Wahrheit haben. Wollen wir aber die Sache genauer erwägen, so
werden wir finden, daß dieser Zweifel unserm Denken gar keinen
Abbruch tun kann; denn wenn ich z. B. jemanden einen mathe-
matischen Satz dadurch bewiesen habe, daß ich das Gegenteil auf
einen Widerspruch reduzierte, und er mir sagte: es folgt ganz
richtig aus der Form unsers gemeinschaftlichen Denkens, aber
88 Versuch über die Transzendentalphilosophie 152 | 155

vielleicht gibt es Wesen, die diese Form nicht haben; so würde ich
ihm antworten: daß mein Satz in der Tat nur für uns beide, nicht
aber für solche Wesen gelte. Sollte er aber gar behaupten: daß die
Form seines Denkens von der meinigen verschieden sei, so würde
ich freilich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Es ist aber zu be-
merken, daß im ersten Falle, niemand seinen Zweifel so weit trei-
ben kann, wenn er sich selbst nicht widersprechen will; denn in-
dem er sagt: vielleicht gibt es denkende Wesen mit ganz andern
Formen als die unsrigen, so muß er | doch gestehen, daß diese
denkenden Wesen, in so fern sie denkende Wesen sind, etwas mit
uns gemein haben müssen; folglich ist dasjenige, was von irgend
einem denkenden Wesen, in so fern es ein solches ist, für Wahr-
heit erkannt wird, objektive Wahrheit. Gesetzt, daß dieses Ge-
meinschaftliche bloß im Subsumieren des Mannigfaltigen unter
einer Einheit überhaupt bestehe, dieses Mannigfaltige und diese
Einheit mag von der unsrigen noch so sehr verschieden sein, so ist
dieses allein schon hinreichend, die Realität der objektiven Wahr-
heit zu beweisen. So wie in jedem besondern Begriff, der allge-
meine, worunter er gehört, notwendig enthalten sein muß, so
muß auch hier in jeder subjektiven Wahrheit etwas objektives
enthalten sein. Ich will freilich nicht auf mich nehmen, was dieses
Gemeinschaftliche sei, zu bestimmen, das muß vielmehr mein
Gegner tun; d. h. er muß bestimmen, was er doch unter dem Aus-
druck: denkendes Wesen verstehe, und so bald er sich darüber er-
klärt haben wird, so wird er sich auch gezwungen sehen, gewisse
objektive Wahrheiten zuzugeben. Mit dem zweiten hat es auch
keine Gefahr; wir haben noch nie einen Menschen angetroffen,
der vorgegeben habe, daß er einen Widerspruch (Dinge, die sich
einander | widersprechen, in einer Synthesis) denken kann. Die
Geschichte aller Zeiten und Länder, besonders die Geschichte der
Künste und Wissenschaften, zeigt uns vielmehr das Gegenteil, daß
nämlich Menschen immer einander belehret, und von gewissen
Wahrheiten überzeugt haben, woraus die gemeinschaftliche Form
ihres Denkens notwendig folgen muß. |
155 | 156 89

zehnter abschnitt

ÜBER DAS ICH. MATERIALISMUS,


IDEALISMUS, DUALISMUS ETC.

* Was bin ich? eine nach dem berühmten Delphischen Ausspruch:


59γνθι σεαωτóν, wichtige Untersuchung! Das was unter dem Wor-
te ich in der Psychologia rationalis verstanden wird, kann keine
Anschauung, (wenn schon a priori) kein Begriff sein, denn diese
sind was sie sind, etwas außer mir; sie sind etwas Angeschauetes
oder Gedachtes, nicht aber das Subjekt des Denkens selbst. Es
kann also nichts anders, als die allgemeinste Form des Denkens
und Anschauens überhaupt sein, nämlich die Einheit des Bewußt-
seins, die eine Bedingung aller Anschauungen und Begriffe über-
haupt, ist. Es kann also zwar dadurch ein Gegenstand überhaupt
gedacht, nicht aber | ein bestimmter Gegenstand (eben darum,
weil es allen Gegenständen gemein ist) erkannt werden. Ich kann
also von diesem ich keine Kategorie gebrauchen, denn diese be-
kommen bloß durch ihre Beziehung auf bestimmte Gegenstände
der Erfahrung, ihre Bedeutung, und erhalten durch ihre Anwen-
dung auf ein Schema ihren rechtmäßigen Gebrauch. Ich kann also
nicht sagen: ich oder dieses denkende Vermögen überhaupt, ist
Substanz; denn dieser transzendentale Begriff ist weit entfernt,
ein Individuum zu bestimmen, (welches das Wort: ich ausdrücken
soll), sondern er bestimmt gar kein Objekt, und daher kann ich
freilich sagen: ich bin Substanz, d. h. der Begriff von Ding über-
* haupt ist beharrlich in der Zeit, oder es muß zu allen Zeiten ein
Ding geben, (weil Zeit ohne Ding nicht gedacht werden kann) das
heißt aber, ich denke bloß eine Substanz, ich kann sie aber kei-
nesweges erkennen, weil ihr keine Anschauung subsumiert wird.
So ist es auch mit der Einheit (Einfachheit) freilich muß der Be-
griff von Ding überhaupt eine Einheit sein, es wird aber dadurch
keine Anschauung als Einheit (Einfach) gedacht.
Und so auch mit der Persönlichkeit (Einerleiheit des Bewußt-
90 Versuch über die Transzendentalphilosophie 156 | 158

seins zu verschiedenen Zeiten). | Das ich muß freilich selbst bei


verschiedenen Zeiten mit sich selbst einerlei sein, sonst wäre gar
kein Denken möglich; denn nur dadurch ist der Gedanke z. B. *
Dreieck möglich, weil ich die Vorstellung von drei Linien auf die
des Raums beziehe: hätte ich also die erstere, und ein anderes den-
kendes Wesen die letztere, so würde daraus niemals ein Gedanke
entstehen können; so auch wenn ich z. B. dieses Urteil dächte: a ist
b, ein anderer aber dieses: b ist c, so würde daraus niemals der
Schlußsatz a ist c entspringen, u. dgl. m. Das hat alles seine Rich-
tigkeit; aber da die Zeit nicht etwas Objektives, sondern bloß eine
subjektive Form unserer Sinnlichkeit, oder eine Art, die Objekte
(Anschauungen) auf einander zu beziehen, ist; die besondere Be-
stimmung der Objekte in derselben, sind Beharrlichkeit und
Wechsel, diese aber können nur in Beziehung auf einander vorge-
stellt werden: ich kann nur sagen: daß etwas beharrlich ist in Be-
ziehung auf etwas Wechselndes, das mit ihm verknüpft ist, und so
auch umgekehrt; so muß zwar mein ich in Ansehung meiner Vor-
stellungen, die in mir wechseln, etwas Beharrliches sein, es kann
aber selbst in Ansehung eines andern Wechselnd sein. So wie wenn
ich z. B. in meiner Kajüte im Schiffe unbeweglich | bleibe, d. h.
meinen Stand nicht in Ansehung der Gegenstände in derselben
verändere, ich deswegen samt dem Schiffe in Ansehung der Ge-
genstände, die am Ufer als ruhig angesehen werden, meinen Stand
verändern kann; so ist hier auch der Fall. In Ansehung der Folge
meiner Vorstellungen auf einander, muß mein Ich, das sie alle be-
gleitet, als beharrlich (Substanz) angesehen werden; sonst wären
sie nicht alle, meine Vorstellungen: ein anderes Ich aber, oder ein
anderes denkendes Wesen, bei dem mein Ich, nicht ich selbst, son-
dern eine Vorstellung von mir ist, d. h. bei dem diese Vorstellun-
gen nicht wie bei mir dasjenige ist, worauf alle seine Vorstellungen
sich beziehen müssen, sondern diese wie alle seine übrige Vorstel-
lungen müssen sich auf sein Ich beziehen; kann dieses mein Ich als
Vorstellung in ihm, in Ansehung seines Ichs, als wechselnd den-
ken. Folglich gilt das subjektive Urteil: mein Ich muß zu aller Zeit
in Ansehung meines Bewußtseins mit sich selbst einerlei bleiben,
nicht objektiv, d. h. daß mein Ich auch in Ansehung eines andern
Bewußtseins mit sich selbst einerlei bleiben muß.
158 | 160 Zehnter Abschnitt 91

Man siehet hieraus, daß wir keine Psychologia rationalis haben


können; weil wir keinen, ein | Objekt bestimmenden Begriff von
ihrem Vorwurf haben; wohl aber eine empirische Psychologie.

Idealismus, Dualismus, Materialismus, u. s. w.

* Soll jeder dieser Sektierer sich selbst verstehen, so muß sich der
Materialist folgendermaßen ausdrücken: ich muß zwar den Un-
terschied gestehen, zwischen den innern Wahrnehmungen, die ich
mir in der Zeit, und den äußern, die ich im Raume vorstelle, und
daß sie zwei ganz heterogene Arten sind: ich behaupte aber doch,
daß der transzendentale Gegenstand, oder das Substratum, das
der letztern Art Wahrnehmungen zum Grunde liegt, und worauf
sie sich als Vorstellungen beziehen, eben dasselbe sei, das dem er-
stern zum Grunde liegt, d. h. das Reelle, was unabhängig von un-
serer Vorstellungsart an sich existiert, ist etwas Mannigfaltiges:
unsere innere so wohl als äußere Wahrnehmungen sind Modifika-
tionen dieses Etwas, d. h. sie beziehen sich auf dasselbe als Prädi-
kate auf ihr Subjekt. Stellen wir uns vor: dieses Etwas existiere
nicht, so können auch wir, | (die Einheit dieses Bewußtseins in al-
len diesen Wahrnehmungen) samt diesen Wahrnehmungen selbst
nicht existieren: heben wir aber unsere Existenz in Gedanken auf,
so wird doch die Existenz dieses Etwas nicht gehoben, und dieses
Etwas nenne ich mit Recht Materie. Folglich existiert nichts an
sich, außer: Materie.
Der Idealist wird sich so ausdrücken: das Mannigfaltige als ein
solches, kann nicht existieren: denn dieses ist eine Apprehension
der Einheiten, folglich existieren nur Einheiten außer der Vorstel-
lung, diese können wir nicht als nach Analogie mit uns selbst,
Vorstellungskräfte denken. Die Vorstellungen, Zeit, Raum und
was dadurch bestimmt wird, sind nichts anders, als verworrene
Gedanken von den Beziehungen und Verhältnissen der Dinge zu
einander.
Der Dualist sagt: die inneren und äußeren Wahrnehmungen
sind zu sehr heterogen, um für bloß verschiedene Grade oder Mo-
difikationen eben desselben Wesens gehalten zu werden. Wir neh-
92 Versuch über die Transzendentalphilosophie 160 | 162

men daher an, das transzendentale Objekt der einen ist, außer der
Vorstellung, vom transzendentalen Objekt der andern verschie-
den: existierte keine Materie, so könnten wir keine Vorstellungen
von | Dingen im Raume haben, aber deswegen könnte doch die
Vorstellungskraft existieren; wäre aber keine Vorstellungskraft,
so könnte doch deswegen Materie (ihr transzendentales Objekt)
existieren.
Aber ich möchte doch gern fragen: was zwingt diese alle, die
Existenz eines transzendentalen Objekts (von dem sie doch nicht
das mindeste wissen,) anzunehmen, oder die Modifikationen ih-
res Bewußtseins auf etwas außer demselben zu beziehen (wie
schon das Wort Vorstellung anzeigt). Laßt uns also versuchen,
vielleicht wird es uns glücken, dieses zu enträtseln.
Ein Objekt des Denkens ist etwas Mannigfaltiges, als eine Ein-
heit betrachtet, z.B. ein rechtwinkliges Dreieck u. dgl. Dasjenige
in dem Mannigfaltigen, was nicht an sich, sondern bloß in Bezie-
hung auf das andere gedacht werden kann, d. h. das Prädikat die-
ser Synthesis ist ein Merkmal oder Vorstellung dieser Synthesis.
So ist es auch mit einer bloßen Synthesis der Einbildungskraft be-
schaffen. Das Gold z. B. bestehet aus der Ausdehnung, Undurch-
dringlichkeit, vorzüglichen Dichtigkeit und Härte u. s. w.; die
Zusammennehmung dieser Eigenschaften in einer Anschauung
macht das Wesen des Goldes aus: jede derselben | ist ein Merkmal
oder Vorstellung desselben. Man siehet hieraus, daß nicht die Zu-
sammennehmung dieser Merkmale in einer einzigen Anschauung,
nicht jedes deren an sich, sich auf etwas anderes außer dieser An-
schauung beziehet, sondern das Ganze dieser Synthesis sich
selbst, jeder Teil oder Merkmal derselben aber in Beziehung auf
die übrigen das Ganze vorstellt. Nach dieser Erklärung brauchen
wir also kein transzendentales Objekt anzunehmen. Übrigens
können wir die verschiedenen Arten der Wahrnehmungen nicht
leugnen; sie liefern uns den Stoff, den wir durchs Denken zu ver-
schiedenen Objekten machen; dieses ist der Kantische Transzen-
dentalidealismus und empirische Realismus. Die Objekte im
Raume sind in Ansehung ihres Stoffs reell, außer der Vorstel-
lungskraft, ihrer Form nach aber von derselben abhängig; wäre
die letztere nicht, so bliebe doch dieser Stoff an sich, er hätte nur
162 | 164 Zehnter Abschnitt 93

diese Form nicht; wäre aber dieser Stoff nicht, so könnte doch die
Form existieren, sie könnte aber alsdann nur Gegenstände im All-
gemeinen denken, nicht aber besondere Gegenstände erkennen.
Verwirft man aber die Vorstellung eines Gegenstandes, als das
objektive Substratum: | (weil wir uns in der Tat darunter gar
nichts vorstellen,) so kann man alle diese Meinungen leicht verei-
nigen, und aus ihrer Verschiedenheit bloß einen Wortstreit ma-
chen, nämlich der Materialist verstehet unter Materie das bloß
Gegebene, das an sich durch keine Operation der Vorstellungs-
kraft ist. Er behauptet daher, daß bloß Materie an sich nicht als
Modifikation der Vorstellungskraft existiert; das Ich selbst, oder
die Vorstellungskraft, ist bei ihm eine bloße Idee, der keine Exi-
stenz beigelegt werden kann. Der Idealist aber behauptet, das al-
les sei bloß Modifikation der Vorstellungskraft, obgleich es nicht
durch irgend eine Operation derselben (unserm Bewußtsein nach)
hervorgebracht wird, folglich auch das Gegebene keine Existenz
an sich hat, die Vorstellungskraft selbst aber als Bedingung aller
Existenz notwendig existieren muß, und obschon sie selbst eine
bloße Vorstellung ist, so ist diese doch zugleich das Ding selbst.
Wir können sie freilich nicht als ein bestimmtes Objekt denken,
denn was als ein bestimmtes Objekt gedacht wird, nicht das Ich,
sondern etwas von demselben verschiedenes ist, es ist also das
einzige in seiner Art, was als Objekt gedacht, und doch nicht als
ein solches bestimmt, gedacht | werden kann. Man kann auch den
Dualist mit diesen beiden vereinigen.
Was aber mich anbetrifft, so behaupte ich mit dem Idealisten,
daß mein Ich zwar eine bloße Idee (in so fern es durch nichts be-
stimmt, gedacht wird,) es ist aber zugleich ein reelles Objekt, weil
es seiner Natur nach durch nichts außer sich selbst bestimmt wer-
den kann; ich füge noch hinzu, daß wenn schon es nicht an sich
als ein Objekt bestimmt werden kann, so kann es doch in seinen
Modifikationen durch eine Näherung zu demselben bis ins Un-
endliche als Objekt bestimmt gedacht werden. Diese beständige
Näherung geschiehet durch eine immerwährende Absonderung
und Allgemeinmachung der Begriffe und Urteile, wodurch man
sich beständig von der Materie entfernet, und der Form immer
nähert, obschon die völlige Erreichung derselben selbst nicht bloß
94 Versuch über die Transzendentalphilosophie 164 | 167

eine Idee ist, sondern sogar einen Widerspruch enthält, indem es


ein Objekt und kein Objekt zugleich ist, ein Beispiel dieser Art
Idee ist eine irrationale Wurzel, wir können uns durch eine un-
endliche Reihe immer zu derselben nähern, aber ihre völlige
Erreichung ist nicht bloß eine Idee (in | so fern diese Reihe ins
Unendliche fortgesetzt werden muß); sondern sie enthält eine Un-
möglichkeit, indem eine irrationale Zahl nie rational werden
kann.
Auf eine ähnliche Weise verhält es sich auch mit dem Sinus ei-
nes Bogens. Dieser nimmt immer mit dem Bogen zu, wird dieser =
90 Gr., so wird jener = ⬁ , aber es hört zugleich auf, der Sinus ei-
nes Bogens zu sein, weil ihm die Bedingung fehlt, daß er vom
Sekans geschnitten werden soll u. dgl.
Wir haben also nicht nur eine Methode, wie wir uns zu der
Idee Ich immer in der Konstruktion nähern können, sondern
auch eine praktische Regel, wodurch wir gleichsam in uns selbst
gehen, oder besser, immer als solche mehr Realität erlangen.
Denn, wie ich schon bemerkt habe, je allgemeiner die Modifika-
tionen unsres Ichs werden, desto mehr werden wir Substanz (Sub-
jekt unsrer Vorstellungen,) und je allgemeiner diese werden, desto
mehr werden sie unter einander verknüpft, und desto einfacher
werden wir dadurch, und je länger die | Reihe der auf diese Art
verknüpften Vorstellungen wird, um desto mehr werden wir zu
verschiedenen Zeiten mit uns selbst einerlei, das heißt: einen de-
sto höheren Grad Persönlichkeit bekommen wir dadurch, und so
ist es auch mit allen in der Psychologie abgehandelten Eigenschaf-
ten unsres Ichs oder Seele. |
167 | 168 95

KURZE ÜBERSICHT
DES GANZEN WERKES

So ganz kurz mag zwar diese Übersicht nicht sein. Einige Materi-
en sind hier umständlicher als im Werke selbst, behandelt wor-
den. Doch sind wiederum andere hier entweder gänzlich wegge-
lassen, oder nur berührt worden. Meine Absicht ist hier, die
Resultate des Ganzen in angemessener Ordnung dem Leser vor
60 die Augen zu legen, so daß er dadurch den Statum Controversiae
auf einmal übersehen kann. |

Kurze Übersicht des ganzen Werkes.

* Empfindung ist eine Modifikation des Erkenntnisvermögens, das


bloß durchs Leiden (ohne Spontanität) in ihm wirklich wird; die-
ses ist aber eine bloße Idee, zu der wir uns durch Verminderung
des Bewußtseins immer nähern, (die wir aber nie erreichen kön-
* nen, weil der Mangel alles Bewußtseins = 0 und folglich keine
Modifikation des Erkenntnisvermögens sein kann.
** Anschauung ist eine Modifikation des Erkenntnisvermögens
das zum Teil durchs Leiden, zum Teil aber durchs Handeln in ihr
wirklich wird. Die erstere heißt die Materie, die letztere aber die
Form derselben.
Erscheinung ist eine unbestimmte Anschauung, in so fern sie
im Leiden gegründet ist.
* A priori absolut betrachtet, ist nach Kant eine Erkenntnisart, die
vor aller Empfindung im Gemüte sein muß. Nach mir hingegen
ist a priori, absolut betrachtet, eine Erkenntnisart die der Er-
kenntnis des Gegenstandes selbst vorhergeht, d. h. der Begriff ei-
nes Gegenstandes überhaupt, und alles, was man von demselben
als ein solches behaupten kann, oder wo das Objekt bloß durch |
96 Versuch über die Transzendentalphilosophie 169 | 170

Verhältnis bestimmt wird, wie z. B. die Objekte der reinen Arith-


metik.
Erkenntnis a priori im engsten Verstande und absolut betrach-
tet, ist also die Erkenntnis eines Verhältnisses zwischen Objekten
auch vor die Erkenntnis der Objekte selbst, worunter dieses Ver-
hältnis angetroffen wird, ihr Prinzip ist der Satz des Wider-
spruchs (oder der Identität) wenn aber die Erkenntnis der Objek-
te der Vorstellung des Verhältnisses vorausgehen muß, so heißt es
in diesem Verstande, a posteriori. Hieraus folget, daß die Axio- *
men der Mathematik, keine Erkenntnis a priori sind, d. h. ob-
schon sie materialiter (in Zeit und Raum) a priori sind, so sind sie
formaliter es doch nicht. Gesetzt ich habe keine Vorstellung von
einer geraden Linie, und jemand fragte mich: kann eine gerade Li-
nie zugleich nicht gerade sein? so werde ich gewiß nicht mein Ur-
teil verschieben, (unter dem Vorwande, ich weiß nicht, was eine
gerade Linie sei) bis ich die Vorstellung davon erlangt habe, son-
dern ich werde mit meiner Antwort sogleich bei der Hand sein,
daß dieses unmöglich sei. Fragt er mich hingegen: ist eine gerade
Linie die kürzeste? so werde ich antworten: ich weiß nicht, viel-
leicht ja, vielleicht auch nein, bis ich eine Vorstellung von einer
geraden Linie | werde erlangt haben. Der Grund hiervon liegt dar-
in, weil der Satz der Identität die allgemeinste Form unserer
Erkenntnis ist, folglich von allen Gegenständen überhaupt, sie
mögen übrigens beschaffen sein wie sie wollen, gelten muß. Hin-
gegen, daß eine gerade Linie die kürzeste ist, ist bloß die Form,
wodurch wir diesen bestimmten Gegenstand denken; daher so
lange wir keine Vorstellung vom Gegenstand haben, wir nicht
wissen können, ob ihm diese Form zukomme, oder nicht.
Rein ist nach Kant dasjenige, wo nichts was zur Empfindung
gehöret, angetroffen wird, d. h. nur eine Beziehung, oder ein Ver-
hältnis (als eine Verstandeshandlung) ist rein; nach mir hingegen,
ist rein dasjenige, worin nichts, was zur Anschauung, in so fern
sie bloß unvollständige Handlung ist, angetroffen wird.
Die Möglichkeit eines Begriffs kann zweierlei Bedeutung ha-
ben:
1) Die Abwesenheit eines Widerspruchs, und wird bloß in der *
symbolischen Erkenntnis gebraucht, denn wenn ich eine anschau-
170 | 172 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 97

ende Erkenntnis davon habe, so brauche ich nicht erst die Bestim-
mungen mit einander zu vergleichen, um zu sehen, ob sie sich
nicht widersprechen, denn das | Faktum oder die Wirklichkeit
derselben ist Beweis genug von ihrer Möglichkeit.
2) Einen reellen Grund der Möglichkeit, und dies wiederum
auf zweierlei Weise; entweder es bedeutet die Abwesenheit eines
* Widerspruchs, aber nicht bloß in der Kombination der Symbole,
sondern im Objekte selbst. Gesetzt, jemand hat keinen Begriff
von einem Punkte, und man fragte ihn: ist ein ausgedehnter
Punkt möglich oder nicht? so wird er bloß auf die Regeln der
Kombination sehend, sagen, daß es möglich sei; denn woran soll-
te er die Unmöglichkeit erkennen, da er vom Gegenstande keine
Vorstellung hat. Hier ist nicht der Fall wie wenn man ihn fragte:
ist ein nicht ausgedehnter ausgedehnter Punkt möglich? wo er gar
nicht nötig hat, zu wissen, was ein Punkt ist, um von der Unmög-
lichkeit dieses Begriffes überzeugt zu sein, weil hier der Wider-
spruch schon in der symbolischen Kombination anzutreffen ist.
Oder es bedeutet nicht nur, daß das Symbolum realisiert wer-
den kann, sondern auch die Begreiflichkeit der Entstehungsart
dieses Reellen, oder wenn mir der Ausdruck erlaubt ist, die Not-
wendigkeit der Möglichkeit. Der Begriff eines gleichseitigen Drei-
ecks ist, indem ich ein Δ überhaupt konstruiere, und die Gleich-
heit der Sei | ten bloß hinzudenke, zwar möglich in voriger
Bedeutung, aber diese Möglichkeit ist doch bloß willkürlich, kon-
61 struiere ich hingegen ein gleichseitiges Dreieck, vermöge zweier
gleichen Zirkel, bei denen der Umkreis eines jeden im Mittel-
punkt des andern trifft, so sehe ich dadurch die Notwendigkeit
der Gleichheit der Seiten und folglich auch die Möglichkeit des
Begriffs, und so ists auch mit den Urteilen a priori.
62 Herr Kant wirft die Frage auf: wie sind synthetische Sätze a
priori möglich? Die Bedeutung dieser Frage ist diese: daß analyti-
sche Sätze a priori möglich sind, ist wohl begreiflich, weil sie näm-
lich auf dem Satz des Widerspruchs beruhen, der auf keinen be-
stimmten, sondern auf einen Gegenstand überhaupt sich bezieht,
folglich müssen sie auch vor der Vorstellung des bestimmten Ge-
genstandes im Verstande anzutreffen sein; die synthetische Sätze
hingegen beziehen sich auf einen bestimmten Gegenstand, wie
98 Versuch über die Transzendentalphilosophie 172 | 174

können sie also der Vorstellung vom Gegenstande selbst voraus-


gehen, d. h. a priori sein?
Um aber die Einwendung die man ihm machen könnte, näm-
lich, was braucht man nach der Möglichkeit synthetischer Sätze
zu forschen, da es | in der Tat keine gibt? vorzubeugen, sucht Hr.
Kant erstlich das Faktum selbst außer Zweifel zu setzen, indem er 63
einige synthetische Sätze sowohl aus der Mathematik, als aus der
Naturwissenschaft anführt, die Notwendigkeit ausdrücken, folg-
lich a priori sein müssen.
Ich bemerke aber, daß wenn schon dergleichen Sätze Notwen-
digkeit ausdrücken, es deswegen doch nicht ausgemacht ist, daß
sie (objektive) Notwendigkeit enthalten, daß ich z. B. urteile, eine
gerade Linie ist die kürzeste zwischen zwei Punkten, kann daher
rühren, weil ich es immer so wahrgenommen habe, daher ist es *
bei mir subjektiv zur Notwendigkeit geworden u. dgl. Dieser Satz
hat also einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit, aber keine
objektive Notwendigkeit, und soll das von mir vorher angegebe-
ne Kriterium der Sätze a priori, die objektive Notwendigkeit ent-
halten, auch umgekehrt seine Richtigkeit haben, daß, wo es nicht
angetroffen wird, auch keine objektive Notwendigkeit da ist, so
können nicht nur diese hier angeführten bloß subjektiv sein, son-
dern sie sind es gewiß, weil hier dieses Kriterium nicht angetrof-
fen wird; soll es aber nur dazu dienen, um die objektive Notwen-
digkeit desjenigen zu beweisen, wo es angetroffen wird, so bleibet
hier zum | wenigsten das Faktum ungewiß, und ein Faktum das
ungewiß ist, ist gar kein Faktum. Die reine Mathematik wird
zwar durch diese Zweifel nichts verlieren, denn ihre Sätze können
aus ihren Axiomen hypothetisch hergeleitet werden, wenn eine
grade Linie die kürzeste ist, so u. s. w. wohl aber die angewendete
und die Naturlehre. Die Metaphysik, als spekulative Wissen-
schaft, wird auch nicht schlimmer daran sein; ich werde immer
behaupten können, wenn die Seele einfach ist, so ist sie unzer-
störbar u. dgl., so wie man in jenen Wissenschaften dadurch, daß
man das hypothetische absolut macht, im Gebrauche dieser Sätze
ziemlich gut fortkommt, so kann es auch mit der Metaphysik
sein; der Satz: alles hat seine Ursache, ist, wie ich glaube, von *
eben solcher Evidenz, als der Satz: eine grade Linie u. s. w. und
174 | 176 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 99

wenn Herr Kant auch bewiesen hat, daß Raum eine Form a prio-
ri ist, d. h. vor die Gegenstände der Sinne selbst ist, so ist dieser
Satz: die gerade Linie u. s. w. auch nur in dieser Bedeutung a prio-
ri, d. h. materialiter, nicht aber vor allen Gegenständen über-
haupt, ja nicht einmal vor Erkenntnis des Gegenstandes des
Urteils selbst. Die objektive Notwendigkeit aber kann nur denje-
nigen Sätzen beigelegt werden, die sich auf einen Ge | genstand
überhaupt beziehen, wie der Satz des Widerspruchs.
Aber, wird man sagen, muß denn diese subjektive Notwendig-
keit nicht einen objektiven Grund haben? Hierauf antworte ich,
ja freilich muß sie es, aber eben darum, weil der Grund dieses Ur-
teils im Objekt liegt, so kann es nur nach erlangter Vorstellung
des Gegenstandes selbst gefällt werden.
Wollen wir aber die Sache genauer betrachten, so werden wir
* finden, daß der Ausdruck: objektive Notwendigkeit, gar kein Be-
deutung hat, indem Notwendigkeit immer einen subjektiven
Zwang, etwas als wahr anzunehmen, bedeutet. In Ansehung der
Evidenz in Wissenschaften müssen wir auf die Allgemeinheit der
Sätze Acht haben, und dieses auch nicht an und für sich, weil ein
allgemeinerer Satz nicht mehr wahr ist, als ein weniger allgemei-
ner, es kommt nur auf den richtigen Gebrauch dieser Sätze an,
nämlich je allgemeiner ein Satz ist, je weniger läuft man Gefahr,
sich in dessen Gebrauch zu irren; denn gesetzt, man wollte den-
selben auf irgend einen besondern Fall anwenden, was liegt dar-
an? da dieser besondre Fall im allgemeinen enthalten ist? Ist er
hingegen bloß ein besondrer Satz, und | man wollte ihn allgemein
machen, so würde man sich sehr irren, weil das allgemeine im be-
sondern nicht enthalten ist. Wenn man einmal von dem Umfange
eines Satzes fest überzeugt ist, so ist es uns gleich viel, er mag an
sich mehr oder weniger allgemein sein. Je weniger Bestimmungen
also ein Subjekt annehmen kann, desto allgemeiner muß das von
ihm gefällte Urteil sein; von dieser Art sind die Axiomen in der
Mathematik. Eine grade Linie ist die kürzeste zwischen zween
Punkten. Eine grade Linie kann keine andere Bestimmungen
mehr annehmen, als die der Größe, nun aber kann hier diese Be-
stimmung des Subjekts aufs Prädikat keinen Einfluß haben, weil
sie das Prädikat selbst ist, folglich muß dieses Urteil allgemein
100 Versuch über die Transzendentalphilosophie 176 | 178

sein. Wird man sagen: vielleicht gilt dieser Satz nur zwischen
zween Punkten von der Entfernung, die ich schon ins Prädikat ge-
bracht, durch Konstruktion, nicht aber von einer andern Entfer-
nung? Laßt uns also erstlich annehmen, daß es von den Punkten *
d
in der Entfernung a b, nicht aber von den Punkten in der
c b a
doppelten größern Entfernung a c gelte, d. h. daß die kürzeste Li-
nie zwischen a | und c nicht die gerade a c sein wird, sondern a d c,
die nicht die kürzeste ist, wird gerade sein; nun aber habe ich
angenommen, daß a b sowohl die gerade als kürzeste zwischen a
und b ist, und da die Lage der Linie in ihrer Größe und Beschaf-
fenheit nichts ändert, so kann ich statt b c die a b substituieren,
so daß wenn ich den Punkt a in b setze, der Punkt b alsdenn in c
kommen muß, folglich a c = 2 a b, sowohl die gerade als die kür-
zeste zwischen a und c sein muß. So kann man auch umgekehrt
beweisen, daß nämlich auch in einer kleinern Entfernung die gra-
de Linie die kürzeste sei. Laßt uns setzen, a c sei (vermöge der
Konstruktion) sowohl die gerade als die kürzeste Linie zwischen a
und c; ich sage also, daß auch ihre Hälfte die gerade und kürzeste
zwischen a und b sein wird, denn wäre a b nicht die kürzeste, so
wäre zweimal a b = a c nicht die kürzeste, wider die Vorausset-
zung. Sie muß aber auch gerade sein, denn dadurch, daß ich die a
c in die Hälfte geteilt, habe ich sie deswegen noch nicht aus ihrer
Lage verrückt, folglich ihre Natur nicht verändert. Ja es liegt
schon in den Worten selbst. Denn wenn ich sage, vielleicht ist die
gerade Linie in der doppelten Entfernung nicht die kürzeste, so |
widerspreche ich mir selbst, weil Entfernung bloß durch die kür-
zeste Linie bestimmt werden kann.
So ist auch dieser Satz: 5 + 7 = 12 (das zweite Beispiel der syn- *64
thetischen Sätze in der Mathematik) allgemein, weil er nämlich
ein einzelner Satz (den die Logiker mit Recht zu den allgemeinen
rechnen) ist.
Die Evidenz der Mathematik kann also fest bleiben, wenn wir
auch nicht mit Herrn Kant annehmen wollen, daß Raum eine
Form der Anschauung a priori ist.
Ich hingegen richte diese Frage folgendermaßen ein: Da alle
Erkenntnis a priori analytisch sein muß, und sich aus dem Satz
178 | 180 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 101

des Widerspruchs herleiten lassen muß, wie sollen wir solche Sät-
ze, die wegen Mangel unserer Erkenntnis synthetisch sind, analy-
tisch machen? oder wie sollen wir das Subjekt definieren, daß
das Prädikat mit ihm identisch sein soll? Denn wenn wir alle der-
gleichen Sätze genau untersuchen, so finden wir immer, daß ihr
Subjekt entweder gar nicht definiert (wie das Kantische Exempel
7 + 5 = 12) sondern bloß in der Anschauung dargestellt ist; oder
schlecht definiert wird, wie das Beispiel: eine gerade Linie ist die
kürzeste zwischen zwei Punkten; wie sollen wir es also besser ma-
chen? Ich will es nicht über | mich nehmen, alle dergleichen Sätze
auf diese Art selbst zu entwickeln, um dieser meiner Forderung
ein Genüge zu leisten; genug, daß ich es nicht für unmöglich
halte.
65 »Raum, sagt Kant, ist kein empirischer Begriff, der von äußern
Erfahrungen abgezogen worden; denn damit gewisse Empfindun-
gen auf etwas außer mich bezogen werden, oder damit ich sie als
außereinander mir vorstellen könne, dazu muß die Vorstellung
* des Raumes schon zum Grunde liegen u. s. w.« Aber dieses bewei-
set nur, daß Raum ein allgemeiner, nicht aber, daß er ein Begriff a
priori (nach meiner Erklärung) sei. Ich hingegen behaupte, daß
Raum als Anschauung ein Schema oder Bild von der Verschieden-
heit der gegebenen Objekte sei, oder eine subjektive Art diese
objektive Verschiedenheit, die eine allgemeine Form oder notwen-
dige Bedingung des Denkens der Dinge überhaupt ist, vorzustel-
len, ohne welche er ein leerer Raum, d. h. eine transzendente Vor-
stellung ohne alle Realität sein würde (wie, wenn ich mir ein
gleichartiges Objekt im Raume vorstelle, ohne es auf etwas
ungleichartiges zu beziehen). Folglich ist Raum an sich betrachtet
zwar ein allgemeiner, aber doch nicht ein Begriff a priori; sondern
bloß im Betracht dessen, was er vorstellt, (der Ver | schiedenheit)
ist er ein Begriff a priori, weil nämlich die Verschiedenheit allen
Dingen zukommt, oder alle Dinge von einander verschieden sein
oder gedacht werden müssen, denn eben darum sind es alle
Dinge.
66 Zweitens sagt er: »Raum ist eine notwendige Vorstellung
u. s. w.« Diese Notwendigkeit ist, wie ich schon bemerkt, bloß
subjektive, in Ansehung des Raumes an sich betrachtet (denn in
102 Versuch über die Transzendentalphilosophie 180 | 182

Ansehung desjenigen, was er vorstellt, nämlich der Verschieden-


heit, ist sie gewiß objektiv). Daß man aber den Raum ohne Gegen-
stände denken kann, ist, wie ich bemerkt habe, bloß transzendent.
Drittens: »Auf die Notwendigkeit a priori gründet sich die apo- 67
diktische Gewißheit aller geometrischen Grundsätze u. s. w.« Die-
se apodiktische Gewißheit beruhet nach mir bloß auf ihrer Allge-
meinheit, diese braucht entweder keinen Beweis, indem dieses
Verhältnis unter einzelnen Objekten der Anschauung wahrge-
nommen wird, wie z. B. dieser Satz: 5 + 7 = 12, weil ein einzelner
Satz unter die allgemeinen gerechnet wird; oder es kann zum we-
nigsten bewiesen werden, daß wenn in irgend einer Anschauung
dieser Satz wahrgenommen wird, er auch in allen noch darzustel-
lenden | Anschauungen wahrgenommen werden muß, wie in die-
sem Satze: die gerade Linie ist die kürzeste zwischen zwei Punk-
ten u. dgl. Diese Allgemeinheit muß freilich einen objektiven
Grund haben, d. h. der Satz muß bei einem unendlichen Verstan-
de analytisch sein, den wir aber nicht einsehen können.
Viertens: »Der Raum ist kein diskursiver oder allgemeiner Be- 68
griff von Verhältnissen der Dinge überhaupt.« Dieses alles hat
seine Richtigkeit in Ansehung des Raumes, wie er uns erscheint,
nicht aber in Ansehung dessen, was er vorstellet (der Verschie-
denheit sinnlicher Objekte überhaupt); denn hier ist die Verschie-
denheit überhaupt von den besondern Verschiedenheiten abstra-
hiert, indem die Dinge auf verschiedene Art verschieden sind. Rot
ist von grün auf eine andere Art verschieden, als süß von bitter
verschieden ist. Daß aber diese Kopie dem Originale nicht völlig
gleich ist, oder daß es nicht verschiedene Räume, die mit den ver-
schiedenen Arten von Verschiedenheiten korrespondieren, gibt,
ist nicht zu verwundern, so wenig als man sich zu verwundern
hat, daß keine aufs Papier gezeichnete mathematische Figur
ihrem Begriffe völlig gleich kommen kann. |
Fünftens: »Der Raum wird als eine unendliche Größe vorge- 69
stellt.« Der Umfang des Raumes kann niemals größer sein, als der
Umfang der Dinge, die ihn erfüllen, und da diese in der Anschau-
ung nicht anders als endlich sein können, so kann auch der Raum
nicht anders als endlich vorgestellt werden. Die Vorstellung der
Unendlichkeit des Raumes ist also transzendent, und hat keine
182 | 184 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 103

70 objektive Realität. Ich bin also darin mit Herrn Kant einig, daß
der Raum, als Anschauung an sich betrachtet, (nicht aber als Bild
eines Verhältnisses,) bloß eine subjektive Realität hat, und daß
die Dinge, die uns im Raume erscheinen, andern denkenden We-
sen vielleicht nicht im Raume erscheinen können; aber ich füge
noch hinzu, daß diese subjektive Erscheinung einen objektiven
Grund haben muß, welcher eben darum, weil er objektiv ist, von
allen denkenden Wesen auf gleiche Art gedacht werden muß. In
Ansehung Herrn Kants Theorie von der Zeit, könnte ich eben
dieselbe Anmerkung machen, indem nach mir die Zeit ein Bild
der Verschiedenheit der Gemütszustände überhaupt ist.
71 Herr Kant behauptet, daß Sinnlichkeit und Verstand zwei ganz
verschiedene Vermögen sind; ich behaupte hingegen, daß, ob sie
schon in | uns als zwei verschiedene Vermögen vorgestellt werden
müssen, sie doch von einem unendlichen denkenden Wesen als
eine und eben dieselbe Kraft gedacht werden müssen, und daß die
Sinnlichkeit bei uns der unvollständige Verstand ist. Wir werden
dadurch auf dreierlei Weise affiziert: 1) Daß wir uns der darin
enthaltenen Begriffe nicht bewußt sind; 2) daß wir auch in Anse-
hung der Begriffe, die wir erlangen können, an der Sinnlichkeit
haften müssen, um zum Bewußtsein derselben zu gelangen; 3)
daß wir dadurch diese Begriffe selbst, so wie auch ihre Verhält-
nisse unter einander, mehrenteils unvollständig und in einer Zeit-
folge den Gesetzen der Sinnlichkeit gemäß bekommen; das un-
endliche denkende Wesen hingegen denkt alle mögliche Begriffe
auf einmal aufs vollständigste, ohne irgend eine Beimischung der
Sinnlichkeit.
72 Die Tafel der logischen Funktionen im Urteilen, und folglich
auch die der Kategorien, scheint mir verdächtig zu sein. 1) Ist an
der Realität der hypothetischen Urteile zu zweifeln. In den reinen
Wissenschaften a priori, wie die Mathematik z. B. ist, treffen wir
sie nirgends an. Denn ob ich schon sagen kann, wenn eine Linie
gerade ist, so ist sie die kürzeste zwischen zwei | Punkten, u.
dergl. so ist dies nur eine besondere Redensart, die hier (da es
bloß heißt eine gerade Linie ist u. s. w. wodurch es in der Tat ein
kategorisches Urteil ist) nichts besonderes bedeutet, und also von
irgend anders woher, wo es etwas zu bedeuten scheint, per analo-
104 Versuch über die Transzendentalphilosophie 184 | 186

giam hat hergeleitet werden müssen. Nun aber treffen wir sie nir-
gend anderswo als in unsern Urteilen über Naturbegebenheiten
an; leugnet man also diese, indem man behauptet, daß wir in der
Tat keine Erfahrungsurteile (die objektive Notwendigkeit aus-
drücken) haben, sondern bloß subjektive (aus Gewohnheit not-
wendig gewordene): so ist und bleibt der Begriff eines hypotheti-
schen Urteils bloß problematisch.
Ferner frage ich: was sind assertorische und was apodiktische
Urteile, und wodurch werden diese Arten von einander unter-
schieden? Sind die mathematischen Axiomata (weil wir den
Grund ihrer Notwendigkeit a priori nach meiner Erklärung nicht
einsehen), assertorische Urteile, so gibts in der Tat keine apodik-
tisch-kategorische Urteile. Denn diese Axiomata selbst sind zwar
kategorisch, aber nicht apodiktisch; was aber nach ihrer Voraus-
setzung nach dem Satz des Widerspruchs aus denselben hergelei-
tet wird, ist zwar | apodiktisch in Ansehung seiner Verknüpfung
mit den Axiomen, aber seine Realität an sich kann nicht mehr
sein, als die Realität der Axiomen selbst, d. h. es ist so wie diese
bloß assertorisch. Sind aber diese Axiomen (weil sie doch Not-
wendigkeit ausdrücken) apodiktisch, so weiß ich wiederum nicht,
was ein bloß assertorisches Urteil sein mag: es kann kein Erfah-
rungs-(Wahrnehmungs-)Urteil sein, z. B. ein Körper ist schwer
u. dergl. denn dieses ist in der Tat gar kein Urteil, es drückt nur
die immer wahrgenommene Begleitung des Prädikats dem Subjekt
in Zeit und Raum, aus. Man sieht also, daß die Logik hier zu kei-
nem Leitfaden dienen kann.
Ich hingegen behaupte, daß die synthetischen Sätze der Mathe-
matik zwar allgemeine wahre Sätze sind, aber dennoch keine apo-
diktische, sondern bloß assertorische Sätze sind, nicht a priori (in
dem Sinne, wie ich das Wort nehme), auch nicht reine Sätze sind.
Die Begriffe von Substanz und Akzidenz sind eben die logi-
schen Begriffe von Subjekt und Prädikat in transzendentaler Be-
deutung: nämlich von zwei Dingen, die sonst durch nichts als die-
ses Verhältnis bestimmt sind, daß das eine auch ohne Beziehung
auf das andere, dieses hingegen | nicht ohne Beziehung auf jenes
gedacht werden kann. Ihre Merkmale müssen freilich in der Er-
fahrung gegeben werden, um die Objekte diesem Begriffe subsu-
186 | 187 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 105

mieren zu können. Ich bin also mit Hrn. Kant einig, daß diese Be-
griffe, und die darin gegründeten Urteile bloß von Gegenständen
der Erfahrung gelten; ich behaupte nur, daß sie nicht wie Hr.
Kant annimmt, von Gegenständen der Erfahrung, wie sie uns er-
scheinen unmittelbar, sondern bloß von den Grenzen der Gegen-
stände der Erfahrung (Ideen) und vermittelst dieser von den Ge-
genständen der Erfahrung selbst gelten.
Der Unterschied zwischen Hrn. Kant’s und meiner Deduktion
dieser Begriffe besteht darin:
73 Hr. Kant setzt das Faktum als unbezweifelt voraus, daß wir
nämlich Erfahrungssätze (die Notwendigkeit ausdrücken) haben,
und beweiset hernach ihre objektive Gültigkeit daraus, daß er
zeigt, daß ohne dieselbe Erfahrung unmöglich wäre; nun ist aber
Erfahrung möglich, weil sie nach seiner Voraussetzung wirklich
ist, folglich haben diese Begriffe objektive Realität. Ich hingegen
bezweifle das Faktum selbst, daß wir nämlich Erfahrungssätze
haben, daher kann ich ihre objektive Gültigkeit auf diese Art
nicht beweisen, sondern ich beweise bloß die Möglichkeit ihrer
ob | jektiven Gültigkeit von Gegenständen nicht der Erfahrung
(die in der Anschauung bestimmt sind), sondern ihrer Grenzen,
die durch die Vernunft in Beziehung auf die ihnen korrespondie-
renden Anschauungen als Objekte bestimmt sind, wodurch die
Frage quid juris? (indem man reine Begriffe auf Ideen appliziert)
wegfallen muß. Die Dinge können also in diesem Verhältnis unter
einander stehen; ob sie aber in der Tat in diesem Verhältnisse un-
74 ter einander sind, ist noch immer die Frage. Hr. Kant beweist z. B.
die Realität des Begriffs von Ursache oder die Notwendigkeit von
der Folge von b auf a aber nicht umgekehrt, d. h. der Folge nach
einer Regel, auf folgende Weise. Die Apprehension des Mannig-
faltigen der Erscheinung ist immer (sie mag sub- oder objektiv)
sein, sukzessiv; man kann also das objektive vom subjektiven nur
dadurch unterscheiden, daß man wahrnimmt, daß im erstern die
Folge notwendig nach einer Regel, im letztern hingegen bloß zu-
fällig ist. Nun sage ich, man trifft nirgends in der Wahrnehmung
eine Folge, die notwendig nach einer Regel ist, d. h. ich leugne das
Faktum: denn soll sie darum notwendig sein, weil ich während
der Wahrnehmung der einen Folge die andere nicht wahrnehmen
106 Versuch über die Transzendentalphilosophie 187 | 189

kann, so wird diese | von einer bloß zufälligen Folge nicht unter-
schieden werden können, weil auch in dieser, während der einen
Sukzession die andere unmöglich ist.
Daß man aber die Sukzession bei Vorstellung eines Hauses, 75
z. B. vom Boden bis zu seiner Spitze, als willkürlich, und folglich
das Haus selbst nicht als durch diese Sukzession der Bewegung
entstanden; hingegen die Bewegung des Schiffes als wirklich, und
folglich während der Sukzession entstanden, vorstellt: rühret da-
her, weil das Haus nicht bloß durch diese einzige Sukzession son-
dern noch durch andere Merkmale (sie mögen wiederum durch
Sukzession in der Apprehension wahrgenommen werden, genug,
daß sie während der gegebenen Apprehension, nicht als solche
betrachtet werden) als Objekt erkannt wird, die während der ge-
gebenen Apprehension zugleich ohne Sukzession wahrgenommen
werden; die Bewegung des Schiffes hingegen, wird bloß durch
diese einzige sukzessive Apprehension, wahrgenommen; vor, und
nach welcher es gar keine Merkmale gibt, die ihr Dasein als Ob-
jekt zu erkennen geben sollen: daher glauben wir mit dieser das
Objekt erst entstanden, hingegen jener Sukzession setzen wir das
Dasein des Objekts voraus. Diese beiderlei Arten von Sukzession
an sich betrachtet, | sind von einander gar nicht unterschieden,
folglich, wenn jemand behauptet, das Schiff bewegt sich wirklich
Strom ab, so weiß er gar nicht, was er mit dem Wort wirklich sa-
gen will.
Hr. Kant hält die Kategorien oder reine Verstandsbegriffe für 76
bloße Formen des Denkens, die ohne Bedingungen der Anschau-
ung nicht erklärt werden können, folglich gar keinen Gebrauch
haben. Ich hingegen behaupte: daß die Kategorien als reine Ver-
standesbegriffe, ohne alle Bedingung der Anschauung erklärt
werden können und müssen; sie betreffen die Denkbarkeit der
Dinge, die Wirklichkeit derselben und ihre Bedingungen ist ihnen
bloß zufällig. Substanz z. B. ist derjenige Teil der Synthesis, der
auch ohne den andern (wenn gleich auch als Prädikat eines an-
dern) gedacht werden kann, d. h. Subjekt dieser Synthesis. Akzi-
denz ist derjenige Teil der Synthesis, der nicht ohne den andern
gedacht werden kann, d. i. Prädikat. Wir können uns diese Begrif-
fe durch Beispiele aus der reinen Wissenschaften als aus der Ma-
189 | 191 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 107

thematik erläutern und kenntlich machen. Ursache ist dasjenige,


dessen Setzung als Grund zur Setzung eines andern angesehn wer-
den muß; wiederum Subjekt aber nicht eines Begriffes, sondern
eines Urteils. Wirkung ist | dasjenige, was auf die Setzung des
vorigen notwendig folgen (nicht eben in der Zeit) muß.
Ich halte nämlich den Verstand bloß für ein Vermögen zu den-
ken, d. h. reine Begriffe durch urteilen hervorzubringen. Es wer-
den ihm keine reelle Objekte, als der Stoff, worauf er wirken soll,
gegeben, seine Objekte sind bloß logisch und nur durchs Denken
werden sie erst zu reellen Objekten. Es ist ein Irrtum, wenn man
glaubt, daß die Dinge (reelle Objekte) ihren Verhältnissen voraus-
gehn müssen. Die Begriffe der Zahlen sind bloße Verhältnisse, die
keine reelle Objekte voraussetzen, weil diese Verhältnisse die Ob-
jekte selbst sind. Die Zahl 2 z. B. drückt ein Verhältnis von 2:1
aus, und zugleich das Objekt dieses Verhältnisses; und wenn die-
ses auch zu ihrem Bewußtsein, so ist es doch zu ihrer Realität
nicht notwendig. Alle mathematische Wahrheiten haben ihre Rea-
lität auch vor unserm Bewußtsein von denselben.
Diese Reinen (die immer paarweise gehen): Verstandesbegriffe
und Verhältnisse, erklären sich einander wechselseitig, d. h. durch
einen Zirkel; und dies ganz natürlich: denn soll ein Begriff nicht
durch einen Zirkel erklärt werden, so muß er nicht völlig rein
sein, d. h. er muß irgend einen Bestand | teil haben, der sich gar
nicht erklären läßt, und der bloß (der Sinnlichkeit) gegeben, nicht
aber vom Verstande gedacht wird, oder er müßte sich durch eine
unendliche Reihe von Prädikaten erklären lassen. Dieses gibt aber
keine Erklärung, denn wenn ich sage: das Merkmal von a ist b,
von b, c u. s. w. so kann ich nie wissen, was a, b, c u. s. w. ist. Es
gibt also nur zwei Fälle, wie man einen Begriff oder eine objekti-
ve Synthesis (Einheit im Mannigfaltigen) erklären kann. Man legt
entweder eine Anschauung zum Grunde, die der Verstand nach
einer Regel denkt; es entsteht daraus ein Begriff, in dessen Er-
klärung die zum Grunde gelegte Anschauung das Subjekt, und die
vom Verstande gedachte Regel das Prädikat ist. Dieses gibt einen
nicht reinen oder vermischten Begriff, wie alle Begriffe außer den
Verhältnissen sind. Hier müssen die Bestandteile des Begriffes
dem Begriffe selbst, d. h. ihrer Synthesis vorausgehn. Oder an-
108 Versuch über die Transzendentalphilosophie 191 | 193

ders: die Bestandteile des Urteils von der objektiven Synthesis,


daß es eine mögliche Synthesis ist, müssen dem Urteile selbst vor-
ausgehn, z. B. eine gerade Linie. Oder der Verstand denkt bloß
eine Regel, die ein Verhältnis zwischen ganz unbestimmten logi-
schen Objekten bestimmt, wodurch die Objekte selbst be | stimmt
werden, daraus entspringt ein reiner Begriff mit dem Urteil oder
durch dasselbe. Z. B. Ursach; dieser Begriff ist nicht wie die Ei-
nerleiheit eine bloße Form, die durch keine Bedingung bestimmt
wird, sondern er ist ein reelles Objekt, das nicht dem Denken vor-
ausgeht, sondern durch dasselbe hervorgebracht wird. Soll aber
Objekt des Denkens bloß dasjenige heißen, was dem Denken vor-
hergeht, so hat das reine Denken kein ander Objekt, als den Be-
griff von einem Dinge überhaupt (Ens logicum). Das Objekt des
angewendeten Denkens hingegen ist zwar auch keine Anschau-
ung, (die gar kein Verstandesobjekt ist), aber auch kein bloßes
Ens logicum, sondern das Ens reale, das ich Verstandesidee ge-
nannt habe, und welches das Element einer besondern Anschau-
ung ist. Es ist ein Grenzbegriff zwischen dem reinen Denken und
der Anschauung, wodurch beide rechtmäßig verbunden werden.
Wenn es also wahr ist, daß wir Erfahrungssätze (in dem Sinne,
wie es Herr Kant nimmt,) haben, und daß wir zu diesem Behuf
die reinen Verstandesbegriffe auf Erscheinungen applizieren, so
läßt sich nach meiner Theorie die Möglichkeit davon oder das
quid juris leicht erklären, indem die Elemente der Erscheinungen,
wor | auf dieser zufolge die reinen Verstandesbegriffe appliziert
werden, selbst keine Erscheinungen sind. Fragt man aber, wo-
durch erkennt der Verstand, daß diesen Elementen diese Verhält-
nisse zukommen? so antworte ich: dadurch, weil er sie selbst
durch diese Verhältnisse zu reellen Objekten macht, und weil die
Erscheinungen selbst sich diesen Verhältnissen immer (bis ins
Unendliche) nähern. Ich sage z. B.: das Ich oder mein denkendes
Wesen ist eine Substanz, oder das letzte Subjekt aller meiner Vor-
stellungen; woher weiß ich es? Daher, weil ich mich immer durchs *
Denken zu so was nähere, denn je mehr ich denke oder urteile,
desto allgemeiner werden die Prädikate des Subjekts vom Urteile,
in Ansehung des Subjekts im Objekte, und je allgemeiner diese
sind, desto weniger stellen sie das Objekt, und desto mehr das
193 | 195 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 109

Subjekt meines Denkens dar. Ich urteile z. B., ich bin ein Mensch,
der Mensch ist ein Tier, dieses ein organisierter Körper, ein orga-
nisierter Körper ist ein Ding. In dieser Reihe von verknüpften
Urteilen hat die Vorstellung des Ichs als Objekt immer abgenom-
men, und die Vorstellung desselben als Subjekt immer zugenom-
men, weil das Ich das letzte Subjekt ist; folglich je allgemeiner die
Prädikate werden, desto mehr nähern sie sich diesem letzten
Sub | jekte, bis ich zuletzt auf die Grenze zwischen Subjekt und
Objekt (die Denkbarkeit eines Objekts überhaupt) geraten bin,
und so ist es auch, wenn man synthetisch denkt, oder Begriffe
durch eine Synthesis hervorbringt. Denn obwohl man hier durch
beständiges Bestimmen sich zum Objekt zu nähern und vom Sub-
jekte zu entfernen scheint; so ist es doch umgekehrt: denn da das
Abstrahieren nicht was leichtes ist, so gerate ich im Anfange des
Denkens auf ein mehr besonderes, folglich faßlicheres, Prädikat,
und denke z. B. Ding überhaupt durch Mensch bestimmt; be-
trachte ich aber die Bestimmung genauer, so finde ich, daß sie kei-
ne absolute Bestimmung ist und sein kann, weil sie selbst schon
aus etwas Bestimmbarem und Bestimmung zusammengesetzt ist;
ich nehme also Tier zur Bestimmung von Ding überhaupt, und
fahre so fort, wie vorhin, d. h. ich komme durchs Denken immer
zu einer als Subjekt nähern Bestimmung, bis zuletzt auf das Ich,
das selbst Bestimmbares und Bestimmung ist. Dieses Zuletzt trifft
freilich niemals ein, weil das Ich, worauf ich gerate, noch immer
Prädikat (des innern Sinnes) ist. Ich nähere mich doch immer zum
wahren Ich, als zu etwas, das zwar in Ansehung meines Bewußt-
seins eine bloße Idee, an sich aber | ein wahres Objekt ist, eben
dadurch, weil man sich zu demselben durch eine bestimmte Reihe
immer nähern kann, folglich ein unendlicher Verstand es wirklich
denken muß.
Eben so kann ich mit Recht sagen: ich bin einfach; weil ich
mich durchs Denken immer zu dieser Einfachheit nähern kann,
indem meine Vorstellungen als meine Prädikate durch dieselbe,
immer genauer verknüpft werden, bis zuletzt eine vollkommene
Einfachheit daraus entspringt. Nun wird man sagen, dieses alles
hat seine Richtigkeit, bloß von der Vorstellung des Ichs, nicht
aber vom Objekte selbst. Hierauf antworte ich, die Vorstellung
110 Versuch über die Transzendentalphilosophie 195 | 197

eines Dinges ist vom Dinge selbst bloß durch eine mindere Voll-
ständigkeit unterschieden; nimmt man aber beide in ihrer größern
Vollständigkeit (wie hier der Fall ist), so sind sie notwendig eins
und eben dasselbe.
Das Resultat dieser Theorie ist also dieses. Ich behaupte näm-
lich mit Herrn Kant, daß die Gegenstände der Metaphysik keine 77
Objekte der Anschauung, die in irgend einer Erfahrung gegeben
werden können, sind. Ich weiche aber von ihm darin ab, indem er
behauptet, daß sie gar keine Objekte sind, die auf irgend eine Art
vom Verstande bestimmt gedacht werden können. Ich | hingegen
halte sie für reelle Objekte, die, ob sie schon an sich bloße Ideen
sind, dennoch durch die aus ihnen entspringenden Anschauungen
bestimmt gedacht werden können; und durch Reduktion der An-
schauungen auf ihre Elemente, sind wir im Stande, neue Verhält-
nisse unter ihnen zu bestimmen, um dadurch die Metaphysik als
Wissenschaft zu behandeln. So wie wir durch Reduktion der
Größen auf ihre Differentiale und diese wieder auf ihre Integra-
le im Stande sind, neue Verhältnisse unter diesen (den Größen
selbst) zu entdecken.
In Ansehung der Unmöglichkeit eines ontologischen Beweises 78
vom Dasein Gottes bin ich mit Herrn Kant einerlei Meinung; ich
füge noch folgende Gründe von dieser Unmöglichkeit hinzu.
Die ontologische Erklärung von Gott ist: Ein Wesen, das alle
mögliche Realitäten enthält. Ich werde aber beweisen, daß nicht
nur dieses, sondern überhaupt ein Wesen, wenn es auch nur meh-
rere Realitäten enthält, als Objekt unmöglich, und bloß eine Idee
ist. Laßt uns z. B. ein Wesen annehmen, das aus zwei Realitäten a
und b bestehe; wir müssen also annehmen, daß jede derselben aus
2 Stücken besteht, nämlich das eine ist das beiden Gemeinschaft-
liche, | wodurch sie Realitäten überhaupt sind, das andere aber
das jeder derselben Eigene, wodurch sie von der andern unter-
schieden wird. Nun ist das Gemeinschaftliche gewiß eine Rea-
lität, weil es dasjenige ist, das beide zu Realitäten macht, das Be-
sondere einer jeden aber muß notwendig auch eine Realität sein.
Denn wollte man annehmen, daß es in der einen eine Realität, in
der andern aber eine Negation dieser Realität ist, so wird das an-
dere keine besondere Realität, sondern der allgemeine Begriff von
197 | 199 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 111

Realität überhaupt sein, welches wider die Voraussetzung ist. Wir


haben also aus dem im Dinge angenommenen zwei Realitäten de-
ren 4. Jede der beiden Realitäten, die in jeder der angenommenen
enthalten ist, muß wiederum aus 2 Stücken bestehen, u. s. w. ins
Unendliche; woraus also folgt, daß dieser Begriff niemals als Ob-
jekt bestimmt gedacht werden kann. Ferner folgt hieraus, daß
Dinge überhaupt nicht durch die Anzahl der Realitäten, die sie
enthalten, sondern bloß durch die Intension eben derselben Rea-
lität unterschieden sein können.
Nun könnte man zwar einwenden, daß gesetzt dieser Satz in
Ansehung eines Dinges, das durch einen Begriff gedacht wird, sei-
ne Richtigkeit habe, so ists doch nicht so in Ansehung des
Be | griffs selbst, indem dieser notwendig eine Synthesis mehrerer
Realitäten ist. Z. B. eine gerade Linie, welche 2, ein rechtwinkli-
ges Dreieck oder ein Raum in 3 Linien eingeschlossen, rechtwink-
lig, welches 3 Realitäten enthält u. dgl. Man bedenke aber, daß
hier in der Tat keine Vielheit der Realitäten anzutreffen ist, weil
die Realität eines Begriffs bloß in seiner Synthesis besteht: werden
die Bestandteile derselben getrennt: so bleibt gar keine Realität
(als Synthesis) übrig. Ein rechtwinkliges Δ enthält nicht mehrere
Realitäten, als ein Dreieck überhaupt, d. h. mehrere Einheiten,
sondern bloß eine größere Realität oder Einheit. Und wenn wir
unser Unvermögen nicht für die objektive Unmöglichkeit ausge-
ben wollen, so hat diese Idee ihre Richtigkeit, daß alle Begriffe
* zuletzt auf einen Begriff, und alle Wahrheiten auf eine einzige
Wahrheit reduziert werden müssen, zum wenigsten als Ideen
kann dieses nicht geleugnet werden, weil wir uns derselben immer
nähern. Folglich wenn der Ausdruck: ein Wesen, das alle mögli-
che Realitäten enthält, eine Bedeutung haben soll; so muß es
heißen, ein Wesen, das alle mögliche Grade eben derselben Rea-
lität enthält, welches wiederum eine bloße Idee ist, wozu man
sich durch sukzessive Synthesis immer | nähern, die nie aber als
ein Objekt gedacht werden kann.
Gott ist entweder das allen möglichen Begriffen zum Grunde
liegende, d. h. gegebene; oder der Inbegriff aller möglichen Begrif-
fe oder Realitäten, das mit diesem Gegebenen notwendig ver-
knüpft ist. Sagt man also, Gott existiert, so ist dieser Satz entwe-
112 Versuch über die Transzendentalphilosophie 199 | 201

der analytisch oder synthetisch; im ersten Falle bedeutet es so


viel, das Gegebene in allen unsern Begriffen, d. h. die damit syn-
thetisch verknüpfte Existenz ist Existenz. Im zweiten aber heißt es
so viel, das allerreelleste Wesen oder der Inbegriff aller möglichen
Realitäten ist mit Existenz notwendig verknüpft. In beiden Fällen
ists ein Axiom, das keines Beweises nötig hat. Wir bekommen
aber dadurch bloß einen neuen Namen, nicht aber einen neuen
Begriff. Denn im ersten Falle heißt es so viel, Existenz ist Exi-
stenz; im zweiten aber heißt das, alle Realitäten sind bloß jede
Realität, und will nur soviel sagen, jede Realität (Begriff) muß et-
was Gegebenes zur Grundlage haben; daß aber alle Realitäten in
einer einzigen Synthesis zusammen kommen können, muß erst
bewiesen werden. Denn ob ich schon behaupte, daß alle Begriffe
sich zuletzt auf einen einzigen Begriff reduzieren lassen müssen,
so ist | dies nur eine bloße Idee. Wir können also den Begriff, das
allerreellste Wesen, niemals als ein Objekt betrachten. Ich habe
also nicht nötig, mit Herrn Kant den ontologischen Beweis da-
durch zu zernichten, daß wenn schon Realitäten, als solche im
Begriffe sich nicht widersprechen, sie im Dinge selbst ihre Folgen
einander heben können. Denn daraus würde bloß folgen, daß aus
diesem Begriffe nicht die allervollkommenste Wirkung Gottes
(die beste Welt) hervorgebracht werden kann, nicht aber, daß er
selbst keine reelle Synthesis hat. Die erste Erklärung von Gott ist
eine Definitio realis, die der nominali, Gott ist ein notwendiges 79
Wesen, korrespondiert, weil die nicht bloß logische, sondern reel-
le Notwendigkeit nichts sonst, als das Gegebene, ohne welches
nichts gedacht werden kann, ist; die zweite hingegen ist diejenige,
die der Definitio nominalis, Gott ist das vollkommenste Wesen,
korrespondiert.
Was den kosmologischen Beweis betrifft, so ist die Welt nicht 80
in Ansehung ihres Daseins, sondern in Ansehung der Art des Da-
seins zufällig. Das Gesetz der Kausalverknüpfung sagt so viel: b,
als ein seiner Form nach bestimmtes Ding, setzt notwendig a, ein
anderes seiner Form nach bestimmtes Ding voraus, aber sowohl b
als a als | bestimmte Formen, setzen notwendig das Materielle
(Gegebene) voraus. Man muß also zu diesen bedingten Formen,
das Unbedingte suchen, nicht aber ein unbedingtes Dasein, das
201 | 202 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 113

schon als Bedingung jeder dieser Formen gegeben ist, nicht das
Gegebene an sich (was im Dinge zur Existenz gehöret) nicht das
Gedachte an sich (was zum Wesen gehört) ist notwendig oder zu-
fällig, sondern bloß ihre Beziehung auf einander in einer Synthe-
sis. Die Zufälligkeit dieser aber, leitet uns bloß, sie in einer un-
endlichen Reihe aufzulösen, keinesweges aber auf das unbedingte
81 als Objekt. Ich bin darin mit Hrn. Kant einig, daß der transzen-
dentale Gegenstand aller Erscheinungen, an sich betrachtet, für
uns x ist; ich behaupte aber, daß, wenn man verschiedene Erschei-
nungen annimmt, man auch verschiedene ihnen korrespondieren-
de Gegenstände anzunehmen gezwungen ist, die, obschon nicht
an sich, doch per analogiam mit den ihnen korrespondierenden
Erscheinungen bestimmt werden können, so wie ein Blindgebor-
ner, obschon nicht jede Farbe an sich, dennoch die ihr eigentüm-
liche Strahlenbrechung, durch Linien (die er in der Anschauung
des Gefühls konstruieren kann) denken, und diese dadurch zu ei-
nem bestimmten Objekt machen kann. Sagt man, daß | nur An-
schauung mit Anschauung, nicht aber Anschauung mit dem Din-
ge selbst, eine Analogie habe, so hebt man dadurch ganz den
Begriff von Anschauung, d. h. einer Beziehung eines bestimmten
Objekts auf ein bestimmtes Subjekt. Doch da das selbst unmög-
lich zu beweisen ist, daß nämlich die Anschauungen, Wirkungen
von etwas außer uns selbst sind, so müssen wir, wenn wir bloß
unserm Bewußtsein nachgehn wollen, den transzendentalen Idea-
lismus annehmen, daß nämlich diese Anschauungen bloße Modi-
fikationen unseres Ichs sind, die durch ihn selbst so bewirkt wer-
den, als wären sie durch von uns ganz verschiedene Gegenstände
bewirkt.
Man kann sich diese Illusion auf folgende Weise vorstellen. Die
Vorstellung der Objekte der Anschauungen in Zeit und Raum,
sind gleichsam die Bilder, die durch das transzendentale Subjekt
aller Vorstellungen (das reine Ich, durch seine reine Form a priori
gedacht) im Spiegel (das empirische Ich) hervorgebracht wer-
den; sie scheinen aber, als kämen sie von etwas hinter dem Spie-
gel (von Objekten, die von uns selbst verschieden sind). Das em-
pirische (Materiale) der Anschauungen ist wirklich (so wie die
Lichtstrahlen) von etwas außer uns, d. h. (verschieden von uns)
114 Versuch über die Transzendentalphilosophie 202 | 204

gege | ben. Man muß sich aber durch den Ausdruck: außer uns,
nicht irre machen lassen, als wäre dieses etwas mit uns im Raum-
Verhältnis, weil Raum selbst nur eine Form in uns ist, sondern
dieses außer uns, bedeutet nur etwas, in dessen Vorstellungen wir
uns keine Spontanaität bewußt sind, d. h. ein (in Ansehung unse-
res Bewußtseins) bloßes Leiden aber keine Tätigkeit in uns.
Das Wort: gegeben, welches Hr. Kant von der Materie der An-
schauung sehr oft gebraucht, bedeutet bei ihm (wie auch bei mir)
nicht etwas in uns, das eine Ursache außer uns hat; denn dieses
kann nicht unmittelbar wahrgenommen, sondern bloß geschlos-
sen werden. Nun ist aber der Schluß von einer gegebenen Wir- 82
kung auf eine bestimmte Ursache stets unsicher, weil die Wirkung
aus mehr als einerlei Ursache entspringen kann; dennoch bleibt es
in Beziehung der Wahrnehmung auf ihre Ursachen jederzeit zwei-
felhaft, ob diese innerlich oder äußerlich sei, sondern es bedeutet
bloß eine Vorstellung, deren Entstehungsart in uns, uns unbe-
kannt ist.
Ein Idealist überhaupt ist derjenige, der zwar das Dasein äuße- 83
rer Gegenstände der Sinne nicht geradezu leugnet, (denn wie soll-
te er es?) sondern bloß nicht einräumt, daß es durch unmit | telba-
re Wahrnehmung erkannt werde, daraus aber schließt, daß wir
ihrer Wirklichkeit durch keine mögliche Erfahrung, je gewiß wer-
den können.
Ein transzendentaler Idealist behauptet, daß sowohl die Mate-
rie der Anschauungen (das empirische) als ihre Formen (Zeit und
Raum) bloß in uns sind, und daß es zwar Dinge außer uns, (Din-
ge an sich, oder intellektuelle Dinge, die von uns verschieden,
oder die nicht wir selbst sind) geben kann, daß wir aber von
ihrem Dasein niemals gewiß sein können. Diesem ist der tran-
szendentale Realist entgegengesetzt, dieser behauptet das Dasein
an sich außer unserer Vorstellung, und nimmt sowohl die Materie
als ihre Form, Zeit und Raum bloß für Arten unserer Anschau-
ung, die außer unserer Anschauungsart in den Dingen selbst nicht
anzutreffen sind, und in so weit stimmt er mit dem ersteren über-
ein. Er supponiert aber, (denn mit Gewißheit kann ers nicht be-
haupten) daß die Materie der Anschauung ihren Grund in den
Dingen an sich, wie auch ihre Formen, in Verhältnissen dieser
204 | 206 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 115

Dinge an sich haben. Nehmen wir nun an, daß kein anschauendes
Wesen existiert, so wird nach den ersteren überall nichts existie-
ren, d. h. Bestimmt gesetzt werden können; nach dem letztern
hingegen, wird zwar nichts mit | Gewißheit, aber doch immer et-
was Bestimmtes existieren könne.
Was mich anbetrifft, so nehme ich an, (indem ich aus meiner
unmittelbaren Wahrnehmung nicht ausgehen darf) daß sowohl
die Materie der Anschauung (das empirische darin) als ihre Form,
bloß in mir ist, und in so fern bin ich mit dem erstern einerlei
Meinung; ich unterscheide mich aber von demselben darin, daß
nämlich dieser unter Materie das, was zur Empfindung gehöret,
verstehet, (vom Verhältnisse, worin diese geordnet wird, abstra-
hiert); ich hingegen halte dafür, daß auch das, was zur Empfin-
dung gehört, wenn es wahrgenommen werden soll, im Verhältnis-
se geordnet, (obschon ich dieses Verhältnis nicht unmittelbar
wahrnehmen kann) sein muß, und daß Zeit und Raum, die For-
men dieses Verhältnisses, in so fern ich dasselbe wahrnehmen
kann, ist, und verstehe unter Materie kein Objekt sondern bloß
die Ideen, worin zuletzt die Wahrnehmung aufgelöst werden
muß. Ich bin also darin mit dem letztern einerlei Meinung, daß
die Anschauung sowohl ihrer Materie als ihrer Form nach, einen
objektiven Grund hat, weiche aber von ihm darin ab, daß dieser
die Objekte als an sich bestimmt, annimmt, ich hingegen sie als
bloße Ideen, oder | an sich unbestimmte Objekte, die nur durch
und in ihrer Wahrnehmung bestimmt (wie etwa die Differentiale
durch ihre Integrale) gedacht werden können. Wird meine An-
schauungsart vernichtet, so wird es keine Anschauungen, auch
keine an sich bestimmte Objekte des Denkens geben; da aber
mein Denkungsvermögen noch immer bleiben könnte, so könnte
dieses noch immer aus sich selbst Objekte des Denkens, (Ideen
die durch das Denken zu bestimmten Objekten werden) hervor-
bringen, weil ich die Verknüpfung des Denkens nicht nur mit ei-
ner besondern Anschauungsart, sondern mit einem Anschauungs-
vermögen überhaupt für bloß zufällig halte, und glaube daß der
Verstand (obschon nicht nach unserm jetzigen Bewußtsein an sich
rein betrachtet, ein Vermögen ist, durch gedachte Verhältnisse,
die sich auf ein Objekt überhaupt, (Objectum logicum) beziehen,
116 Versuch über die Transzendentalphilosophie 206 | 208

reelle Objekte zu bestimmen, wie ich mich schon verschiedentlich


darüber erklärt habe. Auch könnte ich leicht zeigen, daß dieses
System mit dem Leibnizischen (wenn dieses richtig verstanden
wird, aufs genaueste übereinstimmt, indessen halte ich es jetzt für
unnötig.
Wir haben hier, (wenn mir der Ausdruck erlaubt ist) eine Drei- 84
einigkeit, Gott, die | Welt und die menschliche Seele, nämlich ver-
stehen wir unter Welt bloß die intellektuelle Welt, d. h. den Inbe-
griff aller möglichen Objekte, die durch alle mögliche, von einem
Verstande gedachten Verhältnisse hervorgebracht werden kön-
nen, und unter Seele, ein Verstand, (Denkungsvermögen) das sich
darauf bezieht, so daß alle diese mögliche Verhältnisse von ihm
gedacht werden können, unter Gott aber einen Verstand, der alle
diese Verhältnisse wirklich denkt, (denn sonst weiß ich nicht, was
ich unter Ens realissimum denken soll), so sind diese drei ein und
eben dasselbe Ding. – Versteht man aber unter Welt bloß die
Sinnenwelt, als etwas, das von unserm Anschauungsvermögen,
seinen Gesetzen nach angeschauet, und nach den Gesetzen des
Denkens gedacht werden (obschon durch eine Progression in infi-
nitum) kann; unter Seele hingegen dieses Vermögen in so fern es
durch das wirkliche Anschauen bestimmt wird; unter Gott aber,
einen unendlichen Verstand, der sich auf alles mögliche, durchs
Denken wirklich bezieht, so sind es freilich drei verschiedene Din-
ge. Da aber diese Vorstellungsart nicht von unserm absoluten
Erkenntnisvermögen, sondern bloß von seiner Einschränkung
herrührt, so ist diese es nicht, sondern | die erste Vorstellungsart
die wahre. Hier ist also der Punkt, worin Materialisten, Ideali-
sten, Leibnizianer, Spinozisten, ja sogar Theisten und Atheisten,
(wenn diese Herren sich nur selbst verstünden, und nicht aus Bos-
heit gegen einander den Pöbel aufwiegelten) sich vereinigen könn-
ten. Freilich ist es bloß ein Focus imaginarius – ! Wie weit ich hier-
in mit Hrn. Kant einig bin, oder nicht, überlasse ich zu beurteilen
Hrn. Kant selbst, und jedem denkenden Leser.
Hr. Kant hält das Ich als den Gegenstand der Psychologie für 85
eine an sich, den Inhalt nach leere Vorstellung und daher auch
alle daraus her, geleitete Sätze für bloße Paralogismi.
Ich hingegen halte das Ich für eine reine Anschauung a priori
208 | 210 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 117

die alle unsere Vorstellungen begleitet, ob wir schon keine Merk-


male dieser Anschauung, weil sie einfach ist, angeben können.
Dieses vorausgesetzt, laßt uns nun diese Paralogismos genauer
betrachten. Dasjenige, dessen Vorstellung das absolute Subjekt
unserer Urteile ist, und daher nicht als Bestimmung eines andern
Dinges gebraucht werden kann, ist Substanz. Ich, als ein denken-
des Wesen, bin das absolute Subjekt aller meiner möglichen Ur-
teile, und diese Vorstellung von mir selbst kann nicht zum Prädi-
kat irgend | eines andern Dinges gebraucht werden; also bin ich
als denkendes Wesen (Seele) Substanz.
Hr. Kant macht dieses zu einem Paralogismus, weil er unter
dem Wort ich in der rationalen Psychologie das Ding an sich
(noumenon) begreift, folglich nach seinen Prinzipien die Katego-
rie von Substanz darauf nicht anwendbar ist, weil es hier an einer
Anschauung fehlt, woran man dieses erkennen könnte. Ich hinge-
gen halte das Ich für eine Anschauung, ja sogar für eine Anschau-
ung a priori, (weil sie die Bedingung alles Denkens überhaupt ist);
folglich kann die Kategorie von Substanz darauf angewendet
werden, so daß die Frage: quid juris? hier nicht statt findet. Fragt
man aber ferner, woran erkenne ich, daß mein Ich dauernd in der
Zeit ist? so antworte ich: daran, weil es alle meine Vorstellungen
in einer Zeit-Reihe begleitet. Woran erkenne ich, daß es einfach
ist? daran, weil ich keine Mannigfaltigkeit darin wahrnehme.
Woran, daß es numerisch identisch ist? daran, weil ich es zu ver-
schiedenen Zeiten als einerlei mit sich selbst erkenne. Hr. Kant
macht zwar die Einwendung, daß vielleicht dieses alles bloß von
unserer Vorstellung von demselben seine Richtigkeit hat, nicht
aber in Ansehung des derselben zum Grunde liegenden | reellen
Dinges. Ich habe mich aber schon darüber erklärt, daß ich die
Vorstellung oder den Begriff eines Dinges mit dem Dinge selbst
für einerlei halte, und daß sie nur durch die Vollständigkeit des
letztern in Ansehung des erstern verschieden sein können, folglich
wo keine Mannigfaltigkeit anzutreffen ist (wie hier der Fall ist)
das Ding selbst mit seiner Vorstellung einerlei ist, und was von
dieser gilt, muß auch von jenen gelten. Nun muß ich noch einen
86 Zweifel heben, den Hr. Kant in Ansehung der Persönlichkeit er-
regt hat, und der nicht den Unterschied zwischen der Vorstellung
118 Versuch über die Transzendentalphilosophie 210 | 212

eines Dinges und dem Dinge selbst, sondern die Wahrheit (Objek-
tivität) der Vorstellung selbst betrifft. Er sagt nämlich, ich gebe
zu, daß die Identität in meinem eigenen Bewußtsein unausbleib-
lich anzutreffen ist; wenn ich mich aber aus dem Gesichtspunkt
eines andern, (als Gegenstand seiner äußern Anschauung) be-
trachte, so erwägt dieser äußere Beobachter mich allererst in der
Zeit, denn in der Apprehension ist die Zeit eigentlich nur in mir
vorgestellt; er wird also aus dem Ich, welches alle meine Vorstel-
lungen immer begleitet, doch noch nicht auf die Objektivität der
Beharrlichkeit meiner selbst schließen, weil wir dieses in dem
Standpunkte eines Fremden nicht für gültig er | klären können
u. s. w. Ich bemerke aber, daß zum wenigsten dieser Fremde in mir *
als seiner äußern Anschauung keine absolute Veränderung wahr-
nehmen kann, denn die Veränderung der Relation ist auf beiden
Seiten gleich. Wenn ich daher noch einen dritten annehme, der
uns beide beobachtet, so wird er so gut die Veränderung meiner
in Ansehung des andern, als die Veränderung des andern in Anse-
hung meiner wahrnehmen. Das Beharrliche und Veränderliche ist
immer nur relativ. Gesetzt, mein Zustand sei in Ansehung eines
Körpers a beharrlich, nicht aber in Ansehung eines andern b, so
weiß ich hier nur so viel, daß ich samt dem Körper a meinen Zu-
stand in Ansehung des Körpers b verändert habe, und daß dieser
wiederum seinen Zustand in Ansehung unserer verändert hat; ich
weiß aber nichts von irgend einer absoluten Veränderung, weil
Veränderung überhaupt nur relativ sein kann, und der Begriff von
einer absoluten Veränderung einen Widerspruch enthält. Wenn
ich also sage: ich bin beharrlich, so kann ich es nur in Beziehung
auf meine Zeit behaupten. |

Von den Kategorien.

Die Formen des Denkens, oder der Urteile überhaupt sind vom
Verstande gedachte Verhältnisse zwischen unbestimmten (logi-
schen) Objekten. Sie werden zwar durch ihre wechselseitige
Bestimmung in diesen Verhältnissen zu reellen Objekten des Den-
kens, nicht aber des Erkennens. Sollen diese Formen also objekti-
212 | 214 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 119

ve Realität haben; d. h. sollen sie den Objekten beigelegt, und an


ihnen erkannt werden können: so müssen die Objekte schon vor-
her durch irgend Etwas bestimmt gedacht werden, (indem diese
Formen bloß zur Verknüpfung nicht aber zur Hervorbringung der
Objekte dienen). Dieses kann aber nicht durch Bestimmungen a
posteriori geschehen, wegen der Frage: quid juris? sondern durch
Bestimmungen a priori, und da diese wiederum nichts anders als
Verhältnisse der Objekte zu andern Objekten sein können (indem
der Verstand nicht anschauen, sondern bloß denken, d. h. Objek-
te auf einander beziehen kann) so muß dieses Verhältnis von der
Art sein, daß es sich auf alle Objekte ohne Unterschied (auch auf
die a posteriori) beziehen kann; so, daß dieses Verhältnis, indem
es sich auf Objekte unmittel | bar beziehet, gleichsam die Materie
von jenem, welches seine Form ist; d. h. welches nur vermittelst
diesem sich auf Objekte beziehen kann. Dieses geschieht durch
die Reflexions-Begriffe, Einerleiheit, Verschiedenheit u. s. w. Der
Verstand denkt z. B. Objekte, die durch das Verhältnis das maxi-
mum der Einerleiheit, oder, welches dasselbe ist, das minimum der
Verschiedenheit in Beziehung auf einander bestimmt sind. Diese
denkt er wiederum in der Form der hypothetischen Urteile, d. h.
in solcher Beziehung auf einander, daß, wenn eines derselben a
gesetzt wird, das andere b gesetzt werden muß. Hieraus ent-
springt der Vorteil, daß wir nicht nur Objekte durch ein wechsel-
seitiges Verhältnis zu einander denken, sondern auch dieselbe in
der Wahrnehmung (des inneren Verhältnisses, das vom Verstande
als Bedingung des Äußern, welches durch die Form des hypothe-
tischen Urteils ausgedruckt ist, gedacht wird) erkennen. Finden
wir, daß a mit b, das unmittelbar darauf folgt, in Verhältnis des
maximi der Einerleiheit stehen (hier fällt die Frage: quid juris?
weg, indem die Zeit die Form der Objekte ist, und dieses Verhält-
nis von allen Objekten auch von denen a posteriori gegebenen,
gilt) so erkennen wir, daß sie auch im Verhältnisse von Ursache
und | Wirkung zu einander sind. Es bleibt aber noch zu bestim-
men übrig, was die Ursache, und was die Wirkung sei? (weil
dieses innere Verhältnis beiden gemein ist). Dieses kann durch
keinen Reflexions-Begriff geschehen, indem dieser kein Objekt
bestimmt, sondern dasselbe schon als bestimmt voraus setzt. Wir
120 Versuch über die Transzendentalphilosophie 214 | 216

müssen uns also zu diesem Behuf nach etwas Anderm umsehen;


wir finden aber dazu nichts taugliches a priori als die Zeit, weil
diese sich auf Objekte unmittelbar beziehet, indem sie eine not-
wendige Form derselben, und doch zugleich a priori, ist. Wir un-
terscheiden also Ursache von Wirkung durch Zeitbestimmung,
daß nämlich das Erstere immer das Vorhergehende, und das Letz-
tere das Folgende in der Zeit ist; und so ist es auch mit allen übri-
gen Kategorien. Die Formen der Urteile, in so fern sie Subjekt
und Prädikat nicht bloß von allen übrigen möglichen Dingen,
(durch ein reelles Verhältnis) sondern auch dieselben von einan-
der durch eine Zeitbestimmung unterscheiden; heißen Kategori-
en. Wie weit ich also hierin von Herrn Kants Meinung abweiche,
wird aus dem Folgenden erhellen.
1) Herr Kant hält die Kategorien für Bedingungen der Erfah- 87
rung; d. h. er behauptet, daß wir auch ohne dieselben Wahrneh-
mungen ha | ben könnten, aber doch keine Erfahrung (Notwen-
digkeit der Wahrnehmung); ich hingegen bezweifle mit Hume die
Realität der Erfahrung, und halte daher die logischen Formen mit
den Bedingungen ihres Gebrauchs (gegebene Verhältnisse der Ob-
jekte unter einander) für Bedingungen der Wahrnehmung selbst:
die von Substanz und Akzidenz für Bedingungen der Wahrneh-
mung der Objekte an sich selbst; Ursache und Wirkung für Be-
dingungen der Wahrnehmung der Veränderung. Denn ein Objekt
des Denkens oder des Bewußtseins überhaupt erfordert Einheit
im Mannigfaltigen; diese Synthesis setzt aber voraus, daß nicht
jeder Bestandteil derselben an sich gedacht werden kann (denn
sonst hätte sie keinen Grund) d. h. daß zum wenigsten ein Be-
standteil des Mannigfaltigen ohne die Einheit, nämlich: ohne sei-
ne Verknüpfung mit dem andern Teil, unmöglich ist, und daß
wiederum der andere Bestandteil desselben auch an sich gedacht
werden muß; (denn sonst wäre hier eine bloße Form, aber kein
Objekt) und das sind eben die Begriffe von Substanz und Akzi-
denz. Ferner: die Wahrnehmung einer Veränderung erfordert
wiederum Einheit im Mannigfaltigen; d. h. die Beziehung zweier
Zustände eines Dinges auf einander. Wären | also diese völlig ver-
schieden, so wäre hier bloß ein Mannigfaltiges, aber keine Einheit
im Mannigfaltigen (denn es wäre hier keine Reproduktion, die
216 | 218 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 121

auf dem Gesetz der Assoziation beruhet, und folglich auch keine
Vergleichung) möglich. Wären sie hingegen völlig einerlei, so
wäre hier kein Mannigfaltiges; d. h. es wären alsdann nicht zwei,
sondern ein und eben derselbe Zustand; in beiden Fällen wäre
hier keine Einheit im Mannigfaltigen, folglich auch keine Wahr-
nehmung der Veränderung, ja nicht einmal die Vorstellung einer
Zeitfolge, möglich. Diese Zustände müssen also zum Teil einerlei,
zum Teil aber verschieden sein, wodurch bei Wahrnehmung des
Gegenwärtigen die Reproduktion des Vergangenen (durch das
Gesetz der Assoziation) und folglich auch ihre Vergleichung un-
tereinander möglich wird. Diese Verschiedenheit muß aber ein
minimum sein; denn sonst wäre es nicht dasselbe Ding, das bloß
verändert worden, sondern ein vom Vorigen völlig verschiednes
Ding (wie es bei einer andern Reproduktion der Fall ist). Ein grü-
nes Blatt ist von einem weißen (obschon beide etwas Einerlei,
nämlich: Blatt, haben, und dadurch zur Assoziation geschickt
sind) verschieden; weil diese Verschiedenheit wahrgenom | men
werden kann. Daher muß diese Verschiedenheit eine unendlich
kleine sein, wodurch das Ding bloß ein Differential zu einem von
dem vorigen verschiedenen Zustande bekommt, das aber deswe-
gen nicht als das verschiedene Ding selbst betrachtet werden
kann, und eben das ist, wie ich schon bemerkt habe, das Verhält-
nis, das der Verstand der Form der hypothetischen Sätze subsu-
miert.
88 2) Nach Herrn Kant wird dieser Satz so ausgedrückt: wenn a
vorhergehet, so muß b darauf notwendig folgen, nach einer Re-
gel. Hier ist die Folge von a und b auf einander Antezedens, und
die Bestimmung dieser Folge nach einer Regel Konsequenz. Nach
mir hingegen wird er so ausgedrückt: Wenn a und b auf einander
folgen, so müssen sie selbst in Beziehung auf einander nach einer
Regel gedacht werden; die Folge überhaupt ist also Antezedens,
und das innere Verhältnis Konsequenz. Ohne Herrn Kants Regel
könnte man nicht eine bloß subjektive (Wahrnehmung) von einer
objektiven Folge (Erfahrung) unterscheiden; ohne meine Regel
hiegegen könnte man nicht einmal eine subjektive Folge wahr-
nehmen; und so verhält es sich auch in Ansehung aller übrigen
Kategorien. |
122 Versuch über die Transzendentalphilosophie 218 | 219

3) Welches eine Folge des Vorigen ist.


Nach Herrn Kant bestimmet die Regel nicht bloß die Form, 89
worunter die Objekte subsumiert werden sollen, sondern auch in
Ansehung ihrer, die Objekte selbst – (d. h. nicht bloß die Objekte,
die in einer Folge nach einer Regel wahrgenommen werden, der
Form der hypothetischen Sätze: daß nämlich die Setzung des ei-
nen Unbestimmten die Setzung des andern Unbestimmten not-
wendig macht, subsumiert werden muß, sondern auch, daß das
Vorhergehende dasjenige ist, was hypothetisch gesetzt wird, d. h.
Ursache, und das Folgende dasjenige, was auf Setzung des Erste-
ren notwendig gesetzt werden muß, d. h. Wirkung). Nach mir
hingegen bestimmt die Regel bloß das Verhältnis der Objekte zu
einander (das Maximum der Einerleiheit), nicht aber die Objekte
selbst in Ansehung desselben; nach ihm sind also Ursache von
Wirkung in der Wahrnehmung verschieden, und folglich erkenn-
bar; nach mir hingegen ist nur diese Art Beziehung der Objekte
auf einander, nicht aber die Glieder dieser Beziehung in der Wahr-
nehmung erkennbar.
Daß wir aber in der Tat Ursache von Wirkung unterscheiden,
beruhet lediglich darauf: |
a) Wir nehmen in den Objekten dieser Beziehung mehr Bestim-
mungen (die mit den wesentlichen, worunter sich diese Beziehung
findet, zufälligerweise verknüpft sind,) an, als diejenige, worunter
diese Beziehung gedacht wird, und alsdann können die Objekte
freilich durch diese überflüssigen Bestimmungen (welche bloß a
posteriori sind und folglich in der Regel a priori nicht enthalten in
dieser Beziehung sind,) unterschieden werden; d. h. wir halten das
Objekt, in dessen zufälliger Synthesis das, was hernach der ei-
gentliche Gegenstand der Vergleichung ist, sich vor dieser unmit-
telbaren Folge befindet, für Ursache, d. h. für dasjenige, dessen
Setzung die Setzung von etwas anderem notwendig macht; das
Objekt aber, das erst in der Folge diesen Gegenstand der Verglei-
chung bekommen hat, für Wirkung, d. h. für dasjenige, das auf
Setzung des Erstern notwendig gesetzt werden muß. Die Ursache
dieses Irrtums beruhet darauf: wir beziehen die Begriffe von Ursa-
che und Wirkung auf das Dasein der Objekte; d. h. wir glauben,
das Dasein der Ursache mache das Dasein der Wirkung notwen-
219 | 221 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 123

dig, da doch diese Begriffe (in so fern sie in der Logik, die vom
Dasein der Objekte abstrahiert, ihren Ursprung haben sollen,)
sich bloß auf die | Art des Daseins beziehen; daher anstatt daß wir
uns so ausdrücken sollten: wenn zwei Dinge A und B unmittelbar
auf einander folgen, so müssen sie im Verhältnis des Maximum
der Einerleiheit zu einander sein; d. h. anstatt daß wir das Dasein
der Objekte in einer Folge voraussetzen, und bloß die Art des Da-
seins nach einer Regel denken sollten, drücken wir uns so aus:
das Dasein von A macht das Dasein von B notwendig; wir glau-
ben daher den Satz nicht umkehren zu können, weil A auch vor
dem Dasein von B sein Dasein hatte, nicht aber umgekehrt. In der
Tat aber gehet uns das Dasein von A, vor dieser unmittelbaren
Folge, gar nichts an: diese Folge wird im Verhältnisse von Ursa-
che und Wirkung gedacht, d. h. diese Folge der Objekte, die
durch eine Regel in Ansehung ihres Verhältnisses zu einander be-
stimmt sind, ist Ursache von ihrer möglichen Wahrnehmung,
nicht aber der Objekte selbst.
Nun möchte man glauben, daß nicht nur das Dasein der Ursa-
che dem Dasein der Wirkung vorausgesetzt werden muß, sondern
auch die Art des Daseins selbst (das, was in beiden die größte
mögliche Einerleiheit hat). Z. B. ein Körper a bewegt sich nach
dem Körper b, stoßt ihn an, und setzt ihn auch in Bewegung; hier
ging also die | Bewegung des a der Bewegung des b voraus, wor-
aus wir abnehmen können, daß die Bewegung des a Ursache (Be-
dingung der Bewegung von b), und die Bewegung von b Wirkung
sei. Bedenkt man aber, daß in der Tat, obschon die Bewegung a
der Bewegung b vorhergegangen, sie doch nicht als Ursache vor-
hergegangen ist, denn wenn die Bewegung a erst bei seiner
Berührung von b angefangen hätte, so hätte die Bewegung b dar-
auf nicht minder folgen müssen, als jetzt, da sie vor dieser
Berührung angefangen hatte; folglich ist hier die Ursache (Bedin-
gung der Bewegung b) nie vor der Wirkung gewesen. Im Wirken
aber selbst gibt es kein Mittel, woran man Ursache und Wirkung
erkennen und von einander unterscheiden kann; denn da sich a
und b nach der Berührung mit gleichem Grade der Bewegung
fortbewegen, so kann man hier jeden derselben sowohl als Ursa-
che, wie als Wirkung, betrachten; oder vielmehr: da beide in der
124 Versuch über die Transzendentalphilosophie 221 | 223

Berührung einen Körper ausmachen, so muß man ihre gemein-


schaftliche Bewegung als Wirkung einer Ursache außer denselben
betrachten. Bei einer beschleunigten Bewegung könnte man zwar
glauben, daß die Ursache der Wirkung vorausgehet, weil hier der
Grad der Wirkung durch die Größe der Bewegung vor | derselben
bestimmt wird; denn wenn z. B. eine Kugel von einer gegebenen
Höhe herunter fällt, und ein Loch in den weichen Ton drückt, so
steht die Tiefe dieses eingedrückten Lochs mit der gegebenen
Höhe im Verhältnis; ich frage aber: wodurch wird man hier Ursa-
che von Wirkung unterscheiden, indem man hier sowohl eine An-
ziehung (die in jedem Punkt der Entfernung aufs neue wirkt, wo-
durch eine gleichförmige beschleunigte Bewegung entspringt), als
einen Stoß nach eben demselben Gesetz annehmen kann?
Aus dem allen erhellet, daß wir bloß das Verhältnis von Ursa-
che und Wirkung, nicht aber die Glieder dieses Verhältnisses (was
Ursache und was Wirkung sei?) an Gegenständen der Erfahrung
erkennen können. Um etwas für Ursache oder für Wirkung in ei-
ner Handlung zu erkennen, muß man die Natur der Dinge außer
der Handlung kennen. Wir können es also nicht in der Handlung
unmittelbar, sondern bloß mittelbar erkennen; z. B. wir sehen ei-
nen runden Körper in einem runden Loche, so können wir nicht
wissen: ob der Körper schon vorher rund war, und das Loch erst
durch seinen Druck rund geworden, oder umgekehrt, das Loch
schon vorher rund gewesen, und der Körper seine Figur ange-
nommen, bis wir | ausmachen können, ob der Körper härter, als
die Materie, worin das Loch ist, oder umgekehrt, und dergl. In
der Handlung selbst aber (das Liegen des runden Körpers in dem
runden Loche) kann sowohl der eine als der andere Körper, oder
auch keiner von beiden (wenn sowohl der Körper als das Loch
schon vorher rund waren) Ursache oder Wirkung sein. Die Natur
des Körpers vor der Handlung aber kann bloß durch seinen Zu-
stand vor derselben in Vergleichung mit seinem Zustande nach
derselben erkannt werden. Findet sich, daß sein Zustand vor der
Handlung durch dieselbe nicht verändert, der Zustand des an-
dern hingegen durch dieselbe verändert worden ist: so urteilen
wir, der jetzige Zustand des Ersteren sei Ursache, und des Letzte-
ren, Wirkung; woraus erhellet, daß in der Tat nicht die Ursache,
223 | 225 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 125

sondern bloß etwas, woraus sie erkannt wird, der Erkenntnis der
Wirkung vorausgehen muß.
Wollen wir die Sache genauer betrachten, so werden wir fin-
den, daß der Begriff von Veränderung nicht als eine innere Modi-
fikation der Dinge, sondern bloß ihrer Beziehungen auf einander
gedacht werden kann. Man kann also nicht sagen: Die Verände-
rung der Beziehung von a auf b ist Ursache von der Veränderung
der Be | ziehung von b auf a, weil diese mit der Vorigen einerlei
ist. Wir müssen außer der gedachten Beziehung von a auf b und
auch umgekehrt, noch eine andere, nämlich die von beiden auf et-
was außer denselben annehmen, so daß a diese Beziehung nicht
verändert, b aber verändert, alsdann sagen wir, diese unveränder-
te Beziehung von a auf etwas drittes ist Ursache von der verän-
derten Beziehung von b auf a; z. B. der Körper A ist in Bewegung,
er stößt an den Körper B und setzt ihn auch in Bewegung, hier
haben A und B ihre Beziehung auf einander zugleich verändert
(indem sie vorher von einander entfernt waren, nun aber sich ein-
ander berühren,) die Veränderung eines jeden ist hier nicht Be-
dingung (Ursache) zur Veränderung des Andern, sondern sie ist
mit derselben identisch; in Beziehung auf andere Körper hingegen
hat A seinen Zustand nicht verändert (den Verlust seiner Bewe-
gung, d. h. die Gegenwirkung abgerechnet), B hingegen verän-
dert; wir sagen also, der unveränderte Zustand von A d. h. seine
Bewegung ist Ursache von der Veränderung des Zustandes von B
(von Ruhe in Bewegung), und dadurch sind wir im Stande, Ursa-
che von Wirkung zu unterscheiden. Folglich ist nicht (wie man
gemeiniglich glaubt) das Dasein eines Objekts Ur | sache vom Da-
sein eines andern Objekts, sondern daß bloß das Dasein eines
Objekts Ursache ist von der Erkenntnis des Daseins eines andern
Objekts als Wirkung, und auch umgekehrt. Ohne die Bewegung
von a, – gesetzt, daß b (auf welcher Art es auch sein mag) in die-
se Bewegung gerät – hätten wir zwar eine Wahrnehmung von ei-
ner Wirkung (Veränderung in der Beziehung von b auf andere
Objekte); wir hätten aber alsdann keine Erkenntnis vom Objekte
dieser Veränderung (indem diese sowohl auf a als auf andere Ob-
jekte bezogen werden könnte); nun aber sind wir auch im Stande,
das Objekt dieser Veränderung b durch Beziehung auf a zu be-
126 Versuch über die Transzendentalphilosophie 225 | 227

stimmen. Die Bewegung von b (Veränderung seiner Beziehung auf


andere Objekte) könnte auch ohne die Bewegung von a ihr Da-
sein haben, (indem, wie schon bemerkt worden ist, das Dasein
keine Ursache brauche); ich hätte aber alsdann keinen Grund, sie
dem b viel mehr als den andern Dingen, d. h. irgend einem Objekt
überhaupt beizulegen; nun aber, obschon die Veränderung von b
in Ansehung a (von Bewegung in Ruhe) der Veränderung von b in
Ansehung anderer Objekte (von Ruhe in Bewegung) entgegenge-
setzt ist, so dient doch die Erstere als Merkmal zur Letz | tern,
oder als Bedingung zu ihrer Erkenntnis; und sollen wir auch hier
umgekehrt setzen, (da es in der Tat willkürlich ist), daß nämlich a
in absoluter Ruhe und b samt den andern Objekten in Bewegung
nach a ist, so eignen wir doch mit Recht die Veränderung nach
dem Stoße dem b, nicht aber dem a zu, weil der Zustand des Er-
stern so wohl in Ansehung a (von Bewegung in Ruhe) als anderer
Objekte (von Ruhe in Bewegung), das Letztere aber bloß in Anse-
hung b (von Bewegung in Ruhe) nicht aber in Ansehung anderer
Objekte, seinen Zustand verändert hat.

Antinomien. Ideen.

Nach Herrn Kant sind Ideen, Prinzipien der Vernunft, die ihrer 90
Natur nach das Unbedingte zu allem Bedingten fordert; und da
es dreierlei Arten Vernunftschlüsse gibt, nämlich: kategorische,
hypothetische und disjunktive Vernunftschlüsse, so gibt es auch
notwendig dreierlei Arten Ideen, die nichts anders als die dreierlei
vollständige Kategorien (letzte Subjekt, Ursache, | Weltganze)
sind, und diese geben den Grund zu den Antinomien (Widerstreit
der Vernunft mit sich selbst) ab, die nur nach seinem System von
der Sinnlichkeit und ihren Formen, aufgelöset werden können.
Ich hingegen dehne die Sphäre der Ideen und der daraus ent-
springenden Antinomien, viel weiter aus: indem ich behaupte,
daß sie nicht nur in der Metaphysik, sondern auch in der Physik,
ja sogar in der evidentesten aller Wissenschaften, nämlich der
Mathematik anzutreffen sind, und daß daher die Antinomien eine
weit allgemeinere Auflösung erfordern. Diese beruhet nach mir
227 | 229 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 127

darauf, daß nämlich unser Verstand in zweierlei entgegengesetz-


ten Rücksichten betrachtet werden kann und muß. 1) Als ein ab-
soluter (durch Sinnlichkeit und ihre Gesetze uneingeschränkter).
2) Als unser Verstand, seiner Einschränkung nach. Er kann und
muß daher nach zweierlei entgegengesetzten Gesetzen seine Ob-
jekte denken.
Die Theorie des Unendlichen in der Mathematik, und die Ob-
jekte desselben in der Physik, führen uns notwendig auf derglei-
chen Antinomien. Die vollständige Reihe aller natürlichen Zahlen
ist bei uns kein Objekt das in irgend einer Anschauung gegeben
werden kann; sondern | bloß eine Idee, wodurch man den sukzes-
siven Progressus ins Unendliche als ein Objekt betrachtet. Die
Vernunft gerät hier in Widerstreit mit sich selbst, indem sie etwas,
das seinen Bedingungen nach niemals als ein Objekt gegeben wer-
den kann, dennoch als Objekt betrachtet. Die Auflösung dieser
Antinomie ist aber diese. Eine unendliche Zahl kann bei uns, (in-
dem unsere Wahrnehmung an der Form der Zeit gebunden ist)
nicht anders als durch eine unendliche Sukzession in der Zeit, (die
also niemals als vollendet gedacht werden kann), hervorgebracht
werden. Bei einem absoluten Verstande hingegen, wird der Begriff
einer unendlichen Zahl, ohne Zeitfolge, auf einmal, gedacht. Da-
her ist das was der Verstand seiner Einschränkung nach, als bloße
Idee betrachtet, seiner absoluten Existenz nach ein reelles Objekt.
Ja was noch mehr ist, wir sind zuweilen im Stande, den Ideen Ob-
jekte zu substituieren, oder auch umgekehrt, Objekte in Ideen
aufzulösen. Wie dies mit den unendlichen konvergierenden Rei-
hen der Fall ist. Wir können ihren Wert aufs genaueste berechnen,
und wiederum bestimmte Zahlen in dieselbe verwandeln.
Es gibt aber auch Ideen, die, obschon sie sich bestimmten Ob-
jekten immer nähern, doch ih | rer Natur nach dieselbe niemals er-
reichen, so daß wir diese denselben substituieren könnten. Von
dieser Art sind die irrationalen Wurzeln. Durch unendliche Rei-
91 hen (nach dem binomischen Lehrsatz, oder durch Hülfe einer Se-
ries recurrens) können wir uns denselben immer nähern, und doch
sind wir a priori überzeugt, daß wir ihren Wert nie genau finden
werden, indem sie nicht ganze, auch nicht gebrochene, folglich
gar keine Zahlen sein können. Hier gerät die Vernunft in eine An-
128 Versuch über die Transzendentalphilosophie 229 | 231

tinomie, indem sie eine Regel, wornach man diese mit Gewißheit
finden muß, vorschreibt, und zugleich die Unmöglichkeit dieses
zu bewerkstelligen, beweiset. Dieses sind Beispiele von Ideen und
den daraus entspringenden Antinomien in der Mathematik.
Ich will auch einige Beispiele dieser Art aus der Physik an-
führen.
1) Die Bewegung eines Körpers ist die Veränderung seiner Be-
ziehung auf einen andern Körper im Raume; folglich können wir
diese bloß subjektive Vorstellung (die zwischen den Dingen ge-
dacht, nicht aber in denselben ist) dem einen Körper nicht mehr
als dem andern zuschreiben. Soll also diese subjektive Vorstellung
objektive Gültigkeit haben (ein Objekt bestimmen), so muß | man
dem einen Körper a z. B. auch außer dieser Bewegung, (Verände-
rung seiner Beziehung auf b) noch eine andere Bewegung die
nicht in b ist, beilegen. D. h. wir legen darum die Bewegung dem
a, aber nicht dem b bei, weil jener nicht nur seine Beziehung auf
b, sondern auch auf einen andern Körper c, dieser hingegen bloß
seine Beziehung auf a, nicht aber auf c, verändert hat. Da aber so
wie a seine Beziehung auf c, so auch dieser die seinige auf a ver-
ändert hat, und wir also keinen Grund haben, diese Bewegung
vielmehr in dem a als in dem c wirklich zu denken; so müssen wir
noch einen Körper d z. B. annehmen, und so ins Unendliche: und
da wir doch dadurch niemals die Bewegung als in a wirklich den-
ken können, und dennoch uns gezwungen sehen, dieselbe (zum
Behuf der Erfahrung) zu supponieren; so haben wir hier eine An-
tinomie, nämlich die Vernunft befiehlt uns eine absolute Bewe-
gung anzunehmen, und doch dürfen wir es nicht, weil der Begriff
der Bewegung bloß relativ gedacht werden kann.
2) Ein Rad bewegt sich um seine Achse, so müssen sich alle sei-
ne Teile zugleich bewegen. Je näher aber ein Teil dem Mittel-
punkte | kömmt, desto kleiner wird seine Geschwindigkeit, (in-
dem er in eben der Zeit weniger Raum als der entferntere
durchläuft). Woraus folgt, daß es eine unendlich kleine Bewegung
in der Natur gibt. Folglich gibt es eine Geschwindigkeit, die omni
dabili minor, d. h. unendlich klein ist, weil die Bewegung nicht
durch die wirkliche Teilung begrenzt ist. Hier haben wir wieder
eine Antinomie, indem eine unendlich kleine Bewegung als Ge-
231 | 233 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 129

genstand, und zugleich als kein Gegenstand der Erfahrung ge-


dacht wird.
3) Ein Rad drehet sich um seine Achse auf der geraden Linie A
B, von A nach B dergestalt, daß I
alle Teile seines Umfanges nach
und nach alle Teile der Linie A B H F G
decken, so daß nach völliger Um-
drehung die dadurch beschriebene C D
Linie AB dem völligen Umfange des A B
Zirkels gleich ist. Zugleich aber
drehet sich ein im großen Zirkel A H I angenommener kleinerer
Zirkel C F G um eben dieselbe Achse von | C nach D, so daß er bei
völliger Umdrehung die Linie C D, die mit A B parallel und dersel-
ben gleich ist, beschreibt. Es entspringt aber hier eine Schwierig-
keit, nämlich zu erklären, wie es möglich sei, daß die Linie C D,
die der kleinere Zirkel C F G beschreibt, der Linie A B, die der
größere A H I beschreibt, gleich sein soll? Und doch müssen sie
gleich sein, indem die Umdrehung beider Zirkel (da sie einen
92 Körper ausmachen) zu gleicher Zeit geschehen muß. Aristoteles
hat diese Schwierigkeit in seinen mechanischen Fragen bemerkt,
und seit der Zeit haben sich die Mathematikverständigen be-
93 müht, dieselbe zu heben. Herr Hofrat Kästner in seiner Analysis
94 endlicher Größen, §. 601, sucht nach dem Galiläus diese Schwie-
rigkeit auf folgende Weise zu heben. Er sagt nämlich: »Es kommt
hier auf den Begriff des Wälzens an. Wird die Bedingung (597)
dazu erfordert, so kann sich unter allen konzentrischen Kreisen
nur einer wälzen, und es ist willkürlich, welcher solches tun soll.
Von den übrigen ähnlichen Bogen fallen zwar alle Punkte nach
und nach auf alle Punkte von Linien, die der A T parallel und
gleich sind, aber das beweist die Gleichheit nicht, weil die Linien
nicht Summen von Punkten sind (S. 5 Erkl.) und ähnliche Bogen
konzentrischer Kreise gleichviel | Punkte haben, indem sich durch
jeden Punkt des einen ein Halbmesser ziehen läßt, der einen
Punkt des andern angibt. Man kann sich zur Erläuterung
regulärer Vielecke von einer Art, z. E. reguläre Sechsecke, vorstel-
len, die um einen Mittelpunkt eines innerhalb des andern ver-
zeichnet sind: Wenn sich nun das äußerste auf einer geraden Linie
130 Versuch über die Transzendentalphilosophie 233 | 235

so wälzt, daß seine Seiten eine nach der andern Teile der geraden
Linie decken, so werden diese Teile zusammenhängen, und wenn
sich das ganze Vieleck herumgewälzt hat, wird es eine Länge auf
der Linie bedeckt haben, die seinem Umfange gleich ist. Aber zu
gleicher Zeit wird sich ein konzentrisches kleineres Vieleck auf ei-
ner Parallele mit jener Linie dergestalt wälzen, daß die Teile die-
ser Linie, welche seine Seiten nach einander bedecken, nicht zu-
sammenhängen; wenn es sich ganz herumgewälzt hat, welches
mit dem äußern Vielecke zugleich geschehen ist, ist es auf seiner
Parallele über eben die Länge gegangen, über welche das äußere
auf seiner Linie gegangen ist, aber es hat auf dieser Länge mit sei-
nen Seiten nicht alles bedeckt, sondern nur Teile, die nicht zusam-
menhingen; die Summe dieser Teile macht den Umfang des klei-
nen Vielecks aus. Wenn man sich solche Vielecke immer von
mehr und mehr Seiten | vorstellt, so nähern sie sich dem Kreise,
und so läßt sich hierdurch die Schwierigkeit erläutern.«
Da diese Stelle, besonders da Herr Kästner keine Zeichnung
beigefügt hat, etwas dunkel ist, so will ich sie durch beigefügte Fi-
gur erläutern. Nämlich, die Bedingung des Umdrehens oder des
Wälzens eines Rades erfordert, daß alle Punkte seiner Peripherie
nach und nach alle Punkte der Linie, die es dadurch beschreibt,
berühren müssen. Ein anderer mit der Peripherie konzentrischer
Kreis beschreibt zwar eine Linie, die mit der vorigen parallel und
derselben gleich ist, aber doch nicht so, daß alle Punkte desselben
alle Punkte der Linie berühren, sondern daß einige derselben, Bo-
gen, deren Sehnen einige Teile der Linie sind, beschreiben. Dieses
wird klar, wenn man sich statt der Zirkel reguläre konzentrische
Polygone, z. Beispiel Sechsecke, denkt. Die Teile des äußern Poly-
gons A B C u. s. w. decken
B A B
nach und nach die Linie
b a
D G | stetig; hingegen die
C c G f F A H Teile des innern Polygons
d e g abc u. s. w. decken die Linie
E F G dH nicht stetig, indem wäh-
D
rend der Zeit, daß die Seite
D E des größern die Linie D G zu decken aufhört, ehe die Seite E F
sie zu decken anfängt, der Punkt e des Kleineren sich im Bo-
235 | 237 Kurze Übersicht des ganzen Werkes 131

gen e f g bewegt, ehe die Seite e f die Linie d H zu decken an-


fängt. Folglich ist die Linie d H nicht bloß die Summe der Seiten
a b, b c, c d, d e u. s. w., sondern diese Summe plus den Sehnen er-
wähnter Bogen, welche die Differenz zwischen der Summe der
Seiten des größern und des kleinern Polygons ist. Dieser Bogen
stehet aber mit der Größe der Seiten in geradem, und diese mit ih-
rer Anzahl im umgekehrten Verhältnis. Ist also die Anzahl der
Seiten unendlich groß (wie, wenn das Polygon ein Zirkel wird)
folglich die Seiten selbst unendlich klein, so ist auch dieser Bogen
unendlich klein. Ich sage aber, daß so lange wir anstatt des Zir-
kels ein reguläres Polygon von endlicher Anzahl Seiten setzen, wir
diese Erklärungsart auch nicht nötig haben. (Zum wenigsten, so
lange man nicht beweisen kann, daß der Umfang des kleinern
Zirkels plus der Differenz seiner und des größern Anfangs und
Endpunkts, kleiner als der Umfang des größern sein muß.) Denn
die Linie d H, die das kleinere Poly | gon a b c d durch seine Um-
wälzung nach und nach deckt, ist in der Tat kleiner, als die Linie
D G, die das größere Polygon A B C D deckt, indem wir keinen
Grund haben, diese Deckung von der Mitte der Seite anzufangen,
und da wiederum zu endigen, da doch die Deckung der Seite auf
einmal geschehen muß. Setzen wir hingegen die Anzahl der Seiten
unendlich groß, und folglich die Seiten selbst unendlich klein, so
wird uns die eine Erklärungsart so wenig als die andere nützen;
denn hier geschiehet die Deckung in jedem Zeitpunkt der Umwäl-
zung nur in einem Punkte der dadurch beschriebenen Linie, folg-
lich fangen beide Linien zugleich an, und endigen sich zugleich,
wobei meine Erklärungsart nicht statt finden kann. Aber die
Kästnerische hebt diese Schwierigkeit eben so wenig. Denn sind
die Seiten unendlich klein, so müssen auch die vorgemeldeten Bo-
gen, und folglich auch ihre Sehnen, unendlich klein sein; und
doch sollen diese Sehnen, unendlichemal genommen, einer endli-
chen Linie (der Differenz zwischen dem Umfange des größern
und kleinern Zirkels) gleich sein. Wir müssen also ein wirkliches
(nicht bloß mathematisches, d. h. die Möglichkeit der Teilung ins
Unendliche) Unendliches, als das Element des Endlichen zugeben.
Es ent | springt also hier eine wahre Antinomie, indem die Ver-
nunft uns (durch die Idee der Teilbarkeit des Raums ins Unendli-
132 Versuch über die Transzendentalphilosophie 237 | 239

che) befiehlt, mit der Teilung einer bestimmten Linie niemals auf-
zuhören, so daß wir zuletzt auf einen unendlich kleinen Teil gera-
ten, und doch demonstrieret sie uns zugleich, daß wir im vorge-
legten Falle auf einen solchen unendlich kleinen Teil wirklich
geraten müssen. Ich könnte mehrere dergleichen Beispiele, so-
wohl aus der Mathematik, als aus der Physik, anführen. Aber für
jetzt mögen diese hinreichend sein.
Aus dem allen erhellet, daß das Unendliche zwar in Ansehung
unserer (des Vermögens, dasselbe hervorzubringen) eine bloße
Idee ist; daß es aber nichts desto weniger auf eine bestimmte Art
wirklich sein kann und ist, und daß die daraus entspringenden
Antinomien nur nach meiner Art aufgelöset werden können.
Auch sind diese Antinomien eben so reell, und fordern die Ver-
nunft eben so zu ihrer Auflösung auf, als die Kantischen. Also
auch zugegeben, daß die mathematischen Antinomien sich auch
nach Herrn Kants System von der Sinnlichkeit und ihren Formen
auflösen lassen, indem vom Raume nichts anders | existieren
kann, als was davon in unserer Vorstellung ist: folglich das Un-
endliche darin niemals als ein schon vollendetes Objekt, sondern
bloß als eine Idee gedacht werden kann; so können sich doch die
angeführten physischen Antinomien, die in dem, was außer un-
serer Vorstellungsart wirklich ist, anzutreffen sind, nicht nach
seinem, sondern bloß nach dem meinigen, auflösen lassen. |
239 | 240 133

MEINE ONTOLOGIE

Nach dem bisher Vorgetragenen kann man leicht denken, daß ich
mit dem Worte Ontologie einen ganz andern Begriff verknüpfe,
als den man sonst damit zu verknüpfen pflegt. Nämlich: Bei mir
ist die Ontologie keine Wissenschaft, die auf Dinge an sich, son-
dern bloß auf Erscheinungen anwendbar ist, sie kann also von
keinem weiten Umfange sein. Besonders werden hier diejenigen
Artikel behandelt, worin ich von den Wolffianern oder auch von
Herrn Kant abweiche; denn zu sagen, was schon andere gesagt
95 haben, wäre überflüssig. Die Materie habe ich hier nach der Baum-
gartenschen Paragraphenordnung vorgetragen, damit man den
Unterschied der Behandlungsart leichter einsehen könne. |

Meine Ontologie.

96 1) Die Ontologie ist eine Wissenschaft der allgemeinsten Eigen-


schaften der Dinge, oder derjenigen, die zwar nicht einem Dinge
überhaupt (das durch keine Bedingung bestimmt wird) aber doch
jedem a priori bestimmten Dinge zukommen können. Dadurch
wird sie als ein Teil der Metaphysik, so wohl von der Logik als
von der Naturlehre unterschieden: indem die erstere bloß die
Form des Denkens, ohne Beziehung auf irgend einen (a priori,
oder a posteriori) bestimmten Gegenstand, die letztere aber sich
nur auf einen a posteriori bestimmten Gegenstand beziehet. Z. B.
die Form der hypothetischen Sätze in der Logik wird so ausge-
drückt: Wenn ein Ding gesetzt wird, so muß ein andres Ding not-
wendig gesetzt werden. Hier wird das Subjekt (Ding) bloß durch
das Prädikat (Verhältnis des Antezedens zum Konsequenz) be-
stimmt. In der Physik wird sie so ausgedrückt: die Wärme dehnet
134 Versuch über die Transzendentalphilosophie 240 | 242

die Luft aus, hier wird das Subjekt dieses Verhältnisses (Wärme
und Luft), durch Bedingungen a posteriori bestimmt. In der Meta-
physik hingegen wird sie so ausgedrückt: Wenn A vorhergeht,
und B darauf nach einer | Regel folgt, so macht die Setzung von A
die Setzung von B notwendig. Hier wird das Subjekt dieses Ver-
hältnisses (von Ursache und Wirkung) durch eine Zeitbestim-
mung (die Folge nach einer Regel) die a priori ist, bestimmt. Folg-
lich gehört der Begriff oder Satz von Ursache zur Metaphysik.
Man kann die Objekte der Logik mit den transzendentalen
Größen, (die durch keine algebraische Gleichung, in Ansehung
ihres Verhältnisses zu einander bestimmt sind) die der Meta-
physik, mit den veränderlichen (die bloß durch ihr Verhältnis zu
einander bestimmt sind), und die der Physik mit den stetigen
Größen, vergleichen.
§. 7. Der Satz des Widerspruchs ist das formelle Prinzip aller * 97
negativen Urteile, und kann indirekte auch ein Prinzip der positi-
ven werden.
§. 8. Dieses ist das formelle Nichts; das materielle Nichts aber 98
ist das Nichtdenken von etwas Bestimmtem.
§. 14. Eine Erkenntnis, das heißt, ein Urteil hat einen Grund. 99
Ein reeller Gegenstand hingegen hat keinen Grund, sondern bloß
eine Bedingung. Eine Erkenntnis ist Grund einer andern Erkennt-
nis, in so fern die letztere in der erstern enthalten ist. Grund und
Folge können | also nicht verwechselt werden. Ein bestimmter
Gegenstand A ist mit sich selbst einerlei, warum? weil jeder Ge-
genstand mit sich selbst einerlei ist. Hier ist das letztere Urteil,
Grund des erstern, und dieser ist Folge von jenem. Ist aber das
eine Urteil kein Grund, sondern bloß Bedingung des andern, so
kann die Bedingung mit dem Bedingten verwechselt werden. Wie
z. B. in diesem Urteil, eine gerade Linie ist die kürzeste zwischen
zweien Punkten. Das Urteil, daß eine Linie gerade ist, kann als
Bedingung zum Urteile, daß sie die kürzeste ist, und auch umge-
kehrt, betrachtet werden.
§. 18. Der Satz: nichts ist ohne Grund, muß nach meiner Er- 100
klärung vom Grunde so ausgedrückt werden: Nichts (kein Urteil)
was nicht an sich evident ist, ist ohne Grund (darf angenommen
werden, ohne es von einem an sich evidenten Urteile, abzuleiten).
242 | 244 Meine Ontologie 135

101 §. 25. Der Satz: nichts ist ohne Folge, muß so ausgedrückt wer-
den: Kein allgemeines Urteil ist ohne Folge (ohne das besondere
Urteil, das in ihm enthalten ist), denn ein individuelles Urteil hat
in der Tat keine Folge (was aus ihm folgt, ist nicht in ihm, son-
dern in dem Allgemeinen, worin es enthalten ist, gegründet). In
Ansehung des | Grundes in der zweiten Bedeutung, nämlich: als
Bedingung, muß man genau Acht haben, was eigentlich dieser
Grund sei; d. h. ob es das ganze Subjekt (die Synthesis des Be-
stimmbaren und der Bestimmung) oder bloß ein Prädikat dessel-
102 ben ist. Z. B. ein rechtwinkliges Dreieck ist als ein solches der
Grund oder die Bedingung seiner Eigenschaften, daß nämlich das
Quadrat seiner Hypotenuse der Summe der Quadrate der Kathe-
ten gleich ist; hier ist nicht Dreieck an sich, nicht das Rechtwink-
ligsein an sich, sondern ihre Synthesis die Bedingung dieser Ei-
genschaft. Hingegen ist in dem Satze: die gerade Linie ist die
kürzeste zwischen zweien Punkten bloß die Bestimmung gerade,
die Bedingung dieser Eigenschaft; (denn Linie kann diese Bedin-
gung nicht sein, weil sie auch Bedingung der entgegengesetzten
103 Eigenschaft ist). Aus Vernachlässigung dieser Distinktion ent-
stand ein Irrtum: daß man nämlich glaubte, eine Wirkung kann
Folge verschiedener Ursachen sein; indem man nicht bemerkte,
daß in diesem Falle nicht diese verschiedenen Objekte, sondern
etwas ihnen Gemeinschaftliches, der Grund dieser Folge, d. h. die
Ursache der gegebenen Wirkung ist, wie ich es in der Folge um-
ständlicher erklären werde. |
104 §. 22. Das Bestimmbare ist das Allgemeine, und die Bestim-
mung, das was aus diesem etwas Besonderes macht. Nun gibt es
aber Fälle, wo dieses schwer zu erkennen ist, wie z. B. in dem Be-
griffe eines gleichseitigen Dreiecks: hier kann ich Dreieck als das
Allgemeine (indem es sowohl gleich- als ungleichseitig sein kann)
und die Gleichheit der Seiten als dasjenige, was ihn zum beson-
dern Begriff macht, betrachten: ich kann aber auch umgekehrt die
Gleichheit der Seiten als das Allgemeine (in so fern es mehrere
gleichseitige Figuren geben kann) und die Anzahl derselben (Drei-
eck) als das, wodurch es zum besondern Begriff wird, betrachten.
Die Frage ist also: kann ich in diesem Falle das Bestimmbare mit
der Bestimmung verwechseln? oder mit andern Worten: gibt es
136 Versuch über die Transzendentalphilosophie 244 | 246

hier kein Merkmal, wodurch ich sie erkennen, und von einander
unterscheiden kann? Hierauf antworte ich: es gibt hier zwar kein
unmittelbares, sondern bloß ein mittelbares Merkmal, d. h. ich
kann sie bloß in Beziehung auf die von diesem Begriffe herzulei-
tenden Folgen bestimmen. Will ich den Begriff eines gleichseitigen
Dreiecks zu diesem Urteil gebrauchen, daß es nämlich gleiche Win-
kel hat, so betrachte ich in demselben die Gleichheit der Seiten als
| das Bestimmbare, und ihre Anzahl als die Bestimmung desselben;
denn in der Tat kann die Gleichheit der Winkel nicht nur Prädikat
eines gleichseitigen Dreiecks, sondern auch jeder gleichseitigen Fi-
gur überhaupt sein, zum wenigsten in Ansehung der Seiten, die
einerlei Richtung haben. Die Anzahl der drei Seiten macht also,
daß das, was ohne dieselben bloß sein kann, hier wirklich ist. Will
2
ich aber daraus urteilen, daß jeder seiner Winkel 3 eines rechten
ist, so ist dieses kein mögliches Prädikat einer andern gleichseiti-
gen Figur, sondern bloß des Dreiecks. Denn sind die Winkel un-
gleich, so kann nicht jeder derselben 23 eines rechten d. h. gleich
sein, sind sie aber gleich, so ist es ein reguläres Polygon, wovon
bewiesen worden ist, daß die Summe seiner Winkel (wenn ange-
nommen wird, daß die Anzahl der Seiten = n ist = 2n – 4 rechte
2n– 4 –4
Winkel, folglich jeder derselben = = 2 n rechte Winkel,
n
und also jedes n einen andern Wert gibt, und nur n = 3 den Wert
= 23 geben kann. Folglich ist in Ansehung dieser Folge nicht die
Gleichheit der Seiten, das Bestimmbare, und ihre Anzahl die Be-
stimmung, sondern umgekehrt; weil nämlich einem Dreiecke
überhaupt diese Folge (daß jeder seiner | Winkel = 23 R ist) zu-
kommen kann, und wenn es gleichseitig ist, zukommen muß, und
so auch in allen übrigen Fällen.
Es gibt noch einen Gesichtspunkt, aus dem man in jedem Ob-
jekt (eine Synthesis von Anschauung und Begriff) beurteilen
kann, was darin das Bestimmbare, und was die Bestimmung ist.
Nämlich: ist die Anschauung a priori, so ist sie das Bestimmbare,
und der Begriff ist die Bestimmung: denn die freiwillige Hervor-
bringung einer Anschauung, einer Regel gemäß, setzt die Mög-
lichkeit der Anschauung an sich (indem was in Verknüpfung
möglich ist, auch an sich möglich sein muß). Z. B. in dem Begrif-
246 | 248 Meine Ontologie 137

fe einer geraden Linie, ist Linie überhaupt möglich, auch ohne


das Geradesein, ist folglich hier, das Bestimmbare; hingegen ist
das Geradesein erst durch Linie möglich u. dgl. Ist aber die An-
schauung a posteriori, so ist es umgekehrt, der Begriff ist das Be-
stimmbare; weil er auch an sich vor seiner Verknüpfung mit der
Anschauung a posteriori (durch seine Verknüpfung mit einer An-
schauung a priori) gedacht werden kann, die Anschauung hinge-
gen ist seine Bestimmung; weil sie ohne denselben nicht gedacht
werden kann, z. B. in dem Begriffe von Ursache, worunter das
Feuer als eine Anschau | ung a posteriori subsumiert wird, indem
man sagt: das Feuer erwärmt den Stein. Hier ist der Begriff (wenn
etwas gesetzt wird, so muß etwas anderes gesetzt werden) das Be-
stimmbare; weil er auch ohne das Feuer bloß durch eine An-
schauung a priori, nämlich die Zeit (wenn etwas vorhergeht und
etwas folgt nach einer Regel) gedacht werden kann, nicht aber
umgekehrt u. dgl. indem Feuer ohne denselben bloß angeschauet,
nicht aber gedacht (in ein notwendiges Verhältnis) werden kann.
105 Die Möglichkeit eines Dinges betrifft entweder die Form seiner
Denkbarkeit, und bedeutet alsdann den Mangel des Wider-
spruchs, oder die Verbindung von Materie und Form, und bedeu-
tet alsdann eine objektive Realität.
Das Urteil von der objektiven Möglichkeit eines Dinges, be-
greift vier Urteile in sich. 1) Mangel der Unmöglichkeit (des Wi-
derspruchs); 2) Mangel der Notwendigkeit; 3) einen positiven
Grund der Möglichkeit; 4) Mangel der Wirklichkeit, Z. B. ein
Dreieck d. h. ein Raum von drei Linien eingeschlossen, ist mög-
lich: 1) weil die Einschließung von drei Linien, d. h. das Prädikat,
dem Begriff von Raum, als dem Subjekt, nicht widerspricht; 2)
das Subjekt ist nicht not | wendig mit dem Prädikat verknüpft;
weil es auch an sich oder mit einem andern Prädikat gedacht wer-
den kann; 3) so ist hier ein positiver Grund zu dieser Möglichkeit,
und dieses bestehet darin, daß das Prädikat nicht ohne das Sub-
jekt gedacht werden kann; 4) der ganze Begriff kann wiederum
als Subjekt in Beziehung auf ein ihm mögliches Prädikat, betrach-
tet werden, indem man einen recht- oder schiefwinkliges Dreieck
denken kann u. dgl. Man siehet hieraus, daß die Möglichkeit ei-
nes jeden Dinges die Möglichkeit sowohl eines allgemeinern, als
138 Versuch über die Transzendentalphilosophie 248 | 250

eines mehr besondern Dinges, voraussetzt; folglich gehört zur


vollständigen Möglichkeit eines Dinges sowohl ein Pro- als Re-
gressus der Reihe der subordinierten Dinge, wovon das gegebne
ein Glied ist, ins Unendliche: dieses macht die Idee eines unendli-
chen Verstandes notwendig.
Die Wirklichkeit ist die vollständige Möglichkeit eines Dinges, 106
nach der Leibniz-Wolffischen Schule. Nach meiner Theorie hinge-
gen, ist die Wirklichkeit eines Dinges seine Vorstellung in Zeit
und Raum. Hieraus folgt 1) daß Möglichkeit und Wirklichkeit
ganz unabhängig von einander sind: d. h. nicht alles Mögliche ist
wirklich, und auch, nicht alles Wirkliche ist möglich in positiver
Be | deutung. Alle Anschauungen, in so fern sie in Zeit und Raum
vorgestellet werden, sind wirklich, aber nicht möglich, in so fern
wir ihre Entstehungsart nicht einsehen. Alle Begriffe, (ja sollten
sie auch omni modo determinata sein) sind möglich, d. h. wir se-
hen den Grund der Einheit in ihrem Mannigfaltigen ein, aber
nicht wirklich; weil diese Einheit nicht in Zeit und Raum gedacht
wird. Eine Synthesis von Begriffen und Anschauungen ist möglich
und wirklich zugleich. Nach der ersteren Erklärungsart, von der
Wirklichkeit hingegen, setzt sie die Möglichkeit voraus, nicht
aber umgekehrt, d. h. alles Wirkliche ist möglich, aber nicht alles
Mögliche ist wirklich. Hieraus folgt aber, daß ein unendlicher
Verstand, entweder alles als wirklich, oder gar nicht denken muß:
denn da dieser alles Mögliche auf einmal denken muß, so muß er
z. B. ein Dreieck entweder bloß als omni modo determinatum
(recht- oder schiefwinklig, von bestimmter Größe, u. dgl.) d. h.
wirklich, aber nie als bloß möglich (Dreieck überhaupt) oder bei-
de zugleich, d. h. ein Widerspruch oder gar nicht denken. Und da
das Letztere unmöglich ist, so bleibt nur das Erstere wahr, woraus
folgt, daß alles Mögliche, in Ansehung eines unendlichen Ver-
standes, d. h. objektiv, zugleich wirklich sein muß. Betrach | ten
wir aber die Sache genauer, so finden wir, daß auch damit die
Schwierigkeit nicht gehoben wird, weil das Dreieck überhaupt so
gut ein reelles Objekt ist in Ansehung seiner Folgen, als ein Drei-
eck omni modo determinatum in Ansehung der seinigen. Da nun
zur Vollständigkeit eines Verstandes gehört, nicht bloß ein Wesen
als möglich zu denken, sondern auch synthetisch zu urteilen, d. h.
250 | 252 Meine Ontologie 139

107 die Eigenschaften auf das Wesen zu beziehen, und sie als Com-
munia oder Propria zu betrachten, so muß ein unendlicher Ver-
stand nicht nur ein Dreieck omni modo determinatum, sondern
auch ein Dreieck überhaupt (in Ansehung der Communia, daß
z. B. die Summa seiner Winkel zweien rechten gleich sind) den-
ken, weil diejenige Eigenschaft, die allen Dreiecken gemein ist,
keine Bestimmung irgend eines besondern, sondern eines Drei-
ecks überhaupt ist.
Nach meiner Erklärung aber ist die Möglichkeit eines Dinges
das Gedachte (der Begriff), die Wirklichkeit aber das Gegebene in
demselben. Folglich kann diese Schwierigkeit in Ansehung eines
unendlichen Verstandes auf eben dieselbe Art, als in Ansehung ei-
nes endlichen gehoben werden. Nämlich: So wie ich z. B. sowohl
ein Dreieck überhaupt (in Beziehung auf seine Folgen) als | ein
rechtwinkliges Dreieck (in Beziehung auf die seinigen) denken
kann, weil ich sie zu verschiedenen Zeiten, folglich mit verschie-
denen ihnen zum Grunde liegenden Anschauungen denke; so
kann ein unendlicher Verstand sie zwar nicht in verschiedenen
Zeiten (weil die Zeit bloß eine Form unsrer Anschauung ist), aber
doch in Beziehung auf (nach irgend einer Form) verschiedene An-
schauungen denken.
Dieses Gegebene, was der unendliche Verstand anschauet, ist
entweder ein Objectum reale, und bedeutet etwas, das in demsel-
ben gegenwärtig ist, ohne von ihm gedacht zu werden (welches
seiner Unendlichkeit nicht widerspricht, indem diese im Vermö-
gen zu denken, alles was nur denkbar ist, bestehet, dieses Gege-
bne ist aber seiner Natur nach nicht denkbar) oder es ist eine
bloße Idee, von der Beziehung des Begriffes, der an sich bloß eine
Modifikation des Verstandes ist, auf etwas außer demselben. Im
letztern Falle wird die Wirklichkeit nicht in etwas außer dem Ver-
stande, sondern bloß in dieser Beziehung bestehen.
108 §. 55. Einheit und Vielheit können, wie alle Relationsbegriffe,
nicht ohne einander gedacht werden, sie sind nicht einander ent-
gegengesetzt. Denn die Vielheit hebt nicht die Einheit, weil diese
in | der Definition von jener als Element (das Materiale darin)
notwendig enthalten sein muß, und so auch umgekehrt.
Es gibt eine innere und äußere Einheit und Vielheit, z. B. der
140 Versuch über die Transzendentalphilosophie 252 | 254

Begriff einer Linie ist eine innere (die Linie an sich betrachtet)
Einheit; die verschiednen Beziehungen derselben auf verschiedene
Bestimmungen (gerade und krumme Linien) macht sie zu einer
äußern Vielheit. Hingegen ist jede Synthesis eine innere Vielheit,
die Beziehung derselben auf ihr gemeinschaftliches Subjekt oder
Prädikat macht sie zu einer äußern Einheit.
§. 68. Wahrheit ist das Verhältnis der Übereinstimmung zwi- 109
schen dem Zeichen und bezeichneten Dinge, und Falschheit des
Gegenteils davon. Ein Begriff, ein Urteil ist an sich betrachtet
nicht wahr und nicht falsch; sondern er ist, oder ist nicht.
§. 80. Die Notwendigkeit und Zufälligkeit sind Modifikationen 110
der Urteile (die den Wert der Kopula bestimmen), nicht aber der
Dinge selbst. Ist Existenz eine Bestimmung, die zum Begriffe eines
Dinges hinzukommen muß (das aber an sich kein Begriff ist, weil
sonst wiederum bloß ein Begriff daraus entspringen muß), so kann
man nicht sagen, ein Ding existiert notwendig, weil hier kein
wahrgenommenes Verhältnis zwi | schen verschiednen Begriffen
ausgedrückt wird (indem dieses die Erkenntnis eines jeden an sich
voraussetzt), sondern bloß das Verhältnis zwischen einem Begriff,
und etwas, was kein Begriff ist, dessen Notwendigkeit nie apodik-
tisch, sondern bloß problematisch sein kann. Ist aber Existenz
bloß die Position aller Bestimmungen eines Dinges, so kann wie-
derum die Setzung dieser Bestimmungen mit den Bestimmungen
selbst nicht verglichen und durch ein apodiktisches Urteil, dessen
Modifikation notwendig ist, auf einander bezogen werden.
Es gibt eine innere und eine äußere Notwendigkeit, die erstere 111
findet in den analytischen, die letztere aber in den synthetischen
Urteilen Statt. Ein Mensch ist ein Tier. Hier ist eine innere Not-
wendigkeit, indem Mensch ohne Tier nicht gedacht werden kann,
weil der Begriff von Tier in dem von Mensch enthalten ist. Hin-
gegen dieses Urteil: Eine gerade Linie ist die kürzeste zwischen
zwei Punkten, drückt das Verhältnis der Übereinstimmung zwi-
schen gerade und die kürzeste, aus; ein Verhältnis der Überein-
stimmung, nicht aber an sich, d. h. der Identität, sondern bloß das
Zusammentreffen in eben dasselbe Subjekt. Von dieser Art Not-
wendigkeit ist die Be | ziehung der Affirmation der Eigenschaften
eines Wesens auf dasselbe.
254 | 255 Meine Ontologie 141

Ist es wahr, daß der Begriff von Ursache nicht bloß eine sub-
jektive, sondern eine objektive Notwendigkeit enthält (welches
doch zu beweisen ist), so gibt es außer dieser logischen noch eine
reelle Notwendigkeit, die zwar nicht das Dasein der Dinge über-
haupt, sondern ihre Beziehung auf einander im Dasein betrifft.
Wenn A vorhergeht, so muß B darauf notwendig folgen, das heißt
so viel, wenn sowohl dem A als B Existenz zukommt, so muß die-
se von der Art sein, daß A immer vorhergeht und B folgt. Das
Veränderliche kann als ein solches nur in Beziehung auf das Un-
veränderliche, und so auch umgekehrt, gedacht werden. Diese Be-
ziehung kann aber nur in Beziehung auf ein Drittes u. s. w. ins Un-
endliche, gedacht werden. Laßt uns zwei Körper A und B, die
erstlich einander berühren, und hernach nicht berühren, setzen;
so ist in ihrer Beziehung auf einander eine Veränderung vorge-
gangen, nicht aber in A an sich oder in B an sich. Soll dieses mög-
lich sein, so muß man noch einen dritten C annehmen, so daß sie
erstlich alle drei einander berühren, hernach aber bloß der Kör-
per A den C, nicht aber B denselben, und folglich auch den A
be | rührt. Die Veränderung ist hier wiederum bloß in der Bezie-
hung von A auf B und C auf B, und wenn wir die Veränderung in
B als absolut betrachten, so ist es bloß die Veränderung seiner Be-
ziehung auf C, A muß also notwendig in dieser Beziehung als un-
veränderlich betrachtet werden, da aber so wie B sich in Anse-
hung A und C, so haben sich diese in Ansehung jenes verändert,
so muß man wieder (um B als veränderlich, A und C hingegen als
unveränderlich betrachten zu können) einen vierten Körper D an-
nehmen, in dessen Beziehung dieses möglich ist, u. s. w. ins Un-
endliche. Hieraus erhellt, daß sich nicht die Dinge an sich, son-
dern bloß ihre Beziehungen auf einander, verändern.
112 Die logische Realität und Negation (Bejahung und Verneinung)
sind Formen oder Arten von Beziehungen der Dinge auf einander.
Diese Formen als Objekte betrachtet, sind einander an sich nicht
entgegengesetzt, nur im Objekte sind sie einander entgegenge-
setzt. Die logische Realität ist eine objektive, die Negation aber
bloß eine subjektive Einheit. Entgegensetzung kann nicht logisch,
sondern bloß transzendental gedacht werden, in diesem Betracht
ist sie eine objektive Einheit. A ist B (einerlei, oder Bestimmung).
142 Versuch über die Transzendentalphilosophie 255 | 257

Hier ist die Kopula | ist eine logische Realität, sie ist eine Einheit,
wodurch ein Objekt (Beziehung der Einheit aufs Mannigfaltige)
entspringt. A ist nicht – B (oder verschieden von B). Hier ist die
Kopula ist nicht eine logische Negation, sie ist zwar eine Einheit,
die aber bloß A und B im Verstande, nicht aber außer demselben
im Objekte verknüpft. A ist – nicht B. Hier ist eine Entgegen-
setzung, die Einheit ist objektiv, aber bloß transzendental. Die
Objekte A und B sind zwar nicht an sich, aber doch durch ihre
Beziehung auf einander bestimmt, so, daß wenn das eine be-
stimmt wird, dadurch auch das andere bestimmt werden muß;
dieses Urteil gibt uns also ein transzendentales Objekt zu erken-
nen. Es ist merkwürdig, daß die Entgegensetzung die Dinge weni-
ger von einander trennt, als die Verschiedenheit (das Gegenteil
von dem, was man gemeiniglich glaubt): indem die Dinge, die
einander entgegengesetzt sind, sich durch diese Entgegensetzung
selbst einander erklären; nicht so aber die Dinge, die von einan-
der verschieden sind. Die logische Negation muß sowohl als die
Realität an sich begriffen werden, denn da sie einander entgegen-
gesetzt sind, d. h. sich einander heben, so würde dadurch, daß
man sagt, Negation ist Hebung der Realität, nichts erklärt; weil
dieses schon den Be | griff von Hebung (logische Negation) vor-
aussetzt. Die materielle Realität ist dasjenige, was unmittelbar
vom Denkungsvermögen bejahet werden kann, die materielle Ne-
gation hingegen ist das, was nicht unmittelbar, sondern bloß ver-
mittelst einer Beziehung aufs vorige gedacht werden kann; von
ihr kann man also sagen, daß sie der Realität entgegengesetzt ist.
Gibt es ein objektiv allgemeines oder individuelles Ding, oder 113
nicht?
Die allgemeinen Dinge entspringen durch die Abstraktion, je
weiter man darin kommt, je allgemeiner werden die Dinge. Die
besondern Dinge entspringen durchs Bestimmen, es kann darin
auch unendlich viele Grade geben, wir können also nicht unser
Vermögen zur Grenze der Allgemeinheit oder Individuellität der
Dinge an sich machen. Der gemeine Verstand findet nichts allge-
meines, einem Zirkel und einer Parabel gemeinschaftliches, viel
weniger einen allgemeinen Begriff oder Ausdruck für alle krum-
men Linien, ja sogar für krumme und gerade, d. h. für alle Linien
257 | 259 Meine Ontologie 143

überhaupt, das doch der Mathematiker wohl einsiehet; und so ist


es auch mit der Konkretion beschaffen. Die Begriffe der allge-
meinsten und individuellen Dinge sind also bloße Ideen, die uns |
die Vernunft befiehlt immer zu suchen und doch nie zu finden.
114 Der Autor sagt: Eines, welches völlig einerlei ist mit vielen zu-
sammengenommen, ist ein Ganzes u. s. w. Ich bin mit dieser Er-
klärung völlig zufrieden, ich füge nur hinzu, daß dieses Zusam-
mennehmen des vielen in Einem, einen Grund haben muß; dieser
ist 1) die Bestimmbarkeit, d. h. die Teile müssen von der Art sein,
daß sie im Verhältnisse des Bestimmbaren, und der Bestimmun-
gen gegen einander gedacht werden können, so daß, indem man
die Bestimmung denken will, man zugleich das Bestimmbare (weil
jene ohne dieses nicht gedacht werden kann) zu denken gezwun-
gen ist; 2) in Ansehung einer Folge, die nur aus dieser Zusam-
mennehmung hergeleitet werden kann. Es sind also bloß die we-
sentlichen Stücke, die als Teile eines Ganzen betrachtet werden
können, nicht aber die Eigenschaften mit dem Wesen, weil jene
keinen Teil, sondern bloß den Grund von der Betrachtung des
Wesens, als ein Ganzes ausmachen.
Die Vielheit der Bestimmungen eines Dings, sind in Beziehung
auf dasselbe keine stetige, sondern eine unteilbare Größe, an und
für sich aber sind sie (in so fern sie nicht wiederum eine Vielheit |
der Bestimmungen enthalten) absolute Einheiten. Die Logik ab-
strahiert von allem Inhalt, folglich sind darin Subjekt und Prädi-
kat durch keine Bedingung, sowohl an sich als in Beziehung auf
einander, bestimmt. Alles kann sein, Subjekt und Prädikat, ja so-
gar das Nichts, wie in dem Urteile; Nichts ist mit Nichts einerlei,
Nichts ist dem Etwas entgegengesetzt u. dgl. Die Transzendental-
philosophie hingegen, betrachtet die Formen von Subjekt und
Prädikat in Beziehung auf reelle, d. h. durch Bedingungen in An-
sehung ihrer Beziehung auf einander, bestimmte Gegenstände.
Hier ist Subjekt derjenige Teil einer Synthesis, der auch an sich,
außer der Verknüpfung mit einem andern Teil, Prädikat aber der
andre Teil, der nicht an sich, sondern bloß als Bestimmung des
ersten, gedacht werden kann; was in der Logik heißt Subjekt und
Prädikat, ist hier Substanz und Akzidenz.
Subjekt und Prädikat sind Bedingungen des Denkens eines Ob-
144 Versuch über die Transzendentalphilosophie 259 | 261

jekts überhaupt; denn das Denken erfordert Einheit im Mannig-


faltigen, dieses setzt aber eine Verknüpfung von etwas Bestimm-
barem und seiner Bestimmung, d. h. Subjekt und Prädikat, vor-
aus. Substanz und Akzidenz sind Bedingungen der Wahrnehmung 115
eines Objekts | überhaupt. Denn Wahrnehmung heißt Beziehung
der Inhärenz einer Vorstellung in einem Objekt. Z. B. ich nehme
wahr, daß das Blatt grün ist, u. dgl. d. h. Beziehung der Akzidenz
auf die Substanz.
Was Antezedens und Konsequenz in einem hypothetischen Sat-
ze ist, ist auf Gegenstände der Erfahrung angewendet, Ursache
und Wirkung. Die erstern sind Bedingungen des Urteils über-
haupt; denn das Prädikat im urteilen, wird hypothetisch unter
Voraussetzung des Subjekts gesetzt. Die letztern sind Bedingun-
gen der Wahrnehmung einer Veränderung. Denn die Beziehung
der Folge von B auf A könnte als subjektive Einheit, ohne eine ihr
zum Grunde liegende objektive Einheit, unmöglich gedacht wer-
den. Es gibt also hier, so wie beim Verhältnis von Substanz und
Akzidenz (das Gesetz des Bestimmbaren und der Bestimmung)
eine Regel der Verhältnis der Objekte zu einander, wodurch sie in
Beziehung von Ursache und Wirkung gesetzt werden. Diese ist,
die Objekte A und B müßten die größtmögliche Einerleiheit und
die kleinstmögliche Verschiedenheit unter einander haben, wenn
sie in Beziehung von Ursache und Wirkung stehen sollen. Alle
Einwendungen, die man aus der Erfahrung von der Verschieden-
heit zwischen Ursache und Wirkung dage | gen zu machen pflegt,
sind ungegründet, und müssen gleich wegfallen, wenn man nur
bedenkt, daß in denselben Fällen nicht das Totum von A Ursache
vom Totum B ist, sondern bloß eine Modifikation des ersteren,
Ursache von eben derselben Modifikation des letzteren ist; diese
müßten also notwendig in beiden einerlei sein (die kleine Verän-
derung, die es durch Verschiedenheit des Objekts gelitten hat, ab-
gerechnet). Ohne diese Regel in der Folge könnten wir die Folge
selbst nicht wahrnehmen; denn da die Zeitfolge eine subjektive
Form, oder Art, die Dinge auf einander zu beziehen, ist, so kann
sie nicht auf dieselbe unmittelbar, sondern bloß vermittelst eines
wahrgenommenen Verhältnisses, bezogen werden.
Die Kategorien sind also bei mir nicht, wie bei Herrn Kant, Be-
261 | 263 Meine Ontologie 145

dingung der Erfahrung (objektiver Wahrnehmung), indem ich die


Realität der Erfahrung selbst bezweifle; sondern sie sind Bedin-
gungen der Wahrnehmung überhaupt, welche niemand bezwei-
feln kann. Wollte man einwenden, daß wir doch Wahrnehmungen
von der Folge der Objekte auf einander, auch ohne das in der Re-
gel ausgedrückte Verhältnis, wahrzunehmen haben; so antworte
ich: dieses geschiehet bloß in Beziehung auf irgend eine Wahr-
neh | mung, worin dieses wirklich anzutreffen ist; das heißt, dasje-
nige, was mit der Folge zugleich ist, wird mit als Folge angesehen.
Der Unterschied zwischen dem Gesetze von Ursache, nach Herrn
Kants Vorstellungsart und der meinigen, bestehet also darin.
Nach ihm wird dieses Gesetz also ausgedrückt: wenn A und B in
der Wahrnehmung als Antezedens und Konsequenz eines hypo-
thetischen Satzes erkannt werden sollen, so müssen sie unmittel-
bar auf einander folgen, und dieses Folgen muß nach einer Regel
geschehen (daß die Ursache, oder was dem Antezedens subsu-
miert wird, immer vorhergehen, und die Wirkung, oder das, was
dem Konsequenz subsumiert wird, folgen muß). Nach mir hinge-
gen muß es so ausgedrückt werden: wenn A und B im Verhältnis
von Antezedens und Konsequenz eines hypothetischen Urteils
wahrgenommen werden sollen, so müssen sie unmittelbar auf ein-
ander folgen, und dieses äußere Verhältnis (des Folgens) muß in
einem innern Verhältnisse (in der größtmöglichen Einerleiheit)
seinen Grund haben. Nach Herrn Kant bestimmt die Ursache die
Wirkung, aber nicht umgekehrt. Nach mir hingegen bestimmen
sie einander wechselsweise. |
146 263 | 267

ÜBER SYMBOLISCHE ERKENNTNIS UND


PHILOSOPHISCHE SPRACHE | |

Die symbolische Erkenntnis ist von großer Wichtigkeit. Durch


ihre Hülfe gelangen wir sowohl zu den abstrakten, als zu den aus
diesen verschiedentlich komponierten Begriffen, und sind im
Stande, aus schon bekannten Wahrheiten neue zu erfinden; d. h.
überhaupt unsere Vernunft zu gebrauchen. Die anschauende Er-
kenntnis allein würde uns zwar auch schon einen Vorzug vor den
unvernünftigen Tieren geben, indem diese bloß in ihrer Sphäre
wahrnehmen, was ist – wir hingegen erkennen, was notwendig
sein muß: allein dieser Vorzug wäre noch unbeträchtlich; wir
könnten doch, so wie jene, nur immer das Gegenwärtige, das,
was wir vor Augen haben, wahrnehmen; durch die symbolische
Erkenntnis hingegen gelangen wir auch zur Erkenntnis des Abwe-
senden, ja des Allerentferntesten, bis ins Unendliche. Sie muß
aber (wenn sie von irgend einem Gebrauche sein soll) die an-
schauende Erkenntnis zum Grunde legen, ohne welche sie eine
bloße Form ohne objektive Realität sein würde. Ich ge | traue mir
zu behaupten, daß die unauflöslichen Schwierigkeiten, und die
wichtigen Streitigkeiten in den Wissenschaften aus Mangel an
Einsicht in die Natur der symbolischen Erkenntnis entstanden
sind, und daß also die Hebung jener Schwierigkeiten, die Beile-
gung jener Streitigkeiten bloß dadurch bewerkstelliget werden
könne, wenn man die Grenzen der symbolischen Erkenntnis in
Ansehung ihres Gebrauchs festsetzte, ihre verschiednen Arten be-
stimmte, und die Symbolik selbst (das Zeichensystem) diesem
gemäß einrichtete. Ich werde also meine Gedanken über diesen
Punkt der Welt vorlegen, und habe vorjetzt nur die Idee dazu an-
geben wollen, um mir deren völlige Ausführung auf eine andere
Gelegenheit vorzubehalten. |
267 | 269 Über symbolische Erkenntnis 147

Über symbolische Erkenntnis und philosophische Sprache.

116 Was ist symbolische Erkenntnis? Wolff sagt11: wenn unsere Er-
kenntnis dadurch bestimmt wird, daß wir durch Worte aus-
drücken, was in den Ideen enthalten ist, oder es durch andere
Zeichen vorstellen, die dadurch bezeichneten Ideen selbst aber
nicht anschauen, so heißt es symbolische Erkenntnis. Diese Defi-
nition erfordert eine Erläuterung. Denn was heißt es: Wir haben
keine Ideen oder Vorstellungen eines Objekts, – und doch be-
zeichnen wir dieselbe? Wie ist dieses möglich! da die Zeichen
bloß darum Zeichen sind, weil sie auf die Vorstellungen der Sa-
117 chen führen. | Baumgartens Definition12, nämlich: wenn die Vor-
stellung des Zeichens größer, als die der bezeichneten Sache ist,
könnte zwar als eine Definitio nominalis gelten. Es fehlt aber hier
die Definitio realis, d. h. die Erklärung der Art der Möglichkeit,
daß die Vorstellung des Zeichens größer sein soll, als die der be-
zeichneten Sache. Ich werde mich also bemühen, dieses zu erläu-
tern.
118 Es ist ausgemacht, daß der Gebrauch der Zeichen auf dem Ge-
setze der Assoziation der Ideen beruhet, d. h. wenn man oft ver-
schiedene Vorstellungen zugleich (genauer in einer unmittelbaren
Zeitfolge) gehabt hat, so werden sie in der Einbildungskraft so
unter einander verknüpft, daß hernach die eine Vorstellung (wenn
sie durch das Objekt abermals hervorgebracht wird) die Repro-
duktion der andern veranlaßt. Da aber dieses oft, das die Bedin-
gung dieses Gesetzes ist (wenn man oft u. s. w.), eine unbestimmte
Größe ist, deren Bestimmung nach Verschiedenheit der Subjekte
und der Beziehung der Objekte auf dieselbe, verschieden sein
muß; so kann es geschehen, daß die (zufällige oder willkürliche)
Verknüpfung des Zeichens mit dem dadurch bezeichneten Dinge
nicht oft genug vor | gegangen, um zur Reproduktion des letzteren
bei der Vorstellung des ersteren hinreichend zu sein, so daß es
eine Anstrengung des Geistes erfordert, um diese Reproduktion
zu bewerkstelligen, ja zuweilen hilft sogar alle Anstrengung

11 Psychologia empir. §. 289.


12 Erfahrungspsychologie. §. 460.
148 Versuch über die Transzendentalphilosophie 269 | 271

nichts. Im ersten Falle ist die Vorstellung des Zeichens stärker, als
die der bezeichneten Sache; im letzteren aber ist bloß die Vorstel-
lung des Zeichens, ohne die Vorstellung der Sache, gegenwärtig,
und doch stellen wir uns das Zeichen als Zeichen (als etwas, das
sich auf etwas anders beziehet) vor, d. h. wir stellen uns das Zei-
chen als Zeichen von etwas überhaupt Bestimmbarem, nicht aber
Bestimmtem, vor; ja wir können uns sogar durch die Verbindung
der Zeichen die Verbindung, welche die dadurch bezeichneten Sa-
chen unter einander haben, vorstellen13. Dieses ist also nach die-
sen berühmten Männern symbolische Erkenntnis, nur daß | Wolff
seine Erklärung bloß auf den Fall einschränkt, wo die Vorstellung
der Sachen gar nicht gegenwärtig, Baumgarten hingegen nimmt
auch den Fall, wo die Vorstellung der Sachen bloß schwächer, als
die der Zeichen ist, in seiner Definition mit. Ich bemerke aber,
daß symbolische Erkenntnis eine besondere Art Erkenntnis, die
durch die Objekte, worauf sie sich beziehet, bestimmt ist, (nach
dem Sprachgebrauch) bedeutet. Dieser Erklärung zufolge aber
wird es bloß durch einen subjektiven Grund bestimmt. Eben der-
selbe Satz kann sowohl intuitiv als symbolisch sein, nämlich in
Beziehung auf verschiedene Subjekte, oder auch auf eben dasselbe
Subjekt zu verschiedenen | Zeiten. Folglich bestimmt diese Er-
klärung kein Objekt. Ich will daher eine andere Erklärung wagen:
Ein Objekt der Erkenntnis ist eine vom Verstande gedachte Ein-

13 Wenn man in einem Buche liest, oder sprechen hört, so sind die Vor-
stellungen oder Begriffe der Objekte mehrenteils bloß dunkel, ihre Verbin-
dungen hingegen klar; denn da man die Ersteren öfter durch Worte ausge-
drückt, als an sich wahrnimmt: so werden ihre Bilder nach und nach
schwächer, bis sie ganz verdunkelt werden; hingegen sind ihre Verbindun-
gen keine Bilder der Anschauung, son | dern bei Veranlassung der An-
schauungen zum Vorschein gekommene Begriffe a priori, d. h. unteilbare
Einheiten; sie leiden also keine Abnahme, und da man sie einmal mit den
Worten verknüpft hatte: so bleiben sie, vermöge der Assoziation, immer
verknüpft in ihrer völligen Stärke. Bilder der Anschauungen können nach
und nach abnehmen, bis zur völligen Zernichtung, d. h. sie können verges-
sen werden, Begriffe a priori hingegen sind dem Verstande beständig ge-
genwärtig, sie brauchen nur Anschauungen, um durch deren Veranlassung
zum Vorschein zu kommen.
271 | 272 Über symbolische Erkenntnis 149

heit im Mannigfaltigen; das Mannigfaltige ist das Gegebene, oder


die Materie; die Einheit aber die Form, wodurch das Mannigfalti-
ge der Materie verknüpft wird. Z. B. ein Dreieck, oder ein Raum
in drei Linien eingeschlossen, ist ein Objekt der Anschauung;
Raum, drei Linien, sind Materie; das Mannigfaltige, das durch
eine Einheit, der Inhärenz verknüpft (indem Raum auch ohne die
Bestimmung von drei Linien, nicht aber umgekehrt, gedacht wer-
den kann) ein Objekt wird. Dadurch sind wir im Stande, nicht
nur das Objekt, sondern auch seine Materie an sich und seine
Form an sich im Objekt und durch dasselbe anschauend zu er-
kennen.
Außer demselben aber können wir die Form nie, die Materie
aber nur unter der Bedingung, daß sie selbst ein Objekt, das aus
Materie und Form besteht, wie in diesem Beispiele der Fall ist,
sonst aber nicht anschauend erkennen: und doch muß jede dersel-
ben, auch außer der Verknüpfung, an sich reell sein, sonst wäre
die Verknüpfung selbst unmöglich; denn diese macht bloß ihre
Realität anschauend, sie gibt ihnen aber diese Realität | nicht,
sondern sie setzt vielmehr dieselbe voraus (indem keine Synthesis
ohne die Einheit der Form gedacht werden kann). Wir sehen uns
also hier gezwungen, etwas als ein reelles Objekt zu denken, ohne
daß wir es anschauend erkennen, wir können es also nicht an-
ders, als durch Zeichen vorstellen, und es ist daher (wenn es ein
Gegenstand der Erkenntnis überhaupt sein soll) ein Gegenstand
symbolischer Erkenntnis.
Ein Objekt symbolischer Erkenntnis ist also: Eine Form, oder
Art, ein Objekt der Anschauung zu denken, selbst als Objekt
(aber nicht der Anschauung) betrachtet.
Es gibt aber noch eine Art Objekte der symbolischen Erkennt-
nis, die noch viel abstrakter, als die vorige ist, nämlich eine Form,
die nicht nur außer dem Objekte der Anschauung, sondern auch
in ihm selbst nicht anschauend erkannt werden kann. Von dieser
Art ist z. B. die Zahl 1000 und alle große Zahlen überhaupt, oder
der Begriff eines Tausendecks; diese kann ich nicht in eine An-
schauung bringen, ich habe hier bloß einen Begriff von der Form
oder der Art, wie dieser Begriff möglich ist, nicht aber von ihm
selbst als Objekt eine anschauende Erkenntnis, nämlich: da ich
150 Versuch über die Transzendentalphilosophie 272 | 274

von der Zahl 10 durch eine empirische Konstruktion, zum | Bei-


spiel durch Anschauung meiner 10 Finger u. dgl. eine anschauen-
de Erkenntnis habe, so habe ich sie auch von 100, das heißt die
10 als Einheit betrachtet, zehnmal wiederholt, und auch von
1000, d. h. die 100, abermals als Einheit betrachtet, zehnmal wie-
derholt u. s. w. Ich habe aber in den beiden letzten Fällen, eben so
wie in dem ersten, nur von 10 (obgleich in Beziehung auf eine an-
dere Einheit) eine anschauende Erkenntnis; von 100 und 1000
aber, in Beziehung auf die absolute Einheit, bloß eine symbolische
Erkenntnis. Wir begreifen ihre Entstehungsart, ohne sie doch als
schon entstanden, anzuschauen. Wir können also dergleichen Be-
griffe nicht durch den Gegenstand, worin sie angetroffen werden,
sondern bloß durch Zeichen kennbar machen. Gesetzt, es sind
hier 1000 Soldaten, und ich wollte jemanden von der Zahl 1000
dadurch einen Begriff beibringen, indem ich ihm sagte, daß sie die
Anzahl dieser Soldaten ist: so wird er also dieselben zu zählen an-
fangen, dieses wird ihm aber zu nichts helfen, weil er sich endlich
doch bloß von der Entstehungsart der Zahl 1000, nicht aber von
der Zahl selbst, als Objekt der Anschauung, einen Begriff machen
kann. Daher erstreckt sich auch die symbolische Erkenntnis bis
auf das Unendliche (qua materia), wie z. B. | ein Zirkel als ein Po-
lygon von unendlich vielen Seiten betrachtet, die Asymptoten ei-
ner krummen Linie u. dgl. Denn, obschon wir das Unendliche als
Objekt nicht denken können: so tut es doch hier nichts zur Sache,
indem wir nicht das Objekt, sondern bloß seine Form oder Ent-
stehungsart dadurch denken; wozu die Möglichkeit des Objekts
selbst gar nichts beiträgt; denn wenn auch das Objekt möglich
wäre, so muß seine Form dennoch nicht durch dasselbe, sondern
an sich erkannt werden.
Daher halte ich auch dafür, daß die geometrischen Sätze weit
strenger nach dem Methodo indivisibilium, oder der Differential- 119
rechnung, als auf dem gemeinen Wege, sich demonstrieren lassen.
Euklides beweist zwar nach seiner Art, daß Dreiecke, die auf glei- 120
cher Basis und zwischen zwei Parallellinien liegen, einander gleich
sein müssen, die Dreiecke mögen, ihrer Figur nach, noch so ver-
schieden von einander sein. Diese Gleichheit muß aber erst (durch
gewisse Kunstgriffe in Ziehung einiger Nebenlinien) geschlossen
274 | 276 Über symbolische Erkenntnis 151

werden, an den Dreiecken selbst kann man sie nicht absehen; hin-
gegen wird nach dem Methodo indivisibilium diese Gleichheit aus
den Dreiecken selbst unmittelbar bewiesen; nämlich: aus der
Gleichheit ihrer Entstehungsart. Die Linien, die | man zu diesem
Behuf ziehet, sind nicht als Objekte (weil eine Fläche nicht aus Li-
nien bestehet) zu betrachten, sondern sie sind bloß das Schema
dieser Form oder Entstehungsart.
121 Ich kann also nicht mit Herrn Bendavid einerlei Meinung sein,
indem er (Versuch über das mathematische Unendliche) behaup-
tet: »Daß die Vorzüge, welche die Elementargeometrie in Betracht
der Evidenz vor andern Wissenschaften hat, sie auch vor der
höheren Geometrie und der Algebra haben muß, nämlich daß die
Realität der ersteren durch Konstruktion dargetan werden kann,
nicht aber die letzteren.«
Ich frage aber: Was tut dieses zur Sache? Wenn man zuweilen
in der Algebra auf eine Gleichung gerät, die etwas Unmögliches
enthält, so muß sich dieses in der Auflösung selbst zeigen, indem
man darin auf imaginäre Zahlen gerät, wie z. B. wenn es aufgege-
ben wird, zwei Zahlen zu finden, deren Summe = 12, und deren
Produkt = 48 sein soll. Es gibt freilich dergleichen Zahlen nicht,
aber dieses zeigt sich in der Auflösung, indem man herausbringt x
= 12 – y (das versteht sich) y aber, wodurch jenes bestimmt wird,
= √ –12+ 6, woraus man siehet, daß dergleichen Zahlen unmög-
lich sind. Die höhere Geo | metrie aber hat eben so gut ihre
Konstruktion, als die Elementargeometrie; man kann so gut eine
Ellipse, eine Parabel, Hyperbel u. s. w., als einen Zirkel konstru-
ieren. Versteht Hr. Bendavid etwa darunter die Differential-
größen, die in der Anschauung nicht dargestellt werden können;
aber, wenn schon diese nicht an sich, dennoch durch ein Schema
vorgestellt werden können, da, wenn man die Sache genau be-
trachtet, auch die Objekte der gemeinen Geometrie nur durch ein
Schema vorgestellt werden können. Man findet keine geometri-
sche Figur, die ihren, in der Definition ausgedrückten, Bedingun-
gen völlig entspricht. Die Theorie der Transzendentalgrößen ist
nicht minder evident, als die der vorigen; und wie soll man an der
Evidenz der höheren Geometrie zweifeln, da ihre Resultate mit
der, aus der gemeinen Geometrie herausgebrachten, aufs genau-
152 Versuch über die Transzendentalphilosophie 276 | 278

este übereinstimmen? Soll dieses etwa bloß Zufall sein? Das wird
gewiß kein Mathematiker zugeben. Aber dieses im Vorbeigehen.
Dieser Erklärung zufolge werden alle Erfahrungsbegriffe und
Sätze, ja sogar alle Begriffe a priori, in so fern sie keine bloße For-
men, sondern Objekte der Anschauung selbst sind, wie auch alle
Axiomen der Mathematik, von der symbolischen | Erkenntnis
ausgeschlossen; nur Formen also, oder Regeln der Entstehungsart
der Objekte gehören zur symbolischen Erkenntnis. Von dieser Art
sind die Kategorien, wie auch die algebraischen Formeln ja sogar
in jeder Schlußkette (wenn sie etwas lang ist) werden nur jede
zwei unmittelbar auf einander folgende Sätze durch eine anschau-
ende, die andern aber bloß durch eine symbolische Erkenntnis
verknüpft. Man siehet zugleich hieraus, daß nicht alles, wozu
man sich der Zeichen bedient, zur symbolischen Erkenntnis gehö-
re, weil man sich auch der willkürlichen Zeichen bedient, da, wo
ohnedem schon natürliche Zeichen da sind, wie zum Beispiel alle
Worte, wodurch Anschauungen oder Begriffe, die in Anschauun-
gen dargestellt werden können, ausgedrückt werden. Hier ist der
Gegenstand selbst ein natürliches Zeichen seiner Vorstellung, und
auch umgekehrt; wir bedienen uns aber der willkürlichen Zei-
chen, nicht um den Gegenstand dadurch zu erkennen, sondern
bloß seine Erkenntnis in uns oder in andern zu erneuern (wenn er
selbst abwesend ist); hingegen ist bei der symbolischen Erkennt-
nis der Formen, und ihrem Verhältnis unter einander, kein Gegen-
stand da, der ein Zeichen dieser Erkenntnis abgeben könnte,
außer diesem willkürlichen Zeichen selbst. Denn | wenn schon
der Gegenstand in der Anschauung dargestellt wird: so wird doch
deswegen der Begriff nicht in der Anschauung dargestellt, son-
dern er muß schon an sich ein Gegenstand der Erkenntnis sein,
wie schon gezeigt worden ist. Alle andern Worte der Sprache wer-
den durch eine Assoziation, die aus einer öftern Wiederholung
der willkürlichen Verknüpfung des Worts mit der dadurch be-
zeichneten Sache entsteht, erlernet. Die Worte, die zur symboli-
schen Erkenntnis gehören, werden nicht durch Assoziation des
Wortes mit dem Gegenstande, sondern mit dem, bei Veranlassung
des Gegenstandes gedachten, Begriff erlernet.
Ich glaube, daß es ein offenbarer Unterschied ist: eine An-
278 | 280 Über symbolische Erkenntnis 153

schauung als Objekt, mit einer andern Anschauung so zu ver-


knüpfen, daß die Reproduktion der einen, die Reproduktion der
andern bewirkt; und: eine Verstandsregel die selbst kein Objekt
ist, mit einer Anschauung zu verknüpfen. Das erstere Verfahren
wird gemeinhin auch zur symbolischen Erkenntnis gerechnet, in
so fern die eine Anschauung ein Zeichen der andern abgibt; im ei-
gentlichen Verstande aber gehöret bloß das letztere dazu, weil
hier das Zeichen ein Mittel ist, das was an sich kein Objekt der
Anschauung ist, doch als ein solches vorzustellen. |
Die symbolische Erkenntnis hat sogar einen Vorzug vor der an-
schauenden, indem jene sich weiter erstreckt als diese. Wie
schwer ist es nicht, die Eigenschaften der krummen Linien nach
der Methode der Alten zu beweisen, und wie leicht hingegen nach
der neueren Analysis! Die Alten zeigten freilich in ihren Erfindun-
gen mehr Genie als die Neueren; aber sie konnten es doch nach
ihrer Art nicht so weit darin bringen, wie die Letztern. Jene sind
in Vergleichung mit diesen, wie derjenige, der eine gewisse Last
ohne Hülfe einer Maschine heben kann, in Vergleichung mit
demjenigen, der dieses Hülfsmittel dazu gebraucht; jener zeigt
mehr Stärke als dieser, dieser hingegen ist im Stande, größere La-
sten zu heben, als jener. Ob die neuern Mathematiker sich darauf
so sehr zu gut zu tun haben (ich meine nicht in Ansehung der
Nützlichkeit ihrer Erfindungen, sondern in Ansehung des innern
Werts derselben) ist nach dem Vorgetragenen leicht zu entschei-
122 den. Ich kann nicht umhin, aus Hrn. Hofrat Kästners Abhand-
lung: (Unde plures insint radices aequationibus sectiones angu-
lorum definitionibus) eine Stelle her zu setzen, die mit eben so viel
Scharfsinn als Witz das was ich gesagt habe, bestätigt. »Est autem
calculis omnibus cum machinis | id commune, ut labore singula
quae agimus perpetuo ante oculos habendi, nos levent, ut calculum
vel machinam certis legibus tractantes, vel eorum inscii quae duran-
te operatione fiunt, id tamen quod desideratur obtineant. Didero-
tus, aegre ferens quod ad aures chordis artificiose pulsatis demul-
cendas, digitos fere ab infantia exercitatos habere necesse sit,
machinam excogitavit, qua idem praestare possit vel ignarus musi-
ces, manubrio axis cujusdam versato. Qui hac machina nescius con-
structionis ejus uteretur, musici elogio omnino non esset ornandus;
154 Versuch über die Transzendentalphilosophie 280 | 282

credo musicos ut sunt poetae, et pictores, et omnes fere ingeniosi


voluptatum artifices, paulo cerebrosiores, vix eum recepturos qui
machina probe intellecta luderet. Ejusmodi machinae cum calculo
algebraico similitudinem qui animadvertit, is minus mirabitur cur
Angli elegantius reputent synthesi aut analysi geometrica uti quam
illo; idem etiam algebraicos qui sibi non contemnendi videntur,
agnoscet persimiles Allobrogibus illis qui per Germaniae civitates
ubi major hominum confluxus est cursitant, et ad laterna magicae
miracula aut muris alpini saltus, spectatores machinae talis unde
Diderotus suae ideam sumsisse fatetur, ululatu inuitant. Quales im-
primis illi evadunt qui elementis Geometriae obiter ex recentioris cu-
jusdam scriptoris compendiolo perceptis, neglecta antiquorum lec-
tione, ad algebram quam vocant, grassantur, hoc est calculos
litterales utcunque tractare discunt, | ad analysin autem ipsam, que
directrix est calculorum, non pertingunt, quoniam nec ingenium
exercitio quodam ad illam formarunt, nec copias eruditionis geome-
tricae quibus utitur collegerunt, vulgi tamen oculos horrendis illis
signis a + b – x fascinant, prudentioribus abecedarii mathematici,
saepe jocum, interdum et bilem movent.«
So spricht ein Mann, der seine Kunst wohl verstehet, und da-
her den rechten Künstler von dem unechten zu unterscheiden
weiß. Ich füge bloß hinzu, daß diese Bemerkung in Ansehung des
mathematischen Kalkuls auch auf den philosophischen Kalkul
angewendet werden kann; ja ich behaupte sogar, daß sie in Anse-
hung des letztern weit wichtiger als in Ansehung des erstern ist.
Dort dienet sie bloß dazu, um uns auf den Unterschied zwischen
demjenigen, der die Gründe des Kalkuls verstehet, und dem, der
sie nicht verstehet sondern ihn bloß mechanisch treibt, aufmerk-
sam zu machen, damit wir das suum cuique beobachten. Die Ver- 123
nachlässigung derselben kann hier keine üblen Folgen haben,
außer daß wir den bloßen Kalkulator für einen Analysten halten
werden; was schadet aber dieses? Im praktischen Gebrauche lei-
stet jener (wenn er nur die Regeln des Kalkuls, obschon nicht die
Gründe inne hat) denselben Nutzen, den | dieser leistet. Mit dem
philosophischen Kalkul hingegen ist es ganz anders beschaffen.
Hier kann der Kalkul völlig richtig sein, und doch das dadurch
Herausgebrachte entweder von gar keinem Gebrauche, oder gar
282 | 284 Über symbolische Erkenntnis 155

falsch sein; weil hier der Nutzen des Kalkuls von der Richtigkeit
der Prinzipien wovon er ausgehet, abhängt. Und daß dergleichen
philosophische Kalkulatores sehr häufig sind, wird mir jeder, der
sich in der Welt ein wenig umgesehen hat, leicht zugestehen. Man
kalkuliert nach gewissen Systemen pro forma, ohne diese Systeme
selbst zu verstehen. Man urteilt in besondern Fällen über Wahr
und Falsch, über Recht und Unrecht, ohne von diesen Prinzipien
den mindesten Begriff zu haben. Ich glaube aber, daß es doch ge-
wisse Kriterien gibt, woran man einen rechten Philosophen von
einem bloßen philosophischen Kalkulator, oder genauer, einer
philosophischen Maschine, unterscheiden kann. Wenn er näm-
lich, nicht bloß Formeln herbetet, sondern zugleich die Prinzipien
derselben, und ihre gesetzmäßige Verknüpfung unter einander, in
so fern sie zur Erklärung der Entstehungsart dieser Formeln not-
wendig sind, angeben kann. 2) Trägt er ein von einem andern er-
fundenes System vor, so wird er sich nicht (wie es gemeiniglich
geschieht) so ängst | lich an den besondern Ausdrücken des Urhe-
bers, an seinen besondern Wendungen seiner besondern Ordnung
im Vortrage u. dergl. halten, sondern es so vortragen, als wäre er
auf seinem eigenen Wege auf eben dieses System geraten, so daß
er bloß durch Veranlassung des ersten Erfinders, der zweite Erfin-
der wird. 3) Wenn er das Vorgetragene mit Beispielen zu erläutern
weiß. Diese müssen aber so rein als möglich sein: in diesem Be-
trachte weiß ich keine bessere vorzuschlagen, als die aus der Ma-
thematik hergenommenen; weil sie nichts Überflüssiges und zur
Erläuterung des Gegenstandes Untaugliches enthalten (wie die
physischen) denn sonst verwirrt man vielmehr den Gegenstand,
als daß man ihn erläutern sollte. Ich will dieses selbst durch Bei-
spiele erläutern. Wenn jemand mich fragte: was ist eine Synthesis,
oder eine vom Verstande gedachte Einheit im Mannigfaltigen?
und ich ihm sagte, ich will dir es durch ein Beispiel erläutern: eine
goldene Kugel ist eine Synthesis, ihre Bestandteile (das Mannig-
faltige) sind die einzelnen Vorstellungen, die in ihr enthalten sind,
die gelbe Farbe, vorzügliche Schwere, runde Figur u. s. w. Ihre
Zusammennehmung in einem Begriffe ist die Einheit. So werde
ich ihm dadurch einen sehr unrichtigen Be | griff einer Synthesis
beibringen, und zugleich anzeigen, daß ich selbst keinen richtigen
156 Versuch über die Transzendentalphilosophie 284 | 285

Begriff davon habe; denn eine Synthesis bedeutet nicht bloß eine
symbolische, sondern eine reelle, und nicht bloß eine reelle, son-
dern eine notwendige Einheit im Mannigfaltigen. Die gelbe Far-
be, und vorzügliche Schwere, sind zwar in einer reellen (in so fern
sie von uns beständig in Zeit und Raum verknüpft, wahrgenom-
men werden), nicht aber in einer notwendigen Synthesis. Diese
mit der runden Figur stehen in gar keiner reellen Synthesis (weil
ihre Verknüpfung nicht natürlich, sondern bloß willkürlich oder
zufällig ist). Erläutere ich es aber durch das Beispiel eines Drei-
ecks, d. h. Raum in drei Linien eingeschlossen, indem ich ihm zei-
ge, daß Raum auch an sich, ohne die Bestimmung der drei Linien,
diese hingegen nicht ohne jenen gedacht werden können (weil
Raum an sich als Subjekt gewisser Prädikate, z. B. der Teilbarkeit
ins Unendliche, gedacht werden kann, nicht aber Linien ohne
Raum) alsdann habe ich ihm erst den wahren Begriff einer not-
wendigen Synthesis beigebracht.
Die philosophische Symbolik ist hierin von der mathemati-
schen unterschieden, daß nämlich in dieser, die Zeichen der irre-
solubilen Begriffe, so | wie die, ihrer verschiedenen Beziehungen
auf einander, von allen, die sich derselben bedienen, auf einerlei
Art verstanden werden; in jener hingegen nur die letztern, nicht
aber die erstern, dieses Glück haben, woraus Mißverständnisse
und ewige Wortstreitigkeiten notwendig entspringen müssen.
Entweder ist der Atheist ein bloßer Dummkopf, oder derjenige,
der ihm diesen Titel beilegt, ist ein Dummkopf und schlechter
Kerl zugleich. –
Die so sehr angepriesene mathematische Methode hat, beim
genauen Lichte betrachtet, keinesweges den sonderlichen Nutzen,
den man sich von ihr verspricht; weil sie so gut zum Fortschritte
von Irrtum zu Irrtum, als von Wahrheit zu Wahrheit, den Weg
bahnet. Nicht die mathematische Methode also, sondern die Ent-
wickelung der Prinzipien der menschlichen Erkenntnis, aus dem
Verfahren des Verstandes und der Vernunft, bei Bildung der ma-
thematischen Begriffe und ihrer Beziehung auf einander, kann
diesen Nutzen leisten.
Nachdem ich die Definition der symbolischen Erkenntnis über-
haupt festgesetzt, und durch Beispiele erläutert habe, will ich jetzt
285 | 287 Über symbolische Erkenntnis 157

die verschiedenen Arten derselben angeben. 1) Gehört dazu ein


un | bestimmtes Objektum logicum, oder der Begriff von einem
Dinge (etwas Denkbarem) überhaupt, das durch keine Bedingun-
gen sowohl a priori als a posteriori bestimmt wird. 2) Ein be-
stimmtes Objektum logicum, das zwar durch keine Bedingungen
a posteriori, aber doch durch Bedingungen a priori, nämlich durch
sein Verhältnis zu einem andern Objektum logicum in Beziehung
auf das Denkungsvermögen bestimmt wird; z. B. Wesen, Eigen-
schaften u. dgl. 3) Ein, nicht an sich, sondern durch seine Bezie-
hung auf ein reelles Objekt (der Anschauung) gedachtes Objec-
tum reale, von dieser Art sind die allgemeinen Formen, welche
Bedingungen der Erfahrung sind; z. B. Substanz, Ursache u. dgl.
Diese sind keine bloße Objecta logica, sondern sie machen einen
Bestandteil eines Objecti realis aus, und können dadurch als etwas
Reelles gedacht werden. Von dieser Art sind alle Bestimmungen,
die, obschon sie an sich, getrennet vom Bestimmbaren nicht ge-
dacht werden können (siehe 4ten Abschnitt): so können sie doch
durch dasselbe als Bestimmungen gedacht werden, z. B. die Ge-
radheit einer Linie, die Rechtheit eines Winkels u. dgl. 4) Ein
Nichts, das aber die Mathematiker, der Allgemeinheit ihres Kal-
kuls wegen, zum Gegenstand ihrer Erkennt | nis machen, und
durch Zeichen ausdrücken, z. B. der Winkel, den zwei Parallelli-
nien mit einander machen, der Tangens und Kosinus eines rech-
ten Winkels u. dgl. Sie sagen nicht (wie es sich in der Tat verhält):
der Winkel, den zwei Parallellinien mit einander machen u. s. w.
sind nichts, sondern: der Winkel ist unendlich klein, der Tangens
unendlich groß, der Kosinus abermals unendlich klein. Sie tun es
um der Allgemeinheit ihres Kalkuls willen, wenn sie nämlich ir-
gend eine Eigenschaft von einem Tangens, Kosinus und Winkel
überhaupt bewiesen haben: nun wollen sie diese auf diese beson-
dern Arten derselben applizieren, und können es mit Recht tun,
wenn sie nur in der allgemeinen Formel, wodurch diese Eigen-
schaft ausgedrückt wird, das unendlich kleine und das unendlich
große substituieren, obschon ich den sonderlichen Nutzen dieser
a
o ⬁
Operation nicht einsehe; von dieser Art ist auch ihr = , und
dergleichen Formeln mehr.
158 Versuch über die Transzendentalphilosophie 287 | 289

Ich glaube nicht, daß man darüber ganze Bücher zu lesen nötig
hat, um sich dergleichen geheimnisvolle Formeln zu erklären.
Man braucht nur einen Kästner darüber zu lesen, der in | wenigen
Worten mehr sagt, als in allen diesen Büchern enthalten ist.
Ich bemerke nur, daß obschon alle dergleichen Formeln nichts
bedeuten, sie dennoch in besondere Arten, die von einander ge-
nau unterschieden werden müssen, einzuteilen sind. a) Ein Nichts,
das einen Widerspruch enthält, so daß durch die Eigenschaft der
Unendlichkeit des Quanti sein Wesen gänzlich vernichtet wird,
z. B. eine unendlich kleine Linie enthält einen Widerspruch; denn
eine Linie ist ihrem Wesen nach teilbar ins Unendliche. Eine un-
endlich kleine Linie (omni dabili minor) ist also eine Linie, die 124
nicht teilbar ist (weil sie sonst nicht omni dabili minor sein wird,
indem die Teile kleiner als das Ganze sein müssen), sie hört also
dadurch gänzlich auf, eine Linie zu sein. Der Kosinus eines rech-
ten Winkels enthält einen Widerspruch, weil ein rechter Winkel
keine Ergänzung zu einem rechten Winkel haben kann, folglich
ist der Kosinus eines rechten Winkels, d. h. der Sinus dieser Er-
gänzung, ein Sinus, der kein Sinus ist. Die Summe aller natürli-
chen Zahlen enthält einen Widerspruch, weil eine Summe eine
Zahl bedeutet, die mehreren andern Zahlen gleich ist; folglich ist
die Summe aller möglichen Zahlen selbst eine Zahl, und die ange-
nom | mene Summe nicht die verlangte Summe ist. b) Ein Nichts,
aber nicht deswegen, weil es einen Widerspruch enthält, sondern
weil ihm kein Objekt in der Anschauung gegeben werden kann;
z. B. eine unendlich große Linie. In dem Begriffe von Linie ist die
Endlichkeit nicht enthalten; folglich kann ihm die Unendlichkeit
nicht widersprechen. Der Begriff kann aber nicht konstruiert,
d. h. in der Anschauung als Objekt dargestellt werden. Der Win-
kel, den Parallellinien mit einander machen, wenn er dadurch ent-
stehet, daß man den Berührungspunkt der Linien, die einen gege-
benen Winkel einschließen, bis ins Unendliche entfernt, enthält
auch keinen Widerspruch, er ist bloß kein Objekt der Anschau-
ung; und so ist es auch mit dem Tangens eines rechten Winkels
beschaffen (weil er vom Sekans in einer unendlichen Entfernung,
die zwar unbegreiflich, nicht aber unmöglich ist, geschnitten
wird).
289 | 291 Über symbolische Erkenntnis 159

Dahingegen gibt es noch eine Art Objekte symbolischer Er-


kenntnis, c) die nicht nur keinen Widerspruch enthalten, sondern
auch reelle Objekte der Anschauung (als Quanta) sind; sie kön-
nen aber dennoch bloß symbolisch vorgestellt werden, weil ihnen
in der Anschauung eine zufällige Bestimmung inhäriert, die also
von ihrem Wesen aus | geschlossen werden muß. Die Anschauung
trägt also zu ihrer Möglichkeit nichts bei, sie werden nicht da-
durch gedacht, sondern bloß erkannt; von dieser Art sind die Dif-
ferentialgrößen. Man denkt zwei Linien (die ihrer Lage nach be-
stimmt sind) in einem allgemeinen Funktionsverhältnis, so daß
daraus ein sich beständig veränderndes Zahlenverhältnis ent-
springen muß. Und da Linien durch Bewegung (eines Punktes)
entstehen, so müssen diese in jedem Zeitpunkte ihrer Bewegung
eine andere Geschwindigkeit haben; durch die Differentialen wer-
den also die Geschwindigkeiten dieser Linien in jedem Zeitpunk-
te vorgestellt, und die Verhältnisse dieser Differentiale sind die
Verhältnisse dieser Geschwindigkeiten zu einander. Nun ist die
Geschwindigkeit in jedem Zeitpunkt ein reelles Objekt (eine be-
stimmte intensive Größe) ein Quantum von bestimmter Quan-
tität. Man kann aber diese bestimmte Quantität nicht durch diese
Geschwindigkeit an sich, sondern bloß durch ihre Wirkung, näm-
lich durch den Raum, den ein Körper mit dieser Geschwindigkeit
(wenn sie unverändert bliebe) durchlaufen würde, erkennen; nun
aber gehört die Dauer der Bewegung, wie auch der, während der-
selben durchgelaufene, Raum nicht mit zum Wesen der Ge-
schwindigkeit. Wir | müssen also diese von jenen abstrahiert den-
ken, d. h. wir müssen sie auf einen unendlich kleinen Raum und
eine unendlich kleine Zeit reduzieren; sie sind aber deswegen
nicht weniger reell.
125 Ich muß mich also nicht wenig verwundern über Herrn Benda-
vid, der (Versuch über das mathematische Unendliche), nachdem
er seinen Hauptsatz angekündigt hatte, daß nämlich das unend-
lich kleine = das unendlich große = 0, und durch dergleichen Bei-
spiele zu erläutern suchte, er nicht nur diese verschiedenen Arten
126 des Nichts von einander nicht genau unterscheidet (wie man doch
von einer Schrift dieser Art mit Recht erwarten könnte), und die
127 Summe aller Zahlen mit dem Tangens eines rechten Winkels in
160 Versuch über die Transzendentalphilosophie 291 | 293

einerlei Klasse setzte (da doch, wie ich bemerkt habe, die erstere
etwas Unmögliches, der letztere aber bloß etwas Unbegreifliches
ist), da er doch selbst den Unterschied zwischen dem nihil negati- 128
vum und privativum bemerkt hatte, sondern auch (Seite 100, f.) 129
die Differentialgrößen dem Schicksal aller Arten von Nichts un-
terwirft, indem er behauptet, daß diese bloß die Qualität eines
Quanti abstrahiert von aller Quantität bedeuten; diese hätte ich
wahrhaftig hier nicht erwartet. Ist eine bestimmte Geschwindig-
keit die bloße Qualität von Geschwindig | keit überhaupt? Und
sollte sie es sein, wodurch bekömmt sie denn diese Quantität?
Durch die Anschauung, d. h. durch das Durchlaufen eines be-
stimmten Raumes zu einer bestimmten Zeit? Nicht doch! Die
Größe der Bewegung bestimmt nichts in der Größe der Ge-
schwindigkeit, wie ich schon bemerkt habe.
Herr Bendavid sagt ferner, daß darum d x + a = a, weil eine 130
bloße Eigenschaft zu keiner Größe addiert werden kann; da aber,
wie ich gezeigt habe, d x keine bloße Eigenschaft eines Quanti,
sondern ein Quantum selbst ist, so muß dieser Grund wegfallen.
Der wahre Grund ist aber nicht, wie Herr Bendavid sagt: weil
eine Eigenschaft zu einer Größe nicht addiert werden kann, son-
dern weil Größen von verschiedener Art nicht addiert werden
können. Man kann so wenig dx zu a addieren, als ein Pfund zu ei-
ner Elle u. dgl.
Da ich also den Begriff der symbolischen Erkenntnis über-
haupt, als die verschiedenen Arten derselben bestimmt habe, will
ich nun auch die verschiedenen Zeichen, deren man sich dabei be-
dienen kann, in Ansehung ihres Endzwecks untereinander verglei-
chen. |
Erstlich kann es natürliche und auch willkürliche Zeichen ge-
ben; die bildenden Künste geben ein Beispiel der ersteren, die
Sprache aber der letztern ab; jene haben zwar einen Vorzug vor
diesen, indem diese von andern, außer ihrem Erfinder, nicht ohne
Erlernung verstanden werden können, jene hingegen werden
gleich von allen verstanden. Aber: Was leicht zu erlernen ist,
pflegt gemeiniglich nicht viel zu taugen. Denn die natürlichen
Zeichen enthalten entweder zu viel oder zu wenig, in Bezug auf
das dadurch bezeichnete Ding. Sie können das Allgemeine nicht,
293 | 295 Über symbolische Erkenntnis 161

abstrahiert von allen individuellen Umständen, vorstellen; der ge-


malte Mensch stellt nicht den allgemeinen Begriff von Mensch
vor, sondern einen Menschen von bestimmter Figur und Größe,
folglich sind sie zum wissenschaftlichen Gebrauche, wo nur allge-
meine Begriffe zum Grunde gelegt werden, untauglich; d. h. sie
enthalten zu viel, und können daher nicht Zeichen adäquater Be-
griffe abgeben. – So enthalten sie auch von der andern Seite be-
trachtet wiederum zu wenig, weil es bezeichnete Dinge, oder zum
wenigsten gewisse Bestimmungen derselben geben kann, die keine
sinnliche Anschauungen sind. Wie werden wir z. B. die Seele und
ihre mannigfaltigen Ver | richtungen sinnlich vorstellen? Wir wer-
den also hier zu entfernten Analogien unsere Zuflucht nehmen
müssen! – Aber wodurch werden wir alsdann die Mißverständ-
nisse, die daraus notwendig entspringen, verhüten, da die mehre-
sten Menschen sich an den bloßen sinnlichen Zeichen halten, und
auf keine Analogie denken werden? Und diejenigen, die die
Fähigkeit dazu haben, werden doch nach Verschiedenheit ihres
Genies auf verschiedene Analogien geraten. Die abgeschmackten
Irrtümer der heidnischen Mythologie, ja selbst die Mißdeutungen
der heiligen Schrift, woher anders leiten sie ihren Ursprung, als
aus dieser unlauteren Quelle? Dieses ist zu bekannt, als daß ich
nötig hätte, mich dabei aufzuhalten.
Die willkürlichen Zeichen hingegen müssen zwar erlernet wer-
den, aber sie können auch richtig erlernt werden; von dieser Art
ist die Sprache, welche eine Sammlung von, aus einer geringen
Anzahl möglicher Töne, durch ihre mannigfaltigen Kombinatio-
nen entspringenden, Worten ist. Ich will hier nicht die Sprachen
ihrem Ursprung nach, sondern bloß wie sie bei uns jetzt sind, be-
trachten. Ich gebe gern zu, da nichts ohne zureichenden Grund
geschiehet, daß auch die primitiven Worte natürliche Zeichen
(des Hörba | ren) der Gegenstände waren, und daß die daraus ab-
geleitete und zusammengesetzte, auch natürliche Zeichen der aus
den vorigen abgeleiteten und zusammengesetzten Begriffe der Ge-
genstände selbst waren; bei uns sind und bleiben die Worte bloß
willkürliche Zeichen: sie müssen also notwendig erlernt werden,
und dieses in doppelter Rücksicht. Erstlich muß man eine fremde
Sprache auch in Ansehung ihrer primitiven Worte, entweder
162 Versuch über die Transzendentalphilosophie 295 | 297

durch Vorzeigung des Gegenstandes, oder durch Übersetzung in


die Muttersprache erlernen; zweitens muß man auch die Mutter-
sprache selbst, in Ansehung der Bedeutung derjenigen Wörter, die
aus den primitiven abgeleitete und zusammengesetzte Gegenstän-
de bedeuten, die aber selbst (in Ansehung unsers Bewußtseins)
nicht abgeleitet und zusammengesetzt sind, durch Substitution
derjenigen, die es sind, erlernen, d. h. sie müssen definiert werden.
Ich muß z. B. selbst in meiner Muttersprache Mensch durch ver-
nünftiges Tier übersetzen, weil die dunkeln Vorstellungen, die die
Wörter sonst mit sich führen, uns keine genaue Erkenntnis der
Gegenstände geben können. Was aber dergleichen Wörter in der
Sprache veranlaßt hat, ist, wie Locke mit Recht bemerkt, nichts 131
anders, als Unwissenheit und Faulheit. Man wollte | oder konnte
nicht die Ableitung und Zusammensetzung eines Gegenstandes
aus andern bemerken: man begnügte sich mit einer dunkeln oder
höchstens klaren Vorstellung von demselben, und daher anstatt
einen Menschen vernünftiges, lebendiges Ding zu nennen, nennt
man ihn schlechtweg Mensch u. dgl. Hieraus erhellet: Daß die
Philosophie im eigentlichen Verstande nichts anders, als eine all-
gemeine Sprachlehre sei. Denn 1) gibt sie eine allgemeine Regel
für jede Sprache, daß die Zeichen oder Wörter der Sprache mit
den dadurch bezeichneten Dingen aufs genaueste übereinstimmen
müssen; die primitiven oder irresolubeln Dinge müssen gleichfalls
durch primitive oder irresoluble, die abgeleiteten und zusammen-
gesetzten durch eben dergleichen Zeichen, ausgedrückt werden;
2) untersucht sie ins besondere, welche Dinge die primitiven, und
welche die daraus abgeleiteten und zusammengesetzten sind, wie
auch den Grad dieser Ableitung und Zusammensetzung durch
Einteilung der Dinge in genera et species, um dadurch einem jeden 132
derselben ein mit ihm aufs genaueste einstimmendes Zeichen bei-
zulegen. Sie hat also kein eigenes Wörterbuch, sondern sie be-
dient sich des Wörterbuchs einer jeden Sprache als Materie, um
darauf ihre Sprachlehre als all | gemeine Form anzuwenden. Es ist
ihr gleich viel, ob ein gewisses Ding heißt Animal, und ein anderes
Ratio, oder das erstere Tier und das andere Vernunft; sie befiehlt
bloß, daß dasjenige, was aus diesen beiden zusammengesetzt ist,
auch durch eine Zusammensetzung beider Ausdrücke (mit dem
297 | 299 Über symbolische Erkenntnis 163

Zeichen der Zusammensetzung selbst, welches die Form des Ad-


jektivs ist) bezeichnet werden soll. Es wird also im ersten Falle
Animal rationale, im zweiten aber vernünftiges Tier heißen. (Die
besondere Art, diese beiden zu verknüpfen, daß nämlich im ersten
Falle das eine Zeichen Ratio durch nale; im zweiten aber Ver-
nunft durch tiges flektiert wird, gehört nicht vor der philosophi-
schen, sondern vor jeder besondern Sprachlehre.)
Sehen wir aber auf die Einrichtung der wirklichen Sprachen, so
finden wir, daß, obschon sie mehr oder weniger von dieser Form
an sich haben, sie dennoch weit entfernt sind (indem sie nicht von
Philosophen nach deutlichen Begriffen, sondern vom gemeinen
Manne nach dunkeln, höchstens klaren Vorstellungen erfunden
worden sind) diese Form zu erreichen; und da die Vollkommen-
heit eines jeden Dinges nach seinem Endzwecke beurteilt werden
muß, so muß auch die Vollkommenheit einer jeden Sprache, nach
dem Endzwecke | von Sprache überhaupt beurteilt werden. Sollen
wir also in diesem Betracht verschiedene Sprachen unter einander
vergleichen, so müssen wir sie alle mit einer idealischen, dem
Endzwecke von Sprache überhaupt angemessensten vergleichen,
um dadurch den Grad der Vollkommenheit einer jeden, nach dem
Grade seiner Näherung zu dieser idealischen Sprache zu bestim-
men.
Ich will also erstlich einige Hauptbedingungen dieser ideali-
schen Sprache angeben, und dadurch den Grad der Voll- oder Un-
vollkommenheit der wirklichen Sprachen überhaupt bestimmen,
wodurch der denkende Leser, wenn er dazu ein Sprachkundiger
ist, im Stande sein wird, auch verschiedene Sprachen in diesem
Betracht unter einander zu vergleichen; ich betrachte aber hier die
Vollkommenheit der Sprache bloß als die Vollkommenheit der
Zeichen in Beziehung auf die dadurch bezeichneten Gedanken,
nicht aber ihre Vollkommenheit an und für sich, (in Ansehung des
Wohlklangs der Töne).
1) In einer idealischen Sprache müssen die Zeichen, (Wörter)
mit den dadurch bezeichneten Dingen (Begriffen) aufs genaueste
133 übereinstimmen. Zu diesem Behuf müssen erstens die Partes Ora-
tionis ihrer Anzahl und Qualität nach, nicht | von den wirklichen
Sprachen abstrahiert, sondern nach Prinzipien a priori bestimmt,
164 Versuch über die Transzendentalphilosophie 299 | 300

und mit einander in einem System geordnet werden; dieses Postu-


lat ist möglich: weil die Logik und die Transzendentalphiloso-
phie, deren Objekte a priori bestimmt und vollzählig gemacht
werden können, (das Objekt jener ist ein Ding überhaupt, die
Objekte dieser aber, durch Bedingungen a priori bestimmte Dinge
sind), den Grund dazu abgeben können.
Es müßte also nicht mehr oder weniger Partes Orationis geben,
als es Formen oder Arten der Dinge auf einander zu beziehen
gibt; diese müßten wieder in Unterarten abgeteilt werden, wie
auch in den daraus zusammengesetzten Arten; die Hauptarten
müßten durch primitive, die darunter enthaltene oder zusammen-
gesetzte Arten durch, aus den primitiven abgeleitete und davon
zusammengesetzte, Zeichen ausgedruckt werden. Wir wollen z. B.
Aristoteles Kategorien als die allgemeinsten Formen des Denkens
annehmen, so werden wir erstlich zwei partes orationis haben,
welche zwei Hauptarten von Begriffen bezeichnen, nämlich Sub-
stanz und Akzidenz (weil die neun Kategorien, außer Substanz,
lauter Akzidenzen sind). Da aber diese beide sich auf einander be-
ziehen, | und sich einander wechselsweise erklären; so werde ich
beide erstlich durch ein gemeinschaftliches Zeichen ausdrücken,
hernach aber dieses gemeinschaftliche Zeichen auf zwei verschie-
dene Arten bestimmen, um dadurch jeden dieser beiden Hauptbe-
griffe auf eine besondere Art auszudrücken. Wenn ich z. B. Sub-
stanz b a nennen werde, so werde ich Akzidenz a b, d. h. mit
denselben Buchstaben, nur in umgekehrter Ordnung benennen;
die Einerleiheit der Buchstaben würde alsdann die Einerleiheit der
Beziehungen dieser Begriffe auf einander, die verkehrte Ordnung
aber ihre entgegengesetzte Stellung in dieser Beziehung andeuten.
Ich werde ferner Substanz (dasjenige, was bloß als Subjekt und
nicht als Prädikat von irgend etwas gedacht wird) in ihre Unter-
arten einteilen.
a) Subjectum logicum. Dieses wiederum in seine Untergattungen:
α) Das unbestimmte allgemeine Ding.
β) Das Bestimmte. Z.B. Wesen, Eigenschaft, u. dergl.
b) Subjectum reale, dieses hinwiederum,
α) Subjectum reale a priori.
β) a posteriori. – Und da ich das unbestimmte Subjectum lo-
300 | 302 Über symbolische Erkenntnis 165

gicum b a genannt habe, so | werde ich das Bestimmte b a c, das


Subjectum reale a priori b a i, das a posteriori b a u nennen. Und so
werde ich mit meiner Einteilung fortfahren, so lange es das Be-
dürfnis zu sprechen erfordert. Das Adjectivum und Adverbium
muß anders als Eigenschaft und anders als Zufälligkeit bezeichnet
werden. Eine und dieselbe Präposition muß nicht zugleich ver-
schiedene Beziehungen bedeuten. In dieser idealischen Sprache
wird also alles seinen Grund haben, alle Zeichen, außer den irre-
solublen, werden so wie die Begriffe, die sie bezeichnen, in die ir-
resolubeln aufgelöst werden können. Man wird die Entstehungs-
art der Begriffe und ihre Verhältnisse zu einander aus der
Entstehungsart der Zeichen und ihrer Verhältnisse zu einander
mit Gewißheit angeben können, und dadurch die Einsicht der
Wahrheit sehr erleichtern.
Wie stehet es aber in diesem Betracht mit den wirklichen Spra-
chen? – Man muß gestehen, daß obschon man hierin ziemlich
Progressen gemacht hat, man doch noch weit entfernt ist, dieses
Ideal zu erreichen. Unsere Sprachen haben zwar, (nicht wie die
huronische) viele Ableitungen und Zusammensetzungen; aber ist
man damit so weit gegangen, als man gehen könnte und sollte?
sind die Partes orationis genau be | stimmt; sind alle Begriffe, so
wie ihre Zeichen in ein System (der Natur gemäß) geordnet? Ich
glaube, man wird diese Fragen mit Nein beantworten müssen.
Besonders fehlt es in den wirklichen Sprachen an einem Krite-
rium, woran man die eigentlichen Ausdrücke erkennen, und von
den uneigentlichen (da es einmal uneigentliche Ausdrücke wegen
Mangel an eigentlichen geben muß) unterscheiden kann (wie es
doch, wenn die Zeichen mit den dadurch bezeichneten Dingen
aufs genaueste übereinstimmen sollten, sein müßte). Welches ei-
134 nen berühmten Schriftsteller mit mehrern andern zu der Behaup-
tung verleitet hat, daß der größte Teil Wörter einer jeden Sprache
aus uneigentlichen Ausdrücken bestehet. Diese Behauptung ist
nicht nur unrichtig (wie ich bald zeigen werde), sondern sie ist
auch dem Interesse der Vernunft und der wahren Moralität (die
der Empfindelei entgegengesetzt ist) zuwider: indem sie den
Materialismus begünstigt, den Satan über den guten Geist, den
135 Ahriman über den Ormuzd, ich meine die Einbildungskraft, die
166 Versuch über die Transzendentalphilosophie 302 | 304

beständig ihr Reich zu erweitern und die Vernunft zu verdrän-


gen sucht, über die Vernunft triumphieren läßt. Daß aber | auch
diese Behauptung an sich unrichtig ist, beweise ich auf folgende
Art.
Was sind Tropen? Man sagt gemeiniglich14: Tropen sind Aus- 136, 137
drücke, die von ihrer ursprünglichen Bedeutung auf andere Be-
deutungen abgeleitet worden sind. Ich frage aber hier nicht nach
der Nominaldefinition von Tropen; sondern nach der Realdefini-
tion, d. h. nach den Merkmalen, wodurch man die uneigentlichen
abgeleiteten Ausdrücke erkennen, und von den eigentlichen ur-
sprünglichen unterscheiden kann? denn so lange wir diese nicht
ausfindig gemacht haben, hilft uns jene zu nichts. Die Vernach-
lässigung dieser Bestimmungsmerkmale hat diesen berühmten
Schriftsteller15 mit mehrern andern verleitet, zu behaupten, daß 138
der größte Teil einer jeden Sprache aus Tropen oder uneigentli-
chen Ausdrücken bestehe; und dieses zu beweisen, werden Aus-
drücke, die heterogenen Dingen gemein sind, angeführt, als be- 139
greifen, fassen, u. dgl. Diese Behauptung aber läßt die Poesie zu
weit in das Gebiet der Prose streifen, und dadurch diese zu sehr
verdrängen, so daß wir in diesem | Betracht nie mit Gewißheit
ausmachen, was Poesie und was Prose sei. Ich werde mich be-
mühen, diese von mir aufgeworfene Frage aufzulösen, Prose und
Poesie in ihre Rechte einzusetzen, und ihre Unterscheidungsmerk-
male nach Prinzipien a priori festzusetzen, woraus zugleich erhel-
len wird, daß nicht der größte, sondern der kleinste, Teil der
Sprache aus Tropen bestehen kann.
Um dieses zu bewerkstelligen, muß ich einige Wahrheiten vor-
ausschicken: 1) Der Gebrauch eines uneigentlichen Ausdrucks
muß nicht nur einen subjektiven, sondern auch einen objektiven
Grund haben. Ja sogar jener setzt diesen voraus, indem der ob-
jektive der Grund der Möglichkeit einer Assoziation überhaupt,
der subjektive hingegen der Grund der besondern Bestimmung
der Reihe dieser Assoziation ist. Dieses wird mir jeder, wie ich
hoffe, auch ohne Beweis zugeben. 2) Die Ähnlichkeit der Objekte

14 Sulzers Theorie der schönen Wissenschaften: Tropen.


15 Sulzer, am angeführten Orte.
304 | 306 Über symbolische Erkenntnis 167

kann diesen Grund nicht abgeben; denn laßt uns setzen ein Ob-
jekt a b (a durch b bestimmt) dessen eigentlicher Ausdruck x ist.
Laßt uns wieder annehmen, ein anderes Objekt a i, das (wegen
seiner Ähnlichkeit mit dem vorigen, in so fern a in beiden einerlei
ist) durch eben diesen Ausdruck, der in Ansehung seiner unei-
gentlich ist, bezeichnet wird; so müssen wir | notwendig anneh-
men, daß dieser Ausdruck nicht das ganze Objekt a b, sondern
nur das beiden gemeinschaftliche a (das Bestimmbare, welches in
einem jeden derselben anders bestimmt wird) bedeuten muß;
denn sonst wäre sein Gebrauch von a i ohne Grund. Er ist also in
Ansehung ai sowohl als in Ansehung a b eigentlich, weil er in bei-
den eben dasselbe a bedeutet. Wir müssen also (wenn anders ein
uneigentlicher Ausdruck möglich sein soll) einen andern Grund
seines Gebrauchs aufsuchen. Nun aber gibt es auch außer der ob-
jektiven Beziehung der Dinge auf einander (durch Einerleiheit,
Entgegensetzung, u. dergl.) auch subjektive Beziehungen; ich mei-
ne nicht zufällige, die bei besondern denkenden Individuis einen
besondern Grund haben, sondern wesentliche, der ganzen Art
eigne Beziehungen, d. h. durch Formen unsers Erkenntnisvermö-
gens, die sich auf Objekte überhaupt beziehen, z. B. Substanz und
Akzidenz, Ursache und Wirkung u. dergl. Hierin müssen wir also
den Grund dieser Ableitung suchen, und da diese Beziehungen
nichts anders, als die aus der Logik bestimmten Formen der Er-
kenntnis in Beziehung auf Gegenstände überhaupt sind; so kön-
nen wir auch die daraus entspringenden Tropen nach denselben |
principiis a priori bestimmen, und die Grenzen zwischen Prose und
Poesie aufs genaueste angeben.
Ich will mich hierüber näher erklären:
In jeder Sprache finden sich transzendentale Ausdrücke, oder
solche, die materiellen und immateriellen Dingen gemein sind, als
z. B. Bewegung des Körpers und des Gemüts, fassen einen Körper
und fassen einen Gedanken u. dgl. Ferner weiß man aus der Ge-
schichte der menschlichen Entwickelung, daß die sinnlichen Vor-
stellungen und Begriffe (in Ansehung unsres Bewußtseins) der
Zeit nach eher als die intellektuellen sind. Man schloß daher, daß
diese transzendentalen Ausdrücke ursprünglich und eigentlich zur
Bezeichnung der sinnlichen Gegenstände bestimmt, hernach aber
168 Versuch über die Transzendentalphilosophie 306 | 308

von da zur Bezeichnung der übersinnlichen abgeleitet worden


sind; woraus die von mir angeführte Meinung in Ansehung der
Tropen entstanden ist. Ich hingegen behaupte: Gesetzt auch, daß
es in Ansehung der Geschichte unserer Erkenntnis und ihrer Be-
zeichnung (der Sprache) damit seine Richtigkeit hätte, (welches
ich doch nie zugeben werde, indem die Erkenntnis des besondern
Materiellen die Erkenntnis des allgemeinen Formellen, worunter
es subsu | miert, und wodurch seine Erkenntnis bewirkt wird, vor-
aussetzt); so folgt doch hieraus nicht, daß diese transzendentalen
Ausdrücke nicht eben so gut in Ansehung immaterieller Dinge als
in Ansehung der materiellen eigentlich sein sollten, oder genauer,
daß sie nicht in Ansehung des transzendentalen den heterogenen
Dingen gemeinschaftlichen Begriffes eigentlich sein sollten. Denn
man kann doch nicht sagen, daß wenn z. B. Adam im Paradiese
erstlich eine rote Kirsche gesehen und sie rot genannt hat, und
dann einen roten Apfel und diesen auch rot genannt, daß deswe-
gen Adam erstlich eines prosaischen, dann aber eines poetischen
Ausdrucks sich bedienet hat, und daß der Ausdruck rot, in An-
sehung der Kirsche eigentlich, in Ansehung des Apfels aber un-
eigentlich und tropisch ist; weil in der Tat der Ausdruck rot so
wenig die Kirsche als den Apfel, sondern das ihnen Gemein-
schaftliche bedeutet. Hier ist eben der Fall. Bewegung bedeutet
Wechsel der Bestimmungen in der Zeit, nur mit dem Unterschie-
de, daß bei Bewegung eines Körpers diese Bestimmung selbst so-
wohl als ihr Wechsel äußere Verhältnisse im Raume sind; dagegen
sie bei Gemütsbewegungen innere Verhältnisse (der Einerleiheit
oder Verschiedenheit) sind. Abbrechen z. B. (eine Blume oder die |
Rede) heißt im transzendentalen Begriff: Etwas, was durch irgend
eine Einheit überhaupt mit etwas Anderem verknüpft ist, davon
trennen. Nun ist im Abbrechen einer Blume diese Einheit auf eine
besondre Art dadurch bestimmt, daß sie die Einheit der Wirklich-
keit (zugleich sein in Zeit und Raum) ist; beim Abbrechen der
Rede aber ist sie die Einheit der Möglichkeit, oder des Begriffs.
Bewegung (des Körpers oder des Gemüts) ist in transzendentaler
Bedeutung Veränderung, d. h. Wechsel der Modifikationen in ei-
nem und ebendemselben Subjekt. Die körperliche Bewegung er-
hält noch eine besondere Bestimmung, daß es nämlich äußere
308 | 310 Über symbolische Erkenntnis 169

Modifikationen (Beziehung des Körpers auf verschiedene Räume)


sind. Bewegung des Gemüts hingegen wird durch innere Modifi-
kationen bestimmt. Fließen bedeutet eine stetige Folge der Teile
eines Ganzen auf einander, mit dem Unterschiede, daß bei einem
flüssigen Körper diese stetige Folge sowohl dem Raume als der
Zeit nach, hingegen bei einer fließenden Rede nur der Zeit nach,
gedacht werden kann. Flüchtig ist dasjenige, dessen Teile (durch
irgend eine Ursache) leicht getrennt werden können, so daß man
sie nicht mehr erkennen kann. Beim Quecksilber z. B. geschiehet
dies durchs | Feuer. Ein Gedanke ist flüchtig dadurch, daß man
keinen Zusammenhang unter seinen Teilen bemerkt. Außer be-
deutet verschieden; bei sinnlichen Objekten ist diese Verschieden-
heit durch Bestimmungen des Raumes, bei Begriffen hingegen
durch innere Bestimmungen, auf eine besondre Art bestimmt. Ich
will noch aus mehreren Beispielen dies einzige aus der hebräi-
140 schen Sprache anführen. Das Verbum lka verzehren, bedeutet
sowohl essen, als verbrennen; der transzendentale Begriff ist in
beiden eben derselbe; nämlich: Erhaltung des Daseins des einen
Dinges durch die Zernichtung eines andern Dinges. Dieser Aus-
druck ist daher ursprünglich und eigentlich sowohl vom Verbren-
nen des Feuers, als vom Verzehren der Tiere. Denn die Flamme
wird durch Zernichtung der brennbaren Materie, so wie die Tiere
durch Zernichtung der Nahrungsmittel erhalten; der Ausdruck
also: das Feuer verzehrt das Holz, ist in dieser Sprache keines-
weges figürlich.
Die Erfindung der Sprache verrät außerordentlich viel Witz
und Scharfsinn zugleich; denn die transzendentalen Ausdrücke
bedeuten transzendentale Begriffe. Diese werden aber durch Ver-
gleichung der Dinge und der Einsicht in ihre Einerleiheit hervor-
gebracht, welches ein Geschäft | des Witzes ist; ferner setzt es zu-
gleich einen hohen Grad der Abstraktion voraus, ohne den man
dieses Einerlei an sich nicht denken kann. Es ist aber zu bemer-
ken, daß hier die Wirkungen des Witzes sich viel weiter, als die
Wirkungen des Verstandes erstrecken. Daher findet man in jeder
Sprache Ausdrücke für transzendentale Begriffe (solche, die in
verschiedenen Arten der Dinge einerlei sind). Es fehlen aber meh-
renteils Ausdrücke für konkrete Begriffe (die vorigen auf beson-
170 Versuch über die Transzendentalphilosophie 310 | 312

dre Arten bestimmte); man hat z. B. einen Ausdruck für Bewe-


gung überhaupt, nicht aber für Bewegung des Körpers oder des
Gemüts, und so ist es auch mit allen vorher angeführten Beispie-
len. Dieses beweist aber keinesweges die Lockische Behauptung, 141
daß nämlich Verstand und Witz in ihren Wirkungen sich einander
entgegengesetzt sind; sondern die Ursache liegt hier bloß darin,
daß nämlich jede zu erlangende eine schon erlangte Kenntnis vor-
aussetzt; dasjenige also, was in verschiedenen Dingen einerlei ist,
wird eher, als dasjenige, wodurch sie von einander verschieden
sind (in so fern hier keine Vergleichung statt findet) erkannt. Ist
aber dasjenige, wodurch die Dinge verschieden sind (die beson-
dern Bestimmungen eines jeden) wiederum etwas, das in jedem
dersel | ben mit einem dritten einerlei ist; so wird es dadurch
gleichfalls erkannt. Man siehet also hieraus, daß der Verstand mit
dem Witze in gleichem Schritte geht, und daß beide in der Tat
ohne einander nicht gedacht werden können. Ich will dieses
durch ein Beispiel erläutern. Der zum erstenmale ein Viereck be-
merkt hat, d. h. eine Figur von vier Seiten, nannte dieselbe Vier-
eck. Er bemerkt hernach abermal ein Viereck, das aber in Absicht
seiner Winkel von dem vorigen verschieden ist (z. B. daß es ein
recht- das andre hingegen ein schiefwinkliges ist); er nennt also
dieses, in so fern es mit dem vorigen einerlei ist, auch Viereck. Er
kann es aber noch nicht in Absicht der Winkel bestimmen, weil er
noch keinen Begriff von einem rechten oder schiefen Winkel hat.
Er muß daher erst den Begriff der besondern Bestimmung auch
außer dem dadurch bestimmten Dinge antreffen; alsdann kann er
diese Bestimmung als eine Bestimmung (durchs Vergleichen mit
ihrem Begriffe) erkennen, und dadurch vom bestimmten Dinge
selbst einen deutlichen Begriff erlangen. Hieraus erhellet zugleich,
daß die Namen der abstrakten eher, als die der konkreten Dinge,
haben müssen erfunden werden, weil nämlich jene nur eine einzi-
ge Vergleichung, diese hingegen mehrere Vergleichungen voraus-
setzen. | Nun bin ich auch im Stande, den Ursprung der Synony-
me, und was aus ihrer größern oder geringern Anzahl in einer
gegebenen Sprache in Absicht auf dieselbe zu schließen sei, anzu-
geben. Der Gang der Sprache ist, wie folgt: 1) werden die tran-
szendentalen Begriffe bemerkt, und durch transzendentale Aus-
312 | 314 Über symbolische Erkenntnis 171

drücke benennet; 2) werden auch die besondern Bestimmungen


derselben bemerkt; diese (weil sie mehr Kenntnis erfordern) wer-
den aber nur von dem geringern Teile der ersten Spracherfinder
bemerkt, und daher von denselben mit Ausdrücken, die von dem
vorigen verschieden sind, bezeichnet; der andre Teil hingegen
behält noch immer die transzendentalen Ausdrücke auch für die
besondern Begriffe; er braucht aber zugleich auch diese neuerfun-
denen Namen; sie sind also in Ansehung seiner Synonyme. Dieser
Teil der Spracherfinder nähert sich immer (durch Erlangung meh-
rerer Kenntnisse) dem vorigen, wodurch er also den Gebrauch
der Worte näher bestimmen lernt; diese Synonyme müssen daher
nach und nach es zu sein aufhören. Da aber der andre Teil gleich-
falls immer vorwärts gehet, und neue Unterschiede der Dinge, die
wiederum neue Ausdrücke erfordern, ausfindig macht; so bleiben
beide Teile beinahe immer in gleichem Abstande von einander. |
Die transzendentalen Ausdrücke, die wegen der Ähnlichkeit der
Objekte es sind, müssen also von der Anzahl der Tropen ausge-
schlossen werden. Die eigentlichen Tropen sind transzendentale,
der Form nach heterogenen Dingen gemeinschaftliche, Aus-
drücke; sie werden von dem einen Gliede eines Verhältnisses (das
sie ursprünglich und eigentlich bedeuten) auf sein Korrelatum ab-
geleitet; denn Dinge, die gar keine objektive sowohl als subjektive
Beziehung auf einander haben, können auch keinen gemein-
schaftlichen Ausdruck haben (denn dieses hätte alsdann keinen
Grund). Ähnliche Dinge, d. h. die eine objektive Beziehung der
Einerleiheit auf einander haben, können zwar aus diesem Grunde
einen gemeinschaftlichen Ausdruck haben; dieser ist aber keinem
von beiden, sondern dem, was in beiden einerlei ist, eigen. Hinge-
gen hat Verwechselung der Korrelata einer relativen Form 1) ei-
nen subjektiven Grund (die subjektive Vereinigung beider durch
diese Form, wodurch sie einander substituiert werden können); 2)
bedeutet dieser Ausdruck nicht etwas beiden Gemeinschaftliches,
weil sie als Korrelata sich zwar auf einander beziehen, aber
zugleich einander ausschließen müssen. Sie sind daher wahre
Tropen, und da die Anzahl dieser relativen Formen bestimmt
werden | kann: so kann auch die Anzahl der verschiedenen Arten
Tropen dadurch bestimmt werden. Ich will einige Beispiele dieser
172 Versuch über die Transzendentalphilosophie 314 | 315

Art Tropen anführen, wodurch ihr Unterschied von den vorigen,


fälschlich so genannten, leicht in die Augen fallen wird.
Abend in der deutschen Sprache, ist ein transzendentaler, hete-
rogenen Dingen gemeinschaftlicher, Ausdruck; denn er bedeutet
sowohl die Zeit als die Gegend, worin sich die Sonne vor ihrem
Untergang befindet; aber keinesweges etwas beiden Gemein-
schaftliches (denn diese beziehen sich zwar auf einander und ge-
ben wechselsweise Merkmale von einander ab, aber eben darum
schließen sie einander aus); wir müssen also notwendig anneh-
men, daß dieser Ausdruck ursprünglich und eigentlich einem der-
selben zukommt, von da aber auf den andern abgeleitet worden
ist. Ja wir können sogar ausmachen, welchen von beiden er ei-
gentlich und welchen er bloß tropisch bedeutet; denn weil die
Zeit vor dem Untergang der Sonne (Aufhören ihres Leuchtens
über unserm Horizont) auch an sich ohne Beziehung auf die Ge-
gend begriffen werden kann, nicht aber umgekehrt: so ist es
natürlich, daß dieser Ausdruck ursprünglich der Zeit beigelegt
worden ist, von da aber auf die Gegend (wegen ihrer subjektiven
Synthesis) abgeleitet wor | den, folglich in Ansehung dieser ein
Tropus ist. So wird auch die Proposition vor, von der Zeit eigent-
lich, vom Raume aber uneigentlich gebraucht, weil diese Zeitbe-
stimmung auch an sich, die Ortsbestimmung aber (z. B. vor mir,
vor der Stadt, u. dgl.) nur in Beziehung auf jene begriffen werden
kann. So ist auch der Ausdruck: die ganze Stadt ist bestürzt. Hier 142
wird das Wort Stadt von seiner eigentlichen Bedeutung auf etwas,
das damit in Beziehung, nicht aber das demselben ähnlich ist, (die
Einwohner) angewandt; daß aber dieser Ausdruck von den Ein-
wohnern uneigentlich ist, erhellet daraus, weil für diese schon ein
anderer eigentlicher Ausdruck in der Sprache anzutreffen ist.
Das Resultat dieser Betrachtung ist also dieses. 1) Poesie und
Prose (ohne Rücksicht auf das Mechanische der Sprache) werden
in Ansehung ihrer Ausdrücke als Zeichen in Beziehung auf die
dadurch bezeichneten Dinge dadurch erkannt, und von einander
unterschieden, daß nämlich die Ausdrücke der erstern eigentliche,
der letztern hingegen uneigentliche oder abgeleitete Ausdrücke
sind. 2) Die Dinge, deren Ausdrücke von einander abgeleitet wer-
den, dürfen nicht außer aller Beziehung auf einander sein, weil
315 | 317 Über symbolische Erkenntnis 173

sonst diese Ableitung kei | nen Grund haben würde. 3) Diese


Beziehung kann nicht die Einerleiheit sein, weil sonst die Bedeu-
tung zwar transzendental, aber nicht abgeleitet sein würde. 4) Die
Beziehung dieser Dinge auf einander muß also eine subjektive Be-
ziehung sein, und da die verschiedenen Arten subjektiver Bezie-
hungen der Dinge auf einander aus der Logik bestimmt und voll-
zählig gemacht werden können: so können auch alle möglichen
Arten von Tropen, nach diesem Prinzip a priori bestimmt angege-
ben werden. 5) Daß die Prose sehr wenige tropische Ausdrücke
hat, weil, wie gezeigt worden, die transzendentalen Ausdrücke,
weit entfernt tropisch, d. h. poetisch zu sein, vielmehr die allerab-
straktesten Ausdrücke sind. Die andern Tropen (eigentlicher
Figuren), als die Personifikation, Apostrophe, Hyperbel etc. be-
treffen nicht einzelne Ausdrücke, sondern vielmehr ganze Redens-
arten und Wendungen, die einem gewissen Gemütszustande eigen
sind, folglich hier nicht in Betrachtung kommen; es bleiben also
nur die Verwechselung der Korrelata übrig, die in jeder Sprache
von geringer Anzahl sein müssen. Ich glaube durch diese Betrach-
tung auf eine genugtuende Art die Ehre der Prose gerettet zu ha-
ben, und mit Jourdain ausrufen zu können: |
143 Par ma foi, il-y-a plus de quarante ans que je dis de la prose sans que j’en
susse rien16.
144 Dergleichen Betrachtungen veranlaßten einen berühmten Ge-
lehrten des vorigen Jahrhunderts in England, Bischof J. Wilkins,
auf die Erfindung einer philosophischen Sprache, das heißt einer
solchen, die dieser Form völlig gemäß sein soll, zu denken.
145 Ich werde hier seine Gedanken darüber nach dem Lord Mon-
boddo anführen, und nach Gelegenheit einige Anmerkungen hin-
zufügen; woraus man sowohl den Plan dieses Autors, als das was
meiner Meinung nach davon zu halten sei, leicht übersehen wird.
146 Erstlich sagt er: »Alle Dinge in der Natur können in gewisse Klas-
sen gebracht werden, welche bei den Logikern genus und species
heißen.« – Ich füge hinzu, daß bei Objekten des Verstandes, das
heißt, bei solchen die der Verstand aus sich selbst hervorbringt,
oder den sogenannten willkürlichen Begriffen, diese Einteilung

16 Le Bourgeois gentil-homme. Acte II. Scene IV.


174 Versuch über die Transzendentalphilosophie 317 | 319

und Ordnung in genus und species, nach ihrer Entstehungsart aus


einander allgemein bestimmt werden kann. Hingegen ist es mit
den | Objekten a posteriori hierin ganz anders beschaffen: diese
können zwar auch in genus und species eingeteilt, und unter ein-
ander geordnet werden; aber da wir ihr inneres Wesen nicht ken-
nen, so geschiehet dieses nicht nach einem allgemeinen objekti-
ven, sondern bloß nach einem subjektiven Grund, der bei
verschiedenen denkenden Köpfen verschieden sein kann; so daß
die darauf gebauete Sprache, eine natürliche philosophische, kei-
nesweges aber eine allgemeine Sprache sein wird.
Zweitens: »Nur auf diesem Wege (der Einteilung und Ordnung 147
in genus und species) gelangen wir zur Erkenntnis oder zum Be-
griff eines Dinges; denn wir wissen nichts an sich selbst, sondern
nur Beziehungsweise, indem wir wissen, zu welcher Art oder Gat-
tung es gehöret, d. h. was es mit andern gemein, und was es ver-
schieden hat.« – Erkennen heißt ein besonderes Ding einem allge-
meinen Begriffe subsumieren, d. h. dasselbe einem Dinge von
höherer Ordnung unterordnen.
Drittens, sagt er17: »Diese Begriffe, durch Vergleichung der 148
Dinge untereinander gebil | det, sind es, die durch gewisse hörbare
oder sichtbare Zeichen ausgedrückt, das ausmachen, was wir
Sprache nennen; und sind die Zeichen so beschaffen, daß sie eine
Beziehung auf die Klasse haben, worin die Sache zu finden ist,
so daß wenn wir die Zeichen verstehen, wir wirklich die Defi-
nition der Sache haben: dann ist die Sprache in Wahrheit eine phi-
losophische Sprache, und die unter Philosophen, welche die Din-
ge in gehörige Klassen geordnet und eingeteilt haben, allgemein
sein muß. Sie kann auch die natürliche Sprache heißen.« – Daß
die Sprache bloß Zeichen allgemeiner Begriffe ist, wird nicht nur
von den Sprachlehrern einstimmig aus der Geschichte der Spra-
che bestätigt, indem sie zeigen, daß die Nomina propria anfäng- 149
lich appelativa waren; sondern es folgt auch notwendig aus dem 150
vorhergehenden Satz, weil wir nämlich nur durch Vergleichung
des Unbekannten mit dem Bekannten zur Erkenntnis des erstern
gelangen. Die eigenen Namen bedeuten immer eine allgemeine

17 Monboddo über den Ursprung der Sprache. II. 268.


319 | 321 Über symbolische Erkenntnis 175

Eigenschaft, obschon diese Bedeutung mit der Zeit vergessen


worden ist, welches an allen hebräischen nominibus propriis zu
ersehen ist. Was aber die Allgemeinheit der auf diese Art gebil-
deten Sprache betrifft, so habe ich schon | bemerkt; daß diese nur
bei Dingen a priori erreicht werden kann, nicht aber bei Din-
gen a posteriori. Denn die verschiedenen Systeme der Naturge-
schichte z. B. machen eine verschiedene Rangordnung der Dinge
notwendig; was nach dem einem System genus, ist nach dem an-
dern species, und so auch umgekehrt. Folglich kann die nach
einem jeden dieser Systeme eingerichtete Sprache nicht allgemein
sein.
151 Viertens. »Der Unterschied zwischen einer solchen und der ge-
meinen Sprache ist einleuchtend, denn die ursprünglichen Wörter
jener Sprachen haben gar keine Verbindung mit der Natur der
Dinge oder der Klassen, wozu sie gehören.« Z. B. das Wort
Mensch hat nichts mit Tier gemein, da doch das dadurch Bezeich-
nete zur Klasse des durch diesen Bezeichneten gehört: in der phi-
losophischen hingegen müßte das Wort, das den Begriff Mensch
bedeutet, das eigene was Tier bedeutet, sein; nur mit einer beson-
152 dern Bestimmung, um die Differenz anzuzeigen. »Und was die
abgeleiteten betrifft, ob sie gleich mit den ursprünglichen Wör-
tern eine Verbindung haben, so ist es doch keine solche als die
Philosophie verlangt, u. s. w.« | Ich werde noch einige Mängel der
gemeinen in Vergleichung mit der philosophischen Sprache, hin-
zufügen. Nämlich, in dieser müßten nicht nur die verschiednen
Beziehungen der Subordination der Dinge, sondern auch die der
Koordination, bezeichnet werden. Z. B. Etwas und Nichts, Licht
und Finsternis u. dergl. müßten nicht durch verschiedene Wörter
bezeichnet werden, sondern mit eben demselben Worte, weil sie
in einerlei Beziehung auf einander stehen, nur mit verschiedenen
Bestimmungen, die die Verschiedenheit der Stellung der Glieder
eben derselben Beziehung andeuten. So wie ich in Ansehung von
Substanz und Akzidenz, Ursache und Wirkung, bemerkt habe.
Ferner, finde ich auch, wie schon bemerkt worden, daß die Partes
Orationis und ihre Unterabteilungen, nach keinem Prinzip a prio-
ri bestimmt und unter einander geordnet sind. Ich will nur z. B.
den Artikel in den lebenden Sprachen anführen; wozu nützt die-
176 Versuch über die Transzendentalphilosophie 321 | 323

ser? Deutschlands philosophischer Sprachforscher18 sagt: »Der 153


Artikel wird gebraucht, einem Substantivo die Selbstständigkeit,
die es als ein Gattungsnamen verloren hat, wenn es nötig | ist, wie-
derzugeben.« Ich muß gestehen, daß ich diesen Grund nicht ein-
sehen kann. Ist die Rede von der Gattung, wie z. B. in diesem Sat-
ze: Der Mensch ist sterblich, so ist der Artikel gewiß überflüssig;
denn die Bedeutung ist hier: dem Begriff Mensch als Subjekt,
kömmt der Begriff sterblich, als Prädikat zu. Ist aber die Rede
von einem besondern Menschen, so wird es durch ein Pronomen
relativum oder demonstrativum bestimmt. Z.B. der Mensch, wel-
cher gestern da war, ist wieder gekommen; oder: dieser Mensch
etc. Ja zuweilen ist sogar dieses nicht einmal nötig, wo es nicht zu
besorgen ist, daß der Zuhörer ihn mit einem andern verwechseln
wird, wie z. B. Davus Horazens Sklav zu seinem Herrn sagt: aut 154
insanit homo, (womit er den Horaz meint) aut versus facit19, und
daß dieser ihn wohl verstanden hat, sehen wir deutlich aus seiner
Antwort20.
Ferner laßt uns sehen: wie stehet es mit den Unterabteilungen?
Nomen substantivum z. B. hat als ein besonderer Redeteil zwar
eine besondere | Form, aber wie vielerlei nomina substantiva muß
eine philosophische Sprache nicht unterscheiden, wie ich schon
bemerkt habe? Diese verschiedene Arten nominum müßten also
durch verschiedene Formen, wodurch sie erkannt und von einan-
der unterschieden werden können, bezeichnet werden; woran es
in der gemeinen Sprache aber mangelt. So ist es auch mit den Prä-
positionen. Was für verschiedene Beziehungen bezeichnet nicht in
den gemeinen Sprachen eben dieselbe Präposition? z. B. aus ei-
nem Orte kommen; aus etwas (eine Materie) machen; aus etwas
schließen, u. dergl. Die philosophische Sprache wird freilich alle
diese Beziehungen auch mit eben demselben Worte ausdrücken:
nämlich, wegen des allen gemeinschaftlichen Begriffs den sie not-
wendig haben müssen; weil sonst die Einerleiheit der Bezeichnung
ohne Grund wäre. Aber sie wird doch zugleich dieses gemein-

18 Hrn. Adelungs Sprachlehre. 248.


19 Horat. L.II. Satir. 7.
20 Ocius hinc te Ni rapis accedes opera nona Sabino.
323 | 325 Über symbolische Erkenntnis 177

schaftliche Wort, in jeder dieser Beziehungen auf eine andere Art


bestimmen, und so ist es auch mit allen übrigen Abteilungen be-
schaffen.
Ich glaube, das Angeführte sei hinreichend, von der von dem
Bischof erfundenen Sprache sich einen Begriff zu machen. Leibniz
155 ist (wie | Wolff sich ausdrückt) pro eo quod ipsi erat ingenii acumi-
nis, auf eine mit dieser ähnlichen Idee geraten, welche er: Ars cha-
racteristica combinatoria, wie auch speciosa generalis nennt. Diese
ist nicht eben die Erfindung einer philosophischen Sprache, son-
dern einer Art Zeichen überhaupt, die zum Erfinden in Wissen-
schaften gebraucht werden können. Nämlich zum Erfinden eines
neuen Satzes, oder zur Auflösung eines Problems wird erfordert:
erstens ein bekannter oder gegebener (hypothetischer) Satz, der
durch Zeichen ausgedrückt wird, z. B. eine algebraische Glei-
chung: zweitens, diesen Zeichen werden gleichgeltende Zeichen
substituiert, und dies so lange, bis man dadurch auf den zu fin-
denden Satz gerät. Ich will dieses durch ein leichtes Beispiel aus
der Arithmetik erläutern. Es wird aufgegeben die Summe dieser
beiden Zahlen 752 und 183 zu finden; diese Zahlen sind das Ge-
gebene, und ihre Summe das Gesuchte; ich addiere erstlich 3 und
2, so kommt 5 heraus (der Satz 3 + 2 = 5 ist mir in der Anschau-
ung gegeben). Ferner 8 + 5 = 13, (d. h. nach unserm Zahlsystem 3
von dieser und 1 von der darauf folgenden Ordnung) ich setze
also 3 in dieser und addiere 1 zu der folgenden Ordnung; worin
ich daher 9 setze: woraus das Gesuchte ent | springt 752 + 183 =
935. Leibniz ist daher auf den Gedanken geraten, daß diese Me-
thode, aus dem Bekannten das Unbekannte zu finden, allgemein
und nicht bloß zum Gebrauch der Erfindung der Verhältnisse der
Quantitäten, sondern auch der Qualitäten eingerichtet werden
kann. Er hat aber diese Idee nicht weiter verfolgt. Ja er hat nicht
einmal die Möglichkeit davon gezeigt, sondern sie blieb wie sie
war eine bloße Idee. Man siehet hieraus, daß obschon Leibnizens
und des Bischofs Idee einige Ähnlichkeit haben (in Ansehung ih-
res allgemeinen Gebrauchs), sie doch, wie ich glaube, sehr von
einander verschieden sind. Leibnizens Plan ist weit wichtiger, als
des Bischofs, und seine Vollziehung eben um so viel schwerer; der
Plan dieses Letztern ist bloß, den Gebrauch desjenigen was man
178 Versuch über die Transzendentalphilosophie 325 | 327

auch sonst hat, oder zum wenigsten haben kann, zu erleichtern,


und allgemein zu machen. Auch ohne die philosophische Sprache
können wir richtige Definitionen der Begriffe, Axiomen, und dar-
aus notwendig folgende Sätze haben, wodurch wir die gemeine
Sprache in die philosophische verwandeln. Da es aber schwer
hält, bei jedem Worte aus der gemeinen Spra | che, das wir ge-
brauchen, ein ihm äquivalentes in der philosophischen aufzusu-
chen, d. h. dasselbe zu übersetzen, wodurch Verwirrungen und
Wortstreitigkeiten notwendig entspringen, so wäre freilich des
Bischofs Erfindung (unter gewisser Einschränkung) hierin von
großem Nutzen.
Es ist also bloß ein Mittel Wahrheiten auf eine leichte Art zu
erlernen, und andere zu lehren, nicht aber um dadurch neue
Wahrheiten zu erfinden; dazu sind ganz andere Hülfsmittel nötig.
Was hilft mir z. B. daß ich von einer Hypotenuse eine richtige Er-
klärung habe, daß sie nämlich die Seite eines rechtwinkligen Drei-
ecks ist, die dem rechten Winkel entgegen liegt; ich werde doch
ohne Konstruktion und gewisse Kunstgriffe in Ziehung einiger
Nebenlinien, die man Artificia heuristica nennt, aus dieser Defini- 156
tion den Satz nie herausbringen: daß das Quadrat der Hypotenu-
se der Summe der Quadrate der Katheten gleich ist; und so in an-
dern Fällen mehr.
Aber so weit dieser Plan sich erstreckt, ist er möglich, und sei-
ne Möglichkeit auch begreif | lich. Hingegen, gehet Leibnizens
Plan nicht bloß auf Erleichterung der Erlernung, sondern der Er-
findung in den Wissenschaften. Es ist aber unbegreiflich, wie er
ihn doch hat ausführen wollen; denn dazu müßte man die Qua-
litäten, so wie die Quantitäten, in ihre absolute Einheiten (die ir-
resolubilen) auflösen; sie aus diesen Einheiten (und folglich auch
aus einander) entstehen lassen, und dadurch ihr Verhältnis zu ein-
ander bestimmen. Aber was schwer zu begreifen ist, ist deswegen
noch nicht unmöglich. Ich muß also erstaunen über einen gewis-
sen Ausdruck in Ploucquets Kalkul, wo es heißt: »Eine Characte- 157
ristica universalis gehört zu den Träumen vortrefflicher Köpfe.«
Ich muß den scharfsinnigen Verfasser dieser Schrift um Verzei-
hung bitten: eine Idee ist keinesweges ein Traum; sie ist vielmehr
eine göttliche Eingebung zu nennen, und wie ich glaube, ist nichts
327 | 329 Über symbolische Erkenntnis 179

einander so entgegen gesetzt, als eine Idee (wenn sie anders diesen
Namen verdient), und ein Traum. In diesem ist keine Ordnung,
kein Plan, lauter Zufall; in jener aber ist lauter Ordnung, der al-
lerumfassendste Plan. Eine Idee von einer Sache, ist, wie Herr
158 Kant sagt: die | Totalität der Bedingungen; mithin die höchste Be-
dingung derselben: ihr Gebiet ist das Unendliche, sie kann nicht
aus diesem Grunde in einer Anschauung dargestellt werden, und
doch ist sie reell; ja sogar der Grund der Realität aller unserer Er-
kenntnis.
Alle reinen Begriffe a priori sind eigentlich Ideen, indem wir sie
bloß durch ein Schema in der Anschauung darstellen können, wie
ich schon verschiedentlich gezeigt habe.
Ein kategorischer Vernunftschluß beruhet lediglich auf einer
Idee, und obschon der Plan von Erfindung einer philosophischen
Sprache, oder Characteristica universalis, nie in Ausübung ge-
bracht werden kann, so kann man sich denselben als ein Ideal
159 denken, und sich ihm immer nähern. Newtons Grundsatz in sei-
ner Philosophia universalis: ein Körper bleibt an sich in dem Zu-
stande der Ruhe oder der Bewegung, bis ihn ein anderer Körper
aus diesem Zustande herausbringt, kann nie aus der Erfahrung
bestätigt gefunden werden; denn wir finden nirgends einen Kör-
per, der seinen Zustand immer behält, und doch ist dieser Grund-
satz | als Idee reell; er kann durch Näherung bis ins Unendliche
in der Anschauung dargestellt werden. Von dieser Art ist die
Asymptote einer krummen Linie, und mehrere vortreffliche Ideen
der reinen Mathematik. – –
Alle jetzt existierende ausgebildete Sprachen waren in ihrem
Ursprunge so barbarisch, als wie irgend eine jetzt noch existieren-
de barbarische Sprache, und durch eine immerwährende Nähe-
rung zu der Idee einer vollkommenern Sprache haben die Men-
schen, ohne es selbst zu wissen, sie zu ihrem jetzigen Grad der
Vollkommenheit gebracht; und wie weit kann man nicht noch
darin kommen, wenn man mit Vorsatz sich dies angelegen sein
läßt? Was hat nicht ein Lessing, ein Mendelssohn, Wieland, und
andere vortreffliche Schriftsteller dazu beigetragen? Und was
nicht ein Kant mit seiner so unrechtmäßig angeklagten eigenen
Sprache? Wir werden freilich die höchste Vollkommenheit so we-
180 Versuch über die Transzendentalphilosophie 329 | 331

nig hierin, als irgend anderswo, je erreichen; wir können uns aber
doch, wenn wir nur wollen, derselben bis ins Unendliche immer
mehr nähern.
Besonders könnte dazu das Kantische System der Kategorien,
die er aus den logischen Formen | herleitet, und vollzählig dar-
stellt, gebraucht werden.
Nachdem ich also sowohl Leibniz, als auch die Philosophen
jenseit des Meeres – penitus toto divisos orbe Britannos – ange- 160
führt und gezeigt habe, daß der Plan des Bischofs zwar begreiflich
und dessen Ausführung möglich ist, daß er aber von der einen
Seite den wichtigsten Nutzen, den man sich von einem so schwe-
ren Unternehmen verspricht, nämlich ein Mittel zur Erfindung in
Wissenschaften abzugeben, auf keine Weise leisten kann: auf der
andern Seite er hingegen zu weit ausgedehnt ist, indem der Bi-
schof seine allgemeine Sprache auch zum Gebrauch der Bezeich-
nung der Dinge a posteriori bestimmt, die doch keine notwendige
allgemeine Klassifikation zulassen, wie ich schon bemerkt habe;
daß aber dagegen Leibnizens Plan von großer Wichtigkeit ist, in-
dem sein Hauptendzweck Erfinden in Wissenschaften ist; daß er
uns aber die Art, denselben auszuführen, nicht gezeigt hat; – so
will ich es wagen, meine Meinung hierüber zu eröffnen: Ich
pflichte nämlich des Bischofs Plan bei, aber schränke denselben
für jetzt 1) bloß auf Allgemein | machung und Erleichterung der
Erlernung, nicht aber der Erfindung in Wissenschaften; 2) schrän-
ke ich denselben ferner bloß auf die reinen Wissenschaften a prio-
ri (reine Mathematik, reine Philosophie) ein, und in so fern glau-
be ich, daß er leicht auszuführen sein wird, und dies auf folgende
Weise: Man verfertige ein Wörterbuch, worin bloß Benennungen
von Begriffen, die in der Philosophia rationalis (Logik, Transzen-
dentalphilosophie) vorkommen; z. B. Subjekt, Prädikat, Notwen-
digkeit, Möglichkeit, Grund, Folge, Ursache, Wirkung u. s. w.
Diese Benennungen müssen so einfach als möglich sein, d. h. ein-
silbig. Man verfertige aus diesen zusammengesetzten Namen, zu
den aus den vorigen zusammengesetzten Begriffen; z. B. Kraft
wird keinen besondern, sondern einen, aus der Bezeichnung von
Substanz und Ursache, zusammengesetzten Namen erhalten;
u. dgl.
331 | 333 Über symbolische Erkenntnis 181

Ein auf diese Art eingerichtetes Wörterbuch kann für Philoso-


phen allgemein werden, und man siehet leicht ein, daß diese Spra-
che weit leichter zu erlernen sein wird, als die griechische oder die
lateinische, die doch ein Gelehrter lernen muß, | weil in dieser
Sprache bloß Namen der Formen, oder Arten, Objekte zu den-
ken, nicht aber der Objekte selbst, vorkommen. Dieses Wörter-
buch wird eigentlich eine Sammlung von Definitionen sein; die
Verbindung mehrerer Worte aus demselben werden Sätze ausma-
chen, die verschiedene logische Formen der Urteile anzeigen wer-
den. Da ich aber Willens bin, eine auf diese Art von mir verfertig-
te philosophische Sprache dem gelehrten Publikum zur Prüfung
darzulegen, so will ich mich jetzt bei ihrer Einrichtung nicht län-
ger aufhalten. |
182 333 | 335

ANMERKUNGEN UND ERLÄUTERUNGEN


ÜBER EINIGE KURZ ABGEFASSTE STELLEN IN
DIESER SCHRIFT

Propter egestatem linguae, et rerum novitatem. | 161

Nachdem ich diese Schrift verfertigt hatte, fand ich beim Durch-
sehen derselben einige Stellen, worin ich mich zu weitläufig, wie-
derum andere, wo ich mich zu kurz gefaßt hatte. Was das erste
anbetrifft, so glaube ich erstlich, daß der Schade so groß nicht
sein kann, wenn man sich über dergleichen Materien etwas weit-
läufig verbreitet, und sie aus verschiedenen Gesichtspunkten in
verschiedenen Verbindungen zeigt. Und dann, so könnte diesem
Übel nicht anders, als durch eine völlige Umarbeitung abgeholfen
werden, welches aber (zum wenigsten für jetzt) nicht tunlich sein
möchte. Was aber das zweite anbetrifft, so habe ich zu diesem Be-
huf folgende Anmerkungen verfertigt, wodurch ich dergleichen
Stellen erläutert und völlig verständlich gemacht zu haben glaube.
Und da ich also mein eigner Kommentator bin, so darf ich mir
schmeicheln, meinen Sinn erraten zu haben; welches, wenn ich
mich anders nicht betrüge, pro statu rerum – für kein geringes 162
Verdienst eines Autors zu achten ist. |

Anmerkungen und Erläuterungen.

(Seite 7) Die Mathematik bestimmt ihre Gegenstände völlig a pri-


ori etc. Die Gegenstände der Mathematik sind Zeit und Raum,
nach Regeln oder Bedingungen a priori bestimmt. Zeit und Raum
an sich, abstrahiert von den besondern Bestimmungen, sind zwar
(wie es gezeigt werden soll) Formen a priori von Gegenständen
der Anschauung a posteriori, sie sind aber (in so fern sie selbst
Anschauungen sind) Materie von Gegenständen der Mathematik;
folglich ist die Materie dieser Gegenstände a priori. Die Formen,
d. h. die Regeln oder Bedingungen selbst sind gewiß a priori, weil
335 | 337 Anmerkungen und Erläuterungen 183

Regeln oder Bedingungen nicht gegeben, sondern bloß gedacht


werden können.
(Seite 8) Die Frage ist also: Wie ist Philosophie als eine reine
Erkenntnis a priori möglich? Nach Kant: Wie ist Metaphysik mög-
lich? | Daß die Philosophie als eine angewendete Erkenntnis
möglich ist, ist begreiflich. Wir haben nämlich allgemeine Erfah-
rungssätze (die sich auf Gegenstände der Erfahrung beziehen),
welche wir durch Induktion herausgebracht haben; wir subsumie-
ren die besondern Fälle der Erfahrung diesen allgemeinen Sätzen:
163 dadurch sind wir im Stande, rationem eorum quae sunt vel fiunt an-
zugeben, d. h. zu philosophieren. Wie ist aber Philosophie als eine
reine Erkenntnis a priori (wo der Verstand sowohl Materie als
Form der Erkenntnis aus sich selbst hervorbringt) möglich? da
der Verstand bloß Regeln oder Bedingungen denken, nichts aber
denselben gemäß aus sich selbst schaffen kann? Soll sich die Phi-
losophie nicht auf reelle, sondern auf bloß logische Gegenstände
beziehen, so wird sie dadurch in eine Logik verwandelt werden;
aber alsdann wird sie gar keinen Gebrauch haben, d. h. sie wird
auf besondere Gegenstände der Erfahrung nicht anwendbar sein,
indem man keinen Grund haben wird, eine bestimmte Form viel
mehr auf eine Art Gegenstände, als auf eine andere Art zu appli-
zieren, weil ihre Möglichkeit auf alle Gegenstände ohne Unter-
schied sich beziehet. Ja sogar ihre Realität an sich wird zweifel-
haft sein, daß z. B. das Denken der Dinge im Verhältnisse von |
Ursache und Wirkung zu einander keinen Widerspruch enthält,
ist noch nicht hinreichend, die Realität dieses Verhältnisses zu be-
weisen. Wir werden also nicht nur die Begriffe von Ursache und
Wirkung, d. h. bestimmte Gegenstände der Erfahrung, der Form
der hypothetischen Urteile subsumiert, sondern auch diese Form
selbst bezweifeln müssen. Die Philosophie beziehet sich also nicht
auf bloß logische Gegenstände, nicht auf die a priori (wie die Ma-
thematik), auch nicht auf die a posteriori (wie die der Naturleh-
re); und so scheint schon alles erschöpft zu sein. Bei genauer
Überlegung aber finden wir doch einen Ausweg, nämlich die Phi-
losophie bezieht sich auf einen transzendentalen Gegenstand,
d. h. auf etwas, ohne welches kein reeller Gegenstand überhaupt
gedacht werden kann, nämlich auf Zeit und Raum, die die Mate-
184 Versuch über die Transzendentalphilosophie 337 | 339

rie der Gegenstände a priori, und die Form der a posteriori ausma-
chen. Ihre objektive Realität selbst aber beruhet darauf, weil
ohne sie kein reeller Gegenstand überhaupt gedacht werden
kann. Wir finden z. B. die Form der hypothetischen Urteile in Ge-
genständen der Erfahrung, d. h. wir denken sie durch dieselbe,
wodurch nicht nur diese Form an sich objektive Realität be-
kommt, sondern auch durch Beziehung derselben auf Zeitbe-
stim | mungen der Gegenstände der Erfahrung wird ihr Gebrauch
selbst gerechtfertigt, wie es in der Folge gezeigt werden soll.
(Seite 11) Zuweilen mache ich auch Anmerkungen u. s. w. Um
alle Mißdeutungen zu vermeiden, werde ich hierüber meine Mei-
nung der Welt öffentlich bekannt machen. Ich halte nämlich
Kants Kritik der reinen Vernunft für so klassisch und so wenig
widerlegbar, als das Werk des Euklides in seiner Art. Diese meine
Behauptung zu bestätigen, will ich es mit allen seinen Gegnern
aufnehmen. Ich halte aber doch, von der andern Seite betrachtet,
dies System für unzulänglich. Unser denkendes Wesen (es sei was
es wolle) fühlt sich als ein Bürger einer intelligibeln Welt; zwar ist
nicht diese intelligible Welt, ja nicht einmal dieses denkende We-
sen selbst, das Objekt seiner Erkenntnis, aber doch weisen ihn
selbst die sinnlichen Gegenstände auf die intelligibeln hin. Das
Dasein der Ideen im Gemüte zeigt notwendigerweise irgend einen
Gebrauch an, und da dieser in der Sinnenwelt nicht anzutreffen
ist: so müssen wir ihn in einer intelligibeln Welt, wo der Verstand
durch die Formen selbst Gegenstände bestimmt, auf welche sich
diese Ideen beziehen, aufsuchen. – Es kann sich daher mit | den
ersteren und mit seiner Art, dieselbe zu denken, nie befriedigen,
wie der Prediger sagt: Die Seele wird nie voll (befriedigt). Es er- 164
kennt sich also von der einen Seite auf die sinnliche Welt einge-
schränkt, von der andern Seite hingegen fühlt es in sich einen un-
widerstehlichen Trieb, diese Schranken immer zu erweitern, und
einen Übergang von der sinnlichen zur intelligibeln Welt (welches
gewiß, die Politiker mögen sagen, was sie wollen, wichtiger als
die Erfindung eines Weges nach Ostindien ist) ausfindig zu ma-
chen. Gesetzt, daß es auch diesen nie finden wird, so kann es
doch durch das stete Suchen desselben, andere Wahrheiten (die
vielleicht minder wichtig, aber doch wichtig genug und des Su-
339 | 341 Anmerkungen und Erläuterungen 185

chens würdig sind) finden. So wie etwa der Alchimist, der Gold
gesucht hat, und – Berliner Blau gefunden hat. Aus diesem Ge-
sichtspunkte muß man mein Vorhaben in gegenwärtiger Schrift
beurteilen, und von mir nicht fordern, was ich nie versprochen
habe. Parteisucht, Deklamieren, den Pöbel wider ein System, das
man nicht widerlegen kann, aufwiegeln – ist meine Sache nicht.
Ich suche Wahrheit; ob und wie weit ich sie gefunden habe, über-
lasse ich andern zu beurteilen. Ich weiche zwar in einzelnen Sät-
zen von Herrn Kant | ab; was aber die Hauptsache betrifft, dar-
über habe ich schon meine Meinung geäußert.
(Seite 13) Form der Sinnlichkeit u. s. w. Die Formen der Sinn-
lichkeit und des Verstandes sind sich einander gewissermaßen
entgegengesetzt. Die erstere macht dasjenige, was ohne dieselbe
außer dem Erkenntnisvermögen ist (das Reelle in der Empfin-
dung), in demselben gegenwärtig. Die Form des Verstandes hinge-
gen macht umgekehrt das, was ohne dieselbe bloß als eine Modi-
fikation des Erkenntnisvermögens in ihm ist (Anschauung), zum
Objekt außer demselben.
(Seite 13) Es wird dem Erkenntnisvermögen die rote Farbe ge-
geben u. s. w. Was Materie und was Form der Erkenntnis ist, ist
eine sehr wichtige Untersuchung. Die Nominaldefinition dieser
Bestandteile der Erkenntnis könnte so lauten: Dasjenige, was im
Gegenstande an sich betrachtet anzutreffen ist, ist die Materie;
was aber nicht im Gegenstande selbst, sondern in der Beschaffen-
heit des besondern Erkenntnisvermögens seinen Grund hat, ist
die Form dieses Gegenstandes. Die Frage ist aber: wodurch kann
man erkennen, was im Gegenstande an sich, und was im Erkennt-
nisvermögen in Bezie | hung auf demselben seinen Grund hat?
Kennten wir den Gegenstand an sich, außer dem Erkenntnisver-
mögen, und dieses Vermögen an sich, so könnten wir wissen, was
jenem an sich eigen ist, und was er bloß von diesem angenommen
hat; da dieses aber unmöglich ist, so bleibt diese Frage unauflös-
lich. Wir wissen z. B., daß der Wein in einem runden Gefäße bloß
des Gefäßes wegen rund ist; denn wäre er seinem Wesen nach
rund, so müßte er auch außer dem Gefäße rund sein, welches sich
doch nicht so verhält; hingegen ist das Gefäß auch ohne den Wein
rund. Wir nennen daher mit Recht den Wein an sich, wie er auch
186 Versuch über die Transzendentalphilosophie 341 | 343

außer dem Gefäße ist, Materie, und die runde Figur, die er bloß
von dem Gefäße angenommen hat, die Form. Laßt uns aber an-
nehmen, wir haben den Wein nie außer dem Gefäße, wie auch
dieses nie außer jenem gesehen; wie werden wir hier erkennen, ob
der Wein an sich, oder nur wegen des Gefäßes rund ist? Hier ist
eben der Fall. Wir können also Materie von Form bloß durch die
Merkmale der Besonderheit und Allgemeinheit unterscheiden. Ich
sehe z. B. einen roten Gegenstand im Raume, ich bemerke, daß
Raum nicht nur im roten, sondern auch in jedem andern sinnli-
chen Gegenstande, den ich wahrgenommen | habe, anzutreffen
sei; hingegen die rote Farbe nur in diesem Gegenstande angetrof-
fen wird, woraus ich also schließe, daß die letztere im Gegenstan-
de selbst, der erste aber bloß im Erkenntnisvermögen, in Bezie-
hung auf jeden Gegenstand, überhaupt gegründet sein müsse.
Aber warum auf jeden Gegenstand überhaupt? Vielleicht wird
sich noch einst ein Gegenstand finden, den ich auch nicht im
Raume (oder auch in der Zeit) wahrnehmen werde. Also haben
wir keinen Grund, die a posteriori durch Induktion herausge-
brachte Allgemeinheit dieser Vorstellungen zu einer Notwendig-
keit a priori zu erheben. Es ist hier nicht etwa wie mit einem Wi-
derspruche, von dem wir überzeugt sind, daß er nie gedacht
werden kann, weil wir dieses schon an den bloßen Zeichen, ohne
zu bestimmen, was sie bezeichnen sollen, erkennen. Hier erken-
nen wir bloß, daß wir noch bis jetzt keine Anschauung ohne Zeit
und Raum gehabt haben, nicht aber, daß wir sie ohne dieselbe
nicht haben können. Dort erkennen wir die Unmöglichkeit. Hier
erkennen wir bloß nicht die Möglichkeit. Und eben so ist es auch
mit den Formen des Verstandes. Herr Kant setzt bloß das Faktum
voraus, aber er beweist es nicht. Diese Prinzipien bleiben also nur
wahrscheinlich, nicht aber notwendig. |
(Seite 14) Denn sie enthalten kein Mannigfaltiges u. s. w. Die
verschiedenen Bestimmungen von Zeit und Raum (das Vorherge-
hende und das Folgende, das Rechte und Linke u. dgl.) machen
kein Mannigfaltiges aus, weil sie bloß verschiedene Glieder eines
Beziehungsbegriffs sind, und daher ohne einander nicht gedacht
werden können.
(Seite 15) Sind sie aber völlig verschieden u. s. w. Ich verstehe
343 | 345 Anmerkungen und Erläuterungen 187

darunter das Bewußtsein der Verschiedenheit, das mit dem Be-


wußtsein der Objekte an sich zugleich entstehet, d. h. das Be-
wußtsein einer jeden einzelnen Anschauung an sich. Denn wenn
das Bewußtsein der Dinge an sich schon vorher gegangen ist,
können wir allerdings zum Bewußtsein ihrer Verschiedenheit ge-
langen, wenn sie auch völlig verschieden sind. Wir nehmen z. B.
die Dichtigkeit und die Schwere eines Körpers wahr, und bemer-
ken zugleich, daß diese völlig verschieden sind; aber dieses setzt
voraus, daß wir schon vorher von der Dichtigkeit an sich, und
der Schwere an sich einen Begriff (durch Vergleichung verschiede-
ner dichter und schwerer Körper unter einander) erlangt haben.
Ehe dieses aber geschehen ist, können wir von der völligen Ver-
schie | denheit keinen Begriff erlangen, weil die völlige Verschie-
denheit ein Mangel einer objektiven Einheit ist, wie schon gezeigt
worden.
(Seite 15) In einerlei Ort sein ist keine Bestimmung des Raumes
u. s. w. Das Zugleichsein u. s. w. D. h. die Dinge, die in einerlei
Ort sind, sind nicht im Raume in Beziehung auf einander; sie sind
aber beide im Raume in Beziehung auf ein drittes, das außer den-
selben ist. So auch die Dinge, die zugleich sind, sind nicht in der
Zeit in Beziehung auf einander, wohl aber in Beziehung auf ein
drittes das mit beiden nicht zugleich ist.
(Seite 16) Die sinnliche Vorstellung der Verschiedenheit u. s. w.
165 Nach Baumgarten (Metaphysik §. 33.) sind Dinge verschieden,
wenn in dem einen Bestimmungen sind, die in dem andern nicht
sind. Dieser Erklärung zufolge, ist Verschiedenheit keine besonde-
re Form, sondern sie ist zum wenigsten eine Teil-Gegensetzung.
Man kann allenfalls diese Erklärung von Verschiedenheit der
Dinge in so fern wir von ihnen deutliche Begriffe habe, gelten las-
sen, von bloß klaren Begriffen hingegen kann sie nicht gebraucht
werden; weil wir diese | in ihre Bestimmungen nicht auflösen kön-
nen, um zu sehen, ob welche in dem einen sind, die in dem andern
nicht sind. Gesetzt ein Ding A hat zwei Bestimmungen a und b, B
hingegen nur die eine derselben a, so ist A von B durch die Be-
stimmung b die das erstere hat, das letztere aber nicht hat, ver-
schieden. Die Frage ist aber: wodurch sind diese Bestimmungen
selbst a, b, von einander unterschieden? (denn wenn sie es nicht
188 Versuch über die Transzendentalphilosophie 345 | 347

sind, so kann auch das durch sie bestimmte A, B, nicht von einan-
der unterschieden sein). Hier hilft uns die vorige Erklärung zu
nichts; weil wir diese Bestimmungen als einfach angenommen ha-
ben. Wir müssen also notwendig annehmen, daß die Verschieden-
heit hier eine besondere Form ist (nicht Gegensetzung). Die Form
der Einerleiheit beziehet sich auf ein objectum logicum d. h. auf ei-
nen unbestimmten Gegenstand, weil jeder Gegenstand überhaupt
mit sich selbst einerlei ist. Hingegen die der Verschiedenheit be-
ziehet sich bloß auf einen reellen Gegenstand; weil sie bestimm-
bare Gegenstände voraussetzt, (indem ein objectum logicum von
einem objectum logicum d. h. von sich selbst, nicht verschieden
sein kann). Die erstere ist also die Form alles Denkens überhaupt
(auch des bloß logischen). Die letztere hingegen ist die | Form al-
les reellen Denkens, folglich ein Gegenstand der Transzendental-
philosophie. Nun behaupte ich, daß die sinnliche Vorstellung
oder Anschauung des Raums in Beziehung auf besondere sinnli-
che Gegenstände, das sinnliche Schema oder Bild von der Ver-
schiedenheit dieser Dinge ist; die Anschauung des Raums in Be-
ziehung auf alle verschiedene sinnliche Gegenstände überhaupt
(welcher eigentlich der leere Raum ist) aber, das Schema der Ver-
schiedenheit der Dinge überhaupt ist. Diese Form wird aber nur
alsdann sinnlich vorgestellt, wenn sie nicht rein vorgestellt wer-
den kann, d. h. wenn die Anschauung, worauf sie sich beziehet,
einartig ist; beziehet sie sich hingegen auf verschiedenartige An-
schauungen, so kann sie rein vorgestellt werden. Ich nehme z. B.
das Wasser als einen einartigen Körper, ich stelle mir dasselbe im
Raume vor, ich bemerke im Wasser an sich keine Verschiedenheit
der Teile (weil es einartig ist), ich muß diese erst durch einen
Schluß heraus bringen (durch Beziehung der Teile auf verschiede-
ne Gegenstände am Ufer, z. B. indem ich schließe auf folgende
Art: Was sich auf verschiedene Gegenstände beziehet, muß selbst
verschiedenartig sein, atqui etc.) Diese sinnliche Vorstellung der 166
Verschiedenheit ist also ein Schema | des Begriffs der Verschieden-
heit, d. h. Raum als Anschauung. Stelle ich mir hingegen lauter
verschiedenartige Dinge vor, (wovon nicht jedes an sich aus einar-
tigen Teilen bestehet) so habe ich hier bloß den reinen Begriff von
Verschiedenheit, nicht aber sein Schema, d. h. Raum als Begriff,
347 | 349 Anmerkungen und Erläuterungen 189

nicht aber als Anschauung. Man siehet hieraus, daß obschon


Raum als Anschauung eine bloße Form der Sinnlichkeit ist, er
doch als Begriff eine Form alles Transzendental-Erkenntnisses
überhaupt ist; und so ist es auch mit der Zeit beschaffen, außer
daß diese sich auch auf Bestimmungen unseres Ichs beziehet.
(Seite 16) Und die letztern setzen die erstern voraus u. s. w.
D. h. überhaupt; nicht aber in eben denselben Gegenständen, wie
es in der folgenden Anmerkung gezeigt werden soll.
(Seite 16) Der Unterschied zwischen der absoluten und der re-
lativen Betrachtungsart u. s. w. Nämlich Raum, Ort, Bewegung
u. dgl. sind ihrem Wesen nach bloß relativ; wenn wir sie aber als
absolut betrachten, so ändert dies ihre Natur nicht, es ist bloß
eine Idee von der Vollständigkeit der Bedingungen oder von dem
Unbedingten | dieser Vorstellung, es ist also bloß ein subjektives
Prinzip.
(ibid.) Ja so gar die Einbildungskraft u. s. w. Nur unter dieser
Voraussetzung, daß nämlich die Wirkungen der Sinnlichkeit, Ein-
bildung u. s. w. eben die Wirkung des Verstandes und der Ver-
nunft, obgleich mit minderer Vollständigkeit ist, kann die Evi-
denz der Mathematik dargetan werden, sonst aber nicht, wie ich
in der Folge zeigen werde.
(Seite 17) Zeit und Raum u. s. w. (so wohl in Beziehung auf die-
se angenommene Einheit, als in Betracht der immer möglichen
Fortsetzung dieser Synthesis u. s. w. Man kann die angenomme-
ne Einheit als eine Vielheit in Ansehung eines Teils derselben, (der
als eine Einheit betrachtet wird) ansehen. Man kann wiederum
die angenommene Vielheit als eine Einheit betrachten, aus deren
sukzessivem Hinzufügen zu sich selbst, eine andere Vielheit ent-
springt.
(Seite 19) So können auch die Zeitbestimmungen ohne die Ka-
tegorien von Substanz und Akzidenz u. s. w. | Zeit setzt Verän-
derung voraus, diese setzt das Beharrliche und das Wechselnde
(Substanz und Akzidenz) und diese wiederum, bestimmte Gegen-
stände, voraus.
(Seite 22) Das Wort Vorstellung u. s. w. Eine Vorstellung im
eigentlichen Verstande, ist die Reproduktion von einem Teil einer
Synthesis in Beziehung auf diese Synthesis. Ehe man zum Bewußt-
190 Versuch über die Transzendentalphilosophie 349 | 351

sein dieser Synthesis gelangt, ist das Bewußtsein eines jeden Teils
derselben keine Vorstellung, sondern eine Darstellung, weil sie
sich alsdann auf nichts außer sich selbst beziehet. So ist auch das
vollständige Bewußtsein aller Teile der Synthesis und folglich
auch der Synthesis selbst, keine Vorstellung sondern, eine Dar-
stellung des (Verstandes) Dings selbst. Es ist aber zu bemerken,
daß so wohl das primitive Bewußtsein von einem Bestandteile ei-
ner Synthesis ohne ihn auf dieselbe zu beziehen, als das Bewußt-
sein der vollständigen Synthesis bloße Ideen sind, d. h. sie sind die
beiden Grenzbegriffe einer Synthesis, indem ohne Synthesis kein
Bewußtsein möglich ist, das Bewußtsein der vollständigen Synthe-
sis aber faßt das Unendliche in sich; folglich ist es einem einge-
schränkten Erkenntnisvermögen unmöglich. Ich betrachte aber
hier bloß die | erste Art Ideen, d. h. diejenigen, wovon das Be-
wußtsein seinen Anfang nimmt; weil wir ihr Dasein in uns allem
bestimmten Bewußtsein voraus setzen müssen. Die andere Art
Ideen hingegen kann von uns nie erreicht werden. Wir fangen
also mit unserer Erkenntnis der Dinge von der Mitte an und
hören wiederum in der Mitte auf. Wir machen es hier so wie z. B.
im Rechnen, nach unserm Zahlensystem, worin wir nach eben
denselben Regeln von der Einheit so wohl vorwärts als rückwärts
in Beziehung auf eine ausgedehnte Größe (durch die Dezimal-
brüche) schreiten, d. h. wir können uns immer eine größere und
eine kleinere Einheit denken, denn nachdem wir bis 10 gezählt
haben, denken wir die 10 als eine Einheit und zählen wiederum
10 solche Einheiten bis 100 u. s. w. d. h. wir denken immer eine
größere Einheit, so gehen wir auch rückwärts und denken 0,1,
0,01 u. s. w. als eine Einheit, d. h. wir denken immer eine kleinere
Einheit. Die absolute Einheit (wie sie in der reinen Arithmetik
betrachtet wird) ist eine Idee, die niemals in der Anschauung (de-
ren Formen Zeit und Raum sind, welche ins unendliche teilbar
sind) dargestellt werden kann. Eben so ist hier auch der Fall. Das
absolute erste im Bewußtsein eines Dinges | ist eine bloße Idee,
wozu wir durch das unendliche Abnehmen desselben d. h. nie-
mals in der Anschauung gelangen.
Ich bemerke ferner, daß es zweierlei Arten unendlich Kleines
gibt, nämlich ein symbolisches und ein anschauendes unendlich
351 | 353 Anmerkungen und Erläuterungen 191

Kleines. Das erstere bedeutet einen Zustand, wozu sich ein Quan-
tum immer nähert, worin es aber nie geraten kann, ohne daß es
aufhört zu sein was es ist, wir können also dasselbe bloß symbo-
lisch in diesem Zustand betrachten. Das zweite hingegen bedeutet
jeden Zustand überhaupt, worin ein Quantum geraten kann; hier
ist unendlich klein nicht so viel als gar kein Quantum, sondern
als kein bestimmtes Quantum. Ich will es mit Beispielen erläu-
tern. Der Winkel, den zwei Parallellinien mit einander machen,
der Kosinus eines rechten Winkels u. dergl. sind von der erstern
Art. Denn wenn ich sage: der Winkel, den zwei Parallellinien mit
einander machen, ist unendlich klein, so ist die Bedeutung davon
diese: Je weiter zwei Linien von ihren Anfangspunkten zusammen
kommen, desto kleiner wird der Winkel, den sie mit einander ma-
chen, und das gehet so lange, bis sie sich so weit von ihrem An-
fangs-Punkte entfernen, daß sie sich nicht mehr berüh | ren kön-
nen, und in diesem Zustand wird der Winkel unendlich klein,
aber er hört gänzlich auf Winkel zu sein. So auch wenn ich sage:
der Kosinus eines rechten Winkels ist unendlich klein, heißt es so
viel: je größer ein Winkel wird, desto größer wird sein Sinus und
desto kleiner sein Kosinus und dies so lange, bis er ein rechter
Winkel wird, alsdann ist sein Kosinus unendlich klein, d. h. er
hört gänzlich auf Kosinus zu sein u. dergl. Daß wir aber diese Zu-
stände, worin die Quanta niemals geraten können, dennoch be-
zeichnen, geschieht bloß darum, weil sie Grenzbegriffe sind, d. h.
ein bloß symbolisches unendlich kleines. Hingegen bedeutet die
Differentiale einer Größe, nicht den Zustand worin die Größe
aufhört zu sein was sie ist, sondern es bedeutet jeden Zustand,
worin sie geraten kann, ohne Unterschied, d. h. einen bestimmba-
ren aber unbestimmten Zustand. Wenn ich daher sage: d x : d y =
a : b so ist die Bedeutung nicht: x abstrahiert von aller Größe ver-
hält sich zu y abstrahiert von aller Größe, wie u. s. w., weil Nichts
zu Nichts kein Größenverhältnis haben kann; sondern die Bedeu-
tung ist diese: Man mag x so groß oder so klein annehmen, als
man immer will (wenn es nur eine Größe überhaupt hat) so folgt
immer aus der Gleichung | zwischen diesen Größen, daß x : y
u. s. w. Ich nehme also hier x omni dabili minus an, woraus folgen
wird d x : d y u. s. w. (eine Größe ist bei mir dasjenige, wovon ent-
192 Versuch über die Transzendentalphilosophie 353 | 355

weder etwas größeres oder etwas kleineres gedacht werden kann,


folglich ist auch das omni dabili majus und omni dabili minus, d. h. 167
das unendlich Große sowohl als das unendlich Kleine, eine
Größe). Das symbolische Unendliche ist bloß eine Erfindung der
Mathematiker, um dadurch ihren Sätzen Allgemeinheit zu ver-
schaffen. Wenn sie z. B. gewisse Sätze von einem Winkel oder Ko-
sinus überhaupt (er mag sein von welcher Größe er immer will)
bewiesen haben, so wenden sie diese Sätze auch auf diejenigen
Fälle an, wo diese Objekte gar keine Größe haben (ob dieses Ver-
fahren irgend einen Nutzen hat, in Erfindung neuer Wahrheiten,
will ich vor jetzt dahin gestellt sein lassen). Das reelle unendlich
Kleine hingegen ist zwar eine bloße Form, die nicht als Objekt
konstruiert, d. h. in der Anschauung dargestellt werden kann,
aber nichts desto weniger kann sie selbst als Objekt (nicht bloß
als Prädikat einer Anschauung) gedacht werden. Von dieser Art
ist z. B. die absolute Einheit in der reinen Arithmetik. Diese kann
keine Form von irgend einer Anschauung abgeben (indem jede
Anschauung ver | möge ihrer Formen Zeit und Raum teilbar ins
Unendliche ist, folglich keine absolute Einheit haben kann) so
daß daraus ein dadurch absolut bestimmtes Objekt entstehen
soll. Sie wird aber dennoch als Objekt der reinen Arithmetik
selbst betrachtet, weil sie, obschon nicht vermindert, doch ver-
mehrt werden kann.
Eben so ist es hier auch. Man denkt zwei Größen (Quanta) die
nur in Beziehung auf einander, nicht aber in Beziehung beider auf
ein drittes, in Verhältnis stehen. Dieses Verhältnis ist aber kein
unveränderliches Zahlenverhältnis, wie etwa das Verhältnis der
Irrationalgrößen ist, zu einander, sondern bloß ein allgemeines
Funktionsverhältnis, das in Ansehung des vorigen veränderlich
ist. Diese heißen unendlich kleine Größen, das heißt so viel als:
sie sind gar keine bestimmte Größen, (daß sie Größen überhaupt
sind, ist daher gewiß, weil sie doch ein allgemeines Funktionsver-
hältnis zu einander haben). Diese Betrachtungsart der Größen ist
nicht nur rechtmäßig, d. h. sie hat objektive Realität, sondern sie
ist auch von großem Nutzen, um dadurch neue Verhältnisse die-
ser Größen zu entdecken; dann da diese Größen in einem allge-
meinen Funktionsverhältnis zu einander stehen, so wird, | wenn
355 | 356 Anmerkungen und Erläuterungen 193

die eine derselben bestimmt wird, dadurch auch die andere be-
stimmt, d. h. sie bekommen ein Zahlenverhältnis zu einander, da-
durch bekommen auch ihre respektive Zustände ein Zahlenver-
hältnis zu einander; nun zeigt sich in der Anschauung, daß eine
dieser Größen zu einer dritten in dem Verhältnis dieser respekti-
ven Zustände zu einander stehen muß, und da die eine dieser
Größen schon bestimmt ist, so kann auch dadurch diese dritte
bestimmt werden, u. dergl. mehr.
Das metaphysische unendlich Kleine ist reell, weil Qualität al-
lerdings an sich abstrahiert von aller Quantität betrachtet werden
kann. Diese Betrachtungsart hat auch ihren Nutzen in Auflösung
der Frage: quid juris? indem die reinen Verstandesbegriffe oder
Kategorien sich niemals auf die Anschauungen unmittelbar bezie-
hen, sondern bloß auf ihre Elemente, die Vernunftideen von der
Entstehungsart dieser Anschauungen sind, und vermittelst dieser
auf die Anschauungen selbst. Eben so wie wir in der höhern Ma-
thematik aus den Differentialen verschiedener Größen, die Ver-
hältnisse dieser Größen selbst heraus bringen, so bringt auch der
Verstand (freilich auf eine dunkle Weise) aus den Realverhält-
nissen der Differentialen verschiedener Qualitäten, die Realver-
hält | nisse dieser Qualitäten selbst, heraus. Wenn man also ur-
teilt: Feuer schmelzt das Wachs; so beziehet sich dieses Urteil
nicht auf Feuer und Wachs als Objekte der Anschauung, sondern
auf ihre Elemente, die vom Verstande im Verhältnisse von Ursa-
che und Wirkung zu einander gedacht werden. Nämlich: ich hal-
te dafür, daß der Verstand nicht bloß ein Vermögen hat, allgemei-
ne Verhältnisse zwischen bestimmten Objekten der Anschauung
zu denken, sondern auch durch Verhältnisse Objekte zu bestim-
men. Er kann also mit Recht verschiedene Verhältnisse a priori
auf einander beziehen. So wie z. B. in der Arithmetik der Verstand
aus den allgemeinen Verhältnissen von Einheit und Vielheit, be-
stimmte Zahlenverhältnisse heraus bringt, auf die er nachher an-
dere Verhältnisse beziehet, so ist hier auch der Fall. Weiter kann
ich mich über die Materie nicht erklären. –
(Seite 24) Folglich muß dieses Δ vom Verstande in Ansehung
aller möglichen Konstruktionen niemals als schon entstanden
u. s. w. D. h. der Verstand denkt das Dreieck in Ansehung seiner
194 Versuch über die Transzendentalphilosophie 356 | 359

Größe unbestimmt. Die Einbil | dungskraft hingegen kann es nicht


anders, als bestimmt vorstellen, diese hat also die bestimmte An-
schauung selbst. Jener aber die Regel oder Entstehungsart dersel-
ben zum Gegenstande.
(Seite 25) Soll der Verstand eine Linie denken, so muß er sie in
Gedanken ziehen. Soll man aber in der Anschauung eine Linie
darstellen, so muß man sie sich als schon gezogen vorstellen
u. s. w. In dem Begriff von Linie im Verstande ist keine be-
stimmte Größe enthalten, folglich wenn er sie unter einer be-
stimmten Größe denken soll, so muß er sie erst durch Hülfe der
Einbildungskraft dahin ziehen. Die Anschauung einer Linie hin-
gegen, enthält schon eine bestimmte Größe in sich, folglich bleibt
ihr in diesem Betracht nichts mehr zu tun übrig.
(Seite 26) Reine Begriffe u. s. w. bis zu Ende Seite 37. ist eine 167a
Entwickelung des Begriffs der Formen, deren Gebrauch (Seite 38)
erklärt werden soll. Eigentlich ist es eine Anmerkung zu S. 56.
das durch ein Versehen hieher geraten ist. |
(Seite 26) Ja so gar die Möglichkeit derselben unbegreiflich ist
u. s. w. Die Möglichkeit eines synthetischen Satzes kann nur
durch seine Wirklichkeit (seinen wirklichen Gebrauch) dargetan
werden. Ehe ich z. B. eine gerade Linie konstruiere, d. h. in einer
Anschauung darstelle, kann ich zwar dieselbe als die kürzeste
zwischen zweien Punkten denken; weil eine gerade Linie sein, und
die kürzeste zwischen zweien Punkten sein, einander nicht wider-
spricht. Ich habe aber alsdann keinen Grund, sie als die kürzeste,
vielmehr als anders wirklich zu denken; weil auch: eine gerade Li-
nie sein, und nicht die kürzeste sein, keinen Widerspruch enthält.
Ja es ist so gar zu zweifeln, ob nicht bei genauer Erklärung einer
geraden Linie sich zeigen wird, daß der Satz: eine gerade Linie
u. s. w. in der Tat einen Widerspruch enthält. Da aber dieser Satz
in einer wirklichen Konstruktion gebracht wird, so erhellet hier-
aus, daß er nicht bloß keinen Widerspruch enthält, sondern auch
daß er einen objektiven Grund hat.
(Seite 27) Was er nämlich selbst darin zum Behuf der Erfah-
rungssätze hinein gebracht hat u. s. w. | Die Formen der Urteile
in Beziehung auf bestimmbare nicht aber auf bestimmte Gegen-
stände, haben bloß einen subjektiven, aber keinen objektiven
359 | 361 Anmerkungen und Erläuterungen 195

Grund (sie sind bloß verschiedene Arten, reelle Gegenstände


überhaupt, nicht aber diese oder jene bestimmte Gegenstände zu
denken). Nur dadurch also, daß der Verstand zu diesen objekti-
ven Formen hinzu tut, ist er im Stande, Objekte und ihre Verhält-
nisse unter einander zu denken, d. h. Erfahrungssätze zu machen.
(Seite 27) Jeder mögliche Gegenstand kann Ursache von etwas
168, 169 sein u. s. w. Siehe Kritik der reinen Vernunft, S. 189. Meine
Meinung darüber siehe in der kurzen Übersicht.
(Seite 36) Rein ist u. s. w. Sagt man: dieser Erklärung zufolge,
haben wir gar keine reine Erkenntnis; weil der Satz des Wider-
spruchs bloß ein negatives Kriterium (conditio sine qua non) der
Erkenntnis ist, so antworte ich hierauf: daß wir in der Tat keine
völlig reine Erkenntnis haben, aber wir haben auch diese nicht
nötig. Zum Gebrauche unserer Vernunft ist die hypothetische Set-
zung der Grundsätze hinreichend. Zum praktischen Gebrauche
sind auch vermischte Grundsätze hinrei | chend; weil dasjenige,
was daraus hergeleitet und dadurch bestimmt wird, von eben
derselben Art ist. Ja wir haben so gar einen Grund aus der All-
gemeinheit der Sätze dieser Art auf ihre Notwendigkeit zu
schließen, indem wir annehmen: daß diese bei uns bloß syntheti-
sche, bei einem höhern Verstande analytische Sätze sein müssen.
(Seite 37) Sie sind keine Einheiten, wodurch das Mannigfaltige
der Anschauung verknüpft wird, sondern selbst ein Mannigfalti-
ges, welches durch Einheit verknüpft wird u. s. w. Diese ist
nämlich die Einheit der Apprehension der Einbildungskraft, wo-
durch das gleichartige Mannigfaltige zu einer einzigen Anschau-
ung wird.
(Seite 37) Aber seine Möglichkeit ist bloß problematisch u. s. w.
Dieses wird manchem seltsam genug vorkommen, daß ich näm-
170 lich wider den bekannten metaphysischen Satz: alles Wirkliche ist
möglich, behaupte: daß wenn schon die Farbe wirklich, dennoch
ihre Möglichkeit bloß problematisch ist. Man bedenke aber, daß
der bloße Mangel eines Widerspruchs noch kein Denken eines re-
ellen Objekts | gibt, und obschon im vorliegenden Falle das Ob-
jekt reell ist, so ist es nur in Ansehung des Anschauungs- nicht
aber des Denkensvermögens reell. Die Möglichkeit der Farbe als
Objekt des Verstandes bleibt daher bloß problematisch.
196 Versuch über die Transzendentalphilosophie 361 | 363

(Seite 37) Eine Wurzel von zwei u. s. w. Daß es keinen Wider-


spruch enthält, daß zwei eine Wurzel haben soll, glaube ich, wird
mir jeder zugeben, und wenn man sagt: es gibt keine Zahl aus de-
ren Produkt mit sich selbst die Zahl 2 entspringt, so heißt es so
viel als: wir finden unter allen möglichen Zahlen keine, die dieser
Bedingung entspricht. Wir erkennen also dadurch, daß die Zahl 2
nicht auf diese Art entstanden ist. Hingegen √ –a enthält einen
Widerspruch; denn es heißt so viel: eine Zahl, aus deren Produkt
mit sich selbst, –a entspringt; hier brauche ich nicht erst (wie bei
den irrationalen Wurzeln) Proben zu machen, ob diese oder jene
Zahl dieser Bedingung entspricht oder nicht, sondern ich bin
schon a priori überzeugt, daß es keine Zahl von dieser Art geben
kann; weil aus keinem Produkt einer Zahl mit sich selbst ein Mi-
nus entspringen kann.
(Seite 39) Wollen wir die Sache genauer betrachten u. s. w. |
Mancher schulgerechte Professor, der etwas von der Frage: quid
juris? vernommen hat, (wenn ich nur die Ehre haben sollte, von
diesen Herren gelesen zu werden, welches ich mir nicht verspre-
chen darf) wird hier, den Kopf schüttelnd, ausrufen: ein seltsamer
Einfall! die Frage: quid juris? auf die Frage: de commercio animi et
corporis, zu reduzieren! Aber was manchem Professor als seltsam
vorkömmt, braucht nicht deswegen in der Tat seltsam zu sein. Er
bedenke nur, daß er so wenig von Seele als von Körper als nou-
mena, einen Begriff hat, und daß man nur verschiedene Arten des
Bewußtseins durch diese Namen unterscheidet, nämlich das Be-
wußtsein der Formen a priori, heißt Seele; das Bewußtsein von et-
was bloß Gegebenem aber heißt Materie, und die Verknüpfung
beider bringt dasjenige, was man diesen oder jenen Gegenstand
nennt, hervor. Nun möchte ich gerne wissen, ob man einen haar-
breiten Unterschied zwischen den von mir verglichenen Fragen
ausfindig machen kann? Übrigens gestehe ich gern, daß nicht Ari-
stoteles, nicht Kartesius, nicht Leibniz, samt ihren respektiven
Anhängern diese Frage in diesem Sinne genommen haben. Bei
ihnen hatte dieselbe die bloße philosophische Neugierde zum
Grunde, sie war bei ihnen | ein Gegenstand der angewandten,
nicht der transzendentalen Philosophie; bei ihnen war ihre Bedeu-
tung diese: wir erkennen aus der Erfahrung zweierlei tota von Er-
363 | 365 Anmerkungen und Erläuterungen 197

scheinungen (die nach ihrer Voraussetzung zweierlei Arten Akzi-


denzen von zweierlei Arten Substanzen sein mußten), die auf das
genaueste zusammen hängen, so daß jede bestimmte Akzidenz
der einen eine ihr korrespondierende Akzidenz der andern immer
begleitet. Wie sollen wir dieses nach den allgemeinen Naturgeset-
zen (die ebenfalls a posteriori sind) erklären? Die Bedeutung der
Frage: quid juris? bei Kant aber ist diese: wir wissen aus der Er-
fahrung, daß wir bestimmte Formen des Denkens a priori mit be-
stimmten Gegenständen a posteriori auf eine notwendige Art ver-
knüpfen, so lange wir aber an den Gegenständen nichts a priori
ausfindig machen, ist dieses unmöglich, und daher diese notwen-
dige Verknüpfung eine bloße Illusion. Was ist also dasjenige a pri-
ori, wodurch wir berechtigt sind, dieselbe für reell auszugeben?
Was mich anbetrifft, so lege ich auch ein Faktum zum Grunde,
aber nicht ein Faktum, das sich auf Gegenstände a posteriori (weil
ich dieses bezweifle), sondern ein Faktum, das sich auf Gegen-
stände a priori (der reinen Mathematik) beziehet, wo wir | For-
men (Verhältnisse) mit Anschauungen verknüpfen, und da dieses
Faktum unbezweifelt ist, und sich auf Gegenstände a priori bezie-
het, so ist es gewiß möglich, und wirklich zugleich. Meine Frage
ist aber: wie ist es begreiflich (Quid juris heißt bei mir so viel als
quid rationis? weil dasjenige rechtmäßig ist was gesetzmäßig ist,
und in Ansehung des Denkens ist dasjenige rechtmäßig, was den
Gesetzen des Denkens oder der Vernunft gemäß ist). Hr. Kant
zeigt bloß die Möglichkeit seines Faktums, das er bloß voraus-
setzt. Mein Faktum hingegen ist gewiß, es ist auch möglich. Ich
frage bloß: was für eine Hypothese muß ich annehmen, wodurch
es begreiflich werden könnte? Meine Frage hat also wie die ande-
re, womit ich sie verglichen habe, bloß in einer philosophischen
Neugierde ihren Grund, sie gehört also nicht zur Transzendental-
philosophie. Da aber meine Auflösung allgemein ist, folglich auch
in Beziehung auf Gegenstände der Transzendentalphilosophie ge-
braucht werden kann, und außer diesem sie bei mir durch die
Kantische Frage, die nur die Transzendentalphilosophie betrifft,
veranlaßt worden ist, so glaubte ich berechtigt zu sein, sie hier
anzubringen. |
171 (Seite 40) Wir nehmen an u. s. w. Mancher Leser wird glau-
198 Versuch über die Transzendentalphilosophie 365 | 366

ben, hier den Spinozismus zu erblicken. Um also allen Mißdeu-


tungen dieser Art vorzubeugen, will ich mich hier ein für allemal
erklären: daß ich Vorstellung oder Begriff eines Dinges mit dem
Dinge selbst, oder was zu seiner Existenz gehört, für nicht so he-
terogen halte, als man gemeiniglich glaubt; sondern bei mir ist
das Ding selbst außer seiner Vorstellung oder seine Existenz:
Complementum possibilitatis d. h. das was zu seiner Möglichkeit 172
gehört, ohne daß wir es einsehen. Die Realität dieser beruhet bloß
auf der Negation oder Einschränkung von jener. Bei einem un-
endlichen Verstande ist also das Ding und seine Vorstellung Eins
und Ebendasselbe. Eine Idee ist eine Methode, einen Übergang
von der Vorstellung oder dem Begriffe eines Dinges zum Dinge
selbst zu finden; sie bestimmt zwar kein Objekt der Anschauung,
aber sie bestimmt doch ein reelles Objekt, dessen Schema das Ob-
jekt der Anschauung ist z. B. das Schema zu der Idee eines unend-
lichen Verstandes ist unser Verstand. Dieses Schema deutet hier
auf die Idee, und die Idee auf das Ding selbst oder auf seine Exi-
stenz, ohne welche diese Idee und ihr Schema selbst unmöglich |
wären. Ich weiche also in diesen zwei Hauptstücken von Hrn.
Kants Meinung ab. 1) Daß ich anstatt der drei Ideen, die er an-
nimmt, eine einzige für hinreichend halte (die Idee eines unendli-
chen Verstandes). 2) Anstatt daß Herr Kant dergleichen Ideen für
gar keine Objekte unserer Erkenntnis hält, ich sie zwar für keine
Objekte der Anschauung, wohl aber für Objekte des Verstandes,
die, wenn schon nicht an sich (unmittelbar) dennoch vermittelst
ihres Schema’s (was von ihnen in der Anschauung gegeben ist) als
bestimmte Objekte des Denkens von uns erkannt werden.
Ich unterscheide mich also von Hrn. Kant bloß darin, daß ich
anstatt drei Ideen, die er annimmt, eine einzige Idee (eines unend-
lichen Verstandes) annehme, und daß ich dieser Idee objektive
Realität beilege zwar nicht an sich betrachtet (denn dieses ist wi-
der die Natur einer Idee), sondern bloß in so fern sie durch die
Objekte der Anschauung auf mannigfaltige Art, objektive Rea-
lität für uns bekömmt. Und auch umgekehrt, nämlich die An-
schauungen bekommen nur dadurch objektive Realität, weil sie
sich zuletzt in dieser Idee auflösen müssen. Denn diese haben (wie
Hr. Kant selbst bewiesen hat) nur dadurch, daß sie durch reine
366 | 368 Anmerkungen und Erläuterungen 199

Begriffe a priori verknüpft werden, objektive | Realität. Nun aber


dringt der Verstand (oder nach Hrn. Kant, die Vernunft) in diesen
Begriffen auf die absolute Totalität; folglich ob schon diese Tota-
lität bei uns unerreichbar ist, so gehört sie doch so gut zum We-
sen des Verstandes, als diese Begriffe überhaupt.
Der Grundriß dieses Systems also, wie ich ihn hier entworfen
habe, nicht sein Name, muß geprüft und alsdann entweder gebil-
173 ligt, oder zu welcher Strafe man will, verdammt werden. An flam-
ma, an mari adriatico? Und doch flüstert mir mein Genius zu, was
174 die Sybilla von Horaz diviniert hat: Hunc neque dira venena, nec
hosticus auferet enfis … Garrulus hunc quando consumet cumque
etc. Gegen diesen hilft freilich kein Präservativ; also für jetzt mag
dieses hinreichend sein.
(Seite 41) Hieraus entspringt in der Anschauung ein Dreieck
u. s. w. Man könnte mir hier die Einwendung machen, daß nur
unter der Voraussetzung, daß zwei dieser Linien zusammenge-
nommen größer, als die dritte sind, daraus ein Δ entstehen kann,
ich folglich nicht mit Recht die Voraussetzung selbst zum Grunde
ihres Beweises legen kann. | Man merke aber, daß ich nicht diesen
synthetischen Grundsatz: Aus drei Linien, deren zwei zusammen-
genommen größer als die dritte sind, kann ein Δ entstehen, zum
Grunde meines Beweises gelegt habe, sondern bloß diesen: aus
drei Linien überhaupt (ohne die Bedingung derselben zu bestim-
men) kann ein Δ entstehen, und hieraus beweise ich erst die Be-
dingung dieser drei Linien, daß nämlich zwei derselben zusam-
mengenommen größer, als die dritte sein müssen, woraus zugleich
mein Satz folgt, daß nämlich zwei Linien größer, als eine Linie
zwischen eben denselben zwei Punkten ist; und ob schon der Satz
selbst, den ich zum Grunde gelegt habe, bloß synthetisch durch
eine reine Anschauung dargetan werden kann, so bin ich doch
durch diesen meinen Beweis einen Schritt weiter gekommen, in-
dem ich die Bedingung der drei Linien, die nach Herrn Kant bloß
synthetisch in der Anschauung, nach meiner Art aber analytisch
bestimmt werden.
(Seite 43) Welche Ahndung, wie ich glaube u. s. w. Es ist be-
kannt, daß um den Beweis eines geometrischen Lehrsatzes, oder
die Auflösung einer Aufgabe zu finden, man bisher noch keine
200 Versuch über die Transzendentalphilosophie 368 | 370

allge | meine Methode hat entdecken können, sondern es kommt


hier bloß auf gewisse Kunstgriffe in Ziehung der sogenannten
Vorbereitungslinien an. Nun kann man aber Gott weiß, wie viel,
dergleichen ziehen, sie auf mannigfaltige Art, sowohl unter einan-
der als mit den schon gegebenen, verknüpfen, und doch dadurch
diesen Endzweck entweder gar nicht, oder erst nach vielem Her-
umirren erreichen. Es gehört also Genie, d. h. eine Art Ahndung
oder Instinkt dazu, um gewissen Linien zum voraus es anzusehen,
daß sie diejenigen sind, die ohne allen Umschweif zum verlangten
Endzweck führen. Newton in seiner Arithm. univer. Sect. IV, C. I. 175
§. 17. sagt: »Schemata plerumque sunt construenda, idque saepissi-
me conducendo aliquas ex lineis donec secent alias, aut sint assig-
natae longitudinis: vel ab insigniori quolibet puncto ducendo lineas
aliis parallelas, aut perpendiculares, vel insigniora puncta conjun-
gendo, ut et aliter nonnunquam construendo, prout exigunt status
problematis, et theoremata quae ad ejus solutionem adhibentur.
Quemadmodum si duae non concurrentes lineae datos angulos cum
tertia quadam efficiant, produoimus forte ut concurrentes consti-
tuant triangulum, cujus anguli et proinde laterum ratio dantur. Vel
si quilibet angulus detur, aut sit alicui aequalis, triangulum saepe
complemus specie datum aut alicui | simile, idque vel producendo
aliquas ex lineis in Schemate vel subtensam aliter ducendo. Si trian-
gulum sit obliquo-angulum, in duo rectangula saepe solvimus dimit-
tendo perpendiculum. Si de Figura multilateri agatur, resolvimus in
triangula, ducendo lineas diagonales, et sic in caeteris; ad hanc me-
tam semper collimando ut, schema in triangula vel data vel similia
vel rectangula resolvatur.« Dieses alles hat seine Richtigkeit, aber
ich glaube doch, daß man ein Newton sein muß, um sich derglei-
chen Vorschriften zu Nutze machen zu können. Newtons Vor-
schriften zum Erfinden in der Mathematik kommen mir, wie
Klopstocks Vorschriften zur höheren Dichtkunst, vor. Lukrez hat 176, 177
nicht so ganz Unrecht, wenn er die Erfinder mit den Spürhunden
vergleicht. Ut canes etc.
(Seite 44) Woher weiß man bei der Wahrnehmung der Folge
von b auf a u. s. w. Diese Frage will zweierlei sagen. 1) Gesetzt,
daß wir die Folge von b auf a als objektiv erkennen, wodurch wir
berechtigt sind, sie der Kategorie von Kausalität zu subsumieren,
370 | 372 Anmerkungen und Erläuterungen 201

d. h. ihr die Notwendigkeit nach einer Regel beizulegen (weil


ohne das diese Folge nicht objektiv sein wird), so ist die Frage:
woran erkennen wir, daß die Folge von b auf a, nicht aber von c
178 auf a objektiv ist? | Z. B. der Ofen in der Stube ist geheizt worden,
wir bemerken, daß darauf die Luft in der Stube warm geworden,
und daß draußen ein Schnee gefallen ist; man kann also die bei-
den Folgen mit gleichem Rechte als objektiv oder als subjektiv
annehmen. Was für einen Grund haben wir also, die Erwärmung
der Stubenluft als objektive, und das Fallen des Schnees als sub-
jektive Folge zu betrachten? Ich glaube, wenn man den Gemein-
sinn zu Rate zieht, so werden beide Folgen in der Tat als objektiv
betrachtet, man sagt nicht bei dieser Gelegenheit: es kommt mir
vor, als wenn (in Folge auf das Vorhergehende) Schnee fiele, son-
dern absolut: es fällt Schnee; so wenig, als man sagt: es kommt
mir vor, als wäre (dadurch) die Stube warm, sondern: sie ist
warm. Wird man sagen, daß man dieses daran erkennt, weil wir
aus öfterer Erfahrung wissen, daß diese Erwärmung auf das Hei-
zen des Ofens folgt, niemals aber demselben vorhergehet, hinge-
gen das Fallen des Schnees auch demselben zuweilen vorhergehet:
so wird der Gebrauch des Satzes von Ursache, d. h. seine Anwen-
dung auf besondere Gegenstände bloß auf der Erfahrung beru-
hen, welches eben David Humes Behauptung ist. Was hilft uns
die allgemeine Regel a priori, daß sowohl b als c | müssen auf et-
was nach einer Regel folgen (wenn diese Folge objektive Realität
haben soll), da wir doch erst aus der Erfahrung lernen müssen, ob
es b oder c sei, das in Beziehung auf a dieser Regel subsumiert
werden muß? 2) kann das erste Faktum selbst geleugnet werden,
daß wir nämlich irgend eine Folge als objektiv betrachten; es
kann alles ein Traum sein, und alsdann wird nicht nur der Ge-
brauch von dem Begriffe von Ursache in besondern Fällen, son-
dern sein Gebrauch überhaupt keine objektive Realität haben,
weil wir in der Tat keine objektive Folge haben.
179 Nach meiner Theorie hingegen (siehe kurze Übersicht des
ganzen Werkes) ist der Begriff von Ursache nicht bloß eine Bedin-
gung der Erfahrung, sondern selbst der Wahrnehmung; folglich
mag die Objektivität der Folge immerhin bezweifelt werden, so
ist erstlich der Begriff im Allgemeinen objektiv in Beziehung auf
202 Versuch über die Transzendentalphilosophie 372 | 374

die wirkliche Wahrnehmung, die niemand in Zweifel ziehen wird.


Ich drücke nämlich den Satz von Ursache so aus: Wenn a vorher-
gehen und b (in der Wahrnehmung) darauf folgen soll, so müssen
a und b unter der Regel vom Verhältnisse des Maximum der Ei-
nerleiheit mit einander stehen, weil sonst bei Wahrnehmung des b
keine Reproduktion des a, folglich keine Be | ziehung der Folge
zwischen ihnen möglich wäre. Zweitens bestimmt diese Regel zu-
gleich den Gebrauch desselben; ich halte nämlich darum b, aber
nicht c für Wirkung von a, weil das erstere dieser Regel gemäß
ist, das letztere aber nicht. Und wenn schon ich auch dieses als
eine Folge von a betrachte, so geschieht es nicht unmittelbar, son-
dern durch Beziehung des Zugleichseins mit jenem, welches eine
Folge von a ist.
(Seite 46) Die materielle Vollständigkeit u. s. w. Dieser Er-
klärung zufolge gibt es in der Mathematik sowohl Verstandes- als
Vernunftideen. Die Differentialgrößen sind von der ersteren Art;
denn sie sind reelle Objekte, die durch Bedingungen a priori be-
stimmt sind, sie können aber nicht konstruiert, d. h. in der An-
schauung dargestellt werden, weil sie (indem sie bloß durch ein
allgemeines Funktionsverhältnis, das als Zahlenverhältnis sich
beständig ändert, ausgedrückt werden) abstrahiert von aller
Größe betrachtet werden müssen; sie sind also Verstandesideen.
Hingegen sind z. B. die Asymptoten einer krummen Linie keine
reelle Objekte, sondern bloße Grenzbegriffe, sie bedeuten etwas,
wozu man sich immer näheren, aber das man nie erreichen kann,
nicht bloß in Ansehung | einer empirischen, sondern auch in An-
sehung einer reinen Konstruktion. Von dieser Art ist auch eine ir-
rationale Wurzel. Sie sind also Vernunftideen.
(Seite 47) Die Reihe, wodurch man eine irrationale Zahl aus-
drückt etc. Mancher Leser wird glauben, hier einen Wider-
spruch zu finden, indem ich in voriger Anmerkung eine irrationa-
le Zahl für eine Vernunftidee ausgegeben habe; hier aber zähle ich
die Reihe, womit man eine irrationale Zahl ausdrückt, unter die
Verstandesideen. Man bemerke aber, daß es einen Unterschied
gibt, zwischen einer irrationalen Zahl, und der Reihe, wodurch
sie ausgedrückt wird. Die erstere ist als Objekt unmöglich, weil
man beweisen kann, daß ihr keine ganze und auch keine gebro-
374 | 376 Anmerkungen und Erläuterungen 203

chene Zahl entsprechen kann, folglich ist sie bloß eine Vernunft-
idee von der Grenze der Näherung zu einer Zahl. Sie ist aber des-
wegen nicht Nichts; denn wenn schon sie keine Zahl ist, so ist sie
doch eine geometrische Größe, die angegeben werden kann. Un-
ter der Reihe, wodurch sie ausgedrückt wird, verstehet man nicht
die Summe aller Glieder nach irgend einer Einheit, sondern man
verstehet bloß darunter folgende Vorschrift: Man teile die Linie,
wodurch sie vorgestellt wird, in n Teile, und nehme den Teil | n;
hernach teile man sie wieder in o Teile, und nehme den Teil o und
addiere ihn zu n, aber nicht wie eine Zahl zu einer andern, so daß
die Summe wieder eine Zahl wird, sondern wie eine Linie zu der
andern. Wenn z. B. der erste Teil ein Dritteil, und der andere ein
Vierteil ist, so soll man nicht ihre Summe addieren, so daß daraus
7
(auf eine Einheit reduziert) 1 2 entspringen sollte, sondern bloß,
daß man beide Linien in eine zusammennehmen soll. Sind also
die Teile unendlich, so ist diese Teilung, in Beziehung auf ein end-
liches Wesen, unmöglich, nicht aber an sich. Die Summe aller Tei-
le, ihre Anzahl mag endlich oder unendlich sein, ist immer dem
Ganzen gleich. Ist ihre Anzahl unendlich, so kann ihre Summe
nicht als Zahl, wohl aber als Linie angegeben werden.
(Seite 48) Und so sind auch die Asymptoten einer krummen Li-
nie u. s. w. Nämlich die Regel der Asymptoten ist diese: jeder
Teil derselben muß der krummen Linie näher, als der ihm vorher-
gehenden sein, ohne doch dieselbe zu erreichen. Diese Regel auf
jeden möglichen Teil ins Besondere zu beziehen, ist eine Verstan-
desidee; denn in Beziehung auf jeden Teil ins Besondere enthält
sie etwas inprakti | kables, aber nichts unmögliches; denn die Be-
deutung ist diese: ziehe erstlich den Teil a, hernach b, hernach c
u. s. w. ohne Aufhören nach dieser Regel. Hingegen ist diese Regel
auf alle mögliche Teile (die als schon gezogen angenommen wer-
den) angewendet, eine Vernunftidee, weil sie etwas Unmögliches
enthält, indem sie die Allheit der Teile als vollendet und nicht
vollendet zugleich vorstellt; folglich bedeutet diese Allheit kein
Objekt (nicht einmal eines unendlichen Verstandes), sondern bloß
die Näherung zu einem Objekte.
(Seite 49) Die subjektive Ordnung etc. Ich verstehe nicht dar-
204 Versuch über die Transzendentalphilosophie 376 | 378

unter die Ordnung der Zeit, sondern die Ordnung der Natur,
d. h. nicht dasjenige ist hier eher, als das andere, was der Zeit
nach demselben vorhergehet, sondern was der Natur der Denk-
barkeit nach demselben vorausgesetzt werden muß. Die subjekti-
ve Ordnung ist also 1) Sinnlichkeit, ohne welche wir gar kein Be-
wußtsein haben, und welche die Materie desselben ausmacht; 2)
Anschauung oder Verknüpfung von Materie und Form der Sinn-
lichkeit; 3) Verstandesbegriffe, oder Verknüpfung von Formen
des Denkens und der Anschauungen, oder Verknüpfung der An-
schauungen durch Formen | des Denkens; 4) Vernunftideen, oder
die Formen des Denkens an sich als Objekte betrachtet.
Die objektive Ordnung (eines uneingeschränkten Erkenntnis-
vermögens) ist 1) Verstandesideen, hier ist keine Sinnlichkeit, kei-
ne Anschauung, sondern nur die Vorstellungen aller möglichen
Dinge. 2) Verstandesbegriffe, wodurch diese in einer Einheit der
Apperzeption verknüpft werden. 3) Vernunftideen, oder die Vor-
stellung dieses Erkenntnisvermögens selbst, als absolute Sub-
stanz, oberste Ursache u. s. w.
(Seite 51) Wenn eine Synthesis u. s. w. Daß nicht jeder Teil ei-
ner Synthesis zugleich als Subjekt und als Prädikat in Beziehung
auf den andern Teil, betrachtet werden kann, zeigt schon der
Sprachgebrauch. Z. B. man kann wohl sagen: ein viereckiger
Tisch, nicht aber ein tischichter Viereck. Eine schwarze Linie,
nicht aber ein linigtes Schwarz u. dergl. Wo mag der Grund davon
liegen? Will man sagen, (wie man in der Tat vorgibt) das Allge- 180
meine ist Prädikat, und das Besondere Subjekt einer Synthesis?
Aber warum ist Viereck allgemeiner als Tisch? etwa darum, weil
nicht nur ein Tisch, sondern auch eine Türe, ein Fenster, u. s. w.
viereckig sein kann; aber so kann auch | nicht nur ein Viereck,
sondern auch ein Zirkel, ein Dreieck u. s. w. Tisch sein, und so ist
es auch mit dem zweiten Beispiele beschaffen; schwarz kann meh-
reren Dingen zukommen, als der Linie, aber auch Linie kann
mehreren Dingen, als dem Schwarz zukommen. Der Grund ist
also notwendig der von mir angegebene; nämlich: Subjekt ist der-
jenige Teil einer Synthesis, der auch an sich eine Synthesis aus-
macht, daher er auch an sich, ohne Beziehung auf den andern
Teil, als Objekt gedacht werden kann. Prädikat aber ist der ande-
378 | 380 Anmerkungen und Erläuterungen 205

re Teil, der an sich keine Synthesis ausmacht, daher er bloß als


Bestandteil einer Synthesis, nicht aber an sich als Objekt gedacht
werden kann.
(Seite 52) Ein abstrakter Begriff macht natürlicher Weise einen
andern abstrakten Begriff notwendig u. s. w. Zur Erläuterung
dieses, denke man sich einen rechten Winkel. Z. B. Von dieser
Synthesis könnte ich keinen Begriff haben, wenn ich nicht von je-
dem ihrer Bestandteile, nämlich von Winkel an sich, und dem
Rechtsein an sich, einen Begriff hätte. Daher so bald der eine der-
selben als ein abstrakter Begriff möglich ist, muß auch der
an | dere als ein solcher möglich sein. In der Anschauung aber
kann so wenig Winkel an sich (ohne alle Bestimmung) als das
Rechtsein an sich dargestellt werden. Es ist aber doch zwischen
diesen beiden ein Unterschied, nämlich daß Winkel an sich, ob
wohl nicht in der Anschauung dargestellt, dennoch durch diesel-
be als Objekt (wovon etwas Bestimmtes prädiziert werden kann)
gedacht wird. Hingegen das Rechtsein an sich, nicht nur in der
Anschauung nicht dargestellt, sondern auch nicht einmal als Ob-
jekt gedacht wird (indem davon nichts Bestimmtes prädiziert
werden kann). Das erstere ist also Subjekt, das letztere aber Prä-
dikat dieser Synthesis.
(Seite 54) Oder noch kürzer u. s. w. Im ersten Beweise habe
ich die Folgen beider Syntheses verschieden gesetzt und daraus
die Unmöglichkeit der Gemeinschaft eines Prädikats in verschie-
denen Subjekten gezeigt. Hier setze ich die Folgen einerlei, und
zeige eben diese Unmöglichkeit, dadurch daß unter dieser Voraus-
setzung, diese Folgen nicht der einen oder der andern Synthesis
an sich, sondern dem beiden gemeinschaftlichen, eigen sind, und
alsdann ist (meiner Erklärung zufolge) dieses Gemeinschaftliche
das Subjekt beider Syntheses, | wider die Voraussetzung. Dieses
wird (Seite 53) noch weiter ausgeführt. Der Satz, den ich hier be-
haupte, scheint paradox zu sein, daher habe ich mich bemühet,
ihn auf verschiedene Arten darzutun, sonst könnte ich mich frei-
lich hierin kürzer fassen.
(Seite 56) Bei Begriffen ist Subjekt das Allgemeine u. s. w. Im
vorigen Beispiele von dem Begriffe eines rechten Winkels, ist das
Subjekt Winkel, welches das Allgemeine ist, weil er so wohl recht
206 Versuch über die Transzendentalphilosophie 380 | 382

als schief sein kann, hingegen recht das Besondere, weil, wie
schon gezeigt worden, dieses Prädikat nur dem einen Subjekt zu-
kommen kann. Denn wenn ich schon gesagt habe, daß auch jedes
Subjekt nur ein Prädikat haben kann, so kann es, obschon nicht
zugleich, doch disjunktive, mehrere Prädikate haben. Hingegen
kann ein Prädikat auch disjunktive nicht mehrere Subjekte haben.
(Seite 56) Und wenn ich sage ein Mensch ist ein Tier u. s. w.
Nachdem ich dieses geschrieben hatte, fand ich eben den Gedan-
ken in Hrn. Ploucquet’s Methodus calculandi in logicis; daß näm- 181
lich ein Urteil nur einen Begriff enthält, und ob man | schon dage- 182
gen protestierte (Briefe über die deutsche Literatur 217.) so hatte
doch Herr Ploucquet recht. Ich will diese ganze Stelle hersetzen.
Er sagt nämlich (n. 14): »Intellectio identitatis subjecti et praedica-
ti est affirmatio.« Hierauf in einer nota ad N. 14. sagt er: »omnis
circulus est linea curva. Quae propositio logice expressa haec est: om-
nis circulus est quaedam linea curva. Quo pacto id quod intelligi-
tur in subjecto, sive norim, sive non norim, praeter circulum dari
quoque alias curvarum species, verum tamen est quandam lineum
curvam, sensu comprehensivo sumtam, esse omnem circulum, seu
omnem circulum esse quandam lineam curvam. Dum enim cogito
quid sibi velit haec praepositio: omnis circulus est quaedam linea
curva, intelligo me nihil aliud concipere quam hoc judicium: quae-
dam linea curva est quaedam linea curva. Quod judicium cum ex-
trema identificet, reducitur ad unam notionem, scilicet notionem cu-
jusdam lineae curvae, quae vocatur circulus. Ille mentis actus quo
circulus concipitur esse quaedam linea curva, nihil aliud est, quam
intellectio unius notionis. Ponamus, nos omni lingua et terminorum
cognitione esse destitutos, et nobis observari lineam circularem, vel
infinite multas lineas circulares, sive sola mente, sive mediante orga-
no sensorio repraesentatos, id ipsum hoc casu cogitamus, quod co-
gitamus, dum legimus vel au | dimus hanc propositionem: circulus
est quaedam linea curva. Judicium affirmativum mente conceptum
non est intellectio duarum, sed unius rei; neque propositio affirma-
tiva aliquid aliud est quam expressio unius ejusque rei per diversa
signa. Ratio cur in hac re simplicissima difficultates nascantur, quae-
renda est ignorantia materiae, et inde pendente insufficientia linguae.
Linguae insufficientia ponitur in eo, quod copula est aequivoca-
382 | 384 Anmerkungen und Erläuterungen 207

tione laboret, atque per eandem termini inter se necti soleant tam
comprehensione, quam extensione inter se differentes. Ignorantia
autem materiae respicit hoc in negotio solam praedicati determina-
tionem. Resumemus exemplum modo datum: circulus est linea cur-
va. Consideretur circulus in se, non ut subjectum propositionis, sed
ut terminus absolutus, et habebitur notio circuli, quae haec esto:
Linea curva in se rediens, intra quam datur punctum aequidistans a
singulis peripheriae punctis. Haec notio jam constituatur subjectum, cui
addatur suum praedicatum: linea curva, sic orietur haec propositio:
linea curva in se rediens etc. est linea curva. Comparetur cum hac
propositione alia: parabola linea in se non rediens etc. est linea curva.
Manifestum est in propositione posteriori cum signo linea curva
jungi aliam notionem, quam in priori; nam curvedo circuli differt a
curvedine parabolae. Sic igitur sensus propositionis | prioris hic est:
linea curva in se rediens etc. est quaedam linea curva. Posterioris
autem: linea curva in se non rediens etc. est quaedam linea curva.
Sed explicatione et intellectione habetur propositio identica, quae
intellecta non nisi unam exhibet notionem. Eodem modo quaedam
(quod signum differt a quaedam et aliam innuit notionem) explica-
tur per: in se non rediens, adeoque propositio intellecta fit identica et
reducitur ad unam notionem.«
»Provideo objectum iri; notionem lineae curvae in utraque propo-
sitione, esse eandem cum sit generica, adeoque tam de circulo quam
de parabola rite praedicetur. Sed observandum est, quod in praedi-
cato qua tali semper intelligatur relatio ad subjectum, adeoque no-
tio ipsi subjecto modo determinato competens. Ex ignorantia mate-
riae accidere potest ut dubitetur num circulus sit omnis linea curva,
an vero quaedam linea curva, sensu exclusivo intellecta. Cum autem
neccesarium sit ut alterutrum cum veritate concordet, cum praedi-
cato jungendum est signum quantitatis particularis sensu compre-
hensivo sumtae, quia hoc modo veritati nihil derogatur, sive circulus
sit omnis curva, sive non omnis. Neque obverti potest theoriae huic,
quod praedicatum propositionis affirmativae plerumque sit tantum
notio partialis subjecti, adeoque non identificabilis cum subjecto. Si
enim | praedicatum exhibet subjecti notionem partialem, ipsa hec
notio partialis modo determinato inest subjecto, et sic intelligitur
subjectum qua tali modo determinatum, adeoque una menti ob-
208 Versuch über die Transzendentalphilosophie 384 | 386

servatur notio, cum intueor lapidem rotundum, pronuncians haec


verba: hic lapis est rotundus. Per hanc propositionem actu nihil aliud
cogito, quam unam notionem, scilicet lapidis rotundi, qui duo termi-
ni etiam uno possent exprimi. Licet enim judicium dicatur compara-
tio ideae cum idea; idem tamen comparatum cum semet ipso non
sistit res duas, sed unam.«
»E qua explicatione manifestum est, omne judicium reduci ad
unam notionem, et in mente omni praedicato addendum esse suum
valorem quantitativum, licet idem terminus non exprimatur etc.« So
weit Ploucquet. Nun behaupte ich, daß das ganze Geschäft des
Urteilens bloß darin bestehet, entweder vom Subjekt einen deutli-
chen Begriff zu erlangen, oder das Subjekt einer Synthesis durch
das von mir angegebene Kriterium zu bestimmen. Dieses Urteil
z. B. der Mensch ist ein Tier, setzt voraus: daß ich vom Subjekt
des Urteils Mensch, vor dem Urteil einen bloß klaren Begriff
habe; durch das Urteil aber wird dieser klare Begriff (zum wenig-
sten) zum Teil, deutlich, der Nutzen aber davon bestehet darin: |
daß ich vom Tier gewisse Eigenschaften kenne, ich dieselbe dem
Menschen (in so fern er Tier ist) mit Recht zueignen kann; oder
ich hatte schon vor dem Urteile einen deutlichen Begriff vom
Menschen, daß er nämlich eine Synthesis vom Begriffe Tier und
sonst etwas ist. Ich wußte aber nicht, welcher von diesen beiden
Bestandteilen dieser Synthesis Subjekt, und welcher Prädikat der-
selben ist, d. h. meiner Erklärung zufolge, welcher einen Verstan-
desbegriff oder an sich schon eine Synthesis ausmacht, die reelle
Folgen hat, und welcher nur durch diese gegebene Synthesis,
nicht aber außer derselben reelle Folgen hat; und so lange dieser
Zweifel dauert, kann ich dieser Synthesis keine andere Folge bei-
legen, als die in ihr nach ihrer Entstehung (a posteriori) wahrge-
nommenen, nicht aber die Folgen, die schon vor ihrer Entstehung
in einem ihrer Bestandteile angetroffen werden, (a priori). Nun er-
kenne ich aber, daß der Begriff (notio) Tier auch außer der gege-
benen Synthesis entweder als wirklich, oder als möglich wahrge-
nommen worden ist. Ich kann daher mit Recht diejenigen Folgen,
die er außer derselben hatte, ihm auch jetzt beilegen, ehe ich noch
weiß, was aus dieser neuen Synthesis folgen muß. Das Urteil: der
Mensch ist ein | Tier, will also so viel sagen: in der Synthesis
386 | 387 Anmerkungen und Erläuterungen 209

Mensch, die aus Tier und sonst etwas bestehet, erkenne ich das
Erste für das Subjekt, welches auch außer dieser Synthesis ein re-
eller Verstandesbegriff, der Folgen hat, ist, wodurch ich schon a
priori berechtigt bin, die Folgen von Tier auch dem Menschen bei-
zulegen.
Es gibt also hier einen Unterschied zwischen einem Urteile, das
bloß das Erkennen des Subjekts, und einem, das die Beilegung
der Folgen zur Absicht hat. Im Ersteren kann das Prädikat ein
bloß klares Merkmal, das keine Folgen hat, sein. Das Urteil ist
bloß eine (zum wenigsten Teil-)Definition; im Letzteren hingegen
muß dieses Merkmal selbst deutlich sein, damit man seine Folgen
einsehen könne, um sie hernach dem Subjekte beizulegen. Wenn
ich z. B. sage: das Gold ist gelb, so erkenne ich bloß das Gold
durch dieses Prädikat, was folgt aber daraus, daß das Gold gelb
ist? Nichts, weil aus gelb selbst (in so fern es eine bloß klare aber
undeutliche Vorstellung ist) nichts folgt. Hingegen wenn ich sage:
Ein rechtwinkliges Dreieck ist ein Dreieck, so definiere ich nicht
das Subjekt durch das Prädikat (weil die Definition des Subjekts
schon in ihm enthalten ist), sondern ich will da | mit so viel sagen:
ich erkenne in der Synthesis eines rechtwinkligen Dreieckes Drei-
eck für das Subjekt, d. h. für etwas, das auch an sich außer dieser
Synthesis reelle Folgen hat (daß z. B. seine Winkel den zweien
rechten gleich sind), ich eigne also diese Folgen schon a priori, ehe
ich noch einsehe, was aus dieser neuen Synthesis folgen muß,
dieser Synthesis zu. Die erste Art der Urteile erweitert unsre
Erkenntnis nicht, und nur die zweite Art kann dazu (durch
Schließen) etwas beitragen.
In der ersteren Art kann eben dasselbe Subjekt verschiedene
Prädikate zugleich haben, nämlich das Subjekt ist das Totum, und
die Prädikate sind die verschiedenen Partes der Synthesis. In der
letzteren Art hingegen kann dem Subjekte nur ein Prädikat un-
mittelbar, die andern aber bloß mittelbar (indem sie Prädikate der
Prädikate sind) beigelegt werden. Z. B. das Prädikat eines recht-
winkligen Dreiecks ist unmittelbar Dreieck überhaupt; von die-
sem ist wiederum Figur das Unmittelbare, das aber von jenem das
mittelbare Prädikat ist; u. s. w. In der Ersteren kann man Subjekt
mit Prädikat verwechseln, in der Letztern aber nicht. Z. B. ich
210 Versuch über die Transzendentalphilosophie 387 | 389

kann sagen: Gold ist gelb, hier verstehe ich unter dem Subjekte
Gold die an | dern Bestimmungen außer der gelben Farbe; ich
kann wiederum sagen, das Gold ist vorzüglich dicht, hier verstehe
ich unter Gold alle Bestimmungen desselben außer der vorzügli-
chen Dichtigkeit; folglich ist die gelbe Farbe, die vorher Prädikat
war, jetzt Subjekt u. s. w Bei der letztern Art Urteile aber gehet
dieses nicht an. Ich kann wohl sagen: ein rechtwinkliges Δ ist ein
Δ, nicht aber umgekehrt u. dgl.
(Seite 57) In einer Synthesis von Anschauung und Begriff kann
u. s. w. Das Feuer, als Ursache von der Erwärmung des Steins
betrachtet, ist eine Synthesis. Das Feuer kann als Subjekt, und
der Begriff von Ursache als sein Prädikat (seine Bestimmung),
wie auch umgekehrt, nämlich Ursache als das Bestimmbare (Sub-
jekt), und Feuer als seine Bestimmung (Prädikat) betrachtet wer-
den.
(Seite 57) Denn ich weiß gar nicht, wie es möglich ist, daß ein
Ding an sich oder durch ein anderes Ding gedacht werden soll
u. s. w. Die Begriffe von Subjekt und Prädikat sind zwar durch
die Denkbarkeit an sich, oder durch etwas anders, auch ohne Be-
ziehung auf Zeitbestimmungen, schon bestimmt. Aber sie haben
als | dann kein Kriterium, woran man sie als solche erkennen
kann, folglich gelten sie nicht von Dingen an sich, wo dieses Kri-
terium (Zeitbestimmungen) mangelt. Bei Objekten a priori (wie
die der Mathematik) braucht man zwar dieses Kriterium nicht,
indem man die Denkbarkeit an sich aus den, aus dem Begriff zu
ziehenden, Folgen unmittelbar dartun kann. Aber auch dieses
mangelt den Dingen an sich, weil bei ihnen der Bestimmungs-
grund dieser Folgen fehlt.
(Seite 57a) Folglich kann ich mit Recht Linie als etwas gege-
benes u. s. w. Das Gegebene muß notwendig auch ohne das Ge-
dachte möglich sein; denn es wird gegeben, ehe es gedacht wird,
folglich kann ich mit Recht das Gegebene als Subjekt denken, das
Ding an sich aber enthält nichts Gegebenes, das als Subjekt dieses
Gedachten betrachtet werden kann.
(Seite 57b) Denn außerdem, daß wir die Möglichkeit u. s. w.
Die Möglichkeit der analytischen Sätze können wir a priori, d. h.
vor ihrer Wirklichkeit oder ihrem Gebrauche in besondern Fäl-
389 | 391 Anmerkungen und Erläuterungen 211

len, einsehen, weil ihre Form (Identität, Widerspruch) sich auf ein
Ding überhaupt beziehet. Ich sehe also schon zum voraus, daß ich
von irgend einem bestimm | ten Dinge werde behaupten müssen,
daß es mit sich selbst einerlei ist, weil jedes Ding überhaupt mit
sich selbst einerlei sein muß. Die synthetischen Sätze hingegen ha-
ben kein solches Prinzip a priori, folglich kann ich ihre Möglich-
keit bloß durch ihren wirklichen Gebrauch dartun, weil sie sich
nicht auf jedes Ding überhaupt, sondern auf bestimmte Dinge be-
ziehen. Ich mag also über den allgemeinen Begriff von Ding über-
haupt so lange nachdenken, als ich will, so werde ich dennoch nie
die Möglichkeit herausbringen können, daß ein Ding Ursache ei-
nes andern Dinges sein soll. Und angenommen, daß diese Form
möglich sei, so können wir doch nicht anders, als vermittelst ei-
nes Kriteriums, in der Anschauung davon einen Gebrauch ma-
chen. Nun möchte man glauben, daß man auch die Möglichkeit
synthetischer Sätze a priori einsehen kann; denn wenn ich in ei-
nem besondern Falle urteile, a ist Ursache von b, so hat dieser be-
sondere Satz in einem Allgemeinen seinen Grund: nämlich was
geschiehet, muß (wenn es objektive Realität haben soll) eine Ur-
sache haben, folglich kann ich auch hier zum voraus wissen, daß
auch b eine Ursache haben wird. Man bedenke aber, daß in dem
besondern Urteile Bestimmungen anzutreffen, die in dem Allge-
meinen nicht enthalten sind, | daß auf a nicht bloß etwas folgen
muß, das mit demselben im Verhältnis von Wirkung überhaupt
stehet, sondern daß nur b und nichts anders diese Wirkung sein
kann; dieses aber kann ich a priori nicht bestimmen.
(Seite 60) Ein rechtwinkliges Δ von bestimmter Größe (das ge-
wiß ein ens omni modo determinatum ist) u. s. w. Sollte jemand
einwenden, daß es außer der Größe und Bestimmungen der Win-
kel noch andere Bestimmungen annehmen kann? Ich frage aber,
welche? Die schwarze Farbe, womit das Δ gezeichnet wird, ist,
wie ich schon gezeigt habe, keine Bestimmung desselben; die Zeit
und der Ort, worin es vorgestellt wird, sind eben so wenig Be-
stimmungen desselben; denn nur dasjenige ist Bestimmung, was
durch sein Hinzukommen zum Bestimmbaren, ein Grund zu neu-
en Folgen (die das Bestimmbare vorher nicht hatte) abgibt. Die
schwarze Farbe, die Zeit und der Ort des Dreieckes aber bringen
212 Versuch über die Transzendentalphilosophie 391 | 393

keine neue Folgen hervor, sie müssen also von der Anzahl der Be-
stimmungen ausgeschlossen werden.
(Seite 62) Bloß wegen seiner formellen Unvollständigkeit u. s. w.
| D. h. Gesetzt, daß wir auch alle materielle Bestimmungen ange-
ben könnten.
(Seite 63) Das Notwendige ist u. s. w. Das Notwendige ist
eine wechselseitige Synthesis, wie z. B. der Relationsbegriff. Es
wird also dem bloß Möglichen, in so fern dieses bloß eine einsei-
tige Synthesis ist, und dem Wirklichen, in so fern dieses gar keine
(Verstandes-)Synthesis ist, entgegengesetzt. Das Mögliche ist ein
Objekt, das aus Materie und Form bestehet, da hingegen das
Wirkliche bloß die Materie, das Notwendige aber bloß die Form
ist.
(Seite 63) Zureichender Grund aber etc. Der zureichende
Grund eines Dinges ist der vollständige Begriff von seiner Entste-
hungsart, zu diesem aber können wir uns immer nähern, ohne es
doch je zu erreichen, weil zur Erklärung der Entstehungsart im-
mer etwas schon Entstandenes (nach dem bekannten Axioma: ex 183
nihilo nihil fit,) vorausgesetzt werden muß.
(Seite 64) Daß ein Ding sich selbst gleich ist u. s. w. Nämlich,
daß ein Ding sich selbst gleich ist, ist ein Grund, warum der Win-
kel, der im Drei | ecke der Basis gegenüber ist, mit dem mittelsten
Winkel an der, mit der Basis parallel laufenden Linie einerlei ist,
und daß, wenn zwei Parallellinien von einer dritten u. s. w. ein
Grund ist, von der Gleichheit der andern beiden Winkel des Drei-
eckes mit den andern beiden Winkeln an vorerwähnter Linie.
(Seite 64) Welches die Existenz dieser Objekte betrifft u. s. w.
D. h. die Art der Existenz. Daß wenn a und b existieren, ihr Exi-
stieren von der Art sein, muß daß a vorhergehen und b folgen
muß, dies hat in dem allgemeinen Urteile: das Vorhergehende be-
stimmt das Folgende (welches eine Bedingung der Erfahrung
überhaupt ist) seinen Grund. Die Existenz dieser Objekte an sich
aber hat, wie ich schon bemerkt habe, keinen Grund.
(Seite 64) Es hat in der Tat keinen Grund u. s. w. Ich habe
schon vorher angemerkt, daß der allgemeine Satz: alles hat seinen
Grund, oder seine Ursache, kein Grund von dem besondern Satz:
a ist Grund oder Ursache von b, abgeben kann, folglich hat dieser
393 | 396 Anmerkungen und Erläuterungen 213

besondere Satz (zum wenigsten | in Ansehung unseres Bewußt-


seins) gar keinen Grund. Die besondern analytischen Sätze (z. B.
ein Dreieck ist mit sich selbst einerlei) haben bloß durch den all-
gemeinen (jedes Ding ist mit sich selbst einerlei) ihre Richtigkeit.
Bei den synthetischen Sätzen hingegen ist es gerade umgekehrt,
nämlich der allgemeine Satz hat bloß darum seine Richtigkeit,
weil wir ohne denselben keine besondern Sätze dieser Art haben
könnten (die wir doch haben); folglich enthält der Allgemeine
bloß den Grund vom Allgemeinen im besonderen Satze; das Be-
sondere in demselben aber hat gar keinen Grund.
(Seite 72) Die intensive Größe ist das Differential der extensi-
ven u. s. w. D. h. wenn eine extensive Größe auf ihr Differential
reduziert wird, kann sie dennoch wegen ihrer intensiven Größe in
ein extensives Größenverhältnis gedacht werden. Dieses zu erläu-
tern, denke man sich ein Δ, dessen eine Seite sich nach den ge-
genüberstehenden Winkel so bewegt, daß sie mit sich selbst im-
mer parallel bleibt, und das so lange bis das Δ ein unendlich
kleines (Differential) wird. Die extensive Größe der Seiten hört
alsdann gänzlich auf, und wird auf ihre Differen | tiale reduziert.
Das Verhältnis der Seiten hingegen bleibt immer dasselbe, weil es
nicht das Verhältnis von Zahl zu Zahl in Beziehung auf eben die-
selbe Einheit, sondern das Verhältnis von Einheit zu Einheit ist,
folglich ist hier die intensive Größe (die Qualität des Quantums)
das Differential der extensiven, und diese das Integral von jener.
Daß die Qualität abstrahiert von aller extensiven Quantität den-
noch in einem Verhältnisse der extensiven Quantität gedacht wer-
den könne, wird vielleicht manchem unbegreiflich vorkommen.
Laßt uns also setzen: ein a
Δ a b c dessen Katheten i
e d
h
a b, b c einander gleich l k
n m
sind. Laßt uns ferner an- p o
r q
nehmen: die eine Seite b c t s
x u
bewegt sich nach dem ihr
d c b
gegenüberstehenden Win-
kel b a c so daß sie mit sich selbst immer parallel bleibt, und das
so lang bis sie d f die ich unendlich klein an | nehme, wird. Folg-
lich wird auch a d und a f wie überhaupt das ganze Δ a d f unend-
214 Versuch über die Transzendentalphilosophie 396 | 398

lich klein. Das Verhältnis von af zu ad oder df, bleibt immer eben
dasselbe, nämlich: = √⎯ ⎯⎯⎯
2:1. Es ist also nicht ein Verhältnis von
Zahl zu Zahl, indem ich beide unendlich klein omni dabili mi-
nora, folglich durch keine Zahl in Beziehung auf irgend eine Ein-
heit ausdrückbar angenommen habe, sondern das Verhältnis ei-
ner Einheit zu einer andern Einheit, d. h. dieses Verhältnis ist
nicht zwischen den Linien in so fern sie ausmeßbar sind, sondern
bloß in so fern sie ihrer Qualität nach (ihrer Lage nach) bestimmt
sind. Sie sind also keine extensive, sondern intensive Größen; die
Vorstellung der Teile macht bei ihnen nicht die Vorstellung des
Ganzen möglich, sondern umgekehrt, weil sie keine Teile haben,
kann ihre Größe bloß durch Vergleichung derselben als Ganze
mit andern Ganzen, z. B. d f mit d e begriffen werden.
(Seite 67) Wir machen auch diese Formen zu Objekten des
Denkens selbst, und denken Realität und Negation als wären es
Dinge an sich, die uns gegeben sind u. s. w. | Realität und Ne-
gation sind Kategorien, sie werden aus den logischen Formen der
Bejahung und Verneinung hergeleitet. Nun sind aber die logi-
schen Formen Einheiten, die sich auf etwas Mannigfaltiges bezie-
hen. Man könnte aber fragen: was haben die logische Realität
und Negation mit den transzendentalen gemein, so daß diese von
jenen hergeleitet werden könnten? da diese eben keine Einheiten,
die sich auf etwas Mannigfaltiges beziehen, sondern das Mannig-
faltige selbst, das durch eine Einheit angeschauet oder gedacht
werden kann, sind. Realität, sagt Kant (Kritik der reinen Ver- 184
nunft 143) ist im reinen Verstandsbegriffe das, was einer Empfin-
dung überhaupt entspricht, d. h. (wenn ich ihn anders verstanden
habe) was in jeder Empfindung in so fern sie Empfindung über-
haupt ist (nicht das Besondere einer jeden Empfindung) angetrof-
fen werden muß. Was hat dies aber mit der logischen Bejahung
gemein? ja dieses eine Form, und jenes einen Inhalt bedeutet. Wer
mir aus dieser Verlegenheit helfen wird, erit mihi magnus Apollo! 185
(Seite 68) Sondern eine von derselben verschiedene Setzung
u. s. w. | D. h. eine reelle Synthesis, die aber bloß subjektiv ist.
(Seite 70) Das Minimum einer Transzendental-Realität ist eine
Verstands-Idee u. s. w. Denn sie mag so klein angenommen wer-
den, als man immer will, so muß sie doch eine intensive Größe
398 | 400 Anmerkungen und Erläuterungen 215

sein, d. h. einen Grad haben, (siehe Kritik der reinen Vernunft


169).
(Seite 71) Gleichartige u. s. w. Wenn sie nicht gleichartig,
d. h. wenn sie nicht bloß der Form, sondern auch der Materie der
Anschauung nach, verschieden sind, so können sie nicht dem Be-
griffe einer stetigen Größe, sondern bloß dem Begriffe der Zahl,
subsumiert werden; sie sind alsdann nicht im Raume als An-
186 schauung, sondern bloß in demselben als Begriff, (siehe 1ter Ab-
schnitt).
(ibid.) 2) Die Zusammensetzung derselben in einem Begriff. 3)
Die Zusammennehmung derselben in einer Anschauung u. s. w.
Hier gehet die Apperzeption der Apprehension voraus (nicht wie
bei Verknüpfung mehrerer An | schauungen durch die Katego-
rien); denn man muß sie erst unter einander vergleichen, und ihre
Einerleiheit einsehen, ehe man berechtigt ist, dieselbe in eine Ein-
heit der Apprehension zu bringen.
(Seite 78) So gerät sie auf Erdichtungen u. s. w. Von dieser
Art ist z. B. die Vorstellung des leeren Raumes, die daraus ent-
springt, daß die Einbildungskraft, anstatt dem Verstande gemäß,
den Raum bloß als eine Form oder Art sinnliche Dinge in Bezie-
hung auf einander zu denken ihn transzendent macht, d. h. sie
stellet ihn als ein Ding an sich vor.
187 (Seite 85) Logische Wahrheit u. s. w. Ich glaube nicht, daß es
an einer unrechten Stelle sein wird, wenn ich hier das Wesentliche
aus meinem Schreiben an Hrn. L. in Berlin hersetze. (Dieser Herr
L. ist ein vermögender Mann von biederm Charakter, ein Liebha-
ber der Wissenschaften, ein Beförderer des Guten und Edlen, und
der gewiß verdient, der Welt näher bekannt gemacht zu werden,
hätte seine Bescheidenheit es sich nicht ausdrücklich verbeten.)
Ich | bin da auf den Gedanken geraten, die Wahrheit mit der
Münze zu vergleichen. Ich fange also auf folgende Weise an.
188 Wolff 21 sagt: Wahrheit ist Übereinstimmung unsers Urteils mit
dem Objekte, und diese ist die logische Wahrheit. Dieses zu erläu-
tern, führt er den Satz als Beispiel an: »Ein Δ (eine dreiseitige Figur)

21 Logic. P. II. Cap. I. §. 505.


216 Versuch über die Transzendentalphilosophie 400 | 406

hat drei Winkel.« Ich habe aber schon anderswo 22 bemerkt, daß 189
ein objectum logicum bloß der Begriff eines Dinges überhaupt ist,
das durch keine Bedingungen, sie mögen a posteriori oder a priori
sein, bestimmt wird. So ist auch ein logischer Satz oder eine logi-
sche Wahrheit nur eine solche, die von einem Dinge überhaupt
prädiziert werden kann. Ein Dreieck ist also kein logisches Ob-
jekt, weil es durch besondre Bedingungen a priori bestimmt wird;
und der Satz: »Ein Dreieck hat drei Winkel,« ist kein logischer
Satz, indem er nicht das Prädikat eines Dinges überhaupt, son-
dern eines bestimmten Objekts ist. Überdem wird durch diese Er-
klärung nicht die Wahrheit im Denken, sondern bloß die Wahr-
heit im Reden, be | stimmt; denn, wenn ich sage: ein Dreieck hat
drei Winkel, so drücke ich damit Etwas aus, das ich wirklich den-
ke; d. h. ich rede wahr; und das Gegenteil wäre falsch. In Anse-
hung des Denkens aber gibt es hier kein wahres und falsches Den-
ken, sondern bloß ein Denken, oder kein Denken, weil ich nur ein
Dreieck mit drei, nicht aber mit mehrern Winkeln denken kann.
Ich hingegen halte sowohl diesen Satz, als alle andre synthetische
Sätze für bloß subjektive Wahrheit; d. h. eine mir notwendige Art,
ein bestimmtes Objekt zu denken. Sie gelten daher nicht von ei-
nem Objekt überhaupt, auch nicht von diesen bestimmten Objek-
ten in Beziehung auf jedes denkende Wesen überhaupt. Hingegen
ist der Satz: »Ein Dreieck ist mit sich selbst einerlei,« eine objek-
tive Wahrheit; denn ich denke darum ein Dreieck mit sich selbst
einerlei, weil nicht nur ich, sondern jedes denkende Wesen über-
haupt, nicht nur ein Dreieck, sondern jedes Objekt mit sich selbst
einerlei denken muß. Ohne dies ist gar kein Denken möglich. Die
mathematischen Sätze sind also objektiv wahr, aber nur unter
Voraussetzung der Objektivität ihrer Grundsätze (da dieses doch
möglich ist); sonst sind sie, wie die Grundsätze selbst bloß sub-
jektiv wahr. | Dieses benimmt aber der Rechtmäßigkeit ihres Ge-
brauchs nichts, weil ihr Gebrauch, so wie ihre Wahrheit selbst,
bloß für uns ist. Dem zufolge kann man nicht eigentlich sagen,
ein mathematisches Axiom sei objektiv wahr, sondern bloß, es sei
reell; d. h. es nützt zur Erkenntnis der Wahrheit und ihrem Ge-

22 Versuch über die Transzendental-Philosophie.


406 | 408 Anmerkungen und Erläuterungen 217

brauche. Und wie soll es auch anders sein, da die Prinzipien kei-
nes Dinges das Ding selbst sind, weil man sonst das Ding schon
vor seiner Entstehung voraussetzen müßte. Die Prinzipien einer
Fläche z. B. sind keine Flächen; einer Linie, keine Linien u. s. w.;
so können auch die Prinzipien der Wahrheit nicht selbst schon
Wahrheit sein. Eigentlich zu reden, ist Wahrheit nicht ein nach
Gesetzen des Denkens herausgebrachter Satz; sondern die Opera-
tion des Denkens selbst, woraus dieser Satz herausgebracht wird,
ist Wahrheit. Der Satz ist bloß die Materie oder der Stoff, woraus
die Form wirklich wird.
Nachdem ich dieses vorausgeschickt habe, wollen wir sehen,
wie fern Wahrheit mit einer Münze zu vergleichen ist. Eine Mün-
ze ist entweder idealisch oder reell; die erstere ist Münze im ei-
gentlichen Verstande, und bedeutet einen allgemeinen Maßstab,
wodurch das Ver | hältnis des Werts der Dinge gegen einander be-
stimmt wird; an sich aber hat es keinen Wert, und ist ein bloßes
Zeichen; die letztere hingegen hat auch an sich als Ware einen
Wert, in Ansehung der Materie, woraus sie besteht, und noch
außer diesem einen Wert als Zeichen, vermöge ihres Gepräges. Da
nun das Verhältnis der Dinge gegen einander veränderlich ist, und
daher die Münze den jedesmaligen Zustand dieses Verhältnisses
bestimmen soll; so folgt, daß, wenn der Wert der Materie einer re-
ellen Münze, dem Wert des Gepräges völlig gleich ist, sie alsdann
gänzlich aufhört, eine Münze, d. h. ein allgemeiner Maßstab zu
sein, weil sie alsdann so gut als jedes andre Ding eine veränderli-
che Ware ist, folglich ihr Wert selbst durch einen andern unverän-
derlichen Maßstab erst bestimmt werden muß. Je mehr hingegen
diese beiden Werte von einander differieren, um desto näher
kömmt die reelle Münze der idealischen; d. h. um desto mehr
Münze wird sie, indem der Überschuß des Werts des Gepräges
über den reellen Wert eine idealische Münze ist, und das gehet so
lange, bis dieses Differieren ein Maximum wird, d. h. bis sie gar
keinen reellen, sondern bloß den idealischen Wert hat. Die ideali-
sche Münze hat also einen | Vorzug vor der reellen, in Ansehung
ihres mittelbaren Gebrauchs, nämlich als Maßstab des Werts; hin-
gegen hat diese einen Vorzug vor jener, in Ansehung ihres unmit-
telbaren Gebrauchs, d. h. als Etwas, das einen Wert an sich hat.
218 Versuch über die Transzendentalphilosophie 408 | 410

Die Wahrheit vereinigt beide Vorteile in sich; denn erstlich ist


sie der Maßstab, wodurch das Verhältnis der Dinge zu einander
bestimmt wird; dazu wird sie aber dadurch geschickt, daß sie
kein Objekt, das selbst im Verhältnis mit andern Dingen gedacht
werden kann, sondern eine bloße Form oder Art, das Verhältnis
der Dinge unter einander zu denken, ist, und als eine solche bleibt
sie unveränderlich, und ist hierin mit der bloß idealischen Münze
zu vergleichen. Zweitens, so hat sie auch außer diesem, in Anse-
hung ihres unmittelbaren Gebrauchs, nämlich als Vollkommen-
heit eines denkenden Wesens, einen reellen Wert. Je weniger rein
aber eine Wahrheit ist, d. h. je mehr Begriffe und Sätze a posterio-
ri ihr zum Grunde gelegt werden müssen, um desto weniger ist sie
auch geschickt, einen allgemeinen Maßstab vom objektiven Wert
aller Dinge unter einander abzugeben; und hierin ist sie der reel-
len Münze gleich, wo man bei Bestimmung des Zustandes von
dem Verhältnisse der Dinge unter einander, | den Zustand des
Maßstabes selbst (der gleichfalls veränderlich ist), mit in Rech-
nung bringen muß; und da dieser wiederum durch etwas anders,
das an sich unveränderlich ist, bestimmt werden muß, dieses aber
nirgends anzutreffen ist, so kann dadurch nichts bestimmt
werden. Daher kann man auch in der Moral nichts anders zum
Maßstab und Bestimmung des Werts der Handlungen (ihrer
moralischen Güte) zu einander gebrauchen, als die reine Ver-
nunft. Mengt man aber noch etwas anders darunter, Vergnügen,
Vollkommenheit u. dergl.; so hat man keinen allgemeinen unver-
änderlichen Maßstab, weil der Wert dieses Etwas selbst bei ver-
schiedenen Subjekten unter verschiedenen Umständen verschie-
den ist. Ich bin also, obwohl nach meinem eigenen Wege, auf
Kants Prinzip der Moral geraten; ich erspare mir aber die aus- 190
führliche Behandlung dieser Materie auf eine andre Gelegenheit.
Für jetzt ist es hinlänglich, wenn ich bemerke, daß das moralische
Gute bloß darum gut ist, weil es wahr ist, d. h. wenn die beson-
dre Maxime der Handlungen mit einer allgemeinen Vernunftregel
übereinstimmt.
Nachdem ich die Wahrheit mit einer Münze von dieser Seite
verglichen habe; so will ich ver | suchen, es noch von einer andern
Seite zu tun, wodurch zugleich der Unterschied zwischen der sym-
410 | 411 Anmerkungen und Erläuterungen 219

bolischen und anschauenden Erkenntnis, und der Vorzug, den


diese vor jener hat, oder auch umgekehrt, in die Augen fallen
wird. Bei Erfindung der Wahrheit gehet ein ordentlicher Handel
vor; denn das Unbekannte wird aus dem Bekannten durch Substi-
tution herausgebracht, d. h. durch einen Tausch. Vor Erfindung
der Münze bestand der Handel in einem unmittelbaren Tausch
der Waren gegen einander; da dieses aber die Unbequemlichkeit
hatte, daß der Handel auf diese Art zu sehr eingeschränkt war,
indem er nur alsdann Statt finden konnte, wenn jede der handeln-
den Personen die Ware des Andern bedurfte, und die seinige mis-
sen konnte, sonst aber nicht; so hat man dieser Unbequemlichkeit
durch Einführung des Geldes abzuhelfen gesucht. Dadurch be-
kam also der Handel mehr Ausdehnung, und wurde allgemeiner.
Man hat also hierdurch die erste Schwierigkeit gehoben; es ent-
sprang aber hieraus eine neue Schwierigkeit, da nämlich der Wert
der Münze bloß durch das Gepräge bestimmt wird: so ist es mit
der Zeit dahin gekommen, (aus Mangel an Materie u. dergl.) daß
der Wert, den das Gepräge anzeiget, weit verschieden vom | reel-
len Wert der Münze, ihrer Materie nach, ist. Dadurch wurde die
vorige Allgemeinheit des Handels auf eine andere Art einge-
schränkt, weil nämlich eine dergleichen Münze bloß zum einlän-
dischen nicht aber zum auswärtigen Handel gebraucht werden
kann. So stehen jetzt die Sachen in Ansehung des Handels. Lassen
Sie uns nun sehen, wie es mit der Wahrheit zugehet. So lange man
bloß bei der anschauenden Erkenntnis bleibt, geschieht die Erfin-
dung der Wahrheit durch einen unmittelbaren Tausch, d. h. eine
unmittelbare Substitution der Gedanken unter einander. Dieses
hat zwar den Vorteil, daß man immer von der Realität der Ge-
danken sicher sein kann; hingegen hat es diese Unbequemlichkeit,
daß man damit in Erfindung der Wahrheit, besonders wenn sie zu
sehr versteckt ist, nicht weit kommen kann. Um dieser abzuhel-
fen, bedient man sich der symbolischen Erkenntnis, d. h. man
substituiert erstlich die Zeichen statt der bezeichnenden Dinge;
zweitens substituiert man einem jeden Zeichen, ein ihm gleichgül-
tiges Zeichen u. s. w., wodurch mit jeder neuen Formel eine neue
Wahrheit entspringt. Dadurch ist man im Stande, ohne viele
Mühe gleichsam mechanisch, die allerverborgensten Wahrheiten
220 Versuch über die Transzendentalphilosophie 411 | 413

zu entdecken; es entspringt aber daher | eine neue Schwierigkeit;


nämlich, man gerät zuweilen auf symbolische Kombinationen
oder Formeln, die keine Realität haben, d. h. denen kein reeller
Gegenstand entspricht, wie z. B. die imaginären Zahlen, Tangens,
Kosinus eines rechten Winkels u. dergl. in der Mathematik.
Die symbolische Erkenntnis ist also zwar ein vortreffliches
Hülfsmittel zur Erfindung der Wahrheit, dessen Gebrauch aber
sehr viel Behutsamkeit erfordert; man muß bei jedem Schritte, so
man darin tut, sich selbst nach der Sprache der Politiker, fragen:
ob auch diese idealische Münze realisiert werden kann? Tut man
dieses nicht, so gerät man auf die allerseltsamsten Ideen, aus de-
nen man sich hernach nicht herauswickeln kann. Die Mathematik
hat zwar durch ihre neuere Analysis viel gewonnen, indem man
dadurch auf Entdeckungen geraten ist, die nach der Methode der
Alten fast unmöglich waren; aber dadurch sind auch die unbehut-
samen Mathematiker auf Schwierigkeiten geraten, wovon die
Alten nichts wußten, wie aus den angeführten Beispielen erhel-
let.
Die Wahrheit hat also, wie die Münze, zweierlei Wert. Erstlich,
da Wahrheit überhaupt eine bestimmte Form, oder eine notwen-
dige Art, | die Begriffe zu verknüpfen ist: so können wir hier
gleichfalls Materie von Form unterscheiden; die Materien der
Wahrheit sind die Begriffe, die als Subjekt und Prädikat in einem
Satz verknüpft, und dadurch erst eine Wahrheit werden: Begriffe
an sich sind keine Wahrheiten, sondern sie sind bloß Realitäten,
wenn sie mit dem Objekte übereinstimmen; im entgegengesetzten
Falle aber sind sie keine Realitäten; nur die bestimmte Regel, d. h.
die Vorstellung der notwendigen Verbindung derselben macht ei-
nen Satz zu einem wahren Satz. Jede Wahrheit oder jeder Satz hat
daher zwei Werte: erstlich, in Ansehung seiner Materie, wenn sie
reell ist, und dann auch in Ansehung der Form. Diese ist zwar in
Ansehung des bloßen Denkens immer reell, sonst aber ist sie gar
keine Form. Dagegen kann sie in Beziehung des Zeichens (der
Sprache) auf das dadurch Bezeichnete auch nicht-reell sein. Diese
beiden Werte können so, wie bei einer Münze, zusammen sein;
wie, wenn man aus reellen Begriffen und synthetischen Grundsät-
zen (welche doch keine wahre, sondern reelle Sätze genannt wer-
413 | 415 Anmerkungen und Erläuterungen 221

den können, indem sie nicht objektiv nach allgemeinen Gründen


des Denkens überhaupt, sondern bloß nach uns unbekannten
subjektiven Gründen folgen, und weshalb | ich sie keine allgemei-
ne wahre, sondern bloß, wegen ihrer Allgemeinheit bei uns, reelle
Sätze nenne) neue Sätze herleitet. Sie können aber auch getrennt
sein, wie, wenn man z. B. den Begriff eines Dreiecks, oder diesen
synthetischen Grundsatz denkt: Ein Dreieck hat drei Winkel
u. dgl. In dem Begriff des Dreiecks oder in dem vorerwähnten Sat-
ze lieget bloß ein materieller Wert, aber auch noch ohne eine not-
wendige Form a priori; denkt man hingegen ein Dreieck mit zwei
rechten Winkeln, d. h. einen nicht reellen Begriff, und leitet daher
nach der notwendigen Form des Denkens gewisse Folgen: so ha-
ben wir eine reelle Form des Denkens, aber ohne Materie; wir
können also den dadurch herausgebrachten Satz nirgends gebrau-
chen, und doch haben wir durch diese Operation wirklich ge-
dacht. Und hierin ist eben die Wahrheit verschieden von der
Münze: da nämlich bei dieser Form an sich, abstrahiert von der
Materie, gar keinen Wert hat, und daher bloß als ein verabredetes
Zeichen im Lande, nicht aber allgemein gebraucht werden kann;
hingegen die Materie ihren Wert allgemein behält, so ist es mit
der Wahrheit gerade umgekehrt. Die Form hat einen allgemeinen
Wert, in so fern dadurch immer ein reelles Denken hervorge-
bracht wird, die | Materie hingegen hat nur bei uns, nicht aber bei
jedem denkenden Wesen überhaupt, einen Wert.
(Seite 89) Nach dem berühmten Delphischen Ausspruch u. s. w.
Ich hoffe nicht, daß der Leser glauben werde, als wäre es mein
Ernst, diesem Ausspruche den Sinn meiner gegenwärtigen Unter-
suchung beizulegen. Ich weiß es recht wohl, daß dieser Ausspruch
moralisch, die gegenwärtige Untersuchung aber metaphysisch ist.
(Seite 89) Es muß zu allen Zeiten ein Ding geben u. s. w.
Folglich auch zu allen meinen Zeiten mein Ich.
(Seite 90) Denn nur dadurch ist der Gedanke, z. B. Dreieck,
möglich etc. Nämlich: Ein Gedanke erfordert sowohl eine sub-
jektive, als eine objektive (des Bewußtseins und des Objekts) Ein-
heit. Diese ist aber auch nur in Beziehung auf jene eine Einheit,
indem es allerdings denkende Wesen geben kann, die dasjenige,
was ich als Bestimmung von etwas anderm, folglich in einer Ein-
222 Versuch über die Transzendentalphilosophie 415 | 417

heit mit demselben denke, anders denken, woraus man siehet,


daß selbst die objektive Einheit die subjektive voraussetzt. |
(Seite 91) Der Materialist u. s. w. In Ansehung des Erkennt-
nisvermögens selbst können und müssen alle diese Sektierer sich
vereinigen; sie sind nur in Ansehung des Gegenstandes, der dem-
selben zum Grunde liegt, verschiedener Meinung. Der Materialist
kann (von Rechtswegen) nichts mehr behaupten, als daß der Ge-
genstand (das, was dem materiellen Gegebenen in der Vorstellung
zum Grunde liegt) dasjenige ist, was außer der Vorstellung zur
Existenz gehört, oder existiert. Diesen Gegenstand aber zu be-
stimmen (ob er ein einfacher oder mannigfaltiger ist) darf er nicht
wagen. Der Idealist aber glaubt berechtigt zu sein, den Gegen-
stand einigermaßen zu bestimmen; nämlich, daß es kein Mannig-
faltiges ist, weil das Mannigfaltige bloß durch eine subjektive
Einheit als ein solches gedacht werden kann, folglich kann er nur
als Einheit (welches hier bloß so viel ist, als Verneinung des Man-
nigfaltigsein) gedacht, und durch Analogie mit uns selbst noch
weiter bestimmt werden. Der Dualist wählt aus Vorsicht den Mit-
telweg zwischen diesen beiden. Übrigens glaube ich nicht erst die
Anmerkung nötig zu haben, daß ich hier nicht was diese Herren
denken, sondern bloß das, was sie mit Grund denken können,
vorgestellt habe. |
(Übersicht. Seite 95) Weil der Mangel alles Bewußtseins u. s. w.
Daß aber zum Bewußtsein Tätigkeit erfordert werde, habe ich
schon verschiedentlich gezeigt.
(Ibid.) Anschauung u. s. w. Das Gegebne in der Anschauung
(Materiale) entstehet durchs Leiden. Die Ordnung derselben nach
einer Form aber, durch Tätigkeit.
(Seite 96) Die Axiomen der Mathematik u. s. w. Ich meine die
Axiomen, die der Mathematik eigen sind, wie z. B.: eine gerade
Linie ist die kürzeste zwischen zwei Punkten u. dgl. Nicht aber
diejenigen, die bloß darum in der Mathematik gebraucht werden,
weil sie allgemein gültig sind. Wie z. B. das Ganze ist allen seinen
Teilen zusammengenommen gleich u. dgl. Denn ein Ganzes ist
(Baumgarten, Metaphysik. §. 120.) eines, welches völlig einerlei 191
ist mit vielen zusammengenommen, und die zusammengenommen
mit einem völlig einerlei sind, sind die Teile desselben; folglich be-
417 | 419 Anmerkungen und Erläuterungen 223

ruht dieses Axiom auf dem Satze des Widerspruchs, und ist also
im engsten Verstande a priori.
(Seite 97) Aber nicht bloß in der Kombination der Symbole,
sondern im Objekte selbst u. s. w. | D. h. wo diejenigen, die in
einer Synthesis gedacht werden, nicht ihren Begriffen nach sich
einander widersprechen, sondern ihre Folgen einander heben.
(Seite 98) Der Satz: Alles hat seine Ursache, ist, wie ich glaube,
von eben solcher Evidenz u. s. w. D. h. an sich, nicht bloß als
Bedingung der Erfahrung. Ich bemerke hier ein für allemal, daß
ich die von Herrn Kant genannte objektive Notwendigkeit (Be-
dingung einer objektiven Wahrnehmung oder Erfahrung) für eine
bloß subjektive Notwendigkeit halte, und dies aus zweierlei
Gründen. 1. Gesetzt, daß eine synthetische Regel überhaupt in
den Wahrnehmungen zu ihrer objektiven Realität notwendig
wäre, so ist doch keine bestimmte Regel dazu notwendig. Wir
denken z. B. die Wahrnehmungen a und b durch die Form oder
Regel der Kausalität, ein anderes denkendes Wesen aber kann
eben diese Wahrnehmungen durch eine andere Regel denken,
folglich ist diese Regel doch immer nur subjektiv in Beziehung auf
bestimmte Wahrnehmungen. 2. Eine synthetische Regel ist über-
haupt zur objektiven Realität nicht notwendig, in Ansehung eines
uneingeschränkten durch Sinnlichkeit unaffizierten Verstan | des.
Dieser denkt alle mögliche Objekte nach ihren innern Verhältnis-
sen zu einander, oder nach der Art, wie sie aus einander entste-
hen, d. h. immer nach einer analytischen Regel; woraus folgt, daß
die Formen oder synthetischen Regeln nur bei uns (indem wir we-
gen unserer Einschränkung sie nicht analytisch machen können),
nicht aber an sich eine objektive Notwendigkeit haben.
(Seite 95) Empfindung u. s. w. Das Gegebene in der Vorstel-
lung kann bei Herrn Kant nicht dasjenige darin heißen, was eine
Ursache außer der Vorstellungskraft hat; denn nicht zu gedenken,
daß man das Ding an sich (noumenon) außer der Vorstellungs-
kraft nicht als Ursache erkennen kann, indem hier das Schema
der Zeit fehlt; man kann es auch nicht einmal assertorisch den-
ken, weil die Vorstellungskraft selbst, so gut als das Objekt außer
derselben, Ursache der Vorstellung sein kann. Das Gegebene
kann also nichts anders sein, als dasjenige in der Vorstellung, des-
224 Versuch über die Transzendentalphilosophie 419 | 421

sen Ursache nicht nur, sondern auch dessen Entstehungsart (Es-


sentia realis) in uns, uns unbekannt ist, d. h. von dem wir bloß ein
unvollständiges Bewußtsein haben. Diese Unvollständigkeit des
Bewußtseins aber kann von einem bestimmten Bewußtsein bis
zum völligen | Nichts durch eine abnehmende unendliche Reihe
von Graden gedacht werden, folglich ist das bloß Gegebene (das-
jenige, was ohne alles Bewußtsein der Vorstellungskraft gegen-
wärtig ist) eine bloße Idee von der Grenze dieser Reihe, zu der
(wie etwa zu einer irrationalen Wurzel) man sich immer nähern,
die man aber nie erreichen kann.
(Ibid.) Anschauung etc. Erscheinung etc. Die Vorstellung der
roten Farbe z. B. bestehet aus der Empfindung dieser besondern
sinnlichen Qualität, deren Mannigfaltiges den Formen der An-
schauung (Zeit und Raum) nach geordnet ist; sie ist also eine be-
stimmte empirische Anschauung. Hingegen ist Erscheinung der,
von der roten Farbe und allen andern sinnlichen Vorstellungen
abstrahierte, Begriff von einer sinnlichen Vorstellung überhaupt.
(Ibid.) A priori etc. Erkenntnis a priori überhaupt heißt eine Er-
kenntnis aus Gründen (cognitio philosophica). Das Prädikat wird
dem besondern Subjekte darum beigelegt, weil es schon vorher
dem Allgemeinen, worin dieses Besondere enthalten, beigelegt
worden ist. Z. B. ich urteile, daß die Summe der Winkel eines
rechtwinkligen Dreiecks von gegebener Größe zweien rechten
gleich ist; warum? | weil ich schon vorher weiß, daß die Summe
der Winkel eines Dreiecks überhaupt zweien rechten gleich sein
muß. Absolut a priori, erfordert noch eine Bedingung, daß nämlich
der letzte Grund des Urteils oder das allgemeine Urteil, worauf ich
alle besondern reduziere, selbst a priori ist. Dieses ist aber nicht
möglich, so lange die Bedingung des Urteils eine besondere Be-
stimmung des Subjekts ist (indem es eine unendliche Reihe voraus-
setzt). Die Bedingung muß also der allgemeine Begriff von Ding
überhaupt sein. Es gibt aber kein anderes Urteil von der Art als
das der Identität und des Widerspruchs, wo die Bedingung des Ur-
teils kein bestimmtes Objekt, sondern eine notwendige Form ist.
(Seite 96) Und wird bloß in der symbolischen Erkenntnis ge-
braucht etc. Ein Widerspruch kann nur zwischen den Zeichen
entgegengesetzter Formen (Sein und Nichtsein), nicht aber zwi-
421 | 423 Anmerkungen und Erläuterungen 225

schen den Objekten, oder zwischen diesen und den Formen, Statt
finden; folglich wird es bloß von der symbolischen Erkenntnis
(siehe Anhang über symbolische Erkenntnis) gebraucht. In dieser
kann ich eben sowohl sagen: ein Dreieck ist möglich, oder ein
Raum kann in drei Linien eingeschlossen werden, als: ein | Drei-
eck ist nicht möglich; in beiden Fällen enthält der Satz keinen Wi-
derspruch. In der anschauenden Erkenntnis hingegen kann ich
nur das erste sagen; warum? weil ich es wirklich so denke. D. h.
diese apodiktische Beziehung der Form auf bestimmte Objekte
(welche apodiktische Beziehung eine besondere Bestimmung der
Form ist) setzt schon die Möglichkeit der Form an sich (Abwe-
senheit des Widerspruchs) voraus. Sagt man: ein Dreieck muß
möglich sein, ehe ich es wirklich denke, weil ich es sonst nicht
denken könnte; so frage ich: was heißt es, es muß möglich sein,
ehe ich es wirklich denke? Vermutlich heißt es so viel: ein anderes
denkendes Wesen, das mich als etwas Bestimmbares mit dem
Dreiecke als Bestimmung vergleicht, findet, daß ich durch die
Modifikation Dreieck bestimmt, möglich sei. Dieses setzt aber-
mals ein drittes denkendes Wesen u. s. w. ins Unendliche voraus.
Je weiter ein Glied dieser Reihe kommt, desto mehrere Möglich-
keiten denkt es auf einmal. Das denkende Wesen a z. B. denkt
bloß Raum in Beziehung auf drei Linien als möglich. Dieses setzt
aber ein anderes denkendes Wesen b, das außerdem, daß es das
Dreieck an sich, auch das erste in Beziehung auf dasselbe als
möglich denkt u. s. w. Fordert man also, daß die reelle Möglich-
keit dem | Denken eines Objekts vorausgehen soll, so wird man
diese Möglichkeit in keinem Gliede dieser Reihe antreffen. Aber
auch nicht im letzten Gliede (wenn wir diese Idee realisieren wol-
len); denn bei diesem gehet gewiß die Möglichkeit nicht der
Wirklichkeit voraus (siehe Seite 138).
(Seite 98) Weil ich es immer so wahrgenommen habe u. s. w.
D. h. nicht in einer reinen, sondern empirischen Konstruktion
(wenn ich eine gerade Linie aufs Papier gezeichnet hatte, fand ich
immer, daß sie die kürzeste war). Denn was soll denn die reine
Konstruktion einer geraden Linie sein, da wir keine Definition
derselben, folglich keine Entstehungsregel a priori angeben kön-
nen?
226 Versuch über die Transzendentalphilosophie 423 | 425

(Seite 99) Daß der Ausdruck, objektive Notwendigkeit u. s. w.


Objektive Notwendigkeit kann nur dem Satze des Widerspruchs
(in so fern es eine notwendige Beziehung eines Subjekts über-
haupt auf ein Objekt überhaupt bedeutet), oder den Kategorien
(in so fern dadurch in Beziehung auf unser Subjekt ein reelles Ob-
jekt überhaupt gedacht werden kann), nicht aber einem sich auf
ein besonderes Objekt beziehenden Satze beigelegt werden. Jene
Notwendigkeit ist a priori, d. h. sie wird darum dem | besondern
Objekte beigelegt, weil sie einem Objekte überhaupt beigelegt
werden muß. Diese hingegen ist bloß a posteriori nach meiner Er-
klärung.
(Seite 100) Laßt uns erstlich annehmen u. s. w. Auf eine ähn-
liche Art beweist Herr Hofrat Kästner den Satz, daß jede Potenz 192
der 2 größer, als ihr Exponent ist, indem er zeigt, daß wenn der
Satz von einer gewissen Potenz seine Richtigkeit hat, er auch von
der nächst höheren Potenz gelten muß (siehe Anfangsgründe Ana-
lysis endlicher Größen. §. 45.)
(Seite 100) Dieser Satz: 5 + 7 = 12 u. s. w. Man könnte die
Frage aufwerfen: was ist eine bestimmte Zahl? Sie ist kein Objekt
a posteriori (etwas Gegebenes), weil sie bloß eine bestimmte Art
ist, ein Objekt zu denken. Sie ist keine Form a priori, weil sie kei-
ne Bedingung eines Objekts ist. Sie ist keine Form a posteriori,
denn dieses hat gar keine Bedeutung, weil jede Form nichts an-
ders, als eine Bedingung a priori sein kann. Was ist sie denn?
(Seite 101) Aber dieses beweiset nur, daß Raum ein allgemeiner
u. s. w. Eine Form wird (wie weit ich habe aus Hrn. Kants Theo-
rie abnehmen können) dadurch ge | dacht, daß sie dasjenige in der
Vorstellung eines Objekts ist, das nicht im Objekte, sondern in
der besondern Beschaffenheit der Vorstellungskraft seinen Grund
hat. Die Frage ist aber: wodurch wird sie erkannt, oder durch
welche Merkmale kann man irgend einer Bestimmung der Vor-
stellung ansehen, ob sie im Objekte, oder bloß in der Vorstel-
lungskraft ihren Grund hat? Ich habe keine andere ausfindig ma-
chen können, als diese: 1) Allgemeinheit in Beziehung auf die
Objekte; 2) Besonderheit in Beziehung auf das Subjekt; und daß
diese beiden notwendig sind, nämlich: finde ich eine Vorstellung,
die mehreren Objekten gemein ist, so erkenne ich daran, daß sie
425 | 427 Anmerkungen und Erläuterungen 227

keine Bestimmung der Objekte selbst (weil diese bloß dasjenige,


wodurch jedes Objekt von allen andern unterschieden ist, sein
kann), sondern unserer Vorstellungsart ist. Dieses ist aber bloß
eine Bedingung, wodurch Form von Materie, die Art des Denkens
eines Objektes vom Objekte selbst (dem Gegebenen), nicht aber,
wodurch dasjenige erkannt wird, was seinen Grund in einer be-
sondern Vorstellungsart, und nicht in demjenigen, was jeder Vor-
stellungsart überhaupt, in Beziehung auf eben dasselbe Objekt,
eigen ist, hat. Z. B. die Materie (das Gegebene) ist, was sie ist, in
Be | ziehung auf jedes denkende Wesen, dem sie gegeben wird,
eben dasselbe, denn sonst wäre sie nicht bloß Materie, indem die
Abänderung, die sie in jedem derselben leidet, zur Form gehört.
Ferner: die materielle Verschiedenheit der Objekte ist eine not-
wendige Bedingung ihrer Wahrnehmung als besondere Objekte
für jedes Subjekt ohne Unterschied. Man siehet hieraus, daß das
erste Merkmal bloß eine Conditio sine qua non ist, d. h. was nicht
mehreren Objekten eigen ist, kann nicht zur Form (Vorstellungs-
art), sondern zur Materie (dem Gegebenen) gehören. Es kann
aber zu dieser nicht nur in Beziehung auf eine besondere, sondern
auf eine Vorstellungskraft überhaupt (entweder als die Materie
selbst, oder als ihre Bedingung) gehören. Von dieser Art ist Raum
(wie auch Zeit). Raum ist nicht, wie das Rote, z. B. das Gegebene
im Objekte, wodurch es erkannt und von allen übrigen unter-
schieden wird, weil es keine Bestimmung im Objekte, sondern
eine Beziehung mehrerer Objekte auf einander ist, folglich findet
sich hier das erste Requisitum, nämlich das Merkmal einer Form
im Gegensatz von Materie. Es fehlet aber hier das zweite Requisi-
tum, oder das Merkmal der Subjektivität (das doch in Ansehung
der Kantischen Theorie von großer Wichtigkeit ist). | Ich halte (da
es nicht ausgemacht werden kann) also Raum zwar für eine
Form, aber nicht wie Herr Kant für eine bloß subjektive (in Be-
ziehung auf eine besondere Art Subjekte notwendige), sondern
für eine objektive (in Beziehung auf jedes Subjekt überhaupt not-
wendige) Form. Aber dieses (nach meiner Hypothese) in Anse-
hung des Raumes als Begriff (der Verschiedenheit überhaupt).
Hingegen in Ansehung desselben als Anschauung (Bild dieser Ver-
schiedenheit), halte ich Raum bloß für einen allgemeinen Begriff,
228 Versuch über die Transzendentalphilosophie 427 | 429

nicht aber für eine Form, weil hier das zweite Requisit (das Merk-
mal der Subjektivität) fehlet. Der Unterschied zwischen Herrn
Kants Theorie und der meinigen bestehet also darin: Nach Herrn
Kant ist Raum bloß eine Form der Anschauungen, nach mir aber
als Begriff eine Form aller Objekte überhaupt, und als Anschau-
ungen ein Bild dieser Form. Ihm ist es nichts im Objekte selbst,
abstrahiert von unserer Vorstellungsart; mir hingegen immer et-
was in Beziehung auf irgend ein Subjekt überhaupt, zwar eine
Form, die aber im Objekte ihren Grund hat.
(Seite 108) Weil ich mich durchs Denken immer zu so was
nähere u. s. w. | Man könnte zwar einwenden, daß ich mich
durchs Denken nicht meinem Subjekte, sondern dem transzen-
dentalen Subjekte immer nähere; was für ein Recht habe ich also,
mein Subjekt als Substanz zu bestimmen? Man bedenke aber, daß
wenn ich urteile: Ich bin ein Mensch; so heißt es nicht, ich bin ein
unbestimmter, sondern ein, auf eine individuelle Art bestimmter
Mensch (ohne ihn wirklich zu bestimmen), folglich ist in der Tat
auch das allgemeinste Prädikat im Urteile von keiner größern
Ausdehnung, als das letzte Subjekt im Urteile, d. h. das Objekt
selbst. Also vor dem Urteile war mein Ich Mensch durch a z. B.
bestimmt wahrgenommen, d. h. am allerentferntesten vom letzten
Subjekt im Objekte. Durch das Urteil aber denke ich mich als
Mensch durch x, d. h. durch eine unbekannte Bestimmung be-
stimmt. Durch die Substitution einer unbekannten Bestimmung
der bekannten (obgleich sie sich auf die bekannte beziehet) bin
ich also nicht bloß einem transzendentalen, sondern meinem Sub-
jekte näher gekommen.
(Seite 111) Und alle Wahrheiten auf eine einzige Wahrheit re-
duziert werden müssen u. s. w. | Von systematischen Wissen-
schaften wird es mir jeder leicht zugeben. Man wird aber fragen:
was für ein Zusammenhang ist zwischen dem Satz: die Luft ist
elastisch, und diesem: der Magnet zieht das Eisen, und zwischen
diesem und dem Pythagoreischen Satze z. B.? Aber was folgt dar-
aus? Nichts sonst, als daß wir diesen Zusammenhang nicht einse-
hen; der Grund davon aber ist, weil wir die Gegenstände selbst,
ihrem innern Wesen nach, nicht kennen: wenn wir alle Eigen-
schaften der Luft, des Magnets u. s. w. werden kennen lernen, so
429 | 431 Anmerkungen und Erläuterungen 229

daß wir diese Gegenstände, ihrem innern Wesen nach, zu definie-


ren im Stande sein werden, alsdann wird sich auch dieser Zusam-
menhang leicht ergeben.
(Seite 118) Ich bemerke aber u. s. w. Die Wahrnehmung einer
Veränderung im Objekte, setzt die Wahrnehmung der Beharrlich-
keit im Subjekte als Objekt betrachtet, weil sonst das Subjekt nie
die im Objekte wechselnden Bestimmungen in einem Bewußtsein
auf einander beziehen kann. Aber auch Wahrnehmung der Be-
harrlichkeit im Objekte; weil sonst das Subjekt die verschiedene
Bestimmungen seiner selbst, nicht als verschiedene Bestimmungen
des Objekts ansehen kann. Laßt uns annehmen zwei denkende |
Wesen A und B. Einem jeden derselben muß also Einerleiheit des
Bewußtseins zu verschiedenen Zeiten (in Beziehung auf seine
Zeit) beigelegt werden. Sagt man: vielleicht ist die Einerleiheit des
Bewußtseins des A in Beziehung auf seine Zeit selbst im Bewußt-
sein des B in Beziehung auf die seinige veränderlich; daß es z. B.
zu einer Zeit die Bestimmung a, zu einer andern aber die Bestim-
mung a e hat. So muß man annehmen: 1) daß B als das Objekt
dieser verschiedenen Vorstellungen a, a e, zu verschiedenen Zeiten
mit sich selbst einerlei ist, weil es sonst diese beide ver-
schiedene Vorstellungen auf sich als eben dasselbe Subjekt nicht
beziehen würde, d. h. es würde nicht einmal eine subjektive Ver-
änderung wahrnehmen. 2) Daß A als das Objekt von B unter die-
sen verschiedenen Bestimmungen in Ansehung dieses Letztern (in
Beziehung auf seine Zeit) etwas (außer diesen wechselnden Be-
stimmungen) mit sich selbst einerlei d. h. etwas Beharrliches, ha-
ben muß; weil sonst B zwar Wahrnehmung (subjektive) nicht aber
Erfahrung (objektive Wahrnehmung) einer Veränderung haben
würde. Der Unterschied zwischen A und B wird also bloß darin
bestehen, daß nämlich jenes sich selbst, das Subjekt von a, a e, als
beharrlich, dieses hingegen das A nicht als | das letzte Subjekt,
folglich beharrlich, sondern als etwas das wiederum durch Prädi-
kate bestimmt wird, betrachten würde; es muß aber doch, zwar
nicht das A sondern das letzte Subjekt in demselben als einerlei
mit sich selbst, d. h. als beharrlich denken. Also um zu urteilen:
daß die Veränderung der Einerleiheit des Bewußtseins von A nicht
bloß in B subjektiv, sondern in A objektiv vorgegangen ist, ist
230 Versuch über die Transzendentalphilosophie 431 | 433

nicht die subjektive Einerleiheit des Bewußtseins von B hinrei-


chend, sondern sie muß auch objektiv (in Ansehung eines dritten
C, betrachtet werden. Da aber mit diesem eben der Fall ist, als
mit B, so folgt hieraus, daß kein Subjekt überhaupt die Verände-
rung in A absolut denken kann, ohne eben dadurch etwas Beharr-
liches in ihm voraus zu setzen. Die Veränderung der Relation
aber, oder die Veränderung von A in Beziehung auf die Zeit von B
macht zugleich die Veränderung B in Beziehung auf die Zeit von
A, notwendig; denn sonst müßte die Zeit in beiden einerlei, d. h.
objektiv sein, wider die Voraussetzung.
(Seite 134 §. 7) Gehört der Satz des Widerspruchs zur Logik
oder zur Metaphysik? | Ich antworte hierauf: er gehört beiden
zugleich. In der Logik wird er so ausgedruckt: die entgegengesetz-
ten Formen der Urteile (Sein und Nichtsein) können keine zusam-
mengesetzte Form (der Inhalt mag übrigens sein was es will, ja so
gar logisch) ausmachen. In der Metaphysik aber wird er so ausge-
druckt: eben demselben logischen Objekt können nicht durch
eben dieselbe Form zwei sich ausschließende Inhalte (a und nicht
–a wodurch der Satz zugleich bejahend und unbestimmt wird)
beigelegt werden. Hier ist kein direkter Widerspruch; weil a und
zugleich etwas von a verschiedenes, z. B. b zu sein, sich nicht wi-
derspricht, indem Realitäten sich ausschließen, aber nicht wider-
sprechen. Indirekte aber kann man diesen Satz auf einen Wider-
spruch reduzieren; denn ein Etwas von a Verschiedenes b zu
setzen, muß man vorher a heben, wodurch ein logischer Wider-
spruch entspringt. Ferner bemerke ich, daß dieses zugleich keine
Zeitbestimmung (denn damit hat die Logik nichts zu schaffen)
sondern bloß die objektive Einheit des Bewußtseins bedeutet.

Schluß-Anmerkung.

Nach dem, was ich bisher vorgetragen habe, glaube ich nun im
Stande zu sein, verschiedene | philosophische Systeme, sowohl in
Ansehung der Recht- oder Unrechtmäßigkeit ihrer Ansprüche, als
auch ihrer Beförderung oder Hinderung des Interesse der Ver-
nunft zu vergleichen.
433 | 435 Anmerkungen und Erläuterungen 231

1) Die Empiriker. Diese wollen kein so wenig materielles als


formelles Prinzip a priori zugeben. Ihnen sind alle unsre (auch die
allereinfachsten) Begriffe und (allergemeinsten) Urteile (selbst der
Satz des Widerspruchs nicht ausgenommen) a posteriori, von den
sinnlichen Gegenständen und ihren mannigfaltigen von uns wahr-
genommenen Beziehungen auf einander abstrahiert; und so wie
z. B. das Rote das Abstraktum eines sinnlichen Dinges, nämlich
der roten Farbe ist, so ist bei ihnen die Einheit das Abstraktum ei-
nes Dinges, das eins ist, u. dergl. Alle von uns so genannten intel-
lektuellen Dinge, sind bei ihnen keine reelle, sondern bloß logi-
sche Objekte, welche nichts anders als verschiedene uns mit den
Dingen selbst gegebene Arten, die Dinge zu betrachten, sind. Die-
se sind in der Tat unwiderleglich; denn wie soll man sie widerle-
gen? Dadurch, daß man zeigt, daß ihre Behauptung ungereimt,
d. h. offenbare Widersprüche enthalte? Sie wollen den Satz des
Widerspruchs nicht zugeben. Aber sie verdienen auch nicht wi-
derlegt zu werden, denn sie behaup | ten – nichts. Ich muß geste-
hen, daß ich mir von einer solchen Denkungsart keinen Begriff
machen kann. Daß jede zwei Linien, die sich in einem Zirkel ein-
ander schneiden, sich in Teile, die in einer Proportion sind, einan-
der schneiden müssen, daß die Asymptote, sie mag so weit gezo-
gen werden als man will, die krumme Linie nie berühren kann,
u. dergl.; kurz daß ein Ding nicht zugleich wirklich und nicht
wirklich, möglich und nicht möglich sei, sind lauter Induktions-
Sätze! Das Interesse der Vernunft muß nach dieser Behauptung
gänzlich wegfallen, weil nach ihr die Vernunft selbst gänzlich zer-
nichtet wird. Diese Herren gestehen sich selbst kein größeres Ver-
193 mögen zu, als eine Art Instinkt, das sie judicium practicum nen-
nen, und Erwartung ähnlicher Fälle, die die Tiere in einem
vorzüglicherm Grade besitzen. Aber genug hievon!
2) Die empirische Dogmatiker und rationelle Skeptiker. Diese
behaupten: daß die Objekte unsrer Erkenntnis uns a posteriori ge-
geben, aber die Formen derselben in uns a priori sind. Existieren
wir samt diesen Formen nicht, so könnten doch deswegen die Ob-
jekte (obschon auf eine andere Art, als wir sie denken) existieren.
Existierten diese Objekte nicht, so könnten wir doch (auf eine |
uns unbekannte Weise) existieren. Ferner behaupten sie, daß wir
232 Versuch über die Transzendentalphilosophie 435 | 436

das Vermögen haben, nicht bloß diese Formen an sich, als Ob-
jekte zu denken, sondern auch als Formen in den Objekten zu
erkennen. Dieses Erkennen geschiehet aber nicht durch eine un-
mittelbare Wahrnehmung, sondern bloß vermittelst der Wahrneh-
mung eines Schema’s oder Merkmals an den Objekten, so daß wir
durch das Urteil: daß diese Formen den Objekten zukommen, zu-
gleich zum Bewußtsein dieser Formen selbst gelangen. Wir kön-
nen daher diese Formen nicht von den Objekten an sich, sondern
bloß in so fern sie dieses Merkmal haben, gebrauchen. Der allge-
meinere Gebrauch dieser Formen von den Dingen an sich auch
ohne dieses Merkmal, dienet nicht dazu, um dadurch etwas in
den Objekten zu bestimmen, sondern bloß, um der Vernunft,
Vollständigkeit und systematische Einheit zu verschaffen. Dieses
ist das Kantische System. Es ist nicht bloß rechtmäßig, sondern es
befördert auch das Interesse der Vernunft im höchsten Grade;
denn obschon es die Vernunft durch Hinweisung auf dieses
Merkmal, in ihrem Gebrauche einschränkt, so ist doch dieses
Merkmal von der Beschaffenheit, daß es (weil es eine Form a pri-
ori ist) nur mit der Vernunft selbst aufhören kann. |
3) Rationelle Dogmatiker und empirische Skeptiker. Diese be-
haupten: daß so wohl die Formen als die Objekte unsrer Erkennt-
nis selbst in uns a priori sind, und daß dieses Vermögen nicht bloß
darin bestehet, uns gegebne Objekte durch von uns gedachte For-
men zu erkennen, sondern durch diese Formen die Objekte selbst
hervorzubringen. Die sinnlichen Objekte sind verworrene Vor-
stellungen von diesen Vernunft-Objekten. Wenn die Vernunft ihre
Formen von sinnlichen Objekten gebraucht, (ich meine die syn-
thetischen, welches zu bezweifeln ist) so geschieht es nicht unmit-
telbar, sondern vermittelst der Vernunft-Objekte, die sie vorstel-
len (daß aber diese Formen diesen Objekten zukommen, braucht
als eine unmittelbare Wahrnehmung kein Merkmal). Diese erwei-
tern also den Gebrauch der Vernunft mehr als die vorigen. Auf
der andern Seite aber bezweifeln sie das Faktum selbst, d. h. daß
die Vernunft diese Formen hat oder gebraucht; sie wollen nur von
einer einzigen Form wissen; nämlich der Identität und des Wider-
spruchs, der sie objektive Realität beilegen; den andern Formen
hingegen legen sie bloß eine subjektive Realität mit Gewißheit
436 | 438 Anmerkungen und Erläuterungen 233

bei, die aber doch wegen ihrer Allgemeinheit in Beziehung auf


uns, eben die Dienste tun, | als wenn sie objektive Realität hätten,
wodurch das Interesse der Vernunft auf keine Weise geschmälert
wird. Fragt man mich: wer sind diese rationelle Dogmatisten? so
weiß ich für jetzt keinen zu nennen, außer mich selbst. Ich glaube
aber, daß dieses das Leibnizische System (wenn es recht verstan-
den wird) ist. Aber es sei das Leibnizische System oder nicht; was
194 tut das zur Sache? ich will darüber keine Stimmen sammeln. Men-
delssohn sagt irgendwo: in Ansehung der Wahrheit müssen Stim-
men gewogen, nicht gezählt werden. Fragt man die Kantianer: ob
wir in der Tat urteilen, daß gewisse Formen gewissen sinnlichen
Objekten zukommen? so antworten sie: Allerdings. Fragt man sie
ferner: woran erkennen wir dieses? so antworten sie: An einem
Merkmal a priori, das sich notwendig auf Objekte a posteriori be-
ziehet. Fragt man mich hingegen das erste, so bezweifle ichs; auf
das zweite aber antworte ich: daß dieses unter Voraussetzung,
daß das erste bejahet werden muß, auch ohne dergleichen subjek-
tives Merkmal durch ein objektives Merkmal an den Dingen
selbst bewerkstelligt werden könne, so daß wir (unserm jetzigen
Zustande nach) uns demselben beständig nähern, wodurch die-
ses Urteil immer einen höhern Grad der Wahrscheinlichkeit
be | kommt), ohne es je völlig erreichen zu können (wodurch die
völlige Gewißheit des Urteils noch immer zurück gehalten wird).
Da ich mich aber hierüber im Werke selbst genugsam erklärt zu
haben glaube, so will ich mich hier nicht länger dabei aufhalten.
4) Ein aus dem vorigen zusammengesetztes System: Die dem-
selben zugetan sind, behaupten, daß die Objekte uns a posteriori,
die Formen unserer Erkenntnis aber a priori gegeben sind, so daß
diese mit einander zusammenstimmen; sie erklären aber so wenig
die Möglichkeit dieses Zusammenstimmens überhaupt, als die
Art, wie wir zur Gewißheit des Urteiles über dieses Zusammen-
stimmen in besondern Fällen gelangen. Dieses System ist den
mehresten Wolffianern eigen: durch Setzung der Objekte an sich,
worauf sie die Formen unmittelbar beziehen, (nicht vermittelst ei-
nes Schema’s a priori in den sinnlichen Objekten, wie die ersteren,
oder vermittelst einer Auflösung derselben in eine unendliche Rei-
he, d. h. durch die beständige Näherung zu den intellektuellen
234 Versuch über die Transzendentalphilosophie 438 | 440

Objekten, wie die letzteren) unterbrechen sie den Fortschritt der


Vernunft, und hemmen ihr Interesse. Folglich kann dieses System
sich auf keine Art behaupten.
Nachdem ich also diese verschiedenen Systeme, in Ansehung
des objektiven formellen Interesse der Vernunft an sich, unterein-
ander verglichen habe, will ich sie auch in Ansehung des subjekti-
ven materiellen Interesse der Vernunft unter einander vergleichen;
woraus sich wird erklären lassen, warum gewisse Klassen den-
kender Subjekte | gewissen Systemen (wegen eines subjektiven In-
teresse) mehr, als den andern zugetan sind. Es kommt hier auf
Fähigkeit, Erziehung und Lebensweise an. Ein System, das schwe-
rer zu fassen ist, als ein anderes, obschon jenes das objektive In-
teresse der Vernunft mehr, als dieses, befördert, muß doch in An-
sehung derjenigen, die es ohne große Anstrengung nicht fassen
können, diesem nachgesetzt werden. Das objektive Interesse der
Vernunft befindet sich auf jenes, das subjektive hingegen auf die-
ses, Seite. Ferner: wenn man sich einmal durch Erziehung und Be-
rufsgeschäfte eine gewisse Denkungsart geläufiger, als eine andere
gemacht hat, obschon diese der Natur der objektiven Vernunft
überhaupt angemessener sein mag, als jene, so wird doch die sub-
jektive Vernunft jene dieser vorziehen; des materiellen Interesse,
das eine gewisse Lebensart an ein gewisses System haben kann,
nicht zu erwähnen. Die Theologen z. B. (wenn sie zugleich Philo-
sophen sein wollen) finden natürlicher Weise mehr subjektives In-
teresse an dem Wolffischen, als an den andern Systemen. Es will
ihnen ein System nicht behagen, das die Gegenstände ihres Berufs
für eine bloße Idee, nach Herrn Kants und meiner Erklärung die-
ses Worts, hält; sie machen also ihre subjektiven zu objektiven
Grenzen der Vernunft an sich, wodurch sie ihre Tätigkeit auf ein-
mal unterbrechen, da doch in der Tat nicht der Gegenstand, son-
dern das Gesetz der Vernunft selbst ihre Grenze ist. Man kann ih-
nen daher mit gerech | tem Unwillen vorwerfen: Warum, Moses 195
und Aaron (ihr Theologen), störet ihr das Volk in seiner Tätig-
keit? Verwaltet euer Amt pflichtmäßig! Die Politiker müssen sich
an den Empirismus halten. Es wird ihnen übel zu Mute, wenn
man ihnen die unerwartete Frage aufwirft: was ist salus populi? 196
und worin bestehet es? (welches doch das allgemein anerkannte
440 | 441 Anmerkungen und Erläuterungen 235

Prinzip ihrer Wissenschaft ist). Oder gesetzt, daß sie sich über
dieses Prinzip selbst vereinigen könnten, so werden sie es doch für
lächerlich halten, in ihrer Anwendung desselben auf besondere
Fälle Schritt vor Schritt den logischen Regeln gemäß zu verfah-
ren. Und so ist es auch mit den Juristen beschaffen. Sie würden es
sehr seltsam finden, wenn, nachdem sie ihr römisches, kanoni-
sches Recht u. s. w. expliziert haben, man ihnen die unerwartete
Frage: was ist Recht überhaupt? aufwürfe, und wenn man wie-
derum verlangte, daß sie ihre Deduktionen aus festen Prinzipien,
den Regeln der Logik gemäß, völlig herleiten sollten. Sie müssen
daher einer Denkungsart nicht gar zu günstig sein, die dieses alles
mit Recht zu fordern glaubt, da doch, außer Kants formellem
Prinzip, an keinen Begriff von Recht und Gesetz zu denken ist.
Die Mediziner befinden sich in diesem Betracht in einer verzwei-
felten Lage. Ihr subjektives Interesse erfordert, daß sie dem Sy-
stem der Materialisten beipflichten, weil sie dadurch eine schöne
Gelegenheit bekommen, ihre anatomische und physiologische
Kenntnis, in Erklärung aller Lebensverrich | tungen aus dem blo-
ßen körperlichen Mechanismus zu detaillieren (aus welchem löb-
lichen Grunde sich viele derselben in der Tat für den Materialis-
mus erklären); sie finden aber dieses mit einer Schwierigkeit
verknüpft, nämlich: diese Erklärungsart setzt viel mathematische
und mechanische Kenntnis voraus, welches bei ihnen nicht immer
der Fall sein möchte. Auf der andern Seite aber finden sie auch
eben dasselbe Interesse, in dem entgegengesetzten System (der
Spiritualisten), nämlich in Annehmung einer unendlichen Weis-
heit und Güte, das sie ebenfalls mit ihrer anatomischen und phy-
siologischen Kenntnis unterstützen. Der Unterschied bestehet
bloß darin, daß sie diese Kenntnisse im ersten Falle auf die causa
efficiens, im letzten aber auf die causa finalis anwenden. Was soll
also der philosophierende Mediziner machen? Er nimmt nach
197 Zeit und Umständen Partei, er wird daher entweder ein la Mettrie
(der selbst das Empfinden und Denken aus der Organisation,
198 nach Gesetzen der Mechanik, zu erklären sucht), oder ein Stahl
(der selbst alle bloß körperliche Verrichtungen der Seele, der er
eine vollkommene Einsicht in die Beschaffenheit des Körpers bei-
legt, zueignet), oder er nimmt gar keine Partei, sondern wankt be-
236 Versuch über die Transzendentalphilosophie 441 | 443

ständig von der einen Seite zur andern. Den Pädagogen muß
natürlicher Weise das Kantische Moralsystem nicht sonderlich
behagen; sie ziehen demselben das Vollkommenheitssystem vor,
das sie nach Herzenslust nach Zeit und Umständen modulieren,
wodurch sie die ganze Welt zu Kindern machen, | die sie erziehen
und bilden müßten. Also anstatt, daß sie ihre Zöglinge zum
Selbstdenken und Handeln, dem freien Willen und den Gesetzen
der Vernunft gemäß, anführen sollen, schärfen sie ihnen vielmehr
die sklavische Nachahmung ein. Aber, könnte man mit Recht fra-
gen: wen soll man doch nachahmen? Die Guten und Weisen; aber
wer sind diese? Diejenigen, die von den Guten und Weisen dafür
gehalten werden; ein echtes pädagogisches Prinzip! – Und so ist es
auch mit andern Lebensarten beschaffen. Übrigens hoffe ich, daß
kein denkender Leser glauben wird, daß ich bei Schilderung die-
ses mannigfaltigen subjektiven Interesse irgend jemand ins Beson-
dere im Sinne hatte, ich kenne und habe sogar Männer von jeder
dieser Klassen zu Freunden, Männer, die ich hochschätze, und
von denen ich gewiß überzeugt bin, daß sie das allgemeine Inter-
esse der Vernunft und der Menschheit ihrem Berufsinteresse vor-
ziehen. Ich wollte hier überhaupt keine Fakta darstellen, sondern
bloß dergleichen Fakta, wenn sie sich ereignen sollten, aus der
Lage der Sache begreiflich machen.
Nach Wolffs System also gehet die Vernunft auf Eroberungen
aus, ehe sie sowohl ihre Kräfte, als ihre rechtmäßigen Ansprüche
untersucht hat. Nach Kants System wird die Vernunft zu ihrer
Selbsterkenntnis zurück geführt, und nachdem sie sowohl ihre
Kräfte, als ihre Ansprüche genau untersucht hat, findet sie, daß
diese bloß zur Sicherung ihres Besitzes, nicht aber zu auswärtigen
Eroberungen hinreichend sind. Nach meinem Sy | stem (oder
Nichtsystem) hingegen denkt die Vernunft zwar auf keine aus-
wärtigen Eroberungen, sondern bloß auf Sicherung ihres recht-
mäßigen Besitzes; aber sie findet zugleich, daß dieser unbegrenzt
ist, sie kann daher denselben nie auf einmal genießen, sondern
bloß nach und nach bis ins Unendliche: das sind aber bloß recht-
mäßige Erwerbungen, keinesweges aber gewaltsame Eroberun-
gen. Sie findet, daß sie und ihre Wirkungsart nur unter Voraus-
setzung einer unendlichen Vernunft möglich ist. Der Unterschied
443 | 444 Anmerkungen und Erläuterungen 237

zwischen beiden (außer der Unendlichkeit) bestehet darin: die


letztere fängt von dem Allgemeinsten an, und schreitet (durchs
Bestimmen) immer mehr zum Besondern (ich verstehe darunter
nicht ein Anfangen und Fortschreiten der Zeit, sondern bloß der
Natur nach), und dieses durch lauter unendliche Reihen. Jede von
ihr auf diese Art hervorgebrachte Synthesis macht ein reelles Ob-
jekt aus, das mit allen übrigen im Verhältnisse der Sub- und Ko-
ordination (als Art und Geschlecht, oder als verschiedene Arten
eines Geschlechts) stehet. Die erstere hingegen fängt vom Beson-
dern an, und steiget immer (durchs Abstrahieren) zum Allgemei-
nern (das Besondere bedeutet hier bloß Mangel des Allgemeinen,
oder des verschiedenen Dingen gemeinschaftlichen Begriffes;
denn das Besondere im engsten Verstande kann nur nach Erlan-
gung des Allgemeinen Statt finden), dieses geschieht in der Zeit.
Diese Vernunft nähert sich jener bis ins Unendliche. Die Idee der
völligen Erreichung derselben ist die Idee ihrer Vereinigung. | Sie
darf sich also selbst keine andern Grenzen setzen, sie braucht
auch nicht zu befürchten, sich in die höhern Regionen zu ver-
steigen, und in der reinen ätherischen Luft zu ersticken (welches
freilich der Fall sein muß, wenn man sich nicht dazu gehörig vor-
bereitet), indem sie immer eine der Region angemessene Beschaf-
199 fenheit bekommt. Shaftesbury (Charakteristiks, 2, p.124.) belacht
mit Recht diese eitle Furcht. »You know too, that in this academick
philosophy, j am to present you with, there is a certain way of Ques-
tioning and Doubting which no-way suites the Genius of our Age.
Men love to take party instantly. They can’t bear being kept in sus-
pence, the Examination torments’em, they want to be rid of it, upon
the easiest terms. ’Tis as if men fancy’d themselves drowning when-
ever they dare trust to the current of Reason. They seem hurrying
away, they know not whither, and are ready to catch at the first twig.
There they chuse afterwards to hang, tho ever so insecurely, rather
than trust their strength to bear them above water. He who has got
hold of an Hypothesis how flight soever is satisfy’d. He can pre-
sently answer every Objection, and with a few Terms of Art give an
Account of every thing without trouble.«
200 Unsere Talmudisten (die gewiß zuweilen Gedanken geäußert
haben, die eines Plato würdig sind) sagen: »Die Schüler der Weis-
238 Versuch über die Transzendentalphilosophie 444

heit finden keine Ruhe, weder in diesem noch in dem künftigen


Leben;« worauf sie nach ihrer Weise die Worte des Psalmisten 201
(84,8.) beziehen: sie wallen von Kraft zur Kraft, erscheinen vor
der Allmacht in Zion.
BEILAGE

»Antwort des Hrn. Maimon auf voriges Schreiben.«


Berlinisches Journal für Aufklärung, 1790, Bd. IX/1, 52–80.

Würdigster Freund!

Ihr Schreiben vom … habe ich erhalten. Sie äußerten hierin Ihren
Wunsch, daß ich mich über den Plan des Ihnen zugeschickten
Werkes bestimmter erklären, und den Leser in Ansehung der von
mir ergriffnen Partei außer Zweifel setzen möchte, indem Sie
glauben, daß dieses im Werke selbst nicht auf eine völlig be-
stimmte Art geschehn sei. Aber wozu dieses? Die Parteien lassen
sich hier nicht so genau bestimmen, und die Sekten in der Phi-
lo[53]sophie lassen sich nicht wie die Gegenstände der Naturge-
schichte unter bestimmte Klassen bringen. Da Sie es aber doch
haben wollen, und da Sie glauben, daß dieses zur bessern Ver-
ständlichkeit und Übersicht des Ganzen des gedachten Werks bei-
tragen kann, so will ich Ihnen hierin willfahren.
Ich behaupte, daß die Kritik der reinen Vernunft in Ansehung
ihres Resultats wider die Dogmatisten unwiderleglich sei, und
daß also die Frage: Ist Metaphysik möglich? (in dem Sinn, worin
Herr Kant es nimmt, nämlich, als eine Wissenschaft der Dinge an
sich) mit Nein beantwortet werden muß, behaupte aber zugleich,
daß dies System unzulänglich sei, und dieses in zweierlei Betracht.
Erstlich ist es unzulänglich, um dadurch allen Dogmatism über-
haupt umzustoßen, indem ich beweise, daß, wenn man unter Me-
taphysik nicht die Wissenschaft der Dinge an sich, welche sich
auf auf keinerlei Weise denken läßt sondern bloß die Wissen-
schaft von den Grenzen der Erscheinungen (Ideen) verste[54]het,
die die eigentlichen Objekte des vollständigen Denkens sind, und
worauf man durch Erkenntnis der Objekte der Erscheinung not-
wendig geführt wird, in diesem Betracht Metaphysik nicht nur
möglich, sondern sogar notwendig ist, weil sonst keine Erkennt-
nis eines Objekts überhaupt möglich wäre.
240 Beilage

Ich bin also mit Herrn Kant hierin einig, daß die Begriffe der
Metaphysik keine reelle Objekte der Erfahrung, sondern bloße
Ideen, zu denen man sich immer in der Erfahrung nähern kann,
sind, behaupte aber zugleich, daß nicht nur in der Metaphysik,
sondern auch in allen andern Wissenschaften, wenn sie diesen
Namen verdienen sollen, die eigentliche Objekte derselben Ideen
sind. Zweitens ist dies System unzulänglich, um dadurch allem
fernern Dogmatism vorzubeugen. Ich werde mich über die Grün-
de meiner Behauptungen näher erklären.
Erstlich weiche ich von Herrn Kant ab in Ansehung des Unter-
schieds zwischen Ding an sich, und Begriff oder Vorstellung eines
[55] Dinges. Nach Herrn Kant ist Ding an sich dasjenige außer
unserm Erkenntnisvermögen, worauf sich der Begriff oder die
Vorstellung in demselben bezieht. Ich behaupte hingegen, daß das
Ding an sich in diesem Verstande ein leeres Wort ohne alle Be-
deutung ist, indem man nicht nur das Dasein dieses Dinges nicht
beweisen, sondern sich auch von demselben gar keinen Begriff
machen kann, und nach mir sind Dinge an sich, und Begriff oder
Vorstellung eines Dinges objektive eines und eben dasselbe, und
nur subjektiv, d. h., in Beziehung auf die Vollständigkeit unsrer
Erkenntnis von einander unterschieden. Ein Dreieck z. B. ist an
sich betrachtet, Ding (Objekt des Denkens) und Begriff eines Din-
ges, (allgemeines Merkmal) dieses aber in Beziehung auf jenes
Ding an sich u. dergl. Was dem Begriffe eines Dings zukömmt,
kömmt notwendig dem Dinge selbst zu, was aber dem Dinge
selbst zukömmt, kömmt dem Begriffe desselben nur in sofern zu,
in wiefern er mit ihm identisch ist. Ein reguläres Polygon ist in
Be[56]ziehung auf den Zirkel (in dem oder um den es beschrieben
wird) Begriff; der Zirkel hingegen in Beziehung auf das Polygon
Ding an sich. Vom Polygon kann ich behaupten, daß man darin
gewisse zwo Punkte (die irgend eine Seite desselben begrenzen,
und sich in dessen Mittelpunkt einander schneiden) von der Art,
daß sie einander gleich sind denken kann, dieses ist auch vom
Zirkel wahr. Hingegen wird vom Zirkel behauptet, daß alle Li-
nien, die aus dem Mittelpunkt zu demselben gezogen, werden sich
einander gleich sind, welches vom Polygon nur insofern, daß es
mit dem Zirkel identisch ist, (in ihren Vereinigungspunkten) wahr
Beilage 241

sein kann, u. dergl. mehr. Das Ding an sich ist also eine Vernunft-
idee, die von der Vernunft selbst zur Auflösung einer allgemeinen
Antinomie des Denkens überhaupt gegeben ist. Denn das Denken
überhaupt bestehet in Beziehung einer Form (Regel des Verstan-
des) auf eine Materie. (das ihre subsumierte Gegebne) Ohne Ma-
terie kann man zum Bewußtsein der Form nicht gelangen, [57]
folglich ist die Materie eine notwendige Bedingung des Denkens,
d. h. zum reellen Denken einer Form oder Verstandesregel muß
notwendig eine Materie, worauf sie sich beziehet, gegeben wer-
den; auf der andern Seite hingegen erfordert die Vollständigkeit
des Denkens eines Objekts, daß nichts darin gegeben, sondern al-
les gedacht werden soll. Wir können keine dieser Forderungen als
unrechtmäßig abweisen, wir müssen also beiden Genüge leisten
dadurch, daß wir unser Denken immer vollständiger machen, wo-
durch die Materie sich immer der Form nähert bis ins Unendli-
che, und dieses ist die Auflösung dieser Antinomie.
Zweitens. Die Hauptfrage, die die Kritik der reinen Vernunft
veranlaßt hat, ist: Wie sind synthetische Sätze a priori möglich?
Diese Frage ist von Herrn Kant, in dem Sinne, den er damit ver-
knüpft, auch befriedigend aufgelöst worden. Hingegen glaube ich
berechtigt zu sein diese Frage in einem engern Sinn aufzuwerfen,
wodurch die Auflösung des Herrn Kants unbe[58]friedigend
wird. Nämlich nach Herrn Kant ist eine Erkenntnis a priori, wenn
die Materie sowohl als die Form derselben im Erkenntnisvermö-
gen selbst gegründet ist, ohne darauf zu sehen, ob die Verknüp-
fung von Materie und Form derselben, im Erkenntnisvermögen
selbst gegründet ist, ohne darauf zu sehen, ob die Verknüpfung
von Materie und Form schon vor ihrer Entstehung aus einer an-
dern ihr vorhergegangenen Erkenntnis sich begreiflich machen
läßt oder nicht. Wenn er also diese Hauptfrage in die ihr unterge-
ordneten abteilt, und fragt z. B. wie sind synthetische Sätze a pri-
ori in der Mathematik möglich? so ist die Bedeutung bloß, wo-
durch gelangen sie zu einem Dasein in unsrer Erkenntnis? worauf
die Antwort: durch einer Konstruktion a priori, (aus Vermögen
unsrer Erkenntnis selbst) völlig befriedigend ist. Nach mir hinge-
gen hat diese Frage folgende Bedeutung: Wir sind sowohl vom
Dasein als von der Art des Daseins dieser synthetischen Sätze a
242 Beilage

priori durch Konstruktion völlig überzeigt, die Frage ist aber?


[59] Wie ist ihr Dasein in uns a priori (aus einer vorhergegange-
nen Erkenntnis) begreiflich? z. B., der Begriff eines gleichseitigen
Dreiecks hat nicht bloß sein Dasein in der wirklichen Konstruk-
tion (indem man ein Dreieck überhaupt konstruiert, und die
Gleichheit der Seiten als möglich hinzudenkt) sondern wie uns
Euklides (T. 1.) belehrt, wir von seiner Realität schon vor seiner
wirklichen Konstruktion überzeugt sind, wodurch diese Kon-
struktion selbst nicht nur bewerkstelligt, sondern auch begreiflich
wird. So ist auch jeder analytische Satz schon vor der Konstruk-
tion des Begriffs aus der diskursiven Erkenntnis begreiflich. Hin-
gegen wird uns die Wahrheit der mathematischen Axiomen auf-
gedrungen, ohne auf irgend eine Weise begreiflich gemacht zu
werden, und dieses ist die formelle Unvollständigkeit unsrer Er-
kenntnis in Ansehung derselben. Es gibt aber auch eine unver-
meidliche materielle Unvollständigkeit derselben, wenn nämlich
die Konstruktion den Bedingungen des Begriffs nicht völlig (in-
dem er sich aufs Unendliche erstreckt) [60] entsprechen kann. Es
entstehet hier eine Antinomie, indem von der einen Seite die Ver-
nunft uns befiehlt, dem Begriffe keine Realität beizulegen, als nur
insofern er konstruiert werden kann, weil die Realität dessen,
was nicht konstruiert werden kann, bloß problematisch ist. Auf
der andern Seite hingegen fodert die Vernunft, daß der Satz bloß
vom vollständigen Begriffe, wie er vom Verstande gedacht, nicht
aber vom Unvollständigen, wie er von der Einbildungskraft kon-
struiert wird, gelten soll!
Die zwote untergeordnete Frage ist: Wie ist reine Naturwissen-
schaft möglich? Ihre Bedeutung ist nach Herrn Kant diese: Wie
kann der Verstand den Dingen außer demselben a priori Gesetze
vorschreiben? Die Auflösung dieser Frage ist nach ihm diese: Der
Verstand kann keineswegs den Dingen an sich außer demselben
Gesetze vorschreiben, sondern bloß denselben, insofern sie von
der Sinnlichkeit angeschauet und vom Verstande gedacht werden.
Die Gesetze des Verstandes sind Bedingungen des Denkens eines
Ob[61]jekts überhaupt. Sie müssen daher von allen Objekten a
priori gelten. Auf diese Art sind also synthetische Sätze der Natur
a priori möglich. Die Grundlage dieser Gesetze sind die bekannten
Beilage 243

logischen Formen oder die Arten der Beziehungen der Objekte


auf einander. Hiezu kömmt noch die Kategorie oder die besondre
Bestimmung dieser Formen in Ansehung der Objekte, worauf sie
bezogen werden, wodurch sie ihre Realität erhalten. Diese beson-
dre Bestimmung muß nicht in den Objekten selbst a posteriori,
sondern in Etwas a priori, das sich auf das Objekt a posteriori be-
ziehet, angetroffen werden. Und da sie nicht in diesen logischen
Formen selbst ist, so kann diese Bestimmung nicht anders als in
den Formen der Sinnlichkeit a priori angetroffen werden u. s. w.
Wie dieses alles Ihnen aus der Kritik der reinen Vernunft bekannt
sein muß.
Hier bemerke ich wieder neue Lücken. Erstlich glaube ich, daß
man genau unterscheiden muß, zwischen den eigentlichen logi-
schen For[62]men und den in den logischen Schriften dafür aus-
gegebenen. Um dieses zu erläutern nehme ich z. B. die Form der
hypothetischen Sätze: Wenn ein Ding a gesetzt wird, so muß auch
ein andres Ding b gesetzt werden. Diese Form an sich ist bloß
problematisch, und kann also nur durch ihren wirklichen Ge-
brauch Realität bekommen. Ist also der Gebrauch selbst unerwie-
sen, so ist auch diese Form ohne alle Realität. David Hume leug-
net den Gebrauch dieser Form, nämlich den Begriff von Ursache,
oder das Urteil: Wenn ein Ding b gegeben wird, so muß es ein an-
deres Ding a geben, worauf es nach einer Regel folgt, indem er
zeigt, daß dieses (in Beziehung auf bestimmte Gegenstände) kein
Verstandsurteil, sondern bloß eine Folge der Assoziation der Ein-
bildungskraft ist, und dieses, wie ich glaube, mit Recht; denn ein
Verstandesurteil entstehet nicht nach und nach, und ist daher
von der Gewohnheit unabhängig, so wie es hier der Fall ist. Die
Wilden, die den Gebrauch des Feuers nicht kennen, werden gewiß
bei [63] der ersten Wahrnehmung des Feuers und hierauf die Er-
wärmung des Steins, nicht sogleich urteilen: Das Feuer erwärmt
(macht warm, ist Ursache) den Stein, sondern nachdem sie die
Folge dieser Erscheinungen auf einander mehrere male wahrge-
nommen haben, so werden sie in ihrer Einbildungskraft in eben
der Ordnung verknüpft, in der sie wahrgenommen worden sind,
so, daß wenn eine dieser Erscheinungen ihnen vorkömmt, als-
dann auch die Andere in öfters wahrgenommener Ordnung vor-
244 Beilage

gestellt wird. Es ist also hier bloß eine subjektive Notwendigkeit


nach einem empirischen Gesetze, keineswegs aber, eine objektive
Notwendigkeit a priori. Herr Kant hat zwar bewiesen, daß wir
keinen Begriff von einem Objekte überhaupt (wie hier z. B vom
Entstehen eines Dings) haben können, wo nicht das Urteilsvermö-
gen, die für sich in Ansehung der Objekte unbestimmte logische
Form durch ein Urteil bestimmt. Aber wenn ich behaupte mit D.
Hume, daß dieses kein Verstandesurteil sei, so leugne ich zugleich
das davon [64] abhängende Faktum selbst, indem ich behaupte,
daß, wenn wir urteilten, daß ein Ding b entstehet, so geschieht es
bloß, weil wir urteilen, daß es auf a nach einer Regel (daß bestän-
dig a vorhergehen und b folgen muß) folgt, da aber dieses kein
Verstandesurteil ist, (wir nennen die uns angewöhnte Art der Fol-
ge dieser Dinge auf einander wirkliche Erfahrung, die andern
aber ein bloßes Spiel der Einbildungskraft) so bestehet Alles, was
Herr Kant bewiesen hat, also bloß darin, daß sich diese beide
wechselweise voraus setzen, d.h., um ein wirkliches Entstehen zu
denken, muß man das zuentstehende Ding in Ansehung eines an-
dern Dinges in einer Folge nach einer Regel denken, und auch
umgekehrt, und dieses wird ihm Niemand streitig machen. Die
Frage ist aber hier nicht nach der logischen Beziehung dieser
Gedanken auf einander, sondern nach ihrem reellen Gebrauche,
und dieses ist eben, was nicht zugegeben werden kann. Und da
also der Begriff von Ursache in Beziehung auf bestimmte Gegen-
stände der Er[65]fahrung keine Realität hat, so hat auch der Be-
griff von Ursache überhaupt, als eine Abstraktion davon keine
Realität.
Wird man sagen: Zugegeben, daß die Gleichförmigkeit der
Wahrnehmungen der Grund dieser Gewohnheitsurteile ist, was ist
aber der Grund dieser Gleichförmigkeit selbst? So antworte ich,
diese Frage trifft diese Theorie nicht mehr als die Kantische. Herr
Kant sagt zwar, es muß eine Regel a priori geben, die die auf ein-
ander bezogne Wahrnehmungen bestimmt, weil sonst die Einbil-
dungskraft keinen Stoff zu ihrer Tätigkeit finden wird. Folglich
ist die Ordnung der Dinge in Beziehung auf einander a priori be-
stimmt. Ich muß aber gestehen, daß ich die Stärke dieses Argu-
ments nicht einsehen kann. Gesetzt, es wäre keine unveränderliche
Beilage 245

Ordnung unter den Wahrnehmungen, wäre nur zugleich keine


unveränderliche Unordnung unter denselben, so hätte doch die
Einbildungskraft immer Stoff genug zu ihrer Wirksamkeit, indem
diese keine unveränderliche, sondern bloß [66] eine oft wieder-
holte Folge der bestimmten Wahrnehmungen auf einander voraus
setzt, so daß der Grad ihrer Wirksamkeit durch den Grad dieser
Wiederholung bestimmt wird. Dieser Vorstellungsart zufolge ist
also der Begriff von Ursache keine Kategorie, sondern eine Idee,
zu der man sich im Gebrauche immer nähern, die man aber nie
erreichen kann. Je öfter man die Folge bestimmter Wahrnehmun-
gen auf einander bemerkt hat, desto genauer werden diese unter
einander in unsrer Einbildungskraft verknüpft, wodurch die sub-
jektive Notwendigkeit dieser Folge sich der objektiven immer
nähert, ohne sie doch erreichen zu können. Und so ist es auch mit
allen übrigen Kategorien beschaffen.
Nachdem ich also die Schwierigkeiten der Kantischen Theorie
gezeigt habe, will ich nun einen in etwas verschiedenen Weg ein-
schlagen, wodurch, wie ich glaube, diese, wenn nicht völlig geho-
ben, doch um ein beträchtliches vermindert werden können. [67]
Die allgemeine Antinomie des Denkens überhaupt, enthält au-
genscheinlich ihre Auflösung in sich selbst, diese bestehet darin:
Die Vernunft fodert, daß man das Gegebne in einem Objekte
nicht als etwas seiner Natur nach unveränderliches betrachten
muß, sondern bloß als eine Folge der Einschränkung unsres
Denkvermögens. Die Vernunft gebietet uns daher einen Fort-
schritt ins Unendliche, wodurch das Gedachte immer vermehrt,
das Gegebne hingegen bis auf ein unendlich Kleines vermindert
wird. Es ist hier die Frage nicht, wie weit wir hierin kommen kön-
nen, sondern bloß aus welchem Gesichtspunkt wir das Objekt be-
trachten müssen, um darüber richtig urteilen zu können? Dieser
(Gesichtspunkt) ist aber nichts anders als die Idee des allervoll-
kommensten Denkvermögens, wozu wir uns immer nähern müs-
sen bis ins Unendliche.
Die mathematische Antinomie, indem sie mit der vorigen einen
ähnlichen Ursprung hat, [68] wird auf eine ähnliche Art aufge-
löst. Ich will mich hierüber erklären.
Es gibt zweierlei Arten der Konstruktion, nämlich eine Objekt-
246 Beilage

und eine Schema-Konstruktion, d. h., entweder wird das Objekt


selbst völlig seinen Bedingungen (im Verstande) entsprechend, in
der reinen Einbildungskraft a priori dargestellt, oder er kann nicht
völlig seinen Bedingungen entsprechend a priori, sondern bloß
vermittelst einer empirischen Konstruktion dargestellt werden.
Wenn man die Gleichung eines Zirkels algebraisch ausdrückt,
und eine beliebige Anzahl Punkten bestimmt, die derselben Genü-
ge leisten, so hat man die Konstruktion eines Zirkels a priori, aber
dadurch werden nur einige Punkten im Zirkel, die die loci geome-
trici dieser Formel sind, nicht der Zirkel selbst, als eine stetige
Größe, als eine einzige Linie konstruiert; soll dieses geschehen, so
muß man diese Punkten durch gerade Linien verbinden. Aber als-
dann entspricht diese Konstruktion nicht völlig ihrem Begriffe
entspre[69]chend, indem sie nur in den bestimmten Punkten dem-
selben gemäß ist. Beschreibt man hingegen einen Zirkel durch Be-
wegung einer Linie um einen ihrer Endpunkten, alsdann wird die
Konstruktion dem Begriffe völlig entsprechen. Ich glaube, daß
dieses auch der Grund sei, warum die alten Geometer bis auf Kar-
tesius die krumme Linien (außer dem Zirkel) mechanische Linien,
und nur die gerade Linie und den Zirkel geometrische Linien ge-
nannt haben, und daher auch den erstren nicht gern einen Platz in
ihrer Geometrie haben einräumen wollen. Kartesius wunderte
sich darüber nicht wenig, und meinte, daß sie dazu keinen Grund
hatten. Denn, sagt er, sollen sie die krumme Linien deswegen me-
chanische Linien genannt haben, weil man sich zu ihrer Beschrei-
bung einiger Maschinen bedienen muß, so hätten sie aus eben den
Grund auch den Zirkel und die gerade Linie aus ihrer Geometrie
weglassen müssen, indem auch diese vermittelst des Zirkels und
Lineals beschrieben werden müssen. Er glaubte hingegen, daß al-
les, was [70] sich genau angeben läßt, mit Recht geometrisch ge-
nannt werden kann, und von dieser Art sind alle die Linien, die
durch eine stete Bewegung oder auch durch mehrere Bewegun-
gen, die auf einander folgen, sich einander wechselweise bestim-
men.1

1 Mais je m’etonne de ce qu’ils n’ont point cela distingué divers de-


grez entre ces lignes plus composés, & je ne sçaurois comprendre,
Beilage 247

Aber wie es scheint, hat dieser große Mann nicht bemerkt, daß
eine geometrische Linie zwo Kriterien hat, erstlich muß sie eine
Linie, d. h., eine stetige Größe sein, sonst gehörte sie nicht zur
Geometrie. Zweitens muß sie auf irgend [71] eine Weise ausmeß-
bar, d. h., eine geometrische Linie sein. Wenn eine krumme Linie
vermittelst ihrer Gleichung konstruiert werden soll, so kann es
nur dadurch geschehen, daß man einige Punkte bestimmt, von
der Art, daß die von ihnen zum Diameter gezognen Linien mit
den dadurch abgeschnittnen Linien des Diameters in dem durch
die Gleichung ausgedrückten Verhältnis stehen. Also nur diese
Punkten, nicht aber die krumme Linie selbst ist hier ausmeßbar.
Folg[72]lich haben die Alten, wie ich glaube, Recht, wenn sie die-
selben nicht geometrische Linien haben nennen wollen, weil sie
zwar (in den konstruierten Punkten) geometrisch, aber nicht Li-
nien sind; sollen sie es sein, so muß man zu der bloßen Konstruk-
tion der Punkten, noch ihre Verbindung durch gerade Linien hin-
zufügen, dieses ist aber nicht mehr geometrisch, weil die Punkte,
die in diesen geraden Linien fallen, sich nicht mehr durch die Glei-
chung bestimmen lassen. Hier fodert uns also die Vernunft auf,
daß wir die Anzahl gedachter Punkten immer vermehren bis ins
Unendliche, wodurch sich diese Konstruktion ihrem Begriffe im-
mer nähert, und nur durch die völlige Erreichung desselben be-

pourquoi ils les ont nommes mechaniques plûtôt que geometriques. Car
de dire que ç’ait étté a cause qu’il est besoin de se servir de quelque
machine pour les decrire il fauderoit rejetter par même raison les cercles
et les lignes droites, vû qu’on ne les decrit sur le papier qu’avec un Com-
pas et un Regle qu’on peut aussi nommer de Machines. Mais il est ce me
semble tres clair que prenant comme en fait pour geometrique ce qui
[71] est précis et exact, & pour mechanique ce qui ne l’est pas, et consi-
derant la geometrie comme un science, qui enseigne generalement a
connoitre les mesures de touts les corps on n’en doit pas plûtôt exclure
les lignes le plus composées que les plus simples, pourvû qu’on les
puisse imaginer être decrites par un mouvement continu, ou par plu-
sieurs qui s’entresuivent, et dont les derniers soient reglés par ceux qui
les precedent, car par ce mojen on peut toujours auoir une connoissance
exacte de leur mesure. Descartes geometrie, Liv. II. sect. 2.
248 Beilage

kommen wir ein reelles Objekt a priori, welches sonst nicht mög-
lich ist. Wird z. B. der Begriff eines Zirkels durch seine Gleichung
bestimmt, so kann seine Konstruktion nicht völlig demselben
gemäß sein. Wird aber der Begriff wie in der gemeinen Geometrie
bestimmt (eine Linie, deren Punkte von einem gegebnen Punkt
gleich weit [73] sind) und man konstruiert denselben, wie ge-
wöhnlich durch Bewegung einer Linie um einen ihrer Endpunkten,
so ist diese Konstruktion freilich vollständig, sie ist es aber nicht a
priori, weil der Begriff von Bewegung selbst a posteriori ist. Es gibt
also kein anderes Mittel, einen Begriff völlig a priori zu konstru-
ieren, als ein progressus in infinitum, wie schon gezeigt worden.
Ich komme nun zur dritten Abteilung der Hauptfrage, näm-
lich: wie ist Naturwissenschaft a priori möglich? Die Erklärung da-
von nach Herrn Kant ist diese. Die Naturwissenschaft enthält
synthetische Sätze a priori; (jede Wirkung muß eine Ursache ha-
ben und dergl.) wie ist es also möglich, daß der Verstand a priori
den Gegenständen der Natur a posteriori Gesetze vorschreiben
soll (daß sie seinen Sätzen a priori gemäß sein müssen?) Und da
ich in Herrn Kants Auflösung dieser Frage Schwierigkeiten gefun-
den zu haben glaube, so sehe ich mich gezwungen, eine eigne Auf-
lösung zu wagen. Ich behaupte erstlich mit Herrn Kant, daß Zeit
[74] und Raum Formen der Sinnlichkeit a priori sind, und daß sie
nichts, was in den sinnlichen Gegenständen selbst, sondern bloß
unsre Art von den sinnlichen Gegenständen affiziert zu werden,
enthalten: Zweitens, daß die logischen Formen des Denkens, vor-
ausgesetzt, daß sie Realität haben, nicht von den Dingen an sich,
insofern sie uns gänzlich unbekannt sind, sondern bloß von ihren
Erscheinungen in uns gebraucht werden können, und daß daher
ihre absolute Totalität, nicht von konstitutiven sondern bloß von
regulativem Gebrauche sein kann. Soweit gegen den metaphysi-
sche Dogmatism. Ich behaupte aber zugleich mit meinem skepti-
schen Freunde D. Hume gegen das kritische Dogmatism, daß die-
se logischen Formen des Denkens (indem ihr Quasigebrauch von
den Gegenständen der Natur, sich aus von der Erfahrung genom-
menen psychologischen Gründen erklären läßt) auch von den
sinnlichen Gegenständen der Natur unmittelbar keinen Gebrauch
haben, sondern bloß vermittelst einer vollständigen Induktion
Beilage 249

[75] (zu der wir uns immer nähern, die wir aber nie erreichen
können) ihre objektive Realität bekommen können, wodurch sich
ihre subjektive Realität der objektiven immer nähert, bis sie sich
vereinigen. Und daß dieses Verfahren der Naturlehre eben das
Verfahren der Mathematik ist, und daß dieses in beiden auf glei-
cher Weise rechtmäßig ist. Ich will mich hierüber näher erklären.
Die Mathematik enthält lauter synthetische Sätze a priori,
d. h., Regeln des Verstandes, die mit der Konstruktion der Objek-
te selbst gegeben sind, oder genauer: Das Erkenntnisvermögen
bringt die Objekte diesen Regeln gemäß hervor. Die Regeln be-
kommen also erst ihre Realität durch die Gegenwart der Objekte
selbst. Vor ihrem Dasein im Gemüte konnte man nicht wissen,
welchen Regeln sie nach ihrer Entstehung subsumiert werden
müssen. Es ist hier nicht wie mit dem analytischen Grundsatz
»Ein Ding kann nicht zugleich sein, und nicht sein« beschaffen,
wo man schon vor der Konstruktion [76] eines bestimmten Ob-
jekts (ein Dreieck u. dergl.) von ihm etwas mit Gewißheit behaup-
ten kann, daß es nämlich nicht zugleich sein und nicht sein kann.
Die synthetische Sätze a priori haben also hierin keinen Vorzug
vor denen a posteriori, der Unterschied zwischen diesen beiden
Arten bestehet bloß darin, daß nämlich in den erstern das Objekt
selbst als Materie diese Sätze a priori vom Erkenntnisvermögen
selbst hervorgebracht, in den Letztern hingegen a posteriori von
etwas anderm gegeben ist, die Urteile selbst aber als Formen oder
Arten, diese Objekte zu denken, in beiden a posteriori sind. Der
Verstand schreibt dem produktiven Einbildungsvermögen eine
Regel vor, einen Raum in zwei Linien eingeschlossen, hervorzu-
bringen; dieses gehorchte und konstruiert das Dreieck, aber siehe,
es dringen sich zugleich drei Winkel auf, die der Verstand gar
nicht verlangt hatte. Nun wird er auf einmal klug, indem er die
ihm bisher unbekannte Verknüpfung zwischen drei Seiten und
drei Winkel einsehen lernt, deren Grund aber ihm noch bis jetzt
un[77]bekannt ist. Er macht also aus der Not eine Tugend, indem
er eine gebieterische Miene annimmt, und sagt: Ein Dreieck muß
drei Winkel haben, als wäre er hierin selbst Gesetzgeber, da er
doch in der Tat einem ihm gänzlich unbekannten Gesetzgeber ge-
horchen muß. Die objektive Notwendigkeit dieser Sätze kann da-
250 Beilage

her mit Recht bezweifelt werden, vielleicht kann irgend ein den-
kendes Wesen oder auch ich selbst unter gewissen Umständen ein
Dreieck mit mehr oder weniger Winkel konstruieren, da dieses an
sich keinen Widerspruch enthält. Diese Notwendigkeit ist also
bloß subjektiv, sie kann aber verschiedne Grade annehmen bis
zum allerhöchsten Grad, (als Idee) wodurch sie zur objektiven
Notwendigkeit wird, denn der ganze Vorzug der objektiven Not-
wendigkeit (dessen Gegenteil einen Widerspruch enthält) besteht
bloß darin, daß man überzeugt ist, daß es in keiner Konstruktion,
unter welchen Umständen es auch bewerkstelligt werden mag,
anders sein kann, bin ich also durch eine vollständige Induktion
[78] überzeugt, (indem ich das Dreieck unter allen möglichen
Umständen und auch andere denkende Wesen es unter allen die-
sen Umständen konstruiert und so befunden haben, gesetzt, daß
dieses möglich wäre) daß das Dreieck in der Konstruktion nicht
anders als drei Winkel haben kann, so wäre es so gut, als wäre ich
durch den Satz des Widerspruchs davon überzeigt; da aber diese
Induktion nie vollständig sein kann, so kann sich daher die sub-
jektive Notwendigkeit der objektiven zwar immer nähern, sie
kann sie aber nie völlig erreichen. So ist es auch mit unsern Urtei-
len über Gegenstände der Natur beschaffen. Ich bemerke, das
Feuer ist warm, (daß auf die Vorstellung des Lichts oder irgend
eine andre Eigenschaft des Feuers die Empfindung der Wärme in
mir entsteht) hier ist bloß ein Wahrnehmungsurteil, wie Herr
Kant sich ausdrückt, und kann nach mir durch keine unmittelba-
re Operation des Verstandes zu einem Erfahrungsurteil werden,
wie es Herr Kant haben will. Ich bemerke eben dieses noch ein-
mal und aber ein[79]mal u. s. w. Wodurch diese beide Erscheinun-
gen in mir immer fester verknüpft werden, so daß zuletzt (durch
einer völligen Induktion) diese subjektive Verknüpfung ihren
höchsten Grad erreicht, und der objektiven gleich wird.
Was die letzte Frage anbetrifft, nämlich: Wie ist Metaphysik
möglich? so muß man erstlich bestimmen, was Metaphysik heißt.
Ich glaube in der Definition der Metaphysik mit Herrn Kant über-
einzustimmen. Nämlich Metaphysik ist die Wissenschaft der Din-
ge an sich. Ich unterscheide mich von Herrn Kant bloß darin:
nach Ihm sind die Dinge an sich die Substrata ihrer Erscheinun-
Beilage 251

gen in uns, und mit denselben ganz Heterogen, folglich muß die-
se Frage unaufgelöst bleiben, indem wir kein Mittel an der Hand
haben, die Dinge an sich abstrahiert von unsrer Art von derselben
affiziert zu werden, zu erkennen. Nach mir hingegen ist die Er-
kenntnis der Dinge an sich nichts anders als die vollständige Er-
kenntnis der Erscheinungen. Die Metaphysik ist also nicht eine
Wissenschaft [80] von etwas außer der Erscheinung, sondern
bloß von den Grenzen (Ideen) der Erscheinungen selbst, oder von
den letzten Gliedern ihrer Reihen. Nun sind zwar diese als Objek-
te unsrer Erkenntnis unmöglich, sie sind aber mit den Objekten
so genau verknüpft, daß ohne sie keine vollständige Erkenntnis
von den Objekten selbst möglich ist. Wir nähern uns immer zu ih-
rer Erkenntnis nach dem Grade der Vollständigkeit unsrer Er-
kenntnis der Erscheinungen. Da ich aber dieses alles in meinem
Versuche selbst umständlich ausgeführt zu haben glaube, und
hier Ihrem Wunsche gemäß bloß die Hauptpunkte bestimmen
wollte, so werde ich hiemit abbrechen, und verbleibe Ihr eiferig-
ster Freund.
S. Maimon
ANMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS

Die Anmerkungen beschränken sich auf Personen- und Sacherklärun-


gen sowie die Übersetzung fremdsprachiger Zitate. Vereinzelt wird auf
implizite Bezugnahmen aufmerksam gemacht und auf andere Schriften
Maimons verwiesen. Die Anmerkungen versuchen nicht, den Versuch
über die Transzendentalphilosophie zu interpretieren.
Seiten- und Zeilenangaben beziehen sich auf die Paginierung vorlie-
gender Ausgabe. Verweise auf andere Schriften Maimons benennen
Band und Seite der Gesammelten Werke (= GW), herausgegeben von
Valerio Verra, Hildesheim 1965–1976 (²2000; ³2003). Immanuel
Kants Kritik der reinen Vernunft (= KrV) wird nach den Paginierungen
der beiden Originalausgaben von 1781 (A) und 1787 (B) zitiert. Alle
anderen Schriften Kants werden nach der jeweils angegeben Ausgabe
wiedergegeben, wobei in Klammern die Paginierung der Akademie-
Ausgabe von Kants Gesammelten Schriften (Berlin 1900 ff.; Sigel: AA)
unter Angabe des jeweiligen Bandes hinzugefügt wird.
Alle nicht anders gekennzeichneten Übersetzungen sind von Georg
Holzer und dem Herausgeber.

1 Siehe Vergil (70–19 v. Chr.), Aeneis, Buch III, Vers 420–421


(übers. v. E. und G. Binder, Stuttgart 1997, S. 43): »Auf der rechten
Seite sitzt Scylla, auf der linken die grausame Charybdis«. In der grie-
chischen Mythologie bezeichnet Scylla ein in der Höhle einer Felsen-
klippe hausendes Meeresungeheuer. Die Charybdis, ein gefährlicher
Meeresstrudel in der Straße von Messina, stellte man sich ebenfalls als
Seeungeheuer vor.
2 Gemeint ist Stanislaw II. August Poniatowski (1732–1798), Kö-
nig von Polen von 1764–1795. Vgl. hierzu ferner GW III, S. 6.
3 Ewr.: Abk. für Euer bzw. Eu(e)rer.
4 Siehe Lukrez (97–55 v. Chr.), De rerum natura [Von der Natur
der Dinge], Buch III, Vers 1–14 (übers. v. K.Büchner, Stuttgart 2000,
S. 171): »Aus so tiefem Dunkel so strahlendes Licht zu erheben / der
du als erster vermocht hast, die Güter des Lebens erleuchtend, / dir fol-
ge ich nach, o Zierde des griechischen Stammes, in deiner / Füße ge-
254 Anmerkungen des Herausgebers

prägtes Mal setz ich die haftenden Spuren, / nicht begierig so sehr zu
streiten, als vielmehr aus Liebe, / weil dir nachzustreben ich glühe.
Was könnte denn streiten / Schwalbe mit Schwan, und was vermöch-
ten mit lockeren Gliedern / Böckchen gleiches im Lauf und die Kraft
des mächtigen Rosses? / Du, Vater, bist der Dinge Erfinder, du bist’s,
der Vaters- / lehren uns darbringt reich, und aus deinen Blättern, Er-
lauchter, / wie auf blumiger Trift die Bienen alles benaschen, / weiden
genauso wir uns ab alle goldenen Worte, / goldene, immer zumal am
würdigsten ewigen Lebens.« Mit der »Zierde des griechischen Stam-
mes« ist Epikur (341–271 v. Chr.) gemeint. Im Original lautet die Stel-
le »o Graiae gentis decus«. Durch die Auslassungszeichen (»o G …
ae«) will Maimon die Lesart »Germaniae« nahelegen. Die Widmung
»Ad Kantium« macht deutlich, wen Maimon für die »Zierde des deut-
schen Stammes« hält.
5 Implizite Bezugnahme auf Benedictus (Baruch) de Spinoza (1632–
1677), Ethica ordine geometrico demonstrata [Die Ethik nach geome-
trischer Methode dargestellt; weiterhin abgekürzt zu Ethik], Amster-
dam 1677, Teil III, Lehrsatz 6 (übers. v. O. Baensch, Hamburg 1994,
S. 118): »Jedes Ding strebt, soviel an ihm ist, in seinem Sein zu behar-
ren.« Der Gang der Argumentation Maimons im ersten Absatz erin-
nert an den Beweis des 26. Lehrsatzes der Ethik im IV. Teil (ebd.,
S. 210).
6 Siehe René Descartes (1596–1650), Discours de la méthode
pour bien conduire sa raison, et chercher la vérité dans les sciences
[Abhandlung über die Methode, seine Vernunft richtig zu leiten und
die Wahrheit in den Wissenschaften zu suchen], Leiden 1637, S. 3: »ie
pense, donc ie suis«.
7 Vgl. GW VI, S. 294–298.
8 Siehe KrV, A 713/B 741.
9 Siehe KrV, A 11 f./B 25 sowie A 56/B 80.
10 Siehe KrV, A 13–16/B 26–29.
11 Siehe Anm. 37.
12 Siehe KrV, A 20/B 34.
13 Siehe Euklid (4./3. Jhdt. v. Chr.), Elemente, Erstes Buch, § 20
(übers. v. C. Thaer, Thun und Frankfurt a. M. 1997, S. 14): »In jedem
Dreieck sind zwei Seiten, beliebig zusammengenommen, größer als die
letzte« sowie Erstes Buch, 9. Axiom (ebd., S. 3): »Zwei Strecken um-
fassen keinen Flächenraum.«
14 Siehe Anm. 16.
Anmerkungen des Herausgebers 255

15 Siehe Anm. 16.


16 Eine erste Veröffentlichung mathematischer Arbeiten zur Diffe-
rentialrechnung nimmt Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) in den
Acta Eruditorum 1684 mit dem Aufsatz »Nova Methodus pro Maxi-
mis et Minimis, itemque tangentibus, quae nec fractas, nec irrationales
quantitates moratur, & singulare pro illis calculi genus« [»Neue Me-
thode der Maxima, Minima sowie der Tangenten, die sich weder an
gebrochenen, noch an irrationalen Größen stößt, und eine eigentümli-
che darauf bezügliche Rechnungsart«] (wieder abgedruckt in: Leibni-
zens mathematische Schriften, hg. v. C. I. Gerhardt, Halle 1858, Bd. V,
S. 200–226) vor. Erst im Jahre 1714 legt Leibniz die Aufzeichnungen
nieder, die von seinem Übersetzer Heinrich Köhler erstmals 1720 als
Des Hn. Wilh. von Leibnitz […] Lehr=Sätze über die Monadologie in
Jena veröffentlicht werden. Eine erhaltene Abschrift der Monadologie
(Nationalbibliothek Wien) ist betitelt mit Les principes de la philoso-
phie, par Monsieur Leibniz.
17 Siehe Isaac Newton (1643–1727), Philosophiae naturalis prin-
cipia mathematica [Mathematische Prinzipien der Naturphiloso-
phie], London 1686, Axiome oder Bewegungsgesetze, Gesetz III
(übers. v. V. Schüller, Berlin / New York 1999, S. 34): »Zu einer Ein-
wirkung gehört immer eine gleich große entgegengesetzt gerichtete
Rückwirkung, bzw. die gegenseitigen Einwirkungen zweier Körper
aufeinander sind immer gleich groß und in entgegengesetzte Richtun-
gen gerichtet.«
18 Siehe Aristoteles (384–322 v. Chr.), Von den Kategorien, Kapitel
4, 1b sowie Topik, Buch 1, Kapitel 9, 103b. Maimon hat 1794 die er-
ste neuhochdeutsche Übersetzung der Kategorien angefertigt: Die Ka-
thegorien des Aristoteles. Mit Anmerkungen erläutert und als Propä-
deutik zu einer neuen Theorie des Denkens dargestellt von Salomon
Maimon, Berlin 1794 (GW VI, S. 1–271).
19 Siehe S. 46–50.
20 Vgl. hierzu die Bestimmungen zur realen und nominalen Wesen-
heit bei Leibniz, Nouveaux Essais sur l’entendement humain [Neue
Abhandlungen über den menschlichen Verstand; weiterhin abgekürzt
zu Neue Abhandlungen], Amsterdam / Leipzig 1765, Buch III, Kapi-
tel III, § 15 (übers. v. W. v. Engelhardt und H. H. Holz, in: Philoso-
phische Schriften, Bd. 3.2, Frankfurt a. M. 1996, S. 53). Siehe auch
Anm. 42.
21 Siehe Euklid, Elemente, Erstes Buch, Definition 15 (a. a. O., S. 12).
256 Anmerkungen des Herausgebers

22 Leibniz untersucht in den Neuen Abhandlungen, »ob die Seele


ursprünglich die Prinzipien verschiedener Begriffe und Lehrsätze ent-
hält, welche die äußeren Gegenständen nur bei Gelegenheit in ihr
wieder erwecken, wie ich in Übereinstimmung mit Platon, ja selbst
der Scholastik […] glaube« (Vorwort, a. a. O., Bd. 3.2, S. IX). Das
erste Buch der Neuen Abhandlungen handelt »Von den eingeborenen
Ideen« (ebd., S. 1–95). John Locke (1632–1704) hatte im ersten Buch
seines Essay Concerning Human Understanding [Versuch über den
menschlichen Verstand], London 1690, die These vertreten (übers. v.
C. Winckler, Hamburg 1981, S. 28–105): »Weder Prinzipien noch
Ideen sind angeboren.« Im Zusammenhang mit Leibniz’ Apriorismus
steht die Lehre von der Wiedererinnerung. Platon (427–347 v. Chr.)
behandelt die Wiedererinnerungslehre beispielsweise im Phaidon,
75d–76a und 65a–c sowie im Menon, 85c–d. Leibniz greift diese Ge-
danken in seinem Discours de Métaphysique [Metaphysische Abhand-
lung], Hannover 1846, § 26 auf (übers. v. H. H. Holz, in: Philosophi-
sche Schriften, a. a. O., Bd. 1, S. 131): »Wir haben alle diese Formen
und haben sie sogar zu gleicher Zeit im Geiste, weil der Geist immer
alle seine zukünftigen Gedanken ausdrückt und schon verworren an
alles denkt, was er einmal deutlich denken wird.« Vgl. GW III, S. 220–
224.
23 Bei dieser Fußnote handelt es sich womöglich um eine Reaktion
Maimons auf den Brief Kants an Markus Herz vom 26. Mai 1789, in
dem Kant zu verschiedenen Punkten des ihm durch Herz zugesandten
Manuskripts des Versuches Stellung bezieht. An betreffender Stelle er-
klärt Kant: »Der Satz, einen Zirkel zu beschreiben ist ein praktisches
Corollarium aus der Definition (oder sogenanntes Postulat), welches
gar nicht gefodert werden könnte, wäre die Möglichkeit, ja gar die Art
der Möglichkeit der Figur, nicht schon in der Definition gegeben.«
(Kant, Briefwechsel, hg. v. R. Malter und J. Kopper, dritte, erweiterte
Auflage, Hamburg 1986, S. 400 [AA XI, S. 53])
24 Siehe S. 95–97.
25 Vgl. S. 194.
26 Siehe S. 59–60.
27 Sinnlichkeit und Verstand sind für Leibniz nicht qualitativ, son-
dern quantitativ unterschieden. Sinnliche Erkenntnis (d. h. Wahrneh-
mung oder Perzeption der Sinnesqualitäten) ist nach Leibniz verworre-
ne Verstandeserkenntnis (siehe beispielsweise Metaphysische Abhand-
lung, § 24, a. a. O., Bd. 1, S. 125 f.). Die Erkenntnis wird umso deutli-
Anmerkungen des Herausgebers 257

cher, je rationaler sie wird, d. h. je mehr Gründe für dieselbe angege-


ben werden können (siehe ebd., S. 127). Zur Bestimmung der sinnli-
chen Erkenntnis bei Christian Wolff (1679–1754) siehe: Cosmologia
generalis, Frankfurt / Leipzig 1731 (Nachdruck [der Ausgabe Frank-
furt / Leipzig 1737]: Hildesheim 1964, S. 172 f.): Ȥ. 225. Phaenome-
non dicitur quicquid sensui obvium confuse percipitur.« Vgl. ferner
Alexander Gottlieb Baumgarten (1714–1762), Metaphysica, Halle
1739 (übers. v. G.F. Meier, Halle 1766, neue, vermehrte Auflage Halle
1783 [im folgenden wird stets auf die zweite Auflage der deutschen
Übersetzung von 1783 als Metaphysik referiert], S. 133): »§. 307. Eine
Erscheinung, das Wahrzunehmende (phaenomenon, obseruabile) ist
dasjenige, was wir durch unsere Sinne (verworrener) erkennen kön-
nen.«
28 Siehe KrV, B 16.
29 Siehe Wolff, Mathematisches Lexicon, Leipzig 1716 (Nach-
druck: Hildesheim u. a. 1978, S. 806): »Linea recta, eine gerade Linie,
Ist, deren Theile der ganzen ähnlich sind.« Vgl. hierzu Wolff, Elemen-
ta Matheseos Universae, Halle 1713, Tomus 1, Definitio 7 (Nach-
druck [der Ausgabe Halle 1730]: Hildesheim 1968, S. 122) und An-
fangsgründe aller mathematischen Wissenschaften, Halle 1710, Erster
Teil, 4. Erklärung (Nachdruck [der Ausgabe Frankfurt / Leipzig 1750]:
Hildesheim u. a. 1973, S. 119).
30 Siehe Anm. 13. Euklid führt als Beweis das Axiom 8 und die Pa-
ragraphen 5 und 19 des ersten Buches an.
31 Q. E. D.: Abk. für »quod erat demonstrandum« (latein.): was zu
beweisen war.
32 per substitutionem (latein.): durch Ersetzung.
33 Siehe KrV, A 84/B 116.
34 Siehe KrV, A 133/B 172.
35 Siehe KrV, A 70/B 95 sowie A 80 f./B 106 f.
36 Principium exclusi tertii (latein.): Satz vom ausgeschlossenen
Dritten.
37 Siehe David Hume (1711–1776), An Enquiry Concerning Hu-
man Understanding [Eine Untersuchung über den menschlichen Ver-
stand], London 1748, beispielsweise Siebenter Abschnitt, Zweiter Teil
(übers. v. R. Richter, Hamburg 1993, S. 91) sowie Neunter Abschnitt
(ebd., S. 125).
38 In dem bereits zitierten Brief an Herz [siehe Anm. 23] führt
Kant aus, warum »es eben nicht nötig sei, mit Hrn. Maimon Verstan-
258 Anmerkungen des Herausgebers

desideen anzunehmen.« (Kant, Briefwechsel, a. a. O., S. 399 [AA XI,


S. 52]) Kant bemerkt jedoch, er sei nur »die zwey erste[n] Abschnitte«
(ebd., S. 395 [AA XI, S. 49]) des Manuskriptes durchgegangen.
39 Die »Mittlere Proportionale« behandelt Euklid im Sechsten
Buch der Elemente, § 13 und Zusatz zu § 8.
40 Vgl. Anm. 22.
41 Über das Verhältnis von Bestimmung und Bestimmbarkeit han-
delt der vierte Abschnitt (S. 51–58).
42 Maimon lehnt sich mit seinen Bestimmungen zur Real- und No-
minaldefinition an Leibniz an. Bei Leibniz finden sich Ausführungen
hierzu beispielsweise in den Neuen Abhandlungen, Buch III, Kapitel
III, § 15 (a. a. O., Bd. 3.2, S. 55) und in der Metaphysischen Abhand-
lung, § 24 (a. a. O., Bd. 1, S. 127).
43 Ens omni modo determinatum (latein.): durchgängig bestimm-
tes Ding. Siehe Wolff, Philosophia Prima sive Ontologia, Leipzig 1729
(Nachdruck [der Ausgabe Frankfurt / Leipzig 1736]: Hildesheim
1962, S. 187): Ȥ. 226. Quicquid existit vel actu est, id omnimode de-
terminatum est.« Siehe auch Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 46):
Ȥ. 114. Der Inbegrif aller Bestimmungen, welche in einem Dinge zu-
sammen möglich sind, ist die durchgängige Bestimmung, (omnimoda
determinatio).«
44 Mit aqua regia (latein.) wird Salpetersalzsäure, mit aqua fortis
(latein.) Salpetersäure bezeichnet.
45 Siehe beispielsweise Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 17 f.):
»§. 42. Alles, was wirklich ist, ist innerlich möglich §. 41. oder, wenn
in einer Sache die Würklichkeit gesetzt wird, so wird auch in ihr die in-
nerliche Möglichkeit gesetzt; oder von der Würklichkeit läßt sich auf
die Möglichkeit schliessen.«
46 Siehe beispielsweise Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 18):
»§. 43. Was innerlich unmöglich ist, ist nicht würklich, §. 42. wenn
die innerliche Möglichkeit wegfällt, fällt auch die Würklichkeit weg;
oder man kan schliessen, was nicht innerlich möglich ist, kan auch
nicht würklich seyn.«
47 Siehe Euklid, Elemente, Erstes Buch, § 32 (a. a. O., S. 23): »An
jedem Dreieck ist der bei Verlängerung einer Seite entstehende Außen-
winkel den beiden gegenüberliegenden Innenwinkeln zusammen
gleich, und die drei Winkel innerhalb des Dreiecks sind zusammen
zwei Rechten gleich.«
48 Siehe Euklid, Elemente, Erstes Buch, § 29 (a. a. O., S. 21): »Beim
Anmerkungen des Herausgebers 259

Schnitt einer geraden Linie mit (zwei) parallelen geraden Linien wer-
den (innere) Wechselwinkel gleich, […].«
49 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 14): Ȥ. 33. Wenn in
A Bestimmungen sind, die auch in B sind, so sind A und B einerley,
und stimmen mit einander überein, (eadem). Sachen, die nicht einerley
sind, oder nicht mit einander übereinstimmen, sind verschieden (diuer-
sa, alia).«
50 Siehe beispielsweise Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 42):
»§. 103. Wenn eine Verneinung gesetzt wird, so fällt eine Realität weg.
§. 31. 10. Folglich sind die Realitäten und Verneinungen einander ent-
gegengesetzt.«
51 Siehe KrV, A 162–176/B 202–218 sowie B 111.
52 Siehe KrV, A 189–211/B 232–256.
53 Das Prinzip der Kontinuität formuliert erstmals Aristoteles in
seiner Metaphysik, Neuntes Buch, Kapitel 6, 1069a (übers. v. H. Bo-
nitz, Reinbek bei Hamburg 1999, S. 304). Für Locke ist der Satz der
Stetigkeit in seinem Versuch über den menschlichen Verstand aus der
Erfahrung abstrahiert (Drittes Buch, Kapitel VI, 12, a. a. O., S. 60 f.).
Da das Prinzip der Stetigkeit nach Locke induktiv gewonnen wird, ist
seine Ausdehnung über den Bereich der beobachtbaren Natur hinaus
nur »wahrscheinlich« (ebd.). Siehe hierzu auch GW III, 299–308.
54 de commercio animi et corporis (latein.): über die Gemeinschaft
der Seele und des Körpers.
55 Siehe S. 53–55.
56 Siehe Aristoteles, Peri Hermeneias [De Interpretatione bzw.
Lehre vom Satz], Kapitel 1, 16a (übers. v. E. Rolfes, in: Philosophische
Schriften, Bd. 1, Hamburg 1995, S. 1).
57 Siehe Euklid, Elemente, Erstes Buch, § 32 (vgl. hierzu Anm. 47)
und Drittes Buch, § 20 (a. a. O., S. 61): »Im Kreise ist der Mittel-
punktswinkel doppelt so groß wie der Umfangswinkel, wenn die Win-
kel über demselben Bogen stehen.« Euklid verwendet zum Beweis die
Paragraphen 5 und 32 des ersten Buches.
58 Siehe Euklid, Elemente, Erstes Buch, 8. Axiom (a. a. O., S. 3):
»Das Ganze ist größer als der Teil.«
59 γνθι σεαωτóν (griech.): Erkenne Dich selbst.
60 Statum Controversiae (latein.): Stand der Kontroverse.
61 Siehe Euklid, Elemente, Erstes Buch, § 1 (a. a. O., S. 3).
62 Siehe KrV, B 19.
63 Siehe KrV, B 14–20.
260 Anmerkungen des Herausgebers

64 Siehe KrV, B 16 sowie A 164 f./B 205 f.


65 Siehe KrV, A 23/B 38.
66 Siehe KrV, A 23/B 38.
67 Siehe KrV, A 24.
68 Siehe KrV, A 24/B 39.
69 Siehe KrV, A 25/B 39.
70 Siehe KrV, A 42/B 59.
71 Siehe KrV, A 15 sowie A 51/B 75.
72 Siehe KrV, A 70/B 95 sowie A 80/B 106.
73 Siehe KrV, B 127 f.
74 Siehe KrV, A 189/B 234.
75 Siehe KrV, A 190/ B 235.
76 Siehe beispielsweise KrV, A 75/B 51.
77 Siehe beispielsweise KrV, A 327/B 384 sowie A 333–338/B
390–396.
78 Siehe KrV, A 592–602/B 620–632.
79 Vgl. Anm. 42.
80 Siehe KrV, A 603–620/B 633–648.
81 Siehe KrV, A 109 sowie A 250.
82 Siehe KrV, A 368.
83 Siehe KrV, A 368–380.
84 Implizite Bezugnahme auf die auf Aristoteles zurückgehende
Lehre der Identität von intellectus, ens intelligens und ens intelligibile
im göttlichen Verstand (Aristoteles, Metaphysik, Zwölftes Buch, Ka-
pitel 7, 1072b und Kapitel 9, 1074b, a. a. O., S. 319 und S. 325), die
Moses ben Maimon [Maimonides] (1135–1204) in seinem Führer
der Unschlüssigen, Paris 1856–1866, Erstes Buch, Achtundsechzigstes
Kapitel expliziert (übers. v. A. Weiss, Hamburg 1972, Bd. I, S. 260):
»Da aber bewiesen wurde, daß Gott ein in Wirklichkeit tätiges Ver-
nunftwesen ist und […] bei ihm schlechterdings nichts nur dem Ver-
mögen nach vorhanden sein kann, und er nicht ein Wesen sein kann,
welches einmal denkt und ein andermal nicht denkt, vielmehr immer
ein in Wirksamkeit befindliches Vernunftwesen ist, so muß notwendig
daraus folgen, daß er und dieses gedachte Ding nur Eines sind, näm-
lich sein Wesen, und daß die Tätigkeit des Denkens selbst, vermöge
welcher er ein Denkender genannt wird, das Wesen des Intellekts,
nämlich sein Wesen ist. Somit ist er immer der Denkende, das Denken
und das Gedachte.« Vgl. hierzu GW I, S. 365 f. sowie Spinoza, Ethik,
II. Teil, Lehrsatz 7, Anmerkung (a. a. O., S. 55).
Anmerkungen des Herausgebers 261

85 Siehe KrV, A 348.


86 Siehe KrV, A 362–366.
87 Siehe KrV, A 93 f./B 125 ff.
88 Siehe KrV, A 189.
89 Siehe KrV, A 197–203/B 242–249.
90 Siehe KrV, A 312–340/B 369–398. Bei dieser Passage handelt es
sich vermutlich um eine Reaktion Maimons auf den Brief Kants an
Herz [siehe Anm. 23]. Kant behauptet darin, daß »die Antinomien der
r[einen]. Vernunft einen guten Probierstein abgeben können, die ihn
[Maimon; F.E.] vielleicht überzeugen werden, daß man den menschli-
chen Verstand nicht für spezifisch einerlei mit dem göttlichen und nur
durch Einschränkung, d. i. dem Grade nach, von diesem unterschie-
den, annehmen könne«. (Kant, Briefwechsel, a. a. O., S. 401 [AA XI,
S. 54])
91 Series recurrens (latein.): rekursive Reihe.
92 Siehe Aristoteles, Mechanica [Bewegungsfragen], Kapitel 24,
855a–856a (übers. v. P. Gohlke, in: Kleine Schriften zur Physik und
Metaphysik, Paderborn 1957, S. 49–53).
93 Siehe Abraham Gotthelf Kästner (1719–1800), Anfangsgründe
der Analysis endlicher Grössen, Göttingen 1760 (²1767). In der drit-
ten Auflage (Göttingen 1794) findet sich die Passage, die Maimon mit
marginalen Veränderungen zitiert, auf S. 395 f.
94 Siehe Galileo Galilei (1564–1642), Discorsi e dimostrazioni ma-
tematiche intorno a due nuove scienze attenenti alla mecanica e i mo-
vimenti locali [Unterredungen und mathematische Demonstrationen
über zwei neue Wissenszweige, die Mechanik und die Fallgesetze be-
treffend], Leiden 1638 (wieder abgedruckt in: Le Opere di Galileo
Galilei. Nuova Ristampa della Edizione Nazionale. Volume III, Flo-
renz 1968, Giornata Prima [Erster Tag], S. 68–73 und S. 93–96. Übers.
v. A. v. Oettingen, Thun und Frankfurt a. M. 2000, S. 20–26 und
S. 44–47).
95 Im folgenden hält sich Maimon weitgehend an den Aufbau der
Ontologie in Baumgartens Metaphysik, §§ 4–251 (a. a. O., S. 2–104).
96 §§ 1–3 der Metaphysik Baumgartens geben eine Definition der
Metaphysik, zu der Ontologie, Kosmologie, Psychologie und die na-
türliche Theologie gerechnet werden. §§ 4–6 geben einen Überblick
über die Ontologie. In § 4 lautet die entsprechende Definition (a. a. O.,
S. 2): »Die Ontologie […] ist die Wissenschaft der gemeinern oder ab-
stractern Prädicate des Dinges.«
262 Anmerkungen des Herausgebers

97 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 3 f.): Ȥ. 7. Nichts ist


A und nicht A, (nihil negatiuum, irrepraesentabile, impossibile, repug-
nans, contradictionem inuoluens, contradictorium, implicans) oder,
einander widersprechende Prädicate sind in keinem Subjecte beysam-
men; oder es ist unmöglich, daß etwas zugleich sey und nicht sey. Die-
ser Satz heißt der Satz des Widerspruchs, und der schlechterdings erste
Grundsatz.«
98 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 4): Ȥ. 8. Was nicht
Nichts ist, was vorgestellt werden kann, was keinen Widerspruch ent-
hält, was nicht, A und nicht A, zugleich ist, ist Etwas, Möglich, und
eine Sache, […].«
99 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 6): Ȥ. 14. Der
Grund (ratio, conditio, hypothesis) ist dasjenige, woraus erkannt wer-
den kan, warum Etwas sey. Was einen Grund hat, oder wovon etwas
der Grund ist, ist das Gegründete, oder die Folge, das von dem Grun-
de Abhangende (rationatum, dependens). Der Zusammenhang, die
Verbindung und Verknüpfung (nexus) ist das Prädicat, vermöge dessen
Etwas entweder der Grund, oder das Gegründete, oder beydes zu-
gleich ist. Das Mögliche im Zusammenhange, oder in so ferne ihm ein
Zusammenhang zukommt, ist das Verknüpfte (connexum, rationale);
was im Zusammenhange unmöglich, ist Unverknüpft (inconnexum, ir-
rationale).«
100 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 7 f.): Ȥ. 18. Alles,
was möglich ist, hat entweder einen Grund, oder nicht. §. 10. Wenn es
einen Grund hat, so ist Etwas sein Grund. §. 8. Wenn es aber keinen
Grund hat, so ist sein Grund Nichts. §. 7. Folglich ist der Grund alles
dessen, was möglich ist, entweder Etwas oder Nichts. §. 10. Wenn
Nichts der Grund von einer Sache wäre: so könnte aus Nichts erkannt
werden, warum sie wäre. §. 14. folglich könnte das Nichts selbst vor-
gestellt werden, und wäre Etwas §. 8. und einiges Unmögliche wäre
möglich §. 7. 8. welches ungereimt ist. §. 9. Folglich hat alles Mögli-
che Etwas zu seinem Grunde, alles Mögliche ist gegründet, Nichts ist
ohne Grund, und so bald etwas gesetzt wird, muß auch Etwas als sein
Grund gesetzt werden. Dieser Satz wird Satz des Grundes genannt.«
101 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 9): Ȥ. 21: Alles
Mögliche ist ein Grund, Nichts ist ohne Folge, Nichts ist ganz un-
fruchtbar, und, so bald Etwas gesetzt wird, so bald wird auch Etwas
gesetzt, welches in ihm gegründet ist. Denn alles Mögliche hat entwe-
der eine Folge, oder nicht. §. 10. Hat es eine Folge: so ist Etwas, wel-
Anmerkungen des Herausgebers 263

ches in ihm gegründet ist. §. 8. Hat es keine Folge: so ist Nichts in ihm
gegründet. §. 7. Folglich ist, in allem Möglichen, entweder Etwas oder
Nichts gegründet. §. 10. Wenn Nichts in dem Möglichen gegründet
wäre: so könnte Nichts aus dem Möglichen erkannt werden §. 14.
folglich wäre es vorstellbar und Etwas §. 8. und einiges Unmögliche
wäre möglich. §. 7. 8. welches ungereimt. §. 9. Dieser Satz kan der
Satz des Gegründeten genennt werden.«
102 Siehe Euklid, Elemente, Erstes Buch, § 47 (a. a. O., S. 32): »Am
rechtwinkligen Dreieck ist das Quadrat über der dem rechten Winkel
gegenüberliegenden Seite den Quadraten über den den rechten Winkel
umfassenden Seiten zusammen gleich.«
103 Siehe beispielsweise Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 90 f.):
Ȥ. 223. Mehrere Ursachen eines und ebendesselben verursachten Din-
ges sind Mitursachen (concausae), und sie kommen zusammen (con-
currere) um das Ding zu verursachen.«
104 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 12 f.): Ȥ. 29. Wo-
von entweder gesetzt wird, daß es A sey, oder daß es nicht A sey, das
wird bestimmt (determinatur); wovon aber nur gesetzt wird, daß es
entweder A sey oder nicht A, das ist unbestimmt (indeterminatum).
Oder, wenn von einem Subjecte in Absicht zweyer einander widerspre-
chenden Prädicate nichts weiter gesetzt wird, als daß eins unter beyden
ihm zukomme: so ist dieses Subject in Absicht dieser Prädicate unbe-
stimmt; es wird aber bestimmt, wenn eins unter beyden in ihm gesetzt
wird. Was bestimmt werden kan, oder wovon gesetzt werden kan, ent-
weder daß es A sey, oder daß es nicht A sey, ist bestimmbar (determi-
nabile).«
105 Siehe Baumgarten, Metaphysik, §§ 40–54 (a. a. O., S. 16–22).
106 Siehe Wolff, Philosophia Prima sive Ontologia (a. a. O.,
S. 143): Ȥ. 174. Hinc Existentiam definio per complementum possibi-
litatis […].« Vgl. auch Baumgarten, Metaphysik, § 41 (a. a. O., S. 17)
sowie Leibniz, Neue Abhandlungen, Buch IV, Kapitel I, § 7 (a. a. O.,
Bd. 3.2, S. 231).
107 Communia oder Propria (latein.): allgemeine oder eigentümli-
che Eigenschaften.
108 Siehe Baumgarten, Metaphysik, §§ 55–59 (a. a. O., S. 23–24).
109 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 27 f.): Ȥ. 68. Die
allgemeinen Erkenntnißgründe (principia catholica, vniuersalis) sind
diejenigen, die allen und jedweden Dingen gemein sind. Die metaphy-
sische Wahrheit (veritas metaphysica, realis, materialis) ist die Über-
264 Anmerkungen des Herausgebers

einstimmung eines Dinges mit den allgemeinen Erkenntnißgründen. In


sofern die wesentlichen Stücke und Eigenschaften eines Dinges den all-
gemeinen Erkenntnißgründen gemäß sind, in so ferne [ist] es eine un-
bedingte metaphysische Wahrheit (veritas transcendentalis).«
110 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 32): Ȥ. 80. Noth-
wendig (necessarium) ist dasjenige, dessen Gegentheil unmöglich ist,
und die Nothwendigkeit (necessitas) ist die Bestimmung eines Dinges,
vermöge dessen es nothwendig ist. Was nicht nothwendig ist, ist zufäl-
lig (contingens), und die Zufälligkeit (contingentia) ist die Bestimmung
eines Dinges, vermöge dessen es zufällig ist.«
111 Siehe Baumgarten, Metaphysik, § 81 (a. a. O., S. 32 f.).
112 Siehe Baumgarten, Metaphysik, §§ 103–113 (a. a. O., S. 42–
46).
113 Siehe Baumgarten, Metaphysik, §§ 114–119 (a. a. O., S. 46–
49).
114 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 50): Ȥ. 120. Eins,
welches völlig einerley ist mit vielen zusammengenommen, ist ein
Ganzes (totum), und Viele, die zusammengenommen mit Einem völlig
einerley sind, sind die Theile desselben (partes). Was mit gewissen an-
genommenen Theilen zusammen angenommen werden muß, damit sie
mit dem Ganzen völlig einerley werden, ist die Erfüllung des Ganzen,
oder die Ergänzung (compars, complementum ad totum, supplemen-
tum).«
115 Siehe Baumgarten, Metaphysik, §§ 127–136 (a. a. O., S. 53–
56).
116 Siehe Wolff, Psychologia Empirica, Frankfurt / Leipzig 1732
(Nachdruck [der Ausgabe Frankfurt / Leipzig 1738]: Hildesheim 1968,
S. 204) Ȥ. 289. Quodsi cognitio nostra terminatur actu, quo verbis
tantum enunciamus, quae in ideis continentur, vel aliis signis eadem
repraesentamus, ideas vero ipsas verbis aut signis aliis indigitatas non
intuemur; cognitio symbolica est.«
117 Siehe Baumgarten, Metaphysik (a. a. O., S. 218 f.): Ȥ. 460.
Wenn Zeichen und bezeichnete Sachen, in der Vorstellung, mit einan-
der verbunden werden: so ist entweder die Vorstellung des Zeichens
grösser, als die Vorstellung der bezeichneten Sachen, und alsdann ist
die Erkenntniß eine symbolische; oder die Vorstellung der bezeichne-
ten Sache ist grösser, als die Vorstellung des Zeichens, und alsdenn ist
die Erkenntniß eine anschauende (cognitio intuitiua, intuitus).«
118 Siehe beispielsweise Locke, Versuch über den menschlichen
Anmerkungen des Herausgebers 265

Verstand, Drittes Buch, Kapitel II: »Über die Bedeutung der Wörter«
(a. a. O., S. 4–9) sowie Hume, Eine Untersuchung über den menschli-
chen Verstand, Dritter Abschnitt: Ȇber die Assoziation der Vorstel-
lungen« (a. a. O., S. 24–34).
119 Maimon führt an anderer Stelle hierzu aus (GW IV, S. 504):
»Cavalleri erfand die Methode der Indivisibeln (methodum indivisibi-
lium) nach welcher eine stetige (und folglich ins unendlich theilbare)
Grösse, als bestände sie aus unendlich kleinen, (und folglich untheilba-
ren) Theilen, vorgestellt, und also das Ganze durch die bekannten Ver-
hältnisse seiner Theile bestimmt werden kann.« Damit bezieht er sich
auf Francesco Bonaventura Cavalieri (1598 [oder 1591]–1647) und
dessen Schrift Geometria indivisibilibus continuorum nova quadam
ratione promota, Bologna 1635. Vgl. hierzu auch GW III, S. 122 sowie
GW IV, S. 51.
120 Siehe Euklid, Elemente, Erstes Buch, § 37 (a. a. O., S. 26): »Auf
derselben Grundlinie zwischen denselben Parallelen gelegene Dreiecke
sind einander gleich.«
121 Siehe Lazarus Bendavid (1762–1832), Versuch einer logischen
Auseinandersetzung des Mathematischen Unendlichen [weiterhin ab-
gekürzt zu Versuch], Berlin 1789, S. XXX f.
122 Siehe Abraham Gotthelf Kästner (1719–1800), »Vnde plures
insint radices, aequationibus sectiones angulorum definientibus«, in:
Dissertationes Mathematicae et Physicae, Altenburg 1771, S. 150–
175. Maimon zitiert die betreffende Passage, welche sich bei Kästner
auf den S. 173 f. findet, mit marginalen Veränderungen: »Es gibt
eine Gemeinsamkeit zwischen den Rechenapparaten und den Maschi-
nen: daß sie uns nämlich die Mühe ersparen, ohne Unterlaß alle Dinge,
die wir tun, einzeln vor Augen zu haben, so daß auch Menschen, die
von der Funktionsweise eines solchen Rechners oder einer Maschine
nichts verstehen, zu dem gewünschten Resultat kommen, wenn sie sie
nur nach den vorgegebenen Regeln bedienen. Diderot, der nicht ak-
zeptieren wollte, daß man schon beinahe von Kindheit an die Finger
desjenigen schulen müsse, der später einmal gefällig die Saiten eines
Instruments zupfen solle, erfand eine Maschine, mit deren Hilfe selbst
der in der Musik Unwissendste zu einem solchen Ergebnis gelangen
konnte, indem er nur eine Handkurbel betätigte. Wer sich dieser Ma-
schine jedoch bediente, ohne ihren Aufbau zu kennen, hätte den Titel
eines Musikers nicht verdient. Und ich glaube, daß die Musiker, eben-
so wie die Dichter, die Maler und alle anderen Künstler, die solche
266 Anmerkungen des Herausgebers

Zerstreuungen erfinden, zu viel auf ihre Inspiration geben, als daß sie
den als Künstler akzeptieren könnten, der diese Maschine spielen
könnte und ihre Funktionsweise vollkommen verstanden hätte. Wenn
man sich die Ähnlichkeit zwischen einer solchen Maschine und einer
algebraischen Rechnung vor Augen führt, wird es weniger verwun-
dern, daß die Engländer es für eleganter halten, sich der synthetischen
und analytischen Geometrie zu bedienen als der Algebra. Man wird
außerdem finden, daß jene Gelehrten der Algebra, die auf sich halten,
den Gauklern gleichen, die die großen deutschen Städte durchziehen
und unter großem Geschrei die Bevölkerung dazu ermuntern, das
Wunder der Laterna magica oder die Sprünge der Alpenmaus zu be-
wundern, wenn sie ihr als Spektakel eine Maschine präsentieren, die
den Eindruck erweckt, als habe Diderot sie für die seine zum Vorbild
genommen. Vor allem jene enden dann wie die, die beiläufig einige
Elemente der Geometrie aus der Zusammenfassung irgend eines jünge-
ren Autors gelernt zu haben, ohne die Alten zu lesen, und dann zu dem
vordringen, was sie Algebra nennen, das heißt, so oder so irgend wel-
che Platzhalterrechnungen durchzuführen, doch dringen sie nie zur
Analyse selbst vor, also der Grundlage aller Berechnungen, weil sie
ihren Geist nicht an Übungen geschult haben und nicht das geometri-
sche Grundwissen besitzen, das die Algebra verwendet. Die Augen der
Menge verzaubern sie mit den scheußlichen Zeichen a + b – x, doch
bei denen, die ihr mathematisches Abc besser beherrschen, rufen sie
damit nur häufig Gelächter und manchmal auch Zorn hervor.«
123 suum cuique (latein.): jedem das Seine.
124 omni dabili minor (latein.): kleiner als jede angebbare (Grö-
ße).
125 Siehe Bendavid, Versuch, a. a. O., S. X.
126 Siehe Bendavid, Versuch, a. a. O., S. 35.
127 Siehe Bendavid, Versuch, a. a. O., S. 25 f.
128 Siehe Bendavid, Versuch, a. a. O., S. 35.
129 Siehe Bendavid, Versuch, a. a. O., S. 100–102.
130 Siehe Bendavid, Versuch, a. a. O., S. 98–102.
131 Siehe Locke, Versuch über den menschlichen Verstand, Drittes
Buch, Kapitel VI, 32 (a. a. O., S. 78 f.).
132 genera et species (latein.): Gattungen und Arten.
133 Partes Orationis (latein.): Redeteile.
134 Siehe Johann Georg Sulzer (1720–1779), Allgemeine Theorie
der schönen Künste, Zweiter Band, Leipzig 1774, S. 1184: »Es ließe
Anmerkungen des Herausgebers 267

sich leicht zeigen, daß der größte Theil jeder Sprache aus Tropen be-
steht, davon aber die meisten ihre tropische Kraft verlohren haben und
für die eigentlichen Ausdrüke gehalten werden.«
135 Ahriman (persisch) ist in der Religion des Zarathustra (7./6.
Jhdt. v. Chr.) die Macht der Finsternis und der Geist des Bösen. Dieser
ist der Widersacher des Ormuzd (persisch), die Macht des Lichts und
der Geist des Guten.
136 Diese Passage (von »Was sind Tropen?« bis zu »Par ma foi, il-
y-a plus de quarante ans que je dis de la prose sans que j’en susse
rien.« [S. 173]) gibt mit unbedeutenden Veränderungen einen Aufsatz
Maimons wieder, den dieser im Berlinische[n] Journal für Aufklärung,
1789, 5. Bd., 2. Stück, S. 162–179, unter dem Titel »Was sind Tro-
pen?« hatte abdrucken lassen.
137 Siehe Sulzer, Allgemeine Theorie der schönen Künste, a. a. O.,
S. 1184: »Tropen. (Redende Künste) Könnte im Deutschen durch
Ableitungen gegeben werden. Denn die Tropen sind nichts anders, als
Ableitungen der Wörter und Redensarten auf andre Bedeutungen.«
138 Vgl. Anm. 134.
139 Siehe Sulzer, Allgemeine Theorie der schönen Künste, a. a. O.,
S. 1185: »Bey den Ausdrüken, fassen, sehen, begreifen, sich vorstel-
len, erwägen, fällt uns gar selten ein, daß sie Tropen sind.«
140 Implizite Bezugnahme auf die sprachphilosophischen Aus-
führungen im Führer der Unschlüssigen von Maimonides (Bd. I, Erstes
Buch, Dreißigstes Kapitel, a. a. O., S. 85–87). Vgl. hierzu GW I, S. 322
Anm.
141 Siehe Locke, Versuch über den menschlichen Verstand, Zweites
Buch, Kapitel XI, 2 (a. a. O., S. 176 f.).
142 Siehe Sulzer, Allgemeine Theorie der schönen Künste, a. a. O.,
S. 1185: »So wird in der Redensart: die ganze Stadt ist bestürzt, das
Wort Stadt von seiner eigentlichen Bedeutung auf die Bezeichnung der
Bewohner abgeleitet, und ist in dieser Redensart ein Tropus.«
143 Siehe Molière (1622–1673), Le Bourgeois gentilhomme [Der
Bürger als Edelmann], 2. Aufzug, 4. Auftritt (übers. v. H. Plocher,
Stuttgart 1993, S. 49): »Herr Jourdain. Unglaublich! Da spreche ich
seit über vierzig Jahren Prosa und weiß es nicht!«
144 Siehe John Wilkins [Bischof von Chester] (1614–1672), An
Essay towards a real character, and philosophical language, London
1668.
145 Siehe James Burnet [Lord Monboddo] (1714–1799), Of the
268 Anmerkungen des Herausgebers

origin and progress of language, Volume II, Edinburgh 1774, Part II,
Book III, Chapter XIII: »Of the philosophical language invented by
Bishop Wilkins«, S. 440–482 (Nachdruck: Hildesheim u. a. 1974). Die
deutsche Übersetzung erschien unter dem Titel: Des Lord Monboddo
Werk von dem Ursprunge und Fortgange der Sprache übersetzt von E.
A. Schmid, Riga 1784–1785. Die entsprechenden Passagen finden sich
im zweiten Teil der Übersetzung, Riga 1785.
146 Siehe Burnet, Of the origin and progress of language, a. a. O,
S. 444 und Schmid, Des Lord Monboddo Werk von dem Ursprunge
und Fortgange der Sprache, a. a. O, S. 268.
147 Siehe Burnet, Of the origin and progress of language, a. a. O,
S. 444 und Schmid, Des Lord Monboddo Werk von dem Ursprunge
und Fortgange der Sprache, a. a. O, S. 269.
148 Siehe Burnet, Of the origin and progress of language, a. a. O,
S. 444 f. und Schmid, Des Lord Monboddo Werk von dem Ursprunge
und Fortgange der Sprache, a. a. O, S. 269.
149 Nomina propria (latein.): Eigennamen.
150 Nomina […] appellativa (latein.): Gattungsnamen.
151 Siehe Burnet, Of the origin and progress of language, a. a. O,
S. 445 und Schmid, Des Lord Monboddo Werk von dem Ursprunge
und Fortgange der Sprache, a. a. O, S. 270.
152 Siehe Burnet, Of the origin and progress of language, a. a. O,
S. 445 und Schmid, Des Lord Monboddo Werk von dem Ursprunge
und Fortgange der Sprache, a. a. O, S. 270.
153 Siehe Johann Christoph Adelung (1732–1806), Deutsche
Sprachlehre, Berlin 1781, § 248, S. 188: »Das erste was sich an einem
Substantive bestimmen läßt, ist die Selbständigkeit, welche bey den
Hauptwörtern, so bald sie ganze Gattungen und Classen bezeichnen,
wieder verloren gehet. Diese zu bestimmen haben die abendländischen
Sprachen den Artikel eingeführet, der daher eigentlich um der Gat-
tungswörter willen da ist.«
154 Siehe Horaz (65–8 v. Chr.), Sermones [Satiren], Zweites Buch,
8. Satire: »aut insanit homo aut versus facit« (übers. v. K. Büchner,
Stuttgart 1997, S. 169): »Entweder tobt dieser Mensch oder dich-
tet.« Und die entsprechende Antwort lautet: »ocius hinc te / ni rapis,
accedes opera agro nona Sabino.« (ebd.): »Schwingst du nicht schleu-
nigst / dich von hier fort, so vemehrst du als neunter Knecht das Sabi-
num.«
155 pro eo quod ipsi erat ingenii acuminis (latein.): mit der ihm
Anmerkungen des Herausgebers 269

eigenen Geistesschärfe. Siehe Wolff, Psychologia empirica (a. a. O.,


S. 210): Ȥ. 297. Ars illa, quae docet signa ad inveniendum utilia &
modum eadem combinandi eorundemque combninationem certa lege
variandi, dicitur Ars characteristica combinatoria. Vocatur a Leibnitio
etiam Speciosa generalis. […] Hinc jam olim Leibnitio pro eo, quod
ipsi erat, ingenii acumine ad Algebram animum reflectenti, artis hujus
idea aliqua subnata esse videtur.« Zur Konzeption der ars combinato-
ria bei Leibniz siehe: Die philosophischen Schriften von Gottfried Wil-
helm Leibniz, hg. v. C. J. Gerhardt, Bd. IV, Berlin 1880, S. 27–102 so-
wie Bd. VII, Leipzig 1931, S. 3–247.
156 Artificia heuristica (latein.): zur Entdeckung dienende Kunst-
griffe.
157 Siehe Gottfried Ploucquet (1716–1790), Methodus Calculandi
in Logicis Inventa, Frankfurt und Leipzig 1763 (wieder abgedruckt in:
Sammlung der Schriften, welche den logischen Calcul Herrn Prof.
Ploucquet betreffen, mit neuen Zusätzen, herausgegeben von August
Friedrich Bök, Frankfurt und Leipzig 1766 [Nachdruck: Stuttgart-Bad
Cannstatt 1970]), S. 36: »adeoque characteristica universalis ad som-
nia excellentium ingeniorum pertineat.«
158 Siehe KrV, A 322/B 379.
159 Siehe Newton, Philosophiae naturalis principia mathematica
[Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie], Axiome oder Be-
wegungsgesetze, Gesetz I (a. a. O., S. 33): »Jeder Körper verharrt in sei-
nem Zustand des Ruhens oder des Sich-geradlinig-gleichförmig-Bewe-
gens, außer insoweit wie jener von eingeprägten Kräften gezwungen
wird, seinen Zustand zu verändern.«
160 Siehe Vergil, Bucolica [Hirtengedichte], Erste Ekloge, Vers 66
(übers. v. M. v. Albrecht, Stuttgart 2001, S. 13): »ja zu den Britannern,
die von der ganzen Welt völlig abgeschnitten sind.«
161 Siehe Lukrez, De rerum natura [Von der Natur der Dinge], Er-
stes Buch, Vers 139 (a. a. O., S. 17): »wegen der Armut der Sprache so
wie der Neuheit der Dinge«.
162 pro statu rerum (latein.): nach Lage der Dinge.
163 rationem eorum quae sunt vel fiunt (latein.): Grund dessen,
was ist oder geschieht. Siehe Wolff, Philosophia Rationalis sive Logi-
ca, Pars I, Frankfurt / Leipzig 1728 (Nachdruck [der Ausgabe Frank-
furt / Leipzig 1740]: Hildesheim u. a. 1983, S. 3): Ȥ. 6. Cognitio ra-
tionis eorum, quae sunt, vel fiunt, philosophica dicitur.«
164 Siehe Prediger Salomo (Kohelet), 6,7 (übers. v. M. Luther [revi-
270 Anmerkungen des Herausgebers

dierte Fassung von 1984]): »Alles Mühen des Menschen ist für seinen
Mund, aber sein Verlangen bleibt ungestillt.«
165 Vgl. Anm. 49.
166 atqui (latein.): nun aber; leitet in der Logik den Untersatz (pro-
positio minor) eines Syllogismus ein.
167 omni dabili majus (latein.): größer als jede angebbare (Größe).
167a Die Seitenangaben beziehen sich auf das Original.
168 Siehe KrV, A 189–211/B 232–256.
169 Siehe S. 105 f. sowie S. 119–126.
170 Vgl. Anm. 45.
171 Evtl. Bezugnahme auf den Brief Kants an Herz [siehe Anm.
23], in dem Kant behauptet: »in der Tat ist Hrn. Maymons Vorstel-
lungsart mit diesem [dem Spinozismus; F.E.] einerlei« (Kant, Brief-
wechsel, a. a. O., S. 396 [AA XI, S. 50]).
172 Complementum possibilitatis (latein.): Ergänzung der Mög-
lichkeit. Vgl. Anm. 106.
173 An flamma, an mari adriatico?: Evtl. Bezugnahme auf Horaz,
Carminum [Oden], Erstes Buch XVI, Vers 1–4: »O matre pulcra filia
pulcrior, / quem criminosis cumque voles modum / pones iambis, sive
flamma / sive mari libet Hadriano.« (übers. v. B. Kytzler, Stuttgart
2000, S. 37): »O schöner Mutter schönere Tochter du, / wie immer
auch du magst, dem Schelten ein Ende / wirst du machen in meinen
Jamben, sei’s mit der Flamme, / sei’s, wenn du so willst, in der Adria
Meer.«
174 Siehe Horaz, Sermones [Satiren], Zweites Buch, 7. Satire:
»hunc neque dira venena nec hosticus auferet ensis / nec laterum dolor
aut tussis nec tarda podagra; / garrulus hunc quando consumet cum-
que: loquacis / si sapiat, vitet, simul atque adoleverit aetas.« (übers. v.
K. Büchner, Bologna 1970, S. 163): »Den wird nicht höllisches Gift
noch das Schwert hinraffen der Feinde, / nicht in den Seiten der
Schmerz oder Husten noch träges Podagra: / den wird ein Schwätzer
einmal vertilgen: er meide die Schwätzer, / hat er Verstand, wenn er
einst in das Alter der Reife gekommen.«
175 Siehe Newton, Arithmetica Universalis, Cambridge 1707. Mai-
mon gibt den Text mit geringfügigen Veränderungen wieder. Die Über-
setzung hält sich an die Vorlage Newtons (wieder abgedruckt in:
Opera quae exstant omnia, London 1779, S.86): »Damit jedoch Theo-
reme dieser Art zur Lösung von Problemen führen, ist es oft notwendig,
spezielle Hilfskonstruktionen beizufügen, also zum Beispiel bestimmte
Anmerkungen des Herausgebers 271

Geraden zu verlängern, bis sie sich mit anderen schneiden, was ihre
Länge eindeutig festlegt; oder von solchen ausgezeichneten Punkten
parallele oder perpendikulare Linien zu anderen Punkten oder eben den
besagten Punkten zu führen; oder eben jede andere Art von Hilfskon-
struktion hinzuzufügen, je nach den Anforderungen, die das Problem
stellt, oder nach Maßgabe der Theoreme, die man zu seiner Lösung ver-
wendet: daß zum Beispiel zwei Linien, wenn sie sich nicht treffen, mit
einer dritten bekannte Winkel bilden; verlängert man sie, bildet sich aus
ihrem Zusammentreffen ein Dreieck, dessen Winkel und in der Folge
auch die Beziehungen der Seitenlinien zueinander bekannt sein werden.
Oft genügt es uns, daß ein Winkel gegeben oder mit einem anderen
identisch ist, um daraus, wenn wir einige Linien verlängern, die Eigen-
schaften des Dreiecks oder seine Ähnlichkeit mit einem anderen zu
schließen. Wenn ein Dreieck schiefwinklig ist, zerlegt man es häufig in
zwei rechtwinklige Dreiecke, indem man eine perpendikulare Linie von
einer Seite des Dreiecks zum gegenüberliegenden Winkel zieht. Wenn es
sich um Vielecke handelt, zerlegt man sie in Dreiecke, indem man Dia-
gonalen zieht, und so fort. So führt man alles auf einfache Prinzipien
zurück, denn jede Figur kann entweder in gegebene oder ähnliche oder
rechtwinklige Dreiecke zerlegt werden.«
176 Vgl. Friedrich Gottlieb Klopstock (1724–1803), »Gedanken
über die Natur der Poesie. Aus dem Nordischen Aufseher 2. Bd. 105.
St.«, in: Klopstocks sämmtliche Werke, hg. A. L. Back und A. R. Spind-
ler, Sechzehnter Band, Leipzig 1830, S.38f. sowie »Von der heiligen
Poesie. Aus dem ersten Bande der Halleschen Ausgabe des Messias vom
Jahre 1760«, in: ebd., S.93f.
177 Bezugnahme auf Lukrez, De rerum natura [Von der Natur der
Dinge], Erstes Buch, Vers 404–409.
178 Vgl. KrV A 202 f./B 247 f.
179 Siehe S. 120 f.
180 Siehe Aristoteles, Von den Kategorien, Kapitel 2, 1a.
181 Siehe Ploucquet, Methodus Calculandi in Logicis Inventa,
a. a. O. Maimon gibt den Text mit geringfügigen Veränderungen wie-
der. Die Übersetzung hält sich an die Vorlage Ploucquets (S. 48–52):
»14. Eine Affirmation ist das Begreifen der Identität des Subjekts und
des Prädikats«, was in einer Fußnote folgendermaßen kommentiert
wird: »Jeder Kreis ist eine krumme Linie. Logisch gesprochen, läßt sich
dieser Satz so formulieren: Jeder Kreis ist irgendeine krumme Linie.
Auf diese Weise wird das, was im Prädikat erkannt wird, identifiziert
272 Anmerkungen des Herausgebers

mit dem, was im Subjekt erkannt wird. Ob ich nun weiß oder nicht
weiß, daß andere Arten von Kurven gegeben sind außer dem Kreis, so
ist es doch wahr, daß irgendeine krumme Linie, im komprehensiven
Sinn genommen, jeder Kreis ist, bzw., daß jeder Kreis irgendeine krum-
me Linie ist.
Sobald ich über die Bedeutung des Satzes : Jeder Kreis ist irgendeine
krumme Linie nachdenke, so erkenne ich, daß ich darunter nichts an-
deres als folgendes Urteil begreife: Irgendeine krumme Linie ist irgend-
eine krumme Linie. Da dieses Urteil ja die Extrema identifiziert, redu-
ziert es sich auf einen einzigen Begriff, nämlich den Begriff irgendeiner
krummen Linie, die man Kreis nennt. Jener geistige Akt, durch den
man begreift, daß der Kreis irgendeine krumme Linie ist, ist nichts an-
deres als das Erkennen eines einzigen Begriffes.
Nehmen wir einmal an, wir seien aller Sprache und Kenntnis der
Termini beraubt und beobachteten eine Kreislinie oder auch unendlich
viele Kreislinien, die entweder nur im Geiste oder mittels des Sinnes-
organs repräsentiert sind; in diesem Fall werden wir genau das denken,
was wir denken, wenn wir folgenden Satz lesen oder hören: Der Kreis
ist irgendeine krumme Linie.
Ein vom Verstand gefaßtes affirmatives Urteil ist nicht die Erkennt-
nis zweier Sachen, sondern einer, und ein affirmativer Satz ist nichts an-
deres als der Ausdruck einer und derselben Sache durch verschiedene
Zeichen.
Der Grund dafür, daß aus dieser höchst einfachen Sache Schwierig-
keiten entstehen, muß in der Unkenntnis der [jeweiligen] Materie und
der davon abhängigen Unzulänglichkeit der Sprache gesucht werden.
Die sprachliche Unzulänglichkeit liegt darin, daß die Kopula ist an
Zweideutigkeit krankt, und daß man die Gewohnheit hat, mit eben
dieser Kopula Termini zu verbinden, die sich sowohl in Inhalt [com-
prehensio] als auch in Umfang [extensio] unterscheiden. Die Unkennt-
nis der Materie betrifft in diesem Fall nur die Bestimmung des Prädi-
kats. Kommen wir noch einmal auf das gegebene Beispiel zurück: Der
Kreis ist eine krumme Linie. Wenn wir den Kreis an sich, nicht als Sub-
jekt des Satzes, sondern als absoluten Begriff betrachten, kommen wir
zu dem folgenden Begriff des Kreises: Eine krumme Linie, die in sich
selbst zurückläuft und innerhalb derer es einen Punkt gibt, der von
allen Punkten auf der Peripherie gleich entfernt ist. Dieser Begriff wird
nun eingesetzt als Subjekt, dem man sein Prädikat krumme Linie bei-
legt, und so erhalten wir folgenden Satz: Eine krumme Linie, die in sich
Anmerkungen des Herausgebers 273

selbst zurückläuft etc. ist eine krumme Linie. Man vergleiche diesen
Satz mit dem folgenden: Eine parabolische Linie, die nicht in sich
zurückläuft etc., ist eine krumme Linie. Es ist offensichtlich, daß im
letzteren Satz das Zeichen krumme Linie mit einem anderen Begriff
verbunden wird als in dem ersteren, da sich die Krümmung eines Krei-
ses von der einer Parabel unterscheidet. Also ist der Sinn des ersteren
Satzes folgender: Eine krumme Linie, die in sich selbst zurückläuft etc.,
ist irgendeine krumme Linie; und der Sinn des letzteren Satzes: Eine
krumme Linie, die nicht in sich selbst zurückläuft etc., ist irgendeine
[andere] krumme Linie. Doch das Irgendeine wird erläutert durch ›in
sich zurückgehend‹, und insofern erhält man durch diese vollzogene Er-
läuterung und Erkenntnis einen identischen Satz, der, hat man ihn er-
kannt, nur einen einzigen Begriff darstellt. Auf gleiche Weise erläutert
man irgendeine (welches Zeichen sich von dem Irgendeine unterschei-
det und einen anderen Begriff bedeutet) durch [folgenden Satz]: Läuft
nicht in sich selbst zurück, so daß der begriffene Satz identisch ist und
auf einen einzigen Begriff reduziert wird.
Ich sehe den Einwand voraus, der Begriff der krummen Linie sei in
beiden Sätzen der gleiche, da er ein Gattungsbegriff sei und sowohl
vom Kreis als auch von der Parabel zu Recht ausgesagt wird. Doch muß
man beachten, daß im Prädikat als solchem immer die Beziehung zum
Subjekt mit einbegriffen ist und insofern der Begriff dem Subjekt selbst
in bestimmter Weise zukommt. Aus Unkenntnis der Materie kann es
geschehen, daß man nicht weiß, ob jede krumme Linie nun ein Kreis sei
oder nur irgendeine krumme Linie, im exklusiven Sinn verstanden. Da
aber notwendigerweise eine der beiden Möglichkeiten mit der Wahrheit
übereinstimmt, muß man dem Prädikat ein Zeichen der partikulären
Quantität, im komprehensiven Sinne, beifügen, da auf diese Weise der
Wahrheit kein Abbruch getan wird, sei nun ein Kreis eine jede Kurve
oder nicht jede.
Man kann gegen diese Theorie nicht einwenden, daß das Prädikat
eines affirmativen Satzes gewöhnlich nur ein Teil-Begriff des Subjekts
ist und daher mit dem Subjekt nicht identifizierbar ist. Wenn das Prädi-
kat nämlich nur einen Teil-Begriff des Subjekts darstellt, so ist dieser
Teil-Begriff selbst in einer bestimmten Weise in dem Subjekt enthalten,
und so wird das Subjekt auf solche Weise erkannt, und insofern wird
ein Begriff vom Verstand [oder: des Verstandes] beobachtet. Wenn ich
z.B. einen runden Stein anschaue und dabei sage Dieser Stein ist rund,
so denke ich durch diesen Satz tatsächlich nur einen Begriff, nämlich
274 Anmerkungen des Herausgebers

den des runden Steins, welche zwei Ausdrücke auch durch einen ausge-
drückt werden können. Man kann also sagen, daß ein Urteil ein Ver-
gleich einer Idee mit einer [anderen] Idee ist. Eine und dieselbe Sache
aber, die man mit sich selbst vergleicht, ist deswegen nicht zwei Sachen,
sondern nur eine.
Aus dieser Erläuterung geht deutlich hervor, daß jedes Urteil auf ei-
nen einzigen Begriff zurückgeführt werden kann und daß man im Ver-
stand jedem Prädikat seinen quantitativen Wert beifügen muß, auch
wenn derselbe nicht in den Termini ausgedrückt sein sollte etc.«
182 Eine negative Besprechung der Schrift Ploucquets findet sich in
den Briefen, die Neueste Litteratur betreffend, XVIIter Theil, Berlin
1764, im 268. bis zum 270. Brief. Die Rezension ist mit »B.« unter-
zeichnet. Aus einem Brief des Herausgebers Friedrich Nicolai (1733–
1811) an Johann Gottfried Herder (1744–1803) vom 24. Dezember
1768 geht hervor, daß es sich bei dem Rezensenten um Thomas Abbt
(1738–1766) handelt. Abbt gibt den »Hauptsaz der ganzen Theorie«
(ebd., S. 74) Ploucquets folgendermaßen an: »Jeder bejahende Saz ist
nichts anders als die Fassung eines einzigen Begriffes, der erst durch
zween dem Scheine nach verschiedene angedeutet worden.« (ebd.) Die
Diskussion des Satzes inklusive der Fußnote findet sich auf S. 95, 270.
Brief; die spezielle Behandlung des Zirkel-Beispiels auf S. 97–99: »Urt-
heilen Sie selbst: Er nimmt den Satz: Der Zirkel ist eine krumme Linie;
und will zeigen, daß Zirkel und krumme Linie recht verstanden nur ei-
nen Begrif geben […].« (ebd., S. 97)
183 Vgl. Aristoteles, Metaphysik, Elftes Buch, Kapitel 6, 1062b
(a. a. O, S. 286): »Daß nämlich nichts aus Nicht-seiendem entstehe,
sondern alles aus Seiendem, ist gemeinsame Lehre so gut wie aller Na-
turphilosophen.« In diesem Sinne schreibt Maimon (GW IV, S. 390):
»Der Grundsatz seiner [Thales; F.E.], so wie aller Philosophie der Na-
tur überhaupt ist: aus nichts wird nichts. d. h. Alles was entstehet,
setzt eine Materie voraus, woraus es entsteht.«
184 Siehe KrV, A 143.
185 Bezugnahme auf Vergil, Ecloga, III, Vers 104 (dort: »eris mihi
magnus Apollo«): er wird mir ein großer Apollo sein!
186 Siehe S. 16–20.
187 Maimon zitiert aus seinem Aufsatz »Ueber Wahrheit. Ein Brief
des Hrn. S Maimon, an seinen edlen Freund L. in Berlin«, in: Berlini-
sches Journal für Aufklärung, 1789, 5. Bd., 1. Stück, S. 67–84 (GW I,
599–616). Die Passage (von »Wolff sagt: Wahrheit ist […]« bis zum
Anmerkungen des Herausgebers 275

Ende der Anmerkung auf S. 221) ist den Seiten 68–81 (GW I,
600–613) entnommen und enthält marginale Abweichungen. Wie der
Maimon-Biograph Sabattia Joseph Wolff (1756–1832) in seiner Mai-
moniana. Oder Rhapsodien zur Charakteristik Salomon Maimon’s,
Berlin 1813 (S. 78) bemerkt, war der Aufsatz »an seinen Freund Sa-
muel Levy in Berlin« gerichtet. Samuel Levy (1760–1806) war lange
Zeit Maimons Mäzen.
188 Siehe Wolff, Philosophia Rationalis sive Logica, Pars II, Frank-
furt / Leipzig 1728 (Nachdruck [der Ausgabe Frankfurt / Leipzig
1740] Hildesheim u. a. 1983, S. 387): »§. 505. »Si praedicatum quod-
cunque, sive affirmativum, sive negativum, subjecto absolute, vel sub
data conditione cenvenit, propositio dicitur vera; sin minus, falso. Est
itaque veritas consensus judicii nostri cum objecto, seu re repraesenta-
ta; falsitas vero dissensus ejusdem ab objecto. Dicitur autem haec veri-
tas logica, cum in Logica hic sit vocis significatus. E. gr. Propositio
haec triangulum habet tres angulos, vera est, propterea quod figurae
tribus lineis terminatae conveniunt tres anguli.« In seinem Aufsatz
»Ueber Wahrheit. Schreiben des Herrn Maimon an Herrn Tieftrunk«,
in: Berlinisches Journal für Aufklärung, 1790, 7. Bd., 1. Stück, S. 22–
51 (GW II, S. 469–498) diskutiert Maimon ein weiteres Mal die Wolf-
fische Definition von Wahrheit.
189 Siehe S. 157.
190 Vgl. GW VI, S. 274–325.
191 Vgl. Anm. 114.
192 Siehe Kästner, Anfangsgründe der Analysis endlicher Grössen,
a. a. O., S. 30 f.
193 Der Terminus »judicium practicum« begegnet einem in der
»Erfahrungspsychologie« der Metaphysik Baumgartens. In § 451
(a. a. O., S. 213) schreibt er: »Die Fertigkeit Dinge zu beurtheilen (iudi-
cium) ist entweder eine practische, wenn ihr Gegenstand vorhergesehe-
ne Dinge sind; sind es aber andere Dinge, so ist sie eine theoretische
[…].« Einer ›dieser Herren‹ könnte David Hume sein: Eine Untersu-
chung über den menschlichen Verstand, Neunter Abschnitt: »Über die
Vernunft der Tiere« (a. a. O., S. 122–127).
194 Siehe Moses Mendelssohn (1729–1786), »Ueber Freiheit und
Nothwendigkeit«, in: Berlinische Monatsschrift, 1783, 2. Bd., Sieben-
tes Stück, S. 4: »Ich denke nicht, daß Ihr Freund, der Wahrheitsfor-
scher, Stimmen sammeln will, um sie zu zählen. Sie wollen gewogen
und nicht gezählt sein.«
276 Anmerkungen des Herausgebers

195 Siehe 2. Mose (Exodus) 5,4 (übers. v. M. Luther [revidierte


Fassung von 1984]): »Da sprach der König von Ägypten zu ihnen:
Mose und Aaron, warum wollt ihr das Volk von seiner Arbeit frei ma-
chen? Gehet hin an eure Dienste!«
196 salus populi (latein.): das Wohlergehen des Volkes.
197 Julien Offray de La Mettrie (1709–1751) bestimmt in seinem
Hauptwerk L’homme machine [Der Mensch eine Maschine], Leiden
1747 [vordatiert auf 1748], den Geist als abhängige Variable physiolo-
gischer Vorgänge. Einem solchen Materialismus ist der Spiritualismus
(auch Animismus oder Vitalismus) von Georg Ernst Stahl (1659 [oder
1660]–1734) entgegengesetzt, den dieser vor allem in seiner Theoria
medica vera, Halle 1707, entwickelt.
198 Siehe Anm. 197.
199 Siehe Anthony Ashley Cooper, Third Earl of Shaftesbury
(1671–1713), The Moralists, A Philosophical Rhapsody [Die Morali-
sten, eine philosophische Rhapsodie], London 1709. Die Schrift er-
schien erstmals unter dem Titel The Sociable Enthusiast, a Philosophi-
cal Adventure Written to Palemon, London 1705. 1711 erschien der
Text als Volume II in den Characteristics of Men, Manners, Opinions,
Times. Maimon zitiert nach der zweiten Ausgabe der Characteristics
von 1714 (übers. v. W. Lottes, Standard Edition, Bd. II.3, Stuttgart-
Bad Cannstatt 1998, S. 170): »Sie wissen auch, daß es in dieser akade-
mischen Philosophie, die ich Ihnen gerade vorführen will, eine gewisse
Art des Fragens und Zweifelns gibt, die keinesfalls zu unserem Zeit-
geist paßt. Die Leute ergreifen mit Vorliebe unverzüglich Partei. Sie
können es nicht ertragen, im Ungewissen gelassen zu werden. Eine Un-
tersuchung verursacht ihnen Pein. Sie möchten sie, so bequem wie nur
möglich, loswerden. Es ist, als ob die Menschen sich einbilden zu er-
trinken, wann immer sie sich dem Strom der Vernunft anzuvertrauen
wagen. Sie scheinen fortzutreiben, sie wissen nicht wohin, und sind be-
reit, nach dem erstbesten Zweig zu greifen. Dort hernach zu hängen,
wenn auch noch so unsicher, ist ihnen lieber, als darauf zu vertrauen,
daß ihre eigene Kraft sie über Wasser hält. Wer eine Hypothese er-
hascht hat, wie schwach sie auch sei, ist zufrieden. Er kann sogleich
auf jeden Einwurf antworten und mit ein paar Fachausdrücken ohne
Mühe über alles Rechenschaft geben.«
200 Siehe Babylonischer Talmud, »Berakhoth«, Fol. 64a (übers. v.
L. Goldschmidt, Erster Band, Berlin 1929, S. 291): »R. Hija b. Aši sag-
te im Namen Rabhs. Die Schriftgelehrten haben keine Ruhe, weder in
Anmerkungen des Herausgebers 277

dieser Welt, noch in der zukünftigen Welt, denn es heißt: sie gehen von
Heer zu Heer, sie erscheinen vor Gott in Cijon.« Vgl. auch Babyloni-
scher Talmud, »Moed Qatan«, Fol. 29a (a. a. O., Vierter Band, Berlin
1931, S. 233).
201 Siehe Psalm 84,8 (übers. v. M. Luther [revidierte Fassung von
1984]): »Sie gehen von einer Kraft zur andern / und schauen den wah-
ren Gott in Zion.«
BIBLIOGRAPHIE

Die nachstehende Bibliographie erstrebt Vollständigkeit in bezug auf


die Erfassung von Titeln zum Versuch über die Transzendentalphiloso-
phie. Es wurden nur Titel in europäischen Sprachen berücksichtigt.
Eine Auswahl der hebräischen Literatur findet sich in der Bibliogra-
phie von Noah Jonathan Jacobs, eine Bibliographie allgemeineren In-
teresses im Internet unter http://www.maimon.de.

I. Verzeichnis bisheriger Ausgaben

A. Erstausgabe
Versuch über die Transscendentalphilosophie mit einem Anhang über
die symbolische Erkenntniß und Anmerkungen von Salomon Mai-
mon, aus Litthauen in Polen. Berlin, bei Christian Friedrich Voß
und Sohn. 1790.

B. Nachdrucke
Darmstadt 1963 (²1972)
Hildesheim 1965 (²2000; ³2003), in: Maimon, Salomon: Gesammelte
Werke. Herausgegeben von Valerio Verra. Bd. 2, I–442
Bruxelles 1969 (Aetas Kantiana 174)

C. Übersetzungen
Maimon, Solomon: Essay On Transcendental Philosophy. Translated
into Hebrew and edited by Hugo Bergman and Nathan Roten-
streich, Jerusalem 1941.
Maïmon, Salomon: Essai sur la philosophie transcendantale. Traduc-
tion, présentation et notes par Jean-Baptiste Scherrer. Avant-propos
de Reinhard Lauth, Paris 1989.
280 Bibliographie

II. Bibliographie

Jacobs, Noah J[onathan].: Schrifttum über Salomon Maimon. Eine Bi-


bliographie mit Anmerkungen von Noah J. Jacobs, übersetzt von
Gerd Leisersohn, in: Wolfenbütteler Studien zur Aufklärung. Bd. 4,
Wolfenbüttel 1977, 353–395. [Die Bibliographie erschien auf he-
bräisch in: Kirjath Sepher 41, 1966, 245–262.]

III. Zeitgenössische Rezeption

Der Name des Autors bzw. Rezensenten wird – soweit bekannt – in


eckigen Klammern [ ] wiedergegeben.

Denina, [Carl Johann Maria]: La Prusse Littéraire Sous Fréderic II Ou


Histoire Abrégée De La Plupart Des Auteurs, Des Académiciens Et
Des Artistes Qui Sont Nés Ou Qui Ont Vécu Dans Les États Prussi-
ens Depuis MDCCXL Jusqu’A MDCCLXXXVI. Bd. 2, Berlin 1790,
449.
Schreiben des Herrn R. an Herrn Maimon, in: Berlinisches Journal für
Aufklärung. 9. Bd. 1. St., Berlin 1790, 48–51.
Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung. 5. St. Mittwoch, den
12ten Jänner 1791, Salzburg, 75–78.
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IV. Sammelband

Freudenthal, Gideon (Ed.): Salomon Maimon: Rational Dogmatist,


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lism, Vol. 2), Dordrecht u. a. 2003 (mit Beiträgen von Frederick
Beiser, Florian Ehrensperger, Paul Franks, Gideon Freudenthal,
Michael Roubach, Oded Schechter, Yossef Schwartz, Yaron Sende-
rowicz, Peter Thielke und Elhanan Yakira).

V. Monographien und Aufsätze (chronologisch)

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PERSONENREGISTER

Eingeklammerte Zahlen zeigen an, daß der Name nicht im Text steht,
wohl aber auf ihn angespielt wird.

Abbt, Thomas (1738–1766) Kästner, Abraham Gotthelf


(206) (1719–1800) 129–131, 153,
Adelung, Johann Christoph 158, 226
(1732–1806) 176 Kant, Immanuel (1724–1804)
Aristoteles (384–322 v. Chr.) 6, 8, 11, 14, 23, 39–42, 44 f.,
23, 129, 164, 196 67, 92, 95–101, 103–106,
108, 110, 112–114, 116 f.,
Baumgarten, Alexander Gottlieb 120–122, 126, 132f., 144 f.,
(1714–1762) 66, 133, 147 f., 179 f., 183–186, 197–199,
187, 222 214, 218, 223, 226–228, 232,
Bendavid, Lazarus (1762–1832) 234–236
151, 159 f. Klopstock, Friedrich Gottlieb
Burnet, James [Lord Mon- (1724–1803) 200
boddo] (1714–1799) 173 f.
Lamettrie, Julien Offray de
Descartes, René [Kartesius] (1709–1751) 235
(1596–1650) 7, 196 Leibniz, Gottfried Wilhelm
Diderot, Denis [Diderotus] (1646–1716) 21 Anm., 40,
(1713–1784) 153 f. 116, 138, 177 f., 180, 196,
233
Euklid (um 365 – um 300 v. Lessing, Gotthold Ephraim
Chr.) 33, 41, 86, 150, 184 (1729–1781) 179
Locke, John (1632–1704) 162,
Galilei, Galileo [Galiläus] 170
(1564–1642) 129 Lukrez, Titus Lucretius Carus
(97–55 v. Chr.) 6, 200
Horaz, Quintus Horatius
Flaccus (65–8 v. Chr.) 176, Mendelssohn, Moses
199 (1729–1786) 179, 233
Hume, David (1711–1776) 11, Molière, eigtl. Jean Baptiste
45, 120, 201 Poquelin (1622–1673) (173)
298 Personenregister

Newton, Isaac (1643 [1642]– Sulzer, Johann Georg


1727) 23, 179, 200 (1720–1779) 166

Platon (427–347 v. Chr.) 237 Vergil, Publius Vergilius Maro


Ploucquet, Gottfried (70–19 v. Chr.) 1
(1716–1790) 178, 206, 208
Pythagoras (570–497/496 Wieland, Christoph Martin
v. Chr.) 228 (1733–1813) 179
Wilkins, John [Bischof von
Shaftesbury, Anthony Ashley- Chester] (1614–1672) 173,
Cooper, Third Earl of 177f., 180
(1671–1713) 237 Wolff, Christian Freiherr von
Stahl, Georg Ernst (1659 oder (1679–1754) 40 f.,
1660–1734) 235 41 Anm., 42f., 138,
Stanis?aw II. August Ponia- 147 f., 177, 215, 234,
towski, König von Polen 236
(1732–1798) (3)
SACHREGISTER

Abstraktion, Abstrahieren 14, Anlage 30


18, 20 f., 21 Anm., 36, 41, Anschauung 11, 16–20, 21
44f., 50, 53, 60, 67, 71 f., 81, Anm., 22–27, 29–38, 40–43,
102, 109, 115, 123, 142 f., 46, 48–50, 53–55, 56 Anm.,
159–161, 163, 169, 182, 191, 57–60, 62, 66 f., 71, 76 Anm.,
193, 202, 213, 221, 224, 228, 77 f., 80, 87, 89 f., 92, 95 f.,
231, 237 101–103, 105, 107 f., 110,
Affektion, Affizieren 223 113–115, 117 f., 127, 136–
–, dreifache 103 139, 148 Anm., 149–153,
Affirmation, affirmatio 140, 158–161, 177, 179, 182,
206 185–190, 192–195, 197–199,
Ahndung 43, 199 f. 202, 204 f., 210 f., 215, 222,
Ähnlichkeit 66, 81, 166 f., 224, 227 f.
171f., 177, 231 – a posteriori 32 f., 35, 137,
Akzidenz 182
– und Substanz 8, 19, 57, 69, – a priori 32, 34 f., 38, 40, 49,
79 f., 83, 104, 106, 120, 100, 116f., 136 f., 182
143 f., 164, 167, 175, 189, –, Bedingung der 50, 89, 106
197 –, Element der 11, 19, 108,
Algebra 52 Anm., 134, 151f., 110, 193
154, 177 –, empirische 20, 113–115,
Allgemeines/Besonderes 13 f., 224
31 f., 35–39, 55f., 93, 99, –, Form der 26, 29, 34, 36, 49,
135, 137 f., 142, 168, 174, 57, 67, 71, 77, 87, 95, 100,
183, 204–206, 211–213, 115, 139, 182, 192, 224, 228
224, 237 –, Gegenstand/Objekt der 23,
Allgemeinheit 99, 102, 142, 28f., 32 f., 35, 46, 52 Anm.,
157, 175, 186, 192, 195, 219, 102, 110, 113, 149 f., 152 f.,
221, 233 157, 159, 182, 193, 198
– und Besonderheit 186, 226 –, Materie der 29, 32–34, 114 f.
Allheit 46 f., 203 –, reine 32, 116, 199
Analogie 27 Anm., 82, 91, 113, –, Totalität der 46
161, 222 –, Vermögen der 10, 24 f.,
Analysis 153, 220 115 f., 195
300 Sachregister

Antezedens/Konsequenz 34, 64, – der Anschauung 50, 106


121, 133, 144 f. – aller Anschauungen und Be-
Antinomie 126–128, 131 f. griffe 89
–, mathematische 132 – a posteriori 8, 134, 157, 216
–, physische 132 – a priori 8, 51, 157, 164, 182,
Anwendung 3, 8, 28, 31 f., 41 202, 216, 226
Anm., 43, 48, 52 Anm., 56 – des Bewußtseins 15, 72
Anm., 57, 76, 89, 99, 108, – des Denkens 15, 36, 101,
117, 133, 144, 154, 172, 183, 117
196, 201, 203 – der Einheit im Mannigfaltigen
Apperzeption 204, 215 23
Applizieren 19, 35, 105, 108, – der Erfahrung 8 f., 120, 157,
157, 183 201, 212, 223
Apprehension 25, 91, 105 f., – aller Existenz 93
118, 195 – und Form 10, 36, 77, 182
Arithmetik 177, 193 – und Grund 54, 63, 134 f.
–, reine 18, 43, 96, 190, 192 – der Konstruktion 10
ars characteristica combinatoria – der Möglichkeit einer Synthe-
177 sis überhaupt 51
Assoziation 9, 45, 121, 148 – des Objekts des Denkens 32,
Anm., 152, 166 36, 66, 101, 143, 226
–, Gesetz der 17, 20, 82, 121, – und Regel 32 f., 37, 40, 46,
147 63, 182 f.
– der Ideen 9, 147 –, Totalität der 46, 179, 189
Atheist 116, 156 – des Urteils 144, 224
Ausdruck, transzendentaler –, vollständige 47, 189
167–173 – der Wahrnehmung 10, 14,
Ausdehnung 14, 21, 31, 55, 92, 79, 120, 144 f., 201, 223, 227
97, 190 Begrenzen siehe Grenze
Axiom 41, 41 Anm., 85 f., 96, Begriff 14, 16, 19 f., 25–37,
98 f., 104, 112, 152, 178, 40–42, 44–51, 53, 55–57,
212, 216, 222 f. 60–62, 66–71, 73, 76–81,
84 f., 88 f., 91, 95, 97,
Bedingung 3, 8, 10, 27, 29, 103–113, 118, 120, 122 f.,
31–33, 35 f., 46–48, 64, 66, 125, 127–129, 133–143,
87, 94, 106, 108, 113, 119 f., 149 f., 152, 155, 157 f., 161 f.,
123, 126 f., 130, 133–135, 164 f., 167–171, 174–178,
143, 147, 149, 151, 163, 196, 180, 183, 187 f., 194, 196,
199, 223 f., 227 199, 201, 205, 208, 210 f.,
Sachregister 301

215 f., 218, 220 f., 224, 227, –, vermischter 107


231, 235, 237 –, Verstandes- 9, 18, 21, 23,
–, absoluter 26, 51 f., 56, 73 28 f., 40, 43, 46, 49 f., 57, 63,
–, abstrakter 52, 54, 146, 205 78, 106–108, 193, 204,
– und Anschauung 16, 32, 38, 208 f., 214
57, 89, 136, 138, 152, 188 f., –, vollständiger 212
210, 227 f. –, Vollständigkeit des 46, 48 f.
– a priori 23, 34, 36, 38, 101, –, wahrer 84, 140, 156
148 Anm., 152, 179, 199 –, Wiedererinnerung des 56
–, Beziehungs- siehe Verhältnis- –, willkürlicher 27, 29, 31, 173
–, Bildung des 55 –, zusammengesetzter 146, 161,
–, deutlicher 163 180
–, eines Dinges 62, 117, 174, Bejahung, Bejahen 69, 142,
198 214, 230
–, dunkler 148 Anm. – und Verneinung 67–69, 141,
– und Erfahrung 28, 30 f. 214
–, Erfahrungs- 14, 45, 152 Besonderheit und Allgemeinheit
–, Form des 46, 77 186, 226
–, Grenz- 21, 46, 108, 190 f., Bestimmbares, Bestimmbarkeit
202 8, 28, 143, 188, 191
–, klarer 187, 208 – und Bestimmtes 36, 66, 87,
–, mathematischer 21 Anm., 29, 167, 194
32, 36, 47, 102, 156 – und Bestimmung 17, 51, 54,
–, Möglichkeit des 96 f. 56, 59, 61, 73 f., 81–84, 109,
–, problematischer 84 135–137, 143 f., 148, 157,
–, Realität des 111 210 f., 225
–, reeller 53, 209, 220 f., 223 –, Gesetz des 144
–, Reflexions- 42, 53, 76 f., 119 Bestimmung 10, 15, 24 f., 28,
–, reiner 23, 26, 36, 60, 105, 31, 34, 40, 44, 46, 51, 52
107 f., 179, 188, 193 f., 214 Anm., 53, 55 f., 56 Anm., 57,
–, Relations- siehe Verhältnis- 62, 72, 74 f., 77, 79–82, 84 f.,
–, relativer 56 90, 97, 99, 109, 117, 121 f.,
–, symbolischer 32, 37 135, 139–141, 143, 147, 149,
–, transzendentaler 89, 168–170 156 f., 161, 166, 168–171,
– und Urteil 52 Anm., 56, 63, 175, 182, 186–189, 205,
68, 93, 206, 208 210–212, 218, 221, 224–229
–, Verhältnis- 26, 29 Anm., 36, – a posteriori 10, 119
38, 43, 52, 56, 59, 66–68, 73, – a priori 8, 119
139, 186, 212 –, äußere 43
302 Sachregister

–, formelle 34 – der Apprehension 25


–, gemeinschaftliche 54 –, Einerleiheit des 90, 229 f.
–, innere 43, 169 –, Einheit des 89, 91, 229
–, materielle 34, 212 – und Einheit im Mannigfal-
–, negative/positive 80 tigen 15, 76, 120
–, Orts- 172 –, Entstehung des 21 f.
–, wechselseitige 118 –, objektive Einheit des 230
–, Zeit- 19 f., 80, 120, 134, 172, –, primitives 22, 190
189, 210, 230 –, subjektive Einheit des 67, 76,
–, zufällige 150 230
Bestimmungsbegriff 30 – und Tätigkeit 21 f., 222
Bestimmungsgrund 210 –, unvollständiges 224
Bestimmungsmerkmal 166 –, Verminderung des 21 Anm.,
Bestreben 7 95
Beurteilungskraft 44, 75 –, vollständiges 190
Beurteilungsvermögen 34 f. – der Verschiedenheit 187
Bewegung 15, 18, 22, 33 Anm., Bild 43, 47, 103, 113, 148
76 Anm., 82, 106, 123–126, Anm., 228
128, 159f., 167–170, 179, – der Verschiedenheit 101, 103,
189 188, 227
–, absolute 16, 128 Bilden 22, 33, 160, 175, 179,
– einer Linie 27, 29, 33, 63 236
– eines Punktes 25, 33 Anm., Bildung 35, 55, 156
159
–, unendlich kleine 128 causa efficiens/causa finalis 235
Beweis, Beweisen 7, 35, 43, 45, characteristica universalis 178 f.
82, 88, 97 f., 100–102, 105, cogito 7
112f., 128 f., 131, 141, 150, complementum possibilitatis
153, 166, 170, 183, 186, 199, 198
202, 205, 226 Corollarium 29 Anm.
–, analytischer 41
–, kosmologischer 112 Darstellung, Darstellen 25, 32,
–, ontologischer 110 48, 54 f., 62, 179, 194
Bewußtsein 15, 21–23, 29–31, – und Vorstellung 22, 190
36, 39, 49 f., 56, 76–79, 90, Dasein 7, 58, 64, 78, 106, 114,
92 f., 95, 103, 107, 109, 122 f., 125 f., 141, 169
113–115, 118, 162, 167, 187, – Gottes 110
190, 196, 204, 213, 221 f., – der Ideen 184
224, 229, 232 – der synthetischen Sätze 41
Sachregister 303

–, unbedingtes 112 Denkungsvermögen 7, 69,


– der Welt 112 115 f., 142, 157, 195
Dauer 18, 79, 117, 159 Dependenz 26–28
Deduktion 34 f., 44, 105, 235 Differential 18, 21, 21 f. Anm.,
Definition 26, 29 Anm., 41 23–25, 67, 121, 159, 191,
Anm., 42 f., 47, 61, 63, 66 f., 193
139, 147 f., 151, 156, 174, – und Integral 72, 110, 115,
178, 181, 209, 225 213
–, Nominal- 60, 112, 147, 166, Differentialgröße 151, 159 f.,
185 202
–, Real- 60, 112, 147, 166 Differentialrechnung 18, 21
Denken 7, 22, 24, 32, 42, 45, Anm., 150
49, 107–109, 116, 119, 127, Differenz 131, 175
138 f., 143 f., 183, 193, 197, Ding an sich 43, 52 Anm., 57,
216, 228, 235 62, 64, 67, 114 f., 117, 133,
–, Bedingung des 15, 36, 101, 141 f., 187, 210, 214 f., 223,
117 232
– und Erkennen 34, 58, 89, 93, Dogmatiker
118f., 232 –, empirischer 231
–, Form des 7 f., 15, 29 f., 32, –, rationeller 232 f.
40, 44, 51, 67, 76, 87–89, 95, Dreieinigkeit 116
101, 106, 118 f., 133, 164, Dualismus, Dualist 89, 91, 93,
188, 197, 204, 211, 214, 221 222
–, geheimnisvolle Natur des 30
–, Gesetz des 86, 116, 197, 217 Eigenschaft 38, 44, 61 f., 92,
–, Materie des 8, 32 94, 135, 139 f., 143, 153,
–, Objekt des 31 f., 40, 67, 87, 157 f., 160, 164 f., 175, 208,
92 f., 107 f., 115, 118, 120, 228
143 f., 149 f., 181, 195, 198, –, allgemeinste 133
214, 216, 225–227 Einartigkeit 22, 49 f., 188
–, positives 69 Einbildungskraft 16 f., 21–23,
–, reelles 188, 221 25, 29 Anm., 30, 49, 55, 60,
–, reines 108 74, 78, 147, 165, 189, 194,
–, Subjekt des 51, 64, 68–70, 215
85, 89, 109 –, Apprehension der 195
–, Wahrheit im 85 f., 216 f. –, Spiel der 76
Denkbares, Denkbarkeit 38, 47, –, Synthesis der 17, 48, 55,
54, 64, 106, 109, 137, 139, 61–63, 92
157, 204, 210 Einerleiheit 20, 22, 29, 32, 43,
304 Sachregister

48, 56, 70, 77, 80, 108, –, Verstandes- 18, 67, 155
122 f., 145, 164, 169, 171, – und Vielheit 71 f., 139, 189,
173, 176, 202, 215 193
– des Bewußtseins 90, 229 f. –, willkürliche 17, 24
– und Gegensetzung 36, 66, – der Wirklichkeit 168
167 –, Zeit- 20
– und Verschiedenheit 15, 36, Einschränken siehe Schranke
66 f., 76 f., 79, 119, 144, 168, Element 25, 67, 85, 131, 139
188 – der Anschauung 11, 19, 108,
Einheit 14 f., 17–19, 22 Anm., 110, 193
26, 37, 42, 71 f., 77, 84, 88 f., Empfindung 17, 82, 95 f., 101,
91, 111, 120, 138, 142, 115, 185, 214, 223 f., 235
149 f., 155, 168, 189 f., 195, Empirismus 234
203 f., 213 f., 221 f., 231 Endzweck 3, 163, 180, 200
–, absolute 19, 143, 150, 178, – der Sprache 163
190, 192 – der Zeichen 160
– der Apprehension 195, 215 ens
–, bestimmte 22 Anm., 24 – imaginarium 16
– des Bewußtseins 89, 91, 229 – logicum 108
– der Einerleiheit 76 – omni modo determinatum
– und Einfachheit 89 60 f., 211
–, freiwillige 17 – reale 108
– der Inhärenz 84, 149 – realissimum 116
–, innere 72, 139 f. Entgegensetzung siehe Gegenset-
– im Mannigfaltigen 14–19, zung
23–26, 46, 49, 67, 76 f., 88, Entstehung, Entstehen 16, 18,
92, 107, 120 f., 138, 142, 20 f., 21 Anm., 22–25, 28, 32,
144, 149, 155 f. 39, 42–44, 50, 56, 63, 68, 83,
– der Möglichkeit 168 90, 107, 152, 158 f., 178,
–, notwendige 17 f., 156 187, 192, 199, 208, 217,
–, objektive 67, 76, 141 f., 144, 222 f.
187, 222, 230 Entstehungsart 21 Anm., 37,
– der Regel 24 49, 60, 97, 114, 138,
–, subjektive 15, 76, 76 Anm., 150–152, 155, 165, 174,
141, 144, 222 193 f., 212, 224
–, systematische 232 Entstehungsregel 24 f., 32, 225
–, transzendentale 142 Erdichtung 16, 78, 215
–, unteilbare 15, 30, 148 Erdichtungsvermögen 16 f.
– der Verschiedenheit 76 f. Erfahrung 8–10, 14, 25, 28–30,
Sachregister 305

36, 45, 61, 75 f., 80 f., 83, 117–119, 122–126, 135 f.,
104, 110, 114, 120, 128, 144, 140, 142, 146, 152, 156, 159,
179, 196 f., 201, 223, 229 162, 165 f., 168–170, 174,
–, Bedingung der 8 f., 120, 145, 184–186, 190, 196, 200 f.,
157, 201, 212, 223 208–210, 216, 223, 226,
– und Begriff 28, 30 f. 231–233, 236
–, Faktum der 9, 105 –, angewandte 183
–, Gegenstand der 8, 10, 57, 76, –, anschauende 96 f., 146,
89, 105, 124, 129, 144, 183 f. 149 f., 219, 225
–, mögliche 114 – a posteriori 96
–, Möglichkeit der 28 f., 31, 45, – a priori 11, 35, 95 f., 100,
80 f., 105 224
–, Realität der 105, 120, 145 – und Denken 34, 58, 89, 93,
–, ins Unendliche gehende 61 118 f., 232
– und Wahrnehmung 9 f., 25, –, Form der 13, 35, 96, 167,
45, 75, 80 f., 104, 120 f., 223, 183, 185, 233
229 –, Gegenstand/Objekt der 7, 13,
Erfahrungsbegriff 14, 45, 152 148 f., 152, 157, 184, 198,
Erfahrungssatz 9, 27, 45, 81, 231 f.
105, 108, 183, 194 f. –, Grund der 63 f., 134, 179
Erfahrungsurteil 31, 104 –, Mangel unserer 101
Erfindung, Erfinder, Erfinden –, reine 8, 11, 35, 183, 195
155, 177 f., 200 –, symbolische 45, 53, 96,
– der Differentialrechnung 21 146–150, 152 f., 156, 159 f.,
Anm. 219 f., 224 f.
– in der Mathematik 200 –, transzendentale 189
– der Mathematiker 153, 192 –, Unvollständigkeit der 11
– einer neuen Mathematik 86 –, Vollständigkeit der 40
– einer philosophischen Sprache –, wahre 38
173, 177, 179 – der Wahrheit 38
– der Sprache 169, 171 Erkenntnisvermögen 13, 95,
– der Wahrheit 146, 178, 192, 167, 185 f., 222
219 f. –, absolutes 116, 204
– in den Wissenschaften 177 f., –, eingeschränktes 13, 116, 190
180 Erklärung
Erfindungskraft 43 –, Art- 37
Erkenntnis, Erkennen 14, 31, – der Entstehungsart 25, 49,
35 f., 41, 43, 54, 61, 64 f., 78, 60, 155, 212
82, 97, 99, 106, 108, –, genetische 37
306 Sachregister

– der Möglichkeit 11, 37 f., 61, 64, 75–77, 80, 82, 86, 88,
147 105, 107, 121, 141, 178
–, Namens- 33 –, objektive 80, 121, 200 f.
–, Sach- 25, 33 –, relle 208 f.
Erscheinung 45, 75, 81 f., 87, –, stetige 169
95, 102, 105, 108, 113, 133, –, subjektive 80, 121, 201
224 – und Vorhergehen 10, 15,
Erweiterung des Verstandesge- 18–20, 25 f., 28, 34 f., 64, 71,
brauchs 48 73 f., 80, 120, 122, 145, 186,
essentia 201 f., 212
– nominalis 27, 224 –, Wahrnehmung der 44 f., 105,
– realis 27 145, 200, 202
Evidenz 98 f., 126, 134, 151 –, Zeit- 15 f., 22, 40, 73 f., 78 f.,
– der Mathematik 38 f., 100, 82, 103, 121, 127, 144, 147
189, 223 –, zufällige 44, 106
Existenz 64, 91–93, 112 f., Form 8, 23, 26, 29, 33 Anm.,
140 f., 198, 212, 222 34, 37–39, 44 f., 49, 68, 71,
–, absolute 127 79, 85, 87, 92 f., 96, 108,
112 f., 120, 122, 137, 139,
Faktum 35, 38, 44 f., 97 f., 186, 146, 149 f., 152, 157, 163 f.,
197, 232, 236 171, 173, 176, 181, 183 f.,
– der Erfahrung 9, 105 192, 194, 196 f., 211, 218,
– der objektiven Folge 105, 220, 222, 224, 226, 228,
201 231–233
– der reinen Mathematik 197 – der Anschauung/Sinnlichkeit
– der synthetischen Urteile a 8, 13–15, 26, 29, 33 Anm.,
priori 98 34, 37, 47, 49, 67, 71, 77, 79,
Folge 22, 25 f., 31, 35 f., 39 f., 87, 90, 100, 114, 126, 132,
43, 47–50, 53, 55, 57, 73–75, 139, 182, 185, 189 f., 192,
79–81, 86, 90, 96, 112, 204, 224, 228
121–123, 134–136, 138 f., – und Bedingung 10, 36, 77,
143–145, 152, 177, 191, 182
201, 205, 208–212, 221, – des Begriffs 46, 77
223 – der Bejahung und Verneinung
–, analytische 39, 41 68f., 141, 214
– als Begriff der Zeit 18 – der Bestimmung 85
– und Grund 59, 134 f., 180, – des Bewußtseins 77
211 – der Denkbarkeit 137
–, notwendige 44 f., 52 Anm., – des Denkens 8, 15, 29 f., 32,
Sachregister 307

40, 44, 51, 67, 76, 87–89, 95, – der Verneinung 68 f.


101, 106, 118 f., 133, 164, – des Verstandes 13 f., 26, 52,
188, 197, 204, 211, 214, 221 77, 79, 183–186
– der disjunktiven Urteile 87 – der Wahrnehmung 13 f., 77,
– der Einerleiheit 188 79
– der Einbildungskraft 22, 25, – und Zahl 18, 226
49 Funktion 25, 28 Anm., 52
– und Entstehungsart 150–152 Anm., 159, 192, 202
– der Erkenntnis 13, 35, 96, –, logische 67, 74, 103
167, 183, 185, 233
– der hypothetischen Urteile Ganzes und Teil 18, 41, 43, 60,
19, 27 f., 28 Anm., 33, 44, 56, 86, 92, 143, 158, 169, 203,
87, 119, 121 f., 133, 183 f. 214, 222
– des Ich 113 Gegebenes 8–10, 13, 17, 20,
– der Identität und des Wider- 23 f., 27, 29, 31–34, 36, 39 f.,
spruchs 232 42, 46–48, 50, 57, 59, 63, 67,
– der kategorischen Urteile 44, 71, 74 f., 76, 76 Anm., 77 f.,
87 93, 101, 104, 106 f.,
– der Kausalität 223 110–114, 119 f., 127, 135,
– der Logik 45, 70, 76 Anm., 139, 149, 158, 177, 185, 196,
120, 167, 180 f., 214 198, 208, 214, 222–224,
– und Materie 7 f., 13, 26, 29, 226 f., 231, 233
32, 38 f., 68–70, 78, 93, 95, – und Gedachtes 38 f., 52, 71 f.,
112, 114 f., 119, 137, 149, 76, 78, 107, 139, 183, 210
162, 182 f., 185 f., 204, 212, Gegensetzung 36, 51, 54,
215, 217, 220 f., 226 f. 66–70, 76 Anm., 81, 141 f.,
– und Regel 38, 152, 182, 223 167, 188
– von Subjekt und Prädikat –, logische 68 f., 76 Anm., 141
143 –, Teil- 54, 187
–, subjektive 59, 87, 90 Gegenstand 17, 19 f., 25–30,
– der synthetischen Urteile 37, 33–35, 38, 42, 44 f., 51, 56,
58 58, 66, 72, 75, 79 f., 87, 89 f.,
– des unendlichen Verstandes 93, 95–99, 113 f., 116, 122,
40, 52 133 f., 143, 150, 152, 155,
– der Urteile 23, 26, 33, 44, 161 f., 182 f., 185 f., 194–197,
67, 69 f., 118–120, 181, 201, 222, 228 f., 234
194 f., 230 – der Anschauung 28, 34 f., 52,
– der Verschiedenheit 54, 67, 118
85, 87, 187 f. – a priori 16, 184, 197
308 Sachregister

– der Erfahrung 8, 10, 57, Gesetz 3, 41, 85, 124, 155,


75 f., 89, 105, 124, 129, 144, 197, 235
183 f. – des Anschauungsvermögens
– der Erkenntnis 7, 13, 149, 116
152, 157 – der Assoziation 17, 20, 82,
–, logischer 183 121
– der Mathematik 7, 16, 57, – des Bestimmbaren und der Be-
182, 197 stimmung 17 f., 61, 144
– der Metaphysik 110 – des Bestimmens 18
–, reeller 134, 183 f., 188, 195, – des Denkens 86, 116, 197,
220 217
– der reinen Arithmetik 18 – der Erfahrung 30
– der reinen Geometrie 18 – der Identität 60
–, sinnlicher 13, 15, 167, 184, – der Kausalität 112, 145
188, 231 – der Mechanik 235
–, transzendentaler 91, 113, – der Natur 23, 75, 197
183 –, objektives 17
– der Transzendentalphiloso- – der Sinnlichkeit 103, 127
phie 4, 188, 196 f. – der Stetigkeit 82
– überhaupt 8, 11, 26, 34, 36, –, subjektives 74 f.
43, 51, 87, 89, 95–97, 167, – der Vernunft 3, 197, 234,
183 f., 186, 188, 195 236
–, unbestimmter 8, 188 – des Verstandes 61, 85
– des Urteils 99 –, zweierlei entgegengesetzte
– des Verstandes 13, 34, 87 127
– der Wahrnehmung 13, 76 Geschwindigkeit 22, 128,
Gemüt 49, 78, 95, 103, 159 f.
167–170, 173, 184 Gewohnheit 45, 104
Genie, Genius 153, 161, Gott 111 f., 116
199 f. –, Dasein 110
Geometrie 43, 47, 102, 150 f., –, kosmologischer Beweis 112
154, 199, 203 –, ontologischer Beweis 110
–, analytische 154 Grenzbegriff 21 Anm., 46,
–, Elementar- 151 190 f., 202
–, höhere 151 – zwischen dem reinen Denken
–, reine 18 und der Anschauung 108
Geschichte 88, 167 f. Grenze, Begrenzen 7, 27, 29,
–, Natur- 175 33, 129, 142, 146, 167, 203,
– der Sprache 174 224
Sachregister 309

– der Gegenstände der Erfah- –, idealischer und realer 78


rung 105 –, innerer 39, 61, 145
– zwischen Subjekt und Objekt – der Möglichkeit 97, 137, 166
109 – der Notwendigkeit 104
– der Vernunft 2, 234, 237 –, objektiver 17, 60, 77, 99,
Größe 21 f. Anm., 24, 28 Anm., 102 f., 115, 166, 194 f., 228
41–43, 52 Anm., 61 f., 66–68, – eines Objekts 63
71 f., 99 f., 110, 124, 131, –, positiver 137
138, 147, 160 f., 190–194, – der Realität aller unserer Er-
202, 211, 214 kenntnis 179
–, extensive 18, 71 f., 213 –, reeller 97
–, geometrische 203 –, Satz vom 134
–, inkommensurable 22 Anm. –, subjektiver 77, 148, 166,
–, intensive 71 f., 159, 213 f. 171, 174, 194 f.
–, stetige 134, 215 – der Synthesis 51, 53, 61
–, transzendentale 134, 151 – und Ursache 64, 107, 135,
–, unendliche 102 212
–, unendlich kleine 192 – als Verstandesbegriff 63
–, unteilbare 143 –, zureichender 63, 161, 212
–, veränderliche 134 Gültigkeit 16, 118, 222
Großes, unendlich 131, –, objektive 15, 105, 128
157–159, 192
Grund 14, 17, 30, 35 f., 41 Handlung 68 f., 124, 218
Anm., 53 f., 60, 62–66, 78 f., – des Bewußtseins 22
91, 96, 101, 107, 111, 114, –, unvollständige 96
117, 120, 126, 128, 131, – des Verstandes 96
138 f., 143 f., 146, 160 f., Hervorbringung, Hervorbringen
164 f., 167, 171, 173, 176, 13, 16, 37, 40, 42, 47, 109,
183, 185 f., 194–197, 199, 115, 119, 136, 173, 183
201, 204, 211–213, 218, 222,
226–228 Ich 89 f., 93 f., 108 f., 113,
– und Bedingung 54, 63, 134 f. 116–118, 189, 221, 228
–, Bestimmungs- 210 –, als Bestimmbares und Bestim-
– einer Erkenntnis oder eines mung 109
Urteils 63–65, 99, 134, 224 – und Einfachheit 89, 109, 117
– und Folge 59, 134 f., 180, – und Einheit 89 f., 94, 117 f.
211 –, empirisches 113
– von Sinnlichkeit und Denken – als Idee 93 f.
15 – als letztes Subjekt 108 f.
310 Sachregister

– und Persönlichkeit 89 f., 94, – einer vollkommenen Sprache


117 179
– und Psychologie 89–91, 94, Ideenassoziation 9, 147
116 f. Identität 118, 140
– als reine Anschauung a priori –, Satz der 8, 38, 42, 60, 87,
116 f. 96, 211, 224, 232
–, reines 113 Illusion 113, 197
– und Substanz 89 f., 94, 108, Induktion 9, 55, 183, 186, 231
117 f. –, vollständige 9
–, wahres 109 Inbegriff aller möglichen Rea-
Idealismus, Idealist 89, 91, 93, lität 111 f., 116
114, 116, 222 Inhärenz 26, 84, 144, 149
–, transzendentaler 92, 113 f. Instinkt 200, 231
Idee 21 Anm., 40, 47 f., 50, 52 Integral 72, 110, 115, 213
Anm., 60 f., 67, 93–95, 105, Intelligenz 39
109–112, 115, 126 f., 131 f., Interesse 235 f.
139, 143, 146 f., 177, 179, – der Vernunft 86, 165,
184, 189 f., 220, 224 f., 234, 230–234, 236
237
– und Antinomien 126, 128, Kalkül 154 f., 178
131 f. –, mathematischer 154, 157
–, Assoziation der 9, 147 –, philosophischer 154
– als göttliche Eingebung Kantianer 11, 233
178 Kategorie 18 f., 21, 23, 29–31,
–, Kants Definition der 126, 43, 49, 66, 76, 106, 118, 126,
179, 198 152, 164, 193, 200, 214 f.,
– in der Mathematik 179, 190, 226
202 f. – und Anschauung 18, 106
– als Methode 198 –, Aufzählung der 44
– und Schema 198 –, Deduktion der 44
– der Transzendentalphiloso- – und Einerleiheit/Verschieden-
phie 11 heit 66
– und Traum 178 – und Erfahrung/Wahrnehmung
– eines unendlichen Verstandes 120, 144f.
40, 138, 198 – und Ich 89, 117
–, Vernunft- 23, 46 f., 49 f., 63, –, Realität der 44
70, 193, 202–204 –, Tafel der 103, 180
–, Verstandes- 11, 46, 48–50, –, vollständige 126
70, 108, 202–204, 214 – und Zeit 19, 78, 120, 189
Sachregister 311

Kausalität 200, 223 –, Apprehension des 105


Kleines, unendlich 49, 121, –, Einheit im 14–19, 23–26, 46,
128, 131 f., 157–159, 49, 67, 76 f., 88, 92, 107,
190–193, 213 f. 120 f., 138, 142, 144, 149,
Konsequenz/Antezedens 34, 64, 155 f.
121, 133, 144 f. Materialismus, Materialist 89,
Konstruktion, Konstruieren 7, 91, 93, 116, 165, 222, 235
10, 24 f., 29–32, 37, 42, 48, Materie, Materielles 13, 37–39,
62, 94, 97, 100, 113, 151, 45, 60, 75, 76 Anm., 79, 85,
158, 178, 192–194, 202 91–93, 95, 112, 124, 149,
–, empirische 29 Anm., 150, 169, 176, 182, 204, 217, 219,
202, 225 221, 227
–, reine 29 Anm., 202, 225 – der Anschauung 29, 32–34,
Kopie und Original 47, 78, 102 114 f.
– und Form 7 f., 13, 26, 29, 32,
Lage 24, 41–43, 78, 100, 159, 38 f., 68–70, 78, 93, 95, 112,
214 114 f., 119, 137, 149, 162,
Leibnizianer 77, 116 182 f., 185 f., 204, 212, 215,
Leiden 13, 17, 22, 95, 114 217, 220 f., 226 f.
– oder Handeln 95 – des Urteils 67, 69 f.
– oder Tätigkeit 222 – der Sinnlichkeit 14
– oder Wirken 61 Mathematik, Mathematiker
Logik, Logiker 8, 11, 19, 28, – und Antinomie 126, 128,
44 f., 51, 66–70, 74, 76 Anm., 132
80, 84–87, 100, 103 f., 107 f., –, Axiome der 96, 99, 104, 152,
112, 115, 118, 120, 123, 216, 222
133 f., 141–143, 157, 164, –, Definition in der 63
167, 173, 180 f., 183, 188, –, Erfinden in der 200
214–216, 230 f., 235 –, Erfindung einer neuen 86
–, Evidenz der 39, 100, 189
Mangel 15, 37, 62, 67, 101, –, höhere 193
137, 146, 165, 187, 195, 219, –, reine 98, 179 f., 197
237 –, synthetischer Satz in der 38,
– alles Bewußtseins 95, 222 98, 100, 104
Mannigfaltiges, Mannigfaltigkeit –, Unendliches in der 127, 131,
13–15, 17, 24–26, 37, 46, 49, 192
76 f., 84, 88, 91 f., 117, 120 f., Mechanik, Mechanismus 154,
149, 155, 186, 195, 214, 222, 172, 219, 235
224, 231 Metaphysik 11, 84–87, 98,
312 Sachregister

110, 126, 133 f., 183, 193, Münze 215, 217–221


195, 221, 230 –, idealische 217 f., 220
Methode 33, 94, 153, 177, 198, –, reelle 217 f.
200, 220 Mythologie 161
–, mathematische 156
methodus indivisibilium 150 f. Näherung, Nähern 21 Anm.,
Mögliches 37, 59–61, 138, 212 46, 63, 93–95, 108 f., 111,
Möglichkeit 26 f., 31, 35–39, 127 f., 130, 163, 171, 179 f.,
41 Anm., 46, 52, 57, 97, 105, 191, 202 f., 212, 217, 224,
108, 131, 136, 150, 159, 228, 233, 237
177 f., 180, 183, 186, 195, Natur
197 f., 210 f., 225, 233 –, unendlich kleine Bewegung in
–, Arterklärung der 37, 147 der 128
– des Begriffs 96 f. –, Ordnung der 204, 237
– eines Dinges 137 f., Naturbegebenheit 104
–, Einheit der 168 Naturgeschichte 175
– der Hervorbringung 16 Naturgesetz 23, 75, 197
– der mathematischen Naturlehre 8, 81, 98, 133, 183
Grundsätze 37 Naturwissenschaft 98
– der Metaphysik 11 Negation 15, 76 Anm.
– neuer Folgen 53 –, materielle 142
–, Notwendigkeit der 97 Negationsding 69
–, objektive 137 Negation/Realität 66–70, 76
–, objektiver Grund der 60, 166 Anm., 82, 110, 142, 198, 214
–, positiver Grund der 137 –, logische 68–70, 141 f., 214
–, reelle 225 –, materielle 152
–, reeller Grund der 97 –, transzendentale 66, 69 f., 214
–, Reich der 73 Nichts 43, 66, 143, 157–160,
– einer Synthesis überhaupt 37, 191, 203, 212, 224
51 – und Etwas 69, 143, 175
– der synthetischen Sätze a prio- –, formelles 59, 134
ri 37, 98, 194, 211 – ist ohne Grund 134, 161
– der Urteile 30 – ist ohne Folge 135
–, vollständige 138 –, materielles 59, 63, 134
– und Wirklichkeit 97, 138 f., Nichtsein/Sein 224, 230
194 f., 225 Nichtsystem 236
Moral 3, 86, 218, 221 nihil negativum/nihil privativum
Moralität 165 160
Moralsystem 236 Notwendiges 63, 212
Sachregister 313

Notwendigkeit 40, 45, 52 143 f., 149 f., 181, 195, 198,
Anm., 75, 97 f., 102, 104 f., 214, 216, 225–227
137, 140, 180, 186, 195, – der Erkenntnis 148, 184,
201 198, 231 f.
– der Folge 40, 45, 75, 80, 105 – der Geometrie 151
–, Grund der 104 –, Grund des 63
–, innere/äußere 140 –, logisches 107 f., 134, 216,
–, logische/reelle 112, 141 230 f.
– der Möglichkeit 97 –, Möglichkeit des 37, 150
–, objektive 45, 98 f., 104, 141, –, reelles 23, 93, 107 f., 110,
223, 226 116, 127, 138, 149, 157, 159,
–, subjektive 45, 98 f., 101, 141, 195, 198, 202, 226, 237
223 – der reinen Arithmetik 96,
– der Synthesis 54 192
– der Wahrnehmung 120 –, sinnliches 16, 23, 74, 102,
Noumenon 23, 57, 117, 196, 169, 232, 233
223 –, symbolisches 33, 149, 152,
159
Objekt 8–11, 15, 17, 21 f. –, transzendentales 68, 92, 142
Anm., 23–25, 36–40, 42 f., –, Vernunft- 232
46, 49, 51, 52 Anm., 53, 60, – des Verstandes 23, 127, 173,
67, 69 f., 76, 76 Anm., 77, 195, 198
79–82, 84, 89, 91–97, 99, objectum logicum 87, 115, 157,
101, 104–106, 109–113, 188, 216
115 f., 118–120, 122 f. objctum reale 139, 157
126–128, 132, 135 f., 141 f., omni dabili majus 192
144 f., 147–149, 151, 153, omni dabili minor 128, 158,
164, 166 f., 171, 181, 185, 214
187, 192, 195, 202–205, 212, omni dabili minus 191 f.
215 f., 218, 220 f., 223–229, Ontologie 133
232–234 Ort 15, 71, 172, 176, 187, 189,
– der Anschauung 23, 32 f., 46, 211
90, 102, 110, 113, 149 f., –, absoluter 16
152 f., 157–159, 193, 198 Ordnung, Ordnen 49, 82, 115,
– a priori 57, 210 164 f., 174 f., 177, 179
–, Dasein des 64, 106, 122 f., – der Einbildungskraft 17, 22
125 – des Erdichtungsvermögens 17
– des Denkens 31 f., 40, 67, 87, – des Mannigfaltigen 13, 224
92 f., 107 f., 115, 118, 120, – der Natur 204
314 Sachregister

–, objektive 49, 204 –, pädagogisches 236


–, subjektive 49, 203 f. – der Sätze der Transzendental-
– und Tätigkeit 222 philosophie 9
– der Zeit 204 –, subjektives 189
– in Zeit und Raum 13, 224 – der synthetischen Sätze 8 f.,
211
Paralogismus 116 f. – der Vernunft 126
Persönlichkeit 89, 94, 117 Prosa (Prose) 166–168, 172 f.
Perzeption 20 Psychologie 94, 116
Philosophie 7 f., 21 Anm., 180, –, empirische 91
183, 224 –, rationale 89, 91, 117
– als allgemeine Sprachlehre Prädikat und Subjekt 8 f., 27,
162 30, 39, 44, 51 f., 52 Anm.,
–, Möglichkeit der 8, 183 53–57, 59–61, 65, 67 f., 73,
–, Transzendental- 4, 8 f., 11, 82, 84, 87, 91, 99, 101, 104,
143, 164, 180, 188, 196 f. 106–108, 120, 133, 135, 137,
Phänomen(on) 23 140, 143 f., 156, 164, 176,
Physik 8, 11, 126–128, 180, 204–206, 208–210, 220,
132–134 224
Poesie 166 f., 172 Produkt, Produzieren 36 f., 68,
Politik, Politiker 3, 184, 220, 70, 85, 151, 196
234
Postulat 29 Anm., 41, 164 Qualität 14, 18, 21, 21 Anm.,
Prinzip 85 f., 117, 155, 166, 23, 55, 80, 160, 163, 177 f.,
173, 175, 186, 217, 235 193, 213 f., 224
– der analytischen Sätze 8 Quantität 14, 21, 21 Anm., 50,
– der Erkenntnis a priori 96 159 f., 177 f., 193, 213
– zur Erklärung der Entstehung Quantum 21 Anm., 158–160,
der Objekte 23 191, 213
–, formelles P. aller negativen quid facti 11, 21, 44, 75
Urteile 134 quid juris 11, 21, 23, 28, 32 f.,
–, formelles und materielles P. a 35, 38 f., 44, 50, 67, 75, 79,
priori 231 105, 108, 117, 119, 193,
–, Kants P. der Moral 218 196 f.
–, Kants P. von Recht und Ge- quid rationis 197
setz 235
– der logischen Wahrheit 85 Raum 9, 13–20, 22, 25, 31,
– der menschlichen Erkenntnis 50 f., 55, 60–63, 74, 78 f.,
156 90–92, 96, 101 f., 104, 111,
Sachregister 315

113 f., 128, 131 f., 137 f., 149, – und Negation siehe Nega-
156, 159 f., 168 f., 172, 186 f., tion/Realität
189, 225–227 –, objektive 28, 32 f., 59, 76,
– als Anschauung 16 f., 19 f., 103, 105, 118 f. 137, 146,
38, 57, 71, 114 184, 192, 198 f., 201, 211,
– als Begriff 16, 18, 40, 77, 91, 223, 232 f.
101 –, subjektive 87, 103, 232
– als Begriff und als Anschau- –, symbolische 32
ung 16, 18, 38, 71, 101, 103, – der Synthesis 32
188 f., 215, 227 f. – der synthetischen Sätze 39
– als Bild der Verschiedenheit –, Transzendental- 214
der Objekte 16, 101, 188 –, transzendentale siehe Negati-
– als ens imaginarium 16 on/Realität
– kein Erfahrungsbegriff Rechtmäßigkeit, Rechtmäßiges
14 31–35, 38, 78, 89, 108, 192,
– als Form 13–15, 19, 33 197, 216, 230, 232, 236
Anm., 36 f., 49, 57, 67, 71, Reduktion 110
77, 79, 99 f., 114 f., 182–184, Reduzieren 39, 87, 196, 203,
190, 192, 215, 224, 227 f. 224, 230
–, reiner 18 – der Anschauungen auf ihre
–, unendlich kleiner 159 Elemente 11
–, leerer 101 f., 215 – aller Begriffe auf einen einzi-
Realismus, Realist gen 112
–, empirischer 92 – auf das Differential 213
–, transzendentaler 114 – auf unendlich kleine Zeit und
Realität 18, 27, 31, 44 f., 53, unendlich kleinen Raum 159
60, 66, 88, 94, 101, 104 f., – aller Wahrheiten auf eine ein-
107, 110–112, 149, 151, 183, zige 111, 228
198, 214, 219 f., 230 Reflexionsbegriff 42, 53, 76 f.,
–, alle mögliche 110–112 119
– der Erfahrung 120, 145 Regel 10, 17, 24, 26 f., 32,
–, Grund der 179 34–38, 40, 42, 44, 46, 48–50,
– der hypothetischen Urteile 75, 97, 105, 107 f., 121–123,
103 128, 134, 136 f., 144 f., 154,
– der Kategorien 44 162, 190, 201–203, 220, 223,
–, logische siehe Negation/Rea- 235
lität –, analytische 223
–, materielle siehe Negation/Rea- – oder Bedingung 32 f., 37, 40,
lität 46, 63, 182 f.
316 Sachregister

– oder Begriff 33, 35 –, analytischer 42, 55, 63, 97,


–, Einheit der 24 101 f., 195, 210, 213
– oder Einheit im Mannigfalti- –, apodiktischer 55, 104
gen 25 –, a priori 30, 36 f., 41, 81,
–, Entstehungs- 24, 32, 225 97 f., 104
– der Entstehungsart 152 –, assertorischer 55, 104
– oder Entstehungsart 24, –, besonderer 9, 99, 211–213
194 –, disjunktiver 87
– der Hervorbringung 42 –, einzelner 100, 102, 185
–, praktische 94 –, Erfahrungs- 9, 27, 45, 81,
–, synthetische 223 105, 108, 152, 183, 194 f.
–, Vermögen der 10 –, geometrischer 102, 150, 199
–, Verstandes- 23 f., 28, 32, 35, –, Grund- 3, 16, 30, 37, 48,
40, 75, 78, 153 102, 179, 195, 199, 216,
–, Vernunft- 218 220 f.
regelmäßig/regelverständig 17, –, Haupt- 159
25 –, hypothetischer 44, 87, 121 f.,
Reihe 47, 78, 94, 109, 138, 133, 144 f., 177
166, 202 f., 225 –, identischer 7
–, geometrische 47 – der Identität 38, 42, 87, 96
–, unendliche 94, 107, 113, –, intuitiver 148
127, 224, 233, 237 –, kategorischer 44, 87
–, vollständige R. aller natürli- –, Lehr- 127, 199
chen Zahlen 127 –, logischer 8, 216
–, Zeit- 117 –, mathematischer 36–38, 87,
Reproduktion, Reproduzieren 100, 104, 216
20, 30, 120 f., 147, 153, 189, –, metaphysischer 85, 195
202 –, Ober- 63
Ruhe 125 f., 179, 238 –, physischer 38
–, pythagoreischer 228
Satz 8–10, 26, 36 f., 39, 41, 41 –, reeller 86, 220 f.
Anm., 42 f., 47, 61–63, 86, –, reiner 36, 104
88, 98–100, 102, 111, 116, –, Schluß- 52 Anm., 63, 90
121, 123, 134 f., 152, 174, – der Stetigkeit 81
176–178, 181, 192, 194, 199, –, symbolischer 148
205, 215–218, 221, 223, –, synthetischer 9, 11, 37–39,
225 f., 228, 230 41, 41 Anm., 55, 97 f., 100 f.,
–, allgemeiner 9, 11, 99 f., 102, 104, 194, 199, 211, 213, 216,
104, 183, 192, 195, 211–213 220 f.
Sachregister 317

–, transzendentaler 9 f. – und Verstand 36, 40, 103,


– von Ursache 134, 201 f. 107, 127, 189, 223
–, wahrer 86, 104, 220 Skeptiker
– des Widerspruchs 8, 36, 38, –, empirischer 232
42, 44, 84, 86, 96 f., 99–101, –, rationeller 231
104, 134, 195, 223, 226, Spinozismus, Spinozist 116, 198
230 f. Spontaneität 95, 114
Schema 21, 72, 74, 78, 89, 101, Stetigkeit 79–82, 130, 134,
151, 179, 188, 198, 223, 143, 169, 215
232 f. –, Satz der 81
Schluß 188 Stoff 47, 49, 92 f., 107, 217
– von der Wirkung auf die Ur- Streben siehe Bestreben
sache 114 Subjekt 35, 57, 63–65, 68–70,
–, Vernunft- 179 75–77, 80, 82, 85, 89, 94, 99,
Schlußkette 152 101, 107–109, 134, 137, 140,
Schranke, Einschränken 7, 13, 147 f., 168, 205, 208–210,
17, 31, 39 f., 74, 116, 127, 218, 224, 226–230, 234
184, 190, 198, 204, 219, 223, –, absolutes 117
232 –, letztes 108 f., 126, 228 f.
Schrift, heilige 161 – und Objekt 109, 113
Seele 82, 94, 98, 116 f., 161, – und Prädikat 8 f., 27, 30, 39,
184, 196, 235 44, 51 f., 52 Anm., 53–57,
– und Körper 39 59–61, 65, 67 f., 73, 82, 84,
Sprache 152, 160–163, 87, 91, 99, 101, 104,
165–176, 178–181, 220 106–108, 120, 133, 135, 137,
–, Erfindung der 169–171, 177 140, 143 f., 156, 164, 176,
–, Gang der 170 180, 204–206, 208–210, 220,
–, idealische 163, 165 224
–, philosophische 146 f., –, transzendentales 113, 228
173–179, 181 subjectum logicum/subjectum
Sinnlichkeit 21, 23, 25, 49, 74, reale 164 f.
79, 103, 126, 204 Substanz 36, 50, 74, 89 f., 94,
–, Form der 13–15, 33 Anm., 108, 117, 157, 180, 204, 228
57, 77, 79, 90, 185, 189, 204 – und Akzidenz 8, 19, 57, 69,
–, Gesetz der 103 79 f., 83, 104, 106, 120,
–, Kants System der 132 143 f., 164, 167, 175, 189,
–, Materie der 14 197
– als unvollständiger Verstand Subsumtion, Subsumieren 32,
103 34, 43, 46, 56, 69, 76 Anm.,
318 Sachregister

79, 85, 87–89, 121 f., 137, –, objektiver Grund der 17


145, 174, 183, 200 f., 215 –, objektive Möglichkeit der 51
Substitution, Substituieren 42, –, Realität der 32 f.
100, 127, 157, 162, 171, 177, – des symbolischen Objekts
219, 228 32 f.
Substratum 59, 91, 93 –, reelle 53 f., 63, 112, 156, 214
Sukzession 17 f., 22 Anm., 46, –, regelmäßige/regelverständige
83, 105 f., 111, 127, 189 17
–, unendliche 127 –, subjektive 70, 74 f., 172, 214
–, willkürliche 82 – des Subjektes und des Prädi-
Symbol 37 f., 97, 223 kats 73
Symbolik 146 –, sukzessive 17 f., 111
–, mathematische 156 –, symbolische 53 f., 156
–, philosophische 156 – überhaupt 17, 23
Synthesis 18, 51, 52 Anm., – des Verstandes 55, 61–63,
53–55, 57, 59 f., 62 f., 74, 80, 73, 212
83, 92, 106 f., 109, 111–113, –, vollständige 190
120, 135, 140, 143, 149, 155, –, wahrgenommene 61
189 f., 204 f., 208 f., 223, 237 –, wechselseitige 59, 73, 212
– von Anschauung und Begriff –, willkürliche 18, 60 f., 63, 83
57, 136, 138, 210 –, wirkliche 62, 74
– von Bestimmbarem und der –, zufällige 122
Bestimmung 135 System 11, 21, 155, 164 f., 175,
– der Einbildungskraft 17, 48, 185, 199, 232–234, 236
55, 61f., 92 –, Kants 40, 126, 132, 180,
– des Erdichtungsvermögens 17 184, 232, 236
–, Erklärung der Möglichkeit –, Leibnizisches 116, 233
der 37 –, Leibniz–Wolffisches 40
–, einseitige 52 Anm., 59, 73, –, Maimons S. oder Nichtsystem
212 236
– des endlichen und unendli- – der Materialisten 235
chen Verstandes 60 –, philosophisches 230
–, freiwillige 17 – der Spiritualisten 235
– des intuitiven Objekts 33 –, Wolffs 236
–, mögliche 74, 108 –, der Wolffianer 233 f.
–, notwendige 83 f., 156 –, Zahlen- 177, 190
–, Notwendigkeit der 54 –, Zeichen- 146
–, objektive 51, 60, 70, 73 f.,
107 f. Tätigkeit 17, 21, 114, 222, 234
Sachregister 319

Teil und Ganzes 18, 41, 43, 60, – des Raumes 102
86, 92, 143, 158, 169, 203, Unmögliches 59, 62, 151, 160,
214, 222 203
Theist 116 Unmöglichkeit 94, 97, 110,
Totalität 128, 137, 186, 205
–, absolute 199 –, objektive 111
– der Anschauungen 46 Unterscheiden der Ursache von
– der Bedingungen 46, 179 der Wirkung 120–125
–, materielle 49 Unvollständigkeit 11, 41, 48,
– der Verstandesbegriffe 49 f. 96, 103
Transzendentalphilosophie 4, – des Bewußtseins 224
8 f., 11, 143, 164, 180, 188, – der Erkenntnis 11, 41
196 f. –, formelle 62, 212
Transzendentalidealismus 92 –, materielle 48, 62
Traum 50, 178 f., 201 Urbild und Kopie 47
Trieb 7, 184 Urteil 30–32, 35, 45, 49, 52
Tropus 166–168, 171–173 Anm., 56, 60, 63–68, 74 f.,
81 f., 90, 93, 96, 98 f., 104 f.,
Ursache 18, 33 f., 36, 40, 44 f., 107–109, 117, 124, 134,
49 f., 56, 56 Anm., 64, 69, 136–138, 140, 142–144, 155,
75 f., 80 f., 98, 105, 107, 114, 193, 208–211, 215, 224,
122, 125 f., 134, 137, 141, 228 f., 232 f.
144 f., 157, 169 f., 180, 195, –, allgemeines 63, 65, 135,
201 f., 210–212, 223 f. 211 f., 224, 231
– in sich selbst/außer sich 82 –, analytisches 63
–, oberste 204 –, apodiktisches 104, 140
– seiner selbst 64 –, assertorisches 104
– und Wirkung 19, 26–28, 28 – und Begriff 56, 206
Anm., 31, 35 f., 49, 52, 59, –, besonderes 135, 211
63, 68, 73, 80, 114, 119 f., –, disjunktives 30, 74
122–125, 134 f., 144 f., 167, –, Erfahrungs- 31, 104
175, 180, 183, 193 –, Form der 23, 26 f., 28 Anm.,
Unbedingtes 112 f., 126, 189 33, 44, 56 f., 69, 118, 120,
Unendliches 21 Anm., 22, 181, 194, 230
46–49, 63, 67, 93 f., 108, –, hypothetisches 19, 27 f., 28
111, 127 f., 131 f., 138, 141 f., Anm., 33 f., 44, 56, 64, 103 f.,
146, 150, 156, 158, 179 f., 119, 145, 183 f.
190, 192, 203, 225, 235–237 –, individuelles 135
Unendlichkeit 139, 158, 237 –, Materie des 67, 70
320 Sachregister

–, negatives 134 148 Anm., 149, 152 f., 155 f.,


–, kategorisches 103 f. 163, 168, 195–197, 199 f.,
–, reines 63 204, 215, 220, 235
–, subjektives 90 –, Kausal- 61, 112
–, Tafel der 103 –, natürliche 156
–, Verfahren des Verstandes im –, notwendige 8 f., 38, 111 f.,
55 197, 220
–, Verstandes- 45 –, objektive 9, 62
–, Wahrnehmungs- 104 –, reelle 84
Urteilsvermögen siehe Beurtei- –, subjektive 9, 74
lungsvermögen –, synthetische 39, 112
–, willkürliche 152, 156
Veränderung, veränderlich, Ver- –, zufällige 9, 122, 156
ändern 15, 33 Anm., 42, Vergleich, Vergleichung, Verglei-
73 f., 79–81, 90, 100, 118, chen 10, 15, 19, 22 f., 28
120 f., 124–126, 128, 134, Anm., 29 f., 41 f., 47, 52
141, 144, 159, 168, 189, 192, Anm., 66, 69, 71 f., 97, 121 f.,
217 f., 229 f. 124, 134, 140, 153, 160, 163,
–, absolute 118, 230 169 f., 174 f., 187, 196 f., 200,
Veränderung 15, 33 Anm., 42, 214 f., 217 f., 225, 230, 234
73 f., 79–81, 90, 100, 118, Verschiedenheit 15 f., 21–23,
120 f., 124–126, 128, 141, 36, 43, 51, 53 f., 66 f., 76–79,
144, 159, 168, 189, 229 f. 81, 85, 87, 93, 101–103, 119,
–, absolute 118 121, 142, 144, 147, 161,
Verbindung 63, 85, 148, 181 f. 168 f., 175, 187 f., 227
– der Einbildungskraft 25 Verneinung 69, 222
–, klare 148 Anm. – und Bejahung 67–69, 141,
– zwischen Materie und Form 214
32, 39, 137 Verminderung 192
–, notwendige 220 – des Bewußtseins 21 Anm., 95
–, objektive 76 Vernunft 3, 49, 63, 105,
– der Sinnlichkeit 25 126–128, 131 f., 143, 146,
– von Subjekt und Prädikat 54 156, 162 f., 166, 189, 195,
– der Zeichen 148 197, 199, 218, 231 f., 234,
Verknüpfung, Verknüpfen 9, 236 f.
14, 17, 22, 26, 37, 40, 46, 50, –, Interesse der 86, 165,
55, 60, 74 f., 80–82, 85, 87, 230–234, 236
90, 94, 104, 109, 115, 119 f., –, reine 218
133, 136 f., 142–144, 147, –, unendliche 236
Sachregister 321

Vernunftidee 23, 46 f., 49 f., 63, –, Verfahren 156


70, 193, 202–204 Verstandesbegriff 9, 18, 21, 23,
Vernunftschluß 28 f., 40, 43, 46, 49 f., 57, 63,
–, disjunktiver 126 78, 106–108, 193, 204,
–, hypothetischer 126 208 f., 214
–, kategorischer 126, 179 Verstandesform 79, 185 f.
Verstand 8, 17 f., 21, 23–27, Verstandesidee 11, 46, 48–50,
30 f., 33–36, 38, 40, 42, 46, 70, 108, 202–204, 214
49 f., 55, 63, 67, 76 f., 79, 86, Verstandesprodukt 68
96 f., 107 f., 110, 115 f., Vielheit 14, 17 f., 47, 71 f., 111,
118 f., 121, 138 f., 142, 148, 139 f., 143, 189, 193
148 Anm., 155, 169 f., 183 f., – und Einheit 71 f., 139, 189,
190, 193 f., 199, 215 193
–, absoluter 127 Vollkommenheit 4, 109, 112,
–, Einbildungskraft als Nachäf- 163, 218, 235
ferin des 78 –, höchste 179
–, eingeschränkter 39 f., 127 – der Sprache 163, 179
–, endlicher 52 Anm. Vollkommenheitssystem 236
–, Gang des 85 Vollständigkeit 47 f., 62, 110,
–, Geschäft des 24 117, 189, 232
–, Gesetz des 61, 85 – der Erkenntnis 40
–, höherer 195 –, formelle 46, 49, 62
–, Objekt/Gegenstand des 13, –, materielle 46, 48, 62, 202
23, 34, 87, 108, 173, 195, – des Verstandes 138
198 Vorstellung 15 f., 18, 20–22,
– und Regel 10, 23 f., 28, 32, 30, 33 Anm., 36, 39 f.,
35, 40, 42 49 f., 57, 62, 71, 73, 77–79,
– als Schema zur Idee eines 82, 90–94, 96–99, 101,
unendlichen Verstandes 106, 108 f., 113 f., 117 f.,
198 121, 138, 144, 147 f., 152,
– und Sinnlichkeit 40, 103, 155, 186, 189, 204, 214 f.,
185, 189 220, 222–224, 226, 229
–, Synthesis des 55, 61–63, 73, – und Darstellung 22, 190
212 – und Ding 198
–, uneingeschränkter 127 –, dunkle 148 Anm., 162 f.
–, unendlicher 40, 52 Anm., 55, –, klare 162 f., 209
60, 102 f., 109, 116, 138 f., – oder Merkmal 92
198, 203 –, notwendige 101
–, unvollständiger 103 –, leere 116
322 Sachregister

–, sinnliche 16, 21 f., 30, 37, 49, –, objektive 9, 145, 223, 229
71, 77, 167, 187 f., 224 –, subjektive 9, 76, 121, 229
–, subjektive 128 –, unmittelbare 114 f., 232
–, transzendente 78, 101 f. Wahrscheinlichkeit 39, 98, 186,
–, undeutliche 209 233
–, verworrene 91, 232 Wechsel, wechseln 73 f., 80, 90,
Vorstellungsart 74 f., 78, 91, 168, 229
116, 132, 145, 227 f. – und Beharrlichkeit 90
Vorstellungskraft 69 f., 91–93, Wechselndes/Beharrliches 8,
223 f., 226 f. 57 f., 80 f., 90, 189, 229
Welt 112, 116
Wahrheit 38, 43, 84–88, 111, –, beste 112
118, 140, 156, 165, 178, 184, –, Entstehung der 39
215–221, 228, 233 –, intellektuelle 116
– im Denken/im Reden 85, 216 –, intelligible 184
–, Erfindung der 146, 178, 192, –, Sinnen- 116, 184
219 f. Weltganze 126
–, logische 85 f., 215 f. Wesen 7, 18, 38 f., 44, 61 f., 88,
–, mathematische 107 91 f., 110–113, 138–140, 143,
–, metaphysische 87 157–159, 164, 174, 185, 189,
–, objektive 87 f., 216 199, 203, 228 f.
–, subjektive 87 f., 216 – das alle mögliche Realitäten
Wahrnehmung 9 f., 13 f., 20, 22, enthält 110–112
25, 31, 44 f., 61, 74 f., 77–81, –, anschauendes 115
91 f., 105, 114 f., 117–122, –, denkendes 7, 87 f., 90, 103,
125, 127, 144–146, 186, 202, 108, 117, 184, 216, 218, 221,
223, 229, 232 223, 225, 227, 229
–, äußere/innere 91 Wiederholung 48, 150, 152
–, Bedingung der 10, 14, 79, Widerspruch
120, 144 f., 201, 223, 227 –, Satz des 8, 36, 38, 42, 44,
– und Erfahrung 9 f., 25, 45, 84, 86, 96 f., 99–101, 104,
75, 80 f., 104, 120 f., 223, 229 134, 195, 211, 223 f., 226,
– der Folge 44 f., 105, 145, 230–232
200, 202 Wille 3
–, Form der 77 –, freier 3, 236
–, Gegenstand der 76 Wirkung 27, 107, 113, 159,
–, Lücken unserer 81 169 f., 189, 202, 211
–, mögliche 123 –, allervollkommenste 112
–, Notwendigkeit der 120 – und Gegenwirkung 23, 125
Sachregister 323

– und Ursache 19, 26–28, 28 Zeichen 84 f., 140, 147–150,


Anm., 31, 35 f., 49, 52, 59, 152 f., 156 f., 160–165, 172,
63, 68, 73, 80, 114, 119 f., 174, 177, 186, 217, 219–221,
122–125, 134 f., 144 f., 167, 224
175, 180, 183, 193 –, natürliches 152, 160 f.
Wirklichkeit, Wirkliches 10, 30, –, willkürliches 152, 160 f.
33, 44, 54, 57, 59–62, 72, Zeichensystem 146