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Vipassana – Meditation als Psychoanalyse?

Ein Text von Milan Thelen

Im letzten halben Jahr reiste ich mit einem Freund durch Nepal und Indien. Die Reise war
hauptsächlich als spirituelle Selbstfindung und Sinnsuche gedacht. Bereits am Anfang der
Reise hörten wir interessiert den begeisterten Berichten einer jungen Russin über ihre
Erfahrung in einem Vipassana-Zentrum zu. Sie schwärmte von der erstaunlichen Wirkung
dieser Meditationspraxis und nahm uns das Versprechen ab, uns ebenfalls in einen
zehntägigen Kurs einzutragen.
Wir bekamen Plätze für einen Kurs am Ende der Reise der in Varanasi, Indien stattfand, im
Dhamma Chakka. Der Tagesablauf hatte es in sich: Morgens um 4.00 Uhr wurde die Glocke
geläutet, von 4.30 Uhr bis 20.00 Uhr wurde in vollkommener Stille meditiert, danach
lauschten wir den Worten von S.N. Goenka. Zu Anfang schulten wir mit
Konzentrationsübungen unseren Geist, am vierten Tag wurde die Meditationstechnik,
Vipassana gelehrt. Kurz gesagt geht es darum, in den Körper hineinzuhorchen und jede
Empfindung, egal welcher Art genauestens zu beobachten, bis sie wieder verschwindet. So
einfach es klingt – es ist harte Arbeit und eine große Herausforderung der
Konzentrationsfähigkeiten. Nun eine genauere Beschreibung wo Vipassana herkommt und
was es ist.

Vipassana bedeutet in der mittelindischen Sprache Pali Klarsicht oder Einblick. Die
Meditationsform entstammt dem Frühbuddhismus und ist ca. 2500 Jahre alt. Angeblich
erlangte Buddha mit ihr die Erleuchtung, allerdings ist das nicht mehr zu belegen. Im 19.
Jahrhundert wurde die Meditationslehre wiederentdeckt und verbreitete sich von Burma
aus über die ganze Welt.
In den letzten Jahrzehnten stieg die Zahl der westlichen Lehrer, seit 1981 gibt es ein
Vipassana Zentrum in Deutschland. Trotz der Verbreitung im Westen ist die Lehre dem
traditionellen Spenden-Prinzip treu geblieben und finanziert sich ausnahmslos durch
Spenden der Teilnehmer.

Vipassana ist eine Buddhistische Achtsamkeitspraxis, es geht darum „die Dinge (zu) sehen,
wie sie wirklich sind“(S. N. Goenka). Dies wird erreicht durch das genaue Beobachten der
Empfindungen. Nach der Lehre manifestieren sich psychosomatische Leiden in
Empfindungen überall im Körper und wenn man diese beobachtet, akzeptiert man sie und
sie können sich auflösen.
Die Meditationslehre hat die Selbsterkenntnis zum Grundprinzip und kommt der
Psychoanalyse sehr nahe – obwohl sie nicht analysiert, sondern nur beobachtet. Das ist auch
der größte Unterschied zur Psychoanalyse. Im Grundprinzip sind die beiden Methoden
nämlich gleich: Was bei der Vipassana-Meditation Beobachten heißt, nennt man in der
Psychoanalyse freies Assoziieren.
Im Dhamma ist man zehn Tage vollkommen bei sich, Kommunikation in jedweder Form ist
untersagt, persönliche Gegenstände werden zu Anfang des Kurses abgegeben, jegliche Form
der Ablenkung wie zum Beispiel Schreibmaterial oder technische Geräte ebenfalls. Es wird
gebeten von Übungen anderer während der zehn Tage Abstand zu nehmen um sich voll und
ganz auf die Lehre der Vipassana einzulassen.
Durch das beobachten der Empfindungen in sich beginnt sich schon in den ersten Tagen viel
unterdrücktes im Geiste zu regen. In den Zeiten zwischen den Meditationen rasen die
Gedanken und alte, verdrängte Gefühle kommen an die Oberfläche. Der Prozess ist geistig
unwahrscheinlich anstrengend, am Abend war ich froh ins Bett zu fallen, obwohl der Geist
selbst dann nicht ruhen wollte und die Nächte mit wilden Träumen gefüllt waren. Die ersten
Tage sind körperlich anstrengender als die restlichen, da man sich an den veränderten
Tagesablauf gewöhnen muss, die geistige Herausforderung nimmt allerdings zu. Zwar fällt
das meditieren mit jedem Tag leichter, der Geist dringt aber auch immer tiefer und bringt
die verborgenen Glaubenssätze, Annahmen und Erlebnisse zum Vorschein. Die
Beschäftigung mit sein tiefliegendsten persönlichen Problemen fordert heraus und brachte
mich täglich an meine Grenzen.
Am Ende des zehntägigen Kurses führte ich viele Gespräche mit den anderen Teilnehmern.
Tatsächlich zeigte sich, dass die meisten aufgrund von Problemen mit sich und ihrer Psyche
das Schweigekloster aufgesucht hatten. Die Thematik reichte von Essstörungen bis zur
Drogenabhängigkeit und ausschließlich alle Teilnehmer waren von der Wirkung der
Meditation positiv überrascht bis begeistert. Besonders einprägsam waren die Gepräche mit
Alessandro*, einem Mann Anfang Dreißig aus Spanien. Er ist seit ungefähr zehn Jahren
aktives Mitglied der Psytrance-Szene, einer Musikrichtung die Hippies, Alternative und auch
oft Menschen mit Drogenproblemen anzieht. Er bereist Indien um zu sich selbst zu finden
und berichtete mir von verschiedenen Wegen die er beschritt um zur vollkommenen
Selbstakzeptanz zu gelangen, um ein glückliches und Drogenfreies Leben zu führen.
Schon am ersten Tag des Kurses, an dem sprechen und Begegnung noch erlaubt und auch
gewünscht war, fiel mir Alessandro ins Auge und ich spürte, dass er eine große Last auf
seinen Schultern trug. Er vermied jeglichen Augenkontakt, saß abseits der Gruppe und
schien sehr unsicher. Im Laufe des Kurses wäre ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt um ihm
weitere Aufmerksamkeit zu schenken und so war die Begegnung am letzten Tage umso
beeindruckender.
Alessandro kam auf mich zu und sprach mich an, fragte mich, wie es für mich war. Die
Veränderung die er mitgemacht hatte war nicht zu übersehen – er strahlte, ging aufrecht,
wirkte glücklich und selbstsicher. Er erzählte mir von all den Dingen die er versucht hatte um
sich selbst zu finden und dass es ihm in nur zehn Tagen im Vipassana-Zentrum gelungen war.
Er war mit Hilfe der Meditation zu seinem tiefsten Inneren vorgestoßen und es war ihm
gelungen zu erkennen, was all die Jahre seine Probleme waren.
Beeindruckend ist, dass in so kurzer Zeit die Selbsterkenntnis erlangt werden kann, dass der
Zugang zum eigenen Geist gefunden wird. Auch für mich war es ein einschneidendes
Erlebnis und nie habe ich in so kurzer Zeit so viel gelernt. Zum ersten Mal übte ich ehrliche
Selbstkritik und erkannte, was mich an mir gestört und gehemmt hatte in den letzten Jahren.
Oft hatte ich mit Unsicherheit in Gruppen zu kämpfen, was sogar zu einer Abgrenzung von
den meisten Menschen führte. Während der Vipassana-Meditation konnte ich mich diesen
Ängsten stellen und sie verschwanden. Beim Verlassen des Dhammas fühlte ich mich frei
und leicht und ich konnte das gelernte mit in den Alltag leben und lebe seitdem deutlich
befreiter. Ein weiterer positiver Aspekt ist, was durch den Prozess des Beobachtens entsteht.
Dadurch dass man lernt, alle Empfindungen zu beobachten statt zu bewerten, geschweige
denn sich von ihnen beeinflussen zu lassen, lernt man mit den Schwierigkeiten des Lebens
ganz anders umzugehen.
Wenn zum Beispiel eine Situation auftritt, die bei den Mitmenschen Stress verursacht,
betrifft einen der Stress nicht mehr, man lässt sich nicht anstecken. Der Stress ist immer
noch da, aber er beeinflusst nicht, er kann einfach nur beobachtet werden.
Vom Ergebnis und selbst von der Methode her sind sich die Vipassana-Meditation und die
Psychoanalyse sehr ähnlich, der größte Unterschied ist, dass man bei der Vipassana-
Meditation selbst und ohne äußeren Anstoß, abgesehen von dem Rahmen des Tagesablaufs,
zu seinen psychischen Problemen vorstößt und diese auflöst.