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Martin Seel

Die Kunst der Entzweiung


Zum Begriff
der ästhetischen Rationalität

Suhrkamp
cc 6Soo Inhalt

I ÄSTHETISCHE R A T I O N A L I T Ä T ? 9

a) Rationalität und Vernunft n


b) Ästhetische Vernunftkritik 26
c) Ästhetisches Verhalten 31
d) Das antinomische Modell 41
e) Zwei Auswege 55
f) Der Weg durch die Erfahrung 69

II SITUATION UND ERFAHRUNG 73

1. Erfahrung machen und haben 75


a) Erfahrung machen 79
b) Einstellung 91
c) Erfahrungsgehalt i°4
d) Erfahrung haben 113
e) Einstellungsarten 118

2. Gegenwärtige Erfahrung 128


a) Erfahrung teilen und mitteilen 130
b) Thematisierung und Vergegenwärtigung 136
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek c) Präsentation
Seel, Martin: d) Erfahrene Erfahrung 161
Die Kunst der Entzweiung : e) Dimensionen der Erfahrung 170
zum Begriff d. ästhet. Rationaltät /
Martin Seel. -
i. Aufl. - Frankfurt am Main :
III ÄSTHETISCHE ERFAHRUNG 174
Suhrkamp, 1985.
ISBN 3-518-57730-1
i . Ästhetische Bedeutung und Kritik 180
Erste Auflage 1985 a) Ästhetische Relevanz 180
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1985 b) D a s ästhetische Urteil 202
Alle Rechte vorbehalten c) Zum ästhetischen Interesse 215
Satz und Druck: Wagner GmbH, Nördlingen d) Geschmack, Vorliebe, Signifikanz 220
Printed in Germany

Universitätsbibliothek
til\ %
Confusion too is Company up to a point.
e) Kommentar, Konfrontation, Kritik 236
Beckett
f) Ästhetische Bedeutung 265
g) Situation und Differenz 277

2. Einwände und Ergänzungen 289


a) Ausdruck und Kommunikation 289
b) Ästhetische Reinheit 293
c) Ästhetische Erkenntnis 300
d) Ästhetischer Widerspruch 307

IV ÄSTHETISCHE VERNUNFT? 314

a) Der Ästhet und der Banause 315


b) Rationalität, Erfahrung, Vernunft 317
c) Kritik der ästhetischen Utopie 325

Anmerkungen 334
Literatur 3^4
Namenregister 3 71
Ästhetische Rationalität?

Vernunft ist nicht die Kraft der Versöhnung, sondern - die Kunst
der Entzweiung. Das eröffnende Bekanntgeben des Grundsatzes,
dem der hermetische Name dieser Arbeit entstammt, macht
zugleich den Doppelsinn ihres zweiten Titels offenkundig, der
die Andeutung der ersten Uberschrift einschränkend kommen-
tiert. Die Rede wird sein von der Rationalität des Ästhetischen
und dem Ästhetischen der Rationalität.
Rationalität des Ästhetischen: damit meine ich den Eigensinn -
und die eigensinnige Begründbarkeit - eines Verhaltens, aus dem
und für das Phänomene der unterschiedlichsten Art ästhetisch
belangvoll werden. Ästhetisches der Rationalität: damit meine
ich den Stellenwert, den die Rationalität der ästhetischen Praxis
hat oder haben kann im Ensemble der Handlungsweisen, die die
Rationalität einer Lebensform und Gesellschaft bestimmen. Die-
sem zweiten Aspekt gilt das eigentliche Interesse der vorliegen-
den Abhandlung: gefragt wird nicht, inwiefern das ästhetische
Verhalten immer schon vernunftbezogen ist: dies wird gezeigt,
um zu fragen, inwieweit eine vernünftige Praxis, die diesen
Namen nicht nur zum Hohn verdient, immer auch ästhetisch
gestiftet sein wird. Welche Bedeutung hat die Rationalität des
Ästhetischen für die Bestimmung eines Begriffs der Rationalität,
der reich genug ist, die Formen der Orientierungsbildung und
Wissensverwendung, die unsere Lebenspraxis heute bestimmen,
in der Spannung von Abgrenzung, Kritik und Überlagerung zu
begreifen?
Bereits die Formulierung dieser Frage macht deutlich, daß ihre
Bearbeitung eine Klärung der ersten Bedeutung dessen voraus-
setzt, was im Begriff der ästhetischen Rationalität angesprochen
ist. Dem Aufzeigen des ästhetischen Moments der Rationalität
geht der Nachweis einer rationalen Basis der ästhetischen Aktivi-
tät notwendig vorher. Das ist der Grund, warum sich das zentrale
Thema der Arbeit - das Ästhetische der Rationalität - räumlich
einigermaßen peripher, der periphere Aspekt ihres Leitbegriffs - stößt, ergibt sich die Notwendigkeit der Suche nach Möglichkei-
die Rationalität des Ästhetischen - im folgenden thematisch ten, die problemtypische Grundkonstellation von innen zu än-
zentral erörtert findet. Diese stoffliche Paradoxie ist nur der dern.
Ausdruck des Umstands, daß die Rede von ästhetischer Rationa-
lität in ihrem Doppelsinn verstanden werden muß oder unver-
standen bleibt. Weil das so ist, wird die Analyse des ersten a) Rationalität und, Vernunft
Aspekts die Resultate der zweiten Betrachtung im wesentlichen
schon enthalten. Wenn es gelingt, Grundzüge einer Theorie des Die Doppeldeutigkeit des Begriffs der ästhetischen Rationalität
ästhetischen Verhaltens zu zeichnen und die (vor allem im Um- geht zurück auf einen zweifachen Sinn unserer Rede von Ratio-
kreis der Kritischen Theorie noch und wieder lebendige) These nalität und Vernunft. Beide Ausdrücke können in einem logi-
von der Rationalität des Ästhetischen zu belegen, dann sind auch schen Plural oder Singular verwendet werden; im ersten Fall ist
die Grundlinien einer Kritik des Ästhetischen der Rationalität im eine von mehreren (oder sind verschiedene) Arten des rationalen
groben bereits gezogen. Verhaltens gemeint, im zweiten Fall ist es die innerhalb einer
In Form einer Kritik der ästhetizistischen Vernunftkritik wendet Mehrzahl divergierender Verhaltensweisen übergreifend vollzo-
sich diese in einem Zug gegen die komplementären Tendenzen gene Praxis der Orientierung, die insgesamt als rational bzw.
einer Ästhetisierung der Vernunft und einer Entrationalisierung vernünftig bezeichnet wird. In der Bedeutung einer Nationalität
des Ästhetischen. Wie das zu verstehen und warum das nötig ist des Ästhetischem ist die ästhetische Rationalität angesprochen
und was daraus für die Ästhetik folgt, wird dieses erste Kapitel zu als eine unter mehreren Spielarten des rationalen Verhaltens - im
erläutern haben. Für die Ästhetik folgt (einmal mehr), daß sie Unterschied zu einem in theoretischer, instrumenteller, morali-
ihre Grenzen verlassen muß, um sich ihres Gebietes zu vergewis- scher und subjektiv-präferentieller Hinsicht rationalen (oder
sern: diese Exkursion unternimmt das zweite Kapitel. Erst der eben irrationalen) Handeln und Überlegen. Dagegen meint die
dritte Teil versucht anschließend die Konturen einer Theorie der Wendung vom >Ästhetischen der Rationalität ein Merkmal jener
ästhetischen Rationalität sukzessive zu entfalten. Die hier gesam- Praxis aus Verhaltensweisen, die sich abspielt im Vermögen einer
melten und gewonnenen Einsichten müssen im Schlußteil nur- mehrdimensional rationalen Orientierung - Rationalität ist hier
mehr übersetzt werden in den Zusammenhang einer nun weniger angesprochen als der Zusammenhang der Spielarten, in die sie
konstruktiven als therapeutischen Kritik der ästhetischen Ver- sich teilt.
nunft: einer Destruktion zumal der regulativen Idealisierungen, Auf dieser Doppeldeutigkeit der Rede von Rationalität möchte
die der Gelungenheit ästhetischer Gegenstände und dem Glück ich zunächst terminologisch bestehen, indem ich für Nationali-
der ästhetischen Erfahrung von philosophischer Seite entnom- tät in der Bedeutung einer >Rationalität-im-Singular< den Aus-
men und eingeredet werden. Die ästhetische Wahrnehmung ist druck Vernunft reserviere. In diesem Sinn ist Vernunft ein Zu-
nicht das überlegene Erkennen des Seins und auch nicht das reine sammenhang von Rationalitäten; Nationalität dagegen meint
Vernehmen des Unsagbaren; die Sprache ästhetisch artikulierter eine von mehreren oder mehrere Formen des begründbaren
Zeichen ist weder das eigentliche Sprechen noch wider die Spra- Handelns. Bei dieser Regelung geht es nicht einfach um das
chen der Vernunft gesprochen. Vermeiden unerheblicher Äquivokationen: es geht darum, die
Ich beginne die einleitende Betrachtung mit einer Auszeichnung Sprache dieser Abhandlung zu wappnen gegen die sei es rationa-
des Rationalitätsproblems, auf das der Obertitel der Arbeit zielt. listische, sei es kursorisch-beliebige Verkümmerung ihrer Refle-
Dies führt zu einer ersten seriösen Erörterung der zu Beginn xionen über Rationalität. Unerheblich wäre die markierte Diffe-
spielerisch intonierten Rede von ästhetischer Rationalität. Aus renz nur, wäre der Zusammenhang der Rationalitäten, wäre die
den Schwierigkeiten, auf die das somit deklarierte Vorhaben Einheit der Vernunft schlicht als Summe ihrer Praktiken und
Diskurse zu denken. Ein solches Verständnis aber hätte von richtig war, es so zu probieren. Von Rationalität zu reden darf
unserem Begreifen wenig begriffen. Denn Vernunft ist prakti- nicht bedeuten, die mögliche Spontaneität des Handelns zu leug-
zierte Rationalität - gewiß; praktizierte Rationalität aber ist nen.
nicht bereits gelebte Vernunft. Nicht zuletzt das wäre der Fall, würde Rationalität gleichgesetzt
Hierzulande haben vor allem Jürgen Habermas und Albrecht mit Begründetheit oder einem Gebot der permanenten Begrün-
Wellmer1 dargelegt, daß Vernunft unter heutigen Bedingungen dung. Ein solches Dasein der Selbstdurchleuchtung können die
als ein Ensemble und praktisches Verhältnis gegeneinander dif- endlichen, verstrickten und vergeßlichen Menschen gar nicht
ferenzierter Verständigungsformen zu begreifen ist, aus denen führen - und kaum führen wollen, denn das Bewußtsein sämtli-
sich in wechselperspektivischer Aneignung die Realitätsauffas- cher Grundlagen ihrer Beteiligungen ließe sie teilnahmslos aus
sungen bilden, die eine intersubjektive Lebensform jeweils tra- allen ihren Welten fallen. Unter dem Zwang eines Ideals der
gen. Typen der Rationalität unterscheiden sich als Formen der Begründetheit hätten die Subjekte nicht nur den Sinn verloren für
Rechtfertigung von Annahmen, die aus unterschiedlichem In- ein interaktives oder operatives Engagement, selbst die Gelassen-
teresse und mit unterschiedlichem Anspruch sei es getroffen heit der Besinnung wäre ihnen genommen: ihr ganzes Tun wäre
und vertreten, sei es im Handeln als gültig vorausgesetzt wer- nurmehr ein abgründiges Gebet um Gründe. Dieses Gedanken-
den. Darüber wird genauer zu sprechen sein. Für den Anfang spiel legt eine Alternative zwischen Begründetheit und Begründ-
genügt es festzuhalten, daß sich Arten der Rationalität unter- barkeit durchaus nicht nahe. Eine Theorie der Rationalität in
scheiden als solche der Wissensverwendung im Handeln - und Begriffen der Begründbarkeit versteht das Haben und Suchen,
damit zugleich als Typen des pragmatisch verwendeten Wis- Fordern und Geben von Gründen als einen Prozeß der Klärung
sens.2 Dabei ist es wichtig zu beachten, daß rational nicht aus- und Aufklärung in jeweils gegebenen Zusammenhängen der Le-
schließlich das begründete, aktuell oder gar simultan gerecht- benspraxis, in deren Kontext Aussagen überhaupt erst als Argu-
fertigte Handeln ist, sondern ebenso dasjenige Verhalten, das - mente und Gegenargumente zählen. Begründbar ist das Tun und
in dieser oder jener Hinsicht - seitens der Akteure begriind^w, Lassen, das in solchen Kontexten begründet werden kann -
zu rechtfertigen ist. >Rationalität< bedeutet Begründ^arkeit, gestützt auf ein relevantes und zutreffendes Behaupten, das sich
nicht durchweg Begründetheit. Rational sind Personen in ih- auf Annahmen stützt, die nicht zugleich genannt und erörtert
rem Tun, für das sie gegebenenfalls zureichende Gründe ange- werden. Wie Wittgenstein und Gadamer auf unterschiedliche
ben (und ergänzende annehmen) können: als Antwort auf eine Weise gezeigt haben, ist noch die absoluteste Begründung -
Frage oder Kritik, zur Versicherung gegen Zweifel, zur Stüt- ebenso wie die obsoleteste - auf eine Praxis der Auseinanderset-
zung eines Vorhabens, zur Bestätigung oder Befreiung von zung und des Argumentierens bezogen, innerhalb deren sie als
Konventionen, aus einem Bedürfnis der Befragung des bislang mögliche Rechtfertigung überhaupt greift. Unter der Vorausset-
Fraglosen, aus Neugier am Ungewußten. Um rational zu han- zung, daß es möglich ist, verschiedene Grundarten des Argumen-
deln, müssen die Handelnden die Gründe ihres Handelns nicht tierens zu unterscheiden, die zugleich differieren als Paradigmen
aktuell kennen, mehr noch: manchmal werden sie ohne verschiedener Typen der Rationalität, läßt sich dieser wohlbe-
Gründe handeln und doch rational. Nicht nur Gewohnheiten kannte Umstand für unsere Fragestellung mühelos dramatisieren.
und habitualisierte Reaktionsfolgen sind es, denen wir hörig Noch jede ausgeführte Begründung - sei sie theoretisch, ethisch,
sind, ohne der Gründe zu achten, die uns unvermerkt leiten. ästhetisch - stützt sich auf Grundsätze und Optionen, die im
Auch die Bewältigung des Unbekannten kann sich in begründ- Schema der angenommenen Begründungsweise nicht ausgewie-
baren Handlungen vollziehen. So ist der erstmals geglückte sen werden können. Wie gesagt: oft wird es eine weitergehende
Versuch nicht selten eine Aktion, bei der im nachhinein erst Begründung und Ermittlung gar nicht brauchen; nicht selten aber
die Gründe definitiv erreichbar sind, die besagen, warum es ist es in Überlegungen und Diskussionen nötig (oder würde
ihnen helfen), hinter die Schranke der dominanten Überlegungs- immer bereits Gebrauch von sozialen Konventionen der Darle-
weise zurückzugehen. Und das ist immer möglich. Ein Bewußt- gung und Demonstration; so aktualisiert der ästhetisch Urtei-
sein dieser Möglichkeit, das von denen, die es haben, nicht lende in jeweils unterschiedlichen Maßen ein sachliches, normati-
überwiegend als Bedrohung erfahren wird, sondern als notwen- ves und evaluatives Wissen im Zuge von Interpretationen und
dige Bedingung aussichtsreicher Lebensmöglichkeiten, bezieht Bewertungen, die ihrerseits wiederum Einfluß haben mögen auf
den modernen Standpunkt der Vernunft. die Einstellung, aus welcher der Betreffende sei es privaten, sei es
Diese »Einstellung der Vernunft« ist handelnden Individuen politischen, sei es intellektuellen Konflikten begegnet - und so
gegeben in einem unspektakulären Wissen um die Relativität der fort. Der Dynamik dieser Interferenzen und Übertragungen
ihnen verfügbaren Arten der Versicherung. Das Wissen um diese werden wir noch häufig begegnen. Fürs erste weist die prekäre
Relativität ist nicht primär theoretischer Natur. Es ist subjektiv Interdependenz der Beurteilungsweisen darauf hin, daß der Im-
wirksam in der Fähigkeit zum mehrseitig überlegenden Beden- petus der Vernunft vorderhand aus nichts anderem sich speist als
ken und Bestimmen der eigenen Handlungen in ihrer Beziehung der Verfügbarkeit eines Reservoirs externer Gesichtspunkte ge-
auf die Verhältnisse, in deren Einfluß und Zusammenhang sie genüber den Stützkräften, die das augenblickliche Handeln, die
stehen. Es handelt sich hier um ein aus reflexiven Erfahrungen derzeit gängige Gepflogenheit, den momentan verfolgten Gedan-
erwachsenes Besinnenkönnen, das nicht damit rechnet und nicht kengang leiten. Vernunft ist Übung im Wechsel der rationalen
darauf hofft, einmal die zweifelhafte, weil zweifelsfreie Ruhe des Perspektiven.
gestillten Überschauens bleibend zu genießen; das seine erschüt- Wie die Grundarten der Rechtfertigung zu unterscheiden sind, so
terbare Ruhe hat im Vertrauen auf seine Veränderbarkeit ange- daß die differente Rationalität von Verhaltensweisen analytisch
sichts kommender Erfahrungen. Dieses praktische Wissen, in präzisierbar wird, werden erst die folgenden Kapitel erörtern
dem Vernunft sich realisiert, ergibt sich unmittelbar aus der können. Vorgreifend ist festzuhalten, daß jede dieser Begrün-
befreienden Irritation der Erkenntnis, daß die letzten Gründe dungsweisen eine originäre Perspektive öffnet auf die Themen,
immer woanders liegen - in der Reichweite nämlich jener Be- die aus ihr zur Sprache und Bearbeitung - zur Behandlung also -
trachtung, jener Vergewisserung, die wir gerade nicht vollziehen. kommen. Der Stellenwert als gute oder schlechte Gründe, den
Die zureichenden Gründe sind niemals die letzten. Die nahelie- bestimmte Annahmen im Zuschnitt der einen Beurteilungsweise
genden aber sind oft nicht zureichend. Die nichtdogmatische erhalten, ist dabei in den Zusammenhang anders gelagerter Argu-
Beurteilung dessen, was die zureichende Begründung einer Be- mentationen nicht übertragbar; dennoch werden in jeder Argu-
hauptung oder Handlung ist, setzt immer bereits das Geschick mentation Annahmen eine Rolle spielen, die nur aus einer ande-
einer zweiten Beurteilung voraus, die meist unvermerkt über die ren Warte stichhaltig geprüft werden können; insofern ist jede
Relevanz der weiteren Fragen befindet, die sich anschließen an Überlegung von den Resultaten anders gepolter Überlegungen
das, was auf den ersten und den letzten Blick als hinreichende getragen. In der Konkurrenz ihrer Aneignungsleistungen sind die
Antwort zählt. Eine haltbare Einsicht und Begründung antwortet Formen der Rationalität miteinander koordiniert. Das zeigt sich
nicht allein auf opponierende Thesen und Argumente; sie stützt schon daran, daß die Prämissen und Konklusionen der einen
sich nicht nur auf weitergehende Annahmen, die als gesichert Verfahrensweise aus der Sicht (einer) der different fundierten
vorausgesetzt werden; sie zehrt überdies vom Kredit andersarti- Beurteilungen und Praktiken häufig umstritten und bestreitbar
ger Gründe als derjenigen, die im Zuge der vorgenommenen sind. Wegen eines einmal verordneten Schlafpensums täglich den
Prüfung in Anspruch genommen wurden. Sonnenaufgang zu verschlafen, mag aus ästhetischer Sicht die
So rekurriert der moralisch Argumentierende zum Beispiel auf reine Sünde sein; Städte wie surrealistische Großplastiken zu
theoretisch ermittelte Einsichten oder subjektiv bewährte Eva- behandeln, wird für die Bewohner dieser Städte eine politisch
luationen; so macht der theoretisch Erörternde und Erkundende zweifelhafte Maxime sein; die genetische Forschung sich selbst
zu überlassen, ist mit erheblichen moralischen Risiken verbun- um rational erwidert zu sein; um vernünftig erwogen zu werden
den; der moralischen Forderung des fair play im Fußball kann aber muß sie als ästhetische ernstgenommen sein: nämlich als
widersprochen werden im Namen eines taktisch begründeten Zumutung eines Vergnügens, das mit der Lust des Bettbehagens
Prinzips der begrenzten Regelverletzung, etc. So sehr bestimmte aufreizend konkurriert.
Annahmen für jeweils beide der konkurrierenden Beurteilungen Auch wenn die Spannung zwischen rational konkurrierenden
eine Rolle spielen werden, so wird diese Rolle doch jedesmal eine Annahmen oft weniger harmlos ausfällt und das Verhältnis ver-
verschiedene sein: die Formen der Rechtfertigung sind in einen schiedener Beurteilungsweisen zueinander ein jeweils besonderes
Diskurs der Diskurse nicht überführbar. Sofern es sich denn um ist, so macht dieses Beispiel, in dem ein externer - hier ästheti-
eine eingehende Beurteilung handelt, kann nur jeweils eine Hin- scher - Einwand gegen ein subjektives Präferenzverhalten intern
sicht der Beurteilung leitend sein - oder es werden die Betrach- - aus präferentiellen Erwägungen - zurückgewiesen wird, doch
tungshinsichten wechselweise gegeneinander gestellt werden zugleich den allgemeinen Umstand deutlich, daß eine Verfah-
müssen, ohne darum in einer übergeordneten Betrachtung zu rensweise nicht durchweg immanent kritisiert werden muß, um
verschwimmen. Welcher Beurteilung wir letztlich das entschei- ernsthaft kritisiert zu sein. Eine ethisch argumentierende Kritik
dende Gewicht geben, ist begründbar nur wiederum mit den der genetischen Forschung wird gewiß nicht deren theoretische
Argumenten, denen wir so den Ausschlag geben, ohne damit Resultate bestreiten, wohl aber ein tragendes Verständnis der
notwendigerweise die Postulate der konkurrierenden Beurteilung Praxis in Zweifel ziehen, die zu ihnen führt. Die opponierende
strikt außer Kraft zu setzen. Vielmehr werden diese Postulate Beurteilung wird erwägen, ob es denn sinnvoll und verantwort-
einbezogen in den Gang der definitiven Überlegung und hier bar ist, dergleichen wissen zu wollen; vielleicht wird sie dafür
nach der Kraft bewertet, die sie im Kontext dieser Überlegung plädieren, diesen Forschungen die schützende Anerkennung ei-
haben. ner verdienstvoll selbstzweckhaften Tätigkeit nicht weiter zu
Die hedonischen oder medizinischen Gründe, die ich habe, den gewähren. Indem sie intern ansetzt, macht eine externe Kritik
Anbruch des Tages zu verschlafen, setzen die energische Beto- ihre andersartige Beurteilungsweise kontrovers geltend. Diese
nung der Einmaligkeit von Sonnenaufgängen nicht unbedingt Kontroverse kann nicht auf höherer Ebene geschlichtet werden:
außer Kraft; nur habe ich, wenn ich dem Ausschlafen mit Be- sie muß mit moralischen Argumenten ausgetragen werden und
dacht den Vorrang gebe, meine eudämonischen oder prophylak- das bedeutet hier: im insistierenden Geltendmachen des ethi-
tischen Gründe, das ästhetische Ansinnen hier nicht zum aus- schen Problems gegenüber den empirisch-experimentellen Strate-
schlaggebenden Grund meiner Verhaltensweise zu machen. Das gien, die theoretisch als aussichtsreich und geboten erscheinen.
Gewicht der ästhetisch einleuchtenden Behauptung, daß Sonnen- Sowenig diese Konfrontation unabhängig von einer Reflexion
aufgänge jedes Mal etwas einmaliges sind, wird für meine Praxis und Debatte über den Stand der theoretischen Erkenntnis mit der
insofern relativiert, als ich mich dafür entscheide, meinen Tages- Hoffnung auf Erfolg bestanden werden kann, sowenig wird
lauf nicht nach naturästhetischen Prinzipien dieser Art zu organi- durch die nötigen Differenzierungen und wechselweisen Korrek-
sieren. Diese Option ist begründbar auch dann, wenn ich darauf turen eine Assimilation der Betrachtungsarten erreicht (auch
verzichte, dem ästhetischen Argument mit ästhetischen Argu- dann nicht, wenn es zu einer Einigung von Kritikern und Kriti-
menten zu begegnen. Sie ist begründet, eben insofern ich nicht- sierten kommt). In ähnlicher Weise wird ja häufig mit theoreti-
ästhetische Gründe habe, die ästhetischen Gründe - so gut sie als schen Argumenten in den Kontext moralischer Debatten einge-
ästhetische sein mögen - hier nicht als primär relevant zu erach- griffen, ohne daß diese dadurch theoretisch entschieden würden;
ten, obwohl diese in Erörterungen über das bekömmliche Leben in manchen Fällen mögen diese gegenstandslos werden, wenn
durchaus nicht fehl am Platz sind. Die ästhetische Kritik meiner sich zeigt, daß ihren Besinnungen eine falsche vormoralische
Gepflogenheiten muß nicht ästhetisch zurückgewiesen werden, Bestandsaufnahme zugrundegelegen ist - eine Entwarnung, die
wiederum aus praktisch-normativer Autorität erfolgt. Entspre- zu verstehen als einer der ausgeführten oder auszuführenden
chend kann Theoretisches und Moralisches ästhetisch, Ästheti- Begründung, sondern als einer der möglichen Kritik. Der Kritik
sches theoretisch und moralisch, präferentiell Fragloses wie- nämlich an Annahmen, die aus jeweils anderer Beurteilungsart zu
derum ästhetisch und moralisch (usw.) fragwürdig und kritisier- bezweifeln oder bestreiten sind; freilich ebenso der kritischen
bar erscheinen: und zwar in der Weise, daß die problematisie- Bestätigung und Bekräftigung von Prämissen, die innerhalb der
rende Betrachtung Relevanz beansprucht für den Verhaltenszu- befragten Verfahrensweise nicht weiter befragt wurden oder zu
sammenhang, in den ihre Kritik gesprochen ist. Eine solche befragen waren. Die Befragung einer extern einsetzenden Kritik
Kritik zielt darauf ab, die kritisierte Praxis in Aspekten ihrer eröffnet die Möglichkeit, im Umkreis der angesprochenen The-
Grundlagen anders zu fundieren. men andere Gründe geltend zu machen als die, die in der
Im Potential derartiger Konflikte beweist sich die Verkettung der gegebenen Praxis implizit oder explizit leitend waren. Das kriti-
rationalen Verfahren, in welche die Vernunft sich gliedert. Zur sche Argument kündigt ein bestehendes Verständnis zumindest
Beurteilung der Relevanz einer Beurteilungsweise gibt es kein probeweise auf; indem es eine andere Perspektive ins Spiel bringt,
anderes Beurteilungsverfahren als das Spiel der Differenz von bricht es die Kontinuität der bisherigen Sichtweise und macht
Beurteilungsweisen, die durch bestimmte Annahmen einander deutlich, daß im bisherigen Verständnis Voraussetzungen im
voraussetzend ineinander verankert sind. Welches Beurteilungs- Spiel waren, die es nötig machen oder verdienen, aus neuer Warte
interesse im gegebenen Fall das relevante ist, muß jeweils inhalt- begutachtet zu werden. Eine Kritik, die in dieser Weise die
lich-situativ ausgemacht werden. Insofern bleibt auch der ver- Grenze zwischen Diskursformen überschreitet, stellt zwischen
nünftigsten Entscheidung noch das Gewicht - die Gewichtung - den Orientierungen, die so konfrontiert werden, einen Zusam-
einer Entscheidung. Nur ein schöner Glaube die Meinung, es sei menhang her, indem sie auf deren Differenz besteht (obschon es
generell diejenige Entscheidung die bestbegründete, die sich nach sein mag, daß die Grenzen schließlich anders gezogen werden).
allen Hinsichten als vorzüglich erweist. Das ist eben bloß der Nur als Praxis solcher Korrekturen ist die Einheit der Vernunft
Fall, wo es am leichtesten fällt, im Einklang mit den definitiven zu denken.
Gründen zu handeln. Eine trügerische Operation überdies, die
Harmonie der Verhaltensbeurteilungsarten zur regulativen Idee Wenn sich zeigen läßt, was ich hier tastend sage, dann wird auch
der lebenspraktischen Vernunft zu küren. Derart ins Dasein deutlich werden, daß die Relativität allen Begründens selbst eine
eingestimmt, wären wir taub geworden für das widerhallende relative ist. Sie ist relativiert in den vielfachen Möglichkeiten
Echo der Stimmen, aus deren überlagernder Erprobung wir den vereinzelter Übergriffe einer argumentativen Kritik. Obgleich es
Einsatz des Hierseins nicht immer spielend bestimmen. absolute Begründungen nicht gibt, ist nicht alles Begründen
Die Betonung einer irreversiblen Divergenz der einander über- relativ: beide Teilfeststellungen haben ihren Grund darin, daß
schneidenden Grundbahnen der (sei es effektiven, sei es reflexi- jede Begründungsart sich auf Voraussetzungen stützt, die nur aus
ven) Orientierung schließt natürlich nicht aus, daß diejenigen der Warte einer anderen Beurteilungsweise gegebenenfalls kri-
Überlegungen und Gespräche die gelungensten und reichsten tisch aufgegriffen und geklärt werden können. An der Möglich-
sind, die ihre Kreise durch alle diese Kreise der Beurteilung keit und zugleich: der in Kontexten des subjektiven wie inter-
ziehen. Ausgeschlossen ist lediglich eine Auffassung, die den subjektiven Handelns wahrgenommenen Notwendigkeit einer
Zusammenhang der Diskursformen - und sei es idealisierend - externen Kritik an Handlungsvoraussetzungen, die intern ansetzt
nach dem Modell eines Diskurses höherer Ordnung stilisiert. - nämlich an bestimmten dieser Voraussetzungen; an dieser
Sowenig es die Logik der Begründung gibt, sowenig gibt es die transitorischen Dynamik erweist sich die List der Vernunft im
Argumentation, die alle Arten von Gründen zueinander entbin- Eigensinn ihrer diskursiven und dispositionalen Agenturen. In
det.3 Der Zusammenhang der Begründungsweisen ist nicht selbst diesem Eigensinn liegt zugleich die unaufhebbare Begrenzung
einer jeden extern kritisierenden Intervention. Deren Überschrei- machen im Widerstand gegen jeweils bestimmte Praktiken, die sie
tung nämlich wird sich aus Voraussetzungen nähren, die nicht nicht (mehr) zu denjenigen ihrer Praxis machen wollen. Der
zugleich Gegenstand einer reflexiven Erkundung sein können. kritische Vorwurf macht einen Gegenentwurf lebendig, der sich
Die Möglichkeit - und der mögliche Erfolg - eines konkret im aufgeworfenen Zusammenhang bereits angelegt findet. Der
rationalitätskritischen Eingriffs setzt eine gesicherte oder als gesi- Einsatz einer solchen Kritik markiert den Willen der Befreiung
chert gesetzte Basis, setzt gegebene und inhaltlich fundierte oder Abweisung von Verhältnissen und Projekten, die denen, die
Limitationen einer Praxis voraus, auf deren Unstreitigkeit sie sich diese Kritik üben, nicht weiter genügen - aus Gründen, deren
implizit oder explizit beruft. Eine Kritik, die nicht auf fraglosen Verhandlung mit der distanzierenden Unterbrechung beginnt.
und fraglos konsentierten Überzeugungen fußt, befindet sich Um dieses Spielraums für Veränderungen willen ist die Affirma-
jenseits von Verständlichkeit, möglicher Akzeptabilität, treffen- tion der Differenz der rationalen Beglaubigungsformen geboten.
der Schärfe. Der Sog der Vernunft bezieht seine Antriebe nicht Die verneinend angetriebene Auseinandersetzung, in der das
aus einer Raserei der Kritik. Potential einer erneuernden Selbstbestimmung sich erhält und
Ebensowenig aber liegt dem Begriff der Vernunft der regulative bereichert, bezeugt das gewiß nicht negative Begehren, die Pro-
Gedanke der vorauszusetzenden und zu ermöglichenden Einig- jekte, an denen wir teilhaben, möchten uns mitnehmen-in und
keit der Argumente und Parteien unzertrennlich bei. Konsens einnehmen-für die Wirklichkeiten einer Welt, denen wir beiwoh-
und Kohärenz sind konstitutive Begriffe für die Explikation eines nen, ohne von einer ihrer Provinzen vereinnahmt zu werden.
Begriffs der Vernunft - ebenso wie der Begriff der Kritik; Denn nicht des Begründens wegen bedürfen wir der kritisch
ebensowenig wie dieser insinuieren sie das überragende Ideal reklamierten Gründe, sondern zur Auseinandersetzung in und
eines Zustands wirklich gewordener Vernunft. Nur wenn es mit der Welt, in der wir uns finden. Im Einlassen auf die
gelingt, den versöhnungsphilosophischen Zierrat abzustreifen, Überschreitungen eines aus Vernunft orientierten Lebens kommt
wird es möglich, die Idee der Vernunft greifbar zu erläutern am somit keine zwanghafte Liebe zum Korrektiven um der Korrek-
Potential einer Praxis des Austauschs von Korrekturen der Pra- turen willen zum Vorschein. Im Irrsinn eines unbedingten Stre-
xis, die die Praxis derjenigen ist, die an diesem Prozeß der bens nach endlicher Vollendung wäre das höchst irdische Motiv
Verneinung und Bejahung beteiligt sind. Alle Rede über Ver- versunken, das es gab und gibt, die labyrinthischen Wege der
nunft wäre ein leeres Getue, wäre dieses Potential nicht gegeben; Vernunft zu bahnen. Dieser Impuls ist weder vernünftig noch
die philosophische Ausrufung der Vernunft bezieht ihre Energie unvernünftig. Es ist der, aus einer prekären Situation eine lust-
aus dem Willen, es nicht versiegen zu lassen. Allein in den volle Tugend zu machen. Wir sind auf die Möglichkeiten des
hergebrachten und vorgeformten Zusammenhängen ihrer Praxis vernünftigen Handelns verwiesen, wenn und weil wir von der
finden die Subjekte die Welt ihres Daseins und Handelns vor: Freiheit, zu der wir nach dem Wort von Sartre verdammt sind,
und einzig darin, wie sie sich zu den umgebenden Verhältnissen, dennoch etwas haben wollen. Freiheit ist der dunkle Grund der
aus denen sie zehren, verhalten, kann ihr Handeln sich als Vernunft; Vernunft ist die Lichtung der Freiheit. Vernünftig ist
vernünftig oder unvernünftig erweisen. Sie beglaubigen und tei- die Praxis eines mehrdimensional rationalen Handelns, durch das
len eine Vielzahl von Praktiken, bevor und noch während sie die Handelnden in den Kontexten ihrer Gegenwart ihre Freiheit
deren eine beurteilen. Darum bewährt und beweist sich die geltend machen und halten - oder dies wenigstens versuchen. Im
Macht der Vernunft primär im Auftakt von Worten und Taten Einsatz verschiedenartig erreichbarer Wahrheiten auf den Chan-
der Negation. Vernünftig ist eine Praxis, die im Bewußtsein der cen der Bestimmbarkeit der eigenen Wirklichkeit zu bestehen -
mehrdimensionalen Kritisierbarkeit ihrer Bedingungen erfolgt, das ist die ungestillte Regung, die die rationalen Ordnungen
ohne darum in eine Manie des Begründens zu verfallen: weil die gegeneinander umstritten hält. Ob die, die darauf setzen, darüber
Akteure von der Möglichkeit der korrektiven Kritik Gebrauch glücklich werden, ist so nicht zu sagen - aber sie bleiben im Spiel
des Glücks dabei, besessen von den Möglichkeiten, den zukom- chen Engagement. Anders ist der doppelten Bedrohung nicht zu
menden Gewinn zu erkennen. Sich die Freiheit nehmen, sein begegnen, der eine gehaltvolle Selbstbestimmung zwischen den
Glück zu versuchen: einen anderen Anlaß, vernünftig zu sein, Polen einer völligen Distanzlosigkeit und der totalen Distanzie-
wird es nicht geben.4 rung strukturell ausgesetzt ist. Die Balance einer Freiheit, die zu
Von hier aus wird auch die Differenz von (singularer) Vernunft leben sich lohnt, wird eine ruhige nicht sein. Ihre Belebung kann
und (pluraler) Rationalität deutlicher als bisher. Rational sind gelingen allein in der Anstrengung, den Wahnsinn einer um die
Arten des Handelns (bzw. der Disposition zu handeln), sofern es Blendung absoluter Gewißheiten sich ewig relativierenden Refle-
(in einem gegebenen Kontext) zureichende oder akzeptable xion ebenso zu vermeiden wie den Stumpfsinn eines Anklam-
Gründe gibt, so zu handeln; überdies vernünftig ist dieses Han- merns an die durch Überlieferung und Umgebung einmal ge-
deln und Verhalten dann, wenn es auf Seiten der Akteure verbun- stanzten Richtlinien des Verhaltens. Gegen die drohende Entlee-
den oder zwanglos verbindbar ist mit einem Bewußtsein davon, rung und Verkümmerung der Freiheit setzt eine vernünftige
in welchem Sinn es gute oder schlechte Gründe sind, auf die das Praxis auf den digressiven Takt und die widerredende Courage
eigene oder fremde Verhalten sich stützt. Es mag rational sein zu einer interrationalen Urteilskraft: als der Fähigkeit von Subjek-
wissen, warum und wofür in dieser Weise zu handeln sei; ver- ten, ihr Dasein in Freiheit aus Energien der entbindenden Einbin-
nünftig ist die geschärfte Aufmerksamkeit dafür, worauf man dung erneuernd zu gewinnen. Dieses Vermögen der korrektiv-
sich hiermit eingelassen hat. Vernunft ist ein skeptischer Sinn für kontinuierlichen Befreiung verdient den Namen einer zugleich
die rationalen Sinnzuweisungen. Dieses Gespür ist nicht antira- sozialen und existentiellen Kunst - einer Kunst der Entzwei-
tional, sondern kritisch gebrochen, also verhalten und darum ung.
gesteigert rational, ohne doch Steigerung eines der rationalen Diese Wendung ist mit doppelter Betonung zu hören - ausgelobt
Vermögen zu sein. Es wird sich nicht damit beruhigen zu wissen, wird nicht einfach ein Zustand der Entzweiung, sondern ein
ob und inwiefern diese oder jene Handlung nach üblichen Maß- Umgang mit diesem, der sich aus Quellen einer souverän aktuali-
stäben richtig getan ist; es wird in dieser Beurteilung darauf sierbaren Erfahrung speist. So gelesen intoniert das Schlagwort
achten zu fragen, was es für den jetzigen Zusammenhang des von der Kunst der Entzweiung nicht noch einmal das alte Will-
Handelns und das künftige Handelnkönnen bedeutet, die betref- kommenslied auf die modernen Entsicherungen. Statt dessen gibt
fende Sache so angehen zu lassen. Auch die intuitiven oder es eine leitmotivische Antwort auf irreführende Antworten auf
ausgeführten Antworten auf diesen Vorbehalt werden wiederum die Destabilisierungen der Moderne. Der Titel dieser Arbeit will
in dieser und jener Hinsicht rational sein oder nicht. Die ganze gegen den Gegensatz von Entzweiung und Versöhnung opponie-
Weisheit der Vernunft liegt im Offenhalten jenes Fragens. ren, den ihr erster Satz ein letztes Mal aktiviert. Dieser ideali-
Mit der Erinnerung daran, wofür solches Offenhalten auszuhal- stisch konstruierte und nachidealistisch bis materialistisch viel-
ten ist, löst sich das Paradox einer Steigerung der Rationalität fach kultivierte Gegensatz zu den Gegensätzen hat seither die
durch ihre Störung. Denn nicht als besonders rationale Koordi- erstaunlichsten Karrieren erfahren, deren bekannteste vielleicht
nation der Rationalitäten ist Vernunft zu denken - das wäre die ästhetische Versöhnungsleier und deren fatalste gewiß die
nichtssagend zirkulär: sondern als libertäre Koordination der politische Harmonielehre ist, die sich die Freiheiten eines besse-
Möglichkeiten rationaler Orientierung. Die moderne Teilung der ren Lebens entweder als staatlich zu garantierende oder als
Orientierungsgewalten trägt dem Umstand Rechnung, daß keine gesellschaftsunmittelbar zu erblühende Aussöhnung denken. Mit
Praxis- und Lebensform an sich offen ist für ihre bereichernde höchst unterschiedlicher Auswirkung geht die Neurose der Ver-
Veränderung und selbst ihre erneuernde Erhaltung. Von Seiten söhnung heute quer durch die politischen Linien und verhindert
der an ihr Beteiligten (und zwischen ihnen!) muß sie offen die kämpferische Koexistenz eines Friedens, in dem die Arbeit
gehalten werden in einem nicht selten riskanten und konfliktrei- der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zur Entfaltung einer
libertär umstrittenen Sittlichkeit führen würde. »Aufhebung« der sozialen Interaktion, die sich vollzöge auf der Basis einer
heißt das Zauberwort gegen die Klüftungen der entzauberten kohärent fundierten, zwanglos erreichten und mühelos erreich-
Welt - je nach Geschmack und Gesinnung: Aufhebung der baren Einigung auf Koordinaten des intersubjektiven Handelns.
Differenz von Moral und Politik, Kunst und Leben, Theorie und Nun sind solidarische Beziehungen in diesem Sinn und ist die
Poesie, Pflicht und Neigung, Besonderem und Allgemeinem, Existenz entspannter Zonen des unbestrittenen Eigenlebens
Damals und Heute, Rausch und Besinnung. All diese Integratio- durchaus eine notwendige Bedingung einer mehr als flüchtigen
nen sind ein falscher Zauber geblieben: was nichts besagt, denn Freiheit gesellschaftlich lebender Individuen. Aber die konve-
die Umstände waren widrig - : und werden ein falscher Pro- nient-konsensuelle Umbettung macht die Wirklichkeit der Frei-
grammzauber bleiben, wenn nicht diese und andere Differenzen heit alleine nicht aus. Sie kann lediglich die partielle Basis liefern,
erhalten bleiben und behalten werden über den Integrationen auf welcher die individuellen wie kollektiven Konflikte der Koor-
einer Praxis, die im Potential dieser Spaltungen regulierbar bleibt dination gewaltlos und perspektivenreich ausgetragen werden
für die, deren Praxis sie ist. können. Nur die befreiende Auseinandersetzung hält und setzt
Diese Aussage ist nicht prophetisch, sie ist begrifflich; sie erin- die Momente der Versöhnung als solche in Kraft. Versöhnung,
nert an die von Hegel analysierte »emanzipative Konstitution« die Freiheit garantiert, mag erweitert werden, zu besiegeln ist sie
einer Gesellschaft, die sich aus der Freiheit ihrer Mitglieder nicht nicht: denn Freiheit, die auf Übereinkunft gründet, lebt aus der
bloß rhetorisch organisiert.5 Hegels eigene Überhebungen sollen Notwendigkeit, an den Übereinkommen ihrer Gegenwart immer
hier nicht interessieren. Mit Hegel immerhin sei darauf bestan- auch zu zweifeln. Vollendete Befreiung wäre vollends mißlun-
den, daß nichts bewahrt ist in Aufhebungen, in denen die Diffe- gen; im Desaster einer allgemein menschlichen Vervollkomm-
renz interdependenter Bezugsweisen (Aktionsformen, Bewußt- nung wäre die Freiheit getilgt, Verhältnisse des verbindlich schö-
seinsarten) soweit schwindet, daß die differierenden Komponen- nen Lebens als verheerend zu kündigen. Daher ist auch die
ten nicht mehr bestimmt und wichtiger: in praktischen Konflik- linksutopische Bequemlichkeit zu verabschieden, die uns das
ten nicht länger gegeneinander mobilisiert werden können. Am Reich der Freiheit als einen politisch wünschenswerten Zustand
Wort soll es dabei nicht liegen - auch für das Ideal einer Kunst des Befreitseins vorschreibt, in dem das Glück der anmutigen
der Entzweiung lassen sich aufhebungslogische Erläuterungen Selbstentfaltung endlich heimkommen wird zu denen, die es bis
bieten. Nur ist es hier nicht die »Entzweiung«, deren Aufhebung dahin nur in entstellten Fassungen überkam. Es schwingt, mit
gedacht und gefordert, sondern die Alternative von Entzweiung anderen Worten, in der Vorstellung des Glücks diejenige der
und Versöhnung, gegen die zu denken ist. Dafür wiederum Erlösung nicht unveräußerlich mit - solange wir mit der Erwar-
greifen die Hegeischen Vermittlungsmittel zu weit und darum zu tung des Glücks die Freiheit seiner leidenschaftlichen Umwer-
kurz. Wenn wir von Freiheit reden, kann aus dem Fluchtpunkt bung und Annahme unerläßlich verbunden denken.6 Befreiung
einer Idee der Versöhnung die Rede nicht sein. ist nicht Befriedung.
In einer kommunikationstheoretisch säkularisierten Version läßt Noch ist Entzweiung gleich Entfremdung. Die hartnäckige Ver-
sich an dem magischen Wort >Versöhnung< (in seiner globalen wechslung politischer, sozialer und personaler Entzweiungen mit
Verwendung) etwa die folgende Bedeutung ermessen. Mit den den Unfreiheiten der Entfremdung, so scheint mir, ist das Miß-
Ansprüchen und Anforderungen des Lebens versöhnt wären die verständnis, das theoretische Erörterungen über Freiheit und
Subjekte einer Praxis, die von ihnen in den verschiedenen Bedeu- Rationalität oft in sei es dezisionistische, sei es utopistische
tungen des Wortes (erfolgreich, gerecht, schön, angenehm...) in Paniken zwingt. Aus der hier entworfenen Konstruktion erweist
weitgehender Übereinstimmung als gut befunden würde. Aus sich Entfremdung als blockierte Entzweiung: als notgedrungenes,
naheliegenden Gründen müßte die utopische Konvenienz der machtgestütztes oder im Unglück zementiertes Verhängnis ange-
Beurteilungsweisen zugleich verstanden werden als ein Zustand sichts und entgegen der Aussichten einer kritischen Überschrei-
tung. Eines Überschreitens freilich, das nicht mehr der allseitigen nunft vernunftkritische Rede unvermeidlich Idealisierungen vor
Einheit länger nachschreit und entgegenschwärmt - dieser mit - die Reflexionen zur Kunst der Entzweiung machen da keine
Fleiß geträumte und nicht selten akribisch vollzogene Traum fügt Ausnahme. Zulässig ist diese Stilisierung, soweit sie Erkenntnis
den Arsenalen der Entfremdung nur fortwährend weitere Gehege stiftet: soweit die philosophische Konstruktion des Zusammen-
und Verliese hinzu (die sich immer dann auftun, wenn wir uns hangs von Rationalität, Freiheit und Glück es erlaubt, etwas
verleiten lassen zu glauben, die Aussöhnung zu Zweien oder deutlich und erfahrbar zu machen von den aktuellen Aussichten
Millionen sei endlich rundum gelungen oder für allemal zu der Projekte und Projektionen, um die das Lohnende des Lebens
vollbringen). Eine zweite Variante kennt die Falle der im Namen und Schreibens sich kristallisiert. An Widerständen mangelt es
ihrer Suspension begrüßten Entfremdung; ich meine jene offen- nicht. Das Ausmessen eines mehrlinigen Rationalitätsbegriffs als
herzigen Theorien, die die Errungenschaften der Moderne prei- des unserer Zeit und Gesellschaft allein angemessenen Rahmens
sen als eine Pluralisierung der Möglichkeiten, den von ihr entfes- der Erhellung ihrer Gegenwart - die Verteidigung eines pluralen
selten Lasten der Freiheit kompensativ zu entgehen. Freiheit Verständnisses von Rationalität, wie sie heute von verschiedener
wird ironisch zerdacht als ein Ausbau von Enklaven der Aus- Seite unternommen wird, steht vor einer doppelten Schwierig-
flucht vor ihr.7 Auf diesen Wegen münden Hegels Verfremdun- keit: sie muß einerseits die Grundformen der sprachlich-prakti-
gen in einen doppelten Aufguß der Entfremdung, der angeboten schen Eingestimmtheit auf die Wirklichkeiten des Handelns ab-
wird als Elexier gegen die Pathologien der Zeit. Die utopisch- grenzend beschreiben und doch andererseits die interne Verbun-
naive und die kompensativ-sentimentale Entfremdungskritik un- denheit, das Übergängige dieser Orientierungen geltend machen;
terschreiben die abgewendeten Seiten einunddesselben verteufel- sie muß also die Eigenheiten der gesellschaftsbildenden Weltbe-
ten Paktes - sie nehmen der Freiheit den Schatten und damit die züge aus dem Zusammenhang eines offenen Systems wechselsei-
Kontur einer gegen die Wirklichkeit aus ihrer Gegenwart zu tiger Dominanzen erläutern, in dem aus einem Einstellungstyp
verwirklichenden Realität. Die skeptische Devise, das richtige das im Medium der anderen Zusichten Eingeholte und Gesetzte
Leben sei bloß ein vielfältig falsches und die rigorose Entgeg- nach veränderten Prinzipien aufgenommen und durchgemustert
nung, es könne ein richtiges Leben im falschen nicht geben, wird; sie muß diese Klärung versuchen, ohne zurückzufallen auf
verraten beide die Lust der Vernunft, von der noch die List ihrer die Reduktionen und falschen Rangordnungen, die vorgenom-
Entsagungen funkelt. Gegen ein derart ermüdetes Abschreiben men sind in den konkurrierenden Theorien, gegen deren Zu-
protestiert das Wachhalten unseres Wissens von der Kunst der schnitt ein »umfassender« Rationalitätsbegriff gewonnen werden
Entzweiung. Zu vergessen, sich auf diese verstehen zu wollen, soll; und sie muß darauf bedacht sein, die begriffslose Über-
würde bedeuten, mit den Möglichkeiten der Freiheit zugleich das schwenglichkeit derjenigen Theorien zu vermeiden, die es aufge-
Gespür für die Raffinessen hiesigen Glücks zu verlieren. Keiner geben haben, die Kritik am rationalistischen Selbstbild der Epo-
sagt, die Erfüllungen des Findens seien ohne die Leiden und che im Namen einer einsichtigen und verlockenden Vernunft-
Verluste des Verlierens zu haben. konzeption zu führen.
Mit diesem Komplex klarzukommen kann nur bedeuten, ihm
durch Beschränkungen beizukommen. Es erscheint mir nahelie-
b) Ästhetische Vernunftkritik gend und dringlich, den Streit um den Sinn der Rationalität, die
wir uns zutrauen müssen und können, einmal auf dem Gebiet der
In verkürzenden Stichworten schreibt sich dergleichen leicht. Ästhetik auszutragen: anstatt die Auseinandersetzung, wie so
Langwieriger ist das Unterfangen, diesem Umriß die Faßlichkeit häufig, von dort nur zu eröffnen, zu beenden oder flüchtig zu
annehmbarer Einsichten zu geben. Auch wenn sie sich nicht an verzieren. Schließlich ist jede Theorie der Rationalität - also: der
beschaulichen Idealen betäubt, nimmt eine im Namen der Ver- (Art der) Erreichbarkeit von Erkenntnis, Selbstbestimmung, Ge-
rechtigkeit - in bezug aufs Ästhetische ausdrücklich oder unaus- vernünftigen Lebens. »Der höchste Akt der Vernunft« ist nicht
drücklich, positiv oder negativ immer schon ausgewiesen. Umge- »ein ästhetischer Akt«, wie der Autor des ältesten idealistischen
kehrt stellt jede ernstzunehmende Theorie des Ästhetischen im- Systemprogramms es wollte; ebensowenig konvergiert die Idee
mer bereits eine Antwort dar auf das, was zu ihrer Zeit als der Wahrheit mit derjenigen der Gelungenheit ästhetischer Ob-
~ rational und rationalisierbar gilt. Die Karriere der Ästhetik seit jekte, wie das die ästhetische Theorie Adornos postuliert. Nicht
Baumgarten rührt ja nicht zuletzt aus der Notwendigkeit, Bewe- minder unzureichend ist freilich die (bei aller Verwandtschaft)
gungsfreiheit zu gewinnen angesichts eines in die Enge geratenen entgegengesetzte Version, die das Potential der ästhetischen Er-
oder als verengend empfundenen Rationalismus der Aufklärung. 8 fahrung der Bestimmungskraft einer wie immer emphatisch ge-
Die Zweifel und Verzweiflungen am Geschick der Vernunft dachten Vernunft radikal entzogen sieht. Die Auffassung einer
müssen in die Ästhetik nicht erst hineingetragen werden. Die Rationalität-im-Singular, die die rationalen Energien des ästheti-
Gefahr einer Überfremdung der Ästhetik durch extern ent- schen Verhaltens nicht mit begreift, ist ihrerseits sinnwidrig:
brannte Fragestellungen (die intern nur für ein Strohfeuer gut wider den Sinn der ästhetischen Entsetzungen, auf die sie sich mit
sind) ist freilich erst dann erhellend vermieden, wenn es gelingt, puristischer Emphase beruft. Die ästhetischen Akte und Augen-
Grundzüge des Rationalitätsproblems an Kemthemen der ästhe- blicke erschöpfen sich nicht in emotiven Massagen und den Heil-
tischen Theorie aufzufinden und dort auch die Aporien aufzuzei- oder Schockbädern im Schaume des Scheins. Vernunft, die nicht
gen, in die sich eine unhaltbare Vernunftkonzeption im Zuge ästhetisch ist, ist noch keine; Vernunft, die ästhetisch wird, ist
ihrer Verständigung über die ästhetische Praxis unvermeidlich keine mehr.
verstrickt. Der vernunftkritische Weg über die ästhetische Hin- Dieser Satz läßt sich offenkundig in mehrfacher Hinsicht vielfach
tertreppe führt in die Gewölbe der ästhetischen Erfahrung hin- variieren. Vernunft, die nicht moralisch ist; nicht politisch; nicht
ein; nur mit Hilfe korrespondierender und kontrastierender expressiv oder reflexiv oder kommunikativ; nicht habitualisiert
Erinnerungen an das Netzwerk der nichtästhetischen Aneig- und institutionalisiert; nicht negativ und spielerisch...: wäre
nungswege aber kann es gelingen, den Grundriß der ästhetischen noch keine oder nicht recht eine: aber wäre sie nur oder domi-
Siedlungsformen in seinen Besonderheiten zu bestimmen. Wenn nant dies eine - gegenseitige Verpflichtung, Regulation der Inter-
das so ist, dann bewegt sich die Kritik an Fehlkonstruktionen in essen, Taumel der Bekundung, Exzeß der Hinterfragung, Kom-
der Ästhetik als solche bereits auf vernunftkritischen Pfaden, munion der Beteiligten, eine Gewohnheit, ironische Entladung,
ohne dies in jedem ihrer Schritte eigens betonen zu müssen. ein Spiel...: so wäre sie keine oder kaum mehr eine. Diese etwas
Ob das wirklich so ist, muß die spätere Durchführung erweisen. leichtsinnigen Abwandlungen zeigen erneut, daß diese Abhand-
Zunächst einmal gibt die vorgeführte Unterscheidung von Ratio- lung die Erläuterung des Satzes, mit dem sie beginnt, an ganz
nalität und Vernunft die Gelegenheit, die Grundannahme dieser anderen Themen vornehmen könnte als solchen, die der Region
Arbeit auf einen einfachen Nenner zu bringen: Ästhetische Ra- der Ästhetik angehören. Viele Wege der Vernunftkritik führen in
tionalität ist ein konstitutiver Faktor der Vernunft. Was im jenen Kreislauf der korrektiven Konfirmierung der Freiheit, der
folgenden zur Debatte steht und durch dieses Kapitel vorbereitet aus keinem Zentrum zu bestimmen ist, weil er ein Zentrum, eine
wird, ist eine Analyse der ästhetischen Rationalität im Interesse primäre Agentur nicht hat. Arbeit und Spiel einer interrationalen
einer Erörterung des Problems der ästhetischen Vernunft. Wie Urteilskraft sind nur am Ort jeweils einer Reaktions- und Refle-
schon angedeutet, wird es darum gehen zu zeigen, daß die Rede xionsweise zu verfolgen und daran, wie es sie zu anderen Zu-
(und der auch unter anderen Siegeln vermummte Gedanke) von gangsweisen und Verkehrsformen treibt. Auch dann etwa, wenn
ästhetischer Vernunft sinnwidrig, ja vernunftwidrig ist, wenn die Philosophie sich selbst und ihre Verfahren zum Thema
damit etwas anderes gemeint ist als ästhetische Rationalität im macht, bekommt sie Prozeß und Potential der Vernunft nicht als
erläuterten Sinn: also eine partiell konstitutive Funktion eines solche zu fassen. »Die >Sprache der Vernunft< ist keine Sprache
für sich.« Der Diskurs der Philosophie verweist in explikativer ihrer potentiellen Abarten lauert. Insofern ist die Gefahr einer
Manier auf Vollzüge, die nicht selbst in seiner Macht liegen. Und totalitären Dialektik der Aufklärung mit rationalen Mitteln gar
wenn die philosophische Theorie sich daran macht, dem anderen nicht aus der Welt zu schaffen, auch wenn uns Gründe bleiben zu
Wort von Gadamer zu folgen, das besagt, die Sprache selbst sei hoffen, es sei dieser erwürgenden Bewegung vielleicht zu entrin-
die Sprache der Vernunft' - wenn sie sich den rationalen Grund- nen.
lagen von Sprache und Kommunikation zuwendet, so stößt sie Diese Anmerkungen machen nochmals die besondere Veranlas-
wiederum auf Sprachen der Sprache, in welche das Kräftespiel sung deutlich, die dafür besteht, den Prozeß der Vernunftkritik
der Rationalität-im-Singular sich mehrfältig teilt. »So ist die einmal wieder von ästhetischer Seite aufzunehmen. Denn gerade
Vermittlung der Vernunftmomente kein geringeres Problem als auf dem Schauplatz der ästhetischen Theorie ist an Überdehnun-
die Trennung der Rationalitätsaspekte, unter denen Wahrheits-, gen, Karikaturen und fatalen Beschönigungen der korrektiven
Gerechtigkeits- und Geschmacksfragen voneinander differen- Gestalt der Vernunft vielfach und mit Begeisterung gearbeitet
ziert worden sind. Gegen eine empiristische Verkürzung der worden. In gebotener Vereinfachung haben wir es dabei zu tun
Rationalitätsproblematik schützt nur die beharrliche Verfolgung mit den komplementären Konzepten einmal der ästhetischen
jener verschlungenen Pfade, auf denen Wissenschaft, Moral und Restitution einer aus den Fugen geratenen Vernunft und zum
Kunst auch miteinander kommunizieren.«10 anderen der ästhetischen Befreiung aus den Bindungen einer
Explikationen zum Vernunftbegriff müssen notwendigerweise alltagspraktisch verankerten Rationalität. Um gleich ein Mißver-
ansetzen bei Typen der Rationalität-im-Plural. Insofern ist die ständnis zu vermeiden: Diesen kompromißlosen Strategien ent-
Einseitigkeit des Zugangs, den diese Arbeit nimmt, gar nicht stammen meines Erachtens die produktivsten Erkundungen der
vermeidbar; auch eine mehrseitige Betrachtung müßte mehrfach ästhetischen Landschaft seit Kant und Hegel, die sich gegenüber
einseitig ansetzen. Darum empfinde ich die Methodik der »Theo- dieser Alternative noch einigermaßen offen verhalten (obwohl sie
rie des kommunikativen Handelns« von Habermas als durchaus bereits deutlich von ihr beeindruckt sind). Meine drastischen
vorbildlich, auch wenn ich die kommunikative Dreiheit und Verkürzungen sollen im Augenblick nur andeuten, daß diesen
Dreieinigkeit der Vernunft für erzwungen und ihre Konstruktion Denkströmungen mit Kompromissen nicht beizukommen ist,
aus reinen Verständigungsfunktionen für nicht überzeugend wenn es gelingen soll, das Recht, das sie gegeneinander haben,
halte. Ob es nun drei oder vier (oder fünf oder sieben) Grundty- unbefangen zur Geltung zu bringen. Verlangt ist eine Politik der
pen der Rationalität sind, von denen auszugehen ist, in jedem Fall radikalen Vermittlung. Eine Untersuchung zum Begriff der
gilt, daß jeder dieser Typen der Begründbarkeit einen Aspekt der ästhetischen Rationalität, die ausgeht von den Intuitionen, die ich
Vernunft hervortreibt, ohne diese zu dominieren - solange sich in bislang erläutert habe, wird ergiebig nur sein, wenn es ihr mög-
dieser Orientierung Vernunft verkörpert. Rationalismen im pejo- lich ist, auf die rigoristischen Lösungen kritisch zu antworten,
rativen Sinn nämlich sind Formen einer falsch dominierten Ver- gegen die sie die Antwort ihres Vorhabens setzt. Die Kritik der
nunft - und da es einen »höchsten Akt der Vernunft« nicht gibt, ästhetischen Rationalität, zu der ich hier beitragen will, muß
ist jede dieser Überhebungen verkehrt (auch wenn sie ihren nicht nur, sie kann sich auch vollziehen als eine Kritik der
Aufschwung mit den Federn einer Rhetorik der Befreiung ästhetisch dominierten Vernunftkritik.11
schmückt). So gesehen ist irrational - gefährlich irrational - nicht
so sehr der Mangel an Gründen oder das Mangelhafte bestimmter
Gründe, sondern eine Gesamtpraxis, die generell nur einer Art
von Gründen erblindend vertraut. Das mag unwahrscheinlich c) Ästhetisches Verhalten
oder harmlos klingen, führt jedoch auf die ungemütliche Konse-
quenz, daß in jeder der Spielarten der Vernunft zugleich eine Trotz aller Vorübungen und Vorwegnahmen muß es auf den
ersten Blick als verrenkend erscheinen, von der Rationalität des
Ästhetischen soviel Aufhebens zu machen. Sind doch Kunst- Version bereits umfaßt. Denn der gemeinsame Boden sowohl der
werke und ästhetische Gegenstände nicht rational oder irrational, herstellenden als der aufnehmenden Aktivität ist das ästhetisch
sondern schön oder häßlich, gut oder schlecht (gemacht), gelun- wahrnehmende Verhalten. Auch die Rationalität der Produzie-
gen oder nicht. Die an ästhetische Phänomene gewendete Sprache renden erweist sich letztlich an ihrer Fähigkeit, das Gelungene als
sträubt sich dagegen, das gelungene Werk generell als eine Spe- gelungen und das Mißlungene als mißlungen zu erkennen - und
•zies des Rationalen zu verstehen, so wie die gute Handlung, das sich in ihren Konstruktionen und Setzungen schließlich an dieser
geschickte Vorgehen, das brauchbare Instrument und das schla- Frage zu orientieren. Wenn auch der ästhetisch Wahrnehmende
gende Argument unproblematisch als rationale Vollzüge und nicht notwendig ein - im strikten Sinn - Produzierender ist, so ist
Produkte benannt werden können. Vollends schwierig wird es in jedem Fall der ästhetisch Produzierende ein - im striktesten
mit dem nicht erzeugten Schönen; das kalifornische Death Valley Sinn - ästhetisch Wahrnehmender. Zentrales Thema einer Erör-
wird dem reisenden Betrachter als landschaftlich sensationell terung über ästhetische Rationalität ist folglich die Beurteilungs-
oder öde erscheinen, nicht aber als rational oder irrational. Aus weise, die die ästhetische Wahrnehmung immanent leitet, ob
dieser Sackgasse des Unbehagens bietet sich auf den zweiten diese sich nun im tastenden Umgang mit den herzustellenden und
Blick der Ausweg einer rezeptionstheoretisch klingenden Erläu- sich herstellenden Objekten vollzieht oder in der perzeptiven
terung an. Demnach wäre ästhetisch rational nicht das gelungene Begegnung mit Gegenständen, die als ästhetische hergestellt wur-
(oder schöne, erhabene...) Objekt, sondern das wahrnehmende den oder einfach als solche aufgefaßt werden. Auch diejenigen,
Verhalten derjenigen, die es in seiner Gelungenheit erkennen. So die ästhetisch produzierend tätig sind, sind ästhetisch produzie-
gesehen, meint ästhetische Rationalität eine Spielart des (rationa- rend durch die Art, in der sie ihre Produktion wahrnehmend
len) Verhaltens, die sich im Erkennen des Gelungenen und testen und verfolgen, kontrollieren und korrigieren, endlich beja-
Schönen erfüllt. hen oder verwerfen (wobei es gleichgültig ist, in welchem Maß
Obwohl ich diese Festlegung, die natürlich noch keine Erklärung diese Begutachtung ausdrücklich geschieht). Nicht die hand-
gibt, für angemessen halte, ist es doch wichtig, es sich mit ihr werkliche Beherrschung einmal gefundener und entwickelter
nicht leicht zu machen. Wenn wir die gewordenen Objekte der Techniken ist es, in der sich die mögliche Rationalität ästheti-
ästhetischen Erfahrung noch einmal außer acht lassen, dann liegt schen Produzierens beweist, sondern das artifizielle Gespür, mit
es ja durchaus nahe, zunächst die Parallelen zwischen ästheti- dem diese - alten oder neuen - Verfahren aktuell verwendet
schen und nichtästhetischen Artefakten zu betonen. Auch ein werden. Künstlerische Rationalität ist nicht primär technisch
beliebiger nichtästhetischer Gegenstand wird nur insofern »ratio- oder instrumenteil, weil der Sinn und die Funktion eines jeden
nal« sein, als sich in ihm ein planendes oder probierendes Han- Verfahrens sich in jeder seiner Anwendungen immer erst be-
deln verkörpert, das der jeweiligen Beurteilung als rational er- stimmt und stets von neuem gefunden werden muß aus der
scheint. Der rationale Gegenstand ist Resultat eines (erkennbar) Besonderheit des Zusammenhangs, dessen Konstruktionselement
rationalen Handelns. Warum sollte das nicht von ästhetischen es ist. Im Bilden solcher Zusammenhänge, über deren Ausdruck
Artefakten gelten? Muß nicht die ästhetische Rationalität im Sinn und Intensität es zu befinden weiß, liegt das ästhetisch erfindende
einer Logik der Herstellung von Produkten einer bestimmten Art Geschick. Alle poietische Könnerschaft, deren es zur Kunstpro-
verstanden werden, die wir dann »gelungen« nennen, wenn ein duktion bedarf, gründet in einem wahrnehmenden Sensorium für
dermaßen rationales Erfinden sich in ihnen verkörpert? Folglich die Machart ästhetischer Objekte. In diesem, wenn irgendwo,
wäre ästhetische Rationalität eine Spielart des (rationalen) Ver- liegt die Rationalität des ästhetischen Verhaltens - das ist festzu-
haltens, die sich im Herstellen des Gelungenen erfüllt. halten gegen Zweideutigkeiten in Adornos Rede von ästhetischer
Ein vierter Blick macht klar, daß die rezeptionstheoretisch klin- Rationalität.12 Die Annahme einer allgemeinen Logik des ästheti-
gende Formulierung diese produktionstheoretisch klingende schen Herstellens erscheint mir so fragwürdig wie das geschichts-
philosophische Postulat einer Logik der »Rationalisierung« der schließlich geschaffen sein. Kunstwerke, von Sonderfällen wie
ästhetischen Gebilde. Was die ästhetische Praxis konstituiert, ist der Architektur und den zahllosen Grenzfällen zunächst einmal
eine (ihrerseits historisch gewachsene) Logik der Beurteilung der abgesehen, sind (mehr oder weniger einzigartige) Gegenstände,
Gegenstände, die aus ihr zur Wahrnehmung und Beurteilung die uns zur ästhetischen Erfahrung auffordern oder einladen -
kommen. Den entscheidenden Zusammenhang hat Paul Valery und zu nichts anderem. Daher ist der Grundzug des ästhetischen
bündig markiert: »Jeder Dichter wird schließlich soviel taugen, Verhaltens am Beispiel der Kunstwahrnehmung besonders gut
wie er als Kritiker (seiner selbst) getaugt hat.«13 ersichtlich. An den ästhetischen Gegenständen der Kunst wird
Der Hinweis auf ihre gemeinsame Basis braucht die Asymme- paradigmatisch klar, als was das ästhetische Verhalten beliebige
trien zwischen Produktion und Rezeption nicht zu verleugnen. Objekte und Situationen aufnimmt, wenn es sie ästhetisch
»Poiesis und Aisthesis sind inhaltlich nicht komplementär von- nimmt. Wenn also in den späteren Analysen vorrangig von der
einander abhängig: die Tätigkeit des Betrachters, der die Bedeu- Kunstwahrnehmung die Rede sein wird, so liegt das schlicht
tung des vollendeten Werks aus seiner Sicht konkretisiert, setzt daran, daß sich hier der ästhetische Gegenstandsbezug am an-
die Erfahrung weder unmittelbar fort noch voraus, die der schaulichsten und bequemsten herausarbeiten läßt, durch den
Künstler in seiner Arbeit am unvollendeten Werk gewann.«14 sich das ästhetische Verhalten von anderen Verhaltensweisen
Diese von Hans Robert Jauß betonte Differenz verweist auf den zentral unterscheidet. (Das Besondere der kunstbezogenen Ak-
generellen Umstand, daß zwar die ästhetische Produktion Wahr- tionen und Reaktionen wird dabei gelegentlich mitbeleuchtet
nehmungserfahrung voraus- und fortsetzt, nicht jedoch umge- werden).
kehrt Wahrnehmungserfahrung die Erfahrung der Produktion -
Trivialerweise, sollte man denken, wird eine Kennzeichnung
wohl aber Gegenstände und Produkte, die als ästhetisch relevant
dessen, was ästhetischen Wahrnehmungshandlungen gemeinsam
angenommen werden. Was ästhetische Rezeption und Produk-
ist, zu gewinnen sein aus einer Betrachtung ihres Verhältnisses zu
tion zu Grundformen einer - eben der ästhetischen - Praxis
den Gegenständen, an denen sie vollzogen werden. Die Folge-
macht, muß sich daher an der beteiligten Form der Wahrneh-
rung aber, daß allgemeine Aussagen über die ästhetische Wahr-
mung ausmachen lassen. Abgesehen davon, daß ästhetische Pro-
nehmung solche über die Natur des ästhetisch Wahrgenomme-
duktionen peinigend epigonal und ästhetische Wahrnehmungs-
nen werden enthalten müssen, ist in ihren Folgen, was die heutige
akte beklemmend produktiv sein können, ist also die Rationalität
Diskussion betrifft, keineswegs trivial. Das Interesse nämlich, das
des ästhetischen Verhaltens nicht eher in der Produktion, noch
die ästhetische Wahrnehmung motiviert und die Form, in der sie
eher in der Rezeption zu suchen, sondern in der Struktur des
sich vollzieht, sind nur zu beschreiben in Anbetracht dessen, was
wahrnehmenden Umgangs mit Objekten einer bestimmten und
sie an den Gegenständen sucht, die so zur Betrachtung kommen -
zu bestimmenden Art. Insofern ist das ästhetische Verhalten
und zumindest manchmal findet. Mit anderen Worten: Die Beur-
grundlegend ästhetisch.
teilungsweise, mit der wir Gegenständen ästhetisch begegnen, ist
Auf dieser Linie bildet das Tal des Todes keine gesonderte analytisch nicht zu trennen vom Artikulationsmodus dieser Ge-
Gefahr. Die ästhetische Erfahrung mag an Kunstwerken geübt genstände, sofern wir sie als ästhetische verstehen. Ästhetische
und gebildet sein, ist aber keineswegs abhängig vom Gegebensein Gegenstandsstruktur und ästhetische Perzeptionsweise sind in-
ästhetisch designierter und artifiziell organisierter Vorlagen. terdependent: aus dieser wechselseitigen Fundierung von Urteil
Wohl ist das ästhetische Verhalten immer ein Verhalten zu und Gegenstand ist die Eigenart der ästhetischen Wahrnehmung
ästhetisch wahrgenommenen und in diesem Sinn ästhetischen zu verstehen. Auf den fünften und vorerst letzten Blick zeigt sich
(und ästhetisch strukturierten) Phänomenen; aber diese Phäno- somit, daß die rezeptionstheoretisch »klingende« Formulierung
mene, die Gegenstand, Gegenüber und Umgebung des ästheti- zu Beginn dieses Abschnitts nicht auf im engeren Sinn rezep-
schen Verhaltens sind, müssen als solche nicht eigens oder aus- tionsästhetische Gleise führt. Gegenstand der Ästhetik kann
nicht entweder (oder primär) die Aktivität der ästhetischen und ekstatischen Phasen. Als eine Analyse einer verstehenden
Wahrnehmung sein oder (primär) die zeichenhafte Artikuliertheit Leistung aber ist Kants Ästhetik - zumindest in ihrer dominanten
ästhetischer Gegenstände: ihr legitimer Gegenstand ist die Ausrichtung - gewiß nicht angelegt. Der immanent schlüssigen
Grundstruktur der ästhetischen Wahrnehmungssituation als dem Interpretation von Jens Kulenkampff zufolge operiert Kant mit
Schauplatz der erfahrenden Vergegenwärtigung des Gehalts äs- zwei unvermittelten Versionen des ästhetischen Urteils, deren
thetisch verfaßter und erfaßter Gegenstände. »Ästhetische Theo- eines und grundlegendes rein über die Schönheit des Objekts
rie, ernüchtert gegen die apriorische Konstruktion und gewarnt befindet, während das andere, dessen Logik sich in der »Kritik
vor der aufsteigenden Abstraktion, hat zum Schauplatz die Er- der Urteilskraft« kaum expliziert findet, die Option dieser primä-
fahrung des ästhetischen Gegenstands.«1' Der Konstruktion der ren Wertsetzung in »spekulativer Erkenntnis« auslegend füllt.
»Ästhetischen Theorie« Adornos, aus deren früher Einleitung Das eigentliche Geschmacksurteil sagt nichts über seinen Gegen-
dieser Satz stammt, wird diese Arbeit insofern folgen, als ihre stand aus, es bejaht oder verneint lediglich, daß sich hier eine
Analysen zur ästhetischen Wahrnehmung einmünden in die Be- Wahrnehmung lohnt, die sich als ein »kontrolliertes Phantasieren
hauptung, nur als eine von anderen Formen abweichende Form über den Gegenstand« vollzieht. Erst eine zweite und anders
der Rationalität sei das ästhetische Verhalten zu verstehen. geartete Beurteilung macht die Gegenstände, die diese Aktivität
Von dieser Behauptung bin ich bisher in einer Weise ausgegan- wegen ihrer Gelungenheit ermöglichen, zum welthaltigen Expli-
gen, die Parallelen zu Adorno eher unwahrscheinlich hat erschei- kat von Einsichten, die an ihm gewonnen wurden.17
nen lassen. Es bietet sich daher an, die methodische Konsequenz Nicht schon die Unterscheidung von Stufen der eröffnenden und
aus den vorangegangenen Überlegungen im Blick auf Kant und resümierenden, der intuitiven und reflektierten Beurteilung, aber
Adorno kurz zu erläutern. die aus der Notwendigkeit solcher Unterscheidungen gefolgerte
- fundamentale - Diskrepanz von spielerischer und interpretie-
Gegenüber Kants Durchführung der Fragestellung, mit der die
render, gebannter und erkennender Wahrnehmung führt in eine
»Kritik der Urteilskraft« in ihrem ästhetischen Teil einsetzt,
theoretisch unhaltbare Situation. Was aus einer solchen Lösung
ergibt sich eine deutliche Verschiebung des Akzents. Kants Zu-
folgt, ist eine Theorie zweier Formen der Wahrnehmung, die sich
gang habe ich nur wiederholt, als ich gesagt habe, es liege der Sinn
in zwei distinkten Möglichkeiten der Beurteilung repräsentieren.
des ästhetischen Verhaltens in einem Vermögen der wahrneh-
Zwischen beiden aber herrscht eine absurde Arbeitsteilung. Das
menden Beurteilung des Gelungenen und Schönen.16 Auch die
primäre Werturteil hat kein inhaltliches Gewicht, die zuschrei-
Analysen zum Begriff der ästhetischen Rationalität laufen zu auf
bend gewichtende Deutung dagegen kann über den rein ästheti-
eine Analyse der Form der Frage nach ästhetischer Qualität, die
schen Wert ihres Gegenstandes nichts mehr entscheiden. Mit
im Prozedere der ästhetischen Wahrnehmung leitend ist; diese
dieser Aufteilung zwischen rein ästhetischer und intellektuell
Explikation des ästhetischen Interesses aber führt über die Frage
auslegender Wahrnehmung und Wertung ist jede Möglichkeit
nach der semiotischen Verfassung ästhetischer Gegenstände. Um
verstellt, den ästhetisch konstitutiven Gegenstandsbezug zu er-
die beiden Fragen nach Interesse und Gegenstand der ästheti-
hellen, der doch wohl spielende wie deutende Einlassung glei-
schen Wahrnehmung schlüssig zu beantworten, ist drittens eine
chermaßen trägt. An dieser Frage erweist sich die Unschlüssig-
Analyse der Form der Antwort nötig, mit der das Geschehen der
keit eines Modells zweier trennbarer Phasen oder Ebenen. Denn
ästhetischen Wahrnehmung durch die interpretativ begründbare
bereits die erste, die animativ-ankündigende Stellungnahme muß
Bewertung ihres Gegenstandes explikativ resümiert werden
sich auf den Vollzug »kontrollierter Phantasien« berufen, die der
kann. Die Analyse des ästhetischen Urteils verweist auf eine
betreffende Gegenstand in seiner Beschaffenheit ermöglicht; nur
Theorie der ästhetischen Bedeutung und umgekehrt. Die ästheti-
wegen dieses zweckfrei gegenstandsbezogenen Gefallens kann
sche Wahrnehmung ist als ein Verstehen ästhetischer Objekte zu
das ästhetische Ansinnen auf die Zustimmung anderer einen
verstehen - und dies auch in ihren elementaren, unaufgeregten
dezidierten Anspruch machen. Die Probe auf diesen Eindruck des ästhetisch verstehenden Geschmacks zugleich Urteile des
aber ist die interpretative Beschreibung, die eine ausführende - »Verstandes« sind und der »Vernunft« - solange, wie gesagt, der
und oft eindringende - Verständigung über Qualität und Gehalt: Verstand bei diesem Geschäft nicht die Vernunft und diese nicht
nämlich über Qualität weil Gehalt und Gehalt weil Qualität den Verstand verliert in dem Glauben, es sei der ästhetischen
ermöglicht. Die kritisch-aktualisierende Interpretation (und von Orientierung der allein existenzleitende Rang zu gewähren. Es
solchen Deutungen muß hier die Rede sein) leistet eine berei- wird darauf ankommen, in der »Kunst« der Kritik, wie Kant sich
chernde Explikation des unmittelbar-spontanen Wahrnehmens, ausdrückt, die rationale »Denkungsart« des ästhetischen Verhal-
die ihrerseits mit jeder erneuten Konfrontation einer korrigieren- tens zu entdecken.'8
den oder bereichernden Ergänzung offen steht. Nicht steht der Auf dem Kredit dieser Vermutungen und Versprechen will ich
formal ergriffenen die deutend eingreifende Zuwendung prinzi- versuchen, mit Kant gegen Kant und mit Kant gegen Erneuerun-
piell gegenüber; die ästhetische Wahrnehmung: das Verstehen gen, die Kant in jüngster Zeit erfahren hat, die Verfahrensweise
der Bedeutung ästhetischer Gegenstände vollzieht sich zwischen der ästhetischen Kritik erneut zum Herzstück einer Analyse der
den Polen einer rezeptiv-spontanen und reflexiv-experimentie- ästhetischen Wahrnehmung und Erfahrung zu machen.1' Das
renden Einlassung, aus deren Spannung die ästhetische Erfahrung wird nicht bedeuten, die ästhetische Praxis auf das Niederschrei-
ihre Energien bezieht. ben von Kunstkritiken zu reduzieren; gegen derlei Absurditäten
Der Kantische Dualismus von reinem und intellektuiertem Inter- ist das umrissene Vorhaben gewappnet, weil es von vorneherein
esse am Schönen bietet daher keine Lösung, er ist vielmehr der darauf eingestellt ist, ästhetisches Explikat und kritische Explika-
Ausdruck des Scheiterns seiner Bemühung um eine Analyse der tion, unmittelbare und vermittelnde Wahrnehmung, Urteil und
ästhetischen Erfahrung in Form einer Analyse des ästhetischen Deutung, das Ästhetische und das ästhetisch Gelungene, Ge-
Urteils. Im Entweder-Oder von reiner Zusage und deutender machtes und Gewordenes (und was dergleichen mehr ist) nicht
Aussage, zeigendem Hinweis und sagendem Aufweis ist die miteinander zu identifizieren. Es gilt, die bewährten Differenzie-
Autonomie der ästhetischen Zugangsweise und ist der Sinn des rungen zu bewahren, ohne den falschen Entzweiungen zu erlie-
Geltungsanspruchs ästhetischer Urteile, in denen das ästhetische gen. Das ist der alte Vorsatz dialektischer Gelassenheit - sofern
Verhalten sich orientiert, gerade im Verhältnis zu moralischen Dialektik verstanden werden darf als die Kunst des unterschei-
und privaten Orientierungen nicht zu bestimmen. Mit nachträgli- denden Zusammendenkens zugehöriger Momente, die ineinan-
chen Korrekturen - wie sie sich in der »Deduktion« und zumal der nicht aufgehen.
der »Dialektik der ästhetischen Urteilskraft« finden - ließ und Entgegen mancher Deutungen und Selbstdeutungen führt Ador-
läßt sich die gemeinsame Kernstruktur der ästhetischen Verhal- nos dialektische Ästhetik eine Theorie der Interdependenz von
tensweisen nicht wieder gewinnen. Verfehlt freilich war nicht die Gegenstandsstruktur und Beurteilungsart im Bereich der ästheti-
Konzeption einer Bestimmung der ästhetischen Wahrnehmung schen Erfahrung konsequent durch. Abgesehen davon, daß das
aus den Verfahren der in ihr wirksamen Kritik, verfehlt war zentrale Paradigma des Naturschönen den Rahmen einer Pro-
lediglich die in der Durchführung leitende Weigerung Kants, das duktionsästhetik ohnehin sprengt, erweist sich Adornos Behaup-
ästhetische Urteil zu verstehen als Eröffnungsschritt, vorläufigen tung eines »Vorrang(s) der Produktion vor der Rezeption« als
Endpunkt oder beiläufige Zwischenstation einer stets möglichen eine eher polemisch veranlaßte Invektive, die den methodischen
Kritik, die argumentativ bestritten und beglaubigt werden kann. Zugriff der »Ästhetischen Theorie« durchaus irreführend charak-
Eine Analyse dieser Kritik, wie ich sie später durchführen werde, terisiert.20 Deren zentrales Thema nämlich ist die Möglichkeit zu
wird sich wiederum auf Kants Hinweise zum exemplarischen erkennen, was Kunstwerke zu erkennen geben. Ästhetische
und vergegenwärtigenden Charakter der ästhetischen Beurtei- Wahrnehmung vollzieht und erfüllt sich in einem anschmiegen-
lung stützen können. Aber sie wird behaupten, daß die Urteile den Entdecken von Gehalten, die sich auftun an Gegenständen,
die als gelungen erscheinen, wenn sie Wahrheit und Volumen der und auf die Leuchtkraft ästhetischer Objekte verwiesenen Refle-
deutenden Gedanken, aus deren Zuspruch sie erfahrend erschlos- xion. Nur die philosophisch - antiinstrumentell - instrumentierte
sen werden, in konfigurativer Intensität zum Ausdruck bringen, Erfahrung wird den ästhetischen Gebilden gerecht, weil sie in
wie es die diskursiv beschneidende Rede selbst nicht vermag diesen die hermetischen Paradigmen einer unverzerrten Erkennt-
(z.B. 190f., 193f.). »Verstehen ist eins mit Kritik« (391): einer nis erkennt, die ihre Gegenstände nicht blind identifiziert, son-
Kritik, die nicht das ästhetische Objekt auf den Leisten von dern sich mit deren »Nichtidentischem« »identifiziert« (202).
Gedanken zieht, die sie für die Bedeutung der Werke hält und Um als Keimzellen einer alternativen Verhaltensweise der Men-
diese für gelungen, weil den Gedanken für wahr; eine Kritik schen untereinander und zur Natur (die sie selbst sind) wirksam
vielmehr, die die Wahrheit von Gedanken und Charakterisierun- zu werden, bedürfen die Kunstwerke (die ihrerseits »Nachah-
gen, die formulierbar werden durch die Erfahrung eines Werks, mungen« sind der »Spur des Nichtidentischen«, die am Natur-
an dem sich ihr Sinn und ihre Stringenz hervorragend erweist, schönen erscheint 111/114) durchaus der begrifflichen Designa-
zum Kriterium erhebt für dessen Gelungenheit, die nun zugleich tion, die das einzelne Werk »als Komplexion von Wahrheit«
für die emphatische Wahrheit der Einsichten bürgt, die an ihm - (391) lebendig und erfahrbar macht. Erst die Funken einer be-
nicht räsonnierend, sondern schockhaft (131, 279, 363) - gewon- grifflichen Deutung bringen die Sprengkraft der gelungenen
nen wurden. »Verstanden werden Kunstwerke erst, wo ihre Konstruktion zur Entladung. Daher bedürfen die Kunstwerke,
Erfahrung die Alternative wahr oder unwahr erreicht oder, als »um erfahren zu werden, des wie immer rudimentären Gedan-
deren Vorstufe, die von richtig und falsch. Kritik tritt nicht kens und, weil dieser nicht sich sistieren läßt, eigentlich der
äußerlich zur ästhetischen Erfahrung zu, sondern ist ihr imma- Philosophie als des denkenden Verhaltens, das nicht nach arbeits-
nent.« (515) teiligen Verordnungen abbricht.« (520) »Genuine ästhetische Er-
Eine Theorie dieser Kritik aber, ihres besonderen Zugangs, ihres fahrung muß Philosophie werden oder sie ist überhaupt nicht«
eigensinnigen Potentials der Erweisung, kann die »Ästhetische (197) - genuine Philosophie aber muß danach trachten, ästheti-
Theorie« paradoxerweise nicht bieten - weil Adorno der Mei- sche Reflexion zu werden, oder ihre Bemühung war umsonst.
nung ist, diese durch seine bisherige Philosophie im wesentlichen Der Zusammenhang von ästhetischem Gegenstand und ästheti-
bereits geboten zu haben. In ihren Ausführungen zur ästheti- scher Kritik wird von Adorno stilisiert zur utopisch-residualen
schen Erkenntnis: zum Erkennen der Erkenntnis, die Kunst »ist« Bedingung der Möglichkeit einer untrügerischen Erkenntnis.
(190) vermöge der Wahrheit, auf die sie »geht« (419), zehrt die Unterm Bann der verpaßten Befreiung lebt allein in der ästheti-
»Ästhetische Theorie« von den Positionen der zuvor geschriebe- schen Erfahrung noch eine Ahnung authentischer Erfahrung.
nen »Negativen Dialektik«, die ihrerseits die Prämissen und Und rätselhaft bleibt, ob deren »Verheißung« nicht »Täuschung«
Konklusionen der zusammen mit Horkheimer verfaßten »Dia- ist (193).22
lektik der Aufklärung« erkenntniskritisch ratifiziert. Erst die
»Ästhetische Theorie« freilich macht die radikale Probe auf die
Aussichten der programmatischen »Anstrengung, über den Be- d) Das antinomische Modell
griff durch den Begriff hinauszugelang en.«21 In diesem Pro-
gramm gibt es für das Spezifische der ästhetischen Kritik nicht Wenn die vorangehenden Betrachtungen nicht ihrerseits geblen-
länger einen spezifischen Ort. Denn das philosophische, sprich: det sind, lastet noch auf der neueren Ästhetik der Fluch der
negativ-dialektische, eigentliche Erkennen, »der Gedanke, der ewigen Wiederkehr einer Antinomie des Geschmacks ähnlich
sich nicht abbremsen läßt« (391), wird nun selbst zum Inbegriff derjenigen, die Kant am Ende der »Kritik der ästhetischen Ur-
der ästhetischen Reflexion. Kritische Theorie und theoretische teilskraft« konstruiert, um ihr eine salomonische Lösung zu
Kritik werden zur ästhetischen, am ästhetischen Objekt geübten geben. Wenn ästhetische Urteile begründbar sind, so scheint es,
sind es keine ästhetischen Urteile mehr, die so begründet werden; nitive Kriterien und deduktive Folgerungsverfahren nicht letzt-
wenn sie aber nicht begründet werden können, scheint die Inter- lich entscheidend sind, so unterstellt Kant, ist eine Argumenta-
subjektivität der ästhetischen Wahrnehmung unerklärbar zu wer- tion nicht möglich. Die sinnvolle Auseinandersetzung in ästheti-
den, aus der die Form des Austauschs ästhetischer Urteile allein schen Fragen schließt die Möglichkeit von Beweisen nicht ein.
verständlich ist. Die beiden alternativen Explikationsversuche Die Verteidigung dieser Behauptung ist es, die in das dialektisch
stellen den ästhetischen Gegenstandsbezug in ein extremes Licht. zu lösende Dilemma führt. Denn auch die positive Formulierung
Der erste stilisiert das ästhetische Objekt zum privilegierten des scheinbar vermittelnden Grundsatzes (genauer gesagt: die
Gegenstand eines - nicht selten zugleich theoretischen und mora- thetische Formulierung der Auslegung, die Kant dem »non est
lischen - Erkennens, die zweite dagegen reduziert es auf den disputandum« gegeben hat) steht noch immer im direkten Ge-
Gegenstand eines allein relational bestimmbaren Gefallens; im gensatz zu jenem ersten »Gemeinort«, der sagt, ein jeder habe
ersten Fall geraten die ästhetischen Argumente zu den besten seinen eigenen Geschmack. Die Behauptung, daß über den Ge-
aller möglichen Gründe, im zweiten dagegen sind keine Gründe schmack sich streiten (obgleich nicht disputieren) läßt, mag zwar
mehr sichtbar, die einen anderen dazu bewegen könnten, die differenzierter sein als die unvermittelte Gegenthese - um so
Wertschätzung eines ästhetischen Gegenstands aus nichtkontin- weniger aber scheint eine plausible Erläuterung in Sicht. »Denn
genten Gründen zu übernehmen. Jeder Versuch, den besonderen worüber es erlaubt sein soll zu streiten, da muß Hoffnung sein,
Geltungssinn ästhetischer Werturteile zu erläutern, so scheint es, untereinander überein zu kommen; mithin muß man auf Gründe
muß von Annahmen Gebrauch machen, die diesen Eigensinn des Urteils, die nicht bloß Privatgültigkeit haben und also nicht
gerade bestreiten. bloß subjektiv sind, rechnen können.« Auch ein »Streit« muß
Das ist die Antinomie, die Kant im Paragraphen 56 der »Kritik geführt werden - und wie sollte er geführt werden, wenn nicht
der Urteilskraft« formuliert, um sie daraufhin dialektisch zu mit Gründen? An dieser Frage gerät die Verteidigung eines
entschärfen - und es ist diese Antinomie, die Kants Lösung als Geltungsanspruchs ästhetischer Urteile in die »Antinomie des
Problem hinterläßt. Nach Kants Darstellung entsteht der Schein Geschmacks«. Zwei konträre Behauptungen erscheinen gleicher-
einer Antinomie bei dem Versuch, den platten (und spätestens maßen unabweisbar. »Das Geschmacksurteil gründet sich nicht
seit §§ 31 ff. als unhaltbar erkannten) Gegensatz der Positionen auf Begriffen; denn sonst ließe sich darüber disputieren (durch
»ein jeder hat seinen eigenen Geschmack« und »de gustibus est Beweise entscheiden)«: »Das Geschmacksurteil gründet sich auf
disputandum« zu überwinden. Die Schwierigkeit entsteht gerade Begriffen; denn sonst ließe sich, ungeachtet der Verschiedenheit
dann, wenn dem ersten Satz nicht die blinde Negation, sondern desselben, darüber auch nicht einmal streiten (auf die notwendige
der wohlvertraute »Gemeinort« gegenübergestellt wird, der da Übereinstimmung anderer mit diesem Urteile Anspruch ma-
lautet »de gustibus non est disputandum«: und man diesen neuen chen).« Ästhetische Urteile können sich nicht auf objektive Kri-
Gegen-Satz so versteht, daß er besagt, daß über das Geschmacks- terien stützen, sie müssen sich aber auf Kriterien stützen, um auf
urteil »selbst durch Beweise nichts entschieden werden, obgleich intersubjektive Gültigkeit Anspruch zu machen.
darüber gar wohl und mit Recht gestritten werden kann. Denn Die Auflösung, die Kant im folgenden § 57 gibt, besteht in dem
Streiten und Disputieren sind zwar darin einerlei, daß sie durch Nachweis einer Doppeldeutigkeit der nur scheinbar gleichbedeu-
wechselseitigen Widerstand der Urteile Einhelligkeit derselben tend verwendeten Ausdrücke »Begriff« bzw. »Kriterium«. »Auf
hervorzubringen suchen, darin aber verschieden, daß das letztere irgend einen Begriff muß sich das Geschmacksurteil beziehen«;
dieses nach bestimmten Begriffen als Beweisgründen zu bewir- »aber aus einem Begriffe darf es darum eben nicht erweislich sein,
ken hofft, mithin objektive B e g r i f f e als Gründe des Urteils weil ein Begriff entweder bestimmbar, oder auch an sich unbe-
annimmt. Wo dieses aber als untunlich betrachtet wird, da wird stimmt und zugleich unbestimmbar, sein kann.« Auf einen sol-
das Disputieren eben sowohl als untunlich beurteilt«.23 Wo defi- chen notwendig unbestimmten Begriff ist das ästhetische Urteil
notwendig bezogen - bestimmte (und das heißt: beschreibende) ges der höchsten Kultur mit der Kraft und Richtigkeit der ihren
Begriffe dagegen können niemals als »Beweisgründe« der ästheti- eigenen Wert fühlenden freien Natur in einem und demselben
schen Einschätzung dienen. Der »unbestimmte Vernunftbegriff« Volke zu machen im Stande sein möchte.« (§ 60)
nun, der im Unterschied zu den bestimmenden »Verstandesbe- So vertraut oder verblüffend, suggestiv oder dubios Kants Aus-
griffen« den ästhetisch-normativen Anspruch trägt, ist derjenige weg aus der Antinomie in vereinfachter Raffung auch erscheinen
eines »übersinnlichen Substrats der Menschheit«. Damit meint mag - er steht auf wackligen Pfeilern. Denn noch immer wissen
Kant die allen Menschen gemeinsame Fähigkeit, die Wirklichkeit wir nicht, wie es möglich ist, einen ästhetischen Streit zu führen
ihres Handelns autonom zu bestimmen. Diese Veranlagung zur im Unterschied zur wechselweisen und defensiven Berufung auf
Freiheit kann zwar nicht begrifflich demonstriert oder gar im den je eigenen Geschmack. Das Terrain ästhetischer Auseinan-
Reichtum ihrer Möglichkeiten exponiert werden. Aber sie kann dersetzungen vermag Kant nicht zu durchmessen, weil er (gerade
ästhetisch erinnert werden: und auf die Aktualität solchen Einge- in den Antinomieparagraphen) im Spagat zwischen reiner Wer-
denkens, nicht auf Meinungen und Regeln stützt sich der An- tung und unabhängig hinzukommender Auslegung verharrt -
spruch ästhetischer Urteile. Die ästhetische Erfahrung ist eine soweit er diese Spannung nicht (wie besonders in § 59) durch die
durch den schönen Gegenstand ermöglichte Stimmung der Be- ihrerseits fragwürdige Gleichsetzung des Intelligiblen mit dem
stimmbarkeit, die sich erhält im spielerisch wahrnehmenden Ver- »Sittlichguten« abzumildern sucht. Kants Bewältigung der Anti-
weilen an diesem Gegenstand, dessen ästhetische Qualität durch nomie gibt keine Antwort auf die entscheidende Frage, die in ihr
eine seiner Bestimmungen nicht adäquat zu benennen ist. Die Dilemma führt; seine Auflösung zieht einen teils erhellenden,
Funktion des Austauschs ästhetischer Einschätzungen liegt nach teils verdunkelnden Horizont um eine solche Antwort, deren
Kant darin, daß die Wahrnehmenden sich ihres gemeinsamen Position sie andeutet, ohne diese Position selbst besetzen zu
Sensoriums für die Möglichkeiten einer den Menschen »angemes- können. Eine solche Antwort müßte Auskunft geben können
senen Glückseligkeit« oder, wie es in der ersten Auflage heißt, über das Verhältnis der den ästhetischen Gegenstand charakteri-
»angemessenen Geselligkeit« (§ 60) im kommunikativen Umgang sierenden Aussagen zu jenem Bestimmungsgrund, auf den wir
zwanglos und doch streitbar vergewissern. Soweit es sich um uns in ästhetischer Einstellung letztlich beziehen. Wie geht diese
reine Gelungenheitswertungen handelt, wird sich diese Verstän- Bezugnahme vor sich? Woher weiß ich, daß ein gegebenes Ob-
digung vollziehen, ohne in eine Erörterung über den Stand der jekt die Bedingung meines freien Betrachtens ist und nicht allein
weltlichen Dinge zu münden oder Annahmen dieser Art zu meine private Vorliebe es ist, aus der dieses Objekt mir gefällt?
bemühen. Denn nicht auf Erkenntnis fußt und zielt die ästheti- Lassen sich Stimmungen, lassen sich Erfahrungen ansinnen? Ist
sche Wahrnehmung und Beurteilung, sondern auf Aktualität und die Basis der ästhetischen Zumutung tatsächlich eine rein anthro-
Aktualisierbarkeit eines »Lebensgefühls« (§ 1) davon, was men- pologische? Liegt nicht in den starren Begriffen des Grundes, des
schenmöglich ist, unabhängig davon, was als gegenwärtige Men- Beweises, der Folgerung und des Argumentierens ebenfalls eine
schenwirklichkeit zu bestimmen, zu fordern und zu erreichen ist. Quelle unerkannter Äquivokationen?
Selbst eine in der »Entwickelung sittlicher Ideen und (der) Kultur
des moralischen Gefühls« weit fortgeschrittene Gesellschaft Solange diese und weitere Fragen nicht beantwortet sind, steht
würde die Notwendigkeit der kommunikativen Vergegenwärti- die Auflösung der Geschmacksantinomie im Verdacht einer
gung ästhetisch-gelungener »Muster« eines »allgemeinen Men- scheinhaften Operation. Daß die zentrale Frage des §56 der
schensinns« keinesfalls entbehrlich machen: Weil »ein späteres »Kritik der Urteilskraft« richtig gestellt, aber noch unzureichend
Zeitalter (...) der Natur immer weniger nahe sein wird, und sich beantwortet ist, davon geht die Beunruhigung der Frage nach der
zuletzt, ohne bleibende Beispiele von ihr zu haben, kaum einen Rationalität des Ästhetischen aus. Daß nur eine Analyse der
Begriff von der glücklichen Vereinigung des gesetzlichen Zwan- ästhetischen Rationalität hier weitergehende Aufklärung errei-
chen kann, zeigt sich negativ daran, was geschieht, wenn die
antinomische Problemstellung theoretisch übergangen wird. Die dend und entfesselnd erhalten. Bekannte Entzugstheoretiker sind
/ »Kritik der Urteilskraft« wird zum ersten Stammbuch einer Nietzsche, Valery, Bataille, neuerdings Iser und Bubner - und
antinomischen Ästhetik. Ästhetiken nämlich, die so tun, als habe der Kant zumindest der »Analytik« der ästhetischen Urteilskraft,
Kant das Problem gelöst, werden eine spezifische Rationalität der rigoros auf der Unbestimmbarkeit der ästhetischen Gefal-
des ästhetischen Verhaltens bestreiten. Ästhetiken dagegen, die lensmomente besteht.
unterstellen, das Problem sei auf einer (wie immer entfernt) Meine Gegenüberstellung macht erstens deutlich, daß es sich bei
kantischen Linie nicht zu lösen, werden gegen die Besonderheit den alternativen Theorien um komplementäre Strategien handelt.
einer ästhetischen Fraktion der Rationalität opponieren; entzugs- Beide verstehen den Eigensinn der ästhetischen Praxis als gegen- -"
theoretische oder überbietungstheoretische Konsequenzen sind sinnig, ja gegengesetzlich, antinomisch also, zur Konzeption und
die Folge. Das Ästhetische wird zum Anderen der Vernunft: sei Wirklichkeit einer pluralen Rationalität. Die fundamentalistische —
es gegen ihr Gesetz, sei es, gegen eine verkehrte Rationalität, auf und die puristische Strategie resultieren gleichermaßen aus einer
ihr eigentliches Gesetz gerichtet. Flucht vor der Fragestellung der von Kant identifizierten Antino-
Uberbietungsästhetisch nenne ich Theorien, die eine spezifische mie. Zweitens aber macht schon meine Angabe von Namen klar,
Rationalität des ästhetischen Verhaltens bestreiten im Namen daß an eine säuberliche Aufteilung des Modells und seiner Frak-
eines integralen Konzepts von Wahrheit und Erkenntnis, für das tionen auf die genannten - und auf weitere - Autoren nicht
die gelungenen Kunstwerke unverzichtbare Instanzen sind. Eine möglich ist. Oft genug wird der Konflikt zwischen puristischen
besondere, von anderen Beurteilungsmodi abgehobene Logik der und kognitivistischen Antworten innerhalb einer Theorie ausge-
ästhetischen Beurteilung kann es demnach nicht geben, weil die tragen - so gewiß bei Kant, Nietzsche, Valery und Adorno.
ästhetische Erfahrung ein herausragender - wenn nicht der her- Ebenso evident ist der Fundus von Dissensen und Ignoranzen
ausragende - Modus des (emphatischen) Erkennens ist. Die innerhalb der alternativen Lager. Offenkundig gibt es Verwandt-
j bekanntesten Überbietungstheoretiker sind Heidegger, Adorno schaften und Anleihen, die über die Grenzen der Grundpositio-
< und Gadamer - neben dem frühen Schelling und dem jungen nen hinweg lebendig und fruchtbar sind und die den konträren
" Hegel (der in späteren Jahren ein geläuterter Überbietungsästhe- Zuschnitt der so vermittelten Theorien oft vergessen und an
tiker geworden ist, dessen Ästhetik nichtsdestotrotz den Charak- Detailfragen auch verschwinden lassen - man denke an Heideg-
ter einer - wenn auch degradierten - Überbietungstheorie be- ger und Bataille, Valery und Adorno, an die Negativität Adornos
hält). und diejenige Isers, an Gadamer und die »anhängende Schön-
Entzugsästhetisch nenne ich Theorien, die eine spezifische Ratio- heit«, an den Kult der Offenbarung bei Heidegger und Nietz-
nalität des ästhetischen Verhaltens bestreiten im Namen eines sche. Nicht selten ist eine emphatische Entzugstheorie von einer
exklusiven Konzepts der reinen Reflexion bzw. sprachlosen In- radikalen Überbietungstheorie in entscheidenden Passagen nur
tensität, worin sich die ästhetische Wahrnehmung verliert, indem anhand des äußerlich wirkenden Kriteriums zu unterscheiden,
sie sich freispielt aus den Bedeutungen und Begriffen eines kogni- inwiefern sie sich zentral auf die in der ästhetischen Erfahrung
tiven Weltverständnisses. Gelungen, schön, erhaben sind alle sich öffnende Wahrheit beruft. Zwischen dem ästhetisch gestei-
Gegenstände, die eine solche Erfahrung ermöglichen oder provo- gerten Sein und dem ästhetisch gesteigerten (Sein als) Verstehen
zieren. Eine besondere, von anderen Begründungsweisen abge- liegt dann nur ein minimaler Schritt; ob das Eigentliche den
hobene Logik der ästhetischen Argumentation kann es demnach Namen der erreichten Souveränität oder der gelichteten Wahrheit
nicht geben, weil eine solche Ergründung die ästhetischen Ge- trägt, wird zu einer - fast - gleichgültigen Differenz. Und
genstände auf Träger umgrenzter Bedeutungen reduzieren und schließlich gibt es Autoren wie Schopenhauer und den frühen
damit ihren scheindichten Glanz verleugnen würde, den sie als Lukäcs, die eine puristische Überbietungstheorie zu bieten haben
Medien der ästhetisch gebannten Wahrnehmungspräsenz entbin- und daher den ganzen Problemkrieg, den ich hier wieder ent-
zünde, vielleicht vor langer Zeit auf synthetischem Wege einge- vanzen des geschichtlichen Lebens entzieht. »Was eigenbedeut-
stellt haben.24 sam statt fremdbedeutsam ist, will den Bezug auf das, woher sich
Der Sackgasse eines synthetisierenden Auswegs wird im nächsten seine Bedeutung bestimmen ließe, überhaupt abschneiden. Kann
Abschnitt zu folgen sein. Für den Augenblick sei festgehalten, ein solcher Begriff eine tragfähige Grundlage für die Ästhetik
daß es bei der Auszeichnung des »antinomischen Modells« nicht hergeben? Kann man den Begriff >Eigenbedeutsamkeit< über- -
darum geht, ein neuartiges Einteilungsmanual für ästhetische haupt von einer Wahrnehmung gebrauchen? Muß man nicht dem
Theorien zu propagieren, sondern um die Markierung eines Begriff des ästhetischen >Erlebnisses< auch zubilligen, was dem
Problems, das sich aus der Problemlage bei Kant ergibt. Die Wahrnehmen zukommt, daß es Wahres vernimmt, also auf Er-
Grobianismen der Vorstellung dieser antinomischen Konstella- kenntnis bezogen bleibt?« (85) - »Es gilt daher, dem Schönen
tion wird erst der spätere Verlauf dieser Arbeit mildern und und der Kunst gegenüber einen Standpunkt zu gewinnen, der
hoffentlich rechtfertigen können. Bezüglich einer bekannten und nicht Unmittelbarkeit prätendiert, sondern der geschichtlichen
noch andauernden Kontroverse möchte ich die Relevanz der Wirklichkeit des Menschen entspricht. Die Berufung auf die
angesprochenen Schwierigkeiten zunächst kommentierend bele- Unmittelbarkeit, auf das Geniale des Augenblicks, auf die Bedeu-
gen. tung des >Erlebnisses< kann vor dem Anspruch der menschlichen
Existenz auf Kontinuität und Einheit nicht bestehen. Die Erfah-
Der Weg zu überbietungstheoretischen Konklusionen ist höchst rung der Kunst darf nicht in die Unverbindlichkeit des ästheti-
einsichtig - und im Vergleich etwa zu Adorno auf eine durchaus schen Bewußtseins abgedrängt werden. Diese negative Einsicht
verhaltene Weise - gewiesen in den kunsttheoretischen Eröff- bedeutet positiv: Kunst ist Erkenntnis und die Erfahrung der
nungspassagen von Gadamers »Wahrheit und Methode«. Gada- Kunst macht dieser teilhaftig.« (94)
mers Untersuchungen zur Substanz der hermeneutischen Erfah- Nicht schon in der Rede von ästhetischer Erkenntnis liegt die
rung setzen ein »mit einer Kritik des ästhetischen Bewußtseins überbietungstheoretische Folgerung. Diese liegt in der unqualifi-
(...), um die Erfahrung von Wahrheit, die uns durch das Kunst- zierten Gleichsetzung von Kunst und Erkenntnis, die dem
werk zuteil wird, gegen die ästhetische Theorie zu verteidigen, Kunstwerk im nächsten Schritt eine »überlegene Wahrheit« zu-
- die sich vom Wahrheitsbegriff der Wissenschaft beengen läßt.« 2 ' spricht (107, vgl. 445), deren Gewicht es gegen die Grenzen eines
Gadamer rekonstruiert Genese und Grundannahmen der puristi- (in Grenzen sinnvollen) methodisch-instrumentellen Denkens zu
schen Auffassung der ästhetischen Autonomie, um den Nachweis rehabilitieren gelte. An der Erfahrung der Kunst kommt das
zu führen, daß »gerade die Erkenntnis der Begrifflosigkeit des Gemeinsame der Erfahrungsweisen zu Bewußtsein, in denen sich
Geschmacks« bei Kant selbst »über eine Ästhetik des bloßen eine Wahrheit »kundtut«, die die Erkenntnismöglichkeiten der
Geschmacks« hinausführt (46). »Der Begriff des >reinen ästheti- Wissenschaften fundierend übersteigt (xxvm). Folglich darf das
schen Geschmacksurteils< ist eine methodische Abstraktion« auf ästhetische Phänomene gewendete Verstehen nicht länger als
(41), die nicht mit einer grundlegenden Analyse der Essenz Besonderheit einer ästhetischen Einstellung verstanden werden;
ästhetischer Erfahrung verwechselt werden darf. Denn »das es wird zum paradigmatischen Anlaß einer Reflexion auf, die
bloße Sehen, das bloße Hören sind dogmatische Abstraktionen, Bedingungen des Verstehens überhaupt. Aus der antipuristischen
die die Phänomene künstlich reduzieren. Wahrnehmung umfaßt »Nichtunterscheidung« ( i n ) von Gelungenheit und Bedeutsam-
immer Bedeutung.« (87) Gadamer wendet sich gegen die (nicht keit folgt für Gadamer die Notwendigkeit einer »Transzendie-
selten aus Kant gezogene) entzugstheoretische Konsequenz, die rung der ästhetischen Dimension« (so die Überschrift des ersten
ästhetische Erfahrung aus einer prinzipiellen Distanz oder Oppo- Kapitels). »Um der Kunst gerecht zu werden, muß die Ästhetik
sition zur Wirklichkeitserfahrung zu denken, die sich in »eigen- über sich selbst hinausgehen und die >Reinheit< des Ästhetischen
bedeutsamer« (Hamann) Faszination den Bedeutungen und Rele- preisgeben.« (88)
Ob nun im Namen der Kontinuität des Überlieferungsgesche- nieren will, muß man auf das gegen Wahrheit widerständige
hens oder der Notwendigkeit einer Sprengung des historischen Moment in ihr blicken.« (69) Daher beruft sich Bubner eindring-
Kontinuums: stets sind es Formulierungen dieser Art, die das lich auf den Kant der »reinen Reflexion« und ergänzt die Bestim-
überbietungsästhetische Credo liefern.26 Natürlich ist ihr Vor- mungen aus dem Anfang der Kritik der Urteilskraft durch den
schlag gewollt paradox. Die zuvor und ansonsten im Namen der Begriff des Scheins, der auf der Gegenstandsseite das benennt,
ästhetischen Erfahrung und ihrer Gegenstände kritisierte Rein- was als Leistung der ästhetischen Wahrnehmungstätigkeit zu
heitslehre wird auf einmal mit der Ästhetik und dem Begriff des verstehen ist. Dieser rezeptive Vollzug, nicht die Struktur und
Ästhetischen überhaupt identifiziert und das umstrittene Gebiet Bedeutung der Gegenstände, an denen er sich entzündet und
dem zerzausten Gegner freiwillig überlassen. Aber nur zum verlierend erfüllt, ist das Thema der Ästhetik. Das ästhetische >
Schein: um gleich darauf vereinnahmt zu werden von einer Objekt ist nur die Matrix eines betrachtend erzeugten Scheins, •
totalitären Bewegung. Der zurecht kritisierte ästhetische Separa- der auf kein »dahinter liegendes Sein« verweist (69). Denn »es
tismus, der seine theoretischen Grenzen immer überschreiten gibt Kunst offenkundig nur im Räume einer durch gewisse
muß, um seine puren Gegenstände analytisch zu treffen, sieht sinnliche Objekte ausgelösten Reflexionstätigkeit, die in einer
sich mit einem Schlag vereinnahmt von einem hermeneutischen nicht endenden Bewegung auf allgemeine Erfassung des Gesche-
Imperialismus, der die Frage nach den Prinzipien der ästheti- henen hin und daher selbstvergessen reine Leistungen hervor-
schen Wahrnehmung überführt in eine Theorie vom allumfassen- bringt, die zu keiner Bestimmtheit gelangen, da sie auf Sinnlich-
den Geschehen des Verstehens. Die Reste eines autonomiehöri- keit bezogen im Banne des Objekts verbleiben.« (68)
gen Unbehagens lassen sich ködern von den Weihen der höchsten Es lohnt sich, diesen Satz nochmals zu lesen - und Sätze dieser
Wahrheit, die der ästhetischen Hingabe lauthals versprochen Art gibt es in Bubners Arbeiten häufig. Sie zeugen von dem
werden. Gewiß führen auch die Überbietungstheorien den Un- Dilemma, über die ästhetische Wahrnehmung positiv etwas zu
terschied von ästhetischer und nichtästhetischer Erfahrung und sagen, ohne auf den vermeintlich bereits strukturverzerrenden f
Erkenntnis weiterhin mit; aus normativer Warte jedoch verblaßt Fehler einer zugleich gegenstandstheoretischen Charakterisie- ^
er zu einer marginalen Differenz, weil sich Erkenntnis überhaupt rung zu verfallen. »Gewisse« Objekte sind es, durch die die
ohne eine Explikation der ästhetischen Erfahrung nicht zuläng- Reflexionstätigkeit »ausgelöst« wird, auf die sie auch »bezogen«
lich mehr bestimmen läßt. Was deren Besonderheit ist, kann und bleibt, indem sie ihre Gefangenheit vom Gegenstand zu »erfas-
darf sich um der Idee einer eigentlichen Erkenntnis willen nicht sen« sucht und darum reine Leistungen »hervorbringt«, »die zu
eigentlich mehr sagen lassen. keiner Bestimmtheit gelangen«, weil sie »im Banne des Objekts
Mit Einwänden dieser Art hat Rüdiger Bubner die idealistischen verbleiben.« Die Angst vor einer Überfremdung der ästhetischen
bis materialistischen Überbietungstheorien als Formen einer »he- Erfahrung führt zu einem befremdlichen Umgang mit der
teronomen Ästhetik« kritisiert.27 Die kunsttheoretisch »trans- sprachlogischen Grammatik - und einer konsequenten Unterbe-
zendierte« Ästhetik macht die ästhetische Erfahrung zur primä- stimmung der in Rede stehenden Gegenstände. Der Unterschied
ren Instanz der Erläuterung ihrer philosophischen Kernbegriffe der ästhetischen zur kognitiven oder instrumentellen Bezug-
und begibt sich damit in Gefahr, die begriffliche Analyse und den nahme auf Gegenstände kann nur mehr negativ, als ein Unter-
analysierten Begriff (des Ästhetischen) gleichermaßen zu verfeh- schied eben, behauptet werden, weil von vorneherein unterstellt
len (40, 63, 73). Weil die Identifikation von ästhetischer Gelun- wird, eine Analyse der imaginativ bestimmenden Wahrnehmung
genheit mit emphatischer Wahrheit die Struktur der ästhetischen sei dazu verdammt, den ästhetischen Gegenstand zu verwechseln
Wahrnehmung offenkundig verzerrt, soll nun eine gegenläufige mit den Bestimmungen, die das Spiel seiner Wahrnehmung prä-
Strategie auf die Verfassung ästhetischer Phänomene führen. gen. Auch eine reine Wirkungstheorie redet von der Wirkung der
»Gerade wenn man... Kunst im Verhältnis zur Wahrheit defi- Gegenstände, von denen sie partout nicht reden will. Daher
werden ihre Leitbegriffe allesamt metaphorisch: die Reflexion, retiker auf eine wenn nicht strukturverzerrende, so doch höchst
die nichts findet, der Schein, an dem nichts ist, ein Urteilen, das strukturignorante Weise ab: »Die Analyse der ästhetischen
um so positiver urteilt, je mehr es »verwirrt« (65) wird, »konkret Wahrnehmung hält sich strikt an die Wirkung, die von ästheti-
erfahrende Subjekte« (72), die nichts in Erfahrung bringen als schen Phänomenen ausgeht und in der allein >Kunst< zum Be-
stets von neuem ihr eigenes Erfahrenkönnen, eine reine Sinnlich- wußtsein kommt, und sie bleibt allen weiteren Annahmen gegen-
keit schließlich, die total ist weil scheinhaft und scheinhaft weil über abstinent.« (63) Dieser methodischen Direktive, die er unter
total: »Die pure Anschauung, die alles enthält, ist der Schein, und Berufung auf Kant erteilt, folgt Bubner in einer Weise, die einem
dessen irrlichternde Natur setzt die Reflexion immer neu in Tabu über der Analyse bedenklich nahe kommt; von »weiteren
Gang.28 Annahmen« hatte es bei Kant noch gewimmelt. Auf der bereinig-
Die ästhetischen Gegenstände sind die schlechthin unbestimmba- ten Linie einer rein wirkungsbezogenen Theorie ist die ästheti-
ren Gegenstände - so lautet das entzugstheoretische Credo. »In sche Wahrnehmung nur mehr charakterisierbar als die uneigentli-
keinem Bild ist das schlicht zu sehen, was der Betrachter darin che Reflexion, die sich aus den Zwängen einer jeden eigentlichen
sieht, in keinem Gedicht definitiv zu lesen, was man darin liest, unentwegt befreit. Was deren genaues Verfahren ist, kann und
und bei keinem Musikstück genügt genaues Zuhören, um das zu darf sich um der Idee der entziehenden Freisetzung willen nicht
hören, was in der ästhetischen Erfahrung sich gibt. Die paradoxe begrifflich ermitteln lassen.
Formulierung soll die Unbestimmbarkeit des ästhetischen Ge-
Das sind nun wieder die trefflichen Einwände aus dem Fundus
genstands hervorheben. Die ästhetische Erfahrung sieht etwas,
einer überbietungstheoretischen Kritik. Der entzugstheoretisch
das sie nicht festmachen kann und das deshalb immer wieder da
beschworene Rückgang auf die ästhetische Erfahrung, dieser
ist.« (71) Diese Schlußfolgerung treibt Wucher mit einer altge-
Rückgang, bekommt die Substanz der ästhetischen Wahrneh-
dienten Trivialität, deren Befund als provokative Antwort ausge-
mung nicht zu fassen. Was er trifft, sind die zentralen Schwächen
geben wird, anstatt zum Ausgangspunkt einer entdeckenden
einer konträr angelegten Analyse, die den wirkungstheoretischen
Untersuchung zu werden. Daß die ästhetische Wahrnehmung in
Rahmen weit überschreitet. Denn der überbietungstheoretische
entscheidender Hinsicht nicht einfach dem Muster einer konsta-
Fortgang zur ästhetischen Erkenntnis, dieser Fortgang, muß die
tierenden Dingwahrnehmung, eines wörtlichen Satzverstehens
Kapazität der ästhetischen Wahrnehmung notwendig überfrach-
und der akustischen Reizempfindung folgt - wer wollte das
ten. Der Entzugstheoretiker behält recht mit der Behauptung,
bestreiten. Nur folgt aus dieser Unermeßbarkeit und Unersetz-
daß der Überbietungstheoretiker seinen Gegenstand verfehlt; der
barkeit nicht die Unbestimmbarkeit ästhetischer Gegenstände als
Überbietungstheoretiker reüssiert mit dem Einwand, daß die
deren definitive Bestimmung. Zu folgen hätte eine differenzier-
Entzugstheorie ihren Gegenstand nicht trifft. In dieser Verzah-
tere Analyse des ästhetisch wahrnehmenden Gegenstandsbezugs,
nung verfallen beide Fraktionen der antinomischen Ästhetik in
die sich nicht gleich damit beruhigt, daß der »volle Zugriff«, der
einen gemeinsamen Gestus. Die Ästhetik macht eine Tugend
den ästhetischen Ertrag diskursiv abernten will, notwendig »ins
daraus, daß ihr theoretisches Verfahren sich zu ihren Themen
Leere stößt«, was er gewiß allemal tut (ebd.). Das würde wie-
letztlich aufweisend verhält wie der ästhetische Interpret zu
derum bedeuten zu erkunden, welche Beurteilungsart wirksam
seinen Gegenständen. Adorno (und auf seine Weise auch Heideg-
ist im Zuge einer Wahrnehmung, die sich »zwischen Anschauung
ger) war nur derjenige, der diese Konsequenz offen gezogen
und Begriff« unendlich spielend bewegt: aus welchen Antrieben
hat.
und Gründen sie ihre Gegenstände wählt und verwirft und was
sie an verschiedenartigen Objekten verschiedenartig erfährt (die Dieser gemeinsame Gestus legt den unbewältigten Komplex der
immergleiche Unbestimmbarkeit wird es ja alleine nicht sein). streitenden Parteien geradezu ausdrücklich bloß. Es ist das puri-
Diese weitergehenden Erörterungen schneidet der Entzugstheo- stische Syndrom. Die Entzugstheorie argumentiert puristisch:
Wir müssen uns auf die rein ästhetische Attraktion besinnen, um
das Faszinierende und Irritierende zu verstehen, das die ästheti- e) Zwei Auswege
sche Erfahrung für die alltägliche Wahrnehmung und entgegen
der rationalen Versicherungsmittel hat. Dagegen macht die Über- Nicht nur führt der Weg aus dem antinomischen Dilemma durch
bietungstheorie mit Recht geltend, daß weder das Schockierende die Gewölbe der nachkantischen Aporien hindurch, es mangelt
noch das Versöhnende, nicht das Anarchische noch das Überwäl- auch nicht an energisch gelegten Spuren, die eine veränderte
tigende, nicht das Kompensierende und nicht einmal das Dispen- Orientierung im Szenarium der traditionellen Ästhetik verhei-
sierende der ästhetischen Erfahrung im Sinn einer Freisetzung ßen. Dabei zielen die erhellenden Weisungen nicht aus dem
oder eines sich Freihaltens aus den mitgebrachten Weltbezügen umstrittenen Terrain heraus, sondern durch überraschende Pas-
zu denken ist, sondern einzig aus einer Umpolung derselben sagen in den zur Genüge unterkellerten Lustgarten der ästheti-
resultiert. Das Berückende der ästhetischen Erfahrung kann in schen Wahrnehmung hinauf. Zwei neue Versuche, die antinomi-
einem Vorgang der Entrückung allein nicht liegen. Die aus sche Zwangslage zu sprengen und zu verwandeln, möchte ich
diesem Vorbehalt motivierte Widerlegung des Purismus aber kurz erörtern - Karl Heinz Bohrers Ästhetik des Plötzlichen und
muß scheitern, solange sie sich dazu versteigt, die Ideen der Franz Koppes endeetische Ästhetik.
Vernunft und der Wahrheit selbst ästhetisch zu konzipieren: In enger Orientierung an Bestimmungen der ästhetischen Wahr-
denn so kommt wiederum die (gerade auch von den Überbie- nehmung und der ästhetischen Neubestimmungen der Wahrneh-
tungstheoretikern ontologisch bis eschatologisch beschworene) mung, über die sich das moderne Bewußtsein und Bewußtsein
Gegenmacht des Ästhetischen theoretisch zu kurz. Beide Versio- der Moderne seit der Romantik zentral bestimmt, entwickelt
nen der ästhetischen Theorie verweigern letztlich das »Denken Bohrer die These, daß sich »die Grenze des ästhetischen Phäno-
der Differenz«, um seine Verkümmerung auf der Gegenseite um mens gegen das nichtästhetische an der zeitlichen Modalität der
so treffender zu beklagen. Plötzlichkeit darstellen« läßt.30 Demnach sind allein diejenigen
Dieses notorische Unentschieden birgt zugleich den unschätzba- Phänomene und Konstrukte ästhetisch relevant, durch die - nach
ren Vorteil, daß die Argumente für eine Widerlegung des Puris- einem Wort von Kleist - »etwas Unverständliches zur Welt« und
mus, die das überbietungstheoretische Dilemma vermeidet, in zu Bewußtsein kommt (20): und dies plötzlich: indem bis dahin
den Kontexten des antinomischen Modells fast alle bereits aufzu- geltende und gewichtige Wirklichkeitsauffassungen unvermittelt
finden sind. Es kommt nur darauf an, sie als Argumente für die - außer Kraft gesetzt werden. Der »Augenblick des ästhetischen
partielle - Rationalität des Ästhetischen zu lesen. Dies auf Um- Scheins« ist ein Ereignis des Gebanntwerdens durch ein Besonde-
wegen zu versuchen, wird nicht bedeuten, die beiden komple- res, das gegenüber den Restriktionen eines zuordnenden Verste-
mentären Modelle sardonisch gegeneinander auszuspielen, son- hens nachhaltig inkommensurabel bleibt; im Nu der Gewärti-
dern zu versuchen, der Fülle ihrer wechselweisen Einsichten, die gung des Unerhörten bricht die Relevanzordnung der Normal-
stets auch sachliche sind, einigermaßen gerecht zu werden. In zeit zusammen. Was sich in der Stillstellung der Kontinuität des
diesem Bemühen werde ich einer therapeutischen Anweisung habitualisierten Realitätssinns vollzieht, ist ein emphatisches In-
Wittgensteins folgen: »Man muß manchmal einen Ausdruck aus newerden der Differenz von subjektiver Möglichkeit und objek-
der Sprache herausziehen, ihn zum Reinigen geben, - und kann tiver Wirklichkeit: das wahrnehmende Subjekt erfährt seine Ge-
ihn dann wieder in den Verkehr einführen.« 2 ' So sei es mit der genwart im schockierenden Glanz seiner unvermutet gegenwärti-
Rede vom rein Ästhetischen für eine Weile gehalten - bis wir am gen Potentialität. In der Präsenz dieser glückhaft (und, mit
Ende wieder eine Verwendung dafür haben. Das rein Ästhetische Heidegger gesagt, entschlossen) bejahten Benommenheit liegt die
ist nicht der paradigmatisch einfache, es ist der um eine einfache Utopie des Ästhetischen: sich aus der Befangenheit im Herge-
Wendung potenzierte Fall des Ästhetischen. brachten und Auferlegten stets von neuem imaginativ zu be-
freien.
Diesen an Benjamin gewonnenen, nun zur grundlegend Ȋstheti- gende Ideen begriffen zu werden. Wir haben es zu begreifen,
schen Kategorie« (72) erklärten Begriff der Gegenwart als einer bevor wir es begriffen haben.« (79)
respektlosen Stillstellung des Geläufigen löst Bohrer konsequent Mit dieser Paradoxie geht Bohrer über das entzugstheoretische
von der geschichtsphilosophisch-eschatologischen Stilisierung ei- Paradox einer Reflexion, die nichts ergreift, entschieden hinaus.
ner objektiv antizipierenden ästhetischen Utopie. Bohrers Utopie Bei aller Verwandtschaft ist die vorgreifende (An-)Erkenntnis
des Ästhetischen ist radikal präsentisch gedacht (vgl. 210ff.): es eines Unbekannten anderer Natur als die Reflexion auf ein
ist der in Augenblicken der »vorlaufenden Entschlossenheit«, der notwendig Entgleitendes. Es ist daher wichtig, sich durch die
sich plötzlich ereignenden Zukunft, gelingende Einspruch gegen ausgrenzenden Markierungen, die Bohrer immer wieder mit
.das Realitätsprinzip.31 »Benjamin erfand nämlich das konstruk- Nachdruck setzt, nicht leichtfertig täuschen zu lassen. Zwar
tive Prinzips wie er es nannte, gegenüber der dahinfließenden kultiviert Bohrer die entzugstheoretischen Oppositionen von
Zeit Halt zu rufen, dieses Halt mit seinem eigenen Augenblick reiner Wahrnehmung und begrifflicher Wahrheit, von Geist und
auzufüllen. (...) Wir wollen jedoch am Begriff der Gegenwart Schönem, Idee und Erhabenem, letztlich also die an Nietzsche
ohne den utopischen Horizont festhalten und sagen: Dieser erhärtete Differenz von (wahrheitsbezogenem) Sein und (ästhe-
Augenblick, dieser Jetztpunkt gehört zur antizipatorischen tisch-autonomem) Schein ohne Unterlaß und in vielfältigen Va-
Struktur jedes ästhetischen Entwurfs, jedes Entwurfs von uns rianten (7 f., 90, 98, 113, 117 f., 127, 131, 196). Zugleich aber und
selbst.« (73 f.) Das plötzlich ausschweifende Einhalten nimmt nicht minder nachdrücklich insistiert er auf der genuinen Er-
nichts Bestimmtes in Aussicht, sondern leistet die stets wiederho- kenntnisleistung der plötzlichen Wahrnehmung (17 f., 20, 158),
lend zu erneuernde Öffnung der gegebenen Situation für die ihrer »Phantasiewahrheit« (105), ihrer einzigartigen »Gegen-
»Signifikanz des Unbekannten« (75). Daran, ob sie eine derart warts-Reflexion« (40ff., 78, 103, 132), ja auf dem »tieferen
unterbrechende »Gegenwarts-Reflexion« (103) erzwingen, sind Wissen von der Welt«, das die ästhetische Erfahrung - wiederum
ästhetische Konstrukte zu messen. »Das Neue, das Unverständli- nach Nietzsche - birgt (125). Allein der ästhetisch Erfahrene und
che, das Unbekannte ist nicht einfach das stilistisch Avancierte- vorbehaltlos Erfahrende weiß um die stets latente, je plötzlich
ste, sondern es ist das dem >Augenblick< Adäquate« (76). evidente und ewig wiederkehrende Andersheit des jeweils für
Was dermaßen in plötzlicher Erkennung zu Bewußtsein kommt, gegeben und geltend Gehaltenen. Er weiß von dem »Wider-
ist nicht etwas, das mit einemmal - unverhüllt oder in voller spruch des Seins« (125), auf nicht zu vermittelnde Weise mit dem
Wahrheit - aufscheint, es ist der vieldeutig-verlockende Schein Seienden nicht identisch zu sein; ein Wissen, erworben und
der Andersheit und Hinfälligkeit des Bisherigen und Bekannten; ekstatisch erneuert in der »ideenlosen Konzentration« (165) auf
und nichts als der Schein solchen Scheinens, wie Bohrer im das, was sich der Idee, der begrifflichen Fixierung entzieht. Das
Rekurs auf Nietzsche sagt (116 u. 121 ff.), macht die Wucht der erhabene Innewerden der eigenen Gegenwart ist ein instantanes
unverklemmt ästhetischen Wahrnehmung aus. Deren Faszination Bewußtsein zugleich des überschreitend Erhabenen - zumal der
gründet in einem »Intensitätserlebnis«, das von denen, die ihm modernen Kunst, die darum »per definitionem illegal, subversiv,
unterliegen, als ein »Erleben der eigenen Intensität« erfahren ohne Verpflichtung« ist (84, vgl. 132).
wird (79). Was so erfahren wird, läßt sich begrifflich erst spät und
niemals eigentlich analysieren - mit der Zuschreibung von Be- Bohrers dekonstruktive Synthese der beiden - wie es schien -
deutungen nimmt die Bedeutung ästhetischer Phänomene pro- unvereinbaren Grundpositionen der Ästhetik ist ebenso beein-
portional ab. »Das allgemeine Daß des Eindrucks von Kunst druckend wie gewaltsam. Um der rein ästhetischen Reaktion
wirkt unabhängig von der Erkenntnis des Was. Und je stärker einen emphatischen Erkenntniswert zuzuweisen, bedarf es meh-
dieses Daß anwesend ist, um so mehr bekommt ein modernes rerer gewagter Operationen. Deren erste ist die leitende Behaup-
Kunstwerk die Chance, in sich selbst, ohne vorher schon festlie- tung, es sei die Plötzlichkeitsreaktion generell ästhetisch - und im
exzentrischen Augenblick werde die eigentliche Gegenwartsbe-
Stimmung und projektive Selbstbehauptung geleistet. Gegenüber das offenkundig wird und sich öffentlich geltend macht an den
der Enthaltsamkeit der Entzugstheorien wird es auf diese Weise skandalösen Medien seiner Kristallisation. Wenn nun darin der
möglich, über die ästhetische Wahrnehmung an zahlreichen Bei- erkennende Akt einer »Selbstkritik der Gegenwart« (40) zu sehen
spielen substantielle Aussagen zu machen, die in der These von ist, dann wird die schlagartige Evidenz, daß die geltenden Rech-
der anti-regulativen Utopie der »totalen Präsenz« (211) kulminie- nungen nicht aufgehen, immer zugleich der Beginn einer neuen
ren. Damit aber droht die ästhetische Erfahrung zur schlechthin und kritischen Rechnung sein. In der Erleuchtung des Augen-
überlegenen Erfahrung zu werden, die das konventionelle Netz blicks wird die Zumutung des nachhaltig Unverständlichen als
des bloßen Fürwahr- und Fürwerthaltens zerreißt und dem ein folgenreich Unbekanntes noch unabsehbar erfaßt. Der Spur
Ferment der Jetztzeit täuschungsfrei ins Auge blickt. Diesen des plötzlich Wahrgenommenen zu folgen bedeutet, die gesche-
überbietungstheoretischen Fehlschluß - das ist die zweite Opera- hene Antizipation verändernd zu vollziehen. »Man beteilige sich
tion - versucht Bohrer dadurch abzuwenden, daß er die Essenz nicht an dem widerlichen Prozeß, bei dem imaginative Erfindun-
der ästhetischen Wahrnehmung strikt an den Exzeß der momen- gen der vorhandenen Kultur integriert werden. Wichtig an ihnen
tan überschreitenden Befremdung bindet. Der Prozeß der ein- aber ist doch das Gegenteil davon: der Überfall, der Zwang,
schreitenden und erschließenden Verarbeitung des plötzlich Wi- etwas zu denken, was man bis dahin noch nicht dachte.« (16) Im
derfahrenen ist selbst nicht ästhetisch - er löst den Magnetismus Bestreben, das Greuel einer schöngeistigen Unverbindlichkeit
der Augenblickserscheinung sukzessive auf. Das Ereignis der auszuschließen, muß Bohrer dem »Grausen« (116) der scheinhaf-
scheinhaften Epiphanie ist autonom gegenüber allem, was aus ten Benommenheit die übergreifende Ausstrahlung zugestehen,
ihm folgen mag: daß sie es möglich machen, im Auge der eigenen die er zugleich doch abstreiten muß, um die bekämpfte Nivellie-
Irritation gebannt zu verweilen, macht die Eminenz ästhetischer rung einer emphatischen Wahrheitsästhetik zu vermeiden. Wie
Konstrukte aus - was es ist, das irritiert und gar was diese Peter Bürger treffend eingewandt hat, ist die ästhetische Provo-
Irritation erklärt, ist demgegenüber sekundär und zielt am Kern kation »immer Provokation einer geltenden (bzw. als geltend
der ekstatischen Erschütterung notwendig vorbei. Daher hat es unterstellten) Norm oder eines anerkannten Werts. Sie lebt von
keinen Sinn, von der ästhetisch überlegen eröffneten Wahrheit zu diesem Bezug und ist daher nicht als absoluter Schein zu fassen,
reden - ästhetisch ist lediglich das Wissen, daß die Wahrheiten wie Bohrers Nietzsche-Deutung dies nahelegt.«32
nicht alles sind. Ästhetisch sind Situationen im Augenblick um- Im Interesse einer Theorie der ästhetisch erkennenden Wahrneh-
stürzender Erfahrungen, aber keine Folge dieses Ereignisses ist mung erweist sich die Alternative zwischen dem »Schein des
jemals ästhetisch, denn ästhetisch ist das Erlebnis der radikalen Scheinens« (Nietzsche) und dem »Schein des Scheinlosen«
Inkonsequenz: dem Gang der Dinge und dem Lauf der Zeit (Adorno33) mithin als trügerisch: der »Augenblick des ästheti-
enthoben zu sein - ohne Rücksicht der Folgen. schen Scheins« markiert durchaus das initiative Aufscheinen
Als folgenreich aber ist die ästhetische Wahrnehmung bei Bohrer eines zunächst unabsehbaren Andersseins und Andersseinkön-
durchaus gedacht. Die ästhetischen Setzungen und Entsetzungen nens. Zwar versucht sich Bohrer dieser Konsequenz mit Hilfe
sind dezidiert gegen das kulturelle Einverständnis, gegen das seiner zweiten Operation immer wieder zu entziehen; dieses
""Einsinken in eine behütete Normalität gerichtet. Um die polemi- Ausweichen aber macht nun auch die Fragwürdigkeit der Aus-
sche Artikuliertheit der ästhetischen Erfahrung gegen ästhetizi- gangsprämisse offenkundig. So gewiß Plötzlichkeit der Zeitmo-
stische Verkürzungen zu retten (vgl. 103), bedarf es einer dritten dus eminenter - eminent verändernder - Erfahrungen und gerade
Operation, die im Widerspruch zur zweiten steht und damit auch der ästhetischen ist, so unbestreitbar scheint es zugleich, daß die
die erste ins Wanken bringt. Die ästhetische Reaktion muß als einschneidenden Erfahrungen nicht notwendig ästhetische sind.
spontaner Vorgriff einer eingreifenden Reflexion gedacht wer- Wenn dieser einfache Vorbehalt triftig ist, dann ist das einigende
den, genauer: als ein Offenbarwerden des nicht Verrechenbaren, Thema der Essays über das Plötzliche gar nicht die ästhetische
Wahrnehmung, sondern die »>Augenblicks-Struktur< kreativer schreibt, ist signifikant ermöglicht durch den spezifischen Arti-
Vorgänge« (81) - geboten an vorrangig ästhetischem Material, kulationsmodus der Werke, an denen er seine Theorie gewinnt.
das hier natürlich besonders ergiebig ist. Als eine normative Die Werke, die dem »Augenblick adäquat« sind (76), werden in
Theorie des (vor allem intellektuell) befreienden Erlebnisses sind der sympathetisch antizipierenden Reaktion erkannt als Präsen-
Bohrers Arbeiten so ergiebig wie konsistent. tationen einer gegenwärtig betreffenden Situation. »Das Schöne
Als systematische Analyse einer, nämlich der ästhetischen Ver- erfordert vielleicht die sklavische Nachahmung dessen, was in
haltensweise aber können sie sich nur um den Preis einer perma- den Dingen unbestimmbar ist« - in Erinnerung an diesen Apho-
nenten Kategorienvertauschung behaupten. Das Erkennen des rismus von Valery, auf den sich Benjamin und Adorno zentral
Unbekannten bzw. die Konfrontation mit dem Unbegreiflichen berufen haben, wird dem leeren Paradox einer Erkenntnis des
ist alleine kein spezifischer Modus der Wahrnehmung und des Unbekannten in seiner Unbekanntheit die weniger enigmatische
erkennenden Verhaltens. Weil sich auch Bohrer, gewarnt von den Bestimmung einer Situationscharaktere imaginativ vergegenwär-
dialektischen und utopistischen Totalisierungen, dafür entschei- tigenden Erkenntnis abzugewinnen sein: als einer Form der
det, nicht zu sagen, »was Kunst ist, sondern wie sie auf uns Wahrnehmung, die die Vernunft anderer Erkenntnisformen kon-
wirkt« (86), kann er auch das nicht sagen. Oder er kann es nur stitutiv ergänzt.
mehr sagen, indem er die Plötzlichkeit und eigentümliche Gegen- Vor der Schwelle einer Analyse der ästhetischen Rationalität, so
wärtigkeit unvordenklicher Momente willkürlich als spezifische scheint mir, bleibt die Wendung von einer das Unbekannte, aber
Natur des ästhetischen Wahrnehmens behauptet. Aber weder ist nichts Unbekanntes erkennenden Konzentration eine bloß zuge-
der Schock der Präsenz als solcher ästhetisch noch wird die spitzte Formulierung des puristischen Syndroms - das Schlag-
Anmutung des Plötzlichen generell als Steigerung der Existenz wort einer Differenz, die gedacht werden muß, aber nur be-
erfahren (auch von den »starken Naturen« nicht; noch Heidegger schworen werden kann. Weil Bohrer den gordischen Knoten der
hatte von der unfreiwilligen Benommenheit der Angst als einer antinomischen Verstrickung nur durchschlagen, nicht aber auflö-
Form der geballten Gegenwart gewußt). Es wird eine der Haupt- sen will, sieht er sich genötigt, die antinomische Volte mit der
aufgaben des zweiten Kapitels dieser Arbeit sein, die ästhetische unverblümten Verkündung noch zu steigern, es sei die Ästhetik
Okkupation des Gegenwartsbegriffs rückgängig zu machen, um die Disziplin der notwendig paradoxen Lösungen. »Die Parado-
das Besondere der ästhetischen Gegenwärtigkeit - durchaus im xie sollte sein.« (13) Wer sich der theoretischen Paradoxie entledi-
Anschluß an Bohrer - erkennbar zu machen. gen will, so die neuantinomische Weissagung, ist auf dem besten
Denn eine Korrektur der beschriebenen Uberdehnung liegt dem, Weg, sich - und am Ende auch andere - der ästhetischen Bestrik-
was Bohrer in Auseinandersetzung mit der modernen Kunst im kungen zu entschlagen. Gegen ein solches Dogma, das das puri-
genaueren sagt, außerordentlich nahe. Zumal die literarischen stische Tabu mit kulturkritischem Donnerwetter erneuert, hilft
Produktionen, die Bohrer diskutiert, sind ja nicht nur Texte, die nur die eine Entgegnung: wir werden ja sehen.
Plötzlichkeitsreaktionen auslösen, sondern solche, die die Augen-
blicklichkeiten des modernen Bewußtseins auf verschiedene Franz Koppes Abhandlung über »Grundbegriffe der Ästhetik«
Weise einzigartig vergegenwärtigt haben. Die Arbeiten etwa von zeichnet sich gerade durch die Unverfrorenheit aus, solchen
Joyce, Proust, Woolfe und Musil sind darin verwandt, daß sie in Einschüchterungen aus dem Geist einer systematischen Neugier
verschärfter Weise aus dem Sog der Situation geschrieben sind, zu begegnen. Koppe stellt die altbekannte Frage nach der ästheti-
indem sie das in ihr punktuell und ephemer Erscheinende in schen Funktion gegenüber ihrer strukturalistischen Formulie-
selektiver Intensität vor Augen führen; sie machen Formen der rung in nunmehr pragmatischer, gegenüber ihrer materialisti-
innersituativen Präsenz auf neuartige Weise präsent. Was Bohrer schen Version in nunmehr zeichentheoretischer Absicht. »Denn
(gar nicht so ausschließlich) als ästhetische Reaktionsweise be- die Frage, wie Kunst als Zeichen eigener Art gemacht ist, läßt sich
nicht sinnvoll von der Frage trennen, warum sie so gemacht ist; len. In der (mehr oder weniger innovativ, mehrdeutig, fiktiv,
und umgekehrt läßt sich die Frage, warum Kunst so gemacht ist, exemplarisch, repräsentativ - vgl. 143 ff. u. 147 ff.) überbietenden
ebensowenig sinnvoll ohne die Frage stellen, wie sie denn eigent- Vergegenwärtigung von Bedürfnissituationen liegt das Gemein-
lich gemacht ist. Gesucht wird mithin eine Synthese beider - für same der ästhetischen Ausdrucksformen. »Dabei liegt die der
sich genommen kunsttheoretisch haltlosen - Halbierungen, kurz: gewöhnlichen Sprache überlegene Artikulationspotenz nicht al-
eine zeichenpragmatische Ästhetik.«34 In einer überzeugenden lein in der Fülle oder Präzision bedürfnisrelevanter Situationsde-
Kritik weist Koppe außerdem nach, daß die handelsüblichen tails, nicht allein in der Vervielfältigung und Differenzierung
Kriterien der Innovation, der Mehrdeutigkeit oder Unbestimmt- expliziter Bedürfnisunterscheidungen, sondern vor allem (und
heit, der Fiktionalität und Exemplarität für sich genommen die gegebenenfalls ausschließlich) auf der konnotativen Ebene, die es
Spezifik des Ästhetischen noch durchaus unterbestimmt lassen erlaubt, Situationen unausdrücklich als Bedürfnissituationen zu
(122 f.); auch die emotive Theorie der Bedeutung, die das We- vergegenwärtigen.« (128, Hervorhebungen vom Autor) In ihrem
sentliche der Kunst in ihrer Kraft zur Hervorbringung von zeichenintern geleisteten Mitbedeuten werthafter Situationsbe-
• Gefühlen sieht, wird »dem Zeichencharakter der Kunst nicht züge, in ihrer durchgeformt bedeutungshaften Phänomenalität
gerecht, weil sie deren kommunikativen Handlungscharakter - bringen die gelungenen Kunstobjekte nicht nur die häufig ver-
produktiv wie rezeptiv - verfehlt.« (124) Koppes eigener Vor- schattete und verschüttete Subjektseite der Erfahrung ans Licht -
schlag daraufhin lautet: »Nicht zwar das Bewirken von Gefühlen als traditionell oder modern stimmige Konstruktionen sind sie
kann Grundlage für eine Definition ästhetischer Sprachverwen- stets zugleich ein transzendierend-utopisches Zeugnis des an-
dung sein, wohl aber die Artikulation von Bedürfnissen.« (125) thropologischen Sinnverlangens. »Ästhetische Rede ist überbie-
Unter Bedürfnissen versteht Koppe subjektive Dispositionen zur tende endeetische Rede. Und zwar überbietend gegenüber le-
Erreichung, Erhaltung und Veränderung von Situationen; ent- benspraktischer Rede: auf insbesondere konnotativem Wege,
sprechend werden Bedürfnisäußerungen verstanden als subjek- unter Aufhebung ihrer phänomenalen Kontingenz, in kontrafak-
tive Stellungnahmen zur faktischen oder kontrafaktischen Ge- tischer Entsprechung des Bedürfnisses nach kontingenzaufhe-
genwart von Situationen; als Bedürfnisäußerungen dieser Art bendem Lebenssinn.« (136)
zählen alle Redeformen, mit denen die Sprechenden nicht primär Mit diesem überraschend einfachen Vorschlag zur Klärung, den
die Beschaffenheit der Welt bezeichnen, sondern vor allem die er im weiteren sukzessive differenziert, gelingt es Koppe, eine
Betroffenheit in ihren diversen Lebensumständen zum Ausdruck Position zu gewinnen, von der aus die unselige Gegenüberstel-
bringen. Die Formen der bedürfnisartikulierenden oder »ende- lung von entziehender Reinheit und überlegener Wahrheit samt
etischen« Rede nun stellt Koppe den Formen der »apophan- ihrer diversen Mesalliancen mit dem Gewinn einer vielfachen
-tisch« behaupteten Rede gegenüber, wie sie am reinsten, die Prä- Aneignung passierbar wird. Im Zentrum dieser Aneignungen
gnanz lebenspraktischer Diskurse begrifflich überbietend, in den steht die vertraute Theorie der Kunst als gesteigertem Ausdruck
Wissenschaften beheimatet ist (126, 153, 219). Nicht als behaup- der Subjektivität, der von keiner Wissenschaft erreicht, ge-
tende oder primär wahrheitsorientierte Kommunikation sind die schweige denn überflügelt werden kann. Die kommunikations-
Sprachen der Kunst zu begreifen, sondern als - ihrerseits ausge- theoretisch reformulierte Ausdrucksästhetik versteht die Artiku-
zeichnete - Formen der bekundenden, primär wahrhaftigkeits- liertheit ästhetischer Objekte mit Adorno als ein Zeichen und
• orientierten Verständigung; das endeetische Kommunikations- Gebilde gewordenes »Bewußtsein von Nöten« und - allerdings
potential der Künste antwortet auf das »existentielle Artikula- auch - Freuden, ohne doch darauf zu verfallen, hierin die privile-
tionsdefizit« (127), das sich in alltagspraktischen Kontexten oft gierte Antizipation eines schlechthin richtigen Bewußtseins zu
schmerzlich geltend macht, wenn die Menschen versuchen, sich sehen (85 u. 227). Ästhetische und diskursive Rede sind alternativ '!
in ihrer augenblicklichen Daseinslage kommunikativ darzustel- und doch miteinander verbunden: zumal die praktische Bedürf-
mskritik setzt gelingende Bedürfnisartikulation voraus, die als hat zu sagen, daß sich Bedürfnisse auf Situationen beziehen, so
authentisch gelungene wiederum im Horizont einer möglichen hat es doch keinen Sinn, so zu reden, als seien Bedürfnisse
diskursiven Kritik erscheint. Die ästhetische Wahrheit, die un- Situationen - als sei die Artikulation von Bedürfnissen gleichbe-
verfälscht paradigmatische Präsentation von Bedürfnislagen, deutend mit einer bestimmten Art der Charakterisierung von
steht in dialektischer Spannung zur diskursiven Verständigung, Situationen. Die Charakterisierung einer »Bedürfnissituation« ist
sei es praktischer oder auch theoretischer Natur: sofern denn die die Charakterisierung einer Situation auch und gerade hinsicht-
ästhetischen Objekte auf solche Wahrheit Anspruch machen lich der in ihr - nicht zuletzt emotional - virulenten Bedürfnisse.
(152 f.). Das Besondere und gelegentlich besonders Provokative Die Glaubwürdigkeit von Situationsdarstellungen dieser Art
auch dieser nichtpropositionalen Wahrheit jedenfalls liegt im hängt hier von Graden der Wahrheit und Wahrhaftigkeit glei-
Eigensinn der endeetischen Ausdrucksintensität begründet. Um chermaßen ab; obwohl Wahres und Wahrhaftiges nicht kongru-
es mit den Worten von Habermas bündig zu sagen (zu dessen ieren muß (weil der Erzähler über das Widerfahrene sich täu-
kunsttheoretischen Bemerkungen der Versuch von Koppe in schen kann), sind beide Geltungsaspekte in der Plausibilität z. B.
erklärter Verwandtschaft steht, vgl. 135 u. 222f.): ästhetisch von Alltagserzählungen notwendig miteinander verschränkt
gelingende Kommunikation erfüllt den Modus einer entfalteten (denn wenn keine der Tatsachenbehauptungen stimmt, wird es
expressiven Rationalität.35 auch mit der Wahrhaftigkeit so weit her nicht sein).
In der Gradlinigkeit der Gedankenführung bei Koppe und auch Freilich, »wer nichts bedarf, kann durch nichts betroffen wer-
Habermas freilich lauert eine Gefahr, die den überbietungstheo- den« (134); so gewiß aber Betroffenheit notwendig auf »Bedürf-
retischen Widrigkeiten nicht ganz unähnlich ist. Es ist die Gefahr tigkeit bezogen« ist (ebd.), so gewiß auch ist die »im Zeichen der
einer Anbindung der ästhetischen Funktion an einen elementaren Betroffenheit« (ebd.) gegebene Darstellung von etwas - und gar
• Modus des kommunikativen Handelns, über den sie doch zu- von Situationen - nicht zwanglos reduzierbar auf einen Modus
gleich entscheidend hinausreichen soll. In dieser Methodik der der Bedürfnisse bekundenden Rede. Was Koppe mit dem Begriff
progressiven Rückführung ist die Ästhetik einer emphatischen der BedürfnissifKÄfio« in undeutlicher Vermengung mit je sub-
Wahrhaftigkeit derjenigen der emphatischen Wahrheit (inklusive jektiv drängenden Bedürfnissen (oder Bedürfnissen) sinnvoll
Wahrhaftigkeit), gegen die sie rettend konzipiert ist, näher ver- anspricht, ist einfach das lebendige Gesicht lebensweltlicher Si-
wandt, als ihr lieb sein kann. Mag auch die richtige Position zur tuationen - ist ein Begriff der Situation, der diese nicht um das
Einrenkung des antinomischen Dilemmas gefunden sein - die personale Engagement und Erleben in ihr kürzt; und ist eine
sprachtheoretisch erneuerte Ausdruckstheorie setzt ihre Griffe Verständigung in und über Situationen, die das ebenfalls nicht
falsch an. tut: und sich darin, nicht aber durch das Fehlen wahrheitsfähiger
Wenn Koppe sagt, »Betroffenheit äußern, heißt, eine Verände- Behauptungen, zumal von der wissenschaftlichen Rede signifi-
rung der eigenen Bedürfnissituation bekunden« (134), bedient er kant unterscheidet. Sowenig nun expressive Bedürfnisäußerun-
sich einer pleonastischen Redeweise, die eine sachliche Schwie- gen gleichgesetzt werden dürfen mit den weniger elementaren
rigkeit birgt. Es ist nämlich zweierlei, ob ich ein aktuelles Bedürf- Formen der betroffenen Situationscharakterisierung, sowenig
nis (ein Verlangen-nach oder eine Neigung-zu etwas) bekunde auch darf die ästhetische Vermittlung von Erfahrungen im Zei-
oder eine Situation im Lichte meiner Bedürfnisse, als Betroffener, chen der Betroffenheit (vgl. 134) mit den letzteren gleichgesetzt
charakterisiere. Nur die erste Sprachform ist expressiv-bekun- werden: erst diese ist es, die in einem strikten Sinn weder
dend; die zweite schließt Wert- und Sachbehauptungen und, behauptet noch bekundet. Bedürfnisäußerung ist eines; betrof-
wenn es sich um die Vergegenwärtigung der aktuell gegebenen fene Vergegenwärtigung von Situationen ein zweites; ästhetische
Situation handelt, Absichtserklärungen und anderweitig regula- »Rede« ein drittes. Keine dieser drei Funktionen überbietet die
tive Verständigungsweisen durchaus mit ein. Auch wenn es Sinn andere: denn jede leistet etwas anderes.36 Was ästhetische Präsen-
tationen leisten, ist nicht die Vergegenwärtigung von »Bedürfnis- Kritik wird einerseits der kunstwissenschaftlichen Erkenntnis
situationen«, sondern die Darbietung von Situationen aus dem innovativer Kunstformen (143 ff.), andererseits der praktisch-
Herzen ihrer vergangenen, dauernden oder nie gewesenen Ge- vernünftigen Bedürfniskritik zugeschlagen (137 u. 153); da sie
genwart. »apophantisch« verfährt, kann sie in der Analyse »endeetischer«
Wenn meine Zweifel am Konstrukt der »endeetischen Rede« Artikulationsmedien vernachlässigt werden. Gerade im Kontext
berechtigt sind, dann ist dies keine Gegenthese, sondern Koppes einer kommunikationstheoretischen Ästhetik halte ich eine sol-
zentrale Behauptung. Ihrem Vorschlag wird auf andere Weise zu che Trennung für trügerisch; denn die vielberedete ästhetische
folgen sein, als dies bei Koppe geschieht. Sofern nämlich eine Kommunikation vollzieht sich wesentlich als eine Kommunika-
endeetische oder anderweitig expressivistische Ästhetik die ge- tion über das, was ästhetische Objekte - gegebenenfalls - kom-~
nannten Differenzen vernachlässigt und expressive Rede, betrof- munizieren. Was ästhetische Objekte zu verstehen geben und wie
fene Schilderung sowie ästhetische Artikulation auf einer - auf- wir uns wahrnehmend zu ihnen verstehen, hängt inniger zusam-
steigenden - Linie ansiedelt, handelt sie sich ein hausgemachtes men, als Koppe es, gestützt auf seine Grundunterscheidung,
Uberbietungsproblem ein, für das sich keine befriedigende Lö- wahrhaben kann. Hier, in der Kantischen Doppelung von ästhe-
sung findet. Sie muß die ästhetische Differenz behaupten, indem tischer Form und Form ästhetischer Beurteilung, liegt der Schei-
sie die kommunikative Kontinuität des Ästhetischen erweist;
tel der ästhetischen Differenz; wie die Wahrnehmenden - zumal
beides ist schlüssig nicht zu vereinen. Da es »Verfahren der
angesichts des aktuell Neuen - entscheiden, ob und inwiefern die
Wertkonnotation« (130) alleine nicht sind, die eine gelungene
ästhetischen Phänomene ergiebig und stimmig sind, daran - und
" »Interferenz von ineins sinnlicher und signifikanter Textqualität«
daran allein - ist zu ermessen, was der Eigensinn des ästhetisch
und nichtsprachlicher Ausdrucksintensität (167) ästhetisch be-
wahrnehmenden Verhaltens ist. Ob die »unverkürzte Selbstmit-
werkstelligen, muß ein riskanter Formbegriff herhalten, um den
teilung im kommunikativen Austausch von Bedürfnissubjekten«
ästhetischen Abstand zur bedürfniskommunikativen Normalver-
(138 f.) das schlechthin eigentümliche Interesse ist, das die ästhe-
ständigung zu markieren. Die ästhetisch gelungene oder schöne
Formierung (gleich welcher traditionellen oder modernen Spiel- tische Praxis leitet, wird sich daher erst zeigen müssen. Zuvor ist
art) wird definiert als das - meist kontrafaktisch - als erfüllt eine Halbierung der zeichenpragmatischen Revision geläufiger
vergegenwärtigte »Bedürfnis nach umfassender Sinnganzheit« Halbierungen zu vermeiden: wie Kunst gemacht ist und warum
(159 f., 168, 131 ff.). Kunst und Ästhetisches sind gemacht und sie so gemacht ist, hängt damit zusammen, wie wir uns angesichts
gesehen vom »Standpunkt der Versöhnung« - dieser spekulative ihrer Exemplare etwas aus ihr machen.37
Gedanke ist nicht nur anthropologisch fragwürdig (weil es das
Elementarbedürfnis nach Kontingenzüberwindung nicht gibt), er Obwohl Koppes sprachtheoretisch ansetzende Konzeption sich
ist auch von der Sache her nicht nötig. mit Bohrers phänomenologisch orientierten Thesen unmittelbar
wenig berüht, führt doch eine Lektüre, die nach Auswegen aus
Darauf werde ich in der Schlußbetrachtung wieder zurückkom- der antinomischen Modellsituation sucht, hier wie dort zu einer
men. Wichtiger noch ist eine zweite Folge der bei Koppe zugrun- parallelen Konsequenz. War gegen Bohrer daran zu erinnern, daß
degelegten Konstruktion. Weil sich Koppe auf die Tragfähigkeit es nötig ist, sich über Plötzlichkeit und Gegenwärtigkeit zu
des an Marcuse, Adorno und Kant entwickelten Formbegriffs verständigen, bevor trennscharf nach der ästhetischen Plötzlich-
verläßt, kommt es zu einer gravierenden Vernachlässigung des keit und Vergegenwärtigung gefragt werden kann, so ist Koppes
Problems der ästhetischen Beurteilung. Was Koppe über die Analyse entgegenzuhalten, daß es einer genaueren Verständigung
»ästhetische Wertschätzung« schreibt, gilt ausschließlich dem über den Begriff der Situation bedarf, um klar zu sehen, was es
ästhetischen Interesse, nicht aber dem Modus, in dem sich dieses heißt, Weltbezüge im Zeichen der Betroffenheit zu vergegenwär-
Interesse wahrnehmend und wertend realisiert. Die ästhetische tigen. Dabei zeigt es sich, daß zwar nicht die alternativen Positio-
nen des antinomischen Modells, wohl aber die konkurrierenden Verhalten verstanden wird als eines, daß sich artikulierten Phäno-
Auswege aus dieser unentschiedenen Lage sinnvoll zueinander menen zuwendet, die den Erfahrungsgehalt von Situationen in
vermittelt werden können. »Plötzlichkeit« und »Betroffenheit« nichtpropositionaler Prägnanz vergegenwärtigen. Ästhetische
liegen einander ja wiederum sehr nahe; ihre ästhetische Relevanz Phänomene haben die Bedeutung präsentierter Präsenz: hier, im
konvergiert in der komplexen Bedeutung des Begriffs, den Hans Aufscheinen und in der Zumutung einer doch auch distanzierten
Robert Jauß schon Vorjahren wieder ins Zentrum der kunsttheo- Gegenwart liegt die definitive Grenze der und zur ästhetischen
retischen Diskussion gestellt hat - des Begriffs der Erfahrung.38 Konfrontation. Der ästhetisch unerhörte Augenblick ist das ver-
Freilich tritt auch hier das analoge Problem auf den Plan, die ändernde Gewahrwerden der wie immer aufgewühlt oder un-
ästhetische Erfahrung abzugrenzen von der entzugstheoretischen merklich gearteten Augenblicklichkeit von Situationen, die mit
Ausgrenzung und der überbietungstheoretischen Entgrenzung. der Situation dieses ästhetischen Gewahrens niemals völlig kon-
Und gerade die mittlerweile so populäre Berufung auf die »Er- gruieren. In der untilgbaren Differenz von gebannter Situation
fahrung« zahlt in dieser Hinsicht fast ausnahmslos den Preis einer und bannender Anspannung liegt die außerordentliche Möglich-
undifferenzierten bis unklaren Vermischung der ästhetischen keit einer mit der eigenen Erfahrung experimentierenden Erfah-
Wahrnehmungsleistung mit verschiedenartigen und verschieden- rung.
artig reichen Begriffen der Erfahrung. Wenn auch das Faktum
der Vermischtheit außer Frage steht: das genuine Verhältnis
dieser Mischung steht dafür um so mehr in Frage. f ) Der Weg durch die Erfahrung
Die Diskussion mit Bohrer und Koppe legt eine kurze Folge
vermutender Antworten nahe. Wenn der plötzlich betreffende Eines macht der kommunikationstheoretische Ausgang und Zu-
Augenblick im mc^tästhetischen Sinn der Initialmoment einer gang unverblümt deutlich: das puristische Syndrom ist nur die
verändernden (und nicht auf die Revision einzelner Kenntnisnah- Kehrseite einer semantischen Phobie. Daß ästhetischer Ausdruck —
men zu beschränkenden) Erfahrung ist; und diese Form der der »Widerpart des etwas Ausdrückens« sei, wie Adorno es ~
Erfahrung zu verstehen ist als die personale Erschließung einer formuliert hat, ist das gemeinsame Credo der Theorien, die
(neuartigen) Situation; dann könnte folgen, daß erst und allein behaupten, daß die ästhetische Wahrnehmung uns von der Ver- ;
der ästhetische Augenblick und das ästhetisch Vergegenwärtigte nunft emphatisch befreit oder emphatisch berufen ist, die entfes- >
den »Augenblick auf die erschlossene Situation« (Heidegger39) selte Ratio jetzt und dereinst zur Vernunft erst zu bringen. Wer
eröffnen; und dies wäre eine wiederum verändernde Erfahrung von einer »ästhetischen Bedeutung« als dem besonders Ästheti- ~
besonderer Art: nämlich der subjektiv freizügigen und selbst- sehen spricht, verrät demnach genau das Besondere des Ästheti-
zweckhaften Erfahrung der Potentialität der je eigenen Erfah- schen. Gegen den Terror von Interpreten und Produzenten, die
rung. Heidegger hat die existentiell einschneidende Erfahrung den Gehalt der Werke glauben hersagen zu können und sollen,
mit der ästhetisch unerhört erfahrenen Erfahrung überbietungs- richtet sich der gemeinsame Furor der antinomisch kontroversen
theoretisch identifiziert; Bohrer folgt diesem Überbietungsge- Ästheten. Offenkundig ist das mit Kanonen auf flügellahme
danken, möchte aber die Eminenz des Augenblicks zugleich als Spatzen geschossen. Denn ernstzunehmende Ästhetiker, die ge-
ein ästhetisch sich Entziehendes reservieren; Koppe dagegen sagt hätten, es sei die ästhetische Bedeutung gleichbedeutend mit
konstruiert ein Kontinuum zwischen der Verständigung über derjenigen der Sätze, die Treffliches über die betreffenden Ob-
Bedürfnisse und der Vergegenwärtigung existentiell einschlägiger jekte sagen, hat es nie gegeben. Der Schlachtruf »against interpre-
Situationen in ihrer prekären Bedeutsamkeit. Der Streit um Kon- tation« ist daher zündend nur soweit er sich gegen schlechte
tinuität und Diskontinuität der ästhetischen Wahrnehmung, Interpretationen richtet. Selbst die von Susan Sontag geforderten
scheint mir und hoffe ich, wird hinfällig, wenn das ästhetische »erotics of art« müssen ja die wie immer zarte Berührung suchen,
wenn ihre Abenteuer nicht bloß einschläfern sollen. Ein flaues An die zeigende, ja »verschwindende«, dennoch aber unabding-
Anschmiegen ist hier nicht weniger tödlich als die gewalttätige bar kontaktbildende Wahrnehmungsleistung einer auslegenden
Enteignung. So berechtigt also der Horror von der impliziten Zuschreibung und Vermittlung zu erinnern, ist eines der zentra-
Bedeutungstheorie unbedeutender Interpretationen ist, die auf len Anliegen von Gadamers Reflexionen zur Hermeneutik.42
die Ubersetzung eines Gesagten zielen, so wenig berechtigt ist Gerade also wenn es darum geht, die überbietungstheoretische
andererseits die Weigerung, die spezifische Bedeutungshaftigkeit Konsequenz zu vermeiden, wird die angekündigte Widerlegung
ästhetischer Objekte genauer zu bedenken, wie das auf semioti- des entzugstheoretischen Purismus an zentrale Überlegungen bei
schen und erweitert semantischen Wegen seit längerem getan Gadamer und Adorno ansetzen können. Nur im Ausnützen der
wird. Ob es nun Bedürfnissituationen oder Erfahrungsgehalte Energien einer überschwenglichen Wahrheitsästhetik wird eine
sind, die ästhetisch einmalig bedeutet werden: eine Analyse des Kritik der ästhetischen Überlegenheitsthese möglich, die die
ästhetischen Verhaltens hat zu begreifen, was ästhetische Objekte puristische Entkräftung ebenso meidet wie eine grundsätzliche
als solche und nur als solche zu verstehen geben.40 Reduktion auf die Wahrhaftigkeit des subjektiven Ausdrucks.
Bei aller Polemik freilich, die sich gerade in ihren Reihen findet, Auch wenn es nach den präliminarischen Erkundungen scheinen
sind die Überbietungstheorien des Ästhetischen dennoch alle- muß, als seien dem mehrseitig annoncierten Vorhaben mit dieser
samt verkappte Bedeutungstheorien; nur wird hier die befürch- Bekräftigung nunmehr endgültig alle Durchwege verriegelt.
tete Verkürzung auf eine mitteilende oder beispielhafte Bedeu- Es bleibt ja immer noch die Möglichkeit, die bisher nachgezoge-
tung beantwortet durch die Behauptung einer ästhetischen Wahr- nen Linien streckenweise anders zu gehen. Wie oben beschrie-
heit, die sich der Wahrheit von Behauptungen steigernd entzieht, ben, geht Gadamers Theorie der hermeneutischen Erfahrung
obwohl es doch auch der behauptenden Interpretation bedarf, vom Ästhetischen aus, um einen umfassenden und für die ästheti-
dieser Wahrheit erkennend inne zu werden. »Der Wahrheitsge- sche Differenz nicht länger sensiblen Begriff des Verstehens zu
halt der Werke ist nicht, was sie bedeuten, sondern was darüber gewinnen. Das ist das überbietungstheoretische Vorgehen par
entscheidet, ob das Werk an sich wahr oder falsch ist, und erst excellence; der puristisch Argumentierende reagiert mit einer
diese Wahrheit des Werkes an sich ist der philosophischen Inter- Rehabilitation des Standpunktes, der weitläufig überschritten
pretation kommensurabel und koinzidiert, der Idee nach jeden- wurde. Allein - der Rückweg steht noch immer offen. Er lenkt
falls, mit der philosophischen Wahrheit.«4' Das Kunstwerk be- das Augenmerk auf Zusammenhänge, die auf dem Hinweg nicht
deutet, was die philosophische Rede meint, die freilich das, was sie ersichtlich werden konnten. Nachdem die - weit mehr als kunst-
zu sagen hat, alleine nicht zulänglich bedeuten kann. So formal philosophisch - ertragreiche Erweiterung des Erfahrungsbegriffs
richtig Adorno das Verhältnis ästhetisch interpretierender Sätze zu vom Ästhetischen her einmal geleistet ist, wird es möglich und
ihren kritisch erhellten Gegenständen faßt, so verfehlt ist es doch, nötig, diesem Weg im Namen der ästhetischen Erfahrung noch
in diesem Verhältnis das Wesen der Wahrheit (in ihrer zudem ge- einmal in methodisch entgegengesetzter Richtung zu folgen:
schichtlich totalen Verhangenheit) zu suchen. Auch ist es nicht die gegen den Strom einer »Transzendierung der ästhetischen Di-
philosophische Erkenntnis, die im ästhetischen Erkennen spezi- mension« zu einer neuen Unterscheidung der ästhetisch ^elthal-
fisch beglaubigt wird. Was wir ästhetisch wahrnehmen und im tigen Erfahrung. Die Entzugstheoretiker wissen schon, warum
Zuge einer ausdrücklich interpretierenden Wahrnehmung ästhe- sie zurückgeblieben und nicht zurückgegangen sind. Denn eine
tisch erkennen, sind Implikationen unseres Erkennens, Bedür- kritische Reise, die Gadamers Denkwegen rückwärtig folgt, führt
fens und Wollens in Konfigurationen ihrer situationshaft-simul- aus dem antinomischen Patt und damit auch aus den puristischen
tanen Prägnanz und Präsenz. Diese Korrespondenzen kann eine Bequemlichkeiten heraus. Allerdings kann Gadamers Begriff der
diskursive Rede und Analyse nicht formulieren, wie sehr sie auch Erfahrung, der auf das kommunikative Sinn- und enger noch das
zeigend in deren Reichweite führen mag. auslegende Textverstehen zugeschnitte^ist, hierbei nicht unbese-
hen übernommen werden. Mit verlagertem Akzent gilt ähnliches
für Adorno, für Heidegger, selbst für Hegel. Der Zusammenhang
von Situation und Erfahrung, auf den die ästhetische Erfahrung
einzigartig bezogen ist, darf nicht schon nach dem Modell einer
Situation und Erfahrung
auf spezielle Wahrnehmungs- und Aktionsbereiche begrenzten
Erfahrung erläutert werden, wenn er auf die besondere Be-
stimmtheit der ästhetischen letztendlich führen soll.
Mit diesen überleitenden Worten nehme ich einen Vorschlag auf, Wir machen Erfahrungen in Antwort auf Erfahrungen, die wir
den John Dewey bereits vor fünfzig Jahren gemacht hat: »Um die haben. Wir haben Erfahrung in der Kenntnis von Situationen, in
Bedeutung künstlerischer Werke zu erfassen, müssen wir diese denen wir Erfahrung gemacht haben. Eine Erfahrung machen
eine Zeitlang vergessen und außer acht lassen, um uns den heißt, unserem Verhalten und Handeln eine Situation erschlie-
gewöhnlichen Antriebskräften und Erfahrungsbedingungen zu- ßen; erfahrend finden wir uns in Situationen ein. Erfahrung
zuwenden, die wir in der Regel nicht im Zusammenhang mit haben bedeutet, vertraut zu sein im Umgang mit den Gegenstän-
ästhetischen Überlegungen betrachten.«45 Daß auch Deweys den und Themen, deren Relevanz konstitutiv ist für die Situation,
Theorie der »Kunst als Erfahrung« im Ganzen zu der überbiete- in der wir uns befinden; durch Erfahrung kennen wir uns in
rischen Annahme tendiert, es sei eine jede »vollständige« Erfah- Situationen aus. Die momentane Ausrichtung unseres Verhaltens
rung ästhetisch, ändert an der Triftigkeit dieser Maxime nichts. zu den diversen Lebenslagen entstammt vergangener Erfahrung:
Sie formuliert den Ausgangspunkt, von dem her ich versuchen in der Gewißheit der Erfahrung, die wir haben, sind wir einge-
werde, eine Linie zu ziehen, die durch die falschen Oppositionen stellt auf künftige Situationen der bekanntgewordenen Art. Über
der antinomischen Ästhetik hindurchführt und dabei die erörter- diese Orientierung, die wir im Haben von Erfahrung haben,
ten und erwähnten Sackgassen der Vermittlung meidet. Und sei verfügen wir allein in der Gegenwart von Situationen, deren wir
es nur, um die Fehler, die auf dieser Linie liegen, einmal in aller gewärtig sind vermöge der Erfahrungen, die wir gemacht haben,
Offenheit zu begehen. als wir seinerzeit konfrontiert waren mit den Umständen, die
unserem Verhalten jetzt durch Erfahrung erschlossen sind.
Die Erfahrungsgehalte, die konstitutiv sind für den Charakter
lebensweltlicher Situationen, sind denen, die sich in diesen Situa-
tionen befinden, als solche nicht gegenwärtig: das, was wir im
Vollzug unserer Handlungen explizit voraussetzen, wahrnehmen
und vorhaben, unterscheidet sich auf spezifische Weise von dem
impliziten Wissen um die Situation, in der sich unser Handeln
vollzieht. Sowenig der Erfahrungsgehalt ihres Handelns den
Handelnden im situationsimmanenten Vollzug ihrer Handlungen
augenblicklich gegenwärtig ist, sowenig auch wird die interne
Bedeutsamkeit von Situationen greifbar in der darstellenden Rede
über das, was in Situationen zur Erfahrung gekommen ist und
kommt; die thematisierende Beschreibung und Bewertung des
Erfahrenen machen den Orientierungssinn einer Erfahrung nicht
selbst klar. Die pragmatische und partizipative Eingebundenheit
in Situationen, aus denen die Wirklichkeiten sprachmächtiger
und handlungsfähiger Individuen gebildet sind und fortwährend i. Erfahrung machen und haben
sich bilden, ist den dermaßen zur Welt gehaltenen Subjekten
allein in der Praxis der ästhetischen Wahrnehmung gegenwärtig. Eine Erfahrung machen bedeutet, eine lebensweltliche Situation
Es sind die ästhetischen Verfahren der Imagination und Kon- erschließen: um diesen Erfahrungsbegriff wird es im folgenden
struktion, die eine Vergegenwärtigung der Erfahrungsgehalte gehen. Autoren wie Heidegger, Gadamer und Polanyi haben in
vertrauter und fremder Situationen im Modus ihrer Erschlossen- unterschiedlicher Ausführung der jedem Erfahrenden vertrauten
heit oder Bedeutsamkeit ermöglichen. Ästhetische Präsentatio- Intuition Nachdruck verliehen, daß Erfahrungen in einem be-
nen stellen Komplexe eines möglichen impliziten Wissens, in stimmten Sinn nicht gleichzusetzen sind mit dem, was über ihre
dem die wirklichkeitskonstitutiven Auslegungen unseres Han- zentralen Gegenstände jeweils in Erfahrung gebracht worden ist.
delns und Daseins habituell behalten sind oder enthalten sein Was nämlich im Machen von Erfahrungen, die nicht auf diese
könnten, in ihrer situativen Verwiesenheit heraus. Ästhetisch ist und jene Weise längst schon eingespielt sind, zur Erfahrung
die Erfahrung von Möglichkeiten, Erfahrung zu haben. kommt, sind nicht einzelne Sachverhalte, sondern Situationen der
Wie in der Einleitung angekündigt, wird von der Eigenart der Relevanz von Sachverhalten; im Verlauf innovatorischer Erfah-
ästhetischen Wahrnehmung und Erfahrung zunächst nicht und rungen werden Möglichkeiten des Sichverhaltens zu Gegebenhei-
später bloß unter anderem die Rede sein. Ich habe in diesem ten offenbar, die innerhalb von Situationen auf zuvor nicht
Kapitel genug damit zu tun, die Behauptungen über den Zusam- gekannte Weise thematisch werden. Wenn man den so verstande-
menhang von Situation und Erfahrung soweit auszuführen, daß nen Prozeß des Machens einer Erfahrung hinsichtlich des ihm
die These von der ästhetischen Vergegenwärtigung von Erfah- eigentümlichen Produkts genauer betrachtet, so wird deutlich,
rungsgehalten sich sachlich aufdrängt und aus dieser Zumutung das das personale Erfahrungswissen durchaus anders verfaßt ist
eine weniger denn vieldeutige Kontur erhält; der erreichten als das je behauptbare Wissen, das die neuartig mit etwas kon-
Nötigung nachzugeben und den Umriß des bis dahin immerhin, frontierten Subjekte aus einer Erfahrung stets auch erhalten
aber doch immer nur Vorgezeichneten leidlich auszufüllen, wird haben. Erfahrungen gehen nicht auf in den theoretischen Er-
Aufgabe erst des folgenden Kapitels sein. Es kommt darauf an, kenntnissen und normativen Einsichten, die in ihrem Vollzug
das Machen und Haben von Erfahrungen zu beleuchten, bevor gewonnen wurden und die unabhängig von den erfahrend er-
Klarheit über das Machen und Haben von Erfahrung mit dem schlossenen Situationen formuliert werden können. Die Konse-
Gemachtsein von Erfahrungen sich einstellen kann. quenzen des (zuletzt von Tugendhat ausführlich belegten)
scheinbar trivialen Umstands, daß die Bedeutung situationsunab-
hängig verständlicher (assertorischer) Sätze zurück- und voraus-
weist auf Situationen, in denen sich das Gesagte bewahrheiten
kann und zu bewahrheiten ist, sind keineswegs trivial. Denn was
wir durch Erfahrung immer auch erwerben, sind situationsun-
mittelbare Orientierungen - und es sind diese Orientierungen,
die uns überhaupt zur Behauptung von Erkenntnissen befähigen,
so wie es umgekehrt das Unterscheidenkönnen von Propositio-
nen ist, das uns befähigt, revidierbare Relevanzordnungen zu
etablieren, von denen wir innerhalb des Spielraums von Situatio-
nen intuitiv Kenntnis haben.44
Erfahrungen, in denen bis dahin nicht realisierte Möglichkeiten
des Verhaltens bestimmend oder zwingend werden (ob es sich
dabei nun um Möglichkeiten primär der operativen, interaktiven ständnisses von >Erfahrung< sicherlich die Wahrnehmung von
oder kontemplativen Praxis handelt), haben stets ein doppeltes Dingen und Ereignissen der äußeren Natur betrifft). Wahrneh-
Resultat: sie führen zu einem situationsunabhängig aussagbaren mungs- und Verstehensleistungen dieser Art machen wir explizit
Wissen über das Erfahrene und zu einem situationsgebundenen in assertorischen Sätzen, für die wir Wahrheit bzw. Begründbar-
Verständigtsein auf das, was in der oder den einschlägigen Situa- keit beanspruchen.
tionen aufgekommen ist. Der nach einer Seite nicht aufzulösende In der Tat sind konstative - gegebenenfalls behauptbare - Annah-
Fundierungszusammenhang thematischer und nichtthematischer men das Ergebnis einer jeden Erfahrung, also auch in dem Sinn
Orientierungen kommt dann in den Blick, wenn man theoretisch von Erfahrung, der hier zu erläutern sein wird. Wenn man nun
von vorneherein mit Subjekten rechnet, die in ihrer Welt sich Erfahrung mit diesem Grundmerkmal einer jeden Erfahrung
engagieren - und die Frage nach dem Gehalt von Erfahrungen schlechthin identifiziert, dann fallen nicht nur problematische
aus dieser Perspektive stellt.45 und problemlose Orientierung von vorneherein unter einen Be-
Diese Bemerkungen sollen im Augenblick nur den Vorsatz erläu- griff, sondern es wird überdies der Sinn der Orientierung mißver-
tern, die pragmatische und performative Komponente dessen, standen oder doch unterschlagen, die Individuen, die auf Erfah-
was es heißt, eine Erfahrung zu machen, einmal nicht zu unter- rung angewiesen sind, durch Erfahrung allererst gewinnen. Dort
schlagen. Wir machen Erfahrungen als Mitglieder unserer Le- geht es nicht allein um die Gewinnung von Daten, sondern um
benswelt und ihrer Gliederungen selbst dann, wenn wir um die Aneignung eines Zugangs zu und eines Umgangs mit ihnen;
Welten aus dem eingelebten Kontext entfernt sind. Der Versuch, nicht allein um die Sicherung eines Tatsachenwissens, sondern
am Thema des (bzw. eines) Erfahrungsbegriffs die Wirklichkeit um die projektive Erschließung von Situationen einer Welt. Die
unseres Handelns geltend zu machen gegen die Abstraktionen problemlos gewordenen Orientierungen, auf die wir uns im
unseres je explizierbaren Wissens, genauer: gegen_die theoretisch Verfolg einer bestimmten Praxis verlassen können, sofern sie als
blinde Abstraktion, als sei jedes Wissen »prinzipiell« auf das ein Zusammenhang fragloser und unaufwendig zu ergänzender
Schema expliziter Aussagen zu bringen, dieser Versuch muß sich Kenntnisnahmen zur Verfügung stehen, sind von uns, die wir sie
allerdings hüten vor der preiswerten Versuchung, den pragma- jetzt in Anspruch nehmen, einmal unter Bedingungen mangeln-
tisch-performativen und den kognitiv-propositionalen Aspekt der Orientierung erfahrend ausgemacht worden; und sie stehen
des Habens und Machens von Erfahrungen gegeneinander auszu- auch weiterhin unter dem Vorbehalt der erneuten Problematisie-
spielen. Er wird sich um die Doppelnatur von Erfahrungen rung. »Problematisch« sollen dabei nur diejenigen Orientie-
bemühen, ohne voreilig das Recht von Analysen und Redeweisen rungsbemühungen heißen, die nicht bloß schwierig sind, sondern
zu bestreiten, die nicht auf dieser Linie eines durch Erweiterung bei denen Handelnde genötigt sind, die Art ihrer als selbstver-
der Perspektive eingeschränkten Erfahrungsbegriffs liegen. ständlich eingeübten Voreingenommenheit hinsichtlich der (Art
Denn natürlich liegt zunächst einmal nichts Verwerfliches in dem der) Gegenstände zu ändern, mit denen sie augenblicklich kon-
oft üblichen extensiven Gebrauch des Ausdrucks >Erfahrung<, frontiert sind bzw. sich konfrontieren. Diesen Fall werde ich
der diesen Terminus in dem schwachen Sinn beliebiger Kenntnis- untersuchen als den, in dem wir genötigt sind, eine Erfahrung zu
nahmen verwendet: >eine Erfahrung machen< heißt dann soviel machen: das ist der Fall, wenn die Möglichkeit einer angemesse-
wie etwas zur Kenntnis nehmen, von etwas Kenntnis erhalten, nen und gesicherten sachlichen Einschätzung nur im Zuge einer
eine Information oder einen Gedanken als gültig annehmen oder Änderung der mitgebrachten Einstellung gegeben ist. Gegenüber
auch eine Handlungsmöglichkeit als empfehlenswert erkennen, einem auf die direkte Tatsachenfeststellung zugeschnittenen Er-
kurz: etwas als etwas auffassen - gleichgültig, ob es sich dabei um fahrungsbegriff halte ich (auch unabhängig von ästhetisch inter-
sensorische oder interpretative, empirische oder evaluative Auf- essierten Hintergedanken) eine Konzeption für ergiebig, die den
fassungen handelt (obwohl das klassische Paradigma dieses Ver- Vollzug einer Erfahrung begreift als den jeweils singulären Pro-
zeß der Änderung von Orientierungen in gegebenen Verhaltens- Einstellungen, in die Erfahrungen münden, unterscheiden von
bereichen.46 den Bezugnahmen, die in ihnen zusammengeschlossen sind (b);
Mit diesen Klärungen ist ein hermeneutiscker Erfahrungsbegriff ich werde anschließend die Besonderheit der Präsenz bestimmter
nur insofern anvisiert, als sich die philosophische Hermeneutik Situationen herausstellen gegenüber sowohl ihrer routinierten
nicht ausschließlich auf das Verstehen fremden Sinnes - das Mo- Typisierung als auch ihrer externen Beschreibung (c); in einer
dell der Textauslegung und der kommunikativen Interaktion - ersten Zusammenfassung präzisieren, was es heißt, Erfahrung zu
konzentriert: sondern die Erschließung und Erschlossenheit von haben (d); und abschließend prüfen, inwiefern sich bestimmte
Situationen zum Thema hat, die die Gegenwart eines oder mehre- Erfahrungstypen bzw. Einstellungsarten auf der Basis der ge-
rer Subjekte bilden. Aber auch um eine dermaßen heideggersche wonnenen Einsichten unterscheiden und rekonstruieren lassen
Hermeneutik der Erfahrung geht es nur insoweit, als die polemi- (e).
sche Zielrichtung (und sowohl antilibertäre wie antisoziale Be-
schränkung), die der Analyse Heideggers und zum Teil noch
Gadamers zugrunde liegt, nicht übernommen wird - als gäbe es a) Erfahrung machen
einen prinzipiellen Vorrang eines inwendigen Seinsverstehens
oder des Sicheinfindens in die Überlieferung vor der erkennen- Erfahrungen, die wir machen, sind Veränderungen, die uns ge-
den Beurteilung und überlegenden Bewertung begegnender Um- schehen, indem wir sie vollziehen. Was sich dabei ändert, ist die
stände. Die Konstruktion eines Primats der »umsichtigen Ausle- Sicht der oder bestimmter Dinge, aus der sich die Erfahrenden bis
gung« gegenüber der erkennenden Aussage ist so haltlos wie die dahin verhalten haben. Nicht jede Änderung der Ansichten über
konverse Simplifikation, es gehe der erkennende Zugriff vor dem bestimmte Dinge ist eine Erfahrung und geht zwangsläufig auf
handelnden Engagement.47 Gerade dieser sinnstiftende und sinn- Erfahrungen zurück; was sich durch Erfahrung ändert, ist die das
tilgende Zusammenhang ist es, für die sich eine pragmatisch künftige Verhalten bestimmende Einstellung zu dem, was da
voreingenommene Theorie der sinnbildenden Erfahrung interes- erfahren wurde. Eine Erfahrung machen heißt nicht einfach, eine
siert - gestützt auf die Mittel einer Hermeneutik lebensweltlicher Ansicht und Absicht revidieren und gewinnen, sondern bedeutet,
Projekte. einen veränderten praktischen Bezug erhalten zu dem neu oder
Bleibt die Frage: Wenn Behauptungen die ausdrückliche Form erstmals Angesehenen und Vorgenommenen.
dessen sind, was einerseits in jeder Erfahrung zur Wahrnehmung Dieser Zugang in der Erhellung des Machens von Erfahrungen
kommt - was sind dann die Explikate jener ominösen Kenntnis, macht es nötig, Erfahrungen zu unterscheiden von den Arten der
die wir zum anderen durch Erfahrung gewinnen? Damit nicht Bewußtheit, aus denen sie sich bilden. Solange sie sich der
falsche Zurückhaltung die Lektüre erschwert: Diese Seite unserer Einstellung, aus der die Subjekte sich gerade verhalten, problem-
Existenz aus und für Situationen haben wir vor uns an den los einfügen, solange sie also fraglos sind und folgenlos bleiben
Medien der ästhetischen Wahrnehmung; das Wissen, dessen Zu- für die Wirklichkeitsauffassung, die der jeweiligen Einstellung
spruch wir brauchen, um etwas zu wissen, können wir vergegen- zugrunde liegt, solange ballen sich einzelne Wahrnehmungen,
wärtigen, erkunden und erfinden an der internen Artikuliertheit Empfindungen, Affekte, Überlegungen - und ihre eingespielten
von Kunstwerken, ästhetischen Objekten, ästhetisch distanzier- Verbindungen - nicht zu Erfahrungen zusammen: sie gehen nicht
ten Situationen und nicht zuletzt auch der konstruktiven Bauart in den Prozeß einer Erfahrung ein, sondern verbleiben in ihrer
von - Theorien.48 Punktualität und Geformtheit vor der Schwelle der Erfahrung.
Wir sind einer Sache in verschiedenen Konstellationen emotional,
Dieser Nachsatz zeigt an, wie gut es ist, nichts zu überstürzen.
sensorisch, intellektuell gewärtig, wir sind in den Umständen
Ich beginne mit phänomenologisch ansetzenden Bemerkungen
dieser Gewärtigkeit wahrnehmend tätig, aber nicht erfahrend
zum Erfahrungsprozeß (a); ich werde dann zeigen, wie sich
gefordert. Einzelne Wahrnehmungsereignisse und fortlaufende Verhältnis zur unvermutet auffälligen Situation und zu den The-
Wahrnehmungssequenzen (einschließlich Überlegungsfolgen), men, die damit aufgekommen sind. So mag die in ihrer Unbe-
solange sie in problemloser Zuordnung und Kontinuität sich rührtheit befremdlich erscheinende Wohnung zum Anlaß wer-
einstellen und vollziehen, sind nach dem hier zu erläuternden den für ein neues oder verdeutlichtes Verhältnis zu Phasen der
Verständnis nicht schon Erfahrungen. Sie sind es nicht schon, persönlichen Geschichte - und sei es nur ein bewußteres Einge-
weil sie es nicht mehr sind. In den unaufwendigen Vollzügen des stelltsein auf die Geschichtlichkeit der eigenen Person.
alltäglichen Lebens werden Formen des Gewärtigseins reprodu- Der Umstand, daß Erfahrungen in der Regel emotional sich
ziert, aktualisiert und in Grenzen selbst variiert, die sich zu aufdrängen und erlebnishaft einsetzen, darf nicht so bewertet
erheblichen Teilen einmal als Erfahrung gebildet haben, die werden, als sei die Präsenz von Gefühlen oder gar Empfindungen
erfahrend erlernt und erworben wurden; jetzt aber mangelt ihnen generell ein Indikator für den Vollzug von Erfahrungen. Nicht
der Zug des Widerspiels zwischen dem Einspruch unerwarteter Empfindungen und Gefühle schlechthin, auch nicht ihr merkli-
Gegebenheiten und dem verarbeitenden Zuspruch aus dem Re- cher bis dominierender Wahrnehmungsbeitrag, sondgrQ einma-
servoir des bereits Gewußten und Bekannten, das für Erfahrun- lige, die vorgefaßte Verhaltenserwartung dementierende und in
gen kennzeichnend ist. Handlungs- und Wahrnehmungsroutinen dieser Abgehobenheit prägnante Erlebnisse sind die charakteri-
sind erfahrungsentlastet; was Erfahrung einmal war, ist Gewohn- stischen Anlässe für das Machen einer Erfahrung. Was sich
heit und Gewißheit geworden. Überzeugungen und Fertigkeiten dermaßen aufdrängt, ist das Nichtweiterhelfen und nicht länger
sind erfahrungserprobt und gegen die Zumutung neuer Erfah- Gelten des bis dahin als geltend und hilfreich Unterstellten; diese
rung fürs erste gewappnet; was Erfahrung war, ist Wissen und Entlassung aus bis dahin wirksamen sinnhaften Verweisungen
Können geworden. Die Zustände und Ereignisse, auf die wir als wird allererst emotional verbucht und erfährt dabei eine erste
Bewohner unserer alltäglichen Welt eingestellt und in denen wir unvermittelte Bewertung, in der sich bereits ein Bedürfnis zur
eingerichtet sind, bilden die »Welt unserer Erfahrung«, die wir in neu entstandenen Lage geltend macht (diese vorgreifende Dimen-
unseren Verrichtungen stets aufs neue bestätigt finden: bilden die sion kommt Empfindungen nicht oder eben nur dann zu, wenn
mit anderen geteilte Welt, in der wir Erfahrungen machen, wenn sie, wie häufig, mit Emotionen zusammenfallen). Von singulären
die Bestätigung ausbleibt, Fragloses fraglich und Vertrautes zum Betroffenheitsereignissen, kurz: Erlebnissen dieser Art ist die
Fremden wird.49 Motorik einer Erfahrung gezündet. Das erste Verstehen eines
sich nicht mehr Verstehenden macht die Emotionalität von Er-
Die registrierende Wahrnehmung, daß in der Wohnung, die ich
lebnissen aus; der Sinn von Erlebnissen liegt im bedeutsamen,
für längere Zeit verlassen hatte, noch alles an seinem Platz ist, ist
weil - noch unartikuliert - antizipativen Ausbleiben von Sinn.
keine Erfahrung. Dieselbe Wahrnehmung freilich kann Bestand-
Weder enthält ein solches Erlebnis schon die Bedeutung einer
teil einer Erfahrung sein: dann etwa, wenn ich der Fremdheit der
gemachten Erfahrung, noch schreibt es deren Gehalt im Ganzen
einst so vertrauten Ordnung gewahr werde und mir in diesem
vorgreifend fest: es stellt die Frage, die im Zuge der ausgelösten
Befremden die Zeit meines Wegseins augenfällig wird, da ich
Erfahrung zu beantworten ist.5°
mich in der ehemaligen Szenerie unversehens ins Jetzt gestellt
finde. Dabei ist das Erlebnis der Fremdheit der Quellpunkt der Diese Frage gilt der Regelung des Verhaltens gegenüber der
Erfahrung, von dem aus meine Aufmerksamkeit aus dem Fluß verwandelt oder noch unbehandelt vorgefundenen Lage und
der vorgeordneten und vorerwarteten Besonnenheit treibt. Aber damit einem tragfähigen, unser künftiges Handeln orientierenden
diese initiative Emotion ist nicht schon die Erfahrung. Die Erfah- Verständnis der Situation, die sich nunmehr aufgetan hat. Für die
rung der verlorenen Vertrautheit besteht überdies in einer Reak- Vorbereitung einer Analyse der Antwort, in der wir rückblik-
tion auf das Befremden, mit dem sie anhebt. Diese Reaktion kend und vorausweisend Aufschluß haben hinsichtlich der in
besteht grob gesagt darin, sich einzufinden in ein geändertes Erfahrung gebrachten Umstände, ist es wesentlich, den Umstel-
lungs-, in seltenen, aber durchschlagenden Fällen sogar Umsturz- Konfrontation und Aneignung entrollt sich nicht erst im aben-
charakter von Erfahrungen genauer ins Auge zu fassen. Weder teuerlichen Übergang zwischen einander abstoßenden Wirklich-
Wahrnehmungsereignisse noch Wahrnehmungsabläufe machen keiten, sondern spielt sich ab ebenso anläßlich von Konflikten
für sich genommen eine Erfahrung aus; erst das ereignishafte innerhalb leidlich stabilisierter Erfahrungswelten. Auch hier be-
Genötigtsein zur prozessiven Umdeutung von Wahrnehmungen deutet das Machen einer Erfahrung nicht die bloße Hinnahme
und Wahrnehmungsmustern ist für den Vollzug einer Erfahrung eines bislang nicht Angenommenen, sondern dessen Herein-
entscheidend. Was den Vorgang der Erfahrung von den Arten nahme in den Haushalt des soweit als wirklich und möglich
der nichterfahrenden Gewärtigkeit unterscheidet, ist zum einen Bekannten, in dem dieses Angebot und diese Zumutung gerade
seine besondere Zeitlichkeit - das Merkmal diskontinuierlicher nicht vorgesehen waren. Eine Erfahrung ist immer die Erfahrung ^
Prozessualität; ist zum andern ein mehrseitiges (kognitives, voli- von etwas, das so nicht hingenommen werden kann, das aber
tives und emotives) Sicheinstellenmüssen auf den problemati- bezüglich dessen, worauf es den Erfahrenden jeweils ankommt,
schen Gegenstand der Erfahrung. Ich bleibe zunächst beim Pro- was sie erreichen und vermeiden wollen, was sie erhoffen und
zeßcharakter von Erfahrungen. befürchten, zu ihrem Glück oder (wenigstens relativen) Unglück
Eine Erfahrung, die gemacht werden will im Unterschied zu den angenommen werden muß.
Kenntnisnahmen, die uns in geübter Folge leise oder laut beglei- Dabei kann die Erfahrung, daß der Kaffee nicht mehr bekommt,
ten, setzt ein mit dem Erlebnis der Fraglichkeit einer bis dahin befremdend sein ebenso, wenn auch gewiß nicht genauso wie die
fraglosen Orientierung in beliebigen Situationen; sie vollzieht Entdeckung der Auflösbarkeit eines sturmerprobten theoreti-
sich insgesamt als ein Prozeß des Findens einer Antwort auf den schen Dilemmas, die Offenbarung, daß eine Liebe erwidert oder
Verlust der Fraglosigkeit. Dieser Prozeß mag Augenblicke dau- nicht erwidert wird oder die totale Anmutung, daß die Welt aus
ern oder Jahre: die Antwort, die sich in ihm findet, hat Dauer bis den Fugen sei. Wenn es sich tatsächlich um Erfahrungen handelt
zum Exzeß erneuter Fragen (sofern wir sie dank oder zwangs der und nicht um konsequenzlose Informationen, dann zeigt jeder -
wiederholten Präsenz der zugehörigen Situationen überhaupt dieser Fälle, daß eine Erfahrung gemacht sein will, indem die
behalten). Wir machen Erfahrungen in der Konfrontation und Erfahrenden sich den Umstand, der ihnen auffällig geworden ist,
Auseinandersetzung mit Gegenständen (inklusive Ereignissen, in der Weise stellen, daß sie ihre bisherige Verhaltensbereitschaft
Sachverhalten, Personen, Äußerungen), mit denen wir uns nicht und Zukunftserwartung angesichts der neuen Realitäten projek-
schon oder nicht genügend auskennen; erfahrend sind wir genö- tiv umstellen. Erfahrungen vollziehen sich selten mit der Augen-
tigt zu reagieren auf unerwartete Gegebenheiten, die im Hinblick blicklichkeit, in der häufig ein altes Verständnis fragwürdig und
auf das, was wir wissen und wollen, nicht oder nicht recht das Fehlen einer Orientierung offenkundig wird; die resümieren-
einschätzbar sind. Der Aufwand der Erfahrung ist gerufen als den Titel, mit denen wir Erfahrungen im nachhinein benennen,
Antwort auf etwas, das uns widerfährt. bezeichnen lediglich den primär relevanten Aspekt der Sache, zu
Wie besonders Gadamer herausgestellt hat, liegt in der grundle- der wir in ihrem Verlauf einen veränderten Zugang gewonnen
genden Negativität von Erfahrungen zugleich ihr »eigentümlich haben. Nach vollzogener Erfahrung stellt sich die Situation, in
produktiver Sinn«. 5 ' Eine Erfahrung machen heißt immer auch, der sie erwirkt wurde, anders dar: sie reiht sich ein in die Folge
dem, was da auf einen zukommt und einen angeht, in mehrfacher der Situationen, die durch diese Erfahrung vertraut geworden
Hinsicht zu begegnen. Für den Prozeß einer Erfahrung zeigt sich sind und die an die Schwelle erneuter Erfahrungen führt. So wird
das am Doppelcharakter der durch sie in Gang gesetzten Befrem- der Kaffeeliebhaber zum Geschmack am Tee finden müssen und
dung: die Erschütterung der hergebrachten Einstellung wird dies vielleicht nur durch eine leidvoll eingespielte Neuordnung
ausgestanden im Zuge einer Entfremdung des zugestoßenen seiner Frühstücksvorlieben und sonstigen Entspannungsrituale
Neuen. Erfahrung ist Fremderfahrung - das Widerspiel von bewerkstelligen können; der Neudenker wird einen sogenannten
Ansatz auszufeilen haben, der es ihm erlaubt, seinen Grundge- doch mit der anfänglichen Irritation die Reaktion auf das Begeg-
danken gegenüber dem bisher Geltenden auszuprägen und so die nende nicht schon festgelegt, schreibt doch der Anstoß der
Gewißheit des zündenden Einfalls in eine argumentativ bewan- »Frage« nicht schon den Abschluß der »Antwort« fest. Wir
derte Orientierung innerhalb des berührten Problemfelds zu lassen uns auf etwas ein - und behaupten dadurch einen Spiel-
überführen; Lust und Leid der sich Ver- und Entliebenden wer- raum gegenüber dem, was uns widerfährt. Die Autonomie, die
den darin bestehen, die Ausstrahlung des definitiven Seelenereig- sich darin unter Umständen auch dann realisiert und bewährt,
nisses auf die Situationen mitzuvollziehen, die nicht unmittelbar, wenn eine Erfahrung das Mißlingen unseres Vorhabens zur Folge
aber doch im Zuge der nun liebebesessenen oder liebefreien Zeit hat, ist ihrerseits das Resultat einer Erfahrung des Erfahren&ön-
in einem anderen Licht erscheinen und eine veränderte Praxis nens: einer Erfahrung der Möglichkeit, sich durch Erfahrung zu
ermöglichen und erzwingen; wer schließlich mit einemmal hadert ändern, erfahren an der Notwendigkeit, dem je Widerfahrenden
am Stand und am Lauf der Welt, sei es an der Erkennbarkeit ihrer zu begegnen. Die Einsicht, die wir als Erfahrende gewonnen
Fundamente oder der Verläßlichkeit ihrer Bewohner oder bei- haben und stets wieder gewinnen - und die es hier nur, Gadamer
den, der steht vor dem schwierigen Übergang zu einem reflexiven folgend, der Hegel kritisch liest52, aufzunehmen gilt - , ist ein
oder polemischen Weltzutrauen, der Entzweiflung einer trotzi- Wissen um die Vorläufigkeit von Erfahrungen. Erfahrend bauen
gen Gläubigkeit oder eben der Umstellung auf die klaglos ver- wir der Zumutung künftiger Erfahrungen vor, erfahrend, in der
zweifelte Haltung, daß es nichts zu fügen und hoffen und somit Umstellung angesichts der jetzt bekannten Lage, stellen wir uns
kaum auch zu fürchten mehr gebe. Jede dieser Erfahrungen, so auf kommende Erfahrungen ein. Gegen Erfahrungen, seien sie
nehme ich an, kommt in Gang mit der Gewärtigung bestimmter erfreulich oder nicht: gegen das Bestürzende unverhoffter Situa-
Umstände oder Ereignisse, durch die diejenigen, die diese Erfah- tionen hilft auf Dauer nur die Offenheit für erneute Erfahrung.
rung machen werden, auf veränderte Weise von etwas okkupiert Endgültig, wenn es zu ihr kommt, ist nur die eine Erfahrung, von
werden und es daraufhin neu oder erstmals deuten und bewerten. der niemand zeigen kann, daß sie vorläufig ist.
Als Erfahrung zählt und wirkt die unmittelbare Betroffenheit Für alle anderen Erfahrungen gilt, daß sie hinausweisen über die
von etwas gerade dann, wenn sie für die, die da betroffen sind, Situation, in der sie aufgekommen sind. Etwas so und so erfah-
sachliche und praktische Konsequenzen unausweichlich macht, rend schließen wir an die bisherige, im Vergangenen erworbene
die zuvor auf diese Weise nicht abzusehen waren. Voreingenommenheit gegenüber der augenblicklich prekären
Dabei darf man das pathische Moment des Machens von Erfah- Sachlage an; wir schließen dort an, indem wir angesichts der
rungen nicht einseitig betonen: von vielen, selbst katastrophi- gegenwärtigen Umstände (über kurz oder lang) ein revidiertes
schen Erfahrungen läßt sich sagen, daß die, die sie machen, Verhältnis auch zu künftigen Situationen ihres Gegebenseins
immer auch so frei sind, eine Erfahrung so zu machen. Die uns gewinnen. Dabei birgt die Orientierung, aus der wir eine Situa-
unwillkürlich aufgedrängten oder nahegelegten Sinnesänderun- tion erfahrend erschlossen haben, nicht zwangsläufig einen un-
gen, die wir (im starken Sinn) Erfahrungen nennen, sind meist terscheidenden Aufschluß über die relevanten Gesichtspunkte der
auch ein Resultat der Fähigkeit, ein Verhältnis zu den prekär Sachlage, zu der wir nun verständigt sind (noch auch eine expli-
gewordenen Situationen zu finden. Eine Erfahrung machen heißt zite Einsicht in jene Situation, aus der wir zu der jetzt erreichten
dann auch, sich Freiheit herauszunehmen oder doch die fehlende Umorientierung genötigt waren). Gewiß wird in Erfahrungen
einzuklagen: nämlich eine neue Zugangsweise zu erkennen und etwas als etwas (Verändertes, Neuartiges) wahrgenommen, ver-
zu wählen oder dann, wenn einem keine Wahl gelassen ist, das standen, erkannt; aber welcher Zusammenhang von Fakten und
Hinzunehmende und Erlittene in bezug aufs (nunmehr) zu Ver- Themen es ist, dem die Handelnden nunmehr, nach gemachter
langende und Erwünschte zu bewerten. In der Nötigung zur Erfahrung, Rechnung tragen, ist ihnen nicht immer, nicht gleich
Erfahrung nehmen wir die Gelegenheit zum Erfahren an: ist und insgesamt kaum jemals in prägnanter und distinkter Weise
gegenwärtig. Die erfahrene Umdeutung hat nicht den Charakter stufung etabliert haben, die für die Wirklichkeit eines Gesche-
einer erkennenden Ausdeutung. Erst im Rückblick aufs Gesche- hens und für den möglichen Erfolg eines Handelns maßgebend
hen der erfahrenden Aneignung kann der Zusammenhang von ist. Wir sind mit einer Situation vertraut, wenn wir wissen,
Aspekten, auf den die Erfahrenden sich eingestellt haben, ersicht- welche ihrer nicht thematischen Aspekte für das, worum es in ihr
lich werden. Obwohl Erfahrungen auf ausgezeichnete und letzt- geht, relevant sind oder relevant werden könnten. Wir wissen,
lich einzigartige Weise zu Erkenntnissen befähigen und in den was eine Situation ausmacht, ohne die subsidiären Hinsichten,
meisten Fällen zum Erhalt expliziter Einsichten führen, führen die sie mit bestimmen, aktuell bestimmen zu können. Sich in und
• sie nicht allein und oft nicht primär zu Erkenntnissen, sondern mit einer Situation auskennen, heißt nicht so sehr, über die
allemal zu einem Auskennen mit und dies dank einer Einstellung Handlungsmöglichkeiten, die sie bietet, im Bilde zu sein, es
zu dem, was in ihrem Verlauf bekannt geworden ist. bedeutet praktisch voreingenommen zu sein gegenüber dem, was
Das wird uns noch länger beschäftigen. Im Augenblick möchte zur Behandlung kommt und zur Verhandlung steht. Erfahrung
ich diese Behauptung plausibel machen durch einen Hinweis auf hat, wer innerhalb einschlägiger Situationen, auf ihrem schwan-
die allgemeine Verfassung von Situationen. Situationen sind die kenden Boden und in ihren wechselnden Perspektiven weiß, was
Umgebungen von Individuen, die ihre Umgebung objektivieren zu tun und zu lassen ist.
können, d. h. auf die Gegenstände und Ziele ihres Handelns auch Das gilt für Situationen der verschiedensten Art. Es gilt nicht nur
unabhängig von den Situationen, in denen diese präsent sind und für den Kaffeeliebhaber, der sich für seine Entspannungs- oder
realisiert wären, sprachlich Bezug nehmen können. Situationen Konzentrationszwecke auf ein festes Ritual verlassen kann, für
sind das, was die - vergangene, künftige, augenblickliche - den Stadtbewohner, der mühelos und rechtzeitig an die Orte
Gegenwart von Subjekten ausmacht, deren Handlungsspielraum seiner Verabredung findet, für den Automechaniker, der Moto-
nicht durch die aktuelle Raumzeitlage festgelegt ist, weil sie als ren routinemäßig kontrolliert und repariert, für den Politiker, der
sprachmächtige und sprachbedürftige Wesen stets mehr wissen seine diversen Pappenheimer drohend und schmeichelnd und
(wollen) und wollen (können) als das, was ihnen unmittelbar versprechend im Zaum hält, sondern etwa auch für den Melan-
gegeben und gegenwärtig ist. Situationen können daher verstan- choliker, der die Mehrzahl seiner Lebensstationen so reizlos und
den werden als nach sachlichen Hinsichten und praktischen folgenlos flüchtig befindet und erwartet wie noch stets seit jener
Möglichkeiten durchgemusterte Bedeutungszusammenhänge, auf unglücklichen Affaire, und es gilt auch für den Hegelspezialisten,
deren Kenntnis erkennende und planende Individuen im Vollzug der, wenn das Thema Hegel aufkommt, gleich ein Bündel von
ihres Handelns angewiesen sind. »Eine Situation«, schreibt Ha- Argumenten und Strategien parat hat, mit denen er das Banau-
bermas in Anlehnung an Schütz/Luckmann, »ist ein durch The- sentum der Hegelverächter wieder einmal für alle Mal entlarvt.
men herausgehobener, durch Handlungsziele und -pläne artiku- Selbst das Nachdenken über die Verfassung von Situationen ist
lierter Ausschnitt aus lebensweltlichen Verweisungszusammen- eine - durch das Thema >Situation< und das Projekt der theoreti-
hängen, die konzentrisch angeordnet sind und mit wachsender schen Klärung bestimmte - Situation derer, die sich und anderen
raumzeitlicher und sozialer Entfernung zugleich anonymer und in einer bestimmten Absicht den Charakter von Handlungssitua-
diffuser werden.«' 3 Infolge dieser Staffelung wird der für eine tionen klarmachen wollen. Überlegungs- oder Diskussionssitua-
Situation relevante und charakteristische Themenkreis zuneh- tionen sind nicht identisch mit den manchmal so genannten
mend unüberschaubar und verschwimmt in einem um die mo- »Problemsituationen«, verstanden als der Zusammenhang der
mentane Ausrichtung gezogenen Horizont aus Aspekten, die für Probleme (Fragen, Themen), die in ihnen bearbeitet werden;
das gegenwärtige Verhalten nicht in Betracht genommen werden Überlegungssituationen sind Zeitspannen, in denen wir aus ei-
müssen. nem bestimmten Bedürfnis, in einer bestimmten - praktischen
Eine Situation kennen heißt nun nichts anderes als eine Relevanz- oder theoretischen - Absicht, unter Voraussetzung einer Reihe
von Annahmen, die Antwort auf eine gegebene Frage suchen. eine Situation als Erfahrungssituation überhaupt erst dringlich
(Sie werden, grob gesagt, zu Erfahrungssituationen, wenn auch wird.
die Fragen fraglich werden, von denen wir glaubten ausgehen zu Bevor ich die Skizze zum Erfahrungsprozeß in eine Analyse des
können). Nicht in jeder Situation sind die räumlichen Bedingun- genuinen Produkts von Erfahrungen, der Einstellungen also,
gen des aktuellen Verhaltens besonders signifikant; viele Situatio- überführe, ist eine Bemerkung angebracht zu den »Veränderun-
nen sind nicht primär durch die Raum- und Zeitkoordinaten, die gen«, die durch Erfahrung bewirkt werden. Wenn ich von Erfah-
sie umspannen, definiert: weder die wirtschaftliche Situation (der rungen als Einstelluagsänderungen rede, gebrauche ich den Aus-
Bewohner) eines Landes, nicht die existentielle Situation des druck »Veränderung« in dem weiten Sinn, der die Bekräftigung
Melancholikers, noch die Situation dessen, der im zweiten Kapi- und Abschwächung einer Position mit umfaßt. Ohne diesen
tel seiner Arbeit umständlich den Boden bereitet für die Polemik Zusatz wäre das hier Gesagte einigermaßen überzogen. Denn die
des vierten. Nicht jede Situation läßt sich angeben und aufsuchen meisten Erfahrungen revolutionieren nicht unsere Stellung in der
wie eine Wahrnehmungssituation; viele lassen sich nur beispiel- Welt, sondern geben ihr einen Stoß, eine Nuance, eine Schattie-
haft vorführen, erzählend vergegenwärtigen oder anhand ihrer rung. Nur wenige Erfahrungen - die schönsten, die schlimmsten,
Themen rekonstruierend benennen. Situationen, deren primäre die umwerfendsten, die einer im Laufe seines Lebens hat, sind so
Gegenstände Abstrakta sind - der Begriff >Situation<, die Kon- einschneidend, daß sie wenn nicht die Erfahrenden, so doch eine
zeption einer Arbeit, des Melancholikers bisheriges Leben - sind ihrer Einstellungen zu bestimmten Dingen mit einem Schlage
darum nicht selbst abstrakt; abstrakt ist nur die Rede von Situa- ganz verändern. Oft auch muß sich eine Erfahrungssituation
tionen, die eine Mehrzahl von Situationen unter eine Kennzeich- mehrmals begeben, bis eine Erfahrung tatsächlich vollzogen ist.
nung oder einen Typus faßt: die wirtschaftliche Situation des Schließlich ist zu beachten, daß Kollektive und Individuen, die
Landes X, die Problemsituation der nachkantischen Philosophie, ihr Wissen und Wollen aus Erfahrung organisieren, in einer
die Lebenssituation des Melancholikers oder der Melancholiker Mehrzahl von Wirklichkeiten und somit Bereichen möglicher
allgemein. Jede konkrete Situation setzt ein Subjekt voraus, das Erfahrung existieren, die ihrerseits in diverse und nicht immer
sich zu dem verhält, was ihm in ihr mehr und weniger bedeutsam umstandslos kompatible Realitätsaspekte und Typisierungen zer-
wird - und somit ein bestimmtes Zeitverhältnis und soziale wie fallen.54 Die ein Verhalten motivierende und orientierende Ak-
biographische Beziehungen verschiedener Art. Die Rede von tualität von Bedeutungszusammenhängen, kurz: der Sinn, der
subjektlosen Situationen ist eine abgeleitete Redeweise. Situatio- sich erfahrend umbildet, ist immer gegen reale und mögliche
nen sind bestimmt durch die Praxis der in ihnen mit etwas andere Sinnfassungen und Relevanzvorgaben prägnant und pre-
befaßten Subjekte, gleich ob es sich um vorrangig herstellende, kär. Erfahrend setzt sich Sinn gegen andernorts und vormals als
überlegende oder interaktive Vollzüge handelt, gleich welche Art verbindlich und erträglich genommenen Sinn eine Zeitlang
der Verbindung von operativen, kontemplativen und kommuni- durch.
kativen Praktiken das situationsbestimmende Engagement je-
weils konstituiert. Weil das so ist und weil es das einigende Firmament über den
Sinnprovinzen und ihren Horizonten, die bereits unseren Alltag
Entgegen den Erfahrungen, die wir haben, sind wir veranlaßt, unterteilen und die alltägliche Weh ausmustern gegenüber den
Erfahrungen zu machen, wenn die unterstellten Relevanzord- nichtalltäglichen Vorkommnissen und Bezirken, jedenfalls für
nungen, auf die wir uns bislang in praxi verlassen haben, ihren die Heutigen nicht gibt; weil der Zusammenhang der Orientie-
orientierenden Sinn verlieren. »Eine Erfahrung machen« heißt, rungen, auf die wir in den verschiedenen Situationen angewiesen
eine vorausweisende Einstellung zu jeweils problematischen Um- sind, als übergreifender Zusammenschluß nicht faßbar ist, son-
ständen finden durch eine Veränderung der von diesen Umstän- dern greifbar wird allein in der Praxis und Geschichte des Durch-
den aufgestörten ursprünglichen Einstellung, mit deren Irritation laufens einander ablösender Situationen: darum können und
müssen wir bestimmte Erfahrungen immer wieder machen - schliffen werden - bis es eben zu einem Stau, einem Bruch,
Erfahrungen, deren Ergebnis, die seinerzeit mitbekommene und einem Riß im Kontinuum der wechselvollen Verrichtungen
mitgenommene Einstellung, inzwischen wenn nicht gegenstands- kommt.
los und verloren, so doch in der Verarbeitung anderer Eindrücke Ich halte fest: EinstellungsdWerwwge« sind nötig, wenn ein
überlagert und verdrängt worden ist. Nur weil Bekräftigungen Einstellungswedwe/ problemlos nicht möglich ist; diese - erfah-
und Abschwächungen (nicht aber routinemäßige Bestätigungen rende - Änderung wird nötig auch dann, wenn es nicht eine neue
und Aktualisierungen) auch Veränderungen sind - Veränderun- Einstellung zu bisher unbekannten oder irrelevanten Gegeben-
gen zumal gegenüber konkurrierenden Auffassungen, denen ge- heiten zu finden gilt, sondern auch dann, wenn es darauf an-
genüber die erfahrend erneuerte Einstellung sich ihr Recht ver- kommt, eine (ähnlich) bereits einmal gefaßte Einstellung gegen-
schafft - , hat es Sinn, vom wiederholten Vollzug einer Erfahrung über anderen, seither gewonnenen oder dominant gewordenen
zu reden. Dispositionen zu rehabilitieren oder bekräftigen. Auch wenn
Diese Ergänzungen dürfen nicht so verstanden werden, als sei das jede Erfahrung eine Erneuerung bewirkt, so ist keinesfalls jede im
Auftreten von unerwarteten und zuwiderlaufenden Umständen strengen Sinn innovativ oder gar inventiv.
schlechthin als eine Nötigung zur Erfahrung zu interpretieren.
Nicht jede Enttäuschung von Erwartungen an Situationen zwingt
die Handelnden zu Einstellungsänderungen - oft genügt zur b) Einstellung
Bewältigung der unvermuteten Lage ein Einstellungswec^se/. Für
viele Situationen ist ein Einsteilungswechsel von vorneherein Wie mehrfach angedeutet, zeigt sich die Mehrsinnigkeit der
vorgesehen und die Umstellung längst zur Gewohnheit gewor- erfahrenden Auseinandersetzung mit etwas nicht in ihrer prozes-
den. Wenn du nicht willst, dann ziehe ich andere Saiten auf; siv-projektiven Struktur allein; sie ist überdies zu ersehen an der
wenn das Ding nicht will, gehen wir zu anderen Methoden über: Art der Kenntnisnahme, die sich im Zuge von Erfahrungen findet
mit solchen Methoden oder, mit dem Ausdruck von Schütz, und verliert. Denn korrigiert und konformiert werden hier nicht
»Rezepten« der Umschaltung sind wir für viele, nur eben nicht nur die separaten Meinungen und Absichten, die Individuen auf
für alle Fälle ausgestattet: »für alle Fälle«, die irnmer nur viele Grund nicht zuletzt von Erfahrungen haben, sondern betroffen
Fälle sind. Gerade durch Erfahrung haben wir ein unauffälliges sind auch die situationsunmittelbaren Orientierungen von Sub-
Vorbereitetsein auf vielfache Einsteilungswechsel erworben: wir jekten, die sich gegenüber aktuellen Umständen gemäß ihrer
vollziehen diese - vom gesprächsbereiten zum autoritären Auf- intuitiv abgestimmten Meinungen, Bedürfnisse und Absichten
treten, von der Entspannung der Pause zur Anspannung der verhalten - tangiert ist die performative Einstellung zu den je
Arbeit, vom schwelgend atmosphärischen zum schrittweise ana- relevanten Gegebenheiten, die sich allein durch Erfahrung ändert
lytischen Lesen usf. - täglich und oft stündlich in mannigfachen und zu deren Revision oder Bekräftigung eine Erfahrung immer
Formen, ohne dabei auf die Ubersetzung erneuter Erfahrungen auch führt.
im geringsten angewiesen zu sein. Mit einer Einstellung nämlich Einstellungen sind generalisierte Situationseinschätzungen un-
erwerben wir zugleich die Kompetenz der situativ geregelten mittelbar praktischer Natur. Um die Eigenart dieses nicht-expli-
Einnahme dieser Einstellung; die Beurteilungen, die in Einstel- ziten und nicht-reflexiven Verständigtseins zu verstehen, kommt
lungen festgeschrieben sind, sind erlernt und eingeprägt als es darauf an zu klären, was Einstellungen unterscheidet von den
eine Befähigung zur fraglosen Anwendung und Umsetzung Tatsachenannahmen, Intentionen und Bedürfnissen, die eine Si-
des so behaltenen Wissens. Der Transfer zwischen aneinander tuation aus der Perspektive derer charakterisieren, die sich in ihr
anschließenden oder miteinander konkurrierenden Zugangs- befinden und befunden haben. Vorweg und grob gesagt liegt der
weisen ist immer schon vorbereitet und muß nicht erst einge- ganze Unterschied darin, daß wir die Stellungen zur gegebenen
Lage nicht unterscheidend einnehmen und aufeinander abstim- Standpunkten oder Stellungnahmen, das Einstellungen generell
men müssen, sofern wir auf die betreffende Situation eingestellt sind; sie unterscheiden sich danach, in welcher Weise die (in jedem
sind. Worauf wir unter bestimmten Umständen aus sind, womit Fall) konstitutiven Komponenten einer Einstellung ausschlagge-
wir es dabei zu tun haben (was wir als relevant wahrnehmen, bend bzw. leitend sind für die Praxis, die in der jeweiligen
verstehen, erkennen), wie die jeweiligen Objekte zu nehmen und Einstellung fundiert ist. Insofern setzt die Differenzierung von
wie wir von ihnen - ihrer Präsenz und Dringlichkeit - eingenom- Einstellungstypen eine vorläufige Bestimmung des Begriffs der
men sind: solange eine Einstellung vorhält, ist das Verhältnis Einstellung voraus.
dieser Bezugnahmen und Bezüge derart festgestellt und geregelt, Gehen wir also den besagten Komponenten zunächst einige
daß es weder gefunden und geübt werden muß, noch geklärt Schritte weit nach.56
werden braucht, noch oft bestimmt werden kann. Es ist daher Eine Einstellung zu etwas haben bedeutet erstens, eine Maxime
geboten, die volitive, kognitive und emotive Relation auf anste- oder Regel des Verhaltens gegenüber den Objekten dieser Einstel-
hende Gegenstände ins Auge zu fassen und nachzuvollziehen, lung angenommen haben. Eine Einstellung haben heißt, eine
wie diese Positionen integriert sind in den weitgehend »ent- Antwort gefunden haben auf die praktische Frage, wie den
sprachlichten« Verbund einer Einstellung. Zum Zweck dieser Objekten, mit denen wir es zu tun haben (wollen), zu begegnen
Analyse wird es nötig sein, dieses mehrseitige und integrale sei; jeder Einstellung liegt die Bejahung (bzw. Verneinung) einer
Verständnis in die Komponenten der regulativen, konstativen oder einer Reihe von Handlungsmöglichkeiten zugrunde. Mit
und expressiven Thematisierung zu zerlegen, mittels derer die auf der Annahme einer Einstellung ist ein Wille - und sei es (auch)
eine Praxis eingeschworenen Akteure die Einschätzung explizie- ein Widerwille - gebildet und gefaßt: gegenüber dem Teetrinken,
ren könnten oder müßten, von denen sie in vertrauten Situatio- den Möglichkeiten der Entspannung, dem Umgang mit Wählern,
nen im wesentlichen a tergo geleitet sind. Nur wenn es gelingt, der Art persönlicher Beziehungen, einer Art zu leben usf. Für
das Phänomen der Einstellung auseinanderzunehmen in die Ar- den allgemeinen Charakter von Einstellungen ist es dabei gleich-
ten der Bezugnahme, die es konstituieren, wird eine leidlich klare gültig, ob es sich jeweils um eher technisch-instrumentelle, so-
Auskunft darüber zu gewinnen sein, in welchem Verhältnis sie ziale oder subjektiv-präferenzbestimmte Regelungen handelt; ob
grundsätzlich ineinandergreifen zu jenem Wissen, dessen tra- also mit der - wie immer bewußt gewählten und überlegend
gende Bestandteile sie immer schon sind. entworfenen - handlungsleitenden Option primär bestimmt und
Entgegen einer verbreiteten Gepflogenheit unterscheide ich also entschieden wurde, was gut ist für einen gegebenen Zweck, was
zwischen Einstellungen und Arten von Standpunkten (Positio- gut ist für alle potentiell Beteiligten oder was sich empfiehlt für
nen, Stellungnahmen), die als Formelemente von Einstellungen den Handelnden selbst.57 Da nun Einstellungen ein resümieren-
aufzufassen sind. Das bedeutet, daß der Begriff der Einstellung, des und vorausweisendes Verhältnis zu den Gelegenheiten bil-
um den es hier geht, nicht zu bestimmen ist im Verweis auf die den, die in ihnen ausgelegt sind, können nicht beliebig momen-
Verstehensbedingungen einzelner Satztypen oder Arten von tane Absichten, sondern nur generalisierte Intentionen (Maxi-
Sprechhandlungen; die Grundstruktur von Einstellungen, ver- men) hier eine Rolle spielen. Schon deshalb darf die bloße
standen als Produkte lebensweltlich-sinnbildender Erfahrungen, Akzeptanz von Verhaltensweisen, wie sie deutlich wird in der
ist vielmehr zu verstehen als ein Verhältnis von Standpunkten, Verwirklichung erklärter Absichten bzw. der Befolgung oder
die ihrerseits (in der Tat) als Modi der sprachlichen Bezugnahme Nichtbefolgung ergangener Aufforderungen, nicht gleichgesetzt
zu verstehen sind. Insofern setzt die Einstellungsanalyse ein werden mit dem habitualisierten praktischen Verhältnis, in dem
ungefähres Verständnis der grundlegenden Sprachfunktionen wir eingestellt sind auf die Bedingungen, mit denen wir im
voraus.55 Demgegenüber unterscheiden sich Einstellungsarte« Verfolg bestimmter Absichten zu rechnen haben. In Einstellun-
auf allgemeiner Ebene als Akzentuierungen des Verhältnisses von gen sind Intentionen geregelt; die Selbstverständlichkeit dieser
Regelungen beruht auf anderem als nur der Bestimmtheit des unterschiedlichen Arten der - starken bis schwachen - Begründ-
Wollens. barkeit der entsprechenden Behauptungen; das eine oder andere
Eine Einstellung zu etwas haben nämlich bedeutet zweitens, werde ich bei Gelegenheit nachtragen. Auch ohne eine genauere
einen Satz von Annahmen über das, was im Handeln erwartet Erörterung läßt sich festhalten, daß deskriptive wie evaluative
wird und zu erwarten ist, als gesichert zu unterstellen. Eine Annahmen einen bestimmten Spielraum des Handelns unter
Einstellung zu etwas haben heißt immer auch, zu wissen oder zu gegebenen Umständen festlegen und Entscheidungen für ein
wissen glauben, wie die Objekte, mit denen wir es zu tun haben bestimmtes Handeln jeweils nahelegen. Mittels konstativer Aus-
(werden), beschaffen sind; jeder Einstellung liegen Annahmen sagen (also deskriptiver und evaluativer Behauptungen) machen
über eine bestimmte Handlungswirklichkeit zugrunde. Die Rea- wir die Voraussetzungen und Gründe - berichtend, überlegend,
lität, mit der wir so rechnen, besteht aus den inhaltlich und argumentierend - explizit, auf denen die eingespielten Verhal-
relevanzförmig koordinierten Sachverhalten, die angesichts je- tensdispositionen einer Einstellung beruhen. Einstellungen sind
weiliger Vorhaben direkt und indirekt gegenständlich werden. auf Beschreibungen und Bewertungen gestützte regulative
Die für Einstellungen bezeichnende abgeschirmte Gewißheit, wie Orientierungen; die unmittelbare Verfügbarkeit dieses Orientie-
sich zu verhalten sei, fußt darauf, daß in den betreffenden Situa- rungswissens aber beruht auf noch anderem als gesicherten bzw.
tionen eine Reihe von Gründen fraglos leitend ist, aus denen sich für gesichert gehaltenen Erkenntnissen über das, worauf wir
ergibt und die dafür sprechen, wie gehandelt werden kann und momentan ausgerichtet sind.
soll oder muß. Deskriptive und evaluative Annahmen über die Vor dem Aufsuchen des dritten Elements ist eine Zwischenbe-
Objekte unsere Tuns stellen solche Gründe dar. In dem Bestand merkung angebracht. Es könnte scheinen, als ergäben die ersten
deskriptiver Annahmen, die unser Verhalten instruieren, ist die beiden Momente einer Einstellung zusammengenommen nichts
von der Art unserer Zuwendung unabhängige Beschaffenheit der anderes als den Begriff einer durch sachliche Informationen und
Gegenstände vorgemerkt, mit denen wir es in einer bestimmten interessengebundene (oder das Interesse bindende) Auszeichnun-
Situation zu tun haben: sei es der Unterschied in Geschmack und gen abgesicherten und gestützten praktischen Stellungnahme.
Wirkung von Tee und Kaffee, sei es die Kenntnis typischen Wie Ernst Tugendhat hervorgehoben hat, sind diese Stellungnah-
Wählerverhaltens, sei es das Funktionieren von Automotoren, sei men, auch wenn es begründete sind, nicht soweit begründbar,
es die Art der mit einer Krankheit verbundenen Schmerzen etc. daß nicht am Ende die Absicht eigens erklärt und über das
Während beschreibende Annahmen klarstellen, womit in einer weitere Verhalten entschieden werden müßte.'8 Gesicherte prak-
Situation zu rechnen ist und somit epistemische Gründe bereit- tische Stellungnahmen sind Absichtserklärungen (bzw. Anord-
stellen dafür, was getan werden kann, geben bewertende An- nungen), für die evaluative (bzw. normative) Behauptungen
nahmen Auskunft darüber, was in welcher Hinsicht gut, besser Gründe darstellen; diese Bewertungen sind um so stabiler, je
oder schlechter ist für das, worum es den Handelnden geht; sie mehr sie getroffen sind in Kenntnis der sachlichen Zusammen-
geben an, welche Möglichkeiten sich für unser Verhalten empfeh- hänge, die in ihnen als gegeben vorausgesetzt und als erwartbar
len und geben somit praktische Gründe dafür, was getan werden oder erwirkbar eingeschätzt sind. Nun haben die in situativer
sollte oder müßte: was der Kaffee dem Tee voraus hat (warum er Auseinandersetzung versierten Absichten, auf die ein habituali-
geschmacklich vorzuziehen ist), wie den Wählern zu begegnen siertes Verhalten eingeschworen ist, gegenüber reflexiv und dezi-
ist, was taugliche Motoren (erfolgreiche Reparaturen) sind, bis siv geklärten praktischen Fragen eine besondere Qualität - sie
zu welchem Grad die eigenen Schmerzen oder die des Patien- schließen auf Seiten der Individuen, die sie verfolgen, die Gewiß-
ten erträglich sind. Auf die komplexen Beziehungen zwischen heit der Fähigkeit ein, sich so zu verhalten, wie es für die
den unterschiedlichen Arten deskriptiver und evaluativer Aus- abgeschätzten Gelegenheiten erwartet, vorgesehen oder als un-
sagen kann ich hier ebensowenig eingehen wie auf die vermeidlich angesehen wird. Die Bestimmung dessen, was zu tun
sei, ist im Kontext von Einstellungen nicht in erster Linie gestützt sichts strukturell bekannter Umstände erst gar nicht prekär. Für
auf Betrachtungen über das Vorgegebene und zu Erreichende, das Verhalten in den aus Erfahrung typisierten Situationen ist der
sondern ist wesentlich gesichert aus der Kenntnis vormaliger Konflikt zwischen dem Sosein und dem Sozunehmen der in
Situationen, in denen es ein entsprechendes Unternehmen zu ihnen relevanten Gegenstände zwar nicht aufgehoben, aber für
realisieren galt. Eine aus Erfahrung erworbene Handlungsdispo- die Dauer des Bündnisses der Einstellung entproblematisiert.
sition enthält ein praktisches Wissen über die Realisierbarkeit Diese Liaison hat Bestand und kommt zustande drittens auf
einer Reihe von Handlungsmöglichkeiten; es ist diese innersitua- Grund einer eingespielten emotiven Gestimmtheit gegenüber den
tiv erworbene Gewißheit, so und so tatsächlich handeln zu Sachlagen, zu denen Einstellungen ein projektives Verhältnis
können (oder sich verhalten zu müssen), es ist die kognitiv sind. Eine Einstellung haben bedeutet vertraut zu sein mit der
kontrollierte Geübtheit einer Praxis, was die in Einstellungen eigenen unmittelbaren Reaktion auf das, womit wir in einem
enthaltenen Optionen von den wie immer mit Gründen ausge- bestimmten Engagement konfrontiert waren und jetzt konfron-
statteten, wie immer ausführlich begründeten praktischen Stel- tiert sind. ,Jede_EinsteUung fußt-auf einer subjektiv charakteri-
lungnahmen unterscheidet.59 stischen Befindlichkeit .angesichts der aus ihr gegenwärtigen
Der Hinweis auf diese Differenz darf nicht zu einer vorschnellen Umstände. Die Befindlichkeit, auf deren Vertrautheit es hier
Identifizierung von Einstellungen und praktischen Fähigkeiten ankommt, ist emotional; in der affektiven Bewußtheit von Emo-
führen. Die einstellungshafte Orientierung ist praktisch in einem tionen machen sich Bedürfnisse als momentan befriedigt oder
weiteren, radikaleren Sinn. Diejenigen, die auf etwas eingestellt unbefriedigt geltend; in Gefühlen artikuliert sich eine augen-
sind, sind nicht nur einer Fähigkeit positiv oder negativ sicher, sie blickliche Voreingenommenheit hinsichtlich Objekten oder Ver-
wissen auch, wann der Moment der Anwendung dieser Fähigkeit haltensmöglichkeiten, an denen Subjekte Anteil nehmen bzw.
gekommen ist. Sie wissen nicht nur, unter welchen Umständen denen sie ausgesetzt sind. Emotionen sind die Art, etwas als
ein Handeln realisierbar ist, sondern auch, wann es zu realisieren etwas aufzufassen, indem eine Bewertung seiner Zukömmlichkeit
ist. In Einstellungen ist die Realisierung von Handlungsmöglich- dispositional oder motivational wirksam wird; die bewertende
keiten immer schon vorbereitet. Was Einstellungen gegenüber Charakterisierung ihrer Gegenstände, die Gefühle enthalten, er-
gesicherten praktischen Stellungnahmen und einem auf das Ken- folgt im Zuge einer mit dieser Gewärtigung unmittelbar gegebe-
nen von Handlungsmöglichkeiten reduzierten praktischen Wis- nen Neigung, ihnen handelnd zu begegnen.61
sen kennzeichnet, ist die Unmittelbarkeit der auf Elemente unter- Für die Geschlossenheit von Einstellungen nun, dank derer wir
schiedlichen Wissens gestützten Orientierung darüber, was wie für eine bestimmte Verhaltensweise fraglos voreingenommen
wann vorrangig zu tun ist - und zwar so, daß der Kurs der unter sind, ist die Konstanz von Bedürfnissen hinsichtlich der anste-
den gegebenen Umständen zu vollziehenden Aktionen keiner henden Begebenheiten kein hinreichender Garant: in der Stabili-
überlegenden und probierenden Bestimmung bedarf.60 Wenn tät von Einstellungen machen sich Bedürfnisse auf gleichblei-
man dem deutschen Wort >realisieren< für einen Augenblick bende Weise bemerkbar. Erst die affektive Applikation minde-
seinen deutsch-englischen Doppelsinn beimißt: nämlich etwas als stens eines in dieser Vermeidung vertrauten Bedürfnisses setzt
etwas aufzufassen und einer Möglichkeit des Handelns zu folgen den einmal gefaßten Vorsatz und die seinerzeit erworbene Vor-
(eine Sache und eine Gelegenheit wahrnehmen), dann läßt sich kenntnis spontan in den Stand ihrer augenblicklichen Relevanz.
schlicht festhalten: eine Einstellung einnehmen, heißt eine Situa- Der Kontakt der in Einstellungen koordinierten Stellungnahmen
tion realisieren. Weil der Spielraum zwischen Möglichkeit und zu den Situationen, denen sie gelten und für die sie aufeinander
Wirklichkeit für gegebene Bedürfnisse und gefaßte Vorhaben bezogen sind, wird affektiv geschlossen. Im Sichäußern von
bereits ausgelegt und damit die Züge des Verhaltens im voraus Emotionen ergeht ein unwillkürlicher Vorschlag, was als Kern-
festgelegt sind, wird der Doppelsinn dieser »Realisierung« ange- aspekt der jeweiligen Lage zu betrachten sei; Gefühle leisten eine
erste und unmittelbare Vermittlung von Themen und Projekten, ist uns einiges von dem, was wir da wissen und als gültig und
die den Charakter von Situationen bestimmen für die, die sich in verbindlich unterstellen, in den so erschlossenen Situationen
ihnen befinden und in sie begeben. Gewiß schreiben auch kon- durchaus bewußt gegenwärtig: wir nehmen ja zur Kenntnis, was
stante, im Zuge des Erwerbs von Praktiken und des Auslebens gegeben ist und vor sich geht, und wir wissen zumindest, was wir
von Erfahrungen oft erst gebildete - sich einstellende "Emotio- in den eingespielten Aktionen und Reaktionen unmittelbar wol-
nen denen, die sie haben, nicht den Gesamtcharakter ihrer je len. Aber weder die Präsuppositionen, die unsere fraglose Auf-
aktuellen Wirklichkeit vor: aber sie machen wenn nicht den, so fassung stützen, noch die weitergehenden Optionen, nach denen
doch jedenfalls einen Bedeutungszusammenhang präsent, der die momentane Intention sich richtet, noch auch die Bedürfnisse,
konstitutiv oder mitkonstitutiv ist für die Einschätzung der die wir augenblicklich befriedigen und vernachlässigen, sind uns
augenblicklichen Lage. An der Auskunft der Gefühle kann sich im einstellungsmäßig gedeckten Handeln in der Regel präsent.
die volitive und kognitive Orientierung eingreifend und erin- Das Verhältnis aus Absichten, Erkenntnissen und Befindlichkei-
nernd orientieren: so ist das Behagen am ersten Schluck Kaffee ten, das diesem unbedenklichen Agieren den Rahmen gibt, ist
das Erkennungszeichen, um das das Frühstücksritual sich ab- zum Zeitpunkt der Einnahme dieser Einstellung niemals gegen-
spielt; läßt der vertraute Widerwille angesichts mundtoter oder wärtig. Keine Einstellung kann die Aufmerksamkeit lenken, de-
aufmüpfiger Wähler der Wahlkampfroutine ihren Lauf; zeichnet ren Gegenstand sie zugleich ist.63
das Gefühl »es wird schon vorübergehen« oder »es ist nicht
auszuhalten« dem leidgeprüften Schmerzverhalten die Bahn; gibt
Ein ebenso naheliegender wie irreführender Einwand gibt Anlaß,
das Hochgefühl des Hegellesens und Hegeldenkens dem Hege-
das konstitutive Ineinandergreifen der Komponenten einer Ein-
lianer die Gewißheit, die analytischen Banausen im Sack zu
stellung genauer zu verdeutlichen. Der Einwand stellt die Selb-
haben; erinnert die schleichende Frustration in Situationen, die
ständigkeit des dritten, des emotiv-expressiven Faktors in Frage.
andere begeisternd finden, den Melancholiker an die Vergeblich-
Ist die emotive Gestimmtheit nicht lediglich eine psychologische
keit des irdischen Glückstrebens und erneuert seine Maxime des
Begleiterscheinung des Machens von Erfahrungen und insofern
»Laß fahren dahin«. Die affektive Reaktion gibt einen im gegebe-
nur ein Faktor des Erfahrungsprozesses, nicht aber ein notwendi-
nen Zusammenhang vertrauten Impuls, auf den die nachfolgende
ges Moment ihres Resultats ? Geht die affektive Bewußtheit nicht
Praxis abgestellt ist. Es darf also nicht verwundern, daß die
durch die Habitualisierung von Verhaltensweisen einerseits in
Einschätzungen, die eine Einstellung ausmachen, gefühlsmäßig in
den schließlich gefaßten Absichten und andererseits in der gesi-
und zu dieser Disposition gehalten sind. Was wir vor aller
cherten Erkenntnis der situationsrelevanten Tatsachen auf? Wohl
Überlegung wissen, womit wir ohne Bedenken rechnen, wäre
kaum. Die gedankenlose Aufteilung von Emotionen in ihren
anders nicht zu behalten. Emotional ist das Band einer Einstel-
kognitiven und ihren Antriebsaspekt mißversteht den Anteil, den
lung geknüpft, emotional - im Betroffensein - wird dieser Bann
wir durch Gefühle an Situationen überhaupt haben. Wäre der
gebrochen. Die gefühlsmäßige Involviertheit in Verhaltenslagen,
affektive Kontakt zu Situationen akzidentiell, verschwände ihre
die wir in expressiven Sätzen uns bewußt machen und denen wir
Gegenwart in dem bloßen Gefühl eines Schwindels unfaßlicher
in expressiven Äußerungen und leibgebundenen Expressionen
Daten.
Ausdruck geben, ist das dritte Element des integrierten Verstän-
digtseins, das eine Einstellung ausmacht.62 Einen ersten Hinweis auf die Eigenständigkeit der emotiven
Dimension gibt die Beobachtung, daß das Votum der Gefühle
Nur der Zusammenhang dieser drei Komponenten, so meine ich, nicht notwendigerweise konform geht mit den regulativen und
macht den Holismus eines praktischen Wissens verständlich, von konstativen Orientierungen, auf die wir uns im Zuge einer Erfah-
dem wir nichts wissen müssen, weil es oft und gerade stillschwei- rung eingestellt haben. Jemand, der sich entgegen seiner Veranla-
gend seine unaufwendigen Orientierungsdienste tut. Natürlich gung dazu gebracht hat, regelmäßig früh aufzustehen, muß das
deswegen nicht mit Begeisterung tun. Der spontane Widerwille sehe Richtung zeigt, gibt denen, die das wissen, einen Hinweis
kann hier das Signal sein für das Inkrafttreten des heroischen auf den richtigen Kurs.
Willens. Auch für gewichtigere Fälle gilt, daß der emotive Erken- Wo sich freilich Wille und Neigung, Gefühlseinschätzung und
nungsdienst nicht immer eine kostenlose Antriebshilfe leistet. objektives Wissen in beständigem, von Fall zu Fall anders ent-
Entsprechend wird die Einschätzung, die sich in der Gefühlsre- schiedenem Konflikt befinden, da steht den Handelnden die
aktion bemerkbar macht, nicht immer übereinstimmen mit der sowohl beruhigende als beschränkende Fassung einer Einstellung
objektivierten Einschätzung, die für das Verhalten in der betref- nicht zu Gebot. Wo andererseits nicht nur die emotive und die
fenden Situation ausschlaggebend geworden ist. Gewiß wird der, objektivierende Charakterisierung, sondern auch die spontane
der sich die Praxis des Frühaufstehens abgerungen hat, bis auf und die regulierende Gewichtung der zentralen Situationsfakto-
weiteres der Meinung sein, daß das für ihn eine bittere Pille ist, ren einander nahegerückt sind, dort können wir uns oft weitge-
weil es seinem morgendlichen Schlafverlangen so gar nicht ent- hend auf das sprichwörtliche Gefühl als dem Koordinator der
spricht. Aber unser Heros der Selbstüberwindung ist außerdem tätigen Sinne verlassen - weil wir seinem Urteil, das eines aus
davon überzeugt, daß es - dennoch - gut für ihn ist, früh Erfahrung ist, aus Erfahrung trauen. Die so vertrauten Gefühle
aufzustehen: weil er neben der Gewißheit, was unmittelbar das sind eben nicht bloß Gefühle. Die erworbene Erfahrung macht
Beste wäre, zu der Einsicht gekommen ist, daß er die Zeit der sich hier bemerkbar als ein Verfügen über erfolgreiche Intuitio-
Vormittage braucht, um andere und nachhaltigere Frustrationen nen. Intuitionen sind volitiv instruierte, vor allem aber kognitiv
zu vermeiden. Auf die praktischen Implikationen dieser Einsicht versierte: durch Bewährung bewahrheitete und durch Bewahr-
hat er sich durch leidvolle Erfahrung besonnen. Natürlich wäre heitung bewährte Gefühle.64
es für den Betreffenden angenehmer, wenn die Widerrede der
Der Skeptiker in Gefühlsangelegenheiten gibt sich damit noch
Bedürfnisse mit der Zeit verstummte; über die strikte Konsonanz
nicht zufrieden. Daß wir uns in einer Situation auskennen, so
ihrer Komponenten jedoch ist die Bindung der Einstellung nicht
lautet der wiederholte Einwand, verdanken wir nicht auch den
zu definieren.
Zuflüsterungen der Emotionen, sondern allein unserem prakti-
Wäre es anders, wären wir in der Aktualisierung von Einstellun- schen Wissen über die (im Maßstab unserer Interessen) als rele-
gen dem Diktat der eingelebten Gefühle unvermeidlich unter- vant erachteten Umstände: und zu diesen, für eine Situation in
worfen, so könnten wir eine Einstellung nicht gegebenenfalls der Tat konstitutiven Sachverhalten, gehört eben unsere Befind-
willentlich einnehmen oder wechseln oder reflexiv in Frage stel- lichkeit in dieser Situation selbst mit hinzu. Es ist daher nicht der
len - sie wäre uns immer nur eingegeben. Allerdings liegt es im Affekt, der uns eine Orientierung gibt, wir sind es, die uns über
Wesen von Einstellungen, daß sie nicht beliebig eingenommen die auftretende Emotion (und ihre Verläßlichkeit) orientieren
und abgelegt werden können, sondern nur da, wo die gegebene und somit über eine solide Orientierung verfügen. Nicht nur das
Lage einen solchen Wechsel oder eine solche Änderung erlaubt emotiv Verzeichnete, auch die Emotionen selbst gehen als Daten
oder erzwingt. Eine Einstellung »einnehmen« heißt ja nichts in den Korpus des situationsbezogenen Wissens ein; ihr söge- —
anderes, als etwas Bestimmtes tun (wollen) und sich in diesem - nannter »Erkenntnisdienst« löst sich in den Bestand der erreich-
wie immer vorsätzlichen und zielbewußten - Tun auf ein prakti- baren konstativen Annahmen auf. Nichts anderes, mein lieber
sches Wissen verlassen zu können, das sich um die handlungslei- Ekstatiker, der du deinen Gefühlen hörig bist, anstatt sie kritisch
tende Absicht im Zuge ihrer Realisierung gebildet hat. Für den auszuhören, war zu beweisen.
anhaltenden Erfolg dieser vorproduzierten Projekte, die sich Für diese Demonstration kann ich mich nur bedanken. Denn
verstetigt haben im Testbad der von ihnen aufgeworfenen Situa- genau in der Alternative von Hörigkeit und Anhörung liegt die
tion, ist die Vermeidung der erstbetroffenen Neigungen ein Fehlleistung, die den B^itrag der affektiven Bewußtheit verkennt.
unverzichtbarer Aufweis. Auch ein Wegweiser, der in eine fal- Zu dieser Unterschlagung kommt es, wenn die Betroffenheits-
Wertungen gleichgesetzt werden einerseits mit den Aussagen und Aspekte einer Situation unbeirrt zu trennen und zu summieren,
Erklärungen, die sie im nachhinein bestätigen oder korrigieren nur eine konturlose Innenperspektive wäre: wollten wir denn
(würden) und andererseits mit den Aussagen, mit denen über die anfangen, diese Perspektiven gegeneinander auszuspielen, anstatt
Art der Betroffenheit berichtet werden kann. Die affektiven ihren Zusammenhang zu begreifen. Nur solange wir uns außer-
Reaktionen aber, soviel objektiv Annehmbares sie auch enthalten halb einer bestimmten Situation befinden, und das heißt: in einer
mögen, sind nicht einfach vorläufig-unbedachte Feststellungen anderen als derjenigen, die wir erinnernd, überlegend, rekonstru-
und Festlegungen. Weil sie beides, Option und Auffassung, ierend zum Thema machen, gehört die Art der Betroffenheit in
ungeschieden enthalten und dieses doppelte Verständnis unwill- ihr zu den konstatierbaren Sachverhalten, deren Existenz für
kürlich artikulieren, geben sie situationsintern unmittelbare Hin- diese Situation neben allen anderen Umständen charakteristisch
weise, die durch die mögliche Ausschreibung dessen, was sie ist. Innerhalb von Situationen dagegen gehört die affektive Be-
spontan zuschreiben, in praxi niemals gänzlich ersetzbar sind. wußtheit gerade nicht primär zu den Sachverhalten, die wir als
Sowenig räumliche und zeitliche Angaben vollständig ablösbar relevant zur Kenntnis nehmen. Sie gehören wesentlich zu der Art
sind von dem Umstand, daß es sich dabei um Verweisungen und Weise, in der wir die Umstände, die wir besehen, behandeln,
handelt, die von Subjekten etabliert worden sind, die sich hier bedenken, zur Kenntnis nehmen. Wir sind in dieser und jener
und jetzt, damals und dort, angesichts dieser und jener Objekte Modalität für etwas empfänglich und empfindlich und damit
und Ereignisse aufhalten und aufgehalten haben, sowenig sind die involviert in das Geschehen, das uns nicht total gegenwärtig, das
pragmatischen Orientierungen, die ein Verhalten gliedern, ablös- aber unsere Gegenwart ist.66
bar von den augenblicklich werthaften Direktiven, durch welche Daher ist die in Einstellungen präparierte Gegenwart ohne die
die Subjekte als Betroffene wissen, was zu tun ihnen nahe und Zutat der affektiven Voreingenommenheit nicht zu denken. Ein-
fern liegt, was für ihre Vorhaben mehr und weniger, positiv und stellungen sind ein unmittelbar praktisches Verhältnis im Sinn
negativ bedeutsam ist. Emotionen fungieren als werthafte Indika- einer regulativen Vorentschiedenheit der Akteure gegenüber den
toren.6' Sie stellen denen, die sie haben, die eigene bedürfnisge- Möglichkeiten, sich hinsichtlich der Objekte dieser Einstellung
bundene Parteinahme nicht dar, sie stellen ein solches Engage- zu verhalten; die Unbedenklichkeit dieser Zugangsweise hat
ment her. Die Prägnanz von Situationen ist an die Präsenz von Bestand auf Grund eingespielter affektiver Beziehungen zu den
Gefühlen gebunden. als thematisch konstatierten Sachverhalten, die damit für ein
Mit anderen Worten, der Einwand, Emotionen seien wohl zu aktuelles Vorhaben augenblicklich als mehr und weniger, positiv
verstehen als Begleitvorgänge von Erfahrungsprozessen (und na- oder negativ relevant gegenwärtig sind. In der Einstellung zu
türlich Daseinslagen überhaupt), nicht aber als irgend relevanter etwas ist die Praxis des Umgangs mit etwas geregelt; solange wir
Faktor des Resultats von Erfahrungen, unterschätzt den Unter- einer Praxis selbstverständlich folgen, haben wir eine intuitive,
schied zwischen der situationswtternen Kenntnis aus Betroffen- nur zu einem geringen Teil explizite Kenntnis des mit unseren
heit und der situationsexternen (oder auch internen) Kenntnis der Vorhaben aufgeworfenen Zusammenhangs von Themen, die um
Betroffenheit. Wer Gefühle generell für bloße Begleiterscheinun- die zentralen Gegenstände der gegenwärtigen Ausrichtung in
gen des Lebens und Handelns erachtet, macht den Fehler, die Art Stufen abnehmender Relevanz geordnet sind. Einstellungen ent-
der je subjektiven Befindlichkeit in einer Situation den Sachver- halten ein holistisch verfaßtes Verständnis relevanter Bedeutun-
halten gleichzuordnen, die die Handelnden während ihres jewei- gen, die eine Situation für das Verhalten und Handeln in ihr
ligen Engagements als relevant wahrnehmen. Der Gefühlsskepti- charakterisieren.
ker konstruiert die Innenperspektive von Situationen, als wäre sie
nichts weiter als eine verworrene Außenperspektive; und über-
sieht dabei, daß die Außenperspektive, die es uns erlaubt, die
c) Erfahrungsgehalt Einstellung ist per definitionem eine Einstellung zu etwas, wor-
auf wir so eingestellt sind. Wer eine Einstellung hat, weiß etwas
Erfahrungen, die wir machen, sind Veränderungen, die uns ge- darüber, womit er so Erfahrung hat, und er kann in der Regel,
schehen, indem wir sie vollziehen. Eine Erfahrung machen heißt, spätestens wenn er gefragt wird, auch etwas darüber sagen, was er
etwas so zur Kenntnis zu nehmen, daß die Wahrnehmenden aus eigener Erfahrung weiß. Entsprechend bedeutet die Ände-
genötigt sind, sich in dem Bereich, von dem sie Kenntnis erhalten rung von Einstellungen stets auch, etwas innerhalb einschlägiger
haben, anders zu verhalten. Durch Erfahrung lernen wir etwas Situationen (als) verändert konstatieren: gleichgültig, ob dieser
kennen, indem wir Züge unserer bisherigen Praxis ändern. In Revision Absichts- oder Bedürfnisänderungen nun vorausgehen
diesem Sinn habe ich von der Doppelstruktur einer jeden Erfah- oder nachfolgen, solange sie nur erfolgen; und gleichgültig, ob
rung gesprochen: wir bringen etwas in Erfahrung derart, daß die diese anders- oder neuartige Kenntnis gegebener Tatsachen mit
bis dahin praxisleitende Einstellung eine Änderung erfährt. Wir einem Bewußtsein über die zugleich geänderte Handlungsregel
gewinnen ein Verständnis, indem sich zugleich in dem zugehöri- und einer veränderten Befindlichkeit zusammengeht oder nicht;
gen komplexen Vorverständnis Verlagerungen ergeben. Jede Er- gleichgültig auch, ob die resultierende andersartige Praxis einher-
fahrung setzt ein mit einem doppelten Verständnisverlust: der geht mit einer ausführlichen situationsexternen Kenntnis des
Irritation darüber, was von einer Sache zu halten sei, und dem Zusammenhangs von Stellungnahmen, die für das innersituative
Verlust der Sicherheit, wie mit der neuen Lage umzugehen ist. Verhalten nunmehr ausschlaggebend sind. Das weitgehend impli-
Folglich mündet jede Erfahrung über kurz oder lang in einen zite Wissen der Einstellung schließt ein explizites Wissen über
doppelten Verständnisgewinn: einer Auffassung über das, was zentrale Aspekte der mit ihrer Einnahme gegebenen Lage,
erfahren wurde, und einer Einstellung zu der Situation der schließt die konstative und auch regulative und expressive The-
Aktualität dessen, was Gegenstand der Erfahrung war. matisierbarkeit von Situationsmerkmalen ja keineswegs aus, son-
Aus der Sicht der vorangegangenen Erörterungen ist dieses Resü- dern schließt zumal die ausdrückliche Konstatierung anstehender
mee noch durchaus ungenau. Denn es hat sich gezeigt, daß die Gegebenheiten notwendig ein. In jedem Fall nämlich können die
Doppelnatur von Erfahrungen im Medium einer dreifachen Posi- praxissteuernden, weil Handlungsimperative koordinierenden
tionsfindung gebildet ist. Die Zwiefältigkeit des hier besproche- Beurteilungen und Intuitionen in konkreten Vollzügen nur grei-
nen Erfahrungswissens darf nicht auf das Schema expliziter vs. fen, wenn einige der tragenden Annahmen sich als weiterhin
impliziter Konstatierungen vereinfacht werden. Wohl stellt die gültig erweisen. Ohne die Wiederholbarkeit expliziter Feststel-
analysierte Einstellungsorientierung ein zu wesentlichen Teilen lungen sind Einstellungen nicht wirksam.
implizites Wissen dar, aber es ist dies ein Wissen, das die Sach-
Freilich bedeutet und bewirkt die Änderung solcher tragender
kenntnis, die es enthält, nur zugleich mit der Vorentschiedenheit
Annahmen immer schon mehr als die Revision einer geltenden
regulativer Festlegungen und der Vertrautheit emotionaler Bin-
Meinung. Mit ihr ändert eine Einstellung ihren Zuschnitt; auf
dungen verfügbar hält. Mit jeder Erfahrung müssen wir uns
dem Weg der Erfahrung wird eine neuartige Situation zur Wirk-
doppelt und dreifach unserer Lage besinnen.
lichkeit einer revidierten Praxis. Genauso verhält es sich mit
Es könnte scheinen, als hätte ich den einen Aspekt des Habens
Absichts- und Bedürfnisänderungen, die so durchschlagend sind,
und Machens von Erfahrungen: den anfangs betonten Umstand,
daß ihre Wandlung Konsequenzen hat für das Verhältnis der
daß wir Erfahrungen nur machen, indem wir etwas in Erfahrung
Bezugnahmen, mit denen sie das Bündnis der Einstellung einge-
bringen (Ansichten über uns und die Welt gewinnen), in der
gangen waren. Wann eine Absichtsänderung die Preisgabe einer
Diskussion weitgehend unterschlagen, weil so viel von der Ein-
Einstellung bedeutet anstatt eines Einstellungswechsels; wann
stellung als dem genuinen Resultat von Erfahrungen die Rede
eine Meinungsänderung einer Einstellung die Grundlage ent-
war. Dieser Eindruck jedoch wäre unangemessen, denn jede
zieht, anstatt einen neuen oder korrigierten Grund für die bishe-
rige Einstellung zu bieten; wann eine veränderte emotive Reak- wie lustvoll und süß. Eine lebensweltlich ausufernde Erfahrung
tion einer geänderten Bedürfnislage Ausdruck gibt und Geltung läßt eine Gegenwart absehbar werden, die noch nicht ins Maß der
verschafft, anstatt nur momentan ein anderes Bedürfnis zu ver- Gewohnheit, des Vertrauten, des immer schon Gewußten und
melden: diese Grenze zwischen Ergänzung und Korrektur, der Beherrschten stimmt. Pointiert gesagt ist jede Erfahrung die
Grat zwischen den Eigenarten der je besonderen Einnahme und Erfahrung einer Gegenwart, die wird. Aber das ist mißverständ-
dem Beginn einer umdeutenden Aufgabe einer Einstellung ist lich gesagt, weil die so »erfahrene« Gegenwart nicht der Gegen-
abstrakt nicht zu bestimmen; das zeigt sich immer nur und stand der Erfahrung ist, sondern die Situation, die sich im Zuge
immer erst am Schicksal der Erwartungen, mit denen die aus der Erfahrung neuartig realisiert. Die neue Situation wird im
Erfahrung gestimmten Subjekte den vermeintlich bekannten und initialen Erlebnis nicht vorgreifend erkannt, sondern fürs erste, in
- nicht selten ebenso vermeintlich - unbekannten Lebenslagen einer ersten Erschließung werthaft geformt.
begegnen. Denen, die davor und dabei sind, eine Einstellung zu Während des Vollzugs von Erfahrungen sind die mit ihren
verlieren, kündigt sich diese Schwelle nicht erst an, um dann Vorurteilen entzweiten Subjekte im übrigen nicht aller orientie-
überschritten zu werden: der Schritt ins Offene einer unvertrau- renden Vorkenntnis ledig - denn ohne die Grundlage von Vor-
ten Situation ist schon getan im Augenblick der affektiven Be- verständnissen, die aktuell nicht zu bezweifeln sind, könnte keine
stürzung, die anzeigt, daß wir uns nicht mehr und noch nicht der handlungsleitenden Auslegungen überhaupt fragwürdig wer-
auskennen in dem, was wir tun und da, wo wir sind. Von der den und wäre eine an ihren Zielen und Objekten irre gewordene
emotionalen Zündung einer Erfahrung, von dem Erlebnis der Praxis, sei es im versuchsweisen Agieren, sei es überlegend, sei es
Fremdheit, mit dem der Bruch des einstellungsmäßigen Pakts in kommunikativer Auseinandersetzung, nicht zu beheben. Im
von Stellungnahmen denjenigen, die aus seiner Sicherheit agiert Zuge von Erfahrungen sind wir nicht mit einem Schlage der
haben, momentan offenkundig wird, war bereits zu Anfang Kenntnis aus bisheriger Erfahrung ledig, aber wir stehen dem,
dieses Kapitels die Rede. Nach allem, was ich über Gefühle was uns befremdend betrifft, ohne eine zureichene, angemessene,
gesagt habe, dürfte jetzt verständlicher sein, daß in der Irritation befriedigende, eindeutige, zwingende Einstellung gegenüber. In-
über den Verlust einer Orientierung ein erster, allerdings meist sofern ist alles Verhalten, ist auch die lernende und erfahrende
noch unverbindlicher, erst in der folgenden Reaktionszeit zu Orientierungssuche immer schon einstellungsmäßig präfiguriert;
korrigierender und zu paraphierender Vorschlag zur Neuorien- die gegenwärtige Situation erhält Konturen aus dem Erfahrungs-
tierung unmittelbar und ungefähr ergeht. wissen aus ähnlichen oder - und sei es vermeintlich - vergleichba-
Vor allen Dingen aber setzt das singuläre Betroffenheitsereignis ren Situationen. Aber es ist immer nur ein Teil der Situationen, in
eine - unvermutet gegenstandslose - Erwartung außer Kraft. denen wir uns befinden werden, die erfahrend bereits erschlossen
Nicht zufällig stoßen wir an dieser Stelle auf einen eminenten sind. Nicht jede Situation, in der wir uns einmal oder mehrmals
Begriff des Augenblicks. Was immer die Unausweichlichkeit befunden haben, ist uns aus Erfahrung erschlossen; nicht zu
einer erfahrenden Revision dominant veranlaßt (ob nun eine allem, was uns, uns betreffend, begegnet ist, sind wir im Stande
Betroffenheitsänderung oder nicht) - das plötzlich einsetzende einer Einstellung verständigt. Und jede besondere Situation kann
Erlebnis der Andersheit ist der Anfang einer jeden einschneidend den ihr zugewiesenen Charakter augenblicklich verlieren - auch
situationsbildenden Erfahrung. Hier ist auch wiederzuerkennen, wenn die meisten und zumal die alltäglichen Situationen dies in
was Bohrer einseitig für die ästhetische Erfahrung hat reklamie- der Regel glücklicherweise, gelegentlich aber verfluchenswerter-
ren wollen: eine exzentrische Gewärtigung, die inzentrisch wirk- weise selten tun. Wir machen Erfahrungen in Antwort auf Erfah-
sam wird. Der Einbruch einer anderen Wirklichkeit wird erfah- rungen, die wir haben. Wir haben Erfahrung auf Abruf der
rend zugelassen in der gesteigerten Verwiesenheit auf die eigenen Erfahrungen, die wir machen. Eine Erfahrung machen heißt, eine
Möglichkeiten - ein Rückstoß, der ebenso bitter ausfallen kann lebensweltliche Situation erschließen. In den Einstellungen, die
wir aus Erfahrung erworben und erhalten haben, haben wir Anlässe sein für einen schlichten Einstellungswechsel; auch wenn
Kenntnis der Verfaßtheit von Situationen, die Stationen unserer es dazu nicht kommt, bewirken und bedeuten sie nicht automa-
Praxis waren und deren Bekanntheit über die Gegenwart hinaus tisch einen Umsturz der Verfahrensmöglichkeiten, auf die ich
die Erwartungen ans Kommende bestimmt. eingestellt bin: es ist bloß möglich, daß sie eine Änderung bisher
Ein erneuter Einwand macht klar, daß die gerafften Erinnerun- geltender Relevanzsetzungen provozieren; ebenso ist es möglich,
gen an die anfänglichen, an Heidegger und Gadamer anlehnenden daß diese Abweichungen gegenüber der bisherigen Praxis ledig-
Betrachtungen den zwischenzeitlichen Stand der Dinge allzu lich als Begleiterscheinungen einer gleichbleibenden Zugangs-
großzügig resümieren. Wie verhält sich das situationsübergrei- weise fungieren. Bis die Grenze zur Erfahrung einmal fällt, kann
fende praktische Wissen der Einstellung zu den aktuellen Situa- die Regelung der Einstellung viele Variationen, Abirrungen und
tionen, in denen es greift? Ist es denn zulässig, die - interne - sogar Ausnahmen dulden.
Kenntnis von Situationen mit der mehr oder weniger routinierten Mit diesen Ergänzungen soll die Frage nach der Besonderheit
Bekanntheit gleichzusetzen, welche die Gewißheit der Einstel- einzelner Situationen nicht weggeschoben werden. Im Kontext
lung ihnen verleiht? Wird nicht mit der Rede von der erfahrungs- der Einstellungsanalyse war von Situationen immer schon im
haften Erschlossenheit von Situationen die zumindest potentielle Plural die Rede, nämlich als einer Reihe und Menge von Situatio-
Besonderheit einer jeden Gegenwart unterschlagen - also: be- nen eines Typs, mit denen Subjekte aus Erfahrung bekanntgewor-
steht nicht eine Differenz zwischen der erfahrenen Erwartung an den sind und zu denen sie ihre Lebensumstände erfahrend verar-
eine Situation und dem Eindruck ihrer jeweiligen Präsenz? beiten. Die einzelne Situation kam nur zur Sprache als diejenige,
Es wäre absurd, diesen Unterschied zu leugnen, denn das Spezifi- an der eine alte Praxis und Sichtweise ihr Ende findet. Durch
sche der Einstellungsorientierung liegt gerade darin, daß dieser diese Darlegungsweise, die das Erfahrunghaben bei den Erfah-
Unterschied, solange die Einstellung währt, nicht ins Gewicht renden immer schon voraussetzt und den Prozeß von Erfahrun-
fällt. Für die Dauer einer Einstellung wird die Eigenart der je gen primär an den Eigenarten ihres Produkts, der (geänderten)
konkreten Situation nicht in der Weise auffällig, daß diese Diffe- Einstellung, erläutert hat, bin ich noch nicht dazu gekommen,
renz eine Irritation der derzeit maßgeblichen Sicht der Dinge einen positiven Begriff der Präsenz und Bekanntheit einer Situa-
provoziert. Auch und gerade die vertraute Situation ist durch tion zu geben, gleichgültig, ob und inwieweit die Akteure auf das
einen Spielraum zufälliger Charaktere bestimmt; aber die Betei- in ihr Anstehende eingestellt sind. Schließlich kennen wir eine
ligten wissen zwischen dem Wesentlichen und dem - jetzt, hier - Situation in gewisser Weise auch dann, wenn wir uns (noch) nicht
Unwesentlichen routiniert zu unterscheiden. In gegebenen Um- in ihr auskennen. Nötig ist eine genauere Bestimmung der Ver-
ständen über unmittelbare Relevanzzuschreibungen verfügen be- faßtheit von Situationen. Nach allem Bisherigen ist das Wesentli-
deutet also nicht, die dermaßen strukturierten Situationen in allen che bereits damit getan, den fehlenden Begriff zu bilden.
ihren Zügen als gleichartig zu erwarten und anzutreffen. Augen- Gesucht ist ein Titel für das je momentane Verhältnis von und zu
blicklich virulente Stimmungen, Eingebungen und Impulse, die koordinierten Sachverhalten, das die Prägnanz einer je aktuellen
in der mitgebrachten Einstellung nicht ausgemacht waren, stür- Situation bestimmt, ohne notwendig die typisierende Erschlos-
zen uns nicht zwangsläufig sogleich ins Wechselbad neuer Erfah- senheit einer vertrauten Verhaltenslage zu sein. Ich werde die
rungen, sondern können aus unserer Sicht nebensächliche Beson- prozessiv erworbene Einstellung fortan unterscheiden von dem
derheiten einer solide etablierten und weiterhin amtierenden Erfahrungsgehalt, der das konkrete, aus ihrem Auge erschei-
Verhaltensorientierung sein. Daß heute Föhn herrscht, ich einen nende Gesicht einer gegebenen Situation formiert. EinJErfah-
Kater habe, unter Euphorie leide, den Gedanken habe, es könnte rungsgehalt ist der Zusammenhang von Impulsen und Charakte-
auch ganz anders sein, es hiermit einmal andersherum versuche - ren, die das Besondere einer Situation gleichzeitig bestimmen.
diese Zumutungen und Anwandlungen können zunächst einmal Mit dem Begriff des Erfahrungsgehalts ist also zunächst nichts
anderes gemeint als das mehrseitige und auf diversen Präsupposi- verhalten, also den propositionalen Gegenständen, die das the-
tionen und Präokkupationen beruhende Verständnis der zu ei- matische Zentrum einer augenblicklichen oder andauernden
nem gegebenen Zeitpunkt im Verhalten primär gegenständlichen mehrseitigen Bezugnahme jeweils bilden. Natürlich lassen sich
Phänomene. Gegenüber dem erläuterten Begriff der Einstellung Erfahrungsgehalte situationsex£era wie komplexe Sachverhalte
allerdings fehlt hier die Bestimmung der aus einer Anzahl oder beschreiben und analysieren; und gewiß sind die Sachverhalte, zu
Dauer von Auseinandersetzungen resultierenden Fixierung eines denen wir uns erfahrend verständigt haben und verständigen, in
Verhältnisses von Stellungnahmen, wodurch eine Praxis unter der Regel komplexer Natur. Aber es ist nicht Komplexität
den so bekannten Bedingungen unproblematisch zur Realisie- schlechthin, die für Erfahrungsgehalte charakteristisch ist, son-
rung gelangt. Der Ausdruck »Erfahrungsgehalt« zielt auf nichts dern die kognitiv-konstative, volitiv-regulative und emotiv-ex-
weniger und nichts weiter als die Art der simultanen Beziehun- pressive Bedeutsamkeit von Umständen, die Subjekten als anste-
gen, aus denen sich Subjekte zu dem, wozu sie sich primär hend-begegnende gegenwärtig sind: sei es die Notwendigkeit des
verhalten, mit allen ihren Sinnen im Kontext ihrer projektiven Frühaufstehens, die ich einsehe, der ich folge, die ich verfluche,
Einlassung aktuell verhalten. Erfahrungsgehalte sind das, was sei es Josefines Liebe, über die ich im Zweifel bin, die ich erhoffe
gegebene Situationen wirklich macht für die, die sich in ihr und erwerben will, sei es die Fragwürdigkeit eines theoretischen
befinden. Paradigmas, von der ich überzeugt und besessen und dessen
Wohlgemerkt ist die Rede vom »Erfahrungsgehalt von Situatio- Überfälligkeit ich zu erweisen entschlossen bin. Mit der beispiel-
nen« als abkürzende Rede zu lesen; denn genaugenommen sind haften Nennung möglicher Situationsr^erae« ist nun keineswegs
Erfahrungsgehalte kein Verhältnis zu und Verständnis von Situa- der Erfahrungsgehalt dieser Situationen wiedergegeben, sondern
tionen, sondern eines zu den thematisch und nichtthematisch lediglich das Zentrum, der Brennpunkt eines Zusammenhangs
belangvollen Gegenständen, das eine Situation als Gegenwart von maßgeblicher Bedeutungen festgehalten, die die enggezogenen
Handlungssubjekten konstituiert. Wir haben, finden und nehmen oder weitläufigen Koordinaten einer bestimmten Verhaltenslage
uns etwas vor und befinden uns somit im Weltausschnitt einer bilden. Zwar zeigt sich das Kennen und Verstehen der eigenen
Situation. Entsprechend sind wir im Verfügen über eine Einstel- und fremder Situationen nicht zuletzt daran, ob es den Erzählen-
lung nicht eigentlich auf eine Situation eingestellt, sondern auf den und Interpretierenden möglich ist, mindestens eines der
das zu einem Zeitpunkt aus Anlaß und im Kontext bestimmter zentralen Themen eines bestimmten Verhaltens zu formulieren;
Vorhaben primär und in primären Hinsichten Gegebene. Auf mit solchen Charakterisierungen aber deuten wir die bedeutsame
diesen kleinlichen Differenzierungen zu bestehen bedeutet ledig- Einweisung in eine Praxis bzw. die erlebnishafte Ausstrahlung
lich, an den oben skizzierten Charakter von Situationen zu einer einmaligen Konfrontation immer nur an. Andererseits gerät
erinnern und daran, daß die Bedeutung von Erfahrungsgehalten die ausführende Analyse konkreter Erfahrungsgehalte leicht in
nicht im Hinweis auf einen vorausgesetzten Begriff der Situation den Sog einer schlechten Unendlichkeit, weil jede Situation - in
bestimmt wurde, sondern umgekehrt der vorläufige Situationsbe- den Bildungen ihres Horizonts - prinzipiell so weit reicht wie die
griff jetzt aus dem erfahrenden, Erfahrungsgehalte zuweisenden, Welt, der die Menschen angehören, die sich jetzt im Kreis dieser
Prozedere des Umgehens mit thematischen Gegenständen erhär- Wirklichkeit befinden. Erfahrungsgehalte, seien sie unscheinba-
tet ist. Das im Gedächtnis, kann die vereinfachende Redeweise ren oder erhabenen Gegenständen anhängig, sind die Grundein-
getrost beibehalten werden. heiten des (heideggerschen) In-der-Welt-seins; Einstellungen,
seien sie Ausdruck begrenzter oder umfassender Praktiken, sind
Wichtig ist außerdem, den Terminus >Erfahrungsgehalt< nicht als die kleinsten unterscheidbaren Größen von (wittgensteinschen)
Parallelbildung zu dem des >Sachverhalts< aufzufassen. Erfah- Lebensformen. Im Prozeß der Erfahrung: im Zuge der Um-
rungsgehalte sind nicht besondere, etwa besonders komplexe schreibung von Erfahrungsgehalten wird etwas auffällig und
Sachverhalte, sondern ein komplexes Verständigtsein zu Sach-
aufdringlich, das wir vermöge der simultanen wie sukzessiven d) Erfahrung haben
Veränderung unserer zu Einstellungen legierten Standpunkte
aufnehmen (müssen) in das oft minimal und weniger oft rigoros Das Ergebnis der Erfahrungsanalyse ist zwar nicht mehr vorläu-
geänderte Ensemble der uns unvermerkt präsenten Wirklichkei- fig, aber noch nicht vollständig. Bevor ich mich dem erneuten
ten unserer Welt. Einwand zuwende, es sei pauschal über alle unterschiedlichen
Noch einmal meldet sich der niedergehaltene Skeptiker zu Wort. Einstellungstypen hinweggeredet worden und nur darum gelun-
Er hält die begriffliche Konstruktion namens »Erfahrungsgehalt« gen, der gefühlsskeptischen und holismenfeindlichen Kritik den
für eine bloße Mystifikation. Warum, so fragt er, kann man es Boden zu entziehen, möchte ich einige Ergänzungen nachtragen
nicht bei der Unterscheidung des Sachgehalts von Themen, ihrer zum Charakter des Wissens, das wir im Haben von Einstellungen
praktischen Relevanz und des Erlebniswerts aktueller Konfron- haben. Wie ist das besondere, auf besondere Weise praktische
tationen belassen? Hinter dieser Frage steht die Befürchtung, es Wissen beschaffen, das wir aus je eigener Erfahrung haben?
werde unter dem Titel des Erfahrungsgehaltes unter der Hand ein i. Das Wissen der Einstellung ist personal; es resultiert aus der
dunkler alter Erlebniswert zur eigentlichen oder eigentlich kon- erfahrenden Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten durch
kreten Erkenntniskraft stilisiert. So ehrenwert dieses Bedenken Subjekte, für deren Praxis das, worüber sie Bescheid wissen und
grundsätzlich ist (sofern es gegen eine irrational überbietungs- worin sie bewandert sind, seinerzeit relevant geworden ist und sie
ästhetische Erkenntnistheorie zielt), so hysterisch ist seine Appli- daher zur Erfahrung genötigt hat. Dieses subjektive Engagement
kation an dieser Stelle. Denn bei den Unterscheidungen, die dem ist es ja, was ein Wissen aus Erfahrung unterscheidet von den
Nörgler so lieb und teuer sind, habe ich es nicht nur belassen, angesammelten Kenntnissen und nichtrealisierten Vorhaben, zu
sondern habe ständig mit ihnen operiert in dem Versuch, den deren Verwendung es in Situationen eigenen Betroffenseins nie-
Zusammenhang von Situation und Erfahrung zu erhellen. Dieser mals oder noch nicht gekommen ist. Natürlich können Einstel-
Zusammenhang aber ist nicht zu verstehen, solange man es bei lungen auch gebildet sein aus der Aneignung von Überlieferun-
einem positivistischen Nebeneinander situationsbildender Merk- gen und fremden Erfahrungen - wenn die Aneignung sich vollzo-
male nur beläßt; es kam darauf an zu sehen, wie unterschiedliche gen hat im Medium eigener Erfahrung, also der Veränderung
Bezugnahmen - auf Zeit - integriert sind zu der Erschlossenheit hergebrachter Einstellungen. Auch sekundäre Erfahrungen sind
von Situationen, die das Ergebnis von Erfahrungen ist: sofern dann Erfahrungen.
man die Bedeutung von >Erfahrung< nicht von vorneherein epi-
stemologisch verkürzt. In diesem Sinn ist der Begriff des Erfah- Ii. Das mehrseitige und eingeprägte Verständnis, das in der Fest-
rungsgehalts eine Bezeichnung für die Konstellation von Stel- schreibung von Erfahrungsgehalten besteht und die Erschlossen-
lungnahmen, die eine Situation als Handlungssituation konstitu- heit von Situationen bedeutet, stellt ein großteils implizites Wis-
ieren und deren habituelle Festlegung eine bindende Orientie- sen dar, das sich durch eine Rekonstruktion der in ihm enthalte-
rung in Situationen eines Typs bedeutet. Ich kann nur wiederho- nen Optionen und Annahmen gewiß explizieren läßt, das aber
len: die weitgehend nichtexplizite Koordinationsleistung von durch ein dermaßen explizites Wissen über das, worauf die
Erfahrungsgehalten liegt nicht in der Macht opaker Erlebnisse, Handelnden implizit verständigt sind oder waren, nicht ersetzbar
sondern in einem unter anderem durch Betroffenheit strukturier- ist. Die Orientierung der Einstellung stellt ein spezifisches Wis-
ten Engagement hinsichtlich vorgegebener und vorgenommener sen dar, durch das die Bewältigung von Situationen intuitiv
Umstände. Nicht allein die Betroffenheit durch etwas, sondern geregelt ist. Michael Polanyi hat in seinen Studien über Wissen
die Bedeutsamkeit: die volitiv und kognitiv und emotiv, kurz: die und Bedeutung dargelegt, daß es ganz falsch wäre, diesem mehr-
lebensweltlich artikulierte Gegebenheit von etwas macht den fach instrumentierten und abgestimmten Auskennen lediglich die
vollen Sinn der erfahrenen Begegnung mit etwas aus. Funktion der Aufwandsersparnis und passiven Speicherung von
Kenntnissen zuzuschreiben. Einstellungen bergen ein Vorwissen,
genauer: stellen einen als Vorwissen praktisch organisierten Zu- einfache Beherrschung von Regeln bzw. die Gewißheit und
sammenhang von Kenntnissen ungefragt zur Verfügung, ohne Geübtheit von Fähigkeiten nicht allein schon das situationswie-
deren unproblematischen, ein Handlungsfeld umgrenzenden und derbildende Erfahrungswissen aus, das nicht (nur) die Ausführ-
vormusternden Einsatz wir weder fähig wären, etwas eingren- barkeit von Tätigkeiten, sondern die vertraute Realisierung von
zend zu erkennen und eingreifend zu bearbeiten, noch uns darauf Situationen garantiert. Zweitens resultiert nicht jede Erfahrung in
verstünden, uns mit anderen ausschnitthaft über etwas zu ver- einem erfolgreichen Verhaltenkönnen in den Situationen, die
ständigen. Jedes explizite Wissen und vorsätzliche Tun ist auf erfahrend erschlossen wurden; nicht jede Erfahrung mündet in
dem Hintergrund - unter der Voraussetzung - einer von aktuell ein umsichtiges Zurandekommen mit dem Erfahrenen. Ich trage
nichtartikulierten Bezügen getragenen Kenntnis gegeben und das nach in der Korrektur einiger Stilisierungen, die aus Darstel-
gebildet; jede Handlung vollzieht sich auf der Basis von Orientie- lungsgründen kaum zu vermeiden waren. Auch aus einem Schei-
rungen, die für ihre Ausrichtung unbemerkt eingesetzt werden. tern, das irreversibel und unergründlich ist, können wir eine
Die im Haben von Einstellungen gegebene Orientierung muß Einstellung erhalten. Die erfahrene Kenntnis einer Situation hat
verstanden werden in ihrer Funktion der Ermöglichung aus- also nicht notwendig den Charakter eines versierten Könnens; sie
drücklicher Bezugnahmen und Zuwendungen gleich welcher kann auch münden in das resignative Wissen, daß mit einer
Art.67 bestimmten Lage nicht zurechtzukommen ist. Der Sinn von
in. Das weitgehend implizite Wissen der Einstellung, über das Erfahrungen kann darin liegen, Bemühungen, die unvermeidlich
Individuen verfügen, indem sie mit den Gegenständen und in den sein mögen, als sinnlos zu erfahren.
Gebieten ihres Verhaltens aus Erfahrung vertraut sind, ist ein iv. Die situative Vermittlung von Selbstverständnis und Sachver-
praktisches Wissen, weil es in der Kenntnis von Verhaltensmög- ständnis, in der wir auf die Aktualität von Themen aus Erfahrung
lichkeiten besteht und ist ein, in vielfältige Vermittlungen einge- unmittelbar reagieren, ist nicht korrigierbar wie die einzelnen
wiesenes, unmittelbar praktisches Wissen, weil in ihm die Bedin- Stellungnahmen, die wir auf der Basis von Einstellungen jederzeit
gungen der Realisierung von Verhaltensmöglichkeiten so behal- vornehmen können. Im Fall der Einstellungsreflexion schließt die
ten sind, daß über den Ort dieser Zugangsweise nicht erst Möglichkeit der reflexiven Kritik die Möglichkeit einer reflexiven
befunden werden muß. Es handelt sich um Orientierungen, die Korrektur nicht ein. Die Korrektur einer Einstellung kann refle-
sich verkörpern in den Praktiken, auf die Akteure eingeschworen xiv angeleitet sein, sie wird in keinem Fall reflexiv vollzogen.
sind, seitdem sich ihnen eine Situation konstant erschlossen hat. Es ist ein seinerseits erlerntes und stets von neuem zu erlernendes
Für diese oft bis zur Besinnungslosigkeit und jedenfalls zur Können, das uns befähigt, das Verhältnis von momentanen
Unbedenklichkeit geübten, habitualisierten, eingesprochenen Wahrnehmungen und weitergehenden Annahmen, konkreten
und verabredeten Realisierungen hat sich der insbesondere von Absichten und allgemeinen Interessen, einschlägigen Bedürfnis-
Ryle propagierte Begriff eines »know how« eingebürgert; ge- sen und augenblicklichen Gefühlen aufspürend und bedenkend
meint ist ein Können, das darin besteht zu wissen, wie ein zu vergegenwärtigen: ein Vermögen, das allererst darin liegt, die
Vorhaben anzugehen ist, ohne ein überlegendes Bewußtsein da- Einschätzungen und Optionen, die im Verbund der Einstellung
von zu entwickeln, welche Annahmen in diesem Tun im einzel- vertäut sind, aus ihrer stillschweigenden, das eigene Handeln
nen als gültig vorausgesetzt werden und welche Regeln es sind, determinierenden Fügung artikulierend zu befreien. Wenn uns
denen die jeweilige Praxis in problemloser Weise vorrangig dabei leitende Bezugnahmen, die wir in der Einschreibung von
folgt.68 Erfahrungsgehalten automatisch unterzeichnet und erneuert ha-
Es wäre aber oberflächlich, die erläuterte Erfahrungsorientie- ben, nunmehr als unrichtig und falsch, sinnlos oder illusionär
rung, soweit sie eine implizite ist, mit diesem Begriff des implizi- erscheinen, dann wird die bisherige Einstellung, wird ein bislang
ten Wissens schlechthin gleichzusetzen. Denn erstens macht die selbstverständliches Verhalten, wird die Bedeutsamkeit einer ver-
trauten Sachlage fragwürdig. Nur ist mit der Kritik an einzelnen chen Satzmodi unterschiedlichen Anwendungs- und Verstehens-
Verständnissen, die Anteil haben am erfahrungshaften Verstän- bedingungen unterliegen), den wir als gegeben feststellen oder
digtsein, die Eingenommenheit für eine bestimmte Praxis noch kundtun, dessen Verwirklichung wir verlangen, uns wünschen
nicht gebrochen. Mit der Kritik einzelner Absichten, Meinungen oder uns vornehmen, einer derjenigen ist, um die es gegenwärtig
und Gefühlseinbildungen, die für eine Einstellung tragend sind, geht.7' In der Unterscheidung von Bedeutungen haben und äu-
mag die betreffende Einstellung gefährdet sein; gefallen ist sie ßern wir Verständnisse von dem, was im Zentrum unserer Auf-
damit noch nicht. Denn die Einstellung ist ein Verhältnis, das wir merksamkeit liegt.
in letzter Instanz nur erfahrend: in der so undurchsichtigen wie Bedeutsam sind Phänomene entsprechend des für ihr aktuelles
unausweichlichen Gegenwart problematischer Situationen auflö- Verständnis konstitutiven Zusammenhangs nichtthematischer
sen können. So wie die Geübtheit der Urteilskraft nicht durch Bezüge; die Kenntnis dieser subsidiären Relevanzen ist notwen-
immer neue Regelungen angeleitet und gesichert werden kann, dig implizit. Die Bedeutsamkeit von Themen ist der nach gegen-
sondern nur am Beispiel von Fällen, an denen die Auffassung sich wärtigen Interessen intuitiv ausgemusterte Zusammenhang von
bereichert und schärft, so sind auch Einstellungen letztendlich Annahmen und Regeln, die wir in der Zuwendung zu den
nicht aus der Warte von Metapositionen, also aus der Perspektive primären Gegenständen unseres Handelns als gültig unterstellen.
anderer Situationen als derjenigen korrigierbar, die durch sie Der Gesamtkontext, aus dem die zu einem Zeitpunkt themati-
erschlossen waren und jetzt verändert zu erschließen sind. Erfah- schen Phänomene belangvoll und signifikant werden, hat die
rung haben heißt Urteilskraft habitualisiert haben; diese Verfas- Struktur von Erfahrungsgehalten, die den Charakter von Situa-
sung ist nicht in direkten Eingriffen, sondern allein aus der tionen aktuell bestimmen. Im Beiliegen und Beimessen von Er-
Nötigung von Situationen zu renovieren.6' fahrungsgehalten wird etwas in seiner Bedeutung für ein gegen-
v. Einstellungen organisieren Sinn. Der subjektive Sinn von wärtiges Verhalten bedeutsam.71 In der Fraglosigkeit und Kon-
Handlungen und Verhaltensweisen liegt in der unzweifelhaften stanz der Bedeutsamkeit, die thematischen Phänomenen zu-
Bedeutsamkeit der Gegenstände, die während ihrer Ausführung kommt, sind Individuen habituell auf die Praxis verständigt, in
und Dauer thematisch Bedeutung haben und gewinnen. Der Sinn der sie diesen begegnen.
von Situationen liegt im Spiel der Differenz von Bedeutsamkeit
und Bedeutung.70 Wie gesehen, ist in der Festschreibung von Erfahrungsgehalten
nicht nur ein Verhältnis von Bezugnahmen, sondern auch eines
Bedeutung haben Phänomene gemäß der prädikativen Unter- von thematischer Ausrichtung und kontextueller Einbindung,
scheidungen, anhand derer wir sie identifizieren; diese Bedeu- der Bedeutung und der Bedeutsamkeit von etwas, für eine Weile
tung kennen heißt wissen, wann die Sätze, mit denen wir Gegen- bestimmt. Erfahrungsgehalte sind themenspezifische Bedeutsam-
ständen Eigenschaften zuschreiben, also einen Sachverhalt dar- keitszuweisungen; durch diese Zuordnung von Themen und
stellen, wahr sind bzw. ihre Behauptung berechtigt ist oder wäre. Projekten und Einordnung von Projekten in nicht akute Themen
Die Bedeutung von Phänomenen ist gebunden an die Bestim- hat das, was und womit wir zu tun haben, nicht nur die Bedeu-
mungen, die wir ihnen im Zuge konstativer Thematisierungen tung, die ihm zukommt, sondern auch den Sinn, den wir ihm
explizit verleihen und verliehen haben; wir stellen diese Bedeu- geben bzw. der ihm gegeben ist. »Sinn«, heißt es bei Heidegger, ^
tung klar, indem wir die entsprechenden Aussagen machen und ist »das, worin sich die Verstehbarkeit von etwas hält, ohne daß
gegebenenfalls ausweisen oder begründen. Indem wir auf etwas - es selbst ausdrücklich und thematisch in den Blick kommt. Sinn
ob behauptend oder nicht - thematisch Bezug nehmen, nehmen bedeutet das Woraufhin des primären Entwurfs, aus dem her
wir an, erwarten, verlangen, wünschen, versprechen, beteuern etwas als das, was es ist, in seiner Möglichkeit begriffen werden
und stellen infrage, daß p: und sind uns dessen bewußt, daß kann. Das Entwerfen erschließt Möglichkeiten, das heißt solches,
dieser Sachverhalt (der gleichbleibt, auch wenn die unterschiedli- das ermöglicht.«73 Womit wir Erfahrung haben, dem ist auch
Sinn verliehen - ob uns dieser gefällt oder nicht; womit wir flexibel und starr, pragmatisch und reflektiert, teilnehmend und
Erfahrung machen, das hat noch keinen Sinn oder keinen mehr - zynisch, lasch und begeistert, polemisch und zögernd, sachlich
auch das wird uns gefallen oder auch nicht gefallen. und - emotional: wobei zu bedenken ist, daß »emotionale« von
weniger (und scheinbar nicht) »emotionalen« Einstellungen sich
Die Dialektik von Bedeutung und Bedeutsamkeit wird uns noch nicht dadurch unterscheiden, daß Gefühle einmal eine Rolle
länger beschäftigen. Sie wird uns beschäftigen im Gefolge der spielen und die anderen Male nicht, sondern allein dadurch, wie
Frage, wie wir uns der Erfahrung, die wir haben, in ihrer sie diese ihre konstitutive Rolle spielen. Wer eine emotionale
situationserschließenden Potentialität versichern können; diese Einstellung hat, ist gewohnt, seinen Gefühlen unmittelbar den
Frage wird zu der Antwort führen, daß Erfahrungsgehalte im Ausschlag und Ausdruck zu geben; der Sachliche dagegen prüft
Modus ihrer Bedeutsamkeit allein ästhetisch, in der Konzentra- und filtert seine emotionalen Reaktionen in geübter Distanzie-
tion und im Verweis auf ästhetische Gegenstände, zu vergegen- rung: ihm ist jedes eruptive Gehampel zuwider.
wärtigen und zu kommunizieren sind. Bevor es dahin im Rah- Schließlich kann man Einstellungen nach den Interessen unter-
men einer Betrachtung von Möglichkeiten der Gegenwärtigkeit scheiden, die dem erfahrend konturierten Verhalten zugrunde
von Erfahrung kommt, möchte ich eine zweite Ergänzung vor- liegen und in ihm zum Ausdruck kommen: Einstellungen sind
nehmen, die ich am Beginn dieses Abschnitts bereits versprochen operativ oder kontemplativ, spielerisch oder zweckgerichtet,
habe. Immerhin läßt sich die kursorische Nachbetrachtung zur egoistisch oder altruistisch, strategisch oder solidarisch, mora-
Klassifizierbarkeit von Einstellungsarten so durchführen, daß am lisch oder ästhetisch, theoretisch - und alle praktisch in dem Sinn,
Ende der ersten Runde über Situation und Erfahrung der Stellen- daß in ihnen personale Zugangsweisen bis auf den Widerruf
wert der ästhetischen Erfahrung und Einstellung abgrenzend erneuter Erfahrung habituell ausgemacht sind.
präzisierbar und spekulativ andeutbar wird. Es soll hier nicht darauf ankommen, die auffälligen Überschnei-
dungen zwischen diesen Einteilungen lange zu erörtern. Viel-
mehr bietet die naheliegende Unterscheidung nach zugrundelie-
e) Einstellungsarten genden Interessen einen Anhaltspunkt für eine Sichtung von
Einstellungstypen auf allgemeinster Ebene. Entscheidend ist
Nicht nur eine Unzahl von Einstellungen läßt sich unterscheiden, hierfür nicht, wie wir Einstellungen aus dieser und jener Warte
sondern auch eine Vielzahl von Arten, Einstellungen zu unter- bestimmen und bewerten, entscheidend wird dann, welche Art
scheiden. Am naheliegendsten, aber auch wahllosesten lassen sich von Bewertung intern bestimmend ist für welche Art des Engage-
Einstellungen unterscheiden nach ihren Gegenständen bzw. The- ments, auf das Individuen einstellungsmäßig verständigt sind.
men, seien sie unscheinbar oder erhaben: wir kennen Einstellun- Auf allgemeinster Ebene nämlich differieren Typen von Einstel-
gen zu Hegel und zum Frühstücken, zur Politik und zum Sport, lungen als formal unterscheidbare Zugangsweisen, die sich darin
zum Niedergang der Kultur und zur Möglichkeit der Letztbe- voneinander abheben, welche Art von Gründen in welcher Weise
gründung, zur Kunst und zum Leben, zu Schmerzen und Freu- für welche Art von Zielen im Verhalten implizit ausschlaggebend
den, zu Tod und Teufel, zu Gott - nicht aber zur Welt: denn sind. Arten der Praxis, die so gegründet sind, differieren als Arten
indem wir eingestellt sind auf etwas, sind wir der Welt angehörig, des verhaltensleitenden Zusammenhangs von Interessen und
deren Situationen Teile oder Bruchteile der Realitäten unseres Gründen, wobei das Gewicht von Gefühlswertungen wiederum
Daseins sind. eine jeweils spezifische Rolle spielt. Die genauen Grenzen zwi-
schen den Einstellungsarten, wie sie im realen Handeln maßge-
Andererseits liegt es auf der Hand, Einstellungen zu sortieren bend sind, sind dabei nicht nur kontingenterweise, sondern
nach Temperamenten, die sich in ihnen verstetigen mögen; so definitionsgemäß unscharf: weil Einstellungen Akzentuierungen
kennen wir Einstellungen, die hemmungslos sind und skrupulös,
des oben beschriebenen Verhältnisses von Bezugnahmen sind, stemische und praktische Gründe jeweils zueinander stehen (auf-
die in allen Einstellungen eine - unterschiedliche - Rolle spielen: einander abgestellt sind) in der Funktion, Interessen einer be-
und damit den Keim einer anders gepolten Verhaltensweise in der stimmten Art mit praxisbindender Wirkung auf unbestimmte
jeweils dominanten Sicht der Dinge immer schon und immer Dauer zu fundieren. Eine Bestätigung für die gesuchte Differen-
noch enthalten. Um es mit den Worten von Habermas zu sagen: zierung liegt darin, den je besonderen Stellenwert der emotiona-
Auf allgemeiner Stufe unterscheiden sich Arten von Einstellun- len Komponente zu benennen, an dem sich die Einstellungsarten
gen als Dimensionen möglicher Rationalität.74 zusätzlich unterscheiden.
Auf den ersten Blick liegt etwas stark Paradoxes in der Behaup- Theoretisch sind Einstellungen, für die leitend ist das Interesse an
tung, daß sich Einstellungen, die entproblematisierten Verhal- Erkenntnissen über die Welt, genauer: an der Behauptung und
tensmodi, als Formen der möglichen Rechtfertigung von Verhal- Prüfung von Aussagen und an der Konstruktion und Kritik von
tensinteressen abstrakt unterscheiden. Besteht doch das Unpro- Aussagesystemen um der empirischen (auch experimentellen)
blematische und Unmittelbare, der Schutz und nicht selten der und argumentativen Wahrheitsbeurteilung willen. Dabei sind die
Zwang der aus Erfahrung eingefahrenen Verhaltensgewohnheit Bewertungen der vielfältigen Arten des erkennenden bzw. theo-
eben darin, daß es nichts zu überlegen und bedenken mehr gibt. riepraktischen Vorgehens gebunden an Stellungnahmen zur Trif-
Nur heißt das wiederum nichts anderes, als daß wir selbst, daß tigkeit (nichttrivialen Wahrheit) der auf der Grundlage bestimm-
andere oder die Umstände uns diese Bedenklichkeit abgenom- ter Voraussetzungen erreichten und zu erwartenden epistemi-
men haben. Worin die Einstellung gründet, ist nicht länger schen Resultate. Ob eine Wissensfrage sinnvoll, eine Untersu-
Gegenstand einer Begründung. Die Anatomie von Einstellungen chungsmethode ergiebig, eine Argumentationsstrategie überzeu-
aber besteht aus fraglosen Beurteilungen und damit in der häufig gend, ein Forschungsansatz lohnend ist, entscheidet sich letztlich
ungewußten Gewißheit, was für diese Beurteilungen spricht. Die daran, ob akzeptable epistemische Gründe angebbar sind für die
Unterschiede dieser Beurteilungsart sind kennzeichnend für die Annahmen, die am Eingang und am Ende des jeweiligen Unter-
unterschiedlichen Einstellungsarten, wenn es auch für das impli- nehmens stehen. Die Richtigkeit praktischer Bewertungen ist
zite Wissen der Einstellung kennzeichnend ist, daß es der überle- hier abhängig (allerdings nicht ableitbar) von der Wahrheit theo-
genden Beurteilung derer entzogen bleibt, die aus dieser Einstel- retischer Annahmen (die nicht im engeren Sinn Sätze einer
lung handeln. Theorie sein müssen). Die Beurteilung dieser Wahrheit hat mit
Für eine kurze Übersicht bietet es sich an, auf die Unterschei- irgendeinem Zuspruch der Gefühle natürlich nichts zu tun. Der
dung zwischen epistemischen und praktischen Gründen zurück- orientierende Beitrag der Gefühle innerhalb eines theoretischen
zugreifen, von der ich oben (S. 94) schon Gebrauch gemacht Vorgehens beschränkt sich auf den sympathisch-antipathischen
habe. Epistemisch sind Gründe für die (Annahme zugunsten der) Umgang mit Fragestellungen, durch die das theoretische Feld in
Annahme, daß etwas der Fall ist bzw. der Fall sein werde. mehr und minder aussichtsreiche Zugänge gegliedert ist. Solange
Praktisch sind Gründe dafür (Annahmen zur Stützung des Vor- sie nicht thematisch werden, sind diese Relevanzen unter ande-
schlags und Vorhabens), zu bewirken, daß etwas der Fall (sein) rem emotional präsent, woraus sich im theoretischen Arbeiten
werde. Wenn Einstellungen zu verstehen sind als Affirmationen wiederum intuitiv-unmittelbare Direktiven an das augenblickli-
von Handlungsmöglichkeiten auf der Basis von Annahmen über che Vorgehen ergeben. Die heuristisch produktive Funktion der
einschlägige Handlungswirklichkeiten; und diese Annahmen ei- affektiven Beteiligung hat im theoretischen Zusammenhängen
nen Zusammenhang deskriptiver und evaluativer Aussagen dar- aber keine definitiven, sondern bestenfalls inventive Folgen; für
stellen, die einerseits die Realität, andererseits die Qualität der ins die jeweils erreichten Resultate ist die ehemals oder andauernd
Auge gefaßten Handlungsweise beurteilen - dann müßten sich gefühlsmäßige Einkleidung so unerheblich wie ihre Anregung
Einstellungen nach dem Verhältnis einteilen lassen, in dem epi- dem suchenden Fortgang unverzichtbar war. »Erkannt w i r d . . .
in einem Geflecht von Vorurteilen, Anschauungen, Innervatio- der Achtung als die elementaren Wahrnehmungen im Bereich des
nen, Selbstkorrekturen, Vorausnahmen und Übertreibungen, Moralischen zu verstehen.76 Zwar ist die Antwort, die es in
kurz in der dichten, fundierten, aber keineswegs an allen Stellen moralischen Auseinandersetzungen zu finden gilt, durch das
transparenten Erfahrung.«75 initiale Gefühl nicht schon fixiert: jedoch erhebt dieses die Fra-
Instrumentell sind Einstellungen, in denen leitend ist das Inter- gen, die der moralischen Überlegung und Entscheidung aufgege-
esse an der Realisierung vorgegebener und feststehender Zwecke; ben sind.
worauf es hier ankommt, ist die Wirksamkeit der Mittelwahl und Subjektiv oder objektiv präferentiell sind Einstellungen, für die
Mittelverwendung für ein vorbestimmtes Ziel. Mit unterschiedli- leitend ist das Interesse am eigenen Wohlergehen oder besser und
chen Beliebigkeitsspielräumen (wenn unterschiedliche Mittel schöner: in denen Visionen und Passionen des individuell er-
gleich effektiv sind) sind hier die ausschlaggebenden praktischen strebten und erhofften Glücks ausschlaggebend sind. (Subjektiv
Gründe (x ist gut für y) rückführbar auf epistemische Gründe sind meine Präferenzen für das, was ich mag, »weil« ich es - nun
(die Verwendung von x bewirkt y). Relativ zu den gegebenen einmal - mag; objektiv sind meine Präferenzen für das, wofür ich
Zwecken und ungeachtet offenbleibender Entscheidungsspiel- mich entscheide, weil es gut für mich ist. In der präferentiellen
räume sind hier die praktischen Bewertungen rückführbar auf Einstellung gehen der unmittelbare und der objektivierte Vorzug
theoretische Annahmen über den Zusammenhang von Mitteln immer bereits zusammen.77) Die praktischen Gründe, die in der
und Zwecken. Für die Rationalität operativer und strategischer Formung der persönlichen Lebensführung tragend sind, sind
Kalkulationen sind Gefühlswertungen streng akzidentiell; die abhängig von der Art gegebener Bedürfnisse, die in evaluativen
Wirksamkeit der verwendeten Verfahren muß sich unabhängig Bewertungen gegeneinander abgewogen werden; im Kontext der
von solcher Voreingenommenheit erweisen lassen. Für den ver- evaluativen Wertschätzung ist die Richtigkeit praktischer Optio-
sierten Einsatz und Vollzug instrumenteller Prozeduren aller- nen abhängig von der Wahrhaftigkeit expressiver Artikulationen
dings ist die Unwillkürlichkeit emotionaler Einweisungen durch- und selbstinterpretativer Aussagen. Das Votum der Affekte ist
aus konstitutiv: aber in keiner anderen Weise, als das für Einstel- hier klarerweise fundamental. Denn zwar können wir unsere
lungen generell kennzeichnend ist. Gefühle - können wir uns als Fühlende - immer auch falsch
Moralisch (sozial normativ) sind Einstellungen, in denen leitend verstehen und kann die momentane Dominanz von Gefühlen uns
ist das Interesse an einer nach Gesichtspunkten der Gerechtigkeit die Relevanz von Bedürfnissen unglücklich einschätzen lassen.
erfolgenden Regelung interpersonaler Beziehungen, genauer: an Ob aber die - sei es überlegend getroffene, sei es schicksalhaft
der Etablierung, Erhaltung und Korrektur gemeinsamer Zweck- gefallene - Entscheidung, die unser derzeitiges Präferenzverhal-
setzungen, die einen gegenseitig anzuerkennenden Freiheitsspiel- ten prägt, eine glückliche war oder nicht, das zeigt sich nur
raum normativ festlegen. Hier ist die Wahrheit epistemischer wiederum daran, wie wir mit ihr glücklich werden. In Fragen des
Annahmen (über die Beschaffenheit der sozialen Verhältnisse) zu individuell guten Lebens bildet daher die Gefühlswertung den
einem wesentlichen Teil abhängig von der Richtigkeit bzw. Ausgangs- und den Endpunkt rationaler Orientierungen.
Akzeptierbarkeit praktischer Bewertungen. Die normativen Diese definitorische Skizze hat zunächst einfach den Zweck,
Gründe für oder gegen die Annahme von Handlungsregeln ha- knapp zu illustrieren, wie eine Klassifikation von Einstellungsar-
ben hier ein selbständiges Gewicht (und sind genuin an andere ten auf der Basis des entwickelten Einstellungsbegriffs möglich
adressiert). Das Votum der Gefühle ist hier durchaus elementar. ist. Im Unterschied zu der bei Habermas gegebenen Darlegung
Wie besonders Strawson hervorgehoben hat, wird die Verletzung hat sich dabei die anfangs (S. 92) hervorgehobene Differenz zwi-
von Ansprüchen, die Subjekte im Handeln als moralisch legitim schen (semantisch oder pragmatisch gefaßten) Redestandpunkten
unterstellen, zumeist in emotionalen Reaktionen allererst kennt- und der komplexen Sichtweise von Einstellungen erneut bestä-
lich; insofern sind Gefühle insbesondere des Verletztseins und tigt. Im Kontext dieses Begriffs der Einstellung gibt die Art des
Satzes, den einer denkt oder äußert, überhaupt nichts darüber zu lichkeiten seines Daseins hat. Wie die alltagsweltliche Einstellung
erkennen, aus welcher Einstellung er sich gerade verhält. Auffor- schließt auch die existentielle Einstellung die verschiedenen
derungen und Absichtserklärungen, Behauptungen und Expres- nichtübergreifenden Einstellungsarten von vorneherein ein, wo-
sionen geben nicht bestimmten Einstellungen prominent Aus- bei dem einen Einstellungstypus mehr und dem anderen weniger
druck. Im jeweiligen Handlungs- und Verständigungskontext Gewicht zukommen wird. Was wiederum bedeutet, daß der eine
muß es sich jeweils zeigen, welche Einstellung in der gegebenen oder andere Rationalitätsaspekt (das eine oder andere Rationali-
Situation die maßgebliche ist. Einstellungen sind nichts Reines tätsdefizit) im Leben einer Gemeinschaft und im Leben der
analog den sprachlichen Vorkommnissen, die sich unter be- einzelnen in dieser Gemeinschaft mehr oder minder von Bedeu-
stimmten Bedingungen auf die methodische Reinheit linguisti- tung ist.
scher »Standardformen« bringen lassen. Einstellungen sind auch Das entscheidende Defizit der soweit gegebenen Klassifikation
nichts per definitionem Rationales - als käme der Verbund ihrer liegt ohne Zweifel darin, daß die Bestimmung der ästhetischen
Stellungnahmen nur zustande, wenn diese nichts Irriges oder Einstellung in ihr noch keinen Platz gefunden hat. Zur Ausfül-
Irreführendes enthalten. Nur zu häufig ist das der Fall. Deswegen lung dieser Leerstelle ist ein nochmaliger Blick auf das bisherige
sind die Grundarten der Einstellung allein als Formen möglicher Schema der Einstellungen von Nutzen. Bei genauerem Hinsehen
Rationalität zu unterscheiden. Bereits im vorigen Kapitel habe zeigt es sich, daß in der gegebenen Klassifikation drei praktische
ich hervorgehoben, daß die Dimensionen möglicher Rationalität der einen theoretischen Einstellung gegenüberstehen (obgleich sie
zugleich als Dimensionen der möglichen Irrationalität zu verste- alle auf ihre Weise das unmittelbar praktische Wissen der Einstel-
hen sind. Das bedeutet im jetzigen Zusammenhang, daß alle die lung organisieren). Trotz der gravierenden und keineswegs gra-
Faktoren, die für die Konsistenz von Einstellungen verantwort- duellen Unterschiede zielen die instrumentelle, die moralische
lich sind, sowohl für als auch gegen die Rationalität der in ihr und die präferentielle Einstellung auf einen Zustand der Wirk-
festgeschriebenen Verhaltensweise von Belang sein können. lichkeit, der durch die jeweilige Art des Verhaltens Zustandekom-
Nicht die Gefühle sind das (allein) Irrationale, irrational ist der men soll: es sind praktische Gründe, die bewußt oder unbewußt
bornierte, letztlich erfahrungsfeindliche Umgang und ist das den Ausschlag für das betreffende Verhalten geben. Aus der Sicht
gewohnheitsblinde Verwachsensein unter anderem mit den eige- theoretischer Einstellungen dagegen ist der praktische Teil, etwa
nen Gefühlen. die Durchführung einer Untersuchung bzw. die Produktion
Die auf dieser Linie unterschiedenen Einstellungsarten dürfen einer Theorie, lediglich eine Folge der Bemühung, zu erkennen,
nicht mit der doppelten Bedeutung der Rede von übergreifenden was ist.7* Das Trennende der theoretischen zu den praktischen
Einstellungen zusammengemengt werden. Was üblicherweise als Einstellungen ist auch dadurch bezeichnet, daß die theoretische
die »alltägliche«, »natürliche« oder »performative« Einstellung Einstellung als solche reflexiv und diskursiv angelegt ist. Mit der
bezeichnet wird, ist der hochgradig routinierte Vollzug von Einnahme einer theoretischen Einstellung sind wir immer schon
Einsteilungswechseln, der im Zuge einer sozial gesteuerten Ein- mehr oder weniger stark disponiert, uns nicht allein auf die in den
gewöhnung zu einer entdifferenzierten, von keiner dominanten bisherigen Überlegungen erworbenen Kenntnisse und Intuitio-
Perspektive durchschnittlich geprägten Verhaltensdisposition zu- nen zu verlassen. Die theoretische Einstellung ist eine Einstellung
sammengewachsen ist: zu jener alltäglichen Praxis, die den Kon- der Einstellungsgefährdung: das, nicht etwa die Abstinenz von
text aller speziellen und spezialisierten Praktiken bildet. Während Gefühlen, ist die Idealisierung, die mit dem regulativen Begriff
der soziologische Begriff der »natürlichen« Einstellung formu- der Diskursivität hier sinnvollerweise zu verbinden ist.
liert ist, um die primäre Wirklichkeit des sozialen Lebens auszu- Nun ist allerdings weder Reflexivität noch Diskursivität ein
zeichnen, steht der Begriff der existentiellen oder Lebenseinstel- Privileg der theoretischen Praxis - ihre Besonderheit liegt nur in
lung für die Haltung, die das einzelne Individuum zu den Wirk- der primären und von vorneherein überlegend geleisteten Er-
kenntnisorientierung. Auch in den Bereichen der instrumentei- Urteilende ihm gegenüber (erfahrend gewonnen) hat: allein
len, moralischen und den subjektiven Präferenzen offenen Pra- ästhetisch sind Einstellungen begründbar.
xis ist oft ein Spielraum und nicht selten die Notwendigkeit der Ich lasse einstweilen dahingestellt, in welchem Sinn hier von
überlegenden Vergewisserung gegeben; die Überlegungen, die »Begründung« genau die Rede ist; ich führe nur das Schema der
dort vollzogen, und die Erkenntnisse, die dabei gewonnen wer- unreinen Einstellungstypen der Vollständigkeit halber in speku-
den, haben wiederum ein jeweils unterschiedliches Gesicht und lativer Zeichnung aus.
Gewicht — die oben gemachten Andeutungen brauchen jetzt Ästhetisch sind Einstellungen, in denen leitend ist das Interesse an
nicht weitergeführt zu würden. Daß aus einer bestimmten Ein- der Vergegenwärtigung von Erfahrungsgehalten, die innerhalb
stellung, welche immer es sei, Überlegungen vollzogen werden, einer gegebenen Lebensform die Aktualität und inwendige Ver-
sich anbieten oder aufdrängen, bedeutet nicht schon, daß Erfah- faßtheit der eigenen Erfahrung zur Wahrnehmung bringen. Aus
rung gefordert wäre; daß Erfahrung gefordert ist, bedeutet au- ästhetischer Einstellung (im ästhetischen Verhalten) kommt die
ßer im Fall der theoretischen Erfahrung nicht schon, daß Über- zweckfreie oder zweckindefinite Akzeptabilität von Einstellun-
legungen vollzogen werden. Wenn Überlegungen erfolgen, die gen (gleich welcher Art und Vernetzung) zur Beurteilung, indem
überdies reflexiver Natur sind, sich also auf Aspekte der Einstel- Objekte einer bestimmten Art zum Grund gemacht werden für
lung rückbeziehen, die in der Bewältigung bestimmter Situatio- das Machen oder Aktualisieren von Erfahrungen, die den Wahr-
nen bislang maßgeblich war, dann sind die Themen dieser Über- nehmenden (manchmal erst somit) zugänglich (geworden) sind.
legungen nicht die Einstellungen, sondern lediglich konstitutive Im Kontext der ästhetischen Kritik basiert das Geben eines
Bestandteile derselben - als da sind Annahmen, Vorsätze, Vor- praktischen Grundes auf der Wahrheit von Aussagen (über das
lieben und Abneigungen, die bislang unauffällig ineinanderge- ästhetische Objekt) und der Wahrhaftigkeit bekundeter Reaktio-
griffen haben. Was die Subjekte, die an ihren hergebrachten nen (auf das Objekt), die einander gegenseitig bedingen. Gelun-
Gepflogenheiten zweifeln oder sich diesen neugierig zuwenden, gen sind ästhetische Objekte, die erläutert werden können als
in direkt thematischer Zuwendung verstehend zu fassen kriegen, Explikate der Erfahrung und Einstellung, die an ihnen affiziert
sind nur wieder die zu Einzelannahmen und Verhaltensvor- und provoziert, erneuert und gewonnen wurde. Weder prakti-
schlägen geronnenen Einstellungsatome, nicht aber das Syn- sche noch epistemische Gründe, noch die Valenz expressiver
drom, das diese verbunden und damit die Subjekte dieser Erfah- Bekundungen dominieren das Sprachspiel der ästhetischen Kri-
rung an das Geschehen einer Situation gebunden hat. Diese tik.
Entzogenheit der Gehalte der eigenen Einstellung gilt für die
theoretische Reflexion genauso wie für jede praktisch fundierte
Überlegung.
Als Einstellungen sind Einstellungen nicht begründbar - es sei
denn ästhetisch. Allein ästhetisch, in der wahrnehmenden Hin-
wendung zu Objekten, die Erfahrungsgehalte verkörpern und
somit als Ausdrucksmedien weniger von als für Einstellungen
fungieren; und die von den Wahrnehmenden insoweit als gelun-
gen beurteilt werden, als die von diesen Objekten präsentierte
und eröffnete Sichtweise ihnen akzeptabel, aus Erfahrung geteilt
oder durch Erfahrung teilbar erscheint - allein ästhetisch: ver-
möge einer Kritik ästhetischer Objekte, die diese anschaulich
und geltend macht als ein Grund für die Einstellung, die der
2. Gegenwärtige Erfahrung Lebensform ausmacht, ist eine des Teilens einer Menge von
Erfahrungen im hier explizierten Sinn.7' Gemeinsame Sprache
Es sind die subjektiven Erfahrungen, in denen die Bedeutsamkeit und gemeinsame Erfahrung sind gewachsen und verändern sich
der Lebenswelt sich bildet und hält und verändert; es ist das simultan auf dem Boden einer in wesentlichen Bereichen geteilten
hergebrachte und von den einbezogenen anderen mitgetragene Praxis. Diese Übereinstimmung in der Sprache, die inhaltliche
Ausgelegtsein der Handlungsrealität, in deren vorgefaßter Deut- Differenzen weit übergreift, fußt auf der Gemeinsamkeit von
lichkeit die Subjekte Erfahrung machen. Individuen sind es, die Einstellungen, die selbst durchaus sprachgebunden sind. Die
Erfahrung machen und somit zu Subjekten werden; es sind immer unvollständige und wie immer partielle Konformität von
Sozietäten, die Erfahrung vor- und weitergeben an ihre Mitglie- Einstellungen ist es, vor deren Hintergrund Dissens und Dissi-
der, die ihrerseits Erfahrungen machen in der erneuernden Auf- denz ihren Ernst, ihre Gewalt und ihren Glanz erst gewinnen.
nahme der eingespielten kommunalen Praxis. Wir machen also Noch der abweichendste Habitus, solange er als solcher kennt-
Erfahrung nicht nur in Antwort auf Erfahrungen, die wir bereits lich und aufregend ist, antwortet auf eine sozial eingestimmte
gemacht haben, sondern ebenso in Antwort auf Erfahrungen, die und in der Verweigerung erinnerte Habitualisierung; die Schwer-
wir selbst (noch) nicht haben. Zwar ist die Welt unserer - je kraft noch der polemischsten Anrede, der ironischsten Kommu-
subjektiven - Erfahrung keine andere als die Gesamtheit und nikation und der irrwitzigsten Denkbewegung rührt aus dem
Ubergängigkeit der uns mehr oder weniger geheimnislos bekann- Antrieb, Bedeutungen aufzuwirbeln aus dem an Verwerfungen
ten Situationen. Aber diese leidlich stabile Erschlossenheit einer reichen Boden des Sinns, der in der bis dahin vertrauten Sprach-
Vielzahl von Begebenheiten kommt zustande durch die Interak- welt der feste Grund einer jeden sinnvollen Regung und Hand-
tion mit Subjekten, denen dieselben Gegenstände auf ähnliche lung war.
Weise bedeutsam waren, sind oder werden könnten. Die Typik Die gesellschaftstragende und identitätsbildende Intersubjektivi-
vertrauter Situationen ist das Ergebnis bewährter Orientierun- tät auch der je individuellen Praxis und Erfahrung ist zumal von
gen, ermöglicht durch die Abstimmung mit und die Korrektur soziologischer Seite vielfach dokumentiert; ich kann es daher bei
von Verhaltensweisen, die von anderen in diesen Fällen einge- diesen Andeutungen belassen.80 Was im folgenden ausschließlich
schlagen oder vorgeschlagen wurden. Die Signifikanz von Situa- interessieren wird, ist die Frage, inwieweit den Mitgliedern einer
tionen, seien sie längst vertraut oder unvermutet fremd, ist (modernen) Gesellschaft, den an einer Pluralität von Lebensfor-
evident oder fraglich in der fraglosen, weil sprachlich eingeschlif- men und Lebenswelten Partizipierenden, die erfahrungsmäßigen
fenen Unterscheidbarkeit des Realen vom Irrealen, des Wichtigen Voraussetzungen, aus denen sie agieren, im Modus ihrer situa-
vom Unwichtigen, des Begehrenswerten vom Abscheulichen, des tionsbildenden Erschlossenheit thematisch und anschaulich wer-
Aussprechlichen vom Unaussprechlichen. Die Orientierung in den können. Aus Gründen der Einfachheit werde ich diese Frage
vielen Situationen ist ermöglicht durch bedeutungsbezogene Be- primär als eine Frage der Kommunizierbarkeit von Erfahrungs-
deutsamkeitszuweisungen, die sich nicht in der einzigartigen gehalten behandeln - obschon, wie sich zeigen wird, mit deren
Erfahrung einzelner erst ergeben haben, die vielmehr in der Möglichkeit zugleich die der solitären Vergegenwärtigung gege-
nachfolgenden Partizipation an Praktiken innerhalb einer sprach- ben ist (ohne daß diese von jener offenkundig in einem starken,
lich gemeinsam diversifizierten Welt übernommen wurden. Wir nichttrivialen Sinn abhängig wäre). Mit Hilfe der noch unzuläng-
machen Erfahrungen als Teilhaber einer und mehrerer Lebens- lich geklärten Differenz von Bedeutung und Bedeutsamkeit ge-
formen; eine Erfahrung machen wir, wenn es uns drängt, einen fragt: Wie ist eine Kommunikation der Bedeutsamkeit situativer
Aspekt dieser Teilhaberschaft sei es distanzierend, sei es intensi- Bezugnahmen möglich?
vierend neu zu definieren.
Ich werde zunächst erkunden, was es heißt, sich über das Teilen
Die Ubereinstimmung in der Sprache, die nach Wittgenstein eine von Erfahrungen zu verständigen; auch wenn wir uns mit der
Intersubjektivität von Erfahrungen nicht lange aufhalten, muß ben (oder eine gleichlautende Vorerwartung) unter gleichartigen
doch wenigstens die Probe auf den Singular des Teilens einer Umständen (angesichts derselben als relevant und akut empfun-
Erfahrung erfolgen (a). Diese Ausgangsüberlegung wird den Weg denen Gegenstände) den Aufwand der Erfahrung abgenötigt hat;
öffnen für eine Betrachtung grundlegender Formen der Charak- wenn das der Fall war, haben sie sich in derselben Situation
terisierung von Erfahrenem. Diese Charakterisierungsweisen un- einmal befunden oder befinden sich - in dieser Hinsicht - noch in
terscheiden sich als Modi symbolischer Artikulation: wir können derselben Lage. Dieselbe Erfahrung gemacht haben bedeutet,
Erfahrenes nicht nur präsentisch und retrospektiv thematisieren, einem thematischen Komplex denselben Erfahrungsgehalt einmal
sondern auch in seiner subsidiären Aktualität innerhalb von beigemessen haben.
Situationen andeutend vergegenwärtigen und schließlich Erfah- Nun ist die gleichlautende Zuschreibung nicht identisch mit der
rungsgehalte in situationsungebundener Manier vergegenwärti- gleichartigen Festschreibung von Erfahrungsgehalten (109 f.); es
gend präsentieren bzw. präsentativ vergegenwärtigen (b und c). darf die Identität von Erfahrungen nicht mit dem Erhalt identi-
Mit der Ausführung eines Beispiels, das den Zusammenhang scher Einstellungen umstandslos gleichgesetzt werden. Einer der-
dieser Suggestion verdeutlicht, gelangen wir endgültig in den art starken Lesart würde die geläufige Beobachtung widerspre-
Vorhof der heiligen Hallen der Ästhetik, dessen Pforten rück- chen, daß viele Menschen eine Erfahrung teilen, also mit einer
blickend geschlossen werden mit einem Ausblick auf die Dyna- bestimmten Situation bekanntgeworden sind, ohne doch das
mik der ästhetischen Erfahrung im Kraftfeld der übrigen Erfah- Selbstverständnis der Einstellung zu teilen, zu der das Bekannt-
rungsdimensionen (d und e). gewordene sukzessive verarbeitet worden ist. Eine Erfahrung
teilen, bedeutet nicht notwendigerweise, dieselbe Einstellung
gewonnen zu haben: im Teilen einer Erfahrung haben wir oft nur
a) Erfahrung teilen und mitteilen dieselbe Einstellung verloren.
Ein Pazifist und ein Militarist können die Erfahrung einer Ge-
Wir teilen eine Erfahrung mit anderen, wenn wir uns in einer fechtssituation teilen, obwohl sie aus der Erfahrung dieser Situa-
Situation befunden haben, in der auch diese sich befanden. Die tion eine konträre Konsequenz gezogen haben. Beiden mag die
Identität von Erfahrungen verweist auf die Gleichheit von Situa- Brüchigkeit ihrer bisher bürgerlich gesicherten Existenz aufge-
tionen. Die Gleichheit von Situationen besteht nicht notwendig gangen sein zusammen mit der erschütterten Erwartung an eine
und niemals ausschließlich in der Identität von Raum-Zeit-Ver- geordnete Dramatik militärischer Handlungen. Beiden freilich
hältnissen: um eine Erfahrung mit jemandem zu teilen, müssen stellt sich die Bedeutung ihrer Erlebnisse rückblickend höchst
wir uns nicht zur selben Zeit am besagten Ort befunden haben, unterschiedlich dar: der Militarist meint die Fragwürdigkeit eines
wo diesem jenes widerfuhr. Lebensweltliche Situationen (von konstant befriedeten Dahinlebens erkannt zu haben, das nicht
denen hier die Rede ist) sind Stationen in Raum und Zeit, die durch das Stahlbad normalitätssprengender Grenzsituationen ge-
umstandsbedingte Stadien oft auch umstandsbestimmter Vorha- gangen ist (und das Kriegsgefecht für den Gipfel der unwillkürli-
ben sind, die sich auf Vororientierungen und Verhaltenserwar- chen Beirrung halten); der Pazifist glaubt die Scheinheiligkeit
tungen stützen, an deren Schicksal sich die Bewältigung einer eines jeden Friedens und einer wohlsituierten Friedfertigkeit
gegenwärtigen Lage entscheidet. Situationen sind daher zumal als erkannt zu haben, die insgeheim auf die kriegerische Sicherung
räumliche Positionen nicht allein und oft nicht primär zu bestim- des Wohlhabens angewiesen, wenn nicht angelegt sind. Die
men, sondern werden verständlich erst als zeitlich umgrenzte und beiden Kontrahenten im Habitus können also eine bestimmte
an leitenden Themen orientierte Arten des Verfolgs individueller Erfahrung durchaus teilen, ohne in der Deutung übereinzustim-
oder kollektiver Handlungsprojekte. Mehrere Subjekte haben men, die sie der betreffenden Situation im nachhinein und in
eine Erfahrung gemeinsam, wenn ihnen ein gleichartiges Vorha- einem größeren Zusammenhang geben: vorausgesetzt, daß sie
nicht schon vor ihren ersten Gefechtserfahrungen konträr einge- von Situationen nur daran erkennen, was, bezogen auf welches
stellt waren auf das, was sie da erwartet hat. Dann nämlich, wenn Engagement, das in ihnen primär Anstehende war. Die Bedeu-
sie als Kontrahenten ins Gefecht gegangen und als ideologische tung einer Situation ergibt sich in der Rekonstruktion des Betei-
(und nunmehr nicht nur ideologische) Gegentypen aus ihm ligten aus dem Verhältnis, das zwischen Handlungsprojekt und
herausgekommen sind, haben sie sich die meiste Zeit gar nicht in Verhaltenserwartung und dem hieraus maßgeblich gewesenen
derselben Situation befunden (oder werden dies um keinen Preis Zusammenhang von Tatsachen damals bestand. Obwohl wir
zugestehen wollen). Demgegenüber wiederum teilt der Militarist, häufig vereinfachend so reden, ist der Charakter von Situationen
der zum Pazifisten wird, mit diesem eine Erfahrung, gleich ob durch bestimmte Themen oder Intentionen oder Arten der Invol-
nun der Pazifist schon vorher einer war oder nicht: denn nun viertheit nicht bestimmt. Nur dann können wir eine Situation
haben beide die Abscheulichkeit und Irregularität des Kriegsge- abkürzend und vereinfachend so kennzeichnen, wenn sich der
schehens am eigenen Leibe erfahren, von der sie zuvor nicht oder Zusammenhang der drei konstitutiven Komponenten für uns und
nur aus fremden Quellen wußten. die Adressaten unserer Rede im großen und ganzen von selbst
Die Rede von geteilten Erfahrungen geht also in jedem Fall auf versteht.
die Annahme geteilter Einstellungen zurück: nur muß dies nicht Diese nicht selten gegebene Möglichkeit darf nicht dazu verlei-
eine gegenwärtige, noch andauernde Einstellung sein, die mehre- ten, den Gesamtcharakter von Situationen zumal mit den The-
ren, die eine Erfahrung gemeinsam haben, jetzt noch verbindlich men zu verwechseln, die in ihnen zentral gewesen sind. Die
ist; zum Teilen einer Erfahrung: zur gemeinsamen Bekanntheit Angabe der Themen (bzw. der Absichten oder Stimmungen) ist
mit Situationen reicht es oft hin, eine Einstellung geteilt zu vom Sinn der Formulierung eines Titels für Situationen zu unter-
haben. So wie extrem verschiedene Ausgangslagen in den Voll- scheiden, der die Position aus Positionen synthetisierend zu
zug gleichartiger Erfahrungen einmünden können8', so kann das umreißen sucht, die für die Gegenwart dieser Situation prägend
Teilen von Erfahrungen darin bestehen, die ehemals gemeinsame war. So mögen der Militarist und der Pazifist im Rückblick auf
Welt anläßlich derselben Ereignisse verlassen zu haben. Nicht ihre ersten Gefechtserfahrungen übereinstimmend festhalten, es
immer ist es der ganze Verlauf, ist es der Prozeß der Erfahrung, sei dies eine Situation der panischen Lähmung im Auge einer
dessen Bekanntschaft wir mit denen teilen, mit denen wir eine doch zugleich irrealen Bedrohung gewesen. So hat Hegel eine
Erfahrung teilen. epochale Einstellungsänderung benannt, als er das frühstücksri-
Wenn nun derjenige, der eine Situation bereits kennt, sich ihren tuelle Zeitungslesen als »eine Art von realistischem Morgense-
Charakter distanzierend klarmachen will, dann verfügt er über gen« angesprochen hat. Die resümierenden Titel, die den Ge-
keine anderen Mittel als diejenigen, mit deren Hilfe er dem hier samtcharakter von Situationen angeben, skizzieren Art und Be-
unerfahrenen anderen dies klarmachen könnte. Die Eigenart von dingung der Beteiligung an den Zuständen und Vorgängen, de-
Situationen ist für den, der sie kennt, nicht anders thematisierbar nen die Handelnden sich ausgesetzt sahen. Sie referieren nicht
als so, wie er sie einem andern beschreibend verständlich machen (nur) das Sujet, sie signalisieren den Gehalt der betreffenden
müßte. Zwar kennt der Erfahrene eine Situation, die der hier Situation.
Unerfahrene nicht kennt; somit verfügt jener über ein Wissen, Die Betonung liegt auf »signalisieren«. Die titulierenden Sätze,
das dieser nicht hat. Wie gesehen jedoch schließt die Bekanntheit mit denen auf die Bedeutung von Situationen verwiesen wird,
oder Vertrautheit mit einer Situation eine Informiertheit über sagen diese Bedeutung nicht aus; sie geben lediglich den Bezugs-
ihren Charakter nicht notwendig ein (auch dann nicht, wenn ein punkt an, an dem eine aufschlußreich beschreibende Situations-
Hof von Erinnerungen an ihre Gegenwart lebendig ist). Auch darstellung sich orientieren muß. Diese Darstellung von Situa-
der, der eine Reihe von Situationen, die ihm widerfahren sind, in tionscharakteren kann sich wiederum auf sehr verschiedene
erinnernder Explikation strukturiert, wird die Typengleichheit Weise abspielen; als Grundformen sind festzuhalten die alltags-
sprachlich erzählende Mitteilung gegenüber der eher systema- henskontrolle und Darstellungskorrektur, dank derer sich die
tisch rekonstruierenden Analyse. Nicht auf die Unterschiede, auf Betrachtung auf den Spuren der Bedeutsamkeit der ehemals
das Gemeinsame dieser Darstellungsformen kommt es hier an. erfahrend erschlossenen Umstände hält. Wer diese Spuren nicht
Sie geben nicht Erfahrungsgehalte wieder, sondern Zusammen- annähernd bereits kennt, weil sie erfahrend ihm eingeschärft
hänge von Sachverhalten, die auf den holistisch gegliederten wurden, wird sie in keiner Beschreibung nachgezeichnet fin-
Erfahrungsgehalt der in Rede stehenden Situationen verweisen. den.
Sie überführen das situationsbildende (wesentlich auch konsta- Diese Grenze der Thematisierbarkeit lebensweltlicher Erfahrun-
tive) Verständigtsein und Sichverständigen zu Sachverhalten in gen jedoch bezeichnet nicht das Ende der Möglichkeiten, sich
die ( w e s e n t l i c h konstative) Beschreibung oder Schilderung der eigener und fremder Erfahrungen betont zu versichern. Die
Sachverhalte, die in den betreffenden Situationen gegeben waren, unausdrücklichste Art, sich des Charakters von Situationen zu
ohne großteils für die Betroffenen als Tatsachen präsent und vergewissern, ist gewiß die, sich in die entsprechende Situation,
faßlich gewesen zu sein. Der Preis der differenzierenden Trans- soweit dies möglich ist, aufsuchend und herbeiführend zu bege-
parenz ist ein Mangel an verweisender Prägnanz. Die summativ ben: dort wird es sich zeigen, ob die erwartete Lage von den
objektivierende Darstellung von Situationszusammenhängen Beteiligten auf gleichbleibende und gleichartige Weise aufgenom-
kann die notwendig desartikulierte, aus momentan unbestimm- men wird. Diese Probe aufs Eingestelltsein hat häufig nicht den
ten und unbestimmbaren Bestimmungen erwirkte und formierte Charakter einer aktiven Prüfung. Im Zuge des Befindens in
Einlassung ins seinerzeit Anstehende, kann den - wie immer vertrauten oder befremdlichen Umständen sind wir vergewissert
stabilisierten - Sinn situationsunmittelbarer Orientierungen nicht und finden uns irritiert über die Konstellation, aus der wir uns bis
im vollen Sinn reformulieren. Im Modus ihrer Bedeutsamkeit dahin verhalten haben. So wie uns viele der alltäglichen Situatio-
sind Erfahrungsgehalte nicht beschreibbar. nen fraglos erschlossen sind, so sind uns auch viele der Einstel-
Mit anderen Worten: Die Verstehbarkeit der situationscharakte- lungen der Menschen, mit denen wir Umgang haben, aus der
risierenden Aussagen, die eine Erfahrung resümierend titulieren, selbstverständlichen Aktualisierung situationsinterner Beziehun-
ist an anderes gebunden als die Verfügbarkeit von Beschreibun- gen vertraut. Der geteilten, der abweichenden oder auch der
gen der genannten Art. Die genaue Bedeutung situationscharak- konträren Bedeutsamkeit situationskonstitutiver Themen müssen
terisierender Aussagen ist - wie die jeder anderen Behauptung - wir uns dort nicht erst umständlich vergewissern; sie ist evident
nur verständlich, wenn klar ist, was es heißt, daß sie sich bewahr- und wird aktualisiert in den Formen der in unterschiedlichen
heitet haben oder bewahrheiten würden. Behauptungen über den Maßen und Arten kommunikativen Interaktion. Die Charaktere
Charakter von Situationen sind aber nicht verifizierbar wie Aus- von Situationen erweisen sich hier als empraktisch definiert.
sagen über einzelne Tatsachen der Wahrnehmung. Ihre Bedeu- Was es mit diesem sich Erweisen auf sich hat, ist nun gerade aus
tung - ihre besondere Charakterisierungsfunktion - ist nicht den Fällen erklärbar, in denen es nicht ganz so selbstverständlich
schon verstanden, wenn die wörtliche Bedeutung des Satzes ist, wie die Koordinaten einer gegebenen Situation verlaufen.
verstanden ist, der als Aussage zur Bedeutung einer Situation Dann nämlich sind wir genötigt, uns in mehr oder weniger
verwendet wird. Um den Sinn dieser Aussage zu verstehen, ist es ausdrücklichen Formen innerhalb einer Situation der Bezüge zu
nötig, zu beurteilen, ob sie den situationsinternen Zutrag der vergewissern, aus denen wir uns aktuell verhalten. Der Prägnanz
extern als situationsrelevant beschreibbaren Umstände auf- gegebener Situationen nämlich können wir uns nicht allein in
schlußreich trifft. Voraussetzung dafür ist die Kenntnis gleicher thematisch vergegenständlichender Hinwendung, sondern
oder vergleichbarer Situationen. Wenn diese Voraussetzung einer ebenso und zugleich in vielfachen Formen der vergegenwärtigen-
beschreibend ausgerichteten Verständigung über Erfahrungen den Einlassung und Äußerung vergewissern. Mehr noch - allein
fehlt, dann entfällt die Möglichkeit der wechselseitigen Verste- im wechselweisen Zutrag dieser Artikulationsmodi ist uns die
Realität unseres Handelns im Handeln gegenwärtig. Durch ver- tionalen Verstehen konstatieren, die sich analog zu Wittgensteins
gegenwärtigende Akte machen wir uns und anderen Aspekte der Abgrenzung des ästhetischen Verstehens fassen läßt. Vom Ver-
anhaltenden Bedeutsamkeit von etwas deutlich, ohne den sinnbil- stehen einer Äußerung können wir einerseits in dem Sinn reden,
denden Kontext des so Gegenwärtigen darstellend zu distanzie- in dem beliebig oft wiederholte Verwendungen dieser Äußerung
ren. Was man nicht sagen will und kann, das läßt sich oft noch denkbar sind, die alle kommunikativ sinngleich sind; aber auch in
zeigen. dem Sinn, in welchem diese Äußerung in kaum einer anderen
Verwendungssituation gleichermaßen von Bedeutung sein wird.
Es ist zweierlei, ob ich den primären Sinn der Rede eines anderen
b) Thematisierung und Vergegenwärtigung verstehe (ob ich verstehe, was der andere sagt) oder überdies die
besondere Situation der Rede; ob ich verstehe, wovon die Rede
In §531 der »Philosophischen Untersuchungen« trifft Wittgen- ist oder ob ich zusätzlich mitverstehe, wie es um das geht, wovon
stein eine weitreichende Unterscheidung. »Wir reden vom Ver- die Rede ist. Das erste Verständnis werde ich zunächst so erläu-
stehen eines Satzes in dem Sinne, in welchem er durch einen tern, daß ich den Inhalt des Gesagten in anderen Worten repro-
andern ersetzt werden kann, der das Gleiche sagt; aber auch in duziere; das zweite Verständnis werde ich zunächst so erläutern,
dem Sinne, in welchem er durch keinen anderen ersetzt werden daß ich auf Besonderheiten der betreffenden Verstehenssituation
kann. (So wenig wie ein musikalisches Thema durch ein anderes.) verweise. Die Unterscheidung, um die es hier geht, darf nur dann
Im einen Fall ist der Gedanke eines Satzes, was verschiedenen mit dem Unterschied des Verstehens von Sätzen und Äußerun-
Sätzen gemeinsam ist; im andern, etwas, was nur diese Worte, in gen gleichgesetzt werden, wenn als Äußerung nur der konkrete
diesen Stellungen, ausdrücken. (Verstehen eines Gedichts.)«82 Gebrauch von sprachlichen Ausdrucksmitteln verstanden wird
Wittgenstein geht es darum, die Variationsbreite unserer Rede und nicht etwa eine in bestimmten Kontexten konventionell und
von »verstehen« aufzuzeigen; dazu werden die extremen Pole formelhaft standardisierte Sprachverwendung. Das Kennen sol-
eines rein propositionalen und eines dezidiert ästhetischen Ver- cher Verwendungsweisen ist ja für Wittgenstein auch beim pro-
stehens markiert. Daß Wittgenstein auch noch das Verstehen positionalen Verstehen von vorneherein konstitutiv. An Wittgen-
eines Gedichts als Verstehen eines »Gedankens« bezeichnet, steins Überlegungen zum Begriff der sprachlichen Regel wird
eines Gedankens, der sich allein in den Zeilen des Gedichts aber zugleich deutlich, daß das Gespür für die Art einer vorlie-
ausgedrückt findet, hebt nur besonders hervor, daß es dabei um genden sprachlichen Verwendung nicht immer schon ein Gespür
etwas anderes geht als die Mitteilung und das Begreifen von für das Charakteristische dieser (und nur dieser) aktuellen Ver-
Gedanken in Freges Gebrauch des Wortes (deren Identität in wendung ist. Das Kennen allgemeiner Kontextbedingungen eines
ihrer bedeutungserhaltenden Übersetzbarkeit besteht).83 Gemes- bestimmten sprachlichen Vorkommens ist etwas anderes als das
sen am Kriterium der Übersetzbarkeit steht das ästhetische Ver- Verstehen der momentanen Situationsbindung, in der eine Äuße-
stehen dem Verstehen von Sachverhaltsmitteilungen radikal ent- rung im Wie ihres Geäußertwerdens steht: wodurch oft etwas zu
gegen. Auf dem Weg, diesen Gegensatz des zum Verstehen verstehen gegeben wird, was kein anderes Vorkommen derselben
Gehörigen zu klären, ist es hilfreich, im Kontext der Überlegun- Äußerung zu verstehen geben kann.84 So wenig wie das ästheti-
gen bei Wittgenstein einen dritten Spannungspol der Rede vom sche, von dem es sich seinerseits kategorial unterscheidet, ist das
Verstehen kenntlich zu machen. performative Verstehen (wie ich sagen werde 8 ') auf ein proposi-
tionales Verstehen rückführbar.
Diese zusätzliche Unterscheidung betrifft weniger das Verstehen
von Sätzen als von Äußerungen (in der weiten Bedeutung des Diesen Unterschieden des Verstehens entsprechen Unterschiede
situierten Vorkommens von Sätzen, sei es in Redesituationen, sei der Bedeutung. Der Begriff der thematischen Bedeutung, den ich
es in Texten). Hier läßt sich erneut eine Differenz zum proposi- oben (S. 116 f.) von den Kontexten der nichtthematischen Be-
deutsamkeit unterschieden habe, ist daher nur einer der Bedeu- Paradigma der Verständigungsmodi: allein an der Differenz der
tungsbegriffe, deren es zur Beschreibung des vollen Sinns der Artikulationsmodi sind die sprachtheoretisch aufschlußreichen
sprachlichen Welterschließung bedarf. Wie die verschiedenen Grundbegriffe der Bedeutung und des Verstehens zu explizie-
Verstehensbegriffe sind die verschiedenen Bedeutungen der Be- ren.86
deutung - die semantisch-propositionale, die pragmatisch-per- Diese These zur Anlage einer nichtreduktiven Bedeutungstheorie
formative, die ästhetisch-präsentative - gleichursprünglich. Im- wird im weiteren nur insoweit eine Rolle spielen, als ihre Impli-
mer schon bewegt sich nicht nur das kommunikative Verstehen, kationen Wege weisen auf der Suche nach der Erfahrbarkeit der
bewegt sich die verstehende Orientierung in der Welt in der Erfahrungen, die wir und die andere vollzogen haben. Es ist klar,
Möglichkeit dieser drei Dimensionen. Die Modi des Bedeutens, daß die Frage nach der Kommunizierbarkeit von Erfahrungsge-
die ich in diesem und im nächsten Abschnitt unterscheiden halten durch eine neue Erörterung der unterschiedlichen Ver-
werde, sind Weisen nicht nur, in denen die Menschen sich ständigungsmodi nicht beantwortet werden kann - wo doch die
artikulieren, ebenso sind es Weisen, in denen sie die Welt arti- integrative Entdifferenzierung des aus diesen Positionen Sagba-
kuliert finden. Nicht nur artikulieren wir etwas in thematischer, ren für den Holismus der Einstellungsorientierung verantwort-
performativer und ästhetischer Bedeutung, ebenso finden wir lich ist. Nach den Ermittlungen des vorigen Abschnitts ist ebenso
etwas in diesen Modi des Bedeutens artikuliert. Nicht nur the- klar, daß die konstellative Verfassung von Erfahrungsgehalten
matisieren wir etwas in propositional differenzierter Artikula- nicht durch ihre thematisch artikulierte Darstellung vermittelbar
tion, wir finden auch etwas als etwas thematisch artikuliert. ist. Dennoch ist es geboten, kurz auf die Struktur der thematisie-
Nicht nur vergegenwärtigen wir anderen etwas durch die Art, renden Zeichenverwendung zu sprechen zu kommen, damit der
in der wir uns verbal oder nonverbal äußern, wir werden häu- Artikulationsmodus der Vergegenwärtigung anschließend als ei-
fig uns einen Zusammenhang vergegenwärtigen, ohne ihn auf genständige Dimension des Bedeutens abgehoben werden kann.
eine Sammlung von Feststellungen zu bringen. Nicht nur kön- Diese Eigenständigkeit wird freilich nicht im Sinn einer Unab-
nen wir uns ästhetisch artikulieren, häufiger finden wir etwas hängigkeit zu verstehen sein. Es wird darauf ankommen, die
ästhetisch artikuliert. Indem sich die bedeutungshaften Artikula- unabdingbare Komplementarität dieser Artikulationsmodi zu er-
tionsweisen als Modi der Artikuliertheit sprachlicher Zeichen kennen. Am Leitfaden der Erkundung der Möglichkeiten einer
und Zeichenverwendungen unterscheiden, unterscheiden sie sich Gegenwärtigkeit situationsbildender Erfahrungen wird diese
als Modi der Artikuliertheit einer sprachlich erschlossenen Einsicht schließlich zu der benachbarten Annahme führen, daß
Welt. dem Paar der weltkonstitutiven Gewärtigungsformen, das diesem
Die Unterscheidung dieser Artikulationsmodi, um die es im Abschnitt den Titel gibt, das weitere Komplement der ästheti-
folgenden gehen wird, liegt quer zu der geläufigen Unterschei- schen Artikulationsweise noch fehlt.
dung der Verständigungsmodi, sei diese »semantisch« als Unter- 1. Thematisierend sind sprachliche Handlungen, thematisch zur
scheidung von Satzmodi oder »pragmatisch« als Unterscheidung Kenntnis genommen und gebracht sind Phänomene, sofern die
von Sprechakten getroffen. Die Unterschiede der Verständi- Zeichen und Zeichenverbindungen, unter deren Verwendung
gungsmodi liegen in Unterschieden der stellungnehmenden Be- etwas aufgefaßt oder zu verstehen gegeben wird, dieses zeichen-
zugnahme auf das in sprachlichen Ausdrucksformen Angespro- intern als etwas festhalten und bestimmen. Symbolische Einhei-
chene (und auf die, die damit gegebenenfalls angesprochen sind). ten gelten demnach als Thematisierungen, wenn sie zumindest
Die Unterschiede der Artikulationsmodi liegen in Unterschie- insoweit propositional differenziert sind, als referenzialisierende
den der zeichenhaften Differenziertheit dessen, was in den ver- und prädizierende Zeichenfunktionen unterscheidbar sind (ob
schiedenen - und verschieden stark differenzierten - Verständi- deren Verhältnis nun grammatisch geregelt ist oder nicht). Ein
gungsmodi jeweils zum Ausdruck gebracht wird. Nicht am Gegenstand wird identifiziert oder bezeichnet oder als identifi-
zierbar angegeben, indem er prädikativ charakterisiert wird. The- allgemeinen Sprachausdrücke analysiert. »Es handelt sich...
matisierung ist Bezeichnung durch zeicheninterne Charakterisie- nicht um eine Situationsunabhängigkeit, die darin bestünde, daß
rung. sie mit Situationen nichts mehr zu tun hat, sondern um eine
Diese Bestimmung mag unnötig vage oder verquer erscheinen, Situationsunabhängigkeit von sich in Wahrnehmungssituationen
solange man den Artikulationsmodus der Thematisierung gleich- befindlichen und in ihren Wahrnehmungssituationen ständig
setzt mit der Bauart vollständiger Sätze oder gar von assertori- wechselnden Gesprächspartnern in ihrer Bezugnahme auf belie-
schen Sätzen. Das wäre jedoch voreilig, denn als thematisierend bige Wahrnehmungssituationen, in denen sie sich befinden oder
will ich jede Art von Zeichen und Zeichenverwendungen be- auch nicht befinden. Es sind diese zwei Seiten - die Situationsun-
schreiben, die eine erkennbare Subjekt-Prädikat-Struktur haben. abhängigkeit im Situationsbezug - , die in der Rede von der
Thematisierende Ausdrucksformen sind also keineswegs immer Verifizierbarkeit von Klassifikationen, die sich auf Wahrnehmba-
linguistische Symbole; auch bildliche Darstellungen sind thema- res beziehen, vorausgesetzt sind.«88 In unserem Zusammenhang
tisierend, soweit sie dem Kriterium der propositionalen Differen- kommt es nur darauf an, diese stillschweigende Indexikalität auch
ziertheit genügen.87 Dennoch sind vollständige Sätze und sind der nicht-indexikalischen Thematisierung von der andersartigen,
zumal Aussagesätze für den Begriff der Thematisierung in be- nämlich immer situztionsabhängigen Situationsbezogenheit der
stimmter Weise paradigmatisch, da in Aussagen die Existenz von Ausdrucksformen abzuheben, für die ich am Ende des vorigen
Sachverhalten behauptet wird, die in den übrigen Formen der Abschnitts den Titel »vergegenwärtigender« Akte bereitgestellt
Thematisierung formuliert oder dargestellt werden, ohne be- habe.
hauptet oder notwendigerweise als existierend dargestellt zu In einer Weise, die gleich näher zu besprechen sein wird, machen
werden. Ein thematisierendes Zeichen verstehen nämlich heißt, vergegenwärtigende Ausdrucksformen die augenblickliche (oder,
zu wissen, was es bedeuten würde, den angegebenen Sachverhalt wenn es sich um schriftliche Kontexte handelt, die den Textver-
als gegeben zu behaupten; es bedeutet zu wissen, wie die Wahr- lauf bestimmende) Bedeutsamkeit, die den Verständigungspro-
heit solcher Behauptungen zu beurteilen wäre. zeß tragenden Sinnkonnotationen, eines explizit oder implizit
An der wörtlichen Bedeutung von Aussagesätzen läßt sich daher thematischen Bezugs deutlich. Die Bedeutung eines Vergegen-
die situationsunabhängige Verstehbarkeit der thematisierenden wärtigungsaktes gründet darin, Aspekte der Bedeutsamkeit des-
Ausdrucksformen stellvertretend verdeutlichen. Wir verstehen sen, was bedeutet wird, situativ (kontextuell) klarzustellen. Dies
diese Sätze, wenn wir die Verwendungsregeln der in ihnen vor- geschieht so, daß ein sei es sprachlicher, sei es nichtsprachlicher
kommenden Ausdrücke kennen (selbst für bildliche Darstellun- Akt vollzogen wird, der das, was primär zu verstehen gegeben
gen gilt, daß gewisse Konventionen des Darstellens erfüllt sein wird, nicht selbstgenügsam formuliert, sondern einen gegebenen
müssen, damit sie als Darstellungen allgemein lesbar sind - Kontext in Anspruch nimmt, in dessen Rahmen sich etwas als
solange es nicht um künstlerische Darstellungen bzw. die ästheti- bedeutet erst erweist, weil eine zugeordnete Bedeutsamkeit ver-
sche Valenz von Darstellungen geht). Soweit die Bedeutung stehbar wird. Aspekte der Kontextbedeutung treten hier gleich-
sprachlicher Ausdrücke nicht allein in dem Beitrag liegt, den sie rangig neben das in diesem Kontext Angedeutete und Erwiesene;
zur Bildung und Verknüpfung von Sätzen leisten, verweist ihre auf diesem Weg sind Hintergrundorientierungen und ist die
Bedeutung auf Situationen ihrer korrekten Verwendung und mehrfache Eingenommenheit von etwas im Modus ihrer Bedeut-
verweist die Bedeutung prädikativer Ausdrücke und der Sätze, in samkeit kommunizierbar. Diese Vergegenwärtigungsleistungen,
denen sie vorkommen, auf Situationen der Gegebenheit bzw. so möchte ich zeigen, dürfen nicht auf eine bloß implizite The-
Verifizierbarkeit des mit ihnen Gesagten. Für den grundlegenden matisierung verkürzt werden.
Fall der Wahrnehmungsprädikate hat Tugendhat die konstitutive
Situationsrelativität der situationszrrelativen Verstehbarkeit der Nun ist es so, daß jede, auch jede propositional differenzierte
Zeichenverwendung und jedes propositional artikulierte Verste-
hen sich immer schon in einem Horizont bedeutsamer Sinnzu- Bedeutung haben. Insofern ist das thematische Bedeutungsver-
weisungen vollzieht. Wir lernen, kennen und behalten, variieren stehen von Bedeutsamkeitszuweisungen doch zugleich trennbar:
und revidieren die Bedeutung von Ausdrücken in Zusammen- weil das Wissen um die Bedeutung einzelner Ausdrücke und
hängen eines Sprachsystems; Sprachsysteme ändern sich zusam- Aussagen keine speziellen Kontextvoraussetzungen nötig macht
men mit den Praktiken und Lebensformen, denen sie organisie- von der Art, wie sie den Sinn aktueller Zeichenverwendungen
rend Ausdruck geben und nach deren Bedürfnissen sich die immer schon konturieren. Sowenig nun eine schlechthin autarke,
kollektive Organisation von Ausdruckspotentialen unüberschau- von der Gebundenheit an Situationsbezüge und der Konkretheit
bar verändert. Die wörtlich-thematischen Bedeutungen einzelner des je besonderen Denkens und Kommunizierens freigesetzte
Ausdrücke verstehen wir nicht allein, weil wir den lexikalischen Thematisierung möglich ist, sowenig sind andererseits reine Ver-
Kontext von Nachbar- und Konträrbedeutungen kennen, son- gegenwärtigungsleistungen möglich, durch die ein sondierungs-
dern weil wir in diversen Anwendungssituationen gelernt haben, freier Aufweis von Sinnbeziehungen gelänge: denn die vergegen-
ihren Gebrauch von abweichenden Gebrauchsweisen zu unter- wärtigenden Handlungen erfolgen und haben Sinn allein in Be-
scheiden und die Legitimität bestimmter Verwendungsweisen zu reichen der Möglichkeit der thematisierenden Ausdrucksverwen-
beurteilen. Wir kennen die wörtliche, bereichstypische, nichtau- dung.
ratische Bedeutung von Ausdrücken, Wendungen und Sätzen, Die Komplementarität von Thematisierung und Vergegenwärti-
weil wir gelernt haben und darin geübt sind, diese von der - gung wird besser begreiflich, wenn deutlich wird, warum sie auf
bedeutsamen - Aura (von der »Atmosphäre«, wie Wittgenstein die Dichotomie von »Sagen« und »Zeigen« nicht direkt abbildbar
gelegentlich sagt 8 ') besonderer Verwendungen und Belehnungen ist. Die lexikalische Bedeutung von Ausdrücken nämlich schließt
zu unterscheiden, die ihnen zu unterschiedlichen Zeiten unter- die Zeigbarkeit ihrer Verwendungsweise von vorneherein ein:
schiedlich zukommen wird. Das Wissen um die Bedeutungskon- dieses Zeigen, das Zeigen des Gebrauchs, den wir etwa von einem
texte aber, aus denen einzelne Ausdrücke Bedeutung haben, ist Wahrnehmungsprädikat machen, das Hinweisen auf die Um-
gegeben aus dem Zusammenhang lebensweltlicher Erfahrungen stände, an denen sich bewahrheitet, was ich zuvor behauptet
damit, auf welche Weise derart wovon die Rede ist. Die Verfü- habe, die ostensive Angabe der Richtung, in der es aus dem
gung über ein prädikatives Unterscheidungswissen in einer Spra- (Konstanzer Stadtteil) Paradies nach Gottlieben geht - dieses
che ist das Resultat der Erschließung einer Fülle von Situationen Zeigen vergegenwärtigt die gegenwärtige Relevanz des so Aufge-
mit Hilfe dieser Unterscheidungen: in der bedeutsamen Ausbil- wiesenen alleine nicht. Das vergegenwärtigende »Zeigen«, das
dung und Applikation eines unausgesprochenen Wissens, aus alle Formen der sagenden Rede immer schon begleitet und sich
dessen Reservoir den thematischen Phänomenen ein Sinn verlie- dieser in seinen subtilsten Formen immer auch bedient, beginnt
hen ist, den diese fürs menschliche Verstehen nicht hätten, wären erst da, wo Wichtigkeiten eines gegenwärtigen Handlungszusam-
sie in bodenlos reiner Aussage zu benennen.90 menhangs mitbedeutet werden, die für das Worumwillen eines
Obwohl also die Verwendung und das Verstehen von Ausdrük- leitenden Gegenstandsbezugs tragend sind. Dieses Zeigen macht
ken und Sätzen keine bestimmten Bedeutsamkeitszuweisungen Aspekte der erfahrungsgeladenen Wirklichkeit eines Situations-
notwendig enthält, ist doch die Orientierung in sprachlichen zusammenhangs in der Dauer dieser Wirklichkeit nichtthema-
Unterscheidungsfeldern nur mit der Aktualisierbarkeit einge- tisch präsent. »Wenn die Wirklichkeit demgemäß eine Art von
spielter Bedeutsamkeitszuweisungen gegeben. Insofern ist das Abfallprodukt der Erfahrung und für alle ungefähr identisch war,
propositional differenzierte Bedeutungsverstehen an Bedeutsam- weil, wenn wir sagen: schlechtes Wetter<, >ein Krieg<, >ein Miet-
keitszuweisungen gebunden: weil Ausdrücke wie Sätze nur im wagenstand<, >ein beleuchtetes Restaurant, >ein blühender Gar-
Kontext soziokulturell ausgelegter, ausgehandelter, partizipativ tens jeder weiß, was wir meinen - wenn die Wirklichkeit das
erfahrener und individuell gefärbter Wirklichkeiten überhaupt wäre, so würde zweifellos eine Art von kinematographischem
Film dieser Dinge genügen, und der >Stil<, die >Literatur<, die sich einen praktischen Schluß zu vollziehen, der veranlaßt wäre durch
von ihren einfachen Gegebenheiten entfernten, nur ein künstli- eine Erkenntnis darüber, was der Bauer von ihr will; sie besteht
ches Beiwerk sein. Aber war die Wirklichkeit denn das?« Nein - vielmehr darin, daß der Bauer zu verstehen gibt, was in der
sie war es nie und ist es nicht, auch wenn die Möglichkeiten ihrer gegebenen Lage die für sein Handeln relevanten Voraussetzun-
Vergegenwärtigung nicht erst bei Artikulationsleistungen wie gen sind: daß es bald regnen wird, daß sie beide sich beeilen
dem Romanwerk von Proust beginnen.'1 müssen, wenn das Heu noch trocken unters Dach kommen soll
Ii. Vergegenwärtigend nenne ich (vorläufig nur kommunikative) und daß er selbstverständlich annimmt, daß die Bäurin daran
Handlungen, mit denen Aspekte einer Situation herausgestellt ebenso interessiert ist wie er selbst. Die Bäurin versteht den
werden, so daß etwas unter den gegebenen Umständen für andere Hinweis aufs Anzeichen (das für sich genommen kein symboli-
ersichtlich wird, ohne daß das Gemeinte (überhaupt oder im sches Zeichen ist) als eine Aktualisierung dieser Voraussetzun-
genauen Sinn des Meinens) thematisch explizit dargestellt würde. gen, weil sie diese in ihrer situativen Relevanz nicht nur aus
Vergegenwärtigend verweisen wir - mehr oder weniger deutlich Erfahrung kennt, sondern in unserem Fall überdies teilt. Sie
feststellend, fordernd, fragend usw. - auf etwas, was wir allein versteht die Geste des Bauern als vergegenwärtigende Handlung,
aus der Situation dieses Aufzeigens zur Kenntnis bringen. Das weil sie den fraglichen Zusammenhang versteht, aus dem sie ihre
bedeutet, daß wir nicht nur ein aktuelles Situationsverständnis Bedeutung erhält. Darin, daß sie zum selben Schluß kommt wie
voraussetzen, auf das wir in der kommunikativen Handlung der Bauer auch, erweist sich eine gemeinsame Orientierung als
setzen, wir setzen dieses ein, um uns gemeinsamer Orientierun- aktuell bindend. Dieses Vorverständnis hat der Bauer kommuni-
gen zu vergewissern oder, wenn diese Gemeinsamkeit nicht kativ aktualisiert. Daß es regnen wird, hätte er ja auch sagen
gegeben ist, um Teile unserer augenblicklichen Einstellung nicht- können.
explikativ zu exponieren. Vergegenwärtigung ist zeichenexterne Durch vergegenwärtigende Äußerungen wird ein Verständnis auf
Charakterisierung durch situationsgebundene Aktualisierung. der Basis eines wechselseitig vermuteten Vorverständnisses arti-
Auch wenn die vergegenwärtigenden Akte und Operationen oft kuliert. Natürlich dient diese Artikulationsweise nicht allein der
mittels propositional differenzierter Zeichen vollzogen werden: abkürzenden Affirmation unwiderruflicher Einigkeiten - dann
als vergegenwärtigende sind sie nicht propositional differenziert wäre sie als Kommunikationsform recht wenig wert. Vielmehr
(denn sie sagen das Angedeutete nicht aus), sondern performativ macht es die vergegenwärtigende Verständigung zugleich mög-
integriert (sie artikulieren den Kontext einer Bezugnahme). In lich, auf der Basis einer partiell geteilten Situationsbindung ein
der scheinbaren Umwegigkeit vergegenwärtigender Leistungen gegebenes Vorverständnis zu erweitern und zu korrigieren, als
liegt ihre unverzichtbare kommunikative und reflexive Funktion: vermeintliches zu dementieren oder auch eine abweichende
die präsentische Verdeutlichung von Zugangsweisen als inner- Sichtweise - provokativ - ins Spiel zu bringen. Auf der Basis
situativ wirksamer Handlungsvoraussetzungen. eines momentanen, intersubjektiv mehr oder weniger weitrei-
Es führt in die Irre, wenn diese Funktion etwa verstanden wird chenden Vorverständnisses stellt die vergegenwärtigende Hand-
nach dem Modell des Auffälligwerdens und Auffälligmachens lung Aspekte dieses Verständigtseins als Momente der hier und
von Anzeichen: als ob der Bauer, wenn er die Bäurin mit einem jetzt maßgeblichen Eingenommenheit von etwas und für etwas
Blick oder einer Geste darauf hinweist, daß die Schwalben tief heraus.
fliegen, damit bewirke, daß die Bäurin auf den kommenden
Regen schließt und erkennt, daß sie beide sich mit dem Heuma- in. Nicht jedes Wort, nicht jeder Satz, nicht jede Darstellung
chen werden beeilen müssen. Nun ist die Geste des Bauern gewiß steht in einem Kontext der Vergegenwärtigung, der verstanden
eine (sehr schlichte) vergegenwärtigende Handlung. Diese be- werden muß, um die Bedeutung des Wortes, des Satzes, der
steht aber nicht primär darin, daß die Bäurin dazu gebracht wird, Darstellung zu verstehen. Jede Äußerung dagegen ist vergegen-
wärtigend vollzogen und ist in ihrem vollen Sinn nur verstanden,
wenn ihre situative Perforation, wenn die performative Kompo- polemische Disput mit der bewußten Auseinandersetzung auf
nente dieser Äußerung (mit) verstanden ist. Und nicht jede den beiden Ebenen des thematischen Sagens und des vergegen-
Äußerung ist zugleich thematisierend artikuliert, obgleich ihre wärtigenden Bedeutens erst beginnt.'2
Verständlichkeit davon abhängt, daß Anteile des Vergegenwär- Gerade hier zeigt es sich, daß thematisierende und vergegenwär-
tigten in thematisierender Rückfrage und Klärung explizit wer- tigende Kommunikation keineswegs in Konkurrenz zueinander
den können. Die Formen der Vergegenwärtigung sind schlech- stehen, wie sehr auch das auf der einen Artikulationsebene
terdings unübersehbar; sie müssen nicht in eine typologische Bedeutete dem auf der anderen Ebene Vermittelten in anderen
Ordnung gebracht werden, um in ihrer kommunikativen Funk- Fällen widersprechen mag. So wie ein konträres Verständnis in
tion verstanden zu werden. Gemeinsam ist ihnen allen das Bereichen des thematisch explizit Gesagten in bodenlose Mißver-
Merkmal der andeutenden Charakterisierung: ob diese Andeu- ständnisse führt, wenn die Kommunikation nicht durch ein
tung nun gestisch, mimisch oder intonierend erfolgt, ob sie in gewisses gemeinsames Vorverständnis und durch partiell aktuali-
der Choreographie einer Handlung sich verwirklicht, ob sie sich sierbare Intuitionen gesichert ist, so wird auch die vergegenwärti-
der sprachlichen Anspielung bedient oder der Vielfalt rhetori- gende Verständigung ausdruckslos, wenn sie sich nicht in Berei-
scher Tropen; welche Verbindung diese Ausdrucksfiguren auch chen der Möglichkeit abspielt, auf das Angedeutete und Aufge-
eingehen mögen - gemeinsam ist den Formen der andeutenden wiesene gegebenenfalls thematisch zu rekurrieren. Thematisie-
Charakterisierung, daß sie als kommunikative Handlungen nur rung ohne Vergegenwärtigung wird dann leer, Vergegenwärti-
verständlich sind, wenn aus dem Zusammenhang der Situation, gung ohne Thematisierung wird dann blind: diese Interdepen-
in der sie geäußert werden, ersichtlich wird, welches die unaus- denz von propositionaler und performativer Bedeutung machen
gesprochene Frage ist, die sich Adressant und Adressaten ge- die gegenwärtigen Betrachtungen bewußt." Auch die diskursiv-
meinsam stellt (bzw. die diesen von jenem durch vergegenwär- ste Rede muß sich in den Formen ihres Redens des Fragezusam-
tigte Akte als gemeinsame aufgegeben wird). Die vergegenwärti- menhangs vergewissern, der den Gang ihrer Überlegung treibt.
gende Handlung spricht das Unausgesprochene eines gemein- Das fängt bei der Wortwahl, fängt beim Rhythmus der Wieder-
sam - wenn auch oft unterschiedlich - Betreffenden unausge- holungen an. Nur die formalen Sprachen sind rein thematisie-
sprochen aus. rend: ihr Sinn liegt in den außerformalen Zwecken, für die sie
Die präsentische Konturierung eines aktuellen Kontext also, entworfen werden. Andererseits setzt jedes stumme Einverständ-
indem etwas thematisch wird ohne direkt (oder überhaupt) the- nis, setzt das »blinde« Sichverstehen, wenn es denn als Verstehen
matisiert zu werden, ist kennzeichnend für jede Art der Verge- wirklich soll begreifbar sein, die Möglichkeit einer wie immer
genwärtigung. Die Funktion der auf den ersten Blick so »indi- depotenzierenden Thematisierbarkeit von Inhalten dieses Verste-
rekten« Vergegenwärtigungsleistungen liegt gerade darin, sich hens voraus. In dieser Möglichkeit ist der stumme oder auf
über Kontextbezüge möglichst direkt zu verständigen. Zumal sparsamste Abbreviaturen zurückgestufte Umgang manchmal
die alltägliche Kommunikation ist voll dieser komprimierenden eine äußerst beredte Form der Interaktion. Das kann der Fall sein
Arabesken, mit denen wir uns die geradlinigen Umwege der bei eingespielten Arbeitsverhältnissen oder in der kontemplativen
ausführlich gesetzten Rede mit Artikulationsgewinn ersparen. Einigkeit zweier Naturfreunde, die, auf des Berges Höhen wan-
Indem sich die kommunizierenden Subjekte in ihren vergegen- dernd, einander mit stummen Gesten von der Erhabenheit der
wärtigenden Äußerungen verstehen, zeigt es sich nicht nur, Gebirgsgestalten schwärmen: das lautlose Voilä ihrer panorama-
sondern zeigen sie sich, daß sie sich in den momentanen Bedin- tischen Armzeichen ist die gehaltvolle Bekundung komplexer
gungen ihrer Interaktion partiell gleich verstehen. Ohne diese Impressionen und stellt, wenn auch der andere einhält und
stillschweigend beredte Koordination wäre eine polemische seufzend ausschnauft, ein geballtes Einverständnis sowohl her als
Auseinandersetzung zum Beispiel gar nicht möglich: da jeder dar; und erneuert einen schmerzlich schwelenden Konflikt, wenn
der andere, anstatt ergriffen zu verharren, geradeaus auf den gen der vergegenwärtigenden Mitteilung weiterhin abhängig von
steinigen Wegboden zeigt und dem säumigen Schwärmer somit Gemeinsamkeiten der gegebenen kommunikativen Situation (die
bedeutet: laß die sentimentale Trödelei, da vorne ist die Bergsta- im Fall von Schreibern und Lesern eine hypothetische ist). Die
tion, ich will mein Bier. Bedeutung der vergegenwärtigenden Beispielverständigung
iv. Es lohnt sich, bei dem Beispiel des Beispielgebens kurz zu bleibt weiterhin abhängig von der Situation (dem Textkontext)
verweilen. Schon in ausgeführteren Formen der possesiven Ex- der Verständigung, wenngleich das so Bedeutete nicht länger
emplifikation ist ein genuin vergegenwärtigendes Moment ent- etwas sein muß, was in dieser Situation direkt aufweisbar ist. In
halten. Possesiv ist ein Beispielgeben, in dem etwas vorgezeigt, thematisierender Beispielgebung können beliebige Themen aus
vorgeführt oder vorgemacht wird, das den Zusammenhang der dem Umfeld eines fraglichen Themas hervorgeholt und vergegen-
Eigenschaften eines Gegenstands oder einer Handlung enthält, wärtigend eingebracht werden, ohne ihnen den zubringenden
den der Beispielgebende zu verstehen geben oder seinen Übungs- Status von charakteristischen und charakterisierend aktualisierten
partnern beibringen will. Wer uns durch Medien und Verfahren Aspekten der vorrangig problematischen Sache zu nehmen. »Die
der possesiven Charakterisierung etwas nahebringen will, cha- Verständigung durch Beispiele ist eine Weise der indirekten
rakterisiert nicht in Form beschreibender oder appellativer An- Mitteilung. Der Mitteilende beschränkt sich darauf, den anderen
sprache, was er meint oder was verlangt ist; er macht Handlun- eine - nämlich seine, des anderen - Verstehenssituation zu verge-
gen und Objekte zum Zeichen seiner Auffassung der betreffen- genwärtigen und ihm so eine Orientierungshilfe zu geben. Er
den Dinge, deren Bedeutung die Adressaten dann verstehen mutet ihm zu, sich selbst über das zu verständigen, was er schon
(lernen), wenn sie (bereits) wissen und (zusätzlich) erkennen und mitbringt.«95 Dieses Resümee von Günter Buck ist vor allem auf
beherzigen, worauf es im gegebenen Zusammenhang ankommt Lernsituationen gemünzt; daher tritt hier eine deutliche Asym-
und welches der speziell vergegenwärtigte Zusammenhang ist. metrie hervor, die für die Beispielkommunikation im allgemeinen
Ahnliches gilt auch für viele der Beispiele, die nicht als gegen- gewiß nicht gilt - und selbst für Lehrsituationen nicht gilt, wenn
ständliche Exempel oder exemplarische Handlungen dargeboten, die Lehrenden selbst und wieder Lernende sind. Wer ein Beispiel
sondern in thematisierender Rede gegeben werden. Mit Aus- gibt, macht stets auch sein Verständnis zusammen mit der Unter-
nahme der Angabe von Fallbeispielen für einen bereits geklärten stellung und dem Ansinnen deutlich, auch das bisherige Ver-
allgemeinen Sachbestand, mit der Ausnahme derjenigen Formen ständnis des andern (und sei es in destruktiver Erhellung) zu
des Beispielgebens und Beispielverstehens, die - in Kants Worten treffen. Er setzt an einem Punkt des vermutlich gemeinsamen
- eine Sache rein der »bestimmenden Urteilskraft« sind, zielt das Verstehens an, um den wahren Sachverhalt erkennbar zu machen,
Verständigen durch Beispiele stets zugleich auf die Herausarbei- indem er den Kontext eines angemessenen Verständnisses verge-
tung des Fragezusammenhangs, dessen aufklärender Beantwor- genwärtigend präzisiert. Wer sich mit anderen so verständigt,
tung das Geben von Beispielen dient. Diese Beispielverständi- vergegenwärtigt allerdings nicht schon seine Verstehenssituation
gung trägt zur Klärung thematischer Sachverhalte bei, indem sie als ganze, sondern verhält sich im Überlegen so, daß er sich
zugleich die Art einer maßgeblichen Themenstellung konturiert. Bezüge des momentan engagierten Wissens gegenwärtig macht;
»Beispiele weisen über sich hinaus. Sie weisen über sich hinaus, wollte er sich den maßgeblichen Zusammenhang dieser Bezüge
indem sie auf etwas zurückweisen.«' 4 auf einmal vergegenwärtigen, so würde er jeden Zusammenhang
verlieren.
Von den Arten der possesiven Exemplifikation unterscheidet sich
die thematisierend ausgeführte Beispielrede durch einen extrem v. Daß vergegenwärtigende Kommunikations- und Verstehens-
erweiterten Horizont des exemplarisch Kommunizierbaren. Was leistungen einer bestimmten Art erst durch die Verwendung
beispielhaft angesprochen wird, muß nicht länger in der Situation thematisierender Ausdrucksmittel möglich werden, ist keine Be-
der beiherspielenden Rede anwesend sein. Zwar bleibt das Gelin- sonderheit des verbal ausgeführten Beispielgebens. Die Gebun-
denheit an thematisierende Artikulationsformen ist ebenso den puren Wortinhalt des Gesagten nicht von selbst verstehen.'7
zahlreichen Formen der nichtwörtlichen, uneigentlichen, figürli- Dieser ganze, hier nur angerissene Zusammenhang wird sofort
chen Rede eigen: auf vielfache Weise indirekt sind alle die evident, wenn man sich nicht blind an linguistisch präparierte
Außerungsformen, mit denen wir in thematisierender Rede etwas Standardformen der Rede klammert, sondern sich danach richtet,
anderes zu verstehen geben als das, was die verwendeten Sätze wie Rede und Überlegung sich im Standardfall vollziehen. Im
(oder auch Versatzstücke) für sich genommen besagen. Es würde Austausch bereinigter Standardsätze kommt ein vernünftiges Ge-
zu weit führen, Fälle wie die ironische und auslassende, über- spräch jedenfalls nicht zustande.'8 Vielmehr sind wir in jeder Art
und untertreibende Rede, die Formen der Modusvertauschung der kommunikativen Auseinandersetzung (und schließlich selbst
oder die Arten der idiomatischen Verkürzung auch nur halbwegs in der Konstruktion theoretischer Texte) darauf angewiesen und
eingehend zu erörtern. Es muß ausreichen zu wiederholen, daß gehalten, uns des Gesprächszusammenhangs mit Mitteln der
auch diese Formen andeutender Rede Aspekte eines als gemein- andeutenden Präzisierung sei es korrigierend oder zustimmend,
sam gegebenen Kontexts kommunikativ aktualisieren und somit vorwegnehmend oder nachtragend, beteuernd oder erinnernd zu
ein für eine gegebene Situation wechselseitig vorausgesetztes und versichern. Wir verstehen die Verfahren, mit denen das geschieht,
vorauszusetzendes Vorverständnis implizit, aber oft nachdrück- solange wir uns auf den gesprächstragenden Kontext partiell
lich koordinieren. Wiederum können diese Ausdrucksformen verstehen; wir bleiben dieser Kontextorientierung gewiß, indem
eher der vergewissernden Bestätigung, der beiläufigen Korrektur wir die Redesituation weiterhin vergegenwärtigend strukturie-
oder dem sardonischen Dementi dienen. Wiederum haben wir es ren. Wir beherrschen die Ausdrucksmittel der thematisierenden
zu tun mit Arten der Einweisung in und der Abstimmung von Vergegenwärtigung (der Vergegenwärtigung mit den Mitteln the-
Situationsperspektiven, die nicht in der Form einer direkten matisch artikulierter Redeformen), wir verstehen den unmittelba-
regulativen Anrede und Widerrede erfolgen, sondern als situa- ren Sinn der indirekten Sprechhandlungen, wenn wir (meist
tionsabhängige Äußerungshandlungen, die meist nicht auf einen intuitiv) wissen, was der Witz - was das Bedeutsame - daran ist,
der Verständigungsmodi eindeutig zugeschnitten sind. Die pri- das Gemeinte auf diese Weise zu äußern, anstatt es lang und breit
märe Funktion auch dieser Redeweisen ist die Vergegenwärti- oder kurz und brutal zu sagen."
gung von situativen Bedeutsamkeitsaspekten: diesen verschaffen
Vergessen wir über der thematisierenden Vergegenwärtigung
die indirekten Kommunikationsformen eigens Geltung. Insofern
nicht deren nonverbales Repertoire, von dem auch innerhalb von
ist die Palette der uneigentlichen Redeweisen kein sekundäres
Redezusammenhängen ständig Gebrauch gemacht wird. Das be-
und nicht einmal ein abgeleitetes Ausdruckspotential. Die figür-
ginnt mit den Freiheiten der Interpunktion, der Intonation,
lichen und idiomatischen Redeweisen sind Formen der zeigenden
reicht von der rhythmisch-sequentiellen Gliederung von gespro-
Kommunikation auf dem Niveau einer reich entwickelten Spra-
chenen (und natürlich geschriebenen) Texten über den Einsatz
che: deren Reichtum der Differenzierung zugleich den themati-
der Gebärden bis zur mimischen Artikulation und den Möglich-
sierenden und vergegenwärtigenden Artikulationsweisen ent-
keiten des szenischen Ausdrucks Verhaltens. Das sind Formen vor
springt.'6
allem der expressiven Selbstdarstellung, die aber ebensogut zu-
Uneigentliche Thematisierung ist keine uneigentliche Kommuni- gleich und gelegentlich dominierend appellative und Feststel-
kation. Sie ist so eigentlich wie die direkt thematisierende Ver- lungsfunktionen (mit) übernehmen können. Ich möchte diese
ständigung auch. Beide Artikulationsmodi sind gleichursprüng- erneuten Hinweise an dieser Stelle nur zum Anlaß nehmen, eine
lich. Im Rahmen sprechakttheoretischer Untersuchungen hat immanente Grenze hervorzuheben, die den Reichtum unserer
Searle gezeigt, daß noch im Rahmen der wörtlichsten und trivial- kommunikativen Vergegenwärtigungshandlungen immer bereits
sten Verständigung kontextuelle Annahmen mitbedeutet und beschränkt. Nicht alles, was im Verhalten eines Subjektes zum
verstehende Orientierungen angedeutet werden, die sich aus dem Ausdruck kommt, wird von ihm zum Ausdruck gebracht; nicht
all das, was wir - in wohlwollender Muße, ästhetischer Wahrneh- rang von Situationen des Handelns und an der auf unterschiedli-
mung, szientifischer Akribie, haßerfüllter Beobachtung - an sei- che Weise bedeutungsvollen Gewärtigung von Situationsmomen-
nem Benehmen als bedeutsam vergegenwärtigen können, kann ten ändert sich nichts Wesentliches, wenn wir die methodische
derjenige, der sich vor den Augen seiner Betrachter so gibt, in Beschränkung auf kommunikative Koordinationsleistungen jetzt
souveräner Vergegenwärtigung zu verstehen geben. Was Aus- rückgängig machen. Die Arten, in denen wir uns selbst etwas
druck ist, ist darum nicht zum Ausdruck gegeben. Daß mein verständlich machen, entsprechen denen, in denen wir jemandem
Gesicht Freude oder Ärger zeigt, heißt nicht immer, daß ich etwas und uns verständlich machen. Auch die Menschen, die sich
Freude und Ärger zeige; ob es das heißt, muß sich aus dem in nicht interaktiven Situationen befinden, müssen sich in diesen
Kontext meines Verhaltens (und der Kenntnis meiner Person) zugleich thematisierend und vergegenwärtigend orientieren -
erst zeigen. Obwohl es nicht von ungefähr kommt, daß wir und zwar auch dann, wenn es sich um längst erschlossene und
umgangssprachlich hier keine genauen Unterscheidungen ma- keinen innovativen Überlegungsaufwand fordernde Situationen
chen - weil es oft äußerst schwierig ist zu wissen, was für eine handelt. Auch in der solitären Konfrontierung mit beliebigen
Bedeutung ein Ausdruck und eine Handlung haben, ob diese Themen wird einiges von dem, was sich in der gegebenen Lage
gewollt oder ungewollt waren, aufrichtig oder unaufrichtig mitversteht, im Modus nichtthematischer Orientierungen zu ver-
etc.100; obwohl es oft diffizil und gelegentlich unmöglich sein gegenwärtigen sein. Gewiß ist dieses einsame Orientierungsver-
mag, den Unterschied zwischen dem, was einer zeigt und dem, mögen aus der Erfahrung der kommunikativen Koordination
was in seinem Gebaren sich zeigt, klar zu treffen, ist die prinzi- von Aktionen und Praktiken wesentlich erworben; und gewiß
pielle Unterscheidung selbst unverzichtbar: denn sonst läge der ergeben sich in der monologischen Anwendung signifikante Un-
Schluß nahe, alles, was unser Verhalten offenkundig und verbor- terschiede; aber Vergegenwärtigung ist darum sowenig wie The-
generweise bestimmt, sei von uns ausdruckshaft nicht nur den matisierung ein schlechthin kommunikativer Vorgang. Es verla-
anderen präsentierbar, sondern, nicht zuletzt im Spiegel der gern sich einige Gewichte, mehr nicht. So nimmt der Stellenwert
anderen, von uns für uns selbst zu vergegenwärtigen - wenn wir der gestischen Verdeutlichung ab, weil in vielen Fällen das wan-
uns nur richtig ausdrücken könnten! Diese Quadratur der Arti- dernde Auge und der Ton der Stimmung die redende Hand
kulation ist unmöglich, weil jeder, der sich in einer gegebenen ersetzen; das spielende Probieren tritt an die Stelle der einweisen-
Situation vergegenwärtigend äußert, damit einen Aspekt seiner den Vorführung; die reflektierende Urteilskraft orientiert sich an
Lage akzentuiert. Und weil diese Äußerung sinnvoll und ver- Beispielen, die stärker parenthetisch in den Fluß der Überlegung
ständlich nur ist, wenn andere Aspekte der Situation fraglos eingegliedert sind; die expressiven Reaktionen werden teils leiser,
bekannt sind, die nicht zugleich vergegenwärtigt werden müssen teils lauter werden, die Deutlichkeit eines auffälligen Seufzers
- und können. Allein in einer - aus Erfahrung - artikulierten ändert das nicht; der innere Monolog der handlungsbegleitenden
Umgebung ist es möglich, sich vergegenwärtigend zu artikulie- Überlegungen, Kommentare, Anfeuerungen und Verwünschun-
ren. Diejenigen, die es sich leisten können, eine Situation als eine gen wird sich in weit höherem Maß indirekt, abbreviatorisch und
insgesamt symbolisch beseelte zu betrachten, befinden sich nicht idiomatisch abspielen als in der Sphäre des kommunikativen
(mehr) in ihr: sie sitzen im Theater, als Liebende auf der Lauer, Austauschs: weil die, die allein zugange sind und allein mit sich
als Deuter über ihren Transkripten. zu Rate gehen, von dem Geflecht von Bezügen, innerhalb deren
sie agieren, zwar nicht zwangsläufig mehr wissen als die ander-
vi. Aus der bedeutungskonstitutiven Interdependenz des propo- mals Mittuenden, aber stets ungleich mehr fraglos voraussetzen
sitionalen und des performativen Verstehens folgt, daß die in werden als diese. Die Mittel, mit denen wir uns als einzelne etwas
komplementärem Verhältnis thematische und vergegenwärti- bewußt machen und bewußt halten, sind keine prinzipiell ande-
gende Orientierung keine Besonderheit des kommunikativen ren als die, von denen wir Gebrauch machen, wenn wir uns mit
Handelns ist. An der bedeutsamen/ bedeutungshaften Strukturie-
anderen über ein Thema oder über die momentane Lage verstän- wärtigend nicht vollständig charakterisieren. Jedes Einverständ-
digen. Hier wie dort ist die Gegenwart von Situationen allein im nis in ihr ist aus verborgenen Quellen gemeinsamer Erfahrung
Zusammenhang von thematischer Bezugnahme und vergegen- gespeist.
wärtigender Klärung präsent. Hier wie dort ist das vergegenwär- Das bedeutet, daß der ausschweifende Exkurs über Formen der
tigende Bewußtmachen auch dann verlangt, wenn wir uns der vergegenwärtigenden Bewußtheit und Kommunikation (und ihr
gegebenen Einstellung in reflexiver Problematisierung thematisch Verhältnis zur thematisierenden Artikuliertheit und Artikula-
zuwenden; denn auch die kritische Suspension von Bedeutsam- tion) das negative Resultat der ersten Betrachtung über die
keitsbindungen muß Kontakt halten zu Vorverständnissen, in Möglichkeiten der unverkürzten Mitteilung von Erfahrungen
deren Perspektive ihr die bisherige Orientierung sinnvoll fraglich von anderer Seite wiederholt. Weder innerhalb (im Zuge eines
werden kann. Und auch die reflexive Befragung, sei sie kommu- andauernden Engagements) noch außerhalb (in der Distanz einer
nikativ oder nicht, kann nicht die Situation total vergegenwärti- rückblickenden Darstellung) von Situationen ist die Erschlossen-
gend entrücken, aus deren Bedrängung der Stoff und die Energie heitsweise, die sie als Situationen bestimmt hat und bestimmt, in
der unzufriedenen Entbindung kommen. der einstellungshaften und gegenwartskonstitutiven Integration
von Bezugnahmen und Bezügen charakterisierbar. Und dies
Die Gelegenheit für einen dramatisierenden Rückblick ist ge- weder im kommunikativen Austausch noch in der einsam verge-
kommen. Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach wissernden Explikation. Keine noch so detaillierte Beschreibung
der Kommunizierbarkeit von Erfahrungen hat sich zunächst der kann den Erfahrungsgehalt, der das Thema ihrer rekonstruktiven
zuvor explorierte Zusammenhang von Situation und Erfahrung Bemühung bildet, im Modus seiner Bedeutsamkeit zur Darstel-
erneut bestätigt. Durch Erfahrung sind wir nicht nur doppelt und lung bringen; kein innersituativ noch so transparentes Verhalten
dreifach auf eine Vielfalt von Praktiken verständigt - aus dem kann vergegenwärtigend all das andeuten und ausdrücken, was
Reichtum der sprachvermittelten Erfahrung sind wir zugleich sein exaltiertes Engagement augenblicklich grundiert und be-
befähigt, uns innerhalb von Situationen doppelt und dreifach dingt. Die Physiognomie der (monadischen Bruchteile von) Le-
hinsichtlich fraglicher Themen mit uns selbst und beteiligten bensformen, die sich in Situationen manifestieren, so könnte es
anderen zu verständigen. Was sich außerhalb von Situationen scheinen, ist in ihren präsentischen Besonderheiten weder enga-
darstellt als Diskrepanz von behauptbarem Wissen und engagier- giert noch distanziert selbst wahrnehmbar und erfahrbar.
tem Kennen, das erweist sich innerhalb von Situationen als in der Wäre das alles, was zu sagen wäre, so wäre zum Abschluß dieser
Dialektik von Thematisierung und Vergegenwärtigung immer aporetischen Studie festzuhalten, daß die interne Bedeutsamkeit
bereits vermittelte Klärung und Orientierung. Situationen, seien von Situationen und auch die mögliche Gemeinsamkeit von
sie kommunikativ oder nicht, sind nicht allein dreifach (kognitiv, Erfahrungen nicht eigentlich erweisbar sind, sondern sich in der
volitiv, emotiv) eruiert, sie sind auch für die, die sich in ihnen Immanenz der sei es interaktiven, sei es nichtkommunikativen,
befinden, zugleich doppelt artikuliert: die jeweils zentralen Ge- sei es erfahrenden, sei es nichterfahrenden Vollzüge immer erst
genstände einer Situation sind als zentrale gewußt und wißbar im und stets wieder erweisen werden. Es würde sich den Menschen
Rahmen eines Kontexts bedeutsamer Annahmen und Optionen, zeigen, wie sie an sozialen und existentiellen Projekten beteiligt
der in seiner subsidären Perforierung aspekthaft mit vergegen- sind, aber nicht sie könnten sich exemplarisch und experimentell
wärtigt werden muß. Allerdings kann der Erfahrungs- oder vor Augen führen, wie sie aus Erfahrung an den Wirklichkeiten
Sinngehalt einer gegenwärtigen Situation, kann der Gesamtzutrag ihres Daseins Anteil haben. Partizipation, als syndromische Syn-
des in ihr Thematischen und Bedeutsamen den in ihr befangenen these innerweltlicher Positionen, wäre nicht distanzierbar - es
Subjekten nicht zu Bewußtsein kommen. Die Erschlossenheits- gäbe keine Möglichkeit, den Subjekten wäre keine Einstellung
weise einer gegenwärtigen Situation können wir auch vergegen- gegeben, aus der sich die eigene Gehaltenheit zur Welt gegenüber
ihren nahen, fernen, ausdenkbaren und unausdenkbaren Wirk- deutsamkeit zum Thema der verstehenden Wahrnehmung und
lichkeiten verherrlichend bis verdammend geltend machen ließe. Erfahrung zu machen.
Es wäre nichts da, wovor und worin wir in diesem Begehren Wie sich später im genaueren zeigen wird, teilt auch die ästhetische
innehalten könnten. Situationen wären als lebensweltliche Situa- Wahrnehmungssituation die besprochenen allgemeinen Merk-
tionen weder charakterisierbar noch charakterisiert zu finden. male einer jeden Situation. Auch als ästhetisch Wahrnehmende
treten wir aus dem Kreis der Erfahrung nicht heraus. Was die
Stationen und Orientierungen der ästhetischen Praxis von Situa-
c) Präsentation tionen und Einstellungen anderer Art unterscheidet, wird zu
verstehen sein aus der strukturellen Verfaßtheit ihrer thematischen
Wie es scheinen könnte, ist es nicht: nicht nichts, sondern alles, Objekte - und aus der Art und dem Interesse des verstehenden
was irgend wahrnehmbar ist, ist prinzipiell dafür offen und Umgangs mit ihnen. Die Situation der ästhetischen Wahrnehmung
potentiell geeignet, Inbild und Inschrift, Klangzeichen und szeni- ist konstituiert durch ein Interesse an der Gewärtigung und
scher Aufweis, Verkörperung und Manifestation, kurz: Präsenta- zentriert um die Gegenwart erscheinender Situationen. Wie be-
tion von Erfahrungsgehalten zu sein. Nur sind diese Präsentatio- reits im Einleitungskapitel angemerkt, können diese »Situatio-
nen weder thematisierende noch vergegenwärtigende Zeichen nen«, die niemals (ganz) kongruieren mit der Situation derjenigen,
noch bloß ein Allerlei aus beiden; nur sind diese Zeichen weder die ihren Gehalt gerade wahrnehmend, erfahrend, deutend erkun-
aus einer neutralen Inhaltsvermittlung zu verstehen noch aus dem den, äußerst verschiedener Art sein: das Reich der ästhetischen
Schutz der unmittelbaren Beteiligung an dem, was sie zeigen. Sinne reicht von Blumenvasen über proppenvolle Fußballstadien
Denn weder das propositionale noch das performative Verstehen bis hin zu Kunstwerken, die Bedingungen ihrer ästhetischen
kann der sinnhaften Präsenz erfahrungsentsprungener Gegen- Wahrnehmung ästhetisch exponieren. Es handelt sich hier um
warten gegenwärtig werden; da hilft auch alle Zusammenarbeit »Situationen«, die wir uns veranschaulichen, die wir heraus- und
der beiden Verstehensweisen alleine nichts. Soweit also war das hergestellt finden, ohne in die Bedeutungsbezüge, die uns an ihnen
skeptische Resümee ganz zutreffend. Es war nur voreilig, wie das charakteristisch erscheinen, in der Weise involviert zu sein, wie
die Art der pessimistischen Skepsis ist. Denn um all das Schöne, wir sie augenblicklich in ihnen präsentiert finden. Ob ich das
Hinreißende, Erschreckende, Besänftigende und Betäubende zu Versagen des Vollstreckers verfluche oder dem raunenden Unmut
tun, das wir vermeintlich, den Beschränkungen der bisherigen der Menge in seinen akustischen Wellenschlägen nachhöre, ist
Analyse zufolge, gar nicht tun können - müssen wir es einfach zweierlei. Noch die ästhetisch raffinierteste Reflexion auf die
trotzdem tun, wie wir es längst gelernt, erfahren, erfunden Kunst kann die Grenze zwischen ästhetischer Wahrnehmung und
haben: wir müssen uns in eine jener besonderen Situationen dem ästhetisch Wahrgenommenen zwar paradox exponieren, aber
begeben, deren eigenartige Bestimmung es ist, zum Thema den nicht überspringen. In den meisten Fällen sind die ästhetisch
Gehalt solcher Situationen zu haben, in die wir uns im Augen- Wahrnehmenden ohnehin in einer ganz anderen Lage und Verfas-
blick nicht engagiert finden. Ein Wechsel der Einstellung genügt. sung als sie es wären im Eindruck der Erfahrung, deren Verfaßt-
Die Situation der ästhetischen Wahrnehmung ist eine Situation heit sie ästhetisch erfahren. Denn egal wie die ästhetischen Gegen-
der imaginativ-kontemplativen Situationsbildung angesichts (in stände im einzelnen beschaffen sein mögen, als ästhetisch wahrge-
der Konstruktion) von Gegenständen, in denen die Wahrneh- nommene sind es keine für die Wahrnehmenden gegebenen
menden die Charaktere von Situationen verkörpert finden (denen Situationen, sondern ereignishaft bedeutsame Zeichen realer und
die ästhetisch Produzierenden diese verkörpernd eingeben). Es möglicher Situationen. Den Augen und Ohren des inspirierten
sind die ästhetischen Gegenstände, die dazu da (gemacht oder Ästheten verwandeln sich die unscheinbarsten Zustände der Welt
aufgefunden) sind, um Erfahrungsgehalte im Modus ihrer Be- in Erscheinungen des erfahrenden Daseins in ihr.
Diese längst absehbaren Thesen kehren das »negative Resultat« aktuelle Situationsbezüge hervorgehoben, sondern Charaktere
der bisherigen Überlegungen nicht einfach ins Positive um. Denn von Situationen situationsinvariant dargeboten werden. Ästheti-
es bleibt dabei, daß Erfahrungsgehalte ungebrochen weder kom- sche Zeichen mögen in unterschiedlichen Maßen propositional
munikativ mitteilbar noch privativ vergewisserbar sind. Es bleibt und performativ artikuliert sein - als ästhetische sind sie allererst
dabei, daß Erfahrungsgehalte weder in thematisierender noch in präsentativ artikuliert: sie verkörpern Erfahrungsgehalte der Ei-
vergegenwärtigender Direktheit mitteilbar sind, wie immer diese genschaften, Themen oder sogar Thesen, die die Wahrnehmen-
Artikulationsmodi auch ineinandergreifen werden. Zu dieser den in und an ihnen auffinden und als relevant für ihre Aus-
Mitteilbarkeit nämlich bedarf es der Vermittlung der ästhetischen drucksfunktion bewerten. An etwas - an Kunstwerken, Perso-
Gegenstände, bedarf es eines vorausgehenden Verstehens, das in nen, Landschaften, Naturobjekten, Gebrauchsdingen, Texten,
das Schema des Empfangens von Mitteilungen (oder des Aufneh- Ausdrücken usw. - ein ästhetisches Interesse nehmen bedeutet,
mens von Hinweisen und Andeutungen) überhaupt nicht paßt. diese Gegenstände auf ihre präsentische Ausdrucksqualität hin zu
Präsentation ist weder Repräsentation noch das Präsentmachen besehen und beurteilen. Ästhetische Wahrnehmung, Produktion
einer andauernden Beteiligung. Die für die ästhetische Wahrneh- und Erfahrung ist gerichtet auf Zeichenobjekte (und ihre Herstel-
mung relevante Signatur von Gegenständen und zumal die Kon- lung), die die Funktion haben oder auffällig (gemacht) werden in
stitution von Kunstwerken ist das durch ihr Sichtbar-Werden ihrer Eigenart und Eignung, Bezüge der Bedeutsamkeit dessen,
zum Ereignis Werden von Erfahrungen, die nicht als etwas in der was als ihre Bedeutung erkennbar ist, in ihrer situationsartigen
Welt zur Darstellung kommen, sondern als Sichtweisen der Welt Verweisungsdichte erfahrbar zu machen.103
sich artikuliert finden, die sich dem wahrnehmenden Verstehen Mit den Formen der Vergegenwärtigung teilen ästhetische Prä-
in der inneren Ausprägung und Konstruktion seiner Objekte sentationen das Merkmal, in wesentlicher Hinsicht propositional
bieten. »Die Kommunikation der Kunstwerke mit dem Auswen- nicht artikuliert zu sein. Sofern in ihnen überhaupt etwas ausge-
digen«, sagt Adorno, »mit der Welt, vor der sie selig oder unselig sagt oder dargestellt wird, ist der Sinn dessen, was sie darbieten,
sich verschließen, geschieht durch Nicht-Kommunikation; darin in keinem Fall eindeutig (und häufig gar nicht) gleichzusetzen mit
eben erweisen sie sich als gebrochen.«102 Wir müssen die Welt, den Inhalten der aussagehaften Bedeutungselemente; der ästheti-
vor der ihre Ausdrucksform sich verschließt, in sie hineintragen, sche Gehalt ergibt sich vielmehr allein aus der - durch festste-
um die ihre zu erschließen. Auf diesen Prozeß des Verstehens ist hende grammatische, bildnerische und sonstige Bedeutungsre-
die ästhetisch durchaus ermöglichte Mitteilbarkeit von Erfahrun- geln keineswegs insgesamt determinierten - Gesamtgestaltung
gen notwendig bezogen. Die Mitteilbarkeit von Erfahrungsgehal- des jeweiligen Objekts. Im kategorischen Unterschied zur nicht-
ten, wie sie in der Kommunikation über ästhetische Objekte ästhetischen Vergegenwärtigung nämlich ist die ästhetische Ver-
möglich wird, ist auf das präsentative Bedeutungsverstehen bezo- gegenwärtigung eine Vergegenwärtigung nicht von partiellen Si-
gen, das selbst weder ein Verstehen übersetzbarer Mitteilungen tuationsbezügen, sondern von Erfahrungsgehalten, dem, was den
noch das Mitverstehen immer schon gegebener Weltbezüge ist. Charakter von Situationen insgesamt prägt.104
Bevor ich einem ausgeführten Beispiel eine schwerere Bürde Die Art also, in der die präsentativen Zeichen ein Grundmerkmal
übertrage als viele beiläufige Exempel zu tragen vermöchten, will der vergegenwärtigenden Äußerungen teilen, trennt sie unwider-
ich die vergleichende Betrachtung der welterschließenden Arti- ruflich von diesen: denn mit den Arten der Thematisierung teilen
kulationsmodi beenden, damit es möglich wird, die Erörterung ästhetisch relevante Gegenstände das Merkmal der internen Arti-
der ästhetischen Artikulationsweise unmißverständlich zu begin- kulation. Paradox gesagt, handelt es sich bei ästhetischen Präsen-
nen. tationen um Verfahren oder Formationen der situationsindefini-
ten Vergegenwärtigung. Was dermaßen gegenwärtig wird, sind
Ästhetisch sind symbolische Einheiten verschiedenster Machart, nicht kontextuelle Aspekte der Bedeutsamkeit einer sei es impli-
mit denen weder (primär) Sachverhalte formuliert, noch (primär)
ziten, sei es expliziten Thematisierung, sondern ist die zeichenin- verstanden (und kommunikativ geltend gemacht) werden können
tern entfaltete Textur einer besonderen Situation. Das themati- als Explikate von und Beispiele für eine von ihnen geteilte
sche Zentrum dieser zeichenhaften Situationen ist oft auf den Einstellung. Emphatisch gelungen sind ästhetische Produktio-
ersten und manchmal auf viele Blicke nicht zu erkennen; nicht nen, die Ausdruck der Gehalte von Einstellungen sind, die wir an
selten bleibt es flüchtig innerhalb der wechselnden Peripherien ihnen allein erfahren haben.
eines Werkes. Ob nun ein fixes Thema auffindbar ist oder nicht: Inwiefern aber ist der präsentative Artikulationsmodus den Modi
der Gehalt ästhetischer Präsentationen wird ersichtlich und ist der Thematisierung und der Vergegenwärtigung komplementär?
explorierbar im reflexiven Spiel der tastenden Charakterisierung Er ist es auf andere Weise, als es für das Verhältnis der beiden
und Titulierung der im Objekt imaginativ zu entdeckenden letzteren gilt. Es ist nicht so, daß wir uns denkend und handelnd
Situation. Seien sie auch zaghaft und zitternd gesprochen - allein immer schon ästhetisch artikulieren bzw. orientieren, so wie
auf diese aspektgebundenen und verkürzenden Einflüsterungen jedes Verstehen - und auch das ästhetische! - immer bereits
hin erheben die ästhetischen Ausdrucksmedien ihre bedeutsame thematisierende und vergegenwärtigende Anteile hat. Die oben
Stimme. Weil das so ist, kann man den präsentativen Artikula- behauptete Komplementarität liegt hier so, daß mit der Ausdiffe-
tionsmodus paradox nicht nur als ein autonomes Zeigen, sondern renzierung der Formen der propositionalen und performativen
komplementär als ein heteronomes Sagen bestimmen. Denn hier Orientierung die Möglichkeit der ästhetischen Gewärtigung im-
wird nicht auf der sei es trivialen, sei es nichttrivialen Vorausset- mer bereits gegeben ist. Wer durch Erfahrung teilhat an einer
zung bedeutsamer Grundierungen etwas distinktiv und diskursiv Welt, hat damit die Möglichkeit und in der Regel auch das
bedeutet, hier wird (oder findet sich) ein verdichteter Bedeu- Verlangen der ästhetisch erfahrenden Vergegenwärtigung der
tungszusammenhang erstellt, dessen Prägnanz als bedeutsame Gegenwarten dieser Welt.
Darbietung allein aus dem nun subsidiären Zuspruch deutend
eingeblendeter Bedeutungen kenntlich wird.
Was ästhetische Bedeutung im genaueren ist, wird aus der Logik d) Erfahrene Erfahrung
dieser Zuschreibung zu erklären sein; die Struktur der ästheti-
schen Wahrnehmung und Erfahrung erweist sich letztlich an der
Nehmen wir an, Eduard wollte einem, den wir Anton nennen,
Verfahrensweise der ästhetischen Kritik. Wie jedes ernst(zu)neh-
der ein weniger haltloser Kopfarbeiter sei als der, den wir Eduard
mende Verstehen ist auch das ästhetische Verstehen von vornher-
nennen - angenommen, Eduard wollte diesem Anton, der zur
ein beurteilend und wertend; wer die Verfassung der vorgenom-
Zeit andersartigen Passionen folgt, klarmachen, was es seiner
menen Objekte nicht ernst nimmt, dem wird sich das Spiel der
Erfahrung und Uberzeugung nach auf sich hat mit der Natur-
ästhetischen Wahrnehmung nicht mitreißend spielen. Ein ästheti-
wüchsigkeit gedanklicher Einfälle. Eduard redet so daher vom
sches Objekt verstehen, heißt darüber zu befinden, inwiefern es
Luftzughaften des Anwehens gedanklicher Funde und der Unbe-
gelungen ist oder nicht: dieses schlichte Urteil in seinen vielfa-
rechenbarkeit geistiger Erntezeiten, ohne freilich den ermuntern-
chen Schattierungen ist Anfang und Ende jeder ästhetischen
den und erleichternden Zuspruch eines »So ist es!« zu verneh-
Wahrnehmung, gleich in welchem Maß sie sich in ausdrücklichen
men; der uneinsichtige und von intellektuellen Wetterwechseln -
Deutungsversuchen vollzieht. Als gelungen (oder schön, authen-
derzeit - unberührte Anton verharrt in amüsierter Reserve, un-
tisch, erhaben usf.) beurteilt werden ästhetische Gebilde, die von
terstellend, so ernst sei das wohl alles nicht zu nehmen. Eduarden
den Wahrnehmenden verstanden werden als Präsentationen sol-
aber ist es ernst damit, und er möchte, daß Anton versteht, was er
cher Erfahrungsgehalte, die sie teilen oder - durch ästhetische
meint - wie kann Eduard seine Erfahrung mit dem Betreiben von
Erfahrung - zu teilen gekommen sind; ohne viel Abstriche
Gedankengeschäften einem verständlich machen, der sie so nicht
gelungen sind Objekte und Werke, die von den Urteilenden
hat oder sich ganz anders dazu versteht?
Wenn unsere Ermittlungen richtig waren, kann er zunächst grob hält über die Grundnormen eines ideal geregelten Arbeitstages;
viererlei tun. die goldene Regel wird etwa lauten: Was du ohne Mühe (aus
Zum einen kann Eduard versuchen, in erzählender Wiedergabe deinem Zutun ungehindert) kannst besorgen, das verschiebe
die Arten und Gefühle der Desorientierung zu beschreiben, aus ruhig auf morgen (denn das hilft dir nicht weiter und hält dich
denen nach seiner Erfahrung eine leidlich verläßliche Orientie- nur auf).
rung im Denken einzig zu haben ist. Er kann von den Prozessen Im Fortgang des Abends, nach dem Konsum einiger Rauschmit-
der Abschweifung und Konzentration, den Wellen der Ver- und tel, ist es denkbar, daß Eduard die privative, die theoretische und
Entzweiflung, den Meriten eines schrittweisen und eines ganz- die instrumentelle Darlegung schließlich mit einer moralisch
heitlichen Uberlegens, den Phasen des wild entschlossenen und entflammten Verdeutlichung krönt. Eine andere Denkpraxis als
des gleichmütig fatalistischen Vorgehens berichten - davon, wie die seine, so hört er sich dekretieren, ist mit der Ethik des
es ihm ergeht, wenn er versucht, etwas theoretisch abzuhandeln. theoretischen Denkens im Grunde überhaupt nicht vereinbar.
Wenn Eduard in Form ist und Glück hat (und Anton nicht allzu Antons Proteste kommen diesmal energisch; doch nur zu einer
sardonisch reagiert), kann es ihm gelingen, diesen Redeschwall kleinen Korrektur des einmal Gesagten erklärt sich Eduard be-
pointenhaft zu kondensieren: Soweit es mich betrifft, mein Lie- reit: All die bezahlten Denker, die andere Ziele im Auge haben
ber, ist Denken das Bemühen, um des Einblicks willen den als den Weg ins Auge des Sturms über den Gedankenmeeren,
Überblick zu verlieren. sind keinen öffentlichen Pfennig wert.
Zum anderen kann Eduard seinen bislang notgedrungen mund- In der wohlgeordneten Folge, in der es hier vorgestellt ist, wird
faulen Zuhörer dazu animieren, sich mit ihm auf das Glatteis von sich das Gespräch zwischen Eduard und Anton nicht vollziehen.
Spekulationen über eine mögliche Psychopathologie der intellek- In der realmündlichen Rede gehen sowohl die unterschiedlichen
tuellen Erfahrung zu begeben. Aus nun theoretischer Einstellung Verständigungsmodi als auch diverse einstellungstypische The-
mögen sie zusammen darüber räsonnieren, was es auf sich hat mit matisierungsinteressen munter durcheinander. Denn die Einstel-
dem Moment des Nichtintendierbaren von Reflexionsverläufen lung, aus der sich die beiden Freunde zueinander verhalten, ist
und zufallenden Erkenntnissen. Wenn die beiden ihres szientifi- eine unspezifisch, weitläufig, flanierend kommunikative; und
schen Dilletierens müde werden, werden sie, wie das zu sein diese sieht im Unterschied zu situativ spezialisierten Handlungs-
pflegt, Ausflucht in einer wilden These suchen, etwa in der und Redeeinstellungen einen ständigen Positions- und Sicht-
Behauptung, es sei die Hellhörigkeit ebenso der zielsicheren wie wechsel immer schon vor. Darin mag gelegentlich auch ein
der frei flanierenden Urteilskraft an den inkalkulablen Resonanz- Hemmnis und eine besondere Quelle von Mißverständnissen
raum eines hinfälligen Körpers gebunden. »Inspiration ist soma- liegen, in unserem Fall aber liegt in einer beweglichen Verständi-
tische Rührung.« gungsweise für Eduard die einzige Möglichkeit, vor Anton ein
Schließlich wird Eduard die theoriepraktischen Konsequenzen Bild der Situation zu entwerfen, die ihm erfahrend vertraut
erläutern wollen, die sich aus den gesammelten objektiven und geworden ist. Nur vermöge einer derart unreinen Darlegungs-
subjektiven Daten zunächst einmal für ihn ergeben (haben). Er weise, die sich und den anderen der Wahrhaftigkeit des Bekunde-
wird dem staunenden Anton erläutern, wie er auf dem Wege ten mal eben an der Begründetheit allgemeinerer Annahmen
schmerzlicher Erfahrung gelernt hat, seine Kopfarbeiten - tech- versichert, die mit Beteuerungen arbeitet ebenso wie der apellati-
nisch-instrumentell - so zu organisieren, daß die produktiven ven Anrede, die mit Fragen Antworten gibt, mit überspitzten
Einfälle nicht in der Disziplin eines übertriebenen Kalküls ein- Antworten Fragen stellt, die ihre Ausführung ironisch bricht und
fach wegrationalisiert werden, ohne daß die verfolgten Projekte metaphorisch bündelt und vieles mehr: nur mit diesen normaler-
sich im Taumel endloser Digressionen verflüchtigen. Das mag so weise zwanglos verfügbaren Ausdrucksmitteln, mit deren Ein-
geschehen, daß Eduard seinem Gegenüber eine gedrängte Predigt satz Eduard zugleich auf die Antworten, Einschübe, Minen und
Gegenreden Antons reagiert - nur so kann er seine Darlegung thony Braxton - du kennst doch dieses zögernd insistierende,
einigermaßen so gestalten, daß er Grund hat zu hoffen, für Anton strauchelnd kreisende, stets fast abirrende Verfolgen eines nie
werde der Kern dessen, was er zu sagen habe, nach und nach ganz gefaßten und festgehaltenen Motivs und Motivgangs, den
erkennbar. zielgleichgültig unnachgiebigen Duktus dieser musikalischen
Ob Anton versteht, was Eduard ihm sagt, hängt wiederum davon Monologe - so vollzieht sich auch eine Denkanstrengung, die
ab, ob jener in der Lage ist, in Eduards Anreden einen sinnvollen diesen Namen verdient. Die ist ja nicht zu verwechseln mit dem
und auch leidlich konsistenten Außerungszusammenhang zu er- planen Resultat von Argumentationen, die sich aufs geduldige
kennen. Da wir voraussetzen, daß beide etwa dieselbe Sprache Papier brav und stumm hingetextet finden, wenn der Wirbel, der
sprechen und auch sonst einander nicht ganz fremde Wesen sind, Staub und das Getöse sich längst gelegt haben. Obwohl es auch,
hängt Antons verstehende Empfänglichkeit für das, worum es wie Anton einwirft, Theorietexte gibt, deren Zeilen den Atem
Eduard in rudernder Rede geht, nurmehr von einem Umstand ihres Gedachtwerdens noch atmen - wenn sie sich als hin und her
ab: ob er zum mindestens etwas Erfahrung hat mit dem, was das gewendetes Zettelgut in den Gestaden eines gebundenen Buches
Kernthema ihrer Ermittlungen und Phantasien ist. finden, wie in Wittgensteins »Untersuchungen« — Und die
Daß er sie hat, zeigt sich daran (und könnte sich anders kaum »Bemerkungen« erst! Und wo steht das, wo der eine sich
zeigen), daß er fähig ist und sich animieren läßt, auf Eduards fragt, ob die Menschen wohl denken, weil es sich bewährt habe,
Auslassungen schließlich einzugehen und im jetzt gemeinsamen zu denken - ?
Diskurs eingreifend mitzuhalten, ohne bloß zu schwadronieren - Lassen wir den Abend mit diesem Dialog verrauschen - aber
denn dies würde Eduard, weil es ihm ernst ist, sofort auffallen, nehmen wir an, daß Eduard Tage oder Wochen später zu Anton
obgleich er selbst durchaus zum Schwadronieren neigt. In wech- kommt mit der beglückten Begrüßung, er habe da ein kleines
selndem Zuspiel und gegenseitiger Korrektur entwerfen sie das - Kunststück gefunden, an dem all das dran sei, wovon er ihm
typisierende - Bild einer ihnen in stark unterschiedlichen Schat- neulich abend in den Ohren gelegen habe. Er hat das Buch gleich
tierungen bekannten Situation, wobei sich herausstellen kann, mitgebracht.105 Es handelt sich um ein Gedicht von Octavio Paz
daß die Gemeinsamkeit ihrer Erfahrungen doch stärker oder und liest sich wie folgt:
doch weniger stark ist, als sie anfänglich angenommen hatten.
Um sich der Fährnisse ihrer denkerischen Eskapaden und der Der Tag tut seine Hand auf
Eigenart eines intellektuellen Abenteurertums nochmals von ei- Drei Wolken
ner anderen Seite zu vergewissern, um einen weiteren Test für Und diese wenigen Wörter
den Grad der Übereinstimmung ihrer Einstellung in reflexiven Anton, der Meinung, sie beide hätten sich jüngst am Ende
Praktiken ins Spiel zu bringen, können sie endlich auf die Suche verstanden, reagiert mit einem Blinzeln - ist ja ganz hübsch - nur
nach ästhetischen Exempeln verfallen, in denen etwas von der seh' ich nicht recht, wie das zusammenhängen soll mit dem,
Erfahrung artikuliert ist, die sie in diskursivem Kreisen zu fassen wovon wir's da hatten - ? Eduard, ungeduldig wie jeder, der
suchen. Anton zieht Valerys Monsieur Teste, Musils Ulrich, frisch überwältigt ist, seine Emphase an den Mann bringen will
Doderers Stangeier und Bernhards Roithamer aus dem Ärmel - und statt dessen betulich ausgezwinkert wird: Eduard läßt eine
denkende Roman- und Prosahelden, in denen er die Paradoxien, exegetische Tirade vom Stapel.
Irrungen, Überhebungen und die fragile Befreiungskraft eines Mensch, guck halt hin: das Gedicht inszeniert das Geschehen des
modern ungeschützten Erkennens intensiv bis exzessiv ausgestal- Einfalls, der zu ihm führt, das Ereignis seines momentanen
tet findet. Eduard denkt weniger an literarische Verdopplungen, Gelingens; es kann, was sage ich, muß! zugleich gelesen werden
er findet in musikalischen Darbietungen das von ihm Gemeinte als Manifestation, als festgehaltener Augenblick der sekunden-
prismatisch insinuiert. Er verweist auf Saxophonsoli von An- schnellen Anmutung, in der die Sensation eines Sinns sich findet
- und zwar in medialer, intentionsloser, die bisherigen Antwor- Durch die Zufügung der abschließenden Zeile werden auch die
ten und Versuche als gegenstandslos versengender Evidenz. Das beiden ersten erneut - und erst jetzt definitiv - aufgeladen. Denn
ist ein höchst poetisches, weil äußerst profanes Notat einer jetzt ist nicht mehr nur von einem Naturvorgang die Rede,
profanen Erleuchtung. sondern von diesem in seiner Gleichzeitigkeit, Gleichartigkeit
Aber gut, ich mach langsam: Die erste Zeile liest sich wie eine und sogar UnUnterscheidbarkeit mit dem Sichtbarwerden eines
konventionelle Naturmetapher, obwohl sie in ihrer naiven Ein- Sinns; der Knoten löst sich, so wie der Tag seine Hand auftut.
fachheit das geläufige Repertoire der Rede vom Wetter - zumin- Die Anfangs- und Schlußzeile spielen sich ihre Bedeutung wech-
dest in der deutschen Übersetzung - ein wenig unterbietet. selhaft zu. Im Kontext gesehen ist die erste Zeile nicht mehr nur
Beschrieben wird ein Vorgang, der auch die beiden folgenden, für eine metaphorische Naturaussage, sondern ebenso eine - licht-
sich genommen statischen, Andeutungen als Momente eines Er- mystische Anklänge einspielende - Metapher auf den Vorgang
eignisses, einer Veränderung bestimmt. Es liegt zunächst nahe, des Erkennens; der karge Hinweis der Schlußzeile, daß da wenige
den eröffnenden Satz in seinem alltäglichen Sinn zu verstehen: Wörter - auffällig - sind, wird durch die Einbindung ins äußere
daß es - draußen - hell wird, die Sonne aufgeht, der Morgen Ereignis dynamisiert und darum erst zum Signum eines implosiv
anbricht oder, weniger wahrscheinlich, eine den Tag verdü- dramatischen Vorgangs. Die meteorologische Lesart der An-
sternde Wolkendecke aufbricht und das Sonnenlicht den Tag fangszeilen wird zweitrangig - was sich löst und öffnet, ist der
erhellt. Das zweite ist unwahrscheinlich, weil eine Wolkendecke, Krampf von Fehlversuchen die bisher verbaute Sicht im Verste-
die aufbricht, sich nicht flugs in drei Wolken ballt, die sichtbar hen oder Schreiben (denn um geschriebene Wörter geht es): der
werden, sichtbar geworden sind aus der Warte dessen, der den Durchbruch, der sich in einer leisen Verschiebung ergibt, ist es,
Tag sich öffnen sieht. Jedenfalls scheint es sich um eine Verände- durch den die zuvor geschlossene »Hand« des Tages sich auftut.
rung zu handeln, die mit Erleichterung aufgenommen wird - Der Tag ist längst schon da, nur das wahrnehmende Subjekt hatte
verzeichnet wird ein Moment der Erhellung, Befreiung, Ent- sich bis jetzt nicht in ihn gefunden, war zur eigenen Präsenz nicht
krampfung, etwas - die Unfertigkeit, Unentschiedenheit des erwacht, weil eine glückliche Sicht aufs Bedrängende solange
Tages? - löst sich, und drei Wolken, deren Benennung ohne verhangen war. Im unwillkürlichen, fast unmerklichen Ereignis
schmückenden Ballast in die Strophenmitte geschoben ist, zeigen des erlösenden Einfalls fügt sich die Gegenwart des Tages ins Lot
sich schwerelos und statisch im Ausschnitt des Augenblicks. des Gelingens.
Diese minimale Szenerie wird in der dritten Zeile pointiert Langsam, Anton, sei nicht so ungeduldig, der Witz kommt ja erst
verbunden mit einem weiteren, wiederum durch kein Ereignis- - vergiß die Zwischenworte nicht! Denn es ist die zweite Zeile,
wort spezifizierten Datum, das allerdings konträr steht zum die die Kontamination von äußerem und innerem Vorgang ver-
Naturgeschehen des Beginns sowie auch zu dem in der mittleren schärft und die äußeren Zeilen zu Ausdruckskomponenten eines
Zeile vermerkten Stand der unverfügbaren Dinge. Mit dem (ein- Sinnereignisses macht. Diese Zeile ist nicht nur - als Naturbild -
zigen) Bindewort und mit der demonstrativen Anfügung erhält an den Anfangssatz angeschlossen, sondern überdies durch einen
die letzte Zeile ein besonderes Gewicht, das die scheinbare syntaktisch-semantischen Parallelismus mit den Schlußworten
Unwucht zwischen den ersten beiden Zeilen und der nachgesetz- eng verbunden. Drei Wolken (stehen am Himmel). Und diese
ten Notierung ausgleicht. Denn das Hinzukommen »diese(r) wenigen Wörter (stehen zu lesen). Die komplementäre Verkür-
wenigen Wörter«, ihr plötzliches, wie naturhaft geschehendes zung legt eine parallele Bedeutung nahe - so wie drei Wolken am
Sicheinfinden, ihr einmaliges (und vielleicht auch nur momenta- Firmament sich einfinden, so haben sich diese vorliegenden
nes) Lesbarwerden ist es, das dem für sich genommen banalen Wörter eingefunden - in einem von keiner faßlichen Intention
Naturvorgang und der zunächst schlichten Naturzeichnung eine gebildeten Arrangement. Sonst unverbundene, aufeinander nicht
eminente Bedeutung gibt. schon bezogene Wörter sind mit einemmal auffällig, nicht schon
verbundene, wohlgesetzte Worte - wenn es diese Differenz im Lieber, genial, ich hätte nie gedacht, daß einer das so raffiniert
Spanischen nicht gibt, was ich nicht weiß, dann hatte der nichtig 'rausbringen könnte...
Übersetzer eine glückliche Intuition. Nur bleibt es nicht bei Dem lieben Anton schwirrt der Kopf, er muß das hermeneuti-
vereinzelten, hereingespielten Bedeutungen - der Augenblick, sche Schnellfeuer erst einmal verwinden. Halten wir uns an
den das Gedicht konstruiert, ist der, wo diese unzusammen- Eduard. Was ist mit ihm geschehen? Nichts Schlimmes - er hat
hängend verstandenen, bislang nichts hergebenden, tastend ge- eine ästhetische Erfahrung gemacht und hat dieser, wo er sich
schriebenen Wörter unvermutet zusammentreten in die Bezie- ohnehin gern reden hört, in geübter Performation sogleich Aus-
hung der gefundenen Konstellation. Dies mag irgendeine Be- druck gegeben. Aber hat er das, was er da interpretativ am
deutsamkeit irgendwelcher Ausdrücke irgendwelchen Inhalts Beispiel des Gedichts wieder anspricht: hat er das alles nicht
sein, die ein neues Verständnis (und sei es enigmatisch) er- längst gewußt und die Erfahrung, deren Gehalt er ästhetisch
schließen: einen dieser Glücksfälle haben die Lesenden vor Au- gestaltet findet, nicht schon häufig gemacht? Wie konnte es jetzt
gen. Das Gedicht selbst ist ein Produkt des blitzhaften Vor- schon wieder zur erfahrenden Erregung kommen? Aus zwei
gangs, den es erfaßt - das Demonstrativpronomen der Schluß- Gründen. Erstens, weil auch die Bekräftigung und nichtinnova-
zeile weist allererst auf die Wörter, die ihre eigene Genese so tive Bereicherung einer Einstellung als Erfahrung zählt; Eduard
unscheinbar wie beredt bedeuten. Drei Wolken sind es, die es liest das Gedicht als eine unerwartete Bestärkung seiner - habitu-
zueinander getrieben hat, drei grammatisch kaum verbundene ellen - Auffassung davon, was eine sinnvolle theoretische Praxis
Zeilen sind es, die zusammenfinden in die zwanglose Präsenta- ist. Gewiß liefern die drei Zeilen keinen (neuen) Grund dafür, zu
tion ihrer eigenen plötzlichen Bindung. Indem sie einen Au- behaupten, Inspiration sei somatische Rührung - der Eindruck
genblick der glückhaften Einsicht bannt, öffnet die kleine Stro- der verweilenden Lektüre aber kann für Eduard der aufrührende
phe den Blick für den Grund ihres eigenen Gelingens; und Anlaß sein, es entgegen seiner bisherigen Skrupel einmal mit
weil sie gelungen ist, kann sie fast nichtssagend zeigen, wie es einer ernsthaften Version dieser These zu versuchen. So kann die
momentan zugeht, wenn wir verstehend uns und etwas fin- Konfrontation mit dem minimalen, aber für großartig befunde-
den. nen Paz-Gedicht durchaus eine Änderung in der theoretischen
Du wirst dich erinnern, Anton, ich hatte neulich vom Luftzug- Einstellung seines inspirierten Lesers zur Folge haben - und sei
haften, nicht gradlinig Erwirkbaren, entscheidend Naturwüch- diese ihrerseits nimimaler Natur. Zweitens wird Eduard einer
sigen des Habens von Einfällen gesprochen. Hier: dieses Ge- ihm bisher unbekannten Möglichkeit des Verhaltens gewahr und
dicht hat dieses Anwehende-Angewehte, weil es ganz lakonisch sieht sich genötigt, sich dieser gegenüber erfahrend zu verständi-
und knapp, wie hingesagt und sekundenschnell - wenn du gen: das Gedicht eröffnet ihm (auf ganz andere Weise als die
willst: wie aus dem Wind gesprochen - hergibt, was der beson- erwähnten Braxton-Soli) eine ungeahnte Möglichkeit, sich des
dere Charakter der kurzlebigen Situationen ist, in denen uns Erfahrungsgehalts von Situationen, die er bereits kennt, im Mo-
aufgeht und aufgegangen ist, wie es - hiermit und damit - ist. dus ihrer Bedeutsamkeit zu vergewissern - einer Situation, in
Es verkörpert die unsichtbare Strahlung solcher Augenblicke in deren Bann er momentan nicht - mehr oder 50 nicht - steht. Die
ihrer Melancholie: denn nicht wir haben's gefunden, es hat uns Situation, die sich ihm und die er sich so erschließt und die
getroffen - und ihrem Triumph: denn wir haben erkannt, daß zentriert ist um das vorliegende Gedicht, ist eine Situation der
wir's haben. Dieses beinahe Garnichts, das eine alte Denk- und ästhetischen Wahrnehmung: ein Thema dieser Situation ist die
Versuchsordnung aus den Scharnieren kippt, das haben wir in Präsentation eines Erfahrungsgehalts, an der Eduard seine Erfah-
unserem monströsen Diskurs und besoffenen Gerede nicht ein- rung mit dem, was er im Netz der poetischen Aufweisungen
gefangen und nur bloß immer angeredet - aber das, wie es hier bedeutet findet (»die Naturwüchsigkeit erheblicher Einfälle«),
steht, das war's, wovon wir gesprochen haben! Genial, mein vergegenwärtigt; er tut dies in unserem Fall ausdrücklich, näm-
lieh indem er den Charakter des Gedichts deutend expliziert und sehe Erfahrung in den Kreis der lebensweltlichen Erfahrungen
sich somit seiner eigenen Befangenheit vom Präsentierten verge- ein und macht zugleich ihren besonderen Stellenwert im Reigen
wissert; indem er sein Verständnis überdies relativ spontan kom- der Erfahrungsarten aus. Im Vollzug ästhetischer Erfahrungen
muniziert, verleiht er zugleich seiner - ästhetischen - Erfahrung treten die Menschen aus der Verbundenheit mit ihrer Lebens-
am Gedicht indirekt Ausdruck. Um es kurz zu sagen - Eduard form nicht aus; sie treten vor Objekte oder nehmen Interesse an
hat eine Erfahrung gemacht, indem seine ästhetische Einstellung Objekten, an denen sie erkennen und erfahren, was sie aus
eine Revision erfahren hat. Die ästhetische Einstellung ändern, Erfahrung gegenwärtig bindet und benimmt. Auch ästhetisch
heißt unerdenkliche Möglichkeiten der Erkennbarkeit teilbarer machen sie Erfahrungen in Antwort auf Erfahrungen. Auch im
Erfahrungen zu erschließen: an zeichenhaften Gegenständen, die Kontext der ästhetischen Wahrnehmung werden die aufgefunde-
Erfahrungsgehalte in Form ihrer situationsbildenden Verwei- nen Grundstrukturen einer lebensweltlich engagierten Situa-
sungsdichte präsentieren. tionsbildung anzutreffen sein. Nur ist die ästhetische Situation
Dafür hat uns Eduard ein erstes ausführliches Beispiel geboten. daran gebunden, daß die Gebildetheit von Situationen, daß die
Halten wir uns kurz noch die möglichen Reaktionen seines Bedeutung von Erfahrungsgehalten zum Gegenstand des verste-
Freundes Anton vor Augen. Er kann Eduard Recht geben und henden Verhaltens wird. Ästhetisch machen wir Erfahrungen mit
sein Entzücken teilen - dann hat er auf dem gelockerten Boden Erfahrungen. Dieser strukturelle Gegenstand und nicht ein be-
der nächtlichen Diskussionen zusammen mit einer neu schattier- sonders zu qualifizierender Erfahrungsprozeß bestimmt allererst
ten ästhetischen Einstellung die Einstellung zum Theorietreiben die Eigenart der ästhetischen Wahrnehmung. Das bedeutet nicht,
jetzt erst eigentlich gewonnen, die Eduard bereits vor der ange- daß wir die Erfahrung, die wir ästhetisch machen, am Objekt
zettelten Debatte zu eigen war.106 Er kann schlagartig feststellen, dieser Erfahrung simultan vergegenständlichen können. Wir er-
daß er's damals so jedenfalls nicht gemeint und verstanden hat; fahren ästhetisch nicht die ästhetische Erfahrung, die wir gerade
dann wird ihn auch das Gedicht weit weniger oder ganz anders machen; diese Möglichkeit schließt der Erfahrungs&egn^bereits
beeindrucken; die drei Zeilen geben ihm weniger eine neue aus. Wir machen Erfahrung mit der Gemachtheit bedeutsamer
Erfahrung als vielmehr, zusammen mit der exegetischen Suada, Erfahrungen.
einen genaueren Einblick in Eduards Erfahrung.107 Schließlich Der zusammenfassende Ausblick zeigt an, daß dieses Kapitel
kann er das Gedicht einfach läppisch und Eduards Begeisterung mehr über die Gemeinsamkeit der ästhetischen Erfahrung mit
deplaziert finden - er wird sich Gedanken über Eduard machen, den anderen Erfahrungsarten zutage gebracht hat als über die
aber keine Erfahrung am poetischen Text. Zur ästhetisch erfahre- Differenz der ästhetischen Einstellung und Erfahrung. Mehr als
nen Erfahrung wird es dann nicht kommen: weder macht Anton Anhaltspunkte für die Frage nach der ästhetischen Differenz
eine ästhetische Erfahrung, noch sieht er sich in der Lage, auf waren auch gar nicht zu erwarten. Was zu erweisen war, war das
dem Wege der ästhetischen Kommunikation etwas über Eduards Recht der Vermutung, der Stellenwert des ästhetischen Verhal-
Erfahrung zu erfahren. tens werde aus einem besonderen Verhältnis zur erfahrenden
Erschlossenheit der Wirklichkeiten jener Welt zu bestimmen
sein, an der die ästhetisch Wahrnehmenden immer schon Anteil
e) Dimensionen der Erfahrung haben. Dieser Verdacht hat sich in bereits spezifizierter Form
bestätigt durch den Nachweis, daß Erfahrungsgehalte allein äs-
Ästhetisch ist die Erfahrung mit der Gemachtheit von Erfahrun- thetisch im Modus ihrer Bedeutsamkeit zu gewärtigen sind.
gen, die für die Gegenwart der Erfahrenden bestimmend sind Dieser Nachweis konnte nur gelingen, weil das leitende Thema
oder durch die ästhetische Erfahrung für ihre Gegenwart bestim- dieses Kapitels gerade nicht die ästhetische Erfahrung war, son-
mend werden. Diese Erfahrungsbezogenheit schließt die ästheti- dern ein eng gefaßter allgemeiner Begriff der Erfahrung. Denn
der Sinn sowohl der als auch für ästhetische Wahrnehmung und rung sind wir auf die Spur der ästhetischen Verhaltens- und
Erfahrung entspringt der Grundstruktur der Erfahrung selbst: Ausdrucksweisen gestoßen. Das gemeinsame Merkmal dieser
durch Erfahrung sind wir auf Situationen einer Praxis verstän- Formen der Gewärtigung und Kommunikation war es, Möglich-
digt, über deren präsentischen Charakter wir uns nur aspekthaft keiten der Vergegenwärtigung von Erfahrungsgehalten zu reali-
und reduktiv verständigen können - es sei denn in der Präsenz sieren. Es hat sich gezeigt, daß es zur Realisierung dieser Mög-
und im Geltendmachen von ästhetischen Präsentationen. In der lichkeiten ein genuines Interesse gibt, das in der Natur von
ästhetischen Praxis verhalten wir uns zu den stillschweigenden Erfahrungen selber liegt. Es ist ein grundlegendes Interesse von
und unerhörten Modalitäten unserer Erfahrung und Praxis. Individuen, die so frei sind, erfahren zu müssen. Es gilt der
In sozialer, instrumenteller, präferentieller und theoretischer Vergegenwärtigung von Elementen ihrer Lebensform am Beispiel
Einstellung und Erfahrung engagieren sich die Handelnden auf zeichenhaft präsenter Situationen, an denen die Erschlossenheits-
höchst unterschiedliche Weise in ihrer Welt, indem sie Projekte weise vertrauter oder unvertrauter Welten sich zeigt. Dieses
entwerfen, kritisieren und ausführen, an denen ihnen aus unter- Interesse ist ästhetisch. Es sucht und schafft sich die Gegen-
schiedlichen Gründen liegt. Gegenüber allen diesen Praxisformen stände, an denen das Verlangen nach Erfahrung mit der eigenen
besteht das ästhetische Engagement allererst darin, daß die derart Erfahrung sich befriedigen läßt. Von diesem Interesse lebt auch
Erfahrenen sich als in ihrer Welt engagiert wahrnehmen und die Institution der Kunst, aus deren Entwicklungen wiederum
erfahren: in der Vergegenwärtigung von Situationscharakteren, die ungebundene und sporadisch ästhetisierende Wahrnehmung
deren Erfahrungsgehalt sie aus dem Fundus ihrer bisherigen einen erheblichen Teil ihrer Energien bezieht. Wir haben die
Erfahrung imaginativ entdecken. In Abwandlung einer Formel Kunst nicht nur, wie Nietzsche es wollte, um die Wahrheit
von Jauß läßt sich sagen, der ästhetischen Erfahrung sei der auszuhalten, sondern um uns zur Gehaltenheit in unseren Uber-
Charakter einer Selbsterfahrung als Fremderfahrung eigen: nicht zeugungen, Vorhaben und Passionen nochmals zu verhalten.
nur erfahren die Subjekte etwas über ihre eigene Person oder
über die Verhältnisse, in denen sie leben bzw. auf die sie einwir-
ken können - oder mehreres davon zugleich; sie machen Erfah-
rung damit, was es in der Welt ihrer Gegenwart heißt, Erfahrung
zu machen und zu haben. Sie erfahren sich als Subjekte ihrer
Erfahrung. »Im ästhetischen Verhalten erfährt das Subjekt die
Aneignung einer Erfahrung des Sinns von Welt.«108 In diesem
distanzierenden Engagement liegt eine altbekannte Besonderheit,
die uns später nochmals begegnen wird. In ästhetischer Einstel-
lung sind wir auf Erfahrung aus: andernorts nehmen wir diese oft
nur in Kauf. Ästhetisch verfolgen wir keinen anderen Zweck als
den, die Sinnhaftigkeit unserer Erfahrungen zu erfahren. Das ist
nicht weniger paradox als schon bei Kant. Denn wenn Erfahrun-
gen einsetzen mit der Nötigung, sich neu zu besinnen, dann folgt
aus dem Willen zur Erfahrung die Bereitschaft, den Sinn aufs
Spiel zu setzen.
Halten wir, vor diesem Rätsel stehend, wenigstens den Sinn des
bisherigen Vorgehens fest. Aus dem Zusammenhang der Ent-
wicklung und Erörterung eines Begriffs lebensweltlicher Erfah-
Deweys Folgerung weist einen Weg, dem ihr Autor nur mit
halber Kraft nachgegangen ist. Viele andere sind ihm zeitweilig
Ästhetische Erfahrung gefolgt oder haben ihn gekreuzt. Die Originalität des Satzes von
der ästhetischen Bedeutung liegt allein in seiner bündigen
Schlichtheit. Der Behauptung nämlich, daß Kunst und Ästheti-
sches in irgendeinem Sinn Erfahrung bedeuten, eignet die unpa-
Eine Direktive von Dewey war es, die den Weg zum Schauplatz thetische Allgemeinheit einer vielbeschworenen Trivialität, der
der ästhetischen Erfahrung umgeleitet hat zu Erkundungen der die unterschiedlichsten Theorien Substanz und Schärfe verlei-
allgemeinen Natur des Machens lebensweltlicher Erfahrungen. hen.
Eine Überlegung Deweys zum Darstellungscharakter von Kunst- Was ist das »Vermögen der Darstellung ästhetischer Ideen«
werken wiederum kann den Gang der Analyse einweisen in die anderes als das Talent, Begriffe und Begebenheiten in der Kon-
Spur, auf der die Besonderheit der ästhetischen Wahrnehmung zentration bedeutsamer Verschränkungen evident zu machen, die
gegenüber den nichtästhetischen Wahrnehmungsweisen in ihrer in ihrer Vieldimensionalität anders gar nicht ersichtlich sind?
komplexen Veranlagung beschreibbar wird. »Wenn >repräsentie- »Die Einbildungskraft (als produktives Erkenntnisvermögen) ist
rend< eine buchstabengetreue Nachahmung bedeutet, so besitzt nämlich sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur,
das Kunstwerk diese Eigenschaft nicht, denn ein solches Ver- aus dem Stoffe, den ihr die wirkliche gibt«; nur dem künstleri-
ständnis ignoriert die Einzigartigkeit des Werks, die durch das schen Genie aber gelingt es, »inexponible« Ideen, die übers
personale Medium bedingt ist, durch das Szenen und Ereignisse empirisch-konzeptuell Faßliche hinausgehen, »in einer Vollstän-
hindurchgegangen sind. (...) Repräsentation kann aber auch digkeit sinnlich zu machen, für die sich in der Natur kein Beispiel
heißen, daß das Kunstwerk denen, die es beeindruckt, etwas über findet«. In der kreativen Präsentation solcher »Vorstellungen der
das Wesen ihrer Erfahrung der Welt sagt: daß es die Welt in Einbildungskraft«, mit denen wir uns unterhalten, »wo uns die
Form einer von ihnen gemachten neuen Erfahrung präsen- Erfahrung zu alltäglich vorkommt«, wird unsere üblicherweise
tiert.«' 09 In der Lesart des vorangegangenen Kapitels - Kunst- prädikativ vereinzelnde Wahrnehmung und Reflexion »auf unbe-
werke sind Zeichen, die als Präsentationen von Erfahrungsgehal- grenzte Art ästhetisch erweitert.«110 - Wenn Gadamer mit einer
ten fungieren. Das als gelungen erfahrene Kunstwerk, sagt De- Formulierung Hegels sagt, die Kunst bringe den Menschen vor
wey, konstituiert die Erfahrbarkeit der Erfahrung, die es, die sich selbst, so ist darin die Bestimmung enthalten, daß Kunst-
allein dieses Werk zugleich - bedeutet. werke dies bewirken, indem sie die Aufnehmenden einbeziehend
Die Frage dieses Kapitels wird es sein, was es bedeutet, daß konfrontieren mit Situationen, die ihnen als Chraktere ihrer
Phänomene etwas ästhetisch bedeuten. Die Auskunft, es seien geschichtlichen Lage erkennbar werden. Kunst ist »Welt-An-
Erfahrungen in ihrer situativen Integrität, die so bedeutet wür- schauung«: in ihren herausragenden Werken macht sie den An-
den, beantwortet diese Frage nicht; sie gibt lediglich die Vermu- schauenden das »Ganze des Inderweltseins« erfahrbar.111 - So-
tung, die es erlaubt, die leitende Frage sinnvoll zu stellen. Die weit Benjamin die ästhetische Erfahrung als eine auratische be-
formelhafte Vermutung, die gewonnen wurde aus der Betrach- stimmt, der beliebige Gegenstände in Augenblicken des unwill-
tung der Möglichkeiten, Erfahrungen gegenwärtig zu haben und kürlichen Eingedenkens rätselhaft auffällig werden, »so ent-
machen, wird den Ausgangspunkt bilden für eine Untersuchung spricht die Aura am Gegenstand einer Anschauung eben der
der Verfaßtheit ästhetischer Gegenstände, die eine Analyse der Erfahrung, die sich an einem Gegenstand des Gebrauchs als
Bedingungen ihrer Wahrnehmung von vorneherein mit umfaßt. Übung absetzt.« Dinge der geläufigen Wahrnehmung werden zu
Wie verstehen wir die Gebilde, zu denen wir uns aus ästheti- Malen der Erfahrung, die der ästhetisch Wahrnehmende mit
schem Interesse verstehen? ihnen hat und an ihnen bannt. Vergleichbares gilt nach Benjamin

174 J75
ten. Das Objekt der Kunst wird hier zum Signum und Ereignis
auch für die gelungenen Werke zumindest einer traditionellen der Erfahrung an ihm. Die ästhetische Präsenz ist nicht rückführ-
Kunst; hier stellt sich das Schöne dar als ein Schleier eingewobe- bar auf eine zeichenhafte Präsentanz. Die ästhetischen Gegen-
ner Korrespondenzen, durch den die magische Bedeutung des stände sind Medien der Erfahrung, die, solange sie eine zentral
verborgenen Gegenstands seiner Darbietung mimetisch »abgebil- ästhetische ist, in der Intensität und Freiheit eines Erfahrens um
det« erscheint. »Mit einer freilich gewagten Abbreviatur«... der Erfahrung willen verweilt, ohne daß es angemessen wäre,
»käme man dahin, das Schöne zu bestimmen als den Gegenstand allgemein (und oft im besonderen auch) nach dem Was dieser
der Erfahrung im Stande seines Ähnlichseins. Diese Bestimmung Erfahrung zu fragen. Was solche Erfahrungen und ihre Objekte
würde sich wohl mit Valerys Formulierung decken: >Das Schöne unterscheidet, ist das Wie der Intensität, mit der sie den Gleich-
fordert vielleicht die servile Nachahmung dessen, was in den lauf der Wahrnehmung durchbrechen. Nicht einer Bedeutung
Dingen undefinierbar ist.<«"2 - Anders als bei Valery, der die wegen sind Kunstwerke gemacht - denn nur die schlechten sind,
Differenz von Freiheit und Wahrheit im Namen der ästhetisch was sie bedeuten.1'5
erfahrbaren Freiheit mit Nachdruck hervorhebt, fällt die ästheti-
sche Erfahrung für Benjamin (wie auch bei Heidegger, Gadamer Die kurze Montage aus Materialien zum ersten Kapitel macht
und Adorno) mit einem emphatischen Erkennen zusammen, deutlich, wie unklar die mit Dewey formulierte These noch ist.
durch das die Erfahrenden ihrer Gegenwart augenblicklich inne- Als bloße Formel der Aneignung verwendet, entpuppt sie sich
werden. Wie für Adorno machen sich für Benjamin in dieser rasch als eine trübe Quelle der Verwässerung. Der gegenläufige
Erfahrung radikal utopische Energien geltend. In der ästhetisch Versuch, den in seiner verkürzten Form sehr ungenauen Vor-
»profanen Erleuchtung« tut eine »Welt allseitiger und integraler schlag einmal mehr in einen produktiven Satz zu verwandeln,
Aktualität« sich auf zusammen mit der erweckten Regung, »ein sieht sich wieder mit den in der Einleitung noch kommentierend
ganzes Leben mit der höchsten Geistesgegenwart zu laden«. Die vom Leibe gehaltenen Fehden konfrontiert. Trotz aller vorberei-
ästhetisch befreiende Erfahrung wird zum Modell einer Utopie tenden und vorwegnehmenden Reflexionen nämlich steht die
der Erfahrung.113 - Auch für den expressiven Ausdruckstheoreti- Entkräftung der puristisch-entzugstheoretischen Vorbehalte
ker ist die ästhetische Erfahrung eine auf das eigene Erfahrungha- noch aus: eine Entkräftung, die als solche nur zählt, wenn es ihr
ben und Erfahrenkönnen rückbezogene Steigerungsform der gelingt, auch die überbietungstheoretischen Komplementärfol-
Wahrnehmung: aber nurmehr eine unter anderen. Die in ästheti- gen zu vermeiden (vgl. oben S. 53 f. u. 69 ff.). Zur Präzisierung
schen Objekten glücklichenfalls geleistete »instruktive Verkörpe- dieser Aufgabe kann die Lektüre einiger Bemerkungen bei Witt-
rung von exemplarischen Erfahrungen«, von der Habermas genstein genügen.
spricht, ermöglicht die betroffene Explikation und ausdrückliche »Die Bedeutung eines Wortes ist das, was die Erklärung der
Änderung evaluativer Einstellungen, nicht aber die privilegierte Bedeutung erklärt«: läßt sich Wittgensteins bekannte Parole im
Erkennung einer zur Wahrheit entstellten Wirklichkeit der ge- Feld der ästhetischen Wahrnehmung überhaupt anwenden? Ich
sellschaftlich-politischen Situation. Nicht auf theoretische oder meine ja. Lesen wir zunächst den Nachsatz, mit dem Wittgen-
praktische Wahrheit, sondern auf die Wahrhaftigkeit subjektiven stein den methodischen Grundsatz erklärt: »Willst du den Ge-
Ausdrucks ist die ästhetische Kommunikation »spezialisiert«.114 brauch des Worts >Bedeutung< verstehen, so sieh nach, was man
- Allein der konsequente Purist wird bestreiten, daß ästhetische Erklärung der Bedeutung nennt.«" 6 Eine formelle Übertragung
Objekte in einem strikten Sinn Erfahrung bedeuten. Weil die auf den ästhetischen Kontext macht keine Schwierigkeiten -
ästhetisch brisanten Phänomene sich allem auf die Welt der willst du wissen, was mit ästhetischer Bedeutung gemeint ist, so
Erfahrung faßlich verweisenden Bedeuten bedeutsam entziehen, sieh nach, wie man sich über ästhetische Objekte erläuternd
bedeuten sie zwar Erfahrung für die Wahrnehmenden: ohne verständigt. Bei der von Wittgenstein angesprochenen »Erklä-
jedoch selbst (in einem semiotischen Sinn) Erfahrung zu bedeu- rung« geht es nicht um die Angabe von Ursachen oder Gründen
dafür, warum etwas - gesagt, gemacht, geworden - ist, wie es ist; Rationalität des ästhetischen Verhaltens. Der zweite Abschnitt
es geht darum, ein gegebenes Verständnis - sei es von sprachli- fügt notwendige Ergänzungen an, indem er die zentralen Be-
chen Verwendungen, sei es von ästhetischen Gegenständen - hauptungen nochmals den aus dem ersten Kapitel vorhersehba-
explikativ zu vermitteln. »Wie kann ich aber in jenem zweiten ren Entgegnungen stellt.
(i.e. ästhetischen, M.S.) Falle den Ausdruck erklären, das Ver-
ständnis übermitteln? Frage dich: Wie führt man jemand zum
Verständnis eines Gedichts, oder eines (musikalischen, M.S.)
Themas? Die Antwort darauf sagt, wie man hier den Sinn er-
klärt.«" 7 Evidentermaßen kann eine solche Erklärung in ästheti-
scher Hinsicht nicht durch eine bedeutungsgleiche Ubersetzung
des Verstandenen geschehen. Die Interpretation des Paz-Ge-
dichts sagt nicht dessen Bedeutung aus und sagt dennoch etwas
über den Gehalt des Gedichts. Die Funktion interpretativer
Aussagen ist eine in besonderem Sinn zeigende. Die Bedeutung
eines ästhetischen Objekts ist nicht das, was die angemessen
interpretierenden Sätze (oder auch Gesten und Vorführungen)
für sich genommen bedeuten; ihre Bedeutung liegt darin, was sie,
wenn sie treffend sind, am ästhetischen Objekt zu verstehen
geben. Insofern liegt der Schlüssel zur Erkundung des Sinns der
ästhetischen Bedeutung durchaus in einer Erklärung des Sinns
der Aussagen, die ihre Bedeutung erklären.
Auf der hiermit vorgezeichneten Linie wird innerhalb der (mehr
oder weniger strikt) sprachanalytischen Ästhetik seit längerem
operiert. Ihr theoretisches Bemühen um die ästhetische Verste-
hensleistung freilich muß mager bis irreführend bleiben, soweit
sie es sich versagt, zugleich mit dem Interesse dieses Verstehens
auch das so Verstandene begrifflich zu fassen." 8 Erst eine herme-
neutisch orientierte Vorbereitung gibt einer im engeren Sinn
sprachphilosophischen Betrachtungsweise die Substanz, aus der
eine detaillierte Analyse des Umgangs mit ästhetischen Objekten
den - mit Koppe zu reden »lebenspraktischen« - Sinn dieses
Umgangs auch trifft."' Andererseits macht erst die angelsäch-
sisch beheimatete Thematisierung des Sprachspiels der ästheti-
schen Kritik den Weg frei für eine eingehende zweite, nunmehr
speziell der ästhetischen Erfahrung gewidmete Analyse des Zu-
sammenhangs von Situation und Erfahrung.
Der erste Abschnitt dieses Kapitels führt eine Betrachtung des
soeben deklarierten Zuschnitts durch; als Theorie der ästheti-
schen Beurteilung stößt sie dabei auf die Struktur-immanente
i. Ästhetische Bedeutung und Kritik
In ästhetischen Urteilen ist von ästhetischen Gegenständen die
Ein ästhetisches Objekt verstehen, heißt beurteilen, inwiefern es Rede. Denn ästhetisch ist, was ästhetisch besehen wird. Und es
schön oder gelungen ist. Um diesen einfachen Zusammenhang gibt nichts, was nicht ästhetisch aufgefaßt werden könnte; jeder
von Bedeutung und Kritik wird es im folgenden gehen. Es wird Gegenstand, der einmal das Objekt eines flüchtigen ästhetischen
darauf ankommen, die ästhetische Wahrnehmung als ein Verste- Interesses war, ist für die Dauer dieses Interesses zum ästheti-
hen zu verstehen und diese Aneignung als eine essentiell wer- schen Gegenstand geworden; die meisten sind es nicht geblieben.
tende zu begreifen. Gestützt auf die Vorbereitungen des letzten Ästhetische Gegenstände, mit einem Wort, sind die Gegenstände
Kapitels werde ich zunächst präzisieren, an welcher Art von eines ästhetischen Interesses - wie immer (wenig) lohnend diese
Gegenständen wir ästhetisch Interesse nehmen (a); die ontologi- Hinwendung auch sei. Der ästhetische Gegenstand muß kein
schen Klärungsversuche machen erneut die Notwendigkeit einer ästhetisch relevanter, geschweige denn gelungener Gegenstand
urteilslogischen Fundierung evident: der folgende Abschnitt un- sein. Die Welt des Ästhetischen schließt das für irrelevant Befun-
ternimmt eine erste Verständigung über den Status ästhetischer dene zumindest für die Dauer dieses Befindens mit ein. So wird
Urteile (b); eine Zwischenüberlegung stellt klar, wie die Behaup- der Salzstreuer, den ich täglich benutze und den ich in einem
tung und Auszeichnung eines in der ästhetischen Kritik leitenden ästhetisch wachen Moment für plump befinde, um ihn fürderhin
Interesses zu verstehen ist (c); anschließend werde ich Formen wie gewohnt zu benutzen, meiner Wahrnehmung für diesen
der ästhetischen Beurteilung unterscheiden, die nicht nach dem Moment durchaus zum ästhetischen Gegenstand. Er wird dies
Modell einer im engeren Sinn ästhetisch-verstehenden Kritik aber nur für eine Anschauung, die über eine hypothetische Phase
verfahren (d); im vierten Schritt gebe ich einen Grundriß der nicht hinauskommt; nichts anderes hält die kahle Behauptung der
argumentativen Basis und explikativen Funktion kunstkritischer Plumpheit fest. Weil der Salzstreuer meiner digressiven Auf-
Stellungnahmen (e); diese Analyse verlangt nach einer komple- merksamkeit keinerlei ästhetische Würze verliehen hat, besteht
mentären Erläuterung des Begriffs der ästhetischen Bedeutung kein Anlaß, ihn weiterhin für ein ästhetisches - sprich: ästhetisch
(f); diese Betrachtung dann erlaubt eine abschließende Verständi- relevantes - Machwerk oder Fundstück zu halten. Und da es sich
gung über die Erfahrung, die wir in ästhetischer Einstellung um einen beliebigen Salzstreuer handelt, der weder von Loos
haben und machen (g). entworfen, noch gar von Duchamp plaziert oder von Oldenburg
einbalsamiert wurde, besteht auch nicht der weitere Anlaß, das
eigene Desinteresse unter dem Einfluß kunstästhetischer Magne-
tismen reflexiv auf die Probe zu stellen. Daß etwas zum Gegen-
a) Ästhetische Relevanz stand einer ästhetischen Beurteilung wird, impliziert nicht schon
die Voraussetzung, es sei wert, ästhetisch wahrgenommen zu
Wozu ästhetische Urteile gefällt werden und wohin sie führen, werden; das ästhetische Urteil spricht ästhetische Qualität nicht
läßt sich in drei Hinsichten annähernd bestimmen. Wovon ist in nur zu, es spricht sie auch ab. Und zwar bereits auf elementarer
der kritischen Rede über Ästhetisches die Rede; was wird in der Basis. Der Gegenstand des ästhetischen Interesses ist nicht immer
ästhetischen Beurteilung gesagt; worauf kann sich das Gesagte ein ästhetisch interessanter Gegenstand.
rechtfertigend stützen. Jede dieser Fragen verweist auf die beiden
anderen Aspekte. Daher werden die Antworten dieses Unterab- Entsprechend ist der ästhetisch relevante Gegenstand keineswegs
schnitts, der auf sehr formale Weise erörtert, wovon aus ästheti- immer gelungen oder schön. Was unschön oder mißraten ist, ist
schem Interesse die Rede ist, einen stark zirkulären Charakter nicht darum schon irrelevant. Während das Irrelevante jenseits
haben, der sich gibt, je mehr wir der Sache kreisend näher von Gut und Böse (gestellt worden) ist, steht das ästhetisch
kommen. Unerträgliche oft im Zentrum der Auseinandersetzung. Auf ver-
mittelte Weise kann das Verfehlte ästhetisch dennoch etwas
hergeben, während das Irrelevante einfach das unmittelbar Dafürhaltens und dafür Nehmens wie die suchend-flanierende
Nichtssagende ist. Nun können sich zwei Behauptungen, deren oder okkasionell-testende Ästhetisierung beliebiger Objekte es
eine etwas für irrelevant, deren andere ein Kunstobjekt für zunächst ist. Ästhetisch relevant ist das, von dem behauptet
exemplarisch mißraten erklärt, durchaus einmal desselben Prädi- werden kann, daß es ästhetisch von Interesse ist; irrelevant
kats bedienen; beides könnten ästhetisch »plumpe« Objekte sein. dagegen sind Objekte, für die sich eine ästhetische Relevanz nicht
Was beide Sätze trotzdem unterscheidet, ist ihre Verwendung: behaupten läßt. Für das Urteil der Irrelevanz gibt es keine
erst im Kontext des kritischen Umgangs wird sich zeigen, ob ein besondere Rechtfertigung, solange es nicht als Gegensatz zu einer
gegebenes Verdikt nur die Gelungenheit oder sogleich die Rele- irrigen Relevanzbehauptung formuliert wird: wenn ein solcher
vanz des betreffenden Gegenstands verneint. Die Differenzen, Gegensatz sich ergibt, so liegt darin bereits ein erster (wenn auch
um die es hier geht, sind offenkundig graduell. Das Schlechte alleine nicht zureichender) Anhaltspunkt dafür, das betreffende
unterscheidet sich dadurch vom Irrelevanten, daß es Gegenstand Objekt hier für relevant zu halten - sofern es zum Kristallisa-
eines immerhin dauerhaft(er)en ästhetischen Interesses war und tionspunkt einer Kontroverse zu werden scheint. Damit es so
potentiell weiterhin ist. kommt, muß zumindest der Ansatz einer Rechtfertigung für die
Das kann sehr verschiedene Ursachen haben - und sei es nur die, Relevanzbehauptung ersichtlich sein. Diese wird immer darlegen
daß es schwer fällt, sich über die ästhetische Qualität eines müssen, ob der angesprochene Gegenstand ein unbedingtes oder
Objekts klar zu werden oder mit anderen zu einigen. Der Gegen- nur ein bedingtes Interesse verdient. Denn nur das Gelungene ist
stand ästhetisch-öffentlicher Verrisse zum Beispiel ist auch für an sich selbst relevant: das mäßig oder nicht Gelungene ist
die Autoren dieser Kritiken ästhetisch deswegen relevant, weil er relevant bloß für anderes. Behauptungen der Relevanz, die nicht
es nötig und nicht selten erleichternd möglich macht, ästhetische Zuschreibungen der Schönheit oder Gelungenheit sind, müssen
Konzeptionen und Kriterien negativ zu behaupten und pole- daher durch Aussagen über den Grad und die externe Hinsicht
misch zu bekräftigen. Karin Strucks »Klassenliebe« und Max der Relevanz erläutert werden. Die Bücher von Struck und Frisch
Frischs »Montauk« sind relevant, weil sie das Elend einer auto- sind Beispiele dafür, was von diesen und anderen Autoren nach-
biografischen Larmoyanz dokumentieren, die sich seitdem in der her an Schlimmerem noch kam. Das bedeutet, daß auch die
deutschsprachigen literarischen Welt verheerend breit gemacht Bewertung der Relevanz im Hinblick auf Grade und Möglichkei-
hat (würde Eudard sagen). Der unschuldige Salzstreuer gibt für ten des Gelungenen formuliert wird. Die Gründe für die Behaup-
solche Pointen nichts her. Damit etwas als ästhetisch relevant tung der Relevanz ästhetischer Objekte sind abhängig von der
gelten kann, muß es von mindestens einem ästhetisch Interessier- Art der Gründe zur Verteidigung des Gelungenen und Schönen.
ten für wert befunden werden, ästhetisch wahrgenommen zu Wer Gelungenheit nicht beurteilen und diese seine Einschätzung
werden, sei es auch unter Umständen weder gelungen noch schön nicht am Gegenstand und für den Gegenstand erläutern kann, der
noch sonst aus eigener Kraft ästhetisch von besonderer Bedeu- kann auch die Relevanz des Mißlungenen nicht begründen.
tung. »Hier gefällt's dir?« - »Nein; aber Cezanne hat hier Ästhetisch ist, was unter der Frage nach ästhetischer Gelungen-
gemalt.« heit steht. Ästhetisch relevant ist, was gelungen ist oder für das
Ästhetisch relevant wäre demnach all das, was ästhetisch bedeu- Interesse am Gelungenen von Interesse ist. So sehr es darauf
tend oder für die ästhetische Wahrnehmung und Auseinanderset- ankommt, das Ästhetische nicht mit dem Gelungenen (oder
zung (vermittelt) von Bedeutung ist. Auch das ist noch eine sehr Schönen) zu identifizieren, sowenig läßt sich die Verfaßtheit
weiträumige Bestimmung. Während aber im weitesten Sinn des ästhetischer Gegenstände von der (Form der) Frage nach ihrer
Wortes all das ästhetisch ist, was so wahrgenommen wird, ist Gelungenheit (oder Schönheit) trennen.120
ästhetisch relevant nur das, was diese Wahrnehmung auf Grund Das wird besonders deutlich am ästhetischen Bereich der Kunst.
seiner Beschaffenheit verlohnt. Das ist keine Sache des bloßen Während bestimmte Gebrauchsdinge zum Beispiel darin ästhe-
tisch gefallen, daß sie zugleich einen Ausdruck ihrer Funktion die mit den Bedingungen und Grenzen der Kunst experimentiert,
enthalten, sind Kunstwerke gemacht und werden beurteilt um das eigentliche Zentrum der Kunst. Obwohl das eine experimen-
der Funktion ihres immanenten Ausdrucks willen. Aber nicht telle Übertreibung ist (denn allgemein betrachtet, ist die Refle-
alles, was in erster Linie zu diesem Zweck gemacht ist, ist darum xion auf Grenzen und die Grenze der Kunst »nur« ein zentrales
schon ein Produkt der Kunst im ästhetisch und normativ engeren Movens derselben), macht sie doch in ihren ästhetischen wie
Sinn des Wortes; sonst wäre jedes Amateurgedicht gleich ein theoretischen Ausprägungen die werthafte Umstrittenheit gerade
Kunstwerk. Werke der Kunst sind Objekte, die den an sie der Kunstpraxis mit Nachdruck zum Thema. Der Umgang mit
gestellten (und in der Regel vom Künstler auch erhobenen) Kunst: und zwar nicht nur mit der modernen, sondern auch mit
Anspruch auf originären Ausdruck wenn nicht erfüllen, so doch der vergangenen, die der jetztzeitlichen Erfahrung noch und
auf eine aufschlußreiche oder riskante Weise verfehlen bzw. auf wieder bedeutsam ist; der Umgang mit Kunst ist wesentlich eine
eine neuartige Weise erkennbar erheben. Kunst ist ein ausge- Praxis der kritischen Kommunikation über das ästhetische Ver-
zeichneter (und meist auf besondere Weise institutionell und stehen. Diese Verständigung »kritisiert die Produkte der schönen
öffentlich geregelter) Bereich des Ästhetischen: in dem es wie- Kunst, so wie jene das Vermögen selbst, sie zu beurteilen.«121
derum nicht nur Ausgezeichnetes gibt. Aber darum ist nicht alles Auch diese Bemerkungen zum Ästhetischen der Kunst dienen
Schlechte, das als Kunst firmiert, auch darum schon Kunst. Hilf- noch vor allem der trivialen bis tautologischen Vergewisserung
reich ist hier das Diktum von Benn, das Gegenteil der Kunst sei eines sinnvollen Sprachgebrauchs. Eine dritte Überlegung
nicht die Natur, sondern das gut Gemeinte. Wobei es immer die schließt sich hier an. Sie gilt der spezifischen Gegenständlichkeit
Frage ist, was das gut Gemeinte vom gut Gemachten trennt und ästhetischer Gegenstände. In einer überzeugenden Zusammen-
jenes von dem, was nur gut gemeint ist. Für das riskant Miß- fassung der jüngeren Debatte zur Ontologie von Kunstwerken
lungene und die respektabel Gescheiterten sehen die Metropolen hat Günter Patzig - in Auseinandersetzung mit Wollheim und
der Kunst einen besseren Platz vor als für das betulich Stim- Goodman - die These vertreten, daß es in keinem Fall das pure
mende und allzu Geratene, das über kurz oder lang als ein physische Objekt ist, mit dem das ästhetische Objekt identifiziert
Exemplar des langweilig Mißratenen an Boden verliert. Diese werden darf: auch nicht im Fall der bildenden Kunst. »Auch in
Fragen der Kunstbewertung sind nicht dadurch schon beantwor- der bildenden Kunst ist das Kunstwerk nicht identisch mit dem
tet, daß einer oder wenige (Lektoren, Galeristen, Kritiker und die physischen Gegenstand, der es repräsentiert oder trägt: Es ist
Artisten selber) darüber entscheiden; sie sind daher zu beantwor- vielmehr der Inbegriff derjenigen Elemente und Eigenschaften
ten, was für und gegen eine solche Entscheidung spricht: und hier des physischen Gegenstandes, die für seine ästhetische Erfahrung
kann es sein, daß nur einer oder einige wenige mit einer Beurtei- relevant sind. Ob man als das Kunstwerk diese reale Basis
lung Recht haben, das sie von den (interessierten) Vielen für lange möglicher ästhetischer Erfahrungen bezeichnen soll oder das
Zeit nicht erhalten. Daß nicht anerkannt wird, worin man sich objektiv-nichtwirkliche Sinngeflecht von buchstäblichen und
erkennen könnte und daß anerkannt wird, woran ästhetisch metaphorischen Eigenschaften, das einem hinreichend vorgebil-
nichts zu erkennen ist, liegt bei aller Dummheit, die auch im Spiel deten Rezipienten zugänglich ist, scheint nicht ohne einen gewis-
sein mag, an der radikalen Parteilichkeit des ästhetischen Aner- sen Dogmatismus entscheidbar zu sein.«122 In jedem Fall aber
kennens selbst. Diese ist in der modernen Kunstpraxis von muß das ästhetische Objekt unterschieden werden von den kon-
vorneherein verankert; dem kunstbezogenen Zentralbereich des kreten und konkretisierenden Erfahrungen, die es ermöglicht
Ästhetischen ist die öffentliche Auseinandersetzung um seine und die es ermöglicht haben: das Kunstwerk ist ein Selbständiges
Grenzen immer schon wesentlich. Nicht erst in diesem Jahrhun- gegenüber dem Geschehen von Genese und Rezeption, in dem es
dert hat die Kunstproduktion darauf eigens reagiert; eine Zeit- seinen Status als Kunstwerk erhält und bewahrt. Ob etwas ein
lang in diesem Jahrhundert konnte es scheinen, als sei die Kunst, Kunstwerk ist, wird gewiß in der Geschichte von Genese und
Rezeption entschieden; auch darauf, was die relevanten Eigen- So ist der Salzstreuer eben bloß ein Salzstreuer; zu sagen, es sei
schaften eines ästhetisch relevanten Gegenstandes sind, hat die ein plumper Salzstreuer, bedeutet eben dies zu sagen. Mit dieser
historische Praxis der Beurteilung einen naturgemäß entscheiden- funktionalen Zuschreibung wird eine ästhetische Funktion nicht
den Einfluß; deswegen aber fällt das ästhetische Objekt selbst anerkannt, sondern abgesprochen. Ästhetisch ist an diesem Ding
nicht mit den aneignenden Auffassungen der Produzenten und nichts dran; nicht einmal die stoische Grazie des Behäbigen
Rezipienten und Inszenatoren zusammen, die ihm aus einem eignet dem Utensil, was ihm mit knapper Not die Würde der
bestimmten Verständnis wahrnehmend begegnen. Die Identität gefällig einladenden Nutzbereitschaft verleihen könnte. Hätte
ästhetischer Objekte ist nicht bestimmt durch die ihnen jeweils das Objekt den Ausdruck des passiv Spendablen, so hätte es ihn
interpretativ zugeschriebene Bedeutung. Ein ästhetisches Objekt auf Grund seiner gestaltbedingten »Behäbigkeit«, die ihm eine
ist demnach kurz gesagt das, was an einem ästhetisch relevanten paradoxe Grazie verleihen würde. Neben Stoff und Gestalt,
Objekt ästhetisch relevant ist.123 seinen material konkreten Eigenschaften, hätte es auch die meta-
Der Begriff der Relevanz hat jetzt eine doppelte Bedeutung phorische Eigenschaft des Behäbigen; in diesem Fall wäre auch
gewonnen. War zunächst nur der ästhetische Stellenwert eines das eine materiale Eigenschaft, auf die sich die Behauptung über
Gegenstandes angesprochen, so sind im Begriff der ästhetischen den Ausdruck des Gegenstands stützt, der mit der Anerkennung
Relevanz nun auch die Eigenschaften gemeint, auf Grund derer einer »gewissen Grazie« angedeutet ist. Vielleicht ist es nur
ein Gegenstand ästhetisch als mehr oder weniger relevant beur- Salzstreuern möglich, eine Grazie zu haben, die im Behäbigen
teilt wird. Es bietet sich an, zwischen funktionaler und materialer gründet.
Relevanz zu unterscheiden. Ästhetisch funktional relevant sind Schon dieses absurd einfache Beispiel macht deutlich, daß die
die Ausdrucks<\\xa\xiittn der Gegenstände, die ästhetisch von beiden Relevanzen in der ästhetischen Wahrnehmung nicht säu-
Interesse sind: im Zuschreiben funktionaler Eigenschaften wird berlich voneinander geschieden sind; ästhetisch wahrnehmen
darüber befunden, ob und inwiefern Objekte der Wahrnehmung heißt, diese Relevanzen am Gegenstand probierend und spielend
ästhetisch gehaltvoll sind. Gemäß der vorläufigen Erläuterung ist zu bilden. Auf vorgeformte »ästhetische Begriffe« ist hier niemals
funktional relevant all das, was ästhetisch bedeutend oder für die Verlaß - denn gewiß kann Behäbigkeit auch eine funktionale
ästhetische Auseinandersetzung von Bedeutung ist. Material re- Eigenschaft sein, und es ist denkbar, daß Grazie einmal zum
levant demgegenüber sind diejenigen Eigenschaften ästhetisch materialen Bestand eines ästhetischen Gegenstandes gehört. Nur
wahrgenommener Gegenstände, die ihre funktionale Relevanz sehr wenige Prädikate sind nur auf einer ästhetischen Sprach-
konstituieren: das also, was die spezifische Gegenständlichkeit ebene verwendbar; wichtiger als die Klassifizierung von Prädika-
eines präsentativen Zeichens bestimmt. Material relevant ist das ten ist die Unterscheidung der explorativen Verwendung von
am ästhetischen Gegenstand, was seinen ästhetischen Status defi- Prädikaten in der Wahrnehmung und Beurteilung ästhetischer
niert, wenn dieser Gegenstand ästhetisch wahrgenommen und Objekte. Hierfür ist es nötig, innerhalb der materialen und
für ästhetisch leidlich wichtig genommen wird. Funktional rele- funktionalen Charakterisierung jeweils zwei Formen der Aussage
vant ist dieser Gegenstand andererseits darum, weil er material zu unterscheiden.
relevante Eigenschaften besitzt. Ob ein Gegenstand solche Ei- Auf der Ebene der materialen Charakterisierung bereits muß
genschaften hat, ist wiederum nur dadurch zu ersehen, daß ihm zwischen beschreibenden und zuschreibenden Aussagen unter-
eine ästhetisch funktionale Bedeutung zumindest versuchsweise schieden werden. Daß das Gedicht von Paz drei Zeilen hat, eine
beigemessen wird. Die beiden Aspekte der ästhetischen Relevanz konventionelle Naturmetapher sowie einen syntaktischen und
stehen zueinander in einem Verhältnis der wechselseitigen Fun- semantischen Parallelismus enthält, sind beschreibende Aussagen
dierung. Das ästhetisch (funktional) Irrelevante besitzt keine - wenn auch bereits mit abnehmender Eindeutigkeit. Auch den
ästhetisch (material) relevanten Eigenschaften. folgenden Satz aus Eduards Interpretation möchte ich noch als
prinzipiell vorher oder folgt ihr prinzipiell nach; sie erkundet
eine beschreibende Kennzeichnung verstehen: »Durch die Zufü- und klärt, was es ist, dem ästhetische Relevanz beigemessen und
gung der abschließenden Zeile werden auch die beiden anderen dem dieses und jenes Maß der Gelungenheit zugesprochen wird.
erneut - und jetzt definitiv - aufgeladen.« Diese (noch) beschrei- Urteile über die funktionale Relevanz ästhetischer Gegenstände
bende Charakterisierung benennt und beleuchtet ästhetische setzen Annahmen über deren ästhetischen Korpus nicht voraus,
Qualitäten des Gedichts, Qualitäten also, die für seine Aus- sondern mit.
drucksfunktion entscheidend sind, noch ohne diese Funktion
Den Text von Paz für ein Gedicht, einen ästhetischen Text also
selbst zu charakterisieren. Das gleiche tun die auf materialer
(und überdies ein Produkt der Kunst), zu halten, bedeutet aus
Ebene zuschreibenden Sätze, die freilich einer interpretativen
begrifflichen Gründen, an ihm eine Reihe ästhetisch materialer
Deutung und definitiven Bewertung bereits engere Grenzen zie-
Eigenschaften wahrzunehmen. Ohne materiale Relevanz keine
hen. Zuschreibungen benennen metaphorische Eigenschaften ih-
funktionale und umgekehrt. Die Behauptung der ästhetischen
res Gegenstandes. Eduards Behauptung, das Paz-Gedicht habe
Relevanz eines Gegenstands schließt Behauptungen über den
etwas Flüchtig-Leichtes, ist hierfür ein Beispiel. Damit ist für
ästhetischen Gegenstand dieser Relevanz notwendig mit ein.
(s)eine Interpretation sicher etwas Entscheidenderes gesagt, als
Entsprechend schließt ein intersubjektiver Konsens über das
etwa mit der Feststellung, das Gedicht sei kurz. Die Valenz dieser
normative Faktum der Relevanz einen Konsens darüber ein, was
Zuschreibung ist aber soweit noch durchaus offen: was Flüchtig-
der Gegenstand dieser Übereinstimmung, was das Ästhetische
keit hat, kann dennoch flüchtig gemacht sein oder diese Flüchtig-
am materiellen Substrat des betroffenen Gegenstandes ist. Wäre
keit zum Nachteil seiner poetischen Wucht enthalten. Obwohl
dieses gemeinsame Mitverständnis nicht gegeben, so wäre der
also die materialen Charakterisierungen selektive und gewich-
vermeintliche Konsens im wörtlichen Sinn gegenstandslos. Aller-
tende Aussagen machen über Qualitäten, die für die ästhetische
dings ist es wichtig, die Grenzen dieser elementaren Möglichkeit
Qualität von Bedeutung sind, wird mit diesen Charakterisierun-
der Übereinstimmung nicht zu übersehen. Denn die einsame
gen doch weder über Gehalt noch Qualität entscheidend befun-
oder gemeinsame Überzeugung, daß ein Gegenstand ästhetisch
den. Befunden wird über die primäre Artikuliertheit des ästheti-
relevant ist, besagt noch nichts Bestimmendes darüber, wie sehr
schen Materials, ohne schon über Kraft und Bedeutung dieser
das Objekt ästhetisch von Interesse ist, wie hoch also die unter-
Artikulation zu befinden.
stellte Relevanz einzuschätzen sei. Anton, der Eduards Fund-
Das Zeitadverb »schon« jedoch könnte irreführen: denn die stück beim ersten Lesen lediglich »ganz hübsch« fand, mag die
Wahrnehmung und explikative Bestimmung ästhetisch-materia- eingebauten Parallelismen und die anhaftende Flüchtigkeit (usw.)
ler Qualitäten geht dem Auffinden ästhetisch-funktionaler Qua- durchaus wahrgenommen haben, mag also durchaus denselben
litäten nicht irgendwie vorher, sondern geht mit dieser notwen- ästhetischen Text gelesen haben, als er Eduard so provozierend
dig zusammen. Eine Gegenstandsbeschreibung, die nicht auf der gleichmütig hat abfahren lassen. Ein Konsens über die Relevanz:
vermutenden Suche nach ästhetischem Ausdruck wäre, ist eben über den zumindest relativen Wert eines ästhetischen Objekts
keine ästhetische Beschreibung; dasselbe gilt für metaphorische und wesentliche der Eigenschaften, die es als ein ästhetisches
Kennzeichnungen."4 Materiale Charakterisierungen fungieren konstituieren; ein solcher Konsens schließt einen Konsens über
als solche nur im Hinblick auf eine behauptete oder gesuchte den Grad der Relevanz, den ästhetisch absoluten Wert des Ob-
ästhetische Funktion. Die ästhetische Beschreibung und Zu- jekts, über seine Gelungenheit also, nicht notwendigerweise mit
schreibung leistet immer schon eine Verständigung über das ein. Um das genauer zu verstehen, ist es nötig, auch im Bereich
Interesse, das wir an dem Gegenstand dieser Charakterisierung der funktionalen Charakterisierung zwei Hinsichten der Be-
nehmen oder genommen haben. Diese Verständigung ist elemen- stimmbarkeit ästhetischer Objekte zu unterscheiden.
tar nicht in einem zeitlichen, sondern im logisch-begrifflichen Neben der Differenz der Urteile über Relevanz und Gelungen-
Sinn. Sie geht der ästhetischen Wertung und Interpretation nicht
heit ist der weitere Unterschied zwischen Aussagen über den »Verblasen« mißbilligt wird, indiziert nicht selten einen Unter-
Grad der Relevanz und solchen über die Art des ästhetischen schied in der Sache, den der lobende oder tadelnde Satz freilich
Gehalts von entscheidendem Gewicht. In abkürzender Rede nur andeutet, nicht aber selbst bestimmt. Diese »Unterschiede in
zeigt sich hier die Differenz von (Aussagen über) Gelungenheit der Sache« rühren daher, als was ein ästhetisches Objekt gelun-
und Bedeutung. Sowenig nämlich die Behauptung der ästheti- gen oder auf welche Art es mißlungen ist. Die genauere Bestim-
schen Relevanz schon eine dezidierte Stellungnahme zur ästheti- mung der Ausdrucksleistung ästhetischer Objekte obliegt der
schen Gelungenheit enthält, sowenig gibt eine Stellungnahme ästhetisch-funktionalen Interpretation, deren Sätze Aussagen
zum Grad der Gelungenheit bereits eine Bestimmung des ästheti- machen über den Gehalt, über die Bedeutung ihrer Gegenstände.
schen Gehalts, auf dessen Erfahrbarkeit oder Ermangelung dieses Während die Wertsätze des ästhetischen Urteils nur festhalten, ob
ästhetische Urteil sich notwendigerweise stützt. Ein Konsens die ästhetische Artikulation reichhaltig oder armselig (ob der
über den Umstand der Gelungenheit schließt einen interpretati- Gegenstand in seiner Relevanz funktional eminent oder defi-
ven Konsens nicht zwangsläufig mit ein. Ein ästhetischer Kon- zient) ist, trifft die zuschreibende Interpretation Aussagen dar-
sens im vollen Sinn des Wortes freilich muß beides mit einschlie- über, was der ästhetische Gegenstand intern artikuliert oder zu
ßen, ebenso wie ein Konsens über ästhetische Relevanz eine artikulieren verfehlt. Dabei macht die funktional-interpretie-
übereinstimmende Charakterisierbarkeit der ästhetisch elementa- rende Charakterisierung explizit, was die Basis der resümieren-
ren Phänomenalität des betreffenden Gegenstandes mit umfaßt. den Bewertung ist.
Und natürlich wird ein Konsens hinsichtlich der ästhetischen Nach Eduards Interpretation »hat« jenes Gedicht das Unvermu-
Gelungenheit einen über die Relevanz des beurteilten Gegenstan- tet-Flüchtige, das dem Ankommen von Einfällen gleichsam na-
des immer mit einschließen. Denn während Behauptungen zur turhaft eignet. Mit dieser Spezifikation führt Eduard die meta-
ästhetischen Relevanz auf dem Niveau materialer Kommentie- phorische Charakterisierung, die zunächst allein das »Flüchtige«
rungen erläutert werden, werden Behauptungen zur Gelungen- des Gedichts auffällig macht, zu einer interpretativen Aussage
heit, die eigentlich ästhetischen Urteile, durch eine weitergehende fort. Auch diese ist nicht beschreibend, sondern ebenfalls zu-
Charakterisierung der ästhetischen Funktion gestützt, die ihrer- schreibend; aber auch jene erste begrenzte Zuschreibung kann
seits auf der material beschreibbaren und zuschreibbaren Phäno- bereits als eine interpretative Zuschreibung gelten. Dennoch liegt
menalität des ästhetischen Zeichens fußt. Das Relevanzurteil, die zwischen der metaphorischen Zuschreibung und ihrer interpre-
Anerkennung oder Aberkennung irgendeines ästhetischen Werts, tativen Fortschreibung ein entscheidender Schritt. Die erste gibt
deutet über die ästhetische Ausdrucksqualität noch gar nichts an; nur eine phänomenale, die zweite eine überdies funktionale
das in engerem Sinn ästhetische (Wert-)Urteil dagegen macht eine Charakterisierung der betreffenden Zeilen. Nur die zweite, er-
Aussage zur Qualität der ästhetisch wahrgenommenen Qualitä- weiterte Aussage sagt etwas über die ästhetische Bedeutung des
ten. Es trifft Aussagen zur funktionalen Eminenz des ästhetisch Paz-Gedichts aus. Für Aussagen dieser Art möchte ich den Titel
relevanten Objekts. der »Interpretation« oder »Deutung« reservieren; die ästhetisch-
In seiner einfachen Form aber läßt auch dieses Urteil, das die materialen bzw. phänomenalen Charakterisierungen behandle
Intensität und Ergiebigkeit eines Wahrnehmungsvollzugs evalua- ich als Formen des mehr oder weniger interpretativen »Kommen-
tiv resümiert, den Gehalt des Wahrgenommenen noch durchaus tars«. Dieser hebt Aspekte am ästhetisch-semantischen Potential
unbestimmt. Lediglich in der Wahl der Urteilsprädikate gibt die eines Zeichens hervor - Keimzellen oder Brennpunkte des durch
ästhetisch definitive Wertbehauptung (oft) einen Hinweis auf Art sie möglicherweise dargebotenen Ausdrucks; die zuschreibende
und Grund der vorgefundenen Qualität. Ob ein ästhetisches Interpretation oder Deutung dagegen macht Aussagen über die
Objekt als »schön«, »brillant«, »raffiniert«, »erhaben«, »zart«, ästhetische Funktion der kommentierend benennbaren Eigen-
oder »vertrackt« bewundert oder als »scheußlich«, »zahm«, oder schaften und regionalen Charaktere des ästhetischen Materials.
So macht Eduard auf die Bedeutung der Zeilen von Paz aufmerk- tisch erfüllte Artikulation, zu oder ab. Die entdeckende Wahr-
sam mit der interpretativen These, die Strophe sei das Notat einer nehmung, auf die sich das ästhetische Werturteil beruft und
profanen Erleuchtung. Erläutert und erweitert wird diese Be- stützt, vollzieht auf einer zweiten Stufe den analogen Prozeß, den
hauptung durch Ausführungen wie diese: »Indem sie einen Au- die hypothetisch-erkundende Wahrnehmung in Betracht der ge-
genblick der glückhaften Einsicht bannt, öffnet die kleine Stro- gebenen oder mangelnden Relevanz eines Objektes vollzieht.
phe den Blick für den Grund ihres eigenen Gelingens.« Die Und das Modell, nach dem sich diese »erste«, sprich: elementare,
Frage, wie solche Aussagen zu begründen sind, wird uns später vorkostende Prüfung vollzieht, ist ohne Zweifel jene »zweite«,
beschäftigen. Für Eduards Deutung ist der Eindruck des Flüch- synthetische, auskostende Erkundung, die nicht nur auf das Daß
tig-Leichten - und ist die Nachvollziehbarkeit dieses Eindrucks - eines primären oder vermittelten Gehalts, sondern auf den ästhe-
ersichtlich von entscheidendem Gewicht. Die Verfügbarkeit ma- tischen Gehalt unmittelbar zielt. Am ästhetischen Gehaltvollen
terialer Charakterisierungen ist also gewiß notwendig zur Recht- schließlich ist die ästhetisch testende Wahrnehmung gebildet und
fertigung ästhetischer Interpretationen; ob sie aber auch ausrei- geübt; und das Interesse auch am relativ Gelungenen ist aus dem
chend ist, muß vorerst offen bleiben. Verlangen und der Erfahrung des absolut Gelungenen motiviert.
Denn es kommt darauf an, ein weiteres Begründungsverhältnis Nur das ästhetisch Gelungene nämlich ist das ästhetisch unmit-
herauszustellen. Edaurd begründet seine Behauptung der Gelun- telbar Bedeutende; was ästhetisch autonome Bedeutung hat (und
genheit des Paz-Gedichts mit der interpretativen Aussage, es nicht bloß erkennbar prätendiert), das ist gelungen. Nur das
handle sich hier um ein auch auf das eigene Gelingen bezogenes Gelungene hat an sich selbst Bedeutung; nur »das Schöne ist sich
Notat einer profanen Erleuchtung. Auch eine Analyse dieser selber selig«. Das ästhetische Gelungene ist das, was ästhetisch
Form des Begründens ist jetzt noch verfrüht. Vorerst genügt es relevant ist, weil es für die aktuelle Wahrnehmung unbedingt
festzuhalten, daß sich in Eduards eloquenter Reaktion auf das Bedeutung hat; das ästhetisch Relevante dagegen, das nicht ge-
Poem von Paz eine allgemeine Bedingung der ästhetisch werten- lungen ist, ist von Bedeutung nur für anderes, das ästhetisch
den Wahrnehmung zeigt. Diese prägt auch die Reaktion der gelungen ist oder gelingen könnte. Die Bedeutung dieses (be-
stumm und staunend Genießenden, wenn sie denn ästhetisch grenzt) Relevanten ist ästhetisch in einem abgeleiteten Sinn.
verstehend gebannt sind und genießen. Das dezidiert bewertende Denn nur das Gelungene ist ästhetisch relevant in dem doppelten
Urteil (»Genial, mein Lieber, genial«), das über den Grad der und vollen Sinn, daß es von Bedeutung ist, weil es ästhetisch-
ästhetischen Relevanz befindet, ist begründbar - allein - durch autonome Bedeutung hat.
bestimmende Aussagen zur berückenden oder ermangelnden Diese Thesen führen auf eine Grundspur der ästhetischen Diffe-
Ausdrucksleistung der betreffenden Gegenstände. Die ästheti- renz. Der Unterschied zwischen ästhetischer Bedeutung und
schen Interpretationsaussagen sind wesentlich evaluativer Natur, derjenigen von (nichtästhetischen) Aussagen fällt unmittelbar ins
weil Aussagen zum ästhetischen Gehalt zugleich der Art der Auge. Die wörtliche Bedeutung einer Aussage bleibt sich gleich,
funktionalen Relevanz ihrer Gegenstände gelten. Wie zuletzt ob wir sie nun für wahr halten oder nicht. Die Bedeutung des
Danto eindringlich klargestellt hat, würde eine wertneutrale Satzes »Einige Tiger sind grün« ist evident, auch wenn wir von
Wahrnehmung und Interpretation bereits die materiale Artiku- der sachlichen Richtigkeit nicht überzeugt sind. Sie würde sich
liertheit und erst recht den präsentativen Ausdruck ästhetischer nicht ändern, wenn er durch das Auftreten naturgrüner Tiger
Objekte im Ansatz verfehlen. »If it is an artwork, there is no überraschend verifiziert würde. Bei ästhetischen Zeichen dagegen
neutral way of seeing it; or, to see it neutrally is not to see it as an verhält es sich so, daß mit der Bewertung ihrer Angemessenheit
artwork.« 12 ' auch das Verhältnis ihrer Bedeutung sich radikal ändert. Wer das
Das hat weitreichende Konsequenzen. Denn die ästhetische In- Paz-Gedicht läppisch findet, wird nicht das an ihm finden, was
terpretation spricht ihren Objekten ästhetische Bedeutung, ästhe- Eduard an ihm findet. Er wird keinen erheblichen Bedeutungs-
unterschied sehen zwischen den Zeilen von Paz und dem Elabo- ten. Eduard würde seine Relevanz sofort bejahen, wenn bekannt
rat seines Doppelgängers >Paz<: würde, daß die drei abgewandelten Zeilen aus der Feder des
der Himmel reißt den Vorhang auf wahren Paz stammen und eine Vorfassung der endgültigen Ver-
drei Strahlen treffen sion darstellen - sie wären ein Beispiel zugleich der selbstkriti-
auf diese zitternden Zeilen schen Könnerschaft des Autors Paz. Für sich genommen bleibt
das lyrische Erzeugnis allemal mißraten. Für sich genommen hat
Natürlich ist das ein ganz anderer Text als derjenige des wahren es keine ästhetische Bedeutung; es ist lediglich symptomatisch für
Paz. Die Wörter, die Stilfiguren, die Korrespondenzen sind eine (zunächst) verkümmerte poetische Intention. Relevant ist es
andere. Auch ist das Gedicht des unbekannten Schreibers weni- nur insofern, als es ästhetisch signifikant ist, nicht aber weil es an
ger »leicht« als das des bekannteren Dichters; dafür bedient es sich selbst ästhetisch von Bedeutung wäre. Gäbe es die sekundä-
sich eines dynamischeren Vokabulars. »Aber egal«, sagt der Paz- ren Gründe für seine ästhetische Beachtung nicht, gäbe es keinen
Verächter, »im Ganzen gesehen handelt es sich bloß um zwei Anlaß, dem Konglomerat aus stumpfer Metaphorik, dürftiger
Versionen derselben Einfallslosigkeit, die mit lyrischer Anma- Logik nebst isolierter Assonanzbildung die vom Autor gewiß
ßung dargeboten wird; wenn den Poeten die Luft ausgeht, ma- behauptete ästhetische Form tatsächlich nachzusagen. Statt einem
chen sie beschauliche Syllogismen aufs eigene fruchtlose Schrei- konstitutiven Minimum an ästhetischer Einheit, einer wechsel-
ben.« - Aus dem Hintergrund Eduards Stimme: »Auch das muß weisen Korrespondenz von Ausdrucksmitteln (die sich im glück-
man könnenU - Der Verächter kühl: »Also ehrlich, hätt' ich lichen Fall zu einer Korrespondenz der Korrespondenzen ver-
nicht gewußt, welches das vom echten Paz ist - ich hätt's nicht dichtet), hätten wir in der Tat nichts anderes vor uns als das
gewußt.« - Eduard, der Verehrer: »Banause!« schiere Dokument der ambitionierten Einfallslosigkeit. Nicht
Ich unterstelle, daß es ungefähr klar ist, wie Eduard dem Banau- nur die autonome Bedeutung, wohl auch die Relevanz wäre ihm
sen fluchend und zeigend zu Leibe rücken wird (ich werde damit abzusprechen. Sein verbleibender Dokumentcharakter jedenfalls
gelegentlich weiter spielen). Es lohnt sich, das Beispiel noch hätte mit einer ästhetischen Bedeutung im strikten Sinn nichts zu
anders zu wenden. Es ist denkbar daß >Paz< Eduards Interpreta- tun. Denn weder die schlechten noch die vermeintlichen Kunst-
tion des Paz-Gedichts zu lesen bekommt und in der lobeshungri- werke bedeuten, daß sie schlecht sind. Andernfalls gäbe es aus-
gen Aufregung der ersten Lektüre tragischerweise glaubt, es sei schließlich gute, weil die schlechten ihre Wahrheit darin hätten,
von seinem (an obskurer Stelle veröffentlichten) Gedicht die offen und unverfroren schauderhaft zu sein.126
Rede. Er nimmt nur die Sätze auf, die den Text nicht zitieren, Das ästhetisch Triviale ist ästhetisch falsch; und das ästhetisch
sondern bündelnd über ihn sprechen. In ihm jubiliert es: endlich Verfehlte ist für sich genommen ästhetisch bedeutungslos. So läßt
werde ich gewürdigt, wie es mir gebührt - das war es doch, sich der Unterschied der ästhetischen zur propositionalen Bedeu-
worum es mir ging! Das Gedicht von Paz, wie es in Eduards tung mit kurzen Worten benennen. Freilich wäre es trügerisch,
Deutung sich liest, hätte die Bedeutung (oder eine wesentliche die radikale Differenz zwischen ästhetischer und nichtästheti-
der Bedeutungen), die >Paz< mit seinem Machwerk hat artikulie- scher Bedeutung in ihren methodischen Folgen für die Erklärung
ren wollen - nur halt, wie ich mit Eduard annehme, völlig dieser Arten des Bedeutens zu überschätzen. Hier wie dort
verfehlt hat. Er hat wenn nicht diese, so doch überhaupt eine nämlich ist letztlich das konstativ oder ästhetisch Angemessene
ästhetisch prägnante Bedeutung so sehr verfehlt, daß man sich (die begründete und glücklich plazierte Behauptung, das als
streiten kann, ob das Produkt ästhetisch überhaupt ernst genom- gelungen erfahrene Kunstwerk) das Modell, an dem theoretisch
men werden soll. Eduard würde seine Relevanz glatt bestreiten - verstanden werden muß, was die Frage nach Wahrheit bzw.
wenn es nicht so ein wunderbares Beispiel wäre für die oft Gelungenheit und was die begründete Antwort auf diese Frage
minimale Differenz zwischen fatalen und genialen Kurzgedich- hier wie dort heißt. Zwar tut sich hier sofort ein erneuter
Unterschied auf: sofern sich in der Begründung eines assertori-
Werke (zumal auch innerhalb eines Oeuvres!). Es hat keinen
schen Satzes die Wahrheit (und die Gelungenheit der Behaup-
Sinn, die Gradualität der ästhetischen Wertschätzung zu Ehren
tung) dieses Satzes erweist, während die Rechtfertigung einer
der überragenden Werke einfach zu leugnen; indem diese die
positiven ästhetischen Wertbehauptung dazu dient, die Gelun-
relativierende Begutachtung sprengen, erweisen sie sich als über-
genheit des Gegenstands der evaluativen Aussage zu erweisen
ragend. So gewiß also das emphatisch Gelungene jenseits des
(sofern eben Wertaussagen wie die ästhetischen nicht direkt auf
mehr oder weniger Gehaltvollen steht, so gewiß steht das weni-
die Beschaffenheit, sondern auf die angemessene Beschaffenheit
ger Bedeutende noch oft auf der Seite des ästhetisch Bedeutenden
ihrer Gegenstände zielen). Aber diese Besonderheit - die im
und steht das Unbedeutende nicht selten dennoch im Bezirk des
übrigen keine ästhetische Besonderheit ist - ändert nichts daran,
Ästhetischen und sogar der Kunst.128
daß in beiden Fällen der Sinn einer Artikulationsform an Beispie-
len der jeweils überzeugenden oder akzeptablen Artikulation Denn das präsentativ Artikulierte ist nicht notwendig eine be-
erläutert werden muß. deutsame Präsentation. Auch der ästhetisch aufgefaßte Salz-
streuer wurde für einen kurzen Moment in seiner präsentativen
Auch diese Parallelität im Andersartigen wird gerne verzerrend
Struktur besehen; alles und jedes kann wie ein ästhetisch Bedeu-
interpretiert. Es ist klar, daß der Begriff der Behauptung den der
tendes besehen, gelesen, angehört werden (soviel haben die Flu-
Wahrheit impliziert und doch nicht nur die wahre Behauptung
xus-Inspiratoren der ästhetischen Wahrnehmung schon erspielt).
eine Behauptung ist. Aus der intimen Konnexion von ästheti-
Nur heißt das nicht, daß alles und jedes eine ästhetisch autarke
scher Gelungenheit und ästhetischem Gehalt aber scheint zu
Bedeutung hat. Der plumpe Salzstreuer trägt keine der Zuschrei-
folgen, daß im ästhetischen Bereich nur das emphatisch Adäquate
bungen, mit denen ich ihn ästhetisch zu entzünden versuche. Das
den Titel des ästhetisch oder kunstästhetisch Relevanten verdient.
ästhetisch Relevante hingegen, das mißraten ist, hat eine nach-
Diese Position hat Adorno energisch vertreten. »Der Begriff des
weislich präsentative Struktur, auch wenn der Nachweis ihrer
Kunstwerks impliziert den des Gelingens. Mißlungene Kunst-
Erheblichkeit in extremen Fällen (wie jenem Gedicht von >Paz<)
werke sind keine, Approximationswerte der Kunst fremd, das
die externe Begründung eines speziellen Interesses am kargen
Mittlere ist schon das Schlechte.«127 Obwohl Behauptungen wie
Potential des betreffenden Gegenstands verlangt. Ästhetische
diese aus der Erkenntnis der gerade beschriebenen Besonderheit
Bedeutung im strikten Sinn hat nur das leidlich gelungene oder
des ästhetischen Ausdrucks formuliert sind, ist doch die Identifi-
schöne Objekt; nur hier führt der Nachweis seiner ästhetischen
zierung des Ästhetischen mit dem ästhetisch autonom Bedeuten-
Struktur bruchlos auf die Explikation seiner immanenten Bedeu-
den (und darum einmalig Gelungenen) nicht einmal im Bereich
tung.
des Kunstästhetischen plausibel. Die dogmatische Gleichsetzung
des Ästhetischen mit dem emphatisch Gelungenen mag in be- Obwohl diese Klarstellung der Analyse der Bedeutung ästheti-
stimmten Zusammenhängen eine heilsame Vereinfachung sein; scher Bedeutung erheblich vorausgreift (indem sie auf den Vor-
dem ästhetischen Verhalten insgesamt aber wird sie nicht gerecht, griff des vorigen Kapitels zurückgreift), ist es möglich, diesen
weil sie den urteilenden Subjekten ein absolutes Wissen, eine Zusammenhang thetisch zu resümieren - ohne die Entschuldi-
magische Intuition für das Gute zumutet, das der erwägenden gung, es sei alles nur vorläufig gemeint. Ästhetisch sind die
und eben auch: abwägenden Beurteilung gar nicht bedarf (zu Gegenstände, die nach Merkmalen der präsentischen Artikula-
schweigen von den oben erwähnten - und von Adorno weidlich tion besehen (wahrnehmend erkundet) werden. Ästhetisch (über-
genutzten - Verständigungsmöglichkeiten, die gerade das riskant dies) relevant sind Gegenstände, für die sich eine präsentative
und bizarr Mißlungene der ästhetischen Kommunikation öffnen Struktur behaupten läßt - und sei es nur, daß sich ein vermitteltes
kann). Wie es bessere und schlechtere Aufführungen und Inter- Interesse an ihrer unerfüllten Artikuliertheit begründen läßt.
pretationen von Werken gibt, so gibt es bessere und schlechtere Ästhetisch (überdies) gelungen oder schön (usw.) sind die prä-
sentativen Gegenstände, die ästhetisch intern Bedeutung haben,
so daß die Erläuterung ihrer Relevanz nicht auf Aussagen zur heiten, eine ästhetische Auseinandersetzung zu führen: als einen
Genese und Genealogie dieser Objekte zurückgeführt werden Streit über die Bedeutung des Gelungenen. Den Regeln dieses
muß; hier läßt sich am Objekt ein präsentativer Gehalt behaup- von Kant konzedierten Streitens sind wir noch immer auf der
tend vergegenwärtigen (wobei ein Wissen über Herkunft und Spur.
Kontext allemal von Nutzen ist). Die Möglichkeit der ästhetisch und kunstkritisch argumentieren-
Für die anfängliche Bestimmung der ästhetischen Relevanz folgt den Verständigung liegt grundsätzlich in der Erreichbarkeit eines
hieraus eine leichte Korrektur. Das ästhetisch Relevante ist ent- Einverständnisses darüber, wovon bei allem möglichen Dissens
weder das ästhetisch im vollen Sinn Bedeutende - das präsen- jeweils die Rede ist. Das besagt nicht, daß es eine schlechthin
tative Zeichen, das seinen Artikulationsmodus erfüllt; oder aber neutrale Basis der ästhetisch interpretativen Auseinandersetzung
der Gegenstand, der wegen seiner (wie immer wenig erfüllten) gibt. Was immer als unproblematisch »neutrale« Verständigungs-
präsentativen Struktur für die Erfahrung des Bedeutenden und basis erscheint, mag für jeweils diese Verständigung eine unbe-
die Auseinandersetzung um diese Erfahrung von Bedeutung streitbare Ausgangslage sein; der mindestens nötigen gemeinsa-
ist.12' Mit »präsentativer Struktur« ist wiederum der Zusammen- men Beschreibungssprache, mit der die noch (funktional) unin-
hang der materialen Ausdruckseigenschaften gemeint. Diese terpretierte Identität eines ästhetischen Gegenstandes angebbar
Struktur ist »erfüllt«, wenn die Funktion, mit der sie als relevante ist, müssen wir uns an diesem Gegenstand oft erst kommunikativ
erkennbar werden, die eines internen Ausdruckszusammenhangs versichern. Eine Kontroverse über die funktionale Relevanz
ist - wie bei dem Gedicht von Paz; diese Struktur ist nicht ästhetischer Objekte muß als eine Verständigung auch über den
»erfüllt«, wenn die gesuchte Ausdrucksfunktion lediglich die Fundus der materialen Relevanz, über das elementar Charakteri-
eines externen Aufschlusses über ästhetische (oder auch nicht- stische der umstrittenen Gegenstände geführt werden, um als ein
ästhetische) Zusammenhänge ist - wie im Fall des Gedichts von Konflikt verschiedener Deutungen überhaupt zu greifen. Wäh-
>Paz<, solange dieses als ästhetisch relevantes Erzeugnis - als rend Krisen und Konflikte der ästhetischen Deutung und Wer-
Gedicht - überhaupt anerkannt wird. In beiden Fällen der ästhe- tung nicht immer in der Umwälzung beherrschender Konzeptio-
tischen Relevanz (des Gelungenen und des Mißlungenen) ist der nen der ästhetischen Gegenständlichkeit ihre Ursache haben, sind
ästhetische Gegenstand das AasAnxckspotential, das die materiale ästhetische Revolutionen in aller Regel Erschütterungen der Auf-
Kommentierung beschreibt. Denn zwar ist der ästhetische Ge- fassung, was in einem gegebenen Zusammenhang als ästhetisches
genstand der Gegenstand eines interpretativen Wahrnehmens, Material überhaupt zählen darf, kann, muß. Die ästhetische
aber die ästhetisch wahrnehmende - die funktional konkretisie- Entdeckung der Natur öffnet dem Auge ein völlig neues Feld des
rende - Interpretation ist nicht der ästhetische Gegenstand. Ge- ästhetisch Wahrnehmbaren (und der ästhetischen Produktion
wiß ist das ästhetische Potential das Potential für diese Konkreti- einen originären Quellgrund darbietender Energien). Die Ent-
sierungen, gerade deshalb aber muß der ästhetische Gegenstand wicklung der Photographie nimmt der nachkommenden Porträt-
von den Formen seiner aktualisierenden Aneignung unterscheid- malerei die souveräne Verfügung über die (oft zugleich materiale
bar bleiben. Und obwohl der relevant mißlungene Gegenstand und funktionale) Qualität der »getreuen« Darstellung. Bei Ce-
mit dem gelungenen und schönen die allgemeine Struktur der zanne gewinnt das Durchscheinen der unbehandelten Leinwand
ästhetischen Relevanz teilt, ist die Rede vom ästhetischen Poten- eine ästhetisch zentrale Qualität, die für die Lebendigkeit der
tial von der wahrnehmungsleitenden Erwartung, es möge sich aus Bildfläche verantwortlich ist. Die architektonische Ästhetik der
ihm eine intern erfüllte Bedeutung entfalten, keineswegs trenn- kahlen Fläche macht das scheinbar Ausdruckslose zur ästhetisch
bar. Darum verweist der Begriff der ästhetischen Relevanz auf konstitutiven Eigenschaft. Der Tonfilm macht die Stummheit
den des gelungenen Werks. Und auch die Einigkeit über das seines Vorgängers auf neue Weise sprechend und macht die
Faktum der Gelungenheit ist oft nur die beste der guten Gelegen- schauspielerisch extreme Artikulation auf lange Zeit stumm. Die
frühen Filme Warhols machen das Fehlen eingreifender Schnitt- die theoretischen Intuitionen des auf dem konkreten Gebiet
folgen zur ästhetisch aufreizenden Qualität. Die photorealisti- seiner abstrakten Überlegungen so sträflich inkompetenten Au-
sche Malerei gibt dem Pathos des Abbildens ihre ehemals meta- tors vor. So fern und so nah stehen sich das ästhetische und das
physische Würde mit ironischer und reflexiver Gewalt zurück. theoretische Urteil im Gehege der Ästhetik.
Aus den Bewegungen und Sprüngen der Dialektik von materialer
und funktionaler Relevanz lassen sich die spannendsten Ge- Der erste Schritt in der Analyse des Sinns ästhetischer Urteile hat
schichten aus der Geschichte der ästhetischen Erfahrung erzäh- auf die Unterscheidung von Stufen der Relevanz ästhetischer
len. Die Selbständigkeit der Kunstwerke gegenüber den Interpre- Phänomene geführt. Es handelt sich dabei um Stufen der unter-
tationen, die sie ästhetisch zur Geltung bringen, setzt diese nicht schiedlich elementaren Bewertung des Ausdruckspotentials
außerhalb der Geschichte. Im Gegenteil. Nur solange der ästhe- ästhetisch wahrgenommener Gegenstände; sie müssen zugleich
tische Gegenstand eine fortdauernde Geschichte des interpre- verstanden werden als Niveaus der möglichen intersubjektiven
tativen Wahrgenommenwerdens hat, solange nur wird er seine Übereinstimmung über Objekte und Bereiche der ästhetischen
Selbständigkeit im Prozeß der deutenden Aneignung bewahren; Erfahrung. Relevanz, Gelungenheit, Bedeutung - das Verhältnis
andernfalls wird er zum biographischen und historischen Doku- dieser drei Größen macht den Zusammenhang des ästhetischen
ment. Das ästhetisch Bedeutende lebt von und mit der Auseinan- Interesses zu seinen Gegenständen aus: den Zusammenhang, der
dersetzung um seine Bedeutung. Freilich ist die Gewordenheit konstitutiv ist für das ästhetische Verhalten. Der Begriff des
und Gewachsenheit ästhetischer Konventionen und ist die Dyna- Ästhetischen verweist auf den der ästhetischen Relevanz und
mik und Dialektik ästhetischer Revolutionen hier nicht das dieser auf den Begriff des ästhetisch Gelungenen, der seinerseits
Thema. Hier geht es darum, wie ästhetische Konventionen aufge- auf die besondere Bedeutung des ästhetisch Bedeutenden ver-
nommen und gekündigt werden, auf welche Art ästhetische weist. Die methodischen Konsequenzen sind klar. Es zeigt sich,
Positionen verteidigt und bestritten werden können: um die daß eine Klärung des Begriffs der ästhetischen Bedeutung letzt-
Fundierung der ästhetischen Praxis im Prozedere der ästheti- lich der Schlüssel ist zum Verständnis der ästhetischen Relevanz
schen Beurteilung. Dabei wäre es verfehlt, sich den Begriff des und Gelungenheit, die ihrerseits der natürliche Ausgangspunkt
Ästhetischen durch vage Bestimmungen des Akzeptierten oder sind für die Frage nach der ästhetischen Bedeutung. Weil die
Exzeptionellen äußerlich vorgeben zu lassen. Ästhetisch ist nicht Beurteilung der Gelungenheit gegenüber derjenigen der Relevanz
das konventionellerweise Ästhetische und auch nicht das, was die speziellere ist; und Aussagen zur ästhetischen Bedeutung eine
sich keiner Konvention je fügt, sondern das (wie immer konven- wiederum speziellere Bestimmung ästhetischer Objekte geben als
tionell oder unkonventionell) in der ästhetischen Wahrnehmung die resümierende Wertbehauptung dies tut; und doch Relevanz
Relevante. Dabei kommt es hier nicht darauf an, zu sagen, was und Gelungenheit im Interesse am Bedeutenden beurteilt wer-
relevant ist und was nicht, sondern zu erkennen, wie wir uns den: darum kann erst die eingehende Erörterung des speziellsten
klarmachen und anderen sagen, was relevant ist und wie wir das der ästhetischen Grundbegriffe, der ästhetischen Bedeutung also,
Relevante vom Irrelevanten, das Gelungene vom Mißlungenen, den hier projektiv umrissenen Zusammenhang von Bestimmun-
die plausible Deutung von der irreführenden unterscheiden. gen begrifflich auch besiegeln. Bis dahin muß ich für vier weitere
Wäre ein Leser davon überzeugt, daß >Paz< das Genie und Paz Abschnitte die Geduld der Leser fordern.
der Dilettant ist, daß also Eduard und Seel die Banausen sind und
nicht der von ihnen namenlos als Banause Gescholtene, so wäre
dieser ästhetische Vorbehalt alleine noch kein Argument gegen
das, was diese Seiten theoretisch behaupten; es läge auf Seiten des
Lesers nur ein allerdings kapitaler Bruch des Vertrauens auch in
b) Das ästhetische Urteil denen über diese Qualität befunden wird, zur vielgestaltigen
Klasse der Wertsätze zu zählen. Über den allgemeinen Status
Nach einer ersten Verständigung darüber, wovon in der Rede dieser Sätze gibt Tugendhat die folgende Auskunft. »Wenn wir
vom Ästhetischen die Rede ist, kommt es als zweites darauf an, uns überlegen, was wir meinen, wenn wir von etwas sagen, es sei
zu sehen, was in Stellungnahmen der ästhetischen Kritik eigent- gut, so geht es offenbar nicht um eine deskriptive Eigenschaft, die
lich ausgesagt wird. Die vorangegangenen Betrachtungen legen es der Gegenstand an und für sich hat, sondern um eine Eigenschaft,
nahe, das ästhetische »Sprachspiel der Kritik« als einen Zusam- die der Gegenstand dank unseres Wollens und Wünschens hat.
menhang mehrerer Sprachformen zu begreifen. Dabei ist der Wenn ich sage >das ist gut<, so meine ich: ich bin dafür, es drückt
Stellenwert der Sätze, die üblicherweise »ästhetische Urteile« sich darin eine praktische Zustimmung aus; in >es ist schlecht
genannt werden, offenkundig zentral; denn diese resümieren Ablehnung.« Im Unterschied zu rein subjektiven Präferenzbe-
(und antizipieren oft zugleich) das Lohnende der Wahrnehmung, kundungen (»ich mag das (nicht)«; »das gefällt mir (nicht)«) aber
dessen nähere Bestimmung den material und funktional charakte- wird »mit >gut< nicht nur überhaupt ein Vorzug, eine Wahl zum
risierenden Aussagen vorbehalten bleibt. Die Besonderheit dieser Ausdruck gebracht (...), sondern eine objektive, begründete
ästhetischen Beschreibungen und Interpretationen ist nur zu Wahl.«'30 Die in der Wertbeurteilung formulierte Einschätzung
verstehen aus dem Beitrag, den sie zur Stützung und Erläuterung drückt die Zustimmung zu einer bestimmten Verhaltensweise
ästhetischer Wertbehauptungen leisten oder leisten können. Vor aus, aus der die beurteilten Gegenstände als gut oder schlecht
einer detaillierten Klärung der ästhetischen Begründungsstruktur erscheinen. In den objektiven Wertsätzen wird von einem be-
muß folglich erörtert werden, was hier eigentlich zur Begrün- stimmten Verhalten behauptet, daß es einer Sache oder Situation
dung steht: welchen Anspruch auf Geltung die Sätze erheben, die (mehr oder weniger) angemessen ist. Der Gebrauch dieser Sätze
in ästhetischen Argumentationen zur Begründung stehen. reicht von der technischen Anweisung über die moralische Beur-
Da sich an der allgemeinen Struktur ästhetischer Urteile wenig teilung bis zum persönlichen Rat.131
ändert, ob sie nun dem ästhetisch Relevanten im weitesten Sinn Sollte es sich auch bei den ästhetischen Urteilen um objektive
oder ob sie kunstästhetischen Phänomenen gewidmet sind, werde Wertbehauptungen handeln, müßte ihr besonderer Status inner-
ich mich in den folgenden Abschnitten vorrangig auf den Sinn halb der von Tugendhat gegebenen Charakteristik dieser Wert-
kunstkritischer Stellungnahmen konzentrieren. Das Recht dieser sätze zu lokalisieren sein. »Es sind Aussagesätze, also Sätze, die
repräsentativen Behandlung wird bei Gelegenheit wieder zu prü- einen Objektivitätsanspruch, einen Wahrheitsanspruch erheben,
fen sein. ohne daß doch bisher schon zu sehen ist, wie dieser Anspruch
Wenn ein Kunstwerk als gelungen oder mißlungen, schön oder einzulösen ist. Was diese Sätze so besonders merkwürdig macht,
unschön, erhaben oder banal, brillant oder fade (usw.) beurteilt ist, daß sie einem Gegenstand einerseits eine objektive Eigen-
wird, so wird mit diesen evaluativen Behauptungen allemal ge- schaft zusprechen, daß aber diese Eigenschaft auf unser subjekti-
sagt, inwiefern der betreffende Gegenstand in ästhetischer Hin- ves, voluntatives Verhalten verweist, auf die Vorzüglichkeit des
sicht gut oder schlecht ist. Das gilt ebenso für komparative Gegenstandes für uns, aber auf diese Vorzüglichkeit wiederum
Bewertungen; und es gilt unabhängig davon, mit welchen Prädi- so, daß diese als eine objektive angesehen wird, als eine, die für
katen der ästhetischen Wertschätzung Ausdruck gegeben wird: uns maßgebend ist, nicht von uns ausgeht.«132 Diese Erläuterung
>irre< und >genial<, >bescheuert< und >widerlich< können hier erinnert daran, daß nicht allein die ästhetischen Werturteile pro-
ebenso prägnant Verwendung finden wie das neutralere >gelun- blematische Gebilde sind: neben vielleicht den moralischen sind
gen<, an das ich mich aus Gründen der Einfachheit weiterhin es nur diejenigen, bei denen sich die Problematik am meisten
halte. Die ästhetische Qualität als eine Spezies des Guten zu verwickelt. Denn genau die Alternative zwischen subjektiver
verstehen, heißt zunächst nichts anderes als die Aussagen, in Wahl und objektiver Begründung scheint hier nicht zu greifen.
zur Erfüllung der angegebenen Funktionen hat. Von dieser in-
Diese Intuition hat schon Kant mit der Wendung von der »sub-
strumentell-relativen Wertbeurteilung unterscheidet Tugendhat
jektiven Allgemeinheit« ästhetischer Urteile in paradoxer Genau-
einige Formen der selbständigen Verwendung von »gut« und
igkeit formuliert: weder tut die ästhetische Bewertung nur eine
»besser«; das Wort »gut«, so kann man sagen, bedeutet hier nicht
private Beziehung kund, noch kann sie sich auf einen verbindli-
gut für etwas, sondern gut als etwas. Diese Verwendung liegt
chen Maßstab der evaluativen Charakterisierung stützen. »Eben
nicht nur in der Begründung persönlicher Präferenzen vor, wo es
darum aber muß auch die ästhetische Allgemeinheit, die einem
darum geht, die für mich beste Handlungs- und Lebensweise zu
Urteile beigelegt wird, von besonderer Art sein, weil sich das
erkennen (das nichtinstrumentelle »gut für mich« geht letztlich
Prädikat der Schönheit nicht mit dem Begriffe des Objekts, in
immer auf ein »gut als«, auf die attributive Qualifizierung einer
seiner ganzen logischen Sphäre betrachtet, verknüpft und doch
Lebens- und Handlungsweise zurück). Diese Verwendung ist
eben dasselbe über die ganze Sphäre der Urteilenden aus-
grundlegend auch in der moralischen Beurteilung, da die mora-
dehnt.«' 33 Keine wie immer sensible Beschreibung des ästheti-
lisch guten Handlungsweisen nicht gut für das Erreichen indivi-
schen Objekts, so argumentiert Kant, kann einen hinreichenden
dueller und kollektiver Zwecke sind, sondern gut sind als Hand-
Grund dafür abgeben, es für ästhetisch gut oder schlecht zu
lungen, die ein möglichst freies Handeln in der gemeinsamen
befinden - »weil jene Art Urteile gar nicht auf das Objekt
Welt garantieren.'37 Von dieser in einem (aristotelisch) weiten
geht.«' 34 Dennoch wird der Urteilende unterstellen, daß seine
Sinn ethisch zu nennenden Verwendung von Wertprädikaten nun
Beziehung zum Objekt angemessen ist - denn sonst könnte er
läßt sich mit Tugendhat eine weitere Form der nichtrelativen
den anderen die Übereinstimmung nicht einmal »ansinnen«, die
Wertbeurteilung unterscheiden, die wie die moralische und die
er nach Kant mit strikten Gründen ohnehin nicht fordern
existentielle Wertbehauptung von der instrumentellen Mittelwahl
kann.135 Es ist wichtig zu sehen, daß die ästhetisch prekäre
abgehoben werden müssen. In Sätzen wie »das ist ein besserer
Ambivalenz auch in Tugendhats Bestimmung der Wertsätze von
Wein als jener«, »dieses Musikstück ist besser als jenes«, »das ist
vorneherein eingebaut ist. Auch das »für uns« Relevante bezieht
ein besserer Pianist als jener«, sagt Tugendhat, ist ein instrumen-
sich ja auf unsere Bedürfnisse und Interessen: nur eben nicht in
teller »Bezug auf eine Funktion und entsprechende Kausalsätze
der Weise, daß die Bewertung dieser Relevanz ausschlaggebend
gar nicht gegeben«. »Man kann diese Sätze als ästhetische Sätze
von unserer affektiven Betroffenheit, genauer gesagt: von der
oder Geschmacksurteile bezeichnen. Hier basiert das Begrün-
Unmittelbarkeit unserer je privaten Neigungen - und in diesem
detsein der Präferenz nicht auf irgend etwas in den Objekten, auf
Sinn allein »von uns« - abhängt.'36 Für die unterschiedlichen
Kausalzusammenhängen, sondern auf einem bestimmten Wie der
Arten der Wertbegründung, so ist zu vermuten, wird ein je
Präferenz selbst. Wir neigen hier dazu zu sagen: besser in diesem
unterschiedliches Verhältnis dieser beiden Pole festzustellen
Sinn ist dasjenige, das von einem in diesem Gebiet erfahrenen
sein.
Präferenzverhalten vorgezogen wird, und wir unterstellen, daß
Die Unterschiede, die hier zu erwarten sind, werden Unter- das Präferenzverhalten aller Personen, sofern sie nur erfahren
schiede auch in der Objektivität des mit begründeten Wertsätzen genug sind, konvergiert.«'38
Gesagten sein. Nach Tugendhat reicht die Objektivität von
Wertsätzen im allgemeinen so weit, wie es intersubjektive Krite- Das ist so gewiß keine befriedigende Erklärung (und soll es an
rien und damit etablierte Begründungsverfahren gibt, auf die sich seiner Stelle auch gar nicht sein); schon für den Fall der Prämie-
eine Bewertung stützen kann. Im Fall der relativen Wertbeurtei- rung von Weinen - auf den ich unten näher zu sprechen komme -
lung, dort also, wo »gut« soviel bedeutet wie »gut für diesen bleiben Fragen offen, die sich für die Kunstbeurteilung auf
Zweck, diese Funktion«, liegt das entscheidende Kriterium letzt- andere Weise und dringlicher stellen. Auf den ersten Blick er-
lich in der empirisch feststellbaren - kausalen - Wirkung, die der scheint Tugendhats Bestimmung rein zirkulär: ästhetisch vorzüg-
bewertete Faktor zur Erreichung des vorgegebenen Zwecks bzw. lich ist das, was von denen, die sich darauf verstehen, vorgezogen
wird. Die Auskunft, daß das ästhetische Urteil auf ästhetischer Stellung immer schon vorgenommen ist, muß anders gefaßt wer-
Erfahrung beruht, führt uns jedenfalls aus den gleichfalls zirkulä- den, wenn hier der intersubjektive Bezugspunkt der ästhetisch-
ren Exkursionen des vorigen Abschnitts noch nicht heraus. Eine objektiven Wertungen erkennbar sein soll. Die entscheidende
andere Lektüre der zitierten Sätze dagegen kommt zu einem Korrektur ist leicht vorzunehmen. Nicht das Ganze der je indivi-
produktiveren Ergebnis. Es bietet sich zunächst an, das »Wie der duellen Erfahrung, ein hypothetisch Gemeinsames in den Lebens-
Präferenz«, das nach Tugendhat die Basis ästhetischer Beurtei- erfahrungen der Zeitgenossen ist der Fixpunkt, aus dem die
lungen stellt, nicht von vorneherein als ein Wie der ästhetischen Angemessenheit von Einstellungen und Sichtweisen im Zuge der
Präferenz zu verstehen, wie das insbesondere der Nachsatz vor- Beurteilung ästhetischer Gegenstände behauptet werden kann.
schreibt. Bei aller nötigen ästhetischen Bildung wäre die Basis der Das hypothetisch Gemeinsame der lebensweltlichen Erfahrungen
ästhetischen Beurteilung dann gar nicht eine bestimmte Art der ist aber nichts anderes als der notwendig unbestimmte Begriff der
Erfahrung, sondern die Lebenserfahrung und Lebenseinstellung Gegenwart, die den Angehörigen einer Welt gemeinsam ist.
derjenigen, die ein ästhetisches Urteil fällen. Die ästhetische Gerade wenn man es (gegen Bohrer) vermeidet, denen Gegen-
Präferenz wäre eine auf existentielle Präferenzen bezogene Präfe- wartsbegriff ästhetisch zu okkupieren, läßt sich der emphatische
renz, wobei der ästhetisch-objektive Vorzug im Unterschied zur Gegenwartsbezug der ästhetischen Kritik (mit Bohrer) unzwei-
ästhetisch-subjektiven Vorliebe nicht lediglich darauf bezogen deutig formulieren. Dann wird die Idee der geschichtlichen Ge-
wäre, was mir persönlich gefällt oder mir über mich etwas sagt, genwart, an der sich die Valenz lebensweltlicher Erfahrungen
sondern darauf, was für sich besehen angemessene Einstellungen bemißt, als das übergreifende »Kriterium« ästhetischer Wertaus-
zu den Wirklichkeiten des Lebens sind. sagen erkennbar.
Auch hier wäre also die Hinsicht des »für uns« Relevanten Offensichtlich ist das kein Kriterium im üblichen Sinn. Vielleicht
unterscheidbar von dem, was nur »von uns« her bedeutsam ist. aber ist es ein Kriterium in dem Sinn, in dem bei Kant der Begriff
Jedoch ist diese erste Vermutung über die Geltungsbasis ästheti- des Übersinnlichen jener »unbestimmte« Begriff ist, auf den sich
scher Urteile noch durchaus ungenügend. Zum einen muß strikt das ästhetische Urteil notwendig bezieht. Wenn wir Kants Rede
unterschieden werden zwischen der Erfahrung, die aus dem von der begriffslosen Beurteilung einmal probeweise so verste-
ästhetischen Verstehen an den gelungenen Werken zur Wahrneh- hen, daß es sich um eine (im üblichen guten Verstand) kriterien-
mung kommt und der individuellen Gesamterfahrung, die nach lose Beurteilung handelt, die sich doch auf so etwas wie ein
diesem Vorschlag als »Kriterium« der ästhetischen Beurteilung Kriterium muß stützen können, so ergibt sich eine neue Antwort
kandidiert. Nicht die alle lebensweltlichen Sichtweisen umfas- auf die Frage nach der Basis der ästhetischen Urteile aus einer
sende Gesamterfahrung ist es, deren Angemessenheit im Zuge vorsichtigen Umformulierung der Antwort, mit der Kant die
der ästhetischen Beurteilung mit zur Beurteilung steht, zur Dis- »Antinomie des Geschmacks« dialektisch auflöst. In der Thesis
kussion kann immer nur die in einem besonderen Erfahrungszu- sollte es daher heißen: Das Geschmacksurteil gründet sich nicht
sammenhang enthaltene Sichtweise stehen, die sich in der ästheti- auf bestimmten Kriterien; in der Antithesis aber: Das Ge-
schen Vergegenwärtigung aus dieser Gesamterfahrung als ange- schmacksurteil gründet sich doch auf einem, obzwar unbestimm-
messene erschließt. Zum andern fällt unser erster Kandidat auch ten Kriterium (nämlich von der den Urteilenden gemeinsamen
nach dieser Klarstellung eindeutig durch. Denn wie immer die Gegenwart); und alsdann wäre zwischen den Positionen der
individuelle Lebenserfahrung in den Prozeß der ästhetischen Antinomie des Geschmacks (daß ästhetische Urteile wie objek-
Beurteilung eingehen mag, als individuelle kann sie die Basis tive Präferenzaussagen behauptet werden, aber nicht auf Krite-
einer generellen Wertbehauptung nicht sein. Der einstellungs- rien sich stützen) kein Widerstreit.' 3 '
übergreifende Erfahrungsbezug der ästhetischen Beurteilung, der Dieser Vorschlag folgt Kants Theorie der Möglichkeit ästheti-
Erfahrungsbezug, der mit der Einnahme einer ästhetischen Ein- scher Urteile aufs Wort: mit der gravierenden Abweichung, statt
dem »übersinnlichen Substrat der Menschheit« die erfahrungs- konkrete Adressaten haben, gelten sie immer einer hypotheti-
entbrannte Gegenwart der Menschen als jenen »indemonstrablen schen Gemeinschaft, die manchmal erst durch die ästhetische
Begriff« zu benennen, der den intersubjektiven Anspruch des Erfahrung sich als solche erkennt. Die entscheidende Differenz
ästhetischen Urteilens verständlich macht. Meine Abwandlung zur kommunal-präferentiellen Bewertung ist sachlich darin be-
hebt hervor, daß nicht etwas über aller Erfahrung den Bezugs- gründet, daß die Einschätzung der ästhetischen Kritik nicht
punkt der ästhetischen Kritik ausmacht, sondern vielmehr die einfach die Vorzüglichkeit eines Gegenstands oder einer Situa-
Unterstellung eines Gemeinsamen in der Erfahrung der Angehö- tion auf Grund der Kenntnis dieser Gegebenheiten behauptet: sie
rigen einer geschichtlichen Zeit. Das transzendentale Faktum, das beurteilt ihre Gegenstände danach, ob sich an ihnen eine Erfah-
den Geltungssinn ästhetischer Urteile erklärt, ist nicht einfach die rung manifestiert, deren Gewärtigung einen Zusammenhang der
intelligible Ausstattung der Menschen, es ist der Weltcharakter gemeinsamen Gegenwart in ihrer situativen Existentialität erhellt.
der Wirklichkeiten, in denen sie leben, zusammen mit der Verän- Damit eine dieser Erfahrungen zum Thema der ästhetisch kriti-
derlichkeit und Veränderbarkeit ihrer je gegenwärtigen Welt. Das schen Rede werden kann, muß es irgendeine geteilte Erfahrung
immergleiche Inderweltsein ist der Angelpunkt des ästhetischen im angesprochenen Wirklichkeitsbereich immer bereits geben.
Behauptens nicht. Sein Bezugspunkt ist die zeitgebundene Ge- Denn nicht der übergreifende Horizont der Gegenwart wird im
genwart des Inderweltseins, auf die sich das ästhetisch-objektive Austausch ästhetischer Urteile als verbindlich reklamiert, das
Urteil in hypothetischem Ausgriff bezieht.140 Wesentliche besonderer Sichtweisen in dieser Gegenwart und für
Die abgewandelte Übernahme der These von Kant hat abwei- das gegenwärtige Leben steht in der ästhetischen Reflexion zur
chende Konsequenzen in den zugeordneten Fragen zur Folge. Verhandlung: auf der Basis der konstitutiven Unterstellung, daß
Einmal nimmt sie den ästhetischen Urteilen ihren bei Kant wir, was die in Rede stehenden Erfahrungen betrifft, in einer
behaupteten Anspruch auf Universalität. Nicht schlechthin »je- gemeinsamen Gegenwart leben. Die umfassende Sicht der Welt,
dermanns« Beistimmung sinnt dieses Urteil geradewegs an, son- die individuell oder kollektiv als das maßgebende Gesicht der
dern die Zustimmung all derjenigen, die teilhaben an der Welt der Gegenwart empfunden wird, ist auch in ästhetischer Explikation
Erfahrung, aus der das ästhetische Objekt Bedeutung gewinnt nicht zu rechtfertigen.
(bzw. in der es ohne Bedeutung bleibt). Zwar kann dies in
einzelnen Fällen auf einen Anspruch der Universalität hinauslau- Damit ist - zweitens - angedeutet, daß meine Umformulierung
fen, aber der Geltungssinn der ästhetischen Wertaussagen ist über dem ästhetischen Urteil einen Spielraum der Rechtfertigung gibt.
einen Anspruch der Universalität nicht zu definieren. Ihr ge- Das eigenartig unbestimmte »Kriterium« der ästhetischen Beur-
nuiner Anspruch ist nicht universal, er ist mondial (auf kulturelle teilung entläßt Gründe einer besonderen Art. Deren Verfassung
Welten bezogen). Basis ihrer Behauptung ist die offene Hypo- wird im weiteren Verlauf der Darlegung nur zu klären sein, wenn
these einer mit den angesprochenen anderen gemeinsamen Welt. einsichtig wird, daß die ästhetischen Begründungsprädikate (»ge-
Diese Allgemeinheit des ästhetischen Urteilens muß andererseits lungen« usw.) keine Kriterien formulieren. Sie geben lediglich
unterschieden werden von der bloß kommunalen Allgemeinheit beispielbezogene Unterscheidungen an die Hand, deren Verwen-
der Begründung von Wertsätzen zu Aspekten des guten Lebens dung in jedem Einzelfall allein okkasionell: gelegentlich dieses
innerhalb konkreter Lebensformen und partikularer Lebensbe- Gegenstands gerechtfertigt und zusätzlich komparativ beglaubigt
reiche (soweit diese nicht in Behauptungen über das moralisch werden kann. Wie sich noch zeigen wird, ist Kants Behauptung,
richtige Handeln umgewandelt werden). Diese ethisch-kommu- daß »in Ansehung der logischen Quantität... alle Geschmacks-
nalen Wertaussagen sind stets auf (mehr oder weniger genau) urteile einzelne Urteile« sind14', zwar gerade nicht für alle Ge-
bestimmte Personen und Personengruppen gemünzt. Das sind schmacksurteile, aber jedenfalls für die kunstkritischen Wertaus-
die kunstkritischen Urteile nicht; auch wenn sie, wie häufig, sagen zutreffend. Daher ist die Erwartung verfehlt, sie könnten in
einem strikten Sinn kriteriell begründet werden. Die Frage nach
der Rechtfertigung ästhetischer Urteile jedoch ist damit nicht mente, Argumente für ein ästhetisches Werturteil, werden gege-
erledigt. Sie gewinnt mit dieser Einsicht erst ihren genauen Sinn - ben, um den Gegenstand dieser Wertung zum Argument zu
wenn Kant denn recht mit der Behauptung hatte, ein Streit in erheben. Der ästhetische Gegenstand wird geltend gemacht als
ästhetischen Fragen sei sinnvoll zu führen. ein (positives) Explikat oder ein (negatives) Exempel von Erfah-
Die revidierte Fassung des Arguments, mit dem Kant die Antino- rungen, um deren Vergegenwärtigung willen die ästhetische Ar-
mie des Geschmacks schlichtet, öffnet die Theorie der ästheti- gumentation erfolgt. Die ästhetische Wertung kommt in der
schen Kritik - drittens - einem Verständnis dafür, wie die wahrnehmenden Affirmation einer Sichtweise zustande, die der
kritische Beurteilung auf die Besonderheiten des je einzelnen Wertende als eine für die Gegenwart wesentliche Sicht der Dinge
Werks reagiert. Kants These von der Bezogenheit auf das über- erfahren hat oder am gelungenen Kunstwerk erfährt; die Begrün-
sinnliche Substrat der Menschheit, die den Status ästhetischer dung des ästhetischen Urteils vollzieht sich als Argumentation
Urteile erkläre, bleibt merkwürdig indifferent gegenüber dem, zugunsten der Sichtweise, aus der das ästhetische Objekt als
was die ästhetisch singulären Wertaussagen über die Qualität gelungen oder mißlungen erscheint; diese Argumentation kann
ihrer einzelnen Gegenstände zu sagen haben. Die Auskunft, es sei sich nur so vollziehen, daß der ästhetische Gegenstand interpre-
die anthropologisch-transzendentale Veranlagung zur Freiheit, tativ zum positiven oder negativen Grund des Teilens der wer-
die an der Totalität des schönen Gegenstandes, im Spiel der tungskonstitutiven Sichtweise erhoben wird. Das zirkuläre Mo-
ästhetischen Wahrnehmung, als innerweltlich wirksam erfahren ment der ästhetischen Begründung: daß der ästhetische Gegen-
werde, bleibt beim allgemeinsten Inhalt jeder ästhetischen Erfah- stand zum Grund für eine Sichtweise erhoben wird, auf Grund
rung stehen. Mit der allgemeinen Bestimmung der ästhetischen deren er als gelungen oder mißlungen erscheint, macht das ästhe-
Erfahrung als erfahrener Erfahrung kann die neue Formulierung tische Argumentieren nicht zu einem haltlosen Geschäft. Einmal
zugleich deutlich machen, was der unverwechselbare Gehalt wird es sich zeigen, daß die ästhetische Reflexion sich als ein
einzelner ästhetischer Erfahrungen und was das konkrete Thema Prozeß der Korrektur zwischen wertender Reaktion und aufwei-
der ästhetisch-kritischen Explikation dieser Erfahrungen ist. Die sender Interpretation vollzieht. Der ästhetische Begründungszir-
These, daß der unbestimmte Begriff der Gegenwart es ist, auf den kel ist keineswegs leer, an ihm erkennen wir die Bedingungen der
ästhetische Argumente sich beziehen, erlaubt es, das ästhetische Möglichkeit des ästhetischen Verstehens. Zum andern ist mittler-
Verstehen als die Beglaubigung bestimmter Sichtweisen zu ver- weile klar, daß nicht die am ästhetischen Gegenstand bejahte
stehen, wie das schöne und gelungene Objekt sie eröffnend Sichtweise der wertbildende Bezugspunkt der ästhetischen Beur-
artikuliert. Bestimmt ist das Besondere dieser Sichtweisen in den teilung ist: Bezugspunkt der ästhetischen Wertbehauptungen,
gelungenen Objekten selbst. Diese sind gelungen, weil das in deren Inhalt die an der Formung ästhetischer Gegenstände sich
ihrem Korrespondenzzusammenhang Erscheinende als Darbie- erweisende Akzeptabilität von Sichtweisen und Einstellungen ist,
tung einer angemessenen Sichtweise erfahren wurde. Die Inter- ist jener unfaßliche Begriff der Gegenwart, an dem die überper-
pretationen der ästhetischen Kritik weisen auf den Gehalt dieser sönliche Adäquatheit von Sichtweisen sich unausgesprochen be-
Sichtweisen hin. Nicht aus einem »Begriff« oder aus bestimmten mißt.
Kriterien kann die ästhetische Behauptung der Gelungenheit
gerechtfertigt werden. Wohl aber anhand von Begriffen, die am Auch in diesem Zusammenhang ist es wichtig, nicht ausschließ-
ästhetischen Gegenstand das Bedeutsame der Erfahrungen gel- lich das ästhetisch positive Urteil im Auge zu haben. Als gelun-
tend machen, die er in seiner konfigurativen Ausprägung artiku- gen oder schön werden ästhetische Objekte beurteilt, denen eine
liert. Situation der Erfahrungswelt der Wahrnehmenden sich eingebil-
det zeigt. In den eminentesten Fällen wird sich das so ereignen,
Die im Blick auf Kant gezeichnete Skizze führt auf die Grund- daß ihnen eine Situation ihrer Welt hier überhaupt erstmals
struktur der ästhetischen Argumentation. Ästhetische Argu- erscheint. Die Einmaligkeit der großen Kunst hat die Gewalt,
eine Sichtweise zu eröffnen, die im lebensweltlichen Erfahrungs-
lohnen würde; dafür (und darum) gibt es eine Anschauung von
kontext bis dahin nicht erreichbar war. Ästhetisch mißlungen,
schlechter Lyrik. Auch in dieser abwertenden Aussage liegt noch
uninteressant oder irrelevant dagegen sind Gegenstände, an de-
eine Bekräftigung der Einstellung, die die Basis dieses Urteils
nen wenig oder nichts der Erfahrung der Wahrnehmenden korre-
bildet. »Wer daran etwas findet, ich sage dir, der sieht die Dinge
spondiert und folglich ihre ästhetische Erfahrung entzündet: wie
falsch.« Dieser Appell aber kann nicht, wie der preisende, den
viele Bedeutungscharaktere die testende Imagination ihnen auch
Gegenstand seiner Anrede als positiven Grund seiner Rede zur
beilegen mag. Während das gelungene Werk in der ästhetischen
Geltung bringen.
Argumentation geltend gemacht werden kann als ein Explikat der
Erfahrungsweise, aus der es als gelungen erfahren wurde, wird Um die Eigenart ästhetischer Begründungen klarer zu fassen, ist
das mißlungene Objekt im ästhetisch unmittelbaren Interesse ein erneuter Blick auf die Rolle von epistemischen und prakti-
bestenfalls zu einem Exempel für Erfahrungen, die der Urteilende schen Gründen von Nutzen. Epistemische Gründe sind Aussa-
nicht vollziehen kann. Und das bedeutet hier: auch nicht vollzie- gen, die der Begründung einer Aussage dienen. Begründungen,
hen will. Ums stellvertretende Mit- und Nachvollziehen geht es für deren Gelingen die Gültigkeit epistemischer Gründe aus-
dem ästhetischen Kritiker nicht. Auch am Fremdartigen geht es schlaggebend ist, die also der Begründung von Aussagen (oder
ihm darum, die - verändernde - Strahlung aufs Eigene zu erfah- Aussagesystemen) gelten, sind theoretische Begründungen. Theo-
ren. Gelungen ist, was meine Erfahrung als angemessen erken- retische Stellungnahmen sind Aussagen, die nach einer epistemi-
nend anerkennt; nicht dagegen alles, worin eine Erfahrung sich schen Begründung verlangen. Mit einem Ausdruck von Tugend-
spiegelt (denn das ist oft nur signifikant). Was meiner ästheti- hat lassen sich die theoretischen Stellungnahmen als »selbstge-
schen Erfahrung als angemessene Präsentation erscheint, ist nügsame« Behauptungen kennzeichnen; der Anspruch, der mit
darum nicht eine Präsentation nur meiner Erfahrung. Es ist eine diesen Behauptungen erhoben wird, ist schlicht der, daß die
Präsentation von Erfahrungsgehalten aus dem Geist einer Ein- betreffenden Aussagen wahr sind. In den paradigmatischen Fäl-
stellung wie der meinen (die ich so vielleicht erst hier gewonnen len handelt es sich hier um deskriptive Aussagen. Diese - in
habe). Diese Angemessenheit ist nicht privater Natur, sie kann einem weiten Sinn von »theoretisch« - theoretischen Aussagen
ästhetisch behauptet werden. Das gelungene Kunstwerk verkör- bedürfen einer epistemischen Begründung, die sich im Nachweis
pert eine angemessene Sicht der Dinge im Kontext der Welt, aus der Wahrheit der zu begründenden Aussagen erfüllt.
der es etwas bedeutet. Angemessen wozu? Angemessen dazu, Obwohl auch hier Wahrheit beansprucht wird, verhält es sich bei
was in der bedeutungskonstitutiven Hinsicht die richtige Einstel- den Wertsätzen doch anders. Diese Behauptungen sind nicht wie
lung im gegenwärtigen Leben ist. die theoretischen »selbstgenügsam«, sie beziehen sich immer
schon auf ein Verhalten, das mit der Wertbehauptung befürwor-
Für Eduard ist das Gedicht von Paz ein Juwel der kontemplati- tet wird. Wertsätze als solche stellen Gründe dar für und gegen
ven und kommunkativen Vergegenwärtigung jener Erfahrung, ein bestimmtes Verhalten. In praktischen Argumentationen (und
die er im Gespräch mit Anton nicht recht fassen konnte. Aus zumal den ethischen) geht es also letztlich nicht um die Begrün-
dieser Erfahrung, so meint Eduard, sollte man sich in der theore- dung einer Aussage, sondern um die begründete Etablierung
tischen Arbeit (wie auch in der lyrischen Produktion) orientie- einer Handlungsweise; das resümierende Werturteil gibt hier
ren; wer hier die richtige Einstellung hat, der müßte das Geniale lediglich den definitiven Grund, der bestimmt, was das richtige
des Gedichts erkennen - und wer sie nicht hat, der möge hieran Verhalten ist oder wäre. Auch diese Aussage kann wiederum
beginnen, sie zu erwerben. Die Besprechung des Gedichts von begründet werden, eine Begründung, die in der Regel aus Aussa-
>Paz< hingegen wird Eduard mit einer solchen (expliziten oder gen verschiedener Art besteht (die Rechtfertigung der Behaup-
impliziten) Aufforderung zur Erfahrung nicht versehen - denn tung, daß es gut ist, der genetischen Forschung Grenzen zu
dieses Machwerk präsentiert keine Erfahrung, die zu teilen sich ziehen oder daß es für mich besser ist, den Sonnenaufgang zu
verschlafen, wird andere als nur Wertannahmen zu Rate ziehen). dung des ästhetischen Urteils gilt der Rechtfertigung der Sicht-
Das Prozedere einer solchen praktischen Begründung aber muß weise und Einstellung, deren Gehalt das gelungene Werk prä-
verstanden werden als die Ermittlung und Plazierung der letzt- sentiert. Es geht also auch nicht schlichtweg um die Begrün-
lich ausschlaggebenden Wertaussage. Deren Begründung gilt der dung eines ästhetischen Verhaltens; es geht um die Beglaubi-
Bereitstellung eines überzeugenden Grundes in der Entscheidung gung der einstellungskonstitutiven Erfahrungsgehalte, deren
für ein Handeln. Der Nachweis der praktischen Wahrheit einer Vergegenwärtigung das ästhetische Verhalten gilt. Die Begrün-
Aussage gilt stets ihrer Bestimmung, Stützung und Stärkung als dung des ästhetischen Urteils ist der Weg der ästhetischen Ar-
eines maßgebenden Grundes.1** gumentation, nicht ihr Ziel. Das Ziel ist die Erfahrung von und
Wiederum anders verhält es sich mit dem Geben ästhetischer mit Erfahrungen, die somit, durch die ästhetische Erfahrung,
Gründe. Zwar gibt auch das ästhetische Urteil einen abschließen- als eigene erfahren und erfahrbar werden. Der Sinn ästhetischer
den Grund, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten; was Begründungen liegt darin, sich des Potentials der eigenen Er-
gelungen ist, ist es wert, ästhetisch wahrgenommen zu werden. fahrung zu vergewissern - derjenigen, die wir haben, derjeni-
Insoweit gilt auch für ästhetische Begründungen die eben umris- gen, nach der es uns verlangt, derjenigen, zu der wir fähig sind.
sene allgemeine Logik ethisch-praktischer Begründungen. Im In kommunikativer Verwendung gibt ein ästhetisches Urteil
Vergleich zur epistemischen Argumentation aber ist der Begrün- daher immer einen Vorschlag zur Erfahrung. Diese Aufforde-
dungsgang hier ein weiteres Mal gebrochen. Das ästhetische rung zielt nicht primär darauf, etwas in Erfahrung zu bringen.
Werturteil nämlich gibt einen definitiven Grund für das ästheti-
Sie zielt auf die Teilhabe an einer Welt der Erfahrung, an einer
sche Wahrnehmungshandeln, indem es das ästhetische Objekt als
Form des Lebens, die der Urteilende um ihrer selbst willen für
positiven oder negativen Grund für das Haben, Machen und
richtig erachtet. Das ästhetische Objekt, das als Grund für
Teilen einer Einstellung vergegenwärtigt. Der Bestimmung und
diese Teilhabe vergegenwärtigt wird, wird in der ästhetisch po-
Plazierung dieses explikativen Arguments dienen die Formen der
sitiven Beurteilung angeführt als ein objektives Explikat einer
materialen und funktionalen Charakterisierung, deren genaueres
richtigen Sicht der Dinge, auf die es eine Sicht gewährt. Was
Ineinandergreifen noch zu erörtern sein wird. Gerade das ästhe-
nur mir meine Erfahrung präsent macht, ist nicht ästhetisch
tisch positive Urteil macht das Objekt seiner Rede in seiner
ästhetischen Beschaffenheit und Bedeutung geltend als einen gelungen. Kunstwerke sind keine Andenken, soviel sie auch zu
Grund für den Vollzug einer Erfahrung, um deretwillen die denken geben.
ästhetische Zuwendung sich lohnt. In thematischer Rede ist
dieser Grund keinesfalls formulierbar, er findet sich ausschließ-
c) Zum ästhetischen Interesse
lich im präsentativen Ausdruckszusammenhang - in den Aufwei-
sungs»gründen« - des ästhetischen Gegenstands. Der Nachweis
der Wahrheit einer ästhetischen Wertaussage gilt stets der expli- Obwohl die ästhetische Beurteilung sich nicht in der Begründung
kativ vergegenwärtigenden Erhellung eines Erfahrungsgrundes resümierender Wertaussagen erfüllt, sondern dem Geltendma-
(nun im wörtlichen und metaphorischen Sinn der Rede von chen des eigentlich ästhetischen Grundes gilt, ist die Frage nach
Gründen), der niemals auf den propositionalen Gedankeninhalt den Gründen in der Kunstkritik keineswegs belanglos. Worauf
behauptender Aussagen rückführbar ist. Ästhetische Argumenta- stützen sich die Argumente, mit denen ein gelungenes Werk zum
tion ist das Geltendmachen eines sich ausdruckhaft Zeigen- »Argument« gemacht wird? Wie läßt sich das ästhetische Inter-
den.'43 esse an einem Objekt »explikativ« rechtfertigen und gegenüber
einer bloß privaten Affinität als angemessen behaupten ? Und wie
Überspitzt gesagt, geht es in ästhetischen Argumentationen über- geht die »Rechtfertigung von Einstellungen« vor sich, die das
haupt nicht darum, eine Wertaussage zu begründen. Die Begrün- Haben von Erfahrung nicht nach bestimmten externen Gesichts-
punkten beurteilt, sondern um der Erfahrung willen, die so Wie eine Erinnerung an das vorangegangene Kapitel deutlich
erworben und erneuert wurde? macht, ist die damit verbundene thematische Auszeichnung
Vor den weitergehenden Antworten ist eine ganz andere Überle- durchaus sachlich begründet. Zur Formulierung des ästhetischen
gung gefordert. Denn es wird Zeit, die Prämisse zu überprüfen, Interesses ist es dort gekommen auf dem Weg der Unterschei-
die ich aus dem vorigen Kapitel übernommen habe - die Unter- dung von Möglichkeiten der Vergewisserung und Mitteilung von
stellung, das es so etwas wie das ästhetische Interesse überhaupt Erfahrungen. Eine dieser Möglichkeiten ist die Vergegenwärti-
gibt. Daß die ästhetische Wahrnehmung sich als Vergegenwärti- gung von Erfahrungsgehalten in ihrer situationsbildenden Inte-
gung von Erfahrungsgehalten vollzieht und das ästhetische Ver- grität. Diese Befragung, Vergewisserung und Kommunikation, so
halten diesem Bestreben und Bedürfnis dominant folgt - der war die Vermutung, ist nur in einem wahrnehmenden oder auf
Zweifel, ob es sich bei diesen großzügig zusammenfassenden dort Wahrnehmbares verweisenden Bezug auf ästhetische Ge-
Bestimmungen nicht um eine willkürliche Verengung handelt, genstände möglich; als präsentative Zeichen ermöglichen diese
hat einiges für sich. Das ästhetische Interesse, von dem her eine eine Vergegenwärtigung von Situationscharakteren, die sich von
Theorie des Ästhetischen sich ausführen ließe, regiert die ästheti- der situationsunmittelbaren Vergegenwärtigung partieller Hand-
sche Praxis nicht so ohne weiteres, wie ich das bislang vereinfa- lungsvoraussetzungen spezifisch unterscheidet. So naheliegend es
chend angenommen habe. Der Geschmack an gutem Wein und nun scheinen mag, das Interesse an einer ganzheitlichen Verge-
bizarrer Kleidung, die exklusive Vorliebe für Flötenmusik oder genwärtigung von Erfahrungen für ein schlechthin anthropologi-
für Bilder des späten Mondrian, das Interesse an der Lyrik des sches zu halten - die vorhin und jetzt erörterte Form seiner
Jahres 1914 oder an faschistischen Propagandafilmen sind nicht Befriedigung an ästhetisch-autonomen Gegenständen ist es ohne
zwangsläufig ästhetisch in der bisher fraglos unterstellten Bedeu- Zweifel nicht. Die Wahrnehmung ästhetischer Objekte dieser Art
tung - obwohl diese Interessen und die entsprechenden Bewer- ist die heutige Bedingung der Möglichkeit, Erfahrungen in ihrer
tungen in einem jeweils bestimmten Sinn durchaus ästhetisch simultanen Bedeutsamkeit inne zu werden. Und es sind die
sind. synthetischen Objekte der Kunst, welche die Möglichkeit und
Dieses Zugeständnis provoziert umgehend die weitere Frage, wie Ergiebigkeit dieser Wahrnehmung in allen ihren auch sporadi-
sich die nunmehr verschiedenen ästhetischen Interessen zueinan- schen Formen stets erneuernd offenhalten und erweiternd erkun-
der verhalten und wie es zur Auszeichnung des genannten einen den. Mit Verständigungstexten und Stadtteilfesten ist das auf die
Interesses kommt. Die Antwort kann nicht überraschen. Es ist Dauer alleine nicht zu machen. Ob entschieden avantgardistisch
dieses Interesse und die ihm zugehörige Beurteilungsweise, das oder nicht: Kunst ist ästhetische Avantgarde. Die vergegenwärti-
die ästhetische Praxis als eine eigenständige und eigenständig gende Autonomie des Kunstwerks, die seine ästhetisch-bedeu-
rationale konstituiert. Dieses Interesse ist keine Erfindung der tungshafte Situierung stets von neuem fraglich und nötig macht,
Ästhetik, es ist der seit Baumgarten und Kant reflektierten und gibt die Möglichkeit, es als Zeichen einer Situation und Erfah-
von den Reflexionen der Ästhetik beeinflußten ästhetischen Pra- rung erfahren zu können. Die ästhetische Situation der imaginati-
xis in weitläufigen Varianten erwachsen. Dieses Interesse ist es ven Situationsbildung aber ist ihrerseits ein Zeichen der spezi-
weiterhin wert, philosophisch verteidigt zu werden: im Aufweis fisch modernen, aus traditionalen Orientierungsbindungen ent-
der mit seiner relativen Verselbständigung wirklich gewordenen zweiten Situation.
Möglichkeit einer ästhetischen Dimension der Freiheit. In diesem Walter Benjamin hat verschiedentlich behauptet, in der Moderne
Interesse gründet die Vernunft des Ästhetischen; diesen Aspekt - und spätestens seit den Katastrophen des ersten Weltkriegs - sei
der Vernunft zur Geltung zu bringen, ist das normative Anliegen die Erfahrung unaufhaltsam im Schwinden begriffen; er belegt
der vorliegenden Analyse der Bedingungen der ästhetischen dies an einem Verfall bestimmter Formen des mündlichen Erzäh-
Wahrnehmung. lens.144 Nun ist bei Benjamin offenkundig von einem einge-
schränkten, auf traditionale Gesellschaftsformen zugeschnittenen überlebt hat, sind soziologisch am ehesten daraus zu erklären,
Typus der Erfahrung die Rede: von Erfahrungen, deren Bedeu- daß die ästhetische Kritik - und sei es der bloße Austausch
tung und lebenspraktische Folgen sich für einen unmittelbar ästhetischer Urteile - zur primären Form der Verständigung über
aktualisierbaren kollektiven Gemeinsinn ohne Mühe verständlich Lebenserfahrungen wird. Gleichzeitig wird das ästhetische Ver-
machen läßt. Benjamin spricht hier von Erfahrungen, deren halten zu einer spezialisierten Form der Wahrnehmung und
Erwerb gleichbedeutend ist mit dem Erhalt einer kommunikativ Kommunikation, die mit einer spezialisierten Form der Herstel-
mitteilbaren Lebenserfahrung. Auch ohne eine genauere Prüfung lung - wie mir scheint notwendig - zusammengeht: mit der
der vielleicht romantisierenden Voraussetzungen läßt sich Benja- Fabrikation ästhetisch-autonomer Zeichengebilde. Die Eigensin-
mins Diagnose versuchsweise akzeptieren: das Machen von Er- nigkeit der ästhetischen Praxis auch da, wo sie nicht künstlerische
fahrungen ist heute weniger denn je mit einer direkten Mitteilbar- und kunstbezogene Praxis ist, geht nicht aus einem grundsätzli-
keit nicht des Erfahrenen, sondern der Erfahrung verbunden. chen Verfall der Erfahrung hervor. Sie entsteht mit der zugleich
Das liegt nicht an einem Verfall der Sprache und Rede, sondern gefährdenden und befreienden Diffusion eines verbindlichen Zu-
an einer Veränderung der Lebenswelten, in denen Erfahrung sammenhangs der Erfahrungen, der sich im Erleben der Indivi-
möglicherweise zur Sprache kommt (welche Verfallserscheinun- duen kontinuierlich fortschreiben und traditional erneuern
gen in diesen Handlungsbereichen auch immer wirksam sein würde.
mögen). Die Situationen, die modern zur Erfahrung kommen, Diese bescheidenen Spekulationen machen einmal mehr klar,
sind nicht länger Provinzen und Bezirke einer fraglos gemeinsa- warum die Alternative zwischen auratischer und nichtauratischer
men Welt; in eminenten Erfahrungen gerät die Zugehörigkeit zu Erfahrung der Kunst und ästhetischer Phänomene, mit der Ben-
einer Lebenswelt selbst in Zweifel - nicht selten ist es diese jamin gelegentlich operiert hat, in dieser Opposition nicht haltbar
Teilhabe, die eine Revision erfährt. Damit aber ist den Konven- ist. Auch die modernste Kunsterfahrung ist häufig, wenn nicht
tionen eines zwanglosen Erzählens der Boden wenn nicht entzo- immer, auratisch: die mehr oder weniger einmalige Erfahrung
gen, so doch schwankend geworden. Mehr und mehr wird ein einer am Objekt erscheinenden Erfahrung, deren Situation uns in
Erzählen, das noch Geschichten und nicht lebensgeschichtliche dieser Wahrnehmung fern liegt, so nah uns die vergegenwärtigte
Daten erzählt, zu einer ästhetischen Kunst - und die Kunst zu Erfahrung auch liegen mag.145 Ich werde unten zu zeigen versu-
einem Seiltanz, der nichts mehr erzählt, dafür seine verschlüssel- chen, warum diese abgewandelte Definition der Aura die ästheti-
ten Luftübungen zeigt. sche Bezugnahme selbst auf Filmkomödien aus Hollywood oder
Auf diese artifiziellen Leistungen nun wird sich eine Mitteilung auf Bilder von Barnett Newman beschreibt. Was sich in der
von Erfahrungen mehr und mehr beziehen: das ästhetische Ob- Geschichte der ästhetischen Wahrnehmung radikal ändert, ist der
jekt wird zum Medium der Vergegenwärtigung von Erfahrungen, konstruierende und rezeptive Umgang mit den ästhetisch-aurati-
das nicht selbst in einen bestimmten Erfahrungszusammenhang schen Materialien und Phänomenen; in diesem Punkt, abgesehen
eingebunden ist, sondern von den ästhetisch Erfahrenden für die von den esoterischen Empfindlichkeiten, bleibt Adorno gegen
Besinnung auf ihre Erfahrungen produktiv gemacht wird. Dieses Benjamin im Recht. »Fundament« der ästhetischen Wahrneh-
Bedürfnis, das sich in unmittelbarer Kommunikation nur mehr mung ist nicht entweder das »Ritual« oder die »Politik«, ihr
erschwert und in reduzierten Formen verwirklichen kann, sucht Fundament ist das Konvergierende der Erfahrungen, die in der
und schafft sich hermetische und nichthermetische Quellen der ästhetischen Wahrnehmung als für die Gegenwart wesentlich
sei es einsamen, sei es auf veränderte Weise kommunikativen erfahren werden. Gerade damit, daß Erfahrungen nicht länger
Vergegenwärtigung praxiskonstitutiver Weltbezüge. Ursprung nur innerhalb der gegebenen sozialen Praxis mit vergegenwärtigt
und Persistenz des modernen Kunstverständnisses, das seine und angesprochen werden, sondern innerhalb des gesellschafts-
vielen Beerdigungen bislang so berauschend wie ernüchternd bildenden Handelns sich Praktiken des erfahrenden Umgangs
mit Erfahrungen etablieren, entsteht eine Form der Rationalität, Geschmacks verfährt nicht interpretierend; das Urteil der Vor-
die auf den Sinn der außerästhetischen Orientierungen nicht liebe ist nicht begründbar; Aussagen über die ästhetische Signifi-
rückführbar ist, wie sehr auch diese Orientierungen zum Inhalt kanz vernachlässigen den Aspekt der autonomen Gelungen-
der ästhetischen Erfahrungen werden. Das Interesse der Verge- heit.
genwärtigung von Erfahrungen im Modus ihrer Bedeutsamkeit Die beiden erstgenannten Urteilsformen fallen in den Bereich der
hat sich emanzipiert aus den Vorgaben der Handlungsbereiche, objektiv oder subjektiv präferentiellen Bewertung; die letztge-
in denen sich das gesellschaftliche Leben nach sozial festgelegten nannte Art der Beurteilung fällt für sich genommen in die
Funktionen durch Erfahrung organisiert. Zuständigkeit einer theoretisch (historisch und soziologisch) und
moralisch (und ideologiekritisch) orientierten Einschätzung und
Es kann hier nicht darum gehen, diese kunstsoziologischen Intui-
Kritik. Dennoch können alle diese Urteilsformen mit einigem
tionen ausführend zu belegen. Ich habe sie erwähnt, um die
Recht ästhetisch heißen: im ersten Fall, weil es um die Attraktion
Herkunft der Behauptung des ästhetischen Interesses (und den
von Gegenständen rein um ihrer empfindenden Wahrnehmung
Grund seiner Auszeichnung) verständlich zu machen. Die Gül-
willen geht; ebenso im zweiten Fall, in dem überdies ein Interesse
tigkeit der damit verbundenen Annahmen werde ich wie bisher
an der Vergegenwärtigung privater Erfahrungen maßgebend sein
nicht soziologisch oder historisch, sondern begrifflich belegen.
kann; ästhetisch ist auch die Signifikanzbeurteilung, weil (im
Ich werde wiederum zurückgehen auf Unterscheidungen, die
engeren Sinn) ästhetische Objekte insbesondere der Kunst es
grundlegend sind für die ästhetische Praxis heute, soweit sie einer
sind, die als solche zum Gegenstand einer (wenn auch nicht im
eigensinnigen Logik der Orientierung folgt. Eine indirekte Probe
engeren Sinn ästhetisch) interessierten Erläuterung und Erfor-
auf die soziologischen Intuitionen ist darin enthalten. Wenn die
schung werden.
Unterscheidungen, die ich in den beiden folgenden Abschnitten
(weiterhin in Verbindung mit Kant und Benjamin) treffe, etwas In keiner dieser Beurteilungsarten aber verkörpert sich die be-
für sich haben, dann spricht auch einiges dafür, daß der hier ins hauptete und gesuchte ästhetische Rationalität. Keiner liegt ein
Zentrum gestellte Begriff des ästhetischen Interesses für eine von den im vorigen Kapitel unterschiedenen Grundtypen der
soziologisch-historische Erklärung mehr für sich hat, als ich Rationalität spezifisch abweichender Modus der Rechtfertigung
raffend zusammengetragen habe. zugrunde. Nur die ästhetisch interpretierende und aktualisie-
rende Kritik bietet ein Modell der ästhetischen Rationalität im
Vor allem aber markieren die Differenzen, auf die es jetzt an-
strikten Sinn beider Begriffe.
kommt, zugleich Minimalbedingungen ästhetischer Rationalität.
Grundkriterium ästhetischer Rationalität nämlich ist die Beherr-
schung von Unterscheidungen, die eine unzweideutige Verstän- i. Geschmack
digung und Auseinandersetzung in ästhetischen Fragen über- Von dem »Reflexions-Geschmack«, den die »Kritik der Urteils-
haupt ermöglichen. kraft« zu ergründen sich vornimmt, unterscheidet Kant mit
Nachdruck die andere Art von ästhetischen Urteilen, deren
Erzeugung ausschließlich dem »Sinnen-Geschmack« obliegt.'46
Dieser beurteilt das Angenehme und ist privat (denn hier hat ein
d) Geschmack, Vorliebe, Signifikanz
jeder seinen eigenen Geschmack); jener beurteilt das Schöne und
macht einen rechtmäßigen Anspruch auf jedermanns Beistim-
Unter diesen Titeln möchte ich drei weitere Formen der in
mung (weil der Geschmack hier auf eine »allgemeine Stimme«
weiteren Bedeutungen ästhetischen Beurteilung unterscheiden.
sich besinnt). Während sich das Urteil des Sinnengeschmacks
Jeder dieser Bewertungsweisen fehlt ein jeweils anderes Grund-
nach Kant auf die Unmittelbarkeit des Wohlempfindens oder
merkmal der soweit am Modell der Kunstkritik erläuterten ästhe-
Mißvergnügens stützt, ist es für die Bewertungen des Reflexions-
tisch-kritischen Stellungnahme. Die Beurteilung des genießenden
geschmacks nicht nur legitim, sondern eigentümlich, universelle misch-funktionalen Wahl eines Weins, den ich mir finanziell
Ubereinstimmung zu fordern. Beim Sinnengeschmack läßt sich leisten kann und im Unterschied ebenso zur Präferenz für den
ein Konsens lediglich feststellen (freilich durch Gewöhnung und Wein, den ich aus alter Gewohnheit oder landsmannschaftlicher
Übung auch herstellen), was auch hier in der Regel zur Freude Verbundenheit (»nun einmal«) mag, setzt die Rede vom guten
der Beteiligten geschieht (einmal abgesehen von den exzentri- Wein die Verfügbarkeit von Geschmacks&rzferze« immer bereits
schen Snobs und polemischen Exzentrikern, die es lieben, in voraus. Dieser Wein hier ist gut, weil er herb ist - und zwar nicht
ihren ästhetischen Optionen mißfallend aufzufallen). kompromißlerisch halbtrocken und dünnblumig lau, sondern
Ich ziehe es vor, hier zwischen genießendem und verstehendem anständig trocken, ohne doch am Gaumen flach zu verkümmern;
Geschmack zu unterscheiden. Der deszendenten Karriere des er ist, was ein redlicher Elsässer oder Pfälzer Riesling (diese
Geschmacksbegriffs entsprechend liegt es zudem nahe, das Urteil Paradigmen eines guten Weißweins!) zu sein hat: vielstimmig
des genießenden Geschmacks abkürzend unter dem Titel des sauer. Gestützt auf Kriterien dieser (oder auch einer liberaleren)
»Geschmacksurteils« zu führen und dem Urteil der ästhetisch Art sind Geschmacksurteile einsichtig begründbar. Die evalua-
verstehenden Kritik den einfachen Namen des Ȋsthetischen tive Beschreibung, die dem Urteil zugrunde liegt, steht einer
Urteils« zu belassen. Gewiß versteht auch der verstehende Ge- intersubjekten Überprüfung offen. Das ist für die Delikatesse
schmack oft zu genießen und muß der genießende oft erst lernen, von Weinen nicht anders als in Fragen der Bequemlichkeit von
sich aufs Schmecken und Gefallen-Finden zu verstehen. Insofern Sesseln, der Gefälligkeit von Moden der Kleidung, der Besinnung
verweist die Opposition von Verstehen und Genießen allein auf auf den Selbstwert des Frühaufstehens bis hin zur Erörterung
eine Differenz im wertenden Gegenstandsbezug, die bestehen über den Reiz von Ferienorten. Auf der Basis von Kriterien ist
bleibt, wie immer Genuß und Reflexion sich jeweils vermischen die geschmackliche Präferenz behauptbar: intersubjektiv be-
und stimulieren. Das ästhetisch genießende Urteil bezieht sich gründbar sind diese Aussagen auf der Basis einer Ubereinstim-
auf die empfindend oder fühlend unterscheidbare Beschaffenheit mung in den herangezogenen Kriterien.'49
seiner unmittelbaren Gegenstände: das ästhetisch verstehende Die Notwendigkeit der Annahme solcher Kriterien, das »Wie der
Urteil dagegen bezieht sich auf die allein interpretativ erkennbare Präferenz«, auf das sich solche Urteile stützen, ist nicht selbst
ausdruckhafte Beschaffenheit seiner Objekte. »Reine reale begründend zu stützen. Die begründete Wahl ist hier die Folge
Dinge«, wie es bei Danto heißt, sind hier ohne Interesse, weil eines (mehr oder weniger kontingenten) subjektiven Wollens.
allein ausdruckhafte Gegenstände - allein das Ausdruckhafte der Insofern hat Kant auch wieder recht: die Begründbarkeit von
Gegenstände - von Interesse ist.'47 Urteilen des genießenden Geschmacks gehen auf das Faktum der
subjektiven Vorliebe und auf das Faktum eines intersubjektiven
Für beide Arten des ästhetischen Urteils sieht Kant die Möglich-
Konsenses der Vorlieben zurück. Diese Gemeinsamkeit aber ist
keit einer Begründung nicht vor. Bereits für das Geschmacksur-
nicht das Resultat von Erwägungen, sie ist mehr oder weniger
teil ist diese Festlegung allzu rigide. In einem begrenzten Maß
gemeinsam erworben; nur wer einmal auf den Geschmack ge-
sind diese durchaus begründbar. Denn auch der folgt einem
kommen ist, ist fähig, in Fragen dieses Geschmacks zu richten.
absurden - wie Kant sagt »lächerlichen«'48 - Sprachgebrauch, der
Andererseits hat ein »Ansinnen« der Übereinstimmung hier (im
behauptet, sich mit Weinen auszukennen und dennoch der An-
Unterschied zu Kants Auffassung) ohne Zweifel einen Sinn - nur
sicht ist, die guten Weine seien nur immer gut für ihn. Wer so
eben keine Argumente, d. h. kein irgend logisches Recht. An die
redet, verwechselt nicht zuletzt physiologische Verträglichkeit
geschmackliche Präferenz der anderen können wir nur appellie-
mit geschmacklicher Qualität. Wer dagegen über geschmackliche
ren : versuch's doch selbst, versuch's doch damit - und du wirst
Qualität befindet, wird sich auf evaluativ relevante Merkmale des
sehen! Worin freilich keine strenge Prognose, sondern eben ein
Gegenstands berufen, in deren Unterscheidung und Gewichtung
Vorschlag zum Teilen eines Genusses liegt. Die Aufforderung
er einen Vorzug objektiv begründet. Im Unterschied zur ökono-
zum Kennen- oder Schätzenlernen eines Vergnügens, die gele- sein, daß ein Pfälzer einen einheimischen Riesling seinem Elsässer
gentlich auf eine Aufforderung zur Erfahrung hinauslaufen wird, Verwandten vorzieht, obwohl der Elsässer gemessen am - akzep-
ist am eigenen Beispiel und am Beispiel berühmter Geschmacks- tierten - Kriterium des vielstimmig Sauren der eindeutig bessere
konversionen bloß illustrierbar. Der Streit zwischen den Anhän- ist. Weil er eine Vorliebe fürs Pfälzische hat, weicht der Pfälzer
gern mundvoller Blumigkeit vs. vielstimmiger Herbheit kann von seiner eigenen Geschmacksnorm ab: die Herkunft des Weins
ausgetragen werden allein im persuasiven Spiel der Lästerung und ist für ihn ein Grund, den objektiv schlechteren zu wählen. Die
Verlockung. Vorliebe als solche liefert (noch) keinen Grund, das Objekt dieser
Das im engeren Sinn ästhetische Urteil dagegen, so habe ich Neigung allgemein für vorzüglich zu halten; das subjektive Mo-
behauptet, enthält eine Aufforderung zur Erfahrung, die begrün- tiv reicht allenfalls hin, das abweichende Präferenzverhalten die-
det werden kann. So macht die kunstkritische Interpretation das ses Kenners zu erklären. Wenn es denn ein Kenner ist, wird er
gedeutete Werk zum wertenden Explikat einer an ihm bekräftig- sich hüten, aus der landsmannschaftlichen Bindung ein ge-
ten oder durch es gewonnenen Sichtweise. Anstatt auf der Basis schmackliches Kriterium zu machen und folglich einen generel-
einer vorhandenen - durch Erfahrung erworbenen - Präferenz len Satz zu behaupten (»die Pfälzischen Weine sind einfach die
zugunsten einer Wertaussage und damit für ein bestimmtes Ge- besten«). Obwohl ein geschmackliches Kriterium (»gute Weiß-
schmacksverhalten zu argumentieren, machen die Urteilenden weine sind vielstimmig sauer«) immer einer gegebenen Vorliebe
hier das Objekt ihres Urteils als Grund für das Haben der entspringt, ist die geschmackliche Vorliebe nicht als solche be-
Erfahrung geltend, deren Relevanz sie am ästhetischen Gegen- reits ein Kandidat für Kriterien einer möglichen Begründung.
stand oft erst erfahren haben. Das Plädoyer für ein Geschmacks- Gravierender ist die Verwechslung von subjektiver und objekti-
verhalten ist hier das Plädoyer für die verstehende Teilhabe an ver Präferenz im Bereich der im engeren Sinn ästhetischen Beur-
einer als gegenwartsadäquat erfahrenen Sichtweise und an Ein- teilung. Sie kommt der erwähnten Verwechslung von Kunstwer-
stellungen, die Folgen der ästhetisch bejahten Sichtweisen sind. ken mit privaten Andenken gleich. So könnte unser Pfälzer, den
es in die Ferne verschlagen hat, behaupten, dieser Wein hier
ii. Vorliebe bedeute für ihn die Pfalz, »wie sie leibt und lebt«. Ihm bedeutet
Sowohl vom ästhetisch-verstehenden als auch vom geschmack- er das - der Wein allein bedeutet gar nichts; Weine sind Getränke
lich-genießenden Urteil muß das Votum der ästhetischen Vor- und nicht Symbole - jedenfalls im Wirtshaus. Für den Pfälzer
liebe unterschieden werden. Dieses Urteil tut einen nicht be- und für das pfälzische Lebensgefühl mag dieser Wein durchaus
gründbaren, weil nicht objektivierbaren Vorzug kund. Es kann »mehr sein als bloß ein Getränk«; aber am Wein ist dieses
Lebensgefühl nicht ersichtlich: ich kann dieses Lebensgefühl
sich sowohl auf Objekte des sensuell-affektiven Gefallens als
nicht erklären, indem ich - einem Friesen - diesen Wein erkläre.
auch auf die Gegenstände der ästhetisch-verstehenden Beurtei-
Der Wein ist nicht Ausdruck einer Weltauffassung; beim Wein
lung beziehen; beide Male aber bezieht es sich nicht ausschlagge-
mag von dieser sich einiges ausdrücken. Und nicht bei einem
bend auf die sensuelle oder symbolische Beschaffenheit seiner
jeden - bei einem Kaiserstühler kommt dieser Pfälzer erst gar
Gegenstände, sondern auf den Grad der subjektiven Betroffen-
nicht in Fahrt.
heit und Affinität. Der Einfachheit halber unterscheide ich auch
hier wieder zwischen geschmacklicher und ästhetischer Vor- Der sentimental genossene Wein ist klarerweise ein Grenzfall:
liebe. geschmackliche Vorliebe und ästhetische Belehnung liegen hier
Von der geschmacklichen Vorliebe als der Basis des geschmack- auf einer Linie. Für die ästhetische Vorliebe eindeutiger paradig-
lich begründbaren Vorzugs war bereits die Rede. Interessant ist matisch ist der in jeder sonstigen Hinsicht wertlose Gegenstand,
hier der zusätzliche Fall, bei dem Vorzug und Vorliebe, zwei der mir auf Grund einer persönlichen Beziehung überaus am
Vorlieben verschiedenen Niveaus also, differieren. Es könnte Herzen liegt. Als Objekte eines ästhetisierenden Andenkens
können die ästhetisch abwegigsten Dinge dienen, denen die Leben als ein Kunstwerk Gottes, und als das ist es allerdings
subjektive Affinität eine Aura des Bedeutsamen verleiht, die sie beachtenswert, jedes Leben und alles. Doch kann nur der Künst-
für Unbeteiligte nicht haben und auch durch vieles Zeigen und ler das Einzelne so darstellen, daß es uns als Kunstwerk er-
Sagen nicht erhalten können. Der oben erwähnte Salzstreuer scheint; jene Manuskripte verlieren mit Recht ihren Wert, wenn
kann nach bestem ästhetischen Dafürhalten einfach plump sein, man sie einzeln, und überhaupt, wenn man sie unvoreingenom-
er kann überdies bis zur Unbrauchbarkeit disfunktional oder men, das heißt, ohne schon vorher begeistert zu sein, betrach-
beschädigt sein, dennoch kann ich ihn über alle Maßen schätzen, tet.« 1 ' 0 Begeisterung, Affinität und Sympathie sind in der ästheti-
weil es der Salzstreuer ist, den ich damals auf jener Reise mit jener schen Kritik durchaus gefragt, nur müssen sie von jenem Vor-
Gesellin unter jenen Umständen in jenem Restaurant habe mitge- schuß der Neigung unterschieden werden, der allein in den
hen lassen und kein Gegenstand auf der Welt mir diese damalige »subjektiven Privatbedingungen« seine Ursache hat und nicht der
Situation so in Erinnerung ruft wie eben dieser nach allen sonsti- wahrnehmenden Begegnung mit dem ästhetischen Gegenstand
gen Kriterien miserable Salzstreuer. Gegenstände der ästhetisch entspringt (auch hier also sind Kants Bedenken nicht ohne einiges
reinen Vorliebe sind Objekte, die ästhetisch relevant sind aus- Recht). Die ästhetisierende Vorliebe ist gleichgültig gegenüber
schließlich für die, die mit ihnen ein privates Erlebnis verbinden. den ästhetisch inkorporierten Gehalten. Uber ästhetische Rele-
Objekte des reinen Andenkens sind ästhetische Objekte ohne vanz und Gelungenheit kann die bloße Vorliebe nichts entschei-
ästhetischen Gehalt, ohne erkennbar präsentative Struktur. Sie den, weil sie sich um die interne Gelungenheit ihrer Objekte
werden mit einer solchen ausschließlich imaginativ versehen; was nicht schert. Die Gründe, die ich für meine Vorlieben angeben
für mich gehaltvoll ist, ist darum noch nicht selbst gehaltvoll. kann, sind immer nur meine Gründe, nicht aber solche, die
Nun könnte ein photorealistisches Gemälde einen überdimensio- Qualitäten des ästhetischen Gegenstandes zur Geltung bringen.
nal vergrößerten Salzstreuer genau des Typs zeigen, wie ich ihn Für die ästhetische Kritik dagegen gilt: »Was nur für einen
seinerzeit erbeutet habe und noch heute (trotz seiner Mängel und Einzigen Wert hat, das hat überhaupt keinen Wert.«15'
Macken) benutze. Aus dem Effekt einer unverhofften und unver- Daß die Vorliebe über den objektiven Wert nichts entscheidet,
hofft geadelten Reminiszenz würde mich das Bild sicherlich gilt auch dann, wenn Vorliebe und Wertschätzung miteinander
entzücken; ein Urteil über die ästhetische Qualität des Bildes kongruieren. Daß ich ein Faible habe für späte Mondrians, hebt
selbst gibt dieses Entzücken nicht. Die vorliebenartige Affinität den späten Mondrian, den ich in meine Räume hänge, nicht
kann ein Motiv sein, um sich auf eine Wahrnehmung der ästhe- schon über den frühen Ernst oder die Bildentwürfe von Male-
tisch-objektiven Qualitäten des Bildes einzulassen oder aber, wie witsch hinaus. Das Faible für Mondrian macht diesen nicht
es ja nicht selten geschieht, es bei der privaten Anrührung (oder gelungener als gelungen. Im übrigen muß diese Vorliebe nicht auf
Abstoßung) geschmäcklerisch zu belassen. konkret biographischen Anlässen beruhen. Sie kann ebensogut in
Eine Notiz von Wittgenstein gibt Anlaß zu einer grundsätzliche- ästhetisch-subjektiven Idiosynkrasien gründen. Es könnte sein,
ren Betrachtung. »Engelmann sagte mir, wenn er zu Hause in daß ich den späten Mondrian gerade daum liebe, weil einige
seiner Lade voll von seinen Manuskripten krame, so kämen sie dieser Bilder - neben einigen Sachen bei Matisse - zu den
ihm so wunderschön vor, daß er denke, sie wären es wert, den wenigen gehören, die eine dominante und doch produktive Ver-
andern Menschen gegeben zu werden. (Das sei auch der Fall, wendung der gelben Farbe haben, die ich für die heikelste aller
wenn er Briefe seiner verstorbenen Verwandten durchsehe). Farben halte. Ich liebe Mondrian, weil ihm die Rettung des
Wenn er sich aber eine Auswahl davon herausgegeben denkt, so Gelben gelingt. Von dieser Affinität zu der Behauptung, daß der
verliere die Sache jeden Reiz und Wert und werde unmöglich. Wert der späten Bilder von Mondrian in ihrer Rettung des
(...) Wenn E. seine Schriften ansieht und sie wunderbar findet Gelben liegt, ist es ein eigener Schritt: diesen Schritt kann ich tun,
(die er doch einzeln nicht veröffentlichen möchte), so sieht er sein nur muß ich dann Fragen zulassen, die im anderen Fall kaum
aufkommen werden. Wie realisiert sich diese Apologie einer richtig verstanden, keinen Modus des Gelingens fest; sie exempli-
Farbe in den einzelnen Bildern? Was ist der Unterschied zum fizieren ein Niveau möglichen Gelingens, das durch sie verän-
frühen Mondrian, außer daß er in der amerikanischen Zeit eben dernd eröffnet worden ist und das die nachfolgenden großen
mehr Linien - über?, auf? - die Bildfläche zieht und es daher auch Werke eröffnend verändern werden. Ästhetische Standards sind
zu mehr gelben Linien kommt? Liegt der Unterschied nicht eher Standards der Eröffnung, des möglich Gewordenen; keine Krite-
im Rhythmus als in der Farbe? Wie verhält sich diese angebliche rien der Entscheidung. Ästhetisch erfahren ist nicht, wer über
Rettung der Farbe zur Auferstehung der Farben in Newmans sichere Kriterien verfügt, sondern wer die Sicherheit hat, sich von
Serie »Who's afraid of red, yellow and blue?«, die doch gegen die seinen Vorurteilen zum ästhetisch Interessanten zwar oft führen,
Idealisierung der reinen Farben konzipiert war, wie sie Mondrian aber am Ziel nicht blenden zu lassen. Die auf Kriterien gestützte
und andere vorgenommen haben? Meinung über einen bestimmten Gegenstand ist in der ästheti-
Der Unterschied zwischen ästhetischer Vorliebe und ästhetischer schen Kritik immer nur eine Vormeinung, die am konkreten
Wertschätzung ist verstanden, wenn man sich klarmacht, daß die Objekt zur Prüfung steht. Nicht die Kriterien richten das Ob-
sogenannten Kriterien, deren wir uns im ästhetischen Verhalten jekt, sondern das Objekt, wenn an ihm etwas ist, berichtigt die
ja durchaus bedienen, hier primär eine Sache der Vorliebe sind. Bequemlichkeit der Kriterien. Ein noch so inniger Konsens über
Kriterien sind Faustregeln der Vorliebe, nicht Grundlage einer ästhetische Kriterien ändert daran nichts.
interpretierenden Kritik. Vor dem einzelnen Kunstobjekt hilft Mit anderen Worten, die ästhetische Wahrnehmung fängt da erst
ein Kriterium ästhetisch wenig: vor vielen ist es zu allerhand richtig an, wo die Kriterien ihren Dienst versagen. Soviel ist der
nutze. Kriterien sind brauchbar für die Auswahl der suchenden Begriffsangst der ästhetischen Puristen ohne Vorbehalt zuzuge-
Orientierung und für die Entscheidung von Käufern, aber nicht ben. Der auf einen vermeintlich objektiven, aber sachfremden
für die eingehende Kritik. Wer im Buchladen ein Buch will, ist Bewertungsmaßstab festgelegte Zugang beläßt es bei der äußerli-
mit Kriterien gut beraten. Wer ein Buch liest - was hat er von chen Vorliebe und läßt es zur eingehenden Liebe und erkennen-
seinen Kriterien! Er hat es gern komisch - aber wenn das Buch den Verachtung nicht kommen. Das gilt aber für Kriterien der
nicht komisch ist, was dann? Sie liebt die psychologische Raffi- »Vieldeutigkeit« und der rasenden »Unbestimmtheit« genauso
nesse - nur ist davon hier nichts zu finden und trotzdem ist's gut. wie für solche der parteilich genauen Wiedergabe. Anstatt vorher
Spannend haben alle es gern - die einen finden die Spannung bei schon zu wissen, daß das Gute ergreifend unbestimmt oder
Joyce, die anderen bei Hammett, die einen bei Mondrian, die schöpferisch widerspiegelnd ist, lassen die ästhetisch Wahrneh-
andern bei Wols, die einen bei Webern, die anderen bei Parker. menden, die nicht sicherheitshalber auf die ästhetische Lust
Und möglicherweise haben sie alle recht, denn das ästhetisch verzichten, sich subjektiv auf den Ausdruck ihrer Gegenstände
Gute ist immer spannend, nur eben auf tausendfältige Art. ein, der auch den Sinnen - unbestimmt vieler - anderer aufgehen
Aber wir haben doch Kriterien, auf die gerade eine objektivie- könnte, wenn diese es nicht beim Zaudern der Vorlust beließen.
rende Wertung sich maßgeblich stützt! Nein: wir haben die »The problem of the critic, as of the artist, is not to discount his
gelungenen Werke, die wir aus praktischen Gründen gelegentlich subjectivity, but to include it; not to overcome it in agreement,
auf Kriterien verkürzen. Ästhetischer Maßstab ist allein das but to master it in exemplary ways.« 1 ' 2
ästhetisch Gelungene, das nach keinem fixen Maßstab gelungen
ist. Damit ist gesagt, daß die gelungenen Werke in einem be-
in. Signifikanz
stimmten Bereich in der ästhetischen Beurteilung als Koordina-
ten fungieren, die sich genau dann verändern, wenn wir auf Während das Urteil der Vorliebe signifikant ist lediglich für den,
herausragend und neuartig Gelungenes stoßen. Die ästhetischen der es äußert, schreiben Signifikanzbewertungen ihren Gegen-
Standards, die die innovativ gelungenen Werke setzen, legen, ständen die objektive Eigenschaft zu, für einen bestimmten Um-
stand auf besondere Weise bezeichnend zu sein. Gegenstand der
Vorliebe ist das Objekt eines derzeitigen Gefallens; Gegenstand unseren Salzstreuer, könnte Senfspender und Ketchupflaschen,
der Signifikanzaussagen ist das Objekt seiner Zeit oder Art. könnte die Emblematik der Snack-Bars und Coffee-Shops zu
Aussagen dieser Art freilich sind nicht primär ästhetisch, sondern Anlässen einer ästhetisch sensibilisierten Deutung machen, ohne
in Zusammenhängen eines theoretischen Begründens oder auch doch zugleich der Meinung zu sein, diese Objekte seien für sich
der moralischen Kritik von Belang. Denn behauptet wird hier, genommen ästhetisch relevant. Diese Möglichkeit der Betrach-
daß etwas - einzelne Aussagen, Objekte, Handlungen, Ereig- tung resultiert aus dem oben erörterten Umstand, daß prinzipiell
nisse, Biographien usw. - einzigartig oder stellvertretend auf- jedes Objekt wie ein ästhetisches angesehen und aufgenommen
schlußreich ist für einen allgemeineren Zusammenhang empiri- werden kann - ob es diesen Versuch nun unmittelbar entlohnt
scher oder begrifflicher Art. Zu einer Sonderform des ästheti- oder nicht.
schen Urteils wird die Signifikanzbewertung zunächst einfach Auch die reine Vorliebe verfährt ja in dieser Weise mit ihren
dadurch, daß Gegenstände auf Grund ihrer ästhetischen Verfaßt- Objekten. Von der privativen Belehnung der Vorliebe aber un-
heit für signifikant befunden werden. Ästhetischen Objekten terscheidet sich die generalisierende Beurteilung der Signifikanz
wird eine dokumentarische oder symptomatische Bedeutung zu- diametral. Ist jene affektiv, so ist diese methodisch begründet. Bei
gewiesen. Aus dieser Warte werden Kunstwerke nach ihrem der Signifikanzermittlung blenden die Wahrnehmenden das Vo-
Wert als zeitgeschichtliche und natürliche kunstgeschichtliche tum ihrer subjektiven Affinität aus, wenn es darum geht, den
(und insofern auch zeitgeschichtliche) Dokumente oder als Para- Ausdruckswert der vorgenommenen Gegenstände zu erfassen -
digmen einer ideologiekritischen Betrachtung beurteilt. Um äs- oder blenden es auf eine ausschließlich heuristische Beihilfe
thetische Signifikanzurteile aber handelt es sich nur, wenn es die zurück. Auf eine radikale Weise befolgt dieses Vorgehen den von
präsentative Struktur von Gegenständen ist, die um Aufschluß Gadamer hermeneutisch propagierten »Vorgriff der Vollkom-
ersucht wird über historische, soziale oder auch philosophische - menheit«.1'4 Der aus unserer ästhetisch aktuellen Einschätzung
und kunstphilosophische - Themen. Wenn das doppelseitige vollkommen irrelevante Salzstreuer wird besehen wie ein ästhe-
Bemalen von Leinwänden allein die materielle Armut des betref- tisch ausdrucksstarkes Gebilde. Die Vermutungen darüber, wo-
fenden Malers dokumentiert, so liegt darin keine ästhetische für bestimmte Objekte in bestimmten Kontexten ästhetisch signi-
Signifikanz. Wenn das Oeuvre eines nach heutiger Einschätzung fikant sein mögen, liefern hier zugleich - theoretische - Kriterien
zweitrangigen Malers zum Paradigma einer bestimmten Stilart, dafür, inwieweit die gesuchte präsentative Exemplarität in den
einer bestimmten Naturauffassung oder einer bestimmten Habi- vorliegenden Fällen gegeben ist. Das Unding von einem Salz-
tusform erklärt wird, haben wir es mit ästhetischen Signifikanz- streuer kann so zu einem Inbegriff der Plastikkultur werden,
behauptungen zu tun. Es scheint problemlos zu sagen: Ästhe- wenn es in seiner trivialen Formung zum aufschlußreichen Ex-
tisch signifikant sind Gegenstände, die ästhetisch relevant sind empel eines gesellschaftlichen Verhältnisses zu den reprodukti-
derart, daß sie (vorzüglich) geeignet sind, als Belege oder Bei- ven Genüssen erhoben wird; auf diesem Weg kann es für einen -
spiele zu dienen für Aussagen über eine Epoche, eine Gattung, über externe Fragestellungen herangetragenen - Erfahrungszu-
ein Oeuvre..., kurz: über einen theoretischen oder politischen, sammenhang signifikant werden, von dem es, allein für sich
historischen oder kunsthistorischen Zusammenhang. besehen, nichts entbirgt: den es als einzelnes Ding in keiner
Nur ist die Sache ganz so einfach nicht. Denn das ästhetisch Weise zu entdecken verlockt.
signifikante Zeichen muß nicht im erläuterten Sinn auch ästhe-
tisch relevant sein (und nur ästhetische Artefakte können ästhe- Die (in einem meist theoretischen Interesse) ästhetisierende Si-
tisch signifikant sein). Ein von Benjamin inspirierter Soziologe, gnifikanzbewertung macht eine Vorgabe - der Gelungenheit/
der den »Ausdruckszusammenhang«1'3 einer Epoche zum Ge- Schönheit oder zumindest der Relevanz - , die das Urteil der
genstand seiner Untersuchungen macht, könnte Objekte wie ästhetischen Kritik nicht gibt. Ohne diese wie immer metho-
disch-experimentierende Vorgabe (oder eben Feststellung) der
ästhetischen Relevanz kann es eine Ermittlung der ästhetischen ist als ein memento der Vergeblichkeit eines die poetischen
Signifikanz von etwas nicht geben - weil anders eine ästhetische Wörter stur reihenden Wollens.
Phänomenalität von Gegenständen überhaupt nicht wahrnehm- Wir erinnern uns des armen >Paz<. Immerhin hat auch seine karge
bar ist. Kein Gegenstand ist ästhetisch signifikant, der nicht Erfindung im theoretischen Zusammenhang allerhand Aufschluß
zuvor - und sei es hypothetisch - als ästhetisch relevant angese- geboten: gerade das Mißlungene war hier signifikant für die
hen wurde. Denn nur in einer ästhetisch-kritischen Wahrneh- Reichweite und Grenze der ästhetischen Relevanz. Der wahre
mungsweise ist er als ästhetisch ausdruckhafter gegeben. Aus Paz dagegen wäre ein interessantes Beispiel nicht nur in Zusam-
diesem ontologischen Vorrang der kunstkritischen Beurteilungs- menhängen der ästhetischen Theorie, sondern etwa für ein Ver-
weise freilich folgt keine epistemische Priorität der ästhetisch- stehen der Reflexionen, die Adorno über das im Erkennen zum
kritischen gegenüber der theoretisch-informierenden Beurtei- Erkennen »Hinzutretende« zum besten gibt. 1 ' 6 Diese Funktion
lungsweise, weil Daten über den (Entstehungs-)Kontext eines kann das Gedicht von Paz freilich nur erfüllen, weil es gelungen
Werks prinzipiell zugleich mit seiner Bewertung und Anerken- ist und in seiner Gelungenheit als ein bedeutsames Explikat
nung als Kunstwerk erreichbar sind. Aber erst wenn ein Gegen- eingeführt wird. Behauptungen zur ästhetischen Signifikanz wer-
stand als ästhetisch relevant gesetzt oder vorausgesetzt ist, treten den schnell absurd, wenn die Frage der ästhetischen Valenz ganz
Signifikanz und Gelungenheit als alternierende Bewertungen aus- vernachlässigt wird. Ausklammerung der Wertung darf nicht
einander. Was gelungen ist, ist gelungen-als; was signifikant ist, Blindheit für den Wert bedeuten. Sonst kämen wir dazu, die
ist signifikant-für. Signifikant sind ästhetische Objekte für Zu- Kempner wie die symbolistische Lyrikerin zu behandeln, die sie
sammenhänge, in denen sie an ihrem Ort und in ihrer Zeit stehen; bloß gelegentlich sein wollte. Sonst kommt man leicht dahin, das
die gelungenen Gegenstände dagegen sind gelungen nicht als Exemplar einer ästhetischen Gattung, an dem sich die Merkmale
Zeugnisse für einen externen Zusammenhang, sondern als Me- dieses Genres besonders gut darstellen lassen, darum bereits für
dien der durch sie konstituierten und vermittelten Erfahrung, aus ein ästhetisch hervorragendes Produkt dieser Gattung zu halten.
welchen Bedingungen sie auch entstanden sein mögen. »Das Was signifikant ist, ist nicht notwendig darin gelungen, wofür es
Kunstwerk ist nur nebenbei ein Dokument. Kein Dokument ist signifikant ist; und was gelungen ist, ist nicht in dem, als was es
als solches ein Kunstwerk.«' 55 gelungen ist, auch sogleich signifikant.
Näherliegende Beispiele für diese Differenz liefern die Tragödien Leni Riefenstahls 1934 über den Reichsparteitag der NSDAP
und Tragikomödien der künstlerischen Intentionen. Ein beson- gedrehter Film »Triumph des Willens« ist ein historisches Doku-
ders unsägliches Gedicht von Friederike Kempner kann außeror- ment von außerordentlichem Rang, weil es sich hier um eine
dentlich signifikant sein für das Selbstbild als Dichterin, das diese ästhetisch hochartikulierte Darbietung weniger der Ereignisse
Autorin von sich hatte. Der Nachweis dieser Behauptung wird des Parteitages handelt als vielmehr davon, wie die faschistischen
sich auf Daten über Person und Werk stützen; auf dieser Basis Ideologen sich die Aufnahme ihrer Inszenierungen auf Seiten des
geführt wird dieser Nachweis durch eine Explikation des betref- untertänigen Volkes erträumt haben. Wie real diese Träume
fenden Gedichts, die nun gewiß nicht kunstkritisch verfährt geworden sind, ist für den Wert dieses Dokuments nur sekundär
(denn da gäbe es wenig zu sagen), sondern den Sinn der angewen- von Bedeutung - ein großer Erfolg beim Publikum - und gerade
deten poetischen und subpoetischen Verfahren im Lichte dessen beim Publikum untergeordneter Parteiversammlungen - ist der
erläutert, was das Poem evozieren soll. Noch das miserable Film wegen seiner artifiziellen Überspanntheit nie gewesen; die
Kunststück ist oft vollendet signifikant für die blendende Ambi- Verblendungen dort waren wohl konkreter als die der Bewegung
tion, die an ihm seine Spuren hinterlassen hat - und sonst keine. im Film verliehenen metaphysischen Weihen. Auch wenn man
Signifikanz für ein dichterisch vergebliches Bemühen ist eben das in Rechnung stellt, ist Riefenstahls Film nicht nur im ästheti-
etwas ganz anderes als die Schönheit eines Gedichts, das gelungen schen Kontext - für die Geschichte des Propagandafilms - signi-
fikant; er ist auch historisch höchst aufschlußreich, weil er eine herab, um daraufhin als ein winziges Männlein zwischen den
genuine Ausdrucksleistung vollbringt, die ihm nicht erst metho- Heerscharen seiner gebannten Getreuen entgegen der überdi-
disch eingesehen werden muß. »Eine genuine Ausdrucksleistung mensionalen Bühne seines keuchenden Auftritts stolzierend zu
vollbringen« heißt aber doch, ästhetisch gelungen zu sein - sind eilen: das ist weit absurder als ein Chaplin, der, Hitler markie-
dann Signifikanz und Gelungenheit hier nicht notwendigerweise rend, verzückt den zum Platzen gespannten Luftballon der Welt-
identisch, anstatt nur zwei verschiedenartige (wenn auch gleich- kugel umschmeichelt. Gelungen, oder angemessener: erschüt-
zeitige) Auszeichnungen zu sein? Nein - weil Gelungensein nicht ternd ist diese Sequenz, weil sie in ihrer grotesken Steigerung ein
immer bedeutet, im Sinne der Erfinder gelungen zu sein. vollendeter Ausdruck der barbarischen Absurdität des Führer-
Das wird klar bei einer genaueren Differenzierung der Beurtei- prinzips ist. (Nicht von ungefähr arbeiten die bedeutenden anti-
lungsmomente, die hier einschlägig sind. Ob gelungen oder faschistischen Spielfilme häufig mit mehr oder weniger kraß
nicht: ästhetisch relevant ist der Film einmal darum, weil er einen komisierenden Mitteln.IS7)
filmhistorisch interessanten und einmaligen Schnittpunkt dar- In der Hinsicht, in der diese Sequenz eine »genuine Ausdrucks-
stellt; er kreuzt die Techniken des russischen Revolutionsfilms leistung« noch heute enthält, ist sie gerade nicht signifikant. Sie
mit dem deutschen Stil neusachlich montierter Dokumentarfilme ist signifikant nicht für die Absurdität des Führerprinzips, son-
in einer Weise, durch die das auf synthetische Wahrnehmungslei- dern für das Führerprinzip und die Art seiner Propagierung. Nur
stungen und die ordnungsstürzende Spontaneität der politischen selten ist ein ästhetisches Erzeugnis der Vergangenheit dokumen-
Massen bauende Pathos der frühen sowjetischen Agitationsfilme tarisch aufschlußreich in eben der Hinsicht, in der seine Aus-
jetzt der nackten Verherrlichung des Führerprinzips weicht; es drucksleistung in der Gegenwart von andauerndem Interesse ist.
weicht der Glorifizierung einer rituellen Ordnung, die dem Gerade ein ästhetisch unmittelbares Interesse, das nicht blind
demokratisch verwirrten Menschenleben eine hierarchische Hei- aktualisierend die Werke verschiedener Zeiten verschlingt, als
lung angeblich wieder und endlich verleiht. Ästhetisch relevant seien sie alle just entstanden, wird für den Unterschied zwischen
ist der Film also zumindest darum, weil er für eine künstlerisch historischer Signifikanz und aktueller Prägnanz hellhörig blei-
wichtige Entwicklung signifikant ist. Die Signifikanz des Films ben: und oft in dieser Differenz einen besonderen Reiz der
aber erstreckt sich nicht allein auf den Aufschluß, den er über ästhetischen Wahrnehmung finden. Ein Verhalten zu ästhetisch
kunstrelevante Faktoren gibt. »Triumph des Willens« ist - in überlieferten Objekten dagegen, das auf der Identifizierung ihrer
seiner ästhetischen Machart - historisch signifikant, weil er zu Gegenstände mit den ihnen historisch zugeschriebenen (oder
seiner Zeit von politisch maßgebender Seite (dem Goebbelsschen doch historisierend zuschreibbaren) Bedeutungen besteht, läßt
Propagandaministerium) nicht nur in Auftrag gegeben, sondern sich, was die ästhetische Erfahrung betrifft, auf die Alternative
dort auch als gelungen bewertet wurde. Der Film wurde als ein zwischen preisgebender Einfühlung und vergessener Abschrei-
authentischer Ausdruck der faschistischen »Bewegung« verstan- bung ein: auf die Wahl zwischen zwei Illusionen, denen nur die
den. Aus heutiger Sicht gelungen aber ist der Film nicht, weil konsequent zu folgen vermögen, denen ein lebendiges Interesse
Goebbels an ihm Gefallen fand. Zumindest passagenweise ist der am Ästhetischen aus Gründen der methodischen, ideologischen
Film eine ästhetisch gewaltige Projektion, weil er das nationalso- oder hagiographischen Entsagung längst abgestorben ist.
zialistische Projekt in erschreckender Weise exponiert. Aus Mit wenigen Worten: Ästhetisch signifikant sind Objekte nach
kunstkritischer Warte würde ich behaupten, daß die überdau- ihrem Wert als Dokumente der Erfahrung, aus der sie stammen;
ernde Brillanz gerade der Anfangssequenz darin liegt, daß die als ästhetisch gelungen werden Ausdrucksmedien bewertet ge-
Verstellung der Szenerie für die heutige Erfahrung etwas umwer- mäß ihrer Kraft, geteilte oder teilbare Erfahrungen zu präsentie-
fend und tödlich Komisches hat. Uber hundertausenden block- ren: gemäß der Erfahrung, die sie aktuell bedeuten.
weise geordneten Untertanen schwebt der gottgleiche Führer
e) Kommentar, Konfrontation, Kritik chen. Jedenfalls dann nicht, wenn im Auge behalten wird, daß es
am Thema der »ästhetischen Kritik« nicht um ein Spiel der
Es ist jetzt möglich, eine strukturelle Beschreibung des Sprach- Prämierung geht, das der ästhetisch substantiellen Erfahrung
spiels der ästhetischen Kritik zu geben: wie sie in ihrer Beurtei- äußerlich hinzutritt, sondern um die primäre Auffassungsweise
lung verfährt, worauf ihre resümierenden Wertungen sich stüt- von Kunstwerken und anderen ästhetischen Gegenständen -
zen. gleichgültig, ob deren Wahrnehmung zu einer expliziten Kritik
Die vorstehenden Betrachtungen haben in negativer Abgrenzung faktisch ausgeführt wird.
herausgestellt, worum es der ästhetisch-kritischen Überlegung Diese Vorbehalte legen es nahe, innerhalb der kunstkritischen
und Bewertung geht. Eine positive Erläuterung kann nur gelin- Rede zwei Charakterisierungsformen zu unterscheiden, die Mo-
gen, wenn die vorausgegangenen Abgrenzungen nicht als einfa- mente der Interpretation und Wertung auf ihre Weise beide
che Ausgrenzungen mißverstanden werden. Die subjektive Reak- enthalten, ohne alleine die kunstkritische Interpretation und
tion der Sympathie spielt für die ästhetische Beurteilung eine Wertung zu geben. Der ästhetische Kommentar macht Aussagen
Rolle ebenso wie die Kenntnis und Erkenntnis der Signifikanz zum ästhetischen Material auf der Basis hypothetischer An-
ihrer Gegenstände. Bekundungen der Affinität und Aussagen zur nahmen zur ästhetischen Funktion; Aussagen der ästhetischen
dokumentarischen und kontextuellen Qualität von Kunstwerken Konfrontation treffen Feststellungen zum Wie der funktionalen
gehören dem Sprachspiel der ästhetischen Kritik wesentlich zu: Relevanz auf Grund der subjektiv-unmittelbaren Reaktion aufs
nur sind es nicht die Wertungen der Vorliebe und der Signifi- ästhetische Material. Die ästhetische Kritik leistet eine zugleich
kanz, um die es dieser Art der ästhetischen Wertung, um die es aktualisierende und objektivierende Synthese aus Kommentar
im »ästhetischen Urteil« geht. Die Gründe der ästhetischen Kri- und Konfrontation. Erst die im engeren Sinn kunstkritischen
tik sind auf die Gründe der subjektiv-präferentiellen Einschät- Aussagen geben eine Bestimmung zum präsentativen Gehalt
zung und der theoretisch-wissenschaftlichen oder moralisch- ihrer Gegenstände; nur im Kontext ihrer Verwendung zur Erhel-
politischen Beurteilung nicht rückführbar; und doch ist die äs- lung der gegenwärtigen Ausdrucksfunktion ästhetischer Objekte
thetische Argumentation nicht von den Inhalten separierbar, die fungieren Aussagen des Kommentars und der Konfrontation als
dort zur Verhandlung stehen. Argumente der ästhetischen Kritik.
Wer den Sinn ästhetischer Argumentation verstehen will, ist gut
beraten, der in der neueren Ästhetik allzu üblichen Art der 1. Kommentar
Aufteilung zwischen ästhetischer »Beschreibung«, »Interpreta- Der ästhetische Kommentar macht Aussagen zur materialen Re-
tion« und »Bewertung« nicht blind zu vertrauen.'58 Die Unter- levanz und über die historische, kunsthistorische und biographi-
scheidung ist völlig unangemessen, sofern eine Trennbarkeit ihrer sche Signifikanz seines Gegenstandes, soweit diese für die ästheti-
Glieder behauptet wird; sie ist irreführend, wenn behauptet wird, sche Phänomenalität eines Werks von Bedeutung ist. Der Kom-
es seien dies die Grundtypen von Aussagen über ästhetische mentar trifft Bestimmungen darüber, welchem geschichtlichen
Gegenstände. »Beschreibungen« des ästhetischen Materials, Zusammenhang ein Kunstobjekt entstammt und welches die
wenn sie denn ästhetische Charakterisierungen bieten, sind we- Eigenschaften sind, die seine präsentative Artikuliertheit bestim-
sentlich auch interpretativ; »Interpretationen« des Gehalts, der men.
funktionalen Relevanz, ästhetischer Objekte sind notwendiger- Der Zusammenhang dieser beiden Aspekte der kommentieren-
weise bereits wertend - wenn es denn ästhetische Interpretatio- den Rede ist unschwer zu erkennen. Der Kommentar sichtet die
nen sind. Obwohl sich manches Sinnvolle in und mit ihr sagen Qualitäten, die ein ästhetisches Objekt ästhetisch definieren; zur
läßt, ist die gewohnte Dreiteilung wenig geeignet, die entschei- materialen Relevanz eines Kunstwerks aber gehört seine ästheti-
denden Gelenkstellen der ästhetischen Kritik einsichtig zu ma- sche Position, gehört seine Signifikanz im kunsthistorischen Zu-
sammenhang oft wesentlich dazu. Daß Riefenstahls »Triumph eine Abwechslung kann nichts schaden. Barnett Newmans
des Willens« ohne den sowjetischen Revolutionsfilm nicht denk- »Who's afraid of red, yellow and blue m« »ist ein Riesenbild, es
bar ist, ist eine Aussage über ästhetische Eigenschaften des Films, mißt in der Höhe 2,45 m und in der Breite 5,44 m. Die Farben des
insbesondere über die Art der Montage und die Verwendung Bildes sind Kadmium-Rot, Kadmium-Gelb und Ultramarin-
stilisierender Mittel; diese Adaption ist ohne eine Betrachtung Blau. Unten links ist das Bild signiert >Barnett Newman 6j<«. li9

der damit geleisteten ideologischen Kontrafaktur nicht sinnvoll Daß gute Beschreibungen oft am Einfachsten beginnen, heißt
zu beschreiben. Der ästhetische Gegenstand steht nicht außer- nicht, daß Beschreibungen sich nur an das Einfache halten; das
halb der Zeit, in der er entstanden ist und aus der er zu uns ästhetisch orientierte Beschreiben ist genauso schwierig wie das
kommt: das gilt nicht allein für seinen möglichen Wert als Zuschreiben und die aphoristische Kondensation - und dort
historisches und kunsthistorisches Dokument, es gilt nicht min- kann man es sich meist weniger gut leicht machen als hier. Mit
der für seine ästhetisch unabhängige Konstitution. Ebensowenig einiger Phantasie gelesen, deutet die Fortsetzung der Beschrei-
steht er außerhalb der Zeit, in der wir ihm begegnen: darin liegt bung von Max Imdahl, die einem extrem einfach zu beschreiben-
seine riskante Unabhängigkeit von den Intentionen und Deutun- den Gegenstand gewidmet ist, die exzessiven Weiterungen des an
gen, die sein Werden und Wirken begleitet haben. Bildern, Büchern, Gebäuden, Musikstücken usw. Beschreibungs-
Im Kontext der ästhetischen Kritik steht das kommentierende möglichen an. »Newmans Bild ist eine mit Ölfarben bemalte
Nachzeichnen und Aufzeigen zeitgeschichtlicher und kunst- Leinwand. Dabei spielen Operationen des Malens selbst eine
geschichtlicher Designationen ausschließlich im Dienst der ma- Rolle. Die anonyme Homogenität des beherrschenden Rot ist das
terialen Charakterisierung der ästhetischen Gegenstände. Der Ergebnis äußert disziplinierter Malvorgänge, die als solche sozu-
ästhetische Kommentar steht nicht notwendig in unmittelbar sagen subkutan spürbar bleiben. Das linke Blau (15 cm breit)
kunstkritischen Diensten; in kunstkritischer Funktion gilt er der spielt dagegen in offenen, unmittelbar deutlichen Valeurs. Ho-
vorbereitenden, versichernden und erweiternden Bestimmung mogen ist wiederum das rechte Gelb (2,5 cm breit). Während
des in Rede und zur Wahrnehmung stehenden ästhetischen Ob- aber die Grenzlinie zwischen diesem homogenen Gelb und dem
jekts. Diese Bestimmung gilt denjenigen Momenten, Partien und Rot geringfügig unregelmäßig verläuft, ist das valeurreiche Blau
Zusammenhängen des ästhetischen Objekts, die für die Bestim- strenger gegen das Rot abgesetzt.«160
mung seines Gehalts von ausschlaggebender Bedeutung sind. Der Einfach an den Aussagen des beschreibenden Kommentars ist
Kommentar führt an das Potential der (möglichen) Bedeutung nur das Kriterium, auf das sie sich stützen: Kriterium ist der
hin oder führt in es ein; eine Explikation des ästhetischen Gehalts ästhetische Gegenstand, wie er sich auch einer ästhetisch (noch)
leisten die kommentierenden Aussagen selbst nicht. uninteressierten Wahrnehmung bietet. Es sind nicht eigentlich
Ich habe oben (187 ff.) bereits zwischen beschreibender und ästhetische Qualitäten, die so beschrieben werden; es sind Eigen-
zuschreibender Kommentierung unterschieden. Es kommt jetzt schaften, die wahrgenommen werden müssen, um die ästhetische
darauf an, den Beitrag zu bestimmen, den die beiden Grundarten Eigenart des Gegenstandes wahrzunehmen. In der bildenden
der ästhetisch-materialen Charakterisierung für die ästhetische Kunst sind das Eigenschaften des physischen Objekts, in dem das
Kritik leisten; dabei wird nach den Kriterien zu fragen sein, auf Werk sich materialisiert; in der Literatur gehört dazu die Rekon-
die sich die entsprechenden Aussagen jeweils stützen. struktion der Handlung (sofern es eine gibt), die äußere Gliede-
Beschreibend nenne ich solche Sätze des ästhetischen Kommen- rung eines Textes, das verwendete Vokabular, oft auch die Be-
tars, aus denen für die ästhetische Wertung nichts folgt, die aber stimmung der Gattung; in der Musik die Charakterisierung der
Aussagen machen über Eigenschaften des ästhetischen Objekts, äußeren Anlage und Einteilung und der Besetzung der entspre-
die für seine ästhetische Auffassung und Beurteilung von Bedeu- chenden Stücke. Für diese und andere Kunstformen haben sich in
tung sind. Für das Gedicht von Paz habe ich Beispiele genannt - der künstlerischen und kunstwissenschaftlichen Rede kunstJecÄ-
nische Beschreibungssprachen herausgebildet, die nach Art des von Newman liegt eine zuschreibende Bestimmung da vor, wo
ästhetischen Materials sehr unterschiedlich ausfallen: und die mit Imdahl das dominierende Rot als »anonym« bezeichnet. Die
der Entwicklung dieses Materials eine stets erneuernde Umbil- Zuschreibungen des Kommentars benennen funktional bedeut-
dung erfahren, wobei sich nicht selten Revisionen in der elemen- same Beziehungen am ästhetischen Phänomen - und dies so
taren Grammatik der kommentierenden Prädikation ergeben. direkt und eigentlich wie möglich. Auch die Behauptung der
Was Zuschreibung einmal war, kann nur zur Beschreibung wer- »Anonymität« der homogenen und monochromen Farbfläche
den; was wie eine Beschreibung aussieht, kann Zuschreibung markiert bereits einen Aspekt des Bildge/äges, sofern hiermit die
(geworden) sein. Spannung hervorgehoben wird, die zwischen der Erscheinung
Wie dem auch werde, die kommentierende Beschreibung stellt der Farbe und ihrer erkennbaren (oder »spürbaren«) Verarbei-
klar, welche derjenigen stofflichen und elementar gestaltenden tungsweise sich ergibt, die ihrerseits mit dem genannten Wechsel-
Bezüge und Nuancen, die bestimmbar sind, noch ohne ihre verhältnis von gleichmäßiger und ungleichmäßiger Bildausfüh-
Ausdrucksfunktion im Werkganzen zu bestimmen: welche dieser rung korrespondiert. Die zuschreibende Charakterisierung
vorästhetischen Objektqualitäten für alle weitergehenden Be- macht solche Beziehungen in ihrer ausdruckhaften Bezogenheit
stimmungen des ästhetischen Gegenstands von Bedeutung sind. deutlich, indem sie diese in oft metaphorischer Kennzeichnung
Auf welche dieser werkimmanenten Daten eine ästhetische Deu- benennt.
tung sich stützt, ist für ihre Triftigkeit oft eine entscheidende Darin liegt ein vergegenwärtigendes Moment der zuschreibenden
Frage; ein Argument für ästhetische Interpretationen ist es stets, Rede, das in der Betrachtung der vergegenwärtigenden Artikula-
daß sie dem beschreibbaren Material ihres Gegenstandes auf- tion im vorigen Kapitel nicht zur Sprache gekommen ist. In der
schlußreich Rechnung tragen. Die kommentierende Beschrei- Betrachtung der verbal »thematisierend« vollzogenen Vergegen-
bung ist eine wesentliche Stütze der kunstkritischen Interpreta- wärtigungsakte waren dort die Artikulationsformen zu beachten,
tion: hier wird ein erstes Mal bestimmt, was es ist, das zu in denen ein situationsrelevanter Bedeutungszusammenhang
interpretieren ist - und was es war, an dem die ästhetische durch den Gebrauch von Sätzen angezeigt wird, in denen etwas
Wahrnehmung sich abgespielt hat. anderes (oder anders) zur Sprache kommt als das, was mit der
Die Auswahl und Akzentuierung, die eine beschreibende Kom- vergegenwärtigenden Verwendung dieser Sätze in einer bestimm-
mentierung auch an den (für eine Beschreibung) einfachsten ten Situation angesprochen ist. Von dieser, wie verkürzend gesagt
Fällen unvermeidlich vornimmt, sieht sich in den Formen der werden kann, »thematisierenden Vergegenwärtigung« aber un-
kommentierenden Zuschreibung deutlich verschärft. Diese gelten terscheiden sich die Formen der »vergegenwärtigenden Themati-
den Charakteren des ästhetischen Materials, die nur dann wahr- sierung«, unterscheiden sich die der thematisierenden Aritkula-
nehmbar sind, wenn es — wenn das, was beschreibend an ihm zu tion zuzurechnenden Ausdrucksformen, die in ihrer situations-
ermitteln wäre - ästhetisch wahrgenommen wird.161 Einer etwas «raabhängigen Rede vergegenwärtigende Leistungen mit über-
großzügigen Gepflogenheit folgend, habe ich diese Kennzeich- nehmen. Paradigmatisch hierfür ist die metaphorische Rede. Es
nung oben als metaphorische beschrieben; in jedem Fall handelt muß ausreichen, das Besondere dieser Sprachform in zwei Sätzen
es sich bei den zuschreibenden Kommentarsätzen um Aussagen, zu beleuchten. In metaphorischen Aussagen und Äußerungen
die verglichen mit sachlich-neutralen Beschreibungen von Ob- wird nicht in erster Linie ein unmittelbarer Kontext der Rede
jekten, Prozessen, Texten usw. einen scheinbar uneigentlichen verdeutlicht, es wird eine bedeutsame Textur des Beredeten
Charakter haben.'62 Zu denken ist an die »Flüchtigkeit« des Paz- charakterisiert. Nicht einen Aspekt der momentanen Verständi-
Gedichts, die »Trägheit« des Salzstreuers, die »Verhaltenheit« gungssituation hebt die metaphorische Aussage hervor; die meta-
eines Musiksatzes oder die »Rasanz« einer filmischen Sequenz; phorische Verständigung bringt sachliche und werthafte Relevan-
auch in dem zuletzt zitierten Stück der Beschreibung des Bildes zen an den Gegenständen ihrer Rede zur Geltung. Der Kontext,
der im Verstehen metaphorischer Redeweisen verständlich wird, indem er eine erste Aussage zur ästhetischen Gesamtfunktion
ist weniger einer der Thematisierung, der augenblicklichen Be- des Bildes trifft. An dieser Stelle und in dieser Form aber
zugnahme, als vielmehr einer des Themas, einer der Phänomene, verbleibt die Aussage im Gestus des Kommentars, sofern sie
die so angesprochen sind. Für unseren Zusammenhang bedeutet sich einer Behauptung darüber enthält, was sich aus der befrei-
das, daß die metaphorisch (oder auch metonymisch, oder kraß ten Farberscheinung für die ästhetische Wahrnehmung ergibt.
vergleichend usw.) »zuschreibende« Charakterisierung ästheti- Kommentiert wird der - »antikompositionelle« - Bildzusam-
scher Objekte nicht wie die Wahrheit der strikt beschreibenden menhang; der Witz des Bildgeschehens kommt hier nicht selbst
Aussagen in prädikativ eindeutiger Verifizierung überprüft wer- zur Sprache.
den kann. Ihre Geltung gründet in der Auffindbarkeit der meta- Natürlich fungiert auch hier das besprochene Objekt als primä-
phorisch behaupteten Sinnbeziehungen, ihre Geltung entscheidet res Kriterium für die Angemessenheit der Kommentierung.
sich daran, inwieweit diese im wahrnehmenden Umgang mit dem Aber der Gegenstand der zuschreibenden Kommentierung ist
Objekt der Aussage nachvollziehbar sind. Erst mit diesen For- immer bereits ein ästhetisch aufgeladener Gegenstand; das phy-
men der Kommentierung werden Bestimmungen zum konkret sische Objekt alleine belegt die Behauptung von der »autono-
ästhetischen Potential einzelner Kunstwerke getroffen. Bezeich- men Erscheinung« der beherrschenden Farbe nicht. Nur die
net werden Qualitäten, die für ihre ästhetische Funktion konsti- ästhetisch interessierte und sensibilisierte Wahrnehmung macht
tutiv sind, ohne diese selbst zu benennen. eine solche Charakterisierung möglich und kontrollierbar. Im
Zurück zur Entfesselung der polaren Buntheiten. Der folgende Unterschied also zur kommentierenden Beschreibung appellie-
Kommentar von Imdahl beginnt wiederum mit einer beschrei- ren die zuschreibenden Charakterisierungen nicht allein an je-
benden Bestimmung, um dann freilich an und über die Grenze dermanns - ästhetisch unschuldige - Wahrnehmung, sondern an
des strikt Beschreibenden zu gehen. »Indem das Rotkontinuum die ästhetische Erfahrung derer, die sich dem betreffenden Ge-
das faktische Bildkontinuum gerade nicht ausnutzt, sondern genstand konfrontieren. Hier, aber auch nur hier, scheint der
knapp unterschreitet, indem also die Farbe selbst nicht determi- unter den ästhetisch »Erfahrenen« erreichbare Konsens ein zu-
niert ist durch die Determination des faktischen Bildfelds, er- sätzliches Kriterium für die Angemessenheit ästhetischer Cha-
scheint sie unbedingt, nämlich frei vom Bild als von einem rakterisierungen zu sein. Dieser im interpretierenden Kommen-
materiellen Substrat und einer begrenzten Form.« 16 ' Was noch tar beanspruchte und antizipierte Konsens bezieht sich allein
als Beschreibung beginnt, führt direkt auf eine kommentierende darauf, was am ästhetischen Gegenstand ästhetisch relevant ist:
Zuschreibung, die an den drei Farbflächen ein zentrales Merkmal nicht auf seinen absoluten Wert und nicht auf seine immanente
hervorhebt, das das ästhetische Potential des Bildes akzentuiert. Bedeutung. Er gilt der konstitutiven Artikuliertheit des ästheti-
»Vermöge dieser... Differenz zwischen Rot und Bild erscheint schen Objekts, nicht dem, was sich in ihm artikuliert findet, was
die Farbe nicht ans Bild gebunden, sie ist nicht bloß ein Überzug es vermöge der angelegten Konstruktionsmomente bindet und
oder ein Kleid des begrenzten Bildkontinuums und nicht dessen spannt.
farbige Affirmation, wohl aber tritt sie - wenn jemals in der
Malerei überhaupt - vor Augen als eine autonome, sich selbst Die Erreichbarkeit einer solchen Einigung ist somit zugleich ein
hervorbringende, das heißt vom Substrat des Bildes und seiner Kriterium dafür, ob interpretative Charakterisierungen am äs-
Form befreite Erscheinung: indem die seitlichen Randzonen das thetischen Objekt als Aussagen der kommentierenden Klärung
Rotkontinuum vom Bildkontinuum befreien, ist dieses selbst in oder der kritischen Deutung zu verstehen sind: nur für erstere
das befreite Kontinuum des Rot transformiert. Das Bildkonti- ist das Mißlingen einer faktischen Einigung ein hinreichender
nuum ist eine Funktion des Rotkontinuum.«164 Dieser letzte Satz Grund, an ihrer Triftigkeit zu zweifeln. Der zuschreibene Kom-
nun geht seinerseits an die Grenze der kommentierenden Rede, mentar stützt sich auf ein Wissen, das im ästhetischen Kontext
mehr oder weniger verbindlich ist; die zuschreibende Kritik
dagegen stützt sich auf das kommentierend Erweisbare und auf
Erfahrungen, welche die, die kein Einsehen haben, versäumt selbständig begründbar: die konfrontative Einschätzung dagegen
haben zu machen. ist primär emotional und als solche gar nicht zu begründen: ihre
Von der kommentierenden Aussage zur kunstkritischen Inter- Objektivierung obliegt den synthetisierenden Aussagen der
pretation führt kein direkter Weg - und der Konsens der Erfahre- kunstkritischen Interpretation.
nen hilft auf diesem Weg nicht weiter. Zwar ist eine erhellende Nun ist die ästhetische »Konfrontation« zunächst einmal nicht,
Kommentierung ohne eine Einschätzung der ästhetisch aktuellen wie der ästhetische Kommentar, eine spezifische Dimension der
Funktion ihres Gegenstandes kaum möglich; ein guter Kommen- Rede über Kunst und Ästhetisches. Was die Formen der Rede,
tar setzt eine Meinung zum ästhetischen Wert in aller Regel die ich unter diesem Titel zusammenfasse, eint, ist, daß sie zentral
voraus. Aber nicht diese Einschätzung ist es, die der Kommentar auf das Ereignis der Wahrnehmung eines ästhetischen Objekts
formuliert. Gewonnen sind die Aussagen auf der Basis von bezogen sind. Sie geben dem ästhetischen Erlebnis auf unmittel-
Hypothesen oder Vermutungen (oder auch nur einer antizipati- bare oder vermittelte Weise Ausdruck. In ihrer unmittelbaren
ven Ahnung) zur Art der ästhetischen Bedeutung; anders wäre Form geben sie dem Gesamteindruck der ästhetischen Wahrneh-
über die »konstitutive Artikuliertheit« ästhetischer Objekte mung expressiv Ausdruck. Auf diese Weise führen sie eine
kaum etwas zu sagen. Aber die Bestimmung präsentativer Struk- ausdrücklich und offensiv wertende Einschätzung in den Zusam-
turen im Objekt legt seine präsentative Leistung nicht selbst menhang der ästhetischen Kritik ein. Die unmittelbare Wieder-
schon fest: sie gibt zentrale Anhaltspunkte für eine solche Be- gabe ist immer eine Äußerung der begeisterten bis gelangweilten,
stimmung. Die Aussagen der zuschreibenden Kommentierung hingerissenen bis angewiderten, verstörten bis ungerührten Be-
legen damit Hinsichten der Bewertung durchaus nahe, wobei sie troffenheit am ästhetisch eruierten Gegenstand. Auch die Aus-
sich auf die Sätze der - neutral - beschreibenden Kommentierung kunft über die Konfrontation sagt wenig über den auf diese
stützen, deren Bestimmungen nun fortgeschrieben werden im Weise erfahrenen oder aus jenen Gründen vermißten ästhetischen
Licht einer dezidiert ästhetischen Gegenstandswahrnehmung, die Gehalt. Mit ihr ist eine vorläufige Anmutung gegeben und ein
freilich den aneignenden Zugriff aufs Ganze nicht riskiert. Das ist vorgreifendes Ansinnen geäußert, daß es sich hier um ein ergiebi-
der Vorbehalt der kommentierenden Rede: daß sie die Erkun- ges (oder entbehrliches) Objekt ästhetischen Interesses han-
dung des Gehalts der konkretisierenden Erfahrung offenhält - delt.
und es der ästhetischen Kritik überläßt, hierzu Thesen zu formu- Dabei ist die ästhetisch-konfrontative Verständigung nicht not-
lieren, die den Schutz einer Betrachtung verlassen, die von vorne- wendig auf die Äußerung der unmittelbaren Betroffenheit am
herein darauf reflektiert, was jedefrau und jedermann müßten Gegenstand beschränkt; auch nicht auf die retrospektive Erinne-
wahrnehmen können. rung und Wiedergabe der subjektiven Reaktion. Denn die pri-
märe Reaktion kann auf zwei Arten erläutert werden. Einmal
durch die erzählende Schilderung, wie es mir im Prozeß der
Ii. Konfrontation
Wahrnehmung ergangen ist. Zum andern durch eine Explikation
Äußerungen der Konfrontation bestimmen nicht das ästhetische
der Annahmen, die meine Reaktion entscheidend beeinflußt ha-
Objekt, sie machen Angaben über die Wirkung, die ein ästheti-
ben. Diese - empirischen bis metaphysischen, moralischen bis
sches Objekt auf den Wahrnehmenden subjektiv übt. Während
politischen - Annahmen können all das betreffen, wovon ich am
der Kommentar das Feld der ästhetischen Wahrnehmung struk-
gegebenen Werk etwas erfahren habe - und werden fast immer
turell sichtet und Vorschläge zur Auffassung einzelner Partien
auch vergleichende Annahmen über den Gehalt und die Qualitä-
und partieller Funktionen macht, geben die Äußerungen der
ten anderer Kunstwerke enthalten, die in meiner ästhetischen
ästhetischen Konfrontation einen direkten Vorschlag zum Wert
Wahrnehmung von Bedeutung waren. Weder die erzählende
des ästhetischen Ganzen. Die Aussagen des Kommentars sind
Schilderung aber, noch die rekonstruktive Ermittlung leistet eine
Begründung der unmittelbar werthaften Reaktion. Sie werden mentaren Rolle im moralisch-interaktiven und ihrer fundamenta-
diese lediglich erklären. Und sie beweisen, daß die Reaktion eine len Wertung im Bereich auch objektiv-präferentieller Optionen
ästhetische war, wenn die Erläuterung der Reaktion auf den signifikant unterscheidet. Die wertende Erkennung der emotio-
Gegenstand von sich aus auf eine Vergegenwärtigung seiner nalen Gewärtigung ist für die ästhetische Wahrnehmung essen-
ästhetischen Gestaltung führt. Im engeren Sinn nämlich - in dem tiell, weil allein ihre unmittelbaren Direktiven es erlauben, die
Sinn, der die Affinität der bloßen Vorliebe ausschließt, ist dieje- Totalität des ästhetischen Gegenstandes wahrnehmend zu ent-
nige Reaktion eine ästhetische, deren Erläuterung zwangsläufig werfen. Gefühle sind hier nicht nur in der Situation der Wahr-
auf eine Kritik des ästhetischen Gegenstands führt. nehmung orientierend wirksam - sie weisen den Zugang in die
Andererseits kommen die Sätze der Kritik an den Setzungen des wahrzunehmende Situation. Die sympathische oder antipathi-
ästhetischen Erlebens in keinem Fall vorbei. Denn nur durch das sche Reaktion entwirft einen Zusammenhang des ästhetisch
Votum der subjektiven Konfrontation kommt die Applikation Wahrgenommenen, dem die Wahrnehmung unterscheidend al-
jenes unbestimmten »Kriteriums« der ästhetischen Beurteilung lein nicht folgen kann: und mutet der Wahrnehmung eine Ein-
zustande. Den essentiell subjektiven Zugang gerade einer Kritik, schätzung zu, die erst im Zuge einer interpretierenden Reflexion
die nicht einem »konditionslosen Subjektivismus« gehorcht, hat kontrollierend gestützt werden kann. Die Gespanntheit eines
zuletzt Karl Heinz Bohrer in aller Deutlichkeit betont: ästhetischen Ausdruckszusammenhangs, so verstehe ich Bohrer,
»Die ästhetische Reaktion, die zum Wert-Urteil führt, ist immer ist allererst zu ermessen an der eigenen Anspannung im Kontakt
schon ein synthetischer Akt, der bloß in verschiedene Phasen der Wahrnehmung; der Zutrag der ästhetisch inkorporierten
zerfällt, wobei die erste schließlich von der letzten eingeholt Korrespondenzen bemißt sich wesentlich an der emotional for-
wird. Die erste, methodologisch vor allem relevante Phase nen- mierten subjektiven Korrespondenz auf diese.
nen wir Antizipation. Antizipiert wird hier schon das endgültige Diese Beantwortung aber ereignet sich nicht einfach in der
Urteil durch den Vorgang der Sympathie. Diese Sympathie be- Hervorbringung von Gefühlen, sie entspringt einem subjektiven
ruht nicht auf dieser oder jener schon erkannten formalästheti- Engagement, aus dem die Wahrnehmenden sich den ästhetischen
schen Wertigkeit, nicht auf einem Wiedererkennen vorab gegebe- Phänomenen wertend konfrontieren; und zwar »unter Anwesen-
ner Ideen. Sie ist ein Ereignis zwischen Subjekt und Objekt, bei heit aller (ihrer) lebenspraktischen Interessen.«'66 Im ästhetischen
dem die ganze diffuse Komplexität des Subjekts antizipierend in Interesse liegt es gerade, die vergegenwärtigende Neugier nicht
Kraft tritt. Diese nur als intuitiv-imaginative Handlung be- theoretisch und moralisch, nicht privativ oder am Halt ästhetisch
schreibbare erste Phase der Antizipation leitet sich unmittelbar erwählter Kriterien vorweg zu limitieren; darin liegt die »Interes-
aus der Beobachtung ab, daß wir lange vor einem intellektuell senlosigkeit« eines auf ästhetische Erfahrung gerichteten Interes-
begründeten Urteil schon in ein elementares Wertverhältnis tre- ses. Von hier aus erscheint nun auch der Gedanke einer »ideenlo-
ten, das sich auf keines der später gefundenen Kriterien sen Konzentration« einleuchtend, die sich nach Bohrer in der
stützt.«' 6 ' ästhetischen Wahrnehmung manifestiert. »Breton stellte fest, daß
jene Frau, jene Idee Eindruck auf ihn machte, er war aber
Bohrer macht ernst mit der These von der Singularität ästheti-
keineswegs fähig zu sagen, welchen Eindruck. Ebenso ist das
scher Urteile: wer Singularität sagt, muß auch Subjektivität sa-
allgemeine Daß des Eindrucks von Literatur zunächst unabhän-
gen; wer das sagt, gibt den Geltungsanspruch ästhetischer Urteile
gig von der Erkenntnis des Was.«'67
nicht begrifflich auf, sondern stellt ihn gegen »analytische Illusio-
nen« allererst klar. Der entscheidende Hinweis gilt zunächst der Nicht unabhängig vom Was des Präsentierten erfolgt die primäre
grundlegend affektiven Bindung des ästhetisch interessierten Ge- Wertung, sie erfolgt unabhängig von seiner deutenden Erkennt-
genstandsbezugs. Im ästhetischen Verhalten ist diese auf eine nis. Die wertende Antizipation greift der interpretierenden Be-
wiederum besondere Weise konstitutiv, die sich von ihrer ele- trachtung vor und gibt erst damit eine reflektierende Erkundung
der ästhetischen Gehalte frei, die sich auf die normativen Fakto- Und diese Komplexität zeigt sich eben nicht zuletzt daran, daß
ren besinnt, die »innerhalb der Antizipation« ausschlaggebend sich die Gültigkeit des Votums der Sympathie und Antipathie im
waren. Mit den »später gefundenen Kriterien«, die das unmittel- Gang einer überlegenden Begründung stets erst - wieder - bewei-
bar gefällte Urteil ex post begründen können, meint auch Bohrer sen muß. Es ist nicht möglich, die »Anwesenheit aller lebens-
nicht ästhetisch fixe Normen, sondern den veränderlichen Stan- praktischen Interessen« zu behaupten und andererseits zu negie-
dard herausragender Konstruktionen, deren Kenntnis in der ren, daß private Vorlieben und Abneigungen, daß eine primär
Erfahrung dieses Gegenstands normativ wirksam war.' 68 moralische Entrüstung oder theoretische Begeisterung die ästhe-
Als eine phänomenologische Beschreibung des ästhetisch werten- tische Wahrnehmung blockieren können: Reaktionen, die sich an
den Verhaltens gelesen, halte ich Bohrers Thesen für weitgehend äußerlichen oder irrelevanten Faktoren ihres Gegenstandes ent-
plausibel. Wenig plausibel dagegen ist die entscheidende urteils- zünden und eine ästhetisch triftige Wahrnehmung und Beurtei-
logische Folgerung. Aus der überzeugenden Annahme, daß der lung gerade verhindern. Die Gesamterfahrung ästhetischer Sub-
Zugang zum aktuellen Gehalt ästhetischer Phänomene allein im jekte in die ästhetische Erfahrung theoretisch einzuschließen,
Einsatz der subjektiven Affinität erschlossen wird, zieht Bohrer kann nur bedeuten, der subjektiven Affinität einen lediglich
den voreiligen Schluß, daß diese unmittelbare Einschätzung das bedingten Vorschuß zu geben.
Resultat einer überlegenden Wertung bereits unwiderruflich Allein die folgende Festlegung, so scheint mir, wird einerseits
prägt. Im Kontext der ästhetischen Kritik jedoch ist auch die dem Kern der Bohrerschen Thesen und andererseits der fragilen
subjektive Reaktion ein Gegenstand der Kritik: der Kritik des Objektivität ästhetischer Urteile gerecht. Gegen die Stimme der
ästhetischen Gegenstands, der beurteilt wird zusammen mit der subjektiven Affinität geht im ästhetischen Urteil nichts; aber
Angemessenheit unserer Reaktion auf ihn. Sympathie und Antipathie entscheiden nicht allein. Ihre Bekun-
Bohrers Modell zweier Phasen der Wahrnehmung nimmt eine dung und Erläuterung ist in ästhetischen Begründungen ebenso
Vereinfachung vor, die eine Verzerrung enthält. Bohrer unter- essentiell wie die Ausführungen des Kommentars es sind. Kom-
stellt von vorneherein, daß die subjektive Reaktion am ästheti- mentar und Konfrontation haben ein Vetorecht: gegeneinander:
schen Gegenstand eine zum Ästhetischen des Gegenstandes ist; in der Einschätzung ihres Beitrags zur wertenden Kritik. Die
und er muß dies unterstellen, weil er das Ästhetische von Gegen- interpretativen Aussagen der ästhetischen Kritik sind es, die die
ständen allein von der wahrnehmenden Reaktion her bestimmen entscheidenden Gründe einer ästhetischen Bewertung formulie-
will. Ob die subjektive Reaktion der präsentativen Artikuliertheit ren; diese sind kritisierbar durch Sätze des Kommentars wie der
eines Gegenstandes, so wie er sich auch für andere darbietet, Konfrontation; eine interpretative Zuschreibung ist begründet,
angemessen ist, kann daher für Bohrer die Frage gar nicht sein; in wenn sie nach beiden Seiten konsistent erläutert werden kann.
Frage steht allein die Brisanz der Objekte, die sich danach Auf den Sinn dieser »Konsistenz« komme ich noch zu sprechen.
entscheidet, ob sie dem »Augenblick« des Subjekts - plötzlich - Vorerst bleibt der Status der konfrontativen Äußerungen von
»adäquat« erscheinen oder nicht. Dieses Urteil aber soll durchaus Interesse. Ihnen kommt im ästhetischen Diskurs eine Argument-
am Objekt begründbar sein; damit das sein kann, schreibt Bohrer stelle zu. Das Faktum meiner positiven oder negativen Betroffen-
der subjektiven Reaktion im Namen ihrer synthetisierenden heit ist eine irreduzible und keinesfalls nur heuristische Basis
Komplexität unter der Hand eine ästhetische Objektivität immer ästhetischer Urteile. Ästhetische Urteile sind immer auch expres-
schon zu: was diese ihren Gegenständen intuitiv zuschreibt, das sive Äußerungen, nur gehen sie in der Bekundung von Vorlieben
kommt ihnen ästhetisch fraglos zu. Der Verweis auf die Komple- nicht auf. Die subjektive Betroffenheit ist ein Moment der ästhe-
xität ihrer Voraussetzungen hilft der Frage nach der Begründbar- tischen Beurteilung, das ihr Verfahren nicht dominiert. In ästhe-
keit ästhetischer Urteile nicht weiter. Diese Komplexität muß tischen Begründungen zielt der Rekurs auf die eigene Erfahrung
sich, wenn schon, in der Form der Begründung selbst erweisen. am Gegenstand über die Subjektivität des Urteilenden notwendig
hinaus. Im Kontext der ästhetischen Kritik geben die konfron- Diese Sympathie wäre ästhetisch nicht am Gegenstand zu stüt-
tativen Äußerungen ein Beispiel dafür, wie am betreffenden zen: auch mit den schönsten Annahmen über die Natur unpro-
Gegenstand zu reagieren sei. Sie führen Bedingungen der Wahr- duktiver Augenblicke nicht: und auch nicht mit den besten
nehmung vor Augen, aus welchen der betreffende Gegenstand Ausführungen über die formverwandte japanische Haiku-Lyrik.
die Bedeutung erhält, die der Urteilende interpretativ behauptet. Auch ästhetisch ersetzt die erste Begeisterung die abschließende
Auf dieses Beispiel der eigenen Erfahrung muß sich die norma- Wertung nicht.
tive Explikation ästhetischer Objekte immer bereits stützen, eben Es hilft nichts zu sagen, daß Eduard, dem Kenner, dergleichen
weil die Aktualität des ästhetischen Potentials anders als durch nie passieren würde. Wie wir ihn kennen, würde Eduard gegen
die subjektive Konfrontation gar nicht zur Erscheinung kommt. dieses letzte Beispiel gewiß protestieren: »Wenn mich etwas
Das faktische Wie der Betroffenheit alleine aber gibt den hinrei- richtig packt, dann weiß ich, daß es gut ist; das mit dem >Paz<
chenden Grund der Bewertung nicht her: es muß sich am Gegen- würde mir nie passieren - reine Unterstellung!« Selbst wenn es so
stand erst zeigen (lassen), ob die Art der Begegnung seine unmit- wäre - was ich bezweifle: weil selbst die brillanten Kenner wie
telbar belangvollen Qualitäten auch erhellend zeigt. unser Eduard von Stimmungen abhängig sind, die ihr spontanes
Eduards Begeisterung für das Gedicht von Paz hat seinen Grund Urteil über das ästhetisch Stimmige gelegentlich irreführen wer-
in den Erfahrungen, von denen im kreisenden Gespräch mit den; selbst wenn es so wäre - an Status und Struktur ästhetischer
Anton die Rede war. Sie fußt nicht auf einem fixen ästhetischen Urteile ändert sich dadurch nichts. Ästhetisch angemessen und in
Kriterium, sie entspringt der am Gedicht evozierten Resonanz zu der ästhetischen Wertung ausschlaggebend ist die Reaktion, de-
der Besessenheit im theoretischen Arbeiten, die für Eduard cha- ren Erklärung über den ästhetischen Gegenstand Aufschluß
rakteristisch ist. Diesem Erfahrungszusammenhang gibt Eduard gibt.
in seiner deutenden Tirade wiederum mit Ausdruck, auch ohne »Wer vor Newmans >Who's afraid of red, yellow and blue III<
von seiner persönlichen Betroffenheit am Gedicht viel erzählen- tritt, ist überwältigt von dem beherrschenden Kontinuum des
des Aufhebens zu machen. Auch führt er nicht (noch einmal) die Rot als einem Wert der Fülle, der Expansion, der Energie und der
Annahmen über die Natur von Einfällen auf, die seine Einschät- prinzipiellen Indifferenz gegenüber aller Begrenztheit, Form und
zung - seine ästhetische Hochschätzung - wesentlich bestimmen. Bestimmtheit im Sinne der Ebene und der räumlichen Tiefe. In
Er verzichtet auf einen Vergleich mit schäbigen Elaboraten, wie Newmans Bild ist diese Erscheinung des Rot bedingt durch die
das von >Paz< eines ist, und auch auf Hinweise auf Glanzleistun- seitlichen blauen und gelben Randzonen links und rechts.«169 Mit
gen, wie einige der Solostücke von Braxton das seiner Ansicht diesem Rekurs auf die unmittelbare Bilderfahrung leitet Imdahl
nach sind. All das und weiteres mehr aber sind Faktoren, die die kommentierende Auslegung ein, aus der ich oben zwei Passa-
seine ästhetische Wertung entscheidend bestimmen - weil sie gen zitiert habe. Diese Beschreibung der Bildwirkung ist kaum
entscheidend sind für die Erfahrung, aus der er das Gedicht als eine empirische Aussage über ein faktisches Rezeptionsverhal-
erfährt. Eduard beschränkt sich darauf, das Gedicht zum norma- ten zu verstehen: es ist eine Aussage drüber, wie das Bild erfahren
tiven Explikat einer Erfahrung wie der seinen zu machen: einer wird, wenn es richtig - und in der richtigen Distanz170 - gesehen
Erfahrung, die durch die Lektüre des Gedichts bereits modifi- wird. Imdahl hat es so erfahren: und hat es in einer Weise
ziert worden ist. Er redet über das Gedicht im Licht seiner erfahren, die ihm die Selbstdeutung des Künstlers akzeptabel
Erfahrung (an ihm). Mit der Plausibilität dieser Interpretation macht. »Newman selbst hat, was seinen Umgang mit Farben
steht und fällt auch das Aufschlußreiche seiner Reaktion: hätte betrifft, davon gesprochen, er habe noch nie mit der Absicht auf
Eduard auf das Gedicht von >Paz< im ersten Moment (oder auch harmonische Konstellationen mit Farben manipuliert, sondern
nachhaltig) so reagiert wie auf jenes von Paz, so wäre es für immer nur versucht, die Farbe als solche zu >erschaffen< oder sie
Anton ein leichtes, das Abwegige dieser Reaktion zu erweisen. auf ihre >absolute Qualität zu bringen.«171 Der Sinn dieses
Gehalt ihrer Gegenstände zielen, stehen sie in einem Kontext der
künstlerischen Vorhabens und die Kraft einer ästhetischen Inten- Begründbarkeit von der Art, der die augenblickliche Analyse
tion, die versucht, Konstruktionen zu finden, die eine ungemil- gewidmet ist. Thema dieser Analyse ist die geltungslogische
derte Erfahrung des ästhetisch Erhabenen (wieder) möglich ma- Verfassung der ästhetischen Argumentation, nicht aber die Viel-
chen, sind trivialerweise nur aus der Konfrontation mit den falt der Formen, in denen sich die ästhetische Kritik faktisch
resultierenden Konstrukten zu ermessen. Aussagen über das vollzieht.
Gelingen eines solchen Vorhabens müssen sich auf die Art der
Es ist also nicht von einem bestimmten Stil der Kritik hier die
Bestätigung in der eigenen Erfahrung notwendig stützen; und
Rede. Der Blick auf einige der Grundtypen der kunstkritischen
eine Aussage über das Wie des Gelingens wird die Grenzen einer
Sprache hebt das hervor. In der mündlichen Kommunikation
(nur) kommentierenden Vergewisserung immer auch überschrei-
über Ästhetisches wird der Anteil an expressiven und erzählen-
ten. Daß in Newmans Bild das »Bildkontinuum eine Funktion
den Äußerungen in aller Regel weit höher sein als in der kunst-
des Rotkontinuum« ist, mag (vielleicht) noch vertretbar sein,
wissenschaftlichen Rede, soweit sich diese eine ästhetische Wer-
ohne - implizit oder explizit - auf die eigene, überwältigte oder
tung zutraut; die Ausführungen des professionellen Kritikers
ennuierte, Reaktion aufs Bild zurückzugehen. Eine Deutung wie
werden die kommentierende und konfrontative Klärung stärker
die folgende bezieht die Aktualität der subjektiven Wahrneh-
zugunsten der im engeren Sinn kritischen Aussagen vernachlässi-
mungsreaktion ausdrücklich mit ein. »Der Beschauer wird nicht
gen. Auch läßt sich aus der spezifischen Begründbarkeit ästheti-
mittels des Bildes als einer Repräsentation verwiesen auf ein sonst
scher Urteile kein abstraktes Kriterium dafür gewinnen, was eine
unsichtbares, aber in der Ahnung schon bekanntes Ganzes, wel-
gute Kritik ist. Der Apodiktiker, der kaum kommentiert und den
ches das eigentliche Thema des Bildes wäre, sondern der Be-
Hörern oder Lesern sich niemals in direkter Rede erklärt, kann
schauer selbst ist thematisiert als der im Anblick der erhabenen
ebenso inspirierend und überzeugend sein wie der Betroffen-
Erscheinung des Bildes seine eigene Erfahrung Erfahrende und
heitskritiker, der seine Besprechungen in einer fast erzählenden
dadurch Erhobene.«172
Manier verfaßt. Wenn es schlechte Kritiker sind, sind beide
Die Interpretation von Imdahl will eine »Einführung« geben in Formen gleichermaßen unerträglich: ob es schlechte Kritiker
die Malerei Newmans am Beispiel eines seiner herausragenden sind, wird sich aus der Kenntnis einiger der Werke erweisen,
Werke. Als eine Einführung ist sie ein vorrangig kommentieren- denen sie sich gewidmet haben. Gute Kritiker sind zunächst
der Text; die Qualität dieses Kommentars aber liegt - neben einmal die, die fähig sind, bereits im Stil ihrer Kritik auf die
seinen Qualitäten als Kommentar - in seiner kritischen Funktion; Besonderheit ihres Gegenstands zu reagieren - so wie alle, die ein
er ist kritisch nicht im philologisch-historischen, sondern im Sensorium für ästhetische Differenzen und Differenzierungen
parteilichen Sinn. Er will zeigen, daß »Barnett Newmans An- haben, sich der Eigenart der einzelnen ästhetischen Gegenstände
spruch an die gegenstandlose Malerei... außerordentlich« ist.'73 erst einmal wahrnehmend überlassen. Diese Sensibilität des äs-
Es ist das die Parteilichkeit einer jeden ästhetischen Kritik, ob sie thetischen Wahrnehmens freilich ist mit einer besonderen Kom-
ihre Einschätzung nun primär kommentierend oder erzählend, petenz der Verbalisierung der ästhetischen Erfahrung nicht not-
deskriptiv oder interpretativ, expressiv oder appellativ, extensiv wendig verbunden, wenngleich das ästhetische Sensorium ohne
oder verkürzend, paradox oder kursorisch zum besten gibt. eine gewisse Fähigkeit der Beurteilung interpretierend ausgeführ-
Nicht welche Art von Sätzen und Äußerungen in welchem Maß ter Kritiken kaum gedacht werden kann. Die ästhetische Leiden-
in ihnen vorkommen, macht einen Kommentar zur Kritik, macht schaft muß eine Leidenschaft der ästhetischen Kritik, muß die
die Betroffenheitsäußerung zur normativen Beurteilung, macht gefährliche Lust an der zeigenden Versprachlichung der ästheti-
eine Kritik zur ästhetischen Kritik, sondern worauf diese Sätze schen Gehalte nicht sein. Dennoch wird sie immer eine kritische
zielen: was sie über ihren Gegenstand sagen - und mit welchem Leidenschaft sein, die Affairen der Begeisterung und des Unmuts
Anspruch sie dies sagen. Wenn sie auf den ästhetisch-aktuellen
nicht nur mit ihren unmittelbaren Objekten hat, sondern ebenso Interpretationssätze, die ihren Objekten eine ästhetisch-aktuelle
mit den Kritiken und Kritikern, die den Weg ihrer Erfahrung Funktion behauptend zuschreiben, stützen sich auf Sätze des
kreuzen. Alle Verwünschungen treffen den Kritiker, der das Kommentars und der Konfrontation. Der Kommentar sagt, daß
ästhetisch Wunderbare dümmlich zerredet; gelindes Lob ereilt der Film ein faschistischer Propagandafilm ist, der mit diesen und
den genialen Interpreten, der das ästhetisch Uberwältigende erst jenen Mitteln arbeitet; meine Konfrontation sagt, daß der Anfang
überwältigend erfahrbar macht. etwas unglaublich Komisches hat; die kritische Behauptung ist,
Für die Rolle der konfrontativen Reaktionen und Äußerungen daß die stilisierenden Mittel aus heutiger Sicht umschlagen in eine
halte ich fest: die ästhetische Kritik kann sich auf die am Gegen- groteske Demontage des absichtsvoll Stilisierten. Kommentar
stand affektiv tangierte Erfahrungsbasis nicht einfach verlassen; und Konfrontation liefern jeweils notwendige, aber alleine nicht
sie muß diese zur definitiven Basis der Beurteilung an ihrem hinreichende Gründe einer ästhetischen Wertung. Hinreichend
Gegenstand immer erst machen; damit ist auch die unmittelbare begründet ist ein ästhetisches Urteil, das durch eine interpretative
Reaktion einem Vorbehalt ausgesetzt. Auch der Vorschlag zum Behauptung zugleich erläutert und gestützt werden kann, die die
Ganzen bleibt zunächst ein Vorschlag: es muß sich immer erst Wertungen der Konfrontation so formuliert, daß darin die Be-
zeigen, ob die imaginativ-intuitive Belehnung zu sinnvollen in- stimmungen des Kommentars aufgenommen werden. Kunstkriti-
terpretativen Behauptungen führt. Das endgültige Urteil ist das sche Interpretationen können als begründet gelten, soweit und
Ergebnis einer reflexiven Erkundung und Interpretation: darauf solange ihnen weder das Votum der ästhetischen Konfrontation
ist gegen Bohrers Auffassung zu bestehen. Kritik ist betroffene noch die Aussagen des Kommentars widersprechen. Nicht Veri-
Kommentierung, die den Kommentar überschreitet; erst diese fikation, Falsifikation ist der Grundbegriff der ästhetischen Ar-
Überschreitung führt in die ästhetisch funktionale Interpretation; gumentation.
mit dieser aber stehen die Setzungen der Betroffenheit selbst zur Aber liegt nicht in der Kritik des Riefenstahl-Films ein eklatanter
Kritik: einer Kritik freilich, deren Recht oft erst durch die Widerspruch zwischen kommentierender und kritischer Inter-
folgende Wahrnehmung wieder zu beglaubigen ist. Es bei der pretation? Nein. An diesem extremen Beispiel wird lediglich die
Entschiedenheit, dem Aufschluß und nicht selten der Sturheit der Differenz von kommentierender und überdies kritischer Charak-
erstmalig-einmaligen Reaktion nicht zu belassen, ist ein nicht terisierung besonders deutlich. Die kritische Aussage nimmt die
unwesentliches Movens ästhetischer Rationalität. Bestimmungen des Kommentars ja durchaus auf - aber sie gibt
dem Kommentar zur ästhetischen Verfassung des Films eine
in. Kritik zweite Deutung, die im Licht seiner unmittelbar erfahrenden
Die primären Gründe der ästhetischen Kritik sind weder die Aufnahme erfolgt. Die Kritik widerspricht den Wertungen, die
Aussagen des Kommentars noch die Anmutungen und Annah- der Kommentar hypothetisch nahelegt; diese radikale Differenz
men aus dem Verlauf der Konfrontation, sondern diejenigen der Wertung hat eine radikale Aneignung des ästhetischen Poten-
Aussagen, mit denen eine ästhetisch-funktionale Interpretation tials zur Folge, die den Zuschreibungen des Kommentars einen
ausdrücklich geleistet wird. Die Zeilen von Paz sind gelungen, neuartigen Stellenwert gibt, sich aber weiterhin auf das im Kom-
(unter anderem) weil sie das Notat einer profanen Erleuchtung mentar charakterisierte Material bezieht. Kommentierend alleine
sind; das Bild von Newman ist ein außerordentliches Werk, ist diese zweite Interpretation gar nicht zu halten; denn sie gilt
(unter anderem) weil es die Autonomie der beherrschenden der Gesamtfunktion des Gegenstands (hier: einer Passage) für die
Farbe zur Erscheinung des Erhabenen bringt; der Beginn von gegenwärtige Wahrnehmung: worüber die Aussagen der kom-
Riefenstahls »Triumph des Willens« ist eine starke Sequenz, weil mentierenden Rede selbst gar nichts behaupten. Das krasse Bei-
er die im Film behauptete Überlegenheit des Führerprinzips in spiel macht den Extremismus der ästhetischen Kritik nur irritie-
komischer Zersetzung ad absurdum führt. Diese kunstkritischen rend deutlich. Auch in seinen mildesten (und sympathetisch
einfühlenden) Formen ist dem ästhetisch unmittelbaren Interesse Über den Status der kunstkritischen Zuschreibung und den Sinn
ein direkt aneignender Impetus eigen: wissen - sehen, hören, der ästhetischen Bedeutung besteht soweit noch keine Klarheit;
spüren: erfahren - zu wollen, was der ästhetische Gegenstand in vielleicht ist jetzt klar, warum ich gesagt habe, daß hier der
seiner objektiven Beschaffenheit der gegenwärtigen Wahrneh- Schlüssel zum Verstehen des ästhetischen Verstehens liegt. Erst
mung bedeutet. der folgende Abschnitt wird den Versuch einer eingehenden
Die dezidiert kritischen Interpretationsbehauptungen verfahren Klärung unternehmen. Hier kommt es vorerst darauf an, die
zuschreibend wie bereits die interpretierenden Sätze des Kom- Funktion der wertenden Interpretationssätze im Sprachspiel der
mentars. Jedoch sind sie das Ergebnis einer wesentlich konstruk- ästhetischen Kritik deutlich zu machen. Warum diese Aussagen
tiven Operation, die mit dem aus Erfahrung sensibilisierten ihre Funktion erfüllen, dem ästhetisch resümierenden Werturteil
Auffinden ästhetischer Gegenstandsqualitäten nicht gleichgesetzt die entscheidenden Gründe zu liefern, wird also einer weiterge-
werden darf. Anspruch und Leistung der kritischen Deutung ist henden Erklärung bedürfen, auch wenn es über den kritischen
es, die imaginativ-wertende Synthese der Konfrontation auf eine Dienst dieser Sätze zu einer bereits abschließenden Verständi-
oder mehrere Thesen zu bringen, die zugleich die Charakterisie- gung kommt.
rungen des Kommentars unter synthetischen Aspekten reformu- Dieser wird deutlicher, wenn wir die bis jetzt betrachteten positi-
lieren (oder zu reformulieren erlauben). Kunstkritische Reflexion ven Wertungen mit der Begründbarkeit negativer Wertaussagen
ist der Prozeß, Deutungen dieser Art zu finden und an ihrem vergleichen. Auf den ersten Blick scheinen sich eklatante Unter-
Gegenstand zu korrigieren, zu verteidigen, zu erweitern. Synthe- schiede zu ergeben - als sei die Struktur der ästhetischen Beurtei-
tisch sind diese Deutungen - und Deutungsfragmente - gegen- lung eine jeweils andere, wenn es zu einem positiven oder
über Kommentar und Konfrontation: sie korrigieren die subjek- negativen Urteil kommt. Offenkundig kann ein negatives Urteil
tive Reaktion am ästhetischen Objekt und beurteilen den präsen- nicht in demselben Sinn wie das positive durch eine Bedeutungs-
tativen Ausdruck des Gegenstands auf dem Grundriß der kon- zuschreibung begründet werden - denn dieses Urteil schreibt
frontativen Antizipation. Die interpretativen Aussagen der Kritik seinem Gegenstand ja die autonome Bedeutung ab. Kann es hier
objektivieren den Eindruck der Wahrnehmung und aktualisieren so etwas wie eine »funktionale Interpretation« überhaupt geben,
die Sichtung des Kommentars: anders ist die interne Artikula- die über den Gesamteindruck des ästhetischen Objekts inhaltlich
tion, ist der Ausdruckssinn, ist die funktionale Relevanz, sind Art Auskunft gibt?
und Grad der Gelungenheit ästhetischer Objekte nicht zu erken-
nen. Dieses Erkennen ästhetischer Gehalte macht die kunstkriti- Nehmen wir an, daß Eduard und der Banause sich immerhin
sche Deutung explizit. Oft wird sie nur in Aspekten bestimmen, darauf verständigen können, es sei das Gedicht von >Paz< unsäg-
was die ästhetisch unmittelbar interessierte Aneignung am Ge- lich, (unter anderem) weil es ein »Syllogismus der Einfallslosig-
genstand ausgemacht hat oder ausmachen könnte; und das, was keit« ist. Das ist weder eine kommentierende Behauptung noch
dort wahrnehmend und erfahrend »ausgemacht« wurde, sagt die eine direkte Auskunft über die Wirkung der Zeilen. Ebensowenig
kunstkritische Zuschreibung nicht selbst aus; auch ihre Bestim- wird eine erschließende Zuschreibung gegeben. Denn nicht liegen
mungen verweisen auf das, was am Gegenstand zu erfahren und Relevanz und Gehalt des Gedichts darin, das traumatisch Ver-
nicht zu erfahren ist. Im Unterschied zu den kommentierenden stellte einfallsloser Tage in karger Verzweiflung zu insinuieren:
Hinweisen auf das ästhetische Potential jedoch machen die Zu- das Gedicht ist einfallslos und das in einer prätentiösen Schlicht-
schreibungen einer dezidierten Kritik Angaben zur ästhetischen heit, die den Fall nur um so schlimmer macht. Es ist mißlungen,
Bedeutung ihres Gegenstands. Die kritischen Interpretationsaus- weil in seiner Kürze nichts lebt als der Atem einer aufwendig
sagen beurteilen den Sinn des Zusammenhangs der am präsentati- verpuffenden Prätention. Das ist eine eindeutig interpretative
ven Gegenstand erkennbaren Momente der Artikulation. Aussage auf der Ebene der Kritik. Sie ist ebenso explikativ und
zeigend wie eine freundlichere Interpretation es wäre. Gesagt
wird: Seht's Euch an, Ihr werdet nichts finden als ein verkrampf- Buch sei »eine Bonanza des verknöchertsten Aberwitzes«,' 74
tes Flüstern um nichts. Es ist ästhetisch ohne Bedeutung, weil es dann könnte das, für sich betrachtet, eine höchst anerkennende
ästhetische Bedeutung nur prätendiert. Es ist signifikant für eine Charakterisierung sein: selten so gelacht. Es wäre denkbar, daß
ästhetische Absicht, aber nicht aus eigener Kraft relevant. die grimmig-heitere Reaktion und die erste interpretative Expli-
Kritische Nullbehauptungen wie diese haben ein merkwürdiges kation fortgeführt würden zu einer Deutung, die uns nahebrin-
Gesicht. Wenn mit ihnen gesagt wird, was ein ästhetisches Arte- gen will, der »Nachsommer« sei eine vollendete Parodie auf das
fakt zwar sein soll, aber nicht ist, haben sie das Aussehen von Genre des Bildungsromans, wie es sich vorher und selbst nachher
Sätzen des Kommentars, die nun jedoch, in einer anderen, zwei- in der deutschsprachigen Literatur breitgemacht hat. So ist es ja
ten Verwendung, als ausdrücklich kritische Stellungnahme be- immer: was schlecht ist, könnte schließlich eine Parodie des
hauptet werden. Es muß sich aber bei den negativen Deutungsbe- Schlechten sein, was einfallslos ist, ein verzweifeltes Memento
hauptungen nicht um eine polemische Wiederholung vorkriti- der Einfallslosigkeit, was lächerlich ist, könnte ironisch komisch
scher Aussagen handeln. So hält die Kennzeichnung des Gedichts sein, das Langweilige ein virtuoser Umgang mit Leerstellen, das
von >Paz< als eines »Syllogismus der Einfallslosigkeit« das Nega- Häßliche ein Monument gegen die falsche Schönheit. Solche
tivbild seiner Lektüre in bündelnder Zuspitzung fest. In solchen Fragen stehen in der ästhetischen Kritik zu Entscheidung; und
Fällen ist auch von der abwertenden Kritik eine eigens konstruk- gerade an diesen Zweifelsfällen wird klar, daß weder die Ermitt-
tive Leistung verlangt. Genau zu sagen, was das Fatale am Öden, lungen des Kommentars noch die Setzungen der sympathischen
Langweiligen und Abstrusen ist, verlangt eine ähnliche Findig- oder antipathischen Begegnung alleine einen hinreichenden Auf-
keit wie das Auffinden von Bedeutungsaspekten, die darauf schluß geben können.
hinweisen, was am Gelungenen das Gelungene ist. Obwohl die
kritischen Zuschreibungen im negativen wie im positiven Fall als Die Kraft, die kunstkritischen Argumenten zukommt, macht das
explikative Interpretationen fungieren, ist andererseits das Ergeb- Beispiel komischer Werke in paradigmatischer Nüchternheit
nis dieser Explikation ein deutlich anderes. Während die positive klar. Zur Komik gehört die Reaktion des Lachens. Zwar kennt
Kritik sich darin erfüllt, den ästhetischen Gegenstand zum Expli- das Lachen und zumal die komische Reaktion auf Kunstwerke
kat der Sichtweise zu erheben, die an ihm gewonnen oder unzählige Formen - es kann sich laut abspielen und leise, pru-
erneuert wurde, erhebt die negative Kritik ihren Gegenstand stend und kichernd, mitfühlend und grausam, verlachend und
lediglich zu einem Exempel für Ausdrucksobjekte, an denen die mitlachend, spottend und freudig und vieles andere mehr. Aber
erfahrende Erkenntnis einer zu bejahenden Sichtweise nicht zu wir wissen alle, was es heißt, komisch zu reagieren - und sind alle
erhalten ist. Auch wenn der Kritiker in dieser Weise ein Exempel nicht in der Lage, etwas komisch zu finden, auf das wir nicht
statuiert, macht der den ästhetischen Gegenstand zum Argument komisch reagieren. Damit etwas komisch ist, muß es möglich
für eine von ihm geteilte Sichtweise: für eine Sichtweise, die an so sein, es in der Unmittelbarkeit noch der vermitteltsten Komik
einem Objekt nichts über ihren Gehalt erfährt, geschweige denn komisch zu finden.
in eröffnender Erfahrung sich ändert. Ernst Lubitschs Filmkomödie »Sein oder Nichtsein« spielt in
Warschau nach der Okkupation Polens durch das nationalsozia-
Trotz des abweichenden Resultats also ist die Grundstruktur listische Deutschland. Ich halte diesen Film für einen der besten
ästhetischer Begründungen dieselbe, ob für oder gegen die Ge- antifaschistischen Filme: und es ist einer der komischsten Filme,
lungenheit der beurteilten Werke argumentiert wird. Zum Ver- die ich kenne. Warum? In Kürze darum, weil er der blutigen
stehen ästhetischer Argumente ist es stets von entscheidendem Schmiere der Gestaposchergen die unblutige Eitelkeit, Schwäche
Gewicht, den genauen Stellenwert der Aussagen zu verstehen, die und Eifersucht der Schauspielertruppe entgegenstellt, die sich in
als die primären Gründe im kunstkritischen Sprachspiel fungie- einem komplizierten Spiel der Vertauschung gegen die terroristi-
ren. Wenn Arno Schmidt von Stifters »Nachsommer« sagt, das schen Intrigen der Okkupatoren zur Wehr setzen muß. Alle
Motive einer im Theatermilieu angesiedelten Schmierenkomödie schal, also zur Behauptung der funktional »erfüllten« Relevanz
sind versammelt. Indem die für sich genommen reichlich ermü- eines ästhetischen Gegenstandes verwendet werden. In der Regel
dete Komik des Unterhaltungstheaters in den - realistisch be- (aber auch nur in der Regel) bedeutet das Komische nicht
trachtet - absolut irrealen Kontext des politischen Widerstands Aspekte der eigenen Komik, sondern präsentiert etwas in komi-
übertragen ist, gewinnt sie eine befreiende Schärfe, die auch scher Manier. Zu sagen, der Lubitsch-Film sei umwerfend ko-
unabhängig vom propagandistischen Anlaß eine unverminderte misch, meint, daß er - in jener doppelten Bedeutung - von
Aktualität behält. Die komische Irrealität der Szenerie und eminenter Bedeutung ist. Alle Gründe, die ich für dieses ästheti-
Handlung macht die Irrealität - die tödliche Nichtigkeit - der sche Urteil anführen kann, werden sich immer auch auf das
machtidealistischen Zurschaustellung des faschistischen Regimes Faktum meiner Reaktionsweise am Gegenstand stützen. Zwar
in einem Feuerwerk der Verkehrungen kalt zunichte. Die un- behaupte ich nicht einfach, der Film sei gut, weil ich ihn zum
menschliche Illusion einer militärischen Bereinigung der demo- Lachen fand - das wäre vorerst nur die Bekundung einer Vorliebe
kratisch-dekadenten Schwächen einer leidlich freien Gesellschaft (»ich finde sowas - nun mal - komisch«); ich behaupte, daß der
ist schlagender nie evident gemacht worden: die Obristen aller Film ästhetisch bedeutet, was ich in der komischen Reaktion -
Gattungen machen Ernst mit dem Unernst, den sie zu tilgen vor allen deutenden Überlegungen - an ihm verstanden habe.
behaupten. Die pathetische Parteinahme für die moralischen Stets aber ist in den kunstkritisch interpretativen Aussagen mit
Insuffizienzen, die in raffinierten Verdrehungen und Variationen unterstellt, daß es dem betreffenden Gegenstand angemessen sei,
gegen die Theatralik der Endlösung mobilisiert werden, gibt dem so erfahren zu werden, wie der Urteilende ihn erfahren hat. In
Film die Substanz, immer komischer zu werden, je öfter man ihn dieser Unterstellung liegt ein sowohl expressives als appellatives
sieht. Moment. Die kritische Behauptung sagt, wie der Film erfahren
Je öfter ich ihn ansehe jedenfalls. Für die Behauptung, daß »Sein werden sollte und greift dabei auf das Erleben desjenigen zurück,
oder Nichtsein« ein guter Film ist, muß ich nicht darauf beste- der eine solche Behauptung macht. Das ästhetische Erleben
hen, daß er immer komischer wird: es reicht, daß er komisch seinerseits ist unwiderruflich in der personalen Gesamterfahrung
bleibt - um diese Komik zu erfahren, müssen andere nicht für die der wahrnehmenden Subjekte fundiert. Daher habe ich gesagt,
Vorlust aufs Lachen (hier) so anfällig sein, wie ich es bin. daß im ästhetischen Urteil und in den Behauptungen, die es
Komisch bleiben aber muß er schon. Was ich einmal komisch primär stützen, stets eine Aufforderung zur Erfahrung bzw. die
fand und jetzt nicht wieder komisch finde, stellt das ursprüngli- Bekräftigung einer Einstellung formuliert wird, für die letztlich
che Urteil in Zweifel. Denn wäre der Film nicht komisch, so wäre keine anderen Gründe angegeben werden können als das ästheti-
er entsetzlich fade und peinlich moralisch. Er bedeutet, was ich sche Objekt selbst: auf das alle interpretative Rede in vergegen-
ihm nachsage, nur weil und insofern er komisch ist. Die Interpre- wärtigender Ergründung verweist.
tation, die ich kurz gegeben habe - und länger sind Kritiken und Wenn aber das nichts nützt? Wenn ich es mit einem rigoristi-
kritische Äußerungen ja oft nicht - steht und fällt mit der schen Esoteriker zu tun habe, der erstens Hollywoodfilme ver-
Nachvollziehbarkeit der konfrontativen Reaktion. Zwar ist die achtet (auch wenn emigrierte Österreicher die Regie führen) und
Behauptung, daß der Film komisch ist (und nicht nur eine es zweitens politisch heillos naiv findet, die Nazis in einer Weise
Komödie sein soll, wie eine solche gemacht ist) nicht selbst eine entlarven zu wollen, als seien sie bloß die schlechteren Klamot-
interpretative Behauptung. Sie ist eine direkte Wertbehauptung, teure? Nun - dann werden wir uns eben streiten. Und wir
die einer bestimmten Art der Wahrnehmung entspringt und eine können uns ausgiebig streiten, ohne nur auf den Austausch von
klare Direktive für eine interpretative (Selbst-)Verständigung Präferenzen zu verfallen. Der Kontrahent wird versuchen, meine
gibt. Entsprechendes gilt für Prädikate wie »spannend«, »vir- Interpretation kommentierend zu schwächen: Du tust so, als
tuos«, »intensiv«, »verhalten«, »dynamisch« usw., wenn sie pau- seien es die reinen Antihelden, die hier das falsche Heldentum
zersetzen - aber was sind's denn wirklich: Theaterstars mit ihren mentars wie aus seiner konfrontativen Begegnung versucht der
Allüren. Die Stars gehen in den Untergrund und spielen die Kontrahent mein enthusiastisches Verständnis zu erschüttern.
Gestapo an die Wand - daß ich nicht lache. Er wird auch meine Ob er nun recht hat oder ich die angemessene Auffassung habe,
Reaktionen anzweifeln: Was sagst du denn zu dieser umständli- ist aus einer allgemeinen Logik der ästhetischen Zuschreibung
chen Zwischenpassage, die ganz im bieder-pathetischen Ton der nicht zu entscheiden; wie das konstruktive Potential ästhetischer
Heimatpropaganda gehalten ist? Diese betuliche Rückversiche- Materialien erst in dem Zusammenhang des Werks sich be-
rung wirst du wohl auch beim fünften Mal nicht komisch aufre- stimmt, in das sie sich eingearbeitet finden, so ist die Plausibilität
gend finden. Er wird mir schließlich das Happy-End kommentie- der kritischen Interpretationsaussagen und Zuschreibungen nur
rend und fluchend in Erinnerung rufen: Spätestens hier ist es mit an dem Werk (oder Werktypus) zu ermessen, dem auf diese
der »schlagenden Schärfe« des Films zu Ende - und das hat Weise Bedeutung zu- oder abgesprochen wird. Ästhetische Kri-
Folgen fürs Ganze. - Darauf werde ich meinerseits einiges zu tik ruft Widerspruch nicht nur hervor, sie bestimmt an ihren
entgegnen haben; ich verweise auf die Notwendigkeit von Kon- Objekten, was ein Widerspruch ihrer Wahrnehmung wäre und
trasten der Tonlage, um den anarchischen Effekt eines Spiels im was an den abweichenden Bewertungen eine widersinnige Auf-
Spiel im Spiel bis hin zur ironischen Dialektik des Schlusses voll forderung zur Erfahrung ist.
auszuspielen. Beide - Befürworter und Verächter - werden wir
Wenn aber die Widerlegung mißlingt? Dann haben wir uns ein
versuchen, eine Interpretation zu finden oder unsere erste Deu-
Stück weit verständigt, auch wenn wir nicht einig geworden sind.
tung so zu differenzieren und zu forcieren, daß sie dem anderen
Der andere ist nicht einfach uneinsichtig - sonst ließe sich gar
das zeigt, was wir am Film erfahren haben und den anderen
nicht streiten; nur sieht er nicht, vermag nicht recht zu sehen, was
motiviert, seine eigene Wahrnehmung nochmals zu bedenken
ich zu sehen glaube; er hat keinen Sinn für die Komik, wie ich sie
und günstigenfalls noch einmal direkt zu erproben.
hier entdecke. Weder kriteriell noch deduktiv kann ich diesen
Die Argumentation gegen eine ästhetische Bewertung kann auf
Sinn demonstrieren, ich kann ihn nur ansinnen: im Aufweis
verschiedener Ebene Widersprüche und Mängel der bestrittenen
meiner interpretativen Gründe. Vielleicht werden wir uns ja noch
Sichtweise geltend machen. Sie wird einmal versuchen, Wider-
einig. Ihm mag das Lachen noch kommen, mir mag es beim
sprüche und folgenreiche Lücken in den Aussagen des Kommen-
sechsten Mal 50 vergehen, daß ich veranlaßt bin, meine Meinung
tars und der Konfrontation nachzuweisen; gegen meine Behaup-
zu ändern (anstatt die mangelnde Affinität auf den störenden
tung, der Film sei eine transformierte Komödie, hebt der Kontra-
Einfluß äußerer Umstände zurückzuführen). Einander beikom-
hent die konventionellen Mittel der filmischen Komik hervor;
men können wir nur vermöge der »subjektiven Allgemeinheit«
gegen die Bekundung einer unaufhaltsam komischen Wirkung
von Bestimmungen, die das ästhetisch bedeutsame Zeichen le-
macht er die lähmende Einbettung der komischen Passagen gel-
bendig machen als eine Präsentation von Gehalten, die tragende
tend, deren entkräftende Wirkung auch ich müßte erfahren ha-
Bezüge auch unserer Welt der Erfahrung entfalten - oder von
ben. Andererseits dienen diese beiden Arten der Infragestellung
Bestimmungen, die das ästhetisch mißratene Produkt als das
dem Aufweis von Inkonsistenzen auf der Ebene der kritischen
Symptom einer falschen Einstellung vor Augen führen.
Interpretation - und somit der Widerlegung wenn nicht der
Wer sich angesichts des Films von Lubitsch »weigern sollte,
resümierenden Wertung, so doch der Art ihrer Begründung (der
Komisches zu registrieren«, der wäre mit der - kommentierenden
Widerlegung eines falschen Verständnisses der ästhetischen Qua-
- Sicherheit bestimmter Kriterien allein »nicht zur Raison zu
lität). Antifaschistisch mobilisierte Anarchie ist mit einem arti-
bringen«. »Denn: Voraussetzungen und Bedingungen dafür, daß
stenromantischen Happy End nicht vereinbar; komisierende
sich etwas komisch ausnimmt, als Komik aufgefaßt, akzeptiert
Mittel, die der ideologisch-expliziten Sicherung bedürfen, erge-
und quittiert wird, sind aufgrund der historischen, sozialen,
ben keinen komischen Exzeß. Sowohl von der Seite des Kom-
kulturellen, psychischen, situativen Faktoren so komplex und
problematisch, ein allgemein verbindlicher und gültiger Begriff Reflexion am Gegenstand oder auf die Gegenstandserfahrung ist
des Komischen ist so unabsehbar, daß ich es für ausgeschlossen nicht darauf aus, geradewegs »an der Stelle jedes andern« zu
halte, die Behauptung, hier handle es sich... um Komik, so zu denken. Sie zielt auf die Vergegenwärtigung der Erfahrung, die
verifizieren, daß diese Behauptung (und mithin der sie bestim- durch das gelungene Objekt spezifisch erkennbar und in beson-
mende Eindruck) absolute intersubjektive Verbindlichkeit ge- derer Weise intersubjektiv vermittelbar wird: nicht allen, sondern
wönne.«175 So, wie es Wolfgang Preisendanz für den Fall der unbestimmt vielen Individuen. Die Urteilenden vergegenwärti-
Komik behauptet, verhält es sich generell mit den Zuschreibun- gen ihren Gegenstand so, wie auch andere auf ihn reagieren
gen der ästhetischen Kritik. Es verhält sich so nicht nur mit dem könnten (und sollten), die nicht biographische Doppelgänger der
ästhetischen Werturteil selbst, sondern ebenso mit den Deutun- Wahrnehmenden sind, sondern Angehörige ihrer werdenden und
gen, die es vorrangig stützen. Wie mit meinen Sätzen über vergehenden Welt. In der Gemeinsamkeit ästhetischer Einschät-
Lubitsch, so verhält es sich mit Eduards Thesen zu Paz und den zungen zeigt sich nicht allein die Gemeinsamkeit von Erfahrun-
funktional-interpretativen Aussagen bei Imdahl. Absolute Verifi- gen, ihre konstitutiven Gehalte werden vom ästhetischen Objekt
kation ist nicht zu haben: wohl aber die Plausibilität hinreichend gezeigt.
aufschlußreicher Gründe, die für ein ästhetisches Verhalten spre-
chen, indem sie mindestens einen Kernaspekt des am Gegenstand
in seiner Totalität Wahrnehmbaren formulieren, ohne dabei die f ) Ästhetische Bedeutung
Evidenzen der unmittelbaren Wahrnehmung zu übergehen (wie
sie die Sätze des Kommentars und der Konfrontation im Kontext
Anton und Eduard waren zusammen im Konzert und streiten
der Kritik benennen). Die Erwartung einer strikten Verifizierbar-
jetzt darüber, ob die gehörte Musik (und besonders jenes eine der
keit ästhetischer Urteile wäre auch ganz widersinnig. Ist es doch
gespielten Stücke) wild gewesen sei oder bloß laut. Stellen wir
der Sinn ästhetischer Argumentationen, daß die Objekte, die in
uns Anton und Eduard etwas schlichter vor, als wir sie kennen,
ihnen zur Geltung gebracht werden, zu Argumenten unserer
und lassen wir es dabei, daß die beiden die Frage »wild oder laut«
Erfahrung und Einstellung werden.
hier für den entscheidenden Streitpunkt halten (und sich auch
Diese Basis ästhetischer Interpretationen ist immer dann in Kraft, über die Differenz von Aufführung und Aufgeführtem keine
wenn Aussagen nicht über die Signifikanz, sondern zum Gehalt Gedanken machen).
ästhetischer Objekte getroffen werden. Wenn es ihr darauf an- Anton findet das Stück gut, weil es wild ist; Eduard hält es für
kommt, ist auch die KunstWissenschaft ästhetische Kritik; sie ist mißlungen, weil es ihm außer beachtlichen Phonstärken nicht viel
Kritik mit dem Schwerpunkt auf Aussagen des Kommentars. zu hören gibt. »Das ist ein - wirklich - wildes Stück«; »das ist -
Auch eine Kritik, die nicht den sichernden und ausführenden aber - eine laute Angelegenheit«. In der gedachten Verwendung
Anspruch der kritischen Wissenschaft erhebt, gibt immer auch geben beide Aussagen erstens eine zusammenfassende Weitung
einen Kommentar; sie ist Kommentar vorrangig aus der Sicht der und zweitens einen entscheidenden interpretativen Hinweis auf
erstmaligen oder erneuerten Konfrontation. Wo immer kunstkri- den primären Grund dieser Wertung. Die Musik ist in ihrer
tische Interpretationen gesucht und gegeben werden, zählt nicht Wildheit gut; die Musik ist trotz ihrer Phonstärke schwach. Auch
eine Form der Wahrnehmung, die jedes Subjekt mit Sicherheit in Eduards Mißfallensäußerung ist eine interpretative Stellung-
machen könnte oder müßte machen können, wenn es sich nur in nahme enthalten. Denn nach seiner Auffassung war die Musik
die richtige Position begeben oder die richtigen Prämissen sach- nicht nur laut, sie war nur laut; seine Aussage hat den Status einer
lich einsehen würde. Was Kant die »Maxime der Urteilskraft« kritischen »Nullbehauptung« der oben erörterten Art. Für Edu-
genannt hat, ist in der ästhetisch unmittelbar interessierten Wahr- ards Ohren hatte die Lautstärke keine erkennbare Funktion; weil
nehmung gerade nicht das leitende Prinzip.176 Die ästhetische sie keine hatte, fand er das Ganze nicht nur bloß laut, er fand's
überdies - dafür, daß es ohnehin schlecht war - auch zu laut. In erneuern, daß nicht bestimmte Prädikate, sondern bestimmte
bescheidenerer Form läßt er sich das Schlechte noch eher gefal- Verwendungsweisen von Prädikaten die Formen der Charakteri-
len. sierung im Sprachspiel der ästhetischen Kritik bestimmen. Edu-
Laut ist die Vorstellung gewesen: darüber sind sich Eduard und ard gebraucht dasselbe Prädikat, um drei sehr verschiedene Be-
Anton vollkommen einig. Trotz der konträren Bewertungen ist hauptungen zu machen. Das Stück ist laut; es ist (vor allem) laut;
eine weitergehende Ubereinstimmung der kommentierenden und es ist (nichts als) laut. Die erste Charakterisierung ist be-
Charakterisierung denkbar. Eduard könnte zugestehen, das schreibend; die zweite gibt eine kritische Zuschreibung; die dritte
Stück habe den einen oder anderen wilden Moment gehabt; aber ein zusammenfassend wertendes Urteil. Anton, der in der be-
diese paar Augenblicke, so wird er sagen, machen das Stück nicht schreibenden Prädikation mit Eduard übereinstimmt, läßt seine
selbst schon wild - im Gegenteil: sie machen nur deutlich, wie Entgegnung mit einer zuschreibenden Kommentierung begin-
vorlaut es um Wildheit bemüht ist. Für Antons Empfinden nen, die er ohne lange Wortklauberei zu einer kritischen Deutung
dagegen war die Musik weder zu laut noch aufs Ganze gesehen und einer zusammenfassenden Bejahung sich fortschreiben läßt.
bloß laut, denn für seine Ohren hatte die Lautstärke eine erkenn- Das Stück hat etwas Wildes; es ist wild; ein wildes Stück!
bare ästhetische Funktion: dem Stück den Charakter der Wild- Vielleicht war es sogar ein wilder Abend, den Anton nicht zuletzt
heit zu geben, den es andernfalls in dieser eindringlichen Weise durch diese Musik verlebt hat. Nur macht eine wilde Musik noch
nicht hätte haben können. Nach Antons Meinung ist das Stück keinen wilden Abend und ist ein wilder Abend mit Musik nicht
wild unter anderem, weil es laut ist. Eduard dagegen hat das notwendig ein Abend mit wilder Musik. Unter anderem liegt dies
Ganze mißfallen, weil er außer ungewöhnlichen Lärmgewalten daran, daß Antons wohlwollende Reaktion, aus der ihm die
nichts besonderes an ihm finden konnte und kann. Er hat wohl Wildheit der Musik hörbar wird, nicht ihrerseits eine wilde sein
gehört, daß es sich hier um Musik einer bestimmten Art handelt. muß. Ein bestimmtes Gefühl der Bewilderung und ein entfessel-
Er sagt nicht: das Ganze ist ein dröhnender Witz, aber keine tes Gebaren gehören der Wahrnehmung des ästhetisch Wilden
Musik. Aber er hat nichts wahrnehmen können, was ihm als nicht notwendig zu (ein Fehlschluß, auf den Wittgenstein immer
besondere Qualität dieses besonderen Stücks fesselnd aufgefallen wieder hingewiesen hat). Die ästhetische Sympathie ist eine des
wäre. Jedenfalls »nichts von Bedeutung«. Das bißchen Wildheit, Erkennens, nicht des Aufgehens im Erkannten. Zumal wenn es
sagt er, greift nicht über, verebbt im bloßen Lärm; was dem Stück sich um Rockmusik handelt, kann es natürlich sein, daß Anton
zur Wildheit fehlt, ist der Atem, das Gehetzte, die Anspannung auf das Gehörte expressiv »abfährt«; nicht nur agiert er sein
des Fortgangs - so wie es ist, rattern die Klangmuster und Hören tanzend ab, er nimmt die Musik im Tanzen und durch das
Melodiefetzen einfach vorbei. »Ich bitte dich!« - hält Anton Tanzen wahr und stellt zugleich Züge seiner Wahrnehmung nach
dagegen: und schon geht die Post ab. »Atemlos ist das Stück, ja, außen dar; sein begeistertes Tanzen gibt eine Interpretation der
aber nicht ohne Atem! Hast du nicht den Wechsel, die Dehnun- Musik, auf die er tanzt. Genausogut aber kann es sein, daß er die
gen und Schnellungen im rhythmischen Fortgang gehört? Die wilde Musik stumm und still in sich aufnimmt: und es am Ende
Gewalt der gleichförmigen Partien liegt doch darin, daß ihre Hast ein ruhiger Abend war im Hören einer wilden Musik. Vielleicht
gegen die minimalen Stockungen und Sprünge, gegen das Zerrei- ist Eduard derjenige, der sich austobt: dafür, sagt er, ist das Zeug
ßende auch der Melodie - überspielend - komponiert ist. Und die gerade gut genug. Wenn er tanzt, wird er wahrscheinlich anders
lähmende Monotonie des Endes, worin der akustische Exzeß sich tanzen als Anton tanzen würde (wenn er ein leidlich expressiver
in die Erschöpfung steigert!« Tänzer ist). Eduard bewegt sich indifferenter - zur Musik: es mag
ihn anderes zum Tanz verlocken als nur die Musik. Wenn er
Wie abgesprochen, werden wir den Quadrierungen der Bered- andere Motivationen hat und entsprechend in Stimmung ist, mag
samkeit unserer Beispielmänner diesmal nicht folgen. Das einfa- also auch Eduard einen wilden Abend verleben. Diesen - schö-
che Beispiel gibt einen drastischen Anlaß, die Beobachtung zu
nen - wilden Abend aber verlebt er nicht, wenn er die Auffüh- Phänomene) beziehen sich nicht - »denotierend« - auf etwas in
rung der Musiker stur aus der Warte des enttäuschten Kritikers der Welt, sie charakterisieren das, was an ihnen bezeichnet
verfolgt und am Ende dem euphorischen Anton kühl entgegen- (»denotiert«) wird. Sie beziehen sich auf den Besitz, auf das
hält: Ich kann mir nicht helfen, mein Bester, diese bombastische Haben der Eigenschaften, auf das sich unser Verstehen an ihnen
Lärmüberwältigung, die macht mich ganz wild. verdeutlichend bezieht. Beispielhafte Phänomene thematisieren
Der verblüffte Anton wird darauf bestehen, die Musik sei in ihrer nichts, sie vergegenwärtigen, was an ihnen thematisch wird: das
Wildheit gut - ein Grund, genau hinzuhören, kein Grund, wild ist der Unterschied in der Bezugnahme, auf den Goodman zielt.
zu werden (aber vielleicht auch eine Gelegenheit, sich einen Diese »Umkehrung der Bedeutungsrichtung«, diese Differenz
richtig wilden Abend zu machen). Was nun ist gesagt mit inter- der Artikulation, ist nach Goodman ein konstitutives Merkmal
pretativen Zuschreibungen der ästhetischen Kritik? Es wird et- ästhetischer Zeichen. Das ästhetische Objekt, so muß man extra-
was gesagt zur ästhetisch-aktuellen Funktion des betreffenden polieren, ist ein Exempel, an dem die ästhetische Wahrnehmung
Gegenstands. Das unterscheidet sie von Aussagen zum ästheti- erst erkennend auffinden muß, was es vergegenwärtigend zu
schen Potential des Objekts. Die Behauptung, das gehörte Stück verstehen gibt. Das ästhetische Zeichen ist nicht für einen be-
sei laut, ist wahr, wenn es laut ist. Die Behauptung, das Stück stimmten Verständigungszweck ausgezeichnet, es ist das in der
habe wilde Momente, ist wahr, wenn es wilde Momente hat, die Regel komplexe Medium eines zweckfreien Erkennens.17' Die
erkennbar sind für die, die sich mit dieser Art Musik ein bißchen zuschreibend imaginierende Erschließung von Kunstwerken ex-
auskennen. Die Behauptung, das Stück insgesamt sei - wesentlich perimentiert mit unserer Sprache für die Phänomene, die wir an
- wild, ist wahr, wenn es seine Wildheit ästhetisch bedeutet (und ihnen ausgeprägt finden; die ästhetischen Objekte sind daher
in diesem Sinn wild ist). ausgezeichnete Gelegenheiten, sich des Sinns der Unterscheidun-
gen erneuernd, variierend und bereichernd zu vergewissern, die
Wenn in der beschriebenen Weise gesagt wird, ein Musikstück sei
für die Orientierung in den Welten, die wir haben und »machen«,
»wild«, so ist damit nicht allein gesagt, was für es (im Ganzen
wesentlich sind oder es somit werden.
gesehen) charakteristisch ist: gesagt ist, wofür die Musik charak-
teristisch ist, was sich in ihr artikuliert. Der Gedanke, daß Das gilt zumal dann, wenn es das ästhetische Verstehen mit
ästhetische Objekte in einer bestimmten Weise charakteristisch Formen der »metaphorischen Exemplifikation« zu tun hat; und
sind für das, was sie in funktionaler Hinsicht charakterisiert, ist fast alle Kunstwerke von einiger Bedeutung geben Zusammen-
der eigentlich produktive Grundgedanke der Ästhetik von Nel- hängen Ausdruck, die nur mittels metaphorischer Kennzeich-
son Goodman.177 Das Problem ist nur, daß Goodman diesen nung an ihnen aufzufinden sind. Im Unterschied zur reinen
Gedanken nicht selbst produktiv machen kann. Denn er vermag Exemplifikation und zur ästhetischen Repräsentation bezeichnet
nicht zu sagen, wie die ästhetischen Gegenstände sich auf diejeni- Goodman die »metaphorische Exemplifikation« als das expres-
gen ihrer Charaktere beziehen, die eine interpretative Wahrneh- sive Moment der ästhetischen Artikulation, weil er annimmt, daß
mung an ihnen entdeckt. Wenn aber das nicht gelingt, läßt sich die metaphorischen Zuschreibungen sich notwendig auf die Spra-
auch die semiotische Eigenheit der ästhetischen Zeichen nicht che des subjektiven Erlebens stützen. Auch die sogenannte Ex-
erweisen. Die Kunstwerke werden begrifflich zu bloßen Beispiel- pressivität ästhetischer Objekte ändert nichts an der grundsätzli-
gegenständen degradiert, was sie bekanntlich, je besser sie sind, chen Artikuliertheit ästhetischer Zeichen: sie beziehen sich cha-
desto weniger eigentlich sind. rakterisierend auf das, was für sie vor allem chrakteristisch ist.
Vom Begriff der Exemplifikation gehen die entscheidenden »The signifikant properties of a work, we might say, are those it
Überlegungen bei Goodman aus.178 Für die Signifikanz von signifies.«' 80 Mit Auskünften wie dieser versucht Goodman dem
Beispielen stellt Goodman eine »Umkehrung der Bedeutungs- immer wiederkehrenden Einwand zu begegnen, der bezweifelt,
richtung« fest: Exempel (einschließlich beispielhaft thematisierter daß es sich bei den ästhetisch »selbständigen« Beispielen über-
haupt um symbolische Gegenstände handelt (und der in seiner stands zu erfassen gilt. Während aber der Beispielgegenstand für
radikalen Form das Konzept der ästhetischen Bedeutung über- etwas steht, auf etwas verweist in einem externen Verständi-
haupt negiert). Ästhetische Objekte, sagt Goodman, sind Zei- gungszusammenhang, in dem er okkasionell Bedeutung gewinnt,
chen, die erhellen, was sie erhellt. Was aber unterscheidet diese präsentieren Kunstwerke einen Zusammenhang interner Verwei-
»Zeichen« von den Gegenständen, die einfach sind, was sie sind? sungen, aus dem sie eine Sicht dessen darbieten, als was sie zu
Offenbar wiederum nur, daß es besondere Gelegenheiten sind, verstehen sind. Beispiele geben in einem fraglichen Zusammen-
zu zeigen, was es heißt, zu sein, wie sie sind. Goodmans Grund- hang etwas zu verstehen; wenn es sich um mehr als bloße
begriff des Ästhetischen fällt auf die ästhetische Armut von Fallbeispiele handelt, vergegenwärtigen die betreffenden Bei-
Beispielen zurück. Kunstwerke wären Beispiele ohne spezifi- spiele Teile des sachlichen Zusammenhangs, aus dem sie ihre
schen Kontext und meist komplexer Natur. Bedeutung als Beispiele gewinnen. Die gelungenen Kunstwerke
Ich halte das für eine reductio ad absurdum. Denn Beispiele ohne dagegen nehmen die Charaktere und Themen, auf die sie inter-
beispielgebenden Kontext sind eben keine Beispiele. Sonst wäre pretierend bezogen werden, in den Artikulationszusammenhang
alles, was »denotiert werden« kann, von vornherein ein Beispiel. ihrer internen Korrespondenzen zurück. Ihre Bedeutung ist es,
Die beispielhaften Phänomene jedoch werden zu Beispielen allein einen weltkonstitutiven Sinnzusammenhang der Zuschreibungen
in Kontexten der Verständigung, in denen sie Aspekte eines zu exponieren, durch die sich ihre phänomenale Ausprägung als
themengebundenen Zusammenhangs bestimmen helfen (vgl. ein Zusammenhang sinnhafter Korrespondenzen erschließt. Der
oben S. 148 f.). Das beispielhafte Phänomen, das im Beispielgebe« ästhetisch gelungene oder schöne Gegenstand artikuliert die
zum Objekt und Medium einer vergegenwärtigenden Handlung welthaltige Artikuliertheit dessen, als was er sich uns artikuliert.
wird, bedeutet für sich genommen überhaupt nichts. Goodman, Was sich so charakterisiert findet, ist ein holistischer Zusammen-
so könnte man sagen, verwechselt das Exempel mit der Exempli- hang der Bedeutsamkeit der nichtästhetischen Bedeutungen, die
fikation; er vernachlässigt die pragmatische Dimension des Bei- dem ästhetischen Gegenstand interpretativ zugeschrieben wer-
spielgebens, in der ein Beispielgegenstand die ihm verliehene den. Der Gehalt ästhetischer Zeichen liegt also nicht in dem,
signifikante Kraft gewinnt.181 Würden daher Kunstwerke nur worauf sie sich, vermittelt durchs interpretativ wahrnehmende
charakterisieren, was sie charakterisiert, so würden sie sich aus Bezogenwerden, beziehen: er liegt in der präsentativen Entfal-
eigener Kraft überhaupt nicht »beziehen« und wären - auch im tung eines Sinnhorizonts der Charaktere, die erkannt werden
weitesten Sinn von »symbolisch« - als symbolische Medien gar müssen, um ihre funktional erfüllte Relevanz zu erkennen.
nicht zu verstehen. Daß Goodman gegen Einwände dieser Art Wie schon in der ersten, vorläufigen Erörterung der ästhetischen
stur behauptet, es sei dies Charakteristischwerden der Charakte- Bedeutung hervorgehoben (vgl. 11.2.c), unterscheidet sich die
ristika eine signifikative Dimension eigenen Rechts, beweist nur »vergegenwärtigende« Leistung der ästhetischen Zeichen von den
wieder die Unbeirrbarkeit seiner zentralen Intuition. Und macht Formen der situationsabhängigen Vergegenwärtigung durch die
deutlich, daß Goodman ihr nicht geben kann, was ihr gebührt: situationsunabhängige Präsentation von Sinnbeziehungen, die
die dialektische Unterscheidung des ästhetischen Ausdrucks von allein hiermit in ihrer situationskonstitutiven Totalität verste-
der Bedeutung der Ausdrücke, mit denen wir das Charakteristi- hend erfahrbar werden. Im krassen Gegensatz zu Beispielen sind
sche des ästhetischen Ausdrucks benennen. die ästhetischen Gegenstände Zeichen eines autonomen Zeigens -
Es ist das Richtige und verstörend Einfache dieser Intuition, daß nicht nur, weil hier das einzelne Zeichen zeigt, was allein dieses
der ästhetische Gegenstand - wie das Exempel - das Medium zeigt; vor allem, weil allein diese Zeichen aus interner Beziehung
eines wesentlich explikativen Verstehens ist. Beide Male gilt es zeigen. Die ästhetischen Beispiele »mit eingezogenem Kontext«,
einen Zusammenhang von Bedeutungen zu verstehen, den es in wie paradox gesagt werden kann, sind eben keine Beispiele. Es
der Vergegenwärtigung der Ausprägung des betreffenden Gegen- sind - in jenem unspezifisch weiten Gebrauch des Wortes »sym
bolisch«, den Goodman macht - symbolische Besonderungen der sei.18' Freilich ist diese Kennzeichnung noch durchaus unzurei-
Erfahrungsgehalte, die am gelungenen und schönen Objekt in chend, denn auch im Beispielverstehen kommt es ja nicht selten
thematisch zuschreibender Exploration zu »vergegenwärtigen« darauf an, auf den Zusammenhang voraus- und rückbesinnend zu
sind (vgl. auch S. 239 f.). Das macht die präsentativen Zeichen oft »reflektieren«, in dem das Beispiel seinen Sinn gewinnt. Die
auch zu hervorragenden Beispielen. Aber ihre erfüllte Bedeutung ästhetisch verstehende Reflexion ist auf eine besondere Weise
liegt nicht in der hinzukommenden Signifikanz in ästhetischen verlangt, als es ihr darum geht, die zeicheninternen Korrespon-
und nichtästhetischen Belangen; ihre funktionale Eminenz ist denzen ihrer Gegenstände ohne situative Vorgaben suchend und
gegeben, wenn sie Bezüge der aktuellen Bedeutsamkeit der Gege- verweilend zu bilden, Korrespondenzen, durch die das ästhetisch
benheiten aufweisen, auf die sie vermöge ihrer Verfaßtheit be- Gezeigte, das es zu verstehen gilt, die Bedeutung eines in seiner
ziehbar sind. Dabei ist es gleichgültig, ob sie sich auf die Inhalte, integralen Bedeutsamkeit sich Zeigenden gewinnt, der dieses
deren Gehalt sie präsentativ entfalten, auch thematisch beziehen Verstehen eigentlich gilt. Das ästhetische Verstehen gilt schließ-
oder nicht. Ein Musikstück, das wild ist, charakterisiert die Wild- lich nicht der Bedeutung der eigenen Zuschreibungen, es gilt der
heit, die es hat; ein Gedicht, das von wilden Nächten spricht, mag ästhetischen Bedeutung, die in der wertend zuschreibenden Er-
die Wildheit charakterisieren, von der es spricht. Ästhetische Ob- kundung verlockender Gegenstände zur ausdruckhaften Erschei-
jekte zeigen, woher sie etwas zeigen, sie bringen die Erfahrung zur nung kommt; in dieser testenden Erschließungsfunktion liegt der
Sprache, aus der sie sprechen, indem sie die Erfahrung ausdruck- kunstkritische Sinn der ästhetisch-funktionalen Interpretationen.
haft konstituieren, von der die Sprache der ästhetischen Kritik in Der Logik dieser sei es implizit spielenden, sei es explizit deuten-
ihren bejahenden Stellungnahmen spricht. den Reflexion ist der vorangegangene Abschnitt gefolgt. Den
bedeutungstheoretischen Aspekt dieses Verstehens haben Danto
In eine ähnliche Richtung gehen die Korrekturen, die Danto an
und Gabriel erkannt, wenn sie nahelegen, daß dieses Verstehen
der Engführung des Goodmanschen Programms vorgenommen
dem Innewerden weltbildender Sichtweisen gilt - wenngleich
hat. Gegen Goodman besteht auch Danto darauf, daß die Rede
gegen beide Autoren festgehalten werden muß, daß das ästhetisch
von der allgemeinen »symbolischen« Verfassung ästhetischer Ge-
primäre Verstehen stets der Beurteilung der gegenwartsbezoge-
genstände erst sinnvoll wird, wenn gesagt werden kann, was denn
nen Angemessenheit der ästhetisch entweder vermittelten oder
die ästhetische Darbietung kategorial von der Darstellung unter-
verfehlten Sichtweisen gilt. Mit beiden Autoren wiederum läßt
scheidet, die vom Inhalt der ästhetischen Darbietung gegeben
sich sagen, daß der ästhetisch erfüllte Ausdruck darin besteht,
werden kann. Dieses Problem erörtert Danto folgerichtig an der
den Gehalt lebensformgebundener und lebensformbindender
allgemeineren Frage, was die ästhetische »Darstellung« von der
Einstellungen zu artikulieren. Wie Danto verwendet auch Ga-
Darstellung von Sachverhalten in der Welt trennt. Trotz ihrer
briel hier einen Begriff der Einstellung, der »entgegen emotivisti-
inkonsistenten Ausarbeitung ist Dantos Grundthese mit der hier
schem Sprachgebrauch« »emotive und kognitive Aspekte« um-
vertretenen Auffassung vereinbar: Es ist die genuine Bedeutung
faßt.184
von Kunstwerken, Sichtweisen der Welt zur Darstellung zu
bringen, die in keine Darstellung der Welt überführt werden Nachdem die Lektüre analytischer Autoren wieder auf die eher
können.1®2 In einem ebenfalls von Goodman inspirierten Aufsatz hermeneutisch gewonnene These geführt hat, daß das ästhetische
»Über Bedeutung in der Literatur« kommt Gottfried Gabriel Interesse der Präsentation von Erfahrungsgehalten gilt, ist eine
zum gleichen Ergebnis. Die Differenz von Beispielverstehen und ergänzende Differenzierung möglich. Sie betrifft den Rechtferti-
ästhetischem Verstehen formuliert Gabriel so, daß es im ästheti- gungssinn der ästhetischen Argumentation.185 In der bisherigen
schen Erkennen auf die Leistung der am Gegenstand »reflektie- Analyse der ästhetischen Beurteilung habe ich noch ohne eine
renden« Urteilskraft ankomme, während zum Verstehen gegebe- genauere Abgrenzung dargelegt, wie in der Argumentation für
ner Beispiele allein die »bestimmende« Urteilskraft beansprucht ein ästhetisches Urteil die Sichtweise oder Einstellung gerechtfer-
tigt wird, die entweder am gelungen Objekt gewonnen oder am gespielten Stücks darin, daß es in konstellativer Dynamik Sinnbe-
mißlungenen Werk nur bestätigt wurde. Gerade im Fall der ziehungen exponiert, die er mit Erfahrungen - jetzt - verbindet,
positiven Bewertung aber ist es nicht dasselbe, ob die im ästheti- die wesentlich den Charakter der Wildheit haben: und dies in
schen Objekt präsente Sichtweise als wesentlich oder in einem einem durch das Musikstück aufweisend bestimmten und an ihm
stärkeren Sinn als richtig bewertet wird. Für das Bewußtsein der hinweisend zu bestimmenden Sinn. In seiner Wildheit gehört,
Gegenwart wesentlich sind Erfahrungen, deren Bekanntschaft erfüllt es die ästhetische Funktion, die Entfaltung eines wilden
für ein richtiges Leben wesentlich ist; in einem stärkeren Sinn Geschehens, Augenblicks, Ereignisses zu sein. Es hat die symbo-
wesentlich sind die durch Erfahrung erworbenen und zu erwer- lische Artikuliertheit einer wilden Situation. Freilich wird kein
benden Sichtweisen, die uneingeschränkt als Gehalte richtiger Musik- oder sonstiges Kunststück, so wild es auch sei, die
Einstellungen im gegenwärtigen Leben beurteilt werden. Die im Gesamtheit der Implikationen, Belehnungen und Besetzungen
schwächeren Sinn wesentlichen Sichtweisen gehen als wichtige präsentieren, die die, die es als ein wildes hören oder verstehen,
Teilperspektiven in den Erfahrungszusammenhang der durch sie mit dem Bedeutungsfeld des »Wilden« aus Erfahrung verbinden.
veränderten, aber sie auch wiederum modifizierenden Lebens- Und zwar nicht nur darum, weil jedes neue oder neu gedeutete
weise ein. Auch die Kunstwerke, die derart wesentliche Sichtwei- Stück, das gut ist unter anderem, weil es wild ist, der Bedeutsam-
sen zur vergegenwärtigenden Erfahrung geben, werden häufig keit dessen, was wir als »wild« bezeichnen, eine zusätzliche oder
ohne Paradoxie als gelungen, schön usw. bewertet. Unserer verändernde Musterung gibt - so wie sich mit den Orgien des
emphatischen Bejahung aber werden die Kunstwerke und ästhe- Free Jazz der Sinn dessen erweitert, was als Erfahrung des
tischen Gegenstände zuteil, die eine Sichtweise eröffnen, die wir Wilden und wilde Erfahrung ansprechbar ist; sondern weil es die
als eine uneingeschränkt richtige Sicht der Dinge ästhetisch erfah- Bedeutsamkeit der Erfahrung des Wilden oder wilder Erfahrun-
ren. In der Explikation und Verteidigung dieser Einschätzungen gen nicht gibt. Die Wildheit eines Musikstücks, wenn es denn
rechtfertigen wir zugleich auch die Einstellung, deren vollen derart wild ist, daß es seine Wildheit ästhetisch bedeutet, ist stets
Gehalt wir im ästhetischen Gegenstand dargeboten finden. In eine besondere, im Artikulationsgefüge des Werks besonderte.
den anderen Fällen der ästhetischen Wertschätzung werden wir Wenn den Wahrnehmenden daran liegt, können sie diese Beson-
uns darauf beschränken, die Relevanz der Erfahrung geltend zu derheit annähernd und andeutend weiter bestimmen. Seine Wild-
machen, die im ästhetischen Gegenstand zum Ausdruck kommt. heit kann lustvoll sein oder panisch, lähmend oder verhalten,
Relevant sind diese Erfahrungen durchaus für unsere jetzige rauschhaft oder bezaubernd, terrorisierend oder animativ, insi-
Einstellung, auch wenn der Gehalt dieser Einstellung, auch wenn stierend oder explosiv, leise oder laut; sie kann mehreres zugleich
unsere Sicht der betreffenden Dinge sich nicht vollständig mit sein und anderes dazu. Aber der inexponible Resonanzraum, der
dem hier artikulierten Sinnzusammenhang deckt. Für die beiden sich eröffnet, wenn wir uns dazu verstehen, es in seiner Wildheit
der nunmehr unterschiedenen Möglichkeiten jedoch ist festzu- gelungen und in seiner Lautstärke wild zu finden, wird immer
halten, daß das ästhetische Urteil, das seinem Gegenstand eine nur eine der Figurationen auftun, in denen sich die erfahrend
ästhetisch erfüllte Bedeutung zuspricht, in jedem Fall die Be- verwobenen Bedeutungen des »Wilden« sinngebend und sinneh-
gründbarkeit der hier erscheinenden Sichtweise behauptet: auch mend ineinander verschlingen. Kunstwerke und die ästhetisch
wenn es nicht in jedem Fall die uneingeschränkte Angemessen- sonst ergiebigen Erscheinungen sind nicht die zauberhaft immer-
heit der Erfahrung behauptet, die wir haben, wenn wir die gleich welthaltigen Monaden, es sind perspektivisch aufgeladene
betreffende Sicht gewonnen haben. Moleküle der an ihnen erscheinenden Welt. Die Wildheit der
Beatles in »Heiter Skelter«, des Art Ensembles of Chicago in
einigen seiner Pariser Sessions und die Wildheit Weberns in
Ich nehme das reduktive Musikbeispiel wieder auf. Für einen
manchen seiner Bagatellstücke sind extrem verschiedener Art. In
Hörer wie Anton liegt die Bedeutung und das Faszinierende des
jedem dieser und der zahllos denkbaren weiteren Fälle wird mit Titel zeigt an, was sich am und im ästhetischen Potential der
einem identischen Ausdruck auf ganz verschiedene ästhetische aktuellen Erfahrung zeigt. Wer eine Vorliebe hat für die ästheti-
Bedeutungen verwiesen.186 Daran zeigt sich nochmals, daß die schen Terminologien des Scheins, kann auch sagen, die Interpre-
ästhetische Bedeutung nicht diejenige der in ästhetischen Deu- tation spreche aus, was am betreffenden Werk vor allem er-
tungen verwendeten Begriffe ist. Die ästhetische Bedeutung ist scheine: und wird, ganz zu Recht, darauf bestehen, daß nicht das
das, worauf wir verweisen, wenn wir diese Begriffe im Kontext Erscheinende, sondern der Schein dieses Erscheinens das ästhe-
ästhetisch anerkennender Wertungen verwenden. Wir verwenden tisch eigentlich Wesentliche sei. Ohne Erscheinendes aber ist der
unsere Begriffe ästhetisch, wenn wir sie zur Explikation unserer schönste Schein nur ein leerer Schein - ein Nebel der Anmutung,
Sicht der Dinge verwenden, die im Unterschied zu unseren der keine ästhetisch schattenhaften oder strahlenden Erleuchtun-
Ansichten über die Dinge begrifflich nicht aussagbar ist. gen birgt. Kein ästhetischer Schein ohne ausdruckhaft Erschei-
Was sich dieser Zuwendung als ästhetische Bedeutung zeigt - das nendes, an dem das Ausdrucksobjekt die ästhetische Bedeutung
muß sich zeigen. Es muß sich zeigen beim Hören eines Musik- des »Scheins«, sprich: eines in das Erscheinende verwobenen
stücks, das erst einmal - nur? - laut ist, es muß sich zeigen an Sinngefüges erhält.187
jenem Film von Lubitsch, der erst einmal - nur beim ersten Mal?
Es ist klar, daß die Bedingungen des ästhetischen Bedeutens für
- einfach komisch ist. Was es ist, das sich ästhetisch bedeutet
die verschiedenen Kunstarten oft ganz verschiedene sind: eine
findet, kann angesprochen werden durch die interpretative Zu-
Verschiedenheit, auf die ein neugieriger Betrachter, Leser und
schreibung eines einfachen Prädikats - jeder Art: »dieser wilde
Hörer sich nicht allzu sicher verlassen wird; er ist zu synästheti-
Fortgang« - »dieses Rot bei Tizian«; durch eine kennzeichnende
schen Wahrnehmungseskapaden gerne bereit, von denen er sich
Charakterisierung: »die Auferstehung der Farben«, »die anti-
an der Wucht der gelungenen Reduktionen bestürzend erholt.
kompositionelle Restitution des Erhabenen« in der Serie von
Aufs Gelungene, Schöne, Bestürzende ist er allemal aus. Und er
Newman; durch die Formulierung eines Gedankens, der erhellt,
hat eines dieser chamäleonhaften Kriterien dafür, was das ästheti-
was ein Werk ästhetisch erhellt: »Einfälle, ästhetische wie theore-
sche Gute, Schöne und Entsetzende ist. Paul Valery hat es ihm
tische, sind nicht intendierbar - wie das kommt und zugeht,
zur Verfügung gestellt. »Der Gegenstand eines Werkes ist das,
zeigen die Zeilen von Paz« (was sich wiederum so umformulieren
worauf ein Werk, wenn es schlecht ist, zusammenschrumpft.«'88
läßt, daß gesagt wird, die »Nichtintendierbarkeit von Einfällen«
Das Schlechte hat nur die Bedeutung der ästhetischen Signifi-
sei es, die im unscheinbaren Gefüge der Zeilen zu vergegenwärti-
kanz; das Gute hat die Bedeutung der präsentativ inkorporierten
gen sei - ein nominalisierter Gedanke, ein Thema, die auf den
oder inszenierten Bedeutsamkeit. Denn der Gegenstand eines
Sinn des ästhetisch Exponierten verweisen). Ob es sich um
Werkes ist das, worauf ein Werk, wenn es gut ist, sich zuspitzt,
gegenständliche - auch thematisierende - oder ungegenständliche
um seine, des Werkes, Bedeutung zu entfalten, indem es der
Kunstwerke handelt, in jedem Fall haben die interpretativen und
Bedeutsamkeit seines Gegenstandes Ausdruck verleiht.
darin kritischen Zuschreibungen die Funktion, zu benennen, was
in der Artikuliertheit des ästhetischen Zeichens eine Charakteri-
sierung erfährt. Man kann das den Gegenstand, den Inhalt, das
Thema, den Bezugspunkt, den primären Charakter und anders g) Situation und Differenz
nennen: was so angegeben wird, ist niemals der Gehalt der so
besprochenen Werke. Es ist ein Titel der Situation, die die Ein ästhetisches Objekt verstehen heißt beurteilen, inwiefern es
Wahrnehmenden ästhetisch präsentiert finden (der von den Ti- schön oder gelungen ist: diesen Zusammenhang von ästhetischer
teln der Werke abweichen, aber auch mit ihnen übereinstimmen Bedeutung und ästhetischer Kritik sollten die vorangegangenen
kann - wenn sie einen haben). Dieser kritisch zugesprochene Abschnitte erläutern. Wenn deren Analyse angemessen war,
müßte sich jetzt ein Bild der ästhetischen Wahrnehmungssitua-
tion zeichnen lassen. Es ist dies eine Situation der verstehenden Welt erfahren: wir erfahren bestenfalls etwas über die Welt, aus
Situationsbildung, die sich von Erfahrungssituationen andernorts der es stammt, aber wir erfahren nichts, was Situationen unserer
(die ja ebenfalls Situationen der Situationserschließung sind) da- Welt bestimmt oder sie fortan bestimmend wird. Das ästhetisch
durch unterscheidet, daß es hier darum geht, den Charakter einer Gelungene dagegen wird in seiner Gelungenheit wahrgenommen
Situation vergegenwärtigend zu erkennen, die nicht gleichbedeu- durch Erfahrung. Auch in der wiederholten Begegnung bedeutet
tend ist mit der Situation dieses wahrnehmenden Erkennens. Die eine konzentrierte Vergegenwärtigung des Gelungenen eine Er-
ästhetische Wahrnehmung gilt der präsentischen Erschließung fahrung für die, die es in seiner Gelungenheit erkennen. Sie
von Situationen, von denen die Wahrnehmenden nicht (gänzlich) verändert die Sicht auf das, was so zur Wahrnehmung kommt.
umschlossen sind. Sie verändert die Wahrnehmenden in jenem weiten Sinn, der die
Antons und Eduards Reaktionen auf das - zumindest laute - Erneuerung und Bekräftigung einer bereits bekannten und sogar
Musikstück haben bereits klargemacht, daß die ästhetisch wahr- altvertrauten Sichtweise mit umfaßt. Als aktualisierende oder
genommene »Situation« nicht gleichgesetzt werden darf mit der umstürzende Erfahrung ist die intensive Wahrnehmung des Ge-
Situation der ästhetischen Wahrnehmung. Zwar ist es richtig zu lungenen stets und immer neu wirksam, weil es die Besonderheit
sagen, die ästhetische Wahrnehmungssituation sei als ästhetische der ästhetischen Gehalte entgegen einer routiniert schematisie-
durch das definiert, was relevant ist für die Wahrnehmung des renden Orientierung am Objekt immer erst und immer wieder
Gegenstandes, dem das ästhetische Verhalten gilt. Aber es wäre (anders?) zu entfalten gilt. Und in jedem Fall ist der erfahrende
verheerend zu folgern, die Bedeutung des ästhetischen Gegen- Vollzug einer zugleich vergegenwärtigten Erfahrung etwas ande-
standes sei das, was die Situation seiner Wahrnehmung bestimmt. res als der primäre Vollzug der so vergegenwärtigten Erfahrung.
Die Situation der ästhetischen Wahrnehmung ist eine der beurtei- Eine Erinnerung an den Prozeß der ästhetischen Erfahrung
lenden Objekterschließung: das Interesse an den betreffenden macht das deutlich. In der Analyse der ästhetischen Beurteilungs-
Gegenständen muß sich an diesen oft erst finden und formieren, weise war von diesem Prozeß immer schon die Rede. Die Stadien
um sich glücklichenfalls an die Artikuliertheit seines Gegenstan- und Stationen der ästhetischen Kritik markieren Grundbedin-
des zu halten. Die aktuelle Bedeutung des ästhetischen Gegen- gungen der ästhetisch simultanen Wahrnehmung in ihren unmit-
standes, wenn er eine hat, und der Wert des ästhetischen Gegen- telbar gebannten und auch in ihren reflektierend eingehenden
standes, auch wenn er nicht von Bedeutung ist, dürfen nicht Formen. Im Zusammenspiel: im Zuspiel aus konfrontativer Re-
gleichgesetzt werden mit den Wertigkeiten des individuellen aktion, phänomenaler Bewanderung und kritischer Konstruktion
Wahrnehmungs/?rozesses, der zu einem kritischen Verstehen und spielt die ästhetische Erfahrung sich ab..Die Sätze des Kommen-
einer verstehenden Einschätzung führt. Kein Kunstwerk bedeu- tars, der Konfrontation und der Kritik machen die Orientierun-
tet die Wirkungen, die es provoziert; es bedeutet die Gehalte, die gen nur explizit, die in der wahrnehmenden Gegenstandserkun-
es nicht zuletzt durch seine Wirkung präsentiert. Das Glück der dung leitend waren. Allerdings wird eine explizite und ausge-
ästhetischen Wahrnehmung ist nicht das ästhetisch wahrgenom- führte Deutung oft Aspekte zur Geltung bringen und Vorschläge
mene Glück, die Wut der ästhetischen Wahrnehmung nicht die und auch Vorbehalte hinzufügen, die in einer künftigen Wahr-
ästhetisch wahrgenommene Wut. nehmung (stärker) von Belang sein werden. Die Interpretations-
aussagen einer positiven Kritik nun benennen primäre Aspekte
Das wäre trivial, wenn auch die Konsequenz es wäre. Die Konse-
dessen, wovon die ästhetisch gehaltvolle Wahrnehmung eine
quenz nämlich ist, daß kein ästhetisches Objekt genau die Erfah-
Erfahrung war. Die Einstellung, die sich in den erheblichsten
rung bedeutet, die wir an ihm machen, wenn wir eine Erfahrung
dieser Erfahrungen ändert, ist die Einstellung zu dem, was immer
an ihm machen. Das gilt gerade für die gelungenen Werke, die
die aktuelle Interpretation anspricht, um dem Werk Bedeutung
uns zur Erfahrung überwältigen. Das ästhetisch Mißlungene ist ja
zuzusprechen - aus welchem Bereich des Handelns, des Erle-
mißlungen gerade darum, weil wir an ihm nichts über unsere
bens, der Wirklichkeit diese konstitutiven Charaktere und The- tisch zur Erfahrung kommt. Die ästhetisch Erfahrenden erfahren
men auch stammen mögen. Auch die situationsbildenden Ge- nicht ihre aktuelle Erfahrung, sie erfahren eine Situation ihrer
halte eines ästhetischen Verhaltens können es sein, die im äs- Welt.
thetisch wahrnehmenden Verhalten zur Erfahrung kommen. Dieser Versuch einer entwirrenden Klarstellung folgt keinem
Selbst dann jedoch erfahren wir nicht die (ästhetische) Situa- pedantischen Selbstzweck. Er versucht, dem Irrgarten des anti-
tion, aus der wir dies erfahren; wir erfahren etwas von der nomischen Modells zu entkommen. Wenn es stimmt, was ich
Verfaßtheit bestimmter unserer ästhetischen Erfahrungen, in- hier sage, dann ist ein Begriff des Ästhetischen und der ästheti-
dem wir diese Erfahrungen ästhetisch noch einmal oder erst- schen Erfahrung gewonnen, der immun ist gegen die Verdünnun-
mals vollziehen. gen und Überdehnungen, deren die verschwisterten Parteien der
Eine ästhetische Erfahrung ist der ästhetische Vollzug einer beschriebenen Antinomie sich schuldig machen. Die ästhetische
Erfahrung. Zum einen nämlich wird - durchaus - die Erfah- Erfahrung ist weder ein von den Dimensionen der Lebenserfah-
rung vollzogen, die das ästhetisch gelungene Objekt bedeutet. rung separater Modus der Erfahrung, noch eine Erfahrung, die
Zum andern aber ermöglicht das bedeutsame Objekt ein Erfah- die Dimensionen der Erfahrbarkeit zu einer »vollständigen« oder
renkönnen dieser Erfahrung, das es nicht zugleich auch bedeu- überbietend vereinigenden Erfahrung umfaßt. Die ästhetische
tet. Das gelungene Objekt bedeutet den Gehalt einer Erfahrung Differenz liegt nicht in einer grundsätzlichen Differenz zur le-
und ist darum für das wahrnehmende Verhalten mit der Wir- bensweltlichen Erfahrung, sie liegt in der konstitutiven Diffe-
kung (durch die Provokation) einer ästhetischen Erfahrung von renz, aus der lebensweltliche Erfahrungen zur ästhetisch imagi-
Bedeutung (funktional eminent). In der ästhetischen Erfahrung nativen Erfahrung kommen (vgl. oben 170 ff.).
ereignet sich eine Änderung der Einstellung zu dem, als was Das gelungene Werk führt die Erfahrenden nicht aus der Welt
das gelungene Objekt erfahren wird, und es ereignet sich eine ihrer Erfahrung heraus oder setzt sie von dieser frei: es gibt ihnen
Veränderung des ästhetischen Eingestelltseins auf Möglichkei- die Freiheit, sich zu ihrer Erfahrung erfahrend zu verhalten. Der
ten, der eigenen Erfahrung erfahrend zu begegnen. Beide Ver- ästhetische Vollzug einer Erfahrung gewährt einen Spielraum
änderungen geschehen zugleich. Eine ästhetische Erfahrung gegenüber der angeeigneten Erfahrung, der im Prozeß dieser
machen heißt, sich die Sichtweise oder Einstellung zu eigen Erfahrung durchgehend wirksam bleibt. Diesem Umstand hat
machen, deren Gehalte das ästhetische Objekt präsentiert; da- Jauß mit der Wendung Ausdruck gegeben, es sei die ästhetische
mit untrennbar verbunden ist der Erwerb einer veränderten Erfahrung nicht nur eine Freisetzung von (den Bindungen der
ästhetischen Einstellung zu den Objekten und Formen, deren lebensweltlichen Praxis), sondern ebenso und zugleich eine Frei-
Wahrnehmbarkeit sich in der ästhetischen Erfahrungssituation setzung für (ein verändertes Verhalten in und zu dieser Praxis).189
neuartig erschließt. Nicht zwei Erfahrungen sind es, die der Die Benommenheit durch ästhetische Erfahrung und in ihrem
ästhetisch Erfahrende macht. Er macht die Erfahrung einer Vollzug ist eine wesentlich freiwillige. Die ästhetische Wahrneh-
neuartigen oder einzigartigen Wahrnehmungssituation, die er- mung am gelungenen Objekt ist ein Erfahrungshandeln, wie es
möglicht ist durch die Präsenz eines ästhetischen Objekts, das keine der nichtästhetischen Erfahrungssituationen sonst gewahrt.
eine Irritation der mitgebrachten Erfahrung bewirkt durch die Was wir ästhetisch erfahren, müssen wir nicht (um eines be-
Art und Kraft seiner präsentativen Artikulation. Wer so er- stimmten Erfolgs willen oder aus einer spezifischen Not heraus)
fährt, erfährt nicht die aktuelle Situation seiner Wahrnehmung, erfahren: wir begeben uns in die Erfahrungssituation, lassen uns
er verhält sich in dieser Situation so, daß ihm der situativ- ein auf die Erfahrung, deren Möglichkeit das gelungene Objekt
integrale Bedeutungszusammenhang einer anderen Situation uns gibt. Das Unwiderstehliche der Erfahrung ist hier das, dem
zur Erfahrung kommt. Das gelungene Objekt bedeutet nicht wir weder widerstehen noch ausweichen wollen. Zwar reicht ein
die ästhetische Erfahrung, es bedeutet die Erfahrung, die ästhe- entscheidendes Freiheitsmoment in viele der situationsbildenden
Erfahrungen (jeder Art) hinein (vgl. 84 f.). In der ästhetischen aber nicht (schon) einbezogen in die konkreten Situationen ihrer
Erfahrung aber nehmen nicht nur wir eine - abgenötigte - Praxis." 0
»Gelegenheit zur Erfahrung« konstruktiv an: wir nehmen eine In dieser wahrnehmenden Distanz zu den Möglichkeiten der
Gelegenheit zur Erfahrung wahr, indem wir ein Objekt, das diese Praxis, auf die sie bezogen ist, vollzieht sich die ästhetische
Gelegenheit bietet, weil es Erfahrung bedeutet, zum Anlaß einer Praxis; dieser distanzierenden Konzentration gilt das ästhetische
Reise in die Welt unserer Erfahrung nehmen. Der Sinn dieser Engagement. Auf dem Spiel steht hier nicht die Orientierung
Reise liegt nicht in einem zuvor bekannten Wohin, er liegt in der innerhalb der vergegenwärtigend erfahrenen Situation, ins Spiel
erkennenden Befreiung vom verkehrten weil verfahrenen Sinn. dieser Wahrnehmung kommt die Angehörigkeit zu einer Welt
Das Wissen, in das die ästhetische Erfahrung mündet, gilt allererst wie derjenigen, zu der die an den Spuren des ästhetischen Ob-
den Möglichkeiten - den Gelegenheiten - einer erfahrenden jekts lesbare Form der Erfahrung - Form des Lebens - gehört.
Verlebendigung von Bedeutungshorizonten, die eine situations- Was immer nach oder während der ästhetischen Erfahrung als
differente Erschließung von erfahrenen, befürchteten, erträumten Sinn dieser Erfahrung interpretativ benennbar ist - die ästheti-
Weltbezügen entbieten. Auch dieses Wissen hat primär den sche Erfahrung setzt diesen Sinn ins Spiel einer Wahrnehmung, in
Charakter eines Könnens. Auch dieses Können resultiert aus der der die bedeutsame Funktion seiner bedeutungshaften Kompo-
wiederholten Bekanntschaft mit Situationen einer bestimmten nenten erkennbar wird. Die Situation der ästhetischen Erfahrung
Art: hier sind es Situationen, in denen es um die präsentative ist eine - ist die Situation, in die wir uns begeben um der
Vergegenwärtigung von Erfahrungen geht. Für die im Gemacht- erkennenden Erfahrung willen. Die ästhetische Wahrnehmung ist
haben ästhetischer Erfahrungen organisierte Fähigkeit, sich auf also genau genommen kein Spiel: denn das Spiel spielt innerhalb
das eigene Erfahrunghaben und Erfahrenkönnen in nichtanalyti- einer durch seine Regeln vorweg definierten Situation. Die ästhe-
scher Hinwendung zu beziehen, ist ein Merkmal bezeichnend, tische Erfahrung ist spielerisch vollzogene Erfahrung - ist bei
daß ich als eine Besonderheit des ästhetischen Interesses bereits aller Ergriffenheit eine aus der Differenz zur erfahrenen Situation
erwähnt habe (vgl. 172). Die ästhetische Einstellung, das Haben ermöglichte Erfahrung. Das ästhetisch gelungene und schöne
ästhetischer Erfahrung, orientiert unser Verhalten auf - weitere Objekt bedeutet nicht die Erfahrung, die es für die Wahrnehmen-
Erfahrung. Im ästhetischen Verhalten suchen wir die Gelegen- den bedeutet, weil es für die Wahrnehmenden einen Spielraum
heit, Bezüge unserer Erfahrung zur Erfahrung bringen. Die bedeutet gegenüber der Erfahrung, die es bedeutet.
Erfahrung, die wir so, im präsentativen Verstehen der ästheti-
schen Gehalte, gewinnen, unterscheidet sich in einer Hinsicht
Diesen Spielraum gewährt gerade auch ein Bild wie Newmans
radikal von den Einstellungen, wie wir sie nichtästhetisch, im
»Who's afraid of red, yellow and blue m«. Dieser Spielraum ist es
Geschehen einer ungedoppelten Situation, erhalten haben. In
geradezu, den das Bild ästhetisch zum Problem erhebt, indem es
dieser Hinsicht unterscheidet sich die ästhetisch veränderte
die Differenz von wahrnehmender Präsenz und bildlicher Prä-
Sichtweise oder Einstellung auch von der veränderten ästheti-
sentanz scheinbar verwischt. Das Bild ist ein riesiges Suchbild,
schen Einstellung, aus der die Praxis unserer ästhetischen Wahr-
das einer konfigurativen Wahrnehmung das zuordnende Finden
nehmung sich künftig orientieren wird. Die durch ästhetische
verweigert. Indem es dieses Finden verweigert, verweigert es
Erfahrung vermittelte Sichtweise oder Einstellung ist durch die
jedoch nicht das Finden schlechthin. Es fordert heraus zu einer
anerkennende Vergegenwärtigung ihres Gehalts zwar anschau-
Erfahrung mit der ästhetischen Erfahrung, indem es dem Sehen
end verlebendigt und möglicherweise reflexiv konfirmiert: in den
jede Möglichkeit nimmt, sich in das Objekt einzusehen; es
thematischen Situationen bewährt ist sie darum nicht. Die ästhe-
bezieht sich auf das Abweisende seiner bildlichen Erscheinung
tisch vollzogene Einstellungskorrektur und Welterschließung ist
und macht somit die Bedingung eines ästhetisch souveränen
radikal projektiver Natur: ist bezogen auf das Projekt einer Welt,
Sehens präsent, das sich aus formalästhetischen Vorregelungen
imaginativ befreit. Das Bild richtet sich gegen die Illusion eines des Menschlichen bereinigte Situation vor Augen führt. Die
Sehens, das sein Objekt zu vereinnahmen glaubt oder von ihm Bergkette bedeutet nicht ihre Erhabenheit, sie ist erhaben; das
sich vereinnahmen läßt - und eines Malens, das auf eine Kongru- Bild von Newman dagegen bedeutet den Charakter des Erhabe-
enz von Bild und Betrachtung zielt. In seiner dynamisch agressi- nen, der ihm zukommt, weswegen es nicht zuletzt gelungen ist.
ven Ausdrucksverweigerung gibt das Bild eine ästhetische Apo- Das Bild ist außerordentlich nicht nur, weil es erhaben ist,
logie der ästhetischen Differenz: es bedeutet diese Differenz, sondern weil es Erhabenheit ästhetisch zeigt: und hierin das
indem es das beherrschende Farbkontinuum zur Erscheinung Differenzmoment der ästhetischen Erfahrung auf extreme - und
eines - nach Kantischen Begriffen zugleich mathematisch und extrem raffinierte, weil scheinbar genau dafür indifferente -
dynamisch - Erhabenen freisetzt. Weise exponiert.1'1
Das Irritierende des Bildes liegt nun gerade darin, daß es diese Die Bildserie von Newman aber gibt nicht nur Anlaß, die in der
Apologie dadurch leistet, daß es die Situation des Bildes der Ästhetik verbreitete Vorstellung einer »totalen Vermittlung« von
Situation am Bild extrem nahe bringt. Die Situation des Bildes ist Objektbedeutung und Objekterfahrung zu bezweifeln, wie das
ein Moment des erhabenen Eindrucks; die Situation am Bild ist vor allem Überbietungstheorien gerne behaupten.1'2 Das Bild
der Eindruck eines erhabenen Moments. Auch dieser Eindruck von Newman ist zugleich eine gute Gelegenheit, den Sinn einer
ist ein erhabener. Was diesen Eindruck der (konfrontativen) strikt wirkungsbezogenen Position auf die Probe zu stellen, aus
Präsenz von der präsentierten Erscheinung der ungebändigt- der zumal die entzugstheoretischen Auffassungen argumentieren.
überwältigenden Farblichkeit unterscheidet, ist die erfahrende Sowohl die überbietungstheoretische als auch die entzugstheore-
Reaktion auf das sinnliche Überwältigtwerden, die das Zurück- tische Ästhetik übergehen die in der ästhetischen Wahrneh-
geworfensein auf die Potentialität des Sehens erkennend bejaht. mungssituation wirksame Differenz. Während für den Überbie-
Das Bild gibt den Anteil der untilgbaren, auch von ihren Objek- tungstheoretiker die Bedeutung eines Kunstwerks das ist, als was
ten nicht absorbierbaren Selbsterfahrung in der ästhetischen Er- es in seiner Gelungenheit erfahren wird, liegt seine funktionale
fahrung ästhetisch zur Erfahrung; es bringt zum Ausdruck, daß Eminenz für den Entzugstheoretiker allein in der Erfahrung
die ästhetische Erfahrung nicht alles, was sich in ihr erfahrend seiner Wirkung, die nicht zu einem Verstehen der ästhetischen
vollzieht, an dem Objekt, das sie so erfährt, vor sich bringen Bedeutung stilisiert werden darf. Der moderne Entzugstheoreti-
kann. Und das Bild bringt dies so zum Ausdruck, daß seine ker beruft sich dabei auf den spätestens in diesem Jahrhundert
Erfahrung zugleich ein extremes Beispiel ist für das, was es zum radikal veränderten Charakter der kunstästhetisch relevanten
Ausdruck bringt. Die Differenz, die es konstitutiv markiert, ist Objekte, die sich des traditionellen Werkcharakters längst entle-
damit nicht getilgt: denn zwar verleiht das Bild einer Erfahrung digt hätten und daher nicht als Verkörperungen eines irgend
Ausdruck, die es auch bewirkt; aber es gewährt einen Spielraum zeichenhaften »Gehalts« zu verstehen seien. In exemplarischer
der Vergegenwärtigung des erlebten erhabenen Moments, der Form hat wiederum Bubner dieses Argument vorgebracht.1'3
dem Moment, den es bildlich artikuliert, nicht selbst zukommt. Und auf den ersten Blick kommt ein Werk wie das Bild von
Die erhabene Erfahrung des Erhabenen ist etwas anderes als die Newman dieser Auffassung hilfreich entgegen.
Erfahrung des Erhabenen oder nur eine erhabene Erfahrung. Denn eine im hergebrachten Sinn verkörpernde Darbietung lei-
Ein ätherischer Wanderer, der das Erhabene der Bergwelt be- stet dieses Kunstobjekt in der Tat nicht. Eher kommt ihm die
wundert, kontempliert nicht den Eindruck des Erhabenen, son- Bedeutung einer präsentativen Inszenierung zu. Das Bild ver-
dern das Unbeirrte und weltenthoben Fremde der umgebenden weist nicht auf eine außer ihm liegende Wirklichkeit oder auf eine
Szenerie, das er erhoben genießt; ihm ist die Landschaft nicht von seinem Bildcharakter und ihren ästhetischen Bezügen auch
schön, weil sie erhaben ist, sie ist erhaben (und nur in diesem Sinn ablösbare, allgemeine Idee, der es aus den Konturen seines ästhe-
»schön«), weil sie ihm eine von den städtisch-niederen Wirren tischen Potentials einen bedeutsam-besonderen Ausdruck ver-
liehe. Dennoch inszeniert es eine - seine - bildliche Erscheinung gleichen und wie sehr sie mit der gleichen Intuition und Intention
so, daß es sich auf bestimmte Charaktere seiner organisierten geschaffen sind. Das Bild »Who's afraid of red, yellow and blue
Präsenz charakterisierend bezieht; die von Imdahl hervorgeho- iv«, 274 X 603 cm groß, hat einen symmetrischen Aufbau. Die
bene Autonomie des beherrschenden Rotkontinuums, die erha- Farben sind dieselben wie auf dem dritten Bild der Serie. Zu
bene, nicht einordenbare Verselbständigung des zentralen Bild- sehen ist links eine rote, rechts eine gelbe Farbfläche, in der Mitte
moments ist es, der das Bild in dynamischer Spannung Ausdruck befindet sich ein weit schmalerer, ca. 60 cm breiter, blauer Farb-
verleiht. Gewiß gibt es exzentrischere Inszenierungen als diese, streifen. Der Farbauftrag ist durchgehend homogen, die Abgren-
die sich noch innerhalb der - wenn auch überdimensionierten - zungen sind exakt gezogen. Reine Farben, reiner Aufbau: genau
Fläche einer begrenzten Bildtafel vollzieht. Es gibt - um von der ideelle Absolutismus seiner äußeren Organisation ist es, den
Duchamp, dem Meister nicht der ästhetischen Kunstaufhebung: das Bild radikal dementiert. Neben der Größe des Bildes sind es
dem Meister der ästhetischen Grenzerhebung, einmal zu schwei- zunächst die geballten Farbzonen, die für eine extreme Unwucht
gen - die Objekte wie jene »Brillo-Box« von Wahrhol, die allein des Bildes sorgen. Das Rot tritt stärker hervor als die mildere
durch ihre starr verkehrte Plazierung den Charakter einer ästhe- Strahlung des Gelb; diese für die Wahrnehmung »schiefe« Bild-
tisch relevanten Konstruktion gewinnen. Jedoch hat es keinen lage wird gekontert durch die bei genauerem Hinsehen doch
Sinn, die Beispiele laufend zu wechseln. Für die Brillo-Boxes und unterschiedliche Abgrenzung der dominanten Kontinua zum
andere randgängige Kunstoperationen verweise ich auf meinen mittleren Blau. Der Auftrag der blauen Farbe überlagert die rote
Gewährsmann Danto, der überzeugend für die Kontinuität des Nachbarzone minimal; was als Ausgleich der benannten Un-
Ausdruckhaften ästhetischer Objekte argumentiert, gerade wo wucht erscheinen könnte, verstärkt aber wiederum die Geladen-
sie mit der überlieferten Ausdruckslose unversöhnlich bre- heit, Geballtheit der roten Fläche. Zudem ist es für das bloße
chen.194 Das Bild von Newman ist auffällig genug. Es ist eigenar- Auge nicht kontrollierbar, ob die symmetrische Erscheinung
tig genug, um zu verstehen, warum eine theoretische Operation tatsächlich einem exakten Maß folgt. Das Bild inszeniert den
die Phänomene, auf die sie sich emphatisch beruft, verfehlen Zweifel an seiner Form: und den Zweifel an den sogenannten
muß, wenn sie ihnen auch den Charakter einer präsentativen reinen Formen und ihren Gesetzen. Es ist ein Stück - wiederum -
Inszenierung abspricht und ihr Besonderes nurmehr in der Inten- antikompositioneller Malerei: im Festgewand einer total kompo-
sität ihres Wahrgenommenwerdens lokalisieren will. sitionellen. Was es zum Ausdruck bringt, ist die Emanzipation
Das Besondere der jeweiligen Intensität nämlich ist nicht gleich- der - reinen - Farben gegen ihre reine, idealisierende Formie-
bedeutend mit der Besonderheit des jeweils wahrgenommenen rung. Es hält gleichsam den Moment dieses Ausbruchs fest. Die
Objekts. Wer auf der prinzipiellen Unbestimmbarkeit des ästhe- Ordnung fällt der Autarkie des Sehens. Das Bild ist die dialekti-
tischen Objekts besteht zugunsten der Eigenart der wahrneh- sche Konstruktion einer Bildlichkeit »off balance«.195
menden Reaktion an ihm, verfehlt die Besonderheit gerade auch Während Bild m zur Funktion der dominanten Farbe wird, wird
der ästhetisch wahrnehmbaren Aktivität. Objekte mit ähnlicher Bild iv zur schreienden Antifunktion seiner abgemessenen Ord-
Wirkung werden zu gleichbedeutsamen Objekten: und am Ende nung. Beide Bilder verweigern ein relationierendes Gesehenwer-
gibt es - bei allen Unterschieden des jeweils Beschreibbaren - nur den in überwältigender Manier; beide geben den Eindruck eines
mehr das ewig eine erhebender- und genialerweise unbestimm- erhabenen Moments. Aber nur das eine bedeutet einen Moment
bare Objekt. Die Irritation, über die Imdahl anläßlich des dritten des erhabenen Eindrucks; Bild iv bedeutet das Illusionäre einer
Bildes der »Who's afraid«-Serie Auskunft gibt, dürfte für alle rein formalen Stimmigkeit - auf seinerseits erhabene Weise;
Bilder dieser Reihe wesentlich die gleiche sein: aber sie vermerkt dagegen ist das Nichtige der bloß stimmigen Form in dem, was
jeweils verschiedenes, eben weil es erheblich verschiedene Bilder Bild in darbietet, nur impliziert: nicht das ist es, was es primär
sind, wie sehr sie sich in ihrer ästhetischen Methodik auch zum Ausdruck gibt. Beide Bilder wiederum bewirken wesentlich
die Erfahrung, der sie Ausdruck geben; und beide setzen doch 2. Einwände und Ergänzungen
zugleich die Differenz, aus der der Unterschied zwischen ver-
meintlich vollkommener Form und ästhetischer Ausdruckskraft Es gibt vier zentrale Einwände gegen den vorangegangenen Ver-
ästhetisch überhaupt zur Erfahrung kommt. such einer Analyse des Zusammenhangs von ästhetischer Beur-
Mit anderen Worten, dieselben Aussagen über die ästhetische teilung und Bedeutung. Jeder dieser Einwände rekurriert auf
Wahrnehmungssituation, über die Erfahrung des absolut nicht Positionen, die im ersten Kapitel mehr oder weniger grob distan-
Verrechenbaren verweisen hier auf verschiedene Bedeutungen ziert worden sind. Der Kommunikationstheoretiker vermag
der ästhetisch präsentiert gefundenen Erfahrung. Verwandt sind nicht einzusehen, warum die ästhetische Bedeutung nicht in
beide Bilder in der Apologie des ungezähmten Ausdrucks; diffe- Analogie zu expressiven Äußerungen soll verstanden werden
rent in der Methode der Überwältigung und dem, was sie in ihrer können. Der Entzugstheoretiker sieht keinen Unterschied zwi-
erhabenen Methodik zu verstehen geben. Beide Bilder reflektie- schen der ästhetisch konstitutiven »Unbestimmtheit« und einer
ren Grundbedingungen der ästhetischen Wahrnehmung mit po- ästhetisch präsentierten »Bedeutsamkeit«. Der Überbietungs-
lemischer Gewalt. Beide aber bedeuten weder die Situation ihres theoretiker sagt, was ich zur Entgegnung auf den Entzugstheore-
Wahrgenommenwerdens, noch verweigern sie das ästhetische tiker sage, habe er immer schon gesagt. Der, den die Überbie-
Bedeuten. Die Situation des Erkennens ist beide Male nicht tungstheoretiker geneigt sind, den Positivisten zu nennen, kann
identisch mit dem Gehalt des Erkannten. Die erfahrend vollzo- ein Begründungsverhältnis in der Struktur der ästhetischen Beur-
gene Reflexion auf die ästhetische Wahrnehmung ist beide Male teilung nicht erkennen. Ich werde diesen Einwänden kurz Aus-
nicht die vollzogene Vergegenwärtigung der somit vollzogenen druck verleihen und sie aus dem Reservoir der vorangegangenen
Erfahrung. Beide Male vollzieht sich ein Spiel der Wahrneh- Überlegungen zu beantworten suchen. Ich werde die Vorbehalte
mung, das nicht sich selbst zur Erfahrung bringt, sondern Situa- nicht detailliert erwidern, sondern das Aufleben der um hunderte
tionen des ästhetischen Wahrnehmens, Situationen der Wahrneh- von Seiten gealterten Kontroversen zum Anlaß nehmen, das
mung wie auch der gegenwärtig vollzogenen, im Verstehen der Vorangegangene kommentierend zu ergänzen. Ohnehin habe ich
Bedeutung seines Gegenstandes erfahrend vergegenwärtigt. Auch keine besseren Antworten als die, die ich ausdrücklich und
das Objekt, das einer ästhetischen Erfahrung Ausdruck gibt, gibt unausdrücklich schon gegeben habe.
nicht der Erfahrung im ganzen Ausdruck, die es provoziert. Der
ästhetisch präsentierte Eindruck des Erhabenen gibt nicht dem
Ausspielenkönnen dieses Eindrucks zugleich Ausdruck. Der äs-
a) Ausdruck und Kommunikation
thetisch erhaben präsentierte Eindruck der erhabenen Naturge-
walt einer antikompositionellen Malerei gibt nicht der erhabenen
Der Vorbehalt einer kommunikationstheoretischen Ästhetik geht
Wirkung ihrer Formvernichtung zugleich Gestalt.
aus von der Annahme, die ich in der Auseinandersetzung mit
Koppe in leicht veränderter Form aus ihrem Kontext übernom-
men habe. Was die »Präsentation von Erfahrungsgehalten« von
anderen Arten der Situationscharakterisierung unterscheidet, ist
doch eben dies, daß Situationen in ihrer Prägnanz für die invol-
vierten Subjekte zur Darbietung kommen. Folglich handelt es
sich hier um überbietende Formen der expressiven Kommunika-
tion; diese nehmen die betroffene Sicht der Welt in die Artikula-
tion der Betroffenheit in ihr unveräußerlich hinein. Das ge-
lungene Werk ist nicht nur wahrhaftig wie die expressiv ange-
messene Äußerung, es ist authentischer Ausdruck einer subjektiv Vergegenwärtigung von Erfahrungsgehalten vollzieht. Kommu-
gesehenen Welt. Und das Authentische ist in aller Regel exempla- nikative Absichten definieren nicht den Sinn und Status ästhe-
risch oder paradigmatisch von Bedeutung für die Selbsterfahrung tisch gemachter Gebilde, so oft und so sehr auch kommunikative
einer Gruppe, Gesellschaft oder Epoche. Das Gelungene ist das Intentionen mit ihrer Konstruktion verbunden sein mögen. Der
Authentische: das, nicht die Aufweisung impliziter Weltbezüge Künstler gibt nichts zu verstehen, er macht etwas, das in der
im allgemeinen, ist das Besondere der ästhetischen Kommunika- beschriebenen Weise aus sich Bedeutung hat; nur wenn ihm die
tionsmedien und folglich auch der ästhetischen Erfahrung.1'6 Konstruktion eines gespannten Ausdruckszusammenhangs ge-
Meine Absicht war es zu zeigen, daß eine solche Rückbindung lingt, mag es auch gelingen, von sich etwas mitzuteilen. Aus
der ästhetischen Artikulation an eine bestimmte Form der kom- diesem Grund ist Adorno nicht müde geworden, der Rede von
munikativen Verständigung nicht haltbar ist. Von jeder dieser der ästhetisch kommunizierenden Bekundung das Hegeische
Formen gibt es einen natürlichen Übergang zu den Ausdrucks- Wort der Entäußerung ins Gebilde entgegenzuhalten.1'8 Ador-
formen der Kunst, sofern es darauf ankommt, den Gesamtzu- nos Begriff der »Authentizität« von Kunstwerken zielt gerade
sammenhang einer Situation zu exponieren, aus der (oder von nicht auf die exemplarische Wahrhaftigkeit der Produzierenden
der) die Rede ist. Nicht einer dieser Übergänge oder »Überbie- in dem, was sie zu artikulieren sich vornehmen, sondern auf den
tungen« ist es, was die ästhetische Artikulation definiert, sondern Gehalt und die Gewalt der Konstrukte, die aus der Realisierung
die situationsunabhängige Präsentation von Situationszusam- der produktiven Intuition und dem Eigensinn des verwendeten
menhängen im Modus ihrer simultanen Bedeutsamkeit. Für die Materials resultieren. Gelungen ist nicht der wahrhaftig wieder-
nichtsprachlich verfaßte Kunst ist eine solche Überbietung ohne- gegebene Erfahrungszusammenhang, sondern die präsentativ ge-
hin schwer zu konstruieren; und eine Transformation nichtästhe- ladene Konstruktion, an der den Wahrnehmenden die Gegenwart
tischer Ausdrucksmittel in ästhetische wird immer zugleich eine ihrer Erfahrung erfahrbar wird. Ästhetischer Ausdruck ist der
»Unterbietung« des hergebracht kontextuellen Sinns dieser Aus- »Widerpart des etwas Ausdrückens«, weil das, was hier zum
drucksmittel sein. Die Präsentation von Erfahrungsgehalten ent- Ausdruck kommt, ästhetisch nur zum Ausdruck kommt, wenn
stammt keinem bestimmten Modus der Verständigung, sie ist das Charakterisierende dem materialen Zusammenhang des Aus-
eine eigene Art der Artikulation (wobei unterscheidbar expres- drucksmediums unübersetzbar einbehalten bleibt. In Anbetracht
sive, konstative und regulative Elemente eine unterschiedlich der Autonomie des ästhetischen Zeichens sowohl gegenüber den
starke Rolle spielen mögen). Die entscheidende Leistung dieser Stationen seiner Herstellung als den Situationen seiner Wahrneh-
Ausdrucksform, die sie von der Bedeutung thematisierender und mung halte ich es für aussichtslos, Adornos Begriff des ästheti-
situativ vergegenwärtigender Zeichen und Handlungen unter- schen Gegenstands kommunikationstheoretisch zu korrigieren.
scheidet, hat Dieter Henrich einmal so formuliert: »Will man »Kein Kunstwerk ist in Kategorien der Kommunikation zu
davon ausgehen, daß der Mensch in der Tat stets in der Aneig- beschreiben und zu erklären.« 1 "
nung von Welt begriffen ist, so würde ich sagen, daß Kunst nicht
eine Weise dieser Aneignung, sondern die Darstellung dieser Die ästhetische Praxis dagegen ist unter anderem in Kategorien
Aneignung selbst ist. (...) Kunst ist weder Darstellung von Welt, der Kommunikation zu analysieren. Gerade weil die ästhetischen
noch auch Darstellung nur von Subjektivität, sondern Darstel- Objekte nicht primär kommunikative Zeichen sind, sind zumal
lung von Subjektivität in Welt.«1'7 die gelungenen Werke die hervorragenden Medien der Reflexion
und Kommunikation, die eine intersubjektiv geübte Kritik an
Mit dem Scheitern einer Rückbindung an Grundformen der ihnen erkennt. Das Kommunikative der Kunst ist zu verstehen
Verständigung wird der kommunikative Status ästhetischer Zei- aus den Formen ihrer Kritik. Die Kommunikation von Erfahrun-
chen selbst fragwürdig. Präsentation ist nicht Kommunikation, gen in ihrer integralen Bedeutsamkeit spielt sich wesentlich ab in
sondern ist die Artikuliertheit für eine Wahrnehmung, die sich als Formen der Kommunikation über ästhetische Objekte. Das be-
deutet, daß die Erfahrung des ästhetisch Gelungenen immer auch knappster Form zu bestimmen. Gewiß ist es allerorten möglich
die Erfahrung einer ausgezeichneten Möglichkeit der Kommuni- und üblich, die eigene Einstellung zu bekräftigen und an die
kation des ästhetisch Erfahrenen ist. Wie Kant sich ausdrückt, Einstellung der andern zu appellieren; derartige Absichten und
gehört dem ästhetischen Vergnügen die besondere »Mitteilbar- Aufforderungen aber sind begründbar allein durch die Bewer-
keit« des in der spielerischen Wahrnehmung aktivierten »Lebens- tung bestimmter Handlungen, die es auszuführen und die Aus-
gefühls« entscheidend zu. Das ästhetische Interesse gilt nicht zeichnung bestimmter Einsichten, die es sich zuzumuten gilt.
allein dem privativen Verstehen, es gilt oft wesentlich auch der Appelliert wird an die Einstellung, die ein bestimmtes Handeln
explikativen Kommunikation lebensweltlicher Erfahrungen. Da- ermöglicht und den Vollzug bestimmter Einsichten allererst zu-
mit diese aber gelingen kann, muß jenes bereits begonnen ha- läßt. Begründet werden praktische Vorschläge dieser Art durch
ben. Annahmen über das, worauf wir so eingestellt sind und uns
Nun findet sich die explikative Rolle der ästhetischen Kritik etwa einzustellen haben. Die Gesamteinstellung, der Bestand des im-
bei Habermas in durchaus ähnlicher Weise bestimmt (einmal pliziten Wissens, aus dem diese Notwendigkeit der Einsicht und
abgesehen davon, daß er sie als Vergegenwärtigung eines kom- des Handelns sich ergibt, ist in diskursiver Rede selbst nicht
munikativen Zeichens versteht). Habermas jedoch nimmt an, es verständlich zu machen und fordernd nahe zu bringen: auch
sei die ästhetische Kritik - wie das ästhetische Objekt - auf einen nicht in Belangen des instrumenteilen oder moralischen Han-
Geltungsanspruch, den Anspruch der »Wahrhaftigkeit«, »spezia- delns. Appelle dieser Art sind abhängig vom Haben und Machen
lisiert«.200 Das Gegenteil scheint mir richtig. Bei aller Spezialisie- der Erfahrung, aus der sich die Notwendigkeit des betreffenden
rung, die sich aus der Notwendigkeit einer sensiblen Kommen- Verhaltens zeigt. Nur am ästhetischen Objekt ist eine explikative
tarsprache ergeben mag: die ästhetische Kritik bildet einen, wenn Begründung der Einstellung möglich, der selbst die besten unse-
nicht den ercfspezialisierten Diskurs. Das ist ihre spezielle Funk- rer Gründe und Handlungen immer auch entstammen. Die ein-
tion, ermöglicht und vermittelt durch die Gegebenheit der ästhe- zigartige Erkenntnis, die wir aus ästhetischer Erfahrung gewin-
tischen Gegenstände, denen diese Verständigung gilt. In der nen, ist ein Wissen um unsere Beteiligung an Praxis- und Lebens-
zeigenden Erläuterung der Sichtweise, aus der das ästhetische formen, aus der wir zu der Gegenwart unserer Wirklichkeiten
Objekt als gelungen oder mißlungen erscheint, werden Aussagen gehalten sind. Wie Mukarovsky geschrieben hat, ist dieses in der
eine Rolle spielen, die auf theoretische, moralische oder ethisch- Form von Aussagen nicht formulierbare Wissen am Kunstwerk
präferentielle Geltung Anspruch erheben: zusammen mit jenen, nur dann zu erwerben und zu erneuern, wenn »das wahrneh-
deren Anspruch derjenige der expressiven Wahrhaftigkeit ist und mende Individuum auf es keineswegs nur mit einer Teilreaktion
die das subjektiv unmittelbare Erleben eines Werks oder auch das antwortet, sondern mit allen Momenten seiner Stellung zur Welt
vom Werk tangierte eigene Leben betreffen. Die genaue Analyse und zur Wirklichkeit.«201
der Grundlagen der ästhetischen Kritik macht deutlich, daß ihr
explikatives Begründungsvermögen damit steht und fällt - oder
doch steigt und sinkt - , daß keine der nichtästhetischen Gel-
b) Ästhetische Reinheit
tungsdimensionen in ihr die Oberhand gewinnt. Eben darin
wurzelt der Sinn der ästhetischen Geltung. Eben darin gründet
Der entzugstheoretische Einwand gegen den Versuch einer
die Möglichkeit, die Angemessenheit von Sichtweisen außerhalb
des Banns ihrer unmittelbar wirklichkeitsbildenden Wirksamkeit Theorie der ästhetischen Bedeutung läßt sich am einfachsten mit
zu beurteilen und zu verhandeln. einer raffinierten Überlegung bei Wittgenstein formulieren. Im
»Braunen Buch« unterscheidet Wittgenstein zwischen einer tran-
Denn nur ästhetisch sind Sichtweisen und Einstellungen be- sitiven und einer intransitiven Verwendung des Wortes »be-
gründbar: so ist das Besondere der ästhetischen Beurteilung in stimmt«.202 Im transitiven Gebrauch gilt der Hinweis auf einen
»bestimmten« Ausdruck (oder eine bestimmte Bedeutung) eines Und doch hat man das Gefühl, daß das, was man den Ausdruck
thematischen Gegenstands einem besonderen Merkmal dieses des Gesichts nennt, etwas ist, was man von der Zeichnung des
Gegenstands oder einer vergleichend zu bestimmenden Eigen- Gesichts trennen kann.«203
schaft; die intransitive Verwendung dagegen legt Nachdruck auf Was Wittgenstein hier beschreibt, ist die possesive Artikuliertheit
die physiognomische Eigenart eines Objekts, die durch konkrete des physiognomischen Ausdrucks und eben auch ästhetischer
Beschreibungen (oder Zuschreibungen) gerade nicht zu erschöp- Zeichen, von der auch Goodmans Theorie der ästhetischen Sym-
fen ist. Der Entzugstheoretiker nimmt diese Anregungen gerne bolisierung ihren Ausgang nimmt. Im Unterschied zu Goodman
auf. Alle Bestimmungen an ästhetischen Objekten, so wendet er aber macht Wittgenstein klar, daß es nicht einzelne Merkmale
ein, haben stets die von Wittgenstein benannte intransitive Funk- ästhetischer Gegenstände sind, die von ihnen bedeutet würden.
tion: sie lenken die Wahrnehmung auf bestimmte Zusammen- Er wendet sich gegen die »Täuschung«, es sei der Ausdruck, den
hänge, ohne doch die Bedeutung des ästhetischen Phänomens ein Gegenstand »hat«, von diesem trennbar im Unterschied zu
enteignend zu bestimmen. Ästhetischer Ausdruck hat die Be- den Merkmalen, die ihm zukommen. »Was ein Gegenstand ist,
stimmtheit des von allen Bestimmungen nicht Bestimmten - das meinen wir, ist mit ihm verbunden; was er hat, kann von ihm
ist die ganze »Theorie der Bedeutung«, die hier nötig und zuläs- getrennt werden.«204 Den Grund dieser Täuschung sieht Witt-
sig ist. genstein darin, daß wir die »annähernde Beschreibung« von
Wittgensteins eigene Reflexionen lassen das entscheidende Ver- Äusdruckscharakteren verwechseln mit dem, worauf es in der
hältnis weniger eindeutig erscheinen als der ästhetische Purist es Wahrnehmung eines Ausdrucksobjekts vor allem ankommt.
haben will. Dann entsteht nämlich der Eindruck, es sei der physiognomisch
»Wir wollen nun einen sehr lehrreichen Fall von jenem Gebrauch wahrgenommene Gegenstand nur eines unter vielen möglichen
des Wortes >bestimmt< betrachten, in dem es nicht auf einen Zeichen für das, was an ihm »zum Ausdruck« komme. Der »volle
Vergleich weist und dennoch den starken Anschein erweckt, als Eindruck«, den wir in einer kontemplativ verweilenden Betrach-
tue es gerade das - den Fall, wenn wir den Ausdruck eines tung nehmen, hat aber mit der Fixierung einzelner Bestimmun-
Gesichts betrachten, das primitiv in dieser Weise gezeichnet ist: gen gerade nichts zu tun. »Wenn ich das Gesicht mir einprägen
lasse und seinen bestimmten Eindruck« betrachte, dann werden
keine zwei Dinge aus der Vielfalt in einem Gesicht miteinander

© verglichen; es ist da nur eines, das mit Nachdruck beladen wird.


Wenn ich seinen Ausdruck in mich aufnehme, dann finde ich
keinen Prototyp dieses Ausdrucks in meinem Geist; vielmehr
Laß dieses Gesicht einen Eindruck auf dich machen. Du magst breche ich gleichsam ein Siegel von dem Eindruck.«20'
dann geneigt sein zu sagen: >Ich sehe doch nicht nur bloße Der Entzugstheoretiker sieht sich hiervon genau bestätigt. Die
Striche; ich sehe ein Gesicht mit einem bestimmten Ausdruck.« Frage nach dem Was des ausdruckhaft Bedeuteten ist eine schiere
Aber du meinst nicht, daß es einen auffallenden Ausdruck hat, Illusion, die die eindringliche Wahrnehmung des Ausdrucksob-
noch wird das als Einleitung zu einer Beschreibung des Aus- jekts gerade verstellt. Die sogenannten »Interpretationen«, mit
drucks gesagt, obwohl wir eine solche Beschreibung geben und denen wir unsere ästhetische oder ästhetisierende Wahrnehmung
z.B. sagen könnten: >Es sieht aus wie ein selbstzufriedener erläutern, haben die rein animative oder performative Funktion,
Geschäftsmann, auf dumme Weise anmaßend, der sich, obwohl dem Nachdruck zu verleihen, was die ausdruckhafte Gestalt des
er fett ist, einbildet, er sei ein Ladykiller.< Aber das würde nur als betreffenden Gegenstandes ist. Nicht etwas kommt zum Aus-
eine annähernde Beschreibung des Ausdrucks gemeint sein. druck, der Gegenstand hat eine Ausdrucksstruktur, die sich in
>Worte können es nicht genau beschreiben«, sagt man manchmal. ihm allein realisiert. Lies doch weiter!, sagt der Purist: und du
wirst sehen, daß Wittgenstein in einmaliger Klarheit den Trug- Auch dieses Verhältnis findet sich bei Wittgenstein im Vorbeige-
schluß destruiert, vor dem ich dich schon immer gewarnt habe. hen erhellt. Wieder einmal hat sich der Purist übereilt zufrieden-
»Dieselbe sonderbare Illusion, der wir verfallen sind, wenn wir gegeben. Die ästhetische Ausdrucksimmanenz nämlich »bedeutet
etwas zu suchen scheinen, das von einem Gesicht ausgedrückt nicht, daß das plötzliche Verstehen eines musikalischen Themas
wird, während wir uns doch in Wirklichkeit den Merkmalen vor nicht darin bestehen könnte, daß ich eine verbale Ausdrucksform
uns ausliefern - diese selbe Illusion beherrscht uns sogar noch finde, die ich als verbales Äquivalent des Themas begreife. Und in
stärker, wenn wir uns eine Melodie wiederholen und sie ihren derselben Weise könnte ich sagen >Nun verstehe ich den Aus-
vollen Eindruck auf uns machen lassen und dabei sagen: >Diese druck des Gesichts<, und was geschah, als das Verstehen kam,
Melodie sagt etwas<, und es ist, als ob wir finden müßten, was sie war, daß ich das Wort fand, das den Ausdruck des Gesichts
sagt. Und doch weiß ich, daß sie nichts sagt, was ich in Worten zusammenfaßte.«207
oder Bildern ausdrücken könnte. Und wenn ich mich nach dieser Nun ist die Rede von einem »Äquivalent« des ästhetisch Artiku-
Einsicht darein ergebe zu sagen, >Sie drückt nur einen musikali- lierten sicher nicht angemessen; und auch das »Zusammenfas-
schen Gedanken aus<, dann würde das nicht mehr bedeuten als sende« einer funktionalen Interpretation liegt weniger darin, zu
>Sie drückt sich selbst aus<.«206 Es ist gerade die Alternative von sagen, was sich am Gegenstand zeigt, als vielmehr in thematischer
reiner, »physiognomischer« Immanenz und verweisender Prä- Explikation zu zeigen, wovon das ästhetische Zeichen spricht.
gnanz, die ich in Fragen der ästhetischen Bedeutung für äußerst Die zusammenfassende Deutung (und Bewertung) legt »Nach-
irreführend halte. Dennoch gibt das Wittgenstein-Zitat einem im druck« auf Ausdruckscharaktere des ästhetischen Potentials, die
ästhetischen Verstehen grundlegenden Sachverhalt ganz zutref- entscheidend sind für das, was sich zeigt, wenn wir uns seinen
fend Ausdruck. Was im ästhetischen Objekt artikuliert ist und relevanten Merkmalen erfahrend »ausliefern«. Der Weg ins Reich
was wir an ihm zu verstehen haben, ist durch keine interpretative ästhetischer Gegenstände führt durch das Nadelöhr zuschreiben-
Aussage übersetzend zu bestimmen. Was die kritische Auslegung der Anmutungen und Angaben, die geschmeidig genug sind,
immer nur leisten kann und soll, ist die Bestimmung von Aspek- Momente des artikulierten Sinns zu treffen, ohne dabei das
ten, denen das ästhetische Zeichen in der oben beschriebenen Gefüge der ermöglichenden Korrespondenzen zu verletzen. Ver-
Weise Ausdruck verleiht. Die Interpretation sagt nicht, was das sperrende Reduktionen der Bedeutung sind diese Bestimmungen
ästhetisch Bedeutete ist, sie sagt, wie ihr Gegenstand wahrzuneh- nur, wenn sie als Wiedergaben der ästhetischen Bedeutung miß-
men sei, um in seiner Bedeutung verstanden zu werden. Das, dem verstanden werden.
ein ästhetischer Gegenstand Ausdruck verleiht, das, als was er
Diese Überlegungen machen das Dogma der ästhetischen Puri-
wahrzunehmen ist, um in seiner Gelungenheit wahrgenommen
sten gegenstandslos. Dieses Dogma besagt, daß eine Theorie der
zu werden, ist das, worauf er sich bezieht, um es kraft seiner
ästhetischen Bedeutung den Ausdrucks- oder Intensitätenzauber
internen Artikuliertheit possesiv zu charakterisieren. Das ge-
des ästhetischen Objekts zwangsläufig mit den Formen seiner
lungene Werk bedeutet einen Zusammenhang der Bedeutsamkeit
interpretativen Besprechung verwechseln muß. Diesem ver-
dessen, was immer in ihm zum Ausdruck kommt. Die interpre-
meintlichen Zwang sind die Betrachtungen dieses Kapitels nicht
tative Hervorhebung von Ausdruckscharakteren und verstehens-
erlegen. Weder entzieht sich der Prozeß der ästhetischen Wahr-
leitenden Themen benennt Aspekte des Bedeutens, nicht aber die
nehmung einer phänomenologischen und sprachkritischen Ana-
ästhetische Bedeutung selbst. Funktionale Zuschreibungen dieser
lyse, noch führt eine solche Analyse dazu, der ästhetischen
Art sind in der ästhetischen Wahrnehmung durchaus konstitutiv:
Erfahrung die Substanz theoretisch zu entziehen. Damit besteht
wer keinen dieser Aspekte sieht, unter denen das Objekt ästhe-
auch für die defensiven Dienstleistungen einer ästhetischen Rein-
tisch von Bedeutung ist, der wird nicht das Bedeutsame verneh-
heitslehre keine weitere Verwendung.
men, dem es Ausdruck verleiht.
Denn selbst die Reservate einer vermeintlich reinen Schönheit
können jetzt aufgelöst werden. Das wirklich Schöne ist nicht so wenig ergiebig ist. Die ästhetische Prädikation muß in ihren
einfach schön. Das ästhetisch Schöne mag auf nichts in der Welt verschiedenen Dimensionen bereits verstanden sein, damit Ge-
referierend verweisen, mag keine gestalthaft eindeutig bestimm- halt und Behauptung der ästhetischen Reinheit erklärbar werden.
baren Figurationen enthalten, mag allein wegen der Formung Das »rein Ästhetische« ist das Ästhetische, das vor allem auf
eines gegebenen Materials gefallen: mag in allen denkbaren Hin- Ästhetisches sich bezieht. Abgesehen von dieser Besonderheit ist
sichten designativ so unschuldig sein wie möglich: so unbestimmt es nicht mehr und nicht weniger ästhetisch als das meiste Ästheti-
schön, wie der immergleich schmachtende Purist es sich denkt, sche auch. Daß die sogenannte ästhetische Reinheit ein systema-
wird auch dieser ideale Gegenstand eines freien Wohlgefallens tisch gesehen abgeleitetes Phänomen ist, bedeutet andererseits
nicht sein. Nicht nur, weil es wiederum je besondere Objekte nicht, daß sie für die ästhetische Wahrnehmung von prinzipiell
sind, die auf solche Weise gefallen; sondern weil sie, als Objekte geringerer Bedeutung sei. Das betörende Ornament kann ästhe-
des verstehenden Geschmacks, je verschiedenes bedeuten.208 Der tisch so erheblich sein wie die komische Zersetzung des blutigen
ästhetisch schöne Gegenstand, der vor allem darum unsere Auf- Dekors der Macht. Außerdem ist das auf ästhetische Gehalte
merksamkeit verdient, weil »er sich in seiner Schönheit präsen- konzentrierte Ästhetische nicht notwendig ornamental oder de-
tiert«, präsentiert diese seine Schönheit in einer Weise, die wir korativ. Nicht zuletzt Werke wie jene Serie von Newman geben
deutlich machen, wenn wir die Art seiner Schönheit bestimmen Anlaß, den ästhetischen Purismus vom Kopf einer substanzlosen
(wollen). Das Objekt ist schön, weil es unendlich verspielt ist, Enthaltung auf die Füße einer reflexiven Potenzierung zu stellen
weil es Grazie hat, weil es von nervöser Sinnlichkeit vibriert, weil - gerade Newmans ästhetische Polemik gegen eine puristische
es akkurat ist und zart, verlockend und unheimlich, virtuos und Ästhetik wird so zum Paradigma einer ästhetisch reinen Präsen-
vertrakt, weil es schwerelos ist und ihm jede Rhetorik mangelt20' tation.210
- und was dergleichen charakterisierende Auszeichnungen wei- Neben der vermeintlich ausdrucksabgewandten Kunstschönheit
tere sind. Schönheit überhaupt gibt es hier so wenig wie Wildheit könnten auch die schönen Gebrauchsdinge und das Naturschöne
an sich oder Flüchtigkeit als solche. Das »schlechthin« Schöne ist als ästhetische Phänomene erscheinen, die sich dem hier entfalte-
schön, weil es einen Modus der Schönheit bedeutet. Das ästhe- ten Verständnis nicht fügen. Die Schönheit von Dingen des
tisch »Reine« ist gelungen, weil es dem Sinn ästhetischer Prädi- alltäglichen und instrumentellen Gebrauchs ist ohne Zweifel
kate, die seine Schönheit funktional charakterisieren, ästhetisch anders zu verstehen als die Gelungenheit der autonomen Zeichen
Ausdruck verleiht. Im rein Ästhetischen materialisiert sich eine der Kunst. Jene sind nicht darum schön, weil sie Funktionen
abstraktive Destillation von Gehalten der ästhetischen Erfah- ihres Ausdrucks sind (denn dann wären es - auch - ästhetisch
rung: sie laden ein zum Verweilen bei der Erfahrung des ästheti- autonom bedeutsame Objekte: solche ästhetischen Zwitter sind
schen Verweilens. Das Gefallen an solchen Objekten beinhaltet nicht einmal selten). Sie sind schön, weil sie der Gebrauchsfunk-
die durch ästhetische Erfahrung gewonnene oder erneuerte Aner- tion, die ihnen zweckhaft zugewiesen ist, ästhetisch Ausdruck
kennung ästhetischer Konzeptionen: sie laden ein zu einer be- geben. Für die Beurteilung dieser Schönheit ist es wesentlich, daß
stimmten Art, sich zur Gehaltenheit in den irdischen Belangen die jeweiligen Gegenstände ihren praktischen Zweck erfüllen und
ästhetisch zu verhalten. Im übrigen sind die dieserart reinen, weil daß es eine aus praktischen Erwägungen sinnvolle Funktion ist,
auf Modi der ästhetischen Gestimmtheit ästhetisch bezogenen der sie ästhetische Sichtbarkeit verleihen. Den hier einschlägigen
Kunststücke nicht immer auch schön. Denn die Modi des Ästhe- Zusammenhang von funktionaler Signifikanz und ästhetischer
tischen, die präsentativ dargeboten werden, sind nicht notwendig Konvenienz hat Albrecht Wellmer benannt: »Wo die Vollkom-
Modi des Schönen. menheit der Konstruktion bei einsichtigen Zwecken, und sei es
Diese antipuristische Erklärung des ästhetisch Puren macht ver- die gelungene Korrespondenz zum gestisch-motorischen Bewe-
ständlich, warum der theoretische Ansatz beim rein Ästhetischen gungsraum des Körpers, in Ausdruck resultiert, dort erlangen die
Dinge ein Eigengewicht, sind als funktional schöne zugleich ja, was ich seit langem predige. Das Kunstwerk entfaltet eine
mehr als bloße Mittel, ein Stück Zweckmäßigkeit ohne Bedeutung, an die keine begriffliche Bestimmung heranreicht,
Zweck.«211 obwohl es einer interpretativen Wahrnehmung bedarf, um zu
Das Besondere des Naturschönen liegt demgegenüber in der vernehmen, was das Werk überlegen offenbart. - Es würde mich
radikalen Abstinenz von Zweckzuweisungen sowie in der Abwe- freuen, wenn der Kritiker im wesentlichen recht hätte. Denn ich
senheit von Spuren einer dokumentarischen Bedeutung. Das habe versucht zu sagen, was die Überbietungstheorien immer
Naturschöne ist das Schöne, das in keiner Weise signifikant ist schon sagen: ohne doch die Konsequenz der These von der
für einen externen Zusammenhang. Hierin liegt seine unverwech- Überlegenheit der ästhetischen Erkenntnis mit zu vollziehen.
selbare Faszination und die strikte Differenz zu den eminenten Und auch diese Weigerung hat sich weitgehend darauf be-
Werken der ästhetischen Kunst. Aus dieser Perspektive erschei- schränkt, den überbietungstheoretischen Paradoxien eine nicht-
nen die beiden üblichen (Gegen-)Thesen zum Verhältnis von paradoxe Formulierung zu geben.
Kunst und Natur beide im Recht. Einerseits ist die ästhetisch Ich möchte das an Adorno verdeutlichen. Die entzugstheoreti-
besehene Natur eine »Nachahmung der Kunst«, wie Oscar Wilde schen Vorbehalte, die ich eben erörtert habe, sind in der »Ästhe-
aphoristisch behauptet hat. Die ästhetische Naturerfahrung voll- tischen Theorie« stets präsent - doch Adorno gibt ihnen eine
zieht sich nach dem Modell der Kunsterfahrung; im schönen Wendung, die der puristischen Konklusion, das Kunstwerk sei
Naturding und vor der erhabenen Szenerie findet sie ausdruck- Schein ohne Erscheinen, genau zuwider läuft. »Wie in Musik
hafte Zeichen existentiell belangvoller Erfahrungen. Andererseits blitzt, was schön ist, an der Natur auf, um sogleich zu verschwin-
aber hat nicht nur eine künstlerische Asthetisierung der Natur, den vor dem Versuch, es dingfest zu machen. Kunst ahmt nicht
sondern hat die Kunst überhaupt an der Erfahrung des Natur- Natur nach, auch nicht einzelnes Naturschönes, doch das Natur-
schönen ein unverzichtbares Modell: eine Anschauung ästheti- schöne an sich. Das nennt, über die Aporie des Naturschönen
scher Phänomene, die für nichts von Bedeutung sind als das, was hinaus, die von Ästhetik insgesamt. Ihr Gegenstand bestimmt
sie in ihrem Bestimmtwerden begrifflich unerreichbar bestim- sich als unbestimmbar, negativ. Deshalb bedarf Kunst der Phi-
men. Daß die Abhängigkeit der ästhetischen Naturwahrnehmung losophie, die sie interpretiert, um zu sagen, was sie nicht sagen
von der Kunstwahrnehmung nicht die (ganze) Wahrheit ist, hat kann, während es doch nur von Kunst gesagt werden kann,
zuletzt Adorno wieder ausführlich begründet. Wahrgenommen indem sie es nicht sagt. Die Paradoxien der Ästhetik sind ihr vom
wird das Naturschöne »ebenso als zwingend Verbindliches wie Gegenstand diktiert: >Das Schöne erfordert vielleicht die sklavi-
als Unverständliches, das seine Auflösung fragend erwartet. We- sche Nachahmung dessen, was in den Dingen unbestimmbar
niges vom Naturschönen hat auf die Kunstwerke so vollkommen ist.<«2'3 Adornos Verwendung des Zitats aus Valerys »Windstri-
sich übertragen wie dieser Doppelcharakter. Unter seinem chen« macht den Unterschied zur entzugstheoretischen Pointe
Aspekt ist Kunst, anstatt Nachahmung der Natur, Nachahmung evident - das scheinhaft Unbestimmbare der Kunstwerke ist das
des Naturschönen.«212 Medium ihrer Ausdrucksleistung, ihrer ästhetischen Wahrheit. In
der »Nachahmung«, der »Mimesis« dessen, was »an den Dingen
unbestimmbar« ist, was die begriffliche Gegenstandsbestimmung
und eine diskursive Auseinandersetzung von Merkmalen und
c) Ästhetische Erkenntnis
Bedeutungen eines Phänomenzusammenhangs gerade in und we-
gen ihrer distinktiven Klärung nicht bestimmen kann: in der
Die Erwiderungen auf die kommunikationstheoretischen und die
Mimesis des Nichtidentischen der wie immer benennbaren the-
entzugstheoretischen Vorbehalte machen es den überbietungs-
matischen Bezüge beweist sich der Wahrheitsgehalt der Kunst.
theoretischen Entgegnungen aufreizend leicht. Der überbie-
»Der Zweck des Kunstwerks ist die Bestimmtheit des Unbe-
tungsästhetische Kritiker wird lakonisch konstatieren: das ist es
stimmten«: Adorno dreht die puristische Devise zur Formulie- Begriff herzustellen, sie in diesem aufzuzehren; das Werk jedoch
rung des kognitiven Gehalts der Kunst."4 entfaltet sich durch sie in seiner Wahrheit.«218
Damit diese Gehalte erkennbar werden, bedarf es einer interpre- An dieser These scheint mir alles richtig: nur daß hiermit nicht
tativen Wahrnehmung. »Die Werke, vollends die oberster Digni- ein /«begriff der Erkenntnis formuliert ist, sondern allein der
tät, warten auf ihre Interpretation. Daß es an ihnen nichts zu Begriff der ästhetischen Erkenntnis. In dieser Lesart liegt offen-
interpretieren gäbe, daß sie einfach da wären, radierte die Demar- kundig eine Differenz ums Ganze. Wie ich bereits im Anfangska-
kationslinie der Kunst aus. Am Ende mögen sogar Teppich, pitel erläutert habe, ist Adornos Begriff der philosophischen
Ornament, alles nicht Figürliche am sehnsüchtigsten der Dechif- Reflexion ein extremer Begriff der ästhetischen Kritik. Der Ex-
frierung harren. Den Wahrheitsgehalt begreifen postuliert Kritik. tremismus dieser Konzeption der Kritik rührt daher, daß Adorno
Nichts ist begriffen, dessen Wahrheit oder Unwahrheit nicht zugleich einen normativen Begriff der diskursiven Rede nach
begriffen wäre, und das ist das kritische Geschäft.«21' Dem diesem Modell konstruiert. Aus einem einfachen Grund ist das
Leitmotiv dieser Sätze bin ich in anderer Weise gefolgt, als es die unannehmbar. Ich muß Begriffe haben, um über den Begriff
Durchführung bei Adorno erlaubt. Der Unterschied zu den hinaus zu denken - mit ihnen. Mehr noch: ich muß mich der
Konsequenzen bei Adorno betrifft vor allem den Begriff der Wahrheit von Aussagen selbständig versichern können, um mir
ästhetischen Wahrheit. Für Adorno »konvergiert« die Gelungen- den Erfahrungsgehalt der in ihnen verwendeten Bestimmungen
heit von Kunstwerken mit der Wahrheit ihrer philosophisch auch ästhetisch vergegenwärtigen zu können. Die Einsicht in die
instrumentierten Interpretation. »Philosophie und Kunst kon- bedeutsame Fundierung unseres sprachlich erworbenen Wissens,
vergieren in deren Wahrheitsgehalt: die fortschreitend sich ent- das Wissen um die Besonderheit der Gegenstände, die wir nach
faltende Wahrheit des Kunstwerks ist keine andere als die des unterschiedlichen Hinsichten prädikativ unterscheiden und iden-
philosophischen Begriffs.«216 Für den »philosophischen Begriff« tifizieren, macht das Verstehen (und ein Bestehen auf) der wörtli-
in Adornos Verständnis ist kennzeichnend »die Anstrengung, chen Bedeutung eines Ausdrucks und macht die Identifikation
über den Begriff durch den Begriff hinauszugelangen.«217 Ich von Gegenständen durch eines oder einige seiner Merkmale nicht
verstehe das und auch den Gedanken des Nichtidentischen so, zu einem heillosen oder widersinnigen Geschäft. Eine dialekti-
daß es in einer Reflexion, die sich vom »identifizierenden Den- sche Theorie der Sprache hat vielmehr die Differenzen des kon-
ken« emanzipiert, darum geht, den Beziehungssinn, die aus der stitutiven Zusammenhangs von propositionaler und nichtpropo-
Geschichte und Praxis der sprachlichen Welterschließung er- sitionaler Bedeutung auszuarbeiten: indem wir etwas begrifflich
wachsenen (und mit jeder erneuten und neuartigen Bezugnahme erkennen, verstehen wir uns auf dieses Erkennen in einer Weise,
stets fortgebildeten) Korrespondenzen der Bedeutsamkeit des zu die sich zum Gegenstand der Erkenntnis keineswegs identifizie-
Bedenkenden mit zu bedenken. Eine aus diesem Sensorium rend verhält. Immer schon orientiert sich die begriffliche Rede
operierende Besinnung »wäre nichts anderes als die volle unredu- über das begrifflich Gesagte hinaus: das von Adorno gescholtene
zierte Erfahrung im Medium begrifflicher Reflexion«, wie es in »identifizierende Denken« macht sich dagegen nur systematisch
der »Negativen Dialektik« heißt. Diese Form der Erkenntnis blind.
wird für Adorno zum Inbegriff des Erkennens; »emphatisch«
wahr sind nur der Gedanke und die Bestimmung, die sich zu Zu dieser rationalistischen Blindheit verhält sich Adornos
ihren Gegenständen verhalten wie die Sätze einer kunstkritischen Sprachtheorie auf eine irritierende Weise komplementär: denn
Interpretation zu den ihren. »Erkenntnis hat keinen ihrer Gegen- auch das zur dominierenden Wahrnehmungsweise erhobene mi-
stände ganz inne. Sie soll nicht das Phantasma eines Ganzen metisch zarte Erkennen würde die entscheidende Differenz uto-
bereiten. So kann es nicht die Aufgabe einer philosophischen pisch überspringen. Es ist schon merkwürdig - im Namen einer
Interpretation von Kunstwerken sein, ihre Identität mit dem Rettung des Nichtidentischen an dem, was wir in thematischer
Zuwendung erkennend identifizieren, möchte Adorno die Diffe-
renz zwischen thematischer und nichtthematischer, propositional tung nicht zu verwischen, habe ich es bislang vermieden, von
expliziter und kontextuell impliziter Orientierung endgültig til- »ästhetischer Wahrheit« zu sprechen. Die hervorragenden Werke
gen. Das diskursive Erkennen soll in einem Zuge nichtdiskursiv sind nicht begrifflich wahr, sie sind gelungen. Als hervorragend
sein: nämlich erkennend auf den Erfahrungszusammenhang sich gelungene aber geben sie einer als angemessen erfahrenen Sicht-
richten, den es in begrifflicher Unterscheidung vor sich bringt. weise Ausdruck - und darin sind sie ästhetisch »wahr«. Die
Dieser Utopie des Erkennens kommt die ästhetische Reflexion ästhetische »Wahrheit« ist nur dann gegeben, wenn die Angemes-
für Adorno täuschend nahe; weil aber nur die begrifflich inter- senheit einer Sichtweise am ästhetisch gelungenen Kunstwerk
pretierende Rede die Sachverhalte bestimmen kann, auf deren erscheint. Nur hier, nur im Kontext der ästhetischen Kritik, geht
Wahrheit die ästhetischen Gehalte »gehen«, und weil andererseits die Behauptung der Angemessenheit von Sichtweisen mit Be-
nur die ästhetische Entfaltung des begrifflich Zugesprochenen hauptungen der ästhetischen Wahrheit oder Falschheit zusam-
diesem die Substanz einer »unreduzierten Erfahrung« verleihen men. Wie gesehen, ist die Beurteilung von Sichtweisen nicht per
kann, bleiben die Prozeduren des begrifflichen Erkennens und se eine ästhetische. Ästhetisch ist die Beurteilung der Präsenta-
die Verfahrensweisen der ästhetischen Artikulation bis zur tion weltbildender Sichtweisen. Und nur am gelungenen Werk
Stunde der Befreiung in der ästhetischen Erfahrung aporetisch kommt hier die Bejahung einer Sichtweise mit der Bejahung der
aneinander gekettet. So wie die deutende »Reduktion«, ohne die ästhetischen Artikulationsform zur Deckung: deshalb ist dieses
sie nicht »fortleben« könnten, »an den Kunstwerken frevelt«, so Werk gelungen: weil es die präsentative Objektivierung einer für
ist zugleich »das Bedürfnis der Werke nach Interpretation als der die Gegenwart zu bejahenden Sichtweise ist. Nur in dieser Beur-
Herstellung ihres Wahrheitsgehalts Stigma ihrer konstitutiven teilung ist die Bewertung von Sichtweisen argumentativ begründ-
Unzulänglichkeit. Was objektiv in ihnen gewollt ist, erreichen sie bar. Was vor allem in überbietungstheoretischen Kontexten »äs-
nicht.« 21 ' Wenn man aber auf die irreführende Diffamierung der thetische Wahrheit« genannt wird, ist die zeichenhaft gespannte
diskursiven Rede verzichtet, muß auch von einer konstitutiven Präsenz von Gehalten, die Gehalte der e