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Serbian Studies Research

Vol. 9, No. 1 (2018): 55–59. 55

UDC 821.16.09:398
Оригинални научни рад

Dr Dimitris Petalas1
Hellenic Folklore Society (Athens)
Greece

„DIE HEILIGEN WANDELN AUF DEN WELLEN”:


EIN VERGLEICH ZWEIER SLAWISCHER ERZÄHLUNGEN

Zusammenfassung: Die von der Erzählung Tolstois „Die drei Eremiten” her bekannte
russische Sage von den drei armen Eremiten, die das Wunder des Herrn wiederholen, indem
sie auf den Wellen wandeln, taucht variiert auch in der serbischen Volkserzählung „Hilf
nicht, lieber Gott!” auf.
Schlüsselwörter: Bischof, Eremiten, hl. Franziskus von Paola, hl. Hyazinth von Polen
(Jacek Odrowąż), Vuk Karadžić, hl. Nikolaus, hl. Raimund von Peñafort, Russland, Serbien,
Leo Tolstoi, Vaterunser, Serbische Volkserzählungen, Wandeln auf den Wellen

„СВЕЦИ ХОДАЈУ ПО ТАЛАСИМА”: МОТИВСКА


СРОДНОСТ ДВЕ СЛОВЕНСКЕ ПРИПОВЕТКЕ

Апстракт: У раду се анализира познати мотив из Толстојеве приче „Три старца”,


сиромашних монаха који понављају чудо Господње ходајући по таласима, у варијанти
у којој је употребљен у српској народној приповеци „Не помози, Боже!”.
Кључне речи: епископ, Вук Караџић, пустињаци, Русија, Свети Никола, Свети
Рајмунд Пењафортски, Свети Фрањо Паулски, Свети Хијацинт Пољски (Јацек Одро-
важ), Србија, српске народне приповетке, Лав Толстој, ходање по таласима

Die Volkserzählung aus Serbien „Hilf mir nicht, lieber Gott” („Не помози,
Боже”), aufgezeichnet von Vuk Karadžić2 um 1850 fiel mir wegen ihrer frappanten

1
dpetalas@otenet.gr (Димитрис Петалас, Хеленско друштво фолклориста, Атина, Грчка)
2
Српске народне приповијетке. Скупио их и на свијет издао Вук Стеф. Караџић / Sammlung
und Herausgabe: Vuk Stef. Karadžić, Нолит, Београд [Nachdruck (o.J.) der Ausgabe von 1853], S.
263f.
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Ähnlichkeit mit einer Legende des Wolga-Gebiets auf, die von Leo Tolstoi in seiner
Erzählung „Die drei Eremiten” („Три старца”) literarisch wiedergegeben wurde.
Die serbische Legende geht so (eigene Übersetzung):
Als der hl. Nikolaus einmal spazieren ging, traf er am Meer einen Menschen,
der ständig rief: „Hilf mir nicht, lieber Gott!” Als (der Heilige) ihn fragte, was er (mit
diesen Worten) bezwecke, antwortete ihm jener, er bete zu Gott. Da entgegnete ihm
der hl. Nikolaus, so bete man doch nicht zu Gott, sondern man müsse sagen „Hilf
mir, lieber Gott!” Der Mensch folgte dem Rat gern und begann sogleich so zu rufen
(wie ihm der Heilige gesagt hatte). Nachdem der hl. Nikolaus das Schiff bestiegen
hatte und aufs Meer gefahren war, vergaß der Mensch sofort, was ihn der Heilige
gelehrt hatte, und so rief er ihm vom Ufer zu, er möge zurückkehren, um ihm das
richtige Gebet noch einmal zu sagen; als er aber sah, dass seine Stimme ungehört
blieb, riss er eilends seine Kleidung von der Schulter, breitete sie auf dem Meer aus
und begann mit seinen Armen zu rudern, um zum Heiligen zu gelangen. Als er auf
diese Weise das Schiff erreichte, rief er dem hl. Nikolaus zu: „Na, wie sollte ich zu
Gott beten?” Da der hl. Nikolaus dieses Wunder sah, dachte er bei sich: „Wenn der
so das Meer überqueren kann, dann ist sein Gebet, mag er sagen, was er will, gottge-
fälliger als meins„ und antwortete ihm: „Wie bisher, wie bisher”.
Tolstoi schrieb seine Erzählung 1886; dem Untertitel „Eine Legende aus dem
Wolga-Gebiet” folgt Mt 6, 7–8:
Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur
erhört, wenn sie viele Worte machen. Macht es nicht wie sie, denn euer Vater weiß, was
ihr braucht, noch ehe ihr darum bittet. (Einheitsübersetzung)
Tolstoi erzählt uns kurz gefasst Folgendes:
Ein Bischof fuhr einmal mit dem Schiff von Archangelsk3 zum Solowezki-Klos-
ter.4 Von einigen Mitreisenden hörte er, dass nicht weit von ihrer Schiffsroute eine
Insel liege, auf der drei hochbejahrte, in Lumpen gekleidete Einsiedler lebten, die im
Ruf von Heiligen stünden. Das weckte das Interesse des Bischofs, der den Kapitän
bat, ein wenig vom Kurs abzuweichen und ihn zum Inselchen zu bringen. Der Ka-
pitän versuchte anfangs, ihn umzustimmen: Diese Mönche seien alt und kindisch.
Schließlich jedoch lenkte er das Schiff zur Insel. Es ging in einiger Entfernung von
der Küste vor Anker und Matrosen brachten den Bischof in einem Ruderboot an
Land. Dort stieß er auf die Greise, segnete und fragte sie, was sie zu ihrer Seelen-
rettung täten, wie sie Gott auf der kleinen Insel dienten und wie sie beteten. Der
älteste antwortete: „Wir beten folgendermaßen: ‘Drei Du und drei wir, erbarme Dich
unser᾽”; sogleich erhoben die drei ihren Kopf zum Himmel und wiederholten das
Gebet. Der Bischof lächelte und erklärte ihnen gütig, sie hätten zwar etwas von der
Heiligen Dreifaltigkeit gehört und wollten Gott danken, machten das aber nicht
3
Russische Stadt am Weißen Meer. Von September bis Juni herrscht dort Frost.
4
Gleichnamige Insel im Weißen Meer.
„Die Heiligen wandeln auf den Wellen”: Ein Vergleich 57
zweier slawischer Erzählungen

richtig. So begann er sie das Grundwissen über die Fleischwerdung des Herrn und
das Mysterium der Dreifaltigkeit zu lehren. Danach betete er ihnen das Vaterunser
vor und ließ sie es wiederholen. Anfangs hatten sie Schwierigkeiten damit, lernten
es aber schließlich auswendig, nachdem sie einen ganzen Tag geübt hatten. Gegen
Abend war der Bischof sicher, seine Mission vollendet zu haben und schickte sich
zum Aufbruch an. Er verabschiedete sich von den Alten, die ihm zu Füßen fielen und
ihn anbeteten; er hieß sie aufstehen, küsste jeden einzelnen und betonte, sie sollten
so beten, wie er es sie gelehrt hatte. Dann ging er ins Boot und kehrte zum Schiff
zurück. Als die Insel nicht mehr zu sehen war, sah der Bischof, der auf dem Deck
saß, plötzlich auf der Linie des Widerscheins des Mondes etwas Weißes glänzen und
glaubte anfangs, es sei eine Möwe oder das Segel eines anderen, kleineren Schiffes.
Als sich jedoch der Lichtschein mit großer Geschwindigkeit näherte und dabei war,
sie einzuholen, erhob er sich und fragte den Steuermann, was dieses Licht bedeute.
Da sahen beide voller Schrecken die drei Einsiedler, wie sie strahlend leuchtend,
ohne dabei die Beine zu bewegen, über das Wasser glitten und wie ihre Bärte glänz-
ten. Bevor das Schiff anhielt, sagten sie wie mit einer Stimme zum Bischof:

„Diener Gottes, wir haben deine Lehre vergessen. Solange wir sie wiederholten,
war sie uns erinnerlich, doch als wir kurz aufhörten, das Vaterunser zu sagen, entfiel
uns zuerst ein Wort und danach, wie schade! Jetzt haben wir es total vergessen. Sag
es uns noch einmal!”.

Der Bischof schlug sein Kreuz und sagte zu ihnen: „Euer Gebet wird zum Herrn
gelangen. Ich bin es nicht wert, euch zu lehren. Betet für uns Sünder!”.5

Vergleichen wir die beiden Legenden, schälen sich folgende Motive heraus:
1) Ein hochrangiger Kirchenmann (Bischof in der russischen Legende, und in
der serbischen einer der größten Heiligen der Orthodoxen Kirche) begegnet drei auf
den ersten Blick naiven Eremiten (russische Legende) oder einem gleichfalls einfäl-
tigen Bauern (serbische Legende).
2) Die Eremiten / Der Bauer beten nicht richtig.
3) Der Kirchenmann übernimmt es, sie das richtige Gebet zu lehren (das Va-
terunser in der russischen Legende und die Anrufung „Hilf, lieber Gott“ in der ser-
bischen).
4) Die drei Eremiten / Der Bauer folgen dem Kirchenmann bereitwillig und
demütig und tun alles, um richtig zu beten.
5) Nach Beendigung seiner Mission fährt der Kirchenmann mit einem Schiff
weg.
5
Zusammenfassung der englischen Übersetzung der Webseite Literature Network „Leo Tolstoy
Three Hermits”.
58 Dimitris Petalas

6) Gleich nach der Abfahrt des Kirchenmanns merken die Mönche / der Bauer,
dass sie das richtige Gebet vergessen haben.
7) Um es erneut zu lernen, beeilen sich die drei Eremiten, das schon weit ent-
fernte Schiff zu erreichen „indem sie auf den Wellen gehen“ und so das Wunder des
Herrn wiederholen (Mt 14, 22–24, Mk 6, 45–52, Joh 6, 16–21), während der Bauer
seine Kleider aufs Meer wirft und sie als Boot und seine Arme als Ruder benutzt.
8) Die Mönche / Der Bauer holen das Schiff ein und bitten den Kirchenmann,
ihnen das richtige Gebet zu lehren, das sie vergessen hatten.
9) Furcht des Kirchenmannes vor dem gewaltigen Wunder. Der Bischof schlägt
sein Kreuz, während der hl. Nikolaus, Heiliger der Schiffahrt, seine Wunder über-
schattet sieht von dem, was der Bauer leistete.
10) Demütigung des Kirchenmannes: Der Bischof sagt zu den Eremiten, ihr
Gebet werde vom Herrn erhört, und er sei unwürdig, sie es zu lehren; der hl. Niko-
laus gesteht ebenso, dass Gott sich mehr über das Gebet eines ungebildeten Bauern
als über seins freue.
11) Damit verbundene Aufforderung des Bischofs an die Mönche, für seine See-
le zu beten, ebenso für alle anderen Sünder / des hl. Nikolaus an den Bauern, weiter-
hin auf seine alte, unorthodoxe Weise zu beten.

Ich kann nicht wissen, ob und bis zu welchem Grad Tolstoi in die ursprüngliche
Legende eingegriffen hat, indem er z.B. die drei Alten ihr asketisches Leben in der
ungastlichsten und feindlichsten Umgebung führen lässt, die man sich vorstellen
kann (eine kleine Insel im Arktischen Ozean), und sie als Polaräquivalent der Kir-
chenväter in der Wüste darstellt, was ihre Heiligkeit natürlich noch stärker unter-
streichen würde. Ebenfalls weiß ich nicht, ob es auch Tolstois Idee war, die drei As-
kese Übenden am Ende der Erzählung mit einem intensiven und suggestiven Glanz
zu umgeben: Der russische Schriftsteller beharrt besonders auf diesem Punkt: Die
drei Alten – nach dem Bild der Heiligen Dreifaltigkeit – sind zur Vereinigung mit
dem Göttlichen gelangt und strahlen wie eine in „thaborischem” Licht; deswegen
bringen sie auch das Gotteswunder mit solcher Leichtigkeit zustande. Diese zutiefst
theologischen Elemente fehlen in der – eher grobgeschnitzten – serbischen Varian-
te. In dieser begegnet indessen ein anderes Element, wohl „lateinischer” Herkunft:
das Kleidungsstück, das der Bauer ins Wasser wirft, um es als Boot zu benutzen.
Diesem Motiv begegnen wir auch bei vielen Viten westlicher Heiliger: So überquert
z.B. der hl. Franziskus von Paola die Meerenge von Sizilien zusammen mit einem
anderen Mönch; der hl. Raimund von Peñafort reist auf ähnliche Weise von Mal-
lorca nach Barcelona, während der hl. Hyazinth von Polen (Jacek Odrowąż) auf die
gleiche Weise die über die Ufer getretene Weichsel überquert, wobei er sein „Boot”
noch mit drei Gefährten beschwert hat, und später zu Fuß den Dnjepr.
„Die Heiligen wandeln auf den Wellen”: Ein Vergleich 59
zweier slawischer Erzählungen

Dimitris Petalas

“THE SAINTS WALK ON THE WAVES”: A COMPARISON OF THE TWO


SLAVIC NARRATIVES

Abstract: The variant of the motif of the three poor monks repeating the Lord’s miracle
while running on the waves, widely known through Leo Tolstoy’s short story “The three
hermits”, as it appears in the Serbian folk tale “Don’t help me, my God!”.
Keywords: bishop, hermits, Vuk Karadžić, the Lord’s Prayer, St Francis of Paola, St
Hyacinth of Poland (Jacek Odrowąż), St Nicolas, St Raymond of Peñafort, Russia, Serbia,
Serbian folk tales, Leo Tolstoy, walking on the waves

Received 11.01.2018/ Accepted 19.04.2018.