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§ 4 Anwaltliche Pflichtverletzungen

Dr. Thomas Dickert

Inhalt

Rn Rn
A. Träger und Reichweite der Berufs- III. Berufsunfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . 39
aufsicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 IV. Rechtsmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

B. Präventive Maßnahmen nach § 73 E. Ahndung von Pflichtverletzungen


Abs. 2 Nr. 1 BRAO . . . . . . . . . . . . . . . 7 durch das Anwaltsgericht, §§ 113
I. Rat und Auskunft . . . . . . . . . . . . . . . . 7 bis 161a BRAO . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44
II. Belehrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 I. Generalstaatsanwaltschaft als
III. Unterlassungsanordnung . . . . . . . . . . . 10 Einleitungsbehörde . . . . . . . . . . . . . . . 44
II. Verfassung der Anwaltsgerichtsbarkeit 49
C. Rügeverfahren nach §§ 73 Abs. 2 III. Das anwaltsgerichtliche Verfahren,
Nr. 4, 74, 74a BRAO . . . . . . . . . . . . . . 13 §§ 116 bis 161a BRAO . . . . . . . . . . . . 53
I. Aufsichtsverfahren . . . . . . . . . . . . . . . 14 IV. Entscheidungsmöglichkeiten durch das
1. Einleitung des Verfahrens . . . . . . 14 Anwaltsgericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
2. Voraussetzungen für die Ahndung V. Rechtsmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
eines Berufsrechtsverstoßes . . . . 16
3. Mitwirkungspflichten des Rechts- F. Wettbewerbsrechtliches Verfahren 64
anwalts. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
4. Entscheidung im Rügeverfahren . 23 G. Stärkung der Befugnisse der
II. Einspruchsverfahren . . . . . . . . . . . . . . 27 Rechtsanwaltskammern? . . . . . . . . 66
III. Anwaltsgerichtliches Antragsverfahren 30
H. Rechtsschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
D. Widerruf der Zulassung . . . . . . . . . . 33
I. Strafgerichtliche Verurteilung . . . . . . . 33
II. Vermögensverfall . . . . . . . . . . . . . . . . 36

A. Träger und Reichweite der Berufsaufsicht


Rechtsanwälte sind unabhängige Organe der Rechtspflege. Sie üben einen freien Beruf aus 1
und sind die berufenen unabhängigen Berater und Vertreter in allen Rechtsangelegenheiten
(§§ 1, 2 Abs. 1 und § 3 Abs. 1 BRAO). Diese Leitsätze prägen die anwaltliche Berufsausübung
im Sinne der freien Selbstbestimmung sowohl des einzelnen Rechtsanwalts wie auch der
Anwaltschaft insgesamt (sog. verfasste Anwaltschaft).
Selbstverständlich sind Rechtsanwälte – wie andere Berufsträger auch – an Recht und Gesetz 2
gebunden. Insbesondere haben sie das anwaltliche Berufsrecht zu beachten. Die anwaltliche
Tätigkeit unterliegt dabei jedoch keiner unmittelbaren Aufsicht durch die Organe der Justiz-
verwaltung. Vielmehr überwachen die Rechtsanwaltskammern die Erfüllung der anwaltli-
chen Pflichten der in ihrem Bezirk zugelassenen Rechtsanwälte (§ 73 Abs. 2 Nr. 4 BRAO).
Die Aufsicht über die Rechtsanwälte wird von den Rechtsanwaltskammern in beruflicher
Selbstverwaltung ausgeübt.
Die Selbstverwaltung wurde vervollständigt und weiter gestärkt, indem alle Landesjustizverwal- 3
tungen auf der Grundlage von § 224a BRAO die Aufgaben und Befugnisse nach der BRAO, also

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auch das Zulassungsverfahren und die einschneidendste Maßnahme des Widerrufs der
Zulassung, im gesetzlich möglichen Umfang auf die Rechtsanwaltskammern übertragen
haben.1
4 Die Justizverwaltung führt zwar die Staatsaufsicht über die Rechtsanwaltskammern. Diese Auf-
sicht ermöglicht jedoch nicht den Durchgriff des Staates auf das berufsrechtliche Verhalten ein-
zelner Rechtsanwälte. Die Staatsaufsicht beschränkt sich als reine Rechtsaufsicht darauf, dass
von der Rechtsanwaltskammer Gesetz und Satzung beachtet, insbesondere die ihr übertragenen
Aufgaben erfüllt werden (§ 62 Abs. 2 BRAO).
5 Die Berufsaufsicht durch die Rechtsanwaltskammer ist auf die Prüfung beschränkt, ob der
Rechtsanwalt die ihm nach der BRAO, der BORA und den Kammerrichtlinien obliegenden
Pflichten2 beachtet hat. Nicht jede behauptete Schlechterfüllung anwaltlicher Berufspflichten
stellt eine Berufspflichtverletzung in diesem Sinn dar. Der Anwaltsvertrag, den der Rechtsan-
walt mit seinem Mandanten abschließt, ist privatrechtlicher Natur und begründet im
Wesentlichen keine Berufspflichten. Der Rechtsanwalt ist vielmehr bei der Beratung und Ver-
tretung seines Mandanten frei und trägt dafür die alleinige Verantwortung. Der Grundsatz der
freien Berufsausübung gestattet es nicht, die berufliche Tätigkeit des Rechtsanwalts nachträg-
lich einer berufsrechtlichen Prüfung auf ihre Richtigkeit oder gar Zweckmäßigkeit zu unterwer-
fen. Ob eine schuldhafte Verletzung von Vertragspflichten vorliegt und welche Rechtsfolgen
sich daraus ggf. ergeben, kann ein betroffener Mandant grundsätzlich nur vor den ordentlichen
Gerichten aufgrund einer entsprechenden Zivilklage klären lassen.
6 Anders verhält es sich bei groben Verstößen gegen zivilrechtliche Pflichten, sofern diese die
äußere Seite der Anwaltstätigkeit betreffen. Zu diesen gravierenden Pflichtverletzungen gehören
hartnäckige Bummelei, die Untätigkeit bei der Mandatsbearbeitung und die ungeprüfte, pau-
schale Übernahme von Angaben Dritter. Solche Verfehlungen verletzen die allgemeine Pflicht
zur gewissenhaften Berufsausübung (§ 43 BRAO) und sind der berufsrechtlichen Ahndung
zugänglich.3

B. Präventive Maßnahmen nach § 73 Abs. 2 Nr. 1 BRAO


I. Rat und Auskunft

7 Die Rechtsanwaltskammer berät ihre Mitglieder in Fragen der Berufspflichten (§ 73 Abs. 2


Nr. 1 BRAO). Dem korrespondiert ein Anspruch des Kammermitglieds auf telefonischen oder
schriftlichen Rat oder eine Auskunft in berufsrechtlichen Fragen. Rat und Auskunft werden
gebührenfrei erteilt. Durch die Beantwortung der zahlreichen berufsrechtlichen Anfragen findet
bei den Rechtsanwaltskammern eine fortlaufende intensive Befassung mit dem anwaltlichen
Berufsrecht statt.
Praxistipp
Verhalten Sie sich als Rechtsanwalt entsprechend dem Rat oder der Auskunft des Vorstands
der Rechtsanwaltskammer, so kann – falls der Rat oder die Auskunft fehlerhaft war – ein
Schuldvorwurf gegen Sie nicht erhoben werden. Eine berufsrechtliche Ahndung scheidet

1 Die Regelungen der Länder sind zusammengestellt bei Feuerich/Weyland, § 224a BRAO Rn 15.
2 Prägnante Zusammenstellung bei Axmann/Hauffe, Anwaltsrecht I, Rn 42 bis 100.
3 Saarländischer AGH BRAK-Mitt 2003, 179; AnwG München BRAK-Mitt 1997, 177; 1997, 208; Feuerich/Weyland,
§ 43 BRAO Rn 16; Henssler/Prütting/Eylmann, § 43 BRAO Rn 16; Jähnke, NJW 1988, 1888, 1891.

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insoweit aus.4 Umgekehrt ist Ihnen die Berufung auf einen unvermeidbaren Verbotsirrtum
verwehrt, wenn Sie es versäumt haben, sich vom Vorstand beraten und belehren zu lassen.5
Den kostenlosen Beratungsservice Ihrer Rechtsanwaltskammer sollten Sie in berufsrechtli-
chen Zweifelsfragen daher auf jeden Fall in Anspruch nehmen.

II. Belehrung
Bei der Belehrung (§ 73 Abs. 2 Nr. 1 BRAO) handelt es sich um eine präventive und neutrale 8
Unterrichtung, wobei die Rechtsanwaltskammer selbst die Initiative ergreift. Dabei wird ein in
der Vergangenheit liegendes Verhalten berufsrechtlich überprüft und bewertet, ohne dass ein
Schuldvorwurf erhoben wird.
Gegen die bloße Belehrung gibt es keinen Rechtsschutz.6
Der Vorstand der Rechtsanwaltskammer kann die Belehrung des Rechtsanwalts über den Inhalt 9
und Umfang seiner Berufspflichten mit dem Hinweis verbinden, dass er das beanstandete Ver-
halten zu unterlassen bzw. im Fall seiner Fortführung mit der Einleitung eines Rügeverfahrens
zu rechnen habe. Gegen eine derartige missbilligende Belehrung steht dem betroffenen Rechts-
anwalt Rechtsschutz nach § 223 Abs. 1 BRAO zu;7 dabei ist es ohne Belang, ob die Maßnahme
als Verwaltungsakt zu qualifizieren ist oder nicht.

III. Unterlassungsanordnung
Der Vorstand der Rechtsanwaltskammer ist nach der neueren Rechtsprechung des Bundesge- 10
richtshofs8 mangels Ermächtigungsgrundlage nicht befugt, von einzelnen Mitgliedern bei Ver-
stößen gegen berufsrechtliche Bestimmungen die Vornahme oder Unterlassung eines bestimm-
ten Verhaltens zu fordern und mit Verwaltungszwang durchzusetzen. So ist es beispielsweise
nicht möglich, einem Rechtsanwalt die Nutzung eines bestimmten unzulässigen Domain-
Namens durch Unterlassungsverfügung zu untersagen.
Praxistipp 11
Sollten Sie von Ihrer Rechtsanwaltskammer eine Unterlassungsanordnung oder – außerhalb
eines förmlichen Rügeverfahrens (siehe Rn 13 ff.) – eine missbilligende Belehrung erhalten,
sind die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs und die Monatsfrist des § 223 Abs. 1 S. 2
BRAO zu beachten. Sie sollten in diesem Fall prüfen, ob Sie die Rechtmäßigkeit der Maß-
nahme durch einen Antrag auf gerichtliche Entscheidung, über den der Anwaltsgerichtshof
zu befinden hat, klären lassen.
Handelt es sich um eine falsch deklarierte, verkappte Rüge, ist auch der Einspruch gem. § 74
Abs. 5 BRAO statthaft; dies entspricht dem allgemeinen Grundsatz, dass sich die Art des
Rechtsbehelfs nach dem Inhalt der Entscheidung und nicht nach deren äußerer Form richtet.9
Nimmt die Rechtsanwaltskammer einen Bescheid zurück, der eine nunmehr vom Bundesge- 12
richtshof für rechtsunwirksam erachtete Gebotsverfügung enthält, bleibt dieser nicht aufrechter-

4 EGH München BRAK-Mitt 1984, 197; Feuerich/Weyland, § 73 BRAO Anm. 33; Henssler/Prütting/Hartung, § 73
BRAO Rn 23.
5 BGHSt 18, 192, 197; NJW 1991, 49 = AnwBl 1991, 97.
6 BGH NJW-RR 1997, 759; Feuerich/Weyland, § 73 BRAO Anm. 29.
7 BGH NJW-RR 1997, 759; NJW 2002, 608; Henssler/Prütting/Hartung, § 73 BRAO Rn 25.
8 BGH NJW 2003, 504; NJW 2003, 662; Braun, in: Feuerich/Weyland, § 73 BRAO Rn 31 f.; a.A. Niedersächsischer
AGH BRAK-Mitt 2003, 37; krit. Henssler/Prütting/Hartung, § 74 BRAO Rn 5; Hartung, MDR 2003, 420.
9 Henssler/Prütting/Hartung, § 74 BRAO Rn 6 und 10; Hartstang, S. 161.

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halten, soweit er eine zulässige Beratung oder Belehrung beinhaltet.10 Erledigt sich durch die
Bescheidsrücknahme die Hauptsache eines anhängigen anwaltsgerichtlichen Verfahrens, ist der
Übergang zum Feststellungsbegehren grundsätzlich unstatthaft, da § 113 Abs. 1 S. 4 VwGO im
Verfahren nach § 223 Abs. 1 BRAO nicht entsprechend anzuwenden ist.11

C. Rügeverfahren nach §§ 73 Abs. 2 Nr. 4, 74, 74a BRAO


13 Mit der Rüge ahndet die Rechtsanwaltskammer den Verstoß eines Mitglieds gegen anwaltliche
Berufspflichten. Das Rügeverfahren gliedert sich in
■ Aufsichtsverfahren (Rn 14 ff.),
■ Einspruchsverfahren (Rn 27 ff.) und
■ anwaltsgerichtliches Antragsverfahren (Rn 30 ff.).

I. Aufsichtsverfahren

1. Einleitung des Verfahrens

14 Die Rechtsanwaltskammer kann von Amts wegen gegen ein Mitglied vorgehen, wenn ihr ein
Sachverhalt bekannt wird, der eine berufsrechtliche Überprüfung notwendig macht. Dies kann
aufgrund der Beschwerdeschrift oder des Hinweises eines Mandanten, Gegners, Anwaltskolle-
gen, Gerichts, einer Behörde, Rechtsschutzversicherung oder ähnlichen Institution der Fall sein.
15 Die Rechtsanwaltskammer erhält darüber hinaus Mitteilungen über sämtliche Zivilklagen,
Strafverfahren, Mahnverfahren, Vollstreckungsmaßnahmen und Insolvenzverfahren, die gegen
Mitglieder eingereicht bzw. eingeleitet werden.12 Vollstreckungsmaßnahmen, die Einleitung des
Insolvenzverfahrens oder die Abgabe der eidesstattlichen Versicherung haben erhebliche
Bedeutung auch für die Frage, ob gegen das Mitglied ein Verfahren auf Entzug der Anwaltszu-
lassung einzuleiten ist (siehe dazu Rn 36 ff.).

2. Voraussetzungen für die Ahndung eines Berufsrechtsverstoßes

16 Die Rechtsanwaltskammer prüft bei möglichen Pflichtverstößen gegen das Berufsrecht, ob eine
Rüge erteilt werden muss oder das Verfahren an den Generalstaatsanwalt bei dem zuständigen
Oberlandesgericht – als Einleitungsbehörde – abzugeben ist. Der Vorstand der Rechtsanwalts-
kammer unterliegt nicht dem Legalitätsprinzip, d.h. er kann trotz schuldhafter Pflichtverletzung
von einem Einschreiten absehen, etwa weil das geringfügige berufswidrige Verhalten des Mit-
glieds gegenüber seiner längeren einwandfreien Führung nicht ins Gewicht fällt.13
17 Folgende Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit eine Ahndung in Frage kommt:
■ Betroffener Personenkreis: Der Verstoß muss durch ein Mitglied der betreffenden Rechts-
anwaltskammer begangen oder einem Mitglied zurechenbar sein, sofern dieses nicht selbst

10 BGH BRAK-Mitt 2003, 279.


11 BGHZ 137, 200, 201 f.; 67, 343, 345 bis 347; Feuerich/Weyland, § 223 BRAO Rn 19.
12 Nr. 23 der Anordnung über Mitteilungen in Strafsachen (MiStra, i. Kr. seit 1.6.1998, BAnz Nr. 99a, ber. BAnz
Nr. 128); 5. Abschnitt der Anordnung über Mitteilungen in Zivilsachen (MiZi, i. Kr. seit 1.6.1998 – z.B. JMBl NRW
1998 S. 133).
13 Feuerich/Weyland, § 74 BRAO Rn 3; Henssler/Prütting/Hartung, § 74 BRAO Rn 4.

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gehandelt hat.14 Zurechenbar ist das Verhalten von Mitarbeitern im Fall der Verletzung von
Organisations-, Anleitungs- oder Aufsichtspflichten durch den Rechtsanwalt. Daneben
postuliert § 33 Abs. 2 BORA die persönliche Verantwortlichkeit jedes Rechtsanwalts für das
Verhalten der Sozietät oder Anwaltsgesellschaft, der er angehört.15 Dem Aufsichtsrecht der
Rechtsanwaltskammer unterstehen auch die Geschäftsführer von Rechtsanwaltsgesellschaf-
ten (§ 60 Abs. 1 Satz 2 BRAO).
■ Objektive Pflichtverletzung: Es muss eine Verletzung von beruflichen Pflichten gegeben
sein, die in § 113 Abs. 1 BRAO bezeichnet sind.16 Die Pflichtverletzung kann begangen sein
durch
■ ein berufliches Verhalten des Rechtsanwalts im weitesten Sinn – hierzu gehören auch die
Tätigkeiten als Insolvenzverwalter, Liquidator oder Nachlassverwalter17 – oder
■ ein außerberufliches Verhalten, sofern es eine rechtswidrige Tat gem. § 11 Abs. 1 Nr. 5
StGB oder eine mit Geldbuße bedrohte Handlung (§ 1 OWiG) darstellt und nach den
Umständen des Einzelfalls in besonderem Maß geeignet ist, Achtung und Vertrauen der
Rechtsuchenden in einer für die Ausübung der Anwaltstätigkeit bedeutsamen Weise zu
beeinträchtigen (§ 113 Abs. 2 BRAO).
■ Verschulden: Die Pflichtverletzung muss schuldhaft begangen sein, wobei grundsätzlich
jede Verschuldensform genügt (leichte Fahrlässigkeit bis direkter Vorsatz). Vereinzelt fordert
das Gesetz ein wissentliches Zuwiderhandeln (§§ 114a Abs. 3, 156 Abs. 1 BRAO). Der ver-
meintliche Irrtum über die ihm obliegenden berufsrechtlichen Pflichten entlastet den
Rechtsanwalt nicht, da er verpflichtet ist, sich über das geltende Berufsrecht – nötigenfalls
durch Nachfrage bei der Rechtsanwaltskammer (vgl. Rn 7) – zu informieren.18
■ Verfolgbarkeit: Die Verfolgbarkeit einer Pflichtverletzung ist insbesondere bei Verjährung
ausgeschlossen (§§ 74 Abs. 2 S. 1, 115 BRAO).19
Anders als im Disziplinarrecht der Beamten, Richter und Notare (siehe § 9 Rn 79 ff.) gibt es im 18
anwaltlichen Berufsrecht den Grundsatz der Einheitlichkeit der Pflichtverletzung nicht
(mehr). Es existieren nur einzelne, gesetzlich definierte konkrete Pflichten, deren Verletzungen
einzeln und voneinander isoliert geahndet werden können.20

3. Mitwirkungspflichten des Rechtsanwalts


Nach § 56 Abs. 1 BRAO hat der Rechtsanwalt in Aufsichts- und Beschwerdesachen Auskunft 19
zu geben, seine Handakten vorzulegen und ggf. persönlich bei der Rechtsanwaltskammer zu
erscheinen. Auskunftsberechtigt ist der Vorstand der Rechtsanwaltskammer oder ein Mitglied
des Vorstandes, welches nach dem Geschäftsverteilungsplan mit dieser Aufgabe betraut wurde.
Praxistipp
Sie sind als Rechtsanwalt gegenüber Ihrer Rechtsanwaltskammer zur wahrheitsgemäßen
Auskunftserteilung verpflichtet. Die Verweigerung der erbetenen Auskunft stellt ihrerseits
eine Berufspflichtverletzung dar. § 57 BRAO ermöglicht – nach entsprechender Androhung
– die Verhängung eines Zwangsgeldes, wenn die Pflichten aus § 56 BRAO nicht eingehalten
werden. Der Festsetzungsbescheid kann nach Bestandskraft durch den Kammervorstand –

14 Feuerich/Weyland, § 74 BRAO Rn 1, § 113 BRAO Rn 2 ff.


15 BayAGH BRAK-Mitt 2002, 283.
16 Feuerich/Weyland, § 74 BRAO Rn 3.
17 Feuerich/Weyland, § 113 BRAO Rn 15 f.
18 EGH Stuttgart BRAK-Mitt 1987, 160.
19 Braun, in: Feuerich/Weyland, § 74 BRAO Rn 31.
20 Niedersächsischer AGH BRAK-Mitt 2003, 36 unter ausdrücklicher Aufgabe der bisherigen Rspr.

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§4 Anwaltliche Pflichtverletzungen

etwa durch Kontenpfändung – vollstreckt werden. Ein kooperatives Verhalten gegenüber der
Kammer ist daher in jedem Fall empfehlenswert.
20 Die Pflicht zur Auskunftserteilung und zur Vorlage der Handakten entfällt, soweit
■ der Rechtsanwalt von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch macht, weil er sich
durch eine wahrheitsgemäße Auskunftserteilung oder Vorlage der Handakten der Gefahr
aussetzen würde, wegen einer Straftat, Ordnungswidrigkeit oder Berufspflichtverletzung
verfolgt zu werden, oder
■ der Rechtsanwalt nicht entsprechend § 53 Abs. 2 StPO von seiner Verschwiegenheitspflicht
(§ 43a Abs. 2 BRAO) entbunden wurde. Führt der eigene Mandant Beschwerde, kann sich
der Rechtsanwalt nicht auf seine Pflicht zur Verschwiegenheit berufen.21
21 Der Rechtsanwalt ist auf das Recht zur Auskunftsverweigerung hinzuweisen (§ 56 Abs. 1 S. 3
BRAO). Die Verletzung der Hinweispflicht hat ein Verwertungsverbot zur Folge.22
22 Zur Einvernahme von Zeugen, Vornahme von Durchsuchungen oder Beschlagnahme von
Beweismitteln ist der Vorstand der Rechtsanwaltskammer nicht befugt.

4. Entscheidung im Rügeverfahren

23 Dem betroffenen Anwalt ist nach der Sachverhaltsaufklärung und vor der endgültigen Entschei-
dung rechtliches Gehör zu gewähren (§ 74 Abs. 3 BRAO).
24 Folgende Entscheidungsmöglichkeiten kommen für den Vorstand der Rechtsanwaltskammer
in Betracht:
■ Aussetzung des Rügeverfahrens (§ 118b BRAO analog).
■ Einstellung des Rügeverfahrens, wenn
■ in der gleichen Sache ein anwaltsgerichtliches Verfahren eingeleitet wird (§ 74 Abs. 2 S. 1
1. Alt. BRAO),
■ seit der Pflichtverletzung wenigstens drei Jahre verstrichen sind (§ 74 Abs. 2 S. 1 2. Alt.
BRAO),
■ das Verfahren auf Antrag des Rechtsanwalts nach § 123 BRAO anhängig ist (Selbstreini-
gungsverfahren, § 74 Abs. 2 S. 2 BRAO) oder
■ sich der Vorwurf als unbegründet erwiesen hat.
■ Erlass eines schriftlichen Rügebescheids bei geringer Schuld des betroffenen Rechtsan-
walts, der mit Begründung und Rechtsbehelfsbelehrung zu versehen sowie förmlich zuzu-
stellen ist (§ 74 Abs. 1 und 4 i.V.m. § 229 BRAO).
■ Abgabe der Sache an den Generalstaatsanwalt bei dem zuständigen Oberlandesgericht –
als Einleitungsbehörde –, wenn
■ das Verschulden des betroffenen Rechtsanwalts nicht gering ist, so dass die Ahndungsmög-
lichkeit der Rechtsanwaltskammer in Form der Rüge nicht genügt, oder
■ die erforderliche weitere Sachverhaltsaufklärung mit den beschränkten Mitteln der Rechts-
anwaltskammer nicht möglich ist.
25 Der Rügebescheid nach § 74 Abs. 1 und 4 BRAO ist nicht der materiellen Rechtskraft fähig, so
dass er die gleichzeitige oder spätere Einleitung eines anwaltsrechtlichen Ermittlungsverfahrens
wegen desselben Sachverhalts nicht hindert. Mit der Rechtskraft eines anwaltsgerichtlichen
Urteils wird die wegen desselben Sachverhalts gegen den Rechtsanwalt verhängte Rüge unwirk-

21 AGH Hamm BRAK-Mitt 1998, 47 f.; Henssler/Prütting/Hartung, § 56 BRAO Rn 23; Feuerich/Weyland, § 56 BRAO
Rn 28.
22 Feuerich/Weyland, § 56 BRAO Rn 35 unter Hinweis auf die Rspr. zu § 136 Abs. 1 S. 2 StPO.

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Anwaltliche Pflichtverletzungen §4

sam; das Gleiche gilt, wenn rechtskräftig die Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt wird,
weil eine schuldhafte Pflichtverletzung nicht festzustellen ist (§ 115a Abs. 2 BRAO).
Die bestandskräftige Rügeentscheidung führt zu einem Personalakteneintrag, der nach fünf 26
Jahren getilgt wird (§ 205a Abs. 5 BRAO).

II. Einspruchsverfahren

Gegen die Rüge gibt es den Rechtsbehelf des Einspruchs, der binnen eines Monats nach Zustel- 27
lung bei dem Vorstand der Rechtsanwaltskammer einzulegen ist (§ 74 Abs. 5 BRAO). Auf den
Einspruch hin muss sich der Vorstand der Rechtsanwaltskammer erneut mit der Sache befassen,
wobei auch eine Verböserung, insbesondere in Form der Abgabe der Sache an den General-
staatsanwalt, möglich ist.
Über den Einspruch entscheidet die Rechtsanwaltskammer durch schriftlich begründeten 28
Bescheid, der förmlich zuzustellen und mit einer Rechtsmittelbelehrung zu versehen ist.
Die Auslagen und etwaige Verteidigergebühren, die im Rahmen des Einspruchsverfahrens 29
anfallen, hat der betroffene Rechtsanwalt selbst zu tragen.23

III. Anwaltsgerichtliches Antragsverfahren

Wird der Einspruch gegen den Rügebescheid durch den Vorstand der Rechtsanwaltskammer 30
zurückgewiesen, kann der betroffene Rechtsanwalt innerhalb eines Monats nach der Zustellung
die Entscheidung des Anwaltsgerichts beantragen (§ 74a Abs. 1 BRAO).
Der Antrag ist bei dem Anwaltsgericht am Sitz der Rechtsanwaltskammer, deren Vorstand die 31
Rüge erteilt hat, schriftlich einzureichen. Auf das Verfahren, an dem die Staatsanwaltschaft
nicht beteiligt ist, finden die Vorschriften der StPO über die Beschwerde (§§ 304 ff. StPO) sinn-
gemäße Anwendung. Es gilt der Grundsatz der Amtsermittlung (§ 74 Abs. 2 S. 2, 7 und 8
BRAO i.V.m. § 308 Abs. 2 StPO). Eine mündliche Verhandlung findet grundsätzlich nicht statt
(§ 74a Abs. 2 S. 5 BRAO).
Das Anwaltsgericht entscheidet durch Beschluss. Dieser Beschluss, der schriftlich und mit 32
Gründen versehen ergeht, ist unanfechtbar (§ 74a Abs. 3 Satz 4 BRAO).

D. Widerruf der Zulassung


I. Strafgerichtliche Verurteilung

Nicht jede strafgerichtliche Verurteilung führt automatisch zum Widerruf der Anwaltszulas- 33
sung. Dies ist nur der Fall, wenn der Rechtsanwalt hierdurch die Fähigkeit zur Bekleidung
öffentlicher Ämter verloren hat (§ 14 Abs. 2 Nr. 2 BRAO). Diese strafrechtliche Nebenfolge
tritt kraft Gesetzes für die Dauer von fünf Jahren ein, wenn der Rechtsanwalt wegen eines Ver-
brechens, und zwar auch wegen Versuchs, Teilnahme oder strafbarer Vorbereitung,24 zur Frei-
heitsstrafe von mindestens einem Jahr verurteilt wird (§ 45 Abs. 1 StGB); ob die Straftat bei
Ausübung des Anwaltsberufs oder im außerberuflichen Bereich begangen wurde, ist ohne

23 EGH Stuttgart BRAK-Mitt 1983, 138 = AnwBl 1983, 331.


24 Tröndle/Fischer, § 45 StGB Rn 6.

Dickert 43
§4 Anwaltliche Pflichtverletzungen

Belang.25 Hiervon abgesehen kann das Strafgericht im Rahmen der Strafzumessung dem Ver-
urteilten für die Dauer von zwei bis fünf Jahren die Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter
aberkennen, soweit das Gesetz dies besonders vorsieht (§ 45 Abs. 2 StGB). Diese Möglichkeit
ist insbesondere26 eröffnet bei der Begehung von Staatsschutzdelikten (§ 92a StGB), Subven-
tionsbetrug (§ 264 Abs. 5 StGB), Parteiverrat (§ 356 i.V.m. § 358 StGB) oder Steuerdelikten
(§ 375 Abs. 1 AO).
34 Die verlorene Fähigkeit kann das Strafgericht gem. § 45b Abs. 1 StGB vorzeitig wiederverlei-
hen, wenn
■ der Verlust die Hälfte der Zeit, für die er dauern sollte, wirksam war und
■ zu erwarten ist, dass der Verurteilte künftig keine vorsätzlichen Straftaten mehr begehen
wird.
35 Über die Wiederverleihung entscheidet das Strafgericht ohne mündliche Verhandlung durch
Beschluss. Eines Antrages des Verurteilten bedarf es nicht, dieser ist jedoch zweckmäßig. Eine
Anregung kann auch von der Rechtsanwaltskammer ausgehen.27

II. Vermögensverfall

36 Vollstreckungsmaßnahmen gegen einen Rechtsanwalt, die Einleitung des Insolvenzverfahrens


oder die Abgabe der eidesstattlichen Versicherung geben zur Prüfung Anlass, ob ein Verfahren
auf Widerruf der Anwaltszulassung einzuleiten ist. Die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft ist zu
widerrufen, wenn der Rechtsanwalt in Vermögensverfall geraten ist, es sei denn, dass dadurch
die Interessen der Rechtsuchenden nicht gefährdet sind (§ 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO). Ein Vermö-
gensverfall wird widerleglich vermutet, wenn ein Insolvenzverfahren über das Vermögen des
Rechtsanwalts eröffnet oder der Rechtsanwalt in das Schuldnerverzeichnis (§ 26 Abs. 2 InsO,
§ 915 ZPO) eingetragen ist. Weist allerdings der Rechtsanwalt im Verfahren über den Widerruf
der Zulassung nach, dass die Forderung vor dem Erlass der Widerrufsverfügung bereits vollstän-
dig getilgt wurde, vermag die noch fortbestehende Eintragung im Schuldnerverzeichnis die Ver-
mutung des Vermögensverfalls nicht zu begründen.28
37 Der Vermögensverfall stellt einen zwingenden Widerrufsgrund dar. Der Ausnahmetatbestand –
keine Gefährdung der Interessen der Rechtsuchenden – wird nur sehr selten zu bejahen sein; er
ist beispielsweise nicht schon dann erfüllt, wenn der Rechtsanwalt für eingehende Fremdzahlun-
gen ein Anderkonto eingerichtet hat.29
Hinweis
Tritt die Vermutung des Vermögensverfalls ein, ist es Sache des Rechtsanwalts, diese durch
eine entsprechende Mitwirkung bei der Sachverhaltsaufklärung zu entkräften (§ 36a
BRAO).30 Dazu muss er seine Einkommens- und Vermögensverhältnisse umfassend offen
legen. Er hat im Einzelnen darzutun und nachzuweisen, dass er seine finanziellen Verhält-
nisse in absehbarer Zeit wieder ordnen kann. Hierzu muss er eine Aufstellung sämtlicher
gegen ihn erhobenen Forderungen vorlegen und detailliert aufzeigen, ob diese Forderungen

25 Zur Verfassungsmäßigkeit der Vorschrift Niedersächsischer AGH BRAK-Mitt 2003, 239; BGH BRAK-Mitt 2001,
298 zur Verurteilung wegen Rechtsbeugung als Justizangehöriger der ehem. DDR.
26 Weitere Fälle: §§ 101, 102 Abs. 2, 109i, 129a Abs. 6.
27 Tröndle/Fischer, § 45b StGB Rn 5.
28 BGH AnwBl 2003, 369.
29 Bayerischer AGH BRAK-Mitt 2002, 94.
30 BGH NJW 1991, 2083; Niedersächsischer AGH BRAK-Mitt 2002, 94.

44 Dickert
Anwaltliche Pflichtverletzungen §4

inzwischen erfüllt sind oder in welcher Weise er sie in überschaubarer Zeit zu erfüllen
gedenkt. Er muss einen erfolgversprechenden Tilgungsplan vorlegen, der sich auf alle gegen
ihn geltend gemachten Forderungen erstreckt.
Selbst wenn im Insolvenzverfahren der Eröffnungsbeschluss aufgehoben wird, entfällt nicht 38
automatisch der Widerrufsgrund des § 14 Abs. 2 Nr. 7 BRAO. Nur wenn es dem Rechtsanwalt
gelingt, mit seinen Gläubigern eine tragfähige Tilgungsvereinbarung zu schließen, diese nach-
weisbar einzuhalten und den eingeleiteten Zwangsvollstreckungsmaßnahmen die Grundlage zu
entziehen, entfällt der Widerrufsgrund.31

III. Berufsunfähigkeit

Beruft sich der Rechtsanwalt im Zusammenhang mit einem Berufsrechtsverstoß auf Schuldun- 39
fähigkeit und führt er zur Begründung eine Erkrankung aus dem psychischen oder psychia-
trischen Formenkreis an, drängt sich für die Rechtsanwaltskammer die Frage auf, ob der
Rechtsanwalt aus gesundheitlichen Gründen nicht nur vorübergehend unfähig sein könnte, sei-
nen Beruf ordnungsgemäß auszuüben. In diesem Fall gibt die Rechtsanwaltskammer dem
Rechtsanwalt auf, innerhalb einer von ihr bestimmten angemessenen Frist das Gutachten eines
von ihr bestimmten Arztes – ggf. des Amtsarztes – über seinen Gesundheitszustand vorzulegen
(§ 15 i.V.m. § 8a Abs. 1 BRAO). Nach Auffassung des Bundesgerichtshofs32 muss der Sachver-
ständige als konkrete Einzelperson bestimmt und genau bezeichnet werden. Gegen die Anord-
nung der Rechtsanwaltskammer kann der Rechtsanwalt beim Anwaltsgerichtshof Antrag auf
gerichtliche Entscheidung stellen. Der Antrag hat aufschiebende Wirkung, es sei denn die
Rechtsanwaltskammer ordnet die sofortige Vollziehbarkeit an (§ 15 i.V.m. § 8a Abs. 2 und § 16
Abs. 6 BRAO).
Stellt der (Amts-)Arzt die nicht nur vorübergehende Berufsunfähigkeit des Rechtsanwalts fest, 40
ist die Anwaltszulassung zwingend zu widerrufen, es sei denn, dass sein Verbleiben in der
Rechtsanwaltschaft die Rechtspflege nicht gefährdet. Diese Ausnahme wird zu verneinen sein,
wenn es wegen der Erkrankung, die zur Berufsunfähigkeit führt, bereits zur Begehung eines
Berufsrechtsverstoßes gekommen ist. Berufsunfähigkeit wird vermutet, wenn der Rechtsanwalt
nicht fristgerecht das ihm auferlegte ärztliche oder amtsärztliche Gutachten bei der Rechtsan-
waltskammer vorlegt.

IV. Rechtsmittel

Gegen den Widerruf der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft kann der Rechtsanwalt innerhalb 41
eines Monats nach der Zustellung der Verfügung bei dem Anwaltsgerichtshof Antrag auf
gerichtliche Entscheidung stellen. Der Antrag hat aufschiebende Wirkung, wenn nicht die
Rechtsanwaltskammer im überwiegenden öffentlichen Interesse die sofortige Vollziehbarkeit
ihrer Verfügung anordnet (§ 16 Abs. 5 und 6 BRAO). Die sofortige Vollziehbarkeit darf nur
unter engen Voraussetzungen zur Abwehr konkreter Gefahren für wichtige Gemeinschaftsgüter
angeordnet werden.33 Die Anordnung kommt einem sofort wirksamen Berufsverbot gleich. Die
Gültigkeit von Rechtshandlungen des Rechtsanwalts oder gegenüber dem Rechtsanwalt wird
hiervon jedoch nicht berührt (§ 16 Abs. 7 i.V.m. § 155 Abs. 1, 4 und 5 BRAO).

31 BGH BRAK-Mitt 1999, 36; NJW 1991, 2083; Feuerich/Weyland, § 7 BRAO Rn 142 ff. und § 14 BRAO Rn 58 ff.
32 BGH NJW 2003, 215 = AnwBl 2003, 108.
33 BGH BRAK-Mitt 2003, 281.

Dickert 45
§4 Anwaltliche Pflichtverletzungen

42 Den Zulassungswiderruf teilt die Rechtsanwaltskammer den Zulassungsgerichten und – wenn


der Rechtsanwalt zugleich zum Notar bestellt ist – der zuständigen Notarkammer mit (§ 16
Abs. 7 i.V.m. § 160 Abs. 2 BRAO). Bei Bedarf wird dem Rechtsanwalt ein Vertreter bestellt
(§ 161 BRAO).
43 Wird die Widerrufsverfügung bestandskräftig, erlischt die Befugnis zum Führen der Berufsbe-
zeichnung „Rechtsanwalt“ (§ 17 Abs. 1 BRAO).

E. Ahndung von Pflichtverletzungen durch das Anwaltsgericht,


§§ 113 bis 161a BRAO
I. Generalstaatsanwaltschaft als Einleitungsbehörde
44 Die Staatsanwaltschaft bei dem Oberlandesgericht (Generalstaatsanwaltschaft), in dessen
Bezirk das Anwaltsgericht seinen Sitz hat, nimmt in dem Verfahren vor dem Anwaltsgericht die
Aufgaben der Staatsanwaltschaft wahr (§ 120 i.V.m. § 119 Abs. 2 BRAO). Es gilt das Anklage-
monopol der Generalstaatsanwaltschaft; sie unterliegt dem Legalitätsprinzip (§ 116 S. 2
BRAO i.V.m. § 152 StPO).
45 Erhält die zuständige Generalstaatsanwaltschaft Kenntnis von dem Verhalten eines Rechtsan-
walts, das den Verdacht einer schuldhaften Verletzung seiner Berufspflichten begründet, so führt
sie die erforderlichen Ermittlungen durch (§ 116 S. 2 BRAO i.V.m. § 160 StPO). Ggf. betreibt
sie das Verfahren auf Verhängung eines Berufs- oder Vertretungsverbotes als vorläufige Maß-
nahme (§§ 150 bis 161a BRAO) durch entsprechende Antragstellung beim Anwaltsgericht.
Erhärtet sich der Verdacht, leitet sie ein anwaltsgerichtliches Verfahren ein. Dies geschieht
dadurch, dass die Generalstaatsanwaltschaft bei dem Anwaltsgericht eine Anschuldigungs-
schrift einreicht (§§ 121, 130 BRAO).
46 In der Regel wird die Generalstaatsanwaltschaft auf Antrag des Vorstands der Rechtsanwalts-
kammer tätig (vgl. §§ 120a, 122 Abs. 2 BRAO). Leistet die Generalstaatsanwaltschaft einem
Antrag des Vorstands der Rechtsanwaltskammer auf Einleitung des anwaltsgerichtlichen Ver-
fahrens keine Folge oder verfügt sie die Einstellung des Verfahrens, so hat sie ihre Entscheidung
dem Vorstand der Rechtsanwaltskammer unter Angabe der Gründe mitzuteilen; dieser kann
gegen den Bescheid der Generalstaatsanwaltschaft die Entscheidung des Anwaltsgerichts bean-
tragen (§ 122 Abs. 1 und 2 BRAO). Ein Klageerzwingungsverfahren ist aber nicht vorgesehen
(§ 122 Abs. 5 BRAO).
47 Der Generalstaatsanwalt hat die Möglichkeit, gem. § 116 S. 2 BRAO i.V.m. § 153 StPO oder –
gegen Geldauflage – mit § 153a StPO das anwaltsrechtliche Ermittlungsverfahren einzustellen.
Die Einstellung erfolgt in der Regel mit Zustimmung des Anwaltsgerichts. Sie verhindert die
erneute Ahndung wegen desselben Sachverhalts.
48 § 123 BRAO sieht ein Selbstreinigungsverfahren auf Antrag des betroffenen Rechtsanwalts
vor. Auch dieses Verfahren wird von der Generalstaatsanwaltschaft betrieben.

II. Verfassung der Anwaltsgerichtsbarkeit


49 Bei der Anwaltsgerichtsbarkeit (§§ 92 bis 112 BRAO) handelt es sich um Gerichte für beson-
dere Sachgebiete i.S.v. Art. 101 Abs. 2 GG. Die Anwaltsgerichte sind staatliche Gerichte und
von den Rechtsanwaltskammern vollständig getrennt. An ihrer Verfassungsmäßigkeit bestehen
keine ernstlichen Zweifel.34

34 BVerfGE 26, 186, 195; 48, 300, 317; Winkler, AnwBl 2004, 677, 681.

46 Dickert
Anwaltliche Pflichtverletzungen §4

Eingangsinstanz ist das Anwaltsgericht am Sitz der Rechtsanwaltskammer, welcher der betref- 50
fende Rechtsanwalt angehört. Die Kammern des Anwaltsgerichts entscheiden in der Besetzung
mit drei Rechtsanwälten als ehrenamtliche Richter, die in dieser Eigenschaft während der Dauer
ihres Amtes die Stellung von Berufsrichtern innehaben (§§ 92 bis 99 BRAO).
In zweiter – in bestimmten Fällen auch erster – Instanz entscheidet der Anwaltsgerichtshof, der 51
bei dem – bei Ländern mit mehreren Oberlandesgerichten in der Regel bei einem – Oberlandes-
gericht gebildet wird. Die Senate des Anwaltsgerichtshofs sind mit je drei Rechtsanwälten und
zwei OLG-Berufsrichtern besetzt. Die Stellung der anwaltlichen Richter entspricht derjenigen
der Richter beim Anwaltsgericht. Zum Präsidenten des Anwaltsgerichtshofs und zu Vorsitzen-
den der Senate können nur anwaltliche Mitglieder des Anwaltsgerichtshofs bestellt werden
(§§ 100 bis 105 BRAO).
Letztinstanzlich entscheidet der Senat für Anwaltssachen des Bundesgerichtshofs, der aus 52
dem Präsidenten des Bundesgerichtshofs als Vorsitzendem und je drei BGH-Berufsrichtern
sowie Rechtsanwälten als Beisitzern besteht (§§ 106 bis 112 BRAO).

III. Das anwaltsgerichtliche Verfahren, §§ 116 bis 161a BRAO

Das anwaltsgerichtliche Verfahren ist in den §§ 116 bis 161a BRAO geregelt. Ergänzend gelten 53
die Bestimmungen des GVG und der StPO (§ 116 S. 2 StPO). Bei der Verfolgung von Berufs-
pflichtverletzungen entscheiden die Anwaltsgerichte in erster Instanz; der Anwaltsgerichtshof
ist Berufungs- und der Bundesgerichtshof Revisionsinstanz. Die Staatsanwaltschaft bei dem
Oberlandesgericht (Generalstaatsanwaltschaft) nimmt die Aufgaben der Staatsanwaltschaft
wahr (§ 120 BRAO).
Für die Verteidigung des betroffenen Rechtsanwalts ist grundsätzlich § 140 StPO sinngemäß 54
anwendbar (§ 117a BRAO). Eingriffe in die körperliche Freiheit des betroffenen Rechtsanwalts
sind im anwaltsgerichtlichen Verfahren ausgeschlossen (§ 117 BRAO). §§ 118 bis 118b BRAO
regeln das Verhältnis des anwaltsgerichtlichen Verfahrens zum Strafverfahren, Bußgeldverfah-
ren oder zu einem anderen berufsrechtlichen Verfahren wegen desselben Sachverhalts; ggf. ist
die Aussetzung des anwaltsgerichtlichen Verfahrens ins Auge zu fassen.
Eröffnet das Anwaltsgericht das Hauptverfahren und lässt es die Anschuldigungsschrift zur 55
Hauptverhandlung zu (§ 131 BRAO), so findet die Hauptverhandlung vor dem Anwaltsgericht
nach Maßgabe der §§ 134 bis 138 BRAO statt; sie ist grundsätzlich nicht öffentlich (§ 135 Abs. 1
BRAO). Die Hauptverhandlung schließt mit der Verkündung des Urteils (§ 139 Abs. 1 BRAO).

IV. Entscheidungsmöglichkeiten durch das Anwaltsgericht

Das Urteil des Anwaltsgerichts lautet auf Freispruch, Einstellung des Verfahrens oder Verur- 56
teilung (§ 139 Abs. 2 BRAO).
Einzustellen ist das Verfahren, wenn 57
■ ein Verfahrenshindernis nicht nur vorübergehender Art besteht (§§ 116 S. 2, 139 Abs. 3
BRAO i.V.m. § 260 Abs. 3 StPO); dies ist der Fall bei Verjährung (§ 115 BRAO), Fehlen
einer ordnungsgemäßen Anschuldigung (§ 130 BRAO), Einstellung entsprechend § 153
Abs. 2 StPO oder endgültiger Einstellung entsprechend § 153a Abs. 1 und 2 StPO, Fehlen
eines ordnungsgemäßen Eröffnungsbeschlusses;35

35 Feuerich/Weyland, § 139 BRAO Rn 12.

Dickert 47