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DER PROPHET JONA KOMMENTAR

VON TORSTEN SCHWANKE

Luther, Martin - Vorrede auf den Propheten Jona

Diesen Propheten Jona wollen etliche halten, wie Hieronymus zeigt, er sei der Witwe Sohn gewesen
zu Zarpath bei Zison, die den Propheten Elias näherte zur teuren Zeit, im ersten Buch der Könige
im 17. Kap. (V. 9.) und Lk. 4. (V. 26.) nehmen dess Ursache, dass er hier sich selbst nennt ein Sohn
Amithai, das ist, ein Sohn des Wahrhaftigen, weil seine Mutter zu Elias sprach, da er ihn vom Tod
erweckt hatte: Nun weiß ich, dass die Rede deines Mundes wahrhaftig ist.

Das glaube, wer da will, ich glaubs nicht, sondern sein Vater hat Amithai geheißen, auf Lateinisch
Verax, auf Deutsch Wahrhaftig. Und ist gewesen von Gath-Hepher, welche Stadt liegt im Stamm
Sebulon, Josua im 19. Kap. (V. 13.) Denn also steht geschrieben im 14. Kap. (V. 25.) im andern
Buch der Könige: Der König Jerobeam brachte wieder herzu die Grenze Israel von Hemath an bis
ans Meer im Blachfeld, nach dem Wort des HERRN, des Gottes Israel, welches er geredet hatte
durch seinen Diener Jona, den Sohn Amithai, den Propheten von Gath-Hepher. Auch so war die
Witwe zu Zarpath eine Heidin, wie Christus auch meldet in Lk. im 4. Kap. (V. 26.). Aber Jona
bekennt hier im 1. Kap. (V. 9.), er sei ein Hebräer.

So haben wir nun, dass dieser Jona gewesen ist zur Zeit des Königs Jerobeam, dessen Großvater
war der König Jehu, zu welcher Zeit der König Usia in Juda regierte. Zu welcher Zeit auch gewesen
sind in dem selben Königreich Israel die Propheten Hosea, Amos, Joel, an andern Orten und
Städten. Daraus man wohl nehmen kann, wie ein trefflicher, teurer Mann dieser Jona im Königreich
Israel gewesen ist, und Gott große Dinge durch ihn getan hat, nämlich, dass durch seine Predigt der
König Jerobeam so glückselig war, und gewann alles wieder, was Hasael, der König zu Syrien,
hatte dem Königreich Israel abgeschlagen.

Aber das ist über alles, was er in seinem Volk getan, dass er ein solch großes mächtigs Königreich
zu Assyrien angreifen kann, und so fruchtbar predigt bei den Heiden, der bei den Seinen nicht so
viel hätte mögen mit vielen Predigten ausrichten; als wollte Gott damit anzeigen den Spruch
Jesajas: Wer es nicht gehört hat, der wird es hören. Zum Exempel, dass alle, die das Wort reichlich
haben, dasselbe verachten, und die es nicht haben können, es gerne annehmen. Wie Christus in
Matth. 21. (V. 43.) selbst sagt: Das Reich Gottes wird von euch genommen und den Heiden
gegeben, die ihre Früchte bringen.

Einleitung Einheitsübersetzung

Das Buch Jona ist keine Prophetenschrift, sondern eine Lehrerzählung über den in 2 Könige 14,25
erwähnten Propheten Jona. Der Verfasser ist unbekannt, ist aber wegen des Spätcharakters seiner
Sprache und wegen der Bezugnahme auf die bereits vor ihm liegende Heilige Schrift unter den
Schriftgelehrten des 4./ 3. Jahrhunderts vor Christus zu suchen.

Diese theologisch außerordentlich bedeutsame Parabel will nicht historisch ausgelegt werden, weil
sie offensichtlich jeden geschichtlichen Rahmen sprengt. Das 612 v. Chr. zerstörte Ninive ist bereits
zum Typus der gottfeindlichen Stadt geworden, die aber – anders als Jerusalem – nach einem
einzigen Tag prophetischer Predigt sich bekehrt und Buße tut (vgl. 3,4 f.) Im ganzen Verlauf der
Erzählung reiht sich Wunder an Wunder, womit Gott den engstirnigen und widerspenstigen Jona
zwingt, dem göttlichen Willen zum universellen Erbarmen zu dienen. Am Ende ist Gott sogar
nachsichtig gegenüber seinem eigenartigen Propheten.
Auch Parabeln können, ähnlich wie die Gleichnisse Jesu im neuen Testament, eine bedeutsame
Gottesbotschaft verkünden. Das Buch Jona ist einschließlich des Dankpsalms für die rettende
Bergung im Bauch des Fisches (Kap. 2) ein inspiriertes Lehrzeugnis für den alle Schranken
durchbrechenden allgemeinen Heilswillen Gottes, den auch seine Berufenen nicht eigenmächtig
einschränken dürfen. Wenn Mt 12,41 und Lk 11,29-32 die Bekehrung der Niniviten als
nachzuahmendes Beispiel hinstellen und Mt 12,40 die Erzählung von Jona im Bauch des Fisches
auf Jesu Begräbnis und Auferstehung hindeuten lässt, folgt daraus nicht die Geschichtlichkeit des
Buches Jona, vielmehr seine große theologische Bedeutung.

KAPITEL 1

Der Prophet flieht vor seinem Auftrag

1 Das Wort des Herrn erging an Jona, den Sohn von Amittai, er sagte zu ihm:

Jona heißt übersetzt Taube. Die Taube ist ein Symbol der Reinheit (gallenlose Taube Maria), der
Liebe (Vogel der Aphrodite), der Treue (eheliche Treue der Turteltauben), der Geistseele (der
Seelenvogel der Heiden), des Friedens, der Hoffnung (Noahs Bote nach der Sintflut), des Heiligen
Geistes. Jona bedeutet also: Gott ist rein und heilig, Gott ist Liebe, Gott ist ein treuer Bräutigam,
Gott ist der Liebhaber der Seele, in Gott ist Friede, Gott schenkt Hoffnung, Gott ist Geist.

2 »Geh nach Ninive, der großen Stadt, und kündige ihr mein Strafgericht an! Ich kann nicht länger
mit ansehen, wie böse die Leute dort sind.«

Ninive war die Hauptstadt des assyrischen Großreichs, im heutigen Irak, das den ganzen Nahen
Osten beherrschte, eine militärische Großmacht war, an viele Götter und Göttinnen glaubte, der
politische, militärische und religiöse Feind Israels. Die jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler
schrieb: Was doch „Ninive“ für ein schöner Name für eine Hauptstadt ist, etwa so wie „London“,
was nach Donner klingt, wie öde und trocken dagegen das preußische „Berlin“. Jona wird also zu
den Heiden, zu den Feinden Israels gesandt. Gott kündet Strafgerichte an. Auch heute gibt es
Propheten, die Strafgerichte Gottes ankünden, in Form von Erdbeben, Meeresbeben,
Vulkanausbrüchen, Taifunen, Asteroiden-Abstürze. Wenn Gott sein Strafgericht ankündigt, dann
nicht, um die Menschenn ohne Hoffnung zu verdammen, sondern um den Geist der Buße, der
Umkehr zu Gott, zu erwecken. Allerdings wollen viele Christen gerne, dass der Gott des Neuen
Testaments ein liebender und barmherziger Gott ist, der keinen Zorn kennt, der keine Strafen
androht, das sei alles alttestamentlich. Die Apokalypse spricht aber auch von Zorn des Lammes. In
prophetischen Botschaften spricht die Jungfrau Maria vom Zorn Gottes, von den angedrohten
Strafgerichten, die nur durch ihre Fürbittmacht und die Sühne der wenigen wahren Jünger
aufgehalten oder zumindest gemildert werden können. Es gibt also auch heute Prophetie im Geiste
des Jona, nur dass die meisten Christen nicht auf die Propheten hören, sondern für Propheten halten
sie Weltmenschen wie Mahatma Ghandi, Nelson Mandela oder aktuell Greta Thunberg. Propheten
fordern aber nicht nur zu politischem Wandel auf, sondern zur Umkehr zu Gott und seinem Gesetz.

3 Jona machte sich auf den Weg, aber in die entgegengesetzte Richtung. Er wollte nach Tarschisch
in Spanien fliehen, um dem Herrn zu entkommen. In der Hafenstadt Jafo fand er ein Schiff, das
dorthin segeln sollte. Er bezahlte das Fahrgeld und stieg ein.

Warum ist Jona vor dem Auftrag Gottes geflohen? Die erste Antwort könnte sein, dass er einfach
vor der Größe des Auftas zurück geschreckt ist. Es ist, als ob ein ostfriesischer Bauernsohn zum
amerikanischen Präsidenten geschickt werde. Da kann die geballte politisch-militärische Macht
dem armen Prediger schon Angst einflößen. Die zweite Antwort könnte auch dies sein: Im weiteren
Verlauf des Buches sieht man, dass Jona mit der universellen Barmherzigkeit Gottes hadert und
lieber hätte, wenn Gott den Heiden mit strafender Gerechtigkeit begegnet. Dann wäre Jona
geflohen, um nicht den Feinden Israels den Aufruf zur Buße zu überbringen. Wie dem auch sei, es
gibt auch heute bei vielen Christen ein Misstrauen Gott gegenüber, was die Berufung betrifft. So
sagte eine Christin: Ich glaube, Gott beruft mich zur Evangelisierung der indigenen Völker im
Amazonas-Gebiet, aber ich habe große Angst, dass es Gott einfallen könnte, mich zu den Eskimos
zu senden, denn da ist es mir zu kalt. Und ein Christ sagte: Es mag ja sein, dass Jesus Menschen zur
Ehelosigkeit beruft, aber ich hatte immer große Angst, dass es dem Herrn einfallen könnte, auch
mich zur Ehelosigkeit zu berufen. So ist es, wir wollenn ja gerne berufen werden, aber nur zu dem,
was unseren Lebensentwürfen, unseren Plänen und Wünschen entspricht. Wir sagen wohl zu Jesus
„Herr, Herr“, wollen aber doch lieber selbst über unser Leben entscheiden, denn wir trauen dem
Herrn immer noch nicht recht und vermuten, er könnte etwas ganz Schreckliches von uns erwarten.
So flieht also auch Jona vor dem Ruf Gottes, und zwar geht er nicht in den Nahen Osten, sondern in
den Fernen Westen, das heißt nach Tarsis. Einige fragen, wo denn Tarsis liege, aber es scheint wohl
Spanien gewesen zu sein. Spanien und die Säulen des Herkules zwischen dem Kap Gibraltar und
der Nordküste Afrikas war das Ende der damals bekannten Welt. Die Erde war eine Scheibe,
jenseits von Tarsis gibt es nur noch das Weltmeer, das von Ungeheuern wimmelt, und am Horizont
stürzt das Meer dann in den leeren Weltraum ab, ins Nichts.

Der Hebräer wird von fremden Seeleuten beschämt

4 Da schickte der Herr einen Sturm aufs Meer, der war so heftig, dass das Schiff auseinander zu
brechen drohte. 5 Die Seeleute hatten große Angst und jeder schrie zu seinem Gott um Hilfe. Um
die Gefahr für das Schiff zu verringern, warfen sie die Ladung ins Meer. Jona war nach unten
gegangen, hatte sich hingelegt und schlief fest.

Der Herr lässt Jona nicht einfach gehen. „Ich habe viele Botschafter, aber es ist ganz und gar
notwendig, dass gerade du meine Mission ausführst“, sagte die Jungfrau Maria zu dem aztekischen
Seher Juan Diego. Gott braucht Jona. Er schickt einen Sturm. Der Herr ist also mächtig, durch
Wettererscheinungen seinen Willen zum Ausdruck zu bringen. Donner und Meeresrauschen
erinnerte die Menschen des Altertums an die Stimme Gottes. In unserer modernen Zeit sind wir
gewohnt, Wetterphänomene ein naturwissenschaftlich, rein physikalisch zu erklären. Wir „glauben“
an die Naturgesetze. Uns ist die Natur nicht mehr eine Sprache Gottes. In den Naturkatastrophen
unserer Zeit sehen wir die wissenschaftlich erklärbaren Gesetze, Folgen menschlicher
Umweltverschmutzung, und versuchen, das mit politischen, naturwissenschaftlichen und
technokratischen Mitteln zu bekämpfen, erkennen aber nicht, dass die Schöpfung gegen die sündige
Menschheit rebelliert und das Mutter Natur in ihrem Ächzen und Krächzen uns aufruft, zu Gott dem
Schöpfer zurückzukehren. Wir sind Materialisten geworden. Die Menschen sind aber dennoch
rettungslos religiös, und so sehen wir die Heiden auf dem Schiff zu ihren Naturgöttern beten. Die
Phönizieer beteten vielleicht zu ihrem fischgestaltigen Gott Dagon. Die Griechen beteten vielleicht
zum Gott Okeanos odder zu den Doriden, seinen fünfzig Töchtern, oder zu den Windgöttern wie
Äolus oder Boreas, die Römer beteten vielleicht zu Neptunus, dem blauhaarigen Meeresgott mit
dem Dreizack. De spanischen Kelten beteten vielleicht zu ihrer Weißen Dame, der Göttin der
Kelten in Iberien. Ws sind die Götter? Die Bibel nennt sie einerseits nur „Machwerke von
Menschenhänden“. Zum Beispiel, wer war Aphrodite? Für ihre Statuen, von großen Künstlern
geschaffen, standen die schönsten Hetären Modell. So dass Clemens von Alexandrien sagen konnte:
Wenn ihr zu Aphrodite betet, betet ihr eure Huren an! Andererseits nennt die Bibel die Götter auch
„Hauchwesen“, es gibt also Götter, aber sie sind „Dämonen“. Betet wenigsten Jona zu Jahwe? Nein,
sondern er begibt sich in den „Bauch“ des Schiffes, legt sich schlafen. Das Buch Jona ist auch ein
reiche Fundgrube für eine tiefenpsychologische Deutung. Wir sehen in Jona auch das Problem einer
Depression behandelt. Die Not ist so groß, die Angst ist so groß, der Kummer ist so groß, dass Jona
einfach die Decke über den Kopf zieht. Das kennen wir auch, dass wir in seelischen Nöten den
Kopf in den Sand stecken oder die Decke über den Kopf ziehen oder vor Kummer einfach
einschlafen. So war es, als Jesus in letzter Einsamkeit betrübt bis zum Tode war, dass seine Freunde
„vor Traurigkeit eingeschlafen“ waren.

6 Der Kapitän kam zu ihm herunter und sagte: »Wie kannst du schlafen? Steh auf, rufe zu deinem
Gott! Vielleicht hilft er uns und wir müssen nicht untergehen!« 7 Die Seeleute wollten durch das
Los herausfinden, wer an ihrem Unglück schuld sei. Da fiel das Los auf Jona. 8 Sie bestürmten ihn
mit Fragen: »Sag uns: Warum sind wir in diese Gefahr geraten? Wer bist du eigentlich? Was für
Geschäfte treibst du? Zu welchem Volk gehörst du, wo ist deine Heimat?«

Der Kapitän ist ein tief religiöser Heide und weckt Jona aus seinem „apathischen Tiefschlaf“ auf
und fordert ihn heraus, nun auch zu „seinem“ Gott zu beten. So ist es auch heute: Die Christen in
Europa sind „apathisch“ und „lethargisch“ geworden. Während in Deutschland von den
jugendlichen Katholiken nur noch sieben Prozent beten, beten bei den muslimischen Jugendlichen
in Deutschland siebzig Prozent. Während die Mehrzahl der europäischen Christen nicht mehr an die
Auferstehung und das Ewige Leben glauben, sondern ans Nichts oder die Reinkarnation, glauben
die europäischen Muslime fest an den Garten Eden und die Huris, wie es ihnen der Prophet
Mohammed verheißt. Auch finden wir das Phänomen, dass deutsche Atheisten und Materialisten in
Krisenfällen, wie etwa einer lebensbedrohlichen Krankheit, sich an gläubige Christen mit der Bitte
um hr Gebet wenden. Manche Christen lehnen das ab und sind versucht zu sagen: Betet gefälligst
selbst! Aber so sollen die Christen „Salz der Erde“ sein, die die Welt vorm ewigen Verfaulen
bewahren, indem sie „stellvertretend“ für andere ihnen das Heil erflehen. So sagte Maria 1917 zu
den Seherkinder in Fatima in Portugal: „Viele Menschen kommen in die Hölle, weil niemand für sie
betet.“ Umgekehrt ist es ebenso wahr: Viele Menschen kommen in den Himmel, weil Christen
ihnen das Heil erfleht haben. Zurück zu Jona: Der Kapitän und die Seeleute suchen nun einen
Schuldigen für „den Zorn der Götter“, und da befragen sie Jona, ob er eventuell der „Frevler sei, der
den Zorn der Götter provoziert habe“. Sie erkundigen sich nach seiner Person, nach seinem Volk,
nach seiner Religion, und welchem der Götter er dient.

9 Jona antwortete: »Ich bin ein Hebräer und verehre den Herrn, den Gott des Himmels, der Land
und Meer geschaffen hat.« 10 Er sagte ihnen auch, dass er auf der Flucht vor dem Herrn war. Da
bekamen die Männer noch mehr Angst und sie fragten ihn: »Wie konntest du das tun? 11 Was sollen
wir jetzt mit dir machen, damit das Meer sich beruhigt und uns verschont?« Denn es war
inzwischen noch stürmischer geworden.

Hierauf erwacht in Jona wieder sein Glaube, den er in seiner Mutlosigkeit fast ganz aufgegeben
hatte. Er erinnert sich, dass er zum auserwählten Volk Gottes gehört, dass er an den „Vater im
Himmel“ glaubt, den „Gott der Götter, den einzigen Gott“, den Schöpfer von Himmel, Erde und
Meer. Er gibt ein Zeugnis seines Glaubens ab. Wir sehen ihn nicht, wie evangelikale Missionare,
mit listiger Taktik der Diskussion die anderen Menschen von seinem Glauben zu überzeugen, oder
eigentlich, sie zu überreden. Das nennen die Päpste Proselytenmacherei und lehnen es ab. Er redet
einfach von seinem Glauben und überlässt es Gott, ob das eine oder andere Wort seines Zeugnisses
in dem einen oder anderen Menschen Glauben findet. Jona ist vor seiner Mission in den Nahen
Osten geflohen, aber er ist dennoch der Berufene, und so, fast gegen seinen Willen, beginnt nun
eine missionarische Aktivität im Fernen Westen. Aber Jona, nach seinem Bekenntnis zum Herrn von
allem, gesteht auch, dass er auf der Flucht ist vor dem Einen und Allmächtigen. Die Heiden
erschrecken. Sie sind es gewohnt, dass die Göttern in ihrem Zorn durch Opfer, ja, sogar durch
Menschenopfer zu versöhnen sind. Und so fragen sie, was sie tun müssen, um das Meer zu
beruhigen. Sind erkennen oder ahnen zumindest, dass Jona „einen besonderen Draht zur Gottheit“
hat und fragen ihn um Rat. Fast kann man ihre Gedanken lesen: Wen oder was müssen wir opfern,
um die erzürnten Meeresgötter zu befriedigen?“ Menschenopfer waren im vorchristlichen und
nichtjüdischen Altertum weit verbreitet, bei den Völkern des Nahen Ostens, aber auch die Griechen
brachten der Artemis Menschenopfer dar, auch die Kelten und Grmanen kannten Menschenopfer.
Jahwe lehnt (in der Geschichte von der Opferung Isaaks“ Menschenopfer ab. Die Propheten
schelten, weil die Israeliten wie die Kanaanäer „ihre Kinder durchs Feuer gehen ließen“, das heißt,
ihre Kinder verbrannten als ein Menschenopfer an den Götzen oder Dämon Moloch. Die Bibel
spricht auch vom „Aufschlitzen der Schwangeren“. Warum wird nicht davon geredet, dass auch
heute dem Moloch Kinderopfer gebracht werden? In der weltweiten, millionenfachen Abtreibung
von Kindern im Mutterschoß sehen wir doch, wie „die Schwangeren aufgeschlitzt und die Kinder
geopfert“ werden, auf dem altar des Moloch, nämlich der verantwortungslosen Sexualität und der
egoistischen Selbstverwirklichung.

12 Jona sagte: »Werft mich ins Meer, dann wird es sich beruhigen. Ich weiß, dass dieser Sturm nur
meinetwegen über euch gekommen ist.« 13 Die Seeleute machten einen letzten Versuch, durch
Rudern das Land zu erreichen; doch sie schafften es nicht, denn der Sturm tobte immer heftiger. 14
Da beteten sie zum Herrn: »Herr, strafe uns nicht, wenn wir diesen Mann jetzt opfern müssen!
Rechne uns seinen Tod nicht als Mord an. Es war dein Wille, und alles, was du willst, geschieht.«
15 Dann nahmen sie Jona und warfen ihn ins Meer. Sofort wurde es ruhig. 16 Da packte sie alle
große Furcht vor dem Herrn. Sie schlachteten ein Opfertier für ihn und machten ihm Versprechen
für den Fall ihrer Rettung.

Nun wenden sich die Heiden an „den Gott des Jona“. Statt zu „Jupiter“ beten sie nun zu „Jehova“,
behalten aber ihre heidnische Denkweise: „Wen müssen wir schlachten, um Jehova zu
besänftigen?“ Hier sehen wir schon erste Früchte der Mission des Jona, die Menschen um ihn
herum beginnen, sich an „seinen“ Gott zu wenden. Aber in der Bibel geht es nicht darum, andere zu
opfern, sondern sich selbst freiwillig als ein Opfer darzubringen. Jona opfert sich freiwillig selbst,
um die Strafende Gerechtigkeit des Vaters zu „versöhnen“ (eigentlich „versühnen“) und ist damit
eine Prophezeiung auf den Menschen Jesus, der sich freiwillig geopfert hat am Kreuz, um die
Gerechtigkeit und Heiligkeit Gottes zu „versühnen“. Gott nimmt das Opfer des Jona an, das Meer
beruhigt sich. Die Heiden erkennen die Macht „Jehovas, des Gottes des Jona“ über Sturm und Meer
und preisen Seinen Willen als allmächtig. Die ganze Menschheit hat ein einziges Menschenopfer
gebracht, indem sie den Menschen Jesus geopfert haben. „Rechne uns seinen Tod nicht als Mord
an“. Nicht nur die Juden (in Herodes) haben Jesus ermordert, auch die Heiden (in Pilatus), ja mehr
noch, auch „die Christen sind Gottes-Mörder“ (im Apostel und Bischof Judas Iskarioth). Jesus hat
sich ins „Meer des Todes“ werfen lassen, um den „Sturm des Zorn es Gottes über die Sünde zu
versühnen“. Das bringt uns auf die Frage nach dem (Selbst-)Opfer in unserem Leben. Viele
Christen sagen: Das Opfer Jesu genügt, wir müssen keine Opfer bringen. Sie berufen sich auf das
Wort: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer“. Aber in Wahrheit sollen wir „unsere Leiber als
wohlgefällige Opfer dem Herrn darbringen“, wie Paulus sagt. Liebe gibt es nicht ohne Opfer. Wenn
ein Mann einer Frau sagt, er liebe sie, aber nicht bereit ist, für sie auch Opfer zu bringen, ist seine
Liebeserklärung nur Süßholzgeraspel. Wir sehen es an unseren lieben Frauen. Wie bringen die
Mütter Opfer für ihre Kinder. Sind die Kinder klein, opfern die Mütter ihren Schlaf. Auch wenn die
Mutter pubertierende Jünglinge hat, liebt sie sie weiterhin, ohne im mindesten Liebe und
Dankbarkeit bei ihnen zu ernten. Das ist opferbereite Liebe. Die Mütter werden so zur Ikone der
„selbstlosen Liebe Gottes“ (Mater Caritas Divina).

KAPITEL 2

Ein Gebet in höchster Not

1 Der Herr aber ließ einen großen Fisch kommen, der verschlang Jona. Drei Tage und drei Nächte
lang war Jona im Bauch des Fisches.
Wir erinnern uns, dass das Buch Jona eine Art „philosophischer Roman“ ist, kein „historische
Bericht“. Darum ist es auch müßig, darüber nachzudenken, was für eine Art Fisch es war, der Jona
aufgenommen war. Manche sagen, es kann nur ein Wal groß genug sein, und ein Wal ist kein Fisch,
sondern ein Säugetier. Manche sagen, in einem Haiwal wurde schon einmal ein Mensch gefunden.
Aber der Wal oder Riesenfisch ist ein SYMBOL. Wofür steht dieses Symbol? Jesus erklärt es: „So
wie Jona drei Tage im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage im Bauch der
Erde sein.“ Jona ist also im Meer versunken. Das „Meer“ ist in der Bibel nicht das schöne
Mittelmeer, aus dem Venus aufgetaucht ist, nicht die schöne Ostsee vom Kinderurlaub. Das Meer
lag an der Küste der Heiden, der Philister und Kanaanäer. Israel war ein Hirtenvolk, sie Liebten die
Berge und die „grünen Auen“. Dagegen steht das „Meer“ für das Chaos und den Tod. Am Anfang
schwebte der Geist über dem Meer: Der schöpderische Geist schwebte über dem Chaos der
Urmaterie. Jesus gebot dem Sturm auf dem See Genezareth und dem aufgepeitschten Meer: Jesus
gebietet den dämonischen Mächten der Tiefe, des Chaos, des Unheils und des Todes. In der
Johannes-Offenbarung heißt es: „Und das Meer wird nicht mehr sein“, das heißt: Im Himmel gibt es
kein Chaos mehr, keine Abgründe der Trauer, keine Tiefen des Totenreichs. Und in diesem „Meer
des Todes“ sind nun Jona und Jesus versunken. Aber da sind sie nicht in der „Leere“, im „Nichts“
versunken (wie im Buddhismus), sondern sie sind gewissermaßen auch noch im Tode „geborgen“:
Jona „im Bauch des Fisches“, Jesus „im Schoß der Erde“. Der Tod – Geborgenheit im Mutterschoß!
Ein schönes Bild. Der Tod nicht als Sensemann, ein Skelett mit einer Síchel, sondern als Mutter. Im
berühmten „Sonnengesang“ des heiligen Franziskus heißt es: „Sei gepriesen, Herr, von Bruder
Tod!“ Im Italienischen heißt es aber: „Sorella Morte“: „Schwester Tod“. Wenn die katholische
Kirche einen Menschen heilig spricht und damit sagt, dass er oder sie definitiv im Himmel ist, feiert
die Kirche den irdischen Todestag als himmlischen Geburtstag: Der Tod ist eine Geburt in den
Himmel. Der Tod ist ein Mutterschoß, der uns in den Himmel gebiert! So sagt es auch ein Witz:
Zwei Zwillinge als Embryos unterhalten sich im Schoß der Mutter darüber, „ob es ein Leben nach
dem Mutterschoß gibt“: Nein, sagt der eine, nach dem Mutterschoß gibt es nur das Nichts, doch,
sagt der andere, nach dem Mutterschoß schaue ich das Angesicht der Mutter! So gibt es für Jona
auch in der tiefsten Versunkenheit in Trauer, in der Verlorenheit, noch die Geborgenheit bei Gott.
Nach dem terroristischen Anschlag auf die twin-towers in den USA sagte die evangelische
Bischöfin: „Wir fallen nicht ins Nichts, niemand kann tiefer fallen als in die Hand Gottes!“ Paulus
sagte in Athen: „In Gott leben, weben und sind wir“, wir sind also gewissermaßen in Gottes
Mutterschoß verborgen und geborgen, bis wir in den Himmel geboren werden und das Angesicht
unseres Vaters im Himmel schauen.

2 Dort betete er zum Herrn, seinem Gott:1 3 »In meiner Not rief ich zu dir, Herr, und du hast mir
geantwortet. Aus der Tiefe der Totenwelt schrie ich zu dir und du hast meinen Hilfeschrei
vernommen.

Jona betet: In meiner Not betete ich zu dir, aus der Tiefe betete ich zu dir! Das finden wir auch in
vielen Klagepsalmen: Aus der Tiefe rufe ich zu dir: de profundis, domine! Wir wundern uns nur,
wie schnell Jona bekennen kann: Und du hast mir geantwortet, du hast meinen Hilfeschrei
vernommen! Das können wir uns nur so erklären, dass der Jona-Text sehr knapp eine lange
Erfahrung zusammenfasst. Denn wer kennt das Nicht: Ich schrie zum Herrn, und er schwieg? Ich
schrie zum Herrn um Hilfe, und er ließ mich im Stich!? Es heißt zwar bei Johannes: „Im Anfang
war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“ - Gott ist ein redender, ein
sprechender Gott. Aber machen wir nicht auch oft die Erfahrung, dass Gott „ein schweigender Gott“
ist, dass unsre Gebete nicht durch die Zimmerdecke dringen, dass Gott „sich die Ohren zugestopft
hat“? Dann möchten wir Johannes umdichten und sagen: „Am Anfang war das Schweigen, und das
Schweigen war bei Gott, und Gott war das Schweigen!“ Ja, Gott spricht, er offenbart sein Innerstes
im Wort, das Jesus ist, aber Gott ist kein Schwätzer, Gott kann auch schweigen. „Reden ist Silber,
Schweigen ist Gold“, sagt der Volksmund. „Wenn er geschwiegen hätte, wäre er weise gewesen“,
sagt die Bibel. Können wir auch Gottes Schweigen aushalten? Und auf unserer Seite: Schreien wir
immer nur zu Gott, schwatzen wir vor Gott, labern ihn voll? Oder schweigen wir auch einmal vor
Gott und lauschen einfach nur? Oder kann es nicht eine sehr intime Vereinigung mit Gott sein,
wenn der schweigende Gott und der schweigende Beter einfach nur miteinander schweigen? Ist es
nicht ein Zeichen von Liebenden, Mann und Frau, dass sie miteinander schweigen können? Und im
tiefen Schweigen Gottes und des Beters bildet sich dann vielleicht doch ein Gedanke, eine
Eingebung, ein leises Wort, so dass wir dann doch sagen können: „Und du hast mir geantwortet,
Herr!“

4 Du hattest mich mitten ins Meer geworfen, die Fluten umgaben mich; alle deine Wellen und
Wogen schlugen über mir zusammen. 5 Ich dachte schon, du hättest mich aus deiner Nähe
verstoßen, deinen heiligen Tempel würde ich nie mehr sehen. 6 Das Wasser ging mir bis an die
Kehle. Ich versank im abgrundtiefen Meer, Schlingpflanzen wanden sich mir um den Kopf. 7 Ich
sank hinunter bis zu den Fundamenten der Berge und hinter mir schlossen sich die Riegel der
Totenwelt.

Wir finden, dass hier vom Ertrinken eines Menschen im Meer gesprochen wird. Von Gefühlen oder
Gedanken ist nicht die Rede. Oder doch? Denn man kann die Bibel auch tiefenpsychologisch
auslegen, und dann sehen wir hier in poetischen Bildern ausgedrückt den Seelenzustand einer
klassischen Depression. Ein achtzehnjähriger Mann in seiner Reifekrise hat das Gefühl, im Sumpf
zu versinken oder im Treibsand, und je mehr er strampelt, desto tiefer versinkt er. Kein Freund und
keine Geliebte reicht ihm die rettende Hand. Es gibt zwei Formen von Depressionen: endogene und
exogene. Die endogene Depression ist die Folge einer biochemischen Störung im Gehirn („zu
wenig Glückshormone“) und wird vor allem mit Medikamenten behandelt. Die exogene Depression
ist eine Lebenskrise, oft eine Sinnkrise, und wird vor allem mit Seelsorge und Psychotherapie
behandelt. Beide Depressionen fühlen sich aber an wie ein Versinken im Meer, in einem Abgrund,
in der dichtesten Nacht, in der kein Stern mehr scheint. Solche Menschen finden sich in unserem
Jona-Text wieder. Ohne dass sie schon an die Rettung glauben können, ist es für sie tröstlich, solche
Texte in der Bibel zu finden, denn dann fühlen sie sich vom Heiligen Geist verstanden: „Mir geht es
grottenschlecht, aber Gott fühlt mit, wie es mir geht. Gott weiß um mein Herzeleid, Gott kennt es,
Gott ist da.“ Viele Christen sagen: „Nach Regen kommt Sonnenschein und nach dem Kreuz kommt
auch wieder die Auferstehung.“ Und sie tun so, als ob Gottes Gnade nur dann da ist, wenn die
Sonne wieder scheint. Das ist oberflächlich. In Wahrheit ist Gott auch da, wenn wir in Nacht
versunken sind: „Der Himmel trauert mit dir!“ Menschen, die in der Finsternis versunken sind,
werden oft angefochten von Selbstmordgedanken: „Lieber der Tod als diese unerträglichen
Leiden!“ Kann der Glaube gegen die Anfechtung zum Selbstmord helfen? Die Depression ist wie
ein Trichter: Oben ist der Ring noch weit, da kann der Depressive noch sagen: „Aber was ich auch
leiden muss, ich bringe mich nicht um!“ Aber wenn keine Hilfe kommt, sinkt der Depressive tiefer
in den Trichter hinab, der Ring zieht sich immer enger um ihn zusammen. Auf dem Boden der
Verzweiflung hilft der Glaube nicht mehr. Es ist eine Form von Wahnsinn. Menschen, die aus
wahnsinniger Verzweiflung heraus Selbstmord begehen, sollten von den Christen nicht verurteilt
werden. Gott sieht ihre Unzurechnungsfähigkeit durch ihren Wahnsinn. Beten wir, dass Gottes
Barmherzigkeit auch die Selbstmörder rettet! Etwas anderes ist die Propaganda für den Selbstmord
aus Gottlosigkeit und Atheismus heraus. Das ist eine schwere Sünde gegen den Schöpfer und das
Leben.

Erinnern wir uns, dass das Buch Jona ein Propheten-Buch ist. Und erinnern wir uns, dass Jesus das
„Zeichen des Jona“ auf sein Leben, Sterben und Auferstehen bezieht. So können wir in diesem
Versinken des Jona im Meer der Traurigkeit und des Todes auch ein Vor-Bild sehen für das
SEELISCHE Leiden des Messias. Das Mittelalter stellt uns in vielen Bildern und Kruzifixen die
KÖRPERLICHEN Leiden des Messias vor Augen: Sein Rücken ward blutig gepeitscht, er ward
angespruckt, der Dornenkranz ließ seine Stirn bluten, seine Hände und Füße wurden von Nägeln
durchbohrt, er starb am Kreuz den Erstickungstod, seine Seite wurde von einer Lanze durchbohrt
und Blut und Wasser flossen heraus. Was die Maler aber nicht zeigen können und was viele
Christen nicht bedenken, sind die SEELISCHEN Leiden Jesu. Schon vor seiner Kreuzigung sagte
Jesus im Garten Gethsemane: „Meine SEELE ist zu Tode BETRÜBT!“ Am Kreuz schrie Jesus:
„MEIN GOTT, MEIN GOTT, WARUM HAST DU MICH VERLASSEN!?“ Jona sagt das so: „Ich
dachte, ich sei von deinem Angesicht verstoßen“ Jesus, der in Ewigkeit mit dem Vater eins war, „im
Schoß des Vaters war“, der in der ewigen Glückseligkeit Gottes war, der ward ein Sklave am Kreuz,
„für uns zur Sünde gemacht“, das heißt, er FÜHLTE IN SEINER SEELE unsere ganze Sünde und
Schuld, unsere Gottverlassenheit, unsern Todesschmerz, unsere inneren Höllen, unsere
Verdammnis! Jesus, der ewig glückselige Gott, empfand unsere ganze Verdammnis! Das ist das
SEELISCHE LEIDEN JESU. Wenn Jesus im Garten Gethsemane sagte: „Meine Seele ist zu Tode
betrübt“, dann war sein seelischer Schmerz dies: Er sah, dass er am Kreuz FÜR ALLE sterben wird,
um ihnen das ewige Leben zu verdienen, aber er sah auch, WIE VIELE sein Heil nicht annehmen
werden, dass er für VIELE UMSONST STERBEN WIRD. Und dennoch starb er für alle. Das war
auch ein tiefer seelischer Schmerz für Jesus. Wenn aber nun Jesus, der Sohn Gottes, schrie: Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? - Dann ist für alle kommenden Menschen, die sich
VON GOTT VERLASSEN FÜHLEN, ein abgrundtiefer Trost da: Sie sind GOTTVERLASSEN
WIE JESUS, DER GOTTVERLASSENE GOTT, so ist in ihrer Gottverlassenheit doch Gott da: der
gekreuzigte Christus!

Was Jona hier erlebt, das Versinken in der Tiefe, das nennen die Mystiker „die dunkle Nacht der
Seele“. Bei Dichtern (wie Hölderlin), die wahnsinnig geworden sind, spricht der Deutsche von
„Umnachtung“. Der Begriff „dunkle Nacht der Seele“ stammt von dem spanischen Mystiker
Johannes vom Kreuz aus der katholischen Reformation des 16. Jahrhunderts. Er wollte eine
Reform, eine Erneuerung des katholischen Lebens, ist aber von seinen Feinden, den verweltlichten
Katholiken gefangen genommen worden, in einem dunklen Kerker bei Wasser und Brot eingesperrt,
ausgepeitscht und verspottet. Da erfuhr der die dunkle Nacht der Seele, er verstand Gott nicht mehr,
er fühlte Gott nicht mehr. Und dennoch! Er dichtete als ein Dichter-Mystiker ein großes Liebeslied
von der Vereinigung Gottes und der Seele (wie im Hohelied Salomos). Eine zweite Mystikerin der
dunklen Nacht der Seele war Mutter Teresa von Kalkutta. Sie wird als Missionarin der
Nächstenliebe nicht nur von Katholiken und anderen Christen verehrt, sondern auch über die
Grenzen des Christentums hinaus ist sie anerkannt und zum Sprichwort geworden: „Bin ich Mutter
Teresa?“ Was aber kaum einer weiß: Sie lebte 35 (!) Jahre in der dunklen Nacht der Seele! Sie war
„umnachtet“, von tiefer Trauer erfüllt, fühlte die süße Liebe Gottes nicht, fühlte sich verlassen und
verloren. Jedes Gebet, dass sie zum Himmel sandte, kam wie ein Pfeil in ihr Herz zurück!

Aber du, Herr, mein Gott, hast mich lebendig aus der Grube gezogen. 8 Als mir die Sinne
schwanden, dachte ich an dich und mein Gebet drang zu dir in deinen heiligen Tempel. 9 Wer sich
auf nichtige Götzen verlässt, bricht dir die Treue. 10 Ich aber will dir danken und dir die Opfer
darbringen, die ich dir versprochen habe; denn du, Herr, bist mein Retter.« 11 Da befahl der Herr
dem Fisch, ans Ufer zu schwimmen und Jona wieder auszuspucken.

Der Abschnitt fängt so an: „Aber du, Herr!“ Das taucht auch unzählige Mal in den Psalmen auf.
Eine heilige evangelische Diakonin liebte diese Formulierung sehr. Es stimmt immer. In der Welt
gibt es keine Liebe für mich, aber du, Herr, bist die Liebe! In der Welt ist überall Krieg und Terror,
aber du, Herr, bist der Friedefürst. In der Welt gibt es Mord und Selbstmord, Abtreibung und
Euthanasie, aber du, Herr, bist der Liebhaber des Lebens. In der Welt, in Politik und Kultur und
Wirtschaft herrschen Lug und Trug vor, aber du, Herr, bist die Wahrheit. In der Welt, und oft auch in
der Kirche, herrscht die Torheit, aber du, Herr, bist die Weisheit. Und so weiter. Merken wir uns
das: Aber du, Herr!
„Du hast mich lebendig aus der Grube gezogen.“ „Und der Fisch spie Jona aus.“ Das ist eine
Prophezeiung der Auferstehung Christi. Das Totenreich, der Hades, hat Jesus „ausgespien“. Gott hat
Jesus als Ersten aus dem Totenreich auferweckt. Eine jüdische Theologin meinte, man solle nicht
von Jesu „Auferstehung“, sondern seiner „Auferweckung“ durch Gott sprechen. Das Neue
Testament nennt Gott Vater den, der Jesus auferweckt hat, Jesus, den Gottessohn, den, der aus
eigener Kraft auferstanden ist, und den Heiligen Geist die Kraft der Auferstehung. (Übrigens, wenn
die katholische Kirche von Maria Himmelfahrt spricht, so spricht sie genau genommen, von Marias
Aufnahme in den Himmel. Jesus ist kraft seiner göttlichen Natur in den Himmel gefahren, Maria in
igrer reinen menschlichen Natur, in den Himmel von Jesus aufgeIch glaube an die Auferstehung der
Toten.“ Ursprüngliche Fassung: „Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches“. Wir werden
natürlich nicht kraft unserer menschlichen Natur „auferstehen“, sondern kraft der dreifaltigen
Gottheit „auferweckt“. Wir können aber auch auf Erden schon Momente der Kraft und Freude der
Auferstehung erleben. Nur gibt es nicht wie bei den Charismatikern gewünscht einen Dauer-Jubel
und immerwährendes Halleluja-Singen, sondern wir müssen auch oft Kreuz und Tod erleben. Doch
lässt uns Gott nicht im Stich. Das sagt uns unsere Erfahrung: Wer treu bei Gott blieb, als er das
Kreuz zu schmecken bekam, der wird von Gott gesegnet mit neuen Gnaden und
Auferstehungsfreuden. Ja, das Durchschreiten der Dunkelheit bereitet gewissermaßen den Empfang
immer größerer Gnadeneinflüsse vor. Wir dürfen nur in unserm Glauben an den Auferstandenen und
die Freude des Heiligen Geistes nicht vergessen, dass zu leben bedeutet, täglich tausend kleine Tode
zu sterben. So dass Johannes vom Kreuz dichten konnte: „Wann sterbe ich, dass ich nicht mehr
sterbe?“

KAPITEL 3

Die erfolgreiche Bußpredigt

1 Zum zweiten Mal erging das Wort des Herrn an Jona, er sagte zu ihm: 2 »Geh nach Ninive, der
großen Stadt, und rufe dort aus, was ich dir auftrage!«

Hier wird Jona zum zweiten Mal vom Hern berufen. Bei der ersten Berufung hieß es: „Geh nach
Ninive und drohe ihr die Strafe an.“ Jetzt heißt es: „Geh nach Ninive und sage ihr, was ich dir
sage.“ Gott kommt dem Propheten entgegen, er legt ihm seine Worte in den Mund und verspricht
ihm, durch ihn zu reden und mit ihm zu sein. So sehen wir es auch bei anderen Propheten. Zu
Hesekiel spricht Gott: „Geh zu dem widerspenstigen Hus Israel und verkünde ihnen alles, was ich
dir sage. Aber sie sind wie Schlangen und Skorpione, ein Haus des Widerstands. Ich aber mache
deine Stirn so hart wie Diamant, fürchte dich nicht vor ihnen.“ Und zu Jeremia sagt Gott: „Du sollst
mein Mund sein. Ich mache dich zur eisernen Mauer gegen dieses Volk. Du bekehre dich nicht zu
ihnen, sondern sie sollen sich zu dir bekehren. Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir.“ Wir sehen
auch, dass Gott doch zu seinem Ziel kommt, nämlich Jona nach Ninive zu schicken, obwohl Jona
erst nicht wollte, aber „Gott hat ihn doch noch rumgekriegt“. So heißt es im berühmten Sprichwort:
„Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade“.

3 Diesmal gehorchte Jona dem Herrn und ging nach Ninive. Die Stadt war ungeheuer groß; man
brauchte drei Tage, um vom einen Ende zum andern zu kommen. 4 Jona ging eine Tagesreise weit
in die Stadt hinein, dann stellte er sich hin und rief: »Noch vierzig Tage und Ninive ist ein
Trümmerhaufen!«

Ninive ist eine große Stadt. Es leben in ihr 120 000 Menschen. Wir können Ninive also mit
Oldenburg vergleichen. Die Pastorin der lutherischen Kirche würde auf dem Schlossplatz eine Rede
halten und Oldenburg den Untergang ankündigen, wenn nicht ganz Oldenburg sich zu Jesus
bekehrt. Wir hören auch heute Propheten, die in den Katastrophen, die weltweit geschehen, einen
Aufruf zur Umkehr und Bekehrung sehen. Maria rief 1917 in Fatima in Portugal: „Bekehrt euch zu
Gott, tut Buße, betet, sonst wird ein zweiter Weltkrig kommen und Russland wird seine
kommunistische Irrlehre über die ganze Welt verbreiten.“ Aber wie auch heute, hörten die
Menschen nicht auf Maria und bekehrten sich nicht zu Gott, und so kam der zweite Weltkrieg und
die Hälfte der Welt ward kommunistisch mit einer einzigartigen Christenverfolgung, schlimmer als
zur Zeit der römischen Gottkaiser.

5 Die Leute von Ninive setzten ihre Hoffnung auf Gott. Sie beschlossen zu fasten; und alle, Reiche
wie Arme, legten zum Zeichen der Reue den Sack an. 6 Jonas Botschaft war nämlich dem König
von Ninive gemeldet worden. Der stieg von seinem Thron, legte den Königsmantel ab, zog den
Sack an und setzte sich in die Asche.

Die Heiden tun also Buße. Jesus sagt im Evangelium über seine Zeitgenossen und Volksgenossen:
„Die Leute von Ninive werden kommen und euch verurteilen, denn sie taten Buße auf die Predigt
des Jona hin. Ihr aber tut nicht Buße. Und ich bin doch mehr als Jona.“ Wir sehen, dass Reiche und
Arme Buße tun. Die Botshaft der Bekehrung zu Gott richtet sich an Reiche und Arme, alle müssen
sie ihr Herz von den irdischen Gütern lösen und nach den himmlischen Gütern streben. Denn wenn
die Bibel die Armen auch die Lieblinge Jahwes nennt, so doch nicht im kommunistischen Sinn.
Denn der kommunistische Materialismus ist doch nur Sozialneid, sie wllen nur das Geld der
Reichen, sie hängen genauso am Geld wie di Reichen. Ein Armer, der nur nach Geld strebt, ist in
Jesu Augen reich, und ein Reicher, der sein Herz nicht an seinen Besitz hängt und mit seinem Geld
viel Gutes tut, ist in Jesu Augen arm. „Selig sind, die arm im Geiste sind“, die nicht nach irdischem
Hab und Gut streben, sondern nach den himmlischen Schätzeen, nach der Liebe und Weisheit
Gottes allein. Wir sehen auch, dass der König von Ninive der Anführer der Bußee ist. Stellen wir
uns wieder Oldenburg vor, dass auf die Bußpredigt unserer Pastorin Buße tut: Der Bürgermeister
von Oldenburg geht voran und weiht sich und seine Stadt öffentlich dem Herzen Jesu. Dass sich mi
der Bekehrung des Königs auch das Volk bekehrt, das war auch die Strategie der christlichen
Misssionare im Altertum undd frühen Mittelalter. Zum Beispiel in den skandinavischen Ländern
bekehrten die Missionare die Könige, die daraufhin die Ausbreitung des Christentums im ganzen
Land erlaubten, es wurde getauft, gepredigt, Klöster und Kirchen gebaut. Noch im sechzehnten
Jahrhundert versuchten die christlichen Missionare diese Strategie in China: Bekehren wir den
Kaiser von China, dann erlaubt er die christliche Mission im ganzen Land, so christianisieren wir
China. Das war damals gescheitert, der Kaiser bekehrte sich nicht. Viele moderne Christen lehnen
diese Missionsstrategie ab. Sie waar wohl auch nur in der Monarchie möglich. Ich finde, wir sollten
unsere christlichen Väter und Mütter nicht hochmütig verurteilen, sie haben es geschafft, aus einem
heidnische Europa ein christliches Europa zu machen (das heute fast schon wieder Geschichte ist).
Nur hat dieses Prinzip: Erst der König, dann das Volk, auch negativ funktioniert. Nach der
europäischen Glaubensspaltung im 116. Jahrhundert und der verfluchten Dreißigjährigen Krieg
legten die Fürsten für ihre Untertanen die Konfession fest, katholisch oder evangelisch. Heute ist
weltweit die Missionsstrategie eine andere. Zum Beispiel in Indien wenden sich die Missionare vor
allem an die Ärmsten der Armen, die vom hinduistischen Kastensystem ausgestoßenen
Unberührbaren. Die Missionare wenden sich an das Volk, hauptsächlich an die Armen.

7 Er ließ in der ganzen Stadt ausrufen: »Hört den Befehl des Königs und seiner Minister: ›Niemand
darf etwas essen oder trinken, weder Mensch noch Rind noch Schaf! 8 Menschen und Vieh sollen
den Sack anlegen und laut zu Gott rufen. Alle sollen von ihrem bösen Weg umkehren und aufhören,
Unrecht zu tun.

Wir sehen hier, dass zur Buße nicht nur Bekehrung und Gebet gehört, sondern auch das Fasten. Das
Fasten ist in der zeitgenössischen Christenheit fast vergessen. Maria sagte in ihren prophetischen
Botschaften: „Vor allem versucht das Fasten einzuhalten, durch Fasten können Kriege und
Naturkatastrophen aufgehalten werden.“ Ein starkes Wort. Wessen Evangelium aber dies ist: „Lasst
uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“, der wird am Fasten keinen Geschmack finden.
Protestanten reden sich oft heraus, das Fasten sei eine katholische Sache. In der Welt von heute ist
allerdings ein anderes „Fasten“ populär, nämlich die strenge Askese einer Diät, um – abzunehmen.
So kennen wir auch moderne Christinnen, die „fasten für eine gute Bikinifigur, abgerechnet wird
am Strand“. Aber uns fällt besonders auf, dass nicht nur die Menschen Buße tun und fasten, sondern
auch die Tiere. Das amüsiert uns oberflächlich. Wie können Tiere sich in Sack und Asche hüllen,
wie können Tiere fasten und Buße tun? Aber darin steckt, auf naive Art ausgedrückt, eine tiefe
„Schöpfungstheologie“, die wir heute so dringend nötig haben. Die Bibel schildert am Anfang einen
ungefallenen Urzustand. Da lebt der Mensch in Harmonie mit Gott, die Menschen in Harmonie
miteinander und mit der Kreatur. Mit dem Abfall des Menschen von Gott geriet (auf wahrhaft
tragische Weise) auch die Natur in einen gefallenen Zustand. So kommt es, dass Paulus im
Römerbrief davon spricht, dass die Schöpfung in Wehen liegt, ächzt und stöhnt und in Hoffnung
erwartet das Offenbar werden der Söhne und Töchter Gottes. So spricht die Bibel am Ende von
einem neuen Himmel und einer neuen Erde, in denen Gott alles in allem ist. Wir fragen uns, ob die
heute sich häufenden Naturkatastrophen Strafgerichte des Zornes Gottes sind, die die Menschheit
zur Buße aufrufen. Jesus spricht im Evangelium von den letzten Zeiten, da sich Kriege und
Erdbeben und Hungerkatastrophen und Seuchen häufen. So meinen manche, dass wir heute in
diesen letzten Zeiten leben, das heute die Apokalypse aktuell wird. Vielleicht ist es nicht so, dass
Gott Vater auf dem Thron uns diese endzeitlichen Katastrophen schickt, sondern dass die Natur
rebelliert gegen eine weitgehend gottlos gewordene Menschheit. Wenn die Menschheit in ihrem
gottlosen Materialismus den Menschen und die Natur nur als tote Materie betrachtet, die nach
Belieben ausgebeutet werden kann, dann entstehen als Folge der Gottlosigkeit Armut, Hunger,
Elend, Seuchen, Naturkatastrophen. Was wir heute brauchen, ist nicht das kleingeistige Geschwätz
der Politiker, ob zehn oder vierzig Euro die CO2-Steuer kosten soll, sondern wir brauchen eine
„ökologische Bekehrung“, wir brauchen eine Bekehrung der Menschheit zu Gott dem Schöpfer, wir
müssen die Schöpfung wieder sehen als Geschenk Gottes, als Bild Gottes. Wir müssen wie Sankt
Franziskus von Bruder Sonne, Schwester Mond, Mutter Erde, keusche Schwester Wasser, und
Bruder Esel (dem menschlichen Leib) reden. Es gibt eine „Schöpfungsgemeinschaft“ zwischen dem
Menschen und der Kreatur. Wenn der Mensch sich wieder zu Gott bekehrt, dann kommen auch die
Beziehungen unter den Menschen in Ordnung, dann endet der Klassenkampf, der
Geschlechterkampf, die Ausbeutung der Armen und Krieg und Terror, dann kommt aber auch die
Schöpfung in Ordnung, dann lieben wir die Mutter Erde, dann sehen wir die Schöpfung als unsere
Schwester an, die wir nicht vergewaltigen, sondern hüten, pflegen und kultivieren. Zu dieser
„ökologischen Bekehrung“ gehört auch die Entwicklung einer „neuen Wirtschaft“, die nicht dem
Götzen Geld dient, sondern dem Menschen, die nicht räuberisch mit der Natur umgeht, sondern
brüderlich. Allerdings ist die Alternative zum materialistischen Kapitalismus nicht der
materialistische Sozialismus, der ja de facto noch grausamer mit der Schöpfung umging. Nur fehlen
heute noch die realistischen Visionen für diese „neue Wirtschaft“.

9 Vielleicht lässt Gott sich umstimmen. Vielleicht können wir seinen schweren Zorn besänftigen
und er lässt uns am Leben.‹« 10 Gott sah, dass sie sich von ihrem bösen Treiben abwandten. Da tat
es ihm Leid, sie zu vernichten, und er führte seine Drohung nicht aus.

Kann Gott etwas „reuen“? Wir Menschen können, dürfen und sollen unsre Sünden bereuen, aber
Gott sündigt ja nicht, er macht keine Fehler. Aber wir sehen hier, dass Gott sein Herz von den
Menschen bewegen lässt. Gebet bewegt das Herz Gottes! Im Christentum gibt es keinen Fatalismus:
„Allah entscheidet wie er will, und wir haben alles anzunehmen und zu gehorchen.“ Nein, Gott ist
kein starrer unbeweglicher Herrscher, sondern ein liebender Vater. Wenn Gott in seiner
Gerechtigkeit Strafen androht, dann rumort es in seinem Inneren, und er hofft insgeheim, dass die
Menschen sich bekehren kann, und er ihnen alles verzeihen kann. Gott ist ein gerechter Richter und
ein barmherziger Vater. Das Neue Testament sagt: „Chais lacht über das Gericht!“ Zu einer
polnischen Mystikerin sagte Jesus einmal: „Die Welt ist im Inneren meiner Barmherzigkeit tiefer
geborgen, als ein Kind im Schoß seiner Mutter!“ Das hebräische Wort für Barmherzigkeit leitet sich
ab vom Wort Mutterschöße. Gottes Barmherzigkeit wohnt in Gottes Mutterschoß. Man sagt: „Wer
nicht durch seine Buße durch das Tor der göttlichen Barmherzigkeit zu Gott gehen will, der muss
durch das Tor der göttlichen Gerechtigkeit zu Gott gehen, und da wird es ihm schwer, seine Seele
zu retten.“ Die heutigen Propheten sagen: „Jetzt ist die Zeit der Gnade und Barmherzigkeit, bekehrt
euch, solange es noch Zeit ist, denn es wird eine Zeit der Gerechtigkeit kommen.“ Bewegen wir
also das barmherzige Herz des Vaters durch unsere Gebete für uns und für die ganze Welt, wie
Maria sagt: „Betet, betet, betet, euer Leben soll vollständig zum Gebet werden.“ Uns muss das
Gebet wie das Atmen sein!

KAPITEL 4

Gottes Menschenliebe geht seinem Erwählten zu weit

1 Das gefiel Jona gar nicht und er wurde zornig. 2 Er sagte: »Ach Herr, genau das habe ich
vermutet, als ich noch zu Hause war! Darum wollte ich ja auch nach Spanien fliehen.

Im ersten Kapitel war die Frage, warum Jona nicht nach Ninive ging. Ich sagte: Weil er die
Botschaft der Barmherzigkeit nicht den Feinden Israels verkünden sollte. Eine alte Schwester sagte:
Das hört sich ja schön an, aber Jona hatte einfach Angst vorr solch einer großen Stadt und solch
einem mächtigen König. - Die Bibel legt sich selbst aus. Hier finden wir die Antwort: Jona wollte
nicht Gottes Barmherzigkeit den Heiden bringen. Gibt es solche Typen auch heute in der
Christenheit? Wir sehen, wie nordamerikanische rechtskonservative Katholiken den Papst wegen
seiner Verkündigung der Barmherzigkeit als Häretiker verurteilen. Wenn man ihnen aber zuhört,
spürt man nichts vom lebendigen Jesus, der auf alle Sünder zugeht, sondern man hört
„Betonköpfe“, die sich viel einbilden auf ihre dogmatische Rechtgläubigkeit, deren Glaubensinhalt
nicht der lebendige, liebende Jesus ist, sondern ein Gerüst von Formeln. Sie machen den Glauben,
der eine Sache des Vertrauens zu einer Person ist, zu einem kalten Denksystem, zu einer Ideologie.
Wir finden solche Typen aber auch im modernen Protestantismus, der ja sich immer mehr
fundamentalisiert. Das sind Menschen mit unzweifelhafter Heilsgewissheit, die wissen, dass alle
andern, die nicht ihre Gesinnungsgenossin sind, in die Hölle kommen. Das sind Menschen, die im
Bewusstsein, wahrer Christ zu sein, allen Andersgläubigen mit Hass und Feindschaft begegnen. Sie
verurteilen, natürlich, die katholische Kirche wegen der Kreuzritter des Mittelalters, möchten aber
selbst am liebsten in muslimische Länder mit einer Armee militärisch einmarschieren. Das sind
Menschen, die die Welt einteilen in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, wiedergeborene Christen und
die Andern, die Verdammten. Die erinnern mich an Jona.

Ich wusste es doch: Du bist voll Liebe und Erbarmen, du hast Geduld, deine Güte kennt keine
Grenzen. Das Unheil, das du androhst, tut dir hinterher Leid.

Hier finden wir den „Gott des Alten Testaments“. Viele Christen lieben nur das Neue Testament
(eine uralte Irrlehre) und nennen den „Gott des Alten Testaments einen Gott des Zornes und der
Rache“. Im Grunde ist das Gnostizismus, denn die Gnostiker unterschieden zwischen dem „bösen
Schöpfergott Zebaoth“ und dem „lieben Vater Jesu“, was natürlich Unsinn ist. Wir sehen, wie das
Buch Jona hier Formeln für Gott wiederholt, die im ganzen Alten (oder Ersten) Testament verstreut
sind: Gott ist 1. gnädig, 2. barmherzig, 3. geduldig, 4. langmütig, 5. langsam zum Zorn, 6. treu und
7. wahrhaftig. Wenn das nicht ein schöner, liebenswerter Gott ist, dann weiß ich nicht weiter.
3 Deshalb nimm mein Leben zurück, Herr! Sterben will ich, das ist besser als weiterleben!« 4 Aber
der Herr fragte ihn: »Hast du ein Recht dazu, so zornig zu sein?«

Wir gewinnen einen Einblick in Jonas Seele (Psyche). Bei der geringsten Frustration wünscht er
sich den Tod. - So wie wir auf Erden wohl nie verstehen werden, warum Glück und Unglück so
ungleich verteilt sind, so bleibt es vielleicht auch ein Geheimnis, warum einige Menschen einen
unbändigen Lebenswillen haben und selbst im Konzentrationslager von Nazis oder Kommunisten
das Leben bejahen, dagegen andere mit einem derart schwachen Lebenswillen ausgestattet sind,
dass sie oft schon in der Jugend beim ersten Liebeskummer ihr Vernichtung wünschen und
Selbstmord begehen. Der katholische Dichter Reinhold Schneider, im Widerstand gegen Hitler
aktiv, der in seiner Jugend einen Selbstmordversuch unternahm, schrieb, dass es „geborene
Selbstmörder“ gibt. Er nannte übrigens auch die Nazi-Bande eine „Bande von Selbstmördern“.
Solch eine Bande fanden wir dreißig Jahre später auch in der Roten Armee Fraktion. Das waren
Menschen, die das Leben der anderen und ihr eigenes zutiefst verachteten. Nach Siegmund Freund
gibt es im Menschen zwei Grundtriebe, die Libido (der Lust-Trieb) und den Thanatos (den
Todestrieb). Warum der Thanatos, der Todestrieb, bei manchen Menschen so stark ist, weiß ich
nicht. In einem Buch mit buddhistischen Legenden stand diese Legende: Ein buddhistischer
Heiliger nahm Buddhas Lehre von der Lebensverneinung wörtlich und wollte Selbstmord begehen,
um im Nirwana vernichtet zu werden. Da kam der buddhistische Teufel Mara in Gestalt eines
nackten Weibes und wollte den Heiligen versuchen, das Leben zu genießen. Aus der Ferne sandte
Buddha seine rettende Energie, vertrieb den Teufel, und der Heilige konnte sich das Leben nehmen.
Auch bei den Griechen der Antike, die von den Gelehrten immer die „heiteren Griechen“ genannt
werden, gab es den Spruch: Wen die Götter lieben, den lassen sie jung sterben. Und der griechische
Tragödien-Dichter Sophokles sagte: Besser ist es, jung zu sterben, aber noch besser, nie geboren zu
sein. - Was ist das für eine Heiterkeit? Aber auch in der Bibel gibt es starke Worte der
Todessehnsucht. Der Prediger Salomo sagte: Besser als die Lebenden haben es die Toten, und
besser als die Toten haben es die, die nie geboren wurden. Der große Hiob verflucht den Tag seiner
Gebut und wünscht sich den Tod. Der leidende Prophet Jeremia sagt: Weh mir, meine Mutter, dass
du mich geboren hast, der ich nichts als Jammer sehen muss! Und Paulus sagt: Ich hätte nicht übel
Lust abzuscheiden und beim Herrn zu sein. - Und das waren doch keine Wahnsinnigen, das waren
weise und heilige Männer! Die Mystikerin Mechthild von Magdeburg aus dem 13. Jahrhundert
schrieb: Ein Mann wollte sterben, um beim Herrn zu sein. Der Herr sagte: Warrte auf mich! Der
Mann sagte: Aber es verlangt mich so sehr, bei dir zu sein! Der Herr sprach: Ich begehrte dich scon
vor Anbeginn der Welt! Wo zwei so große Verlangen zusammenkommen, da ist die Liebe
vollkommen. - Und der englische Renaissance-Dichter Ben Jonson schrieb: O Himmel, wenn ich
mir den Tod wünsche, dann ist es vielleicht mehr aus Lebensüberdruss als aus Liebe zu dir!...

Gott entlarvt die Selbstsucht seines Erwählten

5 Jona verließ die Stadt in Richtung Osten. In einiger Entfernung hielt er an und machte sich ein
Laubdach. Er setzte sich darunter in den Schatten, um zu sehen, was mit der Stadt geschehen würde.
6 Da ließ Gott, der Herr, eine Rizinusstaude über Jona emporwachsen, die sollte ihm Schatten
geben und seinen Ärger vertreiben. Jona freute sich riesig über diese wunderbare Staude.

Die Rizinusstaude wuchs im Nahen Osten sehr schnell und erreichte in kurzer Zeit eine Höhe von
zwei bis drei Metern und breitete ein breites Laubdach aus, das willkommenen Schatten dem
Wanderer vor der sengenden Sonne bot. Und nun „freut sich Jona riesig“. Fast ist er geeignet, einen
charismatischen Lobpreis-Gottesdienst mit Halleluja-Gesängen und Tanz zu feiern! Er, der kurz
zuvor noch sterben wollte. Es gibt Persönlichkeiten, die sind „himmelhoch jauchzend, zu Tode
betrübt“, wie Goethe sagte. Er kannte das selbst wohl auch, denn er schrieb nach dem Tod seiner
Schwester: „Alles geben die Götter, die unendlichen, ihren Liebling ganz: Alle Freuden, die
unendlichen, alle Leiden, die unendlichen, ganz!“ In der klinischen Psychiatrie nennt man das im
Extremfall „manisch-depressiv“. Jona ist solchen extremen Stimmungsschwankungen unterworfen.
Aber wie ein moderner Songwriter schrieb: „Inner feelings come and go“. Die Gefühle großen
Jubels, großer 2Freude im Heiligen Geist“ sind kein sicherer Maßstab für eine echte Nähe zu Gott,
und das Gefühl der Gottverlassenheit ist kein Maßstab für eine wirkliche Gottesferne. Gerade die
Kreuzes-Mystik sagt, dass in Momenten der Gottverlassenheit in Wahrheit Gott uns besonders nah
ist. Wir sehen aber den liebevollen Gott sehr geduldig und einfühlsam mit Jonas
Stimmungsschwankungen umgehen, fast wie ein guter Therapeut oder eine liebevolle Mutter: „Wie
geht es dir, mein Kind?“

7 Aber früh am nächsten Morgen schickte Gott einen Wurm. Der nagte den Rizinus an, sodass er
verdorrte.

Die Rizinusstaude ist hypersensibel. Eine kleine Verletzung an ihrem Stamm lässt sofort die ganze
Staude verwelken. Ein kleiner nagender Wurm – und schon ist Jonas „riesige Freude“ wieder dahin.
Ein kleiner Misserfolg in der Schule – und der Knabe wünscht sich den Tod...

8 Als dann die Sonne aufging, ließ Gott einen heißen Ostwind kommen. Die Sonne brannte Jona auf
den Kopf und ihm wurde ganz elend. Er wünschte sich den Tod und sagte: »Sterben will ich, das ist
besser als weiterleben!«

Nun ist Jona nach dem „himmelhoch jauchzend“ wieder „zu Tode betrübt“. Der Autor des Jona-
Buches stellt diese extremen Stimmungsschwankungen etwas kritisch dar. Aber Gott geht auf die
Gefühle seines Propheten ein. Gott nimmt seine seelische Unausgeglichenheit ernst. Es gibt ein
Marienbild, das heißt „Madonna der Ausgeglichenheit“. Im Mittelalter begannen Künstler, Maria
unter dem Kreuz wie eine antike Klagefrau darzustellen, die sich beim Mit-Leiden mit ihrem Sohn
auf den Boden wirft, heult und jammert, sich die Haare rauft und an die Brüste schlägt. Aber die
Kirche unterband diese Darstellungen, da es im Evangelium heißt: „Maria STAND unter dem
Kreuz.“ Daher kommt das Gedicht Stabat Mater, es stand die Mutter. Maria war in ihrem Mitleiden
nicht hemmungslos aufgewühlt, sondern blieb innerlich gefasst und ertrug ihr Leiden mit
„männlichem“ Mut (weiblichem Mut!). Der römische Konsul Festus sagte zu Paulus: „Paul, du bist
verrückt! Das viele Studieren hat dich wahnsinnig gemacht!“ Aber Paulus sagte: „Nein, ich rede
nicht im Wahnsinn (Manie), sondern in Vernunft (Logos) und Besonnenheit (Sophrosyne).“
Sophrosyne ist eine Tugend, die schon der edle Sokrates sehr hoch geschätzt hat. Zur Zeit des
Paulus schrieb der römische Philosoph Seneca von der „Gemütsruhe, die stärker ist als das
Schicksal“. So empfiehlt also die Weisheit drei Tugenden: Die Ausgeglichenheit der Madonna, die
Besonnenheit des Paulus, und die Seelenruhe der Philosophie.

9 Aber Gott fragte ihn: »Hast du ein Recht dazu, wegen dieser Pflanze so zornig zu sein?« »Doch«,
sagte Jona, »mit vollem Recht bin ich zornig und wünsche mir den Tod!« 10 Da sagte der Herr:
»Schau her, du hast diese Staude nicht großgezogen, du hast sie nicht gehegt und gepflegt; sie ist in
der einen Nacht gewachsen und in der andern abgestorben. Trotzdem tut sie dir Leid. 11 Und mir
sollte nicht diese große Stadt Ninive Leid tun, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen
leben, die rechts und links nicht unterscheiden können, und dazu noch das viele Vieh?«

Gott sagt hier zu Jona, dass er sich um die Assyrer kümmert. Gott kümmerte sich nicht nur um sein
Volk Israel, sondern auch um die Heiden (Nicht-Juden) und zwar auch schon vor der Zeit Jesu, des
Königs aller Völker. Im Römerbrief heißt es, dass Gott sich den Heiden offenbarte durch die
(Schönheit der) Schöpfung. In der Apostelgeschichte heißt es, Gott war den Heiden gnädig, indem
er ihnen Regen und Fruchtbarkeit – und Fröhlichkeit gab! Die apostolischen Väter und Missionare
der Urkirche bezeugten, dass Gott den Heiden auch in ihren Mythen und vor allem in ihren
Philosophien „Samenkörner der Wahrheit (logos spermatikos)“ geschenkt habe, die es nun
aufzugreifen, zu bereinigen und mit dem Christusgeheimnis zu vereinigen gelte. (Und das gilt auch
heute noch.) So gab es bei den heidnischen Völkern rund ums Mittelmehr in den Mythen immer
einen höchsten Himmelsvater und einen Sohn von ihm, von einer Jungfrau-Mutter geboren, der
(alljährlich) starb und auferstand und dessen Fleisch in den Mysterienriten kultisch verzehrt wurde.
Die Christen hielten immer sehr viel von Platon und Sokrates, oder von Konfuzius und Lao Tse in
China.

Nun heißt es, dass in Ninive 120 000 Menschen wohnten. Manche sagen, es waren 120 000 Kinder!
Gott liebt die Kinder! Jesu Kinderliebe war sehr groß! Die Situation der Kinder im antiken Rom
war sehr schlecht, das Christentum erst hat den Kindern die Menschenwürde zugesprochen.
Afrikanische Kinder schrieben Papst Franziskus einen Brief: „Lieber Papst, warum müssen so viele
unschuldige Kinder leiden und sterben?“ Der Papst schrieb zurück: „Liebe Kinder, das weiß selbst
der Papst nicht. Aber Gott liebt die Kinder!“ Man spricht von „unschuldigen“ Kindern. Augustinus
in seinen Bekenntnissen sagt, er war schon als Säugling nicht so ganz unschuldig, sondern schrie,
wenn er nicht sofort die Brust gereicht bekam. Aber Kinder sind für ihre Sünden gewissermaßen
noch nicht verantwortlich. So können wir glauben, dass alle Kinder, die im Mutterschoß oder im
frühen Alter sterben, unmittelbar in den Himmel kommen. Man sagt, etwa mit dem siebten
Lebensjahr beginnt das „Zeitalter der Vernunft“ und damit auch der Verantwortlichkeit der Knaben
und Mädchen für ihre Sünden.

Und Gott kümmert sich auch um die Tiere. Hier ist vor allem das zahme Hausvieh gemeint, Schafe,
Ziegen, Rinder. Aber Gott kümmert sich auch um den Schoßhund, die Hauskatze, das
Meerschweinchen und Kaninchen. Salomo sagt: Der Gerechte kümmert sich um sein Vieh. Gott
kümmert sich auch um die wilden Tiere. Tierschutz ist durchaus christlich und die Auswüchse der
Massentierhaltung kann man auch als eine Sünde gegen den Schöpfer ansehen. Aber zuerst werden
die Menschen (Kinder) genannt und dann die Tiere. Eine moderne Ideologie, die die Frösche rettet,
aber die Kinder abtreibt, ist nicht im Sinne Gottes. Laut UNO werden jährlich weltweit etwa 40
Millionen Kinder abgetrieben. Aber es ist auch heute wie damals bei den Kindern von Ninive: Sie
können ihre rechte Hand nicht von der linken Hand unterscheiden. Wer Kinder erzogen hat, weiß,
dass es für Kinder gar nicht leicht ist, den Unterschied von rechts und links zu lernen. Im
übertragenen Sinn sind aber auch unsere Zeitgenossen Kindermenschen, die gut und böse nicht
unterscheiden können, die Saures süß nennen und Süßes sauer.