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The Body of Work is not feminin but different

"Community Action Center" 70zig minütiges, soziosexuelles Video in der


gleichnamigen Ausstellung von A.K. Burnes und A.L. Steiner. Horton
Galerie Berlin, 7.Okt.- 4 Dez 2010

Während die letzte "Welle" Feminismus in Europa hauptsächlich den


wirtschaftlichen Erfolg und die Unabhängigkeit von Frauen zum Inhalt
hatte, war die Diskussion in den USA (bis in die späten 80ziger) wesentlich
körperlicher geprägt. Die "Feminist Sex Wars"* spalteten anti-
pornoraphischen Feminismus und Sex-positiven Feminismus.
*(auch "Lesbian Sex Wars", "Sex Wars" oder "Porn Wars.)

Komisch, das hier "gender" als geschlechtslos und "queer" als unbestimmt
ankamen. Die Abkehr vom weiblich pathologisierten Körper in der Kunst,
nach Tracy Emin und Elke Krystufek, ist aber vielleicht auch eine Arbeit an
einem lesbischen "Body of Work".(2) **
Verena Dengler macht 2004 Stickarbeiten, konzentriert sich aber ganz
darauf, sie so aussehen zu lassen, als könnten sie von einer Maschine
hergestellt worden sein. Es geht hier erstmal nicht um ein spezifisches
weibliches Gefühl oder ein besonderes "Gespür" für die Materialität,
sondern grade um ein Wegschneiden dieser Attribute. Es bleibt ein Job, der
gemacht werden kann.
Indem Birgit Megerle vier Jahre früher abrupt ihre lustvollen, phantastischen
Fusionen von Figuren auf großen Formaten hinter sich ließ, um mit sich zäh
angeeigneter Aquarelltechnik und dem Benutzen von realistischen Vorlagen
ihre Inhalte stärker kontrollieren zu können, machte auch sie sich los von
den spezifischen Erwartungen an einen weiblichen "Gefühlshaushalt",
seinen Darstellungen und seiner Unberechenbarkeit. Obwohl sie Themen aus
der Frauenbewegung darstellte, wirkte die Arbeit nicht mehr feminin*. Ein
sehr entschlossener Schritt hin zu einem bürgerlichem Subjekt.
*Die Eigenheiten des Materials in den Vordergrund zu stellen, kann für eine
Frau immer auch bedeuten, selbst im Begriff der Materie gefangen zu
bleiben. Ein Portrait von sich selbst herzustellen ist schon das Gegenteil der
Definition in Wittigs fiktiven Wörterbuch "For Lesbian Peoples": Woman:
(..) Its meaning was, "one who belongs to another".

während ich noch nähte, beschmutzte, zerriss, verrückt machte und


einsetzte..
Mich.

"Die doppelte Anstrengung der Frauen besteht darin, ihre derzeitige


Situation oder ihren derzeitigen Status nicht nur in ökonomischen, sondern
auch in symbolischen Begriffen zu interpretieren." trägt Luce Irgaray 1989
bei einer Tagung der kommunistischen Partei Italiens vor.

andersherum operierten Art Worker. Statt Kunst zu einem decent job zu


machen, organisierten sie sich im Museum***. Und offensichtlich ist die
Bezeichnung durch den Abbruch vieler Arbeitsbeziehungen mit Galerien
wieder aktuell. Von der Messe "Miss Read " in den Kunstwerken nahm´ ich
die Zeitungspublikation "Art Work - A National Conversation About Art,
Labour, And Economics"**** mit nach Hause. Kunst-Arbeit stellt die Arbeit
vor das Produkt, das projekthafte und das auf Tausch basierende in den
Vordergrund. Kollektive oder Communities zu stärken oder zu bilden ist
Selbstzweck und Hoffnung und das ist hier auch meine Absicht, (obwohl die
es sicher nicht nötig haben, aber vielleicht wir). The Bodies..
Die Heere an komplett durchgepinkten, statt gepiercten Blogbetreiberinnen
für Schmink- und Anziehtipps, sind die Versionen eines Nicht Marc-Jacobs
fähigen Modeproletariats. Mode ist ein Kampf, soviel ist klar.

Finally: Get Ruined for Normal Love!


Das in der Horton Galerie in Berlin gezeigte Video "Community Action
Center" von A.K Burnes und A.L. Steiner ist für mich ein großer Missing
Link in der Geschichte der Körperpolitik und des Feminismus.
Bewusst frauenzentriert und pornographisch, entfacht es ein Begehren, das
wie die Filme von Jack Smith über die eigene sexuelle Befriedigung hinaus,
brennend auf die Gemeinschaft gerichtet ist.
Der Titel ist Programm: Was läge näher (und weiter auseinander!) als in
einer Community gestützter/geschützter Atmosphäre einen riesigen Raum
für weibliche Sexualität zu sehen? Weiblich heißt hier "anders";
Experimente, in denen mit Farbe, Tape, Früchten und Nacktheit
Geschlechtsorgane angeheftet, geformt, und ausgetauscht werden. Unter
dem Schild "Femine Products" wird geboren und zerstochen, aus getrunken,
und -gelutscht, angefasst, oder, um mit der Anti-Pornongrafin Luce Irgaray
zu reden, "berührt". Zu einem erregt und süffisant vorgetragenem
Tagebucheintrag über die Stimmung vor einem Dreh zu Normal Love,
stürzen sich die Leiber beseelt ineinander.
Und das ist nur der Anfang. Obwohl die Kamera oft nah an lächelnden und
lachenden Gesichtern in dem von Sonne durchflossenem Raum, indem sich
Frauen und auch einige Männer verfugen, bleibt das Community Center
keine Schutzzone.

24 Hours Video
Ich ging während der Eröffnung mit der Info, "das da hinten ein lesbischer
Porno laufen würde" durch den gerüschten Vorhang und sah zwei Frauen
beim Sex. Sofort aufgehoben und gebannt, weil eine bekannte Phantasie,
nämlich Hustler Ledersex mit vom Spanken geröteter Haut und der
Präzision des sadomasochistischen Spiels vorgeführt wurde. Das Interesse
an dem was und wie die Beiden es sich geben, grade weil ihr Begehren dem
ihrer männlichen Kollegen an nichts nachsteht, wird nicht getrübt durch den
objektivierenden, voyeuristischen Blick auf zwei Frauen. Dafür gibt es viel
zu viel "Action." Es ist etwas entschieden anderes, wenn Frauen Pornos
drehen, weil die Doppelung der Frau, ihre Vorstellung als Objekt erledigt.
Besonders in diesem klassischen Pornomuster ist der häufige Wechsel von
Top und Bottom Position.

PorNo
Ende der 90ziger Jahre erlebte ich die anti-pornographische Welle im
Zusammenhang mit Post
Feminismus als eine Sicht jüngerer Kolleginnen und Kollegen, die sowohl
Machismo als auch weibliche, aggressiv vorgetragene Sexualität am Beispiel
von Künstlerinnen und Musikerinnen, ablehnten. Damit auch jede Art von
sadomasochistischen Spielen; Ausnahmen bestätigen die Regel. Männer und
Frauen trugen zu der Zeit gerne die gleichen Haarschnitte und ein wenig
Aufregung schien in einem eventuellen Rollentausch zu liegen. Das Modell
ältere Liebhaberin mit jüngerem Lover fing an sich zu etablieren oder auch
eine Feminisierung der maskulinen Sexualität durch asiatische Vorbilder, in
denen es weniger um "Entladung" als um einen Austausch von Energien
ging.

"Switch/Swich"
Aber auch beim Bondage/Dominance SM bleibt der Film auf keinen Fall
stehen. Es gibt alles. Phantasien, die Räume der Phantasie.. abgelegene
Trailer oder Waldlichtungen. L´après midi d´un Faun. Steckengebliebener
Sex/"Liebe", aus dem/der sich wiederum ein Wunsch entwickelt: eine
Dritte, Andere kommt dazu. Zu den zwanzig Szenen, die sich teilweise
wieder ineinander flechten, gibt es Tracks, die die Choreografie
mitbestimmen. Körper, die gebändigt werden wollen zu „My Pony“ von den
Chicks on Speed; mit Kraft und Härte: „The Bunnies Are Though!“
Während anfangs aus einer Unterhose noch ein wenig Pisse oder Samen
suppt, endet der Film mit einer Ejakulation. Damit gehört der Porno uns! In
einer Carwash Session werden die Wasserspiele noch mal komplett erhöht
und vorgeführt. Die eingeseifte Kamerafrau im Auto sieht vor sich schwarze
Kreise, ein esoterischer Reigen.

Alte und junge Feministinnen finden sich vereint in der Badewanne, das
weibliche Geschlecht als Tool, die Welt in sich aufzunehmen, sie auf
entsprechende Nützlichkeit hin zu untersuchen, das leibliche Wohl in Szenen
zwischen Eater und Feeder..

Das Heft, die "Cliffs Notes" zum Community Action Center, ist in der
Galerie zu haben. Dort ist z. b. der Wikipedia Eintrag zu den Femminist Sex
Wars abgedruckt ist und in vielen Fragmenten werden die Bezüge und
Vorbilder, die kulturelle und intellektuellen Einbindung des Projekts
klargemacht; von Porn Yesterday über Porn Today zu Porno Rama; gut
bebildert! Danke schön!

h.

Anm. (1)
Luce Irgaray arbeitete in Europa, Monique Wittig wanderte nach Kalifornien
aus, wo sich in San Francisco 1978 die "Samois" gründeten, als rein
lesbische BDSM-Gruppe

Anm. (2)
Ein Portrait von sich selbst herzustellen ist schon das Gegenteil der
Definition in Wittigs fiktiven Wörterbuch "For Lesbian Peoples": Woman:
(..) Its meaning was, "one who belongs to another".

(Auch das Reproduzieren gestische Spuren drückt eine absichtliche


Entfremdung vom "Natürlichen" aus.
Andererseits ist der Roman "The Lesbian Body" von Monique Wittig auch
der reinste Splatter.)

*auch "Lesbian Sex Wars", "Sex Wars" oder "Porn Wars


**siehe "The Lesbian Body", Monique Wittig,

*** "Art Worker´s Coalition" im Moma, New York, 1969


**** "Art Work" A National Conversation" Download:
http://www.artandwork.us/download
Der selbe Verlag bietet in seiner Reihe Temporary Conversations ein
Interview mit Suzan Gage an,
einer Mitbegründerin der "Feminist Health Centers". Frauen sollten dort
selbst ermächtigt werden, gynäkologische Untersuchungen vorzunehmen.
Als ehemalige Kunststudentin schuf sie nach ausführlichen Forschungen
über medizinische Darstellungen des weiblichen Körpers, die anleitenden
Illustrationen zu dem Buch "How to Stay out of the Gynecolist´s Office".
http://halfletterpress.com/store/index.php?
main_page=product_info&cPath=20_2&products_id=117

"Community Action Center" A.L Steiner und A.K. Burnes. Ausstellung,


70zigminütiges, soziosexuelles Video, dazu die Materialsammlung "Cliffs
Notes on Community Action Center" mit Poster und Tracklist.
Dort auch: "Randy" Magazin, Iss.1, Hsg. A.K.Burns&Sophie Mörner
Horton Galerie, Berlin 10969, Alexandrienstraße 4.
7.Okt. 4 Dez. , Do.-Sa. 12-18 Uhr und nach Vereinbarung 030 7469 9819.