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JAKOB BLEYER GEMEINSCHAFT e.V. Nr.

3/2019

E R EC H T E
DI A !
Ü R U N S D
SIN DF

Die Rechte sind für uns da!


Die JBG startet Aufklärungskampagne über die Minderheitenrechte

Aus dem Inhalt:


Minderheitenrechte im Paket: An den Rand der Änderung eines Änderungsantrags ohne viel Wirbel
Stets offen für Neues: Familienunternehmen Gabardin Meter- und Kurzwaren KG Mohatsch im Porträt
Armin Stein: Mein Ungarndeutschtum
Am 13. Oktober werden neue Nationalitätenselbstverwaltungen gewählt
„Auch ein Mensch, der zwanzig Sprachen beherrscht, gebraucht eines anderen Absatzes bezieht, den es bei der Endabstimmung
seine Muttersprache, wenn er sich in den Finger schneidet.“ nicht gibt. Ein Malheur oder Absicht?

-Jean-Paul Belmondo Das Sonntagsblatt hätte auch gerne die Meinung unseres
deutschen Abgeordneten kennen gelernt – aber auch diesmal
schwieg Emmerich Ritter, Anfragen blieben unbeantwortet. So
bleibt seine Rolle bei der Änderung des Änderungsantrags un-
Leitartikel s klar.

Nicht die einzige ungeklärte Frage, bei der man uns eine Antwort
schuldig bleibt!

Minderheitenrechte
im Paket
An den Rand der Änderung eines
Aktuelles s
Änderungsantrags ohne viel Wirbel

Von Richard Guth


Am 13. Oktober werden neue
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel – dieses Gefühl hatten vie- Nationalitätenselbstverwaltungen
le zum Beginn des alljährlichen Sommerlochs. Ein Änderungs- gewählt
antrag des stellvertretenden Ministerpräsidenten, der die Mit-
bestimmungsrechte der Nationalitäten bei der Ernennung der
Schulleiter zu beschneiden gedachte, sorgte für Unmut. Das Es ist fünf Jahre her, dass die ungarischen Staatsbürger das letz-
Medienecho blieb verhalten, selbst regierungskritische Medien te Mal bei den Kommunalwahlen ihre örtlichen Vertreter wählen
konzentrierten sich lediglich auf weitere umstrittene Punkte des konnten. Die Kommunalwahlen spielen nicht nur für die Mehr-
Antrags wie die Streichung der Mitbestimmung der Lehrerkolle- heitsgesellschaft, sondern auch für die Nationalitäten eine wich-
gien, Eltern- und Schülerbeiräte bei der Bestellung der Schullei- tige Rolle.
ter, das Erschweren der Erlangung des Status eines Privatschü-
lers und die Einschränkung der Lehrplanfreiheit an Schulen in Es werden nämlich die örtlichen, Komitats- und Landesnatio-
freier Trägerschaft – wahrlich betreffen diese Änderungen einen nalitätsselbstverwaltungen gewählt. Auf der Landesebene, wie
viel größeren Personenkreis und passen zu den gegenwärtigen gewohnt, gibt es nur eine Liste, wofür die künftigen Mitglieder
staatlichen Bestrebungen Autonomierechte einzuschränken. Als der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen nach ver-
Erstes berichtete das regierungskritische Portal index.hu, das zu schiedenster Methodik in den Komitaten bestimmt werden. Es ist
den meistgelesenen im Lande gehört, über die geplante Strei- schön, zu sehen, dass es immer neuere (und jüngere) Gesichter
chung der Mitbestimmungsrechte der Nationalitätenselbstver- auf der Liste auftauchen. Es ist sehr unterschiedlich je nach Ko-
waltungen. Ein herber Schlag, zumal sie vor Jahren bereits ihr mitat, ob die Neuen es tatsächlich in die LdU schaffen oder nicht.
Vetorecht eingebüßt hatten! Aus dem Komitat Pest stellen die Neueinsteiger fast die Hälfte
der elf Kandidaten, während dessen es unter den Branauer Elf
In solchen Fällen wäre es stets interessant zu erfahren, ob Jour- nur eine neue Person geben wird. Die neue LdU hat wichtige
nalisten darauf selbst aufmerksam wurden oder jemand sie auf Aufgaben - an erster Stelle soll aber eine aufrichtige Verarbei-
den Fall aufmerksam gemacht hat – wie auch immer, die bei- tung und Analyse der schwierigen Situation unserer Volksgruppe
den Index-Journalisten leisteten ganze und präzise Arbeit, die stehen. Dazu wünscht die JBG viel Erfolg und bietet seine Hilfe
Regierung hatte in der Tat vor, neben der Abschaffung der Mit- an!
spracherechte der Nationalitätenselbstverwaltungen (Zustim-
mungs- oder Einverständnisrecht je nach Profil der Schule) auch
noch den Passus zu streichen, wonach Schulleiteraspiranten an Anbei die Liste: (Quelle:LdU)
Nationalitätenschulen über eine entsprechende Ausbildung (und
so auch über aktive oder passive Sprachkenntnisse) verfügen
sollen. Letzteres nahm sich Dr. Koloman Brenner (Jobbik), der
sich als Erster zu Wort meldete, zum Anlass, um deutliche Kritik
zu äußern. Die ablehnende Stellungnahme der LdU ließ auch
nicht lange auf sich warten. Verwundert war man nicht zuletzt
auch deshalb, weil – nach unseren Informationen - auf einer Sit-
zung der Minderheitenvertreter im Ministerium für Humane Res-
sourcen über die geplanten Neuregelungen bei der Bestellung
von Schulleitern kurz vor der Einbringung des Antrags kein Wort
verloren worden sei.

Es folgten Tage der Stille, wir hörten, man arbeite an der Ände-
rung der Änderung. Der Termin der Endabstimmung nahte, die
aber kurzfristig doch verschoben wurde. Jeder war sich aber si-
cher, dass in Grundsatzfragen die Regierung nicht nachgeben
würde. So ist es gekommen, lediglich hinsichtlich einer Detail-
frage kam man den Kritikern entgegen. Bei der Frage der Mitbe-
stimmungsrechte der Nationalitäten, die Teil des Pakets waren,
wurden sämtliche Streichungsabsichten aufgegeben. Es wurde
aber ein neuer Punkt hinzugefügt, der sich aber auf einen Punkt

2 SoNNTAGSBLATT
Beseitigung des Mangels an Die Gründung des Otto-Heinek-Preises sowie die Annahme der
Regelung der Vergabe und der Ausschreibung waren ebenfalls
Nationalitätenpädagogen: Bessere wichtige Tagesordnungspunkte. Besonders die Förderung von
Perspektiven - Sommersitzung der ungarndeutschen Jugendlichen und jungen Erwachsenen soll
Vollversammlung der damit erreicht werden. Der Preis wird künftig an junge ungarn-
deutsche Wissenschaftler verliehen, die hohe Leistungen auf
Landesselbstverwaltung der einem ungarndeutschen Forschungsgebiet erbringen.
Ungarndeutschen
Die Vollversammlung behandelte auch den modifizierten Spiel-
08. Juli 2019, LdU-Pressedienst plan der Deutschen Bühne Ungarn für die Spielzeit 2019/2020.
Die Stücke „Robinson und Crusoe“, „Die acht Frauen“ und „Die
Möwe“ bleiben weiterhin im Spielplan. Für Kinder wird das Mär-
chen „Die fürchterlichen Fünf“ gezeigt und wer sich amüsieren
möchte, soll sich die Komödie „Die Studentin und Monsieur Hen-
ry“ ansehen. Die sechste Premiere wird das Schauspiel „Sechs
Tanzstunden in sechs Wochen“ sein.

Die Vollversammlung wurde auch über Förderungen aus


Deutschland informiert. Das Bundesministerium des Innern, für
Bau und Heimat ließ unlängst ungarndeutschen Selbstverwal-
tungen, Vereinen und Institutionen eine Summe von insgesamt
mehr als 106.000 Euro zukommen: Knapp 6.800 Euro dürfen nun
zum Ausbau von nachhaltigen überregionalen Kontakten zwi-
schen ungarndeutschen Siedlungen, Vereinen und Institutionen
bzw. deutschen Minderheitenorganisationen in den grenznahen
Gebieten der Nachbarländer verwendet werden; zur Erweiterung
und Modernisierung der technischen Ausstattung und zur Be-
LdU-Sitzung (Foto: Zentrum.hu) schaffung von Requisiten für die außerschulischen Programme
erhielten ungarndeutsche Schulen einen Gesamtförderbetrag
Zum ersten Mal von der neuen Vorsitzenden Ibolya Hock-Eng- von fast 50.000 Euro und 31 Kulturgruppen dürfen sich von fast
lender geleitet fand am 6. Juli die Halbjahressitzung der Vollver- 35.000 Euro neue Musikinstrumente und Trachten anschaffen.
sammlung der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen in
Budapest statt. Im Fokus der Tagung standen über aktuelle Fi- Das höchste Gremium der Ungarndeutschen diskutierte auch
nanz-, Bildungs- sowie kulturelle und politische Angelegenheiten die vom Abgeordneten Emmerich Ritter im Parlament aktuell
hinaus vor allem solche neue Möglichkeiten, die in erster Linie aufgegriffenen Angelegenheiten. Laut Vorlage des Haushalts-
auf die Motivierung ungarndeutscher Jugendlicher zielen, sich gesetzes 2020 sollten die 13 Nationalitäten Zusatzförderungen
erhalten – so Ritter. Die erhöhte Summe stehe ihnen vor allem
für ihre Nationalitätengemeinschaft einzusetzen.
zur Entwicklung und Verbesserung ihres Bildungswesens sowie
zur Renovierung ihrer Immobilien zur Verfügung. Ritter verdeut-
Die ungehinderte Aufrechterhaltung und Ausbreitung des im ver- lichte außerdem, dass die geplante Modifizierung des Nationalen
gangenen Jahr gestarteten Stipendienprogramms zur Behebung Erziehungs- und Bildungsgesetzes, das im Kreis der Akteure des
des unhaltbaren Mangels an Nationalitätenkindergärtnerinnen deutschen Nationalitätenbildungswesens auf starkes Echo ge-
war laut ihres Berichts eines der wichtigsten Projekte, an denen stoßen war und Empörung ausgelöst hatte, weil es die Rechte
LdU-Chefin Hock-Englender seit ihrer Ernennung am 25. Mai ge- der Nationalitäten beschränkt hätte, voraussichtlich doch nicht
arbeitet hat. Über diverse Vorstellungsgespräche in hohen na- realisiert wird. Nach der Veröffentlichung der Vorlage formulierte
tionalitätenpolitischen Kreisen sowie über Dienstreisen, Arbeits- die LdU ihre Ablehnung und ließ diese ihrem Parlamentsabge-
gespräche und Repräsentationsaufgaben im In- und Ausland ordneten sowie dem Ausschuss der Nationalitäten zukommen
und zwar mit dem ausdrücklichen Wunsch, die Interessen der
hinaus übernahm die Vorsitzende der Landesselbstverwaltung
Ungarndeutschen bei den Parlamentsdiskussionen in diesem
auch die Leitung der Erweiterung des Stipendienprogramms für Sinne zu vertreten.
Nationalitätenpädagogen. „Es handelt sich um ein Programm,
das der ungarndeutsche Parlamentsabgeordnete Emmerich Auf der aktuellen Vollversammlungssitzung wurde zugleich auch
Ritter initiierte und das durch die Kooperation der LdU, der an- rege darüber diskutiert, dass demnächst im Falle von gravieren-
deren 12 Nationalitäten und der Regierung durchgeführt wird. den Themen, die im Parlament zur Abstimmung gestellt werden,
Im Rahmen dieses Programms erhielten letztes Jahr 86 Stu- zwischen der LdU und Ritter eine noch intensivere Absprache
dentinnen und Studenten – darunter 77 ungarndeutsche – die stattfinden sollte.
Möglichkeit, einen bedeutenden monatlichen Studienzuschuss
zu bekommen. Nun planen wir, diese Chance ab dem nächs-
ten Schuljahr auch angehenden Nationalitätenlehrkräften zu si-
chern. Das dazu nötige Geld steht uns zur Verfügung.“ Ibolya
Hock-Englender unterstrich, dass so über 400 Studierende der
diversen Nationalitäten, die sich für das Studienjahr 2019/20 für
die Fächer Nationalitätenkindergarten- und Nationalitätenschul- Mikrozensus 2016: Was steckt
pädagogik als Direkt- oder als Fernstudium immatrikulieren, die hinter den falschen Zahlen?
Gelegenheit bekommen, eine Studienförderung zu erhalten. Die
monatliche Summe beträgt bis zu 75.000 Forint. Geförderte Stu-
dierende sollen sich dazu verpflichten, längerfristig an Nationa- Von Patrik Schwarcz-Kiefer
litätenkindergärten und Nationalitätenbildungseinrichtungen zu
arbeiten und sich auch privat für ihre Volksgruppe einzusetzen. In den vorigen Artikeln, in denen wir uns mit dem Thema Mikro-
Der Aufruf wird voraussichtlich Anfang des nächsten Schuljah- zensus beschäftigt haben, wurde das Phänomen der unrealis-
res veröffentlicht. Für die Projektkoordinierung ist nach wie vor tisch hohen Zahl der „Angehörigen der deutschen Minderheit“
das Ungarndeutsche Pädagogische Institut am Valeria-Koch-Bil- bereits angesprochen. In der offiziellen Ausgabe des Statisti-
dungszentrum zuständig sowie die Geschäftsstelle der LdU. schen Landesamtes (KSH) sehen wir eine interessante Statistik:
(Fortsetzung auf Seite 4)
SoNNTAGSBLATT 3
Unter allen Minderheiten ist bei den „Angehörigen der deutschen dass „besonders eine kleine Minderheit (...) den verfassungsmä-
Minderheit“ der höchste Anteil derjenigen zu finden, die nur we- ßigen Schutz sowie eine entsprechende finanzielle Ausstattung“
gen der Angabe von Deutsch bei der Frage nach der „Im Freun- benötigt, will sie auch künftig ihr kulturelles Erbe erhalten und als
des- und Familienkreis benutzten Sprache“ in die Statistik als Volksgruppe bestehen. Wie Darman verweist auch DWA-Präsi-
„Ungarndeutsche“ aufgenommen wurden: Dies macht 31% der dent Peter Wassertheurer seit Jahren auf das Beispiel anderer
gesamten Minderheit aus! kleiner Volksgruppen in Slowenien wie der ungarischen oder der
italienischen, die beide in der slowenischen Verfassung als auto-
Wer die Situation der Ungarndeutschen nur oberflächlich kennt, chthon anerkannt sind und über entsprechende öffentliche Mittel
weiß auch, dass es keinen Schwaben gibt, der sich nicht als und Sonderrechte verfügen. „Von solchen Begünstigungen kann
Deutscher/Schwabe/Ungarndeutscher identifiziert, aber die die deutsche Volksgruppe, die teils auf eine über 800-jährige Ge-
deutsche Sprache im Alltag benutzt. Das Deutschtum des Lan- schichte zurückblicken kann, nur träumen“, meint Wassertheurer,
des kann anhand der Sprache einfach nicht mehr identifiziert der in dieser Sache auch mehr Engagement seitens des österrei-
werden, sie wird Jahr für Jahr unwichtiger für die Identität. Des- chischen Außenministeriums erwartet. „Außer einer sich gebets-
halb muss man auch an dieser Stelle hervorheben: Laut dem Mi- mühlenartig wiederholenden Ankündigungspolitik ist seit der Un-
krozensus 2016 leben etwa 100 000 Ungarndeutsche in Ungarn. abhängigkeit Sloweniens aus Wien eigentlich nichts geschehen“,
Und nicht mehr! kritisiert Wassertheurer, der auch die Kärntner Landesregierung
unter Peter Kaiser in die Verantwortung nimmt. Positiv erwähnt
Wassertheurer hingegen den von den beiden Parlamentspräsi-
Das Komitat Raab-Wieselburg-Ödenburg ist ein Landesteil,
denten Wolfgang Sobotka und Dejan Zidan angekündigten öster-
in dem die Zahl der Deutschen seit 2001 kontinuerlich steigt.
reichisch-slowenischen Historikerdialog. Für Wassertheurer kann
2001 gab es nur 5 543, 2011 bereits 12 203 und 2016 12 378
dieser dazu dienen, nachhaltig aufzuzeigen, dass die Angehöri-
„Deutsche“ - ein neuer Rekord. Es wäre schön, wenn sich das gen der deutschen Volksgruppe in Slowenien nach dem Zweiten
Deutschtum dieser von der Vertreibung hart getroffenen Region Weltkrieg aufgrund ihrer antifaschistischen Haltung und ihrer da-
so entwickelt hätte. Hinter der Steigerung steckt aber leider was maligen Loyalität der jugoslawischen Staatsmacht gegenüber im
anderes: die hohe Zahl der Menschen, die im Alltag Deutsch be- Land verbleiben durften und folglich von den Beschlüssen des
nutzen. Um dies zu beweisen, müssen wir einen Blick auf die AVNOJ nicht betroffen waren. „Sie heute in einem Atemzug mit
Statistik von 2011 zu werfen. dem NS-Regime zu nennen, ist nicht nur historisch völlig falsch,
sondern bildet ungerechtfertigterweise auch die Grundlage für
2011 gab es nur 5 145 Personen, die bei mindestens einer die bis heute anhaltende Diskriminierung“, erklärt Wassertheurer
der beiden Fragen nach der Volkszugehörigkeit „Deutsch” an- abschließend, der weiters fordert, dass die Rolle der deutschen
gegeben haben, die restlichen 7 058 wurden zu „Angehörigen Volksgruppe in der Zeit im und nach dem Zweiten Weltkrieg in
der deutschen Minderheit“ aufgrund der Angabe der deutschen diesem österreichisch-slowenischen Historikerdialog differen-
Muttersprache oder „Im Freundes- und Familienkreis benutzten ziert untersucht wird. Die Ergebnisse zu diesem Punkt sollen
Sprache“. Diese (zweite) Gruppe stellt mit 58% die Mehrheit un- dann, wie Wassertheurer betont, für das slowenische Parlament
ter „den Angehörigen der deutschen Minderheit“. Als Vergleich in seiner Haltung zur Diskussion nach einer Anerkennung des
nehmen wir das Beispiel der Branau, da lag der Anteil dieser autochthonen Volksgruppenstatuts für die Sloweniendeutschen
Gruppe bei 14%! wegweisend und bewusstseinsbildend sein. Ethnisch motivierte
Diskriminierungen widersprechen zudem nationalem wie auch
Das bedeutet nichts anderes, als dass die Zahlen dieser Volks- den Minderheitenstandards in der EU.
zählungen ein falsches Bild vermitteln: Im Komitat Raab-Wiesel-
burg-Ödenburg (und vielen anderen Komitaten auch) werden in
der Statistik auch solche als Deutsche geführt, die wahrschein-
lich wegen eines nicht ausreichenden Informationsstands die
deutsche Sprache bei den Fragen nach der Volkszugehörigkeit
angeben. Sie machen da die Mehrheit aus und diese Statistiken
werden überall zum Zweck der positiven Dartellung der ungari- Wenn der siebzigjährige Portugiese
schen Minderheitenpolitik verwendet. Die Zahlen werden höher, mit der siebenjährigen Estin Kultur
ja, aber so, dass solche zu „Ungarndeutschen“ werden, die es
nicht einmal wissen...
schafft
(Um die im Artikel verwendeten Begriffe richtig verstehen zu kön- Ein Gastbeitrag von Ingrid Manhertz
(Werischwarer Heimatwerk)
nen, empfehlen wir unseren ersten Artikel über den Mikrozensus
zu lesen - Mikrozensus 2016 (Teil 1): 30 000 Menschen weniger Ist es zu früh oder zu spät? Eine wichtige Frage auf der Europea-
bekennen sich zur deutschen Volkszugehörigkeit!, SB 01-2019.) de! Nicht nur wegen der Nächte, die sich in Morgen verwandeln,
sondern wegen der Tage, die in der Tracht durchgetanzt und
-gesungen werden! Das diesjährige Festival hat in Frankenberg,
Hessen, stattgefunden. Für uns Donauschwaben ist es immer et-
was Spezielles, wenn die Europeade in einer Region organisiert
wird, wo wir uns zum Teil auch daheim fühlen. Plötzlich kom-
men Leute jubelnd zu unserem Auftritt und am Ende stellt es sich
DWA begrüßt historischen Dialog heraus, dass sie aus unserem Nachbardorf zu Hause stammen
Wien - Laibach - Klagenfurt – vertriebene Ungarndeutsche und ihre Kinder. An der Europea-
de vergehen plötzlich fünf Tage begleitet von einem Gefühl, als
(Wien, 25. August 2019) ob wir schon immer da gewesen wären und sich alle Teilneh-
mer schon seit Ewigkeiten kennen würden. Egal, ob man ein 70
Jahre alter portugiesischer Musikant ist oder eine sieben Jahre
Mit großer Zustimmung nimmt die Deutsche Weltallianz (DWA) alte estnische Tänzerin - jeder nimmt ein Stück von der Kultur
die jüngsten Äußerungen und Forderungen der FPÖ-Kärnten der anderen mit nach Hause, einen Tanzschritt, ein traditionelles
zur Diskussion um die Anerkennung der deutschen Minder- Getränk oder eventuell auch Ideen, was man im eigenen Verein
heit in Slowenien als autochthoner Volksgruppe zur Kenntnis. besser machen könnte. Auch wir Mitglieder des Werischwarer
FPÖ-Landesobmann Gernot Darman meint nämlich ganz richtig, Heimatwerkes kommen während des Festivals einander näher.
4 SoNNTAGSBLATT
Die gemeinsamen Erlebnisse und die zahlreichen Eindrücke von am Kulturprogramm als auch in der Nacht am Schwabenball teil-
anderen Kulturen geben uns eine riesige Motivation für das gan- genommen haben. Man sah viele Autos mit ausländischen Kenn-
ze Jahr, unsere Ziele zu verfolgen und die dazu führenden Wege zeichen (vor allem deutsche und niederländische), aber in der
nicht zu verlassen. Die Europeade ist eine großartige Veran- Branau überrascht das keinen mehr; die Ab- und Auswanderung
staltung mit der Teilnahme von tausenden Leuten und mehrere bedeutet ein großes Problem und es ist ja bekannt, dass viele für
hundert Jahre alten Kulturen. Dadurch wird der eigenen Tätigkeit solche Programme in die Heimat reisen.
eine unwiderlegbare Geltung verschafft.
Obwohl das ganze Programm zweisprachig moderiert wurde,
hörte man leider selten deutsch kommunizierende Teilnehmer.
Manchmal hörte man aber auch Schwäbisch, aber es dominierte
die ungarische Sprache.

Abschließend kann man nichts anderes sagen, nur, dass es sich


20. Blaufärberfestival in Großnaarad lohnt nach Großnaarad zu fahren und am Blaufärberfestival teil-
zunehmen. Diese Tradition ist ein Schatz, deshalb sollten immer
Von Patrik Schwarcz-Kiefer mehr Menschen sie kennen lernen, umso besser, wenn sie sich
dann Kleidung mit Blaufärbermotiven anfertigen lassen. Das ist
ja eine Möglichkeit dafür, dass man die Motive der Volkstracht in
einer modernen, alltäglichen Form tragen kann.

Über das Schicksal der


Ungarndeutschen in Berlin
20.Gedenktag der Opfer von Flucht
und Vertreibung am 20. Juni

In diesem Jahr fand das Blaufärberfestival zum 20. Mal statt, Von Dr. Kathi Gajdos-Frank
dessen Gastgeber, wie gewohnt, die in der Südbranau liegende
Gemeinde Großnaarad/Nagynyárád war. Das zweitägige Pro- Am 20. Juni 2019 konnte ich an der Vorveranstaltung zum Ge-
gramm bot den Teilnehmern zahlreiche Möglichkeiten zum Ver- denktag von Flucht und Vertreibung, an der Podiumsdiskussion
weilen an, angefangen bei den ungarndeutschen Kulturprogram- im Konferenzzentrum des Bundesministeriums des Innern, für
men bis hin zu verschiedenen Konzerten. Natürlich konnte man, Bau und Heimat (Alt-Moabit 140, 10557 Berlin) und auch an der
wie immer, auch mehr über die von der UNESCO anerkannte un- anschließenden offiziellen Gedenkstunde im Deutschen Histo-
garndeutsche Tradition Blaufärben erfahren. Die Besichtigung rischen Museum (Zeughaus, Unter den Linden 2, 10117 Berlin)
der Blaufärber-Ausstellung lohnte sich auf jeden Fall, da die Pro- teilnehmen. Seit 2015 gedenkt die Bundesregierung jedes Jahr
dukte aller traditionellen Blaufärber des Landes ausgestellt wur- am 20. Juni der Opfer von Flucht und Vertreibung.
den. Neben den alten, typischen Produkten wie zum Beispiel die
Tischdecken bot das Festival auch Platz für Neuerungen: Eine
Mischung von modernen Brautkleidern und Blaufärberprodukten
zeigt, wie man durch Innovation das Weiterleben der alten Tradi-
tion sichern kann.

Wer sich dafür interessierte, wie man blaufärbt, konnte sich die
alte Werkstatt von Johann Sárdi, dem vor 2 Jahren verstorbenen
Werkmeister, anschauen. Der traditionelle Beruf wird von seinem
Sohn weitergeführt; so ist die Werkstatt weiterhin im Betrieb und
hier kann man auch Blaufärberpattern aus der Ansiedlungszeit
der Donauschwaben finden. Wie Sárdi jr. erzählte, gibt es immer
genügend Bestellungen, und die Produkte sind auf den verschie-
denen Märkten beliebt. Die größte Herausforderung im Leben
der Blaufärber scheint die Frage des Nachwuchses zu sein; lei-
der hört man von sehr vielen Blaufärberfamilien, dass der Beruf
in den kommenden Generationen nicht weitergeführt wird. Des- Podiumsdiskussion mit Zeitzeugen
wegen ist es erfreulich, dass der frisch in Rente gegangene Sárdi
jr. die Stafette übernommen hat. Am Vormittag begegneten sich Zeitzeugen, junge Erwachsene
und Schüler im Bundesministerium des Innern, für Bau und Hei-
Drei Minuten Fußweg vom Veranstaltungsort entfernt befindet mat, um über das Schicksal der vertriebenen Deutschen nach
dem Zweiten Weltkrieg zu reden. Zum dritten Mal hatte das BMI
sich die römisch-katholische Kirche von Großnaarad, die un-
vor der Gedenkstunde zu einer Podiumsdiskussion eingeladen
längst saniert wurde. Neben den ungarischen sind dort auch alte
und in diesem Jahr stand das Schicksal der Ungarndeutschen,
deutsche Aufschriften zu finden. Neben der schönen Kirche wur-
die nach dem Zweiten Weltkrieg in sowjetische Gefangenschaft
den auch die Stationen vom Leiden und Sterben Christi - aus-
gerieten und später – aufgrund ihrer Volkszugehörigkeiten - in
schließlich mit deutschen Aufschriften - renoviert.
den ungarischen Internierungslagern erneut Zwangsarbeit leis-
ten mussten - durch das Gespräch mit Herrn Georg Richter
Was die Teilnehmer betrifft, kann man sagen, dass viele sowohl (Fortsetzung auf Seite 6)
SoNNTAGSBLATT 5
im Mittelpunkt. In meiner Dissertation habe ich sein Schicksal Vertreibung, jede ethnische Säuberung – gleichgültig wo, wann
eingehend bearbeitet, und als wir uns im Jahre 2017 auch per- und warum – sei immer ein Verbrechen, sagte er im weiteren und
sönlich treffen konnten – und ich Herrn Richter seine Akten aus war der Meinung, dass Europa den Tatbestand der Vertreibung
den Jahren 1950-1953 aus dem Archiv der ungarischen Staats- für die Zukunft sanktionsfähig normieren muss.
sicherheitsdienste überreichen konnte – war dieser Moment für
uns beide – für die Erlebnisgeneration und für die Enkelgenera- Musikalisch wurde die Gedenkstunde von der Karajan-Akademie
tion – unvergesslich. Herr Richter war an diesem Gedenktag ein der Berliner Philharmoniker e. V. mit Werken der Komponisten S.
besonderer Gast, ein Brückenbauer, ein Zeitzeuge, der viel zu Prokofiev, M. Weinberg und K. Weill umrahmt. Nach dem Pro-
erzählen hatte. gramm konnten die Gäste beim Empfang über diese Themen Ge-
spräche führen. Zeitzeuge Herr Georg Richter war sehr berührt,
Die Rolle von Zeitzeugen - wie die von Herrn Richter - betonte in fand die Reden ausgezeichnet und freute sich darüber, dass
seinen Begrüßungsworten der Parlamentarische Staatsekretär hier, an diesem Gedenktag in Würde, mit der angemessenen
beim BMI, BdV, Vizepräsident Stephan Mayer, als er über eine Ehrerbietung und mit Empathie der menschlichen Pflicht des Er-
aktive Erinnerungskultur – gerade für die jungen, heranwachsen- innerns und des Gedenkens nachgekommen wurde. Flucht und
den Generationen – sprach. Neben dem ungarndeutschen Zeit- Vertreibung sind ein Teil unserer Geschichte: Millionen Deutsche
zeugen Herrn Georg Richter aus Nemesnádudvar/Nadwar (92 mussten im 20. Jahrhundert aufgrund von Flucht, Vertreibung,
Jahre alt, heute lebt er in Ulm) stellten sich auch eine Zeitzeu- Zwangsumsiedlung und Deportation ihre Heimat verlassen. Da-
gin, Frau Dr. Maria Werthan, Präsidentin des Frauenbundes des bei kamen Hunderttausende Menschen ums Leben, wurden in
Bundes der Vertriebenen, sowie eine russlanddeutsche Social Internierungslagern körperlich und seelisch verletzt oder verloren
Media-Aktivistin, Irina Peter, und der Organisator des Brünner durch die Vertreibung ihr Hab und Gut. Die historische Aufarbei-
Gedenk- und Versöhnungsmarsches, Jaroslav Ostrcilík, den tung dieser Ereignisse und das Gedenken an die Opfer werden
Fragen. Die Podiumsdiskussion war sehr interessant, und Frau von der Bundesregierung auch mit Hilfe solcher Gedenktage un-
Bavendamm, Direktorin der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Ver- terstützt. Ich bin der Meinung, dass wir am 20. Juni in Berlin alle
söhnung“, moderierte die Gespräche ausgezeichnet. Das bewei- in angemessener Weise unserer Opfer gedacht haben.
sen auch die guten Fragen der Schüler aus den Schulklassen
aus Deutschland und Rumänien – vor allem an den Zeitzeugen
Herrn Georg Richter. Durch solche erfolgreiche Veranstaltungen
können die Themen Flucht und Vertreibung im gesellschaftlichen
Bewusstsein gestärkt werden, was heute vielleicht noch wichti-
ger ist als früher.
Kunterbunt
Offizielle Gedenkstunde
Kindergärten in der Trägerschaft örtlicher deutscher
Am Nachmittag um 13.00 Uhr im Rahmen einer Gedenkstunde Selbstverwaltungen – Teil 3: Kindergärten im Porträt:
im Zeughaushof des Deutschen Historischen Museums in Berlin 4. Der Kindergarten Wemend
begrüßte Herr Bundesinnenminister Seehofer die Gäste und be-
tonte die Lebensleistung der deutschen Vertriebenen nach dem Von Richard Guth
Zweiten Weltkrieg. Er war der Meinung, dass aus der Erfahrung
der Vergangenheit heraus dieser Gedenktag eine Mahnung, ein „Entscheidend waren und sind für uns die moralische Unterstüt-
Weckruf für die Gegenwart sei. Demokratie braucht Erinnerung. zung der Trägerin, die Erwartungen der Eltern und die Motiva-
Auf die Begrüßungsworte von Herrn Bundesinnenminister folgte tion der Mitarbeiter”, beginnt Maria Umstädter-Gasz, die bis vor
ein Grußwort und ein Gebet von Bischof Reinhart Guib, Evange- kurzem den Kindergarten in der Branauer Gemeinde Wemend/
lische Kirche A.B. in Rumänien. Véménd leitete - und dies zwölf Jahre lang -, unser Gespräch.
Wir unterhalten uns über Gegenwärtiges und Vergangenes, aber
Herr Dominik Bartsch, Vertreter des Hohen Flüchtlingskommis- auch ein Blick in die Zukunft darf nicht fehlen.
sars der Vereinten Nationen in Deutschland, hielt danach eine
berührende Rede, in der er zuerst über die Geschichte eines am Der Kindergarten in Wemend im Kreis Petschwar wird seit Sep-
Ende des Zweiten Weltkrieges erst 7 Jahre alten Mädchens er- tember 2015 von der örtlichen deutschen Selbstverwaltung ge-
zählte, das mit seiner Mutter und mit seinen zwei Geschwistern tragen. Eine Entscheidung, die sich auch finanziell gelohnt hätte.
die Heimat verlassen musste. Während der Flucht ist sein jünger Zuvor hatte sich auch der Gemeinderat von Wemend bemüht,
Bruder (Säugling) gestorben, ruhet also heute in einem fremden die Einrichtung zu unterstützen. Dank der Grundfinanzierung
Land. Dieses Mädchen ist heute 80 Jahre alt. Nach dieser Ge- und der Bewerbungsgelder konnte die Dorfküche erneuert wer-
schichte erzählte Herr Bartsch mit bewegenden Worten über die den, der der Kindergarten laut Umstädter-Gasz 28 Millionen
heutigen 7-jährigen Mädchen, die aus ihrer Heimat flüchten müs- Forint (88.000 Euro) beigesteuert hat. Vor kurzem wurde ein
sen, und erinnerte das Publikum an die aktuellen Flüchtlingsthe- Projekt in Höhe von fünf Millionen Forint (16.000 Euro) abge-
men. „Während ich hier rede, werden weiter Menschen verfolgt“, schlossen, in dessen Rahmen der Spielplatz auf dem Hof und
sagte Herr Bartsch. die Küche erneuert sowie Geräte gekauft und die IT-Infrastruktur
weiter ausgebaut worden seien, so Umstädter-Gasz. Sie weist
Die Hauptrede hielt Frau Professor Aleida Assmann, Trägerin gleichzeitig ausdrücklich darauf hin, dass es vordergründig nicht
des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2018. Frau um das Mehr an Geld gehen würde: „Bei uns kommt es vom
Professor Assmann betonte in ihrer Ansprache die Rolle der Er- Herzen, zumal wir alle die Stifolder Wemender Mundart von zu
innerungskultur, die als Erinnerung und Gedenken an die Opfer
Hause aus sprechen.” Mit „wir“ sind die Kolleginnen Rita Szelig
der Flucht und Vertreibung nunmehr in allen betroffenen Län-
und Alexandra Aszmann-Barta gemeint, die dem Gespräch auch
dern, also grenzübergreifend stattfinden soll. Das Schlusswort
beiwohnen. Entscheidend für die Ausrichtung der Bildungsein-
der Gedenkstunde hielt Herr Dr. Bernd Fabritius, Präsident des
richtung sei stets die Person der Leiterin, darin sind sich alle drei
Bundes der Vertriebenen. Herr Dr. Fabritius erinnerte das Publi-
einig, und rufen Zeiten in Erinnerung, als der Kindergartenlei-
kum an den Winter 1945, an die Zeit der Flucht und Vertreibung
tung die Vermittlung der Sprache und der Traditionen nicht so
der Deutschen und an die Zeitzeugen, die uns vom Kampf ums
wichtig gewesen, gar verpönt gewesen sei. Dies könnte nach
Überleben berichteten. Dieses Unrecht, das rund 15 Millionen
Ansicht meiner Gesprächspartnerinnen auch an der Geschichte
Deutschen widerfahren ist, und dessen Folgen haben unsere
Identität ganz erheblich geprägt, betonte Herr Dr. Fabritius. Jede des Dorfes nach 1945 liegen, denn anfangs habe sich - wie in
vielen anderen Dörfern - das Zusammenleben Neusiedlern (ung.
6 SoNNTAGSBLATT
telepesek) nicht einfach gestaltet. Dennoch habe der Fleiß der Gefestigt hat sich die nötige Struktur, um zum Beispiel Bewer-
Schwaben für viele Sekler als Vorbild gedient. Heute gebe es in bungsgelder, Stipendien oder sonstige Fördermittel abzurufen.
den jüngeren Generationen kaum noch Ehen, die nicht gemischt Da in diesem Bereich Interessen-Disharmonie herrscht, ist die
seien. Dies gelte auch für die Roma, die sich nach Eindruck der Bestrebung klar nachvollziehbar, wie einige Klans als Interes-
Kindergärtnerinnen integrationswillig zeigen. Viele Roma-Kinder sengemeinschaft auf der Führungs- und Verteilerebene bestrebt
würden zudem zweisprachig aufwachsen, auch deshalb hätten sind, sich durchzusetzen. Diese Kreise bilden Lobbys in ihrem
die meisten ein gutes Sprachgefühl. Vor einigen Jahren lag nach eigenen Interesse, um die Mittel „handfest” zu machen. Ihre Pro-
Angaben meiner Gesprächspartnerinnen der Anteil der Roma- jekte verschlingen einen bedeutenden Teil dessen, was für die
kinder bei etwa 30 %, heute ist deren Anteil aufgrund sinkender Volksgruppe allgemein zur Verfügung steht und - wie anzuneh-
Geburtenzahlen bei den Roma-Frauen wesentlich geringer. Die men - auch effektiver verwendet werden könnte.
Mehrheit stellten immer noch die Kinder, wo mindestens ein El-
ternteil ungarndeutsch oder deutscher Abstammung ist. Zudem Gut zu beobachten ist, wie der Generationswechsel ebenfalls
gebe es in fast jeder Gruppe Kinder, die Deutsch - meist Hoch- durch die Positionierung eigener Kinder, Enkelkinder und Ver-
deutsch - von zu Hause mitbringen. Fast in jeder Familie gebe es wandte geschieht. Darin sehe ich nicht nur die Gefahr einer
Verwandte, die im Ausland - oft im deutschsprachigen – arbeiten. Degeneration der Vertreter der Volksgruppe, die mangels Wett-
Eine häufige Konstellation sei wie auch anderswo in Südungarn, bewerb zu erwarten ist, sondern es wird auch durch das gegen-
dass ein Elternteil im Ausland arbeitet und die Familie weiterhin seitige Desinteresse der theoretischen (im Prinzip in Stich gelas-
in der Heimat lebt. senen) Basis und der künstlich etablierten Führungsschicht das
Gefühl einer Zugehörigkeit zur Volksgruppe erlöschen.
Die deutschen Kindergärtnerinnen bemühen sich, nur deutsch
zu sprechen, was eine besondere Herausforderung darstelle, da Eine ungarndeutsche Bekannte sagte mir unlängst, wer geschickt
es ja kaum Kinder mit deutscher Muttersprache gebe. Am Ende ist, könne heute gut zur Geltung kommen („natürlich” erklang der
des letzten Kindergartenjahres seien passive Sprachkennt- Satz in Ungarisch und hieß: „Aki ma ügyes, az jól érvényesül.”).
nisse vorhanden, die Besseren würden bei vertrauten Themen Der Satz war ehrlich ausgesprochen, nur ohne eine Tiefenschau,
auf Deutsch antworten. Nach Eindruck von Rita Szelig sollte die was so etwas in der Wirklichkeit bedeutet. Denn wo bleibt die
Grundschule diese Kenntnisse mehr nutzen und den Gebrauch Frage nach einem Talent, nach der Moral – und danach, ob es in
der deutschen Sprache nicht nur auf die Stunden beschränken. der Tat „geschickt“ heißt, wenn man auf einem Servierwagen an
sein „Glück” herangeschoben wird…
Alexandra Aszmann-Barta möchte in der Zukunft das Deutsche
im Alltag stärken und den Kindergarten weiter mit interaktiven Wenn man das Herangehen eines Jakob Bleyer ins Auge fasst,
Hilfsmitteln ausstatten. Darüber hinaus ist die Einrichtung eines gab es doch Personen in der Geschichte, die ganz anders ge-
Förderraumes geplant sowie die Stärkung der Zusammenarbeit dacht haben und mit offenen Augen danach getrachtet haben,
mit der Grundschule und den Kindergärten der Umgebung. Der die Begabung in den eigenen Reihen zu entdecken und Men-
Nachwuchs bereite wie anderswo Sorgen, zumal viele der Prak- schen mit Talent einzugliedern und als Kampfgenossen für die
tikanten kaum noch Bezüge zum Ungarndeutschtum hätten und Deutschen in Ungarn auf den Weg mitzunehmen. Nun, ja, wer
auch die Sprache nicht gut genug beherrschten. ist heute noch ein Jakob Bleyer unter den Ungarndeutschen ...?

Die menschliche Untugend ist stark, besonders wenn es um


Merkwürdigkeiten s die eigenen Vorteile geht. In Anbetracht der Mehrheit im Land
ist die Nationalitätenfrage heute in ihrer letzten Sackgasse. Die
Angehörigen der Volksgruppen sind in ihrer Substanz verdünnt,
die Vertreter von ihrer Masse losgelöst und institutionalisiert. Die
Sprache ist selbst aus den Familien verdrängt – man kann auch
Wo werden wir denn hingesteuert? sagen, aus der Mode gekommen. Schade, meine Damen und
Herren, aber wir haben uns doch sehr billig verkaufen lassen!
Von Georg Sawa

Bereits im 19. Jahrhundert etablierte sich besonders in Sieben-


bürgen eine blühende deutsche Parteienlandschaft, die die auf
dem Gebiet lebenden deutschen Bürger nicht nur vertrat, son-
dern auch zusammenhielt und in ihrer Identität stärkte. Die Aus-
wirkungen davon haben sich bis heute als nachhaltig erwiesen.
Bis diese Bestrebungen seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts
auch im heutigen Ungarn Fuß fassen konnten, waren die Bestre-
GEFÄLLT IHNEN DAS
bungen zur Herausbildung eines politisch und kulturell agieren-
den Deutschtums schon durch die Ereignisse der Weltpolitik so- SoNNTAGSBLATT s ?
wie auch durch die nationale/nationalistische Reaktion Ungarns
auf die Zerstückelung nach dem Ersten Weltkrieg letzten Endes
gescheitert. Nachdem während des Sozialismus die leitenden
Personen vom Einparteienstaat eingesegnet und in einen Funk-
tionärsstatus erhoben werden mussten, um die Kontrollierbarkeit
zu garantieren, entstand eine Elite, die nicht in direkter Bezie-
hung zur Basis der Volksgruppe stand. IHRE SPENDE IST DIE
Obwohl es nach der Wende kurzfristig eine tiefgreifende Debatte
unter den Ungarndeutschen gab, die durch die Einrichtung der
JA-ANTWORT!
Selbstverwaltungen bis zur Landesebene zur Entwicklung einer
grundlegenden politischen Struktur geführt hat, gibt es bis heu-
te keinen Durchbruch in der Richtung der öffentlichen und fami-
liären Neubelebung der deutschen Sprache oder der Mundart.

SoNNTAGSBLATT 7
Wieder die Siebenbürger - tschangomadjarischer Verwandtschaft, dem die Angelegenheit
etwas peinlich erschien. Er sagte, dies sei eine Entscheidung
zum Stellenwert der (Groß-) Muttersprache des Pfarrgemeinderates mit überwiegend ungarndeutschen Mit-
gliedern gewesen.
Von Richard Guth
Den Wert der eigenen (Groß-) Muttersprache erkennen – dies
scheint anderswo und nicht nur in Siebenbürgen eine Selbstver-
ständlichkeit zu sein, auch wenn es in vielen Fällen mit Mühen
und Kampf verbunden ist. Nur in unserem kleinen Lande fällt es
vielen schwer - aus welchem Grund auch immer - den Wert der
eigenen (Groß-) Muttersprache zu erkennen. Oft bedürfte es
aber des Schrittes, die eigene Komfortzone zu verlassen, wie
unser Coredakteur Patrik Schwarcz-Kiefer in den letzten Mona-
ten in mehreren Beiträgen forderte. Unter diesem Gesichtspunkt
könnte die Frage der Pfarrerin ruhig mal als eine rhetorische ver-
standen werden.

Wieder die Siebenbürger (auch wenn es angesichts der Tatsa-


che, dass es im Weiteren auch um Menschen mit Banater und Wir sind doch Donauschwaben!
tschangomadjarischen Wurzeln gehen wird, um eine nicht sach-
gemäße Sammelbezeichnung handelt) – dachte ich mir, als ich Von Patrik Schwarcz-Kiefer
beim Surfen im Facebook auf einen Beitrag der Pfarrerin der Ver-
einigten Evangelischen Pfarrgemeinden Wandorf/Sopronbánfal- Man streitet und diskutiert darüber seit langem, ob die Ungarn-
va und Agendorf/Ágfalva, Eszter Heinrich, aufmerksam wurde. deutschen sich Donauschwaben nennen sollten oder nicht (hier
Die Pfarrerin war mit einer kleinen Delegation in Mediasch zu geht‘s natürlich nicht um die in Westungarn verbliebene Heanzen,
Gast, wo die Berliner Evangelische Akademie eine Konferenz sondern um die „wahren“ „Schwaben“, die nach den Türkenkrie-
veranstaltete. Die Pfarrerin berichtete auf der Seite der Kirchen- gen im Königreich Ungarn angesiedelt wurden). In der letzten Zeit
gemeinde im Ödenburger Land über ihre Eindrücke, den Pro- scheint es so, dass dieser Begriff aus der ungarndeutschen Um-
zess der Neuordnung der siebenbürgischen evangelischen Ge- gangssprache gänzlich verschwindet. Eine große Ausnahme ist,
meinden nach dem Exodus in der Wende- und Vorwendezeit, wenn der Weltdachverband der Donauschwaben sein Welttreffen
über die Bedeutung der Diasporaarbeit, wo sich Pfarrer des Me- in Ungarn organisiert. Jugendliche und ältere Jugendliche aus
diascher Kirchenbezirkes sams- und sonntags mit Kleinbussen der ganzen Welt (vor allem aus den USA, Kanada und Brasilien)
auf den Weg machen, um Gemeindemitglieder abzuholen und nehmen an dieser zweiwöchigen Veranstaltung teil um das Leben
an einen Ort zu bringen, wo sie gemeinsam Gottesdienst feiern, und die Kultur ihrer Vorfahren kennen lernen zu können. Ich hat-
und über die Aktivitäten der Medischer Gemeinde mit Bibelstun- te auch die Gelegenheit, mich nur für paar Stunden dieser Grup-
den und Brotbacken. Der Bericht endet mit einer bemerkenswer- pe anzuschließen; und diese Erfahrung werde ich nie vergessen.
ten Pointe: Im Gespräch mit Mediascher Gemeindemitgliedern
In Bohl/Bóly und dann in Taks/Taksony konnte ich mich mit den
erzählten diese, sie würden dank eines früheren Besuchs Öden-
Teilnehmern ein bissl unterhalten - alle antworteten auf die Fra-
burg und Umgebung kennen – nur eins würden sie nicht ver-
ge „Wie identifizierst du dich?“ mit „Donauschwabe“ - manch-
stehen: Warum die dortigen Deutschsprachigen und -stämmigen
mal auf Englisch (der Sprachverlust ist nicht nur für uns ein
nur mit den Österreichern deutsch sprechen, aber untereinander
Problem), manchmal mit amerikanischem Akzent. Und wenn
nicht?! Pfarrerin Heinrich stellt daraufhin die Frage, ob diese be- junge Erwachsene in meinem Alter, z. B. aus Chicago, das-
rechtigt sei. selbe tun, beginnt man sich Gedanken zu machen: Wie zum
Teufel kann es sein, dass nach fast einem Jahrhundert Nach-
Wieder die Siebenbürger, denn in diesem Jahr haben wir bereits fahren donauschwäbischer Familien, die teilweise auf dem Ter-
über einen ähnlichen Fall unter siebenbürgischer, genauer Ba- ritorium des heutigen Ungarns lebten, sich für Donauschwa-
nater Beteiligung berichtet. Ein Banater Madjare wunderte sich ben halten, und diejenigen, die geblieben sind, nicht mehr.
(und äußerte diese Verwunderung offen), warum sich die Un-
garndeutschen nicht ihrer Muttersprache bedienen würden. Als Diese Selbstabgrenzung, die sich in den letzten Jahrzehnten voll-
Beleg erzählte er von einem Besuch im deutschen Gymnasium zog, hatte zur Folge, dass man sich im Mutterland schwertut sich
des Ortes, wo er feststellen musste, dass die Pausengespräche als (Ungarn-) Deutscher zu präsentieren. Der Begriff “ungarn-
alles andere als deutsch geprägt seien. Selbst in den dunkelsten deutsch” bedeutet für den Durschnittsbundesdeutschen nichts,
Jahren der kommunistischen Diktatur hätte man sich nicht neh- das gilt auch für Österreicher. Wenn man aber „Donauschwa-
men lassen, in der Öffentlichkeit ungarisch zu sprechen, in der be” sagt, wird plötzlich auch für diejenigen verständlicher, wo
Schule sowieso, so der Zeitzeuge aus dem Banat. wir hingehören, woher wir kommen, die die Geschichte des Aus-
landsdeutschtums/Volksdeutschtums nur oberflächlich kennen.
Und wieder diese Siebenbürger oder in diesem Falle Tschan-
go-Madjaren: Es geschah vor vielen Jahren, aber die Erinnerung Die historische Verantwortung unserer Generation in diesem
daran ist immer noch hellwach: Eine katholische Gemeinde mit Sinne ist also, dass wir uns klar machen: Der größte Teil der
vielen ungarndeutschen Mitgliedern in der Nähe der ungari- Ungarndeutschen gehört zum Donauschwabentum. Es gibt im-
schen Hauptstadt – hoher Besuch hat sich angekündigt, zur Glo- mer mehr Initiativen, z.B. die Kooperation des Landesrats und
des Weltdachverbandes, wodurch Tanzgruppen aus Ungarn in
ckeneinweihung: Der - mittlerweile verstorbene - Herr Bischof
den USA vor US-Donauschwaben auftreten, oder der immer
höchstpersönlich - der bekanntlich über gute Deutschkenntnis-
aktivere Austausch zwischen den Banater Schwaben und dem
se verfügte – zelebrierte die Messe und las sie aber dennoch
Hartianer GJU-Freundeskreis. Der erste wichtige Schritt ist, dass
auf Ungarisch. Nach der Messe fragte ich den Ortspfarrer mit
8 SoNNTAGSBLATT
wir feststellen: Wir sind Donauschwaben, Menschen mit der glei- Zweisprachigkeit höre. Deutsche Kultur würde man bestenfalls
chen Herkunft wie unsere Landsleute im und aus dem Banat in Heimatmuseen erfahren, aber da auch mit ungarischen Erklä-
oder eben die wenigen in den Staaten des ehemaligen Jugo- rungen. Der bereits genannte Vertreter meinte in seiner Antwort,
slawiens oder auf dem ganzen Globus. Trianon und seine grau- dass man früher eine Umfrage gemacht habe - im Kreise der
samen Folgen haben uns zwar geteilt, aber heute in einem Euro- Nationalitätenselbstverwaltung - welche Sprache man sprechen
pa, wo wir uns freier bewegen können, wo wir Temeswar von und in den Sitzungen benutzen solle; „Ungarisch“ lautete die Ant-
wort, da es leichter sei. „Wenn wir es selbst nicht tun, wer soll es
Budapest aus in 4 Stunden erreichen können, ist es keine nicht
dann? Früher wollte man – durfte nicht – heute darf man, aber
überbrückbare Herausforderung, die Kontakte aufzuwärmen will nicht”, so das kritische Fazit des aktiven Volkstumsarbeiters,
und zu pflegen. Wie das donauschwäbische Motto sagt: Sem- der ursprünglich aus Österreich stammt.
per atque semper liberi ac indivisi (Für immer frei und ungeteilt)!
Oder scheinbar Fazit, denn die Diskussion wurde weitergeführt.
Auf die erneute Kritik des bereits genannten westungarndeut-
schen Landsmannes hin erzählte der genannte Volkstumsarbei-
ter von seinen ersten Gehversuchen im ungarndeutschen Milieu
– es ging dabei um einen „deutschen” Chor mit ungarndeutscher
Leitung, wo aber alles auf Ungarisch abgelaufen sei. Anstatt
Die neue ungarndeutsche „Brücken zu bauen”, habe man ausschließlich ungarisch gespro-
chen, obwohl zu damaliger Zeit er dieser Sprache nicht mächtig
Diskussionskultur gewesen sei. Das veranlasste ihn nach eigenen Angaben den
Chor zu verlassen. Darüber hinaus seien viele Kulturgruppen
Von Richard Guth
und Chöre wegen des Mangels an Nachwuchs gezwungen Kon-
zessionen zu machen, wenn sie überleben wollen – so auch die
Endlich!, dachte ich mir, als auf Facebook – wie aus dem Nichts
Öffnung in Richtung Madjaren - etwas, womit sich die Organisa-
– ein geteilter Inhalt auftauchte. Es ging um das Fest der Ungarn-
tion seit Jahren herumschlagen müsse. Ein Umstand, der beim
deutschen Kirchenmusik, das Mitte Juli in Sirtz/Zirc stattfand.
Initiator der Diskussion erneut harsche Kritik hervorrief – diese
Endlich!, denn der geteilte Beitrag bot Gelegenheit um persön-
galt sowohl der nach seiner Ansicht zu selbstzufriedenen LdU als
liche Eindrücke miteinander zu teilen und zu diskutieren.
auch den madjarischen Mitgliedern der Kulturgruppen, die diese
Passion des Singens und Tanzens „meistens nur zum eigenen
Beim Beitrag ging es um ein Bild, auf dem ein Chorleiter in der
Nutzen ausüben” wollten. Dem stimmte in der Diskussion auch
Mitte von – wie der Begleittext verriet – 500 Sängerinnen und
der heimatvertriebene Landsmann zu, mit dem Hinweis, dass
Sängern abgebildet ist. Gleich der erste Kommentator lobte die
ungarndeutsche Dörfer wie madjarische Dörfer erscheinen, gäbe
festliche und erhabene Stimmung in der Zisterzienserstadt un-
es da nicht – als einzigen Hinweis – das zweisprachige Orts-
weit von Wesprim, monierte aber, dass trotz österreichischer
schild. An dieser Stelle der Diskussion meldete sich ein neuer
Beteiligung bis auf einen Sektionsleiter alle „strikt ungarisch”
Mitkommentator, ein prominenter und aktiver Ungarndeutscher
gesprochen hätten. Was für ein Beispiel sei dieses Benehmen
von der Tschepele-Insel: Er verweist auf die Probleme der Nach-
für die Pflege der Erhaltung der deutschen Muttersprache, fragt
wuchsförderung und der Jugendarbeit, versucht aber positive
sich unser Landsmann aus Westungarn wohl zu Recht und fährt
Beispiele zu nennen. Auf Einwände der Mitkommentatoren hin
fort: „Wäre es ihnen doch schon ihres Amtes wegen obligato-
gab er aber zu, dass die Kultur- und Jugendpolitik wohl sehr
risch, den unsicheren Mitgliedern des Deutschtums Mut zu zei-
mangelhaft sei, was er auf fehlende Kontakte und Sachverständ-
gen, keine Angst zu haben, deutsch zu reden?” Harter Tobak!
nis in den Nationalitätenselbstverwaltungen zurückführt. Der Ini-
Worte, die man auch aus unserem Munde hören könnte! Auf den
tiator der Diskussion setzte noch einen drauf und sagte, dass es
Kommentar reagierte ein Vertreter der Organisation, die für das
ja auch keine deutschen Schulen gebe.
Fest verantwortlich zeichnete, mit dem Hinweis, dass man doch
ganz ohne Deutschkenntnisse nicht mit den Österreichern hätte
Bei allen Diskussionsteilnehmern ist die Sorge um den Fortbe-
zusammenarbeitet können - bezogen auf die Proben.
stand der ungarndeutschen Kultur und deren Qualität zu spüren.
Die Frage steht, die Antworten darauf und die Strategien rund
Nun war die Lawine losgetreten. – Endlich!, dachte ich mir. Ein
um das Wie-damit-umgehen? sind verschieden. Für mich ist das
heimatvertriebener Landsmann, der als Rentner wohl wieder viel
Entscheidende, dass man das, was man macht, authentisch ver-
Zeit in der alten Heimat verbringt, meinte, dass die ausschließ-
tritt. Und da hat der Herr mit dem Schässburger Beispiel Recht:
liche Benutzung der ungarischen Sprache auf deutschen Ver-
Ohne Sprache wird es kaum gehen. Das bedeutet dann auch:
anstaltungen normal sei, womit er auch vollkommen Recht hat.
Komfortzone verlassen.
„Soweit ist die Magyarisierung fortgeschritten”, ergänzt er. Als
Antwort wies der bereits genannte Vertreter der Organisation da-
rauf hin, dass es sich bei den Mitgliedern der Kulturgruppen auch
um Madjaren handele, die sich von der donauschwäbischen
Kultur angesprochen fühlten und nun mit den ungarndeutschen
Landsleuten „unsere Kultur” pflegten, was anerkennenswert sei,
Zeitgeschehen-Geschichte s
denn wo wäre unsere Kultur ohne diese Leute – womit er nicht
ganz Unrecht hat. Der heimatvertriebene Herr spricht in seiner
Antwort – die Worte des Vertreters interpretierend - von der do- Die Wurzeln der
nauschwäbischen Kultur als ein Mäntelchen, das alles zudecke,
und sagt, dass es nicht angehe, dass von 20 Solisten in einem, Ungarndeutschen in
wohl (ungarn)deutschen, Chor nur zwei deutsch sprechen. Eine Wudigess/Budakeszi
noch deutlichere Kritik daran folgte aber erst jetzt, gezeichnet
von einem Herrn, der sich seit Jahrzehnten für die Belange der
Ungarndeutschen einsetzt und der auch durchs Teilen des Bei- Von Dr. Edina Susanne Mayer
trags die Diskussion erst in Gang brachte: „Fremde sollen unsere
deutsche/ungarndeutsche Kultur retten? Dann sollten sie doch Als Kind (5 Jahre) war es für mich immer sehr natürlich, dass
auch unsere Sprache sprechen können! Wenigstens verste- meine Omas und Opas schwäbisch gesprochen haben. Eine
hen!”. Er brachte dann das Beispiel eines deutschen Chores in richtige Oma muss doch schwäbisch sprechen. Einmal habe ich
Anführungsstrichen aus dem siebenbürgischen Schässburg, 35 meiner Freundin gesagt, sie soll jetzt die Oma spielen und muss
Mitglieder stark, unter ihnen nur zehn Deutsche. Trotzdem hätten schwäbisch sprechen. Sie hat dann gesagt, dass sie nicht wisse,
alle gut Deutsch gesprochen und so die deutsche Kultur glaub- wie es geht, da ihre Oma nicht so sprechen könne. Ich war ge-
haft dargeboten. Im Gegensatz dazu könnten die Mitglieder in schockt… Eine Oma, die nicht schwäbisch sprechen kann… Ich
den ungarndeutschen Chören die Texte bestenfalls lesen, aber habe meinen Vater gefragt, wie das nun möglich ist. Dann hat er
kaum verstehen, obwohl man täglich von der Bedeutung der
(Fortsetzung auf Seite 10)
SoNNTAGSBLATT 9
mich aufgeklärt, dass es Menschen gibt die Schwaben, sind und Über zwei Jahrhunderte zwischen 1550 und 1740 wandelten
auch andere, die halt Ungarn sind. Doch woher sind wir dann sich die klimatischen Verhältnisse, es wurde besonders kalt. In
gekommen? Wer sind wir, die Schwaben? Und warum sprechen der zweiten Hälfte des 16. Jh. dauerte der Winter von November
wir anders als die Deutschlehrerin in der Schule? Seit wann sind bis März, es gab viel Schnee und Eis. Die Sommer waren kalt
wir überhaupt da? und im Herbst gab es oft zerstörerische Gewitter und Fluten in
den Niederlanden. Der erste Tiefpunkt der Kleinen Eiszeit dau-
Um diese Fragen zu beantworten müssen wir uns in der Ge- erte von Dezember 1586 bis September 1587. Auch das erste
schichte vertiefen. Deutsche waren schon von Anfang an im Quartal des 17. Jh. war kalt. Ab dem zweiten Quartal wurde dann
Karpatenbecken anwesend. Es müssen zwei größere Epochen das Klima etwas wärmer.
der Ansiedlungen unterschieden werden: die Ansiedlungen des
Mittelalters und die der Neuzeit. Etwa drei Viertel der Bevölkerung arbeitete in der Landwirt-
schaft und so war ihr Lebensunterhalt vom Wetter abhängig. Die
Die Anwesenheit der Ungarndeutschen ist in Ungarn nicht kon- schlechten Wetterverhältnisse und die Kriege erschwerten das
tinuierlich. Die ersten germanischen Stämme sind im 9. Jh. in Leben der Bevölkerung sehr oder machten es sogar unmöglich.
unserer Heimat erschienen. In der Umgebung vom Plattensee
und Fünfkirchen wurden altfränkische Stämme als Osterweite- Gerade zu dieser Zeit erschienen Agenten in der Region, die den
rung des Fränkischen Reiches angesiedelt. Diese Siedlungen Bewohnern, ihren Verwandten und Freunden Grundstücke und
wurden aber durch ungarische und mährische Heere vernichtet ein Leben ohne Kriege versprachen.
(SZABÓ 2006: 2).
All diese Faktoren führten dazu, dass viele Menschen die güns-
Die mittelalterlichen Ansiedlungen können zeitlich auf die Zeit tige Gelegenheit wahrnahmen, im Osten ihren Lebensunterhalt
der Herrschaft von König Stefan I. gelegt werden, als der König zu finden.
in der Hoffnung auf Erfolg eines Staates mit mehreren Nationali-
täten „Hospes” in das Land eingeladen hat. Diese Hospes waren Doch woher kamen die Agenten? Und warum lohnte es sich in
hauptsächlich Ritter, Mönche und Landwirte. Diese gesellschaft- einem östlichen Land so viele Menschen aufzunehmen?
lichen Gruppen spielten bei der Verbreitung des Christentums
und in Hinsicht der politischen und militärischen Veränderungen Das Karpatenbecken stand von 1541, von der türkischen Beset-
eine große Rolle (SZABÓ 2006: 3). zung von Ofen/Buda an, 150 Jahre bis zum Jahre 1689 unter
türkischer Herrschaft. Das Programm zur Eroberung des christ-
Im Mittelalter können zwei größere geschlossene Gesellschaf- lichen Europas wurde bereits von Mehmed II. angekündigt, je-
ten unterschieden werden: die der Siebenbürger Sachsen (in der doch erst von Sulejman begonnen. Als Primärziel wurde die Er-
Wirklichkeit sind sie Moselfranken, Sachsen werden sie genannt, oberung Ungarns gesetzt, von da aus sollte die Eroberung des
da sie das Magdeburger Stadtrecht übernommen hatten, das Heiligen Römischen Reiches folgen.
sächsisch verfasst war) und die der Zipser im Oberland. Darü-
ber hinaus gibt es noch einige kleinere Gesellschaften wie z.B. Die 150-jährige türkische Herrschaft warf die Wirtschaft des
die der 1100 angesiedelten burgenländischen Landwirte, die ver- Landes um Jahrhunderte zurück. Während dieser Zeit erlitten
hindert haben, dass die bayerischen Stämme weiter nach Osten die Landwirtschaft und die Industrie einen rapiden Rückschlag.
vorrücken können, und eine andere im Burzenland (Barcaság), Dazu trug auch die Verschleppung oder Migration der ungari-
nämlich die des 1211 vom Heiligen Land zurückkehrenden und schen Bevölkerung und dadurch der deutliche Rückgang der zur
angesiedelten deutschen Ritterordens. Eine weitere kleine, aber Verfügung stehenden Arbeitskräfte deutlich bei. All das führte zu
umso bedeutendere Gesellschaft entstand in Deutschpilsen einem völligen kulturellen und wirtschaftlichen Rückgang des
(Nagybörzsöny) im Pilsner Gebirge, in Lorenzen (Vámosmikola) Landes. Durch die Plünderungen und Brandstiftungen während
und in Szokolya. Diese Gemeinden haben sich in den Jahrhun- der Kriege - nicht nur seitens der türkischen, sondern auch der
derten vor der Türkenzeit stark assimiliert, doch haben sie diese österreichischen Armee - wurden die Probleme noch weiter ver-
schweren Zeiten überlebt (SZABÓ 2006: 4). tieft (SZABÓ 2006: 10).

Wichtiger sind aber die Ansiedlungen der Neuzeit. Bevor wir aber Besonders die südlichen Gebiete waren von der Vernichtung und
diese Ansiedlungen unter die Lupe nehmen, sollten wir die Um- Entvölkerung betroffen. Im 17. Jh. wurden die Gebiete von spon-
stände des 16.-18. Jahrhunderts in Deutschland untersuchen. tanen Einwanderern wie z.B. Serben, Wallachen, Schokatzen
und zuletzt von Kroaten besiedelt, die aber schon geplant ange-
Unter den Ereignissen des 16. Jahrhunderts war die Reformation siedelt wurden. Allmählich kehrten auch die emigrierten Ungarn
von sehr großer Bedeutung. Sie hat im 17. Jahrhundert das gan- zurück und gleichzeitig erschienen auch andere Völker wie Ru-
ze Europa völlig verändert. Ab den 30er Jahren des 17. Jahrhun- mänen, Ruthenen und Israeliten.
derts ist die Bevölkerungszahl sprunghaft gewachsen. Früher
war man der Ansicht, dass die strengere Anwendung der kirch- Im Jahre 1686, nach der Vertreibung der Türken, konnten die
lichen Regeln der Geburtenregelung dafür verantwortlich wäre. ungarischen Großfürsten, die sich den Habsburgern gegen-
Heute denkt man eher, dass dabei die neuen technischen Geräte über loyal zeigten, ihr Land zurückbekommen. Auch die Kirche
und dadurch die Entwicklung der Landwirtschaft eine entschei- und alle, die mit Urkunden beweisen konnten, dass ein Landgut
dende Rolle gespielt hat. Das führte dann für Jahrhunderte zur wahrhaft ihnen gehört, waren darunter. Sie mussten dafür 10%
Überbevölkerung von Westeuropa. des Landgutes als jus armorum (fegyverváltság/Waffenablöse)
an das Neuerwerbskomitee (Újszerzeményi Bizottság) bezahlen.
Im 17. Jahrhundert wurden ca. 22 Kriege geführt. Diese waren (Dieses Komitee wurde aufgestellt, um die Kosten der Rücker-
hauptsächlich Erbfolgekriege und Religionskriege. Der berüch- oberung zu decken und verlangte absolute Loyalität den Habs-
tigtste unter allen war der Dreißigjährige Krieg (1618-48). Da sich burgern gegenüber. Seine Aufgabe bestand darin, zu erreichen,
sämtliche Länder des Kontinents daran beteiligt hatten, wurde er dass möglichst wenig Land in den Besitz der Gemeinadeligen
auch „der Weltkrieg des 17. Jahrhunderts“ genannt. kommt. Dabei wurden fremden Generälen, Kriegslieferanten
oder Beamten ganze Komitate geschenkt.) Der Kaiser belohnte
Der Dreißigjährige Krieg wurde durch den Westfälischen Frie- so diejenigen Personen, die sich an der Befreiung des Landes
den beendet. Nach dem Dreißigjährigen Krieg schwächte sich aktiv beteiligt hatten bzw. dabei einen besonderen Dienst geleis-
die Wirtschaft von Europa deutlich ab. Am Ende des 17. und im tet hatten. So eine Person waren Graf Claudius Florimund Mercy
darauffolgenden Jahrhundert wurden weitere Kriege geführt, die (1666–1734) oder die italienischen und französischen Grund-
sich aber nicht über das ganze Reich erstreckten, sondern nur herren wie Veterani, Caprara und Souches. Die Grundherren
einige Mitgliedstaaten betrafen. Solche waren z.B. der franzö- brauchten Arbeitskräfte (Wassertheurer Reg. Nr. 84128: 12). Die
sisch-niederländische Krieg oder der spanische Erbfolgekrieg Bevölkerungsdichte des Landes war sehr gering, deshalb war
1701. eine planmäßige Ansiedlung notwendig, genauso, wie aus militä-

10 SoNNTAGSBLATT
rischen Erwägungen zum Grenzschutz des Landes. Die an der nisierten privaten Ansiedlungen. Die kaiserlichen und privaten
Grenze entlang angesiedelte, hauptsächlich serbische Bevölke- Ansiedlungen verliefen parallel. Die Form der Ansiedlung wurde
rung leistete so Grenzschutzdienst. nach Größe und Organisation des Grundbesitzes bestimmt.

Es stellte sich die Frage, woher man die Fachkräfte nimmt. Als erstes wurde die Neusiedlung in den Städten organisiert,
Dort im Westen herrschte Überbevölkerung, hier brauchte man da die Städte als wichtige Verpflegungszentren und Stützpunk-
Arbeitskräfte. Es lag auf der Hand, dass die Ansiedler von den te der österreichischen Armee dienten. Auch die in den Städten
westlichen, überbevölkerten und von enormen Steuern geplag- angesiedelten Handwerker bekamen Bürgerrechte. Infolge der
ten Gebieten Europas ins Land gerufen werden. Es war ein wich- Ansiedlungen verdoppelte sich die Anzahl der Stadtbewohner.
tiger Aspekt, keine saisonalen Arbeiter, sondern Siedler, die sich
niederlassen - wie Landwirte oder Handwerker – einzuladen, um Die Ansiedlungen können in drei größere Wellen aufgeteilt wer-
mit ihren Fachkenntnissen zur Entwicklung des Landes beitra- den.
gen zu können (SZABÓ 2006: 10).
Die erste Ansiedlungswelle dauerte 1722–1726. Es verliefen
Für die Ansiedlung hatte Graf Leopold KOLLONITCH einen Plan kaiserliche und private Ansiedlungen parallel. Im Rahmen der
von 500 Seiten mit dem Titel Einrichtungswerk ausgearbeitet. privaten Ansiedlungen (1689-1740) wurden Gran/Esztergom,
Danach sollten die Siedler Ermäßigungen bekommen. Die An- Komorn/Komárom, Raab/Győr und die Komitate Pest, Weißen-
siedlung, die nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Fachkennt- burg/Fejér, und Wesprim/Veszprém sowie die Tiefebene (haupt-
nisse ins Land liefere, diene der Verstärkung des Handels und sächlich die Komitate Saboltsch und Bekesch) und die nördli-
der Industrie. Die Ansiedler würden durch Einladungsbriefe an- chen Randgebiete der Mittelgebirge (die Komitate Hont, Heves,
geworben. Für die aus dem Ausland angeworbenen Ansiedler Semplin/Zemplén) und Sathmar/Szatmár angesiedelt. Die kai-
seien 5 steuerfreie Jahre, für die ungarischen Ansiedler nur 3 serlichen Ansiedlungen hatten die Ansiedlung des Banats zum
vorgesehen. Den Ansiedlern gebührten Haus, Grundstück und Ziel. Nach den Plänen von Graf Claudius Florimund VON MER-
das Recht des freien Umzugs (SZABÓ 2006: 15). CY (1666–1734) noch aus dem Jahre 1719 wurden die Ansiedler
in schon bestehenden Siedlungen untergebracht. Unter seiner
Für die Abwicklung der Ansiedlung hatten auch die ungarischen Leitung haben sich die angesiedelten Dörfer schnell entwickelt
Großfürsten unter der Leitung von Paul Esterházy und Georg und wurden industriell ausgebaut. (WASSERTHEURER Reg.Nr.
Széchenyi einen Plan ausgearbeitet, der die ungarische Hof- 84128: 14).
kammer sicherstellt und verhindert, dass die ungarische Kammer
über Wien gesteuert wird. Wahrscheinlich wollten die Herrschaf- Wegen des österreichischen Erbfolgekriegs 1756–1763 oder des
ten die von Kollonitch geplanten Ermäßigungen nicht zulassen. Siebenjährigen Krieges konnte es zu einer zweiten Ansiedlung
Im Jahre 1686 wurde in Ofen/Buda eine Kammeraufsicht und nicht mehr kommen. Nach dem Krieg beauftragte aber Maria
-amt eingerichtet, um die Ansiedlung abzuwickeln (SZABÓ 2006: Theresia General Friedrich Alois KOLOWRAT, die Tätigkeiten
15). des Grafen Mercy fortzusetzen. Seit 1766 gab es ein Sonderko-
mitee im Banat für die Organisation der Ansiedlungen.
Am 11. August 1689 erließ Kaiser Leopold I. das Erste Habs-
burgische Impopulationspatent (TAFFERNER 1974: 53–55), Die zweite Ansiedlungswelle konzentrierte sich auf die Batschka.
das den Ansiedlern Ermäßigungen wie fünf steuerfreie Jahre für Die Ansiedlung erfolgte unter der Organisation der kirchlichen
die ausländischen und drei Jahre für die ungarischen Ansied- und weltlichen Großgrundbesitzer, die ihre Landgüter nach der
ler versprach. Als weitere Begünstigungen standen ihnen stark Türkenzeit vom Wiener Hof zurückbekommen hatten. Bis zum
reduzierte Preise für Weinbaugebiete, Erbrecht auf Haus und Jahre 1773 kamen Ansiedler aus den Gebieten von Lothringen,
Grundbesitz und mehrere Industrie und Bergbau fördernde Maß- Trier, der Schweiz, Baden, Pfalz, Luxemburg und Tirol. Die An-
nahmen zur Verfügung. Die Ansiedlung konnte aus staatlicher siedlung verlief erfolgreich unter der Leitung von Anton COTH-
oder auch aus privater Initiative erfolgen und beschränkte sich MANN, aber im Jahre 1771 wurden die Unterstützungen einge-
hauptsächlich auf die folgenden Gebiete: stellt.

1) Ungarisches Mittelgebirge: Wichtige Gebiete waren der Bako- Die dritte Ansiedlungswelle (1782–1787) erfolgte im Sinne des
nyerwald, das Schildgebirge, und das Ofner Bergland, weitere Impopulationspatents, erlassen vom Josef II. am 21. September
wichtige Gebiete waren noch Ofen/Buda, Pest, Stuhlweißen- 1782, und erstreckte sich auf das ganze Gebiet Ungarns. Es ka-
burg/Székesfehérvár und Gran/Esztergom. men 7600 deutsche Ansiedler, die meisten von ihnen wurden im
Banat angesiedelt (WASSERTHEURER Reg.Nr. 84128: 15-16).
2) Schwäbische Türkei: Branau/Baranya, die Schomodei/So- Die Ansiedler stammten hauptsächlich aus der Pfalz, aus dem
mogy und das Komitat Tolnau/Tolna mit den Zentren Fünfkirchen/ Saar-Gebiet, aus der Umgebung von Frankfurt und Mainz, aus
Pécs, Sexard/Szekszárd, Bonnhard/Bonyhád und Ruppertsburg/ Hessen und aus Württemberg. Die meisten von ihnen wurden
auf südlichen Kammergütern und in geringer Zahl auch in an-
Kaposvár
deren Komitaten wie Pest, Gran/Esztergom, Eisenburg/Vas, Tol-
nau/Tolna, und Schomodei/Somogy angesiedelt.
3) Sathmar/Szatmár, Arad, Großwardein/Nagyvárad und Groß-
karol/Nagykároly
Die ersten Ansiedlungen waren gescheitert, da die angesiedel-
ten Deutschen keine Vorräte hatten und unter extremen Wetter-
4) Slawonien/Szlavónia und Syrmien/Szerémség mit den Zent- verhältnissen litten, welche die Bevölkerung dezimierten. Die
ren: Ruma, India, Semlin/Zemjén. Ansiedler konnten ohne Kontrolle kommen und oft waren unter
ihnen auch in Österreich unerwünschte Personen. Als Konse-
5) Batschka/Bácska quenz wurden neue Vorschriften erlassen. Solche Vorschriften
waren z.B., dass ausschließlich Verheiratete in Ungarn ankom-
6 ) Banat/Bánság men durften, die über die notwendigen Vorräte zum Überleben
verfügten. Viele Ansiedler ohne Vermögen konnten oft nur durch
(WASSERTHEURER Reg.Nr. 84128: 12). Mithilfe von Eltern und Verwandten nach Ungarn kommen. In der
Sammlung von HACKER (1977) - Auswanderungen aus Ober-
Da die Habsburger katholisch waren, versuchte der österreichi- schwaben - bekommt man in den Einträgen oft zu lesen, dass
sche Kaiser ausschließlich eine katholische Bevölkerung anzu- das Abzugsgeld von den Verwandten oder den Eltern der Aus-
siedeln, um seine Position in der Region zu stärken. Die Ansied- siedler bezahlt wurde. In vielen Fällen findet man aber bei den
lungen verliefen auf zweierlei Weise. Die ersten Ansiedlungen Ortschaften, die z.B. in den Kirchenbüchern von Wudigess/Bu-
erfolgten im staatlichem Rahmen unter der Organisation von dakeszi als Geburtsort angegeben sind, keine Einträge, da die
Leopold I, später von Karl III, Maria Theresia und Josef II. und Ansiedler einfach „davongelaufen“ waren.
dienten als Beispiel für die späteren von den Großfürsten orga-
(Fortsetzung auf Seite 12)
SoNNTAGSBLATT 11
Die Ansiedlung von Wudigess Nach der Pestepidemie war die Bevölkerungsanzahl deutlich zu-
rückgegangen, aber die von den Grundherren verlangte Fronar-
Die Geschichte der Ansiedlung von Wudigess fängt im Jahre beit musste weiterhin versehen werden. Das führte zu einer klei-
1659 an, als Kaiser Leopold am 30 Juli 1659 dem Grafen Ste- neren Auseinandersetzung mit dem damaligen Grundherrn, aber
fan Zichy einen Grundbesitz mit einer Verwaltungszentrale in der damalige Dorfrichter Josef Weckermann konnte die Missver-
Altofen/Óbuda schenkt. Am 11. August 1689 erscheint das erste ständnisse klären. Als Grundherr Graf Nikolaus Zichy die Situati-
Habsburgische Impopulationspatent und bereits zwischen 1690 on richtig erkannt hatte, fing er an, die Gemeinde intensiv neu zu
und 1696 wird mit der Ansiedlung begonnen. Die erste Urkunde, besiedeln. Im Jahre 1744 erreichte die Anzahl der Leibeigenen
die über die Ansiedlung einiger schwäbischer Siedler in der Or- mit Haus die Zahl 66, die Anzahl der Gesamtbevölkerung betrug
ganisation von Graf Peter Zichy berichtet, entsteht am 10. Juni ca. 900. Nach 2 Jahren hatte die Gemeinde 920 Einwohner. Die
1689 (FOLLATH 1986: 55–56). neuen Ansiedler waren aus verschiedenen Gebieten gekommen,
die meisten aus Württemberg. (Nach meinen eigenen Forschun-
Die in Wudigess Angekommenen waren den Vorschriften ent- gen waren sie aus der Umgebung von Donaueschingen, näm-
sprechend alle katholisch und verheiratet, wobei manche erst lich aus Friedlingen, Unterwachingen, Anhausen, Rechtenstein,
unterwegs heirateten, wie das die deutschen Matrikelbücher be- Aichstetten bei Tigerfeld, Grundsheim, aus dem ehemaligen Wi-
zeugen. blingen oder sogar aus dem Schwarzwald und dem Elsass. Viele
unter ihnen kamen aus Gebieten, wo bairisch gesprochen wird
Laut einer Volkslegende der Wudigesser wurde für diejenigen, und sogar aus Österreich. Einige Einträge bezeugen eine Her-
die an der Grenze des Landes angekommen und noch immer kunft aus Hessen, Fulda, Sachsen oder sogar aus den heute
ledig waren, eine Trauungsmöglichkeit angeboten. Die Männer tschechischen Gebieten (ESZTERLE 1929: 14 ).
und die Frauen stellten sich in zwei Reihen auf und die zufälliger-
weise zusammengekommenen Paare wurden der Reihe nach Man stellt sich Frage, wenn die Deutschen aus so vielen unter-
getraut. Auf einmal kam ein wunderschönes Mädchen an die schiedlichen Gebieten gekommen sind, wie haben sie dann ge-
Reihe, die aber mit einem eindeutig weniger attraktiven jungen sprochen? Darüber schreibe ich im zweiten Teil (SB 04/2019).
Mann getraut werden sollte. Daraufhin fragte sie enttäuscht:
Muss i tein schiechə neimmə?
Muss ich den Häßlichen nehmen?

In der Gründungsurkunde erscheinen die Ansiedler mit 22 Na-


men.
1. Thomas Killman Was jeder Ungarndeutsche über
2. Laurentius Schneider den „bösen” Volksbund wissen sollte
3. Martinus Mocker
4. Boros István
5. Laurentius Mocker
Vor 81 Jahren Volksbund der Deut-
6. Martini Ehrenmaster schen in Ungarn (VDU)
7. Gregor Maister gegründet
8. Wenzel Grunber
9. Franz Kilnhober Teil 2., Von Georg Krix
10. Hilarius Stuis
11. Lorenz Pfenderath (Pfendtner) Aus dem Programm des Volksbundes (Aus: G. Seewann
12. Mathias Koester „Geschichte der Deutschen in Ungarn) im Lichte der mad-
13.Michael Radieß jarischen Politik
14. Martinus Wegmann
15. Georgius Tirnhaber Das Dissimilationsprogramm des Volksbundes war in Ausein-
16. Mathias Stadler andersetzung mit dem zunehmend aggressiv und rassistisch
17. Johann Christian Schmid auftretenden ungarischen Chauvinismus defensiv ausgerichtet
18. Simon Bindter
und am Gedanken des Minderheitenschutzes orientiert. Selbst
19. Johannes Ortner
die Forderung nach einem deutschsprachigen Priesterseminar
20. Martin Franz
war ausschließlich vom Schutzbedürfnis der Minderheit be-
21. Paul Schißler
stimmt, dem die traditionelle Führungsrolle des Priesters im Dorf
22. Hans Molner
dienstbar gemacht werden sollte. Ein klar definiertes emanzipa-
(FOLLATH 1986: 56)
torisches Programm, in eine feste Organisationsform gegossen,
Die katholischen Matrikelbücher bezeugen, dass es bereits 1699 das war tatsächlich etwas Neues in Ungarn. Doch so neu war
zu den ersten Taufen kam. Die Seelenzusammenschreibung es wieder auch nicht, denn es lag mit den Bemühungen um eine
aus dem Jahre 1715 beinhaltet 55 Leibeigene mit Grundstück. autonom verfasste Organisation der ungarndeutschen Minder-
heit im Revolutionsjahr 1918/19 durchaus auf einer Linie. Aber
Das Schicksal der hier angesiedelten Deutschen war in den ers- daran konnte oder wollte sich schon keiner mehr erinnern, denn
ten Zeiten nicht gerade rosig. Infolge der Wetterumstände und jegliche Erinnerung an diese Zeit des demokratischen Aufbruchs
der Krankheiten waren sie in einer äußerst schwierigen Lage. war im Horthy-Ungarn strikt tabuisiert und damit aus dem Be-
Das bezeugt auch der alte Spruch „Der erste hat den Tod, der wusstsein beinahe aller verdrängt. Doch verdrängt hieß nicht
zweite hat die Not, erst der dritte hat das Brot”. unbedingt vergessen und die dumpfe Erinnerung der Träger
des autoritären Horthy-Regimes an diese ihnen verhasste und
In der Zeit der zweiten oder dritten Generation waren die Er- für überwunden gehaltene Epoche der ungarischen Geschich-
mäßigungen außer Kraft getreten, was das Leben der Ansiedler te konnte ihren Hass auf den emanzipatorischen Charakter des
sehr erschwerte. Die extremen Wetterverhältnisse und der Rück- Volksbundes nur verstärken und zusätzlich legitimieren.
gang der Güter trugen auch noch dazu bei. 1739 erreichte die in
ganz Europa wütende Pest auch diese Gemeinde. Die Anzahl Doch im Unterschied zur Periode 1918/19 gab es nun in der Poli-
der Opfer kann auf ca. 354 geschätzt werden. Für die an Pest tik ein Dreiecksverhältnis, das die Existenz des Volksbundes erst
Verstorbenen wurde in jedem Dorf ein eigener Friedhof eröffnet. ermöglicht hatte und das ein wahrscheinlich noch wichtigerer
In Wudigess lag dieser Friedhof unter dem Kofaripeag/Kalvari- Faktor für die grundsätzliche Ablehnung der neuen Organisation
enberg. Die Kleidungstücke der Verstorbenen wurden verbrannt seitens des ungarischen Establishments darstellte. Dieses wollte
(BONOMI 1941: 503). nicht wahrhaben, dass gerade seine konstante Weigerung, die
Existenz der deutschen Minderheit zur Kenntnis zu nehmen und

12 SoNNTAGSBLATT
mit ihr ein positives, auf Kompromiss bedachtes Verhältnis des mentare und permanent tödliche Gefahr für das Ungartum“ be-
gegenseitigen Interessenausgleichs zu suchen, überhaupt erst zeichnete. Im Unterschied dazu kam freilich der zu dieser Zeit
den dritten Partner ins Spiel brachte, nämlich Deutschland als bereits viel einflussreichere Begründer und Herausgeber der
Schutzmacht seiner konationalen Minderheit in Ungarn. Die nun- populären ungarischen Tageszeitung Magyar Nemzet, Sándor
mehr intensivierte Patronagerolle Deutschlands, von dem sich Pethö (1885-1940), im Dezember 1938 zu dem Schluss, dass
die ungarischen Politiker als Bündnispartner zugleich den revi- das Dritte Reich im Gegensatz zur Habsburgermonarchie kei-
sionspolitischen Durchbruch erwarteten, war tatsächlich neu. Da ne elementare Bedrohung des ungarischen Nationalstaats dar-
die Revision von Trianon das oberste Ziel jeglicher ungarischer stellen würde, und begründete dies als Sprecher der damaligen
Politik dieser Epoche darstellte, konnten die ungarischen Politi- politischen Elite des Landes wie folgt:
ker zwar den Volksbund innenpolitisch nach Kräften bekämpfen, „Die führenden Männer des Dritten Reiches betrachten und be-
worauf sie auch viel Energie verwandten, außenpolitisch jedoch handeln die in ihrer Nachbarschaft befindlichen kleinen Staaten
mussten sie ihn akzeptieren. Das hieß von den bislang ange- nicht mit den Ideen, Traditionen und Methoden des früheren
wendeten Methoden der Unterdrückung, des gegenseitigen Aus- habsburgischen Imperialismus. Das Dritte Reich will nicht ein-
spielens konkurrierender Kräfte und der Kriminalisierung ihrer verleiben, will nicht mit den Methoden von Caraffa und Haynau
„radikalen“ Anführer Abschied zu nehmen. Dieses widersprüch- herrschen und germanisieren in den Gebieten, die es als seinen
liche Verhalten der ungarischen verantwortlichen Politiker - in- Lebensraum ansieht.“
nenpolitisch das zu bekämpfen, was man aus außenpolitischen
Gründen akzeptieren musste - lässt sich gleich auf zwei Per- Nun, die Herrschafts- und Germanisierungsmethoden des Drit-
zeptionslücken oder Realititätsverweigerung zurückführen. Die ten Reiches stellten alles in den Schatten, was hier Caraffa oder
eine Perzeptionslücke betraf Deutschlands und seine Rolle als Haynau zugeschrieben wurde. Diese nach dem Anschluss Ös-
Patronagestaat, die zweite die Minderheitenproblematik im All- terreichs und der Zerschlagung der Tschechoslowakei geäußer-
gemeinen. te Fehleinschätzung nationalsozialistischer Aggression und Ex-
pansion auf ungarischer Seite führt uns zu der Frage: Welches
Es gab in Ungarn seit den 1870er Jahren kein die Minderheiten Deutschlandbild hatten die Anhänger des Volksbundes?
bejahendes minderheitenpolitisches Konzept, es gab nur den Selbst Bleyer hatte bereits 1933 trotz seiner Antipathie gegen
fortgesetzten Versuch, Minderheiten durch Assimilation oder den Nationalsozialismus in einer Intervention Deutschlands zu-
Unterdrückung - d.h. freiwillig oder zwangsweise - in den auf gunsten seiner Konationalen in Ungarn den einzigen Ausweg
Homogenität bedachten Nationalstaat zu integrieren. Das seit aus der ethnopolitischen Sackgasse in Ungarn gesehen. Die Ent-
1920 im Hinblick auf die Existenz konationaler Minderheiten in wicklung im Zeitraum von 1933 bis 1938 hatte diese Erwartungs-
den Nachbarstaaten vom Horthy-Regime geheuchelte Interesse haltung bestätigt, denn die ungarische Politik zeigte sich unfähig
für Minderheitenschutz sollte darüber hinwegtäuschen, dass die- und auch nicht gewillt, aus der selbst geschaffenen Sackgasse
sen konationalen Minderheiten nur die Rolle eines Instruments einer völlig inkompetenten Minderheitenpolitik herauszufinden.
für die Durchsetzung der Revisionspolitik des Mutterlandes vor- Von Budapest hatte daher kein deutscher Ethnopolitiker mehr
behalten war, d.h. auch für diese konationalen Minderheiten war etwas zu erwarten, also richteten sich alle Hoffnungen auf Berlin.
von Budapest keine Regelungskompetenz im Sinne eines Min- Wer Hilfe erwartet, kann sich den Luxus einer kritischen Haltung
derheitenschutzes zu erwarten, weil jegliche eine solche Rich- gegenüber seinem Helfer nicht unbedingt erlauben.
tung einschlagende Idee oder gar Konzeption - im Unterschied
beispielsweise zum zeitgenössischen Estland - als politische Es gab ungarndeutsche Bauern, die für ein paar Monate als
Konsequenz des „Diktats von Trianon“ von vornherein abgelehnt „Gastarbeiter“ in deutschen Industriebetrieben gearbeitet hat-
wurde. ten. Sie kamen in der Regel mit einem sehr positiv besetzten
Deutschlandbild in ihre Heimat zurück, beeindruckt insbesonde-
Ungarn hatte sich dadurch im Teufelskreis seiner als alternativlos re von sozialpolitischen Errungenschaften und dem erreichten
angesehenen Revisionspolitik gefangen und nahm selbstzerstö- Stand der Modernisierung in vielen Bereichen der Arbeits- und
rerisch jegliche Negativwirkung dieser Politik in Kauf. Schon Hol- Lebenswelt. Es gab ungarndeutsche Studenten, die für ein bis
ger Fischer hat in seiner kritischen Beurteilung der ungarischen zwei Semester in Deutschland studiert hatten und zusätzlich zu
Außenpolitik dieser Periode darauf hingewiesen, dass „sich Un- den Erfahrungen, die ihre bäuerlichen Landsleute nach Hause
garn aufgrund bestimmter politischer Axiome selbst in eine Situ- brachten, waren sie von der Idee des „Volkstums“ und der soli-
ation hineinmanövriert hat, in der es nicht mehr über seine Politik darischen „Volksgemeinschaft“ begeistert. Sie waren damit poli-
frei bestimmen konnte“. Dazu gehörte auch die Rolle Deutsch- tisch gesehen „völkisch“ vorprogrammiert und die meisten von
lands als Schutzmacht für die deutsche Minderheit in Ungarn. ihnen identifizierten solche Ideen mit dem Programm bzw. dem
Einer durchaus nachvollziehbaren Logik folgend interpretierten Gedankengut des Nationalsozialismus, den sie damit als alter-
die ungarischen Politiker die deutsche Schutzmachtrolle ähnlich nativlose Form der politischen Umsetzung ihrer völkischen Ideen
den Denkmustern über die eigene Rolle des ungarischen Staa- in die Praxis, ins öffentliche Leben, akzeptierten.
tes gegenüber seinen Konationalen in den Nachbarländern. Das
heißt, sie unterstellten Deutschland die Zielvorgabe einer Instru- Diesen Jungakademikern gemeinsam war eine ziemlich selek-
mentalisierung der deutschen Minderheit wie sie selbst eine sol- tive Wahrnehmung des Nationalsozialismus, eingeengt auf das
che auch für ihre konationale Minderheit in den Nachbarländern Bedürfnis nach ethnopolitischer Orientierung und programmati-
programmiert hatten. Das war im Prinzip gar nicht so falsch, nur scher Handlungsanleitung. Sie, die ja die Führungsgruppe des
inhaltlich irreführend, so beispielsweise die häufig geäußerte Be- Volksbundes bildeten, waren idealistisch, aber nicht realistisch,
fürchtung, die deutsche Minderheit könnte als Instrument für ei- autoritätsgläubig und bereit, alles in politisches Handeln umzu-
nen Anschluss Transdanubiens an das Deutsche Reich dienen. setzen, was ihnen für ihren „Dienst am Volk, an ihrer Volksgrup-
Fehl am Platz war jedoch die Selbstüberschätzung der eigenen pe“, nützlich und wirkungsvoll erschien. Kurzum, Erwartungshal-
Kräfte, die offenbar von der Überzeugung getragen war, man tung und das Angebot eines politischen Organisationsmodells
könnte im eigenen Land verhindern, was man am Verhandlungs- in Gestalt der „Volksgruppe“ waren geradezu ideale Vorausset-
tisch als Tauschgeschäft für die Revision gebilligt hatte. zungen für eine politische Instrumentalisierung des Volksbundes
und seiner Führung seitens der dritten und jetzt bereits stärk-sten
Das deutsche Machtpotential und die Entschlossenheit, dieses politischen Kraft, der Schutzmacht Deutschland. Die Solidarität
politisch einzusetzen, haben viele ungarische Politiker dieser der Volksgemeinschaft schloss zwar eine solche Instrumentali-
Zeit unterschätzt. Dass dies als Gefahr rechtzeitig jedoch auch sierung im Prinzip aus. Doch abgesehen von solchen ideologie-
wahrgenommen wurde, belegt beispielsweise die von István Be- geleiteten Illusionen kam die Wahrnehmung der dahinter ver-
thlen an Horthy gerichtete Denkschrift vom Januar 1939, in der borgenen politischen Realität zu spät, um daran noch etwas zu
er vor einem deutschen Übergewicht warnte, oder die harsche, ändern. Die Wahrnehmung nämlich, dass die Machtorgane des
allerdings rassistisch argumentierende Kritik von Dezsö Szabó, Dritten Reiches, insbesondere die SS, die sich das Machtmono-
der bereits 1935 Hitlerdeutschland als eine „kontinuierliche, ele- (Fortsetzung auf Seite 14)
SoNNTAGSBLATT 13
pol über alle „Volksdeutschen“ im östlichen Europa gesichert hat-
te, diese „Volksdeutschen“ nur als Vorposten und Ausgangsposi-
Zu verkaufen: Rumäniendeutsche
tion für die geplante „Rückeroberung deutschen Lebensraumes“ Während des Kalten Krieges verkaufte der kommunisti-
betrachteten und rücksichtslos als Instrument ihres Expansions- sche Diktator Ceausescu Rumäniendeutsche an die Bun-
und Annexionsdranges einzusetzen trachteten. desrepublik. Die geheimen Vereinbarungen ermöglichten
226000 Menschen ein Leben in Freiheit. Die Ausreisewel-
Doch die ungarische Regierung sorgte in völliger Verkennung
der außenpolitischen Kräfteverhältnisse zunächst durch ihre le traf die deutsche Minderheit in Rumänien bis ins Mark
Obstruktionspolitik dafür, dass das nationalsozialistische Orga-
Ein Beitrag von Marco Kauffmann Bossart. Erschienen am 20.
nisationsmodell der Volksgruppe erst zwanzig Monate später Dezember 2018 in der „Neue Zürcher Zeitung”. Veröffentlichung
zur Anwendung kommen konnte. Mit Zuckerbrot und Peitsche mit freundlicher Genehmigung der Neue Zürcher Zeitung AG Zü-
suchte die ungarische Regierung den Volksbund auf ihre Sei- rich.
te zu ziehen. Die Peitsche schwang der Innenminister, der von
den zur Genehmigung eingereichten Vereinsstatuten so viele Wo an diesem Vormittag Canapés und Weisswein gereicht wer-
strich, bis vom Volksbund nur ein Kulturverein übrig geblieben den, feilschten Unterhändler bis 1989 mit harten Bandagen um
war, der sich von seinem Konkurrenten, dem UDV, zunächst so Kopfgelder für Rumäniendeutsche: auf dem «Executive Floor»
gut wie gar nicht unterschied. Das Zuckerbrot war die von der im 21. Stock des Bukarester Hotels Intercontinental, bekannt
Regierungspartei angebotene Einbeziehung von Repräsentan- auch als Treffpunkt von Spionen und zwielichtigen Geschäftsleu-
ten des Volksbundes als Kandidaten der Regierungspartei für ten zu Zeiten des Kalten Krieges. Das kommunistische Regime
die Parlamentswahl des Jahres 1939. Von den drei Kandidaten dürstete nach Devisen, Luxusgütern und technischen Geräten.
gewannen jedoch nur zwei die Wahl, nämlich Heinrich Mühl in Die Bundesregierung wollte der nach 1945 drangsalierten deut-
Bonyhád und Jakob Brandt (1895-1977) in Baja. Die Niederlage schen Minderheit die Ausreise aus dem Gefängnis-Staat ermög-
des dritten, nämlich von Konrad Mischung (1904-1942) im Wahl- lichen.
kreis Mohács, und der dortige Sieg des Pfeilkreuzlers Antal Keck
(1906-?) begründete der örtliche Pfarrer damit, dass Keck „den Die Kosten der einst streng geheimen Operation «Kanal» belie-
ungarischen Geist gegen die Idee des Pangermanismus vertrat“ fen sich auf über eineMilliarde Mark. 226 000 Rumäniendeutsche
und deshalb erfolgreich gewesen sei. Keck konnte durch sein verliessen zwischen 1968 und 1989 die sozialistische Diktatur. In
Eintreten für eine Assimilation der Minderheitenbevölkerung die der Anfangsphase händigte der Emissär der deutschen Bundes-
örtliche Honoratiorenschicht auf seine Seite ziehen und schreck- regierung, Heinz Günther Hüsch, Tausendernoten in einer zum
te auch nicht vor rassistischen Unterstellungen zurück, indem er Bersten vollen Koffertasche aus. Quittungen wurden nicht aus-
behauptete. Mischung sei jüdischer Abstammung“ und werde mit gestellt. Später liefen die Zahlungen über die rumänische Aus-
Jüdischen Geldern“ finanziert. Diese Wahlniederlage demonst- senhandelsbank in Frankfurt, einige Male auch über die Bank
rierte die Mobilisierungskraft nationaler und rassistischer Argu-
für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. In Rumänien re-
mente gegen einen Kandidaten, dem wegen seines Minderhei-
gelten die Parteien die Einzelheiten in zähen Unterredungen im
tenprofils nicht einmal der Bonus der Regierungspartei zum Sieg
«Intercontinental», einem bis 1989 über alle Böden und Wände
verhelfen konnte.
verwanzten Betonturm am Bulevardul Nicolae Balcescu, aber
auch in Hinterzimmern zweier anderer Bukarester Hotels sowie
Die fortgesetzten Repressionsmaßnahmen der Regierung auf
dem Land trieben jedoch dem Volksbund viele neue Anhänger im rumänischen Aussenhandelsministerium.
zu, da er sich nunmehr als einzige Interessenvertretung der
Deutschen zu profilieren wusste. Der Ausbruch des Zweiten Wer heute aus der «Executive Lounge» des «Intercontinental»
Weltkriegs verstärkte zusammen mit den militärischen Anfangs- schaut, überblickt die Wirkungsstätten der damaligen Protago-
erfolgen der deutschen Wehrmacht den Zustrom zum Volks- nisten: Das «Haus des Volkes», an dessen monströse Dimen-
bund, der Ende 1939 bereits 25 000 Mitglieder zählte, seinen sionen sich das menschliche Auge nie gewöhnen kann, sollte
Volksdeutschen Kalender für das Jahr 1940 dreimal nachdru- zur Schaltzentrale des rumänischen Herrschers Nicolae Ceau-
cken musste und dennoch von der ungarischen Regierung nur sescu werden. Der 1989 hingerichtete Diktator hat den Verkauf
die Erlaubnis zur Gründung von 21 Ortsgruppen erhalten hatte, der Deutschen höchstpersönlich überwacht. Auch erkennt man
wobei weitere 120 „geduldet“ wurden. Der Sekretär der Regie- das Dach des Hauptsitzes des früheren Geheimdienstes Secu-
rungspartei für das Komitat Bács-Bodrog fasste die Erfahrungen ritate – einer Behörde, die für Erpressung, Einschüchterung und
dieses Jahres, den für alle greifbaren Erfolg des Volksbundes Folter stand.
und die schon unsinnige, weil sich kontraproduktiv auswirkende
Unterdrückungspolitik der ungarischen Behörden, in folgender «Wir werden alles abstreiten müssen»
selbstkritischen Stellungnahme zusammen:
2000 Kilometer Luftlinie von Bukarest entfernt, in Neuss bei
„Es hätte nicht erlaubt sein dürfen, ohne jede Differenzierung auf Düsseldorf, treffen wir die Schlüsselperson auf deutscher Seite:
das ganze Deutschtum loszugehen, sie dreckige, vaterlandsver- Heinz Günther Hüsch, promovierter Rechtsanwalt und langjähri-
räterische Schwaben zu nennen, sie mit allen administrativen ger Bundestagsabgeordneter der CDU. Von 1968 bis 1989 führ-
Mitteln zu unterdrücken und zwar nur deshalb, weil sie auch te er die Verhandlungen – hartnäckig, penibel, diskret. Er hatte
deutsch sprechen. In dieser fanatisierten Atmosphäre trafen das in dieser Zeit mit vier deutschen Kanzlern (Kiesinger, Brandt,
Deutschtum viele Äußerungen, ja Scheußlichkeiten, die es in sei- Schmidt und Kohl) sowie sechs rumänischen Unterhändlern zu
nem Selbstbewusstsein und kulturell-sprachlich tief verletzt ha- tun.
ben. An die Spitze deutscher Gemeinden wurden Notäre gestellt,
die entweder nicht deutsch sprachen oder die deutsche Frage Im Oktober 1967 war Hüsch nach eigenen Worten als Feld-
gewaltsam lösen bzw. liquidieren wollten, ohne jedes Verständ- Wald-und Wiesen-Anwalt unterwegs, als ihm Gerd Lemmer, der
nis und ohne jegliche Sachkenntnis.“ Staatssekretär im Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlin-
ge und Kriegsgeschädigte, die delikate Mission antrug. Die so-
Während die Vertreter des Volksbundes im ungarischen Par- zialistische Republik bestand auf Geheimhaltung, Deutschland
lament in den Reihen der Regierungspartei saßen, wurde der kam sie nicht ungelegen. «Wir werden alles abstreiten müssen,
Volksbund auf dem Lande nun auch vom politischen Katholizis- wenn etwas schiefläuft», beschied ihm Lemmer. Dass die Bun-
mus, dem Landesrat Katholischer Burschen (KALOT), und damit
desrepublik einwilligte, Millionen an ein Unrechtsregime zu zah-
von jener Elite bekämpft, die stets eine traditionelle Stütze der
len, war politisch brisant.
Regierungspartei geblieben war.
Hüsch, heute 89 Jahre alt, hat in seiner Wohnung ein Wägelchen
14 SoNNTAGSBLATT
mit Dutzenden von Ordnern aufgereiht – eine akribische Chronik ist freilich, dass der Diktator erkannte, dass sich mit rumänischen
der diskreten Verhandlungen um Ausreisekontingente, Notizen Staatsbürgern deutscher Nationalität – wie sie offiziell hiessen –
zu Beratungen mit Bundeskanzler Helmut Kohl, der persönlich Kasse machen lässt. Unterhalten wurde die Geldmaschine von
über den Verlauf der Verhandlungen informiert werden wollte, den Securitate-Kadern, die mit Hüsch um Quoten und Konditio-
oder ein Nummernverzeichnis von Banknoten, die er den Rumä- nen stritten.
nen übergeben hatte.
Geheimtreffen in Zürich
Vier Jahrzehnte lang musste Hüsch, von der Securitate mit dem
Decknamen «Eduard» versehen, seine Erinnerungen für sich be- Dokumente aus dem Securitate-Archiv in Bukarest belegen,
halten. 2009 entband ihn der damalige Innenminister Wolfgang dass Ceausescu über die Einzelheiten bestens im Bild war. In
Schäuble offiziell von der Schweigepflicht. Danach trat Hüsch an unterwürfigem Ton («Wir beantragen, Folgendes melden zu dür-
Fachtagungen auf. Er veröffentlichte einen Aufsatz- und Materia- fen») rapportierte Innenminister Tudor Postelnicu noch am 30.
lienband, unter anderem mit Eindrücken von einem bizarren Tref- Juni 1989, ein halbes Jahr vor dem Sturz des Regimes, über
fen mit Nicolae Ceausescu am 3. Oktober 1988. Hüsch sollte im Geldtransfers auf ein Konto der rumänischen Aussenhandels-
Auftrag von Bundeskanzler Helmut Kohl höhere Ausreisezahlen bank. Hüsch wird in der Notiz nie namentlich genannt, sondern
erwirken. Doch Ceausescu blieb stur und lehnte Hilfsangebote lediglich als «Repräsentant der westdeutschen Seite» bezeich-
ab. Dem rumänischen Volk – das Ende der 1980er Jahre hunger- net. Das Schriftstück wurde mit einer Spezial-Schreibmaschine
te und fror – gehe es prima. Vielmehr denke er daran, deutschen abgefasst, die zwei Zentimeter grosse Buchstaben druckte. Trotz
Arbeitslosen Hilfspakete zu schicken. seiner Sehschwäche weigerte sich der Diktator, eine Brille zu
tragen. Die diskreten Unterredungen zwischen Hüsch und den
Hüsch, der trotz seinem hohen Alter während vier Stunden kon- Securitate-Offizieren fanden meist in Bukarest oder Neuss statt,
zis, detailgetreu und ohne Pause Fragen beantwortet, erinnert aber auch in Stockholm, Wien, Genf und am Flughafen Zürich.
sich an einen Mann mit massloser Selbstüberschätzung, umge- Im Grossen und Ganzen hielt das kommunistische Regime seine
ben von einer unterwürfigen Armada von Adlaten. Fühlte sich der Zusagen ein. Sicherheitshalber wurden die Abgeltungsbeträge
Herrscher angegriffen, lief sein Gesicht rot an. aber erst bezahlt, nachdem die Rumäniendeutschen die Durch-
gangsstelle für Aussiedler in Nürnberg erreicht hatten. Gleich-
Zuchtvieh gegen Ausreisebewilligungen zeitig betrieb die Securitate ein dreistes Zusatzgeschäft. Wer
sich eine Chance auf eine schnelle Ausreise ausrechnen wollte,
Bis 1968 hatte Deutschland mit Rumänien über Einzelfälle ver- musste die Geheimdienstler kräftig schmieren. Wie die Historike-
handelt. Henry Jakober, ein britischer Geschäftsmann unga- rin Hannelore Baier dokumentierte, waren diese Zusatzforderun-
risch-siebenbürgisch-jüdischer Abstammung, fädelte ziemlich gen nicht einfach das Werk einiger korrupter Beamter. Dieselben
krude Tauschgeschäfte ein: Zuchtvieh und Maschinen gegen Spitzenfunktionäre, die mit Hüsch über «reguläre» Kopfgelder
Ausreisebewilligungen für jüdische, aber auch rumäniendeut- verhandelten, initiierten und koordinierten die Schmiergeldzah-
sche Ausreisewillige. Später arrangierte der Anwalt Ewald Gar- lungen. Der deutsche Rechtsanwalt protestierte schriftlich gegen
lepp im Auftrag des Auswärtigen Amtes die Ausreise von Rumä- diese Praxis. Offenkundig mit wenig Erfolg.
niendeutschen gegen hohe Devisenbeträge. Bemühungen für
ein umfassendes Abkommen zerschlugen sich zunächst. «Hände hoch, Hitlerist!»

Erst in der Ära Hüsch entstand eine Art Abkaufsystem. Als ein- In Hermannstadt, dem Herz Siebenbürgens, führt uns Wienfried
ziges Ostblockland verlangte Rumänien ein Kopfgeld für jeden Senker zu seinem ehemaligen Zuhause. Das historische Zen-
Ausreisewilligen. Im ersten schriftlichen Vertrag, unterzeichnet trum wirkt hübsch herausgeputzt, als hätte man eine deutsche
am 7. März 1969 in Stockholm, einigten sich die Unterhändler auf Kleinstadt um ein paar tausend Kilometer verschoben und hier-
vier Kategorien: Für Akademiker wurde eine Abgeltungssumme her verpflanzt. Die Schulgasse hingegen, wo der baumlange
von 11 000 Mark vereinbart. Für Studierende ohne Studienab- Rumäniendeutsche aufwuchs, ist bis heute eine düstere Wohn-
schluss gab es einen Rabatt («Kategorie B2: 7000 DM, Studen- siedlung. Senker biegt bei der Nr. 15 ab, einem schäbigen Mehr-
ten in letzten beiden Jahren ihrer Ausbildung»). Lediglich 1800 familienhaus. Im Hinterhof sammeln sich Abfall und Steine. Vom
Mark waren für Rumäniendeutsche ohne berufliche Ausbildung Grundstück nebenan meldet sich lauthals ein kläffender Hund.
und Pensionierte zu entrichten. Bei Erreichung bestimmter Aus- Die Familie Senker – der Vater Wollfärber, die Mutter Näherin –
siedlerquoten winkte Rumänien ein Bonus. Die Verträge tragen wohnte im Parterre. 16 Quadratmeter für fünf Personen. Senker
die Unterschrift Hüschs. Man habe sich sozusagen im Gebiet schlief auf einem Klappbett unter dem Absatz einer Treppe, die in
des Ganovenrechts bewegt, bemerkt der Neusser Rechtsanwalt. den ersten Stock führte, zur Wohnung eines Obersten der Secu-
Es waren Vereinbarungen ohne Rechtsetzung und Gerichtsbar- ritate. Wienfried hörte den Geheimdienstler die Treppe hoch- und
keit. «Die Verträge galten, solange sich beide Seiten daran hiel- runtergehen.
ten.» Dass es sich de facto um Übereinkünfte zwischen Staaten
handelte, ging daraus nicht hervor. Eines Tages habe der Oberst den Eltern zugeflüstert: «Wir wis-
sen, dass ihr wegwollt.» Für seine Hilfe bei der Beschleunigung
Erdöl, Juden und Deutsche seien Rumäniens wertvollste Export- der Ausreise verlangte der Securitate-Mann 1000 Mark pro Per-
güter, soll der paranoide Machthaber geprahlt haben. son. Ein Onkel aus München brachte das Bestechungsgeld mit
dem Auto nach Hermannstadt. Eine riskante Kurierfahrt; er hätte
Das Freikauf-Arrangement wurde über die Jahre hinweg modi- wegen Devisenschmuggels verhaftet werden können. Andere
fiziert. Auf Hüschs Druck führte man eine Pauschalsumme für Vermittler verlangten von Ausreisewilligen Nerzmäntel, Colliers,
Ausreisewillige ein. Zusätzlich verlangte Rumänien Zins- und Feingold in Barren oder Herrenarmbanduhren der Marke Seiko.
Kreditsubventionen. Gleich blieb der Grundmechanismus: Frei- Dass die Bundesrepublik bereits offiziell für Ausreisewillige zahl-
heit gegen Geld. Die Unterhändler aus dem kommunistischen te, war den Senkers nicht bewusst.
Reich legten zudem Bestelllisten mit Medikamenten oder Jagd-
waffen («Marke Mauser mit Fernrohr») vor. Auf Wunsch Ceau- «Ich musste nicht hungern», summiert der heute 67-Jährige sei-
sescus orderten seine Helfershelfer auch ein bestimmtes Mer- ne damaligen Lebensumstände. Ein Onkel vom Land brachte in
cedes-Modell. einem Holzkoffer gelegentlich ein halbes Schwein. Aber Kinder
Erdöl, Juden und Deutsche seien Rumäniens wertvollste Export- der deutschen Minderheit wurden gemobbt. Senker schlendert
güter, soll der paranoide Machthaber geprahlt haben. Es gibt seinen früheren Schulweg entlang und zeigt, wo ihn rumänische
zwar keinen zweifelsfreien Beleg für diese Aussage. Unbestritten
(Fortsetzung auf Seite 16)
SoNNTAGSBLATT 15
Jugendliche einkreisten und riefen: «Hände hoch, Hitlerist!» Tag seien. Einige angebrannte Seiten konnten von Experten rekons-
für Tag war er gezwungen, einen Teil des Weges mit erhobenen truiert werden. Vieles mehr dürfte in Rauch aufgegangen sein.
Armen zu gehen. In den vergangenen Jahren haben Arbeiten von Historikern und
Journalisten das «Dossier Recuperarea» (Rückgewinnung) – wie
Senkers Eltern wollten eine bessere Zukunft für die Kinder. «Und es in Rumänien heisst – umfassend ausgeleuchtet. Gleichwohl
sie wollten unter Deutschen leben», erinnert sich Senker. Am 23. bleibt manches ungeklärt: Was ist mit all den Geldern passiert,
August 1970, dem Tag, an dem die Sozialistische Republik Ru- die auf Konten der rumänischen Aussenhandelsbank, aber auch
mänien die «Befreiung vom faschistischen Joch» feierte, reisten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel geflos-
die Senkers nach Deutschland aus: von Siebenbürgen mit dem sen sind? Die Aussenhandelsbank rasselte in den neunziger
Nachtzug nach Bukarest, dann im Flugzeug nach Frankfurt. Jahren in einen betrügerischen Bankrott. Einige Konten waren
plötzlich geleert, und Securitate-Leute wurden auf wunderbare
Für Wienfried Senker bedeutete der Abschied von Rumänien die Weise zu kleinen Oligarchen.
Trennung von Jugendfreunden. Doch schienen die Verlockungen
der Bundesrepublik die Nachteile aufzuwiegen. Senker studierte Einer, der mehr wissen müsste, heisst Stelian Octavian Andronic,
in München Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Als in Ru- ein ehemaliger Oberst der Securitate, Leiter der Devisen-Son-
mänien das kommunistische Regime weggefegt wurde, kehrte deroperationen, zuvor in der Gegenspionage und während
er als Managementberater in seine alte Heimat zurück. Während sechs Jahren der Verhandlungspartner von Hüsch. Die Bitte um
dreier Jahre leitete er das Büro der Deutschen Gesellschaft für ein Gespräch schlägt Andronic, der für den Aussennachrichten-
Internationale Zusammenarbeit in Bukarest. dienst auch in der rumänischen Botschaft in Bern auf Posten war,
nicht rundweg ab. «Rufen Sie in einer Woche wieder an», weist
Humanitäre Mission? er den rumänischen Mitarbeiter der NZZ an. Er müsse schauen,
ob er Zeit finde, beteuert Andronic, der nach der Wende mit dem
Hüsch, der deutsche Unterhändler, sieht sein Lebenswerk als deutschen Unterhändler Hüsch über Tankstellen und Flugzeuge
humanitäre Mission. Er fand es beleidigend, als ihn ein Journalist ins Geschäft kommen wollte.
einmal als «guten Menschenhändler» charakterisierte. Das sei
eine bösartige Auslegung seiner Tätigkeit, zumal die Rumänien- Beim nächsten Anruf schlägt Andronic das Café Ambience beim
deutschen freiwillig ausgereist seien. Parcul Floreasca vor. In dem Lokal kostet der Kaffee doppelt so
viel wie anderswo in Bukarest. Das «Ambience» grenzt an das
Hart ins Gericht mit dem rumänisch-deutschen Freikaufabkom- einstige Nomenklatura-Quartier, wo Ceausescu eine schwülstige
men geht der emeritierte Theologieprofessor Paul Philippi. In Villa mit eigenem Kino und Innenpool bewohnte. Der vereinbarte
Hermannstadt empfängt der 94-Jährige* in seiner Wohnung ge- Zeitpunkt ist schon längst vorbei. Seine Frau macht am Telefon
genüber der Stadtpfarrkirche. Er braucht einen Gehstock, sonst kurzerhand gesundheitliche Probleme geltend. Weitere Versu-
aber fast keine Hilfe. «Diese Abkommen haben einen enormen che blockt die Gemahlin in den folgenden Monaten freundlich,
Schaden angerichtet», beklagt er. Dass jeder alleine über die aber dezidiert ab.
Ausreise entschieden habe, bezeichnet der noch immer enga-
giert argumentierende Philippi als «Kollektivillusion». Oft hätten Andronic, auch er schon in den Achtzigern, mag tatsächlich
selbst die Pfarrer Siebenbürgen den Rücken gekehrt und damit mit den Bürden des Alters kämpfen. Offenkundig noch gut im
eine Ausreisewelle ausgelöst. «Marschiert der Leithammel weg, Schuss ist derweil ein anderer Spitzenmann des berüchtigten
zieht die Herde hinterher», umschreibt Philippi das Phänomen. Geheimdienstes: Constantin Anghelache, ein promovierter Wirt-
Die evangelische Kirche sei in ihrem Bemühen, die Pfarrer in der schaftswissenschafter. Der ehemalige Oberstleutnant präsidierte
Gegend zu halten, katastrophal gescheitert. bis 2015 den Fussballklub Dinamo Bukarest. Der Telefonanruf
dauert weniger als fünf Sekunden: Ein Interview? «Nein.» Dann
Der scharfzüngige Theologe war 1983 von einer Professur an der verstummt die Leitung.
Universität Heidelberg freiwillig nach Rumänien zurückgekehrt. ____________________________________________
«Wir sind Teil einer Minderheit, die hierhergehört.» Die geheimen * Der Theologieprofessor Paul Philippi ist nach den Recherchen
Aussiedlerabkommen hätten die deutschsprachige Gemein- zu diesem Artikel im Juli 2018 verstorben.
schaft in Rumänien nahezu zerstört, fügt Philippi an. Da in der
Ceausescu-Diktatur keine offene Diskussion über das Bleiben Quelle: https://www.nzz.ch/international/zu-verkaufen-rumae-
oder Gehen stattfinden konnte, entstand nach Philippis Analyse niendeutsche-ld.1428265
ein von der panischen Angst, allein im Gefängnis-Staat zurück-
zubleiben, erzeugter Sog. Er habe das Schicksal der rumänien-
deutschen Minderheit als Volksgruppe besiegelt. In der Volks-
zählung von 2011 deklarierten sich nur noch 36 000 Personen
oder 0,18 Prozent der rumänischen Bevölkerung als Deutsche,
Mikrokosmos Ost- und Mitteleuropa s
vorwiegend Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben. Deutsche Volksgruppen
Dem gilt es freilich hinzuzufügen, dass die Ausreisewelle unter
dem Ceausescu-Regime zwar massiv anschwoll, sich aber auch
nach der Wende fortsetzte. Tausende von Rumäniendeutschen
wanderten nach der Wende «nach oben» aus, wie man die geo-
Mit dem Schulbus ziehen sie aus
grafisch nördlich gelegene Bundesrepublik heute noch nennt. Ungarn aus
Wenngleich die deutsche Minderheit zahlenmässig massiv
schrumpfte, ist sie keineswegs ausgestorben. Mit Klaus Iohan-
nis amtiert seit 2014 zum ersten Mal ein Rumäniendeutscher als (Iskolabusszal vonulnak ki Magyarországról)
Staatschef. Wie kaum ein anderer Politiker des zweitärmsten
EU-Landes steht der ehemalige Bürgermeister von Hermann-
stadt für Rechtsstaatlichkeit und den Kampf gegen die Korrup- Von Ádám Kolozsi, erschienen am 21. 05. 2019 auf dem Portal
tion, die nach der Wende stark zunahm. index.hu. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des
Autors.
Warten auf Oberst Andronic

Wie die deutsche Stasi hat die rumänische Securitate ihre Opera- Deutsche Übersetzung: Richard Guth
tionen akribisch dokumentiert; Einnahmen verbuchte sie auf den
Pfennig genau. Im Archiv ausserhalb von Bukarest reihen sich Nicht nur die Erwachsenen pendeln täglich nach Österreich: Im-
ihre Akten über mehrere Kilometer hinweg. Allerdings erzählt ein mer mehr Familien in der Grenzregion schicken ihre Kinder auf
Mitarbeiter, dass nach der Revolution von 1989 kistenweise Do- Schulen jenseits der Grenze. Die Schulen im Burgenland werben
kumente in einer Kehrichtverbrennungsanlage gefunden worden in ungarischen Zeitungen. In Folge dessen können die Eltern viel
16 SoNNTAGSBLATT
einfacher aus dem ungarischen staatlichen Schulsystem aus-
steigen als andere. Kostenloser Spracherwerb? Wie kann man Weniger Stoff, weniger Stress
den Sohnemann an einer ausländischen Schule anmelden, in
welcher Jahrgangsstufe ist ein Wechsel sinnvoll? Und wieviel Die PISA-Ergebnisse der österreichischen Kinder sind besser
kostet es? als die der ungarischen, wohlgemerkt ist der Unterschied nicht
gewaltig. Nach Meinung ihrer Befürworter zeichnet sich die ös-
Levente startet jeden Morgen um halb sieben, um von Sárvár terreichische Schule durch weniger lexikalisches Wissen, eine
zuerst mit dem Überlandbus nach Steinamanger zu fahren und viel praxisorientiertere Ausbildung, innovativere pädagogische
dann mit dem Schulbus weiterzufahren. Kindern aus anderen Methoden und mehr kinderorientierte Lehrer aus und erzieht
Regionen des Landes könnte es komisch vorkommen, dass die außerdem zum Leben, mit einem starken Fremdsprachenunter-
Kinder hier an jedem Schultag zweimal die Grenze passieren: richt. Die ungarischen Eltern betrachten die geringere Erwartung
Um acht Uhr sitzen sie bereits in österreichischen Schulbänken. an lexikalisches Wissen auch nicht als Nachteil, sondern beto-
An der Grenze zu Österreich ist das aber ein gewohntes Bild: nen, dass man nicht so viel Unnützes lerne wie im ungarischen
Allein aus Steinamanger befördern täglich drei Sonderfahrten die Schulsystem.
ungarischen Kinder nach Oberwart und in noch ein paar andere,
nahe gelegene burgenländische Gemeinden. „Dort gibt es dieses Verkrampfte nicht, nichts, weswegen sich
das Kind unter Druck setzen würde. Es gibt keine unangekün-
„Die deutschen Gedächtnisübungen waren anfangs schwer, digten Tests. Die Arbeiten werden rechtzeitig angekündigt und
aber man gewöhnt sich daran. Die Atmosphäre an der Schule eingetragen und wir leben unser Leben seelenruhig. Es inter-
ist viel besser dort”, erzählt die Familie von Levente. Der Junge essiert nicht das, was du nicht kannst, sondern was du kannst”,
aus dem Jahrgang 6 kommt um halb sechs abends nach Hause, berichtete ein Elternteil über seine Erfahrungen.
danach stehen Solfeggio und Trompetenunterricht auf dem Pro-
gramm, trotzdem geht er gerne auf die österreichische Schule. Von den drei Kindern von Andrea gehen zwei in Österreich zur
Seine Mutter sagt: Schule. Zu Hause haben sie zuerst eine deutsche Nationalitä-
tenschule ausprobiert, aber mit ihr waren sie nicht glücklich, in
„So lächelt er immer noch viel mehr als die Kinder, die im der Jahrgangsstufe 6 hat der Junge das Jahr in Österreich wie-
ungarischen Schulsystem gegängelt werden.” derholt. „Obwohl er in Ungarn eine deutschsprachige Schule be-
sucht hat, sagte er in Österreich in den ersten drei Monaten kein
Die Familie stellt sich bereits in Österreich die Zukunft des Kin- Wort. Aber er sog die Sprache auf wie ein Schwamm.” Andrea
des vor: Levente soll nach der Volksschule eine musikalische hat die Erfahrung gemacht, dass man an der österreichischen
Richtung einschlagen, aber auf jeden Fall in Österreich. Schule für alles Zeit und keine 500 Seiten lange Bücher hat,
jeder kann nach seinem eigenen Tempo arbeiten. Ihr gefiel es
Etwa 2000 Kinder aus Ungarn könnten in Österreich zur Schu- nach eigenen Angaben auch, dass man die Umweltkunde- und
le gehen. Genaue Angaben findet man keine, da keine solchen Biologiestunden oft draußen in der Natur hält und es viele thema-
Statistiken existieren, aber man kann aus den burgenländischen tische Tage und Projektarbeit gibt.
Statistiken Rückschlüsse ziehen. Der Großteil dieser ungari-
schen Kinder pendelt: Es gibt welche, die eine österreichische „Sie lernen nicht so viel Unsinniges und stressfrei.”
Meldeadresse haben (warum es sinnvoll ist, dazu später mehr),
bei einem Teil ist Ungarn aber noch der Mittelpunkt des Lebens- Ihre Kinder setzten ihre schulische Karriere auch nach der Volks-
interesses. Das so genannte schulische Pendeln (ung. tanulá- schule in Österreich fort: Der Junge lernt BWL in Wien, das
si ingázás) ist in der Umgebung von Steinamanger besonders Mädchen in Graz Übersetzen-Dolmetschen. Ihrer Ansicht nach
bestimmend: Die Grenze liegt wenige Minuten entfernt und in werden sie ganz bestimmt in Österreich arbeiten. Andrea sagt,
Österreich gibt es viele kleine Gemeinden, für die es wichtig ist, dass sie sie auch nicht mehr heimlassen würde, wenn es auf sie
dass die Volksschule erhalten bleibt. Die neu eingeschulten un- ankäme.
garischen Schüler kommen da gelegen.
Die Eltern stellen sich in der Regel die ganze schulische Karriere
„Es gibt sehr viele solche Familien, die den Entschluss fassen, ihres Kindes in Österreich vor. Anfangs ist es noch häufig so,
ihre Kinder nicht auf eine Schule in Ungarn zu schicken, sondern dass das Kind zu Hause als Privatschüler die Feststellungsprü-
in Österreich. Anfangs meinte ich den Charakter einer Mode- fungen absolviert, nach ein-zwei Jahren gibt das die Mehrheit
erscheinung erkannt zu haben, aber dann bin ich auf der Straße jedoch auf. Die Eltern sind der Ansicht, dass die Kinder eh nicht
und in meinem Bekanntenkreis immer mehr Leuten aus diesen mehr in das ungarische Schulsystem zurückkehren würden. Aber
Familien begegnet und ich war interessiert an ihren Erfahrun- nicht jedermanns Rechnung geht auf. Es gibt solche Kinder, die
gen”, sagt Judit Buchwald-Langer, Hochschuloberassistentin nach der achten Klasse zurückkehren, denn es war nach ihrer
an der Fakultät für Pädagogik und Psychologie der Loránt-Eöt- Ansicht in Österreich schwerer oder sie haben es ausprobiert
vös-Universität in Steinamanger (ELTE PPK). Die Bildungs- und es war genug – das ist aber der seltenere Fall.
forscherin hat über das Phänomen eine Monographie verfasst
– ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass das Hauptmotiv der Zügel ziehen auf österreichische Art
ungarischen Eltern der Spracherwerb ist.
Die an den Umfragen beteiligten Eltern haben in der Regel posi-
Sie sind mit dem Niveau des ungarischen Fremdsprachenunter- tive Erfahrungen, die Mehrheit spürt nach eigenem Bekunden
richts sehr unzufrieden und sehen, dass selbst Kinder, die einen keine Diskriminierung. Sie sagen, dass das Verhältnis zu den ös-
Fremdsprachenklassenzug besuchen, kaum bereit sind, die terreichischen Kindern an den meisten Orten gut sei, aber man
Sprache aktiv zu benutzen. Die Eltern bringen deswegen die Kin- berichtet auch von Ausnahmen. In Eberau hilft uns ein ungari-
der in einem muttersprachlichen Milieu unter, wo sie sich neben sches Mädchen und erzählt, dass das Verhältnis zu den Einhei-
Hochdeutsch auch den lokalen Dialekt aneignen und darüber mischen, die die Parallelklasse besuchen, nicht so gut sei. An
hinaus scheint in Österreich auch der Englisch-Fremdsprachen- einer anderen Schule gibt es auch solche Eltern, die meinen,
unterricht effektiver zu sein. Das ferne Ziel scheint zu sein, dass dass „ein-zwei Lehrer, die die Ungarn nicht mögen, die Öster-
das Kind dort eine Arbeit findet - mit perfekten Sprachkenntnis- reicher bevorzugt behandeln und die Ungarn unterdrücken” und
sen, dortigem Abschluss und dortiger Berufsausbildung. dass unter den Kindern natürliche Rivalitäten vorkommen wür-
den – beispielsweise bei der Fußball-EM, als es nicht gern gese-
„Hier ist der Fremdsprachenunterricht effektiver. In Ungarn ist hen wurde, dass nach der Niederlage Österreichs gegen Ungarn
der Unterricht der math.-naturwissenschaftlichen Fächer stärker, ein ungarischer Schüler mit einer Rot-Weiß-Grün-Fanschminke
aber ich glaube, später werden meine Kinder nicht davon profi- die Klasse betrat.
tieren, sondern von ihren Fremdsprachenkenntnissen”, so einer
der interviewten Elternteile zu Judit Buchwald-Langer. (Fortsetzung auf Seite 18)
SoNNTAGSBLATT 17
Die Dörfer im Burgenland, die ähnlich wie die ungarischen Klein- Man muss ihnen aufzeigen, dass man auch hier regelmäßig ler-
dörfer mit Schülermangel zu kämpfen haben, versuchen ihre nen muss”, erzählt Krisztina Oswald, eine der Ungarischlehrerin-
Schulen zu erhalten, so kam ihnen die Anmeldung von ungari- nen der Schule und spricht von der Wichtigkeit des Projektunter-
schen Kindern gelegen. Mancherorts nahm das solche Ausmaße richts, der Förderung und der individuellen Lernwege.
an, dass sich die einheimischen Eltern an der hohen Zahl von
ungarischen Kindern störten und auch seitens der Schulträger „Der Frontalunterricht funktioniert bei den heutigen Kindern nicht
wurden Vorbehalte laut. Deshalb wurde 2012 der Schuleintritt in mehr. Der Lernstoff in Österreich ist etwas weniger als in Ungarn,
die staatliche Volksschule (die der ungarischen Primarstufe ent- aber es ist nicht einfach in einer fremden Sprache zu lernen”,
spricht) verschärft: Seitdem dürfen diese Schulform nur Kinder sagt sie und unterstreicht die Vorteile des multikulturellen Milieus
mit österreichischer Meldeadresse besuchen. Viele ungarische der Grenzregion.
Familien - um einen Wechsel zurück in das ungarische Schul-
system zu vermeiden - suchten nach einer Lösung: Es gab Orte, „Es kommt vor, dass die Integration einzelner Schüler in das ös-
wo sich die Lehrer bereit erklärten, dass sich bei ihnen einige terreichische Schulsystem nicht glückt. Sie fühlen sich nicht wohl,
Kinder anmelden. Solche administrative Lösungen funktionieren die Gründe könnten am fremdsprachigen Umfeld, aber genauso
nicht mehr, denn der gewöhnliche Aufenthalt wird von den Be- am mangelnden Sprachvermögen oder den Mentalitätsunter-
hörden auch überprüft. schieden liegen”, sagt die Lehrerin der Eberauer Schule. Andere
nehmen die Hürden leicht: Wenn sie gewusst hätten, dass es mit
Seitdem wechseln die Kinder gewöhnlich nach der vierten Klas- der Sprache und Integration so schnell klappt, dann hätten sie
se auf eine österreichische Schule - wenn nicht bereits im Kin- ihre Kinder eher in Österreich angemeldet oder bereits das erste
dergartenalter, wobei es ja komplizierter ist, denn diese Kinder Kind hätten sie auf eine österreichische Schule geschickt, hören
müssen noch gebracht und abgeholt werden. Die einzelnen Kin- wir von mehreren Eltern.
dergärten entscheiden eigenständig, wie viele ungarische Kinder
sie aufnehmen. In der Regel sind das nicht mehr als vier-fünf Die Mehrheit meint, dass sie das bekommen hätte, was sie er-
pro Kindergartengruppe, denn man befürchtet, dass sonst die wartet hat: einen praxisorientierteren, stressfreieren und kin-
muttersprachliche Erziehung der österreichischen Kinder da- derorientierteren Unterricht. Hinter ihrer Wahl steht auch die
runter leiden könnte. Im Kindergarten müssen die nicht öster- Kritik am ungarischen Bildungswesen. Weniger das Schulträger-
reichischen Familien einen Beitrag leisten, aber dieser ist nicht schaftszentrum KLIK oder die Bildungsreformen der letzten Jah-
allzu hoch. re, sondern vielmehr praktische Gesichtspunkte geben da den
Ausschlag: Die Eltern halten den ungarischen Sprachunterricht
Zum Preis einer Monatskarte für den Bus für katastrophal, halten die Menge des theoretischen Wissens
für überflüssig, während sie die Mentalität der österreichischen
Ein Schulbesuch kommt häufiger vor und das bedeutet keine Lehrer loben.
hohe Bürde. Neben dem Unterricht ist die Versorgung mit Schul-
büchern in Österreich auch kostenfrei, so ist die Busfahrt der Die österreichische Schulbildung bietet eine extra Möglichkeit
größte Posten, wobei sich der Preis für die Monatskarte in Höhe für die Glücklichen, denen es aus geografischen Gründen offen
von 15.-20.000 Forint (45 – 65 Euro) für viele rentiert. „Anstel- steht oder auch für die, die einen Umzug in Kauf genommen ha-
le sie (Anm.:die Kinder) zu Hause zum Deutsch-Privatlehrer zu ben, damit das Kind hier lebend in einer österreichischen Einrich-
schicken, bekommen wir eine muttersprachliche Ausbildung und tung lernt. Sie bekommen für fast umsonst eine Alternative zur
eine wahrhafte Integration”, hören wir auch von den Eltern. ungarischen staatlichen Schulbildung und sie entscheiden mit
ihren Füßen beziehungsweise mit dem Schulbus. Die Mehrheit
„Die Mehrheit der Kinder kommt mit keinen oder minimalen entscheidet sich unabhängig von der Politik dafür und würde es
Deutschkenntnissen an, sie werden ins tiefe Wasser gewor- auch dann tun, wenn die ungarischen Schulen etwas besser wä-
fen”, das haben auch die Untersuchungen von Judit Buchwald ren – mit der Möglichkeit einer Karriere in Österreich könnte das
bestätigt. Laut den Bundesbildungsrichtlinien müsste man bei heimische Umfeld auch dann nicht mithalten, wenn es eine freie
acht fremdsprachigen Kindern einen Sprachvorbereitungs- und Lehrbuchwahl gäbe oder sich die Lehrerschaft in einem besse-
Förderkurs anbieten, aber während dies in Wien gut funktioniert, ren Zustand befände. Ein Teil der Familien - vornehmlich aus
wäre das im Burgenland eher die Ausnahme. der Mittelschicht - hat in Westungarn für den Auszug gestimmt.
Diese Familien werden keinen Druck mehr auf das ungarische
Es gibt Familien, die sich eben wegen der Bildungsmöglichkei- Bildungssystem von innen heraus üben, damit es ein Stück bes-
ten in Österreich an der Grenze angesiedelt haben. Mehrere ser wird, jedoch hat das ungarische Umfeld solche Familien für
österreichische Einrichtungen werben in Ungarn, in der west- eine lange Zeit oder für immer verloren.
ungarischen Presse erscheinen auch Anzeigen von österreichi-
schen Schulen. Zwei Schulen sind besonders beliebt: In Ober- Quelle: https://index.hu/belfold/2019/05/21/ingazo_gyerekek_
wart wird ein zweisprachiges Bundesgymnasium betrieben; den ausztria_oktatas_osztrak_iskolaba_jar/
deutsch-ungarisch zweisprachigen Bildungsgang besuchen
neben den burgenländischen Kindern auch in immer größerer
Zahl Ungarn. Für sie ist es ein großes Plus, dass hier jeder in
fünf Sprachen lernt.

Das Josefinum in Eberau, eine katholische Privatschule, startet


neben den österreichischen auch ungarische Klassen. Diese
Schule besucht auch Levente, der eine Trompetenausbildung Deutsche Migranten nach Siebenbür-
absolvieren möchte, in einer der 15 Schüler starken Klassen. gen!
Hier werden alle Hauptfächer von zwei Lehrern unterrichtet. Die-
se Schule legt den Schwerpunkt erklärtermaßen auf die Integra- Von Martin Bukovics und Bea Bakó. Erschienen auf dem On-
tion, Sprachförderung der Schüler aus Ungarn, damit sie von hier line-Portal azonnali.hu am 15. Juni 2019. Veröffentlichung mit
aus gut gewappnet Oberwart, Pinkafeld, Stegersbach, Güssing
freundlicher Genehmigung von Chefredakteurin Bea Bakó.
oder eine andere österreichische Mittelschule ansteuern. Jetzt
könnte man die Schüler auch auswählen, nur Schüler mit einem Deutsche Übersetzung: Richard Guth
Schnitt von 4 – 5 werden genommen. Dreimal in der Woche gibt
es ungarischen Muttersprachenunterricht, aber es werde Wert Eine Autonomie Siebenbürgens sei ein Ding der Unmöglichkeit,
auf den praktischen Unterricht gelegt. das Seklerland sollte lieber um Geld bitten, sagt Paul-Jürgen
Porr, Vorsitzender der UDMR/RMDSZ der Rumäniendeutschen
Ruhe im Westen im Interview mit Azonnali. Seiner Ansicht nach ist es goldrichtig,
dass sich Klaus Johannis im rumänischen Präsidentenstuhl nicht
„Die ungarische Leistungsfeststellung geht mit viel mehr Stress als Deutscher verhält. Die rumänischen Autobahnen vergleicht
einher, hier kommen die ungarischen Schüler zu sehr zur Ruhe. Porr mit dem männlichen Geschlechtsorgan und er würde gerne
18 SoNNTAGSBLATT
mehr deutsche Migranten in Siebenbürgen sehen. der Grund war, warum ich dieses Jahr nicht an ihrem Klausen-
burger Kongress teilgenommen habe. Aber zu solchen Schritten
Siebenbürgen wurde im Grunde über Jahrhunderte vom Zusam- der UMDR stehen auch die Siebenbürger Madjaren kritisch.
menleben dreier Völker, der Madjaren, Rumänen und Deutschen
geprägt, bevor es in den vergangenen hundert Jahren vom ru- Also hat die UMDR die PSD-ALDE-Regierung Ihrer Ansicht
mänischen Nationalstaat romanisiert wurde. Die Deutschen, die nach eigentlich nur deshalb als Außenstehende unterstützt,
unter anderen Schässburg, Hermannstadt und Kronstadt aufge- weil die Interessensvertretung einer Minderheit dies erfor-
baut haben, wanderten vornehmlich entweder aus oder wurden dert?
verkauft oder starben aus. Es gibt sie aber noch: Und sie haben
nicht nur einen Staatspräsidenten in der Person von Klaus Jo- Ja. Jetzt wollen sie zum Beispiel erreichen, dass man an den
hannis, sondern eine eigene Interessensvertretung á la UDMR, ungarischsprachigen Schulen in Rumänien kein Abitur in Rumä-
das Demokratische Forum (DFDR). Mit dem Vorsitzenden dieser nischer Sprache ablegen soll. Das wäre - ganz neutral, aus Sicht
Partei, dem Chirurgen Paul-Jürgen Porr, haben wir in der Partei- eines Außenstehenden betrachtet - meiner Meinung nach kein
zentrale in Hermannstadt noch vor den Ereignissen von Valea Fortschritt: Diejenigen, die solche Schulen besuchen, leben ge-
Uzului (Úzvölgye – hier kam es im Frühjahr zu Konflikten zwi- nauso in Rumänien, das Rumänische würden sie nur dann nicht
schen Rumänen und Seklern rund um einen Soldatenfriedhof am brauchen, wenn sie unmittelbar nach dem Abitur nach Ungarn
Rande des mittlerweile entvölkerten Dorfes, R. G.) gesprochen. ziehen würden. Aber wenn man hier bleibt, dann ist es meiner
Ansicht nach nicht glücklich, wenn man sich als rumänischer
Verhält sich Klaus Johannis, Staatspräsident von Rumäni- Staatsbürger in der Amtssprache nicht ausdrücken kann – diese
UMDR-Forderung ist daher kontraproduktiv.
en, eher als guter Deutscher oder als guter Rumäne?
Es wird schon lange über die Autonomie des Seklerlandes
Er ist von Geburt Rumäniendeutscher. Seit er Präsident ist, ist
diskutiert. Kann man das als Rumäniendeutscher unterstüt-
er Präsident aller Rumänen (rumänischen Staatsbürger). Wir,
zen?
die deutsche Minderheit wollen erst gar nicht, dass er uns einen
privilegierten Status verschafft, denn das würde uns die Mehr- Ich bin diesbezüglich skeptisch. Die drei Komitate im Sekler-
heitsgesellschaft übelnehmen. Oder, ich muss sagen, dass er land – Covasna, Harghita und Mieresch – liegen in der geogra-
in diesem Sinne ein guter Rumäne ist: Seine Politik kommt den phischen Mitte Rumäniens. Es scheint ein wenig so, als wären
Massen zugute. sie Enklaven, deswegen spricht man immer von kultureller und
nicht ethnischer oder territorialer Autonomie. Meiner Meinung
Warum wollen Sie nicht, dass Johannis der Präsident der nach sollte man den Seklern gestatten, dass sie ihre Fahne frei
Rumäniendeutschen ist? aufhängen können – ich denke, dass wenn es den anderen gut
geht, dann wird es auch uns gut gehen.
Weil dadurch, dass er alle vertritt, auch uns vertritt. Das heißt,
neben der rumänischen Mehrheitsgesellschaft alle 18 Minderhei- Wenn es gelingen würde, dass die Seklerregion, die im Vergleich
ten – unter ihnen sind die Madjaren mit 1,6 Millionen die größ- zu anderen Teilen von Siebenbürgen als rückständig gilt, wirt-
te, dann kommen die Roma in der meiner Ansicht nach selben schaftlich aufholt und es ihr gut gehen würde, dann würde sie
Größenordnung, auch wenn sich bei der letzten Volkszählung keine Autonomie mehr fordern.
lediglich 500.000 von ihnen dazu bekannt haben, denn sie be-
trachten sich eher als Rumänen oder Madjaren, je nachdem, wo Das ist nicht die Meinung des gesamten DFDR, sondern nur mei-
sie leben –, unter denen wir zahlenmäßig nur eine ganz kleine ne: Ich bin gegen die Autonomie, allein deshalb, weil das der
Minderheit stellen. Nährboden für den rumänischen und madjarischen Nationalis-
mus ist. Klausenburg hatte in der Person von Gheorghe Funar
Was glauben Sie, bleibt Johannis auch über 2019 hinaus im jahrelang einen nationalistischen Bürgermeister: Denjenigen, der
Amt? damals die Lokalpresse las, ergriff sofort das Gefühl des Drangs
zur Auswanderung, als er darin das nationalistischen Gestänker
Wir hoffen es sehr. Nicht nur als Minderheitenangehörige, son- zu Gesicht bekam. Man hat die Bänke auf den Straßen mit dem
dern auch als rumänische Staatsbürger. Johannis verfolgt eine rumänischen Trikolor bemalt – das Ganze grenzte schon ans Ab-
ausgeglichene, proeuropäische Politik im Gegensatz zu den bei- surdum. Der Nationalismus führt zu keinem Ergebnis.
den, nicht gerade EU-freundlichen, nationalistischen, gar chau-
vinistischen Regierungsparteien. Seitdem die PSD-ALDE-Regie-
rung an der Macht ist, wurden die rechtsstaatlichen Standards
systematisch ausgehöhlt, sie treffen wirtschaftsfeindliche Ent-
scheidungen, nehmen Kredite auf – die unsere Kinder werden
schultern müssen –, um die Löhne und Renten bezahlen zu kön-
nen. Investitionen werden so gut wie nicht getätigt.

Ich pflege es zu sagen, dass die rumänischen Autobahnen wie


das männliche Geschlechtsorgan sind: Man muss sich über je-
den zusätzlichen Zentimeter freuen. Nicht wahr?

Es ist interessant zu beobachten, dass die deutsche Minder-


heit Wegbegleiter der Mitte-Rechts-Opposition ist, die Ver-
tretung der madjarischen Minderheit, die UMDR, hat früher
die PSD-ALDE-Regierung unterstützt. Paul-Jürgen Porr am Großen Ring von Hermannstadt/Sibiu/ Nagyszeben

Deswegen habe ich sie mehrfach kritisiert. Als Minderheit muss Wäre die Autonomie Siebenbürgens eher akzeptabel?
man grundsätzlich immer die Regierung stützen – aus der Op-
position heraus kannst du nichts für deine Leute tun – das ist Es gibt historische Beispiele dafür aus der Zeit des Ungarischen
eine klare Sache, darin hat die UMDR Recht. Aber dass sie mit Königreichs und von Österreich-Ungarn, aber ich sehe heute kei-
ihrer Stimme das Zerschlagen des Rechtsstaates unterstützte, nen rumänischen Politiker, der diese Idee unterstützen würde.
ist nicht in Ordnung – ich habe ihnen auch mitgeteilt, dass das Selbst Präsident Klaus Johannis nicht. (Fortsetzung auf Seite 20)

SoNNTAGSBLATT 19
Dennoch zeigt der Zusammenschluss der vier prosperieren- der Wende gab es noch 250.000 von uns. Die große Ausreise-
den Großstädte in Siebenbürgen – Großwardein, Temeswar, welle setzte 1990 ein, infolge deren es bei der Volkszählung von
Klausenburg und Arad – unter der Bezeichnung „Westliche 1992 nur noch 120.000 von uns gab. 2002 hat man nur noch
Allianz” doch in die Richtung, oder? 60.000 Deutsche gezählt, das hatte aber in erster Linie bereits
biologische Gründe.
Sie haben lediglich ein Ziel, nämlich die regionalen EU-Gelder
direkt abrufen zu können, ohne Zutun von Bukarest. Wir werden Warum haben Sie Rumänien zu sozialistischen Zeiten nicht
sehen, ob es ihnen gelingt. verlassen, als die BRD die deutsche Minderheit quasi frei-
kaufte?
In ihnen lodert also kein siebenbürgisches Feuer, wenn ich
es richtig spüre. Das war ein großes Lotteriespiel. Ich kannte welche, die 18 Jah-
re auf das Erlaubnis zur Ausreise warten mussten. Deutschland
Nein! Europa ist ein Europa der Regionen. In Siebenbürgen und hat für 20.000 Deutsche bezahlt – es hing von dem Schulab-
dem Banat ist seit Jahrhunderten vorhanden, was wir heute den schluss ab, wieviel: für Akademiker mehr, für Facharbeiter we-
europäischen Gedanken nennen: das friedliche Zusammenle- niger. Ich ging aus zwei Gründen nicht: Zum einen, weil es nicht
ben von Völkern und Religionen. Was in gewissen Teilen Euro- absehbar war, wann ich ausreisen darf, zum anderen, weil der
pas – auf dem Amselfeld, in Katalonien, in Irland – erst ein Traum Ausreiseantrag negative Konsequenzen gehabt hätte, denn am
bleibt, das haben Madjaren, Deutsche, Rumänen, Juden und Tag darauf hat die Securitate einen aus seiner Führungsposition
Roma hier in Siebenbürgen jahrhundertelang erlebt. Es wäre entfernt. Aber auch als einfacher Lehrer durfte man nicht arbei-
gut, wenn dieser europäische Gedanke in Siebenbürgen auch ten - unter dem Motto, wie könnte er die rumänische Jugend im
in Ungarn Fuß fassen könnte: Denn Viktor Orbán denkt recht sozialistischen Geist erziehen, wenn er sich selbst nach der ka-
europafeindlich. pitalistischen BRD sehnt, oder wie sie sagten: Hat er mit dem
Klassenfeind paktiert?
Worin äußert sich das?
Viele haben dieses Risiko nicht eingehen wollen. Der Grund für
In seiner Migrationspolitik, dass er keine Muslime aufnimmt.
die Ausreisewelle von 1990 war das Verschwinden dieser nega-
Der europäische Gedanke besagt diesbezüglich, dass man all
tiven Konsequenzen.
denjenigen die Tore öffnet, die Hilfe bedürfen - Terroristen und
Wirtschaftsmigranten ja nicht; das ist ein längerer Prozess, das
Bei mir überwogen fachliche Gründe bei der Entscheidung zu-
geht nicht anhand zweier Fotos. Darüber freuen sich die Ungarn/
gunsten des Bleibens. Da wir in Kanada Verwandte hatten, woll-
Madjaren sicherlich und sagen, Gott sei Dank bleiben wir Chris-
ten die Brüder meines Vaters, dass wir auch dorthin ziehen. Mein
ten. Rumänien war nicht gegen die deutsche Flüchtlingspolitik,
Vater wollte aber nicht: andere Sprache, anderes Wetter. Er starb
es selbst hat Flüchtlinge aufgenommen.
1971, ich fing ein Jahr später das Medizinstudium an, dann blieb
Das Problem ist eher, dass niemand zu uns kommen will. Wir ich in Klausenburg forschen. In die DDR konnte man damals
haben deswegen nicht die Grenzen geschlossen und deswegen selbst als Tourist nicht, von der BRD ganz zu schweigen: Sollte
keinen Zaun gebaut, weil es nicht notwendig war. der Staat das Risiko eingehen, dass ein junger, lediger Arzt dort
bleibt?!
Als eine Flüchtlingsfamilie zufällig in Rumänien landete anstel-
le in Ungarn, war sie traurig. Bei Temeswar gibt es immer noch Nach der Wende haben wir das Deutsche Forum gegründet –
ein Flüchtlingslager, das ziemlich überfüllt ist, die dort Lebenden das hielt mich auch. Bis dahin hatte jeder zweite Deutsche sei-
integrieren sich in die rumänische Gesellschaft, lernen Sprache nen Koffer gepackt, wir fragten uns auch: Wer und für wen macht
und Beruf. man diesen Verein?! Aber ich würde diese 30 Jahre nicht als
Misserfolg werten: Wir sind auf der Ebene der Kommunalpolitik
Wie viele Deutsche leben eigentlich heute in Rumänien? erfolgreich – in Sathmar haben wir Bürgermeister und arbeiten
auf lokaler Ebene wunderbar mit der UMDR zusammen –, so
Knapp 40.000! Vor dem Zweiten Weltkrieg waren wir noch sehr, dass wir in Hermannstadt zum fünften Mal in Folge das
800.000 Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, Sathmarer Rennen um das Bürgermeisteramt gemacht haben: viermal mit
Schwaben, Zipser Sachsen (die sich in Maramuresch niederlie- Klaus Johannis, einmal mit Astrid Fodor. Und wir stellen nicht
ßen, R. G.), Bukowina- und Dobrudscha-Deutsche zusammen. nur den Bürgermeister, sondern auch die Mehrheit in der Stadt-
Nach dem Krieg wurden sehr viele Deutsche deportiert oder zur verordnetenversammlung, und das, obwohl der Anteil der Deut-
Zwangsarbeit verschleppt und auch viele zogen in die BRD. Vor schen in dieser südsiebenbürgischen 160.000 Einwohner-Stadt
nur zwei Prozent beträgt.

Was ist der Grund dafür?


WIR Bedanken UNS bei Allen
Bis 2000 hatte Hermannstadt keinen ernstzunehmenden Bürger-
unseren LANDSLEUTEn IN UNGARN, Die meister. Die Stadt war damals ein graues Provinznest vor dem
Zerfall. Nachdem Johannis 2000 gewählt wurde, hat er eine Rei-
DAS Sonntagsblatt unterstützen he Firmen hierher gelockt und legte dadurch den Grundstein für
das Wirtschaftswachstum. Die eingezahlten Gewerbesteuerein-
und weiterteilen. nahmen wendete er dafür auf, Blumen zu pflanzen, die Stadt zu
verschönern, Gebäude zu renovieren – Marx hatte also Recht,
die Wirtschaftsstruktur ist die Basis von allem. In der zweiten
Runde der Wahlen von 2000 hat Johannis haushoch gewonnen,
aber er hatte keine Mehrheit in der Stadtverordnetenversamm-
lung. Damals hat die PSD, die sozialdemokratische Partei – die
jakob bleyer ja überhaupt nicht sozialdemokratisch, sondern vielmehr post-
GEMEINSCHAFT e.V. kommunistisch ist – alles blockiert, damit sich Johannis nicht
durchsetzen konnte.

20 SoNNTAGSBLATT
2004 hat dann auch das DFDR eine Liste aufgestellt, Johannis Nationalstaaten. Unser Standpunkt ist, dass man das Problem
ließ darüber hinaus verlauten: Ich benötige, um effizient arbeiten wohl auf der Nationalstaatsebene oder darunter lösen soll. Wenn
zu können, die Mehrheit in der Versammlung: Wer dies unter- mein oberer Nachbar durch einen Wasserschaden mir Schaden
stützt, soll die deutsche Liste wählen. Das hat man wohl verstan- zufügt, dann renne ich nicht sofort zum Bürgermeister!
den: Johannis hat bereits in der ersten Runde 89 % bekommen.
Als ich ihm gratulierte, meinte ich gleichzeitig zu ihm, dass dieses Sie haben erwähnt, dass sie immer weniger werden, bei der
Ergebnis in einer Demokratie Misstrauen hervorruft, solche Zah- letzten Volkszählung hat man nur noch 40.000 Rumänien-
len kann in etwa Fidel Castro produzieren. In der Versammlung deutsche registriert. Kann man mittel- oder langfristig noch
hatten wir eine Stimmenmehrheit von 60 %. Seitdem ist alles ef- von irgendeinem Zukunftsbild sprechen?
fizienter. Auch unter Johannis‘ Nachfolgerin, Astrid Fodor, gibt es
eine deutsche Mehrheit in der Hermannstädter Stadtverordne- Natürlich! Die Schülerschaft unserer deutschsprachigen Schulen
tenversammlung. ist zu 90-95% rumänisch, also, wenn es an uns gelegen hätte,
hätten wir schon lange diese Schulen schließen müssen. Unser
Würden Sie sagen, dass es den Minderheiten in Rumänien Problem ist nicht, dass wir zu wenig Schüler haben, sondern
gut geht? (Das Interview fand vor dem Vorfall in Valea Uzulei dass wir zu wenig Lehrer haben. Die deutsche Sprache wird in
/Úzvölgye statt, Red.) Rumänien erhalten bleiben und solange es Leute gibt, die die
Sprache sprechen, wird das DFDR auch leben. Ich bin Arzt, kein
Grundsätzlich ja. Es gibt zwar kein Minderheitenschutzgesetz, Hellseher, aber ich sehe kurz- und mittelfristig eine Zukunft für
aber die jeweilige Regierung hat stets eine minderheitenfreundli- uns. Seitdem wir EU-Mitglied sind, ist nicht nur das Reisen, son-
che Politik geführt: Jede Minderheit kann Parlamentsabgeordne- dern auch der Umzug aus dem einen ins andere Land einfacher
te entsenden, der Staat unterstützt mit Geld die Minderheitenkul- geworden.
tur. Wir haben in Rumänien eine deutschsprachige Tageszeitung!
In Ungarn haben die Deutschen lediglich ein Wochenblatt. Auf 1990 gingen noch alle in den Westen – heute zieht man eher von
diesem Gebiet ist die Minderheitenpolitik zufriedenstellend. dort hierher. Solche Deutsche ziehen zu, die früher nichts mit
Rumänien zu tun hatten – sie sind praktisch Migranten.
Wo sie es nicht ist, zeigt sich darin, dass man das Minderhei-
tendasein als Zielscheibe gegen Klaus Johannis benutzt, der So einer ist der Inhaber der Schiller-Buchhandlung am Großen
mein Vorgänger auf diesem Vorsitzendenstuhl war. Viele greifen Ring und des Büchercafes Erasmus. Er ist aus Bonn nach Her-
ihn in den Medien damit an, dass er jahrelang einer national- mannstadt gekommen, ohne Siebenbürger Wurzeln. Immer,
sozialistischen Nachfolgeorganisation vorgestanden sei. Nun, wenn ich einer Touristengruppe begegne, erkläre ich, dass man
Nazis gab es hier lediglich zwischen 1940 und 1944, wir haben nicht nur als Gast nach Siebenbürgen kommen soll. Die Natur ist
nichts mit ihnen zu tun, das DFDR wurde ja erst 1990 gegrün- wunderschön, die Küche gut, die Frauen sind schön, das Inter-
det. Man könnte die UMDR auch horthystisch bezeichnen, denn net schnell und es scheint so, als würde auch die Autobahn um
Horthy war ja genauso ein Madjare, wie Hitler ein Deutscher. Zentimeter für Zentimeter wachsen.
Aber auch Goethe und Schiller waren Deutsche, wie Béla Bar-
tók ein Madjare… Zuletzt kam es in den Fünfzigern vor, durch
Einfluss der sowjetischen Propagandafilme, dass man einen Ru-
mäniendeutschen hitlerisch nannte – einige Leute haben heute
dieses Niveau erreicht. Sonntagsblatt und Wirtschaft s
Welches Verhältnis haben die Rumäniendeutschen zu Ru-
mänien?
Stets offen für Neues
Für uns ist Rumänien das Vaterland, Deutschland das Mutter-
land. Das wurde auch im Rahmen eines rumänisch-deutschen Familienunternehmen Gabardin Meter- und Kurzwaren
Partnerschaftsvertrags aus dem Jahre 1992 festgelegt – dank KG Mohatsch im Porträt
dieses Vertrags erhalten wir auch vom BMI finanzielle Unterstüt-
zung, nicht nur von Bukarest. Von Richard Guth

Warum haben Sie das Minority SafePack nicht unterstützt? Der Familienausflug an diesem Pfingstwochenende führte uns
diesmal in eine historisch bedeutende Stadt in Südungarn. Es
Darüber habe ich damals lange mit dem Initiator Loránt Vincze war ein warmer Junitag, in der Innenstadt empfängt uns ge-
gesprochen. Ich habe ihm stets gesagt, dass wir Deutsche das schäftiges Treiben, die Kinder kommen gerade aus der Schule
nicht brauchen. So sind wir verblieben. Er bat mich noch dar- und machen sich auf den Heimweg. Unser erster Weg führt zur
um, dass wir nicht dagegen sein sollen. Das hätten wir sicherlich Donau – am Ufer erblicken wir zwei Beamten von der Wasser-
nicht getan. Aber wir wären eh zu wenig gewesen, um der Initia- polizei, im Hintergrund Funksprüche: Es ist gerade anderthalb
tive zum Erfolg zu verhelfen. Woche her, dass über 30 südkoreanische Touristen in Budapest
in den Fluten der Donau verschwanden, die Suche nach Überle-
Die größte Unterstützung für Minority SafePack, mindestens benden läuft zu diesem Zeitpunkt auch in diesem Flussabschnitt
500.000 Unterschriften, kam aus Ungarn – ich habe mich auch noch auf Hochtouren. Auf dem Rückweg vom Ufer in die Innen-
gewundert, welche Minderheit es ist, die plötzlich so zahlreich in stadt fällt mir ein Firmenschild auf, mit einem Namen, der mir
Ungarn erschienen ist?! durchaus bekannt vorkommt: „Cégtulajdonos: Kramm György és
fia” (Firmeninhaber: Georg Kramm und Sohn)”. Nichts wie hin,
Damals haben Sie das Minority SafePack als ein politisches zumal meine Frau in der Regel ein großes Interesse an Heim-
Projekt von Loránt Vincze angesehen – oder was war der textilien und Wohnungsverschönerung zeigt. Während sie ihre
Grund, dass Sie sich nicht dahinter gestellt haben, nicht ein- Einkäufe erledigt, komme ich mit dem 62-jährigen Seniorchef ins
mal in Form einer Geste? Gespräch.

Meine Vermutung, er stamme, wie die Familie unseres Vereins-


Es ging im Grunde darum, dass sich mit der Problematik der Min-
vorsitzenden und Schriftleiters, aus Großnaarad/Nagynyárád,
derheiten auch die EU beschäftigen soll, nicht nur die einzelnen

SoNNTAGSBLATT 21
bestätigt sich. Georg Kramm wuchs in der Branauer Gemeinde
auf, die bekannt ist nach dem Blaufärberfestival (dazu ein Bei-
trag von Patrik Schwarcz-Kiefer in dieser Ausgabe), das jährlich
Ansichten - Einsichten s
stattfindet, und der Kirche, die zur Zeit der Herrschaft von Maria
Theresia erbaut wurde. „In meiner Kindheit wohnten mehrere
Generationen zusammen. Wir haben zu Hause deutsch ge-
sprochen, was eine gute Basis für meinen späteren Werdegang
mein (ungarn-) deutschtum (31)
schuf. In der Grundschule von Großnaarad hatten wir neben
Deutsch- auch Russischunterricht gehabt. Meine Großeltern tru- Der angehende Ingenieur Armin Stein über die
gen bis zu ihrem Tod die Großnaarader Volkstracht. Mitglieder Herausforderungen einer modernen ungarndeutschen
meiner Familie und nahe Verwandte haben es geschafft, nach Identität
der Vertreibung wieder heimzukommen. Unsere Nachbarn hat-
ten oft deutsche Gäste zu Besuch – ich sehe es immer noch, wie Ich bin aktuell Ingenieurstudent in Budapest, komme jedoch aus
ich am Bach, der durch das Dorf fließt, beim Spielen die Entchen dem Tolnaer Teil der Schwäbischen Türkei. Meine Muttersprache
bewachte, während ich die Quelle-Kataloge der deutschen Gäs- ist Hochdeutsch - auch wenn ich als Kleinkind noch Kontakt zur
te durchblätterte. Ich war begeistert von den schönen Waren und Mundart hatte, ist dieser über die Jahre verloren gegangen. Das
den bunten Seiten”, erinnert sich der Mohatscher Unternehmer. Ungarische habe ich während meiner Zeit im Kindergarten er-
lernt, weshalb ich sie quasi als zweite Muttersprache spreche,
Nach seinen Erinnerung wurde womöglich in diesem Moment jedoch benutzte ich sie, besonders seitdem ich von zu Hause
der Entschluss gefasst, den Textilberuf zu ergreifen. Nach der weggezogen bin, weitaus häufiger als Deutsch.
Ausbildung in Fünfkirchen kam Georg Kramm durch Heirat nach
Mohatsch, wo er mit 25 im Warenhaus „Duna” Leiter der Me- Mein Verhältnis zum Ungarndeutschsein lässt sich am besten
ter- und Heimtextilienabteilung wurde. Nach Geburt der beiden über die prägenden Erlebnisse meines Lebens erklären, die
Söhne David und Martin folgten einschneidende Veränderungen maßgeblich beeinflusst haben, wie ich mich und meine Um-
im Leben der Familie – wir schreiben das Jahr 1990/91: Georg gebung wahrnehme. Als Kleinkind war es für mich selbstver-
Kramm startete sein Familienunternehmen „Gabardin Meterwa- ständlich deutsch zu sprechen, jedoch im Moment, wo ich die
ren-Heimtextilien”. Auch das Geschäftslokal konnte im Zuge der Türschwelle meines einstigen Kindergartens das erste Mal über-
Privatisierungswelle, die über das Land rollte, erworben werden. schritt, traf mich der erste Kulturschock meines Lebens wie ein
„Es war ein Traum von meiner Frau und mir, dass auf dem Fir- Blitz aus heiterem Himmel. Ich realisierte, dass die Sprache, die
menschild „Vater und Sohn” steht. Dies wurde erst etwas später ich bis jetzt überall verwenden konnte, nicht universell ist, ich
Realität, denn unser Sohn Martin stieg ins Geschäft ein, wäh- kam zu Schlussfolgerungen. Als Erstes verstand ich jetzt, dass
rend unser anderer Sohn David Autohändler in Budapest wur- ich anders war, nicht wegen meines Aussehens oder meiner Ge-
de”, berichtet der Firmeninhaber. Bald erschienen in der Stadt wohnheiten, sondern weil ich eine andere Sprache sprach. Mei-
- nach seinen Erinnerungen – die internationalen Firmen und die ne zweite Konsequenz war, dass ich diese Lücke so schnell wie
so genannten „chinesischen” Geschäfte, sodass immer weniger möglich schließen musste, wenn ich nicht den Großteil meiner
Leute Meterwaren bei ihnen kauften und die Näherinnen ins Aus- Zeit am Rande des sozialen Geschehens verbringen wollte, wes-
land gingen, um Kranke zu pflegen. Für ihn Zeit zum Wechsel: halb ich recht motiviert war Ungarisch zu lernen.
„Danach haben wir angefangen größeren Wert auf den Verkauf
von Heimtextilien zu legen – dabei bieten wir einen kompletten Nachdem ich die wahrlich nicht einfachen Kindergartenjahre hin-
Service von der Abnahme der Maße über das Nähen bis hin ter mir hatte und in die Grundschule kam, folgte der zweite große
zum Anbringen der Gardinen. Zum Glück nehmen immer mehr Schritt meiner Identitätsbildung. Ich besuchte eine Nationalitä-
Menschen diesen Service in Anspruch”, berichtet Kramm. „Vor tenklasse, und verstand, dass es nicht schlimm ist, dass meine
etwa 12 Jahren habe ich auf einer Fachmesse in Frankfurt einen Muttersprache eine andere ist, zwar war ich immer noch der Ein-
deutschen Gardinenhersteller kennen gelernt, zu einer Zeit, in zige, der Deutsch von zu Hause aus mitbrachte, jedoch sah ich
der der ungarische Markt von Produkten türkischer und fernöst- das erste Mal die Vorteile meiner Sprachkenntnisse.
licher Hersteller regelrecht überschwemmt wurde. Der deutsche
Hersteller steht für gute Qualität – sie vertreiben Gardinen, Ver- Zu dieser Zeit entwickelte sich auch ein anderer Aspekt meiner
dunkelungsvorhänge und andere Accessoires. Sie laden uns Identität, und zwar dass auch die Geschichte und Bräuche mei-
jedes Jahr zur Fachmesse ein, wo wir die neuesten Produkte ner Familie anders waren. Die Geschichten von „damals“, die
und Trends kennen lernen können. Die Zufriedenheit der Kunden mir meine Großmutter erzählte, und mein stetig wachsendes his-
zeigt, wenn sie sagen: „Gyuri, die Vorhänge an meinem Fens- torisches Wissen haben mir langsam klargemacht, was meine
ter sehen aus wie früher im Quelle-Katalog!” In Mohatsch und Herkunft ist und was im heutigen Ungarn als „ungarndeutsch“
Umgebung entstehen immer mehr neue Arbeitsplätze, so steigt betrachtet wird.
nach meinem Eindruck die Nachfrage nach schönen und hoch-
wertigen Heimtextilien”, so der Seniorchef. Nachdem ich meinen Werdegang kurz geschildert habe, muss
ich eine wichtige Sache loswerden, eine, die meines Erachtens
Inzwischen ist auch der Traum der Eheleute in Erfüllung gegan- in der heutigen ungarndeutschen Szene eher unpopulär ist. Mich
gen: 2017 übernahm Sohn Martin die Leitung des Geschäfts. Die interessiert weder Volkstanz noch Volksmusik, ich trage keine
größte Herausforderung sieht Georg Kramm in dem Online-Han- Tracht und finde Hochdeutsch viel sympathischer als die ver-
del, der immer mehr an Bedeutung gewinnt, auch in der unga- schiedenen Mundarten. Aber bitte nicht falsch verstehen, mir
rischen Provinz. Es werde nach einer gewissen Zeit notwendig, ist die Erhaltung meiner Nationalität ungemein wichtig. Ich fin-
einen Webshop zu eröffnen. Nach 28 Jahren als Unternehmer de, es steht der jungen Generation der Ungarndeutschen kein
für ihn nichts Ungewöhnliches, denn man müsse sich stets wei- modernes Nationalitätenbild zur Verfügung. Gefühlt endet das
terentwickeln, was er aber in der Zukunft gerne der Jugend über- Minderheitendasein beim Tanzunterricht, mit dem letzten Tanz
lassen möchte. Für ihn steht jetzt was anderes auf der Agenda: des Schwabenballs oder mit den ersten vier Worten einer jeden
das Bewirtschaften des eigenen Weinguts in Großnaarad. „Ich Rede. Meine vorherigen Bemerkungen konstruktiv-kohärent for-
möchte, dass meine Enkel selbst angebautes, gesundes und le- muliert lässt sich sagen, dass es keine populären Medien (Maga-
ckeres Obst essen können”, wünscht sich der 62-Jährige. zine, Webseiten, Videos, Vlogs, Social-Media-Konten usw.) auf
Deutsch erreichbar sind, die zwar einen Nationalitäten-Hinter-
grund haben, jedoch modern-populäre Themen behandeln.

22 SoNNTAGSBLATT
Die Problematik der oben typisierten Situation ist, dass die ent- zweisprachig und national zwieschlächtig sind. Sie sprechen ihre
scheidende Altersgruppe (8-18 Jahre) kein komplettes Bild über Muttersprache und die Staatssprache bzw. die Sprache der sie
das Leben als Nationalität vermittelt wird, das unvollständige je- umgebenden fremdvölkischen Mehrheit nahezu gleich gut. Im
doch mit einer besonders negativen Botschaft über den Sprach- Hause wird überwiegend noch die eigene Sprache bzw. Mund-
gebrauch. Diese Situation führt dazu, dass das Erlernen und Be- art gesprochen; mit dem Gesinde, im Geschäftsleben, mit den
nutzten der deutschen Sprache im alltäglichen Gebrauch nicht Behörden dagegen die Staatssprache oder andere Fremdspra-
ausreichend stimuliert wird. Meines Erachtens nach wäre es chen. Solche Menschen haben aber nicht nur zwei Sprachen,
sinnvoll über die erwähnten Kommunikations-Kanäle das Image sondern auch zwei Selen, d.h. ihr Wesen wurzelt in zwei ver-
schiedenen Gefühls- und Vorstellungswelten, sie haben Anteil an
unserer Nationalität zu verbessern und die nächste Generation
der seelischen Welt zweier Volkstümer. Und diese Anteile ver-
für uns zu gewinnen und damit die Zukunft unserer Minderheit
halten sich verschieden zueinander, je nach der sozialen Schicht
zu sichern. Das Ziel ist es eine ungarndeutsche Identität und ein
und Bildungswelt, der man angehört. In Ungarn etwa hatte das
Weltbild zu vermitteln, auf welches man zurückgreifen kann, egal ländliche, dörfliche, kleinstädtische Leben vielfach eine deutsche,
ob in London oder Wudersch, als Gymnasiast oder Angestellter. rumänische, slowakische, serbische Atmosphäre. Die Welt der
Schule, des Akademikertums, der gehobenen Gesellschaft, der
wenigen größeren Städte, namentlich aber der Hauptstadt war
dagegen überwiegend madjarisch. Der gebildete Deutschungar
bäuerlichen Ursprungs lebte in einem Schwebezustand, einem
höchst labilen Gleichgewicht zwischen den beiden Welten, an
denen er seelischen Anteil hatte. Er fühlte sich seinem Dorf wur-
ZWEI SEELEN zelverbunden, aber zuzüglich fühlte er sich darüber hinausge-
hoben in die Oberschicht, die Herrenschicht des Landes, die ihn
(mit anderen Worten: Doppelidentität) trotz seiner Herkunft vorurteilslos aufnahm unter der einzigen Vo-
raussetzung, dass er madjarisch sprach und die Ideologie des
Von Georg Krix Staatsvolkes von der einheitlichen „politischen” ungarischen Na-
tion annahm, der auch die Nichtmadjaren zugerechnet wurden in
Auszüge aus UNGARNDEUTSCHES ARCHIV – 1959 – von der stillschweigenden oder ausdrücklichen Annahme, dass sie
Harold Steinacker (Sohn von Edmund Steinacker) allmählich im Madjarentum aufgehen würden. Besonders gerne
gesehen war der Deutsche, wenn er auch seinen Namen mad-
Steinacker und Bleyer jarisierte oder wenigstens seine Söhne Géza oder Árpád taufte.

Wenn (nach Trianon) trotzdem auch in Rumpfungarn der Zusam- Schwebendes Volkstum (heute als Doppelidentität bekannt.-
menhang mit der früheren Volkstumsarbeit abriss und die deut- Bem. GK) kann natürlich kein Dauerzustand sein. Die Familien
sche Bewegung neue Formen annahm und in eine neue Phase entscheiden sich meist in der zweiten Generation für das eine
eintrat, so hängt das damit zusammen, dass das Schwergewicht oder das andere Volkstum. Oft fällt diese Entscheidung auch in-
der alten Ungarländischen Deutschen Volkspartei in Gebieten nerhalb eines individuellen Lebens zwischen Kindheit und Alter.
gelegen hatte, die nun zu Jugoslawien und Rumänien gehörten,
namentlich aber damit, dass die Volksgruppe Rumpfungarns Nehmen wir Jakob Bleyer und seinen Gegenspieler, den ehema-
einen neuen Führer gefunden hatte in der Person Jakob Bley- ligen ungarischen Außenminister Gustav Gratz. Auch Gratz war
ers, des Germanisten der Universität Budapest, einer wahrhaft deutscher Abstammung. Diese legitimierte ihn ja angeblich zur
führenden Persönlichkeit, die nun den Versuch unternahm, die Führung im Deutschen Volksbildungsverein, die ihm die ungari-
deutsche Frage in Ungarn auf einer neuen Linie zu lösen. sche Regierung bei der Vereinsgründung zuschob. Aber wenn er
auch bis zuletzt als „Kulturdeutscher” gelten wollte, bei den Volks-
Das Neue an der Richtung Bleyers war nicht etwa seine Ver- zählungen gab er doch madjarisch als Muttersprache an. Damit
bindung einer unbedingten Loyalität zum Staate Ungarn mit dem trat er aus dem labilen Zustand des Schwebenden Volkstums auf
Willen, die große bäuerliche Masse des Deutschungarntums vor den festen Boden der Assimilation an das Madjarentum. Bleyer
der Entvolkung, der Madjarisierung zu retten. Zu dieser Loyalität dagegen vollzog in seinen allerletzten Lebensjahren die radikale
hatte sich auch die ältere deutsche Bewegung, die Ungarländi- Wandlung zum deutschen Volkstum, ohne freilich seine Gefühls-
sche Deutsche Volkspartei, bekannt. Neu war vielmehr das Zu- bindung an das Staatvolk ganz aufzugeben und den Zwiespalt,
geständnis, die aufsteigenden Intelligenzen des Ungarndeutsch- der im Schwebenden Volkstum liegt, innerlich vollkommen zu
tums dem Madjarentum politisch und kulturell zu überlassen und überwinden.…In dem Kampfe, der nach Bleyers Tod um den
die Volkstumsarbeit auf das kulturelle Gebiet und auf die dörf- Deutschen Volksbildungsverein entbrannte, ist ein Teil seiner
liche Welt zu beschränken, vor allem aber der Verzicht auf die Schüler, Mitarbeiter und Anhänger über ihn hinausgegangen und
Bildung einer politischen Partei, die den Männern um Edmund hatte durch ein eindeutiges Bekenntnis zum deutschen Volkstum
Steinacker das Hauptanliegen gewesen war. An die Stelle der den inneren Gefühlszwiespalt zwischen Deutschtum und Mad-
Ungarländischen Deutschen Volkspartei trat nun ein „Ungar- jarentum restlos überwunden. Ein anderer Teil ist in dem labilen
ländischer Deutscher Volksbildungsverein”. Bleyer rechnete in Zustand des Schwebenden Volkstums (Doppelidentität – Bem.
seinem Idealismus damit, dass diese ehrlich gemeinten Zuge- GK) verblieben.
ständnisse beim Madjarentum eine bessere Einsicht und einen
ebenso ehrlichen Willen wecken würden, auf die Entvolkung der -------------Soweit Steinacker-------------
ländlichen Bevölkerung zu verzichten und sich mit der freiwilligen Nachwort
Gleichschaltung der deutschen Intelligenz zu begnügen. Aber
am Ende seines Lebens musste er erkennen und hat es offen Heute reden wir viel über Doppelidentität, und allenthalben
ausgesprochen, dass dies ein optimistischer Irrtum war und dass kommt man zum (Trug)Schluss, dass diese für die Ungarndeut-
die Frage der deutschen Minderheit nicht durch und mit dem schen realistisch und maßgebend sei. Wie es dann weitergeht,
Madjarentum zu lösen sei. darüber schweigt man. Eine wirkliche Debatte darüber wurde
und wird nicht geführt, denn – so meinen es die Klugen -, wo-
SCHWEBENDES VOLKSTUM = DOPPELIDENTITÄT rüber man nicht redet, das gibt es nicht. Also Frieden, Freund-
schaft, Palatschinken – und Stolz mit Zufriedenheit! Eine wirk-
Um Bleyer zu verstehen und ihm gerecht zu werden, muss man lich deutsche Identität ist nicht gefragt, somit gibt es sie (beinah)
mit der Erscheinung des „Schwebenden Volkstums” vertraut nicht mehr. Ebenso, wie es ja keine deutsche Muttersprache
sein, das uns Auslandsdeutschen geläufig ist, aber in Binnen- mehr gibt. Zweisprachig sei richtig! Doch gibt es die? Inwiefern?
deutschland und in Westeuropa schwer verstanden wird. In ge- Naja, wir sind ja doch Ungarndeutsche!
mischtsprachigen Ländern gibt es Familien und Individuen, die (Fortsetzung auf Seite 24)

SoNNTAGSBLATT 23
Beitrag zu ZWEI SEELEN ressenvertretung, wenn auch mit einem stark hinkenden Auto-
nomiegebilde.
Unlängst kam ich im Bekanntenkreis mit einer älteren Faru ins
Gespräch, wobei auch die Volkszählung in Erwähnung kam. Na- Man dachte einerseits, dass die alte Angst des ungarischen
türlich Muttersprache und Volkszugehörigkeit wurden zum um- Staates vor Entfremdung, anhand der politischen Realitäten,
strittenen Thema. Die Frau ist voll deutscher Abstammung, somit überwunden ist, andererseits die deutsche Minderheit endlich
ist auch anzunehmen, dass sie damals vor 80 Jahren von ihrer eine Organisation bekommt, die sich nicht für sich selbst, son-
Mutter deutsch reden lernte. Aber heute spricht sie allgemein dern für die Leute einsetzt.
ungarisch, doch – wie sie bemerkte – wenn sie bei Familienan-
gehörigen in Berlin ist, dann spricht sie auch deutsch.
Mittlerweile wurden die demokratischen Träume sowohl der Un-
garn als auch der Ungarndeutschen zu Grabe getragen. Sowohl
So wurde ich neugierig und stellte die freche Frage: „Und wofür
fühlst Du dich heute?” örtlich als auch landesweit hat sich eine autokratische Mentalität
und dementsprechende Struktur herausgebildet, mit immer glei-
Die Frau kam nicht in Verlegenheit und gab die aufrichtige Ant- chen Personen, unabwählbar.
wort: „Weißt du, da oben (und zeigte auf ihren Kopf) bin ich Deut-
sche, aber hier (und zeigte jetzt aufs Herz) bin ich Magyar (also Berufsungarndeutsche, die davon gut leben können, also pas-
„Madjare”, was man fälschlicherweise auch als Ungar verstehen sen sie sich an die Anforderungen des ungarischen Staates an,
könnte). Sie ist also eine „Ungarndeutsche” – was immer man der weiterhin wenig Interesse an einer multikulturellen Gesell-
darunter auch verstehen will. schaft zeigt.

Dabei wird in Ohfalla immer weniger deutsch gesprochen. Die


örtliche Mundart verschwindet langsam, aber sicher, und wird
nicht von Hochdeutsch, sondern eher von Ungarisch ersetzt.
Dreihundert Jahre deutsches Leben geht langsam zu Ende, was
selbst dann traurig ist, wenn man weiß, dass in der heutigen Zeit
kaum etwas stabil, dauerhaft ist.
Wie aus Ohfalla Ófalu wird
Alles befindet sich im Umbruch, nur der nationalistisch-autokrati-
sche Charakter des Landes scheint sich trotz EU, offenen, über-
Von Dr. Jenő Kaltenbach wundenen Grenzen, Freizügigkeit, usw. nie zu ändern.

Das kleine Dorf, eingebettet in einer wunderschönen Natur, um-


geben von sanften Hügeln und grünen Wäldern ist mein Ge-
burtsort. Als ich nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, war
es ein rein ungarndeutsches Dorf. Die Leute haben scherzhaft
gesagt, es liegt so versteckt im Wald, dass es weder vom unga-
rischen Staat noch von der Roten Armee entdeckt, also niemals Reisenotizen (9)
„befreit“ wurde. Bawa(r)z
So war es lange Zeit kein Problem die deutsche Identität zu be-
wahren, zumindest was man darunter verstand. Die ältere Ge- Von Richard Guth
neration sprach eigentlich nur die örtliche Mundart und ziemlich
gebrochen Ungarisch, obwohl die Unterrichtssprache schon
damals das Ungarische war. Das hatte in anderen Orten des
Landes die Folge, dass diejenigen, die nach der Vertreibung in
Deutschland angekommen sind, weder richtig Deutsch noch Un-
garisch konnten. Im Falle von Ohfalla galt es nur für Ungarisch,
weil dank seiner versteckten Lage (?) die Ohfallaer von der Ver-
treibung verschont geblieben sind.

Die moderne Zeit brachte aber viele Veränderungen. Die Bevöl-


kerung des Dorfes hat sich halbiert. Vor allem die jüngere Gene-
ration zog weg, und auch derjenige, der geblieben ist, pendelte
aus dem Dorf zur Arbeit in die umliegenden Städte.

Auf diese Weise wurde die örtliche deutsche Identität bis zur
Die katholische Kirche von Bawarz
politischen Wende schrittweise zurückgedrängt. Das einzige
Organ, das es damals hätte aufhalten sollen, war der Verband Juni 2019 „Sind Sie ein Forscher?” fragt mich eine Frau Mitte
der Ungarndeutschen (VdU), aber er war weder finanziell noch Siebzig, die mit ihrem Enkelkind an der Bushaltestelle auf den
organisatorisch in der Lage dies zu tun. Man kann sogar Zweifel Bus nach Mohatsch wartet. Ihre Frage ist berechtigt, denn ich
daran haben, ob der Verband dies überhaupt beabsichtigt hat, will ziemlich alles wissen über die Branauer Gemeinde unweit
da er eigentlich eine Schaufensterorganisation des Staates ge- der Grenze zu Kroatien. Und dann beginnt sie doch zu erzäh-
wesen war. Es hat sich eine ungarndeutsche „Elite“, eher eine len, über ein einst rein deutsches Dorf mit gut 1000 Einwohnern,
Kaderbürokratie gebildet, die vielmehr den eigenen Interessen das nun etwa 700 Einwohner habe, immer noch mehrheitlich
als den des Fußvolkes diente. Ungarndeutsche, wenngleich überaltert, so ihr Eindruck. Sie
nimmt die Anwesenheit auch der Roma-Bevölkerung wahr und
Die demokratische Wende in den Neunzigern nährte die Hoff- scheint deren Anteil - wie die Gespräche mit anderen Bawazern
nung, dass die Bewahrung der deutschen Identität wieder eine zeigen, die von 15-20% sprechen (neben 15-20 % aus dem ehe-
Chance bekommt. Das Minderheitengesetz schuf den juris- maligen Oberungarn) - zu überschätzen. Sie spricht von vielen
tischen Rahmen für eine legitime, von unten aufgebaute Inte- Auswanderern, die das Dorf verlassen hätten und von noch mehr
24 SoNNTAGSBLATT
Pendlern, die ihr Glück im deutschsprachigen Ausland suchen. uns zum Teil des Alltags, zu einem was ganz Natürlichen,
Der Bus kommt, wir, die Dame und ich, der „Forscher”, verab- so dass wir es als regelgerecht empfinden oder als etwas
schieden uns. Gottgegebenes - auch dann, wenn dem nicht so ist und auch
nicht so sein sollte.
„Wenn Sie mehr über das Dorf wissen wollen, kann ich ihnen
die Erreichbarkeit meiner Kusine geben”, sagt eine andere Frau, Es wird in diesem Beitrag um Aufschriften gehen, um die lingu-
die gerade die Grünfläche vor dem elterlichen Haus pflegt. Sie istische Landschaft hier an den madjarischen Enden. Wenn je-
gehört zu den Auswanderern, von denen die erste Gesprächs- mand schon mal in der Umgebung von Niedermarkt/Dunajská
partnerin erzählt hat: Nach eigenen Angaben hat sie ihr Dorf gen Streda mit dem Auto unterwegs war – wo es gemessen an der
Mohatsch verlassen, wo sie lange als Krankenschwester gear- madjarischen Bevölkerungsdichte pro Quadratmeter immer noch
beitet hat. Den kargen Lohn besserte sie bzw. bessert sie durch die meisten ungarischsprachigen Aufschriften gibt – hat man
Pflegejobs in Österreich auf, sonst „hätte ich die Ausbildung mei- vielleicht schon mal großflächige Plakate gesehen, die einen ins
ner Kinder gar nicht finanzieren können”, so die resolute Sechzi- Einkaufszentrum Árkád (City-Arkaden) in Raab locken wollen.
gerin. Die Arbeit habe auch beim Wiederentdecken der verlore- Auf diesen Plakaten lädt man die Madjaren und Slowaken der
nen Muttersprache geholfen, denn in ihrer Jugend habe sie sich Großen Schüttinsel in der Regel zu einer kleinen Konsumfahrt
eher der ungarischen Sprache bedient, obwohl ihre Mutter kaum ein, lobenswerterweise in zwei Sprachen. Das Problem mit die-
ungarisch schreiben könne.
sen Plakaten ist lediglich, dass die Madjaren nur in einer halb
so großen Schriftgröße angesprochen werden wie die Slowaken.
Vom Sprachverlust berichten auch andere Gesprächspartner,
wobei eine Madjarin aus der Batschka, deren Familie nach der
Was hat sich der Auftraggeber des Plakats wohl gedacht? Wo-
Grenzschließung hier geblieben ist, davon spricht, dass die Be-
möglich, dass es schwieriger ist, die Slowaken zum Shopping im
wohner über 50 allesamt Deutsch sprächen. Eine Frau im frü-
hen Rentenalter, die gerade das Familiengrab herrichtet, erzählt Nachbarland zu bewegen, weshalb wir es für sie dann mit grö-
auch vom Vordringen der madjarischen Sprache. Dies zeigen ßeren Buchstaben hinschreiben, damit sie die Werbebotschaft in
auch die Grabinschriften, von denen viele bis in die 1970er, 80er einer größeren Dosis bekommen?! Oder denken unsere ungari-
Jahre hinein deutschsprachig waren, jüngere sind hingegen schen/madjarischen Brüder und Schwestern in Raab aus irgend-
fast nur ungarischsprachig. „Wir hatten vor über 15-20 Jahren welchen nationalen Stereotypen heraus über uns, dass die klei-
den letzten deutschsprachigen Pfarrer hier gehabt”, erinnert sie nere Aufschrift dank unseres im Vergleich zu den Slowaken wohl
sich. Seitdem fänden kaum noch deutsche Messen für die 15-20 schärferen Blicks für uns ausreicht?!
Messbesucher statt, die Kirche scheint ohnehin nicht mehr Teil
des Alltags zu sein: Ich fand während meiner Fahrt durch die Wahrscheinlich nein! Wahrscheinlich ist es ihnen nicht bekannt,
Branau an diesem Samstagsvormittag keine einzige Kirche vor, dass man es bereits kann, ja, sogar, dass es sich gehöre, es
die ich betreten konnte. Alle abgeschlossen, drumherum kein anders zu machen. Auf gut Deutsch gesagt haben sie ihren dies-
Zeichen von Leben. bezüglichen Kenntnisstand nicht „updated”. Wenn ich mich recht
erinnere, sind sie mit rein ungarischsprachigen Plakaten durch-
„Nur zu kirchlichen Festen wie Taufe oder Hochzeit” würde sich gestartet, irgendwann nach 2006. Weil sie (hoffentlich) wussten,
die Kirche wieder füllen, sagte die Dame von der Bushaltestel- dass bei uns vornehmlich ungarisch gesprochen wird, haben sie,
le. Auch der Betreiber des Dorfladens, der nach 27 Jahren bald was ja auf der Hand liegt, von den für Ungarn bestimmten Pla-
aufhört, macht sich Sorgen. Auch wenn sich ein einheimischer katen ein paar mehr drucken lassen. Dann kam 2009 die Ver-
Nachfolger finden ließ, fragt er sich, wie überlebensfähig solche schärfung des slowakischen (Staats-) Sprachgesetzes und dann
Läden im Medienzeitalter sind, wo Online auf dem Vormarsch die große Furcht vor den „Sprachpolizisten”. Womöglich wurden
ist. Die Sparkasse schließe demnächst und damit stellt sich die sie von irgendeinem Amt gewarnt (was wir nicht wissen können),
Frage, ob den Bewohnern der Geldautomat weiterhin zur Verfü- so dass dann irgendwann der slowakische Text vor dem ungari-
gung stehen wird. Die Frau auf dem Friedhof hat andere Sorgen: schen auf dem Plakat angebracht wurde, der dann auch kleiner
Weil es zu wenige Kinder gibt, stehe auch die Grundschule zur wurde. Und von nun an scheint es, dass sie sich dran gewöhnt
Disposition, kein Einzelfall in dieser Region. Die Zahl der Ro- haben, weil sie seitdem an dieser Tradition festhalten.
ma-Kinder, die das Defizit stets ausgeglichen haben und so viele
Schulen am Leben halten, nimmt nach Eindruck der Frau auch Und womöglich haben wir uns mittlerweile auch daran gewöhnt.
ab, was man mir auch in anderen Dörfern der Region bestätigte. Und das, obwohl seit der Gesetzesänderung im Jahre 2011 in
Die Abwanderung hält weiterhin an, oft Richtung Ausland, auch den madjarischen bewohnten Ortschaften nicht einmal die Rei-
wenn es Fälle von Zuwanderung gibt. henfolge der Sprache vorgeschrieben ist, hinsichtlich Werbetex-
te nirgendwo im Land! Es ist Fakt, dass man sich auf der Großen
So bietet auch das Dorfbild von Bawarz, wie das von anderen
Schüttinsel als gesetzestreuer Marktbeteiligter ruhig an erster
Dörfern, ein gemischtes Bild: Alte, aber neu hergerichtete Häu-
Stelle auf Ungarisch und in mit dem Slowakischen identischer
ser, verfallene Höfe und Neubauten reihen sich aneinander. Als
Schriftgröße bewerben könnte.
Zeugnisse einer bewegten Zeit!
Wohlgemerkt, ich habe mir nicht irgendeine Firma ausgesucht,
sondern das Phänomen, was in unseren Gefilden nicht einmalig
ist: Unternehmer madjarischer Nationalität, Firmen und Kommu-
nen unter madjarischer Führung bringen den ungarischsprachi-
gen Text in kleinerer Schriftgröße und an zweiter Stelle an, wenn
sie ihn überhaupt anbringen. Und das, obwohl sie nichts dazu
Zählt die Größe nicht? - also zur Abwertung und Geringschätzung der eigenen Sprache
- zwingt, abgesehen von möglichem Zwangs- oder Irrglauben.
(A méret nem számít?)
Das Gesetz, wie oben bereits geschildert, lässt eine Aufschrift
Von Ákos Horony. Erschienen auf www.ma7.sk am 19. April in einer anderen Sprache zu, deren Schriftgröße der des Slowa-
2019. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des kischen entspricht, eine Reihenfolge in madjarisch bewohnten
Autors. Deutsche Übersetzung: Richard Guth Gemeinden ist bezüglich der ungarischen Sprache nicht vorge-
schrieben. „In solchen Gemeinden, in denen gemäß einer Son-
Es ist überaus menschlich, dass, wenn wir etwas oft zu Ge- derregelung eine nationale Minderheitensprache im Amtsverkehr
sicht bekommen, es dann nicht mehr auffällt. Es wird für
(Fortsetzung auf Seite 26)
SoNNTAGSBLATT 25
benutzt wird, ist bei Aufschriften und Mitteilungen, die die Öffent- die Eintragung des deutschen Vornamens ins Geburtsregister
lichkeit informieren, die Reihenfolge des Textes in der nationalen gelöst, womit man beide Formen, sowohl die deutsche als auch
Minderheitensprache und in der Staatssprache nicht festgelegt. die ungarische, gleichzeitig und offiziell benutzen darf, nicht nur
Ferner ist die Reihenfolge der Texte unterschiedlicher Sprache in Ungarn, sondern auch im Ausland. Als erster Schritt haben wir
auch im Falle von Werbebeiträgen nicht festgelegt (Sprachge- diese Möglichkeit in Wieland/Villány beworben, am Wochenende
setz, Paragraph 8, Absatz 6). mit Schwäbischer Musik.

Eins ist sicher, bei der Größe der Aufschriften zählt die Größe Warum lohnt es sich, diesen Schritt zu wagen?
und nicht nur wegen der Lesbarkeit, sondern auch wegen der
negativen Konnotation, die durch eine kleinere Schriftgröße ent- Die Identität wird gestärkt.
steht. Das weiß auch der slowakische Gesetzgeber, da er vor- Der Vorname in der Nationalitätensprache erscheint auch im
schreibt, dass die slowakische Aufschrift nicht kleiner sein darf Personalausweis: Bei der Nutzung des Personalausweises wird
als die anderssprachige. Es wäre womöglich an der Zeit, dass man stets mit der deutschen Form seines Vornamens konfron-
tiert. Wie gut ist es, wenn du nicht nur vom Nachbarn Stefan
wir uns dessen bewusst werden. Lasst uns in unserer Heimat
genannt wirst, sondern auch offiziell.
unserer Muttersprache und uns selbst den nötigen Respekt ge-
ben und einfordern. Natürlich kann eine ungarische Aufschrift an
zweiter Stelle und mit kleinerer Schriftgröße in der Tatra, wo man Die Bürokratie wird vereinfacht.
zu Gast ist, Freude bereiten, aber in Niedermarkt ist eine klei- Es ist deutlich einfacher, wenn man sich im deutschen Sprach-
nere ungarischsprachige Aufschrift unhöflich den hier Lebenden raum nicht um die Vermittlung der ungarischen grammatischen
gegenüber. Regeln kümmern muss, da nur die deutsche Form des Namens
eingetragen werden muss.
Der Autor, ausgebildeter Maler und Jurist, ist Stadtverordneter
der Partei der Madjarischen Koalition (SMK/MKP) und Sprachak- Wir werden in der Mehrheitsgesellschaft sichtbar
tivist (Ideengeber und Koordinator der Applikation „Velemjáró”). Nur dann können wir an der Erweiterung unserer Rechte effek-
tiv arbeiten, wenn wir die bestehenden nutzen. Deswegen ist es
wichtig, dass wir diese Möglichkeiten nutzen, auf die wir uns spä-
Quelle:
ter auch berufen können.
https://ma7.sk/kozelet/a-meret-nem-szamit
„in“
Nicht zuletzt ist es auch von Vorteil, dass wir unseren Personal-
JBG-Nachrichten s ausweis stolz unseren Freunden und Verwandten zeigen kön-
nen: „Schau, da ist mein Vorname auf Deutsch!“

Wie bekommt man den neuen Personalausweis?

Die Rechte sind für uns da! Als erster Schritt müssen wir die deutsche Form unseres Vor-
namens im von der LdU herausgegebenen Namensverzeichnis
finden. Wenn wir ihn gefunden haben (zum Beispiel für István
Stefan), müssen wir einen Antrag an das Standesamt stellen
(Beispiel). Falls wir den Antrag nicht an unserem Geburtsort ein-
reichen möchten, gibt es nichts Weiteres zu tun, als den für unse-
ren Geburtsort zuständigen Standesbeamten darum zu bitten,
unseren Geburtsregisterauszug (ung. születési anyakönyvi kivo-
nat) online zur Verfügung zu stellen. So kann dieser an jedem
Standesamt geändert werden.

Danach müssen wir den ausgewählten Standesbeamten aufsu-


chen, um den Antrag abgeben zu können. Beim Einreichen ist es
wichtig, den Grund zu betonen - dass wir das aufgrund unserer
deutschen Volkszugehörigkeit tun. Leider ist diese Möglichkeit
wegen der niedrigen Zahl der Anträge nur relativ wenigen Stan-
desbeamten bekannt, deshalb haben wir die Rechtsvorschriften,
auf die man sich berufen muss, auf unserer Webseite aufgelistet.
Wichtig zu wissen ist, dass dieses Verfahren kostenlos ist. Da-
Kampagne in Wieland her, sollten wir es ablehnen, wenn man von uns Gebühren (ung.
illeték) verlangt, und um eine schriftliche Stellungnahme bitten,
Die Jakob Bleyer Gemeinschaft legt seit ihrer Gründung Wert die wir an die für die Minderheitenfragen zuständige Ombudsfrau
darauf, auf verbriefte Rechte hinzuweisen, die die Identität des weiterleiten können.
Ungarndeutschtums stärken. Die Nationalitätenrechte in Ungarn
bieten viele Möglichkeiten. Unter ihnen ist das bekannteste und Der Standesbeamte stellt den um den Vornamen in der Natio-
nalitätensprache erweiterten, neuen Geburtsregisterauszug aus,
verbreitetste die Aufstellung zweisprachiger Ortsschilder. Dazu
mit dem wir den um den Namen in der Nationalitätensprache er-
braucht es, dass sich mindestens 10% der Bevölkerung bei der gänzten Personalausweis in allen Bürgerbüros der Regierungs-
Volkszählung zu einer der 13 autochthonen Minderheiten be- ämter (ung. Kormányablak) beantragen können. Sollten da Pro-
kennen. Im Lande unterwegs stößt man auf Schritt und Tritt auf bleme auftauchen, dann ist es auch in diesem Fall ratsam nach
solche Ortsschilder. Im Rahmen unserer Kampagne möchten einer schriftlichen Stellungnahme zu verlangen. Im Normalfall
wir für eine weniger bekannte rechtliche Möglichkeit werben, haben wir nach ein paar Tagen den neuen Ausweis.
die die Verwendung des Namens in der Sprache der jeweiligen
Minderheit vereinfacht. Wer hat es noch nicht erlebt, dass man Mehr Informationen: www.jbg.hu/die-rechte
im deutschen Sprachraum den ungarischen Vornamen kaum
aussprechen und korrekt verschriftlichen kann, oder umgekehrt,
dass man sich in den ungarischen Amtsstuben über den deut-
schen Vornamen verwundert zeigt. Dieses Dilemma wird durch

26 SoNNTAGSBLATT
Die JBG stellt Kandidaten in Witschke Der Autor oben genannten Artikels, Herr Richard Guth, hat sich
bereits ziemlich ausführlich mit dem Für und Wider der Besorg-
und Galgagyörk nisse der bevorstehenden Aufgabe befasst. Ich möchte hier eini-
ge Gedanken ergänzend hinzufügen.

„Problem” (für die Minderheiten, so auch die Ungarndeutschen)


dürfte eigentlich nur die Neuerung in der Fragestellung sein, wo
im Gegensatz zu früher diesmal die Anonymität ausgeschaltet
wird, d.h. man will bei der Erfassung der statistischen Daten
auch Namen (Vor- und Familienname) eintragen. Neu ist dieser
Umstand nur für ein-zwei heutige Generationen, denn früher –
sowohl vor und auch nach dem 2. Weltkrieg - wurde bei den
Volkszählungen nach dem Namen gefragt bzw. dieser eingetra-
gen, natürlich mit der Versicherung, dass er nach Auswertung
der Angaben verschwinden und keinerlei (negative) Folgen ver-
ursachen wird, was immerhin bezweifelt werden kann, weil:

Als nämlich nach Kriegsende die Deutschen in Ungarn zu


Kriegsverbrechern und Vaterlandsverrätern abgestempelt und
Kandidaten der JBG deutsche Muttersprache und Volkszugehörigkeit zu Todsünden
erklärt wurden, da hat man zur Begründung die dem Statisti-
Die Jakob Bleyer Gemeinschaft stellt in zwei Ortschaften, in schen Landesamt (wohl rechtswidrig) entnommenen Volkszäh-
Witschke/Bicske (Komitat Weißenburg) und in Galgagyörk (Ko- lungsangaben von 1941 als „Beweismaterial” vorgenommen und
mitat Pest), Kandidaten für die Nationalitätenselbstverwaltungs- das „nationale Bekenntnis” als Ursache der Enteignung und Ver-
wahlen auf. In Witschke gab es bisher keine deutsche Selbstver- treibung unserer Landsleute zugrunde gelegt.
waltung, deshalb haben sich drei junge Leute, Vinzent Benedek,
Daniel Erlein und Kristian Szerencsés, bei der JBG gemeldet,
Daraus folgt, dass „Deutschsein” eine Sünde war und ist, wes-
um mit unserer Hilfe in Witschke eine deutsche Selbstverwaltung
halb man seither, jahrzehntelang – beinah allgemein – nicht be-
gründen zu können. In Galgagyörk gab es bürokratische Schwie-
reit war, offen und aufrichtig ein Bekenntnis für Muttersprache
rigkeiten, deshalb entschied sich die JBG dafür, dass wir da den
und Nationalität abzugeben. Wenn man also davon ausgeht,
örtlichen Kandidaten helfen.
dass nach dem Krieg trotz Flucht, Verschleppung und Vertrei-
bung immerhin doch noch 200.000 - 250.000 Deutsche im Lande
Patrik Schwarcz-Kiefer, Vorstandsmitglied der JBG, steht auf der
verblieben sind, so haben die Volkszählungen bis zur politischen
Kandidatenliste für die LdU, es gelang ihm aber nicht, einen si-
Wende so ca. 10 % der genannten Zahl als Deutsche aufge-
cheren Listenplatz zu bekommen. Er wurde von der JBG und der
GJU für den Verband der Branauer Detuschen Selbstverwaltun- wiesen, was einem Verschwinden der deutschen Volksgruppe
gen vorgeschlagen - er und sein Programm, in dessen Mittel- gleichkommt.
punkt die Bekämpfung der Abwanderung stand, erhielten aber
nicht genügend Stimmen von der Vollversammlung des Branau- Um aber der „Wirklichkeit” näherzukommen, hat der ungarische
er Verbandes, um unter den ersten 11 Kandidaten zu sein, die in Staat bei den Volkszählungen von 2001 und 2011 die Anonymi-
die LdU kommen. Traurig war die Tatsache, dass an der Sitzung tät eigeführt, d.h. die Angaben aller im Lande lebenden Bürger
kaum Deutsch gesprochen wurde, und sich außer ihm nur ein wurden also namenlos festgehalten und dabei war es jedermann
Kandidat, Stefan Bürgermayer, auf Deutsch vorgestellt hat. freigestellt, hinsichtlich Muttersprache, Volkszugehörigkeit und
Religion sich zu äußern oder auch nicht. Eine weitere sogenann-
te „Erleichterung” wurde noch angeboten, man durfte (wer eben
wollte) sich zu drei bzw. zwei Muttersprachen und Volkszuge-

s
hörigkeiten „bekennen” und darüber hinaus Fragen beantwor-
Leserbriefe ten wie „Bindung zu kulturellen und traditionellen Werten” und
„Sprachgebrauch in der Familie oder im Freundeskreis”.

Das Ergebnis war verblüffend! Plötzlich hat sich die Zahl der
Ein abgelegter Kommentar aus meiner Schublade zum Artikel Minderheitenangehörigen (insbesondere der Ungarndeutschen)
von Richard Guth: verdoppelt bzw. vermehrfacht. Mit Stolz spricht man heute von
186.000 Deutschen in Ungarn, welche Zahl jedoch inzwischen
SCHATTEN DER VERGANGENHEIT – schon angefochten, wenn auch in der Öffentlichkeit nicht revi-
DEBATTE UM VOLKSZÄHLUNG 2021 diert wurde. Dabei darf die Landesselbstverwaltung der Ungarn-
deutschen (zu Unrecht) stolz auf dieses (manipulierte) Ergebnis
(SB 02/2019) sein und ebenso auch der ungarische Staat, der dadurch Groß-
Ein Leserbrief von Georg Krix zügigkeit den Minderheiten gegenüber beweisen will und kann.
Eben durch diese manipulierte Großzügigkeit ergeben sich dann
Ein Dilemma der Ungarndeutschen? Oder (vorläufig) nur der anderenorts statistische Probleme/Unstimmigkeiten: Nehmen wir
Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen? dazu als Beispiel die mehrheitlich deutsche Gemeinde Hajosch/
Hajós vor. Zur Zeit der Volkszählung 2011 lebten in der Ortschaft
Ja, einstweilen hat sich nur Letztere mit dem Thema befasst, der 3110 Einwohner, davon waren (laut Statistik der Volkszählung)
84,1% Madjaren, 2% Zigeuner, 0,4% Kroaten, 47% Deutsche
breiten Masse der Ungarndeutschen ist das Problem (?) noch
und 15,5% haben kein Bekenntnis abgegeben. Somit hatte also
nicht bekannt. Immerhin lohnt es sich schon jetzt, sich zeitlich mit
Hajosch (gemäß dieser Statistik) 149% Einwohner! Wo ist der
der Frage zu befassen, d.h.:
Haken? Die 47% Deutsche sind (eine mögliche Ursache!) ein-
mal schon in den 84% Madjaren enthalten, weil sich unsere vor-
Wie wollen/sollen wir uns bei der in zwei Jahren fälligen Volks-
sichtigen Schwaben sowohl als Madjaren und auch als Deutsche
zählung verhalten?
eintragen ließen.
(Fortsetzung auf Seite 28)
SoNNTAGSBLATT 27
Was sagt nun die Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen …Otto Heinek, der unlängst verstorbene LdU-Vorsitzende
zur Volkszählung 2021: „Wir dürfen die bei den Ungarndeut- habe zwei Jahrzehnte hindurch, durch zahlreiche gravieren-
schen immer noch vorhandene Angst, die die ominöse Volkszäh- de Initiativen dazu beigetragen, dass das Ungarndeutsch-
lung im Jahre 1941 verursachte, nicht vergessen: Das Resultat tum zu neuem Selbstbewusstsein und einer stärkeren Ge-
jener Erhebung war nämlich im Falle von Hunderttausenden die meinschaft gefunden hat …
Enteignung und die Vertreibung. Wenn diese Gesetzesvorlage
nicht schleunigst modifiziert wird, müssen wir uns darum Sorgen Liebe Frau Schubert bzw. verehrte Deutsche Landesselbstver-
machen, dass es sehr viele Ungarndeutsche geben wird, die da- waltung: Wie/wo ist das neue Selbstbewusstsein des Ungarn-
von nicht überzeugt werden können, sich zu unserer Nationalität deutschtums?
zu bekennen. Dies würde natürlich unsere ungarndeutsche Ge-
meinschaft bedeutend schwächen…”

Kann man dieser Argumentation zustimmen? Nein! – ist meine


Antwort. Warum? Literatur s
„Immer noch vorhandene Angst…” – dürfte/sollte es nach mehr
als 70 Jahren seit der tragischen Geschehnisse nicht mehr ge-
ben. Zeit und Menschen haben sich geändert, neue Generatio- Hans Dama: Banater Dorf
nen sind aufgewachsen und die politische Lage ist eine andere. (um die Jahrtausendwende)
Hinsichtlich Schuld der Angst gibt es inzwischen vielfach Erklä-
rungen in ungarischer und auch in deutscher Sprache. Wohl-
gemerkt: Es gibt sie, doch sie sind dem Volk nicht oder kaum Du rühmtest dich dereinst als blühend Land der Ahnen,
bekannt. Warum? Einfach ausgedrückt: Weil es auch heute noch des Fleißes Stolz und wahrer Redlichkeit;
anstatt Aufklärung nur Wundenlecken gibt – auch bei den Un- doch wild gewordene Zeiten warfen dich aus festen Bahnen.
garndeutschen. Die wackren Streiter sich verloren weit,

Vor einigen Wochen konnte ich mit bekannten schwäbischen verjagt, getrieben von zersetzend-dunklen Mächten,
Frauen über das Thema sprechen. Da wurde gesagt: „Meine die sich in sattelfester Sonnengleichheit wähnten.
Großeltern haben alles verloren, weil sie Deutsch als Mutter- Banat samt Temeswar gar ausradieren möchten,
sprache bei der Volkszählung angaben. Dabei hatten sie doch wo dann geschichtsträchtige Helden sich auflehnten.
„magyar nemzetiség” (ungarische Nationalität).” „Die Meinigen
haben sogar auch bei anyanyelv (Muttersprache) ungarisch ein- Jahrzehnte gruben unentwegt Niedergangsspuren
schreiben lassen und doch sind sie heute in Deutschland.” „Ja, gesellschaftlich-sozial im ruinösen Gang.
an allem ist nur dieser verfluchte Volksbund schuld, der damals Äcker verkamen, fruchtarm gähnten Fluren,
uns Schwaben zu Deutschen machen wollte.” „Aber da haben das einstig blühend Land zum Untergang hin drang.
wir unseren gewesenen Nachbar, den Schäffer Toni, der ließ sich
sofort auf Bojtár madjarisieren und hat dann auch bei der „Aus- Gemeindenreiche Gassen ihr Gesicht verloren,
siedlung” (richtig: Vertreibung) sofort eine mentség (Enthebung) prachtvolle Bauten schlummern tief im Hausruin.
erhalten, doch mit dem letzten Zug ist auch er mitgefahren.” So Gemüsereiche Gärten Unkrautdickicht nun geboren.
ging es weiter mit vielen ähnlichen unverständlichen Beispielen. Durch scheibenarme Fenster ungehindert Winde ziehn.
Und zum Ende blieb immer noch die Frage offen: Wer ist schuld
an unserem Unglück? Deshalb wiederholte ich die Frage. Und
die Antwort: „Naja, halt der schäbige Volksbund.” Ich: „Warum?” In Dachlücken fällt ungehindert Regen ein,
„Na, so hat man’ gsagt”. Ich: „Man hat - das war damals.” „Nana, die Zimmerdecken ausgiebig und stets durchtränken.
die Leit sagn’ heit noch so. Drum sag’ma bei da Volkszählung Was stolz sich reckte dazumal im Mondenschein,
magyarok vagyunk, des is a die Meinung von der Maris im német lässt machtlos vom Verfall sich unaufhaltsam lenken.
kórus (im deutschen Gesangchor).”
Vereinzelt hat hierauf die Fremdhand da und dort
Merkwürdig! Welch eine Unbesonnenheit! Heute, wo doch auch wohlwollend rettend eingegriffen, wo es ging…
von vielen ungarischen Historikern Geschichte und Schuld längst Traurige Schwalben sind, bleiben für immer fort,
klargelegt sind! Heute, wo wir wissen, dass Väterchen Horthy obwohl ihr Dasein auch an jenen Breiten hing.
uns schon 1939 an Hitler verkaufen wollte! Wo unser Volkstod
von den ungarischen Dichterfürsten bereits 1943 in Szárszó be- Tragöß, 8.8.2019
schlossen wurde, u.a. heute, wo geklärt ist, dass der Volksbund
Dama-Kolumne in „Contemporanul“
als Kulturverein von den deutschen und ungarischen Waffenbrü-
dern zum Spielball der Politik benutzt wurde u. a.!
Vor einigen Monaten hat die Redaktion der 1881 in Jassy/Iaşi
gegründeten, nunmehr in Bukarest erscheinenden Kultur- und
Vorhandene Angst und Besorgnis? Warum, verehrte LdU? Was
Literaturzeitschrift „Contemporanul“ (deutsch: Der Zeitgenosse)
hat die Landesselbstverwaltung mit ihren vielen Ablegern – Ver-
für unseren regelmäßigen Gastautoren und langjährigen Wegge-
waltungen, Vereine, Organisationen – im Laufe von Jahrzehnten
fährten Hans Dama eine Kolumne eingerichtet: „Corespondenţă
dagegen unternommen?
din Viena“ (Korrespondenz aus Wien), in der mittlerweile Kurz-
prosa, Gedichte, Essays und Reiseliteratur erschienen sind. Da-
Ja, unsere Landsleute müssten dringendst aufgeklärt und über- durch sieht der Autor nach eigenem Bekunden die Möglichkeit,
zeugt werden, dass hier Besorgnis nicht am Platze ist. Zur Be- Banatisches und Österreichisch-Wienerisches der rumänischen
gründung dazu Worte der LdU: Öffentlichkeit zuzutragen.
Olivia Schubert, leider nur kurze Zeit Vorsitzende der Landes- Bereits im Frühjahr wurde Hans Dama ins Redaktionskollegium
selbstverwaltung der Ungarndeutschen, betonte in ihrer Begrü- der von dem Institut für Banater Studien „Titu Maiorescu“ der Ru-
ßungsansprache bei der Landesgala am 12. Januar 2019: mänischen Akademie der Wissenschaften – Filiale Temeswar –
herausgegebenen Zeitschrift berufen.
28 SoNNTAGSBLATT
Übermittelt von Georg Krix Landsleute empfanden, in Worte und Sprachmelodie zu verwan-
deln sowie die Heimat mit Worten zu malen und so unverlierbar
zu machen, formuliert er in seinem Gedicht „Unverlierbare Hei-
SOMMER ADE! mat“:
Jakob Wolf:
Wer die Heimat kannte,
Ernteabend
die ich Heimat nannte,
der verlor sie nicht;
Die Sonne ist am Schwinden
Tief ins Herz geschrieben
sacht steigt die Nacht herauf,
ist sie ihm geblieben,
indes wir Garben binden
wie ein Seelenlicht.
und schleppen sie zuhauf. Nichts hab ich besessen,
Wir setzen sie in Kreuzen doch auch nichts vergessen;
zu langen, dichten Reih’n; alles blieb bestehn.
geschnitten ist der Weizen, All der Blumen Düfte,
bald holen wir ihn ein. Vogelsang der Lüfte
Der Abendglocken Läuten können nicht vergehn.
leis über Feld quillt; Warum soll ich trauern
in andachtsvollem Schreiten um zerfallene Mauern,
ist unser Tag erfüllt. die mir nie gehört?
Heimat ist im Innern,
Wir hören auf zu sprechen,
mehr als nur Erinnern,
die Eule zieht auf Jagd,
bleibt drum unzerstört.
wehmütig singt beim Rechen
Wer die Heimat kannte,
die ungarische Magd. die ich Heimat nannte,
Dann wird es gänzlich stille, der verliert sie nie;
der Himmel sternenklar, tief ins Herz geschrieben
nur leise geigt die Grille ist sie ihm geblieben –
das Lied vom guten Jahr. eine Herzensmelodie.

Jakob Wolf starb am 9. Januar 1987 in Sindelfingen.


Jakob Wolf wurde am 21. April 1914 in Feketitsch, einer ge-
mischtsprachigen Gemeinde in der östlichen Mittelbatschka, als
jüngstes von fünf Kindern geboren. Seine Eltern Georg und Phi-

s
lippina Wolf, geb. Brauchler, waren Kleinhäusler, der Vater von
Beruf Gemeindepolizist, genoss also Ansehen in der Gemeinde Aufruf
und zählte zur erweiterten Dorfelite. Gerade deswegen wollte der
Vater für seinen begabten Sohn die enge Dorfwelt aufbrechen
und schickte ihn auf das Unter-Gymnasium im benachbarten
Neu-Werbass, wo er nach vier Klassen mit der mittleren Reife Valeria-Koch-Preis 2020
abschloss.
Der Bildungsausschuss und der Jugendausschuss der LdU er-
Wolf war zu Kriegsende 31 Jahre alt, hat als sensibler, offener warten Vorschläge für den Valeria-Koch-Preis 2020. Prämiert
und lernwilliger junger Mann die Eindrücke, die sich ihm boten, werden können für vielseitige nationalitätenspezifische Aktivi-
und die schicksalhaften Erlebnisse jener Jahre, zunächst die des täten einerseits höchstens drei ungarndeutsche Mittelschüler/
mitreißenden Aufbruchs, dann den tragischen Fall seines Stam- innen der letzten zwei Jahrgänge, andererseits höchstens zwei
mes mit dem furchtbaren Ende 1944/45 tief in sich aufgenom- ungarndeutsche Absolventinnen/Absolventen (Bachelor, Master
men. In diese Zeit fällt auch die Veröffentlichung seiner ersten und ungeteilte Ausbildung) hochschulischer und universitärer
Gedichte. Einrichtungen für ihre hervorragende Diplomarbeit mit ungarn-
deutscher Themenstellung, die ihr Studium im Jahr 2019 been-
Nach seiner Vertreibung arbeitete Wolf als Knecht auf einem det haben.
Bauernhof in Oberösterreich, schlug sich als Versicherungsver-
treter durch und landete schließlich als freier Journalist und Mit- Die Nominierung erfolgt bei Mittelschüler/innen durch die betref-
arbeiter bei der donauschwäbischen Wochenzeitung Neuland fende Bildungseinrichtung. Bei Absolventen von Hochschulen
in Salzburg. Bereits 1946 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt und Universitäten werden Eigenbewerbungen erwartet, unter-
in das Gebiet der späteren Bundesrepublik Deutschland, wurde stützt durch ein Empfehlungsschreiben vom Lehrstuhl/Institut
1948-1952 Gemeinderat in Fridolfing und organisierte die Lands- und/oder vom Konsulenten. Bei mehreren Bewerbern können
leute im Kreise Laufen an der Salzach. Dank dieser Aktivitäten die Einrichtungen eine Reihenfolge unter den Bewerbern aufstel-
gelangte er in den Führungskreis der Landsmannschaft in Mün- len. Vorschläge für geteilte Preise werden nicht akzeptiert. Mit
chen. dem „Valeria-Koch-Preis“ können nur Angehörige der ungarn-
deutschen Nationalität ausgezeichnet werden.
1952 übersiedelte er nach Stuttgart und wurde gleich einer der
Begründer der Landsmannschaft der Donauschwaben in Ba- Dem Vorschlag sind beizufügen:
den-Württemberg.
Mittelschüler:
Das lyrische Werk Wolfs sei betrachtet unter dem Aspekt:„Und
was bleibet, stiften die Dichter“. Dieses Hölderlinzitat will besa- -tabellarischer Lebenslauf
gen, dass die lyrischen Dichter etwas Bleibendes schaffen, das
sie nicht nur aussagen, sondern stiften. Das, was viele seiner (Fortsetzung auf Seite 30)
SoNNTAGSBLATT 29
-Empfehlung der deutschen Selbstverwaltung des Heimatortes
und/oder eines ungarndeutschen Vereins mit Begründung
Edmund Steinacker
-Kopie des letzten Zeugnisses – erwartet wird eine gute schuli- Gedenkveranstaltung in Budapest
sche Gesamtleistung (Durchschnitt: min. 4,0),
-ausgezeichnete Leistung in Deutsch (Note 5), gute Beurteilung
in Benehmen und Fleiß
-ein Aufsatz über die Tätigkeiten im ungarndeutschen Bereich
mit Blick auf die Zukunft von 1-2 DIN A/4 Seiten
-Privatanschrift, Telefonnummer, E-Mail-Adresse

Absolventen:

-tabellarischer Lebenslauf
-Empfehlung der deutschen Selbstverwaltung des Heimatortes
und/oder eines ungarndeutschen Vereins mit Begründung
-Empfehlung des Lehrstuhls
-die Diplomarbeit sowie ihre Beurteilung durch den Konsulenten
-ein Aufsatz über die Tätigkeiten im ungarndeutschen Bereich
mit Blick auf die Zukunft von 1-2 DIN A/4 Seiten tung in Budapest
-Privatanschrift, Telefonnummer, E-Mail-Adresse

Die Vorschläge sind in deutscher Sprache bei der Geschäfts-


stelle der LdU (1026 Budapest, Júlia Str. 9., Postanschrift: 1537 Edmund Steinacker, die vorbildliche ungarndeutsche Persön-
Budapest, Pf. 348.) bis zum 15. Oktober 2019 einzureichen. Zum lichkeit hat sein ganzes Leben zum Wohle des ungarländischen
Auswahlverfahren gehört bei den Mittelschüler/innen ein kurzes Deutschtums geopfert. Unter anderem war er der erste und größ-
Gespräch, zu dem die Kandidaten – die den oben aufgezählten te Verfechter einer gemeinsamen deutschen Identität im Karpa-
Kriterien entsprechen – nach dem Einsendeschluss eingeladen tenbecken, von Deutschwestungarn bis nach Siebenbürgen, von
werden. der Zips bis in die Batschka. Sein Name geriet zu Unrecht in
Vergessenheit, dies will die Jakob Bleyer Gemeinschaft unter
Die Preisübergabe findet im Rahmen der LdU-Landesgala 2020 anderem mit einer Gedenkveranstaltung im Petőfi-Literaturmu-
am „Tag der Ungarndeutschen Selbstverwaltungen“ in Fünfkir- seum verändern. Nach einem Vortrag über Steinackers Leben
chen statt. wird darüber diskutiert, was Steinackers Ideen und Idealen heute
bedeuten.

25. Oktober (Freitag), Petőfi Irodalmi Múzeum


1053 Budapest, Károlyi u. 16.

Programm:
Einladung zur Historikertagung:
17:00-17:15 Uhr: Eröffnung der Veranstaltung

17:15-17:45 Uhr: Vortrag von Stefan Pleyer über Steinackers


Leben

17:45-18:00 Uhr: Kaffepause

18:00-18:15 Uhr: Übergabe des Géza-Hambuch-Preises

18:15-18:30 Uhr: Vorstellung der Kampagne „Die Rechte sind


für uns da!“

18:30-19:00 Uhr: Kulturprogramm

Unsere Zukunft wird auf


Deutsch geschrieben!
WERDEN SIE MITGLIED DER JAKOB BLEYER
GEMEINSCHAFT FÜR EINE PROSPERIERENDE
UNGARNDEUTSCHE ZUKUNFT!

UNSER SCHICKSAL LIEGT IN UNSEREN


HÄNDEN!

30 SoNNTAGSBLATT
Spenden für das Sonntagsblatt BEITRITTSERKLÄRUNG
Spenden aus Ungarn Unterzeichnete/r erkläre mich mit den Zielsetzungen der
Jakob Bleyer Gemeinschaft einverstanden und beantrage
vom 01.06.2019 bis 09.09.2019
somit meine Aufnahme in die Mitgliedschaft des Landesve-
reins.

Deutsche Meinen Mitgliedsbeitrag werde ich gerne in Form einer


Szebény 10.000,- Ft
Selbstverwaltung Spende entrichten. Ich nehme zur Kenntnis, daß mir das
Deutsche Sonntagsblatt frei zugeschickt wird, zu dessen inhaltlicher
Sier/Szűr 10.000,- Ft
Selbstverwaltung Gestaltung und Verbreitung ich meine Mithilfe zusage.
Deutsche
Hajosch/Hajós 10.000,- Ft
Selbstverwaltung Datum:......................................................................................
Deutsche Unterschrift (leserlich):.............................................................
Werschend/Versend 15.000,- Ft
Selbstverwaltung Name:.......................................................................................
Gabeli, Lorenz Schaumar/Solymár 2.000,- Ft Adresse:...................................................................................
Gutmayer, Johann Schaumar/Solymár 5.000,- Ft
.................................................................................................
Tel.:..........................................................................................
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E-Post (E-mail) Adresse:..........................................................
Kleinturwall/ Geburtsort u. Datum:................................................................
Mayer, Otto 1.000,- Ft
Biatorbágy Abstammungsgebiet/Herkunfsort:............................................
Pencz, Kornel Dr. Baaja/Baja 5.000,- Ft Beruf (auch früherer):...............................................................
Seereiner, Tibor Ofenpest/Budapest 5.000,- Ft
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